Motto: Es gibt nur wenig ernste Dinge, die nicht auch eine komische Seite hätten) Gedanken des Autors über sein Buch Es gilt, und dies mit einigem Rechte, als ein Zeichen von Schwäche, wenn der Autor sein Werk durch ein Vorwort zu rechtfertigen sucht. Muß sein Wort nicht für sich selber sprechen? Wenn es dies nicht vermag, dann sind des Autors Vorbemerkungen gewiß nicht mehr wert, als das dafür sattsam bekannte Münchner Abkommen Hitlers. - Aber es gibt nun einmal selten eine Regel, die keine Ausnahme duldete, und eine solche Ausnahme liegt hier vor. Bin ich doch, wie sich bald herausstellen wird, gar nicht der Autor dieses Buches! Zwar sind die Worte dieser Aufzeich nungen durch das Filter meiner Erinnerung getrieben wor den. Aber das, was hinter ihnen steht, habe nicht ich gestaltet, sondern die Zeit, und ich versichere auf Ehre und Gewissen, daß ich dieser Dichterin zumeist nur leidend gegenübergestanden und nur bescheidene Versuche gemacht habe, ihr in den Arm zu fallen, um sie zur Aenderung ihrer dunklen und unerforschlichen Absichten zu bewegen. Ich bin schließ lich nichts anderes als ein schlichtes, Opfer des Faschismus' eines unter Millionen. Der Inhalt dieser Aufzeichnungen wurde von einer Instanz geschaffen, welche höher ist als alle Vernunft: von blinden, in ihren Ursachen und Wirkungen kaum noch überprüfbaren Kräften, die zweifellos außerhalb aller literarischen Wertung stehen. Hebbel sagt einmal treffend, den großen Dichter charak terisiere vor allem eines: daß nämlich seine Gebilde, nicht, den Statuen des bildenden Künstlers gleich, unfruchtbar in den Nischen stehenbleiben, sondern daß sie wie lebendige Menschen fortzeugen. In diesem Sinne freilich gehört die Dichterin Zeit nicht zu den Großen ihres Berufes. Sie schafft immer nur einmalige Gebilde. Kunst und Leben sind nun einmal getrennte Welten, und was hier festgehalten wurde, gehört nicht ins Reich der Kunst, sondern bleibt schlicht ab 7 geschriebenes Leben auch dann, wenn es sich jener Formen bedient, durch die die Kunst sich darzustellen gezwungen sieht. - Nicht alles, was die Zeit mir in die Feder diktieren wollte, habe ich niedergeschrieben, und insofern unterscheiden sich diese Aufzeichnungen von dem, was der Journalist eine Reportage nennt. Was aber ich festhielt, ist Wahrheit im letzten und höchsten Sinne. Wenn der Hochmut des Dummen diesen Blättern den Stempel der politischen Absicht aufdrücken will, des Phantastischen oder gar des Schelmenhaften, dann kann ich nur mit allem Ernste und mit aller Feierlichkeit, deren ich fähig bin, versichern: Alles dies ist so wirklich, wie das Ende des Dritten Reiches im Kampfe um Berlin. Man verlange deshalb nicht zu viel von diesen Schatten und Gestalten. Sie stehen außerhalb aller stilkritischen also künst lerischen Wertung. Die Zeit kann nun einmal nicht überzeitlich zu den Menschen sprechen. Eine Ilias, eine Göttliche Komödie, einen Faust zu schaffen, ist ihr nicht gegeben. Sie spricht immer nur zu sich selbst. Schon von der nächsten Generation werden ihre Worte nicht mehr richtig verstanden. Ob unsere Kinder begreifen, was und warum ihre Väter leiden mußten wer vermag das zu sagen? Selbst die Menschen, die all dieses zeitlich miterlebten, begreifen sie den ganzen Umfang des Notstandes, unter dem sie jahrelang geatmet haben? Der Dichterin Zeit sind nicht Werke zu schaffen verliehen, die fortzeugen wie lebendige Menschen. Nur sehr bedingt vermag sie zu bessern und zu belehren, oder gar die Augen zu öffnen, denen nämlich, die noch immer blind sind. Darum kurz und klar: Dieses Buch der Zeit kann und will nichts anderes geben als ein Bild ihrer selbst. Wem es nicht gefällt, der lege es beiseite. - Johannes Berbig. 8 en en te, ch ne en ‚fs n, h> ER es ts re ie 12 Zwischenfallim Cafe& Felsche. Ein junger Mann trat zur Flügeltür herein und blickte sich suchend in dem weiten Raume um. Nun kam er auf meinen Tisch zu und stellte sich hinter meinen Stuhl. „Kriminalpolizei!“ sagte er leise, indem er eine ovale, glän- zende Marke aus der Westentasche zog und flüchtig vorwies. „Bitte stehen Sie unauffällig auf und folgen Sie mir!“ Ich wendete mich verständnislos um. „Sie wollen mich sprechen?“ „Bitte beeilen Sie sich!“ sagte der junge Mann in drohendem Tone.„Wir haben mehr zu tun! Welche Aktentasche gehört Ihnen? Die da?.Bittel Und die Brieftasche. Auch Ihnen? Stecken Sie alles ein und folgen Sie mir. Ich warne vor einem Fluchtversuch!“ „Aber warum sollt’ ich denn fliehen? Darf ich wenigstens meine Frau anrufen und ihr sagen——“ „Machen Sie keine Witze, Herr! Haben Sie schon bezahlt?“ „Das wird geordnet!“ sagte mein Nachbar zur Rechten. Ich erhob mich und zog langsam meinen Mantel an. Den tieferen Sinn des Dramas, das sich in diesem Cafe abspielte, hatte ich noch immer nicht recht begriffen. „Handelt es sich um eine Befragung?“ „Sie sind verhaftet!“ „Aber Sie müssen mir doch wenigstens sagen, aus welchem zureichenden Grunde——“ „Das erfahren Sie auf dem Polizeipräsidium. Nun aber bitte keine Verzögerung mehr durch unnütze Fragen!“ Ein zweiter Mann, der sich bisher im Hintergrunde gehalten hatte, trat neben mich. , Vergessen Sie nichts, was Ihnen gehört", sagte er grob. ,, Die Bücher." Er wies auf die zwei schmalen Bändchen, die auf dem Tische lagen. Ich steckte sie mit einer hastigen Bewegung in die Manteltasche. ,, Natürlich! Die Hauptsache hätte unsere neue Nummer bald vergessen!" Aus seiner Stimme klang offener Hohn. Ich reichte den Freunden die Hand. Beim Zurücktreten streifte ich den Mantel des zweiten Kriminalbeamten leicht mit meiner Aktentasche. - ,, Mann woll'n Sie mich etwa hier anrempeln? Machen Sie mich nich ärgerlich, sonst können Sie was erleben!" knurrte der Gestapomann. Ich verstand den tieferen Sinn dieser brutalen Drohung noch immer nicht weil ich überhaupt nicht recht verstand, was eigentlich vor sich ging. Nur das eine wußte ich blitzartig: Bis zum Kriegsende wirst du in der Gewalt dieser Bande bleiben! - Mit einem Begleiter zur Rechten und zur Linken trat ich ins Freie. Hell schien die Mittagssonne des milden Dezembertages. Auf dem Platze vor dem Museum spielten Jungen ein lärmendes Ballspiel. Sammler klapperten mit ihren Büchsen. ., Haben Sie soviel Geld bei sich, die Elektrische zu bezahlen?" fragte einer der Begleiter. Ich antwortete nicht, sondern stieg wortlos in die eben haltende Straßenbahn ein, die in der Richtung des Polizeipräsidiums fuhr. Drei Haltestellen weiter stiegen wir aus. Oh- la- la!- Nur jetzt keinen Selbstmordversuch! Dazu ist später auch noch Zeit!" rief plötzlich der jüngere der beiden und packte mich mit scharfem Griff am Arme. Die entgegenkommende Straßenbahn donnerte vorüber. Beinahe wäre ich hineingelaufen. Dann gingen wir die wenigen Schritte bis zum Präsidium in der Wächterstraße. Wir blieben im Erdgeschoß, wo am Ende eines langen, düstern Ganges die Geschäftszimmer lagen. ,, Hier warten Sie!" Die beiden verschwanden hinter einer Tür. Menschen gingen und kamen, ohne meiner zu achten. Jetzt könnte ich fliehen! dachte ich. Aber zugleich kam mir zum Bewußtsein, daß ich gar nicht mehr recht wußte, wo der Ausgang eigentlich war. 10 Warum mochte man mich verhaftet haben? Hatte ich mich vielleicht über eine Regierungsmaßnahme abfällig geäußert? Ich konnte mich auf etwas Derartiges nicht besinnen. Eigentlich war es doch ein stillschweigendes Uebereinkommen unter den Gebildeten des Landes geworden, jede Stellungnahme zum Zeitgeschehen zu vermeiden. Das Schicksal Deutschlands ging seinen Weg, unbeeinflußt durch Worte und Wünsche, von wel cher Seite sie auch ausgesprochen werden mochten. Die Jugend kämpfte und blutete auf den Schlachtfeldern, die Alten frohn ten in den Fabriken. Was sie dachten: die in Rußlands eisigem Raume, die unter der glühenden Sonne Afrikas Kämpfenden, die in den Lazaretten Sterbenden, die bei schmaler Kost Arbei tenden, die Männer und Frauen in den Gestapogefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern, die Entbehrenden, die Schlemmenden, die im Gram um einen gefallenen Gatten oder Sohn Zerfließenden, die die Parteimacht Mißbrauchenden, die freiwillig oder ingrimmig Gehorchenden, die von Siegen und Propagandareden Begeisterten, die an der Wahrheit der Presse berichte Zweifelnden, die von einander widersprechenden Gefühlen hin und her Gerissenen was sie dachten, das wußte keiner vom andern weil nichts tiefer ist als das Schweigen, das aus Lebensangst geboren ist. Es war eine groteske Zeit! ,, Treten Sie hier herein!" hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Ich folgte dieser Aufforderung. Eine Wolke schwerer Gerüche schlug mir entgegen. In dem kleinen Raume, den ich betrat, atmeten zehn Menschen. Hinter einem Holzgatter redeten die beiden Männer, die mich verhaftet hatten, auf ein junges Mädchen ein. Irgendetwas schien zu fehlen oder verkehrt gemacht worden zu sein. Vielleicht hatte man gar schon entdeckt, daß diese Verhaftung ein Mißgriff war? Aber nein. In diesen Tagen verhaftete man niemanden aus Versehen! - - ,, Mache dein Protokoll mit dem Pfeifenkopp, und dann Heidi! Wir woll'n auch mal raus aus der Stinkbude!" erklärte das junge Mädchen eben jetzt ziemlich energisch, indem es sich an die Maschine setzte und mit zwei Fingern eine Adresse zu tippen begann. ,, Jeden Tag is' der Laden zum Brechen voll, und heute is' Sonnabend. Steckt ihn doch hinter in die Fünf zehn, da is' noch Platz. Das hat doch Zeit bis Montag!" ,, Das sowieso! Hierher!" 11 Ich fühlte mich angesprochen und folgte dem Beamten in einen Nebenraum, der eben so groß war, daß ein Tisch mit Reiseschreibmaschine und ein Verhörender Platz hatte. - ,, Sie heißen Geboren Name der Frau - - Beruf Vorbestraft - - Verheiratet Kinder - - Kriegsteilnehmer So - - gar keiner Freimaurer. Politische Zugehörigkeit Partei haben Sie angehört. Was haben Sie denn da gewählt?" ,, Gehört das ins Befragungsprotokoll? Soweit mir bekannt ist, ist die deutsche Reichsverfassung noch nicht aufgehoben worden, und in der ist festgelegt, daß wir geheime Wahl haben." ,, Ich würde sonst nicht fragen! Sehen Sie nicht, daß alles vorgedruckt ist?" ,, Dann sollen Sie das auch ganz genau erfahren: Ich habe gar nicht gewählt!" ,, Sie sind nie zur Wahlurne gegangen?" ,, Doch, aber ich habe stets einen weißen Zettel hineingesteckt." Der Beamte schrieb. Er schrieb ein paar Bogen voll. ,, Hierher den Namen!" sagte er endlich. ,, Ich darf doch durchlesen, was ich unterschreibe?" ,, Wenn's nicht zu lange dauert bitte!" - Aus dem Schriftstück erfuhr ich, daß ich angeklagt sei, staatsgefährliche Aeußerungen getan zu haben, geeignet, die Wehrkraft des deutschen Heeres und die seiner Verbündeten zu schwächen und zu zersetzen. ."" Geben Sie das zu?" ,, Nein." Der Beamte schrieb abermals etwas in seine Maschine. ,, Hierher Ihren Namen!" Ich las: Nachdem dem Verhafteten sein Verbrechen im Sinne der§§ 1 und 2 des Heimtückegesetzes vorgehalten wurde, erklärte er, unschuldig zu sein. Er bleibt bei dieser Aussage. Ich unterschrieb schweigend. , Wann werde ich erfahren, was man mir zur Last legt?" Der Beamte lächelte. Es sollte wohl ein beruhigendes, ein wohlwollendes Lächeln sein. Vielleicht war es auch ein be dauerndes, ein mitleidiges Lächeln. Es war schwer, in seinem starren Gesichte zu lesen. 12 ,, Nur keine Sorge. Es wird Ihnen alles vorgehalten!" Ich nahm meine Mappe auf. Der Beamte schritt voran, durch schlechterleuchtete Gänge, um dunkle Ecken herum, zurück, dem Ausgange zu, dann plötzlich links eine halbe Treppe hoch. Vor einer schweren eisernen Tür blieb er stehen und drückte auf einen Klingelknopf. ,, Polizeigefängnis" stand in drohender Antiqua im oberen Felde der Tür. ,, Noch ein Zugang?" fragte eine grobe Stimme, nachdem sich die Tür einen Spalt geöffnet hatte. ,, Ihr kriegt heute noch eine ganze Wolke, Richard. Eddi is im Russenlager und holt noch ein halbes Dutzend Lagerführer ab." , Was ham die denn ausgefressen?" ,, Schnaps, Tabak, Bohnenkaffee, mal' ne Armbanduhr das zwischen. Die schieben mit Franzosen, Holländern, Tschechen und Polen - " . ,, Das is doch nischt Neues! In Leipzig fließt bloß die Pleiße. Alles andere wird geschoben. Un' ihr denkt, wenn ihr die hier reinbringt - " -- ,, Mache geen Gohl. Hier gommt Nummer 26714/42 unterschreibe!" ,, Wen haste denn da mitgebracht?" ,, Ganz feine Nummer. Leugnet bis Montag. Nachher wird er schon ein Protokoll unterschreiben." - Die Tür tat sich etwas weiter auf. Ich betrat einen hallen artigen Raum. Dicht am Eingang stand ein riesiger Schreibtisch, an dem zwei Beamte arbeiteten. Einer von ihnen fuhr mich grob an: ,, Nehmse den Hut vom Koppe! Sie wissen wohl nich, was Anstand is?" Ich gehorchte. ,, Da hinüber!" schrie mich der Mann abermals an. ,, Mit dem Gesicht nach der Wand!" In drei Stockwerken liefen eiserne Galerien mit den Ein gängen zu den Haftzellen. Das Ganze machte eher den Eindruck einer Basilika als den eines Gefängnisses. Das Klirren von Schlüsseln drang von überallher. Auch Klangzeichen wurden so gegeben. Der Beamte am Schreibtische ließ zwei Schlüssel dreimal aneinanderklingen, und sogleich meldete sich im dritten Stockwerke eine Frauenstimme. 13 ,, 78, B wie Berta zur Vernehmung." ,, Kommt!" rief die Frauenstimme. Wenige Minuten später kam über die Wendeltreppe herunter ein junges Mädchen und stellte sich neben mich. ,, Politisch?" flüsterte sie, ohne mir das Gesicht zuzuwenden. Noch nicht so recht vertraut mit den Sitten und Gebräuchen dieses Hauses drehte ich mich zu ihr um. ,, Sie haben nichts zu sprechen, Sie da!" herrschte mich der Beamte vom Schreibtisch her an. ,, Halten Sie die Nase geradeaus!" ,, Die Zellen 56 bis 70 haben Mikrophon! Vorsicht!" flüsterte das Mädchen abermals und blickte dazu gelangweilt auf seine Lackschuhe. ,, Danke!" sagte ich nach einer Weile ebenso leise. Warum hatte ich mich eigentlich bedankt? Merkwürdig war doch im merhin, daß mit einem Male eine Art Solidarität Platz griff zwischen denen, die in die Fänge der Polizei geraten waren. Ich war also auch unter denen, die etwas auf dem Kerbholze hatten, nur wußte ich noch immer nicht, was. Morgen war Sonntag. Da ruhte die irdische Gerechtigkeit aus. Aber am Montag würde ich es sicher erfahren. Daß man sich nicht die Zeit nehmen würde, mich heute noch zu vernehmen, darüber war ich mir inzwischen klar geworden. Ueber dem breiten Schreibtische zerhackte eine Uhr mit ausdruckslosem Gesicht das Sonnenjahr in einhundertdreißig Millionen fünfhundertsiebenundfünfzigtausend Sekunden, unparteiisch und unbestechlich, wie das deutsche Recht das Leben derer zerhackte, die zwischen seine Zahnräder geraten waren. Ein Blick in ihr krankhaft blasses Zifferblatt belehrte den Gefangenen, dem man die Uhr abgenommen hatte, daß die Weltgeschichte nicht stillstehe, und das war für viele ein Trost. Das Mädchen mochte meinen Blick auf die Uhr beobachtet haben. Es flüsterte:„ Die Uhr geht richtig, nur die Polizei geht vierhundert Jahre nach. Schönstes Mittelalter hier! Na, vielleicht geht's uns in einem andern Leben mal besser!" ,, Ich halte nicht viel von Seelenwanderung", flüsterte ich zurück. ,, Man verbessert sich selten beim Umzug." ,, Maul halten!" dröhnte die barsche Stimme vom Schreibtisch her. ,, Fünf Schritt nach links treten, das Mädchen. 14 Noch ein Wort, und es gibt erst mal drei Tage Bunker! Mas nieren reißen hier ein! Manieren!" ,, Finde ich auch!" sagte das Mädchen ziemlich laut, indem es den erhaltenen Befehl befolgte. Aber der Wachtmeister hielt es offenbar für unter seiner Würde, darauf zu erwidern. Er schrieb eifrig weiter. Das schabende Geräusch seiner Feder war für kurze Zeit der einzige Laut, der die Stille des hohen Raumes belebte. Wie konnte eine solche naseweise Bemerkung seine Selbstsicherheit tangieren? Die Polizei hat immer die beste Meinung von sich gehabt, und er hielt es offenbar nicht für So eine notwendig, sich einen Zweifel daran zu verbitten. - Uhr, dachte ich, hat viel für sich. Sie läßt sich nicht aus dem Takte bringen, wenn draußen in Rußland, in Afrika und auf dem Meere die Entscheidung über Tod und Leben von Millionen von ahnungslosen Menschen fällt. Tiktak... die Uhr geht weiter, wenn der Richter ein Todesurteil verkündet, wenn der Henker es vollstreckt. Von rechts trat ein Uniformierter auf mich zu. ,, Hier herein!" sagte er, und dazu öffnete er die Tür der Zelle nebenan. ,, Waren Sie schon einmal hier?" ,, Nein." ,, Ausziehn!" Ich blickte ihn verständnislos an. ,, Den Mantel?" ,, Alles. Hier wird gefilzt." Ich konnte mir von diesem Vorgange keine rechte Vorstel lung machen, entkleidete mich aber gehorsam bis aufs Hemd. Der Beamte leerte inzwischen alle meine Taschen und legte ein Verzeichnis ihres Inhaltes an. Das war freilich eine ziemlich umfängliche Arbeit, denn ich führte allerlei bemerkenswerte Gegenstände mit mir herum. Neben Uhr, Schrittzähler, Kompaß, zwei Tabakpfeifen, Geld- und Brieftasche, der Korrespondenz von mindestens drei Wochen, Taschenmesser, Nagelfeile, zwei Füllfederhaltern, drei Kopierstiften von unterschied' licher Größe und Farbe: eine kleine bauchige Flasche aus undurchsichtigem blauen Glase und der drohenden Aufschrift , Gift'! ,, Was is denn da drinne?" ,, Bitte nicht öffnen und ja nicht daran riechen. Es ist Watte 15 drin, getränkt mit einer Spur Blausäure. Schon der Geruch kann tödlich wirken." ,, Wozu brauchen Sie denn solches Zeug?" ,, Ich sammle Käfer. Sie finden in dieser Flasche einen ra schen, schmerzlosen Tod." " Der Beamte stellte die Flasche miẞtrauisch beiseite. , Weshalb sind Sie denn eigentlich hier?" Genau weiß ich das noch nicht. Ich soll etwas Staatsge fährliches gesagt haben." ,, Dazu gehört heutzutage nicht viel. Lange wird's Ihnen schon besorgen." ,, Wer ist Lange?" ,, Na, der Sie reingebracht hat. Sie kennen Lange nicht?" Ein zweiter Beamter trat in die Zelle. ,, Hier is einer, der kennt Lange nicht!" Der Eintretende war offenbar erstaunt über diese Mitteilung. ,, Ach nee ein Politischer? Sie sind wohl das erstemal hier, weil Sie Lange nicht kennen?" - ,, Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen. Darf ich meine Kleider wieder anziehen?" ,, Das können Sie, Hosenträger und Schlips bleiben hier." ,, Aber, wie soll ich denn " ,, Die Hosen halten Sie gefälligst mit der Hand fest. Marsch!" ,, Zwote. Siebenundfünfzig!" rief der Beamte vom Schreibtisch her. ,, Erst mal ran hier zum Unterschreiben!" Ich unterschrieb das Verzeichnis der Gegenstände, die mir abgenommen worden waren. Dann stieg ich in Begleitung eines Gefangenen zum zweiten Stock empor. Er sprach nicht zu mir, lächelte mich nur aus den Augenwinkeln vertraulich an, als wolle er sagen:, Siehst du, nun bist du auch bei uns!' Es war ein falsches Lächeln und paẞte nicht zu meiner Stimmung. Die Menschheit kam mir plötzlich sehr reparaturbedürftig vor. Zwar bin ich so glücklich, zu wissen, daß ernste Sachen auch eine komische Seite haben aber ich vermochte sie im Augenblick nicht zu sehen. Mit einem Worte: mir war mies! Am Austritt zur Eisengalerie des zweiten Stockwerkes stand ein Wachtmeister und sagte:„, Lebhaft!" Ein Schlüsselbund klirrte, eine Tür sprang auf und schlug rasch hinter mir zu. - 16 Der Schneider, der Privilegierte und der unsittliche Polizist. - Betroffen blieb ich im Halbdunkel der Zelle stehen und hielt meine Hose krampfhaft fest, die eine lebhafte Neigung verriet, den Rückzug nach unten anzutreten. Kein Wunder übrigens: Sie war auf Friedensumfang gebaut worden, und ich Aus der hatte bereits drei Jahre nach der Karte gelebt! dunklen Ecke rechts des Gitterfensters ertönte eine Stimme': ,, Stets das Neuste! Stets gern zu Ihren Diensten! Sie gestatten. Stets. Schneiderobermeister a. D., Parteigenosse Stets. Parteigenosse Stets, für die Partei von hinten wie von vorne! Habe noch immer gute englische Stoffe zu zivilen Preisen. Was führt Sie hierher?" Eine Hand streckte sich mir entgegen. Ich ergriff sie, wobei ich beinahe die Hosen verloren hätte, und nannte meinen Namen. ,, Stets, Schneiderobermeister a. D., Mitglied der Handwerkskammer. Eigentlich Vorsitzender. Stets. Sehr angenehm. Das da" er wies mit nachlässiger Geste auf meine Hose ,, das werde ich nachher gleich mal in Ordnung bringen. Mit ein paar Stichen kriegt sie wieder Sitz. Politisch?" - ,, Ich weiß nicht recht" ich mußte in dem Augenblicke flüchtig an das Mädchen neben mir an der Wand in der Halle denken und an die Warnung vor dem Mikrophon ,, eine Anklage ist mir noch nicht vorgelegt worden, das heißt so allgemein staatsgefährliche Aeußerungen. Einzelheiten erfahre ich hoffentlich am Montag." - nur ,, Denken Sie! Hier können Sie alt und grau werden, ehe Sie was erfahren. Ich bin verhaftet, weil meine Frau hundertsechzig Eier eingelegt hat. Außerdem hat man bei der Haussuchung zehn Meter Gardinenstoff gefunden, Papier- natürlich und eine Rechnung über sechzehn Meter. Sechs Meter habe ich einer Bekannten ohne Punkte abgegeben. Eine Gans für dreißig Mark haben wir auch gegessen; aber ich glaube, die Papiergardinen sind die Hauptsache, das folgenschwerste Belastungsmoment sozusagen. Ich komme natürlich ins Lager. Als Volksschädling. Na, gute Nacht und kein Bette. Seit Ende November wird mein Fall bearbeitet. Ich soll 2 Berbig: Knast 17 - - - noch was gestehen, weiß aber nicht, was. Wenn ich das nur wüßte! Wenn man gesteht, so sagen sie, lassen sie einen los. Wenn Sie was gesagt haben mein Gott, wer sagt heut zutage nicht mal was! dann is das vielleicht schon eine ganze Weile her. In der vierundfünfzig is einer, der hat vor zwei Jahren einen Witz erzählt man darf ihn heute gar nicht mehr anbringen, so altbacken is er außen braun, na ja innen rot, wie ein Beefsteak mal sollten es die Lehrer sein, mal die Finanzbeamten. Bei dem in der vierundfünfzig sollten es die Polizeibeamten in den Tagen der Machtübernahme sein. Diese sprachliche Wendung ist von seinem Sohne, einem begeisterten Hitlerjugendführer, bei der Polizei gemeldet worden 66 ,, Verstehe ich nicht ganz. Der Herr in der vierundfünfzig hat also einen Sohn, der 1942 unter Eid auszusagen bereit ist, daß sein Vater im Jahre 1940 über die von ihm vermutete Gesinnung der Polizei im Jahre 1933 einen Witz kolportiert hat, der - ,, Sie haben das ausnehmend richtig verstanden. Ich führe dieses Beispiel nur an, weil auch Ihr Zungen delikt vielleicht sehr weit zurückliegt. Können Sie sich auf was besinnen?" ,, Nein." 6, Das ist bedenklich und wirkt strafverschärfend. Auf die Weise kommen Sie vielleicht rascher ins Untersuchungsge fängnis. د" , Und das wäre günstig?" ,, Dort leben Sie wie im Paradiese gegen - - - na also, mehr sage ich nicht! Wer es hier zehn Wochen ohne Zus schuß aushält, der hat eine Pferdenatur!" ,, Zehn Wochen Stets richtete sich in seiner Ecke auf und ging ein paar Schritte in der Zelle auf und ab. Dann blieb er vor mir stehen. ,, Sagen Sie mal: in was für einer Zeit leben Sie denn eigentlich? Haben Sie noch nichts davon gehört, Sie Neuling - aber ich will Ihnen nicht bange machen. Man hat jetzt in der Tat bessere Chancen, hinüberzukommen. Hier ist alles überfüllt. Unten sitzen sieben Mann in der Ein- Mann- Zelle von 24 Kubikmeter Luftraum. Das ist ein Würfel von noch 18 nicht drei Metern Kantenlänge. Ein warmer Mief ist ja immerhin besser als ein kalter Ozon, aber wenn dort die Türe aufgemacht wird, verschlägt's einem den Atem. Polen. Sonst ganz saubere und ordentliche Leute. Viel Dampfbad und überhaupt alles alles bloß Gerede von der Rückständigkeit nein, sie haben eben nicht da drüben. Aber sie haben - - - - na ja, wenn sieben Menschen in so einem Bunker Schwamm drüber. hocken ohne Seife und Waschwasser - - Sie müssen entschuldigen, ich bin ein bißchen sprunghaft mit meinen Gedanken. Wo waren wir doch gleich stehengeblie ach so: Ueber ben, wie der Professor sagte. Dampfbad füllung. Davon nachher noch ein paar tröstende Worte. Erst wollen wir uns doch mal' n bißchen häuslich einrichten. Bitte, legen Sie ab!" Er half mir, meine Kleider unterbringen. ,, Haben Sie Durst?" دو 2 , Wenn Sie etwas zu trinken haben-" Wasser. Klares Wasser. Wünschen Sie Naunhofer, oder ziehen Sie das St. Oetteritzer vor? Sie können ruhig aus dieser Waschschüssel trinken, sie ist sauber. Dafür bürgt das Renommée meiner Firma. Man muß in diesem Hause mit Wasser sehr sparsam umgehen. Vielleicht kriegen wir jetzt einen zweiten Krug. Sind Sie verheiratet?" Ja." - ,, Dann darf Ihnen Ihre Frau was zu essen bringen. Es wird nötig sein. Hier na, Sie werden es ja erleben. Sie haben noch nicht zu Mittag gegessen. Ich sehe Ihnen das an. Liegt ja auch ganz in der Natur der Sache. Meine Martha hat mir gestern ein paar belegte Brot hergebracht. Mit Liebe und Blutwurst belegt. Nehmen Sie! Essen Sie!" Ich versuchte abzulehnen. ,, Gibt's nicht unter Schicksalsgenossen. Wenn Sie mal was haben, lehne ich auch nicht ab." Ich aẞ die mit Blutwurst und der Liebe einer fürsorglichen Gattin belegten Brote und bemerkte dabei, daß ich wirklich! einen ganz anständigen Hunger hatte. Dabei fielen mir die Worte des Mädchens aus der Halle wieder ein. ,, In dieser Zelle soll ein Mikrophon sein", sagte ich. ,, Gewesen! Bringt alles Berger in Ordnung." 25 19 „Wer ist Berger?“ ‚(Fragen Sie nicht. Er wird Ihnen alles selber erzählen.“ Stets war gesprächig. Ein Vierziger, etwas beleibt, dessen Aeußeres beinahe in allen Stücken dem Bilde widersprach, das man sich von einem Schneidermeister zu machen pflegt. Zwei- fellos ein Mann von weltmännischen Umgangsformen. Er er zählte von seinem Geschäft. Das Handwerkliche seines Betrie- bes besorgten drei tschechische Gehilfen. Einer dieser Gehil- fen war es übrigens gewesen, der ihn bei der Kriminalpolizei angezeigt hatte. Er selbst reiste als Vertreter einer Bremer Tuchfirma und verdiente offenbar viel Geld. Mitten hinein in sein buntes Erzählen ließ er plötzlich den Kopf vornüber- hängen und fing bitterlich an zu schluchzen. „Aber Herr Stets“, sagte ich erschrocken,„was ist denn in Sie gefahren? Weshalb weinen Sie denn?“ Aber der Schnei- der lehnte jedes gute Wort ab, das ich ihm zu spenden suchte. Er schluchzte herzbrechend und wischte sich die dicken Tränen mit einem großen seidenen Taschentuche ab. „Meine Martha! Meine Martha! Was denken Sie, was die jetzt macht?“ Ich wußte auf diese schwierige Frage nichts Rechtes zu antworten.„Ihre Frau?“ fragte ich ratlos.; „Ganz recht, meine Frau, mein herrliches Weib! Sie sollten sie kennen, meine Martha. Bewegt sich in jeder Gesellschaft mit immer gleichbleibender Eleganz und Würde. Wenn Sie eher herauskommen als ich— wollen Sie sie besuchen?“ „Aber gern will ich das tun, Herr Stets. Soll ich etwas aus» richten?“ „Alles, mein Herr, alles! Wie es mir hier ergeht! Seit vier- zehn Tagen bin ich hier, und meine Martha glaubt natürlich daran, daß ich bald herauskomme. Aber ich komme nie her- aus! Nie! Drüben werde ich verurteilt. Vielleicht komme ich mit einem Jahre weg. Das mit den Papiergardinen wird man nicht so heftig nehmen. Aber ich bin doch U. R.“ „U. R.?"—— Stets gewann angesichts dieser offensichtlichen geistigen Hilflosigkeit seines Gesprächpartners stärker an Haltung. „Das wissen Sie abermals nicht? Sagen Sie mal— haben Sie denn auf dem Monde gelebt? U. R., das heißt ‚Unter Rückführung‘. Wenn ich drüben in der Elisenburg oder in " 20 der Beethovendiele meine Strafe abgeknastet habe, komme ich wieder hierher in die Wächterstraße. Dann gehen die Akten nach Berlin an das berüchtigte, Reichssicherheitsamt, und dort verfügt man meine Ueberweisung nach Buchenwald.“ „Buchenwald——?“ „Mein Gott!“ Stets schlug die Hände überm Kopfe zusam» men.„Hier sitzt einer, der nicht weiß, was Buchenwald ist! Das sollte man doch nicht für menschenmöglich halten. O du heilige Güte. In der siebenundfünfzig ist einer, der hat's ge- nossen. Ich erzähle nichts darüber. Nie! Nicht ein Wort!“ „Wie kann ich etwas darüber erfahren, wenn Sie mir nichts erzählen?“ „Keiner, der dort war, erzählt was davon.“ „Woher wollen Sie also wissen, wie es dort zugeht?“ Der Schneider sprang erregt auf und ging die zweimal sechs Schritte vom Fenster bis zur Tür und zurück.„Sie sind ein hoffnungsloser Fall“, sagte er dann, und es klang schon merk lich ruhiger.„Wie denken Sie über eine Amnestie?“ „Ueber was für eine Amnestie?“ „Noch nichts davon gehört? Hier im Hause spricht man von nichts anderem. Am 30. Januar, dem zehnten Tage der Machtübernahme, wird der Führer eine allgemeine Amnestie für alle Politischen erlassen, sagt man. Wie Mussolini. Damit werden natürlich auch die kleinen Sachen niedergeschlagen _ zur Entlastung der Gerichte. Bis dahin sind noch sechs Wochen. Meine arme Martha!“ Abermals begannen seine Tränen zu fließen. In dem Augenblicke wurde die Zelle geöffnet, und herein trat ein untersetzter Mann mit schütterem Haar und einer goldenen Brille. Sein grauer Sportanzug war neu und von ‚gutem Schnitt, die ganze Erscheinung des Mannes atmete Ge- pflegtheit und Kultur. „Na, Stets“, sagte er freundlich, ‚steht das Barometer der Gefühle schon wieder mal auf Regen? Du hast Gesellschaft bekommen, wie ich sehe. Das wird dir gut tun.“ Er verbeugte sich leicht in meiner Richtung.„Sie gestatten, daß ich mich bes kannt mache. Berger ist mein Name. Ein Jahr Gefängnis wegen unerlaubten Handels mit Altkleidern.“ So sah er eigentlich gar nicht aus. Ich bemerkte so etwas. 21 ,, Nicht wahr?" lachte er. ,, Ich bin Buchhändler. Gehe jedes Jahr ein paar Wochen in den Frankenwald. Nach und nach lernt man dort die Menschen kennen, Bauern und Arbeiter. Als ihre Kleiderfrage dringend wurde, fragten sie mich, ob ich ihnen nicht einmal alte Hosen, Schürzen und Arbeitsröcke besorgen könne. Ich erließ in einer Leipziger Zeitung eine Anzeige und erhielt auch einige Angebote. Das war das Unerlaubte. Das Gericht erblickte in meinem Vorgehen eine gewerbsmäßige Handlung und verurteilte mich dementsprechend." ,, Und wie kommt es, daß Sie in diesem Hause aus- und eingehen können wie ein Fürst?" Er lachte vergnüglich. ,, Sie meinen, weil ich jede Zellentür sprengen kann? Ja, das ist mit ein paar Worten nicht zu erklären. Es gibt Dinge, über die man am besten nicht spricht in diesem Hause. Ich war ein paar Jahre in Südfrankreich und spreche gut französisch. Nun sind hier im Hause; öfter französische Gäste, und obwohl jeder von denen, die drüben im Präsidium sitzen, die französische Schulbank gedrückt hat, ist doch keiner unter ihnen, der einer französisch geführten Unterhaltung folgen kann. Einen solchen Mann braucht man eben doch ganz notwendig. Nun ist es natürlich allen Gefangenen verboten, zu dolmetschen. Aber na ja, ich bin tagsüber drüben und bewege mich als freier Mann, und in der Gefängniszelle wohne ich, zum Waschen und Umziehen. Zum Schlafen hab' ich das Bett im Arztzimmer. Manchmal esse ich auch hier. Was führt Sie in diese schauderhafte Umgebung?" - Ich erzählte kurz, was mir passiert war, und Berger zog ein ernsthaftes Gesicht. ,, Sie können sich auf gar nichts besinnen?" ,, Auf nichts." ,, Wer führt die Untersuchung?" 199 , Genau weiß ich das noch nicht. Man nannte den Namen Lange." ,, Beschreiben Sie mir den Mann, der Sie verhaftet hat." Ich tat mein Bestes, den Mann zu zeichnen, der mich hierher gebracht hatte, und bemerkte dabei, wie schwer es ist, einen Menschen zu beschreiben, den man nur flüchtig betrach tet hat. Aber meine Schilderung genügte Berger vollkommen. 22 22 ,, Ja, das ist Lange. Ein bösartiger Dummkopf. Er wird Ihnen einen Schriftsatz vorlegen. Sie sind von irgendwem bei der Stapo angezeigt worden. Ueberlegen Sie genau, was Sie zu Protokoll geben. Am weitesten kommen Sie immer mit der Wahrheit. Gewöhnlich handelt es sich um Aeußerungen, die erst dadurch strafwürdig erscheinen, daß der Staatsanwalt ihnen einen bösartigen und gehässigen Sinn unterlegt. Lange ist Ihnen dankbar, wenn Sie ihm das Protokoll ein wenig formu lieren. Er steht zur deutschen Sprache in einem unzüch tigen Verhältnis. Vorbestraft sind Sie natürlich nicht. Sehen Sie der Vernehmung mit Ruhe und gebotener Zurückhaltung entgegen. Reden Sie nicht zu viel. Das wäre zunächst alles." Er sprach mit der Sicherheit eines erfahrenen Rechtsanwalts. -- - - ,, Und wie steht es mit dem Mikrophon in dieser Zelle?" ,, Das ist Gerede. Vielmehr die Sache hat sich nicht be währt. Die Menschen, die hereinkommen, sehen überall Gespenster. Später vielleicht erzähle ich Ihnen das mal ausführlich. Natürlich hm hier sind wir völlig unter uns, und Sie können reden, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. Bei der groben Art, Urteile zu machen, hat das Gericht derartige Dinge gar nicht mehr nötig. Das Mikrophon in der Gefängniszelle gehört in den englischen Kriminalroman. In Deutschland arbeitet man mit dem Annahmeparagraphen." Er wusch sich und schlüpfte in Hauskleider. Seinen Sportanzug legte er sorgfältig zusammen. ,, Man muß pfleglich mit seinen paar Punkten umgehen", bemerkte er sachlich ,,, es ist schwierig, was Neues in guter Qualität zu bekommen, und wenn man inseriert, kommt man in Verdacht, illegal zu handeln, was ein Vergehen gegen den Paragraphen Sowieso irgendeiner Kriegsverordnung ist. Ich bin gewarnt!" Dann wendete er sich freundlich an Stets. ,, Ich habe dem Alten Bescheid gestoßen. Deine Martha kommt Montag abend und bringt dir frische Wäsche. Er holt dich runter, und du kannst sie einen Augenblick sprechen. Der Polizeier kommt heute abend auch wieder zu euch rein. Er hat was zu Rauchen. Du weißt Bescheid. Nun mache kein Theater, wenn deine Martha kommt. Du mußt ihr eine Stütze sein in diesen Tagen. Verstehst du? In fünfzig Jahren ist alles vorbei." 23 25 Er nickte Stets freundlich zu und klingelte dreimal kurz. Sofort tat sich die Türe auf, und Berger verschwand im Dunkel des Korridors. * Es mochte sechs Uhr sein, als die Zellentür gewaltsam aufgerissen wurde. Der Schlüssel krachte ins Schloß, knirschte bösartig, und mit einem scharfen Krach flog die Blechwand der Tür nach außen. Im Türrahmen stand eine wildblickende uniformierte Gestalt. Stets sprang von der Bank hoch, riß die Hacken zusammen und meldete: ,, Zelle siebenundfünfzig. Belegt mit drei Mann. Alles in Ordnung!" Der Uniformierte warf einen finstern Blick auf mich. ,, Sie halten es wohl nicht für nötig, sich zu erheben! Ich soll Sie wohl zur Meldung bringen?" ,, Ich wußte nicht " ,, Dann merken Sie sich das für künftige Fälle. Wenn die Zellentür aufgeschlossen wird, ist zu melden!" Der Uniformierte trat zurück und ließ einen jungen Menschen ein, der hinter ihm gestanden hatte. Dann fiel die Tür wieder ins Schloß und der Riegel wurde hart vorgeschoben. ,, Gott sei Dank, daß ich wieder hier bin!" sagte der Junge aufatmend und gab Stets die Hand. ,, Ein Zugang?" Die Bekanntschaft war bald gemacht. Richter, so hieß der Dritte im Bunde, war Hilfspolizist und wegen Sittlichkeitsvergehens zu einem halben Jahre Gefängnis verurteilt. Da er von einem Kriegsgericht verknackt worden war, saß er seine Strafe im Polizeigefängnis ab. Er erzählte, wie er zu seiner Strafe gekommen war. Er bewohne, so berichtete er, eine Kellerwohnung im Norden der Stadt. Eines Tages habe er mit seiner Frau in den Zoo gehen wollen, als er entdeckte, daß an seinem Oberhemd ein Knopf fehlte. Er habe sich rasch noch einmal ausgezogen, und seine Frau habe den Knopf angenäht. Dabei habe er, nur mit einem Netzhemd bekleidet, das freilich sehr kurz gewesen sei, in der Nähe des Fensters gestanden. In diesem Kostüm habe ihn die Frau eines Offiziers von der Straße aus gesehen man könne ja eben in diese Kellerwohnungen hineingucken, wenn die Gardinen nicht ganz dicht seien und habe Aergernis an seiner relativen Nacktheit genommen. Auf der benachbarten Polizeiwache habe sie den Fall - 224 sofort zur Anzeige gebracht. - Inzwischen habe er sich ahnungslos wieder angezogen und eben mit seiner Frau und seinem kleinen Mädel das Haus verlassen wollen, als zwei Polizeibeamte ihn verhaftet hätten. In der Verhandlung habe die Frau des Offiziers so etwas wie Reue gezeigt, sie lege keinen Wert darauf, daß der Mann bestraft werde. Aber der Vorsitzende habe gemeint, das solle sie nur der Sorge des Ge richts überlassen. So sei er wegen Sittlichkeitsvergehens zu einem halben Jahr Gefängnis gekommen. Aber die Kameraden hier im Hause machten es ihm leicht. Sie wüßten ja, weshalb er hier säße, und ein Gnadengesuch sei auch auf dem Wege. - Ich hatte gleich Vertrauen zu dem jungen Manne. Seine Sprache war schlicht, seine Worte trugen den Stempel der Aufrichtigkeit und Wahrheit. Mit einem glücklichen Lächeln zeigte er mir das Bild seines kleinen Mädels, das man ihm bei der Revision belassen hatte. Ja, seine Frau käme fast täglich in der Dunkelheit herein, und er träfe sich mit ihr in der Wacht stube. Die Kameraden drückten ein Auge zu. Da könne er zwei Stäbchen rauchen und dies und jenes mit ihr bespre chen. Er rechnete bestimmt mit seiner Begnadigung am 30. Januar. Auch in diesem Kopfe also spukte die Amnestie! Zwei Gefangene brachten das Abendessen: eine dünne Roggenmehlsuppe und ein Stück Schwarzbrot. Dann machten wir uns zur Nacht zurecht. Stets lag im Feldbett, der Hilfspolizist auf dem Fußboden unter dem Fenster, ich lag mit dem Kopf nach der Türe zu an der Längswand, in zwei Decken gewickelt. Das Fenster blieb offen. Der Steinfußboden war eisig. Ich schlief mit dem tröstlichen Gedanken ein, daß ich bestimmt nicht mehr fünfzig Jahre zu warten brauche, bis alles vorbei sei... Erstes Protokoll. Der Sonntag verging in Gesprächen ohne eigentlichen Gehalt. Wovon unterhalten sich Polizeigefangene eigentlich? Zunächst natürlich von ihrem Fall'. Stets entrolllte ein lebendes Bild vom abgenutzten Charakter des tschechischen Schneidergehilfen, der ihn bei der Polizei angeschwärzt hatte. 25 Faul, dreckig, hinterhältig, neidisch, gefräßig.„Wir hatten einen Stallhasen auf dem Tische. Er hat davon gekriegt. Aber vielleicht nicht genug? Jeder hat bei uns von allem gekriegt, was auf den Tisch kam. Jeder ist satt geworden. Aber mehr als man hat, kann man nicht geben. Und bei mir ist doch alles dal Meinen Garten müßtet ihr sehen!(Das Du unter uns drei Zellengenossen hatte sich ganz von selbst einge- führt.) Da habe ich einen.Amor mit Pfeil und Bogen aus echtem Marmor gekauft. Ein richtiges Kunstwerk; hat zwölf- "hundert Mark gekostet. Eigentlich sollte es eine Venus werden, aber Martha sagte, wegen der Leute wäre der Amor besser. Im Winter, wenn die Hecke kahl ist, sieht man’s vom Wege aus, und die Menschen sind ja so neidisch! Ach— die Men schen—— die Menschen!“ „Da wüßt ich für zwölfhundert Mark schon was Geschei- teres“, meinte der unsittliche Hilfspolizist. „Was denn? Du kannst ja heute nichts mehr kaufen fürs Geld!“ „Ich tät verreisen. Aber richtig! Zweiter Güte nach Garmisch und mal drei Wochen Schifahren!“ „Dort gibt's auch nichts Vernünftiges mehr zu fressen!“ “ Womit das Stichwort für eine außerordentlich belebte Unter- haltung gegeben war. Im Polizeigefängnis regierte der Hunger und vergiftete die sozialen Beziehungen der Gefangenen unter einander. Wer keine substantiellen Beziehungen zur Außen- - welt hatte, der fiel hoffnungslos im Gewicht ab.„In zwanzig Tagen zehn Pfund!“ sagte Stets, indem er seine schlotternde Weste im Kreuz zusammenzog, um einen eleganten Sitz vor zutäuschen.— Der Polizist hatte sein Gewicht fast gehalten. Einssiebzig groß— sechzig Kilo. Das hatte er auf der Waage gehabt, als er hereinkam. Die Sonntagskartoffeln— Schalenkartoffeln mit Herings- tunke— waren stark angefault; mehr als die Hälfte davon war ungenießbar. „Da hab’ ich in Wien mal einen Kaiserschmarren ge- gessen—— Herrschaften!*—— Hunger weckt seltsamerweise in allen Hirnen ähnliche Bil- der. Der Polizist erzählte von einer Riesenkalbshaxe, die er in. München gegessen hatte. In seiner Erinnerung wuchs sie um mindestens drei Pfund schieres Fleisch... 26 ER So versickerte der Tag; so die Nacht... Am Montag wurde ich zur Vernehmung aus der Zelle ge- holt. Richtig, derselbe Mann, der mich verhaftet hatte, nahm auch das Protokoll auf in einer freien Arrestzelle des Erd» geschosses. „Bitte, nehmen Sie Platz!“ Auf alles andere war ich gefaßt gewesen, nur nicht auf Höflichkeit. „Nicht auf der Bank— bitte, hier ist ein Stuhl. Rauchen Sie?“:- „Leidenschaftlich. Aber nicht in diesem Augenblicke. Danke!“ Er setzte sich, brachte umständlich seine Zigarette in Brand, spannte einen Bogen in seine Reiseschreibmaschine und sagte, indem er die bekannten Daten ablas: „Sie sind also der Studiendirektor Johannes B..... 88 boren am 15. März 1884 zu Leipzig, verehelicht mit Elsbeth), geb. Gebhardt, drei Kinder im Alter zwischen 31 und 28 Jah- ren, davon zwei Söhne, bereits im Felde. Nicht Freimaurer. Mitglied der NSDAP.?“ „Nein.“ „Gliederungen?“ Ich verstand den Sinn dieser Frage nicht sofort. „Zum Beispiel NSV.“ „Ja, da habe ich‘ wohl regelmäßig ‚etwas bezahlt. Das er+ ledigt meine Frau.“ „RLB.?“ „Was heißt das?“ „Luftschutz.“ „Wahrscheinlich. Auch dass——“ „NS.-Lehrerbund?“ „Nein.“ Er blickte erstaunt auf.„Wie haben Sie denn das fertig- gebracht?“ „Ich war kurze Zeit in dem Vereine, bin aber dann wieder ausgetreten, weil mir allerhand dabei nicht gefiel.“ „So— so.—— und da wundern Sie sich— na also: SA. oder SS.?“ „Nein.“ „Na sehen Sie, wie rasch wir uns verständigen! Sie haben. am 5. November mit Ihrer Frau und einem Soldaten zus 27 sammen im Café Felsche gesessen. Sie kannten den Soldaten nicht?" ,, Nein." ,, Aber Sie haben sich mit ihm unterhalten?" Ja." ,, Können Sie sich auf den Inhalt dieses Gespräches be sinnen?" Ich überlegte ruhig. Worüber hatten wir eigentlich gesprochen? Der Soldat, ein Unteroffizier, hatte erzählt, daß er mehrfach verwundet worden sei, daß er noch drei Granat splitter im Leibe habe und deshalb in den nächsten Tagen erneut operiert werde, und daß er dann an die Front zurückkehren werde. Früher habe er einmal Chemie studiert, aber der Krieg habe alle seine Zukunftspläne zerschlagen. An eine Fortsetzung des Studiums nach dem Kriege sei wohl nicht zu denken; es werde ohnehin noch Jahre dauern, ehe wieder Frieden sei, zum mindesten noch zwei, und seinem alten Herrn könne er nicht mehr auf der Tasche liegen. Ich hatte zu allea dem nicht viel, oder besser, gar nichts gesagt, obwohl meine Ansichten über die Dauer des Krieges von denen des Soldaten abwichen. Ich bin nicht für Gespräche mit unbekannten Leuten im Kaffeehause. Das alles also sagte ich dem Kommissar. ,, Sonst ist nichts weiter gesprochen worden?" ,, Ja, gewiß er sprach davon, daß er aus Münster stamme, daß er katholisch sei, und daß in seiner Heimat alle Menschen mit unwandelbarer Treue am Evangelium hingen." ,, Sonst nichts?" - ,, Ich wüßte im Augenblick wirklich nicht Sie müßten meine Frau fragen, die mit am Tische gesessen hat." ,, Das können wir ja tun. Sie haben mit demselben Soldaten nun eine zweite Unterredung gehabt, und zwar am 25. November. Abermals im Café Felsche. Diesmal unter vier Augen. Berichten Sie, was gesprochen wurde" Richtig, ich hatte den jungen Mann noch einmal bei Felsche getroffen. In der Abendstunde. Ich hatte auf einen Freund gewartet, der aber nicht erschienen war. Eigentlich war ich ein wenig ärgerlich auf diesen Unteroffizier gewesen. So war das zugegangen: Ich setzte mich an meinen gewohnten Tisch und bemerkte plötzlich, daß neben mir der Soldat saß, den ich kürzlich hier 28 getroffen hatte. Der junge Mann mußte sich im gleichen Augen» blick an den Tisch gesetzt haben. Um sich mit mir zu unter- halten? Oder sollte das nur ein Zufall gewesen sein? Nach kurzer Begrüßung und der Feststellung, daß man ja gewissermaßen schon bekannt sei, war auch ein dünnes Ges präch in Gang gekommen. Wie es jetzt in Rußland aussehe, hatte ich gefragt, und der Soldat hatte mit einem etwas fatalen Lächeln geantwortet: Er wisse gar nichts, höre keinen Runds funk, lese keine Zeitung— es würde ihn viel mehr inter essieren, was ich von der Kriegslage im Osten halte. Nun halte ich grundsätzlich nichts von Kriegslagen. Von Strategie und Taktik verstehe ich so viel wie der Esel vom Lauteschlagen. Ich hielt die Quellen, aus denen man ein Urteil hätte schöpfen können, für zu dürftig, und endlich: diese Fragerei mißfiel mir. Die Erfahrungen der Zeit zwangen zu leichter Unliebenswürdigkeit. Ich sagte also: ‚Mein lieber junger Mann“— so ein wenig von oben herab— ‚wer nicht völlig der Goebbelsschen Meinung über die Lage ist, der schweigt'besser. Es könnte sich ereignen, daß sein Gesprächs- partner das Lokal verläßt und mit einem Herrn in Zivil zurück» kehrt, der ihn verhaftet. Ich schlage Ihnen daher vor, wir bres chen ein solches Gespräch in dieser Umgebung ab!“ Das war nicht sehr höflich gewesen, aber der Soldat hatte entwaffnend gelächelt und erwidert:„Aber warum sollen wir uns nicht darüber unterhalten dürfen? Ich bin kein Spitzel oder Angeber.“ Ich hatte ein wenig höflicher geantwortet:„Das nehme ich natürlich auch nicht an. Aber es ist schon besser, man meidet solche Themen.“— Abermals hatte der Soldat freundlich ver sichert, er sei kein Spitzel oder Spion, und ihm gegenüber könne man alles sagen. Im gleichen Augenblick zog er das starke Register seines katholischen Glaubens:„Wenn Hitler unseren) Glauben antastet, dann— wehe ihm!“ Mein Blick fiel auf die Nadel der Hitlerjugend, die mein Gegenüber auf der Uniform trug.„Reservatio mentalis?“ fragte ich lächelnd, worauf er prompt zur Antwort gab:„Wenn nötig auch die!“ Ein sonderbares Gespräch. In seiner Kürze, Einprägsamkeit und Hintergründigkeit beinahe ein Dokument der Zeit, die ein offenes Wort, von Mensch zu Mensch gesprochen, als gefahrdrohend unterband. Und eben in diesem Augenblick 29 hatte ich das Gefühl: dieser Mann ist doch ein Spitzel! und dieses Gefühl löste in mir mit Urgewalt einen Wider standswillen aus, der mir sonst fremd ist. Welch eine Frech heit, so dachte ich, einen harmlosen Mitmenschen, der im Kaffeehaus eine Stunde Erholung sucht, zu Worten zu verführen, die ihn, vor Zeugen gesprochen, den Fängen der Gestapo ausliefern! Was bildet sich dieser goldige Hitlerjunge eigentlich ein? Glaubt er wirklich, daß sein Zeugnis gegen mich so schwer wiegt, daß er eine Bemerkung, die ich unter vier Augen mache, vor den Richter bringen kann? So, oder doch so ähnlich dachte ich, als mein Gegenüber fortfuhr: ,, Ich halte es ja für durchaus richtig, dem Volke die wahre Lage auf den Kriegsschauplätzen zu verheimlichen. Was wäre daraus geworden, wenn die Heimat erfahren hätte, was sich im vorigen Winter südlich Moskau abgespielt hat! Unsere Verluste waren dort einfach grauenhaft!" ,, Und darüber wundern Sie sich", sagte ich. ,, Hitler ist ein militärischer Dilettant! Wo er hinkommt, da ist das Grauen!" Ich sagte dies in vollem Bewußtsein der Tragweite dieser Worte, fest entschlossen, sie einfach abzuleugnen, wenn sie mir von der Gestapo vorgehalten werden sollten. Ich mußte sie einfach aussprechen! Sie sollten als Ohrfeige wirken in das fatale Lächeln dieser Spitzelvisage, die mich aushorchen wollte! Ich sprach diese Worte wohl auch mit besonderer Schärfe. Einprägsam sollten sie sein, als Sentenz sollten sie wirken, als Schlag in einen mit fauligem Wasser gefüllten Bottich, als Sprengstoff in einem muffigen Seelenraum! Ich ich Tor! fühlte plötzlich die Pflicht, so zu sprechen - Was wußte ich damals schon von Eiden, die ein Kriegsgericht schwören läßt! ,, Sonst ist nichts weiter gesprochen worden?" In den Augen des Inquisitors kam ein grünliches Leuchten. ,, Nichts, dessen ich mich im Augenblick erinnere." ,, Gut, nun will ich Ihnen vorhalten, wessen Sie der Unteroffizier Herbert Fink beschuldigt. Sie sollen gesagt haben: Die russische Offensive nördlich und südlich Stalingrad wird zur völligen Isolierung der dort angreifenden deutschen Armee führen. Der Vorstoß der Russen in der Richtung des Don bogens gefährdet aber nicht nur diese Armee. Er bringt unsere ganze Südflanke ins Wanken, und die Kaukasusarmee ist 30 ebenso hoffnungslos verloren wie die um Stalingrad, wenn es nämlich den Russen gelingt, Rostow zu erreichen. Dann sind all die Riesenopfer an Gut und Blut umsonst gebracht. Hitler ist eben ein militärischer Dilettant. Wo er hinkommt, da ist das Grauen! Sie haben diese Worte an einen Soldaten gerichtet, der im Begriffe ist, an die Front zurückzukehren. Sie haben damit seine Siegeszuversicht erschüttert und heimtückisch die Saat der Zersetzung in sein Herz gestreut. Ich frage Sie: Haben Sie alles das gesagt?" Er blickte mich dazu vernichtend an. ,, Nein!" sagte ich ruhig. ,, Kein Wort davon?" ,, Kein Wort. Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich das Gespräch abgebrochen habe. Wie kann ich nachher noch diesen Unsinn zusammengeredet haben?" Der Herr Kommissar pfefferte Wörter und Sätze in seine Reiseschreibmaschine. Er schrieb lange, fragte auch noch dieses und jenes, was ich, so gut ich konnte, beantwortete. Schließ lich war sein Protokoll fünf Seiten lang. ,, Sie müssen das unterschreiben. Lesen Sie es sich vorher ge nau durch. Ich las. Das Deutsch dieser behördlichen Stilübung war ein Verbrechen an der indirekten Rede. Warum, so fragte ich mich, gibt man solche Protokolle nicht in Dialogform wieder? Ein Dramatiker der Zukunft könnte aus manchem dieser Schrift stücke einen ganzen Akt eines Lustspiels bestreiten. Von ein paar grammatischen Entgleisungen abgesehen war der Vorgang des Verhörs im ganzen richtig dargestellt. Ich unterschrieb. Gehen Sie jetzt zurück in Ihre Zelle. Sie werden noch heute von mir hören." اوو - Ich ging merklich erleichtert in meine Zelle zurück. Man würde mich noch einige Male verhören, immer mit dem glei chen Ergebnis und dann würde man mich wieder freilassen Langsam mit einer entsprechenden Verwarnung! stieg ich ins zweite Stockwerk hinauf und wurde von einem mürrischen Schließer in die Zelle gesteckt. - - ,, Nun?" fragten Stets und Richter wie aus einem Munde. ,, Hast du nu raus, warum man dich verhaftet hat?" Ich berichtete in epischer Breite. 31 34 „Tja“— sagte der Polizeier gedehnt, als ich meinen Bericht beendet hatte,„das sieht verdammt finster aus.“ „Wieso?“ fragte ich erstaunt. „Sehr einfach— weil das Sondergericht den Soldaten schwö- ren läßt. Dann bist du geliefert. Wier eine Anzeige bei der Stapo macht, der schwört auch. Ganz bestimmt. Darauf kannst du dich verlassen!“ „Das Gericht kann ihm doch den Eid nicht zuschieben!“ „Du vergißt die Hitlerjugendnadel! Wer die hat, der kriegt den Eid, und du kriegst zwei Jahre.“ „Was zwei Jahre——“ „Zuchthaus natürlich. Aber du brauchst sie nicht abzusitzen. Bis dahin is der Ofen aus.“ „Wie meinst du das?“ „Mach dir selber einen Vers drauf. Ich halte die Schnauze.“ Die Türe ging auf, und Berger trat herein. Ich begrüßte ihn mit dem Gefühl der Erleichterung. Berger war offenbar ein Mann von Verstand. Ich unterbreitete ihm meinen Fall, und er hörte aufmerksam zu.: „Du müßtest zunächst einmal wissen, wie die Geschichte weitergeht“, sagte er, als ich ihn erwartungsvoll anblickte. „Heute nachmittag kommst du vor die Gestapo. Kleine Sache. Helfferichstraße. Dort wirst du noch einmal verhört.“ „Das hat gar keinen Zweck“, sagte ich unwillig;„ich habe alles gesagt, was zu sagen ist, und kann dem weder etwas hinzufügen, noch etwas davon wegnehmen.“ „Dann sagst du eben dasselbe noch einmal. Die Gestapo braucht ein richtiges Protokoll. Wenn du Glück hast, kommst du dann morgen in die Moltkestraße. Das ist Staatsanwaltschaft; da hast du’s besser. Behandlung, Essen, Unterkommen— obwohl die Bedingungen der Untersuchungshaft sich neuerdings verschärft haben. Wie gesagt, wenn du Glück hast. Aber der ®“»Dr. Kausmann von der Gestapo soll ein ganz anständiger Kerl sein; er wird dich überweisen. Außerdem ist hier kein Platz mehr. Also!“ „Und was dann?“ „Na bitte, nur keine jüdische Hast. Untersuchung— da kannst du bis April, Mai rechnen, ehe sich jemand um dich kümmert, und nachher ist es immer'noch fraglich, ob der 32 Staatsanwalt das Verfahren überhaupt eröffnet. Man nennt das, schmoren lassen"." ,, Und wenn er kein Verfahren eröffnet?" Berger legte seine Stirn in besorgte Falten. ,, Dann gibt dich die Staatsanwaltschaft hierher zurück, und die Akten gehen nach Berlin an das Reichssicherheitsamt. Ehe die zurückkommen, dauert's eine Weile. Drei bis vier Monate gewöhnlich. Möglicherweise verfügt man von Berlin aus einen Lageraufenthalt zwecks politischer Erziehung. Es heißt zwar, Männer über fünfzig nehmen sie in Buchenwald nicht mehr an, aber vielleicht heißt es auch nur so." - Ich war offengestanden ein wenig verwirrt durch diese Prognose. ,, Dann wäre es also wohl das Günstigste für mich, soweit ich sehe, der Staatsanwalt erhöbe Anklage gegen mich. Dann säße ich bis zur Verhandlung, sagen wir bis April, im Unter suchungsgefängnis, wo es ja wohl besser sein soll als hier im Polizeigefängnis, und nachher werde ich verurteilt, wenn dieser Unteroffizier nämlich seine Aussagen beschwört." ,, Dies letztere ist leider sehr wahrscheinlich. Aber so weit soll man nicht denken. Unsere Logik ist eine trügerische An gelegenheit, wenn die Politik in sie hineinspielt. Warte ruhig ab, was weiter geschieht. Halte die Ohren steif auf der Ge stapo. Die fragen manchmal dämlich." Er hatte sich während unseres Gesprächs umgezogen. Nun reichte er mir freundlich die Hand, klingelte und verließ die Zelle. -- Das Verhör und die vorläufig letzte Nacht im Polizeigefängnis. Das Mittagessen bestand wieder aus sehr schlechten Kartoffeln und einer stark mit Heringsmilch gewürzten Salzbrühe. Gegen zwei Uhr wurde ich abermals aus der Zelle geholt. Lange begleitete mich zur Revisionsstelle, wo ich meine Hosenträger erhielt, merkwürdigerweise aber keinen Schlips. Ich kam mir vor wie nicht richtig angezogen und knöpfte den Mantel bis zum Kragen zu, damit niemand auffallen solllte, 3 Berbig: Knast 33 35 wie mangelhaft ich bekleidet war. Innerlich mußte ich lachen. Richter, der unsittliche Hilfspolizist, war sich sicherlich in seinem Netzhemd nicht so unbekleidet vorgekommen wie ich in diesem Augenblick, als ihm die moralisch so empfindliche Offiziersfrau sein halbes Jahr Gefängnis verpaßte.— Am Ausgang der Kolonadenstraße, dort, wo mein alter Antiquar seinen gebrechlichen Bücherschuppen in einem ver> winkeltem Hofe hielt, verließ ich mit dem Kommissar die Stra- ßenbahn und betrat über eine eiserne Wendeltreppe das Ges bäude der Geheimen Staatspolizei. War das ein merkwürdiges Haus! Rohe Holztische, klapprige Stühle, Tabaksqualm, in jedem Zimmer der abgewohnten Fa- milienetage eine altersschwache Schreibmaschine, Telefon- gespräche, die stets mit den Worten beginnen: ‚Hier Geheime Staatspolizeil'—(Wieviel Nervensubstanz mag diese Formel wohl verbrauchen in denen, die eingeladen werden, sich ‚zwecks Befragung‘ in diesem Hause einzufinden!)— Stenotypistinnen, die die Mittagspause dazu benutzen, sich mit ihrem Freunde über ihre Gefühle am gestrigen Abend zu unterhalten, mit an die kahlen Wände verschwendetem Lächeln und einer Seufzer- akustik, die der Draht willig überträgt— Kommissare, die flus chend nach einem Aktenstück suchen. „Hier warten Siel“ sagte Lange— und ich blieb zunächst einmal eine Stunde allein. Dann erschien ein hochgewachsener Mann mit verschlosser nem Gesicht, stellte sich in seiner ganzen Größe vor mir auf und sagte: „Sie sind also der Mann, der sich im Cafe Felsche einmal ganz gehörig ausgemeckert hat!“ Ton und Miene dieses Mannes waren verletzend. Ich blieb ruhig sitzen und sagte: „Sie irren sich. Bitte lesen Sie das Protokoll, das ich unter» schrieben habe, genauer durch!“— Aber ich bereute den ab- lehnenden Ton alsbald. Das Gesicht des Mannes kam mir plötz» lich bekannt vor. Wo war ich ihm nur schon begegnet? Und dann überfiel mich eine Erinnerung. Eine ‚kleine Wohnstube sah ich vor mir, eine Frau, ein Kind im Sportwagen, den, Mann auf der Ofenbank, einen zärtlichen Blick auf das Kind gerichtet, und ich hörte die Worte meines Freundes Hamann: 34 - ,, Herr Regierungsrat Dr. Kausmann mit Frau und Töchterchen." Der Student Kausmann, ein Germanist, der über Klopstocks Odensprache promoviert hatte, und die Studentin, die später seine Braut geworden war, hatten vor Jahren bei meinem Freunde gewohnt. Nun machten sie aus alter Anhänglichkeit dort ab und zu einen kurzen Besuch. Ich sah plötzlich das Gesicht des Kindes vor mir und entdeckte in ihm denselben verschlossenen Zug, der midh am Vater eben jetzt so schwer verletzt hatte. Ich mußte lächeln. - ,, Ihr kleines Mädel sieht Ihnen auf eine ganz merkwürdige Art ähnlich, Herr Doktor", sagte ich nun. ,, Die Erinnerung an das Gesicht des Kindes bringt mir unsere kurze Begegnung ins Gedächtnis." Er setzte sich neben mich auf einen Stuhl. Herr Hamann war heute früh bei mir und bat mich, Ihre Sache zu fördern. Ich kann freilich nichts anderes tun, als Sie so rasch wie möglich der Staatsanwaltschaft zu übergeben, damit Sie aus dem Polizeigefängnis herauskommen. Auf das, was weiter geschieht, habe ich keinen Einfluß. Sie werden hier noch einmal verhört." ,, Das dürfte zu keinem besseren Ergebnis führen", meinte ich, ,, ich kann nichts anderes aussagen." ,, Mag sein. Immerhin müssen wir versuchen, die einander widersprechenden Angaben einigermaßen auf einen gemein samen Nenner zu bringen. Ihr jüngster Sohn ist übrigens auf Urlaub da. Ich habe ihm erlaubt, Sie kurz zu sprechen, in Anwesenheit eines Beamten natürlich. Ueber den Vorgang, der zu Ihrer Verhaftung geführt hat, dürfen Sie nicht mit ihm reden. Das ist alles, was ich für Sie tun kann." Ein Kommissar betrat den Raum, den der Regierungsrat mit einer kurzen Verbeugung verließ. Das neue Verhör begann, Der neue Mann, ein Uniformierter mit einem brutalen Gesicht, auf dem ein ewig höhnisches Lächeln gefroren schien, stellte Fragen, die ich mit klaren Worten beantwortete... Das Ergebnis war im Grunde das gleiche wie beim ersten Ver hör im Polizeipräsidium also völlig unbefriedigend. Der Kommissar seufzte. - ,, Dann hilft es eben nichts, ich muß Sie dem Zeugen gegen überstellen." 3* 35 35 96 36 ,, So", meinte ich, leicht erstaunt. ,, Das ist ja interessant. Er sprach doch damals davon, daß er in den nächsten Tagen wieder an die Front gehen werde. Hat er's also doch nicht so eilig gehabt, wieder nach Rußland zu kommen. Oder ist er gar nur in Leipzig geblieben, um Zeugnis wider mich ablegen zu können?" ,, Sie verbessern Ihre Lage nicht dadurch, daß Sie gar nichts zugeben", sagte der Mann mürrisch.„ Wenn man ein Zugeständnis von Ihrer Seite hätte, gäbe die andere Seite von ihrer Aussage vielleicht auch etwas nach, und man könnte sich auf einen weniger verfänglichen Wortlaut einigen. Dann brauchten wir die Sache gar nicht erst an die Staatsanwaltschaft zu geben. Sie haben es wahrscheinlich gar nicht so böse ge meint; es wird ja allerlei gesprochen, was die Polizei nicht und es erfährt, weil es eben nicht zur Anzeige kommt gehört heutzutage im übrigen auch nicht viel dazu, um bei der Gestapo einzutrudeln." - - um - ,, So sagt man. Aber ich kann nicht belastende Redensarten erfinden oder erfunden auf mich nehmen, nur Ihnen ein brauchbares Protokoll zu liefern. Das ist zu viel ver langt. Ich sehe der Entscheidung eines ordentlichen Gerichts mit Ruhe oder, wenn Sie so wollen, auch mit Unruhe entgegen. Auch ein Unschuldiger kann Pech haben und verurteilt werden. Das müßte ich eben tragen. Aber ich glaube nicht daran, daß mich ein ordentliches Gericht verurteilt." ,, Sie haben eine seltene Zuversicht", bemerkte der Kommis und ließ mich wiederum eine Stunde sar mit finsterer Stirn lang allein in dem öden Zimmer. - Dann also erfolgte die Gegenüberstellung... Der Unteroffizier Fink trat mit einer bemerkenswerten Sicherheit in diesen Räumen auf. Wie einer, der sich hier zu Hause fühlt. , Wir haben den Zeugen noch einmal ausführlich befragt", so leitete der Kommissar das Verhör ein; ,, er bleibt bei seiner schriftlich niedergelegten Aussage." ,, Ich auch", sagte ich. ,, Ich bestreite nach wie vor, nach dem Abbruch des Gespräches über die Kriegslage auch nur ein Wort über militärische oder politische Dinge geäußert zu haben. Darf ich eine Frage an den Zeugen richten?" ,, Bitte!" „Sie, Herr Fink, haben durchblicken lassen, daß Sie bereits fest entschlossen waren, mich bei der Polizei anzuzeigen, als ich das Gespräch über dieses gefährliche Thema abbrach. Ihre Versicherung: ‚Mir können Sie alles sagen, ich bin kein Spion oder Spitzel‘, war also bereits eine bewußte Lüge, um mich zu irgendwelchen für diesen Zweck brauchbaren Aeußerungen zu veranlassen?“ 3 „Jawoll!“'knallte der Unteroffizier heraus. Es klang stolz; ein triumphales Lächeln überstrahlte sein von einer Schläger narbe leicht entstelltes Gesicht. „So— das wollte ich nur wissen. Es war mir charaktero- logisch wertvoll. Ich nahm an, mit einem anständigen Manne an einem Tische zu sitzen——" „Bitte, keine Beleidigungen!“ unterbrach der Kommissar schroff— und dann diktierte er einer Stenotypistin das Prof tokoll in die Maschine.— Ich unterschrieb abermals, nachdem ich das Schriftstück, das unser beider Aussagen zusammenfaßte, in Ruhe überlesen hatte. Am Schlusse hatte der Unteroffizier ausgesagt, er habe diese Anzeige gemacht, um dem deutschen. Volke ein zweites 1918 zu ersparen.„Das ist abermals eine Lüge“, sagte ich, indem ich auf diesen Satz wies.„Man pro voziert die Ursachen nicht, wenn man die unerwünschte Wir- kung vermeiden will. Kein Arzt impft einem Gesunden eine Lues auf, um ihn mit Salvarsan behandeln zu können, er sei denn geistesgestört oder ein Verbrecher.“ „Die Begründung ist Sache des Zeugen und geht Sie nichts an. Er hätte sie sich auch ersparen können‘, bemerkte den Kommissar.„Unterschreiben Sie, damit wir endlich fertig wer den. Draußen wartet Ihr Sohn. Sie dürfen ihn ein paar Mie nuten sprechen.“ Mein Junge, der eben aus dem Osten auf Urlaub gekommen war, wollte mir wohl ein paar Worte des Irostes sagen, sah aber bald ein, daß dies im Grunde unnötig sei.„Du bist ja Philosoph genug, Vater, um auch mit einer solchen Lebens- lage fertig zu werden“, sagte er gerührt, als er mir die Hand drückte.„Die Mutter war natürlich zunächst ein wenig durch» einander, als ihr Walther Gilbricht die Nachricht von deiner Verhaftung brachte; aber jetzt ist sie schon wieder ganz mutig und gefaßt.“ Er berichtete kurz, was meine Frau erledigt wis» sen wollte und fragte, was weiter zu tun sei. Ich bat ihn, einen. 37 Anwalt zu bestellen. Dann fuhr ich mit Lange zurück ins Po» lizeigefängnis. Es war fast halb acht Uhr geworden. Wohin war nur die Zeit verflogen. Stets und Richter sprangen von ihrem Lager auf, als ich zur Tür hereingeschoben wurde. „Fünf Stäbchen gefällig!“ sagte Richter. „Geht in Ordnung!“ antwortete der Schneider. „Wieso?“ fragte ich. „Wir haben um fünf Stäbchen gewettet, ich, daß du wieder» kommst, Stets, daß du nicht wiederkommst. Um sieben hatte ich das Rennen schon beinahe aufgegeben. Aber Berger sagte: won der Gestapo aus kommt keiner frei. Er hat natürlich recht behalten. Nun, was wird?“ „Ich komme morgen ins Untersuchungsgefängnis.“ ‚Die beiden staunten. „Mensch— so ein Schwein! Wie ist sowas bloß menschen» möglich? Hast du Protektion?“ Ich mußte lächeln. „Wenn man so sagen darf. Ich kenne da drüben ganz flüch- tig einen hohen Herrn. Vielleicht hängt’s damit zusammen.“ „Mensch— die Moltkestraße is ja das reine Paradies gegen diesen Saustall hier. Du sollst bloß mal die Polizeier unten erzählen hören. Da sind Russen unten. Die armen Schweine kommen schon halb verhungert rein. Hier werden sie fertig gemacht. Das kannst du glauben.“ „Und weshalb sind sie hier?“ „Die meisten, weil sie ihren Arbeitsplatz verlassen haben. Sie kommen aus Ostpreußen oder sonstwoher vom Lande, wo sie fürs Essen gearbeitet haben, und sie werden, an eine Maschine gestellt mit fünf Gramm Fett die Woche, zwei Scheiben Brot früh und mittags, abends um sechs eine Kartoffelsuppe mit Pferdefleisch oder mageren Freibank- rippchen, durch den Wolf gedreht. Damit kannst du auf die Dauer nicht bestehen. Sie laufen einfach fort.“ „Ihr meint also, drüben geht mir’s besser?“ „Jahrelang hältst du es dort aus!“— Das Licht wurde plötzlich weggenommen. Wir hatten Mühe, ein Nachtlager für mich auf dem Fußboden zurechtzuschie- ben... 38 - - Draußen schlug eine Uhr. Ich vergaß, ihre Schläge zu zählen, zu lebhaft noch beschäftigt mit den Ereignissen der letzten Stunden. Eigentlich war das alles so unwirklich, so im Grunde unglaubwürdig! Ein Mensch, den ich nicht kenne, versucht, aus mir eine Aeußerung herauszulocken, die unter den obwaltenden Verhältnissen vom Gesetz als strafbar hingestellt wird rein formal, ohne Prüfung der Hintergründe. Dieses Gesetz führt den Namen Heimtückegesetz und ist seinem Wortlaut nach nur wenigen Menschen bekannt. Auch ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur: Millionen Worte, die mit diesem Gesetz kollidieren, werden täglich von Milllionen Menschen gesprochen. Ein paar hundert dieser Worte werden täglich irgendwo aufgefangen und vor den Richter gebracht. Der miẞt ihre Schwere und Tragkraft an diesem närrischen Gesetz und findet das Strafmaß. Es schwankt zwischen einer kurzen Freiheitsstrafe und dem Todesurteil. Er ist in der Lage, alle Folgerungen aus der Dehnbarkeit dieses Gesetzes zu ziehen. Soweit geht die Sache in Ordnung Aber ja, zum Teufel noch einmal hat denn dieser Soldat nicht selber Worte gesprochen, die mit diesem Heimtückegesetz leicht in Konflikt geraten können? Wenn ich mich am Abend dieses verhängnisvollen 25. November hingesetzt und etwa so an die Polizei geschrieben hätte: ‚ Der Unteroffizier Fink hat mir gegenüber Worte gebraucht, die geeignet sind, das Ansehen der Staatsgewalt zu mindern, die Widerstandskraft des deutschen Volkes in seinem Ringen um Selbstbehauptung zu erschüttern. Unter anderem hat er geäußert, Hitler solle ja nicht wagen, den katholischen Glauben anzutasten, dann wehe ihm! Diese Drohung im Munde eines Hitlerjugendführers muß als besonders treulos und gehässig empfunden wer den angesichts des Kampfes, den der Staat gegen den seelischen Führungsanspruch der Orden und Bischöfe führt. Ich beantrage seine Vernehmung! wenn ich das getan hätte, dann wäre heute dieser Fink verhört worden, und ich wäre als Zeuge aufgetreten und könnte die Wahrheit dieser Anzeige mit gutem Gewissen beschwören. Ein sonderbares neues Gesellschaftsspiel: Wer zuerst denunziert, kriegt den Eid! - - Ja - Draußen schlurften Schritte über den eisernen Gang. Schlüs sel klirrten leise. Die Tür tat sich fast geräuschlos auf. - 39 ,, Stets!" Der Schneider sprang auf und verschwand. ,, Das war der Alte", sagte Richter. ,, Nun kommt keiner mehr. Jetzt können wir ein Stäbchen stoßen. Seine Martha is gekommen." - Richter sog ein paar hastige Züge in die Lunge und blies den Rauch zum offenen Fenster hinaus. ,, Du denkst wirklich, du kommst morgen in Untersuchung?" fragte er. ,, Das wäre was, was man hier noch nich erlebt hat. Unter sechs, acht Wochen läßt die Stapo sonst keinen los. Woher kennst du den Mann von drüben?" Ich erklärte kurz den Zusammenhang. ,, Ja, das hat mir mal einer von drüben erzählt", bemerkite der Hilfspolizist nachdenklich; ,, er hat eine Studentin geheiratet, die war lange krank. Sie hat's mit der Lunge gehabt. Aber jetzt soll sie ganz gesund sein. Früher war er bei der Studentenhilfe, nachher is er zur SS. gekommen. Man hört nichts Schlechtes über ihn. Geprügelt wird drüben natürlich auch feste, aber da kann der Mann nichts gegen machen, selbst wenn er wollte. Die kriegen ihre Anweisungen vom Reichssicherheitsamt in Berlin, und da sitzen scharfe Hunde, das kannst du glauben. Wenn da einer das Protokoll nich unterschreiben will na, bei dir is ja alles ganz glatt gegangen. Wie gesagt, man hört nichts Schlechtes über den Doktor." - -- ,, Ein Mann, der über Klopstocks Odensprache promoviert hat " ,, Was hat er?" ,, Ueber Klopstocks Gedichte hat er was geschrieben." ,, Kenn' ich nich. Ich lese überhaupt nich gern Gedichte. Auch die Gedichte in der Zeitung les' ich nich. Alles überkandideltes Zeug. Am liebsten les' ich Kriminalgeschichten. Aber in unserer Leihbibliothek sind jetzt die meisten Kriminal romane abgeholt worden. Ich bin mit dabei gewesen. Schade Da waren so hübsche Sachen dabei von Wallazee oder wie er sich ausspricht. Ein Roman hieß: ‚ Der Frosch mit der Maske.' Der war spannend, sag ich dir. Den hab ich in einer Nacht durchgeschwartet." Menschliche Neugier erwachte in mir. 40 40 ,, Du warst beim Bücherabholen? Was wird eigentlich mit den Büchern? Er berichtete: ,, Was die Gestapo beschlagnahmt, das sortieren wir so ein bißchen. Gegen Abend kommt dann einer von der Auenstraße, Koop heißt er, und das is ein ganz gemeiner Hund, der sucht sich die besten Sachen raus und verschaufelt sie an die Leipziger Antiquare. Da neulich hatten wir mal eine ganze Bibliothek von einem Juden in der Lortzingstraße, alles in Leder gebunden. Feine Sachen. Die Antiquare zahlen mit Zigaretten. Wer da Bescheid weiß, der kann sich am nächsten Wir Tage sein Eigentum zurückkaufen. Gar nicht teuer können übrigens jetzt ganz in Ruhe rauchen. Der Schneider bleibt noch eine ganze Weile weg. Seine Martha hat doch sicher was zu essen mitgebracht, und das muß er gleich unten aufessen. Und natürlich Zigaretten, da stehen doch die Kame raden drumrum, die mit zulangen. Du verstehst das nicht, wirst es noch lernen." ,, Ist das drüben im Untersuchungsgefängnis auch so?" ,, Weiß nich. War noch nich drüben. Es soll dort ordentlicher zugehen. Aber- hohl sind sie ja heutzutage alle!" - Richter drückte den Rest einer zweiten Zigarette aus und wickelte die Kippe sorgfältig in ein Papier. Draußen schlug eine Uhr zehn langsame Schläge. Endlich kam Stets in die Zelle zurück. Er drückte mir ein Stück Schokolade in die Hand und gab Richter einen Apfel. Dann zog er sich schweigend den Rock aus, legte sich in sein Feldbett, zog die Decke übers Gesicht und weinte herz brechend in sich hinein... - Empfang in der Elisenburg. Am nächsten Tage früh wurde ich wieder in die Verneh mungszelle geführt und mußte zunächst einmal warten. Auf die Herausgabe meiner Hosenträger nämlich. Dann wurde ich in ein schmales Geschäftszimmer geholt, wo ich meinen Namen unter das Verzeichnis meiner Wertgegenstände schreiben mußte. Auch ein Mittagessen gab es in aller Eile noch: 41 Kohlrübensuppe und Kartoffeln in der Schale von bereits bekannter Qualität. Die Kartoffeln mußten mangels eines Messers mit Löffelstiel geschält werden, was für den Neuling im Fache eine immerhin zeitraubende Angelegenheit ist. Die Halle füllte sich in dieser Stunde mehr und mehr mit ,, Transport". Alles, was vom Polizeigefängnis ins Untersuchungsgefängnis überführt werden soll, sammelt sich in der Halle. Etwa achtzehn Menschen waren es, die zuletzt in zwei Reihen an der Wand standen, des Zeitpunktes harrend, in dem sie in die beiden grünen Wagen gepackt werden würden. Auch ein paar Mädchen waren unter ihnen. Im Wagen saß neben mir ein„, Erfahrener", einer, der diese Fahrt nicht zum ersten Male mitmachte. Als das Auto anfuhr, riß er mit hastiger Bewegung eine Zigarette aus der Tasche, setzte sie in Brand und bot zugleich den andern Zigaretten an. Gierige Hände griffen zu. ,, Ihr müßt aufpassen, wenn ihr drüben gefilzt werdet", bemerkte er dazu in belehrendem Tone, ,, das ist unten im Badee raum. Da is ein Kalfaktor, der hat bloß drei Finger an der linken Hand. Macht dort die Badesache. Der is nich so. Aber laẞt euch von dem nich schieben! Wenn ihr dem ein paar Stäbchen abgebt, läßt er euch auch Streichhölzer, und das is die Hauptsache. Stäbchen kriegt man auch rein." ,, Untersuchungsgefangene dürfen rauchen", sagte einer aus dem Dunkel heraus. ,, Das war einmal, mein Lieber! Nicht rauchen, nicht priemen! Arbeitszwang. Du mußt Tüten kleben auch als Untersucher. Brauchst dich ja nich totzumachen dabei. Der Meister is verständig. Du mußt bloß so tun als ob du muddelst. Aber sonst Vorsicht. Unter den Wachtmeistern gibt's ein paar ganz gefährliche Kerle." ,, Man darf sich doch was zu essen reinbringen lassen?" fragte ein anderer. ,, War auch einmal. Alles abgeschafft vom Herrn Generalstaatsanwalt in Dresden. Wink von Berlin. Genügt natürlich für diese dressierten Hunde. Untersucher werden genau wie Strafgefangene behandelt. Aber wenn du dich mit den Leuten stellst, kommst du hin." 42 2 Die Zigaretten gingen gierig von Mund zu Mund. Ein junger Mensch stopfte sich eilig eine Pfeife und rauchte hastig. Neben mir saß ein Alter mit gefesselten Händen. ,, Was ham'se denn mit dir gemacht?" fragte einer der Raucher leichthin, indem er auf die Fessel wies. Der Gefesselte antwortete nicht. Er blickte starr geradeaus, als ginge ihn das alles nichts an.. Irgendwo hielt der Wagen. Ein Mädchen stieg aus. Zwei andere kamen dazu. Sie blieben durch ein Gitter von den männlichen Gefangenen getrennt. ,, Station Beethovendiele!" sagte der Erfahrene und brannte sich dazu eine neue Zigarette an... Dann fuhren die beiden Wagen rasch nacheinander im Gefängnishofe ein. ,, Station Elisenburg! Alles aussteigen!" bemerkte der Ers fahrene abschließend und trat den Rest seiner Zigarette mit der Stiefelsohle aus. Ich verließ als einer der ersten den Was gen und ging die wenigen Stufen zum Erdgeschoß hoch. ,, Ich mache hier ein halbes Jahr weg, aber ich bin von der Küche angefordert", sagte das junge Mädchen, das während des Essens im Polizeigefängnis neben mir gestanden hatte. ,, Da läßt sich's aushalten. Der Direktor is mächtig hinterher, daß alles ans Essen kommt, was auf die Marken ausgegeben wird. Für die Zellen is ja nich viel da. Es geht alles an die AuBenkommandos." - ,, Weshalb bist du eigentlich hier?" fragte ich neugierig. ,, Ach das is eine lange Geschichte. Wenn man ein gutes Herz hat und dazu verliebt ist, da macht man halt mal eine Dummheit. Ich hab' alles auf mich genommen in der Verhand lung, na ja, du kannst dir ja denken, für wen... Ich mußte durch viele Hände gehen, ehe ich endlich in meiner Zelle den Frieden fand, dessen ich plötzlich so bedürf tig war. Mein Name wurde in Listen und Karten eingetragen Man vermahnte mich mehrfach, mich jederzeit der Ordnung des Hauses willig zu unterwerfen Im Revisionsraum gelang es mir, meine Aktentasche unge prüft durchzubringen, dank der außergewöhnlichen Dämlich keit eines groben Aufsehers und einer dem Kalfaktor mit den drei Fingern an der Linken gespendeten Schachtel Zigaretten: damit einen Kopierstift und zwanzig Bogen Schreibpapier. Auch ein halbes Paket Tabak, eine Pfeife, eine Schachtel Zündhölzer 43 - - und ein paar Bücher waren in der Tasche. Ein Wannenbad ohne Seife ein neues Verzeichnis aller Wertgegenstände, das unterschrieben werden mußte unbeherrschtes Gebrüll und der harte Zugriff eines Wachtmeisters, der als körperliche Miẞhandlung von mir empfunden wurde dann war auch das alles überstanden. Durch Zurufe von mehreren Seiten geleitet stieg ich eine durchbrochene Eisentreppe hinauf und stand plötzlich in der Rundhalle des Gefängnisses vor einem Schreibtische, an dem ein alter Beamter mit gütigem Gesichte saẞ. Der Mann am Schreibtisch überflog meine Personalien, die bereits auf geheimnisvolle Weise in diesem Stockwerke des Ge bäudes angekommen waren. ,, Ich habe Zellen mit einem und mit mehreren Untersuchungsgefangenen. Auch zwei unbelegte Zellen sind noch da. Haben Sie einen Wunsch in dieser Hinsicht?" 0% Wenn ich die Bitte aussprechen darf, zunächst einmal allein zu bleiben..." دو 66 , Gut. Wir wissen ja noch gar nicht, wie lange Sie hier sind. Vielleicht werden Sie bald wieder entlassen. Gehen Sie links den Gang hinter. Die letzte Tür, Zelle 101. Ich schließe gleich auf." Dann also klirrten Schlüssel, die Tür tat sich auf und wieder zu. Endlich war ich mit meinen Gedanken allein. Ich schaute mich forschend in dem kleinen Raume um. Dieses Haus war offenbar nach den gleichen Plänen gebaut worden wie das Polizeigefängnis. Vierundzwanzig Kubikmeter Atemraum pro Zelle, ein Bett, ein Tisch, eine Bank, unter der gewölb ten Decke ein vergittertes Fenster mit Lüftungsklappe, Wasche schüssel, Teller, Löffel, in der Ecke ein Abort, dessen Spülung vom Zellengange aus betätigt wurde. Ich kenne Mönchszellen, die weniger gemütlich sind. Also richtete ich mich häuslich ein, legte Mantel und Hut ab, überzog die beiden Decken mit dem Laken, das ich im Bade erhalten hatte sowas hat man ja glücklicherweise schon im Weltkriege gelernt: es lebe der Militarismus als Erziehungsfaktor zur bür gerlichen Ordnung! verstaute den Inhalt meiner Aktentasche und diese selbst hinter der Reservematratze, die für den zweiten Bewohner der Zelle bereit lag, und legte meine Bücher auf den Tisch: Drei schmale Bändchen einer Hebelausgabe von 1817, die als Inhalt meiner Aktentasche nicht mit ins Ver - 44 zeichnis der„Effekten“ eingegangen waren. Ich mußte ein wenig gerührt lächeln. War es nicht eine sonderbare Fügung, daß gerade Johann Peter Hebel und sein Schatzkästlein mich in die Einsamkeit dieser Zelle begleiteten? Der gute alte Haus> freund, der so viele Herzen getröstet, so viele schlichte Ges müter aufgerichtet hat: er wollte nun auch mir mit einem gütigen Lächeln Trost spenden! Zwei Besuche erhielt ich noch an diesem Tage: Der Biblios thekar erkundigte sich nach meinen Lesewünschen, der Tüten klebemeister nach meinen Arbeitswünschen. Der Bibliothekar, ein verstaubter Oberlehrer mit verschlos- senem Gesicht, in dem das vollendete Mißtrauen gegen alles Menschliche deutlich zu lesen war, hatte offenbar seine Eigen« heiten. Er schien zu erwarten, daß ich bei seinem Eintritt in die Zelle die Hacken zusammenschlagen, zum mindesten aber eine militärisch beherrschte Haltung einnehmen werde. Als ichi nichts dem Aehnliches tat, schüttelte er sanft tadelnd sein graues Haupt. „Was würden Sie gern lesen?“ „sind Bücher in englischer Sprache zu haben?“ „Einiges. Haben Sie einen besonderen Wunsch?“ „Vielleicht ein Buch von Josef Conrad...“ „Alle neueren Engländer sind ausgeschieden worden.“ „Aber Josef Conrad ist gar kein Engländer.“ „SO... Aber er hat doch„englisch geschrieben. Was soll er denn da sonst für ein Landsmann gewesen sein?“ „Ein Pole.“ „Na, das ist ganz dasselbe. Da wäre er auch’rausgeflogen. Also ich werde Ihnen was schicken.“ Er verschwand ziemlich eilig.— Der Tütenklebemeister war ein lieber Mann in mittleren Jah- ren. Er lächelte mich gutmütig an und meinte so nebenher: „Sie wissen ja noch nicht, wie lange Sie hierbleiben. Keiner weiß das. Immer Kopf hoch! Habe schon was läuten hören, wie Sie’reingekommen sind. Da wollen wir uns nur nicht gleich so heftig ins Geschirr werfen. In ein paar Tagen frage ich mal wieder nach. Wenn Sie dann den unstillbaren Wunsch haben, im totalen Tüteneinsatz mitzuwirken, kann ja dann auch noch Rat werden.“ Er zwinkerte mich vertraulich an, bewegte die Hand in freundlich grüßender Geste und verschwand. Kurze Zeit darnach tat sich die Tür abermals auf. ,, Bücher' reinnehmen!" Schon war die Tür wieder zu. Neugierig entfernte ich den Verschlußstreifen, der um die beiden Bände gelegt war, und fand: Nietzsches ,, Wille zur Macht",„ The treasure Island" von Stefanson in einer älteren englischen Ausgabe, und Seeleys Vorlesungen über ,, The expansion of England" in einer Schulausgabe. Mit der Schatzinsel begann ich und las mich fest, bis das Licht weggenommen wurde. Das war um acht Uhr. Um sechs in der Frühe würde die Glocke ertönen zum Wecken. Zehn vollgemessene Stunden Schlaf stehen dem Untersuchungs gefangenen zu. ,, Rechtshilfe." Ich mußte erst ein wenig rechnen, als ich vom Glocken schlage geweckt wurde. Am 12. Dezember war ich im Café Felsche verhaftet worden; heute schrieb man also den 16. und es war Mittwoch. Hatte nicht Fritz, mein Aeltester, an diesem Tage von Köln her auf Urlaub kommen wollen? Schön, da hatte die Mutter wenigstens jemanden im Hause, der sie ein wenig trösten konnte. Hans war inzwischen wahrscheinlich wieder abgereist. Aber mit Fritz kam Kläre, seine lustige Frau, und die kleine Petra, das Enkelkind. Da war Leben in der Bude! Um neun Uhr wurde ich vor Gericht geführt. Ueber steile Treppen und lange Korridore ging es hinauf zu jenem eisernen Tor, das den Eingang zum Landgericht bildet. Drüben übernahm mich gegen Abgabequittung ein Justiz beamter und führte mich in ein Zimmer, über dessen Tür die trostreiche Inschrift ,, Rechtshilfe" prangte. Hier empfing mich! ein betagter Gerichtsrat und bot mir höflich einen Stuhl an Er ließ sich den Hergang der ganzen verteufelten Geschichte noch einmal erzählen, diktierte den Hauptinhalt meiner Erzäh lung einer Stenotypistin in die Maschine und ließ dieses Pro tokoll von mir unterschreiben. Dann verschwand er für eine geraume Weile, und ich harrte schweigend seiner Rückkehr. 