Eine Einleitung, die zu der Geschichte gehört Ihr habt gewiß alle schon Geschichten gelesen, in denen fremde Völker vorkommen und fremde Länder und seltsame, spannende Abenteuer. Haben sie euch gut gefallen? Nun, es ist doch wirklich etwas Schönes, von der großen, weiten Welt zu hören. Wir träumen so gern von Ländern, die wir niemals gesehen haben, und wir stellen uns dann vor, wie wir mit Negern oder Arabern oder Indianern am Lagerfeuer zusammensitzen würden. Das geht nicht nur den Kindern so, sondern auch den Erwachsenen, wenigstens den meisten von ihnen. Ich will euch jetzt auch eine Geschichte von fremden Ländern erzählen, von anderen Völkern und allerlei Abenteuern. Aber diese Geschichte ist doch anders als die anderen, die ihr schon kennt. Es kommt nämlich kein Lederstrumpf und kein Old Shatterhand oder dergleichen darin vor, sondern die Hauptpersonen sind drei Kinder. Zwei von ihnen sind gerade so alt oder ungefähr so alt wie ihr. Und dann gibt es noch einen Unterschied: Die meisten Abenteuerbücher sind zwar sehr span7 nend zu lesen, aber von allem, was darin vorkommt, ist nicht ein einziges Abenteuer wirklich geschehen. Das ist hier anders in dieser Geschichte. Alles, was ich euch erzählen will, ist wahr und wahrhaftig geschehen. Ich kann euch sogar verraten, daß die Kinder, von denen ich schon gesprochen habe, gerade jetzt hier bei mir sind. Während ich dies schreibe, toben sie mit einem Höllenlärm um mich herum. Und manchmal, wenn ich gerade mitten in einem Satze bin, fragt mich eines von ihnen:„ Papa, kannst du mir einen Knoten binden? Und fünf Minuten später sagt das zweite: ,, Papa, guck doch mal das Wattepüppchen, das ich gemacht habe!" Könnt ihr einen Aufsatz schreiben, wenn um euch herum getobt wird und man euch immer wieder etwas dazwischenfragt? Na, vielleicht geht es aber so ganz genau und vollkommen richtig - wird es wohl doch nicht werden. Ebenso ist es auch bei mir. Wenn also ein Satz einmal nicht ganz so geworden ist, wie er sein soll, dann kann ich nichts dafür dann sind Doris und Silvia daran schuld. Ja, nun ist es gesagt: Doris und Silvia heißen zwei von den Kindern. Und weil ihr schlau seid, habt ihr natürlich schon längst gemerkt, was für zwei das sind: Es sind meine eigenen Kinder. Und bevor ich mit der Geschichte beginne, will ich euch nur noch schnell sagen, daß Doris zehn Jahre alt ist und Silvia sieben. Wer genau so alt ist, der hebt den Finger! Na, das ist ja eine ganze Menge. Das dritte Kind heißt Konstanze. Es ist noch ganz klein. Jetzt wollen wir aber endlich anfangen. Doch nein, das geht immer noch nicht! Ich muß euch ja erst noch sagen, daß Doris, wenn die Geschichte beginnt, fünf Jahre alt ist und Silvia zwei. Wie viele Jahre ist das her? Wer weiß es? Und wer weiß, wie alt Konstanze war? Ei, die war noch gar nicht geboren. Die Schwebebahn und Onkel Winter mit einem Bein Doris und Silvia sind in Wuppertal geboren. Das ist eine große Stadt in Westdeutschland. Als die beiden Schwestern nacheinander auf die Welt kamen, waren es sogar zwei Städte. Die hießen Barmen und Elberfeld. Aber diese beiden Städte waren so zusammengewachsen, daß man schon längst nicht mehr sehen konnte, wo die eine aufhörte und die andere anfing. Da hat man sie zu einer Stadt gemacht, und darum gibt es den Geburtsort von Doris und Silvia nicht mehr. Das heißt, er ist natürlich nicht verschwunden, jedoch sein Name ist nicht mehr Barmen. 9 In Westdeutschland liegen viele große Städte, aber es gibt in Wuppertal etwas, was es in keiner anderen westdeutschen Stadt gibt, ja, sogar in keiner anderen Stadt der ganzen Welt. Das ist die Schwebebahn. Allerdings gibt es noch andere Schwebebahnen, sogar sehr viele, zum Beispiel in der Schweiz. Das sind Wagen, die an einem Seil hängen und an ihm auf einen hohen Berg hinaufgezogen werden. Aber die Wuppertaler Schwebebahn ist etwas ganz anderes. Es ist nämlich eine Schienenbahn wie Eisenbahnen und Straßenbahn auch, aber sie hat nicht zwei Schienen, sondern nur eine, und außerdem fährt sie nicht auf der Schiene, sondern sie hängt unten. an ihr. Habt ihr schon einmal gehört, daß es so etwas gibt? Gesehen habt ihr es jedenfalls nicht, wenn ihr nicht gerade in Wuppertal gewesen seid, denn, wie ich schon sagte, nirgends sonst auf der Welt gibt es eine solche Schwebebahn. Aber warum hat man denn gerade in Wuppertal diese seltsame Bahn gebaut? Nun, das verhält sich so: Wuppertal liegt in einem ziemlich engen Tal, und deshalb konnte sich die Stadt nicht richtig ausbreiten, als sie größer wurde. Da drängen sich denn die Häuser eng aneinander und für den starken Verkehr ist nicht genügend Platz da. Nun wollte man eine Stadtbahn bauen. Aber wohin mit ihr? Es gab nur einen einzigen freien Platz, das war das Bett der Wupper. So heißt der kleine 10 - Fluß, der durch Wuppertal fließt. Aber auf das Wasser kann man schlecht eine Bahn bauen, und für Schiffe war nicht genügend Wasser in der Wupper. Darum hat man eine Bahn über das Wasser gebaut. Am Ufer stehen in regelmäßigen Abständen starke Eisenpfeiler. Die tragen die beiden Schienen mehr als haushoch über dem Wasser eine für die Hinfahrt und eine für die Rückfahrt. Auch die Bahnhöfe liegen natürlich über dem Flusse, meistens neben einer Brücke. Von der Brücke aus muß man eine Treppe hinaufsteigen, um zu den Bahnsteigen zu kommen. Die sind dann über dem Wasser in der Luft. Weil nun der Lauf der Wupper ziemlich gewunden ist, beschreibt auch die Schwebebahn andauernd Kurven. Dabei schwanken die Wagen hin und her, nicht sehr stark, dazu sind sie zu schwer, aber es ist doch. wie auf einer Schaukel, die man ganz leise anstößt. Mit dieser Schwebebahn sind Doris und Silvia oft gefahren und haben von oben auf die Brücken hinuntergesehen, aber auch auf die Autos, die über die Uferstraßen fuhren. Und in die Fenster oder auf die Dächer der Häuser, die neben der Wupper stehen. Das war sehr lustig. Ihr könnt euch denken, daß es nicht schön ist, in einer so engen Stadt zu wohnen. Aber Doris und Silvia hatten es gut: Sie wohnten nicht in dem Tale, sondern oben auf einem Hügel. Da ist viel mehr Platz als unten in dem engen Tale. Die Häu11 ser sind viel kleiner, es wohnen weniger Menschen darin, überall sind Gärten, der Wald ist nahe und auch die Weiden mit ihren schwarz- weißen Kühen. Warum wohnen aber nicht alle Leute auf den Hügeln, wenn es dort schöner ist? Weil man von dort einen weiteren Weg in die Stadt hat. Das ist sehr wichtig, denn die Menschen müssen ja zur Arbeit gehen, und es ist unangenehm, wenn man für den Weg zur Arbeit viel Zeit braucht. Außerdem muß man mit der Straßenbahn fahren, wenn man nicht unten in der Stadt wohnt, das kostet Geld. Und die meisten Menschen müssen sparen, darum müssen sie mitten in der Stadt wohnen, obwohl es da nicht schön ist. Doris und Silvia aber wohnten nicht mitten in der Stadt, sondern auf einem Hügel. Außer ihnen und den Eltern wohnte in dem Hause nur noch eine Familie. Sie hatten zwei Jungen, die älter als die beiden Schwestern waren. Sie waren sehr nett und spielten gern mit den kleinen Mädchen. Sehr lieb waren auch die Eltern der Jungen. Die Frau hieß Tanne Winner", das sollte„ Tante Winter" heißen. Bei ihr waren Doris und Silvia beinahe so oft wie bei ihren eigenen Eltern.„ Onkel Winter" war wenig zu Hause, weil er zur Arbeit wegging Er hatte die Kinder lieb und machte gern Spaß mit ihnen, wenn er zu Hause war. Aber laufen konnte er nicht mit ihnen. Er hatte nur ein Bein. Das andere war ihm im Kriege abgeschossen worden, der ge" 12 wesen war, bevor Doris und Silvia geboren wurden. Wie schrecklich muß ein Krieg sein, wenn einem Menschen so etwas Schlimmes geschehen kann! Stellt euch nur vor, ihr könntet nicht mehr springen, nicht mehr wandern, ja, nicht einmal richtig spazieren gehen. Und dabei hättet ihr noch oft arge Schmerzen euer ganzes Leben lang. So ging das„ Onkel Winter". Und doch gibt es Menschen, die noch viel Schlimmeres durch den Krieg erlebt haben. Es gibt Menschen, denen man einen Arm abgeschossen hat und die gar nichts Richtiges. mehr tun können. Es gibt Menschen, die beide Beine verloren haben und überhaupt nicht mehr gehen können. Manche Männer sind durch den Krieg blind geworden. Sie können nichts mehr sehen, keine Blume und kein Bild, auch ihre eigenen Kinder nicht, und man muß ihnen bei jedem Schritt helfen. Solche furchtbaren Dinge sind durch den Krieg auf die Welt gekommen. Er ist etwas Entsetzliches. Und man muß sich immer und immer bemühen, die bösen und dummen Menschen daran zu hindern, daß sie Kriege anfangen. Aber warum gibt es überhaupt Kriege? Das ist schwer zu sagen. Aber ihr könnt es vielleicht doch begreifen. Denkt nur daran, daß ihr schon manchmal andere Kinder geschlagen habt. Wißt ihr, was ihr da getan habt? Ihr habt etwas ganz ähnliches gemacht wie einen Krieg. Wenn einmal alle 13 Kinder so vernünftig sind, andere Kinder nicht mehr zu schlagen, dann werden sie, wenn sie groß geworden sind, auch keinen Krieg mehr machen. Und wenn ihr wieder einmal recht wütend oder vielleicht sogar boshaft seid und ein anderes Kind schlagen wollt, oder wenn ihr etwas haben möchtet, was einem anderen Kinde gehört, dann denkt geschwind an die armen Menschen, die keine Arme oder keine Beine oder kein Augenlicht mehr haben. Dann denkt ihr sicher:„ Der Klügere gibt nach!". Und ihr schlagt nicht zu. Oder ihr nehmt dann nichts weg, was einem anderen gehört, und es gibt keinen Streit. Aber nun habe ich vom Krieg und vom Verhauen und vom„ Onkel Winter" gesprochen, und ich wollte doch eigentlich etwas ganz anderes erzählen, nämlich von Doris und Silvia. Die beiden Mädchen hatten es gut. Sie hatten ein schönes Zimmer für sich allein, mit einem weichen Teppich auf dem Fußboden, auf dem man herrlich sitzen und spielen konnte. Und viele, viele schöne Spielsachen hatten sie. Und prächtige Bücher. Manchmal wenn ihr Vater Zeit hatte, zeigte er Doris noch andere Bücher( Silvia war noch zu klein). Eines hieß„ Brehms Tierleben". Das war aber nicht nur ein Buch, sondern es waren eine ganze Menge. Jedes von ihnen war so groß, daß Doris es kaum heben konnte. Darin waren die schönsten Bilder von allerlei Tieren. Der Löwe 14 war darin abgebildet, der Tiger, der Elefant, viele Affen, allerlei prächtige Vögel, Fische, Käfer, Schmetterlinge, und was es sonst noch gibt. Doris mochte Tiere gern leiden und freute sich darum auch sehr, wenn die Eltern mit den beiden Schwestern in den Zoo gingen. Das taten sie sehr oft. An dem Hause, in dem sie wohnten, war ein hübscher Garten. Darin wuchsen schöne Blumen, in einer Sandkiste konnte man prächtig bauen, auf der Wiese herumtoben. Doris und Silvia ziehen aus Doris' und Silvias Vater war wenig zu Hause. Er arbeitete an einer Zeitung. Morgens mußte er schon fortgehen, bevor die beiden Kinder aufwachten, mittags kam er nur kurz heim und abends kehrte er erst zurück, wenn Doris und Silvia ins Bett kamen und war dann sehr eilig, weil er wieder fort mußte, ins Theater oder ins Konzert. Das hatten die beiden Kinder oft gehört. Doris war auch schon im Theater gewesen, wenn„ Peterchens Mondfahrt" oder„ Max und Moritz" oder„, Schneewittchen" gespielt wurde. Auch hatte sie schon gesehen, wie eine Zeitung gemacht wird. Die Eltern hatten es ihr einmal gezeigt, und sie hatte 15 vor der riesengroßen Druckmaschine richtig Angst bekommen. Es war schade, daß der Vater so wenig zu Hause war. Aber die Mutter hatte viel Zeit für ihre Kinder. Das Leben war schön. Doris und Silvia hatten alles, was sie brauchten und was sie sich wünschten. Doch eines Tages gab es eine große Veränderung: der Vater hatte keine Arbeit mehr und konnte darum auch das Geld nicht mehr verdienen, mit dem sie so gut gelebt hatten. Gab es keine Arbeit mehr an der Zeitung? Doch, die gab es wohl, nur für den Vater nicht. Warum, das ist schwer zu erklären. Es hängt mit der Politik zusammen. Das Wort Politik habt ihr von großen Leuten gewiß oft gehört. Sie machten ein ernstes oder böses oder trauriges Gesicht, wenn sie es sagten. Ist die Politik etwas Schlimmes? Das scheint wohl so. Nun, ihr werdet euch damit wahrscheinlich eines Tages auch beschäftigen müssen. Dann werdet ihr sehen, daß die Politik meistens wirklich etwas Schlimmes ist, aber daß sie auch etwas Gutes sein kann. Bei Doris' und Silvias Vater handelte es sich darum, daß man ihn wegen der Politik nicht mehr arbeiten und Geld verdienen lassen wollte. Soviel versteht ihr nun schon, daß das sehr arg für ihn war und für die Mutter und die beiden Kinder auch. Ihr wiẞt ja, daß man das Geld braucht. Man muß die Wohnung bezahlen, das 16 Gas, das elektrische Licht. Man muß etwas zu essen kaufen, man braucht Kleider, die man bezahlen muß. Spielsachen kosten Geld. Teller und Tassen kosten Geld. Alles kostet Geld. Man muß arbeiten, um Geld zu verdienen. Darum müssen alle großen Menschen arbeiten. Die Politik ist etwas, das dazu da ist, damit alle Menschen arbeiten können. Wenn die Politik nicht allen Menschen Arbeit verschafft, ist sie darum eine schlechte Politik. Und wenn sie gar absichtlich jemandem die Arbeit wegnimmt, ist sie eine böse Politik, und alle vernünftigen Menschen müssen dagegen kämpfen. Damals gab es plötzlich eine böse Politik in Deutschland. Die nahm Doris' und Silvias Vater die Arbeit weg. Die Kinder merkten das zunächst nicht. Die Eltern hatten Geld gespart und konn2 3 Kinder 17 ten alles kaufen, was nötig war. Aber es veränderte sich sogleich etwas anderes in ihrem Leben: Die vielen, vielen Bücher, die Vater hatte, wurden in Kisten gepackt. Die Bilder auch. Die Teller und Tassen und Kannen. Dann kam eines Tages ein großer Möbelwagen. In den wurde alles eingeladen. Die Kisten und die Schränke, die Teppiche, die Betten, die Tische, die Stühle, die Bilder. Nichts blieb mehr in der Wohnung. Die Zimmer waren ganz leer. Sie sahen viel größer aus als sonst. Man kannte sie nicht mehr wieder. Wenn man durch sie hindurchging, dann hallte es seltsam und fremd. Die Eltern und Doris und Silvia sagten allen Leuten:„ Auf Wiedersehn!" Die Mutter weinte. Tanne Winner" weinte. Die Nachbarin weinte auch. Doris und Silvia verstanden nicht, weshalb alle Leute traurig waren. " Von Berlin, dem Verkehrsturm und dem Mauersegler Doris und Silvia wohnten nicht mehr in ihrer alten Wohnung. Sie wohnten überhaupt nicht mehr in Wuppertal, sondern in einer noch viel. größeren Stadt, in einer der größten Städte der ganzen Welt, nämlich in Berlin. 18 Es war schön, so viel Neues zu sehen. Sie lebten mit ihren Eltern im Hause der Großeltern. Auch ein Onkel und zwei Tanten waren da, und andere Onkel und Tanten kamen oft zu Besuch. Außerdem und das war noch schöner - - wohnten im gleichen Hause auch zwei Vettern und eine Kusine: Klaus, Paul und Eva. Klaus und Eva waren etwas jünger als Doris, Paul war etwas jünger als Silvia. Sie konnten gut zusammen spielen. Nicht weit von dem Hause war ein Bahnhof, ähnlich wie ein Schwebebahnhof in Wuppertal. Aber man ging zu dem Bahnsteig nicht eine Treppe hinauf, sondern man stieg eine Treppe hinunter. Es war die Untergrundbahn. Auch in Berlin ist auf den Straßen zu wenig Platz für die Bahnen. Darum hat man die Bahn in die Erde hineingebaut. Die Bahnhöfe sind unter dem Erdboden. Die Züge fahren immer durch dunkle Tunnels unter den Straßen her. Sie fahren sogar unter einem Flusse her, der heißt Spree. Man kann das natürlich nicht sehen, weil man durch den dunklen Tunnel fährt. Aber es ist doch komisch, sich vorzustellen, daß oben über einem die StraBenbahnen fahren und die Autos und manchmal sogar die Schiffe. Doris und Silvia sind auch mit der Untergrundbahn gefahren. Zum Beispiel bis zu einem großen Platz, der heißt Potsdamer Platz. Da wimmelt es 2* 19 nur so von Fußgängern und Radfahrern und Straßenbahnen und Autos und Autobussen. Viele Autobusse hatten sogar zwei Stockwerke. Man darf nicht einfach kreuz und quer über den Potsdamer Platz gehen, sondern man darf nur an bestimmten Stellen hinüber. Auch das darf man nicht immer. In der Mitte des Platzes stand ein kleiner Turm. Der hieß Verkehrsturm. Daran waren mehrere Lampen, rote gelbe und grüne. Die leuchteten immer abwechselnd, sie gaben Zeichen für die Fußgänger und die Fahrzeuge. Einmal mußten die Fahrzeuge anhalten und die Fußgänger durften über den Platz gehen. Dann wechselte das Zeichen und die Fahrzeuge fuhren weiter und die Fußgänger mußten stehenbleiben. Am Potsdamer Platz war ein riesengroßes Haus, in dem Doris und Silvia auch gewesen sind. Es hieß Wertheim und war ein Warenhaus. Darin konnte man beinahe alles kaufen, was es gibt: Kleider und Würste, Teller und Schokolade, Fotoapparate und Knöpfe, Bücher und Spielzeug, Möbel und Blumen und vieles, vieles andere. Sogar ein Restaurant war in dem Warenhaus. Man konnte viele Stunden lang in dem Hause herumlaufen und hatte doch lange nicht alles richtig gesehen. Man konnte auch mit einem Fahrstuhl von einem Stockwerk zum anderen fahren, oder mit einer Rolltreppe. Das ist eine Treppe, die geht von allein nach oben. Man braucht sich nur daraufzustellen, dann kommt 20 man schnell ins andere Stockwerk, ohne daß man einen Schritt macht. Doris und Silvia sahen sich das Warenhaus gern an. Und sie sahen gern in die Schaufenster der prächtigen Geschäfte in den großen Haupt- straßen Berlins. Viel lieber noch hätten sie sich in diesen Läden oder bei Wertheim oder im K.d.W. (das war ein anderes Warenhaus) verlockende Dinge gekauft. Doch das ging nicht.„Wir haben kein Geld“, sagten die Eltern. Früher hatte man sich mehr kaufen können. Aber weil die Eltern so spa- ren mußten, konnte man auch nur selten mit der Untergrundbahn fahren. Auch das Fahren kostet ja Geld. Und der Vater verdiente nichts. Es gab auch in Berlin keine Arbeit für ihn. Daran war. wieder die Politik schuld. Sie verbot ihm auch in Berlin und sogar in ganz Deutschland Geld zu ver- dienen. Das war schlimm. Und es war auch nicht schön, daß man keine eigene Wohnung mehr hatte. Nur gut, daß man bei den Großeltern von Doris und Silvia wohnen konnte. Aber da war nicht so viel Platz, wie man in der eigenen Wohnung in Wuppertal gehabt hatte. Silvia war ja noch sehr klein, sie merkte den Unterschied nicht so. Aber Doris merkte ihn wohl. Sollte man die beiden Kinder deshalb bedauern? Nein. Es gab für sie andere Erlebnisse, die schön waren, und manches, was sie in Wuppertal nicht gekannt hatten. Ihre Vettern und ihre Kusine 21 waren ihre Spielkameraden. Am Hause war ein groBer Garten, in dem man prächtige Spiele machen konnte. Doris hatte auch ein kleines Fahrrad geschenkt bekommen. Darauf lernte sie fahren, als sie noch nicht ganz sechs Jahre alt war. Zuerst hatte sie Angst, aber nach einer Woche fuhr sie schon stolz über die Straße, und bald konnte man richtige Ausflüge machen. Auch die Eltern hatten. Fahrräder, und auf Vaters Rad war ein kleiner Sitz für Silvia. Sie ließ sich vom Vater spazieren fahren und sang vor lauter Freude dabei. Besonders liebte sie ein Lied, das heißt: 22 „ Eins, zwei, drei, Bicke, backe bei Bicke backe Pfefferkorn, Der Müller hat seine Frau verlor'n, Hat sie nimmer funden, Glaub' sie ist verschwunden. Wie sieht es nun in der Mühle aus? Da gucken die Mäus' zum Fenster' naus, Der Storch, der kocht die Suppen, Die Katzen, die fegen die Stuben aus, Die Ratzen, die tragen den Kehricht' naus, Der Hund, der schlägt die Trommel, Sitzt ein Männchen unterm Dach, Hat sich schier zu Tod gelacht." Kennt ihr das Lied? Ich finde es sehr lustig. Ihr auch? Silvia sang es aber meistens anders. Dann ließ sie die Eva zum Fenster hinausgucken, der Paul kochte die Suppen, die Doris fegte die Stuben aus, und so weiter. Die ganze Familie kam darin vor. Doris und Silvia machten mit den Eltern oft Fahrradausflüge in den Grunewald. Der war ganz in der Nähe. Es ging immer hügelauf und hügelab durch den Kiefernwald. Besonders gern fuhren sie einen Weg, der zu einem Försterhaus führte. Da waren zwei Hirsche, die waren ganz zahm, und man konnte sie füttern. Wenn man noch weiter fuhr, kam man an die Havel. Das ist ein Fluß, aber er ist so breit wie ein See. Man konnte am Ufer im Sande spielen, man konnte baden und konnte den Schiffen zusehen, die vorbeifuhren. Im Grunewald stand auch eine hohle Eiche, wenn man hineinging, war sie wie ein Häuschen. Das war sehr lustig. Einmal kamen die Radfahrer in einen plötzlichen Regen hinein. Sie fuhren schnell nach Hause. Unterwegs bemerkten sie einen erdbraunen Vogel, der flatterte hilflos am Boden und kam nicht mehr hoch. Es war ein Mauersegler. Das sind Vögel, die ähnlich aussehen wie große Schwalben. Sie haben so kurze Beine, daß sie vom Erdboden nur schwer auffliegen können. Sie lassen sich deshalb nur auf Mauern, Pfählen und dergleichen nieder. 23 25 Dieser Vogel war nun auf den Erdboden geraten und konnte sich nicht mehr erheben, zumal seine Federn vom Regen durch und durch naß geworden waren. Die Eltern taten ihn in ein Taschentuch und nahmen ihn mit nach Hause. Da setzten sie ihn in ein warmes Kästchen, und als er trocken geworden war und die Sonne wieder schien, nahm ihn der Vater auf seine Hand und ging mit ihm ans Fenster. Da breitete er seine großen, spitzen Flügel aus, und schwang sich empor. Wie ein Pfeil schoß er davon und war im nächsten Augenblick nicht mehr zu sehen. Von Schlangenfang und Blindschleicheneiern Eines Tages nahm der Vater einen Spaten und begann im Garten zu graben. Er grub ein Loch von einem halben Meter Tiefe. Mehr als zwei Meter war es lang, mehr als einen Meter breit. Die Wände der Vertiefung stach er sorgfältig senkrecht ab. Er glättete den Boden und stampfte ihn fest. Was sollte das werden? Am nächsten Tage fuhr der Vater mit einer Karre fort. Er kam mit einem Bekannten zurück. Die Karre hatten sie vollgeladen. Alte Ziegelsteine von irgendeinem Bau waren darauf, Sand und Zement. Die beiden begannen, den Boden mit Steinen 24 zu bedecken und zu vermauern. Rings um das Viereck wurde eine Mauer hochgeführt. Darauf kam schließlich ein Blech, das nach innen über- stand und umgebogen war. Es sollte ein Freiland- terrarium werden. Was ein’ Terrarium ist, wißt ihr wohl? Es ist ein Behälter, in dem man Eidechsen, Frösche, Schlangen und dergleichen halten kann. Solche Terrarien sind meistens Glaskästen, die man im Hause hat. Das Terrarium, das Vater machte, war etwas anderes. Es war im Freien und ganz offen, so daß die Tiere in der frischen Luft sein würden. Aber konnten sie nicht davonlaufen? Nein, das konnten sie nicht. Denn über den Blechrand der Mauer konnten sie nicht hinweg. Aber sie sollten es viel besser haben, als sonst Tiere im Terrarium. Licht und Luft wie in der freien Natur sollten sie haben, und soviel Platz, daß sie sich gar nicht als Gefangene vorkommen würden. Endlich war das Terrarium fertig. Es war ein großer Tümpel darin, der war ziemlich tief. Er hatte ein Felsenufer und einen flachen Sandstrand. Ein Teil von ihm war auch voll von Pflanzen. Es war ein richtiger kleiner Sumpf. Mitten im Ter- rarium lag ein großer Baumstumpf zwischen Moos- polstern. Eine kleine Wiese war da, große Steine mit allerlei Schlupfwinkeln dazwischen; kleine Sträucher und ein Sandstück. Jedes Tier sollte gerade die Umgebung finden, die es gern hatte. 25 Aber was für Tiere? Zunächst war nur eines da, nämlich eine große, schöne, leuchtend grüne Smaragdeidechse. Sie stammte von weit her, vom Mittelmeer. Doris' und Silvias Vetter Klaus hatte sie geschenkt bekommen. Sie wohnte bisher in einem Glasterrarium im Hause. Jetzt wurde sie im Freilandterrarium ausgesetzt. Bisher war sie ganz zahm gewesen, aber nun wurde sie bald sehr scheu. Sie glaubte sich wieder in der Freiheit, wohnte unter dem großen Baumstumpf und lag meistens oben auf ihm und sonnte sich. Wenn aber jemand zum Terrarium kam, dann huschte sie sofort in ihr Versteck. Aber ein einziger Bewohner für das Terrarium? - jetzt Hatte der Vater es deshalb gebaut? Nein ging es auf Tierfang, entweder der Vater allein oder mit der Mutter und den Kindern. Ganz am Anfang des Grunewaldes war ein Stück Sumpfwald. In der Nähe führte die Straße vorbei, man hörte die Autos fahren und die Radfahrer klingeln. Im Sumpfwalde aber war es still. Niemand kam dorthin. Der Sumpfwald hieß„ Luch". Es war ein kleiner Urwald. Dicht standen die Bäume. Wenn einer von ihnen gestorben war, dann stürzte er um und blieb liegen. Schlingpflanzen wucherten überall, alles war voll von hohem Grase, dicken Moospolstern und wuchernden Sumpfpflanzen. Es war schön, in das Luch zu gehen. Aber es konnte auch unangenehm werden. 26 Der Boden schwankte überall. Blieb man lange stehen, dann bildeten sich Wasserlachen. Außerdem mußte man vorsichtig versuchen, ob der Grund sicher sei. An manchen Stellen konnte man tief einsinken. Und dann gab es noch eine rechte Plage. Es wimmelte von Stechmücken, gegen die man sich kaum wehren konnte. Aber es wimmelte auch von anderen Tieren: von Fröschen. Ganz große und ganz kleine gab es, grüne braune, gestreifte und gefleckte. Außerdem gab es allerlei verschiedenartige Eidechsen. Auf diese Tiere machte der Vater Jagd. Die Frösche sind leicht zu fangen. Sogar Doris und Silvia lernten das. Man mußte nur leise gehen, scharf aufpassen, bis man einen Frosch sah, und dann blitzschnell zupacken. Beim ersten Male ließen die Kinder die Frösche aber gleich wieder los. Sie waren so kalt und glitschig, und man bekam einen Schreck davon. Aber allmählich gewöhnte man sich daran. Viel schwerer war es, Eidechsen zu fangen. Das konnten die Kinder nicht. Man mußte schnell und schlau sein und Geduld haben. Beim ersten Griff gelang es selten, eines dieser schönen, flinken Tiere zu fassen. Dann half auch kein Suchen. Man mußte wieder weggehen, aber man mußte sich die Stelle gut merken, denn die Eidechsen bleiben immer am gleichen Ort. Sie verstecken sich nur so lange, bis sie glauben. daß die Gefahr vorüber sei. Kommt man dann 27 wieder vorsichtig hinzu, dann kann man sie schließlich beim zweiten oder dritten Male erwischen. Natürlich mußte man ganz leise und vorsichtig gehen, sonst wurden alle Tiere verscheucht, längst bevor man in die Nähe kam. Aber wenn man mit offenen Augen und leichten Schritten durch das Luch ging, dann staunte man, wie viele Tiere es in dem Sumpfwalde gab. Einmal, als sie wieder im Luch waren, hob Vater plötzlich die Hand. Das war das Zeichen, stillzustehen und sich nicht zu regen. Dann wies er auf eine kleine Erhebung mitten im Grase hin. Darauf lagen fünf ganz kleine Schlangen. Sie hatten die Menschen aber doch schon bemerkt und glitten. schnell nach allen Richtungen davon. Aber mit zwei großen Sätzen war Vater da und hatte ein Schlänglein gefaßt. Die anderen verschwanden auf Nimmerwiedersehen. - Eine Schlange fangen könntet ihr das auch? Komischerweise haben die meisten Menschen vor Schlangen Angst. Das liegt aber nur daran, weil sie zu wenig von der Natur wissen. Es gibt allerdings giftige Schlangen. Aber in Deutschland und überhaupt in fast allen europäischen Ländern, die nicht heiß sind, gibt es nur eine einzige Giftschlange: die Kreuzotter. Die sieht aber ganz anders aus als die anderen Schlangen. Weil nun die meisten Menschen solche Angst vor Schlangen 28 haben, bemerken sie die Unterschiede nicht. Und sie bemerken auch nicht, wie schön Schlangen sind. Das Schlänglein, das im Luch gefangen worden war, war eine ganz junge Ringelnatter. Sie war grau und hatte zwei hübsche gelbe Flecken an der Kehle. Aber warum ging man denn überhaupt auf Tierfang aus? Warum ließ man die Tiere nicht in der Freiheit? Nun, die Eltern wollten, daß die Kinder das Leben der Natur recht kennenlernen sollten. Im Terrarium bekommt man aber vieles zu sehen, was man in der freien Natur nie erblickt. Und weil das Terrarium so groß und so gemacht war, daß die Tiere alles fanden, was sie in der freien Natur hatten, darum kamen sie sich nicht wie. Gefangene vor, und es war keine Quälerei, sie zu jagen. Im Luch floß auch ein Wässerchen, darin wimmelte es im Frühling von Kaulquappen. Die kennt ihr sicher. Sie sehen aus wie dicke schwarze Köpfe mit Schwänzchen daran, und es sind die Jungen der Frösche. Der Vater fing viele von ihnen mit einem Netz. Sie kamen in den kleinen Teich im Terrarium, und die Kinder konnten gut beobachten, wie die komischen Tiere zuerst Beine bekamen, dann noch zwei, wie der Körper sich immer mehr ausbildete und der Schwanz kleiner wurde. Und schließlich hüpften winzige Frösche 29 aus dem Wasser heraus, die noch kleine Schwanzstummel hatten. Aber nicht alle Kaulquappen im Terrarium wurden zu Fröschen. Die Kinder konnten oft sehen, wie die kleine Ringelnatter ins Wasser glitt. Sie konnte vorzüglich schwimmen und man sah, daß es ihr viel Spaß machte. Dabei machte sie auf die Kaulquappen Jagd und fraẞ sie. Später fraß sie kleine Frösche. Auch eine Blindschleiche war im Terrarium. Eines Tages sahen Doris und Silvia, wie sie Eier legte. Kaum hatte sie sie gelegt, so platzte die Schale, die nur wie ein dünnes, gelbliches Papierhäutchen war, und die jungen Blindschleichen kamen heraus. Sie waren so dünn wie eine Stopfnadel und auch nicht länger. Die alte Blindschleiche war braun, die jungen aber strohgelb mit einem schwarzen Strich auf dem Rücken. So gab es immer etwas Neues im Terrarium zu sehen. Das machte Spaß. Es geht auf die Reise Ich habe euch versprochen, von fremden Ländern zu erzählen. Nun ihr kennt vielleicht Wuppertal und Berlin nicht, und es ist sicher nett, von der Schwebebahn und der Untergrundbahn zu hö30 ren. Und vom Potsdamer Platz und vom Luch. Aber دو unter fremden Ländern", da stellt ihr euch doch etwas ganz anderes vor, nicht wahr? Nun, jetzt ist es so weit. Jetzt reisen wir in ein solches fremdes Land ab. Oder vielmehr: Doris und Silvia reisen mit ihren Eltern. Ich sagte euch schon, daß der Vater in Wuppertal und in Berlin und in ganz Deutschland kein Geld verdienen durfte. Deshalb mußten die Eltern mit den beiden Mädchen in ein fremdes Land auswandern. Es gab noch einen anderen Grund. Aber den wußten Doris und Silvia damals noch nicht. Sie haben erst viel später etwas davon gehört. Die Eltern sagten es ihnen nicht, weil sie es noch nicht richtig verstehen konnten, und weil es ihnen das Leben recht schwer gemacht hätte, wenn sie es gewußt hätten. Der Vater war nämlich ins Gefängnis gekommen. Und das war so: Die Leute, die damals in Deutschland die böse Politik machten, waren die Nazis. Sie haben dem Vater die Arbeit weggenommen. Sie haben vielen, vielen anderen Menschen die Arbeit genommen, so daß sie hungern mußten und ihre Kinder auch. Sie haben vielen Menschen einfach alles weggenommen, was ihnen gehörte. Alles: das Haus und das Bett und den Tisch und den Küchenschrank und sogar den Puppenwagen und das Märchenbuch. Einfach alles. Sie haben sogar viele, viele Menschen umgebracht. 31 Wirklich umgebracht. Es war entsetzlich, was diese bösen Leute getan haben. Nicht alle Nazis waren so. Aber die Nazis, die zu befehlen hatten, waren so böse. Vater war gegen die Nazis gewesen, bevor sie in Deutschland zu sagen hatten. Er wußte, daß sie böse waren und böse Politik machten. Als sie in Deutschland zu sagen hatten, nahmen sie ihm deshalb die Arbeit weg. Aber das war noch nicht alles. In Berlin geschah Vater zuerst einmal nichts weiter. Die Berliner Nazis kannten ihn nicht. Aber einmal mußte er verreisen und kam in eine Stadt, in der ihn die Nazis kannten. Da verhafteten sie ihn und brachten ihn ins Gefängnis. Das Gefängnis ist etwas Schreckliches. Wie schrecklich es ist, eingesperrt zu sein und nicht ins Freie gehen zu können und überhaupt nichts tun zu können, was man möchte, das kann man sich gar nicht so richtig vorstellen, wenn man nicht selbst im Gefängnis gewesen ist. Und wenn man gar nichts Böses getan hat, sondern nur ins Gefängnis kommt, weil man gegen die bösen Leute ist, dann ist es besonders schlimm. Wer weiß, was mit Vater noch geschehen wäre, wenn ihm nicht gute Leute aus dem Gefängnis herausgeholfen hätten! Er wurde wieder frei, und er konnte wieder zu Mutter und zu Doris und Silvia nach Berlin kommen. Aber sie mußten jetzt fort aus Deutschland. Fort in ein fremdes Land. Dieses 32 22 Land heißt Spanien. Es liegt weit weg von Deutschland. Es wurde wieder gepackt. Zuerst kamen die großen Koffer an die Reihe. Doris und Silvia durften helfen, alle Sachen herbeizutragen. Das machte Spaß. Aber es war traurig, daß die Kinder viele Sachen nicht mitnehmen konnten. Es war auch traurig, daß die Kinder von den Großeltern fort mußten und von den Vettern und der Kusine. Als die großen Koffer gepackt waren, wurden sie von einem Lastauto abgeholt. Die Männer fuhren mit den Koffern zur Bahn. Dann wurden die kleinen Gepäckstücke gepackt. Und dann begann die Reise. Sie fuhren aber nicht gleich nach Spanien, sondern zuerst wieder nach Westdeutschland. In einer westdeutschen Stadt wohnten Doris' und Silvias andere Großeltern. Die wollten sie noch einmal besuchen, bevor sie ihre große Reise begannen. Diese Großeltern hatten ein Geschäft. Da gab es viel zu sehen und zu bestaunen. Kleine Stühle waren in dem Geschäft, auf die sich die Kinder setzen konnten, und es gab in dem Laden auch eine Menge Spielsachen. Doris und Silvia durften sich alles ansehen und mit vielen Dingen spielen. Sie wären am liebsten noch länger dort geblieben. Aber nach einigen Tagen mußten sie wieder fort. Es begann die große Spanienfahrt. Doris war sechs Jahre alt, als sie begann, und Silvia drei. 3 3 Kinder 33 Sie stiegen auf dem Bahnhof in den Schnellzug. Doris und Silvia saßen an den Fenstern und sahen hinaus. Es war Herbst, und die Wälder waren bunt und sahen lustig aus, als ob ein Maler alle seine Pinsel an ihnen abgewischt hätte. Da war ein brauner Flecken, dort ein roter, hier ein hellgrüner, ein gelber, ein dunkelgrüner.„ Seht es euch gut an", sagten die Eltern.