DAS WORT DER VERFOLGTEN DAS WORT DER VERFOLGTEN ANTHOLOGIE EINES JAHRHUNDERTS Herausgegeben von BRUNO KAISER ww VERLAG VOLK UND WELT BERLIN 1948 biele Fund Herneſch, ſchieben Sie mir durch die Überbringerin dieser ewolutionaire Schever ſinBitte, Ihr lieben Mann, den Reven von ukich wroche. Und wenn Sie dieser günſtigen der Georges Fame, an den ein Unterlage, noch die besußten anberiellen, hinzufügen wollten, so würden Sie mir one großen Gefallen thed. Die Kingsnoth ist zeer erheicht angebrochen, ich möchte mich aber doch gern ebauföchzeitig mögrovianbiren. Leben Sie wohl! The Jeany Star Eber fällt ein in, daß an dich nehl nicht rotchichen, ist, des garbe Gher ischen einer sanzösischen Zahn mit der brußten Gegenständen u. gernoch en halben Taga zu beleßen Kimber Sie ſo nicht vielleicht Freund Constant rifbirden? 20 Ein Brief von Jenny Marx, der Frau von Karl Marx, an Emma Herwegh, die Frau von Georg Herwegh. Das Schreiben wurde im Jahre 1844 im Exil in Paris abgefaßt und im Jahre 1944 von dem Herausgeber im Exil in der Schweiz wiederaufgefunden.( Vergleiche die Anmerkung auf Seite 342). BH BR H 567 DEM ANDENKEN MEINES VATERS VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE Als eine Zeitschrift der deutschen Emigration in Paris im Jahre 1834 einige, hernach berühmt gewordene, Seiten Heinrich Heines zum ersten Male in deutscher Sprache veröffentlichte, wurden sie von der Redaktion mit folgendem Kommentar begleitet: ,, Diese kräftigen Worte eines der ersten Schriftsteller Deutschlands mußten erst in einem französischen Gewande erscheinen, ehe sie die Söhne Deutschlands im Urtext lesen durften. Wir nehmen Akt hiervon, da dies unsere Zeit charakterisiert und sprechend den entwürdigenden Zustand Deutschlands bezeichnet, dessen erste Schriftsteller nur unter dem Gesetze eines fremden Volkes Schutz finden." Etwas über hundert Jahre später schrieb Stefan Zweig über Thomas Manns ,, Lotte in Weimar": ,, Es wird in kommenden Zeiten ein literarhistorisches Kuriosum absurdester Art bilden, daß dieses deutscheste Buch, das beste und vollendetste, das seit Jahren und Jahren in unserer Sprache geschaffen wurde, bei seinem Erscheinen den achtzig Millionen Deutschen verboten und unerreichbar blieb. Fast könnten wir eine schlimme Freude empfinden, daß nur uns das( sonst so bitter erkaufte) Privileg zuteil wird, es in deutscher Sprache lesen zu dürfen...“ Solche Parallelen ließen sich beliebig vermehren, und dies Buch gibt genug Möglichkeiten zu ähnlichen Vergleichen. Man könnte eine Gegenüberstellung der Flüchtlingsnot von einst und von heute hinzufügen. ,, Viele dieser Unglücklichen, glücklich, Arbeit zu finden, müssen eine Arbeit verrichten, vor der der Mensch zurückschaudert, und der Lohn reicht kaum hin, um Brot und Wasser zu kaufen", heißt es in einem erschütternden Bericht vom Juni 1850 über die deutschen demokratischen Flüchtlinge in London. VII Und es wäre lohnend, zu zeigen, mit welchen Mitteln sie hatten fliehen müssen, einst und heute, um überhaupt ein solches Leben fristen zu können. Die halsbrecherische Flucht des Offiziers und Schriftstellers Wilhelm Rüstow aus dem Gefängnis, die abenteuerliche Befreiung Kinkels, Johannes Scherrs knappes Entrinnen vor den Häschern— schon das aufs Geratewohl gegriffene Beispiel dieser drei Dozenten des Polytechnikums in Zürich zeigt, daß die Flucht des deutschen Geistes über die Grenzen der Heimat im 20. Jahr- hundert kein Novum ist, von der Neuheit der ungeheuer- lichen Begleiterscheinungen abgesehen. Unter den Na- tionen, deren Söhne das Vaterland verlassen mußten, weil sie es liebten und deshalb gegen seine Schändung durch grausame willkürliche Gewalt ankämpften, nimmt Deutsch- land den ersten Platz ein. Es ist ein Weg heroischen Kampfes und bitteren Leides, der von Ulrich von Hutten durch die Jahrhunderte zur Emigration unserer Zeit führt. Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst, Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Fürstengunst, Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach und Tod; Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst... Das sind Worte Ludwig Uhlands, der dem Freiheits- gedanken treulich gedient hat, ohne daß er gezwungen war, auf dem Schlachtfeld des Exils— nach Freiligraths Bild— zu streiten. Unsere Auswahl gilt nur denen, die, wie Dante, das harte Brot der Verbannung aßen und die im fremden Land in der deutschen Muttersprache ihre Liebe und ihren Haß sagen mußten für das, was sie zurückgelassen hatten. Sie rächten sich mit ‚‚Siegesklange an des Verfolgers feigem Ohr“, und sie nahmen in schmachvollsten Zeiten deutscher Geschichte weiter den Ruf Schillers auf: Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben; bewahret sie! Sie haben sie bewahrt; sie wurden gehetzt und verurteilt, verleumdet und verschwiegen, sie ließen sich nicht beirren, sie wurden die Künder der Wahrheit und Verfechter des vIlI Humanismus, nach dem Vorbild der Größten ihres Landes. Gewiß wäre es falsch, die Emigration schlechtweg zu glorifizieren, die Emigranten selbst sind es, die manch unheilvollen Einfluß des Exils auf den Charakter des Flüchtlings an den Pranger gestellt haben. Und unter den Flüchtlingen des 19. und 20. Jahrhunderts, die das Unrecht im Vaterland anklagen, sind neben den überragenden Männern viele, deren Wort wenig ins Gewicht fällt, trotz der redlichen Mühe, die sie daran verwandten. Diese Zusammenstellung, die einen knappen Blick in das Schaffen der deutschen Emigration von einst und von heute gewährt, wollte die tapferen Zwerge neben den Riesen nicht übergehen, und so kommt es vielleicht, daß bei einer chronologischen Anordnung- die von besonderem Nutzen schien- eins der edelsten Gedichte der deutschen Sprache neben die Bemühungen eines Dichterlings zu stehen kommt, oder daß sich wenige Sätze des Meisters klar von einem benachbarten bombastischen Wortaufwand scheiden. Bekanntes findet sich neben Unbekanntem, aber es scheint, daß auch vertraute Zeilen in diesem neuen Rahmen eine Neuentdeckung bedeuten können.' Besonders mag der erste Versuch, eine kurze Seite aus dem Wirken der heutigen Emigration einzuordnen, überraschen. Ein schwieriges Unterfangen, denn es ist sehr viel einfacher, an die einschlägige Literatur des Jahres 1844 zu gelangen als an die von 1944. Zwar sind auch Flüchtlingsdokumente der alten Zeit oft von größter Seltenheit, aber vieles ist im Laufe der Jahre durch Neudrucke oder sonstige Wiedergabe leichter zugänglich geworden; ein großer Teil wertvoller Publikationen des letzten Jahrzehnts jedoch hat noch gar nicht den Weg in die Schweiz gefunden, was natürlich vorwiegend die Produktion aus der Zeit des Krieges betrifft. Dank freundlicher Hilfe, die einige kenntnisreiche Flüchtlinge gewährten, war es hier möglich, schwer erreichbares Material zu sammeln und es erneut, oder überhaupt zum ersten Male, ans Licht zu bringen. IX Es zeigt sich vor allem: auch wenn das Vaterland, wie nie zuvor, die Waffe gegen die Kultur, gegen den freiheitlichen deutschen Geist entsichert, Glaube und Gewißheit, daß ein anderes besseres Deutschland lebt, daß dieses Deutschland einmal den ,, Sieg" davontragen wird, sind unerschütterlich. ,, Und wenn sie uns in Banden werfen- wir waren da, wir sind da, und wir werden Sieger sein, trotz alledem!" Das ist das Wort der Verfolgten von einst und heute, das Wort der Sieger von morgen. In der Schweiz, im Februar 1945 VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE Der Mundus- Verlag in Basel brachte dies Buch, das dem Schaffen der deutschen Emigranten eines Jahrhunderts gewidmet ist, vor drei Jahren heraus. Der Herausgeber, der damals noch im Exil lebte, zeichnete mit dem Pseudonym Oswald Mohr. Trotz der sehr wenigen Exemplare, die inzwischen nach Deutschland gelangten, ist hier überraschend viel über das Werk geschrieben, aus ihm zitiert und rezitiert worden. Das war ein guter Empfang für die Heimkehr deutscher Literatur aus der Fremde, und diese Begrüßung erheischte vor allem eine Neuausgabe des neuartigen Werkes in einem deutschen Verlag. Für diese zweite Auflage, die erste Ausgabe in Deutschland also, wurden manche Änderungen vorgenommen; die wesentlichen Einzelheiten blieben jedoch bewahrt: Es handelt sich vornehmlich um einen Blick auf den Kampf der deutschen Emigranten um und für Deutschland.( Die Emigration Österreichs mußte unberücksichtigt bleiben X zumal eine Auswahl von Moritz Hartmann und Alfred Meißner bis zu Berthold Viertel und Ernst Waldinger ohnehin einen ganzen Band beanspruchen würde.) Auch in dieser Beschränkung wurde keineswegs ein Kompendium angestrebt. Gregorovius, Richard Wagner und viele andere Namen von Klang, besonders aus der Gegenwart, fehlen. Sie sollten nicht gewaltsam in eine Art Prokrustesbett ge- zwängt werden, mit dem eine Anthologie nur allzuoft ver- glichen werden muß, und aus diesem Grund wurde auch jede Auswahl aus Roman und Novelle vermieden. Die wissenschaftlichen Beigaben wurden belassen; sie mögen wohl hier und da Anregungen zu Forschungen auf einer terra incognita bieten. Dies ist der erste Band vom ‚‚Wort der Verfolgten‘. Der zweite, der seinerzeit in der Schweiz nicht mehr erscheinen konnte, soll Deutschlands Märtyrer ehren, die Männer, die wie Pfarrer Weidig und Robert Blum, Gustav Landauer und Carl von Ossietzky im Kampf für Freiheit und Recht ihr Leben gaben. Es ist der gleiche Weg vom Vormärz bis zu unseren Tagen, den wir auch mit den Emigranten, die der vorliegende Band vereint, zurücklegen, und er hatte das gleiche Ziel: ein einheitliches und freiheitliches Deutschland. Die von 1848 haben den Weg geebnet, auf dem die Nachfahren allen Hindernissen zum Trotz fort- schreiten, in eine lichtere Zukunft. Berlin, im Januar 1948 B.K. ERSTER TEIL Erbe Ja, es wird eine Zeit geben, wo Diese Klugen und Freundlichen Zornigen und Ho fnungsvollen Die auf dem nackten Boden saßen, zu schreiben Die umringt waren von Niedrigen und Kämpfern Öffentlich gepriesen werden. Bertolt Brecht KARL FOLLEN 1818 Aus: Das große Lied Menschenmenge, große Menschenwüste, Die umsonst der Geistesfrühling grüßte, Reiße, krache endlich, altes Eis! Stürz in starken stolzen Meeresstrudeln Hin auf Knecht und Zwingherrn, die dich hudeln, Sei ein Volk, ein Freistaat, werde heiẞ! Bleibt im Freiheitskampf das Herz dir frostig, In der Scheide wird dein Schwert dann rostig, Männerwille, aller Schwerter Schwert! Wird es gar im Fürstenkampf geschwungen, Bald ist es zerschroten, bald zersprungen, Nur im Volkskampf blitzt es unversehrt! Turmhoch auf der Bürger und der Bauern Nacken mögt ihr eure Zwingburg mauern, Fürstenmaurer drei und dreimal zehn. Babels Herrentum und faule Weichheit Stürzt in Nacht und Trümmer Freiheit, Gleichheit, Gottheit aus der Menschheit Mutterwehn! Viele Stimmen im Volke Brüder, so kann's nicht gehn, Laßt uns zusammenstehn, Duldet's nicht mehr! Freiheit, dein Baum fault ab, Jeder am Bettelstab Beißt bald ins Hungergrab- Volk ins Gewehr! 3 Bruder in Gold und Seid, Bruder im Bauernkleid, Reicht euch die Hand! Allen ruft Teutschlands Not, Allen des Herrn Gebot: Schlagt eure Plager tot, Rettet das Land! A.A.L.FOLLEN 1823 Kerkergedanken Beil, Marter, Kette, Schmach: ich bin gefaßt! — Manch freier Sang ist meiner Brust entklungen, manch fester Freundesarm hat mich umschlungen, ich habe treu gebüßt, geliebt, gehaßt.— Ward oft mein Schiff von wildem Sturm erfaßt, von eigner, fremder Schuld fast gar verschlungen: in kräftiger Demut hat emporgerungen Germanenglaube stets den stracken Mast. Ich bin gefaßt!— des Menschen Götterrechten gab CHrist zum Opfer hin sein reines Haupt: und ich, ein Sünder, sollt ihn nicht verfechten?— Wohlauf und an! ich hab ja Tod des Schlechten, ich hab an Gott und Vaterland geglaubt— drum, auf und an, winkt euren Folterknechten! | AUGUST GRAF VON PLATEN || 1826 Erlangen, ı. Januar 1825 Unerträglich ist der literarische Wust, der einem in Deutschland allenthalben wieder entgegenkommt. Die Deutschen wissen einem Dichter keinen anderen Dank zu bieten als Rezensionen. Was habt ihr denn an euerm Rhein und Ister, Um neben dem Hellenenvolk zu thronen? Journale, Zeitungsblätter, Rezensionen, Tabak und Bier und Polizeiminister? Die nie ihr kanntet jene: vei Geschwister, Freiheit und Kunst, die dort in schönern Zonen| Aufs Haupt sich setzten der Vollendung Kronen, Ihr haltet euch für Griechen, ihr Philister? Gestümpert bloß habt ihr nach vielen Seiten, Da Griechenland der Schönheit ew’gen Schimmer Auf alles was bestand gewußt zu breiten. Was ist die Kunst, mit der ihr prahlet immer? In einem Ozean von Albernheiten Erscheinen ein’ge geniale Schwimmer! An Friedrich Thiersch Erlangen, 23. Juli 1826 Was an mir noch zu bessern und zu bilden ist, wird hoffentlich Italien tun, denn in Deutschland ist meines Bleibens nicht länger. Erlangen, 16. August 1826 Wenn ich nicht so unglücklich wäre, könnte ich mich glücklich schätzen, Deutschland zu verlassen, wo ich alle Bitterkeiten des Lebens erfahren habe. Die letzte Hefe soll ich noch genießen, Im Schmerzensbecher, den du mir gereichet! O wär ein Kind ich, schnell und leicht erweichet, Daß ich in Tränen könnte ganz zerfließen! Da mich so hart von ihrer Seite stießen, Die unermeßlich ich geliebt, erbleichet Der letzte Glaube, bittre Kälte schleichet In ein Gemüt, das Lieb und Mut verließen. O wohl mir, daß in ferne Regionen Ich flüchten darf, an einem fernen Strande Darf atmen unter gütigeren Zonen! Wo mir zerrissen sind die letzten Bande, Wo Haß und Undank edle Liebe lohnen, Wie bin ich satt von meinem Vaterlande! An Graf Fugger Rom, 2. Dezember 1826 Du schreibst mir zu wenig aus einem Land, wo ich so viel zurückgelassen, und das ich so leicht nicht mehr betreten werde. Es sehnt sich ewig dieser Geist ins Weite Und möchte fürder, immer fürder streben: Nie könnt ich lang an einer Scholle kleben, Und hätt ein Eden ich an jeder Seite. Mein Geist, bewegt von innerlichem Streite, Empfand so sehr in diesem knappen Leben, Wie leicht es ist, die Heimat aufzugeben, Allein wie schwer, zu finden eine zweite. Doch wer aus voller Seele haßt das Schlechte, Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen, Wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte. Viel klüger ist's, dem Vaterland entsagen, Als unter einem kindischen Geschlechte Das Joch des blinden Pöbelhasses tragen. 8 HARRO- HARRING 1831 Aus: Völker- Eintracht Mag Haß und Groll die Herzen scheiden, Mag in Erbittrung Herz und Herz sich meiden, Uns sind die Völker eine Brüderschar! Denn nur durch Eintracht kann der Sieg gelingen, Vereinte Kraft nur wird den Feind bezwingen, Und Völkereinheit trotzet der Gefahr. Es ist in deutschen Liedern viel gesungen Von Volkeshaẞ, der tief die Brust durchdrungen, Von bittrem Hohn, der ganzen Völkern gilt! O schnöde Zeit, die keine Lieb uns gönnet, Die durch Zerrissenheit die Völker trennet Und um so mehr der Fürsten Wunsch erfüllt! Nicht blinder Volkshaß soll das Herz betören, Der Mensch als Mensch soll jeden Bruder ehren, Der treu und fest mit ihm nach Freiheit ringt; Und Volk und Volk mög nimmer sich verkennen, Sich nimmermehr im Mißtraun feindlich trennen, Wodurch der Willkür jeder Sieg gelingt. Vereint in Lieb, als eine Volksgemeinde Verachten wir die drohnde Macht der Feinde, Zum Kampf gerüstet für das heilge Recht! Vereint in Haß auch, gegen die Despoten, Verhöhnen wir, die mächtig uns bedrohten, Und hassen jede Schmach im Fürstenknecht. 9 LUDWIG BÖRNE 1831-1832 Aus den„‚Briefen aus Paris‘ Paris, Samstag, den 8. Oktober 1831 Die Juden sind dümmer wie Vieh, wenn sie sich ein- reden, bei entstehender Revolution würden sie von den Regierungen geschützt werden. Nein, man würde sie dem Volkshasse aufopfern; die Regierungen würden suchen, sich um‘diesen Preis von der Revolution loszukaufen. Wenn man in Indien die greuliche Boaschlange erlegen will, jagt man ihr einen Ochsen entgegen; den frißt sie ganz auf und dann, wenn sie sich nicht mehr bewegen kann, tötet man sie. Die Juden werden die Ochsen sein, die man der Revolution in den Rachen führt, und wenn sie nicht auf mein Journal abonnieren, mag ihnen Gott gnädig sein. Paris, Freitag, den 25. November 1831 Diesen Sommer in Baden, als ich unter meinen Papieren suchte, fiel mir ein altes Blatt in die Hand, das mich auf das heftigste bewegte. Das Herz befahl meiner Hand, die Hand ergriff die Feder— nach fünf Minuten legte ich sie weg; ich konnte nie zu meinem Vorteile schreiben. Es. war ein Paß. Im Jahre 1807, da ich Student war, ließ ich mir in Frankfurt einen Paß ausstellen, um über Mainz nach Heidelberg zu reisen. Ich kam aus dem Leben der Freiheit, kehrte in dasselbe zurück, und berührte das Land der Gleichheit. Der Schreiber auf dem Römer, der den Paß ausfertigte, war eine Mißgestalt, mit einem giftigen Kröten- gesichte. Als ich den Paß in die Hand nahm, las ich. darin: Juif de Fräncfort. Mein Blut stand stille; doch durfte ich nichts sagen noch tun, denn mein Vater war gegenwärtig. 10 Damals schwur ich es in meinem Herzen: Wartet nur! Ich schreibe euch auch einmal einen Paß, euch und allen!... Und nicht wahr, nicht wahr, ich habe meinen Schwur gehalten? Donnerstag, den 22. Dezember Jude, Jude! das ist der letzte rote Heller aus der armseligen Sparbüchse ihres Witzes. Aber nach allem, ich wollte, es gäbe mir einer die drei Louisdor zurück, die ich für mein Christentum dem Herrn Pfarrer verehrt. Seit achtzehn Jahren bin ich getauft, und es hilft mir nichts. Drei Louisdor für ein Plätzchen im deutschen Narrenhause! Es war eine törichte Verschwendung. Paris, Dienstag, den 7. Februar 1832 Es ist ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die anderen verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus. Auch weiß ich recht gut, woher der böse Zauber kommt. Die armen Deutschen! Im untersten Geschosse wohnend, gedrückt von den sieben Stockwerken der höheren Stände, erleichtert es ihr ängstliches Gefühl, von Menschen zu sprechen, die noch tiefer als sie selbst, die im Keller wohnen. Keine Juden zu sein, tröstet sie dafür, daß sie nicht einmal Hofräte sind. Freitag, den 14. Dezember 1832 Heute gehe ich zum ersten Male aus, nachdem ich, meiner Zahnschmerzen, drei Tage das Zimmer nicht verlassen. Ich habe dabei gewonnen, daß ich drei wegen I I - Tage lang den stinkenden Nebel auf der Straße nicht zu trinken, und so lange die stinkenden deutschen Zeitungen nicht zu lesen brauchte. Der Geschmack der letzten, die ich vor einigen Tagen las, liegt mir noch heute auf der Zunge. Nein, es ist nicht zu ertragen. Die Deutschen müssen Nerven haben wie von Eisendraht, eine Haut von Sohlleder und ein gepökeltes Herz. Diese Unverschämtheit der Fürstenknechte, dieses freche Ausstreichen eines ganzen Jahrhunderts, dieser weintolle Übermut, dieses Einwerfen. aller Fensterscheiben, weil das Licht da durchfällt, als wenn sie mit dem Glase auch die Sonne zerstörten es übersteigt meine Erwartung. Aber das steigert auch meine Hoffnung. Man muß mit den dummen Aristokraten Mitleid haben, man muß ihnen nicht eher sagen, daß das Kassationsgericht dort oben ihre Appellation verworfen hat, bis an dem Tage, wo sie hingerichtet werden. Das deutsche Volk wird einst gerächt werden, seine Freiheit wird genommen werden, aber seine Ehre nie. Denn nicht von ihnen selbst, von anderen Völkern wird die Hilfe kommen. Ich sehe es schon im Geiste: wenn einst die ⚫ finsteren Gewitterwolken sich werden über den deutschen Palästen zusammenziehen, wenn der Donner zu grollen anfängt, wird das geschmeidige deutsche Volk wie ein Eisendraht hinaufkriechen zu allen Dächern seiner Tyrannen, um die geliebten Herrscher vor dem Blitze zu bewahren und ihn auf sich selbst herabzuziehen. 12 =- E AUGUST GRAF VON PLATEN 1832 Das Reich der Geister Es lag ein Wüterich auf goldnem Kissen Und schlief; da kamen fürchterliche Träume Ihm ins Gemüt, gleich wilden Schlangenbissen: Sie führten ihn in außerirdsche Räume, Vom Reich der Geister fühlt’ er sich umfangen, Das ewig klar und ohne Wolkensäume: Entsetzlich war ihm, was die Geister sangen, Wie einst Tarquin vom Brutus ward vertrieben, Und wie Hipparchos nicht dem Tod entgangen. Und solche Frevler wagt man hier zu lieben, So denkt er bei sich selbst, wo ist die Achtung Für jeden Machtspruch, den ich ausgeschrieben? Was will die Sonne hier, da längst Umnachtung Ich übern Horizont der Welt verbreitet, Wo jeder kniet vor mir in Selbstverachtung? Und sieh, ein Mann mit hoher Stirne schreitet An ihn heran und ruft: Bejammernswerter, Welch Schreckensschicksal ist dir hier bereitet! Hier herrscht die Freiheit stets in unbeschwerter Gedankenruh, du kannst sie nicht verjagen, Ohnmächtig sind hier alle deine Schwerter! Doch will zuerst ich, wer ich sei, dir sagen: Ich bin der große florentinische Dichter, Nach dessen Staub du magst Ravenna fragen: 13 Ich war den Sünden meiner Zeit ein Richter; Doch unter allen, welche schon verwesen, Erreichte keiner dich und dein Gelichter! Was wird man einst auf deinem Grabe lesen, Der du zugleich Herodes gegen Kinder, Und gegen Männer Ezzelin gewesen! Ein Unterdrücker, nicht ein Überwinder; Gezeugt von einer schauderbaren Lemure, Und dann gepropft noch auf den Stamm der Schinder! Sohn eines Bankerts, Enkel einer Hure, Vernimmst du nicht, daß alle dich begrüßen: Rehabeam, wie steht's mit deinem Schwure? Hier hast du nun die grause Schuld zu büßen: Die letzten selbst im Reich der Geister grollen Dir ins Gesicht und treten dich mit Füßen! Gehorsam wußte dir die Welt zu zollen: Dort nannten Schurken dich sogar den Frommen, Hier wär's Verbrechen, dir gehorchen wollen! Wo sind die Sklaven alle hingekommen, Die unterwürfig ihrem Herrn und Meister Jedweden blutigen Frevel übernommen? Hier gilt Gesetz, hier äußert sich in freister Tatkraft die Tugend, die du hast gelogen: Hier giltst du nichts, du bist im Reich der Geister. Wie haben deine Schmeichler dich betrogen! Nun wirst du( wer gedächte dich zu schonen?) Zur ungeheuren Rechenschaft gezogen! 14 Vernimm! Von allen jenen Millionen, Die du gestürzt in Jammer und in Klage, Die du geschleppt in fürchterliche Zonen, Von allen, denen du verkürzt die Tage, War jeder Mensch wie du, der Seelenwäger Hat sie gewogen auf derselben Waage: Bald stehn sie alle gegen dich, die Kläger, Wann ihre Zähren sich zum Strom vermählen, Aus dem du schöpfen sollst als Wasserträger! Vom König Kodrus will ich dir erzählen, Der in den Tod ging, um sein Volk zu retten: Deins muß sich deinethalb zu Tode quälen! Und noch auf Lorbeern wähnst du dich zu betten Wie deine Schmeichler dir es vorgeplaudert? Tyrann, erstick in deinen eignen Ketten! Er spricht’s. Der Wüterich erwacht und schaudert. AUGUST GRAF VON PLATEN 1833 Epilog Zusammen pack ich meine Habe Und was im Busen mir gedieh, Denn länger nicht mehr frommt die Gabe, Die mir ein milder Gott verlieh. So hat er mich umsonst begeistert? So war’s umsonst, was ich empfand? Und jeder arme Stümper meistert Den Griffel einer Meisterhand? In Dunkel muß der Geist sich bergen, Damit’s die Blöden nicht verstehn, Dann mag er mitten durch die Schergen Wie ein erhabnes Wesen gehn. Was aus der tiefsten Brust entsprungen, Und was ein männlich Herz gedacht, Es soll verschmachten auf den Zungen, Die’s liebevoll hervorgebracht? Der mörderische Zensor lümmelt Mit meinem Buch auf seinen Knien, Und meine Lieder sind verstümmelt, Zerrissen meine Harmonien. So muß ich denn gezwungen schweigen, Und so verläßt mich jener Wahn, Mich fürder einem Volk zu zeigen, Das wandelt eine solche Bahn. Doch gib, o Dichter, dich zufrieden, Es büßt die Welt nur wenig ein, Du weißt es längst, man kann hienieden Nichts Schlechtres als ein Deutscher sein. 16 * HEINRICH HEINE 1831-1835 An Varnhagen von Ense Hamburg, 1. April 1831 - Und jetzt? Jetzt glaube ich an neue Rückschritte, bin voller schlechten Prophezeiungen und träume jede Nacht, ich packe meinen Koffer und reise nach Paris, um frische Luft zu schöpfen, ganz den heiligen Gefühlen meiner neuen Religion mich hinzugeben, und vielleicht als Priester derselben die letzten Weihen zu empfangen. An Varnhagen von Ense Paris, 27. Juni 1831 La force des choses! Die Macht der Dinge! Ich habe wahrhaftig nicht die Dinge auf die Spitze gestellt, sondern die Dinge haben mich auf die Spitze gestellt, auf die Spitze der Welt, auf Paris... Indessen: Fliehen wäre leicht, wenn man nicht das Vaterland an den Schuhsohlen mit sich schleppte!. Es kann mir hier nicht schlechter gehn wie in der Heimat, wo ich nichts als Kampf und Not habe, wo ich nicht sicher schlafen kann, wo man mir alle Lebensquellen vergiftet. Hier freilich ertrinke ich im Strudel der Begebenheiten, der Tageswellen, der brausenden Revolution;- obendrein bestehe ich jetzt ganz aus Phosphor, und während ich in einem wilden Menschenmeere ertrinke verbrenne ich auch durch meine eigene Natur. - 17 Aus der Vorrede zu den„‚Eranzösischen Zuständen“ Paris, 18. Oktober 1832 Wenn wir es dahin bringen, daß die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr von den Lohnschreibern der Aristokratie zu Haß und Krieg verhetzen, das große Völkerbündnis, die heilige Allianz der Nationen, kommt zustande, wir brauchen aus wechsel- seitigem Mißtrauen keine stehenden Heere von vielen hunderttausend Mördern mehr zu füttern, wir benutzen zum Pflug ihre Schwerter und Rosse, und wir erlangen Friede und Wohlstand und Freiheit. Dieser Wirksamkeit bleibt mein Leben gewidmet; es ist mein Amt. Der Haß meiner Feinde darf als Bürgschaft gelten, daß ich dieses Amt bisher recht treu und ehrlich verwaltet. Ich werde mich jenes Hasses immer würdig zeigen. Ich betrachtete vielmehr mit Besorgnis diesen preu- Bischen Adler, und während andere rühmten, wie kühn er in die Sonne schaue, war ich desto aufmerksamer auf seine Krallen. Ich traute nicht diesem Preußen, diesem langen frömmelnden Gamaschenheld mit dem weiten Magen, und mit dem großen Maule, und mit dem Kor- poralstock, den er erst in Weihwasser taucht, ehe er damit zuschlägt. Mir mißfiel dieses philosophisch christliche Sol- datentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand. Widerwärtig, tief widerwärtig war mir dieses Preußen, dieses steife, heuchlerische, scheinheilige Preußen, dieser Tartuffe unter den Staaten. Die Polen! Das Blut zittert mir in den Adern, wenn ich das Wort niederschreibe, wenn ich daran denke, wie Preußen gegen diese edelsten Kinder des Unglücks ge- handelt hat, wie feige, wie gemein, wie meuchlerisch. Der :8 Geschichtsschreiber wird, vor innerem Abscheu, keine Worte finden können, wenn er etwa erzählen soll, was sich zu Fischau begeben hat; jene unehrlichen Heldentaten wird vielmehr der Scharfrichter beschreiben müssen ich höre das rote Eisen schon zischen auf Preußens magerem Rücken. --In der Fremde III Ich hatte einst ein schönes Vaterland. Der Eichenbaum Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft. Es war ein Traum. Das küẞte mich auf deutsch und sprach auf deutsch ( Man glaubt es kaum Wie gut es klang) das Wort: ,, ich liebe dich!" Es war ein Traum. Aus der Vorrede zum ersten Band des ,, Salon" Paris, 17. Oktober 1833 Es ist eine eigene Sache mit dem Patriotismus, mit der wirklichen Vaterlandsliebe. Man kann sein Vaterland lieben, und achtzig Jahre dabei alt werden und es nie gewußt haben; aber man muß dann auch zu Hause geblieben sein. Das Wesen des Frühlings erkennt man erst im Winter, und hinter dem Ofen dichtet man die besten Mailieder. Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume, und erst im Gefängnisse fühlt man den Wert der Freiheit. So beginnt die deutsche Vaterlandsliebe erst an der deutschen Grenze, vornehmlich aber beim Anblick deutschen Unglücks in der Fremde. 19 An Heinrich Laube Boulogne-sur-Mer, 23. November 1835 Ihre Frage in Betreff einer Rückkehr nach Deutschland hat mir sehr weh getan; denn ungern gestehe ich, daß dieses freiwillige Exil eins der größten Opfer ist, die ich dem Gedanken bringen muß. Ich würde bei meiner Rückkehr eine Stellung einnehmen müssen, die mich allen möglichen Mißdeutungen aussetzen könnte. Ich will auch den Schein des Unwürdigen vermeiden. J. G. A. WIRTH 1833 Aus der Rede vor Gericht Der Menschheit neue Schöpfung- dies ist unser Streben, unser Ziel. Großartig und herrlich ist das Werk, rettend für die gequälte Menschheit, rettend insbesondere für unser zerrissenes, unglückliches Vaterland... - Ja, die Menschheit kann das Glück, sie kann die Tugend der Völker, sie kann ewige Freiheit und Gerechtigkeit sich schaffen wenn alle Kräfte frei sich regen, wenn die Ideen ungehindert sich entwickeln können, und wenn durch reine volle Freiheit ein wahres öffentliches Volksleben gegeben ist. Aber die deutschen Fürsten binden alle Kräfte, sie hemmen und unterdrücken alle Ideen, sie töten alles öffentliche Volksleben. Unsere Literatur hat eine sehr hohe Stufe erstiegen und die Wissenschaft die reinste theoretische Ausbildung erlangt. Allein jetzt, wo die Freiheit, von der unsere Dichter singen, ins Leben tritt und die hohen Lehren unserer Weisen über Völkerleben und Menschenglück endlich die praktische Anwendung finden sollen, jetzt widersetzen sich die deutschen Könige mit der rohen Macht der Bajonette... Und wir, Freunde des Volkes und der Menschheit, wir sollten dem verwegenen und völkerverheerenden Beginnen dieser Fürsten nicht mit der ganzen Kraft unseres Geistes uns entgegensetzen, wir sollten ruhig zusehen, wie unsere Nation durch solche Usurpatoren unterdrückt, wie unserm Vaterlande seine schöne Zukunft und dem ganzen Menschengeschlechte seine herrliche neue Schöpfung abgeschnitten wird? Nein! Solange diesen Körper noch ein Hauch beseelt, solange bleibt sein Geist dem Kampfe gegen die deutschen Fürsten geweiht. Und Sie, meine Herren Geschworenen, Sie wollen dem Streben der Freunde Ihres Vaterlandes ebenfalls sich ent8.045 2I gegensetzen? Sie wollen das Unterdrückungssystem der fürstlichen Usurpatoren legitimieren? Vergebliches Beginnen! Sie hemmen das Streben nach der Wiedergeburt unseres Vaterlandes nicht. Monate und Jahre kann allenfalls die dumpfe Stille und das geistlose physische Vegetieren dauern, das durch die Übermacht der rohen Gewalt an die Stelle des lebendigen und begeisterten Aufstrebens nach Freiheit getreten war. Aber dann wird das Licht auf einmal mit größerer Macht hereinbrechen... Alles, was Sie tun können, meine Herren, beschränkt sich darauf, uns zu Märtyrern der Wahrheit zu erheben... Doch geben Sie uns immerhin das Märtyrertum, gebe man uns sogar den Tod. ,, Für die Wahrheit sterben", sagt Jean Paul Richter ,,, ist kein Tod für das Vaterland, sondern für die Welt die Wahrheit wird wie die mediceische Venus in dreißig Trümmern der Nachwelt übergeben, diese wird sie in eine Göttin zusammenfügen-, und dein Tempel, ewige Wahrheit, der jetzt halb unter der Erde steht, ausgehöhlt von den Erbbegräbnissen deiner Märtyrer, wird sich endlich über die Erde erheben und eisern mit jedem Pfeiler in einem teuern Grab stehen." 22 FLUGBLATT. Paris, 1833 Deutsche! Nur die erbarmungslose Politik unserer Fürsten konnte ein edles Volk sieben Jahre lang unter Mörderdolchen zucken sehen. Aber während die Geschichte ihre Taten brandmarkt, wird die Nachwelt in dem großen Buche tausend edle Züge eures Herzens lesen... Brüder, blicket um euch: Ein Volk gibt es noch, das wie die Griechen und Polen in Fesseln liegt, dessen Kraft zersplittert, dessen großer Name erloschen ist. Seine Söhne standen auf, um die Schmach ihres Namens zu tilgen; sie kämpften und unterlagen, denn sie fanden keinen Beistand; sie flohen und irrten, und fanden keine gastfreie Hütte, keine milde spendende Hand. Brüder, diese Verlassenen sind eure Brüder, sind wie das Volk, für dessen Wohl sie sich opferten, Deutsche. Für eure Sache, für euer Wohl schmachten jetzt Hunderte in der Gefangenschaft und sehen dem Tod durch Henkerhand entgegen; für euch führen Hunderte in der Verbannung ein kummervolles Leben und haben keinen anderen Trost als ihr Bewußtsein, keine andere Hoffnung als die Freiheit ihrer Brüder. Deutsche!... Könntet ihr die vergessen, die eurem Herzen am nächsten liegen sollten?... Im Namen des Deutschen Volksvereins das Comité: Dr. Th. Schuster. Joh. Schumacher. Muschant. E. Neuber. L. Goldschmidt. 30 23 HARRO- HARRING 1834 33-34! ,, Ha! der schreckliche Geist der Freiheit, durch den sich die Völker jetzt erfrechen zu sehn, was sie sind!" ( Der Fürst und sein Kebsweib- Von Klopstock) Melodie: In des Waldes düstern Gründen...( Rinaldini) Drei und dreißig- Vier und dreißig! Seid auf euren Kopf bedacht, Wenn das Volk einst, grimm und beißig, Der Geduld ein Ende macht! Habt dem Volke viel versprochen, Habt dem Volke viel gelobt, Als Gefahr durch Sturm von außen Euren morschen Thron umtobt. Habt gelobt dem deutschen Volke Freiheit, Unabhängigkeit; Und der Welt zum Spott geworden, Seufzt das Volk seit jener Zeit! Habt gelobt in Angst und Nöten Alles, was dem Volk gehört, Das für euch sein Blut vergossen, Und ihr habt ihm nichts gewährt! Freies Wort und freie Rede, Davor fürchtet ihr euch sehr, Denn das Wort in solcher Fehde Wäre schon Entscheidungs- Wehr! 24 Seid des Meineids überwiesen Und des schnöden Hochverrats Tretet frech das Volk mit Füßen, Wähnt, ihr seid das All des Staats! Doch ihr kennt am allerbesten. Eure Stellung- die Gefahr! Wollt am Schweiß und Blut euch mästen, Weil euch eure Zukunft klar! Wiẞt gar wohl, ihr werdet fallen, Darum braucht ihr noch Gewalt! Wißt gar wohl, es wird euch allen Der Verrat durch Blut bezahlt. Darum zittert ihr so feige, Habt zur Stütze nicht das Recht: Zittert, daß sich rächend zeige Ein erbittert deutsch Geschlecht! Drei und dreißig- Vier und dreißig! Seid auf euren Kopf bedacht, Wenn das Volk einst, grimm und beißig, Der Geduld ein Ende macht. 25 FLUGBLATT Bern, 1834 Das neue Teutschland an die teutschen Soldaten Soldaten! Brüder! Wir wenden uns an euch im Namen unseres unglücklichen, zerrissenen, entehrten Vaterlandes! Wir wenden uns an euch mit der Stimme der heiligen Wahrheit, der Stimme der freien Vernunft und des unwandelbaren Rechtes der Natur!- Soldaten! Teutschland, das Vaterland der Treue, der Kunst und Wissenschaft, unser und euer Vaterland, das einst geheiligt war durch die Weihe der Freiheit und geschirmt durch Opfertod und Heldenkraft, dieses Land, ehrwürdig und erhaben durch seine kühne, heldenreiche Vorzeit, blickt mit brennender Scham, mit tiefem zerfleischendem Schmerze auf seine Ketten, seine Entehrung, seine Schmach und seine politische Vernichtung! Voller Wunden, zerrissen und zerfleischt von politischer Tigerwut, blutend unter den Geißelschlägen seiner hohnlachenden Tyrannei, wendet es den verzweifelnden Blick lodernd von Racheglut und altem Heldenfeuer auf seine sonst so treuen Söhne, auf seine Bürger, auf seine Soldaten. Höret die Stimme der miẞhandelten Natur! Höret die Stimme der niedergedrückten, befleckten Würde der Menschheit! Wendet euch nicht feig, nicht taub weg von dem Jammerlaut eurer gefesselten Nation! Wendet euch nicht kalt weg von den erpreẞten Tränen eures großen Volkes, die einst schwer in die Waagschale der Schuld fallen werden, wenn der Ewige Gericht hält über die mit Blut und Meuchelmord besudelten Dränger der verachteten Menschheit! Die Geschichte würde euch mit dauernder Schmach brandmarken, die kommenden Jahrhunderte euch mit ewigem Fluche belasten, und euer Volk euch vor Gott verleugnen!... 26 Wir rufen euch auf im Namen Teutschlands, wir fordern euch auf vor den Augen Europas, fordern euch auf vor dem großen Gotte, fördert mit uns das heilige Werk der Freiheit! Bauet mit uns den großen Altar, an dem die künftige freie Nation unser in Dankgebeten und Segnungen gedenkt!... Nein, Soldaten..., ihr dürft, ihr könnt nicht länger Knechte des Soldes, blinde Diener des Gehorsams und der Despotie sein, die das Verdienst zurückdrängt und miẞhandelt, die Verworfenheit belohnt und die Treue geißelt, die eure besten Kräfte unter aristokratischem Drucke vernichtet und eure Ehre durch öffentliche Beschimpfung und Geißelschläge ausmerzt. Wir rufen euch im Namen des Vaterlandes! Euer Vaterland verheißt euch Freiheit, Ehre, Belohnung des Verdienstes oder einen süßen Tod im hohen Kampfe für die heiligsten Rechte eurer Nation... Die Stunde der Errettung ist nahe. Seid wach! Seid treu, und gelobt mit uns durch heiligen Eid zu siegen oder zu sterben! Und wenn unsere Fahnen am Rheine flattern, wenn unsere Berge von Flammenzeichen rauchen, wenn unser Volk im Grimme aufrauscht gegen seine Mörder, dann sinket in unsere Arme und ziehet mit uns dem Morgenrote der Freiheit entgegen! Das Comité der Verbindung des neuen Teutschlands: Dr. August Breidenstein aus Hessen- Homburg Carl Theodor Barth aus Rheinbaiern Georg Peters aus Berlin Christian Scharpff aus Rheinbaiern Friedrich Breidenstein aus Hessen- Homburg 27 47 JAKOB VENEDEY Paris, 1834 Deutschland Ich will von Deutschland reden!- Still, du pochendes Herz, zurück, ihr Tränen des Zorns, zurück, ihr Tränen des zerreißenden Kummers! Ich will von Deutschland reden!- Es gab eine Zeit, wo man stolz sein durfte, ein Deutscher zu sein; es gab eine Zeit, wo der Name Deutschland mit Ehrfurcht genannt wurde. Die Geschichte erzählt von dieser Zeit, Knaben wir Männer lesen davon in den Geschichtsbüchern Roms dürfen daran nicht denken, wenn nicht Scham uns niederdrücken, wenn nicht Zorn uns das Herz im Busen sprengen soll... - Ich will von Deutschland reden, von jenem Deutschlande, das heute O! daß ich von heute sprechen muß! Aber ich will reden; weil Schweigen das Machtgebot der Feinde der Freiheit, der Feinde Deutschlands; weil Schweigen nur das Vorrecht des Sklaven; weil die Wahrheit, einmal ausgesprochen, unbesiegbar ist... - - Dreißig Millionen Menschen leben in Deutschland, achtundzwanzig Millionen von diesen Bauern, Knechte, arbeiten Tagelöhner, Handwerker und sonstige Sklaven jahraus jahrein, ohne am Ende des Jahres einen einzigen Rasttag gehabt zu haben, ohne oft einen einzigen Tag gehabt zu haben, an dem sie sich satt gegessen. Von den noch übrigen zwei Millionen sind drei Viertel die ,, bevorzugten Sklaven", denen man nicht alles nimmt, die man oft selbst beschenkt und bevorteilt, um sie gegen ihre Mitbrüder zu deren Unterdrückung gebrauchen zu können; die man in Überfluß leben läßt, damit ihr Jubelruf das Jammern und die Wehklagen der übrigen übertäube... Aber Sklave sein ist keine Schande; der Gefesselte kann in Ketten frei sein, wenn er wie der Pole an seinen Fesseln 28 rüttelt, wenn er sie zu sprengen versucht, wenn er noch mit der eisenbeschwerten Faust das Haupt seines Unterdrückers bedroht. Doch wenn der Sklave sich in seinen Ketten wohl fühlt, wenn er sich seiner Fesseln rühmt, dann ist er ein Knecht, ein geborener Sklave. Wehe über ihn! Und dreimal wehe über den, der ihn zum Sklaven gezogen! Und ach! In dem Deutschlande von heute leben Tausende bevorzugter Sklaven, die sich in ihrer Sklaverei wohl fühlen, die sich ihrer Ketten rühmen, die sie leugnen... Ihr, die ihr euch in Deutschland frei wähnt, weil ihr an Sklaverei gewöhnt, wagt es auch nur, die Freiheit des Gedankens, das Recht der Menschen zu verlangen, und ihr werdet die Geißel kennenlernen! Ihr, die ihr in Deutschland keine Sklaven zu sein behauptet, wagt es, die Freiheit der Rede, das von der Gottheit dem Menschen aufgedrückte Siegel zu fordern, und der Zuchtmeister wird euch sein ,, Sklave schweig!" zurufen, er wird euch mit seiner Zuchtrute zeichnen, und wenn ihr Mut genug habt, dann noch zu sprechen, so werden Kerkermauern eure Rede verstummen machen! Und ihr nennt euch frei! Entwürdigt nicht den heiligen Namen der Freiheit, die ihr nicht das Recht habt, einen Gedanken zu hegen, ein Wort zu sprechen, das nicht vorher gebilligt und genehmigt ist!... Aber ich frage wieder: Wer ist jener Mensch, der ungestraft um seiner Eigensucht willen ein Volk zur Schlachtbank führen darf? Wer ist jener Mensch, der mit einem Federzuge das Unglück von Millionen machen darf? Er ist ein Fürst, ein Sklavenherr über Millionen Sklaven. Und ihr nennt euch frei! Entwürdigt nicht den heiligen Namen!... Und sie sprechen von dem Blute, das in Frankreich für die Freiheit floß!... Eine einzige Schlacht zählt mehr 29 unschuldiger Opfer als während der ganzen Revolution der Franzosen für die Freiheit eines Volkes gefallen sind. Und sie sprechen von Blut, und schrecken das Volk mit dieser Seite, die in Frankreichs Geschichte der Freiheit mit Blut geschrieben ist; weil sie glauben, das Volk wisse nicht, daß die gewaltigen Bücher der Fürstengeschichte Blatt für Blatt mit Blut geschrieben sind; weil keiner es in Deutschland sagen darf, daß diese Throne auf Bergen von Leichen gebaut sind, daß jeder Purpur im edelsten Blute des Volkes rot gefärbt wurde. O Deutschland! Neunundzwanzig Millionen Sklaven wohnen in Deutschland, und kaum eine Million Herren, Herrendiener und Zuchtmeister. Öffnet eure Augen, ihr Gefesselten, und sehet um euch! Ihr seid stets neunundzwanzig gegen einen! Rasselt nur an euren Ketten, ruft nur laut den Jammerruf, den in eure Brust zu verschließen euch eure Herren gebieten, und jene Ketten müssen fallen, und Schrecken wird durch die Reihe der Zuchtmeister und Herren von Herz zu Herz gehen. Sie wissen es, sie fürchten es, und deswegen ihr Zorn, ihre Rache der Furcht. O nur einmal sehet euren Feinden, den Feinden der Freiheit, ins Angesicht, und sie werden erbleichen, wie der Verbrecher, auf den das Auge der Gerechtigkeit hinabblickt. Neunundzwanzig Millionen Sklaven und eine Million Herren und Zuchtmeister! O Deutschland! Armes Deutschland! 30 _—e GEORG BÜCHNER Darmstadt, 1834 Aus: Der Hessische Landbote Hebt die Augen auf und zählt das Häuflein eurer Presser, die nur stark sind durch das Blut, das sie euch aussaugen, und durch eure Arme, die ihr ihnen willenlos leihet. Ihrer sind vielleicht 10000 im Großherzogtum und eurer sind es 700000, und also verhält sich die Zahl des Volkes zu seinen Pressern auch im übrigen Deutschland. Wohl drohen sie “_ mit dem Rüstzeug und den Reisigen der Könige, aber ich sage euch: Wer das Schwert erhebt gegen das Volk, der wird durch das Schwert des Volkes umkommen. Deutsch- land ist jetzt ein Leichenfeld, bald wird es ein Paradies sein. Das deutsche Volk ist ein Leib, ihr seid ein Glied dieses Leibes. Es ist einerlei, wo die Scheinleiche zu zucken an- fängt. Wann der Herr euch seine Zeichen gibt durch die Männer, durch welche er die Völker aus der Dienstbarkeit zur Freiheit führt, dann erhebt euch, und der ganze Leib wird mit euch aufstehen. 31 FRIEDRICH MÜNCH 1834 Auswanderungslied Auf in mutigem Vertrauen, Fest und brüderlich vereint! Vorwärts, vorwärts laßt uns schauen, Am Missouri Hütten bauen, Wo der Sonne Freiheit scheint. , Vaterland, das mich geboren, Lebe wohl, ich scheide nun. Glück und Freude war verloren— Tyrannei, du seist verschworen! Will in freiem Lande ruhn. Ihr vom alten Vaterlande, Seht, wir gehen euch voran. O zerbrecht auch eure Bande, Kühn entreißet euch der Schande— Folgt, o folget unsrer Bahn! Deutsche Kraft und deutsche Treue- Über Meere fliehn sie hin. O so blühe denn aufs neue, Deutsche Kraft und deutsche Treue, Am Missouri sollt ihr blühn! SIEBENPFEIFFER 1834 Der Tag wird kommen! Unterdrücket nur! Ihr könnt bewirken, daß die Bürger schweigen, aber es kocht geheim desto heftiger der Unmut; stille Verschwörungen, die euch keine Stunde nächtlicher Ruhe lassen, treten an die Stelle der Presse, der Volksver- sammlungen, bis der offene Kampf zur Reife gediehen. Köpfe lasset abschlagen, es wachsen an jedem Rumpfe hunderte nach. Die Leiber könnet ihr einkerkern, aber der Geist ist frei und schreitet erleuchtend umher. Die Vor- kämpfer mögt ihr verbannen— ihr Märtyrer-Andenken erweckt ganze Scharen... Wie kann ein Heer von dreißig-, von hunderttausend tapferen Männern noch lang im Wahne stehen, daß blinder Gehorsam sein Beruf, daß völlige Rechtlosigkeit seine Auszeichnung, und daß es seine Ehre sei, auf jedem Knopf den Namenszug vielleicht eines unmündigen Kindes oder eines Blödsinnigen, eines wilden Menschenschächters oder eines siechkranken Feiglings zu tragen?.... Füttert mit dem Schweiße des Volkes Angeber und Verleumder, und ihr werdet im eigenen Busen die Schlange nähren:... Wie bald werden eure. Werkzeuge wahrnehmen, daß der Kot, durch welchen ihr euch mit ihnen wälzt, zunächst an ihnen selbst hängen bleibt; daß der goldene Flitter am Kragen, um welchen sie sich und ihre Söhne verkaufen, zum Brandmal, zur Zielscheibe des Volkshasses wird!... Brechet Eide, spielet mit Ver- fassungen, verhöhnet das Gesetz, zertretet die Autorität, vernichtet die Ehrfurcht der Menschen vor allem, was ihnen heilige Scheu erwecken sollte: ihr werdet euch selbst unter den Trümmern begraben, und aus dem Chaos selbst wird das lichte Gesetz des neunzehnten Jahrhunderts, wird eine neue Welt erstehen, der frische, jugendliche Tag an- brechen der Völkergeburt. Ja! Dieser Tag wird kommen, er leuchtet rein und warm hinter den künstlichen Wolken, die ihr an den politischen Himmel treibet. Und je später er erscheint, desto herrlicher und dauernder wird er sein, WILHELM SAUER WEIN 1835 Lied der Verfolgten ( Zu singen nach der Weise: Hat man brav gestritten) Wenn die Fürsten fragen: Was macht Absalon? Lasset ihnen sagen: Ei, der hänget schon- Doch an keinem Baume Und an keinem Strick, Sondern an dem Traume Einer Republik. Wollen sie gar wissen, Wie's dem Flüchtling geht, Sprecht: der ist zerrissen, Wo ihr ihn beseht. Nichts blieb ihm auf Erden Als Verzweiflungsstreich Und Soldat zu werden Für ein freies Reich. Fragen sie gerühret: Will er Amnestie? Sprecht, wie sich's gebühret: Er hat steife Knie. Gebt nur eure großen Purpurmäntel her- Das gibt gute Hosen Für das Freiheitsheer. 35 35 GEORG FEIN 1835 An die Fürsten Bald muß der Kopf euch doch verzweifelnd sieden! Ihr müht euch ab mit Scheren und Verboten, Ihr schickt den Föhn und Gießbach eurer Noten In Alpentäler still und abgeschieden, Die Siegel brecht ihr, in der Hütten Frieden Schwärzt ihr den Lauscher ein, den Späherboten, Die Kerker füllt ihr mit lebendig Toten— Was hilft’s? Ihr schöpft ins Faß der Danaiden. Wie wenn die Flut der Ebbe folgt und steiget, Ihr häuft umsonst den Damm, der schnell sich neiget, Als wogend Meer der träge Strand sich zeiget: So fluten jetzt der Freiheit Hochgedanken In aller Herz, zertrümmern eure Schranken, Und Schlösser, Throne und Bastillen wanken. Aus: An Deutschland Auf denn, wasch von Schimpf dich rein, Daß kein Nachbar spotte dein! Diese Schurken, diese Buben, Jag sie fort aus Haus und Stuben! An der Hand des Rechtes treu, Eine freie Herrin sei! GEORG BÜCHNER 1835-1837 An die Familie Straßburg, Juli 1835 Ich habe von Glück zu sagen und fühle mich manchmal recht frei und leicht, wenn ich den weiten, freien Raum um mich überblicke und mich dann in das Darmstädter Arresthaus zurückversetze. Die Unglücklichen! Minnigerode sitzt jetzt fast ein Jahr; er soll körperlich fast aufgerieben sein, aber zeigt er nicht eine heroische Standhaftigkeit? Es heißt, er sei schon mehrmals geschlagen worden- ich kann und mag es nicht glauben. A. Becker wird wohl von Gott und der Welt verlassen sein: seine Mutter starb, während er in Gießen im Gefängnis saß; vierzehn Tage darnach eröffnete man es ihm!!! An die Familie Straßburg, 15. März 1836 Übrigens sind wir Flüchtigen und Verhafteten gerade nicht die Unwissendsten, Einfältigsten oder Liederlichsten! Ich sage nicht zuviel, daß bis jetzt die besten Schüler des Gymnasiums und die fleißigsten und unterrichtetsten Studenten dies Schicksal getroffen hat, die mitgerechnet, welche von Examen und Staatsdienst zurückgewiesen sind. Es ist doch im ganzen ein armseliges junges Geschlecht, was eben in Darmstadt herumläuft und sich ein Ämtchen zu erkriechen sucht! 4.045 37 An die Braut Zürich, 20. Januar 1837 Lernst Du bis Ostern die Volkslieder singen, wenn’s Dich nicht angreift? Man hört hier keine Stimme; das Volk singt nicht, und Du weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb- habe, die in einer Soiree oder einem Konzerte einige Töne totschreien oder winseln, Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer näher, jeden Tag wird mir’s heller— und gelt, Du singst die Lieder? Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir eine Melodie summe... LUDWIG BÖRNE 1836 Aus: Menzel der Franzosenfresser Jene deutschen Herren wissen noch besser als wir, daẞ zwischen der Lüge und der Wahrheit sich die Mauern der Zensur hinziehen, und ein undurchdringlicher Wald von Bajonetten starrt, und daß sie von den Widersprüchen der Bessergesinnten oder Besserwissenden nichts zu fürchten haben. So geschützt lügen sie furchtlos im Angesichte des ganzen Landes. Wie hätte denn je ein Eroberer entstehen, wie hätte je der Fürst eines Landes sein Volk so dumm bereitwillig finden können, mit Blut und Leben seiner Raubsucht und seinem Ehrgeize zu dienen, wenn er ihm nicht vorher eine falsche Bedeutung des Patriotismus aufzuschwatzen verstanden, wenn er ihm nicht vorgelogen hätte, das Ausland hassen, heiße sein Vaterland lieben? Es ist nicht davon die Rede, wie die Deutschen vor fünfzehnhundert Jahren waren, sondern wie sie heute sind. Große Ahnen sprechen die Nachkommen nicht frei von ihrer Schuld, sie klagen sie ihrer Erniedrigung um so lauter an. Ist das die schöne Bestimmung der edeln Deutschen, die Polizei von ganz Europa zu machen und allerorten die Büttel der Freiheit zu sein? 4* 39 Die unwandelbare Freundschaft und der ewige Friede zwischen allen Völkern, sind es denn Träume? Nein, der Haß und der Krieg sind Träume, aus denen man einst erwachen wird. Welchen Jammer hat nicht die Liebe des Vaterlandes schon der Menschheit verursacht! Wieviel hat diese lügnerische Tugend nicht an wilder Wut alle anerkannten Laster übertroffen! Ist der Egoismus eines Landes weniger ein Laster als der eines Menschen? Hört die Gerechtigkeit auf, eine Tugend zu sein, sobald man sie gegen ein fremdes Volk ausübt? Eine schöne Ehre, die uns verbietet, uns gegen unser Vaterland zu erklären, wenn die Gerechtigkeit ihm nicht zur Seite steht! Ich halte den Patriotismus, ganz wie Herr Menzel, für etwas Angeborenes, Natürliches und Heiliges. Er ist ein angeborener Trieb, und darum natürlich, und darum heilig, wie alles, was von der Natur kommt. Aber welches Heilige wurde nicht schon mißbraucht, ja, mehr miẞbraucht als alle gemeinen Dinge, weil eine ehrfurchtsvolle Scheu jede genaue Untersuchung zurückschreckte und den Schändern des Heiligtums freien Spielraum gab? Die Ehre eines Volkes ist, daß es wisse frei zu sein, ein Bedientenvolk hat keine Ansprüche auf Achtung zu machen. Und seitdem ist das ganze deutsche Volk von seiner Oberregierung in zwei Klassen abgeteilt worden: in die der Spione und in die der Spionierten. Außer ihnen nicht einer mehr. Sei einer brav oder schlecht, Mensch oder Teufel, das kümmert sie nicht; man ist Polizeihund oder Polizeiwild, Hammer oder Amboẞ. 