INHALT Vorwort Das Jahr Das Jahr Das Jahr Das Jahr Das Jahr Das Jahr Das Jahr 1939 1940 1941 1942 1943 1944 • Vorwort Auf die Frage, welches von den Büchern Haeckers, alles in allem genommen, das bedeutendste sei, würde ich ohne Umschweife antworten: es sind die Tag- und Nachtbücher. Sie sind künstlerisch > schwächer als die meisten seiner anderen Bücher; das liegt in der Natur des Tagebuchs, das weder als Ganzes konzipiert noch überhaupt in erster Linie» für andere« geschrieben ist. Trotzdem bleiben die einzelnen Stücke, gerade in ihrer» Ungefeiltheit«, Zeugnisse einer gewaltigen sprachlichen und denkerischen Potenz, und zuweilen erheben sie sich zu Höhen des Erkennens und Schauens, wie sie in keinem anderen Buche Haeckers erreicht sind. Die Tag- und Nachtbücher sind, nachdem schon 1935 das absolute Redeverbot über ihn verhängt war und im Kriege nur noch die Übersetzung der Tagebücher Kierkegaards gedruckt werden durfte, während nach 1938- angeblich wegen Mangels an Papier- kein originäres Werk mehr erscheinen konnte, in unsagbarem Leiden unter der klar vorausgesehenen- um der Gerechten willen gefürchteten, um der Gerechtigkeit willen herbeigesehnten Katastrophe und in der beständigen Angst, den Häschern des Dritten Reiches mit diesen Blättern das eindeutige Beweismaterial für ein Todesurteil zu liefern, Nacht für Nacht geschrieben. Tagsüber lag das Manuskript in einer Mappe bereit, damit es, wenn nötig, jederzeit aus - 9 Z dem Haus gebracht oder versteckt werden könne. Als nach der Münchener Studentenrevolte im Jahre 1943 Beamte der Gestapo zu einer Haussuchung in Haeckers Wohnung kamen, in der er gerade allein war, lag die Mappe auf dem Sofa. Während die Beamten Schränke und Schubladen durchwühlten und Haecker in jedem Augenblick mit dem Entsetzlichen rechnen mußte, daß der Inhalt der Mappe untersucht würde, kam plötzlich, ohne bestimmten Grund, von einer ihr selbst unerklärlichen Angst gejagt, Haeckers Tochter nach Hause, stürzte auf ein leise gesprochenes Stichwort ihres Vaters ins Zimmer, ergriff die Mappe und verließ unter dem von Schrecken und Furcht eingegebenen Vorwand, eiligst in die Klavierstunde zu müssen, die Wohnung. Die Beamten ließen sie passieren. Im nahegelegenen Pfarrhaus vertauschte sie den Inhalt der Mappe mit Notenbeften und ging, von der Sorge um den Vater getrieben, zu ihm zurück. Die Klavierlehrerin sei nicht dagewesen, sagte sie, als einer der Beamten bereits nach der Mappe, die sie noch in der Hand hielt, griff und fragte, was sie enthalte. Die Untersuchung erwies die Richtigkeit der Auskunft: » Noten! In einer ähnlichen, ebenso wunderbar anmutenden Weise verlief zu der gleichen Zeit eine Haussuchung in der Wohnung Carl Muths, des vertrauten Freundes Haeckers, in Solln. Bei ihm war, um der größeren Sicherheit willen, der erste Teil des Originalmanuskriptes der Tag- und Nachtbücher eine Zeitlang untergebracht worden. - a a g d SC L re ü. tr la ar k ar hi nt fr di se. lie D ste Wo N IO : r So klar Haecker den Ausgang des Krieges und das Ende der Schande unter dem entstellten Zeichen des Kreuzes voraussah, so sicher rechnete er, für den der jahrelange Verzicht auf öffentliche Wirksamkeit ein hartes Opfer war, mit der Herausgabe der Tag- und Nachtbücher unmittelbar nach der Besetzung Deutschlands. Er hat den Titel des Buches selbst bestimmt und weite Strecken des Originals in der Form und Auswahl diktiert, in der er die Veröffentlichung wünschte.[ Einen großen Teil davon hat in Haeckers Gegenwart die überlebende Schwester der ermordeten Geschwister Scholl im Schwarzwald geschrieben.] Der bestimmende Gesichtspunkt war ihm, die rein privaten Eintragungen auszuschließen, das übrige aber, bis auf geringe stilistische Korrekturen, in der ursprünglichen Gestalt stehen zu lassen. Ich bin für die letzten, noch nicht bearbeiteten Teile diesem Grundsatz gefolgt und konnte es um so leichter, als ich Haeckers Wünsche aus Unterredungen mit ihm kannte. An Texthinzufügungen stammen von mir lediglich die wenigen Anmerkungen und die Übersetzungen der fremdsprachlichen Zitate. Der beratenden Hilfe, die mir Theodor Haeckers Tochter und einige seiner Freunde bei meiner Arbeit zuteil werden t ließen, bin ich dankbar verpflichtet. , ei d 2. Der Leser dieses letzten, reifsten und persönlichsten Buches des späten Haecker wird bald gewahr werden, wie hier der Mahner von 1917, von 1922, von 1931 und 1933, dem die Gabe I I da der Unterscheidung der Geister gegeben und als schwere Last aufgebürdet war, während des Krieges zum sicheren Propheten der deutschen, der gesamt- europäischen Katastrophe wird, die er, sie als Apostasie des Geistes längst da war, nur noch als Folge und äußere Erscheinungsform eines bereits geschehenen inneren Vollzugs ansah und erwartete. Es wird aber in diesem Buche ebenso offenbar, wie der große Schriftsteller, niedergedrückt durch den selbstverschuldeten Leidensweg seines Volkes, der in jeder Phase sein eigener Haecker hat sich nie distanziert, wenn es darum ging, mitzuleiden-, erhoben anderseits durch die» anbetungswürdige Unbegreiflichkeit Gottes und trotz allem durch die Hoffnung auf Ihn, redend verstummt und sich fallen läßt in die Arme dessen, der von sich sagt:» Ich bin die Liebe.< war - - - Theodor Haecker, der selbst unter seinen nächsten Freunden Verschlossene und Wortkarge, ist am 9. April 1945, sechs Wochen vor seinem sechsund sechzigsten Geburtstag[ 4. Juni] in tiefer Einsamkeit gestorben. Im November 1944 hatte er, vor den Luftangriffen auf München Schutz suchend, durch die Fürsorge einer treuen Bediensteten, in Ustersbach, einem Dorf in der Nähe Augsburgs, ein weniger als bescheidenes Obdach gefunden. Seine Freunde, die für ihn hätten sorgen können, hatte längst der Krieg von ihm getrennt, die beiden Söhne waren Soldaten, die Tochter, in München zu bleiben gezwungen, beSV le ZI ka A de SV st SC Sc bi ist de er. Sa H Ma Z 12 5 S t 2 Et suchte, sooft es möglich war, ihren Vater, bis zuletzt nicht ahnend, wie nah dem Tod er war. Offizielle Institutionen haben sich nicht um ihn gekümmert, nicht eine einzige. Auf dem hochgelegenen, die Dorfkirche umgebenden Friedhof liegt sein Grab, von wo dem Besucher eine vorherrschend von Nadelwäldern bestandene ernste und zugleich liebliche Hügellandschaft sich darbietet, ein Bild, das die taufrische Schönheit der Schöpfung ebenso gleichnishaft abbildet wie die Schwermut des Vergänglichen. Es ist die Landschaft, die Haeckers natürlicher, von der Glaubenserkenntnis zu charismatischer Freude erhobenen Traurigkeit so sehr gemäß war. Ein Satz, den er über Vergil geschrieben hat, spiegelt Haecker selbst: » Er ist ein großer und wahrhaftiger Mensch, der nicht mehr zu wissen vorgibt, als er weiß, und sich selber ehrt durch die Ehre, die er dem Unerforschlichen erweist.<< München, im September 1946 - 1, 2- 2- e ch 1- e- Lie -eH. W. THEODOR HAECKER TAG- UND NACHTBUCHER Die wievielte Schreibenacht ist es heute? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gezählt. Sie waren das Glück meines Lebens. Und doch habe ich mich in jeder Nacht gegen ihre Mühen gewehrt, ehe ihr Glück mich überwältigte. Tagebuchnotiz vom 20. August 1940 B 1939 Mißtraue jeder Freude, die nicht auch Dankbarkeit ist! Replik: Scheint es nicht, daß das gewaltigste Mittel, um das Weltgeschehen weiterzubringen, die Dummheit ist, die Dummheit der Führer und die Dummheit der Geführten? Es ist erschütternd, wie das Denken stirbt. Einer kann sagen, daß der Mensch selber veränderlich sei, der Deutsche aber sei éwig. Er ist durchaus nicht imstande, den Schluß zu ziehen, daß dann sicherlich der Deutsche kein Mensch ist. Nur die intellektuelle, natürlich aber auch die sittliche Gemeinheit meint und erklärt, wenn sie zur Potenz der Schamlosigkeit sich erhebt, auch öffentlich, daß es nicht auf das Wie ankommt, daß die Methoden gleichgültig sind. Tugend und Laster Scheidet der Knecht Alles ist recht. In Wahrheit entscheidet aber über den Wert des Menschen oder einer Politik das Wie. Die Revolution, die das Christentum gebracht hat, ist die des Wie. November Für die natürliche Metaphysik ist der Stein des Anstoßes das Geheimnis. In ihr ist notwendig die Gefahr, es nicht zu sehen oder es erklären zu wollen und die hierarchische Ordnung umzustoßen. Tag- u. Nachtbücher 2 17 Auch die wahrste und tiefste wirkt flach gegen- über den Abgründen der Offenbarung. Sie ver- kennt die Natur des Verstandes am Ende doc. Ich muß einen Autor schon lieben, ehe ich mich mit seinen Fehlern im einzelnen abgebe: was er hätte besser machen müssen, und so weiter. Bei der Mehrzahl gebe ich mich damit überhaupt nicht ab. Ich erschrecke in diesen Tagen über die Fähigkeit der menschlichen Stimme, abgesehen von dem, was sie sagt, allein durch sich selbst, nicht bloß in- dividuell, sondern typisch, repräsentativ, die gei- stige Ausgestorbenheit eines ganzen Volkes zu verraten, zu verlautbaren, zu proklamieren. Die Stimme des»Ansagers«! 18. November Alles, was man in der Zeit und für die Zeit ver- scherzt, das verschmerzt man auch mit der Zeit und in der Zeit. Auch steht ein solches»Zu spät« unter der Herrschaft des Humors. Ganz anders ist es mit einer ausgesprochenen Handlung der Lieb- losigkeit gegen eine Person. Kann sie ihr gegen- über in der Zeit nicht gutgemacht werden, so fällt ihre Erinnerung nach zwanzig Jahren mit der- selben Schwere auf das Herz wie nach zwei Jah- ren, denn Liebe ist eine res aeterna, und nirgends ist, mit Verlaub gesagt, die Ewigkeit so dringend und drängend gefordert wie hier, um die Sinn- losigkeit des Daseins zu vermeiden. Auch der Hu- mor hat hier sein Recht und seine Herrschaft ver- loren; wo er diese doch ausüben will, ist es ein Schein nur oder eine Verworfenheit. 18 2* eN- erz ch. ich ‚er Bei upt keit ‚in- gei- zu Die ver- Zeit pät« Ss ist ‚ieb- gen- fällt der- Jah- ‚ends gend Sinn- - s ein Die Heuchelei und die Schamlosigkeit sind die beiden Pole der Verworfenheit, zwischen denen die Menschen sich bewegen.. Trotz der äußeren Zornestat, zu der die Entrüstung Christi über die Schamlosigkeit[der Händler im Tempel] führte, ist die über die Heuchelei[der Pharisäer] viel- leicht nicht geringer. Es wird wohl so sein, daß die weitesten Strecken der Geschichte der Menschheit unter dem Zeichen der Mittelmäßigkeit stehn, aber die Heroen und Genies des Mittelmäßigen sind doch auch wieder selten. Ein Heros der Halbbildung in neuerer Zeit, wenigstens für das deutsche Volk, war Houston Stuart Chamberlain. Er hat eine Suppe zusam- mengekocht, an der’eine ganze Generation von schwacher Geisteskonstitution das Hirn sich ver- dorben hat. Mit welchen Folgen von aktivem Le- ben! Großer Gott! Es ist nur natürlich, daß die Physiognomik im Bezirk des Natürlichen ziemlich weit führt und einem Erfahrenen und dafür Begabten ziemliche Sicherheit im Urteil gewährt. Sobald aber ein Mensch über das Gewöhnliche hinaus dämonischen Mächten ausgesetzt ist und vielleicht deren Werk- zeug wird, versagt die Physiognomik- zwar nicht prinzipiell, also in Hinsicht auf das natürliche »Sein« des betreffenden Menschen, das durchaus nicht!, wohl aber in grotesker Weise in Hin- sicht auf die Möglichkeit der Wirkung dieses Menschen und der Rolle, die er spielen kann. Die Sehnsucht nach Vergessenheit, nach Verbor- 19 genheit, ist das Kennzeichen des kontemplativen Menschen; nur er kann als Maxime das ade Pı@v aufstellen. Der Drang des aktiven Menschen geht von Natur auf Offentlichkeit, auf Ruf und Ruhm. Der Augenblick, da.dir eine Stunde gleich wert ist wie eine Million Jahre oder gleich unwert, weil sie nicht die Ewigkeit sind. Denn der Geist will Ewigkeit. Sie ist seine Heimat. Ehe er das nicht eingesehen hat, ist er noch nicht zu sich selber gekommen. Ist nicht in der Natur der Überfluß ein Mangel oder ein Zeichen des Mangels oder eine sehr un- zulängliche Abhilfe des Mangels? Tausende von Blüten geben ein paar Früchte, Millionen von Menschen kaum ein Genie. »Wille und Wahrheit«, das ist ein Thema oder vielmehr:»Wahrheit und Wille«. Merkwürdig, wie gegen diese hierarchische Ordnung der Wille sich widersetzen will! Wie wenn in der Tat»von Natur« zuerst der Wille käme: Was bist du für ein Leisetreter, Doktrinär und Skrupulant, zu sagen:»Wahrheit und Wille.« Nein, hör doch: „Wille und Wahrheit.« Das klingt endgültig und herrisch: Die Welt als Wille und Vorstellung. Replik: Daß eine gerechte Sache unterliegt, ist. ein unergründliches Geheimnis, wenn Gott all- mächtig ist. Wird das in einer Predigt darüber umgangen, so schadet sie mehr, als sie nützt. Der Rationalismus ist der größte Feind des Glaubens und damit. der größte Fälscher des Seins. 20 tiven βιῶν geht uhm. wert wert, Geist er das u sich Mangel hr une von n von a oder würdig, - Wille t» von du für nt, zu - doch: tig und ung. egt, ist Ott alldarüber Ezt. Der laubens Absolute dauernde Zufriedenheit eines Menschen wäre das Bild des Nichts, aus dem er geschaffen ist; absolute dauernde Unzufriedenheit ein Bild der Hölle, die er gewählt hat. Ziele und Zwecke der Menschen bleiben sich im großen und ganzen gleich. Die Revolutionen gehen auf die Mittel. Gottes Offenbarung ist eine Revolution der Mittel, die der Mensch anwenden soll, um zu seinem Heil zu kommen. Jeder Adel konstituiert sich durch das» Wie« des Lebens, also durch die Mittel, die erlaubt sind und nicht erlaubt. Das ist das Privileg des Christen, daß er, indem er Christus anbetet, den wahren Gott mit Namen anbetet. Das ist das Zeichen des Tages. Wenn einer heute» Gott« sagt, dann kann er auch bloẞ das Schicksal meinen oder eine grauenvolle Karikatur der Vorsehung« sogar. Wenn einer Christus anbetet, so betet er notwendig auch den Vater an, der Gott ist wie Christus, und den Heiligen Geist, der Gott ist wie der Vater und der Sohn. Er kann gar nicht anders. Nichts scheidet heute so die Geister wie die Anerkennung der Trinität. Alle mystische und symbolische Interpretation der Schrift ist nur möglich kraft der substantiellen Ähnlichkeit alles Seins und kraft des formalen Prinzips der Analogie. Auch die Allegorie, in der Regel eine seltsame Mischung von Infantilismus und Rationalismus, ist nur dadurch möglich. Gefährlich sind die Nominalisten, die sagen, es 2 I Z Z sei schließlich gleichgültig, wie man das Göttliche nenne. In der Offenbarung gibt Gott seinen Namen: Ich bin der» Ich bin«. Hat ein anderer diesen Namen mit ihm gemeinsam? Kann ihn ein anderer haben? Ist er vom Menschen erfunden? Kann ihn ein Mensch erfinden? Und als dieser Name erhellt wurde in der Dreieinigkeit: Vater, Sohn und Geist war das vorauszusehen von einem Menschen? Wahrlich, sie sind lächerlich, diese Nominalisten! - Wehe, wenn Gott nicht auch der Gott der Ausnahme ist! Replik: Ihr Christen seid so stolz darauf, daß euer Gott der Gott aller ist. Sieht man aber genauer zu, so kommt man eher auf den Gedanken, daß er der Gott weniger, in einer furchtbaren Weise: weniger ist! Der Gott der seltensten Ausnahme, der Gott der Erwählten, der Auserwählten. Wenn Gott will, daß einer ihn suchen und wohl auch finden soll, zu dessen Herz und Gedanken gibt er keinem anderen Menschen den Schlüssel, auch dem nicht, vor allem dem nicht, der ihn liebt oder von ihm geliebt wird. Dann muß einer im Ernst anfangen zu suchen, denn es ist unselig, nicht verstanden zu werden. Gott wird sich finden lassen, und die Gewißheit, von ihm verstanden zu werden, ja verstanden zu sein, das ist ein Schimmer von Seligkeit. Problema: In der Nacht war ein Licht, das wieder Nacht wurde. Einer wacht auf, die Augen und die Wangen von Tränen naẞ. Er weiß, daß er einen Traum gehabt hat, aber er weiß nicht mehr, Wa N be Se lie 26. Di Sc im Di un Ei di Ve zu da In na ge kr ni G un 3. D eb Ve 22 daß en, ren \US- ten. ohl ken sel, ihn iner lig, san- ein der und I er ehr, was er geträumt hat. Und: doch wird von dieser Nacht an sein Leben anders. Er hat ein Licht mit- bekommen, das ihn eine ganz neue Dimension des Seins sehen läßt. Aber die Quelle dieses Lichts liegt in völligem Dunkel. 26. November Die einfachen Worte rufen die Tränen. Ich hab einen falschen Weg gemacht, Ich kenn mich nicht mehr aus. Ach, immer dunkler wird die Nacht, Ich find nicht mehr nach Haus. So klagt ein Kind im Märchen, so aber auch eine im Leben verirrte Seele. Die Verse kamen mir bei der ersten Lektion des »Aufstiegs zum Karmel« von Johannes vom Kreuz und bei meinem Staunen über die erschütternde Einfachheit der Verse, die auf den ersten Blick die Tiefe der Interpretation gar nicht ahnen lassen. Vergötzung physischer Kraft und Gesundheit führt zunächst notwendig zur Verachtung des Alters, damit aber auch zur Verachtung der Weisheit. Im europäischen Kulturkreis[vorchristlich wie nachchristlich] hat es das bis jetzt noch nie ge- geben. Übrigens auch nicht im östlichen Kultur- kreis! Es ist eine Verwüstung der Seelen, die Gott nicht zulassen wird, dessen darf unser christlicher Glaube sicher sein. Zu viele»Väter« haben für uns gelitten und gelehrt. 3. Dezember Die»Kinder der Welt« setzen ihren großen Stolz eben darein, keine»Kinder« mehr zu sein; darum verachten sie den Christen schon deshalb, weil der Z N notwendig immer etwas Kindliches haben wird. Wie auch nicht? Einer der ewigen Eigennamen Gottes, von Ihm selber offenbart, ist» Vater<<. O. meint, der Ausgang dieser Ereignisse werde zeigen, wie irrational alles Sein sei und unserem Denken entzogen. Aber das ist zu vage. Ich glaube, daß vielleicht zwei Erkenntnisse den Deutschen aufgehen werden, zwei Erkenntnisse, die nur scheinbar einander widersprechen: einmal, daß die» Vernunft«, soweit sie auf dem Grunde der Weisheit und der Erfahrung ruht, niemals ungestraft miẞachtet wird, daß also die Welt in diesem Sinne keineswegs irrational ist; zum zweiten aber, daß der rein materialistische Rationalismus, der heute in Deutschland regiert, bereits in der primitivsten Psychologie große Fehler durch Auslassen macht und im spiritualen Leben völlig versagt. Bismarck war kein tiefer Staatsmann, so wenig wie Napoleon, aber er kannte doch>> Imponderabilien«<, die noch lange nicht>> das Unsichtbare« sind, aber doch an der Grenze. Und heute! Man darf annehmen, daß die Deutschen, bewußt und unbewußt, alles tun werden, um ungefähr alles, was heute gesprochen, geschrieben und getan wird, so rasch wie möglich zu vergessen. Erinnerungen an eine Schuld lasten, sie sind» lästig«<. Wo der Mensch kann, wirft er sie ab. Aber ob es gelingt, da hat Gott auch noch mitzusprechen. 4. Dezember Es kann für den Christen kein Zweifel bestehn, daß die Bedeutung des äußeren Geschehens in einem erschreckenden Maße verschieden sein kann. 24 Un ode zur kar Zei leic unt Bez Eu ner här wie völ jen ein. hat Da eine Ent Au phy es c Ein Bec gin: nim trül did. We Die voll ist e dur ird. men . erde rem Ich eutdie mal, nde mals t in weialisEs in urch öllig 1, so -Imichteute! wußt fähr geErtig«. r ob chen. tehn, sin cann. Unter Bedeutung ist hier verstanden die fernere oder nähere Beziehung der» Geschichte« der Welt zur Geschichte« des Reiches Gottes. Der Christ kann nicht der Ansicht Rankes sein, daß jede Zeit zu Gott gleich nahe stehe. Oder kann er vielleicht leugnen, daß Rom unter Augustus, Judäa unter Herodes und Pilatus in entscheidenderer Beziehung zur Heilsgeschichte standen als etwa Europa unter Napoleon, um nichts Kleines zu nennen? Diese fernere oder nähere Beziehung hängt nicht ab vom Bewußtsein der Menschen, wiewohl auch nicht zu leugnen ist, daß sie nicht völlig außerhalb des Bewußtseins der Menschen jener Zeit sein kann. Daß das heutige Geschehen eine solche nähere Beziehung zur Heilsgeschichte hat, darüber werden viele mit mir einig sein. Daraus aber folgt, daß auch das äußere Geschehen eines jeden einzelnen unter die Kategorie einer Entscheidung fällt. Außer dem, was ist, ist nichts. Das ist ein metaphysischer Satz, den niemand leugnen kann. Wer es dennoch tut, mit dem ist es sinnlos, zu reden. Ein Hauch, der eine Kerze auslöscht, hat mehr Bedeutung als sein flatus vocis. Aber dann beginnt die Interpretation, dann erst beginnt die nimmer ruhige Welt des Dialogs, der verzerrend trübe Spiegel der Welt des Seins. Mundum tradidit disputationi eorum.[ Er übergab ihnen die Welt zur Auseinandersetzung( Eccl. 3, 11.)] Die Gleichsetzung von» sich täuschen<< und» irren<, vollendet durch die Falschbildung» sich irren<<, ist eines der vielen Beispiele der Sprachverarmung durch Sprachverhunzung. Der Mangel an Ein25 bildungskraft führt zu einer Schwächung des Den- kens, diese hinwiederum verhindert die Entdek- kung und Erkenntnis jenes Mangels, und so wird die Sprache immer schlechter in Bildern und in Ge- danken- das»Sich-Täuschen« geht dem»Irren« voran. Erst»täuschte er sich«, dann»irrte« er. Stehend»täusche ich mich«, und gehend mache ich ‚darum falsche Wege: ich irre. 7. Dezember Superbia:»Ich war zur gewaltigsten Sünde prä- destiniert«, sagte der Teufel und ward noch stol- zer.»Kann einer sein, wie ich?« Vielleicht»das Lamm«?! Ad se ipsum Aus meiner Kindheit Als ich im schönen Vers gefangen war, wo Licht und Wasser, sich selber nur genügend, glänzten, erstarrten alle Quellen, die ewige Melodie schlief ein. Ich weiß nicht mehr, wer oder was mich weckte. "Ad se ipsum Vergiß nicht, daß du»Satire und Polemik«* nur schreiben durftest, weil du versprochen hattest, aufzuhören, sozusagen, als es am schönsten war, als dir dieser Weg am besten gefiel. Du mußtest einen andern gehen, der dir weniger behagte. Nun ist es wieder ähnlich: Du mußt einen neuen gehen, der dir noch weniger gefällt. Fluch dem Bilde, das dir das Wort versagt! Eile, 1„Satire und Polemik, 1914—1920%, erschienen im Bren- ner-Verlag zu Innsbruck, 1922 26 Dendekvird Geren« < er. e ich prästol» das Licht azten, chlief mich << 1 attest, eile! Aber ich brauche Ruhe, und sie ist nur im Bilde, sie ist nicht im Denken. Du bist ein Fremdling, ein Wanderer, ein Pilger auf der Erde, darum flieh das Bild, das dem Wort entsagt! Tragikomisches Erstaunen, einem guten Satz zu begegnen, den geschrieben zu haben man vollständig vergessen hat. Armut und Reichtum! Das Maß der Verwirrung wird voll, wenn die Sophisten die Geschichte der Philosophie schreiben, die Catilinas die Geschichte der Staaten und Völker, die Häretiker die Geschichte der Kirche. Immer waren nur Ansätze dazu da in Europa; heute ist es ernster. 9. Dezember Heute fiel im Radio ein Stern vom deutschen Sprachhimmel: die Augen gingen ihnen auf- und über. Mein Gott, die längst aufgegangenen konnten einem übergehen, als er versinkend erlosch im Schimpfsumpf eines politischen Roboters aus Bariton und Lüge. nur Manches Lied ist mir gelungen, und ich habe es zuerst gesungen. Sie singen es nach, als sei es von n war, niemand. Das ist gut so. Gott sei Dank, daß ich ußtest soweit bin. Gott sei geklagt, daß ich erst soweit . Nun bin und überhaupt noch daran denke. gehen, Zweiter Adventsonntag Wenn alles aus sein wird, dann wird natürlich ! Eile, auch die Physiognomik recht behalten haben. Denn so ist das auch nicht, daß Gott seine von ihm geschaffene Natur Lügen strafen würde. m Bren27 Gott ist ein treuer Gott« und wahrhaftig. Sie werden die Bilder zeigen und sagen: Wie konnte es anders kommen, es mußte so kommen! Ist nicht alles auf der Oberfläche? Wie konnte man sich täuschen? Sie werden dann alles viel einfacher machen, als es war. Gott hat viele Worte gesprochen durch Seine Propheten und durch Sein» Wort«. Und keinem Menschen steht es zu, sie zu ändern. Aber es steht ihm frei, sie bei passenden und ach! unpassenden Gelegenheiten anzuwenden. Das war ein großes Risiko. Denn es ist nicht zu sagen, welches Unheil angerichtet wurde dadurch, daß ein göttliches Wort zur unrechten Stunde gesprochen wurde und zur rechten nicht. Die vielen Gedanken, die zwischen das Hauptthema immer neu sich schieben, sind nur dann vom Übel, wenn sie den Weg blockieren und ungangbar machen, nicht, wenn sie den Raum erweitern oder gar unendlich machen. Christus ist auch für» Barbaren« gestorben, aber er ist nicht als Barbar Mensch geworden oder hat unter ihnen gelebt und seine Jünger gewählt. Ein Rückfall zivilisierter Völker in die Barbarei ist auch nicht möglich ohne vorherige Aufgabe des Christentums. Psalm 73 Gebet Du hast uns, o Gott, das Wesen des Bösen, seinen Hochmut, seinen Triumph im Übermaß und bis zur in de ten G heit Ehre Die S Jene menc - · sch. böse unter Kate Gut der S änder 13. De Alle Sinne auf, Geist wird Bilde von Heut und Härt stes? unbe blühe barum klägl kenn Seele Z N 28 st mi rn ber hat Bin ist des nen bis zur Verzweiflung gezeigt.© Herr,. viele fallen in den Unglauben, laß uns Dich bitten, im rech- ten Geiste, Du mögest uns auch die andere Wahr- heit des Psalmes erfüllen und zeigen zu Deiner Ehre und zum Troste Deiner Diener. Die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte. Jene Ursegnungen und erhaltenden und bestim- menden Gesetze der Schöpfung sind indifferent - scheinen so.- gegen Gut und Böse. Gute und böse Tat[Weizen und Unkraut] fallen beide unter das Gesetz des Wachsens und Reifens. Diese Kategorien und Gesetze sind nicht jenseits von Gut und Böse, sondern sie gehören zum Urguten der Schöpfung, das keine teuflische Macht ver- ändern kann. 13. Dezember Alle unsere Erkenntnis nehmen wir aus unseren Sinnen am Anfang, aber bald steigt die Ahnung auf, daß Dinge und Wahrheit ursprünglich im Geiste sind. Und in der Offenbarung[Eph. 3, 15] wird uns gesagt, daß alle Vaterschaft nach dem Bilde Göttes ist, alle Vaterschaft ihren Namen von Gott hat, der allein wirklich»Vater« ist. Heute dachte ich mir, was ist denn alle Härte und Verhärtung, die in den Sinnen ist, gegen Härte und Verhärtung des Herzens und des Gei- stes? Und die Ahnungen meiner Jugend und'ihres unbewußten, aber tief gefühlten Platonismus blühen auf. Dünkte es mir nicht wie eine Offen- barung, als ich sang:»Wie armselig ist euer Lenz, klägliches Bild der Frühlinge meines Herzens; ihr kennt nicht die Verzweiflung des Winters meiner Seele?« Die Deutschen wollen auch ein Volk sein» wie die andern«. Das aber gelingt ihnen nicht. Sie werden sehr viel schlechter als die andern. Sie werden der Abscheu der Welt. Der preußische Sauerteig hat die Nation völlig ver- saut. Seine Mission ist verfälscht. Ihr seht mit etwas Verachtung auf das Christentum herab, daß es keine Metaphysik habe. Aber ist das nicht ein Irrtum? Die Metaphysik des Christen ist, daß er Gott ist. Damit ein Philosoph dem europäischen Geiste gerecht werde, muß er die Hauptsprachen Europas von der Antike an kennen und ihre verschiedenen Bilder, um eben von ihnen das Denken zu befreien und sich nicht gar in einem einzigen zu verlieren. 15. Dezember Jede Gleichsetzung des» Triebes«<, des» Dranges<< mit dem Willen, so daß dieser nur bewußter Drang wäre, ist eine dunkle und vage Sache. Kein Trieb kann durch sich selbst beherrscht werden, wohl aber durch den Willen, selbst der stärkste. Wille ist Geist. Es hat keinen Sinn, zu sagen: Wille ist Trieb, zu dem der Geist[ Bewußtsein] hinzukommt. Er ist etwas ganz und gar Neues und für sich. Wille ist Geist seine Flamme, wie der Intellekt sein Licht. - zus Un schu Nac » So noc und Zwa lich kom sinc schl dur wie Die Fein nich ents ihre Tie der: tet es Rei in Ch dies lich zu unc Nietzsche, Richard Wagner und Houston Stuart alle Chamberlain sind in der Tat die hauptsächlichsten Verursacher des heutigen deutschen GeistesSer 2 30 vie Sie Sie che ine Cenber des eiste Opas eden zu n zu nges<< aẞter Kein rden, -kste. zustandes. Sie sind die Beweger der Täter und Untäter. Wagner, als Musiker, ist noch der unschuldigste, die unreine Begleitmusik. Nach dem Kriege werden die Aspirationen des » Sozialismus« ohne Zweifel stärker sein, aber doch noch nicht die schließlich entscheidende Kraft und Macht des Nationalen erlangt haben. Die zwangsweise Lösung des sozialen Problems, nämlich die durch die Verarmung, ist zweideutig. Es kommt ja auf den Geist an. So, wie die Menschen sind, ist eine mehr oder weniger geschickte und schlaue Versklavung wahrscheinlich, begünstigt durch die Neigung des Menschen, sowohl andere wie auch sich selbst- zu betrügen. Die größten und erbittertsten, haẞerfülltesten Feinde des Christentums sehen eines durchaus nicht: daß das Christentum anders, völlig anders entstanden ist und immer wieder neu entsteht als ihre Reiche und Institutionen. Ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze, eine Maschine können nur in derselben Ordnung zugrunde gehen oder vernichtet werden, in welcher sie entstanden sind. So ist es mit den Reichen dieser Welt und mit dem Reich, das nicht von dieser Welt ist wohl aber in der Welt. Was die Todfeinde des Reiches Christi vernichten können, das ist alles, was von dieser Welt an der Kirche ist. Das kann erstaunlich und betrüblich viel sein, so viel, daß es alles zu sein scheint. Das Reich Christi, wenn es von Stuart allem entblößt wird, ruht auf Glaube, Hoffnung chlichund Liebe. Das sind nicht die Mächte, die in dieeistes- ser Welt eine Rolle spielen. agen: sein] Neues e, wie - 31 Z Dritter Adventsonntag 11 Gaudete... Freuet euch, und abermals sage ich: Freuet euch! Immer wieder erstaunliche Worte. Die immer neue, ursprüngliche, aber identische Erklärung der Heiligen Gottes über ihre» Freude< ist ein Beweis ihrer Echtheit auch für den, der sie noch nicht hat oder gehabt hat. So lasse ich mir genügen, o Gott, mit der fernen und blassen Freude, daß Deine wahren Heiligen sie kennen, so wie der Apostel sie beschrieben hat: Gaudete... n Dieser Mensch¹ spielt kein kleines Spiel. Täuschen wir uns nicht selber! Sogar ein so großes Spiel, daß kein geringeres Wort ihn erreicht als das des Psalmisten: Der Herr lacht ihrer. Den Menschen verginge es oder wird es vergehen, wenn es nicht in das Lachen des Wahnsinns zerbricht. Das Lachen des Menschen ist dem nicht gewachsen.» Gott lacht ihrer. Dazu kommt noch, daß Deutschland wahrlich nicht das Land ist, in welchem das Lächerliche tötet, im Gegenteil, das Lächerliche macht es nur stur. An Konrad Weiß Zu» Konradin von Hohenstaufen< Wes andern Lied singt so sich in sich selbst Zurück wie deins, daß alles Schöne rein Aus eigner Not ins Überfließen fließt, Sich dort verliert, wo nichts verloren ist? Keins trifft den Schmerz so grad ins Herz wie deins, Daß er lebendig bleibt im schönen Schrei, Ja, hohenstaufisch ist die Falknerei! Welch Wunder dürrer Zeit! Heil Konrad Weiß!- e E M e M W L u n le I U li M L U f g I Z Heilt nie die wehe Wunde dieser Welt, 1 Gemeint ist Hitler 32 T ge ich: Worte. entische Freude« ‚ der sie ich mir blassen kennen, udete... "äuschen es Spiel, ‚ das des enschen es nicht Das La .n.»Gott ıtschland b das Lä- he macht Ist keine Ruh in Gott? Wiegt er nur ewig Das Kindlein Welt? Ist Christus nicht geboren Und zuferstanden? Weh, weh! Konrad Weiß! Wem vor diesem Menschen[Hitler] nicht graut, in dem ist weder etwas vom Geiste Gottes noch etwas vom Geiste des Teufels. Es ist die Norm, daß in der Welt einer aus einem Niemand ein Jemand werden will. Dagegen ist nichts zu sagen; es ist die Natur. Selten aber ist es, daß nun dieser Jemand wieder strebt, ein Niemand zu werden- vor Gott, obwohl dieser Weg notwendig ist, wenn man zu Gott gelangen will. Es ist mit diesem Niemand dieselbe Sache, wie mit jenem Nichts der»Summa«. Es ist ein Unterschied zwischen dem Nichts vor der Summa und dem nach ihr. Nur ein Sophist kann es leug- nen. Vielleicht kann einer sagen, daß gerade hier der rechte Ort ist der teuflischsten superbia. Viel- leicht, aber diese Gefahr muß man auf sich nehmen. Die rechte Unterscheidung zwischen echter Schuld j1« vie deins, eiß!- und Nichtschuld ist eine große und unumgäng- liche Aufgabe der Zukunft. Das Ausgeben von Naturnotwendigkeiten für Schuld kann soviel Unheil anrichten wie das umgekehrte Ausgeben und kann zur Leugnung von Schuld überhaupt führen. Man muß einräumen, daß wir in einer großen Unwissenheit und Unsicherheit leben. 18. Dezember Noch einmal: Konrad Weiß Dank und Frage an Konradin Wes andern Lied singt so sich in sich selbst Tag- u. Nachtbücher 3 33 Zurück, wie deins, daß alles Schöne rein Aus eigner Not ins Überfließen fließt, Verlierend sich an nichts, als seinen Sinn? Keins trifft wie deins den Schmerz so grad ins Herz, Daß es sich öffnet laut im schönen Schrei. Ja, hohenstaufisch ist die Falknerei. Musik der Heimat, ja, des Schwaben Weiß. Heilt nie die wehe Gotteswunde Mensch? Hat Gott in Sich nicht Ruh, muß ewig wiegen Das Kindlein» Welt«, weil es nicht schlafen mag? Ist Christus nicht geboren, auferstanden? Kommt er nicht heut, ach! Kommt er nicht am End? Ist allerwege nur ein Trauerspiel? [ Ist allerende ohne selig Lied?] Weil allerende ohn' Erlöser ist? Ist unser Glaube tot, die Hoffnung welk? Ist Haß, Vernunft und Liebe irrer Sinn? phi her die er c Das das es e Die ist and bler Zw kön nich reic maf lebt sich Eine» Grammatik der Bilder« wäre für einen jungen Denker eine philosophische Aufgabe, sofern er die Last der errungenen Erkenntnisse tragen kann. Das erste, was sich zeigt, ist grenzen- and lose Verwirrung, darum ist das erste, was not- sche tut, Ordnung zu schaffen zunächst vielleicht durch Leh die Koordinaten: Körper, Seele und Geist.[ Das ein ist bereits ein lehrreiches Beispiel für ein Bild, die das substantiell unzulänglich, aber durch Analogie Gre hilfreich ist.] Die Bilder, die die Sphäre des Kör- doch perlichen gibt, sind natürlich bei weitem nicht die nur zahlreichsten, wiewohl heute vermehrt durch die die Quasibilder der Technik. Die weite Mitte neh- Red men ein die reichen Bilder der Seele, das heißt Gro des Lebens. 27. Dezember den sem Unt Die aristokratischste Verachtung ist sicherlich die Das 34 3* ? rz, nd? e, sophilosophische, das heißt die intellektuelle, die heraklitische. Die politische ist in der Regel nur die des größeren Schurken für den kleineren, weil er der kleinere ist. Das» Hadern« mit Gott kann der Anfang oder das Ende des Glaubens sein. In jedem Fall setzt es einen Ansatz von Glauben schon voraus. Die primitivste Haltung in einem großen Kriege ist die, daß die eine Partei völlig recht und die andere völlig unrecht hat. Schwieriger und problematischer wird die Sache mit dem einsichtigen Zweifel, daß Recht und Unrecht verteilt sein könnten. Aber viel weiter kommt man damit nicht. Es bleibt bei einer mehr oder weniger geistreichen Objektivität und Neutralität, die einigereinen maßen harmlos ist, wenn man im 18. Jahrhundert lebt und die Völker in der Türkei oder in China e tra- sich schlagen. Heute sind die Dinge uns und einnzen- ander näher gerückt. Dann beginnt die Unters not scheidung zwischen den Prinzipien, zwischen den durch Lehren und Theoremen. Ein Volk, dessen Mitte [ Das ein Gnadenbild der Mutter Gottes ist, mag Bild, die scheußlichsten und verabscheuungswürdigsten alogie Greueltaten begehen, es wird nach bitterer Sühne Kör- doch siegen über ein anderes, das als Mittelpunkt cht die nur eine rationalistische Königsketzerstadt hat, -ch die die auf die innerlich verlogenste Art Treu und e neh- Redlichkeit übt. Vielleicht hat Konstantin der heißt Große als Privatmann mehr und offenere Sünden begangen als Julianus Apostata. Aber diesem hatte der Christ von ganzem Herzen den Untergang zu wünschen, jenem aber den Sieg. ich die Das ist der Gedanke des Jahresendes. 3* 35 1940 2. Ja Pre lass scho sie mös Go [ die Göt Die Welt in ihrem Sein ist für den menschlichen Verstand unübersichtlich. Wer das nicht sieht oder es leugnet, den kann, ja muß man unbeachtet stehn und am besten gehn lassen. Manche, die damit zur Not einverstanden sind, verlangen dann doch, daß das System eines Philosopher völlig übersichtlich sei,- das doch nur das geistige Bild und Abbild der Welt sein kann, die selber Abe unübersichtlich ist. Indes haben sie auch nich ode ganz unrecht: Übersichtlichkeit liegt als Forde rung im Wesen des Geistes, und der Philosoph muß ihr gerecht werden. Aber seine Grenze als menschliche muß er erkennen und einhalten. » Ge von Die sie Ein er e Es liegt viel Stolz in der Forderung des Kierke sie gaardschen Denkens, unter allen Umständen sei ner Idee treu zu bleiben. Vielleicht ist diese Ide nur eine menschliche,- und was für eine Schwäch und Unwahrheit ist es dann! Vielleicht folgt er wenn er unter Schmerz und Scham ihr untre wird, gar einer Idee Gottes. Dann hat er Demu gelernt und in ihr den Sieg errungen. auf dau ihn in bega Er Es gibt einen ehrenwerten Irrationalismus, de schließlich nichts anderes ist als die Kapitulatio nen und die Ehrfurcht der menschlichen ratio vor de wur Die göttlichen. Es gibt aber auch einen ehrlosen- und die heutige deutsche Jugend neigt dazu-, der di der Rationalität der Folgen einer schuldhaften Hand sein lung und die Stimme des Gewissens durch da ten, » Schicksal<< verdecken und übertäuben will. E ist sehr billig und reicht noch lange nicht an di Ich sophokleische Tragik heran. 36 scha lichen 2. Januar Prediget heute ja nur den dreieinigen Gott und lasset euch auf nichts anderes ein. Dadurch allein toder schon scheidet ihr die Geister und zwingt sie, daß achtet sie sich selber scheiden. Saget es so oft wie nur , die möglich: der Vater, der Sohn und der Geist. Der Gott der Christen ist der trinitarische Gott. Sie angen ophen[ die Nationalsozialisten] nennen ihre Teufel oder Götzen auch Gott oder gar» den Allmächtigen<<. eistige selber Aber sie nennen ihn nicht Christus, den sie hassen nicht oder verachten, und sie nennen ihn nicht den Forde» Geist«. Wie sollten sie, da Er vom Vater und vom Sohne ausgeht? Losoph ze al Die Unsterblichkeit ist in der Liebe. Sie erst macht sie verständlich und auch wünschenswert. Ohne Zierke sie wäre sie schrecklich und grausam. en sei untre e Ide Einsamkeit. Ein Bild:... in dieser Nacht hatte wäch er einen Traum. Ein Engel rief die Namen aller olgt er auf, deren eine Seele in Liebe gedachte. Das dauerte eine unendliche Zeit. Im Anfang ließ es Demu ihn gleichgültig, es störte ihn, er gähnte, er lachte in Verachtung. Dann wurde er unruhig, ja er begann zu warten, ob nicht sein Name ertöne. Er wurde unsagbar traurig und begann zu weiIs, de ulatio nen. Das dauerte eine unendliche Zeit. Sein Name vor de wurde nicht gerufen, und die Stimme verstummte. Die plötzliche Stille war wie ein Donnerschlag, der di der ihn erweckte. Er fand sein Kissen naẞ, aber Hand seine Augen waren heiß und trocken und brannrch da ten, als seien sie ausgeweint für immer. - un ill. E an di Ich bin oft Sachen, Ereignissen, Büchern, Wissenschaften gegenüber unsicher und fast blind. Ich 37 beginne erst wieder ihren Wert oder Unwert zu sehen, indem ich mir die Personen ansehe, auf die sie wirken. In der Teilgeschichte des christlichen Europa, in der Geschichte Deutschlands, könnte dieser Krieg und wird auch hoffentlich sein das Ende der Hege monie Preußens, die eben bei Beginn dieses Krie ges ihren Gipfelpunkt erreicht hatte. Zur Vollkommenheit des Seins gehört sein Sich wissen, auch zur» Vollkommenheit« des Bösen Daß das Böse» sich weiß«, ist gut. Es ist freilid schwer, darüber ins Klare zu kommen, oder un möglich. Das Denken verwirrt sich. Wahllose Arbeit ist ein sehr unsicheres Mitte gegen Langeweile. Am besten wird sie einem vor außen oder innen ohne eigenes Zutun genommen Das Sicherste, was man selber tun kann, um si zu verjagen, ist: für einen andern sorgen, irgend einem etwas Freundliches, Gutes tun. Man ist nicht Herr der Wirkungen seiner Sätze ja man ist oft auch nicht schuld an ihrer guter oder bösen Wirkung. Auf den Verkehrten wirk oft auch das Richtige verkehrt, auf den Richtige das Verkehrte richtig. Der Mensch scheint aus eigener Kraft der Auf stellung einer gerechten sozialen Ordnung nich gewachsen zu sein. Kaum, daß er einsieht, dal er von zwei Prinzipien auszugehen hat, nämlic daß die Menschen gleich und ungleich sind, da er also beiden Prinzipien gerecht werden mu 38 Er z lasse stro Abe Not vor Fall Sch Fall Me mer mit Die die anc unt Für Vor wis Bec ste übe bal der Go lor Fü oh zu Go lie ZU die rie in ege rie Sich sen ilich un itte VOI men n sie end ätze uter virk tiger Auf nich da mlid - dal muf Er zieht das Bequemere vor, nur eines gelten zu lassen: die Gleichheit oder die Ungleichheit. Katastrophen sind die Folgen beider Einseitigkeiten. Aber selbst wenn theoretisch die Einsicht in die Notwendigkeit der Geltung beider Prinzipien vorhanden ist[ was heute noch lange nicht der Fall ist], dann beginnt erst die unermeßliche Schwierigkeit der Unterscheidung im konkreten Fall. Und da eben bin ich der Meinung, daß der Mensch aus eigener Kraft gar nicht zu Ende kommen kann. Er braucht die Erleuchtung, die unmittelbare Mithilfe Gottes in Gebet und Führung. Die Christen werden wieder zur» Minderheit«<, die nicht zählt«. Sie werden sich freilich von andern Minderheiten, die» nicht zählen«, dadurch unterscheiden, daß sie trotzdem verfolgt werden. Für manchen ist der Krieg ein erfolgreiches Alibi vor der Welt, wenn auch nicht vor seinem Gewissen oder gar vor Gott. Bedenkt man, wie schwer es sogar für einen Christen ist, auch nur in Gedanken Gott die Rache zu überlassen, so kann man sich vorstellen, wie es bald in Deutschland zugehen wird. Was wird der Sieger dieses Krieges tun? Überläßt er nicht Gott die Rache, ist damit Krieg und Sieg verloren. Fürbitte ist schwer, ja dem Menschen unmöglich ohne Gnade. Zweierlei ist zweifellos notwendig zur echten Fürbitte. Will ich einen Menschen vor Gott stellen und für ihn bitten, dann muß ich ihn lieben. Ohne das ist alles nur leerer Formalismus. 39 Aber ich muß auch in dem Augenblick, da ich für ihn bitte, von ihm nichts wollen für mich selber. Das ist schwer, auch wenn ich ihn liebe. Variationen ein und desselben Themas, die der Natur so zahllos, so glücklich, so überraschend, so vollkommen gelingen, daß sie die Langeweile des semper idem durch das unerwartete idem per aliud übertönen, fallen der bewußten Kunst des Menschen überaus schwer. Sie sind selten und am ehesten noch in der Musik zu finden. An zwei Klippen muß die Kunst der Variation vorbei: das Thema darf in seiner Urform weder zu deutlich noch zu undeutlich werden. Näher ausgeführt: die Variation muß als solche etwas in tiefem Sinn Neues und Überraschendes sein. Auf der andern Seite muß das Thema in seiner Identität[ vom Kenner natürlich, vom Sachkenner!] unmittelbar erschaut[ gehört] und nicht bloß mühselig erschlossen werden. Ich habe nicht die geringste Scheu, mit Worten zu spielen, die frei sind vom Worte, oder mir die Zeit totzuschlagen, die ohne Ewiges ist. Warum reden sie, die doch das Kreuz hassen, vom Kreuzzug gegen die» Plutokratie«, warum nicht vom Hakenkreuzzug? Wenn die Sache neu ist, warum nicht auch eine neue Sprache? In einer billigen Kriminalnovelle lese ich die Sätze: Now instead of everything going right for him, everything will go wrong for him! And he, too, will begin to make mistakes[ Statt daß alles glücklich für ihn ausgeht, geht ihm ständig 40 a Z de de kl m Emm V G ra M er Ta Sü ke ve W Vo 2. Br Ste Ste Da Fre Me die ent der We ich Loß zum Zeit sen, um neu die ight And daß dig alles schief. Und auch er wird anfangen, Fehler zu machen]... und sie gewinnen plötzlich Be- deutung. In der Tat, kann ein gewisser Aspekt dessen, was heute weltgeschichtlich geschieht, mit klareren Worten verständlich gemacht werden als mit diesen? Es ist schon schwer, in seinen Gedanken einiger- maßen sich auszukennen, wieviel schwerer aber in seinen Gefühlen? Vielen Menschen fällt es schwer, zu glauben, daß Gott verzeihen kann. Die Propheten mußten ge- rade dieses. immer wiederholen. David war ein Mann nach dem Herzen Gottes auch deshalb, weil er die Sündenvergebung Gottes schlicht als eine Tatsache hinnahm, ohne deshalb den Ernst der Sünde und die Notwendigkeit der Buße zu ver- kennen. Vom Intellekt als solchem ist die Sünden- vergebung überhaupt nicht zu verstehen, vom Willen nur in einer politischen Absicht. Einzig von der Liebe ist sie zu begreifen. 2. Februar Brief des Kapuziners, der Konrad Weiß die Sterbesakramente spendete und mit dem er am Stephanstag kurz vor seinem Tode über meine Dankverse für den Konradin redete. Welche Freude, eine Freude gemacht zu haben! Meine Augen spähen nach Männern, die nach diesem Kriege Frieden machen können, und sie entdecken keinen. Den Frieden des Todes, ja, den können sie alle machen, aber den des Lebens! Wenn Gott Herzen nicht mehr lenken kann wie 41 Wildbäche, dann ist es aus. Bin ich ohne Glaube und Hoffnung und Liebe? Nein! Aber es ist Nacht, eine Nacht jedoch, die zugleich Rettung und Asyl ist, vom Licht geschickt sozusagen. Ein vollständiges Nichtverstehen, aber doch eines, vom Verstand geschickt sozusagen. Keines, das ihn oder das er desavouiert. Der religiöse Mensch will den Gott, dem er zu dienen hat und der ihm hilft, mit Namen kennen und nennen. Der» philosophische Geist<< glaubt das nicht zu brauchen oder auch zu dürfen. Er begnügt sich oder getraut sich nur, von anonymen » göttlichen Kräften« zu sprechen. Das auch meinte Pascal mit Dieu d'Abraham, d'Isaac et de Jacob non des philosophes! Der Christ kennt die Namen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. - Was ist das Schwerste für den Menschen?» Das Maß. Und zwar in der Theorie, in der Lehre, wie in der Praxis, im Tun und Handeln. Und das läßt einen daran verzweifeln, daß es nach diesem Kriege besser wird. Die das Maß haben, werden nicht die Macht haben, den Frieden zu machen, und die die Macht haben, werden ihn machen ohne das Maß. Die Deutschen haben eine» natürliche« Anlage für» Religion«. Eben darum können sie nur religiös geeint werden. Sie konnten es nur im katholischen Glauben und seiner Einheit. Jede öffentliche Anrufung Gottes in öffentlichen Angelegenheiten hat deshalb etwas peinlich Verlogenes. Es ist eine Sache, die mit schlechtem Gewissen gemacht wird. Darüber werden wir nie hinweg42 I > T F ( F P a Se k 19 • in r Sp b I I ht, syl er- der nen ubt Er nen inte die eist, Das hre, Und nach ben, ı zus ihn lage reli- ıtho- Tent- egen- . ı gef ‚weg: kommen, auch wenn noch so viele unter uns wahre Freunde Gottes, ja Nachfolger Christi sein soll- ten- als Einzelne! Propaganda: Die Dinge dieser Welt können trotz einer ungeheuerlichen Belastung mit Lügen er- staunlich lange Zeit weiterlaufen, ohne zusam- menzubrechen, ja sie scheinen gestärkt zu werden. Das ist unheimlich und eine große Versuchung für den Geist, an der entscheidenden Bedeutung der Wahrheit für das Geschehen in der Welt zu zwei- feln. Aber es ist doch nur eine Versuchung: im Innersten des Geistes ist eine Gewißheit, daß die ‚Lüge einen Menschen und also auch ein Volk ver- . Nichtet.° Es ist eine ernste Sache, aus den durchschnittlichen »natürlichen« Aspirationen dieser»Welt« eine Weltanschauung, eine Lehre zu machen. Dieser Ernst wird nicht vermindert durch die zweifellose Komik und Lächerlichkeit dieser»Welt« in der Gestalt der neuen»Lehrer« und ihrer Sprachen. Einmal ist in Deutschland Lächerlichkeit keines- wegs gefährlich, geschweige denn tödlich, dann aber gehört sie sogar wesentlich zu allem»Fal- schen«. Auch der Teufel ist in gewisser Hinsicht komisch und lächerlich. Das Wichtigste und Neue ist, aus der faktischen Praxis des bösen Menschen induktiv eine»Lehre« herzustellen und mit Auto- und Sanktionen zu versehen. Also zum Bei- spiel Gerechtigkeit ohne Liebe, vollkommene Er- barmungslosigkeit und anderes. 15. Februar Was einem am kältesten ans Herz greift, ist der 43 geistige Zustand und das Gebaren der deutschen Richter. Sie verurteilen einen Menschen, der einem Polen ein Glas Bier bezahlt hat, zu Gefängnis. Das ist furchtbar. Gott für alles verantwortlich machen, kann die Lästerung eines Sünders und Dämons sein oder die Lobpreisung eines Engels und eines Heiligen. In der Tat, schließlich muß ein Geschöpf dazu kommen, alles auf Gott zu werfen. Anderseits ist es einfach eine unabweisbare Forderung des freien Geistes, autonom zu sein und also für alles, was er tut, auch die Verantwortung zu tragen. Wie aber läßt sich beides zusammenreimen, wie anders als dadurch, daß auch der geschöpfliche Geist göttlich wird? Der Geist des Menschen, der begierig ist nach immer neuem Ausdruck des Alten, bleibt in der Linie der Schöpfung Gottes, der ohne Unterlaẞ immer neue Individuen, also neue Ausdrücke der gleichen Art schafft. Die mechanische Kopie ist ungefähr das Unmenschlichste, aber auch das Ungöttlichste, das sich denken läßt. 20. Februar Altmark. Amokläufer der Lüge Es ist kindisch, Europa nur durch Änderung von Regierungen und Wirtschaftsordnungen vor dem Untergang retten zu wollen. Nur eine völlige Änderung der Gesinnung, ein μεTavoεiv kann uns helfen. Kein Zweifel freilich kann darüber sein, daß» Preußen das größte Hindernis ist. Die Unbegreiflichkeit Gottes steht vor meinem 44 e S و Schweigen und hinter allen meinen Worten. Könnte ich dies in meiner Sprache ausdrücken, so wäre ich ein großer Schriftsteller. Die Vaterlandsliebe liegt in der Natur des Menschen und ist daher etwas so Selbstverständliches, daß ihre übertriebene Betonung nur lächerlich oder peinlich wirkt und sie untergräbt, statt stützt. Jeder Mensch kann sich etwas Vollkommeneres vorstellen, als er ist und hat. Das mag als einer der Beweise für seine Unvollkommenheit gelten. Gehört es aber notwendig zur Vollkommenheit, sich Unvollkommenes vorzustellen? Und wäre das ein Beweis für seine Vollkommenheit? - Schließlich sind wir doch für die Seligkeit bestimmt, und sie ist sozusagen das Normale und das Sichere. Die Kirche erklärt von Menschen, die sie mit Namen nennt ihren Heiligen-, daß sie mit unbezweifelbarer Gewißheit im Himmel sind. Sie sagt von keinem einzigen Menschen, daß er mit derselben unbezweifelbaren Gewißheit in der Hölle sei nicht einmal von Judas, dem Verräter des Herrn. Sie sagt es nur vom Teufel, über den sie ja keine Jurisdiktion hat. - Replik: Gott hat die Heuschrecke erschaffen und den Haifisch und die Wespe[ ein schönes Tier!] und den Floh, die Laus und die Wanze[ wieder schöne Tiere!]