„ In Spanien gibt es keinen Herbst." Der Zug kam auch nach Wuppertal, wo Doris und Silvia geboren waren und ihre schöne Wohnung gehabt hatten. Auf dem Bahnhofe stiegen viele Leute aus. Doris und Silvia stiegen nicht aus. Sie fuhren ja nach Spanien. Vom Fenster des Zuges aus sahen sie noch einmal die Schwebebahn über die Wupper fahren. Silvia hatte schon beinahe vergessen, daß es in Wuppertal so etwas gibt. Sie war ja noch so klein. Nach einiger Zeit fuhr der Zug auf einer Brücke über einen großen, großen Fluß. Das war der Rhein. Die Stadt, bei der sie an den Rhein kamen, heißt Köln. Es ist eine ganz alte Stadt. Darin steht eine riesengroße, prächtige Kirche, das ist der Kölner Dom. Von der Eisenbahn aus konnte man seine beiden spitzen Türme gut sehen. Jetzt ging die Fahrt beinahe immer am Rhein entlang. Ganz früh am Morgen waren sie in den Zug gestiegen. Jetzt war schon Mittag. 34 Vom Fenster aus gab es vieles Schöne zu sehen. Der Rhein ist ein sehr breiter Fluß. Manchmal sah man auch Inseln darin. Auf denen standen hohe spitze Pappeln und andere Bäume. Auf dem Wasser fuhren weiße Dampfer. Kleine Schleppdampfer zogen große Lastkähne, etwa so, wie eine Lokomotive die Eisenbahnwagen zieht. Auch Paddelboote und Segelboote gab es. Fast immer sah man Schiffe. Sie hatten vielerlei bunte Fahnen und Wimpel. Das war ein fröhliches Bild. Neben dem Flusse ist die Landstraße. Darauf fahren viele Autos mit der Eisenbahn um die Wette. Auch gab es viele hübsche Dörfer und Städtchen am Ufer. Auf beiden Seiten des Rheins erheben sich steile Berge, viele Burgen und Ruinen stehen darauf. Das sind die ehemaligen Wohnungen von Rittern, die vor vielen Jahrhunderten am Rhein gelebt haben. Um ihre Häuser hatten sie sich dicke Mauern gemacht, damit kein Feind hineinkommen könnte. Aber als die Kanonen erfunden worden waren( in der Ritterzeit hat man noch nicht mit Kanonen und Gewehren schießen können), da halfen die dicken Mauern nichts mehr. Sie wurden in einem der vielen Kriege, die es damals gab, zusammengeschossen. Darum sind die meisten Burgen heute zerstört. Man nennt solche zerstörten Häuser Ruinen. Nach jedem Krieg gibt es viele Ruinen und viele Tote und Verwundete. Der Krieg bringt nichts Gutes. Er zerstört nur. 3* 35 Die Berge am Rhein sind von oben bis unten mit Weinreben bepflanzt. Es ist eine mühsame Arbeit für die Bauern, an den steilen Abhängen zu arbeiten. Überall in den Weinbergen sind Mauern gebaut worden, daß mit dem Regen die Erde nicht weggeschwemmt wird, in die die Reben gepflanzt sind. An den Reben wachsen die Weintrauben. Die mögt ihr alle wohl gern essen. Man kann auch den Saft auspressen und aufbewahren. Dann wird Wein daraus. Weil am Rhein viel Reben wachsen, kann man auch viel Wein machen. Er wird in Fässern und Flaschen weit fortgeschickt, sogar in ganz ferne Länder. Denn viele Leute trinken gern Wein. Er schmeckt gut. Aber es ist ein Gift darin, das ist schädlich, wenn man nur ein bißchen zu viel von dem Wein trinkt. Kinder dürfen überhaupt keinen Wein trinken, sonst wachsen sie nicht richtig und werden dumm und schwach. Den ganzen Tag fuhren Doris und Silvia und ihre Eltern mit der Eisenbahn. Am frühen Morgen waren sie abgefahren, am Abend kamen sie in einer Stadt an, die heißt Karlsruhe. Da stiegen sie aus. Die Mutter ging mit Doris und Silvia eine Stunde in der Stadt spazieren.‘Sie kamen an einem Manne vorbei, der bei einem Wagen auf der Straße stand. Auf dem Wagen war ein kleines Öfchen. Außerdem lagen viele kleine runde Dinger 36 auf dem Wagen. Die Kinder wußten nicht, was das war. Der Mann lachte und sagte:„Des sinn Käschte. Die kann ma esse. Die kann ma koche.“ Die Kinder wußten, daß man in Spanien eine andere Sprache spricht und kein Deutsch versteht. Weil der Mann so merkwürdig sprach, meinten sie, sie seien schon in Spanien. Aber Karlsruhe ist nicht in Spanien, sondern in Deutschland. Nur spricht man dort, weil es in Süddeutschland ist, ein wenig anders, als weiter im Norden. Die Früchte, die der Mann verkaufte, waren Edelkastanien. Die Kinder kannten sie noch nicht. Die Mutter kaufte ihnen welche. Sie schmeckten sehr gut. Nach einer Stunde gingen sie wieder zum Bahn- hof. Sie aßen mit Vater und Mutter im Bahnhofs- restaurant zu Abend. Dann gingen sie wieder auf den Bahnsteig und stiegen in einen anderen Zug. Er war noch ganz leer. Sie gingen in ein Abteil, und die Kinder wurden auf die Bänke gelegt. Das Licht wurde ausgemacht. Es war nämlich schon spät und schon längst dunkel. Noch bevor der Zug abfuhr, schliefen Doris und Silvia. Sie kommen in ein fremdes Land Als Doris und Silvia erwachten, war es früher Morgen. Die Sonne ging gerade auf. Sie fuhren über eine Brücke, hoch über einen Fluß hinweg. 37 War es der Rhein? Nein, es war nicht der Rhein. Es war die Rhône. Der Rhein war weit, weit weg. Sie waren in Karlsruhe abends eingeschlafen. Der Zug war dann nach Kehl gefahren. Das ist eine Stadt am Rhein. Eine Eisenbahnbrücke führt zum anderen Ufer. Da ist auch eine Stadt. Eine große Stadt. Sie heißt Straßburg. Diese Stadt liegt nicht in Deutschland, sie gehört zu Frankreich. Doris und Silvia waren, während sie schliefen, aus Deutschland herausgefahren und nach Frankreich hinein. Sie waren die ganze Nacht durch Frankreich gefahren, und wußten es nicht, weil sie schliefen. Jetzt kam der Zug wieder in eine Stadt. Der Vater stieg aus, um Kaffee und Milch und Brötchen zu kaufen. Sie hatten vorher gerade noch Zeit gehabt, sich in der Eisenbahn zu waschen und die Zähne zu putzen. Viele Leute stiegen in dieser Stadt aus dem Zuge aus, viele andere stiegen ein. Die Stadt hieẞ Lyon. Auf dem Bahnsteig wurde gerufen und gesprochen. Auch in dem Abteil, in dem Doris und Silvia mit ihren Eltern waren, wurde gesprochen. Andere Leute hatten bei ihnen Platz genommen. Doris und Silvia verstanden kein Wort von dem, was diese Menschen sprachen. Sie redeten französisch. In Frankreich spricht man ja eine andere Sprache als in Deutschland. Jetzt fuhren Doris und Silvia stundenlang an 38 der Rhöne entlang, so wie sie am Tage vorher am Rhein entlanggefahren waren. Es war ganz ähnlich. Beide Flüsse waren ungefähr gleich breit. Sie hatten beide grünliches Wasser. Der Rhein und die Rhöne kommen nämlich beide aus der Schweiz. Sie sind zuerst ganz nahe beieinander. Aber dann fließt der Rhein nach Norden, die Rhöne nach Süden, und jeder Fluß fließt in ein anderes Meer. Jedoch die Quellen sind beinahe Nachbarn. Beide Flüsse bekommen viel Wasser von Gletschern. Das sind mächtige Ansammlungen von Eis auf den hohen Bergen. Wenn das Eis schmilzt, gibt es ein trübes, grünliches Wasser. Davon haben der Rhein und die Rhöne ihre Farbe. Aber es gibt doch große Unterschiede. Auf der Rhöne sind nicht soviele Schiffe. Das Tal ist auch breiter, und die Berge sind nicht ganz so hoch. Die Ufer des Rheines sind Steinmauern, die die Menschen gebaut haben, die Rhöne aber fließt zwischen Ufern, die sie selbst gemacht hat. Auch sehen die Orte am Rhein und an der Rhöne ver- schieden aus— die Häuser sind anders gebaut. Und die Menschen sprechen verschiedene Sprachen. Auf einer Station stieg eine Frau mit einem kleinen Jungen ein. Doris freute sich. Sie war so lange Zeit nur mit großen Leuten zusammen gewesen. Sie sprach das Kind an. Aber es verstand nicht. Es sprach nur französisch. Da wurde Dbris still und traurig. Sie wußte ja, daß in Frankreich 39 die großen Leute französisch sprechen. Aber, daß auch die kleinen Kinder nicht deutsch sprechen, sondern französisch, das hatte sie nicht gedacht. Nun war der Zug schon viele Stunden lang gefahren. Draußen das Land sah nun anders aus, als sie es gewohnt waren. Sie sahen viele Bäume mit kleinen silbergrauen Blättern.„ Das sind Olivenbäume", sagte der Vater.„ Seht ihr die Früchte? Daraus wird Öl gemacht." Ja, nun sahen sie die Früchte. Sie sahen fast aus wie ganz kleine, grüne Pflaumen. Plötzlich glänzte vor ihnen ein goldener Streifen auf. Er war zwischen dem Lande und dem Himmel. Immer breiter wurde er. Es war das Meer. Das glänzte so, weil die Sonne gerade darüber stand. Die Eltern wollten den Kindern das Meer zeigen. Aber Silvia wollte nichts mehr sehen. Sie war jetzt so müde, daß sie laut zu weinen anfing. Denkt nur, sie war einen ganzen Tag lang und dann noch die Nacht hindurch und dann wiederum bis zum nächsten Mittag andauernd in einem Eisenbahnwagen gefahren. Anderthalb Tage und eine Nacht immer in der Eisenbahn. Das macht schrecklich müde, nicht nur kleine Kinder, sondern auch große Leute. Gut, daß sie jetzt endlich ankamen! In Spanien? Nein, nicht in Spanien, sondern in einer großen französischen Stadt. Sie heißt Marseille. Da stiegen sie aus. Silvia war glücklich, daß der Zug sie nicht mehr rüttelte, und daß sie 40 40 nicht immer an der gleichen Stelle zu sitzen brauchte. Vom Bahnhof führt eine große, breite Treppe zur Stadt hinunter. Man hat einen prächtigen Blick. Aber Silvia sah nichts davon. Die Mutter mußte sie die Treppen hinabführen, damit sie nicht fiel. Aber als sie in einem Restaurant gegessen und in einem kleinen Zimmerchen nebenan geschlafen hatte, da war sie wieder vergnügt und fühlte sich wohl. Gerade kam auch der Vater zurück. Er war weggegangen, um die Schiffskarten zu holen. Sie wollten jetzt nämlich mit einem Schiff weiterfahren. Von Marseille fuhr ein Dampfer nach Mallorca. Das ist eine große Insel im Meer. Es ist eine spanische Insel. Dorthin wollten die Eltern mit Doris und Silvia fahren. Sie wollten auf der Insel Mallorca wohnen. Von Bullaugen und lebendigen Negern Habt ihr schon einmal einen Ozeandampfer gesehen? Nicht so einen Dampfer, der auf einem Fluß oder einem See fährt - ich meine ein Schiff, das über das große, weite Meer nach Amerika oder nach Afrika oder nach Indien schwimmt. Habt ihr solch einen Dampfer schon einmal ganz aus der Nähe gesehen? Doris und Silvia hatten das noch nicht. Jetzt kamen sie zu einem Ozean41 dampfer. Er lag im Hafen an einem Kai. Das ist ein künstliches Ufer am Hafen. Die Eltern waren mit den Kindern zum Hafen gefahren. Als sie aus dem Auto stiegen, da vergaßen Doris und Silvia weiterzugehen. Sie blieben vor Staunen stehen. Daß ein Schiff so groß sein konnte, hatten sie nicht gedacht. Es war so hoch wie ein großes Haus und so lang wie eine kleine Straße. Die Schlote waren so breit wie Zimmer. ,, Komm, Doris, komm, Silvia", sagten die Eltern. Sie gingen zusammen einen breiten Steg hinauf. Der führte auf das Schiff. Das Schiff war wie ein großes Hotel. Breite Treppen mit Teppichen darauf führten nach unten. in die tieferen Stockwerke. Sie gingen zwei Stockwerke tief hinunter. Eine Frau führte sie. Die nannte man Stewardeß. Sie öffnete eine Tür. Da war ein kleines Zimmer, in dem sollten Doris und Silvia mit den Eltern wohnen. Es waren vier Betten darin, zwei auf dem Boden wie andere Betten auch, und zwei oben darüber. Wenn man sich in die oberen Betten legen wollte, dann. mußte man erst nach oben klettern. Das Zimmer hatte nur kleine Fenster, die waren kreisrund. Man nennt solche Fenster Bullaugen. Ein Schlafzimmer auf dem Schiff heißt Kabine. An der Kabinendecke war eine Metallkugel mit einem Loch darin. Man konnte sie herumdrehen, und es rauschte und gurgelte ganz seltsam aus ihr 42 hervor. Was war denn das? Es war die Luftleitung. Weil die Kabine tief unten im Schiff war und nur so kleine Fenster hatte, kam nicht genügend frische Luft hinein. Darum wurde von oben Luft hineingepustet. Man nennt sie Druckluft. Doris und Silvia blieben nicht auf dem Schiff. Nachdem das Gepäck untergebracht worden war, und sie sich gewaschen hatten, gingen die Eltern noch einmal mit ihnen fort. Sie wollten sich Marseille ansehen. Sie kamen durch viele Straßen, in denen war es entsetzlich laut von all den vielen Autos und den vielen Menschen. Doris und Silvia meinten, die Leute würden sich immer streiten. Sie sprachen und riefen aber nur so laut. Sie kamen über einen großen Platz. Da standen viele Männer und spielten mit dicken eisernen Kugeln. Sie spielten ein Spiel, das Boule heißt. Es war ähnlich, wie wenn Kinder mit Klickern spielen. Oder mit Murmeln, oder wie ihr es nennt. Aber diese Klicker oder Murmeln, waren viel größer, es waren große, eiserne Kugeln, und es waren große Leute, die spielten, und keine Kinder. Dann kamen sie auf eine große, breite Straße, die heißt Cannebière. Aber sie blieben nicht lange dort, sie gingen schnell wieder zum Schiff zurück. Denn Silvia hatte Angst. Es war so laut. Und es gab so viele Neger. Neger? Ihr meint, die lebten doch in Afrika, 43 nicht wahr? Ja, es gibt auch anderswo Neger, in Amerika zum Beispiel. Und in der Stadt Marseille gibt es sehr viele. Sie sind dorthin aus Afrika gekommen. Das ist nicht so sehr weit. Man kann mit dem Dampfer in anderthalb Tagen da sein. Silvia hatte natürlich viele Bilder von Negern gesehen. Sie kannte auch Negerpuppen. Die sahen lustig aus. Aber die lebendigen Neger, die sind anders. Das sind ja richtige, große Menschen. Sie sind ganz braun, die Haare sind lauter schwarze Löckchen. Die Lippen sind ganz rot. Das Weiße in den Augen leuchtet so. Wenn man sie zum ersten Male sieht, dann meint man, sie sähen so aus, als ob sie schrecklich böse wären. Sie sind aber gar nicht böse. Sie sind gerade so wie andere Menchen. Sie sehen nur anders aus. Silvia war ja erst drei Jahre alt. Sie hatte Angst vor den Negern. Sie wollte auf das Schiff zurück. Da gab es keine Neger. Aber sie wollte nicht mit der 44 Straßenbahn dorthin fahren. Es wollte gerade ein Neger in den Tramwagen einsteigen. Nein, Silvia mochte Marseille nicht leiden. Sie wurde erst wieder vergnügt, als sie auf dem Dampfer war. Bald gab es Abendessen auf dem Schiff. Doris und Silvia aßen aber nicht mit den Eltern zusammen. Sie kamen in ein großes Zimmer, da saßen noch andere Kinder. Auch eine Stewardeẞ saß dabei. Sie paßte auf die Kinder auf. Das Essen schmeckte wunderbar. Als Doris und Silvia aufhören wollten zu essen, fragte die Stewardeẞ, ob sie nicht doch noch etwas möchten Pudding oder Obst. Da aßen sie noch mehr. Es gefiel ihnen gut in dem Kinder- Speisesaal. - Nach dem Essen brachte die Mutter sie ins Bett. Sie hatten schon so lange nicht mehr in einem Bett gelegen. Jetzt merkten sie erst, wie wohl es tut, richtig ausgezogen in einem Bett zu schlafen. Und sie schliefen sofort ein. Wie es auf einem Ozeandampfer zugeht Doris und Silvia erwachten durch einen großen Lärm. Es war noch sehr früh. Die beiden Mädchen rieben sich die Augen. Sie wußten zuerst gar nicht, wo sie waren, und dachten im ersten Moment, sie lägen im Hause ihrer Großeltern im Bett. 45 Aber dann fiel ihnen wieder ein, daß sie weit, weit fort von Deutschland auf einem Schiff waren. Sie hörten lautes Rasseln. Das war die Ankerkette. Dumpfe Geräusche drangen dazwischen. Auch Rufe hörten sie. Dazwischen rauschte, dröhnte und plätscherte es. Schnell kletterten sie aus den Betten. Aber sie wären beinahe umgefallen, denn es gab plötzlich einen heftigen Stoß. Kein Zweifel: Das Schiff fuhr ab. Die Eltern waren schon angezogen. Auch Doris und Silvia machten sich jetzt schnell fertig. Die Eltern sagten, sie sollten die Mäntel anziehen. Dann gingen sie zusammen auf das Deck. So heißt die große Fläche, die oben auf dem Schiff ist. Der Kai war inzwischen schon weit zurückgeblieben. Das Schiff fuhr durch den Hafen. Doris und Silvia standen am Geländer, das auf dem Schiffe Reling heißt, und sahen, wie die Häuser und Straßen am Ufer zurückglitten. Natürlich glitten sie nicht wirklich zurück, sondern das Schiff fuhr vorwärts, aber es sah gerade so aus, als ob sich das Ufer rückwärts bewegen würde. Ihr Dampfer fuhr an vielen anderen Schiffen vorbei. Ganz große waren dabei, mit einem oder zwei Schloten, die bunt angemalt waren. Auch ein Segelschiff mit drei turmhohen Masten lag im Hafen. Und viele kleine Dampfer und Motorboote fuhren herum. 46 Gerade fuhr ein großer Dampfer an ihnen vorbei. Er war ganz voll von Negersoldaten. Sie hatten gelblichgrüne Uniformen an und runde, hole, rote Mützen auf. Die nennt man Fez. Die Negersoldaten kamen aus Algier oder Tunis. Das sind zwei Städte in Afrika. Sie gehören zu Frankreich. Die Neger waren französische Soldaten. Sie standen dicht gedrängt an Deck und winkten herüber. Auch Doris und Silvia winkten. Sie lachten und freuten sich. Vor diesen Negern hatte Silvia keine Angst. Sie waren ja weit weg auf einem anderen Schiff. Jetzt waren sie aus dem Hafen herausgefahren. An der Hafenausfahrt standen kleine Leuchttürme. Nun fuhren sie zwischen roten Tonnen und kleinen Türmchen, die auf dem Wasser schwammen. Das waren Wegweiser für Schiffe. Wenn man sich nicht nach ihnen richtete, konnte das Schiff auf Sand oder Felsen auffahren, die auf dem Grund des Wassers sind. Dann wäre das Schiff entzweigegangen. Natürlich gibt es solche Wegweiser für Schiffe nur in der Nähe des Hafens. Wenn man weit von der Küste wegfährt, ist das Meer so tief, daß man überall fahren kann und keine Zeichen braucht. Das Ufer war jetzt schon weit weg. Man sah, daß es ziemlich steil vom Meere aus emporstieg. Aber es wurde jetzt schnell kleiner. Sie fuhren an vielen Inselchen vorbei, die waren nichts als Felsen. Auf 47 einer größeren Insel stand eine alte Burg. Als sie wieder zum Ufer zurückblickten, war es schon ganz klein geworden. Man konnte die Häuser gar nicht mehr richtig erkennen. Allmählich merkten sie, daß sie Hunger und Durst hatten. Sie hatten ja noch nicht gefrühstückt. Nun gingen sie die Treppe hinunter. Die Kinder tranken im Kinder- Speisesaal Kakao und aßen Brötchen mit Butter und Marmelade und Honig. Als sie fertig waren und wieder auf Deck gingen, da war das Ufer ganz verschwunden. Auch die Inselchen waren verschwunden. Sie waren mitten auf dem Meer. So weit man blicken konnte, war nichts als Meer. Es war ganz dunkelblau, und in der Nähe sah man schnelle, blitzende Wellen. Wenn man ganz vorn an die Spitze des Schiffes ging, dann sah man die Kielwelle, die der Dampfer in das Meer hineinschnitt. Sie war schneeweiß von Schaum, und lief schnell in das weite Meer hinaus. Auch hinter dem Schiffe gab es eine große, weiße Welle. Die kam von den Schiffsschrauben; die Schiffsschrauben drehen sich, und treiben den Dampfer vorwärts. Man konnte genau sehen, wo der Dampfer gefahren war. Es sah aus, als hätte er eine Straße ins Meer gemacht. Das war seine Spur im Wasser. Sie war weiß- blau und zog sich schnurgerade durch das Meer hindurch, so weit man blicken konnte. Das Meer sah aus wie eine riesiggroße Scheibe. 48 Darauf saß der Himmel wie eine hellblaue Glocke. Man konnte kein Haus sehen, keinen Baum, kein - Schiff gar nichts als das Meer und den Himmel. Aber rund um das Schiff flogen große, weiße Vögel. Das waren Möwen. Sie konnten wunderbar durch die Luft segeln mit ihren spitzen Flügeln und schrien hell und heiser dabei. Viel schneller als das Schiff fuhr, flogen sie. Sie machten Kreise um die Masten und Schlote und brauchten dabei fast gar nicht mit den Flügeln zu schlagen. Jetzt kippten hinten an dem Schiffe zwei Matrosen den Inhalt einer Kiste ins Meer, es waren Apfelsinenschalen, angefaulte Äpfel, Kartoffelschalen und anderer Abfall. Viele Möwen stürzten sich gleich auf das Wasser, um sich etwas von den Abfällen zu holen. Weil es auf einem großen Schiff viel Abfall gibt, darum flogen sie immer mit dem Dampfer. Wenn sie auf dem Wasser saßen, sahen sie aus der Ferne beinahe wie Enten aus. Sie hatten viel damit zu tun, die Abfälle zu fressen, und man konnte sie vom Dampfer aus schon gar nicht mehr sehen. Aber plötzlich waren sie wieder da. Sie flogen ja schneller, als das Schiff fuhr, und hatten es bald wieder eingeholt. Manchmal stürzte sich eine Möwe blitzschnell in das Meer und tauchte darin unter. Oder sie streckte nur den Kopf ins Wasser. Dann funkelte es einen Augenblick auf, und die Möwe flog wieder hoch. Sie hatte einen Fisch gefangen und verschlungen. 4 3 Kinder 49 Jetzt wollten sich die Kinder aber das Schiff richtig ansehen. Sie stiegen eine Treppe hinauf. Da war noch ein Deck. Mitten darauf war eine Schaukel. Darauf saßen andere Kinder und schaukelten. Auch Doris und Silvia schaukelten ein bißchen. Dann gingen sie weiter. Sie sahen Rettungsboote. Die können auf das Meer hinuntergelassen werden, und man kann mit ihnen wegfahren, wenn das Schiff untergeht. Aber ein Schiffsunglück ist etwas sehr Seltenes. Es kommt beinahe niemals vor, daß die Rettungsboote gebraucht werden. Doch sie müssen natürlich da sein. Dann stiegen sie wieder die Treppe hinunter und gingen weiter. Man brauchte eine lange Zeit, um ganz um das Schiff herumzugehen. Es gab allerlei Merkwürdiges zu sehen. An manchen Stellen waren Taue, die waren so dick wie Silvia. Dann gab es dicke, weiße Rohre, die ragten aus dem Boden hervor. Oben waren sie umgebogen und wurden breiter. Die Öffnung sah beinahe wie eine Trompete aus. Innen war sie rot. Mit diesen merkwürdigen Rohren wird die Luft herangesaugt, und nach unten in das Schiff geleitet. Sie kamen auch an der Schiffsküche vorbei. Die Köche hatten weiße Anzüge an und hohe weiße Mützen auf. Sie riefen die Kinder hinein und zeigten ihnen alles. Riesig große Kochtöpfe waren da. In die hätten sich die Kinder hineinsetzen können. 50 Nebenan war die Bäckerei. Da wurden gerade frische Brötchen gebacken und Gebäck und Törtchen. Die Bäcker schenkten Doris und Silvia frisch gebackene Plätzchen. Sie waren noch warm und schmeckten sehr gut. Es gab auch eine Druckerei. Doris und Silvia sahen, wie die Speisekarten für das Mittagessen gedruckt wurden. Sogar einen Laden gab es auf dem Schiff. Darin konnte man Bücher und Ansichtskarten, Parfüm, Kleider und sogar Puppen kaufen. Was gab es alles auf einem solchen Dampfer! Es war beinahe wie eine kleine Stadt. Auf dem Deck waren viele Liegestühle. Da lagen Leute und lasen, oder sie streckten sich nur aus und ließen sich von der Sonne bescheinen. Die Kinder hätten so gern auch die Maschinen gesehen, mit denen das Schiff fährt. Ein Mann in einer schönen Uniform, das war ein Schiffsoffizier, nahm sie mit hinunter, noch tiefer in das Schiff hinab, als ihre Kabine war. Dann öffnete er eine Tür und ließ sie in den Maschinenraum hineinsehen. Eigentlich war das verboten, aber weil die Kinder es so gern sehen wollten, zeigte der Offizier es ihnen doch. Der Maschinenraum war ein großer, großer Saal. Er war so hoch wie eine Kirche. An den Wänden führten eiserne Treppen hinunter. Die Wände 4* 51 waren aus weißen Kacheln. Die Maschinen waren riesige Ungetüme. Ein mächtiges Rad fiel den Kindern vor allem auf. Es drehte sich geschwind. Mitten durch den Maschinenraum nach hinten lief eine metallene Stange, die so dick war wie ein Mann. Sie drehte sich immer um sich selbst herum. Die Stange ist die Welle. An ihr ist die Schiffsschraube befestigt. Die Welle dreht die Schiffsschraube, darum fährt das Schiff. Nachher sahen sie auch durch ein Fenster hindurch die Steuermaschine. Das Steuer auf einem solchen Ozeandampfer ist so groß und so schwer, daß man es nicht mit der Hand herumdrehen kann. Es muß eine besondere Maschine da sein, die steuern hilft. In dem Schiff waren verschiedene Säle. Speisesäle, Rauchsalon, Schreibzimmer. Nachmittags gab es in einem Salon ein Konzert. Ein Mann spielte Klavier, einer Geige und einer Cello. Doris und Silvia durften zuhören. Es machte ihnen viel Freude. Nun war das Schiff schon den ganzen Tag unterwegs. Früh morgens war es weggefahren. Jetzt sah man immer noch kein Land. Nichts als Meer und Himmel. Aber einmal gab es etwas Besonderes: Viele Leute standen an der Reling, sahen auf das Meer. und zeigten hinunter. Da schwammen Tiere in dem' Wasser. Sie waren größer als Menschen, schwam22 52 men im Kreise um das Schiff herum und sprangen immer aus dem Wasser heraus. ,, Was für komische Fische!" sagte Doris.„ Wie heißen sie?" " Das sind Delphine", antwortete der Vater.„ Sie sehen aus wie Fische, aber in Wirklichkeit sind es Säugetiere wie die Kuh, das Pferd, der Hund und die Katze." ,, Aber sie haben doch keine Beine", sagte Doris. ,, Nein, die haben sie nicht. Sie leben ja im Meer. Da können sie keine Beine brauchen. Dann könnten sie nicht so schnell schwimmen. Sie sehen wirklich wie Fische aus. Wer es nicht weiß, der sieht ihnen nicht an, daß sie Säugetiere sind." Komische Dinge gibt es im Meer. - Ankunft auf der spanischen Insel Mallorca Nun hatten Doris und Silvia schon die zweite Nacht auf dem Schiffe geschlafen. Eine Nacht im Hafen von Marseille, eine auf hoher See, auf dem Mittelländischen Meer. Es ist ein großes Meer. Drei Erdteile grenzen daran: Europa, Asien und Afrika. Viele Länder liegen am Mittelländischen Meer. Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland, die Türkei, Ägypten und noch andere. 53 Während Doris und Silvia die zweite Nacht auf dem Schiffe schliefen, blieb der Dampfer nicht stehen. Er fuhr weiter. Natürlich fuhr er nicht von allein. Es mußten Matrosen und Offiziere dafür sorgen, daß die Maschinen arbeiteten und das Schiff den richtigen Weg fuhr. Darum mußte es so viele Offiziere und Matrosen auf dem Schiffe geben. Sie konnten natürlich nicht immer arbeiten. Sie mußten sich abwechseln. Viele mußten nachts arbeiten und tagsüber schlafen. Als Doris und Silvia beim Erwachen am nächsten Morgen durch die Bullaugen sahen, erblickten sie da, wo das Meer und der Himmel zusammenkommen, etwas, das wie schwache Wolken aussah. Das Schiff fuhr näher, sie sahen, daß es keine Wolken waren. Es waren Berge. Es war die Insel Mallorca. , Schnell, schnell", riefen die Kinder.„ Wir müssen aufstehen! Wir müssen uns eilen! Wir sind ja schon da!" Die Eltern beruhigten sie: sie hätten noch sehr lange Zeit. Aber sie standen dann doch gleich auf. Als sie an Deck kamen, sahen sie, daß das Schiff jetzt an der Küste der Insel entlangfuhr. Es war eine sehr hohe Küste. Mächtige Felsen standen überall fast senkrecht am Meere. Das Meer schäumte hoch an ihnen empor. Es sah aus, als hätte es einen schneeweißen Saum, wo es ans Ufer kam. Weil das Meer so mächtig gegen die Küste 54 donnerte und tobte, darum hatte es mit der Zeit viele Felsen von ihr abgetrennt. Sie lagen als kleine Inseln vor der Küste. Einmal sahen die Kinder, daß das Meer ein richtiges, großes Tor in die Uferfelsen geschlagen hatte. Es schäumte und brauste hindurch. Alles, was sie von der Insel sahen, waren Felsen und Berge. Diese Berge waren von Wald bedeckt. Er war nicht so hellgrün wie der Laubwald in Deutschland, aber er war viel heller als der deutsche Nadelwald. Auch an die schroffen Uferklippen klammerten sich Bäume, und sogar auf vielen der Inselchen wuchsen welche. Man konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie auf diesen nackten Felseninseln Halt hätten. Manchmal sahen sie einen Leuchtturm auf einer Insel oder hoch auf einem Uferberge stehen. Zuweilen bemerkten sie auch weiße oder graue Häuser, Dörfer, eine kleine Stadt. Einmal, als sie zur Küste sahen, erblickten sie niedrig über den Wellen etwas, das pfeilschnell dahinflog. War es ein Schwarm Vögel? Nein. Es blinkte wie Silber. So sehen Vögel nicht aus. Es waren fliegende Fische. Die gibt es im Mittelmeer. Richtige Fische sind es. Aber sie haben sehr lange Seitenflossen. Sie springen aus dem Wasser heraus und breiten die Flossen aus. Dann können sie eine ganze Zeit lang über den Wellen segeln. Seitdem sie die Küste zuerst bemerkt hatten, 55 waren schon vier Stunden vergangen, und noch immer fuhren sie an der Insel entlang. Daran konnten sie sehen, daß die Insel Mallorca sehr groß ist. Jetzt bog der Dampfer um einen Felsenvorsprung der Insel und fuhr in eine weite Bucht hinein. Die Berge wurden allmählich kleiner. Und wenn man auf dem Schiff nach vorne ging, dann sah man, daß es gerade auf eine Stadt zufuhr, die in der Bucht am Ufer liegt. Das ist die Hauptstadt der Insel Mallorca. Sie heißt Palma de Mallorca. Es ist eine ziemlich große Stadt. Die Kinder sahen, daß alle Häuser flache Dächer hatten. Es sah ganz seltsam aus. Sie sahen auch schon von weitem eine große Kirche am Ufer stehen. Das ist die Kathedrale. Näher an dem Dampfer stand eine Burg auf einem grünen Berge. Das ist das Castillo Bellver. Die Kinder wußten das noch nicht, aber sie würden bald alles kennenlernen, was es in Palma gibt. Während die Eltern an der Reling standen, und nach Palma hinübersahen, liefen die Kinder schnell davon. Sie stiegen die Treppe zum Oberdeck hinauf. Jetzt mußten sie gleich aussteigen. Da wollten sie vorher noch einmal auf der Schaukel sitzen und schaukeln. Dann hielt das Schiff an. Es fuhr nicht nach Palma. Es blieb auf dem Meere weit draußen stehen. Man konnte doch nicht zu Fuß über das Wasser gehen! Wie sollte man denn hinüberkommen? 56 Da wurde eine Treppe vom Deck zum Meer hinuntergelassen. Diese Treppe heißt Fallreep. Man sah jetzt erst richtig, daß das Deck haushoch über dem Meer war. Unten am Fallreep legte ein Motorboot an, eine Barkasse, wie man das nennt. Inzwischen war auf dem Deck eine Musikkapelle angetreten. Während sie anfing zu spielen, stiegen Doris und Silvia mit den Eltern das Fallreep hinunter. Mutter und Vater trugen kleine Koffer. Doris hatte ihren Schultornister aufgesetzt. Silvia trug einen kleinen Rucksack, aus dem guckten oben lauter Puppenköpfe heraus. Das andere Gepäck wurde von Matrosen nachgebracht. Sie hoben die Kinder in die Barkasse. Auch die Eltern stiegen ein. Und noch andere Leute. Dann fuhr die Barkasse vom Dampfer weg. Sie fuhr auf eine breite Mauer zu, die ins Meer hinausgebaut ist. Oben darauf ist eine Straße. Am Ende der Mauer ist ein kleiner Leuchtturm. Diese Mauer nennt man Mole. Sie schützt den Hafen vor den großen Wellen, wenn auf dem Meere Sturm ist. Die Barkasse fuhr in den Hafen hinein. Da waren viele Schiffe, große und kleine. Die Barkasse fuhr an ihnen vorüber. Sie legte an einer Treppe der Mole an. Doris und Silvia stiegen aus. Sie waren in einem anderen Lande. Sie waren am Ziel ihrer langen, langen Reise. Auf der spanischen Insel Mallorca. 57 57 Von Moskitos, Palmen und Skorpionen In den ersten Tagen wohnten die Eltern mit Doris und Silvia in einer Pension. Sie mußten sich erst eine Wohnung suchen. Alles war ihnen fremd. Alles war ganz anders als in Deutschland. Sie sahen fremde Pflanzen. Die Menschen sprachen eine andere Sprache, von der die Kinder nur zwei oder drei Wörter kannten. Auch die Häuser waren anders. Über ihren Betten hingen große Schleier. Die konnte man über die Betten ziehen, daß man ganz unter ihnen schlief. Was waren das für Schleier? Es waren Moskitonetze. Sie sollten vor den Moskitos schützen. Das sind Stechmücken. Die gab es in fürchterlichen Mengen. Abends, wenn die Kinder schlafen gehen wollten, sahen die Eltern nach, ob keine Moskitos unter den Netzen waren. Dann kam ein Mädchen mit einer Spritze, in der war eine Flüssigkeit: Flit. Wenn sie spritzte, kam eine kleine Wolke aus der Spritze. Das Flit wurde zu Dampf. Das ganze Zimmer roch süßlich davon. Das Flit sollte die Moskitos töten. Aber trotz des Flits und trotz der Moskitonetze wurden die Kinder doch gestochen. Es gab so viele Stechmücken. Und tagsüber konnte man sich vor ihnen gar nicht schützen. Schrecklich sahen die Kinder aus. Die Beine waren voller Beulen. Ihre Gesichter waren voller Beulen. Man konnte die Kinder kaum noch erkennen, so verschwollen waren sie. 58 Das war eine schlimme Plage. Nur gut, daß die Kinder nicht immer so gestochen wurden. In der Wohnung, in die sie bald zogen, gab es nicht viele Moskitos. Man brauchte keine Moskitonetze und wurde doch nicht so oft gestochen. Schlimm war es auch, daß man in den ersten Wochen schrecklichen, quälenden Durst hatte. Dabei durfte man kein Wasser trinken. Vom Wasser kann man in den südlichen Ländern krank werden. Als sie ihre eigene Wohnung hatten, stand immer eine Kanne voll von kaltem Tee bereit und man konnte trinken, wenn man Durst hatte. Aber in der Pension mußte man sich alles kaufen, was man trinken wollte, da mußte man sparen und konnte nicht so viel haben, wie man gern gehabt hätte. Nein, in der Pension gefiel es den Kindern nicht. Die Moskitos und der Durst quälten sie. Die Eltern. mußten von morgens bis abends auf die Wohnungssuche. Das einzige Vergnügen war ein dicker Palmbaum, der vor ihrer Türe stand. Er hatte einen schuppigen Stamm. Das kam daher, daß die großen gefiederten Blätter nur an der Spitze des Baumes wachsen. Jedes Jahr kommen oben neue Blätter hinzu. Und zugleich welken die unteren Blätter und hängen wie gelbes Stroh herunter. Die Menschen schneiden sie ab, so daß nur der Anfang des Blattstieles am Stamm stehen bleibt. Der sieht dann aus wie eine Schuppe. Und weil jedes Jahr 59 neue Schuppen dazukommen, sieht der Palmbaum so seltsam aus. Der Palmbaum in dem Gärtchen der Pension war eine Dattelpalme. Es gibt viele Dattelpalmen auf der Insel Mallorca. An der Krone des Baumes hängen unter den Blättern bräunlichgelbe Büschel. An ihren vielen Stielchen sitzen die Datteln. Jeden Tag fielen solche Früchte ab. Die Kinder hoben sie auf und aßen sie. Sie schmeckten ihnen gut. Nach etwas mehr als einer Woche hatten die Eltern eine Wohung gefunden. Es war ein einstöckiges Haus. In das zogen sie nun ein. Da konnten die Kinder ihr Spielzeug auspacken und sie konnten spielen und toben. Es gab viel Platz in dem Hause, und ein Gärtchen war auch dabei. Merkwürdig kam es den Kindern vor, daß der Fußboden aus bunten Steinplatten bestand. Alle Häuser auf der Insel Mallorca haben Steinfußböden. Holzfußböden gibt es nicht. Sie wären im Sommer auch viel zu warm. Denn Mallorca liegt im Süden. Da ist es viel heißer als zum Beispiel in Deutschland. Das neue Haus hatte viele Zimmer. Einen Keller gab es nicht. Die Häuser auf der Insel Mallorca haben keine Keller. Dafür konnte man auf das Dach steigen. Außen am Hause führte eine Treppe auf das Dach. Das war flach und hatte einen Steinfußboden und ein Geländer. Man konnte auf der großen Dachterrasse bequem wie in einem Zimmer 60 60 sitzen. Die schönste Aussicht hatte man vom Dache aus. Man sah gerade auf den Hafen hinunter. An der Mole lagen Dampfer. Auch viele Segelschiffe und Motorboote konnte man beobach- ten, und oft sah man ein Schiff ankommen oder abfahren. Die ganz großen Ozeandampfer blieben draußen auf dem Meere vor der Mole liegen. Man bemerkte dann, wie die kleinen Barkassen hin- und herfuhren und die Reisenden ans Land oder aufs Schiff brachten. Hinter dem Hafen fing das große blaue Meer an. Auch Strand und Felsenufer konnte man sehen. Auch die graue Stadt mit der Kathedrale und den vielen anderen Türmen. Landeinwärts lagen hohe Berge. Und wenn man nach der anderen Seite blickte, schaute man in grünen Wald hinein, der bergan führte. Oben auf dem Berg war die Burg Bellver. Von der neuen Wohnung aus war es nicht weit zum Castillo Bellver. Man brauchte nur um eine Ecke zu gehen, dann war man schon im Walde. Er bestand aus den gleichen Bäumen, die die Kinder schon gesehen hatten, als sie mit dem Schiffe an der Küste Mallorcas entlanggefahren waren. Diese Bäume heißen Pinien. Alle Wälder auf Mallorea sind Pinienwälder. Die Pinien sind Nadelbäume. Sie sehen ähnlich aus wie Kiefern oder Föhren, aber ihre Nadeln sind heller und länger, und der Baum ist so rund gewachsen wie im Norden nur 61 die Laubbäume. Es gibt verschiedene Arten von Pinien. Die eine hat große runde Zapfen. In ihnen sitzen Kerne, die kann man essen. Man kann auch Gebäck mit ihnen machen. Sie schmecken ähnlich wie Nüsse. Im Bellver- Walde sahen die Kinder auch Kakteen. Ihr habt solche Pflanzen daheim oder bei Nachbarn schon in Blumentöpfen gesehen. Aber auf Mallorca wachsen die Kakteen im Freien. Sie werden größer als Menschen und bilden manchmal undurchdringliche Dickichte. Ihre Stämme sind sehr dick. Sie bestehen aus lauter aufeinandergewachsenen Blättern. Jedes Blatt ist so dick wie ein Buch und hat die Form einer großen, ovalen Platte. Später lernten die Kinder auch die Blüten und Früchte der Kakteen kennen. Die Blüten sind so groß wie die Tulpen und leuchten zitronengelb. Die Früchte sehen aus wie rote Töpfchen. Man kann sie essen. Sie sind saftig und süß. Wegen dieser Früchte nennt man diese Art Kakteen Feigenkakteen. Wenn ihr euch die Kakteen von Mallorca vorstellen wollt, dann müßt ihr euch denken, die Kakteen, die ihr kennt, wären so hoch wie eine Mauer. Ebenso könnt ihr euch die Agaven von, Mallorca vorstellen. Auch solche Pflanzen hat man im Norden in Blumentöpfen, dort aber wachsen sie wild. Ihre dicken, spitzen Blätter werden größer als Menschen. Doris und Silvia konnten sich mit63 ten in einen Agavenbusch auf die kräftigen Blätter setzen, ohne daß diese abbrachen. Aber sie mußten dabei aufpassen, daß sie nicht an den Stacheln hängen blieben, die die Blätter an ihrem Rande tragen. Ganz merkwürdig ist es, wenn die Agaven blühen. Dann wächst mitten aus den Blättern ein dicker Schaft heraus, so dick wie ein kleiner Baum. Er wächst auch so hoch wie ein Baum, und oben breitet er seine Seitenzweiglein aus, auf denen die unscheinbaren Blüten stehen. Der Blütenstand einer Agave sieht aus wie ein riesiger Armleuchter. Ja, es gibt merkwürdige Pflanzen auf Mallorca. Es gibt auch merkwürdige Tiere. Als Doris und Silvia mit ihren Eltern zum ersten Male in den' Bellver- Wald gingen, da hörten sie, als es dunkel wurde, auf einmal aus den Pinien heraus ein leises Läuten. ,, Das ist der Bolle," sagte Silvia. Bolle, das war ein großes Milch- und Butter- und Käsegeschäft in Berlin. Es hatte viele Autos. Die fuhren durch die Berliner Straßen, und der Verkäufer, der auf dem Auto saß, klingelte mit einer Glocke, dann kamen die Leute aus den Häusern und kauften Milch, Butter und Käse. Silvia glaubte, das Läuten im Bellver- Walde komme von dem Bolle- Auto her. Aber auf Mallorca gibt es keinen Bolle. Das Läuten kam überhaupt 64 von keiner Glocke und von keinem Menschen. Es waren Zikaden, die so zirpten. Die Zikaden sind eine Art Heuschrecken. Es gibt noch andere Arten, die ganz anders zirpen. Eine zum Beispiel, die nur im heißen Sommer in der schlimmsten Mittagshitze zirpt, macht einen Lärm, daß man meint, da sei eine Kreissäge oder eine Maschinenfabrik. