VORWORT Das vorliegende Buch behandelt das tragische Schicksal vieler meiner Leidensgenossen, die in Theresienstadt lebten und starben, nachdem sie vom Hitlerregime in die Gefangenschaft gestogen worden waren. Es beschreibt wahrheitsgemäß die grauenhaften Zermürbungsmethoden jener Regierung, zeigt, mit welch' satanischen Mitteln die Vernichtung des jüdischen Volkes ausgeführt wurde. Es dürfte von allgemeinem Interesse sein, genauere Kenntnis von den dauernden Qualen und Todesängsten dieser unschuldig verfolgten Menschen, die vor ihrer zwangsweisen plötzlichen Verschleppung ahnungslos im Kreise ihrer Familien lebten, zu erhalten. Besonders für diejenigen, die selbst ihr Teuerstes dort verloren haben. Vor allem aber soll dieses Buch Zeugnis ablegen für das tapfere Verhalten der Häftlinge inmitten einer Welt von Haß, in der sie trotz ihrer schauerlichen jahrelangen Abgeschiedenheit nie vergaßen, daß sie Deutsche waren und bleiben wollten. Die Verfasserin Sommer 1942. EINLEITUNG Die Großstädte aller Weltteile strotzen in der Fülle des Daseins. Dort blüht und glüht überall in den herrlichsten Farben das Leben. Am blauen Himmel zittert das silberne Licht eines golddurchwirkten Nachmittags. Bunte Schmetterlinge taumeln sich liebeselig in der Sonne. In den Badeorten spielen Kapellen, berauschende Musik ertönt. Elegante Frauen wandeln vorüber, einige an der Leine wertvolle Hunde führend. Sie stellen graziös die ersten Modeschöpfungen heraus. Kinder umgeben sie spielend, lachend und umhertollend in den Parks und Gärten. Rosen- und Nelkensträuße werden an den Straßenecken in reichen Mengen feilgeboten, um den Glanz des Tages zu erhöhen und die Lebensfreude zu umschmükken. Sie vermengen ihre lieblichen Düfte mit denen der Parfums und des feilgebotenen, köstlichen Obstes. Am Arm einer bekannten Filmschönheit lächelt ihr Auserwählter. Es steht der Sekt in dem Kübel kalt. Tanz im Freien, Eisschokolade, Bier, pions in den Lauben. 1 - LamSo flutet in tausendfältig verschiedener Art das stets wechselnde Leben in glänzenden Bildern durch die Großstädte und weiter hinaus über das weite Land. Über kleine Städte, Dörfer und Plätze. Es sendet seine brausenden Wellen über saftig grüne Wiesen, dichte, schweigende Wälder, lange Alleen mit versteckten Bänken, worauf junge Liebespaare sitzen. Man flüstert, flirtet, liebt. Der junge Sommer macht seine Rechte geltend. Sommer! Verheißung! Glück!- 7 Soweit der Film des modernen Lebens. Überall, durch die ganze Welt, flutet ungehindert die Fülle des Daseins. Überall kann sie sich entfalten. Nirgendwo ein Damm,. ein Hindernis. Aber plötzlich steht die Flut der brausenden Lebensströme stille. Sie hält stille in ihrem Lauf vor den Toren Theresienstadts. Sie kann nicht durch die von Stacheldraht umgebenen hohen Mauern hinein. Hinter diesen vergitterten, hohen Toren leben Menschen. Sie sind aus der Ruhe ihres unschuldigen Daseins herausgerissen, verfrachtet als Gefangene und dann dort hineingetrieben worden, wie Vieh. Von ihrem heimischen Herd wurden sie hinweggeschleppt. Vorher bis auf das nackte Leben ausgeraubt. Ohne Pfennig in einer fremden Welt mit fremden Menschen und ihrer fremden Sprache zusammengepfercht. Dort in einer winzig kleinen Stadt auf dem kleinsten Raum- und zwar von 60 cm Breite und 180 cm Länge hineingepreßt, denn statt der bisherigen Einwohnerzahl von 8000 mußten später bis 60 000 Menschen darin Platz finden. Vor Theresienstadts Mauern bleibt das wirkliche Leben stehen. Es darf nicht, 1 - es kann nicht hinein. Keine Blumen verbreiten dort ihre Düfte. Keine heiteren, lebensfrohen Gesichter spiegeln die Daseinsfreude wider! Tränen nur und bleiche Wangen, erloschene Augen, gramvolle Züge zeigen die trostlosen Menschen. Sie wanken über die engen Straßen und bilden ein Menschengewühl, das täglich zur befohlenen Arbeit gezwungen, kaum noch als lebend gelten kann. Sonn- und Festtage sind gestrichen. Das Leben wird zur Fron. O, Schöpfung, wie bist du entstellt! Ein unausdenkbar schweres Schicksal ist über diese Menschen hereingebrochen. Ein Schicksal, das Millionen dem Untergang weihen wird. Ein unheimliches Unternehmen ist von einem vom Machtrausch und geistigen Unglauben besessenen Manne 8 in Deutschland ausgeheckt: Die Vernichtung des jüdischen Volkes. Es ist zugleich aber auch das Signal zum Kampfe gegen alle, die sich seinem Willen entgegensetzen wollen. Auf seinem Panier steht: Mord. Noch nach Jahrhunderten wird der Name dieses Einen mit Abscheu und Grauen genannt werden: Adolf Hitler. DER TRANSPORT Auf dem freien Platz inmitten des Gartens des Warburg- Stiftes in Hamburg hielt an einem Frühmorgen ein Lastkraftwagen mit Anhänger vor dem Eingang des Hauses. Mit streng zusammengepreßten Lippen und harten Zügen waren mehrere Leute damit beschäftigt, Männer und Frauen auf den Anhänger zu heben. Viele Neugierige, die eben des Weges kamen, blieben stehen und umgaben bald in einem großen Kreise das Tor des Gartens, immer wieder versuchten sie es zu öffnen, wurden aber von zwei dort Posten stehenden Schupobeamten zurückgestoßen. Sobald die Schutzleute den Rücken kehrten, schlüpften Zuschauer durchs Tor und drängten und schoben sich dicht an den Wagen heran. Von hier ließen sie sich nicht mehr fortjagen, denn sie trachteten danach, aus nächster Nähe gierig das ungewohnte Schauspiel zu genießen, das ihnen raflos erstarrte und hilflos verängstigte Menschen boten. Die Umstehenden rieten hin und her, was die Verschickung dieser vielen zu Hunderten angesammelten Menschen zu bedeuten habe. Da schob sich ein großer, breit gebauter, gut gekleideter Herr in den Vordergrund. ,, Das", sagte er ,,, sind Juden, die außer Landes verwiesen werden. Und das ist gut so!" 9 Eine Frau, hochrot im Gesicht, rief ihm die Antwort zu: ,, Schämen Sie sich, so etwas zu sagen! Sehen Sie sich' mal die Gesichter der armen Menschen an!" Der Breitgebaute lächelte hämisch. ,, Na, Sie sind auch dümmer, als es erlaubt ist. Sie gehen nicht mit der Zeit und lesen wohl auch keine Zeifungen?" Die Frau verstummte, denn aus dem Kreis wurden Stimmen laut, die dem Hämischen beipflichteten. Die Schupos machten jetzt dem Meinungsaustausch ein Ende. Sie schoben die Zuschauer aus dem Garten hinaus auf die Straße. Das Tor wurde weit geöffnet und der vollbepackte Lastkraftwagen setzte sich in Bewegung. Schon war wieder ein neuer, leerer Lastkraftwagen herangerückt und hielt auf dem Platz vor dem Eingang. Aus der Haustür kamen weitere zum Abtransport gerüstete Insassen des Stiftes. Sie schritten mit gesenkten Köpfen wie zum Schafott Verurteilte daher und ließen sich wie Automaten auf den Wagen heben. Die Verschleppung der vielen Menschen in ein fremdes Land geschah auf Anordnung der Gestapo, eine von dem Ministerpräsidenten Göring geschaffene Einrichtung, an deren Spitze ein Mann namens Himmler stand. Es war die Methode der neuen Staatsregierung Adolf Hitlers, ihm unliebsame und unbequeme Menschen von deutschem Boden zu entfernen, und, wie man später hörte, ganz und gar auszurotten. 1 - 1 - - Während draußen auf der Straße, in dem Treppenhaus und in den Gängen und Zimmern des großen Gebäudes ein lebhaftes Hin und Her der hastenden Menschen herrschte, während Türen auf- und zugeschlagen wurden und ein wirres Durcheinander von Stimmen erfönte, blieb die Tür des linken Flügels im II. Stock fest geschlossen. 10 Innen aber war tiefste Stille. Dort saßen im letzten Beisammensein drei Menschen inmitten des Zimmers, zwei junge Frauen und ein Mann. Man sah sofort, daß es Schwestern waren. Die Ältere war eine Blondine, schlank, mittelgroß, mit sehr feinem und sympathischem Gesicht, das erschreckend bleich wirkte. Die jüngere, sehr hübsche Dame sah dauernd zu der Schwester hinüber und schien sehr in Sorge zu sein. Der Mann war Dr. Gebhard, ein bekannter Wissen- schaftler auf neurologischem Gebiet, und gesuchter Frauenarzt. Sein Wartesaal war überfüllt von hilfe- suchenden Menschen. Es ging ihm der Ruf voraus, auch die verzweifeltsten Fälle schwerer Nervenerkrankungen auf Grund einer besonderen Art von psychischer Ein- wirkung heilen zu können. Wahre Herzensgüte lebte in den seelenvollen Augen und gaben dem schmalen Ge- sicht mit der hochgewölbten Stirn den besonderen Aus- druck. Das Fesselnde seiner Erscheinung wurde noch ver- stärkt durch die Elastizität seiner Bewegungen. Wie er jetzt aufsprang und zu der jungen Frau trat, darauf, sich niederbeugend, ihre Hand faßte und an seine Lippen führte, wirkte er wie ein Jüngling. Die junge Frau war auch aufgestanden. Ein paar Augenblicke ruhten ihre Augen ineinander ——, dann löste sich Gebhard, wie aus einem Bann. Schwer empfander es in: diesem Augenblick, an seine Pflicht gekettet zu sein,— er mußte fort— und konnte nicht. Mit tausend unsichtbaren Fäden zog es ihn zu der hilflosen, verstoßenen Frau hin. Das unerbittliche Schicksal tat seinen harten Spruch, wie mitZentnerlasten beschwert, schritt er zur Tür. Aber auf halbem Wege kehrte er wieder um. Es war ja ein Abschied,——— ein Abschied vielleicht für immer. Er nahm ihren feinen Kopf mit dem herrlichen Blond- haar zwischen seine beiden Hände und küßte sie auf den Mund. Dann sagte er leise: „Kitty, ich habe dich sehr liebgehabil“ Sie erwiderte ebenso leise:„Fred, ich weiß es, ich dich auch!“ 11 Ihre Augen, Märchenaugen, wie er sie bei sich nannte, waren groß und ernsthaft auf ihn gerichtet. Sie wollten beide mehr sagen. Aber sie konnten es nicht. Ihr Gesicht war weiß, und die Lippen schimmerten seltsam rot. Die Hoffnungslosigkeit dieser Stunde--- legte sich wie ein Alp auf seine Brust. Jetzt wußte er, daß er sie mehr liebte als sein eigenes Leben. Er war erschüttert wie nie zuvor. Gebhard drückte ihren schönen Kopf fest an seine Brust, als ob er sie nie mehr von sich lassen wollte. Wieder murmelten seine Lippen dieselben Worte, alles andere Denken schien ausgelöscht zu sein: ,, Kitty, ich habe dich sehr liebgehabt!" Noch ein paar lange und schwere Augenblicke, dann eilte er fluchtartig hinaus. Die Tür fiel ins Schloß. Wie verloren die Augen in brennendem Weh in die Ferne gerichtet, verharrte Kitty in der Mitte des Zimmers, das sie in wenigen Minuten verlassen mußte. Noch war die Hand warm von dem letzten Händedruck des Mannes, dem ihr Herz gehörte-- und immer noch flüsterten ihre Lippen seine Abschiedsworte: ,, Ich habe dich sehr liebgehabt!" Ein Grauen überfiel sie. Würde sie ihn je wiedersehen? Wird sie jemals zurückkehren dürfen in die Heimat? Wer wußte es zu sagen? Wie ein Sturm tobten die Gedanken und Gefühle in ihrer Brust und ließen sich nicht eindämmen, noch irgendwie logisch ordnen. Die Klarheit des Denkens fehlte vollkommen. Das Schicksal hatte sie mit einem Keulenschlag getroffen. Sie war völlig betäubt. Das ungeheure Verhängnis, das über sie hereingebrochen war, traf sie ja nicht allein. Eine von vielen Tausenden war sie nur, die heute, an diesem Morgen aus der Heimat vertrieben wurde. Zwangsweise ausgewiesen aus Deutschland, sie, eine Deutsche! 12 Welche Schande! Vor dieser Katastrophe war die Beschlagnahme ihrer Wohnung erfolgt, danach die öffentliche Versteigerung ihres gesamten Hausstandes: Schlafzimmer, Salon, Herrenzimmer, Küche und alle die anderen Dinge, die die Hausfrau täglich benutzt. An jedem Gegenstand hatte ein Stück Eigenleben gehangen. Dann trat ein kurzes Aufatmen ein. Sie war seit einigen Wochen in einem kleinen Zimmer des WarburgStiftes untergebracht gewesen und dachte, hier von allem Kummer befreit zu sein. Das war aber eine Täuschung. Denn nun erst erfolgte das grausame Zupacken der Gestapo. Eines Tages fand sie den Evakuierungsbefehl vor. Die Aufregung war unbeschreiblich, sie warf Kitty auf ein Krankenlager. Doch es gab kein Erbarmen. Ob krank oder nicht, fort mußte sie, so lautete der Befehl der Gestapo. In schmerzlicher Spannung wartete Elisabeth, die Schwester, im Hintergrunde. Das plötzliche Auseinandergerissensein Kittys von der Familie war auch ihr unheimlich vorgekommen und im innigen Mitgefühl schwang ihr Herz der armen Schwester entgegen. Immer noch stand diese wie eine Statue mitten im Zimmer. Schließlich entschloß sich Elisabeth, die gänzlich Verstörte zu mahnen. ,, Hast du auch deine Handtasche? Denk' einmal nach, ob du mir noch Aufträge zu geben hast? Wir müssen ja bald hinuntergehen." Ihre Stimme bebte, als sie sprach. Kitty schüttelte den Kopf. Da umschlang Elisabeth ihre Schultern. ,, Ach, wenn ich dir nur helfen könnte!" ,, Mir kann nur Gott helfen!" - ,, Ich werde immer für dich beten, Kitty. Gott wird dich schützen!" Zum erstenmal hob Kitty frei ihr Gesicht empor und 13 sah Elisabeth an. Es war ihr, als erhelle sich dieser schreckliche Tag wieder und alles Leben, das entfliehen wollte, kehre zurück, Es war ihr, als gäbe es in der Welt nichts Schöneres, als in diese blauen Augen- ein Erbteil der verstorbenen Mutter zu blicken, deren strahlende Bläue an den Glanz eines südlichen Himmels erinnerte, und in diesem in holder Anmut aufblühenden Gesicht die tiefe Trauer über den Abschied zu lesen, die auszudrücken die Sprache zu arm war. -- Kitty wollte reden, aber es gelang ihr nicht. Stumm sah sie vor sich nieder. Elisabeth war zum Fenster geeilt und ein Blick belehrte sie, daß jetzt die Bewohner des zweiten Stockes an die Reihe kämen. Wieder war unten ein neuer Lastkraftwagen auf dem Platz eingetroffen. Und wieder umstanden in großen Gruppen die zur Ausreise gerüsteten Menschen das Auto. Sie hatten alle zusammen nur Rucksäcke, Kleingepäck und Handtaschen bei sich. Das große Reisegepäck, samt den Schlafsäcken waren tags zuvor verladen und fortgebracht worden. Schnell wandte Elisabeth sich um. ,, Eil' dich, Kitty, wir müssen jetzt hinuntergehen! Es ist die höchste Zeit. Wir sind bereits die letzten Nachzügler!" Tonlos kam die Antwort. ,, Da es sein muß, will ich dir folgen." Elisabeth sammelte die paar Taschen zusammen und drängte zum Gehen. Kitty folgte automatisch. Nur den Blick ließ sie noch einmal durch das kleine Zimmer schweifen, das sie wahrscheinlich niemals wiedersehen würde. Dann stieg sie neben der Schwester die Treppe hinab. Und nun traten beide durch die Haustür. Kitty schwankte etwas. Der ganze Platz, die vielen Leute, der Wagen, alles drehte sich in einem wirbelnden Kreis um sie. 14 Da fühlte sie sich rauh am Arm gepackt, und mit einem Schwung befand sie sich plötzlich auf dem Wagen. Ein eisiger Schrecken durchlief ihre Glieder. Wo war die Schwester? ,, Elisabeth", wollte sie rufen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie ließ ihren Blick umherschweifen und gewahrte die Schwester auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, wie sie hastig mit der Hand winkte. Das Tor öffnete sich, und der schwere Lastkraftwagen mit der Menschenlast fuhr jetzt an und bog schnell um die nächste Straßenecke. Die Umstehenden blieben zurück und sahen mit gemischten Gefühlen dem rasch entschwindenden Lastkraftauto nach. Sie wurden sich erst jetzt dessen bewußt, wie hart wohl ein solcher Abschied von der Heimat sein mußte, der so ganz und gar ins Ungewisse führte. Welch' ein Verbrechen aber soeben mit der Vertreibung dieser Menschen begangen wurde, hatte in seiner ganzen Tragweite wohl keiner der Zurückgebliebenen begriffen. Denn diese Versklavung traf nicht einzelne Menschen, sondern richtete sich gegen ein ganzes Volk. Deutsche wüteten gegen Deutsche. Während sich die Ansammlung auflöste, eilte Elisabeth allein die Straße hinab. Jetzt konnte sie ihren Tränen ungestört freien Lauf lassen. Der Lastkraftwagen schwankte durch die Straßen und fuhr mit rasender Eile über Plätze und Wege, durch die Spaldingstraße bis zu dem dortigen Schulgebäude. Hier hielten bereits andere leere Wagen. Die Neuankömmlinge wurden aufgefordert einzutreten und sich in verschiedene Räume zu verteilen, bis sie zur Kontrolle aufgerufen würden. Dieser Ort war ein Sammellager zur letzten Visitation. 15 In einigen Zimmern waren lange, breite Tische aufgestellt, hinter denen die Beamten der Gestapo saßen. Reihenweise gruppierten sich die Ausgewiesenen hintereinander, um einzeln an die Tische heranzutreten. Auch Kitty befand sich plötzlich einem Gestapobeamten gegenüber, der sie fragend ansah. Sie erkannte in ihm den Kriminalrat Göttsche. Er war der einzige Beamte der Gestapo gewesen, der sie immer sehr höflich behandelt hatte. Darum faßte sie Vertrauen und wartete ab. Er fragte: ,, Frau Bergner, haben Sie noch Wertsachen, Schmuck oder Geld bei sich?" ,, Ja", erwiderte Kitty, ich habe in meinem Portemonnaie noch 159,07 Mark, sonst nichts". ,, So geben Sie es mir", antwortete der Beamte. Kitty reichte ihre Börse hinüber. Göttsche schüttete den Inhalt auf den Tisch. Die kleinen Zettel und Zettelchen schob er wieder in die Fächer des Portemonnaies hinein. Alles andere blieb vor ihm liegen. Ganz entsetzt hatte Kitty das Tun des Beamten verfolgt. ,, Aber, Herr Kriminalrat, wollen Sie mir denn den alleräußerstern Notpfennig nun auch noch abnehmen? Ich habe doch nichts mehr, und ich bin eine Bettlerin." ,, Es ist meine Pflicht. Laut Verfügung über die Einziehung kommunistischen Vermögens vom 26. Mai 1933 in Verbindung mit dem Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933 muß ich Ihnen das Geld abnehmen. Und zwar zugunsten des Deutschen Reiches." -- Kitty schwankte und wäre bestimmt in Ohnmacht gesunken, wenn nicht die hinter ihr stehende Dame rechtzeitig nach einem Stuhl gerufen hätte. Man geleitete die junge Frau zu dem Sitz, und dann ging die Untersuchung weiter. 16 Im Nebenraume waren Beamte beschäftigt, Scheine über die beschlagnahmten Summen auszustellen. Auch Kitty erhielt einen solchen nach Aufruf. Ungefähr 50 Per- sonen wurden zugleich in einen Raum geführt, der 25 obere und 25 untere Betten aufwies. Einfache Holz- beiten, ohne irgendeine Matratze. Es war die Unter- bringung für die kommende Nacht. Kitty zog sich sofort zurück. Sie fühlte sich über die Maßen elend und setzte sich auf ein Beit, dort vergrub sie das Gesicht in den Händen. Ihr Herz war immer noch von Entsetzen und Grauen verkrampfi. Die Türen blieben geöffnet. Draußen auf dem Korridor irrten Leidensgenossen hin und her. Nun trat eine größere Gruppe herein. Mehrere Herren plauderten eifrig mit einer eleganten Dame. Sie lachten und scherzten und boten einen schar- fen Gegensatz in ihrer ungezwungenen Laune zu dem größten Teil der Zimmerbelegschaft. Kitty hob den Kopf. Überrascht hielt die Dame inne und rief:„Liebste Frau Professor, was sehe ich, Sie sind auch unter den Deportierten? Wahrhaftig, ich glaube sogar, Sie haben geweint, das wäre wirklich töricht. Lachen müssen Sie ——, lachen und sich frisch halten. Kommen Sie nur her zu uns.“ Kitty hatte sich erhoben und trat zu der Gruppe. Frau Böhme, so hieß die Dame, war die Gattin des Musikverlegers Joh. Aug. Böhme und eine bekannte Hamburgische Erscheinung in allen Konzerten. Überall traf man die lebhafte, elegante Frau an. Neben dem Musikverlag unterhielt das Haus Böhme noch eine Kon- zertagentur. „Das ist recht, meine Liebe, ich begrüße Sie herzlich und freue mich, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Darf ich Sie mit meinen beiden Neffen bekannt machen? Hier, Herr Sigurski und dort mein anderer Neffe, Franz Du- blin, Frau Professor Bergner, die Gattin des berühmten Komponisten und Musikschrifistellers Rudolph Bergner. 2 Philipp, Die Todgeweihten 17 Ihr wißt doch, mein Mann hat die Lieder und Klavierstücke dieses Künstlers verlegt. Wir sind alte Freunde, nicht wahr, Liebste?" Kitty nickte. ,, Haben Sie schon einen Platz für die Nacht ausgesucht?" Kitty wies auf ihre Pritsche. ,, Nun, wir werden uns noch viel zu erzählen haben, meine Liebe. Auf Wiedersehen denn später!" Am nächsten Morgen in der Frühe gegen fünf fand der Abtransport der Entrechteten vom Hamburger Hauptbahnhof statt. Der Zug, der diesen Transport aufnehmen sollte, stand schon in der Halle. Wer von ihnen würde Hamburg jemals wiedersehen? * Als Kitty im Zuge saß, umgaben sie nur fremde Gesichter. Wie sehr bedauerte sie, bei dem Abtransport von Frau Böhme und ihrer Gruppe getrennt worden zu sein. Es wäre ihr lieb gewesen, mit der bekannten und ihrem eigenen Gsellschaftskreis angehörenden Dame zusammenbleiben zu dürfen. * * Fast vor der Abfahrt des Zuges stieg noch ein Herr mit zwei Damen ein. Nun war das Abteil vollständig besetzt. Die zuletzt eingestiegenen Leute machten einen sehr distinguierten Eindruck. Der Herr hatte eine große Figur und ein ausgeprägtes, sehr geistvolles Gesicht. Er schien ein guter Sechziger zu sein. Die Damen hingegen sahen trotz ihrer grauen Haare noch recht jugendlich und frisch aus. Ihr Alter mochte ungefähr an die Fünfzig sein. Ihre eigentümlich rührende Art, einer für den andern zu sorgen, fiel allen sofort auf. Die andern im Abteil befindlichen Frauen und Mädchen waren bedeutend jünger. Die Familie hatte sich den Coupéinsassen vorgestellt als Kaufmann Larson, Handelsrichter aus Hamburg mit Frau und Schwägerin. 18 Darauf erhoben sich auch die anderen Insassinnen und nannten, sich vorstellend, ihre Namen. Auch Kitty mußte aus ihrer Reserve heraustreten, trotz ihres Kummers, um nicht gegen die Höflichkeit zu verstoßen. Es war danach sehr still in dem Abteil. Alle schienen in sich gekehrt und mit eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Besonders ein junges Mädchen unterschied sich durch ihr außerordentlich bedrücktes und tieftrauriges Wesen. Ja, es schien, als weinte sie innerlich unaufhörlich. Der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt, und das Bahnhofsgebäude glitt an den Scheiben vorüber. Er fuhr bis Harburg. Dort wurden die Abteiltüren geöffnet, und es wurde jedem einzelnen der Insassen eine Papiertüte überreicht. Der Inhalt war eine Zweitagesration als Wegzehrung. In der Tüte waren enthalten: Brot, Butter, ein kleiner Käse, ein Stück Wurst, ein Paket Watte und ein Talglicht. Dann schloß sich wieder die Tür, und der Zug setzte sich in verstärktem Maße in Bewegung. Ein jeder hing jetzt wellverloren seinen Gedanken nach, denn auch zum Schreiben fehlte nach der großen Unruhe die Konzentration. Hätte man aber gewußt, daß diese kurze Spanne Zeit auf deutschem Boden die letzte Gelegenheit gewesen war, an seine Lieben Worte richten zu dürfen, so hätte jeder bestimmt diese Gelegenheit bis aufs äußerste ausgenutzt. Immerhin setzten sich Kitty und noch ein junges Mädchen zum Schreiben nieder und übergaben diesen letzten Abschiedsgruß dem Zugbeamten. Das Aussteigen war verboten. Jetzt erst gewahrte man auf allen Haltestationen und auch auf weiteren Strecken, durch die der Zug fuhr, Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten auf den Perrons und Bahnsteigen. Nur durch Zufall hatte Larson, als er am Fenster vorüberging, die Posten gesehen. Bei dem letzten Aufenthalt vor dem Passieren der 2% 19 deutschen Grenze bestiegen noch einmal Beamte der Gestapo den Zug und revidierten die Vertriebenen. Unentwegt rollte der Zug seinem Ziele zu. Kittys Gedanken verschwanden fast völlig, und sie fühlte nur, wie ein Todesahnen ihre Seele überflutete. Alle Erinnerungen, alles letzte Geschehen sanken in Vergessenheit. Da hörte man plötzlich eine Stimme. Frau Lupiskaja, die schöne, schwarzhaarige Dame, die sich als Künstlerin vorgestellt hatte, hatte sich erhoben und wies auf das neben ihr versunken dasitzende Mädchen und sagte:„ Jene dort hat wohl das allerschlimmste Schicksal gehabt, das man sich denken kann, und es würde unsere Gedanken ablenken, wenn wir auch mal ein anderes Erlebnis aus unserer Leidenswelt hörten." Larson drehte sich darauf zu der Sprecherin herum und machte eine kleine Verbeugung. ,, Gewiß! Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau, und wenn es nicht zu unbescheiden ist, so würde ich Sie bitten, uns das Schicksal Ihrer Nachbarin zu erzählen." ,, Ich bin gern dazu bereit", antwortete Frau Lupiskaja, ,, um so mehr als ich das traurige Schicksal meines Schützlings als Zeugin selber miterlebt habe." " , Trotzdem ich von Geburt Russin bin, wurde ich unfreiwillig in Deutschland festgehalten und war während der Zeit Gast meines Schützlings hier." Sie beugte sich zu dem jungen Mädchen herab und fragte: ,, Alma, wenn du nichts dagegen hast, erlaubst du mir vielleicht, deine furchtbaren Erlebnisse zu erzählen?" Alma nickte nur. Dann begann Frau Lupiskaja: ,, Im fünften Stock einer bescheidenen Behausung in Hamburg lebten zwei Schwestern, Alma und Anna Arend. Beide ledig. Die eine war Lehrerin, befand sich während des halben Tages außerhalb in ihrem Beruf. Die andere Schwester, Schneiderin, versah den kleinen Hausstand und verfertigte hubsche Kleider für elegante 20 20 - Damen und Kinder. Seit elf Jahren kannte ich diese beiden arbeitsamen Frauen, und wenn ich nach Hamburg kam, um für mich und meine kleine Tochter", sie unterbrach sich und rief: ,, Sonja, mein Liebling, erhebe dich mal, kleiner Faulpelz, und zeige dich den Herrschaften!" Ein ganz entzückendes junges Mädchen von kaum 15 Jahren, ein wahrer Engel an Schönheit mit einem blonden Lockenkopf, erhob sich schlaftrunken aus der Ecke. ,, Sehen Sie, das ist meine Sonja, Tänzerin, und bereits ein aufgehender Stern, wie ich mit Stolz hinzufügen darf." Das kleine Fräulein reichte jedem der Insassen des Coupés die Hand. Danach trał wieder tiefe Stille ein, und Frau Lupiskaja setzte ihre Erzählung fort:„ Die eine Schwester arbeitete für mich und meine Tochter seit Jahren. Eines Tages erschienen Ende 1935 die Nürnberger Gesetze. Das war für Alma und Anna ein Verhängnis. Sie stammten von jüdischen Eltern und hatten sich später katholisch taufen lassen. Alma wurde ihres Berufes als Lehrerin enthoben. Von Anna zog sich fast der ganze Kundenkreis zurück, und nur wenige Kunden blieben, die notdürftig den Unterhalt der beiden decken konnten. Anna wurde durch die unausgesetzten Aufregungen sehr krank, denn, wie bekannt, traten immer härtere Verfügungen über die Juden in Kraft. Eines Tages wurde Anna besinnungslos und mußte ins Krankenhaus geschafft werden. Hoffnungsloser Fall. Man stellte dort Tuberkulose fest. So off ich kam, saß Alma allein zu Hause und starrte mit tränenlosen Augen ins Leere. Ich mußte sie trösten, und schließlich blieb ich ganz dort, um die völlig Unfähige zu stützen. Das Unglück wuchs. Die Schwester bat Alma, sie wieder zu sich zu nehmen, sie wolle nicht im Krankenhaus sterben, sondern oben im kleinen Stübchen, wo durch das Fenster noch das Stück Himmel zu sehen war, wo nachts die Sterne mit Goldglanz erstrahlten und der Mond sein silbernes Licht durch die Scheiben sandte. 21 , Ach', schrieb sie ,, wie sehne ich mich nach dem Platz an meiner Maschine, wo ich die herrlichen Kleider aus blühender Phantasie zurechtarbeitete. Laßt mich dorthin zurück.' Daraufhin setzte Alma sich mit der Krankenhausverwaltung in Verbindung und holte Anna wieder. Sie kam bleich, abgezehrt, aber glücklich. Die Schwestern lagen sich vor Freude in den Armen. Da fiel eine neue Bombe in den häuslichen Frieden. Der Hauswirt mußte den Schwestern kündigen. Er dürfe in seinem arischen Hause keine Jüdinnen wohnen lassen. Wortlos lasen sie die Nachricht und starrten sich an. Der Hauswirt war noch einer von den Gutmütigen und ließ ihnen Zeit. Aber die Gestapo kümmerte sich weder um gutmütige Hauswirte noch um kranke Leute. Wer Jude war, hatte die ganze Tragik der Zeit durchzukosten. Die Jüdische Gemeinde teilte auf Weisung der Gestapo den Schwestern mit, daß sie in das Warburg- Stift kämen. Sie dürften sich von ihrer Wohnung für ein Zimmer das Notwendigste mitnehmen, alles andere müßte verauktioniert werden. Mit versteinerten Gesichtern kamen sie zu mir und hielten mir das Schriftstück entgegen, darauf setzten sie automatisch ihre Namen darunter. - Trotzdem wandten sie sich mit einem Gesuch an den Pfarrer ihrer Kirche, sie seien doch seit 25 Jahren Christen, ob das nicht berücksichtigt werden könne, und ob man nicht aus diesem Grunde von der Veränderung absehen möchte?! Absage! Nun saßen sie wieder in ihrem Zimmer in dem Warburg- Stift wie alle anderen Menschen, die ebenfalls dort untergebracht waren und die das gleiche oder ein ähnliches Schicksal hatten. Dann fanden sie plötzlich den Evakuierungsbefehl vor und zwar zu gleicher Zeit mit dem meinigen. Ich war auch aus allen Wolken gefallen, hatte mich aber in das Unvermeidliche gefügt. 22 22 Die Geheime Staatspolizei hatte mitgeteilt, daß wir von Hamburg fortgeschafft würden. In dem Befehl stand auch weiter, was mitzunehmen wäre: Ein Koffer oder Rucksack, ein Paar derbe Arbeitsstiefel, zwei Paar Socken, zwei Hemden, zwei Unterschlüpfhosen, ein Arbeitsanzug, ein Pullover und zwei Wolldecken. Dazu an Bettwäsche zwei Garnituren und Geschirr: ein ER- napf, ein Trinkbecher und ein Eßlöffel. Mehr als ein Gepäckstück pro Person würde zurückgewiesen Wwel- den. Die detaillierte Anordnung wurde kurz vor der Ab- reise zurückgezogen, und statt dessen durfte jeder Eva- kuierte soviel an Gepäck mitnehmen, wie er wollte. Ver- pflegung für die Bahnfahrt würde vom Jüdischen Reli- gionsverband beschafft werden. Nach Lesen dieser Zeilen standen wir alle uns wort- los gegenüber. Ich ging darauf hinaus, und später er- fuhr ich durch Alma folgendes: Die Nacht war herein- gebrochen. Am Horizont leuchtete die Mondsichel. Sterne funkelten dazwischen——. Heilige Ruhe. Anna und Alma standen am Fenster und sahen hin- aus. ‚Jetzt sterben‘, flüsterte Anna, ‚du weißt, ich habe ohnedies nicht mehr lange zu leben. Aber du, Alma, sollst noch glücklich werden!‘ ‚Ich?‘, lächelte Alma bitter zurück, ‚wenn du nicht mehr lebst, nein, ich will mit dir gehen!‘ Anna warf die Arme um den Hals der Schwester und kiißte sie innig. ‚Ich habe alles Veronal aus dem Krankenhaus aufge- spart und mir noch vieles dazu besorgt. 24 Stück, zwei volle Rollen habe ich.‘ ‚So viel Tabletten hast du gesammelt?‘ antwortete zitternd Alma. ‚Ja, es reicht‘, sagte Anna ‚Willst du, daß wir zu Bett gehen? Oder wollen wir noch aufbleiben?‘ ‚Ja‘, hauchte Anna. ‚Wenn wir den Weg in die Un- endlichkeit antreten wollen, so bitte ich dich, laß es doch heute Nacht sein. Sammeln wir unsere Gedanken 25 zu einem Gebet zu Gott, daß er unsere Seelen gnädig aufnehmen möchte. Wir kommen doch zu früh, ungerufen.' , Du gibst mir das Glas zuerst und wartest, bis ich tot bin. Dann trinkst du. Bitte, bitte, Alma, erfülle mir diese Bitte. Aber warte genau darauf, bis ich schon gestorben bin, denn ich habe ganz schreckliche Angst, scheintot begraben zu werden." Frau Lupiskaja machte eine Pause und sah in die erwartungsvoll auf sie gerichteten Gesichter. Dann fuhr sie fort: ,, Die Schwestern hatten das Veronal gemischt und ehrlich in zwei Gläsern zur Hälfte geteilt. Sie umarmten und küßten sich noch einmal weinend. Zitternd nahm Anna das Glas--, sah auf die Schwester, trank und trank das ganze Glas aus, und wollte nun zum zweiten greifen aber Alma riß ihr schnell das Glas aus der Hand. Eisige Schauer überflogen ihren Körper. Sie setzte den Rand des Glases an ihre Lippen und goß mit einem Schwung alles hinunter. Die Schwester war zurückgesunken. Schnell nahm sie sie in ihren Arm und bettete den Kopf an ihre Brust, und dann wartete sie.- Der Kopf bewegte sich, nichts wurde gesprochen unheimliche Ruhe --, dann sie röchelle. -- sank Anna schwer zurück 11 11 Alma sprang mit einemmal in entsetzlicher Angst empor, warf sich schreiend über die Sterbende. Es war zuviel! Ihre Nerven hatten versagt. Kopflos rannte sie umher, dann lief sie hinaus, riß meine Tür auf und rief: , Frau Lupiskaja, Frau Lupiskaja, drinnen liegt meine Schwester leblos und starr. Bitte kommen Sie schnell, schrie sie laut in weinendem Jammer. Wir wollten uns töten, meine Schwester und ich, aus Angst vor der Deportation. Sie ist vielleicht schon tot, und ich lebe noch, das darf nicht sein. Helfen Sie mir, sie zu retten, sie darf nicht sterben.' Ich führte die gänzlich Fassungslose zu einem Sitz, dort brach sie lautlos zusammen. 24 24 Von der Unfallstelle aus, wohin ich sie schnell ge bracht hatte, kam sie ins Krankenhaus, und dort hatte man meinem armen Schützling durch Ausspülung des Magens das Leben retten können. Die Schwester ist tot. Nun teilt sie ja doch unser aller Schicksal, und was in meiner Macht steht, werde ich natürlich für sie fun, um sie dem Leben wieder zuzuführen." Es herrschte eine unheimliche Stille. Weiter donnerte der Zug seinem Bestimmungsorte entgegen. Kein Mensch wagte sich zu rühren. Alle Insassen des Abteils waren auf das tiefste ergriffen. Die Frauen weinten, und auch Larson räusperte sich vernehmlich und tupfte mit seinem Taschentuch im Gesicht herum. Kitty hatte Herzklopfen. Ihr war, als sei sie auf dem Weg in eine Hölle. Sie versuchte mit aller Willenskraft ihre Erschütterung niederzukämpfen. Kitty gehörte zu denen, die nicht gern jemandem zeigen mochten, wie es in ihrem Innern aussah. Frau Lupiskaja hatte den Arm fest um die Schultern der kleinen, schmächtigen Lehrerin geschlungen. Nur die ganz jungen, Sonja und der Knabe Raphael, unterhielten sich leise flüsternd und hatten die Tragik dieses Falles nicht mit durchlebt. Plötzlich erklang eine rauhe Frauenstimme. ,, Da meint nun jeder, das Schlimmste an Leid gehört zu haben. Ach, welche Täuschung! Weit größer als alle anderen Leiden ist meine eigene Seelennot. Ich bin nur eine einfache Frau, wie Sie wissen, Frau Juda aus Luxemburg." Frau Juda trug über dem braunen lockigen Haar ein Tuch geknotet und machte den Eindruck einer Bäuerin. 37 , Wenn es nicht ungelegen erscheint, dann möchte ich Ihnen wohl meine furchtbare Geschichte erzählen. Also bestimmen Sie!" ,, Ja, ja", rief es im Chor ,,, wir bitten Sie, Frau Juda, erzählen Sie uns doch, was Sie erlebt haben." Frau Juda brauchte nicht lange Zeit, um Worte zu finden. 25 25 " , Wir waren jung verheiratet, lebten zufrieden als glückliches Ehepaar in Luxemburg, mein Mann und ich, wo wir ein Möbelgeschäft besaßen. Nach der Geburt unseres Söhnchens gab es wohl kaum glücklichere Menschen. Unser Geschäft warf einen schönen Gewinn ab. In dieses ruhige, gleichmäßig fließende Leben drang wie die Posaune des jüngsten Gerichts die Nachricht von dem Attentat auf den Legationsrat vom Rath in Paris. Eine wilde Hetze gegen die Juden begann in allen Ländern des Deutschen Reiches und übertrug sich auch auf die Nachbarstaaten. Der Attentäter Grünbaum war nämlich ein Jude gewesen. Unsere Großherzogin hatte sich bisher niemals um die Gesetze der Nationalsozialisten gekümmert, im Gegenteil, soweit wie ich es gehört habe und mich erinnere, hatte sie sich sogar gegen diese grausamen Gesetze Hitlers ausgesprochen. Die Großherzogin sollte noch gründlicher belehrt werden. Ohne sich um die Souveränität des Landes Luxemburg zu kümmern, ohne eine Einwilligung der Großherzogin einzuholen, vollzogen die Gestapobeamten Deutschlands in Luxemburg die Gesetze Hitlers. Alle jüdischen Geschäfte wurden enteignet, demoliert und geplündert. Das Hab und Gut der Juden für vogelfrei erklärt. Auch wir verloren unser Geschäft und hörten auf, Hausbesitzer zu sein. Zwar durften wir noch in unserem Hause wohnen bleiben, jedoch nur noch für kurze Zeit, dann sollten wir eine kleine Behausung in einem Stift erhalten. Einige Zeit verging, und ein Tag kam heran, an dem ich mit meinem Söhnchen in der Küche bei der Zubereitung des Mittagmahles war. Es sollte mein letzter Tag in dem Hause sein. Ich wartete nur noch auf meinen Mann, um das Mittagessen gemeinschaftlich einzunehmen." Bis jetzt hatte Frau Juda in gleichmäßig ruhiger Art ihre Gedanken entwickelt. Nun stand sie auf, holte tief Luft, nahm ihr Taschentuch und trocknete sich die langsam herabfließenden Tränen. 26 Frau Larson mit ihrer weichen Natur ergriff sofort ihre herabhängende Hand und streichelte sie unaufhörsich. Schließlich beruhigte sich Frau Juda und begann weiter zu sprechen. ,, Ja", fuhr sie fort ,,, bald sollte ich meinem schönen Heim für immer Lebewohl sagen müssen. Auf der Treppe hörte ich plötzlich lautes Gepolter und Männerschritte. Als ich mich durch die Küchentür auf den Flur begab, sah ich zwei junge Leute in SS- Uniformen die Stiegen heraufstürmen. Voll böser Ahnung lief ich ihnen in den Weg und zwar in dem Moment, als sie gerade lachend und heftig gestikulierend auf dem Vorplatz zu unserer Wohnung anlangten. Ich hatte große Angst, weil ich allein war, denn die beiden Soldaten sahen gar zu verwegen aus. Ohne meine Frage: was sie wünschten und was sie zu mir heraufführe, zu beantworten, erhielt ich einen Stoß, daß ich zur Seite flog, und dann eilten beide stracks an mir vorbei in das gegenüberliegende Schlafzimmer meiner Wohnung. Ich folgte ihnen mit Angst im Herzen. Vor dem groBen Ankleideschrank mit dem geschliffenen Kristallspiegel blieben sie stehen. Der eine der Soldaten hatte aus seiner Tasche ein bislang verborgen gehaltenes Beil hervorgeholt und war eben im Begriff, den kostbaren Spiegel zu zertrümmern, als ich mit einem Wehlaut zu ihm eilte und mich mit meinem ganzen Körpergewicht an seinen Arm hängte. Mein Gott, es war das beste Möbelstück unserer Einrichtung von wertvollstem Mahagoniholze. Aber der Kamerad riß mich im gleichen Augenblick zur Seite und faßte mich dabei so gewaltsam am Kopfe, daß das Ohrläppchen durchriß und mein Ohrring zur Erde fiel. Ich blutete stark und schrie laut um Hilfe. Mit donnerähnlichem Krachen hatte der SS- Mann den kostbaren Kristallspiegel zerschlagen und holte mit ge27 22 hobener Hand zu weiteren Schlägen aus, schah etwas Entsetzliches -- ein Schuß fiel. da geIn der Türöffnung stand Wilhelm, mein Mann. Totenbleich, den rauchenden Revolver in der herabgesunkenen Hand haltend. Mit lodernden Augen und fest zusammengepreßten Lippen stand er dort gleich einer Säule, völlig unbeweglich. Mir blieb vor Entsetzen das Herz stehen. Der SS- Mann war in seinem Blute zusammengebrochen, er schien tot zu sein, und sein Begleiter war entflohen. , Wilhelm, Wilhelm', rief ich verzweifelnd aus ,, was hast du getan? Nun ist unser Untergang ganz gewiß beschlossen.' , Flieh, flieh', stieß mein Mann rauh hervor ,, nimm das Kind und flieh in den Wald, dort, wo wir zuletzt die Himbeeren gepflückt haben, ich komme, wenn ich kann, sofort nach.' Ich zögerte unmerklich, aber er wies gebieterisch mit der Hand nach der Tür. Ich zitterte, denn ich wußte, er blieb nur, um unsere Flucht zu decken. Mein Gott, ich fühlte eine Todesangst, weil ich instinktiv wußte, ich würde ihn nie wiedersehen. Aber ich raffle, ganz nach seinem Willen, das Kind in der Küche vom Boden auf und eilte, ein Plaid und einen Eẞkorb zur Hand nehmend, vorsichtig zu der Seitentür, die zum Keller führte. Von dort ging ich über die Straße hinaus in den Wald. Ich war ganz ungehindert über alle Wege, die mich dorthin führten, gegangen, trotz meines rasenden Herzklopfens, ruhig und ohne Eile, damit keiner meine Flucht bemerken sollte, und so erreichte ich auch, ohne die Aufmerksamkeit der Passanten, die mir begegneten, auf mich zu ziehen, ungehindert den Wald. Erst dort verließen mich meine Kräfte. Ich setzte mich zitternd nieder, dann schwanden mir die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, spielte das Kind artig zu meinen Füßen. Es war alles so, wie es immer gewesen war. 28 Die Sonne schien und sandte ihre goldenen Strahlen über den Bergkegel und fiel in breiten Streifen auf mich hernieder, die Vögel sangen, und irgendwo in der Nähe plätscherte leise eine Quelle. Die Natur um mich herum hatte kein anderes Gesicht bekommen, aber bei mir inwendig war alles ein Chaos. Dort in der Waldesstille in dem verlorenen Bergwinkel, auf dem eine Tannenlichtung lag, hatte ich mich nun in meiner höchsten Not verborgen und erwartete meinen Mann. Aber alles Warten war vergeblich. Tage vergingen. Ich mußte mich mit meinem Kinde notdürftig von den Früchten ernähren, und ich hatte schon die Absicht, wieder umzukehren und mein Haus aufzusu~ chen, aber eine innere Stimme hielt mich davon zurück. Endlich, nach ungefähr vier Tagen, kamen heimlich Nachbarn herauf in den Wald, fanden mich, die ich fast verhungert war, und brachten mir Lebensmittel und Ausweispapiere. Um meine Spur zu verdecken, sollte ich diese benutzen und nach Hamburg fliehen. Sie sagten mir, daß mein Mann erschlagen sei, gleich nachdem ich mit dem Kinde fortgewesen wäre. Alles Hab und Gut von uns sei zertrümmert und verbrannt worden. Sie ließen mir gar keine Zeit zum Nachdenken, auch keine Erholung von der maẞlosen Erschütterung über diese furchtbare Nachricht. In Hamburg angelangt, konnte niemand mich ohne Lebensmittelkarten bei sich aufnehmen, daher mußte ich zur jüdischen Gemeinde gehen und mich ihr anvertrauen. Diese steckte mich unverzüglich in einen Transport, und jetzt bin ich hier." Frau Juda hatte ihre Erzählung beendet. ,, Und was ist aus ihrem Kinde geworden?", fragte Frau Lupiskaja. ,, Mein Kind", stammelte Frau Juda,„ ich werde es wohl nie wiedersehen. Es ist mir gleich abgenommen worden, als ich nach Hamburg kam." Frau Juda hatte ihr Gesicht verhüllt. Keiner mochte die Trauer dieser armen Frau stören. 29 30 30 Nach einer Weile fragte Frau Larson:„ Wissen Sie nicht, wohin man Ihr Kind gebracht hat?" Frau Juda schüttelte den Kopf. Da tröstete die Frau:„ Hoffen wir, daß Ihr Kind am Leben geblieben ist und Sie es dereinst nach Ihrer Rückkehr wiedersehen werden." ,, Schrecklich", ließ sich Larson vernehmen ,,, wie überall dort, wo sich die Nürnberger Gesetze auswirkten, die Schicksale der Menschen bis zur Wurzel zerstört worden sind." Am Fenster saß eine Frau mit dichtem schwarzen, krausen Haar. Bislang hatte niemand etwas von ihr bemerkt. Sie war die Mutter des kleinen Jungen und hatte sich ganz kurz als Frau Schiller aus Berlin vorgestellt. Sie erhob sich jetzt und fragte. ,, Es ist bald Nacht und die Herrschaften möchten sich vielleicht lieber zur Ruhe begeben, aber bevor es geschieht, wollte ich bitten, auch mich einen Augenblick anzuhören." Alle stimmten zu. ,, Meinen Mann haben die Nationalsozialisten erschossen, ohne daß er auch nur das Allergeringste getan hatte. Wir befanden uns, mein Sohn, mein Mann und ich, in Hamburg als Gäste auf dem Hochzeitsfest meiner Nichte. Dort wurden wir mitten aus dem Feste, von der Tafel weg allesamt abgeholt von der Gestapo. Sieben Männer wurden samt meinem Manne fortgebracht und in der gleichen Nacht erschossen. Es sollte eine Vergeltungsmaßnahme sein für das Attentat auf den Statthalter Heidrich, der in der Tschechoslowakei bei seiner Rückkehr von einer Reise von dortigen tschechischen Patrioten erschossen worden war. Juden kamen für diesen Überfall überhaupt gar nicht in Frage. Trotzdem wurden Hunderte von unschuldigen Menschen, darunter auch mein lieber, guter Mann, erschossen. Und nun habe ich das Liebste verloren", wimmerte Frau Schiller. Das Gehörte war kein vorübergehender Schall, sondern drang tief hinein ins Innere eines jeden. Das Bewußtsein des Verwobenseins mit dem Schicksal aller dieser Anwesenden empfand auch Kitty sehr stark. Die gesellschaftlichen Unterschiede, obgleich sie sich auch hier schon bemerkbar machten, spielten keine Rolle mehr. So empfand sie das Dumpfe, Erdrückende ihrer Lage nicht mehr so stark wie bisher. Durch die Not der Mitwelt, die verhältnismäßig größer war als ihre eigene, wurde diese, wenn auch nicht aufgehoben, so doch stark vermindert. Zwar war es kein Trost zu wissen, daß es Menschen gab, die immer noch mehr zu leiden hatten als man selber, aber dennoch empfand sie das allzu Schwere ihres Schicksals nunmehr tragbarer. Lange Zeit war tiefe Stille in dem Abteil. Die Larsonschen Damen waren die ersten, die jetzt anfingen, aus dem mitgeführten Koffer Gegenstände aller Art herauszunehmen, um appetitliche Brötchen für das Nachtmahl zurechtzumachen. Ihrem Beispiele folgend, beschäftigte sich auch jetzt Frau Lupiskaja mit der Zubereitung eines Imbisses, wobei ihr die kleine Sonja mit erwachendem Interesse assistierte. Fräulein Arend indes verhielt sich nach wie vor feilnahmslos. Auch Frau Schiller und Frau Juda, die beide noch unter dem Eindruck ihrer letzten schweren Erzählungen standen, verhielten sich passiv und dachten nicht daran, in die gewohnten Alltäglichkeiten zurückzufallen. Auch Kitty beschäftigte sich gleich den anderen mit der Zubereitung eines einfachen Nachtmahles. Ihre Thermosflasche enthielt guten, starken Tee, und dieser tat denn auch seine wohltuende Wirkung. Er regte Kittys erschöpfte Lebensgeister mächtig an. Die Dämmerung war bereits hereingesunken. Von den ungleich traurigeren Umständen der Lebensschicksale der drei anderen Frauen im Abteil berührt, beschloß Kitty in stummem Gebet zu Gott, tapfer aus31 harren zu wollen, bis zu dem Moment, wo die Stunde der Befreiung aus der Gefangenschaft schlagen würde. Es war eine Aufgabe, die sie sich selber stellte. Die Unterschiede der einzelnen sozialen Stufen durch Anlage, Bildung und Lebensumstände sollten hinfort keine Rolle mehr spielen. Und diese Gruppenschicksale im kleinen sollten später noch eine Leidenswelt unermeßlichen Ausmaßes im großen, worin Kittys Leben vollständig versank, eröffnen. Es gab fortan kein Einzelerleben mehr, was individuell gewertet werden wollte, sondern nur ein Kollektiverleben, in das der einzelne aufging. Nun erst überblickte Kitty kritisch ihr letztes Verhalten in Hamburg vor zwei Tagen, bevor sie diese Reise antrat. Sie schalt sich unter heftigen Selbstvorwürfen innerlich tüchtig aus. Was hatte sie nicht alles versäumt? Die Kostbarkeit der letzten Augenblicke in der Heimat in dumpfem Groll und Trauer verbracht, anstatt mutig dem Schicksal die Stirn zu bieten. Hier unter diesen sympathischen Menschen hatte sie sich nun endlich wieder zurechtgefunden, doch verhehlte sie es sich nicht, daß nur die Leiden der anderen verbannten Frauen sie umgestimmt hatten, wenn auch das Resultat das gleiche war: nämlich die Verbannung! Die Gegenwart, die sich jetzt als eine unübersteigbare Mauer emporreckte und das Vergangene abschloß, war schemenhaft, ohne greifbare Anhaltspunkte für das Werden der Zukunft. Alles lag dunkel, ungewiß vor ihr. " Wissen Sie, Herr Larson, wohin unsere Reise eigentlich geht?" fragte Frau Lupiskaja. ,, Damit kann ich Ihnen dienen, meine gnädige Frau. Auf der Gemeinde wurde mir gesagt, unser Ziel sei Theresienstadt. Dort würden wir alle gehalten werden, als lebten wir in einem Altersheim. Es soll für uns vollständig dort gesorgt werden." ,, Dasselbe wurde mir auch erzählt", mischte sich Frau Schiller ins Gespräch. ,, Doch nach dem, was ich erlebt 32 32 habe, glaube ich nicht an eine ruhige, sichere Stätte für uns Verbannte." , Wir wollen uns nicht selbst die Hoffnung auf ein ruhiges Leben nehmen. Seien Sie nur zuversichtlich, ein bißchen Glück wird wohl doch noch für uns herausspringen", meinte Frau Larson. Die freundliche, weißhaarige Dame reichte Frau Schiller ihre Hand und drückte sie. Frau Lupiskaja, deren große Erscheinung etwas Imponierendes an sich hatte, war aufgestanden. Sie reichte jetzt jedem der Anwesenden aus ihrer Keksdose kleine kandierte Törtchen und Biskuitstücke, die alle ohne Ziererei mit Dank annahmen. Dann holte sie zu aller Beteiligten Überraschung eine Flasche Wein hervor, wovon sie ebenfalls jedem der Reihe nach ein Gläschen anbot. Bei Kitty Bergner blieb sie überrascht stehen. ,, Nein, wie Sie, gnädige Frau, meiner Magdalene ähnlich sehen, ist wahrhaftig zum Staunen. Sie könnten Schwestern sein." ,, Mein Name ist Bergner, Kitty Bergner." ,, Ja, ja, ich vernahm ihn vorhin schon. Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen?" ,, Recht gern!" Kitty rückte zur Seite. Frau Lupiskaja war eine 35jährige Dame mit hochfrisierten schwarzen Locken. Die Augen waren hellgrau und boten mit dem blühenden Teint des Gesichtes einen lieblichen Kontrast zu der Schwärze des Haares. Eine natürliche Liebenswürdigkeit machte sie nach kurzer Zeit zum Mittelpunkt des Interesses. ,, Ja, meine Gesellschafterin Magdalene Beyer ist in Deutschland, und jedes Jahr war das Ziel meiner Reise zunächst zu ihr, nach ihrem Hotel in Braunlage, wo sie mit einem Kollegen von mir verheiratet ist." Auch Larson schien unschuldigerweise ein großes Gefallen an Frau Lupiskaja zu finden. Er überbot sich an aufmerksamem Zuhören und warf ab und zu seine Kenntnisse über Braunlage mit in die Unterhaltung. 3 Philipp, Die Todgeweihten 33 33 Frau Larson hatte die Veränderung ihres Mannes mił Genugtuung beobachtet und freute sich, daß auch er ein wenig aus seiner bedrückten Stimmung herausging. Mit heimlichen Blicken zu ihrer Schwester, Fräulein Loewenherz, verständigte sie sich mit ihr. In ihrem Herzen herrschte nur ein Gedanke, ihren schwergeprüften Mann, der durch einen langen Leidensweg von Kränkungen und Demütigungen aller Art- er war ja auch seines Amtes verlustig gegangen gelitten hatte, mit seinem Schicksal zu versöhnen. Beider Leben ging ganz in dem Wohlbefinden des Gatten und Schwagers auf. Frau Juda hatte nun auch mit Frau Schiller ihre E- geräte bereitgemacht, und sie waren zusammen mit dem kleinen Sohn Raphael damit beschäftigt, ihrem Abendbrot zuzusprechen. Sonja war ganz und gar vertieft in die köstlich hergerichteten kleinen Brötchen und frank den Wein Schlückchen auf Schlückchen aus. Kitty und Frau Lupiskaja waren angeregt vertieft in eine Unterhaltung mit Larson, die sich immer noch um die Schönheiten des Harzes in Braunlage drehte. Auch für Kitty legte Larson offen das größte Interesse an den Tag. Das feine, zurückhaltende, aber trotzdem zuvorkommende Wesen der lieblichen jungen Frau hatte es ihm angetan. Dazwischen ließ er sich von seinen beiden Damen wie ein Pascha verhätscheln, bis er fast ärgerlich abwehrte und sie daran erinnerte, doch endlich auch einmal an sich selbst zu denken. Und jetzt erst auf die eindringlichste Art darauf hingewiesen und ermuntert, fingen auch diese beiden herzensguten Damen an, tapfer zuzulangen. Nur das in sich versunkene Fräulein Arend mußte erst durch Frau Lupiskajas energisches Zureden zum Essen ihrer Brötchen gezwungen werden. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Die Gesichter der einzelnen Insassen des Coupés waren nicht mehr zu erkennen. 34 Die Natur forderte nun doch ihre Rechte, und tiefe Stille trat nach kurzer Zeit ein. Während sich der eine und der andere dem Schlummer überließ, rollte der Zug unaufhörlich in gleichem Takte der Räder seinem Bestimmungsorte zu. - 1 - - HINTER DEN MAUERN THERESIENSTADTS Nach zwei Tagen war das Ziel dieser Fahrt erreicht: Theresienstadt. Theresienstadt ist eine Stadt an der Oder in Böhmen, der jetzigen Tschechoslowakei. Bekannt als Ort vieler Garnisonen, Hauptwaffenplatz und Festung aus den früheren Kriegslagen zwischen Maria Theresia und Friedrich dem Großen. Später( 1882) wurde diese Festung aufgehoben. Theresienstadt hat eine ganze Menge Kasernen, die für das Auge unsichtbar angelegt sind, so daß sie ganz verborgen bleiben. Auf ihren Dächern erheben sich Obstkulturen und Acker und bieten sich dem Auge als bepflanzte Ebenen dar. In diese abgesonderte Welt wurden Menschen versetzt zu Tausenden aus allen Reichen der europäischen Länder. Über diese vom Schicksal zusammengekoppelte Menschenherde schwang der Lagerkommandant SS.Obergruppenführer Joeckl seine erbarmungslose Peitsche. Hier half kein Rätselraten, kein Kopfschütteln. Im 20. Jahrhundert war ein Mann aufgestanden, der zufällig in einen kleinen Kreis unzufriedener, politischer Kannegießer geriet. Er lauschte ihren Worten und fühlte die Stärke seines nationalen Bewußtseins plötzlich erwachen, fühlte aber auch zu gleicher Zeit die Sehnsucht dieser Menschen nach der Gründung eines neuen Staatswesens heraus. Wie ein Blitz kam plötzlich ein fremder Mann daher, 3* 35 35 irgendwoher aus Braunau. Ihre übergewaltigen Träume verstand dieser und machte sich dieselben dienstbar. Ja, diese Menschen waren ratlos, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten sich heimlich alle möglichen Plane zu. Was hatte er zu verlieren? Er, ein kleiner, namenloser Soldat aus dem Weltkrieg. Nichts!!! Aber einen Willen hatte er, riesenhaft groß. Eine Rolle wolte er spielen um jeden Preis. Ja, das wollte er. Die Zukunft sollte es lehren. Aus winzigsten Anfängen wurde das Saatkorn eines Unkrautes gesät, das das ganze Europa später überwuchern sollte und alles, was wertvoll war, im Keim erstickte. Der Rattenfänger der jüngsten Weltgeschichte war geboren. Und er fing an, seine Flöte zu spielen. Er lockte die Volksmassen zu sich heran. Zuerst trieb die Neugierde die Menschen zu ihm, dann erwachte nach und nach das Interesse an seinen verführerischen, apodiktischen Reden und Versprechungen, die in ihren Herzen die langgehegte Hoffnung auf eine bessere Zeit nährten. Was sagte er? Statt eines kleinen, geknechteten Deutschlands sollte ein mächtiges, nur von Germanen bewohntes Großdeutschland entstehen, das seine Gesetze den andern Völkern diktierte. Die nationale Einigung aller Volksgenossen sollte das bewerkstelligen. Bruder sollte mit Bruder, Land mit Land eng verknüpft werden, und stark wie eine Lawine alle anderen Parteien, Verbindungen und Pakte einfach erschlagen. So der Mann, der sich Adolf Hitler nannte. Dieses neueste Deutschland sollte ein tausendjähriges Reich werden und in die Geschichte als solches eingehen. Der Nationalsozialismus wurde nicht von Adolf Hitler, sondern von Hauptmann Hermann Röhm aus der Taufe gehoben. Zuerst nannte sich diese neue 36 Bewegung die einfache Arbeiterpartei, erst später kam der Name Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei. Auf neue Ideen warteten viele Unzufriedené. So war die Idee des Nationalsozialismus aufgetaucht und auf fruchtbaren Boden gefallen, um dort als schlimme Saat aufzugehen. Die Zahl der Anhänger wuchs am Anfang spärlich, erhöhte sich aber im Laufe der Zeit durch die donnernden Reden Hitlers, den Röhm als Agitator der deutschen Arbeiterfront eingesetzt hatte. Noch nahm man diese Bewegung nicht ernst. Aber den Phantasten eines neuen Staatswesens galt das Bild am fernen Horizont der Zukunft als magische Macht. Im Bürgerbräukeller in München stauten sich die Zuhörer, über deren Köpfe Hitler seine Reden schmetterte. Auf ein paar Lügen mehr oder weniger kam es ihm nicht an. So gewann diese Idee nach und nach an Format. Das arme, verblendete, von Sehnsucht und Vaterlandsliebe erfüllte deutsche Volk spann seine Träume bis zum Himmel weit und jubelte diesem Manne zu. ,, Wahrhaftig, Nachbar, das ist der Erretter, das ist einer von den unseren, der unsere Wünsche, Hoffnun gen und Ziele kennt und sie verwirklichen wird." Und er, der leibhaftige Satan, der Teufel in Menschengestalt, freute sich über den Gewinn jeder Seele, die ihm verfiel. Die Gewinner und Sieger des ersten Weltkrieges standen draußen und wußten mit der komischen, deutschen Nation nichts anzufangen. Sie schüttelten die Köpfe und wunderten sich über die sehnsuchtshungrigen Seelen der Deutschen. In Amerika glaubte man überhaupt nicht daran, daß die Deutschen wirklich wie Narren den Arm zum Gruß hoben und dabei die Worte sprachen:„ Heil Hitler!" Sie schüttelten die Köpfe und lachten auch gewaltig darüber. 37 37 Als der Zug auf einem freien Platz vor den Toren Theresienstadts einlief, eilten schon viele Menschen, die auf dem Perron gewartet hatten, den Vertriebenen entgegen. Man unterschied tschechische und deutsche Soldaten, darunter befanden sich die Posten mit den aufgepflanzten Seitengewehren. Hochmütig stolzierten die wachhabenden SS- Offiziere umher und ordneten durch laute Befehle die Aufstellung der aus dem Zuge steigenden Personen an, dazwischen warfen sie ihre beobachtenden Blicke auf das Verladen der vielen Gepäckstücke. Eine lange Reihe von Kraftwagen nahm die gewaltige Last der vielen Koffer und Schlafsäcke auf. Die alten, gebrechlichen Menschen 1 manche gingen an Krücken, einige wurden in Rollstühlen gefahren-, wurden zur weiteren Beförderung auf Wagen gehoben und fuhren sofort ab. Nachdem die jüngeren und frischeren Leute aussortiert waren, wurden sie von einem Posten auf einen weiten Platz geführt, der von einem Holzgitter umgeben war. Dort mußten sie warten. Sie hatten jetzt Muße und konnten sich die Gegend, in der sie sich befanden, ansehen. Die hohen, waldbewachsenen Berge der Sudetenkette gaben in ihrer majestätischen Ruhe einen seltsamen Kontrast zu ihrer traurigen Lage. Ihre Silhouetten zeichneten sich scharf vom Horizont ab und schufen, umstrahlt von dem ersten Licht der aufgehenden Sonne, ein wunderbares Bild. Kitty folgte mit besonderem Interesse der Entwicklung des Abtransportes. Sie hatte nur eine Angst, ihre Leidensgefährtinnen, mit denen sie im Zuge schon ein wenig Fühlung gewonnen hatte, zu verlieren. Leider mußte sie feststellen, daß es der Fall war. Frau Lupiskaja mit der kleinen Sonja, wie auch die anderen drei Frauen waren ihrem Gesichtkreis entrückt. Von den Abteilinsassen stand nur noch die Familie Larson in ihrer Nähe. 38 Der Marsch in die Stadt hatte bereits begonnen. Gruppe an Gruppe schloß sich der Schlange an, und endlich durfte auch die Gruppe, zu der Kitty und Larsons gehörten, dem langen Zuge folgen. Während viele der Marschierenden Rucksäcke und manche sogar Koffer in den Händen trugen, hatte Kitty nur ihre Handtasche und eine Plaidrolle mit Decken bei sich. Auf dem Rücken frug sie wie fast alle den Rucksack. Auch Larson hatte mehrere Koffer in seinen Händen und auf dem Rücken einen gewaltig schweren Rucksack Viele Hunderte von Menschen schritten jetzt dem Innern Theresienstadts entgegen. Es ging über Felder, an altertümlichen Gebäuden vorbei, auch über eine Brücke, unter deren Bogen ein Wasser lief, und endlich war man in der Stadt selber. Es war ein langer Marsch, und Kitty hatte Mühe, in der Nähe der Bekannten zu bleiben, aber es gelang ihr. Der lange Menschenstrom wurde von beiden Seiten von tschechischen und deutschen SS- Leuten flankiert. Die Uniformen der Tschechen sagen stramm am Körper und hoben das Ebenmaß der durchweg schönen Gestalten besonders hervor. Ihre Augen wanderten auch mal flüchtig, aber voller Angst zu den stolz einherschreitenden SS- Offizieren. Diese trugen in ihren Händen einen Knüppel. Schritt auf Schritt bewegte sich die gewaltig lange Schlange vorwärts. Nun ging es hinein in das Innere Theresienstadts. Auf einmal weiteten sich Kittys Augen vor Entsetzen. Ihr Antlitz wurde aschfahl. Sie schwankte gleich einer Birke im Sturm. Sie wäre fast zu Boden gesunken. Was war geschehen? Ach, nicht viel! Larson hatte von dem neben ihm gehenden SS- Offizier einen Schlag mit dem Knüppel über den rechten Arm bekommen, so daß die Koffer zu Boden fielen. Was war der Grund? Larson wollte einem jungen 39 39 Burschen, der neugierig den Zug musterte, seinen Koffer zum Tragen reichen, da erhielt er den Schlag. Erschrocken war der Bursche fortgelaufen und hatte den Koffer zurückgegeben. Jetzt ging Larson ganz schief, wie ein alter Mann. War der Schlag so heftig gewesen, oder war es die Schmach, geschlagen worden zu sein? Kälte durchschauerte Kittys Körper. Waren sie Gefangene und jeder Gewalt ausgeliefert? Oder was bedeutete dieser Vorfall, der plötzlich blitzartig erfolgte? Ob die andern auch diese Szene beobachtet hatten, die sich sekundenlang vor aller Augen abspielte?- Kitty wagte sich nicht umzusehen. Gradeaus gingen aller Leute Blicke, und wie Automaten wanderten sie dahin. Vor einem großen Gebäude hieß es halten. Es war eine frühere Kaserne und wie ein Hufeisen mit zwei Toreingängen vorne und hinten gebaut. Vor dem Tor hielten zwei Ghettowachtmänner Posten. Sie hatten scharfe Kontrolle auf jede ein- und ausgehende Person zu üben. Jetzt warfen sie beobachtende und suchende Blicke auf die draußen vor ihnen stehende, harrende Menge und forschten unter den Wartenden nach bekannten Gesichtern. Daher fragte der eine Posten leise den Zunächststehenden. ,, Woher seid ihr?" ,, Wir sind alle aus Hamburg", antwortete der Gefragte. " Wir hören hier nur wenig! Ihr armen Teufel, daß euch das los zufallen mußte, zu uns zu kommen. Hier müßt ihr bös' hungern." ,, Hungern?! Man sagte uns, wir kämen in ein Altersheim." 40 40 Der Ghettomann brach ab. ,, Ruhig, ruhig!" warnte er leise. Ein paar SS- Offiziere schritten eben durch das Tor. Die Gefangenen verhielten sich mäuschenstill. Als die SS- Leute verschwunden waren, drang eine Gruppe der Wartenden zu den Ghettoleuten vor und fragte aufgeregt: " , Was stellt ihr vor, müßt ihr uns bewachen?!" ,, Ja! Aber wir sind Gefangene wie ihr, wir sorgen nur für Ordnung." Ein anderer fragte:„ ,, Was ist das hier für ein Leben? Geht das immer so zu? Kann man sich nicht frei bewegen?" ,, Nein! Ihr seid alle an die Verordnungen gebunden. Geht alle wieder an eure Plätze und seid um Gotteswillen ruhig, daß wir die beiden SS- Offiziere nicht aufmerksam machen. Die schlagen zu, wohin es gerade trifft. Es ist noch vieles mehr zu sagen, aber ihr werdet es schon erfahren." Darauf blieben die Ausgetriebenen verstört stehen- sahen einander an und hatten Herzklopfen. Die Ghettowachtmänner blickten jetzt gleichgültig über alle hinweg, weil eben die beiden SS- Offiziere zurückgekehrt waren und den Befehl zum Einmarsch der Gefangenen in die Kaserne gaben. Der Zug wurde durch einen langen, ausgedehnten Hofplatz hinweggeführt über eine hohe Steintreppe in eine von Säulen getragene Halle. Im Innern befanden sich Treppen, die hinauf in die oberen Stockwerke der Kaserne führten. Wachen standen überall herum. Die Menschen wurden in einzelne Gruppen verteilt und zum Niedersitzen aufgefordert. Es wurde ihnen bedeutet, daß sie zu warten hätten, bis für weitere Unterkunft Sorge getragen sei. Wie lange es dauern würde, wüßte keiner. Die Wachen entfernten sich, und die Gefangenen blieben sich selbst überlassen. Ein jeder machte es sich, soweit er es konnte, auf dem Boden bequem. Irgendwelche Sitzgelegenheiten gab es nicht. Kitty hatte eine Nische erwählt, die Platz für vier Personen bot. Dorthin führte sie auch Larsons. Somit waren diese vier Menschen für die nächsten Stunden vereint. Es herrschte ein tiefes Stillschweigen unter ihnen. Man 41 sah es den bekümmerten Mienen der alten Damen an, wie sehr sie mit ihrem ganz verstörten Manne litten, der totenbleich und mit starren Augen, ganz teilnahmslos vor sich hinbrütete. Kitty fühlte ein tiefes Erbarmen. Sie streifte alle Befangenheit ab, und ohne an das schreckliche Erlebnis zu rühren, plauderte sie absichtlich ungezwungen mit der Gruppe. Die Stunden vergingen mit Mahlzeiten und der wohlverdienten Ruhe nach dem langen Marsche. In der Nacht, die diesem Tage folgte, geschahen viele aufregende Dinge. Es wurden Schreie gehört, Männerstimmen, laute Auseinandersetzungen zwischen der Wache und den erregten Menschen. Wärter kamen und schleppten heftig um sich schlagende Personen hinweg, die aus irgendwelchen Gründen nun doch noch zuletzt ihren Verstand verloren hatten. Frauen stritten untereinander, durch vielerlei Mißverständnisse verleitet, über alle möglichen Dinge. Kurzum, es war eine Nacht, wo kein Mensch an einen Schlaf denken konnte. Alle saßen sie auf dem kalten Steinboden, den Kopf in die Hand gestützt und überdachten die letzten Erlebnisse. Auch Kitty saẞ völlig wach. In ihrem Geiste befestigte sich immer mehr der Gedanke, durch fremdes Leid, das zu lindern sie beschloß, ihr eigenes zu vergessen. Sie nahm sich vor, sich besonders Larsons anzunehmen, um diesen sympathischen Menschen in Theresienstadt das Leben zu erleichtern und zu erhalten. Sie hatte eine ganz kurze Zeit wohl doch geschlafen, denn plötzlich wachte sie durch den Strahl eines hellen Lichtes auf. Eine fremde, große Frau stand vor ihrem Lager und leuchtete mit der Taschenlampe ihr ins Gesicht. Kitty schrie auf und herrschte die Frau an, was sie suche? Die Frau erwiderte, sie solle den Platz räumen, das sei der ihrige, sonst würde sie handgreiflich werden. 42 Kitty war aufgesprungen und rief: ,, Wenn Sie nicht sofort machen, daß Sie verschwinden, werde ich die Wache rufen. Sie wollen wohl mich und die schlafenden Leute hier", dabei wies sie auf die alten Damen ,, bestehlen?" Darauf verschwand die Frau sofort. - - Als der Morgen anbrach, erhob sich Kitty frühzeitig und war im Begriff, in den Hof hinunterzugehen. Sie legte ihre Handtasche zu den Sachen Larsons; da sah sie, wie der Mann schon wach lag und mit offenen Augen in starrer Unbeweglichkeit vor sich hinsah. Sie grüßte freundlich, aber er schien sie gar nicht zu bemerken. Im Hofe waren trotz der frühen Morgenstunde Hunderte von Menschen auf den Beinen; sie umgaben als Schlange teils den Waschraum, teils den Eingang zu der Latrine. Überall standen Wachen, die den Verkehr regelten. Es durften immer nur 10 Personen in die Räume hineingelassen werden. In der Latrine sah es fürchterlich aus, und die Luft war zum Ersticken. Man saß auf Baumstämmen, welche durch einen Querbalken gehalten, Stütze boten. Fünf auf der einen Seite und fünf auf der anderen Seite. Die Frauen hatten jetzt schon nach kaum 24 Stunden des Auf- dem- Boden- Liegens fast alle Durchfall und jammerten über Bauchschmerzen. Der kalte Steinboden der Halle und die Aufregung auf dem Marsche in den vergangenen Stunden, dazu die ungenügende Ernährung hatten ihr übriges getan. Endlich war Kitty mit ihrer Morgentoilette fertig. Sie hatte zugleich für Larsons den Kaffee mit aus dem Hof heraufgeholt, und jetzt erfrischten sich alle nach der fast durchwachten Nacht an dem heißen Getränk. Es hatte eine wohltuende Wirkung. Nach dieser stürmischen Nacht sollte ein ebenso aufregender Morgen folgen. Es war seitens der Wachen angekündigt, daß ab 11 Uhr die Kontrolle stattfinden sollte und sämtliche Insassen der Halle aus diesem Grunde ihren Platz nicht verlassen durften. Wirklich kam gegen 12 Uhr der Lagerkommandant Joeckl mit seiner Begleitung. SS- Leute trugen große 43 Waschkörbe in die Halle, die dazu dienten, die bei der Durchsuchung beschlagnahmten Gepäckstücke hineinzulegen. Darunter waren Thermosflaschen, Thermometer, optische Instrumente, Taschenlampen, Watte, Lichte und Medikamente. Nachdem die Revision beendet war, zeigte es sich, daß tatsächlich die vielen Körbe bis zum Rande mit diesen und ähnlichen Gegenständen angefüllt waren. Danach setzte eine Kommission die Transportnummern der Einwanderer auf kleine Pappschilder, und ein jeder erhielt solche Scheibe mit seiner Nummer umgehängt. In diesem Moment hörte der Mensch auf, eine Persönlichkeit zu sein. Er wurde selber zu einer Nummer. Genau wie der Zuchthäusler, der seine Nummer trägt. DASTOR DES LEBENS WAR JETZT ENDGÜLTIG ZUGESCHLAGEN Wiederum bewegte sich eine lange Schlange durch die gradwinkligen Straßen Theresienstadts, wovon diese Stadt 6 Längestraßen und 9 Querstraßen aufwies. Schnurgerade wie ein Schachbrett mit seinen Linien, klar und übersichtlich dem Auge, lag das Bild der Stadt da. Aber diesen Ecken und Geheimnissen gegenüber befand sich die innere Front; dort waren die ineinandergeschachtelten Höfe von Block zu Block durchbrochen und führten ganze Straßen weit ineinander. Das war die abgesonderte Welt der Häftlinge. Unentwegt dehnte sich die große Menschenmenge durch die vielen Straßen und wurde Trupp auf Trupp abgelöst, um in die zweistöckigen, kleinen Blockhäuser geleitet zu werden. Jetzt hielt der Zug vor dem Hause L. 212. Ungefähr 200 Menschen wurden abgetrennt und, von der Torwache geleitet, in den Innenhof des Hauses geführt, wo sie sich aufstellen mußten. Die Transportnummer des einzelnen 44 wurde aufgerufen, und dann durfte der Betreffende die Steintreppe des Hauses hinaufgehen. Kitty mit Larsons und ein paar anderen Frauen kamen in ein zweifenstriges, mittelgroßes Zimmer im ersten Stock des Hauses. Alle sahen sich umsonst nach irgendwelcher Sitzgelegenheit in dem Raume um. Weder Stuhl noch Tisch, noch Betten, noch überhaupt irgend etwas, woran das Auge einen Halt finden konnte, waren in dem völlig nackten Raum zu sehen. Nicht ein Nagel war an den Wänden zu entdecken. Alle Vertriebenen sahen sich voller Entsetzen an. Sie lehnten sich gegen die Wand, um nicht umzufallen. Tränen stürzten aus ihren Augen. Eisige Schauer durchfuhren auch Kittys Glieder. Wie, hier sollen die Menschen leben? Hier schlafen? Wo waren denn die Betten dazu? Wohin sollte man mit seinen Sachen und woran seine Kleider aufhängen? Mein Gott, war es Wirklichkeit? Nach und nach kamen alle Häftlinge, die für dieses Zimmer eingesetzt waren, herauf, und alle standen entgeistert auf ihrem Platz. Selbst die größten Optimisten mußten ihre Illusionen angesichts ihrer Lage für immer beiseitestellen. Die Wirklichkeit war erschütternd. Die Erinnerung an das verlassene, sorgfältig gepflegte Heim trat allen krag vor Augen. Sie fragten sich mit Recht, ob ein Leben unter diesen Umständen überhaupt möglich sei. Plötzlich erschien in der Tür der Hausälteste, namens Stehr, ein Tscheche. Er machte dem Grübeln der Frauen ein Ende, rief eine Dame zu sich heran und übergab ihr einen Zettel, worauf der Hausdienst für die Frauen dieses Zimmers verzeichnet stand. Eine freundliche, ältere Dame mit einem weißen Lokkenkopf trat aus dem Kreis der Frauen und nahm den Zettel in Empfang. Sie hieß Frau Magnus und war eine frühere Schulvorsteherin. 45 45 Sie sah den Hausältesten fragend an. „Sie haben die Verpflichtung, den Zimmerinsassinnen . den Hausdienst jetzt gleich bekanntzugeben. Der Dienst beginnt am Morgen 6 Uhr in der Frühe. Er wechselt jede Woche in den Personen ab. Frau Magnus machte eine bejahende Kopfbewegung. „Außerdem mißt sich jede Dame ihren Lebensraum hier im Zimmer selber genau ab und zwar: 60 cm Breite und 180 cm Länge. Ich bitte mir absolute Ruhe aus. Nach 9 Uhr abends ist Sprechverbot. Nur ein Notlicht in der Toilette brennt während der Nacht.“ Stehr, der künftige Wachthund des Lagers, verschwand. Noch herrschte eine beängstigende Ruhe, dann aber brach von allen Seiten ein unterdrücktes Weinen aus. Ängstlich ermahnte Frau Magnus die Frauen zur Ruhe. Aber das Stöhnen und Jammern nahm kein Ende. Mit zitternden Händen fing jede der Frauen an, ihren Platz auszumessen, dann ließen sie sich auf den Boden fallen und stierten teilnahmslos vor sich hin, oder verbargen ihre Gesichter in den Händen. Plötzlich öffnete sich die Tür noch einmal und Frau Böhme stand auf der Schwelle. Lachend und strahlend wie immer trat sie ins Zimmer und forderte zwei Gepäckträger, die hinter ihr gingen, auf, ihre Koffer niederzusetzen. Nach- dem sie: die Träger verabschiedet hatte, eilte sie auf Kitty zu und impulsiv wie sie von Natur aus war, schüt- telte sie ihr nicht nur die Hand, sondern sie umarmte sie stürmisch in ehrlicher Wiedersehensfreude. „Ich heiße Helene“, sagte sie.„Wir wollen Freudschaft schließen und uns gegenseitig helfen.“ „Wie freue ich mich, nicht allein zu sein“, erwiderte Kitty und nannte ihren Namen. Stumm unter Tränen küßten sich die beiden Frauen. Dann sprach Frau Böhme die Bitte aus, ob sie an der Seite Kittys liegen dürfe, was Frau Magnus ohne weiteres gestattete. Nun begann die Zimmerälteste den Hausdienst für den kommenden Tag einzuteilen. Sie rief dabei die Namen auf und sagte:„Frau Rubinstein, Torwache, 46 Frau Benjamin, Treppendienst, Frau Luri, Klosettwache, Frau Levy, Wasserdienst, Frau Lewandowsky, Küchenund Stubendienst usw. Außerdem besorgt Frau Silberstein als Ordonnanz die Angelegenheiten des Hausältesten und wird tagüber dadurch immer unterwegs sein. Das Haus hat ausnahmsweise einen Waschraum. Für Frauen zu benutzen von 6 bis 7 Uhr morgens, für Männer von 7 bis 8 Uhr. Auch ich, als Zimmerälteste, habe einen 6- Stundendienst zu leisten. Die jüngeren Frauen aber unserer Belegschaft müssen ausnahmslos mindestens 8 Stunden arbeiten." Nachdem Frau Magnus die Einteilung beendet hatte, rüsteten alle Frauen ihr Lager für die Nacht. Kitty half den Damen Larson beim Ausbreiten ihrer Matratze auf dem Boden, dann eilte sie auf die gegenüberliegende Seite des Zimmers zu Lenchen Böhme zurück. - Keine der Frauen tat diese Nacht ein Auge zu. Einige sagen fröstelnd auf dem Boden- denn nur wenige hatten Decken oder Matratzen bei sich andere wieder hielten lange Selbstgespräche. Es klang seltsam und war nur ein Murmeln. Der Jammer und die Enttäuschung waren übergroß. Dieser Eindruck eines leeren Zimmers hatte alle so verwirrt, sie wußten nicht, was sie denken sollten. Nach kurzer, armseliger Ruhe auf dem blanken Boden des Zimmers, eingepfercht unter 27 Frauen, ohne genügenden Schutz gegen die hereindringende Kälte, denn obgleich es Sommer war, schlug das Wetter gegen Abend um Theresienstadt hatte Gebirgsklima verging die erste Hälfte der Nacht. Die andere war erfüllt von Aufregungen und Entsetzen ohnegleichen. - J Frau Edelreich wurde plötzlich wahnsinnig. Sie schrie unausgesetzt wie toll. ,, Macht Licht, es sind Einbrecher im Zimmer. Jemand drückt mir die Kehle zu. Ich ersticke, ich ersticke! So helft mir doch!" Es durfte kein Licht gemacht werden, und so versuch47 ten viele durch gütliches Zureden und durch Verabreichen beruhigender Mittel ihre Aufregung zu dämpfen. Leider gelang es nicht. Ihr lautes Schreien war dem Wachthund zu Ohren gekommen. Er kam hereingestürzt, trat auf sie zu, schüttelte sie und schrie sie wie besessen an, ruhig zu sein. Merkwürdig, das half wirklich! Kitty stand dabei und streichelte fortgesetzt der armen Frau den Kopf. Es konnte ja jede von ihnen treffen, und sie alle konnten in die gleiche Lage kommen. Wer stand dafür? In der Frühe kamen Krankenträger und holten die wieder wie wild um sich schlagende Frau ab. Wohin?- Der Wachthund Stehr kontrollierte jede Arbeit und wehe dem, der seiner Meinung nach diese nicht gut gemacht hatte. Dann mußte er sie wiederholen. Jeder Hausälteste hatte sein Büro, das zugleich sein Schlafraum war und auch ein Bett enthielt, für sich allein. Der Hausälteste hatte für die Reinigung seines Büros Frau Böhme bestimmt. Männer und Frauen schliefen getrennt, vorläufig wenigstens, auch Eheleute. In späterer Zeit wurde es aber diesen gestattet, auf Böden zusammen zu schlafen. Immer wieder brach bei Kitty die Freude durch beim Anblick ihrer neugewonnenen Freundin. Während die andern Frauen vergrämt und mißmutig ihren Tageslauf begannen, war Kitty schon früh auf, um zu ihrer Arbeit zu eilen. Der hereinbrechende Morgen wurde also nur von zwei Frauen mit einigermaßen froher Miene begrüßt. Zwar war das Herz trotzdem nicht weniger schwer als bei den andern, aber sie ließen sich nun nicht mehr unterkriegen. Gewiß, sie sind alle entsetzlich elend hier die Gefangenen, aber das Schicksal muß ertragen werden. Frau von Hell saß auf ihrem Lager in majestätischer Größe und schnitt aus Wollstoffresten nach einem Muster künstliche Blumen zurecht. In geschickter und kunstfertiger Art wußte sie diese zu reizenden Buketts zu 48 vereinen. Sie fuhr aus ihrer Arbeit empor, als Frau Magnus laut ihren Namen rief. ,, Frau von Hell, vergessen Sie bitte ihren Dienst nicht, er beginnt sogleich. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie Ihren Platz während dieser zwei Stunden nicht verlassen dürfen. Sie haben dafür zu sorgen, daß keine Zwischenfälle von Unsauberkeiten in dem Badezimmer eintreten, da Sie sonst selbst die Säuberung übernehmen müssen." Frau von Hell erhob sich sofort, packte ihre Sachen zur Seite und ging hinaus. ,, Und Sie, Frau Levy, haben um 12 Uhr Dienst und lösen mich ab. Ich gehe jetzt hinunter, weil der meinige beginnt." Die angeredete Frau Levy nickte bejahend mit dem Kopf. Frau Magnus eilte mit jugendlichem Eifer über die vielen Lager hinweg durch den schmalen Weg in der Mitte des Zimmers. Dann öffnete sie die Tür und ging hinaus. Kitty hatte bereits ihre Arbeit in der Küche begonnen. Mit hochrotem Gesicht war sie bemüht, durch wahre Fluten von Wasser die schmutzigen Fliesen der Küche zu säubern. Die Küche wurde täglich von Hunderten von Menschen passiert, da sie zwischen dem Korridor, dem Eingang und der Terrasse zu den anderen Zimmern führte. Auch das Zimmer des Hausältesten führte durch die Küche über die Terrasse. Kittys Augen musterten aufmerksam die Türen, den Boden und den Herd, ob auch alles gründlich gesäubert sich dem Auge wohlgefällig darbot. Sie war sich ihrer Leistung bewußt und dachte Anerkennung zu ernten. Weit gefehlt. Stehr stand plötzlich auf der Türschwelle zwischen Küche und Terrasse und musterte kritisch ihre Arbeit. Ein mißbilligendes Kopfschütteln leitete seine Worte ein. ,, Sie haben wohl noch nie einen Besen in der Hand gehabt? Nennen Sie diese Sudelei ein Reinemachen?" Er wandte sich brüsk ab und wartete keine Antwort ab. 4 Philipp, Die Todgeweihten 49 Kitty schaute seinem breiten Rücken nach und sah auf das ölige, schwarze Haar, welches in der Sonne glänzte. Die Morgensonne überstrahlte die Terrasse und stand in völligem Widerspruch zu ihren trüben und aufgewühlten Gedanken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Was hatte sie nur verschuldet, daß der Hausälteste einen solch' unberechtigten Groll gegen sie hervorkehrte. Sie war sich beim besten Willen keines Fehlers bewußt, und verzweifelt grübelte sie darüber nach, wie sie ihre Lage verbessern könne. Nach Beendigung ihrer Arbeit eilte sie auf ihren Platz zurück. Unterwegs fraf sie mit der blinden Frau Michelsohn zusammen, und auf einmal stutzte sie. Urplötzlich wurde sie sich dessen bewußt, wie diese junge 25jährige Frau durch ihr sanftmütiges, bescheidenes Wesen und durch die Geduld im Ertragen ihres schweren Loses ihr gleich als Vorbild gedient hatte. Es war ihr gerade, als schicke der liebe Gott selber ihr diese Mahnung auf den Weg: nicht zu verzagen. Frau Michelsohn war Lehrerin im Blindenheim gewesen und zusammen mit ihrem Manne nach Theresienstadt geschickt. Sie war immer heiter und zuvorkommend. Kitty ging auf sie zu und begrüßte sie. " , Wie geht es Ihnen, liebe Frau Michelsohn? Haben Sie schon ihren Spaziergang unten im Hofe hinter sich?" ,, Nein, ich warte auf meinen Mann, er muß jeden Augenblick hier sein." Zusammen betraten die beiden Frauen das Zimmer, und jede ging zu ihrem Lager. Kitty begrüßte Lenchen Böhme. 77 , Wie froh bin ich, Kitty, daß du endlich da bist. Nun können wir doch einmal ungestört plaudern." Kitty klagte Frau Böhme das brutale Wesen des Hausältesten. ,, Daraus mußt du dir nichts machen, wahrscheinlich verfolgt er irgendeine Absicht mit seiner Zurechtweisung, anders kann ich mir das gar nicht denken. Ich zum 50 Beispiel komme ganz gut mit ihm aus. Warte nur ab, und mache dir keine Sorgen." Im Laufe des Nachmittags waren zwei Stunden frei. Der Hausälteste ordnete an, daß Frau Silberstein, seine Ordonnanz, die Hausbewohner zu einem Spaziergang durch Theresienstadt auffordere. Diese Frau Silberstein war eine schlanke, schwarzhaarige junge Frau. Sie war von ihrem Manne geschieden, der Arier war, und hatte ihren Mädchennamen wieder angenommen. Sie war von einem unglaublichen Selbstgefühl besessen. Man mußte sich vor dieser flinken Zunge in acht nehmen. Ihren Kopf trug sie sehr hoch und ihren schwarzen Augen entging auch nicht das Geringste in ihrem Gesichtskreis. Wie man sich erzählte, war sie der Liebling des Hausältesten. Der erste Sparziergang durch die Stadt führte bis zu den abgesperrten Straßen des Lagers. Diese Spaziergänge wurden nicht der Erholung wegen unternommen, sie dienten hauptsächlich dazu, um die Neuankömmlinge in Theresienstadt mit dem ganzen Stadtbilde vertraut zu machen und ihnen Kenntnisse über die Bedeutung der abgesperrten Plätze der SS- Lagerkommandantur und ihres Stabes zu geben. Frau Silberstein erklärte in aufgeräumter und humoristischer Art dem Trupp nun alle diese Unterschiede der Straßen, Plätze und Gebäude und warnte insbesondere davor, eigenmächtige Streifzüge durch Theresienstadt zu unternehmen. Vor drei Wochen nach Ankunft dürfe niemand, ob Mann oder Frau, ohne Begleitung über die Straße gehen, sondern müsse immer in Trupps mit einem Anführer die Wege machen. Es könnte nämlich vorkommen, daß sich einige von ihnen verliefen und vielleicht in die verbotenen Straßen gerieten, sie würden dann dort kurzerhand erschossen. Obgleich ja überall Posten ständen und Barrieren die Straßen trennten. Auch zur Essenausgabe des Mittags wurden die Bewohner der Blockhäuser nach Aufruf ihrer Hausnummer mit einem Anführer in die ihnen zugeteilte Kaserne ge4* 51 leitet, wo dann jeder sein Eßgeschirr gefüllt bekam. Für die bettlägerigen, kranken Hausbewohner setzte sich der Menagedienst ein, von zwei Herren aus der Männerabteilung gebildet, die das Essen in großen Kübeln in die Wohnung brachten. Dafür bekamen jene doppelte Ration. 1 Abends bot das Zimmer der 27 Insassen einen grotesken Anblick. Alle Frauen lagen ausgestreckt auf dem Boden, dicht aneinander, und als einzige Wegspur war in der Mitte nur ein kleiner schmaler Gang frei. Wenn die Frauen in der Nacht zur Toilette mußten - und das mußte jede Nacht die Hälfte der Insassinnen, dann war es eine Kunst, über die vielen ausgestreckten Beine zu klettern. Auch war es sehr schwer, sich in der Nacht seiner Länge nach auszustrecken. Irgendwie geriet man immer mit seinen Beinen in den Bauch oder in die Kniekehlen der daneben liegenden Nachbarinnen. Auch mußte man die Lage seines Körpers so einrichten, daß man den Atem seiner nächsten Umgebung nicht so spürte. In der Praxis ergab sich erst das Ergebnis der Berechnungen, nicht in der Theorie. Dieser kleine Lebensraum war eine feuflisch angelegte Methode, die Menschen zu vernichten. Nämlich, sobald jemand erkrankte, war die Gefahr groß, auch krank zu werden, setzte aber eine ansteckende Krankheit ein, so war sie lebenbedrohend, weil es keinen Schutz gab, sich der Ansteckung zu erwehren. Wenn Kitty sich abends zu Bett legte, dann war ihr letzter Blick immer auf die gegenüberliegende Seite des Zimmers gerichtet, wo die beiden Damen auf dem Boden zusammen lagen. Jeden Abend hörte Kitty sie dasselbe sprechen. ,, Erinnerst du dich noch, Helene, unserer schönen Gesellschaften, die wir gaben und der vielen Freunde, die bei uns aus- und eingingen?" ,, Ja, Martha, die vergangene Zeit war sehr schön, und vielleicht werden wir noch einmal ein ähnliches erleben." 52 ,, Hast du auch deine Tasche, Helene, und schon zur Nacht gebetet?" ,, Ja, ich wünsche dir eine gute Nacht." ,, Ich dir auch, Helene, schlafe gut und denken wir beide an den armen Georg, daß auch er eine ruhige Nacht habe." Frau Michelsohn lag neben Frau Magnus und den beiden Damen Larson. Sie beteten jeden Abend laut vor sich hin und wünschten dann allen Zimmergenossinnen eine gute Nacht. Die übrigen Frauen unterhielten sich noch eine Weile flüsternd, bis vollkommene Stille eintrat. In der Nacht fing dann unter den 27 Frauen das Wandern nach der Toilette an, oder das Rufen der kränkeren nach einer Bettschüssel. Durchfälle und Blasenkatarrhe traten immer wieder auf. So wurde die Ruhe dauernd gestört. Fast die Hälfte der Frauen war durch das Bodenliegen krank. Zwar kam der Blockarzt jeden Morgen und gab seine Verordnungen, aber die Apotheke hatte keine Mittel auszugeben, dadurch schritt die Krankheit immer mehr fort, entwickelte sich heftiger, bis der Zustand des Verfalls eintrat. Das war gewöhnlich das Ende. So wie es hier zuging unter den Frauen, so spielte es sich in ähnlicher, nur schnellerer Art bei den Männern ab. Diese schliefen auf dem gegenüberliegenden Flur der anderen Seite des Korridors. Eines Tages teilte Frau Larson Kitty mit, daß ihr Mann schon seit Tagen krank wäre. Erschrocken fragte Kitty: ,, Was fehlt Ihrem Mann denn? Es ist doch hoffentlich keine ernste Krankheit?" ,, Mein Mann hat nach Aussage des Blockarztes Gelenkrheumatismus, verbunden mit typhösen Erscheinungen, Durchfall. Er darf vorläufig nur ganz leichte Schleimsuppen essen. Das bringt ihn natürlich sehr herunter. Sie wissen ja, Frau Bergner, wir sitzen alle auf dem kalten Boden, und da wird auch er sich dadurch erkältet haben." 53 55 „Fassen Sie nur Mut, Frau Larson, wir werden ihn schon wieder hochbringen. Haben Sie in Ihrem Koffer Haferflocken zur Hand, das wäre zunächst das aller- richtigste. Und heißen echten Tee wollen wir ihm ko- chen.“ Frau Larson bejahte. Darauf eilte Kitty trotz ihrer vielen Arbeit— denn sie hatte den schweren Treppen- dienst— die Suppe vorher in der Küche zu kochen und ließ sich die Haferflocken und den Tee geben. Als sie dann fertig war, ging sie mit den bereiteten Speisen in die Männer-Abteilung zu dem Kranken. Der saß kläg- lich in der Ecke des Zimmers und war in seinem Äußern überhaupt nicht wiederzuerkennen. Schlaff hingen seine Gesichtszüge herab, er mußte mindestens in der kurzen Zeit 40 Pfund abgenommen haben. Ihr gefiel sein kör- perlicher Zustand schon lange nicht. Immer wenn sie ihn sah, stutzte sie über die gelbe Farbe seines Gesich- tes und über seine Augen, die so trübe blickten. Der Kranke klagte Kitty, wie schwer es ihm sei, seine Gliedmaßen des Nachts auszustrecken. Daher säße er aufgerichtet mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, anders wüßte er sich nicht zu helfen. Kittys Fürsorge für die Familie Larson sollte sich bald noch intensiver betätigen können. Die Frau war völlig hilflos in praktischen Dingen, von dem Fräulein Loewen- herz überhaupt zu schweigen. Die letztere war übrigens eine sehr gelehrie, wissenschaftlich gebildete Dame, mit der Kitty viele anregende Unterhaltungen gepflogen hatte. Der Mann wurde lebensgefährlich krank. Seine Über- weisung in das Krankenhaus der Sudetenkaserne stand bevor. Der Blockarzt wollte keine Verantwortung für den Kranken mehr übernehmen und hatte die Über- führung beschleunigt. Mit Hilfe seiner Zimmerkame- raden hatte man dem Erkrankten sämtliches schmutzige, besudelte Zeug von seinem Körper abgestreift und ihn in Decken eingehüllt auf die Bahre gelegt und forige- schaft. 54 Kitty wusch indes im Hof unter der Pumpe das ganze beschmutzte Zeug sauber. Zuerst die Unterkleidung, die sie in einen Bottich zur weiteren Behandlung hineinlegte, danach die Beinkleider. Diese waren besonders schmutzig, und sie mußte sie vorher umstülpen, um den furchtbaren Unrat restlos zu entfernen. Da ertönte die Stimme des Wachthundes fast brüllend über den Hof. Er stand oben auf der Terrasse und beugte sich mit dem Oberkörper über die Brüstung. ,, Donnerwetter noch einmal, wollen Sie sogleich aufhören mit Ihrer Schweinerei da unten! Sie sind mir dafür verantwortlich, daß Sie alles, was Sie dort anrichten, wieder entfernen und säubern. Sonst melde ich Sie!" Kitty schaute mit hochrotem Kopf empor zu dem wutentbrannten Gesicht des Hausältesten und rief hinauf: ,, Es sind die Sachen Larsons, der eben ins Krankenhaus überführt worden ist. Er hat nur diesen einen Anzug und dieses einzige Unterzeug, da ist es doch notwendig, daß die Säuberung des Zeuges sofort geschieht, damit der Mann wieder etwas anzuziehen hat. Ich bürge dafür, daß der Hof saubergemacht wird." ,, Gut! Ich verlasse mich darauf und erwarte Sie nachher in meinem Büro." Diese Widerstände, die immer wieder über Kittys Lebensweg sich anhäuften, entmutigten sie durchaus nicht. Sie hatte sich völlig gewandelt und war jetzt energisch und zielbewußt. Nun, da Stehr sie aufforderte, zu ihm zu kommen, würde er vielleicht die Absicht verraten, warum er sie immer mit seinem häßlichen Benehmen verfolgte, und sie war froh, endlich einmal zu hören, was eigentlich der Grund sei. Der Chefarzt der Sudetenkaserne, welcher zugleich Leiter des Siechenheimes war, wo die ganz alten Frauen untergebracht wurden, Dr. Gutmann, empfing Kitty auf dem Korridor vor den Krankenstuben. ,, Also, wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie sich als freiwillige Helferin hier in den Marodenstuben be55 55 96 56 tätigen? Sie können daher jederzeit hierher auf die Krankenstuben kommen und die Pflege des Mannes übernehmen." ,, Muß ich mich nicht zunächst noch einmal wieder an das Gesundheitswesen wenden?" ,, Nein, das ist nicht nötig", erwiderte Dr. Gutmann, ,, Sie können morgen gleich beginnen. Ich werde die weiteren Schritte zu Ihrer Bestätigung als Schwester selbst besorgen. Der Zettel darüber wird Ihnen vom Arbeitsamt zugestellt werden." Später bekam Kitty die Arbeitszuweisung, wonach sie als Krankenpflegerin der Sudetenkaserne zugeteilt sei. Es ging alles blitzartig, denn irgendwelche Überlegung über die Veränderung ihrer Arbeitspflichten hatte Kitty überhaupt nicht angestellt. Sie wollte Larsons helfen und hatte instinktiv den richtigen Weg dafür erwählt. Erst nachdem alle diese Formalitäten für ihre Betätigung als Schwester erledigt waren, eilte sie die Stufen in ihrem Blockhaus hinauf und betrat das Büro des Hausältesten. Stehr blickte von seinem kleinen Schreibtisch, der mit Zetteln, Büchern und allen möglichen Schriftstücken belegt war, auf und starrte Kitty ins erhitzte Gesicht. ,, Sie kommen etwas spät, meine Gnädige", meinte er spöttisch. ,, Enschuldigen Sie nur, Herr Stehr, aber ich mußte dringende Angelegenheiten für mich erledigen. Ich trete nämlich morgen als Schwester in die Sudetenkaserne ein und habe mir daher meine Schwesternkleidung abholen müssen. Hier ist der Ausweis über meine neue Arbeit." Kitty übergab dem Hausältesten den Schein. Voller Erstaunen nahm der Wachthund den Zettel in Empfang, der wahrscheinlich alle seine Berechnungen über den Haufen warf. ,, Na, da werden Sie sich aber wundern, was da zu fun ist. Dagegen ist das hier bei mir ein Paradies." Er war aufgestanden. Plötzlich änderte er seine Taktik. „Ich habe immer gewußt, daß in Ihnen ein tüchtiger Kern steckt. Ich kenne ja meine Leute!“ Er trat in die Nähe Kittys und wie unabsichtlich strich er ihr über ihren Arm und sagte:„Wenn Sie wieder in den Hausdienst zurückkehren wollen, so können Sie die Ordonnanzstelle bei mir erhalten. Frau Silberstein zieht um und heiratet nämlich. Also überlegen Sie sich das!“ Er reichte ihr die Hand und blitzte sie mit seinen schwarzen Augen an, dann öffnete er ihr die Tür. Ganz verwundert, aber heilfroh, verließ Kitty das Büro und war glücklich, ohne Zwischenfälle davongekommen zu sein. Sie ging darauf in das Zimmer und berichtete im Kreise der befreundeten Damen und Lenchens von dem über- raschenden Wechsel in ihrem Leben. Sie sei jetzt Schwe- ster in der Sudetenkaserne geworden. Weinend vor Freude küßte Frau Larson sie und be- tonte immer wieder, wie glücklich sie sei, ihren Mann fortan in Kittys Obhut und Pflege zu wissen. „Hallo, Kitty, das nenne ich eine Überraschung. Nun wirst du aber wenig Zeit für mich übrig haben“, rief Frau Böhme.„Komm’ wenigstens jetzt zu mir, nutze deine freie Stunde bis morgen gründlich aus und widme sie mir, bitte!“ Am andern Morgen, in der Frühe, war Kitty schon in den Krankenstuben der Sudetenkaserne tätig. Sie kochte starken Tee, Suppe aus Haferflocken und bemühte sich zunächst um Larson, der in der Nacht, nach Aussage des Wärters wieder sehr schlimmen Durchfall hatte. Es gelang ihr nach vielen Wochen, das Leben des Kranken durch die unermüdlichen Kleinarbeiten einer Krankenpflege wirklich zu reiten. Doch er war noch sehr schwach. Jeden Morgen machte Kitty mit ihm Atem- gymnastik am geöffneten Fenster, um die Kräfte seines Herzens zu vermehren, danach ging sie, ihn vorsichtig am Arm führend, eine kurze Zeit auf dem Korridor auf 57 und nieder. Inzwischen hatten die Wärter den Raum durchlüftet und die Betten frisch gemacht. Aber auch den andern Patienten widmete sich die junge Schwester. Das Kommen und Gehen von ihr wurde von den übrigen Kranken wie Sonnenschein im Raume empfunden. Jeder bemühte sich, ein sauberes Äußeres zu zeigen, und es wurden die größten Anstrengungen der Bettlägerigen gemacht, um dieses wirklich zu erreichen. Die Anerkennung des Chefarztes Dr. Gutmann ließ natürlich nicht auf sich warten, nur genierte sich Kitty sehr, daß er in Gegenwart sämtlicher Kranken, innerhalb einer Visite, ihr dieses Lob zollte. Er wußte ihr in der Tat nicht genug Dank, so wohltuend war der Einfluß ihres Wesens. Kitty war froh, daß sie zur Zufriedenheit ihre Pflicht erfüllte. Bis zum Rande war aber auch der Tag mit unerhört vielen Arbeiten ausgefüllt, und sie sank todmüde bei ihrer Heimkehr auf ihr Lager. Dazu kamen noch die furchtbaren Hungergefühle, die leider trotz stärkster Energie sich nicht beschwichtigen ließen, aber das Leben, wie es nun einmal war, mußte durchkämpft werden. Leider starben trotz der sorgfältigsten Pflege die Männer in ihrer Abteilung wie die Fliegen. Manche Hand eines Schwerkranken hatte sie nun nachts am Bett sitzend gehalten und ihm Trost zugesprochen, wenn seine Verzweiflung, abgeschieden von all seinen Lieben zu sterben, überhand nahm. Dann hauchte er, um ein winziges beruhigt ob ihrer Nähe, seine Seele aus. Aber jedesmal gab es Kitty einen Stich durch das eigene Herz. 1 - Eines Tages- es war während der Mittagszeit, als die Kranken schliefen trat der Wärter zu Kitty herein, die gedankenvoll durch das Fenster auf den Sudetenhof sah. ,, Sehen Sie sich, Schwester Kitty, mal den Mann an, der dort, den Kopf gesenkt, spazierengeht. Er ist dauernd bei uns jetzt in Pflege. Sein grausames Ge58 schick hat ihn sehr mitgenommen. Er mußte nämlich sechs seiner Zimmerkollegen aufhängen. Das Los hatte ihn dazu bestimmt. Die Anordnung geschah von dem SS- Lagerkommandanten Joeckl. Die Vergehen dieser sechs zum Tode verurteilten Leute waren nur gering. Der eine Mann hatte Obst gestohlen, der andere illegal an seine Mutter nach der Heimat geschrieben und andere wiederum hatten Zigarettenschmuggel begangen." Kitty war aufgesprungen. ,, Das ist ja furchtbar!" rief sie aus. ,, Konnte sich denn der arme Mann dem Befehl nicht entziehen?" ,, Nein, er wäre dann selbst zu der gleichen Strafe verurteilt worden. Es war unmöglich, sich dem zu widersetzen." Kitty zitterte. ,, Seit dieser Zeit scheint es mit ihm nicht ganz richtig im Kopfe zu sein, aber Dr. Gutmann will ihn nicht in die psychiatrische Klinik geben, sondern hofft, ihn selber gesund zu machen." Eines Morgens, als Kitty sich in der Frühe im Badezimmer wusch, bemerkte sie hoch oben am Fenster, wohin das Tuch zur Verdeckung nicht reichen konnte, so daß ein freier Raum geblieben war, die Augen des Stehr auf sich gerichtet. Sie erschrak. Völlig nackt, wie sie war, konnte sie in dem Moment nichts anderes tun, als das Waschen unterbrechen und sich schleunigst anziehen. Der Mann mußte auf der Terrasse auf irgendeinen erhöhten Sitz geklettert sein, denn sonst wäre es gar nicht möglich gewesen, über diese Höhe hinwegzublicken. Kitty ließ sich nichts merken und ignorierte den Vorfall ganz und gar. Was sollte sie auch tun? Nur war sie doppelt vorsichtig und wusch sich in der Frühe nicht eher, als bis sie überzeugt war, daß auch das winzigste Stückchen des Fensters bedeckt sei. In der Freizeit wurde Kitty umlagert von den kranken 59 Frauen ihres Zimmers, die ihr alles mögliche vorklagten. Um sich davor zu schützen, beschloß sie in der Folge, ihre Freizeit außerhalb des Hauses zu verbringen. " , Willst du nicht mit mir zusammen einen Spaziergang machen, Lenchen? Ich habe eine Stunde Freizeit übrig und würde mich unendlich freuen, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest." ,, Wie", lachte Lenchen, ,, bei der geringen Kost soll ich spazierengehen? Nicht um die Welt! Ich würde viel zu hungrig werden und will meine Kräfte sparen. Ich begreife überhaupt nicht, wie du es machst bei deinem anstrengenden Dienst so frisch noch zu sein." ,, Nun", erwiderte Kitty, ich kann auch des Nachts vor Magenkrämpfen häufig genug nicht schlafen." Es war nicht nur der Wunsch gewesen, Lenchens Begleitung zu haben, sondern vor allen Dingen die Absicht, die frische, lebendige Frau in ihrer Spannkraft zu erhalten und zwar durch Wechsel der Umgebung, durch die anregende Wirkung der Luft, durch die strahlende Pracht der schönen Herbsttage und schließlich durch den Austausch ihrer gegenseitigen Gedanken. Es war nicht zu verkennen, daß die lebenssprühende, elegante Frau sich innerlich gewandelt hatte. Statt des früheren Unbekümmertseins war ein häufig ernster und in sich gekehrter Ausdruck auf ihrem Gesicht zu erkennen. Sie hatte zwar immer noch ihre übermütigen Tage, wo die hochmusikalische Frau tanzte und sang. Nicht in künstlerischer Art, aber in originell grotesker Weise. Jetzt schien der Lebensmut wesentlich herabgemindert zu sein. Somit war Kitty auf sich allein angewiesen. Inzwischen war ihr Pflegling Larson aus dem Krankenhaus als geheilt entlassen worden und befand sich auf demselben Platz, in der gleichen Lage in seinem Zimmer, wie vorher. Nun beschloß sie, Stehr zu bitten, doch dem Manne, der zu Durchfällen neigte, eine Matratze zu besorgen. 60 Da kam sie aber schön an. Der Wachthund lachte sie aus und hatte nichts weiter darauf erwidert als bissige und anzügliche Bemerkungen. Darauf wandte sich Kitty an Dr. Gutmann und bat ihn, einen Schein auszustellen, auf den Larson eine Matratze erhalten könnte, stellte ihm die unglückliche Lage des Rekonvaleszenten vor und drückte auch die Befürchtung aus, daß sonst neue Durchfälle ausbrechen könnten. So erhielt dieser als einziger in der Männerabteilung eine Matratze. Am nächsten Tage starb Dr. Pellesohn, der bekannte Hamburger Zahnarzt, an Typhus. Es war mit seiner Erkrankung und dem Tode so blitzschnell gegangen wie selten. Kitty hatte Peltesohn tags zuvor noch auf dem Hof gehen sehen. Sie war sehr traurig über den Tod dieses geschätzten Arztes. Wie sehr freute sich Frau Larson, als sie zum ersten Male nach acht Wochen wieder Hand in Hand mit ihrem Manne auf der Terrasse in der Sonne sitzen konnte. Am glücklichsten aber schien Fräulein Löwenherz zu sein. Sie konnte sich nicht genug tun, Kitty ihre Freude zum Ausdruck zu bringen und wollte ihr Geschenke machen. Doch die junge Frau wehrte hastig ab und bat, niemals wieder Ähnliches zu versuchen, da es sie sehr kränken würde. Noch waren die Tage schön und warm, aber abends stellte sich regelmäßig eine kühle Temperatur ein. Die Theresienstädter Insassen mußten auf der Hut sein, durch diesen Wechsel der Witterung sich nicht zu erkälten, denn das war die Grundlage für die Entwicklung der meisten Krankheiten. Inzwischen waren auch die Schlafsäcke für die Gefangenen ausgeteilt worden, aber die Koffer hatte fast keiner bekommen. Nur wenige Bevorzugte, wie z. B. Frau Böhm, hatten diese durch Zufall oder auf kluge Weise durch Leute, die in der Gepäckabteilung arbeiteten, ausgeliefert erhalten. Kitty big die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. 