40 Herr Menzel hatte die Parole, jeden deutschen Schrift- steller, der Anhänglichkeit für Frankreich zeigte oder die deutschen Regierungen nicht ausgezeichnet liebenswürdig fand, für einen Juden zu erklären, und er ging im Eifer seines patriotischen Vorpostendienstes so weit, daß er das ganze junge Deutschland, unter dem doch nicht ein einziger Jude war, in Masse beschnitt, und zahlreiche arme Seelen der ewigen Verdammnis übergab. Doch Herr von Raumer treibt es noch weiter als Herr Menzel. Er trommelt aus...., aus dem Kauderwelsch des Verfassers ins Deutsche über- setzt: die meisten politischen Flüchtlinge wären Juden. Und es ist doch nicht ein Jude unter ihnen, nicht ein ein- ziger! Und mit solchen unverschämten Lügen hoffen sie die öffentliche Meinung irrezuführen!... Wären die Hunderte von politischen Gefangenen nicht ganz vom Leben abgeschieden, könnten sie ein Wort der Klage laut- werden lassen, dann würde man, in der Hoffnung, die Teilnahme ihrer Mitbürger mit ihrem unglücklichen Schicksale zu schwächen, auch von ihnen die Lüge ver- breiten, sie wären Juden. O die Elenden! Nie würdet ihr wagen, die deutschen Flüchtlinge an- zukläffen, wenn ihr nicht wüßtet, daß die Kette der Zensur, an der ihr selber liegt, und das Gitter der Polizei, das euch einschließt, euch gegen die verdiente Züchtigung schützt. Die nächsten Jahrhunderte werden weder den Deut- schen noch den Franzosen, noch sonst einem anderen Volke oder einem Fürsten gehören, sondern der Menschheit. 41 HEINRICH HEINE 1837 Aus dem Vorwort zum dritten Band des ,, Salon" Dieser Held des Deutschtums, dieser Vorkämpfer des Germanismus sieht gar nicht aus wie ein Deutscher, sondern wie ein Mongole... jeder Backenknochen ein Kalmuck! Dieses ist nun freilich verdrießlich für einen Mann, der ständig auf Nationalität pocht, gegen alles Fremdländische unaufhörlich loszieht und unter lauter Teutomanen lebt, die ihn nur als einen nützlichen Verbündeten, jedoch keineswegs als einen reinen Stammgenossen betrachten. Wir aber sind keine altdeutschen Rassenmäkler, wir betrachten die ganze Menschheit als eine große Familie, deren Mitglieder ihren Wert nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe ihrer Seele, durch ihre Handlungen offenbaren. Wer je seine Tage im Exil verbracht hat, die feuchtkalten Tage und schwarzen langen Nächte, wer die harten Treppen der Fremde jemals auf- und abgestiegen, der wird begreifen, weshalb ich die Verdächtigung in betreff des Patriotismus mit wortreicherem Unwillen von mir abweise als andere Verleumdungen, die seit vielen Jahren in so reichlicher Fülle gegen mich zum Vorschein gekommen, und die ich mit Geduld und Stolz ertrage. Ich sage mit Stolz: denn ich konnte dadurch auf den hochmütigen Gedanken geraten, daß ich zu der Schar jener Auserwählten des Ruhmes gehörte, deren Andenken im Menschengeschlechte fortlebt, und die überall neben den geheiligten Lichtspuren ihrer Fußtapfen auch die langen, kotigen Schatten der Verleumdung auf Erden zurücklassen. 42 WILHELM WEITLING 1838 Die Heiligtümer der Menschheit Wer den Mut hat, seinen Bedrückern die Steuern zu verweigern und ihre Polizeiknechte und Gendarmen zum Hause hinauszuwerfen, hat soviel Rühmliches getan als der, welcher einen Tyrannen niederschlägt. Wer aber, um sein Leben zu fristen, für das Blut- und Tränengeld der Tyrannen Schafotte und Gefängnisse für seine Brüder errichtet und die Hände müßig in den Schoß legt, wenn die Würger ihre Beute suchen, oder gar den fortgeschleppten Opfern gleichgültig nachsieht, der ist verächtlicher als ein Polizeiknecht und elender als der erbärmlichste Sklave. Die Namen dieser Feiglinge sollen aus der Menschheit verschwinden, denn sie sind nicht wert, daß ihre Kinder ihr Andenken ehren... Gebet Beweise eures Mutes und eurer Entschlossenheit, den Kampf für eure Überzeugung zu bestehen. Schreibt auf eure Fahnen: wir wollen keine Armut und keine Unterdrückung mehr! Wählt eure Anführer selber und sehet dabei nicht auf die Reichen und Mächtigen. Euer General habe nicht mehr Recht auf den Genuß der Lebensgüter als der jüngste Freiwillige. Er sei vor dem Feind euer Vater und an der Tafel euer Bruder. Bedenket, daß die Schweiz einem Bauern ihre Freiheit verdankt. Der Tod verlangt von allen seinen Tribut, und es ist besser, ihm für die Befreiung der Menschheit sein junges Leben in die eiserne Waagschale zu werfen, als es dem Wucher und dem Übermut für ein Stückchen Brot in die Hände zu liefern, die sich von seinem Marke mästen und es aufgesogen auf die Gasse werfen, unbekümmert um sein armes, elendes Dasein. Heilig! dreimal heilig! seien der Mit- und Nachwelt die Namen der ersten Märtyrer, die unter dem Banner der 43 Bruderliebe die heimatliche Erde mit ihrem Blute tränken und ihren unerschütterlichen Glauben mit ihrem Tode besiegeln. Auf dem Walplatze, wo sie gerungen, errichte die befreite Menschheit aus den zusammengeschmolzenen Bildsäulen und Kanonen der Tyrannen ein Piedestal; und auf der Plattform dieses überliefere der in eine Pyramide zusammengeschmolzene Mammon der erstaunten Nachwelt die Namen dieser Bekämpfer des Mammons und der rohen Gewalt. Und abermals dreimal heilig! die Namen derjenigen, die ausharren bis ans Ende. Ein gleiches Denkmal verkünde auf dem schönsten Punkte der Erde den künftigen Generationen ihren Ruhm. Und das werden die Heiligtümer der Menschheit sein. 44 KARL FOLLEN 1839 Frieden und Krieg Die Hauptquelle aller internationalen Unstimmigkeiten versiegt, sobald das Prinzip der Selbstregierung als die einzig richtige Regierungsform allgemein anerkannt ist. Welche nationalen, oder besser selbstsüchtigen Interessen ließen sich denn durch Krieg und Eroberung befriedigen, wenn vorausgesetzt wird: jede eroberte Provinz darf sich selbst regieren, die dort erhobenen Steuern dienen ausschließlich dieser Regierung. Sind die fundamentalen Gesetze des Staates wahrhaft republikanisch, so sind alle seine Mittel und Energien nicht auf die Vergrößerung als Staat gerichtet, sondern auf den Schutz der Rechte der Individuen, aus denen er sich zusammensetzt... Wenn aber diese Rechte, durch Gesetz bestimmt, im wesentlichen überall gleichartig sind, und wenn ferner die Macht eines jeden Staates keinen anderen Zweck verfolgt, als diese Rechte zu schützen was könnte dann die Mehrheit irgendeiner Nation bewegen, mitten im Genuß des unschätzbaren Segens freien Verkehrs mit der gesamten Menschheit, gegen eine andere Nation zu Felde zu ziehen? Sicher ist der Satz berechtigt, in bezug auf die Hauptursache des Krieges und auf die Möglichkeit, sie zu beseitigen: ,, Krieg ist ein Spiel, das, wenn die Nationen weise wären, die Könige nicht zu spielen wagten." - Sobald also die Nationen der Erde, oder jedenfalls der größere Teil von ihnen, genügend zivilisiert und humanisiert sind, um den Schutz der individuellen Rechte des Menschen als einzig legitime Aufgabe einer Regierung anzuerkennen, wird es für sie ungefährlich und richtig sein, den Krieg, wie überhaupt alle Kriegsvorbereitungen, abzuschaffen. So, und nur so, kann die große Prophezeiung in Erfüllung gehen: ,, Die Nation soll nicht das Schwert er45 heben gegen die Brudernation, noch soll sie das Kriegshandwerk erlernen." Herrscher, die ihre Macht nicht vom Volke erhalten, und die sich vor dem Volke nicht verantwortlich fühlen, können ihre Armeen nicht entlassen. Solange es solche Herrscher gibt, stark genug, um den Frieden derjenigen Nationen zu stören, die durch Gesetz regiert werden, durch Gesetze, die der politischen Existenz dieser Herrscher entgegenstehen und sie gefährden- solange wäre es Selbstmord für eine freie Nation, die Waffen niederzulegen und der Gerechtigkeit bewaffneter Despoten zu trauen. Kein ergebener und kluger Freund des Friedens keiner, der fähig ist zu unterscheiden zwischen einem Frieden, der auf der Freiheit beruht, und einem ,, Frieden" weltumspannender Unterdrückung, kann einer freien Nation den Rat geben, daß sie das Schwert der Hand des Cherubim entwinde, der den Eingang zum Paradies der Freiheit bewacht. 46. GEORG HER WEGH 1841 Der letzte Krieg Wer seine Hände falten kann, Bet' um ein gutes Schwert, Um einen Helden, einen Mann, Den Gottes Zorn bewehrt! Ein Kampf muß uns noch werden, Und drin der schönste Sieg, Der letzte Kampf auf Erden, Der letzte heilige Krieg! Herbei, herbei, ihr Völker all, Um euer Schlachtpanier! Die Freiheit ist jetzt Feldmarschall, Und Vorwärts heißen wir. Der Zeiger weist die Stunde, O flieg, mein Polen, flieg, Mit jedem Stern im Bunde, Voran zum heiligen Krieg! Ja, vorwärts, bis der Morgen blinkt, Ja, vorwärts, frisch und froh! Vorwärts, bis hinter uns versinkt Die Brut des Pharao! Er wird auch für uns sprechen, Der Herr, der für uns schwieg, Und unsre Ketten brechen Im letzten heiligen Krieg. 47 48 O walle hin, du Opferbrand, Hin über Land und Meer, Und schling ein einig Feuerband Um alle Völker her; So wird er uns beschieden, Der große, große Sieg, Der ewige Völker- Frieden,- Frisch auf, zum heiligen Krieg! HOFFMANN VON FALLERSLEBEN 1841 Wiegenlied So schlaf in Ruh, Mein Söhnlein du! Dein Vater sprach ein freies Wort, Da führten ihn die Schergen fort In einen Kerker weit von hier, Weit weg von mir, weit weg von dir. So schlaf in Ruh, Mein Söhnlein du! Dein Vater leidet Schmach und Not, Dein Vater ist lebendig tot, Und seine Freunde bleiben fern Und sehn auch dich und mich nicht gern. So schlaf in Ruh, Mein Söhnlein du! Dein Vater ist ein Biedermann - Heil jedem, wer so denken kann! Heil dir, wenn du dereinst auch bist, Was dein gefangner Vater ist! So schlaf in Ruh, Mein Söhnlein du! Verschlaf des Vaterlandes Nacht, Den Knechtssinn, die Despotennacht; Verschlaf, was uns noch drückt und plagt, Schlaf bis der beẞre Morgen tagt! 49 HEINRICH HEINE 1840-1844 Aus: Ludwig Börne Glücklich sind die, welche in den Kerkern der Heimat ruhig hinmodern... denn diese Kerker sind eine Heimat mit eisernen Stangen, und deutsche Luft weht hindurch, und der Schlüsselmeister, wenn er nicht ganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache!... Es sind heute über sechs Monde, daß kein deutscher Laut an mein Ohr klang, und alles, was ich dichte und trachte, kleidet sich mühsam in ausländische Redensarten... Ihr habt vielleicht einen Begriff vom leiblichen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein deutscher Dichter sich eine Vorstellung machen, der sich gezwungen sähe, den ganzen Tag französisch zu sprechen, zu schreiben und sogar des Nachts am Herzen der Geliebten französisch zu seufzen! Auch meine Gedanken sind exiliert, exiliert in eine fremde Sprache. Wenn Dante durch die Straßen von Verona ging, zeigte das Volk auf ihn mit Fingern und flüsterte: ,, Der war in der Hölle!" Hätte er sie sonst mit allen ihren Qualen so treu schildern können? Wie weit tiefer bei solchem ehrfurchtsvollen Glauben wirkte die Erzählung der Francesca von Rimini, des Ugolino und aller jener Qualgestalten, die dem Geiste des großen Dichters entquollen... Nein, sie sind nicht bloß seinem Geiste entquollen, er hat sie gefühlt, er hat sie gesehen, betastet, er war wirklich in der Hölle, er war in der Stadt der Verdammten... er war im Exil! 50 An Maximilian Heine Paris, 12. April 1843 Nach Deutschland gehe ich nie und nimmer zurück. Ich lebe hier umfriedet, wenigstens in bezug auf äußere Berührungen. An Hans Christian Andersen Ein Lachen und Singen! Es blitzen und gaukeln Die Sonnenlichter. Die Wellen schaukeln Den lustigen Kahn. Ich saß darin Mit lieben Freunden und leichtem Sinn. Der Kahn zerbrach in eitel Trümmer, Die Freunde waren schlechte Schwimmer, Sie gingen unter im Vaterland; Mich warf der Sturm an der Seine Strand. Ich hab ein neues Schiff bestiegen, Mit neuen Genossen; es wogen und wiegen Die fremden Fluten mich hin und her,- Wie fern die Heimat, mein Herz wie schwer! Und das ist wieder ein Singen und Lachen- Es peitscht der Wind, die Planken krachen- Am Himmel erlischt der letzte Stern-- Mein Herz wie schwer! Die Heimat wie fern! Diese Verse, die ich hier in das Album meines lieben Freundes Andersen schreibe, habe ich den 4. Mai 1843 zu Paris gedichtet. 51 Heinrich Heine Die schlesischen Weber Im düstern Auge keine Träne, Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: Deutschland, wir weben dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch— Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten In Winterskälte und Hungersnöten; Wir haben vergebens gehofft und geharrt— Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt— Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, Den unser Elend nicht konnte erweichen, Der den letzten Groschen von uns erpreßt, Und uns wie Hunde erschießen läßt— Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem falschen Vaterlande, Wo nur gedeihen Schmach und Schande, Wo jede Blume früh geknickt, Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt— Wir weben, wir weben! Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, Wir weben emsig Tag und Nacht—\ Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,| Wir weben hinein den dreifachen Fluch, Wir weben, wir weben! m. An Karl Marx Hamburg, 21. September 1844 Liebster Marx! Ich leide wieder an meinem fatalen Augenübel, und nur mit Mühe kritzle ich Ihnen diese Zeilen. Indessen, was ich Ihnen Wichtiges zu sagen, kann ich Ihnen Anfang nächsten Monats mündlich sagen, denn ich bereite mich zur Abreise, beängstigt durch einen Wink von oben— ich habe nicht: Lust, auf mich fahnden zu lassen, meine‘ Beine haben kein Talent, eiserne Ringe zu tragen, wie Weitling sie trug. Er zeigte mir die Spuren. 5.045 N 53 WILHELM WEITLING 1842 Fluch euch Tyrannen! Eure Blutbeile, eure Schafotte, eure ungeheuren Waffen- fabriken und Niederlagen, eure stehenden Heere, eure schweren, dumpfen Gefängnisse, rufen und schreien sie nicht Mord bei Tage und Mord bei der Nacht?... Ihr habt keine Pariser Bluthochzeiten, keine Inquisitions- feuer mehr, um eure politischen Opfer darin abzuschlachten und zu braten, aber ihr habt eine grausamere, fürchter- lichere Qual erfunden— ihr lasset dem Individuum die Bürde des physischen Lebens und bemüht euch zuerst sein geistiges zu töten. Zu diesem Ende habt ihr jene schänd- lichen, barbarischen Gefängnisse erfunden, in welche man eure unglücklichen Opfer zu einer fürchterlichen, ewigen Einsamkeit verdammt, ihnen weder den Blick der Sonne noch die Stimme eines Unglücksgefährten vernehmen läßt. Nur den Blicken ihrer müßigen Wärter beständig ausge- setzt, ohne sich ihnen entziehen zu können, ohne selbst ihre Gegenwart zu bemerken, hocken sie da in der feuchten, dumpfen, stillen, unveränderlichen Ewigkeit ihrer vier Wände. Und warum?— Großer Gott! Das Herz möchte einem brechen, wenn man verpflichtet ist, über solche Ar- tikel zu diskutieren.- Die nennen sich aufgeklärt, welche diese schändliche Maßregel zuerst einführten!— Fluch euch modernen Tyrannen! Fluch! dir schändlichem Erfinder, ewigen Fluch! Du bist nicht wert, daß dich die Erde im 19. Jahrhundert trägt.— Du Unmensch hättest sollen zu den Zeiten der rohen Barbarei auf die Welt kommen, jetzt brauchen wir der studierten, raffinierten Mörder nicht mehr, die Gesellschaft hat deren in Menge.— Weine! weine! wenn-du dich nur geirrt hast, wenn dieser teuflische Plan keine tiefe Böswilligkeit, keine tyrannische Schaden- freude birgt! Weine! weine die bittersten Tränen der Reue, 54 die je ein Sterblicher vergossen! Gehe hin wie Judas und sage ihnen: Ich habe mich betrogen und euch betrogen! Ich bin durch meinen Plan einer der verfluchtesten Tyrannen des Erdbodens geworden! Da habt ihr eure Lobsprüche, euer Amt, euer Geld und eure Orden wieder! Reißt diese finsteren Zellen wieder ein, ich kann sonst nicht leben und nicht sterben. Der Jammer dieser Unglücklichen nagt mir das Herz ab. Gott sei mir armem Sünder gnädig! 82: 55 HOFFMANN VON FALLERSLEBEN 1842 Trostlied eines abgesetzten Professors ( Mel.: Nachts um die zwölfte Stunde) Ich bin Professor gewesen: Nun bin ich abgesetzt. Einst konnt ich Collegia lesen, Was aber kann ich jetzt? Jetzt kann ich dichten und denken Bei voller Lehrfreiheit, Und keiner soll mich beschränken Von nun bis in Ewigkeit. Mich kümmert kein Staatsminister Und keine Majestät, Kein Bursch und kein Philister, Noch Universität. Es ist noch nichts verloren: Professor oder nicht- Der findet noch Augen und Ohren, Wer Wahrheit schreibt und spricht. Der findet noch treue Genossen, Wer für das Rechte ficht, Für Freiheit unverdrossen Stets eine Lanze bricht. Der findet noch eine Jugend, Beseelt von Tugend und Mut, Wer selbst beseelt von Tugend Und Mut das Gute tut. 56 Ich muß das Glas erheben Und trink auf mein eigenes Heil: © würde solch freies Leben Dem Vaterlande zuteil! Der Professor ist begraben, Ein freier Mann erstand— Was will ich weiter noch haben? Hoch lebe das Vaterland! 57 ROBERT PRUTZ 1842 Abschied Einem Auswanderer Und muß es denn und muß es sein Und müssen wir uns trennen, Wohlan! so schenkt noch einmal ein Und laßt noch einmal zu dem Wein Die Herzen lodernd brennen! Du gehst, o Freund, nicht tränenlos,— © 1aß sie, laß sie rinnen! Denn ach! von deiner Mutter Schoß Du reißt vom Vaterland dich los, Ein neues zu gewinnen! Von fremder Küste, stolz und frei, Die Wälder hörst du rauschen; Willst gegen seidne Sklaverei,| Willst gegen bunte Liverei Die nackte Freiheit tauschen. Du bist es satt, ein Knecht zu sein Und frei dich nur zu’ träumen, Du bist es satt, mit Heuchelein,| Mit goldner Worte Flitterschein Die Kette zu umsäumen. Du bist des eignen Volkes satt, Der schmachgewohnten Seelen: Des Volkes, das, zum Handeln matt, Gelehrte nur und Dichter hat Und dem die Männer fehlen! 58 Du wirst nicht glücklich werden, nein! Auch nicht im freien Lande. Doch willst du lieber elend sein Im fremden Land, stumm und allein, Als Knecht im Vaterlande. O dürften wir in deinem Lauf, © dürften wir dich halten! Und dürften sagen: schau hinauf! Da steigt die Sonne schon herauf, Der Tag will sich entfalten! Umsonst! Noch säumt das holde Licht, Noch sind die Herzen bleiern, Noch rühren sich die Schläfer nicht, Noch ist das Höchste ein Gedicht, Das die Poeten leiern! Und doch, ihr Brüder, schenket ein! Doch muß ein Morgen tagen, Da bricht die Freiheit stolz herein, Da wird bei Ja, da wird bei Nein, Da wird das Joch zerschlagen! Ein Tag, wo die Trompete klingt, Die Männer anzuwerben! Es kommt ein Tag, der, sturmbeschwingt, Zurück in unsern Arm dich bringt, Zu siegen und zu sterben! KARL MARX 1843 An Arnold Ruge Auf der Treckschuit nach D., im März 1843 Ich reise jetzt in Holland. Soviel ich aus den hiesigen und französischen Zeitungen sehe, ist Deutschland tief in den Dreck hineingeritten und wird es noch immer mehr. Ich versichere Sie, wenn man auch nichts weniger als Nationalstolz fühlt, so fühlt man doch Nationalscham, sogar in Holland. Der kleinste Holländer ist noch ein Staatsbürger gegen den größten Deutschen. Und die Urteile der Ausländer über die preußische Regierung! Es herrscht eine erschreckende Übereinstimmung, niemand täuscht sich mehr über dies System und seine einfache Natur. Etwas hat also doch die neue Schule genützt. Der Prunkmantel des Liberalismus ist gefallen und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen Nacktheit vor aller Welt Augen. Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es ist eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unseres Patriotismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser Angesicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen, was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich antworte: die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirklich der Sieg der Französischen Revolution über den deutschen Patriotismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten. Welches System sollte ihnen aber den Patriotismus austreiben, wenn nicht dieses lächerliche des neuen Ritters? 60 Die Komödie des Despotismus, die mit uns aufgeführt wird, ist für ihn ebenso gefährlich, als es einst den Stuarts und Bourbonen die Tragödie war. Und selbst, wenn man diese Komödie lange Zeit nicht für das halten sollte, was sie ist, so wäre sie doch schon eine Revolution. Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen; aber seinem Schicksal trieb' es entgegen eben darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns bevorsteht. 61 0 FRIEDRICH VON SALLET 1843 Vor Gericht Und wenn ihr es solltet wagen ( Doch ich weiß, kaum wagt ihr das), Vor Gericht mir abzufragen Meiner Worte Wie und Was: Werd ich keinen Laut erwidern, Vor euch stehn in starrer Ruh; Denn ich würde mich erniedern, Gäb ich euch das Fragen zu. Hier bin ich nicht der Verbrecher, Selbst sucht ich Verbrechen auf, Überweisend sie dem Rächer, Den wohl bringt der Stunde Lauf. Gutes Deutsch hab ich geschrieben, Lesen kann es, wer nur will, Doch auch deuteln nach Belieben Mögt ihr dran, ich duld es still. Niemand braucht mich zu verteid'gen; Jede Strafe nehm ich hin, Nicht als Recht für mein Beleid'gen, Nein, weil ich bezwungen bin. Appellier an kein Gerichte, Wenn ich meinen Spruch erlitt, Als an eins: die Weltgeschichte, Die euch morgen schon zertritt. Wenn um euch die Hähne knackten, Denkt an den verfolgten Mann; Somit basta! denn die Akten Seh ich als geschlossen an. 62 WILHELM SCHULZ 1843 Die Schande der deutschen Justiz Man erinnere sich, daß das mehr als beruhigte Deutschland noch zur Stunde eine weit größere Zahl politischer Gefangener und politischer Verbannter aufzuweisen hat als das von Aufständen und Emeuten so lange heimgesuchte Frankreich. Man vergegenwärtige sich die Greuel der geheimen deutschen Inquisition in den endlosen politischen Untersuchungen- so wird man schon darin hinlänglichen Stoff zu einem Kommentar des deutschen Volksliedes finden: ,, Was ist des Deutschen Vaterland?".. Bringen wir nur aus neuerer Zeit, seit dem Frankfurter Attentat, die Namen einiger dieser Unglücklichen in Erinnerung:... Minnigerode aus Darmstadt, ein zarter Jüngling, von schwachem Körper und starkem Geiste. Mit rührender Ausdauer widerstand dieser der Seelenfolter, die ihm Geständnisse abpressen sollte, wodurch er Freunde ins Unglück gestürzt hätte; er widerstand, bis sein Geist in Zerrüttung fiel. Erst auf dem freien Boden von Nordamerika fand er seine völlige Genesung wieder. Ein anderer politischer Verhafteter, Stahlberg aus Köslin, zu Silberberg in Schlesien in Haft, wurde von einem Augenübel befallen. Die Ärzte beantragten seine Versetzung von Silberberg; sie wurde verweigert; er erblindete. Wie manche andere legten Hand an sich selbst, um den Leiden einer Gefangenschaft zu entgehen, die ihnen schlimmer als der Tod erschien, härter als die härteste Strafe, die sie treffen konnte! Wie viele erlagen einem Nervenfieber, das durch die geistigen und gemütlichen Erschütterungen des geheimen peinlichen Verfahrens erzeugt war! Und wer zählt gar alle auf, in denen reiche Hoffnungen, die das deutsche Vaterland auf sie setzen durfte, vernichtet wurden, deren Kraft für immer gebrochen ist, deren Jugendblüte im Kerker schnell verwelken mußte? 63 Die unbestimmten Schrecken der geheimen Inquisition quälten selbst diejenigen in ihren Träumen und Gedanken, die der politischen Verfolgung glücklich entgangen waren. Der geniale Georg Büchner, der Schöpfer von ,, Dantons Tod", in welchem nach einer kurzen Periode jugendlicher Gärung die deutsche Nation einen ihrer größten Geister gefeiert hätte, hatte sich durch die Flucht ins Ausland gerettet. Aber der bittere Gedanke an die Leiden seiner gefangenen Freunde in der Heimat mischte sich in das geistreiche Spiel seiner Scherze, und der giftige Stachel eines immer sich erneuernden Schmerzes warf ihn auf sein frühzeitiges Todesbett. Noch in den letzten Stunden traten ihm die Schauder der Inquisition in den Gebilden des Fiebers sichtlich vor Augen, und wie vor seiner Krankheit, so sprach auch der Sterbende noch in bitter wahren Worten über die verwerfliche Behandlung der politischen Schlachtopfer, die nach gesetzlichen Formen und mit dem Anschein der Milde in jahrelanger Untersuchungshaft gehalten werden, bis ihr Geist zum Wahnsinne getrieben und ihr Körper zu Tode gequält ist. ,, In jener Französischen Revolution", so rief er aus ,,, die wegen ihrer Grausamkeit so verrufen ist, war man milder als jetzt. Man schlug seinen Gegnern die Köpfe ab. Gut! Aber man ließ sie nicht jahrelang hinschmachten und hinsterben." Dies sind die verdammenden Worte eines sterbenden deutschen Dichters über die Schande der geheimen deutschen Justiz. 64 LUDWIG SEEGER 1843 Die Geächteten Stoßt zu, der Kerl ist vogelfrei!(Goethe) Wenn euch des Elends Ring umklammerrt, Daß aus den Adern spritzt das Blut, Nehmt euch in acht, daß ihr nicht jammert, Vergeudet nicht den grimmen Mut! Es wird, es muß die Stunde kommen, Wo euch befreit ein Donnerschlag— Dann mag der Zorn der Edlen frommen: © spart ihn bis auf diesen Tag! Ihr treuen Herzen in die Runde, Verscheuchtes Wild im fremden Land, Von denen kaum noch eine Kunde Den Weg zu euren Freunden fand,— Ihr irrt verlassen und vergessen; Für eure heiße Freiheitsglut Wird Kälte nur euch zugemessen, Und Frevel nennt man, was ihr tut. Die Fremden— Schweizer oder Franken— Sie schelten euer Streben Wahn: „Was sollen uns die Fieberkranken? Nur Narren tun, was ihr getan!“ Ja, Narren sind, die Freiheit hoffen, Wenn so„ein Sohn der Freiheit‘ spricht: Gottlob, das Narrenhaus ist offen, Der letzte Hort, wenn alles bricht! 65 Ihr mögt ihn einen Schwärmer schelten, Der über euren Häuptern schweift Und weiß, daß die, die ihm vergällten Das Leben, doch die Rach’ ergreift! Weh euch! ihr kalten Marmorherzen, In die kein Schmerz ein Ritzchen schnitt: Es naht der Fuß, der, rauh und erzen, Euch Schlangen in den Boden tritt! Und ringt ihr noch umsonst die Hände, Und seid ihr dessen euch bewußt,| Bleibt bei dem einen bis zum Ende: Weich sei das Herz und hart die Brust! Laßt unter eures Grames Falten, Trotz allem, was das Herz verlor,| Die heil’ge Flamme nicht erkalten, Und glaubt: sie schlägt zum Brand empor! JOHANNES SCHERR 1843 Briefe aus dem Exil Sitten, im Juni Nein, ich will mich nicht auf dem Gnadenweg ins Vaterland hineinschmuggeln lassen. Was sollte ich auch in Deutschland? Zur Ertragung einer sogenannten soliden bürgerlichen Existenz bin ich ein für allemal verdorben, meine früheren Verhältnisse sind gestört, mein Vater hat mir schon 1833 Namen und Rechte eines Sohnes entzogen, meine Mutter- oh, diese zu sehen und zu küssen, hätte ich mich schon voriges Jahr auf alle Gefahr hin nach Deutschland aufgemacht, aber sie ist tot. Ich erfuhr es schon in Paris. Die Braut, die mir ewige Treue gelobte, pah, sie ist ein Weib und hat nur als solches gehandelt, als sie nach meiner Flucht aus Deutschland ihre Hand dem Justizrat reichte, der mich nach der Frankfurter Geschichte verhörte. Die Mitglieder meiner Familie sind zahlreich, haben sich aber nie um mich gekümmert. Sie würden mich, sähen sie mich wieder, für einige Tage in einem Hinterstübchen logieren und dann hingehen heißen, wo ich hergekommen... Rapperswil am Zürichsee, im Juli Vom Grabe Ulrich von Huttens, deines herrlichen Sohnes, schweiften meine Gedanken über Seen und Berg und Täler hinüber zu dir, mein Vaterland, du Heimat der Philosophie und der politischen Ohnmacht, der Poesie und der Zensur, der Romantik und der Untersuchungskommissionen, der Fürsten und Hofräte, der Professoren und Kandidaten, der Lakaien und anderen Getiers. Ich denke dessen, daß du zu allen Zeiten darben ließest deine Apostel und austriebst deine Propheten, und eine grimmige Lust 67 kommt über mich, dich zu überschütten mit den Pfeilen des bittersten Sarkasmus... Altdorf, im September Es mag sonderbar klingen und unglaublich, wenn ich sage, daß mir die unabwendbare Notwendigkeit einer großen Reformation der Menschheit hier in den Urkantonen der Schweiz noch einleuchtender erschienen ist als beim Anblick der Fabrikverzweiflung in Manchester und Birmingham. Es mag daher kommen, daß mir hier im Gegensatz zur Hoheit der Natur die Erniedrigung des Menschen um so entsetzlicher vor Augen trat. Ja, lacht nur, ihr Privilegierten und Wohlbehäbigen, über den Gedanken einer allgemeinen Reformation der menschlichen Gesellschaft; wer zuletzt lacht, lacht am besten. Sie muß kommen, und ihre leitende Idee wird die Not, ihre Waffe der Krieg der Armen gegen die Reichen sein. Ich begreife, daß euch Genießenden der verruchte Satz jenes Kathedermannes: ,, dem Reichen sei der Genuß eine Arbeit und dem Armen die Arbeit ein Genuß", höchst einleuchtend ist, ich kann ermessen, wie wohl es euch tat, daß die deutschen Knechtschaftsdogmatiker die Systeme Saint- Simons und Fouriers als Hirngespinste bewitzelten, aber ich sage euch, diese Systeme haben in den Herzen von Millionen eine Glut entfacht, deren Geloder dereinst vernichtend über euch zusammenschlagen wird. Wohl seid ihr die Götter dieser Erde, aber eure Götterdämmerung wird nicht ausbleiben. Die arbeitende Klasse kommt allmählich zum Bewußtsein ihres Elends nicht nur, sondern auch ihres Rechts und ihrer Kraft. Sie beginnt einzusehen, daß es gescheiter sei, für sich selbst als für andere zu arbeiten; sie verwirft nicht die Arbeit, aber sie fordert, daß alle in gleichem Maße daran teilnehmen; sie will keine Barbarei, aber sie verlangt Mitgenuß der Schätze des Wissens und der Bildung; sie verachtet nicht das Christentum, aber sie 68 89 6. will es fürder nicht zum Monopol der Fürsten und Pfaffen erniedrigt schen, sondern erhoben zu seiner wahren und _ ursprünglichen Bestimmung, zur Gleichheitsurkunde der Menschheit. Ei, die arbeitende Klasse hat das große Wort des Propheten von Nazareth:„Ich bin gekommen, um den Gefangenen ihre Befreiung zu verkünden, und zu erlösen die, welche unter ihren Ketten erdrückt sind!“ in einem andern Sinn verstanden und gewiß in einem bessern, als all die Silbenklauber, die sich auf deutschen Hochschulen mit der Exegese abquälen. Oh, was haben diese Leute aus dem Christentum und seinem Stifter gemacht? 6.045 69 FRIEDRICH VON SALLET 1843 Lied der Verfolgten Und wollen sie mein Auge blenden, Verfinstert drum die Sonne sich? Und wenn sie mich zum Kerker senden, Die Freiheit siegt auch ohne mich. Und wenn sie mir die Hand auch binden, Weil sie die Feder schwang als Schwert— Es wird sich Hand und Feder finden, Solang ein Herz nach Licht begehrt. Und ob sich auch in Finsternissen Mein Wort, der Freiheitshauch, verlor— Den einen Ton wird man nicht missen, Im tausendstimm’gen Donnerchor. Deshalb wird nicht der Frühling enden, Mit Sang und Klang, mit Licht und Schall, Weil ihr mit tölpelhaften Händen Erschluget eine Nachtigall. 6" ANONYMUS 1843 Mittel zur Verhütung von Revolutionen 4. Man suche sich des Militärs durch Nachsicht mit seinen Ausschweifungen, durch Vorzüge, die man ihm auf Kosten anderer Untertanen einräumt, zu versichern.( Im Kriege gestatte man ihm alle Arten von Räubereien und Grausamkeiten. Es gibt zwar Philosophen, die davon sprechen, daß man auch hier die Menschlichkeit nicht außer Augen setzen dürfe, aber die so sprechen, sind Neuerer, Volksverführer, Jakobiner. Gerade in den Zeiten, wo keine Menschlichkeit herrschte, standen die Throne am festesten.) 7. Man bezahle Spione, Denunzianten und dergleichen Leute sehr gut und nehme es nicht zu genau, wenn sie allenfalls dabei einmal ihren persönlichen Haß befriedigen. 8. Schreien dann endlich ein paar zu sehr Gedrückte laut oder bringt die Verzweiflung in einer Stadt einige Leute zur Empörung, so schreite man sogleich zur abschreckendsten Züchtigung und vergrößere nach einem solchen Falle jede Einschränkung und Unterdrückung desto mehr. 71 HOFFMANN VON FALLERSLEBEN 1843 Lied eines Verbannten Und wieder hatt’ es mich getrieben Dahin, wo ich gewandert aus: Ich kehrte heim zu meinen Lieben, Froh trat ich ein ins Vaterhaus. Es zogen alte Kläng und Lieder Beseligend durch meine Brust: Ich war in meiner Heimat wieder, Im Reiche meiner Jugendlust. Da wollt ich unter Blütenbäumen Die alten stillen Tag’ erneun, Und meine Kindheit wieder träumen, Und mich wie Kinder wieder freun. Da wollt ich voller Sehnsucht warten, Gelehnt auf meinen Wanderstab, Bis in dem öden Friedhofsgarten Grün würde meiner Mutter Grab.— Doch nein- ich soll den Frühling sehen Nur fern vom väterlichen Haus: Ich bin verbannt— so muß ich gehen In eine fremde Welt hinaus. FERDINAND CÖLESTIN BERNAYS(?) 1844 Grobe Mißachtung Deutschlands und der deutschen Sprache Nichts ist begründeter als die Furcht, bei dem gänzlichen Miẞwachs des Geistes in der jetzigen deutschen Luft, selbst von den wohlmeinendsten Schriftstellern die Sprache miẞachtet, ja, mißhandelt zu sehen; und man wird Deutschland seine Achtung nicht besser bezeugen können als durch die entschiedenste Miẞachtung der Sprache, die seine unterjochten Journale führen. Die gröbste Miẞachtung Deutschlands dagegen ist das herrschende System, welches mit den Gesetzen der Menschheit ebenso verfährt wie die beherrschten Schriftsteller mit den Gesetzen des Stils. Es macht sie zum Spiel seiner Willkür. Das System erzeugt den Stil. Um also das System vor uns zu haben, dürfen wir nur den Stil irgendeiner deutschen Zeitung ansehen. Ganz Deutschland schreibt in den Zeitungen einen Stil, den Kurialstil seines offiziellen Unwesens. Die deutsche Luft erzeugt ihn, seiner Ansteckung ist jeder unterworfen, der sie einatmet. Diesen Stil erhalten heißt das System erhalten... Erst der menschliche Stil, die menschliche Bildung des Kopfes und der Sprache, die Todesstunde dieser Botokudenbildung wäre die Geburtsstunde einer deutschen Menschheit. Schnöde Auswanderung Die deutschen Zeitungen protestieren im voraus gegen eine deutsche Literatur in Paris, sie empfinden es mit der tiefsten Entrüstung, daß einige deutsche Schriftsteller sich nach Paris gewendet! Wie unüberlegt! Haben die Deutschen in Deutschland nicht... die Bücher der Könige von - 73 Preußen und von Bayern, die Reden, die Trinksprüche, die Kabinettsordres, die Walhallagenossen, den Brief an Becker und endlich die Gedichte?... Und ihr wollt sagen, wir ließen euch im Stich? Wir lassen euch in eurem Reichtum, gönnt uns unsere Armut. Wie unüberlegt, uns zu vermissen! Aber auch welch eine mangelhafte Geographie! Schlagt den Menzel auf. Ist das Elsaß nicht deutsch, ist Lothringen nicht deutsch gewesen, ist Belgien nicht flämisch, ja, ist das Reich der Franken denn nicht deutsch? Ist die Sprache nicht eigentlich auch deutsch? Das bißchen Oui und Non, und was sonst die Fremden noch hinzugefügt haben, wen wird das genieren? Frankreich muß für Deutschland reklamiert werden nach allem historischen Recht, und wir sollten nicht vorläufig drin wohnen? Ihr Schwachköpfe! 74 GEORG HER WEGH 1844 Aus: Verrat! Wir wollen es verkünden, Verraten laut und dreist, Was ihr für ,, Burgen gründen" Wollt unserm deutschen Geist; Verraten, welche Schelle Zu deutschen Ohren klingt, Und welche trübe Quelle Im deutschen Sande springt. Wie du das Wort beschnitten, Eunuchen- Regiment, Wie feige wir's gelitten, Und was man Freiheit nennt, Freiheit für das ,, erstarkte Germanische Geschlecht": Den Stock auf offnem Markte Und das geheime Recht! Wie ihr, getreue Stände, Den Rücken biegt so krumm, Wie offen eure Hände, Und euer Mund- wie stumm! In Rätseln und in Runen Hüllt ihr nur Knechtssinn ein; Ihr könnt nicht die Tribunen Des deutschen Volkes sein! Drum sei mit euch gebrochen! Die Brücken sind verbrannt. Verrat! Ihr habt's gesprochen Und ihr habt recht erkannt. Du Land, das sonder Scheue Zertritt die junge Saat, Du machst Verrat zur Treue Und Treue zum Verrat! .75 - FERDINAND FREILIGRATH 1844 Ein Glaubensbekenntnis Aẞmannshausen, Mai 1844 Fest und unerschütterlich trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust der Reaktion sich entgegenstemmen! Kein Leben mehr für mich ohne Freiheit! Wie die Lose dieses Büchleins und meine eigenen auch fallen mögen: solange der Druck währt, unter dem ich mein Vaterland seufzen sehe, wird mein Herz bluten und sich empören, sollen mein Mund und mein Arm nicht müde werden, zur Erringung besserer Tage nach Kräften das ihrige mitzuwirken! Dazu helfe mir, nächst Gott, das Vertrauen meines Volkes! Mein Gesicht ist der Zukunft zugewandt! 99 76 ARNOLD RUGE 1844-1847 An Adolf Stahr Paris, 28. April 1844 Du meinst so circa, ich hätte einen dummen Streich begangen, als ich Deutschland verließ; aber du wirst dich hier überzeugen, daß es hinterm Berge auch noch Leute gibt, und es ist genug, wenn ich meinen Freunden treubleibe und meine Freunde die eine Sache aller Völker, Freiheit und humane Freiheit, mit mir verfolgen... Lieber Freund, wir haben nicht Atem genug, um den Tag der deutschen Freiheit zu erleben. Man wird uns als Untertanen zu Grabe tragen. Ein künftiges Geschlecht wird erst die Früchte unserer Arbeit ernten. Lied des Spartacus Den Menschennamen und sein Glück, Sie haben's uns entwandt; Wir fordern unser Teil zurück, Die Waffen in der Hand! Wir brechen kühn mit einemmal Die Ketten unsrer Not Und lösen kämpfend unsre Qual In Freiheit oder Tod. An Robert Prutz Zürich, 14. Januar 1846 Deutschland ist wirklich in der üblen Lage, daß erst ganz außerordentliche Erschütterungen eine wirkliche politische und praktische Freiheit, ein souveränes und reell existie77 rendes Volk erzeugen können. Diese Erschütterungen werden eintreten... Wenn man zu Hause die Freiheit verliert, so entbehrt man gern alle Vorteile der Heimat, um die Freiheit in der Fremde wiederzufinden; und der eine Moment, den freien Boden eines freien Volkes, den Platz, wo das Jahrhundert seinen Sieg erfocht, zu betreten, dieser eine Moment ist mehr wert als viele Jahre einer poesielosen heimischen Knechtschaft. Es ist nicht ohne ein tiefes Gefühl der Scham, daß wir Deutsche uns gestehen müssen: schon die Poesie und das Bedürfnis der freien Dichtung, die ihrem vollen Herzen rücksichtslos folgt, exilierte in unsern Tagen die bedeutendsten Lyriker aus Deutschland, und sie flüchteten zu freieren Völkern. 78 GEORG HER WEGH 1845 O wag es doch nur einen Tag Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag Im Zorneswetterschein! O wag es doch, nur einen Tag, Nur einen, frei zu sein! Und ob der Sieg vor Sternenlicht Dem Feinde schon gehört- Nur einen Tag! es rechnet nicht Ein Herz, das sich empört. O wart in deiner tiefen Not Auf keinen Ehebund; Wer liebt, der gehet in den Tod Für eine Schäferstund: Und wer die Ketten knirschend trug, Dem ist das Sterben Lust Für einen freien Atemzug Aus unterdrückter Brust. Laẞ deine Weisen fort und fort Nur Tod und Schrecken sehn, Dem Volk soll vor Prophetenwort Der Ruf der Ehre gehn. Horch auf, der letzte Würfel fällt, Dein Abend, er ist nah, Noch einmal stehe vor der Welt In deiner Größe da! O tilg nur einen Augenblick Aus deiner Sklaverei, Und zeig dem grollenden Geschick, Daß sie nicht ewig sei; 19 79 Erwach aus deinem bösen Traum: Reif ist, die du gesucht, Und schüttle nicht zu spät vom Baum, Wenn sie gefault, die Frucht. Wach auf! Wach auf! die Morgenluft Schlägt mahnend an dein Ohr— Aus deiner tausendjähr’gen Gruft Empor, mein Volk, empor! Laß kommen, was da kommen mag: Blitz auf, ein Wetterschein! Und wag’s, und wär’s nur einen Tag, Ein freies Volk zu sein! 2 ANONYMUS 1845 Deutsche Zufriedenheit Mitbürger, ach! seid doch zufrieden Und schickt euch in die böse Welt; Das Los, das euch von Gott beschieden, Trag jeder als ein Christ, ein Held. Wer nur den lieben Gott läßt walten, Der läßt auch alles hübsch beim alten: Es gibt auf Erden weit und breit Nichts Schönres als Zufriedenheit! - Wenn sie ins Wanderbuch euch schreiben, Viel Schand und Schimpf und Schimpf und Schand, Wenn sie euch mit Gendarmen treiben Gleich Vagabunden aus dem Land, So laẞt euch dieses nicht verdrießen, Ein Wort kann alles ja versüßen: Es gibt auf Erden weit und breit Nichts Schönres als - Zufriedenheit! Wenn ihr als arme Schlucker lungert, Wenn's Hemd euch durch die Hosen blickt, Wenn ihr vorm Haus des Reichen hungert, Und wenn der Frost euch kneipt und zwickt, Bedenkt: es kann ja hier auf Erden Doch nicht ein jeder glücklich werden. Den Großen Glück und Herrlichkeit, Dem Volke- die Zufriedenheit! Von Gottes Gnaden ist der König; Wir sind nur seinetwegen da, Und murren wir einmal ein wenig- Man schießt uns tot- halleluja! 81 So tät man’s aller Orten treiben, So ist’s, so sei’s, so muß es bleiben: Drum, liebes Volk, sei doch gescheit, Bewahre die— Zufriedenheit! Und habt ihr alles auch verloren, Und wird es euch so schwer und bang, Und zieht man’s Fell euch über die Ohren— Bedenkt—’s ist nur ein Übergang. Laßt schinden, quälen euch und treten,| Ihr dürft ja- singen noch und beten, Ihr habt— wie glücklich ihr doch seid! Ja immer noch— Zufriedenheit!| Zufriedenheit sei meine Freude, Zufriedenheit sei meine Lust, In meinem abgeschabten Kleide Herrsch dies Gefühl in meiner Brust! Und bin ich gleich verlumpt, verdorben, Vor Hunger endlich gar gestorben, So schreibt aufs Grab mir groß und breit: Der Kerl starb an— Zufriedenheit 1 1 Amen f HERMANN PÜTTMANN 1845 Fusillade Soldaten! Knechte! Königlich Gesinde! Köpf’ in die Höh! Brust vor! und aufgepaßt! Das letzte Wort ist’s, das ich euch verkünde, Ein ernstes Wort, wir haben ausgespaßt. Wenn ich euch sehe mit den stolzen Mienen, Den starken Armen— Männer allesamt, Und dennoch willenlos gleich wie Maschinen— Denk ich: Natur hat euch dazu verdammt. Weil ihr den Geist, den freien, blöd verkanntet, Und selber euch die Ketten angelegt, Und einen Zauber über euch erkanntet, Der euch mit Blindheit und mit Taubheit schlägt. Der Zauber kommt von des Despoten"Throne: Gleich wie die Mücke heller Kerzenglanz Verblendet euch das Funkeln einer Krone, Daß wirren Sinns ihr stürzt zum blut’gen Tanz. Und werdet Mörder, Räuber, Henker, Diebe, Grausam und listig wie der Wüste Tier, Und jagt mit Trommelschall die Bruderliebe Aus eures Herzens heimlichstem Revier. Des Herrschers Laune sehnt sich just nach Blute, Er winkt: gehorsam dem Kommandowort, Opfert ihr euch mit falschem Heldenmute, Und rennt zur Schlachtbank brüllend, jauchzend fort. Des Herrschers Habsucht hat den Krieg entzündet, Wie gier’ge Wölfe stürzt ihr in das Land Des Nachbars, der euch lange treu verbündet, Und unterjocht ihn, bringt ihm Mord und Brand. 83 Und selbst den Bürger, der nicht länger tragen Den Druck der Tyrannei kann oder mag, Sich aufrafft, seine Fesseln zu zerschlagen— Ihr drückt ihn nieder in die alte Schmach. Und jubelt, wenn des armen Volkes Rippen Ihr gnädig füllt mit Pulver und mit Blei, Und grinst, wenn von den hungerbleichen Lippen Sich plötzlich ringt das letzte Wehgeschrei! Und dennoch nennt ihr frech euch Patrioten! Fürwahr, ihr schützt das Vaterland, ich weiß, Wie Spatzen hütet ihr die reifen Schoten— Faulenzer, stets ernährt von fremdem Schweiß. Soldaten! Knechte! Königliche Hunde! Köpf’ in die Höh! Brust vor! Und zielt nur gut! Ein freies Herz scheut keine Todeswunde, Ein freies Herz hat auch zu sterben Mut.— Blaß vor Entsetzen zielten sie und schossen— Im Blute wälzt’ sich, der so höhnend sprach, Sie aber zogen heim, still und verdrossen, Und manchen reute dieser Ruhmestag. 7.045 KARL HEINZEN 1846 Einladung an emigrierte teutsche Schriftsteller Teutschland ist, wie an Emigranten überhaupt, so auch an literarischen Emigranten das reichste Land der Erde geworden. In Frankreich, in der Schweiz, in Belgien, in England, in Amerika, kurz in der ganzen Welt, besonders aber in den freieren Ländern, zählt es eine Menge Vertreter seines Geistes und seiner Nationalität, die meistens unfreiwillig in ihre Lage gebracht worden sind. Das ausländische Teutschland erhält, auch ohne Kolonien, von Tag zu Tag mehr Wichtigkeit. Es kann dahin kommen, ja es ist schon dahin gekommen, daß der bewegteste Teil unseres literarischen Lebens durch Ausgewanderte vertreten wird... Es ist keine Frage und braucht nicht weiter erörtert zu werden, daß die teutschen Emigranten durch ein regelmäßiges Auftreten in corpore in einem ganz anderen Licht erscheinen, eine ganz andere Stellung einnehmen und eine ganz andere Teilnahme hervorrufen müssen wie bisher... Die vorstehenden Betrachtungen haben den Unterzeichneten auf die Idee gebracht, ein Taschenbuch herauszugeben, welches bloß durch ausgewanderte teutsche Schriftsteller geschrieben wird. Es soll den Titel ,, Teutscher Emigrantenalmanach" führen... Ich darf die Hoffnung aussprechen, daß das angedeutete, gewiß interessante Unternehmen bei sämtlichen Schicksalsgenossen unbefangene Würdigung und angemessene Unterstützung finden werde... In Zürich haben ihre Mitwirkung zugesagt: F. Freiligrath, J. Fröbel, K. Fröbel, A. Ruge. Zürich, im Januar 1846 85 85 Karl Heinzen FERDINAND FREILIGRATH 1846 Eispalast II. Die ihr der Völker heil’ge Flut abdämmtet von der Freiheit Meer:— Ausmündend bald, der Newa gleich, braust sie und jubelt sie einher! Den Winterfrost der Tyrannei stolz vom Genicke schüttelt sie Und schlingt hinab, den lang sie trug, den Eispalast der Despotie! Noch schwelgt ihr in dem Blitzenden, und tut in eurem Dünkel, traun! Als käme nun und nie der Lenz, als würd’ es nun und nimmer taun! Doch mählich steigt die Sonne schon, und weich erhebt sich schon ein Wehn; Die Decke tropft, der Boden schwimmt— Oh, schlüpfrig und gefährlich Gehn! Ihr aber wollt verschlungen sein! Dasteht ihr und kapituliert Lang erst mit jeder Scholle noch, ob sie— von neuem nicht gefriert! Umsonst, ihr Herrn! Kein Halten mehr! Ihr sprecht den Lenz zum Winter nicht, Und hat das Eis einmal gekracht, so glaubt mir, daß es bald auch bricht! 86 Dann aber heißt es wiederum:— Abwärts mit brausendem Erguß, Abwärts durch Schnee und Schollenwerk drängt sich und macht sich Bahn der Fluß! Die letzten Spuren seiner Schmach malmt er und knirscht er kurz und klein— Und flutet groß und ruhig dann ins ewig freie Meer hinein! 7° 87 KARL HEINZEN 1846 Dreißig Kriegsartikel der neuen Zeit für Offiziere und Gemeine in despotischen Staaten Artikel 12 Wovon lebt der Despotismus? Von der Henkerbande, die von ihm lebt. Was ermutigt jenen Despoten, die Wünsche des Volks unter die Füße zu treten? Das Vertrauen auf seine Henkerbande. Was ermutigt ihn, durch Machtsprüche dem Volk zu gebieten, was ihm zuwider ist, und ihm zu versagen, was es will? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Was ermutigt ihn, das Volk auszupressen, um von dem Erpreẞten das Gebäude des Despotismus zu unterhalten und den Verschwendungen seines Götzentums zu genügen? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Was ermutigt ihn, die Hälfte des Volks ins Elend zu stürzen, damit er und sein Anhang in empörendem Luxus schwelgen können? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Was ermutigt ihn und seinen Anhang, dem Volk den Knebel auf den Mund zu hängen und seine Sklaverei stumm zu machen? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Was ermutigt ihn und seinen Anhang zu schnöder Willkür, zur Verhöhnung des Rechtes, zur Verachtung der Mißhandelten? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Was ermutigt ihn und seinen Anhang, zu Verbrechen zu stempeln und mit Kerker und Beil zu bestrafen, was dem freien und vernünftigen Menschen als Recht und Pflicht erscheint? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Was ermutigt ihn und seinen Anhang, das Volk auf Schritt und Tritt mit polizeilichen Fesseln zu behängen, ihm seine Gedanken und Empfindungen zu belauern und vorzuschreiben, ihm sein Menschentum faserweise auszu88 reißen und es in den Kot der Entwürdigung zu treten? Das Vertrauen auf die Henkerbande! Das Vertrauen auf die Henkerbande ist es allein, was diese Zunge, jene Feder, diesen Fuß, jenen Arm in Bewegung setzt; was dieses Übel aufrecht- und jenes Gute fernhält; was Unsinn sanktioniert und Vernunft in den Bann tut. Das Vertrauen auf die Henkerbande ist mit einem Wort eure- Regierung. Was würde dieser Despot und jener Minister, dieser Geheimrat und jener Höfling, dieser Aristokrat und jener Pfaffe, dieser Inquisitor und jener Polizeimensch, die sich jetzt mit bewußter Sicherheit an euern Rechten vergreifen, was würden sie tun, wenn plötzlich die Henkerbande verschwände oder zum Volke zurückkehrte, von welchem sie hergekommen? Sie würden flehen, beben und kriechen vor dem Volk! Jene Feiglinge, welche trotz der Henkerbande vor jedem Hauche der Öffentlichkeit zusammenfahren, trotz der Henkerbande tausend Schliche und Kniffe zu ihrer Sicherung ins Werk setzen, trotz der Henkerbande Gerichte und Presse zu ihren Werkzeugen erniedrigen, was würden jene Feiglinge, jene Träger des bösen Gewissens, jene bleichen Träger des freien Menschentums tun, wenn ihre schützende Henkerbande sich verlöre? Volk, sie würden winseln unter deinem Fuß, wie das Gewürm der Erde. Jetzt aber, Volk, winselst du! 89 ERNST DRONKE 1846 Die Gefangenen Die Nacht ist kalt, die Nacht ist stumm, Sie werfen sich auf der Streu herum, Zernagt von Qualen und Grausen. Es schwanket der Lampe bleiches Licht Und beleuchtet der Düsteren Angesicht, Drin Not und Jammer hausen. Es spricht der eine: ,, Wer schafft nun Brot Für meines Weibs und der Kinder Not, Die hungernd im Elend sitzen? Sie harren und siechen ihr Leben lang, Und wie ich in schweren Nöten rang, Mein Handwerk wollte nichts nützen." Der zweite spricht: ,, Am Geweb lag's nicht, Daß ich Nacht und Tag nur Not und Schmach Gesponnen mit meinen Zetteln. Und lieg ich auch im Gefangnenhaus, So seh ich doch nicht meines Weibes Graus. Mag stehlen sie oder betteln." Der dritte seufzt: ,, Jahraus, jahrein Bebaut ich am Berge mein Eckchen Wein, Den Lohn, den fraß die Steuer. Und saß ich daheim in Jammer und Qual, Für das Brot doch, das ich dem Bäcker stahl, Ist wahrlich die Strafe teuer." Es flucht der vierte: ,, Mit Schweiß und Blut Bestellt ich des reichen Grundherrn Gut, Doch mich nicht nährten die Hände. go Und als er mir meinen Lohn abbrach, Da setzt ich die Rache ihm rot auf’s Dach, Nun hat meine Qual ein Ende.“ Und es fahren düster empor die vier, Den Leib verwildert, die Augen stier: „Ein Ende in Sünden und Schande! Und leben wir ehrlich und leben recht, Wir sterben im Elend, der Sünde Knecht, Ein Fluch dem Vaterlande!