V OR BE MER KUNG Im Konzentrationslager, in Wochen und Monaten der Einzelhaft konzipiert und im Kopf geschrieben, gelangte dies Buch als geistige Konterbande mit hinaus in die Freiheit. Es in Prag auf Papier zu bringen, war nur noch eine technische Angelegenheit, und schon im Herbst 1934 konnte die erste Auflage im Malik- Verlag, London, erscheinen. In diesem Buch ist das Konzentrationslager des ersten Jahres der Hitlerzeit geschildert. Bekanntlich vervollkommnete die Gestapo und SS mit jedem Jahr ihre Folter- und Mordtechnik. Was mit einem Ausrottungsfeldzug gegen die Freiheits- und Friedensfreunde in Deutschland begann, wurde im Ablauf von zehn Jahren zu einer mit den modernsten Mitteln betriebenen systematischen Entvölkerung ganzer Landstriche und Nationen gesteigert. Um von der industrialisierten Menschenvernichtung in den letzten Jahren der Naziherrschaft eine Vorstellung zu bekommen, genügt nun aber nicht, die hier aufgezeichneten Begebenheiten etwa nur mit Zehn zu multiplizieren. Die krasse Realistik dieser Aufzeichnungen hat zuweilen Anstoß erregt; ich habe meine Aufgabe jedoch nicht darin gesehen, Tatsachen zu beschönigen oder zu umschreiben, selbst dann nicht, wenn sie eine bleibende Schande für die Kultur unseres Volkes sind. Um die Wahrheit und nichts als die dokumentarische Wahrheit erzählend gestalten zu können, wählte ich die Form des Romans. -- - In der Vorbemerkung zu den früheren Ausgaben dieses Buches heißt es: ,, Ich habe geschildert, was ich selbst erlebt und gesehen 5 habe. Einiges erfuhr ich von mir gut bekannten und absolut ver- trauenswürdigen Mitgefangenen. Es gibt in diesem Roman keine erfundene Person. Die Namen der SS-Leute sind echt, ebenso die Namen des Sturmführers, des Lagerkommandanten, des Straf- vollzugspräsidenten und des Reichsstatthalters. Die Namen der Gefangenen(und einige sie betreffende Umstände) habe ich ge- “ ändert.” Weshalb ich die Namen meiner Mitgefangenen änderte, bedarf keiner Erklärung; heute freilich ist das nicht mehr nötig. In dem charakterlich anständigen Sozialdemokraten und Ästheten Dr. Fritz Koltwitz, der vom ersten Hafttag an bis zu seinem so- genannten Freitod einen Opfergang ohnegleichen zu erdulden hatte, habe ich das tragische Schicksal Dr. Solmitz’ aus Lübeck zu schildern versucht, in dem standhaften, todesmutigen Kom- munisten Heinrich Torsten das Heldentum des Reichstagsabge- ordneten Mathias Thesen, der nach diesem Martyrium des ersten Jahres noch die ganze weitere Zeit der Nazidiktatur— elfeinhalb Jahre— ohne Urteil und Prozeß im Konzentrations- lager verbringen mußte und dann in den letzten Stunden des Dritten Reiches von den Mordknechten Himmlers meuchlings ge- tötet wurde. Die bisherigen Ausgaben dieses Buches waren den Antifaschisten meiner Vaterstadt Hamburg gewidmet; diese erste Ausgabe für Deutschland widme ich dem tapferen Sohn unseres Volkes, dem Märtyrer im Kampf für Freiheit und Menschlichkeit: i Mathias Thesen. . Schwerin, Januar 1946. Willi Bredel. \ | Die Verhaftung In wenigen Minuten soll der Zug in Hamburg einlaufen. Damit beginnt ein neuer Abschnitt in der Arbeit des Mannes, der im Durchgang des Schnellzuges Frankfurt am Main- Hamburg- Altona steht und aus dem Fenster blickt. Der Fremde kommt aus Berlin. Statt direkt von Berlin nach Hamburg zu fahren, wählte er den Umweg über Hannover. Hamburg. Wird die Arbeit weiter von Erfolg und Glück begleitet sein wie bisher? Die Aufgabe, die vor ihm steht, ist schwierig; er muß kaltblütig und umsichtig zu Werke gehen... In Chemnitz war der Boden für ihn zu heiß geworden. Vier Monate hatte er in Sachsen gearbeitet, dauernd gehetzt, stets von Verrat bedroht. Doch die Partei lebt, trotz Mord, Mißhandlungen, Verhaftungen; die Organisation steht; die Arbeit geht weiter... Zwar hat es niederschmetternde Rückschläge gegeben. Spitzel tauchten auf und verrieten wichtige Verbindungen. Oft konnten sie schnell entlarvt werden; oft genug aber haben sie, getarnt als Genossen, als Mitkämpfer, wochen- und monatelang durch Verrat Lücken in die Organisation gerissen... Viele hat der grausame Terror kleinmütig und furchtsam gemacht; sie haben ihre Hände von jeder illegalen Arbeit zurückgezogen. Dadurch zerfielen manche Zellen der Organisation, die politische Arbeit lag brach... Es war nicht immer leicht gewesen, hatte manche Opfer gekostet, den konspirativen Apparat wieder in Gang zu bringen. Aber es wurde geschafft... Das war Chemnitz. 7 Und nun: Hamburg. „Ratternd fährt der Zug über die eiserne Brücke der Süderelbe. Der Fremde ist noch nie in Hamburg gewesen. Er fährt in diese Stadt mit neugieriger Freude und‘— heimlicher Angst, mit einem nicht abzuschüttelnden Gefühl des Unbehagens. Vergeblich sagt er sich: in einer Millionenstadt und Hafenstadt wie Hamburg läßt sich doch leichter konspirativ arbeiten als in einer mittleren Industriestadt wie Chemnitz. Er wird aber ein Frösteln an diesem heißen Augustmorgen nicht los... Weiden und kleine Felder, geduckte niedersächsische Bauern- häuser mit ihren hohen, bemoosten Strohdächern fliegen vorbei und gleich darauf große Blocks moderner, vielstöckiger Neu- bauten. Die Bremsen kreischen. Ein kurzer, gellender Pfiff. Ruckartig verlangsamt sich die Fahrt. Der Zug fährt durch Wilhelmsburg. Die Fahrgäste werden unruhig. Die einen legen ihr Gepäck griff- bereit und nehmen ihre Mäntel über den Arm, andere drängen zu den Fenstern: der Hafen kommt in Sicht. Schiff an Schiff liegen hier in langen Doppelreihen die Ozean- dampfer, schlafende Ungeheuer, mit stählernen Trossen an schwarze Pfähle gefesselt. Um sie herum schaukeln Barkassen und kleine Schlepper. Obgleich Werktagmorgen ist, liegen die langen Fronten der Schuppen verödet; die großen Krane an den. Kaimauern starren leblos ins flimmernde Licht. Hier und dort bewegen sich Menschen. Gearbeitet wird nur an einigen Damp- fern, die direkt am Kai vertäut sind. „Sagen Sie mal, ist heute in Hamburg Feiertag?“ fragt harmlos einer von den Reisenden, die am Fenster stehen. Ein alter Mann antwortet:„Seit der Krise ist jeder Tag in Ham- burg ein Feiertag, Herr!” Lächeln. ,, Es hat sich schon wesentlich gebessert!" mischt sich sehr ernst ein blasser Mensch mit Zwicker und Gamaschen ins Gespräch. Wenn man die Zeitungen verfolgt, kann man das genau feststellen. Noch vor wenigen Monaten lagen im Hamburger Hafen siebenhunderttausend Tonnen Schiffsraum auf, heute nur noch vierhunderttausend!" ,, Das erfährt man aber auch nur durch die Zeitungen, nicht durch einen Blick auf den Hafen!" ,, Mein Herr, ich bitte Się zu bedenken, daß sich das doch nicht durch Augenschein, sondern nur durch statistische Erhebungen feststellen läßt." Kilometerlange Fronten geschlossener Schuppen und Speicher, ein Wald von Kranen, ein Netz von Schienen, auf denen die Güterzüge direkt an die Dampfer fahren können, Überseedampfer, die, da sie leer sind, übermäßig hoch aus dem Wasser ragen, Schiffswerften mit hohen Helgen und mächtigen Docks-- selbst dieser verlassene, stille Hafen ist gigantisch. Während der Zug über die Elbbrücke, durch die Arbeitervororte, an einem Rangierbahnhof, einem Gasometer, an Spielplätzen vorbeifährt, beginnt in den Abteilen ein aufgeregtes Packen und Drängen. Die ganz Ungeduldigen stehen bereits an den Waggontüren. Vom Bahnhof ist noch gar nichts zu sehen. Unterhalb der Bahnunterführung leuchtet es grün, rot, goldgelb und blau herauf: ein Obst- und Gemüsemarkt. Merkwürdige Hochhäuser stehen unmittelbar daneben. Eins erinnert an einen riesigen Überseedampfer, die schnittigen, geschwungenen Fronten mit dem deckartigen Aufbau verlaufen spitz wie ein Schiffsbug. Ein anderes Hochhaus liegt wie ein gewaltiger, glänzender Kubus zwischen den Schutthaufen der ab9 75 gebrochenen Altstadt. Hier sollte Hamburgs neue City erstehen; es war die Krise, die einen Strich durch diese Pläne machte. Hauptbahnhof. Der Fremde hat sich in sein Abteil zurückgezogen; er hat noch Zeit; er will erst am Dammtorbahnhof aussteigen. Ein Drängen und Hasten, Rufen und Winken, Begrüßen und Küssen. Kofferbehangene Gepäckträger bahnen sich schwitzend ihren Weg. Zeitungsverkäufer fahren mit ihren Karren den Zug ab. SA und Bahnpolizisten mischen sich unter die Menge. Das Fauchen und Zischen der Lokomotiven erfüllt die Riesenhalle. Der Zug hat sechs Minuten Aufenthalt. Merkwürdig, nun in Hamburg angelangt, schwindet die Unruhe, kehrt das alte Selbstvertrauen wieder. Zum Teufel, sagt sich der Fremde, Hamburg ist doch ein großartiges Terrain, hier haben wir eine Arbeiterschaft mit solider Tradition. Die Alster!... Der Fremde murmelt vor sich hin, er hat es auswendig gelernt: ,, Zwei Uhr fünfzig am Anlegeplatz der Alsterdampfer Jungfernstieg. Mit Alsterdampfer Sybille' nach Mühlenkamp. Auf den Perron gehen." Nur noch zwei Fahrgäste stehen mit ihm im Durchgang. Den einen fragt er: ,, Entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht den Jungfernstieg zeigen?" 11 Gewiß, gerne! Dort gerade vor uns die Promenade an der Alster!" " Vielen Dank!" Der Fremde sieht vor der Promenade kleine, weiße Dampfer liegen. Dort also ist die Dampferstation Jungfernstieg, dort hat er sich einzufinden. Was für eine Stadt! Diese vielen herrlichen Türme! Diese großen Handelshäuser! Dieser gewaltige Hafen! Diese Ozeanriesen! 10 Dieser See mit den kleinen, weißen Verkehrsdampfern mitten in der Stadt: Hamburg. Und alles das wird einmal uns, dem Volke, gehören. In den Handelshäusern werden die Führer der sozialistischen Planwirtschaft arbeiten. Der Hafen wird Umschlagplatz des sozialistischen Deutschland sein. Die Schiffe werden nicht zu verrosten brauchen, sondern die Erzeugnisse der sozialisierten Industrie in die Welt tragen... Alles wird einmal uns gehören. In den schönen Villen und Parks am Wasser werden die Invaliden der Arbeit sich erholen, die Kinder der Werktätigen werden dort aufwachsen... Die Nazis haben den Arbeitervereinen ihre paar Segelboote und Kanus gestohlen. Alle Segelboote, alle Motorboote, alle Kanus werden einmal den Werktätigen gehören. Sie haben den Arbeitern die Gewerkschaftshäuser und Arbeiterheime genommen. Die schönsten Gebäude werden einmal Arbeiterklubs werden. Sie haben die Fahnen der Arbeiter in den Schmutz getreten und verbrannt. Einmal werden von allen Dächern dieser Häuser, von allen Masten rote Fahnen wehen.. Der Fremde verläßt den Dammtorbahnhof. Seinen Koffer hat er in Aufbewahrung gegeben. Es ist zehn Minuten vor elf; er hat noch einige Stunden freie Zeit und beschließt, nach St. Pauli, in das Hafenarbeiterviertel zu gehen, auf die Reeperbahn. Er wird nach einer Allee zwischen dem Botanischen Garten und dem Zoo gewiesen. Der Großstadtlärm ist wie verschluckt. Im Schatten der alten Linden ist die Hitze des Augusttages weniger drückend. Aus dem Botanischen Garten kommt ein erfrischender Duft... Das. Wichtigste ist, die Verbindungen mit den Großbetrieben wiederherzustellen. Vor allem mit Blohm& Voß und der Vulkanwerft. Und dann die Hafenarbeiter, die Verkehrsarbeiter, die Staats11 +5 arbeiter. In einigen Betrieben soll schon wieder gut gearbeitet werden, in der Metallfabrik von Menck& Hambrock in Altona, bei Calmon- Gummi in Barmbeck, bei Reemtsma in Bahrenfeld... Wie viele Betriebszeitungen wohl noch erscheinen? Ob die Verbindungen mit den einzelnen Stadtteilen noch funktionieren? Ob wohl durch die Massenverhaftungen auch der Kurierapparat stark in Mitleidenschaft gezogen ist? Dreihundert der besten, der aktivsten Funktionäre an einem Tag verhaftet, ein schwerer Schlag. Jetzt heißt es neue Kader heranziehen, mit neuen, unerfahrenen Genossen die Arbeit wiederaufnehmen. Eine Heidenarbeit. Aber wir müssen es schaffen. ... Und wenn auch ich verhaftet werde? Dann wird eben ein anderer an meine Stelle treten. - - Der Fremde geht an einem alten Friedhof vorüber. Die Grabsteine sind schwarz, unleserlich und oft moosbewachsen; die Gräber sind verwahrlost. Plötzlich bleibt er stehen und blickt auf ein großes, rotes Gebäude hinter einer hohen Mauer. Ein Gefängnis gegenüber dem Friedhof mitten in der Stadt. Wahrscheinlich das Untersuchungsgefängnis... Der Fremde lehnt sich an das Friedhofgeländer und blickt zum Gefängnis hinüber, zu den vielen vergitterten Fenstern hinauf... Hinter jedem Gitter liegen vielleicht Genossen... Wie viele leben nur noch in der Hoffnung auf die Revolution?... Wie viele haben ihren sicheren Tod vor sich?... Werden nicht in Hamburg die Hinrichtungen im Untersuchungsgefängnis vollzogen?... Wie still dieses Haus ist, hinter dessen Mauern, hinter dessen Gittern tausend Herzen schlagen, tausend Hirne fiebern, tausend Männer und Frauen auf die Stunde der Befreiung warten... Ein alter Arbeiter kommt vorüber. Ohne den gebeugten Kopf zu heben, wirft er einige Blicke nach den Zellenfenstern hinauf. 12 er Die Straße, aus der sich der Fremde nun mit eiligen Schritten entfernt, heißt: Bei den Friedhöfen. In den Colonnaden drängen sich die Menschen. Sie flüchten vor der unerbittlichen Sonne unter die schattigen Arkaden. Ein schmächtiger, schwitzender Mann, Gottfried Miesicke, Her- renkonfektion en gros, hüpft an den vor ihm Schreitenden vor- bei, fuhrwerkt nervös mit der rechten Hand in der Hosentasche und kichert, seinen Oberkörper krümmend, vor sich hin. Teils belustigt, teils verächtlich blickt man ihm nach. Miesicke ist selig. Miesicke ist mehr als selig; die ganze Welt möchte er um- armen. So einen Dusel. Es fällt ihm schwer, an die Order zu glauben, die er in der Tasche hat. Es ist einfach unglaublich. Seit zwei Jahren schleppt er sich damit von einer Saison zur- andern; hoffnungslos eingefrorenes, aufgegebenes Kapital, an dem die Motten fressen. Und nun, nein, dieser Dusel— bares, blankes Geld. Und das in dieser Zeit. Bei dieser Flaute. Miesicke, Miesicke, der einzige, wahre und allmächtige Gott hat dich nicht verlassen. Und dieses Barönchen, diese blöde, zerhackte Visage, ein Prachtjunge. Achtzehn Kartons Krawatten mit einem Schlage verramscht. Was heißt verramscht, günstig, unerhört günstig ab- gestoßen. Und nur weil dieser da— na, wie heißt er doch noch? Miesicke stoppt und zieht eine aus der Rocktasche ragende Modezeitschrift hervor, schlägt sie auf und betrachtet mit dank- barem, verliebtem Blick das Photo eines glatzköpfigen Mannes: Baron von Kaldung-Ohlenhausen. Netter Kerl. Miesicke ist ganz gerührt. Achtzehn Kartons, einhundertacht Dutzend Krawatten, rund vierzehnhundert Reichsmark. Und das bei dieser Flaute. Nicht auszudenken. Miesicke stöhnt vor Wonne. Für den Sommertag hat er keine Augen. Genau so wenig wie für die Passanten, die ihm nachblicken. Er hat auch kein Empfinden 13 75 mehr für die zermürbende Hitze, obgleich sie ihm den Schweiß unter den Haaren hervortreibt und er sie vor wenigen Stunden noch verwünschte. Vor ihm liegt, wie er die Arkaden verläßt, der kleine Alstersee und der in grünem Laub und bunten Frauenkleidern sommerlich leuchtende Jungfernstieg;- er sieht mit leeren Augen drüber hin. Vierzehnhundert Mark sind kein Pappenstiel. Vierzehnhundert Mark sind in der jetzigen Zeit ein Vermögen. Diese noch in der letzten Saison als antiquiert verschrienen Binder hätten doch auch ebensogut noch etliche Saisons liegenbleiben können. Miesicke denkt wieder dankbar an den Baron. Wie um alles in der Welt mag er nur auf die Idee gekommen sein, grobpunktiert, großkariert und breitgestreift erneut in Mode zu bringen. Ausgerechnet. Aber natürlich war der nur eine vorgeschobene Figur, da steckten irgendwelche Fabrikanten dahinter: vielleicht der millionenschwere Bendix oder gar der Spekulant Ahlerson. Jetzt fehlt nur noch, daß auch die seidenen Krawattenschoner wieder in Mode kommen, und auch noch die Seidenschals weggehen, die seit einer Ewigkeit herumstehen. -- ,, O Pardon, gnädige Frau!" Dumme Kuh, soll ihren Rüssel vorne halten. Die ältliche Dame, die Miesicke soeben in seiner Träumerei mit voller Wucht in die Breitseite rammte, erwidert kein Wort, sieht sich aber empört nach dem Davoneilenden um. Judenlümmel!" keift sie hinter ihm her. Jetzt soll der Brinkmann aber sein Gezeter lassen, spricht Miesicke weiter in sich hinein, ist ja rein ekelhaft. Er sieht den schweren Mann vor sich, die tellergroßen Hände mit den wurstartigen Fingern gegen sich erhoben: wann werden Sie mir endlich mein Geld geben? So viel Geschrei um diese lächerlichen dreihundert14 sechzig Mark. Augen würde der ja machen, wenn er ihm das - - da. - Geld auf den Tisch zählte. So Ihr Geld, mein Lieber! Miesicke genießt schon Vorschuß auf den Triumph des ehrlichen Schuldners. Der wird ja Augen machen. Übrigens, wenn er vorerst die Hälfte der Forderung bekäme, wäre Brinkmann genau so froh. Miesicke hastet an dem strahlendweißen Alsterpavillon vorbei, dicht an den Palmen und duftenden Wacholdern, hinter denen, an zierlichen, weißgedeckten Tischen, Hamburgs elegante Halbwelt sich gütlich tut. Sonst ist er vor dem Pavillon eine Weile stehengeblieben, hat den Klängen der Kapelle gelauscht; heute hat er kein Ohr dafür. Ein neuer Gedanke platzt in ihm, der ihn fast erschreckt: sie braucht von alledem nichts zu wissen. Gut, daß er rechtzeitig daran denkt, er hätte es sonst womöglich in seiner Freude ausgeplaudert. Und dann würde sie einen neuen Herbstmantel brauchen, einen Hut oder ein Paar Schuhe. Es fehlte dann natürlich gleich an allem, und das eben Verdiente würde wie Sand wieder durch die Finger rinnen. Gut, daß er daran denkt. Nun heißt es schauspielern, die Freude stauchen, das Gesicht in Alltagsfalten legen, und, wenn nötig, den gequälten Gewohnheitsseufzer von sich geben. Miesicke gesellt sich zu den Leuten, die auf den Dampfer warten, der in der Ferne von der Lombardsbrücke in weitem Bogen heranfährt. Dicht neben sich gewahrt er einen hochgewachsenen Herrn, der mit den fragenden und staunenden Augen eines Fremden das ganze vor ihm ausgebreitete Panorama genießt. Miesicke hat für große, kräftige Menschen eine Schwäche. Er betrachtet ihn aufmerksam und weiß sogleich, daß er ihn ansprechen wird. Der Fremde ist in der Tat eine stattliche Erscheinung. Unter dem hellen Filzhut schimmert dichtes, graumeliertes Haar. Eine kräf15 75 tige Nase, ein breiter, energischer Mund bestimmen das Gesicht, das glatt ist, trotz der vielen, aber außerordentlich feinen Fältchen an den Augen und Mundwinkeln. Miesicke schätzt ihn auf Mitte vierzig und tippt auf Geschäftsführer oder Prokurist. Wie der Fremde seinen Blick ein wenig seitwärts nach einer kupfergrünen, schlanken Kirchturmspitze wendet, begegnet er Miesickes Blick. Der läßt die Gelegenheit nicht entschlüpfen. ,, Guten Tag! Sie sind wohl fremd hier?" ,, Guten Tag! Ein herrliches Wetter heute." Das war ja nun nicht die richtige Antwort auf Miesickes Frage, doch er ist viel zu eifrig darauf bedacht, das angeknüpfte Gespräch weiterzuspinnen, als daß er es bemerkte. Und da der Blick des Fremden an Miesicke vorbei immer noch auf den in der grellen Sonne leuchtenden Turm gerichtet ist, dreht auch er sich danach um und erläutert:„ Die Petrikirche!" Der Fremde dankt kopfnickend. Gotischer Stil! Nordische Backsteingotik! Napoleon hat sie als Pferdestall benutzt. Dann brannte sie nieder. Beim großen Hamburger Brand nämlich. Doch sie ist ganz nach dem Original wieder errichtet worden!" 