61 Sie hatte alle ihre Koffer eingebüßt und damit den letzten, wertvollen Besitz ihres Hab und Gutes. Auch alle Lebensmittel, die sich darin befanden. Nun lief das Leben tagaus tagein seinen gleichen Gang. In der Nacht wurden die Störungen durch die kranken Frauen immer häufiger. Sie riefen Schwester Kitty zu ihrer Hilfe und dachten, sie könne Unmögliches leisten. Der Zustand wurde unerträglich. Da bat sie Frau Magnus, an die Zimmerbelegschaft eine Anrede zu halten, daß sie nachts nicht gestört werden dürfe, weil sie ja am Tage schweren Dienst hätte und auch nur ein schwacher Mensch sei. Das half. Sonn- und Festtage gab es nicht. Die Unterbrechung der Arbeit bestand nur in einer kurzen Freistunde, die sich ein jeder wählen durfte. Sonntags hatte sich Kitty eine Stunde vormittags von 9 bis 10 für den evangelischen Gottesdienst reserviert. Es war nämlich den getauffen Juden verboten, Gottesdienste abzuhalten, wenigstens war es anfänglich so der Fall. Der Seelsorger der Gemeinde, ein Dr. Goldner, hatte große Mühe gehabt, einen Platz für den Gottesdienst ausfindig zu machen. Endlich fand er durch seine Geschicklichkeit einen Boden, der zwar verwahrlost und zugig, aller Unbill der Witterung preisgegeben war, aber eine Unterkunft gewährte. Die Gefangenen waren froh, das Wort Gottes zu hören, denn sie dürsteten nach Trost in ihrer verzweifelten Lage und nach Halt für ihr unglückliches, von dauerndem Wechsel bedrohtes Dasein. Bei Larson stellten sich leider nach Ablauf von einigen Monaten wieder schwere typhusähnliche Erkrankungserscheinungen ein, und er mußte dauernd auf seinem Lager bleiben. Auch die feste Nahrung mußte durch leichtere Schleimsuppen ersetzt werden. Dieselbe Fürsorge wie früher übte nun Kitty für den Erkrankten aus, aber dieses Mal gelang es ihr nicht, ihn in ein Krankenhaus überführen zu lassen. Alle Krankenhäuser 62 222 waren wegen Überfüllung geschlossen, und ihre Be- mühungen blieben vergeblich. So mußte sie trotz ihres anstrengenden Dienstes ihr Augenmerk dauernd auf die Pflege ihres Schützlings richten. Sie lief tagelang um- her, die so wichtige Diätkost für ihn zu erhalten. Der Andrang war so ungeheuerlich, daß immer nur ein klei- ner Kreis von Auserwählten den Vorzug einer Diätkost genoß.“ Als Schwester glückte es ihr wirklich. Leider starb Larson trotz aller angewandten Vorsicht ganz plötzlich eines Morgens an Typhus. Nie würde Kitty den letzten Anblick dieses prächtigen Mannes vergessen. Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, saß der Tote, den Kopf tief gesenkt, wie in stiller Ergebung. Auf seinem wie in Marmor erstarrten Antlitz ruhte der Ausdruck eines heiligen Friedens. Das kleine Zimmer wurde plötzlich eine geheiligte Stätte. Frau Larson war wider Erwarten sehr gefaßt, da- gegen schien seine Schwägerin, Fräulein Löwenherz, ganz und gar gebrochen. Diese lebhafte, herzensgute Dame konnte dem schwe- ren Schicksalsschlag keinen Widerstand entgegenset- zen. Obgleich auf vielen Gebieten der Kunst und der Wissenschaft zu Hause, versagte ihr Geist den prakti- schen Fragen des Lebens gegenüber. Wie hatte sich Kitty immer gefreut, wenn sie ermüdet und leergepumpt von Kraft nach Hause kam, erschöpft auf ihrem Lager saß und dann die Larsonschen Damen zusammen mit Lenchen sich bei ihr einfanden und durch viele geistvolle Unterhaltungen die Lebensimpulse wie- der frisch anregten. Dann war es besonders Fräulein Loewenherz, die die rechte Partnerin Kittys war. Sie spürte dann einen Widerhall aus den wundervollen Dich- tungen großer Dichter und Denker, und das armselige, vom Fron der Arbeit beherrschte Leben der Gefange- nen versank, und vor dem geistigen Auge des kleinen Kreises erhob sich das frühere, wertvolle Dasein, dann vergaß jeder für Augenblicke die furchtbare Gegenwart. 65 Jetzt war Fräulein Löwenherz scheinbar ganz verstummt. - 1 Eines Nachts es waren ungefähr vier Monate nach der Ankunft in Theresienstadt erschien der Hausälteste mit einer Taschenlampe bewaffnet im Zimmer. Erschrocken richteten sich alle Frauen in die Höhe. Was war vorgefallen? Der Wachthund verkündete: ,, Ich habe vom Altestenrat Bescheid erhalten, daß ein Aufruf von der SS- Kommandantur erlassen worden sei für einen Transport. Die Damen, deren Namen ich jetzt aufrufe, müssen sich sofort anziehen und sich zum Abmarsch auf die Registratur bereithalten. Sie nehmen ihre Legitimationen und sonstigen wichtigen Papiere mit und stellen sich unten in dem Hof des Hauses auf." Er verlas 13 Namen. Nach diesem Bericht verschwand der Hausälteste wieder. Wie ein aufgeregter Bienenschwarm summten nun die erregten Stimmen der aufgerufenen Frauen durch das Zimmer. Unter ihnen waren auch die Damen Larson. Kitty war aufgesprungen, hatte sich angezogen und war ihnen behilflich beim Ankleiden. Mit zitternden Händen suchten sie in ihrer Tasche nach den wichtigen Papieren, die verlangt wurden. Dann traten ungefähr 13 Frauen ihren Gang in den Hof an. Die übrigen blieben in heller Aufregung zurück. Die genannten Frauen waren sämtlich Volljüdinnen. Auch Frau Michelsohn und die junge, liebreizende Frau Levy waren darunter. Nach Ablauf von drei Stunden kehrten alle todmüde wieder zurück, so lange hatten sie auf ihre Abfertigung in der Kommandantur warten müssen. An Schlaf war natürlich in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Frau Böhme fragte jetzt erst Kitty, wie es käme, daß sie überhaupt nach Theresienstadt geschickt worden sei, da sie wüßte, daß sie keine Jüdin sei. ,, Ja, Lenchen, das kann ich dir leicht erklären. Nach den Nürnberger Gesetzen werde ich deshalb zum Judentum gerechnet, weil ich als Mischling ersten Grades, 64 44 - ich habe einen jüdischen Vater gehabt einen jüdischen Mann geheiratet habe. Damit wurde ich für das Judentum erklärt und werde ebenso wie dieses behandelt." ,, Aber dein verstorbener Mann ist doch schon lange tot, und du bist Witwe?" ,, Ja, gewiß, seit einigen Jahren. Aber das tut nichts zur Sache, trotzdem falle ich unter die Nürnberger Gesetze, weil ich an dem Stichtag, wo diese herauskamen, mit einem Juden verheiratet war. Mein Mann lebte damals noch. Allerdings wurden mir diese Zusammenhänge erst klar, als ich von Amerika, wohin ich 1936 als Gast meiner Schwester reiste, zurückkam." ,, Was!" rief Lenchen ganz verwundert aus ,,, Du warst in Amerika und bist in diese Hölle zurückgekehrt?" ,, Ja, wie ich dir schon sagte, ich wußte ja über mich nicht genügend Bescheid, noch kannte ich die ungeheuerlichen, verwerflichen Gesetze Hitlers." ,, Ach, du arme Deern, was hättest du dir ersparen können, wenn du drüben geblieben wärest!" ,, Da hast du wohl recht, Lenchen." Seltsamerweise kamen nicht alle 13 Frauen in den Transport. Vier Frauen blieben zurück, und neun mußten noch am gleichen Tage ihre Sachen packen. Es bestand eine genaue Vorschrift für die Mitnahme des Gepäcks. Unter den erneut Deportierten befand sich auch die junge Frau Rubinstein, welche im Jugendheim als Kinderpflegerin tätig war. Durch ihre Abreise wurde ihr Platz frei und Kitty meldete sich sofort mit dem ausgezeichneten Empfehlungsschreiben von Dr. Gutmann und bewarb sich um diesen Posten. Sie wurde daraufhin im Jugendheim bei den Knaben als Kinderpflegerin eingesetzt. Fräulein Löwenherz hatte sich vier Wochen nach dem Hinscheiden ihres Schwagers mit heftigen typhösen Krankheitserscheinungen hingelegt und war nicht wieder aufgestanden. Die Typhussymptome zeigten sich immer stärker und wurden von Tag zu Tag schlim5 Philipp, Die Todgeweihten 65 55 mer; darauf schrieb der Blockarzt Dr. Reben einen Krankenschein aus. Dann kamen die Männer mit der Bahre und holten das arme Fräulein ab. Der Abschied der Schwestern war herzzerreißend, und Kitty, welche mit ins Krankenhaus fuhr, konnte selbst die Tränen nicht zurückhalten. In der gleichen Nacht ist Fräulein Loewenherz gestorben. Nachdenken durfte man nicht. Jeder einzelne Todesfall beschwerte das Gemüt. Und der Kreis der bekannten Gesichter wurde immer kleiner. Wieder war der Tod über die Schwelle des Zimmers getreten. Die gute Frau Larson war nun völlig verwaist, wie leid tat das Kitty. Sie versteinerte förmlich. Stundenlang lag sie unbeweglich auf ihrem Lager. Vergeblich versuchte Kitty den Lebenstrieb der armen, einsamen Frau wieder anzufachen. Aber alle ihre Bemühungen waren umsonst. Sie lenkte das Gespräch, wenn sie an das Lager der verlassenen Frau trat, auf deren Söhne in Brasilien und Afrika, die sie aus den früheren Erzählungen der Larsonschen Damen kannte, um ihr Interesse am Weiterleben zu erwecken. Auch an die reizenden Enkelkinder erinnerte sie die Teilnahmslose. Wie sie wußte, hing die Großmutter mit fanatischer Liebe an diesen Kindern, und so versuchte Kitty auf alle erdenkliche Art, den Lebensfunken wachzuhalten. Aber merkwürdig, es schien, als redete sie schon mit einer Verstorbenen. Keines ihrer Worte fand einen Widerhall. Fünf Wochen nach dem Tode ihrer Schwester Martha erkrankte die Vereinsamte schwer, ebenfalls an Typhus. Damit war auch diesem Leben in kurzer Zeit ein Ende gesetzt. Wenn Kitty mit den Speisen an ihr Lager kam und versuchte, ihr das Essen zu reichen, dann schüttelte sie den Kopf und biß die Zähne aufeinander, so daß es unmöglich war, die Speise in ihren Mund zu führen. 66 Ihr Lebenstrieb war erloschen. Bevor Kitty morgens in der Frühe fortging und ihren Dienst antrat, eilte sie hinüber auf die andere Seite des Zimmers, wo Frau Larson lag. Sie fragte sie nach ihren Wünschen und wie es ihr ginge, dann verklärte sich das Gesicht der Kran- ken, und sie hielt Kittys Hand in der ihren und sprach auch mitunter ein paar Worte in altgewohnter Güte. Eines Tages übergab die Kranke ihr ein Album mit Photographien ihrer sämtlichen Angehörigen und bat sie inständig, es so lange aufzubewahren, bis sie ein- mal Gelegenheit hätte, es nach Brasilien ihren Kindern zu senden. Auch ein Notizbuch mit Adressen von An- gehörigen und Freunden händigte sie ihr aus und knüpfte die Bitte daran, wenn sie lebend die Gefangenschaft überstehen würde und dereinst in die Heimat zurück- kehren könnte, doch die Adressen zu benutzen und ihren Söhnen und Freunden zu schreiben. Hauptsächlich dachte sie immer nur an ihre Söhne und bestellte bei Kitty die letzten Grüße einer Mutter. Dann hatte sie noch in alter Güte sich immer wieder bedankt für die Liebe und Aufopferung, die sie ihr und ihrer Familie gezeigt hätte. Tief erschüttert hatte Kitty dieser lieben, herzens- guten Frau alles versprochen, was sie von ihr wünschte. Lange brauchte sie sich nicht mehr zu quälen. Das Auf und Ab ihrer Krankheit stand still. Die Erlösung kam ziemlich schnell. Der Tod dieser Frau hatte Kitty tief getroffen. Sie hatte nun schon eine ganze Reihe Menschen, die ihr nahestanden, zu Grabe geleitet, und immer wieder traten neue an deren Stelle. Ein Grauen überfiel sie. Wie wird das noch enden? Wann würden sie aus der Gefangenschaft erlöst wer- den? Eines Tages kam die Toilettenwache schreckerfüllt ins Zimmer gestürzt und meldete:„Frau von Hell ist eben in der Toilette umgefallen. Sie ist so groß und schwer. Ich kann sie nicht allein hereintragen.“ 5? 67 Kitty und andere Frauen gingen schnell hinaus und trugen im Verein mit dem Hausältesten die große, schwere Dame auf ihr Lager. Es wurden die beengenden Kleidungsstücke geöffnet. Der Hausälteste hatte nach dem Arzt geschickt. Allem Anschein nach lag ein Gehirnschlag vor. Kitty fühlte den Puls, aber er war nicht mehr zu spüren. Sollte auch nun diesem Leben plötzlich ein Ende gesetzt worden sein? Leider war es der Fall, denn nach kurzer Zeit erschien der Blockarzt und konnte nur noch den Tod der Frau von Hell durch Gehirnschlag feststellen. Wieder war der Tod ins Zimmer getreten und hatte ein neues Opfer gefordert. Die Lücken der verstorbenen oder abtransportierten Leute mußte sofort wieder ausgefüllt werden, denn in Theresienstadt trafen immer neue Menschenmassen ein, die Unterkunft beanspruchten. So wurde ein Transport aus Berlin gemeldet und schon nach wenigen Stunden erschienen Berliner Frauen, die die freigewordenen Plätze einnahmen. Eine von diesen Berlinerinnen hat nur drei Tage gelebt. Von dieser Plötzlichkeit des Sterbens war selbst der hartgesottene Wachthund betroffen. Wenn Kitty aus dem Kinderheim in das dumpfe und trübe Zimmer des Lagers trat, brachte sie eine Atmosphäre von Jugendlichkeit und Frische mit hinein. Sogar die Frau Seligmann, eine frühere Sängerin und Schülerin von Kittys verstorbenem Mann, wurde davon angesteckt. Dann kam es vor, daß Frau Seligmann abends noch ein paar Lieder zum Besten gab und zwar, um Kitty Freude zu machen, Lieder ihres verstorbenen Mannes, Rudolf Bergners. Frau Perl, eine der Berlinerinnen, erkrankte in der Nacht heftig und rief dauernd den Namen ihres Mannes. Da an Schlaf bei dem lauten Rufen nicht zu denken war, stand Kitty auf, eilte zur Torwache und gab dieser einen Zettel, worauf die Zimmernummer und der 68 Name der Frau Perl stand, die ihren Mann zu sprechen wünsche. Zurückkehrend hatte Kitty eine Beruhigungstablette in Wasser aufgelöst und sie der Frau verabreicht. Nun geschah in der Nacht Entsetzliches. Die Frau hatte sich durch den kalten Boden noch mehr erkältet und bekam in der Nacht schweren Durchfall. Sie beschmutzte ihr ganzes Lager und wälzte sich auch auf das andere ihrer Nachbarin. Jene schrie laut auf und wollte sich der unliebsamen Frau Perl erwehren. Sie schimpfte und tobte unausgesetzt mit ihr. Kitty lief jetzt hin und versuchte mit Hilfe von Frau Magnus die schwere Frau auf ihr Lager zurückzurollen, was ihr endlich gelang. Immer heftiger wurden die Leibkrämpfe, und die kranke Frau schrie und stöhnte entsetzlich. Ganz erschöpft mußte sich Kitty zurückziehen, denn sie fror und zitterte. Wegen der Ansteckungsgefahr lief sie noch ins Badezimmer, säuberte und wusch sich. Am nächsten Morgen war die Frau tot. Es ist nicht zu beschreiben, wie grauenhaft solche Szenen sind, wenn man sie alle selbst miterlebt. Es war ein sehr schwerer Todeskampf gewesen, aber niemand hatte vermutet, daß es wirklich ein solcher sei. Kitty war daher auch fast am Ende ihrer Kräfte, als sie im Kinderheim Dienst tat. Der junge Kinderarzt, Dr. Behrens, fragte sofort, warum sie so schlecht aussähe. Er ermahnte sie, sich künftig von solchen nächtlichen Attacken fernzuhalten, sonst könne sie ihren Dienst unmöglich versehen. Immer wieder trat der unerbittliche Tod ins Zimmer und forderte täglich sein Opfer. --Als die Brotausgabe vorüber war und Frau Magnus die einzelnen halben Bröte den Zimmerinsassinnen gegeben hatte, sagte sie zu Lenchen Böhme: ,, Liebe Frau Böhme, ich muß Sie bitten, heute die Torwache statt meiner zu übernehmen. Ich muß mich schützen vor dem Luftzug, der dort unten sehr scharf weht. Ich habe Durchfall." 69 69 Die gefällige Frau Böhme sagte sofort zu. Das war die Einleitung zu dem Verfall von Frau Magnus, die, wie sie später berichtete, schon lange die Krankheit in sich gespürt hatte. Nach 14 Tagen wurde sie ins Krankenhaus überführt. Diesmal weinten fast alle Frauen bei der Abholung ihrer sympathischen Zimmerältesten. Wer wußte denn, ob man sie je wiedersehen würde. Zum Glück wurde sie jedoch besser, aber wie sah die einst so lebendige, noch ganz frische Frau aus? Der graue Lockenkopf war verschwunden, alles Haar abgeschnitten. Statt dessen lag ein Tuch um ihren Kopf geschlungen. Auch ihre Lebendigkeit war gänzlich verschwunden. Still lag sie auf ihrem Lager. Zimmerälteste konnte sie natürlich nicht mehr sein. An ihre Stelle trat Frau Lippmann. Es kamen nur Frauen in Frage, die keinen Außendienst hatten und im Hause nach dem Rechten sehen konnten. Frau Böhme, die man zuerst vorschlug, hatte das Amt abgelehnt. Sie war sehr bequem geworden. Was aber Kitty mit größter Sorge erfüllte, war der Umstand, daß Lenchen ihr Brot eintauschte gegen kleine Diätweißbrötchen, die quantitativ zu gering waren, um für die lange Zeit von 4 Tagen einen Menschen zu ernähren. ,, Lenchen, ich bitte dich inständig, wie kannst du nur so unvorsichtig sein und dein Brot, das für vier Tage reichen soll, eintauschen für die paar kleinen Diätweißbrötchen, die noch viel weniger Substanz haben." ,, Zugegeben!" erwiderte Lenchen. ,, Ich mag das Brot nicht, es schmeckt so greulich, so bitter." ,, Darüber mußt du hinwegsehen. Die Hauptsache ist, dem Magen etwas zu bieten. Du willst doch gleich mir die Heimat wiedersehen, folglich mußt du alle Unannehmlichkeiten überwinden. Willst du dich absichtlich zugrunde richten? Laß mich nicht alleine zurück in Theresienstadt." 70 To Kitty weinte. Am nächsten Morgen erhielt der Hausälteste die Mel dung, daß einige Frauen die schreckliche Entdeckung von Läusen gemacht hätten. Wanzen, Flöhe und auch Mäuse hatten sie bisher leider schon bemerkt, aber Läuse noch nicht. Ganz verzweifelt sahen sich alle an. Wie soll das noch enden? DIE FREUNDE Peter Vagas stand in seinem Zimmer, das ihm die Raumwirtschaft zugewiesen hatte. Diese Überweisung wurde auf besondere Empfehlung des Altesten Rates nur außerordentlich gut empfohlenen und prominenten Leuten gegeben. Der Raum, den Peter Vagas mit zwei anderen Kollegen teilte, enthielt drei Betten, was eine besondere Vergünstigung in Theresienstadt war. Das Zimmer lag im zweiten Stock der Magdeburger Kaserne. Mit ihm zusammen wohnte Dr. Werner, ein sehr junger tüchtiger Arzt, dessen Vorträge über die verschiedenen Wirkungen der Vitaminlosigkeit die wissenschaftliche Welt in Atem hielten. Nämlich seine allerneuesten, medizinischen Methoden, diese gefährlichen Symptome bei der Bevölkerung Theresienstadts zu bekämpfen, hatten Aufsehen erregt. Er war ein außerordentlich beliebter und sehr gesuchter Arzt, und Peter schätzte sich glücklich, mit ihm zusammen zu wohnen. An den freien Nachmittagen, wo die Sprechstunde ausfiel und alle beisammen waren, wurden sehr viele interessante Unterhaltungen des Abends gepflogen. Außer diesem Herrn wohnte noch Dr. Hans Anthony, der er hier in Theresienstadt überraschenderweise angetroffen hatte, mit ihm. Hans war sein Jugendfreund. Peter konnte sich in Theresienstadt anfänglich gar nicht zurechtfinden. Seit seiner vor einigen Wochen er71 folgten Ankunft beschäftigten sich seine Gedanken fast ausschließlich mit dem Wohlergehen seiner Mutter, die durch ihre Gefangennahme und nachfolgende Verbannung nach Theresienstadt entsetzlich gelitten hatte. Ihm lag daran, daß diese feine, empfindsame Natur den großen Wechsel der Lebensverhältnisse nicht so gewaltsam spüre, und er versuchte das so gefährdete, teure Leben zu erhalten. Mitunter schlug er sich vor die Stirn und fragte sich, ob er wirklich Dr. Peter Vagas sei, der Sohn des bekannten Herrenreiters, Oberleutnant Horst Vagas, und ob die blasse Frau, mit der er in Theresienstadt eintraf, wirklich Freifrau Irene Vagas von Bargen heiße, oder ob alles nur ein Spuk, Halluzinationen einer überreizten Phantasie bedeute? Die peinigenden, grausamen Zustände der Gefangenschaft waren ihm klar geworden. Die Wirklichkeit war entsetzlich. So gedankenvoll war er, von dem Altesten Raf kommend, vor einigen Wochen über die Hauptstraße direkt seinem früheren Freunde Hans Anthony in die Arme gelaufen. Welche Schicksalsfügung! Welch ein wunderbarer Zufall! Wie dankte er Gott, gerade den Menschen, den er am nötigsten brauchte, hier zu finden. Nun war er ganz wach geworden und sah mit klaren Sinnen um sich. Es mußte eine Rettung geben. Peter stand und kramte in seine Sachen herum, zwischen alten Büchern und Schriftstücken. Er hatte seinen Handkoffer vor sich stehen. Da hielt er plötzlich ein Bild in den Händen. Nachdenklich sah er in das reizende Gesicht und betrachtete es lange. Seine ohnehin sehr hübschen Zügen wurden weich. Es war sein Ideal, solange er denken konnte. Seine Jugendschwärmerei. Eine reizende Blondine mit sehr hellen, strahlenden Augen und einem Zug stolzer Würde in der Haltung. Das Bild stellte seine Mutter dar in ihrer ersten Jugendblüte. 72 Er betrachtete es lange. Schon als Junge und später als kaum flügge gewordener junger Mann schwor er sich, nur eine Frau zu heiraten, die seiner Mutter glich. Er fühlte in diesem Augenblick deutlich, wie fest sich dieser Gedanke bei ihm eingegraben hatte. Plötzlich wurde er ernst. Es war also noch wie früher, und der Entschluß hatte noch die gleiche Macht über ihn. Die Mutter, die ihn mit tausend Banden an sich fesselte, war die Freifrau Irene Vagas von Bargen. Er war seiner Mutter freiwillig in die Gefangenschaft nach Theresienstadt gefolgt. Dieses zarte, kostbare Leben konnte und wollte er nicht allein lassen. Obgleich seine Mutter sich energisch zur Wehr setzte und ein solch' großes Opfer ihres Sohnes nicht annehmen wollte, hatte Peter schließlich doch gesiegt. Es war für die Mutter kleine Kleinigkeit, vor die Wahl gestellt zu werden, entweder ihre restlose Einwilligung und Duldung in alle seine Bestimmungen zu geben, oder er würde sie und sich erschießen. Da erlahmte ihre Widerstandskraft, und sie ließ Peter gewähren. ,, Hör' mal, Hans", wandte sich Peter zu dem auf seiner Couche ruhenden Freund Anthony,„ hättest du nicht Lust, einen kleine Bummel zu machen?" Er hatte das Bild nicht in den Koffer zurückgelegt, sondern schob es in seine Brieftasche. ,, Ich finde Deinen Plan sehr vernünftig, frische Luft können wir gebrauchen, Peter. Du hattest da eben ein Bild. Würdest Du es mir auch mal zur Ansicht geben?" ,, Ja, gern! Hier!" Er reichte dem Freund die Photographie. ,, Entzückend, Deine Braut?" ,, Ach, gib her, es ist meine Mutter!" ,, So hast du immer noch keine Braut? Gedenkst du vielleicht überhaupt nicht zu heiraten?" ,, In meiner Lage, Hans, ist jedes Reden darüber überflüssig. Wie kann ich denn hier in der Gefangenschaft jemanden finden, der meinen Wünschen entspricht!" 73 >> Wenn du solche Gedanken hast, was soll ich erst sagen. Ich, mit meiner unansehnlichen Figur." In der Tat war der Unterschied der beiden Freunde ein großer. Während Peter das Bild einer schönen Männlichkeit bot mit seinem gepflegten Außern, der großen schlanken Gestalt, war Hans in seiner Gesamterscheinung fast das Gegenteil. Er war nur mittelgroß, breit in den Schultern, sehr muskulös und derb zu nennen. Seine etwas kurzsichtigen Augen aber strahlten Herzensgüte aus und konnten im Eifer des Gesprächs wahre Feuergarben sprühen, dazu hatte er einen Schopf eigenwilliger, schwarzer Locken, die ihm ob ihrer Fülle wahre Höllengualen morgens beim Bürsten verursachten. Hans liebte nur glattes Haar und beneidete Peter um seinen blonden, schlicht anliegenden Scheitel. Überhaupt war das Erbteil seiner jüdischen Vorfahren bei Hans unverkennbar. Jedenfalls was das Äußere anbelangte. Hans Anthonys Seele war treu wie Gold und Peter so vertraut wie seine eigene. Sie waren von Jugend an Spielkameraden gewesen. Der alte Anthony hatte bei Ablieferung der Schuhe, er war Schuster, im freiherrlichen Schlosse stets den kleinen Hans an der Hand mit sich geführt. Sogleich war Peter, sobald er die beiden unten gewahrte, in die Dienstbotenräume gestürmt. Der alte Anthony ließ sich den schönen, heißen Kaffee wohlschmecken, dazu durfte er noch knusperiges, goldgelbes Weißbrot essen. Zwischen seinen Knien geklemmt stand dann Hans und bekam die besten Bissen vom Vater ab. Sobald er aber Peter erblickte, wand er sich sofort aus den väterlichen Knien heraus. Der hatte später seine liebe Not, die beiden Jungen aus dem Spiel voneinander zu trennen. Viele Jahre gingen so hin, bis Peter die Universität bezog und Hans ein Handwerk erlernte. Aus den Augen hatten sie sich trotzdem nicht verloren. Sobald die Ferien heranrückten, wußte Hans in der Heimat die nahende Ankunft Peters bei Besuchen bes74 ser und eher als die eigene Mutter. Dann hielt ihn nichts am Platz. Er eilte durch die blumigen Wiesen, die wohlbestellten Felder, die grünen Wälder zum Bahnhof und forschte auf dem Bahnsteig bei den ankommenden Zügen nach Peters hochgewachsener Gestalt unter den ankommenden Fahrgästen. Später saßen dann alle auf der freiherrlichen Terrasse gemütlich zusammen und plauderten vergnügt, überbrückten die dazwischenliegende Zeit der Trennung schnell und waren, wie immer, ein Herz und eine Seele. Frau Vagas war vernünftig genug, die Jugendfreundschaft ihres Sohnes nicht zu stören, wußte sie doch, wie tief diese bei Peter Wurzel geschlagen hatte. Das Angebot der Frau Baronin an den alten Anthony, eine größere Geldsumme zur Ausbildung seines Sohnes zusteuern zu dürfen, hatte der alte Schuster glatt abgelehnt. Sein Handwerkerstolz richtete sich auf. Sie wären alle nur einfache Handwerker gewesen, und er wünsche nicht, daß sein Hans diese Bahn verließe, hochmütig über seinen einfachen Kreis hinauswüchse und über seine Vorfahren vielleicht verächtlich hinwegsähe. Auf dem Platz, wohin ihn Gott gestellt hätte, sollte er bleiben. So der Meister Anthony. Aber er hatte die Rechnung ohne Peter gemacht. Hansens ohnehin starkentwickelter Intellekt wurde durch den Verkehr mit Peter Vagas noch mehr angeregt. Unter seinem schwarzen Lockenhaar und hinter der weißen Stirn stürmten die Gedanken wie ein Bienenschwarm in wildem Wirbel durcheinander. Mal wollte er Rechtsanwalt werden, ein andermal Politiker oder Geschichtsprofessor, bis Peter ihn mahnte, nur ein Ziel ins Auge zu fassen. Für alles andere würde er schon sorgen. Weinend vor Freude war Hans dem Freund um den Hals gefallen. Welche Wonne, er durfte studieren! Ein Glückskind war er von ganz besonderer Art. So wurde Hans Doktor der Philosophie. Die großen Denker hatten es ihm angetan. Tage und Nächte saß er über den Büchern Kants und Schopenhauers, aber auch 75 Leibniz schätzte er sehr und vor allem die großen Wahrheitssucher und Dichter: Shakespeare, Byron, Goethe, Schiller, Kleist, Lessing. Lustig pfeifend stiegen die Freunde die Treppe in der Magdeburger Kaserne hinunter, durchquerten den groBen Hof an der Essenausgabe vorbei, die genau wie in der Genie- Kaserne hier ihre Schalter gleich bei der Küche hatte, wodurch eine bessere Überwachung der Köche über die Ausgeberinnen möglich war, gingen durch das große Haupttor an dem Ghetto- Wachtmann vorbei und befanden sich gleich in der Hauptstraße. Diese führte hinunter zum sogenannten Marktplatz. Links davon in einer Querstraße lag das kleine Kaffee. Dorthin suchten sie sich inmitten eines Stromes von Menschen, der hin- und herflutete, einen Weg zu bahnen. Mit Erlaubnis der Kommandantur war es der jüdischen Selbstverwaltung gestattet, für das arbeitende Publikum Musikvorträge in dem kleinen Kaffee abzuhalten. Sogar größere Konzerte durften neben ernsten und heiteren Vorträgen geboten werden. Als die Freunde Platz genommen hatten, spielte gerade eine Jazzkapelle lustige Stücke. Die Musiker waren ganz junge Leute. Sie machten ihre Sache besonders gut. Wenn auch Peter diese Art Musik nicht besonders liebte, so konnte er es sich nicht verhehlen, daß die drolligen Töne der Instrumente in ihrem scharfen, rhythmischen Zusammenklang die Lebensfreude betonten. Und wie nötig hatten es diese hier gefangenen Menschen. Das Kaffeehaus war, wie immer, überfüllt. Nach Ablauf von zwei Stunden wurde es von den Besuchern geräumt, und ein neuer Menschenstrom konnte Platz nehmen. Um halb neun Uhr wurde das Kaffee geschlossen. Nach neun Uhr durfte niemand mehr auf die Straße 76 gehen, es sei, daß er einen Ausweis hatte. Im anderen Falle drohte die Verhaftung. Die Freunde hatten das Kaffeehaus wieder verlassen. Sie strebten nach Hause. Der bisher Tag und Nacht herabströmende Regen hatte aufgehört, aber statt dessen verhüllte jetzt ein dichter schwerer Nebel den Horizont. Das Sudetengebirge war nicht mehr zu erkennen. Obgleich es kaum vier Uhr nachmittags war, nahm die Dichtigkeit der Luft immer mehr zu, und es schien, als wollte die Nacht anbrechen. Der September ging mit seinen letzten Tagen zu Ende, und bald würde der kommende Winter seine Herrschaft antreten. Schwerfällig und unter Verwünschungen und Schellen wälzte sich der breite Verkehrsstrom der hin- und herflutenden Menschen durch die Hauptstraße Theresienstadts. Sie alle hatten einen schweren Arbeitsdienst hinter sich, und ihr einziger Gedanke war, sich auszustrecken. Manchmal hielt ein und der andere inne, um Atem zu schöpfen, dann sah man ihre blassen, blutleeren Gesichter. Beide Freunde hatten sich untergefaßt und gingen gemächlich über den Korso, auch sie hatten einen äußerst anstrengenden Dienst geleistet. Die Zahl der Kranken stieg von Tag zu Tag. Sie ließen die Flut der Menschen an sich vorbeiströmen, und mitunter hatte es den Anschein, als zögere der eine unmerklich im Weitergehen. Jetzt blieb bei einer Wegbiegung Peter Vagas plötzlich stehen und sah forschend über die Menschenmenge hinweg. Für den Bruchteil einer Sekunde hatten sich zwei Augenpaare getroffen. Hans berührte seinen Arm und ließ dabei seine Blicke über das versonnene Gesicht seines Begleiters schweifen und sagte: ,, Peter, träumst du?" 77 >> Was in aller Welt starrst du nur dauernd durch die Finsternis?" Peter Vagas zuckte zusammen. ,, Verzeih' mir, Hans! Aber mir ist eben ein Mädchen begegnet, wie sie mir der kühnste Traum meiner Phantasie nicht schöner ausmalen könnte, und ich meine sie schon einmal bei einem Konzert der Freizeitgestaltung gesehen zu haben." Diese wunderbare Frau muß ich kennenlernen. Habe Geduld!" ,, Aber, Peter, komm' doch nur, das Wetter ist abscheulich, man sieht keine Hand vor Augen, und in dieser unmöglichen Beleuchtung willst du deine Schöne wiedererkannt haben?" Peter atmete tief auf. ,, Spotte nicht, Hans, ich weiß, du hast eine Sucht, alles schwarz zu sehen. Noch spüre ich den elektrischen Schlag des Erkennens." Hans Anthony antwortete: ,, und du zauberst Regenbögen über die dunkelste Landschaft. Wenn ich die Dinge recht besehe und ihren Lauf verfolge, ist Frieden, Ordnung, Wohlfahrt aus der Welt verschwunden. Und du suchst dir eine Fata morgana aus. Bedenke, wir leben in der Gefangenschaft." ,, O gewiß, Hans", meinte Peter spöttisch ,,, ich unterwerfe mich gern deiner Weltweisheit, um so mehr unsere heutige Lage deine Ansicht bestätigt. Aber warte doch noch einen Augenblick. Vielleicht taucht sie in dem Strom wieder auf." Peter blieb stehen und starrte in die vorüberflutende Menge hinein. Doch es schien vergeblich. ,, So laß uns doch nach Hause eilen, mich friert bereits." Hans Anthony wurde ungeduldig. ,, Hallo, mir scheint, ich habe die Gesuchte dort in das gegenüberliegende große Gebäude eintreten sehen. Was ist das für ein Haus, Hans? Schau dorthin, dort das letzte in der Hauptstraße?" Er wies mit seiner Hand auf die gegenüberliegende Seite. 78 ,, Das ist das Jugendheim", erwiderte Hans Anthony. ,, Nun weiß ich, wo ich das bezaubernde Wesen finden werde." Die beiden Herren eilten jetzt die Hauptstraße hinunter, bogen in den Torweg der Magdeburger Kaserne ein und verschwanden in dem Torbogen des Hauseinganges. Oben angelangt, setzten sie sich sofort zu ihrer Arbeit nieder. Bei Peter Vagas bestanden diese Extraarbeiten in den Erholungspausen in geschichtlichen Studien, die er seit einiger Zeit, schon in. Berlin betrieb. Vor allen Dingen interessierte ihn die Gestalt Cäsars, rein von der psychologischen Seite betrachtet, um diese in Vergleich zu stellen mit anderen großen Staatsmännern der Zeitepochen. Bei Hans Anthony hingegen waren es die groBen Dichter und Denker des verflossenen Jahrhunderts, die seine Arbeiten betrafen. Vor ihm lag aufgeschlagen Schillers ,, Wilhelm Tell". Immer wieder ließ er die herrliche Dichtung auf sein Gemüt einwirken. Die große Offenbarung deutschen Geistes war hier durch die hohen Gedankenflüge eines gottbegnadeten Dichters wie mit der Unendlichkeit verknüpft deutlich spürbar. Alle die Gestalten dieses Werkes lebten in dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, und ihre Gedanken schwangen von der Größe des Augenblicks getragen ins Grenzenlose bis zu den Sternen. In glühenden Worten sprach Schiller zu seinem Volk. Anthony liefen Schauer der Ehrfurcht durch die Seele. In diesem Augenblick fühlte er sich zu jedem Opfer bereit. So unerhörte Größe und Weisheit der Gedanken hatten ihn noch nie so stark erschüttert wie heute. Wie gern hätte er jetzt mit Peter darüber einen Gedankenaustausch gepflogen, allein Peter war völlig vertieft in die alte Geschichte der Römer und sah nicht einmal auf. Er durfte ihn nicht stören und den Überschwang seiner Gefühle auf ihn übertragen. Es waren ja zwei ganz getrennte Gebiete. Peter befaßte sich deshalb so intensiv mit dem größ10 79 ten Staatsgenie der Geschichte: Julius Cäsar, weil er sich aus der furchtbaren Gegenwart in eine andere Welt versetzen wollte, denn die Gefangenschaft lastete unerträglich schwer auf seiner Seele. Man führt das Geschlecht der Julia, aus dem Julius Cäsar entsprossen war, auf den sagenhaften Aneas zurück. Dieser hatte sich, samt seinem Vater, den er auf seinem Rücken als einzigen Überlebenden aus dem brennenden Troja heraustrug, nach Karthago gerettet. Er landete dann später an den Ufern des Tibers. Aus dem damaligen Bauernstaaf Roms ging dann das Geschlecht der Julier in immer höhere Berufszweige über. Cäsars gründliche Ausbildung in der Rhetorik, Philosophie und Politik führte ihn zuletzt auf den politischen Weg. Und somit begann langsam sein staatsmännischer Aufstieg. Er verschmähte nicht, trotzdem er aus aristokratischem Hause war, den Umgang mit den Volksparteien, wodurch seine politische Macht wuchs. Später wurde er Ratgeber des Pompejus. Peter erkannte die Wirkung der überragenden Position Cäsars auf seine Zeitgenossen und wollte sich für seinen kommenden Vortrag noch einige gründliche Vorarbeiten leisten. Beide Herren hörten fast zu gleicher Zeit mit ihren Arbeiten auf. Hans und Peter genossen die Ruhe des freien Mittwochnachmittags mit vollen Zügen. Nachdem jeder eine Zigarette bis zur Hälfte geraucht hatte und die andere Hälfte sorgfältig wieder in ihr Etui zurückłał- denn auch Zigaretten waren ein unerhörter Luxus in Theresienstadt und als der Duft dieser Zigaretten den Raum gemütlich machte, brach Peter das Schweigen. - ,, Hans, du wolltest mir schon so lange deine Ansicht über den heutigen Stand des Judentums erklären, jetzt wäre eigentlich der gegebene Moment." ,, Recht gern!" erwiderte Hans. ,, Ich bin der Meinung, Peter, daß wir diese schwere Katastrophe unseres Volkstums hätten 80 00 vermeiden können. Ich gehe dabei gleich auf den Kern dieses ganzen Problems ein.“ Deter richtete sich auf. „Es kommt darauf an, unter welchem Gesichispunkt du die Sache ansiehst. Man kann sich bei dieser ein- schneidend wichtigen Frage nur auf die höchste Warte stellen, um von einem weiten Plateau aus die Dinge richtig zu überschauen und rein objektiv urteilen zu können. Kleinliche, egoistische Gedanken müssen aus- geschaltet werden. Nicht hier die paar übriggebliebe- nen Tausenden des jüdischen Volkes kommen dabei in Frage, sondern das Gesamtvolk, das augenblicklich über die ganze Erde verstreut ist.“ Peter war sehr bleich und trat dicht vor Hans hin. „Du meinst also, wir sollen nicht an uns, sondern nur an das Schicksal der kommenden Generationen den- ken?!“ „So ähnlich! Die kommende Generation hat das Recht, von uns endlich die Wiedergutmachung aller unserer Fehler zu erwarten. Wir hatten unbekümmert die ersten Rollen in den Staatsstellen des Reiches übernommen, wir versuchten mit aller uns zu Gebote stehenden Ener- gie, Reichtümer zu sammeln, aber die Gefahren und drohenden Zeichen des anwachsenden Antisemitismus rechtzeitig wahrzunehmen und auf Herzl, den großen Mahner zu hören, hatte keiner für nötig gehalten.“ „Ja, so ist es! Unter der Kaiserin Augusta Viktoria hatte ihr Hofprediger Stöcker mit fanatischer Leiden- schaft gegen das Judentum gepredigt. Und als der alte Kaiser Wilhelm I gestorben und die kurze Regierungs- zeit Kaiser Friedrichs vorüber war, blieb die Flamme noch wach, und niemand hatte sich gerührt, sie zu lö- schen. Erst als Kaiser Wilhelm Il. eine Brücke des Ver- ständnisses über die einzelnen Parteien schlug und auch das Judentum förderte, hörte der fanatische An- sturm des Antisemitismus auf. Nun wäre es Zeit gewesen, aufzubauen, aufzurichten und auszuroden, was als Unkraut schon lange an Un- 6 Philipp, Die Todgeweihten 81 82 28 verstand, Anmaßung und grenzenlosem Egoismus im jüdischen Volke wucherte." Peter unterbrach schnell Hansens Atempause. ,, Hans, du überrascht mich völlig. Du bist ja unerhört ehrlich und objektiv, du als Volljude." ,, Ja, die Unterlagen zu meinen Ausführungen habe ich mir schon lange vor dem Umbruch verschafft und bin dabei, wie von ungefähr auf alle möglichen Fragen gestoßen. Wie es so häufig kommt im Leben, zieht immer die eine Sache die andere nach sich und die Wissensgebiete überschneiden oder berühren sich." ,, Ich habe mich auch ehrlich bemüht, über die Richtlinien des Nationalsozialismus und seiner Staatsform nachzudenken und bin zu dem Schluß gekommen, daß, wohin auch die Ausstrahlungen und Auswirkungen gingen, nichts Fruchtbringendes hervorgerufen wurde, sondern daß alle diese Ideen nur unglückfördernd sind. Das Prinzip der Klassifizierung der Rassen, wie es Hitler hier in Deutschland eingeführt hat, spricht jeder Menschlichkeit Hohn." Hans ging erregt auf und nieder. Peter hörte mit flammendem Herzen zu, denn obgleich er selber nur Mischling war, lag ihm das Judentum ganz besonders am Herzen. ,, Es gibt wohl kein Land der Erde, das so viele verschiedene Rassenmischungen seines Volkstums aufzuweisen hat wie Amerika, besonders Südamerika. An zweiter Stelle steht Frankreich. In den Südstaaten Amerikas ist es schon zur Norm geworden, daß Ehen weißer Europäer, Deutscher, Iren, Engländer, Schweden und Norweger mit Indianern, Chinesen und Japanern an der Tagesordnung sind, und. die Nachkömmlinge dieser Ehen sind die Staatsangehörigen ihres Geburtslandes." ,, Das Schicksal hat uns eine Lehre erteilt, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. Doch müssen wir daraus lernen. Wir müssen uns zwingen, so ehrlich und offen wie du die Fehler einzusehen. Wir müssen es, um den richtigen Weg zu finden." ,, Diesen Weg hat in geistiger Klarheit schon ein anderer gezeigt: Herzl. Hätten wir die Worte über die kommende Gefahr und die daraus entspringende Katastrophe mit der anschließenden Verfolgung und Versklavung, die uns Herzl prophezeite, mit wachen Sinnen gehört, dann gäbe es für uns alle kein Theresienstadt." ,, Die Nationalsozialisten haben Gott ausgeschaltet und damit die Ehrfurcht und das mahnende Gewissen. Diesem Ungeiste haben wir unser furchtbares Schicksal zu verdanken. Und wie denkst du dir unsere Errettung, Hans?" ,, Peter, wie du mich jetzt hier vor dir stehen siehst in der Dämmerung einer neuen Zeit, kündigte ich dir den Untergang dieses blutigen Machthabers an. Vielleicht werden wir es nicht erleben. Aber nie wird Hitler sein Ziel erreichen, die Gewalttaten und Greuel seiner Epoche, die Hemmungslosigkeit seines Machtrausches werden ihn selber richten und ihn in den Abgrund zerren." Hans holte sein Taschentuch hervor und wischte sich die Stirn, so erregt war er. Er warf seine sprühenden Blicke auf Peters bleiches Gesicht. ,, Und diese Prophezeiung ist der Schluß meiner Gedanken." ,, Lieber Hans, es ist wohl nötig, daß wir Opfer bringen, denn nur die Lehren finden die Stützen der Wahrheit, die durch Opfer erkämpft worden sind. Ebenso ist unser Ewigkeitsideal Jesus Christus für die gesamte Menschheit unsterblich, da auch der Heiland sich widerspruchslos opfern ließ." ,, la, wenn die Zeit reif ist, wird man von uns auch Opfer fordern." Hans sagte es schlicht wie eine abgemachte Sache. In dem kleinen Raum gingen die Freunde ganz von ihren Gedanken erfüllt langsam hin und her. Sie waren von dieser lebenswichtigen Frage des Weiterbestehens des Judentums tief erschüttert. 6* 83 ,, Laß uns leiden, aus unserem Leid erblüht die göttliche Seligkeit späterer Erlösung. Durch dieses furchtbare Leid werden unsere Seelen geläutert und wir selber zur richtigen Erkenntnis geführt." Nun erst spürte Peter die Größe aus Hansens Worten heraus. Er umschlang ihn und drückte ihn fest an sich. Dann sprach er weiter. 1 - ,, Hans, ich fange an, dich voll zu begreifen. Es ist eine große geschichtliche Zeitwende, vor der wir stehen. Wenn diese furchtbaren Erlebnisse hier in Theresienjenen stadt denn wir sind lebendig begraben maßgebenden Weltmagnaten und großen jüdischen Persönlichkeiten jenseits des Meeres nicht Lehre genug geben,-- wenn unsere Todesschreie ungehört verhallen sollten, ist das jüdische Volk rettungslos verloren." 11 Peter seufzte tief auf. ,, Die Begründung deiner Vorschläge ist mir nicht neu, da ich durch meine Großmutter sehr weitreichende Begriffe über das Judentum empfangen habe. Gerade, was das Kind in seiner ersten zarten Jugend gelehrt bekommt, gerade diese Eindrücke haften am schärfsten." ,, Gewiß, Peter! Ich freue mich, daß du die Bedeutung dieser Zeitwende richtig erfaßt hast. Gott sei Dank! Die meisten Menschen hier in Theresienstadt leben nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit. Es ist der einzige Halt, den sie sich selber geben, um diese furchtbare Zeit lebend zu überwinden." ,, So findest du, daß die Vergleiche, die wir mit den heutigen Erlebnissen in Parallele ziehen, für die Jetztzeit nicht annehmbar sind?" ,, Das will ich nicht so kurzerhand ablehnen. Große Revolutionen, politische und religiöse Umwälzungen bringen die Zeitläufe in ihrer Bahn häufig mit sich, das lehrt die Geschichte. Auch die Kriege unter den Völkern entspringen den Stauungen gespannter ungelöster Probleme. 84 Ungefähr vor fünfzig Jahren sagte Herzl: ,, Hört auf mich, baut eure eigenen Äcker, pflügt sie und nährt eure Kinder, aber in eurem eigenen Land. Schafft euch einen Staat, gebt euch die nötige Verfassung dazu und ein Oberhaupt. Ihr seid das klügste, intelligenteste, gesündeste und moralisch hochstehendste Volk durch eure alte Kultur. Ihr werdet einen Sitz unter den Völkern der Erde mit Recht beanspruchen können wie jedes andere Volk. Nur das ist eine notwendige Maßnahme am Anfang muß der junge, werdende Staat unter der schützenden Hand einer großen Nation stehen." Das sagte Herzl und hatte sich mit seiner ganzen suggestiven Persönlichkeit für die Förderung seines zionistischen Planes eingesetzt. Er schrieb an Baron Rothschild nach Paris und an andere damalige Geldfürsten. Aber jene Leute dachten leider nur daran, ihre Bankkonto zu erhöhen und ihre Machtstellung zu erweitern. Herzls Mahnrufe verhallten im Winde. - ,, Heute haben wir die traurige Erfüllung seiner Weissagung. Er wurde verlacht ob seiner Schwarzseherei. Siehst du, Peter, meine Gedanken hat ein Größerer längst vor mir schon deutlich ausgesprochen. Ich habe sie wiederholt." Die Tür öffnete sich und mit herzlichem Gruß trat Dr. Anton Werner ins Zimmer. Die Herren begrüßten sich und setzten sich dann zu einem gemeinschaftlichen, neuen Gespräch nieder. Dr. Werner war aus seiner Vorlesung gekommen. Ganz erfüllt von dem eben durchlebten Stoff seiner Aufsehen machenden Lehre begann er sofort einen Ausschnitt seines Vortrages zu geben. Er sprach von den Resultaten seiner Vitaminforschungen, um, wie er sagte, der Bevölkerung Theresienstadts einen Schutz zu schaffen gegen die vielen schweren Erkrankungen der einzelnen Organe des Körpers. Durch den Mangel der Vitamine, so erklärte er, werde jeder Körper unterminiert. Wie in allen Fragen der Hygiene sei die Prophylaxe das wichtigste bei allen Krankheiten. Das Verfahren, der 85 98 86 Gefahr rechtzeitig vorzubeugen, müßte so eingerichtet sein, daß man dem Körper die fehlenden Vitamine zuführen kann, bevor sich Krankheitserscheinungen bilden. Da hier die Bevölkerung durch den Mangel der unzureichenden Ernährung dauernd in ihrer Gesundheit geschädigt wird, möchte er anordnen, daß jeder Gefangene unter dauernder ärztlicher Kontrolle bleibe, auch wenn er noch nicht krank sei. Mit leuchtenden Augen hatten Hans und Peter zugehört. Der Enthusiast Anthony war aufgesprungen und zu Dr. Werner getreten. " , Wenn einer einen Lorbeerkranz als mutiger Kämpfer auf dem Schauplatz des Lebens verdient, so sind Sie es, Dr. Werner." ,, Die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers vorher stärken und stützen, ist ein prachtvoller Gedanke," sagte Peter. ,, Und womit wollen Sie diese Schutzmaßregel durchführen, Doktor? Sie wissen doch, daß wir alle hier einem gleichen Zwang unterliegen, und daß unsere Nahrung so minimal ist und unzureichend, daß jedes Leben gewissermaßen nur so lange erhalten bleiben kann, wie die Reservekräfte seines Körpers ausreichen?" ,, Ich denke durch eine besonders gesunde Lebenshaltung und Lebensführung des Einzelnen, seinem Körper diesen Schutz gegen die Krankheiten zu geben. Es ist sehr einfach!" ,, Ja, wenn man Ihr Gehirn hat und Ihre Konsequenz. Aber bedenken sie doch diese schwachen Menschen hier, die allen Zufälligkeiten keinen Widerstand entgegensetzen können!" ,, Auch geht den meisten Menschen hier der Lebenstrieb völlig verloren", warf Hans hin. ,, Meine Herren, ich weiß das! Die Zukunftsaufgaben sind eben unerschöpflich groß und das Feld, das wir Ärzte zu beackern haben, ist unübersehbar." Peter hatte sich über den Tisch weit vorgebeugt und fragte forschend: ,, Doktor, meinen Sie, daß wir die Gefangenschaft hier überstehen werden?" ,, Ja", sagte der junge Arzt mit den Augen eines Sehers. ,, Ich will mein ganzes Leben dafür einsetzen, den leidenden Gefangenen hier zu helfen." Hans war aufgesprungen und wandte sich an Peter. ,, Siehst du, Peter, wieder einer, dem die Schlacken von der Seele gewaschen sind. Schau ihn dir an, da ist Gold, lauteres Gold!" ,, Ich sehe in Ihnen das Zukunftsideal des kommenden Arztes. Wie alt sind Sie eigentlich, Doktor? 24 Jahre etwa, wie?" Der blutjunge, frische Arzt lachte schallend auf. ,, Vorbeigegriffen, Verehrtester, wenn der Sommer bald voll erblüht ist, hab ich ihn dreißigmal durchlebt." Er war aufgestanden und wandte sich zu den Freunden. ,, Doch, meine Herren, die Zeit drängt. Ich möchte heute abend noch einen Vortrag hören. Hätten sie wohl Lust, den neuen Mann kennenzulernen, der jetzt überall in den Kreisen der Intellektuellen von sich reden macht?" ,, Wer ist es denn?", fragte Peter gespannt. ,, Ein Joseph Manez, freier Schriftsteller und Dichter. Man weiß nur so viel über ihn, daß er ein Tscheche ist und an irgendeiner Zeitung als Redakteur tätig war." ,, Selbstverständlich", rief Anthony enthusiasmiert, ,, gehen wir mit Ihnen. Was meinst du, Peter?" Peter nickte. ,, Ja, gewiß! Aber sagen sie, Doktor, wie kommt es, daß ich seinen Namen in dem Verzeichnis der Mitglieder nicht gelesen habe. Auch bei Herrn Professor Ulitzsch, dem Leiter der Freizeitgestaltung, habe ich ihn nie angetroffen." ,, Er ist noch nicht lange hier. Ich kenne ihn deshalb auch nicht näher", erwiderte Dr. Werner. ,, Aber die Suggestivkraft seiner Persönlichkeit soll sehr groß sein, denn nach den ersten Besuchen seiner Vorträge und dem Bekanntwerden seiner fabelhaften, von hohem 87 kosmischen Gehalt getragenen Prosagedichte werden seine Vorträge gestürmt." ,, Daß wir unter den vielen Tausenden und aber Tausenden von Menschen geistige Persönlichkeiten mit starken Potenzen haben, verwundert mich nicht", erwiderte Peter. ,, Aber dieser geniale und hellsichtige Kopf setzte doch alle Hörer in Erstaunen." ,, Nun, so lagt uns eilen, daß wir den Anfang des Vortrags nicht versäumen!" Hans Anthony drängte zur Tür. Die Herren zogen ihre Mäntel an und verließen das Zimmer. Eilig überquerten sie den Hof der Magdeburger Kaserne, wo wie gewöhnlich eine lange Reihe hungriger Menschen auf Nachschub wartend anstand und den Weg versperrte. An der Torwache vorüber betraten sie die Hauptstraße. Kühl strich der Wind durch die Gassen und bewegte die Mäntel der Eilenden. 1 - - 1 Noch lange war der Hof angefüllt mit der wartenden Menschenmenge, bis die Verteilung des Nachschubs einsetzte. So ging es Tag für Tag. Immer nach jeder Essensausgabe stand eine riesige Schlange von hungrigen Menschen in jeder Kaserne und hoffte auf einen Zuschuß des Mittagessens. Manche stellten sich gleich an, wenn sie ihr Essen auf dem Hofe verzehrt hatten. Es war ja auch ein zu geringes Mahl. Eine kleine Kelle Suppe und ein paar Kartoffeln mit Soße. Diese Nahrung war nur dazu angetan, den Magen zu seiner Tätigkeit anzurégen, aber nicht zu befriedigen. In der Tat hatten häufig die Geduldigsten das Glück gehabt, wirklich einen kleinen Nachschub zu erhalten. Aber die meisten warteten vergeblich zwei Stunden 88 und mehr. Oder es hieß gleich am Anfang: Es gibt heute keinen Nachschub. Dann verteilte sich der Schwarm und die Gefangenen gingen traurig nach Hause. JOSEF MANEZ In Theresienstadt war ein Dichter erschienen von elementarer Gewalt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von diesem genialen Manne in den Kreisen der Intellektuellen verbreitet. Man hatte seine Vorträge unter allen Umständen hören wollen, so hungrig nach geistiger Nahrung waren die Eingeschlossenen, aber die Karten waren im Nu vergriffen. Er brachte man sollte es nicht glauben- Gedichte. In ihnen spiegelte sich das Weltgeschehen, das sonst vor den Toren Theresienstadts haltmachte. Dieser seherische Weitblick, den seine Vorträge bekundeten, war nicht nur Phantastik, sondern auf eine ernste, psychologische Grundlage gestellt. Wonach alle Menschen in dem eingeschlossenen Lager lechzten, worauf fäglich und stündlich die Ohren der Gefangenen horchten, waren die Nachrichten aus der Außenwelt. Aus der Welt, aus der man sie zwangsweise hinausgestoßen hatte, um in dieser Abgeschiedenheit in hoffnungsloser Ungewißheit über das Weltgeschehen zu verharren. Unter ihnen war nun einer, der den furchtbaren Bann löste, der ihre Seelen von dem Druck einen Moment befreite und eine restlose Glückseligkeit in allen Gemütern erzeugte. Wie kam das nun, daß Josef Manez diese weithin leuchtenden Gedanken, die sich wie Perlen an einer Schnur zusammenfügten, mit einem so seherischen Weit89 69 06 90 blick in die Zukunft hervorbringen konnte? War er ein Auserwählter? Ach, nein! Es war nur ein Dichter, aber ausnahmsweise einer, der wohl mit dem Kopf in die Wolken ragte, aber den Boden unter seinen Füßen behielt. Das war das Wunder! -- Als die drei Herren die Treppe zu dem Blockhause, wo der Vortrag stattfand, bis zu dem Boden erstiegen hatten, kam ihnen der Platzanweiser entgegen und führte sie seitwärts an den dichtbesetzten Bänken vorbei zu einer Maueröffnung, die mit einem Vorhang verhüllt war. Sie schlüpften hindurch und befanden sich in einem Seitengange des Raumes unmittelbar dem künstlich aufgerichteten Podium gegenüber. Joseph Manez war soeben eingetreten und hatte sich mit einer kurzen Verbeugung an den kleinen Tisch gesetzt, auf dem sein Manuskript ausgebreitet lag. Auf seinem schmalen, tiefgebräunten jungen Gesicht ruhte eine freundliche Gelassenheit. Der regelmäßige Schnitt seiner Züge war typisch tschechisch. Dieser Menschenschlag zeichnet sich fast immer durch besonders schöne Gesichter und Gestalten aus. Eine besondere Note wies seine Persönlichkeit auf den ersten Blick nicht auf, nur wenn er, wie eben jetzt, sich aufrichtete und seine Blicke über die Köpfe des Publikums schweifen ließ, sah man es den stahlblauen Augen an, welch' ein Wagemut in ihnen wohnte. Er schien ganz frei von irgendeiner Erregung zu sein. Seine Brauen zogen sich zusammen, stählern spannten sich die Muskeln und ein Widerschein eines inneren Kampfes wie mit feindlichen Dämonen schien sein Seherblick zu verraten. Er begann. Atemlos verharrte die Menge. ,, Es würde um uns traurig bestellt sein, wenn unser Leben nur in dem Tagesablauf des Materiellen bestünde. Die Stützen, die unser Dasein sichern, müssen noch irgendwo anders wurzeln und verankert sein, weil hin ter ihm ein höherer Wille waltet. Der hohe Geist, der das Weltall lenkt und zu irgendeinem Zweck leitet, wird auch dem Geschöpf dieser Erde, dem Menschen, eine Aufgabe zugewiesen haben, die er erfüllen muß. Jedenfalls dienen wir alle, wie wir da sind, als Glieder einer Kette, deren Ende wir nicht absehen können. Das Dunkel, das über diesen Dingen liegt und sich auch dem schärfsten Verstande nicht offenbart, können wir nicht durchdringen, weil uns die Sinnesorgane dazu fehlen, oder weil unsere Sinne nicht fein genug sind, sie zu erfassen." Jetzt schien sein Blick wie Feuergarben zu sprühen. Vor seinem Geiste stand das Martyrium der gequälten Menschheit, erhoben sich die unzähligen Verbrechen der modernen Sklaverei, und wie mit Blut geschrieben sah er die Mordtaten Hitlers und seiner Helfer. - Mit erhobenen Händen und weithin tönender, metallischer Stimme fuhr der Vortragende fort: ,, Und nun zu meinem Thema: ,, Vom Wertvollsten". ,, Die Liebe, heißt es, höret nimmer auf." ,, Das Streben nach Glück und Reichtum hier auf Erden ist berechtigt. Es dient zur Entfaltung der inneren Kraft jeder Persönlichkeit. Aber es darf nur als Mittel zu einem schöneren Zweck benutzt werden, das Ziel jedoch, welches jeder wie der Schiffer auf hoher See den Leuchtturm vor Augen hat, muß ein gutes sein und darf von dem Weg des Rechten niemals abweichen. Das reine und gute Wollen geht auf Plato zurück. Wie ein leuchtender Stern in weiter Ferne muß dieser Endzweck unverrückt vor unserem geistigen Auge stehen. Alle unsere Wege müssen zu ihm führen. Es gibt zweierlei Recht, ein gutes und ein schlechtes. Das letztere sucht seinen Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit. Das gute Recht hingegen schafft die Harmonie. Wenn die Harmonie nicht gewahrt bleibt, stürzt das Weltall in sich zusammen." Der Vortragende atmete hörbar und trat weiter vor. 91 " , Wenn in der Schöpfung Harmonie 1 - wo jeder Baum und jedes Tier den Platz erhält zu seines Lebens Nutzen kein Miẞton fällt. Wenn alle Menschen im Widerschein göttlicher Harmonie ihr Tagewerk vollziehen, stets Gutes wollend. Wenn jeder neue Tag wie ein Geschenk des Lebens ist. Wie -- wunderschön, wie schön ist dann die Welt! Doch wehe! Wehe!!! Wenn aus dem Zwittersein der menschlichen Natur ein Recht erwacht, das keine Geltung hat. Wenn er empor sich reißen läßt, der Mensch, zu jäher Höhe und dann im Kampf um schnöde Machtgier und Gewalt die Harmonie zerstört. In eine wilde Wüste wird er dann das bunte farbenfrohe Bild der Welt verwandeln. Verdammt sind jene, die das Mysterium des gottgewollten Seins auf ihrem Erdenweg mit eklen Händen stören und zerschlagen. Und nichts von ihrem Wandeln lassen als Trümmer, Leichen und bittren Gram der Witwen und der Waisen. Ach wär' es nur ein krankhaft, schwerer Traum. Ein Zerrbild der Gedanken, keine Wirklichkeit, die jene Stätte frommen, freien Geistes von jeher hoher Achtung wert, emporgewachsen aus dem Glanze der Kultur, der langen Reihe schöpferischer Menschen in eine Wüste umgewandelt hat. 11 Ein Grab jetzt nur, worauf die Menschen, sich scheu zur Seite drückend, wie Schemen wandeln. Fluch ihm, dem einen, der diese schöne Welt entstellte. Fluch ihm, der Geist und Harmonie zerstörte." Hier stand der Ankläger unter dem Deckmantel des Dichters. Erschrocken, ergriffen und entsetzt, mit bleichen Gesichtern hatten die Zuhörer die schmetternden Verkündigungen vernommen. 92 Kennt dieser Mann dort oben auf dem Podium nicht die Gefahr, die ihn auch im engsten Kreise umlauert? Weiß er nicht, daß Spione unter den Gefangenen sitzen? Daß selbst die leiseste Andeutung der Wahrheit auf die kleine Festung, oder in den Tod führen kann? Joseph Manez fuhr fort: ,, Die Liebe heißt es, höret nimmer auf, und sie wird uns erlösen. So ist bewiesen zur Genüge, daß sie auf Dinge muß gerichtet sein, die ewig sind. Daß sie dem Herzen ist in einer Weise eigen, die unzerstörbar ist. Die schöne Welt im Sphärenklang der Liebe ist Harmonie und unser aller Ziel, denn wenn ihr Odem uns einmal beseelt, sind wir im Innersten von allem Makel frei und unser Wesen ist gefeit vor der Gewalt des Bösen. Dem Höchsten sind wir dann verwandt und spurlos frei von Schlacken ist die Seele." Das waren die Schlußworte seines langen Vortrages. So unerhört ergriffen waren die Menschen nicht einmal bei den Gottesdiensten. So gepackt bis ins Innerste, vermochte sich kaum ein schüchterner Applaus vorwagen. Joseph Manez hatte sich mit einer Verbeugung zurückgezogen. Nun erst erwachten die Zuhörer. Ein donnernder Beifall rief den jungen Dichter vor die Rampe. Immer wieder. Peter Vagas, Hans und Dr. Werner waren restlos begeistert. Es tat ihnen die geopferte Zeit nicht leid, und sie beschlossen gemeinsam, diesen Mann, der sie bis ins Innerste ergriffen hatte, kennenzulernen. Sie versuchten sich einen Weg zur Bühne zu bahnen. Auch Kitty hatte das Glück gehabt, rechtzeitig eine Karte zu erhalten. Sie befand sich unter den Zuhörern. Ja, wie recht hatte der Mann, wie dürftig und kleinlich war das irdische Treiben, wenn nicht hohe Gedanken dahinterstanden und die Blicke sich auf ein Ziel richteten, das der Seele diente. 93 Es gibt gewiß etwas, was höher ist, als was der Mensch für gewöhnlich ,, Glück" nennt. Das ist der Friede der Seele. Erwerben läßt er sich nur durch die Liebe zum Nächsten. Als letzte Besucherin stieg Kitty gedankenvoll die Treppe des Blockhauses hinunter. Sie ging schnell über den finsteren Hofraum quer durch die unbeleuchteten Straßen und bog in die Rathausgasse ein. Bald danach betrat sie den lärmenden, stinkigen Raum ihres Zimmers. Welch' ein Kontrast! Wie immer stritten sich Frauen. Man war es gewohnt und achtete nicht mehr darauf, als ob Hühner gackerten. Schnell bereitete sich Kitty ihr Lager auf dem Hof und lag noch lange wach unter dem sternbesäten Himmel. Indessen hatten sich die drei Herren ihren Weg zu Joseph Manez gebahnt, der gerade im Begriff war fortzugehen. Vorher hatte er noch unzählige Hände drücken müssen und in Augen geblickt, die restlose Begeisterung ausdrückten. Er sah Dr. Werner mit einem Lächeln entgegen. Dieser stellte ihm Peter und Hans vor: ,, Menschen gleich ihnen, Herr Manez, die von Träumen leben und Ideale haben. Aber dennoch sind sie Kämpfer, immer Kämpfer." Ein wenig Skepsis klang hindurch. Herr Manez schüttelte den Herren die Hände und hörte mit gutwilliger Bereitwiligkeit ihre begeisterten Lobsprüche an. Dann sagte er schlicht:„ Jetzt muß ich mich beeilen, aber kommen sie doch mit, meine Herren!" Sie gingen zusammen fort. An einer Querstraße verabschiedete sich Manez und versprach seinen Besuch. Dann gab er jedem die Hand und enteilte. Ein Ereignis, das ihre Zusammengehörigkeit kennzeichnete und ihre Freundschaft später besiegeln sollte, traf nach einigen Tagen ein und verursachte das Verschmelzen ihrer Interessen. Der Lichtstrahl genialen Geistes war bis in die SSLagerkommandantur gedrungen. Joseph Manez' Vorträge wurden verboten. 94 94 Den Gewinn davon erhielten Peter, Hans und Dr. Werner, denn künftig faßte der kleine Raum ihrer Wohnung vier Personen. Es wurden unerhörte Stunden der Erbauung, die diese später durchlebten. IM JUGENDHEIM Nie zuvor hatte Kitty sich so zufrieden gefühlt wie im Jugendheim. Der Vergleich des heutigen Zustandes ihrer Seele mit dem eines halben Jahres vor ihrer Ankunft war nicht zu beschreiben. Man muß sterben gewollt haben, um zu wissen, wie schön das Leben ist. Die ganze menschliche Weisheit ruht in den Augen eines Kindes, von dorther strömt reine, göttliche Kraft. Kitty liebte alle die vielen Kleinen im Jugendheim mił überschwenglicher Stärke. Ihre Ehe hatte ihr leider keine Kinder geschenkt, und das ungelöste Muttergefühl verströmte seinen Reichtum über die Kinderschar. Bereits fünf Monate arbeitete Kitty als Schwester im Jugendheim. Um 8 Uhr begann der Dienst, dann erhielten die Kleinen ihren Morgenkaffee mit der Milch und der zugeteilten Brotration. Gegen 11 Uhr war Visite des Arztes. An Hand einer Tabelle wurde ausführlich über jeden Krankheitsfall mit Namen des Kindes und der Art der Krankheit sowie der ärztlichen Verordnung Buch geführt. Jedem Kinde wurde morgens der Oberkörper freigemacht, untersucht und die geringste Veränderung daran eingetragen. Für schwerere Krankheitsfälle war ein Extrazimmer eingerichtet worden. Hier standen auch die Schränke mit den Arzneien, den verschiedenen Mitteln und den Instrumenten. Auch die Besprechungen zwischen dem Oberarzt Dr. Stein und den jungen Assistenzärzten sowie den Schwestern fanden in diesem Raume statt. Abends um sechs war wieder Visite, aber ohne Untersuchung der Kinder. nur eine Kontrolle. 55 95 Kittys Dienst umfaßte die Krankenpflege von sechs Stuben. Es waren nur Knaben. Kittys anstrengender Tagesdienst beanspruchte ihre ganzen Kräfte. Die Kinder wurden sehr sorgfältig jeden Morgen gewaschen und, wenn sie krank waren, bei Erkältungszuständen, mit Umschlägen behandelt. Die Zuweisung der Mahlzeiten und die Spaziergänge mit den gesunden Kindern besorgte die sogenannte Führerin. Das Säubern der Räume geschah von Seiten einer Putzkolonne. Alle diese verschiedenen Arbeitsanweisungen wurden automatisch durch das Arbeitsamt erledigt. Die Not des eigenen Lebens, die Sorge um die vielen Kleinen lasteten schwer auf Kittys Schultern, manchmal wollte es sie schier erdrücken, aber sie wollte sich nicht unterkriegen lassen, dazu kam noch das innerliche Entsetzen über Lenchen Böhme. Was war aus ihr geworden? Sie war gar nicht wiederzuerkennen. Wie nahm sie, die lustige, elegante, verwöhnte Frau das Lagerleben auf? Scheinbar hatte sie keine festen Grundsätze, die ihr einen inneren Halt gaben. Außerlich jedenfalls bot sie jetzt einen wenig erfreulichen, ja Besorgnis erregenden Anblick. Sie lag, wenn sie keinen Dienst hatte, immer nur auf ihrem Lager, ohne sich irgendwie zu beschäftigen. Wenn Kitty morgens zum Dienst ging, schlief sie noch. In der kurzen Freistunde von halb eins bis halb zwei war sie durch das lange Anstehen in der Essenausgabe nie imstande, ihr Heim aufzusuchen oder sich irgendwie auszuruhen. Bei gutem Wetter war das natürlich sehr schön. Man konnte im Freien bleiben, aber sobald es regnete, mußte Kitty, so schnell sie nur konnte, ins Jugendheim zurückeilen. Nur abends, wenn sie erschöpft vom Dienst nach Hause kam und froh war, sich endlich ein wenig Ruhe zu gönnen, dann war Lenchen munter und fidel und zu allen Scherzen aufgelegt, aber sie war nicht imstande, 96 96 die Augen offenzuhalten. Gewöhnlich bestritt dann Lenchen die Kosten der Unterhaltung. Nur sonntags, wenn der Dienst eine Stunde frei gab, widmete sich Kitty Lenchen Böhme: " , Was hast du den Tag über gemacht? Bist du spazierengegangen oder einmal ins Kaffee, Lenchen?" ,, Nein, heute bin ich zu meinen Enkelkindern gegangen. Meine Schwiegertochter zieht übrigens hierher." ,, Das wird für dich eine große Freude sein, du hängst ja so sehr an deinen Enkelkindern. Diese Botschaft begrüße ich für dich ganz besonders, weil du dadurch eine größere Ablenkung hast." ,, Du bist aber sehr im Irrtum, Kitty. Meine Schwiegertochter ist eifersüchtig und liebt die allzu große Anhänglichkeit der Enkelkinder gar nicht." Wie Frau Böhme Kitty erzählt hatte, war ihre Schwiegertochter zum zweitenmal verheiratet. Der Sohn Lenchens hatte sich erschossen und seine Mutter dadurch fast an den Rand des Grabes gebracht. Seit dieser Zeit hatte sich zwischen der Schwiegermutter und der Schwiegertochter eine Spannung ergeben, die auch die Zeit nicht wieder auslöschen konnte. Das war sehr tragisch und sollte der Anlaß sein, wodurch Lenchen Böhme vollkommen ihren Lebenstrieb verlor. Wie gesagt, Kitty konnte sich mit dem besten Willen nicht allzuviel um Lenchen Böhme kümmern. Erst als sich die Krankheitszeichen des Typhus meldeten, spannte Kitty alle ihre Kräfte an, um auch noch diese schwere Aufgabe zu leisten. In der Folge eilte sie in ihrer Freizeit immer erst nach Hause, um zu sehen, wie es der Freundin ging. Es war doch zu seltsam, daß nun plötzlich auch eine geringfügige Stelle am Bein, die niemand einer Beachtung wert hielt, zu eitern begann. Kitty selbst verband die Wunde und blieb eines Vormittags im Hause, um Lenchen zur Ambulanz zu geleiten, da sie als Schwester die Befugnis hatte, mit einer Kranken sofort in die Sprechstube zu gehen. Mit großer Sorge verfolgte Kitty das immer mehr sich entwickelnde Leiden der jetzt 7 Philipp, Die Todgeweihten 97 fast hilflosen und schwachen Frau. Auch der Durchfall wollte nicht weichen. So war Kitty mit Sorge, Umsicht und Ausdauer, auch in nächtlicher Pflege, bemüht, den kritischen Zustand ihres Lenchens zu bessern. Sie wollte um keinen Preis diese Frau verlieren. So groß auch ihre eigene Not war im Kampf mit dem Hunger und den Widerwärtigkeiten des Daseins, so ließ sie doch nicht nach in ihrer Ausdauer. All die verschütteten Quellen der Lebensfreude versuchte Kitty immer und immer wieder freizulegen. Aber es wollte ihr nicht gelingen. Es schien ein anderer Geist Frau Böhmes Körper zu regieren. Sie verfiel zusehends. Der sonstige Heißhunger ließ nach, und an dessen Stelle trat Appetitlosigkeit, Kitty war ganz verzweifelt. Sie sann immer auf neue Mittel, die Magensäfte anzuregen, aber Salzsäure war in keiner Apotheke zu bekommen, so opferte Kitty ihre Milch und ließ diese sauer werden. Das half! Ein wenig hoben sich die schwachen Lebensgeister wieder, und Kitty begann schon zu hoffen,-- da trat plötzlich ganz unvorhergesehen hohes Fieber ein. Frau Böhme sollte ins Krankenhaus kommen. Verzweifelt hatte Kitty Abschied von der ihr so lieben Freundin genommen. ,, Lenchen, nun wo ich nicht mehr um dich sein kann, versprich mir, deine Kräfte zusammenzunehmen, um gesund zu werden." Lenchen hatte nur den Kopf geschüttelt. ,, Aber du willst doch mit mir wieder zurück nach Hamburg, ich flehe dich an, laß mich nicht allein hier in Theresienstadt, werde gesund!" Kitty weinte. Zu der Krankheit waren noch seelische Aufregungen gekommen; seitdem Frau Silberstein mit der Schwiegermutter unter einem Dach wohnte, kamen die Enkelkinder wohl zum Besuch der Mutter, aber sie gingen nicht zu ihrer Großmutter hinein. Als Kitty eines Tages nach der Essenausgabe ins Haus trat, erhielt sie gleich die Nachricht von dem Tode 98 ihres Lenchens. Sie war schon in der Quarantäne gestorben. Nicht das kleinste Andenken hatte Kitty von dem armen Lenchen, aber ihr Bild, wie sie am Anfang des Transportes in der herrlichsten Lebensfrische vor ihr stand, trug sie als ewiges Andenken von ihr im Herzen. 11 - In den Tagen der Heimsuchung, die die Gefangenen in Theresienstadt immer wieder überfielen, drängten sich auch bei den Nichtgläubigen religiöse Gedanken auf. Die tiefe Erkenntnis, daß all unser Leid zur Läuferung und geistigen Erneuerung unserer Seele führt, daß aus der Not des Leidens eine immer größere Freiheit des Denkens erwächst, empfand auch Kitty wieder neu bei diesem erschütternden Abschied, dem Tode ihrer Freundin. Ihre Arbeit im Jugendheim war unerschöpflich und ließ Gott sei Dank keine Zeit zum Grübeln frei. Sie wußte freilich nicht, wohin der Weg sie führte, ob ins Dunkel einer noch schwereren Zeit oder in das helle Licht baldiger Freiheit. Keine Sicht vor Augen, nur die innere Weite des gläubigen Herzens, die die Klarheit des Denkens sicherte. Und die Pflicht, für das Wachsen und Gedeihen der ihr anvertrauten Kinder zu sorgen. Eine Aufgabe muß jeder haben, der ein wertvolles Glied der Menschheit sein will. Der Herbst war recht unfreundlich. Die Aste und Zweige der Bäume wurden von dauernden Regenböen herniedergedrückt und trieften vor Nässe, als ob sie weinten. Einige waren schon all ihrer Blätter entkleidet, die in dichter Schicht die Gehwege bedeckten und dort vermischt mit der Erde und den Wasserlachen eine glitschige Masse bildeten. Jeder Tag hatte ein anderes Gesicht. Obgleich der Alltag die gewohnten Dinge in gleichem Ablauf immer wiederholte, schoben sich doch kaum merklich neue Eindrücke dazwischen. Durch die Pause der Nachtruhe wurde der Körper gestärkt und der Mut belebt, die Widerstände, woran 7* 99 das Theresienstädter Leben so reich war, zu überwinden. Das erklärt auch den Grund, wie es kam, daß die jungen Frauen und Mädchen der arbeitenden Bevölkerung trotz ihrer jämmerlichen Lage und des mangelhaften Essens immer noch frisch und tätig des Morgens den Gang zur Arbeit antraten. Seit geraumer Zeit war der Marktplatz, sonst ein Park mit Blumenbeeten und Bänken, zu einer großen Arbeitsstätte umgewandelt worden, in dessen Mitte sich eine gewaltige Halle erhob. Dort wurden für die deutsche Wehrmacht, speziell für die Luftwaffe, Maschinen und deren Ersatzteile hergestellt. Eine hohe hölzerne Planke schloß den weiten Platz in seinem gesamten Umkreis von den übrigen Straßen ab, auch die Wege rechts und links des Marktplatzes waren von Posten bewacht und nur für die Arbeiterschaft des Werkes zugänglich. Infolge dieser Veränderung mußten alle Passanten, die in die Hauptstraße wollten, um ganz Theresienstadt herumgehen, auch Kitty hatte durch diesen Umweg eine halbe Stunde Zeitverlust und mußte sehr früh aufstehen. Kitty war von eigenartiger Schönheit. Die feine, zarte Haut ihres Körpers glich den Blättern einer Blüte, die noch kein Hauch des Verwelkens berührt hatte. Sie war frisch, glatt und fest trotz aller Unbill der Verhältnisse. Die Grazie ihres Körpers prägte sich in jeder ihrer Bewegungen aus. Herrliche Minuten und eine köstliche Erquickung ohnegleichen waren die eiskalten Abwaschungen morgens, die alle Lebensgeister alarmierten. Freilich waren diese Waschungen nur ein Ersatz für das früher gewohnte Bad mit Dusche. In Theresienstadt aber war es eine Wohltat, den ermatteten, geplagten, von nächtlichen Flöhen heimgesuchten Körper tüchtig zu frottieren. Am frühen Morgen schritt Kitty ihrer Arbeitsstätte zu. Heute war es sehr frisch, und der Wind zerrte heftig 100 an Rock und Jacke. Die Arbeit auf dem Markt schritt mit Windeseile voran. An Kitty vorbei strömte die junge Arbeiterschaft zum Eingangstor, wo der Posten jedesmal einen Blick auf den vorgezeigten Ausweis warf. Mit freundlichem Morgengruß betrat Kitty den Kran- kensaal der Kinder, wo in der Ecke ihr weißer Kittel und Haube hingen. Sobald sie ihre Haube aufgesetzt hatte, trat sie an den Glasschrank, um die Thermometer zum Messen der Kleinen herauszunehmen. Da trat Schwester Susi, ihre ältere Kollegin, ihr in den Weg und hielt sie mit den Worten fest: „Sie hatten doch gestern nachmittag Dienst getan, Schwester Kitty. Wie ich heute morgen feststellte, war eine große Unordnung in den Glasschränken. Die essig- saure Tonerde habe ich nicht finden können.“ Mit großen Augen hörte Kitty schweigend die Vor- würfe an, nahm ihre Thermometer und wollte hinaus- gehen. Aber Schwester Susi hielt sie an: „Wenn Sie sich nicht einmal entschuldigen können, muß ich es Dr. Behrend melden.“ „Lassen Sie mich mit ihren Vorwürfen zufrieden. Die Kinder müssen bis elf Uhr gemessen sein. Ich habe wirklich keine Zeit, mich zu streiten und auch keine Lust dazu.“ Sie schob Schwester Susi beiseite und ging aus dem Zimmer. Schon lange merkte sie die Gehässigkeit der älteren Kollegin. War es: Neid? Warum eigentlich? Nun, Kity war hübsch, damit ist schon vieles gesagt, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, nicht so tüchtig in den praktischen Dingen wie die ältere Kollegin. Susi Arn- holz war Arzttochter und von Jugend an die Atmosphäre der Krankenstuben gewöhnt, auch was die rein tech- nischen Dinge betraf, war sie Kitty überlege», und vor allem hatte sie eine praktische Ausbildung in einem Krankenhaus genossen. Während Kitty dagegen ihre Kenntnisse damals in dem Haushaltsinstitut erwarb und sich sonst nur durch Lehrbücher aller Art weiter gebildet hatte. 101 Kitty mußte sich sehr viel gefallen lassen und kollidierte dauernd mit der Schwester Susi. Im Zimmer der Kinder war beim Eintritt ihrer Schwester Jubel, Lachen und Lärmen. Ein jedes Kind wollte zuerst von Kitty begrüßt sein. Alle Kinder hingen an Schwester Kitty, vom Sechsjährigen bis zu den älteren Zwölfjährigen. Das Messen der Kinder mußte sehr gewissenhaft erfolgen, damit jede Krankheit gleich im Keim erstickt wurde. Ach, wie waren die kleinen Jungen Kitty ans Herz gewachsen. Mit wahrer Liebe wurde jeder einzelne sorgfältig gewaschen und ins sauber zurechtgemachte Bett gelegt. Die gesunden Kinder durften dann aufbleiben, aber alle mußten bis zur Visite des Arztes im Zimmer warten. Am nächstfolgenden Tage, es war der 10. Dezember, wurde abends vor dem Nachhausegehen ein Zettel von der Verwaltung des Jugendheimes im Krankenzimmer der Schwestern abgegeben. Er hatte folgenden Wortlaut: Sie werden aufgefordert, nach Erhalt dieser Vorladung am 11. Dezember 1942 um 2 Uhr früh in der Magdeburger Kaserne, II. Stock, Tür 118, mit den Kindern ihrer Aufsicht zu erscheinen und unbedingt alle Personaldokumente mitzubringen Zentralsekretariat Theresienstadt, am 10. 10. 1942 Alle Schwestern wurden auf diese Art verständigt, um die von ihnen befreuten Kinder an die angegebene Stelle zu führen. Ganz verstört hatte Kitty die Nachricht empfangen, dann wurden die notwendigen Anordnungen getroffen, die die Verfügung betrafen. Es war so dunkel auf den Straßen, daß man sich nur mit der größten Vorsicht mit den Hunderten von Kindern mühsam vortasten konnte. Taschenlampen durfte man nicht benutzen. 102 Endlich, es dünkte jeden eine Ewigkeit, war die Mag deburger Kaserne erreicht und die Kinder nach dem zweiten Stock, Zimmer 118, hinaufgeführt. Hier war alles blendend hell erleuchtet. Die Beamten der Kommandantur saßen vor den langen Tischen mit ihren Akten vor sich, und jedes einzelne Kind wurde registriert. Sobald dieses erledigt war, bedeutete man den Schwestern, daß die Kinder vorläufig dort bleiben sollten, sie selber aber seien ihrer Pflicht enthoben und könnten alle zusammen nach Hause gehen. Kitty atmete schwer, als sie auf die Straße trat. Etwas Entsetzliches pregte ihr Herz zusammen. Es war ihr so merkwürdig zumute, sie konnte es nicht beschreiben, was es war. Sie fühlte sich so arm, als wenn alle Hoffnung verloren sei, jetzt da die Kinder fortgeschickt waren. Endlich blieb sie stehen und brach mitten auf der Straße in ein hilfloses Weinen aus. Susi Arnstein ging neben ihr, und in dieser besonderen Stunde legte sie alle Strenge und Gehässigkeit ab. Sie nahm wortlos Kittys Hand. Sie tat ihr sehr leid. 77 - Vielleicht kommen sie zurück und wir haben sie bald wieder dann wird alles anders zwischen uns. Glauben sie mir, Kitty." 1 Susi fühlte nun, daß der Verlust der Kinder Kitty härter traf als sie selber. Immer wieder blickte sie auf Kitty, doch diese hielt den Kopf gesenkt und sah nicht die Rührung in dem sonst so herben Gesicht der Kollegin. Da hatten sich nun beide während der knappen Zeit ihrer Zusammenarbeit mit häßlichen Reden wehgetan, und nun war gewiß alle Arbeit im Jugendheim zu Ende. Auch Susi war bedrückt und erkannte, daß die junge Schwester gar nicht so stolz war, wie sie immer meinte, sondern lieb und hilflos in ihrem Schmerz. Sie beschloß anders zu werden. Kein Mensch hätte in den nächsten Tagen im Jugendheim sein können, ohne von dem Jammer miterfaßt zu werden, der das ganze Haus erfüllte. Es war so unheimlich ruhig und still, jetzt, da das Lärmen aufgehört hatte. 103 Keiner kannte das Reiseziel der Kinder. Man sorgte und fragte sich tausendmal die Stunde: wohin mögen die Kinder geschickt worden sein? Sie waren doch so gut versorgt und behütet worden. Und wie werden sie wohl jetzt gepflegt werden? Kein Mensch war so dickfällig, bei den Klagen der Schwestern und den geflüsterten Besorgnissen der Ärzte kaltblütig zur Tagesordnung überzugehen und von anderen Dingen zu sprechen. Ganz Theresienstadt war von der Nachricht des Kindertransportes erfüllt, obgleich er nur einen Teil des Gesamttransportes ausmachte. Kitty ging ein paarmal in die Magdeburger Kaserne, um sich über den Verbleib ihrer Kleinen zu erkundigen. Aber Auskunft erhielt sie nicht. Nur Bemerkungen wie, sie solle sich nicht um Dinge kümmern, die sie nichts angingen. In weitem Umkreis der Kaserne, wo die bis zur Abfahrt in Frage kommenden Menschen des Transportes untergebracht waren, waren die Straßen abgesperrt und von SS- Mannschaften bewacht. Niemand durfte den Kordon überschreiten, sonst drohte Festnahme oder für den Betreffenden ebenfalls Transport. Zu den großen Transporten hatten sich auch Freiwillige gemeldet, deren Angehörige verschickt werden sollten, aber immer glückte es ihnen nicht, mitgenommen zu werden. In Theresienstadt ging es an diesen Tagen wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen zu. Die SS- Lagerkommandantur hatte im ganzen einen Transport von 5000 Männern, Frauen und Kindern zur Verschickung angeordnet. Dem Befehl nach sollte dieser weit nach dem Osten geschickt werden. Genaue Angaben des Reiseziels wurden nicht gemacht. Die Bevölkerung befand sich in einem Zustand der Aufregung wie nie zuvor, da Familien häufig getrennt wurden. Die Anordnungen der Kommandantur waren sprunghaft und willkürlich. Das Unbestimmte versetzte die Beteiligten in fieberhafte Erregung. Das unerwar104 tete Ereignis der Verschickung aller Kleinen aus dem Jugendheim drückte diesem Transport ein besonderes Merkmal auf. Bislang waren wohl Niedergeschlagenheit und Trauer am Platze gewesen, aber jetzt fühlte man direkt ein Grauen. Obgleich keine bestimmten Gerüchte verlautbar wurden, denn in Theresienstadt drangen sehr selten politische Nachrichten ein, hatte man aber doch gehört, daß die Kinder ganz allein für sich verschickt werden sollten. Auf dem Bahnhof waren die SS- Offiziere des Stabes persönlich erschienen, um den Abtransport zu leiten. Es herrschte Totenstille in allen Straßen. Niemand durfte, während sich die lange Kette des Zuges zum Bahnhof bewegte, die abgesperrten Straßen betreten. Kitty war nach dem Abtransport der Kinder nicht mehr zu gebrauchen. Ihr war, als ob der Boden unter ihren Füßen verschwunden sei. Tagelang sah sie die Kinder vor sich, wie sie follten, lachten und jubelten, und wie sie gefragt hatten: ,, Bleibst du immer bei uns, Schwester Kitty, wir sind doch deine Kinder, und du gehörst zu uns, nicht wahr?" Und wie sie die lieben Buben im Arm gehalten hatte, ängstlich besorgt, nicht einen dem andern vorzuziehen. Kitty schlug die Hände vor ihr Gesicht und weinte. " , Warum, warum hatte man ihr die Kinder genommen? Nein, Gott war nicht barmherzig, wie konnte er ihr diese Freude nehmen?" Wenn sie es nur gut bekämen, so wollte sie sich beruhigen. Die zarte, liebliche, unschuldige Jugend, wenn sie nur bestehen bleibt. Dann kamen wieder Stunden tiefster Erschütterung. Sie warf sich auf ihr Lager und rührte sich bis zum späten Abend nicht aus ihrem Zimmer. Kitty schien ganz gebrochen zu sein. Die strenge Schwester Susi war verschiedene Male bei Kitty gewesen und wollte sie bewegen, ihre Tätigkeit im Jugendheim wieder aufzunehmen. Aber Kitty schüttelte still abweisend den Kopf. 105 So änderten sich abermals ihre Lebensumstände. Um nicht in den Hausdienst zu geraten, meldete sich Kitty sofort auf dem Arbeitsamt. Dort wollte man sie nicht aus dem Gesundheitswesen entlassen. Im Jugendheim seien bereits neue Kindertransporte aus Wien eingetroffen, und sie sei verpflichtet, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Mit Entsetzen hörte sie die Nachricht, verriet aber durch keine Bewegung ihre Gedanken; sie grüßte und verließ das Amt. Von diesem Tage an bekam Kitty ein Zittern, und flammende Röte bedeckte häufig ihr Gesicht. Das ganze Nervensystem war angegriffen. Sie wurde krank. Der Arzt schob eine Ruhepause ein, so daß keine Komplikationen mit dem Arbeitsamt eintreten konnten. Einige Zeit später meldete sich Kitty als Helferin in der Kinderküche. Der Blockarzt hatte es ihr nahegelegt, eine sitzende Beschäftigung vorläufig anzunehmen und demgemäß den Krankenschein ausgestellt. Ihre neue Vorgesetzte, Frau Heymann, eine außerordentlich hübsche, sehr jugendliche Tschechin, empfing sie freundlich und äußerte nur ihre Bedenken wegen des blassen Aussehens der Bewerberin. Aber Kitty beruhigte sie freundlich und sagte, sie fühle sich ganz gesund. Somit begann ein vollkommen neuer Lebensabschnitt für Kitty. DIE MUTTER Als Peter Vagas mit seiner Mutter vor einem Vierteljahr in Theresienstadt ankam und von der Raumwirtschaft nach der Seestraße 2 in das dort liegende künftige Heim seiner Mutter verwiesen wurde, staunte er über die schöne, breit angelegte Straße, in deren Mitte eine Allee von prächtigen, weit ausladenden Bäumen entlangführte. Nur die eine Seite war mit Blockhäusern bebaut, wäh106 rend auf der gegenüberliegenden die Sudetenkaserne lag, deren riesiger Halbmond fast die ganze Straßenseite bis hinunter zu der Westgasse einnahm. Später wurde diese Kaserne von den übrigen Straßen durch ein hohe Mauer abgesondert und nur für die Lagerkommandantur reserviert. Heute beherbergte sie noch das große Krankenhaus mit der Zentralniederlage aller Apothekermittel. Dazu arbeiteten zwei Großküchen mit ihren Schälstuben und den Hunderten von Frauen dort. Es wurden nahezu 8000 Personen täglich verpflegt. Am Ende der Seestraße lag noch eine Kaserne: die Jägerkaserne. Auf dieser Kaserne erhob sich die große Bastei mit ihren Sport- und Grünplätzen, von wo der Blick auf die Sudeten am schönsten war. Seit einiger Zeit war diese Bastei der Theresienstädter Bevölkerung teilweise freigegeben. Damals, an jenem Tage, als Frau Ellen Vagas von Bargen in dem großen prominenten Haus in der Seestraße 2 erwartet wurde, herrschte dort große Aufregung. ,, Frau Wienke!" rief in höchster Ekstase Frau Goldenberger, indem sie die Zimmertür im ersten Stock weit aufstieß; ,, Frau Wienke, Sie werden staunen und Sie, meine Damen, auch, so etwas haben wir hier noch nicht bei uns gehabt, denken Sie bloß, wie bekommen heute eine richtige Freifrau, eine Baronin von Bargen bei uns zu wohnen. Der Hausälteste, Herr Lauer, hat es mir soeben berichtet. Sie kann bald hier sein." ,, Nun", meinte Frau Wienke ruhig ,,, das ist kein Grund, sich aufzuregen. Hier gibt es genug vornehme Leute. Generalsgattinnen, Gräfinnen, ja sogar eine Prinzessin soll hier sein, habe ich gehört." Die kleine Frau Goldenberger war ganz aufgelöst auf ihr Bett gesunken. Sie war die Gattin eines Frankfurter Weinhändlers und allein in Theresienstadt. Man hatte sie wegen ihrer Gutmütigkeit besonders gern. ,, Meine Damen", wandte sich Frau Wienke an die 107 Zimmerbelegschaft ,,, kontrollieren Sie doch bitte einmal Ihre Plätze. Wir wollen es hier bei uns ein bißchen nett aussehend machen. Alle unnützen Dinge beiseitelegen. Lassen Sie uns recht kritisch sein, daß nichts dem Auge unangenehm auffällt." - Das Zimmer bot trotz der vielen aufgestellten Betten, es waren insgesamt 16 Betten im Zimmer einen besonders freundlichen Eindruck. Das Hübscheste waren die weithin leuchtenden Kerzen der blühenden Kastanienbäume, die durch das geöffnete Fenster hereinwinkten. Je näher die Zeit der Ankunft herannahte, desto stärker stieg die Spannung. Dann öffnete sich die Tür, und wie ein elektrischer Schlag ging es durch die Gesellschaft. Der Hausälteste trat mit Frau Vagas von Bargen ein. Die neugierigen Blicke der Anwesenden umfaßten sofort ihre hohe, schlanke Gestalt mit dem noch immer interessanten Gesicht, auf dem ein gewinnendes Lächeln ruhte. Sie schauten in helle Augen unter einer weißen Stirn und bemerkten den modernen Hut mit dem wehenden Schleier. Der Hausälteste, ein kleiner beweglicher Herr, räusperte sich: ,, Meine Damen, ich stelle Ihnen hier als neue Zimmergenossin Frau Baronin Vagas von Bargen vor." Und sich zu Frau Vagas wendend: ,, Es ist hier bei uns nur um ein weniges besser als in den anderen Blockhäusern, aber einen Garten haben wir, und sehen Sie, gnädige Frau, hier Ihr Lager mit einer wirklichen Matratze. Etwas ganz seltenes in Theresienstadt." Eine wunderbar weiße, gepflegte Hand hielt den hellen Flauschmantel vorne zusammen, und von irgendwoher blitzten ein paar Straßschmuckstücke; schmale, in graues Schlangenleder gehüllte Füße standen auf der Schwelle. Nach den Worten des Hausältesten reichte Frau Vagas den Damen ringsherum die Hand zur Begrüßung. Dann wandte sie sich an Herrn Lauer: ,, Oh, ich bin Ihnen dankbar für die Aufnahme und werde mich schon eingewöhnen. In Berlin war es in der 108 2.1.8. 1946 Aus:„ Die Todgeweihten" Von Berthie Philipp Berthie Philipp ist die Frau des bekannten langjährigen Musikkritikers am ,, Hamburger Anzeiger" Rudolf Philipp. Als Verfasserin von Märchenspielen und verschiedenen Bühnenwerken erwarb sie sich in Hamburg in früheren Jahren einen geachteten Namen. Die ,, Nichtarierin" wurde von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt verbannt. Was sie und viele tausend Leidensgenossen dort erlebten, schildert sie in einem Tatsachenroman ,, Die Todgeweihten", an dem die nach Hamburg Zurückgekehrte zur Zeit arbeitet. Sie arbeitet an diesem wichtigen Zeitdokument, aus dem wir anschließend eine Werkprobe bringen, unter den ungünstigsten räumlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. Es wäre zu wünschen, daß die tapfere Frau, die Namenloses durchlitten hat, seitens der maßgeblichen Stellen eine Unterstützung fände, die ihr die Vollendung ihres schriftstellerischen Werkes ohne den D. Red. harten Druck der Not ermöglichen würde. Wie ist dieser elende, entwürdigende Tag nur zu beschreiben? Es hieß in dem Tagesbefehl der SS- Lagerkommandantur, daß alle Insassen Theresienstadts sich zum Zwecke einer Volkszählung außerhalb des Lagers am 9. November 1943, um 9 Uhr einzufinden hätten. Nachdem die Rucksäcke, Handtaschen und Mappen hervorgeholt und mit Brotschnitten vollgestopft waren, versammelten sich die geschlossenen Gruppen der einzelnen Häuserblocks vor ihren Wohnungen Schlag 6 Uhr und hielten sich marschbereit. Jeder einzelne wurde vom Blockleiter mit seinem Namen aufgerufen und in Reihen zu vier Personen eingeordnet. Männer, Greise, Frauen und Kinder bildeten bald eine endlose lange Schlange, die in den Straßen.wie ein brandendes Meer hin und her wogte. Einer fragte: ,, Wie! Es soll eine Volkszählung stattfinden? Wozu? Wir sind doch alle in den Karteikarten eingetragen." Darauf der Nachbar: ,, Es ist heut der 9. November. Vergiß das nicht. Wenn wir nur nicht irgendeiner Willkür der Hakenkreuzler zum Opfer fallen." Der erste stimmte zu.„ Zu unserer Erholung treten wir heute den Gang bestimmt nicht an. Etwas wird schon dahinter stecken. Aber was?!" Eineinhalb Jahr kreiste man in müder Einförmigkeit automatisch zwischen den engen Straßen und Kasernen Theresienstadts von und zu der Arbeit. Ein Stück Natur auf der Bastei für eine kurze Freistunde zum Atemschöpfen war die einzige Erholung und gab einen Ausblick in das gelobte Land der Freiheit. Aber sonst nichts! Hinterher setzte die Qual doppelt stark ein, wenn man zurückkehren mußte in den engen, stinkigen Raum mit den vielen Menschen. Eingesperrt in das tägliche Jochr Einmal nun durften alle hinaus aus den grauen Mauern ihres Gefängnisses, aber nicht ins goldene Land der Freiheit, sondern nur bis vor dessen Tor. Die Frauen hielten ihre Kinder an der Hand und redeten eifrig auf sie ein, die nicht still und ruhig auf einem Fleck bleiben mochten. Wer konnte es ihnen verdenken? Sie jubelten, tollten und lachten und gebärdeten sich wie unbändige Füllen. Noch war kein Bescheid zum Vorrücken gegeben, da ließ man sie gewähren. Endlich, Befehl ein. - Himmelskuppel. Vor den Ankömmlingen lag von mut hielt sich jeder musterhaft aufrecht, damit der Morgensonne beschienen und von dem wald- ja nicht durch ihn etwas verdorben würde. umwachsenen Sudetengebirge umrahmt, ein un- Viele Runden hatten die Uniformierten hinter übersehbares grünes Wiesenland, von einigen sich. Mit immer gleichem Hochmut, gleicher GeBaumgruppen belebt. Auf dem Platz war bereits der Lagerkommandant mit seinem Stab anwesend. Viele SS- Offiziere unterhielten sich abseits miteinander und ihr Lachen tönte bisweilen herüber. Inzwischen begann die Arbeit der Ordner. Die ungeheuer große Schlange von 38 000 Menschen wurde aufgelöst und in einzelne Gruppen von 150 Mann, die immer je ein Viereck in Abständen bildeten, geteilt. Diese Karos mußten in eine schnurgerade Linie gebracht werden. Immer Vordermann vor dem Hintermann, ohne Abweichung. - es war halb acht Uhr, da traf der wenig wohler, der Druck vom Herzen schwand. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien und die Luft war mild und würzig. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Mitunter staute sich die Riesenschlange in den Straßen, dann gab es einen kurzen Aufenthalt. Sie schob und wand sich vom Ende des Lagers, in der Bahnhofstraße anfangend, an den vielen Kasernen und Blockhäusern vorbei durch die Barrieren der abgesperrten Viertel, wo die SSPosten sie durchließ. Weiter ging der Zug über einen Feldweg an dem Krematorium und dem Friedhof und anderen Gebäuden entlang ,, deren Zweck nicht erkenntlich war. Auf den Böschungen standen zu beiden Seiten in einer weit auseinander gezogenen Kette bewaffnete Soldaten mit aufgepflanzten Seitengewehren. Der Weg war sehr holperig und mit tiefen Erdfurchen durchzogen. Um sich abzulenken von trüben Gedanken, waren die Augen der Wandernden auf der Suche nach schönen, lebendigen Eindrücken. Mitunter entdeckten sie unter den Grasbüscheln verstreut bunte Flecke von Blumen. Unscheinbare, bescheidene Blüten, aber sie berührten das Auge wie ein Lächeln Gottes. Nach einem langen Marsche war das Ziel erreicht. Wehmütig feierten alle das erste Wiedersehen mit der Weite einer Landschaft und ihrer hohen lassenheit und aufgeblasener Würde trugen sie den Kopf emporgereckt beim Vorüberschlendern. Jeder einzelne dünkte sich ein Herrscher. Díe stumpfen Soldatengesichter der SA- Leute stachen merklich von ihnen ab. Da trat ein Mann vor, meldete sich beim Ordner und fragte bescheiden, ob er austreten dürfe. Der Ordner schrie ihn wie ein Berserker an: Sie müssen bleiben, wo Sie sind! Niemand darf seinen Platz verlassen!" Bestürzt trat der Angeschriene in seine Reihe zurück und murmelte: , Wo soll ich denn meine Notdurft verrichten?" Wiederum verstrich die Zeit. Jetzt war es be" reits Nachmittag. Die Ordner hatten sich heiser geschrien und wischten sich jetzt den Schweiß von der Stirn. Die Aufstellung war beendet. Das Ganze mutete Eine Abzählung der Menschenmassen hatte Sie Ihrem Nebenmann, mal eine tüchtige Maulwie ein Schachbrett an, auf dem die Menschen immer noch nicht stattgefunden. Die SS- Offiziere schelle. Die hat er nämlich verdient. Stärker, die Figuren des Spieles darstellten. Mit Spannung sah man der Entwicklung der pilgerten auf dem freien Felde hin und her. Sie stärker! Was, das nennen Sie eine Ohrfeige, kreisten um die traurige Parade herum, als Kerl?! Warten Sie, ich werde Ihnen zeigen, was Dinge entgegen. die Men- wären es tote Figuren oder Bäume in einer eine Ohrfeige ist." Er schrie wie besessen.. Er Nun, da völlige Ruhe herrschte, lief nach hinten und blieb bei dem Übeltäter stehen. Er zog den Lederhandschuh von seiner schen standen alle wie Statuen, stumm und be- Landschaft. wegungslos, fühlten sie sich trotzdem ein Die Rufe der Kommandos drangen immer wieder durch die Stille, nur unterbrochen mit- rechten Hand und versetzte dem Überraschten unter von den gellenden Pfiffen der vorüber einen wuchtigen Faustschlag auf das Ohr, dem er drei weitere folgen ließ. ,, Sehen Sie, so wird donnernden Eisenbahnzüge. Die Rauchfahnen es gemacht! Das nenne ich eine Maulschelle!" Der Gezüchtigte hörte die Belehrung nicht der Lokomotiven hingen noch lange in der Luft mehr. Er lag blutend und besinnungslos, auf und schwebten wie graue Schleier vor dem lichtblauen Himmel. dem Boden. Später stellte sich heraus, daß das Trommelfell geplatzt war. Die Ordner bewegten sich jetzt nur noch wie Marionetten. Sinn- und ziellos liefen sie umher. Die ,, Nichtbesichtigung" nahm ihren Fortgang. Die Menge sah alles nur noch wie durch einen Schleier. Mühsam hielt sich jeder aufrecht. Die Versuchung, allen Schrecknissen ein Ende zu machen und sich einfach auf den Boden gleiten zu lassen, war groß. Die SS- Offiziere in ihren eleganten Uniformen und mit den stolzen' Gesichtern warfen beim Vorüberschlendern ab und zu finstere Blicke auf die wie aus Stein gehauenen Gruppen. Den Knüppel in der behandschuhten Rechten spielerisch hin und her schwenkend, schienen sie wenig Lust zu einer ernsten Kontrollaufnahme zu haben. Mitunter rief einer der Uniformierten die Ordner herbei und redete oder rügte etwas. Die Situation blieb aber immer die gleiche. Bis zum Mittag stand die Masse auf der weiten zum Fläche in musterhafter Ordnung, wie Photographieren. Aber die dauernd aufgereckte Haltung, die gerade Kopfstellung, die Anspannung, auf einem Fleck stillzustehen, ohne sich rühren zu dürfen, wurde bald zur unerträglichen Qual. Die Sonne war inzwischen verschwunden und eine empfindliche Kühle machte die Menschen Viele ohnmächtige Frauen und erschauern. Kinder lagen bereits auf dem Boden. Sie wurden vorsichtig verdeckt durch die sich eng sammenschließenden Reihen. Es konnte ihnen niemand helfen. zuImmer noch standen Vordermann vor Hintermann, hochgereckt den Kopf in stammer Haltung. Jeder einzelne wie festgewachsen mit dem Fleck Erde, auf dem er stand. Plötzlich ein gellendes Schreien durch die Stille. Alle erbebten und Schauer der Furcht krochen ihnen eisig den Rücken entlang. Was war geschehen? In der Menge der 38 000 standen eingeschlossen in den Gruppen brave tüchtige Männer aus der Ärzte- und Gelehrtenwelt, es waren. berühmte Namen darunter, dann die Oberingenieure, das technische Personal, Beamte, Kaufleute und die männliche und weibliché Jugend. Sie alle waren ein paar toll gewordenen SS- Leuten zum Spott und Hohn preisgegeben. Es würgte jedem am Herzen. Wer noch nichts von Haß wußte, der lernte ihn in dieser Stunde kennen. Der Offizier blieb vor der Gruppe stehen: Gab es Menschenrechte? Wo blieben die? Sie, da, Mann im vierten Glied rechts, geben Aber es war ja der 9. November. Opfer mußten Zuerst meldeten sich die Kinder, sie weinten Ein Argloser hatte sich heimlich trotz des Verund sagten, sie könnten nicht mehr stehen. Die ängstlichen Mütter und Väter versuchten alle botes zum Austreten aus seiner Reihe entfernt Dinge, die man in solchen Fällen zur Be- und war so ungeschickt verfahren, daß ihn schwichtigung tun konnte. Aber die Kleinen setzten sich schließlich auf den Erdboden. Dann schlossen sich die Reihen enger zusammen, um die Lücken zu vertuschen. Mit wahrem Todes ein vorüberschlendernder, scharfäugig umher musternder SS- Offizier bemerkt hatte. Bald jagte ein Sturm heran mit Pfeifen und Fauchen und trieb die Wolken zu einer einzigen gebracht werden und man verlangte sie von hörte das dumpfe Grollen des Donners folgen. wehrlosen, schutzlosen, unschuldigen Menschen. Wie tödlich langsam schlich die Zeit. Waren es nicht Tage, die man hier auf der dichten Masse zusammen. weiten Fläche verbracht hatte? Schwäche zu überwinden. Nun wurde es auch den SS- Offizieren zu unAch, dem Elend zuzusehen, wie sich die gemütlich. Sie hatten bereits das Feld verlassen. Reihen lichteten und die Ohnmächtigen sich Nur im Hintergrunde hoben sich die Silhouetten mehrten, wie sich die Menschen bemühten, ihre der Wache haltenden Posten mit ihren aufgepflanzten Bajonetten vom Himmel ab. Plötzlich hieß es, sich zum Aufbruch zu' rüsten. Die Aussicht, aus dieser quälenden Lage bald Schiffbrüchige können beim Anblick ihrer Retter befreit zu werden, wurde immer geringer. keine größere Freude zeigen, als die bis am Manche gaben die Hoffnung ganz auf. Mit toten Rand der Verzweiflung gebrachten und zu Tode erschöpften Menschen bei diesem Befehl. Vor der Barriere wieder ein Aufenthalt: zwei blassen Gesichtern starrten sie stumm vor sich hin. Es wurde dunkler. Der Himmel überzog, sich Stunden! Endlich öffneten sich die Schranken: mit schweren Wolkenballen. Hinter ihnen zeigte Die Gemarterten strömten in das Lager zurück, sich schon der Schimmer ferner Blitze und man das sie vor zwölf Stunden verlassen hatten. glaube.‘:$ Gewinnen solche Erkenntnisse, mögen sie auch im Anblick einer entarteten Athener Demokratie niedergeschrieben worden sein, für uns nicht geradezu atembeklemmende Aktualität?. Wird das deutsche Volk in Zukunft reifer, ge- läuwterter, wirklich als eine Summe von Staatsbürgern handeln? Dr.-ANR: Zur Abgabe ungültiger Stimmzettel 'bei-denkommenden Gemeindewah- len in der russischen Besatzungszone werden alle aufrechten Sozialdemokraten von der SPD Berlin aufgefordert. Diese Mitteilung machte der Berliner SPD-Vorsitzende, Franz Neumann, in einem Referat auf dem dritten Ber liner Parteitag der SPD. i\ Die Maßnahme begründete er damit, daß die SPD die Wahlen in der russischen Besatzungs- zone nicht als eine freie demokra- tische: Entscheidung anerkenne. Da- durch, daß'die SPD in der Sowjetzone. außer- halb Berlins nicht zugelassen sei, hätten diese Wahlen den. Charakter. einer freien Wahl ver- loren. Auch in einem Aufruf an die Sozialdemokra- ten in der Ostzone wird die Aufforderung ver- breitet, der Wahl zwar nicht fernzubleiben, wohl aber deutlich ungültige Stimmzet- tel abzugeben. Die„Hausfraktionen“ der SED Als Beispiel für die Wahlkampfmethoden der SED ‚führte Neumann die Aufforderung zur Gründung von„Hausfraktionen“ an. In einem Aufruf der SED werde jeder Genosse dieser Partei für die politische Zusammen- setzung seines Wohnhauses verant- wortlich gemacht und verpflichtet, über die te Hirts Kr atei 5 Lehr- u. kaufmänn. Bücher zu verkauf. Fischer. Hbe.- Bramfeld. Hamburgerstr. 181, a uppen u. R machten ges. Möel So wandelt sich der„Ruhm“ der Welt In diesem Koffer, der jetzt in einem Kloster in Pavia bei Mailand entdeckt wurde, fand die italienische Poli- zei die Gebeine Mus- solinis, die im Früh- jahr dieses Jahresvon unbekannten Tätern aus der Ruhestätte geheimen Mussoli- nis entwendetwurden DPD- Keystone. Anlerugung Reparatur fragen unter Ruf 42 11 61 Fahrr,-Hinterrad m. Bereif. u. Saftel, alles neu. zu verkaufen. W, Heins,. Altona, Missundestraße ‚30; IV Markise. 3.m_ breit. wenig, gebraucht. Bramfeld, Enteiweisste Molke abzuseben. An- mit Zubehör, zu verk, Roloff. hoper Höh 540. AEER et, 3 ns . schl. zu ‚verk. H, Stilo, Hamburs\ Gerhofstraße'29. IL. 24-P5-Maeirus-Motor u. Pumpe Fahrgestell. auch setre Duncke auf 5;[2 Schlackenplatten verkaufen Weiss. Hbg Faberstraße 18. hle i. Nußb., elektr. Krone, 7H Wild. Altona. 