46 Ich wußte: der alte Herr würde jetzt das Protokoll dem Staatsanwalt vorlegen, der darüber befinden würde, ob er den Haft befehl gegen mich erließ oder meine Freilassung verfügte. Merkwürdig: Ich wünschte mir in diesem Augenblicke beinahe den Haftbefehl! Auf freien Fuß würde ich ja doch nicht kommen! Die Gestapo würde mich zurück ins Polizeigefängnis bringen, und vor diesem Gebäude hatte ich ein leichtes Grauen bekommen. Für kurze Augenblicke blitzte auch der Gedanke an Flucht durch mein Hirn und ich mußte sofort selber über diesen Gedanken lächeln. Natürlich hätte ich jetzt aufspringen, zur Tür hinauslaufen und den Ausgang des Landgerichts gewinnen können. Die Stenotypistin, die gelangweilt auf die Tasten ihrer Maschine starrte, hätte mich gewiß nicht daran gehin dert. Aber- wohin sollte ich fliehen? Für einen Mann meines Standes und Alters gab es in Deutschland der Lebensmittel karten und der polizeilichen Anmeldung selbst im kleinsten Orte einfach keine Möglichkeit, auch nur einige Wochen un entdeckt zu bleiben. Und wenn ich floh wäre das nicht ein Geständnis meiner Schuld gewesen? Lächerlich! In Wahrheit lächerlich war der Gedanke an Flucht! - Dann kam der alte Herr zurück. ,, Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß die Staatsanwaltschaft Ihre Verhaftung verfügt hat", sagte er trocken.„ Wünschen Sie eine Abschrift des Haftbefehls?" Ja." ,, Bitte - mit zwei Durchschlägen!" wendete er sich an die Stenotypistin, die nach wie vor mit unbeteiligtem Gesichte vor sich hinstarrte. Dann diktierte er: ,, 147 Gs 750/42. Der am 15. März 1884 zu Leipzig geborene Studien direktor Johannes Berbig ist in Untersuchungshaft zu bringen. Er ist dringend verdächtig, am 25. November 1942 im Caféhaus Felsche gegenüber dem Unteroffizier Herbert Fink vorsätz lich unwahre Behauptungen tatsächlicher Art, die geeignet sind, das Wohl des Reiches und der NSDAP., über ihre Anordnun gen und die von ihnen geschaffenen Einrichtungen bösartige, gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Aeußerungen, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, und bei denen er damit 47 rechnen mußte, daß sie in die Oeffentlichkeit dringen würden,, gemacht zu haben. Vergehen nach$$ 1 und 2 des Heimtücker gesetzes. Die Untersuchungshaft wird verhängt, weil bei der Höhe der zu erwartenden Strafe Fluchtverdacht begründet und auch zu besorgen ist, daß er Zeugen zu einer falschen Aus- sage verleiten werde. Gegen diesen Haftbefehl ist das Mittel der Beschwerde möglich. Leipzig, den 16. Dezember 1942. gez. Unterschrift.“ „Erheben Sie Beschwerde gegen diesen Haftbefehl?“ „Darüber möchte ich erst mit einem Anwalt sprechen.“ „Es ist gut, das hat ja auch Zeit und kann jederzeit noch geschehen. Ihre Vertretung wird Herr Rechtsanwalt Dr. Burck übernehmen. Er erwartet Sie in der Kanzlei. An diesen offiziellen Teil meiner Vernehmung schloß sich eine immerhin merkwürdige Unterhaltung an. Als ich mich erhob, blieb der alte Herr über das Aktenstück gebeugt und murmelte etwas in sich hinein, aus dem ich das Wort ‚Denuns ziation‘ herauszuhören glaubte. Aber ich konnte nicht dar- über klarwerden, ob er dieses Wort mit einem Wertakzent ber schwerte. Er gehörte zweifellos zu jener Generation, die noch in den alten Anschauungen von Tugend und Scham erzogen worden war. Durfte man erwarten, daß in seinem Herzen jene Gefühle noch lebendig waren? Ich sagte:„Der liebe Gott hat sich sicher etwas dabei gedacht, als er den Denunzianten ers schuf; aber was, das hat noch keiner herausgefunden. Ich werde mir also den Kopf darüber nicht zerbrechen.“ Der Alte blickte befremdet auf. „Herr—“, schnaubte er, wie vom Unmut übermannt,„Sie schweben scheint’s durch das Dritte Reich wie ein unschul» diges Kind durch seine Träume vom Weihnachtsmann! Bilden sich vielleicht gar noch ein, die Erde sei zum Drauflustwan» deln da?“ Er schwieg einen Augenblick und wischte sich einen feuchten Fleck mit einem überlebensgroßen Taschentuch von der Brille. Dann fuhr er fort:„Eigentlich sollten. Sie wissen, daß ein Aktenvermerk bei der Geheimen Staatspolizei keine Empfehlung ist. Sie haben deren schon zwei.“ 48 ,, Davon ist mir nichts bekannt. Ich bin nicht befragt wor den, und was auf Grund einer Denunziation von irgend einem gläubigen Polizeibeamten in irgendwelche Akten geschrieben worden ist, kann mir gleichgültig sein. Darf ich übrigens erfahren, was man mir für staatsgefährliche Umtriebe Last legt?" zur Er griff bereitwillig noch einmal in das Aktenbündel. ,, Einmal sollen Sie, als Herr Ministerpräsident Göring im Rundfunk sprach, vor einem Parterrefenster Ihres Hauses geäußert haben: Hört denn der Quatscher nicht endlich auf?' Ein anderes Mal will man im Café Steppuhn beobachtet haben, daß Sie beim Absingen der Nationalhymnen im Anschluß an eine Rede des Führers den Arm zum Deutschen Gruß nur langsam und anscheinend widerwillig erhoben haben." ,, Nun gut", sagte ich ,,, man soll diese Anschuldigungen vor dem Richter wiederholen. Dann werde ich zu ihnen Stellung nehmen. Ich unterstehe in diesen Fragen dem Gericht, nicht der Geheimen Staatspolizei. Von einer Aenderung dieser in der Verfassung festgelegten Rechtsgrundlage habe ich bisher nichts gehört." ,, Dann sind eben verschiedene Verordnungen mit Gesetzeskraft Ihrer juristischen Aufmerksamkeit entgangen." Er lächelte müde und, wie mir scheinen wollte, ein wenig mitleidig, und sagte etwas für einen Richter höchst Merkwürdiges. Nämlich: ,, Sie dürfen den Denunzianten nicht en bloc verdammen. Meist kommt er sich heroisch vor. Da ist etwa ein Hitlerjunge, der seine Mutter anzeigt, weil sie den englischem Sender abgehört hat. Er kämpft das Gefühl der Liebe zur Mutter nieder, um ein edleres Gefühl, das der Liebe zum Führer, siegen zu lassen. Oder die Frauenschaftsführerin, die alles menschliche Fühlen entschlossen als atavistisches Residuum von sich wirft. Sie bringt wegen des gleichen Deliktes die Frau zur Anzeige, die ihr nachbarliche Hilfe in allen Nöten ihres durch den ständigen Dienst in ihrer Organisation arg vernachlässig ten Haushaltes leistet. Es fälllt schwer, solchen Geschöpfen Gottes wirklich böse zu sein und vielleicht ist der Mann, der Ihnen jetzt diese Ungelegenheit bereitet, einer von der - 4 Berbig: Knast 49 50 50 Sorte. Der Denunziant ist eben eine allgemein- menschlliche Erscheinung. Wer aber ist schuld an dem Elend, das er über diese Zeit bringt? Ich meine: die Menschen, die sich seiner bedienen, um ihre Zwecke und Ziele zu erreichen! Denken Sie mal darüber eifrig nach, ehe Sie abfällige Urteile an eine vielleicht falsche Adresse verschießen. Im übrigen heben Sie sich Ihre Dialektik auf bis zum Verhandlungstermin. Vielleicht hat der Richter Verwendung für sie. Ich weiß nichts mit ihr anzufangen." - Ich war entlassen und wurde von dem draußen wartenden Beamten in die Kanzlei geführt. ,, Sie wollen Herrn Dr. Burk sprechen?" fragte der Kanzleivorsteher. ,, Er bittet Sie, sich einen Augenblick zu gedulden. Er hat drüben im Zellenhaus noch einen Besuch zu machen, wird aber bald wieder hier sein." * Der Rechtsanwalt, in feierliches Schwarz gekleidet, begrüßte mich mit gemessener Zurückhaltung. ,, Ich weiß ja noch gar nicht, ob Sie überhaupt einen Rechtsbeistand wünschen", sagte er, indem er sich neben mir niederließ ,,, aber Ihre Frau Gemahlin war bei mir und hat mich gebeten, Ihre Interessen zu vertreten. Ich bin grundsätzlich dazu bereit, obwohl na ja, Sie wissen ja selber man geht Strafprozessen dieser Art als Anwalt heutzutage gern aus dem Wege. Viel kann ich im Augenblick für Sie ja nicht tun, und größere Verbindlichkeiten erwachsen Ihnen aus meiner Vertretung auch nicht. Wenn Sie also - - " - ,, Ich bin Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie sich meiner hilfreich annehmen wollen. Sie kennen den Fall?" Er winkte lebhaft ab. - - ,, Ich weiß gar nichts und ich darf zunächst auch nichts wissen. Einblick in die Akten erhalte ich erst, wenn der Staatsanwalt Anklage erhebt. Bis dahin wappnen Sie sich mit Geduld! Ueber das Tempo, in dem das gegen Sie schwebende Untersuchungsverfahren läuft, kann niemand etwas voraussagen. Nur das eine möchte ich Ihnen ans Herz legen: Sprechen Sie nicht viel! Jedes Wort, das Sie zu Protokoll - geben, kann zur Waffe gegen Sie werden. Und dann: Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht! Das Heimtückegesetz sieht Strafen jeder Höhe vor, gestattet in schweren Fällen die Verhängung der Todesstrafe. Ich will Ihnen gewiß nicht bange machen, nur nehmen Sie die Sache nicht auf die leichte Achsel! Ueber den Fall selbst darf ich mit Ihnen erst spre chen, wenn ich die Verbindung mit dem Staatsanwalt aufgenommen habe. Wahrscheinlich wird Herr Dr. Peter Ihre Sache bearbeiten. Ich spreche öfter einmal bei Ihnen vor, um mich nach Ihren Wünschen zu erkundigen, und damit Sie sich nicht so vereinsamt und verlassen fühlen in Ihrer Haft. Vielleicht kann ich Ihnen auch durch Kleinigkeiten Ihr Los ein wenig erleichtern." Ob er mir die Raucherlaubnis erwirken könne, fragte ich. ,, Das ist ein Wunsch, den ich leider nicht erfüllen kann. Das Rauchen ist im Untersuchungsgefängnis für Zellenhäftlinge verboten. Aber wenn Sie den Wunsch haben, sich mit etwas Wesentlicherem zu beschäftigen als mit Tütenkleben, kann der Herr Staatsanwalt Ihre Bitte an das Untersuchungsgefängnis weiterleiten. Ihre Erfüllung ist in das Ermessen der Gefängnisleitung gestellt. Nochmals: Wappnen Sie sich mit Geduld!" Er streckte mir die Hand zum Abschiede hin. ,, Am Heiligabend komme ich wieder." Ich kehrte einigermaßen bedrückt in meine Zelle zurück. Hatte ich nun im Verhör ,, zu viel" gesagt? Nein! Nochmals überdachte ich alle meine Worte. - Aber, der Eid hat eine so große Kraft', so hat einmal ein erfahrener englischer Richter gesagt, daß durch ihn zuweilen sogar schon die Wahrheit an den Tag gekommen ist. Eine etwas zaghafte Formulierung, wie mir scheint. Ich möchte hin zufügen: An einem Meineid scheitert die Philosophie. Der Richter mutet plötzlich einem Zeugen zu, einem Menschen also, der sein ganzes Leben hindurch gelogen hat, die reine Wahrheit zu sagen. Als die Menschen noch eine sittliche Binwas soll da dung hatten, mocht's noch hingehen; aber jetzt- bei herauskommen? Zum Teufel mit dem Eid! Er ist auf Ehre keine drei Pfennige wert, ist nicht einmal das, notwendige Uebel', als das er gewöhnlich hingestellt wird. Der Anwalt hat recht, meine Lage ist nicht rosig. 51 Zwei Begegnungen. Am nächsten Tage wurde ich abermals ins Gerichtsgebäude geführt. Im Geschäftszimmer des Sondergerichts saß: meine verhärmte Frau. Sie erhob sich wortlos bei meinem Eintritt in den Raum und küßte mich.! „Sie müssen laut reden!“ sagte der das Gespräch überwa- chende Beamte grob.„Ich muß jedes Wort verstehen. Ueber den Fall darf nicht gesprochen werden!“ Sorge dich nicht um mich“, sagte ich ergriffen,„ich bin unschuldig.“ „Wenn Sie weiter über Ihren Fall reden, breche ich den Besuch ab“, griff der Ueberwachungsbeamte abermals ein. Es klang drohend.„Es ist Ihnen nicht gestattet—— „Meine Frau soll wissen, daß ich unschuldig hier festge halten werde“, sagte ich erregt.„Das ist kein Gespräch über meinen Fall. Ich bitte Sie, das zu begreifen!“ 5 Der Beamte zog sich mit einem giftigen Blick hinter seinen Schreibtisch zurück und legte seine Taschenuhr vor sich hin. „Eine Viertelstunde hat der Herr Staatsanwalt bewilligt, zur Ordnung finanzieller Angelegenheiten. Nicht eine Minute länger!“ Meine Frau hatte gewiß vielerlei fragen wollen; aber jetzt fiel ihr mit einem Male gar nichts mehr ein. „Wenn du Geld brauchst“, sagte ich,„so geh nur einfach auf die Girokasse. Ich gebe dir eine kleine Bescheinigung mit, daß du zur Abhebung von Geld berechtigt bist.“ „Ach ja— mein Gott, das hätt’ ich vergessen, und es ist doch die Hauptsache. Du mußt einen Vordruck ausfüllen und unterschreiben für‘diesen Zweck. Hier ist er.“ Sie brachte eine grüne Karte aus ihrer Handtasche, und ich füllte sie mit dem Kopierstift aus, den ich in der Westen» tasche bei mir führte.. „Wo haben Sie den Stift her?“ brüllte der Beamte plötzs lich vom Schreibtisch her.„Wissen Sie nicht, daß Unter- suchungsgefangene keine Schreibutensilien besitzen dürfen?“ „Man hat mir den Stift nicht abgenommen“, sagte ich. ruhig. Aber meine Ruhe wirkte offenbar aufreizend auf den Mann. 52 E t ,, Geben Sie den Stift sofort her!" schrie er zornrot. ,, Er kommt drüben zu den Effekten!" ,, Aber womit soll ich denn diese Vollmacht ausfüllen und unterzeichnen?" ,, Dazu wird Ihnen Tinte und Feder zur Verfügung gestellt!" Er brachte ein Tintenfaẞ herbei und eine altersschwache, spitze Feder, mit der ich jeden Buchstaben einzeln malen mußte. ,, Es muß auch Geld von Verlagen eingehen“, sagte ich, entschlossen, mir meine Ruhe durch diesen Flegel nicht rau ben zu lassen. ,, Verbrauche alles. Es ist nicht nötig, daß grö Bere Beträge bei der Kasse stehen bleiben. Für den Anwalt ist eine Reserve da." -- ,, Ach ja der Anwalt hat mir so bange gemacht. Deine Amtsstellung sei gefährdet, sagt er.. Wenn du verurteilt wirst, dann verlierst du den Anspruch auf Ruhegeld und wirst entlassen." - ,, Ich glaube nicht daran, daß man mich verurteilt. Aber natürlich müssen wir auch dieser Möglichkeit ins Auge sehen. Wir werden nicht verhungern. Sorget nicht für euer Leben du kennst das schöne Wort der Mahnung zu einem ge - und wir haben Kinder. Vergiß das ruhigen Leben nicht. Sie werden die Fürsorge, die du ihnen ein langes Leben hast angedeihen lassen, sich nicht in Sorgen eines hilflosen Alters wandeln lassen." - << Meine Frau weinte still in sich hinein. Wir sprachen Worte, die an unser beider Ohr vorüberhallten. Aber wir fühlten unsere Nähe, und das war für diese schwerste seelische Ber lastung in der langen Zeit meines Gefangenendaseins genug. Dann war plötzlich die Zeit um, die der Herr Staatsanwalt ,, zur Ordnung finanzieller Angelegenheiten" bewilligt hatte. Der Ueberwachungsbeamte steckte mit brüsker Bewegung seine Taschenuhr ein und sagte zu dem wartenden Aufseher: ,, Die Unterredung ist beendet. Führen Sie den Mann wieder in seine Zelle!" Um die Mittagsstunde tat sich die Zellentür abermals auf. ,, Zum Herrn Oberregierungsrat!" sagte eine Stimme hinter der Tür. 53 35 „Zu wem?“ „Zum Direktor. Lebhaft!“ Abermals wurde ich über eine Treppe geführt. Ein Wacht» meister stand vor der Tür des Allerheiligsten dieses Hauses. „Haben Sie sich melden lassen?“ „Nein.“ „Der Herr Direktor hat Sie herbeordert?“ „Ich muß das annehmen.“ „So, so— Sie nehmen das an. Wenn Sie eintreten, neh- men Sie Stellung und melden.“ „Was soll ich melden?“ Der Wachtmeister musterte mich wie ein seltenes Tier. „Mann! Melden sollen Sie! Wissen Sie nicht, was das heißt?“ „Nein.“ „Zelle?“ „Hunderteins.“ „Also: Untersuchungsgefangener Meier, oder wie Sie sonst heißen, Zelle hunderteins, zur Stelle! Verstanden?“ Ja: „Jawoll! heißt es hier.“ „Jawoll!“ „Na also— Sie begreifen ja ganz gut. So, nu gehn Sie mal rein.“ Er öffnete die Tür, und ich trat über die Schwelle des mäch» ternen Raumes. Der Direktor blickte vom Schreibtisch auf. Noch ehe ich zur vorschriftsmäßigen Meldung kam, sagte er: „Bitte, nehmen Sie Platz.“ Dazu wies er mit einladender Geste auf einen Stuhl.„Nun erzählen Sie mal: Weshalb sind Sie eigentlich hier?“ Ich sah die gütigen Augen dieses Mannes und sein von den trüben Erfahrungen eines langen Lebens in diesem Berufe ge> zeichnetes Gesicht, und plötzlich wußte ich: diesem Manne gegenüber darfst du offen sein. Ich erzählte mit kurzen Wow ten mein Erlebnis. „So, so— und der Mann hat, wie ich übrigens bereits aus den Begleitakten ersehen habe, zugegeben, daß er Sie zu einer belastenden Aeußerung veranlassen wollte?“ la „So ein Kavalier!“ 54 „Aber er wird schwören!“ sagte ich bedrückt.„Ich weiß, was das heißt. Man wird mich verurteilen.“ Der Direktor schwieg einen Augenblick. Dann: „Ich weiß nicht, ob man dem Eide eines solchen Subjektes das ganze ehrenwerte Leben eines Beamten zum Fraße vom werfen wird. Uebrigens— waren Sie nicht früher einmal in Waldheim angestellt?“ „Ja. 1911 wurde ich dort Direktor der Handels und Ge werbeschule.“ Er nickte. „Dann kennen wir uns ja. Ich war bis dreizehn Inspektor an der dortigen Strafanstalt. Wohnten Sie nicht in der Schiller» straße?“ Richtig— ich entsann mich plötzlich des hochgewachsenen jungen Inspektors. Aber sein Name war mir entfallen. „Dietze“, sagte er lächelnd mit einer leichten Neigung des Kopfes. Nun besann ich mich auf vieles. Wir waren einmal zu» sammen eingeladen gewesen, und er war in dieser guten alten Zeit, in der man seine Mitmenschen noch zu einem nahrhaften Abendbrot einzuladen pflegte, der Tischnachbar meiner Frau gewesen. Der alte Herr hatte ein gutes Gedächtnis. Er erine nerte sich sogar noch unseres Gespräches von damals, das sich, _—_ welch närrische Beziehungen das Leben sich doch manchmal herzustellen liebt— um den Strafvollzug an politischen Ger fangenen gedreht hatte... Die Frage war damals gerade aktuell gewesen durch die Einlieferung eines Grenzfalles, in dem der Charakter des politischen Vergehens nicht einwand- frei feststand. „Und Ihre Frau— lebt sie noch?“ „Ja— und sie wird sich ihres damaligen Tischherrn gewiß noch erinnern.“ „Grüßen Sie sie nur recht herzlich von mir, und sie soll sich nicht zu viel Sorgen machen. Sagen Sie ihr das ausdrück- lich. Wir leben in einer verrückten Zeit. Aber wir sind beide! noch nicht zu alt, um nicht hoffen zu dürfen, daß über uns serm Lebensabend nicht doch noch einmal die Sonne scheint. Wenn ich Ihnen eine kleine Erleichterung Ihres Loses ver? schaffen kann—— ich bin ja hier sozusagen der Herr im Hause——“ 55 f 36 „Ich würde gern schriftstellerisch arbeiten.“ „Nun ja— ganz kann ich Sie leider nicht von der Ar beitspflicht des Untersuchungsgefangenen entbinden. Das ist eine Ministerialverordnung. Aber für die Nachmittage kann ich Sie schon freistellen. Ich werde mit dem Tütenmeister spre> chen. Das ist ja ein Mann, der— nun, Sie werden das ja auch bald selber merken. Und wenn Ihnen mit einer Lichterlaubnis bis zehn Uhr gedient ist—“ „Das wäre ein großer Gewinn für mich. Die Nächte sind lang.“ Er schrieb einen Zettel aus. „Also Licht bis zehn Uhr. Und nun— behalten Sie den Kopf oben und verlieren Sie die Nerven nicht. Wenn Sie ein Anliegen haben, kommen Sie zu mir. Ich bin für jeden Ge- fangenen zu jeder Zeit zu sprechen.“ . Er reichte mir freundlich die Hand. Als ich wieder auf dem Gange stand, sagte der Wacht- meister: „Sofort zum Oberinspektor!“ Der Oberinspektor war ein grämlicher alter Herr, den die Umgebung, in der er täglich seinen Dienst verrichtete, nicht freundlicher gemacht hatte. „Was wollte denn der Herr Oberregierungsrat von Ihnen?“ fragte er neugierig. „Nichts Besonderes“, antwortete ich diplomatisch.„Eine alte Bekanntschaft erneuern.“ 2 „So, so— Sie kennen ihn?“ „Schon seit 1911.“ „Ach— Sie waren wohl zusammen in Waldheim?“ „Ja— aber nicht als Strafgefangener.“ „Natürlich— hab’ ich auch gar nicht vermutet. Wenn Sie mal einen Wunsch haben, brauchen Sie sich übrigens nicht gleich an den Herrn Direktor zu wenden. Das kann ich dann. auch machen— das heißt, sofern die Hausordnung dies zuläßt. Sie haben ja wohl davon gehört, daß die Bedingungen für Untersuchungsgefangene sich neuerdings wieder verschärft haben.“ „Ich hörte davon.“ „So— nu melden Sie sich bei Ihrem Belegschaftsführer!“ Der Belegschaftswachtmeister, ein kurz angebundener, brummiger Mann, erwartete mich bereits neugierig hinter seinem Schreibtisch auf dem Korridor. Die Fama eines längeren Gespräches eines seiner Gefangenen mit dem Direktor war mir vorausgeeilt. ,, Nun - was wollte denn der Alte von Ihnen wissen?" ,, Nichts Dienstliches. Wir sind zufällig alte Bekannte. Er hat sich nur von mir erzählen lassen, wie ich in ihre Obhut geraten bin." ,, Hab schon davon gehört. Ja, es geht manchmal sonderbar zu im Leben. Pech gehabt. Na, es geht alles vorbei. Wir haben schon manchen hier gehabt so wie Sie, und sie sind alle wieder draußen. Wenn der Tütenmann nachher kommt, müssen Sie ihm klarmachen, daß Sie zwei linke Hände haben. Na, ich werde ihm schon Bescheid stoßen." Er ließ mich in die Zelle ein, und ich war wieder allein. Das Klirren des Schlüssels beim Zuschließen hatte, so wollte es mir scheinen, diesmal gar nicht mehr so bösartig geklungen. Welch ein Zufall, daß ich hier und unter diesen Umständen einen Menschen angetroffen hatte, dem ich nicht nur flüchtig bekannt war, der darüber hinaus von einem menschlichen Mitgefühl erfüllt schien denen gegenüber, die ein bösartiges Geschick in sein Haus verweht hatte. Natürlich würde ich mich nie mehr bei ihm melden lassen. Man darf in einer Lage wie der meinen aus seinen Beziehungen keinen Vorteil ziehen wollen. Aber die Lichterlaubnis und die Möglichkeit, an den Nachmittagen für mich zu arbeiten, das war doch bereits ein unerhörter Glücksfall! Den kleinen Kopierstift war ich ja nun losgeworden. Er schlummerte bereits bei den Effekten. Aber der Füllfederhalter in meiner Aktentasche war mir verblieben. Ich legte einen Bogen Papier auf den Tisch und begann, in geruhsamer Stimmung das niederzuschreiben, was ich in diesen Tagen erlebt hatte... Der Apostel. Um vier Uhr gab es damals im Gefängnis noch Kaffee. Wenigstens manchmal. Zwei ,, Kalefaktoren"- Strafgefangene mit längerer Strafdauer, die sich des besonderen Wohlwollens 57 52 ihrer Aufseher erfreuen, trugen die schweren Kübel von Zelle zu Zelle und teilten einen Viertelliter lauwarme, hell braune Flüssigkeit aus, die zuverlässig heimischen Ursprungs war. Hinter dem Kübel stand ein Mann, schlank, hochgewachsen und mit vergrämtem Blick. Als der Kübel rasselnd weiter gezogen wurde, trat er in meine Zelle, und alsbald schloß sich die Tür hinter ihm. Einige Sekunden blickte er sich wie suchend in dem kahlen Raume um. Dann streckte er mir die Hand zur Begrüßung entgegen. ,, Apostel, mein Name. Untersuchung. Fünf Pakete Tabak von einem Polen gekauft, und eine Armbanduhr für fünfzig Mark von einem Tschechen. Vorbestraft mit zwei Jahren Zuchthaus wegen gewerbsmäßigen Glücksspiels, anderthalb Jahre Buchenwald als B. V." Ich nannte lächelnd meinen Namen. ,, Gut, wenn man gleich alles auf einmal erfährt", fügte ich hinzu.„, Was ist das eigentlich: B. V.?" ,, Berufsverbrecher. Um das Bild abzurunden: Wenn der Krieg vorbei ist, gehe ich wieder nach Stambul, wo ich hergekommen bin, und wenn ich barfuß hinlaufen müßte. Dar auf kannst du Gift nehmen!" " , War auch einmal dort, sechs Wochen lang", sagte ich in Erinnerung an schöne Tage. ,, Du kennst Stambul?" Der neue Mitbewohner der Zelle, der sich eben daran machte, seine kleinen Habseligkeiten in einer Ecke zu verstauen, wendete sich lebhaft nach mir um.„, Stambul! Die schönste Stadt der Welt! Mensch, geh mit! Ich weiß in Anatolien und in Bulgarien alles, was einer wissen kann. Dort liegt das Geld auf der Straße. Oel, Silber. Und das Leben. Mensch das Leben!" Er hängte seinen Mantel auf und zog sachverständig seine beiden Decken ein. ,, Na, da haben wir uns ja was zu erzählen; und Zeit dazu haben wir auch. Hier kommen wir nicht gleich wieder raus. Auch Sondergericht? Vor Mai bis Juni is da nichts zu wollen." - Mit der Fertigkeit des gelernten Mannes brachte Apostel die Zelle in Ordnung, die ich wohl ein wenig vernachlässigt hatte. Er kehrte zunächst einmal gründlich aus. Dann ordnete 58 er Mäntel und Wäsche und brachte eine Aktentasche irgend» woher zum Vorschein, die er ungeprüft durch die Revision gebracht hatte. „Ich habe Priem, ich habe Tabak; aber ich habe keine Zünd- hölzer. Der gottverdammte Himmelhund von Kalfaktor hat sie mir aus der Hosentasche gefilzt.“ „Hab ich!“ sagte ich' stolz. „Bon! Heute abend wird eine Pfeife Tabak geraucht. Ich sitze seit dem vierten Dezember drüben in der Wächterstraße ohne einen Zug des Herzens” Mensch, da kommt man ab, bei dem Fraß nämlich, den sie einem dort anbieten. Zehn Pfund hab ich zugesetzt in den vierzehn Tagen!“ Apostel sprach viel und gern. Aber er war ein Praktikus in allen Fragen des Knastlebens. Als am nächsten Tage früh der Meister kam und Papier brachte zum Tütenkleben, zeigte er sich völlig auf der Höhe der Situation. „Schon gut, Meister! Bitte, weiter keine Erläuterungen, sonst stellen wir Ihnen hier einen Rekord auf. Völlig im Bilde:, Habe im Zuchthaus Celle ein Jahr lang die Meisterschaft im Kleben der gefütterten Bodentüte innegehabt. War da einfach nicht zu schlagen. Gibts hier eine Schachtel Priem fürs Tausend?“ „Ihr alten Knasthasen kommt natürlich gleich mit Priem“, sagte der Meister mit leichtem Tadel in der Stimme.„Ich gäbe ja gerne was aus; aber ihr wißt doch, wie’s draußen aussieht. Alles auf die Karte. Hier gibts fürs Tausend vierzig Pfennige. Sonst nichts.“ Apostel blickte ihn mit komischer Bestürzung an. „Keinen Priem? Ja— arbeiten denn da eure Leute über- haupt? Das is doch gar nich menschenmöglich—— keinen Priem!“ Der Meister verließ die Zelle mit betrübter Miene. Er hätte ja gern einen Priem ausgegeben, denn er wußte nur zu gut, daß Apostel recht hatte mit der Kritik der Arbeitsentloh- nungsmethoden in diesem Hause. Die Leistung war erschrek- kend zurückgegangen, seit das Verbot der Abgabe von Priem ergangen war.„Kann’s auch nich ändern!“ murmelte er ver- bissen in sich hinein. Dann knallte er die Türe zu. „Den Mann mach’ ich noch fertig!“ bemerkte Apostel obenhin.„Wär’ noch schöner, wenn wir keinen Priem kriegten. 59 Bitte!" Er griff in die Westentasche und brachte eine Schachtel Kautabak heraus. ,, Den hab ich drüben von einem Wachtmeister gekriegt für meine Doublé- Manschettenknöpfe. Noch gute Ware. Bitte!" Ich griff zögernd zu. Es war das erste Stück Priem, das ich in den Mund brachte, und es schmeckte abscheulich. Aber nach einiger Zeit fühlte ich doch, wie das Rauchbedürfnis abebbte. Dann also begann Apostel seinen systematischen Unter richt im Tütenkleben. ..Erster Gang: Die Tüte wird gefüttert!" Er faltete die grauen Einlagebogen geschickt auseinander, strich die Ränder liebevoll mit Kleister ein und legte sie mit einer Geschwindig keit und Sicherheit auf, die meine Bewunderung erregten. ,, Zweiter Gang: Der Schlauch wird gebrochen und geklebt!" Ein sicheres Falzen an der durch eine Strichmarke gezeich neten Stelle, ein Umdrücken des Kleisterrandes, und der Tütenschlauch war fertig. ..Dritter Gang: Der Boden wird gebrochen!" Ein Eine schlagen des Schlauches, ein Oeffnen des umgebrochenen Teiles nach zwei Seiten, ein Aufziehen der Oeffnung zum Dreiecksbruch, und das Werk war getan. 29 Die um Vierter Gang: Verkleben und Bodenaufsetzen!" brochenen Dreiecke wurden zum Verschluß umgelegt, mit Kleister geschlossen, und zuletzt wurde ein rechteckiges Bodenblatt aufgelegt und angedrückt. " - - Wenn uns die verfluchten Kannibalen nicht die Uhr weggenommen hätten, dann macht' ich dir das alles ein Hand in- Hand- Arbeiten natürlich vorausgesetzt in fünfzig Se kunden vor. Für tausend Tüten kriegst du vierzig Pfennige. Nun rechne dir aus, was ein geschickter Arbeiter in zehnstün diger Arbeitszeit am Tage verdient. Allerhand Geld, was? Die ersten zehn Jahre bringst du es natürlich noch nicht so fix; aber dann hast du den Bogen raus." Nach und nach kleckerte der Apostel sein ganzes Leben in den Tütenkleister. Er erzählte episodisch, nahm es wohl auch hie und da mit der Wahrheit nicht so genau, wie man dies etwa von einem Historiker erwartet. Aber er erzählte lebendig, farbig, unterstrich seine Worte durch sprechende Gesten und ahmte mit natürlichem schauspielerischem Talent Tonfall 60 und Haltung der Menschen nach, von denen er berichtete. Ein Wort, ein Klang, ein Geruch weckte Erinnerungen in ihm, und dann flossen die Sätze aus seinem Munde wie die heiligen Wasser des Jordan in die Sektflaschen der griechischen Mönche, von denen er so gern erzählte, weil sie so gute Geschäftemacher gewesen waren. Apostel war der einzige Junge eines Dresdner Obstgroßhänd lers. Auf die drei Mädel, die noch hinterdrein gekommen waren, hatte der stolze Vater keinen gesteigerten Wert gelegt. ,, Mehrfach fruchtlos gepfändet. Mein Alter nämlich. Was für einen Obsthändler der Dresdner Großmarkthalle immerhin etwas Bemerkenswertes ist. Hatte es zu was gebracht. Sieben Häuser in der Gegend der Vogelwiese. Aber er war eben eine Spielratte. Pokerte. Auch mal' ne kleine Tante mit oder Siebzehn und viere dazwischen, wenn sich niemand fand, der eine Bank aufmachen wollte. Nach dem Mittagessen ging er ins Kaffeehaus und kam vor Mitternacht nicht mehr nach Hause. Das hab ich übrigens von ihm geerbt. Es muß doch was dran sein an dem Gequassel von der Erbmasse un so. Findest du nich auch? Jedenfalls konnt' ich schon mit zehn Jahren eine Volte schlagen, die sich gewaschen hatte, und mit zwölfen dem Nachbar zur Rechten, mit dem ich Kippe machte, ein Grand mischen." Die Mutter hat den Ehrgeiz, ihren Einzigen wenigstens bis zum Einjährigen zu bringen. Er wird in eine teure Privatschule gesteckt. Aber er streckt vor den unregelmäßigen französischen Verben die Waffen, verzichtet auf alle Lorbeeren der Wissenschaft. und brennt durch. ,, Mensch, war das ein Betrieb in dem Laden. Geld hatten die Jungen alle, und willige Mädchen gab's damals in Dresden wie Sand am Meer. Als ich zwölf Jahre alt war, haben sie mich in die Lehre genommen. Ich war damals schon einer der besten Billardspieler. Lag ja den ganzen Tag auf dem Brett; und mit der Bilderkarte war ich sozusagen verheiratet. Ich kann nich begreifen, daß die Danziger und Altenburger Spielkartenfabriken ihre Platten nicht einmal ändern. Buben, Asse, Damen und Könige sind immer noch so beschnitten, daß man am Rastermuster erkennt, was auf der Vorderseite für ein Bild ist... Also mit der Schule, da hatt' ich bald die Nase voll und sagte zu Alfred Mitterwurzer, was der Junge 61 - aus einer großen Plauener Konditorei und mein Freund war ja so, da muß ich erst noch was anderes erzählen. Damals war Barnum& Balay auf der Vogelwiese, und wir Jungen hatten natürlich nichts anderes im Kopfe als den Zirkus. Mit dem Lassofritzen und dem Messerwerfer war ich bald bekannt. Klaute meiner Mutter eine neue Wäscheleine, wachste sie ein und übte wie sechs nackige Wilde mit unserm kleinen Hengst, der die Apfelsinen aus der Großmarkthalle holte. Alfred wollte mit dem Zirkus durchbrennen. Aber ich war mehr für die christliche Seefahrt, und so tigerten wir erst mal nach Bremen, wo mein Onkel eine Kneipe hatte. - Mensch, war das eine Reise! Zu Hause hatten sie natürlich Roches und schickten Telegramme in die Welt, die uns nicht erreichten. Kehre zurück, es ist alles vergeben! An den Onkel in Bremen hatte keine Seele gedacht. - Als wir in Bremen ankamen, hat die Tante natürlich gleich nach Hause geschrieben, und wir durften noch vierzehn Tage dortbleiben, um uns von den Strapazen der Reise zu erholen. Mit der Schule war es ja doch aus. Der Direktor wollte uns auch gar nicht wiederhaben. Bin damals acht Tage lang auf einem Fischdampfer gefahren. Nischt wie seekrank. Da hab ich denn die Seefahrt endgültig aufgegeben und bin wieder nach Hause gerutscht." Der Vorstoß in die höhere Bildung ist also miẞlungen, und Kurt wird zu einem Kaufmann in die Lehre geschickt; zu einem Textiljuden. ,, Ein feiner Mann, der Samuel Treppenstein, das sag ich dir, Hans. Du kannst sagen was du willst, auf die Juden laß ich nischt kommen. Der machte die Leute fertig mit Eleganz. Und von seiner Branche verstand er was, das mußt' ihm der Kon kurrenzneid lassen. Verkaufte Crimmitschauer Kammgarn für original englische Ware. Aber auf die Dauer war das eben auch nichts für mich. Nun hatt' ich doch meine Freundin in der Frongasse und Geld wie Heu. Sie hielt dort ein Pensionat für freundliche Mädchen und erholte sich mit mir von ihrer aufreibenden Tätigkeit. Spielen tat ich auch nicht schlecht; meistens Tante, und wenn du da den Bogen raus hast, brauchst du nicht zu arbeiten. Ja so, Alfred, mein Freund, der lag mir nun ständig in den Ohren mit' ner großen Fahrt ins Aus land. Er hatte zweitausend Mark von seiner Tante geklaut und 42 62 kam eines Abends an und fragte, ob ich mitginge; er verdufte nach Konstantinopel. Ja, sagt' ich, alles gut und schön, aber was wollen wir bloß in Konstantinopel anfangen? Er meinte, dort läge das Geld auf der Straße. Zum Beispiel, wir könnten ein großes Geschäft in Südfrüchten machen. Na, von der Branche verstand ich ja einiges. In Brussa, sagte Alfred, könn ten wir bei einem Griechen bleiben, der mit seinem Vater Ge schäfte machte, solange wir wollten... Na ja, ich hatte den Kram in Dresden satt. Die Freundin hing mir auch zum Halse raus. Sie war eifersüchtig, wenn ich mal mit einer von den Pensionärinnen abhaute also nischt wie los!" - Die beiden Jungen fahren mit der Bahn bis Linz und von da mit einem Schlepper die Donau abwärts bis zur Mündung. Von Varna lösen sie sich eine Schiffskarte nach Konstantinopel. ,, Zum ersten Male in Stambul! Mensch na, du kennst es ja. Gibts überhaupt eine schönere Stadt in der Welt? Wir hatten Geld, und ans Arbeiten dachten wir alle beide nicht fünf Minuten am Tage. Früh um sechse mit dem Motorboot den Bosporus hoch bis Büjük Dere, und über die Hänge mit den alten Kastellen mitten hinein ins Mittelalter und ins graue Altertum. Das war was für uns! Und dann der Betrieb am Goldenen Horn! Es hat keine drei Wochen gedauert, und wir konnten türkisch, griechisch und armenisch schachern wie die Alten. Unser bißchen Englisch und Französisch, das wir gelernt hatten, das hat uns auf Ehre dort keinen Pfifferling was genützt. Mit Deutsch kam man immer noch am besten aus. Mensch, haben wir ein Leben gehabt! Und zu Hause hatten sie noch immer keine Ahnung, wo wir uns rumdrückten! Von Brussa aus habe ich dann einen Brief nach Dresden ge= schrieben; sie sollten sich nur keine Sorge um uns machen, wir fänden uns schon zurecht. Unser Grieche war natürlich eine Pleite. Hat uns noch die letzten Platten aus der Tasche ger zogen. Aber das machte uns fast gar nichts aus. Wir zogen weiter, immer weiter, und plötzlich waren wir im sogenannten Heiligen Lande. Mensch! So ein Heckmeck! Bethlehem ist ein ganz großes Geschäft, sag ich dir! In Jerusalem wohnten wir bei einem Kuttenmann, der füllte Erde in kleine Mousser linsäckchen, ließ sich vom Griechischen Patriarchen eine Bes scheinigung ausstellen, daß sie aus dem Garten Gethsemane stamme, und verkaufte die Säckchen für ein türkisches Pfund - 63 das Stück nach Spanien. Am Jordan füllten die Mönche das Wasser des Flusses in leere Sektflaschen. Taufwasser, die Flasche zu fünfundzwanzig Mark. Hab' die Flaschen später in Breslau wiedergefunden in einer Devotionalienhandlung. Alle machen sie dort solche Geschäfte, die Römischkatholischen, die Griechischkatholischen, die Presbyter und die Mormonen, die Juden und die Mohammedaner. Nur Lutherische habe ich darunter nicht gefunden. Kein Geschäftsgeist in den Leuten. Und eine Bande, diese Mönche! Geil wie die Böcke und dazu meistens noch verkehrt gewickelt. Hör' mir bloß auf mit dem Heiligen Lande!" Auch eine gutgespickte Reisekasse wird einmal leer. Von Jaffa aus werden die Jungen zu Schiff nach Stambul abgeschoben, wo sie Herr von Nadolny, der deutsche Botschafter, in Empfang nimmt, in den Balkanzug steckt und wieder nach Dresden befördert. - ,, Kannst dir denken, daß mein fideler Alter nicht gerade erv baut war, als er mich wiedersah. Ich mußte wieder ins Ges schäft. Jeden Tag früh um fünf Uhr in die Selleriemoschee mit Hugo, unserm kleinen Steppenhengst, und einkaufen. Das Geschäft ging gut. Früh um achte saßen wir schon bei' ner kleinen Tante oder' nem Pokerchen in der Kantine. Die Freun din in der Frongasse, die die ganze Zeit über leergestanden hatte, verzieh alles und ließ wieder reichliche Gelder in meine Taschen fließen. Sie hatte es ja dazu. Auch ihr Geschäft ging glänzend." Aber Kurt arbeitet nicht zur Zufriedenheit des Vaters. Es gibt täglich Krach, und das Ende davon ist, daß der Junge abermals durchgeht. - wer ,, Eigentlich ist das alles ganz anders herum gelaufen, als ich mir vorgenommen hatte, daß es laufen sollte. Eines Tages ich spielte gerade eine Partie Billard im Central kommt da auf mich zu? Der Messerwerfer von Barnum & Balay. Er war als kleine Nummer bei Schumann gewesen; jetzt lag er gerade trocken. Na ja, man tut was man kann für alte Freunde. Wir heben also einen zusammen, und er berichtet, daß er demnächst mit einem englischen Zirkus nach Kanada zu gehen beabsichtige. Ob ich Lust hätte, mitzukommen? Sie brauchten noch einen gewichsten jungen Mann zum Schminken und für die Kostüme. Nebenher ein bißchen mittun in einer 49 64 sen -- kleinen Nummer mit Lassowerfen, und das könnt ich ja, und reiten könnt ich auch. Ja das hab ich zu erzählen verges den Ueberfall auf die Postkutsche, den Barnum als Wildwestnummer brachte, den hab' ich als Junge in der Probe öfters mitgeritten. Nichts dabei zu tun als mit einem alten Colt Platzpatronen verschießen. Den alten Schinken also woll ten sie in Kanada wieder aufwärmen. Auf- Indianer- Schminken war meine Spezialität. Ich sag also: Was verdient man dabei? Freie Hin- und Rückfahrt, sagt er, drei Dollar am Tag und freie Station. Das war ja nun nicht schlecht. Ich sag' also: Mäckie, gemacht! und schon war ich dabei." - So zieht der Dresdner Junge durch Kanada vom Osten nach dem Westen und zurück. Das war 1914. Im Juni wird die politische Lage mulmig; der Zirkus löst sich in Quebeck auf, und Kurt kehrt über London nach Deutschland zurück, noch ehe der Krieg ausbricht. ,, Als es losging, war ich gerade in Köln. Ich stellte mich natürlich freiwillig und wurde als, Artist' zum Luftschiff Bataillon Berlin- Tegel ausgehoben. Na, da hab ich denn allerlei erlebt. Meine erste Heldentat war, daß ich mich mit einem Marine- Zeppelin bei Königsberg über der Ostsee von einem englischen Torpedoboot abschießen ließ. Das ging ganz blöd sinnig zu. Wir hatten ja alle zusammen vom Kriege keine Ahnung. Versuchten, auf den Engländer Bomben abzuwerfen, die natürlich danebengingen, und dann brannten wir plötzlich lichterloh und gingen steil nach unten. Noch ehe die Gondel aufschlug, sprangen wir ins Meer und sind dann auch glücklich herausgefischt worden. Wenigstens ein paar von uns. Die meisten sind in der Gondel verbrannt." Kurt, der den Führerschein besitzt und der sich im Umgang mit Menschen allerhand Erfahrungen erworben hat, wird nach Breslau versetzt als, Fluglehrer'. ,, Die ganze Fliegerei steckte damals sozusagen noch in den Kinderschuhen. Als ich nach Breslau kam, standen dort im Schuppen zwei kreuzlahme Albatrosse und eine sogenannte Lehrmaschine aus dem grauen Altertum. Nichts war in Schuß. Ich baute die Dinger erst einmal richtig zusammen, flog ein paarmal mit ihnen um den Platz und war plötzlich, Chefpilot'. Eine Meute junger Kerlchen stand dabei um mich herum und staunte. Denen hab ich so nach und nach das Fliegen 5 Berbig: Knast 65 99 66 beigebracht, so, wie ich es eben erst selber gelernt hatte. Was aus ihnen später geworden ist, weiß ich nicht. Im Heeresbericht habe ich jedenfalls keinen ihrer Namen jemals erwähnt gefunden. Dann wurde mein Laden aufgelöst, und ich ging als Führer eines Beobachtungsflugzeuges nach dem Balkan." Hier entfaltet Kurt seine Talente. Er wird einer der glücklichsten Beobachtungsflieger und zugleich ein guter Kenner von Land und Leuten in Bulgarien. Wenn er Einzelheiten aus dieser Zeit seines Lebens erzählt, strahlen seine Augen begeistert. Er spricht dann gewöhnlich von einem am Spieẞ gebratenen Hammel, der mit Sauerkirschen und Weinlaub gefüllt ist, oder von einem Truthahn, so groß wie der Vogel Strauß. Endlich aber erwischt es ihn doch einmal. Bei einem Erkundungsflug über Saloniki zerschmettert ihm eine Schrapnellkugel das linke Ellenbogengelenk. Er bringt seine Maschine eben noch zur Bruchlandung und wird ohnmächtig aus dem Führersitz gehoben. In Linz, wo er im Lazarett liegt, erreicht ihn sein Schicksal: er lernt eine Krankenschwester kennen und heiratet sie. ,, Ein hübsches Mädel, kann ich dir sagen, und Geld war auch da. Der Vater hatte ein Textilhaus und machte groß in imprägniertem Loden. Aber die Mutter war erzkatholisch und wollte von der Heirat ihrer Tochter mit einem Ketzer nichts wissen. Na, das Mädel setzte natürlich seinen Willen durch, und wir wurden kriegsgetraut. Ganz groß und mit viel Auftrieb. Katholisch Ehrensache; aber das war mir ziemlich gleichgültig. Ich hatte inzwischen ein silbernes Gelenk gekriegt und konnte den Arm schon wieder ganz gut bewegen. Aber darauf kam es meiner jungen Frau gar nicht so sehr an. Sie hatte Temperament. Na ja, ich ging doch nun wieder ins Feld, und nachher kam ein kleines Mädchen an, genau dreizehn Monate nach unserer Trennung. Diese Verspätung konnt' ich unmöglich auf meinem männlichen Stolze sitzen lassen; ich ließ mich also scheiden." Kurt erlebt das traurige Kriegsende in der Heimat. Mit dem Vater hat er sich leidlich ausgesöhnt. Er tritt wieder ins Dresdner Geschäft ein, schafft sich eine Braut an und bewohnt mit ihr höchst unbürgerlich eine Etage in der Innenstadt. ,, Damals lernt' ich den Moses Meisenstein kennen, meinen Hauswirt. War auch eine Spielratte, wie die meisten Juden meiner Bekanntschaft; saß jeden Abend im Zentral. Kurt, sagt er eines Tages zu mir, wovon lebst du eigentlich? Ich. sagte: Vom Geschäft und von der Rente. Sagt er wieder: Die Leute haben jetzt dicke Brieftaschen und schmeißen das Geld nur so zum Fenster’raus. Du mußt dich dahin stellen, wo es hinfällt. Wohin also? frag’ ich. Und nun erklärte mir der Moses Meisenstein, wie er sich die Sache dachte. Er wollte mir die Wohnung glänzend einrichten und auf die Miete pfei- fen, wenn man bei mir spielen könnte. Was denn spielen? frag’ ich dumm. Nu, wer mer spielen ä harmloses Karten’ spiel, un hinterdrein vielleicht ä Pokerchen oder ä kleine Roulette. Leute hätt’ ich genug für ä Klub.— Die Sache ging also los. Ganz reell! Ich hatte jede Woche zweimal Geburtstag mit einem anständigen Abendbrot und guten Weinen. Meine Braut war ein fixes Mädel. Sie kochte und führte die Kasse, und es rollte bei uns ein schauderhafter Kies’rein. Ich spielte in meiner Wohnung grundsätzlich nicht mit. Hätte die Gimpel ja rupfen können nach Strich und Faden. Aber der Moses Meisenstein wollte davon nichts wissen. Er hat trotzdem eine Menge Geld in meiner Wohnung gelassen.“ Das Geschäft geht eine Weile gut. Aber schließlich‘ wird der Klub zu groß. Ein im Vertrauen auf seine Verschwie- genheit zugezogener Fremder verliert eine zu große Summe und redet von Falschspiel. Die Polizei bekommt Wind von der Sache und schließt den Klub. Kurt Apostel wird wegen Duldung gewerbsmäßigen Glücksspiels zu zwei Jahren Zucht+ haus verurteilt. „Die zwei Jahre in Celle ist mir’s nicht schlecht ergangen. Erst habe ich Tüten geklebt; nachher kam ich in die Land» wirtschaft. Als ich nach Verbüßung der Strafe nach Hause kam, wollte mir der Alte ein Geschäft in Leipzig einrichten. Aber ich dankte. Machte mich vielmehr auf die Socken und landete eine Woche später in Stambul. Ich hatte da nämlich im Zuchthaus einen netten Kerl kennengelernt, den Max Buchmann, der einen Monat vor mir entlassen worden war. Kurt, sagt’ er einen Tag, ehe er’rausging, zu mir, ich gehe zumı Bahnbau bei der Schwedisch-Türkischen. Die legen jetzt die Strecke durch Anatolien von Haidar-Pascha aus, und da kannst du mitgehen. Ich kenne den Direktor, und der Direktor kennt 5* 67 mich; weiß, weshalb ich hier gesessen habe und hat mir an- geboten, mich sofort einzustellen, wenn ich"rauskomme. Ich bürge für dich. Du kannst als Werkschreiber jederzeit dort unterkommen. Die Ingenieure sind fast alles Deutsche. Mensch, das ist ein Leben— und du kommst aus diesem muffigen Lande raus, wo dir auf Schritt und Tritt angehängt wird, daß du mal im Knast gesessen hast! Das war ja nun gleich mein Fall. Ich fahre also nach Hai- dar-Pascha hinüber und stelle mich bei der Schwedisch-Türkis schen vor. Aber natürlich könnten die einen so fixen Kerl wie mich brauchen. Herr Buchmann habe schon von mir gespro- chen. Sei draußen an der Linie, und ich könne schon morgen nachfahren und in seinem Bauabschnitt antreten. Buchmann freute sich riesig, als ich ankam, und die übrigen Herren auch. Ich kriegte gleich zwei Säcke mit fünfundsiebzig- tausend Türkischen Pfunden in die Hand gedrückt zur Lohn- zahlung an die Streckenarbeiter, und bereits am nächsten Tage war ich mit einem hübschen Hengst, zwei Packeseln und einem Türkenjungen unterwegs.“ Es stellt sich heraus, daß ein Leben ohne Frau in der Einsam- keit der wilden und schönen Berglandschaft Anatoliens ein Unding ist. Kurt nimmt einen kurzen Urlaub, fährt nach Dres- den zurück. und holt sich seine Braut, die treu auf ihn ge- wartet hat. Mit ihr zusammen baut er in der Nähe der Bahn- strecke eine Art ‚Kasino für die Beamten und Ingenieure der Gesellschaft auf,‘das bei jeder Verlegung des Bauabschnittes mitwandert. Wenn er vom Leben in diesem Lande spricht, wird er ordentlich weich. Vom Reichtum der Berge an Erzen erzählt er, vom Fischfang in klaren, raschfließenden Gewässern, von der Jagd auf wilde Schweine, von den Sitten und Gebräu- chen des türkischen Landvolkes, von dem kleinen Töchterchen, das ihm geboren wird, von seinen Hunden, Pferden, Eseln, Enten, Hühnern, von Butter, Eiern und Früchten, von Freund schaft und Kameradschaft, von wilden Leidenschaften und Gefahren. Zwölf Jahre lebt er in diesem Lande, erlernt seine Sprache, verbringt jeden Urlaub in Stambul, hat auch dort viele Freunde und Bekannte. Dann trifft ihn der schwerste Schlag seines Lebens: das elfjährige Töchterchen wird von einem jungen Hengst, den er 68 zureitet, so schwer geschlagen, daß es einen Tag später sei ner Verletzung erliegt... ,, Da war uns mit einem Male das Land leid, du kannst mir das glauben, Hans. Wir haben das Mädel auf einem türki schen Friedhof begraben. Dann sagte meine Frau: Kurt, in diesem Lande, so schön es ist, kann ich nicht mehr bleiben. Wir wollen zurück nach Deutschland gehen. Geld hatt' ich ja - - genug. Wir hatten gespart in den Jahren und was vor uns gebracht. In Stambul war schon im Frühjahr ein großes Ge rede gewesen von der neuen Regierung, die jetzt in Deutsche land wäre. Man sagte, es würde alles ganz anders, und einige meinten, auch besser. Die meisten Deutschen in Stambul das war also im Herbst vierunddreißig waren bei der Partei. Das ging ganz einfach zu. Da kam einer mit einer Hakenkreuzbinde ins Haus und sagte: Sie müssen auch Parteimit glied werden. Wer nicht dabei ist, der stellt sich gegen Deutsch land und ist ein Vaterlandsverräter. Die Anständigen sind alle dabei. Kostet nur so und so viele türkische Pfunde im Jahre, und wer das nicht zahlen kann, für den machen wir es auch billiger. Dafür genießen Sie den unbedingten Schutz der Botschaft. Da sagten denn die meisten: Wenn Sie das sagen, Herr Müller, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Also schreiben Sie meinen Namen nur ruhig in die Liste. Zu mir ist keiner gekommen. Wir wohnten eben doch zu weit ab... - Dann kamen wir nach Deutschland und zogen nach Leipzig. Ich kaufte ein Häuschen am Rande der Stadt und baute meinen Kohl. Was ich so nebenher von der Politik hörte, das wollte mir freilich gar nicht recht gefallen. Aber die andern hielten die Schnauze, also war ich auch still. Meine Frau konnte noch immer nicht recht über den Tod unseres Mädels wegkommen. Es war ja manches anders geworden in Deutschland, aber, so wollte es mir scheinen: nicht besser. Wer zwölf Jahre in der Freiheit Anatoliens gelebt hat, der kann eben nicht begreifen, was damals in Deutschland geschah. Aber wir kümmerten uns um niemanden und lebten still für uns. Eines Tages wurde ich aus dem Schlafe geklopft. ,, Geheime Staatspolizei! Ziehen Sie sich rasch an. Kommen Sie mit!" Draußen stand ein Auto. Man brachte mich ins Polizei69 gefängnis. Da stand in der Halle schon ein zitternder Men schenhaufen: Männer im eleganten Gehpelz, andere in Arbeitskleidung, alle mit bedrückten Mienen. Immer mehr Leute kamen in verschiedenen Wagen an. Die Halle füllte sich. Na. du kennst sie ja, Kein gemütlicher Aufenthalt. Die halbe Nacht lang wurden Personalien aufgenommen. Niemand sagt dir, was du verbrochen haben sollst. Geld, Wertsachen. Brieftasche, Uhr, Hosenträger na, du weißt Bescheid. Früh in der fünften Stunde ordnet sich der Trauerzug im Hofe. Dort stehen fünf Laster mit Bänken und einer Plandecke. Alles einsteigen! In jeden Wagen drei SS.- Männer mit ents sicherter Maschinenpistole. Abfahren! Keiner hat eine Ahnung, wohin es geht. Einer der Polizisten schwatzt schließlich., Zweite B. V.- Sammlung nach Buchenwald', sagt er, als eine zitternde Frauenstimme ihn anfleht, ihr doch das Reiseziel zu verraten. Ich wußte gleich Bescheid; hatte schon davon reden hören. Wer mit Zuchthaus vorbestraft ist, gilt als Berufsverbrecher und wird zur weiteren Besserung und Erziehung in ein Lager geschickt. Dort findet er eine Beschäftigung, die geeignet ist, aus ihm wieder ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu machen. Hast du verstanden? Ich wollte nicht recht an diese Version glauben. Aber Kurt ließ meine Zweifel unbeachtet. ,, Damals war preußische SS. dort. Mensch! Mehr sag' ich nicht!" 37 Warum sagst du nicht mehr?" Apostel blickte verträumt vor sich hin. ,, Weiß ich, wer du bist? Nicht einmal meiner Frau hab' ich was davon erzählt. Frage die Männer, die dort waren. Keiner erzählt was. Sie wissen alle, warum. Natürlich sind wel che drunter, die haben nachher alles haarklein aufgeschrieben und irgendwo versteckt. Später wird man allerleihand davon erfahren. Aber was hat das alles für einen Sinn? Wer nie die Liebe empfunden hat, der kann sich von ihr auch kein Bild machen. Genau so is es mit Buchenwald. Worte können das nicht schildern. Dazu ist die Sprache viel zu arm. Stell' dir vor, du wirst in eine große Holzkiste gesteckt, die innen mit Stacheldraht bespannt ist. Ganz dicht. Du bist nackt, und es 70 ist spät im Herbste. So läßt man dich drei Tage lang stehen. Nun beschreibe mal deine Gefühle!" ,, Das hat man gemacht?" ,, Davon habe ich kein Wort gesagt. Ich werde mich hüten, was aus der Zeit zu erzählen. Du sollst dir das nur mal vorstellen. Oder stell' dir vor, du kriegst fünfundzwanzig auf den Arsch und mußt dazu laut zählen. Wenn du dich versprichst, mußt du von vorn anfangen. Mit der Klopfpeitsche, versteht sich. Zwei Mann, einer hüben, einer drüben. Kräf tige Leute, worauf du dich verlassen kannst. Hier wird nichts mit halber Kraft gemacht." ,, Und wofür wird man geschlagen?" ,, Ich sage kein Wort davon, daß einer geschlagen worden ist. Du sollst dir das bloẞ mal vorstellen. Aber denke dir mal: da sind Juden, die haben aus Versehen einen Kübel Essen zuviel gekriegt. Sowas kann vorkommen. Natürlich haben sie davon gegessen. Wer Hunger hat, der friẞt eben. Nachher is was übrig. Du willst es nicht in den Schweinetrog schütten und gibst den Rest der nächsten Baracke. Und nun wirst du von irgendeinem Lumpen gemeldet, daß du Essen; von dem Juden gefressen haben, zur menschlichen Ernährung weitergegeben hast und schon bist du von deinem Po sten als Essenverteiler abgelöst und kriegst fünfundzwanzig und drei Tage Arrest in der Stacheldrahtkiste. Sitzen kannst du nicht, liegen kannst du nicht, also mußt du stehen, und das Blut läuft dir dabei die Beine herunter. Ich meine, sowas sollst du dir bloß mal vorstellen. Aber das sind ja alles Kleinigkeiten. Wenn du eine lebhafte Phantasie hast, kannst du dir noch viel mehr einbilden. Zum Beispiel, wie du auf der Flucht erschossen wirst, wenn du mal austreten gehst, oder wie du sterilisiert wirst, weil du vor zehn Jahren mal ja, etwas getan hast, was im Heiligen Lande unter den griechischen Mönchen die große Mode ist. Ich erzähle grundsätz lich nichts aus dieser Zeit, aber du kannst es mir glauben, daß ich heute noch von ihr träume und dann wache ich mit einem Schrei auf und bin froh, daß ich in dieser Zelle hier auf einem Strohsack liege!" - -- na Nach seiner Entlassung aus dem Lager wird Apostel als Lagerführer bei einer großen Fabrik dienstverpflichtet, die Kriegsbedarf herstellt. Er hat fünfhundert Polen, Tschechen, 71 b Italiener, Serben, Holländer, Litauer und noch einige andere Nationalitäten zu betreuen, und er kommt sich ganz hochherrschaftlich in seiner schwarzen Uniform vor, die der eines Panzerjägeroffiziers so ähnlich ist, daß er überall für einen solchen angesehen und gegrüßt wird, wo er in der Stadt in Erscheinung tritt. ,, Das war so, siehst du: die Polen hatten Stühle und Tische in ihren Baracken verfeuert, und dafür wurde ihnen eben der Tabak entzogen. Nun lag das Zeug da. Weißt ja, wie das heutzutage is mit den Karten. Ich gehe also hin und sage zu meinem Tabakfritzen: Kannst du mir nicht ein paar Päckchen abgeben? Er gab mir fünf kleine Packungen, und ich zahlte ihm dafür drei Mark. Das is der richtige Preis. Aber der Tabak, den die Polen kriegen, is nicht banderoliert. Ich werde also bestraft wegen Steuerhinterziehung und Uebertretung einer Kriegswirtschaftsverordnung. Macht unter Berücksichtigung der Vorstrafe ein Jahr mit anschließend einem weiteren Jahre Buchenwald als B. V. Hast du Worte?" ., Ich glaube nicht, daß man dich dafür so hart bestraft", versuchte ich zu trösten. ,, Wenn jede Uebertretung dieser Art mit Gefängnis bestraft würde, langten ja die Strafanstalten. gar nicht zu!" ,, Da bauen wir neue, mein Lieber! Mit sowas bringt man die Nazis nicht in Verlegenheit. Hast du eine Ahnung von Deutschland!" Er schüttelte betrübt sein weises Haupt und sagte abermals: ,, Hast du eine Ahnung von Deutschland!" Ich mußte später noch oft an diese Worte meines Freundes Apostel denken. In der Tat: Hatte ich eine Ahnung von Deutschland? Wenn schon: dann noch immer nicht die richtige! Der Thüringer. In Apostels Gesellschaft gingen die Tage rascher hin. Früh klebten wir zusammen ein paar Tüten, und am Nachmittage und in den Abendstunden schrieb ich den ersten Entwurf einer Komödie nieder, die ich zusammen mit William Robert Nelle auf die Bühne bringen wollte. Der Gedanke dazu hatte mich 72 22 schon einige Zeit vor meiner Verhaftung bewegt; die Ein samkeit dieser Tage machte ihn reif zur ersten Niederschrift, Apostel war merklich stiller geworden, als er feststellen mußte, daß der Meister wirklich keinen Priem zu verschießen hatte. Eines Tages kam er sichtlich bewegt vom halbstündigen Spaziergang im Hofe herauf.„Hans“, so sagte er bedeutend, „hier oben ist eine Gummibude.'Da werden Kondoms verpackt für Anfänger in der Liebe. Die Leute, die dort arbeiten, krie- gen Priem und dürfen auch rauchen. Wollen wir uns dazu melden?“ Ich hatte wenig Lust dazu, die Einsamkeit der Zelle mit der unheimlichen Geschwätzigkeit einer gemeinsamen Arbeitsstelle zu vertauschen. Aber Apostel war begeistert.„Die suchen Ars beiter— und, weißt du, man braucht sich nachher keine Vor- würfe zu machen, daß man in der Kriegsindustrie mitgewirkt hat. ‚Ne Art Menschenmord is das ja auch, aber— na ja, die verzeihlichste Form. Und dafür kriegst du wöchentlich zwanzig Stäbchen und darfst dir auch von draußen was besorgen. Ich habe noch hundert gute holländische Zigarren zu Hause. Die könntest du kriegen. Ich rauche sie nicht.“ Der Gedanke war zweifellos verlockend. Aber die Ereignisse eilten— wie so oft im Gefangenenleben— unsern Entschlie- Bungen voraus. Schon am Nachmittag des gleichen Tages wurde ‚Apostel in die Gummibude abgeholt, und ich blieb allein. in der Zelle: Darüber, daß bei der starken Inanspruchnahme des Gefängnisses meine Einsamkeit nicht von Dauer sein würde, war ich mir klar... Nach dem Abendessen tat sich denn auch die Tür schon wieder auf, und herein trat eine mächtige, breitschultrige Ger stalt, blickte sich suchend um und blieb gebückt vor mir stehen. „Moschinski.“ Ich erhob mich von meiner Arbeit und bot ihm die Hand. „Untersuchung?“ fragte ich. „Nein. Ein Monat Gefängnis ohne Verhandlung. Zwei Pfund Wurst und zwei Pfund Speck, getauscht gegen eine alte Lederjacke.“ „Auch gut. Bitte machen Sie es sich dort hinten in der Ecke bequem.“ 73 " Weiß Bescheid. Danke. Habe schon einmal drei Monate in Gera gesessen wegen Meckerns. Politisch nennt man sowas heutzutage. Sonst wäre ich jetzt vielleicht mit einer Geldstrafe weggekommen. Habe auch keine Beschwerde dagegen eingelegt; hat ja gar keinen Sinn. Man riskiert nur, daß noch zwei oder drei Monate draufkommen. Kriegte die Einladung zur Verbüßung der Strafe gerade am Weihnachtsheiligabend. Man liebt solche sinnigen Ueberraschungen im neuen Deutschland." Moschinski war Rentner. Schwerkriegsverletzt; linker Arm infolge einer Verschüttung in der Champagne bewegungsunfähig; ein treuherziger Thüringer. Gleich am ersten Tage legte er an der Wand einen Kalender an, indem er mit einer Stopfnadel dreißig dünne Striche in die Kalkwand ritzte. Jeden Abend kreuzte er unter philosophischen Betrachtun gen über die Vergänglichkeit des irdischen Daseins einen solchen Strich durch. Die meisten kurzfristigen Gefangenen tun dies. Die Zukunft ist ihnen verschlossen, die Gegenwart widerwärtig, also flüchten ihre Gedanken in die Vergangenheit und verweilen dort mit verbissener Zähigkeit. Der Kalender deu tet die Zukunft nur flüchtig an. Der tägliche Querstrich ist die Hauptsache an ihm... Moschinskis Leben ist einfach genug verlaufen. Der Schwerverletzte kommt aus dem Weltkriege heim und fängt auf den Dörfern der Umgegend von Neustadt an der Orla einen kleinen Wanderhandel mit Pferdedecken an. Bald kommen Schuhe, landwirtschaftliche Geräte und Arbeitsanzüge dazu. Der Handel nährt seinen Mann; Moschinski gelangt zu bescheidenem Wohlstande und kauft sich eine kleine Schankwirtschaft. Sechs Mädel hat er, die alle gut verheiratet sind, drei davon an Gastwirte. Bei einer dieser Töchter arbeitet er jetzt hier in Leipzig als Mädchen für alles. Einfach ist sein Leben verlaufen, und doch ist es reich an Schnurren und Schwänken, die er mit listigem Augenzwinkern erzählt. Nachts schnarcht er wie eine Kreissäge. Aber er hält auf Ordnung in der Zelle. Seine erste große Tat ist, daß er sich einen Eimer heißes Wasser geben läßt und die Diele scheuert, die seit Monaten keinen Tropfen Wasser geschluckt hat. * 74 14 Vierzehn Tage mochten so vergangen sein, als ich abermals , vor Gericht geholt wurde. Im Geschäftszimmer des Sondergerichts erwartete mich mein Anwalt. ,, Nun weiß ich endlich, was los ist", sagte Dr. Burck nach herzlicher Begrüßung.„ Ich war beim Staatsanwalt, und er hat mich einen flüchtigen Blick in die Akten tun lassen. Wir sind draußen inzwischen auch nicht müßig gewesen und haben alles zusammengetragen, was Ihre Haltung zum Staate ins erwünschte Licht rückt. Sie geben an, der Zeuge Fink habe sich erzkatholisch gegeben und dabei einiges gesagt, was mit sei ner HJ.- Ehrennadel nicht in Einklang zu bringen ist. Aus den Akten geht hervor, daß er evangelisch ist!" Ich war einigermaßen erstaunt. ,, Aber er hat doch seinen katholischen Glauben ,, Verlassen Sie sich drauf, er ist evangelisch!" ,, Dann hat er eben diese Rolle gespielt, um damit im schwächlich protestantischen Leipzig einen schmackhaften Bis sen an seine Angel zu bringen." ,, Das glaube ich ja auch. Aber der Staatsanwalt ist zunächst geneigt, Ihnen die ganze katholische Geschichte nicht zu glauben." ,, Ja, die muß er aber doch wohl glauben. Der Zeuge hat schon in Anwesenheit meiner Frau bei unserm ersten Zu sammentreffen seine katholische Haltung betont." N Das wäre von Wichtigkeit; Ihre Frau wird das bezeugen?" ,, Ich nehme an, daß sie sich dieser Wendung erinnert." ,, Das wäre gut. Inzwischen habe ich auch einige Ihrer Bücher gelesen. Sie lesen sich übrigens gut. Ich muß Ihnen da eine Schmeichelei sagen. Darin ist ja auch einiges zu finden, was zum Beweise für Ihre Haltung herbeigezogen werden könnte wenn freilich im großen und ganzen eine auf Völkerversöhnung und friedlichen Ausgleich einander entgegenstehender nationalistischer Interessen hinwirkende Tendenz nicht zu verkennen ist. Die Sache sieht jetzt schon ein wenig freundlicher aus. Sie haben da auch gelegentlich Briefe an Ihre Söhne geschrieben, aus denen eine extrem national sozialistische Haltung ersichtlich wird. Sie sind Goldes wert." Er zwinkerte mich dazu listig aus den Augenwinkeln an... Diese Briefe! In lustiger Laune geschrieben stand da etwa drin: ,, Tante Jenny hat unserm geliebten Führer einen Altar 75 75 errichtet in der Ofenecke ihres Speisezimmers. Dort steht sein Bild in der schlichten Haltung des bescheidenen, sachlichen Redners, der durch die Wucht seiner Wahrheiten die Massen in seinen Bann zwingt. Wenn wir in das Zimmer treten, blei ben wir einen Augenblick in tiefer Ergriffenheit vor diesem Bilde stehen, und unsere Gefühle eilen des Führers Zielen voraus in ein glückliches, siegreiches Großdeutschland." War der Staatsanwalt wirklich so dumm, diese Briefe ernst zu nehmen? Oder war er geneigt, sich so dumm zu stellen und diesen Kohl zu glauben? Ich sagte: ,, Am Ende ist es besser, Sie lassen diese Briefe aus dem Spiel!" ,, Wo denken Sie hin!" meinte der Anwalt. ,, Ich sagte Ihnen doch schon: sie sind Goldes wert. Nein sie werden in der Verhandlung eine wichtige Rolle spielen!" -- Als ich zurückkehrte in meine Zelle, fiel mir der evange lisch- katholische Schmutzfink erschreckend auf die Seele. Ein Wort des alten griechischen Komödiendichters Menander fiel mir ein: ‚ Der Mensch ist an sich ein hinreichender Grund zur Traurigkeit!' Welch eine tiefe Weisheit! Ich hatte es bisher immer nicht so recht glauben wollen. Jetzt wußte ich: Menan der hat recht! * Bisher hatte ich mich nicht am täglichen Rundgang im Gefängnishofe beteiligt. Moschinski überredete mich dazu. ,, Du mußt ein halbes Stündchen Luft haben", sagte er, ,, und Menschen lernst du auch kennen." - - - Ja ich umfaßte Gestalten und Gesichter mit prüfendem Blick. Was ich sah, war entmutigend. Beim Rasieren oder beim Herausstellen der Wasserkrüge wurde ich von dem und jenem im Flüstertone hastig angesprochen. Wie lange schon hier? Warum? Diebstahl: Ein Gummimantel. Ein Pfund Bohnenkaffee. Unterschlagung: Schwerarbeiter- Brotkarten zum Beispiel. Da war ein Posthelfer, der Päckchen entwendet, ein Friseur, der französische Seife zu Ueberpreisen verkauft hatte; ein Schauspieler, verhaftet wegen dunkler Beziehungen zu einem Schauspielschüler; ein Viehhändler, der in der Trun kenheit auf die Partei geschimpft hat; ein Fliegerhauptmann, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wegen Widersetzlichkeit; ein Spediteur, angeklagt nach dem Heimtückegesetz gleich mir; Polen, Franzosen, Serben und Kroaten wegen Arbeits76 £lucht oder Tabakschiebung. Viele von ihnen waren vorbes straft; nicht immer um des gleichen oder auch nur eines ähn- lichen Vergehens willen, das sie hierher gebracht hatte;„Wer vorbestraft ist, kommt anschließend ins Lager zur Besserung!“ sagte ein Alter beim Rasieren in der Rundhalle.„Dort ma chen sie ihn fertig!“ In der Zelle hundertacht wohnte ein griechisch-orthodoxer Geistlicher zusammen mit drei Polen, die wegen Arbeitsverweis gerung eingesperrt waren. Der Grieche— Stepalopulos hieß er— hatte den Athener Sender abgehört. Er war schon drei Monate drüben im Polizeigefängnis gewesen. Anklage war noch nicht erhoben. Der evangelische Gefängnisgeistliche be» suchte ihn täglich und unterhielt sich oft lange mit ihm! ver der Zelle. Eines Tages kam dieser Gefängnispfarrer auch zu mir, um sich nach meinen geistlichen Bedürfnissen zu erkundigen. Ich war einigermaßen erstaunt über diesen Besuch. Der Pfarrer kümmerte sich sonst kaum um die Untersuchungsgefangenen. Was mir die besondere Ehre seines Besuches verschaffe, fragte ich gerade heraus. Es sei seine Pflicht, auch den Untersuchungsgefangenen * Trost zu spenden, sagte er einfach. Im allgemeinen werde die- ser Trost ja von diesen Weltkindern abgelehnt. Sie seien vor einer Verurteilung noch nicht ‚so weit‘. Es sei eben das Los der Seelsorge in Gefängnissen, daß sie steinigen Boden be> ackern müsse. Aber etwas falle doch eben auch auf gutes Land und bringe Frucht hundertfältig. Was mich hierher geführt habe? Ich berichtete kurz, und der Pfarrer hörte sich alles an ohne Einwand oder Zwischenfrage. Dann sagte er: „Ach, vor Gott ist das alles ja so nichtig. Erheben Sie Ihre Seele zu Jesum Christum, der allein helfen kann, und Sie werden Trost in seinem Worte finden. Er verwirft die Sünder nicht. Denken Sie an die schöne Stelle Johannes am Achten, wo der Herr zu den Pharisäern spricht: ‚Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf siel‘“ „Ein schönes Wort“, sagte ich,„nur— einmal trifft es mich und meine besondere Lage gar nicht, und zum andern, es ist nicht von Christus. Die Stelle im Johannisevangelium ist zuverlässig als Interpolierung erkannt.“ 27, ,, Ach gehen Sie mir doch weg mit diesem textkritischen Firlefanz!" meinte der Pfarrer milde. ,, Wer spricht heute noch von Roberts und Drews. Wir haben uns zur Ueberlieferung zurückgefunden. Wer sich im Gestrüpp dieser sogenannten Wissenschaft verliert, der wird zuletzt gar an der göttlich menschlichen Persönlichkeit des Erlösers irre. Hat Jesus gelebt? Ich weiß es nicht. Aber daß er für mich gestorben ist, daß er auferstanden und am dritten Tage aufgefahren ist gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten: das weiß ich ganz gewiß! Lernen Sie kindlich denken, lieber Mitbruder in Christo, und Sie werden die Ruhe der Seele finden, die Sie in diesem Hause brauchen." Er hieß mich in die Zelle treten und schloß eigenhändig die Tür mit dem Hauptschlüssel hinter mir zu. ,, Ein schöner Pastor!" knurrte Moschinski. ,, Er hat dich genau so eingeschlossen, wie das die andern auch machen. Wenn ich hier Pastor wäre, ich nähme mir einen Wachtmei ster mit und ließe von ihm öffnen und schließen. Sowas gehört einfach nicht zu einem solchen Amte!" Moschinski gurgelte mit Kamillentee, den der Zahnarzt ihm verordnet hatte, Er war in denkbar schlechter Laune. ,, Zehn Tage hab' ich nun weg", fügte er hinzu, indem er den Rest des Tees in den Abort schüttete, genau ein Drittel der Strafe. Ich weiß wenigstens, wenn ich wieder' rauskomme. Das ist immerhin tröstlich. Hab' ich dir das Ding mit den Telegrafenstangen mal erzählt?" Ich verneinte. ,, Das Ding is gut! Da lernt' ich mal einen jungen Kerl kennen, der war richtig. Schlank, elegant, gut angezogen, so trat er in die Dorfschenke von Burkersdorf und setzte sich mit freundlichem Gruß zum Herrn Postverwalter an den Tisch. Er sei Postinspektor in Erfurt, so erzählte er. Die beiden kamen bald ins Gespräch über allerlei Fachfragen, und schließlich redeten sie über den Telegrafendienst zwischen Auma und Triptis, der im Winter des öfteren durch Schneeverwehungen lahmgelegt war, Na, die Sache wird ja nun bald ein Ende haben, sagte der Herr Postinspektor wie nebenher., Wenn erst die neuen Masten gesetzt sind, kommt alles in Ordnung! Der Herr Postverwalter wußte davon noch nichts., Auch so eine Bummelei', tadelte der Elegante., Die Sache liegt schon vierzehn 78 Tage auf dem Telegrafenbauamte, und die Herren an der Straße sind noch nicht benachrichtigt. Werde mich mal drum küm- mern müssen. Na, gleich geht es ja wohl auch noch nicht los. Vor März-April kann ich meine Arbeiter nicht rausschicken.“ ‚Wird hier was geändert‘, fragte der Wirt neugierig. Die Masten sind zu niedrig. Es werden höhere Masten gesetzt im Frühjahr, damit die ewigen Störungen endlich auf hören. Die Bauern hier können da übrigens ein gutes Geschäft machen. Die Post gibt die alten Stangen für zwei Mark das Stück ab. Der Abtransport nach Erfurt lohnt sich nicht. Aller- dings nur gegen Barzahlung. Dafür fährt sie die Masten aber auch bis ins Gehöft; Pfosten für Gartenzäune und Vieh- weiden.‘— Der Wirt sprang gierig auf den so lässig hingestrichenen beim. 2-; ‚Zwei Mark das Stück. Das wäre billig. Gutes Holz; im- prägniert.' Am Nachbartische saß der Herr Pastor mit ein paar Bauern aus dem Dorfe. Ob man nicht auch einige von diesen Masten. haben könne?— Na, was soll ich dir sagen, die Geschichte ging in zehn Minuten im Dorfe herum wie ein Lauffeuer. Die Bauern kratzten ihr Geld zusammen und kauften, und der Herr Postinspektor nahm lächelnd und fast widerstrebend dieses Geld und teilte Quittungen aus mit seinem Namen und einem herrlichen Stempel des Telegrafenbauamtes zu Erfurt. Die letzten, die angestürzt kamen, hätten beinahe keine mehr ber kommen, da die zweihunderfünfzig Stangen zwischen Auma und Triptis schon vergeben waren. Aber dem Herrn Postin- spektor fiel glücklicherweise noch ein, daß ja die Fortsetzung der Linie auch umgesetzt würde, und so verkaufte er denn. “ noch hundert Stück mehr. Dann aß er seelenruhig ein großes Schnitzel, setzte sich auf sein Motorrad und verschwand. Er ist nie wiedergekommen. Wollt’s ihm auch nicht geraten haben. Die Bauern schlügen ihn tot!“ „Das ist allerhand! Natürlich war alles Schwindel!“ „Ich sag dir nur das eine: wenn du ein Bierglas an den Kopf haben willst, dann brauchst du nur nach Burkersdorf bei Weida zu gehen und zu fragen: Kauft hier jemand Tele- grafenstangen? Da sollst du mal sehen, wie sie hochgehen!“ „Man hat, den Betrüger nicht erwischt?“ 79 ,, Nee, bis heute nich. Er hat das Ding noch zweimal gedreht, einmal in der Plauener Gegend und einmal im Bayrischen drüben. Nachher hat er das Geschäft aufgegeben. Bei Plauen hat er sechshundert Stangen verkauft. Weiß nicht, wo er jetzt steckt." "" , Wie mag er eigentlich auf diesen frechen Schwindel ge kommen sein?" fragte ich nach einer Weile. Der Gedanke ist immerhin originell." Moschinski lächelte. ,, Das hat er mir erzählt. Dir kann ich's sagen: ich bin ihm später mal wieder begegnet. Weil du sagst: originell! Das stimmt nun eigentlich gar nicht. Er hat nämlich mal wegen einer kleinen Polizeisache im Geraer Untersuchungsgefängnis gesessen. Sie haben ihm damals nichts nachweisen können und mußten ihn wieder laufen lassen. Da drin hat er den Trick für zwei Schachteln Priem gekauft von einem alten Kunden, der das Ding vor zwanzig Jahren schon einmal gedreht hatte. Der hatte sogar den Draht mit verkauft, und damit hatten sie ihn gekappt. Man darf in solchen Dingen nicht zu geldgierig sein.' - Das Gefängnis als Lehrmeister! so mußte ich flüchtig denken. Ein oft und mit peinlichen Gefühlen erörtertes Kapitel. Mit welchen Erfahrungen und Einsichten würde ich einmal dieses Haus verlassen? Mit einem ganzen Rucksack voll neubackener Lebensweisheit- natürlich. Das stand fest. Aber wie teuer war diese Weisheit erkauft! Ein ganzes Volk mußte dafür zahlen mit seinem guten Rufe, seinem Ansehen -- - seiner Ehre! Welch erschreckender Bazillus war allein schon das Wort Volksgemeinschaft geworden! Hatte es etwas dem Aehnliches in Deutschland schon einmal gegeben? Ge wiẞ. In den Tagen nach der Schlacht bei Jena war es in Berlin auch so gewesen. Die Angst vor den Spitzeln Napoleons hatte alles Vertrauen von Mensch zu Mensch zerstört. Auch diese Spitzel waren, Volksgenossen' gewesen. Aber damals war das Uebel doch immerhin auf einen kleinen Kreis be schränkt geblieben, während heute die Furcht vor dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei auf allen Gemütern lastete. Der Arbeiter miẞtraute dem Nachbar seines Arbeitsplatzes, der Angestellte und der Beamte seinem Kollegen. Die Gaststätten verödeten, nicht nur, weil das Bier dünn, der Kaffee schlecht, 80 60 der Wein knapp und teuer war, sondern vielmehr, weil man. jedes Wort wägen mußte, das am Tische gesprochen wurde. Man vermied es in guter Gesellschaft grundsätzlich, Gespräche über die Zeit zu führen. Aber war das denn eigentlich richtig? Hatte nicht gerade der Gebildete die sittliche Pflicht, Stellung zu nehmen zu den großen Fragen des Vaterlandes, sein moralisches Gewicht in die Waagschale zu werfen, die Masse der Trägen aufzurütteln zum Bekenntnis dessen, was er als unver äußerliches Recht der Person empfand? - Ueber allem dem aber stand eine ethische Erkenntnis von schlechthin überragender Bedeutung. Aus der Behandlung meines ,, Falles" wenn man schon SO sagen darf ging klar hervor, daß die Verabsolutierung des Staatsgedankens bis zur Vergottung des Trägers der Macht sich auch das Recht völlig untertan gemacht hatte. Die Vorstellung, daß Macht Recht schaffe, war allgemein und beinahe unwidersprochen. In Wahrheit aber kann der Staat aller göttlichen und menschlichen Logik zufolge nie über dem Recht stehen. Er ist ihm vielmehr als dem Prinzip der Verwirklichung der Gerechtig keit genau so unterworfen, wie jeder einzelne. Macht kann niemals Recht begründen! Wie das bürgerliche Recht letztlich in den der bürgerlichen Ethik entliehenen Begriffen der guten Sitten" und von ,, Treu und Glauben" wurzelt, so müssen auch politische Rechte in ihren Grundlagen sich orientieren an jener politischen Moral, die das letztvergangene Jahrhune dert unter mancherlei Wehen geboren hat. Das deutsche Regime aber ich sah dies in der Einsamkeit der Zelle klarer als viele, die draußen im Drange des öffentlichen Lebens und unter dem Druck der Knebelung des freien Wortes standen war das gerade Gegenteil dessen, was sich als politische Moral langsam und schmerzhaft im Leben der großen Demokratien entwickelt und durchgesetzt hatte. Hitler hatte der Menschheit und der Menschlichkeit den Krieg erklärt und sich damit außerhalb allen Rechts gestellt! Kein Widerstand gegen seine Drohungen und Terrorurteile konnte daher Unrecht sein! Jeder Akt der Fahnenflucht, jedes Kriegswirtschaftsverbre chen stellte, so gesehen, nichts anderes dar als eine Kampfhandlung gegen die rechtlose Gewalt, die unser Leben unter das Gesetz eines Banditen gestellt hatte. Jede Handlung, die dem Willen entsprang, diesem Regime Widerstand zu leisten - 6 Berbig: Knast 81 oder auch nur, sich ihm zu entziehen, war rechtmäßig im tieferen Sinne des Wortes. Mein Gott rechtmäßig! Welch eine Zwiebelschnur von Mißverständnissen am laufenden Bande wie Freund Gilbricht im Scherz zu sagen pflegte: immer wieder im Hinblick auf meinen Fall nämlich! Ein Mann, Ankläger und Zeuge in einer Person, schwört einen Eid. Jedes Mittel, den vermeintlichen Feind des Vaterlandes zu vernichten, ist ihm recht. Er ist erfüllt von jenem unbändigen Fanatismus, der von den Männern der Bewegung so hoch gepriesen, von Göring als höchste Tugend gerühmt wird. Vielleicht hat er auch ein anderes Motiv. Wer will das wissen? Und das Recht traut seinem Eide; nimmt für erwiesen, was unter ihm ausgesagt wird... Nun ja, die Richter werden sich damit entschuldigen, daß sie an das Gesetz gebunden seien. Gewiß: jeder Staat, insonderheit jede Demokratie lebt von der Achtung vor dem Gesetz, und Willkür ist ein Herrschaftsprinzip der Tyrannei. Gesetz aber ist nach unbestrittener juristischer Lehre nicht nur der geschriebene, in diesem Falle wie ein Gummiband dehnbare Heimtückeparagraph, sondern auch jener ungeschriebene Grundsatz allen Strafrechts, daß eine strafbare Handlung dann nicht gegeben ist, wenn kein Rechtsgut vorhanden ist, das durch die Straftat verletzt worden ist. Das Rechtsgut, um das es hier geht, ist der Wille Hitlers zur Sicherung des Zwanges, durch den das deutsche Volk in den Krieg gepreßt wurde! Kein Richter dürfte diesen Willen als strafbegründendes Rechtsgut anerkennen. Was steht hinter diesem Rechtsgute? Ein ganzes Bündel von Ideologien: Die geballten politischen Anschauungen von Rasse und Ehre, von Blut und Boden; der Glaube an ein Ausleseprinzip auf der Basis des männlichen Geistes; das Schlagwort von den ,, jungen und alten Völkern"; das unbedingte Vertrauen in die Kraft der Erziehung sogar das! und das Sichhineinbohren in Worte, denen ein politischer Sinn untergelegt wird: die ,, Anständigen" und die ,, Unanständigen", die ,, Belehrbaren" und die ,, Unbe lehrbaren", die Wertvollen" und der„, Abfall"; die Hoffnung, daß man die ökonomische Wirklichkeit für alle Zeiten überfahren könne, weil man sieht, wie glatt dies in dem oder jenem - " 82 6* Falle gegangen ist! Und rings um uns lebt, atmet und wirkt eine Welt, die allem dem verständnislos gegenübersteht, die sich in ihrer Beschaulichkeit, Ruhe und Sicherheit bedroht fühlt und die zuletzt keine andere Sprache mehr zu sprechen weiß als die der Kanonen und Lufttorpedos. Oder sehe ich dies alles vielleicht doch verkehrt? Bin ich etwa selber einer jener Unbelehrbaren? Ich weiß aus bitterer Erfahrung, daß nirgends so viel handfeste Dummheit zu finden ist wie in den Köpfen jener Schicht, die sich für gebildet hält. Ich weiß, daß Bildung nicht gescheit macht, nicht einmal immer wissend, und daß der Ungebildete ein sehr viel klareres Urteil über die Geschehnisse dieser Zeit haben kann... Bin ich auch einer von denen, die nicht alle werden? Ich gestehe: in diesen Tagen fühlte ich den Grund wanken, auf dem ich bisher gestanden hatte. Nur wenige Tage waren es, aber es waren die schlimmsten meiner Leidenszeit - Mein Anwalt war nicht müßig gewesen; er hatte allerhand Material zusammengetragen, hatte darauf hingewiesen, daß der: Ankläger und Zeuge laut seinem eigenen Bekenntnis versucht hatte, mich zu belastenden Aeußerungen zu veranlassen. Das gesamte Material lag dem Staatsanwalt vor. Man würde ja sehen, wie er sich dazu stellte. Vorläufig waren die Akten beim Divisionsgericht zu Gleiwitz zur eidlichen Vernehmung des Anzeigeerstatters. Zur eidlichen Vernehmung! - Da lag der Stein, über den das Gericht nicht würde sprin gen können. In einer Verhandlung kann man schließlich dar auf verzichten, einen Belastungszeugen zu vereidigen, dann nämlich, wenn man der Wahrheit seiner Worte mißtraut. Hier aber wurde erst vereidigt, und nachher ausgesagt. Die Aussage lag ja, zweimal mit dem Namen unterzeichnet, bereits vor. Also war das Urteil fertig, ehe verhandelt wurde. Der Richter hatte nur noch das Strafmaß in der Hand. So wanderten damals meine Gedanken im Kreise, ohne je eigentlich den Kern der Sache zu berühren: die strenge, ge wissensmäßige Auseinandersetzung mit der Zeit. Noch fand ich dazu nicht die Kraft. Später im Zuchthause ich sie gefunden! - - habe 85 83 Ein Brief und das Zeitgeschehen. In diesen Tagen schrieb ich des öfteren Briefe an meine Frau. Einige dieser Briefe hat der Zufall erhalten. So etwa schrieb ich: Liebe Lotte, ich fand in einem Buche, das du liebst, ein schönes Wort. Du wirst natürlich bald heraushaben, wo diese Sätze stehen, aber vielleicht macht es dir Freude, ein wenig zu suchen. Sie lauten: ,, Ihr werdet selber einmal sehen, um wieviel mil der und klarer die verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem Glanze färbt; so wie es eine Tatsache ist, daß die innige, wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt, als die lodernde Leidenschaft der jungen, schönen schimmernden Braut." Es ergeht uns wohl beiden so, daß solche Einsichten wach sen; mir ganz besonders in dieser erzwungenen Einsamkeit. Was wir im Brausen des Lebens überhört haben, das dringt jetzt in unser Ohr; was nie uns zufallen wollte, das fällt uns jetzt mühelos ein. Recht betrachtet: ich empfinde dieses Gefangensein als unwirklich. Gemessen an den ethischen Wertungen meiner Jugend und meines Mannesalters liegt vieles von dem, was ich! erlebe, ganz außerhalb einer sittlichen Wertbetrachtung. Wir Alten empfinden: Obwohl wir leiden, betrifft uns dies alles im Grunde gar nicht. Gewiß: der Hunger, die unmenschliche Korrektheit, die zweifelhafte Gesellschaft, die Hohlheit der Umgebung sind Wirklichkeiten von unbezweifelbarer Härte. Aber eine gleiche Gegebenheit ist die Freiheit des Geistes, die alle Bleigewichte dieses Lebens abwirft und sich in die Bläue des schaffenden Willens erhebt. Lebten die Mönche, die den Vergil retteten, in ihrer selbstgewählten Einsamkeit eigentlich wesentlich anders? Vielleicht hatten sie nicht so viel Hunger. Ihre Oberen waren keine Wachtmeister, und geistliche Exerzitien dienten der Stärkung ihres Geistes, nicht der Zertrümmerung ihres Rückgrates, der Demut, nicht der Demütigung. 