11 Wirklich eine sehr schöne Kirche!" ,, Die daneben, die dort, das ist die Jakobikirche. Die ist alt, uralt!" Der kleine, flache, weiße Alsterdampfer biegt bei.„ Sybille" steht an seinem Bug. Der Schiffstelegraph schrillt, und die Schraube wirbelt schaumiges Wasser auf. Die Passagiere drängen nach den Ausgängen. Der Kontrolleur springt an Land, wirft das Schiffstau um den eisernen Poller am Kai und ruft:„ Jungfernstieg! Endstation!" Miesicke weicht nicht von des Fremden Seite, obwohl er merken müßte, daß der sich nicht im geringsten um seine Be kanntschaft bemüht. Mit festen, sicheren Schritten schreitet der : 16 Fremde geradeswegs nach der hinteren Plattform des Dampfers. Wie er die Kajütentür, die dorthin führt, schließen will, stutzt er, denn Miesicke ist ihm gefolgt. ,, Hier ist es wenigstens kühl!" Miesicke macht die Bemerkung ein wenig verlegen. Weitere Fahrgäste setzen sich auf die halbrunde Bank der Plattform: ein junges Mädchen und eine Frau mit einem Jungen und einem Mädel. Der etwa achtjährige Junge bestürmt seine Mutter mit Fragen. Das junge Mädchen, ein dralles Ding, holt ein säuberlich eingeschlagenes Buch aus ihrem Stadtkoffer. Miesicke möchte das Gespräch weiterführen, er weiß aber nicht recht wie. Albernes will er auch nicht sagen. Die Schiffsglocke läutet. Der Kontrolleur wirft das Tau von dem Poller. Der Schiffstelegraph gibt das Signal, sogleich arbeitet die Maschine, und langsam gleitet der Dampfer von dem Kai. Der Fremde steht mit dem Rücken gegen die Kajütentür und betrachtet das entschwindende Bild der Alsterpromenade. Je mehr sich der Dampfer vom Ufer entfernt, um so deutlicher, mächtiger, beherrschender erheben sich die Türme über der Stadt. ,, Ganz großartig, diese vielen alten Türme!" Das ist an Miesicke gerichtet. Der schnappt gierig zu. ,, Fein, was? Jaa!" Er freut sich wie ein Kind, dessen Spielzeug bewundert wird. Der Turm dort, der verschnörkelte, das ist der Rathausturm. Der dahinter ist der Turm der Nikolaikirche. Ein rauher, finsterer Herr, was? Paẞt gar nicht, paẞt ganz und gar nicht in unser Stadtbild. Aber dort hinten, das ist die Catharinenkirche. Schön, was? Sehen Sie, wie die Turmspitze blinkt und glitzert? Die Krone ist aus Gold, pures Gold aus dem Störtebekerschatz. Eine alte, ganz alte Dame!" Miesicke redet sich selber in Begeisterung. Nicht nur der Fremde 2 Bredel, Prüfung 17 hört ihm zu, auch die beiden Kinder, mit halboffenen Mündern. Sogar die Stenotypistin sieht über ihr Buch zu ihm auf. - unser Michel!" ,, Und sehen Sie dort- weiter rechts ,, Ach ja, der berühmte Michel! Und die Häuser dort, das sind Kontorhäuser?" ,, Kontorhäuser und Hotels. Das dort ist das Verwaltungsgebäude der Hamburg- Amerika- Linie. Mächtiger Kasten, was? Und dort am gegenüberliegenden Ufer das Hotel Vier Jahreszeiten'. Und das dazwischen: lauter Kontorhäuser, Banken, Warenhäuser!" Der Dampfer nähert sich der Lombardsbrücke. Eine korpulente Frau in auffälligem, hellem Kostüm und einige Herren stehen am Ponton. Der Fremde betrachtet die neuen Fahrgäste, holt ein kleines, grünes Heft aus der Brusttasche, blättert flüchtig darin und behält es in der rechten Hand. Kaum sind sie unter der Lombardsbrücke durchgefahren, nötigt Miesicke den Fremden an die Seite der Plattform, damit er einen Blick über die Außenalster habe, die vor ihnen liegt. ,, Danke, ja! Ich sah den See bereits vom Züge!" Soso! Miesicke kombiniert: also von Kiel herunter. Vielleicht kommt er auch von weiterher, von Kopenhagen oder Skandinavien. Und er fragt. ,, Nein, ich komme aus der entgegengesetzten Richtung, bin aber bis Dammtor gefahren!" ,, Da waren Sie gut beraten!" Miesicke freut sich. ,, Jeder Fremde sollte bis Dammtor fahren. Er sieht die Alster und hat inmitten der Anlagen des Dammtors, des Botanischen Gartens, des Zoos einen freundlichen Empfang!" Die massige, steinerne Lombardsbrücke wird immer kleiner. Über sie und die Mauer der fernen Häuser steigen die hohen Türme ins Blau. Die in der Sonne gleißendė Alster ist umrahmt von dem Grüngürtel uralter Linden und Kastanien. Bunte Kanus 18 schaukeln auf dem Wasser, schneeweiße Segler warten auf Wind, schlanke Regattaboote flitzen am Dampfer vorüber. Rechts und links gepflegte Parks. Zwischen grünsilbernen Trauerweiden stehen breit und vornehm herrlich gewachsene Edeltannen in dunklem Blaugrün; neben knorrigen, eigenwilligen Eichen metallisch glänzende Rotbuchen und laubschwere Kastanien. Durch das Grün schimmern die weißen, lehmbraunen und blaugrauen Fassaden der Villen. Über die Wipfel ragen bisweilen verschnörkelte Giebel und die Türme der in diese Parks gebetteten Herrschaftshäuser. Miesicke schweigt endlich und atmet mit Behagen die würzige Luft, die eine sanfte Brise über das Wasser führt, freut sich der Schwäne, die ruhig an dem Dampfer vorbeigleiten. Er freut sich doppelt, da er sieht, daß auch der Fremde Sinn und Augen für all das Schöne hat. ,, Mutti, dort stehen SA mit Stahlhelmen!" ,, Ja, mein Junge, das sind Posten!" ,, Mutti, was sind das für Posten?" ,, Das ist das Haus des Reichsstatthalters, das beschützen sie!" Also dort auf der kleinen Anhöhe, flankiert von haushohen Eichen, steht die Villa des Reichsstatthalters. Kein schlechter Platz. Der Fremde sieht lange und nachdenklich hinüber. Allmählich verengt sich das Alsterbecken, die Ufer rücken einander näher. Wenige hundert Meter, dann fließt die Alster hinter der Brücke aus rotem Backstein brav und manierlich, ein kleiner Fluß, durch Uhlenhorst. Die turmreiche innere Stadt liegt undeutlich in dunstiger Ferne. Der Dampfer nimmt Kurs auf das Uhlenhorster Fährhaus, den berühmten Erholungsort der Villenbesitzer des Alsterufers. Zum erstenmal blickt der Fremde aufmerksamer ins Innere des Dampfers und mustert die Mitfahrenden. 2* 19 Miesickes Gesprächsstoff ist erschöpft, und gleich fallen ihm wieder die drei Kartons unverkaufter Seidenschals ein. Ob er sie nicht doch morgen Penall offerieren sollte? „Mühlenkamp ist die nächste Station?“ „Nein, die übernächste!— Übrigens”, Miesicke tritt wieder an den Fremden heran,„ich steige auch Mühlenkamp aus. Welche Richtung gehen Sie?" Der Fremde zögert.„Ich... ich will.zum Stadtpark!" „Da gehe ich leider entgegengesetzt!" Komischer Kauz, denkt der Fremde und betrachtet Miesicke auf- merksamer. In dem kleinen, knochigen Gesicht liegen hinter her- vorstehenden Stirnknochen, die mit starken, buschigen Augen- brauen behaart sind, dunkelumrandete, große, runde Augen. Das Platte, Uhuartige seines Gesichts wird durch eine kurze, breite Nase und verkniffene, ausgetrocknete Lippen verstärkt. Aber dies Aussehen verleiht ihm nichts Bösartiges, denn aus den Augen leuchtet es warm und menschlich. Seine Kleidung ist beinahe schäbig. Die Ärmel seines schwarzen Jacketts glänzen am Ellen- bogen. Die gestreiften Hosen hängen ofenrohrartig an den Beinen. Einen fassonlosen, graugrünen Hut hat er ohne Sorgfalt auf den Kopf gestülpt. Miesicke fühlt die Blicke des Fremden; er möchte sie abschütteln. „Sagen Sie, wollen Sie längere Zeit in Hamburg bleiben?” „Ich habe eigentlich nicht die Absicht!” „Ja, den Stadtpark soll man sich ansehen. Vergessen Sie aber das Wichtigste nicht, den Hafen, Hagenbecks Tierpark, den Ohls- dorfer Friedhof!" „Wenn ich dazu die Zeit aufbringe.” „Aber was, wo Sie schon einmal hier sind!" Miesicke tut ärger- lich.„Das ist eine Beleidigung für Hamburg. Einmal hindurch- 20 rutschen, ein wenig nach links und rechts sehen und dann wieder kehrtmachen, dazu, wissen Sie, dazu ist Hamburg einfach zu schade!" Der Fremde lächelt. ,, Verlassen Sie sich darauf, was sich machen läßt, geschieht." ,, Ich meinte es nicht bös!" entschuldigt sich Miesicke. ,, Ich weiß, ich weiß!" Der Dampfer fährt in einen Nebenarm der Alster, durch steinerne Brückenbogen, an Gärten, Villen, Bootsstationen vorbei und wendet unmittelbar am Fuß einer belebten Verkehrsstraße: Mühlenkamp. Der Fremde scheint es plötzlich eilig zu haben. Er lüftet ein wenig den Hut, nickt Miesicke zu, drängt sich hastig unter die Aussteigenden und steigt die Stufen hoch. Miesicke sieht ihm nach und schlendert dann langsam in entgegengesetzter Richtung davon. Er ist fast traurig, den neuen Bekannten so schnell verloren zu haben. Es dauert nicht lange, dann sind Miesickes Gedanken wieder bei seinen Angelegenheiten. Jetzt heißt es, sich nicht verraten, ein sorgengeplagtes Gesicht aufsetzen. Er weiß, es wird ihm schwer fallen, sein Glück zu verbergen, doch es muß sein. Offenheit und Wahrhaftigkeit, eheliche Ehrlichkeit mußte er schon zu teuer bezahlen. Und der Brinkmann, nun, der wird froh sein, wenn er hundert Mark auf die alte Schuld erhält. Nur nicht gleich übermütig werden. Wie er den Eingang des Hauses, in dem er wohnt, betreten will, stellt sich ihm ein Mann in den Weg. ,, Sie sind verhaftet, folgen Sie mir!" "! Was wollen Sie?" Miesicke ist nicht bestürzt, er ist erstaunt. ,, Sie sollen mir folgen, und zwar möglichst unauffällig!" 11 Was fällt Ihnen ein? Wer sind Sie?" Statt einer Antwort hebt der Mann, der ihm den Zutritt in den 21 Hauseingang versperrt, die Hand. In seiner Handfläche leuchtet es metallen. ,, Sind Sie Kriminalbeamter?" " Jawohl!" 11 Und was wollen Sie von mir?" ,, Das wird man Ihnen auf der Wache sagen!" ,, Da hört doch alles auf! Meine Frau wartet. Sie werden sehen, es ist ein Irrtum, ein glatter Irrtum!" Miesicke folgt verdrießlich und erstaunt. In Gedanken ruft er sich schleunigst seine letzten Geschäfte ins Gedächtnis. Er kann sich beim besten Willen an kein faules erinnern. Ob mich die Alte vorhin in den Colonnaden angezeigt hat? Das ist doch nicht möglich... Obgleich er nicht weiß, wo er sich befindet, schreitet der Fremde, ohne sich umzublicken, eiligen Schritts die Straße entlang. Es ist eine kahle, nüchterne, baumlose, balkonreiche Häuserschlucht. Hier, keine hundert Schritte von der Alster, den Villen, den Gärten: eintöniges Grau, drückende Hitze. Es stinkt ekelerregend. Eine Fleischkonservenfabrik. „ Franz!" Ein Mann ist an den Fremden herangetreten. ,, Josef!" flüstert er zurück. Nun begrüßen sie sich, drücken einander die Hand und schreiten gemeinsam weiter. Wie steht's?" ,, Kackfidel!" ,, Wo bist du eingestiegen?" ,, Lombardsbrücke! Ich habe dich gleich gesehen!" ,, Mit dir sind noch einige eingestiegen!" ,, Das hat nichts zu sagen!" 22 22 Der Fremde nimmt das grüne Heft, das er bis dahin in der Hand trug, und verbirgt es wieder in der Brusttasche. ,, Du meinst also, alles ist in Ordnung?" ,, Na klar!" ,, Und wie sieht es bei euch aus?" ,, Im Augenblick heillos verworren. Sämtliche Verbindungen sind abgerissen!" 11 Wie viele sind hochgegangen?" ,, Nahezu die ganze BL und fast alle Stadtteilleiter und Instrukteure!" ,, Eine Riesenschweinerei!" ,, Und was sagt Berlin?" ,, Später davon!" Am Rande des Mühlenkamp angelangt, wollen beide den Platz überqueren, doch drei Männer stellen sich ihnen in den Weg. ,, Hände aus den Taschen! Sie sind verhaftet!" Alle drei haben Revolver in den Händen. Der Fremde wendet langsam, ganz langsam den Kopf nach seinem Begleiter. Der steht fahl, mit aufgerissenen Augen, wie gelähmt da. ,, Versuchen Sie nicht zu fliehen, wir schießen sofort!" Die beiden folgen wortlos. 23 23 Die Verne h m un g Still und bescheiden fließt die Alster durch Wiesen und Wälder des hamburgischen Landgebiets, an Poppenbüttel, Fuhlsbüttel und Alsterdorf vorbei, um mit einem Male inmitten des Häusermeeres der Großstadt sich zu einem breiten, kilometerlangen See auszudehnen. Hinter dem Jungfernstieg jedoch schlängelt sie sich wieder, von Schleusen reguliert, klein und unauffällig, schmutzig und träge, quer durch das Geschäftsviertel der inneren Stadt. Hier bilden schmucklose Hinterfronten vielstöckiger moderner Handelshäuser, an deren schlickverschmutzten Fundamenten das tintenschwarze Wasser steht, die senkrechten Ufer des Alsterlaufs, von dem aus zahlreiche schmale Fleete die ganze Innenstadt durchziehen. Kurz bevor die Alster in die Elbe mündet, fließt sie an zwei architektonisch grundverschiedenen hohen Granitbauten vorbei, und jäh ändert sich das Bild. Verschwunden sind hier die hohen, kalten, breiten Rückwände der Banken, Kauf- und Kontorhäuser. Kleine, schiefe, verfallene Speicher mit leeren, erloschenen Fenstern, verrosteten Kranen und Winden, verwitterten, spitzgiebeligen, schmutzigroten Ziegeldächern beugen sich zum dunklen Wasser. Sie stehen in langer Reihe, eins stützt das andere. Längst sind Hamburgs Kaufleute aus diesen Speicherlöchern in große, weite, helle Bauten übersiedelt. An den alten, baufälligen Handelshäusern aus Urgroßväterzeiten, notdürftig mit riesigen Strebebalken vor dem Einsturz bewahrt, fehlen oft metergroße Mauerstücke, die im Laufe der Jahrhunderte ins Wasser bröckelten, sind oft Fenster und Speichertüren herausgerissen, hängen 24 die Dachrinnen herunter, sind die Schornsteine eingestürzt. Und doch ist in.den meisten dieser greisenhaften, zusammen- geschrumpften, von Wind und Wetter zerzausten Häuser Leben. Hinter den kleinen, verdrückten Fenstern flackert abends trübes Petroleumlicht. Zwischen den müde sich neigenden, gebrech- lichen Mauern, unter den eingesackten Dächern, wohnen noch Menschen. Zwei hohe Granitbauten am Lauf der Alster, an der Grenze der Altstadt, trennen die Stadt mit dem Rathaus, der Börse, den Kir- chen, den Banken und Kaufhäusern, den Pavillons, den breiten Straßen und Alleen von der Stadt mit den schmalen, schmutzi- gen, lichtlosen Gassen, den dumpfen, modernden, verseuchten Häusern: die Stadt des Reichtums und des fröhlichen Lasters von der Stadt der Armut und des traurigen Lasters. Die beiden Granit- bauten sind das neue und das alte Stadthaus: das Präsidium der Hamburger Polizei. Einst genügte der alte protzige Koloß aus grauem Granit. Doch Hamburgs Handel wuchs. Hamburgs Arbeiterschaft, ihre Klassen- kraft wuchs. Da mußte auch das Polizeipräsidium wachsen. Ein breites, gewaltiges Schwestergebäude entstand am jenseitigen Ufer der Alster. Beide sind durch eine hohe, gedeckte Brücke— Seufzerbrücke genannt— verbunden. In einer der vielen Kellerzellen des alten Stadthauses sitzt Gott- fried Miesicke, mutterseelenallein. Es ist frühmorgens. Mit dem ersten Transport ist er gekommen. Man hat die sieben Häftlinge auf verschiedene Zellen verteilt. Miesicke ist immer noch wie betäubt. Die ganze Nacht hat er im Keller des Wachtlokals der Humboldtstraße, in das man ihn stieß, durchwacht. Abends noch sollte ein Kommando kommen und ihn abholen. Vierzehn Stunden hat er gewartet, sehnsüchtig, aber 25 vergebens. Des entsetzlichen Schmutzes wegen wagte er nicht, sich auf die Holzpritsche zu legen. In die Wolldecke gehüllt, die ihm ein Polizist hineingeworfen hatte, war er bis zum Morgen in der dunklen Zelle auf und ab gegangen. Unausgesetzt hatte er sich den Kopf zermartert, um eine Erklärung für die Festnahme zu finden. Die Geschäfte des letzten Vierteljahrs hatte er sich immer wieder in Erinnerung gerufen. Er fand, sie waren makellos. Schulden hatte er nur bei Brinkmann, und die wollte er ja demnächst begleichen. Es muß ihn jemand denunziert haben. Oder sollte man ihn nur, weil er Jude ist, verhaftet haben?... An Bella denkt er, seine Frau, fühlt förmlich, wie sie sich um ihn ängstigt. Das ist schlimm. Aber schlimmer noch ist etwas anderes: die achtzehn Kartons Krawatten müssen geliefert werden. Das Geschäft droht ins Wasser zu fallen. Das wäre nicht wieder gutzumachen. Und warum das alles? Was hat er verbrochen? Er hätte in dieser langen, verzweifelten Nacht aufschreien, toben, brüllen mögen, aber er unterbricht nur hin und wieder sein sinnloses Gerenne, um hilflos und entmutigt den Kopf an die dicke Zellentür zu legen und seinen Schmerz hinunterzuwürgen. Bräche nur erst der Morgen an. Morgen wird sich, morgen muß sich ja alles aufklären. Am Morgen holten sie ihn auch heraus, aber sie schafften ihn mit dem Grünen August" nach dem Stadthaus. 11 Und nun sitzt er hier im Keller und wartet. Aber er ist zuversichtlich: seine Sache ist im Rollen, bald wird sich alles aufklären. Bald wird er frei sein. Zuerst setzt er sich auf eine der Bänke, die an den Mauern der Sammelzelle aufgestellt sind. Unentwegt, hypnotisiert, starrt er auf die Tür. Es muß ja bald jemand kommen und ihn freilassen. Aber es kommt keiner. Er hört nur die schlürfenden Schritte der wachthabenden Beamten. 