31e | Kaufgesuche ‚Anzug, dkl.. tür entl, (1.76) gesucht. Stellingen. {riegsgefane. Harıy, Volksparkstraße 3. Straßenbahn. 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BI soll über genaue Kenntnis der politischen Hal- tung der Hausbewohner verfügen und wissen, welche Zeitungen sie lesen und ob sie gewerk- schaftlich organisiert. sind. „Geheime“ Jugend-Erziehungslager? Unter lebhaften Zwischenrufen verlas Arno Scholz, ein Lizenzträger des Berliner„Telegraf“, auf dem SPD-Parteitag einen Bericht über eine SED-Versammlung vom 13. August, an der Re- ferenten der Provinzialverwaltung Potsdam teilgenommen hatten. Auf dieser Kon- ferenz, so erklärte Scholz, sei die Kinder- verschleppung- zur Sprache gebracht wor- den. Von einigen. Versammlungsteilnehmern wurde erklärt, sie könnten den Beweis erbrin- gen, daß unter den Verschleppten sich Jugend- liche befänden, die. weder faschistischer Ge- sinnung verdächtig seien, noch sich an irgend- 1anaülUune hätten. Nach dem von Scholz verlesenen Bericht wurde hierzu von berufener Seite entgegnet. in dieser Angelegenheit„nicht kompetent‘ zu sein. Dies sei Sache der„operativen Grup- pen“, die:besondere Anweisungen erhielten. Man habe nun. einmal andere Erziehungs- grundsätze, und einer‘der fundamentalen Grundsätze sei, die Jugendlichen völ- lig aus ihrem bisherigen Milieu herauszunehmen und-sie in Er- ziehungslagern unterzubringen. Auch jede Verbindung mit der früheren Umgebung müsse abgebrochen werden. Die Jugend- lichen seien nicht nach der So- wjetunion gebracht worden. Wo sich die Lager in Deutschland befänden, müsse geheim gehalten werden. Auch Kommu- nisten hätten zu den Lagern keinen Zutritt. 12700 Personen wurden in ‚der britischen Be- satzungszone wegen ihrer früheren Beziehungen zur NSDAP im Juli dieses Jahres‘ ihrer Posten enthoben. Von 59499 Anfragen auf Beschäfti- gung-wurden 7474 abgelehnt. Insgesamt wur- den im Juli von den zuständigen“Kontroll- behörden 81 987 Fragebogen. geprüft, wobei in 49 Fällen falsche Angaben zu strafrechtlicher Verfolgung führten. Ein Gesamtüberblick-über die Ent- nazifizierung seit Beginn der Besetzung in der britischen. Zone zeigt folgendes Bild: Entlassungen au, Sons nee dal ATDBUSgesuche an ee EL STDLING Abgelehnte Gesuche........... 78616 Geprüfte Fragebogen 3 9,.251:092 817 Strafanträge wegen falscher Angaben 1599 In diesen Zahlen sind die vorgenommenen Verhaftungen nicht enthalten. 913 A Anhaltende Spannung in der Meerengen-Frage Die türkische Armee verteidigt die Dardanellen . Moskau, 20. August. In der Moskauer„Istwestija“ wurden. neue Angriffe gegen die türkische Regierung serich- tet, der vorgeworfen. wird, daß sie ihre Ver- pflichtungen in der Überwachung der Meerengen nicht erfüllt habe. Der Artikel in dem Moskauer Regierungshlatt, der auch von Radio Moskau‘zitiert wurde, s daß heute keine Stimme das. Abkommen vor Montreux in seiner bis he rigen Form ver- teidige. Der Status von Montreux konnte die Interessen der Alliierten während des. letzten Krieges nicht schützen. Die Türkei habe sich als unfähig erwiesen, die Verpflichtungen zu erfüllen, die sie übernommen hatie, „Die’Sowjet-Union hatte einen zu hohen Preis in der Vergangenheit zu zahlen, als daß, sie mit der Fortdauer des fehlerhaften Meerengen- abkommens einverstanden sein könnte“, schreibt die{,Istwestija“. Es’sei klar ersichtlich, daß die Türkei allein keine Sicherheit im Gebiet. der Meerengenstraße garantieren könne. In einem Kommentar verlangt die„Prawda“ den AusschlußallerStaatenausdem Meerengen-Regime, die nicht am Schwarzen Meer liegen. Zu den.fünf Forderungen der russischen Revi- sions-Note heißt es in dem Artikel des kommu- nistischen'Partei-Blattes:„Die Berechtigung die- ser Vorschläge ergibt sich aus einer kurzen Überprüfung der Geschichte der Dardanellen- Frage. Die. lebenswichtigen Interessen aller Schwarz-Meer-Staaten verlangen, daß die Ein- mischung aller Mächte, die nicht am Schwarzen Maurermeißel, 200-500 mm Zimmermannshämmer, Hobelbankhaken Beese& Schmidt, Wagnerstraße 16 Tel. 85 0497— 555806 Parfümerie Douglas Harders&Co, z. Zt.: zaum Neuer Wall 16/18 Meer liegen, in das Meerengen-Regime aufhört und daß ihre militärischen und Flottenstreit- kräfte für die Zukunft aus dem Schwarzen Meer ausgeschlossen werden‘. Entschlossene Haltung der Türkei Ankara, 20. August. Die Entschlossenkeit der Türkei, die Dar- danellen zu verteidigen,'kam in einer Erklärung: des Ministerpräsidenten, Re- cep Peker, zum Ausdruck, die,er Pressever- tretern gab. Der Ministerpräsident erklärte, daß der Augen- blick noch nicht gekommen sei, wo die Demo- bilisierung der starken türkischen ‚Armee ins Auge gefaßt werden könne.‘ Er fügte aber hinzu, daß. er hoffe, internationale Konfe- renzen würden befriedigende Ergebnisse bringen.- Zu den russisch-türkischen Beziehungen ver- trat Ministerpräsident Peker die Meinung, daß seinerzeit während der Krise um Persisch-Aser- baidschan die Russen die Dardanellen nur des- wegen nicht besetzt hätten, weil es eine,mobi- lisierte türkische Armee gab. Die Wachsamkeit des Weltsicherheitsrates habe.wohl bei diesen Überlegungen eine gerin- gere Rolle gespielt. Stalin warnt vor der„internationalen reaktionären Front“ Moskau, 20. August, In einer halbamtlichen Erklärung, die anläß- lich des Jahrestages derjapanischen Kapitulation vom Moskauer Rundfunk veröffentlicht wurde, wird der warner Hinweis von Generalissimus Stalin Zitiert, daß die Sowjetunion nicht. für: eine Minufe die internationale reaktionäre Front ver dürfe, die Pläne für einen neuen Krieg heg Millionen von Arbeitern in der ganzen Welt blickten auf die,„entscheidende Stärke“' der Sowjetunion, die den Faschismus zerschlagen habe und jetzt mit. Erfolg allen Versuchen der internationalen«Reaktion widerstehe, einen neuen Krieg zu entflammen. Das sowjet-russische Volk werde keine An- strengungen scheuen, so heißt es weiter in der Erklärung, um die‘ bewaffneten Streit- kräfte des Landes für.die Aufrechterhaltung der Verteidigungskraft und des sozialistischen Staates zu stärken, der ein festes Boliwerk für den Weltfrieden darstelle. Die Sowjetunion. ist jetzt von der Gefahr einer deutschen Invasion vom Westen und einer japar nischen‘Invasion vom Osten her befreit. Die Sowjetunion habe einen‘neuen Fünfjahresplan begonnen, der das Land noch mächtiger makhen und die Lebensbedingungen der, russi- schen Arbeiter gegenüber der Vorkriegszeit ver» bessern werde. Henry Pu Yi, der letzte Kaiser Chinas und japanischer Puppenkaiser von Mandschukuo, er* klärte vor. dem internationalen Militärgericht für japanische Kriegsverbrecher, daß;die.Japa+ Be ne Eee an or.det..und® 4 otographien vorgelegt, hätten; Hit sich eine n we Ur ee x dan letzten Zeit sehr einfach bei uns geworden. Ich bin auch an Arbeit gewöhnt." Herr Lauer lächelte spöttisch, und auch die Damen grienten verstohlen. Das kannte man ja, wie die vornehmen Damen arbeiteten. Sie mußten größtenteils von der Pike an angelernt werden. Und keine verstand ein Bett zu machen. Mit wohllautender Stimme fragte Frau Vagas, ob sie einen Schrank erhalten dürfte. Die Antwort von der Zimmerältesten Frau Wienke erfolgte prompt:„, Ihre Sachen, Frau Baronin, bringen wir schon irgendwie unter, Schränke haben wir alle nicht." Währenddessen hatte sich Herr Lauer mit ein paar gemurmelten Worten von Frau Vagas verabschiedet. Die Damen eilten nun herbei, um mit munterem Geplauder beim Einräumen der Sachen mitzuhelfen und über die ersten Augenblicke der Verlegenheit den Neuankömmling hinwegzubringen. 11 man ,, Sie schlafen doch auch so'n bißchen nach der Mittagszeit, Frau Baronin? Wir tun das hier alle, bekommt ja so wenig zu essen." ,, Gewiß", pflichtete Frau Vagas bei ,,, das tue ich auch, aber wenn es geht, bleibe ich lieber im Freien." Und so geschah es. Frau Ellen hatte sich gleich am Anfang sachte und vorsichtig der allzu aufdringlichen Vormundschaft der Zimmergenossinnen entzogen. Sie hatte ihr Leben innerhalb der Gemeinschaft geschickt selbst in die Hand genommen, wobei ihr eine gute Menschenkenntnis zur Seite stand. Niemand der Insassen bemerkte oder empfand die kühle Reserve der Baronin, die sie unter dem Mantel der Liebenswürdigkeit verbarg. Frau Vagas brachte bei ihrer Evakuierung nach Theresienstadt einen trainierten Körper mit. Konsequent im Ertragen von Ungemach aller Art. Wahrhaft spartanisch war ihre Selbsterziehung gewesen. Ihre Mutter hatte sie nie gekannt, und ihr Vater versagte der einzigen Tochter keinen 109 Wunsch. Nur verlangte er, als frisch geadelter, schwerreicher Bankier die äußerlichen Repräsentationen seines Hauses. Als daher die verwöhnte Ellen mit ihrem Entschluß, den wohlbekannten Herrenreiter Horst Vagas zu heiraten, hervortrat, setzte es bei dem Alten Sturm. Er wollte zu dieser Ehe seine Einwilligung nicht geben, denn er hatte bestimmt bei seiner hohen, kommerziellen Stellung mit einem Grafen gerechnet. Das setzte nun Kämpfe aller Art. Ellen liebte den schönen Horst leidenschaftlich und heiratete kurzerhand, ohne Zustimmung ihres Vaters. Ihr mütterliches Erbteil erlaubte ihr diesen Schritt. Erst als Peter geboren wurde, entspannte sich das Verhältnis zu ihrem Vater, und die Familienbande fügten sich langsam wieder zusammen. Ja, es schien, als wolle der Baron von Bargen das Versäumte nachholen. In seiner übergroßen Freude als Großvater überschüttete er seine Tochter mit Geschenken und kaufte ihr unter anderem ein Gut in Wilmersdorf bei Berlin als nachträgliches Hochzeitsgeschenk und beschenkte seinen Enkel Peter mit einem großen schloßähnlichen Gebäude an der Flottbeker Chaussee in Hamburg mit dem Blick über die Elbe. Nach dem jähen Tode ihres Mannes unternahm Frau Vagas auf ihrer eigenen Segeljacht weite Reisen, um den Schmerz des so frühen Verlustes ihres Mannes zu betäuben. Und nur das Kind, von dem sie sich nie trennte, hielt Frau Vagas am Leben. Daraus ergab sich auch das spätere innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. So sehr Peter auch an seiner Mutter hing, so wußte sie doch aus Erfahrung, daß das Leben es einmal bestimmte, Peter hergeben zu müssen, und sie sagte sich: , Wenn er erst im Strome schwimmt, gleich allen anderen Ehemännern, werde ich mich ohne ihn begnügen müssen. " Aber bislang bestand noch keine Besorgnis für solche Veränderung. Es war wunderbar, wie Frau Vages, die doch eine ganze Generation älter war, ihrem Sohne auf dem Wege 110 des Idealismus folgen konnte, wie sie sich vertraut machte mit seinen Plänen und Zielen. Nie vergaß sie die einmal erörterten Themen seiner Arbeiten. Peter hatte neben des Freundes Stütze nun auch noch seine Mutter zum Gedankenaustausch. - - Die Mutter gab sich ihrem Sohne ganz. Sie vergalt seine Liebe zu ihr mit dem vollen Einsatz ihres eigenen Lebens. Gewiß: die Bücher und die weiten Reisen Lichtbäder für die Seele hatten ihren Geist erst zur Reife gebracht und sie zur Kameradin ihres Sohnes befähigt. Jetzt aber durch die völlig veränderten Verhältnisse trat eine Stockung ein. Jetzt konnte man nur von der Vergangenheit zehren, denn Gegenwart und Zukunft lagen im Dunkeln. Mit wem konnte man hier darüber sprechen? Mit niemandem! Hatte sie nicht an so vielen luxuriösen Dingen der Kultur gehangen, und langsam war alles nach und nach verschwunden, geraubt, enteignet? Jetzt war sie eine Bettlerin. Halt! Doch nein. Das Beste blieb ihr ja: ihr Peter.- Wie alle Tage saß Frau Vagas allein im Garten. Sie wartete Und dann trat Peter ein. Die matte Sonne strahlte wieder am Himmel. Er hatte sein tiefes Blau zurückgewonnen. Die Blumen auf den Beeten leuchteten. Und irgendwoher zwitscherte ein Vöglein. Die Natur war für sie wieder erwacht. Peter schloß seine Mutter in die Arme: ,, Nicht böse sein, Mutterle, es ist heut ein wenig später geworden." ,, Du bist da, was braucht es Erklärungen. Ich weiß, du wirst mich nicht vergessen." Die Mutter umfaßte den Sohn mit einem Blick. Er schien ihr verändert. Zerstreut, gedankenvoll. Immer war Offenheit der Grundzug seines Wesens gewesen, daher sagte Peter auch gleich: ,, Mutter, es ist ein Wunder eingetreten. Ich habe dein Ebenbild gesehen, so wie du aussahst, als du jung warst." 111 „Hier in Theresienstadt? Nicht möglich!“ „Ja! Aber ich suche diese Frau seit Wochen vergeb- lich.“ „Kind, du hast geträumt!“ Peter erwiderte hastig: „Unmöglich, Mutter!“ Er schaute seiner Mutter tief in die Augen.„Man kann sich nicht irren, wenn man den elektrischen Funken des Erkennens in sich selber spürt: Mutterle, wenn ich einmal ausbleibe, so weißt du den Grund.“ „Laß dir Zeit, mein Junge, ich kann warten.“ Menschlich reich an Liebe ist ein Mutterherz, mögen auch Tränen dahinter stecken, sie deckt sie mit einem Lächeln zu. Peter erhob sich und küßte seiner Mutter zum Ab- schied die Hand. KITTYSERKRANKUNG Es war natürlich, daß Kitty noch lange von dem Vor- trag des Manez zehrte, denn in der Folge sollte eine lange Zeit vergehen, bis sie wieder in der Lage war, Vorträge zu hören. Während sie zwischen den Hunderten von Frauen auf der Bank in der Kinderküche saß und mechanisch die Kartoffeln schälte, erlebte sie plötzlich eine Überra- schung. Jemand rief ihren Namen, und als sie aufblickte, sah sie in das verhärmte Gesicht der Frau Schiller. Die Begrüßung war sehr herzlich. Kitty freute sich un- gemein, endlich eine Dame aus dem damaligen Trans- port wiederzusehen, und als sie durch Frau Schiller nun zugleich auch die Adresse von Frau Juda erfuhr, war sie doppelt froh. Frau Juda arbeitete in der Sudetenkaserne als Köchin. Noch am gleichen Tage besuchten die beiden Frauen 112 die Frau Juda und erhielten von ihr einen gefüllten Topf mit Suppe. Kitty dünkte sich wie ein Krösus. Natürlich konnte eine solche Extrazuwendung nicht immer erfolgen, aber zwei- mal in der Woche, sagte Frau Juda, dürften sie sich diese Rationen holen. Ein angenehmes, ruhiges Arbeiten begann. Abends konnte Kitty mitunter kleine Extragaben mit nach Hause nehmen. Eigentlich durfte sie dieses auch nicht. Alle‘ Lebensmittel sollten von den Arbeiterinnen dort ge- gessen werden, aber Kitty vertrug während des Arbei- tens keine Rohkost. Nun konnte sie manchem eine Freude machen. Einmal war es eine rote Wurzel oder ein Stückchen Rübe oder eine Knolle rote Beete, die sie sich mit ihren Zimmer- genossinnen teilte.— Eines abends kam Kitty zähneklappernd nach Hause, redete konfuses Zeug und legte sich zu Bett. Das Essen gab sie ihrer Nachbarin. Um Mitternacht wurde der Hausälteste Stehr geweckt, denn sie lag mit hochroten Wangen im Fieber. Sie glühte wie ein Ofen und hatte ihre Besinnung verloren. Der Hausälteste schickte zum Blockarzt Dr. Wolf, und der kam in der Frühe. Er stellte Blutvergiftung fest. Eine kleine Verletzung am Bein, die Kitty sich einige Tage vorher durch einen schweren Stoß an einer Kiste ge- holt hatte, hatte sich rasend schnell entzündet. Kitty wäre ins Krankenhaus eingeliefert worden, wenn dort Platz gewesen wäre, so aber blieb sie auf ihrem Lager. Drei Tage und drei Nächte schwebte sie in Lebens- gefahr, dann plötzlich sank das Fieber. Essen mochte Kitty nichts. Sie bekam nur ein wenig Milch eingeflößt. Das Brot im Beutel blieb unberührt. In dieser Zeit hatte Kitty trotz des hohen Fiebers selt- same Dinge vernommen, die im Zimmer besprochen wurden. Sie staunte nämlich nicht wenig, als sie eines Tages ihren Namen hörte in einer Gruppe von Frauen, 8 Philipp, Die Todgeweihten 113 deren Gesichter sie nicht sehen konnte, aber deren Worte sie genau verstand, und zwar unterhielten sie sich über ihren Tod. „Meinst du, daß sie’s durchhalten wird? Ich glaube nicht. Sieh sie dir doch an, schaut sie nicht schon wie eine Leiche aus?!“ „Auf alle Fälle hör’“, die Stimme sank zum leisesten Flüstern herab.: „Nein, ich denke nicht daran! Ich brauche unbedingt das Zeug. Das Kleid bekomme ich und du die Unter- wäsche.“ „Nun, wir werden ja sehen. Die Schuhe habe ich schon versteckt.“ Ganz erregt erfolgten nun Schlag auf Schlag ganz leise geflüsterte Fragen und Antworten. Kittys Blut erstarrte zu Eis. War es ein häßlicher Traum? Also solche Menschen gab es auch. Hyänen, die auf die Beute warteten, um darüber herzufallen und sie zu verzehren. Sie hielt die Augen geschlossen, und schwer ging ihr Atem. Bis jetzt hatte sie nie die geringste Gehässigkeit bemerkt und war nun entsetzt über die kalte Gleich- gültigkeit, mit der man über ihren Tod hinweg über ihre Habseligkeiten verfügte. Wenn jemand gestorben war, mußte der Hausälteste sofort den Tod beim Nachlaßgericht in der Magdeburger Kaserne melden und alle Sachen der Verstorbenen sicherstellen. Worauf am meisten Wert gelegt wurde, waren Gebisse und Brillen. Gewöhnlich stahlen die Zimmergenossen die Haupt- sache vorher weg. Obgleich das Fieber sank, war die Gefahr für Kitty noch nicht vorbei. Das Herz war sehr schwach und Hungerödem hatte sich dazu eingestellt. Die Heilung des Beines machte sehr langsame Fort- schritte. Aus der Kinderküche kamen die Kolleginnen, Kitty 114 zu besuchen. Frau Schiller und eine Frau Helga Arnstein, mit der Kitty kürzlich ein Freundschaftsverhältnis geschlossen hatte, kamen jeden Tag. Auf ihrem armseligen Lager lag Kitty und starrte mit matten Augen auf die Besucherinnen. Sie sprach kaum ein Wort. Schwach, hilflos, malte sich auf ihrem fahlen Gesicht nicht einmal ein Abglanz von Freude. Erst als Helga niederkniete und die schwerkranke Freundin in ihre Arme nahm und aus tiefstem, weiblichen Herzen weinte, lächelte Kitty ganz schwach. Um ein Haar wäre sie gestorben. Mit schweren Lidern schlief sie tagsüber und sah und hörte nichts. Nur langsam begann der Aufstieg. Das Leben um sie herum fing für sie wieder an zu pulsieren und sie in seinen Kreis zu ziehen. Eisige Winde und Regenschauer wechselten miteinander ab. Als Kitty zum erstenmal aufstand und auf die Straße hinaussah, war noch dichter Nebel und alles ohne Sicht. Aber langsam bereitete sich der Frühling vor, in das neue Jahr einzutreten. Ganz plötzlich schlug das Wetter um. Im Februar wurde es auf einmal warm, und die Sonne trał wieder hervor. Kitty hatte sich einen Platz am Fuße einer Bastei ausgesucht, der ihr einen Überblick über die tieferliegenden Häuser und Straßen gab. Eine kleine Treppe führte dort die Anhöhe hinauf auf die Bastei. Es war ein idealer Platz, wie sonst keiner. Er lag ziemlich einsam. Sie konnte dort stundenlang sitzen und die ermatteten Glieder ausruhen lassen. Vorläufig aber waren noch nicht die Tage dazu angetan, sie im Freien zu verbringen. Aber langsame Spaziergänge durfte sie schon unternehmen. So war sie auch in der Kinderküche gewesen und hatte sich Frau Heymann vorgestellt. Doch Frau Heymann hatte sie schleunigst wieder an die Luft gesetzt und lachend gedroht, sie wolle sie noch lange nicht haben. Erst sollte sie einmal rote Backen bekommen. 8* 115 Sie hatte nun viel Zeit zum Nachdenken und malte sich aus, wie es sein würde, wenn sie einmal ihre Freiheit zurückgewönne. Es erschien ihr als das herrlichste Geschenk auf Erden, alle Tage des Daseins ohne Bedrohung und Angst verbringen zu dürfen. Auch wollte sie ganz bescheiden sein und mit einem einzigen Zimmer und einem kleinen Wohlstand vorliebnehmen. Als etwas ganz verlockendes stand ihr vor Augen, nach jahrelangem Darben sich einmal wieder sattessen zu dürfen. Sie vermochte sich diese Wonne gar nicht auszudenken. Vorläufig aber waren noch nicht die geringsten Anzeichen dafür da. Wenn Kitty nach Hause ging, so sah sie immer erst nach der Kommandantur, ob die große Hakenkreuzflagge noch wehte. Das war das sicherste Mittel, alle Träume zu verscheuchen. Die Wirklichkeit zeigte ihr brutales Antlitz. Auf Wunsch des Arztes erhielt Kitty eine neue Unterkunft im Nachbarhaus, wo sie eine Bettstelle bekam. Sie durfte nicht mehr auf dem Boden schlafen. Der Wachthund Stehr hatte für sie aufgehört. Gott sei Dank! Um die Mittagszeit saß Kitty wieder wie gewöhnlich am Fuße der Bastei. Sie hatte das Kopftuch fest verknotet, da trotz eines wirklich herrlichen Frühlingstages der Wind stark wehte. Und über ihre Knie und um die Hüften breitete sie eine Decke, wie es sich von selbst versteht, wenn man auf dem kalten, feuchten Erdboden sitzt. Die Bänke waren nämlich alle belegt von alten Männern und steinalten Mütterchen. Viele hatten ihre Krücken bei sich oder Stöcke, und dieser und jener sak im Rollstuhl. Es waren eben die ältesten Jahrgänge, die dort unter der wärmenden Sonne, wie Hühner auf einer Stange, eng beisammen hockten. Alle anderen Menschen gingen ihrer Arbeit nach. Man konnte sich wirklich freuen, es war ja zwar noch lange kein Sommer, aber wie herrlich schien die Sonne. Sie leuchtete nicht nur, sie wärmte auch schon, obgleich 116 es erst Mitte März war. Die Kinder spielten sorglos und mit lautem Geschrei zu ihren Füßen. Dankbar konnte man sein, daß wenigstens der liebe Herrgott einen nicht ganz vergessen hatte und sein goldenes Licht nicht versteckte. Wundervoll war der Geruch frisch umgepflügter Erde, der überall in der Luft lag. Er kam hoch oben von der Bastei her, zu der hinauf wohl der Blick wandern, aber um Gotteswillen niemand seinen Fuß hinlenken durfte. Oder wollte man sich etwa mit dem dort oben auf und niedergehenden Ghetto- Wachtmann anlegen? Ja, die Kinder, und zwar gerade die allerkleinsten hatten ja vor niemandem Respekt, am wenigsten vor einem Ghetto- Wachtmann, der zu Hause auch solche Rangen hat und vor lauter Rührung das Schimpfen vergigt. Die unternahmen zuweilen Entdeckungsreisen auf die obere Böschung und kletterten trotz der scheltenden Stimmen der Eltern oder anderer Begleitpersonen immer wieder hinauf nach der Bastei. Auch jetzt tollen und lärmen sie um Kitty herum, immer hinauf und herunter und lassen sich durch nichts von ihrem wilden Spiel abbringen. Ach, wie wohl tut einem solches Kinderlachen. Kittys einsames Herz labt sich ordentlich daran. Daheim, wenn man den kleinen Winkel, wo die Lagerstätte eines jeden aufgerichtet war, so nennen durfte, gab es ja doch nur Zank, Streit und scheelsüchtige Blicke. -- War man denn je allein, das gab's doch gar nicht. Unausgesetzt folgten einem die Augen der Mitinsassen des Zimmers. Klein war es nur. Es hatte eine Tür mit Glasscheiben, die direkt auf die Straße führte. Daneben lag ein winziger Ausbau, worin die Töpfe, Pfannen und Kleinigkeiten der Insassen dieses Zimmers über- und untereinander Platz fanden. Ursprünglich war dieser Raum ein Laden gewesen. Er maß dreieinhalb Meter in der Breite und ungefähr sieben Meter in der Länge, darin standen sieben untere und darüber sieben obere Betten. Die Leiter zum Hinaufsteigen auf die obere Bettstatt 117 war an der linken Seite angebracht und dort festgenagelt. Ein ganz schmaler Gang an der einen Wand des Zimmers diente zum Hinaus- und Hineingehen, und ganz vorne an dem kleinen Ausbau war ein winziges Eckchen freigelassen, wo sich einer nach dem andern waschen konnte. Die Primitivität war natürlich so groß, daß man sich weder drehen noch wenden konnte, sondern fast seitlich durch diesen Gang schlüpfen mußte. Ach, an all dieses will Kitty jetzt nicht denken. Augenblicklich ist ihr so wohl ums Herz. Es ist ja Frühling. Und mit dem Frühling kommt neues Hoffen, neues Verfrauen zurück und steigert den Lebensmut, der immer wieder verschwinden will. Ach, man sollte sich aber doch wohl freuen, wenn man nach langer Krankheit endlich genesen ist. Das bißchen Schwäche, was zurückgeblieben ist, wird vorübergehen, und dann kann man wieder, Gott sei Dank, arbeiten. Die Arbeit ist ja die größte Wohltat, das größte Glück, das man in der Gefangenschaft haben kann. Sie hilft das brennende Weh lindern, das man unausgesetzt fühlt, das Heimweh-, Heimweh nach dem Fleck Erde, worauf das Haus steht, in dem man geboren wurde. - Nein, glaubt mir nur, überall kann man rasten, arbeiten, seinen Vorteil suchen, aber Frieden hat man nur daheim. Es gibt kein Bett, das so wärmt, wie das eigene, keinen Blick aus den Augen eines Menschen, der einem so ins Herz dringt wie der seiner Lieben. Man muß auch den letzten Atemstoß dort verlöschen lassen, anders kann der Mensch nicht in Ruhe sterben. So betrachtete Kitty das Leben. Sie war heute den ganzen Tag allein gewesen. Helga war bei der Arbeit und konnte natürlich nicht vor Schluß ihrer Dienststunden Kitty aufsuchen. Man durfte natürlich, wenn man so viel Zeit zum Nachdenken hatte, nicht immer die traurigen Gedanken Gewalt über sich bekommen lassen. Immer schnürten die ungeweinten Tränen ihr das Herz ab. Aber sie wollte ja mutig sein, tapfer, die un118 geheure Last des Schicksals weiter tragen. Niemand kann sich einen Begriff davon machen, wie schwer es ist, an einem Orte zu leben, wo fremde Menschen, fremde Sprachen und ein fremder Himmel einen umgibt, ganz abgesehen von all' den anderen schlimmen Dingen. Wie schrecklich war die Freiheitsberaubung, das enge Zusammenwohnen, die geringe Kost mit dem ungeheuren Vitaminmangel und zum Schluß noch das viele Ungeziefer. Ja, diesen Kampf mußte man jeden Tag wieder neu aufnehmen. Entweder konnte man vor Hunger nicht zur Ruhe kommen, oder man schlief wegen der vielen Wanzen und Flöhe, die wie wahre Völkerscharen an den Decken, Wänden und Bettstellen herumliefen und allen den Schlaf raubten, nicht ein. Ist es da ein Wunder, so fragte sich Kitty, wenn schließlich doch der Mensch verzagt und die Flinte ins Korn wirft? Kitty war jetzt aufgestanden und über die Straße gegangen. Auf die Dauer war es doch noch zu kalt, um länger als eine halbe Stunde auf einem Fleck zu verweilen. Die Männer drüben auf der Straße, die Kohlen einschaufelten in die Keller der Kasernen, wo Tausende und aber Tausende von Menschen verpflegt wurden, machten einen betäubenden Lärm. Dazwischen tönte der Pfiff einer Lokomotive vom nahen Bahngeleise. Es wurde fieberhaft gearbeitet in Theresienstadt, überall. Seit einem Jahr war Kitty nun hier in Theresienstadt gefangen. In der Zwischenzeit hatte sich manches verändert. Hauptsächlich die Arbeiten auf der Straße und die Einrichtungen in den Blockhäusern waren vorgeschritten, auch der Barackenbau hatte sich außerordentlich entwickelt, und die kleinen Häuser waren wie Pilze aus der Erde geschossen. Das Bahngeleise zog sich jetzt bis zum Ende des Lagers hin, dort wo hohe Holzwände dieses von der Außenwelt abschlossen. Dahinter lagen die Häuser und Parkanlagen der Familien der SS- Leute, Mannschaften, Offiziere. Der Lagerkommandant wohnte mit seiner 119 Familie abgeschlossen in einem Extrahause. Dieses Viertel war streng abgesperrt und hatte überall vor den Barrieren eine bewaffnete Wache stehen. An Orten, wo noch vor kurzem der Wind mit dem frisch aufgeworfenen Erdhügel sein Spiel treiben konnte und den vorübereilenden Menschen Sand in die Augen trieb, standen jetzt schon fertige Baracken zur Aufnahme der vielen Menschen, die aus allen Teilen des Reiches, wie auch aus den Nachbarländern in Transporten in Theresienstadt eingeliefert wurden. Wo kamen nur die vielen, vielen Menschen her? Kitty hatte sich immer so sehr gewundert, daß die Transporte nach Theresienstadt überhaupt nicht aufhörten. Später hatte sie dann erfahren und auch selbst beobachten können, daß Theresienstadt ein sogenanntes Durchgangslager war, wo immer wieder ein großer Überschuß von Menschen herausgezogen und nach anderen Konzentrationslägern verschickt wurden. Sind denn immer noch so furchtbar viele Juden da, an denen Hitler seine Wut auslassen kann? Ganz einfach, sie kamen ja auch aus den vielen Nachbarländern: Dänemark, Holland, Belgien, Rumänien, ja selbst aus der Türkei. War es ein Wunder, daß man noch enger zusammenrücken mußte? Von der Raumwirtschaft wurden Sachverständige in die Blockhäuser und Kasernen geschickt, wo sie begutachten sollten, ob für die vielen Neuankömmlinge Plätze frei seien. Selbst die Dachböden wurden alle belegt, nachdem sie vorher von ihrem Schutt und den jahrelangen Abfallstoffen gesäubert worden waren. Alles war gut genug für Lagerstätten der jüdischen Häftlinge. Kitty ging jetzt etwas schneller die Hauptstraße entlang. Wer weiß, ob sie nicht ihre Essenszeit in der Kaserne versäumte. Eine Uhr besaß Kitty lange nicht mehr, und sonst gab es in Theresienstadt außer der Kirchturmuhr, die noch nicht auf ihrem Weg zu erkennen war, überhaupt keine Uhr. Mittagszeit ist es und nahezu 120 die Grenze bis zu dem Termin, wo das Essen in der Kaserne ausgeteilt wird. Dann und wann mußte sie aber doch stehenbleiben, die Schwäche zwang sie dazu. Ja, mit den neugewonnenen Kräften nach der langen Krankheit mußte sehr Maß gehalten werden. Als Kitty in den Kasernenhof eintrat, standen die Insassen der aufgerufenen Häuser in langen Reihen noch an. Die Essensausgabe hatte eine Verzögerung erhalten, wahrscheinlich waren die Kartoffeln knapp geworden, und es mußten neue hinzugekocht werden. ,, Hinten anstellen, immer hinten anstellen, meine Herrschaften", erschallen die Rufe der Ordner über den Hof. ,, Bitte, sich nicht vorzudrängen, dann müssen Sie sich ganz neu wieder anschließen!" Langsam, Schritt für Schritt rückte die Reihe vor, bis auch endlich Kitty ihr Eßgeschirr durch den Schalter hineinreichte. Jeder bekam heute 30 Deka( 300 Gramm) Kartoffeln, eine kleine, winzige Kelle Soße darüber und einen Schöpflöffel Suppe. Mit diesem Schatz, der die tägliche Mittagsration ausmachte, eilte Kitty in die nahe liegende Wohnung, um dort in größter Ruhe das Mittagsmahl einzunehmen. Daheim holte sie mit kritischen Blicken den Brotbeutel hervor und maß vorsichtig mit den Augen das Quantum ab. Ja, durfte man von dem kleinen Laib Brot noch eine Schnitte abschneiden? War es nicht zu gewagt? Sie mußte doch mit einem Zwei- Pfund- Brot fast vier Tage auskommen. Trotz des Lärmens legte sich Kitty sofort nieder, noch durfte sie sich diese kurze Ruhezeit gönnen. In wenigen Tagen wollte sie ihre Arbeit wieder aufnehmen, dann hatte sie keine Minute frei. In dem Zimmer herrschte ein wüstes Durcheinander. Was war wieder geschehen? Die beiden Berlinerinnen, sonst gute Freundinnen, zankten in den stärksten Ausdrücken miteinander: ,, Hat der Mensch Töne, das soll ein halbes Brot sein? Mir bleibt die Spucke weg über solche Gemeinheit! Du sagst ja gar nichts, Kaufmann?" 121 ,, Was soll ich quasseln, das besorgst du genug, Knoop. Mein Brot jungt auch nicht, friß nicht soviel, dann kannste deine Lunge schonen. Da fällt mir ein, Knoop, biste nicht gestern bei ihm gewesen?" ,, Bei meinem Vetter, kein Gedanke. Meinste, ich werd' dem Brot schenken? Nein, hier hat sich ein Luder' was abgeschnitten. So ein Biest schleicht sich an meinen Brotsack." ,, Mir kannste gestohlen werden, Mensch, laß mich in Ruh'!" ,, Erwisch ich die Kanaille, so kann sie was erleben, der dreh' ich den Hals um." ,, Heimweh, hab' ich, Heimweh", stöhnte die achtzigjährige Frau Fleischmann unter Kittys Bett dazwischen, ,, ich will zu meinen Kindern." ,, Halts Maul, Alte! Grein nicht den ganzen Tag." ,, Die Soße ist großartig, Frau Gerschlowitz, hier in diesem Napf ist sie. Halten Sie sie fest und lassen sie's nicht fallen. Haben Sie die Kartoffeln schon hineingeschnitten?" ,, Danke, Frau Bär, man hat es mir gut zurechtgemacht, aber eine ganz kleine Portion ist es nur", erwiderte die blinde Frau Gerschlowitz. Jetzt suchte die Blinde krampfhaft ihren Brotbeutel, zerrte und rückte an ihren Sachen, die sich alle im Bett befanden, bis Kitty schlaftrunken die Augen öffnete und fragte, ob sie ihr helfen dürfe. ,, Ich bin so hungrig und finde den Brotbeutel nicht." ,, Hier", rief sie und zog ihn schnell hervor. ,, Aber essen Sie ja nicht zuviel davon, sonst müssen Sie wieder den letzten Tag hungern." 1 ,, Gehen Sie zur Ambulanz heute, Frau Bergner?, so nehmen Sie mich doch bitte mit." Es war die Nachbarin zur Linken, Frau Heinemann. Sie sah Kitty fragend an. ,, Frau Heinemann, es ist besser, der Blockarzt Dr. Wolf behandelt Sie weiter. Warum wollen Sie in der schlechten Luft des Wartezimmers stundenlang sitzen, das ist doch gewiß kein Vergnügen." ,, Aber der Blockarzt weiß ja keinen Rat mehr. Von 122 Tag zu Tag fühle ich meine Kräfte schwinden. Sehen Sie mal die Hände und die Beine an." Kitty sah in das gedunsene Gesicht der klagenden Frau. Sie hatte bereits Wasser in den Beinen und durfte eigentlich nicht aufstehen. In der Nacht saß sie aufrecht im Bett vor Atemnot, und Kitty mußte ihr häufig ihre Medizin reichen. ,, Hungerödem", dachte sie, aber laut sagte sie ruhig: ,, Ach, das wird schon wieder besser, Frau Heinemann." Ja, sie wußte es, wie einer hier nach dem andern krank wurde und starb. Die Erklärung dafür war so leicht. Wer konnte denn auch mit so wenig Nahrung bestehen. An Tschechen und auch Österreicher liefen viele Pakete ein, mitunter fünf bis sechs Pakete an einen Adressaten die Woche. Da waren alle möglichen Lebensmittel drin, immer verschiedene. Besonders hervorragend beliefert wurden auch die Dänen, die Schweden und die Belgier. Häufig genug hat Kitty beobachten können, daß sie Schmalz, Brot, Suppenwürfel und Haferflocken erhielten. Unausdenkbare Kostbarkeiten! Aber die Reichsdeutschen! Kitty z. B. bekam so selfen ein Paket, daß sie meinte, man hätte sie in der Heimat völlig vergessen und zählte sie schon zu den Toten. Eines aber war allen Menschen gemein: nachdem sie Pakete erhalten haben, sich gründlich sattzuessen. So kam es denn, daß unvernünftige Menschen nach Empfang solcher Pakete den Inhalt wie hungrige Wölfe auf einmal verschlangen, um dann hinterher todkrank im Bett zu liegen. * * Auf der Ambulanz waren wie immer die Wartezimmer überfüllt. Die Sprechstunden waren für Männer und Frauen verschieden, daher saßen in diesem Raum und zu dieser Zeit nur Frauen, die sich von den Blockärzten behandeln lassen wollten. Die Ärzte in Theresienstadt leisteten überragendes an Fleiß und Tüchtigkeit, obgleich sie für die viele Arbeit, die sie tagtäglich in unermüdlicher Geduld an den vielen körperlich und 123 seelisch Erkrankten ausübten, wenig oder gar nichts an zusätzlichen Lebensmitteln erhielten. Größte Sauberkeit herrschte überall. Darauf sah man in Theresienstadt in erster Linie. Hing doch von der Sauberkeit und Ordnung die ganze Gesundheit des Menschen ab. Das Ordinationszimmer, worin die Ärzte und zwei Schwestern sowie eine Hilfsschwester nebst Ordonnanz tätig waren, ist ein Raum genau in seiner zweckdienlichen Ausstattung wie die großen Sprechstuben in den Großstädten. Gemessen an dem Anfang der Theresienstädter Belegung, wo es an den einfachsten, sanitären Einrichtungen mangelte, ganz abgesehen von den so notwendigen Medikamenten für die epidemisch auftretenden Krankheiten, war es jetzt ein Idealzustand zu nennen. Das Gesundheitswesen hatte sich so weit entwickelt, daß, sowohl in der Ambulanz, wo die leichteren Kranken( die gehfähigen) behandelt wurden, wie auch in den Krankenhäusern mit dem geschulten Schwestern- und Ärztepersonal, für die Besserung der Kranken eher Gewähr geleistet werden konnte als vor einem Jahr. Zwar forderte der Tag immer noch Hunderte von Opfern, viele Tausende im Monat. Die Leichenträger liefen von morgens bis abens unausgesetzt mit ihrer Bahre über die Straßen, worauf die Leichen, nur notdürftig mit einem Fetzen Zeug verhüllt und immer irgendeinen unbedeckten Körperteil sehen lassend, lagen. An den Anblick mußte man sich schon gewöhnen. Schlimmer war es, wenn man einen vermeintlich Schlafenden auf der Straße aufwecken wollte, und er plötzlich beim Anrühren zur Seite fiel: ein Toter. Auch häufig traten Todesfälle während der Verteilung bei der Essensausgabe ein. Der Tote wurde dann schnell zur Seite auf die Erde gelegt und später von den Leichenträgern abgeholt und in die Aufnahmestation gebracht.- 124 In der Tür des Warteraumes erschien die Ordonnanz und forderte von jeder Patientin die kleine Ambulanzkarte. An Hand dieses Ausweises erfolgte in der Krankenkartei die Auslieferung der großen Ambulanzkarte, worauf, nur für den Arzt bestimmt, die genaue Eintragung der Krankengeschichte der Patienten- ihr Alter, Name und Transportnummer-( Tag der Einlieferung in Theresienstadt) enthalten war. Erst wenn diese dem Arzt zur Hand lag, wurde der Name der Patientin durch die Hilfsschwester aufgerufen. ,, Frau Bergner!" Kitty erhob sich und betrat zugleich mit der Schwester den hellen, peinlich sauberen Behandlungsraum. Bald danach stand sie dem Arzt, Dr. Hofer, gegenüber. ,, Es wird die höchste Zeit, daß ich Sie gesund schreibe. Machen Sie Ihren Oberkörper frei, Frau Bergner." Er behorchte Rücken und Brust, dabei sah er ihr aufmerksam ins Gesicht. ,, Gut, danke! Sie haben doch kein Fieber mehr?" ,, Nein", antwortete Kitty. ,, Gut, dann treten Sie morgen Ihren Dienst wieder an. Wir Ärzte haben strenge Vorschriften, das wissen Sie ja!' Es klang wie eine Entschuldigung. ,, Hier ist das Rezept für die Medizin. Ich bitte diese genau nach der Angabe einzunehmen. Ihr Herz ist noch schwach." Kitty dankte und verließ den Untersuchungsraum. Als sie durch den Warteraum schritt, kam ihr Helga Arnstein entgegen. Es war die junge Frau aus Frankfurt am Main, mit der sie seit längerer Zeit eine innige Freundschaft verband. Helga hatte damals in der Kartoffelschälstube freudestrahlend Kitty mitgeteilt, wie glücklich sie sei, sie gefunden zu haben. Sie hätte sie in ganz Theresienstadt gesucht. Vor ihrem Abtransport nach Theresienstadt hatte man ihr Kitty Bergners Namen genannt und ihr geraten, sich ihr anzuschließen, da sie das gleiche Schicksal verbände. Man hatte ihr auch er125 zählt, daß Kittys Gatte zehn Jahre in Frankfurt am Main als Kapellmeister und Komponist tätig gewesen sei. Außerdem bekleidete er noch den Posten eines Rezensenten mehrerer namhafter Zeitungen, wie der ,, Kleinen freien Presse", der„ ,, Frankfurter Zeitung" usw. Zum Segen der beiden jungen Frauen entwickelte sich aus diesem zufälligen Kennenlernen die innige Freundschaft. Später hatte der tragische, frühe Tod dieser jungen Frau Kitty ganz empfindlich getroffen. Jetzt trat Helga in ihrer strahlenden Schönheit auf sie zu.. ,, Soeben komme ich von deinem Hause, man sagte mir dort, du seiest auf der Ambulanz. Du willst doch noch nicht arbeiten?" Kitty nickte. 37 , Was! Aber Kitty, du hättest ihm sagen müssen, daß du immer noch Ohnmachten hast. Du wirst die Arbeit in der schlechten Luft im Keller ganz bestimmt nicht machen können." ,, Er war ja ohnehin schon ungehalten über die lange Dauer meiner Krankheit." ,, Ich freue mich aber sehr auf dein Kommen." ,, Helga, warte, ich werde eben meine Medizin holen." ,, Ich komme mit!" Die beiden Frauen gingen durch den Gang der Geniekaserne, wo die Schalter der Apotheke lagen, und schlossen sich der Kette der dort wartenden Personen an. Jeder mußte sich dieser Notwendigkeit fügen und sich auf eine lange Wartezeit gefaßt machen. In den oberen Stockwerken der Kaserne befanden sich außer den großen Krankensälen auch die Krankenküchen. In den anderen Flügeln des großen Gebäudes waren an verschiedenen Seiten die Räume für die Arbeitsämter, für die Proviantur und der Chefarztkanzlei untergebracht. Hier wurde für annähernd 4000 Menschen gekocht. Auf dem Hofe befanden sich die langgestreckten Schalter mit den Holzdächern zum Schutz gegen Regen und Schnee. Die Ausgabe der Mahlzeiten fand statt: Morgens Kaffee von 5.30 bis 8 Uhr, mittags von 126 10.30 bis 13 Uhr und abends von 16 bis 19 Uhr. Die Abendmahlzeiten waren gewöhnlich nur ein Schöpflöffel Kaffee, später trat an dessen Stelle eine Kelle dünner Suppe. Helga Arnstein war Jüdin und mit einem arischen Mann verheiratet gewesen. Er hatte sich nach Bekanntgabe der Nürnberger Gesetze sofort von ihr scheiden lasen, um den Direktorposten nicht niederlegen zu müssen. In der chemischen Fabrik, wo er angestellt war, herrschten außerordentlich strenge Vorschriften, und er hätte seine Tätigkeit aufgeben müssen, falls er mit seiner Frau weiter zusammen leben wollte. Hitler, der Diktator dieser drakonischen Gesetze, hatte dem Judentum Kampf bis aufs Messer geschworen und hatte eine Maßnahme angeordnet, daß aus allen Ländern, Deutschland an der Spitze, die Juden wie Schlachtvieh hinausgetrieben und, wie man in späterer Zeit erfuhr, gänzlich vernichtet werden sollten. Dauernd befanden sich aus diesem Grunde Transporte unterwegs. Daher war Helga ein halbes Jahr später in Theresienstadt eingetroffen als Kitty Bergner. Sie war eine reizende Brünette mit lebhafen, braunen Augen, ebensolchem Haar und einer kleinen zierlichen Figur. Wie ein Bachstelzchen war sie in dauernder Bewegung und blieb nie lange an einem Fleck stehen. Kitty dagegen war blond, etwas größer und sehr ruhig und zurückhaltend. Sie bot daher einen direkten Gegensatz zu ihrer Freundin. Trotzdem lenkte sie sofort den Blick auf sich durch die Lieblichkeit ihrer Erscheinung. Wer einmal in diese blauen Augen mit dem ernsten Ausdruck geblickt hatte, die so rein ihre feine Natur widerspiegelten, der vergaß nie und nimmer den Eindruck dieser kindlich zarten Züge. So erging es auch Peter Vagas, der vor längerer Zeit anläßlich eines Konzertes der Freizeitgestaltung, das auf einem der Höfe im Blockhaus der Badhausgasse zu Gehör kam, und woran Kitty und Helga, auf dem Rand eines Brunnens stehend, teilgenommen hatten, 127 Kitty zuerst gewahrte. Dauernd war er auf der Suche nach dieser reizenden Frau gewesen, aber es war ihm nicht geglückt, sie zu finden. An dem nebeligen Nachmittag, wo er mit Hans Anthony durch die Hauptstraße ins Kaffee gehen wollte, hatte er auf einen kurzen Moment seine schöne Unbekannte in dem Menschenstrom auftauchen sehen. Nur blitzartig, dann war sie wieder in der Menge verschwunden. Später sah er sie in das Gebäude des Jugendheims eintreten. Immer war er nach Schluß seiner Sprechstunde durch die Straßen Theresienstadts geeilt, aber nie war es ihm geglückt, die liebliche Blondine irgendwo zu entdecken. Nun blieb er im Gang der Geniekaserne wie angewurzelt stehen. Ein glücklicher Zufall hatte ihm endlich diese Frau wieder in den Weg geführt. Er kannte die kleine Frau Helga Arnstein als seine Patientin gut, und zog daher den Hut und blieb stehen. ,, Nun, Frau Arnstein, keine Behandlung mehr nötig?" ,, Nein! Gott sei Dank, mein Zahnweh ist verschwunden. Ihre Kunst in Ehren, Herr Doktor." ,, Freut mich!" Er schritt, nachdem er seinen Huf gezogen, vorüber. Leider war die Freundin zur Seite getreten, so daß er heute sich nicht vorstellen konnte. Wie sehr dankte er dem Schicksal, endlich der so lang Gesuchten begegnet zu sein. Nun wußte er den Weg, der zu ihrer Bekanntschaft führte. Nur das ,, Wie" mußte er noch herausfinden. Kitty hatte inzwischen ihre Medizin durch das Schalterfenster in Empfang genommen. ,, Du Schaf, warum läufst du denn davon? Ich hätte dich so gern mit Herrn Dr. Vagas bekannt gemacht, er ist der liebenswürdigste Mann und der beste Zahnarzt in ganz Theresienstadt. Wenn du mal Zahnweh hast, zaubert er dir jeden Schmerz hinweg." ,, Meine Zähne sind gesund", erwiderte Kitty. ,, Wohl, das glaube ich dir, aber der Mann, interessierst du dich gar nicht für einen Herrn der Schöpfung?" ,, Nein, Helga, sieh, hier in unserer traurigen Lage wäre 128 mir jede Bekanntschaft, außer deiner, lästig. Ich bin eine recht klägliche Gesellschafterin. Es wäre für niemanden ein Vergnügen, mit mir zusammen zu sein. Es sei denn, er würde mit mir die Freizeitkonzerte besuchen." ,, Nun, du drückst dich nicht sehr schmeichelhaft über deine eigene Person aus. Jeder sucht doch einmal eine Abwechslung durch das andere Geschlecht zu haben." DER LAUSEDOKTOR Jeder Tag hat ein anderes Gesicht. Obzwar der Alltag die gewohnten Dinge des täglichen Lebens wiederholte, schoben sich doch immer wieder neue und ungewohnte Ereignisse dazwischen. Da war zum Beispiel die gute Frau Borchers. Wie ruhig und brav lebte die Frau in der Gefangenschaft. Sie tat ihren Hausdienst ohne Geräusch und Widerspruch. Nie hörte man ein lautes Wort von ihr, während die anderen Zimmergenossinnen sich sehr häufig zankten und stritten. Selbst beim Tode ihres Mannes hatte sich Frau Borchers mustergültig benommen. Kein lautes Wehklagen. Ruhig saß sie auf ihrem Platz, bis- ja, bis der Läusedoktor kam. Alle vier Wochen wurden in Theresienstadt sämtliche Insassen der Blockhäuser und der Kasernen auf Kleider- und Kopfläuse untersucht. Diese Maßnahme war unbedingt nötig, weil sonst das Ungeziefer überhandgenommen hätte. Wie bekannt, entsteht ja auch aus den Kleiderläusen der Flecktyphus. Bei der Untersuchung ging es sehr langsam der Reihe der Zimmer nach zu. Die vielen Frauen wurden sehr eingehend untersucht. Eine Ankündigung vor dem Kommen des Arztes wurde immer vermieden, damit keine Verschleierungen stattfinden konnten. Man hatte beob9 Philipp, Die Todgeweihten 129 achtet, daß sich manche Zimmerinsassin reine Wäsche vorher angezogen hatte und das schmutzige Zeug, das vielleicht Läuse enthielt, versteckte. - - Der Doktor hatte eine Assistentin bei sich, die auf einem großen Notizblock das Ergebnis der Untersuchung eines jeden Zimmers eintrug, mit genauer Angabe des Namens der von den Läusen befallenen Frauen, deren Alter, Transportnummer, Zeitangabe der Untersuchung selber usw., wonach dann automatisch die von den Läusen Befallenen nach einigen Tagen zur Entwesung abgeholt wurden. Sie kamen in einem riesigen Transport mitsamt es waren immer Tausende von Personen ihrem Gepäck und der Bettrolle in die Baderäume, wo die Entlausung stattfand. Die Reinigung ging folgendermaßen vor sich: Zunächst mußten sich alle völlig nackt ausziehen und ihre Sachen an einem hölzernen Ständer aufhängen, der von einer Wärterin dann in eine Kammer gerolt wurde, damit auch dieses Zeug zur Entwesung gelange. Die nackten Frauen und Mädchen kamen darauf in einen Duschraum, wo ihnen die Schwestern Handtuch und Seife reichten. In diesem Duschraum wurden der Körper und die Haare gründlich eingeseift und gewaschen. Von dort aus kamen die sauberen, nur mit einem Handtuch umlegten nackten Frauen in einen zweiten Raum, wo Ärzte und Pflegepersonal die gereinigten Leute in Empfang nahmen. Einzeln wurden sie auf Pritschen gelegt und ihnen darauf sämtliches Haar abgeschnitten und abrasiert, auch an den Stellen, die man nicht mit Worten benennen kann. Hinterher kamen sie in den ersten Raum zurück und warteten dort so lange, bis die entwesten Kleidungsstücke wieder hereingerollt waren. Dann zogen sie sich an, waren fertig und konnten nach Hause gehen. Bei der heutigen Untersuchung fand der Läusedoktor zum Unglück des betreffenden Hauses nicht nur eine Menge Frauen in den bewohnten Räumen von Läusen befallen, sondern er fand auch in den Betten und Kleidungsstücken, wie er durch seine Lupe einwandfrei fest130 stellte, ganze Herden von Läusen. Eine schauderhafte Angelegenheit. Von den Frauen war es besonders Frau Borchers, die voller Läuse saß. Es muß hier gesagt werden, es konnte jede von uns treffen trotz der krampfhaftesten Sauberkeit. Daß aber die Läuseplage so unermeßlich gewachsen war, hatte keiner geahnt. Traurig blickte Kitty auf die arme Frau Borchers, die ihren angestammten Platz, den sie nun schon ein Jahr lang innehatte, verlassen mußte und in der Mitte des Zimmers mit den anderen Befallenen isoliert wurde. Nachdem der Doktor das Zimmer verlassen hatte, brach ein Sturm von Entrüstung aus. Die Frauen waren in äußerster Aufregung, daß gerade das eigene bewohnte Zimmer so voller Läuse war. Besonders ein Fräulein Nachold konnte sich nicht genug fun, zu schelten und sich zu ereifern und zeigte besonders der armen Frau Borchers offen ihre Verachtung. Das war ein großes Unrecht. Frau Borchers tat Kitty besonders leid, ja sie grämte sich direkt darüber, daß es gerade diese brave Frau treffen mußte. Woran lag es nun? Hatte sie es wirklich an Sauberkeit fehlen lassen? Kittys Nachbarin zur Rechten, eine Frau Levin, hatte seit einigen Tagen wieder Durchfall und mußte in der Nacht häufig aufs Becken. Trotzdem Kitty immer noch körperliche Schwäche fühlte, seitdem sie die Blutvergiftung mit dem hohen Fieber gehabt hatte, half sie doch in der Nacht dieser Frau und schob ihr das Becken unter der mageren Körper. In dieser Nacht wollte sie aber hinaus, und Kitty mußte sie stützen sowie hochrichten und zur Toilette geleiten, denn allein war die Frau zu schwach zum Gehen. Einer mußte eben dem andern helfen. Als beide in der Nähe der Toilette waren, da hörten sie einen furchtbaren Schrei. Erstarrt vor Schreck liek Kitty ihre Begleiterin allein in die Toilette gehen und eilte dem Schrei nach. Auf dem Korridor war das Flur9* 131 fenster geöffnet. Das weckte ihren Verdacht. Als sie hinunterblickte, war dort, wo die Teppichstange vorher gehangen hatte, ein leerer Raum, diese selbst lag auf dem Boden und daneben eine dunkle Masse. Gerade bemühten sich zwei Männer, das schwarze Bündel aufzuheben. Kitty eilte ihnen auf der Treppe entgegen, und die Männer trugen den leblosen Körper in die Küche und legten ihn dort nieder. Es war Frau Borchers, die sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Der Anblick war schrecklich. Die ganze Gesichtshälfte war aufgerissen und das Auge hing heraus. Die Unglückliche war bei dem Sturz auf die Teppichstange gefallen und der Mauerhaken hatte ihr die Verletzungen beigebracht. Eine große Blutlache bildete sich schnell unter ihrem Kopf, den man durch Kissen zu stützen suchte. ,, Schnell zum Arzt", rief Kitty und lief zurück in ihr Zimmer, um sich umzukleiden. Sie hatte ja nur einen dünnen Morgenrock an. Allein die Männer hatten sich untereinander schon verständigt, und einer von ihnen war bereits fortgegangen, den Arzt zu holen. Sie kniete an der Seite der Schwerverletzten nieder und leistete einen notdürftigen Verband. Von allen Seiten war man bereit, Hilfe zu bringen. Die Küche war überfüllt von den Frauen der verschiedenen Zimmer. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde des Selbstmordes mitten in der Nacht verbreitet, und die aufgescheuchten Insassinnen umstanden leise flüsternd das Lager der Sterbenden. Es war unmöglich, das sah ein jeder, daß diese Frau noch am Leben blieb, denn neben dem Schädelbruch waren trotz des kurzen Sturzes das Bein und die linke Hand auch verletzt. Frau Borchers stöhnte laut. Sie schien heftige Schmerzen zu empfinden. Kitty beugte sich zu ihr hernieder. ,, Haben Sie einen Wunsch, kann ich Ihnen helfen, Frau Borchers? Hier ist Frau Bergner. Verstehen sie mich?" 132 Aber das Stöhnen wurde nur stärker. Es kam kein vernünftiger Lauf über ihre Lippen. Dennoch schien sie nicht bewußtlos zu sein. Dann kam der Arzt. Ein noch junger Mann mit sehr sympathischen Gesichtszügen. Er beugte sich über die Schwerverletzte und hob vorsichtig die Binden hoch, um die Verwundungen genau zu betrachten; darauf öffnete er seinen Verbandkasten, wendete sich an Kitty und bat um heißes Wasser. Aus dem Nebenzimmer waren noch zwei Frauen zur Hilfe herausgetreten, die dem Arzt zur Hand gingen. Alle anderen Frauen mußten in ihre Betten zurückkehren. Am frühen Morgen kamen die Träger mit der Bahre und holten die arme Frau Borchers ins Krankenhaus ab. Leider hatte sie noch einen ganzen Tag dulden müssen, bevor sie starb. Der Tod dieser Frau war der Auftakt zu vielen anderen, fast noch schlimmeren Erlebnissen, die Kitty in der Folgezeit durchzumachen hatte. Am nächsten Morgen stieg Kitty die Treppe hinab und traf hinaus. Golden schien ihr die Sonne entgegen. Die Vögel schmetterten ihr Gebet gen Himmel. Wie ein einziger Tempel erschien Kitty die Natur, wo Gottes Allmacht laut zu ihr sprach. Der feine grüne Schleier über den weißseidenen Stämmen der Birken, die die Straße umsäumten, erfüllten ihr Herz mit Entzücken. Obgleich die ganze Fülle der herrlichen Natur im Beginn des Frühlings in Theresienstadt nicht zur Entfaltung kam, da es ängstlich vermieden wurde, grüne Plätze und Schönheiten dem Auge darzubieten, erweckte doch das wenige schon in Kitty eine ungeheure Lebensfreude. Sie dachte zurück an die Heimat, wo die Welt so wunderschön war. Töricht der Mensch, der nicht alle Fähigkeiten seines Geistes und alle Widerstandskraft dafür einsetzt, Gottes Herrlichkeit dereinst vielleicht wieder genießen zu können. Wie dankbar und demütig wollte Kitty sein, wenn sie je dieses Wunder wieder erleben dürfte. 133 IN DER KINDERKUCHE In der Kartoffelschälstube der Kinderküche waren bereits alle Frauen an ihrem Arbeitsplatz erschienen. Mit lautem Hallo wurde Kitty nach der langen Zeit ihrer Abwesenheit begrüßt, auch ihre Vorgesetzte reichte ihr freundlich die Hand. ,, Nun, Frau Bergner, wir freuen uns alle, daß Sie wieder gesund sind. Zwar blak sehen Sie immer noch aus." Die jugendliche Frau, die, wie man hörte, schon Großmutter sein sollte, hatte das Aussehen eines jungen Mädchens von ungefähr 30 Jahren. Wie sie es anstellte, inmitten einer Tätigkeit, die viel Staub, Schmutz und Arbeit mit sich brachte, so tadellos sauber und gepflegt auszusehen, blieb allen Frauen ein Rätsel. Sie war allerdings von Geburt Tschechin, und den Tschechen standen alle möglichen Hilfsmittel und Konzessionen seitens des Altesten Rates in Theresienstadt zu Gebote. ,, Meine Damen, heute heißt es, sich ranhalten, der Koch muß die geschälten Kartoffeln frühzeitig bis 11 Uhr haben. Statt 3000 Kinder werden jetzt 4000 verpflegt, das wissen Sie ja, meine Damen." Frau Heymann rief es laut über die Köpfe der in den Bänken sitzenden Frauen hinweg. Dann holte sie das Arbeitsbuch hervor und fing an, die Namen aufzurufen. Das war sehr wichtig, weil von der Anzahl der Stunden, die im Monat gearbeitet wurden, eine Dekade, das heißt die Bezahlung für die Arbeit abhing. Wer fehlte, sei es durch Krankheit oder andere Umstände, hatte dadurch Verlust an Stundenzahl. Die Dekade bestand, was auf einem kleinen Streifen aufgedruckt zu lesen war, darin, wieviel Pfund an Kartoffeln eine jede Arbeiterin bekam. Gewöhnlich schwankte das Maß zwischen 2 bis 3 Pfund. Sobald Frau Heymann die Namen der Arbeiterinnen aufrief, antworteten die Tschechinnen laut mit„, ano", und die Deutschen riefen dazwischen ,, hier" oder„, ja"; darauf trug Frau Heymann die Namen für den Tag ein. Kitty stockte plötzlich mit dem Kartoffelschälen, ihr 134 war so seltsam zumute. So leicht und frei, als flöge sie empor, hinaus in den lichten Ather. Ohnmächtig lag sie am Boden, mitten zwischen den Bergen von Kartoffelschalen. Frau Heymann war erschrocken hinzugeeilt und schickte eine Frau hinauf zur Ambulanz, denn auch hier im Kinderheim waren, genau wie in der Geniekaserne, Krankenabteilungen mit Ärzten und Pflegepersonal tätig. Eine junge Ärztin kam herunter in den Keller, wo sich die Küche samt der Proviantur und der Schälstube befand. Sie leistete Kitty, die schon durch Helga und andere Frauen auf der Bank gebettet lag, schnelle Hilfe. Sie flößte ihr eine Flüssigkeit ein und befühlte den Puls. Wie immer und überall, wenn man sie rief, dasselbe: ,, Herzschwäche durch Unterernährung." Sie wandte sich darauf an Frau Heymann und erklärte, daß die Arbeiterin mit der Arbeit eine Zeitlang aussetzen müsse. Nun hatte Kitty abermals eine Freizeit, was ihr gar nicht lieb war. Immer, sich selbst überlassen, Zeit zum Nachdenken zu haben, war sehr gefährlich. Nie durfte sie um Gotteswillen an ihr früheres, geordnetes Bürgerleben denken, wo sie umhegt von der Fürsorge und Liebe ihres Mannes inmitten eines schönen, gepflegten Heimes gelebt hatte. Auch nach seinem Tode ging diese Ordnung und Exaktheit weiter. Also nicht nachdenken, das brachte den Wahnsinn. Der Kontrast zwischen einst und jetzt war so unermeßlich groß, daß kein menschlicher Verstand diesen gewaltigen Unterschied auszuhalten imstande gewesen wäre. Man mußte sich vorstellen, man lebe auf einem völlig neuen Stern und sei dorthin nackt und bloß, als wäre man vorher gestorben, versetzt worden. Kitty ging nun wieder jeden Morgen zu ihrem geliebten Platz am Fuße der Bastei. Sie hatte sich so sehr daran gewöhnt, daß sie keinen anderen Fleck der Erde aufsuchen mochte. Dort 135 schrieb sie eifrig an ihren Arbeifen. Es war sehr schlimm, daß ihr kein Papier zu Gebote stand, darin herrschte der größte Mangel. Niemand hatte Papier. In einem ihrer Koffer hatte sie damals nach Theresienstadt 500 Blatt des schönsten Papiers mitgebracht, in der Hoffnung, ihre so wichtigen Arbeiten fortsetzen zu dürfen. Aber leider hatte sie ja wie alle anderen Leidensgefährtinnen des damaligen Transportes nicht einen einzigen Koffer zurückerhalten. Schlimm war, daß darin der letzte Rest des einstigen Wohlstandes sich befand. Nur den Schlafsack, worin sich die Betten und zum Glück noch ein Wintermantel befand, wurde ihr verabfolgt. Am Anfang hatte Kitty fassungslos den Tatsachen gegenübergestanden und Tage und Nächte darüber gegrübelt, wie es möglich sei, daß plötzlich alles Recht, alle Moral aus der Welt verschwunden war. Aber nicht nur sie, Kitty, hatte den Verlust aller Kleider, Wäsche, Unterzeuge, Stiefel und all der tausend Kleinigkeiten zu beklagen, nein, alle anderen Menschen, die vor und nachher in Theresienstadt eintrafen, hatten das gleiche Schicksal gehabt. Mit Ausnahme der tschechischen Gefangenen. Was aber am schlimmsten und verzweiflungsvollsten war und ihr fast das Herz abpreßte, war der Verlust sämtlicher Manuskripte sowohl ihrer Arbeiten an Märchen, Romanen und Novellen und den gedruckten Rezensionen, als auch der Lieder und Klavierstücke ihres verstorbenen Mannes, die sie alle zum Trost in ihrem einsamen Leben mitgebracht hatte. Sollte sie nun etwa darüber verzweifeln? Was hülfe es ihr? Nein, im Gegenteil! Sie raffte alle ihre Energie zusammen, lief von Pontius zu Pilatus, um wenigstens diese Sachen zurückzuerhalten, die doch wahrhaftig für niemanden einen Wert besaßen. Kitty wurde aber eines besseren belehrt. Und das geschah durch folgenden Umstand: Am Anfang ihrer Inhaftierung hatte sich eine künst136 lerische Vereinigung durch einen Zusammenschluß begabter Leute aus den verschiedensten Ländern und aus Deutschland gebildet. Es waren auch sehr namhafte Künstler unter diesem Ensemble, das Professor Ulitzsch leitete. Er verstand die Künstler und Künstlerinnen so zusammenzufügen zu einem Kreis, daß den armen, geplagten Gefangenen in ihren Vorträgen und Konzerten erste künstlerische Leistungen geboten werden konnten. Im Winter fanden diese Veranstaltungen in den Blockhäusern und Krankenstuben oder auf den Böden der Kasernen statt. Im Sommer jedoch unter freiem Himmel in den Höfen. Bei einem dieser Konzerte sang im Laufe des Programms eine Frau Casparius ein reizendes, schelmisches Liedchen von der ,, Dummen Jungfer Liese". Ganz fassungslos vor Erstaunen hatte Kitty das Lied mit angehört. Sie erkannte in dem Vortragsstück ihr geistiges Eigentum. Es war eine Einlage aus dem Märchen ,, Prinzessin Tausendschön", welches sich als Manuskript neben anderen Dichtungen in dem verschwundenen Koffer befunden hatte. Kitty war unbemerkt hinaus auf den Flur geschlüpft., Als die Sängerin ihren Vortrag beendete und den Saal verließ, trat ihr Kitty entgegen. 77 , Woher haben Sie das Lied, welches Sie soeben zuletzt sangen, gnädige Frau?" " , Woher? Es wird allgemein gesungen in Berlin. Ich kenne es durch meine Tante aus Köln." ,, Das ist unmöglich; es ist ein von mir verfaßtes Gedicht mit der Vertonung meines verstorbenen Mannes und wird als Einlage in einem Märchen von spielenden Kindern auf einer Wiese gesungen. Das Lied kann niemand kennen. Es lag in meinem Koffer, der mir gestohlen wurde." Mit großen Augen hörte Frau Casparius zu und zuckte bedauernd die Achseln. ,, Ja, da weiß ich Ihnen keinen Rat, oder gehen Sie zu 137 Professor Ulitzsch, von dem ich das Material meines Vortrages erhalten habe." So fing eine Hetzkampagne an. Sie hielt Kitty monatelang in Atem. Niemand wußte etwas, niemand wollte verantwortlich sein. Auf der Kriminalpolizei fragte man Kitty, ob sie noch immer nicht wüßte, wo sie sich befände, und was sie hier vorstelle. Ja, gewiß! Sie sei in Theresienstadt und eine Gefangene. Nun also! Warum sich dann noch wundern. Es sei doch ganz natürlich, daß neben der Beschlagnahme der materiellen Güter auch die geistigen Güter dieser unterlägen, und das sei eben bei ihr der Fall. Nein, man solle sich nicht wundern, sondern ganz ruhig und still sein. Was bedeutet denn der Verlust einiger geistiger Güter? Darüber kann man nur lachen. Den Dingen ihren Lauf lassen und wieder von vorne beginnen. In der Natur haben wir hundert Beispiele, wie uns die winzigsten Lebewesen überlegen sind. Zerstört man einer Spinne das Netz, so sitzt sie eine Weile still, söhnt sich mit der Tatsache aus und beginnt sofort aufs neue, solch ein Kunstwerk zu schaffen. Kitty mußte leider liegen. Ihr Zustand hatte sich wieder verschlimmert. Die Herzschwäche machte sich sehr unangenehm bemerkbar. Ihr ging es eben nicht besser als allen anderen Frauen ringsherum, aber schließlich siegte doch ihr eiserner Wille, wieder gesund zu werden. Sie wollte unter keinen Umständen sterben und stemmte sich mit aller Willenskraft, die ihr zur Verfügung stand, gegen die Unbill der Krankheit. Vor allem aber haßte sie die Engigkeit ihres Zimmers. Sie sann dauernd darüber nach, wie sie dem Übel abhelfen könnte. Wahre Herden von Wanzen wanderten des Nachts über die Betten und Kopfkissen der Schlafenden. Auch an den Wänden liefen sie scharenweise herum, und von den Decken ließen sie sich wie Sturzkampfflieger herabfallen, verfingen sich in den Haaren, Nasenlöchern und Ohren. Dazwischen sprangen lustig die Flöhe herum, sie 138 schienen sich mit den Wanzen gut zu vertragen. Der menschliche Körper bot ja Angriffsfläche genug. Kitty war den nächtlichen Kämpfen mit dem Ungeziefer nicht mehr gewachsen. Kurz entschlossen trug sie eines Abends ihr Bettzeug nebst der Matratze wieder in den Hof hinaus. Mochte es regnen, stürmen oder noch so kalt sein, es war die einzige Lösung, aus dieser schrecklichen Situation herauszukommen. Vorher hatte sie jedes einzelne Stück der Betten gründlich nachgesehen. Von mehreren kleinen Holzbänken machte sie das Untergestell, darauf kam die Matratze und dann das Lager. Es war noch empfindlich kalt in der Nacht, und die Gefahr, sich eine Krankheit zu holen, war groß, auch sonstige Unannehmlichkeiten anderer Art standen nicht aus. Jedoch die Wohltał war unbeschreiblich, als Kitty die erste Nacht unter freiem Himmel verbrachte. Bald gesellten sich noch andere Frauen hinzu, und der Ausweg, eine gute Nacht zu haben, frei von Ungeziefer, war gefunden. Nur regnen durfte es nicht, dann saß man auf demselben Fleck, und das alte Lied begann von neuem. Kitty lag abends stundenlang wach und schaute in den besternten Himmel hinein, der in seiner Unendlichkeit sich über ihr wölbte. Und dann zog Frieden in ihre gequälte Seele ein. Es war eine Freude, Kitty morgens den Gang an die Arbeit antreten zu sehen. Mit peinlichster Sauberkeit zog sie die abends gründlich ausgebürsteten Kleider an, nachdem sie vorher zum Unwillen der Zimmergenossinnen wahre Wasserbäche über ihren Körper ausgegossen hatte. Dann wurde das lange, blonde Haar gründlich ausgebürstet und mit einem Band von Ohren und Stirn zurückgehalten. 139 Kittys liebreizendes Wesen hatte ihr außer der jungen Frankfurterin Frau Helga Arnstein keine Freundinnen weiter eingetragen. Im Gegenteil! Sie hatte einen sehr schweren Stand unter den durchweg älteren Frauen. Manche arbeiteten im Hausdienst und erhielten dadurch ein solches Übergewicht, daẞ sie zu wahren Tyranninnen wurden. So waren zum Beispiel alle Arbeiterinnen des Außendienstes vom Hausdienst befreit und nur verpflichtet, ihre Lagerstätte und den darunter liegenden Platz sauber zu halten. Die Küchengewaltige aber verlangte trotzdem von Kitty die Reinigung des gesamten Zimmers, sobald sie eine Freistunde hatte; mit der Drohung, sonst flöge ihr Topf vom Herd, wenn sie sich einmal ihr Essen wärmen wollte. Was sollte Kitty tun? Des lieben Friedens willen säuberte sie nun jede Woche einmal durch eine Generalreinigung das ganze Zimmer, schob Kisten und Kasten vom Fleck, zog die Koffer unter den Betten hervor und hantierte eifrig mit heißem Wasser, Soda und Seifenpulver. „ Meine Klamotten laß nur stehen, Kleene. Da findst du nich durch zwischen mang, aber scheen ist's, dat vastehste gut." ,, Aber, Frau Knoop, gerade Ihnen hätte ich gern ihre Arbeit abgenommen und einmal gründlich unter ihrer Lagerstätte sauber gemacht." ,, Nee, nee, Kleene! Da is nischt zu machen. Jesagt ist jesagt." Frau Knoop mußte man schon ihren Willen fun, sonst setzte ein heiliges Donnerwetter ein. Nun war es Mai. In dieser Stadt, wo die Gefangenen innerhalb von sechs Längsstraßen und neun Querstraßen unter der Ge140 walt des neuen Lagerkommandanten Heindel ihr Leben fristen mußten, dauernd unter der Knute einer schlimmen Gewaltmaßnahme stehend, denn wenn einer ein kleines Vergehen beging, mußten alle Bewohner Theresienstadts mitbüßen, in dieser Stadt, wo der Tod dauernd seine reichliche Ernte hielt, zog ebenfalls der liebliche Frühlingsbote ein. Es sei hier eine merkwürdige Tatsache festgehalten. Je mehr sich der Frühling in seiner Blüte entfaltete, um so mehr stieg das Sterben der Einwohner an. Die Sterblichkeitsziffer verzeichnete hauptsächlich den Tod der Männer, welche ihre körperliche Stabilität früher verloren als die Frauen. Zuerst nur geringe Anzeichen einer körperlichen Schwäche, Depressionen, gar nicht einmal so etwas Ernstes, aber die Seele ist zermürbt. --Innerliches Grauen, Angst vor der Zukunft, Sorge um die fernen Angehörigen wer zählt die ganze Summe auf, welche die seelische Last zur Zentnerschwere anwachsen läßt. Genug! Der Mann legt sich plötzlich und steht nicht mehr auf. Erst Heißhunger, dann Appetitlosigkeit, und aus ist es. Wird jemand auf diese Art krank, ist er verloren. Zwar sind Ärzte da, Krankenhäuser, Pflegepersonal, die wirklich aufopfernd ihre Pflicht erfüllen und immer bemüht sind, das Leben der Kranken zu erhalten. Aber die Hauptsache fehlt: Trost, Rettung, Hilfe für die kranke Seele, die Heimweh hat nach der verlassenen Heimat und den verlorenen Angehörigen, die irgendwo, vielleicht in anderen Konzentrationslägern, verstreut sind. Unter den Bäumen der Hauptstraße eilte Kitty dahin. Es war wieder ein herrlicher Tag heute und doppelt zu würdigen, weil nach einer neuen Verordnung des Lagerkommandanten ein Teil der Bastei für die Bevölkerung Theresienstadts freigegeben wurde. Dadurch war das Bedrückende und Einengende des 141 täglichen Lebens durch den freien Blick über die Natur erweitert worden, und mit einem wahren Freudentaumel hatte jeder diese Nachricht empfangen. Kein Wunder, daß Scharen von Menschen zu den Basteien strebten, um dort die kurze Erholungszeit zu verbringen. Auch Kitty eilte, das knapp gefüllte Eßgeschirr in den Händen, die Treppe zu der Bastei hinauf und setzte sich dort unter einen Kastanienbaum auf den grünen Rasen. Nun war es das erstemal, die hellbeleuchtete Sudetenkette dicht vor Augen zu haben und Kitty konstatierte, daß dieses Land sicher sehr viele landschaftliche Schönheiten besitzen müsse. Könnte man nur einmal hinauf in diese Berge, die so verlockend herüberschauten. Aber noch waren die Prüfungen nicht zu Ende, noch mußte man mit Geduld sein Schicksal tragen. Leider war sie immer noch eine Gefangene. Ihr fiel das sehr schwer. In der Hauptsache deshalb, weil keinerlei Nachrichten eintrafen. Würde sie doch nur ein einziges Mal von den Lieben aus der Heimat einen Gruß bekommen. Sehr selten traf mal eine Karte von Elisabeth ein, aber seit langem hatte sie keine Nachricht von der Schwester erhalten. Theresienstadt, die Stadt der Toten und Gefangenen. Die Stadt der Freudlosen und Gequälten. Gab es überhaupt noch eine Hoffnung? Kam man jemals heraus aus diesem Gefängnis? War man nicht lebendig begraben? Gerade dann, wenn das Wetter wie heute so schön war und alles herum im goldenen Licht erstrahlte, drückte die Schwermut das Herz heftig nieder. Außerdem war Frau Heymann heute sehr häßlich zu ihr gewesen. ,, Frau Bergner, ich wünsche größere Pünktlichkeit. Die Uhr zeigt bereits ein Viertel auf acht." Blutrot hatte sie eine Entschuldigung gemurmelt und sich auf ihren Platz gesetzt. In der Tat saẞen alle Frauen auf den Bänken, und sie war die letzte gewesen. Die weichen, alten Kartoffeln 142 waren fürchterlich verdorben und verbreiteten einen kloakenartigen Geruch, so daß mancher Frau übel wurde. Trotzdem alle Schälerinnen Handschuhe an den Händen trugen, wurden die Finger schwarz und unansehnlich. Heute nach Schluß der Arbeitszeit sollte die Dekade von dem vorhergehenden Monat Februar ausgegeben werden. Den gedruckten Streifen, worauf die Punktzahl stand, hatten die Frauen schon erhalten. Kitty freute sich sehr darauf, einen Zuschuß zu der schmalen Essensration zu bekommen. Sie holle den kleinen Papierstreifen aus ihrem Portemonnaie heraus und betrachtete ihn aufmerksam. Danach hatte sie dreieinhalb Pfund Kartoffeln zu beanspruchen. Das war die Dekade ihrer Arbeit für den gewesenen Monat. Außerdem gab es das N- Brot und eine Prämie für fleißig Arbeitende alle zehn Tage. Diese bestand in einem Stückchen Margarine( sieben Deka 70 Gramm), zwei Schnitten Brot, eineinhalb Löffel Zucker( sieben Deka), ein Viertel Leberpastete( ungefähr Aufstrich für drei Scheiben Brot). == In jüngster Zeit gab das Konzentrationslager Geld mit einer dazugehörigen Punktkarte heraus. Auf dieser Punktkarte stand eine Nummer, und sobald diese Nummer an die Reihe kam, was einmal im Monat geschah, konnte man in das Lebensmittelgeschäft gehen und dort einige zusätzliche Nahrungsmittel einkaufen. Z. B. fünf Deka Trockenzwiebeln, zehn Deka Senf und zehn Deka Brotaufstrich. Dann gab es noch Tee- Extrakt und verschiedene Gewürze. Wenn man Glück hatte, bekam man Maggi- Extrakt, zwei Suppenwürfel oder Saccharin. Auch die Schuhgeschäfte, das Wäschehaus und die Kleidergeschäfte gaben Nummern heraus. Hier kamen nun endlich all die gestohlenen Sachen zum Vorschein. Mancher erkannte in den ausgestellten Kleidern und Blusen oder Tischdecken, Handtüchern, Schuhen, Handtaschen usw. seine eigenen Sachen wieder. 143 Für den Monat Februar gab es 50 Kronen, März 80 und April 100. Hundert Kronen waren nach deutschem Gelde zehn Mark. Es war Nachmittag. ,, Meine Damen, heute habe ich Ihnen Ihre Prämien mitgebracht", rief Frau Heymann. Ein freudiges„ Ah" war die Antwort. Nachdem diese verteilt waren, kam der Koch aus der Küche herein und brachte mit Hilfe von zwei Burschen einen großen Holzbottich mit Suppe als Nachschub für die Damen. Es war eine große Seltenheit, etwas extra in der Kinderküche zu bekommen. Daher war der Jubel ohne Ende. Manche Glückliche bekam zwei Schöpflöffel voll in ihren Topf. Leider war häufig die Suppe schon sauer. Aber auch das schadete nichts. Sobald es vier Uhr schlug, erhoben sich alle Frauen, säuberten die Hände, nahmen Mäntel und Jacketts von den Haken und rüsteten sich zum Fortgehen. Sie stellten sich der Reihe nach auf und schritten einzeln an der Aufsichtsdame vorüber. Vorher mußte eine jede in einen Beutel greifen, der rote und blaue Kugeln enthielt. Wer die rote Kugel zog, mußte zurücktreten und wurde von einer Aufsichtsdame von Kopf bis zu den Füßen nebst der Tasche untersucht, ob sie nicht Kartoffeln versteckt halte. Selbstverständlich kamen dabei sehr aufregende Szenen vor, denn häufig genug hatte man eine arme Sünderin erwischt und diese wurde dann der Kripo, welche sich ständig im Hause aufhielt, übergeben. Sie mußte dann ihre Kennkarte abgeben und bekam sie erst später nach ihrer Verbüßung irgendeiner Strafe zurück. So eine Sache zog sich manchmal drei bis sechs Monate hin und konnte in Rückfällen sogar eine böse Wirkung nach sich ziehen, nämlich: man kam auf die kleine Festung. Dieses System wurde in ganz Theresienstadt zum 144 Schutz gegen das überhandnehmen der Kartoffeldiebstähle eingeführt. Es wurden in den großen Kasernen, wo viele Hunderte von Schälerinnen beschäftigt wurden, unheimlich viel Kartoffeln gestohlen. Um diesen Mißstand zu beheben, hatte man eben sehr strenge Maßnahmen ergriffen. Aber wie es immer ist, die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen. Es muß nämlich gesagt werden, was an großen Mengen aus den Küchen und der Proviantur gestohlen und fortgeschafft wurde, spottet jeder Beschreibung. Aber Hunger tut weh! Unter gräßlichem Herzklopfen hatte Kitty auch einmal ihre Tasche voll Kartoffeln gestopft. Sie hatte Glück und zog die blaue Kugel, somit konnte sie ihren Schatz ungehindert nach Hause tragen. Aber trotz des herrlichen Gefühls, sich nun drei Tage gründlich sattessen zu können, wollte sie nie und nimmer wieder solche Höllenpein durchmachen. Die Wonne war nicht zu beschreiben, als Kitty den vollen Topf mit den abgeschälten und gekochten Kartoffeln vor sich stehen hatte und dazu Salz und eine Spur Margarine tat. Kein Hochzeitsmahl schmeckte ihr so köstlich. Kitty hatte heute ihr Meisterstück an Klugheit geliefert. Wie gewöhnlich stand sie inmitten der langen Reihe in der großen Kaserne und wartete vergeblich auf Nachschub. Nur ein paar Auserwählte hatten das Glück, eine Kelle Suppe zu erhalten. Als sie das Vergebliche ihres Wartens erkannte, eilte sie in fliegender Hast über den Marktplatz ins Kinderheim, um ihre verehrte frühere Vorgesetzte Frau Heymann noch anzutreffen. Der Hunger quälte sie gar zu gewaltig, und sie hoffte, durch sie eine Kelle Suppe in den unteren Räumen ihrer Ausgabestelle zu bekommen. Leider war die Leiterin bereits fortgegangen. 10 Philipp, Die Todgeweihten 145 Sie schaute umher, als wenn sie irgendwo Hilfe suchte. Auf dem Hofe wurden noch die Kinder mit Nachschub abgefertigt. Kitty durfte sich nicht vor dem Chefkoch blicken lassen. Es war streng verboten, daß Erwachsene in dem Hof der Kinderküche sich zum Nachschub mit anstellten. Er war direkt gefährlich in seiner Wut und brüllte wie ein Stier, wenn er Erwachsene erblickte. Aber was tut der Mensch nicht alles in seiner Not, wenn der Hunger so gewaltig plagt. Kitty beobachtete unausgesetzt das Kommen und Gehen auf dem Hofe. Als der Chef endlich den Rücken wandte, schoẞ Kitty pfeilgeschwind aus ihrem Versteck hervor und eilte in den Keller, wo die reservierten Karten für Nachzügler lagen. Auch dort stand eine lange Reihe von Leuten. Und hier an diesem Schalter konnte sie endlich ihren Topf mit einem Schöpflöffel Suppe füllen lassen, weil die Köchin sie von früher her kannte. überglücklich trug Kitty ihren Schatz nach Hause. * Die Bevölkerung von Theresienstadt hatte sich wieder um 6000 Menschen verringert. Es hatten inzwischen Transporte stattgefunden. Man merkte aber am Bilde des auf- und niederschwankenden Verkehrs in den Straßen und auf dem Korso keinerlei Veränderung. Auch war keine Befreiung von der schlimmen Engigkeit in den Blockhäusern spürbar. Überall lagen die Menschen dicht gedrängt auf ihren Plätzen, immer mit dem gleichen kleinen Lebensraum von 60 Zentimeter. Die Bewohner sämtlicher Blockhäuser, Baracken und Kasernen blieben alle auf ihrem Platz. Nun trat unverhofft ein ganz unerwartetes Ereignis ein. Die Kunde von Italiens Friedensschluß mit den Westmächten hatte sich trotz der sorgfältigsten Abriegelung in Theresienstadt verbreitet. 146 Ungeheurer Jubel wurde dadurch ausgelöst und versetzte die Gefangenen in eine fieberhafte Erregung. Zwar nach außenhin durften sie diese um Gotteswillen nicht zeigen. Und ihre Freude mußten sie sehr sorgfä!- tig verbergen. Auch von den Tschechen wurden Meldungen gebracht, wonach die Russen einen Vorsprung gewonnen haben sollten. Leider war immer noch keine Post für Kitty angekommen. Sie hätte so gern irgendeine Bestätigung dieser Nachrichten gehört. Mit Angst dachte sie daran, daß eventuell Bombenüberfälle ihre Heimat bedrohten, und das beängstigende Dunkel, worin sie Tag für Tag leben mußte, verstärkte natürlich ihre Angst. Niemand wußte, was der plötzliche Friedensschluß Italiens bedeutete, ob man darin eine Wendung zum besseren sehen könnte, oder ob die Wirkung eine nachteilige für die Gefangenen sei. Auch war man über die Wahrheit der im Umlauf befindlichen Gerüchte nie sicher. Natürlich wurde in Theresienstadt von nichts anderem gesprochen. Es war das ewige Gespräch bei der Arbeit bis zum Schlafengehen. Das Für und Wider der Ansichten über diese Absonderung Italiens von seinen Verbündeten machte sich in allen möglichen Vermutungen Luft. Viele erblickten darin den baldigen Friedensschluß Deutschlands mit den Westmächten und die sich daran anschließende Erlösung aus der Gefangenschaft. Das klang zu schön, um wahr zu sein. Aber die Hoffnung war in ungeahnter Stärke emporgeschnellt. Die Vorsichtigen mahnten, keine falschen Hoffnungen zu nähren und riefen: ,, Seht euch doch die Hakenkreuzfahnen an, solange die da draußen im Winde wehen und ihr das Symbol vor Augen habt, bleibt alles Wunsch und Traum. Seid doch keine Narren!" Aber sie wurden trotzdem ausgelacht. 10* 147 Dann trat aber ein Ereignis ein, das schnell alle voreiligen Zukunftshoffnungen zerstörte. In der Kanzlei der Lagerkommandantur war ein Zigarettendiebstahl aufgedeckt worden. Schon lange hatte man das Fehlen vieler Schachteln bemerkt. Der Diebstahl mußte in den Nachmittagsstunden verübt worden sein, in denen die Kanzlei wenig aufgesucht wurde. Da mußte jemand mit einem tiefen Griff in die Kiste der Zigarettenschachteln Dutzende daraus entwendet haben. Die Untersuchung lenkte den Verdacht auf einen jungen Mann, der wegen seiner körperlichen Schwäche in der Kanzlei der Lagerkommandantur leichten Dienst als Bote tat. Er wohnte in der Dresdner Kaserne. Nach einer Kontrolle durch die SS- Lagerkommandantur war diese einem groß angelegten Zigarettenschmuggel auf die Spur gekommen. Die Aufregung unter der Bevölkerung war ins Unermeßliche gestiegen, als das Gerücht bekannt wurde. Es verstärkte sich noch durch die Tatsache, daß ein Taschenkalender gefunden wurde, worin alle Namen von Abnehmern der Zigaretten verzeichnet waren. Der junge Mann war tatsächlich der Täter. Die enger Beteiligten lebten in Todesangst, und ihre Frauen weinten sich die Augen aus. Die Vernünftigen suchten die Aufregung einzudämmen und mahnten zur Vorsicht, indem sie die Angstlichen darauf hinwiesen, sich durch ihr Benehmen nicht selbt zu verraten. Sie sagten:„, Wie leicht trifft euch der Verdacht der Teilnahme, wenn ihr wie der leibhaftige Tod einhergeht." Diese Leute ließen den Türdrücker von den Zimmern ihrer Frauen nicht mehr aus den Händen. Es war ein ewiges Kommen und Gehen. Gewiß war es jedem, daß Opfer fallen würden, wenn der Lagerkommandant die Namen der Beteiligten erführe. Wehe den Armen, die gefaßt würden: Sie würden erschossen! 148 Bald brach die Katastrophe herein. Um die Mittagszeit erschienen in der Dresdner Kaserne auf Befehl der Kommandantur vier SS- Leute, um den jungen Burschen zu verhaften. Sie fanden den verstört um sich blickenden Menschen auf seinem Zimmer, packten ihn am Arm und zerrten ihn die Treppe hinunter in den Hof. Er sträubte sich nicht und ging willig mit. Sie waren fast am Ausgang des Kasernenhofes angelangt, als der Verhaftete sich plötzlich mit einer schnellen Drehung seines Körpers freimachte und wie der Blitz über den Hof in den Treppeneingang der Kaserne lief und verschwand. Die überraschten Soldaten stießen einen Wufschrei aus. Sofort wurden die Ein- und Ausgänge der Kaserne besetzt und die Hauseingänge abgeriegelt von je einem der SS- Leute. Die beiden anderen Soldaten stürmten mit der Pistole in der Hand die Treppen hinauf und schrien unausgesetzt:„ Aus dem Wege, es wird geschossen!" In der Tat fielen mehrere Schüsse. Sie eilten weiter durch die weiten Gänge der jetzt ganz leeren Dresdner Kaserne. Alle Türen der vielen Zimmer wurden aufgestoßen, durchsucht und an die erschrockenen Bewohner Frage auf Frage gestellt. Die Verfolger schimpften laut vor Wut. Ihr Schreien wurde durch das ganze Gebäude gehört und drang auch durch die geschlossenen Türen der geängstigten Bewohner und Angestellten, aber diese wagten nicht, auch nur einen Spalt zu öffnen. Fast alle Zimmer waren schon durchstürmt, auch der Raum, wo der Verhaftete wohnte. Aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Der Bursche war und blieb verschwunden. Plötzlich hörten die Verfolger einen markerschütternden Schrei. Etwas Dunkles sauste wie ein großer Vogel durch die 149 Luft, und dann gab es einen lauten Knall, darauf Stille. Die beiden SS- Soldaten hielten auf dem Gang im Laufen inne und sahen durch die großen Bögen der fensterlosen Nischen herunter in den Hof. ,, Da unten liegt ja der Kerl" sagte der eine SS- Mann zu dem andern. Er sagte es so gleichgültig, als wenn man vom Wetter spricht. Im Hofe angelangt traten sie zu der blutenden Masse, die dort auf dem Boden lag. Es war der junge Bursche, der sich in seiner Verzweiflung aus dem vierten Stock der Dresdner Kaserne in den Hof gestürzt hatte. In dem armen, blutleeren Gesicht waren die Augen geöffnet und sahen anklagend zum Himmel empor. Die SS- Leute wandten sich ab, und der eine meinte: ,, Der steht nicht mehr auf", und tat einen bösen Lacher. ,, Dann laß uns man gehen." Ohne sich weiter um die Entwicklung der Dinge zu kümmern, schritten die Soldaten dem Ausgang zu. Dieses Vorkommnis hatte der Bevölkerung Theresienstadts eine Lichtsperre von vier Wochen als Strafe eingebracht. Die in den Diebstahl verwickelten Personen wurden verhaftet und kamen auf die kleine Festung. Man hat später nie mehr etwas von ihnen gehört. So endete die Zeit nach dem Friedensschluß Italiens. Wohl hatte der gesonderte Friedensschluß Italiens mit den Westmächten anfänglich große Freude unter den Gefangenen ausgelöst und alle möglichen Hoffnungen einer baldigen Beendigung des Krieges erweckt. Aber es war, als ob diese Wendung im Zeitgeschehen innerhalb des Dreibundes keinen Einfluß auf den Ablauf der ferneren Geschehnisse haben sollte.- Deutschland kämpfte ohne seinen Bundesgenossen weiter. Auch von einer Abdankung Hitlers schien weniger denn je die Rede zu sein. Nachdem neue Transportzüge eingetroffen waren, wurden die Ankömmlinge, sobald man ihrer habhaft wurde, von allen Seiten bestürmt, ihre Kenntnisse 150 über die neuesten Kriegsnachrichten zu verkünden. Sie berichteten, daß die Staatsoberhäupter der anderen Nationen sich weigerten, mit Adolf Hitler als Repräsentanten der deutschen Regierung zu verhandeln. Hitler sollte abdanken und einer neuen Regierung Platz machen. Weiter berichteten sie von dem Vorrücken der Russen, die nach Aussage bestimmter geheimer Nachrichten des englischen Senders große Erfolge errungen unweit Smolensk, und den Dnjepr überschritten hatten. Soweit die Nachrichten. Aber nach wie vor wehten die Hakenkreuzfahnen von den Gebäuden der SS- Lagerkommandantur und den übrigen Dienststellen. DIE FREIZEITGESTALTUNG Darbietungen vom 26. 5. bis 2. 6. 1943, täglich Kaffeehaus Neue Gasse 18, ab 18 Uhr Programm für Arbeitende Sonntag, den 26. 5. 1943 Westgasse 3 Bühnensaal, 18 Uhr Bunter Abend Mitwirkende: Tamara Weinstein, Frau Lupiskaja, Sonja Lupiskaja, Anny Frey u. a. Vorträge: Dienstag, den 28. 5. 1943, 18.30 Uhr Dr. Albert Werner: Über die Vitaminlosigkeit in Theresienstadt 151 Donnerstag, den 30. 5. 1943, 18.15 Uhr Hauptstraße 2-241, 18.15 Uhr Dr. Peter Vagas: Julius Cäsar Eintritt zu allen Veranstaltungen und Vorträgen frei! Eintritt ins Kaffeehaus gegen Erlag von Thkr. 2,- im Vorraum Alle Künstler und Künstlerinnen im Verband der Freizeitgestaltung hatten am Tage, wie alle anderen Menschen in Theresienstadt, ihren Arbeitsdienst zu versehen und übten ihre künstlerische Tätigkeit nur nach Schluß ihres Dienstes, am Abend aus. Wer kannte nicht Frau Tamara Weinstein, die graziöse, heitere, lebenslustige Vortragskünstlerin? Sie war der Typus einer gewandten Diseuse mit ihren selbstverfaßten, die Stimmung fördernden Liedern. Immer errang sie sich durch diese den größten Beifall der zahlreich erschienenen Menge. Wahrlich dienten die einfachen, einer impulsiven Lebensfreude entsprungenen Liedchen zur Auffrischung und Ermunterung der niedergedrückten Lebensgeister der Gefangenen Theresienstadts, die durch die gebotene Kurzweil von ihren trüben Gedanken abgelenkt wurden. Diese Vorträge fanden im Sommer in den Höfen hinfer den Blockhäusern statt, oder in denen der großen Kasernen. Sobald Tamara das Podium betrat, welches ein geschickter Hausältester durch Bretter und alte Zeugfetzen künstlich errichtet hatte, schlug ihr Begeisterung und lebhafter Beifall von dem im Hofe versammelten Publikum entgegen. Nach Schluß ihres Vortrages mußte sie sich immer wieder erneut verneigen. Das schwarze Wuschelhaar war mit roten Bändern geschmückt und flog in dichten Locken um ihren Kopf, und die schwarzen Augen unter der braunen Stirn glühten vor Freude über den Erfolg. Die weißen Zähne schimmerten wie Perlen zwischen den roten Lippen, wenn sie begann: 152 „Wenn’s der Herrgott nicht will, nützt’s dir’s garnix, Darum halt still, es kommt nur, wie er’s will.“ So hieß der Refrain des einen Liedes. Ein anderes von ihr sangen die Buben und Mädel auf den Gassen. Es begann: „Oh, kehr’ zurück, bei deiner Treue Schwur. Du bist mein ganzes Glück, Sag’ mir das Wörtchen nur, Was mich entzückt, Oh, kehr’ zurück!“ „Oh, kehr’ zurück! Ich liebe ja nur dich, bei’m ersten Blick. Jetzt wein’ ich bitterlich Um mein verlor’nes Glück. Oh, kehr’ zurück!“ Zum Schluß sang sie noch ein Lied, welches sie wie- derholen mußte: „Oh, gib mir nur das kleinste Lebenszeichen, Nur ein paar Worte, wie’s dir geht. Die Sorgen wollen ja nicht von mir weichen, Solange ich nicht weiß, wie’s um dich steht.“ „Ja, ist denn niemand da, der mir kann sagen, Ob du auch manchmal hast an mich gedacht? Die Ungewißheit ist nicht zu ertragen, Und weinen tue ich fast jede Nacht.“ „Oh, gib mir nur ein kleines Lebenszeichen, Und lindere meines Herzens große Oual. Wer weiß, wie lange noch die Kräfte reichen, Vielleicht grüß’ ich dich heut’ zum letztenmal?“ Tosender Beifall folgte dem wirklich formvollendeten Vortrag. Das war Tamara Weinstein, wie sie lacht, singt und klagt in tausend verschiedenen Tönen. Danach brachte das Programm die fünfzehnjährige, jugendfrische Blondine Sonja Lupiskaja, die Tochter der Stimmimitatorin Irena Lupiskaja, beides Russinnen, hier- her verschlagen wegen der unsinnigen Nürnberger Ge- setze. Irene hatte einen deutschen Mann geheiratet, war aber 193 bereits seit 6 Jahren Witwe. Bei einer Turnee durch Deutschland hatte die Gestapo sie festgehalten und sie kurzerhand, da sie von Geburt Jüdin war, nach Theresienstadt bringen wollen. Das Kind Sonja wollte man ihr abnehmen, doch die resolute Frau erklärte, Sonja sei jüdisch erzogen, und sie habe sie zum Judentum bestimmt. Trotz des Stirnrunzelns und der ewigen Fragen der Beamten der Gestapo blieb Irena bei ihren Angaben und Sonja, der kleine, blonde Engel, konnte bei der Mutter bleiben. Beide traten den Weg in die Gefangenschaft an. Das Podium bestand aus einer größeren Anzahl von Brettern, die auf zwei Querbalken gelegt waren. An der Mauer hatten künstlerische Hände ein paar bunte Lappen befestigt und den Boden der Bretter mit einem uralten Teppich belegt. Dieser wurde jetzt zur Seite gerollt, denn Sonja wollte tanzen. Sonja erschien mit einem tiefen Knicks vor der gespannt zuschauenden Menge auf dem Hofe. Das Gedränge wurde immer beängstigender. Eine solche Fülle von Menschen konnte selbst dieser große Hofplatz nicht fassen. Der Raum dieses Hofes war durch den Durchbruch vieler kleiner anderen Höfe, die jetzt ein Ganzes bildeten, um das Zehnfache erweitert. Vermittelst dieses Durchbruches waren ganze Häuserblocks miteinander von der Hinterfront aus verbunden. Die Menschen saßen auf den Dächern der Häuser, auf den Terrassen, in den Bäumen, standen auf dem Rand der Brunnen und hockten schließlich auf kleinen Holzbänken im Hof. So ein Holzbänkchen war ein kostbares Stück Hausinventar, nicht jeder konnte sich ein solches leisten. Man mußte mindestens dafür 10 bis 15 Schnitte Brot opfern. Ja, das war ein Schauspiel, wenn die kleine Sonja tanzte. In London hatte man ihr Dank ihres großartigen Talentes eine Hauptrolle in einem Ballett anvertraut. Zuerst brachte sie einen Bauerntanz. Sie hatte eine 1 154 dünne, weiße Bluse und einen kurzen, geblümten Rock an, dazu ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen und an den bloßen Beinen ein paar derbe Schuhe. Dann begann sie mit einem urkomischen, drolligen Gesichtchen den Tanz. Sie gestaltete ihn so, als schnitte sie Heu, binde dieses in Garben und müsse sich erschöpft von der schweren Arbeit den Schweiß abwischen. Ihre Augen richteten sich dabei nach dem Himmel, als wenn die sengenden Strahlen der Sonne nicht mehr auszuhalten wären. Die Musik dazu gab ein junger Mann auf einer Ziehharmonika. Nach Beendigung des Tanzes wollte der Beifall kein Ende nehmen. Sonja trat ab und kam im nächsten Augenblick zurück als Blume. ,, Die Margaretenblume" verkündete sie mit hellem Stimmchen. Ja, habt ihr so was Liebliches überhaupt schon einmal gesehen? Ein auf feinem Draht gespanntes, faltiges Tellerchen aus Seide umspannte das mit weißer Seide bedeckte Leibchen, gelbes Käppchen aus Draht mit unzähligen, kleinen gelben Perlen besetzt, saß auf den blonden Locken. An den Füßen hatte sie gelbe Atlasschuhe. Sonst nichts. Soviel Anmut mit reizender Drollerie gemischt, hatte man wirklich noch nicht gesehen. Die feine Spitzenkunst der Füßchen verriet die formvollendete Schule des russischen Balletts unter Anna Pawlowas Truppe, mit der Sonja schon als Kind Ägypten, Indien, die Südsee, Australien, Amerika und London bereist hatte. Selbstverständlich immer in Begleitung der Mutter. In London war sie zur ersten Solotänzerin aufgerückt, und die Bühnen des In- und Auslandes rissen sich um sie. Als Sonja in London die Hauptrolle gespielt hatte, kamen die Direktoren auch aus anderen Berufszweigen zu ihr und zwar aus der Porzellanmanufaktur. Sie alle wollten das zierliche Figürchen Sonjas als Kunstprodukt verewigen. Zum Schluß sollte Deutschland, das 155 feinsinnigste, künstlerischste Gebiet des Tanzes an die Reihe kommen. Die ergreifende Verinnerlichung seiner Tanzvertreterinnen war weltberühmt geworden. Man denke nur an die unvergeßliche, herrliche Mary Wigman. Deutschland war das Geburtsland von Frau Irena Lupiskajas Mann und auch ihr lieb und werf geworden. Nach dem Tode ihres Mannes suchte sie dort stets nach Ablauf der vielen Gastspiele und Verpflichtungen Erholung, um in Braunlage bei ihrer früheren Gesellschafterin Magdalene Bayer ein köstliches Ausruhen zu genießen. Bei einer dieser Fahrten wurde sie verhaftet. Da trat die Gestapo auf. Sie wurde verhört, gefangengenommen und schließlich wie ein Stück Vieh nach Theresienstadt verfrachtet. Ja, gab es denn so etwas in aller Welt? ,, Ich bin Russin, was habe ich mit eurem Hitler zu schaffen?" ,, Sie haben einen Deutschen geheiratet und sind dadurch Deutsche geworden", war die Antwort. ,, Somit unterliegen sie den deutschen Gesetzen." ,, Nein, nein, Sonja, wir lassen uns nicht unterkriegen. Du tanzest und setzt deine Ballettstudien fort, und ich werde auch weiter meine Übungen machen. Wir wollen doch sehen, wer der Stärkere ist. Hitler oder ich!" 17 Frau Irena Lupiskaja war eine imponierende, noch immer schöne Frau. Wie sie jetzt nach der kurzen Pause auf das Podium trat und verkündete, sie wolle einige ihrer Tierimitationen bringen und den Beifall nach dieser Ankündigung mit einem kurzen Kopfnicken quittierte, wirkte sie ganz als Weltdame. Die Vorträge nahmen ihren Verlauf. Plötzlich erscholl ein dumpfes Grollen des Königs der Wüste, das zum Gebrüll anschwoll. Der Löwe machte sich auf einen imaginären Angreifer gefaßt, um diesen abzuwehren. Ein richtiger Kampf begann, denn andere Stimmen mischten sich dazwischen, und es war, als 156 wenn ein ganzer Urwald erwachte. Viele Tierstimmen wurden zu einem meisterhaften Zusammenspiel gebracht. Nachdem diese Nummer unter brausendem Applaus beendet war, kam Frau Lupiskaja heraus und verneigte sich. Heute stand man nicht beim Nachschub an. Lieber ging man hungrig ins Bett, als diese Vorträge zu missen. Den Schluß machten drei lustige Gesellen durch drollige akrobatische Künste. Auch Kitty hatte dieser Vorstellung beigewohnt und war ganz überrascht, Frau Lupiskaja und ihre kleine Tochfer wiederzufinden. Leider war es die höchste Zeit, nach Hause zu eilen, daher beschloß Kitty, die Adresse der Frau Lupiskaja sich von der Freizeitgestaltung zu holen. So schnell sie konnte, strebte sie ihrer Behausung zu. Ein ziemlich heftiger Wind hatte eingesetzt und durchschüttelte sie, so daß sie fror. Rötlich violette Streifen zeigten sich am milchigen Himmel vom Abglanz der untergegangenen Sonne. Eine Gruppe von Kindern kam ihr mit einer Führerin entgegen. Es waren tschechische Kleine darunter, man sah es gleich an dem besseren Aussehen. Ja, dachte Kitty bitter, ihr bekommt Pakete über Pakete, doch die armen, reichsdeutschen Kinder erhalten wenige oder gar keine Sendungen. Auch Kitty hatte erst ein einziges Päckchen von Elisabeth erhalten. Aber wie sehr hatte sie sich schon mit der Handschrift ihrer Schwester bei deren Betrachtung gefreut. Gott sei Dank, sie lebte und hatte an sie gedacht. Auf ihrem Nachhauseweg kam ihr ein wirklicher Widerwille gegen das Weiterleben. Sie sah keinen Ausweg mehr aus dem schauerlichen Labyrinth der Gefangenschaft. Gleich einem Tier lag sie auf der Erde und konnte nachts nicht einmal ihre Beine ausstrecken, wurde geplagt von Wanzen, Flöhen und Ratten, die sich neuerdings sehr stark bemerkbar machten. Das 157 Essen blieb immer dasselbe, reichte nicht hin, nicht her, und man lebte in dauernder Furcht zu verhungern. Schlimm war auch die Einförmigkeit der Tage, so ganz ohne Hoffnung. Nie erreichte irgendeine Nachricht Theresienstadt. Die Mauern waren zu hoch und zu abgeschlossen. Nichts drang herein. Lautlos reihten sich die Tage aneinander, sie wurden zu Wochen, Monaten und Jahren. Wie lange würde sie noch dieses Leben ertragen können? Bereits waren alle Hamburger Familien, die mit dem damaligen Transport nach Theresienstadt verschickt waren, gestorben. Mit zusammengezogenen Brauen schritt Kitty über die Straße und bog in die Rathausgasse ein, wo ihre Wohnung lag. Trotz des heiteren und lustigen Spieles, dem sie beigewohnt hatte, war sie jetzt von einer außerordentlichen Schwermut und Traurigkeit erfüllt. Plötzlich überquerte ein großer, schlanker Herr den Fahrdamm und kam ihr direkt entgegen. Zwei braune Augen sahen sie für einen Moment prüfend an. Kitty fühlte, wie sie rot wurde, sie schlug den Blick nieder und wollte die Türklinke ihres Einganges erfassen, da trat der Herr auf sie zu. ,, Gnädige Frau, Ihre Bekanntschaft mit Frau Arnstein, meiner Patientin, gibt mir den Mut, Sie anzusprechen. Ich wollte Sie bitten, Frau Arnstein aufzufordern, in meine Sprechstunde zu kommen. Sie hat eine verheiratete Schwester in Brüssel, von der ich gern die Adresse einer dort lebenden, mir befreundeten Familie erhalten möchte. Würden Sie wohl die große Güte haben und diesen Auftrag übernehmen?" Kitty hatte bei den ersten Worten aufgesehen und war etwas zerstreut seinen Ausführungen gefolgt. Ihre zarte Gesichtshaut hatte die Röte schnell wieder verloren und war blaß, wie zuvor. Langsam nickte sie. ,, Gewiß, sehr gern! Ich spreche meine Freundin morgen an meiner Arbeitsstätte und werde es ihr ausrichten." 158 ,, So, dann danke ich Ihnen sehr, gnädige Frau. Ubrigens vergaß ich, mich Ihnen vorzustellen: Vagas, Peter Vagas." Er zog abermals den Hut, verbeugte sich und verschwand mit elastischen Schritten. Kittys Gedanken bekamen dadurch eine andere Richtung. Dann betrat sie die Schwelle ihres Zimmers. Zu ihrer Überraschung sak wahrhaftig Helga auf einem Stuhl und wartete schon auf sie. Bei ihrem Kommen sprang sie empor. ,, Endlich, wo warst du denn, mir wurde die Zeit zu lang?" ,, Eben begrüßte mich Dr. Vagas. Er läßt dich bitten, zu ihm in seine Sprechstunde zu kommen." ,, Schön, recht gern! Und was hat dich abgehalten heute Abend?" ,, Ich komme direkt aus einer Varietévorstellung. Ich sage dir, es waren ganz vorzügliche Künstler, und zu meiner Überraschung fand ich endlich auch Frau Lupiskaja mit ihrer Tochter Sonja. Du weißt ja, die schöne Russin, von der ich dir erzählt habe. Ich lernte sie auf der Herfahrt nach Theresienstadt im Abteil kennen." ,, Weißt du", wechselte Helga das Gespräch ,,, daß morgen die neue Kartoffelschälmaschine ausprobiert werden soll? Herr Krauth sprach mit mir davon. Vielleicht werden bald alle Schälerinnen überflüssig sein, und wir werden eine andere Arbeit beginnen müssen." ,, Beruhige dich, ganz ohne Menschenhände geht diese Arbeit nun wohl doch nicht. Die Augen der Kartoffeln müssen doch ausgestochen werden?" ,, Ja, gewiß, aber vermutlich werden dazu nur die ganz alten Frauen eingesetzt werden." Helga war eine liebe Kameradin mit wirklicher Opferbereitschaft, aber Nachdenken war nicht ihre Sache. Zwar hatte sie mitunter drollige Einfälle, jedoch interessantere und ernstere Gedanken flossen ihr selten zu, daher wunderte sich Kitty, als Helga erklärte, sie hätte ihr etwas sehr Wichtiges und Ernstes mitzuteilen. Trotzdem sie zum Umfallen müde war, im Gegensatz 159 zu ihrer Freundin, die scheinbar keine Müdigkeit verspürte, ging sie mit ihr hinaus. Beide setzten sich draußen vor der Tür auf die Bank. Der Mond stand hoch am Himmel und goß sein silbernes Licht über die einsamen Straßen. Aus ihrer gehobenen Stimmung heraus begann Helga sofort zu sprechen. ,, Kitty, ich muß dir etwas anvertrauen. Dr. Anthony hat mich um eine Unterredung gebeten. Wir treffen uns morgen nach Dienstschluß." Und nach einigem Nachsinnen setzte sie hinzu. ,, Ich glaube, er hat mich sehr gern." ,, Ich freue mich mit dir." Helga umschlang Kitty und küẞte sie. ,, Ist es nicht wunderbar, daß er gerade mich erwählt?" , Warum? Ich finde es schön und natürlich. Du bist doch eine hübsche Frau!" " 1 ,, Mach' dich nicht lustig über mich, bei meiner Kleinheit? Du bist doch viel hübscher und intelligenter als ich. Das hat Dr. Vagas auch bereits bemerkt." Kitty konnte einen leisen Ruf des Staunens nicht unterdrücken. " , Wie kommst du nur plötzlich auf solche Idee? Nun spottest du!" ,, Nein, durchaus nicht, er meint es ernst, du weißt es selbst, daß es so ist. Er hat dich nur angesprochen, um deine Bekanntschaft zu machen." ,, Aber Helga, ich kenne Dr. Vagas erst seit heute Abend; weil du verliebt bist, meinst du, alle Welt müsse es auch sein." ,, Meine Vermutung trifft aber zu. Ich habe Augen im Kopfe und sah wohl, wie seine Blicke dich suchten, damals, als er mit mir in der Geniekaserne sprach und du dich zurückzogst. Erinnerst du dich?