. Hätte er sie erschaffen, wenn er nicht Lust daran hätte? Und diesen Gott willst du verstehn? Wie lächerlich das ist! Er legt das Schicksal der Welt in die Hand eines Zigeuners, eines Scherenschleifers, eines schlechthin absurden 45 Komödianten oder, wenn das zuviel gesagt ist [ ich will nicht zuviel sagen]: er gebraucht ihn doch als Werkzeug. Was ist da zu begreifen?! Wäre nicht die einzige Erklärung eine gewisse Gebundenheit Gottes? Wehe dem Armen, der kein anderes Gebet hat als: Herr, hilf meinem Unglauben! » Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.« Wenn einer glaubt, daß das wahr ist, dann glaubt er damit auch, daß, der sie gesagt hat, Gott ist. Wer etwas vom Wort versteht, der weiß, wie lächerlich der Appell der Menschen an die Ewigkeit ihrer Worte ist. Wenn einer an Gott zweifeln wollte, weil er ihn nicht begreift, der hätte den Glauben nicht. Denn damit fängt der Glaube an, daß er Ihn nicht begreift. 24. Februar Die Stimme des Wolfes als Stimme der Vorsehung. Sie proklamiert sich als solche. Sie brüllt vom» Herrgott<«, das Lieblingswort des deutschen Fluchers[ Hitler]. Und sie endet mit einem Zitat des großen deutschen Ketzers Luther: Und wenn die Welt voll Teufel wär... Ach, er spottet seiner und weiß nicht wie. Ein deutsches Schicksal. Warten wir ein langes Jahr! Waten wir in Blut und Kot! Es gibt Schriftsteller, wahre Pechvögel, deren Federn zwar andere schmücken, aber sie selber nicht. 46 1 a I t t 1 t n 25. Februar Die deutsche Herrgott- Religion- so wollen wir sie nennen nach der gestrigen Rede- beginnt sich abzuzeichnen, verschwommen natürlich, denn das ist sie ja selber. Sie hat zweifellos etwas Ahnlichkeit mit dem Mohammedanismus, indem sie zur Not noch monotheistisch ist, aber vollkommen antitrinitarisch. Sie ist viel weniger universal als der Islam, erhebt gar keinen Anspruch darauf, kann ihn gar nicht erheben, dagegen ist sie» fanatisch«, wie Derwische sein sollen, hinwiederum aber phantasielos und preußisch trocken:» Fanatische Pflichterfüllung« das Ideal, das fürchterlichste und abscheulichste, das die Menschheit je gesehen hat. Die deutsche» Herrgott- Religion« geht in ihren Prinzipien weit über die englische» PlutokratenReligion« hinaus. Wenn für diese Reichtum ein untrügliches Kennzeichen der Liebe Gottes sein soll, so gilt für die deutsche Herrgott- Religion das Gelingen eines Betruges, eines Verrates, das Gelingen von Mord und Gewalttat als Beweis des Segens des deutschen Herrgotts. Das Gelingen allein macht jede Tat oder Untat zur gesegneten. » An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.<< Diesem Satz Christi wird in der deutschen HerrgottReligion ein anderer Sinn gegeben. Nicht der Baum ist gut, der gute Frucht trägt, und der Baum schlecht, der schlechte Frucht bringt, sondern gut ist der Baum, der Früchte überhaupt trägt, einerlei, ob gute oder schlechte, und schlecht ist der Baum, der keine Früchte trägt-wozu eben auch die nur dem Himmel sichtbaren gehören, die ein Anhänger der deutschen Herrgott- Religion nicht sieht und nicht sehen kann. 47 Die Versuchung der Kleingläubigen:» Vielleicht ist er[ Hitler] Gottes erwähltes Werkzeug, und wir sind die Ungehorsamen und die Empörer gegen Gottes Willen. Sieben Jahre Erfolg sind eben ein Zeichen Gottes!« Geduld, Geduld, und leset die Psalmen in dieser Stunde, in dieser langen Stunde, die mit so großartiger Freigebigkeit dem Bösen gewährt wird, in dieser bangen Stunde. Die Verbindung, Verquickung, Verfilzung der eigenen, niedrigen Interessen mit den hohen, vitalen des öffentlichen Lebens ist wohl nie zuvor, unbewußt und bewußt, einer Partei so sehr gelungen wie dieser. Die Lösung ist in der Tat eine übermenschliche Aufgabe. Nur der Krieg, der wohl immer etwas von einem Gottesurteil an sich hat, kann es tun. Vielleicht! Man soll vorsichtig sein mit der Versicherung, etwas sei noch nie dagewesen, ausgenommen das Quantitative, das Massenhafte, denn das wird stimmen; aber sonst muß man vorsichtig sein. So weiß ich nicht, ob es schon eine Zeit gab, die dem Bösen so große Macht eingeräumt hat wie diese. Wie dem auch sei, es ist eine seltene Stunde. Was es an Machtmitteln dieser Welt gibt, ist alles in der Hand des Bösen. Gott hat ihm in großartiger Weise freie Hand gegeben. Ja, bis an die Grenze, jenseits welcher auch der Gerechte verzweifelt. Weil das Menschengeschlecht in einer unbestimmt langen Zeit sich vollendet, in einer objektiven Kontinuität wohl, aber nicht immer in einer subjektiven und bewußten, auch nicht in einer ge48 I C S I F T ee ee ER [e7 raden Linie, sondern im Zick-Zack und in Spi- ralen, kommt es, daß die einzelnen Geschlechter und vor allem die Individuen Dinge erleben und sich zu ihnen stellen müssen in einer Weise, für die sie in der kurz vorausgegangenen Zeit keine Analogie, keinen Vergleich haben, dagegen wohl in einer früheren. Wir verstehen heute- in Deutschland- die ersten Christen viel besser als die Christen des hohen Mittelalters. Wir ver- stehen sie auch ungleich besser, als die Christen des Hochmittelalters sie verstanden haben und verstehen konnten. Ich soll Herr sein über mein Denken, Wollen und Fühlen! Wahrhaftig, gibt es etwas Geheimnis- volleres als ein solches»Ich«? Was ist das denn? Womit, wodurch soll es denn Herr sein über Denken, Wollen und Fühlen, es sei denn mit und durch Denken, Wollen und Fühlen? Oder gibt es über diesen dreien noch etwas anderes, schlecht- hin Unsagbares? Einen unzugänglichen Kern des Seins, die Person, die»Macht« hat, die»mächtig« ist? 28. März Wer Christus malt, der malt die menschgewor- dene zweite Person der Trinität. Das ist der erste Satz für einen christlichen Maler. In seinem Lichte sind alle andern Fragen zu betrachten. Die erste Person der Trinität ist nicht zu malen. Von ihr gilt nach wie vor, daß man sich von ihr kein Bild machen soll. Die dritte Person der Trinität, der Heilige Geist, wird unter der Gestalt der Taube dargestellt, nach der Offenbarung, aus Gründen, die uns unerforschlich sind. Die zweite Person ist Tag- u. Nachtbücher 4 49 wahrhaft Mensch geworden. So muß denn auch notwendig ihr Bild das Bild eines wahrhaften Menschen sein. Das ließ freilich und läßt viele Auffassungen zu. Zeichen und Symbole gehören in eine andere Ordnung. Wir reden vom Bilde. Kein Zeitgenosse Christi scheint das Bedürfnis gehabt zu haben, eine Zeichnung, ein Gemälde, eine Plastik von Ihm zu haben. Aber zweifellos ist es bald erwacht und auch befriedigt worden, und so fort und fort bis auf diese Tage in immer wechselnden Auffassungen und Stilen. Das wird auch nicht aufhören. Und ich sage es nur, um zum Maler und zu seinen Schwierigkeiten zu kommen, zum Maler von heute, zum westlichen Maler, der zunächst die Last einer Tradition von zweitausend Jahren zu tragen und mit ihr fertig zu werden hat. Er ist auf keinen Fall ein Naiver mehr und kann keiner mehr sein. Jeder Versuch dazu trüge das Stigma der Unwirklichkeit, der Unwahrheit, wenn nicht der Verlogenheit. Die Evangelien und die Briefe der Apostel geben dem bildenden Künstler auch nicht die leiseste Andeutung über die äußere Erscheinung Christi, außer vielleicht über das Alter, und die indirekte, daß er sich gehabte wie andere Menschen seiner Zeit auch und sicherlich nicht durch äußere Originalität auffiel oder Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Der erste Grund ist, daß es überhaupt nicht in der Zeit lag, darauf zu achten, welche Augen, welche Haare, welche Nase die Person einer Geschichte hatte. Auch sonst wird ja in den Evangelien niemand in solcher Art beschrieben. Die einzige Ausnahme macht ge50 ch en le en e. mis de, OS en, m- as ir, zu en on tig ver uch der ben Ansti, xte, ner Drisich berten, die wird Art gewissermaßen Christus selber, da er einen seiner Jünger, ganz allgemein freilich, als echten Hebräer anspricht, im Äußeren schon. Das setzt aber doch voraus, daß man sich über den Typus eines echten Hebräers durchaus im klaren war. Der zweite, tiefere Grund aber, warum in den Evangelien vom Außeren Christi gar nichts gesagt wird, ist, daß Sein spirituales Wesen Sein physisches Aussehen für den Ergriffenen und den Gläubigen ins Dunkle setzte. Natürlich war es da, auch in seiner Wirkung da, und jenes spirituale Sein, Tun und Reden konnte nicht ein beliebiges Aussehen haben, sondern hatte ein bestimmtes, darüber ist kein Zweifel. Die Evangelienschreiber waren Ergriffene und Gläubige: sie traf vor allem das Spirituale, welches das Psychologische und Physiognomische überleuchtete. Aber es war da. Nichtergriffene und Nichtgläubige, deren es mehr, ja viel mehr gab, hätten leichter das Äußere bemerkt. Sie hätten» Bericht erstatten, sie hätten» photographieren<< können. Später mehr davon, ich habe eine Theorie. 31. März Manchmal frage ich mich, ob die Welt nicht verständlicher wäre, wenn es die Tiere nicht gäbe, denn es scheint mir, daß sie das Unverständlichste sind. Ich habe in meinen Schreibenächten Falter und phantastisch grüne Fliegen stundenlang angeschaut wie einen Abgrund. Ich kann stundenlang vor einem Aquarium stehen mit stillestehendem Verstande. Wie ist es mit dem Leiden der Tiere? Aber freilich, was heißt das schon: verstehen? da ich immer mehr den Eindruck habe, 4* SI N Z daß ich dort, wo ich» verstehe<<, den Dingen noch weniger nahe bin, als wenn ich nicht verstehe. Wenn ich zurückdenke an Stunden des Schreibens einer glücklichen Seite, diese merkwürdige Mischung von unverdientem Einfall mit höchster eigener Tätigkeit, diese höchst unvergleichliche Lust und Freude, dann will es mir scheinen, daß das ein Leben wäre, der Ewigkeit würdig und ohne Gefahr des Überdrusses, der sicherlich jeder Verlängerung, jeder größeren Dauer irgendwelcher anderer seelischer oder sinnlicher Genüsse folgen würde. Eine Weltkatastrophe kann zu manchem dienen. Auch dazu, ein Alibi zu finden vor Gott. Wo warst du, Adam?» Ich war im Weltkrieg.<< Aber das ist eine grobe Art. Manch einer sucht das Alibi in seinem Privatgewissen. Wo warst du, Adam?» Ich war in meinem Gewissen- gehört das nicht mir?!« Das ist die subtilste Art, nicht getan haben zu wollen. Manch einer meint, der großen Tugend des Maßes dadurch zu genügen, daß er seinem Genuß mit großer Klugheit und Erfahrenheit seine Genußfähigkeit als Grenze setzt. Aber er hat die Tugend schon dadurch radikal verletzt, daß er sich den Genuß als Ziel gesteckt hat. Wann darf einer über Gott alles sagen und über sein Regiment? Wenn einer ihn liebt, das lehrt das Alte Testament. Vor dem, der es ohne Liebe tut, ergreift mich ein Frösteln. 52 BE ch| laß nd der her gen| aßes mit nuß- sich über Jehrt Liebi Die Attribute Gottes, an die der Christ glaubt, sind für den menschlichen Verstand schwer zu erkennen. Es ist gut, wenn er das freimütig zu- gibt. Die Schwierigkeiten wechseln ab. Am mei- sten handelt es sich wohl um die Allmacht und um die Liebe. Gewisse Tatsachen weltlichen Sehens und Erkennens müssen freilich in ihrer analogischen Anwendung recht vorsichtig machen. In einer dunklen Kammer eingesperrt, sche ich die sonnengebadete Welt nicht. Auf einer Anhöhe erblicke ich Dinge, an denen ich in der Ebene zweifelte. Meine natürliche Erkenntnis wächst und reift, ich gewinne mit der Zeit Einsichten, und so weiter. Warum sollte also nicht einer, der besser ist, begnadeter, im Glauben an die Allmacht we- niger Schwierigkeit haben? Hüte dich vor den leichtsinnigen und gewalttäti- gen Vereinfachern im Theoretischen und im Prak- tischen. Sie schaffen schließlich die heilloseste Ver- wirrung. Wer etwas ausläßt, schafft rettung losere Unordnung, als wer die Dinge nur unter- einanderbringt. S- Der Glaube an eine Macht des Bösen, an den Teufel, an den»Fürsten dieser Welt«, ist in-den letzten Jahrhunderten stark zurückgegangen. Das ist für manche verkehrte Erscheinungsform dieses Glaubens ein Heilmittel, aber ein bedenkliches, denn es führt die Menschen mit Notwendigkeit in eine falsche Weltanschauung. Der Zustand dieser Welt ist ohne das Böse, und zwar dessen Macht, gar nicht” zu verstehn. Auch unter die Christen hat sich diese gefährliche Auffassung, auf einer Auslassung beruhend, geschlichen. Das 53 Z N Böse wird zurückgedrängt in die» Natur«, in das » Komische«[ ein Krieg etwa ist ein komisches Ereignis], in das» Dämonische« als Naturgewalt diesseits von Gut und Böse, und verflüchtigt sich dort. Dann ruht der Zustand dieser Welt auf der Allmacht eines alliebenden Gottes und auf der Erbsünde und der Sünde des Menschen. Das ist keine Basis, hier wird der Mensch überschätzt. Er hat gar nicht die Macht dazu, die Welt so zu entstellen, wie sie ist. Ein Mensch, dem ein solcher Glaube, der gewiß nicht der christliche ist, beigebracht würde, könnte bei schärferem Nachdenken mit Recht abfallen, oder seine Seele würde krank. Er müßte Gott entweder für ohnmächtig halten oder für lieblos. Von Gut und Böse kommt der Mensch nicht los, auch nicht durch die stärkste ein Rest Verflüchtigung oder Verwässerung bleibt, auch noch in der Degradierung des Guten und Bösen zum Nützlichen und Unnützlichen. Die schroffste Leugnung der Erlösungsbedürftigkeit dieser Welt scheint mir in dem Satz zu liegen von der» ewigen Wiederkehr des Gleichen< Logisch ist das eine phantastische Verirrung des Verstandes, da die Dinge offensichtlich eher auf das Gegenteil weisen. Theologisch ist es eine absolute Gottesferne, in der alles sich verkehrt. In dieser Sphäre ist nicht zu diskutieren. Welches Maß an Korruption oder falschen Prinzipien die Völker aushalten, bis es zur Katastrophe führt, und auch wie lange sie es aushalten, gehört zu den schwierigsten Bestimmungen. Im allgemeinen dauert es länger, als man meint. Ver gleiche mit individuellen und familiären Erfah 54 ES lie- en“, des auf ab- un Prin- Late Iten, . In! Ver- rfah- rungen führen leicht irre. Wer außerdem glaubt, daß Gott die Geschicke der Völker führt, ist erst recht vorsichtig. Wie erschrak ich, als die ausgestorbenste Stimme des Reiches[Goebbels] seine Rede endete:»Ge- lobt sei...« Er machte sogar‘eine Pause,- sollte er sich vergessen haben, in Kindererinnerungen gefallen sein? Aber er fuhr fort:»was hart macht«. Ja, das ist wieder in der Reihe. Die Religion des deutschen Herrgotts ist die Religion des steiner- nen Herzens. Sie werden zerschlagen werden, sie werden zermalmt werden zu Staub, und dann werden sie wieder ein fleischernes Herz haben wollen. 5. April '»Die Wiederkehr des Gleichen.« Psychologisch ist es gerade die Angst vor einer Wiederholung, die einen menschlichen Geist fasziniert, hypnotisiert, so daß er sich, um zur Ruhe zu kommen, in die- sen Abgrund des Sinnlosen stürzt. Ein höllisches Jasagen zum Entsetzlichen. Ich dachte einmal leichtsinnig, diese Sache könne mit Spott abgetan werden. Aber Spott versagt hier. Überhaupt, die Welt ist tiefer. Der Spott reicht nicht tief. Er ist eine Form des Rationalismus, der auch nicht tief ist. 6. April i Für den, der glaubt, daß es einen Segen gibt, au den es ankommt, der im großen und ganzen an gewisse Bedingungen geknüpft ist, die der Emp- fänger durch die Erfüllung göttlicher Gebote zu erfüllen hat, für den sind die kommenden Tage "55 in Finsternis gehüllt. Denn es geschehen Dinge, auf denen der Segen Gottes nicht ruhen kann. Replik:» Es läuft also darauf hinaus, daß Sie an Gott nur glauben, weil Sie überzeugt sind, daß es den Teufel gibt und daß er Macht hat.<<- Ja, so ist es, wenn auch Ihre Worte etwas überspitzt sind. In der Tat, ich würde die Existenz Gottes leugnen, wollte man nur sagen, daß es böse Geister, unendlich mächtiger als der Mensch, nicht gibt und daß all das furchtbare Elend der Menschheit nur in ihrer Sündhaftigkeit und in der Unvollkommenheit der Natur liegt. Mit dem Staunen beginnt das Philosophieren. Wohl, aber es endet auch damit. Ist dieses Staunen nicht ein Zeichen dafür, daß der Geist des Menschen ein kreatürliches Sein ist? Denn warum sollte ein Sein an sich staunen über sich? Es ist anscheinend das reflexive Denken und Erkennen, das eher zu Zweifeln an oder zu Empörung gegen Gott führt, als das unmittelbare. Ich habe in meinem Leben viel gelitten, körperlich und seelisch. Zu einem Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes und zu einem Versuch der Empörung hat das nur einmal geführt, und auch da hielt mich die Barmherzigkeit Gottes, so daß ich statt des Fluches, der mir auf den Lippen lag, den Segen Christi stammelte: Selig bist du, Simon, Jonas' Sohn, denn du glaubst. Ich erinnere mich sehr wohl der Nacht und des Zimmers. Aber es kam zu diesem Außersten auch nur durch die Mitwirkung eines reflexiven Elementes. Die unerträglichen Schmerzen[ ich hatte damals noch 56 N Ꮓ 36 tzt tes ‚ej- cht In- en. des um daß lag, Sj- nere \ber die un- och kein Mittel, nicht einmal Aspirin] hatte ich nun wochenlang schon erwartet, so auch in jener Nacht. Ganz anders ist es mit dem Anblick fremden Elends, namentlich leidender Kinder, oder mit Berichten über Konzentrationslager, Kriegsgebiete, und so weiter. Sie bringen mich und meinen Verstand in ganz andere Schwierig- keiten. Als mein Sohn Reinhard in seinem ersten Lebensjahr wochenlang allnächtlich Krampfhusten- anfälle bis zum Ersticken hatte, wurde es dunkel in mir, denn hier sah und sehe‘ich auch nicht den leisesten Schimmer eines Verstehenkönnens, es ist die absolute Sinnlosigkeit. Der Mensch hat kein unmittelbares Bewußtsein von der Unzählig- keit der Generationen, sei es vor ihm, sei es nach ihm. Das können ebensogut zehn sein wie eine Million. Alles, was eine Generation an Elend erlebt, das ist für das unmittelbare Bewußtsein einmal. Nun aber geschah und geschieht das wahr- scheinlich seit Millionen Jahren. Das ist eine Er- kenntnis der Reflexion. Und sie macht Schwierig- keiten. Sie stellt die unbeantwortbaren Fragen: wozu diese endlose Wiederholung all des unsäg- lichen Elends in Tausenden von Generationen? Hier führt der Glaube seine schwersten Kämpfe. Und es zeigt sich, daß die Reflexion, in der der Erkenntnisstrom immer dünn fließt, sein größter Gegner ist und sein gefährlichster. Der»Spott« hat viele Grade. Er kann noch lie- benswürdig sein, aber auch giftig wie die Hölle, In der Fülle der Liebe ist er nicht, es sei denn vielleicht als Mittel der Erziehung, durchaus auf das Heil und Wohl des Verspotteten gerichtet. Aber das ist selten. Auch gesunder Stolz und ge- 57 rechte Verachtung gegenüber Niedrigem können spotten, wenn sie auch lieber schweigen. Schadenfreude hat Spott als liebste Waffe, ein Zeichen, daß er niederer Art ist. Zuweilen ist er aber nur eine Maske, hinter der ein recht trauriges, unglückliches und aufgelöstes Gesicht steckt. Der Mensch ist wandelbar, nicht wie ein Engel. Die Ohnmacht ist ein beliebtes Ziel des Spottes, die echte menschliche, und die scheinbare göttliche. Gott in all Seinen drei Personen wurde verspottet, wird täglich verspottet. Warum fürchten die Mächtigen der Welt den Spott und den Spötter? Es wäre nicht einzusehen, wenn sie ihrer Macht sicher wären. Aber sie sind es nicht. In ihnen ist eine Ohnmacht, sei es auch nur in der Gestalt der Angst, daß sie ihre Macht verlieren könnten. » Auf der Bank der Spötter«, von der die Schrift spricht, sitzen verlorene Seelen, Hasser Gottes und der Menschen und ihrer selbst. Aber auch da ist nichts endgültig. Sie können eines Tages aufstehen, auf die Knie fallen und anbeten, was sie verspottet haben. Der Ruhm der Welt vergeht wie ein Rauch. Das ist wahr. Aber auch das muß verwirklicht, realisiert werden. Das heißt, einer muß diesen Ruhm auch erwerben und haben und dann erkennen, daß er nichts ist und seine Seele leer läßt. Nur dann ist der Satz Wahrheit. Der Ruhmlose sagt nur halb die Wahrheit, halb ist es Lüge. Auch das Nichts in dieser Welt muß sozusagen einen Leib bekommen. Alle Wahrheit in dieser Welt muß einen Leib haben oder bekommen. 58 ist!: ıf- sie )as li- hm en, Nur agt nen! Telt Gott gegenüber gibt es keine Neutralität. Das ist ein einfacher und einsichtiger Satz. Wenn nun der Mensch Gott ist oder der unmittelbare Ausfluß Gottes, so wird er früher oder später, nach dem Maß seiner Macht, sagen: mir gegen- über gibt es keine Neutralität. 9. April Die Deutschen halten sich an das Wort ihres lie- ben Lehrers Martin Luther peccare fortiter- men- tiri fortiter. Und weil ganz Europa lügt, sie aber fortiter, haben sie Erfolg, bis einer nicht mehr lügt. Das hoffnungsloseste Mißverstehen: er sieht nicht, was ich sehe, und ich sehe nicht, was er sieht. Manche leugnen nicht die Symbolhaftigkeit der Dinge dieser Welt, aber sie halten das, worauf die Dinge zeigen, wofür sie Symbole sind, für Nichts, das real wäre und unser Handeln bestim- mend. Ist das nicht schlechte Logik? In den Dingen liegt, daß sie auch anders sein könnten, als sie sind, und das ist staunenerregen- der als sie selber. Das macht auch die Zeit, nicht den Raum, zum innersten Problem unseres Seins. Die These Kierkegaards von der vorherrschenden Bedeutung der Kategorie des»Plötzlichen« im Wirken des Dämonischen wurde in den letzten Jahren und Tagen im Übermaß bestätigt. »Seines eigenen Glückes Schmied sein« ist ein grober Ausdruck, der erst einer Interpretation 59 bedarf, um einige Wahrheit zu haben. Wie soll ich etwas schmieden, was ich in der Regel gar nicht in Händen habe? Das Sein setzt nichts als sich selber voraus. Das ist einsichtig und ist geoffenbart: Ich bin der Ichbin, was freilich wahr ist. Es ist also nicht ein sozusagen seinsloser Wille, der das Sein erst erschafft. Der Wille ist im Sein, so daß man freilich sagen kann: das Sein will sich selber. Das gilt vom absoluten Sein und von Gott. Anders ist es mit dem kreatürlichen Sein. Es setzt als Sein den göttlichen Logos voraus und, als Dasein, den göttlichen Willen. Nur für das erschaffene Sein kann man von einem Primat des göttlichen Willens sprechen. Der echte philosophische Geist ist ein kontemplativer Geist. Nicht die Dinge, die man ändern kann, fesseln ihn, sondern gerade die, die man nicht ändern kann. Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, nicht sein Zerstörer. Sie ist hierarchisch, nicht anarchisch. Und weil sie die Erfüllung ist, ist ihre Verletzung die eigentliche Sünde. An seiner Liebe wird ein Mensch gemessen. Die» Wissenschaft« braucht notwendig eine positive, historisch gewachsene,» zufällige<< Sprache auf einer allgemein verständlichen Ebene. Nicht so die» Weisheit«. Sie hat eine viel innerlichere, tiefere» Sprache« von geheimnisvollem Wesen, zu dem auch das Schweigen gehört. Was aber soll die Wissenschaft mit dem Schweigen? Sie soll 60 S S t 1. 60 i- ne ht e, zu الد الد reden im eindeutigsten Sinn des Wortes. Mehr als die Hälfte der Weisheit aber ist das Schweigen. In dieser Welt und in diesem Äon werden oft Übel durch Übel geheilt, wenn man nur acht hat, daß Beelzebub, der den Teufel vertreibt, nicht bleibt und seinerseits wirkt. Heuchelei kann durch Schamlosigkeit vertrieben werden, und die menschliche Natur kann ihr Gleichgewicht wiederfinden in langsamer Arbeit der Heilung. Heuchelei ist der gottverhaßteste Zustand laut der Schrift. Heuchelei hat die europäische Politik der letzten Jahrhunderte beherrscht. Es sah aus, als wollten die verschiedenen Diktatoren sie durch Schamlosigkeit ersetzen, die Menschen zur Besinnung bringen und sie ins rechte Gleis werfen. Das war eine Illusion. Denn inzwischen haben in diesen Diktatoren Heuchelei und Schamlosigkeit ein schamlos- heuchlerisches Bündnis geschlossen, über das nur Märtyrer siegen können. Vielleicht kommt die große Gnadenausgießung, die der alte Blumhardt erhofft, ersehnt, erbeten und vielleicht vorausgeschaut hat. Eine jede große Begabung ist einseitig und andere fast ausschließend. Die menschliche Natur ist auch in dieser Hinsicht begrenzt. Es ist nicht so, daß, wer die hierarchisch höchste hat, darum auch die niedrigeren haben müßte. Im Gegenteil! Infolge der» Auserwählung« Israels hatten die Juden die hierarchisch höchste Begabung, die religiöse, aber unter Ausschluß aller übrigen, außer der dichterischen, doch sie nur im Dienste des Göttlichen. Erst später, nachdem sie Christus gekreuzigt hatten, wurden sie auch» Künstler« im Sinne der Heiden, der Völker, der gentes: indessen in der 61 Tat nur als Talente«, oft als große, gewiß, aber trotzdem, und das ist eine eigentümliche und bemerkenswerte Tatsache. Mit der Ursprünglichkeit, Quell- und Wurzelhaftigkeit von jeweils anderen Völkern sind die Juden niemals Philosophen, Dichter, Maler, Bildhauer, Architekten, ja nicht einmal Techniker gewesen. Auch darin sind sie von besonderer Art. » Er war einer der gelesensten Schriftsteller seiner Zeit, heute ist es überhaupt nicht mehr möglich, ihn zu lesen, und man begreift seinen Erfolg nicht. Das ist das Herbste, was über einen Schriftsteller gesagt werden kann, und offenbart, was » Zeit ist als Gegenmacht des Ewigen. Was ist das Geheimnis der deutschen militärischen Kraft? Wer kann es sagen? Die Unfähigkeit zu Muße und Genuß? Die völlige Anpassung an diese Welt« deutschen Herrgott, dem Gott des steinernen Herzens> biologische«, eine Lebensphilosophie. Die Kompromißẞlosigkeit streben im christlichen Leben die Orden an. Es gibt aber keinen großen Orden, der in Deutschland gegründet worden wäre, geschweige denn einen der strengen. Ich glaube, es ist etwas ganz anderes, das Anlaß zu dieser zweifellos falschen Behauptung gegeben hat. Es handelt sich in der Hauptsache um ein rauschhaftes Gefühl der Maßlosigkeit, welches das Denken verhindert, das richtige Denken auf Grund des natürlichen und übernatürlichen» Maßes«, das uns von der aristotelischplatonischen Philosophie und im Übernatürlichen von der Kirche gegeben wird. Daher das Fiasko der deutschen Mystik in Ekkehart. Auf einer andern Ebene, der der politischen Kämpfe, ist wiederum der Grund für die Giftigkeit der Kämpfe gar nicht die Reinheit des Wollens, eine als wahr erkannte Idee kompromißlos zu realisieren, sondern die gefühlsmäßig vernebelte Unfähigkeit, das Recht der andern Seite zu sehen oder zu hören. Es ist sehr oft Dummheit, nichts Höheres. Fehlen dem Deutschen nicht zwei große, miteinander verwandte, aber nicht identische Eigenschaften, und fehlen deshalb seiner Geschichte nicht 94 t $ 5 e- fe hr| 2 las it- n- cht die ganz tiefen Farben? Generosite und magna- nimitas! Für das erste haben wir überhaupt kein deutsches Wort, es ist eine spezifisch französische Sache. Für das zweite haben wir ein großartiges Wort: großherzig. Aber die Sache liegt mehr in der deutschen Sehnsucht als in der deutschen Re- alität. Der Deutsche ist nicht genereux, oder sehr selten, sehr selten; dann ist es wie ein Wunder. Darum haben wir nicht die großen Liebespaare- denn generosite ist das Tor zur großen Liebe, und zwar zur natürlichen wie zur übernatür- lichen!- Wir haben sie weder in der Realität noch in der Dichtung. Die einzige Ausnahme kann Goethe sein, aber er ist eher guter Europäer als guter Deutscher. Wir haben nicht die großen Liebenden wie alle andern Völker Europas, die unsere Herzen immer noch schlagen lassen. Wir haben auch nicht die großen Heiligen, wir haben in der deutschen Reformation keine Heiligen wie Thomas More oder Fisher: beide waren»gene- reux«. Die magnanimitas ist eine politische Tu- gend: Augustus ist ihr großer symbolischer Trä- ger, Vergil ihr unvergänglicher Sänger. Ich glaube, daß ein Teil unserer. mittelalterlichen Kaiser an dieser Tugend teilhatte; auch Habsburger haben später sie gekannt. Die mächtigen Preußen und was von ihnen heute kommt, sind alle»kleinlich«, was der Gegensatz des Großherzigen ist. Ver- sailles war deshalb eine Schande Frankreichs, weil es kleinlich war, wofür es in diesem Augenblick büßt, aber wahrscheinlich doch nur eine»Zeitlang«. Es kann nicht jeder»Gottesgeißel« sein. Auch Attila mußte dazu auserwählt sein. Die mensch- 95 “liche Eitelkeit ist unheimlich und unverwüstlich. Die Gottesgeißel ist stolz darauf, Gottesgeißel vielleicht nicht zu sein, aber genannt zu werden. Es gibt hinter der scheußlichen Fratze der Welt so viele unglückliche Menschen. Vergiß das nicht, nun, da du alt bist!> Die immer wieder den Turm von Babel erbauen, sagen nach der Zerstörung und werden bis ans Ende der Welt immer sagen:»Beinahe, um ein Haar wäre es gelungen. Ein ganz kleiner Fehler wurde begangen, ohne ihn‘wäre es gelungen«, oder:»einige Saboteure waren da, das christliche GR... Die kleine Hure, die heute in Deutschland Ge- schichte heißt, käuflich dem wesenlosesten Indi- viduum, ausgebeutet von ehrlosen Zuhältern der Zunft, ist nicht»die Geschichte«. Selbst wenn man sagen kann, daß heute in Deutschland Ge- schichte»gemacht« wird, Geschichte»geschrieben« wird heute in Deutschland nicht. Das wird anders- wo geschehn oder, wenn doch in Deutschland, dann von andern. Seitdem an ein ewiges Leben nicht mehr geglaubt wird, ist nicht das Gericht Gottes, sondern die Geschichte, die ja nicht abgeschlossen ist, son- dern fließt, und wenn es kein Gericht Gottes gibt, überhaupt immer fließen wird, bis ins Nichts oder bis zur Wiederkehr aller Dinge-- die Geschichte also ist die letzte Instanz. Und nun ist das Para- dox, daß plötzlich die Geschichte die Wahrheit selber, die Gerechtigkeit selber, die Aufrichtig- t keit selber sein soll! Aber Geschichte wird von Menschen geschrieben, die entweder die Wahrheit sagen oder lügen, gerecht sind oder ungerecht. Darum ist die Geschichte, rein menschlich, ohne göttliche Führung, etwas höchst Zweifelhaftes. Das Evangelium berichtet mit absoluter Sachlichkeit von dem Verrat des Judas und der Verleugnung des Petrus. Das ist in einer rein menschlichen Partei ausgeschlossen. Die heutige Geschichte, eine Episode, hoffen wir, lügt zweifellos mehr, als es jemals der Fall war. Hätte Gott nicht doch mehr Wege und Möglichkeiten, wäre die Verzweiflung heute ein verständlicher Ausweg, vorausgesetzt immer, daß es dem Menschen auch um Wahrheit zu tun ist. Das schmerzlichste Erlebnis des Wahrheitsuchenden: daß den meisten Menschen die Wahrheit als Wahrheit ungefähr das Gleichgültigste ist. Aber das ist nun doch wieder nicht richtig. Sie wollen ja doch wieder die Wahrheit, aber sie scheuen die Mühe um sie. Darum glauben sie die Lügen, die man ihnen, nicht als Lügen, sondern als Wahrheiten vorsetzt. Das ist bequemer. À propos Kompromißlosigkeit des Deutschen. Ich glaube nicht daran. Wenigstens nicht an Kompromißlosigkeit in der Entwicklung einer klaren Idee.» Klar, das ist es. Hier liegt mein Haupteinwand. Zur Kompromißlosigkeit gehört Klarheit, und die fehlt dem deutschen Geist, außer in der relativen Flachheit der Technik. Nein, hier liegt eine Verwechslung vor. Was der Deutsche in eminentem, selbstmörderischem Maße hat, das ist: Eigensinn. Die traurige Geschichte der Reformation ist voll davon. Und Michael Kohlhaas ist Tag- u. Nachtbücher 7 97 eine deutsche Gestalt. Und sein Darsteller auch! Eigensinn ist ein Feind der Liebe, der Liebe überhaupt, also vor allem der Liebe zu Gott. Eigensinnigkeit und Heiligkeit vertragen sich nicht. 26. Mai Wenn ich heute stürbe[ vor dem Tode als solchem habe ich seit dem 14. März¹ keine Furcht mehr, im Gegenteil: sei gegrüßt!], wenn ich heute stürbe, reichlich traurig und schwermütig, wie alle Reife dieser Welt, schwarzsehend, nämlich die dark ages, die wiederkommen verzweifelt würde ich doch nicht sterben. Es scheint, daß nun nichts mehr den Glauben mir rauben kann. Möge es so bleiben! Mein Gott, möge es so bleiben! Wenn ich heute stürbe, völlig uneins mit dem herrschenden Geiste meines Volkes, ich würde nicht verzweifelt sterben, und wäre das nicht doch auch ein Zeugnis? Denn traurig, meine Freunde, traurig darf man doch sein heute? Nicht wahr? Ich habe Schwierigkeiten und lebe unter einer Wolke, aber ich habe eine unfehlbare Methode: wenn die Schwierigkeiten zu groß werden, stürze ich mich in die Unbegreiflichkeit Gottes. Sie birgt mich. Nicht sic allein natürlich, sondern die Gnade Gottes. Sie trägt mich auch in diesem Abgrund. Verzweifelt würde ich nicht sterben. Mehr will ich nicht sagen, weil ich nicht lügen will. Ach, ich sehe auch die selige Stunde voraus, da ich nicht mehr lügen kann. Wenn man mir sagt, daß die heutige deutsche Jugend, die offizielle, von den zweitausendfünf1 Der Tag einer neuen Verhaftung 98 C I 1. S M 1 n n W U St 1S S a d m SC S- st R 7* ie elt Ye ıch en che hundert Jahren christlicher und adventistischer Geschichte nichts weiß, nichts wissen will und keineswegs begeistert werden kann, so weiß ich das, und es macht mich traurig. Wenn man mir aber sagt, daß unter ihr überhaupt keiner sei, der im Innersten davon berührt werde, dann werde ich heiter, denn das glaube ich nicht, denn das ist nicht wahr. Es gibt solche, und sie sind der Adel der deutschen Jugend. Sie werden unter einer Wolke leben, wie ich auch. Sie werden aber im Glanz eines unsterblichen Lichtes stehen, wie ich auch. Und sie werden es wissen, wie ich auch. Ich werde das Staunen über das Staunen nicht los. Warum das Staunen? Setzt es nicht ein Fremd- sein des Geistes, der staunt, gegenüber dem Sein, über das er staunt, voraus? Auch der gewöhnliche Mensch kann in Staunen fallen über Dinge, die ihm fremd und ungewohnt sind; aber er staunt nicht über das Alltägliche und Gewohnte, mit ihm ist er verwachsen. Die Philosophie beginnt mit dem Staunen über die alltäglichen und ge- wohnten Dinge. Aber setzt das nicht eine Kluft und Fremdheit zwischen dem Sein, über das ich staune, und mir, der staunt? Mir! Wer und was ist denn das? Mir? Gehöre ich nicht auch zum Sein? Ja, worüber staune ich denn schließlich mehr äls gerade über- mich? Wer ist das denn dann, der staunt? Ein Gefühl des Schwindels erfaßt mich. Staunt das Sein über das Sein? Staunt schließlich Gott über Gott? Ach, das sind nur Sprachspiegelungen der Ohnmacht unseres Ver- Standes gegenüber der Unbegreiflichkeit des Seins. Replik:»Nie wirst du des Staunens müde I= 7* 3 Ach, ich werde es, wenn ich keine Antwort be- komme.| Der Schmerz kann denMenschen zusammenreißen, damit er nicht in Lust zerfließe, denn wie die Lust am Ende löst, krampft der Schmerz am Ende zusammen. Wenn man das Leben etwas über- sieht, findet man wohl oft, daß die.von Natur Wollüstigen auch den ärgsten leiblichen Schmerzen ausgesetzt sind. Eine gewisse natürliche Kompen- sation mag es hier geben. Replik: Was beklagst du dich über mangelnde Gerechtigkeit, mein Lieber? Ist es nicht schon ein Alt der Gerechtigkeit, daß die Lüge des einen Volkes, wenn sie lange genug geherrscht hat, mit der Lüge eines anderen vertauscht wird? Das gelıt dann so weiter. Das ist.»gerecht«, und mehr braucht die Welt nicht: Die soziale Revolution, die nach oder vielleicht schon in diesem Kriege weiterschreiten wird bis zur völligen Vernichtung der bürgerlichen Ord- nung, wird den Nationalismus doch etwas zu- rückdrängen. Er hat seinen Gipfel hinter sich in dem deutschen Wahnsinn der naturalistischen ras- sischen Auserwähltheit. Selbst wenn Deutschland temporär siegen würde, wird es das National prinzip gegenüber dem imperialen noch mehr preisgeben als jetzt schon. 29. Mai Ins Herz welcher Völker hat Gott die verborgent seltsame Gewißheit und Erwartung des Sieges$* legt? Ich weiß es nicht. Und doch wird dies# 100 70 ses Volk den Sieg haben, gleichgültig, was es sonst zu bedeuten hat. Nur Gott weiß es und der Engel dieses Volkes, der vor dem Antlitz Gottes steht. Zuletzt handelt es sich doch um das Reich Gottes, und der Krieg geht doch um den»Glauben«. Wel- ches Volk wird faktisch die Gebote des trinitari- schen Gottes halten? Es wird von Gott die Füh- rung der Menschheit haben, ganz einerlei, welcher Rasse es angehört. 31. Mai Weil die letzte und höchste Ursache dieses Krie- ges doch der Haß auf Christus und das Reich Gottes ist, ist die Politik Mussolinis so häßlich und verächtlich. Um seines romantischen Im- periums willen unterstützt er das Reich des Anti- christ. Man sagt, Mussolini werde heute oder mor- gen angreifen. Sein europäischer Name heißt- Verrat. Wer das Schwert ergreift, wird durch das Schwert umkommen. Jedes Reich wird durch die Waffen umkommen, die es zu seiner Gründung und Er- haltung gebraucht hat. Die Waffen des Reiches Christi sind im Anfang gewesen und müssen blei- ben: Glaube, Hoffnung und Liebe. Also zu, ihr alle, die Christi Reich erobern wollen, denn euer sind heute viele- also zu: kommt mit den Waf- fen des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe: das Reich Christi wird zu euern Füßen liegen. Ihr habt es dann erobert! Kann heute in Deutschland irgendein Mensch, der nicht mehr Säugling ist, seine unmittelbaren Ge- IOI fühle noch unmittelbar äußern? Werden sie nicht sofort an der Quelle ihres Ursprungs zugedeckt durch diesen entsetzlichen Apparat, der sich Propaganda nennt? Werden sie nicht auf der Stelle umgebogen oder besser umgelogen zu einem » Volksgefühl, das ein künstliches Produkt ist, eine Phrase! Welche unmenschlichen Folgen muß und wird das haben! Wird dieser Krieg nur zwischen>> Plutokraten<< und» Habenichtsen«, zwischen Kapitalisten und Sozialisten um die Güter dieser Welt oder deren Verteilung geführt, dann ist er in irrsinniger Weise lächerlich, freilich auch verbrecherisch, weil für so etwas Berge von Leichen sich türmen müssen. Aber ich glaube es nicht. Solche Kriege werden um höhere Dinge geführt. Der Mensch, der dezidiert an ein ewiges Leben, das heißt an ein persönliches Fortleben nach dem Tode, nicht glaubt, nicht glauben will, denn zum Glauben gehört auch das Glaubenwollen, der wird zum Tiere, zu einem Tierwesen, das der Mensch ja auch ist. Der Mensch ist» als Geist angelegt<<, wie Kierkegaard es ausdrückt, dazu aber gehört die Unsterblichkeit der Seele. Wer diese preisgibt, gibt auch den Geist preis. Wer den Geist preisgibt und also das jenseitige Leben, der kann in der Ehe nur noch ein Gestüt sehen. Und das tut heute offiziell und ohne jegliche Scham der deutsche Staat. Und ihm soll die Herrschaft über das Abendland zufallen? Ihr Freunde, dann wird es eben das Abendland nicht mehr sein! F I IO2 Immer wieder läßt man sich von der deutschen Tüchtigkeit und oberflächlichen Anständigkeit imponieren und vergißt für einen Augenblick die deutsche Herrgottreligion, die dahintersteht und ohne allen Zweifel ein Greuel ist vor Gott! Ich martere ein ganzes Volk und schreie zum Himmel und im Radio, wenn zwei der Meinigen geschunden werden[ vielleicht!- es kann auch eine Lüge sein], und ich glaube an mein Recht zu beidem[ das tut der Durchschnittsdeutsche!]. Hat es so etwas jemals schon gegeben? Ich glaube nicht. Es ist eine furchtbare Entartung, oder wäre es wirklich» unsere« Art? Dann büße jeder! Mea culpa! Daß die Dinge zuerst den Klang haben und dann erst den Miẞklang- das ist das erste Prinzip meiner Philosophie. Also: daß das Gute vor dem Bösen ist, die Wahrheit vor der Lüge, das Schöne vor dem Häßlichen. Das ist meine ganze Philosophie. Der» Terror<< ist eine Erfindung abgefallener Geister. Er ist eine geistig- seelische Waffe des Bösen gegen Gute und Böse, eine Waffe also, die nicht, wie die leiblichen Kriegswaffen, in sich indifferent ist, sondern die selber böse ist. Sie darf von guten Menschen nicht gebraucht werden, sie kann von ihnen nicht gebraucht werden, weil sie sie selber böse macht. Der Terror ist neuerdings eine Erfindung anarchischer Geister. Sie ist die Waffe der Anarchisten, dieses Wort als Gegensatz gemeint gegen die Hierarchisten. Denn das sind die beiden Pole: Anarchist gegen Hierarchist. Das Reich des Antichrist ist wesentlich anarchisch. 103 Was darüber täuschen kann, ist die» Organisation des Anarchischen und des Terrors. Heute ist in Europa der Terror von den» Deutschen< organisiert worden.[ Es ist schwer, heute von den Deutschen und nicht von den» Deutschen« zu sprechen.] Die Gabe der Organisation ist den Deutschen gewissermaßen» natürlich«: das muß im Zusammenhang stehen mit ihrer- verratenen- Berufung zum» Reich« und zur Herrschaft. Erst die deutsche Organisation des Terrors macht ihn so furchtbar. >> Fürchtet euch nicht!« Mit diesen Worten beginnen fast alle Botschaften der Engel Gottes an die Menschen; heute gewinnen sie besondere Bedeutung. » Ein Abgrund ruft den andern«, der höllische Abgrund des organisierten Terrors tut in uns auf den himmlischen der göttlichen» Furchtlosigkeit. Wir leben in der Nacht des Glaubens, der doch unser einziges Licht ist. Wohl dem, den Gott so weit geführt hat, daß er dieses faßt in Anbetung und im Frieden, der über aller Vernunft ist. Alles hat seine Zeit, aber in der gleichen Zeit; das ist viel schwerer zu sehen oder gar zu überblicken, als daß jedes Ding seinen Raum hat, aber in einem Raum, denn das ist eine sehr schwache Analogie für das Erste, eine flache und eindimensionale zu den unendlichen Tiefen der individuellen Zeitrhythmen in der» Gleichzeitigkeit«. Ein jeder Takt hat seine Zeit, aber in der Zeit des Rhythmus und der Melodie. Auch das ist nur ein ärmliches Bild. 1./2. Juni Newmans Theorie von dem merkwürdigen Zu104 Qa3:: O7 sammentreffen natürlicher Ereignisse in bestimm- ten Stunden als»Zeichen« göttlicher Führung kam mir ins Gedächtnis, als es im Berichte hieß, daß das Wetter unsichtig war. So hätte heute der Kar- dinal, lebte er noch, predigen können: ein Engel glättete den Kanal, der sonst um diese Zeit im Sturme tobt, und breitete die Finsternis undurch- dringlichen Nebels gleichzeitig über das Meer. Und so wurden Zehntausende gerettet. Zur deutschen Herrgottreligion: Ihre Priester sind mehr Iyrisch, pathetisch oder verwaltungstechnisch tätig als gerade theologisch. Man muß ihr Credo selber von Zeit zu Zeit sich explizieren. Die deutsche Herrgottreligion verheißt nicht ein ewi- ges Leben oder gar eine Auferstehung des Flei- sches. Das steht fest. Sie scheint aber zu ver- heißen den ewigen Bestand des deutschen Volkes. Das ist natürlich ein platter Unsinn. Dieser Pla- net hat einmal angefangen, so wird er auch ein- mal aufhören. Es ist erstaunlich, daß die Deut- schen, so stolz auf ihre Wissenschaft, einen solchen Unsinn hinnehmen. Ich kann etwas glauben, des- sen letzter Sinn mir verhüllt ist. Und das tue ich als Christ. Ich kann aber nicht etwas glauben, was überhaupt keinen Sinn hat. Der»deutsche Herrgott« verkündet, daß recht[Recht] ist, was dem deutschen Volke nützt. In zahllosen Reden und Schriften ist diese Verkündigung bereits nie- dergelegt. Das ist nun nicht so sinnlos und neu und originell wie der erste Satz. Das liegt durch- aus in der Linie des Menschlichen und Allzu- menschlichen überhaupt. Neu ist der Radikalis- mus, neu ist das Unmaß der Schamlosigkeit und der Heuchelei, mit denen der evident falsche 105 Grundsatz in die Praxis übertragen wird. Sonst ist ein Volk entweder schamlos oder heuchlerisch. Die Verbindung beider war nicht vorhersagbar, aber sie ist gelungen. Innerhalb des Seinen ist der deutsche Herrgott nicht unlogisch. Also zum Beispiel nicht in der Ehe- und Sexualmoral, die er seinen Gläubigen auferlegt. Auch sie ist von seinen Predigern in öffentlichen und geheimen Erlassen klar festgelegt, so klar wie das deutschherrgöttliche Recht. Das Beste, was man von ihr sagen kann, ist, daß sie eine Erniedrigung des Menschen zum Tier ist, eine Gestütsmoral, Einem geistigen Menschen frißt der Ekel die Seele weg. Nun wird es sich zeigen, ob unter den Deutschen überhaupt noch geistige Menschen sind. Die katholische Kirche möge sich wohl hüten, daß die Gebärfreudigkeit, die sie in ihrer Ehemoral lehrt, nicht verwechselt werde mit dem viehischen Gebärbefehl des deutschen Herrgotts. Denn beides verträgt sich wie Wasser und Feuer. Es ist durchaus denkbar[ Stoff zu einer Komödie], daß einer, der allein gegen viele ein Unheil richtig vorausgesagt hat, das ihn selber mittrifft, sein eigenes Leiden mit der Freude mischt, daß er recht gehabt hat, daß er es gewußt hat. Es ist merkwürdig, wie ganz allgemein der Mensch recht haben will, ja recht gehabt haben will. Woher kommt das? Setzt es nicht eine Schätzung des Wissens, einfach als Wissen, voraus, die sonst unter den Menschen eigentlich nicht zutage tritt? Die Geschichte der Deutschen wird nicht von ihnen selber geschrieben werden, wie Römer oder Griechen ihre eigene Geschichte geschrieben haben. Die 106 -> ES -g , n er st ht er S- er en δύ e- Die Deutschen haben es sich selber unmöglich gemacht, ihre Geschichte zu schreiben. Seit der Glaubensspaltung und vollends seit der Apostasie können sie nur Parteigeschichten erzählen, die notwendig verlogen sind. Ich habe immer gesagt, daß Preußen eine provinzielle Sache ist, auch wenn es, wie heute, für eine Weile zum Monstrum sich entwickelt hat. Das provinzielle Preußen schreibt seine Geschichte nicht selber. » Das Bessere ist der Feind des Guten«, das ist ein Satz, der große Leiden birgt und viele schwere Gedanken. Die pointierte, etwas pathetische sprachliche Fassung des objektiven Sachverhalts, nämlich daß es zu gleicher Zeit für die freie Wahl des Menschen Gutes und Besseres gibt, kann leicht zu Sinnverschiebungen und Mißverständnissen führen. Das Bessere ist nicht an sich, in der Sphäre des reinen Seins, der» Feind« des Guten[ sie stehen in hierarchischer Ordnung sehr friedlich und verträglich nebeneinander], sondern in übertragener, gleichnishafter Sprache, im Willenskampf des Menschen, der vom» Guten« zum» Besseren« aufsteigen kann. Manche sehen hier das Wesen der Tragik, ja, der» christlichen« Tragik; aber das sind Wort- Miẞverständnisse. Der Jüngling, der Christi Einladung, statt des» Guten« das» Bessere<< zu ergreifen, nicht Folge leistete, ist keine » tragische Person. Das Geheimnis liegt tiefer und jenseits aller» Schuld«, die zum Tragischen gehört, in der» Liebe« selber und ihrer Unergründlichkeit, in ihren aufsteigenden Opfern, um tiefer sich herabzuneigen. Gott wäre» gut gewesen, auch wenn der ewige Sohn nicht Mensch geworden wäre, Gott wäre» gut« gewesen, auch wenn 107 der Mensch gewordene ewige Sohn nicht am Kreuze geopfert worden wäre. Auf den Spuren dieser göttlichen Liebe nicht der Tragik- ist der Mensch, der so etwas erfährt wie: das Bessere ist der Feind des Guten. - Der deutsche Idealismus ist eine preußische Sache in Kant und Fichte. Schelling gehört nicht dazu; er ist ein spontan spekulativer Kopf und ein Gnostiker. Auch Hegel ist ursprünglich ein groBer spekulativer Geist, aber dann, wie später viele süddeutsche Geister, preußisch infiziert und verdorben. Der preußische Idealismus hat den deutschen Menschen das fleischerne Herz genommen und ihnen dafür ein eisernes und papierenes gegeben. Das deutsche Herz ist nun ein einiger Stoff aus Eisen und Papier, aus Tat und Phrase. Das ist die eigentliche» Unmenschlichkeit des Deutschen als preußischen Produktes. Die Verbindung der Pflicht mit der Phrase ist die eigentliche Entmenschung des Menschen. Sie ist aber eine preußisch- deutsche Eigentümlichkeit und Erfindung. Sie ist doppelsinnig: es tut einer seine Pflicht für eine Phrase, oder: seine Pflicht selber wird zur Phrase. Beides geschieht heute. Aber es ist immer noch genug gesunder Instinkt in allen fünf Weltteilen, der sich mit Händen und Füßen gegen dieses Unmenschliche wehrt. Schon das Wort Friedrichs II. vom Diener des Staates war eine Phrase. Er war sehr viel aufrichtiger und wahrer, als er gestand, daß er aus Eitelkeit und Ruhmsucht in Schlesien eingefallen sei. Soviel an Preußen liegt, ist es nahezu imstande, einem den Begriff der Pflicht schlechthin verhaft 108 1 1 t Le ; n D- t- I as t- zu machen, unter Absehung von seiner zweifellosen Wahrheit und Berechtigung. Diktaturen sind immer Fieberzustände. Wir wissen aus dem physischen Leben einzelner Individuen, wie lange ein Fieber anhalten kann. Es ist nicht anders mit dem moralischen Leben einzelner Völker. Aber die Norm ist es nicht. Ich habe den Eindruck, der sich immer mehr bestärkt, daß die Deutschen mit den Juden etwas r- gemein haben, das sich sonst unter europäischen Völkern nicht findet. Nur ein deutscher Christ kann sich so von dem unmittelbaren Schicksal und der unmittelbaren Geschichte seines Volkes ff lösen, wie der jüdische Christ das immer getan hat von Anfang an bis heute, ohne sich spiritual und heilsgeschichtlich loszutrennen- im Gegenteil: das ist von einer Bedeutung, die gar nicht übertrieben werden kann. Aber sie wird kaum gesehn. Im Natürlichen schon hat diese Tatsache eine Analogie. Es gibt in keinem andern Volke so viele Denker von Rang, die sich rein natürlich - und also ohne die christliche Liebe, die wahre Christen haben so grausam und entschieden gegen ihr eigenes Volk gestellt haben wie Deutsche, angefangen das freilich ist bezeichnend- von Luther über Hölderlin, Schopenhauer, Nietzsche. st Sie eit er ht te. kt nd on tes ger eit Sode, St - Dieser Krieg bestätigt meine These, daß die Quantität eine Art von Qualität schafft. Zwanzigtausend Tanks sind nicht bloß arithmetisch mehr als zweitausend Tanks, sondern sie sind etwas anderes und wirken so als Qualität. Durch diese Qualität siegen im Augenblick die Deutschen. 109 Aber man möge wohl bedenken, daß keine andere Qualität leichter nachzumachen ist, auch in ihrer Wirkung, als eben diese. Sie ist die denkbar niedrigste, die Grenze sozusagen zwischen Quantität und Qualität. Wissend, worum es geht, wissen wir nicht, wohin es geht. Aber warum sollte ihr Unternehmen nicht auch einen Haken haben, an dem es hängenbleibt, wenn ihr Kreuz allein schon deren vier hat: den Haken der Apostasie, den Haken der Lüge, den Haken der Gier, den Haken der Hybris. Es scheint, daß Sieger und Besiegte sich daran berauschen, daß es die größte Schlacht der Weltgeschichte war. Nie ward mir der Primat der Quantität in diesem technischen Zeitalter klarer ad oculos demonstriert, nie freilich auch der Sinn der vanitas vanitatum deutlicher. Die Stunde des Bösen, das ist die Stunde, da der Teufel mehr» Wunder« tut als Gott. Verflucht sei jeder Wunsch, der das Auge trübt, die Zunge lähmt, die Hand hemmt, das Wahre zu sehen, zu sagen und zu schreiben. Neben dem» Glauben« hat man die Wahl zwischen dem Unzulänglichen oder dem Absurden. Das bourgeoise Europa hat das Unzulängliche gewählt; ebenso ihre faschistischen Nachfolger. Die einzelnen Genies ziehen irgendeine Absurdität vor, meist gnostischer Herkunft oder Natur, wie Schelling und Scheler, oder privater Natur, wie Nietzsche[ Ewige Wiederkehr des Gleichen] oder Rilke[ Weltinnenraum]. Die Gesichter derer, die I I O ב ב r 1 r e t e e r e das Unzulängliche als Religion gewählt haben, sind sozusagen eindimensional. Sie selber sprechen von Gesundheit und Ausgeglichenheit. Man kann nicht leugnen, daß zur Zeit ein gewaltiger Versuch gemacht wird, mit Hilfe der Religion der Unzulänglichkeit, das heißt also der Diesseitigkeit, das Leben der Menschen zu meistern und zu leiten. Dieser Versuch ist schließlich ein Kampf gegen Gott. Er könnte ihn dadurch entscheiden, daß er ihn gelingen läßt, und das wäre die furchtbarste Entscheidung, nämlich die Preisgabe Europas. 