26 Dann beginnt er sich vorsichtig umzusehen. Es ist ein großer Raum, in dem außer den Bänken an den Wänden nichts steht. Die verschmierten, zerkritzelten Wände ekeln ihn an. Er wagt einen Blick zur Seite und sieht Kritzeleien, liest Schweinereien, wie man sie oft in Pissoirs findet; dazwischen Hakenkreuze und Sowjetsterne und politische Losungen. Miesicke hat vor diesen Wänden körperlichen Abscheu. Plötzlich entsteht Lärm auf dem Korridor. Getrampel, Kommandos. Miesicke horcht auf. Namen werden aufgerufen. Er schleicht an die Tür. Dabei zittert er vor Aufregung und kommt sich wie ein Verbrecher vor. Aber er muß horchen, vielleicht fällt sein Name. Miesicke hört nach jedem aufgerufenen Namen ein: „ Hier!" Auch Frauen sind dabei. Offenbar neue Häftlinge. Der Schlüssel fährt ins Schloß. Miesicke prallt entsetzt von der Tür zurück. Zwei, vier, fünf Männer kommen herein. Sie kümmern sich nicht um ihn. Vier sind noch junge Burschen, einer ist älter, er hat ein bartloses, vernarbtes und vergrämtes Gesicht. Einer pfeffert seine Mütze auf die Bank:„ Diese Scheiße!" Zwei beginnen durch die Zelle zu wandern. Der Alte studiert die Wände. ,, Wenn dieser Hund die Schnauze hält, ist alles gut. Meine Fleppen sind sauber, mein Alibi in Ordnung..." ,, Wenn!" höhnt der andere. ,, Aber wart man, der wird noch Augen machen! Der wird mich noch kennenlernen! Der wird's noch bereuen! Jetzt gibt's keine Schonung mehr, jetzt pack ich aus!" ,, Macht der Lampen! Mein bester Freund! So' ne Dinger zusammen befummelt! Mensch, man kann sich heute auf niemand mehr verlassen!" 27 27 Miesicke betrachtet den Verratenen, staunt über das unverdorbene, kindliche Gesicht, das zu dem schaukelnden Gang und den groben Worten so gar nicht paßt. ,, Mit was rechnest du?" ,, Rechnen? Rechnen? Ich rechne gar nicht! Scheiße ist alles!" Miesicke gegenüber sitzt ein vierschrötiger Arbeiter in weiten, grobgerippten Manchesterhosen. Die Ellenbogen hat er auf die Knie und den Kopf auf die Fäuste gestützt. So starrt er vor sich hin. Kurze Zeit darauf kommt wieder Zuwachs, erst drei, dann mit einem Male neun Gefangene. Es ist laut und lebendig geworden. Miesicke sitzt immer noch auf seinem Platz und beobachtet, horcht, staunt. Viele Jungen unter ihnen. Einige Burschen benehmen sich sorglos laut, lachen, necken sich, steigen auf den Holzverschlag des Klosetts und sehen zum Fenster hinaus. Einer geht an die Tür und ballert mit der Faust dagegen. Sie wird geöffnet. ,, Naa, was ist los?" ,, Wi is dat mit Kaffee, wi hefft Kooldamp?" ,, Gibt's gleich!" Mürrisch schlägt der Beamte die Tür wieder zu. Ward ok bald Tied, de Bande is to ful!" 11 Miesicke ist sprachlos. Und ist noch sprachloser, als tatsächlich gleich darauf der mürrische Beamte zurückkommt, über seine Brillengläser hinweg in die Zelle blinzelt und fragt: ,, Für wie viele?" ,, Sosstein Mann!" ,, Nee, achtein! Achtein Mann!" Der Beamte reicht Blechkummen herein. Ein anderer, ein Stahlhelmer, verteilt Schwarzbrotstücke und schöpft aus einem dampfenden Eimer Kaffee. ,, Sie haben doch schon Brot?" 28 ,, Ik? Wo denn? Mok man keene Flausen!" Wie die Beamten draußen sind, und schmatzend gegessen und getrunken wird, meint einer:„ Du hast aber doch zwei Stück bekommen!" ,, Klor! Warst du von een Stück satt?" Miesicke hätte gern ein wenig gegessen, er würgt und würgt. Schließlich gibt er es auf. Drei Hände strecken sich gierig nach seinem Brot aus. Bei der dampfenden Kaffeebrühe, die faulig bitter schmeckt, unterdrückt er aber seinen Widerwillen und trinkt. Er muß doch etwas Warmes im Magen haben. ,, Warum bist du hier?" Miesicke überlegt lange. ,, Ich weiß es beim besten Willen nicht!" Na, Mensch, brauchst dich nicht zu genieren!" ,, Ehrenwort, ich weiß es nicht!" ,, Ganz richtig, Alter!" ruft einer dazwischen, bleib nur dabei. Hier in diesen Sammelzellen ist es nicht sauber. Es wird viel zu viel gequatscht!" Furchtbar ist dieses ungewisse Warten, ermüdend und zermürbend. Miesicke hat die Nacht nicht geschlafen, hat sich nicht waschen, hat nichts essen können; jetzt fühlt er einen dumpfen Druck im Schädel, der immer stärker wird. Die Luft ist schlecht geworden. Das halbgeöffnete Zellenfenster ist nur klein. Der Abortgestank bleibt in der Zelle. Und Miesicke kriecht in sich hinein und hofft von Stunde zu Stunde, daß man ihn aufruft. Wenn sie ihn erst rufen, kommt er frei, daran zweifelt er nicht. Ein junger Bursche, in elegantem, auf Taille gearbeitetem grauen Maßanzug, waagerechten, auswattierten Schultern, sorgfältig gebügelten Hosen, erregt Miesickes Aufmerksamkeit. Ununterbrochen läuft er mit schnellen Schritten durch die Zelle, vom Fenster zur Wand, von der Wand zum Fenster. Miesicke findet sein Gesicht unangenehm. Es ist klein, länglich, mit einer Kinder29 29 nase und kleinen, stechenden Augen. Das dunkelblonde Haar ist in der Mitte der eingedrückten Stirn gescheitelt. Miesicke ist bald fünf Stunden in dieser Zelle, er wird kühner. ,, Darf man sich anschließen?" ,, Von mir aus!" Jetzt laufen sie beide von der Wand zum Fenster, vom Fenster zur Wand. Miesicke wartet darauf, daß sein Nebenmann ein Gespräch beginnt. Der scheint aber nicht die Absicht zu haben. Bald schließt sich ihnen noch ein Dritter an, ein schlanker, gut aussehender Mensch in Regenmantel und Schlapphut. Der beginnt zu erzählen. Er hat ein Verhältnis mit einer älteren Person gehabt, und als er stellungslos wurde, hat sie ihm geholfen. Er liebt sie aber nicht mehr und ist fortgegangen. Da hat sie ihn wegen Zuhälterei angezeigt. Er schwört, daß alles nur eine Ausgeburt blinder Eifersucht sei. Gleichgültig, gelangweilt pfeift Miesickes Nebenmann während dieser Erzählung durch die Zähne. Er verliert kein Wort. Nach einer Weile aber lacht er auf: ,, Es sind alles Kanaillen!" ,, Wieso, hat dich auch ein Weib reingerissen?" ,, Das nicht! Aber geh' mir mit die Weiber los!" Miesicke kann kaum Schritt halten, so holen die beiden aus. Doch er fiebert vor Neugier. Angesichts der menschlichen Tragödien um sich vergift er seine eigene. ,, Ich? Ich hoffe so um 1937 frei zu sein." Miesicke zuckt zusammen, als habe er einen Schlag erhalten. Entsetzt betrachtet er seinen Nebenmann. ,, Dicker Knast!" bemerkt trocken der Dritte.„ Für was denn?" ,, Ladenkasse ausgeräumt! Raubüberfall!" ,, Ah!" macht der unschuldige Zuhälter, als habe er sich die Finger beschmutzt. ,, Das ist unangenehm!" 30 Miesicke läuft es eiskalt über den Rücken. Erregt trippelt er neben den beiden jungen Kerlen her. Er möchte von ihrem Gespräch kein Wort verlieren. ,, Besonders, da ich gar nicht mehr dran gedacht habe. Das Ganze liegt sieben Monate zurück. Pech!" ,, Menschenskind, das kann aber noch schlimmer werden. Die fällen ja jetzt Urteile, das ist haarsträubend. Wenn du nur auf der Straße laut furzt, wirst du ja schon verknackt!" Die Tür geht auf. Alle blicken erwartungsvoll hin. ,, Sauer", ruft der Beamte vom Korridor. Der Arbeiter in den Manchesterhosen erhebt sich schwerfällig und geht an die Tür. ,, Heißen Sie Sauer? Otto Sauer?" " Ja!" 11 Kommen Sie!" Hinter ihm schließt sich wieder die Tür. - - SO Die drei setzen ihren Marsch fort. Der Gentleman- Räuber nennt Miesicke ihn in Gedanken hat beide Hände in den Taschen und pfeift vor sich hin. Er scheint entschlossen zu sein, sich mit Galgenhumor über das Loch, das sich jetzt in seinem Leben auftut, hinwegzusetzen. ,, Hat es sich wenigstens gelohnt?" ,, Oochwat, nich mal hundert Mark dabei geerbt!" Und er winkt lässig mit der Hand ab. ,, War' ne miese Sache. Gott sei Dank lebt der Alte, sonst wär' es noch beschissener." Für Miesicke ist das zu viel. Er gibt vor, nicht mehr laufen zu können, und läßt die beiden allein. Von seinem Bankplatz aus betrachtet er sie verstohlen und wird sich plötzlich mit Grauen bewußt, wo er sich befindet. Gerechter Gott, wenn man ihn doch bloẞ bald holen wollte... Auf dem Korridor klappern Kannen. Essenszeit. Unter den Gefangenen wächst die Unruhe. Fragen wirbeln durch den Raum. 31 Was wird's geben? Wie ist das Essen hier? Kommt es vom Untersuchungsgefängnis, oder kochen die hier selbst? Einer will wissen, daß es eine in der Nähe befindliche Wohlfahrtsküche liefert. Der Tabak ist ausgegangen. Jeder schnorrt. Gierige Blicke hängen an den kurzen Stummeln, die von Mund zu Mund wandern. Die Luft ist unerträglich vor Abort- und Schweißgeruch und Tabakqualm. An der Zellentür steht statt eines Spucknapfes ein großer, flacher Sandkasten, voller dicker Schleimfetzen. Miesicke gibt sich Mühe, ihn nicht zu bemerken; blickt er dennoch zufällig darauf, verspürt er Brechreiz. Die Eẞnäpfe werden hereingebracht. Die Gefangenen stellen sich, jeder seinen Napf in der Hand, vor der Tür an. Es gibt Nudelsuppe. Miesicke löffelt eifrig. Er entdeckt sogar kleine Stückchen Fleisch. Es schmeckt besser, als er erwartet hat. Rundherum auf den Bänken allgemeines, schweigendes, hastiges Schmatzen. Miesicke iẞt behutsam. Er hat kaum drei Löffel voll gegessen, da hört er schaben und kratzen. Die jungen Burschen haben ihr Essen schon heruntergeschlungen. Während des Essens öffnet sich die Tür; der junge Arbeiter taumelt herein. Er geht krumm, als trüge er an einer unsichtbaren Last. Das linke Auge ist blau angeschwollen und blutet. Alle blicken ihn an. Die meisten stellen ihre Eẞnäpfe beiseite und umringen ihn. ,, Menschenskind, was haben sie denn mit dir gemacht?" Schweratmend steht der untersetzte Prolet da und blickt mit wilden Augen unheimlich starr an den Umstehenden vorbei. ,, Sauhunde!" stößt er heiser hervor. Miesicke ist auch aufgestanden. Fassungslos starrt er auf den Geschundenen. Jetzt bemerkt er noch einen handgroßen, an32 geschwollenen, blauen Fleck am Halse und Blut am linken Ohr. ,, Was will man von dir?" ,, Namen will man!" ,, Du darfst keinen verraten!" ruft einer von den Bänken. ,, Schnauze halten, Idiot!" antwortet ein anderer. ,, Hier ist bestimmt' n Spitzel drunter!" Der Mißhandelte löst seinen Gürtel und läßt die Hose herunter. Gesäß und Oberschenkel sind voller blutunterlaufener Striemen. Wie er das Hemd hochzieht, werden armdicke, rotblaue Schwellungen auf dem Rücken sichtbar. ,, Dich haben sie aber gründlich gemeint. Zimmer 103, was?" Der Gefragte nickt nur und zieht verbissen schweigend die Hose wieder hoch. Die meisten Gefangenen sind plötzlich satt. Miesicke auch. Zwei Burschen fallen sofort über sein kaum angerührtes Essen her. Oft hat Miesicke draußen von Mißhandlungen auf dem Stadthaus gehört. Doch die so etwas verbreiteten, waren gewöhnlich Kommunisten, und denen war seiner Ansicht nach nicht zu glauben. Nun sieht er es mit eigenen Augen. Was mag der ausgefressen haben, daß sie ihn so zurichteten? Er wagt nicht zu fragen, so gern er es auch wüßte. Da fragt ein anderer und erhält die Antwort: ,, Im Kampfbund war ich Gruppenführer. Wir haben Flugblätter verteilt. Mich haben sie geschnappt, und nun wollen sie wissen, wer die anderen waren!" Wer jetzt politisch hier ist, der hat nichts zu lachen!" Miesicke dreht sich nach diesen Worten um. Die Hände tief in den Hosentaschen steht der Bursche hinter ihm, der um hundert Mark bald einen Menschen erschlagen hätte. ,, Mich", erläutert er überlegen lächelnd ,,, mich ziehn keine zehn Pferde in die Politik! So blau sein!" Drei, vier bleiben um den Mißhandelten, der immer wieder er3 Bredel, Prüfung 33 2 zählen muß, wie die aussahen, die ihn verprügelten, und womit sie prügelten. Die übrigen lösen sich in laut und erregt erzählende, streitende und schimpfende Gruppen auf. Miesicke vernimmt schaurige, unvorstellbare Berichte. Einer will auf dem KzbV in der Großen Bleichen gesehen haben, wie vier ausgesucht starke SA- Männer über einen vielleicht sechzigjährigen Mann hergefallen sind und mit Stuhlbeinen und Gummiknüppeln Aussagen aus ihm herauspressen wollten. Ein anderer weiß angeblich genau, daß sie vor einigen Tagen einen gewissen Fritz Wollgast das rechte Auge ausgeschlagen haben. In einer anderen Gruppe berichtet einer, daß während seiner Vernehmung am Vortage ein junges Mädel mißhandelt wurde. ,, Ein SA- Mann kam erhitzt und aufgeregt ins Vernehmungszimmer und rief den anderen zu:, Das Saustück sagt nichts!', Vielleicht weiß sie wirklich nichts', meinte einer. Die weiß es bestimmt! Der ist nicht verschwunden, ohne ihr zu sagen, wohin! Die macht mir nichts vor. Aber wir haben ihr auch den Arsch zur Landkarte gehauen. Wo du hinblickst: Afrika, schwarzer Erdteil!' Diese verdammten Sadisten." Natürlich sagte sich Miesicke: das darf man nicht alles glauben. Das sind so die üblichen Übertreibungen. Sicherlich gehen die Nazis nicht gerade sanft mit ihren Gegnern um, aber es sind doch Menschen, Deutsche, Hamburger, keine wilden Tiere. Sie sind Soldaten, und deutsche Soldaten vergreifen sich nicht an deutschen Frauen und Mädchen. Ja, der dort ist verprügelt worden, aber wer weiß, was er auf dem Kerbholz hat. Er wird es hier drinnen niemand auf die Nase binden. Er wird schon was ausgefressen haben, mir nichts dir nichts wird kein Mensch so zugerichtet. Und Miesicke sagt zu allem, was er sieht und hört, kein Wort. Er denkt sich sein Teil und ist froh, mit dergleichen nichts zu tun zu haben. 34 Neben Miesicke auf der Bank sitzen drei Männer. Einer, ein maẞlos dicker Kerl, wird Blutquäse genannt. Blutquäse ist witzig und versteht zu unterhalten. Er ist gerade gefragt worden, wie er es anstelle, wenn er mit einem Weib ginge, wo er dann seinen Bauch lasse, und will beginnen, es anschaulich zu erklären, da geht die Zellentür auf, und Miesicke wird gerufen. Wie ein Wiesel rennt Miesicke zur Tür. ,, Sind Sie Gottfried Miesicke?" ,, Ja!" Er ist heiß vor Freude. Also endlich. Endlich! Wie die Tür hinter ihm geschlossen wird, hat er nur einen Gedanken: Nie wieder da hinein! 11 Warten Sie hier!" Miesicke steht auf dem Korridor, vor einer langen Reihe schmaler Spinde. Er wundert sich. Sollten hier so viele Beamte stationiert sein? Am Ende des Korridors sieht er ein paar Beamte in Zivil mit Akten unterm Arm. Einer, ein langer, steifer Mann mit hohem Kragen und hochstehenden, borstigen Haaren, schlendert langsam heran. ,, Miesicke?" ,, Jawohl!" ,, Kommen Sie bitte mit!" Miesicke trippelt aufgeregt hinter ihm her. Gott sei Dank! Gott sei Dank! denkt er in einem fort. Darin liegt die ganze überströmende Freude, die Miesicke in diesem Augenblick empfindet. Sie betreten ein kleines, vergittertes Zimmer, in dem nichts weiter als ein hohes Stehpult und ein Stuhl stehen. ,, Setzen Sie sich!" Miesicke setzt sich. Umständlich legt der Kommissar die Akten zurecht, blättert darin, wirft prüfende Seitenblicke auf Miesicke und blättert wieder in den Akten. Dann zündet er sich eine Ziga3* 35 rette an. Miesicke, der keinen Blick von ihm wendet, wundert sich über die umständlichen Vorbereitungen. Er hoffte, der Kommissar werde sich bei ihm entschuldigen und ihn entlassen. Warum diese Verzögerung? - ,, Sie heißen Josef Gottfried Miesicke?"- Jawohl!"- ,, Geboren am 6. 2. 79." Jawohl!"- In Heiligenhafen?"-- ,, Jawohl!" Jawohl!" ,, Verheiratet mit Sabine GoldJawohl!" ,, Ebenfalls Jüdin?"-" Jawohl!" " Jude?" schmidt?" - - - - ,, Von Beruf Kaufmann, wohnhaft Hofweg 117?"- ,, Jawohl!" ,, Unvorbestraft?"" Jawohl!" ,, Sound nun frage ich Sie, - - - - ob Sie bereit sind, mir alle meine Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten?"" Selbstverständlich, Herr Kommissar!" ,, Es ist auch in Ihrem eigenen Interesse das beste. Seit wann sind Sie Mitglied der Kommunistischen Partei?" - ,, Wie, bitte?" Miesicke miẞtraut seinen Ohren. ,, Seit wann Sie Mitglied der Kommunistischen Partei sind?"- ,, Ich... bin kein Mitglied... der Kommunistischen Partei!"- Miesicke ist sprachlos. Was will man von ihm? ,, Ich bin nie eins gewesen!" ergänzt er und denkt, was für eine irrsinnige Frage. Was hat er schon mit den Kommunisten und ihrer Partei zu tun? Der Kommissar blickt ihm kalt und ungläubig von oben herab in die Augen. ,, Sie haben mir versprochen, die Wahrheit zu sagen!" ,, Das ist die Wahrheit, Herr Kommissar!" ,, Sie wollten doch Geld für die Kommunistische Partei geben?" ,, Ich? Ich, Geld für die Kommunisten? Oh, man ja nicht, Herr Kommissar! Nee, ich habe kein Geld für die Politik!" ,, In Ihrem eigenen Interesse fordere ich Sie noch einmal auf, mir die volle Wahrheit zu sagen, Herr Miesicke!" ,, Ja, das will ich ja auch. Fragen Sie doch nur, Herr Kommissar!" ,, Sie sind Mitglied der Kommunistischen Partei?" ,, Nein!" 36 ,, Sie wollten Geld für die illegale Kommunistische Partei geben?" „ Niemals!" ,, Es tut mir leid um Sie, aber unter diesen Umständen muß ich es ablehnen, Sie zu vernehmen!" Miesicke blickt angstvoll in zwei graue, prüfende Augen. ,, Sie sind gestern wohl auch nicht mit dem Alsterdampfer, Sybille' gefahren?" ,, Doch! Ich fahre fast jeden Tag mit dem Alsterdampfer!" ,, Also doch! Aber Sie kannten natürlich den Herrn nicht, mit dem Sie auf dem Dampfer sprachen?" ,, Den? Nein! Das war ein Fremder! Den kenn' ich nicht!" Der Kommissar beugt seinen Kopf ein wenig zu Miesicke hin und flüstert nachdrücklich: ,, Sagen Sie lieber gleich die Wahrheit, Herr Miesicke, es ist besser für Sie. Ich, ich tue nur meine Pflicht. Wenn Sie nicht wollen, muß ich die Sache weitergeben. Leugnen ist zwecklos, glauben Sie mir!" Miesicke ist es inzwischen bald heiß, bald kalt geworden. Er hat keine Ahnung, was diese Fragerei, diese Warnungen und Ratschläge eigentlich bedeuten sollen, aber er fühlt, daß etwas Unheimliches gegen ihn heranrollt. Nun jammert er ängstlich heraus: ,, Bester Herr, das muß wirklich alles ein schrecklicher Irrtum sein. Wirklich! Ich bin nicht der, den Sie suchen! Habe mit Politik nie zu tun gehabt! Nie mit Kommunisten verkehrt! Wirklich nicht! Sie irren!" Miesicke sieht sich wie eine Mücke ins Netz einer Spinne verstrickt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der Fremde. Geldgeben. Kommunistische Partei. Miesicke dreht sich alles im Kopf. Aber nur die Nerven behalten, es muß sich ja alles aufklären. ,, Herr Kommissar, es ist tatsächlich nichts als ein unglückliches Zusammentreffen. Ich habe mit diesem Fremden, den ich nur auf einige Schönheiten hinwies, nichts gemein. Ich kann 37 doch gar kein Kommunist sein. Bedenken Sie, ich habe ein Geschäft. Ich bin doch kein Arbeiter!" ,, Es gibt noch ganz andere Leute als Sie, die Kommunisten sind, -davon abgesehen. Und Sie als Jude? Noch einmal: Bleiben Sie bei Ihren Aussagen?" ,, Aber ja, Herr Kommissar!" ,, Kennen Sie denn wenigstens den Namen Tetzlin?" ,, Nein, Herr Kommissar, den kenne ich nicht!" ,, Dann können Sie wieder gehen! Warten Sie, ich bringe Sie zurück!" ,, Und... und wann werde ich entlassen?" ,, Darüber entscheide nicht ich!" Der Kommissar klappt ärgerlich das Aktenbündel zu, klemmt es unter den Arm und verläßt vor Miesicke das Zimmer. Dieser bleibt an seiner Seite. ,, Sie hätten lieber gleich die Wahrheit sagen sollen!" ,, Aber ich habe doch die Wahrheit gesagt!" ,, Na, wie Sie wollen!" Auf dem Korridor liefert der Kommissar Miesicke an einen Uniformierten ab. Miesicke verabschiedet sich mit einer kleinen Verbeugung. Der Kommissar nickt mit dem Kopf. Dann geht er den Korridor zurück. Miesicke wird wieder in die große Sammelzelle geschlossen, die er noch vor wenigen Minuten niemals wieder zu betreten hoffte. Gestank und Tabaksqualm schlagen ihm entgegen, alles ist ihm jetzt noch widerwärtiger als vorher. Die gelbe Glühbirne, die die Zelle kümmerlich erhellt, die vielen Männer mit den schleppenden Schritten und lauernden Augen, das offene, stets besetzte Klosett, die verschmierten Wände, alles ist ihm plötzlich so entsetzlich, so zuwider, so unheimlich, daß es ihn in der Kehle würgt. 