84 - Aber sonst daß ich nicht den Vergil rette, sondern Tüten klebe, das ist der ganze Unterschied. Im Grunde kein erheb licher, insofern das körperliche Wohlbefinden dabei in Frage steht. - - Abends schreibe ich. Zum Beispiel diesen Brief an dich, den ich du wirst das verstehen natürlich niemals absende. Das gäbe einen schönen Skandal, wenn alles das, was ich hier dem Papier anvertraue, bei der Revision gelesen würde! Ich werde dir also nachher nur das Notwendige über die Wäsche schreiben, die ich brauche, und dich bitten, ja keinen Ver such zu machen, mir auf illegalem Wege da der legale ja versperrt ist etwas zu essen hereinzupaschen. Die Wäsche wird genauestens untersucht gefilzt, wie der Fachausdruck im Sträflingsjargon lautet und wir haben beide nur Ver druß davon. - - - Um ein paar Stichworte aus meinem Dasein herauszugreifen: Hunger! Es gibt früh eine Scheibe Brot mit Rübensaft, Zucker oder Margarine, etwa um sieben Uhr. Halb elf kommt eine Schüssel Mittagessen: Kraut, Kohlrüben, Kartoffeln. Meist wohlschmekkend gekocht, nur eben mit zu viel Wasser! Halb sechs Uhr gibt es abermals eine Scheibe Brot mit Margarine, wie in der Morgenstunde; manchmal auch eine dünne Suppe, und als Zukost einen halben Rettich oder ein wenig rohes Sauerkraut. Die ersten vier Wochen der Untersuchungshaft hält man damit leidlich durch; aber dann spürt man doch, daß Leib und Seele nicht mehr so recht zusammenhalten wollen. Die Zeit zwischen Mittag und Abend wird von drei Uhr ab zu Hungerstunden, und die Gespräche in den Zellen gehen um nichts als ums Essen. Futterneid springt auf. Die Kalefaktoren! Die Schreiber! Die Außenarbeiter! Sie alle haben natürlich mehr zu essen als die Zellengefangenen. Die schmeißen sich mit Pellkartoffeln!' das ist die Wendung, die andeuten soll, daß diese Gefangenen im Wohlleben ersticken. Früher hatten Untersuchungsgefangene das Recht, sich selber zu be köstigen. Das ist vorbei. Wer jetzt in Untersuchung sitzt, wird behandelt, als ob er Strafgefangener sei. Der Herr Ober medizinalrat gestattet günstigsten Falles Stärkungsmittel in Oric ginalpackung mit dem Absendestempel der liefernden Apo- 55 85 theke. Ich habe ihn gebeten, mir ein paar Aepfel als Zukost zu gestatten. Er lehnt ab. - das zweite der Worte, das die Unmenschliche Korrektheit Briefrevision nicht passieren würde! Jedes Stockwerk des Untersuchungsgefängnisses hat einen Belegschaftsführer. Der unsere ist ein Oberwachtmeister und heißt Dünnefett. So heißt er natürlich nicht, aber Moschinski hat ihn so getauft, und der schöne Name hat sich rasch eingeführt. Dünnefett ist korrekt. Er filzt jedes Wäschepaket, das in seiner Abteilung eingeht, so genau, daß kein Zündholz durch schlüpft, das sich heimlich unter den Kragen eines Oberhemdes oder in einer Strumpfmasche versteckt hat. Er kontrolliert seine Gefangenen regelmäßig durch das Guckloch in der Tür, daß sich tagsüber ja keiner aufs Bett setzt oder auf eine Decke, was natürlich strengstens verboten ist. Er schleicht sich wie ein Indianer auf dem Kriegspfade vermit tels geräuschloser Gummisohlen an die Zellentür und reißt sie mit gewaltigem Zornesschwunge auf, um festzustellen, daß nicht intensiv genug gearbeitet wird. Jedes Wort, das er spricht, wird in seinem Munde zur geheimnisvollen Dro hung. Um es auf eine klare Formel zu bringen: er ist immer im Dienst, und da er von dem Gedanken beherrscht ist, daß jeder Untersuchungsgefangene ein Verbrecher sei, hat er es nach und nach dahin gebracht, alles Menschliche aus seinem Wesen herauszuschwitzen. Dünnefett ist verhaßt. Die andern Wachtmeister sind menschlicher. Sie schnauzen herum, sind kurz angebunden oder auch geschwätzig; sie sehen nicht hin, wenn der oder jener heimlich raucht oder ein Stück Brot in der Wäsche mit hereinbekommt. Aber Dünnefett ist eben vollkommen korrekt. Er wäre kein Mensch, hätte er nicht auch eine schwache Seite. Auch er ist hohl wie die meisten andern. Vielleicht berichte ich dir darüber gelegentlich etwas Heiteres. - Während ich hier schreibe, hat mir Moschinski eine lange Geschichte aus der Zeit seiner Händlerfahrten in Thüringen erzählt. Ich habe nicht viel von ihr behalten, muß mich aber nun doch seiner Gesprächigkeit ein wenig widmen. Lebe wohl 86 für heute und behalte den Kopf oben. Es wird alles gut werden. Morgen schreibe ich dir den Brief, den du wirklich er hältst. Dein Hans. * Ich lebte in diesen Tagen ganz in der Niederschrift einer Erzählung, deren Stoff mich schon längere Zeit vor meiner Verhaftung beschäftigt hatte. Eine mir bekannte Frau hatte in jungen Jahren einmal begonnen, ihre Erinnerungen aufzu schreiben. Nach ihrem Tode war das Manuskript in meine Hände gelangt, und ich hatte es mit wachsender Anteilnahme. gelesen. Diese frühverwitwete Frau hatte in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in einem Kreise gelebt, in dem die Träger berühmter Namen aus- und eingingen. Sie hatte Liszt, Brahms, Bruckner, Jakob Burckhardt und den jungen Nietzsche gekannt und nebenher tätigen Anteil genommen an der Entwicklung einer Kunst, die heute schon wieder verlorengegangen ist: der malerischen Lichtbildnerei. Nun ich tatenlos in der Zelle saß und dank der guten Beziehungen zum Direktor des Gefängnisses abends über Licht verfügte, reizte es mich, dieses Leben zu gestalten. So kam es, daß ich mich in phantasie beschwingten Erinnerungen bewegte, und die äußeren Umstände, unter denen ich schrieb, oft völlig vergessen konnte. So auch kam es, daß von den Ereignissen des Tages nur schwache Kunde in meine Einsamkeit drang. Eine Zeitung hielt ich nicht. Zwar hatte ich als Unterschungsgefangener das Recht, eine Zeitung zu bestellen, und ich hatte auch einmal den Versuch unternommen, eine solche Bestellung anzubringen; aber es war mir damals bedeutet worden, daß die Redaktion Neubestellungen nicht annehme, und daß ich warten müsse, bis eine im Gefängnis bereits bestellte Zeitung durch die Entlassung eines Untersuchungsgefangenen frei werde... Am 16. Januar wurde mir beim Rasieren auf dem Treppengange von einem Unbekannten eine Zeitung zugesteckt. Ein Blick in den Heeresbericht belehrte mich darüber, daß die Russen ihre längst angekündigte Winteroffensive begonnen hat ten... Die nun rasch aufeinander folgenden Nachrichten, die im Gefängnis leise von Mund zu Mund gingen, ließen mich mein eigenes kleines Schicksal beinahe vergessen. In Stalingrad 87 kämpfte die sechste Armee einen aussichtslosen Todeskampf und mein Sohn war bei dieser Armee... Am 14. Dezem ber hatte ich ihn ja noch im Gebäude der Gestapo gespro chen. Er war wenige Tage später zur Truppe zurückgekehrt. War er noch bis nach Stalingrad gekommen oder war da mals vielleicht die Verbindung mit der sechsten Armee schon unterbrochen gewesen?... - Ich wagte nicht, in dem Briefe, den ich allwöchentlich an meine Frau schrieb, dieses Umstandes Erwähnung zu tun, und meine Frau wohl in der Annahme, daß mir im Gefängnis eine Zeitung nicht zugänglich sei unterließ dies gleichfalls. Wieder mußte ich an Stifters schönes Wort von der alternden Gattin denken. Sie trug ihren Kummer und ihre Sorgen allein. Freunde waren um sie, gewiß. Männer und Frauen mit warmem Herzen und wachem Verstande. Aber der, dem sie rückhaltlos sich anzuvertrauen gewöhnt war, der war nicht bei ihr... Nun verschaffte ich mir doch täglich eine Zeitung, und ich las sogar die heroischen Schilderungen der Kriegsberichter von Goebbels Gnaden, die von diesen Kämpfen ihre Heldenlieder sangen. Ich war schließlich selber lange genug im Kriege gewesen, um zu wissen, was für Szenen sich beim Zusammen drängen einer ganzen Armee auf den Raum einer zerschossenen Stadt abspielen mußten. Geschütze ohne Bespannung wurden durch vereistes Gelände von Menschenhand bewegt, Geschütze, die doch einmal ausfallen, weil keine Munition mehr da ist. Verwundete, die im schneidenden Frost zurückgelassen werden müssen, Verbandsplätze, auf denen hilflose Schwestern ihre Pflicht tun, solange sie sich in Uebermüdung und Schwäche aufrechterhalten zuletzt die völlige Gleichder Tod gültigkeit gegen alles menschliche Geschehen -- - unter dem Kolbenschlag eines wutrasenden Feindes. Das war der erste Eindruck dieser Nachrichten auf mich. Dann wurde mein Gemüt ruhiger. Leise Hoffnung flammte in mir auf. Eine ganze Armee konnte man schließlich nicht einfach hinmorden lassen. Entschließungen würden gefaßt werden müssen schweren Herzens. Aber die Notwendigkeit solcher Entschließungen war nicht von der Hand zu weisen. Ein großer Teil der Armee würde in Gefangenschaft wandern. Ein 88 hartes Los; aber es schloß in sich die Hoffnung auf die Erhaltung des Lebens... Der 20. Januar brachte die Meldung von der Kapitulation der Reste der sechsten Armee. Gefangenenzahlen wurden nicht bekanntgegeben. Der Januar neigte sich seinem Ende entgegen. Ein seltsames Raunen sprang in diesen Tagen im Gefäng nis auf. Während des täglichen Rundganges im Hofe wurden flüsternd Gerüchte weitergegeben und willig geglaubt. Am 30. Januar, dem zehnten Jahrestage der Machtübernahme werde Hitler eine umfassende Amnestie verkünden. Am kom menden Sonnabend werde die reichliche Hälfte der Gefan genen entlassen. Diesmal sei es nicht nur eine ,, Radfahrer ohne- Licht- Amnestie". Bis zu zwei Jahren sei Straferlaẞ vorgesehen, und der größte Teil der schwebenden Untersuchun gen werde niedergeschlagen. In den Zellen wurde die kommende Amnestie lebhaft und hoffnungsfroh erörtert. Auch die Wachtmeister wollten etwas davon gehört haben. Drüben auf dem Gerichte bereite man schon alles dafür vor. Nur der Tütenmeister blieb skeptisch. ,, Jede Amnestie ist eine Schwäche. der Regierung", sagte er murmelnd mit einem schiefen Blick über den Rand seiner Nickelbrille hinweg zu mir, indem er vorsichtig nach dem Kalfaktor schielte, der ihm den Leimtopf nachtrug. ,, So steht es in, Mein Kampf' zu lesen, und von diesem Grundsatz wird sich Hitler nicht entfernen. Vielleicht werden ein paar schwebende Verfahren niedergeschlagen. Politische Fälle sind bestimmt nicht darunter. Die Leute kriegen nach wie vor ihren Knast. Das Sondergericht fährt fort, nach den Paragraphen eins und zwei des Heimtückegesetzes zu wüten. Kein Gedanke an eine Amnestie größeren Stils!" Ich hätte gern darüber einmal die Meinung meines Anwalts gehört. Aber Dr. Burck war für ein paar Tage verreist. Nie mand besuchte mich in meiner Einsamkeit. Die Heiligen drei Könige. Moschinski, der freundliche Thüringer, wurde am 3. Februar entlassen. Die zwei Pfund Wurst und das Pfund Speck, die er 89 69 für eine alte Lederjacke getauscht, hatten ihre gerechte Şühne gefunden, und ich war wieder allein in meiner Zelle. - Moschinski hatte viel geredet. Sein Mundwerk schien von einem fröhlichen Bächlein des Thüringer Waldes getrieben; nie hatte es stillgestanden. Ich empfand die plötzliche Stille in der Zelle als Entlastung und doch auch wieder bedrückend. So flüchtete ich denn in meine Arbeit, schrieb einen ganzen Tag lang und machte schließlich die Beobachtung, daß mir nichts Rechtes mehr einfallen wollte. Sonst sprangen mir die Gedanken zu wie Grashüpfer, die beim Hochschnellen ihrer kräftigen Gelenke nicht wissen, an welcher Stelle sie landen werden. Jetzt lag ich nachts auf dem harten Lager und grübelte über die Fortsetzung einer Handlung, die mir im Anfang so licht erschienen war wie der Spiegel eines Gebirgssees im Sonnenschein. Drei Tage blieb ich allein. Am vierten Tage in der Mittagsstunde tat sich die Zellentür auf, und herein trat ein schüchterner kleiner Mann, dessen kümmerliche Gestalt mit jeder Falte seines zerknitterten Anzuges Verzeihung zu heischen schien. ,, Balthasar Doktor Melchior Balthasar", sagte er leise und verbeugte sich ein wenig linkisch. Ich konnte ein Lächeln bei dieser Vorstellung nicht unterdrücken. ,, Fehlt nur noch der Kaspar, und die Heiligen drei Könige sind beisammen!" sagte ich, nachdem auch ich meinen Namen genannt hatte. Er kannte meinen Namen übrigens, und ich fragte ein wenig neugierig, wie ich zu dieser seltenen Ehre komme. e ,, Ich wäre ein schlechter Bibliothekar, wenn ich Ihren Namen nicht kennte. Uebrigens sie sind beisammen, die Hei ligen drei Könige nämlich. Mein Vater hatte den Humor, seinen einzigen Jungen auf die Namen Kaspar Melchior taufen zu lassen." ,, Und was führt Sie in meine derzeit höchst zweifelhafte Gesellschaft?" Der kleine Mann blickte unsicher um sich. ,, Das ist eine lange Geschichte. Ich soll Aeußerungen getan haben Sie wissen schon, welcher Art aber ich nichts kommt der -- - bin ein verschüchtertes Gemüt, und Tiefe des Schweigens auch nur nahe, das aus der Angst ge96 90 boren ist. Mein Bekennermut - - glücklich der, der ihn besitzt! ist mit den Erfahrungen, die ich eine Woche lang im Poli zeigefängnis gemacht habe, nicht gewachsen. Später vielleicht man weiß ja nie - - - " - ,, Sie haben recht, Herr Doktor, und ich bin im Grunde gar nicht neugierig. Nur ist in diesem Hause einmal die erste Frage: Politisch oder kriminell? Die Frage ist höchst töricht, ich weiß das; denn diese beiden Begriffe laufen durcheinander wie ein Stamm Hühner beim Futterstreuen. Was Sie sagten, genügt ja vollauf. Wir brauchen darüber weiterhin nicht zu sprechen." Der Alte rückte verlegen seine Brille zurecht. - ,, So war es ja nicht gemeint. Nur, man hat mir gesagt, daß man manchmal mit einem Zellengenossen zusammengelegt wird, der die Aufgabe hat wie soll ich mich gleich ausdrücken die Aufgabe, den Tatbestand der Anklage aufzuhellen. Ich nehme nicht an, daß Sie der geeignete Mann sind, eine solche Aufgabe zu erfüllen." Ich ging auf diese Wendung des Gespräches nicht ein. ,, Machen Sie sichs bequem, Herr Doktor", sagte ich ablenkend. ,, Hier bin ich der Mann der älteren Erfahrung. Wenn Sie irgend welche Auskunft brauchen, stehe ich zur Verfügung. Ihr Lager ist der Fußboden, Nord- Süd- Richtung. Wie es aufgebaut wird, zeige ich Ihnen nachher. Hier ist Ihr Eẞgeschirr. Haben Sie schon zu Mittag gegessen?" ,, Eine Krautsuppe. Es war eine schreckliche Zeit drüben. Man hat mir versichert, hier im Untersuchungsgefängnis würde ich es besser haben." - ,, Nun ja mehr Ordnung, weniger empörende Ungerechtig keit und Roheit, weniger Anteilnahme an Ihrem Geschick, mehr Ruhe. Mit einem Worte: es hebt sich. Wenn man sich hier eingelebt hat, kommt man sich vor wie ein Mönch in Sankt Gallen, der lateinische Verse abschreibt, ohne sie zu verstehen. Das Besser oder Schlechter ist eine Frage des Temperaments, der Erziehung, der Kinderstube. Sie werden das bald selber feststellen. Wie lange gedenken Sie hierzubleiben?" Der Alte lächelte betrübt. ,, Bis zum Ende des Krieges." ,, Sie haben ja gute Zuversicht!" ,, Sie meinen - mit Bezug auf das Kriegsende? Ja, deshalb bin ich doch eben hier. Ich habe einem jungen Manne, 91 der ein Buch von Josef Conrad entleihen wollte, gesagt, er müsse sich damit noch ein paar Monate gedulden. Josef Conrad sei Pole und habe überdies in englischer Sprache geschrieben, doppelter Anlaß, seine Werke abzustellen." ,, Das ist alles?" ,, Ja. Man erblickt in der Wendung, noch ein paar Monate gedulden einen Zersetzungsversuch." ,, Ich finde diese Wendung höchst positiv", bemerkte ich erstaunt. - , Gewiß im Munde eines Mannes ohne Bildung. Da man der Doktortitel ist mich aber zu den Intellektuellen rechnet eben immer belastend, von einem solchen aber den Glauben an einen so kurzfristigen Sieg der Achsenmächte nicht für echt hält, ist der Schluß auf den zersetzenden Charakter dieser Wendung gegeben." ,, Eine kühne Schlußfolgerung!" ,, Denken Sie! Ich sage immer: wer Zeitungen liest, ist selber daran schuld! Von irgendwoher fängt man ein paar politische Schlagworte auf und gibt sie gelegentlich mal wieder von sich. Sie wirken ja ohnehin zumeist ein wenig vomitierend. Ein Zeuge findet sich. Er behauptet, daß Sie diese Schlagworte nicht im ursprünglich gemeinten Sinne angewendet hätten. Nun sind ja politische Schlagworte meist schon in der Stunde ihrer Geburt von Ironie überwuchert. Wenn jemand gefragt wird:, Was halten Sie von der Kriegslage?' und er antwortet: , Davon verstehe ich nichts!' dann ist er zum mindesten dann schon verdächtig. Antwortet er aber: Wir siegen!' wird über ihn bereits eine Akte bei der Gestapo angelegt." Von dieser logischen Warte her dürfte sich Nietzsche so viele Jahre Zuchthaus auf den Hals geschrieben haben, daß sein ganzes Leben nicht ausgereicht hätte, sie abzusitzen. Was haben Sie sonst in diesem Hause erlebt? Wie war der Empfang?" Des alten Mannes Stirn zog sich schmerzhaft zusammen. ,, Lieblos; das darf ich wohl sagen. Aber das hat mich nach den Erfahrungen im Polizeigefängnis nicht überrascht. Ein anderes ist's, was mich aus dem seelischen Gleichgewicht ge bracht hat. Als ich in die Revisionszelle geführt wurde, verließ sie eben ein junger Mann in hohen, glänzenden Stiefeln. , Das arme Schwein', sagte einer der Sträflinge da unten zu mir, der wartend abseits stand,, er ist eben verhandelt wor 92 92 den. Nun kommt er in die Hinrichtungszelle. Das geht da drüben wie am laufenden Bande mit den Todesurteilen. Ist das nun Angst oder Mittelalter?' Der junge Mensch stand allein vor einer Zelle und wartete auf den Schließer. Er machte den Eindruck eines völlig Gleichgültigen. Dieser Anblick war es, ich gestehe es offen, der mich für heute appetitlos ge macht hat." ,, Sie lassen hier keine Mahlzeit aus", bemerkte ich sachlich. ,, Man kocht übrigens schmackhaft in diesem Hause, nur eben - man gibt zu wenig. Junge Menschen unterhalten sich hier von nichts anderem als von Schlachtfesten, Kirmesschmäusen und ähnlichen Höhepunkten des Familienlebens vergangener Tage. Beflügelung der Phantasie durch Hungerdelirien, das ist der dichterische Sporn der Poeten dieses Hauses." Des Alten Blick fiel auf die drei schmalen Hebelbändchen, die neben meiner Eßschüssel im Wandbrett lagen. Er nahm einen Band und blätterte versonnen darin. - ,, Ich habe immer Bücher gesammelt, auch solche, deren Sprache ich nicht oder nur ungenügend verstand. Finden Sie das befremdlich einen, Hamlet' in lettischer Sprache zu lieben? Aber da spielt Unwägbares hinein. Der Druck; die Hand dessen, der dem Buche das Gewand lieh. Sie glauben nicht welcher Wundertaten ein Buchbinder fähig sein kann." Ich nickte. Wie sollte ich, der ich selber in meinen Muße stunden in diesem Handwerk pfuschte, nicht um die Schönheit, die Pracht, die Schlichtheit, das aufdringliche Sich- zur- SchauStellen und die kühle Sachlichkeit eines Bucheinbandes wissen? Wir sprachen eine Weile über dieses Thema. ,, Dichter sind Priester der Schönheit und der Wahrheit", bemerkte ich abschließend ,,, und das Gewand, in dem sie vor uns hintreten, übt eine tiefe Wirkung auf unser empfangsbereites Gemüt. Es predigt uns den steten Wechsel der Ansichten über Gott, Welt und Schicksal. Es lebt, wo der Gedanke des Tages dahinstirbt." Der Alte schien belebt von diesem Gedanken. ,, Sie sprechen aus, was ich oft schon gedacht habe. Auch ich habe an schönen Büchern viel Freude gehabt in meinem Leben. Dabei habe ich nur Bücher gesammelt, deren Inhalt für mich eine besondere Bedeutung hatte, besonders dann, 93 wenn das Urteil der Zeit über sie uneinheitlich und selbst ablehnend war." Ich bat ihn, mir ein solches Buch zu nennen. - ,, Das ist nun fast ein zu großes Begehren", sagte er ablehnend. ,, Es öffnet Ihnen einen Blick in mein Herz, und ich weiß nicht wollen Sie diesen Blick wirklich tun? Lohnt das? Das Schicksal hat uns zusammengeführt; es wird uns bald wieder trennen. Was fangen Sie nachher mit der Erinnerung an einen Blick in mein Herz an?" - , Wir sind Brüder", sagte ich herzlich ,,, vergessen Sie das nicht. Wir werden Brüder bleiben auch im ferneren Leben auch nach einer Trennung. Die Begegnung in der Zelle eines Gefängnisses ist heute nicht mehr ein flüchtiges An- einandervorüber- Gehen; es ist in jedem Falle mehr!" Der Alte blieb verlegen. Dann aber rang er sich doch zu einem Entschluß durch. ,, Gut, ich will Ihnen ein Buch nennen, dessen Wert und Inhalt umstritten, angefeindet, hochgelobt und als verächtlich getadelt und abgetan wird, und das ich doch sehr liebe: Otto Julius Bierbaums Lebensroman Prinz Kuckuck." Ich blickte ihn betroffen an. - ,, Unter hundert ausgefallenen Büchern dies hätte ich nie unter Ihren Lieblingen gusucht." ?" , Und warum nicht, wenn man fragen darf?" Es klang fast ein wenig kampflustig. , Es ist in gewissem Sinne ein frivoles Buch, und alles andere hätte ich in Ihnen vermutet als Freude an Frivolität." Der Alte geriet in heiligen Eifer. - mar ,, Da haben wir's! Noch immer ist das Vorurteil das Urteil der Gebildeten! Auch Sie- ich muß es aussprechen schieren in der Herde., Prinz Kuckuck' ist ein Zeitroman. Zugegeben. Damit zugleich ein Tendenzroman. Abermals zugegeben. Aber ist im höheren Sinne, nicht alles einmal Tendenz gewesen, was für die Ewigkeit geschrieben wurde? Was war der Don Quichotte anderes als ein Tendenzroman und was ist er uns heute?, Prinz Kuckuck' ein frivoles Buch!! Man sollte sich hüten, eine Dichtung voreilig mit einem Etikett zu versehen und in ein Fach mit Aufschrift abzulegen., Prinz Kuckuck' ist eines jener Bücher, die man zu früh etikettiert hat. Aber da wir einmal bei Bekenntnissen angelangt sind, will 94 94 - ich Ihnen auch verraten, was für Bücher ich nie geliebt und nie, auch nicht aus kindlicher Freude am Besitz, gesammelt habe: Werke der sogenannten deutschen Philosophie. Die Philosophen eler letzten hundertfünfzig Jahre, Kant eingeschlossen, haben sich vom wirklichen Leben bis zur Unverständlichkeit ihrer Sprache entfernt. Damit haben sie sich aller Wirkensmög lichkeit beraubt und sind zum Gespött ihrer selbst geworden. Ueberhaupt die europäische Philosophie ist viel zu sehr die Funktion von Sprachen, deren Entwicklung unter dem Einfluß einer Macht steht, die man als den Indoeuropäischen Fluch bezeichnen möchte: dem ewigen Drange zur Vermenschlichung allen Geschehens. Wir öffnen den Mund, und jeder Satz, den wir sprechen, ist ein unheimliches Gewebe von Wahnvorstellungen. Jedem Ding legen wir menschliches Geschlecht bei. Jedes Abstraktum vollführt Handlungen wie ein lebendes Wesen. Jeder Satz hat ein Subjekt, das etwas tut, auch wenn es gar nichts tun kann; ein Objekt, dem es getan wird, ein Verb, das diese Tätigkeit ausübt. Jeder unserer Sätze vermenschlicht jedes Geschehen. Wenn wir einmal unehrerbietig zusehen, wohin uns diese Schwäche unserer Sprache auf dem Gebiete der reinen Erkenntnis geführt hat, so finden wir zu unserm Entsetzen, daß die ganze europäische Philosophie von Platon bis Schopenhauer über zwei Jahrtausende hinweg mit den Wasserstiefeln der Naivität im Sumpfe des Vermenschlichungswahns um sich selbst herum gewatet ist. Klare philosophische Gedanken kann man wohl überhaupt nur im Altchinesischen finden, etwa bei Lao- Tse, der im sechsten Jahrhundert vor der Zeitwende lebte, und der in 81 Sprüchen mehr Weisheit niedergelegt hat als unsere moderne Philosophie in 81 Bänden. Auf dem Gebiete der Poesie freilich hat diese Sprache Großes ge geben. An einem einzigen Altersroman von Wilhelm Raabe geht Ihnen mit unheimlicher Klarheit auf, daß unsere deutsche Philosophie nichts anderes ist als der systematische Mißbrauch einer eigens zu diesem Zwecke erfundenen Terminologie." Ich griff lächelnd zum, Willen zur Macht', den mir der verstaubte Oberlehrer in die Zelle geschickt hatte, und blätterte darin. Mein neuer Freund aber nahm mir mit sanfter, doch zwingender Bewegung das Buch aus der Hand, klappte es zu und legte es auf das Regal zurück. 95 ,, Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihren Enthusiasmus für Nietzsche nicht teile. In dieser Umgebung zumindest vermag ich keinen Satz dieses Mannes zu ertragen. Er hat einfach alles um sich herum in geistvoller Form verkannt, sogar die Politik, und eben dies belastet heute seinen Namen aufs Unheilvollste. Daß Goebbels sich auf ihn als einen Kronzeugen für seine Politik der Vernichtung allen Geistes und aller Wahrhaftigkeit berufen kann, daran ist er leider nicht ganz unschuldig. Im übrigen kenne ich den Willen zur Macht', aus dem Sie mir wohl eben einiges versetzen wollten, recht genau. Lassen wir das!" B ,, Aber gerade die Politik ist es doch", so sagte ich ein wenig gekränkt ,,, die uns in diese abscheuliche Lage gebracht hat." Der Alte lächelte milde. ,, Politik du lieber Gott es ist nun einmal eine Kunst und keine Wissenschaft: die Kunst, das Gute zu fördern und das notwendige Uebel dabei nach Möglichkeit niederzunichts ist halten. Eine höchst schwierige Kunst übrigens, und ihr abträglicher als das starre Rechtsempfinden des ehrenwerten Mannes. Er sieht den Punkt nicht, den Punkt " , Welchen Punkt?" - - " ,, Nun eben den Punkt, in dem das notwendige Uebel das erstrebte Gute überwiegt, in dem Vernunft Unsinn, Wohltat Plage wird." ,, Und wer findet diesen Punkt?" - Der Alte lächelte. - ,, Der geistvolle Abbé Galiani hat einmal gesagt: Der Weise berechnet ihn; das Volk fühlt ihn aus Instinkt; der Geschäftsmann bemerkt ihn mit der Zeit der Politiker von Beruf überhaupt nicht.' Damit hat er leider recht. Politiker sind nämlich zumeist höchst ehrenwerte Männer, behaftet mit der Tugend, das, Gute', das, Rechte', womöglich gar das, Gerechte' zu wollen, und diese Tugend ist eine Leidenschaft. Man trifft sie nicht allzu häufig an, aber wo sie auftritt, ist sie heftig. In unsern Tagen heißt man sie, fanatischen Willen', und solange diese Leidenschaft den Menschen beherrscht, ist alles , gut', ist alles, gerecht', was er tut. Der Mut dieser Tugend, verbunden mit dem Feuer der Ueberzeugung, ersetzt alle Vernunftgründe und reißt die Masse mit sich fort. Glauben Sie. mir: der Bösewicht ist nicht so zu fürchten wie der Tugend96 hafte! Früher oder später zeigt er sein wahres Gesicht, und die Menschen wenden sich erschreckt von ihm ab. Aber der Tugendhafte will ja, das Gute'. Das glaubt man ihm, und deshalb traut man ihm bis zuletzt bis die Verkehrtheit seiner Mittel vor aller Augen liegt, bis auch der Blödeste erkennt, daß ,, Hm ziehen دو - - - - darf man nun aus dieser Ihrer Meinung Schlüsse auf unsere Zeit?" , Ganz wie Sie wollen. Ich glaube daran, daß diese Wahrheit zu allen Zeiten gültig ist. Aber ich will den Schluß sel ber ziehen: Hoffen Sie nicht auf ein Ende unserer Leidenszeit etwa deshalb, weil einmal die, Vernunft' siegen müsse! Wir werden den bittern Kelch leeren bis zur Neige. Hitler kämpft bis zur endgültigen Niederlage, und wenn eine Welt darüber in Scherben fällt, wie es in einer seiner Zweckpoesien so schön heißt!" ,, Und das Volk? Die Armee?" - - ,, Ach du meine Güte! Haben Sie eine Ahnung von den Mes thoden, mit denen die sogenannte Kampfmoral aufrechterhalten wird wieviele Soldaten schon standrechtlich erschossen worden sind, weil sie aber nein, darüber wollen wir gar nicht reden. Ich weiß, was ich sage: der Kampf wird fortgesetzt bis in die Straßen Berlins!" Ich schwieg, ergriffen von der tiefen Einsicht eines Man nes, der sicherlich alles andere als ein Politiker war. Dann sagte ich: ,, Sie stellen dem Bösewicht den Tugendhaften gegenüber. Ist Hitler nun ein Tugendhafter?" - - ,, Darüber wird die Nachwelt urteilen. Ich will Ihnen offen sagen, was ich darüber denke. Ich habe mich nämlich einmal im Jahre dreiundzwanzig ist das gewesen zwei Stunden lang mit ihm unterhalten, und da bekommt man doch, nun, sagen wir mal, einen Eindruck von einem Men schen. Wir trafen zufällig in einer Bahnhofswirtschaft zusammen und warteten in frühester Morgenstunde auf einen D- Zug, der erhebliche Verspätung hatte. Ja es war merke würdig, dieses Zusammentreffen. Ich hatte bis dahin kaum den Namen dieses Mannes gehört, und wir kamen ins Gespräch über ein Plakat, das an der Wand hing. Von Politik ist in diesen zwei Stunden kein Wort gesprochen worden; und - 7 Berbig: Knast 97 wie doch: überall stieß ich in seinen Worten auf jene durch keinerlei Gründe gestützte Leidenschaftlichkeit des Urteils, die den Politiker von Beruf ausmacht. Wir sprachen über Kunst. Die Meinungen, die er äußerte, waren die eines Schülers. Aber das ist ja unerheblich. Auch bedeutende Männer sind nicht verpflichtet, geklärte Ansichten über das Wesen der Kunst oder eines Kunstwerkes zu haben. Nein er das alles sagte, das war das Bemerkenswerte! Was sich seinem Verständnis verschloß, das verfolgte er mit einem Haẞ, der erschrecken mußte. Eben mit dem Haß des Tugendhaften. Verstehen Sie, was ich meine? Und ganz so ist seine Politik: eine Tugendmischung aus Karl May und dem Ring des Nibelungen. Das deutsche Volk wird diesen Haß des Tugendhaften bezahlen mit dem Glück und dem Wohlstand dreier Generationen. Das ist's, was ich fürchte!" Eine halbe Nacht lang unterhielten wir uns von den verschiedensten Dingen, und es stellte sich heraus, daß dieser Doktor von Drei- Königs- Gnaden nicht nur ein geradezu ungeheuerlich belesener Mann war, sondern daß er darüber hinaus über ein erstaunliches Urteil verfügte in allen Fragen des Lebens. Von einer fernen Kirchenuhr schlug die dritte Morgenstunde, als wir endlich einschliefen... - Früh um neun Uhr der verstaubte Oberlehrer hatte sich eben nach den Lesewünschen des neuen Bewohners der Zelle erkundigt und dabei höchst unbefriedigende Auskünfte erhalten wurde der Doktor plötzlich aus der Zelle geholt. ,, Alles mitnehmen!" sagte Dünnefett mit strengem Gesicht. ,, Ich komme weg?" fragte der Alte schüchtern. - ,, Alles mit! hab' ich gesagt. Das genügt hoffentlich. Zurück zur Gestapo. Die Staatsanwaltschaft will offenbar nichts mit Ihnen zu tun haben. Das sind die Richtigen!" Er knallte die Tür zu. - - ,, Mein Gott zurück ins Polizeigefängnis!" murmelte der Doktor mit verstörtem Gesicht. Und ich hatte doch gehofft, daß wenigstens Anklage erhoben werden würde " " ,, Keine Anklage", suchte ich zu trösten,„, das hat auch was für sich. Da werden Sie bald herauskommen." Der Alte lächelte trübe. ,, Ich weiß ich weiß nun - - leben Sie wohl!" Er nahm seinen kleinen Pappkarton unter den Arm und reichte 96 98 mir ergriffen die Hand. ,, Wann treffen wir uns, Brüder, auf einem Schifflein wieder? Ein ergreifendes Stück Lyrik aus dem Herzen des braven Uhland - ja wann?" Ich ergriff die dargereichte Rechte, und ich mußte dabei ein schmerzliches Gefühl niederkämpfen. Mir war, als verließe mich ein alter Freund für immer. Dünnefett riẞ die Türe auf. - ,, Na, wird's bald? Locker! Locker! Wir haben mehr zu tun!" Dr. Melchior Balthasar mit dem schönen Zunamen Kaspar stolperte hinaus auf den eisernen Gang. Die Tür schloß sich heftig. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Er ist in Buchenwald im Februar 1945 verstorben... - * Eine Stunde später bereits hatte ich einen neuen Mitbewohner in meiner Zelle, von dem ich nur deshalb erzähle, weil sein Schicksal die völlige Umkehr des Moralischen in dieser Zeit auf eine ganz eigene Art beleuchtet. Friedrichs, ein wohlgenährter und in jeder Hinsicht stattlicher Vierziger, war Bankvorstand in einer Kleinstadt der Leipziger Umgebung. Glücklich verheiratet, reizende Frau, gesunde Kinder, von bescheidenem Wohlstande, Besitzer eines Eigenheims, kurz, ein Mann, dem eigentlich nichts zum Glücke fehlt. Natürlich hat er, Beziehungen', schwelgt in Tabak, Zigaretten und Bohnenkaffee, französischem Kognak und guten Weinen. Fleischer und Bäcker beliefern ihn ohne peinliche Markenzählerei, die Gutsbesitzer der Umgebung mit Speck und Geflügel. Solche Idyllen gibt es also auch noch in dieser traurigen Zeit! Natürlich ist er Parteigenosse und hat auch von dieser Seite nichts zu befürchten. Mit einem Worte: ein kleiner Polykrates in der Westentasche! - erhält Dieser Mann also Jahrgang achtundneunzig eines Tages einen Gestellungsbefehl, wie alle andern Leute dieses Jahrganges. Er ist Weltkriegsteilnehmer, hat einen Schuß durchs Becken mitbekommen, war zu Beginn des Hitlerkrieges bereits einmal eingezogen, wurde aber als untauglich wieder entlassen. Seine Kriegsverwendbarkeit ist offenbar weitgehend herabgesetzt infolge dauernder und zu starker Belastung der tragenden Säulen seines Körpers durch ein relativ zu hohes 7* 99 99 Gewicht, so daß sich die adelige Wölbung seiner Füße durchgetreten hat; ein Plattfuß hat sich herausgebildet, der selbst ein längeres Stehen auf einem Flecke unmöglich macht und das - ist ja wohl die Vorbedingung alles militärischen Dienstes. Er kann also einer sanitätsbeamtlichen Nachuntersuchung mit relativer Ruhe entgegensehen. Viel ist nicht mehr mit ihm an zufangen. Aber bisher ist ihm eben alles geglückt. Warum also soll es ihm nicht glücken, ganz um diesen lächerlichen Krieg herumzukommen?... Er wendet sich an eine Freundin, die beim Wehrkreiskommando tätig ist, und trägt ihr seine Wünsche vor. Die Freundin ist nicht selbst in der Abteilung, in der die, Karten' verwaltet werden; aber sie hat eine liebe Bekannte in dieser Abteilung. Was er sich die Sache kosten lassen wolle?... Friedrichs nennt, belebt von dieser Aussicht auf eine glatte Lösung aller Schwierigkeiten, eine vierstellige Zahl. ,, Aber für mich als Vermittlerin muß natürlich auch was abfallen", bemerkt die Freundin lächelnd, und der gute Bankvorstand beeilt sich, ihr eifrig zu versichern, daß dies ganz selbstverständlich sei... Die Sache entwickelt sich mit einer geradezu erstaunlichen Leichtigkeit und Präzision. Bereits drei Tage später wird Friedrichs telefonisch aufgefordert, sich mit der Dame von der Kartenabteilung in Verbindung zu setzen. Er besucht sie in der Abendstunde des gleichen Tages. Sie fragt ihn, was sie für ihn tun könne, und er legt ihr dar, daß es doch nicht allzu schwer sein könne, seine Rückstellung für eine längere Zeit zu be< wirken. Was er dafür ausgeben wolle? Tausend Mark! sagt er aufs Geratewohl. Ob er das Geld bei sich habe? Das nicht, aber eine Anzahlung könne er leisten, den Rest morgen überweisen oder in bar übergeben. Er langt ein paar Hunderter aus seiner Brieftasche und legt sie auf den Tisch... In diesem Augenblick tritt aus dem Nebenzimmer der Polizeimeister des Städtchens und verhaftet ihn unter Beschlagnahme der Bestechungssumme: die ganze Szene ist ein abgekartetes Spiel gewesen! Nun sitzt er im Untersuchungsgefängnis. Seine Akten sind vom Generalstaatsanwalt in Dresden angefordert worden. Auf die von ihm begangene Straftat aktive Beamtenbestechung in Verbindung mit dem Versuch, sich dem Wehrdienst zu ent- 100 - ziehen steht eine lange Zuchthausstrafe, vielleicht gar die Todesstrafe... Er ist völlig gebrochen. Stöhnt im Schlafe. Weint stundenlang und verflucht sein unseliges Verhalten. ,, Wo ich es doch gar nicht nötig hatte!" ruft er verzweifelt aus. ,, Ich bin ja höchstens arbeitsverwendungsfähig und wäre sicherlich auf Reklamation freigekommen ich dreimal verfluchter Esel!" Stürmische Reue entbehrt niemals ganz der Komik. Nun seine Lage so kritisch geworden ist, wünscht er plötzlich das Ende des Krieges herbei. ,, Soll mir ganz schnuppe sein, wer ihn ge winnt!" so meint der, Siegfriedrichs' jetzt.„ Wenn der Krieg alle ist, komme ich bestimmt heraus!" Zum Ueberfluß hat er sich nun freiwillig zum Wehrdienst gemeldet, weil er der Mei nung ist, dies mache einen guten Eindruck beim Untersuchungsrichter. Aber das Wehrkreiskommando hat seine Meldung zurückgegeben mit der Bemerkung, daß eine Entschlie Bung darüber erst nach Abschluß des gegen ihn schwebenden Verfahrens möglich sei... Er leidet sichtlich unter Abstinenzerscheinungen, weil ihm die Zigarette fehlt, und das ist abermals nicht dazu geeignet, die dauernd abfallende Stimmungskurve zu heben. Nun aber ist ihm ein Helfer in der Not erstanden. Seit gestern haben wir einen dritten Zellengenossen, einen französischen Kriegsgefan genen mit Namen Lambert Giraud. Er hat schon drei Monate im Polizeigefängnis gesessen, wo er nicht hat rauchen können. Nun bringt er etwa zweihundert Zigaretten mit in die Zelle, die wunderbarerweise nicht auf dem Transport verunglückt sind und ich habe ein paar Streichhölzer organisiert. Jetzt raucht der Ofen wieder, und der gute Friedrichs ist meinem Trostwort wieder zugänglich... - Ein paar Tage später wurde der Bankmann aus meiner Zelle genommen. Er hat ein Küchenkommando bekommen und hofft auf bessere Verpflegung. Die, Partei' hat sich hintenherum ein wenig für ihn verwendet. Der Franzose ging mit ihm und ich war wieder allein. - ab - * - Eine Stunde später hatte ich einen neuen Mitbewohner in meiner Zelle. Ich hatte den Mann schon beim täglichen Spaziergang beobachtet; ein älterer Herr von gepflegtem Aeußeren, 101 der mit gemessenem Schritt die innere Bahn' abwandelte, die kleinere Runde für solche, die sich nicht im Marschtritt der großen Runde bewegen können. Er hieß Schneider, war Kaufmann und hatte zwei Tage zuvor vom Sondergericht fünf Jahre Zuchthaus bekommen wegen Transfervergehens. ,, Seit gestern weiß ich, daß ich unschuldig verurteilt worden bin", sagte er zu mir, als wir ein wenig miteinander bekannt geworden waren. " Wieso gerade seit gestern?" fragte ich zweifelnd. ,, Das Gedächtnis meiner Frau hat den Umstand aufbewahrt, der meine Unschuld zweifelsfrei erweist!" Er berichtete: Vor acht Monaten war er auf die Anzeige seiner Firma hin verhaftet worden. In der Kasse der Baufirma, die er führte und aus der er die Löhne italienischer Arbeiter transferierte, fehlten etwa dreitausendachthundert Mark. Er war nicht in der Lage, eine Aufklärung darüber zu geben, wohin diese Summe geraten war, und wurde unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Gesetzesparagraphen als Volksschädling zu der oben erwähnten Strafe verurteilt. Am Tage nach der Verhandlung besuchte ihn seine Frau und fragte ihn, ob denn für den Betrag von dreitausendachthundert Mark, die er im Dezember des Vorjahres für Fahrkarten zur Heimreise einer Gruppe von Italienern aus der Kasse verlegt habe, ein Gegenposten da sei. In diesem Augenblick war ihm klar geworden, daß dieser Betrag von der Firma fälschlich an die Arbeiter unmittelbar rückvergütet und von ihm nicht verbucht worden war. Aber die Wiederaufnahme des Verfahrens war ein schweres Stück Arbeit. Er brauchte dazu einen Anwalt, und seine finanzielle Lage war infolge der langen Untersuchungshaft so schwierig geworden, daß seine Frau mit ihren fünf unversorgten Kindern sich eben noch über Wasser halten konnte. Sie hatte die Mittel nicht, einen Anwalt mit der Wahrnehmung der Interessen ihres Mannes zu beauftragen. ,, Ich kann Ihnen vielleicht helfen", sagte ich.„ Mein Anwalt wird in den nächsten Tagen zu mir kommen, und bei der Gelegenheit werde ich in diesem Sinne mit ihm sprechen." Schneider, das stellte sich immer mehr heraus, war ein stiller Mitbewohner. Er sprach nicht viel. Abends erzählte er kleine Geschichten aus seinem Leben. Fünf Jahre lang war er als Angestellter der Woermann- Linie in Deutsch- Ostafrika ge= 102 - wesen und hatte ein Stück der großen Welt gesehen. Wenn er Langeweile hatte, klebte er Tüten. Manchmal machte er Zukunftspläne. Merkwürdig: er pochte nicht auf seine Unschuld; schien eine Aufhebung des harten Urteils gar nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Anderseits aber glaubte er offenbar auch nicht daran, daß er diese Strafe wirklich verbüßen werde, ließ es aber an einer klaren Begründung für seine Hoffnung fehlen. Nur einmal sagte er:„ Diese politischen Urteile müssen ja mit dem Ende des Krieges samt und sonders kassiert werden; anders ist das gar nicht möglich!" Er ließ offen, wie er sich dieses Kriegsende vorstellte. Seine politische Haltung blieb. mir lange ein Geheimnis. Er hatte als Offizier im Baltikum, unter Rüdiger von der Goltz gekämpft und war ein begeisterter Anhänger Ludendorffs. Wie sein großes Vorbild hatte er seinen Frieden mit Hitler nicht gemacht; indessen wäre es völlig verkehrt gewesen, ihn für einen Feind der Nazis und der imperialistischen Regierung zu halten. Als ehemaliger Offizier hielt er sich für verpflichtet, strategische Einsichten zu besitzen. Er legte unter Anwendung militärwissenschaftlicher Fachausdrücke dar, wo im Osten unsere Heeresführung die entscheidenden Fehler gemacht habe, und er hielt mein Schweigen zu seinen Darlegungen für Zustimmung, die ihn immer wieder ermunterte, dieses unerschöpfliche Thema erneut abzuwandeln. Einmal sprach er auch die Absicht aus, Deutschland zu verlassen, wenn er dieses Haus einmal hinter sich hätte. Das Land seiner Sehnsucht war Dänemark. Er kannte die Verhält nisse dort offenbar gut, er war geborener Schleswiger... Der Jänner war vorübergegangen, still und in leichter Resignation; von einer Amnestie war schon längst keine Rede mehr. Am 6. Februar sprang ein neues Gerücht auf. Beim täglichen Rundgang auf dem Gefängnishofe lief vor mir ein schwächlicher Junge in zerlumpter Wehrmachtskleidung. Achtzehn Jahre mochte er alt sein und litt unter epileptischen An fällen. Er hatte unter dem Schutze der Verdunkelung war die übliche Formel geworden ein Pfund Bohnenkaffee gestohlen. Der also flüsterte mir zu: - - das ,, Die Russen kämpfen um Rostow. Sie sollen schon drin sein!" Dieses Gerücht wühlte in mir einen sonderbaren Sturm von Gefühlen auf. Bezog sich die prophetische Aeußerung, die der 103 - Spitzel Herbert Fink mir in den Mund legte, nicht auf dieses Ereignis? Wenn den Russen der Vorstoß zur Donmündung gelingt, ist der rechte Flügel, ist die Kaukasusarmee unrettbar verloren! So sollte ich gesagt haben. Die Aufgabe von Rostow durch unsere Truppen aber bedeutete um das zu sehen, brauchte man kein Feldherr von Gottes Gnaden zu sein die Trennung der Kaukasusarmee von der Hauptmacht und damit ihren Abgang in Gefangenschaft oder ihre Vernichtung. Ich bewahrte in der Zelle eine kleine Karte auf, die ich mir aus einer Zeitung geschnitten hatte. Die holte ich hervor und betrachtete sie nachdenklich... Am 8. Februar, zwei Tage später, meldete der Heeresbericht die Räumung von Rostow... Täglich sah ich jetzt neue Gesichter auf dem Hofe. Ein ganzer Trupp Franzosen wurde eingeliefert, etwa fünfzig Mann auf einmal. Auch Polen traten wieder in größerer Menge auf. Immer neue Gefangene spie das Polizeigefängnis aus, immer mehr füllten sich die Zellen des Untersuchungsgefängnisses. Am 11. Februar bekamen wir einen dritten Mitbewohner. Herr Ballrott war Bücherrevisor. Er war früh in seiner Wohnung verhaftet worden zwecks Vorführung zur Verhand lung, die um elf Uhr angesetzt war. Um zwölf Uhr kehrte er bereits wieder in die Zelle zurück, verurteilt zu einem halben Jahre Gefängnis. Ein sonderbarer Fall: Er hatte einen uralten Witz, der im Jahre 1933 neu aufpoliert worden war, im Jahre 1942 abermals aufgewärmt und war deshalb von einer Untermieterin seiner Wohnung als Staatsfeind angezeigt worden. Der Vorgang selbst war vom Richter als, dummes Geschwätz' bezeichnet worden, woraus sich auch erklärte, daß der Mann nicht mit Zucht haus bestraft worden war, sondern ganz gewöhnlichen Gefängnisknast aufgebrummt kriegte. ,, Ja was haben Sie denn nun eigentlich gesagt?" fragte Schneider harmlos. Ballrott wollte zuerst nicht recht mit der Sprache heraus. Schließlich überwand er aber doch seine Bedenken. " , Gottchen - es war im Grunde so harmlos. Sie hatten alle irgendeinen Witz erzählt, und da wollte ich auch was zum Besten geben. Göring besucht eine Klapsmühle und fragt da so 104 - einen Verrückten: Wer sind Sie denn eigentlich' Der antwortet:, Der Kaiser von China!' Worauf Göring fragt: Wissen Sie auch, wer ich bin?', Nein, sagt der Verrückte., Ich bin der Reichsmarschall Göring!' Da lacht der Verrückte laut auf und sagt:, Ganz genau so hat's bei mir auch angefangen!"" - ,, Aber", sagte ich betroffen ,,, ich habe wunder was Schlimmes gedacht!" - ,, Ja das wäre auch so schlimm nicht gewesen. Aber Göring hat Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Da wird nämlich angefragt. Und da ging es eben wohl nich anders als mit einem halben Jahre. Der Anwalt meint, ich wäre gut weggekommen." Ballrott hatte Glück. Bereits um vier Uhr wurde er wieder aus der Zelle geholt und ins Büro des Untersuchungsgefängnisses als Schreiber eingestellt. Man brauchte offenbar gerade einen. ,, Da dürfen Sie rauchen, und zu essen haben Sie auch genug", sagte der Hauptwachtmeister, der ihn abholte. Ballrott begriff noch gar nicht, welch großes Glück ihm da zuteil wurde. Fahrig suchte er seine Habseligkeiten zusammen und verließ die Zelle mit flüchtig gemurmeltem Abschied. Rio mio- dio- cadivo! Am nächsten Tage kam ein neuer Dritter: Max Kroll. Mit dem Eintritt dieses Mannes war unser friedliches Idyll zu Ende, und eine Reihe aufregender Begebenheiten griff Platz. Kroll ist ein Sachse aus Freiberg, der als Schreinerlehrling nach Bayern gekommen ist, wo es am bayrischsten ist: nach Miesbach. Sein Dialekt ist eine glückliche Mischung aus erz gebirgisch, oberbayrisch und französisch, denn er hat fünf Jahre als Schreinergesell in Luxemburg gelebt, in einem Kreise mit vorwiegend französischer Umgangssprache. Auch ein paar italienische Brocken fließen gelegentlich mit unter, die er in Mailand aufgeschnappt hat. Kroll ist lang und hager, hält sich aber so krumm, daß er beinahe den Eindruck eines Ver wachsenen macht. 105 Schon sein Eintritt in die Zelle hat etwas Gewalttätiges an sich. Er wirft sein Bündel aufs Bett und wühlt aufgeregt darin herum. „Nom de dieu, die Lumpen, die Kalfaktere, ham’se mir dees bissele Tabak a noch klaut— und meine Papiere— porco di ladro, die verdammten Schweine— weg—— weg!! Hab alles zwischen die Wäsche geschoben——“ Er springt auf und klingelt.(Welch eine Frechhheit! Die Klingel darf eigentlich nur benutzt werden, um einen Mord= oder Selbstmordversuch zu verhindern!) Dünnefett erscheint mit unheildrohender Miene in der Tür. »Was’n los? Is hier einer verrückt geworden?“ „Herr Oberwachtmeister, i bin bei der Revision bestohln worden. Bitte mich sofort noch einmal hinunter zu führen bei die Effekten!“ „Was fehlt denn?“ „Meine Papiere!“ „Die sind Ihnen doch abgenommen worden!“ „Eben net. I hatt’ sie doch zwischen die Wäsche geschoben. Mein Führerschein war dabei. Weg is er! Vielleicht is das Wäschepaket versehntlich an andern‘ausgehändigt worden!“ Dünnefett ist korrekt. Sowas darf nicht vorkommen. Natür- lich gehört der Führerschein in die Kanzlei. „Kommen Sie mit!“ entscheidet er. Nach etwa zehn Minuten kommt Kroll zurück. „Na also!“ sagt er und legt ein Paket Zigarettentabak auf den Tisch.„Dees hab i dem Kalfakter geklaut. Der Bursche hat a ganze Kiste mit Kippentabak dastehn und a kloans Dutzend Pakete bulgarischen, was er so beim Filzen maust, so a Haderlump, damischer.“ „Und die Papiere?“ „Die finden sich. schon noch, da hab i gar koane Sorg’ net“, sagt Kroll gemütlos und dreht sich‘ seelenruhig eine Zigarette.„In dem Haus kommt nix weg!“ In der Tat, eine Stunde später kommt Dünnefett- aufgeregt mit den Papieren an. Kroll wird vermahnt, in Zükunft besser auf sein Eigentum aufzupassen. Der Führerschein wird offi- ziell dem Büro zugeführt. Kroll hat früher einmal zwei Jahre im Zuchthaus zu Wald» heim gesessen. Er ist über diese Anstalt des Lobes voll. Aber 106 Bun er ist dort ja auch einer der besten Handwerker gewesen und hat alle nur denkbaren Vorzüge und Freiheiten genossen. Das ist freilich in der sogenannten Systemzeit gewesen. ,, Damals war der Strafvollzug noch menschlich", bemerkt er abschließend ,,, heut' is es dort dieselbe Schweinerei wie hier. Habt ihr genug zu essen?" - - Wer ist Kroll eigentlich? Ein Schreinermeister, der seit Jahren nicht mehr in seinem Berufe gearbeitet hat. Er ist viel gereist; er kennt die Preise an der Schwarzen Börse für Bohnenkaffee, Anzugstoffe, Speck, Spielsachen, Pelze und alle übrige Mangelware genau; hat einer bayrischen Kellnerin einen Pelzmantel versprochen, achthundert Mark Anzahlung genommen und nichts mehr von sich hören lassen ist in einem Leipziger Hotel verhaftet worden auf Grund einer Notiz im Fahndungsblatt. - - ,, Ein Rindsviach bin i gewesen", sagt er zerknirscht ,,, daß i im Hotel über Nacht blieben bin! Glei hams mi geschnappt. Wegen so a Lappali! Wenn's von dene andern Sachen Wind kriegn " Er hat Sorgen! Nach und nach ging Kroll aus sich heraus. Der Drang, zu reden, überwältigte ihn einfach. Er erzählte alle seine Hamsterfahrten, nannte Hehler, Zwischenkäufer, Stapelplätze mein Gott, wo überall hatte er Ware liegen! und Große abnehmer. Luxemburg war das gelobte Land, in dem er einkaufte... - - Gleich am ersten Tage nach seiner Vernehmung meldete er sich zur Außenarbeit. Schreiner wurden in Rüstungsbetrieben notwendig gebraucht, und der Amtsgerichtsrat, der seinen Fall bearbeitete Kroll wurde vom Amtsgericht Rosenheim gesucht und mußte dorthin zur Aburteilung überführt werden gab sofort die Genehmigung dazu. Das war in den Tagen nach Stalingrad, in denen alle Arbeitskräfte aufgerufen wur den zur Verteidigung des Reiches'. Aber im Untersuchungsgefängnis bekundete man keine besondere Eile, diesem Aufrufe zu entsprechen. Hier saßen massenhaft noch junge Menschen, die Tüten klebten oder ganz untätig waren. Also hatte man es auch gar nicht eilig, Kroll in Außenarbeit zu bringen. Aber Kroll selbst hatte es eilig! Sehr eilig sogar! Er wollte aus diesem Hause heraus, koste es, was es wolle! Am fünften 107 Bordell Tage seiner Haft verkündete er feierlich: ,, Dann muß i eben von hier aus abgehn! Herrgottsakra Bordell!" ( Das war seine Lieblingswendung, um Gefühlshöhepunkte zu markieren.) ,, I meld mich zur Rechtshilfe und geh dem Deppen da drüben durch die Lappen. Treppe runter un nix wie raus!" ,, Und was wollen Sie in Leipzig ohne Geld und ohne Lebensmittelmarken anfangen?"( Zwischen Schneider und mir war es beim, Sie' verblieben, und so hatte sich auch Kroll diesem Sprachgebrauche gefügt.) Kroll lachte hell auf. „ Geld!" sagte er verächtlich,„ Geld! In a halber Stund tausend Mark! Und bis zu meiner Braut komm i allemal ohne Ausweis. Dort hab' i Papiere; Picopinco! sag i Ihnen, Herr Doktor! Nachher kann i jederzeit im D- Zug nach Luxem burg fahren, und da wohn i im selben Hause wie die Gestapo. Alle kennen's mich da. Keiner fragt nach meine Papiere. Essen tu i bei meinen Freunden. Die brauchen a ka Karten. Dort gibts noch alles ohne Papierkram!" Die Tür tat sich auf. ,, Kroll vor Gericht!" sagte Dünnefett miẞvergnügt. Kroll klemmte seine Mütze unter die Jacke und trollte ab. Nach einer kleinen Stunde trudelte er wieder in der Zelle ein. ,, Nanu?" fragte ich neugierig.„ Es hat also nicht geklappt?" Kroll setzte sich niedergeschlagen auf einen Schemel. ,, I hab mir's glei dacht. An einem Freitag soll man sowas nicht vornehmen. Der Depp, der mich rüberbrachte, war richtig. I wollt ihm eben was vorn Latz geben un abgehen, da sah i auf der Treppen vier Schupos stehen. A Glück wars noch, daß i sie rechtzeitig wegkriegte. Warteten auf ihre Vernehmung. In der Halle unten stand noch a rundes Dutzend von dene Kerlen. So a Pech! Sonst is das Haus um die Zeit ganz leer..." Im Untersuchungsgefängnis hatte man offenbar überreichlich von dem, was Kroll fehlte: Zeit! Wiederum rührte sich drei Tage lang keine Hand, ihn zum Arbeitseinsatz zu bringen. ,, Die Sach' muß gar werden!" sagte Kroll plötzlich aus tiefem Sinnen heraus. ,, Aus dem Krankenhaus geh i mit Leichtigkeit abi!" 108 ,, Erst müssen Sie drin sein", bemerkte ich, von der Tütenarbeit aufblickend. ,, Is schon gemacht. I schneid mir die Pulsader auf!" Schneider fuhr erschrocken hoch. Sein sanftes Gemüt war auf solche Gewaltsamkeiten nicht eingerichtet. ,, Sakra nom de dieu - wo is sie genau?" Die Frage war an mich gerichtet. Ich nahm die Rederei nicht ernst, ergriff Krolls Hand und legte meinen Zeigefinger auf die Handwurzel seiner Linken. ,, Hier." ,, Bestimmt?" ,, Natürlich. Aber wie wollen Sie das ohne ein scharfes • Messer anstellen? Die Ader liegt ziemlich tief. Einem stumpfen Messer weicht sie aus." ,, Lachhaft! Mit an Glasscherben. Hab ihn schon. Ihr denkts wohl, i hab den Mut nit dazu? Merde! Gleich jetzt!" Ich versuchte, Einspruch gegen diesen Unfug zu erheben. ,, Nix gibts. Wenn's soweit is, da klingeln Sie. Lassen Sie nur ruhig erst ein Weilchen bluten. So a Liter Blut weniger, das macht gar nix aus. Das muß genäht werden. Könnens hier nit machen. Abi! Krankenhaus! Das andere is nachher meine Sorge!"- Schneider sitzt mit dem Rücken gegen das Fenster und faltet mit nervösen Fingern Tütenpapier. Ich sitze ihm gegenüber und starre mit unbehaglichen Gefühlen in die Helle des Gitterfensters. Eine Hilflosigkeit ganz eigener Art hat von mir Besitz ergriffen. Dieser Kroll will das Schicksal zwingen durch gröblichste Befragung. Auch ein Gedanke. Weit davon entfernt, heroisch oder mythisch zu sein: zweckrational vielmehr; geboren aus gemeinster Not, aus dem Zwange zum Handeln. Kroll handelt wie der Schachspieler, der sich in bedrängter Position durch ein Dame- Opfer Luft zu schaffen sucht. Ich höre ihn schwer atmen und leise stöhnen ,, Is es richtig so?" Ich springe auf. Sehe auf den ersten Blick, daß nur Venen zerschnitten sind. Aber ich sage: ,, Es ist die Pulsader. Ich werde klingeln!" Ich drücke auf den Knopf neben der Tür. Dünnefett ist auch gleich da. Er übersieht die Lage mit einem Blick. 109 ,, Verdammte Schweinerei!" schreit er und schlägt die Tür wieder zu. Minuten verrinnen. Krolls Wunde blutet heftig, aber nicht in pulsenden Stößen ,, Is es wirklich der Puls? Es blutet nich rasch genug", sagt Kroll verbissen, und dazu massiert er seinen Arm. Schnei der hat eine Waschschüssel mit Wasser auf den Boden der Zelle gesetzt, deren Inhalt sich rasch rot färbt. ,, Natürlich ist es der Puls. Die Wunde muß genäht werden", sage ich tröstend. Dann tut sich die Türe auf, und herein tritt , Doktor Unblutig' der Sanitätswachtmeister des Gefängnisses. ,, So eine Dummheit", sagt er mit vollendeter Ruhe und be trachtet den rohen Schnitt fast zärtlich. ,, Nun kommen Sie mal mit." Dünnefett steht vor der Zellentür in verhaltener Wut. Daß eine solche Sauerei auch gerade in seiner Belegschaft vorkommen muß! Womöglich hat er noch Scherereien damit! Als Doktor Unblutig den Verletzten hinausführt, springt er ihm mit einem Panthersatze nach und packt ihn beim Kragen. , Was soll das heißen?" schreit er in aufbrechendem Zorne. ,, So eine Schweinerei zu machen in der Zelle! Aber jetzt wirst du gefesselt, verdammtes Schwein, und kommst in den Bunker! So ein gottverfluchtes Theater - " Sein Schimpfen verklingt im Gange. Eine bange halbe Stunde vergeht. Dann kommt Kroll wieder herein. Sein linker Arm hängt in einer Binde. ,, Merde! Keine Pulsader! Alles ganz umsonst. Von Krankenhaus kein Wort! Merde!" Er setzt sich mit finsterm Blick in die Ecke. Schweigt. Abermals tut sich die Tür auf. Ein Eimer mit heißem Wasser wird hereingeschoben. ,, Zelle schrubben!" herrscht Dünnefett den Verwundeten an. ,, Aufwischen die Schweinerei! Los!" Er überwacht die peinliche Arbeit. Kroll markiert eine leichte Schwäche. Aber das macht auf Dünnefett keinen Eindruck. ,, Bloß kein Theater! Lebhaft!!" Schneider spült die Schüssel aus; ihm ist übel. Er kann kein Blut sehen. 110 ,, Und ihr beide", schreit Dünnefett in plötzlich sich erneuernder Wut, ihr konntet das nicht verhindern? Das sind schöne Zellenkameraden!" Schneider versucht sich zu rechtfertigen. Ich schweige. Was soll man in so einer Lage auch zu einem Menschen sagen, der Dünnefett heißt... * In diesen Tagen schrieb ich an meine Frau: Liebe Lotte! Ich muß wieder einmal eine kurze Stunde mit Dir ver plaudern, obwohl ich weiß, daß ich diesen Brief an Dich nicht werde absenden können. Ueber meinen Fall darf ich ja nichts schreiben. Aber Gedanken am Rande dieses Falles werden nicht verwehrt sein, sofern sie die Schwelle dieses Hauses nicht überschreiten. Ein Träger der Ehrennadel der Hitlerjugend beschuldigt mich, defaitistische Aeußerungen getan zu haben. Er hat unter Eid vor einem Kriegsgericht ausgesagt, und er wird bereit sein, diese Aussage in der Verhandlung zu wiederholen. - - Aber das ist meine geringste Sorge. Viel mehr Sorge macht mir zur Zeit die geistige Lage unseres Volkes, wie sie sich in der Presse widerspiegelt. Täglich lese ich die Zeitung und erfahre aus ihr nichts. Und doch wieder viel zu viel! Gestern las ich die Schilderung eines Kriegsberichters über Rückzugskämpfe im Osten. Durchbruch durch den Einschlie Bungsring! war der Artikel überschrieben. Ich zitiere: ,, Der kleine Bunker vor der hohen Ziegelmauer bebt unter den pausenlosen Schlägen der sowjetischen Artillerie. , Wie stark sind unsere Reserven?' fragt der General. , Ein Unteroffizier und zwölf Mann!' , Das genügt! Geben Sie Befehl zum Gegenstoß!' Seit Tagen geht das so. Die Sowjets hämmern mit allen Kalibern ihrer an Zahl überlegenen Artillerie auf die dünnen Linien der Grenadiere und überschütten sie mit dem Eisenhagel ihrer Salvengeschütze. Jetzt tauchen Panzer im Rücken der Grenadiere auf. Die Stellung ist nicht mehr zu halten. Die Grenadiere marschieren in einem Hagel von Eisen zurück. Sie marschieren und kämpfen, mitten unter ihnen ihr General! Von der Höhe vor ihnen stürmen die Sowjets her 111 unter in dichten Rudeln. Von der Seite schießt ein Ma schinengewehr. Ein Obergefreiter robbt sich an die Stellung heran. Handgranaten fliegen. Das Maschinengewehr ist verstummt. Da steht der General aufrecht, auf seinen Stock gestützt. ein Bild, wie es die Grenadiere in den letzten Stunden oft gesehen haben. Ihr General! Unwiderstehlich brechen sie vor. Die Sowjets kommen zu keinem geordneten Widerstand. Als sie noch von der Höhe her Feuer erhalten, ist ihre Kraft zu Ende. Die Waffen fliegen in den Schnee. Hände erheben sich über erschreckten Gesichtern. Der Durchbruch ist gelungen. Zu Hunderten sammeln sie die Gefangenen. Wütend trommelt die sowjetische Artillerie am Höhenrand. Zu spät! - Entschuldige das ein wenig lang geratene Zitat. Aber schließẞ lich ist jeder seiner Sätze ein Dokument. Ich frage: Was fängt das deutsche Volk mit einem solchen Unfug an? Millionen alter Weltkriegssoldaten lesen das, Männer, die den Krieg erlebt haben, und lächeln. Sie wissen nur zu gut, wohin eine solche Verniedlichung des Krieges führt und eine heimliche Angst schnürt ihr Herz zusammen... In einem andern Blatte finde ich einen Schrieb:, Masse gegen Masse. Da macht ein Zivilstratege der Heeresleitung einen Vorschlag: -- Was aber hindert uns Deutsche daran, es ebenso zu machen wie die Sowjets? An irgendeiner Stelle nämlich auch einmal rein mengenmäßig das Uebergewicht zu erlangen und durch äußersten Einsatz an einer entscheidenden Stelle eine wesentliche Beeinflussung des Ganzen zu unsern Gunsten herbeizuführen? Warum sollen wir nicht auch einmal eine einmalige Anstrengung größten Ausmaßes durchführen und aus der Heimat das letzte herausholen, um wenigstens den Versuch zu machen, Masse gegen Masse zu setzen?" Warum, so frage ich, sperrt man diesen Zivilstrategen nicht ein? Das ist's, wa's mir Sorge macht! Wie schwierig muß die Lage unseres Ostheeres sein, daß die Zeitungen neben den Sportberichten und den Familienanzeigen nichts anderes veröffentlichen dürfen als solche Unsinnigkeiten. Ja freilich da ist außerdem täglich noch der amtliche Heeresbericht zu lesen. ,, Im großen Donbogen" ,, Zwischen Donez und Dnjepr" ,, Im Mündungsgebiet des Don" ,, In Richtung Charkow". ,, Im mittleren Teile der Front" - - - - 112 das sind die Ortsangaben für die dort stattfindenden Kämpfe. Mir ist bange! Verstehst Du meine Sorge? * Dein Hans. Es stellte sich immer mehr heraus, daß Kroll über Fähig keiten verfügte, die mich in Erstaunen setzten. Ueber einen guten Witz konnte er herzlich lachen, und er bewies für alles, was von einer höheren geistigen Ebene her in seinen be scheidenen geistigen Hausrat einströmte, eine überraschend gute Auffassungsfähigkeit. Daneben aber war er jähzornig, leicht zu beeinflussen und schwankend in seinen Entschlüssen, kurz, sein Wesen war von einer besonderen Kindlichkeit durchtränkt. ,, I muß raus hier!" das war der Punkt, um den alle seine Gedanken kreisten. ,, Wenn die andern nich dicht sind, schwätzen's mich um die Kohlrübe!" - Kroll hatte bei seiner Verhaftung drei große Puppen, zwei Teddybären und allerhand ähnliche Sachen in seinem Koffer gehabt, die in dieser Zeit des Mangels an allem Möglichen begehrliche Blicke auf sich zogen. Kroll sah diese Blicke mit Befriedigung, aber er verzog dabei keine Miene. Der Koffer kam zu den Effekten. Eines Tages wurde er aus der Zelle geholt und kam lange Zeit nicht wieder... Als er endlich auftauchte, hatte er Tabak und Zigaretten. Dünnefett hatte einen Teddybären für vier Zigaretten und eine Rolle Priem erstanden, der Küchenwachtmeister den zweiten für fünfzig Gramm Tabak. Die große Puppe hatte er der NSV. gespendet für ein großes Paket Tabak. ,, Kriegt die NSV. nie zu sehen!" sagte er, indem er Schneider und mir eine Zigarette anbot. ,, Verunglückt auf dem Transa port. Geht mich nix an. Aber jetzt is der Weg aufgemacht, un des is die Hauptsach'. Bordell Bordell! Was sind die Beamte für Deppen!!" - ,, Berichten Sie!" forderte ich sachlich. Kroll lächelte verschmitzt. ,, Bei den Effekten is doch Paule. Sie wissen schon, der alte Inspektor, a freundlicher Mann. Dem hab ich was von Speck und Schinken geflüstert. Da kann heutzutag' keiner widerstehn!" 8 Berbig: Knast 113 Für Tabak?" ,, Nee. Ich schreibe einen Brief an die Schwester meiner Braut. Dort hab ich zwanzig Pfund gute Ware liegen. Paule befördert den Brief und kriegt die Hälfte. Die andere Hälfte kommt herauf in unsere Zelle. Der Mann is zuverlässig!" ,, Er schiebt dich!" sagte Schneider seelenruhig. ,, Ich kenne die Bande. Du bist hilflos in deiner Zelle. Kannst nich raus. Inspektor is schon faul. Der is nie zu sprechen. Das Paket kommt nie an!" ,, Es wird bestimmt sofort abgeschickt. Adresse: Inspektor Paul Lässig, Leipzig S. 3, Meuselwitzerstraße 72. In spätestens acht Tagen is es da." - ,, Natürlich aber nich bei uns. Er schiebt dich, darauf kannst du dich verlassen. Was hat er dir denn dafür angeboten?" ,, Fünf Mark für das Pfund. Hab' ich selber bezahlt", antwortete Kroll. Sein Tonfall ließ die unbedingte Siegeszuver sicht vermissen, die eben noch in seiner Stimme geschwungen hatte. Verbissen fügte er hinzu: ,, Wenn der mich schiebt, lass' ich ihn hochgehen!" ,, Hast du Beweise?" Kroll schwieg nachdenklich. ,, Werden ja sehen, wie die Sache läuft", meinte er, wie um seine Zweifel zu zerstreuen. ,, Er hat mir eine Handvoll Kippentabak gegeben auf Vorschuß!" Er zog eine Blechschachtel aus der Tasche und drehte aus Zeitungspapier kunstvoll eine Zigarette... Kroll war eine Leseratte. - Was Spannendes" hatte er sich beim Oberlehrer bestellt. Der schickte ihm Roseggers Waldbauernbubengeschichten. دو Wie gefällt Ihnen das?" fragte ich ihn. Kroll blickte giftig vom Buche auf. - oh --- ,, Den Rosegger, den sollt' mer mit Katzendreck derschießen oder mit warmem Käse. Mio- dio- rio- cadivo demimonde de dieu merde! Ja. Bluatsakra, da wird a weiße Porzellanvasen schamrot bei dem gottverfluachtn Saukohl. Kruzifix- Bordell. Ohne a Zigaretten überhaupts nich zu ge nießen Vierzigtausend Auflage! Nu mecht i bloß wissen, wer das Zeigs da liest!" Raabes, Kinder von Finkenroda' fanden ebenfalls keine 114 Gnade vor seinen Augen. ,, So a Erzmist!" sagte er, und damit legte er das Buch beiseite... Am nächsten Tage wurde Schneider vor Gericht geholt. Mein Anwalt war da und erörterte mit ihm die Möglichkeiten eines Wiederaufnahmeverfahrens. Es war übrigens höchste Zeit dazu. Schneider war bereits beim Arzt zur Untersuchung gewe sen und für, lagerfähig erklärt worden. Er sollte in den näch sten Tagen abgehen. Im Zuchthaus Waldheim war natürlich kein Platz. Leute mit einer längeren Strafe wurden in ein Lager an der Elbe gebracht zum Einsatz bei der Stromregulie rung. So hieß es. Mein Anwalt hatte keine Erlaubnis erhalten, mit mir zu sprechen. Er ließ mir durch Schneider ausrichten: Es sei ihan leider nicht möglich, mich über Einzelheiten zu informieren. Die Akten seien nach Berlin an den Volksgerichtshof gegangen zur Prüfung der Frage, ob Hochverrat vorliege. Einer meiner Kollegen habe sehr ungünstig über mich ausgesagt, ein gewisser Herr Fritz Theodor Körner, Reichsredner der Partei. Ich war von dieser Wendung der Dinge zunächst ein wenig betroffen und sprach ein paar Worte zu unserm guten Tütenmeister darüber. ,, Machen Sie sich keine besonderen Sorgen", sagte der sehr ruhig. ,, Sie schieben jetzt von drüben alles möglichst weit weg, was nach Politik schmeckt. Mögen die andern sich die Pfoten damit verbrennen, so denken sie. Zeit gewonnen, alles gewonnen! Die Berliner schieben dann die Akten wieder nach Leipzig, oder auch ans Oberlandesgericht nach Dresden. Wenigstens meistens. Der Gefangene sitzt ja auch in Nummer sicher, und wer weiß, wie man solch eine Sache nach Ablauf von zehn Wochen anzusehen gezwungen ist!" Es stellte sich bald heraus, daß auch die Postkontrolle über das Volksgericht in Berlin ging, so daß ein Brief meiner Frau genau vier Wochen brauchte, ehe er mir ausgehändigt wurde. Auch die Besuche meiner Frau mußten von Berlin genehmigt werden, das heißt: sie hörten einfach auf; denn ein Gesuch um Besuchserlaubnis wurde offenbar gar nicht beantwortet. So verging Woche für Woche, ohne daß ich etwas über den Fortgang meiner Sache hörte: der Februar und die erste März 8* 115 hälfte. Am 17. März kam Schneider endlich fort. Für ihn be> deutete die Veränderung eine Erlösung von achtmonatlicher Zellenhaft. „Von hier aus können Sie nur avancieren, gleichviel, wo» hin Sie kommen“, sagte der Tütenmeister, der gerade dazu kam, als sich Schneider verabschiedete.„Mal was anderes, auf dem Bieber schlafen!“ „Auf dem Bieber?“ „Auf dem Bieber! Das ist doch der alte Elbdampfer, der als Wohnschiff umgebaut ist. Rund achthundert Mann liegen drin, zum Buhnenbau. Am Ufer ist eine Barackenstadt für die übri- ‘gen Lagerinsassen. Vollbesetzte Ballmusik. Aus unserm Knast sind in den letzten Wochen allein zweihundert Mann dahin abgegangen. Licht, Luft und gutes Essen! Ich gratuliere!“ Schneider nahm den Glückwunsch gefaßt entgegen. „Ich sitze die Strafe ja doch nicht ab!“ sagte er im Hinaus- gehen... 1 Am nächsten Morgen bereits kam der neue dritte Mann in ‚die Zelle. Er hieß Lorenz, hatte eine typische Säufernase und war seines Zeichens Verwaltungsinspektor. Rundfunkhörer! Parteigenosse! Ein unerfreulicher Zuwachs! Er jammerte den ganzen Tag um seine verlorene Ehre. Er jammerte sächsisch.„Meine Achre will’ch widderhamm, meine Aehre!“ wimmerte er vor sich hin. Dazu ballte er beide Fäuste vor der Stirn und vergoß dazu ‚Originaltränen‘, wie sich Kroll ausdrückte. Er bot einen lächerlichen Anblick. „Was wirst schon kriegen auf den lumpigen Londoner Sen- der“, versuchte Kroll ihn zu, trösten.„Zwei Jahre Knast, ans schließend ein Jahr Lager, wann’s die Bettstellen noch aus» hält.“ Dann sang er ein sehr unanständiges Lied mit einem wuchtigen Kehrreim. Aber Lorenz verstand den hintergrün> ‚digen Sinn des alten Handwerksburschenliedes nicht; er hörte nur das Obszöne aus ihm heraus und blieb weiterhin uns tröstlich. Natürlich hatte man ihm bei der Revision seine Tabak» schachtel abgenommen. Kroll war wütend. „Rindsviach!“ murmelte er grimmig.„Miodioriocadivol Poroo! Porco-dio—— miocadivo! So was lebt doch nich! Dünnefett muß runter zu Paule und den Tabak holen!“ 116 ” Dünnefett ging wider Erwarten wirklich in die Revision; aber den Tabak brachte er nicht mit. Man habe ihm gesagt, der Gefangene habe den Tabak nicht haben wollen. Also habe ihn der Kalefaktor genommen. ,, Da hast' die Sauerei! Diese Spitzbuben! Bordell! Bordell!" Er ging aufgeregt in der Zelle auf und ab. Dann röstete er in einem alten Blechlöffel einige Blätter ausgekauten Priem tabak, zerkrümelte ihn zwischen den Fingern und füllte den Tabakstaub in eine Hülse aus Zeitungspapier.„ Une cars touche" nannte er das so entstandene Gebilde, das er entzün dete, um den Rauch genießerisch in die Lunge zu ziehen. Ich stellte neidlos fest: das Zeug roch nicht einmal schlecht... Der Kalefaktor. Kalefaktor ist ein internationaler Begriff geworden. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist durch das noblere ,, Chauffeur" ersetzt und endlich abgewertet worden. Im Gefängnis hat sich der Kalefaktor gehalten als, Mädchen für alles, auch in Frankreich, England, Italien und den USA., vielleicht auch in Indien, China und Hindostan, denn die Sprache des Elends kennt keine Grenzen. In jedem dieser Länder paẞte sich das Wort der heimischen Zunge an. In Sachsen sagt man ,, Gallfaggdr". Früher wählte man nur langfristig Bestrafte dazu aus. Wenn man einmal einen Menschen auf eine bestimmte Tätigkeit abrichtet, will man auch möglichst lange etwas davon haben. Im Untersuchungsgefängnis reicht die Zahl der Langfristigen für diesen Zweck nicht aus; aber es gibt ja hier Männer und Frauen genug, die schon Monate darauf warten, verurteilt zu werden, und die abermals Monate darauf werden warten müssen, bis die Reihe an sie kommt. Also rekrutiert man den Stand der ,, Gallfaggdr" man macht in Sachsen keinen Unterschied zwischen der Einzahl und der Mehrzahl des Wortes auch aus dem Stande der Untersuchungsgefangenen. - Der Kalefaktor fühlt sich nur noch bedingt als Gefangener. Nachts wird er zwar in eine Zelle gesperrt wie alle andern auch. Aber vom Aufschluß' am Morgen bis zum Einschluß' am Abend bewegt er sich frei im Hause. Er fegt, gibt Essen 117 aus, hilft bei der Revision, sammelt die Wäsche ein, verrichtet kleine Dienstleistungen für die Beamten, besorgt das Bad und die Heizung. Er fühlt sich bald als privilegiert und nimmt den übrigen Gefangenen gegenüber den rauhen Ton des Vorgesetzten an. Gelegentlich macht er kleine Geschäfte mit ihnen, öffnet wohl auch einen verbotenen Weg in die Außenwelt und besorgt Briefe und Nachrichten für solche, die für diese Dienste dankbar sind. Man wählt den Kalefaktor viel häufiger aus dem Kreise der Kriminellen als aus dem der Politischen. Er ist zumeist ein Spitzbube, und sein Wesen erklärt sich aus dieser schlich ten Tatsache. Er ist unterwürfig und gesprächig; weiß, wo zu schmeicheln und zu kriechen sich lohnt. Zudem hat er meist Erfahrung in diesem Amte, denn er übt es nicht zum ersten Male aus... Der Badekalefaktor war ein, Kapitalist'. Er nahm allen Neulingen, die aus dem Polizeigefängnis kamen, Zigaretten und Tabak ab mit dem Hinweis darauf, daß in diesem Hause das Rauchen verboten sei. Und für Tabak war nun einmal in diesem Hause alles zu machen. Es hatten sich aus Angebot und Nachfrage bereits feste Preise gebildet. Zehn Zigaretten wurden in der Küche gegen einen halben Würfel Margarine ge tauscht, eine Rolle Priemtabak gegen zehn Stückchen Würfelzucker. Der Buchbinder tauschte Zigaretten gegen Briefpapier, der Schneider gegen Nadel und Zwirn, der Tischler gegen einen Schlag Mittagessen oder gegen Brot, das er als Zusatz verpflegung erhielt. Wer nichts zu tauschen hatte in diesem Hause, der war übel dran. Die Zellenverpflegung war unzureichend, und die Untersuchungsgefangenen fielen im Körpergewicht rasch ab... Eines Tages wurde Lorenz vor Gericht geholt. Als er zurückkehrte, war er sehr niedergeschlagen. ,, Nun, was haben sie denn drüben ausgegeben?" wollte Kroll wissen. - ,, Ach nichts weiter. Der Gerichtsarzt war da. Man hat mich wegen Trunksucht angezeigt. Vielleicht was wegen § 51 - ,, Is nich mehr!" entschied Kroll. ,, Besoffenheit gilt nich als strafmildernd. Du warst wohl blau, als du London an gedreht hast?" 118 Lorenz ging mit verschlossenem Gesicht in der Zelle auf und ab. ,, Das bezieht sich nich darauf. Ich war doch im Warthegau, un da gab's doch noch alles. Nadierlich hamm mir ooch mal een gehoben, un das is meinem Ortsgruppenleiter, was mei Bürgermeister is, gemeldet worden." ,, Slivowitz?" fragte Kroll. ,, Es gab so en Ostdeutschen. Für Grog bei zwanzig Grad Kälte änne sehr wärmende Sache." ,, Und nachher hast' geschwätzt!" behauptete Kroll mit Nachdruck. ,, Gee Wort!" versicherte Lorenz. Also doch ein Säufer! dachte ich... * In der 93 wohnte seit ein paar Tagen ein Herr von Beust. Rundfunkverbrecher. In der 96 ein Herr von Alvensleben, ebenfalls beschuldigt, Meldungen fremder Sender weitergegeben zu haben. Beim Rasieren konnte ich ein paar Worte mit den beiden wechseln. ,, Anklage schon erhoben?" fragte ich leise. ,, Nein. Wir bleiben hier, bis der Laden zusammenbricht." ,, Wann?" ,, Im Herbst. Bestimmt keinen Winter mehr." ,, Und dann?" ,, Es wird schlimmer, als man auch nur ahnen kann. Wir verlieren alles; müssen dankbar sein, wenn uns auch nur das. nackte Leben bleibt." ,, Alle Leiden nehmen ein Ende", sagte eine tiefe, wohl tönende Stimme neben mir. Es war die des griechisch- orthodoxen Geistlichen. ,, Es kommt alles ganz anders. Und spä= ter! Hoffen Sie nicht auf dieses Jahr. Es dauert länger. Noch ist die Zeit nicht erfüllet, von der geschrieben steht: Im Frühjahr fünfundvierzig werden Russen in diesem Hause kommandieren nicht früher!" - ,, Das wären noch zwei Jahre", sagte Alvensleben. ,, Daran kann ich unmöglich glauben weil ich es einfach nicht glauben will!" * - 119 An einem der nächsten Tage wurde Lorenz aus der Zelle genommen. Er wurde in die Abteilung I verlegt, die den Spitznamen, Totaler Parisereinsatz' führte und in der Gummiartikel für die Wehrmacht verpackt wurden. Die Zeitungen waren ja voll davon, daß die letzte verfügbare Arbeitskraft eingesetzt werden müsse, und also fühlte sich auch unser guter Tütenklebemeister dazu verpflichtet, sein Produktionstempo zu steigern; mit dem Erfolge, daß eine Woche später sein Ma terial zur Neige ging. Auch Kroll bekam plötzlich Arbeit in der Tischlerei. Er jubelte innerlich darüber, äußerlich aber blieb er beherrscht. ,, Zwanzig Zigaretten und eine Rolle Priem die Woche. Küche gleich nebenan!" bemerkte er sachlich. Was er sonst noch dachte, das sprach er nicht aus. Am Abend kehrte er in die Zelle zurück mit einer großen Schüssel Bratkartoffeln, einem Kopierstift, Nadel und Zwirn und einer Packung Zigarettenpapier. 82 , Grüße soll ich Ihnen bestellen vom Obermeister Stets. Sie hätten mit ihm zusammen im Polizeiknast gelegen. Er führt die Schneiderei, hat fünf Franzosen sitzen und alles, was er braucht. Wenn Sie nicht satt werden, sollen's es ihm nur sagen. Er sorgt für alles." Ich hatte kaum noch an diesen gefühlsbeschwerten Zellengenossen gedacht; war der Meinung gewesen, er sei längst auf freiem Fuße. Nun erfuhr ich durch Kroll, daß auch gegen ihn eine Anklage noch immer nicht erhoben sei. ,, Ferner soll ich Grüße bestellen von Herrn Oberstleutnant von Brecher." Ich erschrak. ,, Helmut von Brecher?" " Weiß nicht, wie er mit dem Vornamen heißt. Sagt, er wäre ein entfernter Vetter oder sowas von Ihnen." - ,, Das ist richtig. Aber wie um Gottes willen Helmut war zuletzt in Afrika" ,, Stimmt. Dann is es der Richtige." ,, Und er hat Ihnen erzählt GO ,, Alles. Er hat gemeckert. Zersetzung der Wehrmacht un so. Fünf Jahre Zuchthaus." Ich mußte mich niedersetzen. 120 ,, Fünf Jahre - Zuchthaus. Aber, Kroll, das ist doch ganz - ein Drauf " unmöglich. Helmut war der tadelloseste Offizier gänger erster Klasse wie kann man ihn beschuldigen ,, Er hat im Kreise seiner Unteroffiziere was über die Sache Mölders gesagt. Weiß nich genau, wie es gewesen ist. Einer hat ihn eben bei der Gestapo verpfiffen, und man hat ihn verhaftet. Gleich Verhandlung. Fünf Jahre vom Sondergericht." ,, Aber ist denn da nicht ein Kriegsgericht zuständig?" Weiß nich, wie das is Riomiodiocadivo! Er hat eben fünf Jahre Knast gekriegt und gibt in der Materialverwaltung Sachen für die Arbeitskommandos aus." " 9. - - , Und wie trägt er sein Schicksal?" Kroll blickte mich verwundert, fast mitleidig an. ,, Schicksal! Nu machens aber a Punkt! Mopsfidel is er. Sagt, kein Jahr sitze er ab! Noch ein Winter kommt gar nich auf die Platte, sagt er. Die blödsinnigen Urteile sind Masken der Angst. Genau so sagt er. I hab mir das extra gemerkt. Masken der Angst, finde ich, is großartig. I hab ihm erzählt, was i von Ihnen weiß. Er meint, wenn der Spitzel schwört, kriegens zwei Jahre. Dann blieben Sie vielleicht hier. Der Waldheimer Knast is überfüllt, es gehen schon gar keine Transporte mehr hin, un Straubing is gesperrt. Typhus oder Diphtherie, was weiß ich. In dene Ostlagern ist der Flecktyphus. Das is wieder eine andere Sorte von Krankheit. Nix Gescheites. Sie bleiben nachher hier. Was haben Sie denn schon auszup stehen? Sie schreiben den ganzen Tag. Was anderes machens zu Hause doch a net! Un dann läßt noch a andrer grüßen. Sie haben, scheints, lauter Bekannte hier im Hause. Ein Herr Schumann." ,, Schumann? Ich kenne einen Mann dieses Namens, der hier ein großes Baugeschäft führte." ,, Diplomingenieur Doktor ing. Schumann, soll ich sagen. Das is er schon. Er is seit dreiunddreißig bloß drei Monate frei gewesen. Erst in Hohnstein, dann in Sachsenburg, dann sieben Monate Knast, dann Buchenwald. Jetzt wieder hier. Der kann was erzählen!" Ich blickte zum Fenster hinaus und schwieg ergriffen. Er lebte also noch, dieser Schumann, den man schon mehrfach totgesagt hatte. Ich fragte nach seinem Ergehen. Wie's ihm geht? Oder is eine ganz große Nummer. 121 - Priem - 1 Ohne den geht da unten überhaupt nix los. Wann aner was wissen will, so fragt er bloß: wo is der Schumann? Ein feiner Zucker Mann. Teilt alles, was er hat. Stäbchen kann ja aus der Küche haben was er will. Wenn die Heizung nicht funktioniert, braucht er bloß zu sagen: Leckt mich fett! Gleich kommen sie an mit Bratkartoffeln. Die gibt er dann in die Schusterbude, oder an dem Schneider seine Franzosen, die immer an Sauhunger haben." ,, Und wie denkt er über das Kommende?" Genau so wie der Oberstleutnant. Er is fidel wie die Made Im Speck." - Welch eine entsetzliche Tragik! mußte ich denken. Da sind Männer eingesperrt, die mit einer militärischen Niederlage des Vaterlandes rechnen, sie erhoffen weil sie in ihr den einzigen Weg sehen zur Gesundung unseres Volkes. Sie lieben das Land, das Deutschland heißt, ja, sie lieben es wahrhaftig und mit aller Inbrunst ihres Herzens! * - Paule, der Inspektor, der den Brief an die Schwester von Krolls Braut hinausbefördert hatte, ging Kroll geflissentlich aus dem Wege. ,, Es is noch nischt da!" sagte er wohl einmal leise im Vorbeigehen zu ihm. ,, Der Haderlump schiebt mich!" sagte Kroll eines Abends mit Grabesstimme. ,, Jetzt schreib i selber, und wenn in acht Tagen das Paket nit da is, laß i den Burschen hochgehen!" , Wie wollen Sie den Brief hinausbringen?" "" ,, Kleinigkeit!" sagte Kroll von oben herab. ,, Das besorgt der Kohlenmann für zehn Stückchen Würfelzucker. Dafür kauft er auch noch die Marke. Er kriegt Trinkgelder. Hat immer klaren Kies in der Tasche." Kroll schrieb den Brief und ließ ihn von einem Kohlen iträger im Außendienst befördern. Abermals verging eine Woche... Umzug in die Beethovendiele. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß mich der ver staubte Oberlehrer mit seinem Haß verfolge. Er fühlte sich von mir offenbar nicht genügend gewürdigt(, ästimiert sagt man in 122 - Sachsen) und wollte mich fühlen lassen, daß Leute meines Schlages, die selber Bücher schreiben, unter gar keinen Umständen geeignet sind, in einer Bibliothek zu arbeiten. Die Bitte darum hatte ich schon vor längerer Zeit ausgesprochen, es war aber eben niemals Platz da. Nun, ich hatte ja Zeit und eines Tages kam mein Freund und Gönner Dietze vorüber, der Direktor, und teilte mir mit, daß im Ersatzgefängnis in der Beethovenstraße ein Platz in der Bücherei freigeworden sei. ,, Sie haben da ein wenig mehr Bewegungsfreiheit, sind nicht den ganzen Tag in der Zelle. Das Essen soll drüben auch besser sein, so sagt man mir. Ich an Ihrer Stelle würde die Gelegenheit ergreifen, mich einmal zu verändern. Aber wie Sie wollen. Viel Zeit zum Schreiben haben Sie ja drüben nicht mehr." Neue Gesichter und der Umgang mit Büchern ich er griff also die Gelegenheit, den Ort zu wechseln. So kam ich in den ersten Apriltagen ins Ersatzgefängnis... - - - Die Uebersiedelung gestaltete sich bereits ein wenig schwierig. Ich hatte zu viel Gepäck. Wäsche hatte sich angesammelt und verschiedene Kleinigkeiten, von denen man sich ungern trennt. Mein Karton wurde beanstandet. Aber schließlich brachte ich doch alles in den grünen Transportwagen, und wenige Minuten später stieg ich, Station Beethovendiele' aus. Von einem knurrigen Beamten wurde ich in Empfang genommen, der mich wortlos in eine Einzelzelle sperrte. Am nächsten Morgen wurde ich in die Bibliothek geführt. Das war ein Raum, der aus drei kleinen, nebeneinanderliegen den Zellen bestand, die durch Türen miteinander verbunden waren, so daß ein Gang von etwa sieben Metern Länge ent standen war. Immerhin eine Wandelbahn, die den Gedanken an eine größere Bewegungsfreiheit nahebrachte. An den Wän den standen die Bücher in hohen Regalen, ausgerichtet wie Soldaten und nach Nummern und Kennbuchstaben geordnet. Die Einordnung in den Zettelkatalog war ziemlich willkürlich erfolgt. Jules Verne stand unter den Reisebeschreibungen, Dahns, Kampf um Rom' unter den geschichtlichen Werken. Aber man fand sich in den bescheidenen Beständen bald zurecht, und das war ja schließlich die Hauptsache. Bibliothekar war Schmehling, ein kleiner Handlungsgehilfe, der Geschäftsgelder auf dem Rennplatz verwettet hatte. 