“ ,, Nein! Es war zu unwesentlich." ,, Paß auf, du wirst bald auch jemand haben, der dir dieses schreckliche Leben hier tragen hilft. Ach, Kitty, wenn ich bedenke, wie wenig Glück ich im Leben ge160 1 habt habe, du weißt ja, mein Mann, der Feigling, liek sich gleich nach der Bekanntgabe der Nürnberger Gesetze von mir scheiden, um seinen Direktorposten nicht zu verlieren. Er hat mich auch noch meines Kindes beraubt." ,, Deines Kindes, um Gotteswillen!" ,, Ja, wußtest du das nicht? Er behauptete, ich würde meine Tochter jüdisch erziehen lassen. Es war niemals zwischen uns davon die Rede gewesen, denn sie war noch viel zu klein. Aber meine Proteste nützten nichts. Die Gestapo nahm mir das Kind einfach weg. Eines Tages kamen zwei Beamte an meine Tür, forderten Einlaß und ohne meine Einwände anzuhören, bemächtigten sie sich des Kindes und eilten damit fort." ,, Du Arme!" ,, Jetzt will mich das Schicksal dafür entschädigen. Alles ist nun ausgeglichen. Welch ein Glücksfall! Hans Anthony ist ein solch' prachtvoller Mensch. Mit ihm werde ich sehr glücklich werden!" Sie sah auf Kitty, die sehr blaẞ aussah. ,, Doch du hörst wohl gar nicht mehr zu. Du bist müde, Kitty, ich sehe es dir an." ,, Ja, ich glaube, du hast recht. Du mußt dich auch beeilen, Helga. Es kann nicht mehr weit von neun Uhr sein." ,, Keine Sorge! Die paar Schritte bis zu meiner Wohnung sind schnell getan." Noch einmal umschlang Helga die Freundin, dann bog sie mit schnellen Schritten in die nächste Querstraße ein und war Kittys Augen entschwunden. Nun war Kitty im zweiten Jahre in Theresienstadt. Am Anfang hatte sie sich wie auf einen fremden Stern versetzt gefühlt, so unendlich fremd, beängstigend unheimlich war das Leben als Gefangene. Lange Zeit hatte es gedauert, bis sie den täglichen Ablauf begriff und sich in der neuen Welt zurechtfand, dann aber hatte sie am eigenen Leibe gespürt, wie man nach und nach von dem Räderwerk erfaßt wurde. The11 Philipp, Die Todgeweihten 161 deren resienstadt hatte eine Selbstverwaltung, an Spitze der Alteste der Juden im Altestenrat stand. Der Altestenrat übernahm von der SS- Lagerkommandantur die Richtlinien in der Planung der Verwaltung über Wirtschaftsführung und Arbeitsregelung der Gefangenen. Er war für die Einhaltung und Durchführung der strengen Lagergesetze verantwortlich. Blinder Gehorsam, strikte Befolgung der erlassenen Vorschriften, waren selbstverständliche Voraussetzungen. Eigene Meinungen oder Abänderungen der gefaßten Beschlüsse durch den Altestenrat trugen härteste Strafen ein und kamen gar nicht in Frage. Vorschrift war, daß das Abzeichen der gefangenen Juden, auch in den Betrieben, an jeder Arbeitsstelle getragen werden mußte. Es war ein gelber, sechseckiger Stern mit schwarzer Umrandung, auf dessen Feld in der Mitte das Wort„ Jude" gedruckt war. Eine besondere Strafkleidung war im Lager nicht vorgeschrieben. Theresienstadt entwickelte sich aus einem Zustand der Verwahrlosung zu einer wirklichen Heimstätte zum Wohnen. Nach und nach entstanden Verbesserungen der Kanalisationsanlagen, neue Barackenbauten, Vergrößerungen des Gleisnetzes, nowendige Einrichtungen in den Blockhäusern und verschiedene andere wichtige Straßen- und Erdarbeiten. Vom Altestenrat anfangend bis zum kleinsten Schreiber in den Kanzleien, vom Oberingenieur bis zum Kanalarbeiter, vom Chefarzt bis zur Hilfsschwester, alles, was entstand, das ganze Leben, wurde von den jüdischen Gefangenen verrichtet. Es war bewundernswert, was die jüdischen Eingeschlossenen geleistet hatten. Die moralische Haltung unter dem Druck der Gefangenschaft war erstaunlich, viel Mut, Selbstaufopferung wurde gezeigt. Jeder suchte seinen Platz, an dem er angestellt war, nach besten Kräften auszufüllen und sich, soweit es die gegebenen Umstände erlaubten und solange die Körperreserven anhielten, aufrechtzuerhalten. Jeden Morgen in der Frühe füllten sich die Kasernen162 höfe mit den Arbeiterkolonnen, die noch an keinen festen Arbeitsplatz gebunden waren. In Gruppen aufgeteilt, warteten sie auf ihre Arbeiterführerin, welche den Namen, Alter, Transportnummer jedes einzelnen notierte. War das geschehen, übernahm die Partieführerin ihre Gruppe und zog mit ihr zur Arbeitsstelle. Dort wurde der ausgeschriebene Schein dem Arbeitsleiter vorgelegt, der ihn unterschrieb. Später nahm die Partieführerin diesen Zettel zum Arbeitsamt mit und übergab ihn der Kanzlei zur Unterlage der zu errechnenden Stundenzahl. Die Errechnung nach dieser Arbeitsleistung war wichtig, weil danach die Dekade ausgefolgt wurde. Festangestellte in den Betrieben hatten keinen Morgenappell nötig. Sie konnten sich gleich ohne Meldung an ihre Arbeitsstelle begeben. Häufig genug goß es in Strömen, und man war in den Kasernenhöfen der Kälte und Nässe schutzlos preisgegeben. Geduldig mußte gewartet werden, bis jeder in seine Gruppe eingetragen war. Heute standen auch Kitty Bergner und Helga Arnstein auf dem Hofe der Geniekaserne, auch sie mußten zum Appell antreten. Helga hatte recht gehabt. Die Kartoffelschälmaschine war eingeführt worden und machte die vielen Hunderte der jungen Frauen in den Schälstuben überflüssig. Die Arbeiterführerin gruppierte die beiden in die Tischlerei ein, wo besonderer Mangel an Arbeitskräften herrschte. Nachdem die zwölf Frauen aufgeschrieben waren, zogen sie mit ihrer Partieführerin unter strömendem Regen, im Wasser watend, zum Arbeitslager, wo der Wagen stand. Dieser mußte vom Lagerplatz der Tischlerei durch die Straßen bis zum Holzlager gezogen werden. Dann ging es eine kleine Anhöhe hinauf, durch Schlamm und Schmutz des Platzes wurde der Wagen gezerrt, an hochgetürmten Holzstapeln vorüber, bis zu der Schwelle, wo das Aufladen der Baumstämme, Bohlen und Latten begann. 11* 163 Diese erbarmungslose, schwere Lastarbeit war von den Frauen kaum zu bewältigen. Kitty hob einen Baumstamm empor und ließ ihn sofort wieder mutlos sinken. Sie erkannte, daß sie dieser Arbeit nicht lange gewachsen sein würde. Es trugen immer zwei Personen je einen der großen Stämme, oder sechs aufeinandergelegte lange Bretter auf ihren Schultern. Innerhalb der Arbeitszeit gab es kein Ausruhen, niemand wagte sich hinzusetzen. Es bestand eine gewisse Tagesleistung, die eingehalten werden mußte. Schon nach einer halben Stunde waren alle Frauen so erschöpft von den gewaltigen Anstrengungen des Tragens der schweren Hölzer, daß sie stöhnten und sich den Schweiß von der Stirn abwischten. Nun galt es, den vollgestapelten Wagen aus dem Schlamm des Bodens herauszubringen, die Böschung hinabzuzerren und durch die Straßen bis zur Reitschule zu ziehen, wo die Hölzer abgeladen werden sollten. Hätte man Zeit gehabt nachzudenken, dann wäre man auf den Einfall gekommen, sie alle seien in Tiere verwandelt worden. In Wirklichkeit waren ja auch alle diese Frauen nichts weiter als Lasttiere. Zu Pferden degradiert, die einen schweren Lastwagen zu ziehen hatten. Die ehemalige Reitschule war jetzt zu einem Sägewerk eingerichtet worden. In der langgestreckten Halle, wo viele Maschinen verschiedener Art standen, arbeiteten Hunderte von gefangenen Frauen. Dort wurden aus den Baumstämmen, Latten und Hölzern das fehlende Inventar der Krankenhäuser, Blockhäuser und Baracken hergestellt: Bettstellen, Tische, Hocker, vereinzelte Stühle. Nachdem die Lasten von den Frauen wieder, je zu zweit, abgeladen wurden, begann das Abzählen und Sortieren. Danach wurde das Verschneiden an der Maschine vorgenommen, wobei immer zwei Personen diese bedienten. 164 Diese erbarmungslose Männerarbeit war so hart, daß jegliches Denken aufhören mußte und jeder mit äußerster Vorsicht versuchte, bei der Sache zu bleiben. Man keuchte, trug die Lasten und stand an der Maschine. Helgas Gesicht sah schneeweiß aus und war klein und spitz geworden. Sie biß die Zähne zusammen und sagte keinen Ton. Kitty flimmerte es vor den Augen. Ihre Hand suchte an der Maschine fortwährend eine Stütze zu finden. Sie war einer Ohnmacht nahe. Aber sie mußte beim Anlegen der Hölzer beide Hände gebrauchen, denn die Hölzer waren lang und ließen sich nicht halten. Sie schwankte mitunter, als ob sie betrunken sei. Ungeheuerlich ermattet gingen die Freundinnen stumm nebeneinander nach Hause. Nur einmal sagte Kitty, sie glaube nicht, daß sie länger als drei Tage dies durchhalten könne. ,, Ich glaube es auch nicht, aber du weißt ja, wir dürfen uns keiner Arbeit entziehen." Schon nach drei Tagen konnte Kitty ihren Arm nicht mehr bewegen. Ihre Schultern trugen blutunterlaufene, blaue Inseln. Appetitlosigkeit und Ohnmacht wechselten miteinander ab. Der Blockarzł schob eine kurze Ruhepause ein. Helga war schon vorher umgesunken und wurde vom Arbeitsamt in eine andere Arbeitskategorie eingereiht. In die Kartonage. Kitty Bergner erhielt vom Arbeitsamt die Weisung, als Vorarbeiterin am Kessel in die Färberei einzutreten. Man hatte ihr auch die Frage vorgelegt, ob sie wieder als Schwester im Jugendheim anfangen wollte. Sie hatte abgelehnt. 165 HELGAS VERLOBUNG Peter Vagas lag auf seinem Lager. Er war sehr müde von der vergangenen Nacht, wo es wieder von Wanzen um ihn herum wimmelte. Er hatte noch eine kleine Kerze und bei ihrem Schein Dutzende fangen können. Leider muß gesagt werden, daß in ganz Theresienstadt, selbst in den Prominentenhäusern, dieses Ungeziefer war. ,, Schläfst du, Peter?" ,, Nein, setz dich nur her zu mir, Hans." ,, Weißt du, Peter, daß heute ein denkwürdiger Tag für mich ist", meinte Anthony. ,, Nein, woher soll ich das wissen?" Peter richtete sich halb auf und sah erwartungsvoll Hans an. ,, Hast du Post oder ein Paket bekommen? Etwas Neues scheinst du mir sagen zu wollen." Hans hatte sich zu Peter gesetzt und schlug jetzt die Beine kreuzweis übereinander. ,, Nun, heute werden es vier Wochen, daß ich in deiner Sprechstunde die entzückende Helga Arnstein traf. Ich habe sie nicht vergessen können." Peter sprang wie elektrisiert empor. Richtig, er hatte kaum bemerkt, wie nett die beiden jungen Leute miteinander harmonierten und in seinem Egoismus immer an die Freundin Helgas gedacht und alles andere einfach übersehen. ,, Nun, und voll an 1 -", er sah den Freund erwartungs,, du machst mich sehr neugierig." Fiel vielleicht auch für ihn etwas ab? " , Wenn du es wissen willst, ich habe mich mit Frau Arnstein heute verabredet." Peter richtete sich auf und sah den Freund ganz erstaunt an. Hans indes beendete hastig seine Toilette und verabschiedete sich früher als sonst von Peter. Vagas rief ihm noch nach. ,, Recht viel Glück, alter Junge!" Hans eilte dem Treffpunkt zu, wo er bereits Helga wartend fand. 166 Helga Arnstein hatte häufig mit dem Gedanken gespielt, sich wieder zu verheiraten. Ihre kurze Ehe mit dem sehr viel älteren Manne war eine unglückliche gewesen. Sie hatten sich nicht verstanden, selbst dann nicht, als das Töchterchen zur Welt kam. In der langen Einsamkeit ihrer Tage hatte sie immer ein Verlangen nach einem warmen, freuen Herzen gehabt. Das Glück führte ihr nun in Theresienstadt einen so prächtigen Menschen entgegen. Auf den ersten Blick hatte sie an der offenen Natur Anthonys erkannt, wie ehrlich und aufrichtig seine Bewunderung war. Sie hatte diese Auszeichnung ihrer Person als ein Geschenk des Himmels angesehen und war innerlich vollkommen bereit, Anthonys Antrag anzunehmen. Sie kleidete sich geschmackvoller, soweit es in ihren schwachen Kräften stand, als bisher, und man merkte ihrem ganzen Auftreten die gehobene Stimmung und den baldigen Wechsel ihrer Lebenslage an. Anthony spürte Helgas Zuneigung mit einer dankbaren Freude und gab sich der inneren Sicherheit des Werbers ganz hin. Wenn Hans lachte, so sah man seine schönen, weißen Zähne blitzen. So auch jetzt, als er des Bachstelzchens ansichtig wurde. Sollte einem nicht Rührung überkommen beim Anblick dieser zarten, kleinen Frau? Ach, wie wollte er sie schützen vor jedem Windhauch. Nun winkte sie mit der Hand, und er zog schon aus weiter Ferne den Hut. Nähertretend sahen sich beide glückselig an. 77 , Wie ist es Ihnen inzwischen ergangen, liebe Frau Arnstein?" ,, Ach, mir? Es war nicht schwer mit der Arbeit. Durchaus nicht! Aber meiner Freundin, Frau Bergner, geht es seit Tagen nicht gut. Sie hat wieder eine Ohnmacht gehabt. Arme Kitty! Krankheit bedeutet nämlich Verlust der Stundenzahl und somit der Dekade, Hunger." Anthony preßte den Arm Helgas zärtlich an sich und fühlte beseligt ihre Wärme. Er nahm plötzlich ihre 167 schmale Hand in seine Rechte. Dann sagte er, sich erinnernd: ,, Die arme Frau Bergner, sie tut mir leid!" Sie schlugen den Weg nach der Bastei ein. " , Werden wir uns recht oft sehen, Frau Arnstein?" Sie hob das Gesicht. In den braunen Augen stand ein Leuchten, und ein frohes Lächeln verklärte ihre Züge. ,, So off Sie wollen", sagte sie leise. Sie schwiegen beide, und er hielt ihre Hand während des Gehens und drückte ab und an seine Lippen darauf. Als sie bei der Bastei anlangten, stiegen sie wie übermütige Kinder im Laufschritt die Treppe empor und ruhten nicht eher, als bis sie einen sonnigen, etwas abgelegenen Platz unter einem großen Kastanienbaum erwischten. Er hatte sie eingeholt und hielt sie fest. Sein Arm legte sich zärtlich um ihre Schulter. ,, Ich liebe Sie, Helga. Schon lange fühle ich die Stimme in mir, daß Sie, nur Sie allein die richtige Frau für mich sind. Habe ich mich getäuscht?" Beseligt hörte Helga seine Worte, wie Musik drangen sie in ihre Seele ein. Und dann sprach er weiter: ,, Sie schweigen? Glauben Sie mir nicht? Ich habe Sie nicht vergessen, seit ich Sie das erstemal bei meinem Freunde sah." Er hatte sich tief herabgebeugt und zog sie langsam an sich. ,, So sprich doch, meine Helga!" ,, Hans, lieber Hans", flüsterte sie kaum hörbar. ,, So willst du meine liebe, kleine Frau werden?" ,, Hans, ich bin unbeschreiblich glücklich." Voll inniger Liebe sahen sie sich in die Augen, und der erste scheue Kuß wurde gewechselt. 11 Hans hätte jetzt mit keinem König tauschen mögen, und nun kamen, wie Tausende von Jahren vorher, all' die kleinen, förichten Liebesworte zum Vorschein, die zwei Herzen sich zuflüstern, wenn sie sich in seliger Liebe gefunden haben. ,, Und nun wollen wir alles genau besprechen, wie wir unser künftiges Paradies einrichten werden", sagte 168 Anthony zärtlich. ,, Morgen gehe ich hinauf zum Ältestenraf und werde dort meine Verbindung mit dir beantragen. Mein künftiges Leben lockt mit tausend Schönheiten, und wenn es auch nur ein dürftiger Fleck Erde auf einem Bodenraum sein wird, so werden wir doch das glücklichste Ehepaar, was je die Erde trug, sein.“ Peter war noch wach, als Hans leise ins Zimmer traf. Es war Lichtverbot. Nirgends durfte elektrisches Licht angeknipst werden. Hans trat an sein Lager. ,, Du, Peter, ich habe mich verlobt!" Er flüsterte es nur, aber in seiner Stimme bebte eine Welt voll Seligkeit. ,, Verlobt! Alter Junge, ich gratuliere dir!" Peter hatte sich aufgerichtet und starrte den neugebackenen Bräutigam aus großen Augen an. Er freute sich aufrichtig über Hans Anthonys Glück. Niemand wußte besser als er, welch' ein Prachtmensch der Hans war, und seine Glückwünsche kamen aus freudigem Herzen. Ihm war plötzlich schwer ums Herz; wäre er auch nur einen winzigen Schritt weiter in der Bekanntschaft mit der lieblichen Freundin Helgas gekommen. Ein drückendes Gefühl der Sehnsucht war in ihm, seit er damals beim ersten Gruß in ihre wunderschönen, blauen Augen blicken durfte. Was gab ihm überhaupt ein Recht, seine Wünsche mit der jungen Frau zu verbinden? Hatte sie etwa durch einen Blick oder ein Wort auch nur das geringste Interesse bekundet? Ging sie nicht vielmehr stolzer denn je an ihm vorüber? Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Jawohl, er hatte ein Recht, er durfte danach handeln. Und zwar mit dem Recht der Liebe. Hatte es jemand laut gesagt? Oder war es nur sein eigenes förichtes Herz? Hans schlief längst, auch Dr. Werner. Die kräftigen Atemzüge der beiden drangen durch die Stille.- 169 Strahlender Sonnenschein fiel ins Zimmer und weckte Peter aus dumpfen Träumen. Rasch sprang er auf und machte sich fertig. Hans war noch bei der Toilette. Gott sei Dank, verschlafen hatte er also nicht. Aber sein Kopf tat ihm furchtbar weh von all' dem Denken. er nahm sich vor, durch Arbeit heute seine Gedanken zu zerstreuen. Da klang die Stimme seines Freundes Anthony. ,, Du, Peter, der kleinen Freundin Helgas soll es nicht zum besten gehen. Sie hat wieder eine Ohnmacht gehabt." Peter überlief es siedend heiß. Mit Mühe drehte er sich herum und sagte mit einer Stimme, die völlig tonlos klang: ,, Man müßte sich' mal nach ihr umsehen, meinst du nicht auch? Vielleicht könnte ich mich an den Blockarzt wenden. Milch wäre ja das Allerwichtigste." ,, Ja, Peter, ich denke auch, es wird das richtige sein!" Ein Laut wie ein Stöhnen entrang sich Peters Brust. ,, Was hast du, Peter?" fragte Anthony besorgt. ,, Nichts, verzeihe! Du entschuldigst mich wohl." Peter verschwand eilig hinter der Tür. Unten im Hof lief er im Eiltempo durch das Tor und übersprang mit schnellen Schritten die wenigen Straßen bis zur Rathausgasse, wo Kittys Haus war. Dort stand er eine Weile und hörte sein Herz klopfen. Was wollte er eigentlich? Er hatte ja nicht das Recht, hineinzugehen, und eine Ausrede fiel ihm nicht ein. Wie mit Zentnerlasten beschwert ging er wieder zurück und trat den Weg in seine Sprechstunde an. Peter war ein Fanatiker der Arbeit. In Theresienstadt hatte er seine Sprechstunde auf die Vor- und Nachmittagsstunden gelegt. Trotz dieser anstrengenden Tätigkeit, wo er dauernd mit den vielen Krankheitsfällen beschäftigt war, und wo er noch außerdem geschichtliche Studien trieb, empfand er eine Leere, die er beseitigen mußte. Denn auch die Sorge um seine Mutter füllte sein Herz nicht ganz aus. Jetzt, wo er fühlte, daß er eine merkwürdige Sehnsucht nach einer ihm 170 völlig unbekannten Frau empfand, wußte er, daß das Liebe war. Die Liebe zu dem anderen Geschlecht, die ihm bislang fehlte. Wohl hatte er in früherer Zeit genügend Freundschaften und Bindungen mit jungen Mädchen gehabt, aber eine ernstliche Neigung war ihm bisher völlig fremd gewesen. Den Grund darin sah er in dem innigen Zusammenleben mit seiner Mutter. Das Vorzimmer von Peter Vagas' Sprechstunde war mit Menschen aller Art überfüllt. Gebildete und ungebildete, einfache und elegante Damen sagen dicht gedrängt auf den Bänken, oder standen an den Wänden und an den Türen herum. Die Zahnbehandlung erforderte, besonders hier in Theresienstadt, eine ganz außerordentliche Gewissenhaftigkeit seitens des Arztes, denn von der Gesundheit der Zähne hing die Verdauungstätigkeit des Magens ab. Überhaupt wurde hier bewundernswerte Arbeit von den Ärzten geleistet. Man bedenke, daß diese für alle Mühe fast nichts bekamen, nämlich nur das N.Brot und einige Prämien dazu an Margarine und Zucker sowie Leberpastete. Später wurde es mit der Entschädigung an zusätzlichen Lebensmitteln im Gesundheitswesen besser. Jedenfalls konnte man nicht genug Worte der Anerkennung für die uneigennützigen Leistungen der Ärzte finden. Die Dankbarkeit unter den Patienten war natürlich, und besonders drängten sie sich zu der Behandlung von Dr. Vagas, doch es gab außer ihm noch eine Menge anderer Zahnärzte in Theresienstadt. Auch Kitty befand sich heute unter den Patientinnen Dr. Vagas. Die Ordonnanz war gerade dabei, die kleinen Karten einzusammeln, um an Hand der kleinen die große Ambulanzkarte aus der Krankenkartei zu holen, als Dr. Vagas mit großen Schritten durch das Vorzimmer kam. Das erste, was er sah, war Kitty. Er war so erstaunt, den Gegenstand seiner Sehnsucht und ständigen Gedanken plötzlich vor sich zu sehen, daß er unwillkürlich seine Schritte anhielt. Das 171 war sein Verhängnis, denn sofort stürmten übereifrige Frauen auf ihn ein und bedrängten ihn mit tausend Fragen. Er wehrte hastig ab. ,, Meine Damen, fragen Sie nur vertrauensvoll die Ordonnanz, sie wird Ihnen helfen." Dann wandte er sich an Kitty, die im Hintergrunde stand und mit großen Augen die Szene verfolgte. ,, Gnädige Frau, wie ich höre, sind Sie leidend, Sie können hereinkommen." Peter sagte es so gleichgültig wie möglich und schritt voran. Kitty folgte. Die Wartenden schauten mürrisch und finster hinterdrein. Als Kitty den vorbildlich eingerichteten, hellen Ordinationsraum betrat mit den blitzenden, modernen Instrumenten und Ausrüstungen eines absolut großstädtischen Sprechzimmers der Zahnheilkunde, meinte sie nicht in Theresienstadt, sondern in Berlin zu sein. ,, Nun, wo fehlt's denn, meine gnädige Frau?" ,, Ich möchte meine Zähne reinigen und auf etwaige Schäden untersuchen lassen, Herr Doktor." Sie wurde in einen der bequemen Lederarmstühle gesetzt, und dann beleuchtete Peter mit einer Lampe die Zähne und das Zahnfleisch. ,, Selten habe ich ein solch' einwandfreies Gebig gesehen, wie das Ihrige, gnädige Frau." ,, Ich glaube, Herr Doktor, Sie wissen nicht einmal, wie ich heiße, verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit. Kitty Bergner!" ,, Danke, Frau Bergner. Bitte ausspülen!" Kitty entfaltete im Umgang einen unsagbaren Liebreiz. Die zarłe, blasse Hautfarbe, das üppige, goldblonde Haar, der reizende Mund mit den prachtvollen Zähnen und vor allem die Augen mit der merkwürdigen blaugrünen Iris waren das Reizvollste und Schönste, was Peter je gesehen hatte. Das Sehnen seines Herzens war nur von dem einzigen Wunsch beherrscht, etwas zu finden, um Kitty noch ein wenig bei sich zu behalten. Mochten die Frauen heute einmal länger warten als sonst. 172 ,, Schwester, reichen Sie mir bitte die Karteikarte von Frau Bergner herüber." Er vertiefte sich in den Inhalt, über die Angaben der verschiedenen Krankheiten, die Kitly bereits durchgemacht hatte. ,, Sie brauchen unbedingt Milch zur Stärkung. Ich werde mit Ihrem behandelnden Arzt, Dr. Wolf, sprechen." Kitty blickte errötend zur Seite, da sie dauernd den Blick des Arztes auf sich ruhen fühlte. ,, Morgen erwarte ich Sie um dieselbe Zeit, es ist noch eine Kleinigkeit an Ihrem Zahnfleisch zu verbessern. Eine Vorbeugung wegen der Paradentose" Nun war es Peter, der verlegen wurde. Er sprach nicht ganz die Wahrheit. Eigentlich war an den Zähnen Kittys nichts mehr zu behandeln. Aber das Glück war bei Peter eingezogen, und so schnell wollte er es nicht wieder von sich lassen. Ruhig und wie von selber. Er hatte nichts dazu getan, als eine kleine Notlüge begangen. Kitty war am nächsten Tage gekommen und auch noch den darauf folgenden, um sich zu bedanken für die Milch, die Dr. Wolf ausgeschrieben hatte. Eine Auszeichnung, die eigentlich nur die Lungenkranken bekamen. An der Tür seines Ordinationszimmers hielt er sie an, nahm ihre Hand und fragte mit eindringlicher Stimme: ,, Darf ich Sie zu einem gemeinsamen Spaziergang auffordern?" Unsicher und mädchenhaft kam die Antwort. ,, Ja, gewiß gern, aber eine gute Gesellschafterin bin ich nicht." KITTY UND PETER Auch in Theresienstadt blühte der Sommer 1943. Zwar nicht in seinem bekannten bunten Farbenspiel des leuchtenden Blumenschmucks und saftigen Grüns der Wiesen wie in anderen Städten, aber doch immerhin so lieblich, daß die ermatteten Seelen Erquickung 173 und Trost aus seinen Gaben ziehen konnten. Heute war der Tag, wo Kitty mit Peter Vagas zum erstenmal zu- sammenkommen wollte. Um elf Uhr war der Treffpunkt auf dem Marktplatz angesetzt, in der Mittagspause! Jetzt schlug es eben vom Kirchturm sieben Uhr. Leichtfüßig eilte Kitty zu ihrer Arbeitsstätte. Erfrischend war die Morgenluft, es hatte in der Nacht geregnet, und noch immer hingen Wolkenschleier in der Luft. Nun ging es hinunter in den Keller, um in dieser Atmosphäre viereinhalb Stunden ununterbrochen still zu sitzen und das Essen für die Kinder zuzubereiten. Von 111% bis 121% war Freizeit.——— Gibt es etwas Natürlicheres, als einem Menschen in die Augen zu schauen? So dachte Peter, als er dem Marktplatz zuschritt. Täglich, stündlich kreuzen sich unsere Blicke mit denen der anderen. Aber plötzlich trifft dich ein Augen- paar. Sekundenlang nur—— du stutzt. War das nicht jemand, den du kennst? Wie vertraut erschien er dir. Alle anderen Menschen sind dir gleichgültig. Nein, er geht vorüber, achtlos— und ist verschwun- den. Peter Vagas hatte damals im Menschengewühl des diesigen Nachmittags, als er mit Hans ins Kaffee gehen wollte, ein junges Weib gesehen. Blitzartig. Wie deut- lich er sich dessen heute erinnerte. Der entscheidende Umstand trat ein: das erwachende Interesse. Unter Tausenden ein Mensch, der einen Teil von deinem Teil sein mußte. Deter hatte diesen Augenblick nicht vergessen. Zum erstenmal fühlte Peter das Feuer der Liebe in sich brennen: die lang Ersehnte war gefunden. Sein Suchen in ganz Theresienstadt war vergeblich gewesen, denn der Gegenstand seiner Sehnsucht lag damals schwerkrank auf dem armseligen Lager und schien eine Beute des Todes werden zu wollen, denn er hatte sich bereits der Schwelle genähert. 174 In dieser für Peter aufwühlenden Zeit war er seltener bei seiner Mutter gewesen. Immerhin waren es nur ein paar Tage, und doch fühlte er Gewissensbisse, wenn er daran dachte. Frau Vagas wußte sich zu bescheiden. Nie machte sie Deter Vorwürfe, wenn er einmal ausblieb. Er sollte wenigstens hier seine absolute Unabhängigkeit haben. Nun hatte es sich trotz aller Hindernisse des Arbeits- zwanges doch noch einrichten lassen, sich mit Kitty zu ireffen. Es entstand jene Verbindung der Herzen, die sich die Liebe als Brücke bedient, um zu ihrem Ziel zu gelangen. „Ich sah Sie nie spazierengehen!“ so begann Peter die Unterhaltung. „Oh, ich bin immer tätig“, erwiderte Kitty gedrückt. „Wie kommt es? Haben Sie nicht Eltern oder Ge- schwister hier?“ „Nein, ich bin hier allein hergeschickt worden, nur eine junge Frau aus Frankfurt hat sich mir angeschlos- sen.“ „Ja, ich weiß es“, warf Peter ein.„Sie ist jetzt glück- liche Braut meines Freundes.“ Eine kleine Pause der Verlegenheit trat ein. Sie gin- gen schweigend weiter. Peter war beglückt von Kittys Nähe und sah sie wiederholt von der Seite an. Ein un- verhüllter Ernst trat bei Kitty immer wieder hervor und paßte eigentlich nicht zu ihrer mädchenhaften Erschei- nung. „Wollen wir zur Bastei hinauf? Oder was meinen Sie, Frau Bergner?“ fragte Peter nach einer Weile. Kitty nickte. Sie waren auf der Bastei angelangt. Das Sudetengebirge trug goldene Kronen. Kitty sprach zuerst. „Es ist sehr schön, das Bild hier oben, aber es sind meist zu viele Menschen stets versammelt,——— und dann, wissen Sie, Herr Doktor, die Freiheit, die dort von drüben herüberwinkt, immer vor Augen zu haben, 175 das geht eigentlich über meine Kraft. Man empfindet so recht den Mangel an Freiheit, wenn das Wetter so schön ist wie heute." Peter sah ihr sinnend ins Gesicht. Und dann sprach Kitty leise: ,, Wer weiß, ob ich die Freiheit je erlebe." Ihr Antlitz war sehr bleich geworden, und dann sprach sie weiter: " , Vielleicht nimmt mich vor der Zeit eine Krankheit mit sich fort, wie alle anderen meiner Leidensgefährtinnen, die von Hamburg hierher geschickt wurden. Und wenn die Natur sich zur Ruhe legt und die Blätter im Tale fallen werden, ist es auch mit mir aus. Wer kann das Leben ohne Hoffnung tragen?" Der jungen Frau traten die Tränen in die Augen. ,, Oh, wer wird so kleinmütig sein, Frau Bergner. So dürfen Sie nicht denken. Ein solcher Glaube ruft den Tod herbei. Glauben Sie an das frische, pulsierende Leben Ihres Körpers, an die Reinheit und Erhabenheit der Natur, und Sie werden die Widerwärtigkeiten unserer Lage überwinden." ,, Mir sind die schweren Erlebnisse eine stete Todesmahnung gewesen, je mehr sie sich häuffen, desto grausiger wirkten sie auf mein Gemüt. Bald sind alle Hamburger Familien, mit denen ich hier eintraf, gestorben." Ein wildes Schluchzen durchschüttelte auf einmal Kitty. Sie hatte ihre Selbstbeherrschung verloren. Da nahm Peter Vagas die zitternde Gestalt sachte in seine Arme. Ohne Worte, ohne großen überschwang vollzog sich der staunenswerte Wechsel in beider Leben. Eine einzige Sekunde hatte entschieden. Ein wundervolles Gefühl des Geborgenseins überkam Kitty. Sie schloß die Augen und ruhte nach Jahren an der Brust eines fremden Mannes. Und Peter? " ,, Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe, Frau Bergner. Nehmen Sie mir bitte meine Freiheit nicht übel. Sie ahnen nicht, was Sie mir sind. Bei Ihrem ersten Anblick spürte ich schon das Entscheidende für mein Leben. Sie sind das Ebenbild meiner Mutter, als 176 sie jung war. Und meine Mutter ist für mich das Ideal aller Frauen. Heute zuerst nehmen Sie ihren Platz ein. Darf ich Ihnen diesen Schutz hier in Theresienstadt an- bieten?“ Kitty stand mit gesenktem Kopfe, und plötzlich reichte sie Peter impulsiv die Hand.„Ja! Auf gute Kamerad- schaft!“ Und so vollzog sich die Wandlung. In ihrer tiefen, seelischen Bedrängnis hatte Kitty sich entschlossen, Peters Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er stand plötzlich in ihrem Leben und hatte zuvor gefragt, ob er auch ein Recht dazu hätte. Es gab allerdings Tage, wo sie schrecklich litt. Denn fern im Hintergrund stand jener Mann, dem ihr Herz gehörte. Bis jetzt hatte sie nie gewagt, auch nur mit einem Gedanken die Ver- gangenheit heraufzubeschwören, weil sie es einfach nicht ertragen konnte. Aber jetzt legte ihr die Gewis- senhaftigkeit diese Frage vor: mußte sie nicht Peter sagen, daß ihr Herz nicht frei sei? Sie wollte es zunächst der Zukunft überlassen, wie sich ihr Verhältnis zueinander gestalten würde. Peter hielt Kittys Hand beim Abschied lange in der seinen, und tief schaute er ihr in die Augen:„Gleiches Schicksal, gleiche Gemeinschaft.“ „Also dann auf Morgen um dieselbe Zeit.“ Peter Vagas’ Herz klopfte. Er sah die Überraschung, die sich in Kittys ‚Gesicht spiegelte. Da lächelte sie, und in diesem Augenblick war ihr Antlitz zart überhaucht von einem inneren Licht, und sie war anzuschauen wie ein wunderschönes Bild. Dann sagte sie leise:„Recht gern!“ INDER FARBEREI Die Tage gleiten dahin. Mit der Kleidung und dem Schuhwerk sieht es immer schlimmer aus. Durch die ewige Nässe in der Färberei sind die Sohlen verdorben und lassen Wasser durch. 177 12 Philipp, Die Todgeweihten Die Arbeit verbraucht jedes Kleidungsstück schnell und es verschleißt. Immer dasselbe Kleid oder dieselbe Bluse. Auch die Strümpfe sind Fetzen. Viele binden sich Tücher über die Schuhe und legen zerschnittene Säcke als Schutz gegen den Regen über die Schultern. Es gab unter den Gefangenen noch welche, die Geld hatten, die veräußerten diese letzten Reste ihres Besitzes für Brot. Nur die Tschechen hatten alles, denen ging nichts ab. In den Arbeitsämtern und den anderen wichtigen Stelten des großen Beamtennetzes, der Proviantur und der Küchenbetriebe saßen sie. Was sie nicht hatten, konnten sie sich durch Tausch beschaffen. Kitty hatte peinigenden Hunger. Tag für Tag. Es wurde immer ärger, weil die Zeit zu lang war und der Körper den Mangel der Vitaminlosigkeit nicht mehr ertragen konnte. Es schien auch, als wenn das Essen weniger würde. Mit zusammengebissenen Zähnen stieg Kitty des Abends auf ihr Lager, und wenn die Ruhe über sie kam, setzten die Krämpfe ein. Sie stöhnte und preßte das Kissen an den Mund, um nicht zu schreien. ,, Ich will gesund bleiben, aber wie kann ich das!" Peter durfte nichts von diesen aufwühlenden Gedanken merken. Er litt selbst sehr und klagte nie. Am besten war die Ruhe, sie sparte das Essen. Die Ärzte bekamen Ohrfeigen oder wurden in einen Transport gesteckt, wenn ihr Patientenkreis größer wurde und viele der Arbeit fernblieben. Es wurde tüchtig geschimpft auf der Kommandantur, da Hunderte Kranke in den Krankenhäusern und den Marodenstuben lagen. Die SS- Lagerkommandantur bestimmte, daß alle Gehfähigen zur Arbeit müßten, nur Schwerkranke oder vom Fieber Befallene wurden ausgenommen. In der Ambulanz drängten sich die Menschen, hauptsächlich die ganz Alten, und die Ärzte kamen überhaupt nicht mehr zum Atemholen. 178 Nachdem Kitty die Blutvergiftung überstanden hatte, war eine Schwäche zurückgeblieben. Wenn sie genug zu essen hätte, wäre sie gesund geworden. Sie versuchte auf den Füßen zu bleiben und zwang sich zur Arbeit mit Aufwendung aller ihrer Kräfte. So leistete sie wirklich ihr Pensum. Doch nicht zum Gefallen und zur Zufriedenheit des ersten Ingenieurs Ferner, dem ein Teil der Großbetriebe in der Magdeburger Kaserne zur Aufsicht unterstand. Er mochte die ,, Neue", wie er Kitty nannte, nicht leiden. Ihr ausgesprochenes Deutschtum in Sprache und Wesen war ihm ein Dorn im Auge, denn er war ein Tscheche. Der lange Mensch mit dem viel zu kleinen Kopf, auf dem schwarzes, buschiges Haar wuchs, mit dem lauten Befehlston seiner Stimme und dem schleichenden Schritt eines Panthers, war eigentlich niemandem sympathisch. Nur in seinen Freistunden, wenn er im Kreise seiner Freunde und Bekannten die liebenswürdige Seite seines Wesens herauskehrte, erkannte man Qualitäten eines besseren Menschentums. Er wirkte in der Freizeitgestaltung als Schauspieler mit und hatte im Faust die Rolle des Mephisto übernommen. Er war ein Sprachkünstler ersten Ranges, das konnte man ihm nicht absprechen und in seiner Heimatstadt Prag als erste Kraft geschätzt. Wie aus dem Boden gewachsen stand er mitunter plötzlich in der Färberei und sah mit gerunzelten Brauen umher, ob nicht etwas zu rügen sei. Während die anderen Frauen ihn sofort bemerkten und sich übereifrig mit der vor ihnen liegenden Arbeit zu schaffen machten, bemerkte ihn Kitty erst, wenn er direkt vor ihr stand und mit bösem Blick dem ruhigen Spiel ihrer Hände zusah. Sie war eben damit beschäftigt, Wollsträhnen zum Färben auf einen Stab zu schieben und ließ sich dabei Zeit, die Fäden gleichmäßig zu ordnen, als der Ingenieur ihr die Wolle samt dem Stock aus der Hand riẞ, und sie in einem Anfall von Raserei anschrie: 12* 179 „Welcher Idiot hat Sie denn auf uns hier losgelassen? Sie sind das untüchtigste Geschöpf, das mir je begeg- net ist!“ Kitty blickte ratlos auf die zerrüttete Wolle, die nun wirklich in völliger Unordnung vor ihr lag. Sie sagte nichts. Einem Vorgesetzten durffe man nicht widersprechen, das konnte böse Folgen haben. Die Frauen sahen auf Kitty. Sie konnten nur mühsam ihre Fassung bewahren und brachen, sobald der Inge- nieur brüsk sich umwandte und die Tür der Färberei hinter sich ins Schloß warf, in ein tobendes Gelächter aus. Frau Duka versteckte ihren Kopf wie gewöhnlich zwischen den Farben. Häufig genug gab Kitty auf ihrer neuen Arbeitsstätte, der Färberei, durch ihr zerstreuies und insichgekehrtes Wesen Anlaß zu groben Witzen und Gelächter. Die einfachen aus allen möglichen Volksschichten stammenden Frauen wollten sich ausschütten vor Lachen. Sie sagten:„Nun haben wir endlich einmal die nötige Abwechslung in dem ewigen Einerlei unserer Dreck- arbeit!“ Frau Duka, eine Tschechin und auch eine gebildete Dame, rügte zwar manches, ließ aber doch häufig diese schadenfrohe und mitunter sehr ins Gewöhnliche aus- artende Stimmung bestehen. Selbst ihr bereitete Kitty Spaß. Hier wurde ein schlechtes Deutsch gesprochen und ganz ernsthaft für gut befunden. Hier wurden Aus- drücke gebraucht, deren Sinn und Bedeutung sehr zweideutig waren. Es war ein Milieu wie in einer Ha- fenkneipe obszöner Art. An Kitty prallte dieser Umgangston ab. Sie verstand ihn einfach nicht, auch war sie viel zu gleichgültig, um überhaupt darüber nachzudenken. Selten beteiligte sie sich an den Unterhaltungen der Frauen, deren Gesprächsstoffe ihr fremd waren. Den- noch hielt sie auf eine kameradschaftliche Zusammen- 180 gehörigkeit, war immer diensteifrig und stand helfend den Kolleginnen zur Seite. Kittys Verträumtheit hatte einen guten Grund. Je mehr Abstand die erlebten Dinge von der Gegenwart erhielten, desto plastischer und klarer traten sie in ihrer Erinnerung hervor. Da war die Zeit im Jugendheim und der Verlust der Kinder, dieser hatte sich wie mit einem Siegel tief in ihre Seele gebrannt. Und dann war Peter da, der dauernd zum Nachdenken zwang. Seine bittenden Augen, die Wärme seiner Hand, die wundervolle Sicherheit und Ruhe seines Wesens beschäftigten sie dauernd. Wie ist das alles zu beschreiben. Gott hatte eine Mauer um sie alle aufgebaut, sie sind eingeschlossen, abgesondert von der Welt, und ein Wunder müßte geschehen, um sie zu befreien. Täglich, stündlich stand der Gedanke vor ihr. In allen Lagen des Lebens soll sich der redliche Mensch bewähren. Soll er leiden, so fue er es ohne Murren. Und je mehr man äußerlich an materiellen Gütern verliert, desto höher steigen die inneren Werte. Trotzdem jedes Leben einen tiefen Riß bekommen hatte, mußte es getragen werden durch Geduld und Gottvertrauen. Bei den Zusammenkünften mit Peter war Kitty jetzt etwas aufgeschlossener in ihrem Wesen als früher. Er hatte schon einiges erfahren über die Verschleppung und über ihr Verhältnis zu den Dingen und Menschen am Anfang ihres Theresienstädter Aufenthalts. Wie zerbrochen und gänzlich zerschlagen sie die Fahrt nach Theresienstadt angetreten hätte, und wie dann ein ganz neuer Geist über sie gekommen sei durch die furchtbaren Eindrücke, die sie durch die Erzählungen der schwergeprüften Frauen, die im Zuge mit ihr sagen, erhalten hatte, und wie dann ihr Gelöbnis kam, durch fremdes Leid das eigene Leid zu vergessen. ,, Und Peter, ich muß es Ihnen sagen, daß Sie klar über mich denken können, wenn wir beieinander sind, 181 der Gedanke an den Mann, den ich zurücklassen mußte, verließ mich nie, und auch heute noch kehrt er immer wieder mit schärfster Eindringlichkeit zurück." Und Peter fragte: ,, Und ich, Kitty, wie stehe ich zu Ihnen?" Sie sah ihn groß an:„ Ja, Peter, wem würde ich es erzählen, nur dem Freund, der mir am nächsten steht. Ich nehme alles sehr ernst." Und dann lächelte sie. Er küßte ihre Hand. Dank und Glück fühlte er zutiefst im Herzen. Wenn die Seele so wund ist und gequält wird, braucht sie Heilung. Peter mußte an sich halten, um nicht zuviel zu geben. Kitty war still und zurückhaltend, er sah, wie sie litt, auch wenn er die reichen Gaben seiner Liebe über sie ausschüttete. ,, Sie sind so still, Kitty. Ohne Sorge, ich will für Sie reden, handeln und Sie schirmen. Behalte dein geheimes Weh, bis du dich mir ganz geben kannst." Das Letztere hatte er aber nur gedacht. Peter sah Kittys geängstigte Augen sehr häufig auf sich ruhen und meinte ihre Seele schreien zu hören in ihrer Not. Er wußte nicht, was er ihr alles zuliebe fun könnte. Es war schrecklich, so machtlos zu sein. Erstaunt und ungläubig wäre Peter gewesen, hätte einer ihm gesagt, Kitty sei von den Fittichen des Todes schon beschatfet und der Engel stände in der Entfernung, bereit, ihre Seele zu holen. - - Inzwischen war das Wetter sehr schön geworden, so dak Kitty und Peter in der Freistunde die Sonne voll ausnutzen konnten. Peters Haut nahm schnell eine bräunliche Färbung an, während Kittys Gesicht sich rötete, aber nicht braun wurde. Auch ihr Körper erhielt nur langsam einen bräunlichen Schimmer. Er war häufig bei ihr. Aber mancher hat wohl bemerkt, daß die Nähe eines Menschen nichts ausmacht 182 und daß man räumlich nahe sein kann und doch in Gedanken weit voneinander entfernt. Was mochte Kitty denken, wenn sie so still neben ihm herschritt oder bei ihm saß? Waren ihre Gedanken bei ihm, in der Heimat oder bei dem fernen Freund, von dem sie ihm verschiedene Male sprach? - Der Gedanke quälte ihn. Zum Teufel auch, sie muß jenen vergessen. Was soll der hier, hier in der Gefangenschaft? Hatte er je an Kitty gedacht, geschrieben oder ein Paket geschickt? Nein! Mit den paar armseligen Worten hatte er sich verabschiedet und die Tür hinter sich geschlossen. Jede Verbindung mit Kitty war damit abgeschnitten. - Aber er gestand sich, er hegte Groll gegen den Mann, der sich wie eine Scheidewand zwischen ihn und Kitty schob. Haßte er ihn? Nein, so nicht, er wehrte sich nur. Aber Kitty, die ohnehin schon so schwer an ihrer Gefangenschaft trug, sollte entlastet werden. ,, Dünkt es Sie nicht, daß wir reichlich lange schweigen, Kitty?", sagte Peter Vagas auf einem Spaziergang und blickte sie dabei forschend an. ,, War es hier gewesen, wo Sie mich zuerst erblickten?" Kitty wies von der Böschung aus, wo sie gerade standen, in die Hauptstraße hinein. ,, Hatten Sie die ganze Zeit daran gedacht?" fragte Peter froh und erstaunt. „ Und ich meinte, Ihre Gedanken seien in der Heimat." Aber Kitty schüttelte den Kopf. ,, Dort hat man mich ganz vergessen", sagte Kitty bitter. " Wieder war eine Freistunde vorüber. Langsam, unendlich langsam wuchs Peters Einfluß. ES WAR AN EINEM FRÜHMORGEN In der Putzstube herrschte ein geschäftiges Leben. Der erste Ingenieur Ferner schüttelte miẞbilligend den Kopf. 183 " , Wissen Sie, Weininger, es ist seltsam hier mit den Menschen, nach und nach verlieren sie alle langsam den Verstand. Blöd werden sie, einfach blöd." Nebenan, in der Färberei, ist seit einigen Tagen eine Neue. Manchmal weiß sie ganz vernünftige Antworten zu geben, aber dann ist sie irgendwie behindert,- geistesabwesend, träumt. Am hellichten Tag. Ich hab nie geglaubt, daß es wirklich solche Menschen im täglichen Leben gibt. Die eignet sich niemals zu einer tüchtigen Arbeiterin." Der angeredete zweite Ingenieur Weininger sah zu dem lang aufgeschossenen, hageren Manne mit dem viel zu kleinen Kopf, den pechschwarzen, buschigen Augenbrauen und der mächtigen Glatze hinauf und zuckte bedauernd die Achseln, dann sagte er begütigend: ,, Wir haben schon viele untüchtige Frauen und Mädchen im Betrieb gehabt, die sich später ganz nett einarbeiteten. Man muß nur Geduld haben!" ,, Ich sage Ihnen, die träumt immer. Wenn die Duka sie ruft, dauert es lange, bis sie sich in die Wirklichkeit findet. Sie ist mit ihren Gedanken stets woanders, nie bei ihrer Arbeit." ,, Vielleicht hat sie einen Kummer?" ,, Mir gleich! Ich werde sie bei der ersten Gelegenheit an die Luft setzen. Gehen Sie doch mal hinein, Weininger, und sehen Sie sich das seltsame Wesen an." Weininger nickte. Seine kleine untersetzte Figur mit dem komischen Bäuchlein schob ab. Er trat von der Putzerei in den Gang hinaus, um in die nebenan liegende Färberei einen Blick zu tun. Das wenig schmeichelhafte, ja abfällige Urteil des Ersten hatte seiner Neugierde keinen Abbruch getan, gehörte doch das„ Ewig Weibliche" zu seiner Schwäche, und den Spitznamen„, Schürzenjäger" ließ er sich gutmütig gefallen. Aufrichtig gesagt, freute er sich geradezu auf die Neue. 184 Ein runder Kopf, mit etwas angegrauten Haaren, zwei wasserblauen Augen, einer unmöglichen Nase, langen, ewig pendelnden Armen, dazu einem wiegenden Gang, dieses zusammengenommen war der zweite Ingenieur Weininger. Aber seine Güte, seine Menschlichkeit schoben die Lächerlichkeiten seiner äußeren Person beim Näherkennenlernen in den Hintergrund. Innerlich war der Zweite ein Prachtkerl. Ging Ferner davon aus, seine Angestellten zu quälen und ihnen das Leben recht schwer zu machen, so war Weininger das gerade Gegenteil von ihm. Immer suchte er zu vermitteln, auszugleichen. Sein runder Kopf steckte sich durch die Tür der Färberei. Langsam kam das Bäuchlein und die übrigen Gliedmaßen nach. Ein infernalisches Gelächter schlug ihm entgegen. ,, Komm nur herein, Schürzenjäger, hier gibt's Theater. Unentgeltlich!" rief die Sachse, eine Berlinerin, die am Kessel stand und mit einem langen Stock das im Wasser schwimmende Zeug umrührte. Der Dampf des heiBen Wassers umhüllte fast ganz ihre Gestalt. Weininger bot einen„ Guten Tag" und nickte den Frauen an den langen Tischen freundlich zu. Eine jede hatte irgendein Kleidungsstück vor sich, das mit Seifenwasser und Bürste bearbeitet und so gereinigt wurde. Sie schmunzelten alle und schienen recht vergnügt zu sein. Auf einem kleinen Tisch standen viele Schachteln mit Farben. Frau Duka, die Leiterin der Färberei, war mit dem Auswählen der Farben beschäftigt. Sie rief jetzt scharf Frau Sachse zur Ordnung. ,, Fröhlichkeit ist gut, aber sie darf nicht ausarten." Weininger frał zu Frau Duka und gab ihr die Hand. Sie zeigte ihm stolz die neuesten Resultate ihrer Färbekunst und wies ihm die gefärbten Leinenstücke vor. Sie waren größtenteils braun gefärbt und für die deutsche Wehrmacht bestimmt. 185 Während sie lebhaft gestikulierend vor ihm stand und einen wahren Redestrom entfesselte, stutzte er. Neben der Leiterin stand eine junge Frau. Sie hielt einen Mörser mit einem Klöppel darin zum Zerstoßen der Farben in der Hand und wartete darauf, daß Frau Duka ihr die Farben reichte. Wahrscheinlich die ,, Neue", dachte Weininger. Prächtig anzuschauen mit einem herrlichen Blondkopf. Donnerwetter noch einmal. Sein Herz trommelte einen Generalmarsch. ,, Ich habe Sie hier noch nicht gesehen. Wer sind Sie?" ,, Kitty Bergner", antwortete die junge Frau, ohne aufzublicken. ,, Sie sind die, Neue'?" fragte erstaunt Weininger. ,, Ja, seit einiger Zeit bin ich hier angestellt." ,, Halten Sie das denn wirklich durch?". Lächelnd sah Kitty auf: ,, Das ist doch selbstverständlich!" Weininger ist von ihrer Frische und Zartheit gerührt. Welch' ein tapferes Mädel, denkt er, laut sagte er: ,, Ich finde Ihren Mut begeisternd." Er sieht ihr mit aufrichtiger Teilnahme in die Augen. ,, Aber ich glaube, Sie werden die Arbeit hier nicht lange machen können, die schweren Bottiche zu hantieren, und die Kohlen zu schleppen zum Heizen des Kessel ist doch nicht einfach?" ,, Und warum nicht?" , Weil Sie mir zu zart und schwach aussehen", meinte Weininger. ,, Ach, das ist nur äußerlich!" ,, Und die schmutzigen Sachen zu reinigen, zu färben, kommen Sie denn damit zurecht?" ,, Dafür wird der Herr Ingenieur schon sorgen.“ Richtig, der Erste, den hatte Weininger ganz vergessen. Und wie unrecht tat er doch der jungen Frau. Sie sprach so nett und vernünftig. Es war ein heißer Tag. Alle Gesichter glühten und waren naß von Schweiß. Die Kessel dampften von der 186 Glut der Ofen. Vom frühen Morgen bis zum Nachmittag diese Hitze. Kitty war zum Kessel getreten. Sie hatte die Farben zerstoßen und stellte das Gefäß auf den Tisch. ,, Na, was sagen Sie, Frau Duka?" Frau Duka wandte sich zu Weininger. ,, Manchmal ist es schwer, mit der Bergner ins Reine zu kommen, dann träumt sie eben. Eine Sache, über die sich hier die ganze Belegschaft lustig macht. Aber es geht mir mit jeder Neuen so. Eigentümlichkeiten haben wir ja alle an uns. Gerade eben war sie wieder Gegenstand der größten Heiterkeit gewesen. Sie bildet stets eine Quelle neuer Belustigungen, nimmt es aber gar nicht übel, obgleich jede andere an ihrer Stelle aus der Haut fahren würde. ,, Nicht wahr, Frau Bergner?" Kitty fuhr empor. Sie hatte wieder geträumt. ,, Entschuldigen Sie, Frau Duka, von wem war die Rede?" Alle brachen wie auf Kommando in ein Gelächter aus, auch Weininger stimmte mit ein. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. ,, Ist denn so etwas möglich?" ,, Da sehen Sie es, das Haus kann abbrennen, die Bergner würde es nicht merken." Immer noch Gelächter, aber plötzlich schlug jäh die Lustigkeit in Schreck um. Die Sachse hatte den Schlauch von der Wand gelöst und den Hahn aufgedreht. Sie richtete diesen auf Kitty und ein breiter Wasserstrahl überschüttete diese von oben bis unten. ,, Ich will Sie aufwecken", rief sie dabei roh. Weininger war es, der jetzt eingriff. Er sprang auf die hagere Berlinerin zu und riß ihr den Schlauch aus der Hand, versetzte ihr ein paar schallende Ohrfeigen,-- und eine brüllende Strafpredigt. Kitty war inzwischen aus der Tür gelaufen. Brennend rot vor Scham und innerlich zitternd vor Kälte eilte sie über die Straßen nach ihrer Behausung. Im Zimmer 187 angelangt, fühlte sie eine erbärmliche Schwäche in allen Gliedern. Sie wehrte alle lästigen Fragen von sich ab. Streifte das triefende Zeug herunter und zog sich schnell um, dann eilte sie zurück an ihre Arbeitsstätte. Neugierig schauten die Frauen die Zurückkehrende an. Die Sünderin Sachse sah zerknirscht aus. Wahrscheinlich hatte die Bergner drüben beim Chef gepetzt. Der Hinauswurf wird wohl nicht lange mehr auf sich warten lassen. Allerhand dunkle Angaben waren bereits über sie vermerkt und diese Schandtat würde genügen. Frau Duka verlor ungern ihre tüchtigste Arbeiterin und hatte daher immer beide Augen zugedrückt. Sie blickte nun auch mit einiger Besorgnis auf Kitty. ,, Wo waren Sie denn so lange? Drüben beim Chef Meldung machen?" ,, Nein! Ich habe mich nur umgezogen." Sie lächelte ganz leise. ,, Blöd", nannte Ingenieur Ferner dieses Lächeln. War es möglich? Die Bergner petzte nicht? Ganz verwundert schaute die Sachse zu Kitty hinüber- Weininger hatte von nun an ein Sorgenkind. Er wachte über Kitty. Sie merkte es kaum. Ihr Gesicht trug trotz aller Verträumtheit den Ausdruck eines klaren Willens. Als der Arbeitstag von 10 Stunden vorübergehend auf 14 Stunden gesteigert wurde, um die Bekleidung für die Tausenden von Menschen der einlaufenden neuen Transportzüge zu schaffen, die völlig verhungert mit zerfetzten Kleidern aus den Waggons herausgeholt und in die Entwesung eingeliefert wurden, betrug die Stückzahl der täglich gereinigten Kleidungsstücke, die Kitty ablieferte, 110. Eine erstaunliche Leistung, die von keiner anderen Frau erreicht wurde. Die Frauen sahen sich untereinander beschämt an. ,, Und früher haben wir soviel und so off über sie gelacht." ,, Sie hat es ja kaum bemerkt", tröstete eine andere. 188 Jeden Morgen, wenn Kitty in den Betrieb eintrat, tauchte irgendwo Weininger auf. " , Wie haben Sie geschlafen, mein Goldkind?" ,, Danke der Nachfrage, Herr Ingenieur, sehr gut und ungestört." Ein langer Schatten fiel durch die geöffnete Tür der Färberei. Ingenieur Ferner kam herein. , Wollte mich von Ihnen, meine Damen, verabschieden. Mein Transportzug geht am morgigen Tage." Viele Hände streckten sich ihm entgegen. Auch Kitty bot ihm die Hand. Er blieb vor ihr stehen. ,, Sie haben es also doch geleistet, trotz aller Träumerei." Eine kurze Anerkennung nur, aber für Kitty wie ein Glockengeläut. Der Ingenieur wollte sich zum Gehen wenden, da reichte ihm Kitty ein Paket. ,, Was ist das?" ,, Die Wäsche und der Anzug ihres kleinen Jungen." Mit großen Augen nahm Ferner das Paket in Empfang. ,, Wer hat Ihnen denn das Zeug gebracht?" fragte er erstaunt. ,, Der Kleine! Er war gestern hier und gab es mir." ,, Und Sie haben in der kurzen Zeit--?" Kitty lächelte und sah den Ingenieur an. ,, Ich habe Kinder über alles lieb." Der Ingenieur wandte sich ihr voll zu und streckte ihr die Hand noch einmal entgegen. ,, Ich habe Ihnen etwas abzubitten. In der Stunde des Scheidens will ich Ihnen meinen Dank für Ihre Leistungen nicht vorenthalten." Er grüßte noch einmal und verließ die Färberei. Es war Sonntagsgottesdienst. Hunderte von Menschen füllten den kleinen zugigen Bodenraum. Wenn man nicht eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes zugegen war, bekam man keinen Platz. 189 Dann betrat Dr. Goldner ein provisorisches Podium, dahinter erhob sich ein überlebensgroßes Bild des gekreuzigten Heilandes. Dr. Goldner war ein kleiner Mann mit einem wunderbar feinen vergeistigten Kopf, mit leuchtenden, klaren Augen und einem gläubig sicheren Blick. Die brausenden Klänge der Orgel wurden ersetzt durch einen Chor schöner Stimmen. Alles war Ersatz, aber es lag eine tiefe Frömmigkeit auf allen Gesichtern, die ergreifend zu Herzen ging. Eine Wahrhaftigkeit und Demut tat sich in den Worten der Predigt kund. Sie ließ Zeit und Ort vergessen. Feierlicher Gesang fönte durch den Bodenraum, der jetzt eine geheiligte Stätte war, obgleich jedes Zeremoniell fehlte. Sie waren alle mit dürstendem Herzen gekommen, das Wort Gottes zu hören in der großen Not ihres Lebens, und wie eine schwere Last warfen sie die weltlichen Gedanken beiseite. Tief im Grunde ihrer Herzen mahnte zwar der Gram über die schwerste Prüfung ihres Lebens, aber die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage machte sich nur leise bemerkbar und wurde durch die Innigkeit und Zuversicht der Predigt hinweggenommen. Neuer Mut und Vertrauen erwachten. Die Ergriffenheit dieser Art von Frömmigkeit der gefangenen und entrechteten Menschen wirkte erschütternd. Kitty und Peter standen zusammen, und ihre Hände ruhten ineinander. Die Menschen hier waren in dem härtesten Kampf ihres Lebens eingesetzt und sollten doch ihren Glauben an Gottes Allmacht in festem Vertrauen bewahren. Sie mußten alle Zweifel niederkämpfen. Peter verspürte eine unsägliche Freude, in der Nähe Kittys zu sein, und er hatte das Gefühl, daß er ihr immer näher und näher käme. Jedes Wort der Predigt empfand er als ihrem Wesen zugehörig. Manchmal wandte er ein wenig den Kopf und betrachtete Kittys feine Züge. Ihr Gesicht zeigte, von der Seite gesehen, eine seltsame 190 Wehmut, als ob sie innerlich weinte. Schnell war die Stunde der Andacht vorüber. Aller Augen, noch voll vom Dunkel des Bodenraumes, mußten sich erst an das Gleißen und Flimmern des jungen Sommermorgens gewöhnen. Draußen lag Sonnenschein, festlicher Glanz. Selbst die Gipfel des klar hervortretenden Sudetengebirges frugen heute Kronen. Doch jetzt mußten sich die Gedanken losreißen von dem Glanz und der Pracht des morgendlichen Sonntages, jetzt hieß es: Zurück an die Arbeit. Für die Tätigen in Theresienstadt gab es keine Fest- und Feiertage. Peter und Kitty gaben sich die Hand zum Abschied, und ein jeder eilte seinen Pflichten nach. Kitty trat durch die Tür der Färberei. Ein ohrenbetäubendes Geschrei schlug ihr entgegen. Alle feiertägige Stimmung war sofort verflogen. Eine Kollegin stand vor der anderen, einer gewissen Frau Schwarz, und schrie sie an: ,, Was, Sie wollen Ihren blinden Mann allein in Theresienstadt zurücklassen? Das können Sie als Gattin und fürsorgliche Frau nicht verantworten." ,, Meine Tochter lasse ich nicht allein in den Transport gehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu melden. Für meinen Mann wird gesorgt. Alles das hat man mir genau gesagt." ,, Immerhin finde ich Ihr Verhalten Ihrem Manne gegenüber unrecht. Er ist doch blind und hilflos. Stellen Sie sich doch mal seine Lage vor, wenn er ohne Frau und Tochter ist." Die anderen Frauen hatten sich in diesen Meinungsaustausch nicht hineingemischt. Aber sie fragten jetzt untereinander: " Wie geht eigentlich solcher Transport vonstatten? Ich habe keinerlei Vorstellung, wohin die vielen Menschen verschickt werden." Eine andere antwortete: ,, Es ist nicht so schwer, sich das Wohin auszumalen. Sie werden eben da eingesetzt, wo Arbeitsmangel herrscht." 191 ,, Aber die Kinder, die alten Frauen, wo bleiben die? Na, wir werden es wohl nicht' rauskriegen." In der Färberei glühten die Ofen. Frau Sachse, die erste Arbeiterin und Färberin am Kessel, war heute nicht zugegen, stattdessen stand Kitty Bergner, die neue Arbeiterin, dort und rührte mit einem langen Stock die in der Farbe schwimmenden Zeugstücke um. Frau Sachse und zwei andere Frauen des Betriebes hatten am gestrigen Tage von dem zweiten Ingenieur Weininger den Auftrag erhalten, sich in der Frühe um 7 Uhr einer größeren Gruppe Frauen anzuschließen, die im Hofe der Magdeburger Kaserne auf sie warteten, um Urnen fortzutragen. Für die geleistete Sonderarbeit würden sie eine Dose Leberpastete erhalten. Viele Frauen hatten sich dafür gemeldet, um diese hochwillkommene Zusatzration zu der geringen Tagesmenge zu bekommen. Niemand wußte, um was es sich handelte. Die Magdeburger Kaserne lag an der Hauptstraße und durch diese kamen gegen Mittag einige Mädchen und Frauen gelaufen. Sie hielten im Arm einen Gegenstand fest an die Brust gedrückt. Ein breiter Menschenstrom folgte ihnen, denn sie schrien laut, während sie liefen. Da es Essenszeit war, füllte sich der ganze Hof mit Menschen, und die Arbeiterinnen und Angestellten sämtlicher Betriebe traten in den Hof hinaus und wurden Zeugen des sich abspielenden Vorfalles. Plötzlich tauchten Ghettowachtmänner auf, die drängfen sich durch die Menge und versuchten zu den aufgeregten Frauen zu gelangen. Es war ein unbeschreiblicher Tumult. Sie waren jetzt bei den Frauen angelangt und riefen den Schreienden zu:„ Ihr Tollköpfe, wollt ihr auf die kleine Festung kommen? Paßt doch um Gotteswillen auf, daß euch kein SS- Offizier zu fassen kriegt. Dann seid ihr doch verloren!" 192 Die Ghettowachtleute versuchten, ihnen den Gegenstand mit Gewalt aus den Armen zu reißen. Die Frauen aber schrien weiter und hielten ihn desto fester, und beim Näherkommen sah man, daß es Urnen waren, die sie im Arm trugen. Als sie vorbeigetrieben wurden, konnte man ihre verzerrten Gesichter mit den vom Weinen dick verschwollenen Augen deutlich erkennen. Die Wachtleute hatten jetzt die Frauen gepackt und drängten sie durch das Eingangsfor der Magdeburger Kaserne, dort verschwanden sie in dem Menschenstrom der Hauptstraße. Frau Sachse kam nachmittags ganz erschöpft in die Färberei. Sie war totenbleich und schrie sogleich: ,, Solche hundsgemeine Teufelei, nicht einmal den Toten gönnt die Bande ihre Ruhe." Kitty war zu Frau Sachse getreten. ,, Haben Sie das heute morgen mit den Frauen auch miterlebt?" " ,, Ja, gewiß, ich war doch dabei!" , Wie ist es wirklich zugegangen?" fragte Kitty. ,, Nun, wir mußten die Urnen vom Wagen herunternehmen und durch eine lange Kette von Frauen weitergeben. Diese Urnen sind aus dem Friedhof Theresienstadts herausgeholt worden, auf Wagen verladen und in die Nähe von Leitmeritz geschafft, um dort in die Elbe versenkt zu werden. Wir haben sie bei der Ankunft abgeladen und wieder durch eine lange Kette von Frauen einzeln weiterbefördert und auf diese Art zu Tausenden ins Wasser geworfen." ,, Dabei haben sich ganz unbeschreibliche Szenen abgespielt. Eine Tochter hielt plötzlich die Urne ihrer verstorbenen Mutter in der Hand, und umgekehrt faßte eine Frau die Urne ihres vor einem Jahr verstorbenen Mannes an. Sie hatten die Namen auf den Deckeln der Urnen gelesen. Sie erschraken furchtbar und schrien auf vor Grauen. Dann fingen sie plötzlich an zu laufen und hielten dabei die gefaßte Urne fest unter dem Arm. 13 Philipp, Die Todgeweihten 193 Der Aufpasser schimpfte und versuchte, sie zurückzuholen, aber sie waren schon zu weit weggelaufen. Sie können sich denken, Bergner, wie wir alle erschrocken waren. Es zittern mir noch die Glieder." Kitty tat keine Frage mehr, weil sonst der Zorn ihr die ruhige Vernunft geraubt hätte. Das war ja furchtbar. Sie ging schweigsam und insich gekehrt herum. Ohne Lächeln tat sie ihre Pflicht. Weininger kam herein. ,, Morgen früh melden sich die nächsten drei Damen zum Urnenfragen bei der Partieführerin im Hof. Die Arbeit wird extra bezahlt mit einer Dose Pastete, das wissen Sie ja, meine Damen!" Die Sachse sprang ihn an. ,, Mach', daß du rauskommst! Sch... auf deine Pastete. Die kannste dir an den Hut stecken!" schrie sie erbost. Weininger war hinausgegangen. Kitty war totenbleich geworden. Jetzt kam die Reihe an sie. Jeder mußte dieses Amt des Urnenfragens einmal übernehmen, das wußte sie. Sie ging nach Schluß der Arbeitszeit in den Nebenraum, die Putzerei, wo der Ingenieur Weininger sich aufhielt. ,, Herr Ingenieur, es geht über meine Kraft, ich kann die Urnen mit der Asche der Toten nicht in die Elbe werfen." Weininger schüttelte den Kopf. - ,, Ich darf keine Ausnahme machen,- aber, er zwinkerte mit dem rechten Auge ,,, Krankheit entschuldigt." Sie hatte den Wink wohl verstanden. Kitty wandte sich zur Tür. Aber die Kontrolle bei der Krankschreibung war zu scharf. Nein, sie konnte sich dieser furchtbaren Aufgabe nicht entziehen. Sie mußte das traurige Amt des Urnentragens übernehmen, die Toten aus ihrer Ruhe schrecken und ins Wasser stürzen. So, wie es satanische Menschen in ihrem Machtgefühl befohlen hatten. Oh, könnte man dieses Unrecht in alle Welt schreien. 194 1 1 - Kitty wollte bei ihrem geschwächten Körper immer noch Leistungen geben. Trotzdem sie länger als andere Kolleginnen in Theresienstadt gefangen war. Der Betrieb in der Färberei verlangte eigentlich Männerkraft und nicht die der schwachen Frauen, aber danach fragte die SS- Kommandantur nicht. Die Arbeiter, die sonst die hochgestapelten Körbe mit der nassen, gefärbten Wäsche und Kleidungsstücke nach dem Boden der Magdeburger Kaserne hinaufschafften, waren sämtlich in den letzten Transport gekommen. Nun mußten die Frauen auch diese Arbeit noch übernehmen. Es war gewiß keine Kleinigkeit, fünf hohe Treppen mit diesen schweren Körben nach dem Boden hinaufzusteigen. Sie konnten es nur unter Aufbietung aller Kräfte. Wenn die Lasten endlich oben standen, mußten die nassen Stücke auf dem zugigen, eiskalten Boden aufgehängt werden. Sobald sie getrocknet waren, standen schon wieder neu aufgefüllte Körbe mit nassen Tüchern und Kleidern bereit. So riß die Arbeit nie ab. Fertig wurde man überhaupt nicht. Und ein Aufhören oder Stillstand kam gar nicht in Frage. * Wie die Sterne am nächtlichen Himmel, so strahlten die Taten der Ärzte durch das Dunkel der Gefangenschaft. Ja, die Menschen mußten Gott danken, von dieser Seite immer Hilfe in ihrer Lage zu erhalten. Leicht hatten es die Ärzte keineswegs, sowohl durch die Abhängigkeit vom Kontrollarzt, der immer das letzte, entscheidende Wort zu sprechen hatte, als auch von der SS- Lagerkommandantur, die die strengsten Richtlinien für die Krankschreibung der Patienten bestimmten. Die Ärzte wurden häufig mit groben Worten angeschrien und die Karteikarten der Patienten argwöhnisch geprüft. 13* 195 Kitty hatte einen Betriebsunfall gehabt. Beim Heizen der Ofen hatte jemand vor ihr den langen Feuerhaken gebraucht und ihn unvorsichtigerweise mit der verkehrten Seite aufgehängt. Als Kitty ihn anfaßte, griff sie in das noch glühende Eisen hinein und verbrannte sich dabei die Innenfläche der rechten Hand. Auf der Unfallstation hatte man ihr gesagt, daß mindestens 14 Tage darüber hingehen würden, ehe sie wieder ihrer Arbeit nachgehen könnte. Durch diese unfreiwillige Muße konnte Kiłły zum erstenmal sich ihren neuen Zimmergenossinnen etwas mehr nähern. Einige Frauen darunter waren ihr sehr sympathisch. Zum Beispiel eine alte Dame, Frau Neubeck, die durch ihre ruhige und feine Art überall Sympathie erweckte. Frau Neubeck hatte ebenfalls das Bestreben, sich dieser jungen Frau Bergner anzuschließen. Eines Tages zeigte sie ihr eine große Brille mit dicken Doppelgläsern. ,, Sehen Sie, Frau Bergner, diese Brille hier trug ich am Anfang meines Hierseins. Sie hat nur ganz schwach mein Augenlicht unterstützen können, denn ich war fast blind. Die großen, weißen Kerzen der blühenden Kastanienbäume konnte ich trotz dieser Brille nicht erkennen." ,, Und heute,"- ,, Sie können ja sehen!" stieß Kitty atemlos vor Überraschung hervor. ,, Ja! Ich kann sehen, ich sehe ohne Brille! Dieses große Glück habe ich dem Professor Albrecht zu verdanken. Er hatte dieses Auge operiert, und durch seine Kunst hat er mich zum glücklichsten Menschen gemacht. Die herrliche Natur ist mir neu geschenkt und wieder erschlossen worden. Wenn ich zu meinen Kindern zurückkehre, was ich doch hoffe, so werde ich sie leibhaftig sehen können, ohne die Phantasie zu Hilfe nehmen zu müssen. Eine Welt ist mir neu geschenkt." Sprachlos vor Staunen hatte Kitty zugehört. Sie saß auf dem Stuhl am Bett der alten Dame, die soeben ihren Nachmittagsschlaf beendet hatte. 196 Sie hörte genau zu und merkte sich jedes Wort. Das war ja herrlich, das war ja ein Wunder. Kitty sprach es auch aus. ,, Liebe Frau Neubeck, dann ist für Sie Theresienstadt trotz aller schlimmen Prüfungen und Widerwärtigkeiten ein ,, Wunder" geworden. ,, Ja! Ein großes, unbegreifliches Wunder! Der Mann, der dieses Wunder schuf, ist der Professor Albrecht. Er hat die sicherste Hand, den schärfsten Blick und den uneigennützigsten Charakter, den Sie sich denken können. Er behandelt täglich Hunderte von Patienten und schenkt ihnen Leben und Gesundheit wieder. Auch das andere Auge will er in den nächsten Tagen operieren, wenn ich, wie er sagte, die Geduld dazu aufbrächte. O, wie gern will ich leiden, um dieses große Glück auszukosten und zwei ganz gesunde Augen wieder zu erhalten." Ganz erschüttert nahm Kitty Frau Neubecks Hand und streichelte sie. ,, Welch tapfere Frau sind Sie nur. Und noch dazu in Ihrem Alter." Die große weißhaarige Dame richtete ihren Oberkörper im Bette hoch, und ein seliges Lächeln umspielte ihren Mund. ,, Meine 76 Jahre sieht man mir nicht an, und wenn mir der liebe Herrgott gnädig ist, läßt er mich die Freiheit erleben, daß ich zu meinen Kindern zurückkehren kann und auch ihnen die Freude schenken darf." Kittys Hand war ausgeheilt. Die Arbeit verschlang, wie immer, fast alle Muẞe, so daß lange Zeit verstrich, bis Kitty sich wieder mit Frau Neubeck unterhalten konnte. Sie war bereits aus dem Krankenhause zurückgekehrt und trug über dem frisch operierten anderen Auge zur Schonung noch eine schwarze Klappe. Auch ging sie täglich in die Klinik zur Nachbehandlung. In wenigen Wochen, so sagte sie, sei sie völlig hergestellt. 197 Freudestrahlend berichtete sie Kitty von dem zweiten glänzenden Verlauf der Operation, und daß das Glück, völlig sehen zu können, sie fast überwältigte. Auch Kitty lebte sich ganz in den Zustand dieser wahrhaft glücklichen Frau hinein. Immer wieder malte sich die prächtige alte Dame die Freude ihrer Kinder aus bei der Heimkehr, an die sie fest glaubte. Wenn man mit Frau Neubeck zusammen war, so erschien es fast wie eine Feierstunde, eine solche Innigkeit ging von dieser vom Schicksal anscheinend so sehr beschenkten Frau aus. Und die Zeit schreitet weiter, mit ihr zugleich die schweren Prüfungen, Leiden und Entbehrungen der Eingeschlossenen. Mögen die Vorsätze zur Geduld und Stärke des Willens die allerbesten sein, sie werden zerbrochen durch die Gewalt eines unerbittlichen Schicksals. Frau Neubecks Herz war schwach, doch bei sorgfältiger Schonung und aufmerksamer Behandlung konnte sie gut noch einige Jahre leben. Aber in Theresienstadt waren stärkende Herzmittel nicht in der Apotheke erhältlich. Weder gab es Cardiazol- noch Coramintropfen noch Eutonon noch Dygitalis als vorübergehenden Turnus zur Unterstützung der Herztätigkeit. Alle diese Vorsichtsmaßnahmen, um das Herz zu kräftigen, waren nicht vorhanden. Das einzige, was der Arzt verordnen konnte: die Bettruhe, tiefes Ein- und Ausatmen und vorsichtige Spaziergänge in der frischen Luft. Da trat unvorhergesehenermaßen eine große Aufregung ein, die unter normalen Umständen ohne Folgen geblieben wäre. Eine Todesnachricht. Die um ein Jahr ältere Schwester von Frau Neubeck war gestorben. Kitty hielt Frau Neubeck im Arm und tröstete sie liebreich. Es gelang ihr auch, die Erschütterung ein wenig zu dämpfen, allein in der Nacht traten 198 Herzkrämpfe auf und Frau Neubeck stöhnte laut vor Schmerzen. Mit wahrer Angst im Herzen verfolgte Kitty den Vorfall dieser prächtigen Frau. Sie wurde von diesem Zeitpunkt an immer kränker. Die Intervalle der Herzkrämpfe wurden kürzer, und es war ein wahrer Jammer, nun doch mit dem Tode der Frau Neubeck rechnen zu müssen. Trotz des herrlichen Wunders, trotz der Tapferkeit dieser in der Gefangenschaft lebenden Frau schloß sie zehn Tage nach Empfang der Todesnachricht in den Armen Kittys die Augen. Die Augen, denen ein so großes und herrliches Wunder geschehen war. DIE ERFÜLLUNG Der wird das Leben am tiefsten bejahen, der es fäglich im Kampfe bestehen muß. Die Not in Theresienstadt erforderte einen immer größeren Kampf. Denn das tötende ,, Nichts" drohte alle Menschen in seinen Abgrund zu reißen und jäh den Mut, sich gegen die Widerstände zu behaupten, zu erschüttern. Das erste Jahr der Gefangenschaft neigte sich seinem Ende zu. Die kalten, erbarmungslosen Tagesbefehle der Kommandantur, die den Gang des Lebens aller Gefangenen in Theresienstadt regelten, triumphierten als gewaltige Macht in Gemeinschaft mit der wesenlosen Zwecklosigkeit. Für was, für wen schafft man? Für wen sich mühen? Nichts blieb bei aller Arbeit für die Eingeschlossenen. Das freudlose Dasein zeigte sein dämonisches Antlitz durch das Nichts. In tausendfältiger Weise spiegelte sich das Leben jedes einzelnen in seinem Kampf gegen das unüberwindlich erscheinende, grauenhafte Schicksal seiner Gefangenschaft. Nach und nach erlahmte jeder. 199 Riesenhaft reckte sich die Sehnsucht nach dem früheren verlorenen Leben empor, worin seine Kräfte verwurzelt waren. Nicht der Verlust der materiellen Güter, nicht das Auseinandergerissensein von der Familie und anderen lieben Menschen machten seinen Schmerz allein aus, sondern vor allem der verlorene Boden, in der seine Seele verankert war, gaben seinem Schmerz das unerhörte Übermaß. Dieses Entwurzeltsein ließ den Menschen verzweifeln. Die große Klage des erwürgten Heimatgefühls erfüllte ganz Theresienstadt. Es führte kein Weg aus dem eingeschlossenen Grabe. Nach jahrelangem Warten sah jeder die Hoffnung auf Befreiung wie ein schwaches lichtloses Pünktchen langsam entschwinden. Der Regen strömte seit Tagen mit gleichmäßiger Beharrlichkeit vom Himmel herab. Jetzt hatte sich auch noch der Sturm dazugesellt. Heute morgen verhüllten dichte Nebel das Sudetengebirge. Kitty hatte weder ganze Schuhe noch einen Schirm, um sich vor der Nässe zu schützen. Sie umwickelte ihre Füße mit alten Zeugfetzen, und über die Schulter legte sie einen auseinandergeschnittenen, leeren Strohsack. So eilte sie über die Straßen zu ihrer Arbeitsstätte. Weder Wetterunbill noch sonstige Unbequemlichkeiten oder Widerstände durften den Arbeitsgang unterbrechen. Die Einsamkeit ihres Lebens war durch Peter Vagas plötzlich aufgehoben. Die Zeit, sonst unbeachtet und wie im Traum durchschritten, bekam Gewicht. Nach dem Wechsel, unfaßbar jäh, erwachte Kitty aus ihrem Traumzustand. Jemand war da, der nach ihrem Leben fragte. Sie war plötzlich wieder ein Mensch geworden. Vorher war sie eine Maschine gewesen, die unausgesetzt in einem ungeheuren Gefüge von Zwangsanordnungen mechanisch funktionierte. 200 Jetzt war sie einem neuen Geschehen ausgesetzt, in dem das Sichtreibenlassen zu Ende war. Fern --meilenweit, in der Heimat weilte der Mann ihres steten Gedenkens. Seit über einem Jahr hatte Kitty nichts mehr von ihm gehört. Weder einen Gruß, noch irgendein anderes Erinnerungszeichen von ihm erhalten. Lebte er noch? - Hatte er sie vergessen? Heute erwartete sie Peter in der Magdeburger Kaserne, in den Wandelgängen des ersten Stockwerkes. Bei Regenwetter konnte man nicht im Freien bleiben. Die tiefen Fensterbögen gaben einen Platz zum Sitzen und boten Schutz gegen den strömenden Regen. An den Kuppeln der elektrischen Lampen hatten sich überall Schwalben ihre Nester gebaut. Sie schwirrten immerfort ein und aus. Jedes Jahr suchten sie ihre alte Heimat wieder auf und fanden sie unverändert. Die glücklichen Tierchen! Das Tempo des Arbeitsganges stockte nie und setzte sich von einem Ende des Lagers bis in die entlegensten Winkel Theresienstadts fort. So auch hier in der Magdeburger Kaserne. Es war ein immerwährendes Kommen und Gehen vieler Menschen aller Bildungsund Altersstufen, die zu den Arbeitsämtern oder in die Büros des Altestenrates eilten. Die Nachlaß- und Kriminalgerichte lagen in den zweiten Stockwerken. Auch ein Theatersaal war dort oben vorhanden. In beiden Stockwerken befanden sich außerdem noch Räume, wo prominente Leute in halbwegs anständig ausgestatteten Räumen, mit Betten und den dazugehörigen Matratzen, in besonders bevorzugter Weise untergebracht waren. Hier wohnte auch Peter Vagas. Zum Schluß sei noch das Gefängnis im letzten Gang des zweiten Stockes erwähnt, wo leichtere Häftlinge eingesperrt wurden. Die wirkliche Strafanstalt war die kleine Festung. Unterirdisch angelegt, das sagt genug. Die heutige Zusammenkunft mit Peter sollte eine Ent201 scheidung bringen zwischen erwachendem Leben oder finsterer Nacht. Klar übersah Kitty ihre Lage. Sie war Peter Offenheit schuldig. Und wie sie am gestrigen Tage überwältigt wurde durch die Macht seiner Liebe obgleich kein Wort darüber von seiner Seite fiel so fand sie sich jetzt selbst den widerstreitendsten Gefühlen ausgeliefert. Wieviel Zeit war vergangen, seitdem sie an Peters Brust geruht hatte? Sie meinte, es sei eben gewesen. Sie lauschte auf die innere Stimme ihres Herzens. Was soll sie tun? Wie sich verhalten? Weit entrückt ist der geliebte Freund. Wird sie je den Weg zu ihm zurückfinden? Sie, eine Gefangene hinter Mauern, die sich vielleicht nie öffnen werden. Oder doch?- Neben ihr Peter, gleiches Schicksal, gleiches Los. Vor dem Nichts zerbricht der Mensch. Auch Kittys gefestigte Natur erlahmte. Eine Furcht stieg in ihr auf, die sie bisher noch nicht gekannt hatte. Wie, wenn nach diesem ersten Jahr wieder ein Jahr und weitere vergehen und keine Rettung aus der Gefangenschaft kommt? Wenn die Befreiung unmöglich ist und sie hier mit Peter begraben sein wird? Sie fühlte ihre Kräfte von Tag zu Tag mehr schwinden. Der Gedanke machte Kitty wie im Fieber frösteln. Ja, du guter Gott, warum rührt sich denn keine Hand zur Hilfe? Zu Hause scheinen sich die Geschwister mit dem Tode der Schwester abgefunden zu haben. Hier war der wunde Punkt, wo alles Denken aufhörte. Wer nach einem so tapferen Verhalten während einer so langen Zeit in den schwersten Lebensumständen seine Kräfte in den Dienst der leidenden Menschheit eingesetzt hatte, der brauchte wahrlich nicht zu verzagen. Er wird sich auch weiter behaupten und das Joch tragen können, ohne zusammenzubrechen. Kitty faßte wieder Mut. 202 Auch aus dem Wirrsal des eigenen Herzens mußte ein Weg gefunden werden. Doch entscheiden konnte nur Peter. An dem schwächer werdenden Verkehr gewahrte Kitty, daß die Zeit ihres Wartens bald zu Ende sei. Peter kann nicht mehr fern sein. Erschöpft lehnte Kitty sich an die kühle Wand der Mauer und schloß einen Moment die Augen. Peter blieb beim Herannahen erschüttert stehen, so leidend erschien ihm das geliebte Antlitz. Ganz versunken in ihren Anblick, mochte er sich nicht sofort von ihm lösen. Kitty wurde ihm immer mehr zum Sinnbild seiner geliebten Mutter. Aber nicht nur die äußerliche Ähnlichkeit mahnte ihn daran, sondern viele kleine Züge ihres Wesens. Sie erschien ihm als die Krönung seines Lebens. Blieb ihm Kitty, so bewahrte sie ihn vor der Verzweiflung des Gefangenseins. Was die Freiheit wert ist, hatte ihn die Knechtschaft gelehrt. Der Druck war von Kittys Brust gewichen. Sie öffnete die Augen und erblickte voller Freude Peter. Er hatte ihre Hand ergriffen und geküẞt. So erwachte sie völlig. Jetzt waren ihre Gedanken ganz in der Gegenwart. Ihr Gesicht war fein und zart, und ein schwaches Rot lag auf den Wangen. Freudig leuchteten ihre Augen in Hoffnung und Glauben. Wenn einer jungen Pflanze Kräfte in der Wurzel aufgespeichert blieben, so regen sie sich auch nach der Verpflanzung in der fremden Erde. Auch Kittys noch unverbrauchte Kräfte begannen beim Anblick Peters zu frohlocken. Oh, wie sie sich freute. Sie sprach und begrüßte ihn. Ihre Stimme erschien Peter wie Musik. Der Regen und der hereinpeitschende Sturm erstickte ihr jedoch das Wort im Munde. Peter hing ihr seinen Mantel um die Schultern und rollte den Sackfetzen zu203 sammen. Über Zweifel und Hoffnung lebte in beiden die Gewißheit, einen Menschen gefunden zu haben, dem sie sich vertrauen konnten. Und das Licht eines herannahenden Glückes flammte über beider Schicksal. Zu zweit dem grausamen Geschick die Stirne bieten, das wollten sie. Als sie über den Hof dem Ausgang der Kaserne zuschritten, war der Sturm so heftig, daß Kitty schwankte. Kurz entschlossen nahm Peter ihren Arm und zog sie fest zu sich heran. Draußen, im Gewühl der Hauptstraße unter den vielen Menschen ging das Vorwärtsschreiten besser, man wurde einfach geschoben. Endlich langten sie am Eingang des kleinen Kaffeehauses in der Querstraße an. Sie schüttelten die Nässe aus den Kleidern und den Kopfbedeckungen und eilten darauf in die Garderobe. Das Kaffee war überfüllt. Peter ließ seinen Blick umherschweifen und entdeckte nahe am Podium einen Stuhl. Sich einen Weg bahnend, sorgte er zunächst dafür, daß Kitty Platz fand. Der freundliche Saalkellner hatte Dr. Vagas längst bemerkt nud bemühte sich nun, ihm einen zweiten Stuhl zu reichen. Peter wurde von vielen Seiten begrüßt, auch riefen vom Künstlertisch mehrere Bekannte Grüße herüber. Während die Vorträge ihren programmäßigen Verlauf nahmen, verstummte für eine Weile der ohrenbetäubende Lärm der ineinander schwirrenden Stimmen, und man konnte sich einem wirklichen Kunstgenuß hingeben. Peter war unbeschreiblich glücklich. Er sprach wenig, aber er hielt unausgesetzt Kittys Hand in der seinen. Die armen, kleinen, verarbeiteten Hände, die bis auf wenige Freistunden unausgesetzt schaffen mußten. ,, Wie gefällt es Ihnen in der Färberei, Kitty? Wird Ihnen die Arbeit dort nicht zu schwer sein?" ,, Oh, nein! Was die anderen Frauen leisten, muß ich auch können. Es kommen ja alle aus anderen Berufen. 204 Unser Ingenieur Ferner ist Schauspieler in seinem Privatleben. Der Färber Klinger, ein Professor der Chemie aus Prag. Beide sind Tschechen. Auch unsere Vorgesetzte, Frau Duka, ist eine Tschechin und frühere Gutsbesitzerin gewesen. In leitenden Stellen sind immer nur Tschechen eingesetzt, selten ein Deutscher." ,, Ich weiß es", erwiderte Peter.„ Es ist ja auch ihr Land, in dem wir unfreiwillig leben müssen. Sie haben ein Recht auf die ersten Plätze." ,, Die Tschechen mögen uns nicht leiden. Sie hassen alles Deutsche. Mir tut es weh. Ich habe die Tschechen sehr schätzen gelernt. Welch' ein tüchtiges und schönes Volk!" ,, Es ist viel Kunst bei den Frauen und viel Mache bei den Männern. Aber das verstehen Sie nicht, Kitty, dafür fehlt Ihnen der Blick." Peter lachte. Beide schwiegen, denn weitere Vorträge hatten begonnen. Nach Verlauf zweier Stunden entleerte sich das Kaffeehaus, um neuen Besuchern Platz zu machen. Länger als zwei Stunden durfte niemand bleiben. Auf dem Heimweg war es für Kitty schwer, mit ihrer Beichte zu beginnen, aber die Verpflichtung, gegen Peter wahr zu sein, war stärker als die Unbequemlichkeiten. ,, Peter, ich möchte Ihnen offen erklären, daß ich in Hamburg einen Mann zurückgelassen habe, dem mein Herz bislang gehörte. Aber seit dem Tage, da ich merkte, wie sehr Sie mir fehlen, vergaß ich ihn häufig. Ich stehe zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit meinem Herzen. Nie höre ich von dem fernen Freund. Weiß ich, ob er lebt? Ich lebe, aber wie! Mein Herz darf keinen Teil an meinem Leben haben. Was bin ich wert für Sie, ohne den vollen Einsatz?" Da zog Peter das liebe Gesicht zu sich heran und küßte den fragenden Mund. ,, Ich nehme dich, Kitty, wie du bist, mit allen Fehlern und Schwächen. Laß mich dir dein Leben mit tragen helfen, auch mit den vielen Zweifeln. Wie darf ich for205 dern, Kitty? Wo ich weiß, daß auch du an mir hängst, - laß mir Hoffnung!" ,, Ich glaube, es war gut, daß das Schicksal Sie mir in den Weg geführt hat", sagte Kitty. ,, Du hast begonnen, aus deinem Leben zu erzählen, tue es hinfort häufiger. Die Last wird kleiner und schwindet bald ganz. Wer allein bleibt, stirbt innerlich ab. Darum Kitty, schließe dich nicht ab, sondern sprich! Ich habe genug Mut, alles auf mich zu nehmen." Sie blieb einen Augenblick stehen und lehnte ihren Kopf an Peters Brust, als suche sie Schutz. Peter schloß seinen Arm um die zarte Gestalt. Ja, er wollte alles Leid der schweren Zeit bannen vor dem Leben, das sich ihm anvertraute. Nun begann auch Peter zu erzählen. Er schilderte ihr sein inniges Verhältnis zu seiner Mutter, wie durch dieses der Heiratsgedanke verscheucht wurde und die Bekanntschaft mit Frauen immer auf einem freundschaftlichen Fuße blieb, ohne zu einer ernsteren Bindung zu führen. ,, Aber wie dem auch sei, Kitty, viele unvergessene Erlebnisse sind trotzdem darunter, und dankbar bin ich mancher lieblichen Frau um das Geschenk der Stunde. Aber jetzt in der schwersten Zeit unseres Lebens, wer da aushält und durchhält mit einem als guter Kamerad, wer hier das Martyrium besteht und aus der Gefangenschaft einst als freier Mensch hervorgeht, schafft sich den Kameraden fürs ganze Leben." ,, Ja, Peter, wenn wir gesund aus allem Kampf und aus aller Not befreit werden sollten, so bleiben wir gebunden als treue Kameraden für die Zukunft." Es war wie ein Schwur. Sie legten die Hände ineinander und sahen sich ernst in die Augen. Schweigend durchschritten sie die wenigen Straßen. Dunkle Wolken jagten am Himmel dahin und umlagerten drohend die Gipfel der Sudetenkette. Ein mächtiges Gewitter schien im Anzuge zu sein. Und während sich Peter und Kitty noch einmal zum Abschied die 206 Hände reichten, flammte der erste Blitz am nächtlichen Himmel. Mit raschen Schritten überquerte er die Gehwege und schlug die Richtung nach der Magdeburger Kaserne ein. Ich will versuchen, mich zu bescheiden, dachte Peter. Er hatte bemerkt, wie Kitty mit unterdrücktem Schluchzen kämpfte und kaum beim Abschied sprechen konnte. Auch ihr Gesicht erschien ihm blasser denn je. Wie von selbst hatte er das„, Du" gefunden. Warum auch diese Schranke? Kitty wußte und mußte fühlen, daß er sie liebte. Er hatte gespürt, wie schwer ihr das Herz war. Es sprach aus ihren Augen. Wollte Gott, sie würde mehr Vertrauen zu ihm fassen. DIE GHETTOTRAUUNG Hans und Helga Anthony waren nun ein richtiges Ehepaar vor Gott und der Welt, nachdem ihre Ghettotrauung in der Magdeburger Kaserne von einem Rabbiner vollzogen worden war. Zur völligen Rechtskraft ihrer Eheschließung bedurfte es allerdings noch einer nachträglichen standesamtlichen Bestätigung ihrer Heimatbehörde, sobald sie aus der Gefangenschaft heimgekehrt waren. Die Hochzeitsgesellschaft befand sich auf dem Weg zu Peters Mutter. Frau Vagas hatte den Neuvermählten ein bescheidenes Essen in ihrem Hause bereitet und mit Hilfe des Hausältesten, Herrn Lauer, der einen kleinen Raum zur Verfügung gestellt hatte, eine richtige Feier veranstaltet. Als die vier Menschen am Tor des prominenten Hauses in der Seestraße anlangten, und die Tür des Gartens öffneten, kam ihnen Frau Vagas aus dem Hause schon entgegen. Nach einer herzlichen Begrüßung führte sie ihre Gäste die Treppe hinauf in einen Seitenraum des Korridors. Sie öffnete die Tür und bat einzutreten. Überrascht blieb Peter stehen. Wie glänzend hatte seine 207 Mutter wieder die Aufgabe gelöst, um die er sie gebeten hatte. Der Raum enthielt in der Mitte einen gedeckten Tisch, worauf die Speisen schon fertig angerichtet standen. Er war mit grünen Zweigen geschmückt, ebenso die Wände, an denen überall kleine grüne Äste zu sehen waren, um dem dürftigen Raum einen Anstrich von Feierlichkeit zu geben. In der Ecke des Zimmers befand sich ein Tischchen, darauf lagen für das neugebackene Ehepaar allerlei Geschenkartikel. Frau Vagas führte das Hochzeitspaar zu den Gaben. Obgleich es nur Kleinigkeiten waren, wie Gabeln, Holzlöffel, Reibeisen, Zinnteller und dazwischen einige Tüten mit Haferflocken, Zucker, Nudeln, war der Besitz aller dieser unscheinbaren Dinge für Theresienstadt Kostbarkeiten. Daher war es nicht verwunderlich, daß die jungen Leute eine große Rührung zeigten. Helga umschlang spontan Frau Vagas und küßte sie. Und Hans Anthony drückte Peter und Kitty immer wieder die Hände. Ein jeder wußte, wie schwer die Beschaffung all dieser Kleinigkeiten gewesen sein mußte und wie selbst dieses bescheidene Essen, von Kohlblättern mit Margarine und ein Paar Kartoffeln dazu hergestellt, eine ungeheure Schwierigkeit bedeutete. Bald saß die kleine Gesellschaft am Tisch im angeregten Geplauder, über den das Licht des leuchtenden Tages fiel. Durch die Enge des Raumes mußten alle sehr zusammenrücken. Peter wurde stummer Beobachter und Zuschauer. Sein Blick suchte Kitty. Sie saß mit der Mutter zusammen, vertieft in einem angeregten Gespräch. Frau Vagas sah Kitty heute zum ersten Male und war überrascht von ihrer Ähnlichkeit mit ihrer eigenen Jugend. Und wie es nicht nur äußerliche Ähnlichkeiten gibt, so stellte sich im Laufe der 208 Unterhaltung heraus, daß auch die Anschauungen und Ansichten der jungen Frau Bergner sich mit den ihrigen völlig deckten. Und die Weihe dieser besonderen Stunde fügte es, daß tiefere und ernstere Gedanken geäußert wurden, als es sonst beim ersten Kennenlernen üblich ist. ,, Viel hat mir Peter von Ihnen erzählt, Kitty, ich darf Sie doch wohl so nennen? Auch Helga, die ich durch unseren Hans noch früher habe kennenlernen dürfen, hat mir Ihre liebe Person ganz nahegebracht. Sie sind mir keine Fremde. Lange hatte ich schon den Wunsch gehabt, zu Ihnen zu kommen. Glauben Sie mir, Kitty, Sie werden von vielen Menschen hier wie ein Engel verehrt. Sie haben viel geleistet. Zuerst den anstrengenden Hausdienst, dann den schweren Hilfsdienst, darauf sind Sie Schwester geworden nud haben sich fast selbst darüber vergessen, und später die Frohnarbeit in der Tischlerei, die unerhört harte Arbeit des Holzschleppens und des Wagenziehens, zwischendurch die vielen privaten Hilfeleistungen. Unzählige Menschen haben Sie betreut. Diese mögen kaum wissen, von wem ihnen geholfen wurde, aber die Beobachter, die wissen es. Hier lebt fast jeder nur sein eigenes Leben, ohne an seine Mitmenschen zu denken. Ich darf es Ihnen sagen, Kitty, wie hoch Sie nicht nur in meinen, sondern in aller Augen stehen. Sie hatte Kittys Hand genommen und hielt sie in der ihren. Kitty war stark errötet und mochte bei dem unerwarteten Lobe nicht aufblicken. " , Womit habe ich soviel Anerkennung verdient? Bitte, Frau Vagas, halten Sie ein. Ich tat wirklich nur meine Pflicht." ,, Ja, aber Pflicht mit wahrem Menschentum vereint. Wie selten findet man das." ,, Nun, Peter leistet doch Außerordentliches", warf Kitty ein. ,, Ja, mein Sohn, ich darf wohl auch ein bißchen stolz - 14 Philipp, Die Todgeweihten 209 auf ihn sein. Seine frische, aufmunternde Art und uner- müdliche Arbeit in der Hingabe an seine Patienten ist unendlich wertvoll. Er hat manchem Menschen hier das Leben erträglich gemacht. Wenn ihr lieben jungen Leute nur erst einmal frei seid und in die Heimat zurückge- kehrt, so habt ihr neben den Leiden auch Gewinne mit nach Hause zu nehmen.“ Hans Anthony hatte sich erhoben. „Meine Freunde, jetzt möchte ich gern an diesem Tag, wo mir so viel Liebe zuteil geworden, zunächst Ihnen, liebe Frau Vagas, danken für diese schlichte Feier, die uns allen in Erinnerung bleiben wird. Und dann möchte ich bekennen, daß das höchste Glück, was uns werden kann, darin liegt, den richtigen Lebenskameraden bzw. Kameradin zu finden, und—“, er wandte sich an Peter, „und das, lieber Peter, wünsche ich dir von ganzem Herzen.“ Deter drückte dem Freunde die Hand und reichte sie auch zugleich Helga. Helga prangte in reizender Jugend- fülle und zog alle Blicke auf sich. Ein paar kleine weiße Schleifen in den hochgesteckten braunen Locken muß- ten den üblichen Brautschleier ersetzen. Wie ja alles in Theresienstadt Ersatz sein mußte. Die Rede Hansens hatte viele Gedanken bei Peter ausgelöst. Er sah das Glück der Liebenden mit neidlosen Augen an. Begriff er doch aus eigener Lage heraus das jahre- lange Dürsten Hans Anthonys nach der Erfüllnug seines Daseins. Wohl erging es ihm ähnlich so, auch er drängte da- nach, sein Leben mit Kitty zu verbinden. Aber leider war dieses Ziel noch in weite Ferne gerückt. Rasch und heiß stieg es in Peters Herzen auf, eine Entscheidung herbeizuführen. Zwar mußie er sich sagen, daß es um Kittys willen gewagt sei. Zugleich aber ver- leitete ihn die innige Liebe zu ihr, auch für ihr Wohl das Rechte zu wählen. Und er sah es darin, eine gleiche Ver- bindung wie Hans zu schließen. 210 Kitty mußte, wo die Geschehnisse zur Reife kamen, den Mut aufbringen, einen direkten Weg zu wählen. Peter entschloß sich, auf dem Heimwege mit ihr zu reden, wenn es ging. Als das Essen beendet war, erhoben sich die Gäste und rüsteten zum Aufbruch. Die Zeit bei der liebenswürdigen Gastgeberin war äußerst rasch vergangen. Frau Vagas geleitete die kleine Gesellschaft durch den Garten bis zum Tor, dort hielt sie Kittys Hand lange in der ihren und bat sie, recht bald wiederzukommen, vielleicht morgen. Sie hätte ihr noch vieles zu sagen. Kitty und Peter begleiteten das junge Paar zu ihrer neuen Behausung in der Turmgasse. Die Raumwirtschaft hatte den Neuvermählten einen neuen Schlafraum zugewiesen auf dem Boden eines Blockhauses, wo es Eheleuten erlaubt war, zusammen zu wohnen. Helga hatte verstanden, den kleinen Lebensraum, der für sie und Hans vorgesehen war, auf das Geschickteste auszunutzen. Sie hatte das Lager so künstlerisch bereitet, daß es wie eine Couche aussah, und die Kissen und Decken allerliebst in den Ecken verteilt. Peter blieb überrascht stehen und äußerte sich sofort anerkennend, auch Kitty kargte nicht mit ihrem Lob. Helga in ihrer Lebhaftigkeit sprang wie ein zierliches Bachstelzchen von einem zum andern und suchte die Freunde noch länger zum Bleiben zu nötigen. Aber Peter lachte und wies auf die Dringlichkeit seiner Sprechstunde hin, auch Kitty wehrte hastig ab. Hans und Helga schüttelten beiden zum Abschied die Hand. Und dann traten sie den Heimweg an. Peter sprach lebhaft über Hans und Helgas fernere Zukunft und lebte sich ganz in deren Gedankenwelt ein. Kitty hörte still zu. Auch sie nahm an Helgas Glück innigen Anteil. Sie schätzte sie nicht nur als Freundin, sondern auch als stets opferbereite Kameradin. An ihrer Arbeitsstätte in der Magdeburger Kaserne angelangt, verabschiedete sich Peter von Kitty nud fragte sie, ob er sie heute Abend sprechen dürfte. Kitty be14* 211 jahte und Peter beschloß, sie von ihrem Dienst abzuholen. Mit diesen Worten trennten sie sich. Während Kitty die Färberei betrat, schlug Peter Vagas den Weg nach der Geniekaserne ein, in deren Räumen sich seine Sprechstunde befand. Unausgesetzt erfüllten ihn die Gedanken an Kitty. Er suchte eine engere Verbindung mit ihr herzustellen und die entscheidende Frage an sie zu richten, denn die Umstände verlangten es dringend. Sehr wohl war ihm nicht dabei, er sagte sich, daß es bei ihrer eigenartigen Charakteranlage ein Wagnis sei für ihn, den Kampf mit dem fernen Freund aufzunehmen. Mit diesem Mann im Hintergrund von Kittys Leben, den er haßte, weil er sie verelenden ließ und sich nie um sie kümmerte. Mit diesem Jämmerling, der wahrscheinlich aus irgendwelchen unbekannten Gründen handelte, die seine eigene Sicherheit betrafen. Die Eingeschlossenen in Theresienstadt kannten ja die Bestimmungen nicht, wonach die Reichsdeutschen verbannten Personen gegenüber sich zu verhalten hatten. Aber soviel sagte sich Peter doch, daß er Mittel und Wege hätte finden müssen, um mit Kitty in Verbindung zu bleiben. Er jedenfalls in umgekehrter Lage hätte so gehandelt. Bei ihm sollte sie ihr Heimatrecht finden und so Gott will, würde er sie einst, wenn sie aus dieser schmählichen Gefangenschaft erlöst sei, in das freiherrliche Schloß in Hamburg an der Flottbeker Chaussee als Herrin einführen. Und dann sprangen seine Gedanken zwangsläufig auf Meinau über, seinen treuen Diener. Und er sah das von einem weißen Haarkranz umgebene Antlitz vor sich, wie es in der Wiedersehensfreude aufleuchtete. Und wie er, der in seinem Hause alt geworden war, ihm seine Hände entgegenstreckte. Denn Meinau war kein Diener im eigentlichen Sinne, sondern mehr, er war ihm Vater gewesen. So deutlich sah er ihn in der Halle des Hauses stehen, 212 aus der eine Treppe hoch in die oberen Stockwerke zu seinen Zimmern führte, so deutlich sah er ihn mit dem freundlichen, alten, lieben Gesicht. Wird er ihn wiedersehen? Und die Bücher, die die Wände seines Zimmers fast völlig einnahmen, und der Schreibtisch und die kleinen Kostbarkeiten seiner verschiedenen Reisen, wird das alles noch vorhanden sein? Eine Welt war versunken, wird sie wieder auftauchen? Ein Jahr war bereits vergangen im Fron der Gefangenschaft. Wann nahte die Erlösung? Peter riß sich aus dieser Gedankenwelt gewaltsam heraus. Die Geniekaserne war erreicht. WECHSELNDE EREIGNISSE Am Horizont stand die Dunkelheit wie eine Wand, als Kitty trotz des ermüdenden Dienstes noch einmal auf die Straße trat. Der graue Strom der Menschen flo träger dahin, so kostete es ihr wenig Anstrengung, schnell vorwärts zu kommen und die nahe Turmgasse zu erreichen. Sie hatte es sehr eilig, den Besuch bei Frau Lupiskaja zu machen, deren Adresse sie nun endlich durch die Zentralkartei erhalten hatte, da es bereits acht Uhr war und um neun Uhr alles von der Straße sein mußte. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, daß der Bodenraum, den sie jetzt aufsuchte, auch zugleich die Wohnung des jungen Ehepaares Anthonys war. Als Kitty die Stiegen emporstieg, schlug ihr ein betäubendes Stimmengewirr von vielen dort untergebrachten Menschen entgegen. Hier mochten wohl 50 Personen in enger Gemeinschaft zusammen hausen. Der Raum war nur spärlich erleuchtet. Eine einzige Birne hing von einem Dachbalken herab. Nach einigen Kreuz- und Querfragen, nachdem sie kunstvoll über mehrere Lagerstätten hinübergeklettert war und den Gang zu der Lagerstätte von Frau Lupis213 kaja gefunden hatte, erblickte sie die hohe Gstalt der Gesuchten sofort. Sie verfolgte mit kritischen Blicken die Übungen ihrer kleinen Tochter Sonja an den im Viereck gezogenen, hohen Quadrathölzern. Bei dem freudigen Ausruf Kittys drehte sich die schöne Russin herum und eilte der späten Besucherin mit ausgestreckten Händen einige Schritte entgegen. Sie hatte Frau Bergner sofort erkannt. 37 , Welche Überraschung, daß ich Sie wiedersehe! Wie kommt es, daß Sie mich fanden?" ,, Durch die Zentralkartei", sagte sie. ,, Ich sah Sie verschiedene Male in dem, Bunten Abend'. Was für Aufführungen!" ,, Ja, nicht wahr? Wir bieten Gutes. Aber ich will nicht von mir reden. Was haben Sie in der langen Zeit gemacht?" ,, Oh, vielerlei! Eine Menge Berufe bin ich durchgegangen: Hilfsdienst, Schwester, in der Tischlerei war ich tätig, und jetzt bin ich in der Färberei." ,, Ich glaube, man gewöhnt sich an alles." ,, Die Arbeit ist die einzige Möglichkeit, sich zu erhalten, sonst würde uns der Gram umbringen." Die Frauen traten an das kleine Bodenfenster und sahen in das Stück Nachthimmel hinaus. ,, Ja, das täte er wirklich", erwiderte Frau Lupiskaja, während ihre Blicke auf Sonja ruhten, die mit kindlich ernstem Gesicht weiterprobte, ohne sich stören zu lassen. Kitty konnte das entfernt liegende Lager der Eheleute Anthony erkennen und hoffte, daß Helga sich noch zeigen werde. ,, Wissen Sie, Frau Bergner, ich bin am Tage in der , Uniform beschäftigt", plauderte Frau Lupiskaja weiter. ,, Wir sind jetzt dabei, die Tarnkleidung der deutschen Wehrmacht für den kommenden Winter herzustellen. Kennen Sie das Verfahren?" ,, Es ist mir bekannt. Beim Vorübergehen an den Baracken, wo diese Arbeiten verrichtet werden, habe ich die Leute beobachtet, wie sie die fertigen Hüllen über 214 ein Gestell zogen, aufplusterten und mit einer Flüssigkeit bespritzten, wodurch das Kleidungsstück erstarrte und danach schneeweiß aussah." ,, So ist es! Der Soldat stülpt sich diesen Überwurf mit der daran anhängenden Kappe über seine Uniform und ist dann, hineingesetzt in die unendliche Weite der Winterlandschaften, durch diese Tarnung von seiner Umgebung nicht mehr zu unterscheiden und vollkommen geschützt. Wir haben dauernde Aufträge. Sie hören nie auf." ,, Dann bewundere ich Sie aber sehr, Frau Lupiskaja, daß Sie noch Zeit finden, Ihre künstlerischen Vorträge zu halten." ,, Es hat seinen Grund. Die in den kriegswirtschaftlichen Betrieben arbeitende Bevölkerung wird bei den Transporten fast immer geschont. Mir ist es auch bekannt. Ich führe darauf meine eigene Zurückversetzung bei der letzten Registrierung zurück." Jetzt kam Sonja. Sie hatte ihre Körperstudien beendet und begrüßte knicksend Kitty. Diese fuhr leicht über den blonden Lockenkopf der Sechzehnjährigen. ,, Dir sage ich besonderen Dank, liebe Sonja, du hast mir außerordentliche Freude gemacht. Wie reizend tanztest du. Du wirst noch' mal eine ganz große Tänzerin werden." Die Augen Sonjas leuchteten, sie knickste nochmals und begab sich zu einigen jungen Mädchen, die schon auf sie warteten. Frau Lupiskaja seufzte.„ Ich mache mir beständig. Sorge um das Kind." Nun trat auch Helga ganz plötzlich zu der Gruppe. " ,, Wie überrascht bin ich, dich hier zu sehen!" ,, Sei nicht böse, Helga. Heute gilt mein Besuch Frau Lupiskaja. Wir sind alte Bekannte, wie ich dir schon erzählt habe." ,, Ja, gewiß! Ich habe nichts dagegen." Helga sah müde aus. Es schien, als ob es sie Anstrengung kostete, zu sprechen. Ihre Kleinheit und Zartheit 215 fiel neben der imposanten Erscheinung der Russin besonders auf. ,, Fehlt Ihnen etwas, Frau Doktor? Sie sehen angegriffen aus." ,, Ja, ich bin fertig! Man verlangt von uns unerhörte Leistungen. Die Arbeit geht nach Stückzahl und die Geschicklichkeit der Hand entscheidet. Wir müssen die kleinen Maschinenteilchen aneinanderfügen und immer weiterleiten in die Nachbarbetriebe. Diese eintönige, gleichbleibende Arbeit ermüdet auf die Dauer sehr. Na, gute Nacht, und halten Sie, bitte, Kitty nicht solange auf. Sie hat einen noch anstrengenderen Dienst als ich. Sie braucht ihren Schlaf." ,, Seien Sie unbesorgt, Frau Doktor, ich schicke sie bald heim." Kitty legte ihre Arme um Helgas Schulter. ,, Du Liebe, Gute! Auf morgen denn!" ,, Schön, aber bleibe nicht zu lange. Du bist noch weniger kräftig als ich." Die Blicke der Zurückbleibenden folgten der kleinen Gestalt, bis sie verschwand. ,, Sie hat immer Sorge um mich“, sagte wehmütig Kitty. ,, Sind Sie denn krank? Die Beleuchtung ist zu mangelhaft, ich kann Ihr Gesicht nicht erkennen.“ ,, Krank, nein! Aber ich leide viel an Ohnmachten und fühle mich schwach." ,, Ja, so recht gesund kann sich ja hier niemand fühlen bei unseren harten Lebensbedingungen. Haben Sie viel Hunger?" Kitty antwortete nicht sogleich. ,, Man darf nicht daran denken." ,, Ist es wahr, daß auch Sie bald heiraten werden?" ,, Nein! Wer sagte Ihnen das?" fragte Kitty erstaunt. ,, Nun, Anthonys. Ich war dort zufällig und hörte in einem Gespräch Ihren Namen in Verbindung mit demjenigen von Dr. Vagas." " , Wir sind nur Kameraden", sagte Kitty schlicht. 