14. Juni Einzug in Paris. Wären die Deutschen auch nur noch echte Heiden, es müßte in ihnen etwas wie Angst vor dem Neide der Götter aufsteigen. Aber sie sind Anbeter des» Unzulänglichen« und finden alles in Ordnung. Oder täusche ich mich? Hat uns Gott noch nicht verlassen? » Sagen, was ist«, ist schwer, wenn das Sein vergänglich ist. Und welches ist es nicht, außer dem Gottes, das wir nicht kennen? Die dauerhafteste, wahrste, wirklichkeitnächste Aussage ist schließlich ja alles ist vergänglich und die Varianten dazu. Ich hege keinen Zweifel, daß die Religion der primitivsten Völker von abgründiger Tiefe ist gegenüber der deutschen Herrgottreligion, die an blasphemischer Flachheit und simpler Brutalität ihresgleichen noch nicht gehabt hat. Hinter jeder primitiven Religion ist noch eine unausgeschöpfte, undurchsichtige Fülle. Hinter der deutschen Herrgottreligion ist einfach die Leere, ein unendliches III Nichts, das übrigens schon hinter dem deutschen Idealismus war, nur daß dessen Fassade einen stattlicheren Eindruck machte. Natürlich gehört zur deutschen Herrgottreligion auch eine bestimmte entleerte Stimme, die Stimme des Ansagers der deutschen Sendung«. Es ist gut, immer wieder von Zeit zu Zeit über die allgemeinen und besonderen Gebote der deutschen Herrgottreligion zu meditieren. Also: recht ist, was dem deutschen Volke nützt; lieber Kanonen als Butter; der einzelne ist nichts, das Volk ist alles; nur das Volk ist ewig; es gibt eine Rasse, deren Herz und Hirn das deutsche Volk ist, eine Rasse, die alles Große und Edle, das auf der Welt ist, hervorgebracht hat aus sich selber. Das ist das Evangelium, das die schwerbewaffneten Missionare des deutschen Herrgotts allen übrigen Völkern zu bringen haben. Nichts ist so erfolgreich, sichtbar, unmittelbar, quantitativ berechenbar, also voraussagbar, wie die Technik als Tochter mathematischer Wissenschaft.» Erfolg« ist der Begleiter der Technik. Welches Volk sich ihr verschreibt, hat- Erfolg. Wahrscheinlich oder sogar sicherlich wird er jedoch erkauft durch den Verlust der Seele. Der Mensch ist quodammodo omnia, also auch eine Maschine. Theoretisch- philosophisch ist l'homme machine eine französische Erfindung, praktisch realisiert hat ihn bis zur möglichen Grenze der preußische Mensch, der über den deutschen gesiegt hat. Der» Erfolg«, insofern er berechnet werden kann, C II 2 miteinkalkuliert werden kann, also»Verdienst« kraft eines Verdienstes ist, ist der genaue Gegen- satz zum Segen Gottes, der in absoluter Weise gratis ist. Jeder weltliche oder dämonische Ver- such kann ihn nicht einmal nachäffen, geschweige denn ersetzen. Der Segen ist natürlich auch sicht- bar, aber er kommt sozusagen sichtbarlich aus dem Unsichtbaren, während der Erfolg eine Folge des Sichtbaren ist. Während der Erfolg in der Rechnung erklärbar aufgeht, ist der Segen immer ‚ein Geheimnis. Der Erfolg gehört zur Natur, ist fast ein Produkt der vom Menschen vor- und zu- bereiteten Natur als Technik. Der Segen ist gött- lich. Auf den»erfolglosesten« Menschen und Völ- kern kann ein Segen Gottes ruhen, auf dem brül- lendsten Erfolg ein Fluch. Eine ungeheure Ver- wirrung der Geister wird heute durch die Ver- wechslung dieser beiden Dinge und Begriffe an- gerichtet. Die»prophetische« Stimme der Kirche ist verstummt, es ist, wie wenn ihr prophetisches Amt suspendiert wäre. Gehört auch das zur Stunde des Bösen? Jeder einzelne muß sich durchtappen in der Nacht. Erfolg ist nicht eindeutig Segen, Mißerfolg nicht eindeutig Fluch. Auch umgekehrt ist es nicht richtig, wie manche Christen schon gemeint haben. Aber in vielen einfachen Men- schen ist heute ein dumpfes Ahnen, daß auf unsern Erfolgen kein Segen ruht und keiner ruhen kann. Sie haben die drei Brücken: Glaube, Hoffnung und Liebe, zum dreieinigen Gott: Vater, Sohn und Geist, abgebrochen und den deutschen Herr- gott erfunden, Riesenprojektion ihrer eigenen un- erlösten babylonischen Seele. Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann sind Tag- u, Nachtbücher 8 113 die Christen nach dem Worte des heiligen Paulus Narren. Das ist eine brutale Feststellung eines fleischlichen Juden, der die Seligkeit ohne Verbindung mit dem Leibe sich nicht vorstellen kann. Wahrscheinlich ist er damit der Wirklichkeit des Seins am nächsten, näher als ein idealistischer Abendländer, der als Christ sich natürlich auch für betrogen und verloren erklären muß, wenn Christus nicht auferstanden ist. Er könnte dann aber, anders als der fleischliche Jude, sagen: Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist zwar Gott nicht dann ist Christus Gott und auch wir sind Götter, die besser sind als alle, die für solche gehalten worden sind, und insofern sind wir doch nicht betrogen, denn was ist eine Lust von siebzig Jahren gegen diese unsere Idee? Oder er kann sagen: selbst wenn trotzdem noch Gott ist, so hat ihn Christus zuschanden gemacht, wodurch er mehr ist. Ach, wie verzweifelt das alles klingt, das jüdische sowohl wie das griechische Christus nicht auferstanden ist. Et resurrexit! - - wenn » Führe uns nicht in Versuchung!« Ist es nicht eine trostlose, zur Verzweiflung führende Sache, daß alle Völker abgefallen sind oder abfallen: die Juden, die darum doch nicht ihre Auserwähltheit verlieren; die Franzosen, die das Magisterium behalten; die Deutschen, die nicht die Eignung zum Imperium verlieren; die Italiener, die aber das Sacerdotium behalten werden. Alle wollen sie in naturalistischem Sinn ewig sein: der ewige Jude, la France éternelle, das ewige Deutschland, das ewige Rom der Liktoren, nicht des Petrus. Infantilismen besonderer Art in einer Zeit, die so stolz ist auf ihre naturwissenschaftlichen ErkenntII4 I I S ㅏ a S F E 1 S Z g 2 8 r e 1 1 0 I, n 93 B it e- m as in e, as - SO t- nisse von dem Anfang der Welt und damit auch von ihrem Ende. Es gibt vieles, was ich in einem ewigen Leben für immer und ohne eine Spur vergessen haben möchte; es dürfte in keiner Weise existieren, weder real noch als Gedankending oder Möglichkeit oder eben auch Erinnerung. Es gibt andere Dinge, die ich nicht missen möchte, die ich, glaube ich, eine Ewigkeit lang mit Genuß aushalten könnte. Dazu gehört die» Betglocke« am Abend. Die deutsche Herrgottreligion ist eine» Weltanschauung« diesseits jeder wahren Religion, aber auch jeder wahren Metaphysik. Darin ist sie am nächsten mit dem Islam verwandt, wiewohl dieser noch einen primitiven Unsterblichkeitsglauben hat. Die deutsche Herrgottreligion ist insofern auch ein Kind des deutschen Idealismus, der für sich wiederum ein Abkömmling der deutschen Häresie war. Mit Kant hat die Sache sofort einen Höhepunkt, mit Fichte, Hegel und kleineren Trabanten geht es weiter. Metaphysiker waren Schelling als Gnostiker und Schopenhauer als Inderschüler. Beide sind aber ohne jeden Einfluß auf die deutsche Herrgottreligion. Als Ersatz für das oberste Prinzip der Religion[ welches die Liebe zu Gott ist] hat sie einen Begriff der wildgewordenen Ehre, als Ersatz für die wahre Metaphysik, deren oberstes Prinzip das Sein ist und der Primat des Geistes, hat sie die infantilen mystischen Begriffe» Blut und Boden«. 23. Juni Wie arm wird in nicht langer Zeit der sein, des8* IIS sen Seele nur Ohr dem Lärm dieser Tage war! Man wird entdecken, daß er sie taub gemacht hat für jedes vernünftige Wort. Replik: Mein Freund, die Menschen von heute fühlen sich viel weniger erlösungsbedürftig als die Menschen vor zweitausend Jahren. Sie finden sogar das Leben in der Hölle ganz erträglich, denn sie sehen gar nicht, daß das die Hölle ist. Wie sollten sie nach Erlösung verlangen? Wer hat Durst nach Gerechtigkeit? Sie trinken ja die Ungerechtigkeiten wie Wasser, nein, sie schmecken ihnen wie edler Wein. Wer hat denn Hunger nach Wahrheit? Sie essen die Lügen als ihr tägliches Brot und können nicht leben ohne sie. Und wie mit Wahrheit und Gerechtigkeit, so ist es mit Reinheit und Liebe. Und dann: sie glauben ja nur an ein diesseitiges Leben, sie glauben nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Im äußersten Notfall ist also die Erlösung rasch zur Hand: der Tod, der Freitod oder, wie es früher hieß, der Selbstmord. Mein Freund, die Zeit ist ungünstig für eine Erlösungsreligion. 1 Das Glück einer Stunde auszukosten und auch die Stunde selber, als Zeit, als Dauer in der Vergänglichkeit, das ist Sache des Alters, nicht der Jugend, es sei denn einer zu frühem Tode prädestinierten. Wenn einer sieht, daß der andere die Dinge, über die er mit ihm redet, überhaupt nicht sieht, dann soll er mit dem Reden aufhören. Die Macht des Menschen reicht weit. Er verändert, wo immer er ist, das Antlitz der Erde. Gewiß, I 1 116 el nn T, ni ‚er kann noch keinen Stern, der ist, auslöschen, oder einen, der noch nicht ist, anzünden. Aber ich bin vorsichtig in der Bestreitung der Möglich- keiten, einmal auch die kosmischen Kräfte aus- zunützen. Da ist manches zu erwarten. Das sollten die zwei Jahrtausende Christentum nun endgültig gelehrt haben, daß keiner durch Gewalt irgendwelcher Art zum Christen gemacht werden darf. Das will Gott nicht, wenn er auch will, daß zuweilen einer das Reich Gottes mit Gewalt an sich reißt. Im ersten Fall wird die Freiheit eines Menschen vergewaltigt, im zweiten exaltiert, magnifiziert einer seine eigene Freiheit. Um die Freiheit handelt es sich! Im Modus der Freiheit hat Gott den Menschen überhaupt er- schaffen, um wieviel mehr den Christen, den homo spiritualis. Wie zart behandelt Gott in seinen Hei- ligen, Er, der Allmächtige, ihren freien Willen! Bis er sie zu der unerklärlichen Vereinigung mit Ihm geführt hat. Und er kann sie erst führen, wenn sie ihm eben- ihren Willen ganz geschenkt haben. Gott will den Willen des Menschen. Je reicher ein Sein ist, um so mehr Bilder ver- langt es zur Beschreibung und um so inadäquater ist jedes einzelne Bild. Die Kunst des rechten Gebrauches des Bildes ist selten. Der eine ist zu logistisch und rationalistisch, er zeichnet das Bild bis zum letzten Strich, in der Meinung, ein [sprachliches] Bild müsse sich bis in alle Einzel- heiten decken mit dem, wofür es ein Bild sein soll. Ein sehr großer Irrtum in der sprachlichen Bildkunst, denn oft sind nur ein paar Striche, ein paar Farben des Bildes geeignet, und gerade ein 117 solches Bild ist oft das genialste. Der andere, subalterner als der erste, ist ein Verwischer und Schmierer: ein Esel soll nicht nur das Bild für ein Pferd sein, sondern auch für einen Löwen.. Das Liebesgebot: du sollst Gott lieben aus ganzem Herzen macht den Philosophen dieser Welt die größten Schwierigkeiten in einem Maße, daß es manche für widersinnig erklären. Liebe läßt sich nicht befehlen, nicht erzwingen, sagen viele, und haben natürlich recht. Wenn etwas, dann muß Liebe» aus dem Herzen« kommen, muß frei sein, sozusagen grundlos. Ein Befehl treibt sie eher weg, als daß er sie erzeugt. Aber das Sollen dieses ersten und Hauptgebotes ist vor allem ein objektives, wenigstens zunächst, es zeigt die göttliche Ordnung an, es sagt: das richtige, das wahre Verhältnis des Menschen zu Gott ist die Liebe, und zwar die Liebe aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüte, mit allen Kräften. Es gibt eben auch verschiedene Bedeutungen des Sollens. Auf Grund dieses ewigen Seinsollens und dieser ewigen Ordnung kann nun subjektiv der einzelne Mensch sehr vieles tun, ohne das Unmögliche zu tun, etwas, was man nur frei tun kann, gezwungen zu tun: zu lieben. Das Gebot heißt nicht: du sollst gezwungen lieben, was man nicht kann, so wie man gezwungen arbeiten kann, sondern es heißt: du sollst lieben. Dieses ist in der Ordnung, die ja nur deshalb gestört werden kann, weil sie auf Freiheit ruht. Da ist freilich zu beachten, daß, wenn Liebe ohne Freiheit nicht möglich und wirklich ist, auch Freiheit nicht möglich und wirklich ist ohne Liebe. Es muß die Liebe zu Gott eine Anlage, ein Funken im Herzen des Menschen sein, II8 ב r e n n ei e n n =- e 2, h d 1- r S, 1: n = r i- ch also etwas, das er nicht selber macht. Ein Sollen ist immer an ein Wollen gerichtet, entweder daß man überhaupt wolle oder daß man etwas wolle. Im Reiche der Freiheit, zu dem die Liebe gehört, heißt ein Sollen, daß ich der Freiheit die Bahn frei mache, den» Weg bereite«. Die Liebe selber kommt frei wie die Gnade, zu der sie gehört. » Am deutschen Wesen soll die Welt genesen<< das ist nicht um des Reimes willen gesagt, das ist ernst gemeint, die Sache ist gemeint. Übrigens hätte das viel wahrscheinlichere Gegenteil auch einen Reim: am deutschen Wesen soll die Welt verwesen. Salus ex Germanis, das ist die Absicht. Also nicht salus ex Judaeis. Die Weltgeschichte, nein, die Heilsgeschichte, soll umgestoßen werden. Man täusche sich nicht! Mir graut, wenn ich sehe und höre, wie sehr diese Apostasie unterschätzt wird. Sie haben gegen die christliche Religion durchaus nicht bloß die machiavellistischnapoleonisch- faschistische, rein politische Haltung, sie ihrer Herrschaft unterzuordnen oder für ihre Herrschaft zu benützen, nein, sie wollen sie vernichten und ersetzen. Salus ex Germanis: ein germanischer Heil- und Lichtbringer soll Christus ersetzen. Es ist gut, daß er so viel photographiert wurde und daß es Wachsplatten gibt. Sie werden ein moralisches, religiöses und übrigens auch materielles Elend über die Welt bringen, das wir schwer auch nur ahnen können, das nur der Apokalyptiker auf Patmos und einige Heilige Gottes gesehen haben im Geiste; das alles gilt, wenn Gott noch warten will. Wie dunkel ist alles vor uns! st 1- 1, Es ist nicht leicht, aus den Prinzipien des Chri119 - stentums zu deduzieren, wie ein Christ im konkreten Fall sich benehmen muß, um zweifelsohne ein Christ zu sein. Denn das Christentum ist kein philosophisches Problem mit toten abstrakten Prinzipien. Zu seinen Prinzipien gehört vielmehr, daß jeder einzelne unter der lebendigen Führung des lebendigen Gottes in jedem einzelnen Falle stehen kann und da gibt es nichts zu deduzieren, denn Gott ist die Freiheit. Immerhin ist es noch leichter[ da das Deduzieren überhaupt leichter ist als das Induzieren], als aus dem Leben und Tun etwa unserer heutigen Machthaber auf ihren Glauben zu schließen. Welchen Glauben müssen diese Menschen haben? Vielleicht kommt man via negationis am besten dahinter. Sie können nicht den Glauben an ein ewiges Leben haben, denn dann müßten sie auch an ein ewiges Gericht glauben. Ihr Leben und ihr Tun zeigt aber deutlich, daß sie das nicht tun. Oder sie tun so und vergewaltigen ihr eigenes tieferes Innere, das kann natürlich auch sein. Was ich allein sagen kann und will, ist, daß ihr offenbares Leben und Tun einen Glauben voraussetzen würde, welcher einen Menschen, der noch denkt, denken kann und die Logik am rechten Platz für verpflichtend hält, in ein Narrenhaus oder ein qual volles intellektuelles Inferno versetzt. Sie haben also einen Glauben, der allein auf die diesseitige Welt geht, daß es einem auf ihr gut gehe, daß man auf ihr der Stärkste sei und allen anderen kommandiere, daß zu diesem Zwecke alles erlaubt sei außer der Verletzung eines» artbedingten«, zufällig- willkürlichen Ehrenkodex, der außer einigen Allgemeinheiten, die für jedes kriegerische Volk gelten, ein romantisch- barbarischer InfanS I 120 1 , ב r e tilismus ist. Dieser diesseitige Glaube enthält als metaphysischen Kern und religiösen Ersatzpunkt diese Absurdität: die Ewigkeit des deutschen Volkes in einer Welt, die selber nicht ewig ist. Wenn wir dieses glauben, sollen wir genau das erfüllen, was der deutsche Herrgott« von uns verlangt. Das ist der Glaube, welcher dem Deutschen als Ersatz für den christlichen Glauben geboten wird. Wer diesen Glauben nicht bekennt, ist zum mindesten nicht würdig, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Unsere vorchristlichen Ahnen haben natürlich keinen solchen Nonsens geglaubt. Um das möglich zu machen, brauchte es die Halbbildung, die heute den Mißton angibt. Gewisse Wörter nehmen einen psychologischen Gebrauch, der den ursprünglich rein logischen Sinn überwuchert. Wenn zum Beispiel einer sagt: Ich hörte Schritte und suchte sie zu deuten. Aber der sie machte, war nicht der, den ich erwartete. Ich war enttäuscht. Rein logisch heißt das, daß er in einer Täuschung gewesen war und dann von ihr befreit wurde. Aber in unserem heutigen Sprachgebrauch sagt er mehr, nämlich daß der Mensch, den er, sich täuschend, erwartet hatte, ihm lieber gewesen wäre als der tatsächlich gekommene. Im entgegengesetzten Falle würde er sich anders ausdrücken, er würde sagen: ich hatte mich getäuscht, oder aber: ich war angenehm enttäuscht. 7. Juli Taube! Begleiterin weissagender Götter im ersten dunklen Advent. Botin des Heils und Zeichen des Heiligen Geistes- werde ich diese Ode erI2I reichen: impressionistisch beginnend und theologisch endend? Die Ewigkeit muß Morgen, Mittag, Abend und Nacht sein, denn wie könnte ich eines ihrer missen? Und die Stimme der Taube: segne, segne, segne, du stolzer Geist, und sage: Amen. Vieler klarer Sprüche dunkle Widersprüche verraten meines Denkens Nacht und arme Ohnmacht. Durch Hören kam ich zum Wort und durch das Wort zum Gesicht: aus Wort und Gesicht aber entstand das Gedicht. Wie souverän ist die Bemerkung Pascals, die mir eben beim Anhören eines Siegesberichtes einfiel: dem Jüngling Alexander konnte man es noch nachsehen, daß er die Welt erobern wollte, aber Cäsar in seinem Alter hätte vernünftiger sein können... Diese Tage lehren einen bis zur Nervenplage, welcher Infantilismus, und heute noch viel mehr, die Voraussetzung dieser Art gloria mundi ist. Dennoch heißt das vielleicht die Welt trop cavalièrement nehmen. Vielleicht liebt Gott die sich wegen Gut und Ehr' ums Leben bringenden Kindsköpfe mehr als die stolzen Verächter des normalen Lebens dieser Welt, zu dem der Krieg gehört und die Herrschaft über die Welt. Daran ist wohl Wahres, aber heute gilt für die Deutschen: was nützt es dir, wenn du die Welt ganze gewännest und nähmest doch Schaden an deiner Seele! Es handelt sich heute nicht um Kindlichkeit und Jugendlichkeit, sondern um einen krankhaften Infantilismus, der Schuld und Strafe zugleich ist. Nicht jede Traube ist der Edelfäule fähig. Eine » Kultur ist die Voraussetzung. So gibt es in der I22 e Literatur eine Edellangeweile. Eine Kultur ist die Voraussetzung. Ihr großer Name ist Adalbert Stifter. 10. Juli So ist es also doch möglich, daß einer, wissend, daß er in Wahnsinn fallen wird, vorher noch auch dazu ja sagt und seinen Geist Gott befiehlt, ehe er in den Abgrund stürzt: Herr, in deine Hände, in deine Hände... In diesem Äon liegt auf allem Schönen der Tau der Tränen. Wie schwer ist es, sich vorzustellen, wie der Mensch wäre ohne die Erbsünde, nicht so sehr im Abstrakten natürlich, wohl aber im Kon- kreten. Die Schwierigkeit entsteht auch dadurch, daß die ganze äußere Natur ja auch anders wäre, sie kann für den einzelnen Heiligen schon in die- sem Äon anders sein: Franziskus. Kein Zweifel: wer davon überzeugt ist, daß es nur diese Welt gibt,.daß es ein ewiges Leben für die einzelnen Personen nicht gibt, der muß als Herrscher danach trachten, das Christentum aus- zurotten, denn dieses setzt all das voraus. Er muß auch mit aller Macht, mit Gift und Betäubung kämpfen gegen die immerhin natürliche Sehn- sucht der Menschheit nach einem ewigen Leben, die durch Christus erfüllt wurde. Es ist nun freilich auch die Frage, ob denn ein Mensch von der reinen Diesseitigkeit dieses Lebens so absolut überzeugt sein kann wie etwa davon, daß Eng- land.eine Insel ist, oder ob er aus irgendwelchen 123 Gründen[ oft aus sehr durchsichtigen Gründen] nur wünscht, daß es so sei. In diesem Fall ist es nicht seine Einsicht, die ja im Zweifel ist, sondern seine Absicht und sein Wille, der entscheidet. Das spernere sperni[ das Verachtet werden verachten] ist nur in Gott möglich. Jeder ungetaufte, [ im letzten Sinne] unerlöste Geist ist stolz. Und der feinste Stolz ist in dem Demütigsten. Wer nicht beachtet sein will, will doch, daß dieses beachtet werde. Da lob ich mir die Politiker, die sind nicht so raffiniert. Die Natur ist stärker als die Kultur, sobald deren Arbeit nur ein wenig nachläßt. Wie rasch wird aus einem veredelten Rosenstrauch wieder ein wilder, und wie verwundbar und zerbrechlich ist die Kultur des Menschen selber? Die Politiker dieser Tage übersehen so leichtsinnig gerade das Letztere. Der Ruhm, nach dem sie streben, setzt eine Kultur voraus, die sie vernichten. Was ist es dann mit ihrem Ruhm? Ach, wenn sie es ahnten, wie rasch die Menschen sie nicht einmal verachten, sondern einfach vergessen wollen! Sie haben sie satt bis oben. Ein Politiker dieser Welt, der sein Handwerk versteht, packt den Menschen[ außer bei dem klotzig Materiellen, dessen Herr er ja nicht absolut ist] nicht so sehr bei der Ehre, die eine ethische Person voraussetzt, während er ein Massenwerkzeug braucht, vielmehr bei der Ehrsucht, die zu den niedrigsten und kindischesten Leidenschaften gehört. Ein solcher ehrsüchtiger Mensch kann von der wahren Ehre so weit entfernt sein, I24 1 daß er die ehrlosesten Handlungen gegen seine Mitmenschen begehen kann. Ehre ruht auf der hierarchischen Ordnung des menschlichen Seins, das heißt auf der Anerkennung einer solchen Ordnung. Wird die Ordnung pervertiert und die Wahrheit gefälscht, so wird Ehre zu einer erbärmlichen und gefährlichen Karikatur. Es gibt eine» positive« Ehre, wie es ein» positives« Recht gibt, aber beide setzen die Natur voraus, die » natürliche Ehre und das» natürliche«< Recht. Fälsche ich das natürliche Recht durch die>> Position des Satzes» Recht ist, was dem Volke nützt", so fälsche ich dadurch auch die Ehre, die notwendig mit der Wahrung des Rechtes verbunden ist. Wer dem falschen Satze folgt, genießt die höchste Ehre in dem ihn setzenden Staat, ist aber in Wahrheit innerhalb der wahren, unzerstörbaren Ordnung- ehrlos. Der Staat, der aus der Ehre ein Gestüt macht, muß in diesen Fragen dem Manne anbefehlen, seine Ehre darin zu sehen, ein Bulle zu sein, der Frau darin, sich so oft wie möglich schwängern zu lassen, und den Mann zu verlassen, der es nicht kann. Sie müssen beide gegenüber der wahren Ehre die ehrlosesten Handlungen begehen. Zu dem Wort» enttäuschen«. Der Sprachgebrauch ist philosophisch aufschlußreich. Er setzt ja voraus, daß in der Regel den Menschen die Täuschung angegenehmer vorkommt als die Enttäuschung. In einer Welt der Wahrheit gäbe es überhaupt keine Täuschung, und in einer Welt, die eine feurige Liebe zur Wahrheit hätte, wäre unter allen Umständen eine jede Täuschung ein Unglück, ein Unheil, die Enttäuschung aber in jedem 125 Fall ein Glück und ein Segen. Nun aber ist, wie der Sprachgebrauch verrät, in der Regel die Täuschung erwünscht, und die Enttäuschung wird unfreundlich begrüßt. Des alten Wortes Wahrheit wird bekräftigt: mundus vult decipi.[ Die Welt will getäuscht werden.] Kolosse des Mittelmäßigen zu erzeugen, die kolossale Wirkungen hervorbringen- damit hat die deutsche Apostasie begonnen und fährt sie fort und wird sie enden. Der Gegenspieler des Erzengels Michael, dessen Losung ist: wer ist wie Gott?, ist also Basso, der Fürst der Mediokrität, dessen Losung ist: wer ist wie ich? Ein Koloẞ! Ein kolossaler Vernichter. Ein Erbauer eines Kolossalreiches von kolossaler Kultur. In der Sprache den Superlativ anzuwenden, ist die Weise der Mediokrität. Die Stunde des Bösen ist die Stunde der falschen Vereinfachung und der falschen Gleichungen. Gut ist gleich böse, und böse ist gleich gut. Der Erfolg ist gut. Jedes Mittel ist recht. Das größte Hindernis eines Gespräches ist, daß die Partner einander nicht verstehen. Das ist unter Menschen prinzipiell immer der Fall, aber die Grade sind in den Zeiten verschieden. Eine Ewigkeit des Miẞverständnisses kann zwischen zwei Menschen sein, die dennoch ein Leben lang miteinander sprechen, ja miteinander verheiratet sein können. Ein Mensch kann einen andern Menschen schließlich nur in Gott verstehn. Aber ob der andere ein Verhältnis zu Gott hat, brauchen sie in dem Augenblick, wo sie miteinander reden, gar 126 I I a e 1 1 1 Ľ - nicht voneinander zu wissen. Kierkegaard hatte sicherlich diese Doppelreflexion, wie er sie nennt, in jedem Augenblick, wo er mit irgendeinem Menschen sprach aber der andere wußte das fast ebenso sicher nicht. Dieses größte Hindernis, daß der eine den andern in einem Gespräch nicht versteht, fällt nun in einem Gespräch mit Gott absolut weg, wenigstens in einer Richtung: Der Mensch ist absolut gewiß, daß ihn Gott absolut versteht, besser als er sich selber. Das kann anstrengend werden, so daß der Mensch davor zurückschreckt, wie Hiob Gespräche mit Gott zu führen, die schließlich doch in schweigendem Anbeten enden müssen. Eine besondere Art für sich sind die Selbstgespräche. Sie sind, wenn sie nicht in ein Gespräch mit Gott überführen, gefährlicher als die Gespräche mit einem wirklichen Partner. Wer kennt sich denn selbst? So schafft ein solcher Selbstsprecher sich nicht nur ein falsches Bild von sich selber er erdichtet sich auch einen unwirklichen Gegner. Und wohin das führt, das weiß Gott und manchmal der Teufel. - Alles in allem sind doch die einsamen Schreibenächte das Schönste, was mir Gott geschenkt hat. Anlaß und Grund zu ewiger Dankbarkeit. » Nietzsche hat das Christentum zerschlagen«<, ist die offizielle Lesart der neuen Staatsreligion. Dabei ist keiner der Modernen mit erbarmungsloserem Erbarmen von Christus geschlagen worden als eben er. Der Intellekt verkalkt, eine granitene Dummheit rundet sich zur unangreifbaren Weltkugel gegen den überweltlichen Geist, während das moralische Gefüge und die Sitten sich auf127 lösen in eine Suhle, wie das Inferno Dantes sie nicht kennt. Wie zweideutig die Dinge sind, ein wie furcht- barer Unterschied sich durchzieht durch die ganze Welt! Wie kamen mir die Tränen, als ich zum ersten Male hörte, daß die Tränen abgetrocknet werden in der Ewigkeit. Alle! Wie trocken brann- ten meine Augen, als einer der SS erzählte, daß er Tränen gelacht habe über die letzten komischen Bewegungen, die einer machte, als er von Ma- schinengewehrkugeln getroffen wurde. Ist es das- selbe Wort? Eines können und wollen die Gründer der deut- schen Herrgottreligion nicht behaupten: daß das Christentum durch die Arier in die Welt ge- kommen sei. Einige kleine Anläufe dazu sind rasch steckengeblieben. Aber, so sagen sie, die Deutschen haben, nachdem sie in einer schwachen Stunde hereingefallen oder überlistet oder ver- gewaltigt worden sind, das Christentum geadelt, indem sie die schönsten Dome gebaut und die lieblichsten Madonnen gemalt haben. Selbst wenn das stimmte und es keine französische, englische, italienische, spanische christliche Kunst gäbe- was für Denker! Antipoden des Hierarchismus! Spaß- vögel und Schandbuben! Das Christentum selbst und an sich ist eine Lebenslüge, das Produkt eins Sklaven- und Aftervölkermischmasches in der Mittelmeersuhle- aber die Söhne des deutschen Herrgotts, diese Tausendsassa, brachten es fer- tig, che sie ihre wahre Natur und also auch die Wahrheit des deutschen Herrgotts offenbaren durften[was heute geschieht!], diese»Edelinge* 128 D: sir di ih. lic der Schöpfung brachten es fertig, eine Zeitlang sogar die christliche Lüge zu sublimieren. Sie bauten herrliche Dome für einen Afterglauben, der- nach ihrer Meinung- aus dem Abschaum der Menschheit, nämlich den Juden, hervorging- was werden sie erst bauen für ihren Glauben?! Seht es nur an, sie bauen ja schon! »Vom Leibe her erziehen«, wie es offiziell von der Erziehung der deutschen Jugend verlangt wird, heißt natürlich auch: zum Leibe hin er- ziehen, wie»vom Geiste her erziehen« auch»zum Geiste hin erziehen« heißt. Auch daraus wird die antichristliche Tendenz klar. Die meisten großen Männer, die selbstsüchtig sind und nicht den Willen Gottes tun, werden für die Menschheit zu gefährlichen Sackgassen. Die ihnen nacheifern und nachjagen, können plötz- lich nicht weiter, sind plötzlich am Ende. Irgend- ein neuer»Führer« muß sie nach einer andern Richtung reißen, die scheinbar ins Offene führt. Aber neue Mauern zeigen sich nach kurzem Laufe. Nur einer ist»der Weg«. Der Weg zu Gott ist Gott Selber. Das Ideal der meisten Übersetzer ist: in ein»flüs- üigese Deutsch zu übersetzen. Wie aber, wenn die jeweiligen Autoren, die sie übersetzen, durchaus kein Hüssiges Englisch oder Dänisch geschrieben haben? Was dann? Haben sie dann nicht eine. wesentlichere Fälschung begangen, als wenn sie bloß beiläufig ein Wort falsch übersetzt haben? Was ist denn gar heute in Europa jeweils bei allen seinen Nationen eine flüssige Sprache? Die Tag- u. Nachtbücher 9 129 Sprache der Zeitungen, ohne Zweifel! Das ist die Magie der Buchdruckerpresse, daß ihr Produkt, je mehr sie druckt, desto wässeriger wird, desto flüssiger, desto dünnflüssiger. Sind wir nicht bald so weit in Europa, daß seine Völker ihre Sprachen nur noch in diesem» flüssigen Zustande verstehen? Was bleibt von den Gottesspöttern mehr als ein versteinertes Grinsen? Der Spott ist als Senkblei zu leicht, als Sonde zu kurz, um bis zum Grunde des Seins zu reichen. Manchmal kommt es mir vor, als habe man im Vatikan ganz und gar vergessen, daß Petrus nicht nur Bischof von Rom war und als solcher den Primat der Lehre und die Unfehlbarkeit hatte, sondern auch Märtyrer war. Aber die Zeiten der Erinnerung und der Nachfolge sind unterwegs und nicht ferne. Der Sinn des heutigen Geschehens ist nicht nur schwer verständlich, sondern überhaupt nicht ver ständlich, meinen viele denkende Christen. Was ist da zu sagen? Distinguo. Sieht man es absolut an, so ist es sicherlich überhaupt nicht verständ lich. Aber darin unterscheidet sich dann das heu tige Geschehen überhaupt von keinem andern. Absolut verstanden verschwindet alles Geschehen im schweigenden Abgrund der Unbegreiflichkeit Gottes. Aber es gibt immer ein relatives Ver stehen für alles, was geschieht, also auch für das, was heute geschieht. Es gibt viele Grade des Verstehens, es gibt auch viele verschieden Aspekte des Verstehens. Einer davon ist dieser 130 lei de im cht len te, der ces er /f3 It nd- , han kei [et für adı en sen in einem großen Maßstabe wird gezeigt wer- den, daß ein Reich und ein Friede[Frieden ist ein Hauptsignum des»Reiches«] gegründet wer- den kann auf die apostatischen Prinzipien eines Wahnsinnigen- Nietzsches. Denn Hitler ist der. maßlos[also deutsch mit zigeunerischer Mi- schung] plebejisierte Nietzsche-Wagner. Ich habe die enge Verwandtschaft beider anarchischer Gei- ster immer behauptet. Nun ist sie durch die Konkretion beider in einer Gestalt des Willens und der Aktivität bewiesen. Der Freiheit der Kinder Gottes entspricht eine Freiheit der Kinder Satans, nur daß diese von der ihrigen einen viel weiter gehenden Gebrauch machen als jene. Es gibt im Menschen Freude darüber, daß ein anderer Mensch sündigt, daß er fällt, daß er am Wert seiner Person verliert. Es ist die eigent- lich teuflische Freude, viel böser als etwa Schaden- freude- es ist die Freude des Teufels selber im Menschen. Es ist schließlich die Freude der äußer- sten Lieblosigkeit, wobei es ein Problem für sich ist, daß es dabei noch so etwas wie Freude gibt. Wie das Maß alles Guten im Menschen die Liebe ist, so ist das Maß alles Bösen in ihm die Lieb- losigkeit. Es ist dem Nationalsozialismus gelungen, ein Volk wie die Norweger, die tausend Jahre freie Men- schen waren, über Nacht in eine Knechtschaft zu stürzen, derengleichen es in der Welt noch keine gegeben hat. Völker, die von Ägyptern, Assyrern, Babyloniern in die Sklaverei geführt wurden, wa- ji 131 ren doch sicherlich nicht gezwungen, zu behaupten, sie seien frei. Just dazu aber werden die heute unterworfenen Völker gezwungen. Die Rassetheorie schließt die Leugnung des Satzes ein, daß der Geist, wo er will, weht und wehen kann. Wie der Mensch der Sklave der Maschine werden kann, die er doch in Freiheit geschaffen hat, so ist, nach dieser Theorie, Gott, nachdem er einmal den Arier und insbesondere den Deutschen geschaffen hat, für alle Ewigkeit gebunden und gezwungen, durch ihn allein der Schöpfung alle guten Gaben zukommen zu lassen. Oder einfacher: alles, was jener tut, ist von Gott und gut und recht. Das ist zwar für einen gesunden Verstand kindisch, aber der Infantilismus ist nun einmal ein Merkmal des Dritten Reiches. Damit fängt es an. Wenn die Menschen keine Angst mehr haben, etwas Falsches zu sagen, dann haben sie auch bald keine Angst mehr, etwas Unrechtes zu tun. Ich meine das im großen von den Lehrern und den Führern der Völker. Wo sind Gedanken und Wort daheim, die ich denke und spreche? Welcher Vater hat sie gezeugt, aus welcher Mutter Schoß sind sie gekommen? Das will ich wissen, das ist das Ziel meiner Philosophie. Der Geist hat viele Wohnungen auf der Erde, ich möchte sie kennenlernen, ich möchte Gast sein in vielen. Die Sprache, als solche, hat ihre vollkommenen Frühlinge und Sommer und Herbste und Winter in gleicher Weise exemplarisch und erhaben in 132 den verschiedenen Sprachen der Völker. Keine der neueren europäischen Sprachen hat den Frühling der griechischen, das Mannesalter der lateinischen in vergleichbarer Vollkommenheit. Das Wesen der modernen Diktatur ist die Verbindung des eindimensionalen, flachen Denkens mit der Gewalt und dem Terror. Das Staunen ist die qualitative Distanz, die Gott zwischen den Geist des Menschen und die Wahrheit gelegt hat. Sie ermöglicht dem Menschen, Wahrheit zu finden. Mit der Methode des Staunens hat die Philosophie ihre besten Erkenntnisse errungen, weit tiefere und wertvollere als mit der Methode des Zweifels. Dennoch besteht diese zurecht, aber sie ist der ersten untergeordnet. Während dem unmittelbaren Sein gegenüber das Staunen zuerst allein am Platze ist, ist dem Können und Umfang des menschlichen Verstands gegenüber das Zweifeln sehr wohl angebracht. Ja, wenn die Irrtümer sich verhärtet haben, ist die Methode des Zweifels die richtige und führt zur Gesundung. Der neue rector Germaniae[ risum teneatis, amici!], Herr Rosenberg, äußert, daß>> die Götter« der Völker schließlich miteinander kämpfen. Das ist gescheiter, als im Durchschnitt die Rassentheoretiker sprechen. In der Tat: die Rasselehre als Religion setzt den Polytheismus voraus, impliziert ihn. Eine artige Schwierigkeit zeigt sich aber doch noch, auf die Herr Rosenberg noch nicht aufmerksam geworden ist. Die adeligste 133 Rasse, so adelig, daß sie sogar die Religion des Mischmasches und des Auswurfs der Mittelmeer- länder, also das Christentum, durch eine zeit- weilige Annahme adeln konnte, ist die arische Rasse, die in ihrer Gipfelung das deutsche Volk ist- diese Rasse hat sich, auch außerhalb des Chri- stentums, zum Monotheismus bekannt, hat diese Idee»aus und in sich« hervorgebracht! Die Wahr- heit aber ist, daß es so viele Götter wie Völker gibt. Wie ist das nun? Niedrigere Rassen hatten die Wahrheit- daß es viele Götter gibt- die höchste aber hat die falsche»produziert«, daß es nur einen Gott gibt. Was macht man da? Die Unterscheidung zwischen Sein und Denken darf niemals, bei Gefahr großer Irrungen, zu einer Trennung gemacht werden, als könnte eines ohne das andere sein. Das Denken ist oder hat ein Sein, und alles Seiende ist ein Denkendes oder ein Gedachtes. Dennoch ist Sein nicht gleich Det- ken und Denken nicht gleich Sein. Das Sein kann nicht das Nichts sein, aber das Denken kann das Nichts denken. Das ist die Prävalenz des Geistes. Es ist hart, zu einer ungeliebten Arbeit gezwun- gen zu werden, aber es ist grauenvoll, zu be- stimmten Stunden zu einem bestimmten Ver- gnügen gezwungen zu werden. Das ist die Er- findung der modernen Diktatur, und sie allein schon zeigt ihre teuflische Natur‘und ihre Ver- achtung für den Menschen. Die Deutschen graben vielen Völkern Gruben, und in alle werden sie fallen. Sie schaufeln sich 134 a N={o[ > ein großdeutsches Grab. Bis einer kommt, der umkehrt. Es gibt keinen andern Weg zum Frieden als die» Umkehr«. Können aber Völker überhaupt umkehren? Können das nicht bloß einzelne? Sind Völker in der Geschichte jemals umgekehrt? Ich kann das nicht entscheiden, denn ich weiß zu wenig. Aber ich zweifle. Die liberalen Demokratien gehen zugrunde oder werden zugrunde gehen[ wenn sie nicht Vorkehrungen treffen] am Mangel der» Verbindlichkeit«. Es ist, wie wenn ein Körper am Mangel an Vitaminen zugrunde geht. Scheinbar ist alles da, nur eine Kleinigkeit anderer Ordnung fehlt. Das Verbindliche« ist eine Kraft an sich, anscheinend unabhängig davon, ob das Rechte verbindlich ist oder das Unrechte. Wo nichts mehr verbindlich ist, da ist die Schwäche, da ist der » Laue«, von dem die Offenbarung spricht. Wo keine Möglichkeit mehr ist, daß Christus oder sein Jünger gekreuzigt wird, da haben Gott und der Teufel ihr Recht und Unrecht verloren. Nach dem Maße seiner Liebe wird ein Mensch von Gott gerichtet. Welcher Liebe? Liebe zu wem oder was? Nun, die Antwort darauf ist so klar und so einfältig wie nur möglich. Der Sohn Gottes hat gerade diese Frage sozusagen buchstäblich beantwortet, so daß ein Ausweichen unmöglich ist: nach seiner Liebe zu Gott und zum Nächsten. Aber die Liebe ist eine transzendierende Macht, auch, wenn sie» ungeordnet« ist. Sie hat sozusagen ein Übermaß des Göttlichen in sich. Wer aus wirklicher Liebe zu einem Geschöpf eine 135 große Sünde begeht, ist der Vergebung unendlich näher, als wer in Lieblosigkeit eine kleine Sünde begeht. Denn Lieblosigkeit ist selber die größte Sünde, weit größer als jede, die einer in ungeordneter Liebe zu einem Geschöpf begehen kann. Sommer Nachdem» er« so vieles» gemacht hat, muß es ihn eigentlich ärgern, daß er etwas so Einfaches und Materielles, aber sehr Wichtiges wie das Wetter nicht machen kann. Das muß und wird er ja merken, während er sicherlich nicht merkt, daß er auch keine deutsche Kunst» machen kann, geschweige denn eine neue Weltreligion. Es ist natürlich falsch, zu sagen, daß alles Falsche, daß nur das Falsche komisch sei, daß das Komische nur auf dem Falschen beruhe, aber es wird richtig sein, zu sagen, daß zu allem Komischen irgend etwas Falsches gehört. Die Deutschen haben sich etwas verändert. Das Unzulängliche zwar liebten sie immer, aber doch auch das Unzugängliche in der Weise seiner Darstellung. Das ist anders geworden: das Unzulängliche wird in der zugänglichsten Form gelehrt und angenommen. Das ist natürlich nur vorübergehend so, denn Hegel gehört zum» ewig Deutschen«, es wird sich immer wieder einer finden. Es ist heute einer da. Heidegger hat Pech, daß er gerade in dieses Intermezzo fiel. Ich habe in diesen Blättern schon einmal beklagt, daß die Philologen so viel wissen, so viel Talent 136 e ce ESS t- B d S S h 1. 3 t, t haben, viel zu lernen und zu wissen, und so wenig damit anzufangen verstehen, während ich manches machen könnte, wenn ich nicht- leider!- so wenig wüßte, so wenig Talent hätte, die Sachen, die ich wissen will, zu finden. So würde ich im Augenblick ganz gern wissen, wann eigentlich zum erstenmal die» Geschichte« als richtende Gottheit angerufen wurde. Seit wann ist das? Es ist zu verstehen, daß den Menschen daran gelegen sein kann, im Gedenken künftiger Geschlechter gute Figur zu machen, aber von da bis zur Ersetzung Gottes, des lebendigen und gerechten Richters, durch ein so verdächtiges Abstraktum wie die immer parteiische Geschichte, von Menschen geschrieben, ist ein weiter und schwer verständlicher Weg. Wollen die Menschen überhaupt nur noch von Menschen gerichtet werden, selbst dann, wenn sie, wie heute, überhaupt nicht mehr objektiv, wahr und gerecht, nicht mehr sine, sondern cum ira et studio Geschichte schreiben wollen? Ehe es soweit kommen konnte, mußte etwas passiert sein. Was war das? Philologen könnten mir helfen. Viele Menschen brauchen sehr lange, bis sie das Unwiderrufliche erkennen, und brauchen dann noch einmal sehr lange, bis sie erkennen, daß sie danach handeln müssen, und brauchen, zum drittenmal, sehr lange, bis sie danach handeln. Und auch dieses ginge niemals ohne die Hilfe der Gnade. Wie alles sich zum Ganzen findet und den hierarchischen Kreis vollendet! Was heißt denn für 137 einen Menschen»Geist« sein? Daß seine Gedan- ken einen»Leib« haben, daß sein Leib nicht bloß ein naturfremdes, widerspenstiges, nein, auch nicht bloß ein absolut gehorsames, organisches oder technisches Werkzeug des Geistes sei, son- dern selber Geist sei als Leib, so daß da immer wohl eine Unterscheidung ist, aber niemals eine Trennung. Daß der Gedanke das Wort sucht, ist eine land- läufige Erfahrung, die bald jeder gemacht zu ha- ben meint, dem ein Wort entfallen ist. Natür- lich gibt es das, aber die eigentliche Arbeit des Geistes und übrigens auch seine Abenteuer, seine Eroberungen unbekannten Landes, beginnen doch erst damit, daß ein Wort den Gedanken sucht. Ein Wort ist für einen Gedanken in der Regel sowohl zuviel wie zuwenig. Dadurch bringt es Bewegung in das Denken. Auch der, welcher für einen Gedanken das Wort sucht, kann das rich- tige nur finden durch Reflexion, Rückbringung des Wortes auf den Gedanken und das Denken. Die Wechselwirkung des Denkens und des Sprechens [der Sprache] geschieht unter der Herrschaft des Denkens. Das gedankliche Sein des Menschen ist ein unendlich reicheres Reich als sein sprachliches. Jeder Mensch kann nur den kleinsten Teil seiner Gedanken aussprechen. Dieses gilt absolut, also für den Wortärmsten wie für den Wortreichsten, ja gerade dieser wird die Impotenz der Sprache am besten erkennen. Sprache ist Überfluß und Mangel zugleich. Wer dieses weiß und sagen kann, so, daß er im gleichen Atem, wie er ihren Überfluß preist, auch ihren Mangel verrät, WO 138 = t ' 1 er ihren Mangel beklagt, auch ihren Überfluß durchscheinen läßt er nur ist würdig, von der Sprache zu sprechen. Replik: Eine Regel ist, in der Regel, als Regel gut, aber wehe, wenn sie die Ausnahme leugnet.- Aber muß sie das denn nicht, wenn sie» Regel<< ist, liegt das nicht in ihrem Begriff?- Ja, in der Regel; aber es gibt immer Ausnahmen.- Nun sind wir im Zirkel! Was ist dann die Bedeutung der Ausnahme?- Es ist im Grunde das Privileg Gottes, des Herrn, des Herrn auch über die Regel; es ist der Primat der Freiheit, der Person vor allem Zwang der Gesetze und Regeln; die Bedeutung ist, daß wir letztlich nicht unter einer starren, mechanischen Regel stehen, sondern unter dem allmächtigen Willen Gottes, welcher frei ist. Was will das schon heißen? Hier und da eine Ausnahme! In der Regel will also Gott die Regel, auch mit uns Menschen. Das ist nicht so sicher. Vielleicht will Gott in der Regel die Ausnahme, wir aber verpfuschen uns, indem wir faul in der Regel die Regel, wenn nicht wollen, so doch tun. Hast du nicht den Eindruck, daß deine Gedanken sich verwirren? Nein, ich glaube, sie sind in Ordnung. - - - Dinge, die einen stark beschäftigt und geplagt haben, sollen, wenn sie faktisch erledigt sind und niemals wiederkehren werden, auch in Gedanken nicht mehr berührt werden. Die Menschen, die vorzüglich in der Erinnerung leben, verstoßen gern gegen dieses Gebot der Klugheit. Solche Erinnerungen sind, nach Ausschaltung wirklicher 0 Gefahr, in der Regel sehr angenehm. Sie bereiten 139 eine Art gedanklicher Lust, die das geistige Leben schwächt und entnervt. Wie früh schon gewisse Erkenntnisse, Selbsterkenntnisse und Warnungen in einem Menschenleben auftauchen können! Oft fehlt es nur an der Kraft der Erinnerung, das zu bemerken. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, etwa meinem zwölften Jahr, wie mich ein Gedanke überfiel, und auch hier, wie bei so vielen wichtigen Erinnerungen, erinnere ich mich auch an die Straße und sehe mich gleichsam, etwas sehr Seltsames und Unbegreifliches, auf der Straße gehen. Damals lasen wir Nepos in der Schule, und ich phantasierte mich gern in die Rolle eines römischen Konsuls oder Senators, aber eines Tages am» Fischbrunnen« überfiel mich der Gedanke - ich war zwölf Jahre alt-: wie stark wärest du, wenn du dieses Spielen ließest und deine Gedanken auf» Wirkliches« richtetest! Ich habe diesen Hang zu kindischer, fruchtloser Phantasie auch heute noch, mit 61 Jahren, aber immer auch dabei die Erinnerung an jene Warnung, aus einer angeborenen Anlage nicht ein Laster werden zu lassen, sondern eine Tugend zu machen. Ich habe ja wohl auch die Entdeckung gemacht, daß Menschen ohne allen Hauch solcher Phantasie rettungslose Banausen werden, freilich oft sehr tüchtige und erfolgreiche. Das Abendland hatte eine natürliche Erkenntnis vom Geiste der Jungfräulichkeit, konkretisiert in den prachtvollen, bluterfüllten Göttinnen Artemis und Athene, in den blasseren, begrifflicheren der Diana und Minerva. Keine anderen Völker h= li n li li ne na ha H m Br la A Ic W ka E V Zi W ur SC D of bl D S1 . U Ste ur U de 140 a ich ni- 6 nis [te ren ker hatten Ähnliches: die Juden hatten die»bräut- lihe« Jungfrau. Und erst die Verbindung, die natürlich-übernatürliche Verbindung der natür- lichen, stolz-scheuen artemisischen und der mütter- lich-weisen athenischen und der bräutlich-bren- nenden jüdischen Jungfräulichkeit mit der über- natürlich-göttlichen der Mutter Gottes, Maria, hat die große abendländische Nonne geschaffen. Heute wird vom Herzen Europas aus zugleich mit der Verachtung und der Diffamierung der Braut Christi auch der natürliche Adel des Abend- landes, die Jungfräulichkeit der Artemis und der Athene, in den Schmutz gezogen. Und welche Ideen setzen sie an ihre Stelle? Leichter zu ver- wirklichende! Die reglementierte Hure und die kalbende Kuh! Die Idee der Vollkommenheit der Ehe steht mit der der Jungfräulichkeit in enger Verbindung. Diese ist jener übergeordnet als Anti- zipation des Zustandes im ewigen Leben. Dort werden nicht»Mann und Weib« nicht mehr sein - sie sind ewig, denn der Mensch ist als»Mann und Weib« geschaffen-, sondern nur die tieri- sche Propagation wird nicht mehr sein. Die Menschen, die»stille Wasser« sind, glauben oft schwer an die Vergebung der Sünden und bleiben trübe und werden den Schmutz nicht los. Die Menschen, die tätig, die»fließende Wasser« sind, glauben leichter daran. Unter allen Sterblichen hat Platon die glücklich- sten Bilder für Wesen und Dasein der Menschen und der Welt gefunden und damit auch unter Umständen die gefährlichsten: daß das Wesen der Welt Überfluß und Mangel ist; daß im Men- 141 schen ein zur Sonne Reißendes und ein Niederträchtiges ist; daß der vollkommene Mensch Mann und Weib ist; daß der Mensch nur die Schatten der Wahrheit erkennt 1 das ist unübertroffen und für den Menschen allein vielleicht überhaupt unübertreffbar. Warum sind sie dann aber gefährlich? Weil sie Bilder der Wahrheit sind und nicht: die Wahrheit. Weil sie nur Schatten der Wahrheit sind. Ich möchte kein ewiges Leben haben und führen, in welchem» Angst« wäre. Aber angenommen, es gebe in diesem Leben einen Menschen, der vollkommen zu jeder Zeit, an jedem Ort ohne Angst ist[ wessen manche schon, auch in der Gegenwart, an hoher Stelle sich gerühmt haben], so möchte ich dieser Mensch nicht sein. Ja, ich hätte»> Angst vor ihm. Nun hast du etwas nicht getan und nicht gehabt, was nicht zu haben und nicht zu tun du für unmöglich hieltest, und siehe: es war möglich. Of ist die Einbildungskraft die störrischeste Gegnerin eines besseren Willens. Wenn nicht von Gott Selber berichtet würde, daß Er am siebenten Tage ruhte und den Menschen einen Ruhetag in der Woche befohlen hätte, der geistige Mensch könnte leicht sich verleiten, keine Ruhe zu halten, ja, es sich als ein Ver brechen anrechnen, auszuruhen. Gleichzeitig ist ja aber auch gesagt, daß Gott immer wirkt. Also kann vielleicht der Mensch auch in der Ruhe wir ken. Dieses versteht nur der bomo spiritualis. 142 nt ll st tt, te st bt, 1n- of de, ein: te, en, er- is ‚so Es sind meist Menschen mit finsteren Absichten, die die Worte Christi oder auch der Apostel kla- rer aussprechen wollen. Haben sie keinen bösen Willen, so fehlt ihnen doch der»Sinn des Glau- bens«e. Und auch das ist nicht harmlos. Der »Sinn des Glaubens« dringt wohl ein in das Dun- kel des biblischen Wortes, aber er klärt es nicht auf. Der Humor ist ein endlicher geistiger Raum, wäh- rend der Glaube der unendliche ist. Das zeigt ja die Dialektik der Verzweiflung. Ein Verzwei- felter, also einer, der den Glauben nicht hat oder verloren hat, kann noch sehr wohl, und zwar in genialer Weise, viel Humor haben. Die Dich- tung Shakespeares ist voll von solchen Gestalten. Die humoristische Replik eines Verzweifelten wird sozusagen von der für ihn undurchdring- lichen Mauer des unendlichen spiritualen Rau- mes zurückgeworfen und hat einen eigentümlichen, unheimlichen, unverkennbaren Klang. Wie ganz anders ist der Klang der humoristischen Repliken eines Märtyrers wie Thhomas More in dem Augen- blick, da sein Glaube in den Himmel sah; auch sein Ton ist von dieser Erde, wie eben überhaupt immer Humor von dieser Welt ist, aber der Ton ist nicht ein einsamer,»verlorener«, wie der jedes Verzweifelten, sondern ein Akkord irdischen und unhörbar-hörbaren himmlischen Klangs. Ein Glau- bender kann sich in der Welt zeitweise ohne jede endliche Möglichkeit sehen, er kann ohne jeden Humor, auch ohne den»verzweifelten« sein, und doch sieht das Auge seines Glaubens den Inbegriff überhaupt aller nur möglichen und für Menschen- verstand unmöglichen Möglichkeiten: Gott selber. 