123 دو SO , Wenn ich auf den gottverfluchten Schinder nicht Sieg, sondern Platz gewettet hätte, dann säße ich nicht hier", sagte er, nachdem er mir sein Mißgeschick ausführlich dargelegt hatte. ,, Rabenvater hatte eigentlich gar keine Chancen, aber ich bildete mir eben ein, diesmal müsse er kommen. Das muß man im Gefühl haben, weißt du. Und er kam! Nur eben als Zweiter! Nebelkrähe ging noch zehn Meter vor dem Ziel in Füh rung und schlug ihn mit halbem Kopf. Sechshundert hätte ich auf Platz gehabt. Aber ich habe mir geschworen, nicht mehr zu wetten!" Du wirst einen Meineid geschworen haben", sagte ich. ,, Es gibt nur ein Mittel, dir das Wetten abzugewöhnen." ,, Das wäre?" ..Nicht mehr zum Rennen zu gehen!" Er lächelte gerührt. - Du Laie!" sagte er dann, und dazu kramte er in einem Bü cherhaufen herum.„ Ich bin nie zum Rennen gegangen. Das heißt ja, doch zweimal, als ich noch ganz grün war. Aber ich fand das langweilig, die ewige Warterei zwischen zwei Rennen, weißt du. Ich wette nur beim Buchmacher. Das ist viel spannender. Und nebenan im Café Steppuhn war immer Betrieb. Da hast du die Auswahl. Karlshorst und die franzö sischen Rennen, Hamburg, Baden- Baden kenne doch jeden Gaul, der irgendwo läuft. Nee auf dem Rennplatz, das is was für Kinder und Säuglinge von zwei bis drei Jahren." Ich staunte. - -- ,, Aber man hört doch keine Platte, wenn man ein richtiges Orchester hören kann", sagte ich. Er lachte. - - ,, Platte is gut! Da du es gerade sagst: auf der Platte habe ich mir abends manchmal die Reportage vom Rennen angehört im Rundfunk. Das is ja nun so genau hab ich mir das auch noch nicht überlegt da hörst du die Leute aufgeregt schreien, die am Nachmittag geschrien haben von der Platte her abends um zehne, und von da über die lange Welle wieder in deinem Lautsprecher, und wenn du sonst willst, kannst du das aufgeregte Geschrei wieder auf eine Platte nehmen und dir am nächsten Tage zum Mittagessen vorschreien lassen. Gediegen, was? Aufregungskonserve, so eine Platte." Er lachte ge nießerisch über seinen Witz. ,, Was man nicht alles mit Kautschuk und elektrischen Wellen machen kann. Gefühle kann 124 man sozusagen einfrieren lassen, in Gelee verwandeln und nachher aufs Gemüt streichen. Haha!" Der Bibliotheksgehilfe war ein gelernter Buchbinder. Er hieß Felix. Seinen Zunamen habe ich vergessen. Er dokterte an zerlesenen Büchern herum. Unter seinen Händen wurden die Bände immer dicker, weil er auf jeden Riß im zerfallenden Holzpapier einen harten Streifen durchscheinenden Papieres klebte. ,, Die reinste Pfuscharbeit", pflegte er zu sagen, wenn er seine Streifen zuschnitt und mit Kleister bestrich. ,, Als Buch binder müßte man schamrot werden bei der Arbeit. Aber mache mal was ohne Material! Die alten Scharteken müssen alle aufgebunden und neu beschnitten werden. Das is natürlich gar nich zu machen!" Felix war ein, Politischer'. Alter Gewerkschaftler. Zwei Jahre Gefängnis wegen illegaler Betätigung im Sinne der Koalitionsfreiheit. Als alter SPD.- Mann hielt er mich für einen Reaktionär, weil ich nicht politisch organisiert war. 99. Wenn der Schwindel vorbei ist", sagte er verbissen ,,, dann wird aufgeräumt. Wer in der Partei war, der kriegt ein Haken kreuz auf beide Arschbacken gebrannt." ,, Da sieht man es doch nicht", wagte ich schüchtern einzuwenden. " Soll man ja auch gar nicht sehen! Hauptsache: es hat einmal richtig am Arsche gebrannt!" - Man sieht, Felix war nicht rachsüchtig. Sein Sinn war mehr auf das Moralische gerichtet. Er war eben ein Politiker. Nur zwei Tage verblieb er in unserer kleinen Bibliotheksgemeinschaft. Dann ging er nach Bautzen ab, wo er den Rest seiner Strafe verbüßen sollte- als Buchpfleger' mit Streifenpapier und Kleistertopf... se Wer wurde im Weltkriege ein brauchbarer Offizier? Wer die ganze Mühsal des Muskotenlebens im Schützengraben mit den Aermsten der Armen getragen hatte; wer Hunger und Todesangst, Nässe und Frost erlebt und erlitten, wer, von Läusen geplagt, alle Roheit und Niedrigkeit des Militarismus als unabwendbares Schicksal in sich hineingefressen hatte. Nur ihm erschließt der Mann aus dem Volke', er sei Markthelfer, 125 Baubudenschreiber oder Hochschullehrer, seine Herzkammern - In diesem Hause waren in einem ganz bestimmten, scharf umrissenen Sinne die Aufseher, Offiziere'. Im Grunde lebten sie ja dasselbe Leben wie die Gefangenen in einem vielstündigen Tagesdienst hinter verschlossenen Türen und ohne jegliche geistige Anregung, ewig in Angst und Gefahr, eine ihrer zahllosen Dienstvorschriften zu verletzen. Sie führten, ihren unterschiedlich voluminösen Dienstbezeichnungen zum Trotz, ein wahres Rumpelkammerleben in Torheit, Anma Bung und Bösartigkeit; wurden im Guten und im Schlimmen denen immer ähnlicher, deren Flucht aus diesem Dasein zu verhindern ihre einzige Aufgabe war. Nur wenige waren unter ihnen, die nicht mit weit besserem Rechte als die wirklichen Insassen in eine vergitterte Zelle gehört hätten: die kleinen Diebe, Schwarzschlächter und Volksschädlinge, die vor ihnen in geheuchelter Unterwürfigkeit die Kappe zogen. Die Gefangenen aber bildeten, ähnlich wie damals im Weltkriege die Soldaten eine geschlossene Phalanx des Geistes wider sie, eine, verschworene Gemeinschaft'( um eine bevorzugte sprachliche Wendung dieser verrückten Zeit einmal sinnvoll anzuwenden), in der List, Tücke, Tarnung und Betrug zum Grundsatz erhoben worden waren. Diese allgemeine moralische Abwertung der sittlichen Haltung wurde zum gültigen Maßstab auch im Verkehr der Gefangenen untereinander. Der, Politische tauschte selbstverständlich mit dem Kaffeeschieber, dem Hoteldieb und dem Sittlichkeitsverbrecher( Mein Gott! was lief nicht alles unter dieser Firma im Bau herum!) das brüderliche Du. In einem wirklich veralteten' Buche, nämlich im Staats- und Gesellschaftslexikon des Jahres 1865, fand ich später einmal über diesen Gegenstand die folgende Betrachtung:„, In der Frage der Behandlung der sogenannten politischen Verbrecher liegt der Grund des Mangels der Verständigung in der Unklarheit und Verschiedenheit der Ansichten teils über den Begriff und den Umfang der gedachten Verbrechen, teils über den Charakter derer, die dieser Verbrechen angeklagt wer den. Sollen, wenn nun schon Menschen um ihrer Ideale willen gestraft werden, die wegen solcher Verbrechen Verurteilten in den zur Verbüßung entehrender Strafen bestimmten Anstalten verwahrt werden, und soll man sie der Einzelhaft unterwerfen? Die erste Frage muß unbedingt verneint werden, 126 - weil ein solches Zusammenwerfen von Menschen, bei denen die öffentliche Meinung keinen entehrenden Charakter annimmt, mit offensichtlich Ehrlosen und Verderbten ebenso hart gegen die dadurch Betroffenen, als schädlich gegen die Wirk samkeit der Strafen wegen gemeiner Verbrechen ist. Die Scheu vor der Strafe vermindert sich naturgemäß, wenn der gemeine Verbrecher sieht, wie der anständige Charakter die gleichen Leiden, ja noch größere erdulden muß als er selbst. Die zweite Frage ist nur bedingt zu bejahen. Wenn es gleich wahr ist, daß beim politischen Verbrecher auf die Wirkung der Einzelhaft als Mittel der Besserung, zur Aenderung der politischen Gesinnung also, nicht gerechnet werden kann, so er scheint doch die Absonderung des Politischen' aus mehreren Gründen zweckmäßig und ratsam. Selbst die Gemeinschaft unter ihnen selbst muß notwendig einer gewissen Beobachtung und Kontrolle unterliegen, da nichts ansteckender wirkt als Ideen, und eine Festigung der einmal gefaßten Meinung in der Gesellschaft Gleichgesinnter die Regel ist.“ Ach, was sich damals gescheite Menschen noch für Gedanken machten über , politische Vergehen! Daß einmal eine Zeit anbrechen würde in Deutschland, in der es andere als, politische Vergehen und Verbrechen kaum noch geben würde, das freilich konnte das mals noch niemand ahnen! Heute war sogar die sexuelle Anomalie zum politischen Verbrechen geworden. Nachdem Hitler seinen Freund Röhm gerichtet hatte, dessen abseitige Veranlagung er durch Jahre hindurch schweigend geduldet hatte, mußten deutsche Richter durch betont harte Urteile dafür sorgen, daß das Volk über die, wahre Meinung seines Diktators nicht im unklaren sein konnte! Der kleine Felddieb wurde unter dem Schutze der Verdunkelung' zum Volksschädling', und unter dem Protektorat der berüchtigten, Nürn berger Gesetze' wurde sogar das Schicksal der Geburt zum po litischen Verbrechen. Die Grenzen zwischen, politisch' und , kriminell' verwischten sich auf der ganzen Linie. So war es denn ganz selbstverständlich, daß mein neuer Freund Schmehling, der das Pech gehabt hatte, auf Rabenvater Sieg statt Platz zu wetten, sich mir dienstlich durchaus überlegen fühlte, und das mit allem Rechte: er wickelte den Oberlehrer mit plumper Schmeichelei und gutgespielter Beflissenheit derart ein, daß er eben oberste Instanz in allen Bildungsfragen des Beet127 hovenknastes wurde. Ich lernte in meiner neuen Stellung mancherlei auch literarisch! Der Oberlehrer, verstaubt wie das Museumsgerippe eines Dinosauriers, gab literarische Anweisungen für die Auswahl der Lesestoffe seiner ihm selbst völlig unbekannten und ewig unsichtbaren Lesergemeinde. So etwa: - - - ,, Mein Gott! Was haben Sie diesem Mädchen da wieder gegeben! Den, Rosendoktor' von Ludwig Finkh! Das ist Feinkost, verehrter Herr!"( Der verehrte Herr war ich; er liebte es, seinen Bildungsabstand jedem Akademiker gegenüber satyrisch zu betonen.) ,, Ganz einfache Stoffe für diese kriminellen Weiber! Jeremias Gotthelf, Stifter, Conrad Ferdinand Meyer! Kleine, kurze Geschichten. Ja nicht zu lang. Sie verlieren ja das Interesse am Weiterlesen. Um Gottes willen keine so modernen Autoren wie Jelusich, Grimm, Zerkaulen, oder gar, Der Glaube an Deutschland' wie heißt er doch gleich Zöberlein!" Er wählte mit kundiger Hand ja, richtig für eine Hausgehilfin, zweimal sitzengeblieben in der Volksschule, Schwachstromtyp laut Personalkarte, den Schillerroman Walter von Molos. Ich kannte dieses Buch nicht und las wahllos ein paar Seiten aus der Mitte heraus. Mein Gott! so mußte ich in einem Anfall von Sarkasmus denken, der Feinkost- Finkh und der Dienstmädchen- Molo! Aber ich suchte nun doch in meinem Zettelkasten nach einfachen Stoffen. Zum ersten Male kam mir dabei recht zum Bewußtsein, daß es in der Literatur eigentlich gar keine, Grenzen' gibt, und daß Urteile wie, gut' oder, minderwertig, ja daß selbst das Urteil , Kitsch nicht eigentlich zu halten ist. Der Leser des, Wilhelm Meister blickt auf den, der für Herzog und Ganghofer schwärmt, dieser auf die Verehrerin der Literatur, die in Fortsetzungsheften ins Haus gebracht wird, ganz zu Unrecht her ab. Mein Oberlehrer hatte jedenfalls nur ein höchst unklares Gefühl für die Schwierigkeiten in der Auswahl von Büchern für Gefangene, wenn er die Schönheit und die Weisheit eines Jeremias Gotthelf in die sozusagen leichtbeschwingte Muse einrangierte. Zufällig fand ich in diesen Tagen ein köstliches Stück deutscher Weisheit, das mir zum Wegweiser in dieser Schwierigkeit wurde. Es findet sich in Wilhelm Raabes Roman , Alte Nester', und ich fühle mich nicht berechtigt, das lange Zitat des Dichters in diesem besinnlichen Buche zu unter1 1 I 128 9 drücken. So also läßt Raabe seinen alten Doktor Friedrich Langreuter sprechen: - - ,, Ich nahm für das Vierteljahr, in welchem die Bäume blühen, nicht etwa eine Brunnenkur, sondern ein Abonne ment in einer Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom Spaziergange einen Roman mit nach Hause, und zwar stets einen der vergessensten am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses Säkulums. Es war mir nämlich in dieser Epoche meines Lebens meine bisherige Tätig keit sehr zum Ueberdruß geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein über so viele leere, beschäftigungslose Stunden bei Tage und bei Nacht zu verfügen als wie jetzt. Und merkwürdig! was in den Klassikern sämtlicher Nationen, sowohl der alten wie der neuen, stand, konnte ich durchaus nicht gebrauchen! Sie sprechen wahr, diese großen Poeten, in gebundener und ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und nicht in den meinen. Jedenfalls sprachen sie nicht zur Ruhe, wenn sie mich nicht lang weilten. Eine Bilderfibel aus meiner Jugend hätte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen... Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es in seinen Händen ertappt wurde, als das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden um die Ohren geschlagen wurde! Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil und Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene sorgen, die nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!- Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich jung war und noch nicht wußte von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der abgeschmacktesten Verzerrung bringt die alten, drolligen, pathetisch- lächerlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde, in all ihren kuriosen Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter! Diese schlechtgedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in Original und Uebersetzung, der süße, haarsträubende, heitere, tränen reiche Unsinn, in den die Fliederlaube hineingerauscht und - 9 Berbig: Knast 129 geduftet hatte, über den voreinst der Baum seine roten und weiBen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische Schule trieb: das ließ sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen, durch tausend und aber tausend Hände gelaufenen Bänden nach seinem unveränderlichen Verdienst würdigen. Da saß ich alter Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit Lederrücken und ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästhetische Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloßen Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloß Kunigunde und Eduard mit all ihrer Verwandtschaft in auf und absteigender Linie, was hier wieder zu etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor Wut außer sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den Winkel verkriechen konnte! Was hatten die Stätten meiner Kindheit, die Gärten, Wiesen, Felder und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauernsitzen, Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher gemein? Was der gelbe, ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann die lustig- tragischen und trübseligkomischen Gestalten und Bilder dieser wundervollen Autoren spiegelten? Alles! Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie, auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe - - - - Wind in den Segeln! Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichterglanz überkleiden konnte! Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so unpolitische, so selten ausgespro chene, und doch so tief und fest, ja manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene Ueberzeugung: Mein Luftschloß ist mein Haus!"... Angesichts dieser tie130 - fen Weisheit also suchte ich, leichte Stoffe' für meine we gen Arbeitsvertragsbruches eingelochten Dienstmädchen. Den ganzen Tag über saßen diese Mädchen bei Wezel& Naumann und stanzten Faltschachteln für Zuckerhonig oder für medizinische Packungen: früh im geschlossenen Omnibus hin, abends zurück. Und dann? Ja. dann bauten sie auf ihrem Strohsack Luftschlösser. Nichts läßt die Zeit rascher dahineilen als eine bunte Welt glücklicher Vorstellungen, die unsern Geist erfüllt und zuletzt ganz und gar beherrscht. Das. Leben gleicht dann einem Schlafe, dessen schöner Traum jene Bilder sind, die wir unausgesetzt an unserm inneren Auge vorübergleiten sehen. Das sind keine Luftschlösser im, gewöhnlichen Sinne, keine Zukunftsvisionen, wie sie aus Ueberlegungen und Einbildungen entstehen, sondern Reali täten schlechthin. In ihnen verliert die Zeit ihr Maß, der Raum seine bedrückende Enge. Von dem, was diese Bilder umrankt, von der grauen Oede des Gefängnisses nämlich, bleibt in der Erinnerung nichts übrig als ein leichter Nebel, dessen durch scheinende Kraft rasch dahinschwindet und bald dem völligen Dunkel der Vergessenheit weicht. Der ständig bohrende Hun ger etwa, das Frieren in schlechtgeheizten, nie gelüfteten Räumen, die geisttötende Beschäftigung, die Roheit und Niedertracht der Aufseher, dies alles wird täglich und stündlich hin weggeräumt von der glücklichen Vorstellung, daß alles dies eines Tages ja ein Ende nehmen müsse. Wohlgemerkt: Müsse! Daß man dereinst wieder eine richtige Zigarette rauchen, sich sattessen könne; daß man diejenigen, die unser Unglück verschuldet haben, in peinlichster Verlegenheit sehen werde; daß man seine Lieben, seine Freunde wiedersehen und ihnen erzählen werde, wie es einem ergangen ist. Man formt im Geiste die Worte, die man dann sprechen wird nein- nicht so- sie brauchen ja schließlich nicht alles zu erfahren; nicht alles das: von der Erniedrigung und Demütigung durch die Bosheit und Dummheit jener Menschen, die das Gesetz zu Strafvollzugsbeamten gemacht hat und denen man im Grunde ebensowenig böse sein darf wie der Viper, die Gott in seiner unerforschlichen Weisheit und Güte- mit Giftzähnen ausstattete-- und eben, wenn wir diese und ähnliche Gedanken zum hundertsten Male in ein immer neues sprachliches Gewand gekleidet haben, schlägt - - - 9* 131 - - - - der Wachtmeister mit dem Gummiknüttel an die Zellentür und ruft: ,, Feierabend!" Wieder ist ein Tag vergangen und die Nacht verschläft der Gefangene tief und traumlos... Aber kommen solche glückliche Visionen von dem, was uns Jeremias Gotthelf zu sagen hat? Ach was ich gebraucht hätte, das wäre ein Waggon Courths Mahler gewesen. Aber sowas gab es natürlich in diesem Hause nicht. Hier gab es nur, gute Literatur'! Schmehling, unser Büchereidirektor, verstand unsern vergrämten Oberlehrer ganz und gar. Er streute seine, leichte Literatur aus einer Kartenschachtel wahl los in die Gemüter seiner Kundschaft. Er war eben ein Mann, der alles konnte. Sicherlich hätte er sich jederzeit erboten, die Germania auf dem Siegesdenkmal mit einem einzigen Du= katen zu vergolden, wenn der Oberlehrer dieses Ansinnen an ihn gestellt hätte. Er, funktionierte' eben! Manchmal meditierte er ein wenig bei diesem Geschäfte. Er meditierte im entwaffnenden Idiom der Leipziger Ureinwohner. Etwa so: ,, Frieda Gatzgi, von'dr Hassack, Arbeitsverdragsbruch, na dierlich wollde erscht gar geene Biecher, un jetz of emal Garin Gering! Haste Worde! Un draußen schein'de Sonne, un es is grade de richdje Zeit, wo mer sich ins Germaniabad hauen gennde! Anschließend ä gleen Schgad in der Condidderei in dr Gochschdraße nee, in dr Geiserwilhelmschdraße. Mär wärd ganz ärre in Gnast! Und hier Gimbel, Schdudenin wer weeß, wasse schdudiert! will Geedes Faust ham! Was had'se denn? Vier Wochen bloẞ? Na, wechen der baar Caffeeschdunden braucht die gar nich erschd ä Leffel ze griejen und will ausgerechnd Geedes Faust! Lange ma'n, Gamf um Rom' runder. Da gann'se noch was draus lern'!" - - Marda - die Ich klebte Streifen auf verfallendes Holzpapier und ver suchte, todkranke Pappbände vermittels Kleister und gestücktem Kaliko zu heilen... Das unbezweifelte Plus der, Beethovendiele' aber war der Gefängnishof, der Schauplatz unserer täglich halbstündigen , Bewegung... Da standen einige grünbelaubte Sträucher, und auf den Beeten zwischen den fliesenbelegten, schmalen Wan delwegen, auf denen die Holzpantoffeln der Sträflinge und Untersuchungsgefangenen im ungleichen Marschtritt klapper ten, blühten ein paar bescheidene Sommerblumen. Zwischen 132 dem alten Zellenhause und dem Nachbargrundstück, einer alten Schule, eröffnete sich der Durchblick auf die Kuppel des Reichsgerichts, und dieser Blick versöhnte mit vielem, was man in diesem Hause erlebte. Mit ein wenig Phantasie konnte man sich in dem kurzen Augenblicke, in dem man die diesen Blick eröffnenden fünfzehn Meter Weges überschritt, wohl den Platz vor sein geistiges Auge zaubern, der sich vor dem stattlichen Bau als tote Asphaltbahn breitet, und der an schönen Sommerabenden belebt ist von Rollschuhläu fern und Kunstfahrern auf vorsintflutlichen Hochrädern. Auf der grünen Kuppel aber steht, unbewegt vom närrischen Treiben dieser Welt, die Göttin Justitia, die Rechte mit der Fackel in die zarte Bläue des Himmels reckend, mit der Linken Waage und Gewand haltend: altgriechisch und modern zugleich. Das faltenreiche Gewand wirkt mehr wie von Ger son aus Berlin bezogen, denn aus einer Athener Gewandschneiderei der Phidiaszeit. Aber eben dieser moderne Zug stimmt irgendwie versöhnlich. Die Rechtsprechung ist nun einmal, volksnah' geworden, so behauptet sie wenigstens von sich, und eine Justitia aus dem grauen Altertum kann man nicht brauchen, wo, blutwarmes nationales Empfinden die Urteile spricht... Dieser Blick auf die Kuppel des deutschen Justizpalastes richtete mich täglich erneut auf. Sobald ich den Hof zur befohlenen Bewegung betrat, weitete sich meine Brust in einem tiefen Atemzuge, den Wanzengestank des Hauses aus den Lungen zu jagen, und wenn mein Blick die Justitia streifte, die stumm und weltabgewandt ihre Fackel ins Himmelsblau reckte, überkam mich ein leises Glücksgefühl. Schließlich war diese Figur doch eben ein Symbol, und Symbole haben es in sich. Ihre Waage schwankte. Wenigstens konnte man sich dies einbilden. Und man konnte ja nie wissen, nach welcher Seite... Bahnik, der Kalefaktor, erzählte dazu eine hübsche Geschichte. Er war zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er als tschechischer Arbeiter zu einem deutschen Kollegen gesagt haben sollte, die Engländer kämen bestimmt wieder nach Prag. Er behauptete, gemeint zu haben: nach dem Kriege. Er war Hausknecht in einem kleinen Hotel geweseen und hatte von Berufs wegen Interesse für reisende Engländer. Aber das hatte man ihm natürlich nicht geglaubt und im übrigen war gegen den Eid des Zeugen - 133 - vor dem Sondergericht nicht aufzukommen. Auch die fünf Monate der Untersuchungshaft waren ihm nicht angerech net worden, weil er die dem Eide widersprechende Behauptung in der Verhandlung aufrechterhalten hatte. Das hat mir der Anwalt so geraten", meinte er. ,, Er sagte: Wenn Sie nachträglich zugeben, die Aeußerung doch in diesem Sinne getan zu haben, kriegen Sie fünf Jahre. Wenn Sie bis zu letzt leugnen, kommen Sie mit zwei Jahren weg." Der Staatsanwalt beantragte anderthalb Jahr. Das Gericht aber, offenbar beleidigt durch das hartnäckige Leugnen des An> geklagten, erkannte auf zwei Jahre und auf Nichtanrechnung der Untersuchungshaft. Man sieht, die Waage der Justitia hatte ein paar ganz verrückte Pendelbewegungen gemacht, und eben in dem Augenblicke, in dem sie die Fackel der Erkenntnis hochreckte, war die linke Waagschale an der Stelle gewesen, wo die Richter ihre Erkenntnis ablasen zum offenbaren Schaden des guten Bahnik, der die Anzeige als einen Racheakt hinzustellen beliebt hatte. Nun, im April vierundvierzig lief seine Strafe ab, und er hielt es hier als Kalefaktor ja aus... Die symbolische Justitia auf dem Reichsgericht hatte eben das eine für sich, daß ihre Waage nicht schwankte. Abermals Symbol: dafür, daß richterliche Erkennt nisse nicht mehr aus dem Ergebnis der Verhandlung hervor gingen, sondern aus den Akten, die das Reichssicherheitsamt in Berlin lieferte... An die Stelle des nach Bautzen abgegangenen Buchbbinders vom Fach trat Lambro Nantzu aus Athen. Lambro hat dreißig Jahre lang ein weitberühmtes Pelzgeschäft im Leipziger Brühl geführt neben Eidingon und Wasserstrom einer der bekanntesten Vertreter seines Faches und ein reicher Mann. Er wurde in seiner Villa in Athen verhaftet, die er der deutschen Besatzung zur Verfügung gestellt hatte. Verhaftet? Natürlich ein Mann mit so viel Geld und einem Warenlager, das aus lauter Devisen bestand! Lambro, ein Greis mit klarer Stirn und dem Zug der Güte und Duldsamkeit um Augen und Mund, ist nicht eigentlich ein Gebildeter, aber doch ein Mensch von so ungemein strahlender, sich jederzeit selbstdarstellender Intelligenz, wie sie 134 nur selten anzutreffen ist. Er ist bereits im Schnellverfahren verurteilt zu einem Jahr Gefängnis, sechshunderttausend Mark Geldstrafe, zahlbar in Lagerware nach der Bewertung des Treuhänders, und Landesverweisung nach Verbüßung der Strafe. Ich habe vergessen, wie das Urteil im einzelnen be gründet worden ist. Es ist in diesem Falle auch zu wissen nicht notwendig. Sein Lager an Pelzen stellt einen Wert von drei Millionen Goldmark dar und ist, beschlagnahmt'. Es wird zur Zeit von einem SS.- Sturmbannführer als Treuhänder verwaltet und inventarisiert. Lambro zeigt mir lächelnd die Bewertungen, die für die einzelnen Stücke eingesetzt sind. Die Preise erreichen etwa ein Fünftel der marktgängig zu erzielenden... Sein Schwiegersohn, ein Jude, ist zu vier Jah ren Zuchthaus verurteilt wegen irgendwie gearteter Beihilfe und sitzt vorläufig, das heißt, bis in irgendeinem Lager wie der Platz wird, in der Elisenstraße... Lambro erzählt: ,, Bin verhaftet worden in meine Wohnung in Athen, Omiru 52, am Meere. Is es herrlich dort, und ich wollte dort bleiben, bis mich der gute Gott wolle zu sich rufen. Hat man mich geschleppt in deutsche Militärgefängnis, ein altes Bauhaus in der Stadt noch aus türkische Zeit mit drei große Sälen, und hab ich keine Ahnung gehabt, warum man mich hat festgenommen.. Vier Wochen bin ich geblieben in Athen. Meine Familie und meine Freunde sind gekommen mich besuchen, und jede zweite Tag ein Paket mit zehn Kilo gut zu essen. Is lustig gewesen in Gefängnis, un die Posten gute Soldaten. Männer, Frauen und Kinder, dreißig Menschen, alle in einen Saal, haben gesungen ihre Lieder, haben Wein getrunken und haben getanzt. - - Dann kam Transport nach Leipzig, zwanzig Tage gefesselt in Waggon, war serr schlimm. Als wir gekommen nach Wien bin alte Mann von sechzig Jahre und schlechte Herz haben ich so geschwollene Beinen gehabt, daß nicht mehr konnte laufen bis in Gefängnis. Sieben Mann in eine Zelle, wo Platz höchstens für drei, wo es kalt war und keine Decken und viel Gestank. In Graz war bissel besser. Gab es Klosett mit Wasserspielung. In Waggon haben wir gestanden ganze Tag dicht nebeneinander und gefesselt immer zwei 135 - und zwei, und sind gefahren von Graz nach Leipzig iber Köln. Warum so weite Umweg? Niemand weiß es zu sagen! Als wir ankamen in Leipzig, gleich nach Ersatzgefängnis Riebeckstraße. Is da ein Mann in Zelle auf mich zugetreten, WO drin waren siebenundzwanzig, und hat gesagt: Herr Nantzu? Kennen Sie mir?' Hab ich gesagt nein, kenne nicht; aber vielleicht haben ich vergessen auf sein Gesicht, oder hat sich verändert in diese Zeit; soll mir sagen seine Namen. Hat gesagt, und gleich hab ich gewußt. Is gewesen Porphyronides, der Pope von Sparta. Auch verhaftet und weiß nicht, warum. War schon frieher mal in Leipzig und kennt meine Tochter und mein Schwiggersohn. Hat mir gesagt, daß die beiden sind auch verhaftet und sitzen in Wächterstraße.. Dann kam rasch Verhandlung. Du weißt ja, ich zahlen Strafe, un das Geschäft is verloren. Aber was macht das? Der gute Gott wird helfen, bis alles is zu Ende." Lambro ist immer hilfsbereit. Eines Tages kramt Schmehling niedergeschlagen in einem Bücherhaufen. Lambro fragt, was ihn bedrückt. Es stellt sich heraus, daß er ganz notwen dig fünfzig Mark braucht zur Aufrechterhaltung irgendwelcher Sozialversicherungsansprüche. In diesem Augenblicke tritt unser guter Direktor Dietze in die Bücherei, um sich diesen Laden auch einmal anzusehen. Lambro bittet ihn um die Erlaubnis, seinem Konto, das natürlich auch von der Gestapo beschlagnahmt ist, fünfzig Mark für Schmehling entnehmen zu dürfen, und Schmehling legt dazu wortreich seine Notlage erläuternd dar. Dietze sagt sofort seine Hilfe zu und zwei Tage später hat Schmehling das Geld, das er braucht... - Lambro schläft mit mir in einer Zelle. Er ist der freundlichste und duldsamste Mitbewohner, den ich in meiner Leidenszeit gehabt habe. Seine Tochter ist inzwischen aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen worden. Sie schleppt alles herbei, was sie für den Vater bekommen kann, und sie besticht den alten Hauptwachtmeister unserer Abteilung, so daß diese Herrlichkeiten tatsächlich bis in unsere Zelle gelangen. Sie besticht ihn durch ihre wahrhaft engelgleiche Schönheit. Ob sie nicht auch noch ein paar andere Kleinigkeiten mitwirken läßt, weiß ich so genau nicht; das aber weiß ich, daß der Alte von ihr schwärmt wie ein Tertianer... Eines Tages haben wir ein Ei und ein Glas eingemachter Oliven in unserer 136 Zelle. Lambro schält das Ei und halbiert es mit feierlichen Geste. ,, Ein Ei im Knast! Hans, is es wenig, aber mit Liebe von eine gute Tochter gegeben. Nimm und iẞ!" Er legt das halbe Ei auf mein Brot. Ich schiebe es gerührt zurück. ,, Es ist dir gegeben!" sage ich. ,, Dann mußt du essen nicht halbes, mußt du essen ganzes Ei. Ich kann nicht berühren meine Hälfte, solange du nicht hast gegessen die deine." Dabei blieb es. Also aßen wir jeder ein halbes Ei, eingemachte Oliven und Brot. Ich erinnerte an Platons Symposion. Er lächelte, und dann zitierte er in der Sprache. Homers einiges über die Gastfreundschaft der Alten. Ich verstand nicht alles, oder besser, nur wenig davon; aber ich fühlte die Feierlichkeit der Stunde und fühlte mich im tiefsten ergriffen. So kamen wir einander näher. Eines Abends legte ich ihm ein Kinderbild vor, das irgendwie hereingepascht worden war. Er betrachtete es prüfend und mit sichtlicher Teilnahme. ,, Isses dein Enkelkind? Der gute Gott soll schitzen. Und dein Sohn?" ,, Er ist im Kriege- irgendwo." ,, Lang soll er leben, und du auch!" - An diesem Abende wir legten uns zeitig nieder und plauderten noch ein Stündchen erzählte Lambro mir die Ge schichte seiner Liebe. Mit diesen Worten etwa: - - - ,, Mein Schwieggervadder war sowas wie ein Professor an Gymnasium in Smyrna, ein serr beriehmte und klugge Mann. Der hatte gespart zwelfhundert" Lambro meinte immer eng lische Pfunde, wenn er in Geld dachte ,, und mit seine Frau und seine beiden Kinder, ein Mäddel und ein Junge, ging nach Paris an Sorbonne. Sohn wurde Elektro- Inschenier, Tochter hat fünf Jahre studiert und hat gemacht ihre Doktor in Philo sophie. Ganz ein serr gebildete und gescheite Mäddel. Kam zu mir mein Freund Aryas, der mich später gebracht hat um fünfzehntausend."( Mit nachlässiger Handbewegung.) ,, Hab ich bezahlt das Geld in drei Monate; hat mir nix ausgemacht... Sagt also Aryas zu mir: Lambro, sagt er, hätt ich was • für dich, was du denkst zu suchen. Hübsch, gebildet. Serr gebildet und aus serr eine gutte Familie. Wirst du mit mir fahren nach Paris. Hab ich gesagt: Aryas, du weißt, ich bin ein serr - 137 grobe Mensch, geboren in Kastoria, als noch war unter tür kische Herrschaft. Habe keine Schule gehabt. Nicht einmal ganz richtig spreche meine Muttersprache,‘weil ich hab so lange missen türkisch gesprochen. Wird sie nich sagen, so eine grobe, ungebildete Mann will ich nicht haben?— Hat -Aryas mit Kopf geschittelt und hat gesagt: Aber du bist der Nantzu von Briehl in Leipzig. Hast du nich eine Bilanz von achtzigtausend, keine Passiven, bloß lumpige fünfzehntausend Rembourskredit, und. dreißigtausend netto Gewinn? Was mußt du sein gebildet? Wird deine Frau die andere Hälfte sein von dir mit ihre große Bildung!— Bin ich mit Aryas nach Paris gefahren und habe in der Kirche getroffen, wie dies is alte Sitte daheim, wenn die Eltern, wollen stiften eine Ehe, hab ich also getroffen die Eleni Cha ralambides, und war so scheen, du kannst es nich glauben, Hans!“(© doch, ich glaubte es; denn ich hatte ihre Tochter gesehen!)„Sind wir mit Vater gegangen in Jardin de Luxem-». bourg, und ich voran mit Eleni, und hab ihr erzählt, was ich bin für ganz’ kleine Mann. Dann hab ich ihr gefragt, ob sie wohl sich denken kann, mit so grobe und ungebildete Mensch zu leben ein ganzes Leben lang. Hat sie gesagt, ihr » macht es nichts aus, und kennten wir uns ja ergänzen. Da habe ich sie mitten auf dem Wege in meine Arme genommen und gekißt, und hab ihre; Hände genommen und gedriggt mit die Worte: Wir sind verlobbt!— Das war in Februar. Bin dann jede Woche Sonnabend zu Mittag nach Paris gefahren, und- Sonntag abend zurick nach Leipzig, und im März haben ich "geheiratet die scheenste Frau von die Welt! Is sie heute noch. Bissel älter, ja, aber die scheenste Frau von Welt!" In Leipzig haben wir gehabbt Wohnung fier dreihundertfünfzig im Monat in serr eine scheene Lage, aber nur ganz wenig Mebels und keine Gardinen. Aber. hat gar nix ausgemacht. Haben wir alles nach und nach angeschafft und sind wir gewesen serr, serr glicklich bis auf diesen Tag, wo ich-bin in. Kittchen, in ‚Knast, und Eleni'is in Athen und weint, weil sie nicht hat ges wußt, wohin sie mich schleppen. Aber nun weiß sie. Meine hier wird haben telegrafiert.“ Er seufzte. Lambro kann erzählen. Seine Augen, seine Hände, seine_ ganze. Erscheinung erzählen mit, brennen im Feuer der Er 138 . innerung an die Seligkeit seines- Brautstandes, an die unvergeß lichen Wochen seiner jungen Ehe, an den Bohème- Hausstand, an den Wohlstand, den Reichtum, den der gute Gott ihnen verleiht. Manchmal erzählt er auch vom Geschäft. Nicht mit jener sonst so häufig ein wenig aufdringlich in Erscheinung tretenden Freude am Gelingen, am klingenden Gewinn. Er kann beglückt von der Schönheit eines Pelzwerkes sprechen, das er vor zehn und mehr Jahren irgendwohin verkauft hat. ( Die kostbarsten Felle verließen den Brühl meist nicht; sie wanderten von einem Lager ins andere!) Ein Bisam kann unter seinen begeisterten Händen wieder lebendig werden. - Als er mir die von seinem SS. Treuhänder aufgestellte Inventur zeigte, lächelte er beinahe pfiffig, so als wolle er sagen: Sieh dir mal an, Hans, was dieser Ehrenmann in seine Tasche schwindelt. Diese Inventur ist die Grundlage für den Kaufpreis, zu dem er mein Geschäft zu erben gedenkt! ,, Die, gute Hälfte davon ist schon unter der Hand verkauft", meinte er dann und ließ die Blätter, die ihm der Anwalt nach Ueberwindung von mancherlei Widerständen seitens des Staatsanwalts doch endlich zur Einsicht in die Zelle besorgt hatte, nachlässig auf sein Bett flattern. ,, Es kommt der Tag, da alles wird ordentlich bilanziert werden. Aber ich mecht' ihn gar nicht er leben!..." Ein Unglück kommt selten allein. Die Bücherei war ein kalter Raum ohne einen Sonnenstrahl den ganzen Tag über ,, a sort of tank', wie Dickens sagen würde, ein, Regensarg', ein Tummelplatz für alle Arten von Bazillen, in dem die Anfälligkeit für allerlei Infektionskrankheiten sich verdreifachte, und so kam, was kommen mußte: ich schnappte eine bösartige Mittelohreiterung auf, für deren Behandlung sich der Gefängnisarzt unzuständig erklärte. Er überwies mich zur ambulanten Behandlung an die Universitätsklinik, wo ich gut und sachgemäß betreut wurde. Als das Schlimmste überstanden war, kam der Befehl, mich zur bevorstehenden Verhandlung vor dem Oberlandesgericht nach Dresden zu überführen. Der gute Tütenmeister Weidhaas hatte also recht behalten. Das zeitraubende Gesellschaftsspiel des Akten- Her- und- Hinschiebens hatte da mit geendet, daß der Volksgerichtshof in Berlin die Sache mit entsprechender Weisung nach Dresden gegeben hatte, wo die Angelegenheit, um ihr den Schein der Ernsthaftigkeit der Be - 139 handlung zu geben, noch eine Weile schmoren würde. Ich wurde inzwischen zur Verhandlung, bereitgestellt'. Das Mathildenschlößchen. - Am 7. Juli 1943, die Quersumme 21 hat in deinem Leben eine zumeist glückverheißende Rolle gespielt', würde ein etwas astrologisch eingefärbter Freund gesagt haben, wenn er um diesen Termin gewußt hätte an einem Julitage also, von dem ich heute nicht einmal mehr feststellen kann, ob er heiter oder regnerisch war, da ich an diesem Tage trotz mancherlei Orts veränderung den Himmel nicht zu sehen bekam, nahm ich Abschied von Nantzu, der treuen Seele aus Athen. Er legte seine Hand wie segnend auf den dicken Verband, den ich zum Schutze meines Ohres um den Kopf gewickelt hatte, und lächelte wehmütig. ,, Der gute Gott soll schitzen, Hans", so sagte er, und eine Träne glänzte in seinem gütigen Auge ,,, der gute Gott soll schitzen dich und die Lieben daheim und in der Ferne. Es geht alles vorbei!" Dann also stieg ich in den Zellenwagen und rollte in bunter Gesellschaft nach dem Hauptbahnhofe... Der Transportwaggon der Reichsbahn für Strafgefangene ist so vielen Deutschen aus eigenster Anschauung bekannt geworden, daß es sich kaum lohnt, ihn in seinen barbarischen Einzelheiten zu schildern. In die Zellenabteile, die normal für zwei Insassen berechnet sind, wurden in dieser Zeit bis zu sie ben Menschen hineingepreßt in des Wortes verwegenster Be deutung. Zwei können dicht nebeneinander auf der Bank sitzen, drei stehen vor ihnen, so eng aneinandergedrängt wie etwa auf dem Vorderperron einer Straßenbahn, der mit einunddreißig Fahrgästen bevölkert ist; einer steht zwischen den beiden Sitzenden auf der Bank, und wo der Siebente eigentlich schwebt, bleibt ewig unklar. In einem solchen Transportabteil werden Eisenbahnreisen von zwölf und mehr Stunden zurückgelegt! Wir waren diesmal nur zu fünft in diesem Abteil von einem knappen Geviertmeter Grundfläche... Die Reise ging über Narsdorf nach Chemnitz. Meine Gesellschaft bildeten zu nächst zwei Polen, die nach Verbüßung einer dreijährigen Zuchthausstrafe zur Gestapo nach Beuthen zurückgeführt wurden. 140 1 I ,, Ihr werdet entlassen!" suchte ich zu trösten. ,, Niemals! Wer weiß, was nun kommt!" sagte der Jüngere der beiden resigniert. So war es eben: Kein Mensch glaubte mehr daran, daß ein Politischer jemals entlassen werden würde! Die beiden andern waren junge Burschen, die aus einem Arbeitslager entwichen waren und die wegen Arbeitsvertragsbruches in ein sogenanntes Erziehungslager verbracht wurden. Wir haben schon manches ausgehalten. Auch das werden wir überstehen!" Das war ihre Meinung. Sie ließen sich ihre gute Laune auch durch die unbezweifelbaren Unbequemlichkeiten dieser Reise nicht rauben... Als der Zug in Lausick hielt, wurde unsere Zelle geöffnet. Eines der mitreisenden Mädchen ging mit einem Becher und einem Kruge Kaffee durch den Wagen. Ich sagte ihr, daß ich Schmerzen habe und bat sie, einen Transportbegleiter zu bitten, mir den Aufenthalt im Mittelgang zu gestatten. Das tat denn das gute Mädchen auch, und der Transportbegleiter hatte wirklich Mitleid mit meinem dicken Verband. Ich durfte aus der Zelle heraustreten und am Fenster stehenbleiben, das den Wagen abschloß. Da der Gefangenenwagen als letzter des Zuges fuhr, hätte ich an diesem Tage zum ersten Male seit vielen Wochen wieder ein Stück freier Natur sehen können wenn dieses Fenster nicht eine Mattglasscheibe gehabt hätte. Trotzdem ich kam mir außerordentlich privilegiert vor! - - In Chemnitz war der Empfang betont lieblos. Auf dem Bahnhofe wurden wir gefesselt und fuhren nach einer ewigen Warterei auf einem Querbahnsteige ins Polizeigefängnis, wo wir zu fünft in eine geräumige Zelle eingesperrt wurden. Es war inzwischen Abend geworden, und wir machten uns zum Schla fen zurecht. Neben mir auf dem schmutzigen, staubwirbelnden Strohsack lag ein Versicherungsagent, der auf vier Jahre nach Waldheim abging. Der Bericht über sein Vergehen war höchst unklar. Fest stand nur das eine, daß er sich von seinem Anwalt verraten fühlte, und daß sein Vertrauen in Recht und Gerech tigkeit aufs tiefste erschüttert war. Der dritte war ein junger Franzose, der wegen Arbeitsvertragsbruches in Trier verhaftet worden war und der nun schon zwölf Tage, auf Transport' reiste. Er kannte die Polizeigefängnisse von Aachen, Frankfurt, Kassel, Erfurt und Leipzig, und so war er denn von 141 Chemnitz nicht sonderlich enttäuscht, zumal es eine Schüssel Graupen mit Kohlblättern und ein anständiges Stück Brot dazu gab. Der vierte Zellengenosse war ein schweigsamer Bauarbeiter. Ein Norddeutscher. Seinen Namen habe ich vergessen. ,, Denkst du, daß sie noch hinrichten?" fragte er unvermittelt, als er seine Schüssel ausgelöffelt hatte. ,, Hast du Aussichten?" fragte ich. ,, Das kann man heutzutage nie so genau wissen. Es soll doch jetzt nach dem Urteil noch hundert Tage Frist geben. Das habe ich für bestimmt gehört. In der Zeit kann viel geschehen..." ,, Ist schon Verhandlung angesetzt?" Noch nicht. Soll in Dresden sein vor dem Oberlandesgericht." Die machen keine Todesurteile", behauptete ich. In der Tat gehörten damals Todesurteile in Dresden noch zu den Ausnahmen. - ,, Sag das nicht! Aber mir ist immer so ich weiß nicht als ob sich bis Ende Juli noch allerlei ereignen würde. Die Kugel rollt den Berg hinunter immer schneller - - - immer schneller. Anklage auf Hochverrat. Was man heut zutage nun alles so nennt. Ist ja wohl auch was dran. Ich habe Berichte über die Lage in Deutschland an meine Genossen nach Dänemark gegeben. Kann ich nicht leugnen. Na ja wird sich alles historisch entwickeln. Auch das Ende der großen Schweinerei!" Dann sagte er nichts mehr. - Nummer fünf war ein Zwerg, der offenbar einer Zirkusgesellschaft entsprungen war. Er sprach nur wenige Worte deutsch, und seine Muttersprache war nicht festzustellen. Er lächelte idiotisch und kaute auf einem Stück Gummi herum, das ehedem zum luftdichten Verschluß einer Weckbüchse gedient haben mochte... Die Nachtruhe wurde durch Wanzen erheblich gestört... Am nächsten Morgen erwachte ich mit fürchterlichen Ohrenschmerzen. Ein Arzt war nirgends aufzutreiben. Nicht einmal ein Stück Zellstoff gab es in der Krankenstube des Gefängnisses, den völlig vereiterten Verband zu erneuern. Zudem sprang das Gerücht auf, daß wir noch einen Tag in Chem 142 - nitz liegenbleiben würden ein weiterer Anlaß dafür, sich in Demut in die Schickungen der Vorsehung zu fügen. Ich blieb also auf dem Strohsack liegen und versuchte zu schlafen. Aber der Agent, der am Abend vorher so unklar über seinen Prozeß gesprochen hatte, verwickelte mich in eine Unterhaltung und entpuppte sich in deren Verlaufe als ein gewiegter Kenner aller Währungstheorien von Irving Fisher und Keans bis auf Cassel und Gesell. Dabei ließen meine Schmerzen ein wenig nach, und ich sah die Welt bereits wieder in einem etwas freundlicheren Lichte, als nach dem Mittagessen der Ruf ertönte: ,, Alles raus! Alles mitnehmen! Transportwagen kommt von Plauen zurück!" Das System der Gefangenentransporte wird mir ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Ich weiß nur, daß man, um von Leipzig nach Dresden zu gelangen, manchmal über Hof und manchmal über Dessau gefahren wurde. Der Transport von Athen nach Leipzig hatte Nantzu über Wien und Köln geführt, und wenige Tage später konnte ich feststellen, daß ein Transport von Hamburg nach Köln über Prag gegangen war. Tausende, nein: Zehntausende von Gefangenen waren auf diese Weise täglich unterwegs und belasteten die Reichsbahn und die Durchgangspolizeigefängnisse. Gewisse Knotenpunkte des Transportes, wie etwa Halle, hatten eigens für diesen Zweck , Dependenzen eingerichtet, in denen Nacht für Nacht einige hundert solcher unglücklicher Reisenden aufgehoben wurden. Von Halle wird ja noch die Rede sein... Wenn man Mittelohrschmerzen hat, verliert die Umwelt erheblich an Interesse. Ich fand mich eigentlich erst wieder in ihr zurecht, als ich am späten Abend mit etwa sechzig Männern auf engstem Raume in der Bahnhofspolizei Dres den landete. Ein Jude mit verhärmtem Gesicht wurde neben mir auf die Bank gedrückt. Zwei Jahre, so erzählte er mir, war er ohne Nachricht von seiner Familie in einem Lager gewesen. Nun ging er, nach dem Osten'. Die Deutung der Himmelsrichtung hatte in diesen Tagen ein neues Vorzeichen erhalten. Das alte go to west' der englischen Seefahrer, vom Sterben der Sonne im Westmeere her zum Sinnbild des Todes ges worden, war in gleicher Sinndeutung zum Gehen nach Osten 143 geworden. Ich sprach diesen Gedanken nicht aus, aber der Jude schien ihn mir von der Stirn abzulesen. Er sagte:„ Ich weiß ich weiß, was der Osten für uns bedeutet. Aber wir stehen alle in Gottes Hand! Ich bin Arzt. Vielleicht kann ich doch noch dem oder jenem meiner leidenden Brüder in körperlicher oder seelischer Bedrängnis eine Stütze sein. Der Herr stellt uns immer an den Platz, an dem wir gebraucht werden." Mein Name wurde als einer der ersten aufgerufen. Ganz gegen meine Erwartung war ich der einzige Gefangene, der im Dresdner Mathildengefängnis abzuliefern war. Der Empfang war abermals betont lieblos. Der Beamte, der im Aufnahmezimmer Dienst tat, schnauzte mich mit Windstärke zwölf an: Was ham' denn Sie ausgefressen?" ,, Nichts!" antwortete ich ruhig. Das Gesicht des Uniformierten rötete sich in aufsteigendem Zorn. Er empfand diese Antwort offenbar als betonte Frechheit. ,, So siehste grade aus, du Lump!" knurrte er in sich hinein. Aber dann wurde er doch ganz menschlich. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten erkundigte er sich sogar darnach, ob ich heute ein Mittagessen erhalten habe, und als ich übrigens der Wahrheit zuwider verneinte, brachte er mir eine Schüssel Sauerkrautsuppe, die mich nicht unerheblich aufrichtete... - Das Mathildengefängnis war eines der ältesten seiner Gattung. Schon abbruchreif hatte man unter dem gewaltigen Druck der Nachfrage nach Kerkerräumen das alte Gemäuer wieder in Dienst gestellt, und die Wanzenlegionen in seinem Gebälk hatten diesen Beschluß der Justizbehörde gesegnet. Sie waren auf dem Posten und lebten herrlich und in Freuden von dem Blute der vielen armen Sünder wider den Geist der Zeit, die hier ihrer Verurteilung entgegenharrten. Die ersten Tage in Dresden waren trostlos. Eine schmutzige, nie zu lüftende Einzelzelle, an deren Wänden die schwarzen Hülsen zerquetschter Wanzen das belebende Muster bildeten, der Gestank eines selten und stets ungenügend gespülten Aborts, der Staub grobgeschnittenen Papieres, aus dem Falt schachteln in geisttötender Handarbeit zusammengesteckt wurden, eine mehr als dürftige Ernährung, Aufseher von beson144 derer Herzlosigkeit und Grilligkeit und keinerlei Nachrichten aus der Welt da draußen, in der sich das Schicksal eines Volkes zu vollenden begann... - Ein besonders bösartiges Aufsehertier war ein gewisser Oberwachtmeister Killig, genannt, der Kugelblitz', ein Bursche, der sich in jedem Falle durch die Anwesenheit eines anständigen Menschen in seiner Umgebung zu den wüstesten Ausbrüchen seines gänzlich verderbten Temperaments hingerissen fühlte. Er war welch eine Ironie der Verwaltung! Lazarett vorsteher und betreute seine Kranken mit Beschimpfung und roher Behandlung. Ich fiel gleich am ersten Tage mit meiner Mittelohreiterung in seine Hände, die im Abheilen war. Einen Arzt sollte es ja hier auch geben, aber er ließ sich in der Anstalt nur selten sehen. In seiner Vertretung behandelte ein Gefangener die Kranken, ein junger tschechischer Arzt, der die deutsche Sprache leidlich beherrschte. Die Kranken waren bei ihm gut aufgehoben, und er verstand es sogar manchmal, die besonderen Bösartigkeiten des, Kugelblitzes zum Guten zu wenden. In meiner Zelle zu schlafen, war unmöglich. Ich erlegte in zwei Tagen rund 300 Wanzen. Nachts setzte ich mich angekleidet auf den Schemel und schlug eine Decke um Kopf und Schultern, die nur die Nase zum Atmen freiließ. So verdöste ich die Nacht. Am Morgen war die Nasen- und Augenpartie meines Gesichts von Wanzenbissen verschwollen. In all' dieser Pein und Trübsal wurde mir ganz unerwartet ein Trost. Am dritten Tage tat sich die Tür meiner Zelle auf, und herein trat ein alter Herr in der Uniform der Aufseher mit einem gütigen Gesicht. Er betrachtete mich, wie es mir scheinen wollte, ein wenig ergriffen, und sagte dann: ,, Kennen Sie mich noch?" Ich verneinte. ,, Aber Rohden Elsen kennen Sie noch! Ich bin Vater Rohde." Mir war zumute, als ob ein Sonnenstrahl in das Grau dieses schauderhaften Daseins gefallen sei. Aber natürlich erkannte ich nun Vater Rohde wieder. Unsere Mädel hatten die gleiche Klasse des Waldheimer Gymnasiums besucht und waren immer aufs engste befreundet gewesen. Vater Rohde hatte schon im Ruhestande gelebt, eben bei Else, seiner in Dresden verheirate 10 Berbig: Knast 145 ten Tochter. Nun hatte man ihn, der als Hauptwachtmeister im Zuchthause zu Waldheim Dienst getan hatte, als ‚ersten Hauptwachtmeister‘ ins Mathildengefängnis eingestellt. Ich erzählte ihm, was ich bisher erlebt hatte. „Verlieren Sie nur den Mut nicht“, sagte er.„Ich' werde zunächst einmal alles tun, daß Sie aus dieser Wanzenbude herauskommen.“ Wir vereinbarten ferner, daß Else meine Frau sofort benach- richtigen sollte, und Vater Rohde erklärte sich bereit, mir ein paar Kleinigkeiten zur Erleichterung meines Daseins hereinzu- besorgen. Also hatte ich nun auch im Dresdner Knast einen Schutzengel, an den ich mich in verzweifelten Lagen wenden konnte. Dieses Bewußtsein hob meinen Lebensmut bedeutend, und ich sah der weiteren Entwicklung der Dinge gefaßt ent gegen. Nach einer Woche erlaubte endlich der Staatsanwalt Bük- king vom Oberlandesgericht, daß ich außerhalb der Zelle be> schäftigt werde. So kam ich nach Abteilung I— ‚Elbewerk‘... * Ich will von dem Tage berichten, an dem ich nach dieser Einzelhaft und hoffnungslosen nächtlichen Kämpfen mit taus senden von hartherizgen Blutsaugern zum ersten Male den Arbeitssaal für den Bau von Elektrogeräten im Untersuchungs- gefängnis betrat. Der Aufseher, der mich in Empfang nahm, hieß Lange. Er kannte meinen Namen aus Waldheim, wo ich viele Jahre als Direktor der Städtischen Handels» und Gewerbeschule gelebt hatte. Er war damals Aufseher im Zuchthause gewesen. Ich hatte also von der ersten Stunde an auch‘ an ihm eine„Ber ziehung“, und es hatte sich ja schon in Leipzig erwiesen, daß so etwas nicht zu unterschätzen war. Lange war ein gerader Be amter, einer der wenigen, die sich nicht als hohl erwiesen. Vorz teile aus dieser Zufallsbekanntschaft sind mir nie erwachsen. Aber ich blieb verschont von den üblichen Demütigungen, die sonst den politischen Gefangenen von diesen beschränkten Unr tertanen zugefügt wurden. Lange übergab mich dem Werkmeister, einem nervösen Manne, der seinen Posten in diesem Hause und die damit verbundene Befreiung vom Heeresdienste seiner Parteistellung verdankte und der sich demzufolge verpflichtet fühlte, an den 146 rg ,, Endsieg der gerechten Sache" zu glauben und diesen Glau ben bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu betonen. Der Werkmeister übergab mich, rastlose Geschäftigkeit vor schützend, dem Vorarbeiter Willy Damm. Der wies mir einen Fensterplatz an... Es ist schwer, das zu beschreiben, was ich empfand, als ich mich schweigend auf den Stuhl unmittelbar vor dem geöffneten Fenster setzte. Zum ersten Male seit Monaten sah ich ein Stück Freiheit. Mein Blick fiel auf den Wipfel eines alten Kirschbaumes im Gefängnisgarten, dessen Zweige eine verfallende Fassade von abscheulichen Mietshäusern verdeckten, so daß man die schütteren Mauern für ein Stück lebendiger Natur halten konnte. Durch die Zweige hindurch konnte man das Firmenschild eines Maßschneiders, eines Herren- und Damenfriseurs, eines Butter- und Käsehändlers lesen, und wenn man sich ein wenig vorbeugte, was übrigens streng verboten war, sah man im Eckhaus gegenüber den Eingang eines Kolonialwarengeschäftes, vor dem eine Litfaßsäule stand. Ein riesiges Propagandaschild mit der Aufforderung zum freiwilligen Eintritt in die Waffen- SS. bedeckte die von mir aus sichtbare Seite. Daneben war noch ein Theaterzettel zu erkennen. Der Rest der weißen Fläche harrte der Margarine, Zigarettenund Waschmittelplakate besserer Zeiten. Seit langer Zeit zum ersten Male wieder saß ich auf einem Stuhle und sah Menschen in Freiheit auf der Straße gehen. - - ,, Du kannst erst mal den Lotdraht abrollen auf eine Spule. So hier!" Willi Damm, unser Vorarbeiter, sagte es und machte es mir zugleich vor. Wielange bist du schon im Knast?" دو ,, Im neunten Monat", antwortete ich. ,, Hast du gemeckert?" ,, Nein - Spitzelanzeige." ,, Auch gut. Ich bin hier, weil ich 1940 zu einem Kranze für die Beerdigung des Genossen Renner zwei Mark gegeben habe. Frühjahr 41 verhaftet. Die Gestapo hat bei einer Haussuchung die Kranzspenderliste gefunden mit meinem Namen. Seither durch allerhand Knaste gewandert. Zuletzt drei Jahre wegen illegaler Betätigung. Bin bloß noch hier, weil sie einen Vorarbeiter für den Schinderbetrieb brauchen. Mein Junge ist in Rußland gefallen. Drei Monate nach dem Eintreffen der 10* 147 Nachricht von seinem Heldentode für Großdeutschland hab’ ich das erst erfahren, weil meine Frau nicht wußte, wo ich war. Wie lange noch? Was denkst du?“ Das also war die stereotype Frage, die an jeden ‚Neuen gerichtet wurde. „Kriegsende!“ sagte ich.— Damm lächelte wehmütig. „Das wissen wir auch. Aber— wann kommt es?“ In dem Augenblicke mischte sich mein Nachbar zur Linken in das geflüsterte Gespräch. „Zu Anfang von September!“ sagte er.„Stepanenko!“ stellte er sich zugleich mit weltmännischem Neigen des Haupr tes vor.„Sie nicht sprechen Russisch?“ „Nein.“ „Ischechisch?“ „Auch nicht.“ „Englisch, Franzeesisch?“ „Nur mangelhaft.“ „Macht nichts. Ich ein wenig deitsch sprechen. Kann mir helfen mit englische oder franzeesische Wort, wenn mir fehlt expression. Sie muß Vertrauen haben. Is diese Sache— Deitsche missen in Osten zurickgehen, und Italien— ver- stehen Italien?— wird gabitulieren bald.“ „Wann denn?“ fragte ich, ein wenig erstaunt über die Sicher heit dieser Prognose.. „Ich denken, vierzehn Tag. Ende Monat Juli.“ „Die Tschechen sind alle Optimisten hier im Knast“, mur> melte Willi geringschätzig.„Sie glauben alles, was der enge lische Rundfunk bringt.“ „Und wie erfahren sie das?“ fragte ich.: „Ja— das is nu so’ne Sache“, meinte Willi bedächtig.„Die Verbindung mit draußen is da. Außenkommando. Es kommen ja auch mal Angehörige zu Besuch, die unter verabredetem Schlüssel etwas mitteilen. Küche, Arbeiter vom Elbtalwerk. Jede Andeutung wird hier zur Gewißhheit. Die Tschechen glauben, was sie wünschen.“ Stepanenko lächelte überlegen. „Glauben Sie nicht? Wollen Sie wetten? Zehn Flaschen Sekt. Hier meine Hand.“ „Habe ich leider nicht.“ „Macht nichts. Besorge zehn Flaschen Sekt. Besorgen alles. 148 Auch Kaviar dazu. Schön schwarzen. Noch paar Pfund zu Hause hier in Dresden bei Freundin." Er blickte mich treuherzig dazu an. - ,, Na also wenn Sie alles Nötige dazu besorgen als= dann: Kapitulation Italiens Ende Juli." Stepanenko zog seine Hand einen Augenblick zurück, blickte mit gerunzelter Stirn ein paar Sekunden ins Leere und murmelte dazu in sich hinein: ,, Wird faschistische Sistem sein kaputt in zehn Tage. Dann gabitulazion gleich von Keenig oder von Badoglio. Zehn Flaschen Sekt." Und laut fügte er hinzu: ,, Abgemacht!" und dazu ergriff er meine Hand und drückte sie heftig. - - - Stepanenko im Knast hieß er Timoschenko in Anerkennung seiner strategischen Fähigkeiten, manchmal auch Latrinenko, weil er immer das Neuste wußte war Russe und in Charkow geboren, wo er bis zur 5. Klasse die Kadettenanstalt besucht hatte. Sein Vater, zaristischer Offizier, war in der Revolution umgekommen. Als der Kadett ins 16. Lebensjahr ging, heiratete seine Mutter einen Tschechen und die Familie zog nach Prag... Der Junge wurde dadurch staatenlos, und in Großdeutschland staatenlos zu sein, war immer eine peinliche Angelegenheit. Die Gestapo sperrte ihn gleich nach der Besetzung der Tschechei ein, ließ ihn dann aber wieder laufen, und so arbeitete er denn in seinem Berufe als Kellner in Berlin, Dresden und Paris, zuletzt als Mitropakellner auf der Strecke Leipzig- Stuttgart... Daher auch seine intimen Beziehungen zu allerhand guten Sachen, die es im freien Han del schon längst nicht mehr gab... Er war verhaftet worden, weil er Anzugstoffe punktefrei und zu Ueberpreisen ver kauft hatte unter anderem an einen Staatsanwalt des Dres dener Oberlandesgerichtes, von dem nicht von diesem Staatsanwalt, sondern vom Oberlandesgericht zwei Monate später die Todesstrafe als Volksschädling gegen ihn beantragt wurde. Man weiß ja, wie das zugeht, wenn die Gestapo die traurige Lebensgeschichte eines Staatenlosen russischer Herkunft aufrollt. Das Urteil lautete auf vier Jahre Zuchthaus. Als ich sein Nachbar wurde, saß er bereits über ein Jahr im Mathildenschlößchen und wartete auf seine Anklageschrift. Stepanenko verfügte über eine merkwürdige Kombinationsgabe. Er las aus den Heeresberichten nur das heraus, was - - - 149 zwischen den Zeilen stand, und kommentierte seine Meinung über die Kriegslage geschickt und überzeugend. Ich muß ge= stehen, ich atmete unter seinem Kauderwelsch, das er gelegentlich mit französischen und englischen Brocken durchsetzte, nach den langen Monaten der Einsamkeit ordentlich auf. Die zehn Flaschen Sekt lagen mir allerdings ein wenig auf dem Gewissen, obwohl ich nicht entfernt an den Termin glaubte, für den er die Kapitulation Italiens prophezeit hatte. Rechts von mir saß Adama, ein ehemaliger Major der tschechischen Armee, die ohne Kampf die Waffen auf dem Rathause abgegeben hatte. Er sprach recht gut deutsch, beteiligte sich aber nur selten an meiner Unterhaltung mit dem Russen. Wenn aus irgendeiner Ecke ein Gerücht aufsprang, lächelte er manchmal milde und sagte:„ Latrine!" Aber ich hatte bald heraus: Wenn er nichts dazu sagte, dann bestätigte sich das Gerücht in den nächsten Tagen. Er war immer auf eine merkwürdig sichere Art über alles unterrichtet, was sich draußen abspielte. Adama wurde nach kurzer Zeit in einen andern Arbeitssaal versetzt, und an seine Stelle kam Natscheff, ein Bulgare. Natscheff hatte an der Technischen Hochschule zu Dresden studiert und sich von einer fünfjährigen Weltreise aus Hawai eine Frau mitgebracht. Eine Engländerin. Dann hatte er sich in Dresden niedergelassen, und um seinen vermöglichen Tagen einen etwas belebteren Inhalt zu geben, eine Mietbücherei er öffnet, in der er grundsätzlich alle Neuerscheinungen führte, die in aller Welt mit Anspruch auf Beachtung herauskamen. Dresden mit seiner starken englischen und amerikanischen Kolonie war ein guter Boden für sein Unternehmen geworden, und der Erfolg blieb nicht aus. Geld strömte zu Gelde. Infolge einer unvorsichtigen Aeußerung über das zu erwartende Kriegsende kam er ins Mathildenschlößchen: der Eid einer beschränk ten Professorenfrau hatte ihm den Hals gebrochen. - - Jo so wurde er nach seinem Vornamen Jordan genannt war der Prototyp eines schlechthin allbelesenen Mannes. Er sprach neben seiner bulgarischen Muttersprache das Russische, Polnische, Tschechische, Französische, Englische und Deutsche fließend, und las das Italienische und Spanische in völliger Beherrschung des Wortschatzes. Als alter bulgarischer Freiheitskämpfer beherrschte er Theorie und Praxis des revolutionä 150 ren Kampfes in allen Einzelheiten und war mit vielen großen Tatmenschen dieses Handwerks persönlich bekannt geworden. Er gab knappe Prognosen zur Weiterentwicklung der Kampfhand- lungen an allen Fronten. Den Zusammenbruch Italiens sagte er auf den Tag genau voraus, und über den Fortgang der Ereignisse auf dem Balkan hatte er eine fast visionäre Schau. Ueber den Termin der Einstellung der Feindseligkeiten dachte er nie optie_ mistisch, und er goß gelegentlich nicht unerhebliche Kübel Wasser in den rosenroten Wein der tschechischen Hoffnungen. Prophete rechts, Prophete links— das Weltkind in der Mitten... Stepanenko verlor seine zehn Flaschen Sekt. Er bot eine neue Wette für Ende August an, aber diesmal streikte ich.. „Wir können den Sekt doch nicht zusammen trinken“, meinte ich ablehnend. Drei Tage später trat Stepanenko mit- strah- lender Miene in den Arbeitssaal. „Hab’ Sie schon geheert? Mussolini zurickgetreten. Nun kommt Kugel ins Rollen, immer Berg hinab. Na— was sagen Sie nu? Hab’ ich gesagt— verstehen Sie: gesagt?— hab’ ich gesagt, die deitschen Soldaten wollen nich mehr kämpfen. Haben so“—(sprechende Geste)—„Russen nich so sehr wollen vor, wollen vernichten deitsches Armee. Immer beren> nen ein Stick, dann ein ander Stick, un so machen weich— versteh Sie?— machen weich. Un zuletzt sagen deitsche Sol- daten: Scheißdreck alles!——— Morgen Orel!“ Am andern Tage kam die Nachricht von Orels Räumung durch deutsche Truppen. „Nu, was hab ich gesagt? Orel wird räumen und zurück auf Charkow. Nun kommt Charkow, passen Sie auf, sag ich: Charkow in eine Woche. Dann Fihrer zuricktreten, und wir kommen heraus in vierzehn Tag aus Knast alle zusammen. Ende August.“ Diesmal bot ich eine Wette um zehn Flaschen Sekt an. „Werden Sie missen zahlen. Wo? Ich kommen und bringen ein Pfund schwarzen Kaviar mit. Auch Tabak.“ Charkow fiel. Neue Gerüchte sprangen auf. „Russen Poltawa besetzt. Wissen Sie schon?“ „Latrine! Glaub’ ich nicht, solange es der Rundfunk nicht gebracht hat.“ Is Quatsch. Alle Latrine nachher richtig, eine Woche später. Haben gesehen bei Sizilien. Italien nicht mehr kämpfen. Badoglio missen zuricktreten. Dann iber Balkan Stoß bis Donau und ganze Rumänien und Krim abgeschnitten. Bulgarien Putsch für Engländer. Kenig Boris weg, Filoff weg, verstehen Sie bulgarisches Volk will nicht dieses Diktatur Diktatur? wird kämpfen gegen deitsche Truppen. Italien bald zu Ende. Bis Ende August noch zehn Tage." - " Kurz vor dem Zusammenbruch Italiens verschwand Stepanenko aus dem Arbeitssaale. Er war in Einzelhaft gebracht worden, auf Verfügung des Staatsanwalts. Eine Woche später war er verurteilt und ging auf Transport nach dem Zuchthaus Ebrach. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Natscheff sprach den Epilog: ,, Ein munterer Bursche. Gerade so muß ein Mensch im Knast und wenn sein: immer Optimist! Er ist nie totzukriegen man ihn hinrichten sollte! Wir alten Skeptiker sollten uns ein Beispiel an ihm nehmen!" - Die Nachricht, daß Mussolini Gefangener sei, schuf im Arbeitssaal eine ganz eigenartige Atmosphäre. nungslos früh als einer der letzten ein. 20 33 - , Weißt du schon?" flüsterte mir irgendwer zu. Was?" ,, Mussolini abserviert!" Ich trat ahIch blickte mich erstaunt um und sah die Bestätigung dieser Nachricht auf allen Gesichtern. Hier brauchte man wirklich nicht mehr zu fragen: Tatsache oder Latrine? Die Wirklichkeit des politischen und militärischen Geschehens war ganz augenfällig auch aus dem Verhalten der Wachtmeister abzulesen. Sie waren aus dem Arbeitssaale verschwunden, hockten in Langes Büro zusammen und erörterten erregt die neue Lage der Sicht des Mathildenhorizontes her... - von Politische Sympathien sind kurzfristig so mußte ich denken. Wie läßt doch gleich Fontane seinen alten Stechlin sprechen?, Anno dreizehn, bei Großgörschen, das war für uns die richtige Waffenbrüderschaft. Jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher und Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, für Nicolaus und Alexander. Peobrashensk, Semenow, Kaluga da hat man die richtige Anlehnung. Alles 152 - andere ist revolutionär, und was revolutionär ist, das wackelt.' Seit den Tagen, in denen dieses Wort niedergeschrieben wur de, haben die politischen Zus und Abneigungen mehrfach erheblich gewechselt. Die Mausefallenhändler wurden aus Waffenbrüdern Verräter, aus Verbündeten Gauner und Spitzbuben - und abermals die Waffenbrüder, und was ehedem nicht revolutionär war und also nicht wackelte, das entwickelte den Ehrgeiz, die größte, längste und in ihrem Erfolge entschiedenste aller Revolutionen anzuführen und dies alles in der kurzen Zeitspanne eines Menschenlebens. Vielleicht war also auch diese italienische Wendung noch nicht die letzte, die zu erleben ich verurteilt war, und also nahm ich die Gefangen setzung Mussolinis relativ kühl auf. Das Kriegsende bedeutete sie bestimmt nicht, und meine Verhandlung stand noch bevor... * Einige äußere Erlebnisse aus meiner Mathildenzeit seien kurz an dieser Stelle eingefügt. - Mein Sohn hatte mir einen Anwalt besorgt, einen Dr. V... der meine Verteidigung nur mit halbem Herzen übernommen hatte. Der Strafverteidiger in den politischen Prozessen der Nazizeit ist ja immer ein trübes Kapitel gewesen. In diesen Tagen von Stalingrad aber war dieses Kapitel schon beinahe gewitterfinster. Ein Verteidiger, der sich aufs Gesetz zu berufen erdreistete, oder gar auf abgestandene Pandektenweisheiten oder altdeutsche Rechtsgrundsätze, nulla poena sine lege' , Enes Mannes Rede ist keene Rede, man muß sie hören alle beede' der war zum letzten Male vor dem Oberlandes gericht als Verteidiger aufgetreten. Das wollte denn keiner wagen, und so sank die ganze Verteidigung auf das Niveau einer lächerlichen Theaterszene ab. Im übrigen hatten sich be reits gewisse neue Rechtsnormen herausgebildet. So erhielt der Angeklagte die Anklageschrift zwar, zugestellt, durfte sie aber nicht behalten, sondern mußte sie nach, Einsichtnahme zurückgeben. Mir wurden im Büro des Hauptwachtmeisters dafür zehn Minuten bewilligt. ,, Sie dürfen sich schriftlich dazu äußern!" das war die stereotype Wendung bei der Uebergabe des Dokuments. Aber ich konnte mir zum Inhalt der etwa zwölf Seiten umfassenden Schrift nicht einmal Notizen machen, da - 153 mir weder Bleistift noch Papier zur Verfügung standen. Als ich den Hauptwachtmeister kurz auf diesen Umstand aufmerksam machte, meinte er, das sei ja auch gar nicht nötig, da ja der Anwalt die Anklageschrift auch zugestellt erhalte, und der werde schon das Nötige besorgen. Ich gab ihm daraufhin die Anklageschrift ungelesen zurück. „Sie wollen sie nicht lesen?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Sie interessiert mich nicht, wenn ich nicht selber zu ihr Stel» lung nehmen darf. Was der Anwalt dazu zu sagen hat, ist mir völlig gleichgültig. Bitte!“ „Dann sind Sie der erste, der nicht wissen will, was man ihm vorwirft. Na— wie sie wollen. Unterschreiben Sie!“ Ich unterschrieb die Erklärung, daß ich vom Inhalt des Do- kumentes Kenntnis genommen habe, und der Alte legte das kleine Büchlein in seinen Aktenschrank zurück. So also wurde ich verurteilt, ohne genau erfahren zu haben, was eigentlich man mir zur Last legte... Als Verhandlungstermin war der 17. September festgesetzt worden. Dieser Termin wurde am 10. September ohne Angabe eines Grundes aufgehoben. Einige Tage später besuchte mich mein Anwalt und teilte mir mit, daß der Hauptbelastungszeuge, Herbert Fink, nicht aufzutreiben sei.„Ich habe mich gewei- gert, ohne ihn zu verhandeln!“ fügte er in der Haltung des grundsatzfesten Verteidigers hinzu. Ich traute diesem mann» haften Anwaltswort so wenig wie der Römer einem Karthager. Später erfuhr ich, daß der Präsident der Strafkammer es ge wesen war, der ohne persönliche Anwesenheit des Angebers nicht hatte verhandeln wollen. Ein letzter Rest juristischen An- standes der vor einem Kriegsgericht beschworenen Aussage gegenüber! Das war nun freilich eine vertrackte Situation für mich. Gesetzt den Fall, der Spitzel, dem ja schließlich an der Front auch etwas Unangenehmeres zustoßen konnte als die Vernehmung über eine Spitzelanzeige, wäre wirklich im russie schen Tumult verlorengegangen, dann hätte mich das Gericht kurzerhand ohne Verhandlung an die Gestapo zurückgegeben, und ich wäre in einem Konzentrationslager begraben worden. Es fiel mir daher ein Stein vom Herzen, als ich eine neue Ver- handlungseinladung für den 23. November erhielt. Nun war 154 -- so glaubte ich ich einer Zuchthausstrafe gewiß und blieb damals! bis zum Kriegsende dem Zugriff der Gestapo ent zogen.. - Im Arbeitssaal lernte ich viele Menschen kennen, und von jedem einzelnen wäre mancherlei zu berichten. Außer Natscheff und Stepanenko saßen an meinem Tische oder in der näheren Umgebung meines Arbeitsplatzes: Der Schauspieler B., gegen den in der ersten Verhandlung die Todesstrafe vom Staatsanwalt beantragt worden war. Der Verteidiger hatte im letzten Augenblick die Aussetzung der Verhandlung erreicht. Nun wartete er auf die nächste Verhandlung, die über sein Schicksal entscheiden würde. Er wartete schon fast ein Vierteljahr. Der Opernregisseur S., der mir seinen sonderbaren Fall in allen Einzelheiten darstellte. Briefe an eine Freundin, die bei einer Haussuchung bei dieser gefunden wurden, enthielten , Beleidigungen des Führers'. Was er mir davon erzählte, das war wirklich, beleidigend', das ließ sich nicht leugnen. Er wurde Anfang Dezember zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. W., Mechaniker und Spitzbube, der in dieser Umgebung eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren absitzen sollte, da seine technischen Kenntnisse hier gebraucht wurden. Hans Wert, ein stiller Politischer', von der Gestapo festgenommen als Gewerkschaftsführer, der seine beiden Söhne im Hitlerkriege verloren hatte, dessen Frau schwerkrank darniederlag, der seelisch am Ende seiner Widerstandskraft war. Er war wegen, illegaler Betätigung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden und wartete in Geduld auf den Abtransport nach Waldheim, Gräfentonna, Ebrach oder Gollnow. L., ein Pilsener Bankdirektor, der mir täglich versicherte, der Atlantikwall sei nichts als ein einziger großer Bluff, und die Engländer und Amerikaner würden eines Tages, wenn sie nur wollten, in Nordfrankreich landen und den Rest des Krieges besorgen. Im übrigen war doch erstaunlich, welche umfassende Kenntnis er von den Befestigungen der französischen Nordküste besaß. Er hatte offenbar diesen Teil des Kriegsschauplatzes zu seinem Spezialstudium gewählt. P. und S., zwei Professoren der Prager medizinischen Fakul tät, von denen behauptet wurde, es seien Leuchten ihres Fa ches. Beide standen mit der Außenwelt in einer geheimnis155 vollen Verbindung und kannten den Wortlaut der englischen Heeresberichte wenige Stunden nach seiner Bekanntgabe. Sie waren Optimisten, wie alle Tschechen, und sagten das Ende des Krieges für den Sommer 1944 voraus. - Von den Wachtmeistern dieser Abteilung zu erzählen, ist nicht notwendig. Sie waren wie anderwärts auch: roh, dumm und bestechlich mit einer Ausnahme: Lange. Auch er hatte seine Schrullen. So ließ er ohne Rücksicht auf die körperliche Verfassung seiner verhungerten Gefangenen beim täglichen Spaziergange oft anstrengende Freiübungen machen. Aber er gab sich schließlich auch zufrieden, wenn er merkte, daß der gute Wille zur Ausführung seiner Befehle mit der vor handenen Kraft nicht in Einklang zu bringen war. Ueber dem allen aber schwebte die milde Gestalt des ersten Hauptwachtmeisters, des Vaters Rohde. Weder vorher noch nachher ist mir in meiner Kerkerzeit ein Beamter von derart überragenden sachlichen und menschlichen Qualitäten begegnet wie er. Sogar der, Kugelblitz' unseligen Angedenkens kapitulierte. vor dem ruhigen durchdringenden Blick seiner Augen und fügte sich der Vernunft seiner Anordnungen. - ,, Daß ich Adolf heiße, dafür kann ich ja schließlich: nichts", sagte er einmal vertraulich zu mir, und dazu lächelte er sein verschmitztes Lächeln. ,, Einmal ist der Spuk zu Ende, und Sie werden das Ende erleben, das sagt mir mein Ge fühl. Nicht alle werden es erleben, die hier im Hause sind. Ueber Dresden schwebt ein Verhängnis, das sich in letzter Stunde erfüllen wird. Aber Sie werden dann nicht dabei sein!" Ich habe nie viel von solchen Prognosen gehalten. Aber Vater Rohde hat recht behalten. Der Wechsel nach der Abteilung I bedingte auch den Umzug aus der Einzelzelle in eine Gemeinschaftszelle. Ich ge riet zuerst mit zwei tschechischen Kommunisten zusammen, die nur wenig deutsch sprachen oder sprechen wollten. Wenige Tage später aber kam der Befehl heraus, Tschechen und Deutsche zu trennen, und für die beiden Tschechen rückten zwei Deutsche zu mir. Edmund Grosser hieß der eine, ein Malermeister aus Mylau. Der andere war Paul Mohn, ein Schlos ser aus Meißen. Mohn war ein stiller Zellengenosse. Er war zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wegen Rundfunkverbrechens und hatte 156 in einem plötzlichen Abfall der Stimmungskurve wenige Tage nach seiner Verurteilung einen ernstgemeinten Selbstmordversuch gemacht. Man hatte ihn rechtzeitig von dem Stricke abgeschnitten, den er sich um den Hals gelegt hatte. Nun ging er schweigend und verschlossen seiner Arbeit nach und wartete darauf, nach Waldheim abtransportiert zu werden. Aber er wurde eben nicht nach dem Zuchthaus gebracht, weil der Meister des Elbewerkes ihn von Vierteljahr zu Vierteljahr als einzigen Facharbeiter in seiner Schlosserei reklamierte. Als ich im Januar vierundvierzig nach Coswig abging, war er immer noch da... - Edmund Grosser war ein Teufel in Menschengestalt. Er hielt sich für einen revolutionären Vorturner, weil er einmal ,, Hitler, dieser Verbrecher", im Suff natürlich, gesagt hatte, und er brüstete sich damit, der intime Freund von Ernst Schneller zu sein, der damals noch lebte. Ich habe Ernst Schneller gut gekannt, und ich glaube sagen zu dürfen, daß es zwischen ihm und diesem ewig boshaften, neiderfüllten und selbstsüchtigen kleinen Anstreicher aus dem Gebirge eine geistige Gemeinschaft niemals gegeben hat. Grossers anfänglich unterwürfige Freundlichkeit mir gegenüber er nannte sowas ,, Kamerad schaft" wandelte sich bald in einen tödlichen Haẞ, als er merkte, daß ich gewisse Methoden seiner Lebensführung im Gefängnis nicht billigte. Etwa seine Versorgungsfeldzüge in die Küche. Er machte Geschäfte mit bestechlichen Wachtmeistern auf Kosten der Gefangenenversorgung und verschob Material, das ihm zur Herrichtung von Anstaltszellen übergeben worden war, in die Privatwohnungen der Beamten. Gewiß, es ist nicht richtig, den Maßstab bürgerlicher Moral an das Leben eines Gefangenen anzulegen; aber gewisse Grenzen müssen auch im Knast geachtet werden, sonst zerfällt hier das soziologische Ge füge, und die Folgen, die sich daraus ergeben, sind schlechthin, schauderhaft... Verhandlung. Dann also kam der große Tag meiner Verhandlung... Früh um halb neun Uhr wurde ich in das Gebäude des Oberlandesgerichts geführt, wo mein Anwalt mich in feierlichem Schwarz empfing. Der Anwalt, der, dies sei nur neben157 - her bemerkt, in diesem Strafprozeß ein überflüssiges Möbel war. An seine Stelle hätte man mit dem gleichen Erfolge den schüchternsten Referendar stellen können. Er teilte mir mit, daß meine Frau, meine Tochter und mein ältester Sohn da seien und die Erlaubnis erwirkt hätten, mich nach der Verhand lung zu sprechen. So gern ich die Meinen wiedersah in diesem Augenblick wäre ich gern allein gewesen!... - Der Vorsitzende des Strafsenats, ein kaltherziger, beschränk ter Jurist, der Staatsanwalt, der menschliche Züge nicht vermissen ließ, zwei abgearbeitete, zumeist teilnahmlos vor sich hindösende Beisitzer, das waren die Akteure des Dramas. Die Verhandlung begann mit der üblichen Vernehmung, zur Pers son und zur Sache'. Ich wurde aufgefordert, den Ablauf der Szene im Café Felsche zu rekonstruieren, was ich zunächst mit dem Hinweis darauf ablehnte, daß alles Tatsächliche von mir bereits zu den Akten gegeben sei. Aber der Vorsitzende ber stand auf mündlicher Wiederholung, wie sich herausstellte in der Hoffnung, mich durch Querfragen in Widersprüche zu verwickeln. Dann marschierten die Zeugen auf: Eine Frau aus dem Hause, die nichts brauchbar Belastendes gegen mich auszu sagen wußte, ein Herr Oberlehrer Theodor Körner, Reichsredner der Partei, der Spitzel Herbert Fink, der sich als statt licher Feldwebel einen Urlaub aus dem Felde erwirkt hatte, um gegen mich auszusagen, und mein alter Freund Professor Dr. Schubert aus Dresden. Die Frau aus dem Hause trat sehr verschüchtert auf. Sie war bemüht, alles zu vermeiden, was gegen mich hätte einnehmen können, obwohl ihr Mann ein braver Funktionär der Partei war, der mehrfach gelegentliche Aeußerungen, die ich zu Hause getan hatte, an die Ortsgruppe berichtet hatte. Man hatte sich von ihrem Zeugnis offenbar mehr versprochen und entließẞ sie mit säuerlichem Lächeln aus dem Zeugenstande. Der Herr Reichsredner trat anmaßend und mit der Geste des in jeder Lebenslage geistig Ueberlegenen auf. Er schilderte mich als einen Mann von mangelnder politischer Einsicht, behaftet mit der krankhaften Neigung, alles Große zu negieren, was der Führer geschaffen hatte, brachte mein moralisch unzulängliches Profil in die rechte Beleuchtung und ließ durch158 blicken, daß vielleicht mein dürftiges geistiges Meublement als mildernder Umstand bei der Beurteilung meiner politischen Verfehlungen in Anschlag gebracht werden könne. Der Herr Präsident nickte mehrfach zustimmend und titulierte den Zeugen auffalllend oft mit, Herr Reichsredner'. Der Spitzel trat in aller Glorie als Frontkämpfer auf und wiederholte den Inhalt seiner schriftlichen Anzeige so ziem lich wörtlich. Ich fragte ihn: ,, Waren Sie sich dessen bewußt, daß Sie logen, als Sie mir versicherten, Sie seien kein Spitzel?" Der Präsident erhob bei meiner Frage beschwörend die Hand. Er wollte offenbar damit zum Ausdruck bringen, daß eine solche Frage nicht zulässig sei. Aber die Antwort knallte auch schon heraus. Der Feldwebel wendete sich breitbeinig nach mir um und sagte mit höhnischem Lächeln:„ Jawoll!" Worauf der Herr Präsident bemerkte: ,, Und Sie taten recht daran, die wahre Gesinnung des Angeklagten auf diese Weise zu ermitteln!" Mein Freund Schubert, ein fast achtzigjähriger aufrechter Demokrat, trat mannhaft und freimütig für mich ein und ent rollte von meinem Leben ein erfreuliches Bild: ein Mann mit klaren Einsichten und Bekennermut. Der Herr Präsident legte bei seinen Worten einen skeptischen Zug um die Mundwinkel und um die Stirn einen bedeutenden Faltenwurf. Der Bei sitzer zur Linken manikürte mit verschiedenen Instrumenten, der zur Rechten schlummerte sanft. Der Staatsanwalt blätterte gelangweilt in seinen Akten. Dann erhob er sich und be antragte unter Zubilligung mildernder Umstände eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren. Der Anwalt plädierte auf eine Gefängnisstrafe.