216 ,, Ich kann verstehen, daß man bei Ihnen nicht an Kameradschaft denkt, sondern gleich an eine Ehe." Kitty antwortete nicht. Frau Lupiskaja fragte sich im stillen, ob sie wohl taktlos gewesen sei.„ Anthonys sind reizende Leute, immer zuvorkommend und hilfsbereit. Nur die Frau scheint in der letzten Zeit recht schwach zu werden." Kitty erschrak heftig. ,, Ja, das Gefangenenleben ist hart. Es packt uns alle einmal, daher muß ich immer an meine Tochter Sonja denken. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich sie verlieren müßte." Kitty lenkte ab. Es war gut, von allem Möglichen zu sprechen, nur nicht von der entsetzlichen Lage ihrer Gefangenschaft. Sie mußten ja alle ihr Los tragen. Es war niemand da, der half. " , Wie hübsch Sie Ihre Lagerstätte hergerichtet haben." ,, Ein wenig Kunstgefühl kommt den alltäglichsten Dingen zugute." Kitty bot die Hand zum Abschied. Frau Lupiskaja küẞte sie auf beide Wangen in echt russischer Manier. ,, Vergessen Sie mich nun nicht mehr, und kommen Sie recht bald wieder." Auf Zehenspitzen betrat Kitty ihr Zimmer, wo die meisten Frauen schon zur Ruhe gegangn waren. Mit äußerster Rücksicht trug sie ihre Bettstücke hinaus auf den Hof und richtete ihr Lager auf. Sie schlief nach wie vor unter freiem Himmel. Die Freunde gingen über die Hauptstraße entlang nach Hause. Der heutige Morgengottesdienst von Dr. Goldner, als Seelsorger der evangelischen Gemeinde geleitet, hatte ihre Gedanken wachgerüttelt und zwang sie, das Thema weiter zu verfolgen. Besonders Hans Anthony, der zum ersten Male einem christlichen Gottesdienst beiwohnte, war bis ins Innerste erschüttert. Er faßte Peter aufgeregt am Arm. Seine Augen hinter den Brillengläsern brannten. 217 ,, Peter, ich möchte dir sagen, daß ich von der hohen Ethik der christlichen Religion, wie sie heute auf mich gewirkt hat, hingerissen bin. Das sage ich als Jude." ,, Ja, Hans, es ist etwas ganz Gewaltiges um die Lehre unseres Heilandes. Er hatte nötig, diese Gebote als oberstes Gesetz seiner Lehre zu verkünden, denn die Menschen unserer Zeit sind leider weit vom Paradiese entfernt. Sie ersticken in Habgier, Neid und Laster." ,, Mein Dank an Gott ist groß, da er mir die Erkenntnis gab, die Wahrheit dieser sittlichen Lehre zu erfassen. Welch' eine herrliche Verheißung ist es, durch die Liebe zu Gott und seinen Nächsten das Himmelreich zu gewinnen." ,, Ich freue mich, Hans, für dich. Also fühlst du auch die hohe Gnade, welch' ein Gottesgeschenk den Menschen durch das Evangelium gemacht wurde." ,, Ja, Peter, diese Freude fühle ich vollkommen." ,, und dennoch haben sich die Menschen, die sich Nationalsozialisten nennen, von dieser göttlichen VerheiBung abgewendet. Sie haben ihr Seelenheil an einen Götzen verkauft. Bevor man sich aber in die Liebe zu Gott und dem Heiland versenken kann, heißt es im wahrsten Sinne des Wortes dienen. Wir müssen vorher die Schlacken unserer Seele abzustreifen suchen. Das Materielle, das unser Leben im Kampf ums Dasein ständig umgibt, zur Seite stellen und dem Geistigen mehr Raum zur Entwicklung lassen." ,, Peter, das ist das, was ich längst gefühlt habe und mich stets befleißigte, auch zu tun. Unser Leidensweg ist das Kreuz, das wir widerspruchslos auf uns nehmen müssen." ,, Ja, du hast es früher viele Male in unseren Gesprächen ausgedrückt, Hans. Wir beschreiten jetzt den inneren Weg zur Einkehr in unser Selbst. Unsere Leiden sind Schulung für ein höheres, geistiges Leben, vielleicht für die Vorstufe des Paradieses." ,, Der Mensch kann nicht wachsen, wenn er im Überfluß schwimmt, dann schlummert seine Seele. Wach 218 wird er erst durch den Schmerz. Das Leid ist uns Ansporn und Motiv für die geistige Melodie. Darum, Hans, tragen wir heute alle insgesamt unser Kreuz." ,, Gewiß! Ich stimme mit dir überein. Das wird meinem jüdischen Glauben, der mir als ehrwürdiges Vermächtnis meiner Vorfahren heilig ist, keinen Abbruch fun." ,, Dann freue ich mich, Hans, daß du auch unseren Heiland als leuchtendes Beispiel für höchstes Gottvertrauen empfindest. Und wie Dr. Goldner so fein die inneren Zusammenhänge seiner Predigt auseinandersetzte, war wunderbar beglückend. Wir können nur so unsere Liebe zu Jesus bezeugen, wenn wir alles fun, wie er es wünscht. Er wünscht es zu unserem Besten." ,, Ja, wie tief innerlich war seine Predigt angelegt, der er Jesus' größtes Gebot zugrunde legte:, Du sollst lieben Gott, deinen Herrn von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Du sollst lieben deinen Nächsten, als dich selbst, daran werde ich noch lange denken. Und zum Schluß sprach er noch ein paar Sätze. Er ermahnte uns, niemals nachzulassen in der Ausübung unserer Standhaftigkeit und Geduld. Gott in seiner Barmherzigkeit würde uns nicht untergehen lassen. Sie waren jetzt am Tor der Magdeburger Kaserne angelangt, überquerten den Hof, der wie gewöhnlich von einem gewaltigen Menschenstrom angefüllt war, eilten die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf und standen bald in ihrem kleinen Raum. Am andern Tage ging Peter mit Kitty in eine musikalische Unterhaltung des Kraus- Ensembles. Es hatte einen Opern- und Arienabend von namhaften Prager und österreichischen Künstlern angekündigt. Die Vorführung sollte in einem der Höfe der Badhausgasse im Freien stattfinden. Peter hatte sich rechtzeitig vor Beginn des Konzertes mit Kitty dorthin begeben, denn es war natürlich, daß der Hof von Hunderten von Zuhörern angefüllt würde, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, ein erstklassiges Konzert zu hören. 219 Die Menschen hatten ihre Holzbänkchen zum Sitzen mitgebracht, auch Peter trug ein solches unter dem Arm. Unter anderem erklang das Duett aus der Oper Aida. Eine herrliche Männerstimme sang die Arie des Amonasro mit seiner Tochter Aida: ,, Wiedersehen wirst du die duff'gen Wälder..., als Gattin dessen, den so sehr du liebest." Die sinnliche Gewalt dieser Musik in ihrer farbenprächtigen Klangschönheit und Ornamentik, verbunden mit der Tragik des seelischen Inhaltes, lösten unter der Zuhörerschar tiefste Ergriffenheit aus, und ein wahrer Sturm des Beifalls erklang nach Schluß der Arie. Es war natürlich, daß gerade diese Musik so mächtig gepackt hatte, um so mehr als der gefangene Athiopier König nebst Aida das ähnliche Schicksal hatten wie sie selbst, die da zuhörten, denn jene waren Gefangene des Pharaonischen Königs geworden. Und sie waren Gefangene Hitlers. Kitty hatte sich erhoben und winkte Peter zum Fortgehen. Sie sah beängstigend bleich aus. Peter folgte ganz verwundert ihrem Wink und verstand nicht, warum sie mitten im Verlauf des Konzertes ihren Platz verlassen wollte. Aber willig ging er voran und bahnte ihr so den Weg durch das Gedränge. Er geleitete sie geschickt über den Hof hinaus auf die Straße. Sogleich fragte er, ob ihr nicht gut wäre. Sie schüttelte stumm den Kopf und strebte mit schnellen Schritten weiter. Auch Peter konnte sich nicht verhehlen, von der Musik mächtig gepackt gewesen zu sein, aber was nun plötzlich in Kitty gefahren war, war ihm unbegreiflich. Doch wartete er in Ruhe. Noch immer schritten sie stumm nebeneinander her. Auch sein Leben war kahl und leer und erhielt nur Inhalt und Farbe durch seine Begleiterin, sonst war er Gefangener und bewegte sich gleich ihr, wie alle anderen, in einem engen, abgegrenzten Lebensraum. Als Kitty an dem grünen Platz anlangte, an dessen Böschung sie zu sitzen pflegte, blieb sie stehen und ließ sich auf den Boden gleiten. 220 Peter hob sie sogleich in die Höhe und bettete ihren Kopf an seine Brust. ,, Was ist mit dir, Kitty?" Es war ein völliges Erschöpffsein, ein Versagen. Er ließ sie ruhen. Nach einer Weile fragte er wieder. ,, Nun sprich, kann ich dir helfen?" Kitty hatte sich aufgerichtet und umklammerte seinen Arm. Er sah, daß sie geweint hatte. ,, Peter, Furchtbares ist mir geschehen, niemals wieder, solange ich hier in Theresienstadt bin, darf ich solche Musik hören. Musik ist Seelensprache. Sie spricht zu mir mit solcher intensiven Gewalt, daß ich meine, den Verstand zu verlieren." Peter zuckte zusammen. -- ,, Hineingepreßt in dieses furchtbare Dasein, das mir. nicht gehört, Tag für Tag,-- dasselbe-, oh, Peter, wie feige ist der Mensch, es wäre viel, viel besser zu sterben!" Angst schnürte Peter die Kehle zu. Kitty zitterte unausgesetzt. Er zog sie wieder dicht an sich heran und streichelte ihren Kopf und ihre Schultern. Immer wieder drückte er sie an sich. ,, Deine Erschütterung erfolgte durch die Wechselbeziehung deines jetzigen zu dem früheren Leben. Durch diese Gegenüberstellung wurdest du dir deiner Lage eindringlicher als sonst wohl bewußt. Das ist die einfache Erklärung. Du brauchst nicht zu befürchten, den Verstand zu verlieren. Ich bin in der gleichen Lage, doch mein früheres Leben spielte sich nicht in einer künstlerischen Atmosphäre ab, sondern in nüchterner, ernster Arbeit, die ich heute noch weiter ausübe. Würdest du dich dauernd hier künstlerisch betätigen, so würde das alles zur Gewohnheit werden, und du würdest solche Anfälle, wie eben, nie mehr bekommen. Aber das Seltene, Ungewohnte übt die Wirkung auf unsere Seelen aus." Kitty weinte jetzt, und langsam löste sich der innere Krampf. 221 ,, Sieh, Peter, als ich den Gesängen lauschte, ganz im Banne des Gebotenen, stieg meine frühere Welt, in der ich immer gelebt hatte, aus der Versenkung empor. Ich sah mich an der Seite meines Mannes in der Loge des Stadttheaters sitzen, hingegeben den herrlichen Kunstgenüssen, und versunken war dann die ganze Umwelt. Es war eine harmonische Ehe gewesen, trotz des groBen Altersunterschiedes, war er doch 23 Jahre älter als ich." ,, Ja, ich weiß", warf Peter ein ,,, du erzähltest mir davon, daß du seine Schülerin gewesen warst, und fast noch ein Kind, als du heiratetest." ,, So kam es denn häufig vor, daß ich allein in der Loge blieb, und mein Mann, der als Kritiker einer der ersten Hamburger Zeitungen das musikalische Referat inne hatte, in das nahe gelegene Restaurant ging, um dort seinen Bericht über die Vorstellung zu schreiben. Mein lieber, guter Mann brauchte sich nicht so völlig zu verlieren, wie es bei mir der Fall war, denn neben seinen überragenden Kenntnissen als Fachwissenschaftler konnte er noch seine eminent künstlerische Begabung als Musiker in die Wagschale legen. Sieh', dadurch konnte ich alle diese herrlichen Kunstgenüsse voll ausschöpfen." Peter hatte sich gefreut, daß Kitty in ruhiger Weise erzählte und war ihren Ausführungen mit Interesse gefolgt. Er forschte in ihren Zügen und sah, daß immer noch tödliche Blässe ihr Antlitz überzog. Er war darum noch keineswegs beruhigt und fragte jetzt Kitty: ,, Hast du schon einmal von dem berühmten Psychologen Professor Siegmund Freud gehört? Er hat die Behandlung seelischer Erkrankungen auf eine neue Basis gestellt." " , Gewiß! Er war ein Verwandter meines verstorbenen Mannes." ,, Nun, dann würdest du mir vielleicht erlauben, einige Fragen zu stellen, die dich beruhigen. Er führt nämlich bei jeder Erkrankung seelischer Art ihren Ursprung auf 222 die Wurzel zurück. Und das ist die Hauptsache. Wir haben es außerordentlich schwer, uns seelisch intakt zu halten, das will ich nicht bestreiten. Aber viel vermag der starke Wille. Du bist besorgt, weil du dir das Schicksal Lenchen Böhmes vor Augen geführt hattest. Hab' ich nicht recht?" ,, Ja, du hast es wirklich getroffen." ,, Gott sei Dank, dann kann ich dich beruhigen. Du kannst nämlich keinen Vergleich ziehen zwischen ihrer seelischen Erkrankung und deiner heutigen Erschütterung. Die arme Frau war ungleich stärker belastet durch mancherlei Tragik ihres Schicksals als du." - ,, Versprich mir, Peter, bei den geringsten Anzeichen einer seelischen Veränderung bei mir, mit mir zum Arzt zu gehen." ,, Aber, Dummchen, es ist doch nichts zu befürchten. Doch die Versicherung will ich dir gerne geben." An ihrem Hause angelangt, legte Kitty beide Arme um den Nacken Peters und küßte ihn auf den Mund, dann sagte sie leise: ,, Hab' Dank, Peter!" Die Ereignisse wechselten miteinander ab. Am nächsten Tage sollte eine Besichtigung des Lagers stattfinden. Der Zimmerälteste Wiener hatte davon rechtzeitig erfahren. Er kam in die Stuben und ermahnte daher alle Insassinnen der Zimmer, ihre Plätze auf das sorgfältigste zu säubern und die Kleidungsstücke an der Wand mit Tüchern zu verhängen, so daß nichts dem Auge unangenehm auffiele. Solche Kontrolle geschah nicht der Sauberkeit halber, wie manche vielleicht annahmen, sondern nur, um nach immer noch versteckt gehaltenem Gelde, Schmuckoder Schriftstücken zu suchen. Wurde von den Kontrolleuren wirklich dergleichen gefunden, so drohte der Eigentümerin sofortige Verhaftung und Verschickung auf die kleine Festung. Nutzlosem Tadel wollte sich niemand aussetzen, daher geschah fast Unmögliches. Der stinkige, wüste 223 Raum verwandelte sich in ein halbwegs bewohnbares Zimmer und erhielt durch vieles Schuften und Arbeiten ein etwas menschenwürdigeres Aussehen. Zwar das Ungeziefer blieb, das hielt sich am Tage versteckt und kam nur nachts zum Vorschein. Die Völkerscharen der Wanzen, Flöhe, Mäuse und Ratten. Ihre Vertilgung war bislang mißglückt. Sie vermehrten sich rasend schnell und waren nicht zu vertreiben. Ja, die eine Ratte fühlte sich sogar ganz als Haustier und kam jetzt schon dreist und unerschrocken am Tage aus ihrem Versteck hervor, sprang auf die Betten und machte sich an den Brotsäcken zu schaffen. Die Alteingesessenen hatten solche Kontrolle häufig über sich ergehen lassen müssen, ohne daß sie je einen der SS- Leute zu Gesicht bekamen. Sie hatten ein dikkeres Fell und einen größeren Gleichmut als die anderen. Doch die Neuen waren in großer Aufregung und führten tausend Fragen zugleich. Von allen Opfern, die der Krieg forderte, waren die vielen der Tausende von Menschen in Theresienstadt die mit am tiefsten Betroffenen. Das tatenlose Vergeuden der Zeit mit Arbeiten, welche nie dem Lebensplan des einzelnen entsprachen, der Zerfall der Körper durch den Gram der Abgeschlossenheit in der Gefangenschaft, die Martern der nächtlichen Unruhen und der Hunger schufen eine Not, die Gott erbarmen mußte. Warum nahmen sich die anderen Völker nicht dieser hilflos Gemarterten an? Warum ließen sie diesen unmenschlichen Zustand bestehen? Durfte denn ein Machthaber seine eigenen Volksgenossen einfach umbringen lassen, ohne daß deren schreckliche Not einen Widerhall in der Welt fand? Die Versündigung am eigenen Volkskörper wird sich schwer rächen. Tausendfach wird sie sich rächen, wenn einmal die Befreiungsstunde schlägt. Einige werden diese Zeit vielleicht erleben. Von den Opfern jedoch kann man nur die Erinnerung an ihre Leiden und ihr Sterben mit in die Heimat nehmen und für sie zeugen. 224 Der Lagerkommandant Heindl erschien wirklich an diesem Tage in der frühen Morgenstunde. Er war mit seinem Stabe von der Hinterfront aus durch die zusammenhängenden Höfe der Blockhäuser geschritten und stand ganz plötzlich im Zimmer, inmitten der erschrokkenen Frauen. Alle Bewohnerinnen mußten der Reihe nach einzeln in den Hof hinaustreten und dort warten, bis die Kontrolle vorüber war. In einem Brillenfutteral wurden hundert Mark versteckt gefunden. Die Besitzerin, eine Frau Spiegel, wurde aufgerufen und sogleich abgeführt. Sie war 72 Jahre alt. Sie kam auf die kleine Festung. Als Kitty nach Dienstschluß nach Hause kam, blieb sie entsetzt auf der Schwelle des Zimmers stehen und schaute entgeistert auf ihr zerwühltes Lager. Mit ein paar Schritten war sie hinaufgeklettert und suchte fieberhaft das Kopfkissen, worin sich ihre Papiere befanden. Gott sei Dank, sie waren noch vorhanden. Diesmal war sie mit dem Schrecken davongekommen. Noch immer bot Theresienstadt das gleiche hastende und drängende Bild. Nur eine große Veränderung war vorgenommen worden. Der Marktplatz, wo bislang der kriegswirtschaftliche Betrieb für die Flugzeugindustrie mit ihren Hallen, Schuppen und Nebenbauten für die Wehrmacht aufgerichtet war, wo Posten standen und Gehwege rings um den eingefriedeten großen Platz liefen und für das Publikum seit langer Zeit abgesperrt waren, wurde aufgelöst und abgebaut; stattdessen breiteten sich nach ganz kurzer Zeit Rasenflächen mit Blumenbeeten und mit vielen Bänken vor den erstaunten Augen der Gefangenen aus. Auch ein Pavillon für eine Musikkapelle wurde dem Kaffeehaus gegenüber errichtet. Eine Kapelle spielte Vor- und Nachmittags Stücke berühmter Komponisten. Das poesielose, schwermütige Leben Theresienstadts 15 Philipp, Die Todgeweihten 225 erhielt plötzlich durch diesen Wechsel eine neue Note. Niemand verstand, was das zu bedeuten hatte. Am Anfang war jede Musik verboten gewesen, die Künstler mußten in Kellern und hinter schalldichten Wänden heimlich ihre Übungen machen. Dann wurde das kleine Kaffee eröffnet mit der Bewilligung von Konzerten und Vorträgen und nun gar die tägliche Musikkapelle. Was hatte das zu bedeuten? Die grünen Rasenflächen, das ganze bunte farbige Bild nahm sich zuerst ganz unwirklich aus. Noch mehr die auf den Bänken sitzenden Menschen, die dem Spiel der Musikkapelle lauschten. Kitty floh vor jeder Musik. Sie bekam einen Druck in der Herzgegend, der ihr den Atem nahm. Aber wenn der Marktplatz menschenleer war, begab sie sich in ihrer Freizeit dorthin. Sie setzte sich dann einer Kirche gegenüber, welche schon häufig das Ziel ihrer Spaziergänge gewesen war. Sie war von einem wuchtigen, eigenartigen Stil, mit einer mächtigen Einganspforte, deren große Flügel leider stets verschlossen blieben. Aus diesem Bau sprach eine feine Kultur. Wie gern wäre Kitty einmal in das Innere des Gotteshauses eingetreten. Aber es lag stumm da, wie ein Grabmal, nie öffneten sich seine Türen. In der Ferne zeigten sich die Silhouetten der Sudetenkette, und diese gaben einen Rahmen zu dem Bilde Theresienstadts ab. Wie köstlich mußte es sein, in froher Gesellschaft von der Höhe jener Berge über die vielen Baumkuppen hinweg in das tiefe Tal dieses Ortes zu blicken. Auch würde, wenn es nicht verboten wäre, ein Gang spät abends am Wasser entlang sehr stimmungsvoll sein, sobald Mondesschimmer über dem Ganzen geheimnisvoll lag und die Landschaft durch Licht und Schatten veränderte. Dort, wo an der anderen Seite der Brücke der Posten stand, und der Weg in die Freiheit führte. 226 Abends lagen die Straßen nach 9 Uhr in Grabesstille. Voller Ungeduld warteten die Eingeschlossenen auf Nachricht aus der Heimat, doch der Tag brachte nichts Neues. Die Lage blieb sich gleich. Wer beschreibt Kittys Entzücken, als sie endlich ein Paket von ihrer Schwester Elisabeth in Händen hielt. Mit Tränen in den Augen packte sie den Inhalt aus: 3 Apfel, 6 Zwiebeln, eine Dose Tomatensuppe und ein Päckchen Mischkaffee. Solche Herrlichkeiten hatte sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Noch am gleichen Tage suchte sie Helga auf, um mit der Freundin zu feilen. Denn auch Helga gab von ihren Sachen immer einen Teil an Kitty. Die Freundin hatte eine Schwester in Brüssel wohnen, welche ihr viele Pakete mit den schönsten Lebensmitteln sandte. Auch seitenlange Briefe, worin sie ihre Besorgnis und Liebe für die Schwester aussprach, bekam Helga. Nun war es selbstverständlich, ihre Dankesschuld bei Helga abzutragen. Helga war so glücklich, durch diese Zusatzlebensmittel für ihren Hans ein anständiges Essen bereiten zu können, woran auch Kitty und Frau Lupiskaja häufig teilnehmen mußten. Und mit gutem Recht erhielt Frau Lupiskaja ihr Quantum. Sie beaufsichtigte auf dem Boden den kleinen Ofen, worauf die verschiedenen Töpfe der Mitbewohnerinnen standen. Theresienstadt ist so winzig klein, daß nur ein Punkt auf der Landkarte diesen Ort kennzeichnet. Und doch lebten zeitweilig 60 000 Menschen darin. Lebten ist zuviel gesagt. Sie vegetierten und tun es noch. Allerdings sind es jetzt 45 000 nach den zwei letzten Transporten. Die Sudetenkette schließt die Stadt ein, und dazwischen drängen sich die Mauern und der Stacheldraht, der das Lager von der Außenwelt abtrennt. Nur an der einen Seite, wo die Viertel der Lagerkommandantur liegen, bleibt ein Weg in die Freiheit offen. Nun war der dritte Lagerkommandant mit Namen Rahm eingezogen. Die Verordnungen und Tagesbefehle 15* 227 blieben aber dieselben, auch die Strafen bei Vergehungen der Entrechteten. Die kleinsten Vergehen zogen die Todesstrafe nach sich. Das Essen war nicht mehr geworden. Die Suppen dünn und ohne Nährwert, ja, es schien, als ob Soda und noch irgendein anderes, fremdes Zeug hineingemischt war. Sowie Kitty diesen eigenartigen Geschmack spürte, goß sie die Suppe weg, trotz ihres Hungers. Viele bettelten bei ihr darum, aber sie mochte sie nicht weitergeben, denn sie hielt das Gesöff für schädlich. " , Wollen Sie sich krank machen?" fragte sie die Bittsteller. ,, Ach, geben Sie sie mir nur, ich bin so hungrig." In den großen Kasernenhöfen liefen diese Unvernünftigen die Reihen der noch nicht abgefertigten Essenholer entlang, und immer wieder hörte man ihre Fragen: ,, Essen Sie Ihre Suppe, gnädige Frau?“„ Nehmen Sie Ihre Suppe, mein Herr?" ,, Nein, nein!" ,, Kann ich sie erhalten?" ,, Ja, gewiß, aber ich warne Sie, sie ist nicht gut." ,, O, dann tausend Dank!" Er oder sie hält ihren Topf hin und der Essenholer gießt kopfschüttelnd mit Widerstreben die graue, wie Spülwasser aussehende Flüssigkeit hinein. Die Gesichter der umherirrenden Suppenesser sind aufgedunsen, die Augen verguollen. Wasser! Alle haben sie Wasser in den Beinen und im ganzen Körper. Ohne Stock würden sie umfallen. Ach, wie schrecklich war das Leben, und ein Ende dieser Qualen war nicht abzusehen. Eines Abends war unter den Frauen in dem stinkigen, schwach erleuchteten Raum eine gewaltige Aufregung. Sie wurde dadurch hervorgerufen, weil Frau Burger, 228 eine neue Zimmerinsassin, ihr wirklich grauenhaftes Schicksal erzählte und unter Schluchzen das Gespräch auf die Vergeltungs- und Rachemaßnahmen der Entrechteten brachte. Eine der wütendsten Aufwieglerinnen in dem Zimmer erklärte darauf, es dürfe in Deutschland kein Stein auf dem andern bleiben, alle Aktivisten und zuerst natürlich die Regierungsmitglieder müßten aufgehängt werden; aber sie sollten vorher erst einmal eine Zeit in einem KZ- Lager verbringen und dann erst aufgeknüpft werden. Bei solchen Gesprächen ging es meistens drunter und drüber, und alles wurde kleingehackt, bis nichts mehr übrigblieb. Der Topf kochte gewaltig über. Die Wut unter den Gequälten war groß und kannte keine Grenzen. Kitty stand nicht der Sinn danach, sich in diese unfruchtbare Debatte einzulassen, um so mehr, als sie sehr müde war und im Begriff, ihre Bettstücke in den Hof zu tragen. Aber plötzlich horchte sie auf. Frau Burger legte dermaßen los, daß alle vor Schreck erstarrten. Mit dieser Amoral konnten sich viele nicht einverstanden erklären, denn das war Haß bis zur Mordlust. Kitty wandte sich um. ,, Pfui, Sie wünschen, daß ganz Deutschland von den Bomben der Feinde zerstört werden solle und vom Erdboden verschwinden? Ja, waren Sie denn je eine Mutter? Sind Sie überhaupt ein menschliches Wesen?" ,, Zum Teufel mit Ihrer Fragerei. Die Schweine haben uns hier eingesperrt, geben uns nichts zu fressen und lassen uns im eigenen Dreck verrecken. Haben die etwas Besseres verdient?!" " 7 Wir sollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, das lehrt uns die Bibel. Wozu haben wir denn Religion?" Da sprang die Blindwütende auf Kitty zu und schüttelte ihre Fäuste. Es sah aus, als wolle sie sie schlagen. ,, Sie verrücktes Frauenzimmer, von welcher Seite 229 werden Sie bestochen? Uns hier Lehren zu geben. Sie haben wohl heimliche Freunde", setzte sie hämisch hinzu. ,, Wenn Sie auf Barmherzigkeit hoffen, müssen Sie vorher Barmherzigkeit üben", sagte Kitty tapfer. ,, Einen Dreck werde ich tun, Sie bleichsüchtige Betschwester." ,, Ich möchte nicht meine Errettung aus der Gefangenschaft mit dem Untergang Deutschlands bezahlen. Lieber zöge ich den Tod vor." Kittys Empörung wuchs immer mehr. Sie zitterte am ganzen Körper. Grell lachte die Burger auf. ,, Na, da sind Sie wohl eine verkappte Nationalsozialistin. Man trägt doch nicht seine eigene Haut zu Markte!" Da ereignete sich etwas Merkwürdiges. Eine der gewöhnlichsten und streitsüchtigsten Frauen rief jetzt laut ihre Meinung durch das Zimmer. ,, Die Bergner hat Recht! Auch ich möchte nicht, daß Deutschland zerstört würde. Nicht um die Welt. Meine Heimat will ich wiedersehen, daß ihr's nur wiẞt." Einen Augenblick herrschte Stille, danach brach der Sturm los. Die beiden Aufwieglerinnen brachen in ein gellendes Gelächter aus. ,, Sieh' mal einer an. Was Sie nicht sagen, Kaufmann. Sie stehen also dem Milchgesicht bei? Dann seid ihr beide wohl verkappte Nationalsozialisten. Mir macht ihr nichts weis." Und die andere rief: ,, Für diese Entarteten haben die noch etwas übrig, das ist mehr als verdächtig." Kitty war in der Zwischenzeit die Leiter heruntergeklettert und stand vor Frau Kaufmann. ,, O, liebe Frau Kaufmann, wie danke ich Ihnen für Ihre Worte." ,, Ja, Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Nur Sie allein haben das Herz auf dem rechten Fleck." ,, Wir wollen nicht Haß und Rachsucht nähren, sondern 230 Liebe. Wir wollen barmherzig sein und vergeben und Gott anflehen um Erlösung, daß er unsere Bitten erhören möge." Die Burger sprang wieder vor, und glühender Hak loderte aus ihren Augen. Sie schüttelte Kitty am Arm und schrie: ,, Verrücktes Weib, man merkt, du hast nichts durchgemacht, sonst würdest du fühlen, welch' grauenhaftes Los wir alle tragen." Jetzt endlich ließen sich einige versöhnende Stimmen hören. ,, Gebt doch endlich Ruhe, wir wollen schlafen." Die Burger warf sich mißmutig und krachend auf ihr Lager. FRAU VAGAS' TOD Frau Ellen Vagas- Bargen fühlte sich seit vielen Tagen nicht wohl. Sie nahm an, einen Diätfehler begangen zu haben, denn die jungen Damen, für die sie die grauen, roten, blauen Kappen häkelte, brachten ihr im Tausch immer Gemüseabfälle, die diese wiederum mit Erlaubnis des Kochs mit nach Hause nehmen durften, mit. In Theresienstadt konnte man nichts mit dem Ghettogeld kaufen, es hatte nur Wert als Bezahlung der monatlichen kleinen Einkäufe beim Krämer. Gestern erhielt Frau Vagas eine Gurke. Sie sah schon Peters strahlende Miene im Geiste, wenn sie ihm den Gurkensalat heute Abend vorsetzte. Er war die letzte Zeit seltener gekommen. Trotz ihres sehr schlechten Befindens zog sich Frau Vagas an und wollte ihrem Sohn entgegengehen. Sie war eben im Begriff, die Tür zu öffnen, als Peter eintrat. ,, Mutterle, wohin des Weges?" ,, Zu dir, mein Junge. Wir werden hinuntergehen in den Garten. Das Wetter ist besonders schön heute." 231 Peter umschlang seiner Mutter Schulter und drückte sie im Gehen zärtlich an sich. „Ich fühle mich so reich, Mutterle, daß ich dich noch habe. Bleibe nur ja gesund.“ Frau Vagas seufzte. „Peter, es ist doch wohl besser, ich sage es dir. Du brauchst aber nicht zu erschrecken, ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Vielleicht gehst du zu dem Blockarzt und bittest ihn, morgen nach mir zu sehen.“ Erschrocken faßte Peter die Hand seiner Mutter. Er fühlte die feuchte Wärme ihrer Handfläche. „Mutterle, dann ist es doch wohl besser, du begibst dich zur Ruhe, obgleich ich noch sehr gerne hiergeblie- ben wäre.“ Seine Mutter nickte und reichte ihm die Hand.„Ja, es ist gut, ich werde mich niederlegen.“ Schon in der Frühe erschien Peter bei seiner Mutter und erkundigte sich nach ihrem Befinden. „Der Arzt war gestern Abend noch gekommen. Es ist nichts, Peter, nur ein Bronchialkatarrh.“ Peter streichelte seiner Mutter Hand und war sehr froh, daß seine Angst unbegründet war. Er versprach im Laufe des Tages noch einmal nach ihr zu sehen. Frau Vagas bat ihn, er möchte die junge Frau Bergner mitbringen. „Ich weiß nicht, Mutterle, ob sie dienstfrei ist. Aber ich werde sie sofort aufsuchen.“ *** Peter ging noch am gleichen Tage zu Kitty, doch sie war noch nicht aus ihrem Dienst heimgekehrt. Er war- tete. Es war ein ewiges Kommen und Gehen der Besu- cher und der Einheimischen. Die Tür blieb nicht einen einzigen Augenblick geschlossen. Endlich trat Kitty ein. Als Kitty Peter gewahrte, wußte sie gleich, daß es sich um seine Mutter handelte. Er hatte eine so sorgen- volle Miene. 252 en „Meine Mutter möchte dich gerne sprechen“, sagte Deter. „Was ich tun kann, Peter, tue ich gern. Ich werde heute nachmittag zu ihr gehen.“ Peter begann auf und ab zu wandern. Schließlich blieb er vor Kitty stehen, und dann erzählte er ihr seine Be- sorgnis. Mitunter hielt er inne und sah vor sich nieder. „Weißt du, Kitty, es ist keine eigentliche ernste Krankheit vorhanden, und doch bin ich in Sorge, die Mutter zu verlieren. Die Gefahr scheint mir nahegerückt zu sein. „Ich werde ihren Blick von heute morgen nie ver- gessen. Er war so verklärt und überirdisch schön, als weilte sie bereits in seligen Gefilden.“ Er sah aus dem Fenster. Ein breiter, mächtiger Baum stand vor der Tür, auf dessen Krone die Sonnenstrahlen spielten. Die gegenüberliegenden Fenster des Nachbar- hauses leuchteten wie rotes Feuer. Kitty stand bei Peter und sah ihn von der Seite an. Er schien ihr ganz verändert. „Weißt du, Peter, vielleicht ist es besser, ich gehe gleich zu ihr.“ Sie legte ihre Jacke an und schritt dem Ausgang zu. Von den neugierigen Blicken der Zimmerinsassinnen verfolgt, öffneten sie die kleine Glastür und gingen hin- aus. In der Seestraße angelangt, verabschiedete sich Peter von Kitty. Sie trat hinein in den Hofgarten, und eine Hauspflegerin, die dort zugegen war, wies sie nach dem Platz der Frau„Baronin“. Die Schwester betonte gern diesen Titel vor Besuchern. Es war einer jener schönen, unvergeßlichen Sommer- tage, wie sie selten sind. Unbeschreiblich war der Glanz in der sonnendurch- glühten Luft. Die durchsichtige Bläue des Himmels mit verstreuten Wolkengebilden, die leuchtenden Farben der Blumenbeete und das saftige Grün der Laubbäume ver- einigten sich zu einer wundervollen Harmonie. 235 Frau Vagas saß in der Sonne, sie schien sich wirklich wieder etwas erholt zu haben. Sie richtete sich aus ihren Decken in die Höhe und winkte Kitty freudig zu sich heran. Sie setzte sich zu ihr, und Frau Vagas begann sofort zu reden, als sei die Zeit sehr kostbar. ,, Ich habe Sie rufen lassen, Kitty, weil ich instinktiv fühle, daß ich nicht mehr lange zu leben habe. Erschrekken Sie nicht und bleiben Sie ganz ruhig. Wenn ich heute meine Zuflucht zu Ihnen und nicht zu Peter nehme, um wichtige Dinge mit Ihnen zu besprechen, so geschieht es aus dem Gefühl einer inneren Zusammengehörigkeit heraus. Geben Sie mir Ihre Hand, so, mein liebes Kind. Zunächst möchte ich von Peter reden. Er ist ein so warmherziger, so in allen Stücken aufopferungsfähiger Mann, darum bin ich sehr besorgt, daß, wenn ich einmal nicht mehr sein sollte, er sehr zu leiden hat." Kitty war nun doch erschrocken aufgesprungen und umschlang Frau Vagas mit beiden Armen. Die Worte schmerzten ungemein, und die Erinnerung an den Verlust der vielen liebgewordenen Menschen drang plötzlich auf sie ein. Sie rückte näher an die Baronin heran und legte für einen Augenblick ihre kühle, feste Hand auf die Stirn der Kranken. ,, Gott sei Dank, Sie haben kein Fieber, Frau Vagas, und doch sprechen Sie vom Sterben--, damit hat es noch lange Weile." Frau Vagas ließ es lächelnd geschehen. Sie richtete sich noch ein wenig mehr empor und sah Kitty in die Augen. ,, Kind, ich muß mit Ihnen reden. Auf meinen vielen ausgedehnten Reisen habe ich Länder und Menschen kennengelernt und mir eine gesunde Urteilskraft erworben. Ich fühle instinktiv Ihren Herzensadel und das Verständnis, das Sie mir in meiner Lage entgegenbringen, 234 darum bin ich jetzt ruhig und glücklich, daß Sie bei mir sind. Wären Sie leicht, fröhlich und Ihrem Alter entsprechend, ich würde meine letzten Worte nicht an Sie, sondern an meinen Sohn richten, aber Sie stehen mir seelisch so nahe, daß ich alles Ihnen allein anvertrauen möchte. -- - Ich bitte Sie, mein liebes Töchterchen lassen Sie mich einmal Sie so nennen, verlassen Sie meinen Sohn nicht, sondern seien Sie ihm Stütze und Halt. Gott ruft mich bald zu sich dankbar bin ich für seine Gnade, wenn er mir ein ruhiges Ende bereit hält." Kitty weinte und wandte sich jetzt der Baronin zu. ,, So dürfen Sie nicht sprechen, Frau Vagas, Sie müssen leben bleiben. Peter könnte es nicht verwinden." ,, Wollen Sie mir helfen?" fragte Frau Vagas. ,, Ja", sagte Kitty schnell ,,, ich bin bereit, alles zu tun, was Sie wünschen!" ,, Nun, Kitty, mein geliebtes Töchterchen und Braut meines Peter, dann umarme mich! Du bekommst einen guten Mann." Zitternd erhob sich Kitty. Das konnte, das durfte ja nicht sein. Sie liebte ja einen anderen. Wie konnte sie dieser armen Frau nur die Wahrheit sagen? Aber durfte sie sie belügen? Blitzschnell durchzogen die Gedanken ihr Gehirn. Wo gab es nur Rettung? Ein heiliger Wille beseelte sie, Frau Vagas nicht zu kränken und ihr in ihrer Not beizustehen. Sie fühlte Kräfte in sich wachsen. ,, Liebste Frau Vagas, ich werde Ihren Sohn nicht verlassen und solange wir hier Gefangene in Theresienstadt sind, stets zur Seite sein. Aber Ihr Leben werde ich zu erhalten suchen, darum bitte ich Sie, stärken Sie Ihren Willen, und es wird mir glücken." Tiefste Ergriffenheit malte sich in Frau Vagas' Zügen. ,, Kind, willst du die Zeit zurückschrauben? Unmögliches leisten? Ich habe ein gutes Leben gehabt, wie vielleicht wenige, soll ich nun unbescheiden sein und 235 das Maß des Glückes zum zweitenmal gefüllt sehen?!" Kitty hatte den Arm um die Schulter von Frau Vagas gelegt und sagte mit leiser Stimme:„ Ich werde jeden Tag herkommen und Sie pflegen, dann werden Sie mit Gottes Hilfe gesund werden.“ ,, Mein Kind, womit habe ich soviel Liebe verdient? Du machst mich wahrhaft glücklich. Die paar Wohltaten, die ich irgendwann einmal geleistet, sind nicht zu rechnen. Nur was wirklich Opfer ist in unserem Leben, kann voll gewertet werden. Der Groschen des armen Mannes, den er verschenkt, wiegt mehr als die Mark des reichen. Glaube mir, meine Tochter, unedel habe ich nie gehandelt. Aber heute wünschte ich sehnlichst, mehr Gutes getan zu haben. Viel zu wenig habe ich an meine Mitmenschen gedacht, immer nur selbstsüchtig mir und meinem Peter gelebt. Das quält mich heute sehr." Kitty richtete sich empor und antwortete mit leiser, gepreẞter Stimme: ,, Warum quälen Sie sich so, liebe Frau Vagas, Sie können ja alles Gute noch nachholen, wenn wir erst wieder in der Heimat sind. Bis dahin warten Sie." ,, Kind, glaubst du noch an eine Ruckkehr?" Ein Kältegefühl durchdrang Kittys Brust, dann sagte sie hastig: ,, Wir müssen daran glauben, wenn wir nicht vorzeitig zugrunde gehen wollen." Kitty drückte Frau Vagas die Hand und wandte sich zum Gehen. Frau Vagas lehnte sich mit geschlossenen Augen in die Kissen zurück, während die junge Frau mit leisen Schritten zum Tor des Gartens schritt und es hinter sich schloß. Die Sonne war schon im Untergehen begriffen, als Kitty den nächsten Tag in der Seestraße eintraf. Ein heiliger Wille beseelle sie, trotz des anstrengenden Dienstes und des schweren Lebenskampfes auch noch Peters Mutter zu stützen und mit Gottes Hilfe zu erhalten. Aber sie hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, das heißt ohne die Hausschwester. Kitty hatte in ihrer Arglosigkeit nicht gedacht, daß man ihrer Betreuung 236 andere Motive als nur gute unterschieben könnte. Sie war daher aufs äußerste bestürzt, als die Hilfsschwester ihr im Flur des Hauses energisch entgegentrat und mit greller, entrüsteter Stimme fragte:„ Sagen Sie doch, Frau Bergner, was führt Sie eigentlich immer zu unserer Frau Baronin? Hat sich die gnädige Frau etwa wegen mangelhaffer Pflege beschwert? Ich denke, daß wir keine Mühe scheuen, der Dame jeden Wunsch zu erfüllen!" Kitty stand wie versteinert. Gegen offensichtliche Bosheit war sie machtlos. ,, Ich möchte Frau Vagas gerne gesundpflegen", sagte sie einfach. Die Schwester lachte höhnisch. ,, Als wenn wir hier nicht dasselbe wollten! Meinen Sie, wir leben auf dem Mond? Mir scheint eher, Sie haben ganz bestimmte Absichten. Die Frau Baronin hat sehr gute Sachen, die Sie in Ihrer Lage wohl gebrauchen könnten." Diese, mit versteckter Wut hervorgezischten Worte trafen Kitty wie Dolchstiche. Sie stand wie vom Donner gerührt. Leider waren die niedrigen Instinkte in Theresienstadt zu ungeahnter Höhe emporgewachsen. Es war, als wenn die Gefangenschaft die Menschen von Grund aus ummodelte. Alle Frauen kamen doch fast ausschließlich aus gut bürgerlichen Kreisen und waren in bezug auf Moral gefestigte Naturen, die nicht leicht der Versuchung anheimfallen sollten. Leider war aber das Gegenteil der Fall. Es war eine richtige Amoral unter den Frauen. Nie hatte Kitty m entferntesten daran gedacht, irgendwelche Gegenstände oder Geschenke von der Baronin anzunehmen. Habgier lag ihr ganz und gar nicht. Sie sah nur die Schwester schweigend an und ging mit hochgerecktem Kopf, aber mit versteinertem Gesicht, ohne eine Antwort zu geben, weiter durch den Flur und betrat das Zimmer. Frau Vagas hatte sich unter Kittys liebevoller, sorgsamer Pflege tatsächlich erholt. Sie begann wieder zu 237 essen. Kitty verstand alle Speisen, auch die allereinfachsten, ungemein appetitlich anzurichten. Der Neid und die Miẞgunst der Zimmerinsassinnen verfolgten ihr Tun mit Argusaugen. Eine jede hatte unter Hunger zu leiden, blieben aber von den Speisen der Kranken Reste stehen, so rührte Kitty sie nicht an, aber sie gab sie auch nicht den Zimmerinsassinnen. Sie hob sie auf, denn mitunter konnte sie sie immer noch der Kranken reichen. Die Baronin bewegte sich schon langsam am Stock und ging auf Kittys Bitten mit ihr hinunter in den Hofgarten. So auch heute. Hatte Frau Vagas schon vorher eine tiefe Sympathie für Kitty gefaßt, so kannte ihre Liebe und Dankbarkeit jetzt keine Grenzen. Heute hatte es in der Nacht tüchtig geregnet, und trotz der Abendstunde hing noch die Feuchtigkeit in der Luft. Daher forderte Kitty auch die warme Überkleidung für die Baronin, ehe sie mit ihr in den Garten hinunterging. Kitty sah lieblich aus, wie immer, und Frau Vagas fühlte die zärtlichsten Regungen für sie in sich erwachen. Am liebsten hätte sie Kitty in die Arme geschlossen. Leider aber erinnerte sie sich mit Wehmut an die letzte Unterredung, in der sie den sehnlichsten Wunsch ihres Herzens, Kittys Verbindung mit Peter, ausgesprochen, und wobei diese sich völlig passiv verhalten hatte. - - Frau Vagas aber schob die Scheu der jungen Frau auf ihre eigenartige Natur. Für sie war es nur eine Frage der Zeit, daß sie die Frau ihres Sohnes würde. Heute sagte sie gleich beim Hinuntersteigen in den Garten zu der jungen Frau: ,, Töchterchen, ich habe mit Ihnen wichtige Dinge zu besprechen", dabei überreichte sie Kitty ein Päckchen, das sie aus ihrer Manteltasche herausnahm: ,, Nimm dieses Kästchen, mein Kind, und hebe es gut auf. Es fällt mir seine Obhut zu schwer. Der Inhalt sind die letzten Reste meiner Schmuckstücke, die ich dir hiermit als Andenken hinterlasse. Meine Hilf238 losigkeit ist zu groß, um länger diese Dinge bei mir aufzubewahren. Auch sonst ist Peter davon in Kenntnis gesetzt, daß du als rechtmäßige Eigentümerin meiner Sachen giltst." Kitty hatte erschrocken abgewehrt und bat Frau Vagas, den Schmuck doch lieber ihrem Sohn zu übergeben. Sie mochte natürlich der schwachen Frau nicht sagen, wie ängstlich sie war, daß auch nur der Schatten eines Verdachtes auf sie fallen könnte, wenn jemand hier im Hause erführe, daß Frau Vagas ihr Geschenke machte. Diese Gedanken behielt sie sorgfältig für sich, um die schwache Frau nicht zu erregen. >> Willst du mir dann jede Möglichkeit nehmen, dir meinen Dank und meine Liebe zu zeigen? Mache es mir nicht zu schwer, Kitty. Ich bin dir gefolgt in allen deinen Ratschlägen, nun folge du mir." In dem Zwiespalt ihrer Gefühle wußte sich Kitty nicht anders zu helfen, als das Kästchen nun doch in Empfang zu nehmen. Sie beugte sich nieder und wollte die Hand der alten Dame küssen. Aber Frau Vagas zog sie ganz zu sich heran und küßte sie selber auf beide Wangen. ,, Kind, du weißt nicht, wie lieb du mir bist, deine Gegenwart schon macht mich froh und glücklich." So gingen beide in inniger Harmonie noch lange durch den Garten des Hauses, bis die Luft ein wenig zu kühl wurde und Kitty besorgt Frau Vagas ins Haus zurückführte. Auch die nächstfolgende Zeit war Kitty dauernd in der Seestraße, und noch nie hatte sie sich so beruhigt gefühlt wie jetzt in dem Bewußtsein, einem wertvollen Menschen ihre Dienste gewidmet zu haben. Als sie eines Mittags kurz nach Hause kam, weil es sehr stark regnete und sie sich den Sackfetzen holen mußte, um sich vor der Nässe zu schützen, übergab man ihr einen Zettel, der eben für sie abgegeben war. 239 Voller böser Ahnungen öffnete sie das Papier und las: ,, Mutter ist soeben gestorben. Peter." Um Kitty war einige Augenblicke völlige Nacht. Doch schnell erholte sie sich von ihrem Schrecken und eilte im Laufschritt nach der Seestraße. Vor der Eingangstür mußte sie noch einige Male krampfhaft schlucken, um die heraufsteigenden Tränen zu verbergen. Als sie die Tür öffnete, sah sie, daß die Zimmerinsassen alle vollzählig auf ihren Betten sagen und neugierig zu Peter herüberstarrten, der im tiefen Schmerze am Bett der Verstorbenen stand. Tiefe Betroffenheit und wahre Ergriffenheit zeigte nur eine einzige Dame, die jetzt auf Kitty zutrat und ihr feilnahmsvoll die Hand reichte. Es war Frau Goldenberger, die sich seinerzeit bei der Ankunft der neuen Zimmergenossin so sehr gefreut hatte. Als Kitty näher trat, berührte sie leicht Peters Arm. Er sah auf, schien sie aber gar nicht zu sehen. In seinem Blick lag tiefste Verzweiflung. Kitty schnürte es das Herz zusammen, daß sie ihm nicht helfen konnte. Von dem Augenblick ihres Eintretens an herrschte tiefste Stille im Raum, es war, als wären es nur Figuren, die dort auf den Betten saßen. Kitty sah das himmlisch verklärte Antlitz der Toten, das zu lächeln schien, direkt vor sich. Das schnelle Ende hatte auch sie wie ein Blitzstrahl getroffen. Sie trat noch näher zu Peter heran und nahm seine Hand. ,, Sei stark, Peter", sagte sie leise ,,, ertrage still den furchtbaren Schmerz. Denke, der hohe Schöpferwille hat es so gefügt. Schwer trifft dich der Schlag, aber die liebe Tote stand auch mir nahe, und die Hälfte deines Schmerzes gebührt mir. Verzage nicht, du wirst nicht kleinmütiger sein als die von uns geliebte Tote, die gern und ohne Murren gestorben ist." Nach diesen Worten zog Peter Kitty näher zum Bett heran, und Hand in Hand schauten sie stumm auf die Verewigte. 240 Auf einen Wink der Frau Goldenberger, deren Herz voller Takt fühlte, daß der Sohn den letzten Abschied von seiner Mutter allein verbringen möchte, verließen alle Damen den Raum. Jetzt erst konnte Peter endlich seine Tränen fließen lassen, und das Feuer seines Grames lindern. Kitty streichelte unausgesetzt seinen Kopf. Sie wußte, wie hart solcher Abschied von dem liebsten Wesen war. Peter fühlte die Worte Kittys wie Glocken in seinem Ohr nachklingen. Ein süßer Friede schlich sich in seine Brust. Er richtete sich auf. Mit gefalteten Händen blieben beide am Lager der toten Mutter stehen, deren Sorge bis zum letzten Atemzuge ihres Lebens nur ihrem Sohne gegolten hatte und deren unerschöpfliche Liebe bis über das Grab hinaus ging. ,, Der Herr schenke ihr eine ewige Ruhe in Seligkeit", flüsterte Kitty. Peter stand betäubt daneben. Zu der Beerdigung der Freifrau Ellen Vagas von Bargen hatte sich eine große Anzahl Menschen eingefunden. Sie kamen nicht nur aus der engeren Umgebung ihrer letzten Lebenszeit, sondern sie setzten sich auch aus dem Patientenkreise des Sohnes, Dr. Vagas, zusammen. Außer diesen Teilnehmern waren die wirklich Leidtragenden und deren Kreis erschienen, um von der Verewigten den letzten Abschied zu nehmen. Neben Dr. Anthony und seiner Frau waren Frau Lupiskaja mit ihrer Tochter Sonja in der Menge zu sehen. Peter Vagas war von Josef Manez begleitet. Kitty kam den Herren entgegen. Manez grüßte kurz. Seine Augen hatten streng und kühl über alles hinweggesehen, als wäre ihm jede Bekanntschaft lästig. Man sah ihm seine Besorgnis um Peter Vagas an, den sein Blick fortwährend suchte. Die Fürsorge war berechtigt, denn niemals hatte es wohl eine würdelosere und pietätärmere, geistliche Ze16 Philipp, Die Todgeweihten 241 remonie gegeben als hier, wo sie dem letzten Gedenken der Toten geweiht war. In dem Raum einer ehemaligen Garage standen noch sieben weitere Särge. Leicht zusammengesetzte rohe Holzbretter. In ihrer grenzenlosen Dürftigkeit reihten sie sich ohne Schmuck einer Blume oder eines grünen Zweiges nebeneinander an. Nur durch eine Nummer von einander gekennzeichnet standen sie dort. Ein Prediger ohne Ornat, einfach in Zivilkleidung, rief die Nummern und zugleich die Namen der Verstorbenen auf. Dann traten aus der großen, versammelten Menschenmenge die Leidtragenden hervor. Er sprach zu ihnen ein paar Worte und reichte ihnen die Hand, als Ausdruck seines Beileids. Dieser nüchterne, schräg abfallende, breite Gang mußte eine Kirche ersetzen. Die Menschen waren erregt von der unglaublich pietätlosen Förmlichkeit dieser Handlung. Kitty war an Peters Seite getreten, sie forschte ängstlich in seinen Mienen. Aber sein Ausdruck war starr und unbeweglich, nur in den Augen sak verzweiflungsvolle Trauer. Weinen tat niemand. Wie konnte man auch hier seinen Schmerz zum Ausdruck bringen. Die Anwesenden waren innerlich wohl erschüttert, doch niemand zeigte nach außen sein wahres Gesicht. Alle bezwangen sich und trugen Masken. Nacht um Nacht, Tag um Tag starben die Gefangenen, und ihr letzter Weg ging durch diesen Gang. Keine feierlichen Worte wurden gesprochen, kein lieber Nachruf erfolgte. Welch' ein schrecklicher Abschied war das. Kitty war erschüttert. Sie sprach im stillen viele innige Gebete für die liebe Verstorbene. Leise drückte sie Peters Hand. Welch' ein Weh mußte er empfinden?! Wer die anderen Verstorbenen waren, die begraben wurden, wußte sie nicht. Tausende und aber Tausende waren diesen letzten Weg gegangen. Wer weiß, kommt überhaupt einer von uns lebend hier heraus? Und wenn, wer wird es sein? Forschend 242 ruhten ihre Blicke auf den Gesichtern der Männer und Frauen, und sie sah, daß sie alle ein elendes und graues Aussehen hatten. Manche Augen schienen wie erloschen. Einige, darunter waren Peter, Manez und Hans Anthony, sahen noch frisch aus, wenn auch von dem Ernst der Stunde beeindruckt. Aber ihre Schultern hoben sich straff und der Rücken war gerade. Mancher mag sich an diesem Morgen die Frage vorgelegt haben: Werde ich wohl auch' mal so in der Reihe stehen? Eine gemischte Gesellschaft war's, die sich zusammengefunden hat, um den Toten ein letztes Gedenken zu weihen. Nachdem alle Nummern aufgerufen waren, wurden die Särge auf einen Leiterwagen gehoben, um ins Krematorium gefahren zu werden, wo sie verbrannt werden sollten. Der Friedhof Theresienstadts war völlig überfüllt. Zwar versuchten die nächsten Angehörigen, einige Schritte mit dem schnell abfahrenden Wagen zu machen, aber er fuhr in großer Eile davon. Mit versteinerten Gesichtern kehrten die Trauernden um und gingen nach Hause. Auf dem Rückweg begleiteten die Freunde Peter Vagas in stiller Anteilnahme zurück, denn man merkte die außerordentlich tiefe Verzweiflung, in der er sich befand und die niemand stören mochte. Eine große Neuigkeit durchlief Theresienstadt. Vor einigen Tagen, hieß es, seien zwei junge Mädchen entflohen. Wie es ihnen möglich war zu flüchten, war jedem unverständlich. Niemand wußte darüber etwas auszusagen. Als die Zimmerälteste an dem bewußten Abend die Namen der jungen Mädchen aufrief, meldeten sie sich nicht. Die Kommandantur verfügte eine schwere Strafe über die gesamten Gefangenen, falls sich die jungen Mädchen nicht wieder einfinden sollten. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, alle Spuren mit zu verfolgen. So groß die Freude über die gelungene Flucht der beiden Insassinnen auch war, so groß war aber auch andererseits die Angst vor der kommenden Strafe. Es 16* 243 würde ja den SS- Leuten ein willkommener Anlaß sein, eine recht harte zu verhängen. Und sie werden keinen Wert darauf legen, ob die Unschuldigen für die Schuldigen büßen müßten. Bei der vorletzten Flucht zweier Männer wurde die Zuckerration gekürzt und vier Wochen völlige Lichtsperre angesetzt. Aber jetzt ist es Herbst, da trifft eine Sperre ganz entsetzlich. Solche Flüchtlinge haben bestimmte Helfershelfer, die über falsche Papiere verfügen und die Leute ungesehen über die Grenze bringen können. Sie werden erst irgendwo versteckt gehalten, dann auf einem Umweg in ein fremdes Land geschmuggelt. Vielleicht auch auf dem Luftwege? Niemand wird die Mädchen ausliefern, aber die Strafe müssen die Gefangenen fragen. Der Altestenrat wurde verschiedene Male auf die Kommandantur beordert, und hinter verschlossenen Türen sollen sich sehr aufregende Szenen abgespielt haben. Die Folge davon war eine sehr harte Verfügung von vier Wochen vollkommener Lichtsperre. Die Spur der verschleppten Mädchen führte nach Prag. Das war vorauszusehen, da es Tschechinnen waren. Die SS- Lagerkommandantur hatte sie trotz sorgfältigsten Suchens nicht auffinden können. Jedermann freute sich über die gelungene Flucht der beiden Gefangenen. Jetzt standen an den Brücken und Gehwegen außerhalb des Lagers doppelte Posten. DER 9. NOVEMBER 1943 Wie ist dieser elende, entwürdigende Tag nur zu beschreiben? Es hieß in dem Tagesbefehl der SS- Kommandantur, daß alle Insassen Theresienstadts sich zum Zwecke einer Volkszählung außerhalb des Lagers am 9. Novem244 ber 1943, um 9 Uhr einzufinden haben. Von dieser Verfügung könne sich niemand befreien. Eine Ausnahme machten nur die Schwerkranken und einige Schwestern zu ihrer Betreuung. Alle Großküchen, Arbeitsämter und Büros waren geschlossen. Sämtliche Arbeit in Theresienstadt ruhte vollständig. Nachdem die Rucksäcke, Handtaschen und Mappen hervorgeholt und mit Brotschnitten vollgestopft waren, versammelten sich die geschlossenen Gruppen der einzelnen Häuserblocks vor ihren Wohnungen, schlag sechs Uhr, und hielten sich marschbereit. Jeder einzelne wurde vom Blockleiter mit seinem Namen aufgerufen und in Reihen zu vier Personen eingeordnet. Männer, Greise, Frauen und Kinder bildeten bald eine endlose lange Schlange, die in den Straßen wie ein brandendes Meer hin und herwogłe. Überall sah man erstaunte und ängstliche Gesichter. Einige fragten: ,, Wie! Es soll eine Volkszählung stattfinden? Wozu? Aus der Statistik ist doch genau die Höhe der augenblicklichen Einwohnerzahl festzustellen? Wir sind doch alle in den Karteikarten eingetragen." Darauf der Nachbar: ,, Es ist heut' der 9. November. Vergessen Sie das nicht! Wenn wir nur nicht irgendeiner Willkür der Hakenkreuzler zum Opfer fallen!" Eine andere Frau mischte sich in das Gespräch: ,, Gewiẞ! Sie wollen uns Angst einjagen, damit wir nicht zur Ruhe kommen. Ihr Haß kennt ja keine Grenzen." Sie lachte bitter auf. Der erste stimmte zu.„ Zu unserer Erholung treten wir heute den Gang bestimmt nicht an. Etwas wird schon dahinter stecken. Aber was?!" Kitty stand in der Nähe des Kreises, und die erregten Stimmen dieses Meinungsaustausches trafen ihr Ohr. Sie trug den Kopf hoch, und die hellen Augen blickten starr über die Köpfe der Eifernden hinweg. Sie wollte nicht mit ins Gespräch gezogen werden. Ja, sie schrien ihre Not hinaus. Ewig saß die Angst 245 im Herzen und ein unsichtbares Gespenst im Nacken. Dafür waren sie eben alle Gefangene, ohne Recht und Freiheit. Welch' ein Hohn! Einmal nun durften alle Menschen hinaus aus den grauen Mauern ihres Gefängnisses, aber nicht in das goldene Land der Freiheit, sondern nur bis vor dessen Tor. Die unsichtbare Kette der Gefangenschaft schleifte ein jeder hinter sich her. Eineinhalb Jahre kreiste man in müder Einförmigkeit automatisch zwischen den engen Straßen und Kasernen Theresienstadts von und zu der Arbeit. Ein Stück Natur auf der Bastei für eine kurze Freistunde zum Atemschöpfen war die einzige Erholung und gab einen Ausblick in das gelobte Land der Freiheit. Aber sonst nichts! Hinterher setzte die Qual doppelt stark ein, wenn man zurückkehren mußte in den engen, stinkigen Raum mit den vielen Menschen. Eingesperrt in das tägliche Joch. Die Frauen, die vor Kitty standen, hielten ihre Kinder an der Hand und redeten eifrig auf sie ein. Wie brav die Kinder waren mit den sonnigen Augen und den herzigen Plappermäulchen. Sie mochten nicht still und ruhig auf einem Fleck bleiben. Wer konnte es ihnen verdenken? Sie jubelten, tollten, lachten und gebärdeten sich wie unbändige Füllen. Noch war kein Bescheid zum Vorrücken gegeben, da ließ man sie gewähren. Endlich, es war halb acht Uhr, da traf der Befehl zum Einrücken ein. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. - Mitunter staute sich die Riesenschlange in den Straßen, dann gab es einen kurzen Aufenthalt. Sie schob und wand sich vom Ende des Lagers, in der Bahnhofstraße anfangend, an den vielen Kasernen und Blockhäusern vorbei durch die Barrieren der abgesperrten Viertel, wo die SS- Posten sie durchließen. Weiter ging der Zug über einen Feldweg an dem Krematorium und dem Friedhof und anderen Gebäuden 246 entlang, deren Zweck nicht erkennlich war. Auf den Böschungen standen zu beiden Seiten in einer weit auseinander gezogenen Kette bewaffnete Soldaten mit aufgepflanzten Seitengewehren. Scheu streifte der Blick der Vorübergehenden diese Gestalten. Dieser Weg dehnte sich besonders lang aus. Er war sehr holperig und mit tiefen Erdfurchen durchzogen. Um sich abzulenken von trüben Gedanken waren die Augen der Wandernden auf der Suche nach schönen, lebendigen Eindrücken. Mitunter entdeckten sie unter den Grasbüscheln verstreut bunte Flecke von Blumen. Unscheinbare, bescheidene Blüten, aber sie erfreuten das Auge. Waren sie doch ein Lächeln Gottes. Endlich nach einem langen Marsche war das Ziel erreicht. Wehmütig feierten alle Menschen das erste Wiedersehen mit der Weite einer Landschaft und ihrer hohen Himmelskuppel. Es war ein herrliches Panorama, das sich den Blicken der überraschten Ankömmlinge darbot. Vor ihnen lag, von der Morgensonne beschienen und von dem waldumwachsenen Sudetengebirge umrahmt, ein unübersehbares grünes Wiesenland, von einigen Baumgruppen belebt. Die friedliche Ruhe wirkte erschütternd. Tief atmeten alle auf. Wie ein Geschenk wirkte der erste Augenblick, aber dann erinnerte sich ein jeder sofort, zu welchem Zweck man hier eintraf. Und der Ernst dieser Stunde verscheuchte jede Freude. Auf dem Platz war bereits der Lagerkommandant mit seinem Stab anwesend. Viele SS- Offiziere unterhielten sich bereits miteinander, und ihr Lachen tönte bisweilen herüber. Inzwischen begann die Arbeit der Ordner. Die ungeheuer große Schlange von 38 000 Menschen wurde aufgelöst und in einzelne Gruppen von 150 Mann, die immer je ein Viereck in Abständen bildeten, geteilt. 247 Diese Karos mußten in eine schnurgerade Linie gebracht werden. Immer Hintermann vor dem Vordermann, ohne Abweichung. Die Ordner hatten sich heiser geschrien und wischten sich jetzt den Schweiß von der Stirn. Die Aufstellung war nun beendet. Ein jeder war bemüht, eine musterhafte Haltung zu zeigen und selbst zu einer schnellen Beendigung der Volkszählung beizutragen. Das Ganze mutete nun wie das Aussehen eines Schachbrettes an, worauf die Menschen die Figuren des Spieles darstellten. Die Kinder benahmen sich ohne Tadel. Ihr leises Fragen wurde nur mitunter streng mit einer Handbewegung abgewehrt, denn zu sprechen wagte niemand der Anwesenden. Mit Spannung sah man der Entwicklung der Dinge entgegen. - Nun, da völlige Ruhe herrschte die Menschen standen alle wie Statuen, stumm und beweglos-, fühlten sie sich trotzdem ein wenig wohler, der Druck vom Herzen schwand. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien, und die Luft war mild und würzig. Erwartungsvoll harrte die Menge. Kitty hatte noch kein bekanntes Gesicht entdeckt. Weder Helga, die ganz in ihrer Nähe wohnte, noch Hans Anthony, noch Peter. Wann wird die Abzählung beginnen? Die SS- Offiziere in ihren eleganten Uniformen und mit den stolzen Gesichtern warfen beim Vorüberschlendern ab und an finstere Blicke auf die wie aus Stein gehauenen Gruppen. Den Knüppel in der behandschuhten Rechten spielerisch hin und her schwenkend, schienen sie wenig Lust zu einer ernsten Kontrollaufnahme zu haben. 248 Mitunter rief einer der Uniformierten die Ordner her bei und redete oder rügte etwas. Die Situation blieb aber immer die gleiche. Bis zum Mittag stand die Masse auf der weiten Fläche in musterhafter Ordnung, wie zum Photographieren. Aber die dauernd aufgereckte Haltung, die gerade Kopfstellung, die Anspannung, immer auf einem Fleck stillzustehen, ohne sich rühren zu dürfen, wurde bald zur unerträglichen Qual. Zuerst meldeten sich die Kinder, sie weinten und sagten, sie könnten nicht mehr stehen. Die ängstlichen Mütter und Väter versuchten alle Dinge, die man in solchen Fällen zur Beschwichtigung tun konnte. Sie gaben ihnen kleingeschnittene Brotstückchen, versprachen Geschenke und Gott weiß was. Aber die Kleinen wehrten alles von sich ab und wollten auch nichts essen. Schließlich setzten sie sich auf den Erdboden. Viele legten sich auch ganz hin. Niemand rührte sich und ließ es geschehen. Nur die Reihen schlossen sich enger zusammen, um die Lücken zu vertuschen. Seit Stunden verharrten die Menschen unbeweglich. Wenn es eine Probeleistung für Geduld, Gehorsamkeit und Ausdauer sein sollte, so war sie jetzt schon glänzend bestanden. Mit wahrem Todesmut hielt sich jeder musterhaft aufrecht, damit nur ja nicht durch ihn etwas verdorben würde. Viele Runden hatten die Uniformierten hinter sich. Mit immer gleichem Hochmut, gleicher Gelassenheit und aufgeblasener Würde trugen sie den Kopf emporgereckt beim Vorüberschlendern. Jeder einzelne dünkte sich ein Herrscher. Dieser eingebildete Stolz gab ihnen das Bewußtsein eines Machtgefühls. Die stumpfen Soldatengesichter der SA- Leute stachen merklich von ihnen ab. Eben waren wieder die hochmütigen SS- Offiziere mit wichtigtuerischen Gebärden vorübergewandelt, als ein Ereignis eintrat, worauf die Quäler dieses Tages vielleicht gewartet haben. Ein Mann trat vor, meldete sich bei dem Ordner und 249 fragte bescheiden, ob er die Reihe einen Moment verlassen dürfte, er müßte austreten. Der Ordner schrie ihn wie ein Berserker an. ,, Nein, Sie müssen bleiben, wo Sie sind! Niemand darf seinen Platz verlassen!" Bestürzt trat der Angeschriene in seine Reihe zurück und murmelte: ,, Wo soll ich denn meine Notdurft verrichten?" Alle Umstehenden wurden bleich, aber ihre Miene verriet keine Bewegung. Niemand gab ihm Antwort. Wiederum verstrich die Zeit. Jetzt war es bereits Nachmittag. Eine Abzählung der Menschenmassen hatte immer noch nicht stattgefunden. Die SS- Offiziere pilgerten auf dem freien Felde hin und her. Sie kreisten um die traurige Parade herum, als wären es tote Figuren oder Bäume in einer Landschaft. Mitunter tauchten sie auf, dann verschwanden sie in den Hintergrund und hoben sich dort vom Horizont wie Puppen ab. Die Rufe der Kommandos drangen immer wieder durch die Stille, nur unterbrochen von den gellenden Pfiffen der vorüberdonnernden Eisenbahnzüge. Die Rauchfahnen der Lokomotiven hingen noch lange in der Luft und schwebten wie graue Schleier vor dem lichtblauen Himmel. Die Sonne war inzwischen verschwunden und eine empfindlich Kühle machte die Menschen erschauern. Viele ohnmächtige Frauen und Kinder lagen bereits auf dem Boden. Sie wurden vorsichtig verdeckt durch die sich eng zusammenschließenden Reihen. Es konnte ihnen niemand helfen. Immer noch standen Hintermann vor Vordermann, hochgereckt den Kopf in strammer Haltung. Jeder einzelne wie festgewachsen mit dem Fleck Erde, auf dem er stand. Plötzlich überzog Kittys bleiche Züge eine helle Freude. Sie hatte Peter entdeckt. Unbegreiflich, daß sie ihn nicht früher gesehen hatte. Wahrscheinlich 250 lagen auch dort viele Ohnmächtige auf dem Boden, und durch das Zusammenrücken war er in ihren Gesichtskreis getreten. Er stand direkt vor ihr in dem vorderen Würfel, in der dritten Reihe rechts. Er sah ganz merkwürdig aus. Alles war so ausgelöscht an ihm. Seine kräftige, sonnige Männlichkeit schien ganz verschwunden. Völlig elend und kraftlos erschien er ihr. Ein heftiges Mitleid regte sich in ihrem Herzen. Eine Unruhe ging jetzt durch die Reihen. Wieder ereignete sich ein Zwischenfall. Plötzlich ein gellendes Schreien durch die Stille. Alle Menschen erbebten, und Schauer der Furcht krochen ihnen eisig den Rücken entlang. Was war geschehen? Ein argloser Mann hatte sich heimlich trotz des Verbotes zum Austreten aus seiner Reihe entfernt und war bei seiner Rückkehr leider so ungeschickt verfahren, daß ihn ein vorüberschlendernder, scharfäugig umher musternder SS- Offizier bemerkt hatte. Sein Wutschrei hatte alle in Angst gejagt. Der Offizier blieb vor Peters Gruppe stehen. ,, Sie da, Mann im vierten Glied rechts, geben Sie Ihrem Nebenmann mal eine tüchtige Maulschelle. Die hat er nämlich verdient. Stärker, stärker! Was, das nennen Sie eine Ohrfeige, Kerl?! Warten Sie, ich werde Ihnen zeigen, was eine Ohrfeige ist." Er schrie wie besessen. Dann war der erboste Uniformierte nach hinten gelaufen und blieb vor dem ganz verdutzt dreinschauenden, noch sehr jungen Manne stehen. Er hatte den Lederhandschuh von seiner rechten Hand abgezogen und versetzte nun dem, Überraschten einen wuchtigen Faustschlag auf das Ohr, dem er drei weitere folgen ließ. ,, Sehen Sie, so wird es gemacht! Das nenne ich eine Maulschelle!" Der Gezüchtigte hörte die Belehrung der letzten Worte nicht mehr. Er lag blufend und besinnungslos auf dem Boden. 251 Später stellte sich heraus, daß das Trommelfell geplatzt war. Dies war nur ein Fall in nächster Nähe Kittys, aber ähnliche Szenen hatten sich an verschiedenen Stellen abgespielt, wie man später erfuhr. Voller Entsetzen sahen die Umstehenden der Mißhandlung zu. Mit unterdrücktem Lachen hatte sich inzwischen der uniformierte Teufel entfernt und war den Blicken entschwunden. Peter Vagas hatte den Vorfall im Rücken gehabt. Umdrehen durfte er sich nicht. Aber im Geiste sah er die Szene vor sich. Eine Übelkeit ohne gleichen stieg in ihm hoch. Nur mit Mühe konnte er das Erbrechen unterdrücken. Er schämte sich bis in den Grund seiner Seele, weil ein deutscher Mann so tief sinken konnte. Ein Deutscher! Es war erstaunlich, wie ein einziger schlechter Charakter, wie Hitler, die Männer seines Kreises beeinflussen konnte und ihre Moral umwandeln. Aus dem einen Hitler gingen Tausende von Hitler hervor und jeder suchte es ihm gleichzutun, ja, ihn zu übertrumpfen. Die Ordner bewegten sich jetzt nur noch wie Marionetten. Sinn und ziellos liefen sie umher. Die ,, Nichtbesichtigung“ nahm ihren Fortgang. Kitty sah schon alle Menschen und Gegenstände wie durch einen Schleier. Mühsam hielt sie sich aufrecht. Sie mußte einen irrsinnigen Kampf mit ihren Nerven bestehen, um nicht zu unterliegen. Aber sie stemmte sich mit Gewalt gegen die immer wieder hervorbrechende Übelkeit. Der Angstschweiß trat ihr aus allen Poren. Die Versuchung, allen Schrecknissen ein Ende zu machen und sich einfach auf den Boden gleiten zu lassen, war groß. Immerfort flüsterten ihre Lippen mechanisch diese Worte. 252 "> , Guter Gott, hilf uns, hilf uns!" Sobald die Uniformierten in Sicht waren, stand sie aufrecht, aber dann hingen ihr die Glieder lose in den Gelenken und sie war nahe daran umzusinken. Hier in der Menge standen eingeschlossen in den Gruppen brave tüchtige Männer aus der Ärzte- und Gelehrtenwelt, es waren berühmte Namen darunter, dann die Oberingenieure, das technische Personal, Beamte, Kaufleute und außerdem die männliche und weibliche Jugend. Sie alle waren einen paar toll gewordenen SS- Leuten zum Spott und Hohn preisgegeben. Es würgte jedem am Herzen. Wer noch nichts von Haß wußte, der lernte ihn in dieser Stunde kennen. Gab es Menschenrechte? Wo bleiben die? Durfte eine solche Schande geschehen, 38 000 Menschen nutzlos zu martern? Aber es war ja der 9. November. Opfer mußten gebracht werden, und man verlangte sie von wehrlosen, schutzlosen, unschuldigen Menschen. Das erste Wiedersehen mit Gottes freier, schöner Natur wurde für alle ein Tag der Qual und der Schande. Erstorben war jeder Gedanke an Freiheit und Rückkehr in die Heimat. Ausgeliefert waren sie einer Horde von Sadisten, ihren Gefängniswärtern auf Tod und Verderben. Und das Entwürdigendste war, daß es in der Heimat niemand je erfahren würde, wie Deutsche gegen Deutsche wüteten, und man keine Möglichkeit hatte, es sie je wissen zu lassen. Wie födlich langsam schlich die Zeit. Waren es nicht Tage, die man hier auf der weiten Fläche verbraucht hatte? Stunden?! Unsinn, es kann nichi sein! Eine Ewigkeit schien es allen Beteiligten. Ach, dem Elend zuzusehen, wie sich die Reihen lichteten und die Ohnmächtigen sich mehrten, wie sich die Menschen bemühten, ihre Schwäche zu überwinden. Es wurde immer unheimlicher. 253 Schreien möchte man in alle Winde seinen Jammer, schreien Was hat man mit uns vor? Das war keine Volkszählung. Sie sollte nur zur Tarnung dienen, um uns hierher zu locken ohne Widerstand. Hatte die Frau doch recht? Sollten wir heute alle hier erschossen werden? Zu allen Zeiten haben Menschen durch Kriege leiden müssen. Aber wir waren ja keine Feinde, wir waren ja Deutsche. Sie schändeten uns und taten uns das Ärgste an. Die Aussicht, aus dieser quälenden Lage lebend hervorzugehen, wurde immer geringer. Manche gaben die Hoffnung ganz auf. Mit totenblassen Gesichtern starrten sie stumm vor sich hin. Kitty stemmte sich mit aller Kraft gegen die Gedanken des Unterganges. Sie wollte leben. Gott erbarmte sich in diesem Augenblick durch seine unsichtbare Gewalt. Es wurde dunkel. Der Himmel überzog sich mit schweren Wolkenballen. Hinter ihnen zeigte sich schon der Schimmer ferner Blitze, und man hörte das dumpfe Grollen des Donners folgen. Immer tiefer und schwärzer hingen die Wolken herab, und die grelle Helligkeit dahinter nahm zu und verstärkte sich immer mehr. Bald jagte ein Sturm heran mit Pfeifen und Fauchen und trieb die Wolken zu einer einzigen dichten Masse zusammen. Mit weit aufgerissenen Augen und gefalteten Händen stand die Menge. War das das Ende? Nun wurde es auch den SS- Leuten zu ungemütlich. Sie hatten bereits das Feld verlassen. Nur im Hintergrunde hoben sich die Silhouetten der Wache haltenden Posten mit ihren aufgepflanzten Bajonetten vom Himmel ab. Plötzlich hieß es, sich zum Aufbruch zu rüsten. 254 Schiffbrüchige können beim Anblick ihrer Retter keine größere Freude zeigen, als diese bis am Rand der Verzweiflung gebrachten und zu Tode erschöpften Menschen bei diesem Befehl. Sie erwachten aus ihrer Starrheit und Verkrampfung und reckten und dehnten die Glieder. Zwar mußten jetzt erst die Ohnmächtigen und Schwachen auf Tragbahren fortgebracht werden. Darunter auch der mißhandelte, verletzte Mann. Aber, oh Glück und Segen, man konnte sich endlich rühren und bewegen. Die Ordner, von der Aufsicht der SS- Offiziere befreit, nahmen ein menschenwürdigeres Benehmen an und halfen bei der Bergung der Kranken und Schwachen. Kitty hatte heftig erbrochen, ihre Kräfte wollten noch nicht zurückehren. Sie schwankte wie eine Birke im Sturm. Wenn jetzt Peter käme. Aber die Wiese war schwarz von dem Gewühl der Menschen, und es war nicht hindurchzukommen. Vor der Barriere wieder ein Aufenthalt: zwei Stunden! - Wieder mußten die Menschen warten, bis sie von den SS- Posten hineingelassen wurden. Endlich öffneten sich die Schranken: die Gemarterten strömten in das Lager zurück, das sie vor zwölf Stunden verlassen hatten. Die Natur entfesselte gegen Morgen ein Gewitter von einem unheimlichen Ausmaße. Hagelschauer prasselten hernieder und schlugen mit voller Wucht gegen Scheiben und Türen. Ganz Theresienstadt erwachte jäh aus bleiernem Schlummer. Mit weit aufgerissenen Augen und gefalteten Händen saßen oder standen die Menschen umher. Der Regen goß in Strömen. Das grelle Leuchten der Blitze durchbrach die Verdunkelung an den Fenstern, und die gewaltigen Donner fuhren wie Keulenschläge hernieder. Bei Kittys Eintritt gab es Hallo und Gelächter. Sie 255 gönnten ihr gern die Mühe des Herein- und Herausschleppens ihres Lagers, weil sie selber durch ihre natürliche Trägheit behindert waren, ihr Lager zu wechseln. Auch die zwei nächsten Tage vergingen unter Sturm und Regen. Erst gegen Ende des dritten Tages klärte sich der Himmel auf, und am Horizont erschienen zarte, lichte Farben. Aber bei den Menschen blieb die Gewitterstimmung bestehen. Hauptsächlich auch bei Kitty. Ihre Seelen waren verdüstert, denn sie sahen die Zukunft schwarz vor sich liegen nach den entsetzlichen Tagen der Aufregungen. Diese Menschen, auch die gesunden, glaubten nicht mehr daran, aus Theresienstadt herauszukommen. Sie sagten:„ Wenn Tausende so geschändet werden können in aller Offentlichkeit ohne Erbarmen, so müßte das Ausland dagegen einschreiten. Aber die Schreie der Opfer verhallten ungehört." - Wie, es sollte keinen anderen Ausweg mehr geben als den, der auf den Friedhof führt? Wenn Kitty dergleichen Worte hörte, blieb ihr das Herz vor Schreck stehen. Peter hätte Kitty heute gern gesehen. Er entschloß sich, zu ihr zu gehen. Auch durch Helga oder Hans Anthony hatte er keine Nachricht über sie erhalten. Peter ging zum Hausältesten, bei dem sie wohnte, und bat um die Erlaubnis eines Besuches. Er stand bald vor ihr, d. h. er stand auf der Leiter, die zu Kittys Bettschragen hinaufführte. Er begrüßte sie: ,, Wie geht es dir, Kitty?" Sie fuhr empor, sah entsetzlich bleich aus und hatte finstere Augen. Peter freute sich und übersah den Zorn. ,, Kitty, ich sorgte mich um dich! Hast du die gewaltigen Anstrengungen gut überstanden?" Sie antwortete: ,, Ach, Peter! Es hat keinen Zweck mehr, wir sind allesamt verloren." ,, Vergiß, Kitty! Warum denkst du fortwährend nur so häßliche Dinge?" Peter konnte ihr nicht gram sein, 256 obgleich die Härte in ihren Augen zunahm. Sie sagte zornig: ,, Ich will nicht mehr", und legte sich ins Bett zurück. ,, Kitty, ich gehe jetzt hinaus und erwarte dich draußen. Wir müssen zueinander halten und besonders jetzt. Wenn wir auch viel erlebt haben in den letzten Tagen, es wird schon wieder besser werden. Komm nur!" Peter stieg die Leiter herunter und lüftete den Hut vor den neugierigen Frauen, dann ging er durch die kleine Glastür hinaus ins Freie. Peter brauchte nicht lange zu warten. Wieder freute er sich beim Kommen Kittys. Er sah, daß sie geweint hatte. Sie blieb gleich vor Peter stehen und starrte ihn an. Sie schien ganz verstört zu sein. Langsam ging Peter mit Kitty weiter. Er fakte sie sanft beim Arm. ,, Kitty, ich will dich ja nicht belügen, aber ich habe Hoffnung, daß es mit uns bald besser gehen wird." Sie schüttelte den Kopf. ,, Sei ohne Sorge, Kitty, wo gehandelt werden kann, tue ich es bestimmt. Ich bin zähe. Du sollst nicht zweifeln, sondern vertrauen. Ich will die geheimsten Gespräche belauschen. Voller Ungeduld warte ich schon lange auf ein Lebenszeichen von einem Patienten. Er versprach mir gleich nach seinem Transport, an mich zu schreiben. Es ist noch nichts von ihm eingetroffen. Ich warte umsonst vielleicht darf er nicht schreiben." " - , Wir sind alle so sehr im Elend, Peter, nie anders!" 1 es wird ,, Aber Kitty, habe doch Vertrauen."„ Es heißt, es solle eine zweite Volkszählung stattfinden", sagte sie tonlos. ,, Habe ich auch gehört, doch der Aufruf bezieht sich nur auf eine statistische Aufnahme durch den Altestenrat." 17 Philipp, Die Todgeweihten 257 ,, Gebe Gott, daß du recht hast." Sie seufzte schwer. ,, Es ist ein Wunder, daß wir das alles überleben können." ,, Der Mensch hält viel aus", meinte Peter. ,, Man legt es darauf an, uns verelenden zu lassen. Wer kann das noch weiter ertragen." ,, Eine internationale Kommission wird bald unser Lager besichtigen. Aus der Schweiz oder aus Schweden. Das Gerücht habe ich von Patienten gehört. Solche Leute könnten uns helfen. Das Ausland mußte wissen, wie schlimm unsere Lage ist. Vielleicht, Kitty, wird man der Deutschen Regierung Vorstellungen machen, uns freizugeben. Das Ergebnis über unsere Aushungerung müßte wie eine Bombe platzen." * * * Wieder vergehen die Tage in eintöniger Gleichförmigkeit. Es wird gehungert, gearbeitet und viele sterben. Niemand hilft. Die Lage der Gefangenen bleibt dieselbe. Keine Kommission, kein Ausland meldet sich. Nichts geschieht, es dringt auch nichts von draußen herein. Inzwischen war die Postsperre aufgehoben. Gott sei Dank! Die ersten Karten konnten mit fieberhaft zitterigen Händen wieder geschrieben werden. Der Inhalt durfte dreißig Worte umfassen. An die Angehörigen durften nur gute Nachrichten gelangen. Seit neun Monaten hatte man keinerlei Post von Zuhause erhalten. Wenn die in der Heimat wüßten, welch eine Marter das lange Warten mit sich bringt, sie hätten längst geschrieben. Da vergeht Tag für Tag mit seinen Bleigewichten an Sorge, Kummer und Qual, und kein Lebenszeichen erfolgte. Endlich findet man auf der Lagerstätte eine Karte oder Brief aus der Heimat, und der Jubel ist so groß, 258 daß man zunächst vor Freude sich nicht zu fassen vermag. Wie ein kostbares Geschenk hält man den feuren Gruß aus der Heimat in seinen Händen. HELGAS ENDE Am 24. Dezember fiel der erste Schnee. Der Sturm hatte eine dichte weiße Decke über Häuser, Bäume und Baracken gebreitet und hatte sie weit hineingeweht in die Berge, die nicht mehr zu erkennen waren. Auf den Straßen stampften die hohen Stiefel der Tschechinnen durch den fest gefrorenen Schnee ihrer Arbeitsstätte zu, während die mangelhaften dünnen Schuhe der deutschen Mädchen und Frauen die eisige Kälte durchließen. Der Abend brach jetzt früh herein, und die Stunden, da man sonst im Sommer auf den Basteien saß, mußten jetzt in der stickigen Luft der Zimmer verbracht werden. Leider konnten wegen Kohlenmangels keine Konzerte noch Vorträge stattfinden. men. Helga und Hans kamen am Tage nicht viel zusam~ Heute waren sie trotz der Kälte auf die Bastei gegangen. - - Es war Sonntag, aber sie hatten nur ein paar geraubte Stunden für sich frei. Und diese wollten sie auskosten. Wie frisch und jung wirkte Helga neben Anthony, wie sie jetzt beide ihres Weges gingen. Mit frostgeröteten Händen formten sie Schneebälle und bewarfen sich damit wie kleine Kinder. Dann hielten sie aufatmend stille, da sie die Treppe zur Bastei hinaufklimmen mußten. Dort hielten sie sich umschlungen und schauten hinüber auf das kaum sichtbar liegende Sudeten17* 259 gebirge. Sie schauten dort hinüber, weil da die Freiheit wohnte. - Hans legte leicht seinen Arm um Helgas Hüffen und flüsterte ihr leise ins Ohr: ,, Mädchen, was sind wir doch für zwei glückliche Menschen! Fast könnte man sagen, selig, wenn wir nur nicht Gefangene wären. Aber sieh, Helga, sind wir erst zu Hause, soll unser Leben ein nie endender Festtag werden!" ,, Hast du Hoffnung, daß es bald sein wird?" fragte flüsternd Helga. ,, Wir wollen nicht fragen, sondern nur glauben, unentwegt glauben." Sie schwieg. Er zog sie an den Stamm eines Baumes und drückte einen heißen Kuß auf ihre Lippen. Aus ihren Augen tropften Tränen. Hans lachte und schüttelte sie zärtlich bei den Schultern. ,, Aber, Liebes, ich glaube, du weinst? Das paßt nicht zu meinem munteren Bachstelzchen." ,, Hast recht!" sagte sie leise. ,, Was kommen muß, kommt doch. Wir entgehen nicht unserem Schicksal, ob es düster oder hell ist. Wir wollen auf Gott vertrauen!" Er küßte sie innig. Die paar Stunden waren schnell herum. Sie gingen Hand in Hand durch die weite geheimnisvolle Dunkelheit nach Hause, und die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft vergoldete ihren Weg. - - - - - - Helga war glücklich, ganz einfach glücklich. So glücklich, wie sie nie zuvor gewesen war. Nur unsagbar schwach fühlte sie sich mitunter, die Beine sackten ganz einfach unter ihr weg, und sie mußte sich setzen. Wenn sie an Hansens Seite lag, eilten ihre Gedanken hinaus in die Freiheit. Sie starrte dann in die Dunkelheit, die sich mit den Bildern der fernen Zukunft füllte. Dann sah sie eine Schar Kinder im Hause umhertollen. 260 Ja, ein Kind, das war ihre ganze, große Sehnsucht. Hans und Helga waren vereinigt in jener hohen Liebe, die so alt ist, wie das Menschengeschlecht, und auch noch nicht stirbt, wenn der Boden hart und steinig und die Lebensbedingungen noch so ungünstig sind. 1 Warten, warten, nichts als warten und hoffen auf eine bessere Zeit mußten sie, wie alle Gefangenen Theresienstadts. Bald sollten sie fühlen, daß alle Demütigungen, die sie als Gefangene bisher durchkosteten, nichts waren gegen die Erfahrungen der kommenden Zeit. Wie schön war die Welt für den, der sich ihr rückhalflos widmen konnte und dessen Gefühle nicht im Widerstreite mit seinem Schicksal standen. Bald sollten sie eine starke, seelische Belastungsprobe auskosten. Sie sprachen eigentlich wenig von ihrer Liebe, aber ihr ganzes Handeln entsprang dieser Quelle. Eines Tages 1 es war ein besonders langer Arbeitskam Helga an der Seite ihres Mannes seltsam müde nach Hause. tag gewesen - Auf dem Boden herrschte noch reges Leben, als sie kamen. Dieser und jener Insasse war noch zu einer Plauderei geneigt, denn das junge Ehepaar Anthony erfreute sich in der Turmgasse rasch wachsender Beliebtheit. Aber heute eilten sie durch die Reihen, nur hier und da freundlich grüßend, um schnell zu ihrem Lager zu gelangen. Helga war müde, 1 zum Umfallen müde. In der letzten Zeit sogar am Tage. Sie hielt sich nur krampfhaft aufrecht. An ihrer Lagerstätte angelangt, entkleidete sie sich hastig und legte sich sofort nieder. Sie schloß die Augen und schien eingeschlafen zu sein. Auch Hans Anthony begab sich zur Ruhe, aber er lag wach und starrte in die Dunkelheit. Was war mit Helga? 261 Die jähen Wechsel ihrer Stimmungen und die immer wiederkehrende starke Müdigkeit machten ihm Sorge. Als er so grübelte, hörte er ihre unruhigen Atemzüge. Er richtete sich etwas auf, beugte sich über sie und sah in ihre weitgeöffneten Augen.„ Aber Helga, warum schläfst du denn nicht? Du warst doch so müde." ,, Du kannst auch nicht schlafen?" fragte sie dagegen besorgt. ,, Ich glaube, die Luft wird schlecht sein. Ich werde das Bodenfenster öffnen!" Als er zurückkam, saß Helga aufrecht im Lager und sah ihn an. ,, Hans, ich muß dir etwas sagen", begann sie. ,, Vielleicht wird mir doch leichter, wenn du es weißt. Es hat mich die ganze Zeit ganz schwindelig vor Glück gemacht, doch wollte ich dich nicht eher damit überraschen, bevor ich es nicht ganz bestimmt wußte. Jetzt aber ist kein Zweifel mehr möglich." ,, Nun, und was ist es denn?" drängte Anthony. - ,, Sei nicht gleich so erschrocken. Ich sagte dir doch bereits, wie glücklich es mich macht, denn jetzt hat unsere Ehe erst den richtigen Sinn erhalten." Helga berichtete nun, was sie so sehr mit inniger Freude erfüllte, daß sie ein Kind erwarte. - ,, Unbeschreiblich glücklich bin ich, daß ich kaum sprechen kann." Sie schmiegte sich dicht an ihren Mann und erwartete den Ausbruch seiner Freude. Dieser Augenblick, wo die liebende Gattin ihrem Manne das große überwälligende Geheimnis eines neuen, kommenden Glückes ankündigte, hätte ein heiliger sein müssen. Statt dessen faßte Hans Anthony seine Frau an die Schulter, drehte ihren Kopf zu sich herum und forschte in ihren Augen. ,, Weißt du das ganz bestimmt?" ,, Daß ich ein Kind haben soll, ja! Du kannst es mir glauben." 262 Hans nahm seine Frau noch fester in seinen Arm. ,, Geliebte! Morgen in der Frühe gehe ich mit dir zum Arzt!" ,, Du zweifelst?" fragte Helga erstaunt. Er schüttelte den Kopf. ,, Nein, das ist es nicht! Herz bricht, wissen. - -- 1 Wenn es mir auch das Geliebte, es muß sein, du mußt es Wir dürfen keine Kinder in die Welt setzen." , Wie?" fragte Helga entsetzt. ,, Unser Kind dürfte nicht ins Leben treten?!" " ,, Nein! Die Bestimmungen bei einer Eheschließung in Theresienstadt lauten so." - ,, Ach, überlege nur, es wäre doch entsetzlich,- unser Kind- –—" ,, Überlegen ist nutzlos. Wir müssen uns fügen." Helga begann haltlos zu weinen. Geistesabwesend starrte Hans ins Dunkel. Das Entwürdigende ihrer Versklavung trat nie krasser in die Erscheinung als eben jetzt. Er versuchte seine Frau zu frösten und über ihren Gram hinwegzubringen. Aber wo war hier Trost? Wie man die Frage auch anpackte, sie fat überall gleich weh. Er litt nicht weniger, aber jetzt dachte er nur an Helga. Wie konnte er ihr nur Trost spenden? Hoffnung machen, warten, daß bald gute Nachrichten kämen. Warfen --Aber in diesem Falle durften sie nicht warten. In diesem Falle schon gar nicht. In Theresienstadt durften keine Kinder zur Welt kommen. Helga wimmerte immer noch. ,, Mein Kind, mein Kind, darf nicht sterben." - Endlich war sie ruhig. Wie tot la sie in seinen Armen. Ja, warten warten, bis die da draußen sich ihrer erbarmten. Sie waren blufgierigen Wölfen ausgeliefert, ohne Erbarmen. 263 Woher kam die Rettung? Verzweiflungsvoll grübelte Hans Anthony. Was für ein Narr war er gewesen. Jetzt, wo er meinte, sein Leben zu formen, zu gestalten und aufzu- bauen, jetzt erst merkte er, wie tief sie alle gesunken waren. „Wir haben keine Menschenrechte“, stöhnte er in tiefster Verzweiflung,„man hat uns alles genommen, wir sind verloren!“ Gegen Morgen fühlte sich Helga sehr schwach. Die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten ihre Kräfte verzehrt. Als sie mit Hans durch den Gang ging, hörte sie hinter sich die Lagerinsassinnen flüstern. „Schrecklich, die arme Frau darf ihr Kind nicht be- halten!“ Also wußten doch alle, was sie in der Nacht gespro- chen hatten. Geheimnisse gab es nicht bei einem solch’ engen Zusammenleben. Als Helga auf Hans sah, nahm sie sich zusammen, obgleich sie kaum gehen konnte. Nie hatte sie ihn mehr geliebt als heute. Nein, sie will ihm jeden weiteren Kummer ersparen. Am selben Tage, nachdem der operative Eingriff vorüber war, trat Hans in das Krankenzimmer ein, wo Helga lag. Ihr Gesicht war sehr blaß, aber sie lächelte. Sprechen durfte sie nicht. Hans kniete an ihrer Seite nieder und vergrub sein Gesicht in den Decken ihres Lagers, dann weinte er wie ein Kind. Helga streckte die Hand aus und streichelte unaus- gesetzt seinen Kopf. Leise flüsterte sie:„In wenigen Tagen bin ich ja wieder bei dir, Hans.“ 264 ,, Bin ich denn noch für dich da, Helga?" Durch die Stille kam ihre leise, sanfte Stimme noch einmal. ,, Immer! Wir haben ja uns und wollen unser Schicksal gemeinsam tragen." Ein wenig erhellte sich das Dunkel. Die Liebe Helgas war wie ein Licht, dessen Schimmer in Hansens Seele fiel. Da lag die Frau, deren edelste Bestimmung, Mutter zu werden, durch eine teuflische Anordnung vernichtet worden war. Hans Anthonys Erschütterung über dieses Weh fand immer noch keine rechte Beruhigung. Es kostete ihn ungeheure Energie, sein Gleichgewicht zurückzugewinnen. Wie von einer Last gebeugt, stand er gesenkten Hauptes am Lager der Kranken, bis die Schwester leise mahnend zum Abschied drängte. Einen Augenblick drückte er Helgas Hand an seine Lippen und küßte sie, dann wandte er sich zur Tür. Er ging Schwankend! Tastend! Es war keine körperliche Schwäche, sondern der Schmerz des Mannes, der noch nicht zur Ruhe kommen konnte. Draußen schämte er sich nicht seiner Tränen. Sie galten den armen, hingeopferten Leben, nicht nur dem seines Kindes,- sie galten allen Gefangenen. 1 - Ach, wenn eine Schuld vorläge, die gebüßt werden müßte, damit eine Sühne sie tilge, dann wäre es zu verstehen. Ach, wäre eine Schuld da, man würde begreifen, warum das Leben all' dieser Gefangenen täglich und stündlich bedroht wurde. Aber dieses Tröstliche fiel weg. Nichts war entfernt vorhanden, das auf eine 265 Schuld schließen ließ, als Ausgleich für diese Unmensch- lichkeit. Im Gegenteill Die Gefangenen sahen sich alle Verordnungen der Tagesbefehle, die in der Magdeburger Kaserne zur Durchsicht aushingen, täglich an, ob neue Verfügungen eingetroffen seien. Sie richteten strikte ihr Leben danach, und ob auch im Fron der täglichen Arbeit ihre oft schwächliche Gesundheit verbraucht wurde, taten sie doch alles, ohne zu murren. Aber das Maß ihres Unglücks war noch nicht erschöpft. Neue Transporte wurden angekündigt. Wieder mußten sich Tausende von Menschen rüsten, an einen völlig fremden Platz zu kommen, den sie nie vorher gekannt hatten. Ganz neue Verhältnisse und Menschen sollten sie umgeben. Dieser Transport umfaßte 6000 Menschen. Ein großer Teil Mischlinge war darunter. Gemeinsame Not und gemeinsamer Gram umschlossen jetzt Freund wie Feind. Also auch bei dem neuen Lagerkommandanten Rahm hatten sich keine besseren und weicheren Gefühle für die Gefangenen geregt. Eine Änderung trat nicht ein. Programme und Pläne, von dem Willen der SS-Kom- mandantur diktiert, waren dem gleichen Gesetz unter- worfen wie dem seiner Vorgänger. Als die schwere Zeit überstanden war und Helga malt und sehr blaß zu Hans Anthony zurückkehrte, ver- langte sie dauernd nach Kitty. Ja, sie war eifersüchtig und finster, wenn diese dann einen Sprung zu Frau Lupiskaja hinüber tat und sie begrüßte. Frau Lupiskaja kam dann gewöhnlich mit an Helgas Lager und wich nicht eher, bis Kitty ging. Das empfand Helga als eine Zurückseizung, daher empfing sie Kitty mit empfind- licher Schärfe.. 266 ,, Bist du endlich da? Ich denke, wir sind Freundinnen?" Kitty lächelte ihr begütigend zu. ,, Ich habe so viel bei Frau Lupiskaja nachzuholen, entschuldige nur. Am liebsten möchte ich immer bei dir sein und wünschte, mehr für dich tun zu können. Werde nur schnell gesund." ,, Ach, das Leben drückt mich plötzlich so schwer wie eine Last. Du bist so tapfer und schaffst überall Freude, wohin du kommst." ,, Das ist wahr", bestätigte Frau Lupiskaja. ,, Sie haben wirklich etwas so sehr Beruhigendes an sich, Kitty. Sie scheinen immer still und gefaßt." ,, Das kommt, weil ich so ausgefüllt bin von meinen Pflichten, daher bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken." Kittys Gegenwart, ihre rührende Anteilnahme und geschickte Behandlungsweise belebten Helga zusehends. Beim Abschied fragte sie Frau Lupiskaja nach ihrem früheren Schützling, Fräulein Ahrend, der traurigen und vereinsamten Lehrerin. Einen Augenblick sah sie sinnend Kitty an. - ,, Sie hatte zu viel gelitten ihre Seele konnte sich nicht wieder aufrichten- nach all den vielen Jahren. Wir sind nicht alle gleich stark. Sie ist ihrer Schwester in den Tod gefolgt. Man fand sie eines Tages leblos auf ihrem Lager." ,, Die Arme, sie hatte die Qual der Trennung wohl nicht mehr länger ertragen können?!" ,, So ist es! Und hat sie freiwillig beendet." Helga genas soweit, so daß sie bereits wieder ihren Dienst aufnahm. Das Leben nahm seinen gewohnten Verlauf. Hans Anthony traf inzwischen eifrige Vorbereitungen zu einer größeren Arbeit, aber er wurde immer wieder abgelenkt. Helga behielt eine körperliche Schwäche, die sie daran hinderte, morgens aufzustehen. Hans versuchte 267 sie von ihrer Tätigkeit zurückzuhalten und sprach wiederholt mit dem Blockarzt darüber. Aber das ließ sie nicht zu und setzte ihren Willen durch. Nun verstärkte sich seine Sorge immer mehr um Helga. Der Blockarzt kam, schrieb eine Medizin auf und verordnete Ruhe, dazu Milch und viel Schlaf. Dann ging er und ließ Hans Anthony mit seiner Sorge allein. Einmal als Helga trotz des Verbotes aufgestanden war und zum Dienst gehen wollte, fing Hans sie gerade noch auf, als ihre Knie nachgaben und sie zusammensank. ,, Helga, Helga", rief er unausgesetzt in größter Verzweiflung ,,, Geliebte, warum schonst du dich nicht? Du darfst nicht arbeiten, das weißt du doch!" ,, Es ist nichts, Hans, nur eine Schwäche. Heute ist sie stärker als sonst. Angstige dich doch nicht so." ,, Ach, Helga, ich kann mich nicht von dir trennen, solange es mit dir nicht besser geht. Ich möchte gern bei dir bleiben und dich pflegen." ,, Geh' nur, Hans, ich verspreche dir, mich zu schonen!" " Willst du es wirklich tun?", bat er flehend. Sie nickte. ,, Ja, Hans!" " , Warte! Ich werde dir das Frühstück noch eben schnell zurechtmachen, soviel Zeit muß ich haben." Gehorsam kroch Helga wieder unter ihre Decke. Wiederholt strich Hans über ihren Kopf und küßte sie. ,, Auch beim Blockarzt werde ich vorsprechen. Du wirst noch ernstlich krank. So darf es nicht weifergehen." Bevor er fortging, nahm Hans seine Frau in die Arme und küßte sie innig. Eine Woche lang schleppte sich Helga so hin. Der Blockarzt kam und ging. Verschrieb seine Medizin und Ruhe. Trotz aller Vorsicht besserte sich Helgas Zustand nicht. Sie wurde immer schwächer, auch Appetitlosigkeit 268 stellte sich ein. Sie hatte keine Schmerzen, nur eben diese unsinnige Mattigkeit und Hilflosigkeit der Glie- der. Was war zu tun? Hans Anthonys Angst stieg. Er beriet mit Peter, mit Kitty und Frau Lupiskaja. Frau Lupiskaja nahm Hansens Abwesenheit stets wahr, um am Bette der Kranken zu sitzen. Sie bereitete Tee und geröstetes Brot und gab manchen guten Rat- schlag. Die Miene des Blockarzies wurde immer bedenkli- cher. Er verbot Helga jedes Aufstehen. An eine Arbeit war überhaupt nicht zu denken. Trotzdem bat sie, ob sie nicht stundenweise aufsitzen dürfe? Schließlich nahm. der Blockarzt Hans Anthony beiseite und sagte:„Sie dürfen nicht erlauben, daß Ihre Frau einen Handschlag tut. Ich kenne die Art der Krankheit nicht und verstehe nicht, warum keine Besserung ein- trat. Es ist nötig, Sie ziehen einen Kollegen hinzu. Ich rate es Ihnen dringend.“ Nach Schluß seiner Sprechstunde sprang Dr. Peter Vagas eilig die Stufen in der Magdeburger Kaserne zu seinem Zimmer hinauf und blieb auf der Schwelle überrascht stehen. Hans Anthony, der junge Ehemann, wartete bereits auf ihn. Peter hatte Hans verschiedene Male gesehen und noch am gestrigen Tage gesprochen und wunderte sich jetzt über das verstörte Aussehen seines Freundes. Dieser saß unbeweglich etwas abseits auf einem Stuhl und hielt den Kopf gesenkt. Er kam ihm sonst immer lebhaft entgegen. Peter empfand sofort, daß etwas Besonderes vorge- fallen sein mußte. „Was ist geschehen, Hans?“ „Vor einer halben Stunde hat man Helga ins Kran- kenhaus gebracht.“ Seine Stimme zitterte, und Peter sah, wie sich seine Stirn mit kleinen Schweißtropfen bedeckte. 269 Er setzte sich zu ihm und konnte lange vor Bewegung nicht sprechen. ,, Sei nicht so verzweifelt, Hans. Wo ist dein Gottvertrauen?" Hans hielt die Augen geschlossen. Er schien ganz erschöpft zu sein. ,, Denk, Peter, mein munteres Bachstelzchen---, begreifst du?!" Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. ,, Ja, Hans, es ist schlimm. Aber wir werden alle einmal krank. Helga ist jung und wird bald wieder gesund werden." Hans schaute gequält um sich. Noch nie hatte ihn Peter so verdüstert gesehen. Die Stille war bedrückend. ,, So sprich doch endlich", drängte Peter. Hans setzte zum Sprechen an. - direkt körperliche Krankheit, ,, Es ist keine wenn schon die Schwäche - es ist seelische Erkrankung." eine Monoton, stockend drängten sich die Worte hervor. Er schwieg, als verließen ihn die Kräfte. ,, Nun, und?", fragte Peter dringlich. „ Ja, - der Professor kam, - - ich war zugegen. Er untersuchte stellte belanglose Fragen, ganz alltägliche-, und da kam das Entsetzliche heraus." emporgesprungen und schrie: ,, Meine sie hat ihren Verstand verloren!" Hans Helga, war Er sank in den Stuhl zurück und vergrub sein Gesicht in die Hände. Er sah nicht Peters Entsetzen, der mit weit aufgerissenen Augen auf den Freund blickte. Ein eisiger Schrecken kroch Peters Rücken entlang und schnürte ihm das Herz zusammen. Was, nach kaum acht Monaten lag seines Freundes Glück in Scherben? Konnte Gott so grausam sein? So dachte er in tiefem Mitgefühl. Dann brach er das Schweigen. Er trat zu Hans, und durch die bedrückende Stille klang seine Stimme seltsam rauh. ,, Lieber Hans, beruhige dich und erzähle im Zusammenhang den Vorgang." Hans strich sich über die Stirn. Er sah entsetzlich bleich aus. 270 ,, Also, ich kam vom Dienst heim, Helga lag noch so wie am Morgen auf ihrem Lager. Das Frühstück stand unberührt vor ihr. Ich bat sie, zu essen. Vergebens! Sie sah mich fremd an und schüttelte den Kopf, dann hatte sie ihr Gesicht zur Seite gedreht und tat, als ob sie schlief. Der Blockarzt hatte Ruhe verordnet, und ich störte sie darum nicht weiter. Du weißt, seit dem unseligen 9. November, wo wir alle die furchtbaren Qualen durchmachen mußten, konnte sich Helga nicht wieder von ihrer Schwäche erholen. Sie versuchte häufig aufzusfehen, aber sie war nicht fest auf ihren Füßen und klappte einfach zusammen. Seitdem hat sie eine merkwürdige Idee. Sie sagte nämlich: Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen.' Damit setzte die Krankheit ein." ,, Denke dir, Peter, dieses lebhafte, stets bewegliche kleine Wesen kann sich nicht mehr von ihrem Lager erheben. Und sie, die mich mit einem Blick, einem Händedruck verstand, die nicht einen Widerspruch getan hatte, solange ich sie kenne, deren Zustimmung ich in allen Lagen des Lebens sicher war, hörte nicht mehr auf mich und kehrte plötzlich ein ganz neues, fremdes Wesen heraus. Das hatte sich schon seit einiger Zeit bemerkbar gemacht. Zwar sanft und bittend, ja fast klagend, aber sie tat immer nur nach ihrem Willen." Hans atmete hörbar und machte eine Pause. Mit tränennassen Augen sah er zu Peter auf. ,, Armer Hans, ich verstehe deinen Schmerz." Und dann fuhr Hans Anthony fort und schilderte den Vorgang wie folgt:„ Ich wußte mir in meiner entsetzlichen Angst nicht mehr zu helfen, und wandte mich daher an den Arzt Prof. Sten von der psychiatrischen Klinik." ,, Und er ist gekommen?" fragte Peter. ,, Ja, heute! Er setzte sich sogleich zu Helga ans Bett, nahm ihre zarte Hand und stellte seine Fragen." ,, Nun, wie geht es Ihnen? Worüber klagen Sie?" hatte der Professor gefragt. 271 ,, Mir, danke - -, mir geht es gut, - nur schwach!" ,, Kein Wunder! Sie essen ja nicht!" ,, Ich darf nicht,- ich arbeite ja nicht." " Wie alt sind Sie, Frau Anthony?" 