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie so kleine Tiere einen solchen Lärm machen können. Später sahen Doris und Silvia oft Heuschrecken. Sie waren fast so groß wie Spatzen und konnten auch fliegen. Dabei knatterten sie mit den Flügeln. Einmal sahen Doris und Sivia ein merkwürdiges Tier an einer Mauer sitzen. Es war ebenso groß wie eine Heuschrecke, aber es sah anders aus. Der Hinterleib mit den Flügeln war wie ein großes grünes Blatt. Der schmächtige Oberkörper stand steil aufwärts und trug einen runden Kopf mit hervorquellenden Augen. Sechs Beine hatte das Tier. Zwei kräftige Beinpaare stehen auf der Erde und tragen den Körper, das vorderste Beinpaar, das viel kleiner als die anderen ist, ist nach oben gestreckt. Es sieht gerade so aus, als ob es Arme wären, die das Tier zum Himmel emporhebt. Daher hat es auch seinen Namen. Es heißt Gottesanbeterin. Das sagten die Eltern den Kindern, als sie das Tier gefangen hatten und nach Hause brachten. Es ist wirklich eine Heuschrecke. Aber eine Raubheuschrecke. Die gewöhnlichen Heu5 3 Kinder 65 schrecken fressen Blätter. Die Raubheuschrecken nähren sich von kleinen Tieren. Doris und Silvia sahen später, wie die Gottesanbeterin eine Ameise fing. Sie packte sie mit den Vorderbeinen, hielt sie vor den Mund und knabberte daran. Es sah so aus, wie wenn ein Mensch eine Speise mit zwei Händen faßt und davon abbeißt. Auch in dem Hause gab es viele Tiere. Man kann sie nicht so leicht vertreiben wie in nördlichen Ländern, weil es so viele von ihnen gibt. Überall laufen ganz große Spinnen herum. Auch Tausendfüßler gibt es viel. Die sehen aus wie schwarze Würmer. Die Beine sind so klein, daß man sie kaum bemerkt. Und dann gab es auch manchmal Skorpione. Das sind merkwürdige Tiere. Man weiß nicht recht, ob man sie für Spinnen mit Scheren oder für kleine Krebse halten soll, die auf dem Land herumlaufen. Wirklich, sie haben richtige Scheren. Mit denen packen sie Tiere, die noch kleiner sind( sie selbst sind so groß wie ein kleiner Kinderfinger, wenigstens die Skorpione von Mallorca). Die Skorpione haben an ihrem Hinterleib einen sehr giftigen Stachel. Sie biegen den Hinterleib über den Rücken nach vorn und stechen mit dem Stachel die kleinen Tiere tot, die sie mit den Scheren festhalten. Weil die Skorpione schädliche Insekten töten, darum sind sie nützlich für uns. Aber sie sind auch gefährlich. Wenn man ihnen zu nahe kommt, und sie können nicht fortlaufen, 66 oder wenn man aus Versehen auf sie tritt, dann stechen sie auch die Menschen. Davon kann man sehr krank werden. In Afrika gibt es sogar Skorpione, deren Stich Menschen töten kann. Weil die Skorpione gefährlich sind, darum muß man sie töten, wenn man sie in den Wohnungen trifft. Aber man kann sie nur schwer töten. Sie laufen sehr schnell, und man weiß niemals, ob sie nach vorn oder nach hinten oder nach der Seite laufen. Außerdem haben sie einen festen Panzer, und man kann sie nur schwer totdrücken. Das Meer will den Vater verschlingen Nun will ich euch vom Meer erzählen. Bald nach ihrer Ankunft auf Mallorca kamen Doris und Silvia an die Küste. Es war ein starker Sturm gewesen und die Eltern gingen mit den Kindern zum Ufer, um sich die großen Wellen anzusehen. Der Vater hatte seinen Fotoapparat mitgenommen. Er wollte die Wellen fotografieren. Sie kamen zu einem Leuchtturm. An dem schlugen die Wellen hoch empor. Der Vater kletterte auf einen Felsen, der war sehr hoch über dem Meere, drei Meter hoch. Er stand am Rande des Meeres. Von dort aus wollte er die Wellen fotografieren. Die Mutter und 5* 67 die Kinder standen seitwärts zurück. Plötzlich schäumte eine große Welle mehr als vier Meter hoch am Ufer empor, und in einem Augenblicke war der Vater in der Welle verschwunden. Silvia schrie auf vor Schrecken. Aber als die Welle zurücksank, da stand der Vater noch immer da. Nun war er vom Kopf bis zu den Füßen naß. Er mußte nach Hause gehen und sich umziehen. Silvia hatte von dieser ersten Begegnung mit dem Meere einen solchen Schrecken bekommen, daß sie sich noch lange Zeit vor den Wellen fürchtete. Kurz darauf gingen die Eltern mit den Kindern an den Strand von Cala Mayor. Da ist das Ufer flach. Es besteht aus lauter runden Steinen. Als die Kinder am Strand entlanggingen, sahen sie einen Badeschwamm liegen. Ein bißchen weiter lag schon wieder ein Schwamm. Und noch einer, und noch einer. Woher kamen die vielen Schwämme? Sie kamen aus dem Meer. Die Wellen hatten sie an den Strand geworfen. Die Badeschwämme wachsen nämlich im Meer. Die Schwammfischer holen sie heraus, sie reinigen und verkaufen sie. Wenn ihr einen Badeschwamm seht, dann wißt ihr jetzt, daß er aus dem Mittelländischen Meer kommt. Ein anderes Mal kamen Doris und Silvia auch an einen schönen Sandstrand. Und sie kamen an Uferfelsen, auf denen man entlangklettern konnte. Da war das Meer gleich tief. Das Wasser sah grünlich aus und war so klar, daß man viele Meter tief 68 bis auf den Grund sehen konnte. Da unten wuchsen grüne, rote und braune Tangpflanzen auf den Felsen im Wasser. Dazwischen saßen dunkle, rot- braune Kugeln mit Tausenden von Stacheln daran. Das sind Seeigel. Es sind Meertiere. Auch See- sterne sah man manchmal. Und Schlangensterne. Das sind Seesterne mit ganz dünnen Armen. Mit denen schlängeln sie sich auf dem Meeresboden weiter. Zuweilen saßen auch Blumen auf den Felsen im Meer. Bunte Blumen mit vielen Blütenblättern. Es waren Seerosen. Aber richtige Blumen sind das nicht. Es sind Tiere, die festgewachsen sind und wie Blumen aussehen. Die„Blütenblätter“ sind in Wirklichkeit Fangarme. Mit denen fangen die See- rosen kleine Fische und Krebse und dergleichen. Die fressen sie auf. Das Leben im Meer ist noch merkwürdiger als das Leben auf dem Lande. Das sahen die Kinder auch an den Muscheln und Schneckenhäusern, die die Wellen angeschwemmt hatten. Eigenartig war es, daß es an jedem Strand und in jeder kleinen Bucht andere Muscheln gab, die nur hundert Meter weiter nicht vorkommen. An einem großen Sand- strand lagen so viele Muscheln, daß sie kleine Hügel bildeten. Es war fast nur eine einzige Muschelart. Diese Muscheln waren weiß und rot und blau und braun gestreift. Es gab kleine und große. Der Vater nahm ein paar große mit nach Hause. Er benutzte sie als Aschenbecher. 69 In einer Bucht gab es überhaupt keine Muscheln, dafür aber unzählige kleine Schneckenhäuser, spitze und runde, braune und schwarze und weiße, gefleckte und gestreifte. Eine Art Schneckenhäuser gab es, die hieß Seeohren. Sie haben wirklich die Form von Ohren, innen sind sie ganz aus prachtvoller, seidig glänzender Perlmutter. Auch weiße Korallen gab es, große Schneckenhäuser, Krebsscheren, und manches andere. An einem Strand fanden sie einmal eine Steckmuschel, die war so lang wie ein Arm. In der ersten Zeit war ihnen das Meer etwas Ungewohntes und Fremdartiges. Aber mit der Zeit. gewöhnten sie sich daran. Es wurde ihnen so vertraut, daß sie sich das Leben gar nicht anders vorstellen konnten als mit dem ständigen Blick auf das große Wasser. Es war immer das gleiche. Und doch war es immer anders. Manchmal lag es ganz flach und ruhig da, als eine spiegelglatte Fläche, und man mußte denken, es schliefe. Wenn es früh am Morgen war, erschien es dann hellblau mit einem Silberglanz. An einem anderen Tage war es dunkelblau mit vielen Schaumkronen. Manchmal plätscherte und murmelte es ganz leise am Strand, manchmal brüllte es und schleuderte mit gelbgrauen Wellen schwarze Tangberge ans Land. Oder es warf riesige Schaumsäulen an den Uferfelsen empor. Dann donnerte und grollte und zischte und 70 70 sang es, daß man laut reden mußte, um einander zu verstehen. Auch das Land war ihnen zuerst etwas Fremdes. In den Gärten wuchsen Palmen und viele fremde Blumen. Die leuchteten herrlich in den schönsten Farben. Auch Orangenbäume wuchsen in den Gärten. Sie hatten dunkelgrüne Blätter, und die Früchte hingen ganz dicht darin wie lauter goldene Bälle. Noch merkwürdiger waren die Zitronenbäume. Sie trugen Blüten und Früchte zugleich. Die Blüten waren klein und weiß und dufteten süß. Daneben hingen ganz kleine, grasgrüne Zitronen, und andere, die schon beinahe ausgewachsen waren, aber immer noch grün. Dann gab es welche, die halb grün und halb gelb waren, und endlich noch ganz gelbe. Wenn man durch die Wälder ging, dann sah man schöne Bäume mit gefiederten Blättern. An ihnen hingen dunkelbraune Schoten. Es waren auch welche schon abgefallen und lagen auf der Erde. Diese Schoten waren Johannisbrot. Die Kinder hoben es auf und aẞen es. Es war süß und schmeckte gut. Viele Monate später sahen sie auch die kleinen grünen Blüten an den Johannisbrotbäumen und später dann die unreifen Früchte. Unzählige von ihnen hingen an einem Baum. Sie sahen aus wie grüne Bohnen. Die Kinder nannten diese Bäume zum Spaß„ Grüne- Bohnen- Bäume". 71 Wie heißt Puppe" auf Spanisch? Alles war den Kindern fremd. Sie mußten alles erst noch kennenlernen. Auch die Sprache, die die Menschen sprachen, verstanden sie nicht. Wenn Doris morgens Schule hatte, war Silvia allein. Sie sah im Garten gegenüber spanische Kinder spielen. So gern hätte sie mit ihnen gespielt, aber sie konnte nicht verstehen, was sie sprachen. Darum ging sie nicht zu den Kindern. Sie stand am Gartenzaun und sah ihnen zu und war traurig und allein. Erst nach einiger Zeit lernten die Kinder etwas Spanisch. Sie wußten nun, daß„ juguete" Spielzeug heißt. Und„ muneca" Puppe. Sie lernten auch spanische Lieder und spielten mit spanischen Kindern. Jeden Tag lernten sie etwas mehr von der spanischen Sprache. Und sie waren glücklich, daß sie mit den andern spielen konnten. Es ist nicht schön, wenn man allein ist. Es ist schön, zusammen zu spielen und zusammen zu arbeiten und zusammen zu sprechen und zu lernen. Silvia war eine Deutsche und die anderen Kinder waren spanisch. Deshalb konnten sie doch gut zusammen spielen, als sie miteinander sprechen konnten. Als sie nach Mallorca gekommen waren, war der erste November. Aber es gab keine Bäume ohne Blätter. Alles war grün und alles war voller Blüten. Es war so warm wie in Deutschland im Sommer. Auch später wurde es nicht kalt. Es gab keinen. 72 Winter. Am Weihnachtstage lagen sie den ganzen Tag am Meeresstrand. Und am Neujahrstage sahen sie die Mandelbäume blühen. Das war seltsam. Und noch seltsamer war es, daß man dennoch manchmal sehr fror. Eben noch hatte die Sonne geschienen, sie hatte die Eltern und die Kinder schon ganz braun gebrannt. Silvia klagte, es sei ihr zu heiß. Jetzt ging die Sonne unter. Da wurde es plötzlich kalt. Man mußte den Ofen anstecken und sich an ihn heransetzen, um nicht zu frieren. Wenn die Sonne schien, war es heiß. Wenn eine Wolke vor ihr stand oder wenn sie untergegangen war, wurde es sofort kalt. Das war der Winter in Mallorca. Er war ganz anders als in Deutschland. Den ganzen Winter und bis zum Frühling wohnten sie in Palma de Mallorca. Dann zogen sie um. Sie gingen zu einem kleinen Bahnhof. Dort stiegen sie in eine Eisenbahn und fuhren drei Stunden lang. Und dann noch einmal eine halbe Stunde mit einem Autobus. So groß ist die Insel Mallorca. Unterwegs sahen sie viele Feigenbäume. Die bekamen gerade neue Blätter. Die alten Blätter hatten sie im vorigen Sommer verloren, weil es so heiß war. In Deutschland verlieren die Bäume ihre Blätter, wenn es Winter wird. In Spanien ist es gerade umgekehrt. Da verlieren manche Bäume ihre Blätter im Sommer, zum Beispiel die Mandelbäume und 73 die Feigenbäume. Andere Bäume sind das ganze Jahr grün. In Deutschland grünt und blüht alles. im Frühling und Sommer, und im Winter ist alles kahl und verdorrt. In Spanien aber blüht und grünt es im Winter am meisten, und nur im Hochsommer ist fast alles dürr, und es gibt wenig Grün. In Deutschland ist es den Pflanzen während des Winters zu kalt, in Spanien ist es ihnen im Hochsommer zu heiß. Daher kam es, daß Doris und Silvia auf ihrer Reise die frischen Feigenblätter sahen. Der Ort, nach dem sie reisten, heißt Cala Ratjada. Er liegt am Meer und ist ein Fischerdorf. Aber es wohnten auch viele Fremde dort, und noch mehr Fremde kamen im Sommer als Feriengäste dorthin, weil es so schön in Cala Ratjada ist. Wenn man von der Stadt Palma aus an den Strand gehen wollte, dann hatte man einen weiten Weg, und der Strand war nur klein. In Cala Ratjada war sehr viel Strand, schöner, weißer Sandstrand, und er war gleich bei dem Dorfe. Die Kinder konnten jeden Tag am Sandstrand spielen und bauen. und toben und im Meer baden. Außerdem gab es schönen Pinienwald bei Cala Ratjada. Und es gab einen Leuchtturm, der stand auf einem gewaltig hohen Felsen. Wenn es stürmisch war, sah man von oben herab die Wellen haushoch an den Felsen emporspringen. Das sah wunderbar aus. 74 Wie die Spanier und die Mauren miteinander kämpften Doris und Silvia wohnten in einem hübschen Hause. Sie hatten ein großes Zimmer für sich. allein. Darin waren ihre Betten und ihr Bücher- fach, ihr Spielzeug und zwei kleine Stühle, gerade passend für die beiden. In ihrem Zimmer hing eine Lampe, auf der fuhr eine bunte Eisenbahn im Kreise herum. Ein Beamter stand auch dabei und hielt den Signalstab hoch. Diese Lampe hatte der Vater für die Kinder gemacht. Er machte auch viele andere Sachen aus Holz. Die verkaufte er. Er hatte viel mit diesen Arbeiten zu tun. Die Kinder sahen gern zu, wenn er mit seinen Sägen und Schnitzmessern hantierte. Was fertig gesägt oder geschnitzt war, wurde angemalt oder es wurde poliert. Das Anmalen und Polieren machte die Mutter. Sie polierte auch Holzsachen für ein anderes Geschäft. Damit verdiente sie Geld. Der Vater verdiente auch Geld als Lehrer. Doris war bei ihm in seiner kleinen Schule. Silvia war erst vier Jahre alt. Sie ging noch nicht in die Schule. An dem Hause, in dem sie wohnten, war ein Gärtchen. Auch eine Terrasse war dabei. Man konnte den Tisch hinaustragen und im Freien essen. Der Vater arbeitete auch oft im Freien, und die Kinder spielten fast immer im Freien. Nur wenn es regnete, waren sie im Haus. Aber auf der 75 Insel Mallorca regnet es sehr wenig. Im Sommer gibt es gar keinen Regen und im Winter nicht viel. Auf der Terrasse war auch der Ziehbrunen. Aus dem mußte man sich das Wasser zum Kochen und Waschen holen. Eine Wasserleitung gab es nicht. Nur in Palma de Mallorca gibt es Wasserleitungen, weil das eine große Stadt ist. In den kleinen Städten und in den Dörfern auf der Insel Mallorca gibt es keine Wasserleitungen. Man muß sich das Wasser aus dem Ziehbrunnen heraufziehen. Aber wie kam es da hinein? Es kam vom Dach. Wenn es regnete, dann floß das Regenwasser in eine Regenröhre. Von dort floß es durch einen Filter. In dem blieb aller Staub und Schmutz hängen und das Wasser wurde ganz klar. Es floß dann in den Brunnen hinein, der ausgemauert war oder in den Felsen hineingesprengt. Einen solchen Brunnen, aus dem man das Regenwasser holt, nennt man Zisterne. Nun sagte ich euch schon, daß es auf der Insel Mallorca nicht viel regnet. Man hatte darum in der Zisterne nicht sehr viel Wasser. Hatte es in einem Jahre besonders wenig geregnet, dann war nicht genug Wasser in der Zisterne. Es reichte dann nicht aus, wenn man auch noch so sparsam war. Dann mußte man das Wasser aus einem Grund- wasserbrunnen holen. Überall in der Erde fließt nämlich Wasser. Man nennt es Grundwasser. Es gibt Länder, in denen es ganz nahe unter dem Erd- 76 boden fließt, und andere Länder, in denen es so tief in der Erde ist, daß man nicht bis zum Grundwasser hinabgraben kann. Das Grundwasser versiegt beinahe nie. Aber weil es auf der Insel Mallorca ziemlich tief fließt, darum muß man lange graben, bis man es erreicht. Deshalb werden nicht so viele Grundwasserbrunnen gemacht. Wenn Doris' und Silvias Eltern nicht genug Wasser in der Zisterne hatten, dann mußten sie zu einem anderen Hause gehen, um aus einem Grundwasserbrunnen zu schöpfen. Es dauerte ziemlich lange, bis man einen Eimer so tief hinuntergelassen und wieder heraufgezogen hatte. Dann mußte man den Eimer auch noch nach Hause tragen. Es war viel Arbeit, Wasser zu holen. Bei euch zu Hause, da dreht man einfach den Wasserhahn auf, wenn man Wasser braucht. Ihr und eure Eltern wißt darum gar nicht, wie viel Wasser man in einer Wohnung braucht. Das merkt man erst richtig in solchen Ländern, in denen es nicht viel Wasser gibt, wie zum Beispiel auf der Insel Mallorca. Man hat dort viel Arbeit mit dem Wasserholen. Weil man solche Arbeit damit hat, muß man mit dem Wasser sparsam sein. Das ist gar nicht einfach. Aber wenn man in Spanien lebt, und wenn man Apfelsinenbäume und Zikaden und Kakteenfrüchte kennengelernt hat, dann kann man auch wohl lernen, mit dem Wasser zu sparen. 77 77 Von dem Hause aus, in dem Doris und Silvia wohnten, hatte man einen wunderschönen Blick. Man konnte das Meer sehen. Auf der anderen Seite sah man ein Städtchen, das auf einem Hügel liegt. Es heißt Capdepera. Bei dem Städtchen liegt auf einem Berge eine alte Burg. Man konnte ihre hohen Mauern gut erkennen. Diese Burg ist vor vielen Jahrhunderten von einem Volke gebaut worden, das auf der Insel Mallorca wohnte. Es war das maurische Volk. Die Mauren waren Araber. Sie waren schon lange, lange vorher auf die Insel Mallorca gekommen. Ihr König wurde König von Mallorca. Er hatte ein großes, schönes Schloß in Palma. Das steht heute noch da. Sie bauten auch viele Burgen, überall auf der Insel. Und auf den Bergen. an der Küste bauten sie Wachttürme, von denen aus konnten sie sehen, wenn feindliche Schiffe über das Meer kamen. Zwei von solchen Wachttürmen konnte man von dem Hause aus sehen, in dem Doris und Silvia wohnten. Der eine war nicht weit weg. Er stand auf einem hohen Berge, den nannten sie den Guya- Berg. Die Wachttürme schützten die Mauren jahrhundertelang. Aber schließlich gelang es einem spa-. nischen König mit seinen Schiffen, an die Insel heranzukommen. Sie kämpften gegen die Mauren und besiegten sie. Die Mauren mußten fliehen. Wer nicht fliehen konnte, wurde getötet. Heute gibt es darum keine Mauren mehr auf der Insel Mallorca. 78 Von Einsiedlerkrebsen und Tintenfischen Das Haus lag am Rande des Dorfes. Wenn man die Straße hinunterging, dann kam man auf einen großen Platz. Die Straße war nicht gepflastert. Auch der Platz war nicht gepflastert. Auf dem Platze saßen die Fischer auf der Erde und flickten ihre großen Netze. Sie breiteten auch die Netze zum Trocknen auf dem Platze aus, wenn sie vom Fischfang zurückkamen. Dabei fielen allerlei Sachen aus den Netzen heraus, die darin hängengeblieben waren. Allerlei Pflanzen des Meeres, die Algen oder Tang oder Seegras heißen. Weiße, rosa und rote Korallen mit vielen harten Ästen. Oft waren sie so groß wie eine Faust. Seesterne, die gelb oder orange oder rot waren. Manche waren so groß wie Teller, manche waren blutrot, und wenn man sie anfaßte, dann färbten sie ab. Auch große und kleine Schneckenhäuser lagen herum. In vielen von ihnen waren keine Schnecken, sondern rote Krebse. Sie heißen Einsiedlerkrebse. Sie nehmen sich leere Schneckenhäuser oder sie fressen die Schnecken heraus, und dann kriechen sie in das Haus hinein und strecken nur die Scheren heraus. Weil sie in den Schneckenhäusern sitzen, darum sind sie vor ihren Feinden geschützt. Wenn sie wachsen, wird ihnen das Haus zu eng. Sie suchen sich ein größeres und ziehen um. Solche Einsiedlerkrebse lagen auf dem Dorfplatze herum. 79 Wenn man ein Stück weiterging, dann kam man zum Hafen. Es war ein kleiner Hafen, und es gab keine großen Schiffe darin, nur Fischerboote. Doris und Silvia sahen oft, wie die Fischerboote zurückkamen. Sie kannten bald viele Arten von Fischen. Es gab rote Fische und grüne Fische und blaue und gelbe und silberne und goldene und graue und braune und gefleckte und gestreifte. Es gab Haifische mit großen Nasen, und es gab Fische mit Stachelkämmen und mit Panzern. Ein Fisch hieß Drachenkopf, und er sah auch wie ein Drache ohne Beine aus. Es gab auch Fische, die hießen Rochen. Sie waren ganz platt, und manche waren so groß, daß man einen ganzen Tisch mit einem solchen Rochen hätte bedecken können. Es gab Rochen mit giftigen Stacheln an den Schwänzen, die hießen Stachelrochen, und es gab Rochen, die waren elektrisch, und wenn man sie anfaßte, bekam man einen Schlag. Das waren die Zitterrochen. Dann gab es auch kleine Fische, die heißen Sardinen. Ihr kennt sie gewiß als Ölsardinen. Und es gab riesig große Fische, die heißen Tunfische. Wenn man sie wegbringen wollte, mußte man manchmal ein Lastauto für einen einzigen solchen Fisch haben. Die Fischer fingen auch andere Tiere. Zum Beispiel Krebse. Es gab Taschenkrebse, es gab Langusten mit langen, roten Fühlern, es gab Krebse, die wie gewaltige rote Spinnen aussahen. Die heißen Seespinnen. 80 Auch riesig große Schnecken wurden gelangen und gegessen. Sie heißen Tritonshörner. Wenn man von dem leeren Schneckenhaus die Spitze abschlägt, dann kann man darauf blasen wie auf einer Trompete. Es gibt einen sehr lauten Ton. Manchmal fingen die Fischer auch große Meerschildkröten. Und viele Fischer fingen Tintenfische. Sie heißen Fische, aber sie sind gar keine. Sie haben keine Flossen und keinen Schwanz. Wie ein kleiner Sack sehen sie aus. An dem sitzen zwei Augen und acht Arme mit Saugnäpfen daran. Mit den Armen fangen sie sich Tiere und fressen sie auf. Sie können auch mit den Armen laufen. Wenn sie schwimmen wollen, dann legen sie die Arme dicht aneinander. Aber warum nennt man diese Tiere Tintenfische? Weil sie in ihrem Körper etwas haben, das wie Tinte aussieht. Und früher hat man aus dieser Tintenfisch- ,, Tinte" auch wirklich eine Tinte oder eine Malfarbe gemacht. Ihr habt vielleicht in eurem Malkasten eine Farbe, die Sepia heißt. Die wurde früher von Tintenfischen gemacht, und sie heißt so, weil eine Art von Tintenfischen den Namen Sepia hat. Jetzt werdet ihr vielleicht fragen, wozu der Tintenfisch seine Tinte braucht. Nun, die Tintenfische haben viele Feinde. Wenn nun ein Tintenfisch im Meere herumschwimmt, oder den Kopf 6 3 Kinder 81 nach unten, mit seinen Armen auf dem Meeresboden spazieren geht, dann kommt vielleicht plötzlich ein großer Fisch daher und will den Tintenfisch verschlucken. Da spritzt er seine Tinte aus, das Wasser wird schwarz, und der Tintenfisch ist nicht mehr zu sehen. Der Feind sucht ihn, aber er kann ihn nicht finden, und wenn das Wasser wieder klar geworden ist, dann ist der Tintenfisch schon längst weggeschwommen. Die Fischer, die die Tintenfische fangen wollen, fahren nachts auf das Meer. Sie nehmen eine helle Lampe mit, damit leuchten sie ins Wasser. Die Tintenfische lieben das Licht. Sie kommen herbeigeschwommen. Dann kann der Fischer sie fangen. Alle diese seltsamen Meerestiere konnte man am Hafen sehen. Wenn man vom Hafen aus am Meere entlang zum anderen Ende des Dorfes geht, dann kommt man an einen schönen Sandstrand. Der 82 K heißt Son Moll. Und wenn man von Doris' und Silvias Haus aus nach einer anderen Seite ging, dann kam man zu einem anderen Sandstrand, der heißt Cala Guya. Der Weg ging durch den Wald, und er ging an Mauern vorbei. An diesen Mauern saßen viele Geckos. Das ist eine Art Eidechsen. Sie sind schwarz oder grau und haben einen breiten, runden Kopf. Wie ganz kleine Drachen. sehen sie aus, aber sie tun niemandem etwas. Im Gegenteil, sie sind sehr ängstlich und gucken meistens nur mit dem Kopf aus ihrer Mauerspalte heraus, damit sie sich schnell verstecken können, wenn sie jemand fangen will. Die Geisterorgel im Feenpalast Im Walde wuchs Johannisbrot. Das durfte man sich pflücken. Es gab auch Feigenbäume. Die frischen Feigen, die saftig und süß waren, durfte man auch pflücken. Der Besitzer hatte nichts dagegen. Feigen sind auf der Insel Mallorca nicht viel wert. Dann wuchsen auch süße Beeren im Walde. Sie wuchsen an hohen Sträuchern und waren kugelrund und rot. Brombeeren wuchsen in gewaltigen Mengen auf Mallorca. Sie waren größer und süßer als die Brombeeren in Deutschland. Im Frühling konnte man im Walde wilden Spargel 6* 83 suchen. Der ist grün und ganz dünn. Er wächst zwischen Sträuchern mit vielen riesigen Dornen. Außerdem stehen meistens Zwergpalmen dabei, die haben spitze Blätter, an denen man sich stechen kann. Überhaupt gab es sehr viele dornige Pflanzen. Beinahe alle Pflanzen dort haben Dornen oder Stacheln. Deshalb muß man gut aufpassen, wenn man durch den Wald oder durch die Wildnis geht. Und trotzdem kommt es öfters vor, daß man sich einen Dorn in den Fuß tritt. Das kommt deshalb so leicht vor, weil man keine Lederschuhe trägt. sondern nur eine Art Schuhe, die Alpargatas heißen. Sie sind aus dünnem Leinen und die Sohle ist aus Bindfaden. Aber warum trägt man keine Lederschuhe, wenn man sich so leicht stechen kann? Weil es im Sommer dazu viel zu heiß ist und auch schon im Frühling, und auch noch im Herbst. Da kann man nur Alpargatas anziehen, und Strümpfe trägt man auch nicht. Es ist so heiß, daß man Tag und Nacht die Fenster und die Türen aufstehen hat, und die Fensterläden und die Läden, die vor den Türen sind, geschlossen. Da kann dann der Wind hereinkommen, aber die Sonne nicht. Wenn man sich ins Bett legt, deckt man sich im Sommer nur mit einem Leintuch zu, damit die Fliegen einen nicht quälen. Eine Bettdecke kann man nicht vertragen, weil es zu heiß ist. 84 Mittags, wenn die Sonne am stärksten scheint, dann geht kein Mensch auf die Straße. Wenn man mit bloßen Füßen über den Sandstrand geht, tun einem manchmal die Füße weh, so heiß ist es. Weil es so heiß ist, darum gibt es ja auch die vielen merkwürdigen Pflanzen, die man im Norden nicht. kennt. Aber es gibt noch andere merkwürdige Dinge auf der Insel Mallorca. Zum Beispiel die Tropfsteinhöhlen. Bei den größten von diesen Höhlen muß man Eintritt bezahlen, wenn man sie sehen will, und die Fremden, die aus allen Ländern nach der schönen Insel Mallorca kommen, fahren mit Autobussen zu den Höhlen, um sie sich anzusehen. Aber es gibt auch viele Höhlen, die ganz in der Einsamkeit liegen, und zu denen keine Straße führt. Zu einer solchen Höhle machten Doris und Silvia einmal mit anderen Kindern einen Schulausflug. Sie kamen zunächst an einer Meeresbucht vorbei, die heißt Cala Fuente oder Quellstrand. Sie heißt so, weil es dort eine Quelle gibt. Es gibt auf Mallorca nicht viele Quellen. Die Quelle an der Cala Fuente kam direkt am Meere aus der Erde heraus, und wenn das Meer hochstieg, dann kam. das Quellwasser sogar im Meere selbst heraus. Von der Cala Fuente aus stiegen sie auf einen Berg. Dann gingen sie an einem Felsabhang entlang, der bis ins Meer hinabreichte. An dieser Fel85 wand gibt es ein breites Band aus dunklem Stein. Der heißt Onyx. Ihr wißt, daß man an Ringen und Ketten und dergleichen bunte, leuchtende Steine trägt. Solche Steine nennt man Edelsteine oder Halbedelsteine. Der Onyx ist ein derartiger Halbedelstein. An der Felswand, an der die Kinder auf dem Schulausflug herumkletterten, konnte man große Steinbrocken von Onyx vom Boden auflesen. Aber sie nahmen sie nicht mit. Der Weg war zu schwer zu gehen, da hätten sie diese schönen Steine gar nicht nach Hause tragen können. Als sie ein Stück weit an der Felswand geklettert waren, sahen sie ein Loch im Felsen. Sie krochen hinein. Da war ein dunkler Gang, durch den mußte man auf Händen und Füßen kriechen. Dann war da eine Leiter. Die mußte man tief hinuntersteigen. Und dann stand man in einer hohen und tiefen Höhle. Darin waren zahllose Säulen aus einem weißen oder gelblichen Stein. Das waren Tropfsteine. An manchen Stellen standen sie nebeneinander, wie Baumstämme im Walde. An anderen Stellen sahen die Tropfsteine wie ein gefrorener Wasserfall aus. Und manchmal hingen sie wie ein Vorhang herunter. Wenn man ein Licht dahinter hielt, dann konnte man es durch den Tropfstein hindurch sehen, und der Tropfstein leuchtete dann gelb oder braun oder weiß. Inmitten der Tropfsteinhöhle war ein See. Darin schwammen 86 dunkle Krebse herum. Der See hatte eine unterirdische Verbindung mit dem Meere. Die Krebse waren aus dem Meer in die Höhle gekommen. Man hörte das Meer rauschen. Manchmal klang es auch, als ob jemand tief seufzte. Das klang unheimlich und geisterhaft. Die Kinder hatten viele Kerzen mitgebracht. Die stellten sie überall in der Höhle auf und zündeten sie an. Da glitzerten und leuchteten ringsum die Tropfsteine, und die Höhle sah aus wie ein Feenpalast. Dann machten die Kinder Musik. Sie hatten bemerkt, daß manche Tropfsteinsäulen einen Ton von sich gaben, wenn man gegen sie schlug. Jede Säule hatte einen anderen Ton. Wenn man verschiedene Säulen zugleich oder nacheinander anschlug, dann klang und hallte es, als ob man eine Orgel spielte. Eine Geisterorgel im Feenpalast. Bauern, Fischer, Korbflechterinnen In dem Dorf Cala Ratjada wohnen spanische Bauern. Sie pflanzen Gemüse, sie pflanzen Weinreben. Sie halten Ölbäume, auf denen Oliven wachsen. Wenn man die Oliven auspreßt, kommt öl heraus. Damit kann man kochen und braten. Die Bauern haben auch Feigenbäume. Und viele Man87 delbäume haben sie. Bauern müssen überall schwer arbeiten. In Spanien ist die Bauernarbeit besondens schwer, weil es da im Sommer schrecklich heiß ist. Die meisten Leute in Cala Ratjada waren keine Bauern. Sie waren Fischer. Viele von ihnen fuhren in der Nacht auf das Meer hinaus mit ihren kleinen Booten, um Tintenfische zu fangen. Das habe ich ja schon erzählt. Andere Fischer fahren mit groBen Booten am Abend fort. Sie tun ihre großen Netze ins Meer und fahren wieder zurück. Wenn sie im Hafen ankommen, ist es schon tiefe Nacht. Aber sie können nicht lange schlafen. Wenn die Sonne noch gar nicht aufgegangen ist, müssen sie schon wieder auf das Meer hinausfahren. Dann holen sie die Netze wieder auf ihr Schiff. Und mit den Netzen die vielen Fische, die im Netz festhängen. Die Netze sind sehr schwer. Viele Fische haben giftige Stachel. Und die Fischer müssen immer in das kalte Wasser greifen. Sie haben es nicht leicht. Und manchmal ist es auch gefährlich auf dem Meer. Besonders wenn plötzlich ein Sturm kommt, und das Boot wird von den Wellen hin und her geschleudert, und die Wellen schäumen über das Schiff hin. Wenn die Fischer wieder im Hafen sind, dann ist ihre Arbeit noch nicht zu Ende. Sie müssen die Fische ausladen. Sie müssen sie zum Verkauf fertig machen. Manche müssen sie einsalzen. Andere 88 müssen sie auf Eis legen. Wenn sie mit der Arbeit im Hafen fertig sind, müssen die Netze getrocknet und geflickt werden. Und dann haben sie nicht viel Zeit, bis sie wieder auf das Meer hinaus fahren müssen. Die Fischerfrauen machen den Haushalt. Aber sie arbeiten auch noch etwas anderes: sie machen Körbe. Überall auf der Insel Mallorca wachsen Zwergpalmen. Das sind kleine Baume und Sträucher mit ganz harten und spitzen Blättern. Die Blätter werden zu Palmstroh getrocknet. Daraus flechten die Frauen dann Körbe. Sie machen das so geschickt, daß man staunen muß. Beim Flechten gehen sie sogar auf der Straße spazieren und unterhalten sich. Natürlich gibt es auch andere Leute in Cala Ratjada. Bäcker und Metzger und Händler und Schreiner und Arbeiter im Elektrizitätswerk. Aber die meisten sind Fischer und Bauern. Alle arbeiten sehr fleißig, die Männer und die Frauen und sogar schon die Kinder. Der gute, arme Strolch Doris und Silvia und ihre Eltern hatten einen Bekannten. Er war Waldhüter und wohnte ganz allein in einer kleinen Steinhütte mitten im Walde. Die Kinder besuchten ihn öfter. Es war recht selt89 06 90 sam bei ihm. Seine Hütte hatte nur ein Zimmer. Darin war sein Bett, ein Tisch und ein paar Stühle. Überall hing etwas herum: Netze, getrocknete Fische, große spanische Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch, Pimientos. Pimientos sind rote Pfefferschoten. Sie schmecken nicht nach Pfeffer, sondern sind ein bißchen süß und ein bißchen scharf. Es gibt viele Pimientos auf der Insel Mallorca. Einen Herd gab es in der Waldhütte nicht. Der Waldhüter kochte sich sein Essen vor der Hütte im Freien auf ein paar Steinen. Der Waldhüter hatte zwei Hunde. Die waren wunderbar dressiert. Sie konnten sogar allein einkaufen gehen. Doris und Silvia waren begeistert von den Hunden. Da wollte der Waldhüter ihnen den einen schenken. Das wollten aber die Eltern nicht, weil es ein sehr wertvolles Tier war. Eines Tages kam der Waldhüter ins Dorf zu Doris' und Silvias Haus. Er hatte einen ganz jungen Hund bei sich, den zog er an einem Strick hinter sich her. Er schenkte ihn Doris und Silvia. Sie jubelten vor Freude. Es war aber auch wirklich ein so nettes Tier! Schwarzgrau war es und hatte noch einen dicken Baby- Bauch und kurze Beine mit dikken, tapsigen Pfoten. Die Ohren hingen noch herunter wie bei allen jungen Hunden, aus dem dicken Kopfe guckten ein paar vergnügte freche Augen. Als er in Doris' und Silvias Haus war, setzte er sich sofort auf den Boden und fing an, sich mit den Hinterpfoten mächtig zu kratzen, und mit dem spitzen Schnäuzchen wütend in seinem Fell herumzubeißen. Sein Pelz wimmelte nämlich von Flöhen. Die Eltern gingen in die Tienda( so heißen in Spanien die Kramläden), und kauften Insektenpulver. Dann hielt der Vater den Hund fest, und die Mutter bestreute ihn mit Insektenpulver. Meint ihr, der Hund hätte sich gefreut? O nein, es paẞte ihm gar nicht! Er biß nach dem Insektenpulver, und dann mußte er weinen. Dicke Tränen hatte er in den Augen. Er heulte und kniff den Schwanz ein und wollte davonlaufen. Nein, es gefiel ihm gar nicht bei den Leuten, die ihn mit so einem Zeug puderten. Aber als er seine Flöhe los war, und als er etwas Gutes zu fressen bekam, da gefiel es ihm doch wieder. Nun sollte er einen Namen haben. Er hatte nämlich noch keinen. Wie sollte er heißen? Die Eltern 91 und die Kinder berieten hin und her. Sollte er " Viento" heißen? Das ist ein spanischer Name. Er bedeutet„ Wind". Nein, das ist ein Name für einen Windhund. Das Hündchen war aber ein junger Schäferhund. Der Vater sagte zum Spaß, er solle „ Floki" heißen. Was heißt denn das?" fragten die Kinder.