( Ich fragte ihn in der Pause vor der Verkün dung des Urteils, warum er keinen Freispruch beantragt habe, worauf er erwiderte:, Verurteilt werden Sie sowieso, und man will doch vor diesem Senat auch wieder mal auftreten!') Mein Schlußwort war kurz. Ich sah ein, daß es zwecklos sei, die Verhandlung unnötig in die Länge zu ziehen. Das Urteil lautete auf zwei Jahre Zuchthaus unter Anrechnung der erlittenen Untersuchungshaft... - Für meine Frau war das Wort Zuchthaus noch immer ein Gespenst. Natürlich war mir auch die sogenannte bürgerliche Ehre für zwei Jahre abgesprochen worden. Ich versuchte, sie ein wenig zu trösten. Viel Gescheites durfte ich nicht sagen, 159 weil unsere Unterhaltung von zwei Beamten überwacht wurde. Meine Kinder hatten eine Kleinigkeit zu essen mitgebracht. Ich verschlang die belegten Brote gierig und dachte dazu:, Ach, wenn sie doch endlich gingen! Diese Klagen um dieses Affentheater der sogenannten Entehrung sind mehr als peinlich.' Dann erklärte der Schließer, der mich zur Verhandlung geführt hatte, die Sprechzeit für beendet ich wurde ins Ge fängnis zurückgeführt. - ,, Nun, wie ist es abgelaufen?" empfing mich mein Freund Natscheff, indem er mein Mittagessen, das er aufgehoben hatte, auf meinen Zellentisch stellte. ,, Zwei Jahre Z. Ein Jahr der Untersuchungshaft ist angerechnet." ,, Dann wirst du deinen Knast gerade noch hinter dich brin gen, ehe das Gebäude einkracht. Frühere Termine sind tschechische Phantastereien. Es wird eher noch länger dauern. Die Nichtanrechnung der Untersuchungshaft wäre wahrscheinlich günstiger gewesen. Dann würdest du den Zusammenbruch zu verlässig im Zuchthaus erleben, und das wäre entschieden günstiger als bei der Gestapo. Entlassen wirst du ja bestimmt nicht. Sie behalten uns alle dort, wo wir sind, worauf du dich verlassen kannst. Nun aber lebhaft bohren, daß du mög lichst rasch an deinen Bestimmungsort kommst. Hier ist nichts mehr zu erben, und im Zuchthaus hast du deine Ruhe!" Ich hätte mich zweifellos im Mathildengefängnis noch eine ganze Weile halten können. Man beeilte sich damals mit dem Abtransport der Verurteilten ins Zuchthaus nicht; denn man wußte nicht recht, wohin mit ihnen. Die Bienenstöcke des Strafvollzugs waren übervoll, und nur selten fand der Verurteilte im Zuchthause selbst seine Ruhe. Meist wurde er wieder auf Transport geschickt und von Lager zu Lager geschleift, um schließlich als Sklave an irgendeinen Unternehmer verkauft zu werden, der aus der Arbeitskraft von ein paar Dutzend Sträflingen in seinem Steinbruch oder in seiner Zementmühle Kapital schlug. Am Abend des Verhandlungstages kam Vater Rohde zu mir und überbrachte mir ein Brot und ein Stück Butter, die meine Tochter ihm übergeben hatte. Meine Tochter ließ mich zugleich durch ihn bitten, ich solle doch ein Gesuch machen, daß ich meine Strafe nicht im Zuchthaus zu Waldheim an treten müsse. Es sprach manches dafür, manches auch dagegen. Ich 160 hatte mehr als zwanzig Jahre in Waldheim gelebt und war mit vielen Strafvollzugsbeamten persönlich bekannt. Man macht in einer Lage wie der meinen nicht gern Gebrauch von seinen Beziehungen. Vater Rohde meinte zwar, er könne mir dort sofort eine Dauerstellung in der Bibliothek erwirken. Aber ich fand die Bitte meiner Tochter, die zugleich die meiner Frau war, verständlich. Die kleine Stadt würde natürlich erfahren, daß ich im Zuchthause sei, und meine Frauen wollten nicht zum Gesprächsstoff der Stadt werden. Im übrigen fühlte ich mich in der Lage eines Mannes, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat. Ich war im Namen des Deutschen Volkes' durch das Gesetz entehrt worden, und ich wollte dieser Tatsache unbedingt Rechnung tra gen. Also mußte ich auch alles das willig auf mich nehmen, was normalerweise ohne Inanspruchnahme von Beziehun gen damit verbunden war. Ich richtete also an den Staatsanwalt Bücking ein Gesuch, in dem ich um einen Urlaub von einigen Tagen bat zur Ordnung privater Angelegenheiten, ins besondere zur Verlagerung meiner Bibliothek von rund 5000 Bänden, unter denen sich viele wertvolle Erstausgaben befanden, aus dem bombengefährdeten Leipzig, und um Versetzung in eine auẞersächsische Strafanstalt. Das letztere wurde genehmigt, das erstere verweigert. Es kam, was ich voraus geahnt hatte: Am 4. Dezember 1943 wurde meine Bibliothek samt meiner übrigen Habe in Leipzig ein Raub der Flammen... Am Tage meiner Verurteilung, am 23. November also, fiel mein jüngerer Sohn in Rußland. Ich erfuhr dies erst vier Monate später... Meine Frau, nun völlig mittel- und heimatlos, zog zu meiner Tochter nach Süddeutschland. Noch einmal besuchte sie mich in Dresden zur Ordnung persönlicher Dinge. Dann aber zog ich ein feuerfestes Drahtgitter hinter mein bisheriges Leben und harrte meines Abtransportes irgendwohin. Eine sogenannte Weihnachtsfeier mußte ich noch über mich ergehen lassen. Mit einer Portion Kartoffelsalat, 150 Gramm Brot und einer Flasche Bier, gewürzt durch eine Ansprache des Direktors der Elbwerke, in der die hingebungsvolle und fleißige Arbeit der Gefangenen für die Verteidigung der Heimat gegen einen erbarmungslosen Feind gerühmt wurde, einen Feind, der das friedliche Deutschland Adolf Hitlers 11 Berbig: Knast 161 meuchlings überfallen habe und vernichten wolle. Aber das werde ihm nicht gelingen na, und so weiter. Heil! Nat= scheff, der neben mir saß, sagte nur:„ Gibt's denn so etwas von einem milden Idioten? Er weiß natürlich besser als alle anderen hier im Saale, wie weit wir kriegstechnisch und materialtechnisch bereits auf dem Hunde sind. Aber er hat die Anweisung, den starken Mann zu markieren bis zuletzt!" Dann aßen wir beide unser Brot mit Salat, verschenkten unser Bier an solche, die es trinken wollten, und verdrückten uns unauf fällig aus der Sphäre der Halleluja- Staude mit elektrisch betriebenem Kerzenlicht. Abschied von Dresden. Der Abschied vom Mathildengefängnis hatte beinahe etwas Rührendes an sich. Wachtmeister König, der ewige Polterer, gab sich förmlich weich, welcher Gefühlsausbruch sich bei ihm in eine besondere Art von Grobheit übersetzte. Marek, der junge Mediziner, brachte mir das letzte Mittagessen in die Abgangszelle, die ich mit Kowalski teilte, und König übersah dabei geflissentlich, daß er mir noch zwei Aepfel zusteckte, die ich dankbar in die weiten Taschen meines Mantels versenkte. ,, Hier", knurrte der Polterer ,,, die letzte Mahlzeit von Mathilden. Anderswo werdet ihr's auch nich besser treffen. Haut hin mit dem bißchen Fresserei. Es is schon halb elf, und um elfe kommt die Minna!" Es gab Pellkartoffeln und eine volle Schüssel Braunkohl für jeden. Kowalski ver staute die Hälfte seiner Schalenkartoffeln in den Taschen seines Sportanzuges, und ich folgte diesem Beispiel weiser Fürsorge für den kommenden Tag. Wer weiß, wann man dahin kam, wo man wieder Land unter den Füßen fühlen würde und über die Qualitäten der Transportverpflegung war man ja inzwischen auf Grund reicher eigener und fremder Erfahrungen völlig im Bilde... Kowalski würde aller Voraussicht nach noch heute an sein Ziel gelangen. Er ging nach Waldheim, um dort den Rest seiner Zuchthausstrafe abzuschieben rund sechs Jahre noch. Er hatte Flugblätter in seinem Besitz gehabt, als die Gestapo ihn verhaftete; war als Hochverräter und Rundfunk- 162 verbrecher verklagt worden, und der Staatsanwalt hatte gegen ihn und vierzehn Genossen die Todesstrafe beantragt. Zwei aus der Gruppe waren hingerichtet worden, zwölf hatten Zuchthausstrafen zwischen vier und zehn Jahren erhalten— einer war freigesprochen worden. Sowas kam also auch mal vor. Den hatte sich übrigens die Gestapo sofort wieder ger holt und in ein Lager abgeschoben. Ihm ging es von allen Ver- urteilten dieser Gruppe eigentlich zur Zeit am schlechtesten. Er arbeitete bei Roßlau an der Elberegulierung. Kein reines Vergnügen im Januar... Kowalski verließ das Untersuchungs gefängnis mit von allerlei guten Hoffnungen geschwellter Brust. Er war Optimist wie alle Tschechen, und er glaubte fest daran, daß der Josephstag— der 19. März also— der Tag der Freiheit für alle politischen Gefangenen sein werde. „Und wenn dieser Termin abermals eine Enttäuschung ist?“ fragte ich, und es klang vielleicht ein wenig ungläubig. „Dann bestimmt am Wenzelstage“, meinte er sorglos.„Was sind schon Tage— in dieser Zeit!“ „Ich bin nicht so bewandert im böhmischen Kalender. Wie- viel gibst du also zu? Tage? Wochen? Monate?“ Kowalski blickte erstaunt von seinem Braunkohl auf. Ihm war offenbar ganz unverständlich, wie jemand nach dem Wen« zelstage fragen konnte. „Du meinst—ach so——.also auf den 28. September— nas türlich! Das ist ein großer Festtag in Prag und in allen tschechischen Landen mit Apfelstrudel und Zwetschgenknö» deln, und mit gutem mährischen Wein. Eine Art Maschkerad’ und Mummenschanz. Wir wissen schon, was wir unserm Schutzheiligen schuldig sind.“ Das Datum weckte in mir eine historische Erinnerung. „An einem 28. September, beiläufig dreihundert Jahre vor meiner Geburt, starb Iwan der Schreckliche. Er starb übrigens eines natürlichen Todes und wurde von den Russen ehrlich be- weint. Unbegreiflich ist doch das Herz des Volkes! Auch beim Leichenbrande Sullas klagten die römischen Frauen und opferten ihr Haupthaar auf dem Holzstoß—— die Frauen!“ „Wenn der Mann heute eines’ natürlichen Todes stürbe, der so viel Elend und Herzeleid über mein Vaterland gebracht hat— es gäbe auch in Deutschland genug Frauen, die um ihn weinten“, sagte Kowalski kalt.„Aber die Argumente des 112 163 - Herzens werden in Zukunft wenig gelten. Eisiger Verstand wird die verfahrene Karre aus dem Dreck ziehen müssen und die Russen werden ihn anwenden, worauf du dich verlassen kannst. Im übrigen: er wird keines natürlichen Todes sterben, dieser Mann zum mindesten müßte er sich damit ein wenig beeilen, ehe es zu spät dazu ist." König rasselte im Gange mit den Schlüsseln. Der Polizei wagen war da. Am Treppenaufgang zur Abteilung I stand Lange. Er trat wie zögernd einen Schritt vor und streckte mir mit einem verlegenen Lächeln die Hand zum Abschied hin, ,, Alsdann alles Gute", sagte er ,,, und wenn alles vorbei ist " - ,, Ich werde die Zeit in der Mathilde nicht vergessen", be merkte ich sachlich. ,, Mein erster Gang nach Kriegsende wird mich hierher führen. Es wird dann allerhand zu erledigen sein in diesem Hause." Lange verstand, was ich damit sagen wollte. Er wußte auch, daß er selber kaum einbezogen werden würde in die, Erledigungen'. Aber daß ein Gefangener bei seinem Abgang ins Zucht haus so etwas anzudeuten wagte, das war ihm doch ein Novum, das seinem einfachen Geiste zu denken gab. Er selber war ja in letzter Zeit sichtlich bemüht gewesen, seine Korrektheit ein wenig nach der menschlichen Seite hin zu wandeln., Groß im Kleinbeigeben, das war von jeher der Wahlspruch der Polizei vor jedem Umsturz der politischen Machtverhältnisse gewesen, und der Strafvollzug hatte jederzeit prompt die notwendigen Folgerungen aus diesem Wahlspruch gezogen. Das würde auch in Zukunft nicht anders werden. Will sich ein Alibi schaffen, dieser verfluchte Schla winer", murmelte Kowalski im Weiterschreiten. ,, Ist zu spät. Wird ihm nichts mehr helfen!" ,, Ich habe keinerlei ernsthafte Forderungen in dem Konkurs Lange anzumelden", bemerkte ich ein wenig verstimmt. Ich empfand die Rede des Tschechen in diesem Augenblicke als zynische Anmaßung in dem Augenblicke, in dem alles dies unserm möglichen Zugriff entglitt, was uns bedrückt und be drängt hatte. - ,, Du vielleicht nicht. Möglich. Aber Svab und Waiser. Das ist alles schon geordnet. Die Akten über den Fall Lange sind geschlossen und sichergestellt. Liegt alles schon in Prag. Der 164 Mann ist besorgt und aufgehoben wie der fromme Knecht Fridolin!" Ein Abgrund des Hasses tat sich vor mir auf in diesem ganz am Rande der Ereignisse gemachten Geständnisse. Jedem dieser Aufseher, denen infolge mangelnder Kinderstube, verbogenen Charakters oder unbeherrschter Gemütsart die Nerven durchgegangen waren und welchem dieser von oben getretenen armseligen Kreaturen wäre dies nicht passiert! war schon heute eine Strafe zudiktiert, deren Härte vielleicht nicht eins mal in einem geraden Verhältnis zu ihrem Vergehen stand. Wenn Kläger, Richter und Henker sich in einer Person treffen, dann verhüllen Gerechtigkeit und Menschlichkeit ihr Haupt in Trauer... Kowalski lächelte, als ich schweigend neben ihm ging. 25. - ,, Ich weiß, was du denkst", sagte er plötzlich. ,, Du glaubst an irgendeine legale Sühne aller dieser Schweinereien, an eine Art Sondergericht der demokratischen Rechtschaffenheit. Du bist und bleibst eben ein politisches Kind sonst wärst du ja auch nicht verknackt worden. Oder ist das Gericht, das dich ins Zuchthaus sperrt, etwa ein Instrument des Rechts? Selbst wenn wir die göttliche Gerechtigkeit den Pfaffen über lassen auch nur der Teil einer menschlichen Rechtsordnung?" , Vielleicht hast du recht", sagte ich dicht vor der Tür, die zum Hofe führte ,,, wenn die Zeit gekommen ist, heißt es eben, den Verstand nicht verlieren... Wenn die Zeit gekommen ist sie ist ja wohl noch in weiter Ferne, und mit deinem Wenzelstage kannst du mir gestohlen werden. Wer weiß, ob wir beide diese Zeit noch erleben!"( Ganz am Rande: Weder Kowalski, noch der Aufseher Lange haben diese Zeit erlebt. Kowalski ist kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in einem Lager an Fleckfieber gestorben, und der Oberwachtmeister Lange ist in Erfüllung seiner Pflicht beim Brandé des Ma thildengefängnisses am 14. Februar 1945 ums Leben gekommen.)- - Der Gefangenenwagen, in dem ich mit Kowalski zunächst ganz allein fuhr, rollte im Polizeipräsidium vor und nahm Fracht. Auf dem Hauptbahnhofe wurde das übliche Sortiment von etwa dreißig Männern und fünf Frauen ausgeladen: Russen, Ruthenen, Polen, Franzosen, Holländer, ein paar Deutsche dazwischen 165 was Immer dasselbe Bild", sagte ein vornehm aussehender alter Herr, der im hinteren Winkel der Wachtstube dicht an mich gedrängt wurde; ,, fünfzig, bei den Frauen achtzig vom Hundert sogenannter Arbeitsvertragsbruch. Hauptsache, daß man um eine Vokabel nicht verlegen ist, wenn es gilt, einen un bequemen Zustand als Verbrechen zu plakatieren. Der Rest ist zu einem Drittel kriminell, zu zwei Dritteln politisch man heutzutage nun mit diesen blödsinnigen Schachtelbegriffen abdeckt. Es laufen ja phantastische Zahlen um über die Masse der zur Zeit irgendwo Festgehaltenen. Man spricht von Millionen, die in Gefängnissen, Zuchthäusern, Konzentrations, Arbeits-, Bewährungs, Besserungs-, Vernichtungs- oder in sonstigen Lagern eingesperrt sind. Die Zahlen, die man nennt, mögen zu hoch sein oder zu niedrig; sie sind mir gleichgültig. Aber das eine weiß ich gewiß: daß in Deutschland viel mehr Menschen eingebuchtet sind, als jemals vor der Vernunft zu rechtfertigen ist. Die Angst hält sie fest, und die Angst ist ein schlechter Berater. Nichts gleicht der Dummheit, die aus der Angst geboren ist..." Merkwürdig: die Philosophie der Angst wird im Polizeigefängnis und auf Gefangenentransporten erörtert, während sie sich die Bühne nicht zu erobern vermag. Mein Freund Walther Gilbricht hatte eine Komödie geschrieben, die die Angst zum Motor der Handlung macht. Sie wurde seinerzeit in Prag uraufgeführt und erspielte sich einen schönen Erfolg. Die Gall wespe', so war ihr Titel. Aber kein Theater mochte das Stück nachspielen. Warum nur? Graute den Herren Intendanten vor der Hüllenlosigkeit der hier ausgespielten Wahrheit? Wohl kaum. Es war eher ein Rest von Schamgefühl, der sie davon abhielt, dieses Stück auf ihre Bühne zu bringen. Heute graut allen Menschen vor einer Wendung der Dinge, die eine letzte Folgerung aus dieser in der, Gallwespe' dargestellten Wahrheit sein wird. Der Krieg wird beendet sein, so sagen die Tschechen, wenn die Terrorbomber mehr Schrecken verbreiten als die Ges stapo. Aber vorläufig sind beide Schreckensgewalten noch mit wachsender Energie dabei, ihre Vormachtstellung auszubauen. Nicht nur in Deutschland. Die Innenpolitik aller Staaten weicht aus in der Richtung der größeren Angst, ganz in dem gleichen Maße, in dem das Streben des einzelnen in der Richtung des kleineren Uebels ausweicht... 166 „Bald wird es soweit sein“, sagte eine leise Stimme hinter mir.„Oder— glaubst du nicht daran?“ Ich fühlte diese Worte an mich gerichtet, sah mich überrascht um und blickte in die Augen eines alten Mannes. Leid stand in seinen Zügen, aber sein Blick war von Hoffnung belebt. „Möglich“, sagte ich mit aller gebotenen Zurückhaltung. Doch als ich die Hoffnung in seinem Blick erkannte, fügte ich hinzu:„Wahrscheinlich!“ „Das soll ein Wort sein, Kamerad!“ Der abgerissene Alte drängte sich näher an mich heran und sprach hastig und leise auf mich ein.„Ich setze auf Mitte März!“ „Willst du vielleicht wetten?“ fragte der elegante alte Herr, der eben sachlich festgestellt hatte, daß die Angst ein. schlech» ter politischer Berater sei. „Um zehn Flaschen besten Rheinweines, den ich noch im Keller habe. Ich setze sie gegen eine Hand voll Erbsen!“ „Wetten wir nicht“, sagte der Elegante,„treffen wir einfach ein Gentleman-agreement für den Fall der Fälle. Ich setze das Diner dazu, und ihr werdet beide nicht enttäuscht von ihm sein. Wo? An welchem Tage?“ Der schäbige Alte reichte mir die Linke, dem Eleganten die Rechte. „Stoßt euch nicht an dem schäbigen Aufzuge, mit dem ich ins Zuchthaus gehe. Er ist nicht zufällig. Ich wähle mit Vor bedacht einen etwas späteren Termin. Ruft beide am 20. Mai die Verwaltung des Dresdner Staatstheaters an und fragt nach dem Tristan. Man wird euch dann eine Rufnummer geben, unter der ich jederzeit zu erreichen bin. Alles andere besorge: dann ich!“ „In aller Form also!“ sagte der Elegante mit verbindlichem Lächeln.„Ich bin von der Partie— wenn ich dann wieder in Dresden sein kann. Freilich glaube ich nicht an einen so nahen. Termin. Sagen wir also: an einem 20. Mai— und lassen wir das Jahr offen!“ „Von Korosten bis Winiza ist die Ostfront in Bewegung, und sie wird in Bewegung bleiben, bis die Saat reift, die die Gestapo ausgestreut hat. In Polen dengelt man schon die Si- cheln!“ Der schäbige Alte zischte diese Worte in verhaltener Erregung heraus. Dann sank er auf die Bank, die hinter ihm stand— wie ein Häufchen Asche, mußte ich denken.— Ein 167 Uniformierter verlas wieder einmal Namen. Man mußte acht» haben, den seinen nicht zu verpassen... Am 20. Mai 1944, dem im Dresdner Bahnhofsgefängnis ver- einbarten Termine zur Feier der Freiheit, war es keinem von uns dreien möglich, in Dresden ein Telefon zu benutzen... Am 20. Mai des Jahres 1945 wäre dies theoretisch möglich gewesen. Praktisch: eine Verwaltung des Staatstheaters mit Fernsprechanschluß gab es damals in Dresden noch nicht... Dem Spürsinn des eleganten alten Herrn war es zu danken, daß der schäbige Alte, der sich als„Tristan“ maskiert hatte, inzwischen ermittelt war. Wir drei trafen uns in Leipzig. Nicht gerade mit Rheinwein und Delikatessen; aber es ging, den Um- ständen entsprechend, bei unserer Wiedersehensfeier recht or> dentlich zu. Der Elegante— ein Hochschullehrer aus K.— und der Schäbige— ein nunmehr ebenfalls recht gut geklei- deter Professor der Musikwissenschaften aus$S.— erzählten ihre Erlebnisse im Verlaufe des Jahres, um das sich unser Optimismus verschätzt hatte. Aber wenn man diese farbigen Erlebnisse in diese Darstellung einbeziehen wollte, dann müßte man gleich ein neues Buch schreiben... Das Zuchthaus Ich saß allein in einem großen Zimmer... 5 In dem Hause, an dessen Südostfront dieses Zimmer ges legen war, hatte man offenbar Sinn für exakte Angaben, Ueber der Tür stand sachlich und jeden Zweifel ausschlie- ßend: 95,6 cbm... Ich saß in einem Rohrstuhl, über den ein Sitzkissen gebreitet war. Vor mir lagen lose Blätter grauen Packpapieres von uns regelmäßiger Gestalt und Größe, die mit Bleistiftnotizen bedeckt waren... Soeben hatte die Schloßuhr vom Turme gegenüber die siebente Morgenstunde verkündet. Noch lag die Welt im Dun? kel; aber am bewölkten Himmel erschienen eben die ersten, blaßgrünen Streifen, die dem neuen Tage voranleuchteten.... In einem Schranke dieses Zimmers hatte ich ein rosa einge- färbtes Schreibpapier gefunden— eine seltene Kostbarkeit in diesem Hause. Auf dieses Papier schrieb ich jetzt mit einer 168 Ly- Feder, die meiner verschliffenen Handschrift die Möglich keit des Atmens gab eine besondere Entlastung des Ge müts nach jenem ewigen Stolpern über die hart- spitz- gespal tenen Knast- und Gerichtsfedern, mit denen man nur Buchstaben in Druckschrift malen konnte... Ich war satt... Ich bewegte ein Tabakblatt im Munde, das mir die Illusion eines Genusses verschaffte... Das Thermometer zeigte 14 Grad Celsius. Es hing in der Mauernische des großen Fensters, dicht über der Kakteentreppe, die bis zur halben Höhe emporführte. In der Nähe der Heizung, die ich im Rücken fühlte, war es ganz gemütlich warm... Ueber meinem Tische hing eine Pendelbirne, die mit der Kraft ihrer fünfzehn Kerzen ein freundliches Licht über meine grauen und rosafarbenen Blätter warf. Die Männer, die vor zweieinhalbhundert Jahren in diesem Hause die Wirtschaftsbücher der Fürstinwitwe Sophie- Auguste von Anhalt- Zerbst mit dem Gänsekiel geführt hatten, wären von dieser Beleuchtung sicherlich entzückt gewesen... In diesem Zimmer stehen fünf große Bücherschränke, zwei lange Tische, ein paar Stühle, ein Harmonium und eine Schreibmaschine. Es dient dem Zuchthaus zu Coswig als Bibliothek... Gestern war ich in dieses Zimmer eingezogen mit einem Sonderauftrage. Ich sollte den Katalog einer Gefangenen bücherei aufstellen... In diesem Hause hat man Zeit. Wenigstens unter gewissen Voraussetzungen. Im Augenblick schienen diese Voraussetzungen gegeben. Ich übertrug die flüchtigen Notizen, die ich mir auf dem Transport hierher gemacht hatte, von den grauen Pa pierschnitzeln auf das fürstliche Rosapapier. Vielleicht fand ich doch einmal die Gelegenheit, meine tagebuchartigen Aufzeichnungen aus diesen Mauern hinauszubringen. * Coswig( Anhalt), am 24. Januar 1944. Der Abschied von Mathilde hat mich bedrückt. Kein Zweifel: Ich atme auf, endlich befreit zu sein von der körperlichen Nähe eines Menschen wie dieser Edmund Grosser einer war... 169 Oder der Wachtmeister Oswald Killig, der ,, Kugelblitz" unseligen Witzes Angedenken, dessen Lebensinhalt das Quälen seiner Gefangenen ist... Oder der Oberwachtmeister Lange in seiner ,, Korrektheit". Man ist gern geneigt, die Zukunft gewollt freundlich zu sehen, wenn man einem Dunkel ent gegenschreitet. Man hofft auf eine Lichtquelle irgendwoher - und bildet sich ein, den so oft zitierten Silberstreifen am Horizont schon zu erblicken... Und doch hat mich der Abschied von Dresden bedrückt. Man war ja immer noch im Untersuchungsgefängnis, auch als schon Verurteilter, und noch war nicht unbedingt alles auf Entehrung abgestellt wie- eben hier im Zuchthause... Ich bin eher gleichgültig als zuversichtlich. Der alte Rohde wünschte mir aus ehrlichem Herzen alles Gute, als ich das Haus verließ. Er weiß ja auch, was das Wort Transport' alles in sich schließt. ,, Man hätte Sie ja noch ein paar Wochen hier halten können", sagte er; aber einmal müssen Sie doch: fort. Wer weiß, wozu es gut ist. Hier können die Engländer auch jeden Tag mit dem großen Topfschlagen beginnen, und daß dann der Mathildenknast mitten in der Stadt bevorzugt bedient wird, das ist denn doch stark zu vermuten. Wohl dem, der dann nicht dabei ist." * Mit Kowalski und einem Lagerkandidaten zum Polizeiprä sidium. Hier Aufnahme von Menschenfracht. Auf dem Bahnhofe zwei schnurrige alte Herren. Wir wollen uns am 20. Mai dieses Jahres in Dresden bei Rheinwein und andern guten Sachen treffen. Ach was sind wir doch manchmal für große Kinder... Natürlich: Ganz mittelalterlicher Voiture cellulaire( Knastwaggon). Letzter Wagen des Chemnitzer Zuges. Zu sechst in ein Abteil von einem Geviertmeter gepfercht und einge schlossen. Die Schimpfworte der beiden den Transport beglei tenden Polizisten atmen Dresdner Kolorit, ihre Roheit ist nazistisch, die groben Späße und eindeutigen Scherze mit den im Mittelgang des Waggons stehenden weiblichen Gefangenen wirken als letzter menschlicher Rest fast versöhnlich. Das alles haftet am ,, Schub" wie die Pest an indischen Hadern. Ich habe einen schmalen Bankplatz; neben mir sitzt ein Mann, den ich 170 auf Mitte dreißig schätze, mit einem gutgeprägten Kopf und einer scharfgeschnittenen Leidenslinie um die Augen. Reise ziel Bochum. Er berichtet: - - ,, Acht Jahre habe ich im Lager gesessen. Zuletzt drei Jahre in Buchenwald. Kann nicht sagen, daß es mir besonders schlecht ergangen sei. Im Anfang, als noch SS.- Mannschaften da waren, da war es ja wohl manchmal schlimm. Aber das hat man heutzutage fast schon wieder vergessen. Vor einem halben Jahre also wurde ich dort ganz plötzlich entlassen. Plitz- Platz, wie es im Lagerjargon heißt und eine solche Entlassung hat immer was zu bedeuten. Meist nichts Gutes. Ich hatte das Rennen um die Freiheit eigentlich längst aufgegeben, und na türlich traute ich der Sache auch gar nicht... Am Lagertore nahm mich die Gestapo in Empfang. Höflich. Kann nichts anderes sagen. Es sei nur eine Formsache, so versicherte man mir, und in ein paar Tagen na, du kennst ja den Schmus! Kam also von Buchenwald per Schub nach Hamburg. Drei Tage dort im Polizeiknast. Von da abermals auf Schub nach Leitmeritz in Böhmen. Die Reise dauerte sieben Tage und war eine Strapaze. Hier riß mir der Geduldsfaden. Ich lieẞ mich dem Direktor melden und bat um Aufklärung. Der Mann war abermals sehr höflich. Behauptete, nicht zu wissen, weshalb man mich eigentlich noch festhalte, und er wolle sein Möglichstes tun, den Fall aufzuklären. Im übrigen ginge ihn die Sache gar nichts an. Ich befinde mich in Schutzhaft, und das sei eine Angelegenheit der Geheimen Staatspolizei. Man müsse eben Geduld haben in dieser Zeit... Die hatte ich denn auch: ich blieb in Leitmeritz ein halbes Jahr in Einzelhaft. Weder Arbeit noch Papier noch Bleistift! Das war die schlimmste Zeit. Ein Wunder, wenn man dabei die Nerven behält. Ein Aufseher war da, der hat mir ein kleines Schachspiel reingegeben und ein Bündel aus den Zeitungen geschnittener Schachaufgaben. Die hab ich nach und nach alle gelöst, und das hat mir über das Schlimmste weggeholfen... Vorige Woche nun kam einer von der Gestapo und eröffnete mir, daß ich endgültig entlassen würde. In meiner Heimatstadt Bochum. Vielleicht wollen sie mich zum Heeresdienst einziehen? Mir ist schon alles recht... Nie wurde gegen mich eine Anklage erhoben, nie fand eine Verhandlung statt; nie wurde gegen mich ein Urteil ausgesprochen. Bei dir hat man doch wenig 171 stens die Form gewahrt... Ich bin als Sportwart eines Arbeiterturnvereins kommunistischer Haltung verdächtig. Das ist alles. Hab' mich im Lager immer gut geführt. Im Anfang bin ich natürlich auch, wie alle andern in dieser Zeit, schwer verdroschen worden. Aber ich bin doch bis jetzt mit dem Leben davongekommen, wo andere einen sogenannten Herzschlag kriegten und ins Krematorium wanderten. Nun möchte man das Ende doch erleben... Manchmal habe ich die Hoffnung, daß ich meine Frau doch noch mal wiedersehe und meine - - Tochter das heißt, die hab ich überhaupt noch nicht gesehen. Sie wurde erst nach meiner Verhaftung geboren und ist nun acht Jahre alt. Meine Frau hat mir Bildchen von dem Kinde geschickt, aber sie sind mir im Lager nie ausgehändigt worden. Bei meiner Entlassung war jedenfalls nichts da..." Ein alter Mann stand zwischen uns beiden auf der Bank, da sonst sechs Menschen in diesem Raume nicht Platz gehabt hätten. Er preßte sein Gesicht an das vergitterte Fenster und lugte angestrengt durch die Mattglasscheibe, deren Farbanstrich zum Teil abgekratzt war. Auch er erzählte... Kriegswirtschaftsverbrecher. Hat einen aus Frankreich verschobenen Anzugstoff zu einem Ueberpreise verkauft und ist dafür mit vier Jahren Zuchthaus bestraft worden. ,, Wenn alle, die sowas tun, ins Zuchthaus kämen, dann müßte man alle Schulen und Rathäuser vergittern, um sie unterzubringen. Das ist doch eben das Furchtbare an unserer Rechtsprechung: Jeder Richter weiß, daß er auf Grund des Rechts, das er im Namen des Volkes spricht, selber ins Gefängnis oder ins Zuchthaus gehört! Oder hat er zum Frühstück nicht etwa schon einmal ein Brot gegessen, dessen Belag vom Lande stammte? Seine Frau bemüht sich nicht einmal um diese Ware: man bringt sie ihr ins Haus. Der Richter gibt sich vielleicht Mühe, daran zu glauben, daß dafür Fleischmarken hingegeben worden sind, obwohl er natürlich ganz genau weiß oder wissen müßte daß ein so großer Fleischanteil auf ihn nicht entfällt... Oder sein alter Freund, der Weinhändler, liefert ihm fünfzig Fla schen Bordeaux, obwohl der Richter ganz genau weiß, daß erst vorige Woche aller beim Großhändler lagernde Rotwein für Lazarette beschlagnahmt worden ist. Sein Freund, der Weinhändler, hat ihm dies sogar gestern erst wortreich erzählt.. - - 172 - - - - - aber er hat beruhigend hinzugefügt:„ Deine paar Flaschen, Richard, die fallen gerade noch ab!"... Oder der Richter hat einen Anzugstoff beim Schneider, aber keinen Futterstoff dazu und keine Punkte und eines Tages kommt der Schneider doch zur Anprobe... Fragt er ihn etwa: Mann, woher haben Sie den Futterstoff, wo ich doch keine Punkte...? Kein Gedanke! Er fragt nicht! Er vergißt das einfach!... Oder der Richter hat ein Kilo Bohnenkaffee, das seine Frau heimlich röstet, damit die Nachbarschaft den herrlichen Duft nicht wittert, und diesmal weiß der Richter sogar den Preis, den seine Frau dafür angelegt hat, und er ist natürlich böse darüber das heißt: darüber, daß seine Frau, bei seinem nicht gerade fürstlichen Gehalte so viel Geld ause gibt für na also, aber man ist doch ein ganz anderer Kerl, wenn man eine Tasse Bohnenkaffee im Leibe hat, früh um neun Uhr, und vor einem steht der Kerl, der hat zwei Pfund Butter und drei Pfund Schlackwurst vom Lande geholt! Hat sich von Gendarmen greifen lassen, der Hammel! Wenn er Glück hat und keine Akte bei der Gestapo, geht er drei Monate ins Gefängnis... Oder der Richter hat einen Kreis guter Freunde, mit denen er sich einmal wöchentlich in Familie trifft. Früher traf man sich in einem Lokal; aber das ist heutzutage zu gefährlich. Die Tische stehen zu dicht beieinander, und man möchte sich doch nicht immer nur im Flüsterton unterhalten- will sich seinen gerechten Zorn doch auch einmal von der Leber herunterreden! Wenn die Gestapo Schallplatten hätte von dem, was hier schon ausgesprochen wurde aber früh um zehn Uhr kriegt er die Akten eines armen Schächers zu fassen, der vor das Volksgericht in Ber lin kommt, weil er ach du lieber Gott! etwas viel Harmloseres gesagt hat, als er selbst gestern abend in gefährlich zu gespitzter Fassung zum Ausdruck gebracht hat. Aber daran mag der Richter in diesem Augenblicke gar nicht denken. Er legt das Aktenstück beiseite und sagt ganz beiläufig zu seinem Jusitzwachtmeister:, Der Häftling Müller muß noch einmal vernommen werden, Köhler. Führen Sie ihn doch gleich vor. Es wird ja nicht lange dauern, und am Nachmittag habe ich keine Zeit mehr für sowas.' Ja, so ist das mit dem Rechte. Ich bin nun achtundsechzig. Wenn ich aus dem Zuchthause komme, werde ich zweiundsiebzig sein, das heißt, wenn ich das -- - - 173 erlebe. Vielleicht erlebe ich es auch in einem früheren Zeit\ punkte— man kann nie wissen, wie lange sich das Recht von. heute noch in den Gerichtssälen hält. Manchmal will es mir so vorkommen, als sei seine Zeit bald abgelaufen. Ob übrigens das nächste besser ist, das ist auch noch die Frage. Man ist im Laufe einer langen Lebenserfahrung mißtrauisch geworden gegen alles, was Recht heißt...Da drüben“— er weist mit müder Handbewegung in irgendeiner Himmelsrichtung, als der Zug eben den Freiberger Bahnhof verläßt—„da drüben wohnt mein Schwager. Wenn der wüßte, daß ich jetzt an seinem Hofe vorbeifahre...“ An die Tür gepreßt stand ein Ostpreuße aus Tilsit. Er wurde nach Kassel zurückgebracht, von wo er ausgerückt war. Nun war er schon drei Wochen unterwegs und kannte den Schub aus dem Grunde.— „Paßt man Achtung, daß ihr nich nach Halle oder Han» nover zu liegen kommt! Da is et am schlimmsten. Keine Decken, nischt zu fressen, und Wanzen so jroß wie die Mai» käfer!“ Neben ihm stand ein junger Mensch, das ausdruckslose Ges sicht der Wand zugekehrt. Als ihn schließlich der Tilsiter nach dem Woher und Wohin fragte, zuckte er nur müde mit den Achseln. „Weiß nich!“ antwortete er mürrisch.„Das Quasseln auf Transport führt zu nischt. Halt die Klappe und wart ab, was sie mit dir machen. Morgen biste vielleicht schon dod!“— Er sagte dies alles ohne Pathos; es klang wie aus reicher Lebenserfahrung geschöpft. Zwischen den beiden hockte ein Franzose..Er starrte mich mit hungrigen Augen an, als ich ein Stück Brot aß, und ich mußte der Kartoffeln gedenken, die ich in Dresden vorsorg- lich in der Manteltasche versenkt hatte. Ich gab ihm ein paar davon.— Mit leiser Stimme erzählte er, wie er nun schon drei Wochen unterwegs sei, von der Schweizer Grenze via Müns chen, Stuttgart, Nürnberg, Plauen, Dresden— in der Hoff nung, doch noch einmal nach Dessau zu kommen. Wenig Schlaf und noch weniger zu essen. Ich gab ihm noch ein Stück Brot und einen der beiden Aepfel, die Marek mir zugesteckt hatte, was das entschiedene Mißfallen des Tilsiters erregte... s 174 In Chemnitz wurde unser Waggon an den Riesaer Personenzug angehängt. Es ging also weiter. Ich hatte schon gefürch tet, Chemnitz werde die erste Nachtstation sein... Als sich der Zug in Bewegung setzte, wurde die Waldheimer Fracht zusammengelegt. Der Alte wechselte das Abteil. In Waldheim gab es nur einen kurzen Aufenthalt.... In Döbeln wurde der Waggon abermals umrangiert und an den Leipziger Zug gehängt. Von nun an gab es auf allen Stationen längere Aufenthalte. In der achten Abendstunde fuhren wir endlich in die Halle des Leipziger Hauptbahnhofes ein, dessen hochgewölbte Glasbedachung sich vor dem Luftdruck eng lischer Sprengbomben längst verflüchtigt hatte. Leipzig war auf den Empfang so vieler Gäste zu so später Stunde offenbar nicht eingerichtet. Es ging einfach alles schief... Durch einen der Quertunnel marschierte die Kolonne der Gefangenen ab und gelangte hinter dem Westeingang ins Freie. Hier stand ein Gefangenenwagen bereit, der die Transportwelle in drei Fahrten nach den Polizeibaracken in der Riebeckstraße brachte. Bad Entlausung ein Stück Brot und abermals in mehreren Wellen nach dem Polizeipräsidium in der Wächterstraße. Endloses Warten in der Halle. Namenverlesung. Völlige Ratlosigkeit, des diensthabenden Hauptwachtmeisters. Der Beamte aus der Riebeckstraße drängt auf Abnahme seiner Fracht. Er hat ,, de Bärrn dicke", wie man in Sachsen sagt, er möchte endlich nach Hause. - - - - ,, Sachde, sachde!" bemerkt der Hauptwachtmeister vom Dienst er heißt überdies Rettich, ein Name, der in Sachsen immer mit einer leichten Komik geladen ist ,, ihr seidje selwer dran schuld, wennr nich heemgommt. Was bringdr uns denn ooch nachts um elfe noch sone Hucke voll Schbitzbuhm iwern Hals!" Er verliest die Namenliste zum dritten Male. Endlich hat er Klarheit in seinem Bestande. Das erstemal fehlte einer, beim zweiten Male war einer zuviel da. ,, Wohin sollt'ch eich denn bloß schdeggen? De viernfuffzch is doch schon geschdobbde voll! Na, das hilft nu nischt. Dannema los!" Wir waren etwa ein Dutzend Männer, die vor einer Tür im dritten Stockwerk halt machten. Ein Schlüssel rasselte im Schloß, die Tür tat sich auf, und ein Brodem übelriechender, verbrauchter Luft schlug uns entgegen. Eine Birne flammte auf und erhellte mit mattem Scheine ein Zimmer von etwa zwanzig 175 N Geviertmetern, auf dessen Steinfußboden dicht aneinander ge schichtet etwa zwei Dutzend Menschen liegen mochten. Nur einen schmalen Gang zum Bedürfniskübel hatte man frei- gelassen... „Nu riggt ema e bißchen zesamm“, sagte Rettich im Tone eines Zauberkünstlers, der eine besonders schwierige Pro grammnummer vorzuführen im Begriffe ist,„da issje noch massenhaft Blatz!“— Aber die-Nummer erwies sich als zu schwierig. Keiner der Schläfer rührte sich.—„Na da ähmt nich!“ resignierte der Hausknecht der Staatsherberge, und er fügte, zu uns gewendet, hinzu:„Es sin Franzosen un Bel» licher; ooch e baar Zeschen sin drunder. Die verschdehn ähmt nich richdch deitsch. Macht eich nur selwer Blatz. Immer feste off de Riewe drambeln, das hilft!“— Dazu schob er einen nach dem andern von uns mit sanfter Gewalt durch die Türe, schlug sie hinter dem letzten zu und schloß rasselnd ab. Zwei Riegel klirrten hinterdrein. Zehn Sekunden später er losch das unterernährte Licht— wir standen im Dunkeln... Es gibt Lebenslagen, aus denen ein vernünftiger Ausweg ganz ausgeschlossen erscheint. Jede Bewegung brachte hier einen Mitmenschen in ernste Gefahr. Also blieb ich stehen, wo ich stand. Plötzlich fühlte ich mich am Mantel gefaßt. Irgends» eine Hand zog mich auf einem vergleichsweise sicheren Wiege in den Hintergrund des Raumes. Ich ertastete mit den Händen eine Bank.; „Kommen Sie, Kamerad. Sie können nicht stehen die ganze Nacht. Hier ist noch ein Plätzchen zum Sitzen für Sie“— Eine weiche, wohlklingende Stimme sprach diese Worte. Eine Hand faßte meinen Arm und zog mich auf den Sitz nieder. „Wer sind Sie, daß Sie so zart um mein Wohl besorgt sind?“ fragte ich verwundert. „Ein Priester. Der Bruder Guardian vom Kapuzinerkloster in Prag, auch Religionsprofessor am Gymnasium. Erzählen wir uns ein bißchen was, daß die Nacht vergeht. Ich nicht spreche sehr gut deutsch, aber ich verstehe alles, auch die gehobene Sprache eines Goethe. Ich habe das alles gelesen, und ich glaube, auch verstanden. Nun, darin irren wir wohl manch» mal. Aber ich bemühe mich, Ihre Sprache richtig zu lernen.“ Die Franzosen schnatterten erregt durcheinander. Hier und da gab es Zusammenstöße in der Dunkelheit. Zu guter Letzt 176 aber hatte doch ein jeder der Neuankömmlinge irgendwo einen Platz zum Liegen oder zum Sitzen bekommen. Der Gang zum Bedürfniskübel allerdings war verbaut worden, was nachher zu den gefährlichen Kletterpartien in schrecklichster Dunkelheit führte. In der Umgebung des Kübels sah es am Morgen wenig erbaulich aus. Die Natur erweist sich eben doch in allen Fällen sogar der Gestapo und ihren Transportmethoden überlegen. Früh kamen zwei Gefangene und säuberten den Raum. Man war offenbar auf solche Vorkommnisse vorbereitet und eingerichtet. - - Der Priester so berichtete er war von einem aus der Kutte gesprungenen Kapuziner angezeigt worden, die Erlaubnis zur Schlachtung eines nicht angemeldeten Klosterschweines erteilt zu haben. Die Anmeldung sei in der Tat versäumt wor den. Man hatte eine Strafe befürchtet wegen Nichtbeachtung des Anmeldetermins- und so war er, der Bruder Guardian, als der für die Wirtschaftsführung Verantwortliche, zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Der Bruder Koch, der eigentliche Mörder des Klosterschweines, war mit einem halben Jahre Gefängnis weggekommen. 33 - , Und wo ist der treulose Bruder Kapuziner geblieben, der Sie denunziert hat?" fragte ich. دو Wir wissen es nicht", antwortete die Stimme aus dem Dunkel sanft. ,, Wir haben ihm verziehen und beten für ihn. Ich bin schuldig der Uebertretung eines Gesetzes der weltlichen Obrigkeit, die Gewalt über uns hat. Eines Gesetzes freilich, dessen Umfang und Schwere ich nicht kannte, da es erst kurz zuvor erlassen worden war. Aber es ist uns gesagt, daß Unkenntnis des Gesetzes vor Strafe nicht schützt. Die unver hältnismäßige Härte der Strafe wird durch die Zeit bedingt, die das Urteil spricht. Was in ruhigen Tagen durch eine Ver mahnung gesühnt werden kann, zieht jetzt Zuchthaus- und Todesstrafe nach sich. Viele haben das bei uns erfahren zum Schrecken des Landes. Man muß Einsicht in die Härte der Zeit haben, dann trägt sich manches leichter." In dieser Nacht bewahrheitete sich wieder einmal der alte Satz, daß ein Gespräch im Gefängnis sich um so anregender gestaltet, je weiter es von der Zeit entfernt ist, in der es geführt wird. Wir kamen auf eine theologische Streitfrage aus längst vergangenen Tagen, auf das Credo quia absurdum des 12 Berbig: Knast 177 Tertullian, und der Prager Pater Guardian, der in Holland und Frankreich studiert hatte, legte mir in anregender Form die verschiedenen Lehrmeinungen über dieses kirchenväterliche Bonmot so lebendig dar, daß ich aufmerksamer Hörer blieb bis der Morgen graute. Eine Stunde habe ich dann wohl auch noch auf der Bank genickt. Ich erwachte jedenfalls, als die Beleuch tung eingeschaltet wurde und die Kübelmannschaft mit Wasser, Schrubber und Radau ihren Dienst antrat. Die unabweisbaren Bedürfnisse von zweiundvierzig Menschen hatten die Fassungskraft des Kübels erheblich überschritten. Rettich stand schlüsselrasselnd in der Tür und faßte eine Philosophie des Allzumenschlichen in lapidare Sätze rein Leipziger Prägung. Der Priester aus Prag hörte schweigend zu. Er verstand von den hier produzierten Weisheiten eines Menschenkenners leider noch nicht die Hälfte... In der neunten Morgenstunde wurden wir abermals nach der Riebeckstraße verfrachtet, verlesen, sortiert und in Zellen gesperrt. Zu Mittag gab es einige Scheiben Brot mit der Andeutung eines Margarineaufstriches, und fort gings nach dem Hauptbahnhof. - Diesmal wurden nur drei Mann in mein Abteil gesperrt. Neben mir saß ein hochaufgeschossener Junge von achtzehn Jahren, der nach Jena zur Verhandlung gebracht wurde. Er hatte für zwanzig Mark ein Eisernes Kreuz zweiter Klasse von einem Verwundeten gekauft und getragen. Wahrscheinlich, um einem Mädchen damit zu imponieren. Es gibt doch noch Romantik in dieser schäbigen Welt! Zwischen uns stand ein Pole, ein bildhübscher Junge mit wallenden Locken, ein Chopintyp wie aus dem Poesiealbum der sechziger Jahre herausgeschnitten. Auch er war an der Schweizer Grenze aufgegriffen worden und nun auf dem Rücktransport nach Essen. Er kannte von dieser Reise her die Polizeigefängnisse von München, Salzburg, Nürnberg, Hof, Chemnitz und Leipzig. Jetzt also war er auf dem Wege nach Halle. Vierzehn Tage bereits fuhr er durch diese Welt des Elends, des Hungers und der Demütigungen mit lachendem Gesicht. Irgendeine geheime Zuversicht schien ihn aufzurichten; aber er sprach diese Zuversicht nicht aus... Dicht hinter dem Flugplatz Schkeuditz überfährt der Zug nach Halle die preußische Grenze. Wer da glaubt, diese habe 178 im, Großdeutschen Reiche' nur mehr symbolische Bedeutung, der irrt gewaltig. Jenseits dieser Grenze ist die Behand lung der Transportgefangenen, preußisch', was nicht etwa besagen will, daß sie in Sachsen menschlich sei. Die abgrundtiefe Roheit einzelner Polizeibeamter, deren Typus dem Gesamtbilde die Farbe gibt, ihre aus Angst oder aus Leidenschaft für das Böse geborene Brutalität, der Haß des Ungebildeten gegen den Gebildeten, des Ungeschliffenen gegen den Erzogenen, des Unbeherrschten gegen den in seinen Willensäußerungen Gezügelten ist ja schließlich überall in der Welt anzutref fen, wo Staatsgewalt in Prokura vergeben wird. Aber in PreuBen scheint dieser Abfall ins betont Negative so, als sei er durch ein Reglement stillschweigend geheiligt. Die Anrede etwa:, Ich soll dir wohl mit dem Schlüsselbund in die Fresse fahren, daß du die Wand hochgehst?!' ist weder witzig noch geschmackvoll, doch völlig gefahrlos, solange sie nicht in die Tat umgesetzt wird. In Halle und das ist eben das Be sondere, das, Preußische erlebte ich die Uebersetzung dieser Drohung in die rauhe Wirklichkeit... - In Halle wurde mein rechtes Handgelenk an das linke eines Arztes gefesselt. Nennen wir ihn Kurt. Fahrt nach dem Polizeipräsidium. Namenverlesung mit tätlicher Ausrichtung zur geraden Reihe. Abermals Verfrachtung nach einer Polizeihilfsstation'. Das Haus ist eine alte Mühle, deren Fenster man ' bis auf ein paar vergitterte Luftlöcher zugemauert hat... - Diese ,, Rote Mühle" zu Halle ist bei Gott kein angenehmer Aufenthalt. Wenn die Legion der alten Römer mit ihren sechstausend Mann in der späten Kaiserzeit ein Zahlbegriff war, der Staunen erregte den Wanzen, die in dieser alten Mühle in Zehnerreihen auf und ab marschierten, kann er in gar keiner Weise imponieren. Dieses Haus also war von der Gestapo dazu ausersehen, den Strom der Transporte aufzufangen und zu regulieren, der damals von allen Himmelsrichtungen her nach Halle floẞ, um sich hier zu teilen und in den verschiedensten Richtungen wieder abzufließen. In einen der drei Säle dieses in der Geschichte des Nationalsozialismus berühmt gewordenen Baues wurden wir also eingeliefert... Nach der Entfesselung fand natürlich die übliche Leibesvisitation statt, und einer der Wachtmeister nahm meinem neuen Freunde Kurt die letzten vier Zigaretten ab. Vor der verschlos 12* 179 senen Tür des Saales im ersten Stockwerk stand ein Polizeimeister mit gelbem, lederhartem Gesicht. ,, Leberzirrhose", flüsterte Kurt mir zu.„ Das sind gefährliche Kerle. Nimm dich vor dem in acht!" Das sah man nun freilich auf den ersten Blick. daß sich dieser Polizeimeister in einer verderblichen Stimmung befand. Sein Gesicht zuckte in verhaltener Wut, während er die Arbeit seiner Wachtmeister revidierte, indem er die Durchsuchung der Gefangenen wiederholte. Offenbar setzte er Mißtrauen in die Gründlichkeit der Arbeit seiner Untergebenen... Dabei fand er in Kurts Tasche noch ein paar Krümchen Tabak. Wütend schlug er ihm mit einem Rohrstock ins Gesicht und spuckte zugleich eine Serie von Beschimpfun gen aus, bei denen man nicht erkennen konnte, ob sie dem Opfer seiner Wachsamkeit oder der Nachlässigkeit seiner Beamten galten. Kurt taumelte unter den Schlägen zurück, fiel gegen einen Tisch der Tisch fiel um, und ein Stoẞ loser Blätter flatterte zur Erde, überströmt vom Inhalt eines recht ansehnlichen Tintenfasses. Kurz, es war eine Szene, würdig des Stiftes eines Wilhelm Busch. Ein Wachtmeister sammelte eifrig auf, was auf dem schmutzigen Steinfußboden lag, während der Polizeimeister unentwegt weiterschimpfte, indem er den Takt dazu mit dem Rohrstock auf der Kante des umgestürzten Tisches schlug. Wie von Zauberhand geöffnet tat sich eine Tür auf, und Kurt und ich wurden mit der Kraft eines Stiefelabsatzes in den Saal befördert... - In dem Raume, den endgültig zu übervölkern wir bestimmt waren, lagen bereits rund zweihundert Menschen... Der erste Eindruck war erschütternd. Vom Boden erheben sich zerlumpte Gestalten und streben mit stumpfen Blicken dem Eingange zu. Russen, Ruthenen, Serben, Belgier, Franzosen und Tschechen. Stickige, verbrauchte Luft dringt auf uns ein; es riecht nach zusammengepferchten, verdreckten Menschen... ,, Halt!" kommandiert eine scharfe Stimme. Nicht über den Strich!" Quer durch den Saal läuft ein Kreidestrich. Der Mann, der kommandiert, trägt die Uniform der Zuchthaussträflinge: schwarze Beiderwandjacke mit gelben Generalsstreifen an der Hose und gelber Armbinde mit der Aufschrift ,, Zuchthaus Cos wig( Anhalt)". Er trägt die Uniform, die ich in wenigen Tagen auch tragen werde... Das ist der, Transportkalfaktor'. Er 180 übt in diesem Raume eine Kommandogewalt aus, der unbe- dingte Folge geleistet wird, denn hinter ihr steht die Stahlrute: des Polizeimeisters. Der Strich bezeichnet die Grenze zwischen den Verlausten und den Ungezieferfreien; bedeutet den kind lichen Versuch, die Zugänge ungezieferfrei zu halten. Holz balken, Decken, Wände und Dielen des überheizten Raumes wimmeln von Wanzen. Sie marschieren hin und her, auf und nieder wie Schildwachen. Niemand nimmt Notiz von ihnen... In der Ecke neben einem glühenden Ofen steht der Kübel. Ein Kübel für zweihundert Menschen... Kurt und ich gehen vorwärts, tauchen in der Menge unter— verdrücken uns in eine Ecke... „Es hat alles seine Vorteile und seine Nachteile“, sagt Kurt zu mir, der ich in wenig ausgeglichener Stimmung auf eine Bank sinke.„Die Leberzirrhose nämlich— sie trübt die Fä- higkeit der exakten Beobachtung— bringt die Menschen über- haupt sozusagen aus dem Korsett— ja, also, eine Schachtel ‚Milde Sorte‘ hab ich bei der Gelegenheit doch geerbt. Den Arzt hat ihm sicherlich das Rauchen verboten. Man tut also ein gutes Werk——, wenngleich ich in solch hoffnungs- losen Fällen darauf verzichte.“ „Worauf verzichtest du?“ fragte ich erstaunt. Ich habe den Zusammenhang noch nicht richtig erfaßt. „solchen Patienten das Rauchen zu verbieten. Die Absti- nenzerscheinungen machen sie nur noch grilliger.“ Damit zog er seelenvergnügt eine volle Packung Zigaretten aus der Hosenr tasche, die zwischen den losen Blättern und dem Tintenfaß auf dem Steinfußboden des Vorraums hinter der Platte des umgekippten Tisches gelandet war, und die er in raschem Ent» schlusse gegriffen hatte. Schake, der Transportkalfaktor, der zu uns getreten war, entfachte mit seinem Knastfeuerzeug— Lunte, Stein und Glasscherben— Glut, und allsogleich ging die erste Zigarette zwischen uns dreien von Mund zu Mund. Nie vordem hat mir eine Zigarette so gut geschmeckt wie die dem Hallischen Polizeimeister mit der Leberzirrhose geklaute... „Warum macht ihr nicht mal Wanzenjagd?“ fragte Kurt mit einem Blick nach der Wand. „Hat gar keinen Zweck“, sagte Schake, der seines Zeichens ein Kaffeehausbesitzer aus Eisenach war,„für eine tote stehen hundert lebende auf.“ ,, Man kann also nicht schlafen?" Im Stehen. Na ja - wenn du müde genug bist, legst du dich auch hin. Man gewöhnt sich dran." " - Wie ist es in Coswig mit Wanzen?" frage ich. ,, Im Zuchthaus gibt es keine. Das heißt die Außenkommandos bringen natürlich immer mal was mit rein. Aber wenn man hinterher ist, nehmen sie nicht überhand. Ich bin ja nicht mehr im Zuchthaus. Bin im Lager Gribo. Na, da haben wir natürlich die schwere Menge. Aber, wie gesagt, man gewöhnt sich dran. Jetzt im Winter ist es erträglich." Und wie lange, denkst du, bleiben wir hier in dieser Schweinebude?" Schake rechnet flüchtig. ,, Dienstag früh geht der Coswiger Transport weiter. Noch drei Tage." ,, Ausgezeichnet!" ,, Du denkst, das ist lange? Hast du' ne Ahnung! Ich bin schon den siebenten Tag hier und warte auf den Wagen nach Dessau. Er ist vor drei Tagen schon fällig gewesen, aber wer weiß, was dazwischengekommen ist. Die Transporte gehen jetzt schon ganz unregelmäßig. Truppenbewegungen nach dem Osten. Da ist doch irgendwas los und da liegen die Ge fangenenwagen natürlich manchmal tagelang fest..." * - ,, Cantor, Hebräer, sonst nichts. Rechtsanwalt aus Lyon. Man stellt sich gern vor, wo geraucht wird", sagte eine milde Stim me neben mir. ,, Mitglied des Herrenklubs. Die andern beiden bitten ebenfalls um die außerordentliche Ehre Richard Löwenherz, Rechtsbrecher aus Leipzig, und unser junger Freund Martin, der sich einbildet, im Vierten Reiche einen Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an einer jener Klippschulen verwalten zu dürfen, die sich heute Universitäten nennen. Wie steht es mit einem Zug des Herzens zu dritt?" - Der mit bescheidener Geste also sprach, war ein Mann von etwa vierzig Jahren, scharfgeschnittenem Gesicht, dunklen Augen und relativ geordneter Kleidung. Der als Richard Löwenherz vorgestellte Jurist, der sich leicht und lächelnd verbeugte, mochte die Sechzig schon überschritten haben. Er trug eine goldene Brille und sein Lächeln verstärkte den Ausdruck 182 der Schüchternheit, der seinem ganzen Wesen aufgeprägt schien. Martin, der als Historiker auftrat, war das Urbild eines jun gen Mannes von einigen zwanzig Jahren, der sich in dieser Umgebung die volle Unbefangenheit zu wahren gewußt hatte. Sein Haar, lockig und dunkelblond, verstärkte den Eindruck künstlerischer Unordnung, die sein Wesen zu beherrschen schien. Die Arme verschränkt, den Nacken stolz, fast überheblich zurückgeworfen, riß er die Unterhaltung sofort an sich. ,, Laß diesen Schmonzes, Israel. Komm her, ehrwürdiger Fremdling" er wendete sich an mich ,, setze dich auf die Bank der Spötter und berichte. Wir sind neugierig wie alle Knastwanzen. Dieser lausige Krieg ist doch nicht etwa versehentlich zu Ende gegangen? Dann verschweige uns auch das nicht, obwohl dies natürlich ein harter Schlag für uns wäre. Aber wir haben reiche Eltern und Panzerplatten vor den Stirnen, damit wir die Schläge des Schicksals besser ertragen können. Richard Löwenherz" er wies mit eleganter Handbewe ,, ist übrigens, um - - - - gung auf den Rechtsanwalt aus Leipzig alle Miẞdeutungen ab ovo aus dem Wege zu räumen, Voll blutarier. Daß er aus Leipzig stammt, glaubst du ihm unbe schworen, wenn er den Mund auftut. Sitzt schon seit anno dreiunddreißig im Lagerkarussell. Momentan auf Transport. Kein guter Platz im Theater. Sein großer Namensvetter regierte 1189 bis 1199 in England als Kriegsverbrecher und Staatsfeind Nummer eins. Er unser Richard nämlich saẞ als Staatsfeind Nummer zwei in sieben verschiedenen Konzertlagern und spielte immer irgendein Soloinstrument: zuletzt in Buchenwald. Wenn jemand solche Reisen tut, dann kann er was erzählen. Nicht wahr, Richard? Er ist übrigens ein kleiner Mystiker, was heutzutage ja auch unerwünscht ist. Er hält es ja nicht gerade mit den Heiligen der letzten Tage, den Astrologen oder den Ernsten Borbelfischern. Aber seine Zahlenmystik kann sich auch sehen lassen! Sein englischer Vetter hat das Jahr 1200 nicht mehr erlebt. Er glaubt fest daran, daß er das Jahr 1944 nicht mehr im Knast sein wird. An ein Er leben dieses Jahres glaubt er übrigens auch nicht so recht. Hat ja auch alle Chancen, noch vorher über den Harz zu gehen wie wir alle. Aber wir sind Gott sei Dank in dem Alter, oder wenigstens in der Gemütsverfassung, in der man mit seinem Erstauen über die Launen des Schicksals haushälterisch um- 183 zugehen gelernt hat. Das nil admirari ist eben eine internation nale Weisheit. Ich glaube ja freilich feststellen zu dürfen, daß im Knast alle psychologischen Gesetze aufgehoben sind. Hier wird getanzt, auch wenn einen gar kein Schuh drückt. Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt, und ob die Rübe nicht schon wackelt, und man ist auf jede Wendung gefaßt. Man ist Optimist und läßt sich keine Schwachheit spüren, wenn man von seinen Erwartungen im Stich gelassen wird. Man ist gegen jede Form der Enttäuschung so abgehärtet, daß sie einem einfach gar nichts mehr anhaben kann. Allen Lehren der Er fahrung zum Trotz bleibt man guter Laune. Zwar sind unsere Hoffnungen in diesen langen zehn Jahren auf den Sturz der Heil- Hitlerei, auf eine Amnestie, auf den Dolchstoß in den Unterleib Europas, auf den gesunden Menschenverstand, und auf den besonders zunichte geworden. Aber die Hoffnung ist nun einmal elastisch wie das deutsche Recht, und tröst lich, solange sie vorhält. Wird einem die erste genommen, ist flugs eine zweite da, die gierig eingesaugt wird: denn die Luft dieses und aller ähnlichen Häuser, die mit Wohnungen keinesfalls verwechselt werden dürfen, ist mit Hoffnungen erfüllt wie der Himmel des Frühlingsmorgens mit rosenroten Streifen und flockigen Wölkchen. Der Eingesperrte läßt sich seine Hoffnung einfach nicht rauben. Nicht wahr, mein Löwenherzchen?" ,, Aber Martin", sagte der alte Herr mit einem leisen Vorwurf in der Stimme ,,, unser neuer Gast, wenn man so sagen darf, muß doch denken, er kommt in ein Irrenhaus!" -- Der Historiker lächelte überlegen. ,, Denkt er nicht, Richard! Wird ja bald selber merken, was hier los ist!" Er wendete sich mit einer schicklichen Verbeugung abermals an mich. ,, Ich selber heiße also Martin. Max Moritz Martin. Such dir den Familiennamen selber heraus. Bei der Personalstandsbeurkundung der Polizei ist der Rufname feierlich zu unterstreichen. Bei mir sind schon alle drei Namen unterstrichen gewesen, sehr zu meinem Leidwesen. Weiß auch nicht, was sich mein guter Alter dabei gedacht hat, als er den Matthäus Müller aus der Sektbranche durchaus um ein M schlagen wollte." Er wies abermals mit einer großartigen Handbewegung auf die Bank der Spötter unter dem gewölbten Gitterfenster. Ich ließ mich ein wenig verwirrt auf dem altersschwachen Möbel 184 “nieder, und Kurt präsentierte Zigaretten aus dem Vorrate des Polizeimeisters mit der Leberzirrhose. Die Stimmung be- lebte sick sichtlich unter dem Einfluß des milden Krautes. „Gründen wir einen Verein ehemaliger Gestapokostgänger, wenn wir mal herauskommen?“ fragte Martin wie nebenher. „Die Schwarz-Rot-Goldenen vom Wartburgfest hatten ja auch ihre Konventikel und Stammtische, die Bismarck noch bedenk- a lich erschienen, als der ganze Qualm des Revolutiönchens sich schon längst verzogen hatte. Die meisten von ihnen lebten freilich in der Schweiz, wenn sie es nicht vorgezogen hatten, -zwischen sich und das deutsche Elend den Atlantischen Ozean zu,legen...Das deutsche Elend!'...Der Staat ist eben ein Moloch... Frißt seine Kinder— die meisten auf den Schlacht» feldern.... Gibt es überhaupt ein Land, in dem Deutsche nicht für irgendeinen Scheißdreck im Kampfe gefallen und begraben worden ‚sind? Liechtenstein vielleicht, oder die Republik An- dorra...Man sollte dem wirklich einmal mit historischer Gründlichkeit nachgehen!“...Und an Cantor sich wendend fuhr er fort:„Warum hast du dich eigentlich nicht rechtzeitig schwach gemacht? Du mußt doch wahrhaftig Zeit genug dazu gehabt haben.“ Der Jude wiegte sein Haupt nachdenklich und mit Würde. „Das fragt man so leichtherzig hin. Hättest dabei sein sol len, diese letzten Tage vor der Uebergabe der Stadt. Immelr 3 denkt man, es hat noch Zeit. Dann werden die Bahnhöfe zuge- schlossen, und für eine Taxe oder für eine Pferdedroschke wer: den tausend Goldfranken für den Tag gezahlt. Meine Familie war überdies schon im Süden. Aber wer denkt gleich an Ver- haftung! Ich hatte meiner Meinung nach nicht das Geringste zu befürchten, und in einer Stadt wie Paris ist es ja schließlich! auch kein Problem, völlig unterzutauchen. In meinem Falle fand sich ein Denunziant, der behauptete, ich habe Mündel- nicht nach den Forderungen des Gesetzes angelegt. Seither wandere ich von Lager zu Lager. Eine Anklage gegen. mich ist noch nicht erhoben worden. Dem Staatsanwalt ist die Sache offenbar zu-dünn; aber die Polizei läßt mich nicht los. Einmal muß auch das ja ein Ende nehmen!“ „Wann?“ fragte Martin mit einem höhnischen Lächeln. „Wann?— Wenn die Zeit erfüllet ist!“ antwortete der N ; ; 185 Jude feierlich. ,, Unsere Propheten hüllten sich über die Ter mine ihrer Prophezeiungen auch in Schweigen." ,, Israel hat recht", sagte Richard Löwenherz leichthin. ,, Qui vivra verra! Man soll dem Schicksal nicht vorschreiben wollen, welchen Weg es einzuschlagen hat, um zum erwünschten Ziele zu kommen. Seine Absichten sind so tief wie die Wasser der Ozeane, und kein menschliches Lot wird sie je ergründen." ,, Unser kleiner Mystiker spricht wieder mal ein großes Wort gelassen aus", spottete Martin. ,, Er ist glücklich in seiner Er gebung in die Zeit, weil er die Chancen der Zukunft immer im Vergrößerungsglase sieht. Auf seinen Tisch kommt immer , vorgegessen Brot', wie bei den Finanzministern aller Zeiten und Länder, und dann wundert er sich nicht einmal, wenn die Zukunft infolge dauernder Vorgriffe in die Substanz Kon kurs macht. Ich kenne das Leben und das Zuchthaus. War mit wachen Sinnen und klarem Verstande drei Jahre drin und werde abermals hineinkommen, bis zum Kriegsende. Hochverrat nennt man das, was man mir zur Last legt. Ich mag diesen Heckmeck gar nicht erzählen. Weil ich aus einer englischen Zeitung, die öffentlich auf dem Dresdner Hauptbahnhofe verkauft wurde, einen Artikel übersetzt und in drei Durchschlägen an Bekannte weitergegeben habe... Immerhin kein Vergnügen in Celle! Jeder Lumpenhund von Aufseher fühlt sich verpflichtet, dich en canaille zu behandeln. Ich habe einmal versucht, eines dieser bösartigen Reptile vor den Strafrichter zu bringen. Daß man mir damals die Haut nicht über die Ohren gezogen hat, dafür muß ich dem Schicksal noch dankbar sein. Fast muß ich annehmen, es hat mit mir noch einiges vor!"... ,, Mit wachen Sinnen und klarem Verstande- ich glaube, das ist der Fehler!" sagte ich. - - ,, Kommst du auch schon dahinter, obgleich ist es nicht so, daß du erst dorthin willst, wo ich herkomme?" lachte Martin bitter. ,, Das ist es, was unsere Strafe so hart macht! Wer sein Herz freihält von den Suggestionen des Tages, der kann wohl über diese Zeit lächeln, aber er ist im Grunde doch schlimm dran. Jede Zeit formt ihre Zustände unter dem Druck ihrer Selbstsucht und duldet Außenseiter nur unwillig. Bekennermut und die Kraft eigenen Denkens aber haben zu allen Zeiten in einem schlechten Kurse gestanden, und glücklich, das heißt: unangefochten! lebt nur der, der mit dem Strome 186 schwimmt und sich dem Terror der Bosheit schweigend unterordnet. Warum seid ihr alle zusammen nicht rechtzeitig Pg. geworden? Wer heute nicht in den Chor der Kastraten einstimmt, wird gnadenlos vernichtet. Wer wollte bestreiten, daß der Charakter ein überanspruchtes Organ ist?" Noch einen Zug aus der Schachtel dieses Polizeitieres, teurer Medizinmann!" bat der Anwalt aus Leipzig. ,, Das Rau chen, du merkst es wohl, bringt uns in Konnex mit der Welt des Geistes. Martin drückt sich bereits wieder gebildet aus, ein Zeichen dafür, daß seine Laune sich bessert." Kurt zog: die Schachtel aus der Hosentasche; Löwenherz brachte ein seltsam geformtes Zigarettenspitzchen zum Vorschein und steckte ein Exemplar der, milden Sorte' auf. ,, Drei Züge des Herzens für jeden, die Kippe für den Spender!" schlug der Anwalt vor. ,, Man soll im Knast nicht philosophieren; aber man weiß ja, wie's zugeht! Nächtelang haben wir im Lager unsere unmaẞgeblichen Meinungen über Gott, Welt und Leben in immer neuen Varianten auf dem Schachbrett des Geistes durchgespielt, und wenn man an einem trüben Januartage in einer Menschenfalle hockt wie in der da, gibt es schließlich nichts Besseres. Die meisten reden ja dann von Essen. Das ist langweilig und dem Zustande der körperlichen Bedrängnis, der wir alle unterworfen sind, überdies nicht zuträglich. Martin macht manchmal ganz grundlos in Pessimismus. Er ist eben noch jung und es mangelt ihm die Erfahrung, das Leben richtig zu begreifen. Zugegeben, es ist nicht leicht, aus seinem Dasein ein Gedicht zu machen in dieser verrückten Zeit, und für einen, der im Gestapogewahrsam sitzt, gleich gar nicht. Aber wir leben nun einmal von den Vorurteilen der Men schen, denen das Schicksal die Macht in die Hände gewür felt hat... und die Macht ist in Deutschland in den Händen von Leuten, die nichts Rechtes mit ihr anzufangen wissen. Wer die Macht hat, der streichelt nicht, er gebraucht die Faust. Das ist immer so gewesen, schon vor Sulla, und es wird nach diesem Kriege auch denen klarwerden, die das heute noch nicht glauben wollen. Man wird inzwischen gut daran tun, sich ein wenig darauf einzurichten. Sicherlich werden dann Rechnungen präsentiert, die auf hohe Summen lauten. Natür lich wollen sich die Ochsen, die heute aus der Krippe fressen, möglichst lange ihren nahrhaften Platz im Stalle erhalten, und 187 sie glauben, in der Entehrung der andern das beste Mittel für ihren Zweck gefunden zu haben.“ Die Zigarette ging von Mund zu Mund. Hier wurde nicht geschwätzt, das fühlte man. Alles, was gesprochen wurde, war zehnmal umgewendet. Ich gestehe, daß ich an dieser Unter haltung, so sprunghaft sie sich auch von einem Gedanken auf den andern hin bewegte, eben die seelische Erfrischung empa fing, die mir in diesem Augenblicke so nottat. Es gibt also doch noch Menschen, die sich durch den allgemeinen Nots stand des Geistes nicht aus ihrer Bahn werfen lassen— selbst nicht in dieser fürchterlichen Umgebung— so dachte ich.— „Wer fühlt sich noch entehrt durch eine Zuchthausstrafe?" sagte Martin verächtlich.— Der Alte lachte leise. Ich spreche nicht von dir und deinesgleichen, überhaupt nicht von uns, die wir diese Schule längst hinter uns. haben. Aber Grundgefühl der Bürgerlichkeit ist auch heute noch, daß der Verlust der sogenannten Ehrenrechte den Menschen praks tisch erledigt. Zwar macht man hier und da schon einen ber tonten Unterschied zwischen kriminellen und politischen Ur teilen, aber das ist natürlich der bare Unsinn. Es gibt heute kaum noch die Möglichkeit einer solchen Unterscheidung, und der Strafvollzug arbeitet bewußt darauf hin, sie zu verwischen.“ „Aber diese Waffe ist schon reichlich stumpf“, beharrte Martin, und Cantor aus Lyon nickte dazu betrübt vor sich hin. „Was heißt schon Entehrung“, fügte er leise und entsagungsvoll hinzu.„Unsere Leute haben keine Ehre. Wenigstens keine nordisch-germanische, und an die denkt man wohl ausschließe lich, wenn man diese abgegriffene Wortmünze erneut in Um» lauf setzt— und mit unserer Ehre, der Ehre einer Wisten- horde, die wir nun einmal immer und ewig geblieben sind, kann man gleich gar nichts anfangen.“ „Rede, Richard!“ sagte Martin ermunternd.„Ich sehe dir an, daß du eine längere Darlegung nicht unterdrücken kannst!“ „Ja, wirklich, Martin“, ergriff der Leipziger abermals das Wort,„es drängt mich, etwas Endgültiges dazu zu sagen. Ich bin ja schließlich der Fachmann, nicht wahr? Deshalb gibt man mich ja auch nicht frei, weil ich einmal ein bekannter Verteidiger jener Leute war, die als sogenannte Kommunisten vor dem Strafrichter standen— und vor dem Fallbeil.“ 188 - Alsdann schieß los mit deiner alten Steinschloßpistole", sagte Cantor ,,, vielleicht hat man als Kollege auch was dazu zu sagen." .. - Richard Löwenherz erhob sich von der Bank, auf deren äußerstes Ende er sich gesetzt hatte. Er konnte nun einmal nur in stehender Haltung sprechen. Auch die Hände mußte er dazu freihaben zur Unterstreichung eines Wortes, zur Bekräftigung einer sprachlichen Wendung. Wirklich, eine Art forensischer Haltung ergriff von ihm Besitz, als er klar und ein wenig dozierend seine Ansicht über diesen Gegenstand darlegte, und alle Schüchternheit war von ihm abgefallen. - ,, Ich weiß nicht, ob ihr verstehen werdet, wie ich gerade jetzt dazu komme, über diese Dinge zu reden. Der eigentliche Anlaẞ dazu ist der kleine Schake, der gestern hier eingeliefert wurde. Er behauptete nämlich, nicht zu wissen, warum man ihn eigentlich verhaftet habe. Er glaubt sogar noch daran, daß man ihn wieder losläßt. Nun, wir Alten im Hundezwinger wissen das besser, aber jeder muß seine Erfahrungen selber machen. Er ist auch einer jener Intellektuellen, vor denen man so eine Heidenangst hat heutzutage. Ich hab' zu ihm gesagt: Je dümmer du aussiehst, desto besser schneidest du in der Verhandlung ab. Vermutete Intelligenz wirkt immer strafverschärfend; sie ist der Pfahl im Fleische dieses Systems. Je unbegreiflicher eine Aussage ist, um so leichter ist der Rich ter geneigt, eine Hypothek auf sie aufzunehmen. Aber der Junge versteht nicht, wie ich das meine. Mehr oder weniger sind wir ja alle einmal in dieser Lage gewesen. Heut ist die Angst als Motor alles Unheils eben bereits über alle Grenzen hinausgewachsen. Unsere sogenannten Politiker denken, wie die Engländer in Kanada dachten: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer!... Nun kann man eben nicht alle totschlagen, die vermittels bescheidenen Nachdenkens zu andern Schlußfolgerungen kommen als die Inhaber der Macht. Aber man kann sie trotzdem um die Ecke bringen: durch Entehrung nämlich! So ist denn diese Form des moralischen Mordes die schärfste Waffe und das gefährlichste Kampfinstrument unserer Zeit geworden. Wer unbequem wird, der wandert auf Grund eines Gerichtsurteils, das formal völlig in Ordnung ist, ins Zuchthaus. Das Verfahren hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der Achterklärunng des Mittelalters, die, anstatt ein Akt 189 der Rechtspflege zu sein, alles Recht aufhob. Sie erklärte den durch sie Betroffenen für außerhalb des Gesetzes stehend und gab ihm somit seine natürliche Freiheit zurück.“ „© wollte man mich doch in Acht und Bann tun“, murmelte Cantor,„ich wüßte schon,.was ich mit meiner natürlichen Freiheit anfinge!“ „Was verstehst du schon vom Rechtsempfinden des Mittel» alters!“ tadelte Martin, der sich in seiner Würde als Geschichts- wissenschaftler und genauer Kenner der Hohenstauffenzeit ge- kränkt fühlte und zudem von des Leipziger Anwalts Anmer kungen lebhaft ergriffen sah... ‚Der Staat stieß den Geächte- ten aus, entband ihn aller Verpflichtungen gegen die Gemein- schaft und überantwortete ihn völliger Bindungslosigkeit. Je- dermann durfte sich straflos an ihm vergreifen, er war, mit "einem Worte, vogelfrei. Der Staat, der ihn ausgestoßen hatte, kümmerte sich nicht mehr um ihn. Freilich hatte die Acht erklärung etwas hinter sich: den Glauben an die von Gott verordnete und geheiligte Majestät des Kaisers. Ein Mysterium, wenn man will. Ein jeder, dem der Geächtete über den Weg "lief, fühlte in sich den sittlichen Auftrag, den Sinn! der‘Aechs tung zu vollstrecken, zum mindesten dadurch, daß er dem Ges ächteten das Gastrecht versagte. Man- lese zur Illustration die Worte, die der Mörder Tell an den Mörder Parricida richtet. Da es aber heute keinem geradegewachsenen Menschen ein- fällt, sich an dem zu vergreifen, den der moderne Staat ächtet, indem er ihn für ehrlos erklärt, fällt eben diesem Staate die, undankbare Aufgabe zu, dieses schmutzige Geschäft selber zu besorgen. Daher der Name Zuchthaus.“ „Dies alles ist richtig“, nickte Richard mit freundlichem Lä- cheln hinter seinen Brillengläsern,„aber man betreibt(dieses Geschäft nun schon an die zehn Jahre mit merklich absinken- dem Erfolge. Das Gefühl für Entehrung ist einer raschen Ab- nutzung unterworfen. Es wirkt auf den Geist der Zuschauer wie die schmerzstillende Dosis Morphium auf den Kranken: sie muß von Fall zu Fall verstärkt werden. Vor hundertfünf- undzwanzig Jahren bestrafte man die politischen Verbrecher des Wartburgfestes mit Festungshaft. Das war eine höchst lang* weilige, aber keinesfalls barbarische Strafe. Die Rebellen von 1848 kamen schon nach Waldheim und Bruchsal ins Zucht- haus, aber man machte noch einen fühlbaren Unterschied in 190 der Behandlung zwischen Kriminellen und Politischen. Heute ist dieser Unterschied in der Behandlung gänzlich gefallen, und man sieht sich überdies gezwungen, die Entehrung schon bis zur Todesstrafe zu steigern. Was aber nun? Immunität gegen Entehrung: das ist das traurige Fazit, vor dem die Recht sprechung steht Thermometer des Klimawechsels im sitt= lichen Empfinden des Volkes-- und die gebildeten Stände gehen diesmal voran, während sie doch sonst jeder moralischen Entwicklung nachhinken. Mit einem Worte: das Zuchthaus als Inbegriff der Entehrung schreckt nicht mehr!" Auch sonst gewöhnt man sich daran", bemerkte Martin sachlich. ,, Ich bin achtzehn Monate in Celle gewesen. Anfangs hat man es in der Gesellschaft von Spitzbuben natürlich ein wenig schwer, regt sich über jede Kleinigkeit auf, flucht höl lisch und setzt sich mit seinem Schicksal wortreich auseinan der. Aber bald wird einem klar, daß dies ein im Grunde lächerliches Verhalten ist. Man lernt die Spitzbuben kennen, bemerkt sehr bald nicht ohne ein leichtes Erstaunen, daß un ter ihnen ganz prächtige Kerle sind, und man begreift, daß das, was man früher Recht zu nennen beliebte, ein höchst fragwürdi ges Phantasiegebilde ist. Bald begreifst du, was man von dir will: Körbeflechten, Bindfaden entknoten, Steine klopfen, Dreck fahren wohin eben die Worfschaufel Gottes dich gewendet hat und du ziehst mit einer durch nichts zu er schütternden Gleichgültigkeit den Karren weiter. Schließlich wirfst du allen Ballast eines inneren Lebens beiseite und trottest ruhig und gelassen deinen Schicksalsweg hinter einer Fuhre Jauche her. Wie wäre das Leben des Zuchthausgefangenen sonst überhaupt zu ertragen? Sonntags gibt man dir ein Buch in die Hand... Sowas gibt's auch? denkst du erstaunt und dann legst du es beiseite. Du magst nicht lesen. Selbst ein spannender Kriminalroman würde dich jetzt ermüden oder langweilen. Wozu den Geist unnötig strapazieren? Er fühlt sich ohne Druckerschwärze viel wohler..." - Richard Löwenherz nickte eifrig. Ich kenne ja nur das Lager, aber ich denke, es wird da kein großer Unterschied sein. Wer die ersten Jahre in Oranienburg und Dachau mitgemacht hat, der kann ein Lied davon singen. Und von Auschwitz na, du brauchst bloß die da hinten in der linken Ecke zu fragen, die blau- weißen Zebras, - 191 die kommen dorther -- reden nicht davon, weil es zu ge fährlich ist. Wer unter Umgehung des Krematoriums dort herauskommt, hat ein Schloß vor dem Mund. Mir graut schon heute vor der Literatur, die im Tischkasten mancher Leute liegt und des Jüngsten Gerichtes harrt. Man wird einmal das große Kotzen kriegen, fürchte ich, wenn Lagerromane am laufenden Band erscheinen, und der erste gute Lagerroman dürfte vor 1955 nicht gedruckt werden. Zehn Jahre braucht ein Volk erfahrungsgemäß, um eine solche Zeit seelisch zu verdauen. Der Simplizissimus, der Roman des Dreißigjährigen Krieges, erschien 1669, der erste brauchbare Weltkriegsroman 1927 - und was ist diese Lagerwirtschaft anderes als ein Krieg Deutscher gegen Deutsche?" - ,, Das Zuchthaus ist sachlicher", meinte Martin. ,, Ich bin auf obwohl der Gestapo, nie im Zuchthaus geschlagen worden auch dort natürlich gelegentlich nicht unerheblich geprügelt wurde. Die Verpflegung war zur Not ausreichend, wenn auch sehr eintönig, jedenfalls in gar keiner Weise vergleichbar mit jener Hungerqual in den Polizeigefängnissen und auf dem Transport. Sogar kleine Freuden konntest du erleben. So etwa: Du darfst nicht rauchen. Aber einmal kommst du doch ir gendwie zu einer Zigarette oder ein wenig Tabak, und plötzlich hast du das Gefühl, ganz unvorstellbar reich zu sein. Deine Lebenszuversicht erstarkt, dein Mut wächst, du siehst der Zukunft mit gehobenem Gefühl entgegen. Wie für den Wüstenwanderer ein Trunk Wasser, für den Hungernden ein Stück Brot, für den Erstarrten ein Lagerfeuer, ist für dich diese Zigarette die Lösung aller sozialen Fragen. Gemessen an dieser ganz unbezweifelbaren Realität erscheinen dir alle gedachten Freu den des bürgerlichen Lebens blaß und schal. Inmitten der Zivilisation kann man seinen Gaumen für solche ungewöhnliche Reize nicht frisch erhalten. Und man erkauft diesen Genuß nicht etwa durch die voraufgegangene Entbehrung! Nichts wäre verkehrter, als dies zu glauben. Du hast die ganze Zeit nicht an Rauchen gedacht, den Gedanken an die Zigarette einfach von dir gewiesen, vielleicht mit einem müden Lä cheln, vielleicht auch mit heroisch- trotziger Gebärde. Aber du warst durch diese Entbehrung nicht innerlichst verletzt. Nun dir ein Zug des Herzens blüht, bist du wie umgewandelt... 192 Schon um dieser Möglichkeiten willen; sollte man nachsichtig sein gegen das Laster des Tabakrauchens.“ „Ich kenne ja das Zuchthaus nicht aus eigenem Erleben“, sagte Richard bedächtig,„noch nicht—— aber ich lag in Buchenwald mit einem Studienrat zusammen in einer Baracke, der seine zwei Jahre Zuchthaus in Ebrach- weggemacht hatte und nun: als ‚Sicherungsverwahrter‘ ins Lager gekommen war. Ein kluger Mensch. War seinerzeit Mitglied der Kommuni- stischen Partei geworden, ohne recht darum zu wissen. So war das zugegangen: Als Lehrer an; einer Bauakademie mußte er praktische Hochbauarbeit nachweisen, und also ging er in seinen Ferien; auf einen Bau und arbeitete dort als Maurer. Seine Baukollegen verlangten von ihm das ‚Mitgliedsbuch‘ und erklärten, nicht mit ihm arbeiten, zu dürfen, wenn er nicht ‚organisiert‘ wäre. Er war natürlich sofort damit einverstans den, daß man ihn; anmelde, und ein Vorarbeiter besorgte alles Notwendige ohne sein; weiteres Zutun. So wurde er Mit glied einer kommunistischen Bauarbeitergewerkschaft und da- mit der Kommunistischen Partei, ohne zu ahnen, daß ihm dies dereinst ganz schauderhaft ans Bein laufen würde. Er wurde wegen ‚Vorbereitung zum Hochverrat‘ ins Zuchthaus gesperrt und zwecks weiterer Erziehung zum brauchbaren Staatsbür= ger ins Lager. Na ja, das sind, ja alles olle Kamellen. Der sagte also eines Tages: mal was recht Bemerkenswertes über das Zuchthaus. Nämlich dies: ‚Es ist keine Frage, daß die Behandlung im Zuchthaus gesetzlicher ist als im Lager oder bei der Gestapo. Und doch habe ich es als eine seelische Entlastung empfunden, als ich den gestreiften Anzug ablegen durfte, ob» wohl sich meine Lage damit verschlechterte...‘ Das Leben im Zuchthause besteht, bei Lichte besehen, in der pünktlichen Innehaltung eines Abkommens mit dem Tode. Jedem, der in dieses Haus eintritt, wird eine unscheinbare Papptafel an sein Wandschränkchen geheftet, auf der in schöner Rundschrift sein Name steht mit der Unterschrift: Beginn der Strafzeit— etwa— 1. 3. 1940, Ende der Strafzeit: 28. 2. 1947. Die in: diesen Jahren beschlossene Zeit zählt der Gefangene nicht. Sein Abkommen mit dem Tode bezieht sich auf die Zeit nach dem 28. Februar 1947. Er setzt stillschweigend voraus, daß der Tod ihm diese Frist einräumen werde, und er ver hält sich dementsprechend. Dabei trägt er immer ein leicht 13 Berbig: Knast 193 gekränktes Wesen zur Schau, denn er fühlt sich durch die menschliche Gesellschaft gemaßregelt, die ihm diesen Vertrag mit ıdem Tode aufgezwungen hat. Im ganzen aber ist die Tendenz an der Börse seiner Gefühle: stetig, leicht belebt... Es gibt äuch ganz junge Menschen— man hält sich ‚heutzus tage nicht mehr so ängstlich an die vom Gesetz festgelegten, Altersgrenzen— die sich gar nicht darüber klar sind, was die Verbüßung des Urteilsspruches eigentlich bedeutet. Sie be» wegen sich noch kräftig und freudig in dieser Welt ohne Hoff» nung— bis schließlich auch ihr Lebensmut still erlahmt. Dann reden sie genau das törichte Zeug über das Essen wie die an- dern auch... Viele irren sich auch in den Bedingungen des Abkommens mit dem Tode. Es ist ja schließlich in jedem Falle ein höchst einseitiger Vertrag. Gar mancher fällt in die Hände eines"Zuchthausarztes, von dem einer seiner eingesperr« ten Kollegen sagte, er würde als Abdeckermeister seinem In» stitute zur Zierde gereichen,— und in diesem Falle sind seine Vertragschancen mit dem Tode nur noch von höchst zwei- felhaftem Werte. Gar mancher stirbt im Zuchthause und wird ohne Hemd begraben. Woran eigentlich?— Na die trauernde Witwe kann es ja aus dem Totenschein erfahren.‘ Meist ist eine Phlegmone schuld an dem unerwarteten Hinscheiden. Manchmal heißt die Tuberkulose auch Gehirnblutung oder Grippe. Die Erkenntnis, daß die Zeit nach dem 28. Februar 1947 auch ein Nichts, ein leerer Raum sein kann, dieses plötz» liche Wissen um die Wahrheit wäre bestimmt geeignet, die Zuversicht zu erschüttern, mit der man im allgemeinen dem Vertrage mit dem Tode gegenübersteht. Aber solche Erkennt» nis ist selten!“ „Hoffnung ist die Kunst, sich. über die Bitterkeit des Das seins zu täuschen“, bemerkte Cantor weise.„Sie schlägt die Volte im Gemüt des Gefangenen und macht ihm das Leben auch dann lebenswert, wenn der andere, der sogenannte Freie nämlich, in ihm nichts mehr erkennt als den grauen Ans strich.“ „Aber ist es im Lager nicht noch schlimmer? Im Zuchthaus siehst du einen Termin, im Lager nicht!“ Löwenherz seufzte tief auf. „Wenn schon— ich glaube, mein Studienrat hat doch recht...“ 194 Und Cantor fügte hinzu: ,, Ich fürchte, wir sehen auch im Zuchthaus keine Ter mine mehr!" ودا Wir leben eben unter einem Notstand... Müssen alles in Kauf nehmen, was aus ihm hervorgeht - auch die Todesstrafe als letzten und furchtbarsten Ausdruck dieses Not standes", fuhr Richard fort. ,, Ich habe gerade jetzt mancherlei Beobachtungen über die Zwangsläufigkeit der Erscheinungen gemacht. Ich war nach München gekommen, weil man endlich einmal den Anlauf dazu nahm, eine Anklage gegen mich zu erheben. Es ist ja nun wieder nichts daraus geworden... Da hockten fast nur sogenannte Politische. Ein paar kleine Spitzbuben waren ja auch dabei, und ein paar Händler, die mit der Markenwirtschaft ins Gedränge gekommen waren, im übrigen eine Menge Ausländer Leute aus dem Protektorat mit merkwürdig deutschklingenden Namen. Dort mußte man. als Untersuchungsgefangener übrigens arbeiten. Jeden Morgen saßen wir dort dicht gedrängt in einem kleinen Saale, wickel ten Spulen und klebten Isolierungen für einen kleinen Motor, der irgendwo in Flugzeuge eingebaut wurde. In diesem Raume also saß ich zwischen einem Priester aus Preßburg, und dem Dr. Schwab Verzeihung: Svab! dem Direktor des Pilsener Zuchthauses. Ein gräßlicher Witz des Schicksals übri gens, der den Leiter des modernsten Zuchthauses der T'schechoslowakei nach München brachte, wo er auf den Abtransport zur Verbüßung von sieben Jahren Zuchthaus wartete. Schwab hatte Aufnahmen von seiner Anstalt bei sich, die er mir erläuternd zeigte. Ein Sternbau, ganz nach amerikanischem Muster... Aber ich schweife ab. Vom deutschen Notstand war die Rede... Als ich etwa zehn Tage dort gearbeiett hatte und ein wenig bekannt geworden war, wurden fünf Todesurteile gefällt. Zwei der Verurteilten hatten an meinem Tische gearbeitet. Nun saßen sie gefesselt in Einzelhaft und hofften auf Begnadigung, die natürlich niemals kam." Richard Löwenherz sprach mit einem Ernste, der mir zu Herzen ging. Die Sache war mir ja in gar keiner Weise neu. In Dresden hatte ich Aehnliches fast jede Woche erlebt. Aber man hatte sich an solche Ereignisse schließlich so gewöhnt, daß sie einem nicht mehr auf die Nerven gingen. Hier aber sprach ein Anwalt des Rechtes, ein Mann, der noch immer 13* 195 den Beruf in sich fühlen mochte, den Notstand des Rechts zu wenden. ä „Daß hier etwas Irreparables geschah, das machte den Vorgang so grauenerregend. Weshalb wurden sie zum Tode verurteilt?— Die Männer— es war eine ganze Gruppe, die in Etappen zur Verhandlung kam— sollten einem von der Gestapo gesuchten Heydrichmörder behilflich gewesen sein, irgendwo über eine Grenze zu kommen. Sie bestreiten natür- lich, den Sachverhalt gekannt zu haben, als sie dem Gehetzten ein Nachtquartier gaben, was man ihnen ebenso natürlich nicht geglaubt hat. Der Priester, der in den nächsten Tagen ver- handelt wurde, war bereit, seine Unschuld durch einen Eid zu bekräftigen. Aber ein deutsches Oberlandesgericht traut einem tschechischen Priester ohne weiteres einen Meineid zu — ich übrigens auch— da kann man eben nichts machen. Die Gruppe umfaßte etwa siebzig Angeklagte. Die Hälfte von ihnen war schon verhandelt mit dem Ergebnis von siebzehn Todesurteilen. Der fromme Diener des Herrn aus Preßburg wurde ein paar Tage später ebenfalls zum Tode verurteilt... Wir erlebten dort eine Hausse in Todesurteilen und Hin- richtungen, eine Art Rückfall, so sagten manche Leute, in die Barbarei des Mittelalters—— übrigens nur Leute, die gar nichts von der Sache verstehen. Denn in Wirklichkeit ist dies alles nur der Ausdruck des ganz ungeheuerlichen Not» standes, desselben Notstandes, der uns in dieser Halleschen Menschenfalle festhält...