1 Helga hatte geschwiegen, als ob sie den Professor nicht gehört hätte. Sie sah zur Decke empor. Der Professor wiederholte seine Frage. ,, Alt, ich alt." " 1 sehr alt, man wird in Theresienstadt , Wann sind Sie nach Theresienstadt gekommen?" ,, 1938. Es war sehr kalt und Schnee fiel." " ,, Das stimmt nicht. Dann wären Sie bereits fünf Jahre hier. Denken Sie einmal nach. Nun?" ,, Ich bin 1938 gekommen." Der Professor verbarg eine Bewegung des Schrekkens, und unsere Blicke trafen sich. Seine Augen hatten mich hinter den Brillengläsern bedeutungsvoll angesehen. Dann setzte er seine Fragen fort. ,, Durch wen sind Sie hierher geschickt worden?" Helga lag in sich versunken da, es war, als lächelte sie. In ihren Augen wechselte der Ausdruck. ,, Das darf ich nicht sagen." ,, Doch, Frau Anthony, mir dürfen Sie alles sagen." Sie richtete sich etwas empor, dann flüsterte sie kaum hörbar: ,, Durch Adolf Hitler!" Und jetzt noch eine Frage, dann quäle ich Sie nicht mehr." Der Professor war aufgestanden und faßte mich am Arm. ,, Kommen Sie, Herr Doktor!" Er führte mich jetzt dicht vor Helgas Lager. ,, Und wer ist dieser Herr hier?" Er wies dabei auf mich. Ich hielt den Atem an. Helgas schöne Augen blickten über mich hinweg. Hilflos starrten sie ins Leere. Sie schüttelte langsam den Kopf. ,, Ich weiß nicht, Besuch?!" ich kenne ihn nicht, 1 ein 272 In mir war das Grauen so angewachsen, daß ich hätte schreien mögen. Es war nach den letzten Worten, als ob eine Saite in meinem Innern gesprungen sei. Der Professor hatte sich zu Helga herabgebeugt. Er hob das eine Augenlid empor und beleuchtete mit einer Taschenlampe die Pupille. Seine Finger umspannten mit leichtem Druck ihr Handgelenk, und er prüfte den Puls. Dann streichelte er ihren Kopf. Sanft fuhr seine Hand mehrere Male über ihren Scheitel. ,, Schlafen Sie jetzt ein wenig, später lasse ich Sie zu mir holen und mache Sie wieder ganz gesund." ,, Dann darf ich auch wieder essen", sagte Helga und schloß die Augen. Auf Zehenspitzen näherte sich mir der Arzt. Er sah meine Augen auf sich gerichtet und las wohl das Entsetzen darin, denn er strich mir begütigend mehrere Male über die Schulter. ,, Das Krankheitsbild", so begann er ,,, zeigt, daß nicht sämtliche geistige Funktionen gestört sind, und daß die Denktätigkeit noch teilweise klar vorhanden ist, nur das Erinnerungsbild der jüngsten Zeit wird durch eine schwere Gedächtnisschwäche stark verwischt." ,, Und wodurch---?" konnte ich nur hervorpressen. ,, Die Ursache zu dem Ausbruch dieser Krankheit sehe ich in den unerhörten, übermäßigen Aufregungen und Überanstrengungen an dem damaligen 9. November, bei der sogenannten Volkszählung, dazu treten die Ernährungsstörungen, vor allem der Hunger." Der Arzt machte eine Pause. ,, Die Seelenstörungen dieser Art haben wir leider in der letzten Zeit zu vielen Hunderten in unserer Klinik." Die Untersuchung war beendet, und der Professor wandte sich zum Gehen. Plötzlich brach aus mir der Schrei. Er löste sich und hatte die Qual gesprengt, die mich sonst erstickt hätte. Die Verzweiflung um das viel zu junge, verlorene Glück war unsagbar. Der Arzt war wieder umgekehrt und trat zu mir. 18 Philipp, Die Todgeweihten 273 ,, Gönnen Sie jener jungen, ermatteten Seele die Ruhe. Sie wäre doch nicht stark genug, den Kampf weiterzuführen." Die Tür schloß sich. Ich war allein. Tiefstes Schweigen um mich herum. Ich sah auf Helga. Sie lag ganz still, ohne Bewegung. Die Stirn unter dem gelockten, braunen Haar war selfsam bleich. Das Gesicht erschien klein und spitz. Noch vor wenigen Tagen war es braun mit zart rosigen Wangen und einem herrlichen Augenpaar. Jetzt hielt sie die Augen geschlossen. Grausam und unerbittlich hatte mich das Schicksal gepackt." Hans Anthonys Bericht war zu Ende. Noch versuchte er, seine Fassung zu bewahren, aber es gelang ihm nicht. Mit einem Aufschrei sank er auf dem Stuhl zusammen und vergrub sein Gesicht. Wortlos umschlang ihn Peter und preßte den Freund an sich. 1 1 Zwei schwere Wochen folgten. Die Aufregungen und die Martern des fortwährenden Wartens auf Helgas Besserung waren für alle Beteiligten unerträglich. Hans lief wie ein Amokläufer durch die engen Gassen Theresienstadts von einem Arzt zum andern. Er bestürmte den Professor Sten in der psychiatrischen Klinik unausgesetzt mit seinen Verzweiflungsausbrüchen, ob er nicht Rettung wüßte für das für ihn so kostbare Leben. Auch Kitty Bergner war völlig außer sich und lief tagelang mit verweinten Augen umher. Helga hatte sie bei keinem ihrer Besuche erkannt, so eindringlich und vorsichtig auch Kitty verfuhr, um irgendeine Erinnerung an ihre Freundschaft zu wecken. Sie hatte sie über274 haupt nicht erkannt. Es stand auch bald sehr schlimm um Kitty selber. Die Ohnmachten häuften sich und Appetitlosigkeit stellte sich ein. Alle Freunde und Bekannten Helga Anthonys waren aufgeschreckt und in Sorge um das zarte, von allen geliebte Leben. Als die Krisis kam, der Helga leider unterlag, und bald danach die Todesnachricht bei Hans Anthony eintraf, schrie dieser so wie ein zu Tode getroffenes Tier. Der seelische Einfluß Peter Vagas' war so stark, daß Hans sich wieder erholte. Er war der feste Halt, an dem sich der Freund aufrichtete und den Weg ins Leben zurückfand. Alles, was er seit Monaten ertragen mußte, was an seinem Herzen gezehrt hatte, löste sich in der Nacht in Selbstgesprächen aus. Peter mußte hören, wie er nach Helga jammerte und immer wieder den Wunsch äußerte, ihr zu folgen. Auch daß Helga ein Kind erwartet hatte, kam ihm dadurch zur Kenntnis. Aus diesem Grunde wuchs Peters Mitgefühl. Später wurde der Schlaf besser. Die Nerven beruhigten sich, aber Hans war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er war still und in sich gekehrt und in seinen Augen lag ein stummer, hilfloser Vorwurf. Peter würgte es im Halse, wenn er diesen Ausdruck sah. DAS KREUZ Je stärker die Gefahr das Gefangenenleben bedrohte, desto mehr befestigte sich bei den Gefangenen der Glaube. Und je mehr der Glaube durch die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart bedrängt wurde, desto inniger suchte er sich zu behaupten. Das Wort Gottes erhielt wieder seine ewige Gültigkeit und dazu einen neuen Klang. Er vermochte in seiner neugewonnenen Bedeu18* 275 tung für die verzweifelten Seelen die Gefangenen aufzurütteln und zu trösten. Somit wurden sie von dem Weg der Verzweiflung hinweggeführt und getröstet. Ja, gewiß getröstet. Aber dieser Trost, der von seiten der evangelischen, jüdischen und katholischen Gemeinde in hingebender Weise gespendet wurde, hielt nicht lange an. Es war, als wenn ein Fieberkranker zu wenig Chinin bekam. Der furchtbar schwere Lebenskampf innerhalb Theresienstadts mit seiner zerstörenden Gewalt, der völligen Hoffnungslosigkeit, ließ auch die gläubigste Natur ermatten. Die Eingeschlossenen sahen ihr Leben langsam versiechen und in Schutt und Trümmer gehen. Die Mutlosigkeit behielt, trotz des noch so sehr gefestigten Glaubens und des sich dem Willen Gottes unterstellenden Geistes, die Oberhand. Ein unausdenkbar gewaltiges Geschehen zog ihr Leben wie ein Strudel in den Abgrund. Das Umsichgreifen einer satanischen Macht, die weder nach Recht noch Gesetz fragte, noch irgendwie ein Gefühl der Verantwortung zu haben schien, ließ die Mutlosigkeit anwachsen und auch die Geistesverwirrungen erklären, deren gespenstisches Auftauchen sich immer wieder bemerkbar machte. Lagerkommandant Heindel! Dieser Name hatte sich mit demjenigen Joeckls mit allen Schrecken in die Herzen der Gefangenen eingegraben. Ihre Tagesbefehle enthielten die härtesten und bösartigsten Verordnungen. Bei kleinsten Verfehlungen gleich die Todesstrafe. Jetzt war ein neuer Lagerkommandant in Theresienstadt eingetroffen. Sein Name war Rahm. Jedoch lieBen seine Tagesbefehle nichts an Strenge zu wünschen übrig. Die Wochenrationen blieben unter seiner Leitung dieselben, das Essen knapp wie immer und ohne Nährwert. Auch die lebensgefährlichen Sodasuppen, dünn und grau wie Spülwasser, kamen immer wieder zur 276 Ausgabe. Die wöchentlichen Zuteilungen an Margarine, Zucker, Brot in der gleichen Höhe wie früher. Auch die Arbeitenden bekamen keine höheren Zulagen. Doch man hoffte, vielleicht wird dieser neue Lagerkommandant milder sein als seine Vorgänger. Wußten diese Leute in der SS- Lagerkommandantur, die sich täglich drei- bis viermal gründlich sattaẞen, wußten die, wie weh Hunger tat? Fragten sie sich nicht ein einziges Mal am Tage, ob die Sünden, die sie durch ihr schmähliches Verhalten auf sich luden, nicht später vergolten werden müßten? Und zwar auf eine ganz natürliche Art: durch einen Wechsel der Geschehnisse. Folgt nicht auf eine noch so dunkle Nacht ein Morgen? Kann sich die Finsternis nicht plötzlich in Licht verwandeln, oder mit anderen Worten, kann Gott nicht plötzlich seine unsichtbaren Gewalten offenbaren? Hat nicht einer von jenen modernen Sklavenhaltern ein Gewissen, das ihm sagt, wie viele Schwielen an den Händen der rastlos zur Arbeit getriebenen Gefangenen sitzen, wie viele Tränen die Eingeschlossenen in ihrer Verzweiflung vergossen haben? Und wenn ihre in der Not stumm um Hilfe bettelnden Augen, voller Anklagen tausendfältiger Leiden, vor seinem Geiste auftauchen, schlägt ihm da nicht ein einziges Mal das Gewissen? Die innere Gottesstimme, die uns als Mahnerin mit auf den Erdenweg gegeben wurde? Wacht sie nicht auf und ruft mit Donnerstimme den Sünder von seinem fluchwürdigen Pfade zurück? - Oh, wohl dem, der zur rechten Zeit und Stunde diesem Rufe folgen kann. In grauen Zeiten, vor Jahrtausenden, gab es Sklavenhalter, die Pyramiden, jene Königsgräber, bauen ließen, woran an einer allein Hunderttausende von Sklaven dreißig Jahre schleppten. Dann gab es die Sklaven in den Galeerenschiffen, welche an den Ruderbänken mit Ketten angeschmiedet waren. Nach Aufhebung dieser schändlichen Grausamkeit kam das Bagno. Vielleicht lag ihnen die Ver277 1 erbung noch im Blut, es wäre eine Entschuldigung für die vielen Todsünden. Tausendfältiges Unrecht war von längst vermoderten Vorfahren eines grausamen Untermenschentums begangen worden. Aber das zwanzigste Jahrhundert sollte doch Ehrfurcht und Achtung vor dem Menschenleben haben. So ist es unverständlich, daß zwischen dem gebildeten, humanen, deutschen Volke Nachkommen leben, die die Peitsche ihrer Vorfahren neu ergriffen haben und, vom förichten Haß und Machtrausch getrieben, auf wehrlose Opfer, ihre eigenen Brüder, losschlagen. Das deutsche Volk ist ein unglückliches Volk, das Mitleid verdient. Alle seine Ideale sind ihm verlorengegangen. Die großen Dichter, Denker und Musiker leben nicht mehr als bestes geistiges Nationalgut in seinem Herzen. Sie sind verdrängt und ausgestoßen und mußten einem Götzen Platz machen. Auch die Religion ist abgeschafft worden. Alle Mitglieder der NSDAP mußten aus der Kirche austreten. Sie haben ihren Gott und ihren Herrn, Jesus Christus, verleugnet. Das Maß ihrer Sünden war so angewachsen und groß geworden, daß Gottes Barmherzigkeit daran scheitern mußte. Wer mit Gewalt herrschen will, setzt sich von Anbeginn ins Unrecht. Denn jeder Zwang erzeugt Gegenzwang. Wer aber aus Gerechtigkeit handelt und sich von der Güte gegen alle Geschöpfe leiten läßt, der löst die Spannungen aus und Vertrauen setzt ein. Fröhlich und gut gegen jedermann sein schafft das Verständnis und die Brücke zum harmonischen Zusammenleben. Es war nicht zu verstehen, daß das deutsche Volk in seinen Reihen so entartete Menschen einschloß, die erbarmungslos gegen die eigenen Brüder wüteten. Jeder einzelne von ihnen hatte eine Mutter, einen Vater, vielleicht eine Schwester oder Bruder gehabt. Familienbande hatten ihn umschlossen. Er lebte in einem Kreis, 278 wo Sitte und Ordnung, Moral und Anstand, vielleicht auch Liebe herrschte. Wie konnte es angehen, daß Glieder eines solchen Volkes, die durch Schulen, Gymnasien, Universitäten gegangen waren, und dort das geistige Nationalgut der deutschen Dichter und Denker in sich aufgenommen hatten, so entarten konnten? Die Ehrfurcht vor dem Leben des Einzelnen, die Demut vor Gott und die Liebe zum Heiland war ausgelöscht, als hätte nie dergleichen bestanden. Nichts hatte noch Wert. Jenen Wölfen, die sich der Herrschaft des Staates bemächtigt und das Vertrauen des Volkes erschlichen, mit Lügen und Laster sich im Herzen Deutschlands eingenistet hatten, jenen Wölfen waren die rechtlich denkenden, klarsehenden, aufrechten deutschen Menschen preisgegeben. Und zwar auf Gnade und Ungnade, je nach Laune; ohne Mitleid wurden die Entrechteten behandelt und über sie entschieden. Kein Glaube konnte unerschütterlich fest in dem Kampf gegen diese höllische Welt, die aus einem Sumpfe auftauchte, bestehen. Man stand vor einem Rätsel. Waren es Deutsche? Können Deutsche Teufel sein? Alle Leistungen früherer Staatsoberhäupter, Souveräne, Jahrhunderte deutschen makellosen Fleißes und Lebens vieler geachteter Generationen wurden zerstört und hingeopfert eines Phantoms wegen. Einem Götzen zu dienen, der sich vom Herzblut der Deutschen nährte, waren alle bereit. Ihm opferte das Volk alles. Voran die deutsche Frau. Ohne zu überlegen, jubelte sie dem künftigen Mörder ihres Gatten zu, streute ' Weihrauch dem Henker ihres Sohnes, feierte stolz seine Reden, hißte mit Stolz die Henker- Hakenkreuzfahne und trauerte am Grabe ihrer Gefallenen ,, mit stolzer Trauer". Auch das deutsche Mädchen ging denselben Weg. Ihr junges Glück zerbrach genau wie das der Mutter. Auch hier die gleiche Begeisterung vor dem Götzen, 279 dem sie ihr größtes Opfer darbrachte: den Verlobten. Nun deckt der grüne Rasen alle Hoffnungen ihres Lebens für immer zu. Vor der schmucken Uniform hatte sie begeistert gestanden und konnte sich nicht sattsehen an dem schönen Bilde. Alle Werte waren dahin. Die Wissenden aber schmachteten in den Kerkern, hinter Stacheldrähten der Konzentrationsläger und standen unter der Peitsche des Unterweltmenschen. Ja, und die Frauen waren schuldiger als die Männer. Sie sollten Hüterin der höchsten Menschengüter sein. Hüterin der Familie, ihrer Kinder, ihrer Männer. Sie sollten im Geiste der Liebe wandeln. Sie sollten die Fackeln des Krieges löschen, aber nicht selber zu dem entehrenden Gemetzel unschuldiger Menschen beitragen. Sie sollten niemals die Stimmen vermehren helfen, wo die Gefahr eines Krieges auftaucht. Millionen verbluteten auf den Schlachtfeldern der Erde, als Opfer eines Untermenschentums. Oh, ihr Mütter, bedenkt ihr nicht die Riesenschuld eures Gewissens? Euer„ Ja“ fiel in die Waagschale zugunsten dieses Mordens. Ihr habt euren Glauben abgelegt und seid aus der Kirche ausgetreten. Einem machtgierigen Tyrannen, einem Vampir seid ihr in die Hände gefallen. Schuldig sind nicht nur die Mörder, schuldig sind alle, die diesem den Weg zu seinem Verbrechen ebneten. Ohne Hilfe des Volkes, ohne seinen Wunsch und Willen können keine Kriege geführt werden. Nun ragen in unübersehbaren Weiten auf den Schlachtfeldern und auch anderswo, in den Konzentrationslägern die Kreuze in gewaltiger Anzahl stumm und anklagend zum Himmel empor, sie klagen an, sie klagen an sie klagen an, unentwegt. - 11 Die Tore des Himmels werden sich einst öffnen, Gottes Stimme wird ertönen und er wird sich den betörten Menschen offenbaren; damit wieder Harmonie, Ordnung und Liebe in die Welt einkehre. 280 Denn die Liebe ist das Licht auf unserem Erdenweg, so lehrte es uns die Bibel und unsere Vernunft. Erst aus der Liebe heraus zu den Menschen, den Tieren und den kleinsten Dingen in dieser atmenden Welt, werden wir Gott nahe kommen. Wir sind einst durch die Liebe des Gottessohnes erlöst worden, und wieder werden wir nur durch die Liebe erlöst werden können. Darin liegt die Versöhnung für alle menschlichen Irrtümer und Vergehen. ** * EIN STERN ERLOSCH AM KUNSTHIMMEL Es war nachts drei Uhr. Ein einziges Licht beleuchtete den von Menschen aller Art vollbelegten Bodenraum. Die Gegenstände des Raumes waren nur schwach zu erkennen, und die vielen Lagerstätten zeichneten sich in ihren Umrissen als dunkle Hügel ab. Frau Lupiskaja war ein wenig eingeschlafen. Unzählige Nachtwachen hatte sie bereits hinter sich, seitdem Sonja, ihre Sonja krank wurde. Das mußte wohl so sein. Vielleicht aus Gerechtigkeit des Schicksals. Sie kamen alle an die Reihe. Einer nach dem andern. Alle wurden sie in Theresienstadt krank. Frau Lupiskaja war jäh aus halbwachem Traum emporgeschnellt. Hatte jemand gerufen? Taumelnd richtete sie sich hoch, noch nicht ganz wach, tappte sie sich an das Lager ihres Kindes, beugte sich darüber, aber Sonja rührte sich nicht. Nein, alles schläft noch, oder tut so. Nun hält sie Wache wie ein steinernes Bild. Der Arzt war gestern am Abend nochmals dagewesen. 281 Er hatte immer noch eine bedenkliche Stirn gezogen. Typhus! Auch dieser Fall fast hoffnungslos, frotz aller angewandter Mittel. Frau Lupiskaja bestand darauf, ihr Kind selbst zu pflegen. Sie wollte auch die volle Wahrheit wissen. Durfte man es ihr sagen, welch' ein Wagnis sie unternähme? Ja, sie war eine kluge, resolute Frau, man konnte aufrichtig zu ihr sein. Todesgefahr! Frau Lupiskaja biß die Zähne zusammen, sie hatte nicht geschrien, nein, sie wollte kämpfen, kämpfen mit dem unerbittlichen Tod. - ,, Typhus? Wieso? Warum? Habe ich es an Sorgfalt fehlen lassen, habe ich meine Pflichten versäumt, daß Gott mich so strafen müßte?" So hatte sie den Blockarzt gefragt. Der zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf. ,, Schuld, ich bitte Sie, gnädige Frau, eine Mutter wie Sie?! Ansteckung! Höchstwahrscheinlich Ansteckung. Gestern begruben wir einen Kollegen, Dr. Wolf. Sie haben ihn auch gekannt." ,, Ja, natürlich, der junge Arzt, der hier im Hause die Lungenkranken betreute. Er war noch vor einigen Tagen hier gewesen." ,, Ja, sehen Sie! Er bekam Diphtherie, verschleppte diese und war nicht mehr zu retten. Das Heilserum wurde zu spät eingespritzt." Der Arzt nahm das zarte Händchen und fühlte nach dem Puls der Kranken. ,, Immer noch Fieber, es ist unbegreiflich ,, Doktor, ich muß Ihnen noch sagen, daß Sonja ihre Regel in Theresienstadt verloren hat." ,, So, auch Ihre Tochter? Es ist unbegreiflich, fast die ganze weibliche Jugend leidet daran." Frau Lupiskaja seufzte. ,, Gibt es keine Mittel dagegen?" ,, Nein! Es ist die ganze Lebenshaltung, die geändert werden müßte. Die gefährlichen, gesundheitschädlichen Suppen. Die Ärzte sind machtlos." 282 ,, Mein Kind bekommt gar kein Kasernenessen. Ich koche nur Diät für sie: Haferflocken." ,, Ja, gewiß jetzt! Aber vorher hatte sie doch das Kasernenessen zu sich nehmen müssen?" ,, Ja, leider! Wir bekamen keine Pakete mehr aus Deutschland." ,, Nun hoffen wir auf Gott, er ist unser Bundesgenosse." Der Arzt war gegangen. Frau Lupiskaja sann und sann. Sie hoffte und betete. Sie konnte nichts anderes mehr denken als: mein Kind ist krank. Wie rette ich mein Kind? Die ganze Bodengemeinschaft nahm an der Sorge der niedergebeugten Frau teil. Sie suchte, sie zu trösten und ihr zu helfen. Die Insassinnen gaben sich alle Mühe, brachten kleine Proben echten Tees, liefen nach Umschlägen, holten Tropfen aus der Apotheke. Was eine Mutter leisten konnte, sahen sie staunend Tag für Tag. Dann kamen einige und wollten diese heroische Mutter in der Pflege ablösen. Das ging nicht gut. So konnte doch ein Mensch nicht leben. Fast keine Nacht richtigen Schlaf, und kein richtiges Essen dazu, immer auf den Beinen. ,, Seid nur ruhig, ich werde es schon aushalten", hatte Frau Lupiskaja allen besorgten Mitbewohnern erwidert. Nein, sie nahm keine Ratschläge an. Ins Krankenhaus, welcher Gedanke?! Nun saß sie da und grübelte. Sie fährt leicht in die Höhe. War da nicht wieder ein Geräusch gewesen? Ach, nein, nur eine Ratte machte sich bemerkbar. Tiefste Stille immer noch. Langsam begann die Dämmerung in den Morgen überzugehen. Frau Lupiskaja stand auf. Sie holte den Fiebermesser hervor und beugte sich über die Kranke und schob das Thermometer in die Armhöhle. Sie wußte, was das dauernde Fieber bedeutete. Der Darm war krank und 283 wollte nicht gesunden. Eine Angst ohne gleichen trieb ihr eine Kälte durch die Glieder. Immer wieder betrachtete sie das kleine Gesicht ihrer Sonja. Sie wagte nicht, das Lockenhaar zu streicheln. So fein und blond war auch das Haar ihres Mannes gewesen, der sie leider beide viel zu früh schutzlos in dem ungastlichen Deutschland allein gelassen hatte. Er war Arier und hatte daher Sonja und sie vor der Gestapo geschützt. Sie saß und grübelte. Hatte sie recht gehandelt, Sonja als Jüdin zu erklären, nur um im Besitz ihres Kindes zu bleiben. Hatte sie sie nicht dadurch der Gefahr der Gefangenschaft ausgeliefert? Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. Wie schwer war es doch, das Richtige im Leben zu treffen. Alter ist sie geworden, sieht anders aus als sonst. Und doch nennt man sie immer noch allgemein die schöne Russin. So still war es, niemand störte sie im Denken. Sie hatte das Fieberthermometer hervorgeholt, sah auf die Säule. Mein Gott, 38,9 am frühen Morgen? Was sollte sie tun? Sie sah wieder auf ihr Kind. Plötzlich taten sich Sonjas Augen groß auf. Das Blau leuchtete im Fieber und ein Lächeln umspielte den Mund. ,, Mutti!" ,, Ich bin bei dir, Kind." ,, Mutti, laß mich aufstehen. Mir geht es viel besser." ,, Unsinn, du hast ja noch Fieber. Das geht nicht!" ,, Ich habe so schön geträumt vom Vater Darf ich nicht versuchen aufzustehen? Wann darf ich's denn?" ,, Morgen, mein Liebling, wenn du fieberfrei bist." Frau Lupiskaja öffnete die Thermosflasche und go Tee in eine Tasse, die sie der Kranken reichte. ,, Trinke, mein Herzblatt. Der Tee tut dir gut." Gehorsam nahm Sonja einen Schluck, hielt aber gleich erschöpft inne. ,, Danke, Mutti! Komm' doch näher zu 284 mir, Mutti. Ich möchte deine Hand halten. Wo bist du?" ,, Hier! Ich sitze ja bei dir, Kind." Sie umschloß die Hand der Fiebernden. ,, Willst du nicht etwas essen?" Sie reichte ihre eine geröstete Weißbrotscheibe und deckte mit der anderen, freien Hand das Kind noch fester zu. Sonja wehrte ab. ,, Nein, Mutti, essen mag ich nicht!" Eine Weile ist Stille. ,, Mutti?" ,, Ja, ja, Kind?" ,, Hast du mich lieb?" ,, Natürlich!" ,, Auch jetzt, wo ich ein so großes Mädchen bin?" " , Welche Frage! Eine Mutter liebt ihr Kind bis zum letzten Atemzuge." ,, Ich habe dich auch so lieb, Mutti, und ich freue mich so." 77 " 7 , Worüber freust du dich, meine Sonja?" , Weil du bei mir bist und ich nicht allein bin." ,, Wieso, fürchtest du dich etwa?", fragte ängstlich die Mutter. ,, Ja, Mutti, sehr! Es ist so dunkel um mich." Frau Lupiskaja erschrak tödlich. Der Morgen war in blendende Helle getaucht. Ein breiter Sonnenstrahl lag als flimmerndes Band mitten im Raum. Durch das Bodenfenster, dessen Spalt geöffnet war, drang das Jubilieren der Vögel. Sonja hatte die Augen geöffnet. Sie nahm den Glanz des anbrechenden Tages nicht wahr. Frau Lupiskaja hockte verzweiflungsvoll auf dem Boden am Lager ihres Kindes. Sie möchte ihre Not hinausschreien. Die Last der Sorge um das Leben ihrer Tochter ist so gewaltig, daß ein Klumpen sich in der Kehle ballte und ihr die Luft nahm. Sie konnte kaum atmen. Die unruhigen Hände der Fiebernden fuhren auf der Decke hin und her.„ Mutti, bist du noch da?" Wie 285 schwach die Stimme war, doch mit dem feinen Klang einer Harfe. ,, Ja, Kind! Wünschest du etwas?" ,, Mutti, nimm mich in deine Arme." Frau Lupiskaja schob den Arm unter die Kissen und Decken und hob die leichte Gestalt zu sich empor. Sofort schmiegte sich der Kopf an ihre Brust, aber unruhig wendete er sich von einer Seite zur andern. Wieviel Augenblicke sind es, daß sie ihr krankes Kind auf dem Schoße hielt? Sind es Stunden? Das Leben war auf dem Boden längst erwacht. Die morgendlichen Arbeiten wurden wie immer verrichtet. Scheu streiften die Blicke der vorübereilenden Bodengenossinnen die einsam sitzende, tiefgebeugte Frau. Sie warfen sich bedeutsame Zeichen zu, aber ansprechen wollten sie sie doch nicht. Als die Kranke ruhiger wurde, ließ Frau Lupiskaja vorsichtig den Körper zurück aufs Lager gleiten. Schlaf, gesunden Schlaf, bis der Schweiß käme, das wäre die Rettung. Aber grimmige Not, Stirn und Wangen blieben gleichmäßig heiß und trocken. Fest hielt Sonja die Hand der Mutter in der ihren. Frau Lupiskaja durfte nicht wagen, sie zu lösen. Unablässig rollten Tränen an ihren Wangen herab. Sie wehrte nicht ihren Lauf. So saß sie und wartete. Oh, Gott, laß mir mein Kind. Vor ihrem geistigen Auge stieg Sonjas glänzende Laufbahn auf. Unermüdliche Ausdauer hatte das herrliche Talent des Kindes entwickelt und das Gebäude des Ruhmes aufgerichtet. Ein Stern war aufgegangen, der selbst den der Anna Pawlowa überstrahlen sollte. Sanken alle Träume dahin?--- Waren alle Zukunftspläne vernichtet? ,, Mutti?" Frau Lupiskaja schreckte empor. ,, Mutti, ich habe noch keinen Kuß von dir bekommen!" ,, Tausend gebe ich dir, doch schlafe lieber, mein Kind." ,, So küsse mich erst!" 286 Die Mutter beugte sich herab und küßte Sonja. „Mutti, du hast ja geweint! Der Kuß war salzig.“ „Aber nein, mein Herzblatt.“ „Bin ich sehr krank, Mutti?“ N „Bewahrel Aber vorsichtig müssen wir doch beide sein, Kind?“ „Mutti, mich friert sol Nimm mich wieder in deine Arme!“ Frau Lupiskaja hob die leichte Gestalt erneut auf ihren Schoß. Sie wickelte die Decken fest um den schmächtigen Körper. Es war ein kleines, armseliges Bündel. i „Wie fein, Muttil Jetzt will ich schlafen!“ Das blonde Köpfchen schmiegte sich an die Brust der Mutter. Diese drückte das Kind an sich, als wolle sie ihr eigenes Leben hinüberströmen lassen zu seiner Ge- sundung. Um keinen Preis wollte sie nachgeben im Kampfe gegen den Tod. Doch es wurde ein langer Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gab. Immer blasser wurde das Gesicht, —— der Atem ging leiser—— und schwächer. Frau Lupiskaja stierte mit Entsetzen auf das fahle Antlitz ihres Kindes. Der Atem? Was war mit ihm? War er schon fort? Sie wollte rufen———. Aber es war nur ein Stöh- nen.{ Ihre Hände befühlten die Stirn und die Brust. Was war das? Sie wurden ja kalt? Mein Gott——— hilf mir. Da— ein Ruck,——— ein kurzes Strecken. Zur Seite fiel das Engelsköpfchen und——— es war geschehen———. Was eben noch liebliches, Hoffnung erweckendes, junges Leben war, angefüllt bis zum Rand mit Talent, Schönheit und Jugend, war nicht mehr vor- handen. Endlich löste sich die unmenschliche Qual der Mutter. Die aufgebrochene Verzweiflung schrie den geliebten Namen heraus. ,, Sonja! Sonja! Mein Kind stirbt- doch!" 1 So helft mir Nun strömten von allen Seiten mitleidige Helferinnen herbei. Man bettete das arme, früh dahingeschiedene junge Mädchen zurück auf ihr Lager. Sofort hockte sich die Mutter auf den Boden, sah unverwandt in das Gesicht ihres toten Kindes und schrie noch einmal. ,, Sonja", ihre Stimme wollte brechen. ,, Laßt mich sterben", rief sie noch aus, und dann umfing eine wohltätige Ohnmacht ihre Sinne. Die Gnade dieser Betäubung löschte nur eine kurze Weile ihre Qual aus. Vorbei Leben. 1 ausgelöscht war ein junges, blühendes Während der rasch herbeigerufene Blockarzt sich über die eben Entschlafene beugte, um den Tod sicher festzustellen, danach sich der ohnmächtigen Mutter zuwandte, ihre Herztöne abhorchte und Anordnungen zur Abholung der hilflosen Frau in ein Krankenhaus traf, waren mehrere junge Mädchen, die vorher das Lager der jungen Toten umstanden hatten, still zur Seite getreten. ,, Habt ihr gesehen, wie sie dalag, ling?" 1 ,, Ja, so friedlich!" ,, Als ob sie schliefe" ,, Wie ein Engel!" 1 1 1 unser Lieb- 1 - - Während der Krankheit Sonjas hatte Kitty viele Male Frau Lupiskaja aufgesucht, aber nie war es ihr geglückt, sie länger als einige Minuten zu sprechen. Sie hatte sie gebeten, keine Besuche mehr zu machen, bis Sonja genesen sei. Und sie hatte sie mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit verabschiedet. Die Besorgnis war bei allen Freunden aufs höchste gestiegen, als immer noch keine Nachricht der Besserung eintraf. 288 Endlich hielt es Kitty nicht mehr aus und ging trotz des Verbotes zur Turmgasse. Dort erfuhr sie die Kunde von Sonjas Ende. Es war unsagbar schwer, an die Wahrheit der er- schütternden Nachricht zu glauben, daß das blühende, sonnige Leben der kleinen Sonja ausgelöscht sei. Es war noch kein halbes Jahr vergangen seit ihrer Freundin Helgas Tod, und schon wieder lag ein junges Menschen- leben auf der Bahre. Woher soll die arme Mutter nur die Kraft nehmen, einen solchen Schicksalsschlag zu ertragen? Noch am gleichen Tage eilte Kitty zu dem Hohenelbe- Krankenhaus, wo Frau Lupiskaja lag. Die Schwester kam heraus und bedauerte im Interesse der Kranken, sie nicht vorlassen zu können, doch ihre Grüße wolle sie gern ausrichten.„Übrigens“, setzte sie noch hinzu,„ist die Kranke gar nicht fähig, Sie zu empfangen. Sie hat hohes Fieber!“ Mit tiefer Trauer im Herzen stieg Kitty die Treppe des Krankenhauses hinab. Langsam versuchte Frau Lupiskaja ins Leben zurück- zukehren. Schwere Krisen müßten durchfochten werden, endlich erlangten Körper und Geist wieder das normale Gleich- gewicht. Das erste Erwachen war natürlich furchtbar, und Ärzte sowie Schwestern hatten ihre liebe Not, die unglückliche Mutter zu beruhigen. Aber wenn der Schmerz gar zu heftig wurde, fuhr eine gütige Hand über Stirn und Wangen, und eine beruhigende Stimme glättete die Wogen der Aufregung. Unter dieser Wirkung schlief die Kranke dann wieder ein. In die Wirrnis ihrer Gedanken kam langsam Ord- nung. Die Gegenstände des Raumes traten hervor, und auch die Menschen, mit denen sie zusammen lag, rückten in ihren Gesichtskreis und wurden ihr nach und nach ver- traut. Das Leid der schweren Herzenswunde, die ihr das 19 Philipp, Die Todgeweihten 289 Schicksal schlug, verlor nach und nach an Stärke und Gewicht. Aber Augenblicke kamen noch, wo sie meinte, den nächsten Tag nicht zu überleben. Das waren die Stunden des Nachts, wenn sie nicht schlafen konnte. Dann tauchte Sonjas süßes Gesicht vor ihr auf.‘Sie durchlebte die kurze, hoffnungsvolle Spanne dieses jungen Lebens in wechselvoller Gestalt. Als Frau Lupiskaja zum ersten Male das Beit ver- lassen durfte, waren Monate nach dem Tode Sonjas verstrichen. Wie eine Nachtwandlerin bewegte sie sich anfänglich, und dann trat der Umschwung ein. Sie sah das Leid der anderen, erlebte Tragödien in noch größerem Ausmaß als die ihrige, und in ihr reifte der Entschluß, nicht zurückzukehren in den Trubel des Bodenraumes, sondern hier in dem Hohenelbe-Kranken- haus künftig zu bleiben. Sie fragte den Chefarzt Dr. Gut- mann, der nach der Beschlagnahme der Sudetenkaserne dieses Krankenhaus leitete, und wurde danach als Hilfs- schwester in den Verband des Gesundheitswesens auf- genommen. Nun kamen Monate schwerster Arbeit, in denen Frau Lupiskaja die Hände so voll zu tun hatte, daß weder Zeit zum Nachdenken noch zur Trauer blieb. Der Dienst in den Krankenstuben erforderte eiserne Willenskraft, Energie und Zurücksetzung eigener Wünsche. Auch die Arbeit wuchs täglich zusehends. Ihr Körper hielt die Zeit der Entbehrungen und Nacht- wachen wirklich durch. Sie hatte trotz ihrer Krankheit noch Reserven zu vergeben. Nun blieb für sie nur noch die Erfüllung dieser selbsterwählten Pflicht, das Leid, das sie umgab, zu lindern. Es beruhigte ihr eigenes. Dabei wurde sie die unentbehrliche Hilfe Dr. Gut- manns. Sie wurde das, was sie künftig vorstellte: Schwester Irina. -_—__ a)—=,—= Monate vergingen———. 290 Ihre zwei Hände waren immer da, wo die Kranken von Schmerzen gepeinigt nicht einschlafen konnten. Ihre feinen, aristokratischen Hände verrichteten die gröbste Arbeit. Sie besorgten die untergeordnetsten Dinge. Die Entwicklungsstufen von einer Hilfsschwester zur Schwester und weiter hinauf zur Oberschwester setzten eine Unsumme von Kenntnissen und Aufopferungswillen voraus. Die Verantwortung für ihre Aufgaben war noch größer als die Fülle und Schwere des Dienstes. Aber Schwester Irina behauptete nicht nur ihren Platz, sie wurde auch zu Operationen hinzugezogen, und später unterstanden die Schwerkrankenstuben ihrer Oberaufsicht. Segensreich und vielgestaltig wurde ihr Wirkungskreis. Aber das persönliche Leben hatte für Schwester Irina aufgehört. DIE ENTSCHEIDUNG Hinter den Mauern Theresienstadts lagen wieder viele reif zur Ernte für den Sensenmann. Zwar waren die gefährlichen Monate Mai und Juni vorüber. Die Warnungstafeln hingen noch überall an den Wänden der Blockhäuser und der Kasernen. Aber das nützte nichts, darum hat sich der Tod nicht gekümmert. Die Typhusfälle waren zu ungeahnter Höhe emporgeschnellt. Der Hunger wütete eben unter der Bevölkerung. Die Vorsichtsmaßnahmen, die darin bestanden, sich dauernd die Hände zu waschen vor dem Essen und sich vor enger Berührung mit den Typhuskranken zu schützen, hatten trotzdem die Gefahr nicht aus dem Wege räumen können. Die Sterblichkeit wuchs und wuchs. Die Zeiten und Verhältnisse aber änderten sich nicht. Die Eingeschlossenen waren vergessen. Das Ausland schwieg 1 . Lebte in ihrem erstorbenen Herzen noch ein Funke von Hoffnung? 19* 291 Kitty hatte, von Hunger getrieben, alle Sachen ihres geringen Bestandes an Kleidung gegen Brot eingetauscht. Sie war zu schwach, sich gegen den Hunger zu wehren, und wachte in der Nacht immer wieder von den Magenkrämpfen auf. Schließlich tat sie es den anderen Frauen gleich und schlich abends in der Dunkelheit zu den Abfallstellen der Diätküchen, wo die Reste von Gemüse und Kartoffelschalen lagen. Es war verboten, nach 9 Uhr abends auf die Straße zu gehen, und wehe, wenn man dabei ertappt würde, man wurde kurzerhand erschossen. Wenn man Glück hatte, traf man auch einen Wagen an, der mitunter frisches Gemüse und Obst ablud, dann kroch man unter den Wagen und wartete auf heruntergefallene Stücke. So suchte man durch Extrarationen den gefährlichen Hunger zu stillen. Immer gehetzt im Frohn der Arbeit, ohne Pause, fristeten die meisten ihr Leben. Täglich hoffte man auf Anderung oder Erlösung von außen. Nachts, wenn die Wanzen wie Völkerscharen zu wandern begannen und die Ratten spektakelten wie Einbrecher, wenn unterdrücktes Weinen der Heimwehkranken oder das Ächzen und Stöhnen der Herzleidenden die Stille unterbrachen, stiegen die fernen Bilder der Heimat auf und begannen den Raum zu füllen. Der Gram über das verlorene Leben wurde dann so stark wie ein körperlicher Schmerz. Dann wäre die Erlösung, das Sterben, das beste. Beschwerden in den Heimatskarten waren verboten, damit man nicht Hilfe fordern konnte. So konnte nur Gott helfen. Aber wir sollten umkommen. Alle Gefangenen wurden dauernd an ihrer Gesundheit geschädigt. In den Straßen strömte, wie immer, das Leben von und zu der Arbeit. 292 Kitty befand sich auf dem Heimweg. Ein Junge lief hinter ihr her, in der Hand hielt er einen Brief. - Er rief und winkte. Kitty drehte sich um und blieb stehen. Ein Brief für sie? Gewiß von Peter? Sie nahm ihn in Empfang und betrachtete das weiße Kuvert, das ihren Namen trug. Lange zögerte sie, ihn zu öffnen. Fürchtete sie seinen Inhalt? Dann las sie die wenigen Zeilen, die Peter hingeworfen hatte. Es war die Anfrage, ob sie seine Frau werden wolle, mit der Bitte um sofortige Entscheidung. Ganz fassungslos hatte Kitty die Worte gelesen. Geliebte Kitty! Der Zeitpunkt ist gekommen, der zu einer Entscheidung drängt. So wie wir bislang gelebt haben, geht es nicht weiter. Du bist zu jung und auch ich, von mir mag ich nicht reden. Genug, ich bitte Dich, meine Frau zu werden. Prüfe Dich und wähle! --Immer Dein Peter. Deine Antwort bringt mir der Bote zurück.( P.) Gehetzt von der Frage dieses wichtigen Entschlusses, irrten ihre Augen hilflos umher. Der kleine, kecke Bursche sah sie unentwegt an. ,, Warte einen Augenblick, mein Junge, du kannst den Brief gleich mitnehmen." Sie holte aus ihrer Tasche einen Schreibblock hervor, riß ein Blättchen ab und warf ohne Überlegung ein paar Worte auf das Papier. Den Bogen faltete sie zusammen, schrieb die Adresse und übergab den Brief dem Jungen. Der nahm ihn und war schnell ihren Blicken entschwunden. Je länger Kitty fern von der Heimat und von allen verlassen ihr Leben verbringen mußte, desto näher kam sie Peter, zwar ohne es selbst zu wissen. Noch immer liebte sie den Freund in der Ferne. Und jetzt, wo durch Peters verändertes Benehmen eine ganz neue Lage entstanden war, wo er an Stelle des Kameraden eine Frau haben wollte, trat die Erinnerung der früheren Jahre hervor. Die Zeit nach dem Heimgang ihres Mannes, dem sie 293 zärtlich zugetan war und dessen Tod sie anfänglich nicht verwinden konnte, ja, dessen Verlust sie so schmerzlich traf, daß sie krank wurde und in Behandlung Dr. Gebhards gehen mußte, stand wieder neu vor ihrem geistigen Auge. Das vergangene Leben wurde erweckt und umgab sie mit seinem gefährlichen Zauber. Es war ein schöner Sommertag. Die Sonne neigte sich bereits und der Tag, der heiß begonnen hatte, wurde kühler. Am Himmel zogen die Wolken tiefer und dichter vorüber. Es schien, als wollte es regnen. Langsam, von der Tagesarbeit ermüdet, schritt sie die Stufen zur Bastei empor, um Peter zu erwarten. Wieder nahmen die Gedanken des Einst sie gefangen. Sie erinnerte sich des Augenblicks, als sie Dr. Gebhard zuerst sah. Der Eindruck war ein vollkommen gleichgülliger. Durch die Behandlung ihres Mannes und auch durch die später erfolgten gesellschaftlichen Beziehungen kam sie flüchtig mit ihm in Berührung. Richtig kennengelernt hatte sie ihn erst durch ihre eigene Krankheit, nach dem Tode ihres Mannes. Was er meinte, und wie er es vorbrachte, hatte damals ihrem Manne schon große Beruhigung gegeben. Ähnlich erging es ihr. Die Erschlaffung der Nerven ließ nach, und schnell ging es aufwärts. Er war nicht nur Arzt geblieben, sondern wurde ihr, der vereinsamten Frau, auch Ratgeber und Freund. Die schwierigen Lebensfragen, die sie bedrängten, löste er spielend. Abende kamen, wo er ein wenig Zeit mitbrachte und bei einer Tasse Tee etwas länger blieb. bis eines Seine Nähe wurde ihr bald unentbehrlich, Abends, ihr selber unerklärlich und überraschend, sie ganz plötzlich nicht mehr den Arzt, der sie gesund gemacht hatte, und den väterlichen Ratgeber, der ihr Hilfe gab, vor sich sah, sondern den Mann. - Sie fing an, sich nach ihm zu sehnen, wenn er ausblieb. War er dann da, war sie unsicher und verändert, ging 294 er später, dann hätte sie ihn festhalten mögen. Endlich erwachte sie aus diesem sonderbaren Zustand, erkannte und erstaunte, sie liebte Dr. Gebhard. Es zog sie mit tausend Fäden zu ihm hin, sie wollte ihm nahe sein. - Eines Tages, es war im Sommer, machte sie sich fertig und ging zu ihm. Plötzlich stand sie ihm gegenüber in seinem Arbeitszimmer. Er war so überrascht, daß er alle anderen Patienten warten ließ und zu ihr herauskam. Er fragte nach ihren Wünschen. Er ahnte nichts und wußte nichts. Sie bekam ein Gefühl der schlimmsten Hilflosigkeit, aus Scham und Angst gemischt. Es machte sie unsicher und elend. Sie wollte wieder fort. Da plötzlich meldete sich bei Dr. Gebhard die Erfahrung des Mannes. Er bat sie inständig zu warten. Und sie blieb. Ihre Gedanken brachen jäh ab. - Jetzt war Peter da und forderte. Auch Peter liebte sie, tief, verschlossen und innig. Kitty faßte ein Schrekken, zu wem gehörte sie? - Sie trug die Treue des Weibes wie ein Gesetz in sich, daraus entsprang ihr Glaube, recht zu tun. So wie sie den geliebten Mann nicht vergessen konnte, so meinte sie, würde auch er ihrer gedenken und auf sie warten. Sie konnte nichts dafür, daß sie Fred Gebhard liebte. Er hatte ihr die Abschiedsworte: ,, Kitty, ich habe dich sehr lieb gehabt", als Vermächtnis mit auf den Weg gegeben. Nicht er war es, der die Treue gegen sie gebrochen hatte, sondern sie. Sie hatte Peter Rechte eingeräumt in ihrer grenzenlosen Verlassenheit, die Hoffnungen in ihm erwecken mußten. In jener Zeit, als sie Liebe zu Fred Gebhard fakte, war dieses Erwachen ihres Herzens nach langer Zeit geschehen. Sie glaubte fest, sie sei dazu ausersehen, seine Frau zu werden. Da es sich dann später herausstellte, daß er verheiratet war, änderte sich die ganze 295 Sachlage. Zwar lag er in Scheidung, aber frei war er nicht. Auch seine Kinder mußten berücksichtigt werden. Er hatte niemals auch nur mit einem Wort etwas angedeutet, das einer Bindung zwischen ihnen gleichkam. Es war einer jener Nachmittage gewesen, wo sich der vielbeschäftigte Arzt eine kurze Rast bei einer Tasse Kaffee in ihrem Hause gönnen konnte. Durch das weitgeöffnete Fenster strömte die Sonne in den Raum und Vogelgesang drang herein. Kitty hatte den Kaffee eingeschenkt und reichte ihm das Keksdöschen hinüber, dazu klang gedämpft Musik aus dem Radioapparat. Leise fielen da seine Worte: ,, Lassen Sie mich Ihnen aus tiefstem Grunde danken für das köstliche Geschenk dieser Stunde. Vielleicht waren wir beide im Weltenraum vor unendlich langer Zeit einmal vereint gewesen, und jetzt möchte ein Teil wieder zu dem andern zurückströmen. Was wissen wir von dem unendlich hohen Gefühl der Liebe zwischen Mann und Frau und was von dem Geheimnis, das sie zueinander zieht?" Sie war dann wie unter einer magischen Macht aufgestanden und dicht an seine Seite getreten. Er hatte ihre Hand gefaßt. ,, Kitty, ich nenne Sie von heute ab so, es wird nicht leicht sein für mich, in Entfernung von Ihnen zu bleiben. Ich möchte aber meinen Kindern ohne Scheu in die Augen sehen dürfen. Bleiben Sie so, wie Sie sind. Sie beschenken mich, wie nie ein Mann vorher beschenkt worden ist. Ich bin einsam wie Sie, das möchte ich Ihnen sagen. Ich habe meine Wissenschaft, meine Praxis, meine Kinder. Aber diese gehen ihre eigenen Wege und haben ihre eigene Welt." - ,, Und, Sie sind doch verheiratet?" Mit feuchten Augen sah Kitty zu dem Arzt empor. - ,, Ja lassen Sie mich darüber schweigen. Meine Scheidung steht bevor. Haben Sie keine Angst vor mir, ich werde Sie hüten wie einen Schatz. Kein Hauch des 296 Vorwurfs oder der Selbstanklage soll Sie treffen. Es gibt keine Stunde des Glücks, in der der Mensch alles verlangen kann. Lassen Sie uns das Bewußtsein haben, immer das Rechte zu tun.“ Er hatte sie sachte zu sich herangezogen und auf die Stirn geküßt. Unter seinem Kuß war Kitty erschauert. Sie sah seinen gebeugten Kopf vor sich, die Feinheit seiner Hände, die kluge Stirn und nur die Augen, darin die Güte seiner Natur sich spiegelte, die hatte sie nicht gesehen. Er hielt den Blick gesenkt. Sie sah ihn dann an das Fenster treten und hörte noch das süße Gezwitscher der Vögel hereindringen. Sie hatten längere Zeit geschwiegen, dann erklärte auch Kitty ihm ihr ganzes Leben und sagte zum Schluß: „Als ich es spürte, daß ich Sie liebte, wollte ich nie mehr zu Ihnen gehen. Ich ahnte die Gefahr, aber dann überkam es mich mit Gewalt, und mein Widerstand ließ nach. Ja, wenn ich ein Kind gehabt hätte, das mich von diesem Schritt zurückhielt. Ach, in vielen Jahren hungerte ich nach einem eigenen Kinde.“ „Kitty, die Kinder verlassen uns auch“, warf er leise ein. Der Frühling hatte ins Zimmer hineingelacht und den ganzen Raum mit Sonne überflutet. Ein wunderbarer Zauber war erwacht und umwob die Herzen mit elementarer Gewalt. Sie war leise zu ihm ans Fenster getreten, und er nahm ihre Hand und hielt sie lange Zeit in der seinen, dann beugte er sich herab, küßte sie und war leise hin- ausgegangen.——— Er hatte sich bis zu der verhängnisvollen Stunde des grausamen Abschieds von der Heimat vor ihrer Ver- schleppung nach Theresienstadt in keinem Augenblick mehr als ihr unbedingter und rückhaltloser Freund ge- zeigt. Der Scheidung hatten sich immer neue Wider- stände seiner Frau entgegengesetzt und diese weit hinausgeschoben. 297 Und zuletzt kam die einzige, schwere Abschiedsstunde, wie er den ersten Kuß auf ihre Lippen drückte, mit dem Geständnis seiner Liebe: ,, Kitty, ich habe dich sehr liebgehabt!" Ihre Gedanken begannen wieder um das eine zu kreisen, wie Peter ihren Entschluß aufnehmen würde. Er wollte unter allen Umständen die Entscheidung. Sie hatte nur den einen Wunsch, ihn nicht zu verlieren. Nun mußte sie diesen Dornenweg gehen und wußte nicht, wo er enden würde. Aber sie erkannte auch, daß Peter nicht anders handeln konnte. Der Arme, er hatte die Qual der Ungewißheit nicht mehr ertragen können, und darum suchte er eine neue Bindung mit ihr. Sollte das Glück ihrer Freundschaft nun aufhören? Sollte sie Peter verlieren müssen? Sie konnte ihn doch nicht heiraten. Nein, sie konnte es nicht, solange sie von Fred Gebhard nichts gehört hatte. Bittere Tränen traten ihr in die Augen, während sie ihren Weg zu der Bastei fortsetzte, aber sie wischte sie schnell und erschrocken ab. Tief aufatmend hob sie den Kopf. Warum jetzt schon alle Hoffnung sinken lassen? Da vernahm sie lautes Lachen und Singen. Eine Gruppe junger, tschechischer Mädchen kam ihr entgegen. Bei jedem Schritt, den sie taten, wurden die Knie entblößt, so kurz waren die Röcke. Ihre straffe Haltung ließ eine tüchtige Energie erkennen. Ihre Gesichter, in der ersten Jugend stehend, waren mit Krem eingerieben und glänzten vor Fett in der Sonne. Obgleich Gefangene, gleich Kitty, genossen sie viele Vorzüge. Sowohl in ihrer Unterbringung als auch bei der Einreihung in die Betriebe seitens des Arbeitsamtes. Sie zogen mit federnden Schritten an Kitty vorüber und magen sie mit verächtlichen Blicken. Zornesröte stieg in Kittys Wangen. Nun, sie war nicht so gut gekleidet als jene, aber immer sauber und ein298 wandfrei. Sie wußte, daß die Tschechen die Deutschen nicht leiden mögen. Rasch vertrieb sie die unliebsamen Gedanken und kehrte wieder auf ihre Angelegenheit zurück. Es wird schwierig sein, mit Peter über den Freund zu sprechen, den er nicht kannte, und der durch sein Schweigen eine Stellung einnahm, die nicht zu seinen Gunsten sprach. Doch es war ihr fester Vorsatz, Treue zu bewahren. Viel stand auf dem Spiel. Sie wußte es. Und sie wußte auch, daß es nicht leicht war, Peter begreiflich zu machen, daß sie auf ihrem Standpunkt beharren müsse. Bald, in kurzer Zeit, würde die Entscheidung fallen. Gott, Gott, erhalte mir Peter, daß ich in dieser entsetzlichen Zeit meines Lebens einen Schutz habe. Denn daß der Name des anderen Mannes in meinem Herzen tiefer eingegraben ist als alle anderen, ach, dafür kann ich nicht, beteten ihre Lippen. Unendlich bedrückend ist das Gefühl der Gefangenschaft. Wie verloren steht der einzelne Mensch in der Grenzenlosigkeit zwischen einst und jetzt. Nur wenn Kitty an Peter dachte, kam auf halbem Wege ein Gefühl zustande wie ein ,, Zuhause". So schien es ihr, wenn sie mit ihm zusammen war. Die Silhouetten der Sudetenkette hoben sich wie Schattenbilder vom Himmel ab. Kitty schaute auf die sanft geschwungenen Linien. Sie wartete auf Peter. Sollte er verhindert sein? Da hörte sie Schritte. Als sie sich umwandte, blickte sie direkt in die forschenden Augen Peters. Er hatte schon eine Weile hinter ihr gestanden. Wie erleichtert atmete sie auf. ,, Ich wußte, daß ich mich auf dich verlassen kann." ,, Immer!", sagte Peter ernst. Das lärmende Durcheinander auf der Bastei nahm ab. Viele rüsteten zum Aufbruch, da es langsam zu regnen begann. Aber die Luft war warm. Beide hatten 299 unter ihren Kleidern einen Badeanzug an, das heißt, Kitty nur eine kurze Hose und einen Büstenhalter. Sie machte es wie alle Frauen und Mädchen in Theresienstadt und nahm, wann sie nur konnte, Luft- und Sonnenbäder: Zusatzvitamine. Auch Peter verfuhr ebenso. Peter half Kitty beim Ablegen, und dann saßen sie in ihren Badeanzügen auf dem warmen Grasboden. Bald aber streckten sich beide der Länge nach aus. Manchmal erschienen die Ordner auf der Bastei, sie schlenderten umher, musterten die wenigen Besucher und gingen gewöhnlich dann weiter. Heute aber blieben sie stehen und sahen auf den bildschönen Körper Kittys, dessen Weiße direkt leuchtete. ,, O, nun wollen wir aber diese Stunde genießen", sagte Kitty ,,, froh bin ich, daß die Menschen sich verlaufen haben. Ich bin müde - so müde." ,, Du brauchst es mir nicht zu sagen", meinte Peter. ,, Ich habe Augen." Ja, er hatte wirklich Augen, die heute scharf und durchdringend blickten. ,, Wie dankbar bin ich dir", sagte Kitty mechanisch. ,, Wenn du schreibst, du müßtest mir deinen Entschluß mündlich mitteilen, muß ich doch kommen. Ich warte!" Kitty richtete sich auf.„ Ja, Peter, das will ich." Ihre Stimme zitterte. ,, Entscheiden will ich mich." ,, Das mußt du wohl." ,, O, natürlich! Aber ich brauche deine Nachsicht. Du mußt mir helfen, wie du es schon oft getan hast." Peter nickte ernst. " , Versuchen will ich es, ob mit Erfolg? Ich denke, in dieser Lage kannst du dir nur selber helfen." Kitty blickte erstaunt auf Peter. Ihr Herz begann zu klopfen. Er war eine so vornehme Erscheinung, selbst jetzt im Badeanzug, und ebenso wie sein Äußeres war auch sein Charakter. Wenn sie ihn verlieren sollte?- 11 Peter erinnerte sie vorsichtig. ,, Nun, sprich nur! Ich 300 hoffe", setzte er tastend hinzu ,,, du hast dir deine Antwort reiflich überlegt." Sie blickte ihm voll ins Gesicht. Peter war bei dem Blick nicht ganz wohl zumute. Seine Hand knüllte den kleinen Zettel von heute morgen zusammen, den er immer noch in der Hand hielt. Er wußte die Worte auswendig: Lieber Peter! Du bist Deinem Versprechen untreu geworden und möchtest jetzt an Stelle des Kameraden lieber eine Frau haben. Ich möchte Dir die Antwort darauf heute nach Dienstschluß mündlich geben. Sei bitte auf der Bastei an unserem Platz. Kitty. Er verstand. Sie hätte nur ,, ja" oder„, nein" zu schreiben brauchen. Sein Blick wurde finster, ohne daß er es wußte. Er sah sie vor sich liegen, diese süße, bezaubernde Frau. Wie wollte er sie hegen, wenn sie sich ihm nur ganz anvertrauen möchte. Er meinte Riesenkräfte zu besitzen. Er sah sie auch noch anders von sich. Damals in der Menschenmenge, als der Blick ihrer unschuldigen Augen sich mit den seinen zuerst traf. Blitzschnell fiel ihm ein, daß Kitty reichlich lange Zeit brauchte. Und Kitty dachte: der Arme, er liebt mich, wie ich den fernen Freund liebe, völlig ohne Hoffnung. Sie sah auf seinem Gesicht eine deutliche Unruhe. Mein Gott, hilf mir, ich möchte ihn nicht verlieren. Sie sammelte ihre Gedanken. Wie nur anfangen? Peter wartete. Er wartete mit Ungeduld, wie wird ihr Entscheid ausfallen? Sie drehte ihre Kappe nervös zwischen den Händen. Plötzlich stieß sie hervor:„ ,, Du liebst mich, Peter?" ,, Herzlich!" ,, Dann Peter, verlaß mich nicht! Ich könnte es nicht ertragen." 77 , Warum sollte ich das tun, Kitty? Das Gegenteil ist doch der Fall." Er legte behutsam seinen Arm um ihre Schultern. 301 ,, Schwöre es, Peter!" " , Welche Einleitung! Gut! Dein Schicksal soll immer das meine sein." - - ,, Half! Ich kann aber deine Frau nicht werden." Wie ein Verzweiflungsschrei kamen die Worte hervor. Er erschauerte. Der Würfel war gefallen. Verloren. In dem Gesicht des Mannes stieg eine Zornesröte auf. Sich mühsam beherrschend, sagte er: ,, Kitty, wenn du einen vernünftigen Grund hast, will ich diese bittere Pille schlucken. Aber ich sehe keinen. Zwischen uns steht der verdammte Scheinheilige, der irgendwo in Hamburg wohnt. Ein armseliger Mann, der nicht den kleinen Finger für dich rührt, der dich hier verkommen läßt -, und für den soll ich zurücktreten?" Peter war aufgestanden. ,, Bei Gott, das halte ich nicht aus! So ein Gaukler!- - 1 Ich glaubte mitunter manchmal, du erwidertest meine Liebe? " ,, So war es auch zeitweilig", unterbrach Kitty den Redestrom. - " ,, Kein Macht der Welt hält mich dann zurück ,, Nein, Peter, bitte nein", wehrte sie ab. ,, Glaube mir, du könntest nicht glücklich werden mit mir." ,, Das ist eine alberne Jungmädchenansicht." ,, Bedenke, Peter, meine Vergangenheit, ich liebe doch Dr. Gebhard. Das läßt sich doch nicht auslöschen." ,, Kitty, deine Vergangenheit, wie du es nennst, kümmert mich nicht, läßt mich auch gleichgültig. Die paar Abschiedsworte des sonderbaren Heiligen haben dir den Kopf verdreht. Ha, meinst du, die könnte ich dir nicht aus dem Gedächtnis bringen?" ,, Peter, verstehe mich doch recht, ich will doch nur dein Bestes. Du bist so gut, so anständig und rechtschaffen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du durch mich unglücklich würdest. Laß dir erklären, 1 ,, Ich will nichts wissen", schrie Peter.„ Ich weiß nur, daß ich dich liebe, daß ich dich auf Händen tragen 302 - möchte. Mit einem Blick fing sie an und mit meinem letzten Herzschlag hört diese Liebe auf." Kitty zitterte. Immer wieder legte sie ihre Hand begütigend auf seinen Arm. ,, Dieser Allerweltsdoktor, der die Worte bei der Hand hat wie seine Pillen, dieser Scheinheilige, der sich hinter deinem Rücken schadlos hält,- und der sich nie um dich gekümmert hat,--- den liebst du." Er sprach mit der größten Verachtung und schüttelte ihren Arm. ,, Ich habe nur dich und liebe nur dich, und darum kämpfe ich um dich. Ich will diesem Manne nicht weichen.-- Sage ja, Kitty!" Aufschluchzend schüttelte sie fortwährend den Kopf. ,, Ich darf nicht, nein, ich kann nicht!" ,, Vergiß alles, vergiß, daß wir Gefangene sind. Vergik hier den Dreck und die Hölle, den ganzen Fron, worin wir leben. Benutze den winzigen Spielraum, den man uns läßt, und werde meine Frau. Ich will unser beider bißchen Menschentum pflegen und halten, damit wir nicht versinken. Verstehst du mich, Kitty?" Peter schrie nicht mehr. Er sprach ganz ruhig. Kitty war aufgestanden und beschäftigte sich mit ihrem Ankleiden. Auch Peter machte sich mechanisch fertig. Einige Augenblicke starrte Peter Kitty an. ,, Was bist du für ein Geschöpf? Jemand bietet dir sein ganzes Herz, und du gehst kalt darüber hinweg. Ich habe mich wirklich für dich gesorgt. Habe alles aufgeboten und deine Launen und komischen Ansichten ertragen. Aber du scheinst nicht normal zu sein. Himmelst einen Mann an auf ein paar hingeworfene Zukkerbrocken, die er aus Mitleid beim Abschied aus sich herausgepreßt hatte. Darauf baust du ein Märchenschloß auf. Zum Teufel mit ihm!" ,, O, Peter", sagte Kitty sanft. ,, Warum schimpfst du? Denkst du gar nicht an unsere Freundschaft? Du weißt, was diese mir bedeutet." ,, Ich pfeife auf Freundschaften, auf all' den erlogenen 303 Kram. Zwischen Mann und Frau gibt es keine Freundschaft. Wer dir davon faselt, liebt dich nicht." ,, O, Peter, du stößt alle deine Ansichten um, weil dich ein Ziel lockt. Warum bist du nicht geblieben, so wie du dich mir immer zeigtest?" ,, Ich bin kein Narr! Männer müssen so sein, sie müssen den albernen Firlefanz von Schulmädchengedanken hinwegfegen. Gott sei Dank, daß ich es dir einmal sagen kann!" Kitty sagte nichts. Sie beugte sich zu ihren Schuhen herab und band die Schnürsenkel zusammen. Als sie sich aufrichtete, starrte Peter sie an. Dann wandte er sich mit einer hastigen Bewegung ab. ,, Was willst du tun?" rief Kitty. ,, Ich weiß noch nicht." Er faßte sich an die Stirn, als wolle er nachdenken. Er lief voran, Kitty umklammerte seinen Arm. ,, Läßt du mich allein?" ,, Ja, damit du zur Besinnung kommst!" Jäh riß er sie in seine Arme, bedeckte ihren Mund mit Küssen und raste mit mächtigen Sätzen davon. Ganz betäubt blieb Kitty auf der Bastei zurück. Dann folgte sie langsam. Kitty hatte nichts mehr einzutauschen gegen Brot. Die beiden Schals hatten vorige Woche dran glauben müssen. Kam der Winter, mußte sie frieren. Aber geopfert mußten sie werden, der Hunger zwang sie dazu. Wenn es gar nicht anders ging, wollte sie wieder des Abends mit den anderen Frauen zu den Abfallstellen schleichen und aus den weggeworfenen Resten das Genießbare heraussuchen. So einfach war es keineswegs, denn es war Lebensgefahr dabei. Man durfte sich nicht von einem Wachtmann erwischen lassen. Jedoch der Hunger war nicht auszuhalten. Die Schmerzen 304 waren unerträglich. Manche kaufen Blätter und Stengel von den Bäumen, um den Rachen feucht zu halten. 11 Peter blieb Kitty fern. Sie hatte zufällig gehört, durch Bekannte ihrer Freundin Helga, daß Peter Vagas mit einer sehr interessanten jungen Dame aus der FreyTruppe, einer Vortragskünstlerin, gesehen worden sei. Sie wollte es nicht glauben, doch sollte sie bald eines besseren belehrt werden. O, wie er ihr fehlte. Freilich, ihr Gewissen blieb nicht immer stumm. Aber sie wußte es zum Schweigen zu bringen. Es würde Peter gewiß nicht viel besser ergehen, als es jetzt ihr erging. Aber deshalb nachgeben, nein, das darf nicht sein. Als Kitty die Straße hinunterging, zitterten ihr die Knie derart, daß sie sich erst auf einen Sandhaufen, der am Wege lag, setzen mußte. Die Entdeckung, die die Zimmergenossinnen gemacht haben wollten, daß Peter ihr untreu geworden sei, traf sie wie ein Schlag. Als sie sich nach Hause begab und die Tür des Einganges öffnete, sah sie auf den ersten Blick, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Sie sah es den neugierigen Blicken ihrer Mitbewohnerinnen an. Eine Lagerkontrolle hatte wieder stattgefunden. TAMARA WEINSTEIN Hans Anthony und Peter Vagas gingen die Hauptstraße entlang ins Kaffee. Heute war Mittwoch, an dem die Sprechstunde ausfiel. Beglückt über die Freizeit suchten sich die Freunde eine stille Ecke aus, um ungestört eine ruhige Plauderstunde miteinander zu verleben. Manez hatte auch sein Kommen zugesagt. Er, der Vielbeschäftigte, war seit langem ihrem Freundschaftsbund beigetreten und verfehlte nie den Mittwoch. Das Publikum war wieder vollständig erschienen und lauschte 20 Philipp, Die Todgeweihten 305 mit Andacht dem meisterhaften Klavierspiel einer jun-. gen Künstlerin. Die Herren ließen sich nicht durch das Spiel beirren, sondern waren ganz in ihre Diskussion vertieft. Nur Peter fühlte plötzlich eine seltsame Unruhe in sich und sah manchmal zerstreut über die vielen Köpfe der Besucher hinweg. Da traf sein Blick den Nachbartisch, wo eine Anzahl Künstler der Freizeitgestaltung in eifriger Unterhaltung sak. Bei ihrem Eintritt vorhin hatten die Herren schnell einige höfliche Begrüßungsworte gewechselt. Vagas kannte alle. Jetzt bemerkte er, wie Tamara Weinstein, eine schwarzhaarige Schöne, sich unausgesetzt mit ihm beschäftigte. Wie sie weder auf die Reden ihres Nachbarn, des Geigenvirtuosen Galsworthy, noch auf den Vortrag hörte, sondern ihre Blicke nicht von seinem Gesicht loslöste. Dazwischen klangen die Chopinschen bezaubernden Weisen, die er so liebte. Die Töne der schwermütigen Melodien entglitten wie Perlen einer Kette den Fingern der Virtuosin. Danach sang sie ein tschechisches Volkslied. Sie legte viel Gefühl in ihr zartes Sopranstimmchen. Die Worte und die Töne der Musik versanken vor Peter, er sah nur auf die schwarzhaarige Schöne, die dauernd Augensprache mit ihm hielt, so auffällig, daß Peter staunte. ,, Ei, Peter, was ist denn mit dir? Ich glaube, du hörst gar nicht zu?" Peter Vagas rückte den Stuhl zur Seite und erhob sich mit den Worten: ,, Entschuldige mich einen Augenblick, Hans, ich komme gleich zurück." Eine starke Erinnerung an Kitty beherrschte ihn plötzlich, aber unwillig wehrte er die Gedanken ab. Draußen im Garderobenraum drückte er einer der jungen Servierdamen einen Zettel in die Hand, worauf ein paar flüchtige Worte standen: ,, Gnädigste, darf ich mir erlauben, Sie nach Schluß des Konzertes am Ausgang des Kaffees zu erwarten? Peter Vagas." 306 Er winkte ihr fröhlich mit der Hand, als er am Künstlertisch vorbeischritt, zu Hans zurückkehrte und seinen alten Platz wieder einnahm. Er war jetzt ganz bei der Sache, und nichts konnte ihn mehr von den interessanten Erörterungen ihrer weiteren Unterhaltung abbringen, nachdem er mit halber Kopfwendung das Leuchten in den Glutaugen Tamara Weinsteins wahrgenommen hatte. Diese, eine junge Künstlerin von üppigem Wuchs, hatte sich gleich beim Eintritt der ihr bekannten Herren vorgenommen, heute das Ziel ihres Wunsches zu erreichen. Die blonde, vornehme Erscheinung Peter Vagas' war ihr schon lange aufgefallen und hatte das Interesse für alle sonstigen Verehrer ihres Kreises, deren sie viele besaß, abgeschwächt. Sie wollte unter allen Umständen ihn für sich gewinnen. Und wirklich war es ihr, wenn auch auf keine sehr feine Art, durch weibliche Koketterie und List geglückt, das Spiel zu gewinnen. An Bewerbern fehlte es ihr wirklich nie, und es lag an ihr, wenn sie heute noch frei über sich verfügen konnte. Als sie den Zettel empfing, gewährte sie Peter reichlich den Anblick ihrer Freude durch ein strahlendes Lächeln. Es war ihre Art, ihre Verehrer am Gängelbande herumzuführen, ehe ihnen Erfüllung ihrer Wünsche ward. Um so treuer, meinte sie, würden sie später dann sein. Sie ließ sich ihre reife Schönheit durch viele männliche Tugenden bezahlen, danach vergaß sie, ein echtes Naturkind, das bei den Großeltern auf dem Lande aufgewachsen war und ein gänzlich vorurteilsloses Leben führte, die sogenannte gute Moral und duldete jede Freiheit der Liebe. Sie hatte sich heute mit besonderer Sorgfalt geschmückt und war sich der Wirkung ihrer Person bewußt. Sie trug ein hellrotes Seidenkleid mit schwarzen 20* 307 Punkten, dazu eine schwarze Kappe. Eine lange Perlenkette schmückte ihren Hals. Peter freute sich ungemein auf die neue Bekanntschaft, ganz ohne Gewissensbisse. So sehr hatte Kitty ihn mit ihrer Absage verletzt. Noch vor einem Monat hätte er jeden Menschen hell ausgelacht, der ihn zu einem Abenteuer, wie er es heute im Sinne hatte, verleiten wollte. Endlich trat Josef Manez ein. Er entschuldigte sein spätes Kommen durch eine dringende Abhaltung. Er begrüßte die Freunde herzlich. Er war ein Hüne von Gestalt, vornehm in all seinen Bewegungen, aber auf seinem Gesicht lag ein strenger, fast finsterer Ernst. Im Gegensatz zu Peter Vagas, der heiter aussah, und auch zu Hans Anthonys Gesichtsausdruck. Man hörte ringsum im Kaffee Flüstern. Alle Köpfe wandten sich dem Eintretenden zu, sie tuschelten und blickten unausgesetzt zu dem Tisch herüber. Er hatte seine Popularität noch nicht verloren. Manez gab nun im Kreise seiner Freunde seine neuesten Kenntnisse über die augenblickliche politische Lage kund, soweit es ihm als Tscheche geglückt war, solche zu erhalten. ,, Es sollen sich erbitterte Kämpfe in der Nähe Prags abspielen. Ein wüstes Durcheinander soll dort herrschen. Momentan sei Prag von den deutschen Truppen besetzt, aber unaufhaltsam rücke der Russe vor", berichtete Manez. Peter und Hans waren voller Spannung und lauschten begierig seinem Bericht. Sie ließen Manez reden, der auf alle Fälle mehr wußte als sie. ,, Meine Freunde, die neue Zeit bricht bald an, die Tore werden gesprengt, damit wir endlich den Weg in die Heimat zurückgewinnen. Die Deutschen werden Prag nicht halten können, sobald der Russe sie überholt hat und ernstlich will. Die Russen werden wie eine Sturzflut hereinbrechen und alle Dämme des Widerstandes niederreißen. Hier ist nicht 308 die Tapferkeit ausschlaggebend, sondern die Masse. Vagas, Anthony, diese Umwälzung bringt die langer- sehnte Freiheit. Herrgott noch einmall Das Glück ist nicht auszudenken.“ Vor Peters Augen spielten sich im Geiste die Kämpfe ab. Das gewaltige Hin und Her des Ringens, bis zu der Entscheidung. Aber er erwiderte fast unwillig: „Wer sagt Ihnen denn, Manez, daß der Russe siegen werde? Bislang war immer der Sieg unentschieden geblieben. Wie mögen Sie nur mit dem Gedanken spielen? Der Deutsche sitzt schon zum zweiten Male in Prag.“ „Richtig! Aber zum dritten Male fliegt er raus!“ Das Hitler-Regime wird und muß untergehen, sonst setzt dieser Terror das gesamte Weltall in Brand.“ Peters Herz stand in Flammen. Er sah auf Hans, der den Kopf gesenkt hielt. Da entdeckte er, daß ihm helle Tränen über das gerötete Gesicht fielen. Was galt ihm die Freiheit, nachdem seine Helga gestorben war. Manez’ Lebendigkeit der Ausdrucksweise, verbunden mit dem Feuer seiner Augen, wirkten noch nachdrück- licher als der Inhalt seiner Worte. „In letzter Zeit sind viele widersprechende Nachrich- ten in Theresienstadt eingedrungen. Nie weiß man, ob etwas Wahres daran ist“, meinte Peter. Voller Besorg- nis behielt er Hans Anthony im Auge. „Überall haben sich nationale Gefahrenherde gebil- det. Besonders im Ausland. Meine Freunde, das Funda- ment, worauf sich eine neue Form des Staatsgebildes erheben kann, ist nur die Verbindung aller Nationen des westlichen Europas, sind die ‚Vereinigten Staaten von Europa‘. Dadurch würde aller Haß und Neid aus der Welt geräumt.“ „Sie haben recht! Auch ich glaube und hoffe, daß einmal diese Idee verwirklicht: werden kann“, warf Peter Vagas ein. „Doch wird der Russe eine solche Umgestaltung des 309 Kontinents zugeben?" fragte Anthony, der wieder etwas beruhigter schien. " Vielleicht bringen wir Tschechen es fertig, den Gedanken zu propagieren. Auf uns sieht der Russe, wenn wir für ihn auch nur der ‚ kleine Bruder' sind. Nun möchte ich Ihnen noch meine Meinung bezüglich der Rassenfrage auseinandersetzen, die uns Juden gewaltig am Herzen liegt. Freimütig muß ich bekennen, daß der Antisemitismus nichts weiter als Neid ist. Auf unsere Intelligenz, unser traditionelles Volkstum, auf unsere kommerziellen Talente, auf unsere staatsmännischen, gewandten, diplomatischen Vorzüge und auf unsere Charakteranlagen. Noch nie, oder höchst selten, sind in der Kriminalgeschichte jüdische Mörder verzeichnet. Zwar politische will ich nicht abstreiten, wie es die jüngste Zeit gelehrt hat, in der junge Juden aus ihrer Verzweiflung und aus ihrer Volksnot heraus zur Waffe griffen." ,, Das wird uns für alle Zeiten eine Lehre bleiben", meinte Hans Anthony. ,, Unsere ganze Weltanschauung ist der grundlegendsten Korrektur bedürftig." ,, Gewiß, Vagas, das stimmt. Aber das Erleiden unseres gewaltigen Schicksals in der großen Existenzkrise dieser Zeit gibt für die Weiterentwicklung des Judentums die entscheidende Bedeutung. Was der Jude unter dem härtesten Zwang zu ertragen gehabt hatte, was er geleistet in dieser Gefangenschaft, wie er sich anpaßte, wie er sich in der ungeheuerlichen Katastrophe seiner Verfolgung standhaft erwiesen, steht einzig in der neuesten Geschichte da. Zwar waren schon in früheren Zeiten, bei der Königin Isabella von Spanien, Judenverfolgungen gewesen, aber keine verbrecherischen und blutigen, wie unter Hitlers Regime, sondern nur die zwangsweisen Taufen der Juden zum Christentum, oder Ausweisung aus Spanien." ,, Der Haß gegen das Judentum ist durch nichts motiviert, höchstens mit dem Argument, das ich schon einmal mit Peter besprochen habe. Das ist, daß das Juden310 tum unbedingt ein eigenes Reich haben muß mit eigener Nationalität.“ „Ich hörte kürzlich einen Vortrag über das Judentum, dessen Inhalt diese Richtlinien vertrat, daß nur der eigene Staat als Boden für ein sich gesund entwickeln- des Judentum in Frage käme“, sagte Peter. „Wenn also nach Friedensschluß diese Frage akut werden dürfte, müßte man Umschau halten, welche Groß- macht unter den Nationen das Protektorat für einen neuen jüdischen Staat übernehmen wolle“, erwiderte Josef Manez. „Trotz aller Krisen“, nahm Peter das Gespräch nach einer anderen Richtung wieder auf,„gehört der deut- schen Nation die Zukunft, sie ist das Herz Europas.“ „Der Glanz Europas ging neben Frankreichs feiner, alter Kultur immer von Deutschland aus. Ohne Deutsch- land wird es kaum eine wahrhaft edle Kultur auf dem Kontinent geben können, mögen es noch so viele schwere Krisen heimsuchen,“ rief Anthony aus. Peter drückte Hans’ Rechte. „Wollte Gott, einer der Judenhasser würde dich hören, du Idealist und Prachtmensch!“ Die Vorträge waren beendet. Leider konnten die interessanten Gespräche nicht fortgesetzt werden, weil die Kaffeestunde vorüber war, und die Besucher sich zum Fortgehen rüsteten. Die Herren begaben sich nach dem Ausgang, was sehr viel Zeit kostete, da sich das Lokal nur langsam leerte. Draußen angelangt, verabschiedete sich Peter eilig von den erstaunten Freunden mit einer Entschuldigung. Dann schritt er, den Hut lüftend, auf Tamara Weinstein zu, die bereits am Eingang des Kaffees wartete. In der Zeit, in der die Natur im üppigsten Sommer- schmuck stand, wo Baum, Strauch und Blüte um die Wette in holdester Farbenpracht prangten und mitein- ander konkurrierten, reiften auch in geheimnisvoll drän- gender Weise im Menschen neue Lebenskräfte. 311 Himmel und Erde hielten miteinander Zwiesprache. Die Luft war würzig und barg eine Fülle von Süße. Es war, als hätte sich die Natur verjüngt und trüge nun wie eine junge Brauf ihr Hochzeits gewand. So war es, als sollte dieser Sommer Freude und Glück gleichgestimmten Seelen bringen. Im alten Germanenreich wurden zur Sommersonnenwende zu Ehren der Göttin Freya Liebesfeste gefeiert. Jahrhunderte später wurden aus diesen heidnischen Festen Gedenkfeiern für christliche Märtyrer. Solche Tage luden zur Liebesfeier ein. Mit Peter Vagas war eine große Veränderung eingetreten. Was war mit ihm geschehen? Er wußte es selbst nicht zu sagen. Eines war sicher, sein Blut hatte wie ein lang eingedämmter Strom alle schützenden Wälle der Vernunft, der Liebe zu Kitty, ja der Anständigkeit seines Charakters, niedergerissen. Geblieben war: ein von Leidenschaft durchpeitschter, fast willenloser Mensch. Die schöne Tamara hatte sich als eine völlig skrupellose, ganz der freien Liebe lebende, der modernen Welt angehörende junge Dame entpuppt. Offen gestand sie ihm, daß sie schon lange auf der Suche nach einem geeigneten Lebenspartner gewesen sei. Sie hätte ihn häufig bei ihren musikalischen Vorträgen in Begleitung eines reizenden, jungen Mädchens gesehen. Ob diese, seine Begleiterin, verwandt mit ihm sei? Und er hatte sofort einfach gelogen:„ Ja, es ist meine Schwester." ,, Es läge ja auf der Hand“, meinte Tamara weiter, denn seine Fürsorge für das junge Mädchen wäre ihr gleich aufgefallen. Gott, wie schlecht war er geworden. Er, der sonst nicht einmal eine Noflüge verzeihen konnte, verteidigte und baute sich eine Welt von Lügen auf. Ach, wie wandelbar ist doch der Mensch. Nur bei Kitty war er rein und wahr geblieben. Nun kam die Bekanntschaft mit Tamara Weinstein. Ihr Temperament, verbunden mit der Beredsamkeit und 312 Ausdrucksfähigkeit einer geborenen Künstlernatur, hatte es ihm mehr angetan als das glutvolle Auge und der ganze südländische Zauber ihres äußeren Menschen. Die schöne Tamara war ihm zufallsweise über den Weg gelaufen und hatte ihm den Kelch der Liebe ohne weiteres offen hingehalten, und er, er hatte gierig den lang entbehrten Trunk getan. Grundverschieden von Kitty, war sie ihm gerade darum so ungeheuer begehrenswert erschienen. War seine Liebe, zu Kitty nicht echt gewesen? Wie war es möglich, daß eine andere nun schon seit zwei Wochen ihren Platz eingenommen hatte. Wie eine Vision erschien ihm Kittys lichte Gestalt in der Erinnerung. Seine gesamte Freizeit widmete er ausschließlich Tamara. Sie war Volljüdin und hatte ihre Eltern früh verloren. über ihre sonstigen Verhältnisse sprach sie nie. Ihre eigenartige Künstlernatur kam in ihren selbstverfaßten, mit Musik unterlegten Texten, die reizende Charakterbilder darstellten, zur vollen Geltung. Ja, man konnte sie mit Recht als die beliebteste Künstlerin der FreyTruppe ansehen. In der Folge sah man Peter Vagas stets in der Begleitung Tamaras und eines jungen Mannes, des Geigers Galsworthy. Dieser Künstler wurde von seinen Kollegen als Virtuose betrachtet. Das ärgerte ihn. Er wollte mehr sein und wehrte zornig ab, wenn er es hörte. Er kannte die Macht seiner Musik und ließ sie da wirken, wo er sie mit irgendwelchen Wünschen seines Herzens verbinden konnte. Er war noch zu jung, um ganz rein der Kunst zu dienen. Wenn er im Orchester spielte, war es ihm gleich, wie man sein Spiel bewertete. Aber als Solist war er fabelhaft, das wußte er. Dann war es, als ob eine ganze Landschaft erwachte, die von einem warmen Sommertag erfüllt, das bunte 313 Leben und Weben der Natur in sich barg, so erschien sein wundervolles Spiel dem lauschenden Zuhörer. Denn er spielte nicht, er musizierte ganz ohne Kunst Seine Töne, die er der Geige entlockte, waren Naturlaute. Und er, der so junge, so unbekümmerte Künstler, haßte das Flirten und Kokettieren seiner Partnerin, doch ihre Künstlernatur, die verehrte und liebte er tief. Er brauchte um der Minne Sold nicht lange zu werben, gewann er doch schon allein durch seine Erscheinung die Herzen, nun kam noch seine Kunst hinzu. Er war Tamaras Partner und ständiger Verehrer, mit dem sie ihre Vorträge einübte und zu Gehör brachte. Peter versäumte nicht einen Abend, an dem Tamara auftrat. Immer sah man sie zusammen. Und ganz Theresienstadt wußte darüber Bescheid. Tamara war sehr lebensklug, auch in Sachen der Liebe. Sie war die Führende. Durch ihre Beziehungen erhielt Peter jetzt eine Zusatzkarte, so daß er nicht mehr zu hungern brauchte. Wenn Tamara in ihrer zigeunerhaften Aufmachung, die Harmonika um die Schultern gehängt, mit einem Sprung wie ein schönes Raubtier sich auf das Podium schwang, brach regelmäßig schon bei ihrem Erscheinen ein Sturm von Beifall aus. Sie war erst 30 Jahre alt, machte aber einen viel älteren Eindruck. Dieser wurde durch die Selbständigkeit ihres Auftretens hervorgerufen. Heute trat sie um 6 Uhr in der Frey- Truppe auf. Schon um halb sieben, nachdem ihr Vortrag beendet war, verließ sie den Saal. Sie schob ihren Arm in den Peters. ,, Nun, was sinnst du, haben dir meine Lieder nicht gefallen?" Sie richtete ihre dunklen Augen auf Peters bleiches Gesicht. ,, Gewiß, Tamara! Ich bin ein großer Sünder vor dem Herrn, denn ich habe mich seit Wochen nicht um meine Schwester gekümmert. Nichts weiß ich über sie." 314 ,, Das hat mit ihrem Singen die Loreley getan!" ,, Du hast recht! Ich glaube, du hast mich behext?, denke ich überhaupt noch etwas anderes als dich?" ,, Sorg' dich nicht, Lieber! Wenn's der Herrgott so will, macht's gar nichts!" ,, Ja, wir haben uns lieb, und das ist so schön." ,, Alles hat seinen richtigen Einklang mit Menschen und Dingen, wenn man den Bedürfnissen des Körpers gerecht wird", meinte Tamara. ,, Am meisten wirkt sich dies immer seelisch bei der Frau aus. Oder hast du zänkische Frauen gern? Na, also, du lachst! Gib ihnen, den Zankteufeln, den richtigen Mann, dann verlernen sie das Zetern und sind weich wie Wachs." Peter lachte noch einmal. ,, Aber die aufgeblühte Rose sucht sich vor dem allzu kecken Zugriff zu schützen und droht durch ihren Dorn. Oder das zänkische Kätchen bei Shakespeare kehrt ihren kecken Mut allen Freiern entgegen, so lange, bis einer ihren Willen bricht. Doch sie war das unschuldsvolle Mädchen, keine unbefriedigte Frau. Du siehst also, Tamara, nicht alle Gleichnisse treffen zu." ,, Lassen wir die anderen Frauen, du hast ja genug an mir." Sie schmiegte ihren Körper eng an den Peters. ,, Gehen wir heute' mal auf die Bastei? Dahin warst du mit mir noch nie gegangen. Ich möchte einen Sonnenuntergang sehen," schmeichelte sie. Peter antwortete nicht. Es war wahr. Er hatte sich bislang gescheut, mit Tamara auf die Bastei zu gehen, um keine Erinnerungen zu wecken. Mittlerweile hatten sie doch den Weg zu der Bastei eingeschlagen. Sie stiegen die Treppe hinauf und schlenderten durch die, von sitzenden und stehenden Menschen angefüllten Plätze. Tamara ging jetzt voraus. Peter war ihr gefolgt. Sie ließ ihre Blicke, auf der Suche nach Freunden und Bekannten, flink unherwan315 dern, plötzlich schrie sie leise auf und wies mit der Hand nach einer entfernten Stelle der Bastei. 77 , Sieh doch, Peter, ist das nicht dort deine Schwester?" Sein Blick folgte der Richtung ihrer Hand. Er traute seinen Augen nicht. Wahrhaftig! Dort saß Kitty an ihrer alten Stelle, unter dem Hagebuttenbusch: die Liebe, die Gute! Und er, Sünder, fühlte, wie er über und über rot wurde. ,, Entschuldige mich einen Augenblick, Tamara. Ich eile. auf einen Sprung zu ihr hinüber." Und schon war er fort. Er stand vor Kitty. ,, Guten Tag, Kitty, wie schön, daß ich dich hier finde! Ich bin mit einer Bekannten hier oben. Gerade wollte ich dich in den nächsten Tagen aufsuchen." Kitty erschrak heftig und fuhr aus ihrem Nachdenken empor. Blutrot wurde sie und danach erschreckend bleich. Sie hatte sich erhoben. Wortlos, ohne seinen Gruß zu beachten, noch seine ausgestreckte Hand zu sehen, noch einen Blick in sein freundliches Gesicht zu tun, ging sie hocherhobenen Hauptes an ihm vorüber. Peters Blut erstarrte. Fassungslos blickte er zu ihr hinüber. Solche Abwehr hatte er nicht erwartet. Gewiß, sie zürnte ihm, weil er nach ihrer letzten Aussprache nicht mehr zu ihr kam. Überhaupt die einfachste Höf~ lichkeit ihr gegenüber außer acht gelassen hatte. Oder sollte Kitty bereits von seinen Beziehungen zu Tamara Weinstein wissen? Sie lebte doch so zurückgezogen? Es war ziemlich unwahrscheinlich. Er trat unwillkürlich einen Schritt zur Seite und ließ Kitty an sich vorbeigehen, indes sein Auge forschend nach Tamara blickte. Diese war der davoneilenden Gestalt in den Weg getreten. ,, Grüß Gott, mein liebes Fräulein, seien Sie Ihrem Bruder nicht böse, Künstler nehmen für sich das Privileg 316 der Nachsicht in Anspruch. Also, seien Sie lieb und gut. Peter hat wirklich keine Schuld, die trage ich." Tamaras Weltgewandtheit verstand wirklich Kitty aufzuhalten. Sie blieb stehen und sah Tamara ernst in die Augen. ,, Ich möchte den Irrtum aufklären, ich bin nicht die Schwester des Herrn Dr. Vagas. Dr. Vagas hat volles Recht, über seine Zeit nach Belieben zu verfügen." Nach diesen Worten ging sie mit ruhigen Schritten weiter. Peter zeichnete mit der Fußspitze Figuren in den Sand, er mochte nicht aufblicken. Was wird Tamara beginnen? Sie schaute ihn spöttisch von unten herauf an. ,, Du Erzbösewicht, also die kleine Braut hast du unterschlagen! Mich stört es nicht. Von mir aus bist du immer frei, Peter, aber ich verlange von dir künftig Offenheit!" Bei der Jugend sind Schönheit und Grazie blanke Waffen zum Weiterkommen. Sie spiegeln sich in jedem Schritt und jeder Kopfneigung wider, und man bedient sich ihrer bei jeder Gelegenheit. Doch es geht nicht ohne Drill zu, und wer es, wie gesagt, weiterbringen will, der muß auch hier strenge Regeln der Disziplin lernen. Das verstanden die tschechischen Mädchen und Frauen am allerbesten. Die Kastanien saßen als reife Früchte an den Bäumen, trockene Blätter bedeckten die Geh- und Fahrwege in reicher Menge. Sie waren frühzeitig, ohne ihre volle Entfaltung zu erlangen, von den Ästen abgefallen. Eine große Hitze hatte im Lande Einzug gehalten. Überall an den Bäumen, Sträuchern und Büschen begannen sich die Blätter zu färben. Nicht eine einzige Wolke war am Himmel zu entdecken. Unentwegt strahlte die Sonne mit sengender Glut auf die durstende Erde hernieder. Aber überall auf den Straßen wurde emsig gearbeitet. Das Bahngeleise ging bereits durch ganz Theresienstadt, durchschnitt die frühere Längsstraße 317 bis zu dem Dienstgebäude der Kommandantur, wo die Hakenkreuzflagge wehte. In der Westgasse waren zwischen unbebautem Wie- senland und der Innenstadt, in dem Einschnitt zur See- straße, in dem vorhergegangenen Sommer, bis zum jetzigen Herbst, eine große Anzahl Baracken entstan- den und daneben noch ein großartiges Gebäude: die Sokulovna. Es war ein Konzert- und Gesellschaftshaus mit vielen Sälen, zwei Restaurants, Lese- und Vortrags- räumen und mit einer Lichtspielbühne, die sich im Souterrain befand. Ein großer Vorgarten mit gepflegten Blumenbeeten und Baumbeständen, der von hohen Zäunen aus Draht- geflecht umschlossen war, führte auf steingepflasterten Pfaden zu der hoch ansteigenden Treppe des Konzert- hauses. Heute fand zur Feier der 500. Wiederholung eines„Bunten Abends“ der Frey-Truppe eine auserle- sene Vorstellung statt. Der Andrang war enorm. Kitty hatte durch den Ingenieur Weininger eine Karte erhalten. Als sie den Terrassensaal betrat, wo die Vorführung stattfand, war er schon überfüllt. Kitty mußte stehen, denn alle Sitzplätze waren vergeben. Sie lehnte sich seitwärts mit dem Rücken gegen die Wand. Wie fernes Brausen klang das Geschwirre der vielen Stimmen und das Kommen und Gehen der Besucher. Die Türen waren noch geöffnet, da immer noch neue Gäste in den Saal strömten. Auch die Glocke zum Beginn hatte noch nicht geläutet. Kitty hatte gerade einige Neuankömmlinge gemustert, da——— sie wollte ihren Augen nicht trauen,——— als sie den Kopf zur Tür wandte,——— da sah sie in einer Dame schönes Gesicht, die am Ärme von Dr. Vagas, ihn strahlend anlächelnd, den Saal betrat. Sie schienen, als sie durch den Saal schritten, in einer an- geregten, heiteren Unterhaltung begriffen zu sein, denn Peter lächelte und nickte mehrere Male bejahend mit dem Kopf. Kittys Augen waren weit geöffnet, und ihr Herz schlug wie ein Hammer. Peter,-—-——- am Arm 318 eine fremde Dame-- die Dame von der Bastei. Sie hörte rings in den Bänken die Menschen flüstern und sah, wie alle sich nach dem Paar umwandten. Einige nannten den Namen der Dame: Tamara Weinstein. Also war es wahr. Er hatte nicht mehr mit ihr gerechnet, die er liebte, sondern sich schnell getröstet. Wie konnte sie nur so blind sein? Weshalb hatte sie nie an eine solche Möglichkeit gedacht? War er nicht durch seine Vorträge in ständigem Kontakt mit den Mitgliedern der Freizeitgestaltung? Und nun war dieser Abend gekommen, der ihr ein wenig Freude bringen sollte, aber er brachte ihr den schlimmsten Schmerz. Ihre Tränen verdunkelten ihre Blicke, sonst hätte sie sehen müssen, daß die Vorstellung längst begonnen hatte. Musik brauste in ihren Ohren, Applaus ertönte. Aber sie sah und hörte nichts. Sie fühlte nur einen stechenden Schmerz im Herzen. Sie bekam einen födlichen Schrecken,--- hatte sie Peter verloren? - sie war Niemals hätte es geschehen dürfen. Aber ja machtlos-, sie hatte es nicht verhindern können. Jetzt erst blickte sie zur Bühne. Eine Stille eine Stille füllte den Saal. Dort stand die schwarzhaarige Schöne von vorhin. Um ihre Mund lag ein gefährliches Lächeln. Und dieses Lächeln galt Peter, der in der ersten Bankreihe sak. Der Vortrag begann. Alle Anwesenden, von der ältesten Frau bis zum jüngsten Bürschchen, wurden elektrisiert und hingerissen von der virtuosen Kunst der Sängerin. Ihre selbstverfaßten Lieder brachte sie mit zündender Verve zu Gehör. Das Licht der Glühbirnen blinkte auf dem Schmuck von Straßknöpfen, die das schwarze Seidenkleid der Vortragenden schmückte. Entgegengesetzt zu ihrer sonstigen Kostümierung hatte sie heute ein elegantes Gesellschaftskleid an, während sie sonst sich wie eine Zigeunerin kleidete. 319 Ihre Lebendigkeit und Munterkeit riß den ganzen Zu- hörerkreis mit und entfesselte nach Schluß ihrer ver- schiedenen Lieder einen wahren Beifallssturm. Man wollte sich nicht zufrieden geben, man wollte mehr hören. Aber das Licht auf dem Podium erlosch. Die Pause setzte ein. Der Saal entleerte sich. Kitty hatte sich halb ohnmächtig gegen die Wand ge- lehnt und ihre Augen bedeckt. Da klang eine weiche Männerstimme an ihr Ohr: „Ist Ihnen nicht gut, Gnädigste? Kann ich etwas für Sie tun?“ Sie fuhr zusammen und ließ die Hände sinken, dann drehte sie sich um und sah in das besorgte Gesicht eines eleganten jungen Mannes. Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort, um sich zu sammeln. Tief atmete sie auf. „Sie sind zu gütig! Ich danke, nein, vielleicht hat die Luft mich schwindelig gemacht. Es geht schon vor- übers „Darf ich Sie ein wenig hinausführen auf die Terrasse? Wir haben. eine Viertelstunde Pause.“ „Nein, nein! In das Gewirr der Menschen möchte ich mich nicht hineinmischen.“ Mit dem lebhaftesten Interesse blieb der Herr vor Kitty stehen. „Galsworthy“, Konzertmeister, stellte er sich schließ- lich vor. Kitty dankte und nannte auch ihren Namen. „Würden Sie mir gestatten, gnädige Frau, Sie nach Beendigung meines Spieles nach Hause zu begleiten?“ „Gern! Wenn ich bis zum Schluß bleiben sollte.“ „So bedanke ich mich schon jetzt für Ihre Güte.“ Er nahm ihre Hand und küßte sie. Der schwarze Haar- schopf des hübschen jungen Mannes fiel dabei über seine Stirn. Kitty war völlig uninteressiert. Es war ihr, als hörte 520 sie seine Worte gar nicht. Aber seiner strahlenden Jugend schien diese Gleichgültigkeit gar keinen Abbruch zu fun. Nun nahm er nochmals ihre Hand. ,, Gnädigste, mein Spiel beginnt nach der Pause, versprechen Sie mir, nicht vorher fortzugehen. Ich bitte Sie herzlichst darum. " , Was spielen Sie denn?" sagte Kitty mechanisch. ,, Was Sie wollen, ich beschwöre Sie---" ,, Nun, meine Anwesenheit ist doch so wichtig nicht?" Sie lächelte matt. ,, Ihr Lieblingsstück möchte ich gerne wissen?" fragte er dringend. ,, Den Totentanz von Jan Sibelius." Er sah sie bestürzt an. ,, Das kann ich doch hier am, Bunten Abend' nicht spielen." Kitty sah den jungen Geiger an. Ihre Augen blickten unendlich schwermütig. 1 ,, Verzeihen Sie mir,--- und seien Sie nicht böse. Ich weiß es wirklich nicht, ob ich bleibe." Er strahlte sie bittend an und legte dabei seine Hand wie beschwörend auf sein Herz. Da lachte Kitty hell auf. ,, Sie sind zu drollig! Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen, wie ein großer Junge." Die Glocke zerriß das Gespräch. Die Pause war beendet. Der junge Künstler sah Kitty noch einmal bittend an und eilte dann hinweg. Schon war er ihren Blicken entschwunden. Als Galsworthy zu spielen anfing, schlich sich Kitty leise an den Bankreihen vorüber zur Ausgangstür. Sie hatte nicht mit dem feinen Spürsinn des Geigers gerechnet. Er hatte sich so gestellt, daß er während seines Spieles die Tür im Auge behielt. Als Kitty sich umwandte und über die Bühne blickte, machte er eine tiefe Verbeugung. 21 Philipp, Die Todgeweihten 321 - Kitty stand auf der Straße, und jetzt brach sie in leidenschaftliches Weinen aus. Ehrlich gestand sie sich's ein: sie hatte Sehnsucht nach Peter. Sie schloß die Augen und kämpfte gegen die Tränen an. Sie hatte es ja so gewollt. Und jetzt kam das Herzeleid um das Verlorene. So hatte sich nun ihr Schicksal gewendet. In dieser Nacht konnte Kitty keinen Schlaf finden. - - Peter hatte seine Freundschaft abgewandt, er hatte sie kurzerhand zur Seite geschoben, sie, die unersetzbar war. Eigentlich war es nutzlos zu grübeln. Aber was sie auch dachte, immer kam sie zum Schluß darauf zurück, wie unaussprechlich einsam sie sich nun in Theresienstadt fühlte, wo der Tageslauf einförmig und regelmäßig, gleich wie der Zeiger einer Uhr, verlief. Nur der Arbeit galt hier jedes Leben, der Arbeit. Dafür gab es das wenige Essen, den winzigen Lebensraum und die Qualen der Gefangenschaft. Es war natürlich, daß sich jetzt mehr als früher die Schleier von der Vergangenheit hoben. nur Einzeln hoben sie sich, und dann setzte das Erinnern an die frühere Zeit ein. Sie hatte Peters Liebe entgegengenommen, ohne Dank, wie selbstverständlich. Jetzt verstand sie, wie schwer es ihm oft ums Herz gewesen sein mußte, wenn sie zusammenkamen. Jetzt wußte sie, wie unrecht sie gehandelt hatte, ihm Kummer zu bereiten. Immer war er bereit gewesen, sie zu schützen, zu umsorgen. Es war doch unerhört, das liebe, freundliche Band so nutzlos zu zerreißen. Ja, sie trug die Schuld. Peter hatte recht, sie durfte nicht mehr an Fred Gebhard denken, der sie gewiß längst gestorben wähnt und vergessen hat. Es war nicht leicht für sie, ihr Unrecht zu bekennen, aber sie wollte es tun, wenn sie Peter wiedersah. Das 322 Leben war ohne ihn unerträglich. Viele harte Worte mußte sie zu vergessen suchen. Nie hatte je irgendein Mann so zu ihr zu sprechen gewagt. Man muß lernen, im Leben sich zu demütigen, wenn man unrecht handelt. Er hatte das geringere Unrecht. Es wäre wohl leicht, ihm da die Hand zur Versöhnung zu geben, aber er kam nicht. Wie häufig hatte Kitty zum Himmel aufgesehen und Gott um Hilfe angefleht. Aber so aufmerksam und innig sie den Horizont absuchte, der sie umgab, es geschah nichts. Keine Wunder. Der Himmel blieb unerreichbar fern und ebenso die Rettung. Aber die Welt da draußen schwelgte in allen Daseinsfreuden und Genüssen. Die da draußen konnten es nicht verantworten, daß sie die Gefangenen hier vergaßen. Warum also noch hoffen? Jetzt ist der Anfang vom Ende. Wo nur Peter blieb? Seit vielen Wochen hatte sie ihn nicht gesehen. Tief saß die Reue und der Gram um seinen Verlust in ihrem Herzen. Peters Liebe hielt nicht lange an, Nach einigen Wochen war alle Leidenschaft für Tamara verschwunden. Es war ihm, als hätte er sie nie gekannt. Die Irrwege seines heißen Blutes hatten nach der Begegnung mit der geliebten Frau aufgehört. Er floh Tamara Weinstein. Sie hatte jeden Reiz für ihn verloren. Ihre noch so verführerischen Blicke und überredungskünste prallten an seinem festen Willen ab. Ein stetes ,, Nein" war seine Antwort. Achselzuckend schalt Tamara ihn einen Narren und gab es auf, ihn umzustim~ men. Böse ging sie ihres Weges. Zum Schluß sagte sie noch: ,, Solltest du je Lust verspüren, zu mir zurückzukehren, dann, mein Lieber- dergleichen habe ich viel durchgemacht bleibt dir meine Tür verschlossen." Wenn er todmüde aus der Sprechstunde heimging, sprang er nicht wie sonst die Treppen der Magdeburger Kaserne hinauf, sondern stieg langsam wie ein alter Mann Stufe auf Stufe empor. 21* Er liebte Kitty. Er sann darüber nach, wie er die 323 schweren Fehler gutmachen könnte. Der Vorfall auf der Bastei hatte ihm sein Unrecht vor Augen geführt. Nachts, wenn er der Wanzen wegen nicht schlafen konnte, gelang es ihm schwer, seine Ruhe zurückzugewinnen. Dann erschien sie ihm im Halbschlaf, wie gegenwärtig. Sie war denn ganz die alte, schöne, mit ihrem süßen Mund und den hellen, leuchtenden Augen. Dann war sie nicht stolz, sondern weich und nachgiebig. Nie wollte er sich wieder beirren lassen, denn ihr glich keine, so lieb wie sie war. Sie wollte er sich erringen. Endgültig! Vereinzelte Male versuchte er in weitem Abstand ihr nachzugehen, aber das gab er wieder auf, dadurch wurde seine Sehnsucht nur schlimmer. Kitty war für ihn so gut wie verloren. Er hatte zu viel aufs Spiel gesetzt. Bitter war seine Enttäuschung. Sein verwundeter Stolz hatte nicht zugeben wollen, daß die schwärmerische Anhänglichkeit Kittys ein Ausdruck ihrer Natur sei. Ein Schmerz, unerträglich, bemächtigte sich seiner. Er empfand ihren Verlust schlimmer als alles. Wie oft hatte er sich klargemacht, daß Kitty bei ihrer Natur nicht anders handeln konnte. Trotzdem machte er ihr immer noch innerlich Vorwürfe, allzu sehr an den fernen Freund, der sich doch offensichtlich ganz von ihr losgelöst hatte, zu hängen. Niemals in den zwei Jahren war eine Nachricht von ihm an sie eingetroffen. Wie haßte er diesen fremden Eindringling in Kittys Leben. Er ballte die Fäuste. Wahrscheinlich wird sie noch an dieser Liebe zugrunde gehen, sagte er sich. Aber er wollte den Kampf mit ihm aufnehmen. Sie mußte sich zwar wundern, wie leichten Herzens er ihrer entsagt hatte und sich mit einer anderen trostete. Doch er gab die Hoffnung nicht auf, sie dereinst als Gattin für sich zu erringen. Der Sommer 1944 stand in voller Blüte. Aber Kitty nahm ihn kaum wahr. 324 Sie ging durch den Tag, der mit Arbeit bis zum Rande angefüllt war, und hörte auch nicht den Zank und Streit in ihrer nächsten Umgebung. Auch ahnte sie nichts von der tiefen Reue Peter Vagas'. Transporte kamen an und gingen wieder ab von Theresienstadt, das war man schon gewohnt. Immer das gleiche hastende, treibende Bild verzweifelter, unglücklicher Gefangener. Nur die Gesichter wechselten. DIE REGISTRIERUNG Auf Befehl des SS- Lager- Kommandanten Rahm standen am nächsten Morgen um acht Uhr alle Mischlinge des Lagers in Reihen zu Vieren alphabetisch aufgeteilt vor der Kommandantur zur Registrierung. Sie warteten auf ihre Abfertigung. Die Wachtleute teilten je sechs Personen zur Zeit ab. Diese schritten durch das Tor an dem Posten vorbei, die hohen Steinstufen zur Kommandantur hinauf und warteten dort vor der Tür, bis sie hineingelassen wurden. An langen Tischen saßen einige SS- Offiziere nebeneinander. Sie hatten ihre Sekretärinnen mit der Schreibmaschine zur Hand, die die Fragen und Antworten der zu Registrierenden aufschrieben. Rückwärtig arbeitete noch eine junge Dame an einer Schreibmaschine. Die Ordonnanz leitete die Aufgerufenen hinein ins Zimmer. Sie blieben hinter einer Schranke stehen, bis sie einzeln durch die Sperre an den Tisch gehen durften, und standen dann unmittelbar den SS- Offizieren gegenüber. Kitty dachte: Wir müssen eine gute Haltung annehmen, furchtlos und offen unseren Widersachern ins Auge sehen. Einer für alle und alle für Einen stehen. 325 Keine unnützen Worte gebrauchen. So knapp wie möglich die Antworten geben. Durch unbesonnene Raschheit hatte schon mancher sein Los verschlechtert. Was sie wissen wollen, wird gesagt und kein Wort darüber. Wir müssen zeigen, dak wir ihren Haß nicht verdienen. Endlich stand auch Kitty vor den wie Könige thronenden SS- Kontrolleuren, deren Hochmut sich so offenkundig spreizte, daß Kitty der Ekel in die Kehle stieg und ihr den Atem nahm. Unwillkürlich straffte sich ihre Gestalt. Ihr Kopf fuhr in den Nacken. Unter den hohen Mützen lugten die dickfleischigen, glatten Gesichter hervor, und wie mit Nadeln stachen die Blicke aus den finster lauernden Augen das vor ihnen stehende Opfer. Weit zurückgelehnt saßen sie, die Herren mit der unsichtbaren Knute rücksichtsloser Gewalt, und räkelten sich unwillig über die ihnen aufgedrängte, unfreiwillige Arbeit der Registrierung, in den hohen Stühlen. Einer spielte gelangweilt mit einer Schere, ein anderer sah interessiert den Rauchfahnen seiner Zigarette nach. Kurz waren die Fragen und ebenso kurz und knapp die Antworten. Nach einer Weile, als keine Frage mehr kam, faßte die Ordonnanz auf einen Wink des SSMannes Kitty am Arm und führte sie rückwärts zu dem Schreibmaschinenfräulein. Hier wurden ihre Personalien zum zweiten Male aufgenommen. Danach wies die Ordonnanz mit der Hand zur Tür und Kitty konnte hinausgehen. Betäubt von dieser Prozedur stieg sie die Treppen hinab, schritt durch den Hof nach Hause. Wer dem Teufel ins Auge geschaut und nicht gezittert hatte, trotzdem er sich der Gefahr bewußt war, konnte gewiß erleichtert aufatmen. Später, nach Stunden noch fühlte Kitty die höllische Angst, die sie doch innerlich gepackt hatte, und auch jetzt noch bestand eine große Furcht vor dem Verschicktwerden in ein fremdes Land. 326 - - ,, Sie haben aber Glück gehabt", meinte der Hausälteste einige Tage später.„ Sie befinden sich nicht auf der Liste und brauchen somit nicht in den Transport zu gehen." ,, Gott, Gott, du hast mich beschützt. Wie wunderbar ist diese Fügung. Tausende Menschen warten fertig gerüstet zum Abmarsch in den Transport mit trotzigen, vergrämten Gesichtern. Nur ich darf hierbleiben. Gott im Himmel, Dank!" so betete Kitty, als sie die Nachricht vernahm. In der Färberei musterten die Kolleginnen Kitty wie ein Wunder, als sie lächelnden Gesichtes den nächsten Tag zur Arbeit antrat. Viele Kolleginnen, auch Mischlinge, wie sie selbst, fehlten. Sie waren in den Transport gekommen. Kitty zerbrach sich nicht den Kopf, welchem Glücksfall sie diese Wendung ihres Schicksals zu verdanken habe. Sie grübelte nicht darüber nach. Aber trotzdem, wenn ihr auch sonst alles gleichgültig war, was in Theresienstadt mit ihr geschah, eine Veränderung des Ortes scheute sie auf alle Fälle. Die einzige Sorge, die sie hatte, war, ob Peter hiergeblieben sei. Ihr Zusammenleben hatte ja einen Riẞ erhalten durch den damaligen Auftritt auf der Bastei. Sie hatte Peter seit Wochen nicht gesehen. Wer hätte gedacht, daß ihre Entscheidung einen solchen Umschwung zwischen ihnen hervorrufen konnte. Sie am allerwenigsten. Damals als der Sturm losbrach, und er wie ein Berserker in seiner Wildheit auf sie eindrang, war sie unfähig, diesem brüllenden Chaos einen Damm entgegenzusetzen. Hatte Peter damals die Besinnung verloren? Oder hatte sie ihn zu sehr verletzt? Nun war sie in Wahrheit allein, ganz allein. Wie sehr hatte ihr davor gegraut. Wie durch eine Wüste wandelte sie jetzt durch Theresienstadt. Und die Arbeit fiel noch mal so schwer. Nun klang alles nach, was gewesen war. Immer stand 327 Peters Bild in der Erinnerung von ihren Augen. Er war ihr doch mehr gewesen als ein Kamerad. Es schien, als gewönne er immer mehr in der Erinnerung. Das Sterben in Theresienstadt hielt nach wie vor an. Wer nicht im Trott weiterlaufen konnte, am Wege stehen blieb und niederfiel, würde bald sterben. Rücksicht nahm in Theresienstadt keiner. Jeder war bedacht auf eigene, gesundheitliche Sicherheit. Die verheerende Wirkung der vielen Todesfälle durch die ansteigenden Kurven der Typhus-, Hunger-, Lungenkranken und Selbstmorde trat immer stärker in Erscheinung. Die Warnungstafeln an den Kasernen und Häusern halfen nicht den Tod verdrängen. Morgens beim Aufstehen schmerzten die Glieder von der Härte des Lagers. Aber ein eiserner Wille zwang den Körper in die Höhe. Nein, noch war man nicht am Ende seiner Kraft. Manche gingen gekrümmt, als hätten sie dauerndes Leibweh. Es war Schwäche. Der Rücken blieb nicht gerade, er beugte sich, als trüge er eine Last. Oder viele senkten ihre Köpfe, als suchten sie verlorene Gegenstände auf dem Boden. Sahen sie dann plötzlich auf, dann verrieten ihre Blicke Verzweiflung. Auch der Irrsinn meldete sich häufig wieder. Gestern wurde eine Frau abgeholt. Sie hatte die Idee, als lebe sie unter Tieren, sie behauptete nämlich, sie könne nicht dauernd mit Affen eingesperrt sein, sie müsse wieder zu den Menschen zurückkehren. Man wußte nie, welches Ende man selber einmal nehmen würde. Diese mörderische Ungewißheit brannte wie Feuer und rief eine höllische Angst hervor. Tag für Tag ging hin. Woche schloß sich an Woche. Plötzlich war ein Monat zu Ende, und man wußte nicht wie. Aber die Lage blieb dieselbe. Eigentlich war alles gleichgültig, am liebsten, man läge sich hin, um nie wieder aufzustehen. Aber dann wurde man hellwach und ertappte sich erschrocken auf diese zersetzenden Gedanken und rappelte sich wieder hoch, diesen lichten 328 Augenblick schleunigst benutzend. Mein Gott, dachte man dann, bald wirst du sein wie die andern, dann wäre es soweit. Um Gotteswillen nicht die Gewalt über die Sinne verlieren. Wenn nicht bald Hilfe käme, waren die Gefangenen alle verloren. Es war wie in einer Apfelkiste. Sobald ein Apfel Stellen bekam und in Fäulnis überging, steckte er alle anderen an. Könnte man nur einmal die Wahrheit schreiben, daß wir Hilfe bekämen! Unsere paar Worte, die wir jedes Vierteljahr auf einer Postkarte schreiben durften, unterlagen der Zensur. Nichts konnte uns retten, auch das Ausland nicht. Aber halt Eines: Beten! Gott! Solange Kitty zurückdenken konnte, hatte sie Tiere geliebt und bei dem Anblick eines kranken oder miẞhandelten Tieres wurde sie derart von Mitgefühl erfaßt, daß sie körperlich litt. Ja, sie weinte und geriet außer sich, bis die Not behoben war. So unterschied sie sich schon als Kind von ihren Geschwistern und Gespielinnen. Ganz unfaßbar erschien es ihr, wenn ein Kutscher sein Pferd schlug. Dann konnte sie in ihrer winzigen Kleinheit dem groben Manne mit flammenden Augen entgegentreten und ihm sein Unrecht vorwerfen. Einen tiefen Eindruck hatte sie einst als Kind erhalten, als sie bei einem Umzuge in eine andere Wohnung im Garten eine kranke Taube bemerkte, die ängstlich nach Futter suchend, gurrend umherhüpfte. Der frühere Bewohner der Wohnung hatte sie zurückgelassen, und sie, weil sie krank war, dem Hungertode preisgegeben. Kitty tat alles, um das Tier zu retten, und ihre Tränen wollten nicht aufhören zu fließen. Lange Jahre frug sie in ihrer Manteltasche immer Futter für Vögel bei sich. Auch als sie erwachsen war, blieb das tiefe Mitleid für die stumme Kreatur. Sie sprach einmal mit Peter 329 darüber, es war nach der Volkszählung: ,, Wären wir Tiere, wir wären an dieser Behandlung, die wir erleiden müssen, längst gestorben." Der Mensch ist aus härterem Stoff gemacht als alle Geschöpfe. Tiere, besonders unsere Haustiere, die keine Falschheit kennen, wollen Liebe und immer wieder Liebe von den Menschen, zu denen sie sich gesellt haben. Sie betteln darum unermüdlich, bis sie den Stein, den der Mensch an Stelle seines Herzens in der Brust trägt, erweichen. Aber dann sind sie außerordentlich treu, und ihr Leben ist voll Freude. Sie geben willig ihr eigenes Leben für ihren auserwählten Herrn hin. Auch Pflanzen können ohne Liebe nicht gedeihen. Sie wollen umhegt und behütet sein, brauchen Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Liebe zu ihrer Pflege. Dann lohnen sie die kleine Mühe unserer Arbeit durch verschwenderische Fülle und Pracht ihres Wachstums. In der freien Natur sorgt die Sonne für das Wohlergehen der Pflanzen und Tiere. Kitty hatte zu Beginn ihrer jungen Ehe eine Drahthaarterrierhündin. Ein vornehmes Fräulein aus adeligem Geschlecht mit einer langen Ahnenreihe, einem sogenannten Stammbaum: Lottchen v. d. Este. Es war drollig zu beobachten, mit welchem Mißtrauen und mit welcher Vorsicht sie den Futternapf umkreiste, ehe sie ihr kleines, schwarzes Schnäuzchen in den Napf steckte, um zu fressen. Sie war das empfindlichste Tier, das man sich vorstellen konnte. Einst, an einem verlockenden, warmen Sommertag rüstete sich das Herrchen zum Fortgehen. Lottchen sah es, stand schweifwedelnd daneben und hoffte, mitgenommen zu werden. Aber Herrchen hatte es eilig, auch führte der Weg direkt zur Straßenbahn. Lottchen konnte das nicht wissen. Sie wedelte und bellte. Einige scharfe Zurechtweisungen nützten nichts, schließlich gab es einen kleinen Klaps auf den Rücken. Ganz verstört und tief beleidigt zog sich Lottchen zurück und trat in einen Hungerstreik. 