143 Kein Subjekt ohne Objekt, und umgekehrt, ist ein echter metaphysischer Satz, den zum Beispiel Schopenhauer geliebt hat. Man kommt aber damit allein nicht aus. Man hat ein Recht, von einem Subobjektiven zu sprechen und wohl auch von einem Obsubjektiven. Doch vielleicht ist das nicht nötig. Als das Subobjektive aber würde ich ohne Zaudern das Fühlen bezeichnen. In ihm vollzieht sich die Mischung und Durchdringung von Subjekt und Objekt, die ihre äußerste kluftartige Unterscheidung, ja Trennung, im Rational- Logischen haben, also nicht etwa im rechten und konkreten Denken der Wirklichkeit. Das Rational- Logische ist eine Abstraktion. In der Wirklichkeit, im realen Sein, ist im Wollen die schärfste Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt mit dem Schwergewicht auf dem Objekt, im Fühlen die verwaschenste und schwächste mit der Gefahr, alles ins Subjekt zu legen[ Name ist Schall und Rauch]. Sozusagen das normale Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt hat das reine Denken. Wenn die» autoritären« Staaten, die eine Aufgabe der Korrektion hatten, in diesem Maße und Tempo fortfahren, die unmenschlichsten und gottwidrigsten Verbrechen zu begehen, dann wird in nicht gar langer Zeit der Liberalismus in den Augen und Herzen der Menschen für das goldene Zeitalter gelten. Das Als- Ob hat seinen Platz im menschlichen Denken; dieses kann nicht arbeiten, im Theoretischen und im Praktischen, ohne Hypothese. Aber es ist ein echt sophistischer Einfall, nicht die Hypo144 . these, sondern nun die These aufzustellen, daß all unser Erkennen auf Hypothesen, auf einem Als- Ob beruhe. Man merkt es sofort, wenn man statt »A ist A« gleich sagt:»es ist, als ob A gleich A sei.« Das ist absurd. In allem echten Wesenswissen hat das Als-Ob wenig Sinn. Es ist aber nicht so mit allen Daseinsfragen. Es ist nicht sinnlos, zu sagen:»Es ist, als ob Gott wäre«; oder:»Es: ist, als ob Gott nicht wäre.« Einmal ist Ibsen ein großer europäischer Prophet gewesen mit leiser Stimme, verborgen, sich selber seiner Bedeutung kaum bewußt, aber in großen entscheidenden Dingen; es ist im Baumeister Sol- neß. Dieses Stück ist als persönliche Tragödie weit bedeutender und tiefer als ihre Fabel, wiewohl auch diese wahrlich bedeutend ist. Dieser Bau- meister empört sich gegen Gott und gibt auf dem Kirchturm Gott eine Absage. Selbstverständ- lich in der Weise des Bürgertums vom Ende des 19. Jahrhunderts, aber darum doch nicht eine unklare. Man hat einen Salon oder ein schönes Zirmmer oder eine gute Stube[drei Abstufungen] und verletzt auch im äußersten Falle nicht den guten Ton. Der Baumeister wird keine Kirchen mehr bauen, sondern nur noch Wohnungen für Menschen, wie auch Ibsen, der Dichter, keinen »Brand« oder»Peer Gynt« mehr schreiben wird, sondern nur noch Gesellschaftsstücke, mit der Erde Sich begnügend. Dieser tragische Entschluß und Fluch ist freilich schwer auf Ibsen gelegen, und er ist in geistiger Umnachtung gestorben. Aber: Gott absagen unter der Form: keine»unnützen« Kirchen mehr zu bauen, sondern nur noch»nütz- liche« Wohnungen für die Menschen, das ist eine Tag- u. Nachtbücher)0 145 Prophezeiung, die in gewaltigem Maßstab sich erfüllen sollte. Von einem, der als Beruf mit moderner Literatur und Philosophie sich beschäftigt, verlangen, er solle Literatur und Philosophie sub specie aeterni betrachten, heißt ganz einfach, er solle sie überhaupt nicht sehen, denn sub specie aeterni ist sie eben gar nicht da. Darf man solche Askese von ihm verlangen, wenn er sie selber nicht üben will? Es ist verboten, Angehörige der Parteiformation mit» Kerle« zu bezeichnen. Eine gewaltige Wandlung des Sprachgebrauchs, wenn man bedenkt, daß Goethe und Schiller noch» Kerle« waren und daran keinen Anstoß nahmen, wiewohl das Wort ja schon von einem preußischen König versaut worden war. Wahrlich, die, die es jetzt verbieten, haben durch ihr Wesen und Dasein am meisten zur Diffamierung dieses Wortes beigetragen diese Kerle! Wenn man die Geschichte liest und die Geschichten, die Anklagen der Völker gegeneinander, dann hat Gott eigentlich nichts anderes zu tun als zu- rächen. Ist das eine gotteswürdige Aufgabe? Warum, warum, im Namen der Dreieinigkeit: warum das alles?! Was ist? Oder: was ist geschehen, damit die Welt so ist?! Denn die Dummheit der Welt, die ja wahrlich da ist, die Dummheit nämlich, daß sie gar nicht merkt, was ist und geschieht, ist doch keine Erklärung dafür, daß Gott es zuläßt, im Gegenteil, gerade diese Dummheit muß uns ja erst erklärt werden. Das ist die Sprache des Geärgerten, der jeder Mensch 146 ב e t 1 ב 1 t - irgendeinmal ist und der vor Gott immer unrecht hat. Einer der Unterschiede zwischen den Kindern der Welt« und den Kindern Gottes ist der, daß jene die Stunden, da sie» versucht<< werden, an Gott zu glauben, für ihre schwächsten halten, diese aber, umgekehrt, die Stunden, in ' denen sie versucht werden, an Gott nicht zu glauben. Das ist in Ordnung. Jene halten sich selber für stark, diese aber sich selber für schwach und nur Gott für stark. Denken ist nicht sprechen. Es ist sehr schwer, die Sprache seines eigenen Denkens zu finden und zu erringen. Jedes einzelne Individuum ist in seinem Denken wahrscheinlich ein Original. Aber zwit schen seinem Denken und dessen eigener Sprache liegt die fixierte Gemeinsprache wie eine ungeheure, undurchdringliche Mauer, wie ein alles verschlingendes Ungeheuer, wie eine alles nivellierende Walze. Nur durch liebende Gewalt, ach! durch gewaltige Liebe, durch herrische Eroberung und demütigste, weichlichste Hingabe bringt er sie dazu, die seine zu werden und doch die Gemeinsprache zu bleiben. و 1 ? d 3. t 1 Man kann nicht sagen, daß Gott die Wunder besonders liebe. Sie sind äußerst selten, sowohl im öffentlichen wie im privaten Leben. Das tragische Schicksal der Deutschen: aus Gnade, » umsonst<< hat es die Gabe des imperium bekommen, und es ist» umsonst", daß es sie bekommen hat. Es ist doch abgefallen, gerade um dieser Idee des Reiches willen. Buben zerstören es, indem sie es scheinbar errichten, für immer. 10* 147 Tyrannen müssen eine leicht verständliche Sprache und Literatur wünschen, denn nichts schwächt das Denken mehr als sie, und ein geschwächtes Denken brauchen sie als stärkste Unterstützung ihrer Gewalt. Wenn das Ideal und das Gebot ist, leicht verständlich zu schreiben, ist jeder, der schwer verständlich schreibt, eo ipso verdächtig. Wenn der Satzbau abgeschafft wird, wird auch der einzelne Satz zerstört werden. Um die Frage: Was ist der Mensch? zu beantworten, muß man natürlich alles sagen, was er wirklich ist und wirklich hat, und es in der richtigen Ordnung sagen. Aber ein großes Hilfsmittel dazu ist es, herauszufinden, was im Universum nur er hat und etwa das Tier oder der Engel nicht. Dazu gehört zum Beispiel der Glaube, das Lachen und die Tränen. Wenn man auf seiten der siegenden Partei ist, ist man, besonders in einem rationalistischen Zeitalter, leicht geneigt, zu glauben, der Lauf der Dinge und Ereignisse richte sich nach der Berechnung der Menschen, aber man vergißt, daß die andere, unterliegende Partei auch gerechnet hat, ohne daß ihre Rechnung stimmte. Und dann, wenn man die Geschichte überblickt hat sie sich denn jemals nach der Berechnung der Menschen gerichtet? Soll das heute anders sein? - In solchen Zeiten wie heute heißt in der Hand Gottes sein: daß man nicht verzweifelt. Aber, fragt man, gibt es denn überhaupt Menschen, die verzweifeln oder in Gefahr sind, zu verzweifeln? 148 lie 1, n, ch en Ist nicht alles in Ordnung, seitdem wir uns auf diese Welt und dieses Leben beschränkt haben und beschränken? Verzweifeln denn Tiere? Mein Lie- ber, es verzweifeln Menschen, und zwar viele Menschen. Die Seligkeit des Himmels ist, daß jeder Mensch tun kann, was er will, nämlich, weil er die voll- kommene Liebe hat. In diesem Äon freilich graut es jedem Menschen bei der Vorstellung, daß die Menschen tun können, was sie wollen. Denn heute gibt es solche Menschen, aber sie rühmen sich, gute Hasser zu sein. 6. September Ich habe zuzeiten phantastische Träume, die mir aber meist rasch entfallen oder überhaupt nicht einfallen. Heute nachmittag träumte mir: ich sitze vor dem Cafe Luitpold und schreibe. Meine Ma- nuskriptblätter liegen auf dem Tisch herum wie nachts zu Hause, wenn ich zu schreiben pflege. Freunde stehen herum mit unbeweglichen Gesich- tern und sehen mich an. Plötzlich springt ein ele- gant gekleideter Mann von südländischem Typus hastig auf mich zu und will nach den Manu- skriptblättern greifen. Ich wehre mich erstaunt. Dann schreit ein anderer, ebenso elegant geklei- deter Herr: Halt! Der ist’s nicht! Wendet sich höflich zu mir: Entschuldigen Sie, dieser Herr hat Geschichten bestellt bei Moralla. Können Sie uns sagen, wo der wohnt? Ja, im vierten Stock, sage ich. Sie eilen in einen Hof, der plötzlich da ist. In der Hand des einen sehe ich eine Pi- stole, in der des andern einen langen Dolch. Ich erschrecke, lache aber verlegen laut auf. Die 149 Freunde, unbeweglichen Gesichts, starren mich an. Nach einigen Minuten kommt einer der Männer zurück und winkt mir, rufend. Helfen Sie uns, wir können ihn nicht finden! Ein riesiger Lift steht bereit. Ich steige ein, allein. Der Lift fährt mit einem Ruck an und mit gewaltigem Lärm in rasender Schnelligkeit hinauf. Er durchstößt das Dach und hält. Ich drücke wieder auf den Knopf und fahre in den vierten Stock zurück. Im Speicher rennen Leute hin und her, die ich nicht erkennen kann. Es ist unheimlich, und ich fürchte mich. Auf einmal stehe ich auf einem Balkon vor einem Dachfenster mit Geranien. Dahinter steht ein uralter Mann mit eisgrauen Lokken bis auf die Schultern. Er spielt Harfe; vor ihm ein kleines Mädchen von zehn Jahren, dem er erzählt im Märchenton: und weißt du schon, gestern kam Mariele als Geräusch zu ihren Eltern zurück. Dann wachte ich auf, verblüfft nachsinnend, wie ein Kind als Geräusch zurückkehren könne. Und wahrscheinlich verdanke ich nur diesem Nachsinnen überhaupt die Erinnerung an den Traum. Mein Gott, wo sind wir, wenn wir schlafen? Wie unsicher und zerbrechlich ist die Freude des Menschen, auch wenn sie stark ist und unbezwinglich scheint! Ein leiser Hauch nur weht sie dir weg von der Stirn und löscht ihr strahlendes Licht aus in deinem Herzen. Und es ist Nacht. Evangelium Johannis 17. Die verlangte deutsche Welt- und Vorherrschaft beruht auf folgenden Prinzipien und wird durch sie begründet: 150 r 1 1 1 I 1 r S r t 7 1 1. Es gibt drei Arten von Menschen: a] Übermenschen, b] Menschen, c] Untermenschen. 2. Zu welcher Menschenart die existierenden Völker gehören, entscheidet im Zweifelsfall immer der Führer der Übermenschen. 3. Der Führer der Übermenschen ist immer, ohne jede Ausnahme, der Führer der Deutschen. Denn nur von den Deutschen gilt absolut und für ewig, vorwärts und rückwärts, daß sie Übermenschen sind. Von den Ariern, welche im weiteren Sinne Übermenschen sind, muß gesagt werden, daß sie, ehe sie zu Deutschen werden, entarten oder durch autoritativen Entscheid des Führers der Deutschen, etwa aus opportunen politischen Gründen, zu Menschen[ wenn nicht gar Untermenschen, wie zum Beispiel englische Plutokraten] degradiert werden können; dieses letztere kraft des Umstandes, daß dieser Führer nicht bloß Schöpfer des positiven Rechts ist, sondern auch des Naturrechts. 4. Mit genau derselben Absolutheit und Ewigkeit, mit der die Deutschen Übermenschen sind, sind die Juden Untermenschen. Ihnen nahe stehen diePolen und dann vielleicht die Neger. 5. Es gibt einen Gott. Sein Name ist: der Herrgott oder der deutsche Herrgott oder der Allmächtige oder die Vorsehung. Darum gibt es auch eine Religion, eben die deutsche Herrgottreligion. Sie ist ohne Dogma. Also denken kann dabei jeder, was er mag. Nur tun nicht. Die Theologie ist einfach. Gott hat als der deutsche Herrgott den Willen, daß es den Deutschen gut gehe, daß sie über alle herrschen. Kein Wunder! Deutsche Mystiker sind dahintergekommen, daß Gott nicht wäre ohne sie. Da sie nun aber ihrerISI seits Produkte des deutschen Volkes sind, so gehört nicht viel Logik dazu, einzusehen, daß dann auch Gott selber ein Produkt dieses deutschen Volkes ist. Gott strafe mich, wenn das ein Pamphlet ist. 8. September Heute gilt nicht mehr:» Gott strafe England«, denn heute heißt es:» Der Führer straft England«, und zwar:» gerecht«! Durch Abwurf von eineinhalb Millionen Tonnen Bomben über London! Viele treiben heute noch eine Apologetik, als ob Gott zwar allmächtig sei, aber in einer Welt, die sozusagen nicht von Ihm ist, die einfach da ist. ihm wie seinen Anhängern fremd. Das ist eine Art Kindlichkeit. Denn die Welt ist von Ihm erschaffen, ist Sein Werk, ist Seine Schöpfung. Das ist das Mysterium, das mitzudenken und aufzunehmen ist in Seine Liebe zu uns, in unsere Liebe zu Ihm. Es geht nicht an, zu sagen, daß die Auffassung des Lebens als ein Traum nur orientalisch sei. Sie ist zum Beispiel spanisch, aber hier könnte man sagen, daß eine arabische Besetzung vorausgegangen sei. Indes: wie ist es mit Shakespeare? Nein, es ist» menschlich«, und es hat Beziehung zu einer Wirklichkeit. Der Mensch ist aus dem Nichts geschaffen, und er könnte» anders« sein, wie jeder Traum. Im Traum könnte alles anders sein, als es ist. So sagt sich ein Dichter: wie oft schon habe ich im Traum das Erlebnis des Erwachens gehabt und bin doch nur zu einem 152 ב 1 1 e 1 neuen Traum erwacht- vielleicht ist mein ganzes Leben so. Für einen Dichter und einen Metaphysiker liegt das sehr nahe. Für den religiösen Menschen ist es eine Ablenkung- eine Träumerei, die er ablehnt. Manche Katholiken verwechseln sich selber so mit ihrer Religion, daß sie meinen, man konvertiere ihretwegen und nicht Christi und der Wahrheit wegen. Das ist zuweilen in grotesker Weise komisch. Die Menschen sind rar geworden, die an einem Wort erforschen, wieviel Wahrheit in ihm ist. Die meisten Menschen interessiert nur, wieviel Wirkung in ihm ist. Frauen haben im allgemeinen keine Freude an Satire und Polemik, und das ist gut so, sie sind nicht ihre Sache. Satire und Polemik sind und bieten kein Heim, sie haben gar nichts Mütterliches. Die rechte Ordnung: der einzelne Satz dient der Periode, welche ein Bau ist, und wird von ihr bestimmt. Erst kommen die geistigen Handlungen der Behauptung, der zahllos nuancierten Beziehungen aller Art in Grund und Folge und Absicht und Bedingung und besonders, bei schwierigen und vorsichtigen Geistern, der Einräumung, angefangen von der lauten, rückhaltlosen, bis zur halb, ja widerwillig gerade noch gelispelten alle diese geistigen Handlungen geben den einzelnen Sätzen ihre Gestalt in der klassischen Prosa aller abendländischen Nationalsprachen 153 und Literaturen. Im Gegenspiel aber bestimmt der normierte Backsteinsatz als fertiges Material den Bau des» erweiterten« Satzes. Unter den Satzzeichen geht der Strichpunkt verloren, ein sicheres Anzeichen für den Verfall des Periodenbaus. Die große Täuschung, daß der Spott etwas nütze. Den gemeinen Menschen bessert er nicht, er erregt nur seinen unversöhnlichen Haß und seine Rachsucht. Den Edlen aber verletzt er unter Umständen tödlich. 22. September Wenn ich noch viel und schwer leiden soll, mein Herr und mein Gott, dann laß etwas davon würdig sein für Deinen Namen, für Deine Erniedrigung, für Deine Herrlichkeit! Was hülfe es dir, wenn du die ganze Welt gewännest, wenn du doch Schaden nähmest an deiner Seele? Wenn man bedenkt, daß noch keiner die ganze Welt gewonnen hat und auch keiner je sie gewinnen wird, sondern daß man Schaden an seiner Seele zu nehmen gewillt ist für den Be-, sitz von ein paar Pfennigen, dann kann man wohl erschrecken. Anderseits, hat man den Satz einmal voll erfaßt, dann ist es wirklich aus mit der gloria mundi. Man läßt sich ihren Duft nicht mehr in die Nase steigen, wie man den Qualm brennenden Strohs meidet. Zum» Weisen gehört in erster Linie das Schweigen und das Sprechen, denn da ist er dabei, und das ist wichtig für den Empfänger des Schweigens und der Rede. Erst in zweiter Linie kommt 154 1 r r n n Z t t m t für ihn das Schreiben, denn da ist er für den Leser nicht mehr dabei, es sei denn, der Leser sei selber ein Weiser. Aber das ist selten. Es gibt Propheten, die zu den Greueln, die sie prophezeien, in einem Verhältnis der Sympathetik, ja der Sympathie zu stehen scheinen, als ob sie sie halb herbeiwünschten und, wenn sie einträten, sich wohl dabei finden würden. Ich denke an Ludendorff und den totalen Krieg. Es gibt eben Propheten und Propheten, solche, aus denen der Geist Gottes spricht, und es gibt... andere. - Der Geärgerte spricht: vielleicht hat Gott sich verändert. Der religiös Geärgerte meint immer, ein dogmatisches Attribut Gottes stimme nicht. Hier: seine Unveränderlichkeit. Der Geärgerte hat immer eine zu hohe Vorstellung von seinen eigenen Vorstellungen und Urteilen, die doch nicht die Länge und die Breite, die Höhe und die Tiefe der göttlichen haben. Der Geärgerte hat einen defekten Glauben. Gebet Gott, was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist. Diese Teilung ist also in diesem Aon von Gott gewollt. Darüber ist nicht der geringste Zweifel. An diesem klaren Wort ist nicht zu rütteln und nicht zu deuteln. Aber was immer neu zu deuten ist, ist der Inhalt der beiden Gebote. Was ist Gottes? Was ist Gott zu geben? Was ist des Kaisers? Was also ist dem Kaiser zu geben? Darüber kann großer, blutiger Streit entstehen[ wenn auch das klar ist oder sein sollte: daß das Gewissen jedes einzelnen Menschen Gott gehört]. Aber er kann nicht innerhalb der Ord155 nung bestehen. Diese wird in steigendem Maß und schließlich heillos verletzt, wenn man 1. den Primat des göttlichen Rechts vor dem menschlichen nicht mehr anerkennt; 2. die Rechte des Kaisers aufhebt und alles unter die unmittelbare Herrschaft Gottes oder des Priesters ziehen will und schließlich 3. sagt[ die Häresie des Tages!]: es gibt nur das Recht und die Macht des Kaisers. Ihm ist alles gegeben, auch das Gewissen des Menschen, denn er, oder allenfalls das Volk, ist wenn nicht Gott selber, so doch ein unmittelbares, unfehlbares Organ Gottes. Die preußisch- deutsche Kriegstheologie ist in der Tat: Gott ist immer mit den stärksten Bataillonen. Die praktische Schlußfolgerung ist also, und sie ziehen sie und führen sie aus: machen wir um jeden Preis unsere Bataillone zu den stärksten, dann muß Gott mit uns sein. Das ist eine schlechte Theologie. Und diese Theologen ließen sich auch nicht durch ein Wunder zum rechten Glauben bekehren. - Der Geärgerte spricht: der Mensch denkt, Gott lenkt. Ist es nicht heute umgekehrt? Denkt vielleicht der Mensch? Aber er lenkt! Und Gott wird um so mehr denken. Mein Freund, wie billig sind solche Scherze, unwürdig deiner Verzweiflung und der Bitterkeit deines Herzens. Such einen andern Weg! Weine, schweige, bete, falte, die Hände! Aber laß das! Denn alles bleibt beim Alten. Gott ist der Herr. Er lenkt und er denkt anders als die Menschen. 156 5 S t 1 2 t 5 1 e 1 t 28. September Vielleicht soll das nicht mehr sein: die Verbindung unreiner Leidenschaften mit der Wahrheit, welche das Christentum ist. Diese unreine Leidenschaft, die uns heute im politischen Leben auf der Haut brennt, uns den Magen umdreht, uns das Herz leer macht, hat leider in der Geschichte des Christentums auch zuweilen eine Rolle gespielt. Das Christentum will eine Gemeinschaft im Geist von» Einzelnen«, welche alle, jeder einzeln, und im Einzelnen in der Wahrheit durchgebildet sind. Die Kategorie» des Einzelnen<<, von Kierkegaard herausgestellt, ist eben doch die christliche Forderung des Tages gegen den Untergang des Menschen in der Masse, gegen die Vergottung entleerter Menschen ohne Gewissen. Ich glaube nicht, daß die recht haben, die sagen, so etwas wie heute sei noch nie geschehen. Qualitativ haben sie unrecht, denn das alles[ Verrat, Tücke, Lüge, Grausamkeit] ist schon geschehen. Quantitativ haben sie wohl recht: in solcher Masse und auch durchdachter Organisation ist es noch nie geschehen. Und noch etwas: es war noch nie, glaube ich, da, daß es den Menschen ausdrücklich verboten ist, diese Zeit und was in ihr geschieht, für abscheulich, widerlich, häßlich, falsch und schlecht zu halten und Sehnsucht nach einer besseren Welt zu haben. Das ist heute in Deutschland ein strafwürdiges Verbrechen, und das ist doch wohl viel mehr, als selbst die Hölle zu fordern das Recht hat. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, daß die aus dem deutschen Idealismus kommende 157 Geschichtsschreibung- eine Professorengeschichtsschreibung- eben doch Humbug ist. In dieser blassen, dünnen Luft verflüchtigen sich die Personen und Leidenschaften. Und daß Satan der Fürst der Welt ist, davon merkt man nichts mehr. Die idealistische Geschichtsschreibung endet ebenso in einem Als- Ob wie die idealistische Philosophie. Der Geschichtsschreiber kann sich die Schurken nicht auswählen wie der Dichter, noch auch erfinden. Zu einer gegebenen Zeit sind sie gegeben. Ganz bestimmte, sozusagen von einer höheren Macht auserwählt. Für den Geschichtsschreiber dieser Tage ist neben seinem Fachwissen am nötigsten die Kenntnis des Katechismus und vielleicht noch etwas Kriminalpsychologie. Das ist viel wichtiger als die deutsche idealistische Philosophie. 30. September Die stille Verzweiflung Kierkegaards. In ihr leben viele Menschen, mehr als man glaubt, freilich nicht mit dieser Kraft und Allgegenwart der Reflexion. Es gibt, als Gegenstück, auch die» stille Seligkeit. Und oft wechseln die beiden im selben Menschen einander ab. Zum Glück ist deshalb auch etwas Übertreibung in Kierkegaards Darstellung dieser stillen Verzweiflung.[ Die Erde ist nicht die Hölle, ist ja auch nicht der Himmel.] Wohl ist sie fast ein Dauerzustand und ein>> habitus; sie ist nicht dauernd wirklich aktuell, es wird oft nur die vergangene lebendig und tief >> erinnert«<, weil sie eben in grundlose Tiefen des 158 Gedächtnisses eingegraben ist. Dasselbe gilt, um- gekehrt, auch von der stillen Seligkeit. Wenn Platon bis zu der Erkenntnis und Über- zeugung. gelangt, daß es besser ist, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, dann hat er nicht weit bis zum Wesen der christlichen Ethik- was sage ich: er ist mitten drin.‘ Aber freilich, zum Wesen des Christentums gehört, daß ich glaube, daß Jesus von Nazareth der ewige Sohn Gottes ist. . Mundum tradidit disputationi eorum. Gott über- gab den Menschen die Welt zum Disputieren, zum Kopfzerbrechen, ja sogar, daß sie einander den Kopf zerschlagen. 4. Oktober Ich habe einmal einem Verzweifelnden den Rat gegeben, zu tun, was ich selber in ähnlichen Zu- ständen getan habe: in kurzen Fristen zu leben. Komm, sagte ich mir damals, eine Viertelstunde wirst du es ja noch aushalten können! Auch das Beste, was der Beste geschrieben hat, könnte noch besser sein. Da gibt es kein Ende. Wer nicht ein Ende setzt, weil auch in der Zeit und für ein Werk in der Zeit eines sein muß, der kommt eben nicht zu Ende. Und schließlich: hat nicht Gott auch so getan? Hätte diese Welt nicht vielleicht besser sein können, trotz Leibniz? Aber das ist menschlich gesprochen. Daß einer nur teilweise Humor hat oder ver- steht, ist natürlich auch nicht das Richtige, denn der Humor sollte ein Sauerteig sein, der eines Menschen ganzes Sein und Gebaren durchwirkt. 159 Die» Unbegreiflichkeit ist ein Attribut Gottes, das der Rationalismus überhaupt nicht ins Auge fassen kann, es existiert für ihn sozusagen gar nicht. Aber auch mit allen andern Attributen Gottes kann er sich nicht konsequent und tief beschäftigen. Er stößt sich bald an den Widerständen, die aber nur für den menschlichen Verstand da sind. Er kann es deshalb gar nicht wagen, bis auf den letzten Grund, bis zu den letzten Folgerungen zu gehen, welche die menschliche ratio zerreißen und untätig machen würden. Es scheint, als ob der Irrationalismus hier besser gestellt wäre, aber es scheint nur so. Er ist aus einem anderen Grunde unzulänglich und ist, wenn er bei sich bleibt und nicht sich selber transzendiert, unedler als der Rationalismus. Er meint, sein » Irrationales stehe überhaupt außerhalb des Intellekts. Es steht aber nur außerhalb des menschlichen Intellekts, jedoch innerhalb des göttlichen Intellekts. Das auf dem Glauben ruhende menschliche Denken ist das unerschrockenste und konsequenteste Denken. Es sagt, daß Gott absolut Einer ist und doch Drei. Es fürchtet sich nicht, zu sagen und zu meinen, daß der Mensch frei ist und verantwortlich für seine Taten, und hinwiederum zu sagen und zu meinen, daß Gott die Seinen auserwählt. Es sagt dieses nicht wie ein Als- Ob, es sei nur so, als ob es so wäre, sondern es sagt, es sei so. Es fürchtet sich vor nichts mehr, als nur eine dieser Wahrheiten zu sagen und etwa die andere auszulassen. Die Attribute Gottes sind zuviele, als daß sie von einem einzigen Heiligen gelebt werden könn160 hts sen N ten. Es ist noch nicht da, es ist fällig der Hei- lige... ab incomprehensibilitate Dei. Die Menschen sind eben mittlere Wesen, weder ganz gut, noch ganz böse. Darum geschieht es auch, daß eine gute Ordnung des Ganzen durch die Schlechtigkeit und Nachlässigkeit der ein- zelnen befleckt und langsam untergraben wird, und hinwiederum auch, Gott sei Dank, umge- kehrt, daß eine böse Ordnung oder Mißordnung des Ganzen durch die Güte und Tugend ein- zelner gemildert wird. Was ist das für ein höllisches Scheinleben? Werke der Liebe ohne Liebe, Werke des Lichts ohne Licht! Haß und Finsternis als Vorzeichen von Liebe und Licht! Was für ein höllisches Blend- werk! Man sagt die Wahrheit, um zu lügen! Es ist nicht selten, daß Philosophen, wenn sie ihr Hauptwerk geschrieben haben, nur noch ihre eigenen Schüler sind. Am auffallendsten ist es bei Schopenhauer. Nachdem er in so jungen Jah- ren sein System verfaßt hatte, wurde er zum be- wundernden Schüler seiner selbst und seines Wer- kes. Er»deduzierte« begrifflich weitere Wahr- heiten aus seiner Philosophie, die er in einem nun fremden Zustande der Intuition konzipiert und geschrieben hatte. Aber auch der spätere Platon ist eigentlich nicht mehr Platon, sondern nur noch Platoniker, sein Meisterschüler freilich, aber nicht mehr der Meister selber. Um der Erkenntnis willen kann eine Sprache nicht teich genug an Wörtern sein, nur im Munde des Tag-u, Nachtbücher 11 161 Schwätzers kann das eine Gefahr sein. Mir sind jene Grammatiker verdächtig, die einen Schriftsteller, und vollends einen antiken, zu bereitwillig und etwas vorwurfsvoll des Hendiadyoin zeihen. Sie sind sprachlich verarmt, vertrocknet [ auch ein Hendiadyoin, würden sie sagen], um zu merken, daß gerade das geistig Eine oft nicht durch ein Wort am besten bezeichnet werden kann, sondern besser durch zwei oder noch mehr, die verschiedene Seiten des» Einen« und dadurch das Ganze besser beleuchten. Auch jene Grammatiker scheinen mir nicht die besten Sprachmeister und Lehrer zu sein, die eine möglichst starre Stellung der einzelnen Wörter in einem Satze verlangen. Es ist nicht zu sagen, welche Veränderungen ein Satz erlebt durch einen Stellungswechsel der einzelnen Wörter in ihm. Auf solche Möglichkeiten wird ein Schriftsteller nicht verzichten wollen zugunsten einer starren Regel. Die Sprache ist vom Geist. » Auch das wird vorübergehn.<< Wie oft hört man diese Meinung! Und ein jeder bedenke einmal, wie oft er es selber schon gesagt hat. Und welche Spanne Zeit seines Lebens damit getroffen wird. Welches Licht wirft diese Tatsache auf den Zustand der Welt! Nous n'aurons plus jamais l'âme de ce soir, das ist nur eine oberflächliche Feststellung, die eine süße, fast wollüstige Trauer hervorrufen kann, eine Schwermut, die ein Genuß ist. Wie leichter Rauch und Dunst verfliegt das alles, wenn man festzustellen beginnt, daß wir unsere Seele von nun an bis in Ewigkeit haben. 162 an al, che „Ur rs, die fen Vie an »Leidenschaft« ist zuerst eine Bestimmung‘des Fühlens und erst dann des Wollens und des Den- kens. Die Leidenschaften reinigen, das heißt doch zunächst: das Fühlen reinigen. Ist Flaubert selbst etwas schuld daran, daß manche Deutsche Pödu- cation sentimentale sinnlos mit»die sentimentale Erziehung« übersetzen, statt mit»die Erziehung des Fühlens«? Das klarste, durchsichtigste Verhältnis von Sub- jekt und Objekt, und umgekehrt, wird im Den- ken erreicht. Der Gegenstand des Denkens ist ein Sein oder ein Seiendes, auch wenn es ein Gedan- kensein oder ein Gedankenseiendes ist, in welchem Modus immer. Im Wollen ist das Objekt nicht ein reines substantiviertes Sein, sondern immer ein solches unlösbar mit einem Verbum des Tuns oder Handelns oder Besitzens aufs innigste ver- knüpft. Ich will Brot, das heißt, ich will Brot haben, backen, essen, besitzen. Im Denken kann ih am Gedachten völlig unbeteiligt sein, inso- fern ist Denken das objektivste Tun, das über- haupt einem Menschen möglich ist. Das Wollen ist obsubjektiv; keiner, der etwas will, ist unbeteiligt an dem, was er will; aber dieses ist außer ihm, wenn er es auch ändern will, mit einer Ausnahme: wenn er die Wahrheit will. Wenn er sie wirklich haben will, kann er an ihr nichts ändern wollen, denn sonst erhält er eben nicht die Wahrheit. Er kann also in diesem Falle nur sich ändern wollen. Das ist freilich ein seltener Fall, denn, wer will denn die Wahrheit? Wie ist es nun aber mit dem Fühlen? Unter den dreien ist es zweifellos die subjektivste Weise des Menschen, ein Verhältnis zur Welt zu haben. Ich glaube, so weit dürfen 118| 163 wir uns vorwagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten und die Ordnung der Ordnungen zu verletzen. Es gibt in der Tat Menschen, die wie ein Buch reden. Glücklicherweise gibt es zum Entgelt Bücher, die wie ein Mensch reden. 11. November Immer wieder erschrecke ich vor den Stimmen der Deutschen. Sie verraten alles, sie schreien das Böse aus sich. Noch furchtbarer freilich ist. daß es nicht gehört wird. Heute hörte ich die Stimme des Generalfeldmarschalls von Brauchitsch. Wüst und leer schnarrte diese Stimme Dinge, die wüst und leer sind: eine dämonische Totenbeschwörung im Namen des» Führers<< und der nationalsozialistischen Weltanschauung. Freilich übertraf ihn noch die Stimme des Herrn Baldur von Schirach, Statthalters von Wien und Führers der deutschen Jugend. Der Schmelz dieser schmalzenen Stimme beendete dieses deutsche Requiem. Ach, welcher Mißbrauch dieses Wortes! Sie wollen ja auch gar nicht, daß sie ruhen, die Toten. Sie sind» auferstanden« auf den Ruf Hitlers. Weil durch den Willen das Böse real in die Welt kam, ist es verständlich, daß der Wille selber von Philosophen für böse gehalten wurde; weil durch Macht das Böse verwirklicht wird kein Wunder, daß die Macht selber für manche als böse gilt. Die Diener des Teufels haben nun im Großen seine wirksamste Methode gelernt und übernom164 en en st, lie ei- uf 2 elt on ech er, men. Sie beherrschen den Menschen am besten dadurch, daß sie ihn öffentlich und eindringlich lehren, er sei von Natur gut, und es gebe keine Sünde. Sie lehren die Menschen, daß sie seien wie Gott, und behandeln sie dann wie die ver- kommenste Canaille und wie das Vieh. Laß einen Menschen nur hoch von sich denken, und er wird Schein und Sein schwer voneinander unterschei- den. Er dünkt sich ein Gott und frißt Staub. Eine Zeitlang- das ist gewiß: nur eine Zeitlang. In der Hauptursache des heutigen Zustands: des Abfalls von, des Ungehorsams gegen Gott laufen viele Teilursachen zusammen. Eine von ihnen ist diese: der Massengebrauch, also Mißbrauch des Gymnasiums. Newman hat davon abgeraten. Warum sollen Väter, sagt er, die ihre Söhne für Handel oder Gewerbe bestimmen, sie Griechisch oder Lateinisch lernen lassen? Für den Durch- schnittsverstand eines Kindes bedeuten Latein und Griechisch eine Vergewaltigung und, wenn der Lehrer unvernünftig ist, eine übermäßige Qual. In überwältigender Mehrzahl sind nun alle unsere»Führer« Schüler unter dem Mittel- maß gewesen, wenn sie in humanistischen An- stalten waren. Sie rächen sich furchtbar und mit giftigem Ressentiment für die Schindereien und die Minderwertigkeitskomplexe, die ihnen ein zu hohes und unverständliches Bildungsideal ver- schafft hatte. In jedem Menschen ist, glaube ich, die Angst vor dem Doppelgänger im absoluten Sinn. Auch der Mensch der Masse will original sein. Freilich, das ganze und letzte Grauen vor dieser Idee faßt 165 nur der, welcher objektiv die größte Wahrscheinlichkeit hat, einzig zu sein. Der Abgrund des Wahnsinns also wäre, daß Gott einen Doppelgänger hätte, eine Idee, die Gott nicht haben kann. Das war kein schlechter Satz, den ich irgendwo geschrieben habe, daß einer seine Heimat nur in seinem Heimweh hat und kennt. Meine irdische Heimat, nach der ich oft viel Heimweh hatte und habe, sie habe ich ja real gehabt und gekannt, aber die ewige Heimat, sie kenne ich nur in meinem Heimweh. Es ist doch schrecklich, wie wenig in dem Bewußtsein des Menschen von dem ist, was in den Jahrmillionen seiner Geschichte geschehen ist, und wie schlechthin maẞlos und phantastisch das Mißverhältnis ist zwischen der realen Bedeutung der Geschehnisse des Tages und der angemaẞten und hinausgeschrienen. Wie ist das in fünfhunderttausend Jahren? Ach nein- wie ist das in fünf Jahren? Wahrlich, es hat nicht jede Zeit so gebrüllt wie diese; es hat doch Zeiten gegeben, die Scham hatten. Ich habe keine große Hochachtung vor Menschen, die Gott sich als starres Gesetz vorstellen, wohl weil ich vor einem solchen Gott auch keine große Ehrfurcht hätte. 21. November Wenn man einen Amokläufer nicht erschießen kann oder will, gibt es keinen andern Weg- er ist aber sicher, als ihn sich erschöpfen, verbrau166 1 en ‚U- chen, verschleißen zu lassen. Der grauenvolle Amokläufer dieser Tage hätte im Anfang leicht ‚ unschädlich gemacht werden können, jetzt ist es nur noch dadurch möglich, daß er sich selber auf- reibt. Das wird ganz gewiß gelingen. Die Regel ist die Verschleißung der geistigen Kräfte des Menschen durch seinen Leib und seine regelwidrigen Ansprüche und seine Vorherrschaft. Dieses Schauspiel ist recht traurig. Die Ausnahme ist das Wachsen des Geistes auf Kosten des Lei- bes, der verzehrt wird. Auch das ist ein Schau- spiel verletzten Maßes, aber es ist ein großartiges, erhebendes, ja beruhigendes, tröstendes Schau- spiel. Unter den historischen Beispielen, die zu verfolgen sind, ist für mich das gewaltigste Kierkegaard. Sein Körper wurde schwächer und schwächer, es war am Schluß einfach keine kör- perlihe Kraft mehr da. Aber eine geistige Er- müdung? Davon ist bis zum letzten Wort, das er geschrieben oder gesprochen hat, keine Spur zu spüren. Wer selber eine Ahnung vom Schrei- ben hat, der ist, rein als Schriftsteller, fasziniert von den Variationen ein und desselben Themas im»Augenblick«. Eine jede springt frisch, stark, neu, nackt und wohlproportionierten Leibes aus dem Kopfe des Autors. Das ist, daß einem das Herz klopft. In den Tagebüchern Kierkegaards, die sich über nahezu zwanzig Jahre erstrecken, findet sich keine einzige Wiederholung außer einer, aber das weiß er und sagt es selber. Be- denkt man, daß er gegen Schluß nur ein einziges Thema hatte, bedenkt man dazu seine ungeheure Produktion während vieler Jahre, so ist diese Ge- dächtniskraft für sich schon großartig und eigent- 167 lich ohne Beispiel. Mir wenigstens ist keines bekannt. Die Suspension, die Aufhebung des Ethischen, des » Allgemeinen«, kann nach der Ansicht Kierkegaards, wie ich es verstehe, nur durch einen direkten Befehl Gottes an den einzelnen gerechtfertigt werden. So ist es zweifellos im Falle Abrahams. Das ist aber wohl nicht immer so. Im übrigen hängt alles davon ab, was denn unter dem Ethischen verstanden werden soll oder unter dem direkten Einspruch oder Befehl Gottes. Daß man der Obrigkeit gehorchen soll, gehört, zum Beispiel, sicherlich zur natürlichen Ethik. Aber wie schwankend ist das alles, so daß man sich schon genötigt sah, die Obrigkeit, der gehorcht werden muß, auf eine» rechtmäßige«, ja sogar auf eine » gesetzmäßige« einzuschränken und von» göttlich sanktionierter Ethik« zu sprechen. Das heißt also, es gibt auch eine falsche Obrigkeit und eine falsche Ethik. Brauche ich etwa in beiden Fällen ein außerordentliches göttliches Wirken in mir, um ein Recht zu haben, nicht zu gehorchen? Ich glaube nicht. Befiehlt mir ein rechtmäßiger Vorgesetzter, unschuldige Frauen und Kinder zu martern und zu töten, oder befiehlt mir ein Tyrann eine an sich rechtmäßige Handlung: brauche ich in beiden Fällen ein außerordentliches Einschreiten Gottes in mir, um den Gehorsam zu verweigern und damit vor Gott Recht zu haben? Ich glaube nicht. Es ist ein Kampf im Gewissen des Menschen, bei dem es sich um allgemeine Gebote Gottes und den Willen einer falschen, aber augenblicklich maẞlos mächtigen Obrigkeit der Menschen handelt. 168 e- ai ii, I- ch es te he Wenn ich etwas niederschreibe, von dem ich wohl gewiß weiß, daß es für mich gilt, und es wirkt entweder anmaßend oder gefährlich verführerisch auf jene, für die es eben nicht gilt und die es ver- derben kann, dann soll ich es eben nicht nieder- schreiben, sondern als Geheimnis lassen zwischen Gott und meiner Seele. 23. November »Dreihunderttausend Kilogramm Bomben pras- selten heute auf Birmingham herab«, läßt heute Herr Goebbels verkünden durch die Stimme des »Deutschen Senders«.. Aber, meine Damen und Herren, Sie müssen die Stimme hören! Sie haben nicht das doppelte Gehör, Sie hören, und Sie hö- ren nicht. Sie wissen nicht, was heute in Deutsch- land ist, und darum auch nicht, ‚was morgen in Deutschland sein wird. Es ist furchtbar, daß etwas so Vergängliches wie eine menschliche Stimme aus- ersehen wird, Verkommenheit und Fluch eines Volkes lauter und unmißverständlicher zu offen- ‚baren, als es doch seine Taten tun. Es scheint so einfach zu sein: du brauchst nur zu hören, und du weißt alles, alles! Aber dieses Volk hört, in- dem es zuhört, nur seine eigene Stimme, und diese- betet es an. Die Menschen wissen ein gutes Gewissen zu schät- zen- sie wissen, daß das wesentlich zum Glück gehört. Sie lassen es sich etwas kosten, schließ- lich das: Gewissen selber, meinend, kein Gewis- sen zu haben sei so gut wie ein gutes Gewissen. Aber sie überschätzen ihre Macht, das Gewissen kommt wieder, es ist nur zeitweise zu verjagen, aber es kommt nicht wieder als gutes. 169 - Da die Welt sicherlich nicht abgeschlossen ist, ist ein geschlossenes System der Welt sicherlich etwas Komisches. Aber vielleicht ist der Plan abgeschlossen wie der Plan eines Hauses, das selber noch nicht einmal begonnen ist, völlig fertig sein kann. Vielleicht; wiewohl das sehr menschlich gesprochen ist in Beziehung auf eine Welt, die doch dem Menschen so völlig unverständlich ist, und: wer hat denn diesen Plan entworfen, der Mensch vielleicht? Nein, das geht nicht. Der Mensch stammelt. Es ist auch nicht so, daß» die Philosophie« langsam ein Gebäude errichtet, das einmal fertig dastehen wird. Das ist einfach Unsinn. Das ist ein Kartenhaus, das Gott einfach umbläst. Der Vergleich der hitlerischen Herrgottreligion mit dem Islam liegt sehr nahe, aber er versagt sehr rasch: das Vergleichsobjekt steht ja trotz allem viel zu hoch, unser Mist gibt ja auch seinen Erzeugern und seinen Adepten, die ihn essen, durchaus nicht die subjektive Sicherheit und Glaubensgewißheit wie einst und zum Teil auch heute noch der Islam seinen Anhängern. Religionen, auch falsche, kommen eben aus dem Osten, sie kommen nicht aus Gegenden um Braunau. Hat jemals in der Geschichte der Welt irgendein Mensch gewußt und sagen können, was nur hundert Jahre später in seinem Lande, geschweige in irgendeinem andern Lande, sein wird? Ich glaube nicht. Also Vorsicht! Vorsicht, kann man nur sagen, da heute doch alles rascher geht. Die Wolke wird vorüberziehen, sagte Athanasius von Julian Apostata. Aber damit weiß man nicht- heute-, 170 ei BB Do daß der blaue Himmel kommen wird. Es könn- ten ja noch schwerere Wolken kommen. Je näher der Schluß kommt, ist ja die Verfinsterung des geistlichen Lichtes wahrscheinlicher als seine Er- hellung durch Entfernung der Nebel. Ich halte Karl Kraus für einen großen Schrift- steller, aber ich möchte doch die Fackel nicht ge- schrieben haben. Es geht eben um mehr als um Schriftstellerei. Ich halte Scheler für einen bedeu- tenden Philosophen, aber ich möchte seine wech- selnde Philosophie nicht gelehrt haben. Es geht also um mehr als um Philosophie. Um was? Nun, ich kann es einigermaßen durch die folgende Be- merkung klarer machen: ich halte Hilty für kei- nen großen Schriftsteller und für keinen großen Philosophen- aber ich möchte viele seiner Sachen geschrieben haben, denn er war ein Freund Gottes. Das Schwerste für den Menschen ist das Maß. Und wenn es sich nur um eine Haaresbreite han- delt- welcher Mensch erfüllt es denn aktiv? Denn passiv ist es eher möglich, wenn es auch da recht schwer und recht selten ist. Ob es ein anderer tut, kann ein Mensch von Zeit zu Zeit beurteilen, der selber es verfehlt- um Haaresbreite. Das ist für mich immer einer der unzähligen indirekten Be- weise für die Göttlichkeit Christi gewesen, daß alle seine Repliken nicht um Haaresbreite weichen von dem Unvorhergesehenen und Unvorherseh- baren, das gesagt werden sowohl konnte wie mußte- es war immer das gottmenschliche Maß in Vollkommenheit, also der äußerste Gegensatz sowohl zu menschlicher Maßlosigkeit wie auch zu menschlicher Mittelmäßigkeit. 171 Das Ärgernis, das eine falsche Lehre anrichtet, ist doch oft ärger, als ein falsches Leben es geben kann. Denn daß ein Leben falsch ist, erkennen im allgemeinen die Menschen doch leichter und sicherer, als daß eine Lehre falsch ist. Von den Priestern der deutschen Herrgottreligion genügt es nicht, zu sagen: tuet alles, was sie euch sagen, aber seid nicht, wie sie selbst sind. Man muẞ sogar zuerst sagen: tuet und glaubet ja nicht, was sie euch sagen und lehren. Die Astronomen sagen uns, daß unheimlich viel leerer Raum im Weltall sei. Aber gilt das nicht auch von der Zeit? Womit ist die Zeit der Welt, seitdem sie erschaffen ist, mit ihr erschaffen wurde, denn ausgefüllt, und womit die Zeit eines jeden einzelnen Lebens? Dennoch wissen wir von einer Fülle der Zeit. Entspricht dem etwas im Raume? Der Geist ist autonom. Er ist es, der richtet, aber von niemand gerichtet wird. Wenn der Mensch als Geist angelegt ist, so ist er als autonom angelegt. Nie könnte ein Mensch auf die Idee der Autonomie kommen, wenn er nicht als autonom angelegt wäre. Der Weg, den er dazu einschlägt, in Kant zum Beispiel, ist falsch. Es gibt eben nur einen Weg, und der ist der Logos selber, der es selber gesagt hat: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben in einem. Einer nur kann eindringlich sagen, was, wie man später feststellt, zur selben Zeit tausend andere auch gesagt haben. Das Geheimnis solcher>> Eindringlichkeit ist rational nicht leicht zu erklä172 ren oder gar nicht, was aber durchaus nicht heißen will, daß es ohne vernünftigen Grund geschehe. Es gibt einen eigens bestellten Dämon des Spot- tes, dessen spezielles Ziel das Beten des Menschen ist.. Ehe nun nicht ein Mensch die natürlich-über- natürliche Einsicht- was sicherlich nicht ohne den Glauben geschieht- gewonnen hat, daß die ein- zige Beziehung vom Menschen her zu Gott eben das Beten ist- ehe das nicht ist, ist ein Mensch, und zwar je begabter, je»intellektueller« er ist, je mehr er selber»denkt«, um so leichter, eine leichte Beute der»unwiderstehlichen« Argumente jenes Dämons. Nach meiner Meinung spricht es für einen Men- schen, der den Glauben nicht hat- es ehrt ihn, meine ich, seinen Verstand und sein Herz, daß er von einem ewigen Leben einfach nichts wissen will. Wer dennoch davon redet, ist, so meine ich, nichts als ein gedankenloser, hohler Schwätzer. In Platon ist eben doch zuviel»Kunst«, die nicht >Natur« geworden ist, vielleicht gar nicht wer- den kann. Und wieviel mehr gilt das erst von anderen Philosophen und von Gelehrten! Auch insofern ist Wissenschaft und Philosophie eine Hemmung, eine Gefahr für unmittelbare Gottes- anbetung. Pascal machte einen ausdrücklichen Unterschied zwischen dem Gott des Abraham, des Isaak und des Jakob und dem Gott der Philo- sophen und der Gelehrten, und der»wissenschaft- lichste« unter allen großen Theologen, der hei- lige Thomas, erklärte am Ende sein System, auf das seine Schüler immer viel stolzer waren als er 173 selber, für» Spreu« gegenüber dem, was Gott ihn, ohne die Methode menschlicher Philosophie, sehen ließ. Gott ist unbegreiflich. Was in dieser Sekunde einzeln und zusammen im Weltall geschieht wie könnte ein Mensch das einzeln und zusammen sehen, denken, übersehen und überdenken? Aber schon ist die nächste Sekunde da, und auch vorüber. Für Gott aber ist die Ewigkeit da, vor und nach unermeßlichen Zeiten! Gott ist unbegreiflich. Im allgemeinen ist der Mensch doch selten in der Stimmung, daß er froh ein ewiges Leben überhaupt wünscht oder wünschen kann. Eine einfache Verlängerung des aktuellen Lebens eines Menschen ist entweder fade, also ekelerregend, oder furchtbar und voller Angst. Dummheit! Dummheit, das ist das Schlagwort, das ich müde vorige Nacht niederschrieb, um nicht zu vergessen, was ich noch niederschreiben wollte. Kann man die Dummheit der Welt vergessen? Wie müde muß ich gewesen sein! Ich wollte aber sagen, daß die größte Klugheit erfolgreicher Herren dieser Welt in dem Wissen und Gebrauch von der Dummheit dieser Welt besteht. Die Völker ruunt in servitium[ stürzen in die Sklaverei] durch ihre Dummheit, die ein verworfener Intellekt nach seinen Begierden zu lenken weiß. Das Verwirrende für den menschlichen Verstand ist, daß Gott manchmal ganz offenbar, möchte man fast sagen, ganz offensichtlich um kleine in174 dividuelle, scheinbar lächerliche Dinge sich küm- mert, etwa daß das Olkrüglein einer alten Frau nicht leer wird, während ihn das Schicksal der in den Augen der Menschen allergrößten Dinge- das Schicksal eines Reiches, gar nicht zu berühren scheint. Hier ist er in entsetzlicher Ferne, dort in seliger Nähe. Gott ist unbegreiflich. Zur rechten Zeit wahrlich habe ich Johannes vom Kreuz gelesen. Er hat mich vieles sehen und er- kennen lassen, vor allem eben die Nacht des Glau- bens. Ich habe ja schon einmal gesagt in diesem Tagebuch: in solchen Zeiten wie heute kann ich nur leben in der Nacht des Glaubens, keine welt- liche Wahrscheinlichkeit, geschweige denn Gewiß- heit leuchtet mehr, daß der Gott wirkt, von dem die Schrift und die Kirche spricht. Vieles andere wurde mir klar. In der Theologie hängt so viel an haarscharfen Unterscheidungen in der Ter- minologie. Für Kierkegaard war doch der Glaube im Leben ungefähr dasselbe wie für Johannes vom Kreuz: Nacht, vollkommene Nacht im Ver-' gleich zu allem menschlichen Verstand. Der große und gefährliche Verführer, der ein Weib oder ein Volk nicht bloß zu einem momen- tanen Fehltritt mit bestimmten äußeren Folgen verführt, sondern ihre Seelen verwüstet und von Gott abbringt, ist, in der Terminologie Kierke- gaards, eine»ausgestorbene« Individualität. Die Ereignisse und Erfahrungen dieser Tage bestä- ügen diese außerordentliche Feststellung im Über- maß. Eigentlich»verführt« wird ja immer das »Weibliche« im Menschen. Darum wendete sich der Teufel zuerst an das Weib, an Eva. Das 175 Werk der Verführung bezweckt die Aufgabe des eigenen Willens und dessen Hingabe oder Auslieferung an einen anderen Willen, einen schlechten und bösen. Dem Mann gegenüber, als Mann, ist die Taktik des Teufels die» Versuchung«<, seinen eigenen Willen zu betonen und durchzusetzen gegenüber dem Willen seines Schöpfers und Gottes, gegenüber einem heiligen Willen. Die Geschichte lehrt, daß im großen und ganzen die Polizei oder was so heißen kann doch stärker ist als das Verbrechen, einfach deshalb, weil trotz aller Verderbtheit die Menschen es doch so haben wollen. Die Filmregisseure lassen doch auch immer die Polizei gewinnen gegen Gauner und Mörder, was sie gewiß nicht täten, wenn das Kinopublikum es nicht wollte. Es sind fast hundert Jahre her, daß Kierkegaard das Sokratische in die Christenheit eingeführt hat. Es war eine große Sache. Welchen Erfolg in der Welt hat sie gehabt? Den entgegengesetzten. Nicht der indirekte, immer wieder sich selbst zurücknehmende» Führer«, sich selbst zurücknehmend aus Ehrfurcht vor der Gotterschaffenheit eines jeden einzelnen, so daß jeder einzelne den Anspruch und das Recht hat, von Gott selber gelehrt zu werden, nicht der Maieutiker als Führer zur Offenbarung und zum Heiland, zur Freiheit und zur Autonomie ist die Entwicklung gewesen, sondern das Gegenteil: der direkte» Führer«, geboren aus einer kriminellen und infantilen Phantasie, ein noch vor dreißig Jahren unvorstellbares Produkt, aus den Verwesungsgasen eines todkranken Volkskörpers. Der göttliche Gedanke Kierkegaards,>> jener Einzelne< hat ein echt christliches Fiasko erlebt. Er ist unter 176 ort lie Re se: ler um die der len Big er- Jer ne« ter echt christlichen Leiden, also mit den Leiden der Liebe, der Welt vorgesetzt worden und ist in der »Welt« einfach verschwunden, einfach nicht da. Aber er ist vor Gott da! Ach, wann ist denn die Stunde Gottes? Kommt sie denn? Warum kommst Du nicht? Komm, ja, komm! Bist Du immer, bist Du ewig in Ohnmacht? O Herr, Du läßt mir den -Glauben verringern; laß mir die Liebe! Führe mich nicht in Versuchung! Mich? Bin ich denn allein? Führe vn nicht in Versuchung! ı1. Dezember ı2 Uhr. Die Italiener werden geschlagen und damit auch wir. Die Tatsache, daß Millionen ‚Deutsche sich darüber freuen, und zwar gute Deutsche, ist das deutlichste Zeichen, wie sehr die Welt aus ihren Fugen ist. Hätte ich es als Kind für möglich gehalten, daß einer aus Pflicht und Liebe zu Gott die zeitliche Niederlage seines eige- nen Volkes wünschen und begrüßen kann? Kann überhaupt ein Kind dieses begreifen? Wie schwer ist es heute, schwermütig und zum Schweigen ver- pflichtend ist es, Vater zu sein, Kinder zu haben, die einem vertrauen und denen man den wahren Sachverhalt nicht sagen darf, weil sie ihn noch gar nicht verstehen können. Replik eines Schrifistellers: Gegen Kritik bin ich immun. Entweder bin ich so eingebildet auf das, "was ich geschrieben habe, daß es mir völlig gleich- gültig ist, was ein anderer darüber sagt oder schreibt; oder ich bin selber so heillos davon über- zeugt, daß, was ich geschrieben habe, ohne jeden Wert ist- nun, und dann ist es wieder völlig gleichgültig, was ein anderer darüber sagt oder schreibt. Ich bin immun. Tag- u, Nachtbücher 12 177 Daß es die christliche Theologie nicht allein mit dem» Denken« zu tun hat, verraten die Theologen selber sehr bald. Mancher vermag ausgezeichnet die Gedanken und deren innerlogische Beziehung zu entwickeln und stolpert sofort, wenn er es mit Konkretem oder substantiell Geschichtlichem zu tun hat, das eben nicht bloß » Gedanke« ist und diesem oft kaum zu gleichen scheint. Kierkegaard hat vollkommen recht: die Reflexion, die Selbstbesinnung, die Rückwendung auf die Gleichzeitigkeit mit Christus ist ein Erfordernis des christlichen Denkers. Kann er das nicht, so ist er vielleicht immer noch ein genialer Denker von Gedanken, aber er ist nicht im strengen Sinne ein christlicher Denker. Das Leben Christi mit den Menschen jeder Art und jeder Stellung ist so reich, daß jeder Mensch trotz der Verschiedenheit des damaligen Lebens von den heutigen Situationen finden kann, wo er in allem Ernste die schwere Frage zu stellen hat: was hätte ich in diesem Falle getan? Selbstverständlich darf er auch diese imaginäre Prüfung nur mit der Hilfe der Gnade anstellen. Sonst könnte er vielleicht verzweifeln. Und das ist sicherlich nicht der Sinn der Sache. Die» Replik eines Schriftstellers«< ist nicht gut gelungen. Ich würde ihn besser sagen lassen: ich bin gegen gute wie gegen schlechte Kritiken immun, und zwar kraft einer complexio oppositorum, die ich bin. Ich bin zu gleicher Zeit so eingebildet auf den Wert all dessen, was ich schreibe, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, was einer darüber sagt, und so überzeugt, daß es nichts ist, daß es mir wiederum gleichgültig ist, was einer dazu 178 nit 20- 3e- che rt, 3e- 0 en die ng Er- Jas ler Jen der der len itte arf der iel- ct ge bin un, die auf mir ber & zu meint. Ja, ich bin immun.