“ „Und ich sage doch: Barbarei des Mittelalters!“ begehrte Martin auf. All seine gespielte Ueberlegenheit war von ihm .abgefallen. Er ging erregt vor der Bank der Spötter auf und ab, während Richard sich wieder auf seine Ecke setzte.„Stifte noch eine Zigarette für den Kreis, Medizinmann“, sagte er. „Man muß wirklich was tun für seine Nerven!“ Kurt präsentierte mit großer Geste gleich zwei, er selbst nahm sich die dritte, und während Richard Löwenherz die Spitze präparierte, murmelte er in sich hinein:„Einem historis schen Fachmann sollte so etwas eigentlich nicht passieren. Das Mittelalter kannte nämlich gar keine Todesstrafe!‘ Martin blieb mitten auf seinem kurzen Wege stehen. „Mir neu! Bin allerdings immer der Meinung gewesen, daß man im Mittelalter nach Herzenslust gehenkt, geköpft, ges 196 legentlich wohl auch. gepfählt, gerädert und gebrannt hat. Ich werde meinen Geschichtsprofessor verklagen wegen: Ver- breitung haltloser, das Ansehen einer Epoche- schwer schädi» gender übler Nachrede!“ „Er wird dir so was sicherlich nicht aufgebunden haben, Martin“, lächelte Löwenherz milde und mit einer freund» lichen Handbewegung, die etwa bedeuten konnte:;Reg’ dich nicht auf, sondern setze dich gemütlich auf deinen Hosen- boden!‘—„Mittelalter— nun ja, das ist so eine vage Abgren- zung. Auf Todesstrafe wurde jedenfalls von einem deutschen Gerichte nicht erkannt vor Erlaß jener immer wieder erneuten und erneut beschworenen Landfrieden. Im 11. Jahrhundert beginnt diese Entwicklung. Friedrich I. und Friedrich IL, Heinrich VII. und Rudolf von Habsburg— so um 1300 had mag das gewesen sein, vielleicht auch noch etwas später—— ‘vorher hatte nämlich der Staat gar kein Interesse, und zudem auch gar nicht die Macht, den Verbrecher— zu schützen...“ '„Höre ich recht?“ „Durchaus! Zu schützen! Zu schützen nämlich vor der Privatrache. Das ist ein langer und interessanter soziologischer Prozeß, der darin seinen Abschluß findet...“ „Erkläre dich bitte etwas näher!“ „Bin ja schon dabei, Kleiner. Aber bitte ganz ohne alle Auf- regung. Ein Historiker, der sich der Sachlichkeit begibt...“ „Was sagst du dazu, Cantor?"Als Rechtsgelehrter, sollte man meinen, müßtest du doch davon auch einiges verstehen!“ Der Jude wiegte sein Haupt bedächtig. „Daß es recht hat, unser tapferes Löwenherz, sag’ ich. Hast wohl auch nicht gewußt, daß es eine Habilitationsschrift gibt über ‚die geistigen Grundlagen der vor-kantischen Kriminal- theorien‘, überreicht von Dr. jur. Richard Löwenherz, Rechts- anwalt und Notar zu Leipzig? Dein freundlicher Knastbruder ist nämlich sozusagen ein Gelehrter.“ Richard lächelte nachsichtigsmilde. „sogar das Volk Israel hat Notiz genommen von dieser Arbeit? Freut mich außerordentlich, davon zu hören. Wo‘es doch sonst bloß Notiz zu nehmen pflegt, wo etwas zu ver- dienen ist, wie die üble Nachrede behauptet. Also, Martin, hast * du einmal in Mösers ‚patriotischen Phantasien‘ herumgelesen?“ 197 Martin verneinte. ,, Ein Jurist? Ich kenne von ihm nur ein geflügeltes Wort, weiß allerdings nicht, ob Büchmann es für würdig gehalten hat, in seine berühmte Sammlung einzugehen. , Unsere Vorfahren waren auch keine Narren!' hat er einmal gesagt, und darin muß man ihm unbedingt recht geben." - - ,, Justus Möser war Jurist und Geheimer Referendar beim Reichskammergericht zu Osnabrück. Ein gescheiter Konservativer würden wir heute sagen, der Vorläufer und Wegbereiter Savignys in der Begründung der historischen Rechtsschule. Als er fühlte, daß zu ihm, der im Leben nie ernsthaft krank gewesen war, der Tod kam es war 1794, und die von ihm so schwer gehaẞte französische Revolution stand eben im Taumel ihres Blutrausches sagte er lächelnd und mit heiterem Gleichmut:, Ich habe meinen Prozeß verloren!' Dieser selbe Justus Möser hat eine Reihe von Aufsätzen veröffentlicht unter dem Titel, Patriotische Phantasien', die seinerzeit viel Aufsehen machten. In einem dieser Aufsätze läßt er einen alten Sachsenherzog eine Ansprache an seine Landsleute und Mit- Großgrundbesitzer halten, die uns auch heute noch allerhand zu denken geben kann. Gerade heute! Man kannte in dieser Zeit, etwa in der Regierungszeit Karls des Großen also, nicht nur keine Todesstrafe, sondern überhaupt keine Strafe in unserm Sinne. Es gab nur Bußen und Schmerzensgelder, weil das gesamte Recht eben nur Privatrecht war. Ein öffentliches Recht war im Frankenreiche noch nicht geboren. In Leibes und Lebensstrafen verfiel nur, wer nichts zu, gelten' hatte, und Todesstrafen wurden überhaupt nur an Knechten vollzogen, bei denen es doch ohnedies im Belieben ihrer Herren stand, ob sie leben sollten oder sterben... Das Reich wollte also damals das Land mit Neubauern besiedeln, um Soldaten für kaiserliche Kriegsdienste zu gewinnen. Ich weiß nicht, ob dies historisch richtig ist, aber es spielt für die Frage, die uns hier beschäftigt, gar keine Rolle. Gegen eine solche Besiedelung also wehrten sich die alteingesessenen Geschlechter. Ich kann diese Rede ja nur dem Sinne nach wiedergeben, aber ich denke, ich werde das Wesentliche treffen. So etwa sagt der Alte im Thing: , Liebe Freunde und Rechtsgenossen! Wir haben uns hier als Männer vereinigt, die Ehre und Gut besitzen. Unsere Gesetze gründen sich auf diesen Besitz, und jede Verletzung der 198 Gesetze wird an unserem Vermögen gebüßt. Was sollen wir mit diesen Neubauern beginnen, wenn sie ein Verbrechen begehen? Sie werden ihre geringe Habe, ihren schäbigen Hausgarten verlassen und flüchten! Unsereiner, der mit seinem gan zen Hofe haftet und mit ihm seinen Stand und seine Ehre ein büßt, den nichts als Elend und Knechtschaft in der Fremde erwartet, wird sich wohl hüten, etwa seinen Nachbar totzuschlagen. Aber wie können wir von einem solchen Neubauern das gleiche Verhalten erwarten? Oder werden sie etwa da durch vor einer Freveltat zurückschrecken, daß man ihnen ihr elendes Leben nimmt? Davor werden sie gar keine Angst haben, denn sie wissen nur zu gut, daß wir sie nie verfolgen werden, wenn sie fliehen! Natürlich werden sie sich, was leicht vorauszusehen ist, wie die Heuschrecken vermehren, und durch die Mehrheit ihrer leichtfertigen Stimmen werden sie im Thing gar bald den größeren Haufen ausmachen und neue Gesetze fordern. Kann ein solches liederliches Gemeng sel anders als durch Leib- und Lebensstrafen regiert werden? Damit aber wollen wir nichts zu tun haben! Darum weg mit diesem Ungeziefer! Wollen sie als Knechte dienen, so mag sie nehmen, wer für ihre Verbrechen einstehen und bezahlen will!' Man sieht aus dieser Rede, die natürlich die reine Erfindung ist und keinerlei andere Grundlage hat als den scharfen Verstand des Referendarius Möser: Unsere Vorfahren fürch teten weniger das Verbrechen, als die Folgen des Verbrechens für die Gesamtheit, die für die Rechtsverletzung schließlich haften mußte. Es kam ihnen nur auf die Wiedergutmachung des angerichteten Schadens an. Daher kann von einer Todesstrafe bei ihnen in allewege keine Rede sein; denn sie ist ihrer Natur nach nichts anderes als Rache, die der Verletzte dafür nimmt, daß ihm der angerichtete Schaden nicht ersetzt wird. Man fragte damals nicht: Woher nimmt die Obrigkeit das Recht, einen Verbrecher am Leben zu strafen? sondern vielmehr: Woher soll sie die Macht nehmen, ihn am Leben zu er halten, wenn er nicht büßt oder büßen kann? Denn in diesem Falle verfiel er der Privatrache, wurde vogelfrei, heimatlos und landflüchtig. Nur sehr langsam und nach und nach wurde dieses Recht des Verletzten eingeschränkt und endlich ganz ausgetilgt. Man wolle daraus ersehen: Schon damals, als die 199 Kunde von den Welthändeln noch von Mund zu Mund ging und das Holzpapier noch nicht erfunden war, stand sich die Vernunft nicht schlechter als heute, wo um dreizehn Uhr der Berliner Rundfunk den Wortlaut der Ansprache bringt, die um zwölf Uhr Herr Ribbentrop in Bukarest vor Pressevertretern über die Gewißheit des deutschen Endsieges gehalten hat." " , Es dämmert", sagte Martin, ,, in meinem Schädel nämlich. Schon im Altertum ist man bestrebt gewesen, die Privatrache einzudämmen. Tempel und Heiligtümer waren Freiorte, an denen kein Mord begangen werden durfte, wo der Verfolgte seines Lebens also sicher war. Nahm nicht Miltiades Gift im Tempel des Apollo, da er keine Möglichkeit der Flucht mehr sah und nicht Hungers sterben wollte? Auch die Altäre der Kirchen waren im frühen Mittelalter solche Freiorte, zu denen der Verfemte fliehen durfte in den Schutz der geistlichen Gerichtsbarkeit." " - , Und in Deutschland nahm die weitere Entwicklung eine besonders traurige Wendung", fügte Cantor erläuternd hinzu. , Mit der Alleinherrschaft des Staates und der allgemeinen Staatsknechtschaft der Untertanen fand die Allgewalt des Staa tes Eingang in die Rechtsordnung und die Abschreckungstheorie war geboren. Richard hat ganz richtig festgestellt: mit der Einführung des allgemeinen Landfriedens etwa baute sich jede Gemeinde, jede Gutsherrschaft ihren Galgen und henkte fröhlich und unbekümmert jeden auf, der ein paar Gara ben vom Felde gestohlen hatte oder als heimatloser Landfahrer auch nur verdächtig war, diesen Diebstahl begangen zu haben. Wenn er nicht gestehen wollte, wurde er solange gefoltert, bis er die Nerven verlor und endlich auch gestand, was er gar nicht begangen hatte. Seither verspricht man sich in allen christlichen Ländern von der Todesstrafe, daß im Gedanken an sie jeder Verbrecher vor seiner verbrecherischen Absicht zurückbeben werde. Hälst du es aber wirklich für mög lich, daß der gute Priester aus Preßburg an seine Hinrichtung gedacht hat, als er dem von der Gestapo Verfolgten sein Sofa zum Schlafen anbot?" , Und das ist es eben", nickte Löwenherz ergeben ,,, keinem Richter und keinem Gesetzgeber ist die Gabe verliehen, die Seele eines Menschen so zu stimmen, daß dieses abschreckende 200 Bild vor ihn hintritt in dem Augenblicke, in dem er eine der vielen Handlungen zu begehen im Begriffe ist, die jetzt mit dem Tode bedroht werden. Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will: die Todesstrafe ist immer das Eingeständnis der Ohnmacht des Staates, und jede Hinrichtung bezeichnet einen gräßlichen Notstand in der Kulturgeschichte eines Volkes. Es läßt sich darüber streiten, ob die Tötung eines Menschen notwendig war, aber Juristen und Gesetzgeber sollten sich des Hohnes und der Anmaßung enthalten, gewisse Verbrechen als todeswürdig zu bezeichnen. Die Unverträglichkeit dieser Strafe mit dem Besserungszweck bedarf keines Beweises. Oder will sich heute noch jemand zu dem Wahn bekennen, daß der Anblick einer Hinrichtung oder die Vorstellung von der drohenden Todesstrafe bessernd auf Gemüter einwirkt, die ihre Natur zum Verbrechen treibt? Nun schämt sich jetzt wenigstens der öffentlichen Hinrichtungen ein Eingeständnis, daß der Abschreckungszweck die Todesstrafe nicht fordert." Martin lachte erbittert auf. - - man ,, Du bist und bleibst ein Idealist, Richard. Hast du nichts davon gehört, daß man in einigen Städten des Rheinlandes neuerdings wieder öffentliche Hinrichtungen veranstaltet?" ,, Ich habe davon gehört", sagte der Alte leise ,,, aber ich glaube nicht daran. Hoffe, es ist ein Stück Lügenpropaganda- und wenn es dennoch wahr wäre, nun so wäre das eben ein weiterer großer Schritt dem Abgrund zu, dem unsere Zeit entgegenwankt..." - * - An der Tür entstand eine lebhafte Bewegung. Fluchende Stimmen drangen zu uns in die Ecke. Einige Dutzend Gefangene, die sich am Eingang ihr Lager für die Nacht zurechtgemacht hatten, wichen in die Menge zurück. Der Polizeimeister war mit drei Wachtmeistern von der Tür her gegen die Mitte des Raumes zu vorgegangen. Er schlug wild mit der Stahlrute um sich und war offenbar in einer heillosen Seelenverfassung. ,, Ich fass' ihn, den Lump", schrie er unbeherrscht ,,, antreten die Leute vom letzten Transport. Es waren dreißig Mann!" ,, Er sucht seine verlorenen Stäbchen", sagte Martin leise zu Kurt ,,, Gib mir den Rest für alle Fälle der Herrenklub ist ein sicherer Ort." - 201 Kurt griff in die Tasche und reichte ihm die Schachtel, in der noch zehn Zigaretten sein mochten. Martin ließ sie in seine Tasche gleiten und verschwand in der Menge. Nach einer Weile kam er zu uns zurück. ., Ich habe sie deponiert, Wanzenallee vier unter dem großen Haken, an dem sich neulich der Pole erhängt hat. Unauffindbar selbst für geübte Gestapofilzer." Um den Polizeimeister hatten sich inzwischen die Leute vom letzten Zugang geschart, ohne eine Ahnung, was man von ihnen wolle. ,, Ihr beide bleibt hier", sagte Martin zu Kurt und mir. ,, Er weiß einen Dreck, wieviel zuletzt zugegangen sind. Der Strom fließt ja alle Stunden weiter, und die Bücher dieser Kerle sind bestimmt nie in Ordnung." Breitbeinig stand der Polizeimeister in der Mitte. Sein gelbes Ledergesicht war von einer Blutwelle des Zornes übergossen. Welches Schwein hat mir meine Zigaretten geklaut? Raus damit! Einer von euch muß es sein. Durchzählen!" Er stieß mit gewaltiger Faust die Umstehenden in eine Reihe, und als abgezählt wurde, waren es zweiunddreißig. Offenbar waren in den Haufen ein paar Mann mit hineingeraten, die kein Wort deutsch verstanden, und die an solche und ähnliche Szenen gewöhnt waren. " , Ausziehn!" kommandierte der Gewaltige. ,, Filzen!" Die Wachtmeister machten sich an ihre gewohnte Aufgabe und wendeten alle Taschen um. Allerhand kam dabei heraus nur keine Zigaretten. - ,, Die Hunde!" schäumte der Meister, und dazu fuchtelte er gefährlich mit der Stahlrute in der Luft herum. ,, Die Zigaretten sind natürlich längst verqualmt. Hier is ja eine Luft wie in ' ner Kneipe. Auch so was mehr Kontrolle! sage ich immer und immer wieder. Aber hier drin is ja ein Betrieb, wie in einem Seebade!" - Aus dem allgemeinen Tumult rief eine Stimme: " - , Wo hast du denn die Zigaretten her, du Strauchdieb. Ge filzte Ware! So was spricht von Klauen!" Merkwürdig, diese grobe Beschuldigung blieb ohne tätliche Folgen in der Gemütsbrandung des Polizeimeisters. Er begnügte sich damit, in die Menge zu brüllen: " , Wenn du deine schmutzige Fresse nicht hältst, du Verbrecher, dann greif' ich dich' raus!" Aber er machte keine 202 Anstalten, seiner Drohung die Tat folgen zu lassen. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Durchsuchung der Gefangenen gerichtet, die im Hemd vor ihm standen und deren sämtliche Kleidertaschen von den Aufsehern umgewendet wurden. Kurt und ich saßen in unserer Ecke und spielten die völlig Uninteressierten. Die ganze Szene wirkte im Grunde erheiternd, weil es ja praktisch ganz unmöglich erschien, aus diesem Menschenhaufen den wirklichen Attentäter herauszufischen. Der Tumult legte sich denn auch nach etwa einer Viertelstunde wieder, und die bewaffnete Macht, die die Würde des Eigentumsbegriffs repräsentierte, verließ den Schauplatz dieses Erkundungsvorstoßes als zweiter Sieger... ,, Siehst du", sagte Cantor heiter zu mir ,,, solche Zwischenfälle gibt es hier täglich drei bis zehnmal am Tage. Diese Leute haben im Grunde nichts anderes zu tun, als die paar Kleinigkeiten unter sich zu verteilen, die sie beim Filzen den. Gefangenen abnehmen. Das Geschäft ist wenig ertragreich, da die Transportgefangenen an jeder Station ihres Leidensweges ausgefilzt werden. Die ganze Filzerei läuft schließlich auf legalisierten Diebstahl hinaus. Sie nehmen auch Geld. Die Unmoral des Staates wächst mit dem allgemeinen sittlichen Notstande. Was soll daraus werden, wenn der Zusammenbruch des Systems da ist. Oder glaubst du etwa, eine neue Polizei, die diese Hitlerbanditen ablöst, wird die Eigentumsmoral gepachtet haben? Ich glaube nicht an SO was. Auf lösung auf der ganzen Linie, das ist meine Prognose. Man merkt schon jetzt, wohin die Reise geht..." Ich blickte mich in dem entsetzlich überfüllten Raume um. ,, Das Bewußtsein, ein Opfer des Notstandes unseres Volkes zu sein, löst das Problem auch nicht, wie man sich über die kommende Nacht hinbringt. An Schlafen ist wohl nicht zu denken", sagte ich. ,, Das lernt sich", bemerkte Martin nachlässig, der zu uns getreten war. ,, Such' dir einen Platz mit dem Rücken nach der Wand. Wenn dich dann die Wanzen in geschlossener Kolonne anfallen, legst du dich auf die Holzdiele. Mantel unter das müde Haupt. Warm genug ist es ja in dieser Bude, wo mehr als zweihundert arme Teufel mit ihrer Blutwärme das Thermometer hochdrücken. Früh bist du nicht gerade richtig ausgeschlafen, aber das Leben geht doch wieder für 203 einen Tag weiter. Wer dieses Haus eine Woche lang be wohnt, kriegt langsam eine Art Technik der Uebernachtung heraus. Sieh dir die Leute an, die da drüben die Ecke be völkern. Die haben ein Zigeunerlager aufgemacht. Liegen durcheinander wie die Rüben in der Miete. Früh spucken sie sich mal in die Hände, und der Tag beginnt in alter Frische. Man muß nur nicht daran denken, daß es Betten gibt." Der Rat war gutgemeint, aber schwer zu befolgen. Die Plätze , mit dem Rücken nach der Wand' waren ausnahmslos besetzt, und auf der Diele sich langstrecken, das war ebenfalls nicht mehr möglich. Die Menschen fanden eben keinen Platz, sich langzulegen es waren ihrer zu viele. Ich wendete mich an den Transportkalfaktor von Coswig. Der war als Kaffeehausbesitzer in Eisenach in bezug auf Platzanweisen in Lokalen offenbar zuständig. - - -- ,, Ja Platz für die Nacht das ist so' ne Sache. Ich schlafe auf der Bank. Da hat man vor den Wanzen einiger maßen Ruhe. Leg dich auf die andere Seite. Sie ist lang genug. Aber schmal. Wenn du unruhig träumst, fällst du herunter." - Die Nächte waren fürchterlich. Ich bin kein Freund großer Worte, und ich schreibe das Wort, fürchterlich unter allerhand Hemmungen nieder. Sagen wir also: sie waren fürchter lich für mich. Mit Wanzen kann ich nun einmal einen Kompromiß nicht schließen. Cantor, der Anwalt aus Lyon, begrüßte mich am andern Morgen mit heiterem Gesicht, und als ich ihm klagte, wie traurig es mir in der verflossenen Nacht ergangen war, schien nicht das mindeste Mitgefühl sein nichtarisches Herz zu bewegen. ,, An mich gehen sie nicht", bemerkte er gemütlos. ,, Ich weiß, manche laufen früh mit verschwollenen Gesichtern herum. Sie schauen ja auch nicht gerade erbaulich aus. Aber mit der Zeit wird man immun. Sie dürfen einfach nicht daran denken!" So spricht nur ein Mensch, der das infernalische Brennen des Wanzenbisses nicht kennt! - Drei Tage blieb ich in Halle. Ich schlief kniend, den Mantel über den Kopf gezogen, ein Taschentuch übers Gesicht gebunden, so daß nur ein wenig Atemluft blieb. In tiefer Erschöpfung träumte ich manchmal schreckliche Dinge, die ich glücklicherweise vergessen hatte, wenn ich erwachte. Wenn die Nächte nicht gewesen wären diese drei Tage in Halle waren wirklich unterhaltsam. Löwenherz, Cantor und Martin - 204 fanden der Zeit und unserer besonderen Lage immer neue Themen ab. Auch Kurt entpuppte sich als ein Mann von vielseitigem Wissen und einer geradezu erstaunlichen musikalischen Bildung. Die Kombination aus Chirurgie und Kontrapunkt soll ja des öfteren vorkommen; aber hier war sie in erstaunlicher Weise gelungen. Er schrieb auf ein Stück Packpapier, das er mit Notenlinien ausstattete, eine dreistimmige Fuge aus den Stufen meiner Telefonnummer im Scherz und so ganz nebenher. Cantor nomen est omen-- hatte das Gespräch auf den strengen niederländischen Kontrapunkt des 15. Jahrhunderts gebracht, und Kurt konnte sogleich mit Beispielen dienen. Kein Zweifel, man konnte damals in Gefäng nissen, Lagern und Zuchthäusern überraschend originelle Menschen antreffen... - * - Am vierten Tage in der vierten Morgenstunde wurde ich mit einem Manne namens Jakob aus der Halleschen Transportgesellschaft, Abteilung Herrenklub, ganz unerwartet herausgerissen und nach dem Bahnhofe geführt. Womit ich diese Vorzugstellung verdiente, habe ich nie erfahren. Die übrigen vom Coswiger Transport kamen eine Stunde später auf dem Bahnhofe an. Sie waren natürlich auch noch eine reichliche Stunde zu früh da... Jakob, an dessen linke Hand meine Rechte gefesselt war, wurde für acht Jahre nach Coswig eingeliefert. Er war, wie er mir im Waggon ausführlich erzählte, wegen Blutschande verurteilt worden. Da mich die Einzelhei ten seines Sündenfalles nicht interessierten, ging er wortreich auf Berufserlebnisse über und erzählte mir einige nicht wiederzugebende Szenen aus seinem Leben als Melker. Brennpunkte seines dürftigen Daseins waren offenbar Sexualerlebnisse in jeder nur denkbaren Form, und da es ihm zur Zeit an praktischen Möglichkeiten mangelte, befriedigte er diesen Drang in Worten. Im übrigen war er gut zu leiden. In Cos wig kam er zur Gartenkolonne und hat mir in den schwersten Hungerzeiten mit Zwiebeln, Möhren und gutem Herzen jederzeit ausgeholfen, wo er dazu in der Lage war. - Der Empfang in Coswig war sachlich in jeder Hinsicht. Der , Hausvater kleidete mich in die neue Uniform ein schwarze Beiderwandjacke und Hose mit gelben Streifen und die Küche gab einen Schlag saccharin- übersüßter Möhren aus. Dann 205 kam ich ins Bad und wurde anschließend in eine Einzelzelle gesperrt und meinen reuigen Gedanken überlassen. Der Neuankömmling wird grundsätzlich in Einzelhaft genommen. Er soll den Abstand fühlen lernen zwischen Untersuchungshaft und Zuchthaus... Meine Einzelzelle war sehr klein und am Tage so dunkel, daß man in ihr nur bei hellstem Sonnenlichte lesen konnte. Eine Explosion in der nahen Sprengstoff- Fabrik hatte die einzige Fensterscheibe zertrümmert, und sie war fast in ihrer ganzen Breite durch Pappe ersetzt worden. Licht drang nur durch einen schmalen Spalt ein, der im oberen Drittel verblieben war. Die Einrichtung bestand aus Bett mit Strohmatratze, Klapptisch, Schemel, Wandschrank, Wasserkrug und Kübel... - Gegen Abend brachte mir der Oberwachtmeister vom Dienst einen Bogen Papier mit der Aufforderung, meinen Lebenslauf niederzuschreiben. Dieser Mann Rauchfuß war sein Name, und er war zugleich der Ortsgruppenleiter der NSDAP. von Coswig ist von mir( ich greife hier ein wenig vor), Mimra und Karell von der Wall wegen Gefangenenmißhandlung zum Tode verurteilt worden. Im allgemeinen Durcheinander bei der Uebergabe des Zuchthauses an die einrückenden Truppen ist er, nachdem er vorher in aller Eile noch einen kleinen Mord begangen hatte, entkommen und bisher unauffindbar geblieben... Dieser Mann also sprach sehr laut im herzigen Anhalter Dialekt, in dem man es mit dem dritten und vierten Fall des Personalpronomens nicht so genau nimmt. , Also so'n Lump sin' Sie, so'n Vaterlandsverräter! Awer ich wer' Sie schon zeigen, was hier jespielt wird! Wenn Sie man nich funkzjoniern, dann wer' ich Sie dat Schlüsselbund durch die Fresse ziehen, dat Sie die Wand hochjehn! Is mich janz ejal, wenn Sie so'n dummes Jesichte ziehn det mach ich, heilijen Jott, det mach ich!" - In diesem blütenreichen Stile sprach er zu allen Gefan genen. Manchmal schlug er auch. Mit dem Gummiknüppel, mit dem Schlüsselbund, mit der Faust, wie es eben handlich Ich ließ seine Schimpferei wortlos über mich ergehen und dann schrieb ich mit einer gespaltenen Stahlfeder meinen, Lebenslauf... Dieses Dokument des Strafvollzugs war übrigens in vieler Hinsicht interessant. Es bestand aus einer war... - 206 Reihe vorgedruckter, höchst indiskreter Fragen. Man wollte wissen, ob ich in glücklicher Ehe lebe und wie viele Male ich in der Schule sitzengeblieben sei, ob ich Reue über meine Straftat empfinde, und ob ich Einsicht beweise in die Fluchwürdigkeit meines bisherigen Lebenswandels. Ich schwankte, ob ich nach Angabe der notwendigen Personalien überhaupt noch etwas hinzufügen sollte, entschloß mich dann aber doch zu einer freimütigen Sprache. Ich schrieb: ,, Ich wurde im Namen des deutschen Volkes, nicht aber nach deutschem Rechte verurteilt. Ich erkenne die Rechtsgültigkeit dieses Urteils nicht an. Trotz Ehrenrechtsverlustes werde ich mir den Stolz auf meine bisherige Lebensführung auch durch die hemmungslosen Beschimpfungen durch Strafvollzugsbeamte nicht rauben lassen." " Ich wußte, daß diese Lebensläufe noch am gleichen Tage dem Direktor der Anstalt zur Einsicht vorgelegt wurden. , Witte hat' nen graphologischen Fimmel", so hatte mir Schake, der Transportkalfaktor, in Halle erklärt. ,, Er errät aus der Schrift der Lebensläufe den Charakter. Irgendwas soll ja dran sein an dieser Handschriftendeutung, aber bestimmt nicht viel! Witte schwört jedenfalls darauf." Es war ein Versuch. Natürlich konnte dieser Ehrenmann des Strafvollzugs im Glauben an die Unfehlbarkeit irdischer Gerechtigkeit, sofern sie von Nazirichtern gesprochen wurde, meine Einbuchtung in Dauereinzelhaft anordnen. Nach allem aber, was ich sonst noch in Halle über diesen Mann gehört hatte, war eine solche Reaktion nicht wahrscheinlich. Witte war auf Grund gewisser gesellschaftlicher Talente und dienstlichen Wohlverhaltens aus der Sphäre mittleren Beamtentums in die des Regierungsrates befördert worden. Solche Männer pflegen eine gewisse Verbundenheit mit Bildung und Geist herauszukehren, um den Eindruck der Herkunft aus der Familie der Zwölfender zu verwischen. So ähnlich hatte Schake ihn mir geschildert und so war er auch. Seinen Unterbeamten gegenüber fühlte er sich als Gottvater in eigener Person und war als, Präsident' des Ruderklubs von Coswig der Mittelpunkt der bescheidenen Geistigkeit dieses Landstädtchens. Ge legentlich fuhr er im Dienstauto, zur Jagd'. Dazu war er ich greife abermals vor ein ausgesprochen schwacher Charakter. Der Mangel an Zivilcourage hat ihm den Hals gekostet. - - - 207 - Als die Gestapo ihm im Januar 1945 einige politische Gefangene zur Erschießung abforderte, gab er sie heraus, und sieben Unschuldige wurden auf dem Friedhofe zu Coswig von SS.- Banditen ermordet. Witte wurde von einem Gericht der Besatzungsmacht zu zwölf Jahren Zwangsarbeit verurteilt... Die richtige Einschätzung eines Menschen, dessen Entscheidungen man sein Schicksal überantwortet weiß, verleiht dem Selbstgefühl einen erfreulichen Auftrieb. Der kleine Regierungsrat von der Nordseite, eben dieser Witte, mochte aus der Formulierung meines Lebenslaufes den Willen zur Herbeiführung klarer Verhältnisse herausfühlen, und da er als bewährter Beamter jedem Konflikt aus dem Wege zu gehen sich gewöhnt hatte, stellte er sich bei meiner Vorführung am näch sten Morgen auf menschliches Verstehen ein. Es mag hart, an maßend, vielleicht sogar undankbar klingen, wenn ich sein Verhalten mir gegenüber in solchen Worten deute, aber sie treffen die Sache im tiefsten Grunde. Ich hatte später mehrfach Gelegenheit, Züge an ihm zu beobachten, die alles Menschliche vermissen ließen... ,, Sie behaupten, unschuldig verurteilt worden zu sein", so leitete er das kurze Gespräch ein. ,, Ich kann mich als Strafvollzugsbeamter auf eine Erörterung Ihres Falles nicht einlassen. Für mich sind alle Züchtlinge, die meiner Obhut übergeben werden, vor dem Gesetze gleich. Sie können Maschine schreiben?" Ich bejahte. ,, Dann habe ich eine Arbeit für Sie. Unsere Bibliothek scheint in ziemlicher Unordnung zu sein. Vor allem muß ein Katalog hergestellt werden, und zwar in mehreren Exemplaren, damit jede Abteilung Einsicht in die vorhandenen Bestände nehmen kann. Können Sie eine solche Aufgabe übernehmen?" Ich bejahte abermals. ,, Dann teile ich Sie der Abteilung II zu. Morgen können Sie mit Ihrer Arbeit beginnen. Ich werde mich von Zeit zu Zeit von ihrem Fortschreiten überzeugen." So wurde ich Hilfsbibliothekar. ,, Der derzeitige Bibliothekar ist ein Fleischermeister aus Magdeburg. Er macht seine Sache ganz ausgezeichnet. Aber er 208 verläßt die Anstalt wahrscheinlich demnächst. Sie werden dann an seine Stelle rücken", fügte er hinzu. ,, Wenn Sie zu Ihrer Arbeit Material brauchen, so wenden Sie sich an Hauptwachtmeister Müller." Ich war entlassen. Ueber die indirekte Beschwerde gegen den Aufseher Rauchfuß war kein Wort gefallen. Wie hätte es ein kleiner Regierungsrat auch wagen dürfen, eine Beschwerde gegen den Ortsgruppenführer der Partei anzunehmen! Schon daß diese kurze Unterredung ohne nachdrückliche Verwar nung für mich ablief, muß man diesem gedrückten Subalternen hoch anrechnen!... In der neuen Zelle wurde ich von Willi Pohle und Otto Schumburg empfangen. - Willi war der Hauptschreiber der Anstalt, ein Mann von beinahe unbegrenzten Vollmachten, da der Hauptwachts meister Rackebrand sich in jeder Hinsicht auf seine Entschei dungen in bezug auf den Arbeitseinsatz der Gefangenen ver ließ auf ihn verlassen mußte, da er selber gar nicht in der Lage war, sich in diesem komplizierten Aufbau der Verteilung geeigneter Arbeiter auf die etwa dreißig Betriebe zurechtzufinden, an die unser moderner Sklavenverleihbetrieb Hände lieferte. Damit wären für Willi allerhand materielle Vorteile zu realisieren gewesen. Aber Willi machte von diesen Möglichkeiten keinen Gebrauch. Er war ein schlechthin musterhafter Beamter! Acht Jahre saß er nun schon in diesem Hause, und alle Weisheit, die ein Mensch in dieser langen Zeit erwerben kann, war ihm geworden. Er war wegen Mordes zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden; hatte seine Frau in einem Anfall von Eifersucht erschossen. Nun wartete er auf seine Begnadigung. 199 ,, Du bist verhungert, Hans", sagte er freundlich zu mir. , Das muß zuerst abgestellt werden. Du wirst mittags einen Doppelschlag kriegen, und was ich sonst in der Küche für dich tun kann, soll geschehen." Er hielt dieses Versprechen, und solange ich in dieser Zelle wohnte, gelang es mir, mein Gewicht ein wenig aufzubessern. - - Auch Otto Schumburg wartete auf seine Entlassung. Zweieinhalb Jahre war er hier ,, weil ich zu gute Wurst gemacht habe! Aber mein Anwalt hat jetzt ganz energische Schritte unternommen, und auch andere Leute ich war - 14 Berbig: Knast 209 - im Vorstand der Schützengesellschaft, und du kannst dir denken, daß ich da allerhand Beziehungen habe aber der Staatsanwalt ist ein ganz böser Hund. Weil mir meine Kunden nach meiner Verurteilung zum Geschäftsjubiläum das Haus voll Blumen geschickt haben ja, das hat ihn gekränkt. Aber im Mai oder Juni bin ich bestimmt zu Hause." Und nun kam eine lange Geschichte, die zu erzählen sich nicht lohnt... - Im übrigen war Schumburg ein Mann mit patriotischen Grundsätzen und militärischen Fähigkeiten. Eben das, was man in Deutschland ein, staatserhaltendes Element' zu nennen beliebte. Er war im Weltkriege Wachtmeister bei einer Munitionskolonne gewesen, hatte jederzeit deutschnational gewählt und verstand sich darüber hinaus als aktives Mitglied der Magdeburger Schützengesellschaft auf Taktik und Strategie. Abends nach Zellenschluß machte er Willi Pohle klar, warum an einem Endsiege Hitlers nicht gezweifelt werden könne. Solche Unterhaltungen waren ja nun eigentlich zumeist Monologe. Die Dürftigkeit der Argumente ermüdet und lähmt schließlich den Geist der Kritik. Der Schwätzer deutet das Schweigen seines Zuhörers als Kapitulation vor seiner Beweisführung und verläßt den Schauplatz seiner Redeübung in Siegerhaltung. So geht das nicht nur in Kommissionen und Konferenzen, sondern auch im Zuchthause. Nicht umsonst hat man das schöne Wort geprägt: ‚ Der Kerl ist so dumm wie eine ganze Kommission!' Schumburg ging im Geiste der Zeit noch ein wenig weiter. Er pflegte jede der seinen entgegenstehende Meinung als Verrat', Sabotage', manchmal auch, schlicht und vieldeutig, als, Reaktion' zu bezeichnen, und mit solchen Menschen sollte man sich grundsätzlich nicht unterhalten. Das tat denn Willy Pohle auch nicht. Er saß nun schon so viele Jahre in diesem Hause und hatte so viel Leid, bittere Erfahrung und Menschenverachtung in sich hineingefressen, daß ihm eine Kriegslage nicht mehr wert schien als dem englischen Foreign Office ein Versprechen Ribbentrops. Daß dieser Krieg mit einer vollkommenen Niederlage Hitlers enden würde, war ihm klar gewesen, als er eben begonnen hatte, und daher glich die Unterhaltung der beiden über militärische Dinge bedenklich einer Unterhaltung zwi schen zwei Tauben, die einander im Gewühl des Potsdamer 210 Platzes die Quantentheorie zu erläutern suchen. Willy kannte keine Ehrfurcht, weder vor Ludendorff, noch vor Hitler, ja nicht einmal vor den Dingen, die Goebbels als die , ältesten', die größten, die neusten, die, bedeutendsten', , genialsten und, historischsten ihrer Art zum allgemeinen Ansehen zu bringen suchte. Jeder Superlativ war ihm zuwider. Ich saẞ still zwischen diesen beiden und hörte schweigend zu, wie der Großschlächter Tiflis eroberte und in Indien einmarschierte. Einmal sagte Willy Pohle mit einem stillen Lächeln zu mir: ,, Ihm fehlen bloß die langen Ohren, und der Esel ist fertig." Ich war anderer Meinung, aber ich sprach meine wesentlich schärfere Fassung nicht aus. Vier Betten standen in der kleinen Zelle, je zwei übereinander. Ich legte mich in der oberen Etage schlafen. Als ich früh erwachte, schien mir die Sonne ins Gesicht. Wenn ich den Kopf ein wenig erhob, hatte ich durch das kleine Fenster einen Blick über das winterliche Stromtal. Schiffe zogen zu Tal und zu Berg. Ab und zu heulte eine Dampfersirene auf. Möwen kreuzten über Wasser und Ufer. Man sah ein Stück Freiheit und das schien mir tröstlich. - Meine Arbeit am Bücherkatalog schritt rasch voran. Es war zu fürchten, daß sie zu Ende gehen würde, ehe sich der Staatsanwalt zu Magdeburg darauf besann, Schumburg die Freiheit wiederzugeben. Ich bremste also; schrieb nicht mehr als vier Seiten täglich, und als das Ganze fertig war, schützte ich einige Schreibfehler vor und schrieb alles noch einmal mit drei Durchschlägen ab. Schließlich war ich fertig, und Schumburgs Befreiungsstunde hatte noch immer nicht geschlagen. Als ich meine Arbeit ablieferte, bemerkte Witte wie nebenher: ,, Sie machen von nun ab die Bücherei allein. Schumburg wird Hauskalfaktor." So wurde ich Bibliothekar, und Schumburg mein Feind, obwohl ich wahrlich nicht das mindeste dazu getan hatte, ihm diese Würde streitig zu machen. Willi Pohle prägte den Satz der Weisheit: ,, Der Gefangene ist des Ges fangenen schlimmster Feind!" Aber der Gefangene ist ja im Leben immer nur ein Spezialfall. Ich finde, man kann diesen Satz der Weisheit ruhig erweitern. Leonhard Franks Behaup tung, daß der Mensch, gut' sei, ist bestimmt eine maßlose Uebertreibung... 14* * 211 Mit Emanuel Mimra wurde ich dadurch bekannt, daß er mir als Hilfsarbeiter aus der Buchbinderei in die Bibliothek geschickt wurde zur Ausbesserung zerlesener Zeitschriftenbände. Mimra war ein Prager Anwalt, der im Zusammenhang mit dem Heydrichmord in die Hände der Gestapo gefallen war. Er berichtete: Verhaftung drei Tage lang unter - - - in den jämmerlichsten äußeren Umständen eingesperrt der ersten Morgenstunde des vierten Tages aus der Zelle geholt und einem Gerichte vorgeführt Anklage: Vorberei tung zum Hochverrat Urteil: acht Jahre Zuchthaus Verhandlungsdauer: zehn Minuten zwanzig Minuten später auf ein Auto verladen und im Achtzigkilometertempo abtransportiert. Die Mitverhafteten wurden, wie er später erfuhr, am vierten Tage früh um sechs Uhr erschossen. Er dankte sein Leben dem Gerichtspräsidenten, der ihn, als er Kenntnis vom Erschießungsbefehl erhielt, sofort aus der Zelle holen ließ und die Verhandlung mitten in der Nacht ansetzte, um ihn so der Gestapo zu entziehen und der Justizbehörde zu überantwor ten. ,, Ich werde dies dem Manne nie vergessen", sagte Mimra ruhig. ,, Weiß, was ich ihm schuldig bin! Die SS. hat am nächsten Morgen einen Mann zu meiner Frau geschickt mit der Mitteilung, daß ich eben erschossen worden sei. Ich kenne den Mann, der diese falsche Mitteilung veranlaßt hat. Er wird von einem tschechischen Gerichte zum Tode verurteilt werden, sollte er bis dahin nicht schon auf andere Weise ums Leben gekommen sein. Meine Frau hat zehn Wochen an meinen Tod geglaubt. Dann hat sie von mir aus Coswig eine Nachricht erhalten und ist daraufhin sofort hierher gefahren. Wir haben auch ein paar Worte miteinander sprechen können. Sie hat natürlich sofort Verbindung aufgenommen, und es geht mir ja, den Verhältnissen entsprechend, leidlich in diesem Hause..." Mimra war ein Mann von umfassender sprachlicher Bildung. Er beherrschte neben seiner tschechischen Muttersprache das Deutsche, Russische, Französische, Englische und Italienische in Wort und Schrift. Wir fanden einander bald und gründeten in diesen Tagen das war Anfang Juni des Jahres 1944, kurz vor dem Attentatsversuch auf Hitler den illegalen Gefangenenausschuß. Es gelang uns beiden, die regelmäßige Sonntagszusammenarbeit sicherzustellen. Wir be- - 212 schlossen, noch einen dritten Gefangenen zuzuziehen, den wir notwendig ebenfalls aus der Buchbinderei wählen mußten, da nur so mit regelmäßiger Zusammenkunft zu rechnen war. Die Auswahl war schwierig, da neben Mimra dort nur soge nannte Kriminelle beschäftigt waren, und es dauerte fast ein Vierteljahr, bis wir diesen dritten in Karel von der Wall fanden... - Karel war Ministerialrat im holländischen Sozialministerium gewesen und von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden als der ,, A 1" der holländischen Widerstandsbewegung. Aber das Urteil mochte doch auf so schwachen Füßen stehen, daß selbst ein deutsches Kriegsgericht die Vollstreckung hinausschob. So war denn Karel in einen Transport norwegi scher Zuchthausgefangener geraten meist sogenannte Spionagefälle, darunter auch ein halbes Dutzend vorläufig nicht vollstreckter Todesurteile den man aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen nach Mitteldeutschland in Marsch gesetzt, und der nun in Coswig ein vorläufiges Asyl gefunden hatte. Karel war gleich in die Buchbinderei gekommen.( Dahin hatte ihn Witte dirigiert, offenbar ein wenig bestochen von dem glänzenden Titel, Ministerialrat'!) " - , Wir bleiben hier, bis der Spuk zu Ende ist", bemerkte Karel, als wir einander kennenlernten. ,, Man weiß nicht recht, wohin mit uns. Die Akten sind nicht mitgewandert. Man hält uns einfach hier fest, ohne die Gründe für unsere Ver urteilung zu kennen. Das ist gut so. Wir reisen zwar auf Rechnung der Gestapo, aber selbst die weiß nichts Genaues über uns. Von einer Vollstreckung der Todesstrafe ist nicht mehr die Rede. Ich glaube jedenfalls nicht mehr an diesen Ausgang meiner Sache. Im Falle des Einrückens alliierter Truppen werde ich mich sofort mit meiner Regierung in Verbindung setzen und zunächst einmal die Liquidierung dieses Schandbetriebes in die Hand nehmen!" Karel legte die Grundsätze für unsere Arbeit fest: , Der Ausschuß soll nie aus mehr als drei Mitgliedern bestehen. Niemals darf etwas über seine Tätigkeit schriftlich festgelegt werden. Urteile werden in mündlicher Verhandlung gefällt. Der Verurteilte kommt auf die Liste derer, an denen das Todesurteil zu gegebener Stunde zu vollstrecken ist. 213 Es gibt nur Freispruch oder Todesurteil. Gegenstand der Anklage ist allein der Tatbestand der Ges fangenenmiẞhandlung, der durch den Augenschein oder durch glaubwürdige Zeugenaussagen erhärtet sein muß. Die Liste wird von den Mitgliedern des Ausschusses im Gedächtnis geführt und ist bei jeder ihrer Zusammenkünfte wechselseitig zu überhören. Eine Revision des Urteils ist möglich, wenn neue Tatbestände es erschüttern.' Unsere Verhandlungen waren sachlich und vom Willen zur Objektivität getragen. Mildernde Umstände wurden bereit willig anerkannt, die moralische Qualität der Zeugen jederzeit genau untersucht. Um unsere Arbeitsweise darzulegen, gebe ich ein Beispiel. Im August wurde von uns der Aufseher Scheffzick zum Tode verurteilt, weil er einen Gefangenen, der einen Flucht versuch gemacht hatte, an eine Säule gefesselt und derart mit der Stahlrute bearbeitet hatte, daß der arme Kerl es war ein Italiener vierzehn Tage im Lazarett zubringen mußte, um seine Verletzungen notdürftig auszuheilen. Dann ereig nete sich das Folgende: - - - Mein Freund und Zellennachbar Charles Bainverlzweig war Musikstudent. Er hatte an den Hochschulen zu Paris und Lyon Gesang und Theorie studiert, war als, freiwilliger Arbeiter nach Deutschland gekommen er gehörte zu dem sogenannten, Lavalle- Jahrgang' und hatte in einem Rü stungsbetrieb zu Dessau eine höchst langweilige und zeitraubende Beschäftigung gefunden. Natürlich war er auf Abwege geraten. Er hatte die Nürnberger Rassegesetze Hitlers eben doch nicht mit jener wünschenswerten Sorgfalt studiert, die einem Manne seiner Abstammung im Dritten Reiche zur besonderen Pflicht gemacht worden war kurz: eine Prosti tuierte in Dessau, der er sich als fröhlicher Junge in einer unkontrollierten Stimmung angenommen hatte, war auf den Gedanken verfallen, ihn der Rasseschande zu bezichtigen, und das Sondergericht hatte ihn zu vier Jahren Zuchthaus verknastet. Bainverlzweig war der Flickschneiderei zugeteilt und besserte Strümpfe aus. Er arbeitete auf seiner Zelle und war fleißig. Gar nichts zu beanstanden: früh stellte man ihm einen 214 Korb ausbesserungsbedürftiger Socken in das finstere Gemach von achtzehn Kubikmetern Atemluft, und abends holte man sie in verwendungsfähigem Zustande wieder ab. Was man so verwendungsfähig nannte im Zuchthause zu Coswig. Es waren geflickte Schläuche mit ungeschickt eingesetzten Beiderwandflecken. Immerhin, man nannte diese schlichten Möbel der Herrenbekleidung Strümpfe, und als solche wurden sie auch hingenommen. Im Winter waren sie sogar sehr gesucht; denn nur etwa die Hälfte aller Gefangenen erhielt solch eine Schutzhülle zwischen dem Holzpantoffel und dem nackten Fuße. Ausländer erhielten sie nicht, ebensowenig wie Bettwäsche. Aber dagegen ist abermals nichts zu sagen, da ja alle leidlich heilen Strümpfe, Bettüberzüge und Decken an die Wehrmacht abgeliefert worden waren. Das Vaterland über alles! Bainverlzweig also stopfte und flickte Strümpfe, und dazu sang er, mezzo voce, aber volltönend und rein, Uebungen auf seinem Naturinstrument, um es dergestalt vor dem völligen Einrosten zu bewahren. -- - Wer den ganzen Tag auf seiner Zelle sitzt, der macht die nähere Bekanntschaft des Abteilungswachtmeisters. Das ist abermals unvermeidlich. Scheffzick so hieß dieser sonder bare Unheilige war Antisemit auf seine Weise. Er beschimpfte den Juden in aufreizenden Redewendungen und nationalistischen Wortvorräten, hielt sich ihm gegenüber aber frei von Tätlichkeiten und somit wäre auch das in Ordnung gewesen. Aber das eben sollte sich jetzt klar herausstellen - - er hatte eine besondere kleine Schwäche: Er war wahnsinnig! Ich bin kein Irrenarzt und kenne die verschiedenen Stadien einer Dementia präcox, einer Paranoia oder einer Paralyse im Ablaufe eines normalen Dachschadens nicht so genau, als daß ich sagen könnte, an welchem Punkte der Entwicklung seiner Krankheit Scheffzick damals angekommen war. Aber daß er jenem Zustande bedenklich nahe war, in dem sonst die Menschen einer Anstalt überwiesen werden, das steht zweifelsfrei fest. Eines Morgens also beim Austreten erzählt mir Charlie die folgende Geschichte in fliegender Hast. ( Er spricht das Deutsche leidlich gut, doch nicht ganz fehlerfrei. Scheffzick spricht es weniger gut und noch weniger fehlerfrei. Seine Muttersprache sei polnisch, so behauptet er. Die Polen unter den Gefangenen bestreiten dies energisch. Er ist 215 eben ein, Volksdeutscher'! Was in der nun folgenden Darstellung an Fehlern auf das Konto Charlies, was auf das des Wachtmeisters zu setzen ist, wage ich nicht zu entscheiden.) Charlie also erzählte: , 1 ,, Die Nacht geht die Türe auf. Herein stürmt der Scheffzick, dreht Licht an und schreit wie ein Verrückter: Wenn du denkst, Jiddenschwein verfluchtiges, du kommst lebendig aus dieses Haus, du wirst dir irren! Du wirst nicht kommen mit Leben aus dieses Haus!' und dazu fuchtelt mit Revolver vor meine Stirn herum. Ich hoch von Pritsche und in die Ecke. Halte mich die Hand vor Gesicht und rufe:, Nicht schießen!' Aber Scheffzick wackelt mit Reovolver wie betrunken, rollt mit die Augen und schreit immer wieder: Jiddenschwein' und so was weiter, und dann schmeißt die Zellentür wieder zu. Du kannst dich meine Angst vorstellen, was ich gehabt habe! Nach zehn Minuten kommt er wieder, und ich denke, nun ist es aus mit meinem Leben. Aber er schaltet das Licht ein, lacht wie ein Kind, so bißchen verlegen, weißt du, und bringt mich eine Schüssel Mittagessen, was er hat aufgehoben. , Da, friẞ!' sagt er ,, und das Maul halten! Verstehst du? Nichts davon Direktor sagen. Wird sonst böse auf mir. Muß ich dann wieder auf Außendienst. Will nicht!' Dann ist er ver schwunden und auch nicht wiedergekommen." Ich erzähle am nächsten Sonntag die Geschichte Mimra und Karel. " Wir müssen diesen Scheffzick von der Liste streichen", sagt Mimra nachdenklich. ,, Irrsinnige werden nicht hingerichtet. Dieser Wasserpolack ist soweit. Vielleicht merkt dies in nächster Zeit sogar der dämliche Witte. Was sagst du dazu, Karel?" Karel nickt langsam. ,, Einverstanden!" sagt er dann. ,, Aber sofort einsperren, wenn es so weit ist. Der Kerl ist jeder Wahnsinnstat fähig. Wenn er beim Einmarsch alliierter Truppen im Hause ist, werde ich dafür sorgen, daß er auf Nummer Sicher kommt! Es sind einige Leute im Hause, die ihn sofort umbringen, wenn sie ihn erwischen!" Scheffzick lebt heute noch. Er sitzt in einer Bodenkammer bei seiner Tochter und bessert Fischnetze aus. Bainverlzweig der übrigens jetzt Bainville heißt und in Lyon ein sehr ge pflegtes Leben führt, hat ihn vor seiner Abreise von Coswig 216 -- noch einmal gesprochen. Sein letztes Wort ist gewesen: ,, Ware um hast du den Herrn Jesus gekreuzigt?"... Mein Gott, ja, es ist ja richtig, daß die Juden seinerzeit aber das ist doch immerhin zweitausend Jahre her. So was sollte einmal verjähren! Wenn wir mit den Nachkommen jener Aufseher in Coswig, die wir zum Tode verurteilt haben, ebenso unversöhnlich umgehen würden, wie sollte die Welt im Jahre 3000 aussehen?! - Am 21. Juli kam in aller Frühe der Werkmeister Müller mit düsterer Miene zu mir in die Bibliothek. ,, Auf den Führer ist ein Attentat verübt worden!" sagte er. ,, Ist er tot?" fragte ich. ,, Nein. Er hat im Rundfunk gesprochen. Ein paar andere sind tot. Was soll daraus werden?" ,, Kann ich Ihnen leider nicht sagen." Wenn er wirklich totjegangen wäre, dann ,, Nun?" و" " , Wer soll die Führung übernehmen?" ,, Göring!" ,, Ach - Göring!" Er seufzte tief auf. ,, Und wer hat die Bombe geworfen?" " Woher wissen Sie, daß es eine Bombe war?" ,, Ich denke mir das so." " ,, Ja, es war eine Bombe. Sie haben ihn schon. Ein Herr von Stolzenberg. Aber dahinter stecken ein paar Berliner Generäle. Einer von ihnen heißt Olbricht." Ich erschrak aufs tiefste... Mit General Olbricht war ich im Laufe des Krieges zweimal in Berlin zusammengetroffen. Olbricht war der Führer der Division gewesen, in der mein Sohn den Polenfeldzug mit gemacht hatte. Ich habe ihn schon als Jungen gekannt; war mit seinem Vater befreundet, der damals Studienrat in Leisnig, später in Chemnitz war. Als ich das kleine Büchlein aus den Kriegsbriefen meines Sohnes schrieb, erklärte sich Olbricht bereit, ein paar Worte der Einführung beizusteuern. Ich sandte ihm das Manuskript. Da das zugesagte Begleitwort nicht rechtzeitig einging, fuhr ich nach Berlin und besuchte Olbricht in seiner Kanzlei in der Tauentzienstraße. Er war damals Chef der Allgemeinen Heeresleitung. Er empfing mich sehr freundlich, und es war 217 immerhin ein bemerkenswertes Gespräch, das damals zwischen uns geführt wurde. - ,, Ich habe Ihr Buch natürlich mit besonderem Interesse gelesen, das ja schon in der Sache begründet ist, und ich gestehe, es hat mir sehr gut gefallen, obwohl ich hm, das Gefühl habe, daß es im Grunde ein pazifistisches Buch ist, dessen Tendenz eben nur sehr wenig sichtbar ist. Es kommt mir als aktivem Soldaten eigentlich nicht zu, es einzuleiten. Man fühlt aus ihm heraus, daß Sie sich über das Ende dieser Zeit andere Gedanken machen, als die, zu denen ich gewissermaßen von Amts wegen verpflichtet bin. Zudem wissen oder ahnen Sie vielleicht, daß in Deutschland heute niemand so hoch steht, daß er nicht bespitzelt würde. Ich darf wohl annehmen, daß wir als alte Freunde zueinander sprechen, und ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sie werden verstehen, was das in meiner Lage bedeutet. Nun, ich glaube, wenn der Krieg vorbei ist, und ich meine hier, den Krieg der Völker, den, Krieg der Armeen und Luftflotten, mit allem, was dazugehört, dann wird in Deutschland der Krieg noch lange nicht zu Ende sein. Dann wird man nämlich die Publizistik dieser verrückten Jahre überprüfen, und man wird diese oder jene schriftliche oder mündliche Aeußerung zur Zeit als Verdikt empfinden. Vernichtende politische Werturteile wird man um so bedenkenloser fällen, als die zeitlichen und persönlichen Voraussetzungen, unter denen dies geschrieben, jenes gesagt wurde, im Erlebnis einer völlig veränderten Welt dem Bewußtsein entschwunden sein werden. Ihr Buch ist freilich völlig frei von der Verwirrung des Geistes, die sich offiziell und offiziös gebärdet. Ich habe selten ein Buch über Krieg und Kriegsgeschehen in der Hand gehabt, das seine Tendenz so geschickt in Reserve hält, wie das Ihre. Sie wissen, warum Sie so und nicht anders schreiben, und ich verstehe diese innere Haltung durchaus. Es soll mir dabei sogar gleichgültig sein, ob Sie von einem wachen politischen Instinkt oder von Ihrem Gewissen geleitet wurden, aber zu einem Buche dieser Art kann ich unmöglich eine Einführung schreiben und mit meinem Namen als Chef der Allgemeinen Heeresleitung decken. Man würde mir das höllisch ankreiden. Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie wenig frei ich in diesem Punkte bin! Wenn Sie also Wert darauf legen, daß ich meinen Namen 218 - mit dem Ihren bei der Herausgabe dieses Buches verbinde, dann müssen Sie ein paar kleine sprachliche Konzessionen, machen.“ Ich. wollte daraufhin auf seine Mitwirkung bei der Heraus- gabe des Buches verzichten; aber er wehrte lächelnd ab:„Nein, Zusage ist Zusage, und ich hoffe, wir werden uns leicht ver- ständigen.“ Er nahm die Druckfahnen zur Hand und zeigte mir die wenigen Worte und Sätze, die er eingefügt hatte. Wir wechselten ein paar Worte über die sprachliche Formulierung, und dann erklärte ich mich mit seinen Interpolierungen ein- verstanden. Sie belasteten mein Gewissen nicht, und an einer Einführung von Olbrichts Hand war dem Verlage außer- ordentlich gelegen. Ob Olbricht damals schon in die Widerstandsbewegung ver- strickt war, der er sein Leben opfern mußte, kann ich nicht sagen. Das stand jedenfalls fest: Er wurde bereits damals mit Argwohn betrachtet und mußte alles vermeiden, ihn durch Worte oder Handlungen zu nähren. Mein Buch erschien unter dem Titel ‚Ziel Warschau‘ und hat eine zweite Auflage nicht erlebt, da für einen Neudruck Papier nicht bewilligt wurde. Ich habe diesen Umstand nie bedauert. Noch einmal war ich bei Olbricht in Berlin in einer rein persönlichen Angelegenheit. Das war im Herbst 1942, kurz vor meiner Verhaftung. Auch damals sprach Olbricht schr offen zu mir, und ich gewann den Eindruck, daß er die Hoffnung auf einen klaren militärischen Enderfolg nicht mehr habe. Man kämpfte um Stalingrad, und die Ersatzanforderungen an die Heimatformationen waren ungeheuerlich. Der General steckte bis über die Ohren in Arbeit. Trotzdem empfing er mich sofort, und wir sprachen lange über das Zeitgeschehen. Zum Schlusse sagte er mit einem wehmütigen Lächeln:„Nun, Sie haben ja über den Ausgang dieses Krieges gewiß Ihre wohl» geformte Meinung, die ich nicht teilen darf, aber— Sie dürfen mir das glauben— es ist schwer, an dieser Stelle zu stehen. Manchmal kann ich das Gefühl nicht unterdrücken, mit Menschen hantieren zu müssen, die alle realen Maßstäbe hinter sich geworfen haben— manchmal steigt auch aus all dem Dunkel, das um. uns ist, ein Hoffnungsschimmer auf— — nun ja, niemand weiß ja mit Sicherheit, welche tech» 219 nischen Formen dieser Krieg noch annehmen wird. Das Ar gument des Herrn Goebbels, daß die Geschichte im Falle einer deutschen Niederlage ihren Sinn verlieren würde, wird glücklicherweise von vielen als vollgültiger Beweis für den sicheren Sieg hingenommen und das entlastet manchmal sogar meine Entscheidungen." * Acht Tage später kam der Meister abermals mit geheimnisvoller Miene in die Bibliothek. - - ,, Die Gestapo aus Berlin is da- wegen dem Attentat", sagte er, und dazu blickte er mich so sonderbar an, daß ich plötz lich wußte: Olbricht hat also meine Briefe nicht verbrannt! Wenige Minuten später wurde ich zum Direktor geholt. In dem großen sonnigen Raume saßen neben Witte zwei Herren in Zivil, die eigentlich gar nicht so aussahen, als seien sie von der Gestapo. ,, Die Herren möchten ein paar Fragen an Sie richten", sagte Witte geschäftsmäßig. ,, Von der Beantwortung dieser Fragen hängt viel ab. Ueberlegen Sie sich also genau, was Sie sagen." " , Bitte, nehmen Sie Platz", sagte der Aeltere der beiden mit einladender Handbewegung. Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich an die Schmalseite des langen Konferenztisches. Witte hatte wohl erwartet, daß ich dieser Aufforderung als demütiger Zuchthausgefangener nicht entsprechen und stehenbleiben werde. Nun ich äußerlich meine völlige Unbefangenheit betonte, schien er aufzuatmen. "' , Sie haben mit General Olbricht in Briefwechsel gestanden. Haben Sie außer den Briefen, die sich auf das Vorwort zu Ihrem Buche beziehen, weitere Briefe gewechselt?" ,, Nein." ,, Sie kennen den früheren Oberbürgermeister von Leipzig, Goerdeler?" " Nicht näher." Aber Sie kennen ihn von Ansehen?" ,, Ich war mehrfach anwesend zu Vortragsabenden, in denen Goerdeler als Preiskommissar über aktuelle Tagesfragen sprach. Aber ich bin ihm nie persönlich nähergetreten." ,, Ist Ihnen bekannt, daß sich Herr Goerdeler der Politik des Führers feindselig entgegenstellte?" 220 ,, Nein." , Sie können den Gefangenen vorläufig abführen." Diese Worte waren an Rauchfuß gerichtet, der mich hergebracht hatte, und der, ein wenig betäubt von dem hohen Range dieser Gestapoleute, achtungsvoll in der Türnische stehengeblieben war. Ich erhob mich und folgte Rauchfuß, der mich ins Zahnarztzimmer nebenan einschloß. Nach etwa zehn Minuten wurde ich abermals vorgeführt. ,, Berichten Sie über Ihre Beziehungen zu General Olbricht", forderte mich diesmal der Jüngere der beiden Gestapoleute auf, der von Witte mit, Herr Regierungsrat' angesprochen wurde. Ich erzählte unbefangen und ausführlich. Von Olbrichts Vater, von Olbricht als Gymnasiast. Seit er in die Armee eingetreten war, hatte ich die Fühlung zu ihm fast ganz ver loren. " , Welchen Eindruck gewannen Sie von General Olbricht im Verlaufe der zweiten Unterredung, die Sie mit ihm in Berlin hatten?" ,, Ich weiß nicht, wie ich diesen Eindruck in Worte fassen soll. Olbricht ist tot. Ich kann ihm weder schaden noch nützen, mit dem, was ich über ihn aussage. Ich hatte den Eindruck, daß ihm sein Amt zur schweren Bürde geworden war, und daß sein Vertrauen in einen klaren militärischen Erfolg erschüttert schien." Der Regierungsrat von der Gestapo blickte mich erstaunt an. ,, Sie sprechen sehr offen in Ihrer Lage." - ,, Ich glaube, dem Zwecke Ihrer Untersuchung so am besten zu dienen." و" , Gewiß. Sie sind Kommunist?" ,, Ich war nie Kommunist und werde niemals Kommunist sein." " Welcher Partei gehörten Sie an?" ,, Keiner." ,, Aber Sie standen einer Partei nahe. Sie haben gewählt." ,, Ja; aber das deutsche Volk hat seit Gründung des Reiches in geheimer Wahl gewählt, und noch heute ist das Wahl geheimnis so heilig wie das Postgeheimnis. Ich wüßte auch nicht, was eine solche Frage mit meinen dürftigen Beziehun gen zu General Olbricht zu tun haben könnte." 221 Witte rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Der Regierungsrat lächelte flüchtig. ,, Es hätte mich nur deshalb interessiert, weil es vielleicht einen Schluß auf Olbrichts Parteibeziehungen gestattet hätte." ,, Olbricht stand, soweit ich mir ein Urteil darüber erlauben darf, keiner Partei nahe. Ich glaube, er war im Grunde eine höchst unpolitische Natur und eigentlich nur Soldat." Es entstand ein längeres Schweigen. Der ältere Gestapomann machte sich eifrig Notizen. Dann sagte er: ,, Halten Sie den Gefangenen zur weiteren Befragung bereit!" Rauchfuß führte mich mit hämischem Gesichte ab. ,, Dir wer'n sie die frechen Antworten aufs Butterbrot schmier'n", bemerkte er giftig. ,, Für Sie ist jede Antwort frech, die ein Gefangener gibt", sagte ich ruhig, und ich wartete auf eine neue Kanonade von Beschimpfungen, aber sie blieb aus. Dieses Rauhbein war in letzter Zeit anders geworden, und Bainverlzweig behauptete, er sei nicht mehr wiederzuerkennen und, Gold' gegen früher. Er hatte natürlich einen für seine Jahre viel zu hohen Blutdruck, und das war wohl auch eine der Ursachen für den dauernden Mißbrauch der Muttersprache. Seine explosiv ge= ladene Seele suchte eben einen Ausweg aus dem Unbehagen ihrer Körperlichkeit und fand ihn in langhallenden Schimpfspiralen. Neuerdings aber war in seiner Krankheit ein Wandel eingetreten. Die Stoffwechselstörung hatte sich nach innen gewendet und ein Geschwür am Mastdarm zur Entfaltung ge bracht, an dem unser Medizinmann herumoperiert hatte. Ueber die Natur dieses Geschwürs hüllte er sich in Schweigen. Hätte man ein Gutachten von ihm gefordert, so hätte es sicherlich gelautet: ,, Gutartig mit der Möglichkeit des Uebergangs in Darmkrebs. Dienstversäumnis muß als Sabotage bezeichnet werden." Dieser ganz unerwartete Einbruch in die bis dahin eisenfeste Gesundheit unseres Zwölfenders hatte sein Gemüt auf Moll gestimmt. Man rühmte ihm nach, daß er nicht mehr wahllos mit dem Schlüsselbund um sich schlage. Bis auf sein Verhalten mir gegenüber hatte sich die neue bürgerliche Tugend freilich noch nicht entwickelt. Wenn er meiner auf dem Korridore ansichtig wurde, fuhren die Dämonen aus der Sauherde heraus und unmittelbar hinein in seine Lungen. ,, Sie ham' mich jrade noch jefehlt, Sie Lump und Bolsche222 wiste!" so brüllte er dann erregt auf, und er konnte das Wort, Lump', das doch seiner ganzen Natur nach auf ein kurzes Leben eingerichtet ist, so volltönend und langhallend in die dumpfen Korridore des Zuchthauses schleudern, daß es klang wie ein Satz des Livius. Der Krieg zerreibt eben die Seelen der Menschen, die ohne den Halt einer Kinderstube durchs Leben irren! Rauchfuß sagte also nichts, krachte den Hauptschlüssel in das Schloß zur dunkelsten Einzelzelle der Abteilung III und entfernte sich mit harten Schritten. - Das war etwa um 10 Uhr. Ich saß mit unbehaglichen Gefühlen mehrere Stunden in der verdunkelten Einzelzelle, und das Mittagessen wurde auch vergessen. Wie ich später erfuhr, sind in der Zwischenzeit noch ein paar andere Gefangene verhört worden. Am Spätnachmittage wurde ich abermals in Wittes Zimmer geführt. Der ältere Gestapomann sagte: ,, Können Sie uns sonst noch einen Hinweis geben, der zur Aufklärung des Verbrechens am Führer geeignet wäre?" ,, Nein." ,, Dann unterschreiben Sie." Ich las das kurze sachliche Protokoll durch und schrieb meinen Namen darunter. Dann wurde ich zurück in die Bi bliothek geführt, wo mich der neugierige Werkmeister Müller mit Fragen überschüttete, auf die ich, diplomatisch, jede Antwort verweigerte. Diese faschistische Szene hatte ein antifaschistisches Nachspiel. Ueber dieses Nachspiel zu berichten, gehört freilich nicht mehr in die Schilderung meiner Knastzeit; es spielt vielmehr in der Zeit, in der ich als Ministerialrat in einer Landesverwaltung tätig war. Aber es ist eine Art Satyrspiel, in dem sich ja schon die Alten von ihrer Tragödie zu erholen pflegten, und ich möchte es als Dokument einer seelisch unausgeglichenen Zeit doch nicht unterdrücken. Das Buch, das mit einem Vorwort des Generals Olbricht erschien, schildert nach den Briefen meines Sohnes Erleb nisse beim Vormarsch der deutschen Truppen im Polenfeldzuge und stellt einen Artisten in den Mittelpunkt der Hand lung, der mit zauberkünstlerischer Findigkeit alle kleinen Schwierigkeiten des Lebens mit Humor meistert. Olbricht hatte 223 schon recht: Es war wirklich kein Buch nach dem Herzen der Nazis! Die Aufnahme dieses Buches durch die nazistische Kritik war dementsprechend. Es wurde entweder kühl registriert oder aber als, pazifistisch' und, unklar in der Haltung abgelehnt. Natürlich wurde es auch nicht in die Liste der von der Partei geförderten Bücher aufgenommen. Als es nun an die Reinigung des deutschen Schrifttums ging, errichtete auch der Berliner Magistrat eine sogenannte, Prüfstelle'. Ich habe nie erfahren können, wer für diese Stelle verantwortlich zeichnete. Fest steht dies eine unbedingt, daß von dieser Stelle als, nazistisch' plakatierte Bücher vielfach nicht gelesen worden sind. So kam eines Tages mein Freund Franz Adam Beyerlein, der Autor des Romans, Jena oder Sedan', zu mir und erzählte mir lächelnd, daß dieses sein Werk, das als Dokument des Antimilitarismus einen Welterfolg erzielt hatte, von der Prüfstelle, des Berliner Magistrats als, militaristisch auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt worden sei. ,, Haben Sie den Leuten geschrieben, daß sie Hornochsen sind?" fragte ich ihn. ,, Nein", antwortete er friedlich. ,, Sie würden es mir bestimmt nicht glauben. Dort sitzt vielleicht ein Mann, der früher selber gerne einmal Reserveoffizier geworden wäre, und da ihm dies vorbeigelungen ist, findet er alles, was nicht in den Kreis seiner heutigen Meinungen einzubeziehen ist ,, völkisch' oder, militaristisch"." Beyerlein muß unter seinen himmlischen Vorfahren einen ahnungsvollen Engel haben: wenige Tage später las ich in der Liste der auszuscheidenden Bücher der Prüfstelle beim Berliner Magistrat, daß mein Buch als, völkisch' zu verbannen sei, und mit ihr meine gesamte literarische Produktion'. Man bediente sich in Berlin damals einer Sprache, die wirtschaftliche Kernbegriffe auf Kunst und Literatur übertrug. Für diese Stelle hatte wohl auch Franz Schubert einmal eine Unvollendete .produziert. Ich lachte und unternahm nichts. Was hätte ich auch mit einem solchen Urteil, das gedruckt vorlag, anfangen sollen? Die Gutachten dieser Zeit waren nun einmal gefrorene Schlagworte. Aber eben deshalb, weil dieses Urteil der Prüfstelle des Berliner Magistrats im Grunde gar nichts bedeutete, und überdies durch ein vorgeordnetes Gremium bald darnach außer 224 Kraft gesetzt wurde, wurde es zwar nicht zum‘Grund, aber doch zum Anlaß meines Ausscheidens aus dem Dienste der Landesverwaltung. Was hätte wohl mein kluger Freund von Dreikönigs-Gnaden zu alledem gesagt? Gewiß dieses: ‚Die Tugendhaften sind es, die wir fürchten müssen. Sie wachen mit der Sittenstrenge eines Robespierre darüber, daß mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird, was sich ihren Vorstel- lungen vom Inhalte der Vokabeln ‚völkisch‘ und ‚militari- stisch‘ nicht unterordnet. Was meinen Sie wohl, was Lessing bei der Prüfstelle des Berliner Magistrats für Schwierigkeiten mit seiner ‚Minna von Barnhelm‘ gehabt hättel Das ist gar nicht auszudenken. Die Tugend der in diesem Satyr= spiel agierenden Männer und Frauen ist eben doch kein leerer Wahn, sondern ein— mildernder Umstand. Bes greifen Sie das nun? Und also, lieber Freund, vergessen Sie den Dank nicht, den Dank an alle diejenigen, die sich An- spruch auf ihn erworben haben. Die Tugendhaften waren es, die Sie von der Bürde eines Amtes befreiten; eines Amtes, das Sie, wenn ich Sie richtig einschätze, in allen Nähten drückte. So wurden Sie wieder ein Mensch, der vom Urteil und nicht mehr vom Vorurteil lebt, und'nur so wurde Ihnen die Zeit, Ihre Erinnerungen niederzuschreiben!!— So etwa hätte der gute Dr. Kaspar Melchior Balthasar gesprochen, wenn ihm das Schicksal noch ein paar Jahre des Lebens im Lichte der neuen Zeit vergönnt hätte, und ich hätte ihm mit gutem Gewissen nicht widersprechen können... * In diesen Tagen hatte ich Zeit. Drei bis vier Stunden etwa brauchte ich zur Ordnung meiner Bücherei und zur Bücher ausgabe. Dann schrieb ich: Briefe, von denen ein Teil auch den Weg durch die Mauern fand. Das ging so zu: In meiner Eigenschaft als Hilfsschreiber- des Wirtschaftsverwalters. schaffte ich in Begleitung eines dienstverpflichteten Kriegsver- sehrten wöchentlich mehrfach Urnensendungen zur Post, die sich vom Herbst des Jahres 1944 an bedenklich häuften. Bei dieser Gelegenheit ließ ich meine Briefe unbeobachtet in den Kasten zischen. Als Helfer des Wirtschaftsverwalters gewann ich überdies wesentliche Einblicke in den Betrieb dieses Hauses. Auch davon hielt ich in kleinen Skizzen einiges fest. 15 Berbig: Knast Ein paar Worte muß ich wohl auch über meine Bibliothek sagen. Ihr Grundstock war, schätzungsweise in den neunziger Jahren, von einem recht verständigen Manne zusammenge bracht worden. Sie enthielt eine große Zahl von Gesamtausausgaben von Wieland und Herder über die Klassiker hinweg bis auf Raabe, Fontane und Gerhart Hauptmann. Shakespeare, Balzac, Dostojewski und Strindberg waren in guten Uebersetzungen ziemlich vollständig vorhanden. Auch naturwissenschaftliche und geographische Werke waren gut vertreten, während die Geschichte ziemlich mangelhaft ausgestattet war. Natürlich waren auch die üblichen Zuchthaustraktätchen mit moralisch- lehrhaftem und kirchlich- religiösem Einschlag unvermeidbar gewesen. Etwa um die Jahrhundertwende waren sie in ganzen Stapeln an alle Strafanstalten geliefert worden unter völliger Verkennung der Nachfrage nach dieser Literatur. Auch einige mehr phantastisch als literarisch wertvolle Bücher waren damals mit eingedrungen. So erfreuten sich die Bücher von Hans Dominik im Kreise der Gefangenen derselben Beliebt heit wie etwa die Romane von Ganghofer im Kreise der Anstaltsbeamten und ihrer Frauen. Im übrigen gab es auch Aufseher genug, die in phantastischen Reiseerlebnissen, die sie in ferne Länder versetzten, die Oede ihres Zuchthausdaseins abreagierten. Ein besonderes Kontingent und zugleich den Gegenstand meiner ewigen Sorge bildeten die alten Jahrgänge illustrierter Zeitungen und Sport- Journale, meine, Bilderbücher'. Sie wurden an diejenigen Gefangenen ausgegeben, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren, und da diese Gruppe etwa die Hälfte meiner Leser bildete, waren meine, Bilderbücher dauernd zerlesen in des Wortes verwegenster Bedeu tung. Da an einen Ersatz nicht zu denken war, mußte die Buchbinderei dauernd für diese Literatur eingesetzt werden. Alles in allem: Der Blick auf meine Bibliothek war nicht unerfreulich. * Die kleinen Geschichten, die ich ohne Rücksicht auf die Zeitfolge hier einfüge, sollen zeigen: Alle politischen Urteile des Nazi- Zeitalters zielten im Grunde darauf ab, den Verurteilten zu entehren und ihn zugleich unter den Druck eines völlig freudlosen Daseins zu setzen. Den 226 ,, Unanständigen" Hitlerscher Prägung, der sich gegen den Seelenterror des Systems auflehnt, in die Gemeinschaft von Spitzbuben und Gewaltverbrechern zu bringen unter denen - - es im übrigen ganz prachtvolle Kerle gab! ihn aller hy gienischen Möglichkeiten zu berauben, um ihn dann als, Dreckschwein beschimpfen zu können, seine Gesundheit zu untergraben und seinen Lebenswillen auszuhöhlen: dies wurde zum Prinzip des Strafvollzugs, der bereits im Untersuchungsgefängnis begann, im Zuchthaus sich fortsetzte, um im, Ver nichtungslager zu enden.( So brutal offenherzig war man in dieser Zeit, diese letzte Vokabel in den Sprachschatz der Drohungen aufzunehmen, mit denen man gelegentlich die Gefangenen zu schrecken suchte!) Aber der Mensch ist nun einmal das zäheste Geschöpf dieser im Grunde durchaus nicht miẞratenen Schöpfung; er läßt sich nicht so leicht unterkriegen, und wenn er für eine sittliche Idee leidet gleich gar nicht. Zudem: das Zuchthaus dieser Tage war etwas anderes geworden! Die sogenannten Kriminellen standen, sie mochten wollen oder nicht wollen, stark unter dem Einfluß der Po litischen. Sie fühlten sich innerlich gehoben dadurch, daß sie mit im Sinne des Strafgesetzes zweifellos Unschuldigen das gleiche Schicksal trugen. Sie begriffen, daß Mittelmäßigkeit, wo sie mit wenig Kunst und einer genügenden Portion Roheit die Macht erringt und behauptet, dem Geiste mißtraut und ver suchen muß, ihn mit allen Mitteln zu vernichten. Sie lagen auf einem Strohsack mit Männern, die ihr Schicksal stolz und unbekümmert trugen, die hocherhobenen Hauptes und ungeduckt einherschritten, die verächtlich lachten, wenn sie von einem hergelaufenen uniformierten Wicht beschimpft und en canaille behandelt wurden. Sie hörten, was man sich wäh rend des täglichen Rundganges im kleinen Kreise zuflüsterte: , Nicht lange mehr!'..., Der Druck der Lüge weicht von den Gehirnen!', Selbst vor den Augen dieser Wachtmeisterstrolche fällt der Schleier schon versucht man, durch wis derliche Freundlichkeit frühere Schande vergessen zu machen!" .., Stählt eure Herzen für den Tag der Freiheit! Dann wird Gnade Verbrechen sein an der Zukunft unseres Volkes!' so flüstern sie einander zu und manche sprechen eine noch härtere Sprache. . - 15* 227 Niemals kommt dem Politischen der Gedanke, durch seine Umgebung entehrt zu sein. Er erblickt im Kriminellen den Menschen, den Schicksalskameraden, und weckt in ihm die Hoffnung, ja das sichere Wissen um die Tatsache einer baldigen Wendung seines Loses, verleiht ihm die Kraft, leidvolle Stunden zu überwinden. Oft konnte man im Zuchthaus diese Hoffnung fast körperlich spüren. Sie war ein Agens von ganz unvorstellbarer Kraft und hielt jene herrliche Fähigkeit des Geistes aufrecht, selbst unter trostlos erscheinenden äußeren Lebensbedingungen die gelegentliche Komik dieses Daseins festzustellen: den Humor! Freilich, es war mitunter ein etwas galliger Humor, der eine tiefe Schicht der Niedergeschlagenheit durchbrechen mußte, ehe er sich entfalten konnte. Dann aber war er auch ein unübertreffliches Heilmittel gegen alle Lichtlosigkeit des Zuchthauslebens. ten. - - * Ich möchte in allen diesen Bildern nach Möglichkeit zurücktreten. Uns allen, auch den regsten Aktivisten unter uns, war vom Schicksal im Zuchthausdrama eine mehr passive Rolle auf den Leib geschrieben wie dies nicht nur im Zuchthause, sondern auch anderweit im Leben zumeist des Schicksals Art ist. Freilich glauben wir Menschen nicht gern an diese Tatsache und versuchen uns hinterdrein einzureden, daß diese oder jene unserer Handlungen den Weg des Schicksals zumindest mitbestimmt habe, daß wir in schwierigen Lagen wie weiland Old Shatterhand den Hasen jederzeit selber geschossen hätIch habe diese erzwungene Passivität leichter ertragen als mancher andere, weil ich von früher Jugend an eine weithin sichtbare Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Verachtung gegenüber jeder Art von Autorität an den Tag gelegt und nur selten die Mindestforderungen erfüllt habe, die man in diesem Punkte an mich glaubte stellen zu müssen. Das ist mir im Zuchthaus zustatten gekommen. Freilich bleibt einem dann oft nichts anderes übrig als die willenlose Ergebung in den Schicksalsplan des lieben Gottes, wie unsere Väter dies nannten; aber eben dies hat etwas ungemein Tröstliches. Wenn man einmal alles über sich hat ergehen lassen müssen, ohne sich dagegen wehren zu können, kommt einem erst deutlich 228 zum Bewußtsein, daß die Weltgeschichte deshalb keineswegs stehenbleibt, sondern weiterhin ihre Geschäfte besorgt, besser wahrscheinlich, als wenn wir dabei mitgewirkt hätten... Wenn sie uns wirklich einmal braucht, dann ruft sie uns schon! Rundgang der, Handwerker'. Der Hof ist naß, der Weg ausgetreten. Trübe Pfützen stehen auf den Steinen. Meine Segeltuchschuhe sind rasch durchweicht. November. Hunger... Vor der Küche liegen die Krautabfälle des Mittagessens. Wenn man sich einen der verfaulten Kohlköpfe greifen könnte! Der Kern ist meist noch verwendbar, und die Sucht nach etwas Frischem, Rohem, nicht Zerkochtem überwältigt mich. Ich bücke mich im Vorübergehen und hebe einen der in den Abfall beförderten Kohlköpfe auf. Werkmeister Hankel, der anscheinend unbeteiligt im Hofe herumschimpft, hat diesen Vorgang beobachtet. Ein halbes Dutzend anderer Gefangener es sind nur wenige zum Spaziergang angetreten; sie marschieren in Abständen von zehn Metern im Kreise herum hat die gleiche Bewegung gemacht und einen Kohlkopf unter der Jacke verschwinden lassen. Mich allein greift Hankel heraus, weil der Haß des Ungebildeten gegen den Gebildeten nun einmal ewig und unauslöschlich ist. - - ,, Du Schwein hast gestohlen! Ein feiner Mann, der die Kameraden bestiehlt!" Krach! Er schlägt mir die geballte Faust ins Gesicht. Ich blute sofort aus Mund und Nase. Denke rasch die beruhigenden Worte: Wenn dich ein Ochse mit den Hörnern gestoßen hätte, wäre der Schaden größer!' Halte still. Lächle vielleicht ein wenig. Krach! Er schlägt aber' mals zu. Der Anblick des strömenden Blutes belebt seinen schlaffen Geist. Wischt mein Blut, das über seine Hand ge flossen ist, an meiner Beiderwandjacke ab und lacht gellend auf. ,, Hast du nun genug, du Schwein?" schreit er. Ein Gefangener steht neben ihm und feixt zufrieden. Ein Rückfalls dieb und Sicherheitsverwahrter. Das ist etwas für ihn, wenn so einem feinen Mann, einem sogenannten Politi schen auch mal die Fresse vollgeschlagen wird. ,, Recht so!" ermuntert er den Werkmeister. ,, Wenn sie nur alle so wären!" Er meint damit Hankel, und der fühlt das Lob dieses von der 229 Gemeinschaft Ausgespienen wie lauwarmes Wasser an sich herabrieseln. Er schlägt noch einmal zu. Diesmal nicht mehr mit voller Kraft. Seine Entrüstung ist im Abklingen. Viel leicht ist ihm auch der Gedanke gekommen, daß er diese Tat einmal wird verantworten müssen. Einmal. Aber wann? Der Termin schreckt ihn noch nicht. Hitler steht mit seinen Ar meen noch immer tief in Polen... * Ich will den Kübel leeren. Fasse den schweren Eimer und trage ihn über den Korridor zum Abort. Plötzlich packt mich eine rohe Faust im Genick und schleudert mich an die Wand. Der Kübel kippt um und entleert seinen Inhalt auf den Linoleumbelag des Ganges. 