38 Er schüttelt die neugierig auf ihn Eindringenden ab. Er ist zu verwirrt, zu erregt, um Fragen beantworten zu können. Zumal ihm Fragen gestellt werden, die er sich selber stellt und um deren Beantwortung er sich selber verzweifelt bemüht. Angst sitzt ihm in den Gliedern. Er sieht sich als Opfer eines tödlichen Irrtums. Ist verwickelt in ein Verbrechen, gilt als Komplice. Er weiß genau, was es bedeutet, als Jude politisch verdächtig zu sein, weiß, daß es schwieriger sein wird, als er glaubte, seine völlige Unschuld zu beweisen. Der Fremde war ein Verbrecher. Mein Gott, das war dem nicht anzusehen. Im Gegenteil. Und wer mochte dieser Tetzlin sein? Er hatte diesen Namen bestimmt noch nicht gehört. Er soll Geld gegeben haben. Den Kommunisten. Welch ein Irrsinn! Wie das nur alles zusammenhängt? Miesicke quält seinen Kopf, die Zusammenhänge zu durchschauen. Dann packt ihn die Wut. Warum kümmert sich seine Frau nicht um ihn? Warum klären die Verwandten nicht die Polizei auf und verlangen seine Freilassung? Warum läßt man ihn hier im Dreck verkommen? Warum beteuert man nicht seine völlige Unschuld? Warum bürgt keiner für ihn? ,, Haben sie dich wenigstens anständig behandelt?" Das ist nun schon der dritte oder vierte, der dies fragt. " Jawohl, man hat mich durchaus anständig behandelt!" ,, Mensch, dann hast du aber Schwein gehabt. Du, ein Jude!" Das fehlte auch gerade noch. Es war schon unanständig genug, ihn wie einen Verbrecher festzuhalten. Womöglich mußte er nun noch eine Nacht in dieser ekelhaften Zelle, unter diesen Menschen, in diesem Gestank verbringen. Es war nicht auszudenken. Es wäre schrecklich. Und Miesicke weicht allen Fragern, allen Blicken aus, meidet jeden und tappt für sich durch die Zelle. Vor Hilflosigkeit, Ekel und Angst hätte er heulen mögen wie ein Kind. 39 Jetzt wurden häufiger Namen aufgerufen, Gefangene zur Ver- nehmung geholt. Auch der elegante Ladenräuber ist geholt und wieder hereingebracht worden.„Es war ja doch alles verpfiffen”, erzählt er bereitwillig,„da habe ich ein Geständnis abgelegt. So wird mir wenigstens die Untersuchungshaft angerechnet, und ich habe bei den Bullen eine gute Nummer!”... Ein Mitgefangener, ein rothaariger Friseur, der wegen Exhibitio- nismus vorbestraft und jetzt wieder deswegen verhaftet ist, macht sich an Miesicke heran und flüstert ihm zu:„Du, die sagen, ich werde kastriert. Es gibt jetzt derartige Gesetze. Ob sie das wirk- lich tun?” „Lassen Sie mich doch bloß in Ruh!“ schreit Miesicke den Rot- gelockten mit dem weißen Mädchengesicht an. „Du wirst nicht kastriert!” erwidert ein anderer, der die Frage gehört hat.„Dir werden sie aber den Schwanz abnehmen!” Der Friseur ist bestürzt. Er ereifert sich. Er will nicht glauben, daß es solche Gesetze gibt. Er meint, der Nationalsozialismus sei eine politische Bewegung, und er sei doch kein politischer Ver- brecher. Keiner habe ein Recht, ihn zu kastrieren. Er verstehe überhaupt nicht, was das den Nationalsozialismus angehe. Und im übrigen sei er selbst Nationalsozialist. Seit 1931 habe er nur nationalsozialistisch gewählt, und in allen Versammlungen, die er ‚besucht habe, sei niemals von Kastrieren die Rede gewesen... „Min Olsch hett mi denunziert. Lot mi man wedder na Hus komm’n, de verbleu ik den Mors mit de Brotpann!” „Wat hett se denn von di angeben?” „De Jung wull in de Hitlerjugend. Do bin ik dortwischen fohr’n. Ik heff to em seggt: Wenn du de geele Oopenjack antreckst, smiet ik di rut und dien Modder achter noh! Nu sitt ik hier for de geele Oopenjack. Na, lot mi man wedder rut komen!“ „Miesicke! Gottfried Miesicke!” 40 & 2 an ER e ze N ER u. ,, Hier!" Miesicke ist völlig abwesend und hört seinen eigenen Namen nicht. Vor der Tür stehen ein SA- Mann und der Wachtmeister. ,, Sie schlafen wohl, was?" ,, Nein, das nicht!" Der SA- Mann mustert ihn verächtlich von oben bis unten, murmelt etwas und wendet sich dann wie angeekelt ab. Während Miesicke wartet, flüstern der SA- Mann und der Wachtmeister miteinander und werfen Seitenblicke auf ihn. Der SA- Mann zieht einen Revolver und fummelt an ihm herum. Bedächtig geht er auf Miesicke zu. ,, Bei dem geringsten Fluchtversuch schieß ich dich übern Haufen, verstanden?" Verstanden hat Miesicke schon, aber was soll das bedeuten? Warum sollte er fliehen? Wohin will man ihn bringen? ,, Los, mitkommen!" Der Wachtmeister schließt die Korridortür auf, und Miesicke folgt dem SA- Mann die Treppe hinauf und durch einen langen Gang. Durch die Fenster des Ganges sieht er das Alsterfleet. Der SA- Mann schreitet, den Revolver in der Hand, wortlos neben ihm her. Am Ende des Ganges schließt er eine kleine Tür auf, hinter der eine schmale Wendeltreppe nach oben führt. Miesicke wagt die Frage: ,, Herr Wachtmeister, wo bringen Sie mich hin?" ,, Schnauze halten!" ist die Antwort. Die Wendeltreppe endet oben wieder vor einer Tür, die der SA- Mann aufschließt. Nun stehen sie im Innern des Stadthauses. An neugierig blickenden Leuten vorbei wird Miesicke durch die Gänge des Alten Stadthauses über die Seufzerbrücke ins Neue Stadthaus geführt. Von dort wieder durch kleine Türen, über lange Gänge und einen freien Platz nach einem Gebäude, in dem 41 vor kurzem noch das Wohnungsamt untergebracht war. Und nun weiß Miesicke, wo er hingeführt wird: zum Kommando zur besonderen Verwendung. Eine lähmende Angst kommt über ihn. Von diesem KzbV sind die haarsträubendsten Dinge erzählt worden. Hier sollen Mißhandlungen an der Tagesordnung sein. Hier ist erst vor wenigen Wochen ein Arbeiter aus dem Fenster gesprungen und tot auf der Straße liegengeblieben. Hier ist das gefürchtete Zimmer 103. Das Zimmer, wo der eine Arbeiter heute vormittag geschlagen wurde. - Der SA- Mann blickt höhnisch grinsend auf den zitternden Menschen. Wichtig wiegt er seinen Revolver in der Hand. ,, Los, los, büschen dalli!" Und Miesicke er taumelt nur noch den Treppenaufgang hoch. Er hört Grammophonmusik. Wie sie über einen kahlen, verwahrlosten Korridor gehen, blickt er in einige offene Türen. Er sieht große Plakate an den Wänden, Sowjetfahnen und rote Kranzschleifen. Uniformierte SA- und SS- Leute kommen ihnen entgegen. Mit ihren langschäftigen Stiefeln stampfen sie dröhnend über den Holzboden des Korridors. ,, Wo hast du denn das Schwein aufgegabelt?" 11 Von drüben! Kurt will ihn vornehmen!" ,, Kann er sich freuen, Kurt ist gerade in der richtigen Stimmung!" In Miesicke ist eine wahnsinnige Angst. Ihm ist kalt, eiskalt, und doch bricht ihm der Schweiß in großen Tropfen aus der Stirn. Jetzt ist er sicher, er geht seinen letzten Gang, man wird ihn töten. Er fragt sich nicht mehr, warum und weshalb, er hat nur den einen Willen: Leben! Leben! Nicht sterben! Er denkt nicht mehr daran, daß er unschuldig, daß er das Opfer eines unseligen Irrtums ist, er denkt nur immer das eine: Nicht sterben! Leben! Dieses unheimliche, verwahrloste Haus mit den morschen Treppen und brüchigen Geländern, den mit Farbe und Dreck verschmierten Wänden, den öden Korridoren, den vielen leeren 42 Räumen, deren Türen sperrangelweit offenstehen, die schnarrende Grammophonmusik, die durchs Haus geistert, die einzelnen grimmigen, laut auftretenden SS- Soldaten mit Stahlhelm und Karabiner ein Eindruck von lähmender Hoffnungslosigkeit. Es ist aus! Es ist aus! - Miesicke kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Verschwommen steht sekundenkurz Bella vor ihm, mit ganz großen Augen und halboffenem Munde. Ja, so wird sie dastehen, wenn alles aus ist. Und Karl Kroll und der gute, alte, dicke Josef Mendes. Was werden sie sagen? Was werden sie sagen? ,, Hier bleib stehen!" Erschreckt zuckt Miesicke zusammen, stellt sich an die Wand und blickt bettelnd zu dem kalkigen Gesicht unter dem Stahlhelm auf. ,, Mit dem Gesicht zur Wand, du Idiot! Näher ran! Noch näher! Und wehe, rührst du dich!" Miesicke steht mit dem Gesicht so dicht an der Wand, daß die Schuhspitzen die Bodenleiste berühren, und die Nase an die Wand tippt. Der SA- Mann tritt in ein Zimmer. Miesicke richtet sich ein wenig auf. Er blinzelt vorsichtig nach rechts und links: er ist ganz allein auf dem Korridor. Links ist der Treppenaufgang. Wenn er jetzt flüchtete? Es zuckt in ihm. Es rieselt ihm durch alle Glieder. Flieh doch! Flieh doch! Die Treppen hinunter. Dann weiter durch die Auffahrt in die Große Bleichen. Ihm schwindelt. Er taumelt mit dem Gesicht gegen die Wand. Er hat nicht die Kraft, nicht die Nerven; er klebt an der Wand dieses Korridors wie eine Fliege am Leim. Es ist alles aus! Es ist alles aus! Warum hat man ihn nicht in der Zelle gelassen? Er ist doch schon vernommen. Warum soll denn nun gerade er nicht mehr leben dürfen? Bella... Es ist aus.. ,, Reinkommen!" 43 Am ganzen Leibe zitternd tritt Miesicke über die Türschwelle. Er sieht sechs SS- Uniformierte um einen Tisch stehen. Sein Begleiter steht hinter ihm an der Tür, den Revolver immer noch in der Hand. ,, Herkommen! Los!" Miesicke reißt alle Kraft zusammen und geht auf ein klobiges, quadratisches Gesicht zu. Ein ängstlicher, flüchtiger Blick durchs Zimmer. Nichts steht drinnen außer dem Tisch. Der Fußboden ist schmutzig; Papierstücke und Zigarettenstummel liegen herum. ,, Du heißt?" ,, Gottfried Miesicke!" ,, Lauter, du Schwein! Und dann heißt's: Herr Wachtmeister!" ,, Gottfried Miesicke, Herr Wachtmeister!" ,, Bist Jude, was!" Ja, Herr Wachtmeister!" ,, Das heißt: Jawohl!" ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" ,, Kommunist?" ,, Nein, Herr Wachtmeister!" Du Lump lügst!" ,, Ich bin kein Kommunist, Herr Wacht..." Ehe Miesicke weiß, wie ihm geschieht und wer von den sechsen es ist, hat einer seine Hände um Miesickes Kehle gelegt, ein zweiter seinen rechten Arm gepackt, gedreht und zur Seite gerissen. Mit einem schmerzhaften Ruck, bei dem Miesicke wie ein Tier aufheult, wird er über den Tisch gezerrt. Fast gleichzeitig wird auf ihn geschlagen. Aufs Gesäß, auf den Rücken, auf die Beine. Einige Hiebe klatschen auf seinen Körper, andere kommen dumpf und hart; ihm ist, als träfen sie direkt die Knochen. Er hat zunächst nur den Gedanken: wo kommen nur die vielen Menschen her, die ihn verprügeln, und woher haben sie plötzlich die 44 Prügelinstrumente? Dann trifft ihn ein dumpfer Schlag quer übers Kreuz. Er schreit, heult auf, brüllt, brüllt, brüllt. Und immer toller hageln die Schläge auf ihn herab. Er spürt einen furchtbaren Schmerz in der linken Seite und stößt einen wahnsinnigen, gellenden Schrei aus. Da hören die Schläge auf. Miesicke wagt nicht, sich zu rühren; er liegt, mit dem Gesicht nach unten, keuchend auf dem Tisch. ,, Runter mit dir vom Tisch, du Sau!" Miesicke sucht mit den Händen einen Halt, um sich herunterzulassen. Das geht den SS- Leuten offensichtlich zu langsam; einer zieht ihn am Bein vom Tisch. Miesicke kann sich gerade noch an der Tischkante halten. - ,, Dreh dich rum! Bist du Kommunist?" Miesicke will reden, erklären, um Gnade bitten er war doch zwei Jahre im Feld, hat eine Frau, hat sich nie um Politik gekümmert- aber er bekommt keinen Ton heraus. Vor seinen Augen verschwimmt alles. Der Rücken brennt. In der linken Seite spürt er bei der geringsten Bewegung entsetzliche Stiche. ,, Rede! Gib Antwort, du Sittenstrolch!" - Miesicke schüttelt nur den Kopf. Wieder wird er auf den Tisch gezerrt. Er brüllt, bevor er den ersten Schlag erhält. Er gräbt die Nägel ins Holz, drückt sein Gesicht auf die Tischplatte und brüllt unausgesetzt. Allmählich geht sein Brüllen in Stöhnen über. Schließlich wimmert er nur noch. ,, Dich schlagen wir kaputt, wenn du nicht gestehst!" Dicht vor sich sieht Miesicke ein wutverzerrtes Gesicht. Er wischt sich mit dem Handrücken Speichelschaum vom Mund. Nur nicht mehr schlagen! Er ist zu allem bereit. ,, Bist du Kommunist? Gib Antwort!". Miesicke nickt. 45 ,, Wolltest du den Kommunisten Geld geben?" Miesicke nickt. ,, John Tetzlin sollte dem Kurier' n Schiff nach Kopenhagen besorgen! Ist doch so, was?" Miesicke nickt. ,, Warum hast du Hund denn erst gelogen?" Miesicke taumelt von einem furchtbaren Schlag ins Gesicht zu Boden. Ohne sich um den Bewußtlosen weiter zu kümmern, verläßt der Sturmführer mit seinen Leuten das Zimmer. Zwei geflochtene Peitschen und ein vierkantiges Tischbein haben sie hinter der Tür an die Wand gestellt. Der SA- Mann mit dem Revolver lehnt am Türpfosten und blickt den Korridor entlang den Davonschreitenden nach. ,, Von diesen Mischpokes könnt ich täglich ein Dutzend verarschen!" ,, Alles was recht ist, da war der Rodebeck ein anderer Kerl. Den haben wir eine Stunde vorgenommen, Kurt, Alwin, Otto und ich, der hat kein Wort gesagt. Nicht mal geschrien hat er. Solche Natur, der Junge. Eisern!" ,, Dabei rann ihm das Blut aus den Mundwinkeln. Ein Fanatiker! Ein unglaublicher Fanatiker!" ,, Der Karsten oder Korsten, wie hieß er noch, war auch gut, was? Haut dem Schenker glatt in die Fresse. Der hätte ihm am liebsten was in die Rippen gejagt!" ,, Einige Jungens sind richtig, die müßten bei uns sein. Solch hohläugiges Tränentier von Juden aber, den müßte man verarschen, bis er krepiert!" Unter diesen Gesprächen erreichen die SS- Leute vom KzbV das Wachtlokal, ein Zimmer am äußersten Ende des Korridors. Sturmführer Kurt Dusenschön tritt als erster ein. Ein rundliches, 46 fettgepolstertes, etwa zwanzigjähriges Mädel mit überstarker Brust und blonden Ringellocken sitzt an einem langen Tisch vor der Schreibmaschine. Sie empfängt die Eintretenden mit der Frage: ,, Na, hat er's zugegeben?" ,, Klar hat er. Und vor Angst in die Hosen geschissen!" Sturmführer Dusenschön setzt dienstliche Miene auf und befiehlt: ,, Wir müssen sofort einen Bericht für Oben machen. Kaufmann selbst will in dieser Angelegenheit bei der Vernehmung von Torsten und Tetzlin dabei sein. Die Burschen sind wichtig!" Das Mädel spannt das Papier in die Maschine und legt sich zwei dicke Adreẞbücher unter das Gesäß. Die SS- Leute stehen im Zimmer herum, sitzen auf dem leeren Tisch und auf der Fensterbank. ,, Wessen Arbeit ist das eigentlich?" fragt einer. ,, Theos! Der ist, soviel ich weiß, von Kaiser auf diesen Tetzlin aufmerksam gemacht worden. Volle zwei Monate hat er ihn beobachtet, gestern endlich schnappt er zu und gleich goldecht!" ,, Der kriegt sicher' ne Prämie!" ,, Der wird sogar nach oben klettern!" Der Sturmführer diktiert in die Maschine: ,, Nach anfänglichem Leugnen gestand der Jude Gottfried Miesicke: 1. Mitglied der Kommunistischen Partei zu sein. 2. Der Kommunistischen Partei für ihre illegalen Arbeiten Geld gegeben... nein", unterbricht er sein Diktat ,,, er hat es ja noch nicht gegeben, er wollte es geben. Also muß es heißen: wollte geben! Gegeben zu haben! Das klingt aber so, als habe er es schon gegeben. Nun seid doch endlich mal ruhig, man kann keinen ganzen Satz zu Ende diktieren vor Lärm! - Gegeben haben zu wollen. Also schreib: für ihre illegalen Arbeiten Geld gegeben haben zu wollen. 3. Kenntnis davon ge47 habt zu haben, daß Tetzlin dem Kurier ein Schiff nach Kopenhagen verschaffen wollte." ,, Der hat sich eigentlich schnell bequemt zu gestehen!" wirft einer ein. Der SS- Mann Harms, Oberscharführer, verbummelter Student, Sohn eines bis vor kurzem noch gutsituierten Taxifahrers, sitzt auf der Fensterbank, schlenkert mit den Beinen und grinst über das Diktatdeutsch des Sturmführers. Mein Gott, denkt er, wenn man Sturmführer ist, muß man doch wenigstens drei Sätze richtiges Deutsch diktieren können. Der stottert sich ja ein blamables Zeug zusammen. Was heute alles Sturmführer werden kann?! Einige erhaltene Messerstiche und ein umgelegter Kommunist qualifizieren einen Menschen doch noch nicht zum Vorgesetzten. Wenn die da oben den Bericht lesen. Schauerlich! Oberscharführer Harms verschränkt die Arme und betrachtet überlegen den Sturmführer, die kurze, gedrungene Gestalt, das rötliche, gedunsene Quadratgesicht, die durch einen Fausthieb verunstaltete, schiefe Nase und das tief in die Stirn gewachsene, struppige Haar. Der Sturmführer hat seinen Bericht fertig; betont energisch dreht er sich um: ,, Und daß heute abend jeder zur Stelle ist; es verspricht äußerst interessant zu werden!" Dann verläßt er mit dem Bericht das Zimmer. ,, Ein Deutsch, zum Quieken!" ,, Mensch, Rudi, halt doch bloß die Fresse!" Was soll diese ewige Stänkerei? Der Kurt ist so' ne Prachtseele. Scheiß an sein Deutsch. Er ist ein Kerl, das genügt!" Natürlich Riedel, denkt Harms, die halten zusammen wie Pech und Schwefel. Der wird bald Oberscharführer werden. Wahrscheinlich wird er dem Dusenschön alles haarklein wiedererzählen. Schadet nichts. Der blamiert uns ja alle. Neulich, als er den 48 Dr. Koltwitz, den Sozi, vernahm, bringt er ihm erst allerlei bei und fragt dann stolz in Gegenwart anderer: ,, Nun, was habe ich dir gelernt?" Und der Jude erwidert, ohne mit der Wimper zu zucken: ,, Sie lehrten mich Liegestütze, Hüpfen und den Korridor entlangkriechen." Das Rindvieh Dusenschön hat nicht mal was gemerkt. Und das ist sein Vorgesetzter! Zustand. Er kann nicht unterlassen zu bemerken:„ Wenn man einen Bericht diktieren muß, sollte man zumindest richtiges Deutsch können!" ,, Hättest du diktieren sollen!" Π Wieso ich? Bin ich Sturmführer?" In diesem Augenblick poltert der lange Marinesturm- Mann Teutsch herein: ,, Kommt doch bloẞ mal mit runter. Wir haben da einen von der Roten Marine vor, der wehrt sich wie verrückt." - Sofort springen alle auf, lachen, grölen den Burschen wollen wir uns mal ansehn! Muẞ ja eine tolle Marke sein!