„ Das heißt Flohkiste", antwortete der Vater. Er war doch so voller Flöhe. כל Schließlich einigten sie sich. Der Hund sollte Strolch heißen. Weil er so freche Schelmenaugen hatte und ganz voller tapsiger Späße war. Der Waldhüter konnte seinen Namen nicht. aussprechen. Er sagte immer„ Stosch". Jetzt waren sie zu fünft im Hause: Mutter, Vater, Doris, Silvia und Strolch. Strolch war der jüngste. Er war auch der frechste. Er tobte noch viel lieber als die Kinder draußen herum. Die Kinder und die Eltern liebten ihn sehr, und er liebte sie auch. Wenn man still auf einem Stuhle saẞ, dann kam er und legte einem seinen Kopf auf das Knie. Wenn man zur Tür ging, dann tanzte er um einen herum und sprang an einem hoch. Er wußte, jetzt gab es einen Spaziergang, da wollte er mitgehen. Er rannte dann immer weit voraus oder blieb weit zurück. Aber wenn man ihn rief, dann kam er schnell angelaufen. Deshalb konnte man ihn ohne Leine lassen. Er hatte allerdings erst das Gehorchen lernen müssen. Zuerst lief er gern davon und strolchte überall herum, und man mußte 92 22 Jagd auf ihn machen. Er hieß ja auch Strolch. Aber bald wußte er, daß er gehorchen mußte. Sehr gern ging er mit zum Strande. Er lief im- mer schon weit voraus, und wenn die Kinder und die Eltern zum Strande kamen, dann stand er im Wasser und guckte sich nach ihnen um. Er badete sehr gern, aber nur da, wo er stehen konnte. Schwimmen mochte er nicht. Strolch lernte auch, Kunststücke zu machen. Er lernte sogar, einen Korb aus der Tienda nach Hause zu tragen. Einmal reisten Doris und Silvia mit ihren Eltern nach Palma. Da wohnten nämlich die Großeltern, die früher in Berlin gewohnt hatten, und zwei Tan- ten, ein Onkel, die beiden Vettern und die Kusine auch. Es waren Feiertage, und die Eltern hatten Zeit zu einem Besuche in der Stadt. Strolch konnte nicht mit. Er kam inzwischen zu dem Waldhüter. Als die Eltern mit Doris und Silvia wieder nach Cala Ratjada zurückkamen, trafen sie den Wald- hüter im Dorf. Er sagte, Strolch sei an seiner Hütte festgebunden. Er ginge gleich nach Hause und werde den Hund schicken. Als Doris und Sil- via kaum zu Hause waren, da kratzte es an der Tür. Strolch war da. Der Waldhüter hatte ihn an seiner Hütte losgebunden. Da war Strolch durch den Wald nach Hause gelaufen, so schnell er nur konnte. Er war ganz glücklich, daß er wieder bei Doris und Silvia war. 93 Einmal waren die Großeltern aus Westdeutschland zu Besuch da. Sie hatten die weite Reise gemacht, um Doris und Silvia und ihre Eltern zu besuchen. Oft gingen alle zusammen spazieren. Das taten sie auch an einem Nachmittage. Nur Vater mußte zu Hause bleiben. Er mußte arbeiten. Die Großeltern, die Mutter und die Kinder gingen zusammen weg. Auch Strolch durfte mit. Sie gingen einen Feldweg entlang. Die Felder sahen ganz rot aus. Sie waren ganz voll Mohnblumen. Die Kinder sahen auch ein Feld, auf dem wuchsen niedrige Pflanzen. Ihre Blätter sahen den Kleeblättern ein bißchen ähnlich. Es waren Erdnüsse. An einem Wasserbehälter standen Bananenstauden mit großen grünen Blättern und einer großen, schönen Blüte. Sie kamen auch an einem Zaun vorbei. An dem kletterten Kürbisse empor. Sie hatten komische Früchte, die sahen aus wie bauchige Flaschen. Sie heißen Flaschenkürbisse. Man kann sie aushöhlen und richtige Flaschen daraus machen. Schließlich kamen sie zur Landstraße. Strolch jagte immer durch die Felder. Er freute sich, daß er so laufen durfte. In diesem Augenblick kam ein Auto die Straße herab. Es fuhr rasend schnell. Strolch hatte es gar nicht bemerkt. Doris und Silvia schrien vor Schrecken auf. Sie sahen, daß das Auto gerade auf Strolch losraste. Er konnte nicht mehr ausweichen. Die Vor94 derräder des Autos packten ihn und überfuhren ihn. Sie schleuderten ihn herum, und dann fuhren auch noch die Hinterräder über ihn hinweg. Das Auto hielt nicht einmal an, es fuhr einfach weiter. Doris und Silvia und die Mutter und die Großeltern gingen schnell hin. Der arme Strolch! Da lag er und rührte sich nicht mehr. Das Blut floẞ ihm aus dem Maule. Aber er atmete noch. Er war noch nicht tot. Sie versuchten ihn aufzuheben. Aber als sie ihn anfaßten, heulte er vor Schmerzen auf und biẞ um sich. Der gute Strolch, der die Kinder so liebte, biß nach ihnen. Er hatte solche Schmerzen, daß er gar nicht wußte, was er tat. Ein Mann kam vorüber. Der half mit, den Hund an den Straßenrand zu schaffen. Dann kam ein Wagen. Die Mutter bat den Fuhrmann, das Tier mit ins Dorf zurückzunehmen. Aber der Mann wollte nicht.„ Der stirbt gleich", sagte er.„ Den nehme ich nicht mit." Da ließen sie den Hund liegen und gingen schnell nach Hause. Der Vater nahm einen Kasten und ging eilig zur Landstraße, wo Strolch lag. Er lebte noch und sah den Vater mit traurigen Augen an. Aber als er ihn anfassen wollte, biß das Tier wieder um sich. Endlich gelang es dem Vater, Strolch in den Kasten zu legen. Er nahm den Kasten und trug ihn auf beiden Armen vorsichtig vor sich her. Der arme Strolch wimmerte und weinte vor Schmerzen. Der Vater ging langsam, damit die Erschütterung dem Tier 95 nicht noch mehr Schmerzen bereiten sollte. Der Weg war weit, der Hund war schwer, und dem Vater taten die Arme weh. Aber er wollte dem guten Strolch helfen. Im Dorf stand ein Auto. Es gehörte einer amerikanischen Dame. Sie sagte zum Vater, er solle mit dem verletzten Hund einsteigen. Sie wollte mit ihm zum Tierarzt fahren. Der Tierarzt wohnte in einer Stadt in der Nähe. Zu Fuß hätte man nicht hingehen können, und der Autobus fuhr erst am nächsten Tage. Der Tierarzt untersuchte das arme Tier. Es heulte vor Schmerzen dabei. Ja, das Auto hatte es zweimal überfahren, einmal über das Rückgrat und einmal über das eine Hinterbein. Aber es war kein Knochen gebrochen. Vielleicht war der Hund innerlich verletzt worden. Das konnte man noch nicht wissen. Der Tierarzt meinte aber, der Vater sollte Strolch töten lassen. Wenn er innerliche Verletzungen hätte, müßte er doch sterben. Und wenn nicht, dann würde er doch niemals wieder richtig gesund werden. Aber der Vater wollte Strolch nicht töten lassen. Er wollte sehen, ob das arme Tier nicht doch genesen würde. Der Tierarzt zuckte die Achseln. Der Vater sollte am nächsten Tag mit dem Hund nach Capdepera kommen. Dort habe der Tierarzt zu tun. Er wollte dann sehen, ob der Hund innerliche Verletzungen hätte. Vorläufig konnte man gar nichts tun. 96 Am nächsten Tage fuhr Vater mit Strolch im Autobus nach Capdepera. Strolch lag immer noch in seinem Kasten. Er konnte sich gar nicht bewegen. Die ganze Nacht hatte er vor Schmerzen geheult. Der Tierarzt untersuchte den Hund und sagte, er würde nicht sterben. Aber er würde wohl immer lahm bleiben. Ob er nicht doch getötet werden sollte. Nein, das wollte der Vater nicht. Auch die Mutter und Doris und Silvia wollten den lieben Strolch nicht töten lassen. Dann sagte der Tierarzt noch, sie sollten Strolch jeden Tag mit Alkohol einreiben und massieren. Der Vater ging wieder mit Strolch nach Hause. Er mußte den ganzen Weg zu Fuß gehen und den Hund in seinem Kasten vor sich hertragen. Das war schwer, und Vater war sehr müde, als er nach Hause kam. Jeden Tag wurde Strolch nun massiert. Er hatte große Schmerzen dabei und heulte und biẞ um sich. Man mußte ihm das Maul verbinden und ihn festhalten. Aber nach einiger Zeit konnte er schon ein bißchen stehen und konnte auch wieder ein wenig fressen. Und dann dauerte es noch einige. Zeit, da konnte Strolch ganz langsam auf drei Beinen gehen. An jedem Tage wurde er massiert. Es vergingen einige Wochen. Strolch konnte wieder laufen, aber nur auf drei Beinen. Nein, sagten 7 3 Kinder 97 die Leute, er wird niemals wieder sein viertes Bein gebrauchen können. Aber die Eltern gaben es nicht auf. Viele Wochen lang massierten sie ihn jeden Tag, und endlich, ganz allmählich, lernte er wieder richtig laufen. Er war wieder ganz gesund geworden. Der gute, liebe, arme Strolch. Von Flugzeugen, die Bomben abwarfen Schön war das Leben auf der Insel Mallorca. Das Meer war blau, der Strand war weiß. Fast immer schien die Sonne. Es gab leuchtende Blumen und herrliche Früchte. Man konnte in der salzigen Flut baden, und man konnte am Strande Burgen und Kanäle bauen. Deutsche und Schweizer Kinder waren Doris' und Silvias Spielgefährten. Beinahe immer spielten sie im Freien. Der Winter schloß sie nicht in das Zimmer ein, wie er es im Norden tut, und vom Regen wurden sie nicht viel gestört. Sie wurden braun von der Sonne und waren fröhlich und glücklich. So war das Leben in dem Dorfe Cala Ratjada auf der spanischen Insel Mallorca. Doris war sechs Jahre alt gewesen, als sie nach Mallorca kam. Silvia war drei Jahre alt. Jetzt waren schon fast zwei Jahre vergangen. Doris war acht Jahre 98 alt, Silvia fünf. Da geschah etwas, das wiederum alles in ihrem Leben änderte. Es brach ein Bürgerkrieg in Spanien aus. Ihr wiẞt, was ein Krieg ist. Ein Bürgerkrieg ist noch schlimmer. Menschen aus dem gleichen Lande kämpfen miteinander. Es ist ein Krieg unter Nachbarn. In Spanien gab es einen solchen Bürgerkrieg. Es war dort eine neue Regierung gewählt worden. Alle Leute hatten ihre Meinung darüber abgeben können, wer gewählt werden sollte. Was die meisten Menschen wollten, das sollte geschehen. Durch diese Wahl gab es also eine neue Regierung. Natürlich waren nicht alle Leute mit ihr einverstanden. Niemals haben alle Menschen die gleiche Meinung. Wenn zum Beispiel sechs Kinder zusammen etwas spielen wollen, und vier wollen Verstecken spielen, die anderen zwei aber Ball, dann müssen sich natürlich diese beiden nach den andern richten, und wenn sie das nicht wollen, müssen sie weggehen. Die Mehrheit muß entscheiden, wenn es vernünftig zugehen soll. In Spanien hatte die Mehrheit eine Regierung gewählt. Unter denen, die gegen sie gewesen waren, gab es nun welche, die sich damit gar nicht zufrieden geben wollten. Es waren Leute unter ihnen, die sehr mächtig waren, zum Beispiel Generäle und sehr reiche Leute. Sie wollten die neue Regierung nicht. Sie wollten auch nicht weggehen. Sie machten einen Aufstand. Das heißt: sie er7* 99 klärten eines Tages, daß sie selbst regieren wollten. Damit war die richtige Regierung natürlich nicht einverstanden und die meisten Spanier auch nicht. Sie hatten ja die Regierung gewählt und wollten keine andere. Da fingen die beiden Parteien an zu kämpfen. In den Straßen wurde mit Gewehren und Maschinengewehren und Kanonen geschossen. Viele Leute wurden getötet. Viele Häuser wurden zerstört. Auf der Insel Mallorca gab es zuerst keine groBen Kämpfe. Die Generäle hatten dort die Macht. Sie hatten viele Kanonen und viele Soldaten. Die andere Partei war machtlos. Es gab zwar Menschen, die sich wehrten, aber sie waren zu wenige und wurden schnell gefangen genommen und getötet. Auch viele Menschen wurden gefangen genommen, von denen man wußte, daß sie für die richtige Regierung waren. Nun wißt ihr ja, daß Mallorca eine Insel ist. Jeden Tag fuhren Dampfer von Palma nach Barcelona. Das ist eine große Stadt auf dem Festlande, die größte spanische Stadt. Die Dampfer brachten die Post nach Mallorca und von Mallorca weg. Sie holten auch Waren ab und brachten andere Waren. In den ersten Tagen des Bürgerkrieges gab es in Barcelona furchtbare Kämpfe. Barcelona gehörte dann zu einer anderen Partei wie Mallorca. So kam es, daß die Dampfer nicht mehr fuhren. Es gab keine Post mehr auf Mallorca. 100 Es gab auch keinen Warenaustausch. Das ganze Leben kam in Unordnung. Als der Bürgerkrieg ausbrach, war es Sommer. Es waren Schulferien, und Doris hatte frei. Sie hatte ihre erste Reise allein machen dürfen: sie war nach Palma gefahren, um ihre Großeltern zu besuchen. Nach Palma kamen nun Flugzeuge geflogen, die von der spanischen Regierung geschickt worden waren. Sie warfen Zeitungen und andere Papiere ab, auf denen stand, was die richtige Regierung wollte. Sie forderte die Leute auf Mallorca auf, sich zu ergeben und der richtigen Regierung zu gehorchen. Aber die Generäle wollten das nicht. Und die Leute, die es wollten, waren nicht mächtig genug, um die Generäle zu zwingen. Dann warfen die Flugzeuge Flugzettel ab, auf denen stand, wenn sich Mallorca nicht ergeben würde, dann würden sie am nächsten Tage auf die Stadt Palma Bomben abwerfen. Am nächsten Tage kam ein Flugzeug und warf eine Bombe ab. Es war eine kleine Bombe. Die Regierung wollte keine Menschen töten und keine Häuser zerstören. Sie wollte die Menschen nur erschrecken und wollte ihnen drohen. Die Menschen versteckten sich in den Häusern. Es geschah ihnen nichts. Nur ein Mann war neugierig. Er wollte das Flugzeug sehen und lief auf die Straße. Da wurde er von einem Bombensplitter getroffen und starb. Wäre er nicht 101 neugierig gewesen, dann wäre ihm nichts geschehen. Jetzt kamen oft Flugzeuge und warfen Bomben ab. Es geschah nicht viel. Die Bomben waren klein. Die Regierung wollte nicht töten und nichts zerstören. Sie wollte nur warnen und zeigen, daß sie stark war, und daß es besser wäre, die Leute auf Mollorca würden ihr gehorchen. Doris sah die Flugzeuge fliegen. Sie hörte auch das dumpfe Krachen, wenn die Bomben explodierten. Und sie hörte, wie von unten mit Maschinengewehren nach den Flugzeugen geschossen wurde. ,, Tack- tack- tack- tack", klang das. Silvia war indessen bei den Eltern in Cala Ratjada. Da sah man die Flugzeuge nur manchmal hoch in der Luft fliegen. Sie warfen keine Bomben ab. Dann fuhr der Vater nach Palma. Er wollte Doris abholen. Er sprach auch mit der Großmutter, den Onkeln und Tanten. Sie fuhren mit nach Cala Ratjada. Auch die Kusine und die Vettern fuhren. mit. Der Großvater war nicht da. Er war schon vor dem Bürgerkriege in die Schweiz gefahren. Dort hatte er etwas zu arbeiten. Er wäre schon längst zurückgekommen. Aber nun war der Bürgerkrieg. Die Schiffe kamen nicht mehr nach Mallorca. Der Großvater konnte nicht zurück. Er konnte auch nicht schreiben, weil keine Post ankam. Er wußte nicht, was die Großmutter und die 102 Tanten und Onkel und Doris und Silvia und ihre Eltern und ihre Kusine und ihre Vettern machten. Und sie wußten nicht, was der Großvater machte. Sie fuhren jetzt nach Cala Ratjada. Da wurden keine Bomben abgeworfen. Man konnte nicht wissen, ob die Flugzeuge über Palma nicht eines Tages auch große Bomben abwerfen würden. Es war gefährlich, in Palma zu bleiben. Nun waren sie alle zusammen in Cala Ratjada. Aber es war nicht sehr schön. Die großen Leute hatten immer traurige Gesichter. Man wußte nicht, was werden sollte. Man konnte kein Geld verdienen. Es wurde nichts gekauft und verkauft, nur gerade das, was es zu essen gab. Auch von Eßwaren gab es manches nicht mehr zu kaufen. Es gab keinen Zucker mehr. Auch wenig öl. Und noch andere Dinge fehlten. Auf den Straßen liefen viele Leute mit Gewehren umher. Auch der Waldhüter trug ein Gewehr. Nach einiger Zeit fuhr die Großmutter mit den anderen wieder fort. Es waren keine großen Bomben auf Palma abgeworfen worden. Und in Palma hatten sie ihr Haus, das konnten sie nicht immer allein lassen. Doris und Silvia blieben mit den Eltern allein in Cala Ratjada. Es wurde immer trauriger dort. Abends gab es kein elektrisches Licht mehr in den Häusern. Es gab nur Kerzen. Und auch damit 103 mußte man sparen, weil man nicht genug Kerzen kaufen konnte. Es sah traurig und düster aus. Eines Tages kam ein Flugzeug geflogen. Es warf in der Nähe eine Bombe ab, oben auf einen Berg bei dem Orte Capdepera. Eine dicke, schwarze Rauchwolke stieg aus dem Walde empor. Nun wußten sie, daß es auch in Cala Ratjada nicht mehr sicher war. Jedesmal, wenn ein Flugzeug zu sehen war, mußten sie in ein Nachbarhaus laufen. Da war ein Keller. In ihrem Hause und in den meisten anderen Häusern gab es keinen Keller. Sie mußten sich verstecken, damit sie nicht getroffen würden, wenn das Flugzeug eine Bombe abwerfen würde. Glücklicherweise geschah das niemals. Vom Kampf und von den toten Bäumen Es war Sonntagmorgen. Der Vater war ganz früh weggegangen, um Brombeeren zu pflücken. Später wäre es zu heiß gewesen. Schon um acht Uhr morgens ist die Sommerhitze auf Mallorca so schlimm, wie in Deutschland erst um die Mittagszeit. Der Vater war noch nicht zurückgekehrt. Da hörten Doris und Silvia plötzlich ein dumpfes Dröhnen. Es waren Kanonenschüsse. Immer wie104 - der hörte man sie einen Schuß nach dem anderen ohne Pause. Es wollte gar nicht aufhören. -- Kurz darauf brummte es in der Luft. Das waren Flugzeuge. Drei, vier, fünf ein ganzes Geschwader. Sie flogen über Cala Ratjada hinweg. Gleich darauf ging es:" Tack- tack- tack". Die Flugzeuge wurden mit Maschinengewehren beschossen. Aber keines wurde getroffen. Sie flogen weiter und verschwanden hinter einem Berge, von dem her man die Kanonenschüsse hörte. Draußen auf dem Meere aber sahen die Mutter und die Kinder jetzt, als sie aus dem Hause gingen, mehrere Schiffe fahren. Sie waren grau und lang und flach gebaut, viel niedriger als andere Schiffe sind. Es waren Kriegsschiffe. Was bedeutete das alles? Die richtige spanische Regierung hatte Soldaten nach Mallorca geschickt eine Armee von vielen Soldaten. Sie waren mit Kriegsschiffen an die Küste gekommen und waren gelandet. Sie sollten die Insel Mallorca erobern. Bei der Landung gab es schwere Kämpfe. Viele Menschen mußten sterben. Viele wurden verwundet. Jetzt war der Bürgerkrieg auch nach Mallorca gekommen. Nach der Landung gingen die Kämpfe immer weiter. Die Stelle, an der die Soldaten gelandet waren, lag nicht weit von Cala Ratjada entfernt. Aber man konnte von den Kämpfen nichts sehen. Ein hoher Berg versperrte die Aussicht. 105 - Würden die Regierungstruppen nur an dieser einen Stelle landen? Würden sie nicht vielleicht auch versuchen, in Cala Ratjada an Land zu gehen? Dann wäre in dem Dorfe gekämpft worden, und wer in dem Dorfe war, der hätte erschossen werden können. Männer, Frauen und Kinder alle wären dann in gleicher Gefahr. Deshalb mußte man fort. Als der Vater nach Hause kam, taten die Eltern schnell allerlei in die Körbe, die sie hatten: Sachen zum Essen, Wolljacken und Decken. Es hätte ja sein können, daß sie über Nacht im Freien hätten bleiben müssen. Sie gingen aus dem Dorfe hinaus. Es war sehr heiß, und sie hatten schwer zu tragen. Aber man durfte keine Zeit verlieren. Man mußte weiter und mußte eilig fort. Im Walde lag ein Haus, das einem Deutschen gehörte. Es war noch nicht ganz fertig gebaut. Dorthin gingen Doris und Silvia mit ihren Eltern. Die meisten Deutschen, die in Cala Ratjada waren, trafen sich dort. Von ihrem Zufluchtsort aus konnten sie das Dorf sehen. Es war öde und verlassen. Wohl fast alle Leute waren geflüchtet. Aber auf der Landstraße fuhren viele Autos und Autobusse hin und her. Sie waren dicht besetzt von Männern in Uniform. Immer wieder sahen sie die Kriegsschiffe auf dem Meere draußen fahren. Immer wieder sahen sie die Flugzeuge fliegen. Es dröhnte von Kanonen106 schüssen, manchmal dumpf und rollend, manchmal kurz und hell. Zuweilen meinte man, es sei weit weg, zuweilen, die Kanonen stünden ganz in der Nähe, und das Geschoß würde jetzt hierher fliegen. Am Abend kehrten sie wieder nach Cala Ratjada zurück. Die Truppen waren dort nicht gelandet. Aber sie hatten jetzt Tag und Nacht Körbe und Rucksäcke bereitstehen, um gleich fliehen zu können, wenn es nötig wäre. Und Tag für Tag hörten sie den Kanonendonner und das Flugzeugbrummen und das dumpfe Dröhnen der Fliegerbomben und das furchtbare Tacken der Maschinengewehre. Sie sahen auch, wie von Kriegsschiffen aus geschossen wurde. Ein riesiger Feuerstrahl fuhr aus ihnen hervor. Dann dauerte es einen Augenblick. Und dann brüllte der Kanonendonner auf. Er schwoll immer stärker an und brach plötzlich ab. Die Kinder waren so erregt, daß sie überhaupt nichts mehr spielen und nichts mehr tun mochten. Sie mußten immer daran denken, daß dort ganz in der Nähe jetzt Menschen auf andere Menschen schossen. Und sie mußten daran denken, daß vielleicht im nächsten Augenblick eine Kanone nach Cala Ratjada schießen und sie töten könnte. Oder, daß ein Flugzeug eine Bombe auf sie abwerfen könnte. Über dem Berge, hinter dem gekämpft wurde, stiegen mächtige graue Rauchwolken auf. Nachts 107 war der Himmel dort ganz rot. Der Wald war in Brand geschossen worden. Viele Tage und Nächte lang sahen sie das Feuer. Draußen auf dem Meere lag jetzt immer ein großer Dampfer. Er war mit roten Kreuzen bemalt. Daran sollte man sehen, daß die Regierungstruppen ihre Verwundeten auf ihn gebracht hatten. Es war kein Kriegsschiff. Aber eines Tages sahen Doris und Silvia, wie Flugzeuge über dem Dampfer kreisten. Sie warfen Bomben ab. Wenn die Bomben ins Wasser fielen, sah es aus, als ob dort ein riesiger Springbrunnen aufstiege. Das Schiff mit den Verwundeten trafen sie nicht. Aber sie kamen oft wieder und versuchten, das Rot- Kreuz- Schiff zu bombardieren. Doris und Silvia sahen auch, wie Flugzeuge in der Luft miteinander kämpften. Sie beschossen sich mit Maschinengewehren. Wenn Doris und Silvia die Kriegsschiffe und die Flugzeuge sahen und hörten, dann mußten sie immer daran denken, daß die Menschen sich dabei Mühe gaben, andere Menschen zu töten, und daß vielleicht im nächsten Augenblick die Geschosse oder die Bomben auf Cala Ratjada niedergehen könnten. In der nächsten Nacht war der Gefechtslärm so schlimm wie nie zuvor. Man konnte die einzelnen Kanonenschüsse kaum noch unterscheiden. Und unaufhörlich explodierten die Bomben. Dazwischen t 108 tackten die Maschinengewehre, und die Schrapnellschüsse hörten nicht auf. Doris und Silvia merkten davon nichts. Sie schliefen. Und am nächsten Morgen war nichts zu vernehmen. Man war es schon so gewohnt, Tag für Tag den Gefechtslärm in den Ohren zu haben. Jetzt diese Stille, diese Totenstille heimlich und bedrückend. - es war unSo vergingen einige Stunden. Dann bemerkten sie, daß draußen auf dem Meere die Kriegsschiffe abfuhren. Die Regierungstruppen hatten die Insel Mallorca verlassen. Die Kämpfe waren zu Ende. Sollte man froh sein, weil die Kämpfe zu Ende waren? Nein, Vater und Mutter waren nicht froh. Sie waren sehr traurig, daß die Regierungstruppen besiegt worden waren. Die Aufrührer waren böse Menschen. Sie warfen viele Leute ins Gefängnis. Sie brachten auch viele Leute um, die niemals etwas Schlimmes getan hatten. Sie waren genau so wie die bösen Menschen, die in Deutschland zu sagen hatten, und die bösen Menschen in Italien, die Faschisten hießen. Für Vater und Mutter war es aber auch gefährlich, daß die Regierungstruppen nicht gesiegt hatten. Kurz nachdem sie fort waren, wollten spanische Faschisten den Vater erschießen. Und bald darauf verhafteten sie Mutter und Vater. Sie wollten sie ins Gefängnis werfen. Und was sollte dann aus Doris und Silvia werden? Wer sollte für sie 109 Essen kochen und einkaufen und ihnen beim Anziehen helfen und ihnen die Zöpfe flechten? Wie sollten die beiden Kinder allein im Hause leben? Danach fragten die bösen Faschisten nicht. Es wäre ihnen ganz gleich gewesen, wenn Doris und Silvia verhungert wären. Wenn sich nicht Leute aus dem Dorf um Vater und Mutter gekümmert hätten, dann wäre es ihnen und den Kindern schlimm ergangen. Aber diese Leute sagten zu den Faschisten, daß Vater und Mutter gute Leute seien. Und sie baten so lange, bis die Faschisten sie wieder nach Hause ließen. Warum waren die Faschisten so böse auf Vater und Mutter? Weil sie gegen die Nazi- Regierung in Deutschland waren und deshalb aus der Heimat flüchten mußten. Was ging das aber die Leute in Spanien an? Nun, es ging sie sehr viel an. Die Nazi- Regierung und die italienischen Faschisten halfen nämlich den spanischen Aufrührern. Sie wollten ihnen zur Macht helfen, damit sie zusammen stärker als alle anderen Länder würden. Darum schickten sie deutsche und italienische Soldaten nach Spanien und auch deutsche und italienische Waffen. Daß die Regierungstruppen wieder von Mallorca fort mußten, daran waren die italienischen Faschisten schuld. Sie hatten große Flugzeuge geschickt, die gegen die spanischen Regierungstruppen kämpften. Gegen die italienischen Flugzeuge waren die spanischen Regierungs110 truppen zu schwach gewesen. Darum hatten sie wieder abfahren müssen. Auch von Leuten aus vielen anderen Ländern wurde den spanischen Faschisten geholfen. Sie schickten keine Soldaten. Aber sie schickten viele Waffen und Waren. Den Regierungstruppen gaben sie nichts. So machten es die ganz Reichen und Mächtigen in fast allen Ländern. Sie wollten, daß die Aufrührer siegten und nicht die Regierung. Sie wollten es nicht haben, daß in Spanien die armen Leute etwas zu sagen hätten. Sie hatten Angst davor, daß dann die armen Leute in ihren Ländern auch etwas zu sagen haben wollten. Die meisten Reichen möchten, daß sie überall zu sagen haben. Darum halfen sie den spanischen Aufrührern. Aber am meisten halfen ihnen die Nazi-Regierung und die italienischen Faschisten. Und darum waren die deutschen Flüchtlinge nicht nur die Feinde der Nazis, sondern auch die Feinde der spanischen Aufrührer. Und darum waren Vater und Mutter verhaftet worden. Jetzt waren sie wieder zuHause, aber sie konnten nicht bleiben, sonst hätte man sie wieder verhaftet. Sie mußten fast alles zurück- lassen, was sie besaßen, und mußten mit Doris und Silvia fort von Cala Ratjada und von der Insel Mallorca. Sie fuhren am nächsten Tage mit dem Autobus nach Palma und kamen auch in die Gegend, in der gekämpft worden war. Sie sahen viele Soldaten. 111 Alle waren bleich und erschöpft. Ihre Kleider waren zerrissen. Sie sahen gar nicht fröhlich aus, obgleich sie doch gesiegt hatten. Aber viele von ihnen waren getötet worden. Viele waren verwundet worden. Der Wald, an dem sie entlang fuhren, bestand nur noch aus kohlschwarzen Stämmen und Stümpfen. Alle Piniennadeln waren verbrannt, die meisten Zweige auch. Der arme Wald! Die armen Menschen! Der Krieg ist etwas Schreckliches. Doris und Silvia fahren auf einem Kriegsschiff Ich sagte euch schon, daß die Dampfer nicht mehr nach Mallorca fuhren. Wie sollten Doris und Silvia von der Insel wegkommen? Andere Regierungen schickten Kriegsschiffe nach Mallorca. Die sollten die Fremden von der 112 Insel wegbringen. Mit einem solchen Kriegsschiffe fuhren Doris und Silvia. Ein Kriegsschiff ist natürlich etwas ganz anderes als ein gewöhnlicher Dampfer. Es ist nicht dazu eingerichtet, Personen und Waren zu befördern. Es ist wenig Platz auf Kriegsschiffen. Darum konnte man nicht alle seine Sachen mitnehmen, wenn man auf ein Kriegsschiff ging. Man durfte nur soviel mitnehmen, wie man tragen konnte. Alles andere mußte zurückgelassen werden— die Kleider und die Wäsche, die Kinderbücher, das Spielzeug und vieles, vieles andere. Die Kinder durften nur so viele Bücher mitnehmen, wie in Doris’ Tornister gingen, und nur so vieles Spiel- zeug, wie inSilvias Rucksack Platz hatte. Das war sehr traurig. Mutter und Vater hatten schon bei- nahe alles in Deutschland zurücklassen müssen und Nazis hatten es weggenommen. Jetzt mußten sie in Spanien noch beinahe alles übrige lassen. Sie hatten jetzt kein Bett und keinen Tisch und keine Tasse und keinen Teller mehr. Morgens früh gingen sie mit den Eltern, der Großmutter und den anderen Verwandten in Palma zum Hafen. Es fuhren keine Dampfer ab wie früher, und keine kamen an. Aber es lagen Kriegs- schiffe mit der italienischen Flagge neben der Mole, und im Hafen waren viele Wasserflugzeuge. Eine Barkasse legte an der Mole an. Darauf 8 3 Kinder 113 waren weißgekleidete Matrosen. An der Barkasse war eine blaue Fahne mit einem roten Kreuz und roten Querstreifen. Das ist der„ Union Jack", die englische Fahne. Die Barkasse brachte sie zu einem englischen Kriegsschiffe, einem Zerstörer, wie man diese Art Kriegsschiffe nennt. Er lag draußen vor dem Hafen auf dem Meere. Nun fuhr er ab. Er fuhr sehr schnell, viel schneller als Personendampfer. Bald konnte man die Insel Mallorca nicht mehr sehen. Möchtet ihr nicht auch gern einmal mit einem Kriegsschiff fahren? Aber das werdet ihr wohl. niemals erleben. Auf Kriegsschiffen dürfen nur Matrosen fahren. Kinder dürfen es nicht. Doris und Silvia kamen nur auf ein Kriegsschiff, weil Bürgerkrieg war. Aber es wäre unvernünftig, sie deshalb zu beneiden. Sie hatten fast alles Spielzeug und fast alle Kleider zurücklassen müssen. Sie hatten ihren lieben guten Strolch zurücklassen müssen. Sie konnten nicht mehr an den Strand gehen, den sie so liebten. Sie konnten ihr Zimmer nicht mehr haben, nicht mehr in ihren Betten schlafen. Alles, alles, was sie geliebt hatten, mußten sie verlassen. Jetzt auf dem Kriegsschiff waren sie nicht traurig. Es gab zu viel Neues zu sehen. Aber später trauerten sie viel um ihren Strolch und ihre Spielsachen und all das andere. Es war schön, auf einem Kriegsschiff zu fahren, aber es war 114 keine Spazierfahrt. Das Schiff brachte sie von allem fort, was sie liebten. Auf solch einem Kriegsschiffe ist nicht viel Platz. Man hat es bald von vorn bis hinten gesehen. Große Kanonen sind darauf und merkwürdige dicke Rohre. Aus denen kann auch geschossen werden, aber nicht mit Kanonenkugeln, sondern mit Torpedos. Die fliegen nicht durch die Luft, sondern sie schwimmen durch das Wasser und explodieren, wenn sie ein Schiff oder andere Dinge treffen. Doris und Silvia spielten mit ihrer Kusine und ihren Vettern bei den Kanonen und Torpedorohren. Die Matrosen waren sehr nett zu ihnen. Sie brachten ihnen Spielzeug, und sie machten Spaß mit ihnen, soweit es ging. Es war sehr schwierig, denn Doris und Silvia sprachen deutsch und spanisch, aber die Matrosen sprachen englisch und konnten weder deutsch noch spanisch. Aber Doris und Silvia konnten kein Englisch. Mittags wurden lange Tische auf das Deck des Kriegsschiffes gestellt. An diesen Tischen aẞen sie. Sie bekamen dasselbe zu essen wie die Matrosen. Unterwegs kamen sie an einer großen Insel vorbei. Sie heißt Ibiza und ist auch eine spanische Insel. Aber das Schiff hielt nicht an. Es fuhr weiter. Abends erreichten sie das spanische Festland bei einer großen Stadt, die heißt Valencia. In 8* 115 Valencia wohnten ein Onkel und eine Tante von Doris und Silvia. Aber sie konnten sie nicht sehen. Das Schiff fuhr nicht in den Hafen von Valencia. Es blieb weit draußen auf dem Meere. Man konnte nicht an Land. Da draußen auf dem Meere lag ein anderes englisches Kriegsschiff. In seiner Nähe hielt der Zerstörer an, auf dem Doris und Silvia fuhren. Eine Treppe wurde zum Wasser hinuntergelassen. Ich erzählte euch schon einmal, daß eine solche Treppe Fallreep heißt. Zu dem Fallreep kam eine Barkasse gefahren. Doris und Silvia und alle anderen gingen das Fallreep hinunter, um in die Barkasse zu steigen. Aber es war jetzt stürmisch geworden, und das Meer hatte hohe Wellen. Wenn man unten auf dem Fallreep stand und auf die Barkasse steigen wollte, dann ging plötzlich das Wasser tief hinunter, und die Barkasse war so tief unten wie ein Auto, das man vom ersten Stock eines Hauses aus sieht. Ein Matrose nahm Doris auf den Arm und hob sie hoch. Im nächsten Augenblick trug eine Welle die Barkasse wieder plötzlich empor. Der Matrose streckte die Arme aus, mit denen er Doris hielt. Sie schwebte jetzt in der Luft, und unter ihr brauste und schäumte das Meer. Aber nur einen dann hatte der Matrose sie einem Augenblick anderen Matrosen gereicht, der auf der Barkasse stand. Der nahm sie auf die Arme und setzte sie 116 - in das Boot. Im gleichen Augenblick sauste es auch schon wieder in ein Wellental. Es war, wie wenn man mit einem Aufzug hinabfährt, nur viei schneller. Ebenso wurde Silvia hinüberbefördert, und die anderen Kinder. Auch die Großen stiegen ein, und die Barkasse fuhr von dem Zerstörer zu dem großen Kriegsschiff. Es war nur ein kurzes Stück zu fahren, aber diese kurze Fahrt war schlimm. Unaufhörlich wurde die Barkasse hinauf und herab und nach rechts und nach links und nach vorn und nach hinten geschleudert, daß man meinen konnte, sie ginge unter. Als Doris und Silvia an dem großen Schiff angekommen und ein langes Fallreep emporgestiegen waren und auf dem großen, festen Deck standen, da kam es ihnen vor, als ob sich alles rings um sie drehte. Sie waren. ganz erschöpft. Und als sie gleich nach dem Abend- essen zu Bett gebracht wurden, da schliefen sie sofort ein. Von Valencia nach Barcelona Sie waren auf das große Kriegsschiff gebracht worden, weil es auf dem Zerstörer keinen Platz zum Schlafen gab. Außerdem mußte der Zerstörer noch am selben Abend wegfahren. 