132. , Wer hat dir den Befehl zum Austreten gegeben, du Schwein? Marsch in die Zelle!" Ich erkenne den Wachtmeister Neise, den schlimmsten Sadisten der Strafanstalt. Stammle irgend eine Rechtfertigung. , Was, du dreckiger Zijeuner willst dich noch mausig machen?" Er zieht eine Stahlrute aus dem Hosenbein und schlägt auf mich ein, bis die Zellentür hinter mir zuklappt... " Ich melde mich zum Rapport. " , Was woll'n denn Sie?" fragt der Hauptwachtmeister vom Dienst. ,, Beschwerde über den Wachtmeister Neise." ,, Nu?" ,, Er hat mich geschlagen." ,, Das darf er nich." ,, Er hat es aber doch getan." ,, S'is gut, ich wer' ihn fragen." Drei Tage lang höre ich nichts mehr von der Sache. Am vierten Tage werde ich vom Hauptwachtmeister geholt. ,, Gegen Sie liegt eine Anzeige des Wachtmeisters Neise vor wegen Widersetzlichkeit. Er hat Ihnen den Befehl gegeben, in die Zelle zurückzutreten. Sie haben diesen Befehl nicht befolgt. Ich erteile Ihnen eine scharfe Verwarnung und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Sie im Wiederholungsfalle mit strengem Arrest bestrafen müßte." ,, Ich bitte, meine Anzeige dem Direktor vorzulegen." , Is schon geschehen. Die Verwarnung kommt von dorther." Und väterlich- vertraulich neigt der alte Wedler seinen " 230 Mund an mein Ohr und fügt hinzu:„ Nu halten Sie bloß die Schnauze! Sie wissen doch, wie es hier zujeht. Der Neise is mit dem Alten im Ruderklub." Ich beschied mich mit dieser Verwarnung. * Manchmal verlieren Gefangene auch die Nerven. Ein solcher Fall ist Schumburg. Er ist mit vier Jahren Zuchthaus bestraft, weil er als Großschlächter in Magdeburg mit seinen Fleischmarken in Unordnung geraten ist. Zuletzt fehlt ihm ein ausgewachsener Mast ochse. Er behauptet, unschuldig an der Sache zu sein. Sein Sohn habe ein paar Hotels zu großzügig beliefert, und so sei er eben immer tiefer in das Manko hineingeschlittert, bis es schließlich keinen Ausweg mehr gegeben habe. Nun flattert seit einem Jahre ein Gnadengesuch zwischen dem Sondergericht in Magdeburg und dem Generalstaatsan walt in Naumburg hin und her. Der Herr Generalstaatsan walt wäre bereit, gegen die abermalige Zahlung einer erheb lichen Geldbuße mit sich reden zu lassen. Er deutet die Summe von sechzigtausend Mark an. Der Mastochse aus Fleischmarkenpapier hat bisher bereits neunzigtausend an Prozeßkosten und Geldstrafe gefressen. Er wird ein teures Vieh. Aber Schumburg hat schon zwei und ein halbes Jahr von seinen vier Jahren abgesessen und möchte unbedingt heraus. Er ist politisch zuverlässig bis auf die Markknochen sämtlicher von ihm bisher geschlachteter Mastochsen und vom Endsiege Hitlers fest überzeugt... Nun also hat ihm sein Anwalt fest zugesagt, daß seine Entlassung zu Weihnachten eine nicht mehr zu er schütternde Tatsache sei... Schumburg zählt die Tage... Aber der November geht hin, und Schumburg sitzt noch immer ohne Hoffnung auf Erlösung im Zuchthause. Mit verschlossenem Gesicht geht er seiner Arbeit als Kalfaktor nach. Er genießt ja das volle Vertrauen des Direktors und der Beamten, übt allerhand kleine Rechte aus, besitzt sogar den Zellenhauptschlüssel und kann aus einer Abteilung in die andere gehen unter einem beliebigen Vorwand. Abends in der Zelle erzählt er in ewig gleichem Wortlaut, welche Schritte sein Anwalt unternommen hat. Wir hören schweigend zu. Einmal aber macht Paul Vester, der 231 Hausvaterkalfaktor, der als vierter in unsere Zelle gelegt wurde, eine Anspielung auf seine Entlassung; etwa in dem Sinne: du bist eben rechtlos und kannst machen, was du willst, heraus kommst du doch nicht! Das war nicht gerade geschickt ausgedrückt, aber doch sicherlich nicht böse gemeint. Vester sitzt als Mörder seines Vaters bereits im zehnten Jahre im Zuchthaus und hat sich damit abgefunden, bis an sein Ende in diesem Hause zu verbleiben. Er ist ein im Grunde gutmütiger Kerl, und seine schreckliche Tat ist mir ebenso ein Rätsel wie ihm selber. Aber die deutsche Sprache ist eben in gewissen seelischen Lagen nicht immer geeignet, Mißverständnisse auszuschließen. Schumburg springt mit einem tierischen Schrei auf, ergreift das Brotmesser, das vor ihm liegt, und schleudert es mit aller Kraft seines Großschlächterarmes Vester ins Ge sicht... Er hat Glück. Das Messer trifft den also Ueberraschten mit dem Griff dicht über dem rechten Auge, gleitet ab und fällt in weitem Schwunge aufs Bett. Ich stelle mich zwischen die beiden und blicke den Wütenden ruhig und wortlos an. Schumburg begreift plötzlich. Er sinkt auf den Stuhl zurück, schlägt die Arme vor dem Gesicht zusammen und heult auf wie ein Schloßhund. Vester ist darüber noch mehr er schrocken als über den Messerwurf.., Aber Otto", sagt er ,,, hör' bloß auf. Ich hab' das ja gar nicht so gemeint.' nen Raatz haben wir ja sowieso alle. Schrei doch nich so, sonst kommt der Neise, der elende Hund, und will wissen, was hier los is!" Ich bringe bald eine Versöhnung zustande. Schumburg büẞt mit ein paar Zigaretten, die wir anschließend friedlich rauchen. ,, Mal hakts eben aus", sagt er schließlich. ,, Ich weiß nicht, ob ich das noch lange aushalte. Mein Anwalt..." Und dann erzählt er uns die schon zehnmal berichtete Geschichte seines Gnadengesuches zum elften Male. Wir sitzen schweigend und rauchen... Wenige Tage später wird Schumburg wirklich entlassen. Das Sondergericht hat sich mit einer Restzahlung von sechzigtausend Mark einverstanden erklärt. Am 5. Dezember 1944 verabschiedet er sich von uns. Dabei sagt er: ,, Jetzt sollt ihr mal sehen, was sich tut! Adolf hat die neue V- Waffe. Die große Offensive geht in den nächsten Tagen los!" Er lächelt glücklich dazu und überlegen. Er weiß, daß ich 232 in dem Punkte nicht ganz seiner Meinung bin. Aber er weiß ja auch, daß der Führer ,, immer recht hat", und daß auf die Meinung eines so schäbigen Intellektuellen, wie ich einer bin, rein gar nichts zu geben ist... Dieses Buch ist keine Kriegsgeschichte und doch kann es nicht anders sein, als daß die Gestalten, die in ihr als Schattenbilder Leben gewinnen, auftauchen, um rasch wieder zu verschwinden, einen Augenblick vor dem gluthell erleuchteten Hintergrunde der Zeit stehen. Auch im Zuchthaus kommen sie nicht los von den Drähten, die eine unerbittliche Hand führt, und wenn die Parze es für gut findet, den Draht mit scharfer Zange abzuknipsen, dann rollt er sich blitzartig in einen wirren Knäuel zusammen, und die Marionette wird ohne alle weitere Feierlichkeit als nichtiges Paket in die Abfallkiste befördert. Es gibt einfach nichts, was dagegen helfen könnte... Mit welchen Hoffnungen verließ uns Otto Schumburg! Wenige Tage später ist er von amerikanischen Bombern unter den Trümmern seines Hauses in Magdeburg begraben worden... - * Witte, der Direktor der Anstalt, war ein Mann, der von seiner Gottähnlichkeit vollkommen überzeugt war. Der Teufel weiß, wie er zu dieser Ueberzeugung gelangt ist. Er führte den Spitznamen Lügensack'. Kein Mensch wußte zu sagen, wie er zu diesem so wenig schmeichelhaften Namen gekommen war. Er selber wohl auch nicht; aber er wußte um diesen Namen, und noch mehr: er wußte, daß ein Spaẞvogel ihn in Musik gesetzt hatte! Cis- cis- a zwei kurze Sechzehntel und ein Stakkato- Achtel, leise in den Wind gepfiffen, und alles, was dieses Motiv hörte, nahm Haltung an! Ich weiß nicht, ob er diesen Warnungspfiff als Huldigung vor seiner Macht empfand, oder als undisziplinierte Durchkreuzung seiner Inspektionspläne. Jedenfalls tat er so, als höre er ihn nicht. Er verzog keine Miene, wenn diese Töne irgendwoher durch die Luft geisterten; er geruhte einfach, keine Notiz von ihnen zu nehmen! Einmal nahm er doch Notiz! Mittagsspaziergang der Handwerker. Dreiundzwanzig Mann, vier davon eine rasselnde Fußkette mit sich schleppend, bewegen sich im weiten Kreise um den alten Schloßhof. Durch 233 ihre Reihen schwebt eine geflüsterte Unterhaltung zwischen geschlossenen Zähnen hervor. Die Sonne scheint mild., Linksmüller hat die Aufsicht. Wenn der Gleichschritt der Holzpantoffeln aus dem Takte kommt, schreit er mit blecherner Stimme: ,, Links! Links!" Sein musikalisches Gehör ist offenbar verletzt, wenn es keinen Gleichschritt vernimmt. Daher der Name! Plötzlich ertönt irgendwoher das Kommando:„ Ach tung!" Der Herr Direktor tritt mit würdigem Schritt und Imperatorenblick aus der Pforte neben der Küche und bewegt sich gemessen über die Diagonale des Platzes. Linksmüller, auf das Kommando ,, Achtung!" einen Augenblick zur Bildsäule erstarrt, kommt plötzlich in Schwung, eilt dem Gewaltigen entgegen und meldet: ,, Dreiundzwanzig Handwerker zur Bewe gung angetreten. Vier Gefesselte. Alles in Ordnung!" Die Ge= fangenen stehen stramm, halten ihre Kappen in der Hand und starren geradeaus... ,, Weitermachen!" sagt dann herkommengemäß der Herr Direktor... Diesmal sagt er es nicht; denn ganz gegen Sitte und Her kommen steht in der Stille der mittäglichen Luft plötzlich das Motiv, Cis- cis- a!' - Lügensack! - Der also Angesprochene kennt den Text zu dieser kurzen Melodie. Er weiß, dies ist der Warnungspfiff seiner Beamten. Aber daß dieses Signal von einem Gefangenen gegeben wird in diesem feierlichen Augenblicke! das ist denn doch da soll doch zum Teufel noch einmal! Wer anders aber soll es gegeben haben als ein Gefangener? Der Hof ist leer. Linksmüller steht in strammer Haltung und mit blassem Gesicht vor ihm. Weit und breit ist keine Menschenseele zu erblicken... - - Der Direktor strafft seine kleine Gestalt. Der kurze Hals schwillt rot an. In die apoplektischen Züge seines Gesichtes kommt Leben. Langsam blickt er im Kreise. Still und steif, mit unbewegten Mienen, starren die Gefangenen geradeaus, ihre Kappen demütig in der Hand. Da genau aus der Richtung, der der Direktor den Rücken eben zuwendet ertönt aber mals das kurze, rasche, Cis- cis- a!' Zwei spitze Sechzehntel und ein Stakkato- Achtel. Der Direktor fährt herum. Er blickt in steinerne Gesichter. Er atmet tief auf. Der Seelenkampf, den er in diesen Sekunden auskämpft, ist deutlich von seinem Ge sichte abzulesen. Dann geht er, ohne ein Wort zu sagen, - - zum Tore und verläßt das Haus... 234 Linksmüller schäumt. Er beschuldigt den Tschechen Podey, gepfiffen zu haben. Dem bestätigen seine Nebenmänner mit Hilfe ihres Zuchthausehrenwortes, daß dies ein Irrtum sei. Weitere Beschuldigungen werden mittels des gleichen Hilfsmittels niedergerungen. Schließlich sind alle dreiundzwanzig bereit, ihr Ehrenwort als anständige Zuchthäusler zu geben, daß sie nicht gehört hätten, aus welcher Richtung der Lügensack' gepfiffen worden sei. , Einrücken!" kommandiert Linksmüller. Er ist sichtlich er schöpft. Abends kommt der Hilfswachtmeister Bohle in unsere Zelle, einer der wenigen Menschen zwischen den Aufsehertieren dieses Hauses. Er lächelt pfiffig. " , Wißt ihr schon das Neuste? Der Alte hat einen Appell der Hauptwachtmeister gemacht., Lügensack' darf nicht mehr gepfiffen werden bei Strafe der sofortigen Entlassung." -- So verschwand das einzige musikalische Motiv aus dem amusi schen grauen Einerlei unseres freudlosen Daseins. Drei Tage später starb Linksmüller an einem Schlaganfall. Es wird nie mehr festzustellen sein, ob sein plötzlicher Tod in kausalem Zusammenhang mit diesem kurzen Motiv gestanden hat... wartet - - * Man glaube mir aufs Wort, daß ich von Radiotechnik so viel verstehe wie der Esel vom Lauteschlagen. Ich weiß nur: Wenn man auf einen Knopf drückt und dann ein Weilchen man erzählt mir, daß sich dann eine Glühbirne, die man merkwürdigerweise eine Röhre nennt, erst ein bißchen anwärmen müsse dann entströmen einem schwarzen oder braunen Kasten rasselnde Geräusche, deutsche oder fremde Worte, manchmal auch musikähnliche Töne, und das Ganze nennt man dann, Rundfunk'. Es soll früher manchmal sogar schön gewesen sein, als nämlich die Röhren genannten Glühbirnen noch neu waren und es noch kein Propagandaministerium gab; aber das ist schon so lange her, daß selbst alte Leute sich kaum noch daran erinnern können. - Ueber meiner Zelle war der Saal, in dem die Rundfunktechniker arbeiteten. Deshalb waren sie ja hier weil sie nämlich den englischen Sender abgehört und hinterdrein den Mund nicht gehalten hatten. Das Ganze nannte man damals, Heim235 tückegesetz', und es brachte zwischen zwei und acht Jahren Zuchthaus ein je nach der Anweisung, die das Sondergericht vom Reichssicherheitsamt in Berlin erhielt. Dies wiederum war, was man im Kreise der Wissenden, gesteuerte Justiz' nannte, und es war abhängig von der Phase der militärischen Entwicklung unserer Niederlage. Aber davon soll hier nicht die Rede sein, sondern von der ungeheuren Hochachtung, die ich seither dem Rundfunk entgegenbringe... Die Kameraden vom Rundfunk bauten drahtlose Telefone für Flugzeuge; oder so etwas ähnliches. Jedenfalls etwas unerhört Schwieriges und Kompliziertes für die Rüstung. Diese Kameraden waren also ausnahmslos Fachleute, und sie verstanden sich auf die Kunst, aus Röhren, Klemmschrauben, Drähten und geheimnisvollen Metallplättchen unter Zuhilfenahme eines Kopfhörers die englischen Nachrichten abzu hören, während der Wachtmeister vom Dienst fünf Meter von ihnen entfernt die Wand angähnte. Wie gesagt, ich habe von allem, was Radiotechnik heißt, nur ein sehr peripheres Wissen, und ich kann mir den natürlichen Zusammenhang dieser okkulten Wirklichkeiten in keiner Weise erklären. Das eine aber weiß ich genau: beim Vorüberwandeln zum Empfang der Abendsuppe schob mir mein Nachbar Bainverlzweig einen Zettel zwischen Brot und Eßschüssel, auf dem etwa stand: Odessa ist geräumt!- oder etwas ähnlich Aktuelles. Das stand fest: die Gefangenen wußten besser Bescheid über das, was sich an den Fronten ereignete, als die Beamten, die dafür sorgen sollten, daß die Gefangenen nichts von dem erfuhren, was sich draußen abspielte... Wer diese Zeit nicht selber im Zuchthause erlebt hat, der kann sich keine Vorstellung davon machen, welche seelische und moralische Stütze der Londoner Rundfunk für uns gewesen ist! - - - Mimra stand zum Hilfswachtmeister Bohle in einem auf gegenseitigem Vorteil gegründeten Freundschaftsverhältnis. Diese Beziehung hatte seinerzeit Mimras Frau bei ihrem ersten Besuche in Coswig angeknüpft wie denn überhaupt in diesem Punkte die tschechischen Frauen den besseren psychologischen Scharfblick entwickelten als die deutschen.( Für die Frau eines deutschen Gefangenen war der Beamte eben immer noch ein ,, Herr" Wachtmeister, für Mimras Frau aus vielfacher Erfahrung heraus nur ein hohles Gefäß, das gefüllt sein 236 - wollte.) Bohle also nahm die Zigaretten in Empfang, die Mimras Frau aus Prag an seine Adresse schickte, und er lieferte sie ehrlich ab. Fiftyfifty natürlich. Bohle und Mimra unterhielten sich manchmal flüsternd über die Kriegslage, und dabei staunte der biedere Hilfswachtmeister immer wieder über die Sehergabe dieses Rechtsanwaltes, den er insgeheim für ein verhindertes strategisches Genie hielt. Er selbst freilich glaubte damals noch grundsätzlich an einen Erfolg der deutschen Waffen.(, Von dem Platze, wo der deutsche Soldat steht, wird er nur weichen, wenn der Befehl dazu gegeben wird! Heil!') Eines Tages also sagte Mimra zu ihm: ,, Passen Sie auf! Morgen. oder übermorgen werden wir Odessa räumen!"( Er hatte eben von unsern Aetherfachlleuten gehört, daß es bereits geräumt sei!) ,, Ausgeschlossen! Ganz ausgeschlossen!" ant wortete Bohle verstockt. ,, Odessa, wo das doch bei der Krim herum liegt! Das gibt unser OKW. nicht raus!"- ,, Wetten?" sagte Mimra in leicht aufreizender Klangfarbe. ,, Wetten? Um fünf Stäbchen!" antwortete Bohle ohne Zögern. Er ließ sich nicht umsonst herausfordern zu einem Duell, in dem die gei stige Ueberlegenheit unter Beweis gestellt werden sollte! ,, Ge macht!" meinte Mimra und dann ließ er sich einschließen. Drei Tage später wurde tatsächlich im OKW.- Bericht mitgeteilt, daß Odessa von deutschen Truppen aus strategischen Gründen geräumt worden sei, und Bohle lieferte von den nächsten hundert Prager Zigaretten treu und bieder fünfundfünfzig ab und behielt nur fünfundvierzig für sich. Er war reell, der Neid muß es ihm lassen! -- - * Auch der Oberwachtmeister Lange, genannt der Negus, stand auf unserer Liste. Bei seiner Verurteilung war das Stimmverhältnis 2: 1 gewesen. Karel und Emanuel waren für das Todesurteil, ich dagegen, weil ich ihn im Grunde nicht für zurechnungsfähig hielt. Lange kriegte, Anfälle. Er konnte sich mit einem Gefangenen zwischen Tür und Angel eine halbe Stunde lang über den Petrusbrief des sagenhaften Apostels unterhalten und dabei die herrlichsten Ansichten über Menschenliebe und Gottesfurcht entwickeln. Das tat er häufig mit einem Geistlichen aus Holland, einem Priester er selbst war auch katho237 lischen Bekenntnisses - der ihm hie und da sanft zu widersprechen wagte, was dazu diente, das Pathos seiner Rede zu steigern. Dann aber brach er urplötzlich in die Worte aus: ,, Und du Sündenlümmel, du gottverdammter Lausesack, du willst ein Priester sein? Ein Lumpenhund bis du!" Und dazu fuhr seine Rechte nach dem Gummiknüttel, und im nächsten Augenblicke erhielt der nichtsahnende Gottesknecht einen Hieb übers Gesicht und taumelte zurück in die Zelle. So war der Negus eben: erprobte Mischung aus Betbruder und Sadisten. Dabei sorgte er, wenn er guter Laune war, für die Gefangenen seiner Abteilung, ließ aus der Küche einen Rest Mittagessen stehlen und verteilte ihn an diejenigen, die er für die Frömmsten hielt. Für eine Pfeife Tabak besorgte er wohl auch mal einen schwarzen Brief aus dem Hause. Mit einem Worte: er war ganz unberechenbar... Am Abend vor meinem Entlassungstage kam er zu mir in die Zelle. Nach ein paar geschwätzigen Wendungen über die , Schweinereien in diesem Hause' kam er, ein wenig verlegen fast, auf den Kern dessen, was er zu erörtern wünschte. - ,, Du kommst ja nu raus. Wirst dich wundern, wie es drauBen aussieht! Nu sag' mal ganz ehrlich du bist doch sozu sagen einer von den nicht ganz Dummen den Krieg, oder gewinnt er ihn nicht?" " - gewinnt Hitler Woher soll ich das wissen, Herr Oberwachtmeister? Wir hören doch nichts von draußen..." ,, Rede keinen Stuẞ! Ihr wiẞt ja besser Bescheid als wir. Knauer von den Ernsten Bibelforschern wollte sogar das Da tum vom Ende ganz genau wissen. Bei Hesekiel soll es stehen. Was sagst du dazu?" ,, Ich bin nicht bewandert in der Bibel. Vielleicht weiß es der Prophet Hesekiel? Im allgemeinen, finde ich, ist auf diese Leute, was ihre Prophezeiungen angeht, auch kein rechter Verlaẞ!" Der Negus neigte mit ernster Miene seinen Mund an mein Ohr. ,, Die Engländer sagen, im Frühjahr geht's zu Ende. Man muß ja hier die Schnauze halten; aber jetzt glaube ich's beinahe selber. Die Bombenschmeißerei, weißt du, die macht mürbe. Adolf soll ja noch was Besonderes haben, aber wenn's was helfen soll, wird's langsam Zeit, daß er damit herausrückt." 238 ,, Das meine ich auch", sagte ich, bemüht, das Gespräch abzukürzen. Aber der Negus ließ nicht locker. ,, Was denkst du?" fragte er hartnäckig weiter ,,, wenn hier mal die Russen einrücken, was dann hier wird?" " , Was soll hier werden? Da rücken eben Truppen hier ein, und ich denke, sie werden uns rausschmeißen, weil sie Platz brauchen. Hier sind doch ganz schöne Räume im Hause..." Der kleine, krummbeinige Kerl wiegt bedenklich sein Vogelgesicht mit dem wildwuchernden Schnurrbart. ,, Das sagst du so hin. Man weiß doch, wie das nachher geht. Alles alte Leute, diese Wachtmeister. Kein Mumm in der Bande. Ob es nicht besser ist, man schießt erst mal alles zusammen?" ,, Die Gefangenen?" Wen denn sonst, du Knallrübe? Dann können sie uns nichts mehr tun. Wenn diese Verbrecher auf die Wachtbeamten losgelassen werden, dann gibt's nichts wie ein Blutbad!" ,, Das glaube ich nicht", bemerkte ich leichthin, abermals bemüht, die sichtlich in ihm aufsteigende Erregung zu dämp fen. ,, Die meisten von ihnen sind ganz harmlose Kerle." Er lächelte überlegen. ,, Hast du eine Ahnung! Die tun so, als wären sie unsere besten Freunde, und wenn es mal losgeht, dann sind sie die schlimmsten Bestien. Paß bloß auf, was sich dann hier tut!" Und in geheimnisvollem Flüstertone fügte er hinzu: ,, Der Lü gensack wird zuerst gehenkt und, verlaß dich drauf, dabei halte ich den Strick. Das ist mal ein Schieber! Der und Polackenschulz in Bernburg, die haben sich ein Vermögen gemacht mit den Gefangenen. Da stecken auch noch andere dahinter. Der Rackebrand zum Beispiel. Aber wenn du gottverdammtes Schwein was davon weitererzählst, dann spalte ich dir den Schädel auf der Stelle!" Er rollt plötzlich die Augen und fährt mit der Rechten nach dem Gummiknüttel. Ich bleibe ruhig in der Tür stehen, darauf gefaßt, zur Seite zu springen, wenn er zuschlägt. Aber er beruhigt sich wieder, lächelt freundlich und sagt:„ Na, nichts für ungut man sagt mal so was. Was man gehört hat, muß man auch wieder vergessen können. Du kommst ja nun zur Gestapo. Da werden sie es dir schon noch besorgen, du Lausebraten, du Vaterlandsverräter, du Lumpenhund. Adolf kriegt sie doch noch alle klar, und wenn du dann noch nicht - 239 tot bist, dann hast du auch noch was von der Amnestie. Aber verlaẞ dich nicht zu sehr dadrauf. Bis dahin passiert noch viel!" Man sieht: Manchmal regte sich der Zweifel am Endsiege sogar im verschüttetsten Gemüte... * In diesem Zuchthause starben monatlich von hundert Gefangenen acht an Tuberkulose. Man rechne sich aus, wie hoch die Erlebenschance für einen armen Teufel ist, der zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt ist. Dies war, nebenbei bemerkt, die Normalernte des Todes. In der Zeit von Januar bis April 1945 starben von dreihundert Insassen des Hauses einhundertsechsundfünfzig! Diese hohe Tuberkulosequote war nicht etwa in einer besonders ungesunden Luft zu suchen. Schuld daran war vielmehr, daß hier alle diejenigen eingeliefert wurden, die in den umliegenden Lagern zur Arbeit nicht mehr verwendbar waren und dort gab man sie nicht eher - - ab, als bis sie auf dem letzten Loche pfiffen... Das Zuchthaus hatte drei Särge. Mehr als drei durften also zu gleicher Zeit nicht auf ihre Beerdigung warten. Wer sich über diese Zahl hinaus in die Reihe der Toten drängelte, der mußte ohne Sarg warten, bis die Reihe an ihn kam. Das war im heißen Sommer eine äußerst undankbare Aufgabe. Aber das kam nur dann vor, wenn die Post nicht funktionierte, und der Tote auf den Bescheid wartete, ob seine Angehörigen ihn zur Bestattung reklamierten oder nicht. Meist taten sie das... Der Hauptwachtmeister, der das, Lazarett' unter sich hatte, hieẞ Nötzold. Er war ein Mann, der längst jenseits der Pensionsgrenze stand, ein Mann zugleich, der den letzten Rest von Gemüt diesseits dieser Grenze verbraucht hatte. Er war einfach ein Scheusal! Diese Szene etwa spielte sich ab: Die Angehörigen eines Verstorbenen betreten in Trauerkleidung das Haus. Manchmal von weit her; etwa aus der Tschechei, von woher sie ein Telegramm gerufen hat. Dann also führt Nötzold sie ins Spritzenhaus und sagt mit öliger, Stimme: 240 ,, Sie wollen gewiß Ihren geliebten Toten noch einmal sehen!" Die Trauernden weinen leise und nicken bejahend. In diesem Augenblicke hebt Nötzold den Stiefel und stößt einen Sarg auf. Den Sarg, der in Wahrheit gar keiner ist. Denn man kann sich wohl denken, daß man in einem auf äußerste Sparsamkeit abgestellten Betriebe nicht viel Holz mit in die Grube gibt. Der Sarg ist also eine Atrappe, die jederzeit wieder verwendet wird. Der Tote liegt auf einem schmalen Bodenbrett. Jetzt also rollt das Obergestell, das aus fünf dünnen Brettern gefügt ist, polternd zur Seite, und vor den Ange hörigen liegt ein völlig entkleideter Mensch. Denn man glaubt doch nicht etwa, daß in einem so scharf mit Rentabilität rechnenden Betriebe ein Mensch, der bisher nur unnötige Kosten verursacht hat, auch nur mit einem Hemde begraben wird, das ohnehin dem Staate gehört? - Das ist für Nötzold ein Augenblick der Wonne. Er sieht das jähe Erschrecken der Angehörigen beim Anblick der meist schon durch Verwesung entstellten Leiche und feixt. Er feixt gräßlich. Dann sagt er in grobem Tone: ,, So nun heben Sie sich den Deckel gefälligst selber wieder drauf. Dazu bin ich nicht da!"... - - Eines Tages war das Erschrecken auf seiner Seite... Zunächst ging alles programmgemäß und nach Wunsch. Auf Nötzolds Frage, ob und so weiter nickten die Frau und die kleine Tochter ergeben, und als der Deckel beiseitegerollt war, schrien sie beide auch erschreckt auf. Bis hierher also ging alles in bester Ordnung. Dann aber ergoß sich ein leidenschaftlicher Wortschwall in gebrochenem Deutsch über den aufs tiefste betroffenen Hauptwachtmeister, aus dem er entnehmen konnte, daß der von ihm soeben liebevoll entblößte Mensch gar nicht der Tote war, der in seine Heimat überführt werden sollte! Ein anderer war zur Auswahl zufällig nicht da, und es stellte sich eben heraus, daß man am Vortage einen falschen begraben hatte! Das war immerhin ein Fall, der im Reglement nicht vorges sehen war, und Nötzold kam in Druck. Er rannte aufgeregt ins Lazarett und suchte zu ermitteln, wer den Fehler begangen hatte. Im Totenbuch war alles richtig. Der irrtümlicherweise noch nicht Begrabene hieß Walter Mahrenbach und stammte 16 Berbig: Knast 241 aus Niederrettwitz. Der irrtümlicherweise Begrabene, eben der Prager, den seine Frau heimführen wollte, freute sich wahr scheinlich ungemein darüber, daß er in einem Grabe lag, das gar nicht für ihn geschaufelt worden war. Inzwischen also wartete Mahrenbach im Spritzenhause und demonstrierte. Er hatte ja auch weiter nichts getan als ein paar Hammel schwarz geschlachtet und war wegen Vergehens gegen die Kriegsverordnungen als Volksschädling zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden, von denen er drei bereits verbüßt hatte. Um ein Jahr hatte dieser Lümmel den Staat auch noch geprellt! Immerhin, so mochte er sich verwundert fragen, warum gönnt man mir den schmalen Streifen Erde nicht?... Was war zu tun? Spät am Abend ging ein Kommando auf den Friedhof und buddelte die Leiche des fälschlich begrabenen Tschechen wieder aus. Die Frau bestand auf ihrem Rechte. Gleichzeitig wurde der Schwarzschlächter in die Grube gelegt ohne jede weitere Zeremonie. Der Tscheche bekam einen richtigen Sarg aus sechs Brettern, der wiederum in einen Zinksarg gestellt wurde, und rollte befriedigt nach dem Bahnhofe. Nötzold bekam eine Nase dafür, daß er sich nicht persönlich um die Erledigung seiner Dienstobliegenheiten gekümmert hatte. In dem Punkte war der Lügensack empfindlich... * Ich will erzählen, wie die Zeit aus unserm Leben verschwand. Man pflegt zwar beim Weine zu zitieren, daß dem Glücklichen keine Stunde schlage; aber der Gefangene, der mit Hammer und Zange Bombenabwurfgeräte in ihre Bestandteile zerlegt, lauscht eben mit anderen Gefühlen auf den Schlag der Uhr, der ihm anzeigt, daß wieder eine Stunde seiner Strafzeit ver flossen ist... Die Uhr des Schlosses war das Werk eines Künstlers aus dem 17. Jahrhundert, der sein Handwerk gewiß meisterlich verstanden hatte; denn die Fürstinwitwe Amalie von Dessau, die ihren heiteren Lebensabend in diesem Hause verbrachte, hätte sich die Zeit keinesfalls von einem Schlagwerk interpretieren lassen, wie es während dieses Krieges die Bewohner der kleinen Stadt narrte. Offenbar war die Uhr später einmal in weniger sachverständige Hände geraten. Sie schlug zur Mit242 tagstunde elfmal, um ein Uhr zwölfmal. Wenn es dabei geblieben wäre, hätte man sich auf Sommerzeit oder einen ähn lichen Firlefanz herausreden können. Aber nein: um vier Uhr schlug sie zweimal, dafür aber um fünf Uhr siebenmal. Außerdem war jeder dritte Schlag, den sie tat, so matt und kraftlos, daß er manchmal ganz ausblieb und man sich beim Mitzählen leicht verhedderte. Wie sie das alles fertigbrachte, wird ewig ihr Geheimnis bleiben, denn keiner der Wachtmeister kümmerte sich um ihre Stimme, solange das Zifferblatt die Zeit einigermaßen richtig anzeigte. Sie konnten es ja vom Hofe aus jederzeit sehen, und die Gefangenen kannten sich in den verkehrten Ansagen ihres Schlagwerkes längst aus. Als schließlich doch einmal der Beschluß gefaßt wurde, das Schlagwerk in Ordnung zu bringen, da war es offenbar zu spät, und keiner freute sich über dieses, zu spät' mehr als der Zuchthausgefangene Burchhardt, der sich für einen gelernten Uhrmacher ausgegeben hatte, obwohl er nur mit Talmischmuck gehandelt hatte und vom Schlagwerk einer Uhr soviel verstand, wie ein Hecht vom Trompeteblasen... Einmal hatte es im Zuchthaus einen Gefangenen gegeben, dem nichts peinlicher gewesen war als die Ungewißheit über die Tageszeit. Er hatte sich für den Hausgebrauch eine Wasseruhr gebaut. Wie sie einmal funktioniert hatte, war aus den Resten nicht mehr zu erkennen, die auf einem Bibliotheks schranke standen. ,, Nötzold, das dumme Luder, hat'se kaputt jemacht“, sagte einmal der Werkmeister Müller zu mir, während er nachdenklich ihre Trümmer betrachtete. ,, Alles muß er kaputt machen, was in seine Hände jerät!", Auch seine Lazarettkranken!' dachte ich, aber ich hütete mich, es auszuspre chen. ,, Das war mal'n jeschickten Kerl, der das Ding jebaut hat. Hatte niemals eine solche Wasseruhr jesehen, und sie jing doch ziemlich jenau. Er hat mich erzählt, daß schon die alten Griechen un die Araber so'ne Wasseruhren jehabt haben. Aber nu kommt ja Schwericke aus die Adolf- Hitler- Straße, der wird das Schlagwerk schon in Ordnung bringen!" - Nachdem also der Pseudouhrmacher Burckhardt vor dem Schlagwerk kapituliert hatte, war Meister Schwericke aus der Stadt von Witte dafür ausersehen worden, den Schaden zu beheben. Der Meister kam, sah und kapitulierte ebenfalls. Er stocherte ratlos in dem verrosteten Räderwerk herum, schüt - 16* 243 tellte bedauernd sein Haupt und sagte: ,, Da is nischt zu ma chen. Der Staat hat doch sonst Jeld jenug für jeden Dreck. Denn kann er ooch mal ne neue Uhr anschaffen. Lange jenug ist die hier ja jegangen, un die Zeit is noch leidlich richtig." Damit stellte er das Schlagwerk ganz ab! Seither also schlug die Schloßuhr nicht mehr, und die Gefangenen waren ganz ohne Tageszeit. Aber wozu brauchten sie auch eine Tageszeit? Ihr Schicksal war zeitlos! Für einen nachdenklichen Menschen aber hatte diese Geschichte noch eine andere Seite. Welch eine Wandlung im Strafvollzug! Es hatte also einmal eine Zeit gegeben, in der ein Gefangener seine Muẞestunden dazu hatte benutzen dürfen, eine Wasseruhr zu bauen. Heute? Ach du lieber Gott schon der Gedanke daran wäre mit Arrest bestraft worden! - Unsere Bombengräber, das ist ein besonderes Völkchen. Lustig und sentimental, erregt und gleichgültig, pfeifenrohrgemütlich und gelegentlich höchst rabiat. Sie wissen, man braucht sie, und selbst im Zuchthause sind die Gesetze von Angebot und Nachfrage noch nicht völlig außer Kraft gesetzt... Gestern sind in Dessau die Bomben gefallen wie Schlosen im Mai. Dabei ist allerhand Kriegswichtiges den Weg alles Fleisches gegangen. Noch in der Nacht ist telefonisch vom Zuchthause ein Bombengräber- Kommando angefordert und so= fort zusammengestellt worden. Der Zudrang zu diesem Kommando ist groß. Die Korbmacherei hat sich fast geschlossen gemeldet. Was bedeutet es auch für die armen Kerle, die bei ihren nassen Weiden täglich zehn Stunden im alten Treibhause des Schlosses hocken, einmal einen ganzen Tag Luft, Licht und Sonne zu haben ganz abgesehen davon, was das Kommando sonst noch einbringt! Erstens: Militärverpflegung mit gewaltigem Nachschlag! Zweitens: Zwanzig Zigaret ten, ein halbes Paket Tabak und einen Schuß Schnaps in den Kaffee! Drittens: einen Liebesgabenzuschuß aus der Hand jener verstörten Menschen, die den unheimlichen Bombengast aus ihrem Keller befördert sehen, ehe er sich selbst und ihr Anwesen dazu in Atome aufgelöst hat! Und nicht zuletzt: Keiner sieht in ihnen dabei den verachteten Zuchthäusler! Sie - 244 selber aber fühlen sich als Helden und spielen ihre Rolle ganz ausgezeichnet. Die Bomben werden von einem Feuerwerker entschärft, und nun sind sie harmlos wie neugeborene Kinder. Mit Spitzhacke und Schaufel hebt man sie unter ermunterndem Zuruf aus dem Grunde, in den sie sich eingebohrt haben, legt sie viribus unitis auf einen Karren und führt sie im Triumph durch die Straßen der Stadt. Die verstörten Bewohner, denen der nächtliche Schrecken noch in allen Knochen sitzt, drücken sich beiseite, wenn sie den Bombenkarren über das holprige Pflaster rollen hören, und bewundern im stillen den Mut der Männer, die mit so gefährlichem Spielzeug so sorglos umgehen. Bewunderung aber, die so tief im eigenen Schicksal wurzelt, setzt sich leicht in Dankgefühle um.„Da, Freunde, nehmt! Verteilt's unter die Kameraden!“ Eine große Packung Zigaret- ten fliegt herüber und wird lachend aufgefangen, ein Weiß- brot, eine Schachtel Priem auf den hohlen Zahn. Am Bomben- abladeplatz aber steht die Feldküche mit dicken Erbsen. Voll geschlagen bis zum Rande ziehen die Bombengräber ab zu neuen Taten!... Abends kommen sie geschlossen mit festem Marschtritt ins Zuchthaus zurück und erzählen... „Mensch— nich for’n Pfund Margarine möcht’ ick jestern nacht dabeijewesen sein. Wasserwerk und Flugplatz totalemang hin. Kein Licht— nadierlich nich— und keene Straßenbahn.“ „Auch Tote?“ „Massenhaft. Liejen alle noch in den Kellern. Ersoffen. Oder auch vabrannt. Mensch, ick sage dir, lange jeht dat nich mehr. Bis an die Halskrause haben sie’s da draußen. Hat sich wat mit’s Nich-Kapitulier’'n! Et jeht eben alle Tage so weiter, bis nischt mehr da is, und jar keene Möglichkeit, wat dajejen zu tun. Unsre Jäger? Frag’ sie man selber! Die hau’'n ab, wenn der Kuckuck ruft. Martin hat auf’n Flugplatz jegraben. Mensch, so was mußte sehen! Da kriegen wir wieder Arbeit mit's Auseinandernehmen von’s Altmaterial. Und uns hier wer’'n se schon ooch noch mal ans Leder jehen, det seh’k kommen. Oda denkste vielleicht, die wissen nich, wat hier jespielt wird bei die Arado?“ „Und wie ises mit'n Hochjehen?“ „Och— das is man halb so wild. Bei uns is, toirtoistoi, noch jar nich viel passiert. Mal in Bernburg drei Mann tot. 245) Aber die war’n selber dran schuld. Hätten jar nich nötig je= habt, bei’s Entschärfen die Nase hinzuhalten. Vorichte Woche sin’ in Halle neun Mann mit'n Feuerwerker hochjejangen. Na, die ham jar nischt davon jemerkt. Det jeht so fix, det de nich piep sagen kannst.“ Einer wendet sich vertraulich an den Erzähler. „Kann man nich mal dabei sein,— ich meine— bei euch?“: „Mußt es dem Schreiber rechtzeitig sagen; jib ihm*n paar Zigaretten, denn setzt er dich auf die Liste. Et lohnt sich.“ % Der Spätnachmittag in der Bücherei war häufig von einer Atmosphäre anregender Unschlüssigkeit ausgefüllt. Sollte man sich wirklich noch in die hoffnungslose Arbeit stürzen und lose Blätter in längst pensionsberechtigte Scharteken kleben? Oder sollte man doch lieber einen Brief schreiben, von dem man nie wissen konnte, ob er den Adressaten jemals erreichen würde? ... Einmal wurde ich alles Nachdenkens über dieses schwie> rige Problem überhoben durch den Besuch des Negus und seines Kalfaktors....: „Du hast doch ein englisches Buch“, so begann der Negus vertraulich, indem er seinen Mund dicht an mein Ohr hielt — Geste dafür, daß in diesem Hause jedes Wort gehört wer- den und eine Gefahr bedeuten konnte.„Sennewald, dieser gott- ‘ verfluchte Schlawiner, muß englisch lernen. Ein bißchen was kann er schon!“ 3 Sennewald, der Hauptkalfaktor der dritten Abteilung, war für dieses Amt in jeder Hinsicht prädisponiert. Ein gegerbter Lebensabenteurer, dem beim fortgesetzten Nachdenken über die Möglichkeiten, Geld zu machen, das Gewissen abhanden ge> kommen war. Nun saß er hier mit ‚Ueberhaft für Vorbeuge‘, und der Staatsanwalt hatte obendrein ‚Sicherung‘ beantragt. Eine verteufelte Lage!- „Er muß dazu die Genehmigung des Direktors haben“, sagte ich.„Englische Bücher darf ich nur an Engländer ausgeben.“ „Mach keine Geschichten“, brummte der Negus.„Wenn ich, sage, er soll englisch lernen, denn muß det jenüjen. Witte brauchst du es ja nich jerade auf die Nase zu binden.“ 246 „Gewiß, aber ich muß darauf aufmerksam machen“, bemerkte ich ungerührt.„Im. Falle einer Revision—“ „Na laß man, da bin ich ja ooch noch da. Also, was brauchst du dazu?“: „Einen Lehrer.“ Der Negus blickte nachdenklich'vor sich hin. Auf den Ge danken war er offenbar bisher noch nicht gekommen. „Weißt du einen?“ fragte er. „Mimra spricht gut englisch.“ Der Negus blickte mich verächtlich an. „Mimra? Der Tschech in der Buchbinderei? Der paßt mir nich. Nee, kein Ausländer! Auf die Sorte is kein Verlaß. Kannst du nich selber englisch?“ „Ich lese es, aber ich spreche es nicht besonders gut. Ein Lehrer muß die Sprache beherrschen, sonst.wird nichts Ge» scheites draus!“ „Quatsch! Sennewald is kee Dummer. Ich gloobe, er will mich auf den Besen laden, der heimtückische Hund. Tut so, als könnt’ er nur so’n bißchen, un mit dem holländischen Pfaffen, da kann er quasseln wie’'n Wasserfall.“ „Son’n bißchen holländisch, Herr Oberwachtmeister!“ fiel Sennewald schüchtern ein.„Bin doch mal dajewesen. Aber zum Englischen, da braucht man’n richtigen Lehrer. Hier in der Bir bliothek, dat wäre jerade det Richtige.“ Der Negus sinnierte vor sich hin. Dann sagte er mit Würde: „Wenn man was fleißiger jewesen wäre, könnt’ man’s ja selber. Da hätt’ ich das nich nötig. Also— wenn du was da- von weitererzählst, dann bring” ich dich um die Ecke! Va stehste?“ „Durchaus!“ „Nu horch druff! Ich hab’ doch’n Radio in der Abteilung, un beim Nachtdienst, da kann ich das Ding laufen lassen, wie ich lustig bin. Um zwölfe, da kommen die englischen Nachrichten. Natürlich versteh’ ich kein Wort.“ „Wenn Sie den britischen Sender abhören wollen, braus chen Sie doch kein Wort englisch dazu, Herr Oberwacht- meister. Die senden in deutscher Sprache...“ „Das darf man doch nich abhören, du Knallgurke! Dafür sitzt doch die janze Schwefelbande bei mir oben. Nee, so was macht: Lange nich! Aber wenn jemand englisch versteht und 247 hört das so nebenbei mal mit - das is nicht verboten! Va stehste? Un wenn der Sennewald das hört, is das nicht strafbar. Bloß, wenn er es weitererzählt. Natürlich is das was ganz anderes, wenn ich ihm nachher den dienstlichen Befehl jebe, mir zu erzählen, was er jehört hat. Da is er jedeckt, un außerdem spricht kein Mensch drüber. Hat Sicherung un kommt nich wieder' raus aus dem Bau. Da wär's ja ooch janz jleichgültig, ob es verboten is oder nich. Vastehste? ,, Aber das Abhören zu erlernen, wird eine Weile dauern", wagte ich einzuwenden. ,, Man spricht schnell im Rundfunk, und ehe sich das Ohr an ein solches Tempo gewöhnt-- ,, Rede nich so viel. Der Schlawiner soll sich man nur mal ordentlich Mühe jeben. Behalt' ihn jleich da. Dem Müller hab' ich Bescheid jestoßen. Wenn wer kommt er bessert Bücher aus!" - Dann also verschwand der Negus. Sennewald blieb mit gespanntem Gesicht auf seinem Schemel sitzen und lauschte dem Geräusch der sich entfernenden Schritte. Dann verzog sich seine Miene zu einem breiten Grinsen. ,, Ist dieses Rübenschwein nun wirklich so dumm, oder tut der Verbrecher nur so? Also smoken wir zunächst mal'n Stäbchen!" - Er brachte Zigaretten aus der Hosentasche. Tschechische. ,, Die Packung kannst du gleich erben. Ich hab' ne gute Quelle in der Abteilung. Der Negus raucht dieselbe Sorte. Sie is richtig. Also, nu hör' mal zu. Ich hab' ja lange reden müs sen, bis dieses Knallhorn es endlich gefressen hatte. Aber nu is er begeistert. Wegen der englischen Stunden, da zerbrich dir man nur nich den Kopf." Er fiel plötzlich ins Englische. In ein Englisch von jener weniger gepflegten Sorte, wie man es wohl in den Hafenkneipen von London hören kann. ,, Hab' mich lange genug in der Welt rumgetrieben, und den eng lischen Sender kann ich auch ohne deine Stunden abhören. Das hab' ich dem Negus natürlich nich auf die Nase gebunden. Hab' ihm vorgeredet, ich müsse ein paar Stunden haben, dann fänd' ich mich wieder zurecht. Daß ich das Englische flie Bend spreche, das braucht weder der Negus, noch der Staatsanwalt zu wissen. Der schon gar nich! Kannst mir ja gerne n'paar Stunden geben. Schreiben kann ich nämlich kein Wort. Die Kerle haben' ne zu verrückte Orthographie. Wenn du 248 mir da was beibiegen könnt’st, das wär’ kein Fehler. Aber nötig is es nich. Ich wollte bloß nachmittags mal’n Stünd- chen aus der Abteilung raus. Bei der Gelegenheit werd’ ich’n paar schwarze Briefe los, un man kann mal wieder'n Wort mit'n vernünft’gen Menschen reden. So— nu kannste ans fangen!“ Ich gestehe, es fiel mir schwer, seinem geläufigen Eng> lisch zu folgen. Er sprach selbstverständlich viel besser als ich. Einige seiner Wendungen verstand ich nicht gleich, weil sie stark mundartlich gefärbt waren.„Das ist ja ausgezeichnet“, sagte ich, mein ganzes bißchen Englisch zusammenraffend,„von dir kann ich dabei gewiß eine ganze Menge lernen!“ Und dann begannen wir mit der ersten Lektion eines kleinen Lehr buches der englischen Handelskorrespondenz. Sennewald gab sich einige Mühe, in die Rechtschreibung der Engländer ein- zudringen; aber ich muß ihm bescheinigen, daß er weder einen heiligen Eifer noch eine besondere Begabung für dieses Vor- haben mitbrachte.„Laß das man“, pflegte er zu sagen.„Ohne den Heckmeck jeht et ooch. Weet sagste, und weight schreibste. So’n Blödsinn!“—— Am nächsten Tage brachte mir Sennewald den britischen Heeresbericht. „Was sagt der Negus dazu? So dumm is er doch nun wirklich nicht, daß er glauben kann, du habest in einer Stunde gelernt, den englischen Sender abzuhören und richtig zu verstehen.“ „Nee, so dumm is er natürlich nich. Er weiß ja längst, daß ich englisch spreche, aber er tut so, als wüßte er es nicht. Das is das Sonderbare an dem Manne. Wenn er sich selber belügt und tut, als glaube er seine Lügen, dann, so meint er, könne ihn keiner belangen wegen Schwarzhörens. Er nimmt einfach für sich in Anspruch, für so dumm gehalten zu werden. Es is ja auch gar keine Gefahr. Wir halten die Schnauze, un er steht, wenn ich abhöre, vor dem ‚Spion‘ in der Ecke und beobachtet den Seitenzugang von der Zweie her. Da is jede Ueberraschung ausgeschlossen. Ich habe selbstredend auch gleich den Bericht in deutscher Sprache abgehört. Mensch, wenn du das mal mit unserm Heeresbericht vergleichst, da mußt du schon fragen: Wer schwindelt nun? Der Tommy dreht ja jetzt mächtig auf in Italien.“ Und dann 249 stellte sich in unserer weiteren Unterhaltung heraus, daß Sennewald außerordentlich geklärte Meinungen hatte von der Kriegslage... Das Idyll unseres englischen Unterrichtes nahm übrigens nach wenigen Wochen ein jähes Ende. Von irgendeinem seiner Kollegen war der Negus angezeigt worden, er räume einem Gefangenen seiner Abteilung, unstatthafte Freiheiten ein. Der Angeber war glücklicherweise nicht über die wahren Hintergründe der Anwesenheit Sennewalds in der Bücherei unterrichtet. Eines Tages kam der Negus zu mir: , Neise, der Lump, hat mich verzinkt. Is er mal hierjewesen wejen Sennewald?" Ich verneinte. - , Na ja, dazu hat er'n Arsch nich. Alles bloß hintenrum! Wenn Witte mal nachfragen sollte du weißt Bescheid. Aber das muß ich sagen, der Sennewald is'n fixer Kerl. Er versteht so gut, daß du staunst!" ,, Er hat sich eben Mühe gegeben." ,, Na, du hast dir wohl auch Mühe jegeben." Er griff in seine Rocktasche und brachte ein halbes Päckchen Machorka heraus, das er aus den abgezweigten Beständen des Hausvaters geklaut hatte. ,, Da hast du auch was dafür. Aber die Schnauze halten! Vastehste?" ,, Die Kinder können ja nichts dafür, daß durch sie die Welt übervölkert wird, aber sie büßen es nun doch mit ihrem Blute", pflegte Podey zu sagen, mit dem ich früh vor dem Einschluß in die Arbeitszellen des öfteren ein paar Worte wechseln konnte. Er war Schüler der Lenin- Akademie in Moskau und als solcher natürlich ein klar gerichteter Marxist. Aber der Rest von einem Malthusianer steckte doch so tief in ihm, daß auch die feuerfeste Bemalung mit den Farben eines dialektischen Materialismus ihn nicht ganz hatte verdecken können. Podey hatte in Prag ein bedeutendes Schnei deratelier geführt und zugleich einen Großhandel mit englischen Anzugstoffen. Dies letztere war ihm zum Verhängnis geworden. Eines Tages hatte man ihn verhaftet unter der Anklage des versuchten Hochverrats', und in seinen Betrieb einen SS.- Gruppenführer als sogenannten Treuhänder ein250 gesetzt, der denn auch mit dem Ausverkauf des großen Lagers nach erprobtem Muster sofort begonnen hatte. Neben der Tatsache, daß Podey zwei Jahre in Moskau sozialistisch geschult worden war, belastete ihn der Umstand, daß er, seinem tschechischen Namen zum Trotz, Deutscher war. Podey war der Schneiderei zugeteilt worden, die unmittelbar neben der Bücherei untergebracht war. Auf Grund seiner aus» gebreiteten Fachkenntnisse wurde er naturgemäß sofort die Seele des Geschäftes und die rechte Hand des Werkmeisters Müller. Wenn es galt, eine gutsitzende Uniform für einen Wachtmeister zu bauen, dann mußte Freund Podey ran!... Eines Tages war Podey verschwunden. Meister Müller ging mit grimmiger Miene in seinem Reiche um und schnauzte jeden Gefangenen ganz gegen seine sonstige Gewohnheit heftig an, der in seine Nähe kam.„Da ham’se mich nu widder mein? besten Arbeiter wegjenommen. Un dafür stecken se einen sonne Schuster in die Schneiderei, die vom Tuten un Blasen keene Ahnung ham”, schimpfte er, als ich ihn fragte, warum Podey nicht mehr da sei.„Er sitzt driewen in der Dritten in Ein» zelhaft. Warum? Weeß ich ooch nich. Missen se Witte fragen!“ Irgendwie sickerte durch, daß er auf Veranlassung der Pra- ger Gestapo eine ‚Sonderbehandlung‘ erfuhr. Ein in der Vers waltung tätiger Schreiber mit dem anspruchsvollen Namen Fortagne und einem im übrigen schauderhaft verbogenen Charakter hatte sich mit dieser Wissenschaft wichtig gemacht. Völlig klar über den Vorgang bin ich erst viel später gewor> den. Dies etwa war der Sachverhalt: Der in Podeys Betrieb eingesetzte Treuhänder hatte unter leichter Verkennung- seiner Aufgabe etwas zu viel für die eigene Tasche getan, und nun, da das Ende der sieben fetten Jahre für ihn heranzunahen, drohte, mußte er das Zeugnis des einzigen Mannes fürchten, der über die einstmals vorhandenen Bestände seines Lagers zuverlässige Mitteilungen machen konnte. Also mußte dieses Zeugnis eliminiert werden. Podey war einer von den sieben, Unglücklichen, die am 12. April, kurz vor dem Einmarsch der Russen, auf dem Friedhofe von Coswig von SS.=Männern erschossen wurden... Durch Wittes Schuld. Daran ist nicht zu zweifeln. Ich habe dies schon festgestellt, und ich komme auf diesen traurigen Umstand zurück, weil ich weiß, daß ein 251 ähnliches Schicksal im letzten Augenblicke viele Tausende ereilt hat, die sich in der Gewalt dieser Banditen befanden. Der Gegenstand der Anklage war dabei ganz unerheblich. Von irgendwem wurde der Tod eines unerwünschten Zeugen für zweckdienlich erachtet, und damit wurde der Tod dieses Zeugen eine schlichte Selbstverständlichkeit. Bemerkenswert an allen diesen Vorgängen ist aber eben doch, daß in fast allen Fällen von einem Widerstande der Justizstellen gegen die Ermordung der ihrer Obhut anvertrauten Männer und Frauen kaum etwas zu spüren war. Witte lieferte die sieben Opfer, die von ihm gefordert wurden, ohne Bedenken aus, ohne auch nur nach einer Begründung des Mordbefehls zu fragen. Wie konnte so etwas möglich sein in einem Staate, der sich seiner geordneten Rechtspflege rühmte? Man kann diese sinnlose Mordepidemie nicht deuten einfach mit dem Hinweis auf die , Angst vor der Gestapo'! Vielmehr war dafür verantwortlich die unbedingte Anerkennung der Autorität jener Stellen, die man als, staatsnotwendig' empfand. Das ist schließlich noch etwas anderes als der schlichte preußische Kadavergehorsam, dem man neuerdings alles in die Schuhe schieben will, was sich in das Bild einer ethisch fundierten Gemeinschaft nicht einfügen läßt. Man sah in einer solchen Haltung, die mit Pflichterfüllung und Beamtendisziplin nichts, rein gar nichts zu tun hat, sondern nur mit dem Fehlen alles Verantwor tungsbewußtseins, einen, letzten Wert'. Diese staatsvergötzende Haltung hatte überdies den Vorzug außerordentlicher Bequemlichkeit, indem sie Verantwortung und Entscheidung jenen Stellen zuschob, die diese Worte längst aus ihrem Vokabular gestrichen hatten. Diese Haltung aber ist es, die eine Entwicklung zur Demokratie in Deutschland bisher verhindert hat. Alle Vergötzung ist eben ein Uebel, ist vielleicht jene dunkle , Sünde wider den Geist', von der die Schrift spricht, ohne sie näher zu bezeichnen. Schlimmste Form: Vergötzung des Staates! Herr, erlöse uns von dem Uebel! 经 Die Spiele der Erwachsenen nennt man Geschäfte. Sagt nicht so der heilige Bischof von Hippo, Aurelius Augustinus? Sieht man das an, was sich Kriegsproduktion nennt, dann kommt man bald dahinter, daß der ehrwürdige Alte recht hat. 252 Da ist eine Fabrik, die mit der Arbeitsverwaltung des Zuchthauses um Pfennige am Gefangenenlohn feilscht. Damit kein Irrtum entsteht: Was die Firma zahlt, bekommen die Gefangenen ja doch nicht. Ihnen kann es ganz gleichgültig sein, wie sich der Arbeitsmarkt für Gefangene entwickelt, ob er eine steigende oder eine fallende Tendenz zeigt. Angesichts der blühenden Wirtschaftsentwicklung, die der Krieg mit sich bringt, ist die Tendenz natürlich steigend. - Diese Firma also stellt, chemische Produkte her. Das könnte Sprengstoff sein oder Farbe für den Osterhasen, seine Eier zu färben. Diesmal ist es leider etwas Uebelriechendes, nämlich Brandmasse für Feueranzünder. Die Gefangenen, die dort arbeiten, tauchen ein Stück Torf mit den Händen in eine heiße, dampfende Masse, die aus Teerrückständen besteht. So etwas machte man früher mit Gummihandschuhen; aber die gibt es leider nicht mehr. Die also mißhandelten Hände rächen sich natürlich. Freie Arbeiter weigern sich, diese Arbeit man nennt sie das Tauchen' zu verrichten, und man kann ihnen das gar nicht verdenken. Wer nämlich einmal seine Hände in diese Masse getaucht hat, der hat sie derart mit schwarzer Farbe imprägniert, daß das beste Waschmittel der Welt einige Monate braucht, sie wieder weiß zu waschen. Also muß diese Arbeit von Gefangenen verrichtet werden. Gefangene können sich nämlich nicht einfach weigern, sie zu verrichten. Aber sie demonstrieren: indem sie zum Zuchthausarzt gehen und ihm die miẞhandelten Hände mit ihren mannig faltigen eiternden Ekzemen unter die Nase halten. Dieser Mann ist zwar kein Arzt, sondern ein Medizinmann, aber immerhin, es gibt Dinge, denen er sich doch nicht ganz verschließen kann... Natürlich ist diese Arbeit, wenn auch nicht gerade gesundheitsfördernd, gänzlich unschädlich. Der Herr Regierungsmedizinalrat hat ein Gutachten darüber abgegeben, in dem es heißt: ,, Auf Anfrage teile ich mit, daß der Umgang mit den in Ihrem Werke verarbeiteten Teer- Restprodukten keine gesundheitschädlichen Wirkungen, insbesondere keine Hautschädigungen erwarten läßt. Es liegt daher kein Grund zur Verwei gerung der bei Ihnen zu verrichtenden Arbeiten vor und muß eine solche als Sabotage bezeichnet werden." Das Wort Sabotage ist in diesem stilistischen Meisterwerke dreimal rot un253 " terstrichen. Der Herr Regierungsmedizinalrat heißt Dr. Dr. Maenicke... Dieses Gutachten ging an die Zuchthausverwaltung mit einem Begleitschreiben, aus dem zu entnehmen ist, daß der Herr Regierungsmedizinalrat ein zweites Gutachten über diese Arbeit abgegeben hat, das noch ein paar Worte mehr enthalten haben muß. In dem Begleitschreiben des Gewerbeamtes heißt es nämlich: Nach Mitteilung des Staatlichen Gewerbeamtes sind ernste Erkrankungen außer evtl. chronische Hautschäden mit möglichem Uebergang in Hautkrebs durch die Einwirkungen der Teerdämpfe nicht zu befürchten. Zum Schutze der Hände wird die Verwendung der, Beo- Arbeitsschutzsalbe' der Firma Beo Petri u. Co. in Wiesbaden- Dotzheim dringend empfohlen, die für solche Fälle besonders geeignet sein dürfte." Ist es nicht wirklich so? Die Spiele der Erwachsenen nennt man Geschäfte. Nur daß die Erwachsenen nicht mehr mit Holzpferdchen und Blechkanonen spielen. Diesmal spielen sie mit der Haut der Gefangenen. Die Diplomaten spielen mit dem Blutstrom der Völker. Auch dieses Spiel verläuft im großen ganzen nach den gleichen Spielregeln. % Das ist auch so eine Sache, auf die der Negus in meiner Abschiedsaudienz anspielte: die Sache mit Polackenschulz in Bernburg. Der Tiefbauunternehmer Bernhard Schulz in Bernburg hat seit Jahren etwa hundert Gefangene gemietet. Er bringt sie in selbsterrichteten Baracken unter und verpflegt sie auch. Die Aufsicht stellt das Zuchthaus. Er stellt in riesigen Mahlmühlen irgend eine Masse her, die er an ein bekanntes Großunterneh men in Berlin liefert. Wozu sie gut ist, weiß niemand genau... Die Baracken sind seinerzeit von der Berliner Firma finanziert worden. Schon vor dem Kriege. Sie sind längst amorti siert. Die Verpflegung kostet pro Mann und Tag siebenundvierzig Pfennige. Ich weiß das zufällig genau, denn ich habe als Schreiber des Wirtschaftsverwalters die reichlich einfache Buchführung eingesehen. Von den Aufwendungen für das Wachtpersonal entfällt ein Anteil von siebzehn Pfennigen pro Tag auf den Gefangenen. Für die Arbeitsleistung des Gefangenen zahlt Schulz an die Justizklasse zu Naumburg pro 254 Mann und Tag drei Mark und vierzig Pfennige. Seine Gesamt- kosten belaufen sich mithin auf rund vier Mark. Rohstoffe und Maschinen liefert das Berliner Werk und vergütet darüber hinaus für das Arbeitsprodukt pro Arbeiter und Tag acht Mark achtzig. Schulz verdient also bei diesem modernen Skla- venhandel pro Mann und Tag, eigene Unkosten an Büro» und Schreibkräften hoch geschätzt, vier Mark: fünfzig. Er be schäftigt hundert Mann im Durchschnitt. Bernhard Schulz ist der Jagdfreund des Herrn Oberregierungsrates Witte... Dieser für Schulz so einträgliche Zustand hatte sich von 1936 bis in den Sommer 1944 wunangefochten erhalten. Große, unser Wirtschaftsinspektor, eine gerader Beamter, fraß den Grimm darüber in sich hinein, wagte jedoch nicht, die Eiter- beule aufzustechen. Eines Tages ließ eine besondere Frechheit dieses Unternehmers den letzten Tropfen in den brodelnden Topf seiner Gefühle fallen, und der Topf kochte über... „Machen Sie einen Bericht über diese Schweinerei an den Herrn Generalstaatsanwalt!“ sagte er zu mir, blaurot vor Zorn im Gesichte.„Jetzt ist's genug!“ Ich machte also einen Bericht. Ich machte ihn an Hand der Akten und einer Statistik, die dazu angetan war, Felsen zu, spalten. Ich machte diesen Bericht mit besonderem Vergnügen, spickte ihn mit juristischen Wortvorräten und einigen Para= graphen des StGB., um ihn für einen Generalstaatsanwalt lesbar zu machen, und dann legte ich ihn meinem Oberinspektor vor. Der las ihn schweigend durch und sagte:„Meinetwegen!“ Vielleicht hatte er die Schärfe meines Schriftsatzes, die ein wenig zwischen den Zeilen lag, nicht im vollen Umfange er> faßt. Sein Verstehen war mehr auf Ziffern eingerichtet, und daß das in der Statistik niedergelegte Material zuverlässig war, darauf konnte er sich verlassen. Also schrieb er seinen Namen darunter und gab den Bericht zur Post. Etwa drei Wochen vergingen. Dann fuhr eines Morgens um neun Uhr der Herr ‚General‘ selber vor. Mit elastischem Schritt trat er ins Allerheiligste des Oberinspektors, wo. ich eben damit beschäftigt war, Zugänge auf ihren Arbeitsplatz zu verteilen, und sagte: „Moj’n, Herr Oberinspektor. Habe hier einen Bericht von Ihnen erhalten über Verhältnisse Schulz. Schätze, der Bericht is nich auf Ihrem Miste gewachsen. Wer hat ihn verfaßt?“ 255 Zur Ehre meines guten Oberinspektors sei es gesagt: Er geriet durch diese Behandlung der Angelegenheit seitens des Herrn Generals nicht einen Augenblick in Verlegenheit. ,, Der Bericht wurde in meinem Auftrage von meinem Schreiber zusammengestellt, der dabei das gesamte Aktenmaterial und den letzten Schriftwechsel mit Schulz benutzt hat. Ich glaube kaum, daß in diesem Berichte etwas objektiv Unrichtiges zu finden sein wird." ,, Bringen Sie mal den Mann her!" ,, Hier steht er!" sagte Große, indem er auf mich zeigte, der bescheiden in eine Ecke gerückt war. Der Herr Generalstaatsanwalt geruhte, mich von oben bis unten, und von unten bis oben einer scharfen Musterung zu unterziehen. Er benutzte dazu ein Einglas, das er nach dieser Inaugenscheinnahme elegant in die Westentasche fallen ließ. ,, Was sind Sie von Beruf!" ,, Zuchthausgefangener." " Was für einen Beruf haben Sie früher ausgeübt?" ,, Ich bin Volkswirtschaftler und war im Lehrfach tätig." , Weshalb sind Sie bestraft?" " ,, Wehrkraftzersetzung." ,, Durch welches Gericht?" ,, Auf Grund einer Anordnung des Volksgerichtshofes Berlin durch das Oberlandesgericht zu Dresden." " Woher wollen Sie dies erstere wissen?" ,, Aus einer Mitteilung meines Anwaltes, der jederzeit bereit sein wird, die Richtigkeit meiner Angabe zu bestätigen." Der Herr General nickte. Dann sagte er langsam: " Gehen Sie mal aus dem Zimmer." Nach einer Stunde etwa verließ der Generalgewaltige das Haus. Mein Oberinspektor kam zu mir herüber in den kleinen Raum, in dem ich an der Maschine arbeitete. ,, Er ist fort, das heißt, er ist rüber zu Witte gegangen. Die Sache soll geprüft werden. Mal sehen, was dabei herauskommt", sagte er. Es klang nicht sehr zuversichtlich... Abermals vergingen drei Wochen. Dann kam der Bescheid der Generalstaatsanwaltschaft. Er lautete: ,, Nach genauer Ueberprüfung des Vorganges ist festgestellt worden, daß die eigenen Unkosten des Unternehmers doch er256 heblich höher sind, als in der rechnerisch im übrigen einwandfreien Statistik der dortigen Dienststelle zum Ausdruck kommt. Der Herr Generalstaatsanwalt hält es trotzdem für angemessen, den vereinbarten Mietpreis pro Gefangenen und Tag neu festzusetzen, und zwar von drei Mark vierzig auf Drei Reichsmark und sechzig Reichspfennige. Dazu wird bemerkt, daß in Zukunft derartige Untersuchungen auf ein Mindestmaß zu beschränken sind, da der Herr Generalstaatsanwalt ein Interesse daran hat, Unternehmer,' die Gefangene beschäftigen, auch in den kommenden Friedensjahren als Abnehmer von Gefangenenarbeit sich zu erhalten." ( gez.) Name unleserlich. Mein guter Oberinspektor las diesen Schrieb schweigend. , Da haben Sie es!" sagte er dann und reichte mir das Blatt über die Maschine zu. ,, Man soll den Jagdfreunden des Direk< tors nicht an die Karre fahren. Merken wir uns das für die Zukunft!" Drei Tage später wurde ich von Witte als Schreiber des Oberinspektors abgelöst und kam in Einzelhaft, wo ich mit einem Hammer bewaffnet Bombenabwurfgeräte der Luftwaffe, die nie benutzt worden waren, in Schrott verwandeln mußte. Immerhin war diese Arbeit produktiv. Aus einem solchen Geräte, das laut beiliegender Rechnung mit fünfhundertfünfzig Mark bezahlt worden war, löste die Anstalt etwa fünfundsiebzig Pfennige Metallwert, welcher Ertrag durch die Kosten des Transportes und die Arbeitsaufwendung auf im Endeffekt fünfzig Pfennige gedrückt wurde. Aber man erkennt doch daraus, daß im Dritten Reiche nichts achtlos verkam. In diesem Geräte war freilich ein sehr sauber gearbeiteter Voltmeter eingebaut, für den man von jedem Radiotechniker gut und gern zehn bis fünfzehn Mark hätte erlösen können. Aber er wurde von den Gefangenen genau so zerschlagen wie die übri gen Teile des Mechanismus. Niemand gab Anweisung, diese Voltmeter auszuschrauben, was natürlich im Grunde einfacher war als die Zertrümmerung mit dem Hammer. Im Laufe weni ger Wochen wurden rund zehntausend solcher Geräte allein in unserer Abteilung verwertet... Der Krieg erzieht eben zur Großzügigkeit! 17 Berbig: Knast * 257 Das Zuchthaus hatte auch einen Pfarrer, der sich für verpflichtet hielt, seinen Schäfchen alle vier Wochen einen Predigtgottesdienst zu versetzen. Ein gepflegter Vollbart legiti mierte ihn als Fachmann in allen Fragen des apostolischen Glaubens und der Augsburgischen Konfession. Aber dieser Vollbart und noch einiges andere dieser Art war, wie sich im Gebrauch herausstellte, nur Fassade. Er war ein Romantiker, und sein Glaube hatte mit dem Christentum etwa so viel zu tun wie Winnetou mit einem richtigen Indianer. Er war ,, Modernist" im verwegensten Sinne des Wortes, und überdies gar kein Nazi! Als im Osten die Front immer gewaltsamer zusammenbrach, hielt er eine machiavellistische Predigt, die mit stürmischen Zustimmungskundgebungen geendet hätte, wenn so was eben im Knast möglich gewesen wäre. Er wies darin in unmiẞverständlichen Worten auf die wahre Lage hin und schloß mit dem flammenden Aufrufe: Alle Kräfte dem bedrängten Vaterlande! Damit sprach er seinen Hörern aus dem Herzen! Sie alle waren bereit, auf der Stelle freiwillig einzutreten in die Reihen der Kämpfer für Großdeutschland.( Eine schickliche Gelegenheit zum Frontwechsel würde sich schon ergeben!) Aber die Leitung dieses der moralischen Besserung und vaterländischen Erziehung gewidmeten Hauses war mit derartigen Hoch- und Offenherzigkeiten ganz und gar nicht einverstanden, und so war denn diese Predigt die letzte unseres ,, Divisionspfarrers". Gottesdienste fanden seither nicht mehr statt. - Eine Woche später kam der Pfarrer einmal zu mir in die Bibliothek. Er sagte mit salbungsvoller Stimme: ,, Leider wird unser schlichter kleiner Kirchenraum nun auch für den totalen Einsatz in Anspruch genommen, und ich kann meine Gemeinde nicht mehr um mich sammeln. Aber im Herzen bin ich bei euch, meine Lieben! Haltet treu zum Wort. Der Führer rechnet auch mit euch!" Dazu blinzelte er mich spitz>> bübisch über die. Brille weg an. Ich muß gestehen: der Mann gefiel mir immer besser, je näher ich ihn kennen lernte. Im Anfang hatte ich ihn für die übliche Kreuzung aus Rudolf Herzog und Pistolenschieẞklub Tell gehalten. Nun entpuppte er sich als ein Mann, den man vielleicht sogar einmal politisch aktiv einschalten konnte. Ich sprach mit Mimra darüber und mit Karel van der Wall. 258 Beide waren der Meinung, daß man mit ihm einen Versuch machen solle. Ich übernahm es, bei schicklicher Gelegenheit den Mann zu überprüfen. Diese Gelegenheit bot sich mir an einem der nächsten Tage, Der‘Pfarrer kam in einer stillen Nachmittagsstunde zu mir, um sich ein Buch von Wilhelm Raabe auszuborgen, und dabei verwickelte ich ihn in ein Gespräch über das Sakrament der Beichte. Er mochte fühlen, wohinaus meine Absicht ging, und er versicherte mir durch Handschlag, daß ein Beichtge» heimnis bei einem evangelischen Pfarrer ebenso sicher aufge» hoben sei wie bei einem katholischen. „Eine Vorfrage“, so begann ich tastend.„Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wie das Ende dieses Krieges sich in. diesem Hause auswirken wird?“ Er blickte mich fast erschreckt an. „Gedanken? Nun ja— wer macht sich darüber nicht Ge= danken. Das Ende wird furchtbar sein, und— gewisse Konse- quenzen werden sich nicht vermeiden lassen, denke ich. Es wird alles davon abhängen, was für Truppen hier einrücken. Wenn Zeit dazu ist, wird man die Insassen der Anstalt vorher wegbringen.““ „Wohin?“ „Das weiß wohl jetzt noch niemand.“ „Ich fürchte, das wird auch niemand wissen, wenn diese Frage brennend wird“, sagte ich ruhig.„Es wird einen Ort, der von fremden Truppen unbesetzt bleibt,- in Deutschland nicht geben.“ H Der Pfarrer blätterte wie zerstreut in seinem Buche. Dann sagte er:„Sie mögen recht haben. Aber ich glaube nie und nimmer, daß die Anstalt durch ihre Beamten im vollen Bestande an einrückende Truppen übergeben wird. Die Gefahr für gewisse Leute ist zu groß.“ „Eben deshalb spreche ich zu Ihnen— als zu meinem geist- lichen Freund und Berater—— als zu meinem Beichtvater! Ihre Christenpflicht ist es, ein Blutbad zu verhüten. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?“ Der Pfarrer blickte ängstlich nach der Türe, die offen war. Auf dem benachbarten Korridor schlurfte der Schritt des Meisters und verklang hinter einer zugeklappten Türe. 17° 259 ,, Sie überschätzen den Einfluß, den ich auf derartige Ereignisse nehmen kann", meinte er zögernd. ,, Es werden dann Anordnungen von Naumburg her ergehen, vielleicht auch von Berlin her. Der Direktor schweigt sich darüber aus. Man muß abwarten. " ,, Nein, Sie dürfen nicht abwarten, Herr Pfarrer", sagte ich eindringlich. ,, Sie müssen handeln, wie Ihnen Ihr Gewissen dies vorzeichnet! Morde in der Anstalt, die in einem solchen Augenblicke begangen werden, fallen nicht nur auf Ihr Ge wissen, sondern auch auf Ihre strafrechtliche Verantwortung. Das muß ich in aller Deutlichkeit aussprechen, und meine Beichte besteht darin, Ihnen mitzuteilen, daß Sie in einem solchen Falle mitverantwortlich gemacht werden müßten. Vielleicht denken Sie einmal darüber nach, und wenn Sie zu einem Ergebnis Ihres Nachdenkens gekommen sind, so bin ich gern bereit, Ihnen mit unserm Rat über die möglichen Formen Ihres Handelns zur Seite zu stehen. Ich bitte Sie, das als tiefsten Ernst zu nehmen, was ich Ihnen jetzt anvertraut habe. Ich weiß genau, daß ich mich damit in Ihre Hand gebe. Aber ich glaube auch zu wissen, daß es Augenblicke gibt, in denen man die eigene Gefahr nicht mehr achten darf." Der Pfarrer schüttelte mir ergriffen die Hand. ,, Sie sollen sich in mir nicht getäuscht haben!" sagte er. ,, In den nächsten Tagen werde ich wieder bei Ihnen sein, und wir werden abermals ein paar Worte über diesen Gegenstand sprechen." Damit verließ er mich. - Ich gestehe mir war nicht sonderlich wohl in meiner Haut. Theologen sind nicht immer redliche Menschen, und schließlich kannte ich diesen Mann ja nur aus seinen wirren Predigten. Aber Mimra, dem ich den Inhalt unserer Unterhaltung mitteilte, war der Meinung, daß man ihm Vertrauen schenken könne. ,, Der Pfarrer und der Inspektor sind die einzigen Menschen in diesem Hause. Wir müssen sie auf unsere Seite bringen. Wenn die Liste vollstreckt wird wir brauchen ein paar -- Männer, die die Mitverantwortung übernehmen..." Nachher ist denn freilich alles ganz anders gekommen. Aber wer konnte das Ausmaß dieses Zusammenbruches vorausahnen? - - 260 Vierzehn Tage später war der Pfarrer wieder bei mir in der Bibliothek. ,, Ich habe versucht, den Direktor ein bißchen auszu horchen", so begann er. ,, Es liegt eine Liste bei ihm. Politisch Belastete, die keinesfalls in die Hände des Feindes fallen dür fen. Was das heißt, das weiß man ja. Ihr Name ist nicht auf der Liste. Es sind sechs Namen, meist Ausländer. Die Liste kommt vom Reichssicherheitsamt in Berlin, und sie soll von der SS. vollstreckt werden, wenn es an der Zeit ist." ,, Ihre Aufgabe ist es also, Witte, dem Direktor, klarzumachen, daß er als Beamter der Justizverwaltung unter gar keinen Umständen die Vollstreckung dieser Liste zulassen darf! Daß er sich einfach weigern muß, die Gefangenen herauszugeben! Ja, das ist Ihre Aufgabe! Sie müssen das unter allen Umständen erreichen oder aber Sie machen sich mitschuldig am Tode dieser Menschen!" - Der Pfarrer stand bleich vor mir. Ich fühlte, wie sich ein innerer Widerstand in ihm aufbäumte gegen die Sprache, die hier ein Gefangener ihm gegenüber führte. - nicht ,, Mitschuldig?" fragte er.„ Ich stehe völlig außerhalb des Betriebes dieses Hauses, bin lediglich dienstverpflichtet einmal das mehr. Eigentlich habe ich hier gar nichts mehr zu suchen. Man hat mir den Stuhl vor die Türe gesetzt. Verantwortlich. Das ist zu viel verlangt von mir..." - ., Ich spreche zu Ihnen nicht als zu einem Beamten, sondern als zu meinem Beichtiger, Herr Pfarrer. Das wollen Sie bitte nie vergessen. Wer sonst als Sie soll den Mut haben und wessen Worte mehr Gewicht als die Ihren? Jedenfalls müssen Sie alles daransetzen, dieses Ziel zu erreichen! Können Sie mir die Namen derer verschaffen, die auf dieser Liste stehen?" Er zögerte. - - ,, Das wäre ein grober Vertrauensbruch", sagte er dann. ,, Das möchte ich nicht tun. Es nützt den Betroffenen ja auch gar nichts. Nein will aber ich werde mit Witte sprechen versuchen, ihn dahin zu bringen, daß er im letzten Augenblicke es wird ja alles darauf ankommen, wie es dann draußen aussieht..." Ich sprach mit Mimra und Karel van der Wall darüber. 261 · ,, Mehr ist im Augenblick nicht zu machen. Es ist immerhin gut, daß wir von dieser Liste wissen. Wenn die Gestapo ankommt, werden wir ja merken, wohin die Reise geht. Eventuell müssen wir uns dann zum raschen Handeln entschlieBen." B Die Liste der Gestapo ist vollstreckt worden. Niemand hat die Vollstreckung verhindern können. An der ehrlichen Bemühung unseres Pfarrers um die Erhaltung des Lebens dieser Gefangenen ist nicht zu zweifeln. Wie sich das alles abgespielt hat, weiß ich nicht. Ich war nicht mehr in Coswig, als sich dieses Drama auf dem alten Friedhofe der Stadt abspielte. Mitten in der Nacht ist eine SS.- Abteilung ins Zuchthaus eingedrungen und hat die auf der Liste Verzeichneten herausgeholt. Mein Freund Podey war unter ihnen... - - Es widerstrebt mir, weitere Einzelheiten aus meinem Leben in dieser Zeit zu berichten, einfach deshalb, weil alles, was zu berichten wäre, so unsäglich traurig ist. In diesem Hause schwebte und webte ein böser Geist, ein Gespenst, das alles Leben tötet, die Freude mordet, jegliches Gefühl für Eigenwert und Persönlichkeit niedergeifert, den Gefangenen zum Automaten eines raffiniert erdachten Systems der Vernichtung alles Menschlichen erniedrigt und die von der Justizver waltung dafür hingestellten Männer, die Aufseher, Wachtmeister, Oberwachtmeister, Hauptwachtmeister, Sekretäre, Obersekretäre, Inspektoren bis hinauf zum Leiter des Ganzen, dem Regierungsrat, die dieses System im Namen des deutschen Volkes und einer sittlichen Weltordnung handhabten, waren sich ihrer wahren Funktion nur in Ausnahmefällen bewußt. Sie wendeten es nach den ihnen erteilten Vorschriften, mehr noch traditional und von nie abreißender Erfahrung her an, wie der Maler den Pinsel, der Schlosser Hammer und Zange. Das Entwürdigende ihres Tuns blieb ihnen innerlich fremd. Ich habe mich oft gefragt: Ist es denn wirklich richtig, diese Menschen für ihre Verbrechen gegen die Würde des Menschen zum Tode zu verurteilen? Wenn ich in solcher Stimmung zu Mimra sprach, dann lächelte er wohl schmerzlich, und dann sagte er ohne alles Pathos: ,, Weg! Weg mit diesem Ungeziefer! Ob Hitler oder der Wachtmeister Irgendwer, ob 262 Himmler oder Heydrich - - دو nur weg! Alles andere ist gleichgültig. Sie sollen ja gar nicht bestraft werden. Nur weg! Weg! Dieses Viehzeug verpestet die Luft mit seinem Gestank. Weg! Nur weg!" Er unterstützte dann diesen immer erneut variierten Ausbruch seines Abscheus mit sprechenden Gesten. Aber er redete ohne alle Leidenschaft., Was sollen diese Bestien nach einem Zusammenbruch der Macht, die ihnen das Mordinstrument in die Hand gegeben hat, in dieser Welt auch noch anfangen? Etwa umlernen? Freilich, das möchten sie dann gewiß! Jeder dieser Beamten wäre bereit, gegen den Generalstaatsanwalt zu Naumburg, ja selbst gegen Hitler genau so brutal zu sein wie gegen uns, wenn nämlich der Uhrzeiger einmal wieder rechtsherum läuft. Oder glaubst du nicht, daß der Negus dem Regierungsrat deinen Gummiknüttel genau so in die Fresse schlagen würde, wie dem Sicherheitsverwahrten oder dem Politischen? Ich meine, wenn nämlich im I.- V.- Röckchen, die Kappe demütig in der Hand, vor einer Zellentüre stände und auf den Einschluß wartete? Darauf kannst du dich verlassen. Nein! Weg mit diesem Ungeziefer? Wir wollen diese Leute ja gar nicht quälen. Gehenkt werden ist die humanste Art, dieses Viehzeug auszurotten. Ich werde jedenfalls ohne jedes Gefühl des Bedauerns vor dem Haken stehen, an dem der Negus aufgeknüpft wird, und ich werde das Todesurteil, das wir gegen ihn ausgespro chen haben, jederzeit vor jedem ordentlichen Gerichte eines Kulturstaates vertreten." er Karel von der Wall lächelte zu solchen Unterhaltungen nur geringschätzig. - sub ,, Ihr macht euch beide viel zu viel Gedanken über das Schicksal dieser Gauner und Verbrecher. Oder habt ihr Ge wissensbisse, wenn ihr eine Wanze an der Wand zerquetscht habt? Na also! Der Negus und eine Wanze specie aeternitatis ist mir die Wanze sympathischer!" Der Mensch denkt, die Zeit lenkt. Mimra und ich erlebten beide den Tag der Abrechnung nicht mehr in Coswig. Karel von der Wall konnte nicht alle Todesurteile, die von uns ausgesprochen wurden, vollstrecken lassen. Einer der schlimmsten Verbrecher, Rauchfuß, der Ortsgruppenleiter von Coswig, ist bis heute dem Tode entgangen. Ob ihm das Leben, das er heute führt, freilich be263 sonderen Spaß macht, das möchte ich bezweifeln. Vielleicht will ihn das Schicksal gerade durch dieses Leben bestrafen? Zweier Männer muß ich dankbar gedenken: des Wirtschaftsinspektors Große und seines Helfers Mönnich, der zugleich als Dentist für die Gefangenen tätig war. Große war stets bemüht, gesetzliche Zustände im Hause aufrechtzuerhalten; und dies wurde ihm wahrlich nicht leicht gemacht. Mön nich gelang es darüber hinaus, den Gefangenen gegenüber eine menschliche Haltung zu bewahren, und was das in einer solchen Umgebung bedeutete, kann nur der verstehen, der diese stillen Kämpfe eines aufrechten Mannes um das, was er sein Gewissen nannte, selber mit angesehen hat. Mönnich gab mir in den Tagen, in denen er und die Seinen wahrlich nicht im Ueberfluß lebten, aus seinem Haushalt ein halbes Brot zum Abschied mit auf den Leidensweg des Transportes. Wer kann heute ermessen, was für ein Herz dazu gehörte, so an einem verhungerten Gefangenen zu handeln? Mönnich war eben einer jener seltenen Menschen, deren soziale Beziehungen nicht nur auf einer Do- ut- des- Haltung basieren. Einem solchen Manne als Gefangener zu begegnen, ist eine Glücksfügung von besonderer Herrlichkeit. In einem alten Logen- Liederbuche fand ich einst den naiven Reim: Wohltaten, still und rein gegeben, sind Tote, die im Grabe leben! Ich bin nicht für pompöse Grabinschriften, aber wenn nun schon, dann ge bührte dem braven Mönnich ein schlichtes Epitaph mit diesem kindlichen Reime und dem Zusatz: ,, Gab dem hungernden Gefangenen Brot um Gottes Lohn!" - ' Wenn ich das, was ich über die Coswiger Zeit niedergeschrieben habe, noch einmal überlese, dann finde ich, daß durch diese Niederschrift ein klares Bild vom Leben in diesem Hause nicht vermittelt wird. Aber schließlich wollte ich ja gar nicht eine ,, Reportage aus Coswig" geben. Menschen und Schicksale zu schildern, hatte ich mir vorgesetzt, und eben auch das ist mir nur in bescheidenem Maße gelungen; denn solcher Menschen und Schicksale gab es in diesem Hause in ver wirrender Fülle und Mannigfaltigkeit. Der Versuch, sie in Einzelbildern einzufangen, ergäbe ein Buch für sich. Mein eigenes Schicksal hat in diesem Jahre ganz merkwürdige Berg264 und Talfahrten gemacht. Einiges davon will ich wenigstens andeuten. Als Willy Pohle endlich entlassen war, trat an seine Stelle als Hauptschreiber der Arbeitsverwaltung ein ausgesprochen Schiefgewickelter, namens K..., der wegen Verführung Minderjähriger und einiger damit in Zusammenhang stehender Delikte zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Er zog an Willy Pohles Stelle in unsere Zelle: ein kleiner, beweglicher Kerl, leider nur eben auch charakterlich stark angeschlagen. Intrigant und jederzeit bereit, Spitzeldienste zu leisten. Seine. Anwesenheit in der Zelle war Sprengpulver für die Gemeinschaft, und so kam es zwischen ihm und mir bald zu einem ernsthaften Konflikte. Er meldete mich bei Witte, und Witte ließ mich vorführen. In dieser Unterredung mit dem Direktor habe ich es denn an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Witte bot mir daraufhin eine Einzelzelle in einer anderen Ab teilung an, und ich war ihm für dieses Angebot außerordentlich dankbar. So wurde ich der Zellennachbar von Charles Bainverlzweig. Die neue Behausung war für mich eine Erlösung. In dieser Einzelzelle verblieb ich bis zu meiner Entlassung. Es war übrigens dieselbe Zelle, in der mich Rauchfuß am ersten Tage meines Zuchthausdaseins so herzlich willkommen geheißen hatte. Die letzten Wochen meiner Zuchthaushaft waren die schwer sten. Am Tage mußte ich mit Italienern und Franzosen Bombenabwurfgeräte, verwerten, und das war für mich, der ich niemals mit Hammer und Meißel umzugehen gewöhnt gewesen war, recht anstrengend. Aber auch hier fand ich zuguterletzt einen Ausweg. Ich machte Rackebrand den Vorschlag, die Voltmeter herauszuschrauben. Das war eine saubere und leichte Arbeit, die die Verwertungsquote um mehrere tausend Prozent erhöhte. In diesen letzten Wochen verlor ich die Verbindung mit Mimra ein wenig, da in Erwartung meines Abganges bereits ein neuer Bibliothekar eingerichtet worden war, der alles das, was ich in sachlicher Arbeit aufgebaut hatte, wieder verkom men ließ. Nun ich hatte ja kein vitales Interesse daran, mit Nachruhm belastet aus diesem Hause zu scheiden. Als ich ging, hatte ich das Gefühl: Noch länger hier zu leben, wäre eine untragbare Belastung gewesen. In der Tat, ich verließ dieses - 265 Haus eben im rechten Augenblicke. In den nächsten drei Monaten schnellte die Todesquote so gewaltsam hoch, daß man es wirklich als einen Gewinn betrachten konnte, diese Zeit an einem anderen Orte zu verleben: Auch an aufregenden Erlebnissen war für mich kein Mangel gewesen. Eine neue schwere Explosion. in den nahegelegenen Sprengstoffwerken zertrümmerte unsere Fensterscheiben und forderte unter den dort beschäftigten Gefangenen: eine Reihe von Todesopfern und Erblindeten. Die Katastrophe konnte einwandfrei auf einen Sabotageakt zurückgeführt werden. Der Mann, der die Explosion zur Auslösung brachte, war ent» schlossen mit in die Luft gegangen.— Bei Polackenschulz in Bernburg stürzten sich immer wieder Selbstmörder vom hohen Förderturme herab, und jedesmal gab es peinliche Unter- suchungen, die vom Wirtschaftsinspektor mit besonderer Hin» gabe betrieben wurden.— Als im Magdeburger Unter suchungsgefängnis der Flecktyphus. ausbrach, mußten einige Aufseher von uns dorthin abgegeben werden, die Schauer» geschichten vom Wüten der Krankheit erzählten. Auch das Heldensieb— die Nachuntersuchung auf Kriegstauglichkeit — forderte Opfer in den Reihen der älteren Wachtmeister, so daß die-Zahl der aufsichtführenden Beamten ständig zus rück, ihre Dienststunden dafür in die Höhe gingen. Die Zeit fraß gierig Nervensubstanz in allen Schichten des Hauses, und man fühlte deutlich, daß es zu Ende ging. Bereits im November 1944 wußte ich, daß der Ablauf meiner Strafzeit für mich die Freiheit nicht bedeuten würde. Geahnt hatte ich es*ja bereits, als ich verurteilt wurde. Es wurde mir zur Gewißheit durch einen Schriftwechsel zwischen dem Reichs- sicherheitsamt und dem Generalstaatsanwalt zu Naumburg, der mir in Abschrift— ‚zur Kenntnisnahme an die Direktion des Zuchthauses Coswig’— durch die Finger lief. So konnte ich meine Frau von dieser Wendung meines Schicksals noch recht- zeitig in Kenntnis setzen, so daß ihr die große Enttäuschung am Tage der Entlassung erspart blieb... Ende November kam dann die klare Anordnung, daß ich als ‚gemeingefährlicher poli- tischer Häftling‘ am 20. Dezember nicht in Freiheit zu setzen, sondern der Gestapostelle Leipzig zu ‚überstellen‘ sei. Der gute Oberinspektor Große hatte das Schriftstück offen auf seinem Arbeitsplatz liegen lassen, den ich früh aufräumte. Nun 266 also wußte ich genau, daß mein Leidensweg noch über einen steilen Berg führen würde vielleicht auch in jenes Nichts, in das schon so viele vor mir gewandert waren. - Kurz vor meiner Entlassung aus dem Zuchthause wurde ich es war an einem Dienstage zur Entgegennahme der üblichen Abschiedsermahnungen dem Direktor vorgeführt. Der vorführende Wachtmeister blieb stramm in der Türe stehen, während ich vor den Schreibtisch des Gewaltigen trat. Witte schien in elegischer Stimmung zu sein. Ein milder Ernst stand in seinen sonst so leeren Zügen... ,, Ich habe beschlossen, Sie schon morgen zu entlassen, obwohl ihre Strafzeit erst am Freitag abläuft. Sie müßten bis zum nächsten Transport sonst abermals eine Woche warten. Leider muß ich Sie davon in Kenntnis setzen, daß Sie mit Ihrer Entlassung aus diesem Hause noch nicht frei sind. Sie werden der Gestapo überstellt zur nochmaligen Ueberprüfung Ihrer Akten. Aber das ist, so hoffe ich, nur eine Formsache, und ich bin der festen Ueberzeugung, daß Sie bald frei sein werden." ,, Das hoffe ich auch, Herr Regierungsrat", antwortete ich mit einem Lächeln, das Witte wohl richtig deutete. - ,, Nun ja ich wünsche Ihnen also, daß es Ihnen gelingen möge, sich möglichst bald wieder in einen bürgerlichen Beruf einzugliedern. Ins Lehramt werden Sie ja kaum wieder zurückkehren können, aber für einen Mann Ihrer Bildung gibt es ja auch an anderer Stelle Möglichkeiten. Haben Sie schon Pläne für Ihre Zukunft?" ,, Nein. Ich werde mich mit solchen Gedanken erst befassen, wenn ich frei bin, und das wird ja immerhin noch eine Weile dauern." - ich ,, Nun nun Sie sind natürlich über meine Mitteilung zunächst niedergeschlagen, das verstehe ich, aber glaube fest, gerade in Ihrem Falle ist die Rückführung nur eine Formalität. Ich habe alles getan, um- aber davon nachher noch ein Wort. Wohin werden Sie sich wenden, wenn Sie frei sind?" ,, Das weiß ich heute noch nicht." Witte blickte ein wenig unsicher vor sich hin. Dann sagte er zögernd: 267 „Das ist— nun, ich will Ihnen in diesem Punkte keinen Rat geben, aber ich glaube, wenn Ihnen von der Gestapo die gleiche Frage vorgelegt wird, empfiehlt sich eine andere Antwort.“ „Darf ich fragen, welche?“ „Nun— ich kann Ihnen da wirklich keinen Rat geben. Ich würde jedenfalls sagen: Einreihung in das Heer derer, die am Aufbau zerstörter Städte— na, und so, Sie wissen schon, und überdies— es wird Ihnen ja auch praktisch gar nichts anderes übrigbleiben.“ „Zum Maurer bin ich zu alt.“ „Natürlich— so wörtlich brauchen Sie das nicht zu neh» men. Wesentlich ist nur, daß Sie einen Ort angeben— hm— also Berlin und Leipzig etwa, wo man verschwinden kann wie’s Röhrenwasser, ist der Gestapo, nicht genehm, und eine solche Angabe erschwert die baldige Entlassung. Sie haben in dieser Richtung also noch keinen Plan?“ „Nein.“ Witte erhob sich und streckte mir‘die Hand entgegen. „Nun. also, dann leben Sie wohl. Und— ich darf wohl annehmen, daß ich Sie als gebessert entlassen kann. Sie haben begriffen, daß Ihre Strafe die notwendige Folge— na also, Sie wissen das ja selber sehr gut, und in Ihrem; Führungis- zeugnis steht, ich will Ihnen auch das nicht verschweigen, nur das Beste. Wenn Sie also irgendwo noch kleine Schwierig keiten haben sollten, so sollen Sie wissen, daß dies keinesfalls auf meine Beurteilung Ihrer Führung während Ihrer Strafzeit zurückgeht.“ „Ich werde das nie annehmen.“ „Dann also nochmals: Leben Sie wohl!“—— Als ich Mimra den Verlauf der Abschiedsaudienz besichlätz, meinte er: „Der Schlawiner will sich bei dir ein Alibi verschaffen. Er fühlt mit den Zehenspitzen bereits das Grundeis, mit dem er abgeht. Aber wir werden keinen‘ Finger krumm machen, ihn aus dem kalten Wasser zu ziehen. Er steht nicht auf unserer Liste. Aber er hat immerhin ein Konto, das ihm vor einem Revolutionsgericht ein halbes Dutzend Jahre Zwangsarbeit einbringen wird.“ In diesem Punkte hat Mimra freilich. rechtbehalten. * Gegen die Ordnung, die beim Hausvater herrschte, war nichts einzuwenden. Ebensowenig gegen die seiner beiden Kalfaktoren, die Firma Vester und Prätorius. Ich erhielt am näch sten Tage in aller Frühe meinen schäbigen Zivilanzug, neu gebügelt in der Schneiderei, und meine Lederschuhe, die mit Seitenflecken wieder wasserdicht gemacht worden waren. Dazu zwanzig Zigarren, die mir von einem Freunde geschickt, aber nicht ausgehändigt worden waren. Der Hausvater gab sich betont unfreundlich, würzte den Abschied mit ein paar Schikanen, die demütigend wirken sollten, in Wahrheit aber meine Stimmung nicht unwesentlich verbesserten. Dann also ging ich ab in die Entlassungszelle. Dort wartete bereits auf mich unser Koch, der mit mir am gleichen Tage entlassen wurde... - Der Koch war ein junger Mensch, den man auf Grund seiner abseitigen Veranlagung entmannt hatte. Dieser operative Eingriff war nicht im Urteil vorgesehen gewesen. Aber ,, man hat so lange auf mich eingeredet, bis ich selber dachte, es wäre das beste so", erzählte er mir auf der Fahrt ,,, und heute weiß ich, daß dies die größte Dummheit meines Lebens gewesen ist. Nun, es ist nun einmal geschehen, da läßt sich nichts mehr dran ändern." Er war jedenfalls auf feuchtes Wetter gestimmt. ,, Ich weiß nicht, was du willst", sagte ich zu ihm, als er sich eine Träne aus dem Auge wischte. ,, Du kommst doch heraus, während ich zur Gestapo wandere." - - - ,, Heraus? Ja- wenn ich das nur wüßte! Unsereiner kommt doch nicht mehr frei. Eben, weil ich du weißt schon. Wenn das in den Papieren steht- Böttner" das war der Küchenwachtmeister ,, Böttner hat es mir verraten. Erst nach Magdeburg, und dann in ein Lager. Ach, wenn ich doch hierbleiben könnte! Böttner würde mich ja reklamieren. Aber das geht nicht. Niemand darf freiwillig im Zuchthause bleiben. Nicht einmal, wenn er für seine Unterkunft und Verpflegung dieselben Sätze bezahlt wie im Untersuchungsgefängnis." Abermals füllten sich seine Augen mit Tränen... Um elf Uhr gab es das letzte Mittagessen: Rübenblätter in Salzwasser.( Die letzte große Hungerkur kündigte sich be reits an, die in der Zeit von Januar bis April von den dreihundert Insassen des Zuchthauses einhundertsechsundfünfzig 269 in den Tod schickte.) Dann betrat ein Coswiger- Polizist un- sere Zelle, um uns beide nach dem Bahnhofe zu bringen... Auf der Ratswache von Coswig erhielten wir bereits einen erheblichen Zuwachs. Unter denen, die in die immer länger werdende Reihe gestellt wurden, war auch ein Mann in Partei» uniform mit allerhand glitzernden Rangabzeichen. „Ich werde es Ihnen beweisen!“ schimpfte er vor sich hin. „Mich in Amtsträgeruniform zusammen mit Spitzbuben, Ver- brechern und Ganoven zur Bahn bringen zu lassen! So eine Schweinereil Wenn der Führer das alles wüßte!“ „Der Führer weiß alles!“ sagte ich freundlich zu ihm. „Nichts in Deutschland geschieht ohne seinen Willen! Das hat er selber gesagt, und also ist daran nicht zu zweifeln.