330 Von diesem Moment an hatte sie ihrem Herrchen ihr Vertrauen und ihre Liebe entzogen. Sie hat niemals diesen kleinen Schlag vergessen. Ein anderes Beispiel: Ein Elefant hatte seinen Besitzer gewechselt. Ahnungslos weilte dieser frühere Zirkusdirektor bei einem befreundeten Menageriebesitzer in fremdem Lande und musterte voller Interesse die Reihen der neu eingetroffenen Elefanten. Da fühlte er sich plötzlich von einem dieser Tiere in die Höhe gezogen. Er schrie aus Leibeskräften um Hilfe. Der in der Nähe weilende Wärter befreite den Mann aus seiner gefährlichen Lage. Wenige Minuten später wäre er unweigerlich zu Boden geschleudert und zertrampelt worden. Dieser Elefant, der den Angriff auf den überraschten Mann unternommen hatte, gehörte ihm früher, und war durch Verkauf in andere Hände übergegangen. Er hatte vor zwei Jahren diesen Elefanten einmal geschlagen, und dieser hat ihn nicht nur erkannt und nicht vergessen, sondern auch bewußt Rache nehmen wollen. Tiere haben die feinste Seele. Wehe dem Menschen, der Tiere quält. --,, Was ist los?!", fragte sie eines Tages bestürzt. ,, Ihr seht mich ja so komisch an?" Die Frauen wiesen auf das Lager, worauf eine Karte lag. Kitty stürzte darauf zu. Von Elisabeth. Endlich! Sie nahm die Karte, schützte Kopfschmerz vor und ging schnell hinaus. ,, Oh, Heimat, Heimat!" sagte sie, völlig verzweifelt, nachdem sie sie gelesen hatte. Es war eine fraurige, erschütternde Nachricht. Elisabeth schrieb, daß fast ganz Hamburg zerstört sei von den Bombenüberfällen, und daß sie und die andere Schwester alles verloren hätten. Sie wären aus Hamburg evakuiert worden. Sie schrieb aber nicht, wohin. Auch erwähnte sie Dr. Gebhard, dessen Haus ebenfalls vernichtet worden sei, auch da fehlten alle Glieder des näheren Verständnisses. Trotzdem mußte man sich 331 wundern, daß diese niederschmetternde Nachricht durch die Zensur gegangen war, ohne daß gestrichen wurde. Noch einmal las Kitty völlig verstört die wenigen Zeilen, dann entglitt die Karte ihren Händen. Sie fühlte noch, wie sie zusammensank. Ihre Stirn bedeckte sich mit kaltem Schweiß. Sie fiel zu Boden. Einige, die über den Hof gingen, frugen die Ohnmächtige auf ihr Lager. Sie liefen zum Hausältesten und meldeten den Vorfall, und dieser veranlaßte, den Arzt zu holen. Einige Mitleidige flößten Kitty eine starke Flüssigkeit ein. Kurz darauf erschien der Doktor. Er untersuchte die Kranke und machte ein bedenkliches Gesicht. Sie erholte sich aber gegen Abend wieder. Lange lag sie mit geschlossenen Augen und antwortete kaum auf die Fragen ihrer Nachbarin, ob sie etwas zu trinken oder zu essen wünsche. Kitty fühlte sich unfertig und nicht gerüstet, um vor Gott treten zu dürfen. Sie war sich vieler kleiner und großer Sünden bewußt, die nach ihrer Ansicht noch gesühnt werden mußten. Auch mit ihren Leistungen war sie nicht zufrieden. Alles erschien ihr wie ein Anfang. Überhaupt, hatte sie sich denn je Zeit genommen, sich innig mit Gott auseinanderzusetzen? Die letzten Monate waren keine Gebete mehr über ihre Lippen gekommen, auch in die Kirche oder auf den Bodenraum, wo die Gottesdienste des Dr. Goldner abgehalten wurden, war sie nicht mehr gegangen. Die Verzweiflung hatte zu sehr die Oberhand gewonnen. Wje glücklich sind die Katholiken daran, die ihre Beichten ablegen können und dadurch ihre Seele entlasten dürfen. Aber Kitty tröstete sich damit, daß Gott die Menschen nicht nach ihrem Werte beurteilen könne, sondern aus seiner Gnade heraus, denn würde er sein Urteil von dem Wert des einzelnen ableiten, so käme wohl niemand in den Himmel, und keiner würde vor seinem göttlichen Angesicht bestehen können. Er, der 332 Allmächtige, sieht tief in die Herzen seiner Geschöpfe und wertet auch das Wollen. Das Vereinsamungsgefühl steigerte sich so in Kitty, daß die Empfindungen für die Außenwelt nach und nach verblaßten und fast zu einer Betäubung führten. Es war ihr, als verschwände alles Leben aus ihr und nichts bliebe zurück als der eine Gedanke, der Lichtschein ihrer Heimat. Der Keim des Todes lag schon in ihr und seelisch setzte langsam der Verfall ein. Es war ja alles dahin, woran die Seele noch einen Halt finden konnte. Wäre nur das winzigste Hoffnungsfünkchen aufgetaucht.- Es dunkelte schon, als Kitty heimkam. Sie war so müde, daß sie taumelle und sofort auf ihr Lager niedersank. Die kühle Nachtluft strich über ihre heiße Stirn und gab ein wenig Erfrischung. ,, Die Bergner macht sich einen freien Tag", urteilten die Frauen in dem stinkigen Raum der Rathausgasse am nächsten Morgen. Sie taten Kitty durchaus unrecht. Heute zum ersten Male konnte sie vor Schwäche nicht aufstehen. Mit vieler Mühe hatte sie die Bettstücke vom Hof hereingetragen und lag nun keuchend und nach Luft ringend zwischen den Decken. Der Arzt wurde gerufen, denn gegen Abend stellte sich Fieber ein. Sie phantasierte und rang nach Luft. ,, Sie wird sich mit dem ewigen Draußen- im- HofeSchlafen erkältet haben“, meinten die Frauen. Aber für den Arzt erschien diese Vermutung nicht wahrscheinlich. Das kurze, stoßweise Atemholen beunruhigte ihn des ohnehin schwachen Herzens wegen. Er mochte die Verantwortung für die Behandlung dieser Patientin nicht weiter übernehmen und schrieb für sie einen Krankenschein aus. Am nächsten Tage wurde Kitty, die 333 immer noch im Fieber lag, durch Krankenträger abgeholt und nach dem Hohenelbe- Krankenhaus gebracht. Nun, da Kitty ganz der Ruhe hingegeben war, sträubte sie sich nicht, die zauberischen Bilder der früheren Zeit mit dem wechselvollen Spiel ihrer Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Es war so schön, sich diesem süßen Gift der Vergessenheit hinzugeben und sich in Träume einzuspinnen. Wenn sie morgens weniger Fieber hatte und die Gedanken klarer waren, dachte sie immer wieder an Peter, wann er wohl zurückkehre. Nun, da sie krank war, konnte sie ja unmöglich zu ihm gehen. Ach, wenn er nur ein einziges Mal geschrieben hätte, oder ein Lebenszeichen von sich geben würde, wie würde sie sich freuen. Von allen war man vergessen. Auch Nachrichten aus der Heimat bekam sie nicht mehr, vielleicht dachten sie dort, sie läge schon unter der Erde. Sie lächelte bitter, und heißes Weh trieb ihr die Tränen in die Augen. Wie war sie matt, kraftlos und müde. Sie konnte nicht mehr kämpfen, es hätte auch keinen Zweck. Nun ließ sich ihr Zustand nicht mehr ändern. Alles Kämpfen dagegen war Lüge, Feigheit. Man hätte sich nicht wehren sollen, wo so viele Widerstände vorhanden waren. Warum sich nun noch anstrengen? Es würde bald vorbei sein. Wie unsäglich schwach war sie doch. Nicht einmal die Hand konnte sie aufheben. Aber träumen, wie war das schön. Die Fenster waren geöffnet und Vogelgezwitscher drang herein. Hinter geschlossenen Augenlidern konnte Kitty die warme Sonne spüren und fühlte sich wohl. Alle sind sie plötzlich bei ihr, die Geschwister mit glückstrahlenden Gesichtern und Fragen, aber man mag nicht antworten, man sieht sie nur an, und das Herz stockt vor Freude. Wie konnte man denn auch sprechen, wenn man so glückselig war. Aber nein, die Freude wird noch größer. Jetzt brach 334 blendendes Licht herein, die Tür flog auf und wahrhaftig, dort stand Peter. Beide Hände hatte er vorgestreckt: ,, Kitty, Kitty, ich bin endlich wieder bei dir, nun ist aller Schrecken zu Ende! Welch ein Glück!" Der Arzt stand am Bette Kittys, neben ihm die Schwester. Er hielt die Fiebertabelle in der Hand. ,, Sagen Sie, Schwester, was ist denn das? Mein Gott, was hält die Kranke für lange Gespräche. Versteht man, was sie sagt?" Die Schwester antwortete:„ Ja, mitunter können wir einiges unterscheiden. Leib und Geist wissen voneinander nichts. Sie hat dauernd Fieber. Ihre Gedanken weilen in der Heimat oder bei einem ,, Peter". Mitunter fangen wir Bruchstücke der Sätze auf, wenn sie aufrecht im Bette sitzt und die Hände faltet. Kommen wir aber näher, dann legt sie den Finger auf den Mund und will nicht gestört sein." Der Arzt beriet mit der Schwester die zu verabfolgenden Medikamente und schritt dem Ausgang zu. Kitty hörte von alledem nichts. Mitunter am Morgen sah sie klar um sich, aber es dauerte nicht lange, dann wurden ihre Gedanken durch das Fieber in weite Ferne getragen. Schwester Irina, welche die Schwerkrankenstuben betreute, hatte auch Kitty in ihrer Pflege. Der immer wiederkehrende Name„ Peter" veranlaßte sie, nach Dr. Peter Vagas, der es nur sein konnte, zu suchen. Aber vergeblich. Schließlich sagte man ihr, daß der ,, Peter" in einen Transport gekommen sei. Danach stieg das Fieber. Sie schwebte lange zwischen Tod und Leben. AUSCHWITZ Während draußen, hinter den Mauern Theresienstadts der Sommer in den Bergen thronte und alles, was er auf seinem Wege mit seinem Zauberstabe berührte, in ein farbenprächtiges Bild verwandelte, grün, bunt und 335 leuchtend, während das goldene Licht der Sonne alles überstrahlend sein übriges tat,— während in der wei- ten, großen Welt sich die Menschen ihres Daseins er- freuen durften,—— rüsteten sich in Theresienstadt wiederum Tausende der eingeschlossenen Gefangenen zu einem Abtransport nach dem Osten, wie es nach Aussage vieler hieß.; Auch Hans Anthony, Josef Manez, Dr. Ritter und viele bekannte Freunde Peter Vagas’ waren in diesen neuen Transport gekommen. Bis zum letzten Augenblick hatte Peter gehofft, daß die Freunde von den Betriebsleitern reklamiert werden würden, da sie als unenibehrliche Arbeitskräfte galten und dadurch geschützt waren. Aber leider trog die Hoffnung. Niemand durfte rekla- miert werden._ Während Hans Anthony noch vor wenigen Tagen über seinen Büchern saß, half Peter Vagas seinen Rucksack und Koffer, soweit es die Verordnungen zuließen, pak- ken. Die übrigen Sachen wollte er so lange in Verwah- rung nehmen, bis Hans ihm schrieb und seine Bestim- mung darüber traf. Seit Monaten— gleich nach dem Tode seiner Frau war er zu Peter zurückgekehrt— lag er wieder auf seinem alten Platz. In. der ersten Zeit damals war er tief niedergedrückt, ja verzweifelt. Der Freund hatte Mühe, ihn aufzurichten, daß er den Weg ins Leben zurückfände. Wirklich gelang es Peter durch seinen seelischen Einfluß, seinen ziel- bewußten und sicheren Willen, nebst seiner großen Güte, die schwere Herzenswunde, die sich nur langsam schließen wollte, zu heilen. Zwar hatte Hans Anthony sein früheres, leidenschaft- liches Temperament völlig verloren, aber er beteiligte sich wie früher an allen Gesprächen und Erörterungen. Nur einmal, als Peter die kommende Freiheit erwähnte, wehrte Hans tränenden Auges ab. Da ermahnte ihn Peter:„Du mußt leben, Hans, und 536 teilnehmen an der Gestallung unserer ferneren Zukunft, um unsere Ideale aufrechtzuerhalten und unsere Pläne zu verwirklichen." „ Ich kann nicht, Peter, Seine Stimme brach ab. 11 - ja, wenn Helga Er hatte eine bittere, grausame Zeit hinter sich und konnte sich innerlich nicht ganz davon loslösen. Vorgestern war der letzte Abend des Zusammenseins aller Freunde gewesen. Welche Stunden waren das! Hans versuchte, ihn seiner Freundschaft zu versichern, aber die Worte blieben ihm im Halse stecken. Nur zum Schluß sagte er: ,, Du hast mein Leben reich gemacht. Dir danke ich alles, mein ganzes Können. Ich liebe dich, Peter, wie ich meinen Bruder geliebt hätte, wenn ich einen besäße. Ich wünschte nur, ich könnte es dir vergelten. Nun sollen wir uns trennen, wer weiß auf wie lange. Fast unmöglich dünkt es mich, wenn ich es recht bedenke. Es geht über meine Kraft." Er hatte sich in tiefster Bewegung abgewandt. ,, Nun, mein lieber Freund, vergessen Sie mich nicht ganz, auch ich erhebe Anspruch auf die Freundschaft Peter Vagas", rief Manez. ,, Und ich! Wo bleibe ich!", rief Dr. Ritter fröhlich. ,, Wir wollen uns den Abschied nicht so schwer machen. Wer weiß, vielleicht werden wir uns bald alle wiedersehen." Er fing mit seiner frischen Stimme an zu singen: ,, Also: Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein, lebt wohl nun, ihr Lieben, geschieden muß sein." Die Erde brütete fieberhaft unter dem brennenden Kuß der Sonne. Diese Hitze! Am Himmel saß keine Wolke, kein Windhauch regte sich in der Luft. Still und unbeweglich! Die Hitze drohte die Menschen zu ersticken. Man flüchtete von den Straßen, so schnell man konnte. Selbst die Bastei war menschenleer, weil nirgendwo ein Schatten war, um sich vor der sengenden Gluf zu schützen. Es war eben Hochsommer! Aber noch nie war es in Theresienstadt so heiß gewesen wie in diesem Jahre: 1944. 22 Philipp, Die Todgeweihten 337 Und wie die Sonne sonst in ihrem Glanz und ihrer Schönheit die Freude aufleben ließ, wurde das übermaß der Schwüle und trockenen Hitze den Menschen zur Qual. Die Stille in der Natur war voll von einem heimlichen Lauern und Flüstern, als wenn ein Geheimnis in der Luft läge. Oder, als wenn etwas Böses im Anlauf sei. Die Gefangenen warteten auf den Abend, wo von den Bergen die kühlen Lüfte herüberströmten und das Tal anfüllten. Dann kam die Erquickung. Aber auch diese blieb jetzt aus. Die Brunnen und Pumpen auf den Höfen waren umlagert von den Dürstenden mit Krügen und Töpfen. Diese liefen über von dem zauberisch erquickenden Naß des kühlen Wassers. Die Fenster in den Stuben waren fest geschlossen, damit keine Hitze hereindringe, aber es sirrte und summte da drinnen von Hunderten von Fliegen und Mücken. Himmel und Erde in ihrer unvergleichlichen Schönheit mußten die glühende Umarmung der Sonne ertragen, bis am fernen Horizont die erste Wolke auftauchen würde und Kühlung bringen. Inmitten dieser sengenden Glut rüsteten sich die Tausenden von Gefangenen zum Abmarsch. Sie strömten durch die menschenleeren Straßen nach der Bahnhofstraße, wo der dort wartende Eisenbahnzug bereits an der Rampe stand, um sie aufzunehmen. Die Gefangenen schritten dahin wie ein Sklavenzug. Sie litten unerträglich unter der Hitze. Das Gepäck auf ihrem Rücken drückte und schmerzte in der Sonnenglut. Ein tiefes Unglücklichsein verstärkte die Qual des Abschieds. Die Abreise war für alle Beteiligten eine schwere Prüfung. Besonders für Peter. Was er litt, das konnte er mit Worten überhaupt nicht nennen. Er fühlte eine Faust am Herzen, und Ängste trieben ihm Schweißperlen auf die Stirn. Wenn er Hans ansah, so schien es 338 ihm, als sollte er das Teuerste, was er besaß, verlieren. Nur einen Trost hatte er, daß Hans nicht allein ging und den Anschluß an die anderen Freunde hatte. Alle versprachen sie, nach ihrer Ankunft, sobald es erlaubt sei, zu schreiben. Er solle sich nicht um sie sorgen. An die Einsamkeit der folgenden Tage mochte Peter nur mit Schaudern denken. Wie er ohne sie alle leben sollte, da er sich auch mit Kitty erzürnt hatte, war unausdenkbar und ihm vorläufig ein Rätsel. Die ferne Zeit seiner Jugend tauchte vor ihm auf, wo er mit Hans bis spät in die Nacht auf der Terrasse seines Schlosses saß und plauderte. Verzweifelt suchte er die Gedanken zu verscheuchen, um sich ein gefaßtes und ruhiges Aussehen zu bewahren. In schwerer Qual folgten die wenigen Tage bis zur Abfahrt. Es kostete Peter große Mühe, sich zu verstellen, zu lächeln, zu scherzen und die Schwere des Abschieds mit einem fröhlichen Wort zu überbrücken. Alle hofften sie auf ein baldiges Wiedersehen mit Peter. Als Hans Anthony in Begleitung der anderen Herren zur Hamburger Kaserne aufbrach, wo der große Transport bis zu seiner Abfahrt, isoliert von der übrigen Einwohnerschaft Theresienstadts, die kurze Zeit bis zum nächsten Morgen verbringen mußte, war er gerade am Ende seiner Kraft. Länger hätte er sich nicht verstellen können. Am Morgen, als der Zug seinen Gang durch die StraBen antrat, lag Peter auf seinem Lager. Es war bekanntlich verboten, während Transportzüge gingen, die Straße zu betreten. Höchstens in ganz weiter Entfernung. Peter hätte weinen mögen, aber trockenen Auges starrte er zur Decke empor und lag stundenlang in der Nacht wach bis zum Tagesanbruch. 22* Dann begann er mechanisch seine Arbeit. Durch die sonnenbeschienene Ebene, vorbei an Wäl339 dern, Feldern und Wiesen brauste der lange Eisenbahnzug. Das stählerne Band der Schienen dehnte sich unter seiner Last. Seine Waggons waren überfüllt mit Menschen, die dichtgedrängt auf ihren Koffern und Rucksäcken saßen. Männer, Frauen und Kinder, alle bunt durcheinander. Es war einer der letzten großen Transportzüge aus Theresienstadt mit insgesamt 6000 Menschen. Zwischen den vielen Viehwagen waren auch Personenwagen mit eingefügt. Hier saßen in den Abteilen die Prominenten; Künstler, Ärzte, Ingenieure und noch viele aus dem Beamtenstab, unter ihnen auch Josef Manez und Hans Anthony. Da war auch die Frey- Truppe vertreten mit ihrer Hauptattraktion, Tamara Weinstein, dann das Strauß- Ensemble, dann die Ärzte, Professor Dr. Albrecht, der große Augenarzt, Psychiater Prof. Stein und andere bedeutende Ärzte, Dr. Ritter nicht zu vergessen. Auch die Ingenieure der Großbetriebe waren darunter. Die Mehrheit war vergnügt und nicht geneigt, den Kopf hängen zu lassen. Manch launige Spottsucht brach sich Bahn. Das Unabänderliche ihres Geschickes, wieder an einen anderen, neuen Ort verpflanzt zu werden, und sich dort fremden Verhältnissen anpassen zu müssen, ertrugen sie fast durchweg mit guter Laune. Leute, wie sie, mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz wußten sich eben klagelos zu fügen. Witz und Geist trug manches liebe Wort hin und her, aber die innere Stimme und Unruhe täuschten doch nicht über die schlimme Lage des Wechsels hinweg. Anders die Menschen in den vollgepfropften Viehwagen, die ließen ungehindert ihren Meinungen freien Lauf. Einer fragte: ,, Wie ist das nun, wie lange müssen wir noch diese Tortur ertragen?" Ein zweiter antwortete: ,, Das Vieh hat es besser als wir." 340 ,, Ja!" rief es aus einem anderen Winkel ,,, die machen schon einiges mit uns, diese Menschenschinder!" Weiter donnerte der Zug durch die Landschaft. Die Kinder begannen zu weinen und verlangten nach Brot und Trinken. Das enge Beieinandersitzen wurde zur Qual. Plötzlich, mit einem heftigen Ruck, hielt der Zug an. Alle atmeten wie erlöst auf. Gott sei Dank! Endlich konnte man frische Luft schöpfen. Auf offener Strecke hielt der Eisenbahnzug. Die Waggons wurden von außen geöffnet. Draußen stand eine auseinandergezogene Sperrkette von SS- Soldaten mit aufgepflanzten Seitengewehren in einem weiten Halbkreis. Seltsame Gebäude lagen vor der Rampe. Sie trugen eine Aufschrift: Brausebad, Wasch- und Duschraum. Also keine Station?! Wo war man nur? Wie hieß der Ort? Nirgends war ein Schild zu sehen. Endlich kamen einige SS- Leute und forderten die Ankömmlinge auf, auszusteigen und sich zu vier Mann in Reih und Glied aufzustellen. Die Kinder sollten besonders für sich stehen. Es wurde ihnen bedeutet, bevor sie in das neue Lager kämen, müßte vorher eine Generalreinigung der Personen und Sachen vorgenommen werden, wegen der Läusegefahr. Der Ort hieße Auschwitz. Das Lager befände sich ganz hier in der Nähe. Freudig leisteten die erschöpften Menschen Gehorsam und waren glücklich, sich durch ein Brausebad erfrischen zu können. Josef Manez stand im Geplauder mit der Frey- Truppe im letzten Glied der langen Reihe. Sie warteten geduldig, bis die Reihe des Einlasses in den Duschraum an sie herankäme. Bereits hatte jeder von ihnen ein Stück Seife und ein Handtuch in Empfang genommen. Gerade als die Truppe sich in Bewegung setzte und sich weiter vorschob, hatte Manez das kleine Miẞgeschick, daß ihm sein Stück Seife aus der Hand ent341 glitt und zu Boden fiel. Er war sehr ärgerlich über seine Ungeschicklichkeit und bückte sich schnell danach. Aber wie er auch Umschau hielt, er konnte es nirgends sehen, somit legte er sich ganz auf den Boden und entdeckte es endlich ganz am Ende eines entfernt stehenden Waggons. Er kroch auf allen Vieren zu der Stelle hin und schimpfte dabei weidlich auf sich. Aber niemand hatte sein Verschwinden bemerkt. Schon hatte er es erwischt, es lag direkt vor einem Paar derber Kommißstiefel eines dort stehenden Postens. Bereits streckt er die Hand aus, hatte das Stück gefaßt und war im Begriff, den Weg zurückzulegen, als das Stiefelpaar Stimme bekam und oben in der Luft zu sprechen anfing: ,, Laß mich abtreten, Kamerad! Wenn das Schauspiel der Eintreibung wieder beginnt, wird mir schlecht!" Von irgendwoher kam eine Antwort und eine rauhe Männerstimme schrie:„ Quatschkopf, das sind doch keine Menschen, die man dort vergast und verbrennt, das ist ja Ungeziefer!" Das erste Stiefelpaar fing wieder oben in der Luft an zu rufen: ,, Ich kann das aber nicht mit ansehen. Nachts springe ich aus dem Bett und träume davon. Wie aus dem Wasser gezogen bin ich dann vor Aufregung." ,, Das sind Nerven! Waschweib! Das mußt du dir abgewöhnen!" Josef Manez war erstarrt liegengeblieben. Er hatte das Gehörte in seiner ganzen Tragweite noch nicht erfaßt. Was redeten diese da vom Verbrennen und Vergasen? Seine Haare sträubten sich. Sollten sie die Menschen meinen, die eben zu Hunderten in das Gebäude eingelassen wurden und verschwanden? Tausende standen noch draußen und warteten auf Abfertigung. 342 Er mußte unter dem Wagen bleiben und weiterhören. Vielleicht sprächen die dort oben mehr. Er brannte darauf, der Sache auf den Grund zu gehen. Sein Bluf klopfte in den Schläfen. Angestrengt lauschte er, aber alles blieb still. Da plötzlich drangen durch die Stille seltsame Laute wie gedämpftes Rufen. Waren es Tierlaute oder Menschenlaute? Was ging hier vor? Es war nicht zu unterscheiden. Aus seiner unbequemen Lage heraus schaute er unausgesetzt auf das schwere Stiefelpaar vor ihm, das unruhig hin- und herscharrte. Endlich ließ sich dieselbe Stimme von vorhin wieder vernehmen. ,, Laß mich los, Kamerad, ich muß abtreten, ich will das nicht mit anhören." Stärker schwollen die Laute durch die Luft. Waren es Menschenstimmen, die nach Hilfe riefen? Manez horchte weiter und spannte seine Sinne auf das äußerste an. Jetzt waren es zwei Stiefelpaare, die unruhig durcheinanderfuhren. ,, Memme, ich werde Meldung machen müssen über dich", stieß dieselbe rauhe Männerstimme hervor ,,, du bleibst, oder ich stoße dich mit dem Kolben zu Boden". Ein tiefes Stöhnen war die Antwort. Manez erkannte den ungeheuren Ernst seiner Lage. Er durfte sich nicht mucksen. Es geschahen fürchterliche Dinge. Das Sprechen hatte aufgehört und wieder war vollkommene Stille. Die Türen des Duschraumes öffneten sich und ein neuer Strom von Menschen ergoß sich in sein Inneres. Die Kinder weinten und wollten ihre Mütter und Väter nicht gehen lassen, sie wollten mit hinein. Aber die Tür schloß sich hinter den Erwachsenen und die Kinder blieben allein. Man bedeutete ihnen, daß die Mütter und Väter gleich ins Lager kämen, wenn sie gebadet hätten. ,, Ihr werdet sie später alle wiederfinden." Dann gab 343 man den Kleinen statt Brot ein Stück Seife und ein Handtuch in die Hand. Wieder hörte Manez ein eigentümliches Rufen in der Luft. Er mußte seine Sinne anstrengen, um bei der Sache zu bleiben, denn das Entsetzen nahm ihm fast das Denken. Nun bewegten sich die kleinen trippelnden Schritte von vielen winzigen Füßchen auf dem Boden an ihm vorüber und blieben in langen Reihen vor dem Gebäude stehen. Die wartenden ahnungslosen, unglücklichen Menschen wußten nicht, daß sie allesamt zur Schlachtbank geführt wurden. Aber Josef Manez begann langsam diese fürchterliche Entdeckung zu machen. Welch ein ungeheures Verbrechen wurde hier unter Gottes freiem Himmel verübt?! Waren das noch Menschen? Nein, sie hatten nur die äußere Gestalt von ihnen. Es waren wohl Teufel. Manez bekam ein würgendes Gefühl in der Kehle. Sein Gesicht war naß von Tränen, die ohne sein Zutun aus den Augen strömten. Er, der starke Mann, weinte vor Grauen und Jammer, weil er nicht helfen konnte. Nur noch die lange Reihe der Kinder wartete auf Einlag vor dem Eingang des sogenannten Duschraumes, worin die Erwachsenen bereits verschwunden waren. Manez' Entsetzen war so gestiegen, daß er sich vergewissern mußte, ob nicht ein böser Traum ihn narrte, oder ob er noch seinen Verstand beisammen habe? Er kniff sich in den Arm, um einen Schmerz zu spüren. Ja, seine Sinne waren nicht gelähmt, sie waren wach. Einem ungeheuren Frevel war er auf die Spur gekommen. Wäre die Seife nicht seinen Händen entglitten, dann wäre auch er mit allen den andern hineingeströmt in jenes Mordhaus, das sich Dusch- und Brausebad nannte. Er wäre dort dem Schicksal aller andern verfallen gewesen und wer weiß, gewiß schon ermordet. 344 Denn das Schicksal hieß:„ Vergast und verbrannt!" Wieder öffneten sich die Türen und jetzt strömten die Kinder hinein in dichten Scharen, dann schloß sich die Pforte. Manez strengte seine Sinne auf das äußerste an. Aber er meinte nur das laute Klopfen seines Herzens zu hören. Doch jetzt-- er hatte das Ohr an die hohle Offnung des Wagens gepreßt---, jetzt hat er hohe singende Jammerlaute deutlich vernommen. 111, ,, Ja, das waren Menschenstimmen, Kinderstimmen", das konnte er mit seinem Eide beschwören. Ganz deutlich vernahm er Hilferufe. Sie kamen aus dem langgestreckten, flachen Gebäude mit den hohen Schornsteinen heraus. Die Türen waren nun weit geöffnet. Mord! Tausendfacher Mord!!! Planmäßig ausgeführt an völlig unschuldigen, deutschen Menschen. Die große Kette des Sperrkreises, gebildet von Hunderten von SS- Soldaten, die Aufsicht führenden SSOffiziere, die Ärzte in den weißen Kitteln, alle die Leute, die hier zugegen waren und noch in Gruppen herumstanden, das Personal innerhalb des Mordhauses, sie alle waren gleichmäßig beteiligt an dieser furchtbaren Tat. Auf wessen Befehl dieser Mord geschah, war völlig gleichgültig. Alle, alle waren sie schuldig!!! Der Boden dröhnte von den stampfenden schweren Schritten der jetzt abziehenden SS- Posten. Die Sperrkette hatte sich aufgelöst, und sie marschierten an Manez, der immer noch halb besinnungslos auf dem Boden lag, vorüber. Nun wurden die Gepäckstücke aus den leeren Waggons herausgeholt und auf Lastautos verladen. Tausende Koffer und Rucksäcke. Manez sah nur die Räder der Wagen und die eilenden Füße der Träger vorüberlaufen. Jetzt ist es Zeit. Jetzt mußte er handeln. Er mußte am 345 Leben bleiben als lebendiger Zeuge dieses ungeheuerlichen Mordes. Aber wie die Flucht bewerkstelligen? Langsam schob er sich unter den Waggons weiter, mit der Geschmeidigkeit einer lautlos schleichenden Katze. Mitunter, wenn der Übergang zum nächsten Waggon kam, hielt er den Atem an, denn ein einziger unvorsichtiger Laut konnte ihn verraten. Das Blut dröhnte in seinen Ohren und im wahnsinnigen Takte trommelte das Herz gegen seine Rippen. Noch trennte ihn ein langer Weg bis zu dem ersten Wagen bei der Lokomotive, wo das Ausladen zuerst begonnen hatte. Das war das sicherste Ziel, das mußte er erreichen. Eine Ewigkeit schien ihm die Strecke bis dahin zu sein. Endlich, jetzt nur noch ein paar Schritte. Er kroch bis an den ersten, leeren Waggon und lugte unter ihm hervor. Nirgends ein Mensch zu sehen. Dann schob er sich vorsichtshalber nach der anderen Seite hinüber, überprüfte die weite Fläche, doch auch hier nahmen seine Augen nichts wahr, als eine weite, menschenleere Ebene mit einigem Baumbestand. Nur eine unheimliche Stille umgab ihn. Mit äußerster Vorsicht und blitzartiger Gewandtheit schwang er sich aus seiner bedrängten Lage unter dem Wagen hervor und bestieg das Trittbrett. Die Türen waren noch geöffnet, somit sprang er schnell hinein. Hier lehnte er fast bewußtlos mit dem Rücken gegen die Wand des Wagens. Es war die höchste Zeit gewesen. Ein langer Pfiff der Lokomotive kündigte die Abfahrt an. Fauchend setzte sich der Zug in Bewegung und verließ Auschwitz. Manez kam nach und nach zu sich. Ihm war zumute, als ob er im Grabe gelegen hätte und jetzt langsam wieder ins Leben zurückkehre. Sein Gehör nahm die Geräusche der Umwelt wieder wahr. Vor ihm zischte die Lokomotive Dampf und Qualm aus und suchte sich in rasender Eile ihren Weg über die Schienen. 346 士 1 士 e 士 1 i Er versuchte sich aufzurichten. Durch den gespensfischen Nebel blitzten Laternenlichter. Eine Station war überholt. Die Landschaft versank völlig in ein undurchdringliches Grau. Wie mit einer schweren, riesengroßen Wolldecke wurde die ganze Umgebung umhüllt. In unverminderter Geschwindigkeit fuhr der Zug durch die Nacht. Wohin? Manez forschte vergebens. Er starrte in die neblige, schemenhafte Landschaft jenseits der Gräben und Felder, konnte sich aber kein Bild des Erinnerns verschaffen. In seinem Zustand fieberhafter Erregung war es ihm nicht möglich, klar und ruhig zu denken. Wie in einem Strudel schossen die Ereignisse der letzten Stunden durcheinander und bildeten nichts als ein Chaos. Manez fuhr empor. Seine Sinne spannten sich, der Zug hatte seine Fahrt verlangsamt. In gemächlicherem Tempo glitt er dahin. Er beugte sich weit hinaus. In der Ferne schimmerten glühende, rote Punkte, Lichter einer Station. Der Zug hatte scheinbar keine Einfahrt und mußte warten. Wo war er angelangt? Jetzt galt es. Jetzt brauchte er allen Mut. Ein rauher, feuchtkalter Wind empfing Manez mit heftigen Stößen, als er aus dem Waggon absprang, und löschte im Nu das Streichholz in seiner Hand aus. Wolkenfetzen jagten über den tiefbedeckten Himmel. Die schwache Sicht hatte genügt. Mit einigen gewandten Sprüngen über das Gleisnetz befand er sich jenseits des Zuges direkt vor einer Weiche. Die dort hängende Lampe gab ihm einen ungefähren Bescheid des Umkreises. Mit einem Seufzer der Erleichterung konnte Manez endlich den Ort feststellen. Er befand sich einige Kilometer von Theresienstadt entfernt. Feiner Regen sprühte ihm ins Gesicht. Er preßte die Hand gegen die Schläfen. Wie gut es kühlte. Seine Wangen glühten, hatte er Fieber? Manez wußte, er war mit seinen Nerven fast zu Ende, aber durchhalten mußte 347 er. Es galt die letzten Kräfte aufzubringen, um zu Peter Vagas zu gelangen. Die Dunkelheit war günstig, er durfte keine Zeit mehr verlieren. Trotzdem stürmten die Gedanken unausgesetzt hinter seiner fieberheißen Stirn. Sekundenlang horchte er durch die Stille, blickte noch einmal zurück auf den immer noch wartenden Zug und richtete dann seine Schritte in die Dunkelheit, bis er die Landstraße erreichte. Dort setzte er seinen Weg fort. Mit äußerster Vorsicht mußte er den sich kreuzweis schlängelnden Scheinwerferlichtern ausweichen. Mitunter mußte er sich kriechend vorwärts bewegen. Es klopfte. Es klopfte stärker. Peter Vagas riß schlaftrunken die Augen auf. Was war los? Mitten in der Nacht wollte jemand zu ihm herein? Hans! dachte er und sprang mit beiden Füßen von seinem Lager herunter. Er öffnete. In der Hand hielt er die kleine Kerze. Die flackernde Beleuchtung war unsicher. Ein langer Schatten fiel herein, folgte. --Peter rieb sich die Stirn. Träumte er? ein Körper ,, Hier bin ich!" gurgelte jemand und fiel zu Boden. Peter setzte mit zitternder Hand den Lichtstumpf auf die Erde und beugte sich zu dem Liegenden herab. ,, Josef Manez?" fragte er unsicher. ,, Sind Sie es?" Er erkannte ihn und war dennoch im Zweifel, so unwahrscheinlich erschien ihm die Tatsache. Manez war doch in den großen Transport gekommen, der vor vielen Tagen abgefahren war? Er gehörte doch mit zu der Gruppe des Frey- Ensembles und der gesamten Künst~ lerschaft, auch Hans Anthony sowie Dr. Ritter und alle anderen Ärzte befanden sich unter dem Transport. 348 Sein plötzliches Auftauchen kam ihm unheimlich, we sensfremd vor, so daß er Mühe hatte, an die Wirklichkeit seiner Erscheinung zu glauben. Während diese Gedanken blitzschnell sein Hirn durchkreuzten, hatte er den Erschöpften vom Boden aufgerichtet. Schweigend! Sorgsam! 1 Die Kleider Manez' fühlten sich feucht an, und die Haare des schwankenden Mannes waren naß vom Tau der Nacht. Peter führte ihn zu einem Sitz. Das Licht hielt er in seiner Hand, während er ihm jetzt das Glas Wasser an die Lippen setzte. Mechanisch übte er die einfachen Hilfeleistungen aus. Er fragte nicht. Er wartete. Aber er wartete mit Spannung und mit wildem Klopfen seines Herzens. Was war vorgefallen? Etwas Unerhörtes mußte geschehen sein, wenn ein Mann wie Manez mit einem so klaren, zielsicheren Blick, mit einem Worte, wenn solche fest in sich gefügte Persönlichkeit aus Rand und Band geriet. Noch wartete er. Er sah, Manez hatte keine Kraft, sich aufrechtzuhalten, und es kostete ihn Mühe zu sprechen. Endlich entschloß sich Peter zu fragen. ,, Guten Morgen, Manez! Das ist aber eine Überraschung für mich, Sie kommen zurück?" Der Kopf des Angeredeten fiel auf den Tisch. Unzusammenhängende Worte murmelte Manez. Seine Stimme klang dumpf wie aus einem Grabe. Peter zog sich den Rock an und setzte sich zu ihm. ,, Sie sind erschöpft, es ist besser, Sie ruhen sich erst aus." " Manez richtete sich auf. Aus hohlen Augen sah er sein Gegenüber an. ,, Nehmen Sie mir mein ungeheures Geheimnis ab, Vagas, ich schleppe daran seit Tagen zum Gotterbarmen und breche darunter zusammen!" ,, Was ist denn, Freund? Natürlich helfe ich Ihnen." 349 ,, Vagas, mein Leben gäbe ich hin, wenn das Wissen jener Tatsache eine Täuschung wäre." Er hämmerte mit den Fäusten auf die Tischplatte. ,, Beruhigen Sie sich! Ihre Gedanken tanzen und laufen Ihnen davon. Kommen Sie, Manez!" Schwer hing Manez in Peters Armen. Er ließ alles mit sich geschehen, hob nicht einmal den Kopf. Peter führte ihn zu seinem Lager, dort zog er ihm die schmutzigen, verkrusteten Schuhe von den Füßen, auch Mantel und Jacke streifte er von seinen Schultern, dann deckte er den kaum Widerstrebenden, aber sichtlich Ermatteten zu. In wenigen Augenblicken war Manez eingeschlafen. Der Morgen sandte schon erste aufgehende Sonnenstrahlen herein. Der kleine Raum gehörte Peter jetzt allein. Die Lagerstellen der früheren Zimmergenossen, Hans Anthony und Dr. Werner, waren noch nicht neu belegt worden, somit konnte er ihn beim Fortgang abschließen. Die Vorsicht gebot, daß Manez von niemandem gesehen wurde. Nach Beendigung seiner Sprechstunde war Peter eilends zurückgekehrt. Er hatte Manez etwas Kasernenessen mitgebracht und schob es ihm über den Tisch zu. Dessen Zunge war noch schwer, als er mit dem Erzählen begann, noch immer schien ihm sein Denken nicht gehorchen zu wollen. Erst nach und nach war er so weit, daß er zusammenhängenden Bericht geben konnte. Obgleich immer noch wirre und wilde Verwünschungen dazwischen das richtige Bild trübten. Peter hörte, daß Manez geflohen sei. Er hörte die phantastische Schilderung der Flucht, wie er aus dem fahrenden Eisenbahnzug gesprungen sei, bevor er in die Station Theresienstadts einlief, wie er sich schützen mußte vor der Entdeckung in den Scheinwerferkegeln, die von allen Seiten über Landstraßen, Brücken und 350 Wege fielen, ja selbst das dichteste Gestrüpp durchleuchteten, und wie er der Wachsamkeit der vielen Posten entgehen mußte. ,, Und, Vagas, es war nicht einfach gewesen, Sie können's mir glauben. Aber ich bin Träger eines ungeheuerlichen Geheimnisses, durch mich soll die Welt in Kenntnis gesetzt werden von einem Verbrechen, wie es der menschliche Verstand sich niemals zuvor träumen ließ." Und dann berichtete er sein Erlebnis. Wie ihm die Seife aus der Hand entglitten sei, die er, wie alle andern mit einem Handtuch zum Zwecke eines Duschbades in Auschwitz erhalten hätte. Sie suchend hätte er das Stück Seife unter einem Waggon liegend entdeckt und wäre zu der Stelle gekrochen. Da hätte er durch diesen Zufall das Zwiegespräch zweier Posten der SS belauscht, die dort in einer weit auseinander gezogenen Kette die Gegend absperrten. Er wäre Zeuge gewesen, wie der eine von Abscheu ergriffen das Geheimnis des sogenannten Wasch- und Duschraumes aufdeckte und flehentlich gebeten hatte, fortgehen zu dürfen, er könne die Eintreibung der Menschenopfer weder mit ansehen noch die Hilferufe hören. Er fräume in der Nacht davon, denn er meine dauernd die erstickten Schreie der Opfer, die dort in dem Mordhaus vergast und verbrannt würden, zu vernehmen. Wie darauf der andere Posten, ein mordlustiger Raufbold, den Kameraden zwang, zu bleiben, und später, als er immer wieder bat, abtreten zu dürfen, ihn einfach mit dem Kolben niederzuschlagen drohte. Der Bericht war zu Ende. Peters Verstand sträubte sich, an die Wahrheit dieser Ungeheuerlichkeit zu glauben, denn einfach war es nicht, sie zu begreifen. Peter war der Darstellung mit bewundernswürdiger Ruhe gefolgt. Er zwang sich dazu. Er hörte ganz objektiv zu, wie man einen Schauspieler anhört, der ein Drama vorliest. Noch hatte er die ganze Tragik des Geschehens nicht 351 fassen können. Aber immer klarer ordneten sich die Angaben des Erzählers. Lange berichtete er. Nichts verschwieg er. Nicht das Lachen und die munteren Unterhaltungen der Wartenden vor dem Mordhaus, die sich auf das vermeintliche Bad freuten, nicht die sehnsüchtigen Klagen der Kinder, die die Zeit nicht erwarten konnten, zu ihren Eltern zu gelangen, die statt Brot Seife in die Hand bekamen und endlich hineingetrieben wurden in den vermeintlichen Duschraum als letzte Opfer. Deren Schreie er mit seinen Ohren gehört hatte, da die Türen geöffnet wurden. Nichts ließ er aus. ,, Sie sind hin!" knirschte Manez, stöhnend hob er die Hände in höllischer Qual anklagend empor ,,, hineingetrieben in einen grauenhaften Tod!" Verstört und verzweifelt miẞt Peter den kleinen Raum mit langen Schritten. ,, Ermordet, Manez? Der ganze große Transport der Siebentausend? Verstehe ich Sie recht? Ist es keine Sinnestäuschung? Diese Menschentransporte sollen alle in den Tod geschickt worden sein, wie eine Viehherde zur Schlachtbank?" Peter zitterte am ganzen Leibe. ,, Ermessen Sie meine Qual, Vagas, sehen, hören und nicht helfen können!" ,, Sie sollten mich nicht so quälen, Manez! Sie wisser nicht, was ich mit Hans verlor." Seine Erregung wuchs. Plötzlich schrie er laut auf. Die ganze brutale Wahrheit der satanischen Pläne dieser Menschenschlächter schlug in sein Bewußtsein ein. ,, Hans vergast?" ,, Er ist es", sagte Manez düster. ,, Lassen Sie uns handeln! Was soll geschehen?" ,, Tausende, ja vielleicht Millionen sind diesen furchtbaren Meuchelmördern zum Opfer gefallen. Auch wir, die wir hier noch leben, sollen denselben Weg gehen, schon ist ein neuer Transport aufgestellt." 352 Peter blieb vor Manez stehen. ,, Das erklärt nun auch den Grund, warum kein einziges d F. S Lebenszeichen der von hier in den Transport gekommenen Personen an ihre Angehörigen und Freunde in Theresienstadt eintraf." ,, Es ist schrecklich zu denken, daß der Altestenrat von den näheren Umständen dieser Verschickungen Kenntnis gehabt haben muß und die unschuldigen Menschen ruhig in den Tod gehen ließ." ,, Und doch ist es so!" beharrte Manez. Eine seltsame Ruhe war über Peter gekommen. Sie wirkte unheimlich. ,, Immer hatte ich mich als Arzt bemüht, das Leben meiner Mitmenschen zu erhalten. Ich hatte versucht, nicht nur das körperliche Leiden, sondern auch die seelischen Widerstände zu beseitigen. Genau wie Sie, Manez, seelisch einzuwirken bedacht waren. Nun erteilt uns das Schicksal eine Aufgabe, unsere Opfertreue unter Beweis zu stellen, auch mit Gefahr, oder mit Verlust unseres eigenen Lebens." Manez legte Peter die Hand auf die Schulter. ,, So gefallen Sie mir, Vagas. So brauche ich Sie.' ,, Ich bin bereit. Verfügen Sie über mich." Peter hielt inne. Manez sah ihn mit einem furchtbaren Ernst ins Auge. " , Würden Sie mich auf der Flucht nach Prag begleiten? Nur von dort, meiner Heimatstadt, kann ich Hilfe holen. Ich kenne die Wege dahin. Es geht um das Leben Tausender, die vielleicht noch gerettet werden können. Es geht um die Vergeltung der Millionen Opfer." ,, Es geht auch um ein junges Weib, das ich liebe." ,, Kitty Bergner?" ,, Sie ist es! Zwar eine Spannung herrscht zwischen uns, daher hätte ich sie gern vorher gesprochen." ,, Unmöglich, Vagas, die Gefahr ist zu groß. Niemand darf von unserem heimlichen Fortgang wissen, auch Kitty Bergner nicht." ,, Wer weiß,--- ob ich sie dann je wiedersehen werde?" Eine Quelle reinster Menschenliebe hatte sich er23 Philipp, Die Todgeweihten 353 schlossen. Sie sollte sich zu einem breiten, mächtigen Strome entwickeln, der den Schlamm und Moder einer stinkigen Jauche hinwegspülte. Als das schwache Licht des versinkenden Tages erlosch, standen zwei zum Abmarsch gerüstete Männer vor der Tür des kleinen Raumes in der Magdeburger Kaserne und horchten auf die letzten, verklingenden Schritte später Heimkehrer, dann öffneten sie geräuschlos die Tür, schlossen leise hinter sich ab und eilten den dunklen Gang zum Treppenausgang entlang. Dort nahm die Dunkelheit sie auf. Peter Vagas hatte nie an Flucht gedacht. Sie schien ihm so unmöglich, als wolle man einen Stern vom Himmel holen. Aber bedenkenlos hatte er sich sofort bereit erklärt, mit Josef Manez zu fliehen.- Vermittelst einer bis ins kleinste geübten Vorsicht und einer nie versagenden Kraft des Willens gelangte Manez durch die Sperrkette der SS- Posten, die weit ins Land das Lager umschloß. Auch den überall versteckt liegenden Maschinengewehren, welche bei dem geringsten Geräusch in Tätigkeit gesetzt wurden und die Wege bestrichen, sowie den Scheinwerfern, die von allen Seiten strahlenförmig über Wege und Plätze glitten und das dichteste Gestrüpp durchdrangen, entgingen sie durch die Taktik Manez'. Sie hatten sich nachts von der Bastei an einer nur Manez bekannten Stelle den Abhang hinabrollen lassen. Von dort waren sie durch die Acker und Wiesen, durch Schlamm watend, über den kleinen Arm der Elbe schwimmend, an der Hauptpostenkette der SS, vorübergekommen. Theresienstadt lag hinter ihnen. Jetzt war das nächste Ziel Leitmeritz. Aber auch hier spielten die Lichtkegel nachts über die Straßen und die Gefahr war noch genau so groß, entdeckt zu werden. Manez entschloß sich daher, versteckt liegende Waldwege zu benutzen, deren Skizze 354 er besaß. Kreuze bildeten darauf die SS- Posten und die Kreise Maschinengewehre. In dieser nächstgelegenen kleinen Stadt wohnte ein ihm befreundeter Landmann, von dem er Hilfe erhoffte. Auch diesen Weg legten die Flüchtenden mit mancherlei Gefahr zurück und landeten dann glücklich eines Nachts bei dem völlig überraschten Bauern. Manez hatte sich nicht getäuscht. Der Landmann war sofort bereit, die nötigen Papiere und eine gewöhnliche Knechtskleidung zu besorgen. Dann setzte er die beiden auf seinen vollgestapelten Gemüsewagen, und hinaus ging es eine Tagesreise hinter Leitmeritz. Darauf machte der Bauer kehrt und fuhr zurück. Wieder hatte sich die Entfernung bis Prag beträchtlich verkürzt. Endlich, an einem sehr heißen Tag, langten die Freunde in Prag an. Ihre Befürchtungen, Schwierigkeiten beim Passieren der Stadtgrenze zu haben, trafen nicht zu. Prag war wieder in tschechischer Hand. Die deutschen Truppen waren abgezogen. 1 Auf Grund seiner früheren Beziehungen konnte sich Manez sofort in Verbindung setzen mit den maßgebenden tschechischen Militärstellen und dort sein Anliegen vorbringen. Er eröffnete der Militärbehörde die satanischen Pläne von Massenermordungen in den Konzentrationslägern und erzählte sein Erlebnis in Auschwitz. Dann bat er, die zuständigen Stellen möchten dafür Sorge tragen, daß keine Eisenbahnzüge mehr nach den Konzentrationslägern durchgelassen würden, um jeden weiteren Transport zu unterbinden. Sein unbeugsamer Wille bemühte sich, ein Bollwerk zu schaffen, die satanischen Pläne der Massenmörder zu zerstören. So erhielten auf direktem und indirektem Wege alle Dienststellen Kenntnis von den haarsträubenden Zuständen in den Konzentrationslägern. Bis weit hinein nach Deutschland drangen die Warnungs- und Aufklärungssignale vermittelst eines Geheimsenders. Während Josef Manez die größte Aktivität entwickelte, seine Pläne durchzuführen, hatte er Deter Vagas zu23* 355 nächst an seiner Zeitung untergebracht. Dessen Tätigkeit bestand jetzt in der Hauptsache darin, über die täglichen Ereignisse einige Artikel zu bringen, für die er Informationen von Manez bezog. Bald war an ein ruhiges Arbeiten nicht mehr zu denken. Das Vordringen der Russen auf Prag wurde bald Tagesgespräch. Nun beschloß Manez, an den kommenden Kämpfen teilzunehmen und stellte sich seiner Militärbehörde zur Verfügung. EINZUG DER RUSSEN AM 5. MAI 1945 Draußen lag Sonnenschein, festlicher Glanz auf allen Fluren. Die Vögel jubilierten. Sie konnten es. Sie waren ja frei, und niemand machte den kleinen, gefiederten Himmelsboten das Recht ihrer Freiheit streitig. Sie kannten keine einengenden Mauern, keine Konzentrationsläger. Das natürliche Lebensrecht, das jedem Gottesgeschöpf bei seiner Geburt mit auf den Weg gegeben wird, ist ihnen immer erhalten geblieben. Anders jedoch bei den Menschen. Aber auch hier sollte nach langer qualvoller Wartezeit ein Wandel eintreten. Schon grollten in der Ferne die Donner der Vernichtung, Blitze fuhren in greller Leuchtkraft durch die düstere, unheilschwangere Gegenwart und ließen von Zeit zu Zeit das Ausmaß der kommenden Katastrophe, der Vergeltung, ahnen. Langsam bereitete sich die Umwälzung in dem neuen, ungeheuren Zeitgeschehen vor.- Als die Knospen an den Bäumen Theresienstadts zu schwellen begannen und der Frühling abermals seine bunte Pracht entfaltete, zogen an einem hellen Maimorgen, unter dem Jubel der außer sich geratenden, 356 jetzt freigewordenen Gefangenen, die russischen Truppen in Theresienstadt ein. Von dem Taumel der Begeisterung und dem Freudenrausch der erlösten Menschen kann sich niemand eine Vorstellung machen, der dieses nicht selbst miterlebt hatte. In den Kasernenhöfen wurde es lebendig, es wurde gesungen und getanzt. Überall hörte man Musik. Die Gefangenen, nun freie Menschen, waren wie die Kinder. Sie wußten sich in ihrer Freude nicht genug zu tun an Übermut und ausgelassener Stimmung. Sie waren wie verzaubert von der seltsam fremden Welt ihrer russischen Befreier, die sie plötzlich umgab. Ihre Augen und Herzen genossen wieder, wie einst, den Frühling. Sie durften sich innerhalb und außerhalb des Lagers frei bewegen. Es feierten mit der Jugend auch die Alteren, sie standen mit gefalteten Händen und Tränen in den Augen und schauten dem Spiel zu. Und rings die Natur prangte in üppigster Frühlingsschönheit. An diesem Tage war alles in Licht und Sonne getaucht. Die jetzt freien Menschen durften mit einem Erlaubnisschein der russischen Kommandantur aus dem Lager hinaus in die Wälder und Felder der Umgebung wandern, auch zu den benachbarten Dörfern, aber wenn der Abend sich herniedersenkte, mußten sie ins Lager zurückkehren. Überall tausendfältiges Leben, längs der Wiesen, im Getreidefeld, in den Hecken! Überall schwingt und klingt es mit im Chor der jubilierenden Vögel. Und wenn die Dämmerung ihre leichten Schatten über Theresienstadt legte, erwachte immer aufs neue die Verzückung und Freude über die wiedergewonnene Freiheit. Dann flammten alle Lichter in Theresienstadt auf, und die ganze Stadt schien in ein einziges Lichtmeer getaucht. 357 Alles war taghell erleuchtet, weil der Widerschein der Lichter Wege und Plätze erhellte. Das Singen und Klingen der Instrumente, der bunte Gesang aus den vielen Radios vermengte sich mit den Stimmen der Menschen zu einer einzigen Melodie. Das große Erlebnis der neugewonnenen Freiheit konnte nicht genug gefeiert werden. Ungläubig wanderten immer wieder die Augen der Bevölkerung hinauf zum Giebel der Kommandantur und der anderen Dienstgebäude, wo statt der Hakenkreuzfahnen die russischen und tschechischen Flaggen hingen. Die Menschen waren trunken vor Glück. Unbekannte umarmten und küßten sich auf der Straße und weinten vor Freude. Das war der Einzug der Russen am 5. Mai 1945. DIE HEIMKEHR Manez hatte die Scheibenwischer seines Autos abgestellt, denn der Regen hatte aufgehört. Doch die tiefhängenden Zweige der alten Bäume links und rechts des Weges trieften noch von Nässe. Große Wasserlachen bildeten Seen ringsumher. Die Straße, über die die Fahrt jetzt unaufhaltsam vorwärts ging, führte nach Leitmeritz. Sie glänzte im Schein der aufgehenden Sonne. Im strahlenden Glanz war der junge Morgen erwacht. Diese Wege hatten Josef Manez mit Peter Vagas vor wenigen Monaten unter Lebensgefahr und den schwierigsten Umständen zurückgelegt, um nach Prag zu gelangen. Heute war er mit Peter, der neben ihm im Wagen saß, auf der Rückfahrt nach Theresienstadt begriffen. Der Kampf war aus, der Krieg zu Ende. 358 Nach dem Abzug der Deutschen aus Prag gab es kein Zweifel mehr, daß die Russen auf die Stadt marschierten. Eine Geheimorder hatte dem SS- Obergruppenführer und Lagerkommandanten Rahm die Nachricht übermittelt, wonach am 10. Mai auf das vereinbarte Signal zweier Kanonenschüsse Theresienstadt besetzt werden sollte. Die deutschen Truppen lägen zum Kampf gerüstet mit aufgepflanzten Seitengewehren in den gegenüberliegenden Sudeten. Tatsächlich waren dann auch die Schüsse gefallen, durch die ein österreichischer gefangener jüdischer Oberst am offenen Fenster seines Zimmers beim Rasieren getötet sowie eine Krankenschwester aus dem Hohenelbe- Krankenhaus schwer verletzt wurde. Neben dieser Geheimorder hatte der Lagerkommandant noch eine andere geheime Meldung vom Reichsführer SS Heinrich Himmler erhalten, daß er am 5. Mai 1945 die gesamte jüdische Bevölkerung Theresienstadts von noch 18 000 Menschen vergasen sollte. Bislang konnte dieses Unternehmen noch nicht ausgeführt werden, weil die Gaskammern nicht früher fertiggestellt waren. Man denke, skrupellos sollten auf einem Schlage 18 000 ahnungslose, unschuldige Menschen hingeopfert und ermordet werden. Kurz vorher war das Lager von der Schweizer Kommission des Roten Kreuzes besichtigt worden. Das Ausland wußte somit, daß noch 18 000 gefangene Juden in Theresienstadt lebten. Aber trotzdem- ----Rahm, wohl durch die Anzeichen des nahenden Zusammenbruches des Hitler- Regimes gewarnt und durch die schon bekannt gewordene Nachricht des Sieges der Russen bei Prag aufgeklärt, entschloß sich, entgegen diesen beiden Ordern zu handeln. Er rief das Schweizer Rote Kreuz mit dem Vorsitzenden Dünan zurück zur Hilfe und teilte ihm den Plan Himmlers von der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Theresienstadts mit. Danach entsetzte Dünan den 359 SS- Obergruppenführer Rahm seines Amtes und erlaubte ihm freien Abzug mit seiner Familie aus dem Lager. Auch der geplante Angriff auf Theresienstadt am 10. Mai seitens der deutschen Truppen wurde ihm von unbekannter Seite mitgeteilt. Am 5. Mai waren die Russen unter ungeheurem Jubel der Theresienstädter Eingeschlossenen in das Lager eingerückt. DIE GEFANGENEN WAREN BEFREIT Das Schandzeichen, der Judenstern, fiel. Es war die erste Anordnung des russischen Majors, der als Kommandant seinen Sitz in Theresienstadt einnahm. Bald kam es zu erbitterten Nahkämpfen in den Wäldern der Sudeten. Jeder Truppenteil wurde einzeln umzingelt und die SS- Offiziere lebend gefangengenommen. Keiner durfte erschossen werden, so lautete die Order. Weder Soldat noch Offizier. Die Russen wollten schreckliche Vergeltung üben für die vielen Mordtaten an den Einheimischen Prags, sowie an ihren eigenen Soldaten. Auf die Dauer hielt auch die geringere Zahl der deutschen Truppen dem gewaltigen russischen Ansturm nicht stand, sie flohen weiter nach dem Innern Deutschlands. Die gefangenen SS- Truppen aber kamen nach der Sudetenkaserne. Es war dieselbe, welche damals der SS- Lagerkommandant Heindl mit Beschlag belegte und mit einer mehrere Meter hohen Mauer umschlieBen ließ. Hinter dieser hohen Mauer starben die SSSoldaten und Offiziere einen furchtbaren Tod. Die weniger belasteten SA- Soldaten blieben als Gefangene zunächst in Theresienstadt. Ein breiter Streifen ihres Kopfhaares wurde ihnen 360 vom Nacken bis zur Stirn ausrasiert. Die Gefangenenkleidung bestand aus einem blau- weiß gestreiffen Anzug. Dieselbe Kleidung trugen auch später die Frauen, die als Gefangene von Prag aus in Theresienstadt eingeliefert wurden. Manez, als tschechischer Oberleutnant am Steuer seines Wagens sitzend, wurde von den zahllosen vorüberziehenden Russen dauernd militärisch gegrüßt, sobald der Wagen in Sicht war. Auch die Posten an den verschiedenen Straßenecken standen sofort mit geschultertem Gewehr in Positur. Die Wege waren voll von russischem Militär. Endlich hatten sie Leitmeritz hinter sich und näherten sich der Umgebung des früheren Lagers. Auch diese Landstraßen waren von den vorüberziehenden russischen Kolonnen überschwemmt. Der ganze Umkreis, durch den sie fuhren, wimmelte voller Menschen. In der Mitte der Fahrstraße strömten unaufhaltsam, Wagen an Wagen, die russischen Truppen vorüber. Die Soldaten lagen auf dem Stroh, lachten und gestikulierten und wurden beständig von einem Rudel weiblicher und männlicher Jugend umdrängt, das versuchte, einige der Wagen aufzuhalten. Es hatte seinen Grund. Die Soldaten warfen Zigaretten, Margarinewürfel, Schokolade und Brot der Bevölkerung zu. Manez und Vagas sahen sich wie auf Kommando sinnend an. Sie dachten beide dasselbe. Welch' ein Wandel war in wenigen Monaten eingetreten. Wie trug die Welt doch plötzlich ein ganz neues Gesicht. Der Wagen war vom Landweg aus auf die Brücke eingebogen, die sie vor Monaten unter Lebensgefahr umkreisen mußten. Jetzt standen zwei Posten dort, ein tschechischer und ein russischer. Sie waren aus ihrem Schilderhaus hinausgetreten, als das Auto vorbeifuhr, und salutierten. Der Tscheche war wieder Herr seines Landes geworden. 361 Die Sklavenketten der Gefangenen Theresienstadts lagen am Boden, und diese, die jahrelang unter den größten Qualen ihr Leben tragen mußten, waren frei. Sie waren frei, gewiß! Aber geschädigt und gesundheitlich erschüttert für lange Zeit, vielleicht für immer. Sie konnten nun, jetzt Herr ihres Willens, ein neues Leben beginnen. Und sicher wird ihnen eine gutgesinnte und einsichtsvolle neue Regierung beim Wiederaufbau ihrer Existenz und Heilung der geschlagenen Wunden behilflich sein. - Ein alter Park mit tiefverschatteten Bäumen, die zum Ausruhen einluden, lag inmitten des Hohenelbe- Krankenhauses. Hier fuhr Manez an dem Wachtposten vorbei durch die Einfahrt. Peter Vagas sprang aus dem haltenden Auto, um sich bei der Aufnahmestation zu erkundigen, wo er die Adresse von Kitty Bergner zu erhalten hoffte. Den Freunden erschien alles neu und fremd, als hätten sie diesen Ort nie gesehen. Manez betrachtete indes die Statue der Kaiserin Maria Theresia, welche an vier verschiedenen Plätzen des Parkes, auf einem Sockel ruhend, ihm in immer gleicher Gestalt und Aufmachung in der Tracht der damaligen Zeitmode mit der Krinoline, der Wespentaille und der weißgepuderten, hohen Lockenfrisur, ihr steinernes Antlitz freundlich lächelnd zuwandte. Sie hielt einen Spiegel in der einen Hand, in dem sie sich wohlgefällig musterte. Wie sich der Beschauer dem Standbild gegenüber auch verhielt, er empfing immer den gleichen Eindruck. Das Hohenelbe- Krankenhaus beherbergte in seinen vielen Räumen nicht nur Krankenstuben, Apotheke, Sprech- und Untersuchungsräume der Ärzte, es befanden sich auch die Diätküchen und die Baderäume in den unteren Stockwerken des großen Gebäudes. Endlich kam Vagas zurück. Er hatte die Adresse bekommen. Manez schloß den Wagen ab. Die Freunde bestiegen die breite Treppe zu den oberen Räumen des 362 Krankenhauses. Hier waren die Abteilungen für Infektions- und Schwerkranke. An den Türen hingen Pappschilder mit Aufschriften: Schwerkranke! Bitte Ruhe! Besuche verboten! Auch ein großes Schild auf den Absätzen der Treppen ermahnte den Besucher zur Ruhe. Hinter diesen verschlossenen Türen ging der tägliche Kampf der Ärzte mit dem Tod vor sich. Auf dem Gang kam ihnen eine junge Schwester entgegen. Sie trug auf einem Tablett Gläser und Verbandstoffe. Peter Vagas lüftete den Hut, hielt sie an und fragte, ob er Frau Kitty Bergner besuchen dürfe. Die Angeredete legte ihre Hand wie einen Schalltrichter ans Ohr. Sie war schwerhörig: ,, Bitte, ich verstehe Sie nicht, wiederholen Sie." ,, Doktor Vagas ist mein Name", sagte er laut. ,, Ich möchte Frau Kitty Bergner besuchen. Meine Sache eilt sehr, sie duldet keinen Aufschub." ,, Und dennoch werden Sie sich gedulden müssen. Es ist nämlich keine Besuchszeit. Bitte, kommen Sie wieder." ,, Das ist unmöglich! Seien Sie gut, Schwester! Wir sind die Nacht durchgefahren, ich darf keine Zeit verlieren. Bitte melden Sie mich." Die kleine Schwester mit dem hellen Kraushaar sah zu dem hochgewachsenen Manne auf. ,, Ich will Schwester Irina rufen. Sie hat die Oberaufsicht in den Schwerkrankenstuben." Schnell eilte sie vorüber. Peter hielt seinen weichen braunen Filzhut in der Hand und teilte in unruhigen Schritten die quadratischen Fliesen des Vorplatzes. Er sollte Kitty wiedersehen. Wie würde er sie finden? Jetzt, wo der langersehnte Augenblick nahte, klopfte ihm das Herz. Manez sah nachdenklich aus den hohen Fenstern hinaus auf den Park. Er mochte den Freund nicht stören, dessen Gedanken ganz von dem Wiedersehen mit der geliebten Frau eingenommen waren. Wohl begreiflich! 363 Die Sorge um sie hatte dauernd an seinem Herzen genagt. Aber er hatte keine Möglichkeit gehabt, früher aus Prag herauszukommen. Ein Geräusch von der Tür her ließ beide aus dem Nachdenken aufsehen. Sie hatte sich geöffnet. Eine Schwester näherte sich den Wartenden. Sie war völlig schwarz gekleidet, nur die weiße Schürze und Haube verrieten ihren Beruf. Auf ihrem schönen Gesicht lag der Ausdruck tiefster Schwermut, doch die hellen, grauen Augen bezeugten durch ihre Leuchtkraft noch Jugend und Lebenswillen. Peter stutzte. ,, Frau Lupiskaja", rief er erstaunt aus ,,, Sie sind hier, Schwester?" ,, Ja! Schwester Irina, schon seit einem halben Jahr. Sie haben lange Zeit gebraucht, Herr Doktor Vagas, bis Sie sich nach Frau Bergner erkundigen. Jetzt ist es wohl zu spät. Die Kranke hat dauernd in ihren Fieberphantasien nach Ihnen verlangt. Wir hatten uns bemüht, Sie ausfindig zu machen, doch vergeblich. Aus den wirren Träumen vernahmen wir immer Ihren Namen ,, Peter". Wir forschten nach, aber niemand konnte uns Auskunft geben." ,, Sie suchten mich?" stieß Peter atemlos hervor. ,, Ja, wir mußten mit dem Ableben der Kranken rechnen und wollten ihr noch eine Freude machen." 33 Wie sollten Sie auch auf den Gedanken kommen, daß ich fluchtartig Theresienstadt verlassen mußte. Gewik nahmen Sie an, ich sei in einen Transport gekommen und weilte jenseits der Grenze." ,, Ja, so sagte man es ihr auch. Danach lag Frau Bergner lange zwischen Tod und Leben." - Peter war aufs tiefste erschüttert. Nun hatte sie ihn doch zum Schluß geliebt. Ihn, und niemand anders. Nun bat er den Himmel um Rettung. Auf die Knie hätte er sich werfen mögen und flehen. 1 ,, Es ist eine lange Geschichte, und unmöglich kann ich sie Ihnen in zwei Worten erzählen. Ich bitte Sie herz364 lich, es möglich zu machen, daß ich Kitty Bergner jetzt besuchen kann." ,, Es tut mir leid, es Ihnen abschlagen zu müssen. Während der Visite des Chefarztes am Vormittag sind keine Besuche erlaubt." ,, Dann will ich warten." ,, Das Warten hätte keinen Zweck hier auf dem zugigen Korridor. Es würde viel zu lange dauern." Peters Herz schlug dumpf und hart wie ein Hammer. ,, Schwester Irina, Sie müssen es möglich machen!" Er stöhnte, er war unsicher, er sah sie an. Sein aufgeregtes Wesen tat Irina leid. - Mit einem schwachen Lächeln und einer leichten Röte in den Wangen, meinte sie: ,, Männer sind wie Kinder, sie wollen alle Wünsche gleich erfüllt sehen." Sie sagte es nach der Richtung zum Fenster hin, wo Manez stand. Der hochgewachsene, tschechische Offizier drehte sich um. Er trat mit einer Verbeugung näher. an Ihnen ,, Schwester, ich verbinde die Bitte meines Freundes mit der meinigen. Sie helfen so vielen, liegt es, - 1 Sie werden uns beistehen!" Klang nicht ein Befehl durch seine Worte? Höher reckte sich die imponierende Erscheinung Irinas. Aber jetzt fiel ihr Blick in seine bittenden Augen. ,, Meinen Sie", lächelte sie zurück ,,, dann will ich es versuchen, Herrn Dr. Vagas nach der Visite anzumelden. Aber vorher hineingehen dürfen Sie nicht." ,, Nein, nein, ich werde warten", warf Peter schnell ein. ,, Wir sind Ihnen äußerst dankbar.. Verzeihen Sie auch Dr. Vagas' spätes Kommen. Ihn trifft keine Schuld. Ich saß die ganze Nacht am Steuer. Wir kommen von Prag, haben weder geschlafen noch gegessen, so sehr trieb ihn die Unruhe." " Vielleicht liegen Gründe der Entschuldigung vor. Ich kann das nicht beurteilen.' " , Wir können Ihnen viel erklären, soviel Sie wollen, doch jetzt fehlt es an Zeit. Nur helfen müssen Sie uns. 365 Wahrscheinlich genügt es Ihnen nicht, und Sie hegen noch Zweifel." ,, Nein! Es ist gut! Sie sollen die Kranke sehen." Sie wandte sich an Peter. Dann trat sie noch einmal zu Manez und reichte ihm die Hand. ,, Halten Sie mich nicht für kleinlich. Die Verhältnisse zwingen mich dazu, strenge zu sein. Wir dürfen weder gegen die Regel verstoßen noch die Vorsicht außer acht lassen, die wir unseren Patienten schuldig sind." ,, Mein Gott, so sehr krank ist sie?!" ,, Entschuldigen Sie mich. Die Visite beginnt gleich." Schwester Irina verschwand schnell hinter der Saaltür. Peter stöhnte und preßte die Hände ineinander, gewaltsam hatte ihn die Angst gepackt. Manez sah auf die verschlossene Tür. Er drehte sich zu Peter um. ,, Eine wunderbare Frau!" ,, Ja, sie hat sich tapfer gehalten, wenn man bedenkt, welch' einen schweren Verlust sie gehabt hat. Das einzige Kind hergeben zu müssen, ist hart. Solch' ein sonniges, reizendes Mädel." 77 Wir haben alle eine Hölle aushalten müssen. Jeder auf seine Art. Man hat gemordet: die Eltern, die Kinder, Verwandte, wer kann die ganze Summe aufzählen. Wir wollen von besseren Dingen sprechen, jetzt, wo das Leben wieder richtig pulsiert.“ ,, Meinst du nicht, daß es für viele zu spät ist?" Manez antwortete nicht. Man hörte Männerstimmen auf dem Flur. Den Gang entlang kamen einige Ärzte in Begleitung eines russischen Majors und dessen Adjutanten. Sie waren in einer anregenden Unterhaltung begriffen. Ein kleiner, sehr eleganter Herr schritt voran. Es war Dr. Gutmann, der nach Auflösung des Krankenhauses in der Sudetenkaserne die Leitung des Hohenelbe- Krankenhauses übernommen hatte. Der Chefarzt war eine äußerst gepflegte, mittelgroße Erscheinung. Die gescheitelten schwarzen Haare lagen festgebürstet am 366 t Kopfe und glänzten in ihrer Schwärze. Sein weißer Kittel leuchtete vor Sauberkeit. Der russische Offizier, mit dem ausgeprägten Gesichtsausdruck der slavischen Rasse, überragte ihn um Haupteslänge. Dieser war blond, mit blauen Augen und noch sehr jung, ebenso sein Begleiter. Sie schritten an den Wartenden vorbei und verschwanden hinter der Tür des Schwerkrankensaales. Dort herrschte tiefste Stille. In dem großen, hellen Raum bewegten sich lautlos mehrere Schwestern. Die abgezehrten Körper von Frauen jedes Alters lagen in den niedrigen Holzbetten. Mit fast erloschenen, halbgeöffneten Augen, ohne Bewegung lagen sie teilnahmslos da, und man wußte nicht, ob sie schliefen oder wachten. Jede, die dort lag, hatte ein Tuch um den Kopf geschlungen. Das Haar war ihnen in der Quarantäne abgeschnitten worden wegen der Läusegefahr. Bei einigen hatte sich jedoch schon neuer Haarwuchs gebildet. Die Oberschwester begleitete die Ärzte von einer Kranken zur anderen. Sie hakte die Fiebertabelle von mancher Tafel ab, die, am Kopfende der Kranken angebracht, den Namen und das Alter sowie die Einlieferungszeit in Theresienstadt enthielt. Bei besonders schweren Fällen stattete sie im Flüsterton ihren Bericht dazu ab. Hier war der Tod wohl ein täglicher Gast. Die Gruppe schritt weiter von Bett zu Bett. Der Chefarzt schlug häufig die Oberdecke zurück und wies auf die im Bett liegende Kranke. Da konnte denn der russische Major und sein Adjutant mit eigenen Augen feststellen, wie erbarmungswürdig und kläglich diese verhungerten Frauen im letzten Stadium ihrer Krankheit aussahen. Sie konnten sich überzeugen von dem ,, Jetzt", aber nichts wußten sie von dem ,, Einst". Fast alle waren ehemals lebhafte, gesunde, blühende Frauen gewesen, die nun vor ihrer Zeit sterben mußten. Heute waren sie nur noch menschliche Wracks. 367 Welches Elend offenbarte dieser Saal. Man hatte das Gefühl, daß jedes ärztliche Bemühen um Rettung dieser Elendsgestalten zwecklos sei, und daß alle diese Kranken mit den wachsgelben Gesichtern und den tiefverschatteten Augenhöhlen eine baldige, sichere Beute des Todes werden müßten. Der Offizier schritt mit ernster Miene neben Dr. Gutmann dahin. Mitunter sprach er mit seinem Adjutanten und gab ihm einige Anweisungen, dann zog dieser sein Taschenbuch hervor und machte sich Notizen. Aber wenn auch wirklich einige wenige Fälle ein gutes Ende nähmen, so würde doch der geschwächte Körper nie wieder werden, was er einst war. Die Einsamkeit und Stille dieses Raumes war wie zeitlos. Draußen in der Welt pulsierte das Leben weiter, aber hier stockte es, als hätte es Furcht, sich zu zeigen vor ihm, der hier Herrscher war. Unaufhaltsam verrann der Lebensstrom. Hier vorne oder weit hinten stand die Entscheidung zwischen Leben und Sterben. Bald würde dem noch eben Almenden das Reich des ewigen Schweigens aufgetan. Alles Frische, Schöne, Blühende war fern gerückt, als ob es nie existierte. So klein ist die Macht des Menschen geworden, daß der Lauf auf seinen Lippen erlosch und die Bewegung der Hand erlahmte. Freude, Willenskraft, Entzücken, alle Lebenstriebe waren verschwunden, nichts davon war mehr vorhanden als ein winzig schwacher Laut der Stimme. Nun waren sie elende, kümmerliche, zerbrochene Geschöpfe. Wie tapfer hatten diese Frauen, die hier lagen, dem eisenharten Schicksal getrotzt. Wie sich dagegen aufgebäumt, dieser Gefangenschaft zu unterliegen,- denn es waren die Langjährigen, die drei, vier und mehr Jahre im Konzentrationslager verbrachten. Nun hatte sie der Tod belehrt, daß es kein Entrinnen aus den Gefängnismauern gäbe. Die Müdigkeit, aus der Schwäche geboren, ließ die Schmerzen verstummen und das Leid vergessen. Aber 368 Augenblicke kamen trotzdem, wo die versunkene Welt der Heimat auftauchte und den Spiegel gab für den Verlust des vergangenen I ebens, und ihnen das grausame Antlitz der Gegenwart zeigte. Dann wurde die Seele gemartert, die Seele des zerstörten Lebens. Denn sie alle, wie sie dalagen, waren die Opfer eines satanischen Mannes und seiner Helfer, einer Verbrechergilde, geworden. Alle diese, in Fieberträumen Gequälte, die um ihre Lieben und um Haus und Hof jammerten, waren einst frische, fröhliche Menschen. Sie wurden erbarmungslos in ein frühes Grab gestoßen. Die Runde war fast beendet. Dr. Gutmann machte mit seinen Begleitern am oberen Ende des Saales, vor dem letzten Bett am Fenster, halt. Auf der Tafel war der Name der Kranken aufgeschrieben: Kitty Bergner, 37 Jahre alt, drei Jahre Gefangenschaft. ,, Sehen Sie diese Kranke an. Es war die tapferste, hilfsbereiteste Frau, die ich kenne. Sie war meine erste Schwester in der Sudetenkaserne und meine außerordentlichste Hilfe gewesen. Ich stand damals völlig machtlos den vielen Aufgaben gegenüber. Die Marodenstuben waren überfüllt mit Kranken, und wir konnten nicht Herr werden der vielen Arbeiten. Meine Wärter waren ungelernte Leute und kamen aus allen Berufen." Er wandte sich an die Oberschwester. ,, Ist sie heute fieberfrei?" Die Oberschwester hatte die Fiebertabelle abgehakt und reichte sie dem Arzt. ,, Nein! Sehen Sie selbst, Herr Doktor!" Kopfschüttelnd sah er hinein. - und das am ,, Noch immer die gleiche Höhe, Morgen." Er wandte sich zur Schwester: ,, Geben Sie ihr Harnburntabletten, zwei Stück." ,, Es hat keinen Zweck, sie bricht sie wieder heraus." ,, Ja, der Magen nimmt nichts an,- ich weiß, aber was machen wir denn da?" - Er sah auf die Kranke Sie sak tief gebeugt und von 24 Philipp, Die Todgeweihten 369 Kissen gestützt. Es schien, als ob sie betete. Ihre Umgebung schien für sie nicht vorhanden. Sie hörte und achtete nicht auf das, was um sie geschah. Auch die Stimmen an ihrem Lager weckten sie nicht aus ihrer Lethargie. ,, Dauernd sitzt sie mit gefalteten Händen und befet. Tritt jemand näher, bedeutet sie ihm durch ein Zeichen sie legt ihren Finger auf den Mund nicht näher zu treten. Sie möchte nicht gestört werden", so berichtete die Oberschwester. 1 Der Arzt wandte sich an den Major und dessen Doi metscher. ,, Die Kranke verweigerte anfänglich jede Speise. Wir mußten sie künstlich ernähren, aber jetzt gelingt es uns manchmal, sie zum Essen zu bewegen." In diesem Augenblick trat Schwester Irina an Dr. Gutmann heran und machte ihm die Meldung der beiden Besucher, die draußen schon so lange warteten. Aber der Arzt winkte unwillig mit der Hand ab. Doch Schwester Irina hielt Wort, sie war hartnäckig. Sie stellte dem Doktor die dringende Notwendigkeit vor Augen, die Dr. Vagas veranlaßte, zur ungewöhnlichen Stunde um einen Besuch zu bitten. Wirklich gelang es ihr, den Arzt umzustimmen und die Erlaubnis zu erhalten. Der Major hatte sich indes die Worte des Arztes übersetzen lassen und ordnete für die Kranke viele zusätzliche Lebensmittel an. Wieder holte der Adjutant sein Taschenbuch hervor und schrieb sich die Anordnungen auf. Währenddessen hatten die Freunde genügend Muße gehabt, sich in Ruhe über die nächsten, dringlichen Fragen der Gegenwart zu unterhalten. Niemand störte sie. Nach dem langen Sitzen während der Fahrt im Auto war das Sichbewegen jetzt ein Genuß. Langsam gingen sie auf und ab und stellten ihre Betrachtungen über die nächste Zukunft an. Manez wollte Peter Vagas mit Kitty Bergner in seinem Auto nach Hamburg bringen, um jede Schwierigkeit beim Passieren der russi370 schen Grenze in die englische Zone von vornherein auszuschalten. Peter war darüber sehr glücklich und nahm diesen selbstlosen Freundschaftsdienst mit Dank an. Dann wollte sich Manez bei seinem Freunde noch ein wenig ausruhen und darauf zurück nach Prag fahren, wo sein Arbeitsfeld war, und zwar trat er wieder in die Redaktion seiner Zeitung ein, nur mit dem Unterschied, daß der Verlag ihm den Chefredakteurposten, an Stelle des Feuilletons, übertrug, in der sicheren Gewähr, den fähigsten Kopf an die richtige Stelle gesetzt zu haben.- Endlich nach einer langen Wartezeit erschien die krausköpfige, kleine Schwester in der Tür und bat die Herren einzutreten. - - Dr. Gutmann stand am Eingang des Krankensaales und unterhielt sich noch mit den russischen Offizieren. Sie flüsterten leise miteinander. Während sich Peter Vagas dem Chefarzt näherte, der sich sofort aus dem Kreis der Herren löste, trat der russische Major auf Manez zu und begrüßte ihn in tschechischer Sprache: Orlovsky, stellte er sich vor. Auch Manez nannte seinen Namen. Die Offiziere tauschten einen Händedruck aus und vertieften sich sogleich in ein Gespräch. Ihn leicht am Ellenbogen fassend, führte der Major den Kameraden zu den Stühlen, die der Adjutant bereithielt. Auch Dr. Gutmann deutete mit einladender Geste auf einen Stuhl an der Rückseite eines Bettes, wo Peter sich niederließ. Er selbst setzte sich ihm gegenüber. ,, Nun bin ich doch begierig, was Sie mir zu sagen haben. Jedermann weiß, daß vormittags keine Besuche erlaubt sind. Es ist unsere Dienstzeit." ,, Ihre Vorwürfe sind vollkommen berechtigt, Doktor. Ich bin selbst Arzt und pflichte Ihnen bei. Doch in meinem Falle liegen die Umstände so unglücklich, daß ich bitten möchte, die ungewöhnliche Stunde zu entschuldigen. Ich komme direkt aus Prag. Meines Freundes 24* 371 Auto steht noch unten im Park." Dann entwickelte er dem Arzt seinen Plan, Frau Bergner mit dem Auto seines Freundes nach Hamburg zu bringen. Auch erklärte er ihm in Kürze die Zusammenhänge seines späten Kommens. Der Arzt hörte geduldig zu. ,, Ich denke, Sie werden Ihre Idee von selbst aufgeben, wenn Sie die Kranke gesehen haben. Ich selbst kann meine Zustimmung nicht geben und halte Ihren Plan für ein Wagnis. Ja, für ganz aussichtslos und gefährlich." ,, Sie sprechen als Arzt, wozu Sie vollkommen berechfigt sind, aber ich habe meine Gründe, die Kranke, so schnell es irgend geht, in ihre Heimat zu bringen." ,, Gut! Wenn Sie die Verantwortung übernehmen wollen, so habe ich nichts dagegen. Doch überzeugen Sie sich erst und seien sie vorsichtig." Der Arzt schritt quer durch den Saal voran. Peter folgte. Noch hatte er sich nicht umgeblickt. Irgendein beängstigendes Gefühl hielt ihn davon ab. Aber die Köpfe der Schwerkranken mit den dreiviertel geöffneten Lidern hatte er im Vorübergehen doch bemerkt. Schliefen sie oder wachten sie? Man konnte es mit dem besten Willen nicht feststellen. So bewegungslos lagen sie in den Kissen. Dr. Gutmann führte ihn zu dem Bett am Fenster. ,, Ich bleibe in der Nähe, nun gehen Sie!" Und dann fiel sein Blick auf Kitty. Er blieb wie gebannt vor dem Bett stehen. Er sah ihr süßes Gesicht vor sich. Ihre Augen, das blonde Haar. Von vielen Kissen gestützt, saß sie aufrecht im Bett. Das Tuch war ein wenig zur Seite geglitten, so daß das Haar über der weißen Stirn sichtbar war und leuchtete. Wie fein und gerade die Nase. Tausend Einzelheiten entdeckte er plötzlich wie zum ersten Male. Die Kranke schien gleichgültig ihrer Umwelt gegen372 über, sie hielt die Hände gefaltet auf der Decke. Das kleine Kinn war tief auf die Brust gedrückt. Sie hielt die Augen gesenkt. Sie betete. Mein Gott, das war Kitty? Die blühende, reizende Frau? Er hätte sie nie wiedererkannt. Eine Faust pregte ihm das Herz zusammen. Er merkte, wie er schwankte, wie sich seine Augen weiteten und mit Tränen füllten und sein Gesicht überschwemmten. Da fühlte er sich rauh am Arm gepackt. ,, Mann, nehmen Sie sich zusammen. Die Kranke darf nichts von Ihrer Erregung merken. Wollen Sie unser bißchen Arbeit in Frage stellen? Es ist uns schwer genug geworden, sie zu erhalten. Sehen Sie sich das junge Weib an. Sie werden sie ja früher gekannt haben. Wie ein blühender Garten war sie. Und wie die Lerche in der Luft, frei heiter und immer willig. Heute ist nichts mehr davon übriggeblieben, aber wir stemmen uns alle mit aller Kraft dagegen, sie zu verlieren. Mir ist sie noch genau so viel wert in ihrer jetzigen Gestalt, das glauben Sie nur." Peter drückte dem Doktor impulsiv die Hand. ,, Haben Sie Dank, mir auch! Es war recht, daß Sie mich ermahnten." ,, Sie war meine beste Hilfe hier in Theresienstadt, gleich am Anfang in dem Sudetenkrankenhaus." - - ,, Ich weiß, es ist ja meine Braut, jedenfalls möchte ich, daß sie es bald offiziell wird." Dr. Gutmann erstaunte. Mit großen Augen sah der kleine Herr zu Peter auf.„ Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Sehen Sie, das ändert doch gewaltig die Sachlage, dann wünsche ich Ihnen natürlich das allerbeste. Nun sprechen Sie weiter mit ihr." ,, Ich möchte mein Leben für sie hingeben", sagte Peter traurig. ,, Die Hoffnung ist nicht völlig verloren, irgendein unerwartetes Ereignis eine seltene Freude-. Aber nun marsch!" 373 Er schob Peter dicht zum Fenster heran und trat dann zur Seite. Peter näherte sich vorsichtig der Versunkenen. Es stand ja so viel auf dem Spiel. Wenn er nur ruhig blieb und seine Fassung bewahrte. Bei seinem Näherkommen legte die Kranke den Finger auf den Mund. Das ist also Kitty, dachte er immer wieder schmerzvoll, als er die abgezehrte Frau betrachtete. Welch' eine Veränderung! Man ist machtlos so vielen schrecklichen Eindrücken gegenüber. " , Warte nur ein bißchen, ich rette dich schon", murmelten seine Lippen. Noch hatte er Kitty nicht angesprochen. Hatte er Angst, sie zu erschrecken? Anders hatte er sie wiedergefunden, ganz anders. Aber sie lebte, sie war da. Wieder näherte er sich ihr vorsichtig. Und wieder legte sie ihren Finger auf die Lippen, als wolle sie nicht gestört sein. ,, Kitty, Liebling!", rief er. Mit zwei Schritten war er bei ihr. Ihre Augen weiteten sich und wurden groß. Sie strahlten wie zwei kleine unwirkliche Sonnen aus dem wachsgelben Gesicht. O, Kitty! Er sah sofort, daß hier nur Gott retten konnte. Und doch klammerte er sich mit eiserner Entschlossenheit an die Worte des Arztes. Er will und er muß hoffen. ,, Peter!" antwortete sie. Der Klang ihrer Stimme schnitt ihm ins Herz. ,, Peter, bist du's wirklich?" Ein Lächeln umblühte ihren Mund. Er stürzte zu ihr ans Bett, sank davor in die Knie. ,, Kitty!" Er hielt sie im Arm. Das Wort stockte ihm im Munde. ,, Peter, du bist wirklich am Leben?" murmelten ihre Lippen. Da sank ihr Kopf in die Kissen zurück. Ihre Augen schlossen sich. 374 ,, Die Reaktion", sagte Dr. Gutmann, der jetzt neben Peter trat. ,, Ich hatte schon die Befürchtung, aber es wird vorübergehen." Der Arzt beschäftigte sich mit der Kranken. Bei ihm wirkte schon wieder der aufkommende Schmerz. Mit Aufbietung aller Kräfte stemmte er sich gegen die Schwäche. Die Kranke hatte sich wieder aufgerichtet. Peter eilte zu ihr. Aufs neue trat das Erkennen in ihre Züge. Der Arzt trat vom Bett zurück. ,, Auf alle Fälle bleibe ich in der Nähe. Sprechen Sie ruhig weiter." ,, Tag,-- Kitty", sagte er ruhig, als hätte er sie gestern verlassen ,,, wie geht es dir?" , Wo warst du so lange? Du hast mich vergessen? Alle haben sie mich vergessen!" Tränen rollten über ihre Wangen. ,, Nein, nein! Du wirst alles erfahren. Es ist eine lange Geschichte. Willst du mir nicht die Hand geben? Am Ende habe ich genug Angst ausgestanden um dich." Kitty ließ ihm ihre Hand. Sie reagiert auf alles, dachte Peter in reiner Freude. Er nahm ihre kleine, abgezehrte Hand und küßte sie. Ihr Gesicht wurde seltsam hell. Immer mehr brach die Wiedersehensfreude durch. Doch dann legte sie beide Hände vor ihr Gesicht und weinte. Peter richtete sich hoch und sah sich um. Die Gruppe der Ärzte, Manez und der Major standen in nächster Nähe. Sie sahen mit seltsamer Rührung auf die Szene. Besonders der Chefarzt Dr. Gutmann. ,, Haben Sie sie nun für sich gewonnen?" ,, Ja!" sagte Peter Vagas schlicht. , Eine tapfere Frau! Jetzt tritt eine neue Phase ein. Vielleicht wird es ihre Rettung sein. Wir müssen abwarten." 375 Peter war wieder bei der Kranken. Er hielt ihre beide Hände fest in der seinen. „So———1!“ sagte er und zog sich einen Stuhl an das Lager heran. Er sah sie immer noch mit einer Art Staunen an, das also war Kitty, die bildschöne Kitty. Und jetzt,— nicht wiederzuerkennen. Das Gesicht so klein wie seine Hand. Nur die Augen und das Haar waren noch wie einst.— Ganz gleich— es war seine Kitty und sollte es bleiben. „Du bist am Leben, wie freue ich mich, Peter!“ Peter schluckte. Etwas nahm ihm den Atem. „Als ich noch auf den Beinen war, fragt ich herum, kein Mensch konnte mir sagen, wo du geblieben warst. Ich suchte dich,— dann gab ich’s auf.“ Sie schwieg, als ob das Sprechen sie anstrengte. Deter rang nach Luft. Er befeuchtete seine trockenen Lippen. Wie schmal und zart sie vor ihm lag, wie ein Kind. „Warum kommst du erst heute?“ fragte sie wieder erstickt. „Kitty— es ging nicht anders! Es stand so viel auf dem Spiel. Ich habe aber, seit wir uns trennten, immer nur an dich gedacht. Dein Bild hat mich nie verlassen.“ Peter kniete neben ihrem Belt. Er schob seinen Arm unter ihren Rücken und drückte sie an sich. „Dr. Gutmann warnte mich, dich aufzuregen. Aber jetzt bringe ich dir eine herrliche Botschaft. Kitty, wir sind freie Menschen. Der Krieg ist beendet, alle Gefan- genen sind frei. Theresienstadt ist besetzt von den. Russen. Wir fahren alle in die Heimat.“ Peter fuhr ihr sanft über Stirn, Wange und Haar. Seine Hand wurde plötzlich naß. Kitty weinte wieder. Er nahm sein Tuch und wischte ihr das Gesicht ab. „Weine nicht! Der Geisterspuk vieler Jahre hat ein Ende 376 ,, Es sind Freudentränen", flüsterte sie, Augenblick!" - ,, welch' ein ,, Du wirst noch Schöneres hören, Kitty. Manez' Auto steht unten im Park. Er will uns beide in die Heimat fahren, vielleicht in Begleitung von Schwester Irina. Sie wird dich gesund pflegen. Gesund, wie du einst warst!" Kitty atmete tief erschöpft. Sie konnte nichts erwidern. Das Gewaltige drang zu sehr auf sie ein. Sie öffnete den Mund, sie bewegte die Lippen, doch Peter verstand nichts. Es war auch gar nicht nötig. Er hielt sie stumm im Arm und immer wieder packte ihn die große Freude des Wiedersehens. Sie fühlte um sich eine blendende Helle. Licht strömte von allen Seiten auf Kitty ein. Eine Qual ohnegleichen löste sich auf, wich. 1 Sie wurde ohnmächtig. ,, Darauf habe ich gewartet!" sagte Dr. Gutmann und trat schnell hinzu. Er beugte sich herab und untersuchte die Herztöne. Dann richtete er, sich wieder auf und trat zu Peter Vagas. Peter fühlte, wie er schwankte. Nur mühsam beherrschte er sich. Was wird er hören müssen? ,, Sie wird leben bleiben", sagte da der Arzt ruhig. ,, Das Herz funktioniert trotz der Aufregung ganz gut. ,, Aber, diese Ohnmachten?" - ,, Die Kranke ist besonders sensibel." Peter Vagas sah in das kleine Gesicht vor ihm. Nach einigen Minuten kam Kitty wieder zu sich. Sofort war er bei ihr. Er streichelte ihre Wangen immer wieder. Der Major und Manez, sowie die Assistenzärzte waren näher getreten und sahen nun auch die Veränderung, welche mit der Kranken vorgegangen war. Sie schien aus ihrer Lethargie erwacht. Dr. Gutmann rief die kleine Krausköpfige herbei und gab ihr einen Auftrag. Bald danach kam sie mit einem Tablett, auf dem 377 appetitliche Brötchen und eine Tasse mit Fleischbrühe angerichtet waren, zurück. Peter richtete sich hoch und sah auf den Arzt. Dr. Gutmann deutete auf das Tablett, welches die kleine Schwester auf den Tisch zur Seite der Kranken gestellt hatte. " , Wollen Sie nicht versuchen, Dr. Vagas, Frau Bergner, einige Stärkungsmittel zu geben? Aus Ihrer Hand wird sie sie eher und schneller nehmen, als von der Schwester. Inzwischen muß ich mich von Ihnen verabschieden, mein Dienst ruft mich. Also, auf Wiedersehen, meine Herren!" Er schritt zur Tür, kehrte aber auf halbem Wege noch einmal um. ,, Ich wollte Ihnen sagen, Doktor, Sie werden nun auch nach meiner ärztlichen Überzeugung die Reise mit der Patientin wagen können." Peter drückte Dr. Gutmanns Hand immer und immer wieder. ,, Ich bin und bleibe Ihnen mein Lebenlang zu Dank verpflichtet." ,, Rechnen Sie mir meine ärztliche Kunst nicht zu hoch an. Ich habe einen gewaltigen Verbündeten gehabt: unsern Herrgott! Ohne ihn sind wir Ärzte machtlos." Manez mischte sich in das Gespräch. , Wann denken Sie, Doktor, wird die Patientin reisefähig sein?" - ,, Wenn uns unser großer Verbündeter treu bleibt und die Kranke durch kräftige Nahrung gestärkt ist, denn meine Medizin allein vermag ihrem Körper keine genügende Stütze zu geben, so denke ich morgen abend. Doch nun, meine Herren, auf Wiedersehen später." - Der Chefarzt verließ mit seinen Assistenzärzten grüBend den Saal. Manez blieb im Gespräch bei dem Major und seinem Adjutanten stehen. Welch' ein außerordentlicher Charakter! Welche Herzensgüte!" sagte Manez bewundernd auf russisch zu dem Major. 378 Dieser nickte. ,, Und welche Arbeitsfülle ruht auf seinen Schultern", gab der russische Offizier zur Antwort. Peter Vagas hatte inzwischen die Brötchen kleingeschnitten. Als er Kitty ein Stückchen reichen wollte, wehrte sie entsetzt ab und drehte das Gesicht zur Seite. Da nahm Vagas das Brot, brach es in kleinere Stücke und schob ihr einen Bissen in den Mund. 77 , Versuche zu essen, Liebling! Sei tapfer, es muß sein! Langsam, langsam, so, nun einen Schluck Fleischbrühe." - - Immerzu würgte sie und kämpfte mit dem Erbrechen. Doch Peter ließ nicht nach. Sobald die Brösel aus ihrem Munde herausfielen, schob er sie wieder zwischen ihre Lippen. ,, Liebling, denk' an Freud, der Wille bezwingt den Körper." Schließlich sank ihr Kopf zurück. Die hinzueilende Schwester rieb ihr die Stirn mit einer stärkenden Essenz ein. Geduldig wartete Peter. Endlich schlug Kitty die Augen auf. ,, Hör' zu, Kitty! Früher hast du deine Willenskraft häufig genug bewiesen. Sie kann nicht ganz verlorengegangen sein. Nun zeige sie heute auch. Du scheinst vieles vergessen zu haben. Es ist lächerlich, es dir hier an deinem Krankenbett zu sagen und zu wiederholen: ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben. Du bist in mir, wie ich mein Herz in meiner Brust habe. Ich fahre nicht heim ohne dich. Wenn du den Willen zum Leben nicht aufbringen kannst, so werde auch ich zugrunde gehen müssen. Du mußt gesunden, denn nicht nur dein Leben, auch das meinige hängt davon ab." ,, O, Peter, ist das wahr?" flüsterte sie. 379 ,, Gewiß! Nun hilf mir, Kitty! Versuche zu essen." Sie nickte. Ihr Kopf lehnte sich an seinen Arm. Wieder schob er winzige Stückchen in ihren Mund und wartete geduldig, bis sie schlucken konnte, danach führte er die Tasse mit der Fleischbrühe an ihre Lippen. Nach geraumer Zeit hatte es Peter wirklich fertiggebracht, daß alle Brötchen verzehrt waren, und auch die Brühe getrunken war. ,, Herrlich, Kitty! Du hast mir gezeigt, daß du mich liebst. Nun bin ich guten Mutes und weiß, daß ich dich ohne Gefahr nach Hamburg bringen kann. Lebe wohl, bis morgen abend, du sollst jetzt schlafen!" Kitty ruhte mit geschlossenen Augen in den Kissen, als Peter Vagas mit dem Freunde auf Zehenspitzen den Krankensaal verließ. Fast der halbe Tag war darüber verstrichen. Hungrig, wie die Wölfe, begaben sie sich nach der Sokulovna, dem Gesellschaftshause in der Westgasse. Dorthin hatte sie der russiche Major zu einem Gesellschaftsabend eingeladen und sie dringend gebeten, daran teilzunehmen. Außerdem hatte er Manez nebst seinem Freunde ein außerordentliches Entgegenkommen gezeigt, indem er beiden in der Kommandantur Zimmer bis zu ihrer Abfahrt von Theresienstadt anweisen ließ. Über Schwester Irinas einsames Herz war die Liebe wie ein Sturmwind gekommen. Die Verlassenheit ihres Lebens war unendlich schwer gewesen. Sie hatte nicht gedacht, daß die Einsamkeit aufhören und an deren Stelle die beglückende Zweisamkeit treten würde. Nach dem Tode Sonjas schlummerte ihre Seele. Nie hatte sie geglaubt, wieder froh werden und Anteil nehmen zu können an den Freuden des Lebens. Nun hatten zwei dunkle Männeraugen sie eines bes380 seren belehrt. Sie hatten mit dem ersten Blick ihre Seele zum Erwachen gebracht. Ihr Herz schlug noch jetzt in der Erinnerung an den ersten Augenblick des schmalen, tiefgebräunten Gesichts. Seine ganze Erscheinung, seine Stimme, die Art seiner Gesten, alles liebte sie an ihm. Es hatte einen unvergeßlichen Eindruck hinterlassen. Der unbestimmte Wunsch, in seiner Nähe zu bleiben, hatte sie veranlagt, den Schwerkrankensaal nicht eher zu verlassen, als dringendste Notwendigkeit es verlangte. Sie dachte zurück an die eben verbrachte Stunde. Die Gruppe der Ärzte und Schwestern war gemeinsam mit Manez und den russischen Offizieren in die Nähe des Bettes der Frau Bergner getreten, da hatte sie sich hinzugesellt. ,, Sie ist gerettet", hatte sie Manez zugeflüstert ,,, sie kann getrost reisen." Bei ihrer Ansprache war ihm das Blut ins Gesicht geschossen. Und Peter Vagas, der sich suchend umschaute, war zu ihr getreten und hatte gefragt:„, Schwester Irina, würden Sie uns nach Hamburg begleiten und die Pflege Kitty Bergners übernehmen?" ,, Mit dem Einverständnis Dr. Gutmanns, warum nicht. Ich würde gerne mit Ihnen fahren." Peter war schnell wieder zu dem Arzt getreten. Gott sei Dank, so würde sie ja in der Nähe Josef Manez' bleiben. - - - - 1 - Manez gehörte zu den Menschen, die mit aller Festigkeit des Willens die Impulsivität verband, eine einzige bewegte Stunde zum Anstoß ihres Handelns zu machen. Als er den zähen Kampf seines Freundes Peter Vagas mit den unsichtbaren Gewalten der tückischen Krankheit mit Ungeduld verfolgt und zum glücklichen Ende geführt sah, atmete er, wie von einer Last befreit, 381 auf. Denn er war es damals gewesen, der ihn von einem Abschied von Kitty Bergner zurückhielt und sie dann in die quälendste Unruhe stieß. Nun fühlte er sich frei, frei von Selbstvorwürfen. Aus diesem Hochgefühl heraus war er mehr denn je geneigt, sich den köstlichen Empfindungen eines neuen Lebenswillens völlig hinzugeben. Während des Gesprächs mit dem Major hatte er nicht einen Moment seine Blicke von der imposanten Erscheinung Schwester Irinas abgewandt. Welch' eine schöne Frau, trotz der schmucklosen Schwesterntracht. Welche Haltung! Sie stand da in ihrem schwarzen Kleide, mit dem weiBen Kittel darüber und der weißen Haube auf den hochfrisierten schwarzen Locken, wie eine Königin. Er wußte keinen anderen Vergleich. Ein paar Augenblicke später hatten sie gemeinsam am Bette der Frau Bergner gestanden. Diese Minute hatte genügt, die suchende Stimme seines Innern zur hellen Flamme des Herzens zu entfachen. Eros, der Gott der Liebe und ewige Erneuerer des Menschengeschlechts hatte seinen Pfeil auf ihn abgeschossen und ihn mitten ins Herz getroffen. Auch sie wollte ihm nahe sein. Mit dem Instinkt des Mannes wußte er, daß es sie zu ihm trieb. O, wunderbare Schickung! Sollte er wirklich an ein persönliches Glück denken dürfen? Aber mitten in dem befreienden Gefühl überkam ihn der Schreck, daß alles nur Einbildung sein könne und auf der Wirkung des Frühlings beruhe. Er erinnerte sich seiner Primanerzeit, wo er von einem Mädchen, dem er sich auch so schnell zu nähern gewagt hatte, ausgelacht wurde. Ging's ihm heute vielleicht ähnlich so?! Aber Gewißheit mußte er haben. Er schalt sich einen Feigling. Wahrlich, es wäre ihm leichter gewesen, im 382 Kampf von Mann zu Mann zu stehen, als dieser födlichen Ungewißheit ausgesetzt zu sein. Ob er nochmals hinunterginge ins Hohenelbe- Krankenhaus und sie einfach fragte? Offen sprach er mit Peter Vagas auf dem Nachhausewege darüber und erkundigte sich nach seiner Meinung. Peter lachte. ,, Lerne ich dich von dieser Seite auch einmal kennen, Josef? Du befragst mich, du, der sichere Beurteiler von Menschen und Dingen?" ,, Meinst du, Peter, daß Schwester Irina mich trocknen Gesellen nehmen wird? Einen armen Journalisten?" ,, Soll ich etwa für dich den Brautwerber machen? Ich habe genug an meiner eigenen Werbung gehabt. Eine Feuerlaufe! Das besorge bitte selbst!" ,, Ich fürchte nur, Irina wird in der kurzen Zeit noch nicht tief genug für mich empfinden können." ,, In schwierigen Situationen wird sie bestimmt die richtige Erkenntnis besitzen. Darauf kannst du dich schon verlassen." Als die Herren die Kommandantur betraten, läutete das Telephon. Hier waren Fernsprecher. - Manez schlug sich vor den Kopf. Daß er nicht früher auf den guten Gedanken gekommen war zu telefonieren. Er ging zum Schreibtisch, nahm den Hörer von der Gabel und nannte die Nummer des Hohenelbe- Krankenhauses. Sein Herz klopfte. Am andern Ende der Leitung meldete sich eine Stimme. ,, Jawohl, Schwester Irina möchte ich sprechen." Schritte näherten sich, dann hörte er ihre erstaunte Frage. ,, Ich werde angerufen, - so spät-?" Und dann kam sie selbst an den Apparat. ,, Hier Schwester Irina, wer ist da, bitte?!" 383 ,, Manez! Hätten Sie wohl eine Viertelstunde Zeit für mich übrig?" Er hörte ihr erregtes, kurzes Almen. ,, Sie überraschen mich, Herr Oberleutnant! Ich weiß nicht, wie ich es einrichten soll. Der Dienst ruft mich, Nachtdienst." - ,, Das schadet ja nichts", flehte er.„, Machen Sie mir doch die Freude, bitte!" ,, Ich weiß nicht, ob es gehen wird." Einige Minuten später standen sie sich auf dem zugigen Korridor gegenüber. Ihre Blicke ruhten ineinander. Wie von einer magischen Gewalt angezogen sahen sie sich an und gingen aufeinander zu. Sie sagten gar nichts, sahen sich immer nur an. Das Bewußtsein ihrer Zuneigung prägte sich deutlich auf ihren Gesichtern aus. Es wurde beiden zur Gewißheit. Manez zog Irina zum Fenster dicht an seine Seite, dort legte er den Arm um ihre Schultern und flüsterte. ,, Irina, nie hätte ich gedacht, daß mir der Himmel ein solches Glück bescheren würde. Ich gehöre mir nicht mehr an. Alles, was ich bin und habe, ist in dir. Ich bin an dich gebunden." Darauf zog er sie fest in seine Arme. Ihr Kopf lehnte sich an seine Brust. ,, Dann nimm mich als dein Eigentum hin, Liebster, um zu deinem Recht zu gelangen." ,, Bist du auch stark genug, meine Geliebte, den einsamen Weg der Entbehrungen und Hindernisse aller Art mit mir zu gehen, bis es mir glückt, eine sichere Existenz zu gründen?" ,, Du bist mein Glück, mag das Leben mit dir mühsam oder leicht sein, das gilt mir gleich." ,, Hab' Dank, Irina! Es können aber Jahre vergehen, ehe ich dir ein gutes Leben schaffen kann, wie du es verdienst. Bedenke es wohl. Ich bin ein armer Journalist." 384 Statt aller Antwort nahm sie seinen Kopf in beide Hände und küßte ihn innig auf den Mund." - - - - Peter Vagas verbrachte den folgenden Tag bis zur Abreise allein, während Manez nicht von der Seite Irinas wich. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von ihrer Verbindung mit dem tschechischen Offizier im Krankenhaus verbreitet. Dr. Gutmann war nicht wenig erstaunt, als Irina zu ihm hereinkam und ihm persönlich ihre Verlobung mit Manez mitteilte. " Wir werden Ihnen Ihren aufopfernden Dienst hier im Krankenhause nie vergessen, und was Sie mir persönlich gewesen sind, kann kein Dank abfragen. Werden Sie glücklich!" In der kühlen Abendluft stand das Auto Manez'. Ein großes, geschlossenes Tourenauto. Als der Abend nahte, waren alle Vorbereitungen beendet und alle Beteiligten zur Abfahrt gerüstet. Das Lager in den Polstern des Wagens, in das Kitty gebettet werden sollte, war auf das sorgfältigste hergerichtet. Es fehlten weder die Wärmeflaschen noch die notwendigen Medikamente und kräftigenden Nahrungsmittel, um eine gefahrlose Reise für die Kranke zu gewährleisten. An alles hatte Dr. Gutmann gedacht. Selbst an das Schreibheft, welches man damals zwischen den Kissen der Kranken fand. Er übergab Peter die Papiere, dazu ein Kuvert, worin er die genaue Krankengeschichte von der Einlieferung der Patientin bis zum heutigen Tage aufgeschrieben hatte. ,, Nehmen Sie das Kuvert, es ist für den Kollegen in Hamburg bestimmt zum genaueren Verständnis der Krankheit. Ihnen übergebe ich auch das Buch, Doktor, welches die Kranke immer mit sich geführt hatte. Wir fanden es eingenäht in ihrem Kopfkissen. Sie haben ein Anrecht darauf. Bewahren Sie es für Frau Bergner." 25 Philipp, Die Todgeweihten 385 Peter Vagas nahm das Heft, auf dessen erster Seite zu lesen stand: Kittys Aufzeichnungen. Peter hatte die federleichte Kranke selber die Treppe hinuntergetragen und sie dann mit Hilfe Schwester Irinas auf das vorbereitete Lager gebettet. Währenddessen hatten hilfsbereite junge Schwestern die wenigen Habseligkeiten Kitty Bergners im Wagen verstaut. Peter beugte sich über die Kranke. Sie schlummerte. Dr. Gutmann fand eine Bromtablette für angebracht, um die Unruhe der Abreise zu überbrücken. Immer wieder pregte Vagas des Arztes Hand und fand nicht genug Worte des Dankes. ,, Sind Sie jetzt beruhigt", fragte dieser mit tiefer Stimme ,,, ist nun alles gut?" Peter atmete tief auf. ,, Mir erscheint es wie ein Wunder, daß ich jetzt mit meiner Kitty in die Heimat fahre, und daß nur noch - die Erinnerung an Theresienstadt und an unsere Toten zurückbleibt." Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. ,, Dieses Glück,- ich fasse es immer noch nicht." ,, Und doch ist es Wahrheit!" sagte Dr. Gutmann. ,, Aber ein Wunder, fast unfaßbar, daß gerade wir dieser Hölle entronnen sind, wo doch so viele unschuldige, wertvolle Menschen sterben mußten." Schwester Irina, die in der Nähe stand, wandte sich bewegt ab. ,, Sonja", murmelten ihre Lippen. ,, Und daß Kitty am Leben blieb, verdanke ich Ihnen, Dr. Gutmann, aber auch Ihnen, liebe Schwester Irina!" Er führte ihre Hand an seine Lippen. ,, Kitty ist mir wie eine Tochter. Alle meine Lieben sind tot. Sonja, Magdalene,--." Manez hatte die Scheinwerfer seines Autos angestellt und dann die Wagentür geöffnet. Er setzte sich ans Steuer. Auch die Reisenden nahmen Platz. Der Lichtschein warf sich in den von alten Bäumen begrenzten 386 Weg, während die Gipfel und Zweige der Baumreihen links und rechts des Fahrweges sich wie ein Baldachin darüber wölbten. Peter hatte noch einmal seinen Kopf durch das Fenster der Wagentür gesteckt und mit dem Taschentuch gewinkt. Der Wagen schoß schnell vorwärts und fuhr durch das Tor der Ausfahrt in die Dunkelheit hinaus auf die Fahrstraße. Die Scheinwerfer übergossen die Straßen und Wege mit blendender Helle. Als der Wagen durch Theresienstadt fuhr, brannten überall in den Häusern Lichter. Radiomusik ertönte in den Straßen. Menschen wandelten gemächlich umher, es schien, als ob sie keinen Schlaf brauchten. Peter ergriff Schwester Irinas Hand. ,, Mir konnte keine größere Freude widerfahren, Schwester Irina, als daß Sie mit uns kommen. Wie danke ich Ihnen." ,, Nun, ein wenig Egoismus ist doch dabei. Sehen Sie, dort am Steuer sitzt ein kräftiger Magnet, der mich jetzt nie mehr losläßt. Aber in Ihnen lebt immer noch eine geheime Angst, es könnte ein Umschwung zum Schlechteren eintreten. Habe ich nicht recht?" Peter nickte. ,, Seien Sie doch zuversichtlicher!" ,, Ich werde mir Mühe geben. Eine bessere Hand zur Pflege meiner Kitty als die Ihrige wüßte ich nicht." Unaufhaltsam fuhr der Wagen durch die Nacht. An dem Sudetengebirge, Dörfern, Wiesen und Ackern vorbei. Weiter nach Leitmeritz ging die Fahrt, nach der alten Bischofstadt. Auch diese kleine Stadt war bald überholt. In der Ferne schien ein Gewitter aufzuziehen. Donner grollten. Blitze erhellten von Zeit zu Zeit die dunklen Kronen der Wälder und ließen auch die Landstraße, über die der Wagen fuhr, aufleuchten. Das weiße Band der 25* 387 Scheinwerfer durchdrang alle Winkel und Gassen des Weges. Nun half es nichts. Es mußte eine Unterbrechung der Fahrt gemacht werden. Während eines Gewitters durfte die Kranke nicht unterwegs sein. ,, Wir werden in Bodenbach Aufenthalt nehmen", erklärte Manez vom Steuer her. Peter setzte sich zu ihm. ,, Meinst du, daß du es schaffen wirst bis dahin?" ,, Reichlich! Das Gewitter ist noch nicht über uns." Schwarze Wetterwolken zogen über den nächtlichen Himmel dahin. Aber noch war kein Tropfen gefallen. Manez beschleunigte das Tempo. Er hatte das Steuer fest in der Hand, und mit erhöhter Geschwindigkeit legte das Auto Strecke auf Strecke zurück. Draußen in der lautlosen Nacht ragten die Silhouetten der Kirchtürme und Zinnen der vorbeigleitenden Dörfer und Flecken auf. Immer schneller ging die Fahrt, durch alte Stadttore, Gassen und Plätze, auf Bodenbach zu. Endlich war Bodenbach erreicht, wo Station gemacht werden sollte. In dem großen Gasthofe, welches unmittelbar an der Grenze der Elbmündung, zwischen Sachsen und der Tschechoslowakei lag, brannte noch Licht. Die Ankömmlinge atmeten befreit auf. Manez, als Ortskundiger, bat seine Begleitung zu warten, bis er den Wirt gesprochen hätte. Nur kurze Zeit verging, als auch schon, trotz der späten Abendstunde, der Portier mit dem Hausdiener erschien und für die Unterkunft der Gäste Sorge trug. Während Peter Kitty, die fest schlief, aufhob und ins Gasthaus die Treppen hinauftrug, hatte Manez Irina beim Aussteigen geholfen, und beide folgten langsam dem Voranschreitenden. Der Wagen wurde abgeschlossen und in die Garage geschoben. Peter trat ins Zimmer und legte Kitty vorsichtig aufs Bett nieder. Immer war er in der Sorge, sie könne auf388 wachen. Alles weitere besorgte die eintretende Schwester Irina. Die Nachtluff strich herein und bewegte die blühenden Zweige des Apfelbaumes, so daß diese durch das geöffnete Fenster schwankten. Er ging hin, schloß das Fenster und verließ darauf auf Zehenspitzen das Zimmer. - - Am andern Morgen frat Peter vor Kittys Bett und sah in ihre weitgeöffneten, erstaunten Augen, die voller Fragen ihn anblickten. " , Wo bin ich?" ,, In Bodenbach, Kitty. Wir sind gestern abend von Theresienstadt abgefahren. Dr. Gutmann läßt dir noch eine glückliche Heimkehr wünschen und volle Gesundheit." ,, Habe ich denn so lange geschlafen?" ,, Einfach großartig!" bestätigte Peter, dann setzte er sich zu Kitty ans Bett und sah in ihr ungläubiges Gesicht. Jetzt öffnete sich die Tür. ,, Sieh dich um, Kitty, wer dort hereinkommt." Kitty richtete sich hoch. Freude verklärte ihr Gesicht. ,, Schwester Irina, Sie sind mit uns gefahren?" ,, Es wird eine kurze Freude sein, Kitty. Schwester Irina wird uns leider bald wieder verlassen müssen. Sie hat sich verlobt!" ,, O, ich wünsche Ihnen Glück!" Schwester Irina setzte sich zu Kitty. Die Frauen reichten sich die Hände. Es klopfte. Das Zimmermädchen brachte das Frühstück. Wieder war es Peter, der mit Argusaugen darüber wachte, daß Kitty mindestens zwei Schnitten Brot aß. Noch immer kostete es ihr die größte Anstrengung zu 389 essen. Nach dem Frühstück bekam sie die von Dr. Gut- mann mitgegebene Medizin.