- Im übrigen ist das alles unnatürlich und etwas krampfhaft. Es war auch nicht völlige unmittelbare Wahrheit in Kierkegaard.- Ach, es ist heute der 12. Dezember 1940,»der hundertundvierte Tag im zweiten Jahre des Krieges, den Hitler entfesselte«, und du hast Lust, dich mit solchen inaktuellen Spielereien abzugeben? Wird einer, der das in zwanzig Jah- ren lesen wird, nicht unwillig werden darüber und vollends über deine rhetorischen Fragen? Ach, es geschehen merkwürdige Dinge. Vielleicht wird es gerade ein ehemaliger Junker einer Ordens- burg sein, der es lesen wird, dankbar, daß zur selben Zeit, da sein Heiland Hitler die Welt völlig zu zerfetzen drohte, in Deutschland noch private Dinge ernst genommen wurden. Es ist ein großes Privilegium des Menschen: Er kann und darf sagen, daß der Segen eines Vaters oder einer Mutter, wenn sie mit Gott einig sind, sozusagen die Engel bindet. Daß einer nun gar seinen Feind»segnet«, das muß auf einen natür- lichen Menschen unnatürlich und unmenschlich wirken. Die Fähigkeit, einen solchen Segen spre- chen zu können, und ich meine nun in vollkom- mener Wahrhaftigkeit, nicht bloß in Ausführung eines Gebotes des priesterlichen Amtes, ist, nach meiner Meinung, weitaus das höchste Charisma; es setzt die Feindesliebe voraus, die, man über- sehe das doch nicht, dem natürlichen Menschen nicht bloß unverständlich, sondern auch unmög- lich ist. Ein jüdischer Philosophieprofessor, kein großer Philosoph, aber ein gescheiter Mensch, hat zugegeben, die Feindesliebe, wie das Christen- tum sie gebietet, schon als Möglichkeit überhaupt 10% 179 nicht zu verstehen.[ Er scheint ihr also auch nie begegnet zu sein, denn sonst: was wirklich ist, hat doch wahrlich seine Möglichkeit bewiesen!] Das ist ehrlich gesprochen, und ich ziehe es weit dem Geschwätz vieler christlichen Pfarrer vor, die gar nicht wissen, um was es sich handelt. [ Hinwiederum müssen sie es ja freilich sagen kraft ihres Amtes.] Das Charisma, das letzte Siegel des Segens auf die Liebe zum Feinde drükken zu können, scheint dem Märtyrer vorbehalten zu sein. Der erste war der heilige Stephanus. Manche, aber nicht viele, sind ihm nachgefolgt. Es betäubt, zu bedenken, daß Christus, noch am Kreuze hängend, sein Volk gesegnet hat, und kurz nach ihm der sterbende heilige Stephanus. Wo ist das Volk, das damit sich messen könnte? Die Engländer haben etwas davon in Thomas Morus. Am schwärzesten sehe ich für das spirituale Schicksal der Deutschen deshalb, weil sie nichts davon haben. Alle, die Deutschland für >> groß« hält, haben gegen ihre Feinde Teufel und Dämonen beschworen. So spricht der Amokläufer:» Möchte doch die Welt einmal Vernunft annehmen!« Aber die Welt ist im Augenblick wohl eher der Meinung, daß die Vernunft darin bestehe, gegen den Amokläufer Amok zu laufen, und nicht, wie er meint, dem Amokläufer die Kehle hinzuhalten, daß er sie durchschneide. Jeder Mensch, der denkt, betrachtet wohl die Furcht als eine große Hemmung, als eine Knechtschaft, eine Entwürdigung der» Person, als entscheidenden Mangel, der unter keinen Umstän180 ie st, N It IS, den mit»Vollkommenheit« sich verträgt. Jeder Mensch gäbe viel, die Furcht zu verlieren. Das Christentum verspricht, den Menschen von der Furcht zu befreien. Die Engel Gottes treffen den Menschen an einem seiner wundesten Punkte mit der Aufforderung: Fürchtet euch nicht! Das Mit- tel, welches das Christentum anbietet, ist die Liebe oder einfach: Gott selber, indem er die Liebe ist. Furcht ist ein Produkt von Schwäche und Schuld. Darum laufen auch die Selbstbe- mühungen des Menschen, mit der Furcht fertig zu werden, darauf hinaus, je nach dem die Schwäche zu überwinden oder die Schuld. Das bequemste und immer wieder versuchte Mittel ist das Vergessen oder die Illusion durch Betäu- bungsmittel irgendwelcher Art. Die Erfahrung zeigt bald, wie oberflächlich einerseits und zer- störend anderseits diese Mittel wirken. Eine kurz wirkende Kraft wird abgelöst von einer nur. um so realeren Schwäche und also größeren Furcht, ein momentanes Vergessen der Schuld in einer Illusion von einem um so näheren Erinnern und daher wiederum: Furcht und Angst. Das ist also nicht der rechte Weg. Arbeit ist ein besserer Weg. Aber kein sicherer...»Arbeiten und nicht ver- zweifeln« ist eigentlich bereits Verzweifeln. Bei- des steht im äußersten Falle, den ich aber in Be- tracht ziehen muß, wenn solche Gebote nicht ein- fach bloße Notbehelfe sein sollen oder gar blo- Bes Geschwätz- beides steht im äußersten Falle gar nicht in meiner Macht, weder das Arbeiten noch gar das Nichtverzweifeln. Das Rezept muß also im äußersten Falle versagen, es trifft die tealen Zusammenhänge gar nicht. Der Spruch ist sicherlich nicht christlich, er ist der alte stolze 181 - geStoizismus, ausgedrückt im Ethos der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Es ist ein Abgrund zwischen diesem Spruch und dem der Benediktiner: ora et labora. Einen Augenblick, bitte: kann denn ein Mensch unter allen Umständen, immer, in jedem gegebenen Augenblick beten? Ich gebe zu, daß es immerhin leichter ist als in jedem Augenblick zu arbeiten. Das steht, wie Sie selbst es ja bereits gesagt haben, nicht in jedem Augenblick in seiner Macht. Aber ist das Beten nun wirklich absolut in jedem Augenblick dem Menschen möglich?- Im Augenblick, da Sie mich fragt haben, habe ich mir selber die Frage gestellt. Sehen wir zu! Was kann im äußersten Falle einen Menschen noch hindern, zu beten? Eigentlich nur zwei Dinge: sein freier Wille oder der Tod. Im ersten Falle ist sozusagen der Mensch allein schuld, im zweiten Falle, wenn der Mensch sich nicht selber getötet hat, Gott allein.- Das ist wieder etwas zu pointiert gesagt. Sie sind ein unverbesserlicher Schriftsteller, der immer so etwas wie eine Pointe braucht. Es stimmt nie ganz, was Sie sagen. Ein Mensch braucht nicht tot zu sein, um das Bewußtsein zu verlieren. Und ein bewußtloser Mensch kann doch wohl nicht beten. Einer, der noch nie gebetet hat, wohl schwerlich. Was soll nun das wieder heißen? Soll es Menschen geben, die unbewußt beten? - - 12 Uhr: Unterbrechung. Der Bericht und die Stimmen! O Herr und Gott, höre zu! Die Stimmen und der Bericht! Höre zu und räche die Menschheit und die Deutschen, die Dich noch anbeten! 182 en -icr: an er, be m st n- in n- e- e- en n? Ler ch ch as nd SO ie ht nd cht ohl n? die m- die n- 14. Dezember Fortsetzung: Herr, hilf mir! Für gewohnheitsmäßige Beter halte ich das nicht für unmöglich, ja nicht einmal für unwahrscheinlich. Bedenken Sie, wieviel heutige Menschen zugeben, daß sie unbewußt tun und tun können, was Menschen von gestern unbewußt zu tun oder tun zu können für unmöglich, ja für lächerlich und absurd erklärt haben. Aber ich möchte nicht abschweifen zu langwierigen Gesprächen. Das Wichtigste an diesem benediktinischen Spruche ist die Ordnung jenseits jeder psychologischen Schwierigkeit, die hierarchische Ordnung, daß das Erste des bewußten Menschen, um recht zu leben und also auch der» Flucht zu entgehen, die bewußte Herstellung der Beziehung zu Gott, der» Allmacht«< ist, in deren Hand er absolut ist; und diese bewußte Herstellung kann nur im orare bestehen, im Beten, und zwar im Beten im weitesten Sinne des Wortes, so daß schließlich, wie am Anfang im unschuldigen Kinde, das getauft worden ist, so auch am Schlusse im versöhnten Menschen das Atmen selber zum Beten wird, das Atmen selber schon, das doch gar nicht mehr in der Kraft, in der eigenen Kraft des individuellen Menschen liegt, sondern die Lebenskraft ist, die Gott dem einzelnen gibt. Das Beten ist das Erste, was ich zu tun habe, und dann auch das Letzte, was ich in der äußersten Schwäche vor dem Tode noch tun kann. Und das Nächste ist das Arbeiten, das ich noch tun muß, so lange ich noch etwas Kraft dazu habe. Über diesen Spruch, über diese Ordnung geht in diesem Äon nichts hinaus. Es kann dazu nur noch» Ausführungsbestimmungen<< geben. Auch hier kann der Teufel nur nachäffen. 183 Er erfindet seinen eigenen Ritus und läßt dann fronen. Gebet und Arbeit sind die» ordentlichen<< Waffen gegen die Furcht, die Angst des Lebens. Doch glaube ich, daß die Furcht als Gottesfurcht, als Ehrfurcht vor Gott, in Reinheit ein Element aller» Kreatur«, ja ein Bestandteil der höchsten Liebe des Geschöpfes zu Gott ist. Völlig ausgeschlossen von einem Kinde oder Freunde Gottes ist freilich alle tierische, knechtische oder gar höllische Furcht, also die Furcht vor Sünde oder Strafe der Sünde. Aber die Allmacht und ihre Kraft bleiben in alle Ewigkeit. Und diese Allmacht und diese Kraft hat nur einer: Gott. Kein Geschöpf hat sie, und auch die gesammelte Kraft aller Geschöpfe ist dagegen ein Nichts. Eine Furcht davor liegt also einfach als Natur« im Wesen des Geschöpfs. Sie müßte auch für den Unschuldigen oder den Wiederversöhnten noch furchtbar sein, wäre nicht die Offenbarung der Liebe Gottes, in der sie versinken, aber nicht zerstört werden kann. Ja, um alles zu sagen: sie könnte nicht einmal in der Liebe Gottes versinken, wäre nicht der ewige Sohn, die zweite Person der Trinität, Mensch geworden. » Sich einen Namen machen« ist der höchste Ehrgeiz der Welt. Dafür entsagt der Edlere sogar dem Genuß. Und es ist die einzige Weise, wie die Welt dem großen Geheimnis des» Namens< nahezukommen strebt. Das Geheimnis des Namens aber ist der» Auserwählte«, und diesen Namen gibt allein Gott ohne primordiales Zutun des Menschen, und Gott gibt diesen Namen über den Namen des Ewigen Sohnes, dessen Name über alle Namen ist. 184 nn n« Es ist wohl kein Zweifel möglich, daß eine ge- wisse»bürgerliche« und»kapitalistische« Ordnung als eine spezifische zeitliche Erscheinung zum Un- tergang reif ist und weg soll. Aber die Herren des deutschen Reiches tun nun so, als solle der »Mensch«, wie Gott ihn gemacht hat, weg. Sie haben schon manches getan, um diese Absicht deutlich zu machen. Wenn ihnen das gelingen sollte, dann sind ihre letzten Tage nahe. Aber ich zweifle noch. Es gibt Restaurationen. Es gibt in der Bibel, und zwar im Alten wie im Neuen Testament, eine Mitleidlosigkeit, die uns, hätten wir etwas Phantasie, in Erstaunen, ja in Schrecken versetzen müßte, zum mindesten in Nachdenken. Die Menschen, denen dort über- haupt kein»Mitleid« erwiesen wird, sind keine Extra-Bösewichter, sondern einfach, was man so »Menschen« nennt. Härte gegen Gesindel ist jeden- falls nicht unchristlich. Aber ist das nicht auch bloß gegenüber der»Masse« möglich, weil es eine Masse, weil es die Quantität gibt? Ist es denkbar, wenn es nur wenige Menschen gäbe? Der Weg des Heils kann nicht sein die Zusam- menschweißung einer Masse, sondern eher ihre Zertrümmerung. Es ist beachtenswert, daß auch Hilty, nicht bloß Kierkegaard, mit dem:er doch wahrlich im übrigen nicht verwandt war, an den Massenbekehrungen der Apostel Anstoß ge- nommen hat. Ih habe die Erfahrung gemacht, daß jeder Mensch, auch der von Hause aus schüchtern oder verschüchtert ist durch Geburt oder durch Er- zichung, im gegebenen Falle viel eher redet, wo 185 er schweigen sollte, als schweigt, wo das Reden am Platze wäre. - Rhetorische Fragen, die nicht uninteressant sind: kann man sich eine Zusammenkunft zwischen Goethe und Hitler denken? Warum denn nicht? Vielleicht haben wir heute falsche Vorstellungen von jenem! Zeit und Geschichte verklärt.- Das ist so, aber doch nur bis zu einem gewissen Grad. Ein gemeiner Kerl bleibt eben doch ein gemeiner Kerl, und ein Dummkopf ein Dummkopf. Weder Napoleon noch Goethe waren das eine oder das andere. Das Licht der Zukunft ist nur im Glauben. Wissen ist nur Raten, eines Mannes kaum wert. Vor jeder Generation steht die Zukunft in gleicher Nacht, im gleichen Dunkel. Wer nicht von der Gabe der Propheten bewegt ist, der schweige über Dinge, die über die nächsten hinausgehen. Das Sicherste ist immer, Unglück zu prophezeien, wenigstens auf lange Dauer. Also bei Glück auf die Weise der Mutter Napoleons: pourvu, que ça doure. Nur wer den rechten Glauben hat, hat in diesem Aon die erreichbare, mögliche Sicherheit. Wer den rechten Glauben hat, sage ich, denn wer einen falschen hat, der ist freilich noch viel übler daran, als wer nach der Klugheit der Welt mit Wissenschaft und Wahrscheinlichkeiten rechnet. Der größte Verderber und Verführer der Seelen ist der Erfolg, den kürzere oder längere Zeit oder vielleicht die ganze Zeit für eine oder mehrere Generationen ein falscher Glaube hat. Man kann nicht die Früchte, an denen man den Baum des rechten Glaubens erkennen kann und 186 soll, gleichsetzen mit dem, was namentlich heute unter»Erfolg« verstanden wird. Es ist vielmehr eher so, daß auch die Früchte selber wieder, die echten Früchte des heiligen, geheiligten Baumes in der Welt durchaus keinen Erfolg bringen, son- dern Mißachtung, Spott und Hohn. Der Erfolg eines falschen Glaubens im oberflächlichen und im niederen Sein des Menschen ist oft sehr viel stärker als die Evidenz, daß er für das tiefere Sein des Menschen und für die Ewigkeit falsch ist. 18. Dezember Daß einem unter tausend täglichen Lügen eine besonders fette auffällt, das will noch nichts hei- ßen, wiewohl es auch schon selten ist. Aber ein geistiges Leben führt doch erst der, der sich die Primitivität bewahrt hat, jede Lüge in ihrer Qua- lität als Lüge zu sehen und sich vorzustellen, Ent- setzen und Staunen aufzubringen, daß Leben und Handeln bewußt auf Lügen gebaut werden, statt auf Wahrheiten. Wenn Häuser der Menschen statt von Menschen von Ratten bewohnt werden, und es fällt unter diesen nur eine besonders fette auf, dann wird die Situation noch nicht richtig erfaßt. Nein, die Pointe ist, daß die Häuser von Ratten bewohnt werden- und nicht von Menschen. Daß ich in diesem Augenblick gegen Hitler voll- kommen ohnmächtig bin- wahrlich, das weiß niemand besser als ich selber- ich weiß diese Ohnmacht in all ihrer negativen Größe voll zu kosten und zu schmecken- und doch nicht in der ganzen Fülle, sonst wäre ich so nahe dem all- mächtigen Gott wie Märtyrer und Apostel. So bin ich zwiespältig. Ich weiß von meiner Ohn- # 187 macht und davon getrennt von der Allmacht Gottes, die ihrer nicht spotten läßt, die über jene Macht» lacht, die doch meine Seele und meinen Leib plagt soweit es Gott zu meinem Heil zuläßt. O Herr, mein Gott, erbarme Dich meiner und meiner Gedanken, daß diese nicht ihre Klarheit in Deinem Lichte verlieren! - - Gibt es etwas Verständlicheres, als daß einer wegen Hitler den Glauben an Gott verliert?- Unsinn! Es gibt nichts Unverständlicheres, als daß einer wegen eines solchen Nichts den Glauben an Gott verlieren kann!- Nun, mein Freund, zunächst einmal: es haben ihn schon viele verloren. Eine einfache Tatsache. Unsinn! sage ich; sie haben den Glauben nie gehabt, und man kann nicht etwas verlieren, was man gar nicht hat.- Nun, wenn Sie die Sache so ansehen, hört natürlich die Diskussion auf. Packen wir die Sache anders an! Sackgassen verlasse ich auf der Stelle. Sie äußern sich entrüstet über die Möglichkeit, daß einer um eines Schmutzes wie Hitler willen [ in diesem Urteil sind wir absolut einig] den Glauben an Gott verlieren könne. Aber nun frage ich Sie, was ist denn leichter oder verständlicher: den Glauben an Gott zu verlieren, wenn im groBen und ganzen doch das Gute herrscht und das Edle, oder wenn, wie doch zweifellos in diesem Augenblick und wahrlich schon vorher, das Böse und das Gemeine triumphieren?- Sie sprechen nun überhaupt nicht vom» Glauben«[ ich habe nie behauptet, daß der Glaube leicht sei!], Sie sprechen vom menschlichen Verstand und von menschlicher Wahrscheinlichkeit; und dann haben Sie natürlich recht: es ist keine Kunst, an 188. Ot- ne en ZU- ar- en Jie on 1a- an Gott zu glauben, wenn das Gute und das Edle herrschen. Aber ist denn das geschehen, als Chri- stus gekreuzigt wurde und seine Blutzeugen für ihn starben?- Wohl, Sie verteidigen den Glau- ben gut. Und ich habe ihn ja auch und will ihn nicht verlieren. Gott beschütze mich! Aber sa- gen Sie.mir, ob der Glaube auch in dem Falle noch möglich ist, da zur der Teufel herrscht und Gott in keiner Weise mehr sich zeigt, also voll- kommen ohnmächtig ist?- Das ist ein furcht- bares Sophisma, denn das eben ist ja der»Glaube«, daß Gott jederzeit allmächtig ist und über den Teufel gesiegt hat. Sie sind auch hier noch nicht von den»Gedanken« der Menschen losgekom- men.- Ich ahne wohl, daß Sie recht haben und sih zum Anwalt der Heiligen machen. Aber las- sen Sie mich der Anwalt, nicht des Teufels, son- dern des schwachen Menschen sein, der, wie ich selber, die Barmherzigkeit Gottes nötig hat. Ist nicht gerade für einen einigermaßen»guten Men- schen«, der die Augen für die Ereignisse der Welt offen hat, das am schwersten Glaubhafte- die Macht und gar die Allmacht Gottes? Ist es nicht denkbar, daß einer den Glauben an die Allmacht Gottes, des Vaters, verloren hat und dennoch an Christus glaubt, das ist vielleicht nicht richtig ge- sagt: nein, Christus liebt als das vollkommenste Wesen, das aber als»die Liebe« seine Existenz mit dem Untergang bezahlen mußte, weil eben der Liebe nicht die Macht gehört.- Sie sind nicht nüchtern genug. Ein Dichter»übertreibt«- das ist sein Wesen. Der Dichter magnifiziert. Aber man darf nur- und auch nicht immer- das Gött- liche magnifizieren, nie das Gemischte oder das Mittelmäßige oder gar das Böse. Den Menschen, 189 den Sie beschreiben, mag es geben, und er ist sicherlich unglücklich, ja verzweifelt und der Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen, vorausgesetzt, daß er nicht als» Lehrer«, also als Häretiker, auftritt; denn vergessen Sie nicht, daß Marcion ungefähr solche Ansichten hatte und daß ihn der heilige Polykarp einen Sohn Satans nannte. Unser Glaube ist, daß Gott der allmächtige Vater ist und Christus Jesus Sein Sohn, der zu Seiner Rechten sitzt und dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Das ist » Glaube«. unser Replik: Es gibt einen Druck, den ich einfach nicht von mir abwälzen kann; ich kann ihn tragen, aber ich zittere unter ihm. Es ist doch unser Glaube, daß unser Wille frei ist, übrigens sogar unsere Erfahrung. Wäre unser Wille nicht wahrhaft frei, so wäre unsere Verantwortung, ich meine vor Gott, ja sinnlos. Auch wäre der Mensch ohne Würde, deren Frieden mit der Freiheit ist. Anderseits ist unser Glaube, daß Gott alles vorausbestimmt- gewiß, ich weiß es, auch unsere Freiheit als Freiheit. Es ist der Ruhm der echten christlichen Theologie gegenüber einer zögernden und halben, daß sie in vollkommener Unerschrokkenheit die Konsequenzen aus beiden Sätzen zieht, auch wenn sie einander zu zertrümmern scheinen. Und sie täten es für den Rationalisten von einer Ebene: sie stoßen einfach zusammen und heben einander auf. Das tun sie nun nicht in der echten Theologie des unverfälschten Glaubens, in der geläuterten Theologie der Kirche. Hier und nur hier geschieht so etwas wie ein Wunder des Verstandes zur gloria Dei. Es ist, um die Sprache 190 ner ben ten der nur Ter- che Kierkegaards zu reden, jenes Paradox, welches überhaupt die Wahrheit ist. Es gibt nur ein ein- ziges solches. Alle anderen unzähligen möglichen sind nur Abstrusitäten oder simple Absurditäten. Eine einzige Formulierung, die aber für die welt- lichen Rationalisten ohne den Glauben einfach absurd ist, und nur eine einzige, aber immer noch durchaus paradoxe, hat das Privileg, der wahre menschliche Ausdruck zu sein für den Tatbestand einer anders einfach nicht faßbaren christlichen entscheidenden Wahrheit. Aber habe ich nun nicht den Anfang ganz vergessen? Sprach ich nicht von einem Druck und von großen Schwierigkeiten, und nun gehe ich fast unter in Begeisterung, wie doch immer, wenn ich zu dieser Theologie komme? Was wollte ich denn sagen? Ja, dieses: daß der Prädestinationsgedanke immer wieder eine solche Übermacht zu gewinnen droht, daß der Gedanke der Freiheit hineingerissen wird, auch wenn man ihn mit äußerster Strenge zu stabilisieren ver- sucht. Aber daraus braucht vielleicht nur zu fol- gen, daß eben für den menschlichen Verstand der Gedanke der Notwendigkeit schr viel leichter zu fassen und zu denken ist als der Gedanke der Freiheit. Möchtest du nun eigentlich, daß jemand liest, was du da Nacht für Nacht schreibst- du schreibst immer nur nachts, hast du jemals etwas bei Tag niedergeschrieben?-, möchtest du eigentlich, daß das jemand liest?- Du überraschst mich durch diese Frage; ich habe sie mir bewußt noch nie ge- stellt, ich schreibe sozusagen, weil ich Leser bin und immer von meinem Schreiben profitiere. Aber jetzt, da ich gefragt werde, muß ich gestehen: I9I wer schreibt, will gelesen werden, und nicht bloß von sich selbst. Im allgemeinen wollen die Deutschen gar nicht, daß Gott zuviel mache; sie möchten am liebsten alles selber machen. Am liebsten sich selber mit dem Schopf aus dem Nichts ziehen. Selber schuldig werden, das auch natürlich, dazu braucht man keinen mächtigen Versucher. Und dann: sich selber erlösen! Ja keinen Erlöser! Selbst ist. der Mann! Und wenn man selber alles getan hat, dann muß Gott seinen Segen geben, er ist moralisch dazu verpflichtet. Ein deutscher katholischer Theologe hat, einer ähnlichen Linie folgend, es fertiggebracht, Gott als causa sui zu bezeichnen, das barbarischeste, plebejischeste Theologumenon, das ich kenne. Es werden viele Gedanken geäußert und niedergeschrieben, deren Autoren es nur tun in der Hoffnung und Erwartung, daß die Leser diese Gedanken viel besser und tiefer verstehen werden als sie selber. Das ist gar nicht unmöglich. Aber ein gewissenhafter Denker hat doch Scheu, das zu tun. Er will einen Gedanken erst selber kennenlernen, ehe er ihn auf die Menschen losläßt. Er kennt die Gefahren noch unerkannter Gedanken. Viele Durchschnittschristen können sich überhaupt keine Vorstellung von der Weise des Satzes machen, daß es beim Vater viele Wohnungen gibt und daß viele zu Ihm gehören, die nicht sichtbar zu Seiner Kirche gehören, während hinwiederum die Menschen der» Welt« die Enge dieses Satzes nicht 192 At, en it er= 3e- len yer las en- Rt, ıpt na- ınd die cht verstehen und die Kluft, die sie scheidet. Gewisse christliche Existenzen sind normal unverständlich. Sie hängen stündlich an einem Faden und wan- deln am Abgrund der Verzweiflung und fühlen sich fast zur selben Zeit»persönlich« in der Hand des allmächtigen Gottes, und alles ist überhaupt nur um ihretwillen da, sie sind zur selben Zeit weniger als nichts, und das ist alles nicht ein Ge- schwätz oder eine Propagandarede, sondern das alles ist einfach Wahrheit. Das alles ist einfach so. 24. Dezember In der Nacht, da Christus geboren wurde, spra- chen die Führer des deutschen Volkes von der deutschen Weihnacht. Kann Gott noch Gott hei- ßen nach diesen greulichen Lästerungen seines Namens? Wehe den Söhnen und Enkeln! Und “überall jener schauerliche Stolz, am offenbarsten in der Rede des Generalfeldmarschalls von Brau- chitsch:»Das Meer ist für England eine Mauer nur, solange es uns paßt.« Gott kann um nie- mand mehr Mauern bauen, wenn Hitler es nicht haben will.»Gott hat uns gesegnet.« Also sprach der Generalfeldmarschall und fuhr fort:»Gott wird uns auch ferner nicht verlassen, wenn«- ja wenn, was denn? wird er den seit Anbeginn des Betens einzig möglichen Nachsatz anhängen, die uralte Formel: wenn wir ihn nicht verlassen? Nein, das wußte ich mit tödlicher Sicherheit, daß er es nicht sagen werde, aber was dann? Er fuhr fort:»wenn wir uns nicht verlassen.« Also, das ist die Bedingung für Gott, an die er gebunden ist: wenn wir uns nicht verlassen, das heißt also nach ihrer Meinung: Hitler nicht verlassen, muß Gott uns helfen. Das ist der»stolze deutsche Tag- u. Nachtbücher 13 193 - Glaube«. Es besteht, außer bei Gott, bei dem alles möglich ist, heute keine Möglichkeit, dem stolzen deutschen General die simpelste christliche Wahrheit beizubringen, etwa daß ein allmächtiger Gott ja schließlich auch Herr über den Willen der Menschen ist, daß er sie lenken kann wie Bäche. Nein, wenn diese Prinzipien, der schiere Hochmut, die stupideste ewiger Wesenswahrheiten, eindeutig so siegten dann ist Gott nie gewesen, dann ist alles Wahnsinn. Aber das hinschreiben ist schon Gewißheit, daß es nicht sein wird.- Mein Freund, beweisen diese Empörung und Verzweiflung, diese künstliche Steigerung beider nicht deutlich, daß du entweder nicht ganz nüchtern bleiben kannst, nicht ganz ohne» Entrüstung«, oder daß du das Äußerste eben nicht aushalten kannst, ihm nicht gewachsen bist? Denn schließlich, wenn die Prophezeiung Christi und seiner Offenbarung nicht leere Worte sind, dann wird es doch so zugehen wie heute und noch viel schlimmer. Ja, aber Gott wird die Tage abkürzen. Ja, aber Er bestimmt das Maß, nicht du! Ja, jawohl, was soll ich also tun? Dein Herz in Geduld fassen, mein Freund. Und dann: dürstet dich denn nach Gerechtigkeit? So, daß du dafür leidest?- Ja, ich weiß jetzt schon. - - - Replik: Mein Glaube ist so dünn und so schwach wie ein Haar, und was an ihm hängt, so stark und so schwer, ach, schwerer und stärker als die Welt. Wenn es aber hält! Bedenke, dieses Haar ist die Gnade. Und die Gnade ist die Kraft Gottes. Sie wird wohl die Welt halten können. Ach, Sie sind ein Dichter! Das scheint Ihre 194 - - - ott las cht m ei- ler nz ste sen ing rte ute ird das Iso nd. sit? tzt ach ark die aar ‚ot- 5 hre schlimmste Beschimpfung zu sein.- Das ist über-' trieben und ist schief gesagt. Nein, aber bei sonst - guten Menschen ist oft das Dichterische in reli- giösen Dingen eine große Gefahr. Der Dichter magnifiziert immer.- Gewiß: magnificat anima mea...- Halt! Das ist in Ordnung, es ist natür- lich, das Göttliche zu magnifizieren, aber dabei läßt es der Dichter nicht bewenden. Er magnifi- ziert auch die»Welt« im Guten und im Bösen, und leider auch sich selber: im Guten und im Bösen, und beides ist nicht recht. Wir sagen, daß der Geist Gottes in einem Men- schen Wohnung nehme, und wir sagen, daß ein Mensch vom Geiste des Bösen, von Dämonen besessen werde; wir sagen nicht umgekehrt und betonen durch diese Unterscheidung das Moment der Freiheit, die durch die Einwohnung des Gei- stes Gottes einem Menschen erst recht in erhöh- tem Maße gegeben wird, während die Besessen- heit die vollendete Knechtschaft ist. So sind meine Nächte: im Anfang ist alles dürr und trocken, und kein Tropfen scheint meine Zunge mehr erquicken zu wollen. Dann springt irgendwoher ein Bächlein, und bald rauschen viele Wasser, und das Becken reicht nicht, sie zu fassen. Laß niemals von Gott! Liebe Ihn! Wenn du das im Augenblick nicht kannst, dann streite mit Ihm, klage Ihn an und rechte mit Ihm wie Hiob, ja, wenn du das kannst, lästere Ihn, aber- laß Ihn nie! Sonst wirst du zum lächerlichsten Lap- pen und, das Schrecklichste, du wirst es selber gar nicht merken. 13* 195 Kinder und junge Menschen haben von alten Leuten Vorstellungen, die diese selber nie haben. Der neunzigjährige Prinz Eugen sagte zu seinem ebenso alten Oberförster: wir fühlen uns doch noch ganz frisch, wir merken gar nicht, daß wir so alt sind. Wir nicht, Königliche Hoheit, aber die andern, antwortete der weisere Oberförster. -- Es ist für mich selber ein Problem, warum es mir überhaupt nicht einfallen kann, in diesem Menschen, der doch heute der mächtigste der Welt ist und vieles» geleistet« hat, etwas menschlich groß zu finden. Nichts. Nur das Ordinärste, Gemeinste, Plebejischeste in freilich ungeheuerlichem Maß, aber das ist keine» Größe«. Ich weiß nicht, ob ein Zeitgenosse gegenüber Napoleon ähnlich empfinden konnte, ich weiß es nicht. Aber gegen Hitler bringe ich an menschlichen Gefühlen nichts auf als grenzenlose Verachtung. Er ist mit Haut und Haaren das, wovor mir ekelt. Das ist das eine. Vor dem andern graut mir, aber das ist nicht mehr menschlich. Das ist die Stimme des Höllenwolfes:» Ich werde ihnen ihre Kinder nehmen!< [ Hitler, 1937.] Wer immer es auf die Freiheit der Völker und der Person abgesehen hat, der muß der Feind des Christentums sein. Die primitivste Art der Freiheit ist: nach seiner Art zu leben. Dafür kämpfen zunächst noch ohne Reflexion die Völker, rein instinkthaft. Das liegt in der Natur und ist so im großen und ganzen recht und gerecht. Bald differenzieren sich innerhalb der Völker verschiedene Arten«, sei es höheren oder niederen Wertes; sie suchen sich ihre Freiheiten«. Geschieht 196 in das ohne Zerstörung des Ganzen, so ist es ein großer Fortschritt. Führt diese Entwicklung zur Anarchie, so kann eine Reaktion eintreten, die künstlich- cum fundamento‘in re natürlich- eine »Norm« der Volksart bestimmt, der allein und absolut die»Freiheit« zuerkannt wird. Das ist heute so in Deutschland. Die Folge ist die Knecht- schaft jeder vornehmeren und edleren Art. Schließ- lich ist es sogar die Knechtschaft, die Knechtung der Volksart überhaupt, denn wenn wir die Sache recht bedenken, muß man doch sagen, daß die Volksart sinnhaft niemals von einer einzigen Ge- neration allein bestimmt werden kann, und wäre diese sogar die reichste an Genies oder gar an Heiligen- es wäre doch immer eine Anmaßung. Nicht einmal über eine Pflanzenzelle, eine Tier- art, solange sie noch am Leben sind, geschweige denn über Arten des Menschen, der doch als Geist angelegt ist. Immer bleibt eine Möglichkeit offen, wenn nicht mehrere. Man sollte meinen, nichts sei klarer. Nun sehe man sich aber an, was heute geschieht! Geistig ein Unterdurchschnitt, Herren, die ressentimenterfüllt sich dafür rächen, daß sie einem geltenden[übrigens falschen oder falsch angewendeten] Bildungsideal nicht genügen konn- ten, daß sie das participium absolutum etwa nicht verstanden oder die Konstruktion der indirekten Rede: intellektuell also die vielen Malträtierten und Unterdurchschnittlichen; moralisch aber nicht bloß die Durchschnittlichen, Rohen, Brutalen, sondern vor allem die kriminell Veranlagten, ja die Diabolischen, die Bösen, die Haßerfüllten, die Gottes- und die Christushasser, die Hasser der Trinität: diese, sie alle bestimmen kategorisch, was deutsche Art ist; sie bestimmen für alle Zu- 197 kunft, was sie sein soll. Sie müssen zu diesem Zweck alle Erinnerung auslöschen an alles Vergangene, Edle und Große, oder sie müssen dieses doch umfälschen in Niedrigeres. Aber man braucht sie sich nur recht vorzustellen, um sich zu sagen, daß dieses nicht dauern kann. Hier ist nur die Wahl: Dieses Unternehmen scheitert, oder es kommt überhaupt das Ende. 30. Dezember Roosevelt hat gesprochen. Es scheint, daß er endlich weiß oder doch ahnt, worum es geht. Ganz sicher ist das freilich auch nicht. Immerhin, er hat zuweilen die richtigen Töne angeschlagen. Es geht nicht bloß um die» Demokratie«: es geht um > den Menschen«. Es geht darum, ob die Menschheit ihr Ende besiegelt mit dem Siege der Lüge, ob die Menschheit endet als Schurke und als Knecht; ob der» Deutsche« dazu prädestiniert ist, das Reich der Finsternis für diesen Äon zu errichten. Ich glaube es noch nicht oder besser: ich kann es noch nicht glauben. Ich fürchte mich; nicht immer! Gott sei Dank! Das Wort: fürchtet euch nicht! hallt oft in meinem Herzen. Wir werden entsetzliches Elend haben, aber die schrecklichsten Verbrecher Deutschlands werden wir los werden. Ich nehme mir heute schon vor, alles Schreckliche zu tragen auf dem Grunde des Dankes gegen Gott, daß er dieses nicht zugelassen hat. Aber wie lange noch, o Gott, wie lange noch? In diesen Tagen habe ich Ahnungen und Warnungen, daß ich lange leben werde, und zugleich doch auch wieder den Eindruck, daß ich noch nicht reif bin. Gott schütze mich! 198 Sem Fereses cht gen, die es ndanz er Es um chob cht; das en. es m- Ich Hen cherckgeDer arSch ht Einen Menschen, der sein Volk nur kommandiert, nicht von Natur einfach selbstverständlich liebt, verstehe ich nicht. Ein solcher Mensch ist eben nicht natürlich. Er ist seelisch oder geistig krank. Dabei aber hat es sein Bewenden. Jede auch noch so leichte Überbetonung dieser Liebe auf Kosten der großen Dinge, also der Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Schönheit, ist mir im Innersten zuwider. Goethe ist für mich allein dadurch unendlich viel größer als Fichte oder Arndt, und Aristoteles als Demosthenes, dessen chauvinistische Clique ihn zum Vaterlandsverräter stempeln wollte. Noch niemals sind alle schlechten Eigenschaften eines Volkes von Verbrechern so total und erfolgreich mobilisiert und ausgenützt worden wie heute die des deutschen Volkes. So liegt heute die Liebe des Deutschen zu seinem Volke nur in der Bewahrung der Hoffnung, daß es noch Zeit gewinne, zu seinem besseren Wesen zurückzukehren. Die Liebe muß die Furchtlosigkeit gewinnen: lieber im Zeitlichen, Materiellen, Körperlichen vernichtet zu werden, als an seiner Seele Schaden zu nehmen für ewig. Ich erinnere mich noch gut, welche Angst ich 1918/19 hatte, daß wir an Ruhm und Geltung in der Welt verlören. Das war eine große geistige Schwäche. Ich weiß jetzt mit Gewißheit, daß heute die Welt zu erobern für Deutschland der Ruin wäre. Herr Frank, der eines der ausgestorbensten der vielen heutigen deutschen Verbrechergesichter hat, soll gesagt haben, daß Hitler von Gott zum» Herrn der Erde« bestimmt sei. Meine Worte werden nicht vergehen«, konnte eben in Wahrheit nur das Wort Gottes sagen. 199 Keiner sonst, so groß er unter Menschen vergleichsweise auch sein mag. Die ewigen Wahrheiten müssen immer wieder einen neuen Leib der Zeit bekommen. Newman oder Kierkegaard oder Hilty mußten und konnten Dinge sagen, die eben Thomas oder Augustinus nicht sagen konnten, obwohl sie dasselbe sagen. Es wäre ja wohl auch ungerecht, wenn die Gaben und die Leiden solcher Männer nur unnötige Wiederholungen zur Frucht gehabt hätten. Die Konsequenz der menschlichen Freiheit scheint zu sein, daß mein Heil ganz von mir abhängt, die Konsequenz der göttlichen Vorherbestimmung, daß es überhaupt nicht von mir abhängt. Der menschliche Verstand, der nur eine dieser Konsequenzen zieht und die andere aufgibt, gibt zweifellos die Wirklichkeit auf und versagt dadurch ihr gegenüber, denn er ist untertan der Wirklichkeit, er darf nicht aus sich heraus oder aus bloßen Gedanken heraus argumentieren, konstruieren und dekretieren. Der menschliche Verstand aber, der unerschrocken und tapfer beide Konsequenzen zieht, was er, um sich und seiner Aufgabe treu zu bleiben, tun muß dieser menschliche Verstand erklärt sich bankerott vor seiner eigentlichen Aufgabe: zu verstehen, also das zu tun, woher und wofür er doch seinen Namen hat: zu verstehen. Er versteht das nicht. Jeder Versuch, vor diesem Geheimnis, diesem Mysterium in eine Annäherung sich zu flüchten, ist eine Täuschung oder eine Lüge, denn er versteht das nicht. Doch liegt hier noch eine einmalige Seltsamkeit vor. Dieses Nichtverstehen hat gefühlsmäßige Merkmale, die jedes andere nicht hat. Es gibt ja wahrlich unzählige 200 - ten eit ler en en, ich her cht int st, ng, er se- el- ihr it, Fälle des Nichtverstehens faktischer oder wirk- licher Dinge oder Ereignisse. Diese alle aber ha- ben sozusagen nur eine negative Seite, sie haben nur das»nicht«, man versteht eben nicht, und da- mit basta. Jenes Nichtverstehen göttlicher Wahr- heiten aber, die man durch natürliche oder über- natürliche Offenbarung erlangte, hat neben der Absolutheit des»nicht«, von der keiner etwas ab- handeln kann, noch eine Position völlig transzen- * denter Art. Die Region, der Punkt des absoluten Nichtverstehens ist sozusagen genau umzirkelt, und jede falsche Linie der Umschreibung ist für einen sensiblen Verstand fühlbar und kann von einem starken Verstande durch Argumentation angegeben werden. Es gibt so vieles Nichtver- stehen, aber nur dieses eine, das ein Mysterium des Lichtes ist, nur eines, in dem die Kraft Gottes ist, solange der Mensch es nicht verläßt zugunsten seines eigenen kleinen Verstandes. 1941 Am 30. Januar 1933 haben wir als Volk die Apostasie erklärt. Seitdem sind wir als Volk auf dem falschen Weg, auf der falschen Seite. Es sind auch heute wenige in diesem Volke, die ahnen, was das heißt: auf dem falschen Wege, auf der falschen Seite zu sein. Wenn innerhalb einer christlichen Ordnung nur die Deutschen die Engländer in der sogenannten Weltherrschaft ablösen sollten- was läge daran? Es verlohnte sich nicht für einen geistigen Menschen, Mühe und Arbeit daran zu verschwenden und vieles Nachdenken. Aber nun ist es klar und deutlich eine Sache Christi und des Antichrist. Der große Dichter ist androgyn, ob er nun in der Hauptsache und als physisch- seelisches Individuum Mann oder Weib ist. Rilke hat die portugiesischen Sonette im großen und ganzen gut übersetzt, aber Elisabeth Barrett ist der größere Dichter. Rilke hat manches als Männchen nur weibisch wiedergegeben, was die rückhaltlose Weiblichkeit Elisabeths mit männlichem Geiste gestaltet hat. Eine Schwierigkeit, die mir seit langem zu schaffen macht: ich halte Hilty für einen der aufrichtigsten Menschen und wahrhaftesten Christen der Welt und Cromwell für einen der verlogensten Menschen der Weltgeschichte, für einen groBen Heuchler, nicht ohne ihm in manchem natürlich Selbstbetrug zuzugestehen. Wie ist es mögt 202 die auf Es die ge, nur ten an? enden und in ndiborgut Bere nur lose eiste afaufsten gengrotüröglich, daß Hilty sozusagen seine Hand ins Feuer legt für die Aufrichtigkeit Cromwells? Wie ist das möglich? Ich bin nicht ohne Angst. Nicht daß ich mich in dieser Sache, in diesen beiden Urteilen getäuscht hätte. O nein! Aber ich habe Angst, daß ich mich anderswo täuschen kann. 4. Januar Radio Moskau. Erklärung der Prawda: Rußland führte 1940 die Völker. Es gibt in Kunst und Wissenschaft den Menschen die Gesetze. 1941 wird es noch mehr so sein und 1942 noch mehr. Eine vollkommene Kultur in nationaler russischer Form mit sozialistischem Inhalt und Kern.- Vielleicht ist es gar nicht ohne Fundament im Vergleich zu dem, was in Europa und in Amerika geschieht. Die Stunde der Slawen! - Die Frage des Bewußtseins, seiner Grade und seiner Stufen was etwas Verschiedenes ist- macht große Schwierigkeiten und verwirrt den Geist. Was die drei Eigenheiten des Geistes anlangt: Denken, Fühlen und Wollen, so ging der Begriff des unbewußten Wollens den Menschen wohl am leichtesten und darum auch am frühesten ein, übrigens aus einem Mißverständnis. Es wurde Wille mit Trieb gleichgesetzt oder doch nur als eine Entwicklung oder eine Spezifizierung des Triebes erklärt.» Trieb« aber ist ein biologischer Begriff und überhaupt ein unbewußter. Am schwersten ging der Begriff eines unbewußten Denkens ein, es gibt wohl heute noch Menschen, die unbewußtes Denken als eine contradictio in adjecto für ein» hölzernes Eisen« halten. Sie halten Denken für reine Subjektivität und reine Sub203 jektivität für ich- bezogenes Bewußtsein, aber beides entspricht nicht dem wirklichen Sachverhalt. Unbewußte Gefühle haben die große Philosophie schon deshalb nicht ernstlich beschäftigt, weil sie um die Gefühle selber, auch die bewußten, sich nicht ernstlich bekümmert hat. Dichter freilich und die großen psychologischen Romanciers haben uns schon lange von unbewußtem Fühlen und unbewußten Gefühlen erzählt. Ja, es ist in der Tat so, daß nicht unser Wollen, geschweige denn unser Denken, uns so verborgen sein kann, so im Unbewußten wirken und unser Leben bestimmen kann wie unser Fühlen. 5. Januar Mitternacht. Die Italiener haben in Bardia die Flagge gestrichen. Warum habe ich ein Gefühl der Genugtuung? Ist das in Ordnung? Habe ich dieses Gefühl, weil ich glaube, daß Gott endlich eingegriffen hat? Daß seine Mühlen mahlen? Daß Häuser der Sünde nach wie vor auf Sand gebaut sind? Habe ich ein gutes Gewissen? Ist mein Gefühl frei von privaten Wünschen, von Schadenfreude, von Antipathien und Sympathien, sine ira et studio? Oder ist das nicht einfach eine müßige und kleinliche Frage? Wie denn? Gibt es nicht einen heiligen Zorn, ja, einen heiligen Haß? Es ist für den Glauben des Christen darüber kein Zweifel, daß die erste Empörung eine absolut böse Tat war: Sie richtete sich gegen Gott, der gut ist. Diese Empörung ist ohne Reue und ohne Versöhnung. Diese Empörung ist ein Akt der Freiheit ursprünglich guter gut erschaffener- Wesen. Das ist ein völlig unbegreifliches My204 - beimalt. phie sie sich lich halen t in eige ann, bedie fühl ich lich Daß baut Gedensine eine Gibt igen kein olut der Shne der er- Mysterium. Die gnostische Religion suchte diesem Mysterium, das, noch einmal, für den menschlichen Verstand vollständig unbegreiflich ist, zu entrinnen dadurch, daß sie das Böse als nicht entstanden durch einen Akt der Freiheit, sondern als gleich grundlos notwendig von Anfang an, das heißt als» im Anfang« bestehend annahm oder annimmt, denn diese Religion besteht auch heute noch. Höchstens, daß sie dem Guten eine Prävalenz lassen; damit sind sie dem Mysterium scheinbar entgangen, um einfach in eine Absurdität zu fallen, vor dem es kein Verstummen und Anbeten gibt, sondern nur ein ewiges Räsonieren. Mit der Empörung der Menschen liegt die Sache etwas anders. In der Empörung der Menschen spielt ein scheinbar oder wirklich zugefügtes Unrecht eine Rolle. Jedenfalls macht jede Empörung davon reichlich Gebrauch, je niederträchtiger sie ist, desto mehr. Nicht bloß, daß der Mensch am Anfang zur Sünde versucht werden muß, also nicht allein, nicht von sich aus zur Sünde kommt, nein, nicht nur dieses, sondern der Teufel muß ihnen auch einreden, daß ihm ohne Recht von Gott etwas vorenthalten wurde. Wir wollen zwischen Empörung gegen Gott und Empörung gegen Menschen unterscheiden. Diese letzte ist niemals ohne Schuld auf beiden Seiten, und zwar sehr ungleichmäßig. Es ist natürlich die Bemühung jedes Empörers, es so darzustellen, daß in ihm das Edle gegen das Unedle, das Rechte gegen das Unrechte sich empört. Damit gibt er in jedem Falle eine objektive, von ihm unabhängige Ordnung zu, nämlich daß das Unrechte und das Unedle kein Recht hat, gegen das Edle und das 205 - Rechte sich zu empören. Wir leben nun faktisch in einer Welt fortlaufender Empörungen, und zwar solcher, die sein sollen, und solcher, die nicht sein sollen, Empörungen oder sagen wir auch: Revolutionen, die immer mehr den Charakter der Unentwirrbarkeit annehmen. Sie nehmen diesen Charakter deshalb immer mehr an, weil die Revolutionen von unten her mit einer Empörung gegen das oft zweifellose Unrecht, also gegen die Schuld bei den Oberen, Herrschenden, mit einer somit mehr oder weniger berechtigten Empörung eine unberechtigte» böse« gegen das Recht selber, gegen die rechte natürliche und übernatürliche Ordnung, gegen die natürliche und übernatürliche Hierarchie wir sind Hierarchisten!- verbinden. [ Notabene: Ist Unordnung ein größeres Übel als falsche Ordnung?» Anarchie« als organisierte Herrschaft des Bösen? Das ist gar nicht leicht zu entscheiden.] In diesen Revolutionen, die scheinbar nur zwischen Mensch und Mensch, Menschlichem und Menschlichem sich abspielen, werden die göttlichen Dinge und schließlich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott doch selber be rührt. Es kann das Furchtbarste und Verwirrendste geschehen, das sich überhaupt denken läßt und das faktisch heute geschieht: es können, völlig separat, natürliche Dinge, die heillos verkehrt und verwirrt waren, durch eine» Revolution<< in eine natürliche Ordnung zum Teil zurückgebracht werden und gleichzeitig die Beziehung zu Gott, die natürliche wie die übernatürlich- geoffenbarte, radikal und teuflisch umgekehrt werden. Und eben das geschieht ja heute. Was will es schon bedeuten, Auswüchse des Individualismus zum Schaden der Gemeinde oder Absurditäten des reinen 206 isch und icht uch: der esen Re-ung die iner ung ber, iche iche den. als Certe tzu Leinsch-den ältbe wirläßt öllig ehrt << in acht Gott, arte, Und bechanen Formalismus auf Kosten substantiellen Rechtes zu beseitigen, wenn gleichzeitig jede wahre Religion abgeschafft und verfolgt und unterdrückt wird? Das heißt, wenn Hauptsätze der übernatürlichen Ordnung umgestoßen, auf den Kopf gestellt oder ganz geleugnet werden? Aber ich laufe immer Gefahr, abzuschweifen. Ich will aber bei diesem Gedanken bleiben, der eine These werden kann: jede rein menschliche Empörung stützt sich oder gibt vor, sich zu stützen auf ein ihm, dem betreffenden Menschen oder dem Menschen überhaupt zugefügtes Unrecht. Ist das richtig? Ich glaube, ja! Ist es nicht so im großen prometheischen Mythos? Ist es nicht so in der Erfahrung des Menschen, der Hiob heißt und heißen wird? Aber ist damit alles gesagt? Ja, ist das Tiefste gesagt? Ich glaube doch nicht. Sehen wir näher zu! >> Wenn es Gott gibt, wie ertrüge ich es, nicht Gott zu sein?« fragt Nietzsche und drückt damit eine Empörung gegen Gott aus, die weit über alle historischen menschlichen Revolutionen hinausgeht; er gibt ferner für sie ein Motiv an, das alle andern in einem erbärmlich kleinen und dämmerigen Licht erscheinen läßt. Es ist von so spiritualer Art, dieses Motiv, daß es das des gefallenen Engels selber gewesen zu sein scheint.- Ja, es scheint fast so, auf den ersten oberflächlichen Blick, aber nun sehen Sie zu, was für ein Unterschied ist zwischen Mensch und Engel. Das hypothetische» Wenn<< Nietzsches, wenn es Gott gibt...", ist menschlich, und zwar sehr spät menschlich, es ist unmöglich in einem reinen Geist, der Luzifer ist. Der Teufel kann selber niemals Atheist werden oder sein; er kann nur Menschen einer bestimmten intellektuellen Kultur und Reflexionskraft mit 207 Argumenten sophistischer Art dazu verführen und darin bestärken; Menschen besonderer Art, die schon weit ab sind von religiöser Unmittelbarkeit und Ursprünglichkeit. Adam gar konnte nicht mit atheistischen Sätzen verführt werden. Nichts stand für ihn fester als die Existenz Gottes. In die Sünde des Atheismus konnte Adam gar nicht fallen. Aber:» eritis sicut Deus!<<[ Ihr werdet sein wie Gott!] Das zog. Und warum zog es? Weil der Mensch so angelegt ist von Gott: Sehnsucht zu haben, zu sein wie Gott. Der Mensch will immer sein wie Gott, und wenn die Wolke des Wahnsinns über ihm ist, will er nicht bloß wie Gott sein, sondern er will Gott sein, er selber will Gott sein. Und so ist es bei Nietzsche, der schon im Wahnsinn wandelte, als er verkündete: Gott ist tot. Es hängt mit der Erlösbarkeit des Menschen zusammen, daß er wahnsinnig werden kann. Den reinen Geistern ist dieser letzte Ausweg nicht gelassen; der Teufel kann nicht wahnsinnig werden. Es ist nicht der von Gott verlassenste Mensch, der im letzten Augenblick in den Erdschoß der Nacht fällt. Häufiger, als man glaubt, ist der Wahnsinn eine letzte rächende Gnade, in demselben Augenblick, da er auch Strafe ist. Manche Menschen wissen das, sie winken dem unheimlichen Gast noch zu, sie stürzen sich ergebenen Willens in seine starken Arme. Es wäre vielleicht lehrreich, irgendeine klassische Periode in die modischen Kurzsätze zu zerhacken und aufzuzeigen, was verlorengegangen ist. Es gibt immer noch einige Leser, die es verstehen könnten, aber es wäre doch nur eine Spielerei. Sie 208 machen Sätzchen, die wie Setzlinge sind; da ist kein Satz mehr, der wie ein Baum ist. Es hat mich sehr bald der Gedanke getroffen und ist nie von mir gegangen, wie wenig ich selber zu meinem Dasein und Sosein beitragen kann, Ich habe daraus den Schluß gezogen, daß es für mich doch viel wichtiger sei, über die Macht nach- zudenken, die mich geschaffen hat und erhält und sicherlich auch in Zukunft so souverän mit mir umgehen kann wie bisher, als über das Wenige, was ich tun kann, oder doch nur soweit, wie jene Macht es von mir verlangt. Keinesfalls darüber hinaus. Damit hängt gewiß zusammen, daß ich von Kindheit an ein kontemplativer Mensch ge- wesen bin.