“ Der Mann blickte mich mißtrauisch von der Seite her an. „Weshalb sind Sie denn hier?“ fragte er zurückhaltend. „Ich komme aus dem Zuchthause und gehe direkt zur Ge- stapo“, antwortete ich harmlos.„Du kannst ruhig du zu mir sagen. Das Sie wirkt in dieser Umgebung nur lächerlich. Dir wollen sie wohl auch was, trotz deiner schönen Uniform?“ Der Mann wendete sich von mir ab. Er sprach zu nieman» dem mehr ein Wort. „Das müssen Sie alles in Magdeburg vorbringen“, sagte ein Polizist noch zu ihm, der sich offenbar durch die Schimpferei des Mannes angesprochen gefühlt hatte,„uns geht das nichts an. Auf einer zweiten Stelle, an der wir nochmals Aufenthalt hatten, vergrößerte sich unser Zug abermals. Weiß der Teufel, aus welchen Quellen unser Leidenszug sich speiste. Zuletzt waren wir rund ein Viertelhundert ‚Transport‘ mit acht Poli- zisten. Der Zug nach Magdeburg hatte natürlich Verspätung, und wir mußten auf dem kalten Bahnsteige warten. Ein Mädchen stand neben mir. „Wohin gehst du denn?“ fragte sie. „Nach Leipzig.“ „Keine guten Verhältnisse. Kenne die Riebeckstraße, das Er- satzgefängnis. Holzbaracken und schauderhaft kalt um diese Zeit. Die machen Brote gut und verschallern sie für Zigaretten. Kannst dir ja denken, was es da für einen Schlangenfraß gibt.“ „War schon dort.“ 270 „Auch ein Alter? Ich bin schon seit vierzig im Karussell. Es ist mir aber bis dato leidlich gegangen. Immer in der Küche.“ „Und jetzt?“ „Weiß nicht. Wahrscheinlich Buchenwald.“ „Alsdann— Hals- und Beinbruch!“ „Danke— dito. Auch politisch?“ „Natürlich.“ „Noch zwei” Monate. Dann ziehen wir diesen Schweinen die Haut lebendig vom Leibe!“... Ich weiß nicht, ob es das Bewußtsein war, nicht mehr ‚Zuchthäusler‘ zu sein, oder die etwas milderen Transport» begleiterscheinungen, unter denen sich diese Reise vollzog— wir kamen in einer fast weihnachtlich gehobenen Stimmung am Abend des 22. Dezember in Magdeburg an und wurden im Polizeigefängnis vergleichsweise menschlich empfangen. Die Verteilung auf die Transportzellen, die natürlich schon zum Brechen voll waren, ging ganz ohne Schimpferei und die üb» lichen Drohungen mit Gewalttätigkeiten vor sich. Dafür aber war dieser Einzug ins neue Heim— so dachte man eben, wenn man die Gewißheit einiger Tage Aufenthalt hatte; und daß wir vor dem dritten Weihnachtsfeiertage nicht weitergeschoben werden würden, das war uns längst klar— getragen von einem Gefühle, das jeden Gefangenen seltsam belebt: Hier wird man Neuigkeiten erfahren! Gewiß, im Zuchthause hatten wir den englischen Sender gehabt. Aber die unmittelbare Berührung mit Menschen, die anderswo Erfahrungen gesammelt hatten, das hatte gefehlt. Nun also kam ich in die Gesellschaft von dreißig Gefangenen, die aus allen Teilen Deutschlands und der Nachbarländer zusammengeströmt waren, die sich in verschie= denen Sprachen miteinander verständigten, und die Gefängnis, Zuchthaus und Konzentrationslager der verschiedensten Art aus eigener Anschauung kannten... In dieser Transportzelle also waren etwa zwanzig Auslän- der— Tschechen, Franzosen, Ungarn, Rumänen, Ukrainer, Litauer, Belgier und sogar ein Inder— mit einem Dutzend Wehrmachtsangehörigen zusammengewürfelt worden. Die letz= teren nannten sich selbst: ‚Abteilung für Urlaubsüberschrei- tung. bis Fahnenflucht‘. Zum ersten Male kam ich hier mit Männern zusammen, die dem Kriege durch einen höchst privaten Vertrag mit dem Schicksal ein Ende gemacht hatten... 271 Ein Feldwebel lag neben mir auf einem Strohsack und rauchte eine meiner Zigarren, die er sich gegen ein kleines Taschenmesser von mir eingetauscht hatte. Er schwamm im rosigsten Optimismus. ,, In sechs Wochen ist der Ofen aus!" behauptete er mit zufriedenem Schmunzeln. ,, Bis dahin bin ich noch nicht einmal verhandelt. Am 12. ist mein Urlaub abgelaufen. Ich habe mich nachher freiwillig gestellt, eben so, daß noch keine Fah nenflucht herauskommt. Eigentlich müßten sie mich jetzt auf den Weg zur Truppe bringen. Aber kein Mensch weiß, wo mein Haufen sich jetzt herumtreibt. Zuletzt waren wir irgendwo in Polen. Man merkt sich ja die Namen nicht mehr. Aber da war die Stimmung schon so mulmig, daß keiner mehr so richtig mitmachen wollte. Auch unser Alter hatte die Nase voll. Als ich dort abging, sagte er zu mir: Machen Sie's gut und vielleicht kommen Sie gar nicht mehr hierher zurück!' Dazu lachte er, und ich verstand, was er meinte. Er war näm lich gar kein Nazi na, und die andern Offiziere eigentlich auch nicht. Mich kriegt jedenfalls keiner mehr in den Wahnsinn rein. Der Krieg ist ja auch längst schon alle. Die Amerikaner stehen in Holland oder sonstwo an der Grenze, oder auch schon auf deutschem Boden. Man erfährt ja da nichts Genaues." - - Einer der Soldaten wollte etwas Neues von der V- Waffe wissen. ,, Laß dir doch nichts weiswachen!" meinte der Feldwebel gutmütig. ,, Das is alles bloß, Galder Gaffee', wie die Sachsen sagen. Da lachen die Amis bloß drüber. Du wirst ja erleben, was die uns mit ihren Luftangriffen noch zu raten aufgeben. Die in einem Konzertlager sitzen, möglichst weit weg von einer Großstadt, die sind jetzt noch am sichersten." Ein Wiener Arzt, der von Auschwitz kam, und der auf dem Wege nach Leipzig war, wo er in einer Verhandlung als Zeuge gebraucht wurde, erzählte gräßliche Dinge aus seinem Lager. Ich mag sie hier nicht wiederholen, und ich gestehe: ich setzte Zweifel in die Wahrhaftigkeit seines Berichtes. Heute weiß ich, daß das, was sich in Auschwitz wirklich ereignet hat, zehnmal schlimmer war als das, was er uns damals berich tete. ,, Im November haben wir einen Rekord aufgestellt", so sagte er unter anderem; ,, zwanzigtausend Menschen durch den 272 Schornstein gejagt!" Er kannte auch ein langes Lied vom Massenmord, das im Lager umging, und das einen Kehrreim hatte mit der Wendung: Zum Tore hinein, zur Esse hinaus, das ist der Auschwitzer Nazigraus!' oder so ähnlich. Der Mann war mir unheimlich. - ,, Hast du nicht Sorge, daß dich mal einer verzinken könnte, wenn du so was verbreitest?" sagte ich zu ihm. Da lachte er und meinte: ,, Das, was ich hier erzähle, das wird ja ganz offen betrieben. Es liegen die klaren Mordbefehle vor. Wenn die Deutschen später einmal sagen sollten, sie hätten davon nichts gewußt, dann wird ihnen das kein Mensch in der weiten Welt glau ben. Es sind zu viele, die damit zu tun gehabt haben. Von denen, die für diese Befehle verantwortlich sind, wird keiner leugnen können." 33 ,, Halt bloß die Fresse!" sagte der Soldat gutmütig zu ihm. Wenn sie spitzkriegen, daß einer solche Schweinereien weitererzählt, dann sagen sie: Beweise! Und dann stehst du da mit dem gewaschenen Halse und weißt nicht, woher du einen Zeugen kriegst!" Der Arzt verstummte, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. ,, Die Polen werden auch schon munter", plauderte der Feldwebel unbekümmert weiter.„, Gelegentlich schneiden sie mal einem Posten den Hals ab. Aber wenn so was vorkommt, dann lassen wir uns natürlich auch nicht lumpen. Es geht eben, wie es geht. Einem von der Bahnpost, der sich im Postwagen mal eine Polin vornehmen wollte, dem hat das Frauenzimmer...! Mit einem Küchenmesser! Mensch, das müssen Gefühle sein! Er hat sich verblutet, bei der Operation ohne Narkose, und das Mädel ist entkommen. Wenn mir so was passierte, ich würde sie bestimmt vorher um die Ecke brin gen. Wenn wir die erwischt hätten, wir hätten sie...!" Ein Ungar gesellte sich zu uns, der vorzüglich deutsch sprach. Er war unter der Anklage der Sabotage auf dem Wege zu irgend einer Verhandlung, von der kein Mensch wußte, ob sie wirklich einmal stattfinden würde. Er berichtete von den Luftangriffen auf Budapest grausige Dinge. Ja, damals SO kurz vor dem Zusammenbruch war für mich die völlige Zerstörung einer Stadt noch immer etwas Unfaßbares. Magde- 18 Berbig: Knast 273 - burg, in dem wir dieses letzte Weihnachtsfest im Kriege eben jetzt verbrachten, hatte ja durch Bombenangriffe schon mancherlei schwere Schäden erlitten, aber von einer völligen Zerstörung, wie sie der Ungar von Budapest berichtete, konnte noch gar keine Rede sein. Damals waren ja Dresden, Breslau, Berlin und die meisten der schönen kleinen Städte Süddeutschlands noch fast unversehrt. In meiner Gefängnis- und Zuchthauseinsamkeit war zu mir dies alles nur in Worten gedrun gen. Obwohl ich selbst in Leipzig am 4. Dezember dreiundich hatte vierzig alles durch Bombenangriff verloren hatte bisher davon noch nichts gesehen, und selbst die Worte des Feldwebels, die er prophetisch über unser Schicksal im Endstadium des Luftkrieges ausgesprochen hatte, machten auf mich nicht den Eindruck, den sie eigentlich hätten machen müssen. Erst als ich den Leipziger Hauptbahnhof wiedersah, wurde mir klar, daß das Ende des Krieges alle unsere Vorstellungen von seinen Zerstörungen weit übertreffen würde!... Am Heiligabend mußten infolge Zuwachs in unserer Transportzelle ein paar Strohsäcke hereingetragen werden. Ich stand zufällig in der Tür und beteiligte mich an dieser kleinen Arbeit in der Hoffnung, an Stelle des sehr dünnen Exemplars, das ich mit dem Feldwebel teilte, ein besser gefülltes zu ergattern. Wir mußten bis ans Ende eines langen Korridors gehen, wo in einer kleinen Zelle Strohsäcke lagen, die von einer Stenotypistin aus dem Büro ausgegeben wurden. Das Mädchen verbuchte die Strohsäcke, und ein Wachtmeister reichte sie zur Zellentür heraus. Als das Mädchen von seiner Liste aufblickte, erkannte ich es. Auch sie schien mich wiederzukennen, wußte aber wohl im Augenblicke nicht, wo sie mich getroffen hatte. Sie sagte plötzlich: ,, Du bist doch ein Leipziger?" - - - ein ,, Stimmt", antwortete ich, und dabei trat das Bild vor meine der Knastwagen Erinnerung voiture cellulaire Fahrt von der Beethovenstraße nach der Elisenstraße Mädchen geht vor mir die Stufen zum Untersuchungsgefängnis hoch ich höre im Geiste, was sie sagt spricht zu mir was tut man nicht, wenn man verliebt ist! - - - - - Wie kommen Sie denn hierher nach Magdeburg und in eine derart gehobene Stellung?" 274 Mir wollte es scheinen, als röteten sich ihre Wangen ein wenig. Ach - ja, ich weiß jetzt aber das ist lange vorbei. Ich bin hier im Knastbüro dienstverpflichtet. Wie ist dir's denn ergangen?" ,, Sie kennen den Gefangenen?" fragte der Wachtmeister neugierig. ,, Ja, wir haben uns in Leipzig mal getroffen. Man freut sich immer, wenn man mal so einen wiedersieht." ,, Na, wenn Sie sich mit ihm ein bißchen unterhalten wollen, dann kann er ja gleich die Strohsäcke ausgeben. Ich muß sowieso mal rüber in die Abteilung. Bin gleich wieder da." Damit verschwand er, und ich gab Strohsäcke aus... Als das Geschäftliche erledigt war, erzählte mir das Mädchen, wie es hierher gekommen war. Ich will diese sonderbare Geschichte nicht berichten, obwohl sie durchaus nicht alltäglich ist und des Berichtens wohl wert wäre. Ich erwähne diesen Zwischenfall in meinem Transportschicksal nur deshalb, weil er mir ein Weihnachtsgeschenk bescherte. Als wir in der Zelle allein waren, griff sie in ihre Tasche und holte daraus ein großes Pfefferkuchenherz heraus. - ,, Da, mein Freund daß du auch mal wieder merkst, daß Weihnachten ist! Ich weiß, was Knast bedeutet, und du hast ja genug davon durchgemacht. Laß dir's schmecken!" Am zweiten Weihnachtsfeiertage schickte sie mir durch einen der Aufseher fünf Zigarren. Man sieht: Gemeinsam erduldetes Leid bindet gute Herzen! Es gab in den Weihnachtstagen eher weniger als mehr zu essen. Aber die Aufseher ließen sich in diesen Tagen kaum sehen, und da fast jeder der Gefangenen noch eine kleine Reserve irgendwie bis hierher gerettet hatte, entbehrten diese Tage einer gewissen Gemütlichkeit nicht... * Am zweiten Weihnachtsfeiertage ging der Schub nach Leips zig ab. Spät am Abend wurden wir, etwa zweihundert Menschen, in der Westhalle des Hauptbahnhofes ausgeladen und in bereitstehenden Wagen der Straßenbahn nach dem Ersatzgefängnis in der Riebeckstraße gebracht. 18* 275 Der Studienrat, der zu Richard Löwenherz von der besonderen seelischen Lage des Zuchthauses und dem Vertrage mit dem Tode orakelt hatte, bei Gott, er schien doch recht zu haben. Meine Lage in der Polizeibaracke des Ersatzgefängnisses in der Riebeckstraße war sicherlich viel unangenehmer als etwa ein gemütlicher Tag in der Bibliothek des Zuchthauses. Aber sie war belebt von Erwartungen. Ich war nach, ordnungsgemäßer Verbüßung' meiner Strafe ein unbescholtener, wider Recht und Gesetz von Banditen festgehaltener Bürger in Zivilkleidung. Man konnte mich erschießen, gewiß, aber nicht wieder in Sträflingskleider stecken. Die Zuchthausuniform trug auf Beiderwandjacke und-hose in gelber Oelfarbe die Riesenbuchstaben I. V. Das sollte, Justizverwaltung abkür zen, um im Falle der Flucht den Sträfling sofort als Zuchthäusler kenntlich zu machen. Wir lasen lachend: ,, Irrtümlich Verurteilt!", Man konnte nicht', ist natürlich zu viel gesagt. Man konnte mich z. B. nach Buchenwald verfrachten und mir dort eine Zebrauniform anmessen. Aber das war nicht wahr scheinlich. Erstens waren die Transportverhältnisse schwierig. Zum andern aber: Meine alte Freundin Grete Manke, die viele Jahre als Altistin an der Berliner Staatsoper gewirkt und sich später mit Oberstaatsanwalt Protze verheiratet hatte, war, das. wußte ich, in meiner Sache bei Generalstaatsanwalt Jung ges wesen, der ihr zugesagt hatte, meine Ueberweisung in ein Lager von seiner persönlichen Zustimmung abhängig zu machen. Also hatte ich Aussicht, im Polizeigefängnis zunächst festen Boden unter den Füßen zu haben Fünf Tage lang kümmerte sich bei dürftigster Verpflegung keine Seele um mich. Täglich wechselten in dem schmalen Bretterverschlage, der sich Zelle schimpfte, fünfzehn bis dreißig Menschen, strömten neue Gesichter von allüberall her zusam men, um am nächsten Tage wieder auseinander geweht zu werden nach allen Richtungen der Windrose. Ich wurde zum ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht. Ein gemütlicher Kalfaktor so was gab es sogar hier, wo keines Menschen Bleiben länger als eine Woche war erklärte mir den Film. ,, Du bist zu rasch gereist", sagte er ,,, deine Papiere sind von Coswig noch nicht da. Vielleicht bist du auch ein paar Tage vor dem offiziellen Entlassungstermin dort abgegangen, und die Papiere gehen natürlich termingemäß zur Post. In Leip276 - zig wird man sich auch nicht gerade beeilen. Also Geduld. Einmal kommst du schon noch in die Wächterstraße. Verloren hast du dort gar nichts. Es ist proppenvoll in dem Hause, und der Fraẞ is nich besser als hier!" Am sech sten Tage in der Frühe wurde ich mit einem weinenden Idioten zusammengefesselt und zur Linie 6 geführt; Haltestelle Bahnhof Stötteritz. Wir beide traten auf den Vorderperron zusammen mit dem begleitenden Polizeier. Zum ersten Male sah ich das zerstörte Leipzig bei Tageslicht. Es war ein erschütterndes Erlebnis. Am Augustusplatz stiegen wir um in eine der Bahnen, die nach dem Süden fahren. Vor der ausgebrannten Universität erwarteten wir diese Bahn, an derselben Stelle, von der aus ich am 14. Dezember 1942 zum ersten Male zum Polizeipräsidium gefahren war. Fast fünfundzwanzig Monate lagen zwischen diesen beiden Terminen. Was alles hatte sich in der Zwischenzeit ereignet! Zwischen diesen Terminen lag die im Namen des Volkes verbüßte Strafe, und noch immer war ich gefesselt, und meine einzige Hoffnung war die auf den Zusammenbruch der Macht, die mit brutaler Gewalt Deutschland in eiserner Klaue hielt. Dieser Zusammenbruch würde die Vernichtung aller Wirtschafts- und Kulturkraft des deutschen Volkes in sich schließen, und trotzdem mußten ihn alle Vernünftigen mit heißem Herzen herbeisehnen. Welch eine groteske Pervertierung aller Gefühle, die in uns von früher Jugend an entwickelt worden waren, mit denen wir heranwuchsen und die unserem Herzen teuer waren! Wenige Schritte von mir entfernt lagen die Trümmer des Café Felsche. Durfte ich dies nun als ein Symbol nehmen? Ein Restchen Mystizismus steckt doch in uns allen. Ich mußte lächeln bei dem Ge danken. Ein Mann trat auf mich zu streckte mir mit ungläubigem Lächeln die Hand zum Gruße entgegen. ,, Ich hörte ich mich - Sie sind also wieder in Leipzig? Wie freue Die Unterhaltung mit gefesselten Gefangenen ist verboten", sagte ich und zog mit meiner Handkette das Gelenk des Idioten ein Stück in die Höhe. Der Mann - es war ein mir flüchtig bekannter Studienrat erbleichte. Der Transportbegleiter, der ein wenig abseits gestanden hatte, trat neben mich. - 277 ,, Bekannten getroffen?" sagte er mit hämischem Lächeln. ,, So was gommt vor." Und zu dem betreten blickenden Studienrat gewendet, fuhr er fort: ,, Sie genn sich ja das Frichtchen in der Wächderstraße beguggen. Hier gibd's geene Gonfersazjohnsonst nähm'ch Sie gleich ooch noch mit!" In dem Augenblicke fuhr die Linie 11 vor. Beim Einsteigen gab es abermals einen Zwischenfall. Der Idiot zu meiner Rechten fing plötzlich an zu heulen und versuchte, sich auf die Straße zu werfen. Der Polizist, ein Mann vom Sicherheitsdienste, packte den jungen Burschen beim Kragen und warf ihn wie ein Bündel auf die vordere Plattform des Wagens. Ich wurde am Handgelenk mitgezogen und half dem Weinenden aufrichten. ,, Solche Fissemandendchen hab' ich gerne!" sagte der SD.< Mann, als der Wagen anfuhr, und dazu versetzte er dem Jammernden einen Fausthieb an die Schläfe, der geeignet schien, einen Ochsen zu chloroformieren. Aber mein Zwillingsbruder kam durch ihn zur Vernunft. Er stand zitternd neben mir und blieb folgsam bis zur Ablieferung an der Gefängnistür Zwei Tage später wurde er übrigens entlassen. Man hatte sich inzwischen wohl von der politischen Harmlosigkeit dieses Mannes überzeugt. - - Das Ende des Wahnsinns war greifbar nahe. Wer jetzt noch an eine sieghafte militärische Wendung glaubte, gehörte ins Irrenhaus. Woher die Parteigänger den Mut fanden, den Glauben an einen Hitler- Sieg vorzutäuschen, das war schwer zu begreifen; und doch die kurze Spanne Zeit bis zum Zusammenbruch des Terrors barg zweifellos für den politischen Gefangenen die schwersten Gefahren... - Im Polizeigefängnis konnte ich unter den Beamten eine merkwürdig geteilte Stimmung feststellen. Es waren da eine ganze Reihe hilfsdienstverpflichteter Leute als Beamte eingestellt worden, die ihren Dienst nur mit halbem Herzen, einem Drittel an Pflichtgefühl und einem Viertel von Begeisterung für die gute Sache leisteten, der zu dienen sie durch Tragen des Parteiabzeichens vorgaben. Neben ihnen gab es noch ein paar alte Bestien, deren Dummheit und Roheit mit der Hilflosigkeit wuchs, die den Parteigenossen von Tag zu Tag stärker beim Kragen packte. Die schlimmste von ihnen war der Hauptwachtmeister Rothe, der beim allgemeinen Aufwaschen wegen Gefangenenmißhandlung zu drei Jahren Gefängnis ver278 urteilt wurde. Rothe war in der Tat, was man im Sträflingsjargon ein Mistvieh nannte. Von einer Boshaftigkeit und Schäbigkeit der Gesinnung, wie ich sie einzig wieder nur beim , Kugelblitz im Mathildengefängnis zu Dresden angetroffen habe. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob dieser rüde Ton und die gewollt boshafte Behandlung der Gefangenen wirklich den Dienst erleichtere. Der Augenschein lehrte, daß die menschlicheren Beamten besser mit ihnen auskamen. Aber schließ lich war ich lange genug im Knast, um zu begreifen, daß eine solche Ueberlegung von falschen Voraussetzungen ausging. Ich war eben immer noch ein wenig geneigt, das Gefängnis mit einer Erziehungsanstalt zu verwechseln. Die Roheiten eines Rothe waren nichts anderes als die Ausbrüche der untersten Magmaschicht seiner Seele, ein fahrlässiges Sichgehenlassen, im Grunde die Schwäche eines gänzlich abgenutzten Charakters. Ich suchte Logik, wo keine zu finden war was im übri gen die Kardinaluntugend aller abendländischen Philosophie zu sein scheint. Die undeutbaren, von uns daher als akausal empfundenen Erscheinungen dieser Welt sind es, die uns Rätsel aufgeben, und zu ihnen gehören ganz unbedingt die Emanationen einer Wachtmeisterseele. Diese Leute mochten brave Familienväter und tüchtige Unteroffiziere sein: im Dienst waren sie wie verzaubert in Lindwürmer, Drachen und Basilisken. Bei ihren Schimpftiraden wurde ich unwillkürlich an jenen säch sischen Sergeanten erinnert, der von sich zu sagen pflegte: , Außerdienstlich bin ich sozusagen ä Mensch, awer im Dienst bin ich ä Vieh un, mergen Se sich, Einjähriger: Ich bin immer im Dienst!' - Fünf Tage war ich im Polizeigefängnis, ehe meine Frau den Weg zu mir fand. Mehr als vierzehn Tage waren vergangen, seit ich Coswig verlassen hatte und auf Transport- und Polizeiverpflegung angewiesen war. Das Essen in der Wächterstraße war in der Zwischenzeit weder reichlicher noch besser gewor den. In der Riebeckstraße waren im Laufe der letzten vier Monate, wie ich später als Schreiber festzustellen Gelegenheit hatte, dreißig Zentner Brot an die Gefangenen zu wenig ausgegeben worden, also, abhanden gekommen. Wenn man be denkt, daß dort täglich bis zu tausend Mann, Transport' durchgingen, war das gar keine erstaunliche Leistung. Die Wacht mannschaften die Kalfaktoren Hunger hatten sie alle. - 279 Von nicht ausgegebenem Fleisch und Fett gar nicht zu reden. Aber diese Verhältnisse engten eben doch den Nahrungsspielraum des Gefangenen verderblich ein. Wer nichts zuzusetzen hatte, der fiel im Gewicht erschreckend ab. Endlich also konnte mir meine Frau Wäsche und einen kleinen Verpflegungszuschuß bringen. - - Ein merkwürdiger Wandel hatte sich auch vollzogen in der Gesellschaft, die jetzt das Polizeigefängnis bevölkerte. Jede Razzia der Polizei brachte einen neuen Haufen höchst zweifelhafter Gestalten herein. Viele Ausländer waren darunter, die aus den verschiedensten Werken der Stadt und ihrer Umgebung geflohen waren, sich illegal in der Stadt aufhielten und vom Schwarzhandel lebten. Sie blieben meist nicht lange hier. Einer von denen, die aus unerfindlichen Gründen einen Daueraufenthalt im Polizeigefängnis nahmen, war mein Freund Vanouek, ein Tscheche aus Brünn. Er war beim Glücksspiel in einer Wirtschaft des Ostens aufgegriffen worden mit einem größeren Geldbetrage in der Brieftasche, den die Polizei beschlagnahmt hatte. Gegen diese Beschlagnahme hatte er törichterweise Verwahrung eingelegt. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß man ihm sein sauer erpokertes Geld abnehmen könne. Vielleicht hing es damit zusammen, daß man ihn da behielt. Vielleicht auch damit, daß er eine Wohnung nicht anzugeben wußte. Er lebte damals, wie er mir vertraulich mitteilte, illegal' mit Frau und Kind in der Mittelstraße, und er war immer guter Dinge. Wie alle Tschechen verlegte er das Ende des Schreckens immer auf den nächsten irgend möglichen Termin- und die Zeit wurde ja nun wirklich mit erschreckender Geschwindigkeit reif. Seine Prognosen_gewannen also von Tag zu Tag an Glaubwürdigkeit. Bei dem Luftangriff am 27. Februar gelang ihm die Flucht aus dem Polizeigefäng nis. Nach etwa fünf Wochen Zellenhaft, die in ständig wechselnder Gesellschaft nie langweilig wurde, gestattete die Gestapo meinen Arbeitseinsatz im Hause, und ich wurde an den Schreibtisch in der großen Halle gesetzt, wo ich zunächst allerhand kleine Hilfsarbeiten verrichtete. Hier saßen Blumena thal und Moser, die die täglichen Zu- und Abgänge bearbeiteten. Nach einigen Tagen der Einarbeitung wurde ich ihrem Geschäftsbereiche zugeteilt. Auch der Schreiber des Gefängnis280 vorstehers Schnabel, Dr. Welter, hatte hier seinen Platz, wenn er nicht für seinen hohen Chef tätig war. Später gesellten sich zu uns noch der Zahnarzt Dr. Ley und ein hochauf geschossener Serbe dunkelster Provenienz als Dolmetscher für slavische Sprachen. Von jedem dieser Kameraden ein paar Worte. - Blumenthal war Grossist für Südfrüchte in der Großmarkthalle. Er hatte eine Flasche Schnaps zum Ueberpreise gekauft und zum gleichen Preise an einen Bekannten weitergegeben. Der Käufer, Jude gleich ihm selber, war bei einer Razzia mit dem Schnaps aufgegriffen worden und hatte in vollendeter Harmlosigkeit oder Lebensangst Preis und Verkäufer genannt. Nun saẞ Blumenthal im Polizeigefängnis und harrte des Abtransportes nach Buchenwald, welchem Schicksal zu entgehen ihm bisher auf beinahe wunderbare Weise geglückt war. Ende Februar kam er wirklich noch fort, und obwohl schon damals Transporte nach Buchenwald mit großen Schwierigkeiten ver knüpft waren, erreichte er sein Ziel. Anfang April gelang es ihm, aus Buchenwald zu fliehen. Bis zum Einmarsch der Amerikaner lebte er dann illegal in Leipzig. Er hatte mit der ihm eigenen geschäftlichen Gewandtheit alle Transportarbeit unter seine Regie gebracht und behandelte Moser und mich als Angestellte. Der Posten brachte auch etwas ein. Die meisten der eingelieferten Gefangenen führten nämlich Zigaretten in größerer oder geringerer Menge bei sich, und da in den Zellen nicht geraucht werden durfte, machte ihnen Blumenthal klar, daß es keinen Zweck habe, diese Zigaretten mit zu den, Effekten' zu geben, wo sie doch nur von den Aufsehern geraucht werden würden. Diese letztere Behauptung entsprach übrigens nicht den Tatsachen; denn was einmal bei den Effekten war, das war dem Zugriff der Aufseher völlig entrückt und wurde beim Abgang aus dem Polizeigefängnis wieder ausgehändigt. Aber wer ins Gefängnis eingeliefert wird, ist gewöhnlich ein bißchen verstört, und so waren denn die Gefangenen zumeist einverstanden mit der Abgabe ihrer Zigaretten an Blumenthal und dem Versprechen, noch am gleichen Tage die Hälfte davon auf ihre Zelle geliefert zu bekommen, welches Versprechen nach Möglichkeit auch eingehalten wurde. So hatten wir im mer etwas zu rauchen. Neuerdings gingen auch in größerer Zahl englische Zigaretten ein, von Kriegsgefangenen, die regel281 mäßig durch das Rote Kreuz mit dieser Ware beliefert wor den waren. Moser war hier unter dem Verdachte, als Halbjude widerrechtlich die Funktionen eines Wirtschaftsprüfers ausgeübt zu haben. Dabei floß nachweislich in seinen Adern kein Tropfen jüdischen Blutes. Sein Vater war Armenier und im ersten Weltkriege von der türkischen SS., den Kurden, genau so barbarisch ermordet worden wie jetzt die Juden von Himmler umgebracht wurden. Er bemühte sich bei der Gestapo um den , arischen Nachweis', was einer handfesten Denunzation gegenüber natürlich völlig zwecklos war. Aber so ganz hoffnungslos muß sein Fall doch nicht gewesen sein; denn er wurde noch vor der Verflüchtigung der Gestapo aus dem Gefängnis entlassen. Ein besonders tragischer Fall war der des Dr. Felix Welter aus Luxemburg. Er war als Friedensrichter der Hauptstadt seines Ländchens mit seiner Familie nach Deutschland ver schleppt worden und schließlich in Leipzig gelandet. Eine Ar beit, die seinen Fähigkeiten entsprochen hätte, war ihm nie angeboten worden, wohl aber ein Dokument zur Unterschrift, das ihn zum deutschen Staatsbürger gemacht hätte. Dr. Welter lehnte mit dem Hinweis auf den Diensteid, den er seiner Großherzogin geleistet habe, diese seltsame Beförderung ab und wurde daraufhin wegen, Beleidigung der NSDAP. und des Ortsgruppenleiters von Mölkau bei Leipzig' der Gestapo ausgeliefert. - Der Hauptkalfaktor des Polizeigefängnisses war Roßberg, ein Mann, der auch schon viele Jahre von der Gestapo festgehalten wurde. Er gehörte gewissermaßen zum Stabe des Leutnants Schnabel und teilte unbestechlich die Verpflegung an die Gefangenen aus, so daß es den Herren Wachtmeistern fast unmöglich wurde, mit Wurst, Käse oder Butter unbeobachtet aus dem Hause zu kommen. Er war bei den Gewohnheitsdieben dieser Klasse daher wenig beliebt; aber man wagte doch nicht, diese Abneigung spüren zu lassen oder gar offen gegen ihn aufzutreten, da er im Vorsteher immerhin einigen Rückhalt hatte. Im übrigen verließ sich Roßberg nicht allzu sehr auf diesen Rückhalt. Er wußte sehr wohl, was er von Schnabel zu halten hatte, wenn es sich um Entscheidungen gegen Beamte handelte. In diesem Hause wußte eben jeder von jedem zu viel, 282 als daß es je zu einem entschiedenen Vorgehen hätte kommen können. Daher also war Roßberg ein Diplomat geworden. Jeder Wachtmeister hatte bei ihm ein Konto', und dieses Konto wurde völlig geheim geführt. Keiner wußte genau, was auf diesem Konto stand. So gab man sich ihm gegenüber eher freundlich als feindselig, ja es gab sogar Wachtmeister, die ihm die Verfehlungen ihrer Kollegen zutrugen, um sich bei ihm beliebt zu machen, was denn oft geradezu belustigend wirkte. Ein besonderer Fall war unser Serbe, der Dolmetscher. Er hatte eine heimliche Angst vor dem Kriegsende. Die Rückkehr in seine Heimat war ihm versperrt, da er sich in Belgrad der Gestapo als Spitzel zur Verfügung gestellt hatte. Er vermutete also mit einigem Rechte, daß man ihm in Jugoslavien die Haut bei lebendigem Leibe abziehen würde, wenn er so leichtfertig sein sollte, dahin zurückzukehren. Er war ein Hüne von Gestalt, aber seine Nerven hatten irgendwann und irgendwo erstaunlich gelitten. Beim ersten größeren Bombenangriff am 6. Februar packte ihn eine derart sinnlose Angst, daß er in Weinkrämpfe verfiel. Wir hatten unsere liebe Not mit ihm. Am 10. Februar machte er einen lächerlichen Fluchtversuch, wurde gegriffen und in Dunkelarrest gesteckt. Er begründete seine Flucht mit dem panischen Schrecken, den er in der verriegelten Zelle beim nahen Einschlag von Bomben ge= habt habe, aber das wollte ihm natürlich niemand glauben. Der letzte Monat der Haft ist für ihn zweifellos recht un gemütlich gewesen. Unter den vielen, oft täglich wechselnden Zellengenossen, die ich hatte, muß ich unbedingt noch Fritz Oehmes gedenken, der mein Freund wurde. Er war von einem Hausgenossen denunziert worden, weil er Tauschgeschäfte mit einem gefangenen Franzosen gemacht hatte. Fritz war ein Mann ohne jede gelehrte Bildung, zugleich aber von einer geistigen Wendigkeit und Klarsichtigkeit, die den Neid jedes Universitätsprofes sors hätte erwecken können. Herr Hartnacke, ehedem einmal Sächsischer Kultusminister, der ein Leben lang Reden gegen die , Verkopfung unserer Schule gehalten hat, hätte an diesem gänz lich unverbildeten Sohne der Leipziger Neustadt sicherlich seine helle Freude gehabt. Fritz Oehme hatte das Leben immer so gesehen, wie es wirklich war: als einen ewigen Kampf gegen die Nücken und Tücken eines mit Vorsicht zu genießenden 283 Schicksals. Von ihm war allerhand zu lernen. Er handelte immer, richtig, und wenn es ihm einmal dreckig gegangen war, dann hatte er sicherlich verstanden, in punctum minoris resistentiae auszuweichen. Die Unbequemlichkeiten des Knastlebens ertrug er mit unüberbietbarem Humor. Schon wenige Tage nach seiner Einlieferung hatte er eine zuverlässige Verbindung mit der Außenwelt hergestellt. Er war bei einem Arbeitskommando und brachte abends immer die neusten Zeitungsnachrichten mit. Seine, Kommentare des Tages' waren entschieden humorvoller und realistischer als die, die heute von den unterschiedlichen deutschen Sender in den Aether gestrahlt werden. Als er uns verließ, sagte er zu mir: ,, Sobald du aus dieser Bude rauskommst, besuchst du mich. Und wenn du dann Hunger haben solltest, wie ich vermute, dann verlaẞ dich drauf: Bei Fritze Oehme gibt's anständig was zu pickern!" Dieses Versprechen hat er denn auch uneingeschränkt gehalten! Der 27. Februar war ein neuer schwerer Schlag für Leipzig: Großangriff amerikanischer Bombenflugzeuge auf die Innenstadt. Um die Mittagstunde brausten sie heran. Bei Alarm muẞten alle Gefangenen in die Zellen. Wenn die ersten Bomben fielen, wurden die Zellen aufgeschlossen, blieben aber von außen verriegelt. Diese Maßnahme hatte natürlich nur eine psychologische Bedeutung. Sie sollte dazu dienen, den Glau ben aufrechtzuerhalten, daß im Falle der Gefahr die Zellen sofort und ohne weiteren Zeitverlust geöffnet werden wür den. Wie die Praxis beim Angriff auf Dresden ausgesehen hatte, war ja inzwischen ganz allgemein bekannt geworden. Viele Gefangene waren in den Zellen verbrannt. Ich war mit Oehme, Vanouek und dem Serben in die Zelle eingeriegelt. Diesmal galt der Angriff ganz unmittelbar der Umgebung des Königsplatzes. Die erste Bombe fiel zwanzig Meter von uns entfernt in die Küche des Gefängnisses in der Beethovenstraße, erschlug zwei Aufseher und sechs Ge fangene und richtete an der Rückseite des Polizeigefängnisses allerlei Verheerungen an. Das Flugzeug brauste in geringer Höhe über uns hinweg. Wir saßen, in Decken gehüllt, in der Ecke neben der Tür, als unser Fenster samt dem Rahmen vom Luftdruck quer durch den Raum geschleudert und an der Tür in Stücke geschlagen wurde. Schwarzer Ekrasitrauch und 284 Ziegelstaub raubte uns die Atemluft. Wenige Sekunden später prasselte eine zweite Bombe etwa sechzig Meter von uns entfernt in die Rückseite des Amtsgerichts und riß mit gewaltigem Getöse die ganze Front nieder. Abermals ein paar Sekunden später fielen drei Bomben in die benachbarte Münzgasse, zwei weitere in die Markthalle. Im Polizeigefängnis war die Panik sofort fertig. In den Zellen über uns waren ein paar hundert Frauen eingeriegelt, die den Kopf verloren und gellend um Hilfe riefen. Ein paar Brandbomben waren durch das zerstörte Glasdach auf die Drahtgitter gefallen, die die einzelnen Stockwerke voneinander trennten und verbreiteten eine beachtliche Hitze. Der Gedanke, daß der Brand auf die hölzernen Zellentüren übergreifen könnte, war also nicht von der Hand zu weisen. Die große Transportzelle am Ende unseres Korridors war mit etwa dreißig Russen belegt, denen es gelang, mit vereinten Kräften und einer stabilen Holzbank als Sturmbock die Tür zu erbrechen. Beim Herausströmen in den eisernen Gang entriegelten sie alle Zellen, an denen sie vorbei kamen. Als unsere Tür sich auftat, schlängelte sich Vanouek sofort hinaus. ,, Was denkst du?" sagte Oehme. ,, Die Schweine von Wacht meistern sitzen im Keller, wie ich sie kenne. Los!" Wir eilten Vanouek nach. Aber die wenigen Sekunden. die zwischen Vanoueks raschem Entschluß und unserm kurzen Zögern lagen, hatten genügt, die enge Treppe vollständig zu verstopfen. Von der Halle aus prasselten Schüsse an die eiserne Galerie. Man hatte sich offenbar im Keller auf seine Auf gabe besonnen. ,, Zu spät!" sagte Oehme zu mir. ,, Kein Durchkommen mehr. Die Bande hat den Ausgang nach dem Hofe besetzt. Hier kann nur noch eine Bombe helfen." Wir gingen zurück in die Zelle. Der Serbe lag noch in der Ecke, eine Strohmatratze über den Kopf gezogen, und betete seinen Rosenkranz. Roßberg trat zu uns herein, warf seinen Stahlhelm aufs Bett und verlangte ein paar Zigaretten. Der Serbe reichte ihm zitternd eine ganze Packung, Lucky Strike', die wir sofort unter uns aufteilten. Der Serbe hatte den Schlukken und konnte nicht rauchen. Die Angst hatte ihn fertig gemacht. 285 „Vanouek ist noch rausgekommen“, sagte Roßberg.„Ich habe ihn durch den Qualm rennen sehen. Koch hat hinter ihm her geschossen. Natürlich Löcher in die Luft. Einige zwanzig Mann sind durch die Tür im Bade abgerückt. Nachher ging die Schießerei los, und im Erdgeschoß ist dann alles abgeriegelt worden. Es hat übrigens, denke ich, gar keinen Zweck mehr, jetzt noch dieses Risiko auf sich zu nehmen. Noch vierzehn Tage——“ Im Süden fielen abermals die Bomben, und unser Haus wurde von den Erschütterungen der’ nahen Einschläge ge- schüttelt. Ringsum lohten Brände auf. „Ist sonst noch was passiert?“ fragte ich. „Bei uns nichts Besonderes. Die Leute in der Küche sind na türlich tot. Im Beethoven-Knast schießen sie noch immer wie verrückt!“ In der Tat, aus dem Nachbargebäude drang der Lärm eines regelrechten Feuergefechtes und die dumpfen Schläge von Binken und Tischen an die verriegelten Zellentüren. Roß-» berg setzte seinen Stahlhelm wieder auf. „Wir bleiben hier, bis der Spuk vorbei ist. Zu essen gibt's heute sowieso nichts. Ich habe von gestern noch einen Schlag in der Zelle. Wollt ihr was haben?“ Wir waren natürlich begeisterte Nehmer. Als der Abtei» lungswachtmeister endlich auf unserer Galerie auftauchte, fand- er uns friedlich um eine große Schüssel kalter Suppe ver» sammelt.. „Ihr habt Nerven!“ sagte er.„Fehlt hier einer?“ „Vanouek ist abgegangen“, bemerkte Roßberg gemütlich. „Gleich mit dem ersten Schwung. Den werden wir nicht gleich wiedersehen!“ „Denken Sie!“ sagte der Wachtmeister, und dazu machte er einen Strich in seiner Liste.„Jetzt kommt mal alle mit run» ter in die Halle. Wir müssen ein bißchen aufräumen.“ Auf dem Fußboden der Halle lag das herausgeblasene Glas- dach. Wir kehrten die Splitter mit Reisigbesen zusammen. Durch das Loch im Himmel füllte sich das Gefängnis mit Rauch und Flugasche. Roßberg behielt natürlich recht: Ver> pflegung gab es nicht an diesem Tage. Auch am nächsten Tage gab es weiter nichts als die doppelte Brotration. Gegen vier Uhr sagte mir ein freundlicher Hilfswachtmeister:„Ihre Frau 286 war eben da und hat sich nach Ihnen erkundigt. Ich habe ihr Bescheid gesagt. Sie läßt Ihnen sagen, daß auch bei Ihnen zu Hause nichts Ernstliches passiert ist." Diese Mitteilung beruhigte mich außerordentlich. Meine Frau war noch während des Alarms durch die brennende Stadt bis zu mir ins Polizeigefängnis gelaufen, weil sie beobachtet hatte, daß gerade in dieser Richtung zahlreiche Bomben gefal len waren... Von diesem Tage der Panik und des Schreckens an war die zersetzende Wirkung des Auflösungsbazillus allenthalben sichtbar. Die Gefangenen, die in täglich wachsender Anzahl eingeliefert wurden, erweckten nicht mehr den Eindruck, als sei die Verhaftung noch ein brauchbares Mittel, Schrecken zu verbreiten. ,, Laẞt euch dadurch nicht irreführen", sagte Plesse an einem der nächsten Tage zu Roßberg und mir, als wir darüber spra chen. ,, Die Gestapolumpen wissen, daß es an ihren Hals geht. Wer kennt diese Leute wirklich? Nur die Gefangenen, die von ihnen verhaftet und verhört worden sind. Die Ge stapo plant eine Flucht ins Nichts. Es liegt also nahe, vorher alle diejenigen aus der Welt zu schaffen, die sie später einmal an ihre Vergangenheit erinnern könnten. Habt acht auf alles, was wie eine Maschinenpistole aussieht. Wenn's mulmig wird, dann seht zu, daß ihr nicht in der Zelle seid. Ein Arbeitskommando oder eine gewisse Beweglichkeit im Hause ist jetzt Goldes wert!" Plesse hatte natürlich recht, aber die Mehrzahl der poli tischen Gefangenen wollte an diese harte Tatsache noch immer nicht recht glauben. Man kann uns doch nicht einfach abschlachten", sagte ein Dr. N., der seit ein paar Tagen an Vanoueks Stelle bei uns eingezogen war. Ein alter Parteigenosse übrigens, der seine Nibelungentreue noch immer mit besonderem Eifer betonte, wo ihm dies vorteilhaft erschien. Er war eben ein strammer Parteigenosse und fühlte sich als solcher sicher in dem Bewußt sein, daß ihn kein Mensch zum Denken zwingen könne. Daß er hier saß, war einfach ein, Irrtum'. Mein Gott der Mann ahnte noch immer nicht, wie viele Menschenleben an solchen Irrtümern in Kürze noch zerbrechen würden und daß sein eigenes dabei sein würde! 287 In den nächsten Wochen überstürzten sich die Ereig nisse so heftig, daß ein zuverlässiger chronologischer Bericht aus der Erinnerung nicht mehr möglich ist. Meine Frau besuchte mich ein letztes Mal, ehe sie nach Süddeutschland abreiste. Ich hatte ihr selber dazu geraten, Leipzig zu verlassen. Da, wo sie bisher ein Unterkommen gefunden hatte, waren Opfer der Dresdner Katastrophe einpassiert, völlig zerbrochen an Leib und Seele, und meine Frau fühlte sich verpflichtet, ihnen Platz zu machen. Außerdem hoffte sie, in der kleinen württembergischen Stadt, die ihr Reiseziel war, nicht in dem Umfange bombengefährdet zu sein, wie in der Großstadt. Unsere letzte Unterhaltung wurde von einem Gestapo- Beamten überwacht, der offenbar das sehr richtige Gefühl hatte, daß sein Dabeistehen zwecklos sei. Er unterhielt sich mit seinem Polizeikollegen am Schreibtische, während ich meiner Frau in Eile alles Notwendige unter Ausschluß der Oeffentlichkeit klar legen konnte. Dann verabschiedeten wir uns voneinander mit dem Versprechen, daß ich, sobald ich frei sein sollte, ihr nachreisen würde. Wir konnten beide damals nicht ahnen, daß dieser Abschied eine lange Trennung darstellen würde mit viel Kummer und Sorge für beide Teile... Dr. Welter wurde Anfang März entlassen. Ich wurde sein Nachfolger als Schreiber. Moser kam ebenfalls in Freiheit. Ende März war Plesse, unser Knasttischler und Mädchen für alles', auch ein Politischer, plötzlich aus dem Gefängnis verschwunden. Man sagte, er sei auf dem Wege zur Auenstraße, dem Gestapo- Hauptquartier, geflohen. Ich stand dieser Version skeptisch gegenüber. Die Wahrheit war denn auch anders: Plesse war von der Gestapo das Angebot gemacht worden, als Spitzel zu arbeiten und eine Reihe, Illegaler an sie auszuliefern. Plesse hatte zunächst abgelehnt, dann aber sich gesagt, daß er auf dem Wege die Gefährdeten warnen könne, um anschließend selber auf kürzestem Wege, illegal' zu werden. Das ist ihm auch gelungen. Roßberg war von ihm in alle Einzelheiten eingeweiht worden und erhielt wöchentlich zweimal in einer Obsttüte genauen Bericht über Plesses Tätigkeit, bis dieser aus dem Gesichtskreis der Gestapo verschwand... Dann also kam der Vorstoß der Amerikaner über Kassel und Gotha bis nach Jena. Täglich kamen neue Verhaftete herein, die zuverlässige Nachrichten über das militärische Ge288 schehen mitbrachten. Anfang April wurde mir klar, daß die Gestapo bereits alle Vorbereitungen zur Flucht getroffen hatte. Ein SD.- Mann, der häufig Gefangenenverhöre an unserem Arbeitstisch durchgeführt hatte, zeigte dem SS.- Spitzel Koch, der als Wachtmeister die Beamten des Polizeigefängnisses im Gestapo- Auftrage überwachte, seine neuen, Papiere'. Jeder Gestapobeamte hatte den Namen eines im Alter und in der Personalbeschreibung passenden Mannes übernommen, der irgendwann und irgendwo von der Gestapo ermordet wor den war. Neue Photos waren in alte Papiere eingeklebt und sachkundig überstempelt worden. So waren Ausweise ent standen, deren Verfälschung nur von einem genauen Sachkenner festzustellen war. ,, Man muß sich eben richtig auswendig lernen", sagte der SD.- Mann, daß man seinen Geburtstag immer richtig angibt und so. Der Alte hat nur solche Papiere genommen, wo die Heimatkartei bestimmt verbrannt ist. Die meisten sind aus Dresden. Da kann nachher viel angefragt werden. Wir hatten ja die Auswahl. Und keiner weiß vom anderen den neuen Namen. Wenn der Befehl zur Auflösung kommt, geht jeder seiner Wege auf eigene Rechnung und Gefahr. Ein bißchen was hat ja jeder hinter sich, und wer nichts beiseite gebracht hat, ist eben ein Rindvieh gewesen. Wer kennt uns schon, wenn wir uns hier schwach machen? Die uns wirklich kennen, es werden ja nur ganz wenige sein!" Er verzog sein Gesicht zu einer bösartigen Fratze und machte eine sprechende Handbewegung. Das alles sagte er so, daß ich, nur wenige Schritte von ihm entfernt, seine Worte verstehen konnte, und das gab mir die Gewißheit: Man würde im letzten Augenblicke so viele gefährliche Mitwisser ausschalten wie eben möglich war. Was ich nun über die Ereignisse der letzten beide Tage unserer Haft im Polizeigefängnis niederschreibe, das fließt zum Teil aus der Kenntnis dessen, was ich erst nach dem Abschluß der Lindenthaler Tragödie erfahren habe... Wahrscheinlich auf Anordnung des Reichssicherheitsamtes war eine Liste mit den Namen derer zusammengestellt worden, die vor Auflösung der Leipziger Gestapostelle beseitigt wer den sollten. Die Liste umfaßte hundertzwanzig Namen. Sie wurde am 9. April auf wessen Veranlassung, ist mir unbe19 Berbig: Knast - 289 kannt auf sechzig Namen zusammengestrichen. Einige von denen, die auf der ersten Liste standen, waren übrigens schon ausgelöscht worden. So wurde kurz vorher ein Gefangener in seiner Zelle von einem SS.- Mann erschossen, der bis dahin an Händen und Füßen gefesselt auf seinen Abtransport in ein Lager gewartet hatte. Wessen man ihn beschuldigte, weiß ich nicht. Roßberg hat den Toten auf die Bahre gelegt und mit hinausgetragen. Rettig, der Philosoph des Polizei- Knastes, widmete ihm bei dieser Gelegenheit einen kurzen Nachruf: Ch' hab's doch glei' gewußt, schon wie der' reingam, daß der nich lewendch ausn Hause widder' rausgommen wärde. Da war doch Wildenhain von der Gestapo drbei, un wo der schon selwer einliefert, da weeß'ch Bescheid. Soll ä Bardisane gewesen sin. Na ja, da wär er ja sowieso um de Riebe ge gomm' bei äner Verhandlung. S'is gee Schade um so ä Gerl. Er is ja ooch glei' dot gewesen!" 213 Mit dieser abschließenden Bemerkung hatte Rettig nun freilich recht. Die Kugel war oberhalb des rechten Auges ins Gehirn gedrungen. Von dem Vorhandensein einer solchen Liste war uns damals natürlich noch nichts bekannt. Mein Name stand sowohl auf der umfassenderen ersten, als auch auf der zusammengestriche nen zweiten Liste. Ich muß annehmen, daß weder die erste, noch die zweite Liste dem Generalstaatsanwalt Jung in Dresden vorgelegen hat. - Am 12. April wurden in der achten Morgenstunde plötzlich alle in der Halle arbeitenden Gefangenen auf ihre Zellen geschickt. Vom Westen her tönte Geschützfeuer. ,, Die Aamerikaner sind gestern in Großdeuben eingerückt. Um Zwenkau ist heftig gekämpft worden", berichtete der Studienrat Krause, der am Abend vorher in unsere Zelle eingezogen war. ,, Dann kann der Einmarsch in Leipzig also innerhalb weniStunden erfolgen", sagte ich. ,, Heute fällt die Entscheidung über unser Schicksal." ger وو , Wie meinen Sie das?" fragte Dr. N. mit bangem Unterton. ,, Ich meine, daß im Hause etwas vorgeht, wenn alle Ges fangenen auf den Zellen gehalten werden." Unsere Unterhaltung bewegte sich um das bevorstehende Ereignis des Falles von Leipzig. Sogar Dr. N. betonte in dieser 290 Stunde seine Nibelungentreue nicht mehr sehr auffällig. Immerhin orakelte er noch immer von neuen Panzerfäusten und V- Waffen. Ich muß gestehen, daß ich schwer beunruhigt war von allerhand Geräuschen, die sich in der Halle fingen und als schwer deutbare Klangfetzen durch unsere Tür herein zu uns verirrten. Nach dem Mittagessen setzte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, die Klingel in Gang. Ich mußte an Plesses Warnung denken:, In solch' einer Stunde nur nicht in der Zelle!' Wacht meister Becker kam und schloß auf. دو Wer hat hier geklingelt?" Ich trat in die Tür und sagte: Auf dem Tische in der Halle liegen noch alle Akten für den Transport. Der Vorsteher hat mich beauftragt, sie ihm heute früh zu bringen. Ich bin nicht dazu gekommen, und dann wurde ja alles auf Zelle geschickt. Das muß rasch noch erledigt werden." Ohne eine Antwort abzuwarten, trat ich auf den Gang hinaus. ,, Mensch, Sie sin' wohl verrückt?" Aber ich ging an ihm vorbei auf die Treppe zu. Becker kam eilig hinter mir drein, ,, Gehen Sie wenigstens nicht vorne' rum. Die hintere Treppe von der Frauenabteilung her und lassen Sie sich nicht - groß sehen. Vorne am Eingang steht die Gestapo." Ich wußte plötzlich genug. ,, In zehn Minuten bin ich wieder oben", sagte ich; ,, lasse mich schon nicht sehen." Damit verschwand ich über die hintere Treppe. Einen Augenblick überlegte ich. Wenn ich in die Zelle zurückmußte, war alles vergebens gewesen. Wohin konnte ich mich wenden? Es gibt nichts Uebersichtlicheres, als ein Polizeigefängnis. Aber wenn man so lange in einem solchen Hause verkehrt, kennt man es schließlich doch in allen Einzelheiten, Neben unserem Arbeitstische war eine unverschlossene Zelle, die mit leeren Kartons vollgestopft war. Wenn es mir gelang, ungesehen bis dorthin zu kommen, war ich fürs erste außer der unmittelbaren Gefahr der Entdeckung. Becker würde kaum daran denken, daß ich in zehn Minuten zurück sein sollte. Er war sichtlich erregt gewesen. Im Erdgeschoß lugte ich von 19* 291 der Treppe aus in die Halle. Um den großen Schreibtisch hatten sich alle Wachtbeamten versammelt. Wildenhain von der Gestapo hielt so etwas wie eine Ansprache. Ein gutes Dutzend Gestapo-Männer, bewaffnet mit Maschinenpistolen, stand um den Sprecher. Was geredet wurde, verhallte im Raume. Aus der Kanzlei wurden Aktenstöße und Karteien in den Hof getragen. Wie gut, daß ich nicht zur vorderen Treppe heruntergekommen war; ich wäre diesen Beamten unmittel- bar in die Arme gelaufen! Und dann kam mir der erleuchtende Gedanke! Wenn die Tür zum Seitengange nach der Kantine nicht ver- schlossen war, dann gab es dort ein relativ sicheres Versteck: das Regal mit den Gläsern. Freilich mußte ich, um diese Tür zu erreichen, in die Halle hinaustreten. Das mußte eben ges wagt werden. Vom großen Schreibtische her tönte Stimmengewirr. Wilden» hein war im Zimmer des Vorstehers verschwunden. Auch die Gestapo-Leute beteiligten sich jetzt daran, Akten in den Hof zu schaffen. Dort wurde das große Schlußfeuerwerk veran- staltet, das alle Spuren amtlicher, Polizeitätigkeit vernichten sollte. Es war also höchste Zeit, eine leidlich gesicherte Stellung. zu beziehen.. In diesem Augenblicke heulten draußen die Alarmsirenen auf. Dieser Ton war Musik für meine Ohren. Ausgezeichnet! Ich trat entschlossen aus der Deckung der Treppe heraus und stieg die beiden Stufen zum Seitengange empor——— die Tür war offen!! Rasch. zog ich sie hinter mir wieder zu, ließ sie aber nicht ins Schloß fallen. Dann trat ich hinter den Vorhang des Regals. Wenn mich in diesem Augenblicke niemand beobachtet hatte, war ich vorläufig sicher. Bei dem lebhaften Betriebe und der allgemeinen Auf» geregtheit würde kaum jemand auf den Gedanken. kommen, den Gang zur Kantine zu benutzen. Ich schob also mit vors sichtiger Bewegung die Einmachgläser zusammen, die das hohe Regal bevölkerten, und machte mir in der zweiten Etage einen Sitzplatz zurecht. Nun fiel der Vorhang wieder glatt herunter, und ich wär gegen Sicht gedeckt, selbst für den Fall, daß jemand den Gang betreten würde. In dieser Haltung verblieb ich mehrere Stunden. Ich hörte, wie Namen verlesen wurden, wie Gefangene aus den Zellen- geholt wurden und in der Halle sich sammelten. Ich hörte 292 auch meinen Namen aufrufen und verstand etwas wie„, Arbeitskommando" und ,, sofort holen!" Wie ich später erfuhr, hatte Becker tatsächlich nicht mehr an mich gedacht, und im Augenblick der Verlesung meines Namens hatte er mich einem Arbeitskommando zugeteilt in der Hoffnung, man werde sich mit dieser Auskunft zufriedengeben. Aber nein! Sie wollten mich eben durchaus in ihr Sammelauto haben, die Herren von der Gestapo. Ein Wachtmeister wurde hinübergejagt ins Reichsgericht, wo ein Arbeitskommando eben dabei war, Akten in großen Stößen dem Feuer zu übergeben. Dort war ich natürlich nicht zu finden. Etwas Näheres über die Weiterentwick lung dieser Aktion habe ich nicht erfahren. Die Gestapo hatte es offenbar plötzlich eilig, zu einem Ende zu kommen. Sie hatte von den sechzig Namen ihrer Liste zweiundfünfzig auf ihrem Wagen, und jeden Augenblick konnten amerikanische Bomben fallen. Ich hörte, wie sich die Halle leerte. Das mochte gegen fünf Uhr gewesen sein. Noch eine Stunde blieb ich hinter meinem Vorhange hocken. Dann hörte ich abermals Namen verlesen. Ich konnte meine Unruhe nicht länger meistern, und die unbequeme Haltung, in der ich die Zeit des Wartens verbracht hatte, erschien mir plötzlich unerträglich. Ich trat in den Gang und stieß die Tür zur Halle vorsichtig auf. Ein sonderbarer Anblick bot sich mir dar. Frauen und Männer standen durcheinander in langer Viererreihe, die sich bei jedem Namensaufruf verlängerte. Die Liste der Namen verlas Schnabel, der Vorsteher. Zugleich hörte ich immer wiederholen: ,, Effekten aushändigen lassen!" ,, Geld in der Kanzlei quittieren!" Gestapo- Männer waren in der Halle nicht mehr zu erblicken. - Ich trat heraus und mischte mich unter die Gefangenen, die aufgeregt aufeinander einsprachen. 23. Weißt du nichts?" hörte ich plötzlich eine Frauenstimme hinter mir. Zugleich legte die kleine Havelange ihren Arm auf den meinen. ,, Wir bleiben zusammen", sagte sie. ,, Es soll ins Konzentrationslager Alt- Mittweida gehen. Da muß ich doch lachen. Bis dahin kommen wir im Leben nicht. Vielleicht zu Fuß?" ,, Diese Idioten!" sagte ein anderer Gefangener. ,, Das Glasdach will ich fressen, wenn ich nicht in der ersten Stunde schon gerückt bin. Der Ami steht rings um die Stadt. 293 Im Westen soll er schon eingerückt sein. Und da reden diese Heuochsen noch vom Konzentrationslager!" Fernher hörte man das dumpfe Geräusch von Geschützdonner. ,, Heute früh sind sie schon in Holzhausen gewesen", sagte ein dritter. Ich ging in die Kanzlei. ,, Sind Sie aufgerufen?" sagte Schnabel. Er war offenbar völlig durcheinander; hatte schon wieder vergessen, daß man mich vergeblich gesucht hatte. ,, Ja", antwortete ich. ,, Na, dann los! Holen Sie erst mal Ihre Effekten!" Ich ging noch einmal in die Zelle hinauf. Auf der Treppe kam mir Roßberg entgegen. " Warst du nicht schon beim Gestapo- Transport?" sagte er und blickte mich erstaunt an. ,, Weiß nichts davon, war nicht in der Zelle." ,, Mensch ich glaube, damit haben wir alle beide Glück gehabt. Dr. N. haben sie mitgenommen. Acht Namen fehlten. Sie wollten ein paar andere als Ersatz mitnehmen, aber Schnabel hat sich geweigert, ohne besondere Anweisung noch jemanden herauszugeben. Da sind sie eben mit zweiundfünfzig Mann abgehauen, weil die Sache mit dem Alarm doch zu mulmig wurde." Meine Zelle war leer. Ich nahm meinen Mantel und einen kleinen Pappkarton. Dann ging ich hinunter zu den Effekten und ließ mir meinen Koffer und den Inhalt meines Wertbeutels geben. Alles ging ohne besondere Förmlichkeiten vor sich. Die Wachtmeister fühlten sich offenbar in der Rolle des Kaufmannes, der seinen letzten großen Ausverkauf vor der Pleite macht. Dann schloß ich mich der langen Reihe an, die des Abtransportes ins Konzentrationslager harrte. Neben mir stand wieder Claire Havelange, die kleine Französin. Die ganze Situation war nicht ohne eine gewisse Komik. Die Polizei gab sich noch immer als Vertreterin der absoluten Gewalt. Man kommandierte und ordnete mit lauter Stimme an, aber hinter diesem unerschrockenen Auftreten lauerte deutlich die blasse Angst. Mahnend dröhnte über unsern Häuptern das nicht miẞzuverstehende Gebrumm der Bomber, die über der Südstadt kreisten. Vereinzelt erschütterte auch der Einschlag 294 einer Bombe die Luft: Aufforderung, sich mit der Lösung des Gefangenenproblems ein wenig zu beeilen. ,, Halle freimachen! Alles in die unteren Zellen!" ertönte die aufgeregte Stimme des Leutnants Schnabel. Er mochte füh len, daß dies seine letzte Amtshandlung als Vorsteher eines Polizeigefängnisses sei, und es war doch so schön gewesen, früh um neun Uhr im Präsidium einzupassieren, von zehn bis zwölf über die untragbare Arbeitslast zu klagen, um gegen ein Uhr wieder zu verschwinden. Daß er einige Wochen später zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werden würde wegen stillschweigender Duldung der Gemeinheiten und Gefangenenmiẞhandlungen seines Hauptwachtmeisters und Stellvertreters Rothe, das freilich ahnte er wohl noch nicht wie denn überhaupt nur wenige von denen, die es anging, den Ernst der Lage in dieser Stunde bereits richtig erfaßt hatten! In die Zweimannzelle wurden rund je dreißig Menschen geschoben, so, wie sie eben zusammenstanden. Man hörte Schnabel mit lauter Stimme Anweisungen geben. Dumpfer Geschützdonner aus südlicher Richtung gab die Begleitmusik zu dieser letzten Festrede des treuen Amtsträgers einer Macht, die es in Wahrheit schon nicht mehr gab. 33 - Wir gehen zusammen ab, Hans", sagte die kleine Havelange, die an meiner Seite geblieben war. Du kennst doch Leipzig. Irgendwo werden wir die Nacht über schon unterkommen. In Schönefeld weiß ich die Wohnung eines Mädchens, das mit mir in Plauen gearbeitet hat. Bei der können wir bleiben, das heißt, wenn sie noch hier ist." ,, Ich zahle fünfzig!" sagte der Serbe, der auch in unsern Haufen geraten war. - ,, Ich hundert!" rief eine lebhafte Stimme hinter mir. Ich wendete mich um. Der Serbe und ein Tscheche handelten um eine Zigarette. Noch fünf oder sechs englische Zigaretten tauchten irgendwoher auf und wurden für ähnliche Beträge erstanden. Aber niemand hatte ein Streichholz außer mir. Ich stiftete es großmütig und durfte dafür den ersten langen Zug tun. In gierig- zitternden Händen wanderten die Zigaretten von Mund zu Mund. In wenigen Augenblicken war die winzige Zelle mit Qualm erfüllt. Ein Symbol: Völliger Zusammenbruch der Gefängnisdisziplin. Noch am Tage vorher hätte Rothe alle Bewohner einer Zelle in Arrest gesteckt, wenn er eine 295 Spur Tabakrauch in ihr gewittert hätte. ,, Wir sind frei!" Das war der Gedanke, von dem jeder erfüllt war, ohne ihn zu denken. Dieser Gedanke formte sich nicht in Worten, aber keiner war unter uns, der nicht den festen Entschluß bei sich gefaßt hätte, ihn zu verwirklichen so oder so! Was konnten uns diese Burschen nun noch antun? Schließlich mußten sie froh sein, die Zeugen für das, was in den letzten Wochen in diesem Hause vor sich gegangen war, so weit wie möglich von sich wegzuschieben; denn alle diese Menschen einfach totschlagen, das ging doch nun wirklich nicht mehr. Dazu stand die Macht, die die ihre ablösen würde, zu dicht vor den Toren! Daß man auf einem improvisierten Transport in ein neues Konzentrationslager würde fliehen können, das stand für jeden von uns fest. Wahrscheinlich war die Polizei sogar froh, wenn sie die Last der Gefangenen, die zum größten Teile ohne gesetzliche Grundlage hier festgehalten wurden, auf diese einfache Weise los wurde! Rasselnd wurden nun auf der ganzen Front der Halle die Schlüssel in die Zellenschlösser gestoßen. ,, Raustreten!" Der Zug formierte sich in langer Viererreihe erneut. Schnabel stand neben dem Schreibtische am Eingang. - ,, Mal Ruhe! Herhören!" rief er mit Aufgebot aller seiner Stimmittel. ,, Ihr braucht keine Sorge zu haben. Es geschieht euch nichts, wenn ihr keinen Fluchtversuch macht. Ihr werdet bald frei sein. Daß keiner versucht, aus dem Zuge auszubrechen! Ich habe Anweisung gegeben, sofort zu schießen!" Merkwürdig: Jeder von uns empfand diese Rede als Aufforderung zur Flucht! Ein gutes Dutzend Polizeier, bewaffnet mit Maschinenpistolen, an kurzer Leine riesige Hunde führend, begleitete den Zug von etwa hundertsiebzig Gefangenen. Es ging hinaus in eine Alarmnacht, durch die Straßen einer zerstörten Stadt, die durch Häusertrümmer blockiert waren. Daß sich unter diesen Umständen der Zug immer weiter auseinanderziehen würde, das war einfach unvermeidlich. Die ver hältnismäßig geringe Zahl von Beamten konnte gar nicht in der Lage sein, ihn zusammenzuhalten... Dann tat sich die Türe auf, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Jeder Gefangene trug sein Gepäck. Manche hatten zwei Koffer, andere eine schwere Holzkiste und einen 296 Rucksack, andere trugen prall gefüllte Pappkartons in jeder Hand. Ueber die winkeligen Korridore des Polizeipräsidiums gelangten wir in den Hof: Hier gab es noch einen längeren Aufenthalt, bis die Wageneinfahrt sich öffnete. Endlich stan den wir auf der Straße. Die Nacht war so dunkel, daß man wortwörtlich die Hand nicht vorm Auge erkennen konnte. Der Zug wurde nach rechts geführt, also dem Königsplatz zu. Dann aber verlor ich zunächst die Orientierung. Nach wenigen Schritten schon standen die Viererreihen zwischen Trümmern und drohten sich aufzulösen. Die Taschenlampen der Transportbegleiter tasteten mit spitzen Lichtfingern den Zug ab. Offenbar überschrit ten wir den Königsplatz in Richtung Windmühlenstraße. Unser Ziel war also der bayrische Bahnhof. ,, Sag', wenn du denkst, daß wir abgehen können!" flüsterte mir die kleine Havelange zu, die sich fest bei mir eingehakt hatte. ,, Hier noch nicht!" entschied ich. ,, Wir kommen gewiß noch an eine Stelle, wo wir uns zwischen Trümmern schmerzlos verdrücken können. Die Hunde sind mir noch zu lebhaft!" Und dann machte ich eine Beobachtung, die mir fast ein Lächeln abzwang. Die Hunde, die zum Teil von der Leine gelassen worden waren, hörten das drohende Brummen eines Bombers, der in geringer Höhe über uns hinwegbrauste, und liefen winselnd und mit eingezogenem Schwanz zurück zu ihren Führern. Irgendwo mußten sie bereits Bekanntschaft mit einschlagenden Bomben gemacht haben, und die naive Kreatur versucht niemals den Heros zu spielen und die Bewunderung der Mitkreatur durch sogenannten Heldenmut her auszufordern: sie folgt vielmehr in allen Fällen dem natür lichen Triebe der Selbsterhaltung. Einer der Hunde wich nicht von meiner Seite, als suche er Schutz bei mir. Ich sprach be ruhigende Worte zu ihm und wagte es, ihn am Halsband zu fassen, was er nicht im mindesten übelnahm. Eben war wieder eine schwere Bombe im Süden niedergegangen, und der Hund schmiegte sich mit allen Zeichen der Angst an mich an. ,, Aufschließen! Aufschließen!" brüllte einer der Polizeier hinter uns her. Aber es blieb zweifelhaft, ob er uns oder andere gemeint hatte. Der dünne Kegel seiner Taschenlampe glitt über uns hinweg. 297 ,, Anschließen! Anschließen!" - Aus der Stimme dieses Mannes klang Wut und Angst zugleich. War es nicht eine unverschämte Zumutung, die ganz außerhalb seines ordent lichen Dienstbereiches lag, bei einem Alarm auf die Straße geschickt zu werden, wo jeden Augenblick eine Bombe in die Trümmer rechts oder links fallen und ihm die peinlichsten Unannehmlichkeiten bereiten konnte, während seine Kollegen im Luftschutzkeller saßen und Skat spielten? Und gerade an dieser Stelle lag die ganze Fassade eines Hauses quer über der Straße. Sie hätte schon am lichten Tage eine kleine Kletterpartie zur Ueberwindung erfordert. Wie waren die da vorn eigentlich hier durchgekommen? ,, Hier hauen wir ab! Hinlegen!" kommandierte ich leise. Die kleine Französin verstand mich sofort. Sie löste sich von meinem Arme und war plötzlich wie vom Erdboden versschluckt. Ich legte meinen Koffer neben sie und duckte mich hinter eine umgestürzte Säule. ,, Aufschließen! Aufschließen!" brüllte der Transportbegleiter, diesmal dicht vor uns. Dazu fluchte er wie ein Heide. Mein Hund sprang winselnd auf ihn zu, und er nahm ihn am Halsband. Langsam ließ er den Zug an sich vorübertrotten und gesellte sich schließlich zu seinen beiden Kollegen, die den Schluß bildeten. ,, Ist alles vor uns?" fragte er laut. - ,, Frag' nich so duẞlig!" antwortete eine Stimme aus dem Dunkel. ,, Wenn du vielleicht denkst, wir kriegen die Hälfte von der Bande bis an die Autos na, die miẞden ja Dinte gesoffen ham, wenn sie jetzt nich abgingen. Ich hab's dem Alden gleich gesagt, daß wir geene Garangdie fier den Dransport iwernähm genn..." Der Rest seiner Rede wurde vom dumpfen Dröhnen eines fernen Bombeneinschlages verschluckt. Dann war die Straße leer. - ,, Frei nach vier Jahren!" Claire Havelange schlang ihre Arme um meinen Hals und schluchzte vor Glück. ,, Manchmal hab' ich gedacht, ich erlebe es nie!" Ich hatte sie als Knastschreiber und Nachfolger Dr. Welters in die Kartei aufgenommen und besann mich auf den Wortlaut der Schutzhaftbegründung. Sie wurde festgehalten unter dem Verdachte der Falschmünzerei. Natürlich war niemals gegen sie verhandelt worden. Man hatte sie einfach von Lager zu 298 Lager geschleppt, bis sie schließlich im Polizeigefängnis Leipzig von der Gestapo, bis auf weiteres' aufgehoben wurde. Die Gestapo war eben zähe. Sie hatte die Hoffnung nie aufgegeben, noch etwas über den Mann aus ihr herauszubekommen, der mit ihr nach Deutschland gekommen war. Wir blieben ruhig auf unsern Steinen hocken, um uns von der Anstrengung des Koffertragens ein wenig zu erholen, und dabei erzählte mir die Kleine in Kürze ihr Schicksal. Ein Belgier namens Solange, der mit ihr kurz nach dem Einmarsch deutscher Truppen nach Deutschland verfrachtet worden war, war in den Verdacht geraten, in Brüssel gedrucktes Falschgeld hier in Umlauf gesetzt zu haben. ,, Sie haben ihn nie fassen können. Noch vor zehn Tagen bin ich vom Sachbearbeiter in dieser Angelegenheit ein letztes Mal vernommen worden. Ich weiß, daß er in Berlin als Kellner unter einem falschen Namen und mit erstklassigen Papieren arbeitet." ,, Und du hast dich beteiligt?" fragte ich, ein wenig neu gierig. Wie man's nimmt. Als die Deutschen in Brüssel einmarschiert waren, hat sich eine Gruppe der Widerstandsbewegung an Solange gewendet mit dem Ansinnen, durch Ausgabe von Falschgeld in Deutschland wirtschaftliche Schwierigkeiten zu erzeugen. Es war also eine rein politische An gelegenheit und in gar keiner Weise auf eine persönliche Bereicherung abgesehen. In Plauen, wo ich in einer Textilfabrik arbeitete, wurde ich näher mit Solange bekannt, und er zog mich ins Vertrauen. Von da ab habe ich regelmäßig einmal in der Woche das Falschgeld in Zwickau abgeholt. Es ging dabei zu wie in einem Kriminalroman. Ich wartete mitten in der Stadt vor einem bestimmten Hause. Dann kam ein Auto angefahren, und eine Hand reichte mir aus dem Fenster einen Pappkarton mit den Noten. Ich habe den Mann, der mir die Sendung aus Brüssel übergab, niemals richtig gesehen. Die Scheine übergab ich in Plauen Henry. Wie der sie in Umlauf gesetzt hat, ist mir nicht genau bekannt. Es waren kleine Scheine. Zwanziger und Fünfziger. Mir war damals Geld ziemlich gleichgültig, weil ich immer genug hatte. Natürlich echtes! Henry warnte mich immer wieder vor auffälligen großen Ausgaben. Einmal sagte er mir, daß mehr als ein Dutzend Stellen in Berlin allein in der gleichen Weise arbeite. Manchmal hat 299 Henry auch in einem Päckchen größere Geldscheine nach Aachen geschickt. Dort nahm sie ein Grenzgänger mit hin- über. Ich habe übrigens auch ein Konto bei der Widerstands- bewegung und werde, wenn ich heimkomme, über Geld ver- fügen können. Aber deswegen habe ich es ja nicht getan. Die Sache war ja ganz gut ausgedacht, aber ich glaube kaum, daß wir damit allzugroßen Schaden angerichtet haben. Denn die Deutschen gaben ja selber genug Geld aus. Da sind die paar Millionen, die wir in den Verkehr gepumpt haben, gar nicht groß ins Gewicht gefallen. Wenn man sich freilich bei meiner Wochenendreise nach Zwickau einmal gefaßt hätte, dann wäre ich nicht mehr am Leben. Henry kriegte also rechtzeitig Wind und verschwand lautlos wie’s Röhrenwasser aus Plauen. Von mir wußten sie, daß ich öfter mit ihm zusammen gewesen war, und griffen mich. Man konnte mir freilich gar nichts nachweisen. Aber die Gestapo wollte eben mehr wissen. Die Verhöre! Stundenlang. Tagelang. Wochenlang. Nein— ge schlagen haben sie mich nicht. Aber es gibt Dinge, die fast unangenehmer sind. Stundenlang unter der Hitze von einem halben Dutzend hundertkerziger Glühlampen sitzen und ewig auf dieselben Fragen dieselbe Antwort geben, das ist auch keine Kleinigkeit.— Weißt du eigentlich, wo wir hier sind?“ Ich schaute mich forschend um und gewahrte ‚einen Licht» schein, der aus einem Kellerfenster des Hauses gegenüber schimmerte. „Bleib’mal einen Augenblick mit meinem Koffer hier sitzen, Claire“, sagte ich.„Ich werde mich mal erkundigen. Da drüben scheinen noch Menschen im Keller zu sein.“ Der Eingang zum Keller war unschwer zu finden. Ich stieß die Tür auf und trat in einen von zwei Kerzen freundlich er» leuchteten Raum. Zwei Männer und zwei Frauen saßen auf Gartenstühlen um einen altersschwachen Tisch und spielten Karten. Eine Flasche Kognak stand hinter ihnen auf einem Mauervorsprung. „Ist der Alarm vorüber?“ fragte die jüngere der beiden Frauen, die meinen Eintritt zuerst bemerkt hatte.; „Ich weiß es nicht. Eine Entwarnung habe ich jedenfalls nicht gehört, und Bomber surren noch immer in der Luft herum. In was für einer Straße sind wir hier?“ „Liebigstraße.“ Ich wollte mich mit Dank zurückziehen, aber einer der Männer hielt mich durch die Fortsetzung des Gesprächs zurück. ,, Sie sind fremd in Leipzig?" fragte er. د, Wie man's nimmt. Ich kenne das zerstörte Leipzig noch nicht, und draußen wartet ein junges Mädchen auf mich, das ganz fremd hier ist. Wir kommen nämlich beide aus dem Polizeigefängnis." Ich weiß nicht, woher mir der plötzliche Einfall kam, dies zu sagen; aber ich fühlte mich in diesem Augenblicke dem Schicksal ganz unbedingt überlegen... Die Kartenspieler legten ihre Karten beiseite und blickten mich überrascht an. Das is ja indressant", sagte der Mann. ,, Da is es Ihnen wohl dreckig genug gegangen?" 23 Teils - teils. Im Zuchthause war es schlimmer." Der Mann erhob sich mit beschwingter Bewegung. ,, Seien Sie mir gegrüßt, Kamerad! Ich bin auch zehn Monate im Bau gewesen. In der Elisenburg, wenn Sie die kennen sollten. Beim alten Papa Dietze. Untersuchungshaft. Heimtückegesetz. Na, daß Sie keine silbernen Löffel geklaut haben, das sieht man auf den ersten Blick. Sie brauchen mir nichts zu erzählen. Aber Sie müssen unbedingt mit mir anstoßen auf eine baldige und endliche Erlösung von dieser gottverdammten braunen Pest!" - 93 Er schüttete ein Wasserglas voll Kognak und reichte es mir. Ich nippte. Gestatten Sie, daß ich meiner Freundin draußen auch einen Schluck bringe? Sie hat's redlich verdient. Vier Jahre Lager. Eine reizende Französin, die im übrigen besser deutsch spricht als viele Mädchen ihres Alters in Sachsen." ,, Reinbringen!" lachten die Kartenspieler.„, Hier ist Platz. Ihr werdet doch nicht in der Stockfinsternis draußen her umlaufen, wo die Bombenschmeißerei gleich wieder losgehen kann. Bei uns is es immer gemütlich!" Ich verschwand und holte Claire und unser kleines Gepäck herein. Claire entpuppte sich als eine Dame von geradezu neiderregenden Umgangsformen. Sie hatte mit Fleiß und guter Be gabung fünf Jahre Deutsch auf einem Pariser Lyzeum gelernt und hatte das Glück gehabt, im Lager zu Maltheuer eine Lehrerin aus Brünn zu treffen und sich mit ihr zu befreunden, 301 war der die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Claires Deutsch den letzten Schliff zu geben. So hatte sie sich ein klares, vollkommen wortsicheres Hochdeutsch erworben, das mich heute schon mehrfach in Erstaunen gesetzt hatte. Im übrigen hätte sie nicht so reizend und keine Pariserin sein dürfen, um die kleine Gesellschaft nicht zu bezaubern. Zudem Kognak ausgezeichnet, und als die erste Flasche niedergemacht war, erschien neben einer zweiten Flasche für die Herren noch eine Flasche Likör für die Damen auf dem Tische. Man hatte Rommé mit französischer Karte gespielt. Claire, schon ein wenig beschwipst von dem so lange entbehrten Likör, ergriff die Karte und überraschte uns alle durch eine ganze Reihe trefflicher Kartenkunststücke, die sie mit humorvollen kleinen Geschichten würzte. Auch auf mich begann der ungewohnte Alkohol zu wirken. Kein Wort fiel über die Vergangenheit; keine neugierige Frage über den Anlaß unserer Verhaftung und Bestrafung. Claire und ich vermochten in dieser kleinen Stunde kaum zurückzudenken an das, was wir noch vor kurzem erlebt hatten. 23 Und wo bleiben Sie diese Nacht?" fragte die jüngere der beiden Frauen. ,, Irgendwo", antwortete Claire sorglos. ,, Le bon Dieu wird schon ein Plätzchen für uns vorgesehen haben; wenn es nicht anders ist, auf der Straße. Der neue Tag ist ja nicht mehr fern, und morgen werden wir sehen, wie wir weiterkommen. Ich habe eine Freundin in Würzburg, und wenn ich noch vor dem Einmarsch der alliierten Truppen dorthin komme, ist für mich die soziale Frage zunächst einmal gelöst." ,, Sie können nicht zwischen Trümmern umherirren in einer Ihnen gänzlich unbekannten Stadt. Das können wir nicht dulden. Wenn Sie mit einem einfachen Lager bei uns fürlieb nehmen wollen, sind Sie herzlich willkommen." Claire blickte mich fragend an. ,, Das ist jedenfalls eine bessere Lösung als der weite Weg nach Schönefeld, wobei es noch nicht einmal sicher ist, ob du dort ein Unterkommen findest", sagte ich. ,, Und du?" ,, Ich habe Freunde genug hier in Leipzig. Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen." 302 ,, Dann", so sagte Claire nach kurzem Zögern mit einem liebenswürdigen Lächeln, ,, nehme ich die so herzlich angebotene Gastfreundschaft gern und mit Dank an. Ich hatte wirks lich ein wenig Angst vor einer Wanderung in dieser Finsters nis durch eine unbekannte Stadt, und meinem Freunde kann ich nicht zumuten, mich zu begleiten." - Ich gestehe, daß ich auch glücklich war über diese Lösung. Natürlich hätte ich Claire nicht allein nach Schönefeld wandern lassen, zumal die Gefahr einer neuen Verhaftung so, wie ich damals die Dinge sah durchaus noch nicht bes hoben war... - - Ich weiß nicht, war es der Kognak, oder die offene Herzlichkeit, mit der ich in der ersten Stunde meiner Freiheit empfan gen worden war jedenfalls nahm ich in gehobenster Stimmung von der kleinen Gesellschaft Abschied. Claire weinte ein paar Tränen der Rührung und umarmte mich. Dann nahm ich noch einen Abschiedsschluck, ergriff meinen Koffer und stolperte hinaus auf die Straße. Ob ich dabei noch ganz gerade ging, weiß ich auch nicht. Man soll eben keinen Kognak in einen leeren Magen gießen! Ich war nur wenige Schritte die völlig zerstörte Nürnber ger Straße entlang gegangen, als ich im Scheine einer verdunkelten Laterne zwei Mädchen mit Koffern mitten auf der Fahrbahn stehen sah, die sich offenbar über den Weg nicht klar waren, den sie einschlagen sollten. Eine von ihnen ging mir entgegen und fragte in gebrochenem Deutsch, auf wel chem kürzesten Wege sie nach dem Gasthaus, Grüne Schenke' gelangen könnten. Es war unschwer zu erraten, daß auch sie aus dem Zuge stammten, der vor etwa zwei Stunden das Polizeigefängnis verlassen hatte. Das bestätigte sich denn auch nach wenigen Worten. Die jüngere der beiden, ein Mädchen von kaum zwanzig Jahren, war eine Dänin, die wegen Arbeitsvertragsbruches zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, die ältere eine Norwegerin von schätzungsweise dreißig, die zwei Jahre Zuchthaus hinter sich hatte wegen, Vorbereitung zum Hochverrat. Sie war aus dem Zuchthaus Celle, rückgeführt' worden zur Gestapostelle Leipzig, da sie zuletzt hier gearbeitet hatte. Die Dänin wohnte in der Gegend der, Grünen Schenke 303 und würde bei ihrer Wirtin für sich und ihre Freundin ein Unterkommen finden. ,, Kommt nur mit mir", sagte ich. ,, Ich bringe euch bis zum Johannisplatz. Von da aus könnt ihr den Weg nicht verfehlen, wenn ihr den Schienen der Straßenbahn nachgeht." Vor der Johanniskirche beschrieb ich ihnen den Weg, den sie nehmen mußten. Wir hatten uns, ein wenig erschöpft vom Tragen unserer Koffer, auf einem Block dicht vor dem Luther- Melanch ton- Denkmal niedergelassen, dessen Erzfiguren freilich längst entfernt worden waren. دو , Endlich frei!" sagte die Norwegerin mit einem tiefen Aufs atmen. ,, Ich habe noch eine Zigarette. Für jeden von uns einen Zug!" Ein einsamer Wanderer, der den Platz überquerte, gab uns Feuer. ,, Ist eigentlich noch Alarm?" fragte ich ihn. ,, Kann sein, kann auch nicht sein. Ich habe nichts von einer Entwarnung gehört. Ist mir auch ganz egal. Die Schweinerei ist ja nun doch zu Ende, und morgen oder übermorgen haben wir die Amerikaner in der Stadt. Sie werden uns ja nicht fressen. Dann hört endlich mal die verfluchte Bombenschmeißerei auf, und was nachher kommt ja sehen!" 33: 93 Wohin gehen Sie?" fragte ich ihn. - na, wir werden ,, Die Dresdner Straße lang. Ich muß noch nach Stötteritz." , Würden Sie die beiden jungen Mädchen bis zur Grünen Schenke begleiten? Sie wissen nicht recht Bescheid in der Stadt." Er erklärte sich dazu gern bereit. ,, Dann alles Gute!" sagte ich verabschiedend zu den beiden. Alles nimmt einmal ein Ende und uns gibt dieses Ende neue Hoffnung!" - Eine halbe Stunde später stand ich vor einem Hause, in dem ich von überraschten Freunden aufs herzlichste aufgenommen wurde. Eigentlich war es ja eine höchst untergeordnete Angelegenheit, daß ich nach achtundzwanzig Monaten des Herumliegens auf Steinfließen, Holzfußböden und Strohsäcken mit und ohne lästige Bewohner wieder in einem richtigen Bett schlafen würde, aber darauf freute ich mich nun doch ganz ungemein! 304 Weisheit wird auf dem Markte des Lebens selten billig eingekauft, aber am Ende weiß man doch, was man an ihr hat. Ich habe nun wirklich den Flügelschlag des Schicksals über meinem Haupte rauschen hören, ohne nach links oder rechts ausweichen zu können, und ich finde, dies waren die interessantesten Augenblicke meines bewegten Daseins: in bezug auf das Verhalten derer nämlich, die als unbeteiligte Zuschauer daneben standen und ihren Senf dazu gaben. Jeder Mensch hat seine Neider, auch der friedfertigste. Da standen sie, die andern nämlich, lachten sich ins Fäustchen und sprachen:, Ei, was für ein ganzer Kerl bin doch ich! Ich denke im Grunde genau so wie dieser Hammel da, dieser Idiot, den sie da eben eingesperrt haben. Aber ich habe das Geschick, da wegzubleiben, wo jener leidet!' Anstatt zu sagen: Ist er nicht trotz allem ein rechter Kerl? Er hat die Kraft, unter einem Schicksal zu leben, das mich erdrücken würde!' Wenn einem der Lebensweg verhagelt, dann soll man nämlich immer selber schuld daran gewesen sein. Kommt man anständig durch, so ist das nach Meinung dieser Leute unverdientes Glück. Dem Ungeschick, der Dummheit und wohl gar dem bösen Willen wird eben immer mehr in die Schuhe geschoben als nötig und billig ist. Aber dieses Urteil der andern ist ja im Grunde ganz unerheblich; denn es geht alles vorüber so oder so... - - Mit diesem Schlußstrich unter meine Leidenszeit entschlief ich sanft in der fünften Morgenstunde des 13. April 1945. Ich leugne es nicht: ich war mit mir zufrieden. Ohne eine kleine Eitelkeit ist nun einmal kein Mensch, und ich hatte das Ge fühl, daß ich in dieser Zeit keine unwürdige Rolle gespielt hatte. Ich hatte mich nicht demütigen lassen, weder durch die Gestapo und den öffentlichen Ankläger, noch durch das Zuchthaus und alles das, was mit dem Vollzug eines Urteils zusammenhing, das ohne die anerkannte Grundlage eines Gesetzes im Namen des Volkes gefällt und vollstreckt worden war. Viele moralische Widerstände hatte ich zusammenbre chen sehen und dabei feststellen müssen, daß man echtes Heldentum selten im Lärm der Schlachten und dort findet, wo Ritterkreuze mit Schwertern und Brillanten verteilt werden, sondern vielmehr im Alltag: im Behaupten eines festen Sinnes gegenüber prasselnder Anmaßung und frechem Mißbrauch der Macht... Ich wäre gewiß weniger selbstzufrieden gewesen, 20 Berbig: Knast 305 hätte ich gewußt, daß man eben in diesem Augenblicke den Bombentrichter eilig zuschaufelte, in dem man die zweiund> fünfzig letzten Opfer des Gestapomordwahnes in Lindenthal verscharrte. Ihre Leichen wurden erst ein paar Tage später aufgefunden... Am nächsten Tage feierte ich ein fröhliches Wiedersehen mit Fritz Oehme, der mich zunächst einmal allen den Männern seiner Bekanntschaft feierlich vorstellte, die gleich uns im Polizeiknast gesessen hatten. Als ich nach Hause kam, hatte ich einen großen Karton mit allerhand Lebensmitteln unterm Arme: Dinge, die meinem verhungerten Dasein den trügerischen Schein der Fülle vortäuschten. Aber die Hauptsache da bei war doch, daß ich am ersten Tage meiner wiedergewonnenen Freiheit mitfühlenden Herzen begegnete, die meinen stark erschütterten Glauben an die Menschheit hoffnungsfroh belebten! Fünf Tage lebte ich bei meinen Freunden ziemlich zurückgezogen. Am 18. April rückten die Amerikaner in Leipzig ein. Endlich konnte ich mich in meiner Heimatstadt wieder frei bewegen, und dieser Umstand allein genügte, mich für vieles, ja fast für alles zu entschädigen, was ich an Schlimmem erlebt hatte... 306 thal spät A Frit seir Pol ich An sch bei nex sta‘ fro | ge | eir fre vie Im KOMPASS-VERLAG, OBERURSEL erscheinen ferner. MARTIN RANG Der Geist unserer Zeit JULIUS WIEGAND Deutsche Geistesgeschichte im Grundriß JOHANNES KUHN Die Wahrheit der Geschichte und die Gestalt der wahren Geschichte PROF. DR. BERNHARD BAVINK Die Naturwissenschaft auf dem Wege zur Religion Leben und Seele, Gott und Willensfreiheit im Licht der heutigen Naturwissenschaft OTTO HEINRICH MULLER Ketteler Aus seinen sozialen Schriften EMIL FUCHS Leonhard Ragaz Prophet unserer Zeit PROF. DR. FRIEDRICH PANZER Studien zur Literatur des Abendlandes PROF. DR. GOTTFRIED WEBER Parzival DR. ERICH DRACH Sprecherziehung PROF. DR. WILHELM SCHNEIDER Deutscher Stil- und Aufsatzunterricht + Meisterwerke der Literatur zum Teil zweisprachig, zum Teil mit literarhistorisch-philosophischem Kommentar Pädagogisches Schrifttum, Berufsschulbücher und Fachliteratur 82 Verfasser dieses Buches ist JOHANNES BERBIG, geboren am 15. März 1884 in Leipzig, seit 1934 als freier Schrift- steller tätig.