117 Am nächsten Morgen in aller Frühe wurden sie wieder ausgebootet. Sie kamen auf einen anderen Zerstörer. Das Meer war jetzt ruhiger, und die Barkasse schaukelte nicht so sehr. Auf dem großen Kriegsschiffe hatte eine Menge Menschen übernachtet, Deutsche und Schweizer. und Engländer und viele andere. Man hörte die. verschiedensten Sprachen. Viele Menschen kamen jetzt mit Doris und Silvia auf den anderen Zerstörer. Auf Deck gab es ein großes Gedränge. Die Menschen saßen auf Bänken, Tauen und Zeltbahnen so eng nebeneinander, daß man manchmal gar nicht dazwischen durchgehen konnte. Das Schiff fuhr immer an der spanischen Küste entlang. Man konnte das Ufer aus der Ferne sehen. Unterwegs wurde Silvia krank. Sie hatte sich schon am Abend vorher nicht wohl gefühlt. Es war ein Arzt auf dem Schiffe, der ließ sie in eine Kabine bringen. Der Arzt hatte eine weiße Uniform an, wie alle Offiziere und Matrosen. Der Kragen seines Rockes war rot und golden. Der Schiffsarzt untersuchte Silvia. Sie hatte die Grippe und mußte ins Bett. Die Mutter und der Vater blieben abwechselnd bei ihr. Am späten Nachmittag kam das Kriegsschiff in der größten spanischen Stadt an. Das ist Barcelona. Dort sollten sie wieder auf ein anderes Schiff kommen. Der Schiffsarzt hatte dafür gesorgt, daß von dem Zerstörer aus drahtlos voraustelegraphiert 118 worden war, es sei ein krankes Kind an Bord. So wußten sie auf dem anderen Schiff schon Bescheid, und es wurde dafür gesorgt, daß Silvia gut untergebracht würde und nicht mit anderen Leuten zusammenkäme. Das war alles schon geordnet, als der Zerstörer noch draußen auf dem Meere fuhr, und als man ihn von Barcelona aus noch gar nicht sehen konnte. In Barcelona ist das Land bergig. Die Stadt selbst ist an einen Berg gebaut, und viele Häuser sind auch auf den Bergen. So konnte man Barcelona schon lange vor der Ankunft erblicken. Draußen vor dem Hafen lagen viele fremde Kriegsschiffe, französische und italienische und deutsche. Der englische Zerstörer, auf dem Doris und Silvia waren, fuhr an ihnen vorüber. Er fuhr in den Hafen ein. Da lag ein riesiges englisches Kriegsschiff am Kai. Neben dieses Schiff legte sich der Zerstörer. Man brauchte nicht ausgebootet zu werden. Man stieg einfach ein Fallreep empor und kam auf das Deck des anderen Schiffes. - Silvia ging nicht sie wurde vom Vater getragen. Und sie wurde gleich in eine schöne Kabine gebracht und in ein Bett gelegt. Es war noch ein anderes Bett in der Kabine, in dem sollte die Mutter schlafen. Doris und der Vater kamen in andere Räume, in denen viele Menschen übernachteten. Es war schade, daß Silvia im Bett bleiben mußte. 119 So konnte sie nicht viel von dem Kriegsschiffe sehen, obwohl sie den ganzen nächsten Tag und noch bis zum übernächsten Morgen auf dem großen Kriegsschiffe blieben. Neben Silvias Bett war ein Bullauge. Ihr wiẞt schon, daß das ein kleines, rundes Fenster ist. Durch dieses Bullauge konnte Silvia den Hafen sehen. Da lagen große Schiffe mit der spanischen Fahne. Manche hatten außerdem noch eine rote Fahne oder eine schwarz- rote Fahne. Oft sah Silvia auch kleine Schiffe durch den Hafen fahren. Viele Leute fuhren mit diesen Schiffen von einem Ufer zum anderen, genau wie man auf dem Lande mit Autobussen fährt. In Spanien nennt man die 120 Autobusse Camions. Silvia nannte(diese Schiffe „Wassercamions“. Vom Lande konnte Silvia nicht viel sehen. Sie erblickte nur einen hohen Turm. Auf den fuhren Fahrstühle hinauf. Und von der Spitze des Turmes fuhren Schwebebahnen weg. Sonst konnte Silvia nichts sehen. Der Schiffsarzt war mit auf das große Schiff ge- kommen. Er kam öfter zu Silvia und untersuchte sie und machte Spaß mit ihr. Er sprach ein paar Worte Deutsch, aber er sprach sie so komisch aus, daß man sie kaum verstand. Weil Silvia krank war, bekam sie besonders gut zu essen, sie durfte sich sogar aussuchen, was sie gern essen wollte. Inzwischen konnte sich Doris das Schiff ansehen. Es war das größte Schiff, auf dem sie gewesen war. Man konnte richtig darauf spazieren gehen. Viele Kanonen waren an Bord, manche waren riesig groß. Sogar ein Flugzeug war da. Es hing hoch auf dem obersten Deck. Man konnte das Flugzeug auf das Wasser hinunterlassen, wenn das Kriegsschiff auf dem Meere fuhr, und dann konnte der Flieger wegfliegen. Unten im Schiff waren in den Gängen viele Gestelle. In denen standen Gewehre. Auch Maschinengewehre stan- den da. Als Doris über das Deck ging, sah sie, wie ge- rade eine Anzahl Matrosen darauf Fußball spielte. Das ging sehr gut, denn das Deck war sehr groß. 121 Abends, als es dunkel war, gab es auf dem Deck Kinovorführungen, und es wurde auch Musik ge- macht und getanzt. Das Schiff lag am Ufer. Man konnte auf die Häuser und auf die Menschen hinuntersehen. Aber man durfte nicht vom Schiff hinunter an Land gehen. Das war verboten. Gegen Abend gab es etwas Merkwürdiges auf dem Schiffe zu sehen. Die meisten Matrosen muß- ten an Bord antreten. Auch alle Offiziere waren da. Dann marschierte‘eine Musikkapelle über das Deck. Vorn ging ein Mann mit einem langen Stab, mit dem gab er den Takt an. Er schwenkte ihn hin und her. Manchmal warf er ihn sogar in die Luft und fing ihn wieder auf. Hinten am Schiff war eine große englische Fahne. Die Musik marschierte zu ihr hin. Dann wurde die Fahne eingezogen. Dabei spielte die Musik die englische Nationalhymne und dann die spanische Nationalhymne. Während- dessen standen die Matrosen stramm, und die Offi- ziere grüßten, mit der Hand an der Mütze. An Land hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Und nahe am Kriegsschiff waren viele Ruderboote, Motorboote und kleine Dampfer zu- sammengekommen. Alle Leute an Land und auf den Schiffen klatschten und grüßten herüber. Sie. freuten sich, daß auf dem englischen Kriegsschiffe die spanische Nationalhymne gespielt wurde. 122 Doris und Silvia kommen nach Frankreich Am übernächsten Morgen mußten alle ganz früh aufstehen.. Es war noch dunkel. Nach dem Früh- stück stiegen sie wieder das Fallreep hinab auf den Zerstörer, der neben dem großen Kriegsschiffe lag. Der Vater trug Silvia hinunter und legte sie in einer Kabine ins Bett. Es ging ihr schon wieder gut, aber sie sollte den Tag über noch liegen bleiben. Der Zerstörer fuhr aus dem Hafen hinaus, und bald war Barcelona verschwunden. Wieder ging es an der spanischen Küste entlang. Spanien ist ein großes Land, und man kann sehr lange an der spanischen Küste entlangfahren. Dann kamen sie an die französische Küste. Die großen Leute sag- ten den Kindern, daß das jetzt Frankreich sei. Sehen konnte man es nicht, denn man merkt es keiner Küste an, zu welchem Lande sie gehört. Ganz früh waren sie von Barcelona abgefahren. Am Nachmittage kamen sie in Marseille an. Vor zwei Jahren waren Doris und Silvia von Marseille nach Mallorca gefahren. Sie hatten nicht geahnt, daß sie wieder nach Marseille kommen würden, und noch dazu auf einem Kriegsschiff. Ihre Koffer hatten sie auf dem Schiffe nicht bei sich gehabt. Das Gepäck all der vielen Leute, die auf dem Zerstörer fuhren, war zusammen auf- gestapelt worden. Als sie nun in Marseille aus- 123 stiegen, bekamen sie ihr Gepäck wieder. Aber da erschraken sie sehr. Der Großmutter fehlte eine Hutschachtel, in der viele Sachen gewesen waren, und den Eltern fehlte ein Koffer, in dem alle Kinderkleider waren. Das war sehr schlimm. Wenn der Koffer weg war, hatten Doris und Silvia überhaupt nichts mehr anzuziehen. Die Eltern suchten, ein Onkel suchte, viele Matrosen suchten. Sie konnten das verlorene Gepäck nicht finden. Endlich kam die Hutschachtel doch zum Vorschein. Was meint ihr, wo sie war? Ein Matrose hatte sie in ein Kanonenrohr geschoben. Es war nur gut, daß inzwischen nicht mit der Kanone geschossen worden war. Auch der Koffer wurde schließlich gefunden. Er hatte unter einem Brett. gelegen. So hatten sie also endlich alle Sachen zusammen und konnten vom Hafen in die Stadt Marseille fahren. Aber sie blieben nicht lange in Marseille. Nur die Kusine Eva und der Vetter Paul blieben mit ihren Eltern dort. Die Großmutter fuhr mit Tante Helga und dem Vetter Klaus in die Schweiz zum Großvater. Vorher schon fuhren Doris und Silvia mit den Eltern fort. Gleich am nächsten Tage stiegen sie am Bahnhof in einen Zug. Drei Stunden lang waren sie darin. Dann stiegen sie in einem Ort aus, der auch am Mittelländischen Meere liegt. Er heißt Fréjus. Und ein paar Tage später 124 gingen sie nach einem Nachbarort am Meere, Es war ein kleiner Ort. Er heißt Saint Aygulf. In Saint Aygulf hatten sie eine neue Wohnung gefunden. Diese Wohnung war nicht schön. Es gab viel schönere in Saint Aygulf, aber sie waren teuer, durch den spanischen Bürgerkrieg hatten die Eltern fast kein Geld mehr. Der Vater mußte erst wieder Arbeit suchen. Das war sehr schwer. In Frankreich dürfen nämlich nur Leute arbeiten, die Franzosen sind. Das ist in beinahe allen Ländern so: in Holland dürfen nur Holländer arbeiten, in England nur Engländer, in der Schweiz nur Schweizer. Und so weiter. Wenn zum Beispiel ein Deutscher in Frankreich arbeiten will, dann muß er eine besondere Erlaubnis von der Regierung haben. Aber die Regierung erlaubt sehr vielen Deutschen nicht, zu arbeiten. Diese Leute haben es dann sehr schwer. Wenn sie nicht arbeiten dürfen, wie sollen sie dann Geld verdienen? So ging es jetzt den Eltern. Sie verdienten kein Geld. Darum mußten sie sehr sparsam leben, und darum konnten sie nicht in einem schönen Hause wohnen. Ihr Haus hatte zwei Zimmer. In einem schliefen die Eltern, im anderen Doris und Silvia. Dazwischen lag eine ganz kleine Küche. Es gab kein fließendes Wasser. Wenn man Wasser brauchte, mußte man ein Stück weit gehen, um es zu holen. Es war ein ganz kleiner Herd in der Küche, nicht viel größer als ein Puppenherd. Dar- 125 auf mußte die Mutter kochen. Im Winter wurde dieser kleine Herd auch geheizt, damit es ein biß- chen warm wurde. Weil der Herd so klein war, wurde es nicht sehr warm in der Küche. Aber die beiden Zimmer konnte man’ gar nicht heizen. Es stand kein Ofen darin. Das Häuschen war eigentlich nur eine Hütte. Und es war keine freundliche Hütte. Die Sonne kam fast gar nicht hinein, weil die Fenster nach Norden zu lagen. In der Wohnung in Wuppertal war es viel schöner gewesen. Auch das Haus in Cala Ratjada war viel schöner. Sie hatten noch niemals so wenig schön gewohnt. Die Hütte stand mit anderen Häuschen zu- sammen. Sie gehörte einem Mann, der ihnen die Wohnung vermietet hatte. Er hieß Jean Petra und war ein Italiener. Wenn man ihn ansah, konnte man sich beinahe fürchten. Er sah aus wie ein Räuber. Seine Kleider waren so oft geflickt, daß man beinahe nicht mehr sehen konnte, wie sie zu- erst gewesen waren. Er hatte kohlschwarze Augen, die Augenbrauen waren borstig, und er hatte einen so borstigen Schnurrbart, daß man den Mund beinahe nicht mehr sehen konnte. Das Gesicht sah aus wie zerknittert, so viele Falten waren darin. Nein, er war wirklich nicht schön. Aber er war nicht so schlimm, wie er aussah. Nun sagte ich euch schon, daß Saint Aygulf am Meere liegt. Aber das Haus, in dem Doris und 126 Silvia wohnten, lag nicht am Meere. Wenn es stür- misch war, konnte man das Meer wohl hören, aber man konnte es nicht sehen. Wollte man zum Meere, so mußte man eine Straße hinuntergehen. Dann kam man zuerst zur Landstraße. Auf der fuhren immer viele Autos und Autobusse. Denn die Küste, an der Saint Aygulf liegt, ist sehr berühmt, und es kommen viele Fremde dort hin, um sie sich anzusehen. Sie heißt Cote d’Azur. Das bedeutet „Blaue Küste“. Die Küste ist natürlich nicht blau, aber das Meer ist blau. Es ist das Mittelländische Meer. Das wißt ihr schon. Wenn Doris und Silvia quer über die Landstraße und noch ein Stück weiter gingen, dann kamen sie an das Meer. Da waren lauter Felsen, auf denen konnte man am Meere entlangklettern. Wo die Felsen flach waren, da sahen sie viele kleine Tiere, die wegrannten, wenn sie kamen. Was meint ihr, was das war? Es waren Taschenkrebse. Die saßen auf den Steinen, und wenn jemand kam, dann liefen sie davon und versteckten sich im Meere. Sie liefen nicht mit dem Kopf voran wie andere Tiere, sie liefen seitwärts. Andere Tiere können das nicht. Aber die Taschenkrebse können es, und sie laufen dabei blitzschnell. Man konnte auch einen anderen Weg zum Meere gehen. Dann kam man an den Strand. Da konnte man im Sommer baden, man konnte Sandburgen bauen, Muscheln sammeln und auch Bilder aus 127 lauter Muscheln zusammensetzen. Hinter dem Strande, landeinwärts, war auch Wasser. Es waren Salzsümpfe. Sie heißen Etangs. Im Winter fließt das Meer meistens über den Strand hinweg und in die Etangs hinein. Die sind dann eigentlich nur eine Art Meeresbucht. Aber im Sommer ist der Strand ein schmaler Damm zwischen Meer und Etangs. In den Etangs gab es viele Tiere, die von den Fischen und anderen Wasserbewohnern lebten. Graue Reiher standen stundenlang, ohne sich zu bewegen, in dem flachen Sumpfe. Auch andere Stelzvögel gab es. Wildenten schwammen herum. Große Raubvögel sah man. Sogar schwarze Schwäne kreisten manchmal über den Etangs und ließen sich darauf nieder. Von Korkeichen und Smaragdeidechsen Ihr wiẞt schon, daß Doris und Silvia nicht am Meere wohnten, sondern ein Stück von ihm entfernt. Aber sie wohnten ganz nahe am Walde. Sehr viel Wald gab es bei Saint Aygulf. Die meisten Bäume waren Pinien, ähnlich wie auf Mallorca. Dazwischen wuchsen viele Korkeichen. Das sind Bäume, die Eicheln tragen wie die Eichen in Deutschland auch. Aber die Blätter sehen ganz anders aus. Sie sind sehr klein und oval, dunkel128 grün und lederartig, und der Baum ist immergrün. Die Rinde des Stammes ist grau und so rissig, wie bei den Eichen in Deutschland, sogar noch etwas rissiger. Und diese Rinde ist aus Kork, aus rich- tigem Kork. Man sieht es nicht gleich, weil die Rinde von außen genau so aussieht, wie andere Rinde. Sie ist an der Oberfläche verwittert. Aber wenn man ein Stückchen abbricht, merkt man schon, daß es Kork ist. Jeder Flaschenkorken und überhaupt alles, was aus Kork ist, wird aus der Rinde der Korkeichen gemacht. Wenn eine solche Rinde dick genug ist, dann hacken die Leute mit einem Beil von oben bis unten einen Spalt hinein. Mit dem flachen Holz- stiel des Beiles wird dann die Rinde in einem ein- zigen Stück ringsherum abgeschält. Es ist, als ob man dem Baum seinen Mantel ausziehen würde. Aus der Korkrinde macht man dann Flaschen- korken und Schwimmgürtel und Korkmatten und vieles andere. Der Baum aber hat keine Rinde mehr. Jedoch es wächst ihm eine neue. Und nach einigen Jahren kann man ihm zum zweiten Male seinen Korkmantel ausziehen. An den Wegen, die von Saint Aygulf in den Wald und durch den Wald führen, standen hohe Bäume, die ein klein wenig an Pappeln erinnern, Es sind Eukalyptusbäume. Aus den Blättern dieser Bäume kann man Eukalyptusöl und Eukalyptus- bonbons machen. Die sind gut gegen Erkältung. 9 3 Kinder} 129 Der schönste Baum, den es dort gibt, ist der Mimosenbaum. In allen Gärten wächst er, und sehr viele Mimosenbäume wachsen auch wild. Vielleicht kennt ihr die Mimosenblüten. Wenn es noch Winter oder gerade erst Vorfrühling ist, und es gibt in den nördlicheren Ländern noch keine Blumen, oder doch erst ganz wenige, dann kann man dort manchmal Mimosen in den Blumengeschäften kaufen. Es sind Zweige mit gefiederten Blättchen und vielen Blüten, die wie goldgelbe Bällchen aussehen. In den nördlicheren Ländern wachsen die Mimosen aber nicht. Die Zweige werden aus dem Süden dorthin gebracht, um verkauft zu werden, und zwar kommen die meisten Mimosen von der Cote d'Azur, also aus der Gegend, in der Doris und Silvia wohnten. Wenn ein solcher Mimosenbaum blüht, dann sieht er aus wie eine große goldgelbe Flamme. Und das ganze Land ist dann herrlich: das blaue Meer, die grauen und roten Felsen, die dunklen Pinien, und dazwischen ein einziges, goldenes Leuchten von den vielen blühenden Mimosenbäumen. Im Walde stehen dort nicht nur viele Bäume, sondern auch viele Sträucher, niedrige und hohe, manche höher als Menschen. Sie bilden richtige nicht Dickichte, so daß man an vielen Stellen gar durchdringen kann, besonders wo Dornensträucher wachsen. Es gibt viele Dornensträucher dort, zum 130 Beispiel eine Art Ginster mit fingerlangen Dornen und großen gelben Blüten. Aber nicht nur viele merkwürdige Pflanzen gibt es in Südfrankreich, es gibt auch viele merkwürdige Tiere. Ich erzählte euch schon von den Tieren, die in den Etangs leben. Aber auch im Walde und auf den Wiesen gibt es viele merkwürdige Tiere. Es gibt dort zum Beispiel Stabheuschrecken. Die haben einen langen, dünnen Leib. Der sieht wie ein Ästchen aus. Und die langen, dünnen Beine sehen aus wie Seitenästchen. Wenn eine Stabheuschrecke auf einer Pflanze sitzt, dann kann man sie meistens nicht sehen. Man hält sie dann für einen Teil der Pflanze. Auch viele Schlangen gab es dort. Und viele Eidechsen, kleine braune oder graue. Und Smaragdeidechsen, die waren so lang wie Doris' Unterarm und manchmal noch länger, und sie waren wundervoll leuchtend grün. Es sind die schönsten Eidechsen, die es gibt. Auf den Zweigen kletterten grüne Laubfrösche mit goldenen Augen herum. In den Gräben und Sümpfen wimmelte es von schwarz- grün gefleckten Wasserfröschen, die machten einen fürchterlichen Lärm. Auch sehr viele Kröten gab es. Sie sind grau und häßlich. Aber wenn sie rufen, dann klingt es, als ob gläserne Glocken läuteten. Abends in der Dämmerung flogen viele Fledermäuse umher. Es sah aus, als ob sie durch die 9* 131 Luft taumelten. Und am Abend fingen auch viele Nachtigallen zu singen an. Das klang schöner als die schönste Musik. Muschelpflücken und Reisigsammeln Das Meer war nahe, und der Wald war nahe. Das war schön. Und es war auch nützlich. Die Eltern mußten ja sehr sparsam leben. Da war es gut, daß Meer und Wald ihnen sparen halfen. Wie war das wohl möglich? Nun, es gab im Meer und im Walde manches, das man zum Leben brauchen konnte, ohne Geld dafür zu bezahlen. Wenn man vom Strande ein Stück weit ins Meer hinauswatete, dann kam man zu Felsen, die vom Meersboden heraufragten, und deren Spitzen gerade noch vom Wasser überspült wurden. Auf den Felsen saß eine Unmenge blauschwarzer Muscheln fest. Sie saßen so dicht, daß man an vielen Stellen nur noch die Muschelschalen sehen konnte, und nichts mehr vom Felsen. Man konnte die Muscheln vom Felsen abbrechen. Das war nicht immer leicht. Die Muscheln saßen oft so fest, daß man sie kaum los bekam. Doris und Silvia gingen mit dem Vater zu den Felsen. Sie pflückten die Muscheln ab und taten sie in Körbe und Eimer, die sie ins Wasser mitgenommen hatten. Wenn das Meer höher stand 132 oder Wellen hatte, mußte es der Vater allein machen. Sie nahmen die Muscheln mit nach Hause. Man konnte sie kochen und essen. Im Walde gab es Brombeeren. Es gab auch rote Beeren an Sträuchern. Aus denen konnte man Marmelade machen. Und im Winter gab es eine Unmenge Pilze. Man mußte nur wissen, wo sie wuchsen, und mußte die eßbaren Pilze und die giftigen unterscheiden können. Ganze Körbe voll brachten die Eltern und Doris und Silvia heim. Man bekam schwarze oder rote Finger vom Pilzepflücken. Die schwarze Farbe ging beinahe gar nicht wieder von den Händen ab. Aber das machte nichts. Dafür hatte man etwas Gutes zu essen, das kein Geld kostete. Noch etwas anderes holten sie sich vom Meere oder aus dem Walde, das war nichts zum Essen, aber es war eigentlich noch wichtiger. Wenn es auf dem Meere starke Wellen gegeben hatte, dann gingen sie an die Küste und holten sich Holz, das das Meer herangeschwemmt hatte. Es gab dann viel Treibholz: Äste und ganze Baumstämme, Kistenbretter, Bootsteile und dergleichen. Sie schleppten es nach Hause. Wenn es getrocknet war, verbrannten sie es im Herd. Meistens aber holten sie sich zum Verbrennen Reisig aus dem Walde. Tag für Tag gingen sie, um trockene Zweige und Pinienzapfen zu sammeln und nach Hause zu tragen. 133 Ihr habt gewiß schon Märchen gelesen, in denen erzählt wird, wie arme Leute oder Kinder in den Wald gehen, um Reisig zu sammeln. Auch Doris und Silvia kannten solche Geschichten. Sie hatten immer gedacht, so etwas käme nur in den Märchen vor und gebe es nicht wirklich. Und daß sie einmal selbst Reisig sammeln gehen würden, hatten sie nicht geahnt. In den Märchen wird oft erzählt, wie irgend ein guter Geist, zum Beispiel der Rübezahl, die Reisigsammler beschenkt. Das Reisigsammeln war für Doris und Silvia kein Märchen mehr. Aber das mit dem Rübezahl blieb leider ein Märchen. Er kam nicht, um ihnen zu helfen, und auch sonst kein guter Geist. Sie mußten sich selber helfen. Und es war viel Arbeit und schwere Arbeit für Kinder. Das Bücken machte sehr müde, und das Tragen auch. Manchmal schleiften Doris und Silvia ganze Bäumchen nach Hause. Sie wurden sehr müde davon. Aber sie waren froh, daß sie den Eltern helfen konnten, und daß sie nun Brennholz hatten und keines zu kaufen brauchten. Manchmal, wenn es viel geregnet hatte, war das Holz im Walde feucht. Dann brannte es nicht gut. Der Rauch zog nicht genügend ab. Die Küche war dann voller Rauch, so daß man es nicht aushalten konnte. Man mußte die Tür aufmachen, damit der Rauch abziehen konnte. Aber dann wurde es kalt in der Wohnung, und sie froren sehr. 134 Es ist nun freilich dort längst nicht so kalt wie zum Beispiel in Deutschland. Draußen auf den Gräben fror das Wasser nur in der Nacht, und auch das nur selten. Schnee gab es überhaupt nicht, nur Regen. Aber das Häuschen war nicht so gut gebaut wie die Häuser in Deutschland. Darum froren die Kinder sehr oft. Und außerdem hatten sie lange auf der Insel Mallorca gewohnt, auf der es noch wärmer ist. Deshalb kam es ihnen in Saint Aygulf kalt vor. Sie hatten noch niemals so ge- froren wie in diesem Winter in Südfrankreich. Darum mußten sie immer viel Reisig in ihren Puppenherd stecken, um es nicht allzu kalt zu haben. Später heizten sie mit richtigem Brennholz. Es gab ein Wäldchen, aus dem durften sie sich Bäume holen. Sie liehen sich eine Baumsäge und eine Schubkarre von Herrn Petra. Während des Hin- weges durften sich Doris und Silvia auf die Karre setzen, und der Vater schob sie. Das war ein großer Spaß. Dann kamen sie zu dem Wäldchen. Die Kinder mußten absteigen. Der Vater begann, kleine Bäumchen abzusägen. Die Mutter und die Kinder schleppten sie zu der Schubkarre hin. Wenn sie genug Holz hatten, dann wurde es auf die Karre geladen und mit einem Seil festgebun- den. Zu Hause sägten Mutter und Vater die Bäume mit einer großen Säge in Stücke. Der Vater spal- tete die Stücke mit einer Axt, und die Kindern 135 stapelten die Holzscheite auf. Doris und Silvia mußten fleißig arbeiten, aber sie halfen den Eltern gern. Doris und Silvia lernen eine neue Sprache Als Doris und Silvia nach Mallorca gekommen waren, hatten sie spanisch lernen müssen, um die Kinder und die großen Leute zu verstehen. Jetzt waren sie in Frankreich. Sie sprachen deutsch und spanisch. Aber das half hier nichts. Sie mußten jetzt französisch lernen. Das ging etwas schneller als das Spanischlernen. Wenn man einmal eine 136 fremde Sprache gelernt hat, dann lernt man eine zweite Fremdsprache leichter als die erste. Spielzeug heißt auf spanisch juguete. Sie lern- ten nun, daß es auf französisch jouet heißt. Puppe heißt poup6e, das ist leicht zu merken. Und Ver- steckspielen heißt cache-cache. Natürlich mußten sie noch vieles andere lernen, zum Beispiel wie Bäcker heißt, oder Brot, Mehl, Zucker, Salz und so weiter. Sie spielten mit französischen Kindern. Da waren Helene, Louisette und Lou-Lou. Da waren Reymonde und Simone. Beim Spielen lernten sie immer mehr französisch. Aber ich wollte euch noch von etwas anderem erzählen: von den Flugzeugen. Nahe bei Saint Aygulf, nämlich in Freöjus, war ein Flugplatz. Doris und Silvia sahen oft, wie die Flugzeuge aufstiegen. Auf dem Platze standen Fahnen. An denen konnte man sehen, von welcher Richtung der Wind kam. Nun fuhr ein Flugzeug langsam über den Platz. Es drehte sich so, daß es mit dem Propeller nach der Seite zeigte, von der der Wind kam. Denn die Flugzeuge müssen gegen den Wind aufsteigen. Sonst brauchen sie einen zu langen Anlauf und können sogar vielleicht nicht hoch- kommen. Wenn das Flugzeug richtig stand, fin- gen die Motoren an zu brüllen, und das Flugzeug raste über den Platz. Und nach einiger Zeit fing es an zu hopsen. Es machte immer: größere 137 Sprünge, bis es zuletzt mit den Rädern gar nicht mehr auf die Erde kam es flog. Schnell stieg es jetzt in den Himmel empor. Aber es gab nicht nur Landflugzeuge dort, sondern auch Wasserflugzeuge. Bei denen sah der Aufstieg noch schöner aus. Es gab mächtige Wellen, wenn ein solches Flugzeug seinen Anlauf zum Aufstieg nahm und dabei über das Wasser sauste, daß es nur so schäumte. Oben in der Luft machten die Flugzeuge manchmal die verwegensten Kunststücke. Sie legten sich plötzlich auf die Seite, oder sie drehten sich um, daß die Räder nach oben standen und die Flieger mit dem Kopf nach unten hingen. Oder sie schlugen Purzelbäume in der Luft, zuweilen drei, vier, fünf Purzelbäume hintereinander. Es gab kleine Flugzeuge mit einem Propeller, es gab andere, die mehrere Propeller hatten, und von ihnen waren einige riesig groß. Außerdem gab es auch Windmühlenflugzeuge. Die sahen ganz seltsam aus. Sie hatten keine Flügel, dafür aber oben etwas, das aussah, als hätte man die Flügel einer Windmühle flach darauf gelegt und befestigt. Wenn das Flugzeug flog, drehten sich die Mühlenflügel. Die Windmühlenflugzeuge konnten in der Luft stehen bleiben, sie konnten auch senkrecht aufwärts und abwärts fliegen. Das können andere Flugzeuge nicht. 138 Doris und Silvia bekommen ein Schwesterchen Jetzt muß ich euch etwas ganz anderes erzählen als von Flugzeugen und von der französischen Sprache und von Smaragdeidechsen. Ich muß euch von Doris' und Silvias Schwesterchen erzählen. Ihr wiẞt ja, daß die Kinder zu zweit waren. Eines Tages erzählte ihnen die Mutter, daß sie noch ein Kindchen bekommen würde. Sie waren schon einige Monate in Saint Aygulf, als die Mutter das erzählte. Doris war neun Jahre alt und Silvia sechs. Und eines Morgens fuhren Mutter und Vater ganz früh nach Fréjus. Sie sagten den Kindern, daß die Mutter dort ihr drittes Kind bekommen würde. Der Vater würde dann zurückkommen. Wann er käme, wüßte er noch nicht. Andere Leute würden für sie sorgen. Doris und Silvia blieben bei den Eltern von Helène, Louisette und Lou- Lou. Sie aßen bei ihnen zu Mittag. Sie spielten mit den französischen Kindern. Dann aßen sie mit ihnen zu Abend. Der Vater war noch immer nicht da. Es war schon spät und längst war es dunkel geworden. Um diese Zeit waren Doris und Silvia sonst schon zwei Stunden im Bett. Endlich brachte der Vater der drei französichen Kinder Doris und Silvia nach Hause. Er wollte sie zu Bett bringen. Gerade als sie vor der Haustür waren, kam der Vater an. Er 139 sorgte dafür, daß Doris und Silvia schnell schlafen gingen. Beim Ausziehen erzählte er ihnen noch, daß sie ein Schwesterchen bekommen hätten. In den nächsten Tagen waren Doris und Silvia mit dem Vater allein. Er kochte und spülte und sorgte, daß die Kinder richtig angezogen waren. Nur die Zöpfe konnte er ihnen nicht flechten. Das machte eine Nachbarin. Nachmittags fuhr der Vater nach Frejus zum Krankenhaus, wo die Mutter mit dem Schwester- chen war. Die Kinder mußten ihm versprechen, brav und vernünftig zu sein und zu Hause zu spielen. Sie blieben ja ganz allein zu Hause. Der Vater wollte auch nicht lange fortbleiben. Aber es war freilich weit bis zum Krankenhaus in Frejus. Einmal durften Doris und Silvia auch mit dort- hin. Sie konnten ihr Schwesterchen sehen. Es hieß Konstanze und war ganz, ganz klein. Blaue Augen hatte es und blonde Härchen, und ganz, ganz win- zige Füßchen und ganz, ganz winzige Händchen, und die Nägelchen daran waren so klein, daß man es gar nicht sagen kann. Sie sahen aus wie zier- liche kleine Blütenblätter. Es war gerade wie eine lebendige Puppe, das Schwesterchen, und Doris und Silvia konnten es gar nicht genug anstaunen und bewundern. Es war so niedlich, Und es war noch ein kleines Dummerchen. Nicht einmal die Mutter kannte es, und den Vater und die Schwe- 140 stern auch nicht. Es konnte nicht gehen und nicht stehen und nicht sitzen. Es lag nur immer da und fuchtelte mit den Händchen, und manchmal weinte es. Es weinte mit so hohen Tönchen, wie wenn ein kleiner Vogel piepst. Silvia war zuerst ganz traurig, weil das Schwesterchen weinte, aber die Mutter sagte ihr, das sei nicht schlimm. Das Schwesterchen hätte keine Schmerzen und sei nicht traurig. Alle kleinen Kinder weinen zuerst. Das ist so ähnlich, wie wenn die Größeren sprechen. Das Schwesterchen konnte noch nicht sprechen, noch kein einziges Wörtchen. Darum weinte es, wie ein Vögelchen piepst. Am vierten Tage nach Konstanzes Geburt kam die Großmutter aus Deutschland. Sie wollte im Hause helfen. Und bald kam auch die andere Großmutter. Aber inzwischen war die Mutter mit Konstanze schon nach Hause gekommen. Konstanze schlief jetzt in Mutters und Vaters Schlafzimmer. Sie lag den ganzen Tag in ihrem kleinen Bette, das für sie noch viel zu groß war. Man konnte noch nicht mit dem Schwesterchen spielen. Aber es war so schön zuzusehen, wenn die Mutter dem Schwesterchen zu trinken gab, und wie Konstanze angezogen wurde, und wie der kleine Nacktfrosch gebadet wurde. Später konnte man Konstanze im Kinderwagen spazieren fahren. Sie kam im Kinderwagen mit zum Strand. Sie kam im Kinderwagen mit in den 141 Wald. Die Eltern holten Brennholz, und Doris und Silvia bewachten das Schwesterchen in seinem Wagen. Es war erstaunlich, wie schnell Konstanze größer wurde. Auch ihre Härchen wuchsen. Nach ein paar Tagen hatte sie schon die Eltern und Doris und Silvia erkannt, und sie lachte, wenn sie zu ihrem Bettchen oder zu ihrem Wagen kamen. Und dann dauerte es gar nicht lang, da versuchte Konstanze, sich hinzusetzen. Sie wollte nicht im- mer liegen. Aber das Aufrichten war schwer zu lernen. Das Schwesterchen wurde ganz rot vor An- strengung dabei, jedoch es plumpste immer wieder in die Kissen zurück. Als Konstanze es zum ersten- mal fertig brachte, sich hinzusetzen, da war es ein richtiger Festtag für Doris und Silvia und die Eltern. Eine Reise in die Schweiz Ganz kleine Kinder haben zuerst jede Woche Geburtstag. Man sagt dann, sie seien drei Wochen oder fünf oder sechs Wochen alt. Wenn sie ein bißchen älter geworden sind, haben sie nur jeden Monat Geburtstag. Und zuletzt hat man nur ein- mal im Jahr Geburtstag, und dabei bleibt es dann, so lange man lebt. Konstanze war noch nicht ganz vier Monate alt, Doris immer noch neun Jahre und Silvia sechs. Da wurden wieder die Koffer gepackt. Die Eltern verließen mit den Kindern Saint Aygulf und gin- gen aus Frankreich weg. Sie fuhren in die Schweiz. Das kam wegen Vaters Bemühungen, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Außerdem wohnten die Großeltern in der Schweiz. Zu denen fuhren sie. Als sie vor drei Jahren von Deutschland nach Mallorca gefahren waren, da war es eine sehr lange Reise gewesen. Sie waren Tag und Nacht in der Eisenbahn geblieben. Die Reise von Saint Aygulf nach der Schweiz war nicht so weit. Aber es war auch noch eine sehr lange Strecke. Man konnte nicht in einem Tag hinkommen. Nun hat- ten sie aber das kleine Schwesterchen. Mit dem konnten sie nicht Tag und Nacht fahren. Darum mußten sie unterwegs übernachten. Sie fuhren zuerst nach Marseille. Das war nicht weit, nur ungefähr einen halben Tag zu fahren. 143 In Marseille wohnten die Kusine Eva und der Vetter Paul mit ihren Eltern. Sie übernachteten bei ihnen. Am nächsten Morgen stiegen sie in einen anderen Zug. Sie fuhren einen großen Fluß entlang, den sie vor drei Jahren schon gesehen hatten. Es war die Rhöne. Später fuhren sie durch eine Gegend, die sie noch nicht kannten. Es wurde immer ber- giger. Nachmittags sahen sie so hohe Berge, wie sie noch niemals welche gesehen hatten. Da fing schon das große Gebirge an, die Alpen. Es ist das größte Gebirge, das es in unserem Erdteil gibt. Die Schweiz liegt darin, ein Teil von Frankreich, von Deutschland, von Österreich und von Italien. So groß sind die Alpen, Immer höhere Berge sahen sie:„Seht einmal, da ist Schnee!