‘“— KARL HEINZEN 1846 Flüchtling ohne Paß Wo gibt es aber einen defensiveren Menschen auf der Welt als einen heimatlosen Flüchtling? Verfolgung hinter sich, Mißtrauen, vor sich, im besten Falle die Gnade der Gastfreundlichkeit über sich- so lebt er in der beständigen Bemühung, bald sich zu retten, bald sich zu legitimieren, bald sich unanstößig zu benehmen. Bald muß er seine Person, bald seine Ehre, bald seine Selbständigkeit zu salvieren suchen. Er hat keinen Schutz, denn er ist fremd; er hat keinen Kredit, denn er ist Flüchtling; er hat keine Rechte, denn er ist ein Ausländer. Nicht bestohlen und nicht totgeschlagen zu werden diese negativen Rechte sind fast die einzigen, die er geltend machen kann, und wer wird, um zu dieser Geltendmachung eine Gelegenheit zu erhalten, es auf das Bestehlen und Totschlagen ankommen lassen? Die größte Bitterkeit im Leben des Flüchtlings ist die, daß er überall von der Gnade abhängt. Werde ich geduldet? Das ist die ewige Frage, die er sich wiederholt, wo er kommt, wo er sich niederläßt, wo er etwas unternehmen, wo er sprechen, wo er handeln will. Der Mann ist das abhängigste Geschöpf von der Welt, denn er darf kaum den Kopf zum Fenster hinausstecken ohne Paß; zugleich ist er das gefährlichste, denn er wird zu den wilden Tieren gerechnet ohne Paẞ; auch ist er das wertloseste, denn er gilt nichts ohne Paẞ. Ob ich ein Mensch bin, danach fragt niemand, denn ich habe keinen Paẞ; ob ich ein ehrlicher Mann bin, dadurch läßt sich keiner betören, denn ich habe keinen Paẞ; ob ich Gefühl in der Brust, ein Herz im Leibe, Blut in den Adern habe und so gut wie jeder andere Mensch des Teufels werden kann, das kümmert keinen, denn ich habe keinen Paẞ. Mein eigenes Ich ist mir nicht mehr sicher, denn daß ich 92 -- - ich habe Ich bin, kann ich nicht beweisen ohne Paẞ. Ja- es an mir erfahren, was es heißt, keinen Paß zu haben. Ich teile seitdem die Menschen in zwei Klassen ein, in solche, die Pässe haben, und in solche, die keine haben. Die Schicksale der deutschen Flüchtlinge sind trostlos, tragisch, tückisch, teuflisch. Wer sie kennt, der muß, wenn er stark ist, vor Zorn entbrennen oder, wenn er schwach ist, vor Gram das Haupt beugen. Menschengefühl, Gerechtigkeit, Schmerz, Grimm, Rachelust, kurz all ihr treibenden Mächte der Menschenseele, ich frage euch: Wann wird endlich, endlich der Tag anbrechen, wo diejenigen nach dem Wanderstab des Flüchtlings greifen, deren henkerische Zuchtrute bisher so manchen Edlen in die Fremde und in die Verzweiflung jagte? Wäre mit einem Dolchstoẞ Gerechtigkeit zu schaffen wir gestehen es offen, wir griffen nach dem Dolch statt nach der Feder! - 93 GEORG WEERTH 1847 Lied eines irischen Emigranten Nach Mrs. Blackwood Nun sitz ich auf der Bank, Anna, Auf der wir saßen traut An dem schönen Morgen im Monat Mai, Als einst du meine Braut. Es sproẞte frisch und grün das Korn Und die Lerche sang so weit- Dein Mund war rosarot, Anna, Dein Auge voll Lieblichkeit. Die Bank ist ganz wie sonst, Anna; Schön ist des Morgens Glühn. Wie damals steigt die Lerche auf, Und das Korn ist wieder grün; Nur bist du, ach, verschwunden, Anna, Mein Stolz und meine Lust; Und alles, ach, verlor ich, Anna, Als sterben du gemuẞt. Mit deinem treuen, guten Herzen Wie hofftest du so lang, Als mit dem alten Gottvertrauen Mein Arm ermattet sank. Trost sprachst du mir in meine Seele Und sahst mich bittend an - Und Dank sei, Anna, dir für alles, Was du mir Liebes getan! Dank dir für dein geduldig Lächeln, Als du, vom Hunger geplagt, Deine Qual verbargst um meinetwillen Und nicht ein Wort gesagt; 94 Und Dank dir für dein letztes Grüßen, Als ach, dein Herze brach— Und o, es freut mich, daß du weilest, Wo nichts nun kränken dich mag! Ade! von dannen nun muß ich ziehen, Muß lassen der Heimat Strand; Doch werd ich auch dein gedenken, Anna, In dem fernen, fremden Land. Man sagt, dort gibt es Brot genug, Und die Sonne geht nimmer zur Ruh— Doch nimmer vergeß ich, Alt-Irland, dich, Wär’s auch dreimal schöner als du! In jenen alten großen Wäldern Will ich sitzen, ein einsamer Mann, Und zurück nach dem Orte, wo Anna ruht, Wird reisen mein Herze dann. Bis ich meine, ich sähe die kleine Bank, Wo zusammen wir saßen traut An dem schönen Morgen im Monat Mai, Als einst du meine Braut. KARL SCHAPPER(?) 1847 Die deutschen Auswanderer - Schon in alten Zeiten strebten die Menschen nach einer besseren, einer neuen Welt, wo sie hofften, glücklich zu Leider werden, und ihr Streben ist heute noch dasselbe. ist trotz allem Streben noch wenig erreicht worden, da man lange die bessere Welt dort suchte, wo sie nicht zu finden war; und wenige noch heute wissen und begreifen, daß diese bessere Welt uns nahe genug liegt, daß es nur einer Vereinigung der Unterdrückten, einer kräftigen Anstrengung bedarf, um sie zu erreichen.- Freilich diejenigen, welche glauben, man brauche nur zu suchen, nach Amerika zu wandern, um in die bessere Welt zu gelangen, irren gewaltig. Die bessere Welt findet man nicht, sie muß erkämpft werden, und nur wenn wir fest zusammenstehen und uns selbst helfen, so wird uns der Himmel helfen... - Die guten Deutschen, denen es freilich in ihrem mit 34 souveränen Fürsten und Fürstlein gesegneten einigen und freien Deutschland nicht gar wohl zumute sein mag, hat ein besonderer Auswanderungstaumel ergriffen, und leider werden von allen Auswanderern keine so betrogen, herumgeworfen, ausgezogen und mißhandelt als gerade die Deutschen... In Deutschland werden viele fragen: Wir haben ja viele Gesandte und Konsuln in London, nehmen sich denn die der Auswanderer nicht an? Die Engländer und Franzosen finden überall, mögen sie nun Reisende oder Auswanderer sein, bei den Konsuln und Gesandten ihrer Nationen Schutz, Rat und Unterstützung, nicht so die Deutschen, und am allerwenigsten die deutschen Proletarier, sobald dieselben aus dem sogenannten Untertanenverband ausgetreten; sobald sie Deutschland verlassen haben, bekümmert sich kein deutscher Gesandter 96 oder Konsul mehr um sie.- Die deutschen Gesandten und. Konsuln hier in England, denen das deutsche Volk jährlich Hunderttausende zahlen muß, haben andere Sachen zu tun. Der fromme Bunsen gründet Jünglings- Vereine und Evangelische Gesellschaften, um die Proletarier vor dem Gift des Atheismus und Kommunismus zu schützen und sie in den großen Stall des ,, christlich- germanischen" Staates einzutreiben; die andern schicken zuweilen Spione in die Arbeitervereine und gehen ihrem Vergnügen nach. Wer wird sich auch um Proletarier bekümmern, und noch dazu um Proletarier, die Republikaner werden wollen. A propos, Kameraden! Wie wäre es, wenn ihr einmal, anstatt nach der fernen Republik Amerika zu ziehen und euch dabei auf der Reise herumhunzen und ausbeuten zu lassen, in Deutschland ein wenig die Köpfe zusammenlegtet, dem ,, christlich- germanischen" Unsinn ein Ende machtet, euren allergnädigsten Landesvätern entbieten ließet, nach milderen Himmelsstrichen zu reisen( etwa nach Texas oder Zentralafrika, wohin euch die frommen Brüder so gerne schicken möchten), oder ein für ihre Konstitutionen passenderes Klima( etwa Rußland) auszusuchen, und in Deutschland eine Republik errichtetet, in der jeder, der arbeiten will, seine Existenz findet. Na! Was meint ihr dazu? Der Versuch wäre wohl der Mühe wert; es würde viel Zeit und Geld erspart, und gewiß würden dabei zehnmal weniger Opfer fallen, als auf dem Zug nach der neuen Welt zugrunde gehen. Proletarier, denkt mal darüber nach. - 97 97 LUDWIG PFAU 1847 Die deutschen Flüchtlinge Aus Deutschland zieht nach allen Wegen Von stolzen Bettlern eine Schar; Ihr bleiches Antlitz schlägt der Regen, Der Sturmwind wühlt in ihrem Haar. Sie tragen ihres Volkes Qualen Im Herzen tief, ein traurig Bild; Doch ihre hohen Stirnen strahlen— O seid den deutschen Bettlern mild! Vom Born der Heimat ausgestoßen, Geworfen an den nackten Strand, So rang die Hand der Heimatlosen Sich schmerzlich los aus Liebeshand. Wie Israel an Babels Bächen, So ziehn sie, ein gescheuchtes Wild, Der Fremde hartes Brot zu brechen—- © seid den deutschen Bettlern mild! Auch ihnen winkten frohe Feste Daheim, im Haus des frommen Knechts, Da warfen sie in die Paläste Den Schrei der Freiheit und des Rechts. Sie kämpften mit gezücktem Worte Und waren der Bedrückten Schild: Ihr Heimtor ist die Kerkerpforte- © seid den deutschen Bettlern mild! Ach! wie dem Baum in fremder Scholle Ist ihres Daseins Mark versehrt; Der blütenleere, lebensvolle, Er wird vom eignen Saft verzehrt. 98 Die Tat gedeiht nicht, wo dem Streben Des Werdens Blut aus Wunden quillt: Sie sterben an verlornem Leben- O seid den deutschen Bettlern mild! Preßt ihnen Wein aus euren Trauben, Teilt freundlich eurer Hütte Raum, Daß sie sich in der Heimat glauben Und das Entschwundne sehn im Traum. Denkt, daß ihr Rock, zerstückt vom Leide, Mehr als ein Purpurmantel gilt: Sie gehen in der Freiheit Kleide— O seid den deutschen Bettlern mild! Der Freiheit Schatz, der Wahrheit Segen War stets den Bettlern anvertraut— In kleinen Tropfen fällt der Regen, Doch hoch in Blüten schießt das Kraut. Auch diese hieß der Geist verkünden Das Wort, das Blut und Tränen stillt: Dein Reich, Gerechtigkeit, zu gründen- O seid den deutschen Bettlern mild! GEORG WEERTH 1848 Einer meiner schönsten Tage An die Mutter Paris, ı1. März 1848 Liebe Mama! Schon am Abend desselben Tages, an dem ich Dir das letzte Mal aus Brüssel schrieb, reiste ich aus vielen Gründen nach Paris und vor allen Dingen, um die unmittelbaren Folgen der Revolution zu studieren. Nach einer schweren, oft unterbrochenen Reise kam ich nachts hierher, es war am Mittwoch in den letzten Tagen des Februar. Alle Barrikaden waren noch zu sehen, die Wacht- laternen brannten, und die Nationalgarde befand sich-an allen Straßenkreuzungen. Mit meinem Begleiter ging ich zu einem Posten und fragte nach dem nächsten Hotel. Unter den Nationalgardisten befand sich ein Gastwirt, der sofort mit uns ging und uns bei voller Munition, den Helm auf dem Kopf, den Säbel an der Seite, das Bett bereitete. Am nächsten Morgen begaben wir uns sofort in das Bureau der ‚‚Reform‘‘ und der„National“, zweier Organe der gegenwärtigen Regierung, und erließen einen Aufruf an die in Paris lebenden Deutschen, in dem wir sie zu einer Demonstration für die Republik aufforderten. Zuerst ver- anstalteten wir ein Treffen im Cafe Mulhouse, und Herwegh, der Dichter, wurde zum Vorsitzenden gewählt, während wir anderen Mitglieder des Komitees wurden. Dann fand im Saal Valentino eine Versammlung von 4000 Menschen statt, und nach einem erbitterten Kampf wurde unsere Adresse an das französische Volk glänzend durchgebracht. Also versammelten sich am Mittwoch alle deutschen Demokraten auf dem Karussellplatz. Es er- schienen 7000 Menschen. Wir bildeten eine Prozession aus Viererreihen. Die schwarzrotgoldene Fahne und die Tri- kolore wehten über uns. So marschierten wir an dem Seine- Ufer entlang zum Rathaus, um der provisorischen Regie- rung unsere Adresse zu überreichen. 500 Sänger, die an der. Spitze unserer Kolonne marschierten, sangen franzö- sische und deutsche Lieder. Vor dem Rathaus teilte sich das Komitee von der Masse ab, und wir wurden im Haupt- saal von Ledru-Rollin, Cremieux und Dupont de!’Eure empfangen. Herwegh verlas unsere Adresse und Cr&mieux antwortete ungemein herzlich. Dann erbat man von uns als Geschenk und als Andenken unsere Fahne, um sie mit den anderen, amerikanischen und sonstigen Bannern, in das Heiligtum der Republik zu hängen, und nachdem wir uns herzlichst die Hände geschüttelt hatten, verabschie- deten wir uns von diesen Helden der Revolution. Auf dem Rückwege begleitete uns eine zahllose Menge mit freu- digen Rufen:„Vive l’Allemagne, Vive la Republique“. Am Abend versammelten wir uns an der Junikolonne und feierten das Ende eines der schönsten Tage, die ich je erlebte. Oh, liebe Mama! Ich kann Dir nicht erzählen, was ich hier gesehen und gehört habe während dieser ı4 Tage. Solche Dinge sind nicht wiederzugeben, man muß dabei sein, um zu verstehen, wie diese Menschen vor Freude auf den Straßen weinen. Eines der herrlichsten Völker dieser Welt hat im Laufe von drei Tagen sich neu seine Freiheit erobert und hat den schuftigsten von allen gekrönten Ha- lunken zusammen mit seiner Bande ausgerottet. Was für Worte kann es hier noch geben? Ganz Frankreich ist für die Republik, und obwohl noch Tausende von Schwierig- keiten bevorstehen, alles vereinigt sich, um die Freiheit zu erringen. Das Fest zu Ehren der Gefallenen war das er- schütterndste Schauspiel, das ich je erlebte. Eine Millionen- menge begleitete die Prozession, 400000 mit der Waffe in der Hand. Niemand unterhielt die Ordnung, denn alle unterhielten sie. Von morgens bis abends nahm ich überall teil und dachte mit Schrecken daran, daß ich am Montag wieder in Brüssel sein muß. Ich sitze jetzt im Palais de la 8.045 OT Liberte, früher Palais Royal, im Kabinett von Valois, neben mir etwa 20 Journalisten. Man kann sich beinahe kein Bild machen von der Tätigkeit, die hier entfaltet wird. Lies aufmerksam die Zeitungen, es lohnt sich, sie jetzt zu lesen. Aber glaub nicht den deutschen Verleumdungen. Diese Revolution wird das Gesicht der Erde verändern, und diese Veränderung ist notwendig. Vive la Republique! Herzlichsten Gruß Dein Georg 102 8* LUDWIG PFAU 1848 Aufruf an die Jugend Wohlauf! ihr jungen Herzen, Schon hat der Hahn gekräht! Wir haben unter Schmerzen Die Freiheit ausgesät; Wir haben unter Sorgen Die edle Saat bewacht- Wohlauf! es naht der Morgen Der Ernte jetzt mit Macht. Jetzt sollen sie nicht rauben Dem Volk den Erntertrag; Wir wollen nichts mehr glauben, Was man nicht greifen mag. Und wer nicht hilft erwerben Dem Volk sein gutes Recht- Den möge Gott verderben! Der ist ein feiger Knecht. Bei Gott! wir jungen Herzen, Wir werden einig sein.' Jetzt gilt es auszumerzen Die lange Schmach und Pein. Und wenn die Alten zaudern, Die Jugend steht bereit- Verstummen muß das Plaudern, Jetzt ist es Handelns Zeit. Frisch auf! du deutsche Jugend! Du hast noch Mark und Blut; Nur Mut ist jetzt noch Tugend, Nur Freiheit noch ein Gut. Wir haben lang die Schande In uns zurückgepreẞt- Freiheit dem deutschen Lande! Schmach, wer sein Volk verläßt! 103 GEORG HER WEGH 1848 Aus dem Aufruf an die polnischen Demokraten in Paris Die polnische Frage ist eine Lebensfrage für uns wie für euch, und die Garantie einer glücklichen Lösung liegt in unserer wie in eurer unwandelbaren demokratischen Gesinnung. Die Demokratie ist die einzige, siegreiche Waffe der Zeit gegen den Absolutismus, und obschon unsere Sympathien eurem ganzen Vaterland gelten, haben wir uns doch mit unserm Gruß zunächst an euch gewandt, die ihr zuerst erkannt und ausgesprochen habt: auch für Polen kein Heil als in der Demokratie! Mut, ihr Brüder! Eure Stunde ist gekommen. Schon hat die Gerechtigkeit eine der Mächte ereilt, die sich an euch so schwer versündigt. Wir haben es in den Staub sinken sehn vor dem Zorn der Nation, das Regiment, das seine schmähliche Laufbahn damit begonnen hatte, euch zu verraten und in eurem heldenmütigen Kampf zu verlassen. Der Tag der Rache an unserm gemeinsamen Feind ist nahe, und die deutschen Demokraten werden die Waffen nicht eher niederlegen, als bis der Name des polnischen Volkes voller und herrlicher als je widerklingt im Konzert der europäischen Völker. Also sei es! - Wir gehen einen Weg zusammen, und unsere Geschicke sind verbunden, unser Feldgeschrei für heute aber laute: Kein freies Deutschland ohne ein freies Polen, kein freies Polen ohne ein freies Deutschland! 104 FERDINAND FREILIGRATH 1848 Berlin Lied der ‚„Amnestierten‘ im Auslande (Geschrieben: London, 25. März 1848) Zum Völkerfest, auf das wir ziehn, Zu dem die Freiheit ladet, Wie wandelst herrlich du, Berlin! Berlin, in Blut gebadet! Du wandelst rußig und bestaubt Einher in deinen Wunden! Du wandelst hin, das bleiche Haupt Mit Bannertuch verbunden! Mit Tuch, von dem du jene Nacht Geheiligt jeden Faden! Oh, erste deutsche Fahnenwacht Auf deutschen Barrikaden! Du rissest es aus langer Schmach Empor zu neuer Schöne! In einer Nacht, auf einen Schlag Rein wuschen’s deine Söhne! So helfe dir nun Gott, Tyrann! Erstochen und erschossen! Und abwärts durch die Straßen rann Ihr Blut in allen Gossen! Arbeiterblut, Studentenblut— Wir knirschen mit den Zähnen, Und in die Augen treibt die Wut Uns seltne Männertränen! 105 Sie fochten dreizehn Stunden lang, Die Erde hat gezittert! Sie fochten ohne Sang und Klang, Sie fochten stumm erbittert! Da war kein Lied wie ,, Ça ira" - Nur Schrei und Ruf und Röcheln! Sie standen ernst und schweigend da, Im Blut bis zu den Knöcheln! So schlaft denn wohl im kühlen Grund, Schlaft ewig unvergessen! Wir können euch den bleichen Mund, Die starre Hand nicht pressen! Wir können euch zu Ehr und Zier Mit Blumen nicht bewerfen. Doch können wir und wollen wir Die Schwerter für euch schärfen! Denn einen Kampf, der so begann, Soll kein Ermatten schänden! Ihr strittet vor, ihr finget an: So laßt denn uns vollenden! Wir sind bereit, wir sind geschwind, Wir treten in die Lücken! Mit allen, die noch übrig sind, Die Klinge woll'n wir zücken! Denn heißen soll es nimmermehr: Für nichts sind sie gestorben! Für nichts, als was sie tags vorher Ertrotzt schon und erworben! Denn keiner sage je und je: Sie waren brav im Schießen; Doch fehlt auch ihnen die Idee, Da sie sich metzeln ließen! 106 Drum sollen eure Leichen nicht Den Strom der Freiheit stauen; Den Strom, der seine Fesseln bricht In diesem Märzestauen! . Drum sollen sie die Stufen sein, Die Stufen grün von Zweigen, Auf denen wir zum Dach hinein| Der freien Zukunft steigen! IN Was Manifest noch, was Bescheid! Was Bitten noch und Geben! Was Amnestie und Preßfreiheit— Tod gilt es oder Leben! Wir rücken an in kalter Ruh, Wir beißen die Patrone, Wir sagen kurz: Wir oder du! Volk heißt es oder Krone! Daß Deutschland stark und einig sei, Das ist auch unser Dürsten! Doch einig wird es nur, wenn frei, Und frei nur ohne Fürsten! O Volk, ein einz’ger Tag verstrich— Und schon von Vivats heiser? | Erst gestern ließ er schlachten dich— Und heute deutscher Kaiser? Schmach! Mit dem Blute, wild verspritzt Bei jenem freud’gen Sterben, Mit dem jetzt möcht er sich verschmitzt t Den Kaiserpurpur färben! Allein, daß das unmöglich sei, Dafür noch stehn wir Wache, Dafür bleibt unser Feldgeschrei: Hie Republik und Rache! Wir treten in die Reiseschuh, Wir brechen auf schon heute! Nun, heil’ge Freiheit, tröste du Die Mütter und die Bräute! Nun tröste Weib, nun tröste Kind, Die Witwen und die Waisen— Wie derer, die gefallen sind, So unsre, will’s das Eisen! 108 [ | KARL MARX FRIEDRICH ENGELS 1848 Auswärtige deutsche Politik Köln, 2. Juli Die Völker aneinanderzuhetzen, das eine zur Unterdrückung des anderen zu benutzen und so für die Fortdauer der absoluten Herrschermacht zu sorgen: das war die Kunst und das Werk der bisherigen Gewalthaber und ihrer Diplomaten. Deutschland hat sich in dieser Hinsicht ausgezeichnet. Es hat, um nur die letzten 70 Jahre ins Auge zu fassen, seine Landsknechte für englisches Gold den Briten gegen die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Nordamerikaner überliefert; als die erste französische Revolution losbrach, waren es abermals die Deutschen, die sich wie eine tolle Meute gegen die Franzosen hetzen ließen, die mit einem brutalen Manifeste des Herzogs von Braunschweig ganz Paris bis auf den letzten Stein zu schleifen drohten, die sich mit den ausgewanderten Adligen gegen die neue Ordnung in Frankreich verschworen und sich dafür von England, unter dem Titel von Subsidien, bezahlen ließen. Als die Holländer während der letzten zwei Jahrhunderte einen einzigen vernünftigen Gedanken faßten, der tollen Wirtschaft des Hauses Oranien ein Ende und ihr Land zur Republik zu machen, waren es wiederum Deutsche, die als die Scharfrichter der Freiheit auftraten. Die Schweiz weiß ebenfalls ein Lied zu singen von deutscher Nachbarschaft, und Ungarn wird sich nur langsam von dem Schaden erholen, den ihm Österreich, der deutsche Kaiserhof, zugefügt. Ja bis nach Griechenland hin entsandte man deutsche Söldnerscharen, die dem lieben Otto sein Thrönchen stützen mußten, und bis nach Portugal deutsche Polizisten. Und die Kongresse nach 1815, Österreichs Züge nach Neapel, Turin, der Romagna, Ypsilantis Haft, Frankreichs Unterdrückungskrieg gegen Spanien 109 - von Deutschland erzwungen, Don Miguel, Don Carlos von Deutschland unterstützt die Reaktion in England mit hannoverschen Truppen bewaffnet, Belgien durch deutschen Einfluß zerstückelt und thermidorisiert, im tiefsten Innern von Rußland Deutsche die Hauptstützen des einen und der kleinen Autokraten Koburgern überschwemmt! - ganz Europa mit Mit Hilfe deutscher Soldateska Polen beraubt, zerstückelt, Krakau gemeuchelt. Mit Hilfe deutschen Geldes und Blutes die Lombardei und Venedig geknechtet und ausgesogen, mittel- oder unmittelbar in ganz Italien jede Freiheitsbewegung durch Bajonett, Galgen, Kerker und Galeeren erstickt. Das Sündenregister ist viel länger; schlagen wir es zu. Die Schuld der mit Deutschlands Hilfe in andern Ländern verübten Niederträchtigkeiten fällt nicht allein den Regierungen, sondern zu einem großen Teil dem deutschen Volke selbst zur Last. Ohne seine Verblendungen, seinen Sklavensinn, seine Anstelligkeit als Landsknechte und als ,, gemütliche" Büttel und Werkzeuge der Herren ,, von Gottes Gnaden" wäre der deutsche Name weniger gehaßt, verflucht, verachtet im Auslande, wären die von Deutschland aus unterdrückten Völker längst zu einem normalen Zustand freier Entwicklung gelangt. Jetzt, wo die Deutschen das eigene Joch abschütteln, muß sich auch ihre ganze Politik dem Auslande gegenüber ändern, oder in den Fesseln, womit wir fremde Völker umketten, nehmen wir unsere eigene junge, fast nur erst geahnte Freiheit gefangen. Deutschland macht sich in demselben Maß frei, worin es die Nachbarvölker freiläßt. In der Tat wird es endlich lichter. Die Lügen und Verdrehungen, von den alten Regierungsorganen gegen Polen und Italien so emsig verbreitet, die Versuche, einen künstlichen Haß aufzuregen, jene hochtrabenden Redensarten, um die deutsche Ehre handle es sich, um die deutsche Macht die Kraft dieser Zauberformeln ist gebrochen. - I IO - Nur wo das materielle Interesse sich verbirgt unter diesen patriotischen Arabesken, nur bei einem Teil der großen Bourgeoisie, die mit diesem offiziellen Patriotismus Geschäfte macht, macht der offizielle Patriotismus noch Geschäfte. Das weiß und benutzt die reaktionäre Partei. Die große Masse des deutschen Mittelstandes aber und der Arbeiterklasse begreift oder fühlt in der Freiheit der benachbarten Völker die Garantie der eigenen Freiheit. Österreichs Krieg gegen Italiens Selbständigkeit, Preußens Krieg gegen Polens Wiedergestaltung sind sie populär oder verrauchen nicht vielmehr die letzten Illusionen über diese ,, patriotischen" Kreuzfahrten? Doch weder diese Einsicht genügt noch dies Gefühl. Soll Deutschlands Blut und Geld nicht länger gegen seinen eigenen Vorteil zur Unterdrückung anderer Nationalitäten vergeudet werden: so müssen wir eine wirkliche Volksregierung erringen, das alte Gebäude muß bis auf seine Grundmauern weggeräumt werden. Erst dann kann die blutig- feige Politik des alten, des wieder erneuten Systems Platz machen der internationalen Politik der Demokratie. I I I WILHELM WOLFF 1849 Aus: Die Schlesische Milliarde Aus den schlesischen Blutströmen, die von 1813 bis ı815 für den wankenden Thron der Hohenzollern so reichlich vergossen wurden, keimte bald nach dem Frieden eine köstliche Saat hervor. Statt Befreiung verdoppelte Knecht- schaft, statt Erleichterung steigende Überbürdung. Fort- dauer der alten Lasten unter altem Namen oder Verwand- lung des alten Namens in einen neuen, modernen, einträg- licheren. Die Scheidewand zwischen Stadt- und Landkommunen nicht bloß aufrechterhalten, sondern verstärkt. Die Dorf- gemeinde als willenlose Herde dem ‚„‚gnädigen“ Gutsherrn überantwortet, der zugleich Polizeiherr ist und durch seinen Patrimonialrichter das Schwert der„heiligen“ alt- preußischen Justiz über den Häuptern des Bauernvolks schwingen läßt. Der Gerichtsschulze und seine Beisitzer, von den Gutsherren ernannt, oder reiche Erbscholzen, die am Markttag sich glücklich fühlen, mit den Herren Rittern einige Flaschen Wein ausstechen und bezahlen zu dürfen; der sogenannte Gemeindevorstand mithin ganz zur Ver- fügung des raubritterlichen Systems. Weiterhin auch der „gnädige‘‘ Herr Landrat, aus und von den Rittern, d.h. im Interesse der letzteren erwählt und in diesem Interesse, welches sein eigenes ist, Treffliches leistend. Wohin der Landmann blickt, überall seine offenen und geheimen Feinde: wohin er tritt, liegt ein Fangeisen, ein Schraub- stock oder ein Schröpfstock ‚‚von Gottes und der Raubritter Gnaden“ in seinem Weg. Erst zehntet er an die Kirche, dann an den Dominialherrn, und endlich trägt er den Rest seines Schweißes ins königliche Steueramt. Bei den Ge- meindelasten ist er der Esel, dem der ‚‚gnädige‘‘ Herr so viel aufpacken läßt als nur immer möglich. Er baut die 112 Vizinalwege und die Kreisstraßen, damit die dominial- vergnügte Ritterschaft bequem dahinrollen kann zu Bällen, Jagdpartien und anderen Festlichkeiten der fröhlichen Adelskette. In den Kreisständen hat die gesamte Bauern- schaft des Kreises drei Vertreter, dagegen die Ritterschaft N soviel Stimmen, als Ritter im Kreise sind. Daß letztere bei | den Ausgaben für den Kreis lieber aus dem Speck der | Bauern als aus dem eigenen schneiden, liegt auf der Hand... Hier hilft nur eine Radikalkur. Die Raubritter müssen ihre Beute, die sie dem Landvolk seit 30 Jahren abge- zwungen, herausgeben; sie müssen das Landvolk für alle an ihm begangenen Prellereien und Gaunereien enischä- digen. Diese raubritterliche Entschädigungssumme wird genügen, um die Nackten zu kleiden, die Hungrigen zu speisen, die Kranken zu heilen und die Hungerpest zu bändigen. Damit aber diese Zustände nicht bald wieder- kehren, müssen die großen Standesherrschaften, Majorate usw. dismembriert werden. Alle Robotdienste und Silber- zinsen müssen, wie sich von selbst versteht, unentgeltlich aufgehoben und die Ländereien, die den gnädigen Herren sverbleiben, ebenso hoch besteuert werden als die der kleinen Leute. Das alles wird unter der jetzigen gottbegnadeten Regierung nicht geschehen, und deshalb werden auch, solange Brandenburg-Manteuffelsche und überhaupt gott- begnadete Maximen am Ruder sind, die Oberschlesier nach wie vor dem Hunger und dem Hungertyphus scharen- weise zum Opfer fallen. Erst mit dem völligen Untergang des ganzen bisherigen raubritterlichen, gottbegnadeten Regierungssystems wird den Oberschlesiern der erste Hoff- nungsstern auf eine Besserung ihrer Lage, auf Befreiung aus den Krallen des Hungers und der Hungerpest auf- gehen. LUDWIG PFAU 1849 Aus den Flüchilingssonetten XI Wie lang, o Volk! wie lang wirst du es dulden, Daß man dich schlag und trete gleich dem Hunde? Wie lang wirst du empfangen Wund um Wunde In deinen Leib von königlichen Hulden? Bei deiner Henker gräßlichem Verschulden Schreit die Natur mit ihrem stummen Munde, Der Berg erbebt vor Schreck in seinem Grunde, Der Strom erbraust vor Wut in seiner Mulden. Die Lüfte, wenn sie deinen Wehruf hören, Stehn heulend auf, mit dir sich zu verbinden; Die Sterne glühn, mit dir sich zu verschwören. Ha! sehend werden müßten selbst die Blinden, Und selbst die Lahmen müßten sich empören— Und du allein willst wie ein Wurm dich winden? 114 ABT 1849 Soldat Schmidt Schmidt verrichtet alle soldatischen Dienste mit Bereitwilligkeit, er kennt nur ein Motiv für seine Tätigkeit, das Kommando des Vorgesetzten. Er erträgt Entbehrungen für 6 Kr. tägliche Löhnung, obgleich er zu Hause eine weit angenehmere Existenz hätte. Er macht Honneurs, steht Wache, verhaftet Menschen, die ihn niemals beleidigten, schießt Demokraten tot, hilft den Aufstand in Baden unterdrücken und tut alles dies, nicht gezwungen, nicht ungern, sondern ohne Murren und bereitwillig, ja singt jeden Abend noch ,, Heil unserem Fürsten, Heil", auf dessen Befehl er alle jene Unannehmlichkeiten und Strapazen ertragen muß. Wie ist diese Erscheinung zu erklären? Einfach so: alle diejenigen, deren Interesse an den unbedingten Gehorsam der Soldaten geknüpft ist, deren Interesse durch Desertion, Meuterei, überhaupt subordinationswidriges Benehmen der Soldaten verletzt würde, haben solche Handlungen als ,, Verbrechen", das heißt, sie haben sie als Handlungen dargestellt, welche jeden, der sie begeht, zu einem Feind des Menschengeschlechts, zu einem Scheusal, zu einem verabscheuungswürdigen Bösewicht qualifizieren. Diese Ansicht haben sie durch Pfaffen und Schulmeister von Jugend an ihren Untertanen einimpfen und einprügeln lassen, so daß diese nunmehr kein höheres Interesse kennen, als jene Handlungen nicht zu begehen, so daß diese um keinen Preis solche ,, Schandtaten" sich zuschulden kommen lassen und lieber sterben wollen, als ihr angeblich höchstes Interesse auf so schnöde Weise zu verletzen. 115 LUDWIG PFAU 1849 Badisches Wiegenlied Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! Deinen Vater hat er umgebracht, Deine Mutter hat er arm gemacht, Und wer nicht schläft in guter Ruh, Dem drückt der Preuß die Augen zu. Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! Der Preuß hat eine blut’ge Hand, Die streckt er übers bad’sche Land, Und alle müssen wir stille sein, Als wie dein Vater unterm Stein. Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! Zu Rastatt auf der Schanz, Da spielt er auf zum Tanz, Da spielt er auf mit Pulver und Blei, So macht er alle Badener frei. Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! 9.045 Schlaf, mein Kind, schlaf leis, Dort draußen geht der Preuß! Gott aber weiß, wie lang er geht, Bis daß die Freiheit aufersteht, Und wo dein Vater liegt, mein Schatz, Da hat noch mancher Preuße Platz! Schrei, mein Kindlein, schrei’s: Dort draußen liegt der Preuß! 117 EMMA HERWEGH 1849 Es gibt noch ein anderes Deutschland! Aber es gibt glücklicherweise noch ein anderes Deutsch- land als das zu Frankfurt, ein anderes als das, welches mit kaltem Blut das Totenamt für Lebendige hält, das zum Henker oder Spießgesellen an allen nach Freiheit ringenden Völkern geworden ist und seine besten Kinder im Exil oder in schmählichen Banden hält. Es gibt ein junges, demokratisches Deutschland! Ein Deutschland, das mit der alten Welt und ihren Sünden abgeschlossen hat, das nicht eher die Waffen niederlegen wird, bis Polen, bis Böhmen, bis Italien, bis ganz Europa frei, der letzte Kerker geöffnet, die letzte Kette gesprengt ist. Diesem Deutschland allein übergebe ich diese Schrift, denn dies allein hat eine Stätte für jede gute, freie Natur, dies allein ist imstande, seine wahren Kinder von seinen Stiefkindern zu unterscheiden, und wird das schreiende Unrecht, was jenen geschieht, dereinst zu sühnen wissen. Soviel Kämpfe ihm auch noch bevorstehen mögen, so- viel seiner besten Kinder auch noch als Opfer des Despo- tismus fallen werden, ehe es Sieger bleibt— es weiß, daß es später oder früher siegen muß, und kann stolz mit jenem edlen Republikaner, den man hier vor einigen Tagen zu den Galeeren verdammte, ausrufen: ä moi l’avenir! Vive la Republique d&mocratique et sociale! 118 9* LUDWIG PFAU 1849 Nach der Bluthochzeit von 1849 Wir harren all auf einen Tag, Und der Tag, der Tag wird scheinen, Für die Großen ein flammender Wetterschlag, Und ein Ostertag für die Kleinen; Wo die Sonn aufgeht wie Blut so rot, Und der Mond so bleich als wie der Tod- Der Tag wird kommen! Ihr habt das Meer und des Stroms Gebraus In des Winters Fesseln geschlagen, Und habt erbaut euer stattliches Haus Auf dem Eise, das muß euch tragen; Doch horch! wie's stöhnt und dröhnt und kracht! Der Grund ist lüstern nach eurer Pracht- Der Tag wird kommen! Weh euch! wenn der Frühling stürmt und saust, Bis die berstenden Schollen brechen, Bis der Bach und der Fluß und der Strom erbraust, Die gefesselten Geister sich rächen, Und das rote Meer, das vergossene Blut, Den Pharao friẞt samt seiner Brut- Der Tag wird kommen! Ha! kommen wird er, dem Simson gleich Die gewachsenen Locken schüttelnd Und an den Säulen von eurem Reich Mit riesigen Armen rüttelnd, Und wird euch singen ein Lied dabei, ,, Allons enfants" heißt die Melodei- Der Tag wird kommen! 119 O mächtiger, prächtiger Donnerhall! Wenn die Pfeiler weichen und wanken; Wenn die Zwingburg berstet mit jähem Knall Im Sturme der Freiheitsgedanken; Wenn keine Kette fürs Heil mehr bürgt, Weil der Sklave den Herrn mit der Kett’ erwürgt- Der Tag wird kommen! © köstlicher, tröstlicher Ostertag! Wenn sie aufstehen, die Nationen, Hinwegzufegen mit einem Schlag Die Throne zusamt den Drohnen; Wenn das Volk einhertritt zum Gericht Und sein gewaltiges Schuldig spricht— Der Tag wird kommen! Ja! kommen wird er wie’s Morgenrot, Das heraufsteigt jeden Morgen; Und kommen wird er als wie der Tod, Dem bleibt kein Haupt verborgen. Wir harren all auf einen Tag, Wir harren all auf einen Schlag— Und der wird kommen! KASPAR BUTZ 1849 Abschied der Verbannten Im Begriff, Europas Küsten zu verlassen und uns jenseits des Ozeans eine neue Heimat zu gründen, drängt uns unser Herz, unserm teuren Geburtslande, unsern lieben Landsleuten und Freunden den letzten Scheidegruẞ zu senden, ein herzliches Lebewohl zu sagen. Wir scheiden mit dem Bewußtsein, nur das Gute gewollt und redlich für das Wohl des Vaterlandes gestrebt zu haben. Das Panier, das wir hoch erhoben, ist gesunken und mit Füßen getreten. Dem Volke ward es verwehrt, sich selbst die Verfassung zu geben, und leider standen viele mit denen im Bunde, welche von ihrer Höhe herab die Einigkeit Deutschlands besser zu gründen wähnten! Die Zeit wird über dieses Beginnen richten, die Geschichte wird ihr Urteil sprechen, wer schuld ist an dem vergossenen Blute, an dem Bürgerkriege, an aller Verwirrung im deutschen Vaterlande. Auch wir sind in diesem Kampfe unterlegen, denn wir standen fest auf der Seite des niedergebeugten Volkes. Verfolgt, verbannt von deutscher Erde, suchen wir uns im freien Amerika ein neues Vaterland. Doch unvergessen bleibt das alte, liebe, teure; unvergessen unser schönes Heimatland; unvergessen das biedre Volk der Mark! Darum ein herzlich Lebewohl, und wenn nach schwarzer Nacht uns golden scheint ein herrlich Morgenrot dann ein frohes Wiedersehen. Havre, den 1. September 1849. Dr. Grevel. 121 Carl Post. Casp. Butz. EDUARD DORSCH 1849 Exodus Goldlockige Tochter des grünen Rhein, : Noch eine Flasche von deinem Wein, Noch eine Flasche vom Besten! Ich will im Spiegel des Römers schaun Die rebenreichen rheinischen Gaun Mit Städten, Dörfern und Festen. Wer weiß, ob ich wieder sie sehen kann? Ich bin ein armer, vertriebener Mann Und muß aus Deutschland fahren; Drum will ich der Heimat schönstes Bild In meinem Gedächtnis, ernst und mild, Für künftige Zeiten bewahren. Ich will dir auch sagen, was mich vertrieb: Ich hatte die Heimat so lieb, so lieb, Und wollte sie glücklich sehen; Ich habe geschrieben manch ernstes Wort, Ich sprach: Jagt eure Drohnen fort! Da war es um mich geschehen. Sieh, meines Bleibens ist nicht mehr, Der Schranzen heuchlerisches Heer Verdirbt mir die Welt, die süße— Reich mir zum Abschied die Lippen doch, Wer weiß, ob ich im Leben noch Ein deutsches Mädchen küsse! 122 JOHANN PHILIPP BECKER(?) 1849 Manifest der deutschen Demokraten im Auslande Die Entfernung von den Ereignissen, welche den deutschen Patrioten in der Heimat die Gemüter erschütterten und oft auch den Verstand verwirrten, hat bei den Flüchtlingen den politischen Blick geklärt und die revolutionäre Energie gestärkt. Sie sind gezwungen worden, die verschiedenen Tatsachen der deutschen, ja der europäischen Revolutionsgeschichte im Zusammenhange und als Manifestationen derselben Kraft zu betrachten, da sie sich in keine einzige handelnd und wirkend vertiefen konnten. Der Unmut, die Erbitterung, welche in frischen, aufstrebenden Menschen durch eine gezwungene Ruhe und Passivität erzeugt wird, befähigt die politischen Flüchtlinge, an den bevorstehenden Kämpfen mit jener persönlichen Leidenschaft, mit jenem unauslöschlichen Hasse gegen die Feinde der Revolution teilzunehmen, welche einzig und allein zu einem entschiedenen Siege verhilft. Das vorliegende Manifest, mit welchem die deutschen Demokraten im Auslande die Fortsetzung ihrer revolutionären Tätigkeit einleiten wollen, ist nicht so sehr Ausdruck einer Privatansicht als der Gesamtüberzeugung der ganzen Partei und als solche in gemeinsamer Beratung schließlich festgestellt worden. Daß viele Genossen unserer Verbannung und unserer Ansichten zu derselben nicht hinzugezogen wurden, wird man ebenso erklärlich und verzeihlich finden als die Verschweigung der Namen derjenigen, durch welche diese Denkschrift dem Volke mitgeteilt worden. Unsere Freunde werden sie kennen und unsern Feinden wollen wir keine Gelegenheit zu Verfolgungen geben... Die Revolution hat sich vom Westen ab und dem Osten zugewendet, dort einen festen Haltepunkt gewonnen, und 123 schickt sich jetzt an, in gewaltigem Laufe ihrer Heimat wieder zuzueilen... Die Sonne der Freiheit geht für Europa im Osten wieder auf, wie zur Zeit des Christentums... Durch die mit jedem Tage steigende Übermacht des Kapitals und durch die infolge der politischen Wirren eintretende Geschäftsstockung wird der Mittelstand, der seiner Natur nach immer konservativ auftreten muß, in das Proletariat herabgedrängt und folglich revolutionär gemacht... Die Proletarier werden die Revolution, die Hinterlassenschaft der sterbenden Bourgeoisie, übernehmen. Sie werden mit aller ihrer Kraft die Revolution festhalten und permanent machen, bis daß die Menschheit die neuen Bahnen, in welchen sie ihr Ziel, die allgemeine Freiheit und Wohlfahrt, in schnellem Laufe erreichen kann, gefunden hat. 124 LUDWIG PFAU Achtzehnhundertneunundvierzig Das Recht erlag, der Freiheitskampf ist aus, Die Sonn erlosch, die unserm Bund geschienen; | Das Wetter schlug in unsrer Liebe Haus, i Und unser Glück liegt unter den Ruinen. Ein Flüchtling bin ich ohne Dach und Land, Zum fernen Westen ziehst du mit den Deinen; Weit übers Weltmeer reich ich dir die Hand- Wird eine Heimat je uns wieder einen? 125 HOFFMANN VON FALLERSLEBEN 1850 Nicht Mord, nicht Bann, nicht Kerker Und Standrecht obendrein— Es muß noch kommen stärker, Wenn’s soll von Wirkung sein. Ihr müßt zu Bettlern werden, Müßt hungern allesamt, Zu Mühen und Beschwerden Verflucht sein und verdammt! Euch muß das bißchen Leben So gründlich sein verhaßt, Daß ihr es weg wollt geben Wie eine Qual und Last! Dann, dann vielleicht erwacht noch In euch ein beßrer Geist, Der Geist, der über Nacht noch Euch hin zur Freiheit reißt. FERDINAND FREILIGRATH 1851 Die Revolution Und ob ihr sie, ein edel Wild, mit euren Henkers- knechten fingt; Und ob ihr unterm Festungswall standrechten die Gefangne gingt; Und ob sie längst der Hügel deckt, auf dessen Grün ums Morgenrot Die junge Bäurin Kränze legt— doch sag ich euch: Sie ist nicht tot! Und ob ihr von der hohen Stirn das wehnde Lockenhaar ihr schort; Und ob ihr zu Genossen ihr den Mörder und den Dieb ‚ erkort; Und ob sie Zuchthauskleider trägt, im Schoß‘ den Napf voll Erbsenbrei; Und ob sie Werg und Wolle spinnt— doch sag ich kühn euch: Sie ist frei! Und ob ihr ins Exil sie jagt, von Lande sie zu Lande hetzt; Und ob sie fremde Herde sucht und stumm sich in die Asche setzt; Und ob sie wunde Sohlen taucht in ferner Wasser- ströme Lauf— Doch ihre Harfe nimmermehr an Babels Weiden hängt sie auf! 127 O nein- sie stellt sie vor sich hin; sie schlägt sie trotzig, euch zum Trotz! Sie spottet lachend des Exils, wie sie gespottet des Schafotts! Sie singt ein Lied, daß ihr entsetzt von euren Sesseln euch erhebt; Daß euch das Herz- das feige Herz, das falsche Herz!- im Leibe bebt! Kein Klagelied! kein Tränenlied! kein Lied um jeden, der schon fiel; Noch minder gar ein Lied des Hohns auf das verworfne ‚ Zwischenspiel, Die Bettleroper, die zurzeit ihr plump noch zu agieren wißt,, Wie mottig euer Hermelin, wie faul auch euer Purpur ist! O nein, was sie den Wassern singt, ist nicht der Schmerz und nicht die Schmach— Ist Siegeslied, Triumpheslied, Lied von der Zukunft großem Tag! Der Zukunft, die nicht fern mehr ist! Sie spricht mit dreistem Prophezein, So gut wie weiland euer Gott: Ich war, ich bin— ich werde sein! Ich werde sein, und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn! Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd ich stehn! Befreierin und Rächerin und Richterin, das Schwert entblößt, Ausrecken den gewalt’gen Arm werd ich, daß er die Welt erlöst! 128 Ihr seht mich in den Kerkern bloẞ, ihr seht mich in der Grube nur ,. Ihr seht mich nur als Irrende auf des Exiles dorn'ger Flur- Ihr Blöden, wohn ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat: Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt? In jedem Haupt, das trotzig denkt? das hoch und ungebeugt sich trägt? Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt? Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütte, drin es ächzt- Bin ich der Menschheit Odem nicht, die rastlos nach Befreiung lechzt? Drum werd ich sein, und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn! Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd ich stehn! ' s ist der Geschichte eh'rnes Muß! Es ist kein Rühmen, ist Der Tag wird heiß - kein Droh'n- wie wehst du kühl, o Weidenlaub von Babylon! 129 FRIEDRICH ENGELS 1852 Aus: Revolution und Konterrevolution in Deutschland Eine Niederlage nach ernstem Kampf ist von nicht minder revolutionärer Bedeutung als ein leicht gewonnener Sieg. Die Niederlagen von Paris im Juni 1848 und von Wien im Oktober haben sicherlich mehr beigetragen zur Revolutionierung der Köpfe des Volkes dieser beiden Städte als die Siege vom Februar und März. Die Versammlung und das Volk von Berlin hätten womöglich das Schicksal dieser beiden obengenannten Städte geteilt; aber sie wären ruhmreich gefallen und hätten in den Köpfen der Überlebenden einen Wunsch nach Rache zurückgelassen, der in revolutionären Zeiten einer der stärksten Antriebe ist zu energischer und leidenschaftlicher Aktion. Es ist selbstverständlich, daß in jedem Kampf, wer den Fehdehandschuh aufnimmt, riskiert, geschlagen zu werden; aber ist das ein Grund, sich geschlagen zu geben und sich dem Joch zu unterwerfen, ohne selbst das Schwert gezogen zu haben? 130 HEINRICH HEINE 1848-1855 An Julius Campe Passy, 7. Juni 1848 Ich bin ein armer sterbender Mann, arm in jeder Beziehung, und hab kaum die Bedürfnisse und Kosten meiner Krankheit zu bestreiten... Welch ein schauderhaftes, verfluchtes. Schicksal verfolgt doch die deutschen Dichter! Möge sich auch dieses in Deutschland ändern. An Georg Weerth Paris, 5. November 1851 Hier ist alles ruhig, nur daß der Polizeipräfekt jüngst, ein zweiter Herodes, gegen unsere unschuldigen Landsleute einen ungeheuren Kindermord beabsichtigte und die armen Kleinen sehr ängstigte. Sie mußten sich alle auf die Polizei verfügen, um ihre hiesige Existenz zu beweisen, was manchem sehr schwer wird, der weder Existenz noch Existenzmittel besitzt. Jener Herodes meinte, daß sich ein politischer Heiland unter uns befände, und die Denunziation rührt leider von einer Person her, der es nicht an Bildung fehlt und die sogar ein Literat ist.- Das sind verteufelt schauderhafte und widerwärtige Dinge. Wenn ich denke, daß solche Personen sich jahrelang mir nahen konnten, so wird mir grauenhaft zumute. Welch schreckliche Sache ist das Exil! Enfant perdu Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfe ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus. 131 Ich wachte Tag und Nacht— Ich konnt nicht schlafen Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war). In jenen Nächten hat Langweil ergriffen Mich oft, auch Furcht—(nur Narren fürchten nichts)— Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen Die frechen Reime eines Spottgedichts. Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme, Und nahte irgendein verdächt’ger Gauch, So schoß ich gut und jagt’ ihm eine warme, Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch. Mitunter freilich mocht es sich ereignen, Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut Zu schießen wußte— ach, ich kann’s nicht leugnen— Die Wunden klaffen— es verströmt mein Blut. Ein Posten ist vakant!— Die Wunden klaffen— Der eine fällt, die andern rücken nach— Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen- Nur mein Herze brach. An den Fürsten Hermann von Pückler- Muskau Paris, 15. April 1854 Ich habe eben einen deutschen Reisenden gesprochen, der mir Dinge erzählte, die keineswegs imstande wären, meine Nerven zu calmieren. Ich versichere Sie, das ehrliche Deutschland ist der fruchtbarste Boden für alle Bübereien, und dieser Gedanke verstimmt mich sehr. Diese Halb- zivilisation ist schlimmer als russische Barbarei und fran- zösisches Raffinement der Unsittlichkeit. So viele herrliche Menschen leben dort, und doch passieren dort so viele schändliche Dinge! Aus: Lutezia Paris, August 1854. Es war der närrische Hochmut des deutschen Dichters, der mich davon abhielt, auch nur pro forma ein Franzose zu werden. Es war eine ideale Grille, wovon ich mich nicht losmachen konnte. In bezug auf das, was wir gewöhnlich Patriotismus nennen, war ich immer ein Freigeist, doch konnte ich mich nicht eines gewissen Schauers erwehren, wenn ich etwas tun sollte, was nur halbwegs als ein Lossagen vom Vaterlande erscheinen mochte. Auch im Gemüte des Aufgeklärtesten nistet immer ein kleines Alräunchen des alten Aberglaubens, das sich nicht ausbannen läßt; man spricht nicht gern davon, aber es treibt in den geheimsten Schlupfwinkeln unserer Seele sein unkluges Wesen. Die Ehe, welche ich mit unserer lieben Frau Germania, der blonden Bärenhäuterin, geführt, war nie eine glückliche gewesen. Ich erinnere mich wohl noch einiger schönen Mondscheinnächte, wo sie mich zärtlich preẞte an ihren großen Busen mit den tugendhaften Zitzen doch diese sentimentalen Nächte lassen sich zählen, und gegen Morgen trat immer eine verdrießlich gähnende Kühle ein und begann das Keifen ohne Ende. Auch lebten wir zuletzt getrennt von Tisch und Bett. Aber bis zu einer eigentlichen Scheidung sollte es nicht kommen. Ich habe es nie übers Herz bringen können, mich ganz loszusagen von meinem Hauskreuz. Jede Abtrünnigkeit ist mir verhaẞt, und ich hätte mich von keiner deutschen Katze lossagen mögen, nicht von einem deutschen Hund, wie unausstehlich mir auch seine Flöhe und Treue. Das kleinste Ferkelchen meiner Heimat kann sich in dieser Beziehung nicht über mich beklagen. Unter den vornehmen und geistreichen Säuen von Périgord, welche die Trüffeln erfunden und sich damit mästen, verleugnete ich nicht die bescheidenen Grünzlinge, die daheim im Teutoburger Wald nur mit der Frucht der vaterländischen Eiche sich atzen aus - 10.045 133 ar eg rue schlichtem Holztrog, wie einst ihre frommen Vorfahren zur Zeit, als Arminius den Varus schlug. Ich habe auch nicht eine Borste meines Deutschtums, keine einzige Schelle an meiner deutschen Kappe eingebüßt, und ich habe noch immer das Recht, daran die schwarz-rot-goldene Kokarde zu heften. Ich darf noch immer zu Maßmann sagen:„Wir deutsche Esel!“ Hätte ich mich in Frankreich naturali- sieren lassen, würde mir Maßmann antworten können: „Nur ich bin ein deutscher Esel, du aber bist es nicht mehr‘— und er schlüge dabei einen verhöhnenden Burzel- baum, der mir das Herz bräche. Nein, solcher Schmach habe ich mich nicht ausgesetzt. Die Naturalisation mag für andere Leute passen; ein versoffener Advokat aus Zwei- brücken, ein Strohkopf mit einer eisernen Stirn und einer kupfernen Nase, mag immerhin, um ein Schulmeisteramt zu erschnappen, ein Vaterland aufgeben, das nichts von ihm weiß und nie etwas von ihm erfahren wird— aber das- selbe geziemt sich nicht für einen deutschen Dichter, welcher die schönsten deutschen Lieder gedichtet hat. Es wäre für mich ein entsetzlicher, wahnsinniger Gedanke, wenn ich mir sagen müßte, ich sei ein deutscher Poet und zugleich ein naturalisierter Franzose. Aus der Vorrede zur französischen Ausgabe Paris, le 30 mars 1855 Oui, ces debris ou descendants des teutomanes de 1815, qui ont seulement modernise leur ancien costume de fous ultratudesques, et se sont un peu fait raccourcir les oreilles-, je les ai detestes et combattus pendant toute ma vie, et maintenant que l’&pee tombe de la main du moribond, je me sens consol€ par la conviction que le communisme, qui les trouvera les premiers sur son chemin, leur donnera le coup de gräce; et certainement ce ne sera pas par un coup de massue, non, c’est par un simple coup de pied que le geant les Ecrasera ainsi qu’on Ecrase un crapaud... 134 Aujourd'hui les nationalistes et toute la mauvaise queue de 1815 prédominent encore une fois en Allemagne, et ils hurlent avec la permission de Monsieur le Maire et des autres hautes autorités du pays. Hurlez toujours! le jour viendra où le fatal coup de pied vous écrasera. Dans cette conviction, je puis sans inquiétude quitter ce monde. 10* 135 1 ADOLF STRODTMANN 1852 Gruß den Freien in Amerika! Ein wilder Geselle auf wildem Meer, Gewappnet in blinkender Liedeswehr, So komm ich vom kranken Europa her Zu euch hinübergeschwommen. In die Wellen sandt ich die finstere Qual, Ich grüße den Berg, ich grüße das Tal Und heiß’ im blitzenden Morgenstrahl Euch, freie Männer, willkommen! Kein Träumer bin ich, den Kampf erschreckt, Kein Tor, der bleiche Systeme heckt— Mich hat aus dem Schlummer die Zeit geweckt, Ihr Schaffen rüstig zu teilen; Eine Welle bin ich im Wogendrang, Ein Lied im stürmenden Weltgesang, Ein Rebell, der die Fahne des Aufruhrs schwang, Der Menschheit Wunden zu heilen. Noch hebt der Würger sein trotzig Haupt, Noch sind die Armen der Lust beraubt, Und es will der Tag, an den wir geglaubt, Noch nicht den Wolken entschweben; Der Tag, wo des funkelnden Goldes Macht Des Besitzes höhnende Winternacht Zersprengt, in leuchtender Frühlingspracht Sich frei dem Volke zu geben! Und so komm ich zu euch! Was die Stunde bringt, Ob sie Ketten bricht, ob sie Schwerter schwingt, Ob sie jauchzende Lieder der Zukunft singt: Ich will es gläubig erlauschen, Will mich stellen zu euch in Kampf und Pein, Bis vom letzten Sklaven die Erde rein Und der Gleichheit Banner im Morgenschein Des Armen Tempel umrauschen. 137 JOSEPH WEYDEMEYER 1852 Die revolutionäre Agitation unter der Emigration Wir haben der Revolutionen und selbst der glücklichen Revolutionen in Europa schon eine"ziemliche Zahl, und immer ist noch die Sklaverei des Volkes nicht gebrochen; wir haben Könige auf den Schafotten fallen sehen, und immer ist die Macht der ‚„Tyrannen und Volksunter- drücker‘‘ wieder restauriert worden; wir haben eine Repu- blik mit allgemeinem Stimmrecht errichten sehen, und die Lage des Volkes wurde dadurch so wenig gebessert, daß schon einige Monate später die Arbeiter wieder in den Verzweiflungskampf getrieben wurden gegen die neuen Gewalten, nachdem sie sich in den einzelnen Plänkler- gefechten, die denselben vorbereiteten, ihrer Führer hatten berauben lassen. Mit der Revolution allein ist also noch nicht viel gewonnen, es kommt auf die Benutzung, auf die Ausbeutung der Revolution, d.h. auf den Kampf nach dem Siege an... Die proletarische Revolution muß eine konzentrierte sein, weil sie einen konzentrierten Gegner zu bekämpfen hat; alle vereinzelten Insurrektionsversuche der Jahre 1848 und 1849 haben nur dazu gedient, diese Konzen- tration zu befördern und ihre Notwendigkeit immer deutlicher vor Augen zu führen. Nichts ist lächerlicher, als diese Rodomontaden von einer neuen ‚‚Verselbständi- gung der Revolution“!