- und rennen zur Tür hinaus. ,, Bring die Peitschen und das Tischbein mit!" schreit Riedel, der in langen Sätzen, drei Stufen auf einmal, die Treppe hinunterrast. Seit seiner Einlieferung ins Stadthaus sitzt Heinrich Torsten in einer Boxe. Das sind die schmalen Schränke, die Miesicke für Spinde gehalten hat. Sie sind auch in der Tat nicht größer als gewöhnliche Spinde, einen halben Meter breit und eine Kleinigkeit tiefer. Die Türen dieser Boxen sind oben durchlöchert. Das ist die einzige Luftzufuhr. In einer solchen Boxe hockt Heinrich Torsten. Er hockt darin bereits dreizehn Stunden. Mittags hat ihm ein Wachtmeister eine Schüssel Nudelsuppe hineingereicht und gegen Abend etwas Teewasser und Schwarzbrot. Herausgekommen ist er aus seinem Kasten nicht. Heinrich Torsten ist sich klar darüber, daß diese 4 Bredel, Prüfung 49 50 50 Maßnahme erst der Anfang der Grausamkeiten ist, die ihm bevorstehen. Sie wissen, wer er ist, und er weiß, sie wollen alles wissen, was er weiß. Seit Monaten hat er mit der Möglichkeit einer Verhaftung gerechnet, und er hat oft, wenn er daran dachte, gelindes Grauen gehabt, hat sich immer gesagt, wenn es so weit ist, komme ich nicht wieder heraus. Nun wundert er sich, daß er so ruhig, so gefaßt ist. Er sagt sich, es sind Bessere, Tüchtigere vor mir denselben Weg gegangen. Und sie sind ihn mutig gegangen. Verdammtes Pech. Kaum angelangt, auch schon verhaftet. Tetzlin muß entsetzlich leichtfertig gearbeitet haben. Er hätte nicht gleich selber die Verbindung aufnehmen sollen. Doch was nützen jetzt alle Selbstvorwürfe, jetzt heißt es das bittere Ende ertragen. Torsten denkt an die Genossen. Wie werden sie erschrecken, wenn sie von seiner Verhaftung erfahren. Vor wenigen Wochen erst ist hier fast der ganze illegale Parteiapparat hochgegangen, über dreihundert Genossen. Und nun auch Tetzlin und er. Überall sitzen Spitzel. In allen Ecken lauert Verrat. Die Genossen werden in den nächsten Wochen und Monaten harte Arbeit haben. Heinrich Torsten selbst hat Urlaub, den einzigen Urlaub, den es für einen Kommunisten gibt. Und auch im Gefängnis und Konzentrationslager gibt es eigentlich unendlich viel zu tun. Urlaub, vollständigen Urlaub von der Politik haben wir erst im Grab. Vielleicht stehe ich schon davor. Wer kann wissen, was der nächste Tag bringt? Eugen Leviné sagte: Tote auf Urlaub. Wir Kommunisten sind Tote auf Urlaub! ... Und Torsten denkt an seine Frau Anna und an sein Töchterlein Margreth... Sie sind jetzt allein, verlassen, hilflos. Ja, er hatte ein Heim, hatte eine Familie, hatte alles, was einem Bürger genügen mag, um glücklich und zufrieden zu sein... Er aber ist so geartet, daß er nicht leben kann, wenn auf Wehrlosen, Un schuldigen, Unglücklichen herumgetrampelt wird, wenn die Menschenrechte miẞachtet werden, wenn sein Volk mit Sirenen- und Fanfarenklängen in einen neuen Massenmord gelockt wird; er kann dann nicht schweigen, tät er's, er käme sich vor wie ein Verbrecher, denn er weiß, das Ende heißt Tod und Grauen, Not und Elend von Millionen... Die Narren, die da glauben, sie retten sich und ihr Heim, wenn sie schweigend und duckend und gehorchend alles hinnehmen, was die neuen braunen Herren befehlen, sie werden ein tolles Wunder, ein furchtbares Erwachen erleben... Nein, ein Torsten kann nicht anders handeln, als er gehandelt hat. Und er würde genau so handeln, böte sich ihm noch einmal die Gelegenheit dazu. Die draußen haben die Aufgabe, die Massen aufzuklären und die Pläne der Kriegstreiber zu durchkreuzen. Hier drinnen steht die Aufgabe, durch besonders hohe Moral die Massen zu begeistern und den Gegner zu demoralisieren... Dennoch: und Anna?... Und die kleine Margreth?... Was für Sorgen, was für Ängste werden sie ausstehen. Er weiß, sie billigt seine Handlungen, wirft ihm nichts vor, sie ist ein Mensch mit Sinn für Recht und Gerechtigkeit, mit Gefühl für Stolz und Würde, ein Mensch, der lieber leidet, als anderen Leid zuzufügen... Auch sie ward zuweilen kleinmütig, hatte ihm zu verstehen gegeben, sie hätten doch eigentlich nichts von ihrem Leben, ewig dies Gehetztsein, diese Unruhe, diese Sorge um andere, diese- Politik... War nicht viel Wahres dran?... Gewiß, das was andere, Leben' nannten... Arbeit, Verdienst, Feierabend, Heim und Eheleben und nichts anderes und dies möglichst ungestört,- das hatten Torstens selten kennengelernt. Sie kannten es nicht, denn sie wußten, wenn sie sich die Augen verbinden und von den 4* 51 Ereignissen im Lande keine Notiz nehmen, sondern nur für ihr kleines augenblickliches Wohlergehen lebten, käme es einem Selbstmord gleich, wäre es ein Leben auf einem Vulkan, wäre es im mildesten Fall ein feiger Selbstbetrug... Der Herrschaftsantritt der Nazis konnte nur den einen Sinn haben: Krieg. Ein neuer Völkerkrieg stand bevor... Das weiß Torsten, der Marxist, der dank seiner Weltanschauung in das Getriebe der sozialen Kräfte und wirtschaftlichen Zusammenhänge blicken kann. Und er weiß ferner, daß ein neuer Krieg ein zweiter Weltkrieg werden muß, und daß der, wie immer er sich auch entwickeln mag, Deutschland zugrunde richten muß. Wie könnte er offenen Auges, sich selbst täuschend, über all dies hinwegsehen?... Nun aber war er selber in den Fängen der Bestie, und Reue könnte sich einstellen, Vorwürfe, Selbstanklagen... Nein, Heinrich Torsten hat nichts zu bereuen; er hat nichts versäumt. So wie er es geführt hat, war sein Leben richtig und gut. Zu bedauern und zu beklagen sind die, die ihre Not ohne Hoffnung tragen, die, gedrückt und gedemütigt, ein Leben erdulden, das nicht erhellt wird vom Kampf um den Sozialismus. Zu bedauern sind die Unwissenden, Mutlosen, Hoffnungslosen. Nein, sein Leben ist herrlich gewesen. Dreizehn Stunden sitzt Heinrich Torsten nun schon in der Boxe; er glaubt kaum, daß er noch einen ganzen Tag zu leben hat und durchlebt das Auf und Nieder seines Lebens noch einmal. Seit dreizehn Stunden krümmt er sich in seiner Boxe, und er weiß nicht, wie lange er sich noch so quälen muß. Es ist spät am Abend, die übrigen Gefangenen sind längst ins Untersuchungsgefängnis gebracht worden. Nur eine einsame Nachtwache schleicht durch die Korridore. 52 Am Tage war es noch zu ertragen gewesen, die Ohren konnten leben. Vor seiner Boxe war ein dauerndes Kommen und Gehen. Die Wachtmeister sprachen miteinander. Namen wurden auf- gerufen. Zu- und Abgänge mußten auf dem Gang warten. Das Leben war nicht ganz erstorben. Doch in diesen Abendstunden, wo es in diesem riesigen, steinernen Kellergewölbe menschenleer und totenstill ist, wo die Sammelzellen leer sind, der Lärm der Korridore erloschen ist und nur alle halbe Stunde ein einsamer Mensch auf Filzschuhen vorbeischleicht, ist es entsetzlich in diesem stehenden Sarg. Torsten hämmert mit den Fäusten gegen die Tür. Sofort kommt der Wärter herbeigelaufen, aber er wagt nicht, die Tür der Boxe zu öffnen, sondern schreit von außen in den Kasten:„Hallo, was ist denn los? Verhalten Sie sich mal ruhig!” „Bin ich hier vergessen worden?” „Bei uns wird keiner vergessen, hat alles seine Richtigkeit!” „Herr Wachtmeister, nun sagen Sie doch mal, warum werde ich allein. noch in diesem Käfig festgehalten? Soll ich die ganze Nacht hier drin bleiben?” „Mann, das kann ich Ihnen auch nicht sagen, ich weiß es nicht!” Torsten hört den Wärter fortschlürfen. Jedenfalls weiß der nun, daß noch einer hier sitzt. Nach einiger Zeit nähern sich wieder die schleichenden Schritte. Torsten hört seinen Namen flüstern und preßt das Gesicht an die Luftlöcher der Tür. „Es heißt, Sie sollen heute abend noch vernommen werden! Sie und Tetzlin. Der Chef der Staatspolizei will selbst dabei sein!” „Ich danke Ihnen!” flüstert Torsten aus seinem Kasten.„Sitzt Tetzlin auch in einer Boxe?" „Nein, der ist anscheinend drüben beim KzbV!” Torsten atmet erleichtert auf. Heute wird man wohl nicht miß- handeln, wenn der Chef der Gestapo dabei ist. Sie wollen ihn 53 also richtig vernehmen? Was sie sich davon wohl versprechen? Hoffentlich hält Tetzlin dicht... Ach, er befindet sich noch in diesem Holzkasten, aber er fühlt sich doch gleich bedeutend wohler. Und nun weiß er erst, daß ihm die Angst vor Mißhandlungen im Blut gesteckt hat. Lachhaft, der Käfig ist plötzlich gar nicht mehr so eng. Man kann zur Abwechslung aufstehen und sogar die Arme nach oben recken. Selbst wenn er die Nacht hier verbringen müßte, na, wenn schon. Vielleicht würde ihm der Wärter noch einmal etwas zuflüstern. Gut wäre es, wenn er Tetzlin eine Nachricht übermitteln könnte. Der Chef der Staatspolizei persönlich. Großartig! Möglicherweise kommt er um Mißhandlungen herum. Schließlich, er ist doch auch nicht mehr der Jüngste. Also mal wieder, trotz allem, Glück gehabt. Und Stunde um Stunde verrinnt. Es mag kurz vor Mitternacht sein, da kommt es den Nebengang heruntergepoltert. Torsten starrt gespannt horchend in die Dunkelheit. Eine Klingel schrillt durch den Korridor. Sie kommen. Der Wärter öffnet die schwere Tür. Torsten hört deutlich seinen Namen. Es dröhnt in den Gewölben vom Schritt eisenbeschlagener Stiefel. Die Tür der Boxe wird geöffnet. Torsten blinzelt geblendet ins gelbe Korridorlicht und erhebt sich. Neben dem Wärter stehen drei Männer in SSUniform. Der eine nestelt an seinem Gurt und zieht den Revolver. Treten Sie heraus!" 11 Interessiert mustern die SS- Leute den Gefangenen. Sie scheinen überrascht zu sein. Er tritt mit stolzer Haltung aus dem dunklen Kasten und sieht den SS- Leuten fest und gerade ins Gesicht. Torsten wird den Weg geführt, den Miesicke vor einigen Stunden ging. Zwei SS- Wachtmeister nehmen ihn in die Mitte, der dritte geht, den Revolver in der Hand, hinterher. Sie sprechen kein 54 aa Wort. Wie sie durch die verlassenen, dunklen Korridore des Alten Stadthauses gehen, schreit in einem Zimmer eine Frau auf, kurz und gellend. Dann ist wieder Stille. Die Wachtleute gehen weiter, als hätten sie nichts gehört. Vom Neuen Stadthaus gehen sie durch eine Einfahrt in den roten Backsteinbau des früheren Wohnungsamts. Dort bleiben sie im Korridor des Erdgeschosses stehen. „Mit dem Gesicht an die Wand dort hinstellen!” Aus dem Nebenraum kommen weitere SS-Männer, unter ihnen Sturmführer Dusenschön. Gespreizt und wichtig geht er auf Torsten zu, stellt sich dicht hinter ihn und zerrt ihn am Ärmel: „Dreh dich mal um! Du warst also Reichstagsabgeordneter? Reichstagsabgeordneter der Kommune? Los, antworten!” Torsten hat sich umgedreht und blickt dem breitbeinig vor ihm stehenden, untersetzten Menschen ins aufgequollene, rotviolette Gesicht. Ein Trinker. Und ein Vieh. Ein bösartiges Vieh. Torsten sieht ihn groß an und gibt keine Antwort. „Willst du nicht antworten, oder hast du nicht begriffen? Du warst doch Reichstagsabgeordneter?” Torsten schweigt. Dusenschön fixiert ihn mit zusammengekniffe- nen Augen und preßt die Lippen aufeinander, dann aber lacht er laut auf:„Mein Lieber, du wirst bei uns noch reden lernen!” Und er lacht, daß ihm der fleischige Hals rot anläuft. Doch sein Lachen ist unecht, ist verkrampft. Sogar die SS-Leute merken das; sie lachen nicht mit, sondern starren nur wortlos auf den stummen Gefangenen. Der SS-Posten an der Einfahrt schreit:„Achtung!“ DieSS-Wacht- leute zucken zusammen, zupfen ihre Uniformen und ihre Mützen zurecht. Sturmführer Dusenschön wirft einen prüfenden Blick auf seine Leute. Der Blick sagt: macht mir keine Schande! Da 55 betreten auch schon hohe Offiziere der SA und SS und mehrere Zivilisten das Gebäude. ,, Achtung!" Hacken schlagen zusammen, die Körper erstarren, die rechten Arme schnellen hoch. Die salutierenden SS- Wachtmänner keines Blickes würdigend, schreitet der hohe Besuch vorbei in das Vernehmungszimmer. Ein pompöser Aufzug: braunes Wildleder, rote und blaue Bänder um braune Mützen, poliertes Lederzeug, schwere Parabellumkästen, kokett baumelnde Ehrendolche, im matten Licht der Korridorlampen blinkende schwarze und braune Schaftstiefel, Tressen und Orden. Vor der Tür, durch die sie treten, nehmen zwei SS- Leute mit Stahlhelm Aufstellung. Sturmführer Dusenschön geht mit ins Zimmer. Die SS- Posten tuscheln einander zu. Torsten glaubt einige Male den Namen Kaufmann deutlich zu vernehmen. Dusenschön steckt seinen rötlichen Bullenkopf aufgeregt zur Tür heraus: Torsten, reinkommen!" Der Gefangene geht mit ruhigen Schritten in den großen, völlig leeren Raum. Die Offiziere und Zivilisten haben sich im Halbkreis gruppiert. Ein großer Mann mit rundem Glatzkopf winkt Torsten heran. Er tritt näher. Das Bewußtsein, so viele Augenpaare feindlich auf sich gerichtet zu sehen, läßt ihn den Körper noch mehr straffen. ,, Torsten, wir wissen, wer Sie sind und in wessen Auftrag Sie nach Hamburg gekommen sind. Wir kennen die Aufgabe, die Sie hier erledigen sollten. Leugnen ist völlig unsinnig. Was wir von Ihnen nur noch wissen wollen, ist: 1. Wer hat Sie von Berlin hergeschickt? Ich meine die Personen selbstverständlich. 2. Wer sind gegenwärtig die leitenden Leute der hiesigen Bezirksleitung? 3. Wer ist Karbe, dessen Unterschrift auf der Quittung steht, die wir bei Ihnen fanden? Ich mache Sie von vornherein darauf aufmerksam, daß wir fast über alles unterrichtet sind, daß wir von 56 Ihnen nur die Bestätigung haben und Ihren guten Willen sehen wollen. Der Jude Miesicke und dieser Tetzlin haben nämlich bereits ausgesagt!" Torsten hat dem Sprechenden unablässig ins Gesicht geblickt. Nun sieht er um sich, und sein Blick bleibt an einem Menschen hängen, den er zu kennen glaubt. Es ist ein mittelgroßer, dicklicher Mann in hellem Sommermantel und grauem Schlapphut. Dieses glatte, ausdruckslose, rundliche Gesicht hat er bestimmt schon irgendwo gesehen. Aber wo? Torsten gibt sich einen Ruck und antwortet:„ Meine Herren, ich habe Ihnen gesagt, wer ich bin und wo mein fester Wohnsitz ist, damit habe ich alles gesagt!" Der vernehmende Kriminalkommissar, ein schwerer Mann mit einer Beinprothese, humpelt langsam auf den Gefangenen zu; betont fragt er: ,, Soll das heißen, daß Sie jede weitere Aussage verweigern?" " Jawohl, Herr Kommissar! Sie kennen meine politische Position. Was würden Sie von einem Manne halten, der in meiner Lage Kameraden verriete?" ,, Es handelt sich hier nicht um Moral, es handelt sich um Deutschland! Ich gebe Ihnen den guten Rat, meine Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten!" ,, Es tut mir leid, Herr Kommissar!" ,, Es tut dir leid?" faucht wütend der Kommissar und schiebt seinen dicken Kopf ganz nahe vor Torstens Gesicht. ,, Es tut dir leid?" Ein blitzschneller Schlag trifft Torsten zwischen Nasenflügel und Oberlippe. Der taumelt überrumpelt zurück. ,, Es hat dir nichts leid zu tun, du hast zu antworten!" ,, Ich sage von nun ab kein Wort mehr!" Einen Augenblick ist Grabesstille im Zimmer. Die SA- und SS57 Offiziere, die hohen Zivilbeamten starren den schweigenden Gefangenen an. ,, Armer Irrer!" zischt der vor Ärger und Wut weiß gewordene glatzköpfige Kommissar und läßt sich ein dreiviertel Meter langes schwarzes Futteral reichen. Umständlich löst er den Verschluß. Alle schauen ihm zu, auch Torsten. Soll er etwa fotografiert werden? Er kann sich nicht erklären, was in diesem Futteral steckt. Der Kommissar holt eine dunkle, armdicke Gummirolle heraus, die an einem Ende einen sauber gedrechselten Griff hat. Den Kopf lauernd gegen Torsten gesenkt, die Augen in den fetten Polstern von unten auf den Gefangenen gerichtet, fragt er: ,, Willst du nun Aussagen machen?" Torsten sieht ihn groß an. Er hat begriffen, was dies alles bedeutet, und schweigt. ,, Ob du Aussagen machen willst?" Torsten steht wie erstorben. ,, Bück dich!" Torsten erbleicht. Er rührt sich nicht. ,, Bück dich!" schreit der Kommissar." Bück dich, du Schwein! Runter mit dir!" Fassungslos blickt Torsten auf die unbeweglichen, stummen Zuschauer. Wieder bleibt sein Auge auf dem Mann im hellen Sommermantel hängen. Ihre Blicke treffen sich. Nichts als Haẞ schlägt hin- und herüber. Drei SS- Männer fallen über Torsten her. Einer zieht ihm den Kopf nach unten; die beiden anderen packen seine Arme und schrauben sie nach oben, so daß er sich vor Schmerzen krümmen muß. Der Kommissar schiebt langsam sein steifes Bein vor, zielt bedächtig und schlägt mit der Gummistange weit ausholend auf Torstens Gesäß. Ein furchtbarer, klatschender Schlag. Der Geschlagene stöhnt entsetzt auf. Da schiebt sich schon wieder das 58 steife Bein nach vorn, und ein zweiter Schlag saust herab. Ein dritter, vierter, fünfter. Torsten röchelt. Sein Kopf läuft vor Schmerz und Scham rot an. Er fühlt einen bleiernen Druck im Schädel. Seine Arme werden losgelassen, die Hände um seinen Hals lösen sich, langsam reckt er sich auf. Vor seinen Augen schwimmt alles. Er rafft sich zusammen, würgt Speichel und sieht dann, daß die SA- und SS- Führer, die Zivilisten und SS- Wachtleute immer noch um ihn herumstehen. Und keiner rührt sich, keiner sagt ein Wort. Doch, der im Sommermantel löst sich aus der Gruppe und tritt auf ihn zu: ,, Torsten, mir sind derartige Methoden zuwider, doch was bleibt uns anderes übrig. Verpfiffen ist sowieso schon alles. Sagen Sie, wer ist Karbe, und Sie werden nicht mehr miẞhandelt!" Jetzt weiß Torsten, wer der Mensch vor ihm ist: der Reichsstatthalter Kaufmann. Er erinnert sich seiner vom Reichstag her, sie sind beide in den letzten Wahlperioden Abgeordnete gewesen. In die Fresse hauen müßte man diesem schmierigen Burschen, ins Gesicht spucken. ,, Sind Sie halsstarrig, ist das nur Ihr Schaden. Unser Atem ist länger als Ihrer!" Torsten läßt keinen Blick von diesem pausbäckigen, gepflegten