$ Wieder sank ihr Kopf in die Kissen zurück, und sie schloß die Augen. In der Nacht war ein schweres Gewitter vorüber- gezogen. Der Regen prasselte hernieder. Aber nur kurze Zeit, dann hatte er aufgehört. Vagas und Manez hatten sich das imposante Schau- spiel des Himmels von ihrem Fenster aus betrachtet. Es sah wunderbar aus, wenn die Blitze wie feurige Schlangen am nachtschwarzen Horizont entlangzüngel- ten. Die Elbe floß tiefblau und geheimnisvoll zwischen den Ufern an hohen Felsen und den saftig, grünen Wie- sen vorüber. Es war ein Böcklinsches Bild, wie es schöner nicht gedacht werden konnte. An der einen Seite der Ufer stieg schroff aus dem Wasser der Elbe die hundert Meter hohe Schäferwand empor. Nach dem Gewitterregen strömte aus der Erde ein kräftiger Erdgeruch und erfüllte die Luft ganz wunder- bar. Ein neuer Tag brach an und schenkte allen glück- hafte Stunden. Nachdem der Wagen hervorgeholt, das Gepäck ver- staut und Kitty geborgen, immer noch im Schlummer ruhend, wieder an ihrem alten Platz lag, die Gäste von den freundlichen Wirtsleuten Abschied genommen und sich für die gute Aufnahme bedankt hatten, ging die Fahrt weiter. Die Richtung war direkt auf Dresden ein- gestellt. Jetzt waren sie auf deutschem Boden. Hingerissen von den überwältigenden, schönen Ein- drücken des lieblichen Bodenbachtales waren die Auto- insassen. Immer neue Überraschungen an wechselvollen Bildern brachte die Szenerie. Unvergeßlich war der An- blick der Burgruinen und der verfallenen Schlösser auf der sich längs der Elbe hinziehenden Schäferwand. Von 390 den Höhen der Bergkuppen schauten die Burgruinen als Zeichen der Vergangenheit ins Land. Klöster tauchten hier und da auf. Noch eine Stunde Fahrt, dann würde Dresden in Sicht sein. Peter fühlte eine Angst; bis jetzt hatte er die Verwüstungen des Krieges noch nicht wahrnehmen können. Das flache Land wurde ja von Bombenüberfällen verschont. Dresden, die Hauptstadt Sachsens, die schönste Kunststadt Deutschlands, war erreicht. Zwar befanden sie sich noch in den Vororten, aber schon meldeten sich hie und da zerstörte Häuser und Brücken. Und dann kam Dresden, die Innenstadt. O Jammer über Jammer, welch' einen Anblick der Zerstörung bot diese schöne Stadt. Nach den vorangegangenen herrlichen Eindrücken war der Kontrast in seiner Schärfe überwältigend. Peter stockte das Herz. Tränen verdunkelten seine Blicke. Er mußte sich abwenden, damit Manez seine tiefe Bewegung nicht bemerkte. Dieser konnte sich kaum einen sicheren Weg durch die vielen Trümmer bahnen. Und nur seiner festen Hand war es zu danken, wenn das Auto ohne Unfall die Notbrücken passierte. Schon lange war man an weiblichen russischen Posten vorbeigekommen. Mit zwei roten Fahnen bewaffnet gaben sie ihre Signale zum Halten. An jeder StraBenkreuzung tauchte diese weibliche russische MilitärIwache auf. Nun hatte die schnelle Fahrt ein Ende. Immer wieder mußte Manez, durch die roten Signale gezwungen, haltmachen. Aber es genügte das Vorzeigen seiner Papiere, um durchgelassen zu werden. Die provisorischen Brücken waren häufig nur improvisierte Machwerke von über das Wasser gelegten, von Kahn zu Kahn reichenden Brettern. Schwankend, zentimeterweise schob sich das Auto vorwärts. Das Wasser unter den Rädern gluckste und wehrte sich ob der ungewohnten Last. Peter hatte die Zeit nicht abwarten können, wo die 391 herrliche Kunststadt vor ihm liegen würde. Und jetzt das Entsetzen, die grenzenlose Trauer. - Überall Schutt, Erdhaufen, - Trümmer. Dazwischen wandern die Einheimischen; wie Schemen, so unwirklich erschienen die Gestalten. Er hörte ihren heimatlichen Dialekt. Sie gingen, standen in Gruppen und hatten den Schrekken schon hinter sich. Bald mußte ein flaches Wasser durchfahren werden. Peter merkte, wie Tränen seine Wangen netzten. Er mußte an Kitty denken, an sie, die so deutsch fühlte, wie schwer wird sie noch leiden müssen beim Anblick der verwüsteten Städte. Mit Bangen fragte er sich, wie Hamburg wohl aussehen würde? In allen größeren Städten, die sie durchfuhren, waren ähnliche schauerliche Bilder wahrzunehmen. Gesprengte Brücken, ausgebombte Häuser, verfallene Kirchen. Immer mehr enthüllte sich ihm das furchtbare Schicksal Deutschlands und rief die tiefste Trauer in ihm wach. Überall, wohin jetzt die Fahrt ging, reckten sich die Häuserruinen anklagend zum Himmel empor. Ganze Straßenzüge, ja ganze Stadtviertel waren niedergelegt und boten ein Trümmerfeld. Seine Freude auf das Wiedersehen mit seiner Heimat war im Schwinden. Nach etlichen Stunden Fahrt wurde wieder eine Ruhepause eingeschoben. Fahrer und Reisende hatten das Bedürfnis nach Erholung, ganz abgesehen von der Kranken, die ihre besondere Pflege haben mußte. Manez hielt vor einem größeren Gebäude des Roten Kreuzes, wo zwei russische Soldaten vor dem Eingang Wache hielten. Er ließ sich von der Wache melden, darauf erschien eine Krankenschwester, und diese geleitete die Ankömmlinge in ein großes Zimmer, wo mehrere Betten zur Aufnahme für die Nacht standen. Nachdem das gemeinsame Abendessen vorüber war, 392 traten Manez und Irina einen Spaziergang in das Städtchen an. Peter übergab Manez die Depesche an Meinau in Hamburg, seinen Hausverwalter, damit dieser rechtzeitig von ihrer Ankunft in Kenntnis gesetzt werde. Morgens vier Uhr jubilierten die Vögel. Durch die geöffneten Fenster schmetterten sie ihre Töne und weckten die Schlummernden auf. Manez und Vagas sprangen aus dem Bett und eilten ins nahe gelegene Badezimmer. Schwester Irinas Gedanken waren sofort in Sorge um die Kranke. Kitty war sehr schwach und lag mit geschlossenen Augen. Das Fieber stieg und fiel wieder, doch wich es nicht. Bleich, mit erhöhtem Puls zwang sie sich zu jeder Bewegung, folgte aber geduldig der Schwester Weisungen. Das Erbrechen hatte sich eingestellt, und sie klagte über den stechenden Kopfschmerz. Später trat Peter an ihr Bett. Sofort verklärte ein Lächeln ihr Antlitz. Seine geflüsterten Liebesworte, seine zärtlichen Blicke waren für sie das beste Heilmittel. Fast immer schlief die Kranke. Wenn Peter sich zu ihr setzte, so war es, als ob seines Herzens strahlende Kräfte auf sie überströmten, um so tiefer, fester und länger schlief sie dann, und um so größer schien die Erholung, die ihr mit der tiefen Ruhe kam. Doch die Fieberanfälle mehrten sich trotz der Medizin Dr. Gutmanns, dadurch lebte Peter fortwährend in Angst. Er forschte in den Augen Schwester Irinas, ob das Leiden Fortschritte machen würde in seiner hinterhältigen und fückischen Art. Und ob die Krankheit weiter ihr Zerstörungswerk in dem schwachen Körper verrichten würde. Aber Schwester Irina schwieg hartnäckig. Sie wollte seine Sorge nicht vermehren, hätte er jedoch ihre Blicke aufgefangen, mit denen sie auf die Kranke schaute, so wäre er erschüttert gewesen über ihre eigene Angst. 393 Die Nacht verstrich ruhig. Wieviel er sich auch sorgte und mit bangen Zweifeln die Fragen der Zukunft zu entwirren suchte, die Hoffnung verließ ihn nie. Kitty mußte genesen, das stand als Gewißheit in seinem Herzen fest. Diese Zuversicht schöpfte er aus seinen Gebeten zu Gott. Die letzten Jahre in Theresienstadt, in engster Gemeinschaft mit dem religiösen Hans Anthony lebend, hatten ihn das Beten gelehrt und ihm eine tiefe, religiöse Ethik gegeben. Bevor die Weiterreise erfolgte, wollte Peter gern, daß Kitty trotz der frühen Morgenstunde etwas genießen sollte. In der Küche war schon ein lebhafter Betrieb. Es gelang Schwester Irina durch ihre gewinnende, hausfrauliche Tüchtigkeit, das Gewünschte zu erhalten. Sie half dem Mädchen das Frühstück zubereiten. Kochte Eier, Milch, und bald saß die kleine Reisegesellschaft um den schnell gedeckten Kaffeetisch. ,, Wonach hast du Verlangen, Kitty?" fragte Peter Vagas. " , Wünsche habe ich nicht, doch wenn du einen Augenblick zu mir kommen möchtest, werde ich essen, was du mir gibst." Peter stand vom Tisch auf und setzte sich zu ihr auf den Bettrand. Vorher beugte er sich nieder, drückte seine Lippen auf ihre Stirn und fragte, wie sie geschlafen habe. Dann reichte er ihr, wie er es jetzt seit Tagen gewohnt war, kleine Stückchen Brot, daneben einige Löffel von den ins Glas geschlagenen, weichgekochten Eiern. Schluckweise folgte die Milch. Wie ein Vögelchen wurde sie gefüttert, danach setzte sich Peter an den Tisch und frühstückte mit den andern. Aus seiner großen Liebe heraus schöpfte Kitty immer wieder neue Kräfte. Die unsichtbare Lichtquelle überflutete ihr ganzes Innere und suchte die dämonischen Zersetzungsgeister ihrer Krankheit zu bannen. 394 Kitty wußte trotz ihrer unsagbaren Schwäche, wie tief sich Peter quälte, daß sie so krank war, und wie er sich mühte, sie zu bessern. Die hilfsbereite und tatkräftige Hand Irinas tat auch wohl und gab ihr Sicherheit, aber von Peter strömte alles Leben zu ihr herüber. Seine Hände besaßen Heilkraft. Seine tief religiöse Menschlichkeit gab ihr Trost und Stärkung, so daß sie anfing, an eine Besserung zu glauben. Nie saß sie mehr aufrecht im Bett und betete, sondern sie lag gestreckt und schlief meistens. ,, Peter", hatte sie ihm vertraut ,,, seitdem du mich geistig aufwecktest, habe ich kein Bedürfnis mehr, anhaltend zu beten. Mein Körper hat an Festigkeit gewonnen." ,, Dank dem Himmel, daß es mir glückte, meine Kitty." ,, Ich weiß nicht, warum ich es tat. Aber ich denke, die Seele wollte zu Gott, weil der Körper zu schwach ward." ,, Grüble nicht darüber nach, meine Herzenskitty, sondern schlummere, damit du gesund wirst." Peter nahm sie in seine Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und küßte sie innig. ,, Sei tapfer, Liebling, banne alle trüben Gedanken, laß das Licht, was uns die Natur schenkt, auch durch dein Inneres strömen. Bewahre dir aber die Kraft deines Gebetes, denn ohne Gott vermögen wir Menschen nichts." Er strich ihr sanft über Stirn und Wangen. Kitty atmete ruhig und schloß die Augen. Peter sah an Kittys Anstrengungen in den schmerzhaften Augenblicken, wie sie ihr Leiden zu unterdrükken suchte. Dann bebte sein Herz und er litt mit ihr. Wenn die Anfälle kamen und sie stoßweise atmete, dann ersehnte er nichts als schnellste Heimkehr. Und wenn Schwester Irina mit den ärztlichen Mitteln versuchte, die Schmerzen zu lindern, war er hernach selbst so erschüttert, als hätte er den Schmerz überstanden. Sollte sie doch im Schatten des Todes stehen? Und 395 angstvoll forschend beobachtete er sie unausgesetzt heimlich. Am frühen Morgen ging die Fahrt weiter. Sie fuhren durch Städte und Dörfer und passierten ohne große Schwierigkeit die russische Grenze. An einem kleinen Waldort gelangten sie in die englische Zone. Es war gegen Mittag. Die Sonne brannte. Eine Erfrischung tat gut. Manez ließ den Wagen am Wege stehen und trat mit Peter in eine gemütliche Bauernwirtsstube ein. In dem weltabgelegenen, kleinen Gasthof erhielten sie schön bestrichene Butterbrote mit Wurst und Speck belegt und einige Flaschen Bier nebst Milch für Kitty. Nach dem Imbiß wurden die Zigaretten hervorgeholt, und dann genoß man die wundervolle, tiefe Waldesruhe. Schwester Irina wollte bei Kitty bleiben, so lagerten sich die beiden Freunde ausgestreckt auf dem Moosboden unter hohen Tannen. Es wurde noch eine kurze Siesta gehalten und dann geplaudert. Die Waldesstille war köstlich. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Viele Kilometer weit dehnte sich die einsame Landstraße vor ihnen aus. Vogelgesang und Kuckucksrufe wechselten miteinander ab und unterbrachen mitunter die Ruhe. Der Sonnenschein warf goldene Münzen durch die dichten, grünen Wipfel. Sie lagen greifbar nahe vor ihnen auf dem Waldboden. Heilige Stille! Wie das wohltat, Leib und Seele erquickte. Ganz allmählich, unmerklich, wurden die Gedanken, die ein jeder hatte, laut. Sie sprachen sie aus, wie sie ja immer gewohnt waren, ihre Meinungen offen miteinander auszutauschen. Viele unausgesprochene Fragen standen noch zwischen ihnen. 396 Nie versuchte Peter seine Sympathie für Manez zu verhehlen. Ohne ihn und seine Tatkraft wäre er verloren gewesen, auch Kitty. Sie alle miteinander. Er staunte off selbst darüber. Manez war ein Tscheche, den er liebte. Und sein Urteil über das tschechische Volk hatte er seit langem revidiert. Er war ein typischer Vertreter seiner Rasse und ein Jude. Also liebte er sowohl die Tschechen wie die Juden. Sie hatten beide die Charaktereigenschaften, die er am höchsten stellte: wahres Menschentum. Aus diesem Gedankengang heraus sprach er. ,, Liebster Freund, du bist den Deutschen im Grunde deiner Seele feind. Ich weiß es! Die furchtbaren Eindrücke deines Auschwitzer Erlebnisses haben dich nie mehr verlassen und begünstigen dein abfälliges Urteil über das deutsche Volk. Aber vergiß nicht, auch ich bin Deutscher, und zwar mit Blut und Herz, In mir siehst du einen Teil des deutschen Volkes, wie ich in dir das tschechische sehe. Das deutsche Volk ist gänzlich unschuldig an allen Greueln ihrer Mordregierung. So wie ich dir rein ins Auge schauen kann, ohne erröten zu müssen, so wiederum stehen Männer und Frauen im Herzen Europas und klagen das Schicksal an, das ihnen eine ungeheure Gewissensschuld aufbürden will, weil eine Verbrecherregierung ihr Volksvertrauen durch Lügen und List erschlichen hatte. In blindem Glauben an die Rechtschaffenheit und Erhabenheit ihres Staatsoberhauptes, dessen eiskalte Berechnungen und geheime Wege zu den vielen Verbrechen es weder ahnen noch wissen konnte, hatte es ihm durch seine Wahlstimmen die Bahn zu seinem Verbrechen freigegeben. -- So schlimm nun die furchtbaren Lehren unserer Gefangenschaft und die damit verbundenen Auswirkungen auch sein mögen, ein Gutes, und zwar ein unersetzlich Gutes, haben sie uns gebracht: die Annäherung der verschiedenen Volksseelen untereinander." 397 Manez horchte auf. Er richtete sich in die Höhe und schaute seinem Gegenüber in die Augen. ,, Du fürchtest die Meinung der Welt, die durch die Aufklärung meiner Berichte wachgerüttelt werden soll! Sage mir, Peter, wo bliebe die Gerechtigkeit, wenn nicht alle diese furchtbaren Untaten der deutschen Meuchelmörder, die mit den Völkern Europas va banque gespielt haben, ihre Sühne fände?! Soll meine Feder die einzige sein, die schweigt, während in den Blättern aller ausländischen Zeitungen spaltenlange Berichte stehen? Muß ich nicht als Chefredakteur einer großen Tageszeitung alle persönlichen Empfindungen zurückstellen, der Weltlage Rechnung tragen? Nein, Peter, ich denke, du bist klug genug, um das einzusehen. Sie alle, die den Tod der vielen Millionen auf ihr Gewissen luden, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Das große Weltgericht, der Nürnberger Prozeß, wird bald tagen. Es wird ein gewaltiger Apparat aufgeboten werden, wo an Hand der aufgefundenen und beschlagnahmten Urkunden, Dokumente und Briefe, die in erdrückender Fülle gefunden wurden, Anklage erhoben werden soll von den Vertretern der vier Großmächte. Dazu, Peter, sind wir berufen, unsere Meinungen und Kommentare zu liefern. Ein Weltgeschehen wird sich in bälde vollziehen, welches sich dem Ausmaß der gewaltigen Verbrechen anpakt und das ganze Netz der Lügen, List und Betruge des Hitler- Systems bloẞlegt." " 7 , Willst du denn dem ganzen deutschen Volke eine Kollektivschuld beimessen?" ,, Peter, so wie Hitler samt seinen Ministern und Generälen in ihrer gemeinsamen Planung die Verbrechen besprochen und vollführt haben, so gleichmäßig schuldig ist auch das Volk bis hinunter zum Hitlerjungen. In meinen Augen eine einzige Räuberbande!" Peter sprang in die Höhe, zornrot im Gesicht. ,, Du bist härter und ungerechter, als ich gedacht habe. 398 Ich sehe schon, meine Freundschaft gilt dir wenig! Das deutsche Volk ist in einen Abgrund von Unglück und Leid gestürzt. Diese unmenschlichen Henker haben auch kein Erbarmen mit ihren eigenen Leuten gehabt. Im Namen der ergreifenden Not Millionen unschuldiger Menschen mußt du dein Urteil revidieren. Eine Kollektivschuld des deutschen Volkes besteht keineswegs. Das bedenke wohl!" ,, Peter, Peter, hast du die Gaskammern vergessen mit den Bergen von Leichen, vier Millionen allein in Auschwitz, die Gesamtzahl soll 20 Millionen Menschen betragen, die vernichtet worden sind. Hast du die Lampenschirme aus Menschenhaut, die Kälteexperimente, das Ausbrechen der Goldzähne bei den Leichen, die Millionen von Säcken mit Frauenhaaren vergessen? Endlos sind die Aufzählungen der einzelnen Verbrechen. Die Gesamtsumme macht einen Teufel schaudern. Er wird sich sagen, dagegen bin ich ein Stümper." Vagas und Manez waren schon lange hin und her gegangen bei ihrer allzu lebhaften Debatte. ,, Ich denke nicht, Peter, daß unsere Freundschaft, die sich auf ein beiderseitiges Werturteil gründet, jemals durch meine politische Stellung ins Wanken geraten noch aufhören könnte. Von meiner Seite jedenfalls nicht." Er drückte ihm die Hand und sah ihm ernst und bezwingend in die Augen. Schweigend gingen sie auf und nieder. Leise rauschten die Baumgipfel. Da hörte Peter deutlich seinen Namen rufen: ,, Peter, Peter!" Erschrocken wandte er sich um. Niemand war zu sehen. Einsam und leer in der mittäglichen Sonne lag die Landstraße. ,, Man hat mich gerufen, Manez, ich komme gleich wieder!" 399 Er übersprang mit einem Satz den Graben, trat auf den Landweg und näherte sich dem Auto, da kam ihm Schwester Irina entgegen. " 7 , Was ist, haben Sie mich gerufen?" ,, Nein!" erwiderte sie erstaunt ,,, ich habe Sie nicht gerufen, aber ich wollte zu Ihnen." " " Warum? Ist etwas mit Kitty geschehen?" , Wie Sie sich gleich aufregen, Herr Doktor!" Er öffnete die Wagentür und betrat das Auto. Kitty lag mit geschlossenen Augen und schien zu schlafen. Er sah auf ihr liebliches Gesicht, das ein wenig an Farbe gewonnen hatte. Da schlug sie die Augen auf und sah ihn groß an. ,, Meine Kitty, sieh hinaus, wir sind nicht weit von Hamburg. Du wirst deine Geschwister wiedersehen, for Gebhard " DokKitty richtete sich etwas in die Höhe, angstvoll wurde ihr Blick. ,, Und du? Du bleibst doch bei mir?" - ,, Ich bleibe immer bei dir, wenn du es wünschest-, bis in die Ewigkeit." ,, Bis in- die Ewigkeit.“ - Ihre Augen schlossen sich wieder. ,, Kitty!" Angstlich beugte sich Peter über die Ruhende. Sie blieb jetzt stumm. Er richtete sich auf, sein Herz klopfte. Schon wieder befiel ihn eine furchtbare Angst. Er spürte eine eisige Hand am Herzen. Warum sprach die Kranke nicht? Hilfesuchend sah er sich um. Manez und Irina waren ihm gefolgt und standen hinfer ihm. ,, Schwester Irina", stöhnte Peter. Seine Knie versagten. Er mußte sich setzen. " Was ist denn?" fragte ruhig Schwester Irina. Peter konnte nicht sprechen und wies auf die Kranke. 400 Irina beugte sich über Kitty und richtete sich darauf mit einem schnellen Ruck empor. ,, Gott sei Dank", rief sie aufatmend aus ,,, sie schwitzt! Ja, wahrhaftig, sie schwitzt stark!" Sie befühlte die Stirn und die Brust. ,, Herrlich! Endlich hat nun doch die Medizin Dr. Gutmanns gewirkt.“ ,, Aber, sie atmet doch gar nicht!" - ,, Natürlich, ganz wenig! Überzeugen Sie sich selbst." Peter beugte sich auf das kleine, blasse Gesicht und sah winzige Tropfen auf Stirn und Nase auftauchen. Schwester Irina hielt ein reines Tuch in der Hand, damit begann sie den Schweiß abzutupfen, auch die Brust trocknete sie ab. Peter Vagas hatte immer noch ein blasses Gesicht. Er zitterte. ,, Mir schien, als wenn ihr Atem leiser wurde, daher hatte ich mich so erschrocken." ,, Aber, Herr Doktor, das war eine Täuschung! Wir können alle froh sein. Es ist dies der erste Schweiß nach Wochen. Wie haben wir im Krankenhaus darauf gewartet, erst jetzt kann ich Ihnen sagen, ist die kranke Kitty außer Gefahr und kann gerettet werden." Peter ging auf Schwester Irina zu und zog ihre Hand an seine Lippen. ,, Gott sei Dank, ich war bald am Ende meiner Kraft." ,, Ja, Ihre Nerven, Herr Doktor, haben auch sehr gelitten." Vagas zog sein Tuch hervor und wischte sich über Stirn und Augen. Schließlich setzte er sich zu Manez an das Steuer. ,, Nun, Peter, ich denke, wir fahren weiter, die Hitze hat nachgelassen." Aus der lieblichen Waldgegend kommend, kreuzten die Reisenden wieder Orte, wo an beiden Seiten der Straßen und Wege Ruinen zerstörter Häuser standen. Weiter ging es über schnurgerade Landwege. Noch eine Stunde Fahrt! 26 Philipp, Die Todgeweihten 401 Schon tauchten in der Ferne, von einem Dunstkreis umgeben, die Kirchtürme Hamburgs auf. Einige fehlten! Und jetzt kam Hamburg. Wirklich und wahrhaftig Hamburg! Die im Traum, im Wachen, Gehen und Stehen tausendfach ersehnte Stadt. Unvergeßliches, schönes Hamburg! Geliebte Heimat! Peter Vagas wäre am liebsten aus dem Auto herausgesprungen und hätte den Boden geküßt. Aber er saß bei Kitty. Er hielt sie in seinen Armen und stützte ihren Rücken, damit sie ungehindert durch die Scheibe der Wagenlür blicken konnte. Dieses erste Wiedersehen mit der Heimat war ein unbeschreiblicher Augenblick höchster Freude, vermischt mit Trauer und Wehmut. Erst jetzt kam ihnen beide das Geschenk der wiedergewonnenen Freiheit so recht zum Bewußtsein. Erschrocken merkte Peter bald an dem Zittern ihres Körpers und dem unruhigen Schlag des Herzens, wie sehr Kitty die Erregung packte. Ja, auch er fühlte ihr Weh. Auf ein solches Wiedersehen war niemand vorbereitet gewesen. Gewiß, er hatte von den schweren Bombenüberfällen auf Hamburg gehört, aber eine Zerstörung derartigen Ausmaßes hätte er sich nie träumen lassen. Hamm, Hammerbrook, Barmbeck, Wandsbek und Rothenburgsort waren fast völlig zerstört. Kitty war nicht fähig zu sprechen, so überwältigte sie die seelische Erschütterung. Noch nach Jahren würde diese nachzittern. Gleich einem Sturm brachen die Gefühle hervor. Peter erschrak heftig. Hatte er einen Fehler begangen? Tränen flossen unaufhörlich über ihre Wangen. ,, Beruhige dich, Kitty", bat er, ,, es kommen wieder bessere Zeiten, wo Hamburg noch schöner erstehen wird. Wir wollen die Hoffnung nicht sinken lassen. Doch nun, meine Kitty, willkommen in Hamburg! Willkommen bald in deinem zukünftigen Heim an der Elbe!" 402 Zärtlich strich er ihr über Stirn und Wangen und küßte sie. ,, Schlafe jetzt ein wenig, bis ich dich wecke!" Gehorsam legte sie sich in die Kissen zurück und schloß die Augen. Peter erhob sich leise und begab sich nach vorn zu den Freunden. Es war noch früh am Nachmittag. Die Sonne stand hoch am Himmel, und ihr Glanz verlieh Natur und Dingen jenen goldigen Schimmer, der jedes Herz mit Freude erfüllt. Aus dem Innern der Stadt führte der Weg nach Altona, am Hauptbahnhof vorbei, in die Flottbeker Chaussee hinein, an deren Ende der Besitz Peter Vagas' lag. Jetzt waren es viele unbeschädigte Villen und neu angelegte Siedlungen, an denen der Wagen in schneller Fahrt vorüberglitt. Nun war der Blick über die Elbe freigegeben. Sie erschien heute von einem geheimnisvollen Dunstschleier verhüllt. Auf dem breiten Strome war nicht wie sonst ein so reger Verkehr zu sehen. Es fehlten die vielen Überseedampfer, die früher das Bild in reizvoller Weise belebten. Peter konnte sich nicht daran sattsehen, wie die schimmernden Wogen des majestätisch dahinfließenden Stromes bald träumerisch, bald lebhaft bewegt, in wechselndem Farbenspiel, zwischen den Ufern dahinflossen. Er deutete mit der Hand hinüber, indes er einen Ausruf des Entzückens nicht unterdrücken konnte. Er war wie berauscht von dem so lang entbehrten Anblick. ,, Sehr schön, sehr anziehend!" meinte Manez beifällig. Ach, die beiden konnten seine Freude nicht teilen. Sie waren nicht von der Wasserkante. Man mußte in Hamburg geboren sein. Je näher Peter seinem Hause kam, desto mehr packte ihn die Unruhe, und desto freudiger klopfte sein Herz. Die Depesche wird längst im Besitz seines Hausver26* 403. walters sein. Gewiß wartete der liebe Georg mit dem freuen Tyras schon lange ungeduldig seiner. Der liebe, gute Georg! Tyras wird nicht zu bändigen sein. ,, Du bist ja so schweigsam", warf Manez hin. ,, Ich male mir meinen Empfang aus. Du kennst Georg nicht. Aber in wenigen Augenblicken wird die Wirklichkeit die Phantasie ablösen. Dann wirst du die Güte dieses Mannes selber spüren. Nie löst man sich von ihm, ohne auf irgendeine Art beschenkt worden zu sein. Ich bin begierig, was du zu den Zimmern sagen wirst und deren schöne Aussicht auf die Elbe. Georg wird sie für dich und Schwester Irina auf das gewissenhafteste hergerichtet haben." ,, Mache uns den Abschied von dir nur nicht gar zu schwer. Du weißt, ich habe nur wenige Tage Urlaub erhalten. Leider werde ich dringend in Prag an meiner Zeitung gebraucht." ,, Es ist nicht meine Absicht, dich ungebührlich lange zurückzuhalten." Peter Vagas lehnte sich zurück und schloß sekundenlang die Augen. Wieder malte ihm die Phantasie die herrlichen Bilder aus. Er sah sich im Geiste im Obergeschoß seines Hauses, an seinem Schreibtisch im Erker sitzen, von dessen Fenstern er den weiten Blick über die Elbe genoß. Er sah die Wände mit den vielen Bücherregalen vor sich und fühlte den ersten beseligenden Augenblick im eigenen Heim. Und Kitty, als Herrin ihres zukünftigen Reiches, würde er gleich in ihre Zimmer tragen und ihr alles zeigen. Das Gefühl, endlich wieder ein„ Zuhause" zu haben, nachdem man jahrelang wie ein Vieh gelebt und danach geschmachtet hatte, war unbeschreiblich. ,, Peter, vertraue nicht zu sehr auf deine Phantasie, sie verspricht uns mehr, als die Wirklichkeit geben kann. Ihre Farben sind kräftiger und blühender und die Eindrücke des Erlebten sind in der Erinnerung plastischer 404 und reicher, als das Vergangene war. Wir lassen uns gar zu gern durch die Nüchternheit der Gegenwart verleiten, die verflossene Zeit zu verschönern." ,, Nur keine Sorge, Josef! So schön, wie meine Jahre hier an der Elbe es waren, kann ich sie nicht schildern, dazu reicht meine Phantasie nicht aus. Aber warte nur, gleich wirst du dich selbst überzeugen können." Vogelgezwitscher, Sonnenglanz, Heimatfreude! Jetzt machte die Fahrbahn eine Biegung. Vor ihnen wurde ein großes, zwischen uralten Bäumen versteckt liegendes Schloß sichtbar. Ein weiter Park, von einer hohen Hecke eingefaßt, umschloß das im Hintergrund liegende Gebäude. Zwischen ihm und der Hecke dehnten sich weite Rasenflächen aus, in deren Mitte Blumenbeete lagen. Vagas war aufgesprungen. Seine Wangen brannten. Aufgeregt deutete er mit der ausgestreckten Hand auf das ruhig in der Sonne daliegende Gebäude. ,, Seht, dort liegt mein Haus! Der Park erstreckt sich ganz bis hinunter an die Elbe, wo ein Promenadenweg den Strand von der Mauer meines Besitztums trennt." Ja, dort lag das Herrenhaus mit großen, spiegelnden Fensterscheiben und einer breiten hohen Steintreppe, an seinen Mauern rankte sich wilder Wein empor. Von einem Empfang war jedoch nichts zu spüren. Nichts rührte sich in der Umgebung des Parkes. Alles blieb still. Fest und undurchdringlich verschlossen lag das Haus. Manez fand es begreiflich, daß Vagas von dieser Ruhe nervös wurde, da er Meinau und seinen Hund wartend vorzufinden hoffte. Manez fuhr daher mit kräftigen Hupzeichen durch das weitgeöffnete Gittertor über den Kiesweg des Parkes. Dann zog er die Bremsen an und hielt vor dem Eingang. Als der Wagen stand, sprangen die Reisenden erregt heraus und sie wunderten sich sehr, immer noch die gleiche Stille vorzufinden. Vagas' Blicke eilten umher und suchten den ganzen Umkreis des Hauses ab, aber weder das freundliche 405 Gesicht seines Hausverwalters fauchte auf, noch das freudige Gebell seines Hundes ließ sich hören. ,, Sieh dir inzwischen den Bau an, Josef! Nicht wahr, mein ,, Zuhause" ist schön. Das Schloß soll vor 120 Jahren erbaut worden sein. Natürlich wurde sein Stil bei der Übernahme in unseren Familienbesitz etwas modernisiert. Der gepflegte Park, der Duft der Blumen und der liebliche, allmorgendliche Vogelgesang begleiteten mein ganzes Leben, solange ich zurückzudenken weiß." Peter Vagas stand auf der hohen Steintreppe und ließ immer noch seine Blicke umherschweifen. Die seltsame Stille konnte auch eine weniger ängstliche Natur in Unruhe bringen. ,, Willst du nicht läuten, Peter?" Peter zog die Glocke, aber nichts rührte sich im Hause. ,, Begreifst du, warum sich niemand sehen läßt?" ,, Die Klingel wird kaputt sein!" Nun schlug Peter Vagas energisch mit der Faust gegen die Tür. Ein etwa elfjähriger Junge steckte seinen Kopf durch den Spalt. Er musterte mit kecken, neugierigen Augen den fremden Mann. " ,, Was wünschen Sie?" Peter starrte den Jungen an. Statt einer Antwort, fragte er selbst. ,, Sag' mal, wohnst du hier?" Es war eine förichte Frage. Der Knabe hatte recht, wenn er die Tür wieder schließen wollte, aber Vagas hielt ihn am Arm fest. ,, Halt, hiergeblieben! Was tust du in diesem Hause? Wo ist der Hausverwalter?" Der Junge sah den aufgeregten Mann verständnislos an. ,, Weiß ich nicht! Lassen Sie mich los, ich will meinen Großvater holen." Der Junge öffnete die Tür und ließ den Fremden samt seiner Begleitung herein. Dann lief er davon. 406 Sie befanden sich jetzt in der großen Halle. Hier bot sich ihnen ein unbeschreiblicher Anblick. Ein Gewirr von Stimmen schlug ihnen entgegen. Dutzende von Menschen saßen an kleinen Tischen, oder bewegten sich überall verstreut umher. Der Raum war zu einem Speisesaal umgebaut worden. Es mochte gerade Essenszeit sein, denn ein ohrenbetäubender Lärm, verbunden mit Geschirrgeklapper, erfüllte den Raum. Viele unterhielten sich durcheinander. Jeder hatte mit sich so viel zu tun, daß nur wenige von ihnen die Ankömmlinge bemerkten oder Lust hatten, auf sie acht zu geben. Nur einige Kinder hatten sich abgesondert und umstanden mit neugierig glänzenden Augen die Fremden. Vagas faßte sich an den Kopf. Träumte er? Was war mit seinem Besitztum geschehen? Hier war doch sein Haus? Was bedeutete dieser seltsame Spuk? Der Junge war bald danach von der Treppe des Obergeschosses mit einem ältlichen, mürrisch aussehenden, etwas gebückt gehenden Manne zurückgekommen, dessen müde Augen von den Stiegen aus die Fremden argwöhnisch musterten. Es schien aber, als ob Manez in seiner glänzenden, ausländischen Uniform seine Unruhe zerstreute und ihm einen gewaltigen Respekt einflößte, denn plötzlich verdoppelten sich seine Schritte, und sein Ausdruck erhellte sich. Er beeilte sich, durch den Menschenschwarm, so schnell er konnte, zu der Gruppe zu gelangen. ,, Was führt Sie hierher, meine Herren?" 27 Wir möchten Sie um einige Auskünfte bitten. Zunächst, was stellt dieses Haus vor? Und wer sind jene Leute, die wie auf einem Jahrmarkt versammelt sind. ,, Das sind Ostflüchtlinge, und dieses Schloß ist ein Flüchtlingslager geworden. Ich bin der Lagerführer, mein Name ist Sievers." Er machte eine Pause. ,, Suchen Sie jemand?" ,, Ja! Wir möchten Sie weiter fragen. Können Sie uns genaue Auskunft geben über den früheren Besitzer dieses Hauses und seines Verwalters Georg Meinau?" 407 ,, Gewiß, ganz genau!", sagte der Alte, und seine müden Augen belebten sich. ,, Dieses Schloß gehörte vor etlichen Jahren einem Baron Dr. Peter Vagas, der mit seiner Mutter, der Freifrau Ellen Vagas von Bargen, von der Gestapo der früheren Hitler- Regierung unter falschen Angaben nach Theresienstadt in die Gefangenschaft verschleppt wurde. Sein Hausverwalter, Georg Meinau, einer der besten Menschen, die ich kennengelernt habe er war mein Vorgänger-, hat mir ganz genau alles erzählt. Er hoffte bis in die jüngste Zeit immer noch auf die Rückkehr seiner Herrschaft. Besonders an dem jungen Herrn hatte er sehr gehangen." ,, Und?", drängte Peter Vagas ,,, was ist aus ihm geworden?" F ,, Ja, mein Herr", sagte der Alte bedächtig ,,, der Besitzer des Hauses soll tot sein. Und aus Gram darüber ist auch Meinau gestorben. Er hat immer auf Nachricht seines verschollenen Herrn gewartet. Als die Berichte über die Prozesse der vielen Gasmorde mit den sich daran anschließenden Verbrennungen der Theresienstädter Gefangenen in Auschwitz bekannt wurden, brach sein Herz. Er hatte seinen Herrn wie einen Sohn geliebt und konnte sein Schicksal nicht überleben." Peter bedeckte mit beiden Händen sein Gesicht. Wie dankbar wäre er gewesen, wenn sein Lebensweg jetzt nach dem vielen trüben Ungemach und den Kämpfen endlich wieder hell, und die Zeit der Schrecken vorüber gewesen wären. Wie dankbar wäre er dem Schicksal, wenn endlich das Glück des Ausruhens und des Friedens bei ihm einzöge. Wie sehnte er das für seine Kitty herbei. Nun kam die große Verzweiflung über ihn. Alle Stützen brachen zusammen. Er hatte kein Heim mehr. " , Was ist Ihnen?", schlug die Stimme des Alten teilnehmend an sein Ohr. Manez antwortete statt des Gefragten. ,, Georg Mainau war ein guter Freund dieses Herrn. Er hatte gehofft, ihn am Leben anzutreffen." 408 " , Wenn es so ist, ist der Herr mir stets willkommen. Ich habe manche Stunde mit Georg Mainau verplaudert." Peter Vagas ließ die Hände sinken. ,, Hat er Ihnen irgendwelche Andenken seiner früheren Herrschaft hinterlassen? Vielleicht einige Schriftstücke oder Verfügungen über Dokumente, oder Schlüsselbunde?" ,, Ja, ein Schlüsselbund für den Schreibtisch, der oben noch versiegelt steht, habe ich erhalten. Auch einige Kisten, die im Keller lagern, hat er mir zur Aufbewahrung übergeben. Für alle Fälle, so sagte er, für die späteren Erben." Nun erst gab sich Peter Vagas als den früheren Besitzer des Hauses zu erkennen. Der alte Mann ließ vor Erstaunen einen Ausruf hören und gab Peter Vagas die Hand. Geschäftig lief er fort und kam nach kurzer Zeit mit einem Schlüsselbund zuruck, das er Peter übergab. Er betonte immer wieder, welche Ehre es für ihn sei, dem Herrn Baron zu dienen und er möchte sich soviel, als er nur wolle, an ihn wenden, falls er mehr über Meinau und die früheren Verhältnisse wissen möchte. Ja, und was er noch sagen wollte, Tyras, der Hund, sei vom Grabe Meinaus nicht mehr gewichen und dort verendet. Unter diesem Wortschwall und mit vielen Verneigungen führte er die Fremden zur Tür und sagte noch zum Schluß, daß vor der Belegung des Schlosses als Flüchtlingslager die NSDAP eine Dienststelle hier errichtet hatte. Mainau war damals als Verwalter im Amt geblieben. Er hatte die Zimmer seines Herrn als die seinigen erklärt und bewohnt, und dadurch, so erzählte der Alte weitschweifig, konnten Bücher und Schriftstücke, die sich in dem Schreibtisch befanden, gerettet werden. ,, Ich selber habe noch kurz vor seinem Tode mit ihm zusammen die Kisten voller Bücher in den Keller geschafft. Nun wissen Sie alles, Herr Baron, und können Ihre Entschlüsse danach treffen." Peter Vagas dankte dem braven Manne und gab ihm 409 die Hand, danach versprach er seine Angelegenheiten bald zu ordnen und wiederzukommen, sobald er dazu in der Lage sei. Sievers geleitete die Herren die Freitreppe hinunter bis zum Auto. Immer wieder versicherte er Vagas seiner Zuvorkommenheit. Und gab ihm auch den Ratschlag, sich wegen seines Hauses an einen Anwalt zu wenden. Endlich verschwand er. Nun standen die drei draußen zusammen und sahen sich alle betroffen an. Manez betrachtete forschend das ratlose, blasse Gesicht Vagas'. ,, Mich setzt es nicht in Erstaunen, daß du vor deinem eigenen Hause als Bettler stehst. Erinnere dich unseres letzten Gesprächs im Walde, wo du so empört über mein Urteil warst. Habe ich nun nicht recht? Ist das deutsche Volk etwas besseres als eine Räuberbande? Man hat dich und deine Mutter ausgeplündert und in die Gefangenschaft getrieben. Immer mit dem teuflischen Hintergedanken, dir später auch noch das Leben zu nehmen. Wozu brauchtest du dann noch ein Haus? Du Idealist glaubtest, während deiner dreijährigen Gefangenschaft würde man getreulich dein Eigentum verwahren und du fändest bei deiner Rückkehr alles so wieder, wie du es verließest!" ,, Ja, ich Narr, der ich war, ich dachte so!" ,, Sie werden dir doch nicht eine so schöne Besitzung lassen! Diese Verbrecher, die ihre Finger nach dem winzigsten Objekt, ja, nach den Groschen des armen Mannes ausstreckten." Nach diesen Worten bestieg Manez mit Schwester Irina das Auto. Betäubt, keines klaren Gedankens fähig, folgte Peter. Ganz geistesabwesend sah er auf die schlummernde Kitty und auf den am Steuer sitzenden Freund. Der Wagen machte jetzt eine Wendung um das Rasenrondell und blieb vor dem Eingang stehen. ,, Peter, welche Richtung schlagen wir ein?" 410 ,, Josef, was soll ich tun? Neben mir liegt die todkranke Kitty, der ich bei mir ein Heim bieten wollte, ebenso - euch--. Nun liegen wir alle obdachlos auf der Landstraße- " Mein Gott, was sollte er tun? Wohin? Welche schlimme Lage. Nun hafte er nicht einmal ein Unterkommen. Drei Jahre war eine lange Zeit der Abwesenheit. Man hatte ihn schon zu den Toten gezählt. Er bedeckte sein Gesicht. Die Erregung schüttelte ihn durch und durch. Er weinte. Die besorgte Schwester Irina hatte den Zusammenbruch vorausgeahnt. In der Hand hielt sie ein Glas mit einem aufgelösten Pulver. Sie reichte es Peter Vagas. ,, Trinken Sie, Herr Doktor, es wird Sie beruhigen." Manez fuhr den Wagen rückwärts aus dem Eingang unter eine Hecke. Dann stand er auf und setzte sich zu Peter. Schnell und selbstverständlich mit der ihm eigenen ernsthaften Energie. - ,, Sei nicht so verzweifelt, Peter. Wir sind alle zusammen Bettler, du, ich, Irina, und müssen von vorne anfangen, aufbauen, neugründen! Sieh' auf die arme Kitty, um wieviel mehr sind wir ihr voraus. Ihr Körper wieviel Münze hat alle Reserven hergeben müssen, haben die Sklavenhalter aus ihrem zarten Körper geschlagen, während wir noch in dem Besitz unserer Kräfte sind. Bedenke es wohl! Immer gibt es Ärmere und schwerer Geprüfte, als wir selber es sind. Darum, Peter, mutig dem Schicksal die Stirn geboten! Was soll Kitty ohne dich beginnen? Sie, das arme Opfer jener Menschenschlächter! Sie erscheint mir als das Symbol eurer Germania, dem Sinnbild Deutschlands. Todkrank liegt sie dort in den Polstern. Es wird eine lange Zeit dauern, ehe der geschwächte Körper sich erholt und so weit gekräftigt ist, um wieder richtig zu funktionieren. Sei gutes Mutes, ich helfe dir! - Hast du nicht gesagt, du seiest ein Teil des deutschen Volkes mit Blut und Herz? So trage nun auch einen 411 Teil seiner Leiden und Lasten. Aber ich werde dir helfen, wie ich schon sagte." ,, Nur mir?" fragte Peter mit schwerer Stimme und bitter enttäuscht. ,, Ja, nur dir! Ich helfe nur Menschen, deren Wert ich erprobt habe. Nun blicke auf! Du hast andere und schlimmere Situationen durchgemacht. Und wenn wir noch nicht in den Hafen einlaufen können, so machen wir erst eine Notstation." Prüfend richteten sich seine Blicke auf den Freund. Dann fuhr er fort. ,, Erzähltest du mir nicht von einem Dr. Gebhard, der im Leben Frau Bergners anfänglich eine so bedeutsame Rolle spielte?" ,, Von diesem scheinheiligen Pillendreher will ich nichts wissen. Er wäre der Letzte, an den ich mich in meiner bedrängten Lage wenden würde." ,, Peter, du urteilst nach dem Schein. Man muß, wie Irina vor kurzem im Krankenhaus richtig bemerkte, um gerecht zu sein, erst die Gründe seines Verhaltens kennen. Vielleicht sind solche genug vorhanden!" ,, Da gibt es weder Gründe anzuführen noch Entschuldigungen. Er hat in den drei Jahren nicht eine Zeile an Kitty geschrieben. Er hat sie verelenden lassen, und sie wäre sicher gestorben, wenn nicht das Wunder unserer Errettung dazwischengetreten wäre." ,, Darin magst du recht haben. Dennoch muß man Dr. Gebhard selber hören, um aus seinem eigenen Munde den Sachverhalt zu erfahren. Halt, unterbrich mich nicht! Ich habe es mir überlegt, es ist der nächste Schritt, den wir unternehmen." ,, Bei unserer Freundschaft, ich kann und ich will es nicht, Josef! Es müßte zuvor eine große Auseinandersetzung zwischen uns stattfinden. Ich müßte dem Jämmerling sein rohes, erbarmungsloses Verhalten gegen Kitty Bergner ins Gesicht schleudern. Meinst du, daß er dann noch Lust hätte, einen Finger für uns zu rühren?" 412 „Peter, sei nicht töricht! Mut und Tatkraft sind dir eigen. Du wirst dich einer armseligen Unterhaltung mit einem, wie ich annehmen muß, vielbeschäftigten Arzt, nicht entziehen, noch ihr ausweichen wollen. Und wie sich Dr. Gebhard deinen Vorwürfen gegenüber verhal- ten wird, und wie er sich aus der Affäre zieht, kannst du in Ruhe abwarten.“ Peter war totenbleich und zitterie am ganzen Körper. „Du redest wider deine bessere Überzeugung, Josef. Er ist doch einer von denen, die du so verächilich mit dem Ausdruck ‚Räuberbande‘ abtust.“ „Aber was sollen wir denn tun, Peter? überlege doch! In der Zeit des damaligen Zusammenbruchs deiner und deiner Mutter Existenz fragte aus deinem ganzen Be- kanntenkreis nicht einer deiner früheren Freunde nach eurem Verbleib. Man sprach von dem Gerücht eurer Verhaftung, aber keiner deiner exklusiven, früheren Bekannten, alle Nutznießer deiner Gastfreundschaft, von denen viele an einflußreicher Stelle saßen, wagte es, dir zu helfen. Niemals empfingst du eine Zeile von ihnen, die sich früher mit dir, dem ‚Baron‘, so groß taten. Vergessen,— auch sie zählten dich kaltblütig zu den Toten.—— Nun, und Kitty? War ihr erster schmerzlicher Ausruf, als du an ihr Bett tratst, nach dem ersten Wiedersehen, nicht die Worte gewesen: ‚Alle haben sie mich vergessen!‘? Aus ihrem großen Geschwisterkreis war es nur eine Schwe- ster gewesen, die ab und zu schrieb und auch einige Pakete schickte. Diese Schwester sei gesegnet. Die letzte Nachricht kam September 1944, ohne nähere Angaben der Adresse. Wie willst du nun einen Anschluß an diese Leute herbeiführen? Nichts weißt du über ihre Angehörigen. Nun willst du einem einzigen Manne die volle Last aufladen, die alle miteinander tragen: die Feigheit. Der frühere ‚Führer‘ des Deutschen Reiches, Adolf 415 Hitler, Herr über Leben und Tod eines Siebzigmillionenvolkes, hatte den Befehl gegeben: Strenge Scheidung zwischen Juden und Christen. Den Juden, die alle zusammen dem Tode geweiht waren. Dieser Henker hatte die Bande der Menschlichkeit durchschnitten. Begreifst du nun meinen Ekel und meine grenzenlose Wut diesem feigen deutschen Volke gegenüber, das sich willenlos alle sittlichen Werte rauben ließ: Gattenliebe, Geschwisteranhänglichkeit, Freundestreue, alles wurde auf dem Altar der Vergötterung dieses Vampirs geopfert. Warte! Es werden alle Schleier fallen. Bald wird das fürchterliche Gespinst unerhörter Verbrechen vor der Offentlichkeit enthüllt werden. Aber du darfst nicht einen einzigen Mann zur Verantwortung ziehen wollen, wo das ganze Volk schuldig ist. Und es schuldet nicht nur die verlorenen Güter-, sondern es schuldet das Höchste: das Gottvertrauen. Ziehe die Konsequenzen! Ich will deinen freien Entschluß und möchte dich nicht drängen zu einer Zusage. Entweder wir fahren jetzt nach der Klinik Dr. Gebhards oder zurück nach Prag. Einen anderen Ausweg weiß ich nicht. Was willst du also tun? Entscheide!" Manez sah den Freund abwartend an. Peter sah finster vor sich nieder und nagte an seinen Lippen. Wer hätte auch gedacht, daß sich seiner Heimkehr nach Hamburg so viele Hindernisse in den Weg stellen würden. ,, Ich ziehe meine Einwände zurück. Wir fahren zu Dr. Gebhard. Vielleicht hast du recht und ist mein Urteil über ihn zu subjektiv gefärbt. Doch zuvor muß ich die Luft zwischen uns reinigen und mit ihm sprechen." ,, Das kannst du tun! Weißt du, wo er wohnt?" 414 ,, Nein, ich kenne seine Adresse nicht. Wir müssen uns erkundigen." Manez war froh, daß Peter ruhiger geworden war und sich jetzt zu Irina setzte, während er den Wagen mit kundiger Hand aus dem Park auf die Fahrbahn lenkte. Bald lag das Schloß und die Flottbeker Chaussee hinter ihnen. Sie legten die Strecke nach Hamburg auf dem gleichen Weg zurück wie am Nachmittag. Es wurde merklich dunkler. Lichter flammten in den Straßen auf, aber nur so viel, um die Schatten zu verscheuchen. Manez stellte die Scheinwerfer an. Am Sternschanzenbahnhof ließ er das Auto halten und fragte den dort Posten fassenden Schupo nach der Frauenklinik Dr. Gebhards. Der Beamte zog sein Buch hervor und suchte unter den eingetragenen Krankenhäusern und Kliniken die gewünschte Adresse des Arztes heraus. ,, Die Klinik liegt im Graumannsweg 27", sagte er und klappte das Buch zu. Manez dankte. Er war schon im Fahren, da rief der Schutzmann ihm noch einige Worte nach: ,, Sie fahren am besten über die Lombardsbrücke an der Alster entlang, am Mundsburgerdamm vorbei, rechts einbiegen!" Die Schönheiten der Alster waren geblieben, aber niemand achtete ihrer und hatte einen Blick dafür übrig. Die Wirklichkeit packte gar zu stark mit harter Hand zu und zerrik alle Träume. Sie zeigte ihr grimmiges Antlitz. Manez trachtete danach, schnellstens ans Ziel zu gelangen. Hauptsächlich war es Irina, welche ihm gar nicht gefiel, denn sie war sehr unruhig und ihr schien Kittys Aussehen größte Sorge zu bereiten. Auch die vielen Aufregungen des langen Tages und der sich bei allem meldende Hunger trieb zur Eile an. Trotz des noch lebhaften Verkehrs lag auch diese Strecke bald hinter ihnen, doch sollte das Maß ihrer Geduld noch nicht erschöpft sein. 415 Als der Wagen in den Graumannsweg einbog, sahen sie schon von weitem, daß viele Häuser dem unseligen Krieg zum Opfer gefallen waren, und eine bange Ahnung ließ sie das Schlimmste befürchten. Leider sollte sie sich bestätigen, denn nun erlebten die erschöpften Reisenden eine abermalige Enttäuschung. Der Platz, wo ehemals die Klinik stand, bildete einen Schutt- und Trümmerhaufen. Von dem Hause war nicht einmal eine Mauer als Überbleibsel zurückgeblieben. Nur ein Stück der Gartenpforte, woran schief ein Holzschild hing, war noch zu sehen. Rasch sprangen die Freunde aus dem Auto heraus. Sie näherten sich dem Stakett. Nur mühsam konnte Peter die neue Adresse entziffern. des Arztes Er zog sein Taschentuch hervor und notierte sie sich samt der Telefonnummer: Sanatorium Dr. Fred Gebhard, jetzt Reinbek bei Hamburg, Sophiental, Ruf 34 32 10. ,, Gott sei Dank", meinte Manez ,,, der Doktor ist am Leben geblieben.“ Im verhüllenden Dunkel des Abends steuerte Manez aus dem völlig still liegenden Viertel heraus. Auf den Rat Peters fuhren sie jetzt längs der Alster wieder über die Lombardsbrücke, dann bis zum Dammtor die Grindelallee entlang zum Schlump. Dort lag das Vereinshospital, wo das Lazarett des Roten Kreuzes sich befand. Ob nun wieder neue Schwierigkeiten ihrer warteten, mußte die Zukunft lehren. Jedenfalls schwor sich Manez, mochte es biegen oder brechen, dort Quarfier zu erzwingen. Sie waren alle zum Umfallen müde und zu Tode erschöpft. Er sah. in die fiebrig glänzenden Augen Peters und in die abgespannten Züge seiner Irina. Am meisten beschäftigte ihn aber die Sorge um das Leben der teuren Patientin, die er mit sich führte. 416 Sie lag reglos in den Kissen. Beim Pförtner brannte noch ein kleines Lämpchen. Er war sofort zur Stelle und öffnete den Schlag. Die Reisenden sprangen heraus, erlöst atmeten sie auf. Die Ankömmlinge befanden sich auf einem langen Korridor mit vielen Türen, die in verschiedene Zimmer führten. Lautlos öffneten diese sich und schlossen sich wieder. Im ganzen Hause hörte man nicht einen Laut. Es war aber eine Ruhe, die wohltat. Eine Krankenschwester kam heraus und trat zu den späten Gästen. Sie fragte nach ihren Wünschen. Manez trat vor. " , Wir bitten um die Aufnahme einer Kranken und ihrer Begleitung." ,, Ist es ein ernster Fall?" „ Ja, gewiß! Ein dringender und ernster. Wir sind seit Tagen unterwegs zurück in die Heimat und haben für die Nacht noch kein Unterkommen." ,, Das Haus ist leider bis in den kleinsten Winkel besetzt", sagte die Schwester schnell. ,, Doch warten Sie, ich werde Frau Oberin rufen." Mit einem Blick auf den eleganten Offizier eilte die Schwester davon. Kurze Zeit danach erschien eine ältere Dame mit glattgescheiteltem, schwarzmeliertem Haar. Manez richtete sich hoch auf. Ihre ernste Miene weissagte nichts Gutes. Sie kam in Begleitung eines kleinen, sehr beweglichen Herrn, der einen weißen Kittel trug. Vermutlich ein Arzt. Die Oberin trat auf die Gruppe zu. Manez verbeugte sich und nannte seinen Namen, und gab kurz noch einmal die näheren Umstände seines Kommens bekannt. Ohne Umschweife, wie eine eingelernte Formel im monotonen, gleichgültigen Tonfall sagte sie: ,, Leider ist es mir nicht möglich, die Kranke hier im Hospital aufzunehmen. Auch der kleinste Raum ist besetzt. Bedaure sehr!" Der Arzt nickte unausgesetzt dazu und sah die ratlosen Gesichter der Reihe nach an, auch er fügte einige teilnehmende Worte des Bedauerns hinzu. 27 Philipp, Die Todgeweihten 417 Damit war Manez nicht gedient. Er war ein harter Kämpfer, er ließ nicht locker. ,, Nein, Frau Oberin, diese eine Nacht müssen Sie uns schon behalten. Ich kann eine längere Weiterfahrt mit unserer Patientin nicht verantworten. Morgen früh, ich verspreche es Ihnen, wird unsere Kranke in die Klinik von Dr. Gebhard übergeführt." ,, Herr Oberleutnant, Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben. Es ist wirklich nichts frei, Aber ich will mich gern für Sie verwenden und gleich mit einer anderen Aufnahmestation telefonieren, vielleicht ist da- " - ,, Das ist nicht nötig, Frau Oberin! Bei Ihrer hohen Intelligenz, Ihrer Kunst der Einteilung in besonders schwierigen Fällen und Ihres hervorragenden Dispositionstalent, wird es Ihnen sicher gelingen, durch irgendeinen Kompromiß Rat zu schaffen und uns zu helfen. Ich vertraue fest darauf." Manez hatte sehr ruhig und eindringlich gesprochen. Sei es nun, daß die versteckte Ironie als einen ihr zukommenden Tribut von ihr hingenommen wurde, oder sei es die gewinnende, weltmännische Art Manez', die ihre Wirkungen nicht verfehlten, genug, es kam in die Gesinnung der Oberin plötzlich ein Umschwung. Die Leiterin trat ein wenig zur Seite und flüsterte mit dem Arzt, dann sagte sie zu Manez: ,, Mir ist tatsächlich eine Lösung eingefallen. Ein im oberen Stockwerk liegendes Zimmer wird erst übermorgen besekt. Ich werde Anweisung für die Unterbringung der Kranken geben. Bringen Sie sie also ruhig herein. Aber nur für eine Nacht!" ,, Gewiß, Frau Oberin! Wir sind Ihnen sehr zu Dank verpflichtet." Manez verbeugte sich, nahm die Hand der Oberin und führte sie an seine Lippen. Die Oberin rauschte davon. Nach dieser in die Länge gezogenen Einleitung vollzog sich alles andere reibungslos. Bald befand sich die 418 Reisegesellschaft in einem großen Zimmer versammelt. Sie warteten, bis die Schwester die einzelnen Lagerstätten vermittels Wandschirmen abgeteilt hatte. Dann machten sie es sich bequem. Dieselbe Krankenschwester brachte später das Abendessen herein, und Milch und Röstbrot für die Patientin. Sie wünschte freundlich ,, Gute Nacht" und verließ geräuschlos das Zimmer. Unter den erschöpften Freunden herrschte Schweigen. Auch Schwester Irina sagte nichts und ging ganz in der Sorge um Kitty auf. Jeder trachtete danach, so schnell es ging, zur Ruhe zu kommen. Die Ausspannung tat nötig nach den vielen Aufregungen. Man mußte neue Kräfte sammeln für den kommenden Tag. Selbst Manez, dessen Nerven wie Stahl waren, fühlte eine starke Abspannung. Nach den langen Irrfahrten und dem stundenlangen Sitzen am Steuer hatte er keine Lust mehr, Gespräche zu führen. Er fragte Peter, halb im Schlaf, wann er Dr. Gebhard anrufen wolle. Peter Vagas hatte fiebrige Augen und ein fahriges Wesen. Er antwortete zerstreut: ,, So früh es geht!" Es hatte keinen Zweck, vorher eine Disposition zu treffen. Der Krieg hatte eben alles verändert. Die Nacht sank hernieder. Während Manez sofort in einen tiefen Schlaf fiel, Irinas Atemzüge durch die Stille drangen, lag Peter Vagas mit brennenden Augen und klopfenden Pulsen wach und starrte in das Dunkel. Er konnte keinen Schlaf finden. Seine überreizten Nerven führten ihn immer aufs neue die Szenen in seinem Hause vor Augen. Die Gegenwart zeigte ihm ihr grimmiges Antlik, von keinem Lichtschimmer einer freundlichen Hoffnung erhellt. Schatten krochen von allen Seiten auf ihn zu. Dämonen verbargen sich dahinter, die ihm sein Herzblut aussaugen wollten. War denn die Zeit des Schreckens noch nicht vorüber? Er war doch in seiner Heimat? Warum krallte sich eine entsetzliche Angst um sein Herz und preẞte ihm den Atem zu? 27* 419 Tiefste Stille! Der Wind strich um das Haus. Im Laufe der Nacht wurde er stärker. Es hörte sich im Kamin an wie Stimmen, die riefen. Riefen sie ihn? Mitunter meinte er seinen Namen zu hören. Er setzte sich auf und lauschte. Ob Kitty auch nicht schlafen konnte? Wie mag es ihr ergehen? Er hatte gar nicht mehr nach ihr sehen können, so schnell hatte Schwester Irina den Wandschirm vorgezogen. Warum hörte er nichts von ihr? Eine unbestimmte Furcht lähmte sein Denken. Er strengte sein Gehör aufs äußerste an, aber Manez schnarchte so laut, und der Wind heulte so stark im Kamin, daß alle anderen Geräusche überfönt wurden. Eine Uhr schlug. Was, erst zwei Uhr nach Mitternacht? Er meinte, Stunden auf dem Lager verbracht zu haben. Nun richtete er sich ganz in die Höhe und überlegte. Wenn ich jetzt hinunterginge und telefonierte? Vielleicht kann auch Dr. Gebhard bei diesem Sturm nicht schlafen? Und es wäre doch gut, wenn ich ihn zuvor sprechen könnte. Ich will es auf alle Fälle versuchen, murmelten seine Lippen. Schon war Peter Vagas aufgestanden, um seinen Vorsatz auszuführen. Leise zog er sich an, legte den Mantel um seine Schulter, schlich zur Tür und schloß sie vorsichtig hinter sich zu. Lautlos, auf Strümpfen die Schuhe trug er in der Hand-, huschte er die Treppe hinunter, klopfte an die Portierloge und stand vor dem zu Tode erschrockenen Portier. - Es dauerte eine Weile, bis ihn dieser verstanden hatte. Er fragte: ,, Was, mitten in der Nacht wünscht der Herr ein Telefongespräch? Ist etwas Besonderes vorgefallen?" ,, Nichts! Aber ich muß dringend mit Herrn Dr. Gebhard, Reinbek, telefonieren. Verbinden Sie mich!" Der Portier schüttelte den Kopf. Peter Vagas drängte 420 an dem Portier vorbei in die Telefonzelle. Sein Gesicht war so weiß wie Kalk. Der Portier folgte. Er konnte nichts gegen Peters Willen fun. Aber sehr sonderbar war der Herr. Peter nahm nun selbst den Hörer ab und nannte die Nummer, dabei schwankte er hin und her, so unsicher war er auf den Beinen. Der Portier sah es. Er trat näher an ihn heran. Nein, betrunken war er nicht, der Herr. Darauf verstand er sich genau. Peter sah ihn sogar an, während er sprach, aber er schien ihn gar nicht zu bemerken. Und er sprach und sprach. Dann war er fertig. Das Gespräch war zu Ende. Er hatte den Hörer auf die Gabel zurückgelegt. Beruhigt wollte der Portier seine Loge wieder aufsuchen. Jetzt sah der Herr ihn wieder an. Sein Gesicht war noch immer blak, da hielt er ihn zurück und sagte: ,, Halten Sie sich munter, Portier! In kurzer Zeit wird Dr. Gebhard hier sein. Er versprach mir, sofort zu kommen." ,, Was, trotz des Sturmes in der Nacht?" ,, Ja, in dieser Nacht kann kein Mensch schlafen. Ich werde hier bei Ihnen bleiben!" ,, Nein, nein", stieß der Portier hervor. ,, Tun Sie das nur nicht. Es ist mein Amt zu wachen. Gehen Sie wieder schlafen, mein Herr!" Peter Vagas sah ihn drohend an. Er hatte einen fiebrigen Glanz in den Augen. ,, Es ist keine Nacht zum Schlafen. Hören Sie nicht die Stimmen? Sie rufen doch dauernd. Ich muß wach bleiben!" ,, Aber, aber, das ist ja der Sturm", sagte der Portier begütigend mit einer unbestimmten Furcht im Herzen denn der Herr war zu sonderbar zu dem hartnäckigen nächtlichen Gast: ,, Sie werden sich erkälten. Es weht sehr kalt unter der Telefonzelle hindurch. Hier können Sie nicht bleiben." Er sah besorgt auf Petei Vagas. 421 ,, Machen Sie sich keine Gedanken um mich. Es ist ja Sommer. Ich will den Arzt hier unten erwarten." Der Portier zögerte immer noch. Etwas gefiel ihm nicht an dem Mann. Er war sonderbar, das ließ sich nicht leugnen. Aber er fand nicht den Mut, ihm noch weiter zu widersprechen. Schweigend schloß er die Telefonzelle hinter sich zu und ging kopfschüttelnd in seinen kleinen Raum. Dort holte er seine Pfeife hervor, sog gemächlich daran und blies, bis sie Funken gab und brannte. Dann goß er sich seinen Tee in die Tasse und versuchte den ungemütlichen Nachbar nebenan zu vergessen. In der Natur draußen schien es eher dunkler als heller zu werden. Der Sturm hatte noch an Stärke gewonnen. Jede Nacht nahm aber einmal ein Ende. Peter Vagas wartete in dem kleinen Raum eine lange Zeit, oder vielleicht erschien sie ihm nur so lang, weil er wartete. Vielleicht war sie auch nur für ihn, der da mit brennender Ungeduld saß, eine so lange Wartezeit wie die Ewigkeit, in der die Stunden krochen und angefüllt waren mit Furcht und Angst um ein teures Leben. Er hatte schon einiges erlebt in der jüngsten Zeit: die Fahrt von Prag, das Wiedersehen mit der todkranken Kitty, die Zerstörung seiner Heimat, die Beschlagnahme seines Hauses und die Todesnachricht seines freuen Dieners und Hundes. Ach, es war wirklich zuviel in den wenigen Tagen. Irgendwo schlug eine Uhr fünf harte Schläge. Vagas fuhr empor. Er war wahrhaftig eingeschlafen gewesen. Erstaunt blickte er sich in der Telefonzelle um. Nun erinnerte er sich seines Gespräches mit Dr. Gebhard. Vielleicht würde er gar nicht kommen bei diesem Sturm und hatte den lästigen Nachtstörer nur mit einigen Worten beruhigen wollen. Aber er entsann sich seiner erstaunten Frage: ,, Kitty Bergner, sie ist zurückgekehrt, sie lebt? Der Name sprengt alle Türen. Ich komme!" Das ganze Haus schlief. Keine Tür klappte. Grabes422 stille um ihn herum, aber draußen war der Teufel los. Zu dem Sturm hatten sich noch Regengüsse gesellt. Das Rauschen verbunden mit dem Heulen des Sturmes drang immer mehr durch die Stille und ließ keine anderen Geräusche aufkommen. Wieder weilten seine Gedanken bei Kitty. ,, Großer Gott", murmelten seine Lippen ,,, nimm mir alles, nur nicht sie, nicht Kitty. Laß geschehen, was will, was auch geschehen möge, nur erhalte ihr Leben. Sie ist das Licht meines eigenen Lebens. Das Schicksal hat mich seit Jahren verfolgt. Guter Gott, es soll vergessen sein. Keine Bitte um Glanz und Reichtum um ihr Leben bitte ich. Nimm mir alles, Kitty. Dein Wille geschehe. Amen!" Immer noch rauschte der Regen. - - nein nur nur nicht Peter Vagas erhob sich, band die gelockerten Schuhbänder fester und schloß die Knöpfe seines Mantels. Ja, er schlug sogar den Rockkragen in die Höhe. Der Portier hatte recht. Es war sehr kalt in der Zelle. Nun horchte er. Eben hatte er ein Geräusch gehört. Peter öffnete die Telefontür. Unsinn, es war eine Täuschung gewesen. Der Portier machte sich in seiner Loge zu schaffen. Wieder schlug die gleiche Uhr halb sechs. Nun hörte Vagas deutlich das Knirschen von Rädern auf dem Sandweg vor dem Hause. Ein Auto hielt vor der Tür. Er hörte Schritte die Steintreppe heraufsteigen. Schnell wollte er zur Tür eilen, doch der Portier kam ihm zuvor. Er war auf seinem Posten gewesen und hatte ebenfalls die Ohren gespitzt. Bevor der frühe Besucher klingeln konnte, öffnete er ihm die Haustür. Ein älterer Herr mit einer Brille trat ein. In der Hand trug er eine Tasche. Den Hut hatte er abgenommen. Auf den ersten Blick erkannte man in ihm den Arzt. Auf seinem geistvollen Gesicht mit der hohen Stirn lag eine gewisse Unruhe. Er richtete seine gütigen und warmen Augen auf den Portier. 423 ,, Ich bin Dr. Gebhard aus Reinbek. Man hat mich heute nacht rufen lassen. Wo befindet sich die Kranke? Für die Aufnahme in meinem Hause ist bereits gesorgt." ,, Die Patientin liegt im I. Stock, zweite Tür rechts, Herr Doktor", sagte der Portier. ,, Der Herr dort wartet auf Sie. Er ist die ganze Nacht hier unten geblieben und wird Ihnen alles Nähere mitteilen." Der Pförtner deutete auf Peter Vagas, drehte sich um und ging in seine Loge zurück. Er war froh, den nächtlichen Störenfried loszuwerden. Nun hatte er ihn anderen Händen übergeben und war zufrieden. Ihm erschien er immer noch sonderbar. Befreit aufatmend, schloß er seine Tür. Vagas war dem Arzt entgegengetreten und bat ihn, in die Zelle hereinzukommen. Dort stellte er sich dem Arzte vor. Erstaunt war ihm Dr. Gebhard gefolgt. Vagas wies auf den Stuhl vor dem Telefontisch, doch der Arzt lehnte ab. " , Wo ist die Kranke?" sagte er.„, Lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Nachtanrufe setzen immer eine Gefahr voraus. Ich bin durch einen Orkan hierhergerast, und nehme an, 1 Beider Augen begegneten sich. Ihre Blicke ruhten seltsam ernst ineinander. Vagas' Aussehen verfinsterte sich zusehends. Dr. Gebhard sah sofort mit dem geübten Blick des Arztes, daß sich der Mann ihm gegenüber nur mit Mühe aufrechthielt, und daß in seinen starr und eigenartig auf ihn gerichteten Augen das Fieber wohnte. Etwas Seltsames, Unangreifbares stand zwischen ihnen. Peter Vagas lehnte mit dem Rücken gegen die Tür der Telefonzelle. ,, Ja, ich habe Sie rufen lassen zu Frau Kitty Bergner und danke Ihnen für Ihr Kommen, doch bevor Sie an das Bett der Patientin treten, muß ich von Ihnen eine Erklärung fordern." ,, Ich möchte zu ihr", stieß Dr. Gebhard atemlos hervor. ,, Jetzt ist keine Zeit für Auseinandersetzungen. 424 Später stehe ich gern zu Ihrer Verfügung. Nun lassen Sie mich gehen." ,, Nein!" sagte Peter Vagas. ,, Schalten Sie den Arzt einstweilen aus. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist dringend notwendig und betrifft den Privatmann." ,, Aber, Dr. Vagas, Sie dürfen den Arzt nicht von seiner Pflicht zurückhalten!" ,, Von Ihrer Pflicht soll ich Sie nicht zurückhalten?" lachte Peter Vagas bitter auf. ,, Sie haben diese ja die vielen Jahre außer acht gelassen. Sparen wir uns doch die Worte, Dr. Gebhard. Ich kenne Frau Bergners ganze Vorgeschichte und weiß auch, wie Sie zu ihr stehen. Aus diesem Grunde fordere ich heute eine Erklärung von Ihnen, warum Sie diese arme Frau verelenden lieBen und sie ihrem Schicksal vollkommen überantworteten." ,, Ich bin nicht gewillt, Ihnen Rechenschaft über Dinge zu geben, die nur Frau Bergner und mich angehen. Außerdem bestehe ich darauf, erst die Kranke zu sehen. Dann werde ich Ihnen in dieser privaten Angelegenheit Auskunft geben. Ich ersuche Sie dringend, mich hinauszulassen." ,, Nein, ich denke nicht daran! Zunächst muß ich Klarheit schaffen. Sie waren mir viele Jahre ein Schreckensgespenst gewesen, dauernd habe ich wegen Ihres geheimnisvollen Einflusses auf Kitty Bergner dagegen kämpfen müssen. Jetzt stehen Sie endlich vor mir aus Fleisch und Blut. Und jetzt verlange ich Rechenschaft wegen Ihres Verhaltens zu Frau Bergner." Der Arzt sah ein, daß nur ein vorsichtiges Einlenken zum Ziele, das heißt den Weg zu der Kranken führen konnte. Er sagte: " , Wenn Sie sich kurz fassen können, warum nicht. Aber viel Zeit kann ich nicht verlieren, auch müssen Sie mir sagen, was Sie berechtigt, solche Sprache mit mir zu führen." ,, Kitty Bergner ist seit kurzem meine Braut. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, welche Fol425 gen aus der Bindung Ihres damaligen Geständnisses: , Kitty, ich habe dich sehr lieb gehabt!' das Sie vor dem Abschied der unglücklichen Frau machten, für Sie entstehen könnten?" Der Arzt schwieg. ,, Ich erwarte Ihre Antwort!" ,, In dem Moment der damaligen Trennung hatte mich der Verlust Kitty Bergners so erschüttert, daß ich diese Worte sprechen mußte. Zum erstenmal in meinem Leben ließ ich mich gehen. Zum erstenmal hatte ich an mich gedacht." ,, Mit diesen Worten hatten Sie sich an Kitty gebunden. Ihre Treue Ihnen gegenüber war unnachahmlich. Ich glaube, es gibt keine zweite Frau ihrer Art. Und was haben Sie getan? Sie haben sich nie um sie gekümmert. Niemals ein einziges Wort geschrieben, das zum Troste dienen konnte. Mann, diese holde, zarte Frau mußte arbeiten wie ein Lasttier. Hungern mußte sie, daß sie sich in Krämpfen wand. Abends ist sie unter Todesgefahr zu den Abfallstellen geschlichen und hat dort aus dem weggeworfenen Unrat nach noch eẞbaren Stücken gesucht. Die Kartoffelschalen wurden gierig gesammelt und gekocht." Er holte tief Atem. ,, Ja", lachte Peter bitter auf und sah den ganz fassungslosen Arzt drohend an. ,, Ja, Sie konnten einer Frau ein paar Zuckerbrocken hinwerfen, das konnten Sie, Sie armseliger Mann, aber ihr eine Stütze, einen noch so kleinen Halt geben, das konnten Sie nicht, Sie erbärmlicher Feigling!" Finster, mit lodernden Augen hatte Vagas seine Anklagen gegen Gebhard vorgebracht. Jetzt ging er drohend auf den sehr bleich gewordenen Mann zu. ,, Warum haben Sie sich nie um Kitty Bergner gekümmert? Warum haben Sie sie einem Zustand schlimmster Hilflosigkeit ausgesetzt? Sie stehen doch mit heilen Gliedern vor mir, Mann?" ,, Ja, Sie mögen in allem recht haben. Aber jetzt muk 426 ich hinaufgehen zu ihr. Man läßt einen leidenden Menschen nicht warten." ,, Nicht warten!" hohnlachte Peter Vagas. ,, Was haben Sie denn getan in der ganzen langen Zeit der Gefangenschaft Kitty Bergners? Sie haben sie bis in alle Ewigkeit warten lassen." ,, Lassen wir doch alles ruhen, bis die Kranke versorgt ist. Später werde ich Ihnen die Gründe meines Schweigens auseinandersetzen. Meine Rechtfertigung wird jetzt eine zu lange Zeit kosten. Meinetwegen können Sie mich danach niederschlagen. Mir liegt nichts an meinem Leben." Furchtlos trat Gebhard auf Vagas zu. Es war nicht zu mißdeuten, was er beabsichtigte. Aber Peter Vagas war zu sehr vom Zorn und einem gewiß auch berechtigten Unwillen erfüllt, als daß er Vernunftgründen zugänglich gewesen wäre. Er brannte darauf, den Grund zu erfahren. ,, Nein! Ich verlange Ihre Erklärung." Die erregten Atemzüge der beiden Männer drangen durch die Stille. ,, Noch einmal bitte ich Sie allen Ernstes, die Tür freizugeben und mich hinauszulassen." ,, Geben Sie sich keine Mühe, mich umzustimmen. Ich will Ihre Erklärung." Da trat Dr. Gebhard auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.„ Sie haben Fieber und sollten sich ins Bett legen, Herr Doktor." Peter schüttelte zornig seine Hand ab. ,, Nun kommen Sie doch mit der Sprache heraus. Ich warte!" Aber Dr. Gebhard schwieg hartnäckig. ,, Sie wollen mir nicht antworten. Nun, dann hören Sie, wenn die wunderbare Errettung durch den Einmarsch der Russen in Theresienstadt nicht gewesen wäre, wodurch wir Gefangenen alle befreit wurden, so wären wir allesamt am 5. Mai 1945 vergast worden sein." Erschüttert setzte sich Gebhard auf den Stuhl und be427 deckte sein Gesicht. Die Heftigkeit, ja Wildheit der Anklagen trafen ihn tief. Der Mann hatte recht, hundertfach, ja tausendfach! Auch wenn das, was er jetzt sagte, unter dem Einfluß des Fiebers stand. Aber er wollte gutmachen. Mit seinen Händen, das schwor er sich, wollte er die gewaltige Last der Schuld abzutragen suchen. Obgleich aus dem Ankläger der Haß sprach, war er gerecht. Jedes seiner Worte war wohl abgewogen. Nach kurzem Besinnen erhob sich Dr. Gebhard. Es fiel ihm ein, wie unerhört es war, daß er hier die kostbare Zeit vergeuden mußte, wo Hunderte von Kranken auf ihn warteten. Abgesehen von der einen einzigen Frau, zu der es ihn zog. ,, Noch einmal! Sie verlassen nicht diesen Raum, bevor Sie mir nicht offen ihre Gründe des vollkommenen Schweigens mitgeteilt haben. Oder können Sie mir keine vorbringen?" Dr. Gebhard trat auf Peter Vagas zu. ,, Geben Sie die Tür frei!" ,, Nein!" Peter schrie es, so laut er konnte. Er vergak die gute Sitte und sein Herkommen. Er vergaß, wo er sich befand. Er handelte unter einem unwiderstehlichen Zwang. Sein Herz war zu voll. Er hatte seine Sinne völlig verloren. Gebhard kam noch näher an ihn heran. ,, Nein", schrie er nochmals,„ Sie kommen hier nicht heraus, bevor Sie sich nicht gerechtfertigt haben!“ Der Portier war aus seiner Loge getreten. Was war da nebenan los? Was bedeutete dieser Lärm? Er wollte die Tür öffnen, aber sie ging nicht auf. Da stemmte er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Telefonzelle, und endlich flog sie auf. Mit gerötetem Gesicht starrte Peter Vagas auf den Eindringling. " , Was wollen Sie? Was suchen Sie hier? Mischen Sie 428 sich doch nicht in meine Angelegenheit", herrschte er ihn an. Dr. Gebhard war indessen durch die Tür an dem zornigen Manne vorbeigelaufen und eilte jetzt erleichtert aufatmend die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Doch schneller noch als er stürmte Peter Vagas an ihm vorbei und stieß die Tür des gemeinschaftlichen Schlafzimmers auf, wo Manez und Schwester Irina noch bei ihrer Morgentoilette waren. Manez sah ihn groß an. ,, Was ist los mit dir? Peter, wo warst du so lange? Du bist ja noch nicht einmal fertig angezogen? Wir müssen doch Anstalten treffen zur Abreise." Vagas antwortete nicht. Er schob die Rollwand vor Kittys Bett zur Seite und eilte auf die im Bett Liegende zu. Schwester Irina schrie leise auf. Sie war mit ihrer Toilette noch nicht fertig geworden. Aber Peter Vagas achtete nicht auf sie, sondern er beugte sich über Kitty. Diese lag mit geöffneten Augen und schien sich wieder erholt zu haben. ,, Kitty, mein Lieb, es ist kein Bleiben hier mehr für uns, komm!" Sie sah ihn groß an. ,, Ja, ich gehe mit dir, wohin du willst." ,, Das ist gut, dann komm!" Er hob sie auf, nahm sie in seine Arme, drängte sich an der völlig erstarrten Irina und dem erschrockenen Manez vorbei durch die Tür, wo der Arzt Dr. Gebhard stand. Sein Gesicht war weiß wie Kalk. Nun erst erholte sich Manez von seiner grenzenlosen Überraschung und lief Peter Vagas nach. Aber der war ihm mit Windeseile vorausgeeilt und seinen Blicken entschwunden. Manez lief die Treppe hinunter und schrie. " , Wohin willst du denn mit ihr, Peter? Wir sind doch noch nicht fertig zur Abreise. Bist du von Sinnen?" Der Arzt hatte sich umgedreht und war ebenfalls dem Flüchtenden gefolgt. Er sagte zu Manez: 429 ,, Nehmen Sie dem Manne die Kranke ab. Er hat schweres Fieber und weiß nicht, was er tut. Ich bin Dr. Gebhard aus Reinbek und von ihm heute Nacht angerufen worden", stellte sich Dr. Gebhard vor. Manez lief, so schnell er konnte, halb angezogen hinter Vagas her. Auch der Arzt eilte den gleichen Weg und rief von dem Absatz der Treppe:„, Portier, schliegen Sie sofort die Haustür ab. Aber schnell!" Rasch sprang der Betrekte zur Haustür, bevor Vagas sie aufstoßen konnte, schloß sie ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Peter Vagas' Stimme gellte durch das Haus und übertönte sogar den Sturm da draußen. ,, Aufmachen!" Er stieß mit den Füßen gegen die Tür. , Wird es bald?!" herrschte er den Portier an. " Der hatte seine Mütze abgenommen und wischte sich seinen Schädel ab. Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren. ,, Na so was", murmelten seine Lippen ,,, da haben wir's! Der Herr war ja auch zu sonderbar." Das Geschrei hatte das ganze Haus alarmiert. Aus allen Türen traten die erschrockenen Menschen. Manez stand vor dem tobenden Peter, der die ohnmächtige Kitty in seinen Armen hielt, und sah ihn ganz entgeistert an. ,, Sag' mal, Peter, hast du deinen Verstand verloren? Du hast uns durch diesen Auftritt ganz unmöglich gemacht." Der Arzt trat zu Manez. ,, Der Mann ist schuldlos. Das Fieber spricht aus ihm. Er würde in diesem Zustand auch aus dem Fenster springen. Ich sah es ihm gleich an, als ich " - er unterbrach sich. ,, Rasch einen Stuhl her", rief er dem Portier zu. ,, Schnell, schnell", setzte er hinzu und sah ihn dabei an. Der Portier rollte seinen Sessel aus der Loge heraus, bis zu der Stelle, wo Peter Vagas stand. Es war die höchste Zeit. Von allen Seiten kamen hilfreiche Hände, die Peters Arme packten, um nach einem Kampfe - 430 - denn der Fiebernde wehrte sich sehr und entwickelte Kräfte wie drei Männer den heftig Widerstrebenden gewaltsam in den Stuhl zu drücken. Alle atmeten auf. Endlich war es geglückt. Jetzt erst konnte Manez die Griffe seiner Hände von Kittys Körper lösen und die Ohnmächtige behutsam auf seine Arme nehmen. Peter schrie: ,, Laß mir Kitty, du darfst sie mir nicht nehmen!" ,, Sei still! Ihr geschieht nichts. Ich bringe sie nach oben bis zu unserer Abreise." Manez verschwand. Peter sah ihm mit haßerfüllten Blicken nach. Das Fieber raste in seinem Körper, aber er wußte es nicht. Nun meinte er, auch der Freund sei ihm feindlich gesinnt. Indessen hatte Manez das gemeinschaftliche Zimmer betreten und Kitty sorgsam auf ihr Bett gelegt und zugedeckt. Irina vernahm nun zu ihrem Schrecken von der ernsten Erkrankung Peters. Voller Teilnahme hörte sie zu und tröstete Manez, der sich die schlimmsten Gedanken um seinen Freund machte. ,, So laß uns eilen, daß wir fortkommen. Geh nur, Lieber, ich brauche deine Hilfe nicht." Als Manez die Treppe wieder hinunterstieg, hörte er den Arzt aus der Telefonzelle rufen, wo er sich mit seiner Tasche zu schaffen machte: ,, Halten Sie ihn noch eine Weile fest, gleich bin ich zur Stelle." Gebhard hatte aus seiner Tasche eine Spritze genommen und diese mit einer Flüssigkeit gefüllt. Er ging nun zusammen mit Manez auf Peter Vagas zu. Der Freund beugte sich sorgenvoll über das finstere Gesicht Peters, in dem die Aufregungen und das Fieber jetzt schon deutliche Spuren hinterlassen hatten. " , Wie geht es dir, Peter? Bald wird der Trubel ein Ende haben, sei unbesorgt." Peter antwortete nicht. Er schien völlig die Sprache verloren zu haben. Als Gebhard näher trat und einige begütigende Worte zu ihm sprach, sah er ihn jedoch drohend an. 431 Der Arzt frat noch näher und nahm schnell den Arm des Überraschten, schob den Armel in die Höhe und setzte die Nadel auf die vorher mit Ather abgetupfte Hautstelle. Blitzschnell spritzte er das Schlafmittel ein. Darauf rief er nach einem zweiten Stuhl, Kissen und einer Decke. Der Portier holte das Gewünschte. Nun wurde der immer willenloser werdende Kranke mit Hilfe Manez' in eine bequeme, langgestreckte Lage gebracht, zugleich der Kopf durch Kissenpolster gestützt. ,, So", sagte er darauf zu Manez ,,, nun wird er bald seine Ruhe haben. Ich werde indes hinaufgehen zu der anderen Patientin und bitte Sie, solange hier bei Ihrem Freund zu bleiben, bis er eingeschlafen ist." Peter Vagas rührte sich nicht mehr. Er lag ganz still, ohne Bewegung. Auch seine Züge entspannten sich und erhielten einen friedlichen Ausdruck. Der Arzt schien recht zu haben. Alle vorher im Korridor versammelten Menschen waren wieder auf ihre Zimmer gegangen. Nur Manez und der Portier waren zurückgeblieben und standen bei dem Kranken. Der letztere meinte: ,, Ein sonderbarer Herr. Die ganze Nacht war er hier unten in der Telefonzelle umhergewandert. Ich sagte ihm gleich, er würde sich erkälten. Einmal stand ich auf und horchte, da hörte ich, wie er mit sich sprach. Was konnte ich tun? Er hörte nicht auf mich. Erst als der Arzt kam, war ich beruhigt." ,, Der Herr hat viel durchgemacht. Auch noch in den letzten Tagen." ,, Eine schlimme Aufregung war das eben", meinte der Portier weiter. „ Ja“, stimmte Manez zu,„ aber wenn in Ihrem Körper solches Fieber wütete, dann wüßten Sie auch nicht, was Sie täten." ,, Da hat der Herr recht! Also das Fieber war's", schloß der Portier nachdenklich das Gespräch. Langsam begann das Morphium zu wirken. Schlaff fiel Peters Kopf zur Seite, er war eingeschlafen. 432 Der Portier war in seine Loge zurückgefreten. Manez blieb noch eine Weile vor dem schlafenden Freund stehen, dann ließ er sich den Schlüssel geben und ging in die Garage, um sein Auto herauszufahren. Unter den Händen des Arztes hatte sich Kitty wieder erholt. Sie blickte voller Staunen in das Gesicht Dr. Geb- hards. „Bist du es wirklich, Fred?“ fragte sie flüsternd. „Ja, Kitty, ich bin’s! Lange warst du fort, aber nun wird alles gut.“ Erschüttert sah er auf die geliebte Frau, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war. „Warum——— schriebst du nie?“ „Kitty, ich durfte nicht. Du weißt nicht, wie schwer es war. Ich konnte nicht anders handeln. Glaubst du es mir?“ „Gewiß! Ich glaube es, wenn du es sagst!“ „Gut, später wirst du alles erfahren, wenn ich dich gesund gemacht habe. Warte bis dahin!“ Kitty schaute immer noch ungläubig auf Gebhard, von dem eine wunderbare Ruhe ausging. Mit äußerster Vor- sicht und Gründlichkeit untersuchte er ihren Körper, hauptsächlich die Funktionen des Herzens. In diesem Moment schaltete er die ganze aufregende Szene von vorhin aus. Seine Gewissenhaftigkeit ließ ihn alles andere vergessen. Er hatte nur das eine Verlangen, sich dur&h gründliches Untersuchen eine genaue Diagnose über Kittys Krankheit zu verschaffen, um endlich zu helfen,— zu nützen. Drei Jahre,— drei unerhört lange Jahre waren ver- strichen, in denen er nichts unternehmen durfte. Er hatte diese Frau, die er liebte, vernachlässigen müssen, weil er keinen freien Willen seines Handelns besaß. Wird diese Unterlassungssünde je gutzumachen sein? Schwester Irina wartete gespannt auf das Ergebnis der Untersuchung. Wie würde das ärztliche Urteil aus- fallen? Mit Bangen dachte sie an eine Trennung von Kitty, 28 Philipp, Die Todgeweihten 433 aber Manez hatte sie dringend gebeten, mit ihm zurück nach Prag zu fahren. Sie konnte ihm nichts abschlagen. Die Sorge um Kitty zehrte dennoch an ihrem Herzen. Sie sah zu dem Arzt hinüber, der sich immer noch über die Kranke beugte. Endlich richtete er sich auf. Er legte das Hörrohr beiseite. Nun sagte er:„ Wenn ich auch noch keine absolut sichere Prognose geben kann, so habe ich mir doch einen ungefähren Überblick verschaffen können, daß vielleicht Rettung vorhanden ist. Das Herz ist allerdings sehr schwach." ,, Mit Hilfe des Penicillins, eines neuen hochwertigen Heilmittels, das der leidenden Menschheit durch den Bakteriologen Professor Alexander Fleming geschenkt ward, hoffe ich auch in diesem Fall einen Erfolg zu erzielen. Habe ich doch schon Kranke in einem noch schlimmeren Zustand, ja von der Schwelle des Todes, mit diesem Mittel retten können." ,, Gebe Gott, daß Sie recht haben und unsere Kranke retten können." ,, Wir wollen es hoffen! Natürlich hängt die Behandlung von der Natur der Krankheit ab, von der ich mir erst ein Bild machen muß. Da die Kranke ständig unter meiner Beobachtung bleibt, ebenso wie Dr. Vagas, den ich auch mit in meine Klinik nehme, so glaube ich den richtigen Weg zur Rettung beider Kranken zu finden. Jedenfalls", schloß Gebhard sein medizinisches Gutachten ,,, dürfen wir hoffen." ,, Auch für Dr. Vagas haben Sie in Ihrem Hause Platz und wollen für ihn sorgen?" fragte Schwester Irina erfreut. ,, Ja, gewiß! Es ist wohl das allerwenigste, was ich lun kann, um Dinge, die ohne meine Schuld mich belasten und eine schlimme Wendung nahmen, zu sühnen. Selbstverständlich sind auch Sie, Schwester Irina, und Herr Manez. meine Gäste, solange es Ihnen beliebt. Es wird ein wenig eng werden in meinem Hause, aber Sie werden den Verhältnissen Rechnung tragen.". 434 Der Arzt trat nochmals an Kittys Bett. Ihre Augen wanderten suchend umher. Ihre Lippen bewegten sich. " Er beugte sich zu ihr nieder. , Wünschest du etwas, Kitty?" ,, Wo ist Peter?" fragte sie leise. ,, Er schläft. Er war zu sehr in Sorge um dich und konnte keinen Schlaf finden. Nun holt er ihn nach." " Wir fahren gleich mit Dr. Gebhard in seine Klinik. Willst du vorher noch etwas essen?" fragte Schwester Irina. Kitty schüttelte den Kopf. Sie fand keine Worte, aber sie schien glücklich in dem beseligenden Gefühl des Geborgenseins. Als sie die Augen schloß, umspielte ein Lächeln ihr friedliches Antlitz. Gebhard verabschiedete sich von Irina und gab ihr die Hand. ,, Ich gehe jetzt hinunter zu meinem anderen Patienten. Er wird eingschlafen sein. Ist alles soweit zur Abfahrt bereit?" ,, Bis auf einige Kleinigkeiten." ,, So werde ich gleich zurückkommen und Frau Bergner holen." Im Vestibül angelangt, fand Gebhard nur den Portier vor. Manez machte sich draußen an seinem Auto zu schaffen. Der Arzt sagte zu dem Portier: ,, Ich lasse mein Auto in der Garage stehen und werde es im Laufe des morgigen Tages abholen. Die Kosten der Reisegesellschaft gehen zu meinen Lasten." Er überreichte dem Betreßten einen größeren Geldschein. ,, Erledigen Sie bitte die Angelegenheit für mich. Den Rest können Sie behalten, Portier." Manez trat hinzu. 73 " 7 , Wir sind fahrtbereit, Herr Doktor!" Würden Sie mir erlauben, daß ich Ihren Wagen mitbenutze und mich ans Steuer setze? Ich kenne den kürzesten Weg nach Reinbek. Der Einfachheit halber 28* 435 wäre es mir sehr lieb. Wir sind dann schneller bei mir zu Hause.“ „Ich wollte Ihnen schon den Vorschlag machen, Herr Doktor.“ „Sollte es Ihre Zeit erlauben, dann würde ich Sie bitten, mit Schwester Irina meine Gäste zu sein, solange wie Sie wollen.“ „Damit würden Sie mir eine große Gefälligkeit erwei- sen. Ich nehme Ihre Gastfreundschaft mit Dank an.“ „Ich hole jetzt Frau Bergner herunter. Sorgen Sie bitte indes, daß Ihr Freund gut placiert wird.“ Gebhard sprang die Treppe wie ein Jüngling hinauf und kam bald danach mit Kitty auf dem Arme und von Irina begleitet zurück. Der Portier hielt die Türflügel auf und eilte dann schnell zum Wagenschlag, den er öffnete. Nachdem Kitty auf ihrem alten Platz im Auto Manez’ ıuhte, wurde auch für Peter eine Lagerstatt durch Her- unterklappen der Polsterstühle geschaffen. Der Portier half Manez bereitwillig den schlafenden Peter in das Auto bringen. Danach stieg Dr. Gebhard in den Wagen und setzte sich ans Steuer. Manez und Schwester Irina folgten. Der Portier zog die Mütze. Das Auto setzte sich in Bewegung. Kein Laut unterbrach die Stille der Morgenstunde. Der Wagen fuhr im schnellen Tempo durch die Stra- ßen Hamburgs. Manez blickte auf seine Uhr am Hand- gelenk. Sie zeigte die siebente Stunde. „Jetzt möchte ich Ihnen die Gründe meines sonder- baren Verhaltens gegen Frau Kitty Bergner auseinan- dersetzen.“ So fing Dr. Gebhard das Gespräch an.„Ich nehme an, daß zwischen Ihnen und Ihrem Freunde Va- gas keine Geheimnisse existieren und Sie über alle Vorgänge Bescheid wissen.“ „So ist es! Unser gemeinsames, furchtbares Schicksal hat uns einander nahegebracht. Wir sind Freunde”, sagte Manez. 456 ,, Gleich nachdem ich mich damals an dem verhängnisvollen Tage von Frau Bergner verabschiedete, war ich denunziert worden. Am nächsten Tage fand ich zwischen meinen Briefen eine Aufforderung der Gestapo. Ich wurde vorgeladen. Man sagte mir dort auf den Kopf zu, ich hätte Umgang mit einer Jüdin. Ich sei gesehen worden, als ich in das Gebäude des Warburg- Stiftes eintrat, von wo aus der Abtransport der jüdischen Verbannten stattfand. Meinen Hinweis, ich hätte mich von einer früheren Patientin verabschiedet, nahm der Gestapo- Kommissar ungläubig und achselzuckend entgegen. Jedenfalls', sagte er ,, sind Sie gewarnt worden. Die kleinste Abweichung von unseren Bestimmungen kann Ihnen und Ihrer Familie zum Verderben werden. Jetzt sind Sie entlassen! Hören wir das geringste Nachteilige über Sie, dann müssen wir Sie in Haft nehmen.' Nach diesem Vorfall blieb ich unter Beobachtung.. Meine Frau hatte inzwischen die Scheidungsklage gegen mich zurückgezogen. Ein Sohn von uns war gefallen. Sie wurde durch diese Todesnachricht sehr krank. Ich eilte zu ihr. Wir hatten nichts gesprochen, aber als sie mir die Hand hinstreckte und schluchzłe, zog ich sie zu mir heran und verzieh ihr. Sie durfte den Schmerz um unseren verlorenen Sohn nicht allein tragen. Auch mich traf der Schlag hart. Es war eine gemeinsame Bürde. So war durch ein schweres Leid wieder eine gute Ehe entstanden." Gebhard schwieg. Aufmerksam hatte Manez zugehört. Gebhard hatte schlicht und klar gesprochen. Er reichte ihm die Hand, die dieser freudig ergriff. ,, Nein, Sie hätten wirklich nicht anders handeln können, wollten Sie nicht Ihre und Ihrer Familie Sicherheit aufs Spiel setzen. Wie wird Peter sich freuen, wenn er Ihre Rechtfertigung hört. Auch die Gewißheit, daß Sie nur noch als Freund in Kitty Bergners Leben eine Rolle spielen, wird ihn unsagbar glücklich machen." ,, Gelobt sei Gott, daß er mir jetzt Gelegenheit gibt, 437 endlich wiedergutzumachen, was ich durch den unselıgen Zwang der Nazi- Regierung verschuldet habe. Jetzt habe ich eine Bußezeit vor mir", sagte er weiter ernst ,,, die mir Aufgaben stellt, und die von mir freudigen Herzens erfüllt werden sollen." ,, Mit Ihrem aufrichtigen Bekenntnis haben Sie mich überzeugt, daß der Kern des deutschen Volkes unverdorben geblieben ist." Alter und Wesensbildung der beiden Männer waren verschieden, und doch verband sie beide eine natürliche Menschheitsliebe. Das gab einen Gleichklang. Manez sah den Arzt an. ,, Mein Dienst ruft mich bald nach Prag zurück, aber ich denke, wir bleiben in schriftlichem Verkehr. Es wird mich in hohem Maße interessieren, über die Verhältnisse Deutschlands auf dem Laufenden zu bleiben." ,, Es würde mich auch freuen, Ihnen über das Wohlergehen meiner beiden Pfleglinge berichten zu dürfen", sagte Gebhard. ,, Eigentlich ist mir alles wichtig, nicht nur, was meine Freunde angeht, sondern auch, wie ich schon sagte, die künftige Entwicklung Deutschlands." " , Wenn nur die Lebensbedingungen jetzt nicht so hart wären und den Aufbau der vielen zerstörten Existenzen verhinderten, und wenn nicht der grausame Hunger noch sein übriges täte." - ,, Hören Sie", sagte Manez zu dem vor sich hinsinnenden Arzte am Steuer. ,, Hören Sie mir gut zu, was ich Ihnen zu sagen habe. Wir, die wir aus einem KZ- Lager kommen, kennen bereits die verschiedenen Stadien eines zerstörten Lebens, die man uns erbarmungslos langsam kosten ließ. Wir kennen die Qualen des Hungerns, den Zwang der Arbeit, das Ausgestoßensein aus der Gemeinschaft und aus der Familie. Wir kennen die Beschaffenheit des schlechten Brotes, das durch Beimengen von Kastanienmehl gestreckt, bald grüne Stellen bekam. Wir kennen die lebensgefährlichen Suppen 438 mit der Sodamischung, die man uns aus ganz bestimmten Absichten gab. Wir kennen also harte Arbeit, Darben und Elend zur Genüge, und daneben noch die Verzweiflung der Gefangenschaft. Fest umschlossen waren wir hinter Mauern mit Stacheldraht und einer weit ins Land geführten Sperrkette von Posten und Maschinengewehren, damit keiner von uns auf den Gedanken käme zu flüchten. Wir waren unschuldige Menschen, und wir hatten so wenig Unheil getan, wie ein neugeborenes Kind. Dennoch gab man uns ein Leben wie Verbrechern. Heute, nach dem verlorenen Kriege, lernt das deutsche Volk zum erstenmal das Wort, Hunger' kennen. Zwar nicht in seiner wirklichen Gestalt, wie er in seiner grausigen Form in den Konzentrationslägern hauste, sondern nur im Anbeginn. Und die Vorstellungswelt des deutschen Volkes wird natürlich durch dieses Gespenst dauernd bedrängt. Aber dort bei uns im Lager war der Hunger, Stammgast' in all' den Jahren gewesen, hier öffnet er sich ab und zu eine Tür und versucht einzutreten. Er schleicht umher und sucht sich irgendwo Quartier, das ist wahr und richtig. Aber vor einem wirklichen Hunger, wie wir ihn durchlebten und noch dazu nur als Begleiterscheinung unserer anderen Qualen, wie wir sie hinnehmen mußten, davor möge Gott das deutsche Volk bewahren." ,, Gott steh' uns bei!" sagte Gebhard. ,, Es wäre nicht auszudenken, wenn ein solches Ausmaß an Leid über Deutschland käme. Aber es ist gut und ich danke Ihnen. Ja, es ist gut zu wissen, was Sie erlebten. Und daß ich es aus Ihrem Munde selbst erfahre, macht es doppelt wertvoll für mich." Und nun berichtete Josef Manez alle die furchtbaren Erlebnisse des Theresienstädter Aufenthalts, so knapp er konnte. Er entrollte vor den Augen Gebhards die ganze schreckliche, vergangene Zeit ihrer Gefangenschaft. 439 Des Arztes Kehle war trocken, als hätte er Staub geschluckt. Mühsam stammelten seine Lippen: ,, Sie haben Furchtbares erlebt, Herr Manez, Sie und Ihr Freund,- Sie alle." ,, Ja, es war ein Hölle! Immer hatten wir den Tod vor Augen. Langsam verfielen die Körper unserer Freunde und Bekannten. Man konnte es sich ausrechnen, wann das Verhungern eintrat. Oder sie verließen uns, um mit einem Transport von Theresienstadt nach Auschwitz in die Gaskammern zur Verbrennung geschickt zu werden." Mühsam gelang es Gebhard, seine Erschütterung über die unerhörten Vorkommnisse zu verbergen. Schlimmer als alles Vorherige erschien ihm die ruhige und sachliche Darstellung Manez' von seinem Erlebnis in Auschwitz. Er sah den zitternden Mann unter dem Wagen liegen, wo er Zeuge der Ermordung tausender Frauen, Kinder und Männer wurde, wo er die gellenden, schrillen Schreie der unschuldig hingeopferten Kinder hörte. Und er sah ihn förmlich vor sich, wie das Entsetzen seine Züge verzerrte. Eine Verzweiflung ohnegleichen ergriff Gebhard. ,, Nein", rief er ,,, haben Sie Erbarmen! Jedes Ihrer Worte fällt in die Wagschale unserer Schuld und drückt sie klaftertief nieder. Sie belastet unser Konto ins Unermeßliche. O, grausam, unerbittlich grausames Schicksal!" Gebhard hielt einen Augenblick inne. Er drehte sich voll zu Manez herum und sah ihm tief ins Auge. ,, Eines steht klar vor mir: daß es keine Stunde mehr geben wird, die mir gehört. Arbeit hieß immer mein Leben, nun ist die Sühne hinzugetreten. Beides soll jetzt mein Daseinszweck sein. Sühnen und Arbeiten! Mehr kann ich nicht geben, als was diese meine beiden Hände hier schaffen können und dazu das Verständnis voller Verantwortung für die Wiedergutmachung aller begangenen Fehler. Schwere, unverzeihliche Sünden sind von einem großen Teil des deutschen Volkes be440 gangen worden. Jeder hat in seinem Unverstand Fehler begangen und den Zusammenbruch mitverschuldet." Manez fand keine einzige Entgegnung. Alle Selbstvorwürfe beantwortete er nicht. Er nahm die Schmähungen des deutschen Volkes stumm hin. Die Sonne war längst aufgegangen. Aber der unaufhörlich niederrieselnde Regen bildete einen Schleier, durch den ihr Licht nicht dringen konnte. Dichtes Grau verhinderte den Blick in die Ferne. Da, plötzlich war etwas eingetreten, ereignete sich etwas Unfaẞbares. Manez, durch das Erlebnis in Auschwitz gewöhnt, die feinsten Geräusche seiner Umgebung wahrzunehmen, hatte inmitten des Zuhörens von Gebhards Anklagen einen seltsamen Lauf vernommen, er war wie der letzte Seufzer eines Sterbenden. Er sah schnell zu dem Arzt am Steuer hinüber, ob auch er etwas gefühlt und beachtet hätte. Aber ihm schien nichts bewußt geworden zu sein. Manez drehte seinen Kopf langsam herum, rein mechanisch. Er glaubte, Peter wäre vielleicht aus seinem Schlummer erwacht, oder Irina wolle sich bemerkbar machen. Er forschte in das Innere des Wagens und blickte direkt auf sie, die zwischen den beiden Kranken sag. ,, So", sagte Dr. Gebhard nach einem längeren Schweigen ,,, nun wird es nicht mehr lange dauern, und wir werden in meiner Veranda gemütlich Kaffee trinken und uns von den Aufregungen der Nacht erholen können." Er erhielt keine Antwort. Manez hatte sich erhoben. Erschrocken war er auf Irina zugegangen. Er hatte nur Blicke für sie. Aber was war mit ihr geschehen? Sie hatte völlig verzerrte Züge. Ihre Augen waren weit aufgerissen und ihr Unterkiefer zitterte. Dabei wollte sie sprechen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Als Manez sie forschend ansah, flossen aus ihren Augen Tränen. 441 ,, Irina, du erschreckst mich! Was ist mit dir, so sprich doch! Bist du krank?!" Sie schüttelte den Kopf und wies nur mit einem Grauen ohne gleichen auf das Bett der Kranken. Jetzt erst sah auch Manez seitwärts zu Kitty hin und in ihr Gesicht. ,, Dr. Gebhard", schrie er ,,, halten Sie,- kommen Sie, etwas Entsetzliches ist passiert!" - Mit einem Ruck stand das Auto. In dieser seltsamen Sekunde, als der Schrei Manez' des Arztes Ohr traf, fühlte dieser, als er sich erheben wollte, Bleigewichte an seinem Körper hängen. Es war ihm, als ob eine schwarze Wand sich langsam auf ihn niedersänke. Ein unentwirrbarer Druck im Gehirn, eine unerträgliche Abspannung bemächtigte sich seiner. Nun schien die Spannung des Unheimlichen ihren Höhepunkt erreicht zu haben, ein Mehr wäre nicht möglich gewesen, hätte den Verstand gesprengt und ein scheuẞliches Etwas, das versteckt im Hintergrund lauerte, hätte Besitz von irgend jemand der Anwesenden ergriffen. Diese wachsende Beklemmung, dieser entsetzliche Druck hörte auf durch den unmerklichen Übergang von bangen Zweifeln zur Gewißheit. Als der Doktor an das Lager Kitty Bergners trat, holte er zunächst sein Hörrohr hervor und behorchte ihr Herz. Dann schloß er mit einer sanften Bewegung seiner Hand ihre starren, gebrochenen Augen. Ein schweres Geheimnis lag über Kitty Bergners letzten Augenblicken. Lautlos, völlig unbemerkt von ihren Mitreisenden war sie heimgegangen. Das Unheimliche war, daß in dem Moment, als Peter Vagas als ihr Lebensspender, Leiter und Führer infolge seiner Krankheit aus ihrem Gesichtskreis entschwand, die Hinfälligkeit ihres Körpers zunahm. So konnten alle die bösen Geister der Vernichtung aus ihrem Versteck hervortreten und ihren früheren Platz wiedereinnehmen. Erst langsam, zögernd, dann aber schneller und immer schneller werdend verlor sich ihr Geist auf dem Weg, von dem es keine Rückkehr mehr gibt. 442 Manez fragte:„ Doktor, sollte man es für möglich halten,— so plötzlich? Wir hatten doch alle die größte Hoffnung. Welche Erklärung haben Sie dafür?“ „Keine! Vielleicht eine Embolie?“ Ganz außer sich schluchzte Schwester Irina. Sie war immer noch so erschüttert, daß sie kaum sprechen konnte. Endlich stammelte sie:„Gott ist nicht barmherzig, armer, armer Peter!“ Manez zog sie zu sich heran und legte ihren Kopf an seine Brust. Dr. Gebhard trat zu den beiden, er sagte:„Kitty Bergner ist nicht gestorben. Für uns ist sie nicht tot. Ihre irdische Hülle liegt dort und wird zu Staub wer- den. Aber ihr Geist, ihre Seele, die jetzt im ewigen Licht wandelt, wird uns nie verlassen. Sie lebt in uns fort!“ ENDE ANHANG Totentabelle vom 15. Juli 1942 bis 28. Februar 1943 im Hause L. 212, Zimmer 28/29, u. Qu. 613-615, Zimmer 13. 444 Frauen: Anna Ahrends Helga Anthony Todesursache: Selbstmord Rosel Aronstein Rebecca Axelbardt Alma Alsberg Josephine Borchardt Helene Benjamin Lenchen Böhme Marie Bornstein Grete Baum Hanne Bartsch Geistesgestört Geistesgestört ein Bein verloren Transport Selbstmord Hungertyphus Blutvergiftung Hungertyphus Schlaganfall Gallenleiden Ella Bär Herzschwäche Johanne Calman Hungertyphus Ilse Dannenberg Hungertyphus Hertha Eisner Hungertyphus Rose Fleischmann Hungertyphus Francis Franke Hungertyphus Grete Goldschnieder Hungertyphus Helene Gerson Hungertyphus Ulla Goldberger Hungertyphus Susi Gerschlowitz erblindet Else Holland Herzschwäche Toni Hanauer Hungertyphus Margarethe Heinemann Transport Henriette Herz Transport Hanne Heymann Transport Dina Holland Transport Fanny Hirsch Guste Jacobs Hungertyphus Hungertyphus Dina Jakobsohn Frieda Kapriol Olga Kurzweg Fanny Kurzweg Hella Kraus Rose Levy Helene Larson Martha Löwenherz Trude Lewin Grete Lewin Titi Levy Rose Lewandovsky Lilli Lilienthal Stefanie Luria Rosa Löwenthal Selma Lippmann Anne Meyer Grete Michelsohn Katharina Magnus Selma Neufeld Anna Neubeck Bertha Nußbaum Ilse Weinberger Golda Neufeld Rosi Orienter Bela Orienter Lisa Perl Cilli Pariser Franzi Rosenthal Lari Rubinstein Lena Rosenthal Frieda Simon Lise Silber Hanne Knoop Paula Kaufmann Otti Seligmann Nita Schöcke Erna Silberstein Transport Transport Gehirnschlag Schlaganfall Herzleiden Herzleiden Hungertyphus Hungertyphus Geistesgestört Transport Transport Transport Transport Geistesgestört Hungertyphus Schlaganfall Hungertyphus Blasenleiden, blind Transport, Hungertyphus Hungertyphus Herzschlag Hungertyphus Transport Oberschenkelbruch Transport Hungertyphus Hungertyphus Herzleiden Hungertyphus Oberschenkelbruch Hungertyphus Hungertyphus Transport Hungertyphus Transport Hungertyphus Hungertyphus 445 Grete Scheidemantel Transport Golda Spiegel Transport Nina Wolf Transport Fanny Grünberger Transport Olga Zeichner Gehirnschlag Betty Unna Ena Unna Transport Schlaganfall Männer: Emil Alsberg Hans Anthony Georg Gerson Ernst Heymann Hugo Hirsch Ernst Jakobsohn Leib Lewandovsky Aron Löwenkopf Simon Lewin Ernst Michelsohn Georg Larson Todesursache: Schlaganfall Transport Hungertyphus Hungertyphus Transport Hungertyphus Transport Transport Herzleiden Hungertyphus Hungertyphus Elia Neufeld Lungenleiden Gogo Nußbaum Hungertyphus Hungertyphus 446 Salo Rubinstein Baruch Rosenthal Ernst Peltesohn Hans Rosenbaum Simon Seligmann Leo Jakoby Kello Isay Ernst Kraus Hugo Lewandovsky Dr. Simon Luria Ernst Herz Albert Jakobsohn Aron Wiener Isaac Weinberger Aron Jakobsohn Transport Hungertyphus Hungertyphus Transport Hungertyphus Transport Hungertyphus Transport Hungertyphus Transport Transport Geistesgestört Transport Transport Der Transport. Inhalt Hinter den Mauern Theresienstadts Das Tor des Lebens war jetzt endgültig zugeschlagen Die Freunde Josef Manez Im Jugendheim Die Mutter Kittys Erkrankung Der Läusedoktor. In der Kinderküche. Die Freizeitgestaltung Helgas Verlobung Kitty und Peter " Seite 9 35 35 44 71 89 95 106 112 129 . 134 151 166 173 In der Färberei 177 Es war an einem Frühmorgen 183 Die Erfüllung 199 Die Ghettotrauung 207 Wechselnde Ereignisse 213 Frau Vagas' Tod 231 Der 9. November 1943. 244 Helgas Ende 259 Das Kreuz 275 Ein Stern erlosch am Kunsthimmel. 281 Die Entscheidung. 291 Tamara Weinstein 305 Die Registrierung. 325 Auschwitz 335 Einzug der Russen 356 Die Heimkehr 358 Die Gefangenen waren befreit 360 Anhang 444 "