— Will man aber gar dem zer- splitterten Deutschland die welthistorische Rolle Frank- reichs übertragen, die Initiative für die Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts, so muß man in der Tat ganz und gar vergessen, daß es bis jetzt noch nicht einmal im Stande war, sich selbst von der Herrschaft seiner feudalen Herren zu befreien, daß die Gesellschaft, gegen deren Grundlagen die modernen Revolutionen gerichtet 138 sind, in Deutschland gar nicht einmal zur reinen Entwicklung gekommen ist. Überhaupt aber lassen sich Revolutionen nicht ,, machen", sie werden im Gegenteil durch das Eintreten von Umständen herbeigeführt, über welche die einzelnen keine Gewalt haben. Es wäre in der Tat traurig um die Völker Europas bestellt, wenn ihr Schicksal durch einige zusammengebettelte Dollars entschieden werden könnte. 139 WILHELM KOPP Wintersett, Jowa, 1856 Der Einwanderer Ihr fragt mich, was ich hier gefunden habe In meiner Jugend schönem Ideal, Wohin ich sehnend, voll von Hoffnung eilte? Ich fand nur Sklaven hier, wie überall. Wohl glänzte eine lichte Morgenröte, Doch folgten schwere, dunkle Wolken nach, Und tiefe Schatten lagern auf den Fluren, Verfinsternd den kaum angebrochnen Tag. Ich fand ein Volk, das in des Goldes Fesseln Um Freundschaft feilscht, nach Gold die Liebe wägt, Dem für das wahrhaft Schöne, Gute, Edle, Für Menschenwert kein Herz im Busen schlägt. Ich fand ein Volk, das in des Glaubens Blindheit, Von heuchlerischer Pfaffenbrut verführt, Dem lichten Geist, des Denkens freiem Forschen Voll Fanatismus Scheiterhaufen schürt. - Ich fand ein Volk, das, stolz sich dessen rühmend, Die Menschenrechte anerkennt und sie Mit Füßen tritt, indem es seinesgleichen Zu Sklaven macht, erniedriget zum Vieh. Ich fand ein Volk, das nach Barbarensitte Den Fremdling mordet, der sich ihm vertraut, Der, Freiheit suchend, die es ihm verheißen, An seinen Ufern sich ein Haus gebaut. 140 Und wundert ihr euch, wenn ich jetzt nach Osten Voll Sehnsucht wende den betrübten Blick? O wärst du frei, du Heimatsmuttererde, Ich kehrte freudevoll zu dir zurück. O werde frei! Laß, Volk, dein Banner fliegen! Wir sind bereit, wir stehn in deinen Reihn. Ein Freiheitsruf- und tausend Herzen jubeln: Wir kehren heim wir wandern wieder ein! - 141 ANONYMUS 1857 Klag- und Trostgesang deutscher Flüchtlinge Was sind wir für Gesellen? Ganz ohne Wein und Bier, Und ohne Brot und Stellen, Wie ohne Wichs und Schmier. Sonst tranken wir Burgunder, Und mehr oft als genug;+ Jetzt haben wir mitunter Kaum Wasser in dem Krug. Sonst aßen wir auch Braten, Gar Schnepfen mit dem Dreck; Jetzt will uns niemand laden Zu Äpfelschnitz und Speck. Drum haben wir geschworen Beim Hunger und beim Durst: Weil alles wir verloren, Ist uns auch alles Wurst. Doch eines muß uns bleiben, Ein Schätzlein muß uns sein: Der schönen Freiheit schreiben Wir Liebesbrief’ allein. Ihr bleiben wir die alten ‚ In Glück und Mißgeschick, Und mit ihr Hochzeit halten Wir in der Republik. GEORG HER WEGH 1860 Am Grabe eines deutschen Flüchtlings - In den Zeiten der Reden und Redensarten ist es nicht meine Sache, Worte zu machen. Wiederum ein Flüchtling, der in fremder Erde begraben wird! Mühe und Arbeit, das war sein Los auf der Welt. Vergeblich wartete er elf Jahre darauf, zurückgerufen zu werden in die Heimat; aber Fürsten und Prinzregenten sie werden noch manchen warten lassen! Arme, treue Seele, du hast es jetzt überwunden. Sei sie dir leicht, die fremde, republikanische Erde, leichter als die dumpfe heimatliche Luft manchem der Freunde draußen ist! Morgen tragen sie in das ,, Invalidenhaus" mit allem Pomp der Erde einen Fürsten, während dich heute ein Dutzend Freunde aus dem Invalidenhaus zum Grabe begleitet! Ich sehe dich lächeln über jenen Pomp! Leb wohl, du braver, ehrlicher Republikaner! Nach altem, frommem Brauch werfe ich eine Scholle Erde auf dein Grab. Leb wohl. 143 KARL MARX 1870 Aus der zweiten Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiter- Association über den Deutsch- Französischen Krieg London, 9. September 1870. Die Geschichte wird ihre Vergeltung bemessen nicht nach der Ausdehnung der von Frankreich abgerissenen Quadratmeilen, sondern nach der Größe des Verbrechens, daß man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Politik der Eroberungen aufs neue ins Leben gerufen hat. Die Wortführer des deutschtümlichen Patriotismus sagen: Aber ihr müßt nicht die Deutschen mit den Franzosen verwechseln. Wir wollen nicht Ruhm, sondern Sicherheit. Die Deutschen sind ein wesentlich friedliebendes Volk. In ihrer besonnenen Obhut verwandelt sich sogar die Eroberung aus einer Ursache künftigen Kriegs in ein Pfand ewigen Friedens. Natürlich war es nicht Deutschland, welches 1792 in Frankreich einfiel mit dem erhabenen Zweck, die Revolution des 18. Jahrhunderts mit Bajonetten niederzumachen! War es nicht Deutschland, welches seine Hände bei der Unterjochung Italiens, der Unterdrückung Ungarns und der Zerstückelung Polens besudelte? Sein jetziges militärisches System, welches die ganze kräftige männliche Bevölkerung in zwei Teile teilt- eine stehende Armee im Dienst und eine andere stehende Armee im Urlaub-, beide gleichmäßig zu passivem Gehorsam gegen die Regenten von Gottes Gnaden verpflichtet, so ein militärisches System ist natürlich eine ,, materielle Garantie" des Weltfriedens und obendrein das höchste Ziel der Zivilisation! In Deutschland, wie überall, vergiften die Höflinge der bestehenden Gewalt die öffentliche Meinung durch Weihrauch und lügenhaftes Selbstlob. 144 GEORG HER WEGH 1870 Der schlimmste Feind Dies Volk, das seine Bäume wieder Bis in den Himmel wachsen sieht Und auf der Erde platt und bieder Am Knechtschaftskarren weiter zieht; Dies Volk, das auf die Weisheit dessen Vertraut, der Roß und Reiter hält, Und mit Ergebenheitsadressen Frisch, fromm und fröhlich rückt ins Feld; Dies Volk, das einst aus Cäsars Schüssel Und Becher sich so gern erfrischt Und sich, wie Mommsen, seinen Rüssel An Cäsars Tischtuch abgewischt; Dies Volk, das gegen Blut und Eisen Jungfräulich schüchtern sich geziert, Um schließlich den Erfolg zu preisen, Womit man Straßburg bombardiert; Dies Volk, das im gemeinen Kitzel Der Macht das neue Heil erblickt Und als ,, Erzieher" seine Spitzel Den unterjochten ,, Brüdern" schickt. Die Alten, Lieben, Wohlbekannten Von anno Sechsundsechzig her, Schafott- und Bundesbeil- Votanten, Sie schüfen Deutschland?- Nimmermehr! 145 “ Der schlimmste Feind steht an der Spree. Sie werden mit verschmitzten Händen Entwinden euch des Sieges Frucht; Sie werden euren Lorbeer schänden, Daß euch die ganze Welt verflucht! Frankreichs gekrönter Possenreißer Wird nach Paris zurückgebracht; Euch holt man einen Heldenkaiser Aus mittelalterlicher Nacht. Das Blut von Wörth, das Blut von Spichern, Von Mars-la-Tour und Gravelotte, Einheit und Freiheit sollt es sichern— Einheit und Freiheit? Großer Gott! Ein. Amboß unter einem Hammer, Geeinigt wird Altdeutschland stehn; Dem Rausche folgt ein Katzenjammer, Daß euch die Augen übergehn. Mit patriotischem Ergötzen Habt ihr Viktoria geknallt; Der Rest ist Schweigen oder Lötzen, Kriegsidiotentum, Gewalt. Es wird die Fuchtel mit der Knute Die heil’ge Allianz erneu’n: Europa kann am Übermute Siegreicher Junker sich erfreu’n. E a Gleich Kindern laßt ihr euch betrügen, Bis ihr zu spät erkennt, o weh!— Die Wacht am Rhein wird nicht genügen, GEORG HER WEGH 1871 Epilog zum Kriege Germania, der Sieg ist dein! Die Fahnen wehn, die Glocken klingen, Elsaß ist dein und Lotharingen; Du sprichst: ,, Jetzt muß der Bau gelingen, Bald holen wir den letzten Stein." Gestützt auf deines Schwertes Knauf, Lobst du in frommen Telegrammen Den Herrn, von dem die Herren stammen, Und aus Zerstörung, Tod und Flammen Steigt heiß dein Dank zum Himmel auf. Nach vierundzwanzig Schlachten liegt Der Feind am Boden, überwunden; Bis in die Stadt voll Blut und Wunden, Die keinen Retterarm gefunden, Brichst du dir Bahn- du hast gesiegt! Schwarz, weiß und rot! um ein Panier Vereinigt stehen Süd und Norden; Du bist im ruhmgekrönten Morden Das erste Land der Welt geworden: Germania, mir graut vor dir! Mir graut vor dir, ich glaube fast, Daß du, in argen Wahn versunken, Mit falscher Größe suchst zu prunken Und daß du, gottesgnadentrunken, Das Menschenrecht vergessen hast. 147 Schon lenkt ein Kaiser dich am Zaum, Ein strammer, strenger Szepterhalter. Hofbarden singen ihre Psalter Dem auferstandnen Mittelalter, Und 89 wird ein Traum. Ein Traum? Du sahst, wie Frankreich fiel Durch einen Cäsar, sahst die Sühne Vollzogen auf der Schreckensbühne— Deutschland, gedeihe, wachse, grüne Geläutert durch dies Trauerspiel! FRIEDRICH ENGELS 1883 Rede am Grabe von Karl Marx Denn Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener Weise, am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Befreiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewußtsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben hatte- das war sein wirklicher Lebensberuf. Der Kampf war sein Element. Und er hat gekämpft mit einer Leidenschaft, einer Zähigkeit, einem Erfolg wie wenige. Erste Rheinische Zeitung 1842, Pariser Vorwärts 1844, Brüsseler Deutsche Zeitung 1847, Neue Rheinische Zeitung 1848/49, New York Tribune 1852/ 61dazu Kampfbroschüren die Menge, Arbeit in Paris, Brüssel und London, bis endlich die große Internationale ArbeiterAssociation als Krönung des Ganzen entstand, und wahrlich, das war wieder ein Resultat, worauf sein Urheber stolz sein konnte, hätte er sonst auch nichts geleistet. Und deswegen war Marx der bestgehaßte und bestverleumdete Mann seiner Zeit. Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus. Bourgeois, konservative wie extrem- demokratische, logen ihm um die Wette Verlästerungen nach. Er schob das alles beiseite wie Spinnweb, achtete dessen nicht, antwortete nur, wenn äußerster Zwang da war. Und er ist gestorben, verehrt, geliebt, betrauert von Millionen revolutionärer Mitarbeiter, die von den sibirischen Bergwerken an über ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin wohnen, und ich kann es kühn sagen: er mochte noch manchen Gegner haben, aber kaum noch einen persönlichen Feind. Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk. 11.045 149 FRIEDRICH ENGELS 1887 Aus: Gewalt und Ökonomie bei der Herstellung des neuen Deutschen Reiches genommen Niemand in der Welt hat einen solchen Franzosenhaẞ wie die preußischen Junker. Denn nicht nur hat der bis dahin steuerfreie Junker während der Züchtigung durch die Franzosen, 1806 bis 1813, die er sich durch seinen Dünkel selbst zugezogen, schwer zu leiden gehabt; die gottlosen Franzosen haben, was noch weit schlimmer, durch ihre frevelhafte Revolution die Köpfe derart verwirrt, daß die alte Junkerherrlichkeit größtenteils selbst in Altpreußen zu Grabe getragen worden, daß die armen Junker um den noch übrigen Rest dieser Herrlichkeit jahraus, jahrein einen harten Kampf zu führen haben und ein großer Teil von ihnen bereits zu einem schäbigen Schmarotzeradel herabgesunken ist. Dafür mußte Rache werden an Frankreich, und das besorgten die Junkeroffiziere in der Armee unter Bismarcks Leitung. Man hatte sich Listen der französischen Kriegskontributionen in Preußen gemacht und ermaß darnach die in Frankreich von den einzelnen Städten und Departements zu erhebenden Brandschatzungen aber natürlich unter Rücksichtnahme auf den weit größeren Reichtum Frankreichs. Man requirierte Lebensmittel, Fourage, Kleider, Schuhwerk usw. mit zur Schau getragener Rücksichtslosigkeit. Ein Bürgermeister in den Ardennen, der die Lieferung nicht machen zu können erklärte, erhielt ohne weiteres 25 Stockprügel; die Pariser Regierung hat die amtlichen Beweise veröffentlicht. Die Franktireurs, die so genau nach den Vorschriften der preußischen Landsturmordnung von 1813 handelten, als hätten sie sie expreẞ studiert, wurden ohne Gnade erschossen, wo man sie nur abfing. Auch die Geschichten von den heimgesandten Pendülen sind wahr, die ,, Kölnische - 150 Zeitung" hat selbst darüber berichtet. Nur waren diese Pendülen nach preußischen Begriffen nicht gestohlen, sondern als herrenloses Gut in den verlassenen Landhäusern um Paris vorgefunden und für die Lieben in der Heimat annektiert. Und so sorgten die Junker unter Bismarcks Leitung dafür, daß trotz der tadellosen Haltung sowohl der Mannschaft wie eines großen Teils der Offiziere der spezifisch preußische Charakter des Krieges bewahrt und den Franzosen eingebläut, dafür aber auch von diesen die ganze Armee für die kleinlichen Gehässigkeiten der Junker verantwortlich gemacht wurde. Aus der Einleitung zu Borkheims ,, Mordspatrioten" London, 15. Dezember 1887 Deutschland wird Verbündete haben, aber Deutschland wird seine Verbündeten und diese werden Deutschland bei erster Gelegenheit im Stich lassen. Und endlich ist kein anderer Krieg für Preußen- Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahl fressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unseres künstlichen Getriebes in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankrott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem 11* 151 Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Sieges der Arbeiterklasse. Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt. Das ist es, meine Herren Fürsten und Staatsmänner, wohin Sie in Ihrer Weisheit das alte Europa gebracht haben. Und wenn Ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als den letzten großen Kriegstanz zu beginnen- uns kann es recht sein. Der Krieg mag uns vielleicht momentan in den Hintergrund drängen, mag uns manche schon eroberte Position entreißen. Aber wenn Sie die Mächte entfesselt haben, die Sie dann nicht wieder werden bändigen können, so mag es gehen wie es will: am Schluß der Tragödie sind Sie ruiniert und ist der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich. 152 RUDOLF LAVANT 1890 Zum Abschied H:> (Für die letzte Nummer des exilierten ‚‚Sozialdemokrat‘“) Ihr habt über ihn das Exil verhängt, Ihr Ritter von Bibel und Säbel; Ihr habt an den Fuß ihn der Gletscher versprengt Und in Englands stickige Nebel; Doch hat er sich allzeit der Feinde erwehrt— Wo immer er stand auf der Warte, Es blieb ihm das scharfe, das blitzende Schwert Und die flatternde rote Standarte. Ihr habt ohne Rast, ohne Ruh bis zuletzt Mit der kläffenden, geifernden Meute Den stolzen Verfemten gejagt und gehetzt— Wann ward er dem Kleinmut zur Beute? Ihr habt ihm die Pässe verbaut und verstellt, Gelauert auf Wegen und Stegen, Und schwirrende Pfeile vom Bogen geschnellt— Wann ist der Verfolgte erlegen? Er hat die Gebote der Wahrheit, des Rechts Mit hallender Stimme verkündigt Im Namen des armen, des wehrlosen Knechts, An dem ihr euch dreifach versündigt; Und ließt ihr auch wirbeln bei Tag und bei Nacht Die Trommeln in machtlosem Grimme— Wann habt ihr sie jemals zum Schweigen gebracht, Die eherne, drohende Stimme? 153 Er streute den Samen trotz Bann und trotz Acht, Der tief in die Seelen gesunken; Er hat sie zu wehender Flamme entfacht, Die scheinbar ersterbenden Funken; Er hat eure prahlenden Dämme zerwühlt, Daß sie barsten im Anprall der Fluten; Wann hat er die Arme erlahmen gefühlt, Wann erloschen im Herzen die Gluten? Er hegte und pflegte den zartesten Keim, Es durfte das Hoffen nicht kranken; Er bot den Kühnen und Freien daheim Die Freistatt für trotz'ge Gedanken; Er hat die mahnenden Zeichen der Zeit Den Schwanken, den Bangen gedeutet, Er hat die Fanfare geblasen zum Streit Und die Glocken zum Sturme geläutet. Und nun er gebrochen, der lastende Bann, Und der heilige Volkszorn gewettert, Und der gestern noch hochmutgepanzerte Mann Vom Sessel der Ehren geschmettert, - Nun zum offenen Kampf, der so lange verwehrt, Sie das Recht jetzt errungen sich wieder, Nun legen getrost wir Standarte und Schwert In die Hände der Siegreichen nieder. Ihr habt unsern Händen sie anvertraut In finsteren, stürmischen Tagen, Den alten Kampfruf in trotzigem Laut Weithin in die Lande zu tragen. Und was, als ihr so uns zu Kämpfern erhobt, In des Fahnentuchs purpurne Falten Wir einst euch mit Händedruck schweigend gelobt,- Wir glauben, wir haben's gehalten! 154 FRIEDRICH ENGELS 1892 Aus: Der Sozialismus in Deutschland Viel näher liegt die Frage, ob es nicht gerade die Bourgeois und ihre Regierung sind, die Gesetz und Recht verletzen werden, um uns durch die Gewalt zu zermalmen? Wir werden das abwarten. Inzwischen: ,, Schießen Sie gefälligst zuerst, meine Herren Bourgeois!" Kein Zweifel, sie werden zuerst schießen. Eines schönen Morgens werden die deutschen Bourgeois und ihre Regierung müde werden, der alles überströmenden Springflut des Sozialismus mit verschränkten Armen zuzuschauen; sie werden Zuflucht suchen bei der Ungesetzlichkeit, der Gewalttat. Was wird's nützen? Die Gewalt kann eine kleine Sekte auf einem beschränkten Gebiet erdrücken, aber die Macht soll noch entdeckt werden, die eine über ein ganzes großes Reich ausgebreitete Partei von über zwei oder drei Millionen Menschen auszurotten imstande ist. Die konterrevolutionäre, momentane Übermacht kann den Triumphdes Sozialismus vielleicht um einige Jahre verzögern, aber nur, damit er dann um so vollständiger und endgültiger wird... Das Deutsche Reich ist eine Monarchie mit halbfeudalen Formen, die aber in letzter Reihe bestimmt wird durch die ökonomischen Interessen der Bourgeoisie. Diese Monarchie hat dank Bismarck ungeheure Fehler begangen. Ihre polizistische, kleinliche, auf Plackereien ausgehende, einer großen Nation unwürdige innere Politik hat ihr die Verachtung aller bürgerlich- liberalen Länder eingebracht; ihre auswärtige Politik das Mißtrauen, ja den Haß der Nachbarvölker. Durch die gewaltsame Annexion von ElsaẞLothringen hat die deutsche Regierung jede Versöhnung mit Frankreich auf lange Jahre hinaus unmöglich und, ohne für sich selbst einen wirklichen Vorteil einzuheimsen, Ruẞland zum Schiedsrichter von Europa gemacht. 155 ROBERT REITZEL 1895 Ich ,, vaterlandsloses Gesindel" Detroit, im April 1895 Ich bin ein armer Teufel. Die Dümmsten der Dummen haben es noch für einen Witz gehalten, mir meinen selbstgewählten Titel an den Kopf zu werfen. Und doch bin ich reich. Mit den Zinsen meines Kapitals der Liebe könnte ich den schlappen Säckel manches prahlerischen Großhansen füllen, mit der Ehre, die mir angetan wurde, könnte man fünfzig unbekannte deutsche Dichter glücklich machen, an dem Wein der Freundschaft, den ich genossen, hätte der ganze Hain- Bund sich voll und wieder nüchtern trinken können. Aber die Schmach blieb nicht aus. Ich bin kein Deutscher. Ich bin ein heimatloser Lump. Ich bin vaterlandsloses Gesindel. Wer heute nicht mitsingen und -trinken und Hoch schreien kann, der ist kein deutscher Mann so wurde schon mehr als einmal die Devise ausgegeben. Ich, der ich sonst so gerne trinke und singe, konnte jedesmal nicht mitmachen, nicht einmal am Deutschen Tag, folglich bin ich kein deutscher Mann. - Ich habe aber im badischen Lyzeum gelernt, die Liebe zur Freiheit sei eine Haupteigenschaft der Germanen; da es im Tacitus stand, so konnte es der Oberstudienrat nicht gut ausmerzen. Diese germanische Freiheitsliebe ließ mich das Bettelstudium der Heimat mit der Freiheit Amerikas vertauschen... Unser, das heißt der deutsche Schiller, erzählt, der Poet sei zur Teilung der Erde zu spät gekommen; ich bin, wenigstens in meiner Einbildung, auch so eine Art Poet und fand es ganz natürlich, daß ich nichts bekommen. Aber ich wollte mir meine Armut nicht schänden lassen. Ich habe nie um schnöden Profit meinen Rücken oder meinen Geist gebeugt... 156 Den Deutschen wird auch nachgerühmt die Liebe zu ihrer Sprache. Wohlan, ich habe dieser Sprache einen kleinen Tempel errichtet. Unter Handelsbotokuden, Zeitungskaffern ,,, mir- und- mich"-Biedermännern habe ich die Sprache Lessings, Goethes, Schillers geredet, und der frechste Verleumder, der lügenhafteste Pfaffe wagte es nicht, mir darin mein Verdienst zu schmälern. Item: Ich habe mein Lebtag deutsch gesprochen und geschrieben, getrunken, geliebt( auch im Schwabenalter noch wie ein Vergißmeinnicht- Jüngling), geschwärmt, gekämpft; ich habe sogar dem lieben Herrgott sagen lassen, ich wollte bei etwaiger Unsterblichkeit lieber in die Hölle der alten Alemannen, Vandalen usw., die ihren Nacken nie der Taufe gebeugt, als in den christlichen Himmel und doch muß ich mir von ehrenwerten Politikern, von Großkrämern, ideallosen Philistern und sonstigen Herrschaften, deren Deutsch nicht über den Katechismus, das Einmaleins und die Wacht am Rhein" hinausgeht, sagen lassen, ich sei kein echter deutscher Mann! - Ich will den Geist meiner Mutter beschwören, er soll mir Trost einsprechen. Für Freund und Feind Mir bleibe fern der Unkenchor der Heuchler, Mir bleibe fern, wer lächelt stets und witzelt, Mir bleibe fern, wen nur Gemeines kitzelt, Mir bleiben fern die Hündler und die Schmeichler! Ich lieb sie nicht, die stets bedächtig Weisen, Auch nicht, die stets das Roß des Pathos reiten, Auch nicht, die jammern stets von schlechten Zeiten, Auch nicht, die stets im selben Ringe kreisen. 157 Ich lob mir leichte, lustige Gesellen,| Die gerne sind, wo volle Becher winken, Und gern der Schönheit an den Busen sinken, Doch die auch, wenn zum Kampf die Hörner gellen,| Begreifen unsrer Zeit gewalt’ges Ringen, Im Herzen heil’gen Zornes Springquell tragen, Der Freiheit ihre Schlachten helfen schlagen— Und köstlich Herzblut ihr zum Opfer bringen. 158 ZWEITER TEIL Gegenwart Der neuen Zeit, die andres will als Eidbruch und Verrat; Der neuen Zeit, die andres will als Lug und Lügensaat! Die endlich einmal mehr verlangt als Schall und Rederei! Die endlich einmal atmen will, aufatmen tief und frei! Ferdinand Freiligrath HEINRICH MANN 1933 Aus: Der Haß Da ihr System nicht die Demokratie ist, herrscht bei ihnen der Pöbel. Sie sind um einen Fang gekommen, um die Einkerkerung der Denker und Schriftsteller, die gestern Deutschland waren und künftig von ihm übrigbleiben werden. Wir waren fortgegangen aus unserem Land, das ihres nie wirklich sein wird. Da verbrennen sie denn wenigstens Bücher, was nicht erblickt worden war seit der Inquisition. Und besteht der Scheiterhaufen auch besonders aus den Werken Lebender, schon fangen sie an, auch Klassiker daraufzuwerfen. Ist doch unsere klassische Literatur ein einziges Zeugnis der Menschlichkeit, zu ihrer eigenen Gesinnung der verhaẞte Gegensatz. Als erste sind Lessing und Heine den Flammen überliefert worden. Wagten sie es nur, sie würden auch Goethe verbrennen, den höchsten Genius Deutschlands. Sie weichen zurück, sie haben Furcht. Die ursprüngliche Neigung des Menschen zur Zwietracht und Gewalt ist durch seine Geschichte nur verstärkt worden. Die Eroberung des Friedens wird noch lange das schwerste Unternehmen bleiben, und viel Kampf wird es kosten, eine versöhnliche Gesinnung durchzusetzen. Man muß immerfort aufpassen und handeln. Wer bloẞ zusieht, wartet vergebens, daß Frieden wird: es wird nur Krieg. Der Krieg kommt schon, wenn man einfach nichts gegen ihn tut. Nicht angreifen beweist nichts. Krieg ist eigentlich, sobald eine rücksichtslos nationalistische Herrschaft sich irgendwo einrichtet. Ein vom Gesetz des Stärkeren regiertes Land gerät von selbst in den Konflikt. 161 Fälschlich glaubt man, erst nach den äußeren Kundgebungen eines Regimes sei zu beurteilen, wie wahrscheinlich durch seine Art der Krieg wird. Im Gegenteil! Sein Auftreten im Innern entscheidet. Wenn die Herren einer Nation so mit ihr verfahren wie Sieger mit einem wehrlosen Land, dann könnten die fremden Zuschauer wissen, woran sie sind. Keine Regierung kann ihre Gesinnung beliebig umstellen und, je nachdem, ihre eigenen Leute unmenschlich treten, für die übrige Welt aber die zarteste Rücksicht aufbieten. Hat ein Regime als Grundlage den Haß, dann will er ganz sicher auch die Welt ergreifen. Wer das eigene, gefügige Volk immerfort belügt, von dem ist anzunehmen, daß er das All belügt. Der Terror, mit dem verworfene Machthaber das erbeutete Land verpesten, ist schließlich auch nur ein Zeichen für all das, was den anderen bevorstände. Die Leiden dieses Volkes hätten ihm vielleicht erspart werden können. Die anderen Nationen hätten einfach verbieten sollen, daß ein paar übel beleumdete Abenteurer sich zu seinen Herren aufwarfen. Dann wäre auch der Krieg nicht inzwischen so nahegerückt. 162 JOHANNES R. BECHER 1933 Aus: Deutscher Totentanz 1933 Als käm uralter Schutt in Haufen Herausgestiegen aus der Erde jetzt Und finge, Mensch geworden, an zu laufen Und hätt die Plätze alle rings besetzt— Und hätt gebrandschatzt, hätt gestochen Und wo er geht, der Schutt, auf Schritt und Tritt Ist Blut ihm von den Füßen abgeflossen, Den Galgen führt er als sein Zeichen mit: So ziehn sie, Hakenkreuze angesteckt, Und ihre Fahnen flattern hoch in Mengen — Die ganze Stadt ist braun gefleckt— Millionen ziehn ins Grab mit Heil-Gesängen. JOHANNES R. BECHER 1093 Still, mein Herz! Schlaf, mein Kind, es war doch Spaß: Die Gewehre waren nicht geladen. Vater ging mit ihnen baden. Keinem Menschen tun sie was. Schlaf, mein Kind, es war doch Traum: Vater hat ja nicht geschrien. Brave Männer holten ihn. Vater machte einen Purzelbaum. Vater kommt bald. Väter ging Auf die Wiese Schmetterlinge fangen. Einen schönen Schmetterling Hat er dir gefangen... Bist du einmal groß, dann will Ich dir sagen, was mit ihm geschah. Denn der Vater ist nicht da- Dann, mein Herz, sei still, sei still... Still, mein Herz, sei still, mein Kind! 164 ERICH WEINERT 1933 An einen deutschen Arbeiterjungen Nicht weinen, mein Junge! Es ist geschehn. Du kannst deinen Vater nicht wiedersehn. Sie haben ihn auf der Flucht erschossen. Junge, einen unsrer besten Genossen! Auf der Flucht erschossen! Junge, du weißt! Sie haben dir schon gesagt, was das heißt. Zwei Kugeln von vorn, in die Stirn, in die Lunge. Sie haben ihn hingerichtet, mein Junge! Du siehst mich an so entsetzten Gesichts. Sei tapfer, mein Kind, ich erspare dir nichts. Sie haben ihn wie einen Hund geschunden. Er hat den qualvollsten Tod gefunden. Als sie ihn holten, da hast du geschrien. Und als er dich streichelte, schlugen sie ihn. Er konnte kein Wort des Abschieds mehr sagen. Sie hatten ihm schon den Mund zerschlagen. Sie schlugen auf ihn drei Tage lang, Bis daß ihm die Haut auseinandersprang. Zittre nicht, Junge, du mußt es erfahren! Ich will dir das Schrecklichste nicht ersparen. Sie setzten ihm das Gewehr auf die Brust. Mit blutendem Mund hat er singen gemußt. Ihre Mordbrennerlieder mußte er singen. Auf blutenden Füßen mußte er springen. ‚Und sähst du heute sein totes Gesicht, Du würdest schreien, du kenntest ihn nicht! Geschunden, zertreten, zerrissen, zerschossen. Junge, einen unsrer besten Genossen! Wir trauern nicht, Junge. Das ist nicht gut. Jetzt nichts mehr fühlen als brennende Wut! Und diese Glut darf nie mehr erkalten! Für den Tag, Junge, wo wir Abrechnung halten! 166 ERICH WEINERT 1933 Eine deutsche Mutter Am Freitag holten sie den Jungen weg. Er griff noch schnell nach ihrer Hand.„Nicht weinen!“ Sie weinte nicht. Sie stand ganz weiß vor Schreck, Ganz weiß vor Schreck. Sie hatte nur den einen. Sie lag im Fenster bis um Mitternacht. Dann rannte sie zum Polizeirevier. „Um sieben ist er aus dem Haus gebracht.“ „Hans Fischer? Jakobstraße sechs? Nicht hier.“ Sie lief zum Polizeipräsidium. „Hans Fischer? Ist hier gar nicht eingetragen.“ „Nicht eingetragen?“ Lange stand sie stumm, Ganz weiß vor Schreck. ‚Wo kann man das erfragen?“ Die lachten nur. ‚‚Das ist so eine Sache. Vielleicht in Tempelhof, Columbiahaus!“ Sie lief dorthin. Da stand ein Posten Wache. „„Hans Fischer, lieber Herr, ist der schon raus?“ „Das weiß ich nicht. Es sind so viele hier.“ Sie faßte seine Hand. ‚‚Es ist mein Sohn!“ „Dann fragen Sie beim Polizeirevier!‘ Sie stand ganz weiß vor Schreck.„Da war ich schon.“ Der Posten sagte: ‚‚Bitte weitergehn!“ Sie lief zurück zum Polizeirevier. Es war schon Morgen. ‚Ach, Sie suchen wen! Hans Fischer, Jakobstraße— der ist hier.“ ’ Die Tränen liefen über ihr Gesicht. ,, Kann ich ihn sprechen? Kommt er nicht bald raus?" Der Mann am Tische sagte: ,, Leider nicht. Er ist gestorben. Sieht auch nicht gut aus." Ihr Mund stand offen. Doch es kam kein Wort. Man führte sie behutsam vor die Tür. Im kalten Morgen stand sie wie verdorrt Und sank zusammen wie ein Stück Papier. Vor tausend Türen tausend Mütter sterben. Doch einmal wird ein wilder Wind aufstehn Die kalte Asche ihres Grams verwehn Und wird die bleichen Mütterwangen färben, Und tausend Mütter stehen auf im Land, Der toten Söhne Fahne in der Hand! 168 MAX HERRMANN- NEISSE 1933 Rast auf der Flucht Laß mich das Leben noch schmecken, eh die Vernichtung uns trifft: Gaskrieg, Marter, Verrecken, Bombe, tückisches Gift. Sommerlich sind noch die Stühle auf die Straßen gestellt, Bilder, Farben, Gefühle, Schmuck einer glücklichen Welt. Gönne mir noch diesen weichen, kindlich verspielten Genuß, morgen vielleicht trifft zur gleichen Zeit mich der tödliche Schuß. Heut noch an Springbrunnen träumen in den tönenden Tag, sich an das Schöne versäumen kurz vor dem Glockenschlag, der das alles beendet, dem letzten, den man vernimmt. Was das Geschick dann sendet, werde, wie es bestimmt. Heut laẞ zum letzten Male arglos und froh mich hier sein, fülle die gläserne Schale mir mit Abschiedswein! Wird sie geleert zerscherben, war ich doch göttlich zu Gast. Gönne vor Kampf und Sterben mir diese lindernde Rast! ( Paris, September 1933) 169 MAX HERRMANN- NEISSE 1933 Zuversicht Mag ringsum sich Haß und Zwietracht ballen, unduldsam Mann gegen Mann bestehn, überall Signal zum Angriff schallen, Fahne mörderisch an Fahne wehn, wieder Kriegerisches sich entfalten und geduckt im Dunkel Blutrausch lauern, dennoch wird der Freie sich erhalten und den Sieg des Bösen überdauern. Wenn gewissenlos und ohne Zügel die Gewalt das Leben an sich reißt, über ihrer Burg mit weißem Flügel bleibt in seiner klaren Luft der Geist. Muß die Wahrheit abgewürgt verstummen und Gerechtigkeit sich selbst verraten, abseits von den blutbefleckten, krummen Wegen führt der Stieg zu Menschheitstaten. Fester sind die wenigen verbunden, die der rohen Lockung widerstehn und in friedlich schöpferischen Stunden durch den Garten ihrer Lieder gehn, guten Willens ihre Werke bauen, ob die Welt auch rings in Haß erkaltet: denn der Zukunft kann getrost vertrauen, wer die reine Flamme wohl verwaltet. 170 ARNOLD ZWEIG 1934 Krieg und Zukunft Gegenüber dem Ansturm eines deutschen Militarismus, dem kein Wort so verächtlich ist wie das Wort ,, Humanitätsduselei" und der die Kräfte eines großen und begabten Volkes auf wahrhaft pathologische Weise in den Dienst primitiver Revanche- Wünsche stellt, findet sich die Welt der weißen Völker uneinig, zögernd, ohne den Willen, die Entwicklung wahrzuhaben, die sie doch geschehen ließen und mitverantworten müssen. Der Schriftsteller, der die Folgen des Krieges für die Gesittung nicht unseres Erdteils, sondern der Erde notiert, hat heute hinzuzusetzen: diese weißen Völker müssen sich darüber klar sein, daß ihre Wahl sich nur zwischen zwei Polen abspielen kann: entweder durch tathafte Einigkeit das Wiederaufleben des Krieges in Europa unmöglich zu machen und über unsern Erdteil hinaus die Phalanx der aufrechtgehenden Menschen um den wütenden Stier zu schließen, oder alle hier beschriebenen Folgen anzunehmen und den Krieg zu wählen, den Krieg, den unter günstigen Umständen herbeizuführen jene geistig minderwertigen, willensmäßig hypertrophierten Kreise der Militärs aus Leidenschaft in Deutschland entschlossen sind. Ein Drittes gibt es nicht, selbst wenn die Wiedereinführung des Krieges ins europäische Wett- und Ränkespiel noch einige Jahre oder ein Jahrzehnt hintangehalten werden könnte. Auch Wilhelm II., seelisch durchaus gesünder als die heutigen deutschen Machthaber, versicherte der Welt immer wieder, wie heiß er den Frieden liebe; und gleichwohl bildete seine stete Kriegsbereitschaft jenen Hohlraum innerhalb der europäischen Politik, der alle Anstrengungen reiferer Völker vereitelte und zu jenem Einsturz führte, der jetzt schon zwanzig Jahre zurückliegt. Jeder von uns empfindet diesen Zeitraum als kurz, das I7I Ereignis als gestrig, seine Nachwirkungen als heutig. Durch das Hinauszögern der Katastrophe war sie nur noch zerschmetternder geworden; das fünfundzwanzigste Regierungsjubiläum Wilhelms II. war gerade ein Jahr vorüber, als aus dem Friedenskaiser der Oberste Kriegsherr heraussprang. Ihr fochtet gegen den Kaiserismus? Ihr habt ihn heute viel schlimmer vor den Toren. Und nur Selbstmörder, die dem Zerstörungstrieb innerhalb ihrer Personen ganz verfallen sind, wiederholen zwanghaft, was sie schon einmal fast vernichtete. 172 Fr JOHANNES R. BECHER 1934 Es wird nicht lange mehr dauern! Aus Deutschland herüber kam ein Gesang Herrlicher, kräftiger Stimmen, Sie singen, wenn sie im Tode auch sich Bereits schon am Boden krümmen— Wie Schalltrichter standen die Tore da Der Gefängnisse, auch aus den Mauern Kam der große, laute Gesang: „Es wird nicht lange mehr dauern.“ Es wird nicht lange dauern mehr— So sangen aus Ungarn und Polen, Aus Frankreich Millionen Stimmen, und dann War es wie Atemholen— Mit mächtigen Stimmen setzten sie ein Und sangen immer fester, Der Chor der chinesischen Kulis klang Jetzt laut im Riesenorchester. Aus Spanien, England, Amerika, Aus allen Ländern und Reichen Meldeten sich Millionen an Und sangen auf das Zeichen— Aus Holländisch-Indien und Afrika, Aus allen den Kolonien Setzten brausend die Stimmen ein, Und alle wie jubelnd schrien— Es sangen Millionen Tote mit, Doch war in den Stimmen kein Trauern, Es öffneten alle Gräber den Mund: „Es wird nicht lange mehr dauern...!“ 173 BRUNO FRANK v 1934 Aus: Drei Zeitgedichte III Und ob der graue Boden kreist, Und Steg und Zaun und Brücke bricht, Und alle Hallen stehn verwaist, Du sing dein Liedund bange nicht! Die Stunde geht, der Schrei verweht, Der Hammer fällt im Zeitgericht, Jedoch das Menschenherz besteht Und Erdenjahr und Himmelslicht. Und keinem wird es Schande sein, Der einst zu seinem Frager spricht: Ich sah in Nacht und Tod hinein Und sang mein Lied und bangte nicht. KARL GEROLD 1934 Ich gehe manchmal vorbei... Ich gehe manchmal vorbei an Blumenbeeten und kann mich nicht freuen... ..„ich sehe im zitternden Rot der Levkojen fließen das Blut der gefallenen Brüder, und ich hör’ immer wieder die Gemarterten schreien... ... ich gehe manchmal vorbei an Blumenbeeten, und ich kann mich nicht freuen! BERTOLT BRECHT 1934 Deutschland Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen O Deutschland, bleiche Mutter! Wie sitzest du besudelt Unter den Völkern. Unter den Befleckten Fällst du auf. Von deinen Söhnen der ärmste Liegt erschlagen. Als sein Hunger groß war Haben deine anderen Söhne Die Hand gegen ihn erhoben. Das ist ruchbar geworden. Mit ihren so erhobenen Händen Erhoben gegen ihren Bruder Gehen sie jetzt frech vor dir herum Und lachen in dein Gesicht Das weiß man. In deinem Hause Wird gebrüllt was Lüge ist Aber die Wahrheit Muẞ schweigen. Ist es so? 176 Warum preisen dich ringsum die Unterdrücker, aber Die Unterdrückten beschuldigen dich? Die Ausgebeuteten Zeigen mit Fingern auf dich, aber Die Ausbeuter loben das System Das in deinem Hause ersonnen wurde! Und dabei sehen dich alle Den Zipfel deines Rockes verbergen, der blutig ist Vom Blut deines Besten Sohnes. Hörend die Reden, die aus deinem Hause dringen, lacht man. Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer Wie beim Anblick einer Räuberin. O Deutschland, bleiche Mutter! Wie haben deine Söhne dich zugerichtet Daß du unter den Völkern sitzest Ein Gespött oder eine Furcht! 177 ELSE LASKER-SCHÜLER 1934 Die Verscheuchte Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt, Entseelt begegnen alle Welten sich—: Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild. Wie lange war kein Herz zu meinem mild... Die Welt erkaltete, der Mensch verblich. — Komm, bete mit mir— denn Gott tröstet mich. Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild Durch bleiche Zeiten träumend-ja ich liebte dich... Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt? — Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich. Bald haben Tränen alle Himmel weggespült, An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt- Auch du und ich, ERICH WEINERT 1934 Das illegale Wort Ihr laßt die Schlösser aus den Türen brechen, Ihr schlagt die Scheiben ein, damit ihr hört, Was hinter Türen sie und Scheiben sprechen, Ob hinter Türen etwas sich empört, Ob ihr das Wort nicht hört, das euch verstört. Ihr reißt in Hast den Plunder aus den Schränken, Ob nicht ein Flugblatt knisternd sich verrät. Ihr nehmt die armen Leute ins Gebet. Die Leute schweigen; doch ihr hört sie denken Das Wort, das klar und laut im Raume steht. Ihr mögt nach ihm mit rohen Händen schlagen, Das Wort ist unverwundbar wie die Luft. Ihr könnt es nirgends aus dem Hause tragen. Und wenn ihr glaubt, ihr hättet’s auf dem Wagen, Flucht es euch nach aus jeder Kellergruft. Wenn ihr die Plätze füllt mit Fackelhorden Und euer Sieg aus tausend Trichtern dröhnt, Steht es, an dunklen Türen hingelehnt, Das Wort, zum steinernen Gesicht geworden. Ohnmächtig fühlt ihr, wie es euch verhöhnt. Das illegale Wort ist nicht zu fassen; Es ist das Wort, das nicht gesprochen wird. Ihr hört es nicht; ihr fühlt nur, wie es schwirrt, Ein Fledermausgespenst in toten Gassen, Die euch aus kalten Kellermäulern hassen. Treibt sie hinein zum buntbehängten Saale, Die Ausgeplünderten, und paukt und brüllt! Inmitten steht das Wort, das illegale, Die ungesungne Internationale, Die heimlich jedes Herz mit Feuer füllt. Ihr könnt dem Wort den Eintritt nicht verwehren, Es springt sogar in eure eignen Reihn. Das stumme Wort ist nicht zu überschrein. Und nichts kann tiefer eure Blutlust stören Als dies: Ich war, ich bin, ich werde sein! Es wird und wächst. Ihr könnt ihm nicht entgehen. An einem Tag, wo eure Brände kalt, Wird es lebendig auf den Straßen stehen, Zusammenströmen mächtig zu Armeen; Und eine neue Schöpfung wird geschehen. Dann wird das Wort Verkündung und Gewalt! MAX HERRMANN-NEISSE Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen, die Heimat klang in meiner Melodie, ihr Leben war in meinem Lied zu lesen, das mit ihr welkte und mit ihr gedieh. Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten, sie gab sich ganz den bösen Trieben hin, so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten, der ich ihr trotzdem treu geblieben bin. In ferner Fremde mal ich ihre Züge, zärtlich gedenkend mir mit Worten nah, | die Abendgiebel und die Schwalbenflüge und alles Glück, was einst mir dort geschah. | Doch hier wird niemand meine Verse lesen, ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht; ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen, jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht. HEINRICH MANN 1935 Exil Kein Zweifel, daß es Einsamkeit ist, sogar ziemlich die weiteste Einsamkeit, die sich geistig erfahren läßt. Nur im zurückgelassenen Deutschland wäre sie noch grenzenloser. Hier draußen ist die geistige Umwelt dem Gast doch wenigstens verwandt. Aber er kennt seine über die Erde verstreuten Leser nicht, er muß in fremden Sprachen erscheinen, ihm fehlen die einst aus dem Publikum empfangenen Zeichen des guten Willens und des Dankes. Wenn jetzt Besucher bei ihm eintreten aus dem Lande, das ihn aufgenommen hat, dann sind es fast immer hervorragende Ausnahmen. Von ihnen hört er: ,, Sie sollen wissen, daß wir Sie achten und lieben"- und das ist nicht dasselbe, als wenn er früher von Leuten, die weiter nichts zu bieten hatten, Bitten um Autogramme, manchmal aber auch eine Träne erhielt. Man war anderswo sogar mit der Dummheit verbunden. Jetzt ist es viel, bei einem einzigen Freund hierzulande eine mehr als intellektuelle Teilnahme zu finden. Aus früheren Tagen ist fast alles verloren gegangen; nur dieser Freund bewährt sich gerade an unseren weniger anziehenden Erlebnissen, und das ist ein sogenannter Fremder, mit anderem nationalen Anhang als der unsere. Fragt sich, was der unsere wert war. Auskunft erteilt das Exil. Hier sind wir in der Mitte der Wohltaten, die aus der Verbannung entspringen. Gerade das Alleinstehen ist eine der strengsten und größten. Es arbeitet die Freundschaft höchst plastisch heraus, erhebt aber auch die Persönlichkeit zu dem Außerordentlichen, das sie sein kann; und das ist eine Antwort. Über das Zufällige hinaus ist es die zu erwartende Antwort auf den Mißbrauch, der dauernd getrieben worden ist mit verschiedenen Gemeinschaften, voran der Volksgemeinschaft. Das Wort Gemeinschaft hat 182 in Zuständen der Auflösung, wie den deutschen, als Ausrede gedient, um alles bedientenhaft mitzumachen wie es kam, für sich selbst aber zuchtlos zu verlottern. Es ist an der Zeit, der Gemeinschaft, vielmehr der trostlosen Selbstaufgabe, die so genannt wird, die persönliche Festigkeit beispielhaft entgegenzusetzen: noch einmal das eigene Recht im sittlichen und im geistigen Verstande- das hat schon öfters hinweggeholfen über Auflösungsprozesse. Die bis zum äußersten getriebene Persönlichkeit ist nachgerade das Gebotene, ob man es weiß oder nicht. Die Stärke der alleinstehenden Persönlichkeit sollte wieder begriffen werden, zu lange ist diese Kenntnis abhanden gekommen. Niemand hat, in dem allgemeinen leeren Übereinstimmen, Übereinmarschieren und Fünfgeradeseinlassen, bei sich verwirklicht, daß jede entscheidende Wandlung einer Gesamtheit vorher der Verbannten, der aus drohender Stille Handelnden sehr nötig bedurft hat. Es ist bisher nicht in Beziehung gebracht worden zu den nächstliegenden Ereignissen und Erwartungen, daß einstmals Dostojewskij nach Sibirien verschickt wurde und daß auch Tolstoi unter der Gefahr stand. Zu seiner Zeit hat Victor Hugo achtzehn Jahre, die ganze Dauer der verhaẞten Diktatur, auf einer winzigen englischen Insel ausgeharrt, und Voltaire hat noch zahlreichere von seinen Tagen flüchtig und in der Fremde verbracht. So war ihre Gemeinschaft mit ihrer Nation beschaffen, und das war die wirklich ergiebige Art. Wir wollen weitergehen und hinzunehmen, daß Goethe, seit dem Ende Napoleons, in Weimar ausgehalten hat wie ein Verbannter. Ihn umgab ein Land, wo die ihm teure Gesittung ungesichert war wie je, das erfüllt war, auch damals nach wenig ehrenvollen Kriegen, von dem üblichen giftigen Haß gegen die Denkenden und dem gewohnten Blutdurst aus Minderwertigkeit. Besucher kamen nach Weimar nicht anders als nach Sankt Helena oder Jersey, er aber reiste nicht, und in einem gewissen Zeitabschnitt hat er für sein Leben 13* 183 - gefürchtet. Der Mord gehörte, wie heute, zum Wesen der Nationalen, sie waren in allem, wie wir sie kennen. Vor hundert Jahren konnten sie nur nicht zur Macht, davor stand einiges aber fester als alles die eine abweisende Gestalt. Die Frist seither, in der Deutschland den mäßigeren Ansprüchen auf Gesittung noch genügt hat, nicht einmal sie wäre gewährt worden ohne Goethe: einen derer, die das Weltgewissen waren im Exil. 184 JOHANNES R. BECHER 1935 Die grüne Wiese Ich sah noch einmal aus dem Zug zurück Und sandte Deutschland meine letzten Grüße. Und dort, wo Deutschland lag, lag eine Wiese, Ein kleines, grünes, sanftes Wiesenstück. Oft denke ich: was wär das für ein Glück: Ein warmer Wind- ich habe bloße Füße— Es wird auf einmal grün vor meinem Blick, Es wird so grün, daß ich die Augen schließe. Was ist mit mir geschehn? Ich lieg und sing. Es fühlt sich rings wie weiche Gräser an. Auf meiner Nase sitzt ein Schmetterling, Und Butterblumen blühn und Löwenzahn. Der Boden hebt sich, schwingt, um mich zu wiegen. Ich seh mich auf der grünen Wiese liegen. OSKAR MARIA GRAF| 1935 Keine Nacht vergeht... Keine Nacht vergeht, daß ich nicht denke an die Brüder, die in Kerkern leiden. Grausig zieht sich jede Stunde in die Länge, nimmer wollen diese Bilder scheiden. Soll das denn mein ganzes Leben überdauern: Knechtschaft, Schande, Unrecht und Betrug? Ach, Genossen hinter dicken Mauern,; euch gilt ständig meiner Wehmut schwerer Flug!| An die Fenster schlägt der öde Regen und die kalte Fremde weht mich an. Immer muß ich schlaflos überlegen, was mein Herz nicht mehr ertragen kann. Immer trommeln meine Pulse euer Heldenlied: Dieser hat das Foltern überschwiegen, jenen schlug man tot, weil er kein Wort verriet. Keiner wollte seinen Henkern unterliegen! Und je mehr mich dies durchwühlt, desto mehr verflüchtigt sich die Trauer, und mir ist, als ob wie ich der Fernste fühlt: Einmal brechen wir selbst durch die dickste Mauer. 186 ANNA SEGHERS 1935 Vaterlandsliebe Fragt erst bei dem gewichtigen Wort ‚‚Vaterlandsliebe‘“, was an eurem Land geliebt wird. Trösten die heiligen Güter der Nation die Besitzlosen? Tröstet die„Heilige Heimat-. erde‘ die Landlosen? Doch wer in unseren Fabriken ge- arbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte. Selten entstand in unserer Sprache ein. dichterisches Ge- samtbild der Gesellschaft. Große, oft erschreckende, oft für den Fremden unverständliche Einzelleistungen, immer war es, als zerschlüge sich die Sprache selbst an der gesellschaft- lichen Mauer... Bedenkt die erstaunliche Reihe der jungen, nach wenigen übermäßigen Anstrengungen ausge- schiedenen deutschen Schriftsteller. Keine Außenseiter und keine schwächlichen Klügler gehören in diese Reihe, sondern die Besten: Hölderlin, gestorben in Wahnsinn, Georg Büchner, gestorben im Exil, Karoline Günderode, gestorben durch Selbstmord, Kleist durch Selbstmord, Lenz gestorben im Wahnsinn. Das war hier in Frank- reich die Zeit Stendhals und später Balzacs. Diese deut- schen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wundrieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land. Sie wußten nicht, daß das, was an ihrem Land geliebt wird, ihre unaufhörlichen, ein- samen, von. den Zeitgenossen kaum gehörten Schläge gegen die Mauer waren. Durch diese Schläge sind sie für immer die Repräsentanten ihres Vaterlandes geworden. 187 Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter ihren vorgeblichen Sachverwaltern. Helfen wir Schrift- steller am Aufbau neuer Vaterländer, dann wird erstaun- licherweise wieder das alte Pathos wirklicher nationaler Freiheitsdichter aufs neue gültig werden. BERTOLT BRECHT 1935 Rapport von Deutschland Wir erfahren, daß in Deutschland In den Tagen der braunen Pest Auf dem Dach einer Maschinenfabrik plötzlich Im Wind des Novembers eine rote Fahne flatterte, Die verfemte Fahne der Freiheit! Mitten im grauen November, vom Himmel Kam ein Gemisch Regen und Schnee Aber das war der Siebente Tag der Revolution! Und sieh, die rote Fahne! Auf den Höfen stehen die Arbeiter Halten die Hand über die Augen und sehen Gegen das Eisregengestöber zum Dach hin. Da rollen die Lastwagen an mit den Sturmtruppen Und treiben an die Mauern, was da ein Arbeitskleid trägt Und binden mit Stricken die Fäuste, die da schwielig sind Und aus den Baracken vom Verhör Stolpern die Blutiggeprügelten Von denen keiner den Mann genannt hat Der auf dem Dach war. So treiben sie weg alle, die da schweigen Und die andern haben schon genug. Aber am nächsten Tag weht wieder Die rote Fahne des Proletariats Auf dem Dach der Maschinenfabrik. Wieder Dröhnt durch die todstille Stadt Der Tritt der Sturmtruppen. Auf den Höfen Sind keine Männer mehr zu sehen. Nur Frauen Stehen mit steinernen Gesichtern, die Hand über den Augen Schauen sie gegen das Eisregengestöber zum Dach hin. Und das Prügeln beginnt wieder. Im Verhör Sagen die Frauen aus: diese Fahne Ist ein Bettlaken, auf dem Trugen wir einen weg, der gestern gestorben ist. Wir sind nicht schuld an dieser Farbe, die es hat. Die ist rot von dem Blut des Ermordeten, wiẞt ihr. 190 JO MIHALY 1935 Choral 1935 Das Brot wollt’ nicht mehr schmecken. Das süße Brot wurd’ schal und blieb im Halse stecken und würgt’ mit einemmal. Das Wasser, das wir tranken, das schmeckte auch wie Blut und trübte die Gedanken und machte sie nicht gut. Der Mensch, der doch die Krone h der Schöpfung sollte sein, der wurde ihr zum Hohne klein, niedrig und gemein. Was gilt?— Der Dolch im Leder. Was noch?— Der feige Schuß. Was dann noch?— Daß ein jeder dem Krieg lobsingen muß. Gewalt, Gewalt und Schrecken und Heuchelei und Spott! Will kühn ein Haupt sich recken, so fällt es vom Schafott. Nicht einzeln, nicht in Paaren kommt, die ihr Brüder seid! Nein, naht in hellen Scharen, in großer Einigkeit. Zerschlagt die Blutgesetze und was da faul und schlecht, — daß keine Hand verletze# das freie Menschenrecht! 191 STEFAN HEYM 1935 Rechtfertigung Manchmal kommen die Stimmen, die ich so oft schon gehört, die meine Straße gestört, flüstern und schweben und schwimmen: Du bist zu schwach, du bist zu klein, ein Blatt nur aus tausend Kalendern. Pack dich nach Haus, kriech ins Bett hinein- Du kannst die Welt nicht ändern. Sieh doch die Gitter und Wände, Knüppel und Gase und Blei, Presse und Polizei- Du, du hast nur die Hände, du, du hast nur dein winziges Wort zwischen den schweigenden Ländern. Die Zeit wälzt sich hin, und der Mut verdorrt- Du kannst die Welt nicht ändern. Aber dann hör ich der andern tappenden Zuchthausschritt, geh mit den Sträflingen mit, die ihre Zelle durchwandern. Ihre Hände gebunden- Meine sind es noch nicht, und so halt ich Gericht über die fließenden Stunden. Sollt ich verstummen, Genossen, wurde der Mund mir verschlossen. 192 ELSE LASKER-SCHÜLER Über glitzernden Kies Könnt ich nach Haus- Die Lichte gehen aus— Erlischt ihr letzter Gruß. Wo soll ich hin? O Mutter mein, weißt du’s? Auch unser Garten ist gestorben!.... Es liegt ein grauer Nelkenstrauß Im Winkel wo im Elternhaus, Er hatte große Sorgfalt sich erworben. Umkränzte das Willkommen an den Toren Und gab sich ganz in seiner Farbe aus, O liebe Mutter!... Versprühte Abendrot Am Morgen weiche Sehnsucht aus Bevor die Welt in Schmach und Not. Ich habe keine Schwestern mehr und keine Brüder. Der Winter spielte mit dem Tode in den Nestern Und Reif erstarrte alle Liebeslieder. 