Menschen, der hier über Tod und Leben entscheidet. Aber er erwidert kein Wort. Achselzuckend und mit kaltem Lächeln dreht ihm der Reichsstatthalter den Rücken. Sofort fallen die Folterknechte wieder über ihn her. Mag er die Augen in Willensanspannung noch so zusammenkneifen, die Zähne vor Schmerzen noch so aufeinanderpressendie wahnsinnig schmerzenden Erschütterungen seines Körpers durch die wohlgezielten Schläge pressen aus ihm tierische Schreie 59 und unterdrücktes Wimmern und Röcheln. Beim achten Schlag sackt er in die Knie, und sein Gesicht schlägt auf den Boden. - - - - - ,, Eine Pütz Wasser!" ruft Sturmführer Dusenschön, der wichtig um den Delinquenten herumläuft, ihm das Gesicht nach oben reißt und die Augenlider auseinander zerrt. ,, Vielleicht markiert der Kerl nur." 11 Ein Mordskerl!" flüstert der Standartenführer Ellernhusen aus dem Stabe des Reichsstatthalters einem Kameraden zu. ,, Man sollte aufhören", antwortet der ,,,, aus dem ist doch nichts herauszuholen!" ,, So etwas gibt es nicht", Standartenführer Ellernhusen schüttelt den Kopf. ,, Wir müssen den Mann zum Reden bringen!" Ein SS- Mann stellt einen Eimer Wasser herein, vor den am Boden Liegenden. Zwei SS- Wachtmeister heben ihn hoch, ein dritter packt den Kopf und drückt ihn ins Wasser. Ein konvulsivisches Zucken geht durch Torstens Körper. Der Kopf wird wieder hochgerissen und bewegt sich schwach. Die Kiefer zucken. ,, Noch mal!" kommandiert Dusenschön. Wieder wird der Kopf ins Wasser getaucht. Nach einer Weile schlagen die Beine aus, der Körper windet sich. Wie Torstens Kopf aus dem Wasser gezogen wird, treten seine Augen fast aus den Höhlen; das Haar hängt ihm in nassen Strähnen ins Gesicht; der halbgeöffnete Mund atmet gierig. Der Kommissar mit dem steifen Bein packt Torsten am Rock: ,, Das ist nicht vorbei, mein Junge, jetzt fängt's erst an! Wenn du auf unsere Fragen nicht antwortest, geht es so die ganze weiter, bis du verreckst! Verstanden? Hast du Familie?" Torsten nickt schwach. Nacht ,, Na also, sei doch nicht meschugge! Wofür opferst du dich? Dein Genosse Tetzlin ist bedeutend vernünftiger gewesen. Der 60 hat uns seinen Auftraggeber genannt, und gleich hatte er Ruhe. Euer Geldmann, der Jude Miesicke, hat ebenfalls das Leugnen schnell aufgegeben. Also genug, rede, und die Sache ist erledigt!" Torsten, der immer noch von einem SS- Mann gestützt werden muß, erwacht langsam, befreit sich aus den Armen des SS- Mannes und wankt auf den Kommissar zu. Es sieht aus, als wolle er reden, aber er sieht ihm nur lange in die Augen und schweigt. Alle schweigen. Es ist im ganzen Raum kein Laut zu hören. Der Kommissar reißt einem SS- Mann die Gummistange aus der Hand und brüllt unbeherrscht: ,, Bück dich! Runter mit dir!" Beim ersten Schlag schon bricht Torsten stöhnend zusammen. , Wasser her!" schreit Dusenschön. 11 Wieder wird der Kopf des Ohnmächtigen ins Wasser getaucht. Der Reichsstatthalter tritt vor:„ Ich glaube, meine Herren, wir werden heute keine Ergebnisse erzielen. Gehen wir!" ,, So etwas ist noch nicht dagewesen!" flüstert Standartenführer Ellernhusen, Adjutant des Reichsstatthalters und hamburgischer Staatsrat. Je höher wir greifen, desto weniger bekommen wir heraus! Na, jedenfalls haben wir von Tetzlin den Verbindungsmann. Durch den können wir an weitere!" Die SS- Leute nehmen stramme Haltung an und salutieren. Der Reichsstatthalter und sein Gefolge verlassen den Raum. Ihre Wagen stehen bereits in der Einfahrt. Schon lassen die Schofföre die Anlasser surren. ,, Ich hoffe, wenn wir erst unser Lager eingerichtet haben, werden wir erfolgreicher arbeiten!" ,, Ich bin davon überzeugt!" erwidert der Standartenführer dem Reichsstatthalter. Bevor die Herren ihre Wagen besteigen, tritt Standartenführer Ellernhusen an den Sturmführer Dusenschön heran:„ Wenn der 61 sich zum Sprechen bequemte, wäre es außerordentlich gut!” sagt er und blinzelt bedeutsam.„Zu Befehl!” Dusenschön klappt die Hacken zusammen. Kaum haben die Wagen die Ausfahrt verlassen, stürzt der Sturm- führer über den Korridor ins Vernehmungszimmer zurück. Der Gefangene liegt lang ausgestreckt— das Gesicht nach unten— auf dem Boden. „Scharführer Riedel!” „Zu Befehl! Sturmführer!” „Das Schwein muß unter allen Umständen heut nacht noch zum 1a Reden gebracht werden „Zu Befehl, Stürmführer!” Dann aber macht Riedel auf den am Boden Liegenden weisend eine fragende Geste. Mit dem da?— soll es heißen— der ist doch erledigt! „Natürlich erst zu sich kommen lassen! Überhaupt mach es, wie du willst!” Wut in den Zügen verläßt der Sturmführer den Raum. Torsten wird von zwei SS-Leuten in eine Ecke gezerrt. Einer macht sich den Spaß, ihm in einemfort Wasser über das Gesicht zu gießen. Aber Torsten kommt auch dadurch nicht zu sich. Schließlich wird es dem SS-Mann langweilig, und er gesellt sich zu den anderen, die sich unbekümmert unterhalten. Nach dreiviertel Stunden erwacht wieder Leben in dem Gefan- "genen. Eine Weile später schleppen sie ihn, dessen Augen und * Lippen dick geschwollen sind, dessen Nase ein blutiger Klumpen ist, und dessen Beine kraftlos herabhängen, über den Korridor, eine dunkle, steinerne Treppe hinunter in den Keller. „Ich würde ihn ins UG schaffen lassen! Mir wäre die Verantwor- tung zu groß!” „Der kann kein Glied bewegen, wie soll der herauskönnen!” ant- 62 wortet Dusenschön. ,, Ich möchte ihn noch mal vernehmen, der Kerl muß doch mal mürbe werden!" ,, Laß ihn sich einen Tag erholen, du weißt, dann klappt's oft!..." Es dämmert über den Häusern der schlafenden Stadt. Ein Privatwagen des KzbV fährt vor. Torsten wird von drei SS- Leuten hineingeschoben und nach dem Untersuchungsgefängnis gefahren. Wir holen dich wieder!" ruft ihm der Sturmführer bei der Abfahrt nach. 11 Die Beamten der Nachtwache des Untersuchungsgefängnisses, die Torsten in Empfang nehmen, schütteln die Köpfe. Behutsam wird er in eine Zelle des Erdgeschosses geführt. Einer besorgt Verbandzeug; ein anderer flößt ihm aus seiner Thermosflasche heißen Kaffee ein. Dann lassen sie ihn allein. Torsten kann keinen Schlaf finden; er fiebert und phantasiert, zusammenhanglos vor sich hinsprechend, starrt er gegen die Wand. In der Nachbarzelle liegt John Tetzlin. Auch er findet keinen Schlaf; auf Socken rennt er die Zelle auf und ab; sechs kleine Schritte vom Fenster zur Tür, sechs kleine Schritte von der Tür zum Fenster. Die starken Scheinwerfer auf dem Gefängnishof, die die Außenfronten des Gefängnisses beleuchten, erhellen auch seine Zelle. Der Posten hat einige Male hereingeblickt, ihn unruhig hin- und hergehen sehen, aber nichts gesagt. Das Zellenfenster ist geöffnet, die Augustnacht ist kühl, und in diesen Zellen, die auf gleicher Höhe mit dem Erdboden liegen, ist es sogar kalt; doch Tetzlin hat einen fieberheißen Kopf... Wie war es bloẞ möglich, daß er sich so vergessen konnte! Du bist ein miserabler Kommunist, John Tetzlin, ein gemeiner Hundsfott. Zehn Jahre bist du organisiert, zehn Jahre, zehn Jahre, und gibst deinen Org- Leiter der Polizei preis, verrätst den Namen deines Mitarbeiters, den Namen eines guten, mutigen 63 1 Genossen. Alle haben sie dir vertraut, John, alle haben sie in dir einen stahlharten Bolschewiken gesehen. Alle haben dich geliebt, John, und du verrätst deinen Org- Leiter dem KzbV, hetzt die Bluthunde auf die Spuren deines Freundes. Zehn Jahre bist du Kommunist, John. Gewiß, sie haben dich geschlagen, haben dich gequält, gefoltert, aber du weißt genau, was andere Revolutionäre litten, ohne zum Verräter zu werden. Du weißt genau, daß viele sterben mußten und doch ihre Genossen nicht verrieten, daß sie sich totfoltern ließen, aber ihren Henkern ins Gesicht spuckten. John Tetzlin hat Verrat geübt. John Tetzlin hat seinen OrgLeiter dem KzbV verraten. John Tetzlin ist ein Verräter. Zehn Jahre Kommunist. Zehn Jahre. Hast 23 in Barmbeck mitgekämpft! Mein Gott, wie war es bloß möglich? Wie war es bloß möglich!... Und der Hafenarbeiter John Tetzlin, ein Koloß von Kerl, mit mächtigen Schultern, wandert schwitzend und schwer atmend ruhelos durch die gespenstisch erleuchtete Zelle. Früh am Morgen hört er, daß jemand nebenan in die Zelle geschafft wird; und er ahnt, daß es der mit ihm verhaftete Berliner ist. Er hängt sich an das offene Zellenfenster und ruft, ohne sich um Posten und Wachtmeister zu kümmern:„ Franz! Franz!" Er hört als Antwort ein leises Josef!" und schwache Schläge gegen die Wand. Tetzlin hängt an seinem Zellenfenster und starrt ins grelle Scheinwerferlicht, auf die dunkle Mauer dahinter, über der sich die hohen Bäume des Stadtgrabens und der dämmernde Morgen erheben. Es ist nachtstill; der Posten geht seine Runde. Tetzlins Gedanken kreisen unablässig um das Eine. Plötzlich schreit es aus ihm heraus: ,, Ich habe einen Genossen verraten! Du, du, ich habe einen Genossen verraten! Kannst du das verstehen? Du? Ich habe ihn verraten!" 64 Rund um ihn ist Schweigen. Auch aus der Nachbarzelle kommt keine Antwort. Tetzlin klopft an die Wand. ,, Du, hörst du? Hörst du?" keine Antwort, kein Klopfen kommt. Tetzlin hängt sich wieder ans Fenster, preßt sein glühendes Gesicht an die Gitterstäbe und ruft:„ Haben sie dich auch mißhandelt?" ,, Ja!" antwortet es nebenan. ,, Hast du... hast du... ausgesagt?" ,, Nein!" Tetzlin prallt vom Gitter zurück. Wortlos starrt er auf den Hof hinaus, ins Scheinwerferlicht, auf die dunkle Mauer, die breiten Baumwipfel, den morgendlichen Himmel. Schritt um Schritt weicht er vom Fenster zurück, bis er mit dem Rücken an die Zellentür stößt. So steht er lange und starrt zum Gitterfenster hin... Gottfried Miesicke wird nach seiner Vernehmung nicht auf die Polizeistation in Einzelhaft gesteckt, sondern auf den Boden des Untersuchungsgefängnisses gebracht: auf die Sperlingshöh". Früher wurden diese Böden zur Aufbewahrung von Gerümpel verwendet; als aber die Massenverhaftungen nach dem Regierungsantritt Hitlers eine unvorstellbare Überfüllung aller Gefängnisse mit sich brachten, half sich die Verwaltung des Untersuchungsgefängnisses, indem sie die riesigen Böden des Gefängnisses in Massenzellen umwandelte. Miesicke und die fünf Gefangenen, die mit ihm heraufgebracht werden, betreten einen menschenüberfüllten, drückendheißen, großen Raum. Kaum schließt sich die Tür hinter ihnen, werden sie mit lautem Hallo in Empfang genommen. Einige haben Bekannte unter den Zugängen, die umringt und ausgefragt werden. Miesicke kennt keiner. An den Wänden stehen in langen Reihen Feldbetten und dazwischen Tische, an denen Schach und Karten gespielt wird. 5 Bredel, Prüfung 65 Miesicke läßt sich von einem jungen Burschen ein freies Bett zeigen. Er legt seinen Hut darauf. In einigen Betten schlafen bereits Gefangene. Miesicke weist auf sie hin und fragt. Der Junge erzählt ihm, daß die miẞhandelt worden seien. Am liebsten hätte auch er sich hingelegt, aber Miesicke verschweigt aus Scham, daß sie ihn geschlagen haben. Eine Flut von Fragen muß er beantworten. Aber er hat das Gefühl: auch hier glaubt man ihm seine Schuldlosigkeit nicht. Dieser Abend auf der„ Sperlingshöh" wird Miesicke zum Erlebnis. Es ist nicht nur sein erster Tag in einem Gefängnis, es ist auch der erste Tag, den er unter Kommunisten verbringt. Unter denen, die mit Miesicke angekommen sind, befinden sich zwei Mitglieder einer Agitprop- Truppe. Nun sind von dieser Gruppe bereits fünf Mitglieder in dem Saal. Und es dauert nicht lange, da werden die Schachspiele von den Tischen geräumt, die Karten eingesammelt, Bänke und Tische zusammengestellt, und die improvisierte Agitprop- Truppe Rote Knastjungens" beginnt mit ihrem Spiel. Für Miesicke ist dies alles unerhört. Er sieht sich die Insassen des Saales genauer an: es sind durchweg Arbeiter. Viele junge Leute darunter. Die meisten sind kümmerlich gekleidet, sie haben gestopfte Strickwesten an; ihre kragenlosen Hemden sind zerrissen; ihre Hosen eingelaufen und ausgefranst. Erwerbslose, denkt Miesicke. Zwei von den Gefangenen tragen bessere Kleidung. Miesicke bewundert den Zusammenhalt unter den Gefangenen, den kameradschaftlichen Ton ihrer Unterhaltungen, die unanfechtbare Gelassenheit, mit der sie ihre Haft hinnehmen, ihr leidenschaftliches Interesse an politischen Diskussionen, ihre präzise und gewählte Ausdrucksweise. Besonders aber staunt er über die fünf jungen Arbeiter, die an der Wand zwischen den beiden Saaltüren aus dem Gedächtnis 66 Sketchs aufführen, schmissige, melodische Songs vortragen und. aufrüttelnde, leidenschaftliche Verse deklamieren. Kommunisten sind seltsame Menschen, rätselhafte Menschen, findet Miesicke. Auf den Straßen grölen und krakeelen sie, fallen Polizisten an, verjagen Andersdenkende, und im Gefängnis benehmen sie sich manierlich und kultiviert, rezitieren Klassiker und singen Songs, verhöhnen die Unwissenheit und appellieren an die Vernunft. Ein junger Blondkopf in rotem Sweater spricht, und seine großen, hellen Augen leuchten: 11 Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's Im Hasse nur sich rühren. Allüberall ist dürres Holz, Um unsere Glut zu schüren. Die ihr der Freiheit noch verbliebt, Singt durch die deutschen Straßen: Ihr habet lang genug geliebt, O lernet endlich hassen!" Er hat diese Strophe kaum beendet, da kommt aus einem der Feldbetten, in denen die Mißhandelten liegen, der wie im Fieberwahn ausgestoßene Schrei:„ Hassen!" Nur dieser eine Schrei. Aber es ist, als hätten sich in diesen einen Schrei Qual und Haß aller Gemarterten in den Gefängnissen Deutschlands ergossen. Den Gefangenen stockt der Atem. Der Geschundene sinkt mit einem Stöhnen aufs Lager zurück. Die fünf brechen ihr Spiel ab. Bänke und Tische werden an ihre Plätze gestellt. Es ist still geworden unter den Gefangenen. An diesem Abend werden Karten und Schachfiguren nicht mehr angerührt... Der Morgen graut. Miesicke wälzt sich immer noch schlaflos auf der Matratze. Neben und um ihn ist lautes Atmen und Schnar5* 67 chen. Ein Mißhandelter wimmert leise im Schlaf. An Miesicke ziehen noch einmal die Vorgänge des vergangenen Tages vorüber. Das schmutzige Kellerloch in der Polizeiwache... Die ekelhafte Sammelzelle im Stadthaus... Die erste Vernehmung durch den Kommissar... Die Verprügelung beim KzbV, diese ihm unfaẞbare, rohe Demütigung... Und der heutige Tag, was wird der bringen? Ach, Miesicke denkt gar nicht mehr an seine Krawatten, an die vierzehnhundert Mark, an Brinkmann, der sein Geld haben will, er lebt in einer neuen Welt, ringt mit neuen Fragen, fürchtet Gefahren, die ihm bisher unbekannt waren. An seine Bella denkt er, in Zorn und Zärtlichkeit. Warum hat sie ihn noch nicht aufgespürt? Warum hat sie noch nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihn herauszubekommen? Hin- und hergestoßen zwischen schrecklichen Erinnerungen und bangen Erwartungen, Zweifeln und Hoffnungen, Abscheu und Bewunderung, dämmert Miesicke schließlich in den Schlaf hinüber, den ersten Schlaf nach vierundzwanzig Stunden. Am Morgen herrscht auf der Polizeistation des Untersuchungsgefängnisses große Aufregung. Torsten befühlt seine geschundenen Glieder, schüttelt den schweren, drückenden Schlaf von sich und horcht auf das Gerenne im Korridor und in der Nebenzelle. Er hört nach dem Heilgehilfen rufen und fragt sich, was geschehen ist. Einige Minuten später kommen zwei Wachtmeister zu Torsten in die Zelle. ,, Es tut uns leid, aber die Staatspolizei hat es angeordnet!" Torsten wird gefesselt, die Hände auf dem Rücken. ,, Es geschieht zu Ihrer eigenen Sicherheit", erklärt der eine Beamte ,,, damit Sie sich nichts antun! Ihr Zellennachbar, der Tetzlin, hat sich heute nacht erhängt!" 68 Das Konzentrationslager „ Links! Links! Links, zwei, drei, vier! Könnt ihr Schweine denn keinen Schritt halten?... Im Roten Frontkämpferbund klappte es doch!... Gerade Haltung da, du schaukelst ja wie' ne angebuffte Jungfrau!" Gleich einem scharfen Schäferhund rennt Truppführer Teutsch um die in zwei Gliedern über die Gefängnishöfe marschierenden Zugänge. In der Kleiderkammer hat jeder zwei Wolldecken, eine Jacke, Hose, Weste- alte, abgetragene, braunschwarzgestreifte Zuchthauskleidung bekommen, dazu ein Zuchthauskäppi, ein Paar schwere Soldatenstiefel, Bettlaken und Handtuch. Diese Sachen unterm Arm, marschieren die neu eingelieferten Schutzhaftgefangenen in militärischer Ordnung über die verschiedenen Höfe des alten Zuchthauses. Die ersten Tage des September sind heiß wie die Augusttage. Eine lichtflimmernde, milchige Masse drückt auf die Erde. Ein Wunder, daß die Bäume jenseits der Gefängnismauer an dieser Glut noch nicht verdorrt sind. Das Grün der Blätter ist eine Oase für die gepeinigten Augen. Trostlos und bedrückend zieht sich vor dem sommerlichen Schmuck der Kirsch- und Birnbäume die hohe, schmutzigrote Gefängnismauer hin. - Links, links, links die Zugänge marschieren an alten, verdreckten und verfallenen Zuchthausbauten vorbei, deren Abbruch das Hamburger Stadtparlament längst beschlossen hat. ,, Links! Links!" Truppführer Teutsch läuft die Reihen entlang, tritt hier und dort einem Gefangenen, der ihm nicht gut genug 69 marschiert, gegen die Beine, teilt Knüffe aus, schlägt ins Genick, rast umher und schreit. So marschieren sie in der staubigen Glut an einem Abbruch vor- bei, dem alten Gefängnislazarett, das Schutzhaftgefangene ab- reißen. Im gestreiften Zuchthauszeug stehen sie auf den Mauer- resten, schlagen mit Hacken die Backsteine heraus und schaufeln sie in Loren. An langen Tischen werden die Steine sortiert und behauen. Die SS-Wachtmeister, die das Arbeitskommando be- aufsichtigen, haben sich schattige Winkel gesucht. Die Vorbei- marschierenden wechseln mit den auf dem Abbruch Arbeitenden stumme Blicke. Man sucht Bekannte, Genossen. „Abteilung... hoch die Beine!... halt!“ Sie stehen vor einem Tor. Einer der Zugbegleiter, im Stahlhelm und mit Karabiner, zieht die Klingel. Ein Posten hinter dem Tor öffnet. „Abteilung... Die Knochen zusammenreißen!.... marsch!” Vor ihnen liegt ein neuer Gefängnishof. Hier werfen Gefangene, die meisten bis zum Gürtel nackt, Erde auf. Meßinstrumente sind aufgestellt; der wildwuchernde Grasboden wird umgestochen und planiert. Am Gefängnisaufgang legen Gefangene mit Rasen- stücken ein Beet in Hakenkreuzform an.