- Was will das viel sagen? Glauben Sie nicht, daß alle Kinder kontemplativ sind; daß eist von einem gewissen Alter ab diese Gabe ver- lorengeht oder verschüttet wird?- Etwasiist daran, gewiß, wiewohl die Begabung in den einzelnen Kindern schon verschieden ist und zum Beispiel beim Spielen die Unterscheidung zwischen prak- tisch und theoretisch, ja kontemplativ, ihr Recht hat.- Da haben Sie wohl recht. Es gibt Staaten, die ihren Haß auf das kontemplative Leben schon in den Spielen zum Ausdruck bringen, die sie den Kindern aufzwingen, indem sie andere, die mehr zur Kontemplation einladen, verbieten.- Aber es gibt Gefahren und Entartungen des kontem- plativen Lebens. Ist es nicht besser, im Realen tätig zu sein, als Märchen zu erfinden oder an- hören zu wollen? Auch das»Grübeln« ist nicht die echte Kontemplation, wahrlich nicht! Meist ist das ein Starren ins Nichts,»er sieht ein Loch in die Welt«. Aber das ist nur das dämonische Ge- Tag- u. Nachtbücher 14 209 genspiel der echten Kontemplation. Diese wächst in die Fülle, sie konzentriert sich nicht auf einen Punkt, der ein Loch ist. 14. Januar Es sind Anzeichen vorhanden, daß sture Gläubige an die Unfehlbarkeit des» Führers« ihn für wahnsinnig zu halten beginnen, insbesondere solche, die persönlich mit ihm zu tun haben. Und das wird das Ende der Deutschen sein, dieses betrogensten Betrügers unter den Völkern, daß jeder auf den andern deuten wird in Wut und Verachtung: wie konntest du nur, du Narr?! Muẞte denn nicht jeder sehen, daß es so ausgehen muß? Aber sich selber an die Brust schlagen wird keiner. Menschen, die selber noch die unsichtbaren Grenzen achten, die zur Idee des Menschen gehören, und glauben, daß sie auch noch in den anderen Menschen bestehen und geachtet werden, können es sich leisten, in der Wahrung der äußeren Gesetze liberal zu sein und die Strafen milder zu gestalten. Der Mensch, der die unsichtbaren Grenzen in sich selber niedergerissen hat, der Nihilist, wird ein» fanatischer« Anhänger der Todesstrafe sein. Es gibt eine Zuchtlosigkeit innerhalb der Zucht, das ist ihre erste Stufe, und es gibt eine Zucht innerhalb der Zuchtlosigkeit, und das ist ihre, der Zuchtlosigkeit, zweite, dämonische Stufe. Sie aber ist das Kennzeichen des>> Reiches<<, das jedoch in diesem Augenblick noch nicht>> steht<. Die deutsche Herrgottreligion, wie ich sie genannt haben will, ist natürlich nicht der» persönliche Glaube unseres» Führers«, das zu behaup210 1 ge rsOn- aup- ten, wäre ein großer Irrtum. Er ist Nihilist, er weiß nicht, was er glaubt. Auch diese deutsche Herrgottreligion ist für ihn ein Instrument, das beste für die Lenkung gewisser deutscher Tüchtig- keiten. Es ist eine furchtbare deutsche Anlage, die das Taufwasser kaum erreichen zu können scheint. Ihren Ausbau hat die deutsche Herrgott- religion durch die Preußen erfahren. Es gibt nur ein Volk, das von Gott selber im übernatürlichen Sinne auserwählt worden ist, eben die Juden- sa- lusex Judaeis, nach dem Worte des Gottmenschen selber-, sonst gibt es freilich noch viele Völker, die, als Völker, eine Mission haben, eine schr hohe oft, aber jene Auserwähltheit hat nur eines. Wenn es nun trotzdem andere nachmachen oder ‚nachzumachen versuchen, dann entsteht im gan- zen und natürlich auch im einzelnen eine groteske Karikatur. Man betrachte daraufhin das Preu- Sentum und seine Propheten. Es liegt durchaus in der Ordnung der Natur und ist ein Satz der. Erfahrung, daß die»Führung« immer bei einer Minderheit ist, ja sein soll, denn die Besten wie die Begabtesten bilden immer eine Minderheit, und die Besten und Begabtesten sol- len doch wohl immer führen. Aber das ist nicht mehr der Sinn des Satzes: eine Minderheit muß und wird immer führen. Spaßvögel nehmen ihn abstrakt. Entscheidend ist die Skrupellosigkeit und Entschlossenheit, vor nichts zurückzuschrecken und die spezifisch kriminelle Intelligenz zu haben’ und zu gebrauchen. Schließlich sind in einem Volk ‚die Verbrecher auch eine Minderheit. Deutschland' Vird von ein paar Verbrechern geführt, der deut- sche Geist wird von der Minderheit einiger Min- 14* 21T - derwertiger repräsentiert. Wir haben das Gegenbild. Ein Land soll von einer Minderheit regiert werden, die über dem Durchschnitt ist; dieses Land aber wird von einer Minderheit regiert, die unter dem Durchschnitt ist. Ist dieses wirklich so, mein Freund, wird dieses Land vielfach nicht von maẞlos tüchtigen Leuten geführt?- Ja, technisch! Also unter Absehung vom lebendigen Geist, von Sittlichkeit und Ideal. Geistig und geistlich bleibt die Technik,» die Maschine« ein schweres Problem, davon lasse ich nicht. Hier ist ein dämonisches Zwischenreich, die Technik kann Geist und Seele des Menschen fressen, und der Deutsche ist durch andere Eigenschaften am meisten befähigt,» nach dem Bilde der Maschine« zu leben und zu sterben. Man kann in der Technik das Höchste leisten und als Mensch, wie Gott ihn will und gedacht hat, am niedersten stehen. Das ist das Los des heutigen Deutschland. Kein Denken zehrt in dem Maße vom» Menschen« wie das technische Denken, das doch anderseits wiederum das menschlichste ist. Die abstrakte Technik ist eine reine Erfindung des Menschen, sie ist sicherlich am weitesten weg vom göttlichen Denken und von dem der reinen Geister. Aktion und Kontemplation können in einem polaren Verhältnis zueinander gedacht werden, so daß also das eine das andere bedingt und das betreffende Sein beide nötig hat und nicht ist ohne beide: keine Aktion ohne Kontemplation und keine Kontemplation ohne Aktion. Aber Technik kann ohne Kontemplation sein. Das technische Denken ist das allzumenschliche Denken und darf deshalb niemals die Führung übernehmen. Es ist ein äußerst nützlicher und brauchbarer Diener, aber 212 geniert eses die lich icht echeist, tlich eres däGeist sche beeben das will sist nken techdas eine rlich und KonEltnis eine Sein xeine temohne n ist shalb I ein aber es muß dienen. Man darf ihm niemals eine Emanzipation gestatten. Den NS.- Menschen muß es immer gegeben haben. Wie wäre es sonst möglich, daß die Bibel voll ist von Warnungen vor ihm? Wie muß der Turm von Babel den Menschen damals imponiert haben, ehe er einstürzte! Wie muß man jene gehaẞt, verachtet, verfolgt, totgeschlagen haben, die Zweifel äußerten oder warnten oder gar offen ihn als Gotteslästerung brandmarkten! Der Versuch aber, den Turm zu bauen, wird bis zum Ende gemacht werden. Dido ist bei Vergil vollkommene Tragödie. Shakespeare und Racine, denen der Stoff doch so gelegen gewesen wäre, müssen gesehen haben, daß hier nichts mehr neu oder besser zu machen ist. An die Deutschen 1941 Euer Ruhm ist ohne Glanz. Er leuchtet nicht. Man spricht von euch, weil ihr die besten Maschinen habt und- seid. In diesem Staunen der Welt ist kein Funke von Liebe. Und nur Liebe gibt Glanz. Ihr haltet euch für auserwählt, weil ihr die besten Maschinen, Kriegsmaschinen baut und sie am besten bedient. Ihr seid grotesk und Un- Menschen. Eine andere Rasse! Ihr Freunde, nicht diese Menschen! Lasset uns andere schaffen... Aber wie? Christlich ist nur ein Weg: Umkehr, tätige Reue. Von außen hat vielleicht Gott einen Umschmelzungsprozeß größten Stiles vor durch neue Rassen- und Völkermischungen, also genau das Gegenteil dessen, was die Nazis wollen und tun: 213 künstliche Reinhaltung einer Unrasse und eines Volkes, das ohne Maß ist. Wer kann an eine christliche Umkehr des deutschen Volkes glauben? Auf Grund menschlicher Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten muß man es für unmöglich halten. Geschähe es dennoch, so hätte man ein Wunder vor sich. Der Mensch kann nicht sich selber denken. Er ist Gottes Gedanke. Und auch für diesen Gedanken gilt: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken. Es sind oft recht stille Begräbnisse, wenn Tote ihre Toten begraben. Man merkt es kaum, und nur wenige wissen überhaupt davon, was für einst so illustre Tote in dieser Stunde begraben werden. Zuweilen aber geschieht es mit ungeheuerlichem Lärm und mit schauerlichen Hekatomben von Blutopfern für die Totengräber. Es ist ein Radau, wie wenn Beelzebub die Teufel austreibt. 13. Februar Ich schreibe jetzt fast jede Nacht. Gerade jetzt, wo ich nicht weiß, wozu oder für wen! Außer: zu meiner Belehrung und für mich. Jetzt, wo ich so schwer lesen kann, ist der einzige Weg für mich, Neues zu erfahren, das eigene Schreiben. Ich bekomme Dinge zu wissen, die ich noch nicht gewußt habe; ich gewinne Erkenntnisse, die mir durch bloßes Denken nicht faßbar geworden wären, es mußte das Schreiben dazukommen. Also: ich schreibe für mich und zu meiner eigenen Belehrung. 214 nes eine en? hrhalun- ist ken Zen. ote und für ben gekaEs fel tzt, Ber: ich ich, begemir väSO: BeWer immer dem ersten Gedanken auf der Stelle folgt, theoretisch oder praktisch, wird viele Fehler machen; denn nur selten, aber dann freilich oft in eminentem Maße, ist der erste Gedanke der beste, dann namentlich, wenn es darum geht, etwas Gutes zu tun. Man tue es auf der Stelle! Der Mann, der vorsichtigere, der dem zweiten Gedanken folgt, lebt sicherer; er wird weniger Enttäuschungen erleben. Unter dem zweiten Gedanken können natürlich unbestimmt viele Gedanken zusammengefaßt und verstanden werden. Die Entscheidung liegt also eigentlich beim dritten Gedanken, der alle anderen, den ersten und den zweiten, abwägt. Drei Gedanken gehören daher zum rechten Leben. Unterscheiden sie sich aber nicht dadurch, daß der erste und der zweite Gedanke fast immer» Einfälle« sind, und nur der dritte rein auf logischem Urteile ruht, auf bewußtem, meine ich? Ach nein, auch der dritte Gedanke kann sehr wohl ein Einfall sein. - Ich bin geistig ein guter Hörer und Zuhörer: ich verstehe auf der Stelle und genau. Aber die rechte Antwort weiß ich meist erst hinterher. Darum eigne ich mich mit Ausnahmen- schlecht zum Diskussionsredner und überhaupt nicht zur Unterhaltung. Ich erinnere mich noch sehr gut, daß zu den quälendsten Erlebnissen meiner Jugend gehörte, wenn ich das absolut sichere Gefühl hatte, daß eine Behauptung, die ein anderer vorbringt, falsch sei, und nichts erwidern konnte oder nur lächerliche Unzulänglichkeiten, weil meine Zunge gelähmt war durch die Unartikuliertheit meiner Gedanken. Anderseits war gerade diese Ohnmacht, auf der Stelle zu antwor215 ten, der Anlaß zu meinen Bemühungen, ins Klare zu kommen und den Block meines Gewißheitsgefühles in Argumente zu spalten und aus ihnen logische Waffen zu schmieden. Die Schule und der Schulmeister gehören als Ruhm und geschichtlich wirkende Macht zur Kultur des Westens, der Osten kennt sie nicht in dem Maße und in dieser Bedeutung. Natürlich kennt sie der Osten auch, denn sie gehören zum Menschen, namentlich in einem bestimmten Stadium der Zivilisation. Zwischen Meister und Schulmeister besteht ein gewisser Unterschied und eine gewisse Spannung, insofern als ein guter Schulmeister kein » Meister« zu sein braucht und ein» Meister<< überhaupt kein Schulmeister. Aber zuweilen besteht eine Personalunion, und das eben ist der Ruhm des Abendlandes. Zuweilen ist ein vollkommener » Meister auch» Meister der Schule«, also vollkommener Schulmeister. Das größte Beispiel ist der heilige Thomas. Der» Zeitgeist ist zuweilen eine überwältigende Macht. Der Rationalismus zum Beispiel war so stark, daß er auch wesentliche Antirationalisten. zwang, rationalistisch zu denken und zu sprechen, wenigstens bis zu der Grenze, wo sie es schlechterdings nicht mehr konnten und durften, zum Beispiel Pascal oder, noch mehr, Johannes vom Kreuz, dessen Mystik, soweit er von ihr Rechenschaft gibt, eine Ausschöpfung des Rationalismus ist, eine Exhaustion. Die Musik und die Dichtung sind sehr zweideutig. Die Herren von heute, die ersten absoluten Apostaten Europas, werden ohne jedes Bedenken 216 are its- en hm ße de cen en, ch- ım Im N- us die Musik Mozarts, Beethovens, Bruckners zü ihren Festen spielen, Verse Hölderlins, Goethes, Schillers hersagen lassen. Sie tun allen diesen Genien mehr oder weniger Unrecht, aber nur we- nige merken das. Aber die Apostaten selber ge- trauen sich von einem. gewissen Augenblick an nicht mehr, auch nicht um einer momentanen po- Iitischen Absicht willen, Worte Christi zu ge- brauchen. Von einem gewissen Augenblick an ist das Göttliche geschützt, das Geniale nicht. Es ist seit dem Sündenfall die beliebte Methode der Verbrecher, die Komplizen brauchen, weil sie Verbrechen in größtem Maßstabe begehen wol- len, sich»Verschworene« zu verschaffen. Dadurch, daß sie sie an Verbrechen beteiligen, die ihnen eine Ab- und Rückkehr nicht mehr gestatten. Das erzählen uns große Geschichtsschreiber, wie zum Beispiel Thukydides. Man ist heute so freigebig mit dem Prädikat»nie dagewesen« für alles, was geschieht, so stolz auf die»unerhörten Leistun- gen«- ın diesem einen haben sie recht: unerhört, noch nie dagewesen ist das Ausmaß der Verschwo- renheit im Bösen. Welch ein Erwachen, wenn das deutsche Volk erwachen wird mit der Erkennt- nis: mitgegangen- mitgehangen, mitverschworen- mitverloren. Im allgemeinen sind die Simplifikatoren die ge- fährlichsten und unheilvollsten Verführer der Menschen. Gott und das Gute sind einfach, aber die Welt und die Güter sind es nicht. Die Ein- fachheit Gottes und des Guten enthält in sich die Fülle alles Seienden und Möglichen. Christus ist in gewissem Sinne der größte Simplifikator, in- 217 dem er lehrt, daß alle Gebote an einem einzigen hängen: an der Liebe zu Gott und zum Nächsten. In diesem Gebot ist alles enthalten, und die Heiligen können nach ihm leben, wenn sie ganz vollkommen sind, sonst müssen auch sie unterscheiden. Schon der, welcher nur um einen einzigen Schritt hinter dieses Gebot zurückgeht, und das tut zum Beispiel der, welcher lehren würde, alles hänge an dem Gebot der Gerechtigkeit: jedem das Seine- schon dieser Gerechte bringt die Welt aus den Fugen, denn die Menschen können nicht leben und bestehen ohne Barmherzigkeit. In der rechten Liebe aber ist beides: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Die Menschheit ist eine Einheit als Idee und Schöpfung Gottes. Auf dem Grunde dieser Einheit sind sie gleich und ungleich. Das Pathos dieser Unterscheidung liegt natürlich, wie immer, im Ewigen. Gibt es Ungleicheres als den Erwählten und den Nichterwählten? Aber beide sind Menschen. Die volle Wahrheit ist sehr viel anstrengender als die willkürlich vereinfachte. Jene erfordert Meister, diese ist der Teil der Stümper und das Machtvehikel böser Menschen. Die Welt hat die Folgen beider Simplifikationen erlebt:» die Menschen sind gleich«, und>> die Menschen sind ungleich«. Jede falsche Vereinfachung ist eine Degradation des Intellekts, der dadurch verarmt, eine Perversion des Gefühls und eine Irreleitung des Willens. Die Aufgabe des richtigen Professors ist: das Wissen, und zwar das Wissen jeder Art, auf die Ebene des Gleichgültigen zu bringen. Die Sache wird erst mißlich, wenn er mehr sein will oder wenn er gleich sein will dem, der sein Wissen auf der 218 gen en. Leiollneigen das les Lem Velt cht der and heit nde Das wie len cide viel hte. der en. men Cenung arch eine Visene wird enn der Spitze der Entscheidung gewonnen hat oder gebrauchen muß. Es gibt Schriftsteller, die immer pointiert schreiben, auch wenn sie von Dingen schreiben, die gar keine Pointe haben; und das ist vom Übel und recht eigentlich unnatürlich. Die Welt ist rund, sie ist nicht spitz. Aber vielleicht sagt einer: das ist ja auch eine Pointe! Wenn die Menschen gar nicht mehr imstande sind, den Tod objektiv als eine Furchtbarkeit zu sehen, als eine Vergewaltigung des menschlichen Geistes, dann mögen sie immerhin noch Maschinen bauen können, die Bibel können sie nicht mehr benützen, aber auch die Gedanken Platons können sie nicht mehr denken, ja nicht einmal die Kants. Es ist kaum ein Zweifel, daß in einer wesentlichen Hinsicht die Kirche in eine Situation gedrängt wird, welche der der ersten Zeit des Christentums sehr ähnlich sein wird. Ihr ähnlich also nicht identisch mit ihr. Es werden große Unterschiede sein, die keine einfache Kopie zulassen, sondern zeitgebundenes Nachdenken erfordern und Erleuchtung brauchen. Ich meine natürlich die politische Entmachtung der Kirche. Die Christen werden keinen Vorteil mehr haben dadurch, daß sie der Kirche angehören, im Gegenteil! Und das ist gut so. Sie werden ohne Einfluß sein wie damals auch. Sie werden der Welt zum Teil so entrückt sein, daß sie gar nicht bemerkt, also nicht einmal verachtet werden, denn um verachtet zu werden, muß man ja zuerst bemerkt werden. Sie werden aber auch, genau wie damals, der 219 Welt so nahe sein, daß sie gehaßt, verfolgt und getötet werden um Christi willen. Ja, das wird vielleicht in großem Maßstab der Fall sein, denn Christus wird heute, am Ende, mehr gehaßt als am Anfang. Lügen haben ihre Zeit. Werden sie nach einer bestimmten Zeit nicht durch die Wahrheit vertrieben, dann durch eine andere und vielleicht gröBere Lüge; aber vertrieben werden sie. Sie lieben die Macht vor allem um der Macht willen und um ihren Feinden Böses zu tun, und das Herz ihrer Freude ist die Schadenfreude. 1. März Was höre ich! Die deutsche Herrgottreligion hat schon einen Hymniker. Lehar, der Liebling, hat ein Lied komponiert:» O Herrgott, laß mir meinen Leichtsinn!<< Eine völlig ausgewachsene und durchreflektierte Individualität wird am Ende doch nichts anderes mehr geschrieben haben als ihr Eigenes, auch nicht die Worte eines größeren Meisters. Immortalia ne speres...[ Horaz], das Gedicht ist großartig. Was der» Humanismus« kann, ist hier geleistet. Aber auch der Hauch der Schalheit, der Unzulänglichkeit, der Unwahrheit umschwebt die vollendete Form. Hitler, Goebbels, Himmler- stellt sie euch vor, meine Freunde! Ihr kennt sie ja, ihr habt sie alle gesehen von hinten, von vorne, von rechts, von links. Stellt euch vor, sie beherrschen Deutsch220 nd ird cnn als ner erröcht and hat hat neierte eres icht icht ist neit, ebt vor, alle von sch- land, sie beherrschen Europa in diesem Augenblick und--- ihr dürft ihr dürft bei Todesstrafe!- nicht lachen. Hättet ihr euch das vorstellen können? Ich sage aber, ihr könnt es auch jetzt nicht, in diesem Augenblick, da es doch Wirklichkeit ist. Zwar wird das alles in Blut und Kot enden, sonst... wie denn: sonst? Zweifelt vielleicht einer daran, daß es in Blut und Kot enden wird? Sollte denn in meinem Herzen, in meinem Hirn ein Gedanke noch versteckt sein, der daran zu zweifeln wagt? Heraus denn, du Unhold, hervor aus deinem Versteck der Nacht! Zeige dich! Du hast freies Geleit, du darfst alles sagen. Hervor! Aber keiner kommt. Falscher Verdacht. Sonst? Was meinte ich denn mit dem Sonst? Ja, ich weiß es: sonst ist kein Gott, sonst ist Gott nicht Gott, sonst ist die Nichtexistenz Gottes bewiesen. Sonst ist alles Wirbel und Wahnsinn. In Wien soll der damalige Gauleiter Bürkel[ heute ist der Gott Baldur, Linie Schirach, Gauleiter von Wien] von dem» Hurensohn von Nazareth« gesprochen haben. Es ist kaum ein Zweifel, daß er damit Jesus Christus, die zweite Person der Trinität, gemeint hat, und mit der Hure die MutterGottes. So unverblümt hat, glaube ich, die Sache bis jetzt nur ein Jude gesagt, was dem Herrn Bürkel zu denken geben müßte, wenn das möglich wäre. Anderseits ist doch zu beachten, daß es verblümt auch von H. St. Chamberlain gesagt worden ist: nämlich der Vater Jesu Christi sei ein germanischer Legionär gewesen! Der Unterschied wäre dann nur der zwischen der Sprache eines Proleten wie Bürkel und eines Aristokraten wie Chamberlain, also eine Geschmacksache. 221 Ein Königreich für eine Idee, Europa unter einen, Hut zu bringen! Aber wo ist das Königreich, das man dafür geben könnte? Und wo ist die Idee? Europa ohne England halten die Deutschen bereits für eine Idee. Wer stirbt für sie? Gewiß, die Deutschen sterben für alles, für Dreck, wie sie jede Stunde beweisen, aber die anderen? Kann die Rassenidee Europa einen? Kann eine Lehre einen, die ewig trennt? Der Neger ist capax dei, kann Leib und Blut des Ewigen Sohnes essen und trinken, kann in die Seligkeit eingehen; ein Jude oder Pole aber kann niemals der Rechte eines Deutschen, und sei dieser von der Qualität der Herren Goebbels oder Himmler, teilhaftig werden. Wo ist die Idee? Der Sozialismus, also die Gleichheit der Menschen? Das ist eine große Idee, die in jedem Falle ihre Rolle spielen wird. Sie ist zweifellos der deutschen Rasse- Ideologie überlegen, welche nichts als die Idee einer Proletenromantik ist.» Europa ohne England« ist ein deutsches politisches Losungswort in demselben Augenblick, wo erklärt wird, daß England keine Insel mehr sei. Wie absurd das alles ist! Wozu soll dann England gehören, wenn es keine Inseln mehr gibt? Die Sache ist doch nicht bloß so, daß einer seine Familie durch wöchentliche Raubmorde ernährt, von denen aber seine Frau und seine Kinder nichts wissen; die Sache ist vielmehr so, daß einer» sein< Volk» groß macht durch Untaten und Verbrechen unerhört, an denen er dieses Volk in immer steigendem Maße mitschuldig macht. Kann schon im ersten Fall kaum ein Segen auf jener Familie liegen, so liegt in unserem Falle sicherlich 222 ren, ine ZU eln ine ırt, hts ın« Te- ner ein Fluch auf diesem Volk. Ja, dieses selber muß zu seinem Heile eine Selbstsühne durch»Um- kehr« verlangen. Wer die Macht hat, hat eben damit auch so viele andere begehrenswerte Güter dieser Welt neben- bei.»Die Macht« hat nicht nur, in jedem Augen- blick, was sie will, alle Reichtümer und materiel- len Genüsse jeglicher Art zur Verfügung, sie hat die Gunst und die Kunst dieser Welt und ihre Schönheit, sie hat, wenn sie Lust danach und Sinn dafür hat, die Leitung der»Kultur«. Sie kann bestimmen, welcher Philosoph lehren soll oder vielmehr, wenn einer da ist, daß er nicht lehren soll. Ja, sie hat sogar Schattenbilder, Phantas- mata der drei christlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Wahnbilder des Betrugs: man glaubt an diese Macht, man hofft auf sie, man liebt sie. Und das ist noch nicht alles. Der Teufel kann noch mehr tun an furchterregender Gaukelei. Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß es das simulacrum diabolicum der Martyrer für die Herrschaft des Bösen gibt. Und’ deren Blut düngt den Boden des Bösen. Sie haben furchtbare Schwüre, die Geister dieser Toten zu beschwören, daß sie wieder auferstehen, Besitz ergreifen von den Lebendigen, in ihren Blicken flackern, in ihren Liedern brüllen, ihre Kräfte verzehnfachen. Der Mensch ist auf seinen Schmerz eifersüchtiger als auf seine Lust. Meinetwegen magst du ebenso viele und große Freuden gehabt haben wie ich. Aber wage nicht zu sagen, du habest so viel und so tief gelitten wie ich!»Wes Schmerz kann sich 223 AI INN I messen mit meinem Schmerz?« Es ist in Ordnung, daß dieser höchste Adel der Auserwählten der Schöpfung zukommt: Maria, der Mutter Gottes. Glaube und Meinung. Der Glaube geht auf das Ende, in der Zeit ist er ohne göttliche Eingebung nicht möglich, ich will sagen, in betreff zeitlicher Dinge. Ich glaube an den dreieinigen Gott und Seine Verheißungen. Aber diese gehen auf das Ende. Was den nächsten Ausgang zeitlicher Ereignisse und Kämpfe anlangt, habe ich nur Meinungen. Ich staune, daß viele von einem festen, unerschütterlichen, unbändigen>> Glauben« sprechen, und meine, daß sie entweder lügen, heucheln und nicht wissen, was sie sagen, oder daß sie besessen sind. Weiche von mir, Satan! Das ist alles nur eine dumme, freche Lüge, ein glatter Nonsens, daß ich mit der übernatürlichen Gewißheit, mit der ich glaube, daß Christus der Sohn Gottes ist, auch glauben kann, daß Deutschland oder England siegen wird. Ich bin zwar fest davon überzeugt, daß in diesem Augenblick die Führung Deutschlands tief böse und das deutsche Volk in unheimlicher religiöser und sittlicher Gefahr ist; ich bin fest davon überzeugt, daß es die Verantwortung und die Strafe dafür wird tragen müssen, aber ich halte es für möglich, daß es, um höherer Absichten Gottes willen, in der Zeit zunächst siegen kann. Ich halte es für möglich, und ich würde an der Gerechtigkeit Gottes nicht verzweifeln, ich würde» den Glauben« nicht verlieren- ich halte es für möglich, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, denn auch die gefallene Natur hat und kennt noch Grenzen des Bösen, die ich heute für überschritten halte durch 224 ung, der Etes. das ung cher und das ErMeiten, preneudaẞ Das atter Geder schwar blick eutcher ẞ es wird daẞ der nögOttes nicht alte gedes urch das Denken und Tun des deutschen Volkes. Auch die gefallene Natur hat und kennt noch Kräfte des Guten, die ich heute in den geknechteten und bedrohten Völkern bis zum vollen Bewußtsein, aufgerufen zu sein, erwacht glaube. Man sagt, die Welt sei immer so gewesen; daran mag etwas Wahres sein, es ist aber dennoch ein Unterschied, der schwer wiegt: der Unterschied der Bewußtheit. Es wurde noch niemals mit solcher Bewußtheit so viel und so tief Böses getan. Es ist in der Christenheit die erste dezidierte Apostasie, oder sagen wir: die potenzierte zweite, wenn wir 1789 als die erste nehmen im Abendland. - Daß das Gute auch in der Zeit immer siegen müsse, ist eine oft sehr laut vorgetragene Meinung des neueren Humanismus; es ist auf keinen Fall christlicher Glaube. Wo steht davon ein Wort im Evangelium? Welcher Buchstabe unseres dogmatischen Glaubensbekenntnisses trägt einen Hauch von diesem Geist? Die Meinung des neueren Humanismus, der selber eine Häresie ist, ist eine der gefährlichsten Häresien. Die Meinung des neueren Humanismus ist ja eine Entartung des christlichen Glaubens an den Sieg des Guten im absoluten Sinn: in der Ewigkeit, in Gott als dem Herrn der Welt. Es gibt Völker, die die politische Begabung haben, ein Joch, das sie andern auferlegen, viel leichter erscheinen zu lassen, als es eigentlich ist. Die Deutschen haben die umgekehrte Gabe, das Joch, das zehn Pfund wiegt, wie eines von hundert Pfund erscheinen zu lassen. Eine unglückliche Begabung, wenn man die Welt erobern will. Tag- u, Nachtbücher 15 225 Das Gefühl des Nihilisten ist das eines beständigen Sinkens und Versinkens, das des Christen eines des beständigen Getragenseins und Gehobenwerdens auch im tiefsten Abgrund. 27. März Revolution in Jugoslawien. Nach den Krisen das Erwachen antiker Bürgertugenden, die im Westen in solcher Form kläglich verlorengegangen waren. Die Worte Freiheit und Vaterlandsliebe und Ehre erhalten ihre Ehre zurück. Sie waren kaum noch erkennbar unter der Kruste von Schmutz und Schmach und Lüge. Was ich erklären kann, dessen Herr bin ich. Ein Mythos braucht ja nicht wörtliche, buchstäbliche Wahrheit zu sein, um dennoch» wahr<< zu sein, wie ein Mythos wahr sein kann; aber wenn er wörtlich und buchstäblich eine Lüge ist wie die deutsche Behauptung, 1918 nicht besiegt worden zu sein, dann ist auch die Bezeichnung Mythos eine Lüge. Es gibt innerhalb einer wesenhaften Geduld, die eine göttliche Tugend ist, ein Spiel von Ungeduld, das etwas Liebenswürdiges hat und nicht mit einer Empörung gegen Gott verwechselt werden darf. Dagegen gibt es eine Nachäffung der Geduld, um der Bosheit und der Vernichtung willen, die eine Selbstübertreffung des Teufels ist, da er im Grunde ungeduldig ist, der Geist der Ungeduld. Das Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer wie das des Topfes zum Töpfer dieser Ver226 en 1r« ber ist egt Ing die ld, nit len 3e- ril- ist, ler fer gleich hat schon viel Ärgernis erregt. Es läßt sich auch manches dagegen sagen. Aber die Meinung und die Leidenschaft des Propheten sind auch zu verstehen. Immerhin: Der Mensch ist kein Topf, aber der Töpfer auch nicht Gott. Gegenüber dem echten Gläubigen hat der Un- gläubige doch ein Gefühl der Minderwertigkeit oder aber ein Gefühl, daß der andere etwas hat, was er nicht hat und was er dem andern nicht nehmen kann. Das wird leicht zu Haß und Verfolgung. Unvorstellbare Formen des Hasses nimmt aber eine Gesellschaft an, die dogmatisch den Glauben des Christen ausschließt. Es ist eine gefährliche Einbildung, eine»Reli- gion« des Humanismus und der diesseitigen Welt haben zu können ohne das Mittun des Teufels. Er ist der»Fürst« dieser Welt, er läßt sich nicht ausschalten, wiewohl man es nur mit der Welt zu tun haben will und gar nicht mit ihm, der gar nicht- existiere! Man täusche sich nicht darüber und sage es in voller Bestimmtheit und Ruhe: Christushaß ist Gotteshaß. Johannes 15, 23: Wer mich haßt, der haßt auch meinen Vater. Die deutsche Herrgott- religion proklamiert einen Gott, der sicherlich nicht der Vater Jesu Christi ist und von dem sicherlich nicht der Heilige Geist ausgeht. Aber darum ist er eben auch nicht Gott. 6. April Einmarsch in Jugoslawien und in Griechenland. Kostbare Proklamationen. Belgrad von den Jugo- 15* 227. slawen als offene Stadt erklärt, von uns als» Festung Belgrad«[ sic!], und dreimal hintereinander » außerordentlich erfolgreich« von Stukas bombardiert. Das deutsche Herz jubelt. Es ist Ostern! Der zwölfte Psalm ist vor Jahrtausenden geschrieben worden, aber es ist doch, als sei er heute, gerade heute, am 6. April 1941, kurz nach 6 Uhr früh, nachdem Goebbels im deutschen Rundfunk die Proklamationen verlesen hatte, geschrieben und vor allem gebetet worden: denn es wird allenthalben voll von Gottlosen sein, wo solche nichtswürdigen Leute unter Menschen herrschen. Gott ist von nichts ein Bild oder Gleichnis, darum soll man von ihm sich kein Bild und kein Gleichnis machen. Gott ist Geist. Kein Bild und kein Gleichnis ist Er, und Er will, daß man Ihn nur anbete im Geiste und in der Wahrheit. Die Zeit geht immer vorwärts. Tu einen Schritt zurück, das kann im Raum gelingen und in allem, was ihm ähnlich ist: in der Zeit niemals. Im großen und im kleinen betrügt man sich leicht über diese merkwürdige Tatsache. Wenn in dem Satz von der anima naturaliter christiana gar keine Wahrheit läge, wenn in der Natur des Menschen gar nichts wäre, das dem Christlichen entgegenkäme, dann wäre es völlig unmöglich, angesichts des vielen, das im Christlichen tatsächlich gegen die Natur des Menschen geht, daß einer auch nur einen längeren Versuch machen würde, ein dauerndes Streben hätte, freiwillig danach zu leben, geschweige denn, daß er wirklich danach lebte. Es wird aber vielmehr so 228 en ird che en. um ch- ein zur ritt m, cht ;ter der lem lig ist- hen uch rei- er so sein, daß, je schroffer und leidenschaftlicher Men- schen die christliche Religion ablehnen, desto mehr sie nicht mehr»Menschen« sind, wie Gott sie geschaffen hat, daß desto verderbter ihre»Na- fur« ist. Keine Religion kann ohne Eschatologie sein. Was ist das Ende? Ewige Lust, ewiger Friede, ewiger Kampf, ewige Wiederholung, ewiger Fortschritt? Der Deutsche ist in der Religion nicht schöpferisch, ist zuweilen eine Klage der Apostaten, die nach einem besseren Ersatz für die christliche Religion ausschauen, als sie selber geben können. Das stimmt schon. Ehe man hier»schöpferisch« wer- den kann, muß man durch eine Demütigung, Selbsthingabe, vollkommene Vernichtung seines Selbst, durch einen»Tod« hindurch, zu welchem allem der Deutsche gemeinhin viel zu hochmütig ist. In diesen Zeiten der Gefahr- und dessen darf ich mich wohl rühmen, daß ich in Zeiten der Ge- fahr lebe- besteht die Lebenskunst darin, kurze Augenblicke der Sicherheit abgrenzen zu können, so daß die Vorstellung der ganz sicher kommen- den Gefahr vor dieser nahen Grenze keine Macht über die Seele erringt. Vor Ablauf von acht Stun- den brauche ich außer Gott nichts zu fürchten, und Er ist eine liebreiche Furcht: also leben und genießen wir diese acht Stunden in Ruhe, even- tuell in ruhigem Schlafe! Wenn man verantwortlich ist für jedes unnütze Wort, das man gesprochen hat, wieviel mehr für jedes, das man geschrieben hat! Bei keinem 229 andern Wort habe ich übrigens so sehr das Gefühl, von Gott unter ein unerfüllbares Gebot gestellt zu sein wie hier. Bei keinem anderen Wort halte ich die Reaktion des Menschen für gegebener als hier: dann muß der Mensch erstarren, dann darf er überhaupt nichts sagen, dann muß er schweigen. Aber Christus wird antworten: bei Gott ist auch dieses möglich. Nämlich keine unnützen Worte mehr zu sagen. Ein Heiliger also wird keine unnützen Worte mehr sprechen. Sie können seit gut einem Jahrhundert keine Kirchen mehr bauen. Alle neueren Versuche sind doch kläglich, öde Leere oder Krampf. Vielleicht ist es nur ein Zeichen und ein Ausdruck dafür, daß keine Kirchen mehr gebaut werden sollen. Die christliche Kirche tritt in eine neue Erscheinungsform ein, deren Merkmal eben nicht mehr, wie seit anderthalb Jahrtausenden, die Kirchen sind. Die Kirche lebt schon und wird leben in partibus infidelium. Und in partibus infidelium kann zwar die Kirche sein, aber man baut keine Kirchen. Fünftausend Judenchristen verließen geschlossen im Jahre 70 Jerusalem, um bei dem nationalen Aufstand nicht mitzumachen. Glatte Landes- und Volksverräter! Denn für einen nationalen Juden konnte dieser Aufstand nicht anderen Geistes sein als der des Makkabäus. Was war für die fünftausend Judenchristen zwischen den Makkabäern und den neuen Patrioten, die sich gegen das fremde Joch empörten? Der gekreuzigte Messias, der neue Glaube. Die Juden sind schon das auserwählte Volk. Zwar lehnten sie als Volk ihren 230 re- e- ne ht ir, ei- Ir, in ım ne en en en Messias ab und kreuzigten ihn sogar. Aber die, welche annahmen, nahmen ganz an. Wo ist bei den Heidenchristen ein Beispiel für einen solchen schmerzlichen Bruch mit dem»Nationalen«? Man wird doch wohl nicht meinen, diese fünftausend Judenchristen hätten die jüdische Nation gehaßt. Sie werden sie wohl so geliebt haben, wie Paulus " sie geliebt hat, was sage ich, wie Christus sie auch geliebt hat. Auch die ersten Märtyrer waren ja doch- Juden. Die Heidenchristen folgten erst später nach. Unerforschlich bleibt natürlich für uns, warum Gott die Juden auserwählt hat, warum der Ewige Sohn in Fleisch und Blut des jüdischen Volkes Mensch geworden ist. Aber hinterher geht einem doch manches Licht auf. So eben durch das rücksichtslose Opfer des National- stolzes, und welch eines Nationalstolzes! Es gibt keinen größeren als den jüdischen. Ihm gleich, wenn erwacht- er kann schlafen- ist nur noch der deutsche. Wer kann so hassen wie der Jude? Und der Protomartyr Stephanus: wie vollkom- men erfüllte er das neue Gesetz, wie leuchtend trägt er das Merkmal des christlichen Märtyrers, das ihn entscheidend kennzeichnet: den Feind zu segnen, statt ihm zu fluchen, ihn zu lieben statt zu hassen. Es gibt manchen, der das Zeug zum Märtyrer sozusagen von Natur in sich gehabt hat, in neueren Zeiten zum Beispiel Kierkegaard und in einer brutaleren Form Bloy. Aber dieser hätte seine Gegner im Akte des Martyriums ge- haßt und jener hätte sie wahrscheinlich verachtet, was auch nicht richtig ist. Ich sprach in diesen Blättern von einer himm- lischen Ungeduld, die eine Köstlichkeit sein kann 231 innerhalb der großen Tugend der Geduld. Es gibt aber auch eine höllische Geduld. Und die ganz großen bösen Werke können ohne sie nicht getan werden. Ein gewöhnlicher natürlicher Mensch, auch wenn er ganz gern das Böse zu erreichen und zu besitzen wünscht, bringt die dazu notwendige Geduld einfach nicht auf. Es ekelt ihn vorher. Gegen einen solchen bösen Menschen kann kein gewöhnlicher guter Mensch aufkommen, es sei denn, ein Engel helfe ihm. Wer kann acht Stunden lang den Arm in die Höhe strecken? Moses konnte es nicht, ohne daß ihm geholfen wurde. Wer kann Zehntausenden hintereinander, nicht indem er jeden dadurch zum» Einzelnen< vor Gott isoliert, sondern im Gegenteil: dadurch jeden zur» Masse« degradiert, die Hand drücken? Wer kann das außer einem Besessenen? Wer kann das Brüllen nicht von Tier-, sondern von Menschenherden immer ertragen? Außer wer Gott und den Menschensohn und den Geist haẞt? Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wird als bedeutendstes Ereignis die Entstehung katilinarischer Groß- Staaten verzeichnen. Der Nihilismus, verbreitet in einzelnen theoretischen Geistern, wird» Banden« gründen, welche sich der Staaten bemächtigen, wenn» die Stunde des Bösen« gekommen ist. Der» spirituale menschliche Verstand versteht, daß er eine qualitative Grenze hat gegenüber dem» göttlichen« Verstand. Es ist ja durchaus möglich, daß eine solche Grenze wäre, ohne daß es der menschliche Verstand weiß oder je wissen könnte[ und das ist ja in der Tat sehr oft der 232 ZU elt fen n« rch n? nn ott ird ili- hi- ‚ei- ler ht, ber us aß ler Fall], aber dem»spiritualen« Verstand, wie ich den dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe unterworfenen nennen will, ist es eben eigentüm- lich, daß er es im entscheidenden Falle weiß. Das hat mit den quantitativen, also meßbaren Gren- zen des menschlichen Verstandes, also dessen Größe oder Kleinheit, gar nichts zu tun. Es ist eine qualitative Grenze. Es scheint eher, daß zuweilen ein großer Verstand es schwerer hat, diese Grenze zu erkennen und ihr gemäß zu leben. Dazu ge- hören die großen Rationalisten und vor allem auch Kant, der doch gewiß einer der größten Intellekte war. Der transzendentale Verstand und die»Vernunft« Kants, das sind freilich nicht mehr individueller menschlicher Verstand und indivi- duelle menschliche Vernunft, aber sie sind mensch- licher Verstand und menschliche Vernunft in ge- reinigter und sublimer Form. Was für sie»Wider- sprüche« sind, sind absolute, also auch Wider- sprüche für einen göttlichen Verstand. Den gro- ßen Rationalisten und auch Kant, das kann man auf den ersten Blick sehen, fehlt der Apperzep- ‚tionssinn für das Mysterium. Es gibt nicht x-be- liebige Mysterien in Gott, sondern ganz bestimmte. In Gott finden nicht x-beliebige Widersprüche und Gegensätze für den menschlichen Verstand ihre diesem unmögliche Lösung, sondern ganz be- stimmte, zum Beispiel Prädestination und Frei- heit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Der spi- rituale Verstand wird absolut auf dem Satz vom Widerspruch bestehen und es immer für ruchlos und absurd zugleich erklären, zu sagen, daß Gott gut und böse zugleich sei, während er von Wider- sprüchen, die für einen autonomen rationalisti- schen Verstand auch absolute sind, zum Beispiel +33 daß der Mensch zugleich prädestiniert und frei ist, oder daß Gott zugleich absolut gerecht und absolut barmherzig ist, erklärt, daß diese Widersprüche in Gott eine Lösung finden, und zwar eine, die den Satz vom Widerspruch nicht auflöst. Das freilich ist ein Mysterium, aber nicht ein x- beliebiges, sondern innerhalb einer bestimmten göttlichen Offenbarung. Der letzte Ausdruck einer absoluten Verzweiflung wäre doch der: es ist immer so gewesen und wird immer so sein. Es wäre die Verzweiflung Gottes, denn den einzelnen Menschen würde ja immer wieder der Tod erlösen. Eine christliche Gesellschaft ohne Einzelne, die » verschnitten sind um des Reiches Gottes willen, ist nicht vollkommen, auch im äußeren Sinne nicht; ihr fehlt ein Zeichen und Merkmal. Klöster freilich können eine zeitlich bedingte Form sein, aber wer, wie es teilweise im Protestantismus war,» Mönche« und» Nonnen« diffamiert und trotzdem die» wahre« Lehre haben will, der kastriert sozusagen das Christentum. Er leugnet die spirituale Kraft, die es einem Menschen schon in diesem Leben möglich macht zu leben, wie nach dem Tode alle leben werden. Freilich ist die Ehelosigkeit nicht durch» Ethik«,» Moral<< allein zu erreichen, sie ist eine Berufung und Gnade und erst auf Grund dieser auch eine Ethik und Askese. Die Worte Christi:» Wer es fassen kann, der fasse es«, lassen darüber ja keinen Zweifel. Die zehn Gebote kann ja jeder-» fassen<<. Ich habe dargelegt, daß die Sprache auf Grund 234 eif- ınd ung a nne ster ein, mus und der ‚net hon wie ist ral« und hik ssen vei- und. einer allgemein gefühlten Erkenntnis es nicht zu- läßt, die Maschine»wunderbar« oder gar»gött- lich« zu nennen. Es ist klar, daß diese Wörter auch nicht auf die Produkte der Maschine ange- wendet werden können, im Gegensatz zu manchen, vor allem»künstlerischen«, Werken der mensch- lihen Hand. Die menschliche Hand ist das schlechthin wunderbare Instrument, durch welches der Geist, ja zuweilen der Heilige Geist, durch eine vollkommen immaterielle Intention den Un- terschied zwischen einem mediokren, maschinellen und einem genialen Werk schafft. Der Weg vom Erlösergott zum Schöpfergott, und umgekehrt, ist schwer gehbar, schwer sehbar, schwer verständlich. Gleich zu Beginn des Chri- stentums haben zuweilen geniale Menschen, Grün- der von Sekten und Häresien, die Identität beider geleugnet, und das geschieht gefühlsmäßig heute noch bei vielen Menschen. Daß Jesus Christus, der Heiland, zugleich auch der Schöpfer des Welt- alls, der Milchstraße, der Erde, des Löwen ist, das ist ein unerforschliches Geheimnis, das sehr viele nicht einmal bemerken, ja gar nicht be- merken dürfen, sonst liefen sie Gefahr, den Ver- stand zu verlieren. Wirken nicht gewisse Riten magischer Religionen mechanisch? Haben nicht große laufende Maschi- nen eine magische Wirkung? Etwas für»Gotteslohn« tun, das heißt in der Welt: etwas für»nichts« tun. In der Welt ist Gotteslohn- nichts. Wer etwas für Gotteslohn tut, ist in den Augen der Welt ein Narr, in den =) Augen derselben Welt, die einen Christen, der hofft, von Gott für gute Werke belohnt zu werden, für einen gemeinen Kerl erklärt, weil er nicht das Gute um des Guten willen tue. Solche Widersprüche schluckt sie. In den Grenzgebieten zwischen Sein und Nichts wachsen die sinnvollen Paradoxe als die einzigen einigermaßen adäquaten Ausdrücke für anders nicht faßbare Dinge und Zustände. Bewegung ist ein Merkmal des Lebens. Was kann sich so rasend bewegen wie eine Maschine, und doch ist sie tot, ist» das tote Leben« gegenüber der geringsten Pflanze, die scheinbar sich überhaupt nicht bewegt, in der aber das Geheimnis des Lebens ist. Das tote Leben, das ist kein» hölzernes Eisen«. Und sinnvoll heißt der Teufel: der lebendige Tod. Er ist ja Geist, und Geist ist immer Leben, das lebendigste Leben. Aber er ist am weitesten weg von Gott und am nächsten dem Nichts: also dem Tod. Alle unsere Siege werden» planmäßig« errungen. Alles ist» einkalkuliert«. Aber allmählich wird doch klar, daß vieles, was zweifellos geschieht, nicht» planmäßig« geschieht. Oder sollte es doch » planmäßig sein? Freilich der Bestandteil eines anderen Planes, des Planes eines ganz andern?! Wie, wenn nun der Plan dieses ganz andern ausgeführt würde! Und es der Plan unserer Niederlage wäre! Auch in der Natur sieht man vielen Geschöpfen ihren Ursprung nicht an.» Aus diesem Wurm soll ein Admiral werden? Du bist wohl verrückt!<< 236 der verer Iche chts gen ders ung So ist ingicht ist. en«. Tod. das weg dem gen. wird ieht, doch eines rn?! ausderpfen soll ckt!« Aber er wird. Und so wird aus einem Verbrecher ein Heiliger Gottes. Freilich, nicht von Natur. 7. Juni Die Deutschen, die heute das Christentum ausrotten wollen und damit in quantitate einen groBen Erfolg haben mögen, scheinen auch der Meinung zu sein, daß damit die christlichen Theologen aussterben werden. Aber das ist ein schwachsinniger Irrtum. Die Professoren, die Staatsprofessoren: ja! Das schon. Aber die Theologen? Mein Gott, waren denn die Kirchenväter der ersten Zeiten- Staatsprofessoren? Nein, nein! im Gegenteil! Wir werden wieder große Theologen bekommen. Wenn einer Erfolg hat, hat er gern» alles mit einkalkuliert«. Aber das ist immer ein Irrtum. Der Teufel hat Erfolg, aber er hatte nicht mit einkalkuliert, daß Gott Mensch werden konnte. Groß würde Leibniz den angeschaut haben, der ihm gesagt hätte, er, Leibniz, habe seinen Intellekt von einem Gott bekommen, der selber keinen hat. Für den Rationalismus ist das einzige Merkmal der Freiheit die» Unberechenbarkeit der Ereignisse: eine sehr äußerliche Betrachtung und wohl auch eine unrichtige, insofern» Freiheit<< jenseits aller Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit liegen muß. Sie gehört einer anderen Ordnung an. Man kann die Menschen mit Aussicht auf fruchtbare Erkenntnisse einteilen in solche, die im Vordergrund ihres Gesichtsfeldes die Dinge haben, 237 die man nicht ändern kann, und solche, die dort die Dinge haben, welche man ändern kann. Das macht einen der wesentlichsten Unterschiede. Die vollkommene politische Weisheit bestände eben in der richtigen Unterscheidung der Dinge, die man ändern kann, und derer, die man nicht ändern kann. So aber wird in furchtbarer und verbreche- rischer Weise gepfuscht. Abraham muß Isaak mehr geliebt haben als irgend etwas auf der Welt; so sehr, daß er in Gefahr war, ihn mehr zu lieben als Gott. Darum mußte er versucht werden. Hätte Abraham den Isaak Gott vorgezogen, so hätte Christus nicht geboren werden können.: Wieder und wieder wer- den solche Opfer verlangt. Hätte Stephanus sich geweigert, so wäre Saulus nicht Paulus geworden, und die Heiden wären nicht bekehrt worden. Daß ein Argument irgendeines Philosophen gegen das Christentum mir zu hoch sein sollte, daß ich es nicht verstehen könnte, und namentlich irgend- eines Modernen: Schopenhauer, Nietzsche oder Scheler, das ist mir wahrhaftig niemals in den Sinn gekommen; im Gegenteil, ich könnte man- ches sogar besser sagen als sie. Nein, nein, hier habe ich alles andere, nur keinen Minderwertig- keitskomplex. Nicht Paulus oder Augustinus oder Thomas oder Newman oder Kierkegaard halte ich für»dumm« gegenüber jenen, sondern-rauh und roh gesagt, genau umgekehrt: wiewohl ich natürlich weiß, daß der eigentliche Unterschied die Gnade ist. »Wissenschaftlich« wäre es wohl vorzuziehen, die 238 dort Das Die nin man Hern cheals in rum den icht versich den, egen - ich endoder den anhier tigoder alte auh ich nied die Wahrheit ohne Paradox zu sagen und darzustellen. Aber, die Wissenschaft ist nicht der Mensch, oder umgekehrt. Die Wissenschaft ist schließlich für den Menschen da, und nicht umgekehrt. Es ist menschlich, ja sogar göttlich, paradox zu reden, also etwa einen Teil gegenüber andern Teilen zu übertreiben, wodurch sogar» das Ganze<< besser gesehen wird. Ein Maler bringt durch solche Methode eine Landschaft dem Beschauer näher als die wissenschaftliche« photographische Linse. Ich hatte unerträgliche Schmerzen.- Was heißt das, mein Freund, nachdem du sie ja doch ertragen hast?! Du hast sie ja ertragen, also waren sie auch erträglich. Wann ist denn ein Schmerz unerträglich? Wenn du stirbst oder das Bewußtsein verlierst. Du bist es also gar nicht, der bestimmt, wann ein Schmerz unerträglich ist. Es ist die Natur und schließlich Gott. 15. Juli Seit dem 22. Juni trinkt die russische Erde Blut und wird nicht satt. Ach, hat es noch einen Sinn, nach dem Sinn der Welt zu fragen? Hat Gott Ruhe? Wo ist die requies aeterna? Was ist sie, wenn sie nicht im Leben ist? Ist sie im Tode, so geht sie die Lebenden nichts an. Die Ruhe, die ewige, ist in Gott, unsere Ruhe ist in Gott. In der Welt ist keine Ruhe. Das» Mütterchen«, die russische Erde, trinkt Blut in Strömen. Berauscht sie sich nicht? So ist Gott nicht in der Welt. Ach, ich kann nur noch lallen und faseln. Was geht's mich an, was in der Welt vor sich geht, solange meine eigene Seele noch nicht heil ist? 239 Platon hat eine gewisse Musik, eine gewisse Tonart als verderblich erkannt. Wer weiß, wer will sagen, wie sehr diese Musik nur Ausdruck oder mehr Ursache des Untergangs der griechischen Gesundheit gewesen ist? Daß heute eine gewisse Musik den Untergang des Abendlandes begleitet oder für musikalische Ohren dieser sogar ist- wer hört das nicht? möchte man fragen, ach, eine rhetorische Frage im umgekehrten Sinn; denn niemand scheint es zu hören, außer den wenigen, auf die man schon nicht hört. gar - - Die Basis der deutschen Herrgottreligion ist ein primärer Stolz, der sich von Gott nicht brechen lassen will. Jedes Volk ist stolz. Aber es sind Unterschiede. Der Nationalstolz der Franzosen ist zu einem großen Teil Eitelkeit. Nicht umsonst ist der Hahn gallus das Symbol. Der Hahn ist stolz, aber fast mehr noch eitel. Der Nationalstolz der Franzosen hat eine sympathische Selbstoffenbarung, eine befreiende Offenheit wie das Kikeriki und die schönen Farben des gallus und wie der sinnlich- eindeutige Klang der clairons. Der Stolz der Deutschen ist eine düstere Verschlossenheit und darum so gefährlich, wie alle Verschlossenheit, die nicht von Gott versiegelt ist. Es ist auch nicht zu vergessen, daß die Franzosen von Natur die nächste Analogie zur gloria dei haben. Die Franzosen sind von Natur das Volk der gloire. Man kann die großen Geister des neunzehnten Jahrhunderts einteilen in solche, die den prophetischen Geist hatten, und in solche, die ihn nicht hatten. Kierkegaard, Newman, Dostojewskij hat240 onwill der hen isse itet st- eine niegen, ein chen sind Osen umDer Der thifendes der Stere wie ver= die zur atur nten phenicht hatten ihn, Tolstoi hatte ihn nicht, wiewohl seine natürliche Genialität wahrlich nicht geringer war als irgendeine andere. Wird nicht schließlich eine künftige Kapitelüberschrift lauten: Wie sich der kleine Moritz die Eroberung der Welt vorstellte? Und werden nicht alle Gedankenlosen meinen, es sei ein Gedanke, wenn sie sagen: wie konnte man so etwas so blutig ernst nehmen? Wie konnte man überhaupt darauf hereinfallen? Ja, aber an Blut hat es der Farce nicht gefehlt, und der Fall wird eben tiefer sein als 1918. - - Gott ist doch wahrlich geheimnisvoll genug, aber seine Vorliebe macht ein Verstehen noch hoffnungsloser, als es ist. Ich finde das eigentlich nicht. Ich liebe auch dieses oder jenes mehr! Warum? Nun, ich sage, weil es eben wertvoller ist. Mein Freund, Sie vergessen die Pointe! Sie sind ja nicht der Schöpfer dessen, was Sie vorlieben oder mehr lieben. Gott ist es aber! Sie werden ja nicht sagen wollen, so wie mir dieses oder jenes Werk, das ich geschrieben habe, besser oder am besten gefällt vor allen andern, so geht es eben Gott auch. Das wäre reine Gotteslästerung. Denn wie sollte Gott ein Werk, das er schaffen will, nicht gelingen? Nein, hier ist jeder Anthropomorphismus ein ruchloser Wahn. Wie komme ich dazu, im August 1941 einen solchen Traum zu haben? Ich, der nicht einmal weiß, wie der» Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts<< von außen aussieht, geschweige, daß ich auch nur eine Zeile davon gelesen hätte- wie komme ich daTag- u. Nachtbücher 16 241 zu, zu träumen, daß ich von Rosenberg verhört wurde, um dann, weil ich überhaupt nicht antwortete, weil ich schwieg[ großartig! Sonst bin ich im Traum leider oft ein Feigling], in sonderbarer Weise exekutiert zu werden? Auf einer Wiese, in der Nacht, umringt von SS, wurde ich gefragt, wie ich dazukomme, so zu schreiben, wie ich schreibe. Ich schwieg mit offenbarer Verachtung. Dann folgten endlose Tiraden über das Artfeindliche der christlichen Religion. Es wurde zuerst gesagt, daß es sich nur um einen geistigen Kampf handle. Aber schließlich wurde doch bestimmt, daß ich den Tod verdient habe. Ich wurde auf eine Art Rollkarren gesetzt, der, durch einen Stoß in Bewegung gebracht, immer schneller einem Abhang zurollte, ohne daß ich Angst gehabt hätte. Noch bevor er hinunterstürzte, erwachte ich, auch ohne Angst, aber erstaunt, wie ich dazu komme. 