“ sagte der Vater. Silvia fragte: „Wo? Da oben auf dem Berg? Das Weiße da?“ Sie kannte keinen Schnee. Als sie zum letzten Male Schnee gesehen hatte, war sie zwei Jahre alt gewesen, und jetzt war sie sechs. In Spanien gab es keinen Schnee, und in Südfrankreich auch keinen. Sie hatte ganz vergessen, wie Schnee aus- sieht. Am Nachmittag kamen sie in einer großen Stadt an. Sie heißt Genf. Auf dem Bahnhof von Genf mußten sie aussteigen. Der Zug fuhr nicht weiter. Genf gehört zur Schweiz. Sie waren nicht mehr in Frankreich. Aber in Genf wird französisch ge- 144 sprochen. Es gibt Gegenden in der Schweiz, in denen man französisch spricht, in anderen Gegenden spricht man italienisch( das ist der kleinste Teil der Schweiz), und in den meisten Gegenden spricht man deutsch. Das Schweizer Deutsch wird aber etwas anders gesprochen als das Hochdeutsch. Wenn jemand aus Deutschland kommt, kann er in der Schweiz viele Leute zuerst nicht verstehen. Nun sagte ich euch, daß die Eltern mit Doris, Silvia und Konstanze in die Schweiz wollten. Ich sagte euch auch, daß Genf in der Schweiz liegt. Dann waren sie jetzt also mit ihrer Reise zu Ende? Nein, das waren sie nicht. Genf liegt an einem Ende der Schweiz, sie wollten aber gerade an das andere Ende. Sie mußten also nun noch quer durch die ganze Schweiz fahren. Ihr neuer Zug ging aber noch nicht gleich weiter. Sie hatten eine Stunde Zeit. Da blieb der Vater mit der kleinen Konstanze auf dem Bahnhof, und die Mutter ging mit Doris und Silvia ein bißchen spazieren. Sie kamen an einen schönen, blauen See, auf dem fuhren weiße Schiffchen und kleine Dampfer. Herrliche weiße Schwäne schwammen auf dem Wasser. Silvia war ganz begeistert von den Schwänen. Sie hatte solche Tiere noch nicht gesehen. Bisher waren sie mit einem französischen Zug gefahren. Jetzt stiegen sie in einen Schweizer Zug 10 3 Kinder 145 ein. Die Wagen sahen ein wenig anders aus. Und vor allem war die Lokomotive anders. Die französische Eisenbahn hatte eine Dampflokomotive gehabt, die Schweizer Eisenbahn hatte eine elektrische Lokomotive. In der Schweiz gibt es beinahe nur elektrische Lokomotiven. Wißt ihr warum? Für die Dampflokomotiven braucht man natürlich Kohlen. In der Schweiz gibt es aber keine Kohlenbergwerke. Man muß die Kohlen aus anderen Ländern in die Schweiz bringen. Aber Elektrizität kann man in der Schweiz gut machen, besser als in allen anderen Ländern. Darum haben die Eisenbahnen in der Schweiz elektrische Lokomotiven. Wißt ihr, wie man Elektrizität macht? Man kann sie auf verschiedene Weise machen. Am billigsten ist es, wenn man Elektrizität mit Wasser macht. Das kann man in der Schweiz besonders gut. Ich sagte euch ja schon, daß es in der Schweiz viele hohe Berge gibt. Von den Bergen fließen vielet Bäche herab. Weil sie so hoch herunterkommen, fließen sie sehr schnell. Man läßt nun das Wasser in eine Mühle fließen. Die Mühlräder sehen allerdings ein wenig anders aus als gewöhnliche Mühlräder. Man nennt sie Turbinen. In die Turbinen fließt das Wasser hinein, und weil es so schnell fließt, dreht es die Räder auch sehr schnell. Dadurch werden Machinen angetrieben, und diese Maschinen machen Elektrizität. Der elektrische 146 Strom wird durch Drähte weggeleitet, und man kann mit ihm die Straßen und die Häuser beleuchten und die Maschinen in den Fabriken antreiben und die elektrischen Lokomotiven fahren lassen. Weil es in der Schweiz so hohe Berge und so viel Wasser gibt, darum gibt es viel Elektrizität. Und weil es viel Elektrizität gibt, darum fahren in der Schweiz die Eisenbahnen mit elektrischen Lokomotiven. Quer durch die Schweiz Am späten Nachmittag reisten die drei Kinder mit ihren Eltern von Genf ab. Die Eisenbahn fuhr am Genfer See entlang. Hellblau und glatt sah er aus und lag zwischen Grün und freundlichen Städtchen und Dörfern. Das Ufer, an dem sie entlang fuhren, war hügelig und ganz voller Weinberge. Jenseits war das Ufer steiler. Da lagen waldige Berge. Der Himmel war blau und etwas dunstig, darum konnte man die höchsten Berge, die etwas weiter weg lagen, nicht sehen. Lange Zeit fuhren sie am Genfer See entlang. Das ist ein großer See. Dann ging es durch Hügelland weiter, bis sie abends in einer Stadt ankamen, die Freiburg heißt. Freiburg ist ein hübsches Städtchen mit schönen alten Gebäuden. Aber Doris 10* 147 und Silvia bekamen nicht viel davon zu sehen. Sie waren früh am Morgen in Marseille abgefahren. Jetzt war es schon Abend. Die lange Reise hatte sie müde gemacht, und als sie nun in ein Hotel gingen, da legten sie sich gleich ins Bett und schliefen ein. Und am nächsten Morgen gingen sie bald wieder zum Bahnhof. Sie stiegen wieder in einen Zug ein und fuhren ab. Ich sagte euch, daß in der Schweiz hohe Berge sind. Aber nicht überall in der Schweiz ist das so. Wo sie jetzt fuhren, da sah man nur manch- mal die Alpen in der Ferne liegen, aber in der Nähe waren die Berge nicht hoch. Viele Wiesen sahen sie. Auf denen weideten Kühe. Und es gab viele Apfel- und Birnbäume. Besonders fiel den Kindern auf, wie viele Flüsse und Bäche sie zu sehen bekamen. Silvia sagte:„Guck mal, da ist schon wieder ein Meer!“ Sie meinte die Flüsse damit. Auf der Insel Mallorca gab es keine Flüsse und keine Bäche, und in Saint Aygulf auch nicht. Aber das Meer kannte sie gut. Das hatte sie jahre- lang jeden Tag gesehen, darum sagte sie„Meer“ zu den Flüssen. In den Wäldern wuchsen hohe Bäume, die Sil- via nicht kannte. Es waren Tannen und Fichten. Die gab es im Süden nicht.„Die haben aber viele Pinienzapfen!“ meinte sie. Doch es waren natür- lich Tannenzapfen und keine Pinienzapfen. Auch die Häuser sahen anders aus als im Süden. 148 Sie sahen viele dunkelbraune Holzhäuser— rich- tige Schweizerhäuser. Im Süden gab es keine Holz- häuser, da sind die Häuser aus Stein. Unterwegs kamen sie durch viele Städte, zum Beispiel durch die Hauptstadt der Schweiz, die Bern heißt. Und in der großen Stadt Zürich muß- ten sie in einen anderen Zug umsteigen. Am Nach- mittag kamen sie nach Rorschach. Das ist eine Stadt, die am Bodensee liegt. Der Bodensee ist ein großer See, ungefähr so groß wie der Genfer See. Diese beiden sind die größten Alpenseen. In Rorschach stiegen sie aus. Dort waren die Großeltern und Tante Helga und Vetter Klaus. Doris und Silvia und Konstanze und die Eltern blieben mit ihnen zusammen in Rorschach. 149 Und nach einiger Zeit zogen sie alle zusammen in einen anderen Ort, der auch in der Schweiz liegt. Es ist ein Dorf namens Stein, das liegt in einer Gegend, die Appenzell heißt. Von hohen Bergen und Höhlenbären Doris und Silvia wohnen in einem Appenzeller Bauernhause. Die Zimmer sind so niedrig, daß große Leute an die Decke anstoßen. Die Fenster sind ganz klein, aber es sind sehr viele Fenster da, immer eines neben dem anderen. Aus den Fenstern blickt man ins Tal hinab, denn das Haus liegt auf einem kleinen Berge. Ringsum sind Wiesen, und überall in den Wiesen stehen einzelne Bauernhäuser. Auf den Wiesen weiden gelbbraune Kühe. Wenn man zum Dorfplatz gehen will, muß man durch die Wiesen hindurch. Es führt nämlich keine Straße zu ihrem Hause, nur ein Pfad. Er ist immer wieder von Gattern abgeschlossen. Die muß man öffnen, wenn man weitergehen will. Silvia hatte zuerst Angst vor den Kühen. Sie sind so groß und haben so lange Hörner. Außerdem kommen sie oft angelaufen, wenn jemand auf die Weide kommt. Die Kühe sind nämlich sehr neugierig und wollen sich jeden Vorübergehenden genau betrachten. 150 Von dem Hause in Stein kann man auch den Bodensee erblicken, und man sieht sogar das andere Ufer. Das gehört nicht mehr zur Schweiz. Es gehört zu Deutschland. Deutschland war die Heimat von Mutter und Vater und Doris und Silvia und Konstanze. Man konnte hinübersehen. Aber man konnte nicht hinübergehen. Sonst wären Mutter und Vater eingesperrt und vielleicht getötet worden. Und vielleicht hätte man sogar Doris und Silvia und Konstanze getötet. Dörfer mit spitzen Kirchtürmen kann man von dem Hause aus sehen, Wälder und tiefe Schluchten und hohe Berge. Ein sehr hohes Gebirge ist in der Nähe, das heißt Alpstein. Oft hängen die. Wolken an den steilen Felswänden fest, aber bei klarem Himmel kann man die Felszacken und spitzen Grate genau erkennen. Doris und Silvia kamen auf viele Berge. Sie waren auch im Alpsteingebirge. Sie gingen auf Wegen, bei denen mußte man sich an Drahtseilen festhalten. Die Drahtseile waren am Felsen festgemacht. Der Weg war nur schmal, und auf der anderen Seite ging der Felsen tief hinunter. Die Drahtseile waren angebracht worden, damit man nicht hinunterfallen würde, wenn man ausrutschen würde. Einmal wanderten sie in einem Tale, wenn man darin ein Wort rief, dann hörte man es viermal von den Felsen zurückklingen. Es war ein vierfaches Echo. Dann stiegen sie einen steilen Berg 151 hinauf. Oben in den Felsen war eine Höhle. Durch die gingen sie hindurch und kamen an der anderen Seite des Berges wieder heraus. Vor vielen, vielen tausend Jahren haben in dieser Höhle Menschen gelebt. Sie hatten noch keine Eisenbahnen und keine Autos und kein Radio, ja noch nicht einmal Straßen. Sie konnten auch noch keine Häuser bauen. Darum wohnten sie in der Höhle. Das muß nicht sehr schön gewesen sein. In der Höhle war es ja immer dunkel. Und sie hatten kein elektrisches Licht. Noch nicht einmal Kerzen. Die ganze Höhle war voller Rauch, weil sie keinen Schornstein hatte. Auch mit dem Essen war es nicht einfach. Die Menschen konnten noch nichts pflanzen, kein Getreide und kein Gemüse. Sie suchten sich allerlei eßbare Wurzeln und Früchte im Wald. Das war sehr mühsam, besonders da sie noch keine richtigen Hacken, Schaufeln und Messer besaßen. Sie hatten nur Werkzeuge aus Stein, Holz und Knochen. Eisen kannten sie nicht, überhaupt kein Metall. Darum war das Wurzelsuchen sehr mühsam. In der Hauptsache lebten die Menschen der Steinzeit, wie man diese Zeit nennt, von der Jagd. Und die Jagd war schwierig, denn die Menschen hatten ja keine Gewehre und überhaupt nur ganz schlechte Waffen. Es war schon sehr schwer, ein Reh zu jagen. Und gerade die besten Jagdtiere waren am schwierigsten zu erlegen, denn sie waren 152 groß und stark und konnten den Jäger leicht töten. Solche Tiere waren zum Beispiel die Höhlenbären. Die waren fürchterlich groß und hatten riesige spitze Zähne. Ihr habt wahrscheinlich schon Bären gesehen. Sie sind ungefähr so groß wie Menschen, manchmal etwas größer. Aber wenn man solch einen jetzigen Bären neben einen Höhlenbären stellen würde, dann würde er aussehen wie eine Ziege neben einer Kuh. So groß ist der Unterschied. Man kann aber einen jetzigen Bären nicht neben einen Höhlenbären stellen. Die Höhlenbären sind. nämlich schon seit vielen Jahrtausenden ausgestorben. Darum weiß man nicht genau, wie sie ausgesehen haben. Alles, was man von ihnen kennt, das sind die Knochen, die in den Höhlen liegengeblieben sind. Die Höhlenmenschen hatten diese Raubtiere auf der Jagd erlegt und in ihre Höhle geschleppt. In der Höhle hat man die Knochen gefunden, und man weiß darum, wie groß die Höhlenbären waren, was für riesige Zähne sie hatten, was für gewaltige Tatzen und was für einen mächtigen Schädel. Wenn wir heute solch einem Höhlenbären begegnen könnten, dann bekämen wir sicher ebensolche Angst wie die Höhlenmenschen vor vielen, vielen tausend Jahren. 153 Nennt man das„ Zwischenwort"? Diese Geschichte hat eine Einleitung. Man kann auch Vorwort dazu sagen. Wenn man ein Buch schreibt, und man muß vorher etwas davon erOder klären, dann schreibt man ein Vorwort. - wenn man hinterher etwas erklären will, dann schreibt man ein Nachwort. Aber wenn man nun mittendrin etwas erklären will, was sagt man dann dazu? Nennt man das Zwischenwort? Nein, das gibt es nicht. Oder Mittendrinwort? Nein. Oder Zwischenleitung weil es doch auch Einleitung heißt? Nein, das alles gibt es nicht. Es gibt überhaupt kein Wort dafür. Warum wohl? Weil man am Anfang etwas erklärt oder am Ende, aber nicht zwischendrin. Aber in diesem Buche muß ich nun doch zwischendrin etwas erklären und so etwas schreiben, wofür es gar kein Wort gibt. Ich will euch sagen warum. Was ihr bis jetzt gelesen habt, das ist schon vor vielen Jahren geschrieben worden. Am Anfang steht darin, wie alt Doris und Silvia damals waren. Wißt ihr es noch? Habt ihr es vergessen? Doris war zehn Jahre alt und Silvia sieben. Und Konstanze war erst gerade ein Jahr alt. Aber jetzt ist Konstanze schon zehn Jahre alt, so alt wie damals Doris war! Sie ist gerade mit Vater und Mutter an einem Fluß spazieren gegangen, der heißt Main. Jetzt soll sie ins Bett gehen, aber sie 154 tut es noch nicht und trödelt herum. Ihr geht doch sicher immer gleich ins Bett, wenn man es euch sagt? Ihr seid auch viel artiger als Konstanze. Ja, ich glaube, ich muß aufhören zu schreiben und mit Konstanze schimpfen. So, jetzt ist sie im Bett. Sie ist gleich verschwunden, wie sie mich gesehen hat. Und ich kann weiterschreiben. Doris und Silvia sind noch nicht zu Hause. Sie sind fortgegangen, weil heute so schönes Wetter ist. Silvia ist jetzt schon... wie alt? Wer hat es ausgerechnet? Richtig, sie ist schon sechzehn Jahre alt und ist größer als ihre Mutter und bei-. nahe so groß wie der Vater, und viele Leute sagen „ Sie" zu ihr. Und zu Doris sagen die Leute natürlich auch„ Sie", weil sie neunzehn Jahre als ist und auch so groß. Und Doris und Silvia und Konstanze wohnen jetzt mit Vater und Mutter in Deutschland. Sie wohnen in einer großen Stadt. Die war früher einmal sehr, sehr schön. dann haben die bösen Leute Krieg angefangen. Und in dem Krieg wurden so viele Häuser zerstört, daß in einer Menge von Straßen kein einziges Haus mehr steht. Das sieht sehr traurig aus. Und es ist auch sehr traurig. Und das Leben ist jetzt gar nicht mehr schön in Deutschland. Aber wenn Konstanze einmal groß ist und ihr seid auch groß, dann ist es vielleicht doch wieder schön. Alle großen Leute und auch schon die Kinder müssen Aber 155 etwas dafür tun, daß es in der Welt schöner wird, und daß es keinen Krieg mehr gibt, in dem Menschen getötet und Häuser zerstört werden. Ei was, davon wollte ich aber jetzt gar nicht reden. Ich wollte euch doch sagen, warum die Geschichte jetzt erst zu Ende geschrieben wird. Das ist nämlich so: Wenn eine Geschichte geschrieben ist, dann muß sie zuerst gedruckt werden. Der Geschichtenschreiber kann sie nicht selber drucken. Er kann auch nicht das Papier für die Bücher kaufen und dem Drucker bringen, was er geschrieben hat, und zum Buchbinder gehen und die fertigen Bücher zum Buchhändler bringen. Wenn er das alles täte, dann käme er überhaupt nicht mehr zum Schreiben. Er gibt seine Geschichten einem Mann, der sich um all diese Sachen kümmert und um noch viel mehr. Ein solcher Mann heißt Verleger. Und sein Geschäft heißt Verlag. Als der Vater das Buch bis zu dem vorigen Absatz geschrieben hatte, da hätte er gern gehabt, daß es gedruckt würde. Aber das ging nicht. Diel Schweizer Regierung erlaubte es nicht. Vater durfte in der Schweiz überhaupt nichts drucken lassen. Das hatte ihm die Schweizer Regierung verboten. Warum sie es verbot, davon erzähle ich euch noch später etwas. Vater schickte das Buch aber doch zu einem Schweizer Verleger. Er dachte, wenn der Verleger es drucken will und bittet die Regierung um die 156 Erlaubnis, vielleicht geht es dann doch. Aber der Verleger sagte Nein. Weil in diesem Buch die Wahrheit über die Nazis und über Spanien gesagt ist, wollte er nichts davon wissen. Viele Leute in der Schweiz hatten damals Angst vor den Nazis und wollten nichts gegen sie tun. Darum wurde das Buch nicht gedruckt, als Doris zehn Jahre alt war und Silvia sieben und Konstanze gerade ein Jahr. Aber als die Kinder dann schon mit ihren Eltern in Deutschland waren, da lernte Vater einen Mann kennen, der einen Verlag hat. Vater gab ihm dieses Buch zu lesen. Und als er es gelesen hatte, sagte er, er wolle das Buch drucken lassen. Darum bekommt ihr es also jetzt. Aber Vater dachte, er müßte euch doch dann auch noch erzählen, was seither noch mit Doris und Silvia und Konstanze geschehen ist. Darum hat er noch etwas dazu geschrieben. Und was jetzt noch in dem Buche vorkommt, das hat er also erst jetzt dazu geschrieben. Jetzt, da Doris neunzehn Jahre alt ist und Silvia sechzehn und Konstanze zehn. Aber das mußte ich euch doch erst erklären, und darum habe ich dieses Zwischenwort geschrieben. Oder dieses Mittendrinwort. Oder diese Zwischenleitung. Wie soll man es nun eigentlich nennen? 157 Vom Laufenlernen, vom Schweizerdeutsch und vom Winter Jetzt muß ich wieder da anfangen zu erzählen, wo ich vor dem Zwischenwort aufgehört habe. Ich muß euch erzählen, wie es war, als Doris neun' Jahre alt war und Silvia sechs und Konstanze ein ganz kleiner Lockenkopf, und als sie gerade erst anfing, sprechen und laufen zu lernen. Das Laufen müssen ja die Menschen erst lernen, wenn sie ganz klein sind. Auch viele Tiere müssen erst das Laufen lernen. Andere können ganz bald laufen, nachdem sie geboren sind: junge Hühnchen, die man Küken nennt, junge Kühe, die Kälber heißen, junge Pferde, die Füllen oder Fohlen heißen. Es wäre lustig, wenn die kleinen Kinder gleich laufen könnten, wenn sie auf die Welt kommen. Aber sie lernen es erst nach ungefähr einem Jahr. Konstanze lernte das Laufen in der Schweiz. Und sie lernte auch das Sprechen in der Schweiz. In der Schweiz sprechen die Leute verschiedene Sprachen. In einer Gegend sprechen sie italienisch. In einer anderen Gegend französisch. Und wieder in einer anderen deutsch. Aber sie haben doch alle zusammen eine Heimat, die Schweiz. Es kommt nicht darauf an, ob man die gleiche Sprache spricht. Es kommt auch nicht darauf an, ob die Menschen groß oder klein sind, oder ob sie in Steinhäusern oder in Holzhäusern wohnen. Wenn 158 Menschen zusammen eine Heimat haben und wollen gut miteinander leben, dann sind sie ein Volk. Das Deutsch, das die Schweizer sprechen, ist ein anderes Deutsch, als das gewöhnliche. Die Leute in der Schweiz sagen„ Chuchichaschte", das soll Küchenschrank heißen. Sie sagen„ Grüezi", und das heißt„ Guten Tag". Sie sagen„ Bäbele", und das heißt„ Mit Puppen spielen". Das Deutsch, das die Schweizer sprechen, heißt„ Schwyzerdütsch" Schweizerdeutsch. Es ist eine Mundart oder ein Dialekt. Auch in Deutschland gibt es viel Mundarten oder Dialekte. In Bayern sagen die Leute ,, Oachkatzl" und meinen damit das Eichhörnchen. In Norddeutschland heißt ein Mädchen„ Deern", in Westdeutschland heißt es" Weit" oder„ Wecht". Zu den Kindern sagt man in der Schweiz manchmal„ Gofen" und in Westdeutschland manchmal ,, Blagen". So wird überall das Deutsch etwas anders gesprochen. Es sind eben verschiedene Mundarten oder Dialekte. Aber überall gibt es doch auch ein Deutsch, das alle Leute verstehen. Das Deutsch, wie es hier geschrieben ist. Das nennt man Hochdeutsch. Die Schweizer sagen nicht Hochdeutsch, sondern Schriftdeutsch. In Deutschland sprechen nicht alle Leute Dialekt. Viele sprechen Hochdeutsch. In der Schweiz spricht man nur Schwyzerdütsch, das Hochdeutsch wird nur geschrieben. Darum nennen es die Schweizer auch Schriftdeutsch. 159 Als Konstanze sprechen lernte, da lernte sie gleich auf zwei Arten sprechen. Mit Mutter und Vater und Doris und Silvia sprach sie hochdeutsch, mit den anderen Leuten Schweizerdeutsch. Die anderen Leute waren die Bauern, bei denen sie im Hause wohnten. Sie gingen mit ihr in den Stall, wo die großen Kühe standen und das dicke Schwein mit seinen vielen jungen Schweinchen, die Ferkel heißen. Konstanze ging gern in den Stall. Doris und Silvia auch. Sie spielten auch gern auf den Wiesen, wenn das Gras nicht hoch war. Wenn das Gras hoch ist, darf man nicht auf den Wiesen spielen, sonst wird es zertreten, und dann hat der Bauer nicht genug Heu. Er braucht das Heu, um die Kühe im Winter zu füttern, wenn das Gras auf den Wiesen nicht wächst und wenn der Schnee liegt. Es war gut, daß die Kinder nicht im Winter in die Schweiz gekommen waren. Weil sie im Sommer in die Schweiz kamen, konnten sie sich besser daran gewöhnen, daß es da anders ist als in Spanien und am Mittelmeer. Wären sie im Winter gekommen, dann hätten sie sicher schrecklich gefroren. Denn sie hatten ja schon jahrelang keinen richtigen Winter mehr erlebt. In Südfrankreich gibt es keinen richtigen Winter und in Spanien erst recht nicht. Silvia konnte sich an den Winter überhaupt nicht mehr erinnern. Sie war zwei Jahre alt gewesen, als sie zum letzten Male 160 den Winter gesehen hatte. Jetzt staunte sie über die Märchenbilder aus Eisblumen, die der Winter an die Fensterscheiben malte. Sie staunte über die langen Eiszapfen an den Häusern und über den tiefen, weißen Schnee und die Schneemänner und die großen Schneehäuser, die die Schweizer Kinder so gut bauen können, daß man am liebsten darin wohnen möchte. Zum ersten Male in ihrem Leben saß Silvia auf einem Schlitten und rodelte. Aber sie lernte es sehr schnell und hatte viel Spaß daran. Später lernte sie auch Skilaufen. Das war aber viel später, nicht im ersten Winter. Silvia war da schon größer. Auch Doris lernte Skilaufen. Und auch Konstanze. Sie war noch' klein, als sie es lernte, aber natürlich schon viel größer als in ihrem ersten Jahr. Mutter lernte auch Skilaufen. Vater konnte es schon. Aber Mutter lernte es zusammen mit Doris und Silvia und Konstanze. Und dann sausten sie alle zusammen den Berg hinunter und stiegen alle zusammen wieder hinauf, und manchmal fielen sie auch alle zusammen hin. Das ist nicht schlimm, wenn man beim Skilaufen hinfällt. Man tut sich meistens gar nicht weh dabei, weil der Schnee so weich ist. Weil es in der Schweiz so viel Schnee gibt, kann man von den Bauernhäusern nur sehr schlecht zum Dorfplatz hinuntersteigen. Mit Skiern geht es viel besser. Darum laufen auch die meisten Kinder Ski. Und wenn im Winter Schule ist, dann stehen 11 3 Kinder 161 draußen am Schulhaus an der Mauer ganz viele Skier nebeneinander und warten, bis die Schule aus ist. Es sieht sehr lustig aus. Vom ,, Meierisli" und vom Geldverdienen und vom Komitee Als Konstanze Skilaufen lernte, da wohnte die Familie nicht mehr in dem Bauernhaus auf dem Berge. Sie wohnte in einem Haus weiter unten an der Landstraße. Das Haus hieß„ Meierisli". Das ist ein Schweizer Wort. Risli heißt Reislein oder Pflänzchen. Meirisli also Maienreislein oder Maienpflänzchen. Das ist der Schweizer Name für das Maiglöckchen. Das Haus hieß also auf Hochdeutsch Maiglöckchen. In dem Gärtchen am Hause wuchsen viele Maiglöckchen. In dem Hause wohnten Mutter und Vater mit den drei Kindern ganz allein. Sie waren sehr froh darüber. Es ist schön, ein ganzes Häuschen für sich allein zu haben. Sie kamen sich manchmal ganz reich vor, weil sie es gut hatten in ihrem„ Meierisli"-Häuschen. Sie waren aber nicht reich. Sie waren sehr arm. Sie hatten kein Geld mehr, weil sie durch die bösen Menschen alles verloren hatten, durch die Nazis in Deutschland und durch die spanischen Faschisten. Und Vater durfte kein Geld verdienen. 11* 163 Er durfte nicht Bücher drucken lassen und nichts für die Zeitung schreiben. Er durfte nicht Lehrer. sein und durfte nicht Holzschnitzereien verkaufen. Die Schweizer Regierung hatte es ihm verboten. Warum tat sie es? Sie wollte, daß die Leute, die wegen der Nazis aus Deutschland weggegangen waren, schnell wieder aus der Schweiz in andere Länder gingen. Sie hatte Angst, daß die Nazis in Deutschland böse wären, wenn viele Flüchtlinge in der Schweiz wären. Darum machte sie den Flüchtlingen das Leben schwer. Sie durften kein Geld verdienen. Und später mußten die meisten in Lager. Das sind Holzhäuschen, in denen viele Leute zusammen schlafen, nur Männer oder nur Frauen. Oft war es so, daß ein Mann in ein Lager kam und seine Frau in ein anderes Lager. Sie wären lieber zusammengeblieben. Aber die Schweizer Regierung erlaubte es ihnen nicht. Sie mußten ins Lager. Und da mußten sie arbeiten: Bäume fällen und Straßen bauen und andere Dinge. Sie wollten ja gern arbeiten. Aber es ist Unsinn, wenn ein Arzt oder ein Musiker oder ein Schlosser Bäume fällen und Straßen bauen soll. Es gibt andere Leute, die das gelernt haben und viel besser. können. Und der Arzt soll Kranke heilen, der Musiker gute Musik machen, und der Schlosser hat. auch seine wichtige Arbeit. Weil sie aber Flüchtlinge waren, durften sie es nicht, sondern mußten ins Arbeitslager. 164 Die Schweizer Regierung sagte auch, die Flüchtlinge dürften nicht arbeiten, weil sie sonst den Schweizern die Arbeit wegnehmen würden. Es gab aber nicht viele Flüchtlinge in der Schweiz, und man hätte es gar nicht gemerkt, wenn sie gearbeitet hätten, was sie mochten. Deshalb hätten doch alle Schweizer Arbeit gehabt. Überhaupt ist es ganz dumm, daß die Schweiz sagt:„ Hier dürfen nur Schweizer leben und arbeiten." Und England sagt:„ Hier dürfen nur Engländer sein." Und Holland will nur Holländer haben. Und so weiter. Man soll gar nicht danach fragen, ob ein Mensch Deutscher oder Franzose oder Italiener oder Holländer ist. Jeder Mensch soll in jedem Lande leben können, in dem er leben will, und soll arbeiten können, was und wo er will. Wenn die großen Leute einmal alle gescheit sein werden, dann wird es auch so sein. Vielleicht geht es noch lange, bis es so weit ist, weil es überall zu viele Leute gibt, die die Leute aus den anderen Ländern nicht bei sich haben wollen oder die meinen, sie seien bessere Leute als die aus den anderen Ländern. Solche Leute heißen Nationalisten und sie haben in den meisten Ländern zu sagen. Vielleicht wird das noch lange nicht anders. Dann müßt ihr es anders machen, wenn ihr groß seid. Damit es in der Welt ein bißchen vernünftiger zugeht. Weil es in der Welt so dumm zugeht, und weil Vater kein Geld verdienen durfte, darum ging 165 es der Familie in der Schweiz schlecht. Womit sollten Vater und Mutter die Miete bezahlen? Und das Brot und die Milch? Und das Nähgarn und die Schuhsohlen und das andere? Man muß ja jeden Tag soviel bezahlen. Alle Leute müssen das. Wenn sie das nicht können und keiner hilft ihnen, dann haben sie nichts anzuziehen und müssen vor Hunger sterben. Wenn Vater und Mutter und Doris und Silvia und Konstanze keinen Menschen gehabt hätten, der ihnen geholfen hätte, dann hätten sie verhungern müssen. Aber es gab Menschen, die ihnen halfen. Das war das Komitee. Wenn Leute zusammenkommen und sich überlegen, wie sie etwas Gutes tun können, und sie geben Geld her und bitten andere Leute, daß sie auch Geld hergeben sollen, und dann verteilen sie das Geld an solche Menschen, die nicht genug haben, dann ist das ein Komitee. Nicht weit von dem Appenzeller Dorf Stein ist eine Stadt, die Sankt Gallen heißt. In Sankt Gallen war ein Komitee. Es hieß Sankt Galler Hilfe für Emigrantenkinder. Emigranten sind Leute, die aus ihrer Heimat fortgehen mußten, weil die Regierung sie dort nicht leben lassen wollte. Vater und Mutter waren Emigranten. Und Doris und Silvia und Konstanze waren Emigrantenkinder. Die Sankt Galler Hilfe für Emigrantenkinder sorgte für die Familie, damit sie nicht hungern mußten und Sachen zum Anziehen hatten. Sie gaben ihnen nicht nur Geld, sie waren 166 auch sehr, sehr lieb zu den Kindern. Da war die Frau Wenger. Und die Frau Doktor Rittmeyer. Und die Frau Adler. Und noch andere liebe Leute. Die halfen den Kindern so viel, wie sie nur konnten. Und sie überlegten sich immer, wie sie den Kindern helfen konnten, daß sie es gut hätten und daß sie etwas Rechtes lernen konnten. Darum hatten die Kinder niemals schlechte Kleider und immer genug zu essen. Und zu Weihnachten bekamen sie sogar Spielzeug und Süßigkeiten von der Sankt Galler Hilfe für Emigrantenkinder. Und einmal, als Konstanze lange Zeit sehr krank war und später auch Doris, und als es den Kindern einmal nicht gut ging und sie sich erholen mußten, da schickte das Komitee sie fort, damit es ihnen wieder besser ging, und es bezahlte alles für sie. Ich kann euch gar nicht sagen, was das Komitee alles für Doris und Silvia und Konstanze getan hat. Und für Mutter und Vater auch. Es gibt viel Häßliches und Böses in der Welt. Darum mußten Vater und Mutter von einem Land ins andere gehen und hatten Kummer und Not. Aber es gibt auch viel Schönes in der Welt. Das schöne Meer. Und die schönen Berge. Und die grünen Wälder. Und die Wiesen mit ihren Blumen. Und vieles andere noch: schöne Musik und schöne Geschichten und schöne Bilder. Und es ist schön, daß es liebe Menschen gibt. Menschen, die anderen. Menschen helfen und an sie denken wie an sich 167 selbst. Doris und Silvia waren doch nicht die Kinder von Frau Doktor Rittmeyer und von Frau Wenger und von Frau Adler, und Konstanze war es auch nicht. Aber sie dachten an sie, als ob sie ihre eigenen Kinder wären. Die meisten Menschen denken nur an sich und ihre Familie. Aber so soll es nicht sein. Man soll an alle Menschen denken, als ob sie Brüder und Schwestern wären. Wenn einmal alle Menschen so sind, dann wird es viel besser in der Welt sein. Es ist schön, daß Frau Wenger und Frau Adler und Frau Doktor Rittmeyer so waren. Die Kinder werden sie nie vergessen. Und Mutter und Vater auch nicht. Mutter und Vater möchten, daß die Kinder anderen Leuten auch so helfen würden, wenn sie groß sind. Pilze und Beeren Das Komitee konnte Vater und Mutter nur wenig Geld geben. Später gaben ihnen auch andere Leute etwas. Aber es war doch zu wenig zum Leben. Da pachteten die Eltern einen Garten. Wenn man in eine Wohung zieht, die einem anderen gehört, dann muß man ihm Geld dafür bezahlen. Das ist die Miete. Man hat die Wohnung gemietet. Wenn man in einem Garten etwas pflanzt, und der Garten gehört einem anderen, dann muß man ihm 168 auch Geld dafür bezahlen. Das ist die Pacht. Man, hat den Garten gepachtet. Pachten und mieten ist das gleiche. Aber bei der Wohnung sagt man„ mieten" und beim Garten„ pachten". In ihrem Pachtgarten pflanzten Mutter und Vater Kartoffeln und Gemüse. Auch die Kinder halfen mit beim Pflanzen und Begießen und Umgraben und Jäten. Jäten ist, wenn man das Unkraut herausreißt. Es wächst immer Unkraut im Garten. Da muß man jäten, sonst können die Kartoffeln und das Gemüse nicht richtig wachsen. Die Kinder halfen im Garten, aber das meiste mußten die Eltern tun. Es war eine schwere Arbeit. Aber sie hatten nun Kartoffeln und Gemüse und brauchten es nicht zu kaufen. Im Sommer und im Herbst gingen die Kinder mit den Eltern oft in den Wald und suchten Beer ren und Pilze. Meistens ging Vater allein. Die Kinder waren in der Schule. Mutter mußte kochen und putzen: Vater ging morgens früh fort mit einem Rucksack. Und wenn er nach Hause kam, hatte er den Rucksack voll von Beeren oder von Pilzen. Es gibt viele Beeren im Wald, die man essen kann. Heidelbeeren. Die kennt ihr. Und Himbeeren und Brombeeren und Walderdbeeren. Die kennt ihr auch. Kennt ihr auch roten Holunder? Der wächst auch im Wald an Sträuchern, und er sieht schön aus mit seinen roten Träubchen. Und die Berberitzen sehen auch schön aus. Das sind rote 169 Beeren, die wie lauter ganz kleine Würstchen aussehen. Man kann Kompott davon machen. Oder Marmelade. Aber es ist nicht leicht, die Berberitzen zu pflücken. Die Berberitzenzweige haben lange und scharfe Dornen. Sie zerstechen einem. die Finger. Auch die Brombeerdornen tun weh. Und die Rosensträucher stechen, wenn man ihre Früchte pflücken will. Diese Früchte heißen Hagebutten. Vater und Mutter pflückten sich viele Beeren im Wald. Das war eine mühsame Arbeit. Aber sie hatten dann etwas Gutes zu essen. Und sie pflückten sich viele, viele Pilze. Im Sommer konnte man viele frische Pilze essen. Und man konnte die Pilze trocknen oder einmachen, dann hatte man auch im Winter etwas. Viele Leute haben Angst vor den Pilzen. Sie meinen, man müßte sterben, wenn man sie iẞt. Es gibt auch giftige Pilze, aber die meisten kann man essen. Man braucht keine Angst vor ihnen zu haben, man muß sie nur richtig kennen. Wenn man in einer großen Stadt über die Straße geht und paẞt nicht auf, dann kann man von einem Auto überfahren werden und tot sein. Und wenn man bei den Pilzen nicht aufpaßt, dann kann man sich vergiften und sterben. Man muß niemals Angst haben, man muß nur richtig aufpassen. Vater kannte sehr viele Pilze, weiße und rote und braune und graue, große und kleine. Oft 170. kamen Leute zu ihm und zeigten ihm Pilze, die sie gesammelt hatten, und fragten ihn, ob man sie essen könnte. Er sagte es ihnen dann. Die Mutter kannte auch viele Pilze. Und die Kinder lernten von Vater die Pilze kennen. Als Konstanze noch klein war und noch nicht in die Schule ging, kannte sie schon zwanzig verschiedene Arten von Pilzen. Die Pilze sind komische Pflanzen. Sie haben keine Blätter. Auch Blumen haben sie nicht. Aber Pflanzen sind sie doch. Was man von den Pilzen sehen kann, das ist aber nicht die ganze Pflanze, es ist nur etwas ähnliches wie eine Frucht. Wo steckt denn das andere von der Pflanze? Es steckt meistens in der Erde drin. Wenn man da, wo ein Pilz wächst, die Erde umgräbt, dann sieht man darin etwas, das sieht aus wie lauter ganz feine Spinnenfäden. Das ist die Hauptsache von dem Pilz, und der Stiel und der Hut, den man sehen kann, wenn man die Erde nicht umgräbt, das ist etwas, was nur noch dazugehört. Es gibt sogar Pilze, die überhaupt keinen Hut haben. Und es gibt Pilze, die ihr kennt, aber ihr wißt gar nicht, daß es Pilze sind. Ihr habt doch schon Hefe gesehen. Solche Hefe, wie sie der Bäcker hat, und mit der eure Mutter Kuchen backen kann. Nun, die Hefe, das sind in Wirklichkeit Pilze. Pilze ohne Hut. Und wenn irgend etwas verschimmelt, dann ist der Schimmel nichts als lauter Pilze. Viele Pilze 171 helfen den Menschen, und viele Pilze schaden ihnen. Wenn man Wein machen will und Essig und Dickmilch und Kuchen und Käse, dann sind immer Pilze dabei, die den Menschen helfen. Es gibt