„Abteilung... na, wollt ihr die Beine hochreißen!.... halt!! Rechts um! Sachen hinlegen! Die Knochen zusammenreißen, keiner rührt und räuspert sich!” Truppführer Teutsch geht in die Wachtstube, die im Erdgeschoß dieses Gefängnisflügels liegt. Aus den Fenstern haben bereits einige SS-Wachtmeister die Neueingelieferten beobachtet, unter anderen auch Oberscharführer Rudolf Harms, der ehemalige Student. Teutsch betritt die Wachtstube. „Heil Hitler!” „Heil Hitler!” 70 ,, Da sind diesmal' ne Anzahl Intellektuelle drunter, Rudi, erteil ihnen mal wieder Geschichtsunterricht!" ,, Mensch, klar!" pflichtet Scharführer Riedel dem Truppführer bei. ,, Holen wir uns Stücker drei, vier raus! Ich muß immer noch an die doofen Gesichter von neulich denken!" Oberscharführer Harms, Scharführer Riedel, Obertruppführer Meisel und Truppführer Teutsch verlassen die Wachtstube. Die Gefangenen stehen regungslos in der grellen Sonne, einigen laufen dicke Schweißtropfen über das Gesicht. Die SS- Wachtmeister mustern sie Mann für Mann. ,, Die Finger lang machen! Die Hacken zusammen! Geradeaus sehen!" Harms greift sich einen heraus. ,, Warum bist du hier?" ,, Ich habe illegale Zeitungen verkauft!" 11 Welche Zeitung?" ,, Die, Hamburger Volkszeitung'!" ,, Und du?" 11 ,, Ich weiß es nicht, Herr Wachtmeister!" 11 Was, du weißt es nicht?" ,, Ich muß denunziert worden sein, Herr Wachtmeister! Ich habe am 5. März eine rote Fahne herausgehängt! Weiter nichts!" ,, Du wirst dir das überlegen, ich frage dich nachher noch einmal!" ,, Und du?" ,, Ich bin wegen illegaler Arbeit für die KPD hier!" Was hast du für illegale Arbeit gemacht?" ,, Ich habe kassiert!" ,, Wen hast du kassiert?" ,, Die Nummern 2017 bis 2022!" 11 Wie die heißen, die du kassiert hast, will ich wissen!" ,, Das weiß ich selber nicht!" 71 〃 - ,, Soo das wirst du dir auch bis nachher noch einmal überlegen!" Harms stellt sich vor die Front und kommandiert:„ Kopfarbeiter links heraus!" Drei Gefangene treten heraus." Was bist du?" ,, Arzt!" ,, Arzt? Wie heißt du?" ,, Dr. Kalkrauch!" 11 Warum bist du hier?" ,, Man fand bei mir ausländische Zeitungen!" ,, Soso, so ein Bruder bist du! Büschen Landesverrat getrieben, was?" „ Nein!" ,, Schnauze halten, verstanden?" ,, Und du, was bist du?" ,, Gewerkschaftsbeamter!" " I Und du?" ,, Kanzleigehilfe!" ,, Und Angestellte sind weiter keine unter euch?" Harms wendet sich an die übrigen. ,, Doch! Ich!" ,, Ich auch!" ,, Na also, hopp hopp, mit raustreten! Die fünf dort an die Mauer. In einer Reihe! Mal'n büschen dalli!" Oberscharführer Harms spreizt sich in Feldwebelpose vor dem ersten, Dr. Kalkrauch. Wer war Lenin?" Π Der Gefangene sieht ihn erstaunt an und blickt dann fragend in die Gesichter der um ihn stehenden SS- Wachtmeister, die ihn höhnisch angrinsen. ,, Na, wird's bald?" 72 Lenin? Lenin? Der Arzt sucht nach einer möglichst unverfäng- lichen und exakten Antwort.„Lenin, Lenin war der Vorsitzende im Rat der Volkskommissare der Sowjetunion!” Klatsch— hat er eine knallende Ohrfeige. Harms tritt an den zweiten heran, den Gewerkschaftsbeamten. „Wer war Lenin?” „Ein Kommunistenführer!” Klatsch— die zweite Ohrfeige ist brach Der Kanzleigehilfe kommt an die Reihe:„Wer war Lenin?” Ver- schüchtert, jeden Augenblick der Ohrfeige gewärtig, stottert der: „Lenin... Lenin... Ich weiß es nicht!” Klatsch! Klatsch! Der Kanzleigehilfe erhält zwei Ohrfeigen; . Harms meint, man müsse wissen, wer Lenin gewesen sei. Die beiden Angestellten werden gefragt. Der eine antwortet: a „Lenin war der Gründer der Sowjets! ein Jude!” Beide erhalten Ohrfeigen... „Wer die richtige Antwort liefert, darf sich dort im Schatten an die Mauer setzen!” Der andere:„Lenin war Das Frage- und Antwortspiel beginnt von neuem. „Wer war Lenin?” Der Arzt überlegt schon die ganze Zeit: was will der nur hören? „Ein Jude” ist bereits gesagt worden, und das war auch nicht richtig. Er antwortet:„Ein Feind Deutschlands!” Kaum hat er es gesagt, schlägt der verkrachte Student dem gefangenen Arzt wieder ins Gesicht. Der Gewerkschaftsbeamte überlegt zu lange und wird geschla- gen, bevor er überhaupt etwas gesagt hat. Der Kanzleigehilfe stottert:„Lenin war ein— ein schrecklicher Mann!” 73 Über die Gesichter der SS- Leute zieht ein breites Grinsen. Auch Harms schmunzelt: ,, Wieso, schrecklicher Mann, genauer!" ,, Er war ein... Revolutionär!" Klatsch!- Seite. 11 - und der Kanzleigehilfe taumelt einige Schritte zur Wer war Lenin?" Der eine Angestellte meint:„ Ein Kommunist!" und erhält die zweite Ohrfeige. Der andere stammelt Unverständliches und bekommt auch einen Schlag ins Gesicht. 11 ,, Ihr Scheißkerle!" brüllt Oberscharführer Harms. Wißt nicht mal, wer Lenin war. Nun, ich will es euch sagen. Ein Räuberhauptmann war er, ein Sittenstrolch, ein Massenmörder! Zurück ins Glied! Und daß sich mir keiner rührt, sonst wird er über den Hof gejagt, bis ihm das Wasser im Arsch kocht!" Die Gefangenen stehen nun schon einundeinhalb Stunden in der brennenden Sonne. Die Arbeitskommandos sind ins Gefängnis zurückmarschiert. Ein offener Lastwagen brachte Essen in blanken Zinnkannen und fährt jetzt mit den leeren Kannen wieder aus dem Hof durchs Tor. Neben dem Arzt steht ein schmächtiger, ausgemergelter Mensch in schäbigem Zeug. Der Arzt hat erfahren, daß er Kriegsinvalide ist, und sieht, wie er, mit Schwächeanfällen kämpfend, taumelt. Aber er darf nicht helfen, darf ihn nicht stützen, darf sich nicht rühren. Scharführer Riedel tritt aus der Wachtstube und sieht den Gefangenen schwanken. Er geht auf ihn zu:„ Du kannst wohl nicht mehr stehen?" ,, Nein, Herr Wachtmeister!" ,, Dann wollen wir mal zur Abwechslung laufen. Rum um den Platz, marsch- marsch!" 74 ,, Herr Wachtmeister, ich..." ,, Die Schnauze halten! Laufen sollst du! Los! Wird's bald!" Der Gefängnishof ist ein großer Platz. Es ist staubiger Sandboden; kein Baum, kein Strauch bietet Schutz vor der Sonne. Dreißig Gefangene müssen zusehen, wie ihr invalider Kamerad in der Sonnenglut über den Hof gehetzt wird. ,, Schneller! Schneller!" schreit Riedel. Schlag dem schlappen Hund doch mal ins Kreuz!" ruft er dem SS- Posten an der Mauer zu. Keuchend, graugrün im Gesicht, kommt der Gefangene angetorkelt. ,, Das nennst du laufen? Noch einmal rum! Los!" ,, Herr Wachtmeister, ich bin..." ,, Du Hund, willst du laufen! Rudi", ruft er ins Fenster der Wachtstube ,,, wirf mir doch mal die Peitsche raus!" Der Gefangene preßt die Hände auf die Brust und rennt wieder um den Hof. Der SS- Posten an der Mauer nimmt sein Gewehr von der Schulter und legt es auf den Laufenden an. Es hilft alles nichts; der Gehetzte sinkt erschöpft an die Mauer. Riedel schreit und tobt, fordert den Posten auf zu schießen und droht, den Erschöpften noch dreimal um den Hof rennen zu lassen. Und der reißt die letzte Kraft zusammen und rennt weiter. Einige Male sieht es aus, als würde er aufs Gesicht schlagen. Der Kopf hängt ihm vornüber, die Hände hat er auf die Brust gepreßt, mehr taumelnd als laufend hastet er vorwärts. Kurz bevor er das zweitemal seine in ohnmächtiger Wut zusehenden Kameraden erreicht, bricht er lautlos zusammen. Wie ein tollwütiger Hund springt Riedel auf ihn zu, tritt ihm in die Seite und brüllt:„ Aufstehen! Aufstehen, du Simulant, du schlappe Nudel!" 75 Stoßweise keucht der Zusammengebrochene: ,, Ich bin... Kriegs... invalide!" Riedel stutzt. ,, Kriegsinvalide bist du?" Er betrachtet den vor seinen Füßen Keuchenden und nach Atem Ringenden. ,, Wo bist du denn invalide?" Da tritt der Gefangene Dr. Kalkrauch, der im ersten Glied steht, einen Schritt vor und meldet:„ Der Schutzhaftgefangene Johann Nagel ist zweimal verschüttet gewesen und hat eine Gasvergiftung erlitten. Er hat nur noch eine halbe Lunge!" Scharführer Riedel entfärbt sich. Er steht eine Zeitlang da und betrachtet den kriegsinvaliden Schutzhaftgefangenen. Hinter sich weiß er dreißig Augenpaare auf sich gerichtet. Der Posten kommt von der Mauer langsam herangeschlendert. ,, Aber warum hat er mir denn das nicht gesagt?" Riedel winkt den Arzt und noch zwei Gefangene herbei:„ Los, faßt doch an! Der kann doch nicht hier liegenbleiben! Legt ihm ' ne Wolldecke unter den Kopf!" Johann Nagel wird von seinen Kameraden in den Schatten getragen. Er atmet schwer und leise pfeifend. ,, Daß der mir nun ein Wort von seinem Zustand sagt! Ein Kerl ist das..." Riedel ist plötzlich ruhig geworden. Er ruft ins Fenster der Wachtstube, man solle ihm seine Thermosflasche herausreichen und auch das belegte Brot aus seinem Spind. Den Kaffee trinkt Nagel gierig, das Brot weist er zurück. ,, Na, iẞ schon, hast vielleicht lange nichts gehabt!" Der Gefangene weist es immer wieder ab. ,, Dann behalt es wenigstens, wirst später Hunger bekommen!" Scharführer Riedel ist nicht wiederzuerkennen. Er läuft herum, sorgt sich um den Kranken, kümmert sich darum, daß der Heildiener geholt wird, und spricht dem japsenden, erschöpften 76 Nagel gut zu. Nur den prüfenden, beobachtenden Blicken der Gefangenen weicht er aus.„Es ist verdammt heiß!” sagt er zu ihnen leichthin.„Wenn ihr nicht mehr stehen könnt, müßt ihr die Hacken ein wenig anheben. Das schafft Erleichterung!” Längst sind die Posten abgelöst, die Arbeitskommandos sind wieder bei ihrer Arbeit, die Gefangenen stehen immer noch im Sonnenbrand auf dem Hof. Vier Stunden stehen sie bereits auf einer Stelle. Die Glieder schmerzen, der Kopf ist benommen, der Magen verkrampft sich vor Hunger, der Mund ist ausgetrocknet. Sie beneiden die Kameraden, die mit Hacken und Spaten ar- beiten, hauen und schaufeln dürfen, die die freigelegten Steine fortkarren. Gewiß, auch sie schwitzen, leiden unter der Hitze, aber es kann nicht so furchtbar sein wie dieses Strammstehen, dieses untätige Schmoren. Die Kräftigsten fangen an zu taumeln; ein junger Arbeiter in kurzen Hosen, mitSchillerkragen und einem mädchenhaft weichen Gesicht schlägt hin. Seine Nebenmänner richten ihn auf und stützen ihn. Endlich kommt ein blauer Justizbeamter in funkelnagelneuer Gefängnisuniform und kommandiert:„Sachen aufnehmen!” In Zweierreihen torkeln die Gefangenen die Steintreppen des Ge- fängnisses hinauf. Auf einem breiten, kühlen Korridor müssen sie sich wieder aufstellen. Es ist eine Erholung, hier, vor der Sonne geschützt, zu stehen; die Körper straffen sich; alle atmen er- leichtert auf. „Die ich jetzt aufrufe, merken sich, welcher Gruppe sie zugeteilt sind. Adolf Rahtje, Gerhard Buschin, Egon Grinke, Hermann Drews, Waldemar Lohse, Walter Engelbert, Wilhelm Biallas, Johannes Kolzen, Friedrich Bökenmaier, Walter Neumann, Ernst Föller, Arthur Senger, Otto Stehnke, Willi Auerbach, Friedrich 71. Turax, Ottomar Katz, Heinrich Schirrmann, Erwin Darling, Fritz Remsen. Diese Aufgerufenen gehören in Gruppe 1. Weiter! Kurt Kranich, Erich Bäcker, Hans Keller, Adolf Reimers, Josef Spielke, Christoph Traut, Albert Schmidt, Ullrich Harms. Ihr kommt in Gruppe 2. Emil Spiral, Karl Fischer und Walter Kreibel kommen in die Gruppe 3." Wer ist Spiral?" „ Hier!" " 1 Warum bist du hier?" Wegen der Zusammenstöße in der Admiralitätsstraße!" ,, Wer ist Fischer?" ,, Ich!" 11 Warum bist du hier?" ,, Ich war Funktionär der Roten Marine!" ,, Und wer ist Kreibel?" ,, Hier! Ich!" 11 Warum bist du hier?" ,, Ich war Redakteur der, Volkszeitung'!" ,, Hm! Du bist also einer von den verbrecherischen Drahtziehern vom Valentinskamp! Wo kommst du her?" ,, Ich lag einige Tage im Stadthaus, hatte Vernehmung!" Gruppenweise müssen die Gefangenen antreten. Die der Gruppe 1 angehören, werden auf die Säle verteilt; die von Gruppe 2 kommen in Einzelhaft; die von Gruppe 3 in den Keller, in Dunkelhaft. Nach dem Nachteinschluß versammeln sich die Wachtmeister aller Stationen in der Wachtstube des Erdgeschosses, spielen Skat, lesen Zeitungen und würfeln um Bier. Obertruppführer Meisel führt, wenn der Scharführer Zirbes nicht anwesend ist, das große Wort. Meisels großer Kummer ist sein kleiner, un78 soldatischer Wuchs. Nur durch gute Beziehungen war er wenige Monate vor der Machtergreifung in den Marinesturm gekommen. Er war nach seiner Schulentlassung als Schiffsjunge gestoßen, getreten und geprügelt worden. Seitdem ist er der Meinung, daß es besser ist zu prügeln, als geprügelt zu werden. Einen besonderen Reiz hat es für ihn, große, starke Menschen zu prügeln. Seine nächtlichen Streifen in die Zellen der Einzelhäftlinge sind gefürchtet und stoßen selbst bei manchen seiner Kameraden auf Ablehnung, weil er dann keine Grenzen kennt. Im Dienst ist er ein vorbildlicher Soldat. Stets adrett und sauber, befolgt er die Dienstvorschriften auf das peinlichste. Seinen Vorgesetzten gehorcht er blind, von seinen Untergebenen verlangt er blinden Gehorsam. Als Kleinster des ganzen Wachtkommandos hat er den Spitznamen Pöppi. Er wird wild, wenn er ihn von einem Untergebenen hört; er grinst devot und resigniert, wenn ihn ein Vorgesetzter gebraucht. Scharführer Riedel hat aus den Akten erfahren, daß der Schutzhaftgefangene Johann Nagel Feldzugsteilnehmer war, das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse erhielt und viermal verwundet wurde, davon einmal schwer. Nagel ist Familienvater und wurde wegen einer Lappalie verhaftet; er hat für den ,, Bund der Opfer der Arbeit und des Krieges" Beiträge einkassiert. Und diesen Kriegsveteranen hat er bis zum Umfallen gejagt und gehetzt. Riedel ist im Elternhaus streng deutschnational erzogen worden. Sein Vater war 1917 in Frankreich gefallen, und seine Mutter glaubte das Andenken ihres Mannes dadurch zu ehren, daß sie ihren einzigen Sohn im Geiste seines Vaters, in vaterländischem Geiste, erzog. Alle patriotischen Werke über den großen Krieg hat sie gesammelt. Als aus dem kleinen Schorsch ein junger 79 Georg wurde, waren diese Bücher seine ausschließliche Lektüre. Bewunderung für alles Soldatische führte ihn zu Adolf Hitler. Und er, ausgerechnet er, hat einen Frontsoldaten, der mit beiden E. K. ausgezeichnet und invalid ist, wie einen räudigen Hund gehetzt. Das Zureden der Kameraden, ihr Hinweis, daß es sich doch um einen von der Kommune handle, beruhigt ihn keineswegs. Auch der Mann von der Kommune, meint er, ist, so er im Krieg für Deutschland kämpfte, ein Frontkämpfer, und man muß ihn anders bewerten als die feigen Etappenschweine und Deserteure. Scharführer Riedel geht mit schlechtem Gewissen und peinigenden Selbstvorwürfen herum. Meisel spottet über Riedel, der heute anscheinend seinen Kameraden aus dem Wege geht, nennt ihn sentimental wie ein altes Weib, schlapp und human wie einen Sozi. ,, Ich würde dir empfehlen, es ihm selber zu sagen!" unterbricht ihn Scharführer König, Wachtmeister von B 3. ,, Na, meinst du denn, ich habe Angst?" Darauf antwortet König nichts. Er dreht sich um und fragt:„ Wer spielt einen Skat mit?" Sie setzen sich um den kleinen Tisch, holen Karten hervor und lassen den aufgeblähten Meisel am Fenster allein. Sogar der Truppführer Lenzer, der sonst gewöhnlich mit ihm durch dick und dünn geht, zieht sich zurück und holt eine Zeitung hervor. Obertruppführer Meisel steht am Fenster und beobachtet das Verhalten seiner Kameraden; ein häßlicher, verächtlicher Zug spielt um seinen Mund. Da betritt Riedel die Stube. War es Aufschneiderei, Trotz, Herausforderung oder Kampflust? Meisel empfängt Riedel mit den Worten:„ Du, Schorsch, dieser Nagel, du weißt doch, ist gerade eben gestorben!" Riedel steht wie erstarrt mitten in der Stube. Jeder Tropfen Blut 80 60 r scheint aus seinem Gesicht zu weichen. Die übrigen SS-Leute wenden sich erstaunt Meisel zu. Aber keiner sagt ein Wort. „Ist das wahr?” fragt Riedel bestürzt. Dann dreht er sich um und rennt hinaus. „Bist du denn total verrückt geworden?” König ist der erste, der die Sprache wiederfindet. „Das hättest du nicht tun sollen!” begnügt sich Lenzer fest- zustellen, dann liest er weiter. Meisel hat einen roten Kopf bekommen. Er merkt, wie ihm sogar . der Hals rot anläuft. Verdammt, da hat er sich eine unangenehme Sache eingebrockt. Das wäre nicht nötig gewesen. Sie sind heute alle so seltsam. Ach was, Scheiße, dieses sentimentale Geflenne. Nach einer Weile tritt Riedel wieder in die Stube. Meisel steht immer noch am Fenster. Riedel geht direkt auf ihn zu.„Was soll das bedeuten?” „Schon gut, es war ein Scherz!” „Scherz nennst du das?“ „Ja, Scherz nenn ich das! Und im übrigen könnte es, weiß Gott, gar nichts schaden, wenn du dir etwas mehr kämpferische Rück- sichtslosigkeit und Härte zulegen würdest!” Riedel ist unheimlich ruhig; es ist Meisel gar nicht wohl zumute, wie Riedel ihm ruhig und gemessen die Worte ins Gesicht wirft: „Kämpferische Rücksichtslosigkeit und Härte? Du Mistpäckchen hast sie dir doch erst hier im Gefängnis zugelegt, nicht wahr? Wo warst du Haufen Dreck denn, als es auf kämpferische Rück- sichtslosigkeit und Härte ankam? Du Scheißkerl, du!” „Ich werde Meldung machen, verlaß dich drauf!“ Jetzt ist es mit der Ruhe bei Riedel vorbei, er holt aus, schlägt zu, und Meisel kippt seitlich über den Stuhl. Kreidebleich erhebt er sich und versucht, seinen Revolver aus der Tasche zu ziehen. 6 Bredel, Prüfung 81 Doch bevor es dazu kommt, hat ihn Riedel, der mit einem Satz auf ihn zuspringt, mit einem zweiten Schlag niedergestreckt. Inzwischen sind König, Lenzer und die beiden Wachtmeister vom B- Flügel aufgesprungen und haben sich auf die Raufenden geworfen. ,, Also, das ist dieser Kerl wirklich nicht wert, daß ihr euch seinetwegen befunkt!" Die beiden werden getrennt. , Warte, Bürschchen, wir rechnen noch ab!" ruft Riedel dem in fassungsloser Wut hinausstürzenden Obertruppführer nach. Heinrich Torsten liegt seit einer Woche in Dunkelhaft. Er ist nicht wieder vernommen worden. Nach John Tetzlins Selbstmord blieb er einen Tag auf der Polizeistation des Untersuchungsgefängnisses, dann wurde er ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel gebracht. Sie warfen ihn gleich am ersten Tag in Dunkelhaft und legten ihm wieder Handschellen an. Die Zelle hat ein Gitterfenster wie alle Zellen; doch hier im Keller hat man es mit Brettern verdeckt; kein Fünkchen Licht fällt herein. Jeden dritten Tag, wenn es warmes Essen gibt, nimmt der Wachtmeister für zwanzig Minuten den Holzverschlag ab; die übrige Zeit befindet sich der Gefangene in völliger Dunkelheit. Nach den ersten Stunden hilflosen Umhertastens gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit, und Torsten kann Strohsack, Wasserhahn und Klosett deutlich sehen. Dennoch ist ihm, als sei er blind. Phlegmatisch und abgestumpft ist er die ersten zwei Tage in der Finsternis umhergetappt und hat nur für seine zerschlagenen Glieder gelebt. Er badet kalt, massiert sich, so gut es in den Handschellen geht, und macht morgens und abends Freiübungen. 