10. September Heute vor einem Jahr sagte der offizielle Propagandist Fritsche im Rundfunk anläßlich eines Luftbombardements Londons:» Einst regnete Feuer auf Sodom und Gomorrha, und es blieben nur siebenundsiebzig Gerechte übrig; es ist sehr fraglich, ob heute in London siebenundsiebzig Gerechte sich finden.« Ich weiß schon viele Gründe, warum Deutschland den Krieg nicht gewinnen wird. Diese Fritsche- Rede ist auch einer. 11. September Zur Psychologie des deutschen Volkes. Die Leute fragen ungeduldig, wann man denn endlich das neue Gas anwende, und junge Mädchen sprechen von» Schokoladefabriken«, die überall neu ent242 rhört Worn ich barer se, in ragt, e ich tung. einduerst ampf mmt, e auf Stoß Abhätte. auch Emme. ropaLuftFeuer nur fragGeünde, Ennen Leute das echen ent- stehen sie meinen die Giftgasfabriken. Wir brauchen viele Gerechte, wenn von unserem Volke noch etwas übrigbleiben soll, das einen» Namen<< hat vor Gott und der Welt. Tüchtig sind die deutschen Feldmarschälle. Aber sie lassen sich auch gut bezahlen. Eine Million soll jeder bekommen haben. Und dazu die Ehre! Und die Kreuze, noch dazu die, welche Haken haben.» Dem Tüchtigen gehört die Welt.<< Ist das nicht ein alter deutscher Spruch? Aber sie sind zu tüchtig. Und dann gilt der Spruch nicht mehr. Nein, die Welt wird ihnen nicht gehören. Der Teufel war gut gelaunt und sagte zu einer Seele, die gern ihren Pakt mit ihm lösen wollte: » Erzähl mir einen guten Witz, über den ich lachen kann, dann gebe ich dich frei.« Die Seele erwiderte:» Erzählte ich dir einen Witz, über den du lachen kannst, dann verlöre ich die Seligkeit noch einmal«<, und ward frei: 13. September Heute wurde bekanntgegeben, daß ab 19. September jeder Jude auf der linken Seite seiner äußeren Kleidung einen gelben Stern, den Stern Davids, des großen Königs, aus dessen Geschlecht der Menschensohn, Jesus Christus, die zweite Person der Trinität, dem Fleische nach geboren ist, zu tragen habe. Es könnte die Zeit kommen, daß die Deutschen im Auslande auf der linken Seite ihrer äußeren Kleidung ein Hakenkreuz, also das Zeichen des Antichrist, tragen müssen. Durch ihre Verfolgung der Juden nähern sich nämlich die Deutschen innerlich immer mehr den Juden und 16* 243 deren Schicksal. Sie kreuzigen ja heute Christus zum zweitenmal, als Volk! Ist es nicht wahrscheinlich, daß sie auch ähnliche Folgen durchzuleben haben werden? Oberflächlich angesehen, scheint es dieselbe Sache zu sein, ob einer kein Wort findet, weil er keinen Gedanken hat oder weil er einen zu großen, zu schweren, zu reichen hat. Aber es ist der Unterschied einer Welt zwischen beiden. Einem Menschen ein Wort nicht zu geben, nach dem er doch hungert, wiewohl man es geben könnte, ist eine so große Lieblosigkeit und Erbarmungslosigkeit wie einem Hungernden ein Stück Brot nicht zu geben, das man geben könnte. Aber einem Menschen dieses Wort nicht geben zu können, weil man es nicht hat, das ist eine furchtbare Qual, gleich der einer Mutter, die dem sterbenden Säugling die rettende Milch nicht geben kann, weil sie keine mehr hat in ihren armen Brüsten. Ist es Wahnsinn, anzunehmen, daß die Menschheit eine ganz andere Richtung hätte einschlagen können, so daß sie etwa heute glücklicher sein könnte, als sie ist? Wenn man bedenkt, daß für ein Einzelleben solche Möglichkeit nicht geleugnet werden kann, warum sollte es nicht für die Menschheit im ganzen gelten? 244 stus ahrrchache inen -, zu nternach eben Erein ante. eben eine dem gemen schagen sein 3 für gnet die Karfreitag, 3. April 1942 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wie kann einer Gott sein und bleiben nach diesen Worten? So stellte einer die Frage. Gottes Sohn in menschlichem Sinne- wohl, ein Vater kann den Sohn verlassen. Aber dann ist auch alles sehr menschlich. Ist aber dieser Sohn nicht wesensgleich mit dem Vater? Sind die Worte überhaupt für Menschenohren bestimmt? Da der Mensch sie doch nicht verstehen kann! Dennoch sind sie gesprochen worden, und sie sagen, wie es scheint, nichts weniger als eine Verzweiflung aus. Aber eine ganz bestimmte dennoch. Manche ungläubige Interpreten haben gemeint, Christus habe mit diesen Worten Gott aufgegeben und also den Glauben an Ihn. Davon ist nichts in den Worten, also nichts von Atheismus, nichts von: es ist kein Gott, oder: Gott ist tot. Nein: Gott ist! Aber er hat mich verlassen! Das freilich führt in ein ruheloses Meer von Gedanken, dem nur die Kraft und der Friede Gottes Ruhe gebieten können und - die Auferstehung. Ostern 1942 In all ihrem undurchdringlichen Geheimnis sind es doch die menschlichsten Worte: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Die göttlichsten aber sind: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Jene ersten Worte kann ich in aller Wahrheit und Wahrhaftigkeit zuweilen auch sagen. Die andern kann ich bis jetzt doch nur anstaunen, wohl erkennend, daß hier das novum mandatum und die neue Ordnung ist, ver245 wirklicht, realisiert, gelebt und» Natur« ist. Ein lebendiger Baustein dieser neuen Ordnung zu werden, ist das Ziel, aus eigener Kraft werd' ich es nie erreichen. So bleibt nur die Klage, daß Gott mir dieses neu geordnete Herz noch nicht geschenkt hat. Aber ich habe Sehnsucht danach. Gott weiß es. 29. April Ausgegangen muß werden von der Gleichheit der Menschen. Dann erst kann und muß von der Ungleichheit der Menschen gesprochen werden. Umgekehrt ist es eine gefährliche Sache, die praktisch zu den schlimmsten Katastrophen führt. Für den Christen ist diese These ganz klar. 1. Mai Schnee! Kalt! Das Wetter macht nicht mit. Es ist sogar gegen uns. Die Wissenschaft sagt hie und da, der Grund seien die Sonnenflecke, ohne uns freilich zu sagen, woher und warum diese sind. Wie viele Schlachten und Feldzüge sind schon mit Hilfe des Wetters entschieden- gewonnen oder verloren- worden! Die Eroberer müssen künftig sehen, daß sie auch Herren des Wetters, daß sie Wettermacher werden. Wenn sie das auch noch einkalkulieren können, armer Gott, wo bleibst du dann! Und was tun dann die Abergläubischen und die Dunkelmänner, die heute noch frech oder dumm oder dumm und frech die Absurdität wagen und sagen können, sie sähen die Hand Gottes in solchen Ereignissen? 2. Juli Macht und Ohnmacht sind geheimnisvolle Dinge. Sie können im erschaffenen Sein ohne Sünde, also 246 in Unschuld und im Guten sein, also vor dem Sündenfall und nach der Erlösung, nach der Ankunft Christi und nach dem Gericht, kraft göttlichen Seins und Willens, als guter Schöpfung. St. Thomas sagt von dem Weibe nach der Auferstehung: denn auch da wird das Männliche und das Weibliche sein: similiter etiam nec infirmitas feminei sexus perfectioni resorgentium obviat. Non enim est infirmitas per recessum a natura, sed a natura intenta; et ipsa etiam naturae distinctio in omnibus perfectionem naturae demonstrabit et divinam sapientiam omnino cum quodam ordine disponentem commendabit.[ Ebenso widerstreitet auch die Schwachheit des weiblichen Geschlechtes nicht der Vollkommenheit der Auferstehenden. Es ist nämlich nicht eine Schwachheit auf Grund eines Zurückbleibens unter der Natur, sondern sie ist von der Natur beabsichtigt. Ebendiese in allem unterschiedliche Fügung der Natur wird sogar die Vollkommenheit der Natur erweisen und die göttliche Weisheit deutlich machen, die allenthalben gemäß einer Stufenfolge Ordnung schafft. Thomas von Aquin, Summe wider die Heiden, 4, 88.] Dieses Wunder also der Macht und der Ohnmacht, der Stärke und der Schwäche, und zwar ihres Getrenntseins sowohl wie ihres Ineinanderumschlagens, ihres Füreinanderstehens, ist und bleibt auch in einer vollkommenen und unzerstörbar guten Welt. Insofern ist es ein rein göttliches Mysterium der Schöpfung voller Seligkeiten und gehört zur himmlischen Ästhetik des ewig Weiblichen. Tota pulchra es![ Ganz schön bist du.] Etwas ganz anderes ist der Kern des mysterium iniquitatis: die Macht des Bösen, die Ohnmacht des Guten im 247 Laufe der Welt und der Menschengeschichte. Gewiß, es muß seine für uns undurchsichtigen Beziehungen zu jenem ewig seienden Mysterium der göttlichen Einteilung Seiner Schöpfung in Macht und Ohnmacht haben. Aber Unseligkeit und Verzweiflung lauern am Abgrund dieses Mysteriums, daß der Fürst dieser Welt so viel Macht hat und der rechtmäßige» König« so viel Ohnmacht und am Kreuze hängt und» sera en agonie jusqu'à la fin du monde[... in Todesangst sein wird bis zum Ende der Welt]. Am Anfang des Abfalls steht der Wille zur Macht, nämlich der Macht vor und gegen Gott. Der Wille des heilen und geordneten Geschöpfes vor oder gegen Gott ist der Wille zur Ohnmacht: aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe! Gegen Gott will ohne Macht sein schon der fromme Heide: cede deo! Weiche dem Gott!» Wer ist wie Gott?« heißt Michael, der stärkste Engel.- Wohl, wohl, wohl, aber damit ist doch nur ein Teil des Mysteriums berührt. Gott ist doch allmächtig! AHmächtig! Überlege dir, was das heißt. Er muß doch aber Satan und einzelnen Menschen heute bewußt und willentlich die Macht geben, die Greuel und Verwüstungen dieser Tage zu begehen. Ja, es ist wahr: die Allmacht Gottes ist leicht begreiflich und eigentlich selbstverständlich, die Zulassungen Gottes sind das Unbegreifliche! Mein Gott, mein Gott, laß mich ohnmächtig sein vor dir, laß mich unrecht haben! 3. Juli - » Nemo enim simul miser et felix esse potest, niemand nämlich kann zugleich elend und glücklich sein, das ist ein Satz des heiligen Thomas. 248 I S น 0 S St b S S 11 S T Z S i E n S M n S S S h k T a 0 S g is IIs ht Ist die Logik des Satzes nicht einleuchtend, ist sie nicht unanfechtbar? Zweifellos, wenn es sich um»Begriffe« nur. handelt. Aber wenn es sich um einen Menschen handelt- dann ist die Sache doch ganz anders. Ja, man kann sagen: hier ist der Punkt, wo der Mensch, auch der Christ un- serer Zeit, sich von dem mittelalterlichen Men- schen und Christen faktisch unterscheidet. Nicht bloß der sich selber so undurchsichtige Hölderlin sah in sich zuweilen einen Zustand, den er also schilderte:»Wie so selig doch mitten im Leide mir ist«, nein, auch der sich selber sehr viel durch- sichtigere Kierkegaard verstand sich zu gewissen Zeiten»simul«, gleichzeitig, als den unglücklich- sten, elendesten und den seligsten der Menschen, in verschiedenen hierarchisch geordneten Schichten “des menschlichen Seins freilich. Und das ist die Erklärung, die über den Widerspruch mit Tho- mas’ Satz hinweghilft. Es gehört zu den schön- sten Arbeiten Schelers, daß er diese Schichtung der Seele weitgehend erkannt und dargelegt hat. Natürlich hat Thomas in dem Sinne, wie er es meint, recht. Aber die Menschen sind nicht mehr so»ganz« wie zu seiner Zeit, sie sind viel zerris- sener- eben durch den Mangel an Glauben, und sie sehen darum auch viel leichter die Zerrissen- heit, die es natürlich immer gab, denn es entsteht kein prinzipiell neuer Mensch. Sie ist ihnen ein Zeitproblem, ein schmerzliches und ebendeshalb auch ein erkenntnisreiches. Das Erstaunliche frei- lich ist, daß die Philosophie des Thomas gerade die einzige und beste ist, um zur Beherrschung des Problems die Prinzipien zu liefern, und es scheint fast, als ob die Schizophrenie eine all- gemeine Krankheit des modernen Menschen sei. 249 Die verschiedenen Reiche des Menschen, der quo- dammodo omnia[in gewisser Weise alles] ist, stehen gegeneinander auf. Das Band der Einheit ist zerrissen mit dem Sturz der Hierarchie der Ordnungen. Trotz alledem aber scheint mir der Satz des Thomas: nemo enim simul miser et felix esse potest zu zeigen, daß er selber in einem Maße angelicus, engelgleich war, wie es zum Beispiel der Apostel Paulus nicht war.'Thomas hatte keinen Pfahl im Fleisch. Und das macht etwas von der Fremdheit aus, die er für den modernen Menschen hat, der in der Regel sogar mehrere Stacheln im Fleische hat. Es ist der teils leichtsinnige, teils freche Mißbrauch der Worte und Begriffe»ewig«,»unendlich«, vor dem der Philosoph in mir erschrickt und vor dem er Abscheu hat. In der erschaffenen Natur gibt es überhaupt kein»ewig« und sicherlich kein»un- endlich« im strengen Sinne des Wortes. Die Schöpfung ist endlich- die strenge Naturwissen- schaft weiß es heute, soweit sie philosophisch den- ken kann, ein indefinitum zwar, aber kein in- finitum- das kommt allein Gott, dem Schöpfer, zu. 7. Juli Wie ich das Datum so schreibe, fällt mir die 7 auf und daß alles Geheimnis und so dunkel ist, und ach, zuweilen am dunkelsten das Licht selber. Ob jemals die allernächste Zukunft der Völker die- sen, ihnen allen und jedem einzelnen, so dunkel und verschlossen war wie heute, das wollte ich fragen, als ich die 7. 7. 42 hinschrieb. Und ich meine, die Frage verneinen zu können, denn nicht 250 einmal in einer Verheißung haben sie mehr den vagen Anblick ihrer Zukunft. Alles ist zusammen- gestürzt. Es steht nur die christliche Verheißung, sie geht aber nicht auf diese Welt, sondern auf die neu erschaffene, der der Tod vorhergeht. Jahr- hundert um Jahrhundert betrügen sich die Chri- sten um diese Wahrheit! 8. Juli Kein Gut dieser Welt kann einen Anspruch er- heben auf Ewigkeit und Unsterblichkeit. Hier ist alles, alles wert, daß es zugrunde geht. Wenn nicht im Sein bereits des Menschen ein Ewiges ist, ist es lächerlich, eine Ewigkeit zu erwarten oder zu postulieren. In den Glauben an Gott ist eingeschlossen der Glaube an seine Attribute. Keines seiner Attri- bute liegt so schr auf der Hand, daß es nicht bestritten werden könnte oder bestritten worden ist. An jedes einzelne zu glauben, fällt von Zeit zu Zeit verschieden schwer. Heute zum Beispiel am schwersten: daß Er die Allmacht ist oder daß Er die Liebe ist. Das eigentliche Verbum, um dessentwillen alle anderen Verba sind und die ganze Sprache ist, ist doch das Verbum»sein«,»esse«. Es ist gar nicht glücklich von der deutschen Sprache, dieses Verbum ein Zeitwort oder ein Tätigkeitswort zu nennen, während es doch recht eigentlich»das Ewigkeitswort«, das»Seinswort« ist. Aber ver- räterisch ist es für den deutschen Genius. Die Überstrahlung des Leiblichen in Christus durch das Spirituale mag auch eine Erklärung 251 sein für den merkwürdigen Umstand, daß die Jünger in Emmaus den Auferstandenen zunächst nicht erkannten, bis wieder das spirituale Erkennen die ganze Erscheinung offenbarte. In einem ganz gemeinen und bösen Menschen fallen Laster, die einander auf den ersten Blick entgegengesetzt sind und einander fast auszuschließen scheinen, doch wieder zusammen oder haben doch die Tendenz dazu, zum Beispiel Heuchelei und Schamlosigkeit. Es ist nicht bloß so, daß ein Mensch einmal eindeutig ein Heuchler, ein andermal eindeutig schamlos ist nein, zuweilen ist eine und dieselbe Handlung, die er tut, zugleich heuchlerisch und schamlos. 4. Oktober - Ganz ohne Gott leben wir doch nicht. Zwar wenn wir Erfolg haben und erobern und vor allem vernichten in» einmaligen Ausmaßen«, dann machen das ausschließlich wir, unsere Kraft, unser Geist, unser unvergleichliches Genie, unsere Planung, die alles einkalkuliert, unsere äußere und innere Front; denn die Weltherrschaft eines Volkes ist nicht Gottes Werk oder Zulassung, sondern» das haben die Menschen gemacht und machen die Menschen«. Also: wenn es gelingt, wenn der Erfolg da ist, dann ist es allein unser Verdienst. Aber wenn nur zum Beispiel das Wetter schlecht wird, wenn es kalt wird und über Erwarten schnell- dann ist es doch die Vorsehung, die uns stiefmütterlich behandelt. Wie strömte mein Herz plötzlich über vor Dankbarkeit, als heute, am 4. Oktober 1942, in der Kirche der Erlaß des Kardinals verlesen wurde 252 ie st 1- - als Folge der schamlosen Behandlung der Opfer durch die Partei nach dem letzten Luftangriff-, daß künftig zehn Minuten nach dem Alarm Generalabsolution einem jeden erteilt werde, der eine vollkommene Reue tätige. Mein Gott, wel- chen Trost hat Deine Kirche, hast Du ihr ge- geben! Wie um den Abgrund zwischen Deiner Kirche und dem deutschen Staat ganz aufzutun und unsere Augen, ihn zu sehen, hielt Göring eine Rede, um uns Mut zu machen. Die Hölle wurde geöffnet, wie am Morgen der Himmel. Ein Unflat infernalisch dummer Witze und hoh- ler Drohungen, als deren Gipfel der Ausdruck »dann gnade ihnen Gott« gemeint war. Aber ge- rade das, und das allein, wird in Erfüllung gehen: Gott wird Gnade üben. 2r. Oktober Die Mysterien des Christentums erregen in uns verschiedene Gefühle oder Gefühlsschwierigkeiten, abgesehen von, aber doch auch im Zusammenhang mit ihrem intellektuellen Dunkel. Das Mysterium der Trinität ist das erhabenste, das der Mensch- werdung das aufwühlendste und auch rührendste - es geht. uns so nahe auf den Leib. Eine Beklem- mung werde ich nicht los bei der Betrachtung des Mysteriums der Prädestination der Heiligen. Da- ran ist, glaube ich, nichts zu ändern. Ein Theo- loge aber, der mir sagen würde, ihm sei bei Kon- templation dieses Mysteriums ebenso ruhig und feierlich zumute wie bei den anderen Mysterien, wäre mir so unheimlich und fast dämonisch fremd wie ein Mensch ohne Angst. Ist es nur der Eros, der einen Menschen zu Höhe- rem hinreißt, zu höherer und immer höherer Be- 253 gattung so bleibt dieser Mensch stolz oder wird stolz:» mein Name wird in Aonen nicht untergehn. Sehr wohl! Aber wie ist es mit der Ewigkeit? Und das Höchste, Gott Selber, erreicht er dadurch doch nie. Er bleibt furchtbar gesichert. Leiden ist ein besserer, vielleicht der einzige Weg, denn es kann den Menschen demütig machen, während der Eros, jeglicher, das niemals kann. Und das Höchste erreicht man, im Höchsten bleibt man nur durch die demütige Liebe. Der » Fall« und der» Stolz« des Engels sind ein und dasselbe. Keiner ist vor dem andern. Kleiner Dialog. Ich will nicht bei der verlierenden Partei sein. Ich will zur gewinnenden gehören. Das ist menschlich, aber zuweilen ist es doch edel, also auch menschlich, zur verlierenden Partei zu gehören. Sie verstehen mich nicht. Ich meine, ich will zu der endgültig, am Schlusse gewinnenden Partei gehören. Warum soll ich das nicht verstehen? Meine Frage bleibt auch dann: wird es nicht edler sein, vielleicht, zur verlierenden zu gehören? Das ist die Frage des verzweifelten Unglaubens. Denn am Schluß siegt Christus. Und wer ist edler als Christus? Die meisten Menschen haben gar keine große Mühe, immer sie selber zu sein, das heißt, sie sind immer ihr eigenes Mittelmaß und eben die übliche menschliche Mittelmäßigkeit. Und doch sind wahrscheinlich auch sie alle von ihrem Schöpfer anders geschaffen. Sieht man sie als Kinder, 254 er ist man davon fest überzeugt; sieht man sie als Erwachsene, dann freilich kann man sich ärgern und zu der ärgerlichen Meinung kommen, daß Gott eine mittelmäßige Welt geschaffen habe. Ein Hauptgrund der so leichten Menschenverachtung erfahrener Menschen. Ein Mensch, der»sich sam- melt«, nicht bloß in einem partiellen Sinne für eine bestimmte Arbeit, eine Schul- oder Sport- aufgabe[wiewohl auch das etwas sein kann, was ihn aus der Mittelmäßigkeit herausnimmt], son- dern in einem totalen Sinn: sich ganz, also für eine Andacht oder ein Gebet, ein solcher Mensch ist in diesem Augenblick niemals»mittelmäßig«. Aber freilich, wie selten ist das! Nun, eben genau so selten wie das Außerordentliche. Wenn Gott»veränderlich« ist, muß der Mensch verzweifeln; wenn die Welt»unveränderlich« ist, muß er auch verzweifeln oder vielmehr, er ist verzweifelt. Das ist ein Verhältnis zwischen Ver- zweiflung und Unveränderlichkeit oder Veränder- lichkeit des Seins, das Kierkegaard in der»Krank- heit zum Tode« auch hätte behandeln können. Freilich, es ist ein metaphysisches Kapitel in erster Linie und nicht ein psychologisches. Nur dem Sein Gottes kommt die Unveränderlichkeit zu, dem Sein der geschaffenen Welt aber ebenso we- sensmäßig die Veränderlichkeit.»Die Wiederkehr des Gleichen« ist darum Verzweiflung, weil sie auf die Behauptung der Unveränderlichkeit der Welt hinausläuft. In den deutschen Idealisten ist noch dadurch etwas Leben, daß sie ihren Systemen, die falsch 255 sind, nicht allzu selten widersprechen und dadurch auch Wahres sagen. Ist die Zeit ein Kind der Ewigkeit? Es ist auch analogisch schwer vorstellbar. In der Zeit selber, in unserer, sterben die Eltern, und die Kinder leben weiter. Wenn aber die Mutter die Ewigkeit ist, dann kann sie ja nicht sterben, und es ist sicherlich umgekehrt: die Zeit kann sterben und stirbt. Sie kann zurückgenommen werden oder, was wahrscheinlicher ist, es kann eine neue erschaffen werden. Es ist uns verheißen, daß eine neue Erde erschaffen werden wird, und das ist wohl kaum möglich ohne eine neue Zeit, so unvorstellbar verschieden sie auch sein mag. Aber wenn man sich eine andere Erde vorstellen kann, dann schließlich doch auch eine andere, mit der Ewigkeit Gottes harmonischere Zeit. Mit Gott redet es sich immer am besten. Bei jedem Menschen, auch dem vertrautesten, stoße ich spürbar auf ein Mißverstehen oder Nichtverstehen, und ich meine sogar zu verstehen, daß das mehr oder weniger notwendig ist, fast ebenso, wie ich verstehe, daß bei Gott ein Nichtverstehen oder Mißverstehen ausgeschlossen ist, da er ja weiß, wer und was ich bin. Die den Dichter auszeichnende Gabe, sagen zu können, was er leidet, hat Grade und Stufen der Qualität; die höchste ist, mehr durch Nichtsagen zu sagen als durch Sagen, also die rechte Mischung mit dem Schweigenkönnen: Geheimnis der Weisheit und der Schönheit. 256 T ei ße It- aß 0, en zu ler ng iS- Kein Mensch liebt, betrogen zu werden, und jeder hat mehr oder weniger Angst davor. Aber nur allzuoft geschieht es, daß diese Angst ihn um wertvolle Güter und Erlebnisse betrügt. Im Grunde sind beide Metaphysiken in reiner Form: daß es nur ein absolutes Sein gibt ohne Werden oder nur ein ewiges Werden ohne ab- solutes Sein- im Grunde sind beide närrisch. Aber die des absoluten werdelosen Seins ist doch ehr- würdiger als die des Werdens. Merkwürdig da- bei ist, daß wahrscheinlich der Begründer der reinen Werdensphilosophie, welche zur Gassen- philosophie dieser Tage geworden ist, Heraklit, persönlich ein hochmütiger Aristokrat und Men- schenverächter war. Der Impressionismus in der Kunst, und zwar in jeder Art Kunst, nicht bloß in der Malerei, war der genaueste Ausdruck der gleichzeitigen Wer- densphilosophie, einer Philosophie der Oberfläche und der Auflösung des Substanzbegriffes. Es kann der Malerei etwa die Aufgabe gestellt sein,»flie- ßendes Wasser« zu malen als Einheit. Sehen wir einmal von der verschiedenen Begabung, dem ver- schiedenen Können der einzelnen Künstler ab und dem davon abhängigen verschiedenen Gelingen, so wird doch in einer philosophisch gesunden Zeit keinem Künstler der Gedanke kommen, daß er die Einheit»fließendes Wasser« zerreißen könne, indem er nur»Wasser« malt oder nur das»Flie- ßen« malt. Dieses letztere aber war das Ideal des Impressionismus. Das Wasser, das fließt, ist nur ein scheinbares Etwas, es ist eigentlich- ja, es ist überflüssig, ein bedauerlicher Rest, mit dem Tag- u. Nachtbücher 17 25%. die Kunst, das Können noch nicht ganz fertig wurde, den es nicht ganz auflösen konnte wie das» Fließen, die Hauptsache, denn núvτa paî, alles fließt, das heißt aber, wie Hegel sehr rasch erkannt hat: nichts fließt. Alles und nichts, Sein und Nichtsein ist dasselbe; sie sind identisch und deshalb vertauschbar. Es gibt nur das Fließen. Nur das Fließen zu malen, ist der wahnsinnige Versuch, das Absurde zu malen: die Veränderung zu malen ohne das Ding, das sich verändert. Und das ist nun auch dem größten Impressionisten nicht gelungen. 21. Dezember Wenn einer aufrichtigen Herzens sagen kann und darf, daß er Gott von Herzen liebe, dann darf er eigentlich sicher sein, daß er von Gott geliebt wird; denn nur die Liebe Gottes kann dieses wirken, daß ein Mensch Gott, Ihn, den Unsichtbaren, liebt. Und wann war Gott unsichtbarer als gerade heute? Es ist eine große Demütigung für einen Menschen, der das Große tun kann, wenn ihm deutlich gemacht wird, daß er das Geringere nicht kann, das Geringere, das doch ungefähr alle können. Aber das ist vielleicht überhaupt ein Prinzip dieser Welt: in dieser Welt muß der Geist demütig sein, da er ohne die Materie überhaupt nicht bestehen kann. Der Hochmut des reinen Geistes ist in seinem eigenen Reiche Lieblosigkeit und Verrat an Gott, in dieser Welt ist er sozusagen materiell eine Lächerlichkeit und eine Lüge. Daß ein Götze auch etwas Lächerliches ist, daß sowohl der sich göttlich verehren Lassende wie 258 wie ol, sch ein ınd en. ige ing Ind ten ınd larf ‚ebt eses cht- rer [en- ut- icht rin- reist upt nen keit )ZU- üge. E wie der ihn göttlich Verehrende unter anderem auch komisch ist, das gehört immerhin- oder gehörte!- im Abendland zu seiner auszeichnenden Eigenart, zu seiner qualitativen Differenz, zu seinem hu- manen Adel, das machte eben seinen»Humor« aus, einen Hauptbestandteil seiner Kultur als Unterscheidung vom Osten. Es scheint ja, daß auch noch heute in Japan selbst der Intelligen- teste die objektive Lächerlichkeit seiner Religion gar nicht sieht. Es ist eine undurchdringliche Mauer tierischen Ernstes davor. Daß heute ein Scheusal von solcher Lächerlichkeit auf den ersten Blick, daß es nicht einfach zu dem menschlichen Nichts, das es doch ist, zu Tode gelacht wurde oder wird, das ist unbegreiflich, human und abendländisch unerklärbar ohne die Mithilfe der Dämonen und die Annahme, daß das Volk schon lange vorher abgefallen war. Die Katastrophe kündigte sich freilich schon vorher an durch das Auftreten so absolut humorloser, tierisch ernster Geister wie George, Klages, Spengler. Wenn der Unmensch und das Unmenschliche von Menschen- witz nicht mehr als lächerlich erkannt und be- handelt wird, dann freilich ist das Abendland am Ende, dann bleibt nur noch das Gericht des Psalmwortes:»Gott lacht ihrer«, und das hat freilich nur ewiges Pathos und keine zeitliche Komik mehr. i 31. Dezember Immer wieder lockten mich besonders üppige und verräterische Stilblüten offizieller Reden und Kundgebungen, sie aufzubewahren oder ab- zuschreiben. Im Augenblick der Kenntnisnahme war das Verlangen wie ein Zwang, war der a 259 Drang drängend und fast unwiderstehlich. Aber zum Glück waren dann weder Schere noch Tinte noch Papier zur Verfügung. Und eine Viertel- stunde später war alle Lust verflogen. Wozu? Wozu denn? Und was geht’s mich an?»Satire und Polemik« ist geschrieben vor mehr als fünf- undzwanzig Jahren schon. Ich bin viel zu alt. Satire ist, wenn Talent da ist, Werk nicht des Jünglings, sondern des Mannes, aber nicht des alten Mannes, des Greises. Davon abgesehen, glaube ich auch, daß dieser Krieg jede mensch- liche, subjektive Satire transzendiert. 260 er te elu? re f- lt. les Hes en, ch1. Januar I 943 Nun hört man schon deutlicher das Heulen und Winseln der Dämonen in ihren Phrasen der Angst. Es ist das Keuchen der Amokläufer vor dem Ende. Öffentliche Aufforderung zum Haẞ! Wohl, der Haß wird sich finden, aber auch das Objekt des Hasses, und es wird ein anderes sein, als sie meinen und heute wollen. Der Haß ist die letzte Offenbarung abgefallener Geister, die Logik der Auflösung. Sie ist aber auch die Auflösung der Logik. Sie ist erstaunlich, man hält sie kaum für möglich. Zum Beispiel, wer alles einkalkuliert, wird siegen. Wir haben alles einkalkuliert, ergo werden wir siegen. Oder: wenn wir nicht siegen, ist unsere Partei verloren. Unsere Partei darf nicht verlieren, ergo werden wir siegen. Oder: wir verkörpern die höchste Tugend, Gott läßt die Tugend siegen, ergo werden wir siegen. Oder: Gott hat uns drei Jahre siegen lassen; es wäre sinnlos, uns nicht mehr siegen zu lassen, ergo werden wir siegen. Oder ganz simpel: wir müssen siegen, ergo werden wir siegen.. Und am simpelsten: wir haben längst gesiegt, der Feind hat es nur noch nicht gemerkt. Es ist unsere Aufgabe, die raffinierteste der Weltgeschichte, ihn in diesem Nichtmerken zu stärken und zu erhalten, denn dann reiben sich unsere Feinde gegenseitig immer mehr auf, und unser » Endsieg« wird um so vollkommener sein. Es gibt Protestanten, die sich sehr aufregen über das Beten von Litaneien, dem Vaterunser, dem 261 Ave Maria als ein äußeres Herunterplappern in jedem Falle. Auch Hilty läßt sich dabei ertappen. Aber wiewohl hier eine Gefahr ist, die ich sehr wohl sehe, hat die Sache eben auch eine andere Seite. Hilty wird erstaunt sein, wenn er in der andern Welt erfährt, wieviel Rettungen ein schein- bar nur hergesagtes Vaterunser oder Ave Maria gebracht hat, wie viele Sünden durch»herunter- geleierte« Litaneien nicht begangen wurden! Viel- leicht sagt einer, er hätte ebensogut andere sinn- lose Wörter hersagen können. Aber das ist ein gewaltiger Irrtum. Jedes Wort unserer großen Litaneien hat objektiv einen gar nicht ausschöpf- baren Sinn, eine unberechenbare Möglichkeit der Kontemplation und: auf allen diesen einzelnen Wörtern liegt ein großer Segen, der ihnen von Gott durch jene wurde, die sie mit reinem und brennendem Herzen gebetet haben. 3. Januar Wenn dieser Betrug einmal ein Ende genommen haben wird- und der Anfang vom Ende ist nun da-, dann gilt es, keine falschen Bewegungen zu machen. Und eine grundfalsche Bewegung wäre eine, wenn auch negative, Bewunderung und Hochachtung. Es gibt neben dem Schauer und Abscheu vor dem übermenschlichen Bösen, das zugrunde lag und liegt, nur das riguarda e passa. Man kann es betrachten, um zu verachten und- weiterzugehen. Vor allem: weitergehen! Wie aber, wenn das offenbare Scheusal doch nur der uns’gnädig vorgehaltene Spiegel wäre, der mit exzeptioneller Schamlosigkeit und Aufrichtigkeit genau wiedergibt, wie wir in Wahrheit sind und vor Gott aussehen? Was dann? Wie ist es dann 262 in en. hr ere er n- ria ereln- ein en ofder en on nd hen un zu äre and nd das sa. d- nur mit Keit and ann mit der Verachtung? Ziemt sich nicht Zurückhaltung? Le moi est haïssable.[ Das Ich ist hassenswert.] In der natürlichen Schöpfungsgeschichte wird uns fast unvermeidlich der Begriff der» Sackgasse<< aufgedrängt. Gewisse Entwicklungsreihen haben plötzlich jede weitere Aussicht auf» Entwicklung<< und» Fortschritt« verloren. Sie sind von aller Fruchtbarkeit ausgeschlossen- sie sind Sackgassen. Dieselbe geheimnisvolle Methode scheint auch im geistigen Leben, also im Leben der Freiheit, eine Rolle zu spielen; aber hier spielt dann die Schuld mit als Ursache der Sackgasse. Man muß umkehren und von vorne ein anderes Leben beginnen. Voreilige Schlußfolgerungen drängen sich um diesen geheimnisvollen Punkt der» natürlichen Schöpfung, der dem Planen eines allwissenden und allweisen Gottes und Schöpfers zu widersprechen scheint. Aber Vorsicht! Wir kennen seine Wege nicht. Wenn er der Schöpfer ist und wenn» Sackgassen« sind, so ist er eben auch der Schöpfer dieser» Sackgassen«, aber vielleicht ist dieser Name, der ja von uns ist, nur ein stümperhafter Notbehelfsbegriff für etwas, was wir noch gar nicht voll und richtig sehen oder einfach falsch interpretieren, wie den gebrochenen Stab im Wasser, der nicht gebrochen ist. Der unnatürliche Stil mancher Schriftsteller ist das Produkt einer geheimen Angst, banal zu wirken. Aber um nicht banal zu wirken, soll man sich nicht vornehmen, um jeden Preis originell zu wirken, wie jene meinen und tun, sondern nur, so klar und so wahr wie möglich zu schreiben, 263 - nachdem man zuvor eine natürliche Trägheit und Zerstreutheit überwunden hat denn in dem Zustand des Sichgehenlassens darf man allerdings nie schreiben. Die Sprache heute ist in einem Zustande, der vom Schreibenden die äußerste Wachsamkeit verlangt, daß er selber ihm nicht zum Opfer falle. Das war nicht immer so und braucht auch in späteren Zeiten einmal nicht immer so zu sein. Der persönliche und gute Stil eines Schriftstellers ist die oft durch große Kunst erreichte- natürliche Einheit zweier Naturen: der Natur des Schriftstellers und der Natur der jeweiligen Sprache, in der er schreibt. Denn diese beiden Naturen sind nicht identisch, und die Einheit ist meist nur durch gegenseitige Kompromisse zu erreichen. Es kann einer einen originell persönlichen Stil schreiben, der, von der Sprache aus gesehen, schlecht ist, weil er die Natur der Sprache, in der er schreibt, im allgemeinen und im besonderen vergewaltigt, und ein braver Schüler kann einen» guten Stil schreiben, ohne etwas Persönliches zu verraten, das er gar nicht hat. Der große Schriftsteller ist aber der, in dessen Stil beide Naturen eine Einheit geworden sind, die wieder auseinanderzulegen keinem mehr möglich ist. 6. Januar Da darüber kein Zweifel möglich ist, daß das Leiden der vollkommenste Weg zu allem höheren Sein ist und in gewissen Fällen eigentlich überhaupt der einzige, kann man es verstehen, daß es, wenigstens für diese Welt, von manchen zum Zweck und Ziel gemacht wird, während es ewig 264 /u- 1g5 u- ch- um cht ers Ür- des en len ist ’n- Be- he, In- nn IN- fe Ya- US- las ‚en er- aß nur als Mittel gedacht ist, und selbst als Mittel hat es für den menschlichen abstrakten Verstand leicht etwas Aufreizendes, in jedem Fall etwas absolut Unverständliches, Geheimnisvolles. Es ist immer eine Perversion, ein Mittel zum Zweck zu machen, im besonderen aber in diesem Falle. Ziel ist allein Gott selber und also die Seligkeit selber. Anderseits ist die Bedeutung des Leidens als Weg zur Vollendung so groß, daß jeder, der sich, wenn ihm die Wahl bleibt, dem Leiden ganz entzicht, das höchste Ziel sicherlich verscherzt, daß der ein Heros und ein Auserwählter ist, der das Leiden um Gottes willen selber wählt, auch wenn er es, ohne Schuld, vermeiden könnte. Die»menschliche Redlichkeit« ist auch deshalb etwas so Unvollkommenes, weil ihr Hauptgegen- stand, das eigene Ich, in letzten Dingen so mangel- haft bekannt ist. Wer weiß denn, was sein»Ich« zu einem gegebenen Augenblick ist, wann es in seiner»Fülle« ist. Wie große und schmerzliche Täuschungen und Enttäuschungen erlebt hier ein Mensch! »Paradox« und»Absurd«. Wenn ich sage: Das Paradox als Sprachmittel beruht auf der Ar- mut der menschlichen Sprache, so ist das eine eindeutige Erklärung. Aber sie trifft eigentlich nicht die ganze Wahrheit. Denn je nachdem kann ein anderer mit Recht sagen: sie beruht auf dem Reichtum der Sprache. Doch beide sagen nur eine halbe Wahrheit. Wenn ich nun aber sage, das Paradox beruht auf der Armut und auf dem Reichtum der menschlichen Sprache, so ist das ja wiederum ein Paradox[und ein Para-. 265 dox wieder durch ein Paradox erklären, ergibt doch eine falsche Unendlichkeit]. Jawohl, es ist paradox, aber es ist nicht absurd, denn Armut und Reichtum werden von der menschlichen Sprache im Paradox nicht in derselben Hinsicht ausgesagt; geschähe dies, so wäre es absurd, also bloß Geschwätz, das weder sein noch gedacht werden kann. Das Paradox kommt allein dem Menschen zu, aber als Mittel und Weg, nicht als Zweck und Ziel. Wo der Mensch das meint, ist sein Geist krank. Als Mittel und Weg! Wozu und wohin? Zur Einfachheit und zur Einheit. Für den Menschen gibt es hier Stufen. Der menschliche Gedanke ist mehr Einfachheit und Einheit als seine Sprache, also Wörter und Sätze; seine natürlichgeniale Intuition ist mehr Einheit und Einfachheit als sein dieses ergreifendes und behandelndes Denken, und die ihm etwa zuteil werdende übernatürliche Offenbarung, ja, schon sein echter christlicher Glaube, sind in höchster menschenmöglicher Form Einheit und Einfachheit. In Gott selbstverständlich ist weder das Absurde[ das ist nirgends, das ist- Nichts] noch das Paradoxe, weil er absolute Einheit und Einfachheit ist. Die menschliche Wissenschaft als Idee und Ideal ist jener Teil im Menschen, der das Paradox nicht liebt und möglichst auszuschalten wünscht. Sie ist wesentlich rational. Wo ihr ein Paradox unversehens sich aufdrängt, wie heute in der theoretischen Physik bei Atom- und Lichtlehre, fühlt sie sich recht unbehaglich und gibt sich durchaus nicht zufrieden, bis sie eine rationale Einheit und Einfachheit der Prinzipien findet. So ist es wenigstens bei allen Einzelwissenschaften, die auf möglichst geschlossene Systeme sehen. Bei der 266 ist ie 0- lt us nd uf ler Metaphysik aber und vollends in der Theologie kommt der Mensch ohne Paradox nicht aus. Da ist zum Beispiel das»Werden«. Was ist das, das Werden? Ein Sein, das noch nicht ist, ein seiendes Nichtsein- ein nichtseiendes Sein. Das ist in echtem Sinn ein Paradox, und zwar ein un- vermeidliches für das menschliche Denken wie für des Menschen Sprache. Zwar gibt es eine Philo- sophie, die heraklitische und alle ihre Wieder- holungen in der Geschichte, für die das Werden ein einheitlicher und einfacher Begriff ist, weil es nämlich für sie ein»Sein« nicht gibt. Aber diese Philosophie trifft eben die ganze Wirklichkeit und Realität nicht, weil es in dieser eben ein »Sein« gibt. Diese Philosophie wäre also, wenn sie wahr wäre, doch nach der klassischen Defi- nition, wenn der Intellekt der Sache ganz an- geglichen wäre, nicht paradox, sondern einfach und gradewegs eins. So wäre auf der anderen Seite die eleatische Seinsphilosophie gar nicht pa- radox,‘sondern höchst einfach, wenn sie nur der res, der Sachlage entspräche, wenn sie nur ad- aequatio rei et intellectus wäre, indem sie nur das Sein, aber nicht das Werden für wirklich hielte. Nun aber ist eben das Werden und ist also vom Intellekt aus auch zu definieren. Das war die Auf- gabe der platonisch-aristotelischen Philosophie. Aber sie hatte kein anderes Mittel als eben das Paradox von einem seienden Nichtsein. Das Paradox ist sehr leicht wieder durch ein Paradox zu erklären oder zu definieren, aber es ist nicht absurd. Dagegen ist auch das Absurde nicht paradox, sondern mit absoluter Eindeutig- keit zu definieren; es ist in keiner Weise zwei- 267 deutig. In einem Dialog ist der Mensch paradox definiert mit den Worten, daß zu seinem Sein auch sein Nichtsein gehöre. Aber das ist nicht absurd. Schließlich könnte man auch von Gott einigermaßen paradox sagen, daß zu seinem Sein auch sein Übersein gehört. Denn für den Verstand des Menschen ist ein Übersein auch ein Paradox. Beide sind Abgründe, die einander rufen und bedingen. Nur ein Übersein kann auch ein Nichts füllen. Wenn das Gleichnis vom Sauerteig einen Sinn hat, dann kann es nur den haben, daß eine Verchristlichung der Welt, also ein Fortschritt zum Besseren im letzten Sinn, also des Guten und der Liebe, möglich ist; denn man kann doch dieses Gleichnis nicht allein auf den einzelnen beschränken, wo es natürlich immer wieder beobachtet werden kann. Es hat ja keinen Sinn, die Wirkung des Sauerteigs im großen zu leugnen. Ein christliches Leben des einzelnen aber kann eine Gewohnheit im Sinne der Automatisierung nicht werden[ das ist sogar der genaue Gegensatz!], und wenn im einzelnen nicht, dann um so weniger in einem ganzen Volk oder gar in der Masse. Es ist immer wieder ein Aufschwung nötig, und der» Feind<< fordert durch seine neuen Angriffe, durch seine. neuen Auffassungen vom Wesen des Menschen [ die freilich in der Regel nur scheinbar neu sind] ihn zu neuer Entscheidung heraus, zu neuem Gebrauch seines freien Willens. Alle Gleichnisse aus der physischen und biologischen Welt reichen eben immer nur bis zu einem gewissen Grade, sobald sie auf das Leben des Geistes angewendet werden. Und Geist haben heißt eben: wissen und merken, 268 ıch nis en 9 wo und bis zu welchen Grenzen das Gleichnis gilt und reicht. 14. Januar Das Böse ist vom Willen aus eine Setzung, eine Position auf Grund einer Auslassung, eines Man- gels. Darum kann die Metaphysik das Wesen des Bösen als Mangel bestimmen. Das Religiöse tut das eigentlich nicht. Auf die letzte Definition gebracht, ist das Böse immer der willentliche Aus- schluß eines Göttlichen durch das Geschöpf. Der willentliche Ausschluß! Also ist die Ursache des Bösen die erschaffene Freiheit, denn die unerschaf- fene Freiheit, also Gott selber, kann aus sich das Böse nicht hervorbringen. Er ist Einer und drei- persönliche Liebe. Das Böse kann nicht in der leb- und geistlosen Materie sein, es sei denn, diese werde das Werkzeug eines freien Geistes. Es ist der Gipfel der Schöpfermacht Gottes, daß sie ein freies Wesen erschaffen kann, ein Wesen, das auch Ihm gegenüber frei sein kann, ach, auch zu seinem Unheil. Wenn die Mystiker nicht direkt einen Auftrag von Gott erhalten, etwas oder sich selber mit- zuteilen, dann schweigen sie gern. Nur wenn sie zufällig an den Grenzen des Philosophischen oder des Dichterischen wohnen, finden sie zuweilen wieder die Sprache. Als Thomas mit einem Male der philosophische Kontinent entschwand, ver- stummte er. Du sagtest vorhin, daß»das Böse« eine Abschlie- fung sei, eine Begrenzung, eine Abschneidung. Willst du denn nun sagen, daß»das Gute« immer 269 gleich das Ganze und Alles sei? Ist es denn nicht auch, muß es denn nicht in dieser endlichen Welt und unter endlichen Wesen sein: abgeschlossen, begrenzt, abgeschnitten? O gewiß, es wird auch begrenzt sein, die Wörter» abgeschlossen« und » abgeschnitten« aber möchte ich hier nicht gebrauchen und auch nicht» Mangel«, doch» begrenzt<< und» individuell geformt« ganz gewiß, aber eben mit einem Unterschied wie zwischen Leben und Tod, zwischen Licht und Finsternis. Denn das Gute kommuniziert immer mit dem vollen Sein, welches Gott ist, und wenn das Gute noch so winzig und arm ist. Genau das tut das Böse nicht, und sei es so großartig und äußerlich prächtig wie das» Reich«, das» von dieser Welt« ist und unter dem Fürsten dieser Welt steht. Gerechtigkeit ist als Maxime für das soziale Leben weit besser als» Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Wären von Natur alle Menschen gleich, könnte ja das soziale Problem nicht allzu schwierig sein. Und gewiß, sie sind gleich, und das ist das erste, aber sie sind auch ungleich, und hier beginnt die Gerechtigkeit als Schwierigkeit. 17. Januar Müßte man verzweifeln, wenn Gott zwar die Liebe, aber gleichzeitig, was sage ich- gleichewig die Ohnmacht wäre? Aber er ist ja auch allmächtig. Seine Heiligen haben daran nie gezweifelt. 20. Januar Der menschliche Verstand ärgert sich so leicht daran, daß alles zur Not, nur so im großen und 270 elt N, ıch nd t« en nd las in, in- tig nd LE- rü- en zu nd nd eit. die vig, ıll- cht nd anzen, stimme. Da heißt es wohl: das Gute wird belohnt, das Böse wird bestraft; und das ist so, das ist die Kinderlehre. Wehe den Völ- kern und wehe den einzelnen, die die Wahrheit dieses Satzes nicht einfach gelten lassen und als unverrückbaren Grundsatz lehren, so daß die Be- hauptung des Gegenteils falsch und ein Verbre- chen ist: das Gute wird bestraft und das Böse wird belohnt. Aber dann, zuzeiten, ein Blick auf die Oberfläche und auf einzelnes, und: die Sache stimmt hinten und vorne nicht. Erst das Auge des Glaubens sieht wieder tiefer. Vor dem Blick des Verstandes nur verwirren sich die Dinge wie am Anfang des dreiundsiebzigsten Psalmes dem Psalmisten. Ein Weg, der nicht zum Ziele führt, verkommt, er wird zur Wüste; ein Mittel, das seinen Zweck nicht erreicht, geht unter und ist bald vergessen. Im Leben des Geistes und der Freiheit wehren sich die Wege und die Mittel, die ihre Ziele und Zwecke nicht erreichen, oft nicht erreichen wollen, denn sie sind oft lebende Wege und lebende Mit- tel, und selbst das geringste Leben wehrt sich, oft sogar am zähesten, gegen das Sterben und Unter- gehen. Und da ist der letzte Ausweg des Weges, der nicht zu seinem Ziele führt, sich selber zum Ziel zu erklären, das letzte Mittel des Mittels, das seinen Zweck nicht erreicht, sich selber zum Zwecke zu machen. Das tut heute in grauenvoller Weise die Menschheit in ihren einzelnen Wegen, welche Rassen und Völker sind, und diese wieder in ihren Mitteln, welche Staaten und Parteien sind. Im Geiste geschieht nichts ohne Freiheit. Die Hälfte der Vernichtung ist Selbstvernichtung. 271 23. Jannar Die Literatur vergeht, sie gebiert keine Worte, die nicht vergehen. Auch die Berühmtesten ha- ben ihre Grenzen, wo ihre Wirkung einmal zer- fällt. Was ist uns Hekuba? Was wäre uns gar Hekuba ohne Shakespeare, der uns das Wort, den Namen noch um einige Jahrhunderte ver- längert hat? Aber die Zeit wird kommen, da den Menschen auch Hamlet, so viel wie Hekuba’sein wird.»Was ist uns Hamlet?« wird. dann viel-° leicht einer ausrufen. Und nur ein ganz gelehrter Philologe wird vielleicht dahinterkommen, was denn. eigentlich damit gemeint ist, und seine Freude haben, daß er sie doch verstanden hat. Absolutes Schweigen vor dem, was ich mit dem besten Willen nicht verstehe, sagt mir mehr zu als halbe, gezwungene Erklärungen, die einen bit- teren Geschmack in meinem Geiste zurücklassen. Man sagt so leichthin, Gott lasse das Böse zu - und ach, welch ein Böses!-, um Besseres daraus zu machen. Ich gestehe, daß ich das wohl ver- stehe, aber daß es mich niemals völlig befriedigt hat. Darum schweige ich hier lieber im Abgrund meiner Unwissenheit und bete an. Mit einer ge- wissen Scheu nur sehe ich mir jenes berühmte Paradox der felix culpa an. Es war buchstäblich nur durch den»Erfolg« möglich. Man kann sich doch wohl nicht vorstellen, daß man dem Adam vor der Begehung der entscheidenden Sünde hätte zuraunen können:»Nur zu! Die Schuld wird dir ein größeres Glück bringen, als du zuvor hattest.« Der Prophet ist Scher und Sager, er ist nicht 272 e, a- r- ar t, r- en in eler as ne m zu iten. zu Us ergt nd gete ich ich am tte Hir t.< ht Täter. Er sieht und sagt, was geschehen wird, er führt es nicht aus. Gott ist so sehr Künstler und so wesentlich, daß etwas nicht stimmen muß mit dem, der die Kunst verachtet, auch wenn er fromm und gläubig ist. Es gibt schlechterdings nichts in den Werken der Natur, das nicht als Kunstwerk geschaffen wäre; auch die» Wiederholung ist höchste Kunst: jedes einzelne Blatt ist ein Kunstwerk. Der Fluch der Maschine! 6. Juni Die Beschäftigung mit der Naturwissenschaft hat etwas Beruhigendes, vom Gegenstand her. Es sind. sozusagen unschuldige Wissenschaften der Werke, die sind» wie am ersten Tag«. Sterne und Atome. Und sie scheinen so verwandt zu sein. In diese Wunder ist die Schuld nicht eingeschlichen, so scheint es. Das Bedenkliche ist nur, daß der Forscher selber, der mitten in dem von der Schuld befleckten Leben steht, in der Regel nicht der reine und gereinigte Geist ist, der auch die göttliche Beziehung zu seinem Fachwissen herstellen kann. Auch wenn er nicht gerade gegen den Glauben durch ein Vorurteil feindselig eingestellt ist, ich meine gegen den wahren Glauben, so ist er doch in der Regel kalt, und das macht unfruchtbar. Anderseits scheint es mir, daß die intelligenteren, also auch leise philosophisch interessierten Vertreter der Naturwissenschaften und insbesondere der theoretischen Physik, heute in ihrem begreiflichen Enthusiasmus für die Entdeckungen der Atomlehre die Möglichkeiten ihrer Konsequenzen in fast komischer Art überschätzen. Sie Tag- u. Nachtbücher 18 273 tun, als seien diese Entdeckungen nicht von vornherein von den Grenzen der» Ordnung«, in der sie gemacht wurden, eingeschlossen, wenigstens was die direkten Konsequenzen betrifft. Die Entdeckung neuer Gegenstände einer bestimmten Ordnung kann im höchsten Falle der Ordnung selber neue Erkenntnisse zuführen, aber nicht prinzipiell neue einer höheren Ordnung. Mag das Atom so wundervoll gebaut sein und trotz der Klarheit so geheimnisvoll, daß man in Staunen und Anbetung sinkt vor den Schöpfer- über das höhere Wunder des Lebens sagt es uns nichts. Es kann, zum Beispiel, ganz gut sein, daß die Physiker auf dem Wege näher zu der prima materia sind- dafür zeugen die Aporien und Antinomien, die die Atome dem Denken bereiten; aber daraus die Hoffnung zu ziehen:» an einem Tage, von dem heute noch niemand sagen kann, ob er nah oder fern ist, wird vielleicht ein neuer Mensch die Augen öffnen und sich mit Erstaunen einer neuen Natur gegenübersehen«- das bereitet dem Jünger der philosophia perennis und dem gläubigen Christen ein erstauntes Lächeln. Wir sind so in Gott, und Gott ist so im Heiligen, wie ein Pantheist es sich gar nicht vorstellen kann, weil er die Transzendenz des Dreieinigen Gottes gegenüber der erschaffenen schaffenden Natur nicht kennt. Anderseits ist uns als Natur die» Deitas< so fremd und unnahbar, wie ein Agnostiker es gar nicht ahnen kann, da er das Erkennbare an Gott nicht kennt. Wir leben in dem großen Geheimnis dieser Zeit: göttlich- lebendige Ohnmacht, kaum verhüllend 274 Ornder tens EntOrdlber biell n so heit Anhere ann, auf dadie die dem oder die euen nger Chrigen, ann, Cottes nicht tas<< er es e an Zeit: lend ihre Macht. Weltliche Macht, schon verwesend zu lebloser Ohnmacht. Das ist der große Schriftsteller: Mit einem Satze setzt er das geistige Niveau, sein Niveau, auf dem nun alles vor sich geht. Ob er sich hinunterläßt in die Lachen des Komischen oder sich aufschwingt auf reine Höhen des Idealen- auf seinem Niveau geht es doch vor, von seinem Feueratem ist jedes Wort bewegt. 