sogar Pilze, aus denen man Medizin macht, um kranke Menschen zu heilen. Viele Leute wissen gar nicht, daß es Pilze sind, die bei solchen Sachen dabei sind. Sie wissen nur von den Pilzen im Wald. Von dem Männlein auf einem Bein. Ihr kennt doch das Lied von dem Männlein? Aber natürlich kennt ihr es! ,, Ein Männlein steht im Walde auf einem Bein..." Na, singt es einmal! Fein! Konstanze meint aber, das Männlein sei die Hagebutte und nicht der Pilz. Ja, also das Männlein im Walde, das ist auch so ein komisches Männlein. Es steckt in der Erde mit seinem Fuß oder an einem Baumstamm. Und unten dran, so daß man es nicht sieht, ist so etwas wie Spinnenweben. Mit diesen Fädchen holt es sich etwas zu essen. Alle Menschen müssen ja essen. Und alle Tiere. Und alle Pflanzen auch. Die grünen Pflanzen holen sich etwas zu essen aus der Luft. Das machen die Blätter. Und sie holen sich etwas zu essen aus der Erde. Das machen die Wurzeln. Die Pilze können sich nichts aus der Luft und nichts aus der Erde holen. Sie sitzen auf der Wurzel eines Baumes. Oder auf einem faulen Holzstück, das in der Erde steckt. Oder auf anderen Pflanzen oder auf etwas, was einmal von 172 einem Tier oder einer Pflanze gekommen ist. Daraus saugen sie sich etwas zu essen. Wenn die Pflanze noch lebt, von der sich der Pilz etwas zu essen holt, dann schadet er ihr oft. Denkt euch, ihr habt euren Teller vor euch und wollt essen, und auf einmal kommt einer und schleckt euch etwas vom Teller weg. So ist das manchmal mit dem Baum und dem Pilz. Aber manchmal ist es auch gar nicht so. Manchmal hilft der Pilz sogar dem Baum, und der Baum kann nicht so gut wachsen, wenn seine Würzelchen und die Pilzfäden nicht zusammen sind. Es gibt Pilze, die wachsen immer mit Tannenbäumen zusammen. Und andere mit Birken. Ein Pilz wächst beinahe nur bei Lärchen. Wißt ihr was das ist? Eine Lerche mit e ist ein Vogel. Eine Lärche mit ä ist etwas Ähnliches wie ein Tannenbaum. Aber die Lärche hat ganz kleine, niedliche Zäpfchen, und sie hat viel hellere und ganz weiche Nadeln. Und der Tannenbaum hat seine Nadeln das ganze Jahr, aber die Lärche wird im Herbst genau so kahl wie die Buchen und die Eichen und all die anderen Blätterbäume. Und bei den Lärchen wächst nun ein bestimmter Pilz. Wenn man gut aufpaßt, dann weiß man oft schon vorher, ob es in einem Wald oder bei einem Baum Filze gibt. Man muß sehen, wie der Baum aussieht. Und wie die Erde aussieht. Und wie die Pflanzen aussehen, die bei dem Baum stehen. Ja, 173 aufpassen muß man beim Pilzsuchen. Wer nichts davon versteht, der findet meistens gar keine Pilze. Aber wer es richtig versteht, findet an der gleichen Stelle viele. Man muß das Pilzsuchen gelernt haben. Alles im Leben muß man lernen. Und alles, was man gelernt hat, hilft einem irgendwann einmal. Man weiß es oft nicht vorher, wozu es gut ist. Auf einmal ist man froh, daß man es gelernt hat, weil man es brauchen kann. Die Schweiz ist schön Doris und Silvia und Konstanze wohnten viele Jahre in der Schweiz. Doris war neun Jahre alt gewesen, als sie in die Schweiz kam, und sie war achtzehn Jahre alt, als sie wieder fortging. Silvia war sechs Jahre alt gewesen und war zuletzt fünfzehn. Konstanze war noch ein kleines Baby, das nicht sprechen und nicht gehen konnte und noch nicht ein Jahr alt war. Wie alt war sie, als sie aus der Schweiz fortging? Das könnt ihr selber ausrechnen! Wenn man viele Jahre an einem Ort ist, dann erlebt man viel. Das ist bei großen Leuten so. Es ist bei Kindern erst recht so, weil sie noch wachsen und vieles kennen lernen, was sie zuerst noch nicht kennen oder noch nicht verstehen. Jeden 174 Tag erlebt man etwas. Das geht euch doch auch so. Und Doris und Silvia und Konstanze ging es nicht anders. Konstanze mußte erst sprechen und gehen lernen. Und später kam sie in die Schule und mußte lesen und schreiben und rechnen lernen. Und vieles andere auch noch. Auch Doris und Silvia gingen in die Schule. Zuerst in Stein. Und dann nachher in eine andere Schule nach Sankt Gallen. Und gerade wie ihr erlebten sie jeden Tag etwas Neues. Ich kann das gar nicht alles auf- schreiben. Sonst würde das Buch so dick, daß ihr es gar nicht hochheben könntet. Es war schön in dem„Meierisli“-Haus. Und es war auch schön draußen. Konstanze spielte mit anderen Kindern. Mit Müsli und Silveli und Nelli und Rösli. Und später ging sie mit ihnen in die Schule. Silvia hatte eine Freundin, die hieß Ella. Und Doris hatte auch eine Freundin, die hieß Ella. Aber das war eine andere Ella. Sie hatte nur den gleichen Vornamen. _ Es war schön, über die Wiesen zu gehen und in den Wald und auf die Berge zu steigen. Weil das Dorf Stein, in dem sie wohnten, auf den Bergen liegt— nicht auf den ganz hohen Bergen, aber doch viel höher als die meisten Dörfer und Städte in Deutschland— darum gab es da auch andere Blumen als weiter unten. Wunderschöne bunte Blumen gab es, und so viele, daß man es nicht: sagen kann. Es gab Wiesen, die waren im Früh- 175 ling ganz voller Schneeglöckchen. Und auf einem Berge blühten so viele weiße und lila Krokus, daß man beinahe keinen Schritt gehen konnte, ohne auf eine Krokusblume zu treten. Auf den Wiesen von Stein blühten wilde gelbe Narzissen. Die Leute nennen sie dort, Märzestärn". Und es gab Soldanellen, die wie Glockenblümchen mit geschlitzten Röckchen aussehen. Und ganz leuchtend blauen Enzian. Und wunderschön schimmernde Alpenrosen. Und Bergdisteln, die wie Silber glänzen. Und viele andere wunderschöne Blumen. Es war eine Freude, die bunten Wiesen anzusehen. Und die hohen, hohen Berge mit ihren grauen Felsen. Und es war schön, von den Bergen hinunterzuschauen. Auf die grünen Wiesen und Wälder und die Dörfer, die von oben so klein aussahen. Man konnte meinen, daß man ein ganzes Dorf in eine Streichholzschachtel stecken könnte. So klein sah es aus. " Und es war schön, in den Tobel zu gehen. Ein ganz enges und tiefes Bachtal heißt in der Schweiz Tobel". Nicht weit vom ,, Meierisli" war ein Tobel, in den konnte man hinuntersteigen. Auf einem Zickzackweg oder auf Treppenstufen im Wald. Zwischen hohen Felswänden floß da unten ein Bach. Das Wasser war grün, und es schäumte weiß, weil es so schnell floß und über Steine und Felsen sprang. Man konnte in dem Wasser baden. Das machte Spaß. 176 Und es machte Spaß, den Alpaufzug anzusehen. In der Schweiz werden die Kühe im Sommer auf die Berge gebracht. Dann fressen sie das gute Berggras und die guten Bergkräuter und geben ganz fette Milch. Im Herbst kommen sie wieder herab in die Dörfer. Dann kommt in den Bergen bald der Schnee, und der ist viel, viel höher als unten, und man kann nicht oben bleiben. Die Berg- wiesen nennt man in der Schweiz Alpen. Darum hat man auch die ganzen Berge Alpen genannt. Und darum heißt es Alpaufzug, wenn die Kühe auf die Berge hinaufziehen. Der Alpaufzug ist ein richtiger Festtag. Die Männer, die für die Kühe sorgen und mit ihnen auf die Berge gehen, heißen Sennen. Beim Alpaufzug haben sie sich ganz schön angezogen. Sie haben schwarze Hüte und weiße Hemden und rote Jak- ken und gelbe Hosen an. Und sie gehen vor den Kühen her und locken sie mit einem ganz selt- samen Ruf. Auch ein Junge ist bei ihnen. Das ist der Geißbub. Er ist genau so angezogen, wie die großen Männer. Und er sorgt für die Ziegen. Die meisten Ziegen sind schneeweiß und haben keine Hörner. Die Kühe laufen in einer großen und dichten Schar daher. Aber die drei schönsten Kühe gehen vornedran und sind prächtig geschmückt. Sie haben Papierblumen an den Hörnern. Und sie haben ganz breite, schöne Lederhalsbänder, an denen hängen riesige Glocken, viel größer als die Glocken, die die Kühe sonst am Hals haben. Jede 12 3 Kinder 177 von den drei Kühen hat eine Glocke mit einem anderen Klang, und wenn die drei Glocken zusammenklingen, dann gibt es eine schöne Musik. Man hört den Alpaufzug schon von weitem an dem Glockenklang und den„ Ho- ho- ho"-Rufen der Sennen. Dann gucken alle Leute zu Fenstern und Türen heraus, und die Sennen sind stolz auf ihren schönen Alpaufzug. - Doris und Silvia und Konstanze waren auch oft auf den Bergen, Konstanze sogar schon, als sie noch ganz klein war. Sie waren sogar ganz hoch oben, wo es keine Kühe und keine Wiesen mehr gibt, und schon lange keine Bäume mehr beinahe nur Felsen. Ja, und zwischen den Felsen auch noch Schnee. Ganz hoch oben auf den Bergen gibt es ewigen Schnee. Der schmilzt auch im Sommer nicht. Man kann im Sommer eine Schneeballschlacht machen. Das ist doch lustig. Ja, es gab viel Schönes in der Schweiz. Es war auch schön, wenn die Kinder abends mit Mutter und Vater zusammensaßen. Das machten sie beinahe jeden Abend. Es war eine Feierstunde. Vater spielte Laute. Und dann sangen sie schöne Lieder. Manchmal sang jedes eine Stimme für sich. Sie sangen Lieder vom Frühling und vom Sommer. Und vom Wandern. Und auch Lieder von den armen Menschen, denen es schlecht geht in der Welt, und daß man es anders machen muß in der Welt, damit es allen Menschen gut geht. Und dann 178 las Vater etwas vor. Viele, viele schöne Geschichten wußte er. Oder er zeigte ihnen schöne Bilder und erzählte ihnen etwas dazu. Ja, es war schön in der Schweiz. Beinahe nach Chile gefahren! Es war schön in der Schweiz. Aber doch nicht ganz schön. Viele Menschen waren lieb zu Doris und Silvia und Konstanze. Aber es gab auch Leute, die gar nicht lieb zu ihnen waren. Auch Kinder. Und viele Kinder wollten einfach nichts von ihnen wissen. Warum? Weil sie keine Schweizer Kinder waren. Und weil sie andere Namen haben als die meisten Schweizer Kinder. Und weil ihre Eltern anders waren. Und weil sie keine Bauern waren und kein Geschäft hatten. Einfach weil sie anders waren als andere Kinder. Wenn ein Mensch anders ist als andere Menschen, so ist er darum nicht besser. Er ist aber auch nicht schlechter. Die Hauptsache ist, daß er ein Mensch ist wie alle anderen. Aber vielen großen Menschen und auch vielen Kindern ist es nicht recht, wenn einer anders ist als sie. Und sie sind nicht lieb zu ihm. Darum waren Doris und Silvia manchmal ganz verlassen unter vielen Kindern. Und dann waren sie sehr traurig. Sie waren auch manchmal traurig, weil sie nicht alles haben 12* 179 konnten, was andere Kinder hatten. Die Eltern waren arm, weil sie kein Geld verdienen durften. Und weil sie kein Geld verdienen durften und weil die Schweizer Regierung sie nicht in der Schweiz lassen wollte, darum mußten sie fort. Sie wollten in ein anderes Land gehen. Das war sehr schwer. Beinahe alle Länder wollten die Emigranten nicht hereinlassen. Schließlich gab es ein Land, das sie hereinlassen wollte. Das ist das Land Chile. Sie wollten also nach Chile fahren. Chile ist ganz, ganz weit weg von hier. Man muß lange, lange mit einem großen Schiff über das Meer fahren, um hinzukommen. Es liegt in dem riesigen Erdteil Südamerika. Und es ist ein seltsames Land. In einem Teil von Chile regnet es schrecklich viel. Und in einem anderen Teil regnet es beinahe gar nicht. Es gibt Berge, die riesig groß sind und auf denen immer Schnee liegt. Und es gibt die Ebene, wo es gar keinen Schnee gibt.. Und das große, große Meer. Es gibt auch viele Tiere und viele Pflanzen, die es hier nicht gibt. Auch die Menschen sind anders. Es war einmal eine Zeit, da lebten nur Indianer und andere Völker in Chile. Dann kamen die Spanier von weither nach Chile. Chile gehört jetzt nicht mehr zu Spanien. Es ist ein Land für sich. Aber die Leute sprechen spanisch. Ich sagte schon, daß es ein seltsames Land ist. Im Winter ist es da am wärmsten und im Sommer 180 am kältesten. Bei uns ist die Sonne mittags im Süden und kommt niemals nach Norden. In Chile ist es gerade umgekehrt. Und sogar die Sterne sehen in Chile ganz anders aus als bei uns. Für die Menschen hier ist es eine verkehrte Welt. Aber die Menschen in Chile sagen, daß es bei uns eine verkehrte Welt ist. Es kommt immer darauf an, wie man es gewohnt ist. Wenn Vater und Mutter und Doris und Silvia und Konstanze nach Chile gefahren wären, dann würde ich euch noch mehr von Chile erzählen. Aber sie fuhren nicht hin. Sie wollten es wohl. Sie hatten schon die Schiffskarten für einen großen Dampfer, der von Frankreich abfahren sollte. Mit dem Dampfer wollten sie fahren. Und sie hatten schon ihr Gepäck gepackt. Und hatten schon ihre Wohnung gekündigt. Das muß man tun, wenn man aus einer Wohnung weggeht. Dann sagt man, daß man die Wohnung nicht mehr haben will. Und das heißt kündigen. Sie hatten auch schon das meiste Gepäck nach Sankt Gallen geschickt. Von Sankt Gallen sollte. es mit der Eisenbahn nach Frankreich gebracht. werden. Mutter und Vater und die Kinder wollten dann auch mit der Eisenbahn nach Frankreich fahren. Aber das Gepäck kam nicht mehr von Sankt Gallen nach Frankreich. Das war gut, denn sonst hätten die Eltern und die Kinder vielleicht ihre Sachen nicht mehr wiederbekommen. Und es 181 war auch gut, daß sie noch nicht abgefahren waren. Denn nun kam etwas dazwischen. Es kam der Krieg. Und das Schiff nach Chile fuhr nicht mehr, weil Krieg war. Und die Eltern und die Kinder konnten nicht nach Frankreich fahren und erst recht nicht nach Chile, weil Krieg war. Ihr Gepäck kam nach Stein zurück. Und sie mußten sich eine neue Wohnung suchen. Die neue Wohnung war das„ Meierisli", von dem ich schon erzählt habe. Sie blieben in der Schweiz und in dem Schweizer Dorf, das Stein heißt, und in dem Haus, das„ Meierisli" heißt. Sie blieben, bis der Krieg zu Ende war. Der Krieg dauerte sehr lange. Doris war elf Jahre alt. Silvia war acht Jahre beim Kriegsanfang. Nach dem Krieg war sie vierzehn. Konstanze war bei Kriegsausbruch erst zwei Jahre. Und bei Kriegsende war sie schon acht. So lange war Krieg. Erst als der Krieg aus war, gingen sie in ein anderes Land. Aber nicht nach Chile. Wohin sie dann gingen und wie es mit ihrem Fortgehen war, das erzähle ich euch später. Der böse Krieg Ich muß euch jetzt zuerst etwas vom Krieg erzählen. Warum es Krieg gab und wie es überhaupt mit dem Krieg ist, davon können Kinder noch 182 nicht alles verstehen. Es gibt natürlich viele Sachen, die Kinder noch nicht verstehen können. Warum? Ja, seht einmal, wenn man noch gar nicht rechnen gelernt hat, dann kann man doch nicht wissen, wieviel acht und siebzehn ist. Wieviel ist es eigentlich? Na, das könnt ihr doch alle aus- rechnen. Man muß aber nicht nur rechnen und schreiben und lesen lernen. Man muß noch vieles andere lernen. Vieles in der Schule. Und vieles auch nicht in’ der Schule. Wenn ihr zum Beispiel für eure Mutter Brot einkaufen sollt, dann müßt ihr wissen, wo der Bäcker wohnt, der euch das Brot verkauft. Das müßt ihr gelernt haben. Ihr müßt auch lernen, was für eine Briefmarke man auf einen Brief auf- kleben muß, und wie Rhabarber aussieht, und wie man eine Schleife am Schuh bindet und vieles andere. Das lernt man nicht in der Schule. Die großen Leute sagen: Das lernt man im Leben. Auch die großen Leute müssen immer wieder etwas im Leben dazulernen. Zum Beispiel was ein Prinzip ist oder eine Partei, oder wie man den Fahrplan liest und was Freihandel ist. Ihr braucht das noch nicht zu lernen, weil ihr noch nicht groß seid, und darum erkläre ich es euch auch nicht. Ihr könnt es auch noch nicht lernen. Ein Kind, das die Zahlen noch nicht gelernt hat, kann noch nicht lesen, was für eine Zahl auf der Briefmarke steht. Mit dem Lernen ist das so wie mit dem 183 Treppensteigen. Wenn man auf die zweite Stufe gehen will, muß man erst auf die erste Stufe treten. Manche Menschen überschlagen beim Treppensteigen auch eine Stufe. Das soll man aber nicht tun, weil man dann ausrutschen und hinfallen kann. So ist das auch mit dem Lernen. Wenn man etwas gelernt hat, das ist dann die erste Stufe. Und dann kann man etwas anderes schon verstehen und lernen. Das ist die zweite Stufe. Und so geht es immer weiter. Man kann auch beim Lernen eine Stufe überschlagen. Dann rutscht man nicht. aus und fällt hin. Aber etwas anderes ist dann: Dann versteht man nachher nicht, was man später lernen soll und kommt nicht weiter. Es ist also beinahe ebenso wie das Ausrutschen beim Treppensteigen. Habt ihr auch schon einmal versucht, sieben Treppenstufen zu überschlagen? Nicht wahr, das kann man nicht. So muß man auch beim Lernen manchmal warten, bis man genug gelernt hat, um die schweren Sachen zu verstehen. Wenn ihr die Eltern etwas fragt, und sie sagen:„ Das verstehst du noch nicht", dann ist es wirklich so. Aber natürlich soll man Kindern alles erzählen, was sie schon verstehen können. Sie wollen ja die ganze Welt verstehen lernen, und die Welt ist groß und weit, und es geschieht so viel darin. Darum erzähle ich euch jetzt vom Krieg. Denn der Krieg geht schon die kleinen Kinder etwas an. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Menschen, den der 184 Krieg nichts anginge. Darum müßt ihr etwas davon wissen. So viel, wie ihr verstehen könnt. In der Schweiz gab es keinen Krieg. Aber man merkte doch, daß in anderen Ländern Krieg war. Die meisten Leute konnten nicht mehr in andere Länder reisen. Und viele Männer in der Schweiz mußten Soldaten werden. Man wußte nicht, ob der Krieg nicht auch in die Schweiz käme. Dann hätten sich die Schweizer wehren müssen. Dazu braucht man Soldaten. Wenn sie aber so lange gewartet hätten, bis der Krieg schon da wäre, dann wäre es zu spät geworden. Sie hätten sich dann nicht. mehr wehren können. Darum mußten viele Schweizer Soldaten werden, als der Krieg in anderen Ländern anfing, und mußten aufpassen, ob keine fremden Soldaten ankämen, um die Schweiz zu erobern. Man merkte auch sonst noch, daß Krieg war. Vor dem Krieg waren viele Sachen, die man in der Schweiz brauchte, aus anderen Ländern dorthin gebracht worden. Jetzt kam das meiste davon nicht mehr. Man konnte es nicht kaufen. Oder es gab nicht mehr genug davon, und man mußte es so verteilen, daß jeder gleich viel bekam. Man gab allen Leuten Papiere, auf denen war gedruckt, wieviel Brot oder Butter oder Milch man bekommen konnte. Wenn man es kaufte, behielt der Bäcker oder das Geschäft oder der Milchmann das Zettelchen, auf dem„ Brot" oder„ Butter" oder 185 „Milch“ daraufstand. Das wißt ihr ja alle Ihr wißt, daß diese Papiere die Lebensmittelkarten sind. Vor dem Kriege gab es keine Lebensmittel- karten. Man konnte in ein Geschäft gehen und sagen:„Geben Sie mir bitte einen ganzen Schul- tornister voll Bonbons.“ Oder:„Geben Sie mir bitte hundert Tafeln Schokolade und hundert Eier und eine ganze Einkaufstasche voll Butter und tausend Apfelsinen.“ Das konnte man sagen. Und man bekam es auch wirklich. Natürlich nur, wenn manGeld hatte, um dieSachen zu bezahlen. Da war es also wie im Schlaraffenland? Nein, das war es nicht. Die meisten Leute hatten nicht so viel Geld, um sich alles zu kaufen, was sie gern haben woll- ten. Es gab Leute, die sich beinahe gar nichts kaufen konnten, weil sie arm waren. Aber sogar den meisten armen Leuten ging es damals besser als im Kriege und auch besser als nach dem Kriege. Und den allermeisten Leuten ging es viel, ‚ viel besser. Erst als der Krieg kam, wurde es anders. Es wurden nur noch wenige Sachen von einem Land ins andere gebracht. Und durch den Krieg wurden viele Fabriken zerstört, und man konnte viele Sachen nicht mehr machen, die man vorher gemacht hatte. Viele Fabriken mußten auch andere Sachen machen als vorher. Sie hatten vor- her Kleider für Kinder und große Leute gemacht. Jetzt machten sie Uniformen, und es gab nicht 186 4 N y mehr genug Anzüge für andere Leute als die Soldaten. Und viele Sachen gab es nicht, weil die Fabriken, die sie gemacht hatten, jetzt Gewehre, Kanonen und Flugzeuge und andere Sachen für den Krieg machten. Dann waren auch sehr viele Arbeiter nicht mehr in den Fabriken, weil sie Soldaten werden mußten. Viele Bauern mußten auch Soldaten werden, darum konnte nicht mehr so viel angepflanzt werden. Und darum gab es weniger zu essen. Zuerst war das alles noch nicht so schlimm. Man kann viele Sachen lange aufheben. Das sind die Vorräte. Es gab Vorräte von Sachen, die man essen kann, und von Sachen, die man anziehen kann, und von vielen anderen Sachen. Aber, wenn man immer Vorräte wegnimmt und tut keine neuen mehr dazu, dann hat man schließlich immer weniger Sachen zum Verteilen. Wenn es heute viele Sachen nicht gibt, so darum, weil man die Vorräte aufgebraucht hat und weil im Kriege nicht mehr genug gemacht worden ist. Und auch, weil im Kriege so viele Fabriken zerstört worden sind, und weil viele, viele Bauern im Kriege als Soldaten getötet worden sind, die vorher Korn oder Kartoffeln oder Gemüse gepflanzt hatten. Und weil andere Bauern nicht genug Samen haben oder nicht genug Maschinen oder Werkzeuge oder Kühe oder Pferde zum Pflügen. Der Krieg hat ihnen das alles weggenommen. Darum können sie nicht mehr 187 so viel pflanzen und ernten. Und darum gibt es von so vielen Sachen nicht genug. So ist das mit dem Krieg. Aber wenn es so ist, warum hat man denn dann Krieg gemacht? Die Leute, die den Krieg machten, meinten, sie würden immer Sachen genug haben, nur die Leute in den anderen Ländern nicht. Das war ihnen egal. Daran seht ihr schon, daß es böse Leute waren. Das war die Nazi- Regierung. Zuerst wollte sie in Deutschland allein zu sagen haben. Die Leute, die das nicht wollten und die meinten, jeder Mensch in Deutschland müßte gerade so viel zu sagen haben wie jeder andere, diese Leute wurden ins Gefängnis gesteckt. Oder sie wurden getötet. Oder sie mußten in ein anderes Land flüchten. Als die Nazi- Regierung allein zu sagen hatte, da war ihr das noch nicht genug. Sie wollte jetzt auch in der ganzen Welt allein zu sagen haben. Zuerst nahm sie kleine Länder weg, die sich nicht wehren konnten. Diese Länder heißen Österreich und die Tschechoslowakei. Aber das war den Nazis noch nicht genug. Sie wollten jetzt auch in einem anderen Land zu sagen haben, das Polen heißt. Die Polen wollten das aber nicht, und sie wehrten sich. Und ein Land nach dem andern half gegen die Nazis, weil die Menschen in den anderen Ländern merkten, daß die Nazis alle Länder erobern wollten, und darum wollten sie sich lieber alle zusammen wehren. Sie mochten den Krieg gar 188 nicht gern. Aber sie mußten doch in den Krieg gehen. Wenn ein böser Junge dich boxt und tritt, und du kannst ihm nicht aus dem Wege gehen, dann wehrst du dich natürlich. So mußten sich auch alle die anderen Völker gegen die deutschen Soldaten wehren, die von der Nazi-Regierung in den Krieg geschickt wurden. Zuerst eroberten die deutschen Soldaten das Land Polen. Und dann ein Land nach dem anderen. Es war entsetzlich, wie viele Menschen sie töteten. Und sie bombardierten viele Städte, so daß die Häuser zusammenstürzten oder ver- brannten. Überall wurden Menschen dabei getötet. Und die Möbel verbrannten und das Geschirr ging entzwei und alles. In Deutschland freuten sich viele Leute darüber. Manche Menschen sind böse und freuen sich, wenn es anderen Menschen schlecht geht. Und viele Menschen sind dumm. Sie über- legen sich gar nicht, daß der Krieg etwas Böses ist, und daß das Soldatsein etwas Böses ist, wenn man nicht Soldat ist, um sein Land gegen böse Leute zu schützen. Die dummen Menschen in Deutschland freuten sich, wenn die Regierung sagte:„Wir haben gesiegt“. Sie meinten, das wäre etwas Gutes. Aber es war etwas Böses. Es’ hieß, daß die deutschen Soldaten vielen, vielen Kindern den Vater und die Mutter getötet hatten, und daß die armen Kinder jetzt keinen Vater und keine Mutter mehr hatten. Und, daß sie vielen Eltern 189 die Kinder getötet hatten. Und daß viele, viele Menschen nichts mehr zu essen hatten, daß sie kein Haus mehr hatten und nichts mehr anzuziehen, und daß sie vor Hunger und vor Kälte sterben mußten. So etwas Entsetzliches hatte die Nazi- Regierung befohlen, und die dummen Leute freuten sich darüber, weil sie nicht überlegten, was das heißt:„ Wir haben gesiegt". Und die bösen Menschen wußten es und freuten sich doch. Zuerst hatte es ausgesehen, als ob die Nazis. wirklich alle Länder erobern würden. Aber dann kam es anders. Dann fingen die andern an, den Krieg zu gewinnen. Die Länder, die nur Krieg machten, weil es gar nicht anders ging. Weil die Nazis sie sonst auch überfallen hätten. Oder weil die Nazis sie wirklich schon überfallen hatten. Diese anderen Länder mußten sich wehren. Darum mußten sie Soldaten in den Krieg schicken, die gegen die deutschen Soldaten kämpften. Und sie mußten das tun, was die Deutschen zuerst getan hatten: Sie mußten mit ihren Flugzeugen Bomben auf deutsche Städte werfen. In diesen Städten wurden in den Fabriken die Sachen gemacht, die die Nazis für den Krieg brauchten. Die Engländer und die Amerikaner schickten ihre Flugzeuge nach Deutschland. Die Flugzeuge warfen Bomben auf die Städte und zerstörten sie. Sie wollten die Nazis zwingen, mit dem Krieg aufzuhören. Aber es war der Regierung egal, ob noch so viele Menschen in 190 Deutschland von den Bomben getötet wurden. Deutschland war ihnen ganz egal. Alle Menschen waren ihnen egal, sie wollten nur für sich selber sorgen und wollten immer zu sagen haben. Wenn der Krieg aus wäre, würde die Nazi- Regierung nichts mehr zu sagen haben. Darum wollte sie immer weiter Krieg führen, und es war ihr egal, wenn eine Stadt nach der anderen zerstört wurde, und wenn so viele Menschen getötet wurden, daß man es sich gar nicht vorstellen kann. Sie führten so lange Krieg, bis sie überhaupt nicht mehr konnten und besiegt waren. Und der Krieg hörte erst auf, als beinahe ganz Deutschland zerstört war. Wenn es jetzt in Deutschland nur noch wenige richtig schöne Wohnungen gibt, und wenn man viele Sachen nicht kaufen kann, und wenn viele Kinder gar nicht wissen, was eine Banane ist oder eine Dattel oder eine Feige, und wenn kein Kind in Deutschland sich vorstellen kann, wie es ist, wenn man alles kaufen kann, wofür man das Geld hat, und wenn Deutschland niemals wieder so aussehen wird, wie es vor dem Kriege ausgesehen hat, und wenn ihr auch als große Leute immer noch nicht so gut leben werdet wie früher eure Eltern, dann ist an alledem der Krieg schuld. Und am Krieg sind die großen Nazis schuld. Alle Menschen. müssen sorgen, daß es niemals wieder einen Krieg gibt. Und daß niemals mehr Leute in Deutschland etwas zu sagen haben, die Krieg machen wollen. 191 Man muß solche Menschen ins Gefängnis sperren. Und man muß auch die Leute ins Gefängnis sperren, die solchen Leuten Geld geben, damit sie mächtig werden. Die Leute, die das Geld dafür geben, sind noch viel gemeiner. Was mit Friedrichshafen geschah In der Schweiz gab es keinen Krieg. Aber Deutschland war nicht weit weg von dem Dorf, in dem Doris und Silvia und Konstanze wohnten. Man konnte den Bodensee sehen. Und auf der anderen Seite vom Bodensee konnte man den Anfang von Deutschland sehen. Man hörte oft die englischen und amerikanischen Flugzeuge, wenn sie nach Deutschland flogen. Man hörte auch von fern die Bomben explodieren und die Kanonen schießen. Die englischen und die amerikanischen Flugzeuge flogen auch über die Schweiz nach Deutschland. Auch die deutschen Flugzeuge flogen über die Schweiz, aber nicht so oft, weil es nicht. so viele deutsche Flugzeuge gab. Wenn Flugzeuge aus den anderen Ländern über die Schweiz kamen, dann gab es auch in der Schweiz Fliegeralarm. Am Bodensee liegt die Stadt Friedrichshafen. Sie gehört zu Deutschland. In Friedrichshafen gab es Fabriken, in denen Sachen für den Krieg gemacht wurden. In einer Nacht kamen viele, viele 192 Flugzeuge über Friedrichshafen. Sie warfen Bomben. Die Bomben zerstörten viele Häuser in der Stadt. Es war eine furchtbare Bombardierung. Sogar in Stein zitterten die Häuser davon. Konstanze schrie immer: Unser Haus ist aber fest!" Weil der ganze Himmel von den Flugzeugen dröhnte, und weil die Explosionen so furchtbar waren, und weil das ,, Meierisli" zitterte und bebte, meinte sie, die Bomben fielen auf das Dach, und wunderte sich, daß das Haus nicht zerstört wurde. Weil sie in keinem Kriegsland war, wußte sie nicht so genau, wie es mit dem Bombardieren ist. Mama und Papa und Doris und Silvia standen am Fenster und hatten Tränen in den Augen, und Mama und Doris und Silvia zitterten. Sie zitterten nicht vor Angst. Sie sahen, wie die Flammen von Friedrichshafen emporschlugen, und wie der Rauch zum Himmel stieg. Die armen Menschen, die in dem Bombardement getötet wurden, taten ihnen so leid. Es war so entsetzlich anzusehen, wie Friedrichshafen brannte, weil die Nazi- Regierung den Krieg angefangen hatte. Sie wünschten so sehr, daß der Krieg zu Ende wäre. Der Krieg ist so traurig. Viele Leute wollen gar nichts mehr davon hören. Und viele Eltern sagen, ihre Kinder sollten nichts vom Krieg lesen und überhaupt nichts Trauriges. Aber das ist nicht richtig. Wenn man richtig fröhlich sein will, dann muß man auch manchmal traurig sein. Das ist bei 13 3 Kinder 193 großen Leuten so und auch bei Kindern. Ich würde euch lieber lauter lustige Sachen erzählen. Aber im Leben ist nicht alles lustig. Kinder müssen verstehen, warum es in der Welt jetzt so aussieht. Dann lernen sie, es einmal besser zu machen. Und dann haben sie die richtige Freude an dem, was schön ist, und sie können jetzt und auch später als große Leute das Richtige tun, damit es nicht. mehr traurig in der Welt ist und sie fröhlich sein können. Wenn man den Kindern aber nicht sagt, was in der Welt traurig ist, dann wissen sie nicht richtig Bescheid, und dann ist später im Leben vieles anders, als sie es sich gedacht haben. Dann hören sie jetzt nicht so viel Trauriges, aber wenn sie groß sind, wird es für sie im Leben viel trauriger sein. Darum erzähle ich euch vom Kriege. Und ich muß euch auch noch andere schlimme Sachen erzählen. Aber seht, die schlimmsten. Sachen sind nun vorbei. Auch der Krieg ist vorbei. Und wenn auch noch lange nicht alles gut ist, es ist doch schon wieder viel besser. Das ist die Hauptsache. So war das mit den Juden Damit ihr verstehen könnt, was mit Doris und Silvia und Konstanze und mit ihrer Familie geschah, muß ich euch etwas von den Juden erzäh194 len. Mutter ist eine Jüdin. Und Mutters Eltern waren Juden. Das waren also die Großeltern der Kinder. Und auch drei Onkel waren Juden. Aber was sind eigentlich Juden? Ihr habt schon von der Bibel gehört. Die Bibel ist ein Buch, aus dem in allen Kirchen der Welt etwas gelesen wird. Die Leute, die in die Kirche gehen, sagen, es sei ein heiliges Buch. Sie nennen es auch die Heilige Schrift. Die Bibel ist von den Juden geschrieben worden. Und ein Teil der Bibel ist beinahe das älteste Buch, das es überhaupt gibt. Als die Menschen in Deutschland und in den Ländern in der Nähe von Deutschland noch nicht schreiben und nicht lesen konnten, und als es hier noch keine Städte gab und noch keine Schuster und keine Schneider und keine Schreiner, da gab es das alles schon in anderen Ländern am Mittelmeer und nicht weit vom Mittelmeer in warmen Ländern. Auch die Juden lebten damals am Mittelmeer, und sie hatten auch schon alles dies, was ich eben gesagt habe. Beinahe alle Völker auf der Erde haben viel von ihnen gelernt. Wenn wir sagen, daß die Woche sieben Tage hat, so haben wir das von den Juden gelernt. Von den alten Juden, die vor vielen tausend Jahren gelebt haben. Vielleicht haben wir sogar das Schreiben von den Juden gelernt. Das weiß man nicht so genau, weil es schon so lange her ist. Die Juden waren ein fleißiges und tüchtiges Volk. Es gab tüchtige Hand13* 195 werker bei ihnen. Es gab Hirten, die mit ihren Herden im Lande herumzogen. Es gab Bauern, die Früchte anpflanzten, die man bei uns erst nach tausend Jahren kennenlernte. Die Juden hatten Gesetze, mit denen sie für die armen Leute besser sorgten, als es heute in vielen Ländern geschieht. Die Juden waren aber ein kleines Volk. Sie wurden oft von anderen Völkern überfallen, die gern ihr Land haben wollten. Sie wurden von großen Völkern besiegt. Weil sie immer wieder versuchten, wieder für sich allein zu leben und die fremden Herrscher davonzujagen, wurde ihnen. viel Böses getan. Zuletzt zerstörte vor fast zweitausend Jahren das Römische Reich beinahe ihre ganze Hauptstadt, und viele, viele Juden wurden in andere Länder gebracht und durften nicht mehr in Palästina bleiben. Seitdem haben die Juden kein eigenes Land mehr. Sie leben überall auf der Erde in anderen Ländern. Und in beinahe allen Ländern hat man ihnen Böses getan. Man hat ihnen ihre Sachen weggenommen. Man hat sie verjagt. Man hat ihnen nicht erlaubt zu wohnen, wo sie wollen, und zu arbeiten, was sie wollen. Man hat viele, viele Juden getötet. Warum war man so böse zu den Juden? Hatten sie den anderen Leuten etwas getan? Nein, sie hatten ihnen gar nichts getan. Es gab böse und gute Menschen bei ihnen. So wie es bei allen Völkern böse und gute Menschen gibt. Nein, es war 196 gar kein Grund, böse zu den Juden zu sein. War- um war man denn böse zu ihnen? Die Juden glauben etwas anderes als die anderen Leute. Sie gehen nicht in die Kirche. Sie gehen in ihre eigene Kirche, die Synagoge heißt. Bei ihnen ist der Sonntag kein Ruhetag gewesen, sondern der Samstag. Und bei vielen Juden ist das heute noch so. Sie lebten also etwas anders als die ande- ren Menschen. Und manche von ihnen sahen auch" ein bißchen anders aus als die meisten Leute in vielen Ländern. In Italien und in Spanien sehen die Juden genau so aus wie die anderen Leute. In Deutschland ist oft ein Unterschied da. Die Unterschiede zwischen den Menschen sind nicht groß. Und sie sind auch gar nicht wichtig. Ob ein Kind zu seiner Mutter„mother“ sagt wie die Engländer oder„mere“ wie die Franzosen oder „madre“ wie die Spanier, sie meinen doch alle das gleiche damit. Nein, die Unterschiede'sind gar nicht wichtig. Aber es gibt dumme Leute, die mei- nen, es wäre etwas ganz Besonderes, wenn man Deutscher ist oder Engländer oder Amerikaner. Und alle anderen wären weniger wert. So glauben auch viele Leute, sie seien mehr als die Juden. Das ist natürlich Unsinn. Dann war auch noch etwas anderes: Oft ging es vielen Leuten schlecht. Sie hatten nicht genug Geld, um gut zu leben. Oder sie mußten viel