193 ERICH WEINERT 1935 Zeit der Entscheidung Ungestaltig, noch im Nebel Schwimmt der neue Tag der Erde. Keiner weiß noch, wer den Hebel Dieser Zeit ergreifen werde, Ob zerfallendes Gefüge Noch sich in sich selber trägt, Ob nicht schon der Lärm der Lüge Ihren eignen Bau zerschlägt. Ein Gewisses nur gewinnt An Gestalt: der Tag beginnt! Ob noch einmal die Vergifter Winde mit Verwesung würzen, Ob nicht schon die Weltbrandstifter In die eignen Flammen stürzen, Ob der Tod aus Pestphiolen Nieder aus den Wolken dampft, Ob er mit den Eisensohlen Leben und Gebild zerstampft— Nichts noch wissen wir. Doch sind Wir gewiß: der Tag beginnt! Eines wissen wir: der Wille Der Millionen Unverglühten Lädt sich mit Gewitterfülle Sich zum Aufstand aufzubieten. Wenn erst Kraft an Kraft sich zündet, Wenn erst Herz an Herzen brennt, Wenn erst Hand zu Hand sich findet, Bebt des Ungeists Fundament! Durch die Mauern schallt der Wind! Herz hoch! Unsre Zeit beginnt! Denn nicht Schicksal ist Geschichte, Wie die feigen Flüchter lehren. Hier entscheiden die Gewichte! Unsre Schale trägt die schweren. Unser, Brüder, ist die Erde! Im Bewußtsein ruht der Sieg. Daß sie frei von Quälern werde, Führt den letzten, heilgen Krieg! Sprengt das dunkle Labyrinth! Vorwärts! Unsre Zeit beginnt! MAX HERRMANN-NEISSE Heimatlos Wir ohne Heimat irren so verloren und sinnlos durch der Fremde Labyrinth. Die Eingebornen plaudern vor den Toren vertraut im abendlichen Sommerwind. Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen und läßt uns in die lang entbehrte Ruh des sichren Friedens einer Stube sehen und schließt sie vor uns grausam wieder zu. Die herrenlosen Katzen in den Gassen, “die Bettler, nächtigend im nassen Gras,. sind nicht so ausgestoßen und verlassen wie jeder, der ein Heimatglück besaß und hat es ohne seine Schuld verloren und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth. Die Eingebornen träumen vor den Toren und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind. 196 WILLI BREDEL 1936 Lehre und Aufgabe Wer sähe nicht, daß die Verwirklichung der faschistischen Machtpläne in Europa und der ganzen Welt den deutschen Namen für alle Zeit mit Schmach bedecken würde. Ein starkes Deutschland im Sinne des Faschismus bedeutet, daß freien Nationen in blutigen Kriegen und Erpressungen das Joch aufgezwungen würde, unter dem heute das deutsche Volk stöhnt... Ein Volk, das andere Völker unterdrückt, kann nicht frei sein. Welch ein Appell ist dies Wort an das starke Gewissen des großen deutschen Volkes! Welch tiefe Lehre heute, wo die faschistische Knechtschaft das deutsche Volk selbst in Fesseln geschlagen und das deutsche Land im Herzen Europas in eine Werkstatt grausiger Vernichtungspläne gegen die ganze Menschheit, gegen Freiheit und Demokratie, gegen das Glück der Jugend und der Völker verwandelt hat! Wir deutschen Antifaschisten kennen unseren Gegner, dessen dauernde Herrschaft die Auslöschung des deutschen Namens aus der Reihe der Kulturnationen bedeuten müßte. Wir kennen Hitler, er kennt uns: die Leichen unserer erschlagenen, hingerichteten Brüder zeugen davon. Das freie Wort ist nur auf der Seite des Friedens. Das freie Wort dient der Wahrheit und der gerechten Sache. Das freie Wort ist den Faschisten verhaßt, denn sie wissen, daß nicht ihre gekaufte Literatur, sondern das Wort, das außerhalb des Dritten Reiches gesprochen wird, als Stimme des wahren Deutschland gilt. 14.045 197 Im Kampf um die Seele des Volkes für die Sache des Friedens und der Freiheit sollte die antifaschistische deutsche Literatur den Platz einnehmen, der ihr gebührt. Schreiben wir nicht nur für die, die mit uns gemeinsam den Kampf gegen den faschistischen Todfeind bereits aufgenommen haben; rühren wir die Herzen jener, denen der Faschismus Brot versprach und Steine gab, denen er Freiheit predigte und Knechtschaft brachte, denken wir an die Brüder unseres Volkes, denen der Faschismus Besserung ihrer Lage durch Eroberung fremder Gebiete und Unterdrückung fremder Völker vorgaukelt.. Bringen wir dem eigenen Volke und den vom Hitlerfaschismus bedrohten Grenzländern und Nachbarvölkern unsere Botschaft des Friedens, der Kultur und der Freiheit. Seien wir die Künder einer Zukunft, in der das Volk für immer von der Schmach innerer Knechtschaft erlöst ist und durch friedliche Zusammenarbeit der Völker die Schrecken blutiger Kriege für immer gebannt sind. 198 JOHANNES R. BECHER Deutschland Sehnsucht, Liebe glaubte ich zu kennen, Doch erst jetzt spür ich sie mich durchbrennen, Nicht nach einem Menschen, nach dem Land, Das, bekannt, mir blieb doch unbekannt. Nein, ich kann dir, Deutschland, nicht entrinnen; Jeden Tag muß ich mit dir beginnen. Würd ich mir die Ohren auch verstopfen, Hört ich nachts doch deinen Herzschlag klopfen. Deutschland, alle deine guten Namen, Die, von denen wir nie Abschied nahmen, Werden wir bis auf den Tag bewahren Und sie immer dichter um uns scharen. An der Grenze stehe ich. Der Wind Kommt von dort, wo meine Brüder sind In dem großen Lager eingefangen. Nur ein Windgruß kann zu mir gelangen. Werden niemals voneinander lassen. Immer fester werden wir uns fassen, Bis des Volkes Wille wird geschehen Und wir uns in Deutschland wiedersehen. OSKAR MARIA GRAF 1936 Zuruf Lieber Freund, es kommen Stunden, wo du glaubst, du bist umsonst gewesen. Alle Schmerzen, alle Wunden brennen— wollen nicht genesen. Ach, die Bitterkeiten strömen hemmungslos, als sei’n sie nie versiegt! Und man möchte sich das Leben nehmen, das zerbrochen auf der Erde liegt. Fragen stehen auf und bleiben. Antwortlos schwebst du im Nichts. Und du scheinst dich zu zerreiben an der Schwere dieses Selbstgerichts. Denk, o Freund: Den vielen ungezählten Kameraden geht es ebenso! Dieses große, gleiche Fühlen macht in aller Schwermut froh. Atme, Freund! Laß dich erfüllen ganz von der Gefährten Zuversicht! Einmal sind wir Einen doch die Vielen, und die stumpfe Welt zerbricht! BERTOLT BRECHT 1936 Fragen eines lesenden Arbeiters Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon, Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war Die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbogen. Wer errichtete sie? Über wen Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in der sagen- haften Atlantis Brüllten in der Nacht, wo das Meer sie verschlang Die Ersaufenden nach ihren Sklaven. Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar erschlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand?. Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte So viele Fragen. 201 MAX ZIMMERING 1936 Nürnberg Habt ihr’s gehört?— War das noch Menschenwort? War das nicht tollgewordner Hunde Jaulen? Riß dies Gebrüll nicht alle Zweifel fort? War’s nicht Signal zu neuem Massenmord Und Wahnprodukt von Hirnen, die schon faulen? Habt ihr’s gehört— der Niedertracht Geschrei, Das jeder Menschlichkeit ins Antlitz schlägt? Seht ihr den Geiferstrom der Tyrannei, Seht ihr das Ebenbild der Barbarei, Die auf der Stirn das Mal des Schreckens trägt? Habt ihr’s gehört?— Ein Strom von blindem Haß Wie Pestgestank aus schlammgefüllter Gosse, Bar jeder Hemmung, ohne jedes Maß— Heut sind es Worte— morgen: Flieger, Gas, Vernichtung, Geiseln, Gift und Brandgeschosse. - Habt ihr’s gehört?— Seht ihr das Kriegsfanal? Soll die Kultur in Mord und Blut ersticken? Seht ihr das Ungetüm aus Panzerstahl, Die grauen Tankkolonnen ohne Zahl Tagtäglich schweigend ein Stück näherrücken? 7 Habt ihr’s gehört?— Der Krieg pocht an das Tor, Um Völker und Nationen zu verschlingen. An tausend Ecken steigt er schon empor, Es züngeln Flammen überall hervor— Soll Hitlers Anschlag auf die Welt gelingen? 202 Es ist das Glück der Menschheit in Gefahr, Und was Geschlechter in Epochen schufen, Was allen Völkern bisher heilig war, Wird heut bedroht von einer Gangsterschar- Soll es zerbrechen unter Pferdehufen? Habt ihr’s gehört?— Habt ihr das Pack erkannt? Noch ist es Zeit, die Pest zu isolieren. Zieht eine Abwehrfront von Land zu Land, Umschließt den Herd mit einer Eisenwand, Bevor die Sklavenhalter ihren Schlag vollführen! 203 HUGO HUPPERT 1936 Das Wort Und als wir an die Grenze kamen, da hatten viele keinen Paß, und mancher hatte keinen Namen. Doch jeder hatte seinen Haß. Und jeder trug in seiner Seele die Last der Sehnsucht mit sich fort, und jedem keimte in der Kehle als Korn des Kommenden: das Wort. Der Schnee war weg, die toten Blätter vom Vorjahr faulten auf dem Weg. Erbarmungslos im Frühlingswetter floß Licht durchs bittere Geheg. Und hier verloren wir einander, den Händedruck und den Geruch 88 der Kindheit; waren ausgewandert: so fällt ein Wort aus altem Spruch. Und hüben blaut der gleiche Flieder, dieselbe Sonne hüllt uns ein... Das freie Wort, es darf uns wieder| Wegzehrung, Licht und Sammlung sein. Einst, wenn durch wetternde Gemarken die Tage der Entscheidung gehn-, macht es uns Lebende erstarken und unsre Toten auferstehn. 2 ERICH WEINERT 1936 Edgar Andre Nehmt dies Gedicht und klebt es an, Wo’s jedem in die Augen fällt, Daß keiner dran vorbeigehn kann, Daß jedem es vor Augen hält: Was dachtest du bei Tag und Nacht? Hast du an diesen Mann gedacht? Hast du an diesen Mann gedacht, Und daß sie ihn zum Tod verdammt? Daß, wenn die Welt ihn nicht bewacht, Der Henker rüstet sich zum Amt, Und seinen Kopf, den er noch trägt, Den stolzen Kopf vom Leibe schlägt? Bedenke, wenn du dies vergißt: Du wirst an seinem Tod mit schuld! Wenn dieser Mann zu retten ist, Trotz seiner Henker Ungeduld, Dann nur, wenn alles zu ihm hält, Wenn alle Welt sich vor ihn stellt! Für wen dort sprach er denn? Für sich? Um seinen Kopf zu retten? Nein! Er sprach für dich und dich und dich, Denn für euch alle sprang er ein! Erkennt ihr— es ist höchste Zeit—, Wie sehr ihr ihm verpflichtet seid? Wenn ihr's erkennt, dann schlagt Alarm! Schreckt auf die Welt mit eurem Schritt. Die Stumpfgewordnen, macht sie warm! Weckt auf die Müden! Reißt sie mit! Wenn einer hier noch schweigt und schwankt, Ihm niemand als der Henker dankt. Wer macht hier feig die Augen zu? Wer läßt der Freiheit Freund im Stich? Die Frage plag euch ohne Ruh! Sie hämmre unablässig sich In jedes Menschen Herz hinein: Wer will des Henkers Helfer sein? 206 MAX HERRMANN-NEISSE 1936 Niemals werden wir dazugehören Diese fremde Welt und ihr Gehabe, | was ihr Vorzug ist, und was ihr fehlt, | jeder Mangel, jede gute Gabe, was sie zeigt, und was sie uns verhehlt, kann im Augenblick uns wohl betören, daß man sich als ihresgleichen glaubt, seinen Anspruch fügsam niedrigschraubt- dennoch wird man nie dazugehören! Machst du dich vertraut mit Brauch und Sprache, feierst ihre Feste wohlgesinnt: plötzlich siehst du dich vor dem Gemache, wo das Unzulängliche beginnt; sein Geheimnis wirst du nie beschwören, diese dunklen Tore schließen dicht. Lächelte dir freundlich ein Gesicht— dennoch wirst du nie dazugehören. Mittags auf der Bank im Park, geborgen mit den andern hier in Friedlichkeit, fühl’ ich mich zu Haus und ohne Sorgen, es erfragt bei mir ein Kind die Zeit, Liebespaare lassen sich nicht stören, und ein Hündchen wagt mit mir ein Spiel- Ein Verbannter fordert ja nicht viel! Dennoch darf ich nie dazugehören! Einsam treiben wir von Land zu Lande, überall der ungebetne Gast. Einsam bleiben wir, der Heimat Schande beugt den Rücken uns mit schwerer Last. Teilnahmslos lauscht unsern Trauerchören eine Welt, die unser Leid nicht faßt, nicht, was unser Leben liebt und haßt, niemals werden wir dazugehören! THOMAS MANN 1937 Aus: Ein Briefwechsel Der einfache Gedanke daran, wer die Menschen sind, denen die erbärmliche äußerliche Zufallsmacht gegeben ist, mir mein Deutschtum abzusprechen, reicht hin, diesen Akt in seiner ganzen Lächerlichkeit erscheinen zu lassen. Das Reich, Deutschland, soll ich beschimpft haben, indem ich mich gegen sie bekannte! Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden. Wohin haben sie, in noch nicht vier Jahren, Deutschland gebracht? Ruiniert, seelisch und physisch ausgesogen von einer Kriegsaufrüstung, mit der es die ganze Welt bedroht, die ganze Welt aufhält und an der Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgaben, ungeheurer und dringender Aufgaben des Friedens hindert; geliebt von niemandem, mit Angst und kalter Abneigung betrachtet von allen, steht es am Rande der wirtschaftlichen Katastrophe, und erschrocken strecken sich die Hände seiner ,, Feinde" nach ihm aus, um ein so wichtiges Glied der zukünftigen Völkergemeinschaft vom Abgrunde zurückzureißen, ihm zu helfen, wenn anders es nur zur Vernunft kommen und sich in die wirklichen Notwendigkeiten der Weltstunde finden will, statt sich irgendeine falschheilige Sagennot zu erträumen. Ja, die Bedrohten und Aufgehaltenen müssen ihm schließlich noch helfen, damit es nicht den Erdteil mit sich reiße und gar in den Krieg ausbreche, auf den es, als auf die ultima ratio, immer noch die Augen gerichtet hält. Die reifen und gebildeten Staaten wobei ich unter ,, Bildung" die Bekanntschaft mit der grundlegenden Tatsache verstehe, daß der Krieg nicht mehr erlaubt ist- behandeln 209 - dies große, gefährdete und alles gefährdende Land oder vielmehr die unmöglichen Führer, denen es in die Hände gefallen, wie Ärzte den Kranken: mit größter Nachsicht und Vorsicht, mit unerschöpflicher, wenn auch nicht gerade ehrenvoller Geduld; jene aber glauben ,,, Politik", Macht- und Hegemonie- Politik gegen sie treiben zu sollen. Das ist ein ungleiches Spiel. Macht einer„, Politik", wo die anderen an Politik gar nicht mehr denken, sondern an den Frieden, so fallen ihm vorübergehend gewisse Vorteile zu. Die anachronistische Unwissenheit darüber, daß der Krieg nicht mehr statthaft ist, trägt selbstverständlich eine Weile ,, Erfolge" ein über die, die es wissen. Aber wehe dem Volk, das, weil es nicht mehr ein noch aus weiß, am Ende wirklich seinen Ausweg in dem Gott und Menschen verhaßten Greuel des Krieges suchte! Dies Volk wäre verloren. Es wird geschlagen werden, daß es sich nie wieder erhebt. 210 ———— JOHANNES R. BECHER 1937 Tränen des Vaterlandes Anno 1937 I © Deutschland! Sag, was habt aus Deutschland ihr gemacht! Ein Deutschlandstark undfrei?! Ein Deutschland hoch in Ehren?! Ein Deutschland, drin das Volk sein Hab und Gut kann mehren, Auf aller Wohlergehn ist jedermann bedacht?! Erinnerst du dich noch des Rufs: ‚„„Deutschland erwacht!‘ Als würden sie dich bald mit Gaben reich bescheren, So nahmen sie dich ein, die heute dich verheeren. Geschlagen bist du mehr denn je in einer Schlacht. Dein Herz ist eingeschrumpft. Dein Denken ist mißraten. Dein Wort ward Lug und Trug. Was ist noch wahr und echt?! Was Lüge noch verdeckt, entblößt sich in den Taten: Die Peitsche hebt zum Schlag ein irrer Folterknecht, Der Henker wischt das Blut von seines Schwertes Schneide— O wieviel neues Leid zu all dem alten Leide! 1I Du mächtig deutscher Klang: Bachs Fugen und Kantaten! Du zartes Himmelblau, von Grünewald gemalt! Du Hymne Hölderlins, die feierlich uns strahlt! O Farbe, Klang und Wort: geschändet und verraten! Gelang es euch noch nicht, auch die Natur zu morden?! Ziehn Neckar und der Rhein noch immer ihren Lauf? Du Spielplatz meiner Kindheit: wer spielt wohl heut darauf? Schwarzwald und Bodensee, was ist aus euch geworden?! Das vierte Jahr bricht an. Um Deutschland zu beweinen, Stehn uns der Tränen nicht genügend zu Gebot, Da sich der Tränen Lauf in so viel Blut verliert. Drum Tränen, haltet still! Laßt uns den Haß vereinen, Bis stark wir sind zu künden: ‚Zu Ende mit der Not!“ Dann: Farbe, Klang und Wort! Glänzt, dröhnt und jubiliert! 212& ALFRED KERR 1937 Die Illegalen I Die Welt erfährt kaum, wie sie heißen. Sie schweben dahin, dunkel und licht. Man will den Hut vom Kopfe reißen, Sie tausendmal grüßen— sie sehn es nicht. Sie schreiten und gleiten; Stürme tosen, Manchen packt es, er lebt nicht mehr; Doch lebt der Bund der Namenlosen, Das unsichtbare Helferheer. ' Die Folter droht, die Qual ist bitter— Der Kampf geht weiter unbeirrt. Sie sind die Heiligen und die Ritter Des Menschenreichs, das kommen wird. 1I Uns ist die Heimat tief entehrt, Längst hat sich mancher abgekehrt. Wir sind Verbannte, Leid-Erkorene, Ein Land erstirbt, ein Traum zerstiebt; Ihr aber seid das Unverlorene, Was wir an Deutschland einst geliebt. Wir heben die Hände zum Lichtrevier. Deutschland- seid Ihr. ELSE LASKER-SCHÜLER Abends Auf einmal mußte ich singen— Und ich wußte nicht warum? — Doch abends weinte ich bitterlich. Es stieg aus allen Dingen Ein Schmerz, und der ging um — Und legte sich auf mich. PAUL ZECH 1937 Vielleicht war schon zu schwer mein Blut Ich könnte hier zu Hause sein und bleibe doch nur Gringo bloß, tauch immer tiefer in die Flut hinein und komm vom Ufer nicht mehr los. Vielleicht war schon zu schwer mein Blut für diese meilenweite Einsamkeit. Ich bin noch wach, wenn alles längst schon ruht, die Nachtgedanken wuchern mit der Zeit. Vom einst Gewesenen klingt mir das Ohr mit dem uralten Kinderlaut. Ich fühle hinter mir weit aufgetan ein Tor, den schmalen Weg dorthin noch nicht verbaut. Ich sage laut: hier dieses Baumwollfeld, aus Schwielen auferbaut und Schweiß, ist mit mir eins, ist meine Welt... Und gebe sie doch immer wieder preis, für dieses arme Wort, das im Vorübergehn mir zuruft ein verwitterter Peon. Ich bleibe mitten auf der Straße stehn, bis in das Herz hinein betäubt von diesem Ton. Es schmeckt nach Kiefern und verschilftem See, nach Dörfern weihnachtsweiß verschneit.... Hier aber brennt es tropisch auf Oleander und Kaktee, ich komm nicht los von diesem Widerstreit. Es bohrt und wühlt in meinem Blut herum, ich möcht nicht weicher scheinen, als ich bin. Schon werden mir die Schultern krumm, ich gab sie nicht für Traumgespinste hin, Das Brot, das die Gewalt mir drüben nahm: hier ist auch mir ein Tisch gedeckt, wo niemand mich befragt, woher ich kam, nur wie es mir gefällt und schmeckt. 216 BERTOLT BRECHT 1937 Über die Bezeichnung Emigranten Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. Das heißt doch Auswanderer. Aber wir wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschlusse wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer. Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte. Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm. Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend. Ach, die Stille der Sünde täuscht uns nicht! Wir hören | die Schreie aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen über die Grenzen. Jeder von uns, der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht, | zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt. Aber keiner von uns wird hier bleiben. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. HEINRICH MANN 1937 Aufruf Es ist möglich, den Frieden zu erhalten und Millionen Menschen das unermeßliche Leid des Krieges zu ersparen, wenn Hitler gestürzt wird, bevor er die Brandfackel entzünden kann. Das große einigende Kampfziel aller Freunde des Friedens und der Freiheit in Deutschland ist die demokratische Volksrepublik. In dieser demokratischen Volksrepublik wird das deutsche Volk selbst frei über seine Geschicke entscheiden. Es wird den Faschismus mit der Wurzel ausrotten. Es wird nicht die folgenschweren Fehler und Schwächen von 1918 wiederholen, sondern eine starke Volksmacht gegen die Feinde der Volksfreiheit schaffen. Nur die deutsche Volksfront wird die Gestalterin. einer freien glücklicheren Zukunft Deutschlands sein. Deutsches Volk! Kämpfe mit uns für Frieden, Freiheit und Wohlstand, für die demokratische Freiheit, die eine Freiheit sein muß, die für sich einzustehen weiß und eine Humanität, die gegen ihre Mörder keine Schwäche kennt. Wir wollen den Frieden retten. Wir wollen Deutschland befreien aus dem Joch des Hitlerismus! Wir wollen, daß auf der Grundlage der neu eroberten demokratischen Freiheiten sich das deutsche Volk ein freies, glückliches, sozialistisches Deutschland erkämpft! 218 BERTOLT BRECHT 1937 Deutsche Kriegsfibel 1937 Das Brot der Hungernden ist aufgegessen. Das Fleisch kennt man nicht mehr. Nutzlos ist der Schweiß des Volkes vergossen. Die Lorbeerhaine stehen abgeholzt. Aus den Schloten der Munitionsfabriken steigt Rauch. * Der Anstreicher spricht von kommenden großen Zeiten. Die Wälder wachsen noch. Die Äcker tragen noch. Die Städte stehen noch. Die Menschen atmen noch. * Die das Fleisch wegnehmen vom Tisch lehren Zufriedenheit. Die, für die die Gabe bestimmt ist verlangen Opfermut. Die Sattgefressenen sprechen zu den Hungernden von den großen Zeiten, die kommen werden. Die das Reich in den Abgrund führen nennen das Regieren zu schwer für den einfachen Mann. * Wenn die Oberen vom Frieden reden weiß das gemeine Volk daß es Krieg gibt. Wenn die Oberen den Krieg verfluchen sind die Gestellungsbefehle schon ausgeschrieben. 219 Die Oberen sagen: es geht in den Ruhm. Die Unteren sagen: es geht ins Grab. * Als der letzte Krieg vorüber war gab es Sieger und Besiegte. Bei den Besiegten das niedere Volk hungerte. Bei den Siegern hungerte das niedere Volk auch. * Wenn man die Felder der Junker aufteilt braucht man nicht die Felder der ukrainischen Bauern zu erobern. Wenn man die Felder der ukrainischen Bauern erobert haben die Junker nur noch mehr Felder. ** Auf der Mauer stand mit Kreide: Sie wollen den Krieg. Der es geschrieben hat ist schon gefallen. Wenn es zum Marschieren kommt, wissen viele nicht daß ihr Feind an ihrer Spitze marschiert. Die Stimme, die sie kommandiert ist die Stimme ihres Feindes. Der da vom Feind spricht ist selber der Feind. In der Schlacht haben sie den Feind im Rücken. Vor ihnen stehen ihresgleichen die ihren Feind auch im Rücken haben. 220 —— Die Oberen sagen: im Heer herrscht Volksgemeinschaft. Ob es wahr ist, erfahrt ihr in der Küche. In den Herzen soll der gleiche Mut sein. Aber in den Schüsseln ist zweierlei Essen. * Der Anstreicher wird sagen, daß irgendwo Länder erobert sind und ihr werdet euch in die Küchen setzen, da wo. die Rüben gekocht werden. Der Anstreicher wird sagen daß er keinen Fußbreit zurückweichen wird und ihr werdet prüfend die Jacken aus Papier anfassen. Wenn da Siegesglocken läuten werdet ihr die Verlustlisten austragen. * Wenn der Trommler seinen Krieg beginnt sollt ihr euren Krieg fortführen. Er wird vor sich Feinde sehen, aber wenn er sich umblickt, soll er auch hinter sich Feinde sehen: wenn er seinen Krieg beginnt soll er um sich lauter Feinde sehen. Was da marschiert, angetrieben von seinen Schutzmännern soll gegen ihn marschieren. Die Stiefel werden schlecht sein, aber auch wenn sie vom besten Leder sind, sollen seine Feinde in ihnen marschieren. Eure Essensrationen werden schmal sein, aber auch wenn sollen sie euch nicht schmecken. sie reichlich sind Seine Schutzmänner sollen nicht schlafen dürfen. Jedes Geschoß sollen sie prüfen müssen ob es auch geladen ist. Jeden Prüfer sollen sie prüfen müssen, ob er auch prüft. Alles was an ihn geht, soll zerstört sein und alles was von ihm kommt, soll gegen ihn gebraucht werden. Tapfer wird sein, wer gegen ihn kämpft. Klug wird sein, wer seine Pläne vereitelt. Nur wer ihn bekämpft, wird Deutschland helfen. * Im Krieg wird sich vieles vergrößern. Es werden größer werden die Besitztümer der Besitzenden und das Elend der Besitzlosen die Reden der Führer und das Schweigen der Geführten. * Wenn der Krieg beginnt werden eure Brüder sich vielleicht verändern daß ihre Gesichter nicht mehr kenntlich sind. Aber ihr sollt gleich bleiben. 222 Sie werden in den Krieg gehen, nicht wie zu einer Schlächterei, sondern wie zu einem ernsten Werk. Alles werden sie vergessen haben. Aber ihr sollt nichts vergessen haben. Euch selber wird man Branntwein in den Hals gießen wie allen andern. Aber ihr sollt nüchtern bleiben. General, dein Tank ist ein starker Wagen. Er bricht einen Wald nieder und zermalmt hundert Aber er hat einen Fehler: Menschen. er braucht einen Fahrer. General, dein Bombenflugzeug ist stark. Es fliegt schneller als ein Sturm und trägt mehr als ein Aber es hat einen Fehler: es braucht einen Monteur. General, der Mensch ist sehr brauchbar. Er kann fliegen und er kann töten. Aber er hat einen Fehler: er kann denken. Elefant. 223 LUDWIG RENN 1937 Ansprache auf dem Internationalen Schriftstellerkongreß in Madrid Ich begrüße den Kongreß im Namen der deutschen Schriftsteller, die in Spanien an der Front gegen den Fa- schismus stehen. Ich begrüße ihn auch im Namen der ı1. Internationalen Brigade und bin überzeugt, daß sich auch die anderen Internationalen Brigaden, mit denen ich nicht sprechen konnte, diesem Gruß von ganzem Herzen anschließen. Wir Schriftsteller an der Front haben die Feder aus der Hand gelegt, denn wir wollten nicht mehr Geschichte schreiben, sondern Geschichte machen. Wer von euch hier im Saal: wünscht meine Feder zu nehmen, der Bruder meiner Gedanken zu sein für die Zeit, wo ich das Gewehr genommen habe? Seht, hier biete ich die Feder als ein Geschenk, das kein Vergnügen ist, sondern eine große Pflicht. Und der Name dieser Pflicht: alles gegen den Faschismus! Alles für die Volksfront! Alles für die Front der Völker! Alles für die Ideen, die dem Kriege feindlich sind! Kriegsfeindlich— das sagen wir, Männer des Krieges, wir Soldaten! Denn der Krieg, in dem wir mithelfen, ist uns keine Freude, kein Selbstzweck, sondern etwas, das überwunden werden muß! Kämpft, darum bitten wir euch, für diese Ideen, kämpft mit der Feder und mit dem Wort, wie es jedem liegt! Aber kämpft! RUDOLF LEONHARD 1937 Diktatorenmoral So was hat nie die Welt gesehn, wie treu die Diktatoren stehn, und wie in Erz gegossen, und Treue hinten, Treue vorn, mit Lorbeerblatt und Eichenknorrn, und nachts wird unverdrossen geschossen. Sie haben nie an sich gedacht, nur ans geliebte Volk- die Macht? Die Macht ist eine schwere Not, und lieber heut als morgen vergäben sie die Sorgen; doch wer die Macht, die Macht bedroht, ist tot. Sie fühlen die Verantwortung, die hält sie stark und hält sie jung und wird als gottgesandt erachtet, drum praktizieren sie nur Tugend, ein Muster aller Knabenjugend- die wird gehegt, gedrillt, umnachtet, und dann geschlachtet. So tugendhaft gab es noch nie, sie lieben selbst das liebe Vieh, so Tiger, Tauben, Rinder; sie rauchen nicht, sie trinken nicht, sie essen nie ein Fleischgericht- doch ihre Bomben zerfleischen nicht minder Frauen und Kinder! 225 MAX HERRMANN-NEISSE Mir bleibt mein Lied Mir bleibt mein Lied, was auch geschicht, mein Reich ist nicht von dieser Welt, ich bin kein Märtyrer und Held, ich lausche allem, was da klingt und sich in mir ein Echo singt. Ob jedes andre Glück mich flieht— mir bleibt mein Lied. Schutzengelhaft gibt es mir Kraft, denn seine Melodie beschwört das Böse, das den Frieden stört, doch nicht in meinen Abend dringt, den zärtlich die Musik beschwingt. Ob sich der Himmel schwarz umzieht— mir bleibt mein Lied. Was lärmend schallt, ist bald verhallt, mißtönende Vergangenheit, die nur die eigne Schande schreit, wenn maßvoll mit holdseligem Ton, in fast jenseitiger Klarheit schon, mein Lied auf seinem Abschiedspfad den Sternen naht,., LION FEUCHTWANGER 1938 Größe und Erbärmlichkeit des Exils Während des Krieges und in den beiden Jahrzehnten hernach hatten in manchen Ländern Revolutionen stattgefunden. Diese Umwälzungen hatten zahlreiche Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben. Es gab also Emigranten vieler Nationen. Die deutsche Emigration war zerklüfteter als jede andere. Es gab unter den deutschen Exilanten zahlreiche, die um ihrer politischen Gesinnung willen hatten fliehen. müssen, und es gab die große Masse derjenigen, die, nur weil sie selber oder ihre Eltern in den standesamtlichen Registern als Juden geführt wurden, sich zur Auswanderung gezwungen gesehen hatten. Es gab viele, Juden und Nichtjuden, die freiwillig gegangen waren, weil sie die Luft des Dritten Reiches einfach nicht mehr hatten atmen können, und andere, die für ihr Leben gern in Deutschland geblieben wären, hätte man sie dort nur auf irgendeine Art ihren Lebensunterhalt verdienen lassen. Aber eben das war einer der wesentlichsten Punkte des nationalsozialistischen Programms und eigentlich der einzige, der sich verwirklichen ließ den politischen Gegnern, den persönlichen Feinden oder Konkurrenten der neuen Herren und den als Juden Eingetragenen die Lebensmöglichkeit zu nehmen, auf daß sie krepierten wie die Fische eines austrocknenden Gewässers. Viele der deutschen Emigranten waren eingekerkert gewesen, mißhandelt, gedemütigt, schikaniert, viele hatten Freunde und Verwandte, die in Deutschland umgekommen waren, viele arbeiteten außerhalb der Reichsgrenzen am Sturz des verhaẞten Regimes. Aber es gab auch solche, die mit der neuen Herrschaft einverstanden waren, die nie gefühlt, ja kaum gewußt hatten, daß sie Juden waren, und die, nachdem sie sich plötzlich infolge irgend227 einer standesamtlichen Eintragung als Juden und somit als minderwertig abgestempelt sahen, nur sehr gegen ihren Willen aus ihrer vielhundertjährigen Heimat vertrieben worden waren. Es gab also unter diesen Exilanten Menschen jeder Art, solche, die ihre Gesinnung und solche, die einfach ihre Geburtsurkunde oder irgendein anderer Zufall aus Deutschland getrieben hatte; es gab freiwillige, und es gab Muß- Emigranten. Auch gab es unter den hundertfünfzigtausend aus Deutschland Verjagten nicht nur Menschen jeder politischen Gesinnung, sondern auch jeder sozialen Stellung und jedes Charakters. Jetzt, ob sie wollten oder nicht, bekamen sie alle die gleiche Etikette aufgeklebt, wurden sie alle im gleichen Topf gekocht. Sie waren in erster Linie Emigranten und erst in zweiter, was sie wirklich waren. Viele sträubten sich gegen eine so äußerliche Einordnung, doch es half ihnen nichts. Die Gruppe war nun einmal da, sie gehörten dazu, die Verknüpfung erwies sich als unlösbar. Für die meisten bedeutete die freiwillige oder erzwungene Flucht aus Deutschland Preisgabe ihrer Stellung und ihres Vermögens. Denn die Stellung mußte aufgegeben, das Geld zurückgelassen werden. Womit sonst hätte die regierende Partei die Versprechungen halten können, die sie ihren Mitgliedern gemacht hatte, bevor sie ans Ruder kam? So lebten also die deutschen Emigranten zumeist in Dürftigkeit. Es gab Ärzte und Rechtsanwälte, die mit Krawatten hausierten, Bureauarbeit verrichteten oder sonstwie, illegal, von der Polizei gehetzt, ihr Wissen an den Mann zu bringen suchten. Es gab Frauen mit Hochschulbildung, die als Verkäuferinnen, Dienstmädchen, Masseusen ihr Brot verdienten. Wohin immer diese trüben Gäste kamen, waren sie unerwünscht. Der Erdboden und die Arbeit waren verteilt unter Nationen, unter politische und gesellschaftliche Cliquen. Infolge planloser Produktion und sinnloser Ver228 teilung hungerte ein großer Teil der Bevölkerung des Planeten bei gefüllten Vorratskammern und standen trotz Warenhungers und Arbeiterandrangs viele Maschinen still. Länder, in denen neue, fähige Menschen willkommen gewesen wären, gab es nicht mehr. Vielmehr wurden die fremden Kömmlinge, die Brot und Arbeit wollten, überall mit scheelen Augen angesehen. Man erlaubte ihnen nicht, zu arbeiten, kaum zu atmen. Man verlangte ,, Papiere" von ihnen, Ausweise. Die hatten sie nicht, oder was sie hatten, genügte nicht. Manche waren geflohen, ohne Papiere mitnehmen zu können, die Pässe der meisten liefen allmählich ab und wurden von den Behörden des Dritten Reiches nicht erneuert. So hatten es diese Exilanten schwer, bestätigt zu bekommen, daß sie waren, wer sie waren. Das war manchen Ländern ein gelegener Vorwand, sie abzuschieben. Es kam vor, daß Menschen ohne jegliches Papier eines Nachts von den Gendarmen eines Landes heimlich über die Grenze des Nachbarlandes und in der nächsten Nacht von den Gendarmen des Nachbarlandes ebenso heimlich wieder zurückgebracht wurden. Den wenigsten bekamen die Leiden, die sie durchzumachen hatten. Denn es ist so, daß Leiden nur den Starken stärker, den Schwachen aber schwächer macht. Das alte Deutsch kennt für den Vertriebenen, für den Exilanten, zwei Worte: das Wort ,, Recke", das nichts anderes bedeutet als eben Vertriebener, Geächteter, und das Wort ,, Elend", das wiederum den Mann ohne Land, den aus dem Land Gestoßenen bedeutet. So bezeichnet die Weisheit der deutschen Sprache die beiden Pole, die das Wesen des Emigranten begrenzen. Unter den deutschen Emigranten wurden die meisten Elende und nicht sehr viele Recken; denn Gesinnung, Prinzipientreue sind Güter, auf die man leichter verzichtet als auf das tägliche Brot und auf die Butter darauf, und wenn es sich darum handelt, Ballast über Bord zu werfen, muß die Moral am ehesten daran 16.045 229 glauben. Viele von den Emigranten verkamen. Ihre schlechten Eigenschaften, im Wohlstand versteckt und behütet, drangen zutage, ihre guten schlugen um. Wer vorsichtig gewesen war, wurde feig, der Mutige verbrecherisch, der Sparsame geizig, Großzügigkeit wurde Hochstapelei. Die meisten wurden ichbesessen, verloren Urteil und Maß, unterschieden nicht mehr zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem, ihr Elend wurde ihnen Rechtfertigung für Zügellosigkeit und Willkür. Auch wurden sie jammerselig und zänkisch. Aus sicheren Verhältnissen ins Unsichere gestoßen, verzappelten sie sich, wurden frech und servil zugleich, streitsüchtig, anspruchsvoll, besserwisserisch. Sie wurden wie Früchte, die man zu früh vom Baum gerissen hat, nicht reif, sondern trocken und holzig. Je ranziger ihre Hoffnung wurde auf Rückkehr in die Heimat oder zumindest auf gesicherte Verhältnisse, um so tiefer ließen sie sich fallen. Manchen wurde es zu einer Schande, Emigrant zu sein, sie versuchten ängstlich, es zu verbergen, natürlich umsonst. Andere, gerade weil ihnen nichts blieb als ihr Emigrantentum, trugen es arrogant zur Schau und leiteten immer höhere Ansprüche daraus her. War nicht Hannibal Emigrant gewesen, Dante, Victor Hugo, Richard Wagner, Lenin, Masaryk? Sie vergaßen, daß auch der kleine Weißrusse Maximow zu den Emigranten gehörte, der sich vor dem Montmartre- Lokal Koltschak" als Türsteher und Zuhälter betätigte, und Herr Rosenbaum, der einem kunstseidene Krawatten als reinseidene aufzuschwindeln suchte, und Herr Lembke, der damit umging, sich der deutschen Staatspolizei als Spitzel anzubieten. وو Man liebte sie nicht, die deutschen Emigranten, sie mußten, diese Fremden, ihren Umgang zumeist untereinander suchen. Da entlud sich denn häufig ihr Elend und ihre Verzweiflung in läppischem, kleinlichem Gezänk, einer rieb sich am andern, man sah unbewußt im andern das eigene Bild und beschimpfte in der Kleinheit des andern 230 die eigene Unzulänglichkeit. Alle wollten sie das gleiche: Pässe, Arbeitserlaubnis, Geld, eine neue Heimat, am liebsten Rückkehr in die alte, befreite. Doch die Gründe, warum sie das wollten, die Zwecke, wozu und die Wege, wie sie es erreichen wollten, waren sehr verschieden, und was dem einen herrlich schien, war dem andern ein Greuel. So zerrieben sich durch die ständige Nähe selbst solche, die das gleiche innere Schicksal und die gleichen Ziele hatten, und einer erlebte Enttäuschungen am andern. Es gab Haß, manchmal Todfeindschaft unter den Emi- granten, und mehr oder minder guten Glaubens, verdäch- tigte einer den andern der Lässigkeit oder der Verräterei an der gemeinsamen Sache. Ja, Exil zerrieb, machte klein/und elend; aber Exil härtete auch und machte groß, reckenhaft. Das Leben des Bodenständigen, des Seßhaften verlangt und verleiht an- dere Tugenden als das Dasein des Nomaden, des Frei- zügigen. Im Zeitalter der Maschine aber, im Zeitalter, da die Maschine den größern Teil der Bauern überflüssig macht, sind die Tugenden des Freizügigen für die Gesell- schaft zumindest ebenso wichtig wie die des Seßhaften und geeigneter für den, der sich sein Leben täglich neu er- kämpfen muß. Der Emigrant hatte weniger Rechte als die andern, aber viele Beschränkungen, Pflichten und Vor- urteile der andern fielen von ihm ab. Er wurde wendiger, schneller, geschmeidiger, härter.„Walzender Stein wird nicht moosig“, heißt es bei dem alten Sebastian Franck, ein Stein, der bewegt wird, setzt kein Moos an. Was diesem deutschen Schriftsteller offenbar als Vorzug galt. Viele engte das Exil ein, aber den Bessern gab es mehr Weite, Elastizität, es gab ihnen Blick für das Große, We- sentliche, und lehrte sie, nicht arm Unwesentlichen zu haften. Menschen, von New York nach Moskau geworfen und von Stockholm nach Kapstadt, mußten, wenn sie nicht umkommen wollten, über mehr Dinge nachdenken und tiefer in diese Dinge hineinschauen als solche, die ihr Leben 18° 231 lang in ihrem Berliner Bureau festhockten. Viele von diesen Emigranten wurden innerlich reifer, erneuerten sich, wurden jünger: jenes ,, Stirb und werde", das den Menschen aus einem trüben zu einem frohen Gast dieser Erde macht, wurde ihnen Erlebnis und Besitz. An diese Emigranten klammerten sich viele Hoffnungen innerhalb und außerhalb der Grenzen des Dritten Reiches. Diese Vertriebenen, glaubte man, seien berufen und auserwählt, die Barbaren zu vertreiben, die sich ihrer Heimat bemächtigt. 232 JOHANNES R. BECHER 1938 Trinklied Wir haben zusammen getrunken Den herben georgischen Wein. Wir saßen, in uns versunken, Und schauten nach Deutschland hinein. Wir sahen den Main und die Hügel, Die fränkischen, blühend und rund, Wir sahen sich drehen die Flügel Der Mühlen am Meer bei Stralsund. Es machte die Sehnsucht die Runde, Doch sprachen kein Wort wir dabei: O käm sie uns bald, die Stunde, Da Deutschland für immer wird frei. Vom Glück, dich bald wiederzusehen, Hat trunken wohl jeder geträumt. Wir konnten jetzt gut verstehen, Was damals wir alles versäumt. Es wurde das Schweigen zum Singen. Wer stimmte von ferne mit ein?!... Wir lobten beim Gläserklingen Den herben georgischen Wein. Wir haben das Land hochgepriesen, Das freie und heilige Land: Als sie aus dem Reich uns stießen, Uns dort eine Heimat erstand... 233 Vom Winde war sanft sie durchwoben, Der Sommernacht glitzernde Ruh. Ihr Brüder, das Glas erhoben! Wir trinken den Toten jetzt zu. Es war uns, als blitzte von Sternen Das Glas, darum sei es geweiht Als letztes: Dir, Volk, dem fernen! Euch Kündern der nahenden Zeit! BERTOLT BRECHT 1938 Auf den Tod eines Kämpfers für den Frieden Der sich nicht ergeben hat Ist erschlagen worden Der erschlagen wurde Hat sich nicht ergeben. Der Mund des Warners Ist mit Erde zugestopft. Das blutige Abenteuer Beginnt. Über das Grab des Friedensfreundes Stampfen die Bataillone. War der Kampf also vergebens? Wenn der nicht allein gekämpft hat, erschlagen ist Hat der Feind Noch nicht gesiegt. 235 BERTOLT BRECHT 1938 Deutsche Satiren Für den deutschen Freiheitssender I Die Ängste des Regimes Ein fremder Reisender, aus dem Dritten Reich zurückgekehrt und befragt, wer dort in Wahrheit herrsche, antwortete: die Furcht. 2 Angstvoll hält der Gelehrte mitten im Disput ein und betrachtet erblaẞt die dünnen Wände seiner Studierstube. Der Lehrer liegt schlaflos, nachgrübelnd über ein dunkles Wort, das der Inspektor hingeworfen hat. Die Greisin im Spezereiladen legt die zitternden Finger an den Mund, zurückzuhalten das zornige Wort über das schlechte Mehl. Angstvoll blickt der Arzt auf die Würgmale seines Patienten, voller Angst sehen die Eltern auf ihre Kinder wie auf Verräter. Selbst die Sterbenden dämpfen noch die versagende Stimme, wenn sie sich von ihren Verwandten verabschieden. 3 Aber auch die Braunhemden selber fürchten den Mann, dessen Arm nicht hochfliegt und erschrecken vor dem, der ihnen einen guten Morgen wünscht. 236 Die hohen Stimmen der Kommandierenden|| sind von Angst erfüllt wie das Quieken der Ferkel, die das Schlachtmesser erwarten und die feisten Ärsche schwitzen Angst in den Bureausesseln. Von Angst getrieben brechen sie in die Wohnungen und suchen in den Klosetts- nach und Angst ist es die sie ganze Bibliotheken verbrennen läßt. So| beherrscht die Furcht nicht nur die Beherrschten, sondern auch die Herrschenden. 4 Warum fürchten sie so sehr das offene Wort?. ı 5 Angesichts der gewaltigen Macht des Regimes seiner Lager und Folterkeller seiner wohlgefütterten Polizisten eingeschüchterter oder bestochener Richter seiner Kartotheken mit den Listen Verdächtiger die ganze Gebäude bis unters Dach ausfüllen sollte man glauben, daß es das offene Wort eines einfachen Mannes nicht zu fürchten hätte. Aber ihr Drittes Reich erinnert i an den Bau des Assyriers Tar, jene gewaltige Festung die, so lautet die Sage, von keinem Heer genommen werden konnte, die aber durch ein einziges lautes Wort, im Innern gesprochen, in Staub zerfiel. FRITZ VON UNRUH 1938 Vorspruch Des Eichenbaums in Hildesheim| gedenk ich, der vor tausend Jahren als stäubchenkleiner Samenkeim auf einem Sarg herangefahren in eine Gruft mit eingeschlossen für alle Zeit begraben schien. Doch schon nach kurzem Winter sprossen aus dem gesteinten Deckel— grün die ersten Blättchen rührend rein. Dem weißen Kirchhofseck zum Trotz erhob es sich, noch elfenfein, keck aus dem goldnen Marmorprotz. Senkt’ in den Schädel des Tyrannen sein Wurzelfäserchen— und wuchs! Aus der Verwesung dunklen Wannen, nicht umzubringen gläubig— trug’s den Tod verwandelnd durch sein Leben, des Atmens Krone hoch und höher— Die kalten Felsenwände beben! Dem Licht entgegen näher, näher- entwickelt es jetzt Stamm und Kraft!’ Der schwere Sarkophag zerplatzt vor diesem süßen, jungen Saft— und während der Leichenspuk zerfratzt, durchdrängt es den granitnen Spalt mit seinem wilden Freiheitsdrang! Entfaltet einen Blätterwald- läßt sich durch zwitschern von Gesang- Dies Samenkorn im Sarg der Zeiten bist du, mein Volk, bewege dich! Laß dich von Stern und Freiheit leiten! Was dich umfesselt- das zerbrich! 239 EDUARD CLAUDIUS Mensch auf der Grenze ,, Zeigen Sie mir Ihre Papiere!" sagte der Mann. Menschen auf der Straße gingen an uns vorüber. Er und ich, wir standen in diesem Strom. ,, Sie haben keine Papiere?" fragte mich der Mann. Ich griff in meine Taschen, trotzdem ich wußte, daß ich keine Papiere hatte. Und der Polizist trug eine Uniform, irgendeine Uniform mit goldglänzenden Knöpfen. Er nahm mich mit. Ihm sah man an, daß er ein Polizist war, mir aber nicht, daß ich ein Emigrant war. Mensch ohne Papiere! In den Augen der Menschen konnte ich ein Dieb, ein Vagabund oder auch ein Mörder sein. Der Polizist brachte mich auf die Polizeiwache. Ich sah noch die mißtrauischen Augen der Vorübergehenden vor mir. ,, Ziehen Sie sich aus!" befahl mir der Polizist. Ich stand dann nackt vor ihm. Meine Haut war mir zu weit geworden, und sie sah wie ein verschlissener Anzug aus, der einem zu weit geworden ist. Man sah mir nicht an, daß ich in einem Haus mit dem Blick auf einen Wald gelebt hatte. Meine Haut schlampte weit und faltig über die Knochen. Die Wanderung durch die Länder! ,, Ihr Name?" Wann geboren?"... Wo?"... ,, Wie lange sind Sie von der Heimat weg?"... Ich antwortete. Die Tage ohne Heimat waren wie Steine auf meinem Herz. ,, Und wie wollen Sie das beweisen?" fragte der Polizist. Ich stand vor ihm, nackt, ohne Kleider, ohne Papiere. Ein Mensch ohne Papiere! Und der Mensch in der Uniform... Bis jetzt war mir ein Mensch ein Mensch gewesen. Seine Kleider... Nun sah ich einen Menschen in einer Uniform. ,, Aber ich bin doch..." begann ich zu stottern, und wollte sagen, ,, ich bin doch da." Aber er unterbrach mich, hieß mich anziehen, lächelnd, und er hatte ein Menschengesicht, das man vielleicht des Abends im Freien einer Gasse, hinter دو ... 240 einem Fenster, ausschauhaltend nach dem Leben, sieht. Aber mich nahm er mit, auf einen Bahnhof, von dem aus Züge ins Land hinein und Züge zur Grenze, zum Land hinaus fuhren. Und in diesen Zug brachte er mich, in ein Abteil, das ich für mich allein hatte und dessen Fenster vergittert waren. Ich sah durch die Gitter, sah das Land, Bäume, Wiesen, Hütten an Wegen, und hatte keinen Teil an ihnen. An einer Station hielt der Zug. Ich sah zum Fenster hinaus und Arbeiter werkten. Als sie mich sahen, zeigten sie auf mich. Hinter Gittern! Einer kam und brachte mir eine Zigarette. Er lächelte dazu, und seine Hand war breit und schmutzig, und sein Lächeln wie das eines Kindes. ,, Nimm!" sagte er. Und ging, mit blauen Arbeitskleidern angetan, zu seinen Kameraden. Und ich sah durch die Gitter, und der Himmel war mittlerweile vom Wind blau gewaschen worden. " An der Grenzstation schloß mir ein Polizist die Tür auf und holte mich aus dem Abteil. Er brachte mich durch Felder zur Grenze. ,, Dorthin gehen Sie", zeigte er hinüber. Dort war eine Wiese, weit am Horizont rauchte ein Schornstein, hier war eine Wiese, und hier rauchte auch ein Schornstein, aber es waren zwei verschiedene Länder. Hier bei mir stand ein Polizist, dort, im andern Land, stand auch ein Polizist. Wartete er auf mich? ,, Gehen Sie!" befahl mir der eine. Ich ging von einer Wiese zur andern. Wo wollen Sie hin? Gehen Sie zurück!" befahl mir auf der andern Wiese, in dem andern Land, der Polizist. Auf einem Lappen Land bückte sich ein Bauer arbeitend der Erde zu. Hinter mir hörte ich eine Stimme sagen:", Warum schickt ihr ihn weg?" Ein Mensch in einem blauen Arbeitsanzug. Ich ging von Land zu Land, da keiner der Polizisten mich haben wollte. ,, Wo soll er denn hin?" hörte ich den Bauer fragen. Und als ich wieder in das Land zurückkam, aus dem ich gekommen, gab mir der Arbeiter etwas in die Hand, Geld, oder so was. Und der Bauer, im andern Land, sagte: ,, Wo soll er denn hin? Er 241 ist doch ein Mensch, irgendwo muß er doch sein!" Und als ich wieder zurück wollte, nein, mußte, ließ mich der Polizist nicht mehr in sein Land. Und der andere... Ich stand mitten auf der Grenze! Dort ein Polizist, hier ein Polizist, dort ein Bauer, hier ein Arbeiter, alles Menschen, und ich, ich stand auf der Grenze, auch ein Mensch. Und ich setzte mich, mitten auf die Grenze. Müde! Meine Augen, meine Ohren, meine Arme, meine Beine, mein Herz! Und ich sah einen dünnen schwarzen Strich, nun, da Abend wurde. Die Grenze! Und der Strich zog sich um die Länder. Und ich saß auf der Grenze, während der Tag in einem goldenen Abgrund hinter dem Horizont versank. Und Dämmerung wurde. Mir war, als sähe ich die Polizisten weggehen, aber dann waren sie alle beide bei mir. Und die Grenze wurde schwärzer, begann mich zu schmerzen. Sie hatte einen Gürtel von Stacheldraht bekommen, und ich lag auf dem Stacheldraht, und die spitzen, metallenen Stacheln bohrten sich in meinen Leib, bis in die Eingeweide hinein. Einer der Polizisten packte mich am linken Arm und am linken Fuß, und der andere packte mich auf der anderen Seite, und jeder schrie: ,, Hier kannst du nicht bleiben!" Sie zogen mich ein Stück weiter, über den Stacheldrahtgürtel. Es zerriẞ mir die Eingeweide, nicht darum, weil sie mich über die Grenze zerrten, sondern weil ich nirgendwo bleiben konnte. Wer kann auch zwischen den Ländern bleiben? Und sie zerrten mich weiter über die Grenze, ein Tal hinab, über einen Berg, durch eine Wiese, einen Wald, immer rutschte ich dabei über den Stacheldraht. Und meine Augen sahen mehr Täler und mehr Wälder und Wiesen, als die, über die sie mich zerrten, und meine Augen sahen auch das Haus, in dem ich meines Lebens beste Tage verbracht hatte. Aber.. da hatte ich auch nicht bleiben können. ,, Was kann ich tun, um mein Haus wiederzubekommen?" fragte ich, voll der Schmerzen, einen der Polizisten. Aber sie gaben keine Antwort, sie zerrten mich weiter, und die Welt schien nur aus Grenzen 242 zu bestehen. In einem Wald ließen sie mich dann liegen, wund, die Glieder schmerzend. Und wach muß ich geworden sein vom Wind, der gegen Abend aufkam. Die Polizisten sah ich nicht mehr. Ein Gesicht beugte sich über mich, und es war das Gesicht des Arbeiters, und da mich fror, zog er seine Jacke aus und legte sie über mich. Und auf meiner andern Seite stand der Bauer, und seine Hände gaben mir Brot. Meine Blöße und mein Hunger! ,, Du kannst hier nicht bleiben“, sagte der Arbeiter ,,, es wird Nacht!" Sie waren beide Menschen. ,, Du kannst hier nicht bleiben", sagte der Bauer ,,, nachts wird es kalt." Und ich, ich war auch ein Mensch. Und ich wußte wieder, daß man mit trockenen Augen starren kann, und einem doch ist, als weine man. ,, Komm mit", sagte der Arbeiter. ,, Komm mit", sagte der Bauer ,,, es wird sich schon Platz finden." Und ich wußte wieder, wie einem ist, wenn man auf die Zähne beißen muß, um nicht... um nicht... Menschen! 243 FRITZ VON UNRUH 1938 Der Flüchtling Er spielte an der Spree den Marquis Posa— „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!‘“— Flieht zerprügelt vom Pogrom dann nach Arosa— Trotz der zerquetschten Lunge aber zieht der Emigrant vom Büttel ausgewiesen durch erste Frühlingsblüten wie ein Dieb- fiebergeschüttelt von den Gletscherbrisen nach Frankreich. Doch ein neuer Häscherhieb jagt ihn nach Belgien. Tags in den Ardennen bei Tier und Angst vor Polizei versteckt, läuft er des Nachts, daß ihn die Sohlen brennen— wohin? wohin? ihm ist kein Tisch gedeckt. Zum Horizont träumt er mit hohlem Magen— Dort wo der Mohn so rot, vielleicht glüht da ein Menschenherz?„Mut! Mut!... ich will es wagen“... Er hinkt, er läuft, er hofft— nun ist er nah— Statt des Erbarmens heiliger Hände greifen nach wüster Flucht ihn drei Gendarmen auf. Das Dorf entlang an vollen Küchen schleifen sie den„Verbrecher“ vorm Revolverlauf bis zum Gefängnis:„Einen Monat Buße! weil er unangemeldet leben wollt!“— Nun hat er hinter Gitterstäben Muße, zu sinnen, wie Fortunas Kugel rollt... Der Sommer duftet, Klee und Weizenernte... - Im Schnitterlied erwacht ein holdes Bild: Die Heimat sieht er Ach! die weit entfernte! - Und Heimweh wühlt! doch welcher Heimat gilt sein Tränenschauer? Vater, Mutter liegen zerzaust, erschlagen irgendwo im Schutt- Statt Sohnesküsse- überkrabbeln Fliegen ehrwürdige Form! ,, Ein überflüss'ger Jud"- kaut er das trockne Brot und zählt die Flöhe- Der Mond wird voll, nimmt ab die Zeit ist um. - Man führt ihn zu der Grenze auf die Höhe- zeigt den Revolver: ,, Marsch! sonst macht es bum!" Wohin? wohin? o hohes Blau, o Himmel! Nach Deutschland! Nein! das wär der Schlachthaustod.- Entführe mich auf deinem Wolkenschimmel! Wohin? wohin? aus der durchhetzten Not... Und wieder schleicht er heimlich mit Gespenstern zur Nebelstunde ein in Rousseaus Land. Als die Aurora spiegelt in den Fenstern von Bauernhäusern- hebt er seine Hand - - begrüßt im Licht die Heimatlosen, Toten. von Tyrannei Zertretenen! Hört die Uhr im Kirchturm rufen wie des Schicksals Boten- und murmelt leise einen Freiheitsschwur. Dann wandert er, am Tag versteckt in Wäldern, bei Tier und Angst.- Des Nachts längs der Chaussee auf schattenschweren, tauverklebten Feldern- Ihn fliehen Sterne, Hasen, Mond und Reh... 17.045 245 Als er Paris sieht- fallen schon die Blätter- Herbstlich umfriert es seine wunde Brust- Der Eiffelturm erscheint ihm wie ein Retter- Des Lebens Dunstkreis faßt nach ihm wie Lust! Er stiehlt sich in die ersten Straßen, zitternd, daß ihn kein Wachmann sieht.