4. Juli 1 Aus Heiligem Geist ein heilendes Wort an darbendem Ort zur Hilfe bereit in harrender Zeit. - - Gestalt schaffendes, Farben schaffendes Licht, selber gestaltlos, farblos! Der Zweifler:» Wahrlich, das muß man staunend sagen: wie vortrefflich gelingt es doch euerm Gott, sich zu verbergen! Ihr ahnt das wohl und seht es auch, deshalb redet ihr so gern von einem verborgenen Gott. Aber geht das nicht ein bißchen weit? Seine Existenz verbirgt er so gut, daß recht gescheite Köpfe sie einfach leugnen. Man kann fast sagen: je gescheiter heute einer ist in der Meinung der Welt, desto eher leugnet er die Existenz Gottes. Seine Allmacht verbirgt er so gut, daß von Anfang an Menschen die Macht wo ganz anders suchten[ nur nicht bei ihm, der Geist sein soll], daß ihn gescheite Menschen sogar ohnmächtig nennen. Aber freilich, das Meisterstück seiner Kunst, sich zu verbergen, erweist ihr doch durch die Behauptung, er sei die Liebe. Ach, man spürt sie nicht einmal. Liebe muß man doch spüren, 18* 275 fühlen, noch ehe man sie erkennt. Ich kenne Leute, sie waren im Kriege, sie waren in Rußland und haben die Augen offen gehabt, auch die Herzen. Sie glaubten sogar an Gott, an sein Erkennen, sein Wollen, sein Wirken, seine Weisheit, an seine Macht, aber an sein Fühlen, Mitfühlen, an seine Liebe, seine Barmherzigkeit- nein, da wurden sie sogar unwillig und hart, da ergrimmten sie: kommen Sie mir nur damit nicht, sagten sie. Liebe, das ist eine interne, seltene Angelegenheit von ein paar Ausnahmemenschen, aber in Gott ist dazu nicht einmal eine ferne Analogie...<< 1 Ich habe den Mann reden lassen, ich hatte nicht vorher die Antwort- wiewohl ich eine habe" zu der ich dann erst die Frage stellte und ihr anpaßte, das übliche rhetorische Kunststück aller, die Dialoge schreiben und damit leidenschaftliche Frager so sehr verstimmen. All mein Wissen und auch Schreiben ruht doch auf meinem Glauben. Ich erschrecke manchmal darüber, wie sehr das der Fall ist. Alle meine Erkenntnisse zerfallen in zusammenhanglose Stücke, in sinnlose, leere Stücke, wenn sie nicht im Glauben hangen. Der Teufel hat diesmal schlechte Voranschläge gemacht. Sein Kapital an Ideen, das er in diesen Versuch als Antichrist warf, war doch zu erbärmlich, selbst für diese heruntergekommene Welt, als daß er sie damit fangen könnte. Es ist eine Tendenz, und Gott scheint ihr nicht abhold zu sein, die Dinge dieser Welt fast>> total<< und reinlich aus den immanenten Gesetzen der 276 Z »Natur«, aus der Kausalität der cansae secundae zu erklären; und zwar auf dem ganzen Gebiete des erschaffenen Seins von der Physik und Chemie bis zur Politik und Metaphysik. Es gibt keine Halbheiten. Und ist das nicht in gewissem Sinne gut so? Und ist denn nicht die natürliche Theo- |ogie von ungeheurer Bedeutung? Die Leidenschaft des Schriftstellers kann groß sein. Noch in der fahlen Nacht der Angst liegt ihm an der Exaktheit dieses Ausdrucks: Es ist eine fahle Nacht, nicht eine dunkle, schwarze, un- durchdringliche Nacht! Es ist eine fahle Nacht. Und noch während er das entsetzliche, mit nichts vergleichbare Fallen ins Grundlose, Bodenlose fühlt, jenes furchtbare Fallen ohne Hoffnung, das»Fallen an sich«, will er noch diese Beschrei- bung in dem wahren Ausdruck retten: So ist sie, die Angst, so und nicht’anders: eine fahle Nacht. Apollon und Christus: dieses war die Synthese der Sehnsucht Hölderlins. Dann kam: Dionysos und Christus, etwas unedler. Entsprechend war der Wahnsinn, in den beide, Hölderlin und Nietzsche, fielen. Aber wie überraschend ist die Synthese im Bilde von Turin: Zeus und Christus! »Die Apokalypse der deutschen Seele« ist pein- licher noch als die Suhle Sörgels, denn sie stellt ganz andere Prätentionen! Der Vergleich Georges mit Isaias, jawohl Isaias, ist, eine schauerliche Blasphemie; nein, wäre es, wenn der Mann die- ses Niveau erreichte; aber er tut es nicht. So ist es Gewäsch. Es ist nicht einmal»Literatur«, die ein Gefühl für Qualität voraussetzt. Aber 277 das gerade fehlt ihm. Er kann keinen» Satz«< schreiben. Kleiner Dialog:» Wir führen Krieg um des Friedens willen.<<- Ach, ich liebe den Bogenschützen, der den Pfeil genau in die Mitte schickt. Sie haben vielleicht einen Kreis ganz nahe dem Ziele getroffen, aber nicht das Ziel. Nein, jeder, hören Sie: jeder führt Krieg um des Sieges willen. Wer Krieg führt, will siegen, erst in zweiter Linie alles mögliche andere und vielleicht so Gutes wie den Frieden. Auch Michael wollte zunächst einmal siegen! Ich glaube, man muß bei diesen genauen Definitionen bleiben, man käme sonst sehr leicht in die Halbwahrheiten und Lügen, die das Denken schwächen und verderben. Man merkt seine Fehler bald selber nicht mehr. In Seinen Namen, die Er Sich Selber gegeben hat, ist Gott nicht» paradox«. Er ist in majestätischer Weise» einfach«.» Ich bin der Ich- bin«: Hier gibt es kein» Umschlagen der Begriffe<<. Keine Möglichkeit des Irrsinns und des Irreredens wie in der idealistischen Philosophie. Gott ist nach Seiner Offenbarung Vater, Sohn und Geist. Es gibt nichts Eindeutigeres, Allgemeinverständlicheres, Unverwechselbareres, in seinem Sein und Sinn Unveränderlicheres. Die geradlinige Fortsetzung des Menschlichen unseres Äons führt zur letzten Verzweiflung. Ist Gott nur der magnifizierte Mensch, wie er uns in der Erfahrung und Geschichte begegnet, dann rettet er sich und Gott nicht aus der letzten Sinnlosigkeit, dann ist eben die Sinnlosigkeit absolut, 278 W S C e S tt dann ist das Absolute sinnlos. Es geht freilich weiter: Ist auch das Sein selber radikal und ewig sinnlos, so bleibt doch die Tatsache, daß der Geist des Menschen den Gedanken des Sinnes ebenso ewig und radikal, wie es scheint, eben hat. Warum? Warum denn überhaupt nach einem Sinn fragen? Das ist ja gerade der objektive Wahnsinn des Ganzen. Wenn wir sagen: Wir fragen doch sonst auch nicht nach etwas, was nicht ist. Daß wir nach einem Sinn überhaupt fragen, setzt dieses schon voraus; also auch mit dem Sinn, wir könnten gar nicht nach ihm fra- gen, wenn es ihn nicht gäbe. Er ist also irgend- wo, eben bei Gott, nur kennen wir ihn nicht - wenn wir so sprechen, sagt uns einer: Bitte, spre- chen wir vielleicht nicht vom Nichts und- gibt es das vielleicht? Das Nichts?! Und wenn, nun, dann ist das Sein gleich dem Nichts, das Nichts das Sein. Satan ist Herr und die Lügen und die Qual. Das ist ja die Würze, das ist das Salz der Ver- zweiflung, das ewig in der Wunde des Menschen ‘brennt, daß er nach einem Sinn fragt, der doch nicht ist. Das ist der objektive Wahnsinn. Fast hundert Jahre lang hat die Literatur die Aufgabe darin gesehen, möglichst exakt die Welt zu schildern, wie sie aussieht ohne Gott. Sie ha- ben einander übertroffen in der Kunst, die ra- sende Flucht vor Gott zu beschreiben. Selbst wenn ihre Kunst nicht selber eingestandenermaßen Flucht vor Gott sein sollte- sie war es doch. Denn sie behielt Gott im besten Falle nur im Schrei der Angst und der Verzweiflung, im hoff- nungslosen Heimweh, in der Maßlosigkeit des Ekels, der ihnen die Seele wegfraß. Der Akzent 279 war trostlos falsch. Keiner glaubte recht an den »Sieg« Gottes. Wie sollten sie dann an den eige- nen glauben? Und doch wäre es falsch, zu sagen, daß Gott ohne Getreue gewesen sei auch in die- ser Zeit. Aber wie sie auftraten und sprachen, waren sie oft schon über die Welt hinaus. Der Welt gegenüber waren sie merkwürdig kraftlos, mittelmäßig, unzulänglich, ja geradezu unecht literarisch. Die einzige Ausnahme war wohl Hilty. Dort war wirklich Kraft, Kraft von oben und eine Mission, Freude, Sicherheit, Wahrheit und Sieg. Keppler war nur gutgemeinte Literatur, auch der Rembrandtdeutsche allzu deutsch ein- gebildet. Sie wohnten nicht beim ewigen Feuer. Sie erzählten nur, daß es eins gebe. Der Soldat im Menschen kann dem Christlichen nutzen, weil er durch Natur und Erziehung ein besonderes Element des Gottesdienstes besser ver- steht als irgendein anderer: den Gehorsam. Im Verhältnis des Seins und der Tätigkeit der Krea- tur zu Gott ist der Gehorsam durch nichts ersetz- bar als eben durch die vollkommene Liebe des Heiligen. Welche Umstände sentimentaler Art macht nun etwa der Dichter im Menschen, und wie viele intellektuelle Schwierigkeiten glaubt erst der Philosoph im Menschen lösen zu müssen, ehe er einem Befehl Gottes gehorcht! Im Manne kann das Soldatische eine große Hilfe zum christ- lichen Gehorsam sein, das Weib braucht es nicht, es ist von Natur und aus Liebe dem Gehorsam näher: es ist demütiger. Sic transit gloria mundi- transit, ja, sie ist aber nicht nichts, diese gloria mundi. Nichts, was Sym- 280 en e- n, e- 0, er S, ot al n t bol ist eines göttlichen Seins, ist nichts. Wir sind Hierarchisten, wir sind nicht Nihilisten. Haben nicht die Deutschen in der jüngsten Zeit schlechthin Wahnsinnige, die im Wahnsinn geendet haben, Hölderlin, Nietzsche und so viele andere, zu Propheten, Weisen, Helden, Heiligen ihres fürchterlichen Götzendienstes erhoben und konsekriert? Sehen das die Deutschen überhaupt nicht oder finden sie das in Ordnung? Denken sie sich nichts dabei? Hat es denn das je gegeben? Auch in Deutschland? Gibt es das bei anderen Völkern? Ich weiß kein Beispiel. Andere Völker haben in letzter Zeit höchstens eine Unmenge eklatanter Dummköpfe als große Männer gefeiert. Aber Wahnsinnige zu Religionsstiftern gemacht? Das tun nur die Deutschen; und sie sind selber wahnsinnig, sie sind auf den Tod krank! So ist der spirituale Mensch etwas anderes wahrlich als der intellektuelle Mensch, wiewohl er ihn natürlich voraussetzt und einschließt: er ist um eine ganze Dimension mehr, er ist der volle Mensch nach der Idee Gottes in einer unsagbaren Einheit, in der Totalität, die Gott will und nach welcher der Mensch als anima naturaliter christiana sich sehnt. Es ist der spirituale Mensch der Widerpart des gnostischen und des» idealistischen der deutschen Philosophie, die ja eine bloße wässerige Gnostik ist. Nur der spirituale Mensch weiß von der» Heiligkeit« des Leibes. Für den Gnostiker gibt es nicht den heiligen Kuẞ. Es hüte sich ein jeder, die Welt zu schmähen, welche die gute Schöpfung Gottes ist, damit er nicht den Schöpfer Selber schmähe. Der Christ 281 ist der Welt<< Feind, der Welt in Anführungszeichen. Sie ist nicht mehr» reine« Schöpfung Gottes, sie ist Produkt des mitschaffenden gefallenen Engels und des mitschaffenden gefallenen Menschen. Die Welt in diesem Sinne, die» Welt« in Anführungszeichen, und der Mensch, der zu ihr gehört, man könnte wieder sagen: der Mensch in Anführungszeichen, der zweideutige, der schlechtgute Mischmasch, zu keinem entschiedene und eben dadurch nichtssagende und gefährliche: diese Welt und dieser Mensch haben metaphysisch das Böse in sich als Nihilismus. Der dieser» Welt<< entsprechende» Mensch«, der meistens sehr impertinent und sehr mißverständlich der» natürliche Mensch heißt, als wäre er ein Produkt der unverdorbenen guten Natur, die es außer der Immakulata nicht gibt- dieser» Mensch<< hat notwendig außerhalb des Christentums in seiner Kunst einen Gefühlsnihilismus. Die Liebe sogar singt und lallt ein melodisches Nichts wie Tristan und Isolde; er hat eine nihilistische, verwüstende Philosophie außerhalb der privilegierten Seinsphilosophie des Platon und Aristoteles; er hat eine nihilistische Politik der Apostasie, weil dieses Menschen Wille nihilistisch das wahre Ziel nicht will, welches doch allein Gott ist. Es ist ja in Ordnung, daß die drei Eigenheiten des menschlichen Geistes, Denken, Fühlen und Wollen, spezifisch teilhaben an der gefährlichen, todnahen Krankheit des Seins dieser>> Welt«<, dieser Welt in Anführungszeichen. 5. November Wir können selber lächeln über die Argumente unseres natürlichen Verstandes für die Wahrheit 282 n a H n t f W S e n d L h f n L V b li 1 S e e E I a r W n r 1 e S 《 r r t r e t 1 t r t unseres übernatürlichen Glaubens, ach, das können wir selber auch, jawohl, das tun wir selber, aber freilich ein bißchen anders, nämlich mit etwas Humor. Wir kennen die Pointe. Es ist gewiß nicht so, als ob wir unsere Argumente für schlechter hielten als die ihrigen, als ob wir die ihrigen für überlegen, für unwiderlegbar hielten. Das wäre eine große Täuschung ihrerseits. O nein! Schließlich haben wir unsern Glauben, nachdem endlos geredet wurde: kraft der Kraft Gottes und nicht kraft unseres eigenen Verstandes. Sehet her: das ist unser Geheimnis, das ihr nicht verstehet. Das ist unsere transzendente, ewige Überlegenheit. - - >> Wir wollen das ewige Leben«, sagtest du einmal feierlich. Aber gibt es nicht Stunden, da du gar nicht mehr leben möchtest und auf das ewige Leben vollends ganz verzichtetest, da es dir ein wollüstiger Trost wäre, wenn es ein ewiges Leben nicht gäbe, wenn es einfach aus wäre? Warum lügst du so? Nicht so hitzig, mein Freund, ich lüge nicht. Wie? Du leugnest, daß du solche Stunden habest?- Nein, nein, nein. Aber ich bin ein schwacher Mensch; ich bin eben nicht immer ich, ich bin es sogar selten, ich bin nur halb oder ein viertel oder vielleicht gar nicht ich selber. Ich bin oft lau, wert, weit ausgespien zu werden. Ich habe dann weder den rechten Glauben noch auch die rechte Hoffnung und schon gar nicht die rechte Liebe. Wenn ich aber in Wahrheit Gott von ganzem Herzen liebe und aus ganzem Gemüte, wie sollte ich nicht die heiße Sehnsucht haben, ewig zu leben? Wie sollte ich lügen, indem ich sage:» Wir aber wollen das ewige Leben.<< 283 Ist Gott nicht ewig, und ist die Liebe nicht ewig?! Aber Gott ist ja die Liebe. Und Er ist unver- änderlich. Warum ist die Angst jetzt weg, die furchtbare? Ich wußte es: ich selber kann nichts dagegen tun; sie muß weggenommen werden. Es gibt eine böse Kunst, aber auch dann ist»die Kunst«, die Kunst von Gott. Wenn die Bezeichnung»der spirituale Mensch« natürlich in erster Linie meint, daß der Mensch »als Geist angelegt« ist, also das Leben des Gei- stes, ja des Heiligen Geistes in sich hat und dessen Primat anerkennt, so meint sie hier in ihrer Fülle und Ganzheit eben den Menschen, der einen Leib im echten, geoffenbarten Sinne hat, so daß er auch in der Ewigkeit, in der Fülle seines spiri- tualen Lebens, nicht ohne Leib sein wird. Etwas Feigheit und ärmliches Mißverständnis gegenüber der Großartigkeit Gottes in der Aus- stattung der erschaffenen schaffenden Natur und der Welt mit eigener Kraft und Energie hat ja zum Beispiel auch im Westen noch die christliche Theologie gezeigt, wofür etwas beschämende Zeugnisse die Geschichte des Kampfes der Kirche gegen die Naturwissenschaften und deren Ver- treter und ihre großen Entdeckungen geliefert hat. Es war wie eine große Angst, die Natur- gesetze könnten zu einem Beweis der Nichtexi- stenz Gottes führen. Das ist ihre einzige, allzu menschliche Entschuldigung. 284 \ Got I At sol alle aus un« ewi gel die deı Ze kei ihr be: die gu li Gott allein ist ewig. Gott allein ist alle Seine Attribute, aber einzelne ist er vorzüglich, in absoluter Weise allein. Er allein ist Schöpfer, Er allein allmächtig. Gott allein ist ewig. Er kann auslöschen. Er kann noch nach Äonen auslöschen, und es ist nichts. Furchtbare Majestät. Er ist ewig, Er allein. Humor ist nicht ohne die Zeit denkbar; aber er gehört doch zu den Dingen, die auch nicht ohne die Ewigkeit denkbar sind. Und das ist viel, denn die meisten unserer Dinge gehören nur der Zeit an. Humor ist schwer denkbar in der Ewigkeit, aber auch Glaube und Hoffnung hören in ihr auf. Manche Liturgiker sind rabiat, oder sie sind imbezill. Sie tun wahrhaftig so, als sei Christus in die Welt gekommen, um eine liturgische Bewegung hervorzurufen. Heil der glorreichen, unbesorglichen Stimme des Ansagers der» Deutschen Sendung«: sie verkündet alles als Sieg, als oder zum mindesten: wie Sieg; auch die Niederlage. Es ist gar nicht so einfach, einen error invincibilis festzustellen, denn hier heißt es genau sein. Er gilt nur absolut, die geringste Relativität hebt. ihn auf und unterwirft ihn der Möglichkeit der Schuld. Das Verhältnis der Ewigkeit zur Zeit ist wesentlich in unserer Sprache einfach nicht zu sagen, 285 weil unsere Sprache eben zeitlich ist, viel mehr noch als unser Denken. Ich sah im Verborgenen einen Menschen ganz in fließenden Reue- und Dankes-Tränen, und er leuchtete von innen wie ein junger Baum in seiner Maienblüte. ad»Versuchungen« ... und schließlich jenes Bild aller Bilder, aller Welten und Äonen und der Ewigkeit selber, von dem seit der Offenbarung immer gesprochen wer- den muß, von dem wir alle reden müssen, weil es in der ewigen Unerschöpflichkeit seines Seins und seiner Sinnesfülle schlechthin unsagbar ist: das Kreuz, Aus dem Schlaf plötzlich geweckt, erinnerte ich mich auch- ein seltenes Vergnügen- des dadurch abgerissenen Traumes: es war ein interessantes theologisches Gespräch über ein Thema, das mich am Tage vorher geplagt hatte. Ich freute mich, daß ich von solchen Dingen träume. Mein Herr und mein Gott, wenn ich so Tag und Nacht nur an Dich denke- stehe ich dann nicht in Deiner Hut? Ist es nicht das Zeichen, daß Du meiner gedenkst? 286 Fr RE ET Di 2 ET BR A A I 944 1 S 1 S 1 ES ב r r r r 5. Februar Ob sie mehr die schauerlichen Schurken sind, die sie zweifellos sind, oder mehr die unvorstellbaren, also ewig unsagbaren Dummköpfe, die sie ebenso zweifellos sind das war und ist das peinigende Dilemma, über das man so schwer ins klare kommt. Nun scheint aber doch die Tatsache, daß sie sich erfahrungsgemäß über die Behauptung, sie seien unvorstellbare, also ewig unsagbare Dummköpfe, die sie zweifellos er- und beweisbar sind, ungleich viel mehr aufregen und ärgern als über den Vorwurf, sie seien schauerliche Schurken, die sie doch zweifellos anschaulich und nachweisbar sind. Diese Tatsache scheint zu dem Schluß zu führen, daß sie eben doch noch in höherem oder tieferem Grade die unvorstellbaren und also ewig unsagbaren Dummköpfe sind, die sie sind, als die schauerlichen Schurken, die sie doch auch sind. Entspräche dieser Schluß nicht auch dem letzten Fazit des Erlösers am Kreuz:» Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun?« Warum sie den am liebsten zerrissen, der sie unaussprechliche Dummköpfe nennt, daran ist nicht etwa die Einsicht schuld, daß sie wirklich diese Dummköpfe sind, denn wäre das der Grund, dann müßten wir ja im Gegenteil schließen, daß sie doch primär in höherem Grade die schauerlichen Schurken sind. Nein, sie sind deshalb in erster Linie die unsagbaren Dummköpfe, weil sie das nicht einsehen und sich für unheimlich gescheit halten, daß ihnen in jedem Fall eine Schurkerei wertvoller im Sein vorkommt 287 als eine Dummheit. Die allgemeine Sprachrege- lung, die kaum mehr geheimgehalten wird, ja werden kann, lautet: Klugheit ist, das Böse un- gestraft zu tun, und zwar auch metaphysisch, auch vor Gott. Und daß sie das glauben, das ist die Quelle ihrer letzten, unsagbaren Dummheit. Sie haben keine Seele, die für sie betet, und wis- sen nicht, daß ihre Sache damit rettungslos ver- loren ist. Sie können selber nicht beten, das ver-" stehe ich, und das versteht sich, denn sie wollen vor allem nicht. Aber nun auch nicht eine einzige Seele zu haben, die vor Gott etwas gilt und für sie, ich meine aber: ihre Sache betet, beten kann und beten darf, das ist ihr Todesurteil. März Mit dem Axiom, die Liebe Gottes ist immer grö- ßer als die Liebe des Menschen, die Liebe des Geschöpfes, werde ich der Schwierigkeiten, die mir die Ewigkeit der Hölle macht, Herr. Ich verschließe sozusagen den Glauben an die Ewig- keit der Hölle in meinem Glauben an die Liebe Gottes, an die ich unerschütterlich glaube. Der Glaube an die Ewigkeit der Hölle bietet meinem Verstand, ich will sogar sagen: dem Verstand, wenn er unpersönlich alles bekennt, vor allem das Wesen der Freiheit und das Wesen des Ge- horsams und der Gerechtigkeit, kein Hindernis; es ist kein Widerspruch darin. Aber der Liebe! Viele sind nicht fertiggeworden, und ich werde auch nicht fertig ohne das genannte Axiom. Die- ses aber ist ja unwiderlegbar sowohl von der Logik als vom Intellekt, also auch natürlich von der Liebe selber. Was ist wahrer, was ist klarer, was 288 ist$ tes 1 "Aud Pfoı “via führ Selb Ta; ist seligere Gerechtigkeit, als daß die Liebe Gottes immer größer ist als die Liebe des Menschen? Auch für die Erlangung des Heilswissens ist die Pforte eng und der Weg schmal, solange man in via ist. Und wenn euch nicht ein Engel Gottes führt, geht ihr irre. Aller Selbstglaube, alles Selbstvertrauen, alles Selbstwissen sind schlechte und gefährliche Führer. Auch eure Neugier müßt ihr behüten lassen. Es ist eine falsche Blickrichtung, die gewisse Menschen so maßlos unglücklich macht. Sie bringen wohl das große Opfer, das ihre ewige Seligkeit, das also Gott von ihnen verlangt. Aber sie starren hypnotisierten Blickes auf dieses Opfer- es wächst dadurch ins Riesengroße und Unerträgliche. Ein Blick auf Gott, der doch in jedem Falle > mehr<< ist, unendlich viel mehr, als jedes noch so große Opfer, und der dafür eingetauscht wird, kann aus dieser Qual retten. Welch eine mittelmäßige Idee des Rationalismus, daß das Opfer der Menschen für die Götter und für Gott eine Erfindung des Menschen und seiner Angst und Furcht sei. O nein! Das Opfer ist primär eine Idee Gottes, ja das ist zu wenig, es ist ein Sein Gottes. Das Opfer ist sozusagen von Ewigkeit zu Ewigkeit und mußte darum auch in die Zeit eingehen. Der sich opfernde Gott ist die Überfülle Seines Seins. In der größten Öffentlichkeit wirkt Gott im Verborgenen, und ohne zu täuschen, täuscht er seine Feinde. Das gilt von alters her, und vom MenTag- u. Nachtbücher 19 289 schen her heißt es, daß sie sehen und doch nicht sehen, daß sie hören und doch nicht hören, daß sie verstehen und doch nicht verstehen. Aber jeder, der das zum ersten Male sieht und ein- sieht, meint, er sei der erste, der es entdeckt, so unmittelbar und verblüffend ist der Eindruck. Welch ein seltsamer Szenenwechsel: zum Aus- gang des Philosophierens den Zweifel nehmen, anstatt das Staunen. Es ist eine Revolution nicht bloß des Denkens, sondern auch und vielleicht primär und fundamental: des Fühlens. Und wahr- scheinlich ist es auch eine Revolution des Wollens. Besteht nicht die Hälfte des Lebens, über die Hälfte des Lebens aus Warten? Auf eine be- stimmte Zeit, oft rein abstrakt- daß ich zwanzig Jahre alt werde? Auf eine unbestimmte, nichts- sagende Erfüllung in der Zeit? Und schließlich auf den Tod? Warten auf ephemere Erfüllungen, die diesen Namen doch nicht erfüllen und rasch enttäuschen, oder auf das Nichts des Todes? Das ist doch die Regel des modernen Menschen. Aber nur das Warten auf das Absolute und Ewige hat Sinn für den Geist. Alles andere ist Illusion und vanitas vanitatum. Mich friert, wenn ich von stolzer Trauer hör’. Ihr lügt! Ihr fühlt nicht Stolz, ihr fühlt nicht Trauer! Verzeiht! Ihr lügt auch nicht. Nicht einmal das! Die tote Phrase tötet euer Herz, Und eure Sprache haust im Wesenlosen. Und war sie dennoch wahr, die stolze Trauer, So seid ihr doch Unmenschen nur geworden: Ihr fühlt nicht mehr, wie traurig dieser Stolz. 290 We ein - der ner I lich { kr: ‚sag sot , t t D , h S r t t d Wer begründete Aussicht hat, den Märtyrertod einmal zu sterben, der kann vielleicht viel ärgere Qualen der Angst in der Phantasie vorher erdulden. Denn in der Wirklichkeit des entschiedenen Märtyrertodes hilft ihm Gott; in der eigenen Phantasie, in der durch keine faktische Wirklichkeit begrenzten Möglichkeit der Einbildungskraft, aber nicht. Selbst für Christus- aber was sage ich: selbst, da er doch der wahre Menschensohn ist war augenscheinlich die Angst der Erwartung im Garten unsäglich qualvoller als in jedem späteren Augenblick die begrenzte Qual des unvermeidbaren Leidens. Da bestimmte statt der maßlosen Phantasie das unübersteigbare Maß der wirklichen Leidensgrenze das konkrete Leiden. - Der Osten interpretiert heute seine Kunst in westlichen Kategorien, da er keine eigenen hat. Christus spricht immer in der letzten, in der spiritualen, in der absoluten Sphäre vom» Heil« des Menschen, das heißt vom Heil des Geistes und der Seele und des Leibes des Menschen in der Beziehung zu Gott und dem Nächsten. Der zweifellose Adel des kontemplativen Lebens wird doch durch jede Miẞachtung des praktischen Gebotes der Liebe gegen Gott, der helfenden Liebe zum Nächsten bis zur Sünde häßlich befleckt, so absolut und sich vordrängend ist das Gebot der Liebe Gottes und des Nächsten, an dem alles hängt. Nur die Liebe kennt kein Maß und ist doch in ihrer Maßlosigkeit selber das Maß, das göttliche, an dem wir werden gemessen werden. 19* 291 Als die herrschende Idee hierarchisch nicht mehr » das Gute<< war, sondern» das Schöne«- was die Renaissance genannt wird-, begann das Verderben, und das Resultat war nicht die Fülle und Ernte des Bösen, sondern die abgründliche Häßlichkeit der Seele dieser Tage. Einem Schriftsteller sagen können: ob seine Adjektive aus dem Denken kommen, also sachlich sind, aus dem Willen, also mehr oder weniger Wünsche oder Absichten sind, oder aus dem Fühlen, also subjektiv, sub- objektiv sind. Daß Gott Sich an alles erinnert, das ist menschlich das eigentlich Selbstverständliche, aber daß Gott vergessen kann, das ist das schlechthin Unbegreifliche, denn schließlich ist eine volle Sündenvergebung ein Vergessen in Ewigkeit.- Aber wie ist es denn, bitte, wenn eine ewige Hölle ist?- Was geht das den Seligen an?- Was das den Seligen angeht? Oh, mein Freund, kannst du dir einen Seligen vorstellen, der sich die Hölle anschaut? Ich nicht, aber eigentlich sollte ja kein Hindernis sein. Gott sieht sie ja, und Gott ist selig. Aber die Seligen werden sie vielleicht gar nicht sehen. Hat schon einer, der selig war in der Zeit, die Hölle gesehen? Selig nur in der Zeit, und nun in der Ewigkeit! Wird er die Hölle sehen? Vielleicht nicht, doch ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich doch: die Hölle ist trotzdem; und kann man denn einen selig nennen, der einen Teil der Wirklichkeit und also der Wahrheit gar nicht sieht, selbst wenn er sich dabei wohl fühlt? - Einer der Haupttriebe des Menschen geht auf 292 » G er nu: gar er Le we nu Zu nu lic zu gu SC Sc le gl ge ge d n M S I g S T C 1 i » Genuß« im Leib und im Geist. Noch während er leidet, genießt er schon im vorhinein den Genuß, dieses Leiden einmal zu erzählen, und nun gar der Dichter, der sagen kann, was er leidet, er nimmt sich den reichsten Genuß, wenn er das Leiden meidet. Ich glaube, die Menschen würden weniger gern Krieg führen, wäre nicht diese Genuẞsucht von Natur, schweres Erlittenes später zu erzählen. Oft ist der Schwermütigste der Genuẞsüchtigste. Das macht ihn so schwer verständlich, so zweideutig, so schwer heilbar. Gehört er zu den Guten? Ist ein schwermütiger Mensch ein guter Mensch? Nein, so geht es nicht! Ist er ein schlechter Mensch? Ist er ein schuldiger Mensch? So geht es auch nicht. Eher ein sich schuldig fühlender Mensch. Ganz sicher aber ist er ein unglücklicher Mensch.- Ohne Zweifel. Aber er ist genuẞsüchtig, sagst du.- Ja, das glaube ich. Er genießt sein Unglück. Er ist auch eitel. Indes, das hindert nicht, daß sein Unglück echt ist und nicht etwa selbst gemacht. Tief, abgrundtief im Menschen ist das Genießen. Es gibt aber eine Schwermut, die Gift ist. Die Schwätzereien über Nietzsche und Kierkegaard sind trostlos. Die äußeren Ähnlichkeiten stellen eine oberflächliche Vergleichsebene her, die völlig sinnlos wirkt, da jene nicht lokalisiert werden durch die entscheidende Scheidung der Tiefenlagen; der eine hat gebetet, der andere nicht. Man ist glücklich so weit, daß dieser radikale Unterschied gar nicht mehr gesehen wird. Ein Kapitel jener wachsenden» Blindheit«, von der ich sprach. Wer geistig blind ist, ist nicht nur blind für den 293 Gegenstand, den er sehen soll, er ist blind für seine Blindheit. Und das ist schließlich das Motiv für das Wort:» Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Es ist wahrlich nicht» blinde<< Liebe, sondern sehende Liebe. Liebe, die dieses Faktum der» Blindheit« sieht. Die ganze Geschichtsschreibung seit der Reformation auf der protestantischen Seite ist eine reine Tendenz- und Propagandasache. Über die Geschichte und ihre Wahrheit entscheidet» die Wahrheit der Offenbarung, deren Hüterin die Eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist. Da ist nichts zu machen, das ist nicht zu ändern. Selbst so edle Gestalten wie Ranke, strebend nach lauterer subjektiver Wahrhaftigkeit, müssen fehlen und irren, wenn sie den Mittelpunkt der Wahrheit durch Erbschuld oder eigene Schuld verfehlt haben und abgeirrt sind von der Sonne des Lichts der Offenbarung. Alle menschlichen Tugenden zusammen erreichen nicht das Ziel, welches die makellose Reinheit der rechten Lehre ist. Die römisch- katholische Kirche hat» Mängel«<, weil sie nicht mehr in seiner Gänze das germanische Element und auch nicht mehr das griechisch- slawische und noch nicht das chinesische und indische in sich hat. Das sind wirklich große » Mängel an Fülle und Reichtum, aber sie ist makellos und ohne» Mängel«< in ihrem übernatürlichen Kern. Und wer das nicht mehr sieht, der ist eben- blind. Geistige Blindheit unterscheidet sich von der physischen dadurch, daß sie nicht bewußt ist. Das ist ja das Wesen des error invincibilis! 294 Eine und her, ben. führ unn Füh die fah sen sen zu Die irg un ist sic We ab sch er wa ha ро F W se d st k S1 h S Eine Schriftsprache muß immer wieder erfrischt und erneuert werden von der gesprochenen Sprache her, das heißt von großen Schriftstellern, die lebendige Selbstgespräche[ Monologe und Dialoge] führen können, und zwar spontan, für die ein unmittelbarer Weg vom innersten Herzen des Fühlens zur Sprache führt, ohne Umwege, ohne die konventionellen, längst befahrenen, ausgefahrenen Geleise zu benützen, ohne durch phrasenverstopfte, verkalkte Röhren hindurch zu müssen und dort alle Reinheit, alle Kraft, allen Elan zu verlieren. Die Gabe der Unterscheidung der Geister in irgendeinem Bereich macht den Besitzer einsam und weltlich unglücklich. In einem höheren Sinn ist sie ein tiefes Glück. Er kann sich und sein sicheres Wissen nicht mit Erfolg mitteilen. Er weiß, daß Diskussionen unnütz sind. Es gibt aber in diesen Zeiten auch eine Gabe der Unterscheidung der Stimmen. Wer sie hat, hat sie; er kann sie andern nicht mitteilen. Und doch wäre das heute notwendig, denn die Stimmen haben heute soziale Bedeutung.» Ansager« sind politische Offenbarer, ja religiöse, sind politische Funktionäre und Funktionen von unermeßlicher Wirkung auf die Gefühle der Menschen und Massen, ganz anders entscheidend als Gedanken. Gedanken an sich sind viel unabhängiger und abstrakter als die Stimmen, die sie äußern und verkünden, als Gefühle, die mit bestimmten und gestimmten Stimmen amalgamiert sind. Ich hörte heute Fr. Kayßler im Radio seine schöne und an sich ausdrucksvolle« Stimme der absoluten Leere 295 eines lyrischen Idiotismus leihen. Es war der so oft empfundene, angsterregende Eindruck, den jede Diskrepanz zwischen Dingen, die eigentlich >> zusammengehören«, machen kann. Warum haben die Menschen die Möglichkeit, Lebendiges, als ob es Totes wäre, zu trennen und beliebig zu vertauschen? Inneres, als sei es ein Äußeres, und umgekehrt, zu behandeln? Das ist eine der Hauptursachen, warum das Leben nicht» stimmt«. Es ist eine wahre« Unordnung in diesem Äon. Man kann die innersten Dinge sogar in einer Weise voneinander trennen, wie man die äußeren nicht trennen kann. Der Tag, der nur den Tag versteht- ach nein, das sättigt uns nicht, und wenn der Tag ein Äon wäre. Das Absolute nur, sonst nichts. Der Ruhm >> dieser Welt, macht er nicht die Pilger des Absoluten um so schwermütiger, je mehr sie auch ihn haben oder haben können, je größer er ist, je länger er währt? Ist es nicht die Flachheit, die Weltläufigkeit Fausts, daß er sich überhaupt mit Aonen begnügt, ein bourgeoiser Heros des Fortschritts dieser Welt? Der einfachste Christ, der glaubt, ist über diese Kinderei hinaus und unterscheidet die Qualitäten. Es ist ein unheimliches Kassandraerlebnis, seine sichersten Erkenntnisse, also das, was man unmittelbar sieht oder hört, also nicht bloß Schlußfolgerungen, die einen weiten Weg gegangen sind, auf dem man ja leicht irren kann- nein: unmittelbare Intuitionen anderen Menschen, auch denen, die man liebt und die nicht dumm sind, einfach 296 nic od sch etw de de de ni H W lo de da bi W st In Ve SO m ist im li v sa I. >>>> Sp m es d F b nicht mitteilen zu können, weil sie gar nicht sehen oder hören! Das ist unheimlich und einer der schmerzlichsten und wehesten Zustände. Ich höre etwa in der Stimme des offiziellen Ansagers der deutschen» Sendung«- oh, die ominöse Doppeldeutigkeit der Worte!- mit einer absoluten Evidenz, an der ich auch mit dem besten Willen nicht rütteln könnte, den infernalisch- stupiden Hochmut, der den Fluch unvermeidlich und freiwillig auf sich zieht, den unheilbaren, den» heillosen Zustand der Volksseele, die Gefallen an der Stimme findet, die mit ihr identisch ist, ohne daß die Besseren es auch nur merken. Manchmal bin ich versucht, Gott zu bitten, mich doch vor so wehtuenden Einsichten und so peinigendem geistigen Gehör zu verschonen. Was soll ich tun? Immer wieder versuche ich spontan, meine so verzweifelt klare Erkenntnis mitzuteilen, ich zeige sozusagen auf den einfach nicht überhörbaren und mißzuverstehenden Ton, den Ton, der identisch ist mit dem Ganzen und der Katastrophe, und immer werde ich geschlagen von dem Unbegreiflichen, daß der Ton nicht gehört, der Sinn nicht verstanden wird. Was soll ich tun? Gar nichts sagen? Schweigen? Oder zu spät sagen? 1. Mai » Die Sackgassen«, von denen die Evolutionslehre spricht insbesondere auch bei Bergson- lassen mir keine Ruhe. Die geistigen Sackgassen, die es ohne Zweifel auch gibt, bilden sich im Reiche der» Freiheit, denn zu allem Geiste gehört die Freiheit. Es wird immer etwas von Schuld dabei sein. In philosophischen Systemen, die zu 297 Sackgassen werden, spielt natürlich der Intellekt die Hauptrolle: der Irrtum und die Täuschung. Aber nicht allein! Ein Existentielles auf Grund eines perversen Fühlens, eines zweideutigen Wollens ist auch dabei. Intellektuell sind es, mehr oder weniger leicht nachweisbar, immer falsche Prinzipien, die zu Sackgassen führen. Wer als Prinzip seiner Behauptungen, klar erkannt oder halb unbewußt, nur dunkel impliziert, den Satz hat, daß die Verschiedenheit der Menschen untereinander größer sei als ihre Gleichheit, und nicht, was meiner Meinung nach die Wahrheit ist, umgekehrt, dessen Philosophie führt theoretisch und, wenn er nach ihr lebt, existentiell in eine Sackgasse, so breit und schön und aussichtsreich am Anfang der Weg auch zu sein schien. Das scheint nun heute ein besonders ergiebiges und aktuelles Beispiel zu sein, auch dafür, daß immer» Schuld< damit verknüpft ist, nicht bloß» Irrtum« des» reinen« Intellekts. Es ist ein großer Unterschied, ob ich bloß etwas anders sage oder ob ich etwas anderes sage. Und es gibt dreierlei gefährliche Menschen, die in dieser Sphäre Verwirrung anrichten können. Das sind zunächst jene, die den Unterschied überhaupt nicht sehen. Sie taugen schwer zum Denken, was sie aber nicht hindert, zu schreiben, sogar viel zu schreiben. Sie ergeben den Typus des >> Liberalismus« als Doktrin. Die beiden andern Arten sind gefährlicher. Wer jede bloẞ andere Ansicht eines und desselben Gegenstandes als Schilderung eines anderen Gegenstandes denunziert, engt das Lebendige ein. Der Gefährlichste 298 aber and heit Lau viel Die Pela eige aus mac » W jede des ohn Inh die Rhy fack die - aus wil W flac ebe W hüp W16 gnu Sp: Ver Sei ein aber ist, wer einen wichtigen Gegenstand nur anders zu beschreiben vorgibt und doch in Wahrheit etwas ganz anderes gibt. Dadurch ist im Laufe der Zeiten in Philosophie und Theologie viel Unheil gestiftet worden. Die Deutschen neigen von Natur zur Häresie des Pelagius und des Arius, von Natur, also aus eigener Tüchtigkeit, die hochmütig macht, und aus eigenem Hochmut, der intellektuell untief macht. Warf er nicht höher den Ball in die Luft als jeder andere? Und flach traf sein Kiesel die Fläche des Sees und hüpfte zehnmal.« Das ist gut erzählt, ohne Zweifel, in jedem Betracht, aber doch im Inhalt unbedeutend. Und trotzdem gehen mir die Sätze nicht aus dem Gedächtnis wegen ihres Rhythmus. Keine Melodie, nicht einmal eine einfache, kann ich behalten oder nachpfeifen, aber die nichtssagendsten Sätze schwinden mir nicht aus der Erinnerung, einfach um ihres Rhythmus willen. Warf er nicht höher den Ball in die Luft! - wie steigt das unermeßlich in die Höhe!- und flach traf sein Kiesel die Fläche des Sees- wie eben ist der Spiegel des Sees durch den flachen Wurf! und hüpfte zehnmal!- wie reizvoll die hüpfende Bewegung über eine endlose Fläche und wie definitiv das zehnte Mal! Von allen Vergnügungen ist doch die edelste Lust die an der Sprache, der Sprache, die als Symbol so völlig verschieden ist von den Gegenständen und dem Sein, dem sie entspricht, und wieder unsagbar eins ist mit ihm! 299 29. Mai Einmalig«. Dieses Wort dürfte eigentlich nicht einmal zweimal gebraucht werden, nun aber ist es zum verbrauchtesten Klischee gemacht worden. Sie spucken und räuspern sich alle» einmalig<<. Schon, aber erreichen sie nicht doch wieder durch diese ihre Absurdität, daß sie» einmalig<< sind? Alles, was ich niederschreibe, hat nun ganz von selber die Tendenz, sich zu einem Dialog zu entwickeln. Mein Geist ist immer sofort im Gespräch mit einem Du. Und wie ist es erst mit meinem Monolog! In ihm zwar bin ich einsam vor allen Menschen, aber ich stehe um so absoluter vor Gott. Mein Partner ist das große Du, das älteste, das ewig ist, ehe ich war, das transzendente» Du«<, mein Schöpfer, mein Herr und mein Gott! 4. Juni Mein fünfundsechzigster Geburtstag. Einmarsch der Alliierten in Rom! Der Präsident der Reichsschrifttumskammer läßt mir schreiben:» Zu Ihrem 65. Geburtstag am 4. Juni möchte ich Ihnen, gleichzeitig im Namen des deutschen Schrifttums, meine besten Wünsche übermitteln.<< Wie ist das? Ja, wie ist das? Hat Herr Johst überhaupt eine Ahnung von mir? Dann hat er sicherlich keine Ahnung von diesem Brief. Weiß er aber von diesem Brief, dann weiß er sicherlich nichts von mir. Es besteht der begründete Verdacht, daß der Brief ein automatisches Produkt einer gutgeordneten Kartothek ist, in der hinter der Nummer 8814- das ist meir meir nur wiew keite Ich Mer hält die eine ist i in Ver Er wis dur zun mu doc er auf 9. J Im un Ma Sei nel her gro Au 300 meine Nummer der Name Theodor Haecker, mein Geburtstag und meine Adresse steht. Ja, nur so bekommt die Sache einigermaßen Sinn, wiewohl es freilich noch viele andere Möglichkeiten gibt. Aber wozu darüber nachdenken? Ich kenne eine tragische Literatur eines tragischen Menschen, der Gott für die tragischeste Person hält. Er kommt darüber nicht hinaus. Er ist in die Tragik also ewig eingeschlossen. Und das hat eine furchtbare Echtheit in seiner Literatur. Er ist imstande, von dem stillen Jubel der Mystiker in einem unmiẞverständlichen Tone der stillen Verzweiflung des Vaters Kierkegaards zu reden. Er hat die Sprache und das Sein einer objektiven, wissenschaftlichen Schwermut, die absolut undurchdringlich ist. Die hatte nun Kierkegaard zum Beispiel nicht, wiewohl doch seine Schwermut unermeßlich war; aber zuweilen hat er sie doch durchstoßen, wirklich durchstoßen, so daß er selber aufatmete und auch sein Leser wirklich aufatmen kann. 9. Juni. Freitag. Vormittag gegen 10 Uhr Im Keller. Sprengbombe. Zerstörung des Hauses und meiner Wohnung. Beispiellose Verwüstung. Manche gute Menschen, Helfer, Tröster durch ihr Sein und ihr Tun! Scholl! Manche crapule. Vornehme Seelen. Und kleine Seelen. Gott ist barmherzig! Gott ist großartig! Gott ist genau, aber großartig. Es geschieht mir kein Unrecht. Auch der Stolz hat seine Berechtigung und kann 301 vor Gott gelten, wenn ihn die Demut anerkannt hat. Aber vor dem Richterstuhl der Demut muß er passieren. Sonst traue ihm keiner! Denn der Stolz ist tückisch, selbst die Demut ahmt er zuweilen nach. Der sicherste Richterstuhl der Demut ist das Kreuz, an dem man mit Christus hängt. Welcher Stolz dann noch ein Recht hat- den habe man! Den kann man ohne Gefahr haben. 22. Dezember Es ist doch ein Unterschied, ob ein Stilist seinen Leser durch eine unerwartete Wendung plötzlich überraschen kann oder ob schon erwartet wird, daß nun sicher etwas Ünerwartetes komme. Es ist auch ein Unterschied, ob man dieses Unerwartete zweimal lesen kann oder bloß einmal. 30. Dezember Das heiße Bemühen, das übermenschliche Bild, als das H. in die Geschichte eingehen soll, zu malen, läßt in der letzten Zeit den Goebbels in Krämpfe fallen. Aber heute hat er sich überschlagen: er ist nicht bloß das größte Genie der Welt, er ist ihr» Erlöser«<; der apokalyptische Lausbub ist nicht nur ohne Scham, er hat auch jede Klugheit der» Welt« verloren. Der Narr meint, weil heute außer eigenen imbezillen Fanatikern niemand die groteske Lobhudelei mitmacht, könne er seine Wechsel mit den hohen Forderungen auf die Nachwelt ausschreiben, die ihn dann mit Begeisterung, mit Pauken und mit Trompeten honorieren, aber sie werden ihn nicht einmal protestieren: der Wechsel wird ihr gar nicht präsentiert werden. 302 31. E He kür nac ten sich auf 5 M 31. Dezember Heute nachmittag 3 Uhr wurde im Radio verkündigt, daß der Führer heute nacht 5 Minuten nach 12 Uhr im Rundfunk eine Ansprache halten werde. Die Manager dieser Sensation ahnen sicherlich nicht, daß dieses nur deshalb geschieht, auf daß das Wort erfüllet werde:» ich werde erst 5 Minuten nach 12 Uhr aufhören.«. 303 1. Januar 1945 - also Die erste Radionachricht, die ich hörte, war: der Führer hielt» kurz nach Mitternacht<< nicht mehr:» 5 Minuten nach 12 Uhr«. Ja, man hat doch etwas gemerkt, aber zu spät! De nominibus est curandum[ man muß auf seine Worte ad.ten], aber beizeiten, sonst ist es eben zu spät. Die Ankündigung am 31. Dezember 44 um 3 Uhr nachmittags: Der Führer wird heute nacht um 5 Minuten nach 12 Uhr zum deutschen Volke sprechen, hat eine so ungeheuerliche Symbolkraft, daß diese die Wirklichkeit einfach herbeiziehen muß für 1945: Ich werde erst 5 Minuten nach 12 Uhr aufhören. Fiat Voluntas Tua! 2. Januar Es scheint, daß dem deutschen Volke nichts Schlimmeres und Unerwünschteres geschehen könnte als ein Wunder Gottes. Es wurde zwar keiner der furchtbaren Burschen unserer» Lageberichter, die ihre Wunschsätze als Aussagen tarnen, müde, seit vierzehn Tagen zu erzählen, daß die Feinde unsere neue Offensive als» Wunder«, als» deutsches Wunder« bezeichnen, sie wurden aber auch nicht müde, dazu zu bemerken, daß nichts falscher und eine größere Verkennung der Deutschen sei, als diese deutsche Widerstandskraft als ein Wunder« zu bezeichnen, sie sei nichts weniger als ein Wunder, sie sei in vollem Gegensatz dazu die vollverständliche eigene Kraft des deutschen Volkes, sein Fanatismus, seine alles erklärende Tüchtigkeit und Genialität, seine Planung, seine natürliche Unbesieglichkeit, seine 304 Stam dan deut ses s Die ges jegli und siche 23. J Mar mac nem Nei Got the pra und der Par und Ver für zeil tem heil abz Zwe wir 30. Da Tag Standhaftigkeit. In letzter Minute erst sprach dann Goebbels doch von einem Wunder des deutschen Volkes, das aber sein einziges sei; dieses sein einziges Wunder sei nur: der Führer. Die Geschichte lehrt: Niemand fühlt sich des Sieges so unappetitlich sicher und unbelehrbar von jeglicher Vernunft gewiß wie der Nurfanatiker, und niemand ist der endgültigen Niederlage so sicher. 23. Januar Man soll und darf nur sich selber den Vorwurf machen, daß man kein Heiliger ist, beileibe keinem andern. Nein, der praktische Beweis für die Nichtexistenz Gottes wird auch nicht gelingen, so wenig der theoretische gelang oder je gelingen wird. Der praktische Versuch freilich ist viel gefährlicher und macht auf viel mehr Menschen Eindruck als der theoretische. Ich gestehe, daß der Sieg der Partei in der Weltgeschichte, um einmal als Narr und per impossibile zu reden, mich auch in große Versuchung gebracht hätte, die Inexistenz Gottes für bewiesen zu halten oder doch- ach Gott, verzeihe mir Wahnsinnigem und aufs Blut Geplagtem den Nebel der Blasphemie! Verzeihe mir, heiligste Dreifaltigkeit!- die zu verstehen, die abzufallen und nicht mehr zu glauben die Verzweiflung wagten! Aber dieser praktische Beweis wird nicht gelingen. 30. Januar Das ist das Abendland, das ist sein Gipfel, das Tag- u. Nachtbücher 20 305 ist seine auserwählte Gloria, daß es in Platon mit dem Satze, daß es besser ist, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, die göttliche Offenbarung Christi von ferne berührt hat. Wenn schon Unrecht ist in der Welt, dann hat den höheren Wert, dann ist der höhere Wert der, der Unrecht leidet vor dem, der es tut. Das ist ungeheuerlich und bereits von der anderen Welt. Unrecht! Wohlgemerkt, nicht Gewalt, denn Gewalt kann der Gute und der Schlechte tun, nicht aber Unrecht. 8. Februar Das ist das untrügliche Kennzeichen des falschen Propheten, des Propheten der» Welt<<, daß er dem Menschen klar oder versteckt sagt, daß der Weg des Heils breit sei und die Pforte weit, während in Wahrheit und nach Gottes Willen der Weg schmal ist und die Pforte eng. Vielfach ist der Glaube an Gott nur noch wie der Glaube an einen rettenden Strohhalm. Aber was tut's, wenn der Strohhalm der wirkliche Gott ist, denn Gott ist ja die Allmacht. 9. Februar Beurteilt und gerichtet wird der Mensch nach der Ordnung der Vernunft, nicht nach der Ordnung der Sinne, der er doch auch und zuerst angehört. Die Idee des Menschen, sein Ideal ist dem Menschen von Gott gegeben, doch so, daß er, der Mensch es sich selber gibt, frei gibt, frei sich geben muß, daß er über das Sinnenwesen, über das Tierische also, hinauswächst, daß er seinen Leib und seine Sinne spiritualisiert, nicht daß er den Leib und die Sinne vernichte oder 306 vera Mer dies Rec Sch wes also ner ver in enc verachte. Aus der Verbindung des Sinnenwesens Mensch mit dem Geisteswesen Mensch, das in dieser Verbindung erst den Namen Mensch mit Recht trägt und tragen darf, erwachsen manche Schwierigkeiten: zum Beispiel ein reines Sinnenwesen, das nicht zugleich als Geist angelegt ist, also ein Tier, kann nicht sündigen, indem es seiner Sinnennatur gemäß die ihm natürliche Lust verlangt und erringt, denn das ist vollkommen in Ordnung. Jede Natur, die sich in Lust vollendet, tut den Willen Gottes. ENDE - Die Bücher von Theodor Haecker Sören Kierkegaard und die Philosophie der Innerlichkeit. Satire und Polemik. Ein Nachwort.- Der Begriff der Wahrheit bei Sören Kierkegaard.- Christentum und Kultur.- Wahrheit und Leben.- Dialog über Christentum und Kultur, mit einem Exkurs über Sprache, Humor und Satire.- Vergil, Vater des Abendlandes. Was ist der Mensch?- Schöpfer und Schöpfung. Der Christ und die Geschichte.- Der Geist des Schönheit. Ein Versuch. - Menschen und die Wahrheit. Übersetzungen Sören Kierkegaard: Der Pfahl im Fleisch, mit Nachwort. - - - - - Der Kritik der Gegenwart, mit Nachwort. Begriff des Auserwählten, mit Nachwort.- Die Krisis und eine Krise im Leben einer Schauspielerin. Am Fuße des Altars, mit Nachwort. Religiöse Reden. Über die Geduld und die Erwartung des Ewigen. Die Tagebücher. Auswahl mit Vorwort.- Francis Thompson: Shelley; Der Jagdhund des Himmels; Ein Korymbos für den Herbst, mit einem Essay über Francis Thompson und Sprachkunst. Hilaire Belloc: Die Juden, mit Nachwort.- John Henry Kardinal Newman: Philosophie des Glaubens, mit Nachwort.- Die Entwicklung der christlichen Lehre, mit Nachwort. Der Traum des Gerontius, mit Einleitung.- Das Mysterium der Dreieinigkeit und die Menschwerdung Gottes. Predigten. Die Kirche und die Welt. Predigten, mit Nachwort. Vergil: Hirtengedichte. - - Als Herausgeber - Friedrich Graf zu Stolberg: Auswahl der Gedichte. THEODOR HAECKER [ geboren am 4. Juni 1889 in Eberbach( Württbg.), gestorben am 9. April 1945 in Ustersbach bei Augsburg] wuchs auf in der benachbarten Staufenstadt Eẞlingen, und die Zugehörigkeit zur schwäbischen Überlieferung war ihm zeitlebens wichtig. Gegen die Richtung auf die Zweckwelt, die von außen her seinem Leben zugedacht war, mußte er in einer harten Jugend seinen eigenen Weg suchen, den Weg zu den geistigen Wirklichkeiten und den zu Christus und eben darin zu sich selbst. Früh verzweifelt an dem offiziellen Bildungsbetrieb der Zeit, fand er stillere Gefährten in Hilty und Blumhardt und an entscheidenden Wendepunkten neue philosophische und religiöse Gewißheit bei Kierkegaard zunächst und später bei Thomas von Aquin und bei Newman. Das schriftstellerische Werk Theodor Haeckers bietet viele Aspekte, aber sein dauerndes Verdienst wird sein, daß er die Fülle der Welt und den Reichtum abendländischer Kultur heimholte in die Kammern des Glaubens. Der Herausgeber dieses Buches, Heinrich Wild[ geboren am 20. Februar 1909 in Regensburg], studierte von 1928 bis 1934 in Berlin und Bonn Philosophie und Theologie, wurde dann Schüler und Mitarbeiter Jakob Hegners, führte seit dessen Auswanderung[ 1936] den gleichnamigen Verlag in Leipzig und leitet jetzt den Verlag und die Druckerei Josef Kösel in München und Kempten.