zu schwer arbeiten. Warum? Weil ein paar reiche 197 und mächtige Menschen ihnen zu wenig für ihre Arbeit gaben. Oft überlegten sich die Leute das nicht richtig. Sie meinten, das könnte man nicht ändern. Aber manchmal überlegten sie doch auch, warum es ihnen wohl schlecht ginge, und ob man das nicht anders machen könnte. Dann bekamen die Reichen und Mächtigen Angst, daß die Armen nicht mehr für sie arbeiten würden. Und sie logen ihnen vor, die Juden seien schuld, daß es ihnen schlecht ginge. Dann brauchten sie vor den armen Leute keine Angst zu haben. Weil die Leute die Juden nicht leiden mochten, darum glaubten sie, was die Reichen und Mächtigen sagten. Und dann waren sie böse zu den Juden. Die Nazis sagten den Menschen in Deutschland auch, daß die Juden schuld wären, wenn es ihnen schlecht ginge. Die meisten Menschen glaubten es, weil sie dumm waren. Und viele Menschen glaubten auch, wenn man den Juden ihre Sachen wegnähme, dann würden sie selbst etwas abbekommen. So gemein waren sie. Viele Nazis nahmen den Juden weg, was sie hatten. Sie mußten schwer arbeiten und bekamen wenig zu essen. Zuletzt mußten sie aus ihren Häusern weg und mußten alles da lassen und andere Leute nahmen es weg. Und die Juden wurden in Lager gebracht. Die hießen Konzentrationslager. Da mußten sie noch mehr arbeiten und bekamen noch weniger zu essen. Und sie wurden geschla198 gen und gequält. Und viele, viele Tausende von Juden starben vor Hunger und weil sie so furchtbar schwer arbeiten mußten. Und viele, viele Tausende von Juden wurden einfach umgebracht, weil sie schon zu schwach waren, um noch so viel arbeiten zu können. Und viele, viele Tausende von alten Leuten wurden umgebracht und viele, viele Tausende von kleinen Kindern auch. Sie konnten nicht für die Nazis arbeiten. Da machte man sie tot. Auch die Männer und die Frauen, die gegen die Nazis waren, wurden ins Konzentrationslager gesteckt. Und es ging ihnen ebenso schlecht. Und auch viele Männer und Frauen aus den Ländern, die die Deutschen erobert hatten: Franzosen und Russen und Holländer und Norweger und Polen. und viele andere. Am schlimmsten war es bei den Juden. Mutters Eltern waren in Deutschland. Sie konnten nicht fort. Die anderen Länder ließen sie nicht zu sich. Und vielleicht hätten die Nazis sie nicht einmal mehr fortgehen lassen. Sie wurden in ein Konzentrationslager gebracht. Von dort wurden sie in ein anderes Konzentrationslager gebracht. Da wurden sie getötet. Mutter hat niemals gehört, wo man sie getötet hat und wie man sie getötet hat. Sie weiß nicht, was mit ihnen geschehen ist. Sie sind einfach verschwunden. Von den meisten Juden hat man niemals gehört, wo und 199 wie sie getötet worden sind. Auch von Doris' und Silvias und Konstanzes Großeltern hat man nie, nie etwas gehört. Gar nicht. Sie sind einfach nicht mehr da. Von den bösen Nazis umgebracht. Auch zwei Onkel der Kinder sind so von den bösen Nazis umgebracht worden. Von einem Onkel weiß man zufällig, wie er umgebracht worden ist. Er ist verhungert, weil er so wenig zu essen bekam und so schwer arbeiten mußte. Ein anderer Onkel war jahrelang im Konzentrationslager. Einmal war er so mager, daß er nicht mehr wog als ein kleines Kind. Ein großer Mann, der nicht mehr wiegt als ein Kind! Wenn Deutschland nicht den Krieg verloren hätte, und wenn ihn die Russen nicht aus dem Konzentrationslager befreit hätten, wäre er auch gestorben. Die anderen Großeltern kommen wieder in die Schweiz Die anderen Großeltern von Doris und Silvia und Konstanze waren mit den Eltern und den Kindern zusammen in der Schweiz gewesen. Dann fuhren sie nach Frankreich. Tante Helga und Vetter Klaus fuhren mit. Als der Krieg anfing, waren sie zusammen in Frankreich. Die Franzosen kämpften gegen die Deutschen. Weil die Groß200 eltern und die Tante Helga gegen die Nazis waren, die in Deutschland zu sagen hatten und den Krieg angefangen hatten, darum hätte man meinen sollen, daß die Franzosen gut zu ihnen gewesen wären. Aber die französische Regierung war böse mit ihnen. Sie sperrten sie ein, und sie hatten es sehr schlecht. Dann war der Krieg in Frankreich zu Ende. Die Nazis hatten die Franzosen besiegt. Die Großeltern und Tante Helga und Klaus kamen wieder aus den Lagern heraus. Sie lebten in einer kleinen' französischen Stadt. Aber nun schickten die Nazis überall nach Frankreich ihre deutschen Soldaten. Die Großeltern und Tante Helga mußten Angst haben, daß die Deutschen sie gefangennehmen würden, weil sie Emigranten waren und von den Nazis nichts wissen wollten. Sie mußten Angst haben, ins Konzentrationslager zu kommen. Darum wollten sie schnell in die Schweiz gehen. Es war aber gar nicht leicht, in die Schweiz zu gehen. Die Deutschen waren an der Grenze und wollten sie nicht aus Frankreich fortlassen. Und auch die französischen Wächter wollten sie nicht fortlassen. Sie mußten tun, was die Nazi- Regierung wollte. Darum mußten die Großeltern und Tante Helga und Klaus heimlich über die Grenze in die Schweiz gehen, wo die Nazis nichts zu sagen hatten. Sie mußten aufpassen, daß man sie nicht sehen könnte; wenn sie über die Grenze gingen. Allein konnten 201 sie den Weg nicht finden. Die richtigen Wege und Straßen konnten sie nicht gehen. Da paßten die deutschen Soldaten und die französischen Wächter auf. Man mußte gehen, wo es keinen richtigen Weg gab. Das konnte man nur, wenn man genau Bescheid wußte. Die Großeltern und Tante Helga wußten aber nicht Bescheid. Sie hatten nicht an der Grenze gewohnt und kannten das Land nicht. Sie fanden aber einen Mann, der mit ihnen ging und ihnen den Weg zeigte. Sie mußten ganz, ganz. hoch hinauf auf die Berge. Die eine Seite der Berge war französisch, die andere schweizerisch. Ganz oben auf den Bergen war die Grenze. Es war sehr schwer, den Weg auf die Berge zu gehen. Es war ja kein richtiger Weg. Sie mußten auf die Felsen hinaufsteigen. Am schwersten war es für Großmutter. Sie war alt und krank und konnte nicht gut steigen. Aber sie kamen doch immer höher hinauf. Als sie beinahe schon oben waren, kamen deutsche Soldaten an. Sie riefen, sie sollten stehen bleiben. Sie blieben aber nicht stehen. Sie liefen und stiegen so schnell wie möglich, um in die Schweiz zu kommen. In der Schweiz konnten ihnen die deutschen Soldaten nichts tun. Aber weil sie nicht stehen blieben, schossen die deutschen Soldaten nach ihnen. Sie trafen sie nicht. Großvater und Helga und Klaus kamen über die Grenze. Aber Großmutter fiel hin, weil sie so schwach und krank war und nicht gut laufen konnte. Großvater 202 und Tante Helga und Klaus wollten zurückgehen und Großmutter holen. Aber da waren die deutschen Soldaten schon bei Großmutter angekommen. Wenn die anderen jetzt zurückgegangen. wären, dann wären sie alle gefangengenommen worden. So wie jetzt Großmutter gefangengenommen war. Sie standen so nahe beieinander, wie von einer Straßenseite zur anderen. Aber Großvater, Tante Helga und Klaus waren in der Schweiz, und Großmutter war in Frankreich. Und bei Großmutter waren die deutschen Soldaten. Großvater und Tante Helga sprachen mit ihnen, daß sie Großmutter doch gehen lassen sollten. Aber die Soldaten taten es nicht. Großmutter mußte mit ihnen dahin zurückgehen, wo sie hergekommen waren. Und Großvater und Tante Helga und Klaus stiegen auf der anderen Seite den Berg hinab in die Schweiz. Sie waren sehr traurig. Und Mutter und Vater und Doris und Silvia und Konstanze waren auch traurig, als sie hörten, was mit der Großmutter geschehen war. Sie hatten Angst, die Nazis hätten die Großmutter getötet oder ins Konzentrationslager gebracht. Es war ganz schrecklich für sie alle. Sie hatten so gehofft, die Großmutter würde in die Schweiz kommen und vor den Nazis sicher sein. Und jetzt dachten sie, sie würden sie nie, nie wiedersehen und niemals mehr etwas von ihr hören. 203 Erst viel, viel später hörten sie, was mit Groß- mutter geschehen war. Die deutschen Soldaten hatten sie zu den französischen Wächtern ge- bracht. Und die sollten sie in ein Konzentrations- lager bringen. Sie taten es aber nicht. Sie ließen Großmutter frei. Aber sie mußte in Frankreich bleiben. Erst im nächsten Jahre kam sie auch in die Schweiz. Auch ganz heimlich über die Grenze. Aber an einer anderen Stelle. Und jetzt wohnten die Großeltern und Tante Helga und Klaus auch in Stein. Viele Kinder in einem Haus Einmal wurde Vater in Stein antelephoniert. Das Komitee fragte Vater, ob er nicht in ein ande- res Dorf gehen wollte. Das Dorf heißt Speicher. Und in Speicher war ein großes Haus, in das hatte das Komitee viele Kinder gebracht. Lauter Flücht- lingskinder. Es war aber niemand da, der sich so richtig um die Kinder kümmern konnte. Es war schon jemand da, das war die liebe Frau Barth. Die mochten alle Kinder gern. Sie sorgte dafür, daß die Kinder richtige Betten hatten. Und richtig angezogen waren. Und richtig zu essen bekamen. Es waren andere Leute da, die ihr halfen. Aber Frau Barth mußte auf alles aufpassen. Und sie mußte die Kinder verbinden, wenn sie sich weh- 204 getan hatten. Und sie mußte für sie sorgen, wenn sie krank waren. Mit ihnen spazieren zu gehen oder mit ihnen zu spielen oder zu lernen, dafür hatte Frau Barth keine Zeit, weil sie so viel für die Kinder zu tun hatte. Darum fragte das Komitee, ob Vater nicht nach Speicher zu den Kindern. gehen wollte. Vater fuhr sofort hin. Und er war lange Zeit in Speicher und kam nur immer am. Sonntag nach Hause. Er wollte den Kindern gern helfen. Warum waren die Kinder in das Heim gekommen? Wegen der Nazis. Es waren jüdische Jungen. Sie hatten mit ihren Eltern in verschiedenen Ländern gelebt. Und sie sprachen verschiedene Sprachen. Die meisten sprachen französisch. Und einige Kinder sprachen deutsch und andere flämisch und italienisch und serbisch und polnisch und spanisch und eine Sprache, die Jiddisch heißt. Das ist die Sprache der Juden in verschiedenen Ländern. Es ist eine Art Deutsch, aber andere Leute können es schwer verstehen. Die Nazis hatten die Länder erobert, in denen die Kinder gewohnt hatten. Die Kinder hatten mit ihren Eltern fliehen müssen. Sie mußten alles, alles zurücklassen, was sie hatten, und mußten davonlaufen. Das war sehr schlimm. Sie versuchten überall, sich vor den Nazis zu verstecken. Wenn man sie erwischte, steckte man sie in die Eisenbahn in Viehwagen und brachte 205 sie fort ins Konzentrationslager. Alle. Die Männer und die Frauen und die alten Leute und auch die ganz kleinen Kinder. Was dann mit ihnen geschah, habe ich euch schon gesagt. Viele Juden versuchten, in die Schweiz zu fliehen. So wie die Großeltern von Doris und Silvia und Konstanze geflohen waren. Aber die Schweiz ließ beinahe nur alte Leute und Kinder herein. Viele Männer und Frauen wurden nicht in die Schweiz gelassen. Oder sie wurden zurückgeschickt. Und dann wurden sie ins Konzentrationslager gebracht, und die meisten von ihnen sind. getötet worden oder verhungert. Wenn die Schweiz sie hereingelassen hätte, würden sie noch leben. Aber die Schweizer Regierung hatte Angst, daß es dann für die Menschen in der Schweiz weniger zu essen gäbe, wenn mehr Leute dazukämen. Und sie hatte Angst, daß die Nazis auf die Schweiz böse wären, wenn sie die Juden hereinließe. Es war nicht recht von der Schweizer Regierung, daß sie die armen Menschen nicht hereinließ. Man muß jedem Menschen helfen, dem es schlecht geht. Und man darf nicht fragen, ob einer Schweizer oder Deutscher oder Engländer oder Jude oder Neger ist. Weil die Schweiz viele große Leute nicht hereinließ, schickten viele Eltern ihre Kinder allein in die Schweiz. Es gab gute Menschen, die ihnen halfen. Sie brachten eine Kinderschar heimlich an die 206 Grenze und halfen den Kindern herüber. Hoch über die Berge. Oder durch den Wald. Da war Stacheldraht an der Grenze, und die Kinder muß- ten unter dem Stacheldraht durchkriechen, um in die Schweiz zu kommen. Die Eltern blieben in dem anderen Lande. Sie versteckten sich bei an- deren Leuten. Die Nazis sollten sie nicht finden. Wenn sie sie fanden, brachten sie sie ins Konzen- trationslager. Manche Eltern sind wirklich bis zu- letzt versteckt geblieben, und die Kinder sind jetzt wieder bei ihnen. Viele, viele Eltern würden von den Nazis gefunden, und sie leben nicht mehr. Und es gab auch Kinder, denen hatten Nazis schon die Eltern weggenommen, als sie noch in dem anderen Lande waren. So war es mit zwei kleinen Brüdern. Sie lebten in der Hauptstadt von Frankreich, die heißt Paris. Einmal kamen die beiden Brüder von der Schule zurück. Und als sie nach Hause kamen, da war niemand, niemand mehr in der Wohnung. Der Vater war fort. Und die Mutter war fort. Und das kleine, kleine Schwesterchen, das noch nicht gehen und sprechen konnte, das war auch fort. Böse Nazis hatten sie weggeholt. Und die beiden Brü- der waren nur darum nicht geholt worden, weil sie gerade in der Schule waren. Jetzt waren sie ganz allein in der Welt. Denkt nur einmal, wie das wäre wenn ihr allein wäret, und es würde keiner für euch sorgen! 207 Es gab aber Leute, die ihnen halfen. Sie kamen in ein Kinderheim. Und von dem Kinderheim in ein Lager. Und dann wieder in ein Heim. Und so immer wieder wo anders hin. Zuletzt brachte man sie über die Grenze in die Schweiz. Das waren die Flüchtlingskinder in Speicher. Die meisten wußten nicht, was aus ihren Eltern geworden war. Sie mußten immer an ihre Eltern denken und waren traurig. Sie weinten nicht. Sie hatten schon so viel geweint, daß sie es nicht mehr konnten. Und die Kinder mochten von großen Leuten überhaupt nichts wissen. Es war ihnen so viel Böses von großen Leuten geschehen, daß sie gar nicht mehr glauben konnten, daß es gute Menschen gibt. Aber nachdem sie eine Zeitlang in Speicher waren, hatten sie Frau Barth sehr lieb, und sie hatten auch Vater lieb. Sie merkten, daß sie gut zu ihnen waren. Und daß sie alles für sie taten, was sie tun konnten. Darum mochten sie sie gern. Und darum glaubten sie nun wieder an gute Menschen. Und weil sie daran glaubten, lernten sie verstehen, daß man zu den Menschen gut sein muß, und daß man die Welt besser machen kann, wenn die großen Leute und auch die Kinder es wollen. Vater ging mit den Kindern oft spazieren. Und er spielte mit ihnen. Als es Winter war, brachte er eine Freundin mit, die war Skilehrerin, und sie 208 lehrte die Kinder Skilaufen. In Speicher kann man nämlich wunderbar Skilaufen. Und Vater machte Schule mit den Kindern. Und er las ihnen vor, und sie sangen zusammen, und Vater lehrte sie sägen mit der Laubsäge und Figuren aus Ton machen und vieles andere. Er machte auch Ausflüge mit ihnen von Speicher nach Stein. Morgens gingen sie von Speicher weg, mittags waren sie in Stein. Mutter hatte große Töpfe voll Erbsensuppe gekocht. Und hinterher gab es noch etwas Süßes. Die Kinder fanden es wunderbar. Und sie freuten sich, als Vater ihnen schöne Bilder zeigte. Und als er ihnen allen seinen Vergrößerungsapparat zeigte, der Mikroskop heißt, und mit dem man Sachen sieht, die man sonst überhaupt nicht sehen kann. Ein Fliegenbein ist unter dem Mikroskop so groß wie ein Katzenbein. Und es ist ganz voll von Stacheln, daß es ganz gefährlich aussieht. So gibt es viele Sachen, die man nur mit dem Mikroskop sehen kann. Manchmal brachte der Vater auch einen von den Flüchtlingsjungen über Sonntag mit nach Hause. Oder auch für ein paar Tage. Dann kochte Mutter besonders gute Sachen. Und sie gingen mit dem Jungen nach Sankt Gallen und zeigten ihm Sachen, die er gern sah. Und dann gingen sie mit ihm ins Café, und er bekam Kakao und durfte sich Kuchen aussuchen. Die Jungen waren dann immer ganz glücklich. Es waren so wenig Men14 3 Kinder 209 schen lieb zu ihnen gewesen. Sie waren so lange nicht mehr in einem Café gewesen. Oder vielleicht überhaupt nicht. Vater und Mutter waren auch glücklich, weil sie dem Jungen eine Freude machen. konnten. Und die Kinder wollten ihm auch so viel Freude machen, wie sie nur konnten. Wenn man einem anderen Menschen eine Freude macht, ist man selbst froh. Aber wißt ihr, was das Schönste ist? Daẞ Vater jetzt nach vielen Jahren noch von vielen Jungen aus Speicher etwas hört. Sie sind schon lange nicht mehr in Speicher. Sie leben in vielen Ländern auf der Erde. Und beinahe alle sind rechte, gute und tüchtige Menschen geworden. Silvia muß französisch sprechen Als Silvia vierzehn Jahre alt war, und Vater schon bald aus der Schweiz fortging, da hat sie noch etwas Wunderbares mit Vater erlebt. Mutter war nicht dabei, auch Doris nicht und auch nicht Konstanze. Sie ging mit Vater in eine Ferienkolonie. Wißt ihr, was das ist? Wenn die Kinder Schulferien haben, dann werden manche von ihnen in ein schönes Haus geschickt, mitten im Wald oder sonst irgendwo, wo es schön ist und wo man schön spielen kann. Da bekommen sie feine Sachen zu essen und haben es lustig miteinander. So eine 210 Ferienkolonie war das nun. Vater leitete sie. Er hatte schon früher eine Ferienkolonie geleitet. Diese Ferienkolonie jetzt war auch in der Schweiz, aber sie war dort, wo man französisch spricht. Es war nicht weit von Frankreich, und man konnte hinter einem tiefen Tale Frankreich sehen. Das Haus, in dem die Ferienkolonie war, lag auf einem Berge und mitten zwischen lauter Wiesen, auf denen schöne Kühe waren. Auf einer großen Wiese konnten die Kinder herumtoben. Vater spielte herrliche Spiele mit ihnen. Er brauchte kein Kind zu strafen. Er brauchte auch nicht zu schimpfen. Die Kinder folgten gern, weil sie Vater gern mochten. Sie mochten auch Heidi gern. Das war eine Helferin. Sie war wunderbar. Was sie alles konnte! Auch Trudy mochten die Kinder gern. Trudy war auch eine Helferin. Sie war zum ersten Male bei Kindern in einem Ferienlager und hatte noch nicht so viel gelernt, was man mit den Kindern machen kann, wie Heidi und Vater es gelernt hatten. Aber sie konnte schöne Sachen machen. Und war so lieb, daß die Kinder sie immer gut leiden mochten. Es waren noch andere Helfer da. Auch in der Küche. Und das war wichtig. Denn die Kinder sollten gute Sachen zu essen bekommen. Gute Sachen mögen alle Kinder gern. Oder nicht? Die Kinder in dem Ferienlager waren arme Arbeiterkinder. Sie waren blaß und schmal und still. 14* 211 Aber als sie eine Zeitlang da waren, waren sie gar nicht mehr blaẞ. Sie hatten dicke Backen. Und sangen und tobten den ganzen Tag. Es war in der französischen Schweiz. Und die Kinder sprachen französisch. Silvia hatte mit Vater in das Lager kommen dürfen. Sie hatte auch schon einmal gut französisch gesprochen. Damals, als sie noch ein kleines Kind war und in Frankreich wohnte. Aber dann hatte sie das Französisch ganz vergessen. Schade! Jetzt hatte sie in der Schule etwas Französisch gelernt. Aber sie konnte es nicht sehr gut sprechen, als sie in die Ferienkolonie kam. Als die Ferienkolonie zu Ende war, konnte sie es aber ganz gut. Die anderen Kinder konnten kein Deutsch. Da mußte sie mit ihnen französisch sprechen. Und dabei lernte sie es. Silvia war früher in dem Ferienhaus als die anderen Kinder. Vater hatte schon vorher in das Haus gehen müssen, damit alles in Ordnung war, wenn die Kinder kamen. Und Silvia war mit ihm mitgekommen. Als nun die Kinder kamen, da wollten sie lange nicht glauben, daß Silvia ein Ferienkind war wie sie. Sie meinten, Silvia wäre eine Helferin. Sie war auch wirklich eine junge Helferin. Sie half, wo sie konnte, und war lieb und vernünftig. Sie half sogar mehr, als sie sollte. Sie sollte sich auch erholen. Aber sie wollte immer arbeiten. Sie sah, wieviel Arbeit Vater hatte. Und Heidi und Trudy und die anderen. Da wollte sie 212 helfen. Vater mußte manchmal beinahe böse werden, damit sie nicht zuviel arbeitete. Aber Silvia war sehr glücklich in der Ferienkolonie. Und die anderen Kinder auch. Das Wetter war herrlich. Man konnte immer draußen spielen. Man konnte ins Städtchen zum Baden gehen. In den Wald zum Beerensuchen. Tief hinunter zu einem Flüẞchen, in dem man schwimmen konnte. Man machte Ausflüge. Zu einem großen, großen Wasserfall zum Beispiel. Vor dem Essen holte Vater die Laute. Dann wurde ein Lied gesungen. Die Kinder lernten viele neue Lieder. Und abends spielten sie selber Kasperletheater. Oder sie machten Spiele. Oder sie sangen. Oder Vater erzählte ihnen etwas. Immer gab es etwas Neues. Einmal machten sie ein großes Fest. Das war der erste August. Der erste August ist für die Schweizer ein Feiertag. Sie machten im Freien ein großes Feuer an. Sie machten Feuerwerk. Es gab lustige Spiele. Topfschlagen. Und Sacklaufen. Und andere Spiele. Jedes Kind gewann etwas. Eine Kindergruppe hatte heimlich mit Trudy einen Tanz gelernt. Den tanzte sie vor. Eine andere Gruppe hatte mit Vater ein Theaterstück gelernt. Das wurde auch gespielt. Die Kinder hatten sich. Helme und Hüte und Werkzeuge und vieles andere gemacht, was sie anziehen wollten. Einfach aus Pappe oder Papier oder Holz. Aber es sah 213 ganz prächtig aus. So schön hatten sie den ersten August noch nicht gefeiert. Einmal gab es noch etwas ganz Wunderbares. Vater weckte die Kinder, die mitmachen wollten, mitten in der Nacht. Es war ganz dunkel. Nur die Sterne standen am Himmel. Und der Mond leuchtete. Die Kinder zogen sich an und gingen mit Vater fort. Wie wunderschön sehen die Wiesen und die Wälder nachts beim Mondenschein aus! Sie gingen auf einen Berg. Wie sie unterwegs waren, wurde es ganz langsam hell. Es wurde Morgen. Manchmal hörten sie einen Vogel singen. Und immer mehr Vögel. Die Singvogel schlafen in der Nacht. Sie werden am Morgen wach und fangen an zu singen. Es ist wunderschön zu hören, wenn ein Vogel nach dem anderen wach wird und singt. Oben auf dem Berg blieben sie stehen. Sie sahen zum Himmel hin. Der wurde an einer Stelle immer heller und heller. Er sah wie gelbes und rotes Gold aus. O, so herrlich war das. Und auf einmal blinkte etwas ganz leuchtend rot am Himmelsrand. Und wurde schnell größer. Und war eine große, rote Scheibe, so hell, daß man nicht mehr hineinsehen konnte. Das war die Sonne. Die Kinder hatten den Sonnenaufgang gesehen. Auf einmal war alles um sie herum wie vergoldet, weil die Sonne schien. Sie mochten gar nicht weggehen, weil alles so schön war. Aber dann merkten sie, daß sie Hunger hat214 ten und marschierten schnell ins Ferienhaus zurück und fielen über das Frühstück her. Vielleicht könnt ihr das auch einmal machen, wenn ihr vorher und nachher richtig ausschlafen könnt: So einen Ausflug, der in der Nacht beim Mondlicht anfängt, und der bis zum Sonnenaufgang geht. So ein Ausflug ist etwas sehr Schönes. Vater geht fort Weil die Nazis in Deutschland zu sagen hatten, mußten Vater und Mutter und Doris und Silvia fort. Erst nach Spanien und dann nach Frankreich und dann in die Schweiz. Und Konstanze war in Frankreich geboren. Als der Krieg zu Ende war, hatten die Nazis in Deutschland nichts mehr zu sagen. Vater und Mutter und die Kinder konnten wieder nach Deutschland gehen. Sie mußten es nicht. Sie konnten jetzt in ein anderes Land gehen. Viele Menschen wären gern von Deutschland weggegangen. In anderen Ländern waren die Städte nicht so schrecklich zerstört. Dort gab es mehr zu essen und Kleider und Schuhe und Fensterglas und vieles andere, das es in Deutschland nicht gab. Oder nicht genug gab. Darum wären viele Menschen gern von Deutschland weggegangen. Aber sie durften nicht. Die anderen Regierungen erlaubten es nicht. Mutter und Vater hätten aber mit den 215 Kindern in ein anderes Land gehen können. Sie brauchten nicht nach Deutschland zu gehen. Sie wollten es aber. Warum wollten sie nach Deutschland, wo es gar nicht mehr schön zu leben war? Sie wollten helfen, daß es wieder schön würde. Und sie wollten helfen, daß es nicht noch einmal Nazis geben könnte. Oder daß es wieder eine Regierung geben könnte, die viele Menschen töten läßt und den Krieg anfängt. Man muß viel arbeiten und mit vielen Leuten reden und viel schreiben, damit es besser wird. Und damit große Leute und auch Kinder nicht von einem Land ins andere fahren müssen und nicht arbeiten dürfen und es schlecht haben. Sie wollten nach Deutschland zurück. Am liebsten wären sie gleich alle zusammen gegangen. Aber das ging nicht. Es war noch so viel zerstört vom Kriege. Man wußte nicht, ob man schon mit der Eisenbahn fahren könnte. Oder mit einem Auto. Man wußte nicht, wo man in der Nacht schlafen sollte. Man hatte keine Wohnung. Und keine Lebensmittelkarten. Und keine Arbeit. Darum war es besser, daß Vater zuerst einmal allein fuhr. Mutter sollte mit den Kindern nachkommen, sobald alles in Ordnung war. Die Kinder waren traurig, als Vater fortfuhr. Sie konnten sich gar nicht denken, wie das wäre, wenn Vater weg war. Und dann mußten sie immer denken, wie es ihm wohl ginge. Manchmal kam ein 216 Brief. Aber nicht oft. Die Post ging noch nicht, weil der Krieg gewesen war und noch vieles nicht in Ordnung war. Darum konnte man keine Post aus Deutschland in die Schweiz schicken. Und keine Post aus der Schweiz nach Deutschland. Man mußte sehen, daß jemand die Post mitnahm. Wenn ein Brief von Vater ankam, dann las die Mutter ihn vor, und die Kinder hörten zu. Sie freuten sich, daß Vater geschrieben hatte. Aber es war nicht schön, daß er nicht bei ihnen war. Als Weihnachten war, meinten sie, Vater müßte kommen. Weihnachten ohne Vater, das konnten sie sich gar nicht denken. Sie glaubten bestimmt, Vater käme. Aber Vater konnte nicht. Es war sehr schön am Weihnachtsabend mit dem Weihnachtsbaum. Aber es war nicht schön, daß Vater nicht da war. Die Reise ist aus - Es war Winter. Und dann wurde wieder Frühling. Jetzt war es so weit. Sie sollten abreisen. Wieder in ein anderes Land nach Deutschland. In Stein sprachen viele Leute davon. Sie hatten ja so lange in Stein gewohnt. Alle Leute kannten sie. Und jetzt reisten sie ab. Und reisten sogar nach Deutschland, wo Krieg gewesen war, und wo so viele Häuser und Städte zerstört waren. Und wo die Leute hungerten, weil es nicht genug zu essen 217 gab. Die Menschen in der Schweiz konnten sich gar nicht so recht denken, wie das wäre. Es war aufregend für sie, daß jemand aus Stein nach Deutschland ging. Manchen Leuten tat es leid. Sie mochten Mutter und die Kinder gern. Silvias Freundin Ella war sehr traurig. Sie konnten jetzt nicht mehr zusammen sein. Sie wollten sich Briefe schreiben. Aber das ist doch nicht dasselbe. Und jetzt fuhren sie ab. Sie sahen noch einmal die hohen Berge an. Und die braunen Bauernhäuser. Und die grünen Wiesen mit den Kühen darauf. Und den tiefen Tobel, in den sie schwimmen gegangen waren. Und die Wälder, in denen sie Pilze und Beeren gesucht hatten. Und das ,, Meierisli", in dem sie gewohnt hatten. Das sollten. sie jetzt alles nicht mehr sehen. Sie fuhren und fuhren. Zuletzt kamen sie in ein Dorf. Quer über die Straße war eine Stange heruntergelassen. Das war die Schweizer Grenze. Die Stange wurde hochgehoben, sie fuhren hindurch. Und dann hielt das Auto. Vater stand auf der Straße. Sie liefen auf ihn zu und freuten sich, daß sie wieder mit ihm zusammen waren. Sie waren in Deutschland. Man konnte es sich gar nicht recht vorstellen, daß man in Deutschland war. An der Grenze sah es genau so aus wie in der Schweiz. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß man in der Heimat war. Doris und Silvia waren noch ganz klein ge218 wesen, als sie von Deutschland fortgingen. Konstanze war noch niemals in Deutschland gewesen. Aber es war doch ihre Heimat. In Deutschland durfte jetzt keiner zu Vater und Mutter sagen: ,, Ihr dürft nicht arbeiten und Geld verdienen." Und keiner durfte sagen:„ Ihr müßt wieder fort." In Deutschland hatten sie gerade so viel zu sagen wie andere Leute. Das war schön. Aber es war doch schade, daß sie nicht mehr in der Schweiz sein konnten. Sie waren solange da gewesen und kannten alles so gut und hatten viele Leute und viele Sachen in der Schweiz so gern. Jetzt wohnen sie in einer großen Stadt in Deutschland. Aber sie denken immer noch viel an die Schweiz. Konstanze ist manchmal traurig, daß sie die schönen Alpenblumen nicht mehr sehen kann, und daß sie nicht mit Nelly und Rösli spielen kann. Und Silvia möchte ihre Ella wiedersehen. Und Doris möchte die hohen Berge wiedersehen. Manchmal kommt Hedy zu Besuch. Hedy ist eine Freundin von Mutter und Vater. Sie kennen sich schon lange. Hedy ist eine Schweizerin. Aber sie ist jetzt in Deutschland, weil sie armen Leuten aus anderen Ländern helfen will, zu denen viele Nazis böse waren, und die jetzt noch in Deutschland sind und nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Wenn Hedy zu Besuch kommt, freuen sich die Kinder. Auch in der Schweiz hatten sich die Kinder gefreut, wenn Hedy kam. Aber jetzt noch mehr. 219 Weil sie mit Hedy von der Schweiz reden können. Und weil Hedy manchmal Schweizerdeutsch redet. Doris und Silvia und Konstanze waren doch gern in der Schweiz. Aber es ist auch schön in Deutschland. Deutschland ist ihre Heimat. Und wenn alle Leute arbeiten, wird es auch wieder besser werden als jetzt. Mit dem Essen und den Häusern und so. Es ist schön, daß Silvia und Konstanze Klavierstunde haben können. Sie spielen so gern Klavier. Besonders Silvia, die möchte am liebsten gar nichts anderes tun. Und es ist schön, daß Konstanze schwimmen gehen kann. Sie geht so gern schwimmen. Und es ist schön, daß man in den Zoo gehen kann. Und in den Wald gehen. Und an den Main. Und manchmal auch verreisen. Wenn ich jetzt gleich zu Ende geschrieben habe, dann will ich bald mit Doris und Silvia und Konstanze verreisen. Wir wollen Ferien machen. Darauf freuen sich die Kinder. Und ich freue mich auch. Das Bücherschreiben ist eine genau so schwere Arbeit wie das Maschinenmachen und das Häuserbauen und das Dachdecken. Darum freue ich mich, daß ich mit den Kindern in die Ferien gehen kann. Am liebsten würde ich euch ja alle mitnehmen. Aber das geht nicht. In dem Hause, wohin wir gehen wollen, ist nicht genug Platz. Schade! Aber jetzt höre ich auf zu erzählen von Doris und Silvia und Konstanze und von Spanien und 220 Frankreich und der Schweiz und von Wuppertal und Berlin und von den Höhlenbären und den Schwämmen und so. Es kommt ja viel in der Geschichte vor. Und die Geschichte ist ganz wahr und wirklich geschehen. Es ist schön, wenn man vieles in der Welt sieht. Viele Länder. Und viele Menschen. Es ist schön, wenn man überall hin kann. Aber es ist nicht schön, wenn man immer weg muß und kann sich nicht aussuchen, wohin man gehen will, und die Eltern dürfen kein Geld verdienen, und böse Leute nehmen ihnen alles weg. Am schönsten wäre es, wenn jeder Mensch überall hingehen könnte, wohin er möchte. Und keiner würde fragen, ob er Deutscher oder Chinese oder Engländer ist. Und es gäbe keine bösen Leute. Vielleicht ist es aber wirklich einmal so, daß die bösen Leute nichts zu sagen haben. Dann ist es richtig in der Welt. Oder nicht? 221 Inhaltsverzeichnis Eine Einleitung, die zu der Geschichte gehört 7 Die Schwebebahn und Onkel Winter mit einem Bein 95 Doris und Silvia ziehen aus 15 Von Berlin, dem Verkehrsturm und dem Mauersegler.... 18 Von Schlangenfang und Blindschleicheneiern 24 Es geht auf die Reise.... 30 Sie kommen in ein fremdes Land 37 Von Bullaugen und lebendigen Negern 41 Wie es auf einem Ozeandampfer zugeht Ankunft auf der spanischen Insel Mallorca Von Moskitos, Palmen und Skorpionen Das Meer will den Vater verschlingen 45 53 58 67 72 Wie heißt ,, Puppe" auf Spanisch? Wie die Spanier und die Mauren miteinander kämpften 75 . Von Einsiedlerkrebsen und Tintenfischen 79 Die Geisterorgel im Feenpalast... 83 Bauern, Fischer, Korbflechterinnen 87 Der gute, arme Strolch 89 Von Flugzeugen, die Bomben abwarfen 98 Vom Kampf und von den toten Bäumen 104 Doris und Silvia fahren auf einem Kriegsschiff 112 Von Valencia nach Barcelona 117 222 Doris und Silvia konimen nach Frankreich 123 Von Korkeichen und Smaragdeidechsen Muschelpflücken und Reisigsammeln 128 132 Doris und Silvia lernen eine neue Sprache 136 Eine Reise in die Schweiz 143 Quer durch die Schweiz 147 Von hohen Bergen und Höhlenbären 150 Nennt man das„ Zwischenwort"? 154 Vom Laufenlernen, vom Schweizerdeutsch und vom Winter 158 Vom ,, Meierisli" und vom Geldverdienen und vom Komitee 163 Pilze und Beeren 168 Die Schweiz ist schön 174 Beinahe nach Chile gefahren 179 Der böse Krieg 182 Was mit Friedrichshafen geschah 192 So war das mit den Juden..... 194 Die anderen Großeltern kommen wieder in die Schweiz 200 Viele Kinder in einem Haus 204 Silvia muß französisch sprechen 210 Vater geht fort 215 Die Reise ist aus 217 Walther Pollatschek 224 223 Walther Pollatschek Geboren 1901 in Isenburg bei Frankfurt am Main. Studierte in Heidelberg, München und Frankfurt/ Main. Begann als Feuilleton- Redakteur und Theaterkritiker in Wuppertal, wurde 1933 wegen seiner antifaschistischen Haltung entlassen, hielt sich ein Jahr in Berlin auf und wurde bei einem Besuch in Wuppertal verhaftet. Nach seiner, durch glückliche Zufälle bedingten Entlassung verließ er Deutschland und lebte auf der spanischen Insel Mallorca als freier Schriftsteller, Lehrer und Holzschnitzer. Die Schreckensherrschaft Francos warf ihn erneut ins Gefängnis. Er wurde auf einem englischen Kriegsschiff evakuiert, kam 1937 in die Schweiz und lebte dort bis 1945 in einem kleinen Dorf unter Veröffentlichungsverbot und dem Verbot antifaschistischer Betätigung. Er übernahm die Leitung eines Flüchtlingskinderheimes, das jugendliche Opfer der Nazis beherbergte, war schließlich Dozent am Schulungslager für Emigranten, hielt Kurse über das Kinderbuch vom literar- historischen, pädagogischen und psychologischen Gesichtspunkt, kehrte im September 1945 nach Deutschland zurück und wurde der Kulturpolitiker und Schauspielkritiker der ,, Frankfurter Rundschau"... ,, Die Aufbaubande" gehört zu seinen Jugendbüchern, über die er geschrieben hat: ,, Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung, das Jugendbuch sei etwas literarisch Zweitrangiges, eines, richtigen Schriftstellers eigentlich unwürdig, betrachte ich als eine künstlerisch und geistig höchst wichtige Aufgabe, für das Kind und den Jugendlichen zu schreiben."