- Rennt kreuz und quer- Mit allen seinen Sinnen Leben witternd, dreht er die Taschen um- doch sie sind leer. - - Ein Bettler, bartverwildert, irrt er-irrt er- von Bar zu Bar.- Ergattert wo was liegt- Treibt ihn der Hunger- girrt er, girrt er, girrt er schauspielerhaft! und dankt wenn er was kriegt. Nachts unter Brücken mit den Allerärmsten hüllt er sich im November in Papier.- Träumt von' nem Bett! dem allerwärmsten- und schauert zu der Seine: ach,- ich frier... Von einer Radpatrouille angeblendet,' blinzelt er in das satte Dienstgesicht... ,, Sein Aufenthalt ist vorschriftsklar beendet!"- Neu ausgewiesen, hebt er in das Licht die magre Hand- beschwört die Menschenrechte! Ruft die Erinnerung großer Tage an! Bastillestürmer! Freiheitstrunkne Nächte- Doch die Patrouille führt den müden Mann zum Polizeirevier. Verhör, Befehle- Zur Schweizer Grenze fährt er wiedrum hin- Zerfetzt, verhungert, wirr von dem Gequäle verdunkelt sich allmählich nun sein Sinn. 246 Und während der Bürger„fröhlich Weihnacht“ feiert— wird dieser Flüchtling todkrank durch den Schnee der Schweizer Pässe hoffnungsausgeleiert den Weg sich suchen— bis ihn an dem See der Wächter wiedrum fängt. Und in der Zelle die„Stille Nacht‘ den Sterbenden umgibt... Daß solch Geschlecht der Höllenhund verbelle! wo Mensch nicht mehr den Gott im Menschen liebt. Weihnachten 1938 JULIUS ZERFASS An die Heimat Manchmal in den Träumen kehr ich noch zu dir zurück und ich fühle mich zu Hause. und ich bin von dir ein Stück - in den Träumen. Manchmal, wenn Beklemmung mich in ihre Enge krallt, sind mir plötzlich deine Fluren lichter Kindheitsaufenthalt. Manchmal such ich Zuflucht unter väterlichem Dach und mich birgt der Schoß der Mutter, Vaters feste Hand blieb wach. Manchmal bin ich Jüngling und ich wandre unbeschwert durch das Land mit Freunden, seh es frei und hochgeehrt. Manchmal in den Träumen ist, was gut war, wieder gut und ich liebe, was ich liebte, und ich habe vollen Mut. Doch wenn ich erwache, werd ich jäh und grell gewahr, daß die Heimat nur ein Wunschbild, nur ein weh Verlangen war - in den Träumen. 248 ELSE LASKER-SCHÜLER 1938 Es kommt der Abend Es kommt der Abend und ich tauche in die Sterne Daß ich den Weg zur Heimat im Gemüte nicht verlerne Umflorte sich auch längst mein armes Land. Es ruhen unsere Herzen liebverwandt, Gepaart in einer Schale: Weiße Mandelkerne. ... Ich weiß, du hältst wie früher meine Hand Verwunschen in der Ewigkeit der Ferne... Ach meine Seele rauschte, als dein Mund es mir gestand. - THOMAS MANN 1938 Aus: Dieser Friede Unsinn, du siegst... Aber wir brauchen uns deshalb nicht als Untergehende zu fühlen. Geist und Vernunft, seit manchen tausend Jahren gewöhnt, daß es nicht nach ihnen geht auf Erden, sind wahrhaftig nicht widerlegt, geschlagen. und Lügen gestraft durch einen so absurden Sieg. Es geht auch so es geht immer auch so; aber das will nicht sagen, daß man zu Unrecht gewünscht hätte, es möchte anders gehen. Gegen etwas wie Hitler behält man immer recht, es gehe damit aus wie immer. Der Weg, den die ,, Geschichte" eingeschlagen, war dermaßen schmutzig, er war ein solcher Äserweg der Lüge und Gemeinheit, daß kein Mensch sich der Weigerung zu schämen braucht, ihn mitzugehen. Wer weiß denn auch, ob er nicht noch durch solche Greuel führt, daß alle Rechtfertigung unser ist? - Fürchtet euch nicht! Wahrheit und Vernunft mögen im Äußeren unterdrückt sein für eine schwarze Weile, in uns bleiben sie ewig frei, und aus der heiteren Höhe der Kunst mag der Geist des siegenden Unsinns spotten, nicht allein und verlassen, sondern im sicheren Bunde mit allen Besten. 250 FRIEDRICH WOLF 1938 Lied der Illegalen Hunderttausend Füße gehen in der Nacht, Hunderttausend Hände graben an einem Schacht, Tief ist der Schacht, ihr hört uns nicht, Wir haben keine Stimme, wir haben kein Gesicht. Der Mond ist eine Fackel, die Wolke löscht sie aus, Die Nacht ist unsre Heimat, die Nacht ist unser Haus, Wir ziehen stumm auf unsere Schicht, Wir haben keine Stimme, wir haben kein Gesicht. Wir fragen nicht: Wie lange? und nicht: Wann wird es sein? Wir graben immer weiter uns durch den dunklen Stein; Und sehn auch viele Tausend nicht mehr das Tageslicht, Grad diese Tausend sitzen einst droben zu Gericht. 7 251 ERICH WEINERT 1938 Abschied von der Front Lebt wohl, Kameraden! Einmal noch die Hand, Kastilier, Andalusier, Katalanen! Nehmt unsern letzten Gruß! Nehmt unsere Fahnen Und tragt sie mit den euren durch das Land Im Geist der Bruderschaft, die uns verband. Wie schön der Tag, als wir mit hartem Schritt, Ein Aufgebot aus vielen Vaterländern, In hundert Sprachen sangen durch Madrid, Von Blumen überwogt und roten Bändern! Da klang Madrid, und ganz Madrid zog Zwei heiße Jahre Sieg und Widerstand! mit! Wir gingen treu mit euch durch Blut und Flammen. Das bleibt in allen Herzen eingebrannt. Mit unsern Leibern hielten wir das Land. So lebten wir, so starben wir zusammen! In dieser letzten Stunde laßt uns nun Von den gefallenen Brüdern Abschied nehmen, Die überall in Spaniens Erde ruhn! Das ist kein Klagelied, wenn wir uns grämen; Wir brauchen uns der Tränen nicht zu schämen. Wir gehn zurück in eine andere Welt, Als Partisanen, nicht als Veteranen. Wir bleiben weiter unter unsern Fahnen. Und wo der Feind sich auch entgegenstellt: Der Kampf geht weiter! Bis die Festung fällt! 252 MAX HERRMANN- NEISSE 1938 Auf Abbruch Immer wieder wie auf Abbruch wohnen, zwischen Koffern, die man nie ganz leert, in Hotels und billigen Pensionen, wo das Herz vor Heimweh sich verzehrt, unbehauster als die Zirkusleute, deren Heim auf Rädern um sie bleibt, doch was uns im eigenen erfreute, ist nicht fremden Räumen einverleibt, diesen schlecht beleuchteten Verschlägen voller Küchendunst und Gasgeruch, mit der Kost für lebensmüde Mägen und den Wänden ohne Bild und Buch. Plötzlich wirst du es nicht mehr ertragen und an irgendeinem Zufallsort dich noch einmal festzusetzen wagen, so als jagte nichts dich fürder fort, wirst du ein paar leere Zimmer mieten, auf dem Trödelmarkt erfeilschter Tand soll dir einen Schein der Bleibe bieten, mit dem Bild der Heimat an der Wand, jener Heimat, die dich doch verbannte und heut nichts mehr von dir wissen mag, wo einst mancher deinen Freund sich nannte, nie vergaß auf deinen Namenstag, jeden Mittwoch im Hotel zur Krone dich erwartete zum Dauerskat, wünschte dich sogar zum Schwiegersohne, holte sich bei dir vertraulich Rat. Heimlich hoffst du, daß im fremden Lande dir allmählich Ähnliches gelingt, neue Gunst mit dauerhaftem Bande unbedingter Freundschaft dich umschlingt. 253 Doch du bleibst durchaus mit deinesgleichen unentrinnbar fremd und sehr allein, harrst der Wunder, die dich nie erreichen, und wirst weiter dein Geschick beschrein. Langsam sammelt sich in deinen Schränken wieder eine kleine Bücherei;\ doch ein Mangel wird dich immer kränken: deine Lieblinge sind nicht dabei. Gäste kommen, die dich sehr beneiden, weil du eine eigne Wohnung hast. Nur der Eine wird dich immer meiden, der von dir so heiß ersehnte Gast, der dich früher in der Heimat ehrte, schüchtern stolz an deinem Tische saß, aber hier jetzt, wo sein Ruhm sich mehrte und der deine tot ist, dich vergaß. Alles dieses kannst du schwer verwinden, immer wieder macht es dich verstört.« Dennoch wirst du schließlich Frieden finden in dem kleinen Reich, das dir gehört, der Musik des Alls im Rundfunk lauschen, einen Hund besitzen, der dich liebt, manchmal sanft mit Rotwein dich berauschen, dankbar, daß es diesen Trost noch gibt. Aber wenn du endlich abgefunden, so dich fügst in alles fremde Tun, hast die Heimatsüchte überwunden und gedenkst, getrost hier auszuruhn, dein bescheidnes Dämmern zu genießen, mit dem Ungewohnten schon bekannt, willig, hier dein Leben zu beschließen als in einem neuen Vaterland, wird ein amtlich unnahbares Schreiben dich mit höflich tödlichem Bescheid aus dem kaum gewärmten Nest vertreiben, ungerührt von Harm und Herzeleid. 254. Wieder mußt du durch die Welten fahren, überall verfemt und abgelehnt, auch in deinen letzten Lebensjahren ohne das, wonach dein Sinn sich sehnt, dort noch, wo sie dir ein Obdach geben, flüchtig nur geduldet, unbekannt, immer scheu und wie auf Abbruch leben, bis es aus dem Leben dich verbannt. 255 HEINRICH MANN 1939 Über Goethe ... Goethe kann in diesem Deutschland nicht mehr mit einfacher Hingabe gelesen werden. Dem Leser schlägt das Gewissen, und Fragen beunruhigen ihn. Er sieht: Hier ist ein vollkommen freier Geist- folgte immer seinem inneren Gesetz, das Wahrheit und Menschlichkeit war. Er fragt: Bei uns aber ist die Humanität eine Schande geworden? Unerlaubte Wahrheiten zu denken führt ins Verderben? Er sieht: Hier ist ein Weltbürger, der Erfinder des Begriffs , Weltliteratur", der Verehrer eines Kaisers, der kein Deutscher war, der Freund Frankreichs. Er fragt: Dies alles sollte heute verbrecherisch sein? Wir sollen der Feind der meisten Völker sein, wenn nicht aller, und lesen können wir kaum noch unsere eigene, ererbte Literatur? 99 Das gerade verwundert den jungen gutwilligen Menschen, der seine Lage und die Lage seines Landes bedenkt. Da er und das Land die Freiheit nicht haben, wird ihm um so eher bewußt, daß die klassische Literatur der Deutschen, von Herder bis Hölderlin, eigentlich ein einziger Hymnus an die Freiheit ist. Wie wär es denn anders? Humanismus und Freiheit setzen einander voraus und folgen aufeinander. Was in Deutschland überhaupt bestanden hat an politischer Freiheit, Menschenrecht und nationaler Würde, kann gar nicht fortgedacht werden von unseren Denkern und Dichtern. Wer Würde, Recht und Freiheit aufhebt, trennt die Nation von ihren Besten. Da habt ihr den Grund, falls er euch nicht bekannt wäre, Studenten, warum ihr Goethe nur mit Unruhe lest... ,, Glauben Sie ja nicht, daß ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen Freiheit, Volk, Vaterland." Das ist Goethe und das sind jederzeit und trotz allem die Deutschen von Geblüt, da Geblüt keinen anderen Sinn haben 256 kann als den eines edlen und freien Geistes. Volk und Vaterland bedeuten nichts ohne die Freiheit- die Goethe ihnen voranstellt. In demselben Gespräch hat er gesagt, daß Wissenschaft und Kunst der Welt angehören, vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität. Er hat nicht angenommen, diese Schranken könnten dereinst dennoch aufgerichtet werden, und sogar innerhalb der Schranken wäre ihm verboten, nach seinem Gewissen zu erkennen und zu bilden. Er geht weiter: auch der Trost durch Wissenschaft und Kunst ,, ersetzt das stolze Bewußtsein nicht, einem großen, starken, geachteten und gefürchteten Volk anzugehören". Mit anderen Worten: er hätte damals gewünscht, Franzose zu sein. Der Kaiser, sein Freund, forderte ihn auf, seinen Wohnsitz in Paris zu nehmen, und er hat daran gedacht. Nach dem Sieg des deutschen Nationalismus war er verdächtig und hat für sein Leben gefürchtet. Weimar- unterschied sich von einer inneren Emigration nur allenfalls durch die amtlichen Würden des Emigranten. Es gab sein Schicksal öfter hat es seither immer gegeben. Der deutsche Nationalismus verstand es von je, die edlen Geister auszustoßen, und nachgerade tut er mehr. Der deutsche Nationalismus gleicht keinem anderen. Für ihn allein schließen Macht und Freiheit, die staatliche Macht und die menschliche Kultur einander aus. - Angesichts des ,, Reiches", das er niemals ohne Anführungsstriche schrieb, hat Friedrich Nietzsche wörtlich vorhergesagt: ,, Die Deutschen selber haben keine Zukunft"-, was Verzweifelte um so eher jetzt behaupten mögen: wir nicht. Wir glauben mit Goethe an die Zukunft Deutschlands, da es ohne schimpfliche List und ohne billige Gewalttaten wahrhaft stark und weniger gefürchtet als geachtet sein wird. Zu uns spricht Goethe: ,, Ich halte ihn so fest als Sie, diesen Glauben. Ja, das deutsche Volk verspricht eine Zukunft und hat eine Zukunft." 257 JOHANNES R. BECHER 1939 IN Der Jude Il) Er ständ gefangen da in ihrem Haufen.| If„Was bist du?! Sag: Ich— bin ein— Juden— schwein.““ _ Es wurde still. Er hörte nur ein Schnaufen. Wie lange wird es noch so stille sein?! Er horchte, um die Antwort dort zu finden Il] I) In dieser Stille: sag, was bin ich, sag! ni Schon sah er um sich her den Haufen schwinden. Da holte einer aus zum ersten Schlag: „Was— bist- du? Ein- verfluchtes— Juden—“ ‚Nein!‘ Warf der Gefangene sich dem Schlag entgegen. —© würde es noch einmal stille sein. INN) Dann wüßte ich-... Und unter ihren Schlägen Wuchs er empor, und wie er höher ragte Als alle rings, da sah er weit um sich Die Welt. Es war die Welt, die ihn befragte: „Was bist du, sag! Wir alle hören dich.‘“ „Ich bin-, ich— bin— ein—“ O welch jubelnd Glück Dies Wort, es riß ihn los aus ihren Banden! Da wichen sie entsetzt vor ihm zurück, Als sei ein Geist vor ihnen auferstanden— N„Ein— Mensch! Ich- bin— ein— Mensch!“ O neugeboren L Ward hier der Mensch in seiner Folterqual.| il Es brauste seinen Henkern in den Ohren, | Als hörten sie dies Wort zum erstenmal, Und duckten sich, und Schritt für Schritt, so schlichen Sie auf den Menschen in der Mitte zu. Sie maßen ihren Feind, den fürchterlichen. Sie schoben vor das Kinn und knurrten ‚‚du“— „Ich bin ein Mensch!“ So hörten sie ihn schwören. Er hob die Hände, als er niederbrach. „Ich bin ein Mensch!“ Es klang ihm wie in Chören Die eigne Stimme. Klang im Tod ihm nach. BERTOLT BRECHT 1939 An die Nachgeborenen I Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen. Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht, Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde, Die in Not sind? Es ist wahr: Ich verdiene noch meinen Unterhalt. Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. Zufällig bin ich verschont.( Wenn mein Glück aussetzt, Bin ich verloren.) Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn ich es demHungernden Entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich. Ich wäre gern auch weise. In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit 260 Ohne Furcht verbringen, Auch ohne Gewalt auskommen, Böses mit Gutem vergelten, Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise. Alles das kann ich nicht: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! II In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung, Als da Hunger herrschte. Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs, Und ich empörte mich mit ihnen. So verging meine Zeit, Die auf Erden mir gegeben war. Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten, Schlafen legte ich mich unter die Mörder, Der Liebe pflegte ich achtlos, Und die Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit, Die auf Erden mir gegeben war. Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit, Die Sprache verriet mich dem Schlächter. Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit, Die auf Erden mir gegeben war. Die Kräfte waren gering. Das Ziel Lag in großer Ferne. Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich Kaum zu erreichen. So verging meine Zeit, Die auf Erden mir gegeben war. 18.045 261 III Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut, In der wir untergegangen sind, Gedenkt, Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht, Auch der finsteren Zeit, Der ihr entronnen seid. Gingen wir doch, öfters wie Schuhe die Länder wechselnd, Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt, Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir ja: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser. Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, Konnten selber nicht freundlich sein. Ihr aber, wenn es so weit sein wird, Daß der Mensch dem Menschen Helfer ist, Gedenkt unser Mit Nachsicht! BERTOLT BRECHT 1939 Wie künftige Zeiten unsere Schriftsteller beurteilen werden I Die auf die goldenen Stühle gesetzt sind, zu schreiben Werden gefragt werden nach denen, die Ihnen die Röcke webten. Nicht nach ihren erhabenen Gedanken Werden ihre Bücher durchforscht werden, sondern Irgendein beiläufiger Satz, der schließen läßt Auf eine Eigenheit derer, die Röcke webten Wird mit Interesse gelesen werden, denn hier mag es sich um Züge Der berühmten Ahnen handeln. Ganze Literaturen In erlesenen Ausdrücken verfaßt Werden durchsucht werden nach Anzeichen Daẞ da auch Aufrührer gelebt haben, wo Unterdrückung war. Flehentliche Anrufe überirdischer Wesen Werden beweisen, daß da Irdische über Irdischen gesessen sind. Köstliche Musik der Worte wird nur berichten Daß da für viele kein Essen war. II Aber in jener Zeit werden gepriesen werden Die auf dem nackten Boden saßen, zu schreiben Die unter den Niedrigen saßen Die bei den Kämpfern saßen. 18* 263 Die von den Leiden der Niedrigen berichteten Die von den Taten der Kämpfer berichteten Kunstvoll. In der edlen Sprache Vordem reserviert: Der Verherrlichung der Könige. Ihre Beschreibungen der Mißstände und ihre Aufrufe Werden noch den Daumenabdruck Der Niedrigen tragen. Denn diesen Wurden sie übermittelt, diese Trugen sie weiter unter dem durchschwitzten Hemd Durch die Kordone der Polizisten Zu ihresgleichen. Ja, es wird eine Zeit geben, wo Diese Klugen und Freundlichen Zornigen und Hoffnungsvollen Die auf dem nackten Boden saßen, zu schreiben Die umringt waren von Niedrigen und Kämpfern Öffentlich gepriesen werden. 264 ALFRED WOLFENSTEIN 1939 Tschechische Hymne Kde domov muj? Wo ist meine Heimat? So beginnt deine Hymne, verstummtes Volk. Sie erklang vor zwanzig Jahren, als deine Stimme sich frei sang, Und nun, da die Knechtschaft dir auf den Mund schlägt, Ertönt sie noch einmal auf deinen Straßen Und erstarrt. Es ist nur eine alte Volksweise- Keines Landes Lied war jemals so friedlich, Sie ist kein Marsch, ist still, kein Präsentiermarsch, Ist fromm, keine schmetternde angriffslustige Wacht: 1 Ein bäuerliches Lied und beseelt wie ein Mädellied, Das man abends singt, zur Begleitung dämmernder Glocken, Oder zum schlichten Takt einer menschenwürdigen Arbeit. Nicht alle die Staatshymnen Europas sind so herzlich, Es fließen hier nicht immer die einfach echten Tränen, Die an jenem Tag in dem wundersamen Prag In der Sonne und den anrückenden Stahlhelmen blinkten, Als ihr weinend sangt. Dies Lied aber soll jedem Vertriebenen gehören, Es klingt wie ein Schicksalslied der Emigration, Nun geheiligt, nun geweitet durch ein ganzes Volk. Wo ist meine Heimat? Das ist unsre Frage, Die sehnsüchtig verlorene und trotzig hoffnungsvolle- Doch zu den vielen zerstreuten Verbannten Stößt ein ganzes Volk, das Volk dieses Liedes, Voll gefährlichen Leids, insgeheim voll hussitischen Zorns, Ein Volk von Verbannten, heimatlos in der Heimat, Das nur noch mit Erlaubnis seine Luft atmen darf, Essen und sprechen darf nur noch mit Erlaubnis. 265 Doch, tschechisches Volk, du hartes und gefühlvolles, Von Mut, Musik und Menschlichkeit durchdrungenes Volk, Du bleibst ein Halt des trügerischen Abendlands, Obwohl du verjagt vor deinem Hause stehst. Dein Schmerz wird den Erdteil nicht ruhen lassen, Als hätte er selbst kein Heim mehr; deine Hymne Wird die seine werden, hallend, wachsend, erschütternd Und auf die furchtbare Frage deines Liedes, - Die nun Wahrheit wurde, die unser aller Schicksal wurde, Wird die Antwort sein, der Millionen Vertriebenen Antwort: Wo ist unsre Heimat? Wir schaffen sie uns wieder, Unsre Heimat ist im auferstehenden Europa. 266 ELSE LASKER-SCHÜLER Ein Liebeslied Komm zu mir in der Nacht— wir schlafen engverschlungen Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam. Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen. Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen Und färben sich mit deiner Augen Immortellen.... Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt. Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen. Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen Im hohen Rohre hinter dieser Welt. 267 MAX HERRMANN- NEISSE 1939 Ich möchte heim... Mich dünkt, nun wär es fällig heimzukehren: zu lang schon war ich in der Fremde Gast; sich gegen das ihm Widrige zu wehren, verlernte der stets Ungebetne fast. Verließ ich einst, die Freiheit mir zu wahren, die Heimat, die zu Sklaverei verkam, so drohten hier mir andere Gefahren, und wieder schmerzt die Reue und die Scham. Zum Abenteuer war ich nicht geboren, das Ungewohnte hat mir Furcht gemacht; hab ich einmal ein Lebensgut verloren, wird seiner noch bis in den Tod gedacht. Mir ist es nicht vergönnt, mich abzufinden, Die Gabe des Vergessens nicht gewährt: was nicht nach Wunsch geht, kann ich nicht verwinden, mir im Gedächtnis keine Schuld verjährt. Das Gastland kann die Heimat nie ersetzen, hat mich sein Frieden freundlich auch bedacht. Gefangen fühl ich mich in fremden Netzen und um das Lebenselement gebracht. Der Alptraum durfte schon zu lang mich plagen; nun, dünkt mir, täte das Erwachen not. Laẞ endlich, Schicksal, doch uns wieder tagen der Heimkehr wohlvertrautes Morgenrot! 268 THOMAS MANN 1939 Der Feind der Menschheit " Gesetzt, daß er aus diesem schauerlichen Erlebnis überhaupt mit dem Leben davonkommt, daß der deutsche Geist, den man sich nach Goethes Wort: Wo käm die schönste Bildung her und wenn sie nicht vom Bürger wär", immer noch nicht anders als bürgerlich vorzustellen vermag, die totale Entehrung, die man Nationalsozialismus nennt, übersteht- so wäre zu hoffen, daß diese äußerste Folge seiner Blindheit für die politische Seite der Humanität eine harte, aber lehrreiche und heilsame Schule für ihn gewesen sein möchte. Ich habe es oft gesagt: ehe es besser werden könne in Deutschland, müsse es dahin kommen, daß die Menschen dort bei dem Worte ,, Freiheit" in Tränen ausbrächen. Sie scheinen nicht weit mehr davon entfernt. Was Freiheit, Recht, Menschenwürde und Unverletzlichkeit des Gewissens denn doch bedeuten; daß sie mehr sind als humanitäre Phrasen eines seichten Revolutionarismus-, es scheint, daß nach sechs Jahren GestapoStaat der deutsche Bürger angefangen hat, es zu begreifen. Aber gewisse Dinge sind leichter verloren als wiedergewonnen, und es bleibt eine Zweifelsfrage, deren Beantwortung von der Dauer der gegenwärtigen Katastrophe, von ihrem Charakter als Zwischenspiel oder als Epoche abhängt, ob dem bürgerlichen Geist in Deutschland noch vergönnt sein wird, seine Erfahrungen zu nutzen. Vorerst nimmt das Verhängnis seinen Lauf, und das Paradoxon des Unterganges des deutschen Geistes, der politikfrei sein wollte, im Terror der Politik vollendet sich in dem schauerlichen Phänomen, daß er, der Antirevolutionär, der Revolutionen immer nur im Religiösen und Geistigen kannte, sie aber im Politischen haßte und verachtete, zum sansculottischen Träger der maẞlosesten Revolution gepreẞt 269 worden ist, die die Welt gesehen--, einer Revolution, die man schwerlich wird geistig, schwerlich menschlich nennen wollen, da sie sich gegen alles richtet, was die Geschichte des Abendlandes uns unter Geist und Menschlichkeit zu verstehen gelehrt hat, einer Revolution der absoluten und planmäßigen Zersetzung und Zerstörung aller sittlichen. Grundlagen im Dienste des hohlen politischen Machtgedankens. ... Die europäische, ja die Weltbourgeoisie ist dieser durchaus ,, vorurteilslosen", in allem Geistigen durchaus ehrlosen und rein taktisch opportunistisch gerichteten Bewegung auf den Leim gegangen, sie sei eine Versicherung gegen den Bolschewismus. Ein unverzeihlicher Irrtum. Denn kein gesunder Instinkt hätte je verkennen dürfen, daß diese ins Nichts steuernde ,, Bewegung", die freilich unter allerlei roh- gemütvollen Tarnungen, nationalistischen und kleinbürgerlich- kultur- konservativen, ihre Laufbahn. begann, genau das ist, was der bourgeoisen Phantasie bei dem mythischen Namen des Bolschewismus vorschwebt. Alles, was sie sich ausdenken mag bei diesem apokalyptischen Namen: Gewalt, Anarchie, Blut, Brand und Pöbelherrschaft, Verfolgung des Glaubens, schmutzigste Grausamkeit, die Verkehrung aller Begriffe, die Schändung des Rechts und der Vernunft, die unverschämte, lachhaft infernalische Verdrehung der Wahrheit, die Aufwiegelung des Untersten, Zersetzung, Auflösung der Staatenordnung-, hinausgetragen dies alles über Länder und Meere, unterminiert der letzte Winkel der Welt mit Geld, Bestechung, betäubender Beschwatzung, unendlichem Spitzel- und Agitatorentum, bis überall der Widerstand versagt, die Ordnung bricht und der Erdkreis zum einförmigen Grabe der Freiheit wird, über welchem das Fahnenzeichen stumpfsinniger Knechtschaft weht der Nationalsozialismus, nur er, ist dieser Bolschewismus; und wenn Kriege, zerstörender und barbarischer als der Dreißigjährige, über Europa hingehen und es atomisiert und um Jahrhunderte - 270 zurückgeworfen hinterlassen werden, er, der Feind der Menschheit, wird der Urheber gewesen sein. Der Feind der Menschheit. Dahin ist es gekommen mit der Politik- Verachtung, dem kulturstolzen Antidemokratismus des deutschen Geistes, daß dieser schreckliche und schimpfliche Name, ein Name der Verfluchung, sein Teil geworden. Er hat sich's nicht träumen lassen und glaubt zu träumen, da er's gewahr wird. Und doch ist es wirklichkeit. Seine Weigerung, die Politik als ein Zubehör der humanen Aufgabe anzuerkennen, ist ausgegangen in den politischen Schrecken selbst, die restlose Machtsklaverei, den totalen Staat; die Frucht seines ästhetizistischen Kulturbürgertums ist ein Barbarismus der Gesinnung, Mittel und Ziele, wie die Welt ihn noch nicht sah; und seinem Vornehmtun gegen jede Befreiungs- Revolution verdankt er es, daß er zum Instrument eines amokläuferischen Umsturzes geworden ist, einer anarchischen, die Gründe und Stützen aller abendländischen Sittlichkeit und Gesittung bedrohenden Total- Revolution, mit der kein Hunneneinbruch früherer Zeiten den Vergleich erträgt. .. Wir wollen feststellen: während im äußeren Völkerleben eine Epoche des zivilisatorischen Rückschlages, der Vertragsunwürdigkeit, Gesetzlosigkeit und des Dahinfallens von Treue und Glauben angebrochen zu sein scheint, ist der Geist in ein moralisches Zeitalter eingetreten, will sagen: in ein Zeitalter der Vereinfachung und der hochmutlosen Unterscheidung von Gut und Böse. Das ist seine Art, sich zu rebarbarisieren und zu verjüngen. Ja, wir wissen wieder, was Gut und Böse ist. Das Böse hat sich uns in einer Nacktheit und Gemeinheit offenbart, daß uns die Augen aufgegangen sind für die Würde und schlichte Schönheit des Guten, daß wir uns ein Herz dazu gefaßt haben und es für keinen Raub an unserer Finesse erachten, es zu bekennen. Wir wagen es wieder, Worte wie Freiheit, Wahrheit und Recht in den Mund zu nehmen; ein Übermaß von Niedertracht hat uns der skeptischen 271 Schüchternheit davor entwöhnt. Wir halten sie dem Feinde der Menschheit entgegen wie einst der Mönch dem leidigen Satan das Kruzifix; und alles, was die Zeit uns erdulden läßt, wird überwogen von dem jungen Glück des Geistes, sich in der ihm ewig zugedachten Rolle wiederzufinden, in der Rolle Davids gegen Goliath, im Bilde Sankt Georgs gegen den Lindwurm der Lüge und der Gewalt. 272 LION FEUCHTWANGER Gesang der Toten Es dorrt die Haut von unsrer Stirn, Es nagt der Wurm in unserm Hirn. Das Fleisch verwest zu Ackergrund, Staub stopft und Erde unsern Mund. Wir warten. Das Fleisch verwest, es dorrt das Bein, Doch eine Frage schläft nicht ein, Doch eine Frage wird nicht stumm Und wird nicht satt: warum? warum? Wir warten. Staub stopft und Erde uns den Mund, Doch unsre Frage sprengt den Grund Und sprengt die Scholle, die uns deckt, Und ruht nicht, bis sie Antwort weckt. Wir warten. Wir warten. Denn wir sind nur Saat. Die Antwort kommt, die Antwort naht. Weh, wen sie trifft. Heil, wem sie frommt. Die Antwort zögert, doch sie kommt. Wir warten. 273 JOHANNES R. BECHER 1940 Flüchtling In meinen Schritten irrt des Flüchtlings Schritt, Ins Heimatlose zieh ich mit ihm mit, In seinem Blick, verwirrt von Angst und Schmach, Schaut auch mein Blick verlorener Heimat nach. Ich bin ein Flüchtling in der Flüchtlingsschar, Bin nicht mehr der, der ich gewesen war. Was ich verließ und was ich mit mir nahm? Dies nahm ich mit, die Frage: wie es kam— O wär ein Land, das würf mich nicht mehr fort! Nenn mir die Stadt, die bietet sichern Hort! Ich komm mit dir an einer Grenze an, Sag: welche Grenze ist uns aufgetan? Die Grenze wächst, unüberschreitbar groß, Nur Flucht und Leid erscheinen grenzenlos. Wo ich auch geh, geht eine Grenze mit Und überall heißt es: kein Übertritt! Vielleicht werd ich am End geborgen sein In einem Wald, in einem dunklen Stein... Ich geh mit dir denselben Weg entlang, O, ich erkenn dich schon an deinem Gang, Ich wart auf dich und komme auf dich zu, Ich ruf dich an, ich ruf dich leise:„Du!“ „Wer bist Du?!“ fragst du, und ich halt die Hand Dir hin und sag:„Ich bin dein Volk. Dein Land.“ 274 1 | | | | | | | | MAX HERRMANN-NEISSE 1940 Bittere Beichte Mein Gott, mein Gott, was ist aus mir geworden: der Widersacher meiner eignen Art! Ich treibe fühllos in dem großen Morden, und einst war doch mein Herz empfindlich, zart, und litt mit jedem Leid auf dieser Erde und hat sich, wurde ich verschont, geschämt; nun spür ich, daß ich immer stumpfer werde, lieblos verkomme, von der Zeit gelähmt. Ich habe keine Tränen mehr zu spenden, mich früher um Geringes leer geweint, was kann sich noch für mich zum Guten wenden, bin ich mir selber doch der ärgste Feind! Ich blicke auf die fremde schwarze Fliege, die hier mit mir im gleichen Raum sich fing, wo ich auf meinem Bette rastlos liege nach einem Tag, der ganz in Angst verging. Ihr Summen scheint zu mir jetzt gut zu passen, es klingt wie Irrsinn oder träges Nichts: zwei Wesen, nur sich selber überlassen in der Entsetzlichkeit des Weltgerichts, begierig, sich zu tränken und zu nähren und sonst sich weiter nicht bewußt zu sein, solange noch die Augenblicke währen, die leidlich linden hier beim Lampenschein. Das Todesurteil ist mir doch gesprochen. Schiebt man noch einmal die Vollstreckung auf? Bis wann? Mein Lebensmut ist längst gebrochen: gleichgültig nehme ich, was kommt, in Kauf. Es toben rings die toll gewordnen Horden, und ich verlernte, andren wohlzutun. Mein Gott, mein Gott, was ist aus mir geworden? Ich war einmal ein Mensch. Was bin ich nun? 275 RUDOLF LEONHARD 1941 Und du kannst schweigen? „Wer die Wahrheit kennt und sagt sie nicht, Der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht“— Das haben die besten und tapfersten Zungen Vor hundert Jahren gesungen. Seitdem ist mit Lügen und Foltern und Morden Die Wahrheit dringender geworden; Wer heute nichts sagt, obwohl er sie kennt, Ist der nur ein ‚‚Wicht‘ in diesem Moment? Du weißt das, du weißt, was heute geschieht, Du kennst, wie die Wahrheit, das alte Lied. Du siehst, was unsere Toten dir zeigen, Wie beredt sie zeugen: Und du kannst schweigen? 276 19.045 ELSE LASKER-SCHÜLER Ich weiß... Ich weiß daß ich bald sterben muß Es leuchten doch alle Bäume Nach langersehntem Julikuß— Fahl werden meine Träume— Nie dichtete ich einen trüberen Schluß In den Büchern meiner Reime. Eine Blume brichst du mir zum Gruß- Ich liebte sie schon im Keime.| Doch ich weiß, daß ich bald sterben muß. Mein Odem schwebt über Gottes Fluß— Ich setze leise meinen Fuß Auf den Pfad zum ewigen Heime, 277 ERICH WEINERT 1941 Der Gerichtstag Es wird ein Tag in Deutschland sein, Da werden sie jeden fragen: Zeig her, sind deine Hände rein? Hat in der Zeit der Plagen Dir dein Gewissen geschlagen? Es wird ein Tag in Deutschland sein, Da werden sie scheiden und wägen: Warst du ein Mensch, warst du ein Schwein? Und fügtest du dich nicht darein, Mitschuldig am großen Verbrechen zu sein? Was tatest du dagegen? Wir wissen, diesem Tage Wird keiner feig entgehen. Jeder muß auf die Frage Rede und Antwort stehen. Es wird ein Tag in Deutschland sein, Da mußt du Rechenschaft geben; Tauschtest du dein Gewissen ein Für ein ruhiges Leben? Auch dich wird man fragen, Soldat: Hast du gehenkt und gestohlen? Und glaubtest du, das sei erlaubte Tat, Weil man es dir befohlen? Der Tag wird sein wie ein jüngstes Gericht, Keiner wird ihm entgehen. 278 Wohl denen, die. dann mit offenem Gesicht Vor ihrem Volke stehen. Weh denen, die sich gemein gemacht Mit Ehrlosigkeit und Niedertracht. Besinnt euch endlich, ihr Blinden und Schwachen, Von lärmenden Blendern mißbraucht und verhetzt. Noch ist es Zeit, euch ehrlich zu machen, Eh man euch zu den Schuldigen setzt! Es wird ein Tag in Deutschland sein, Der Tag ist nicht mehr weit. Richte jeder nach seinem Gewissen sich ein, Morgen schon kann der Gerichtstag sein, Noch ist es Zeit! 279 THOMAS MANN 1942 Deutsche Hörer! Es ist furchtbar schwer und ein Gegenstand beständiger ratloser Sorge, sich das Zusammenleben des deutschen Volkes mit den andern Völkern nach diesem Kriege vorzustellen. Es hat immer Kriege gegeben, und die Nationen, die sie ausfochten, haben dabei einander immer viel Übel zugefügt. Das pflegte, dank dem kurzen Gedächtnis der Menschen, nach Friedensschluß sehr rasch begraben und vergessen zu sein. Diesmal ist es anders. Was Deutschland tut, was es an Jammer, Elend, Verzweiflung, Untergang, an moralischer und physischer Zerrüttung der Menschheit zugefügt, indem es die revolutionäre Philosophie des Bestialismus ausübt, ist von einem solchen Maßstabe, so himmelschreiend, so hoffnungslos unvergeßbar, daß man nicht absieht, wie in Zukunft unser Volk unter den Brüdervölkern der Erde als gleiches unter gleichen soll leben können. Je länger der Krieg dauert, desto verzweifelter verstrickt dieses Volk sich in Schuld, und aus dem einzigen Grunde dauert er heute noch an, weil es euch Deutschen zu spät scheint zum Aufhören; weil euch Entsetzen erfaẞt bei dem Gedanken der Liquidation, der Abrechnung, der Sühne. Ihr müßt siegen, denkt ihr, damit die Revolution des Bestialismus sich über die ganze Welt erstrecke und in ihrem Zeichen eine finstere Verständigung zwischen euch und dem Rest der Welt möglich sei. Aber das kann nicht geschehen. Ihr seht es mit Augen, daß die Welt entschlossen ist, ihr Äußerstes zu tun, um das Schicksal abzuwehren, sich mit euch auf dem Fuße des Bestialismus zu begegnen, und die Kraft eurer Verzweiflung ist nicht dem Willen von drei Vierteln der Menschheit gewachsen. Nicht siegen müßt ihr, denn das könnt ihr nicht. Ihr müßt euch reinigen. Die Sühne, um deren Vermeidung ihr 280 gekämpft, muß euer eigenstes Werk sein, das Werk des deutschen Volkes, von dem euer bald zermürbtes und erschöpftes Kriegsheer ein Teil ist. Sie muß von innen kommen— denn von außen kann nur Rache und Strafe kommen, aber nicht Reinigung. Immer widerspreche ich denen, die für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Hitlertums eine Zwangserziehung des deutschen Volkes von außen empfehlen. Jede Umbildung, antworte ich ihnen, ist Sache des deutschen Volkes selbst, muß seine Sache allein sein... Eine Reinigung, Bereinigung und Be- freiung muß und wird stattfinden in Deutschland, so gründ- lich und von solcher Entschiedenheit, daß sie im Ver- hältnis steht zu Übeltaten, wie die Welt sie noch nicht sah. Sie muß und wird stattfinden, damit das große deutsche Volk der-Menschheit wieder ins Auge blicken und ihr.mit freier Gebärde die Hand zur Versöhnung reichen kann. 281 JOHANNES R. BECHER 1942 Auf die Hand eines Toten Mit einer letzten Kraft emporgereckt Aus tiefem Schnee und wie zum Fluch geballt Ragt eine Hand. Nur sie blieb unbedeckt Damit den Fluch sie schleudre mit Gewalt. Mit einer letzten Kraft emporgeballt Aus tiefem Schnee, ragt eine Hand und hält An etwas fest. Es fand die Hand den Halt, Und hält ihn fest, daß er ihr nicht entfällt. Wenn einst die Starre weicht, der Frühling naht, Dann öffnet sich die Hand und ihr entfällt Das Samenkorn für eine neue Saat. Ein Doppeltes, das diese Hand enthält: Fluch den Verderbern Deutschlands— und zugleich Das Saatkorn für eine neues Deutsches Reich. 282 BERTOLT BRECHT 1942 Und was bekam des Soldaten Weib? Und was bekam des Soldaten Weib aus der alten Hauptstadt Prag? Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh das bekam sie aus der Stadt Prag. Und was bekam des Soldaten Weib aus Oslo über dem Sund? Aus Oslo bekam sie das Mützchen aus Pelz hoffentlich gefällts, das Mützchen aus Pelz! Das bekam sie aus Oslo am Sund. Und was bekam des Soldaten Weib aus dem reichen Amsterdam? Aus Amsterdam bekam sie den Hut und er steht ihr gut, der holländische Hut den bekam sie aus Amsterdam. Und was bekam des Soldaten Weib aus Brüssel im belgischen Land? Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen ach, das zu besitzen, so seltene Spitzen! Die bekam sie aus belgischem Land. Und was bekam des Soldaten Weib aus der Lichterstadt Paris? Aus Paris bekam sie das seidene Kleid zu der Nachbarin Neid das seidene Kleid, das bekam sie aus Paris. Und was bekam des Soldaten Weib aus dem südlichen Bukarest? Aus Bukarest bekam sie das Hemd so bunt und so fremd, ein rumänisches Hemd! Das bekam sie aus Bukarest. Und was bekam des Soldaten Weib aus dem kalten Russenland? Aus Rußland bekam sie den Witwenschleier zu der Totenfeier den Witwenschleier, das bekam sie aus Russenland. 284 MAX ZIMMERING 1942 Aus: Gerechter Haß II Man muß ein Deutscher sein, um euch zu hassen, Zu hassen, wie noch nie ein Mensch gehaẞt, Mit Haß, der nicht mehr in ein Wort zu fassen, Weil jedes Wort vor solchem Haẞ verblaẞt. Denn ihr habt nicht nur Deutsche meucheln lassen, Oft weil ein einzig Wort euch nicht gepaẞt, Ihr ludet auf das Volk die schwerste Last: Gerechten Haß der Völker aller Rassen. Ihr lehrtet Haß in allen deutschen Gassen, Ihr hiẞtet Haß auf eurer Fahnen Mast, Und wenn jetzt Haß euch an die Gurgel faẞt, Seid nicht erstaunt: Euch kann man nur noch hassen. Man muß ein Deutscher sein, um euch zu hassen. Ein schlechter Deutscher der, der euch nicht haẞt. Eh nicht die letzte Spur von euch verblaẞt, Soll uns der Haß nicht einen Tag verlassen. 285 BERTOLT BRECHT 1942 An die deutschen Soldaten im Osten T bi Brüder, wenn ich bei euch wäre, auf den östlichen Schneefeldern einer von euch wäre, N einer von euch Tausenden zwischen den Eisenkarren, würde ich sagen, wie ihr sagt: sicher muß da ein Weg nach Haus sein. Aber Brüder, liebe Brüder, unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale würde ich wissen, was ihr wißt: da ist kein Weg nach Haus mehr. Auf der Landkarte im Schulatlas ist der Weg nach Smolensk nicht größer als der kleine Finger des Führers, aber auf den Schneefeldern ist er weiter, sehr weit, zu weit. Der Schnee hält nicht ewig, nur bis zum Frühjahr aber auch der Mensch hält nicht ewig. Bis zum Frühjahr hält er nicht. Also muß ich sterben, das weiß ich. Im Rock des Räubers muß ich sterben, sterben im Hemd des Mordbrenners.\ 2856 II Brüder, wenn ich bei euch wäre, mit euch trottete über die Eiswüsten, würde ich fragen, wie ihr fragt: warum bin ich hierhergekommen, von wo kein Weg mehr nach Haus führt? Warum habe ich den Rock des Räubers angezogen? Warum habe ich das Hemd des Mordbrenners angezogen? Das war doch nicht aus Hunger, Das war doch aus Mordlust nicht. Nur weil ich ein Knecht war und es mir geheißen wurde, bin ich ausgezogen zu morden und zu brennen und muß jetzt gejagt werden und muß jetzt erschlagen werden. III Weil ich eingebrochen bin in das friedliche Land der Bauern und Arbeiter, der großen Ordnung, des unaufhörlichen Aufbaus, niedertrampelnd und niederfahrend Saat und Gehöfte, abbrechend den Unterricht der tausend Schulen, aufstörend die Sitzungen der unermüdlichen Räte, auszuplündern die Werkstätten, die Mühlen und Kornscheuer: Darum muß ich jetzt sterben wie eine Ratte die der Bauer ertappt hat. IV Daß von mir gereinigt werde das Gesicht der Erde von mir Aussatz! daß ein Exempel statuiert werde an mir für alle Zeiten wie verfahren werden soll mit Räubern und Mordbrennern. 287 V Daß da Mütter sagen, sie haben keine Kinder, daß da Kinder sagen, sie haben keine Väter, daß da Erdhügel sind, die keine Auskünfte geben. VI Und ich werde nicht mehr schen das Land, aus dem ich gekommen bin, nicht das Meer, nicht die Märkische Heide, die Föhre nicht ‚noch die Weinhügel am Fluß im Frankenland, Nicht in der grauen Frühe nicht am Mittag und nicht, wenn der Abend herabsteigt, Noch die Städte und die Stadt, wo ich geboren bin, nicht die Werkbänke und auch die Stube nicht mehr und den Stuhl nicht. All das werde ich nie mehr sehen und keiner, der mit mir ging wird das alles noch einmal sehen und ich nicht und du nicht} werden die Stimmen der Frauen und Mütter hören oder den Wind über den Schornsteinen der Heimat oder den fröhlichen Lärm der Stadt oder den bitteren. VII Sondern ich werde sterben in der Mitte der Jahre\ eines Kriegsgeräts törichter Fahrer, Unbelehrt, außer durch die letzte Stunde, unerprobt, außer beim Morden, nicht vermißt, außer von Schlächtern. 288 Und ich werde unter der Erde liegen, die ich zerstört habe ein Schädling um den es nicht schad ist; ein Aufatmen wird an meiner Grube sein. Denn was wird da eingescharrt? Ein Zentner Fleisch in einem Tank, das bald fault. VIII Brüder, wenn ich jetzt bei euch wäre auf dem Weg zurück nach Smolensk, ht von Smolensk zurück nach irgendwohin, würde ich fühlen, was ihr fühlt: immer schon habe ich es gewußt unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale, daß schlecht nicht gut ist, daß zweimal zwei vier ist und daß sterben wird, wer mit ihm ging dem blutigen Dummkopf. Der nicht wußte, daß der Weg nach Moskau zu lang ist und zu kalt der Winter hier in den östlichen Ländern und wie ungestüm der Wunsch der Bauern und Arbeiter ihren Staat zu verteidigen, ihren neuen, den ersten der Zeiten, wo da der Mensch dem Menschen kein Wolf mehr ist. IX So, als wir kamen zu plündern die Städte und die Erzgruben, gab es die Städte nicht mehr außer auf der Landkarte noch die Erzgruben außer auf der Beuteliste. Abgesengt lag die Erde. Zurückgerollt waren Fabrik und Scheuer, aber vorrollen gegen uns jetzt tausend Tanks, bemannt mit den Besitzern der Erde und der Städte, so daß wir alle vertilgt werden. 289 x Vor den Wäldern, hinter den Kanonen unter den Tanks, am Straßenrand in den Straßen und in den Häusern| durch die Männer, durch die Weiber, durch die Kinder| in der Kälte, in der Nacht, im Hunger, Daß wir alle vertilgt werden\ heute oder am nächsten Tag ich und du und du und der General, alles was hergekommen ist, anzutasten, was von Menschenhand errichtet wurde. XI Weil es eine solche Mühe ist, die Erde zu bebauen, weil es so viel Schweiß kostet, ein Haus aufzustellen, die Balken zu schneiden, den Plan zu zeichnen, die Mauer aufzuschichten, das Dach zu decken. Weil es so müde machte, weil die Hoffnung so groß war. XII » Darum müssen wir jetzt ausgerottet werden, alle die mit dem Vernichter gingen, so daß es heißt: die eigenen hat er vernichtet. Tausend Jahre war da nur ein Gelächter, wenn die Werke von Menschenhand angetastet wurden, aber jetzt wird es sich herumsprechen auf allen Kontinenten: der Fuß, der die Felder der neuen Traktorenfahrer zertrat, ist verdorrt.| Die Hand, die sich gegen die Werke der neuen Städtebauer erhob, ist abgehauen. HEINRICH MANN 1942 Aus: Deutsche Schuld und Unschuld Die Bauern und Arbeiter der Sowjetunion kämpfen und fallen, damit ihr Land frei sei und ihr Volk lebe nach selbstbeschlossenen Gesetzen. Die deutschen Soldaten vernichten und sterben rastlos, weil ihr Führer es befiehlt. Deutschland hat sie keineswegs entsendet, Deutschland kann ihr trauriges Heldentum entbehren, Deutschland wird nicht glücklicher, ob sie siegen oder sterben. Es ist zu fürchten, daß sie es wissen. Ihre Willfährigkeit ist ihre Schuld. Aber sie begehen im blinden Gehorsam auch Missetaten, die bis zu ihnen unbekannt gewesen waren... Nur der Unwissende, der sich vermißt und erfrecht, wird fähig ihrer Untaten. In Paris zerstören sie die Erinnerungen an die Französische Revolution, auf der Sowjet- Erde die Andenken der großen Russen, das Tolstoi- Museum, die Häuser der Tschaikowski und Tschechow. Das sind die übelsten Zeichen, nicht einmal hinter die Massengreuel treten sie zurück. Diese entstehen gerade, weil man schlechte Bücher oder gar keine gelesen hat. In der Preußischen Akademie versuchten wir einst, der Republik ein Lehrbuch zu geben, die Jugend sollte daraus lernen, Arbeit und Menschlichkeit zu ehren, nicht mehr die Heldentaten der Landsknechte. Die Republik, mit ihrer veralteten Verteilung von Macht und Besitz, hat sich gehütet, unser Lehrbuch einzuführen ein künftiges Deutschland aber soll laut die Wahrheit hören! -- 291 STEPHAN HERMLIN 1942 Ballade vom Elend in unserer Zeit mit einem Manifest an die Städtebestürmer Geschrieben während der Schlacht um Stalingrad im Dezember 1942 Weil diese Nacht so euer Haupt umlohte Und der Vernichtung eure Stirn sich neigt Steig ich mit euch in eure tausend Tode Und spreche aus was eure Qual verschweigt: Ich bin die Müdigkeit das stumpfe Grauen Die Arabeske an der Häuserwand Aus meinen Augenhöhlen überschauen Dämonen schrecklich das beherrschte Land Ich bin das Echo auf den weißen Treppen Im Turme eures Haupts Wie lang die Nacht! Die Schatten eures müden Wahnsinns schleppen Und wirren sich im Atem dieser Schlacht Wie alt seid ihr? Ich mache euch vergessen Die Kindheit und das Haus das Mädchenlied Ihr ahnt verwirrt: mit neuem Maß gemessen ‚ Wird in der Staub-Stadt die euch an sich zieht Die falschen Führer hatten euch berufen Daß ihr die Neue Stadt in Asche werft Euch ließ nicht zögern jener holden Stufen Erhabner Aufschwung euer Blick geschärft | Nur tötender Verwandlung trieb Maschinen Durch Luft und Steppe auf die Bruderstadt Ihr atmetet im Kiemenschlag der Minen | Und stürmend donnerte das Panzerrad m 20.045 Und eure Hand riß schrecklich die Gewänder Von diesem Leib der sich zum Kampf erhob Die Pest des Hasses atmeten die Länder In der das Leben euch wie Rauch zerstob Erbarmungslos wächst das Geschlecht aus Eisen Aus Drachensaaten im verbrannten Feld: Es wird mit Stahl und Dynamit beweisen Daß es die Zukunft mit den Händen hält! Nun ihr verfallen seid den Rächer-Städten Verröchelnd dort in Schutt Beton und Draht Gemartert auf des Alpdrucks roten Betten— Im Staub der Dämmrung bin ich euch genaht: Ich habe euch geschreckt! Nun will ich sprechen! Ihr schaut mich nackt! Seht brandig diese Flut Von Tränen unversiegbar!— In den Bächen: Der Sonne läutert herrlich unser Blut In unsagbarer Landschaft sich— Genossen Noch seid ihr Brüder mir! Noch ist ein Weg Aus Tod und Schande machtvoll uns erschlossen Zur Brücke weite sich der arme Steg Dem Schritt der Überwindenden Die Waffe Richte sich— wie von selbst— gegen das Haupt Der Quäler Mörder daß sich furchtbar räche Das Unerhörte eh der Wald belaubt Noch seid’ ihr Brüder mir! Aus einer Erde Wuchs unsre Schuld und unser fernster Traum In toter Dichter Hut trag ich Beschwerde Über des Volkes Schuld vor euch im Raum Der alten Richter ruf ich euch beschwörend! Wir warten! O ihr meine Brüder weit! Aus Liebe aus Verzweiflung wächst verzehrend Die rote Sehnsucht: die Entschlossenheit! 293 ELSE LASKER- SCHÜLER Mein Herz ruht müde Mein Herz ruht müde Auf dem Samt der Nacht Und Sterne legen sich auf meine Augenlide... Ich fließe Silbertöne der Etüde Und bin nicht mehr und doch vertausendfacht. Und breite über unsere Erde: Friede. Ich habe meines Lebens Schlußakkord vollbracht Bin still verschieden- wie es Gott in mir erdacht: Ein Psalm erlösender- damit die Welt ihn übe. 294 20* f PAUL MAYER 1942 Es gibt ein Wort... Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Es war schon von Motten zerfressen. Die Mehrzahl des Volkes, die hatte zumeist Vom Wort und vom Land nichts besessen. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Machthaber hatten’s gepachtet. Da welkte das Wort, vergreist und verwaist, Vergessen, verloren, verachtet. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Sie haben’s zu Tode geschrien. Sie nahmen dem Wort das Herz und den Geist, Die Hitlerischen Harpyien. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Sie schleiften durch Pfützen und Gossen Das Wort, das ihnen nur Beute verheißt, Dem Göring und seinen Genossen. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Wir haben’s gefühlt und begriffen, Die wir durch ein Dutzend Länder gereist, Per pedes, als Frachtgut auf Schiffen. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Sie haben’s verdorben, die Hunde. Die Worte sind Wesen. Wer eines zerreißt, Der schlägt der Welt eine Wunde. 295 . Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Entreißt es den Mördern und Räubern. Das Wort aller Worte, von Sehnsucht umkreist, Erst müßt ihr es läutern und säubern. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Nie wieder laßt’s euch entwenden, Dies Wort, mit eurem Blute gespeist, Gestaltet von eueren Händen. Es gibt ein Wort, das Vaterland heißt. Das ist nicht ‚„‚Hurrah‘“‘ und Gedröhne. Das Wort, das allen die Zukunft weist Ins Land der Töchter und Söhne, 296 ERICH WEINERT 1942 Der Führer Manch gekrönter Abenteurer Hat in Deutschland schon regiert, Manche polternden Erneurer Haben uns schon angeführt. Viel war nie davon zu halten; Doch man konnt es noch verstehn: Diese, auch als Staatsgewalten, Waren immerhin Gestalten— Aber ausgerechnet den? Wär nun in der Zeit der Krise Irgendeiner aufgetaucht, Ein Prophet, ein Kerl, ein Riese, Wie die rauhe Zeit ihn braucht, Gleich als Tempelstürmer kenntlich, Ein Rebell, ein Phänomen, Wo die Menge ruft: na endlich, Alles wäre noch verständlich— Aber ausgerechnet den? Diesen Hindenburgumschwänzler, Diesen tristen Hampelmann, Diesen faden Temperenzler, Der’s nicht mal mit Weibern kann, Diesen Selterwassergötzen, Dies Friseurmodell auf schön, Davon laßt ihr euch beschwätzen? Und man fragt sich mit Entsetzen: Aber ausgerechnet den? 297 Später einmal unsre Kinder Sehn ihn im Panoptikum. Um den ausgestopften Schinder Stehn sie dann verwundert rum. Und sie werden von euch sagen: Alles könnte man verstehn, Was das Volk in frühern Tagen An Gestalten schon ertragen... Aber ausgerechnet den? 298 STEPHAN HERMLIN 1942 Nike von Samothrake Vor uns sind Stufen endlos zu beschreiten Wie dieser Marmor unsern Fuß verbraucht! Wir fühlen Stein uns Wir vergaßen Weiten Und Licht in jene weiße Nacht getaucht Was stößt uns höher? Unsre Knechtschaft lastet Und unser Auge folgt nur diesem Fuß Der blutend Marmor tritt Der niemals rastet Der uns erniedrigt weil er steigen muß Nur einmal hebt sich unser Blick: Bereitet Sich Ungeheures uns? Ist das der Sinn? Dies also ist es!... Unser Tiefstes spreitet In einem Flügelpaar sich maßlos hin Der Treppe großer Schwung bricht in uns ein Die Göttin stürmt: Der Sieg wird unser sein! 299 BERTOLT BRECHT| Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten In unserem Lande braucht der Nützliche Glück. Nur wenn er starke Helfer findet kann er sich nützlich erweisen. Die Guten können sich nicht helfen und die Götter sind machtlos. Warum haben die Götter nicht Tanks und Kanonen Schlachtschiffe und Bombenflugzeuge und Minen die Bösen zu fällen, die Guten zu schonen? Es stünde wohl besser mit uns und mit ihnen. Die Guten können in unserem Land nicht lang gut bleiben. Wo die Teller leer sind, raufen sich die Esser. Ach, die Gebote der Götter helfen nicht gegen den Mangel. Warum erscheinen die Götter nicht auf unseren Märkten und verteilen lächelnd die Fülle der Waren. Und gestatten den vom Brot und vom Wein Gestärkten miteinander nun freundlich und gut zu verfahren? Um zu einem Mittagessen zu kommen braucht es der Härte, mit der sonst Reiche gegründet werden. Ohne zwölfe zu zertreten hilft keiner einem Elenden. Warum sagen die Götter nicht laut in den oberen Regionen daß sie den Guten nun einmal die gute Welt schulden? Warum stehn sie den Guten nicht bei mit Tanks und Kanonen und befehlen: Gebt Feuer! und dulden kein Dulden? a2 า JOHANNES R. BECHER An Deutschland Schwer geprüft wie keines aller andern Völker bist du, Deutschland. Wer dich liebt Muß, aus dir verbannt, die Welt durchwandern, Weil für ihn es keine Heimat gibt. Deine Siege werden Niederlagen, Und du stürmst entgegen mit Gesang, So als gelte es den schlimmsten Feind zu schlagen, Stürmst entgegen deinem Untergang. Deine Jugend muß im Krieg verbluten, Kinder wachsen auf in Sterbensnot. Jeden Morgen schaust du müde in die Gluten Eines Brandes, der des Nachts geloht. Deine Herren, die sich Deutsche nennen, Machen dich in aller Welt verhaẞt. Wann gibst du dich, Deutschland, wieder zu erkennen! O, dein einstiger hoher Ruhm verblaẞt! Der als ,, Führer" läßt sich brüllend preisen, Wieviel Leiden hat er dir gebracht! Deutschlands Fluch und Schande wird er einstmals heißen, Der vor dir erschien in Führertracht. Soll ich mich als Deutscher selbst verdammen? Nein, solang noch einer lebt wie ich, Glauben wir an Deutschland, und wir gehn zusammen Und wir kämpfen, deutsches Volk, für dich. 301 Wann wirst du der Herren Zwang bezwingen Und entringen dich dem Untergang! Wann wirst du den schönsten Sieg erringen? Deutsches Sterben macht mich sterbensbang. Nein, ich kann dich, Deutschland, nicht verfluchen| Denn ich bin gewiß, mein Deutschland lebt, Und ich will den Weg, mein ewiges Deutschland, suchen, Der zu dir sich aus dem Dunkel hebt. Laßt uns in die Heimat wiederkehren! Folg, mein Volk, nicht den Verderbern nach! Laßt uns alle singen ‚‚Deutschland, hoch in Ehren!“ Wenn getilgt ist Deutschlands tiefste Schmach. O, ich weiß, mein Deutschland wird erstehen An dem Tag, da es den Zwingherrn schlägt. Eines freien Deutschlands Fahnen seh ich wehen, Die ein Sturmwind über Deutschland trägt. F. C. WEISKOPF 1943 Schulze Der Mann, von dem hier berichtet werden soll, führte einen Namen, der neben Müller und Meier als gewöhnlichster deutscher Name gilt. Er hieß Schulze, Fiete Schulze. Sein Vater war Arbeiter in Fischbeck bei Hamburg gewesen, und er selbst war Arbeiter in Fischbeck bei Hamburg. Aber vielleicht lebte der Vater auch in Barmbeck und Fiete in Altona... das tut wenig zur Sache. Er war ein Arbeiter. Zu seinem Leben gehörte die Unsicherheit des Arbeitsplatzes ebenso selbstverständlich wie der Wille, für eine bessere Ordnung zu kämpfen, und die Erkenntnis, daß dieser Kampf nur in der Gemeinschaft mit andern, Gleichgesinnten möglich ist. Er war ein Feind der Nazis, bevor sie zur Macht gelangten, und er blieb ihr Feind auch, nachdem sie ihr Drittes Reich aufgerichtet hatten. Zwei Jahre lang stand er in den ersten Reihen der Untergrundkämpfer. Dann fing ihn die Gestapo. Vor Gericht hielt er sich so tapfer, daß ihm sogar die Nazirichter ihre grollende Bewunderung nicht versagen konnten. Sie verurteilten ihn zu insgesamt dreihundert Jahren Zuchthaus; das waren, da Schulze achtunddreißig Jahre zählte, sieben ganze Leben, die ihm so abgesprochen wurden. Sie verurteilten ihn weiter dreimal zum Tode und zweimal zum Verlust dessen, was sie Ehre nannten. Den Kopf hackten sie ihm sie konnten nicht anders nur einmal ab. Bevor dies geschah, rief Schulze, der als letzten Wunsch sich die Teilnahme des Gerichtshofes an der Hinrichtung ausgebeten hatte, mit fester Stimme: ,, Ein Kämpfer weniger, aber wir werden die Sieger sein!" - - Um die Worte des Verurteilten zu übertönen, begannen die Trommler der SS- Abteilung, die den Richtplatz 303 absperrte, einen Wirbel zu schlagen. Auch wurde Fiete Schulze zu weiteren Rufen keine Zeit gelassen. Die Henker stürzten sich auf ihn, und er wurde in der nächsten Minute, wie es das Urteil verlangte ,,, vom Leben zum Tode befördert". Die Gestapo ließ den Leichnam verbrennen und die Asche, unbekannt wo, einscharren. Aber acht Jahre später, im Kriegssommer 1943, öffnete der Tote seinen Mund wieder: in der von englischen Bombern zertrümmerten Stadt tauchten Flugblätter auf, die den Hamburgern einige von Hitlers Prahlereien über die sichere Vernichtung Londons in Erinnerung brachten und sie zum Sturz der braunen Tyrannei aneiferten. Die Flugblätter waren gezeichnet: ,, Gruppe Fiete Schulze". 304 BRUNO SCHÖNLANK- 1943 Frühlingsnacht . Mein Herz pocht wie ein Hammer und hält mich wach. Millionen Menschen irren ohne Brot und Dach. Sag, wie willst du schlafen, wenn es ringsum schreit. Keine sichre Falte ist im Erdenkleid. Todesvögel stoßen auf die Erde nieder, Lassen Schutt und Qualm und zerfetzte Glieder. Was sperrst du zu die Türen und schließt dich ein. Du hörst doch alle Nächte die Todgeweihten schrein. Atmet noch dein Kind den süßen’ Kinderschlaf, Denkst du doch daran, wie viele es schon traf! Falten sich die Hände, bitten sie um Leben— Uns ward nur der Tod durch Stahl und Brand gegeben. Kein Erdteil zu groß, keine Insel zu fern, Sie an höllischer Kette nicht blutig zu zerrn. Keine Höhe zu hoch, keine Tiefe zu tief, Die trommelnder Tod zum Aufruhr nicht rief. Versenkt sind die Schiffe, durchdonnert die Sphären. Zertrampelt die Saaten, verbrannt sind die Ähren. Mein Herz schlägt wie ein Hammer und hält mich wach. Allen Menschenjammer fühl ich tausendfach. Und ich sing den Toten mitten in der Nacht Von verjüngten Tagen, von der Frühlingspracht. Von verliebten Amseln, die so süß uns flöten— Ach, die Welt wär schön ohne unser Töten. 305 PAUL MAYER 1943 Klage um Köln Gebilde, in Jahrtausenden geschaffen, Wurzel und Nest unzähliger Geschlechter, Werkstatt, nie ruhend, Lust-Ort der Schlaraffen, Vom Lärm des Lebens trunken und Gelächter, Einmalig warst du. Seit der Wahn uns trennte, Der dich erniedrigte und mich verwehte, Besaß ich dich im Traum und im Gebete. Was sind der Sehnsucht Meer und Kontinente? O, Liebe, die als ewig Licht mir brannte! Was Heimat ist, das weiß nur der Verbannte, Dem All-Verderber hast du nie gehört, Der heute dir die Todesglocke läutet. Er fühlte nicht, was du dem Geist bedeutet. Er hat dich nie gewonnen,— nur zerstört. 306 ERICH WEINERT 1943 Gegen den wahren Feind! Soldaten, es hat sich ausmarschiert! Die Herren haben zu früh triumphiert, Nun müßt ihr rückwärts in Eis und Schnee, Denn jetzt marschiert die Rote Armee— Vorwärts! Da helfen Kanonen und Panzer nicht mehr. Aus klammen Händen fällt das Gewehr, Aus allen Dörfern, aus jedem Haus, Aus allen Löchern müßt ihr heraus— Rückwärts! Der Tag der großen Vergeltung naht. Weh dem, der nicht sein Verhängnis sieht! Der drohende Name Stalingrad Wird euch verfolgen, wohin ihr flieht. Dahin hat Hitlers Krieg euch geführt, Daß ihr am Wege ruhmlos krepiert. Wem das gefällt, der möge krepieren! Doch die es satt sind, Betrogne zu sein, Die müssen den Weg zur Freiheit marschieren. Und der führt mitten nach Deutschland hinein— Rückwärts! In eurer Hand liegt euer Geschick. Habt ihr euren Feind erst erkannt, Dann zieht ihr nicht als Geschlagne zurück, Ihr zieht als Befreier ins Land. Dort zittert der Feind. Keine Gnade für ihn! Dann heißt das Kommando: Zum Sturm auf Berlin! Vorwärts! 307 THOMAS MANN 1944 Deutsche Hörer! Die Nazis haben euch Deutschen viel von ,, Europa" gesprochen und behaupten auch heute, mit dem europäischen Boden die europäische Kultur zu verteidigen,- sie, die Schinder und Henker der Völker Europas. Um Europa aber, um seine mißhandelten Völker, um die Rekonstruktion des Erdteils und seine Sicherung gegen erneuten Angriff wird es sich nach dem Kriege vor allem handeln, und nicht in erster Linie um Deutschland, seine Freiheit und Wiederherstellung. Wenn aus diesem Kriege ein zur Besinnung gekommenes Deutschland hervorgeht, ein Deutschland, das die grauenhaften Untaten an anderer Völker Gut und Blut erkennt und tief bereut, zu denen es von seinen verruchten Machthabern angehalten worden ist, so wird es begreifen, daß die Wiederherstellung Europas ein Vorrecht hat vor dem Wohle Deutschlands, und es wird aus eigenem Antriebe, eigenem Gerechtigkeitsgefühl vor allem dazu beitragen wollen, diese Untaten gutzumachen, soweit sie überhaupt wieder gutzumachen sind, auch wenn dadurch seine eigene Erholung sich verzögert. Das ist keine ,, Versklavung", sondern es ist Befreiung aus den Klauen eines verhängnisvollen Superioritätswahns, in den die Deutschen durch falsche Lehrer hineingeschwätzt worden sind. Es ist die Ernüchterung aus einem verderblichen Rausch von Vorrang und Recht zum Unrecht. Die deutsche Kultur ist nicht die höchste und einzige, sondern sie ist eine unter anderen, und Bewunderung war immer ihr tiefster Impuls; am Dünkel stirbt sie. Nicht um Deutschland dreht sich die Welt; es ist nur ein kleiner Teil dieser weiten Erde, und größere Fragen sind an der Tagesordnung als die Probleme der deutschen Seele. Der deutsche Mensch ist kein Teufel, wie manche behaupten, aber er ist 308 auch kein Erzengel, blondgelockt, im arischen Silber- harnisch, sondern ein Mensch wie alle; und als Mensch und Bruder seiner Mitmenschen muß er wieder zu leben lernen. Nichts anderes meint das Wort, das wir Deutsche zu lange töricht verachteten, das Wort„Demokratie“! 21.045 309 RUDOLF LEONHARD 1944 Vaterland In Blut, in Tränen, Deutschland, mein Vaterland, in Blut getaucht, in Tränen gebadet, hast du Blut, du Tränen über die Welt geworfen. Blutstarrend, tränentriefend hat sie sich dir gestellt, und näher schnürt der wogende Wall des Stahlgeschicks die schauernde Heimat schon. O daß doch wieder aus deinem Herzen in Europas Mitte, aus der kochenden Unlust deines vom Tod durchschwankten unruhvollen Lebens der giftige Geiser des Krieges brechen mußte, nun widerflutend! Da liegen saubere Dörfer ganz den Rufen der Männerstimmen an Pflug und Traktor entwendet; in den Städten die Straßen zerklotzt, verheddert, zu braunem Schutt zerworfen; zerborsten klaffen die großen, im bleiernen weitsichtigen Tag nun taubstumm erblindeten Maschinenhallen, dort wenden viele Frauen kaum noch die Köpfe. Da fallen verzweifelnd deine jungen unwissenden Söhne, in Waffen, die sie vom Leibe reißen wollen, beschmutzten Waffen, ehrlos gemachten Waffen; denn ehrlos sind Waffen, die nicht Freie tragen; und ehrlos Waffen, die nicht für Freiheit getragen im rechten Kampfe werden, Waffen, die unterdrücken, die rauben und knechten sollen, Waffen der Grausamkeit, die Geiseln schlagen, Lastwaffen, Folterwaffen. 310 Da stehn, Deutschland, mein Vaterland, deine besten Kinder in vielen kleinen Stuben weit in den Kontinenten, die deiner besten Kinder, die dein Verführer aus Deutschland ausgetrieben hat, weil sie dich frei und gut und glücklich wollten, die aus den Qualenlagern des Unterdrückers flohn und in allen Ländern um Deutschland kämpften; deren Taten dir und deren Zahl dir dein Verführer verheimlicht, dein Unterdrücker; wie in der Heimat auch die vielen noch, die geheim um die Wahrheit Deutschlands wissen und die es lieben, wie man es lieben muẞ: unwillig, ungeduldig, um seiner Zukunft willen. Die heben die Augen, wenn sie an Deutschland denken; und wenn in den Ländern von Deutschland gesprochen wird, leiden sie, leiden doppelt, leiden, wie noch nie Liebende litten. Denn wenn sie aus den nächtlichen Ätherwellen die Klagen gegen dich, Racheflüche, Recht über dich, die wahren Schmähungen fallen hören, lieben sie dich mit entsetzter, entsetzlicher Liebe. Sie, nicht getroffen, den von den Schuldigen befleckten deutschen Namen heben sie auf und legen sichtlich ihn um ihren versteckten Namen, all die geduldigen Werke tun sie in diesem Namen. Sie immer, wenn sie frühlings an einem Flusse stehn und einen zarten, rötlichen Himmel sehn, wissen: in dieser hohen Minute töten im Gesträuch der Ebenen weit verirrte, im Gestrüpp der Fälschungen wild verwirrte Deutsche meine, ihre russischen Freunde; 21* 311 sie wissen immer: jetzt, während dort der winzige lebensbebende grüne Vogel schwirrend die Flügel hebt, sterben im Schlamm, auf heißen gratigen Felsen und stolpernd am abschüssigen Flußübergange tausende Männer, tausende, meines Volkes, schreiend, einensinnlos überflüssigen, unheilsamen verworfenen Tod. Die wissen immer in den Weiten der Welt um dich, um jeden deiner Sterbenden— aber um jene auch, die schon, am sinnlosen Sterben schuld, von ihnen auch verurteilt sind....,. die leiden deine Leiden, Vaterland; von den verschuldeten alle unverschuldeten trennen sie ab, sie leiden auch alle die ungewußten, und wissend sehnen, Deutschland, mein Vaterland, sie deine urweltschwere Erneuerung. © Deutschland, daß deine besten Kinder, weil sie dich vorm Untergange wahren wollen, die Niederlage mit allem wiederkehrenden Grauen, ‚mit allem Grauen die Niederlage, die baldige, die gewisse, wünschen müssen: Litten denn jemals, Deutschland, mein Vaterland, Liebende, liebend Tätige, schlimmer—? O daß doch, Deutschland, deine Niederlage sich in den größeren, in den gewaltig brausenden inneren Sieg verkehre! O daß doch, Deutschland, verwundetes Vaterland, o daß doch endlich deine besten Liebenden dich, in schwerem Werke dich rechtfertigend, endlich aus dieser Kriege Wucherung fänden: gereinigt, mein Vaterland, von deinem eigenen Fluche befreit, entgiftet, wieder deutsch geworden, und mit deinem besten Herzen, mit der wirkenden Welt geeinigt! PAUL MAYER 1944 Den Unbeirrten Sie haben euch in die Höllen gesperrt Und eure Gesichter zu Fratzen verzerrt. Sie haben euch Hirne und Herzen zerkrallt In Dachau, in Belsen, in Buchenwald. Und wenn man uns fragt, wo Deutschland denn war, Wir weisen auf euch als die heilige Schar. 313 ARNOLD ZWEIG 1945 Lehren der deutschen Geschichte Ein Volk ist verantwortlich auch für das, was es mit sich anstellen läßt, sagt die Geschichte. Sie hat kaum je Ausnahmen von dieser Regel zugelassen und wird es auch diesmal nicht tun. Denn was unter der Perspektive von Staaten und Grenzen oft wie ein unverdientes Unglück aussieht, nimmt ein ganz anderes Relief an, wenn man den Maßstab von Klassenschichtungen und Klassenkämpfen anlegt. Dann erkennt man oft, daß sich als nationales Unglück maskiert hat, was im Grunde schuldhaft unterlassener Klassenkampf war, die Weigerung eines reifen Volkes, sich zur Wehr zu setzen, wenn seine Oberschicht es mit schmuckhaften Lügen bösartiger Selbstvergottung und verdummender Aufhetzung gegen Nachbarvölker in Kriegestürzte, um die inneren Krisen außenpolitisch abzureagieren. Da die deutschen Agrarverhältnisse seit dem großen Bauernkrieg nach gründlicher Neuaufteilung des Bodens verlangten- was war einfacher, als die Eroberung der Ukraine zu betreiben, um der deutschen Brust den Raum zum Atmen zu verschaffen? Und da der Deutsche seit Jahrhunderten den Traum hegte, irgend jemandes Vorgesetzter zu sein, und den vorbildlichen Unteroffizier und Volksschullehrer auch zu verwirklichen, zu dem er sich innerlich berufen fühlte, um diesen Traum zu erfüllen, brauchte man nur andere Gruppen und Völker, Nichtdeutsche in Sklaven zu verwandeln, um den Volksgenossen mit ausgiebiger Rente zu Höchstleistungen auf dem Rücken anderer anzuspornen. Selten hat eine herrschende Schicht so gut verstanden, die Affekte und Lebenslügen eines Volkes einzuspannen. und auszubeuten, wie es das deutsche Volk erlebt hat. 314 Und dabei waren keinem Volke Aufklärung und Warnungen von seinen eigenen Klassikern, in seiner eigenen Sprache, so deutlich gemacht worden, wie den Deutschen von Lessing und Heine, von Marx und Engels. Aber die deutsche Geschichte, nicht erst seit den Bauernkriegen, weist den tragischen Zug auf, daß seine aktiven freiheitsliebenden, mit Initiative und Lebensimpuls erfüllten Individuen und Jugendscharen, je freiheitsliebender um SO gründlicher, entweder in Kriegen nach außen verbraucht oder in die Auswanderung getrieben wurden, um Länder jenseits der deutschen Grenzen mit ihrem wertvollen Bürgerwesen zu befruchten. 315 JOHANNES R. BECHER 1945 Es war ein Mann... Es war ein Mann, und aus dem Reich verstieẞ Den Mann ein Fluch, kein Leid blieb ihm erspart. Doch wo auch immer er sich niederließ, Dort hat die Heimat sich ihm offenbart. Er blieb der deutschen Heimat zugewandt, Und so entging er der Verbannung Fluch. Er, selbst verbannt, hat Deutschlands Fluch gebannt, Und Deutschland gab ihm seinen Segensspruch. An Deutschlands Grab hielt er die Totenwacht. Er hat der Dichtung heilig Amt versehn. Und es war mitten in der Todesnacht, Als würde Deutschland in ihm auferstehn- Und deutscher Sehnsucht Stimme ward ein Mann, Der aus dem Reich verbannt war ein Jahrzehnt. In ihm, der war getan in Acht und Bann, Hat Deutschland sich nach Deutschland heimgesehnt. 316 STEPHAN HERMLIN 1945 Ballade für die Guten Leute auf allen Märkten zu singen Die Stadt wird lauter Schrein und Qualm Im Moor irrn hold die Toten um Es fauln im Meere Barsch und Salm Die Galgen schmücken Hügel stumm Kupferne Engel singen grell Am Weiher nachts Ums leere Haus Der Kettenhunde Angstgebell Dem Werwolf brecht die Zähne aus! Viele sind wir er ist allein Er hat die Herden uns versehrt Er schlug das weiche Kind am Rain Hat nachts die Ställe uns geleert Die letzte Scheuer brennt im Dorf Und gräßlich hält er seinen Schmaus Die Knöchlein leuchten weiß im Torf Dem Werwolf brecht die Zähne aus! Er ist allein- viele sind wir Die Not warf sich in meinen Arm Fremd seh ich Pflanze Stein und Tier Mein Herz verdorrt in Haß und Harm In Spiegeln seh ich mein Gesicht: Ein Lächeln eitert mir am Mund Den Werwolf schleift zum Hochgericht! Schlagt tot! das tu ich euch nun kund Zu lang schon geht er bei uns um Was hat er weh! aus mir gemacht! Verworren liegt mein Eigentum Es lodert die verlorne Schlacht 317 Des Werwolfs Zeichen an der Tür Er wuchert gern mit unserm Pfund Reißt nur die Waffe schnell herfür Schlagt tot! das tu ich euch nun kund Im Feld liegt grau die junge Mahd Zerspellt ist bald der letzte Turm Gebein kracht dumpf am schwarzen Rad Fallt auf ihn wie der Wintersturm! Nur Schrecken wird des Schreckens Herr © bittre Liebe Süßer Haß Hört nicht der Feiglinge Geplärr Gemessen sei mit gutem Maß Für Werwölfe stirbt es sich schwer Doch besser lebts sich ohne sie Im guten Kampf war feig das Heer Stets frisch die Erd am krummen Knie Aus der Verwirrung werdet klar: Auf Wahrsager ist kein Verlaß Die Not streicht bleich mein junges Haar Gemessen sei mit gutem Maß Nehmt Sensen Flinten von der Wand Joß Fritz geht um im Odenwald Der Störtebecker geht durchs Land Zeigt uns sein Antlitz blutigkalt Man sagt der Münzer zeigte sich (Ich weiß es: ich sang süßer einst) Mein Vers sei weiß wie Messerstich Damit du Deutschland nicht mehr weinst Den Werwolf der die Bücher brennt Der Unschuld würgt mit Feur und Gas Den Werwolf der den Freund berennt Der unsre sanften Kinder fraß 318 (Er nahm uns Scheer und Stauffenberg)— Schlagt tot! Wenn du dich uns vereinst Deutschland! dann wird noch gut das Werk Damit du Deutschland nicht mehr weinst Zerhaut den falschen Mummenschanz Schwarz gehn die Türen auf im Haus Die Stalinorgel spielt zum Tanz Dem Werwolf brecht die Zähne aus Die Speise Liebe würzt mit Haß (© Unschuld du sangst süßer einst...) Gemessen sei mit gutem Maß Damit du Deutschland nicht mehr weinst 319 HANS MARCHWITZA 1945 Frieden Auf die kahlen Trümmer Fällt ein Morgenrot, Viele sehn es nimmer, Sie liegen tot. Könnt's ein Mund erzählen, Wär's nur Gram und Blut, Ihre Brände schwelen Noch im Schutt. Könnt's die Erde sagen, Warum sie so leer, Wär's ein einzig Klagen. Ihr Kreuz war schwer. Glocken hallen wieder, Läuten Frieden ein. Tränen tropfen nieder, Soll'n die letzten sein. 320 WOLFGANG LANGHOFF 1945 Rückschau und Ausblick Als ich vor zehn Jahren, im Frühling 1935, vor der Öffentlichkeit meinen Bericht ablegte über das Konzentrationslager Börgermoor, schrieb ich am Schluß: وو , Wenn meine Liebe Deutschland gilt, warum habe ich diesen Bericht geschrieben? Weil das, was augenblicklich in Deutschland geschieht, nicht Deutschland, oder doch nur ein Teil, der häßliche Teil Deutschlands, ist. Denn diejenigen, die heute Heimatliebe, deutsches Wesen, deutsche Art im Munde führen und deren Kampfwaffen Mord, Verrat und alle finsteren Triebe der Barbarei sind, nennen sich zu Unrecht die besten Söhne meiner Heimat. Die Zeit wird es beweisen." Sie hat es bewiesen. Nun aber ist die Zeit gekommen, in der sich der andere, bessere Teil Deutschlands zu bewähren hat, an den wir glauben, weil wir ihn in uns tragen, wie das Bild unserer Mutter. Nur an uns selber wird es liegen, ob wir und unsere Kinder mit unserer Hände Arbeit aus der Trümmerstätte Deutschland ein neues Haus aufbauen werden, in dem wir alle wohnen können, in Frieden, frei von Angst, frei von Not, geduldet von unseren Nachbarn, in gegenseitiger Achtung, Freiheit und Würde. 321 ANMERKUNGEN Biographische und bibliographische Anmerkungen zum ersten Teil( Erbe) Die nachfolgenden biographischen Notizen setzen das Wesentliche als bekannt voraus; zur näheren Charakteristik der unbekannteren Autoren können meist die historischen und literarhistorischen Arbeiten Franz Mehrings dienen. Kürzungen im Text sind, bis auf wenige geringfügige Ausnahmen, stets angedeutet, die genauen Quellenangaben werden hier von Nutzen sein. ABT. Ein 48er- Flüchtling aus Baden, von dem außer zwei Vèröffentlichungen und der Erwähnung in Genfer Akten von 1849 oder in ,, Herr Vogt" von Karl Marx wenig bekannt ist. S. 115: Soldat Schmidt. Nach: Die Revolution in Baden und die Demokraten. Vom revolutionären Standpunkt aus beleuchtet. Herisau 1849. S. 20-21. ANONYMUS S. 71: Mittel zur Verhütung von Revolutionen. Nach einer Broschüre mit dem gleichen Titel, Zürich und Winterthur 1843, S. 8 und 9. Als Beispiel für die zahlreichen kleinen Kampfschriften der deutschen Emigration des Vormärz. - S. 81: Deutsche Zufriedenheit. Nach: Blätter der Gegenwart für soziales Leben, Lausanne, Januar 1845, Nr. 2, S. 11. Das Gedicht bildet hier den Schluß einer ,, unpolitischen Epistel aus politischem Material", adressiert ,, An die Deutschen im Auslande" mit der Verfasserangabe ,, St-.", so daß es sich um den Mitarbeiter des Herausgebers Wilhelm Marr, Julius Standau, handeln dürfte, von dem allerdings weitere ,, dichterische Erzeugnisse nicht bekannt geworden sind. Die Initialen von Marr begleiteten einen Druck der Verse in Stephan Borns ,, Verbrüderung" vom 5. 1. 1849( Nr. 28, S. 112), während die Strophen sonst nur ohne Andeutung des Verfassers veröffentlicht wurden, z. B. im Basellandschaftlichen 22.045 325 Volksblatt 5. 2. 1846 und mehrfach während und nach der Revolution. Der Druck in den Münchener ,, Leuchtkugeln" Nr. 146( VII. Jahrg. 1850/51, Nr. 2) verursachte einen Prozeß gegen den verantwortlichen Redakteur des Blattes. S. 142: Klag- und Trostgesang deutscher Flüchtlinge. Nach: Der Vorbote. Zentralorgan der Sektionsgruppe deutscher Sprache der Internationalen Arbeiterassoziation. II. Jahrg. Genf, Juli 1867, Nr. 7, S. 111. BECKER Johann Philipp. Geboren 1809 in Frankenthal. Mit 21 Jahren nahm er bereits an der demokratischen Bewegung in Deutschland teil und wurde bald zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er flüchtete in die Schweiz, wo er in Biel eingebürgert wurde und deshalb ungehindert eine rege politische Tätigkeit entfalten konnte, die ihn mit Mazzini und vielen anderen Republikanern in freundschaftliche Verbindung brachte. 1849 bewährte er sich in hervorragender militärischer Stellung bei der Volkserhebung in Baden, kehrte nach der Revolution in die Schweiz zurück und blieb durch die Jahrzehnte hier als Publizist und Organisator ein Vorkämpfer der Demokratie und der deutschen Arbeiterbewegung. Er starb in Genf im Jahr 1886. S. 123: Manifest der deutschen Demokraten im Auslande. Nach einer Flugschrift mit gleichem Titel, die als ,, Beiblatt zur Evolution" 1849 in Genf erschienen ist.- Da Becker Herausgeber und Redakteur der ,, Evolution" war, des ,, entschiedensten aller in der Schweiz erscheinenden Blätter", wie Engels in der ,, Neuen Rheinischen Zeitung" rühmte, so dürfte er auch dies Manifest redigiert haben. BERNAYS Ferdinand Cölestin. Geboren 1815. Er war Mitarbeiter der demokratischen deutschen Presse und emigrierte 1843 nach Paris, wo er 1844 den ,, Vorwärts" leitete. Nach 1848 ging er nach Amerika. Er starb in St. Louis im Jahre 1879. S. 73: Grobe Mißachtung... und Schnöde Auswanderung. Nach: Deutsch- Französische Jahrbücher, herausgegeben von Arnold Die Ruge und Karl Marx. Paris 1844, S. 226, 229, 232. Beiträge sind nicht gezeichnet, nur die erste Glosse der ,, Zeitungsschau", der sie entnommen sind, ist von Bernays signiert. 326 - Die Einleitung in der Marx/ Engels- Gesamtausgabe, erste Abteilung, I/ 2, nennt Marx als möglichen Autor der ,, Miẞachtung", doch wurde sie dort nicht aufgenommen. Wahrscheinlich ist, daß Bernays größeren Anteil an der Rubrik hatte, und besonders der Stil in ,, Schnöde Auswanderung" läẞt an ihn denken, jedenfalls eher als an Ruge, der wie Marx für den ersten Beitrag in Betracht gezogen wurde. Die eigentlichen Vornamen von Bernays lauten Carl Ludwig. So sprach die Augsburger ,, Allgemeine Zeitung" in einem dreispaltigen Bericht über den ,, Vorwärts" am 2. 12. 1844 von ,, Hrn. Bernays, der sich früher Carl Ludwig nannte, jetzt sich Ferdinand Cölestin schreibt." Vgl. auch Bruno Kaiser: Die Schicksale der Bibliothek Georg Herweghs, Liestal 1945, S. 23-24. BÖRNE Ludwig. Geboren 1786 in Frankfurt a. M. Sein Enthusiasmus für die Julirevolution ließ ihn 1830 nach Paris gehen. Er starb hier im Exil im Jahre 1837. S. 10: Aus den ,, Briefen aus Paris". Nach Ludwig Börnes gesammelten Schriften. Herausgegeben von Alfred Klaar, Leipzig( 1899), V, S. 215, 277, 317. VI, S. 63, 161. S. 39: Aus: Menzel der Franzosenfresser. Nach der gleichen Ausgabe, IV, S. 33-122. BUCHNER Georg. Geboren 1813 in Goddelau bei Darmstadt. 1835 flüchtete er vor der Verhaftung, die ihm infolge seiner revolutionären Flugschrift und konspirativer politischer Arbeit drohte, nach Straßburg. Im Oktober 1836 ging er als Dozent für Naturwissenschaften nach Zürich. Georg Büchner starb hier im Exil im Februar 1837. S. 31: Aus: Der Hessische Landbote. Nach der Ausgabe der Werke Büchners im Insel- Verlag, Leipzig, herausgegeben von Bergemann, dritte Auflage, S. 335. S. 37: Aus den Briefen an die Familie und an die Braut. Nach der gleichen Ausgabe, S. 384, 397, 406. BUTZ Kaspar. Geboren 1825 in Hagen( Westfalen). Mannhaft trat er 1848/49 mit Wort und Tat für die Rechte des Volkes ein, als Redakteur des ,, Hagener Kreisblattes" und in den 22* 327 Kämpfen von Iserlohn. Den grausam wütenden Truppen des siegreichen Generals entkam er trotz steckbrieflicher Ver- ‚ folgung und ging schließlich nach Nordamerika, wo er der demokratischen Entwicklung wackere Dienste leistete. Er starb im Exil in Moines im Staate Jowa im Jahre 1885. S. ror: Abschied der Verbannten. Nach: Prof. Dr. Köster: Die Iserlohner Revolution und die Unruhen in der Grafschaft Mark Mai 1849. Berlin 1899, S. 168.— Butz, dem gewandten Journalisten und tüchtigen Poeten, kann wohl die Urheber- schaft des Briefes zugeschrieben werden. DoRSCH Eduard. Geboren 1822 in Würzburg. Die Enttäu- schung über den Ausgang der 48er Revolution ließ den jungen Arzt nach Amerika emigrieren, wo er, besonders im Bürger- krieg, nach Kräften der Sache der Freiheit diente. Er starb im Exil in Monroe im Staate Michigan im Jahr 1887. S, 122: Exodus. Nach: Aus der Alten und Neuen Welt. Gedichte. New York 1884, S. 53.(Um eine Strophe gekürzt.) DRONKE Ernst. Geboren 1822 in Fulda. Er gehörte zum Re- daktionsstab der„Neuen Rheinischen Zeitung‘ und mußte 1849 nach Frankreich und in die Schweiz flüchten, nachdem er schon vor der Revolution in der Emigration gelebt hatte. 1852 übersiedelte er nach England. Er starb im Exil in Liverpool im Jahr 1891. S. go: Die Gefangenen. Nach: Die Verbrüderung. Herausge- geben vom Centralcomite für die deutschen Arbeiter. Leipzig, 10. Juli 1849, Nr. 81,S. 326.— Dronkes Gedichte ‚‚Arme- sünder-Stimmen“ erschienen 1846 in Altenburg, wichtig nicht nur als Widerhall von Heine und Weerth, sondern auch als poetische Dokumente des„wahren Sozialismus“.(Vgl. Püttmann.) ENGELS Friedrich. Geboren ı820in Barmen. 1842-1844 arbeitete er in Manchester. Auf der Heimreise entstand in Paris der Freundschaftsbund mit Karl Marx. Vor der Revolution weilte er noch in Frankreich und Belgien, kehrte im März 1848 nach Deutschland zurück und wurde Redakteur der ‚Neuen Rhei- nischen Zeitung“. In diesem und im nächsten Jahr mußte er in die Schweiz flüchten, von wo er dann schließlich nach 328 England ging. Friedrich Engels lebte in Manchester, bis er 1870 nach London übersiedelte. Er starb hier, nach einem fast 50jährigen Exil, im Jahre 1895. S. 109: Auswärtige deutsche Politik. Siehe unter Marx. S. 130: Aus: Revolution und Konterrevolution in Deutschland. Nach: Karl Marx: Ausgewählte Schriften, Moskau- Leningrad 1934, II, 122. Der Aufsatz, dem der Absatz entnommen ist, erschien in der ,, New York Tribune" vom 17. 4. 1852. S. 149: Rede am Grabe von Karl Marx. Nach dem ,, Sozialdemokrat", Zürich, 22. 3. 1883.- Die Rede wurde am 17. März 1883 in Highgate gehalten. S. 150: Aus: Gewalt und Ökonomie... Nach dem Erstdruck in der ,, Neuen Zeit" 1896, XIV, erster Band, S. 745-746. S. 151: Aus der Einleitung zu Borkheims ,, Mordspatrioten". Nach: Sigismund Borkheim: Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807. Hottingen- Zürich 1888, S. 7-8. Diese und die vorige Arbeit auch in Friedrich Engels: Der Deutsch- Französische Krieg 1870/71. Verlag für Literatur und Politik. Wien- Berlin 1931. Die Auszüge dort S. 52-54 und 370-371. S. 155: Aus: Der Sozialismus in Deutschland. Nach: Die Neue Zeit. 1892, X, erster Band, S. 583, 584. FEIN Georg. Geboren 1803 in Helmstedt( Braunschweig). Auf Grund seiner politischen Tätigkeit wurde er 1832/33 aus den deutschen Staaten ausgewiesen. Er ging zunächst nach Paris und danach in die Schweiz, wo er während einiger Zeit die ,, Neue Zürcher Zeitung" redigierte. 1845 beteiligte er sich am Freischarenzug, geriet in Gefangenschaft und wurde an Österreich ausgeliefert und schließlich zur Emigration nach Amerika gezwungen. 1848 kehrte er nach Deutschland zurück und mußte nach der Niederlage der Revolution erneut in die Schweiz flüchten. Er starb im Exil in Dießenhofen im Jahre 1869.( Vgl. unten das Heine- Zitat in der biographischen Notiz bei J. G. A. Wirth.) S. 36: An die Fürsten. Nach der Zeitschrift ,, Der Geächtete", Zweiter Jahrgang, Paris 1835, S. 17.- Die zweite Strophe des 329 Sonetts nach der handschriftlichen Verbesserung Feins im Exemplar aus seinem Besitz in der Kantonsbibliothek Baselland. S. 36: Aus: An Deutschland. Nach der gleichen Nummer der Zeitschrift, S. 20. FLUGBLATT( Paris 1833.) S. 23: Deutsche! Nach dem Exemplar in der Stadt- und Hochschulbibliothek Bern. FLUGBLATT( Bern, 1834.) S. 26: Das neue Teutschland an die teutschen Soldaten. Nach dem Exemplar in der Universitätsbibliothek Basel.- Das illegal hergestellte Flugblatt kam nicht zur Verteilung, denn durch einen Spitzel war die Polizei benachrichtigt worden, die fast die gesamte Auflage beschlagnahmte. Die Unterzeichner wurden sofort ausgewiesen. Vgl. Otto Brugger: Die Geschichte der deutschen Handwerkervereine in der Schweiz 1836-1843. Die Wirksamkeit Weitlings( 1841-1843). Bern und Leipzig 1932, S. 17-18. Für weitere Schriften siehe die dort angeführte Literatur und die Dissertation von Hermann Venedey: Jakob Venedey. Stockach, 1930. FOLLEN August Adolf Ludwig. Geboren 1794 in Gießen. Er beteiligte sich an dem Befreiungskrieg in Frankreich und an der folgenden deutschen Freiheitsbewegung der Burschenschaftler, was ihn 1819-1821 in das Gefängnis von Berlin brachte. Er konnte in die Schweiz flüchten und wurde in Aarau an der Kantonsschule Lehrer für deutsche Sprache und Literatur, in Zürich dann später Teilhaber des Literarischen Comptoirs, des bedeutendsten Verlages der deutschen Emigration vor der Revolution von 1848. Dort veröffentlichte er die ersten Gedichtsammlungen von Georg Herwegh und Gottfried Keller. Er starb im Exil in Bern im Jahre 1855. S. 5: Kerkergedanken. Nach: Harfen- Grüße aus Deutschland und der Schweiz durch A. L. Follen. Zürich 1823, S. 140. Das Gedicht entstand vermutlich während der Haft in Berlin. 330 - FOLLEN Karl. Geboren 1795 in Romrod( Oberhessen.) Bruder des Vorigen. Er war führend beteiligt an der Freiheitsbewegung der deutschen Burschenschaft, flüchtete während der politischen Untersuchung 1819 nach Frankreich und ging von dort in die Schweiz. 1824 wurde er auf Intervention der preußischen Regierung aus der Schweiz ausgewiesen, worauf er nach Amerika emigrierte. 1840 verlor er bei einem Schiffsunglück an der amerikanischen Küste das Leben. Karl Follen gilt als Begründer des wissenschaftlichen Deutschunterrichts in den Staaten. S. 3: Aus: Das große Lied. Nach: Johannes Wit, genannt von Dörring, Fragmente aus meinem Leben und meiner Zeit, erster Band, Leipzig 1830, S. 433-435; und nach der Bearbeitung durch die Frau Follens in The Works of Charles Follen, Vol. I, Boston 1842, S. 587-589. Beide Texte sind nicht zuverlässig, wie Fittbogen in Euphorion, Band 26 ( Jahrgang 1925) S. 76-86, feststellte. Die Mitarbeit von A. A. L. Follen, auf die dort hingewiesen wird, dürfte nicht beträchtlich gewesen sein. Jedenfalls wußte Johannes Scherr, der 1843 als einer der ersten das Lied zitiert( Briefe eines Deutschen aus dem Exil, Winterthur), nichts davon, er wäre aber wohl für die zweite Auflage( Die Schweiz und die Schweizer, Winterthur 1845) von dem ihm gut bekannten Follen darauf hingewiesen worden.- Die drei ersten Strophen wurden 1818 unter der Überschrift ,, Die deutsche Jugend an die deutsche Menge" von Studenten illegal verteilt; einer von ihnen wurde ermittelt und zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt ,,,, weil er dies mit revolutionären Ideen und bitterem Tadel gegen die bestehenden Regierungen angefüllte Lied weiter verbreitet habe".( Geschichte der geheimen Verbindungen der neuesten Zeit, sechstes Heft, Leipzig 1831, S. 48-55.) Das ,, Brüder, so kann's nicht gehn" wurde 1819 von aufständischen Bauern im Odenwald gesungen, und zwar nach der Melodie des ,, God save the king". Es diente auch als Vorlage für spätere Flüchtlingslieder von Harring u. a. S. 45: Frieden und Krieg. Nach: The Works of Charles Follen, Vol. V, Boston 1841, S. 370-371. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Aufsatz ,, Peace and War", dort S. 314-373. Ad hoc übersetzt. 331 FREILIGRATH Ferdinand. Geboren 1810 in Detmold. 1844, nach der Veröffentlichung seiner ersten Sammlung von Freiheitsgedichten, mußte er Deutschland verlassen, um den drohenden Verfolgungen zu entgehen. Nach Aufenthalt in Brüssel und in der Schweiz reiste der Dichter nach London. 1848 eilte er nach Deutschland zurück, wo er bei dem Freund Karl Marx an der ,, Neuen Rheinischen Zeitung" tätig war. Als die Revolution geschlagen war, wurde Freiligrath häufig von der Polizei belästigt, bis er 1851 der Verhaftung durch die Flucht nach England zuvorkam. 17 Jahre blieb er im Exil in London, dann kehrte er in die Heimat zurück. Er starb in Cannstatt im Jahre 1876. S. 76: Ein Glaubensbekenntnis. Schluß des Vorworts zu dem Gedichtband mit diesem Titel, Mainz 1844, S. X. - S. 86: Eispalast. Nach: Ça ira. Sechs Gedichte. Herisau 1846, S. 18-20. Am 18. 12. 1846 berichtete der Baron Kaisersfeld über die Verse an Metternich: ,, Es gibt sich darin ein ausgezeichnetes Talent kund, allein ihr Inhalt ist der schauderhafteste und verruchteste, der sich denken läßt. Es ist in ihnen nur die Rede von Revolution, Blut, Mord und Brand, und sie sind an die Proletarier gerichtet."( Kopie nach dem Original des Wiener Staatsarchivs im Historischen Seminar, Bern, Flüchtlingsschrank.) Anfang April 1850 ließ der Polizeidirektor von Köln Freiligrath ,, darüber vernehmen, ob er sich zur Autorschaft der unter dem Titel, Ça ira' erschienenen Gedichte bekenne, und ob er dieselben wirklich 1846 zu Herisau habe drucken lassen? Ferner auch: wo denn Herisau eigentlich liege? Freiligrath bemerkte vor allen Dingen, daß Herisau in der Schweiz, im Kanton Appenzell, gelegen sei, daß er es jedoch dem vigilierenden Scharfsinn der Polizei überlassen müsse, ausfindig zu machen, ob der Ort zu Appenzell Inner- Rhoden oder Appenzell Außer- Rhoden gehöre. Was jene Gedichte angehe, so erkenne er die Autorschaft mit Vergnügen an. Er habe sie zu Anfang 1846 in Zürich verfaßt. Er brauche wohl nicht zu erwähnen, daß das Schriftchen in den Märztagen des Jahres 1848 bereits seine vorläufige Erfüllung gefunden und durch diese seine historische Berechtigung bestens nachgewiesen habe."( Gekürzter Bericht aus der ,, Schweizerischen National- Zeitung" vom 9. 4. 1850.) 332 S. 105: Berlin. Zuerst in der ,, Deutschen Londoner Zeitung" Nr. 157 vom 31. März 1848 und danach in London als Flugblatt erschienen. In den ,, Neueren politischen und sozialen Gedichten", erstes Heft, Köln 1849, S. 55-60. - S. 127: Die Revolution. Nach dem zweiten Heft der ,, Neueren politischen und sozialen Gedichte" 1851, S. 5-10. Das berühmte Gedicht fand sofort nach dem Erscheinen lebhaften Widerhall, die ,, National- Zeitung" in Basel brachte es am 9. August 1851 zweispaltig auf der Titelseite. Am 9. Dezember jedoch ordnete das Gericht in Düsseldorf ,, die Vernichtung aller bereits in Beschlag genommenen und künftig noch aufzufindenden Exemplare des Zweiten Heftes..." an, ,, sofern dieselben im Besitz des Verfassers, Druckers, Herausgebers, Verlegers oder eines Buchhändlers sind". HARRO- HARRING Paul. Geboren 1798 in Ibensdorf, Amt Husum. Auf romantische Art versuchte er einem verschwommenen republikanisch- revolutionären Freiheitsgedanken zu dienen, wurde aus vielen Staaten Europas ausgewiesen und mußte so auch aus der Schweiz fliehen. Er erkrankte schließlich an Verfolgungswahn und bereitete seinem Leben im Jahre 1870 durch Selbstmord im Londoner Exil ein Ende. S. 9: Aus: Völker- Eintracht. Nach: Harro- Harrings Werke. Auswahl letzter Hand. Erster Band, New York 1844, S. 10-11. Mit kleinen Änderungen finden sich diese vier Strophen unter dem Titel ,, Völkerbund" noch in dem ,, Neuesten Proletarier- Liederbuch" von Johann Most.( Dritte Auflage, Chemnitz 1873, S. 82-83.) S. 24: 33-34. Nach der gleichen Ausgabe der Werke, die es übrigens nur auf zwei Bände brachte, I, S. 116-117.- 33-34= die Zahl der regierenden Fürsten in Deutschland. Die Gedichte Harrings. erfreuten sich unter den deutschen Flüchtlingen der Zeit einer besonderen Beliebtheit. HEINE Heinrich. Geboren 1797 in Düsseldorf. 1831 ging der Dichter nach Paris ,,, um frische Luft zu schöpfen". Sein Exil dauerte 25 Jahre. Er starb in Paris im Jahre 1856. 333 S. 17: An Varnhagen( 1. April 1831). Nach: Heinrich Heines Briefwechsel. Herausgegeben von Friedrich Hirth, Erster Band, München und Berlin 1914, S. 642. S. 17: An Varnhagen( 27. Juni 1831). Hirth, zweiter Band, 1917, S. 3, 5. S. 18: Aus der Vorrede zu den ,, Französischen Zuständen". Nach der 1obändigen Ausgabe der Werke im Insel- Verlag, Leipzig, 1910/15, herausgegeben von Walzel, Jonas Fränkel u. a.( VI, 79 ff.). S. 19: In der Fremde. Insel II, S. 82. S. 19: Aus der Vorrede zum ersten Band des ,, Salon", Insel, VI, 472. S. 20: An Heinrich Laube. Hirth II, S. 89. S. 42: Aus dem Vorwort zum dritten Band des ,, Salon", Insel, VIII, 15, 25. S. 50: Aus: Ludwig Börne, Insel, VIII, 494f, 516f. S. 51: An Maximilian Heine. Hirth II, S. 430. S. 51: An Hans Christian Andersen. Hirth II, S. 437-438.- Die Handschrift weicht geringfügig von der endgültigen Fassung der ,, Lebensfahrt" ab( Insel II, S. 139). - S. 52: Die schlesischen Weber. Insel III, S. 359. Am 4. Mai 1847 meldete die ,, Schweizerische National- Zeitung" aus Berlin: ,, Das Urteil zweiter Instanz gegen Dr. Meyen wegen Vorlesung von Heines Weberlied in einer Gesellschaft lautet auf Bestätigung des ersten Erkenntnisses, also zweijährigen Festungsarrest, für welche Zeit indessen die Untersuchungshaft mitgezählt wird. Die Verhandlungen sind wieder, wie in der ersten Instanz, bei verschlossenen Türen geführt worden." S. 53: An Karl Marx. Hirth II, S. 512. S. 131 An Julius Campe. Hirth, dritter Band, Berlin 1920, S. 49. S. 131: An Georg Weerth. Hirth III, S. 223-224. S. 131: Enfant perdu. Insel III, S. 131. S. 132: An den Fürsten Hermann von Pückler- Muskau. Hirth III, S. 386. S. 133: Aus: Lutezia. Insel, IX, 331 f. 334 - S. 134: Aus der Vorrede zur französischen Ausgabe der ,, Lutezia". Nach dem französischen Text in der Ausgabe der Werke von Elster, Leipzig, Bibliographisches Institut, sechster Band, Lesarten. Dieses wichtigste politische Dokument Heines fehlt in fast allen deutschen Ausgaben des Dichters. Die angeführten Stellen auf Deutsch: Ja, diese Überbleibsel oder Nachkommen der Teutomanen von 1815, die ihr altes Gewand ultrateutscher Narren nur etwas modernisiert haben und sich ein wenig die Ohren stutzen ließen- ich habe sie mein ganzes Leben lang verabscheut und bekämpft, und jetzt, da das Schwert der Hand des Sterbenden entfällt, fühle ich mich getröstet durch die Überzeugung, daß der Kommunismus, der sie als erste auf seinem Weg findet, ihnen den Gnadenstoß versetzen wird; und gewiß nicht durch einen Keulenschlag, nein, durch einen einfachen Fußtritt wird der Riese sie zertreten, wie man eine Kröte zertritt... Heute herrschen die Nationalen und der ganze üble Nachtrab von 1815 noch einmal in Deutschland, und sie heulen mit Erlaubnis des Herrn Bürgermeisters und der anderen hohen Obrigkeiten des Landes. Heult nur! der Tag wird kommen, an dem der unvermeidliche Fußtritt euch zermalmen wird. In dieser Überzeugung kann ich unbesorgt diese Welt verlassen. HEINZEN Karl. Geboren 1809 in Grevenbroich bei Düsseldorf. 1844 flüchtete er während einer politischen Untersuchung, die gegen ihn durchgeführt wurde, nach Belgien und kam nach seiner Ausweisung von dort in die Schweiz. Auch hier wurde er ausgewiesen, und er ging schließlich nach Amerika. 1848 zurückgekehrt, mußte er im nächsten Jahr endgültig nach Amerika emigrieren. Er starb 1880 in Boston. S. 85: Einladung an emigrierte teutsche Schriftsteller. Nach: Die Opposition. Herausgegeben von K. Heinzen. Mannheim 1846, S. 343, 345. S. 88: Dreißig Kriegsartikel... Nach: Dreißig Kriegsartikel der neuen Zeit für Offiziere und Gemeine in despotischen Staaten. In: Teutsche Revolution. Gesammelte Flugschriften von K. Heinzen. Bern, 1847, S. 169-170.( Erstdruck: Neustadt[ fingiert für Herisau] 1846.) 335 S. 92: Flüchtling ohne Paß. Nach: Politische und unpolitische Fahrten und Abenteuer, Mannheim 1846, S. 324-327. Wieder benutzt in der Autobiographie ,, Erlebtes", zweiter Band, Boston, 1874, S. 57 ff.- Der letzte Absatz nach: Der deutsche Tribun. Erstes Heft. Mühlhausen( fingiert für Herisau) 1847, S. 85.- Die falschen Verlagsangaben erfolgten, um die Flugschriften dem Zugriff der deutschen Polizei leichter zu entziehen. Der ,, Tribun" kann auch sonst als Vorläufer der modernen illegalen Literatur gelten, er erschien im kleinsten Format und meist ohne Titel. Die erste Auflage von 1846 fiel dennoch fast vollständig in die Hände der Polizei. HERWEGH Emma( Siegmund). Geboren 1817 in Berlin. Die Frau Georg Herweghs. Sie teilte die Schicksale des Dichters, nach dessen Tod sie endgültig Deutschland verließ. Sie starb in Paris im Jahre 1904. S. 118: Es gibt noch ein anderes Deutschland! Nach: Zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion aus Paris. Von einer Hochverräterin. Grünberg 1849, S. 55-56. HERWEGH Georg. Geboren 1817 in Stuttgart. 1839 flüchtete er vor einer militärgerichtlichen Untersuchung in die Schweiz. 1842 wurde der Dichter nach der Veröffentlichung des Briefes an König Friedrich Wilhelm IV. aus Preußen ausgewiesen. Bis zum Ausbruch der Revolution blieb er meist in Frankreich, versuchte 1848 mit einer deutschen Legion aus Paris dem badischen Aufstand zu Hilfe zu kommen, mußte sich aber in die Schweiz retten. Bis 1866 lebte er im Exil in Zürich und kehrte dann nach Deutschland zurück. Er starb im Jahre 1875 in Baden- Baden, doch veranlaßte seine Frau die Beerdigung in Liestal, in der ,, freien Erde der Schweiz". S. 47: Der letzte Krieg. Nach: Gedichte eines Lebendigen. Zürich und Winterthur, 1841, S. 29-31. S. 75: Aus: Verrat! Nach: Deutsch- Französische Jahrbücher. Herausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx. Paris 1844. S. 79: O wag es doch nur einen Tag! Nach: Neue Gedichte. Zürich 1877, S. 9-10, mit einer anderen Fassung der ersten Zeile der dritten Strophe nach der Handschrift im HerweghArchiv, Liestal. Das Gedicht wurde am 2. Januar 1845 in 336 Paris geschrieben. - In einer Kampfschrift der deutschen Emigration hieß es schon zehn Jahre früher: ,, Nur einen Tag, nur eine Stunde brauchte ein Volk zu wollen, und die, die seine Tyrannen, seine Blutaussauger sind, die es verhöhnen, verschlechtern, fielen in ihrer eigenen Nichtigkeit zusammen. Nur einmal brauchte das Volk ihnen frei ins Auge zu sehen, und sie ständen machtlos, unschädlich, vernichtet da." ( Geisterstimmen der Gemordeten an Fränzchen, Fritzchen, Nickel und deren Verbündeten. 1835. S. 42-43.) S. 104: Aus dem Aufruf an die polnischen Demokraten in Paris. Nach dem Manuskript Emma Herweghs mit Verbesserungen von Georg Herwegh im Herwegh- Archiv, Liestal. Die bisher allein im Druck bekannte französische Übersetzung stammt wohl von Börnstein. S. 143: Am Grabe eines deutschen Flüchtlings. Nach: Neue Zürcher Zeitung, 3. 7. 1860.- Herwegh sprach diese Worte in Zürich bei der Beerdigung des A. Schmitt aus Stuttgart am 1. Juli 1860 im Namen der deutschen Flüchtlinge Zürichs. S. 145: Der schlimmste Feind. Nach: Neue Gedichte. Zürich 1877, S. 211-213, mit einer kleinen Korrektur nach dem Erstdruck. Das Gedicht erschien am 2. Februar 1871 in der Wiener ,, Tages- Presse" mit folgender Anmerkung: Der Verfasser obigen Gedichtes hat das Malheur, derzeit auf preuBischem Gebiete wohnen zu müssen, und ersucht uns daher aus begreiflichen Gründen um vorläufige Verschweigung seines Namens. ,, Der Rest ist Schweigen oder Lötzen", singt der Dichter, von dem man übrigens, was wir dem gewiegten Leser wohl nicht zu bemerken brauchen, mit Heine sagen kann: Nennt man die besten Namen, so wird auch er genannt. ( Die Red. der Tages- Presse.) S. 147: Epilog zum Kriege. Nach: Neue Gedichte, S. 214 bis 215. Zuerst erschienen in der Wiener ,, Tages- Presse" am 14. Februar 1871. Der Gedichtband, der zwei Jahre nach dem Tod Herweghs erschien, wurde in Deutschland sofort verboten. - HOFFMANN August Heinrich( genannt von Fallersleben). Geboren 1798 in Fallersleben. Ab 1830 war er Professor für deutsche Sprache und Literatur in Breslau, wurde aber 1842 337 wegen der freiheitlichen Gesinnung seiner ,, Unpolitischen Lieder des Amtes enthoben. Er führte danach ein Flüchtlingsleben in den deutschen Staaten und trug sich mit Plänen, nach Texas zu gehen ,,, um einmal zu sehen, wie es sich ohne Polizei und Zensur lebt und schreibt".( Brief an Robert Prutz vom 24. 7. 1846). In dem Gedicht ,, Die deutschen Heimatlosen an ihre Brüder" schilderte der Dichter diese Art der Emigration: Wie furchtbar ist's, wie grausend! Ach, fünfundzwanzigtausend, Die irren heimatlos durchs Vaterland, Von Ort zu Ort vertrieben und verbannt. Wobei er ausdrücklich bemerkte, daß die Zahl 25000 auf amtlichen Angaben beruht. Nach 1848,, flüchtete" er sich in wissenschaftliche Arbeit, wurde 1852 aus Trier, 1853 aus Hannover ausgewiesen und stand lange Zeit unter polizeilicher Beobachtung. Er starb im Jahre 1874 auf Schloß Corvey an der Weser. - S. 49: Wiegenlied. Nach: Gesammelte Werke in acht Bänden, herausgegeben von Gerstenberg. Berlin 1890/93. IV, S. 222 bis 223. Das Thema der Wiegenlieder ist in der deutschen politischen Dichtung von Platen bis zur Gegenwart besonders häufig zu finden. Vgl. als weitere Beispiele aus der großen Zahl die Gedichte von Pfau und Becher. S. 56: Trostlied eines abgesetzten Professors. Nach der gleichen Ausgabe, I, S. 57-58. Vgl. den Brief Hoffmanns an seinen Freund Freiligrath in London vom 29. 11. 1846: ,, Das deutsche Gelehrtentum ist selbst unter günstigen Verhältnissen nur immer ein glänzendes Elend, reich an Hoffnungen, noch reicher an Entbehrungen und Bedürfnissen aller Art. Ich stieg zu der höchsten Höhe, die ein deutscher Gelehrter erreichen kann, ich war Professor ordinarius und fiel wieder herab und wurde nur glücklicher dadurch, nachdem ich Amt und Gehalt verloren hatte. Nun lebe ich freilich frei von amtlichen Beziehungen, von jedem Staatszwange, aber ich bin abhängig geworden von der Güte meiner Freunde, denn auf eigene Hand vermag ich nicht zu leben." 338 S. 72: Lied eines Verbannten. Nach der gleichen Ausgabe I, S. 58-59. S. 126: Nicht Mord, nicht Bann, nicht Kerker... Nach der ‚gleichen Ausgabe, V, S. 141-142. Kopp Wilhelm. 48er Flüchtling in Amerika. S. 140: Der Einwanderer. Nach: Jahrbuch deutscher Dichtung, herausgeg. von Karl Weller. Leipzig 1858, I, 278. Zuerst 1856 in der Anthologie ‚Deutsch- Amerikanischer Dichterwald“. LAVANT Rudolf. Geboren 1844 in Leipzig. Die Verfolgungen unter dem Sozialistengesetz zwangen ihn zur Flucht aus Deutschland. In der Schweiz schrieb er für die Presse der Arbeiterschaft und gab hier die verdienstvolle Anthologie politischer Lyrik ‚‚Vorwärts‘ heraus. S. 153: Zum Abschied. Nach: Der Sozialdemokrat. Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge. London, 27. September 1890(Nr. 39).— Wie etwas über 40 Jahre zuvor das Abschieds- wort Freiligraths in der ‚Neuen Rheinischen Zeitung‘, so erschien dies Gedicht dreispaltig auf der Titelseite der letzten Nummer des ‚„Sozialdemokrat‘, der mit der Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die deutschen Sozialisten seinen Kampf im Exil zu einem erfolgreichen Ende geführt hatte. Die Verse finden sich auch in dem anonym erschienenen Gedichtband ‚‚In Reih und Glied“, Stuttgart 1893, S. 86. MARX Jenny, geborene von Westphalen(1814-1881). Die Frau von Karl Marx, mit dem sie die schweren Leiden und die Kämpfe des Exils aufopferungsvoll und tapfer getragen hat. Friedrich Engels widmete der Freundin im Zürcher ‚‚Sozial- demokrat‘‘ vom 8. ı2. 1881 folgenden Nachruf: Wiederum hat der Tod sich ein Opfer geholt aus den Reihen der alten Garde des proletarischen, revolutionären Sozialis- mus. Am 2. Dezember d. J. starb in London nach langer schmerz- hafter Krankheit die Gattin von Karl Marx. Sie war geboren in Salzwedel. Ihr Vater, bald darauf als Regierungsrat nach Trier versetzt, wurde dort eng befreundet mit der Familie Marx. Die Kinder wuchsen zusammen heran. 399 Die beiden hochbegabten Naturen fanden sich. Als Marx die Universität bezog, war die Gemeinsamkeit ihrer künftigen Geschicke schon entschieden. 1843, nach der Unterdrückung der ersten, eine Zeitlang von Marx redigierten ,, Rheinischen Zeitung", war die Hochzeit. Von da an hat Jenny Marx die Schicksale, die Arbeiten, die Kämpfe ihres Mannes nicht bloß geteilt, sie hat daran mit dem höchsten Verständnis, mit der glühendsten Leidenschaft Anteil genommen. Das junge Paar ging nach Paris, in ein freiwilliges Exil, das nur zu bald ein wirkliches wurde. Die preußische Regierung verfolgte Marx auch da. Alexander v. Humboldt gab sich dazu her, bei der Erwirkung eines Ausweisungsbefehls gegen Marx mit tätig zu sein. Die Familie wurde nach Brüssel getrieben. Es kam die Februarrevolution. Während der in ihrem Gefolge auch in Brüssel ausbrechenden Unruhen wurde nicht bloẞ Marx verhaftet. Die belgische Polizei ließ es sich nicht nehmen, auch seine Frau ohne allen Anlaß ins Gefängnis zu werfen. Der revolutionäre Aufschwung von 1848 brach schon im nächsten Jahre zusammen. Neues Exil, zuerst in Paris, dann infolge erneuerter Einmischung der französischen Regierung in London. Und diesmal war es in der Tat für Jenny Marx ein Exil mit allen seinen Schrecken. Den materiellen Druck, unter dem sie ihre beiden Knaben und ein Töchterchen ins Grab sinken sah, hätte sie trotzdem verwunden. Aber daß Regierung und bürgerliche Opposition, von der vulgär- liberalen bis zur demokratischen, sich zusammentaten zu einer großen Verschwörung gegen ihren Mann, daß sie ihn mit den elendesten, niederträchtigsten Verleumdungen überschütteten, daß die gesamte Presse sich ihm verschloß, ihm jede Verteidigung abschnitt, so daß er momentan wehrlos dastand vor Gegnern, die er und sie verachten mußten- das hat sie tief getroffen, und das dauerte sehr lange. Aber nicht für immer. Das europäische Proletariat kam wieder in Existenzbedingungen, in denen es sich einigermaßen selbständig bewegen konnte. Die Internationale wurde gestiftet. Von Land zu Land drang der Klassenkampf des Proletariats, 340 und unter den Vordersten kämpfte ihr Mann, der Vorderste. Da begann für sie eine Zeit, die manche harte Leiden auf- wog. Sie erlebte es, daß die Verleumdungen, die hageldicht auf Marx herabgeregnet, wie Spreu vor dem Winde zerstoben; daß seine Lehren, die zu unterdrücken alle reaktionären Par- teien, Feudale wie Demokraten; so ungeheure Mühe aufge- wendet, nun von den Dächern gepredigt wurden in allen zivilisierten Ländern und in allen gebildeten Sprachen. Sie erlebte es, daß die proletarische Bewegung, mit der ihr ganzes Sein verwachsen war, die alte Welt von Rußland bis Amerik in ihren Fugen erschütterte und allem Widerstand zum Trotz immer siegesgewisser vorwärtsdrang. Und eine ihrer letzten Freuden war noch der schlagende Beweis unverwüstlicher Lebenskraft, den unsere deutschen Arbeiter in den letzten Reichstagswahlen gegeben. Was eine solche Frau, mit so scharfem, kritischem Verstande, mit solch politischem Takt, mit solcher Energie und Leiden- schaft des Charakters, mit solcher Hingabe für ihre Kampf- genossen, in der Bewegung während fast vierzig Jahren ge- leistet, das hat sich nicht an die Öffentlichkeit vorgedrängt, das steht nicht in den Annalen der zeitgenössischen Presse verzeichnet. Das muß man selbst miterlebt haben. Aber das weiß ich: wenn die Frauen der Kommuneflüchtlinge ihrer noch oft gedenken werden, so werden wir anderen noch oft genug ihren kühnen und klugen Rat vermissen— kühn ohne Prahlerei, klug ohne der Ehre je etwas zu vergeben. London, den 4. Dezember 1881 Friedrich Engels Faksimile: Das bisher unbekannte Schreiben an Emma Her- wegh, das die Stadtgemeinde Liestal aus dem im Jahr 1946 eingeweihten Herwegh-Archiv im Rathaus der Stadt freund- lichst zur Verfügung'stellte, stammt aus dem Beginn des Jahres 1844 in Paris. Da die Dokumente aus der Anfangszeit der Emigration von Karl Marx spärlich sind, kommt ihm schon deshalb besondere Bedeutung zu. Über„Herwegh und Marx“ vgl. die Marx-Sondernummer der ‚Internationalen Literatur“, 3. Jahrgang, 1933, Heft 2, S. 46-71. Das Billet von Jenny Marx, das hier in Verkleinerung wiedergegeben ist, trägt rückseitig die Anschrift: Frau Herwegh. Der Text lautet: 23.045 341 „Bitte, liebe Frau Herwegh, schicken Sie mir durch die Über- bringerin dieser revolutionairen ‚Schnurre‘ für Ihren lieben Mann den Roman von der George Sand, von dem wir neu- lich sprachen. Und wenn Sie dieser geistigen Unterlage noch die bewußten materiellen hinzufügen wollten, so würden Sie mir einen großen Gefallen thun. Die Kriegsnoth ist zwar noch nicht angebrochen; ich möchte mich aber doch gern etwas frühzeitig verproviantiren, Leben Sie wohl! Ihre Jenny Marx. Eben fällt mir ein, daß es doch wohl nicht rathsam ist, das zarte Gewissen einer französischen Zofe mit den bewußten Gegenständen und gar noch am hellen Tage zu belasten. Könnten Sie sie nicht vielleicht Freund Constant aufbürden? (Bei ‚Freund Constant“ handelt es sich um Abb& Alphonse Louis Constant, 1810—1875.- Herwegh war zu dieser Zeit der„Krösus“ unter den Flüchtlingen.) MARX Karl. Geboren 1818 in Trier. 1843 verließ er nach dem Verbot der„Rheinischen Zeitung‘‘ Deutschland. Aus Paris wurde er 1845 ausgewiesen, er blieb danach in Brüssel und London. 1848 kehrte er nach Deutschland zurück und leitete mit Engels die„Neue Rheinische Zeitung‘. Das Blatt wurde im nächsten Jahr verboten, und Karl Marx erhielt den Aus- weisungsbefehl. Über Paris ging er erneut als Flüchtling nach London. Er starb hier, nach fast vierzigjährigem Exil, im Jahre 1883.(Vgl. die Rede von Engels S. 120.) S.60: An Arnold Ruge. Nach: Deutsch-Französische Jahr- bücher. Herausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx. Paris 1844, S. 17-18.(Aus: Ein Briefwechsel von 1843.)— Marx kann nur mit allem Vorbehalt als Autor bezeichnet werden, Engels schrieb 1890, daß ‚„‚Ruge ihn zurechtredigiert und allerlei Blödsinn hineingesetzt‘‘ habe. Vgl. die Einleitung zur Marx/Engels-Gesamtausgabe, erste Abteilung, I/2, S.XXXVII ff. Ruge hatte schon am 19. 12. 1843 Julius Fröbel mitgeteilt, daß er für die Jahrbücher„‚noch einige Briefe nach Originalen von Bakunin, Feuerbach, Marx und mir“ geschrieben habe.(Vgl. Werner Näf: Das Literarische Comptoir Zürich und Winterthur, Bern 1929, S. 59.) In der MEGA findet sich der Brief in der ersten Abteilung I/ı S. 557. S. 109: Auswärtige deutsche Politik. Nach der ‚Neuen Rhei- nischen Zeitung“, 3. 7. 1848, Nr. 33, S. ı.— Marx/Engels- Gesamtausgabe, erste Abteilung, VII, S. 136-138. Vgl. dort die Einleitung S. XVIII. S. 144: Aus der zweiten Adresse des Generalrats... Nach: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des Generalrats der Inter- nationalen Arbeiter-Assoziation. Dritte deutsche Auflage, vermehrt durch die beiden Adressen des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg und durch eine Einleitung von Friedrich Engels. Berlin 1891, S. 22-23. MÜNCH Friedrich. Geboren 1799 in Niedergemünden(Ober- hessen). Er beteiligte sich an der Bewegung der Burschen- schaftler und emigrierte 1834 nach Amerika. Er starb im Jahre 1881 in Missouri. S. 32: Auswanderungslied. Nach: Gesammelte Schriften von Friedrich Münch. St. Louis, Missouri, 1902, S. 3. PFAU Ludwig. Geboren 1821 in Heilbronn. 1848 begründete er eins der ersten deutschen politischen Witzblätter und mußte nach der Revolution in die Schweiz flüchten. Er wurde in contumaciam zu 21 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1852 siedelte er nach Paris über, wo er hauptsächlich als Übersetzer tätig war.(Er übertrug zum Beispiel Proudhon und Claude Tillier ins Deutsche.) 1863 kehrte er nach Deutschland zurück. Für die demokratische Presse Süddeutschlands kam ihm wesent- liche Bedeutung zu. Er starb in Stuttgart im Jahre 1894. $.98: Die deutschen Flüchtlinge. Nach: Gedichte. Vierte, durchgesehene und vermehrte Auflage, Stuttgart 1889,5.299. S. 108: Aufruf an die Jugend. Nach der gleichen Ausgabe,S. 345. S. 114: Aus den Flüchtlingssonetten. Nach der gleichen Ausgabe. Die insgesamt ı8„Flüchtlingssonette vom Jahre 1849“ dort S. 277-294. Zuerst erschien ein Teil der Gedichte als„Gehar- nischte Sonette‘“ in dem von Pfau redigierten Stuttgarter „Eulenspiegel“.- Die Verse von Pfau stehen weit über der „Flüchtlingspoesie“, wie sie nach 1848 besonders in der Schweiz gedieh. Es gab da u. a. Sammlungen mit den Titeln „Flüchtlings-Grüße und Flüche“(Zürich 1849),„Psalmen eines Verbannten“ und„Aus dem Exil‘(von A. C. Wiesner 23* 343 Zürich 1849 und Kassel 1851) ,,, Lieder eines Verbannten" ( von August Braß, Bern 1852), und zahllose Gedichte mit ähnlichen Überschriften.( Karl Heinrich Schnauffer: Der Flüchtling; Müller v. d. Werra: Die Stimme der Verbannten; W. Rothacker: Zuruf an die deutschen politischen Flüchtlinge; Carl Schneider: Des Verbannten Lied, und viele andere.) S. 116: Badisches Wiegenlied. Nach dem ,, Eulenspiegel", Nr. 50 vom 8. Dezember 1849, S. 200. Das Gedicht wurde, wohl seiner Schärfe wegen, von Ludwig Pfau in keine Sammlung seiner Gedichte aufgenommen. Es gehörte jedoch in Baden zu den populärsten Liedern der Zeit und wurde trotz seiner Unterdrückung noch 1857 im Volk gesungen, wie das ,, Zürcher Intelligenzblatt" vom 19. 4. des Jahres angibt. Schon damals konnte der Verfasser nicht mehr genannt werden, und der Wiedergabe fehlt die dritte Strophe. Vermutlich folgte der Abdruck einem anonymen Flugblatt, das 1849 in Straßburg verbreitet wurde und das die gleichen Strophen und ihre Komposition enthielt. Dies Flugblatt war es auch, welches zu der irrtümlichen Annahme führte, daß es sich um ,, das letzte Zeugnis für die literarische Tätigkeit der deutschen Flüchtlinge in Straßburg" handle.( Dr. Otto Wiltberger: Die deutschen politischen Flüchtlinge in Straßburg 1830-1849, Berlin und Leipzig 1910, S. 197). Wiltberger und den ihm folgenden Autoren blieb unbekannt, daß Ludwig Pfau der Dichter des Haßliedes war.( Dr. Friedrich Lautenschlager: Volksstaat und Einherrschaft. Dokumente aus der badischen Revolution Veit Valentin: Ge1848/1849. Konstanz 1920, S. 488. schichte der deutschen Revolution 1848/49. Berlin 1930/31, II, 451.) Vgl. die ,, Wiegenliede" von Hoffmann und Becher. S. 119: Nach der Bluthochzeit von 1849. Zuerst im ,, Eulenspiegel" vom 4. 5. 1850. In der vierten Auflage der Gedichte, S. 358-359. Am Schluß des Bandes von 1889 vermerkte Pfau ausdrücklich, daß für einen ,, etwaigen Wiederabdruck von Gedichten keine der drei ersten Auflagen zu Grunde zu legen ist." So wurde hier auch die vom Dichter bestimmte Überschrift beibehalten, die mehrfach abgeändert worden ist. - - S. 125: Achtzehnhundertneunundvierzig. Nach der gleichen Ausgabe, S. 35. 344 PLATEN August, Graf von. Geboren 1796 in Ansbach. 1826 verließ der Dichter Deutschland, das er nur vorübergehend wieder aufsuchte. Er starb im freiwilligen Exil in Syrakus im Jahre 1835. S. 6: Was habt ihr denn... Nach: Sämtliche Werke in zwölf Bänden. Historisch- kritische Ausgabe von Max Koch und Erich Petzet. Leipzig 1909. III, S. 204. S. 7: Die letzte Hefe... Nach der gleichen Ausgabe, III, S. 231.. S. 8: Es sehnt sich ewig... Nach der gleichen Ausgabe, III, S. 207. Die Prosastellen nach den Tagebüchern, zweiter Band, Stuttgart 1900, und dem Briefwechsel, herausgegeben von Paul Bornstein, vierter Band, München 1931.- Vgl. den Brief aus Rom an Puchta vom 14. 1. 1828: ,, Noch diese Tage habe ich einen Antrag von Berlin erhalten, worin man mir eine jährliche Pension von 2500 Talern verspricht, um dafür ein theatralisch kritisches Wochenblatt herauszugeben. Ich habe es ausgeschlagen. Daß ich noch weniger gesonnen bin, mich in einer deutschen Kanzlei oder Bibliothek mißbrauchen zu lassen, daß ich fest entschlossen bin, meine Freiheit zu behaupten, können Sie versichert'sein. In Deutschland werde ich nie unter meiner Würde erscheinen, und wenn ich hier zu Lande ein Sklave bin, so bin ich es wenigstens nicht in meinem Vaterlande." S. 13: Das Reich der Geister. Nach der gleichen Ausgabe, II, S. 133-135. S. 16: Epilog. Nach der gleichen Ausgabe, II, S. 210-211.- Cotta hatte sich geweigert, dieses Gedicht und andere politische Lieder Platens zu drucken, und so wurden sie vier Jahre nach dem Tod des Dichters außerhalb Deutschlands, in Straßburg, veröffentlicht und erst nach weiteren zehn Jahren, 1849, in Deutschland gedruckt. PRUTZ Robert. Geboren 1816 in Stettin. Ähnlich wie Hoffmann von Fallersleben wurde er im Vormärz seiner liberal- demokratischen Publikationen wegen fortgesetzt von der Polizei 345 der deutschen Länder mit Verboten und Landesverweisungen geplagt oder an der Ausübung seiner Dozententätigkeit gehindert. Auch nach der Revolution war er wiederholt mit den Behörden in Konflikt. Er starb im Jahre 1872 in Stettin. S. 58: Abschied. Nach: Gedichte. Dritte, vollständige Ausgabe. Leipzig 1847, S. 437.- Thematisch gleichartige Lieder als Gruß für die ins Exil gehenden Kampfgefährten u. a. bei Beck, Glaẞbrenner, Pfau, Püttmann, oder auch in der Literatur Österreichs von Anastasius Grün und Lenau bis zu Berthold Viertel. PUTTMANN Hermann. Geboren 1811 in Elberfeld. Er war der führende Vertreter einer sozialen Lyrik, die von Marx und Engels als ,, wahrer Sozialismus" bezeichnet wurde. Schon vor 1848 verbrachte er einige Zeit in der Schweiz, nach der Revolution emigrierte er nach Australien. Er starb in Melbourne im Jahre 1894. S. 83: Fusillade. Nach: Gedichte. Erste Gesamtausgabe. Herisau 1846, S. 324–326. Vorher bereits in: Soziale Gedichte. Belle- Vue 1845, S. 10-14. REITZEL Robert. Geboren 1849 in Schopfheim( Baden). Er emigrierte 1871 nach Amerika und starb in Detroit im Jahre 1898. S. 156: Ich ,, vaterlands loses Gesindel". Nach: Robert Reitzel. Des ,, Armen Teufels" gesammelte Werke, Heft 1, 1919. Berlin, Verlag ,, Der Syndikalist".- Ein näheres Eingehen auf das Wirken der deutschen Flüchtlinge des 19. Jahrhunderts in Amerika war hier aus Raumgründen nicht möglich. Von den Burschenschaftlern( siehe Karl Follen und Münch) über die Demokraten von 1848 bis zu den Anarchisten um Johann Most ist es ein literaturreicher Weg. S. 157: Für Freund und Feind. Nach der gleichen Ausgabe. RUGE Arnold. Geboren 1802 in Bergen auf Rügen. Nach dem Verbot seiner ,, Deutschen Jahrbücher" ging er 1843 nach Paris, wo er mit Marx die ,, Deutsch- Französischen Jahrbücher" herausgab. Aus Frankreich kam er nach der Schweiz, 346 kehrte aber schon vor der Revolution nach Deutschland zurück. 1849 flüchtete er nach Frankreich und nahm danach seinen Wohnsitz in England. Er' starb im Jahre 1880 in Brighton. S. 77: An Adolf Stahr. Nach: Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebuchblätter aus den Jahren 1825-1880. Herausgegeben von Paul Nerrlich. Erster Band, Berlin 1880, S. 356, 357. S. 77: Lied des Spartacus. Nach: Spartacus. Oper in drei Akten. In: Zwei Jahre in Paris. Studien und Erinnerungen. Erster Teil, Leipzig 1846, S. 235-284. Die zitierten Verse auf S. 252-253. Sie finden sich bereits unter dem Titel ,, Generalmarsch" in ,, Gedichte und Gedanken eines Deutschen in Paris" von German Mäurer.( Zürich 1845, S. 160. Als Verfasser wurde hier ,, Ein junger Republikaner" angegeben.) S. 77: An Robert Prutz. Nach: Nerrlich, I, S. 408, 409. Der letzte Absatz nach: Die politischen Lyriker unserer Zeit. Leipzig 1847, S. 285. SALLET Friedrich von. Geboren 1812 in Neiße. 1832 wurde er wegen einer kleinen Novelle, in der er mit harmlosem Spott über Miẞstände im Militärwesen geschrieben hatte, zu zehn Jahren Festung verurteilt, aber zu acht Jahren und schließlich zu zwei Monaten begnadigt. Die Untersuchung hatte ein Jahr gedauert. Dem Dichter blieb durch frühen Tod die Emigration erspart, mit der ihn schon enge freundschaftliche und geistige Bande verknüpften. Am 7. Februar 1843 hatte der ,, Schweizerische Republikaner" in Zürich, dem durch die Mitarbeit von Georg Herwegh und Friedrich Engels und vielen anderen eine besondere Bedeutung für die deutsche Emigration zukommt, den Dichter mit einer Besprechung begrüßt: ,,... Mit Sallet hat die heilige Sache der Freiheit einen Priester mehr erhalten, einen Priester, der, stark im Glauben an das Walten des Geistes in der Geschichte, bereit ist, im Kampfe für die neue Zeit sein Blut zuerst zum Opfer zu bringen." Wenige Tage danach starb Friedrich von Sallet in Reichau( Schlesien). S. 62: Vor Gericht. Nach: Leben und Wirken Friedrich von Sallets, nebst Mitteilungen aus dem literarischen Nachlasse desselben. Breslau, 1844, S. 373-374. 347 S. 70: Lied der Verfolgten. Zuerst in etwas anderer Fassung mit der Überschrift ,, Ergebung" in den Gesammelten Gedichten, 1843, S. 397-398. SAUERWEIN Wilhelm. Geboren 1803 in Frankfurt a. M. Durch Satiren und scharfe Angriffe in der Presse gegen Gewaltherrschaft und Zensur geriet er mit der Polizei in Konflikt, flüchtete 1834 in die Schweiz und wurde später Lehrer der deutschen und englischen Sprache in Frankreich. 1844 veranlaßte ihn eine schwere Krankheit zur Rückkehr, die Behörden verzichteten trotz des Steckbriefes ,, großmütig" auf Verfolgung, und Sauerwein konnte unbehelligt im Jahre 1847 in Frankfurt sterben. S. 35: Lied der Verfolgten. Nach: Gedichte aus der Zeit und für die Zeit. Biel 1835, S. 30. Das Lieblingslied der deutschen Flüchtlinge, das auch noch 1848 und später recht populär war. SCHAPPER Karl. Geboren 1813 in Hessen- Nassau. Wegen Beteiligung an den demokratischen Bewegungen in Deutschland wurde er verhaftet, er floh jedoch 1834 in die Schweiz. 1836 fiel er hier der Verfolgungswelle gegen die Flüchtlinge zum Opfer und ging nach Paris, wo er ebenfalls( 1839) ausgewiesen wurde. 1840-1848 wirkte er unter den Flüchtlingen in London und war dann in Deutschland an der ,, Neuen Rheinischen Zeitung" tätig. Am 16. September 1849 brachte die ,, Schweizerische National- Zeitung" folgenden Bericht aus Köln: ,, Während der frühere Korrektor der, N. Rhein. Ztg.', K. Schapper, in einem wiesbadenischen Gefängnis zu erwarten hat, daß er vor das Geschworenengericht gestellt wird, kommt seine Frau hier in Wochen. Die Demokratie, welche die vaterlose Familie nach Kräften unterstützte, trug darauf an, daß der junge Schapper unter dem Namen, Kossuth' in die Geburtsurkunden eingetragen werde, wogegen die Zivilstandsbeamten protestierten. Die Sache schwebt jetzt bei dem Prokurator. Indessen erkrankt die Frau Schapper( eine Engländerin) und stirbt in der vorigen Nacht, trotz aller Anstrengungen des Dr. Gottschalk, dem man den Dr. Königs zugestellte. Für die vier Kinder stand somit eine traurige Gegenwart in Aussicht; aber wir sind unbesorgt für dieselben, 348 da der hochherzige Dichter Ferd. Freiligrath gleich eines der Waisenkinder zu sich nahm und den Gesinnungsgenossen dadurch ein Beispiel gab, das sicher nicht ohne Nachahmung bleiben wird, um so mehr, weil die Demokratie mit ganzer Seele an dem verhafteten Vater hängt." Nach der Haft flüchtete Schapper wiederum nach England. Er starb im Exil in London im Jahre 1870. S. 96: Die deutschen Auswanderer. Nach: Carl Grünberg, Die Londoner Kommunistische Zeitschrift und andere Urkunden aus den Jahren 1847/48. Leipzig 1921, S. 64-68.- Schapper war Redakteur des Blattes, von dem nur eine Probenummer erschienen ist. Diese wurde von den Schriftsetzern, die Mitglieder der zwei deutschen Bildungsvereine in London waren, unentgeltlich gedruckt. Der zitierte Aufsatz erschien am 19. September 1847 auch in der ,, Deutschen Brüsseler Zeitung". SCHERR Johannes. Geboren 1817 in Hohenrechberg bei Gmünd. 1840 kam er zum erstenmal in die Schweiz. Nach 1848 wurde er in Deutschland in contumaciam zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, in Zürich erhielt er eine Professur für Geschichte und Literatur. Er starb in Zürich im Jahre 1886. S. 67: Briefe aus dem Exil. Nach: Die Schweiz und die Schweizer. Winterthur 1845, S. 16-17, 51, 103-105.( Erweiterte Ausgabe der ,, Briefe eines Deutschen aus dem Exil", Winterthur 1843.)- Von den anfänglichen Sympathien für die Arbeiterbewegung ist bei dem späteren Kulturhistoriker nicht viel übriggeblieben. SCHULZ Wilhelm. Geboren 1797 in Darmstadt. Er wurde wiederholt in politische Untersuchungen verwickelt und wegen eines Buches schließlich 1834 zu drei Jahren Festung verurteilt. Im gleichen Jahr konnte er aus der Haft entkommen und nach Straßburg fliehen. Er ließ sich dann in Zürich nieder, mußte 1849 erneut aus Deutschland flüchten und starb im Exil in Zürich im Jahre 1860. S. 63: Die Schande der deutschen Justiz. Nach: Der Tod des Pfarrers Dr. Friedrich Ludwig Weidig. Zürich und Winterthur 1843, S. 40 und 42-43.- Die Worte Büchners wurden von Schulz bereits im Nachruf auf den Freund am 27. 2. 1837 in der ,, Neuen Zürcher Zeitung" veröffentlicht. 349 SEEGER Ludwig. Geboren 1810 in Wildbad(Württemberg). Von 1835 bis 1848 war er Lehrer für die alten Sprachen am Gymnasium und an der Universität Bern. Die Revolution von 1848 veranlaßte seine Rückkehr nach Deutschland. Er starb in Stuttgart im Jahre 1864. 8.65: Die Geächteten. Nach: Der Sohn der Zeit. Freie Dich- tung. Zürich und Winterthur 1843, S. 371-373. SIEBENPFEIFFER Philipp Jakob. Geboren 1789 in Lahr. Seit 1830 beteiligte er sich in den ersten Reihen der demokra- tischen Freiheitsbewegung. 1833 wurde er verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er konnte aus der Haft fliehen, ging in die Schweiz und wurde Professor der Ju- ristischen Fakultät der Universität Bern. Im Jahre 1845 erlag er in der Heilanstalt Bümpliz bei Bern einem Gehirnleiden. (Vgl. unten das Heine-Zitat in der biographischen Notiz bei J. G. A. Wirth.) 8.33: Der Tag wird kommen! Nach: Zwei gerichtliche Ver- teidigungsreden von Siebenpfeiffer. Bern 1834, S. 36-37.- Über diese Reden vgl. Fr. Haag: Die Sturm- und Drang- periode der Bernischen Hochschule 1834-1854. Bern 1914, S. 567. STRODTMANN Adolf. Geboren 1829 in Flensburg. Als Zwan- zigjähriger wurde er wegen eines politischen Gedichtes von der Universität Bonn relegiert und zur Emigration gezwungen die er in Frankreich, England und Amerika verbrachte. Nach der Heimkehr lebte er in Hamburg, wo er als Schriftsteller und kundiger Übersetzer wirkte. Er starb in Berlin-Steglitz im Jahr 1879. S. 136: Gruß den Freien in Amerika! Nach: Brutus! schläfst du? Zeitgedichte. London-New York-Hamburg(1863), S. 294. VENEDEY Jakob. Geboren 1805 in Köln. 1832 wurde er wegen seiner politischen Tätigkeit in Mannheim verhaftet, doch konnte er aus dem Gefängnis nach Frankreich fliehen. Seiner Arbeit unter den Flüchtlingskreisen dieser Jahre kommt noch eine gewisse Bedeutung zu, im Gegensatz zu seiner späteren Tätigkeit, die hauptsächlich durch die Satiren Heines und Herweghs bekannt ist. Er starb 1871 in Oberweiler(Baden). 350 S. 28: Deutschland. Nach: Der Geächtete. Zeitschrift in Verbindung mit mehreren deutschen Volksfreunden herausgegeben von J. Venedey. Erstes Heft, Paris 1834. Der erste Aufsatz nach dem Vorwort: ,, Deutschland. Sklave. Leibeigner. Unterthan." S. 6-16. Die Zeitschrift, für die Börne und Heine Beiträge lieferten, sollte als erstes gewichtiges Presseerzeugnis der deutschen Emigration nicht übergangen werden. Auf eine Auswahl aus den übrigen Blättern mußte verzichtet werden, das ,, Nordlicht" und die Zeitungen Weitlings, Marrs und Beckers in der Schweiz, die durch Marx berühmt gewordenen Pariser, Brüsseler und Londoner Publikationen, die deutschen Periodica in Amerika, das könnte allein schon einen Band füllen. Vielleicht wird sich diese wissenschaftlich und bibliophil wertvolle Aufgabe noch lösen lassen. - WEERTH Georg. Geboren 1822 in Detmold. Er ging 1843 nach England, wo er in Manchester mit Friedrich Engels befreundet wurde, der später Georg Weerth als den ,, ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats" bezeichnete. Aus Belgien kehrte er 1848 nach Deutschland zurück und war mit Marx und Engels führend in der Redaktion der ,, Neuen Rheinischen Zeitung" tätig. Nach deren Verbot wurde er für die Satire ,, Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski" zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Haft unternahm er größere geschäftliche Reisen. Auf einer solchen Fahrt ereilte ihn ein Tropenfieber, an dem er im Jahre 1856 in Havanna starb. S. 94: Lied eines irischen Emigranten. Nach: ,, Neue Rheinische Zeitung" Nr. 15, 15. 8. 1848. S. 100: Einer meiner schönsten Tage. Nach der Wiedergabe in der Zeitschrift ,, Das Wort", Moskau 1936, Nr. 1( Juli), S. 76 bis 77. WEITLING Wilhelm. Geboren 1808 in Magdeburg. 1836 wanderte er nach Paris und ging von dort 1839 in die Schweiz. Seine schriftstellerische und propagandistische Tätigkeit unter den deutschen Arbeitern in der Schweiz bewirkte 1843 seine Verhaftung in Zürich und die anschließende Ausweisung. Über Hamburg, London und Brüssel gelangte er nach New York, kehrte 1848 nach Deutschland zurück, wurde aber von 351 der siegreichen Reaktion erneut ausgewiesen. Weitling reiste wiederum nach Amerika und starb im Exil in New York im Jahre 1871. S. 43: Die Heiligtümer der Menschheit. Nach: Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte. Zweite Auflage, Bern 1845, S. 51-52. S. 54: Fluch euch Tyrannen! Nach: Garantien der Harmonie und Freiheit. Vivis 1842.$S. 193 und 194-195. WEYDEMEYER Joseph. Geboren 1818 in Münster(Westfalen). Er nahm frühzeitig an der Organisation der sozialistischen Bewegung teil, schrieb für deren Organe und wurde Mitglied des Kommunistenbundes. Seine Freundschaft mit Marx und Engels wurde nach der Revolution, in der er nach Kräften die demokratische Entwicklung Deutschlands zu unterstützen suchte, trotz der Trennung noch enger: er lebte als Emigrant in Amerika und wirkte auch hier unermüdlich als Publizist und Organisator für die Arbeiterbewegung. Er starb im Exil in Saint-Louis im Jahre 1866. S. 138: Die revolutionäre Agitation unter der Emigration. Nach: Turn-Zeitung. Organ des socialistischen Turnerbundes. I. Jahrg. Nr. 6, New York, 1. 3. 1852.(Dank der Mitteilung von Karl Obermann, dem ersten Biographen Weydemeyers.) WIRTH Johann Georg August. Geboren 1798 in Hof(Ober- franken). Durch seine mutigen, der Zensur trotzenden Auf- sätze zog er sich häufige Strafen zu, nach dem„Hambacher Fest“ wurde er schließlich verhaftet. Er verweigerte die von Freunden ermöglichte Flucht und wurde 1833 zu zwei Jahren‘ Gefängnis verurteilt. Als er sich aber nach der Haft unter Polizeiaufsicht gestellt sah, flüchtete er nach Frankreich. 1847 kehrte er zurück und starb 1848 in Frankfurt a. M.- Vgl. die berühmte Stelle in Heines ‚‚Französischen Zuständen‘: Den Doktor Wirth und den Siebenpfeiffer und Herrn Scharpff und Georg Fein aus Braunschweig und Grosse und Schüler und Savoye, man kann sie festsetzen, und man wird sie fest- setzen; aber ihre Gedanken bleiben frei und schweben frei, wie Vögel, in den Lüften. Wie Vögel nisten sie in den Wipfeln deutscher Eichen, und vielleicht ein halb Jahrhundert lang 392 sieht man und hört man nichts von ihnen, bis sie eines schönen Sommermorgens auf dem öffentlichen Markte zum Vorschein kommen, großgewachsen, gleich dem Adler des obersten Gottes, und mit Blitzen in den Krallen. Was ist denn ein halb oder gar ein ganzes Jahrhundert? Die Völker haben Zeit genug, sie sind ewig; nur die Könige sind sterblich. S. 21: Aus der Rede vor Gericht. Nach: Die Rechte des deutschen Volkes. Dr. J. G. A. Wirths Verteidigungsrede vor dem Schwurgericht zu Landau, nebst einer biographischen Skizze. 7. Auflage, Frankfurt a. M. 1864. S. 200-204. WOLFF Wilhelm. Geboren 1809 in Tarnau( Schlesien). Als Student wurde er Mitglied der Burschenschaft, was 1834 zu seiner Verhaftung führte. Jahrelang wurde er durch Gefängnisse und Festungen geschleppt- in Silberberg befreundete er sich mit Fritz Reuter-, bis die Gesundheitsschäden ihm Begnadigung einbrachten. Bald stand er erneut im politischen Kampf gegen die Willkür der Zensur und gegen die tyrannische Unterdrückung des werktätigen Volkes. Der wieder drohenden Verhaftung entkam er nur durch die Flucht, und bis 1848 lebte er besonders in Brüssel und gehörte dann zur Redaktion der ,, Neuen Rheinischen Zeitung". Die neuerliche Emigration verschlug ihn in die Schweiz, von der er nach England weiterwandern mußte. Der ,, kühne, treue, edle Vorkämpfer des Proletariats", dem Marx das ,, Kapital" widmete, starb im Exil in Manchester im Jahre 1864. S. 112: Aus: Die Schlesische Milliarde. Nach: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Franz Mehring. Berlin 1909, S. 84 und 122. 353 Biographische und bibliographische Anmerkungen "zum zweiten Teil(Gegenwart) Abkürzungen Ü F.D.: Freies Deutschland. Mexiko 1941-1946. I.L.: Internationale Literatur. Verantwortlicher Redakteur (ab Mai 1933) Johannes R. Becher. Moskau 1933-1945- N.T.: Das Neue Tagebuch. Paris-Amsterdam 1933-1940. N. W.: Die neue Weltbühne. Prag-Paris 1933-1939- Sa.: Die Sammlung. Literarische Monatsschrift unter dem Patronat von Andre Gide, Aldous Huxley, Heinrich Mann, herausgegeben von Klaus Mann. Querido Ver- lag Amsterdam. 1934-1935- Wo.: Das Wort. Literarische Monatsschrift. Redaktion Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Willi Bredel. Jourgaz-Verlag Moskau 1936-1939. BECHER Johannes R. Geboren 1891 in München. In den Jahren 1933-1945 im Exil. S. 163: Aus: Deutscher Totentanz 1933. Nach: Neue Gedichte. Moskau-Leningrad 1933, S. 19. S. 164: Still, mein Herz! Nach: Die Hohe Warte. Deutschland- Dichtung 1933-1945. Aufbau-Verlag Berlin 1946, S. ı61.— Vgl. Neue Gedichte. 1933, S. 26, und die„‚Wiegenlieder‘ von Pfau und Hoffmann. S. 173: Es wird nicht lange mehr dauern! Nach: Deutschland. Zürich 1934, S. 83-84. S. 185: Die grüne Wiese. Nach: Gewißheit des Siegs und Sicht aufgroße Tage. GesammelteSonette 1935-1938. Moskau 1939, S. 7.- Vgl.: Der Mann, der alles glaubte. Dichtungen. Paris 1935, 9. 149. 354 S. 199: Deutschland. Nach: Ausgewählte Dichtung aus der Zeit der Verbannung 1933-1945. Aufbau- Verlag Berlin 1946, S. 46. S. 211: Tränen des Vaterlandes Anno 1937. Nach: Gewißheit des Siegs... S. 79-80. Für das zweite Sonett vgl. N. W. 28. 1. 1937. - S. 233: Trinklied. Nach: Der Glücksucher und die sieben Lasten. Ein hohes Lied. Moskau 1938, S. 137. - S. 258: Der Jude. Nach: I. L. 1939, Heft 4, S. 50. In: Wiedergeburt. Dichtungen. Moskau 1940, S. 63-64, mit der Überschrift ,, Spanische Inquisiton". S. 274: Flüchtling. Nach: Wiedergeburt. Dichtungen. Moskau 1940, S. 88. S. 282: Auf die Hand eines Toten. Nach: Ausgewählte Dichtung, S. 223. S. 301 An Deutschland. Nach: Ausgewählte Dichtung, S. 229. S. 316: Es war ein Mann. Nach: Ausgewählte Dichtung, S. 270. BRECHT Bertolt. Geboren 1898 in Augsburg. Im Exil in Amerika. S. 176: Deutschland. Nach: Bertolt Brecht, Hanns Eisler ,, Lieder Gedichte Chöre". Paris 1934, S. 114-115. S. 189: Rapport von Deutschland. Nach: Der Gegenangriff. Prag- Paris- Basel. Dritter Jahrgang, Nr. 15, 12. April 1935. S. 201: Fragen eines lesenden Arbeiters. Nach: Wo. 1936, Heft 2 ( August), S. 19. S. 217: Über die Bezeichnung Emigranten. Nach: N. W. 30. 12. 1937( Heft 53, S. 1672). S. 219: Deutsche Kriegsfibel 1937. Nach: Wo. 1937, Heft 4/5. S. 59. S. 235: Auf den Tod eines Kämpfers für den Frieden. Nach: N. W. 19. 5. 1938, S. 631. S. 236: Die Ängste des Regimes. Nach: Wo. 1933, Heft 1, S. 47-48. In einem Aufsatz ,, Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen"( Wo. März 1939) sagt Bertolt 355 Brecht: ,, Die, Deutschen Satiren' sind für den deutschen Freiheitssender geschrieben. Es handelte sich darum, einzelne Sätze in die ferne, künstlich zerstreute Hörerschaft zu werfen. Sie mußten auf die knappste Form gebracht sein und Unterbrechungen( durch die Störsender) durften nicht allzuviel ausmachen. Der Reim schien mir nicht angebracht, da er dem Gedicht leicht etwas In- sich- Geschlossenes, Am- Ohr- Vorübergehendes verleiht. Regelmäßige Rhythmen mit ihrem gleichmäßigen Fall hacken sich ebenfalls nicht genügend ein und verlangen Umschreibungen: viele aktuelle Ausdrücke gehen nicht hinein: der Tonfall der direkten, momentanen Rede war nötig. Reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen schien mir geeignet." - S. 260: An die Nachgeborenen. Nach: N. W. 15. 6. 1939. Der Gedichtband( Malik- Verlag London), dem das Gedicht angehören sollte, konnte nicht eingesehen werden. S. 263: Wie künftige Zeiten unsere Schriftsteller beurteilen werden. Nach: N. W. 29. 6. 1939.- Am Schluß die Widmung: ,, Martin Andersen- Nexö zum sechsundzwanzigsten Juni 1939". S. 283: Und was bekam des Soldaten Weib? Nach: F. D. März 1942, S. 17. S. 286: An die deutschen Soldaten im Osten. Nach: F. D. März 1942, S. 16. S. 300: Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten. Aus: ,, Der gute Mensch von Sezuan. Ein Parabelstück." Nach dem Bühnenmanuskript S. 44. BREDEL Willi. Geboren 1901 in Hamburg. 1933-34 im Konzentrationslager, danach bis 1945 im Exil. S. 197: Lehre und Aufgabe. Nach: Wo. 1936, Heft 4( Oktober), Vorwort, Heft 5( November), Vorwort S. 4, und nach dem Manuskript. CLAUDIUS Eduard.( Pseudonym.) Geboren 1911 in Gelsenkirchen. In den Jahren 1933-1945 im Exil. S. 240: Mensch auf der Grenze. Nach: Über die Grenzen. Von Flüchtlingen für Flüchtlinge( erschienen in der Schweiz 1944-1945) Nr. 4. 356 FEUCHTWANGER Lion. Geboren 1884 in München. Im Exil in Amerika. S. 227: Größe und Erbärmlichkeit des Exils. Nach: Exil. Roman. Querido Verlag N. V. Amsterdam 1940, S. 151-157.- Dieses 8. Kapitel im ersten Buch des Romans trägt die Überschrift ,, Trübe Gäste". Bei dem gesonderten Erstdruck in Wo. 1938 war der hier wiedergegebene Titel gewählt worden. " S. 273: Gesang der Toten. Nach: Deutscher Freiheits- Kalender. 1940. Herausgegeben für die Leser und Freunde der Zukunft ( Paris). S. 76. FRANK Bruno. Geboren 1887 in Stuttgart. Gestorben im Exil in Amerika im Jahre 1945. S. 174: Aus: Drei Zeitgedichte. Nach: Sa. Erster Jahrgang, Heft 5, S. 237. GEROLD Karl. Geboren 1906 in Giengen/ Brenz bei Ulm. In den Jahren 1933-1946 im Exil. S. 175: Ich gehe manchmal vorbei... Nach: Paul Schuhmann ( Pseudonym für Karl Gerold): ,, Es lohnt sich noch...", Gedichte- Chöre, Paris, S. 17. GRAF Oskar Maria. Geboren 1894 in Berg( Bayern). Im Exil in Amerika. S. 186: Keine Nacht vergeht... Nach: Arbeiter- Jahrbuch 1935. Herausgeber und Verleger: Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik. S. 120. S. 200: Zuruf! Nach: Wo. 1936, Heft 5( November), S. 6. HERMLIN Stephan.( Pseudonym.) Geboren 1915 in Chemnitz. In den Jahren 1933-1945 im Exil. S. 292: Ballade vom Elend in unserer Zeit mit einem Manifest an die Städtebestürmer. Nach dem Manuskript. S. 299: Nike von Samothrake. Nach dem Manuskript. S. 317: Ballade für die Guten Leute auf allen Märkten zu singen. Nach dem Manuskript. 24.045 357 HERRMANN- NEISSE Max. Geboren 1886 in Neiße. Gestorben 1941 im Exil in England. S. 169: Rast auf der Flucht. Nach: Um uns die Fremde. Gedichte. Vorwort von Thomas Mann. Verlag Oprecht, Zürich 1936, S. 31. Zuerst N. T. 9. 9. 1933. S. 170: Zuversicht. Nach der gleichen Sammlung, S. 5. S. 181: Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen. Nach der gleichen Sammlung, S. 84. S. 196: Heimatlos. Nach: Erinnerung und Exil. Gedichte. Mit einem Nachwort von Stefan Zweig. Verlag Oprecht, Zürich 1946, S. 21. S. 207: Niemals werden wir dazugehören. Nach: N. T. 14. 11. 1936. Erinnerung und Exil, S. 25. S. 226: Mir bleibt mein Lied. Nach: Erinnerung und Exil, S. 55° S. 253: Auf Abbruch. Nach: N. T. 5. 3. 1938. S. 268: Ich möchte heim... Nach: Mir bleibt mein Lied. Auswahl aus unveröffentlichten Gedichten. London- New York 1942, S. 178. S. 275: Bittere Beichte. Nach: Erinnerung und Exil, S. 124. HEYM Stefan. Geboren 1912(?) in Sachsen. Im Exil in Amerika. S. 192: Rechtfertigung. Nach: N. W. 17. 1. 1935, S. 91. HUPPERT Hugo. Geboren 1902 in Schlesien. Im Exil in der Sowjetunion. S. 204: Das Wort. Nach: Wo. 1936, Heft 1( Juli), S. 8. KERR Alfred. Geboren 1867 in Breslau. Im Exil in England. S. 213: Die Illegalen. Nach: N. W. 24. 6. 1937, S. 818.- Auch in dem Gedichtband ,, Melodien", Paris 1937. LANGHOFF Wolfgang. Geboren 1901 in Berlin. 1933-1934 im Konzentrationslager, danach bis 1945 im Exil. S. 321: Rückschau und Ausblick. Nach: Die Bewegung Freies Deutschland und ihre Ziele. Zürich 1945, S. 40. 358 LASKER- SCHÜLER Else. Geboren 1876 in Elberfeld. Gestorben im Exil in Jerusalem im Jahre 1945. S. 178: Die Verscheuchte. Nach: Mein blaues Klavier, Jerusalem 1943.( Der Gedichtband lag nur in einer Abschrift vor, er trägt die Widmung: Meinen unvergeßlichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands- und denen, die wie ich vertrieben und nun zerstreut in der Welt, in Treue!) Zuerst in Sa. Erster Jahrgang, Heft 7, S. 384. S. 193: Über glitzernden Kies. Nach: Mein blaues Klavier. S. 214: Abends. Nach: Mein blaues Klavier. S. 249: Es kommt der Abend. Nach: Mein blaues Klavier. Zuerst: Pariser Tageszeitung, 18./19. 9. 1938. S. 267: Ein Liebeslied. Nach: Mein blaues Klavier. S. 277: Ich weiß... Nach: Mein blaues Klavier. S. 294: Mein Herz ruht müde. Nach: Mein blaues Klavier. LEONHARD Rudolf. Geboren 1889 in Lissa( Pommern). Im Exil in Frankreich. S. 225: Diktatorenmoral. Nach: N. W. 22. 4. 1937, S. 539. S. 276: Und du kannst schweigen? Nach: F. D. November 1941. S. 310: Vaterland. Nach: Deutschland muß leben...! Gedichte. S. 11.( Die Sammlung wurde in Frankreich unter dem Pseudonym Robert Lanzer herausgegeben, sie trägt am Schluß den Vermerk: Achevé d'imprimer en Août en Provence sous l'occupation nazie.) MANN Heinrich. Geboren 1871 in Berlin. Im Exil in Amerika. S. 161: Aus: Der Haß. Nach: Der Haß. Deutsche Zeitgeschichte. Querido Verlag Amsterdam, 1933. S. 77, 170-171, 176. - S. 182: Exil. Nach: Es kommt der Tag. Deutsches Lesebuch. Europa- Verlag Zürich 1936, S. 200-203. Zuerst in Sa. Zweiter Jahrgang, Heft 1, S. 7-9. S. 218: Aufruf. Nach einer Flugschrift, Paris 1937. 24.045a 359 S. 256: Über Goethe. Nach: Mut. Paris 1939, Editions du 10 mai. S. 184-187. S. 291: Aus: Deutsche Schuld und Unschuld Nach: F. D. Februar 1943. MANN Thomas. Geboren 1875 in Lübeck. Im Exil in Amerika. S. 209: Aus: Ein Briefwechsel. Nach: Ein Briefwechsel. Verlag Oprecht, Zürich 1937. S. 12-13. S. 250: Aus: Dieser Friede. Nach: Dieser Friede. BermannFischer Verlag A.-B. Stockholm 1938. S. 28. S. 269: Der Feind der Menschheit. Nach: N. T. 22. 7. 1939, S. 710 ff.( ,, Zwang zur Politik").- Der Schluß wurde von Thomas Mann auch in einer Rede verwertet, die er im September 1939 in Stockholm hielt: Das Problem der Freiheit, Bermann- Fischer Verlag, Stockholm 1939. S. 280: Deutsche Hörer! Nach: Deutsche Hörer! 55 Radiosendungen nach Deutschland. Zweite, erweiterte Ausgabe. Bermann- Fischer Verlag, Stockholm 1945, S. 49. S. 308: Deutsche Hörer! Nach der gleichen Sammlung S. 112. MARCHWITZA Hans. Geboren 1890 in Scharley( Oberschlesien). In den Jahren 1933-1946 im Exil. S. 320: Frieden. Nach: F. D. Juni 1945. MAYER Paul. Geboren 1889 in Köln. Im Exil in Mexiko. S. 295: Es gibt ein Wort... Nach: Exil. Gedichte. Editorial ,, El Libro Libre" Mexiko 1944, S. 62. S. 306: Klage um Köln. Nach: F. D. Mai 1945. S. 313: Den Unbeirrten. Nach dem Manuskript. Veröffentlicht zuerst in einer Werbeschrift für das Hilfswerk für Deutschland in Mexiko 1945. MIHALY Jo.( Pseudonym.) Geboren 1902 in Schneidemühl. Im Exil in der Schweiz. S. 191: Choral 1935. Nach der Zeitschrift des V. P. O. D. ( Verband des Personals öffentlicher Dienste) in der Schweiz ,, Der öffentliche Dienst". دو 360 RENN Ludwig.(Pseudonym.) Geboren 1889 in Dresden. 1932-1935 im Gefängnis, danach bis 1947 im Exil. S. 224: Ansprache auf dem Internationalen Schriftstellerkongreß in Madrid. Nach: Wo. 1937, Heft 10, S. 78. SCHÖNLANK Bruno. Geboren 1891‘in Berlin. Im Exil in der Schweiz. S. 305: Frühlingsnacht. Nach dem Manuskript. SEGHERS Anna.(Pseudonym.) Geboren 1900 in Mainz. In den Jahren 1933-1947 im Exil. S. 187: Vaterlandsliebe. Aus einer Rede, die auf dem ‚‚Inter- nationalen Schriftsteller-Kongreß“ in Paris gehalten wurde. Nach: Neue deutsche Blätter, Prag 1935. Zweiter Jahrgang, Heft 6, S. 349. UNRUH Fritz von. Geboren 1885 in Koblenz. Im Exil in Amerika. S. 238: Vorspruch. Nach: Deutscher Freiheits-Kalender 1939 (Paris). S. 55-56. S. 244: Der Flüchtling. Nach: Die Zukunft. Paris. Zweiter Jahrgang, Nr. ı, 6. ı. 1939. WEINERT Erich. Geboren 1890 in Magdeburg. In den Jahren 1933-1946 im Exil. S. 165: An einen deutschen Arbeiterjungen. Nach: Es kommt der Tag. Gedichte. Mit einem Selbstbericht: ıo Jahre an der Rampe. Moskau-Leningrad 1934, S. 38-39. S.ı67: Eine deutsch Mutter. Nach: Es kommt der Tag, S. 22-23. S. 179: Das illegale Wort. Nach: Rufe in die Nacht. Gedichte aus der Fremde 1933-1943. Berlin(1947), S. 122. S. 194: Zeit der Entscheidung. Nach: I. L. 1935, Heft 12, S. 37. S. 205: Edgar Andre. Nach: Deutsche Volkszeitung. Prag- Paris-Basel. 4. 10. 1936. S.252: Abschied von der Front. Nach: I.L. 1940, Heft 8, S. 94-95.— Geschrieben für die letzte Nummer der Front- zeitung der XI. Internationalen Brigade in Spanien. S. 278: Der Gerichtstag. Nach: Rufe in die Nacht, S. 221. 24a* 361 S. 297: Der Führer. Nach: Rufe in die Nacht, S. 107. S. 307: Gegen den wahren Feind! Nach: Rufe in die Nacht, S. 216. WEISKOPF F. C. Geboren 1900 in Prag. Im Exil in Amerika. S. 303: Schulze. Nach: Die Unbesiegbaren. Berichte/ Anekdoten/ Legenden 1933-1945. New York 1945, S. 22. WOLF Friedrich. Geboren 1888 in Neuwied a. Rh. In den Jahren 1933-1945 im Exil. S. 251 Lied der Illegalen. Nach: Zwei an der Grenze. Zürich 1938.( Kap. 39.) WOLFENSTEIN Alfred. Geboren 1888 in Halle. Gestorben im Exil in Paris im Jahre 1945. S. 265: Tschechische Hymne. Nach: N. T. 25. 3. 1939, S. 310. ZECH Paul. Geboren 1881 in Briesen. Gestorben 1946 im Exil in Südamerika. S. 215: Vielleicht war schon zu schwer mein Blut. Nach: Pariser Tageszeitung, 9. 5. 1937. ZERFASS Julius. Geboren 1886 in Kirnt a. d. Nahe. 1933-1935 im Konzentrationslager, danach bis 1946 im Exil. S. 248: An die Heimat. Nach: Du Mensch in dieser Zeit... Zürich 1946, S. 31. ZIMMERING Max. Geboren 1909 in Pirna. In den Jahren 1933-1946 im Exil. S. 202: Nürnberg. Nach: Deutsche Volkszeitung. Prag- ParisBasel. 20. 9. 1936. S. 285: Aus: Gerechter Haß. Nach: ,, Und sie bewegt sich doch!" London 1943, S. 53-54ZWEIG Arnold. Geboren 1887 in Glogau. Im Exil in Palästina. S. 171: Krieg und Zukunft. Nach: Sa. Erster Jahrgang, Heft 12, S. 627-628.( Schluß eines Aufsatzes ,, Der Krieg und der Schriftsteller".) S. 314: Lehren der deutschen Geschichte. Nach dem Vorwort zu Leah Grundigs Tuschzeichnungen ,, Im Tale des Todes", Tel Aviv- London 1944/1945. 362 Diese zusätzliche Bibliographie verweist auf die wichtigsten, bis 1945 erschienenen Text- und Quellensammlungen deutscher Freiheitsdichtung des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart. Die neueren, in Leipzig erschienenen Werke wurden angeführt, weil sie zahlreiche Literaturnachweise enthalten.( Um sie sonst zu charakterisieren, sei erwähnt, daß sie auf 800 Seiten 2 Gedichte von Heine, aber 25 von Geibel bringen.) Weitere Angaben auch in: Benno von Wiese, Politische Dichtung Deutschlands, Berlin 1931. Vgl. ferner ,, Das Wort", 1937, Heft 4-5( Doppelnummer: Vier Jahre freie deutsche Literatur), Alfred Döblin ,,, Die deutsche Literatur"( im Ausland seit 1933). Ein Dialog zwischen Politik und Kunst. Paris 1938, und Walter A. Berendsohn. ,, Die humanistische Front", Einführung in die deutsche Emigrantenliteratur, Zürich 1946. FOLLEN Adolf Ludwig. Freye Stimmen frischer Jugend. Jena 1819. - DEUTSCHE VOLKSSTIMME. Eine Sammlung patriotischer Lieder. Neu aufgelegt von einigen Deutschen. Bern 1834. Dritte Auflage( mit einem Vorwort von Georg Fein), Liestal 1836. MARGGRAFF Hermann. Politische Gedichte aus Deutschlands Neuzeit. Leipzig 1843. DEUTSCHES VOLKSLIEDERBUCH. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1847. ROLLETT Hermann. Republikanisches Liederbuch. Leipzig 1848.( Neue Ausgabe 1919.) WELLER E. Die Freiheitsbestrebungen der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert, dargestellt in Zeugnissen ihrer Literatur. Zweite, vermehrte Auflage. Leipzig 1849. FREIHEITSKLÄNGE. Eine Sammlung politischer Gedichte der vorzüglichsten Dichter des deutschen Volkes. Mit einer Einleitung: Die Politik und die Dichtkunst der neuesten Zeit. Zweite, vermehrte Auflage, Berlin 1850. MARGGRAFF Rudolf. Das ganze Deutschland soll es sein! Großdeutsches Liederbuch. Kriegs-, Siegs-, Mahn- und Spottlieder der Deutschen von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis jetzt. München 1861. 365 ( LAVANT Rudolf). Vorwärts! Eine Sammlung von Gedichten für das arbeitende Volk. Zürich 1886. HENCKELL Karl. Buch der Freiheit. Berlin 1893. FREIHEITSKLÄNGE. Verlagsgesellschaft Münchner Freie Presse. München 1896.( Mit Anmerkungen von Ludwig Quidde.) MACKAY John Henry. Freunde und Gefährten. Meisterdichtungen auf einzelnen Blättern. Blatt 701-800. Achte Serie: Soziale Gedichte. Treptow- Berlin. BEISSWANGER Konrad. Stimmen der Freiheit. Blütenlese der hervorragendsten Schöpfungen unserer Arbeiter- und Volksdichter. Mit 37 Porträts. Nürnberg 1900. Vierte Auflage. - Mit 100 Porträts und Textbildern. Nürnberg 1914. PETZET Christian. Die Blütezeit der deutschen politischen Lyrik von 1840-1850. München 1903. DIEDERICH Franz. Von unten auf. Ein neues Buch der Freiheit. Berlin 1911.( Zwei Bände, ill. Ausgabe mit biographischen Notizen.) Zweite veränderte Auflage, Berlin 1920. Dritte Auflage, bearbeitet und ergänzt von Anna Siemsen, Dresden 1928. - ( POLITIKUS). Wider Pfaffen und Jesuiten! Wider Mucker und Pietisten! Eine Anthologie aus der Blütezeit der politischen Dichtkunst in Deutschland 1830-1850. Frankfurt a. M. 1914. SOMMERFELD Dr. Martin. Vormärz. Eine lyrische Anthologie. München 1918. DRAHN Ernst. Gift und Galle. Unterirdische Literatur aus zwei Jahrhunderten( 1700-1918). Hamburg/ Berlin 1919. BAB Julius. Die deutsche Revolutionslyrik. Eine geschichtliche Auswahl mit Einführung und Anmerkungen. Wien und Leipzig 1919. HARZMANN Friedrich. Burschenschaftliche Dichtung von der Frühzeit bis auf unsere Tage. Eine Auslese. Heidelberg 1930. ( Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der Deutschen Einheitsbewegung. Band XII.) 366 UNDERBERG Dr. Elfriede. Die Dichtung der ersten deutschen Revolution. 1848-1849. Leipzig 1930.( Deutsche Literatur, Reihe Politische Dichtung, Band V.) ADOLF Dr. Helene. Dem neuen Reich entgegen. 1850-1871. Leipzig 1930.( Deutsche Literatur, Reihe Politische Dichtung, Band VI.) ADOLF Dr. Helene. Im Neuen Reich. 1871-1914. Leipzig 1932. ( Deutsche Literatur, Reihe Politische Dichtung, Band VII.) NESPITAL Margarete. Das deutsche Proletariat in seinem Lied. Dissertation, Rostock 1932.( Enthält eine Bibliographie der Arbeiter- Liederbücher.) WIESE Benno von. Politische Lyrik 1756-1871. Nach Motiven ausgewählt und geordnet. Berlin 1933.( Literarhistorische Bibliothek, Band VI.) VOLKMANN Geheimrat Dr. Ernst. Um Einheit und Freiheit. 1815-1848.( Vom Wiener Kongreẞ bis zur Märzrevolution.) Leipzig 1936.( Deutsche Literatur, Reihe Politische Dichtung, Band III.) ALEXANDER Edgar. Deutsches Brevier. Politisches Lesebuch. Zürich 1938.( Darin S. 169-195: Den Kämpfern in der Emigration.) WIELEK Heinz. Verse der Emigration. Karlsbad 1935. ROHR Al. Antifaschistischer Kampf. Gedichtsammlung. Engels 1935. UND SIE BEWEGT SICH DOCH! Freie deutsche Dichtung. London 1943. GESANG AUF DEM WEGE. Heft 1 der Schriftenreihe Über die Grenzen. Affoltern 1945. 367 VERZEICHNIS DER VERFASSER Abt Anonymus Becher Johannes R. Becker Johann Philipp Bernays Ferdinand Cölestin Börne Ludwig. Brecht Bertolt . 115 71, 81, 142 163, 164, 173, 185, 199, 211, 233, 258, 274, 282, 301, 316 123 73 10,39 176, 189, 201, 217, 219, 235, 236, 260, 263, 283, 286, 300 197 Bredel Willi. Büchner Georg. Butz Kaspar Claudius Eduard Dorsch Eduard Dronke Ernst . 31, 37 121 240 I22 90 Engels Friedrich 109, 130, 149, 150, 155 Engels Friedrich, Nachruf auf Jenny Marx Fein Georg Feuchtwanger Lion ( Flugblatt) ° Follen A. A. L. Follen Karl • $ 339 36 227, 273 • 23, 26 5 · 3,45 . 174 Frank Bruno. Freiligrath Ferdinand Gerold Karl. Graf Oskar Maria Harro- Harring Paul Heine Heinrich Heinzen Karl Hermlin Stephan Herrmann- Neiße Max Herwegh Emma. Herwegh Georg Heym Stefan . · Hoffmann von Fallersleben Huppert Hugo Kerr Alfred • . Kopp Wilhelm. 76, 86, 105, 127 175 186, 200 • 9,24 17, 42, 50, 131 . 85, 88, 92. 292, 299, 317 169, 170, 181, 196, 207, 226, 253, 268, 275 118 47, 75, 79, 104, 143, 145, 147 192 49, 56, 72, 126 204 213 140 371 Langhoff Wolfgang. Lasker- Schüler Else Lavant Rudolf Leonhard Rudolf Mann Heinrich Mann Thomas Marchwitza Hans Marx Jenny( Faksimile). Marx Karl Mayer Paul Mihaly Jo • Münch Friedrich Pfau Ludwig Platen August, Graf von Prutz Robert Püttmann Hermann 321 178, 193, 214, 249, 267, 277, 294 153 225, 276, 310 161, 182, 218, 256, 291 209, 250, 269, 280, 308 320 V 60, 109, 144 295, 306, 313 191 32 98, 103, 114, 116, 119, 125 6, 13, 16 58 83 Reitzel Robert Renn Ludwig 156 224 Ruge Arnold Sallet Friedrich von. Sauerwein Wilhelm Schapper Karl. Scherr Johannes 77 62,70 35 96 67 Schönlank Bruno Schulz Wilhelm Seeger Ludwig Seghers Anna Siebenpfeiffer Philipp Jakob Strodtmann Adolf Unruh Fritz von. Venedey Jakob. 305 63 65 187 33 136 238, 244 28 94, 100 Weerth Georg. Weinert Erich. Weiskopf F. C. Weitling Wilhelm Weydemeyer Joseph Wirth J. G. A. Wolf Friedrich · . Wolfenstein Alfred 165, 167, 179, 194, 205, 252, 278, 297, 307 . 303 . 43,54 138 21 251 265 372 Wolff Wilhelm Zech Paul Zerfaẞ Julius • • Zimmering Max Zweig Arnold 373 . I I2 215 248 202, 285 171, 314 INHALT Vorwort Erster Teil( Erbe) Zweiter Teil( Gegenwart) Anmerkungen zum ersten Teil( Erbe). . Anmerkungen zum zweiten Teil( Gegenwart) Literatur • Verzeichnis der Verfasser VII I • I59 325 . .. 354 . 363 369 Alle Rechte, besonders die des Nachdrucks, der Übersetzung, auch auszugsweise, vorbehalten Copyright 1948 by Verlag Volk und Welt GmbH, Berlin, Lizenz Nr. 141, 1533/48-0991/48 Printed in Germany Umschlagentwurf von Wittkugel Druck(15) E. Baensch jun. A.-G., Magdeburg