82 Nach drei Tagen und drei Nächten Dunkelheit wird er unruhig. Wie lange können sie einen Menschen in Dunkelhaft sperren? Drei Tage? Eine Woche? Unmöglich länger. Auf was für bestialische Ideen die Menschen kommen... Er reckt sich, preßt die Kiefern aufeinander: Gelobt sei, was hart macht! Gelobt sei, was hart macht. Nur nicht sich unterkriegen lassen. - wie er es nennt - Wenn er so in der ewigen Dunkelheit an den Wänden seiner Zelle entlangläuft, dringen in wirrem Durcheinander Gedanken, Erinnerungen, Einfälle auf ihn ein. Die ersten Tage läßt er es geschehen, dann aber zwingt er sich zu geordneter Denkweise, zu einem geregelten Geistesleben. Er erteilt sich Aufträge und arbeitet sie auf das gewissenhafteste aus. Die erste Aufgabe, die er sich stellt, ist ein Referat vom Kaiserwort: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche, bis zum Hitlerwort: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch die NSDAP. Zwei nachtdunkle Tage lang bereitet er sich vor, sammelt in seinem Kopf Material, geschichtliche Begebenheiten, persönliche Erlebnisse, Aussprüche führender Politiker und beginnt dann den Aufbau, teilt sein Referat in die verschiedenen Perioden der Nachkriegszeit ein. Er denkt sich in einen überfüllten Saal mit Funktionären der KPD und SPD, zu denen zu sprechen er den Auftrag hat. Er redet und redet und redet, von morgens neun bis mittags zwölf, von nachmittags drei bis fünf Uhr. Er ist überzeugt, daß dies der gründlichste und beste Vortrag seines Lebens gewesen ist. Dann jedoch gibt es wieder Stunden, in denen er glaubt, toll zu werden. Jede gedankliche Ablenkung versagt; er läuft mit Würgen im Halse durch das Dunkel seiner Zelle und kann die wilden, ungebärdigen Gedanken weder bändigen noch konzentrieren. 6* 83 Eines Tages hört er, wie drei neue Schutzhaftgefangene in den Keller gebracht werden. Einer kommt in Torstens Nachbarzelle. Jetzt sind elf Dunkelzellen belegt. Der Neue nebenan ist entsetzlich unruhig. Wie gehetzt jagt er in seiner Zelle umher. Wer mag er sein: ein junger, ein alter Genosse, ein Parteiloser? Ob man ihn auch mißhandelt hat? Vielleicht hat man ihm die Prügel erst angedroht. Furchtbar, wenn ein Mensch vollkommen unerwartet in ein dunkles Loch geworfen wird und nicht den geringsten Anhaltspunkt hat, wie lange er darin bleiben muß. Der Neue hat sein Hin- und Herrennen unterbrochen. Torsten horcht unwillkürlich. Was macht er jetzt? Woran mag er den- ken? Torsten geht leisen Schrittes seine Runde weiter. Der Neue klopft gegen die Wand. Leise, man hört es kaum. Er klopft in regelmäßigen Abständen. Die Spielerei scheint ihm Spaß zu bereiten. Armer Kerl, kaum eine Stunde hier unten und schon so ungeduldig, so unbeherrscht. Oben auf der Station schleppen die Kalfaktoren Tee-Eimer. Gleich gibt es Abendbrot, und wieder ist ein Tag vorüber. Der Neue klopft noch immer, jetzt bedeutend lauter. Der soll sich nur nicht vom Wachtmeister erwischen lassen. Das ist ja ein ganz unruhiger Gast. Der Kalfaktor kommt die Kellertreppe heruntergepoltert, und der Neue klopft immer noch. Da schlägt Torsten mit der Acht, die seine Hände zusammenhält, gegen die Wand. Das Klopfen unterbleibt. Es war aber auch höchste Zeit, schon ist der Wacht- meister im Keller und öffnet die erste Zelle. SS-Wachtmeister Lenzer hat Dienst. Wüßte es Torsten nicht, so könnte er es hören; schon an der ersten Zelle geht das Schreien 84 los, das sich steigert, je weiter er kommt. Jetzt ist er an Torstens Nachbarzelle. ,, Kannst du Mistbiene nicht melden? Das heißt: Schutzhaftgefangener So- und- so', wenn die Tür aufgeschlossen wird. Und dann unterm Fenster aufstellen und stramme Haltung annehmen. Wie heißt es?" ,, Schutzhaftgefangener Kreibel!" ,, Lauter! Nur nicht so schüchtern!" ,, Schutzhaftgefangener Kreibel!" ,, Noch lauter! Das muß im ganzen Bau zu hören sein!" ,, Schutzhaftgefangener Kreibel!" ,, So ist es schön!" Der eine Kalfaktor reicht Kreibel ein trockenes Stück Schwarzbrot, der andere schöpft mit der Kelle aus dem Eimer heißen Tee und gießt ihn in den Blechnapf, den Kreibel ihm hinreicht. Der Neue blinzelt ins gelbe elektrische Licht des Kellerkorridors. Gleich, nachdem der Wachtmeister geschlossen hat, stürzt Kreibel an die Tür und horcht. Sein Nachbar meldet sich: ,, Schutzhaftgefangener Torsten!" Wie Kreibel diesen Namen hört, springt er in der dunklen Zelle vor Freude in die Luft. Torsten liegt neben ihm, der Reichstagsabgeordnete Torsten, von dem erzählt wurde, daß sie aus ihm kein Wort herauszuprügeln imstande waren. Zum Teufel, der muß doch dahinterkommen. Es muß doch einen Weg zur Verständigung mit ihm geben. Diese verfluchte Mauer zwischen. ihnen. Torsten kann sich das merkwürdige Verhalten seines Nachbarn nicht erklären. Kreibel heißt er also, scheint der Stimme nach ein junger Mensch zu sein. Torsten, dem der Wachtmeister die Acht abgenommen hat, ist noch dabei, den heißen Tee zu schlürfen, da beginnt schon wieder das Klopfen. Torsten läßt ihn klopfen. 85 Schließlich befürchtet er aber, daß Lenzer überraschend kommt, um ihm die Acht wieder anzulegen, und dann das Klopfen bemerkt. Und Torsten schlägt einige Male energisch gegen die Wand. Sofort unterbleibt das Klopfen. Während Torsten mit langsamen, bedächtigen Schritten durch die Zelle geht, fünf zur Fensterwand, fünf zur Zellentür, hin und zurück, immer wieder, und dabei Ansprachen entwirft, politische Themen durchdenkt, präzise formulierte Reden hält, hockt sein junger Nachbar in der Ecke an der Zellentür, schließt in der Finsternis krampfhaft die Augen, um sich zu konzentrieren und dieser Dunkelheit wenigstens im Geiste zu entrinnen. Er ruft aus der Erinnerung alle freudigen Stunden hervor und genießt sie noch einmal, bemüht, auch die belangloseste Kleinigkeit in seinem Gedächtnis wieder lebendig zu machen... Auch liest er in Gedanken noch einmal die Bücher, die ihn einmal besonders erschütterten... leidet mit David Copperfield, flieht mit ihm, liebt mit ihm und erlebt den Triumph, die Schurken, die dessen Leben vergällten, zu entlarven... Er irrt mit Peer Gynt durch die ganze Welt, erlebt Abenteuer, an die selbst Ibsen nicht gedacht hat, um schließlich alt und gebrochen, ein morsches Wrack, an die Felsengestade seiner nordischen Heimat geworfen zu werden... Er durchlebt die Todesangst des Iwan Iwanowitsch, der sich bereit zum Sterben hingelegt hat, wird durchrieselt von derart unheimlichen Todesschauern, daß er die Augen aufreißt und- nichts als tiefste Dunkelheit um sich einen erschrockenen Schrei ausstößt... - Er hatte vergessen, wo er sich befand... Aufheitern wollte er sich, innerlich aufheitern, und rief die Musik als Helferin... Als Knabe hatte Walter Kreibel im Kinderchor der städtischen Oper gesungen, das brachte damals pro Abend fünfzig 86 Pfennig und manchmal auch eine Mark, und war als Nebenverdienst nach Schulschluß bedeutend angenehmer und interessanter, als den Laufjungen zu machen... Hervorschleuste er, was an Melodien in ihm schlummerte. Aber es hieß rationell mit dem Schatz wirtschaften, er mußte lange vorhalten, solange die Finsternis anhielt. Und wer konnte wissen, wann sie ein Ende fand? Programme stellte er auf: Vorspiel, Zwischenmusik, Arien und Duette, im Mittelpunkt seine Lieblingsmelodien... Mit heiteren Melodien hatte er begonnen, mit Arien und Duetten aus der ,, Schönen Helena", dem" Zigeunerbaron", der„ Fledermaus", aus ,, Waffenschmied" und" Zar und Zimmermann"... In der Zellenecke hockend, die Knie angezogen, die Augen fest geschlossen, hatte er ganz leise alle ihm aus diesen Singspielen bekannten Melodien gesummt, und er erlebte die himmlische Überraschung, daß es zur Nachtzeit pfiff, bevor sein Tagesprogramm abgespielt war. Auch einen ernsten Opernnachmittag hatte er sich schon aufgeführt, Melodien und Arien aus den„ Meistersingern" und aus Rienzi", aus der Zauberflöte" und als Höhepunkt dieses Programms: Fidelio"..." Gott! Welch' Dunkel hier!/ O grauenvolle Stille!/ Od' ist es um mich her./ Nichts lebet außer mir./ O schwere Prüfung..." " " 1 11 Und heute, nach Beendigung eines wahrhaft aufmunternden Programms, Große Bumsoper" benannt, mit Melodien aus„ Afrikanerin",„ Hugenotten", Jüdin" und" Margarethe",- heute freut Walter Kreibel sich königlich auf seine morgigen musikalischen Darbietungen, die pünktlich 3 Uhr nachmittags beginnen sollen( dann klingelt es zur Ablösung der Wachtmannschaften!) und das seine bevorzugten Lieblingsmelodien enthalten wird: ,, Lucia di Lammermoor"," Liebestrank"," Norma" und„ Puritanerin" und dann vor allem Melodien des von ihm über alles geliebten Verdi, eine Schwäche Kreibels, die ihm wiederholt den 87 Vorwurf der Oberflächlichkeit eingebracht hatte. Seinen Verdi kennt er gründlich, den ,, Rigoletto" und die" Aida" wird er sich von Anfang bis Ende vorsummen, und eine besondere Delikatesse wird das Freundschaftsduett aus der„ Macht des Schicksals"... Der morgige Tag wird ein ganz großer Tag werden... Schön wäre es, wenn auch der Nachbar an solchen musikalischen Genüssen teilhaben könnte, man hätte nicht nur immer sich selbst, sondern hätte ein Publikum. Aber der von nebenan scheint ungewöhnlich begriffsstutzig. Gewiß saß der zum erstenmal im Gefängnis, sonst müßte er doch das Klopfalphabet kennen?... Und er versucht es doch noch einmal... - - - Zweimal Pause zweimal... Einmal Pause fünfmal ... Dreimal- Pause- dreimal... Und so fort, und so fort. Aber drüben bleibt es still... - Ein langgezogenes Pfeifensignal. Wachtmeister Lenzer brüllt: ,, A 1 Alles in die Betten!" Es ist sieben Uhr, Schlafenszeit. Torsten zieht die zwei Wolldecken vom Strohsack, schüttelt das Stroh auf und beginnt sich auszuziehen. Dann läßt er die Wasserschüssel vollaufen und wäscht sich kalt ab. Torsten liegt auf seinem Strohsack. Es ist sieben Uhr. Draußen muß noch heller Tag sein. Sieben Uhr. Um diese Zeit geht man ins Theater, ins Kino, um diese Zeit begannen die Versammlungen und Sitzungen. Und draußen scheint womöglich noch die Sonne. Schön sind diese Übergangstage vom Sommer zum Herbst. Die Früchte reifen, und das Laub wird bunt. Ach, nicht dran denken. Nur nicht dran denken. In die Wachtstube auf A 1, in der Lenzer und König sitzen, treten Obertruppführer Meisel, Truppführer Teutsch und der Marinesturm- Mann Nuẞbeck. Meisel wendet sich an Lenzer. 88 „Robert, willst ie wir wollen dem Koltwitz einen Besuch ab- statten?” „Mach es allein, hab? keine Laune!” „Und du?“ fragt Meisel nun König. „Dieser Koltwitz hat doch erst seinen Arschvoll weg!” „Was heißt das, diese Judensau müßten wir Tag für Tag ver- arschen!” Auch König macht keine Anstalten, mitzugehen. Meisel be- kommt wieder böse Augen. Er wittert Gefahren. Schmieden sie etwa ein Komplott gegen ihn? Er wird sich schon rechtzeitig zu decken wissen. Grußlos verläßt er mit seinen beiden Begleitern die Stube. „Dieser wildgewordene Furzknoten!” brummt König.„Ich würde an deiner Stelle überhaupt nicht zulassen, daß sie auf deiner Station ohne Order Leute verprügeln!” „Pah, es handelt sich doch um diesen Juden aus Lübeck!” „Egal! Auf meiner Station hätte dieser Meisel nichts zu suchen!” „Was meinst du, was der gegen mich intrigieren und hetzen würde, wenn ich ein Wörtchen sagte. Ich denke nicht daran, ihn zu hindern, meinetwegen kann er die ganzen Mistbienen kaputt- schlagen!” Torsten döst mit geschlossenen Augen, da schrecken ihn Unruhe und Getrampel über seiner Zelle auf. Genau wie vorgestern. Sie verprügeln wieder einen. Er horcht gespannt. Einen Augenblick ist vollständige Ruhe. Aber dann folgen ununterbrochen klat- schende Schläge. Ununterbrochen. Und das Eigentümliche: kein Schrei, kein Jammern ist zu hören. Die Schläge hören gar nicht wieder auf: Klatsch-klatsch! Klatsch-klatsch! Klatsch-klatsch! Es müssen zwei fortgesetzt schlagen. Warum aber schreit der Miß- "handelte nicht, warum brüllt er nicht! Kein Mensch kann diese 89 Schmerzen stumm ertragen. Und immer wieder: Klatsch-klatsch! Klatsch-klatsch! Der Neue ist auch noch munter, er klopft gegen die Wand. Wenn die oben es hören, statten sie unweigerlich auch den Kellerzellen einen Besuch ab. Der Junge ist tollkühn, ist sich scheinbar der Gefahren gar nicht bewußt. Torsten klopft ungeduldig zurück, klopft solange, bis es der Neue unterläßt. Ein einziger, schrecklicher, tierischer Schrei! Dann— wieder totenstill. Nur das Klatschen der Hiebe dauert an. Die bringen den da oben noch um. Dieses ununterbrochene: Klatsch-klatsch! Klatsch-klatsch! macht einen verrückt. Kalter Schweiß tritt Torsten auf die Stirn. Wer hätte derartiges für möglich gehalten? Torsten denkt an die Nacht bei demKzbV, sieht den ganzen SA- und SS-Stab mit dem Reichsstatthalter um sich, sieht ihre ausdruckslosen, kalten Fratzen; sieht das zorn- verzerrte Bullengesicht des steifbeinigen Kommissars... Und oben geht es immer weiter: Klatsch-klatsch! Klatsch-klatsch! Wenn der Gefolterte doch nur schreien würde. Diese Stille dabei ist das entsetzlichste. Torsten glaubt nun aber doch ein leises Wimmern und Ächzen zu hören.; Klatsch-klatsch! Klatsch-klatsch! Torsten will sich die Ohren zu- halten, dann sagt er sich, das ist feige. Gelobt sei, was hart macht. Mein Gott, was werden wir später.mit diesen vertierten Halunken machen, die kaltschnäuzig Menschen zu Tode prügeln? Was werden wir mit ihnen machen, wenn sie uns am Tage der Ab- rechnung in die Hände fallen? Das ist gewiß, die kommende deutsche Revolution wird nicht an Humanität zugrunde gehen, ein zweiter November 1918 kommt bestimmt nicht wieder. Be- stimmt nicht. Bestimmt nicht. Der Neue nebenan ist aufgestanden und wandert auf bloßen Füßen erregt durch die Zelle. Zu klopfen getraut er sich an- 0 scheinend nicht mehr. Der arme Junge wird sicher ganz durcheinander sein. In solchen Nächten versagen die stärksten Nerven. Und jeden Augenblick muß man gefaßt sein, daß diese Prügelbestien in die eigene Zelle eindringen. Wehrlos ist man diesen zwanzigjährigen SS- Burschen ausgeliefert. Es ist zum Irrsinnigwerden, immer noch wird mit maschineller Gleichmäßigkeit oben auf den Menschen gehämmert: Klatschklatsch! Klatsch- klatsch! Mein Gott, mein Gott! Und nichts weiter ist zu hören, nichts weiter. Kein Schreien, kein Jammern, kein Fluchen, kein Reden, nur immer: Klatsch- klatsch! Klatschklatsch!... - -- Und die übrigen Gefangenen? Aus keiner Zelle dringt ein Laut. Sie liegen wie Torsten · kalten Schweiß auf der Stirn, am ganzen Körper zitternd, mit stieren Augen auf ihren Pritschen und haben entsetzenerregende, schauerliche, rachedurstige Fieberphantasien... Von finsteren, nachtdunklen Verließen fiebern sie, die tief unter der Erde liegen... Hier verhungern, vermodern, verfaulen Menschen, die SA- und SS- Uniformen tragen... Von langen Kellergewölben, an deren Wänden alle zwei Meter ein Mensch angekettet ist... Einige sind bereits zu Skeletten geworden, andere, die neuerdings eingeliefert wurden, sehen sich, Wahnsinn in den Augen, in dieser Gesellschaft... Sie tragen Uniformen von Standartenführern, ihre Gesichter sind jedem Gefangenen bekannt... Furchtbare, grauenvolle Träume sind es, die in solchen Nächten mit offenen Augen auf den Pritschen geträumt werden. Am Morgen, bei der Kaffeeausgabe, findet Wachtmeister Lenzer den Schutzhaftgefangenen Fritz Koltwitz unangezogen mitten in der Zelle liegen. Er denkt, der ist verreckt, und tritt näher heran. Da sieht er, daß der Gefangene noch lebt. ,, He, du Mistbiene, 91 aufstehen! Neue Moden einführen, was?" Koltwitz versucht sich zu erheben, es gelingt ihm aber nicht. Er fängt an zu weinen, zu schluchzen. Lenzer erinnert sich. ,, A- ch so? Hm! Faßt mal mit an!" Die beiden Kalfaktoren und Lenzer wollen den Gefangenen aufheben, da stößt er einen gräßlichen Schrei aus... Sie lassen ihn bäuchlings auf dem Steinboden der Zelle liegen. ,, Ja, das geht aber nicht, mein Lieber! Du kannst nicht da liegenbleiben! Leg' dich aufs Bett. Ich laß den Heildiener holen! Also los, sei vernünftig!" Koltwitz darf auch tags auf der Matratze liegen; der Heildiener hat es ihm erlaubt. Er hat irgendwelche Pillen zur Nervenberuhigung bekommen; ein wenig Wundpuder liegt auf dem Tisch neben dem Teertau. Koltwitz muß Werg zupfen, und es riecht unerträglich danach in der muffigen Zelle. Vorsichtig hat er sich auf die linke Seite gedreht, er möchte sich auf den Rücken legen, wenn er es aushalten kann. Sein Gesäß ist eine schwarzblau geschwollene Masse; die Blutstauungen verursachen gräßliche Schmerzen. Am entsetzlichsten jedoch schmerzt ihn das rechte Bein; er hat einen Schlag mit dem dicken Schemelbein in die Kniekehle erhalten. Das Unterbein ist dick geschwollen, und bei der geringsten Bewegung muß er aufschreien. Das war nun bereits die dritte Nacht, daß sie ihn vornahmen... Die dritte Nacht. Er weiß, sie wollen, daß er sich aufhängt. Ein Tau ist da. Hinweise sind genügend gemacht worden. Aber er will nicht, nein, er will nicht, er will leben, er muß leben, muß leben für seine Kinder, für Frau und Kinder. Nur für sie, nie wieder für Genossen. - Genossen?... Diese Schufte! Er, der Sozialdemokrat, der politische Redakteur der Parteizeitung, wird von einem Parteimit92 92 glied, dem Polizeipräsidenten Mehrlein, verhaftet und den Nazis ausgeliefert. Und warum? Warum? Nur, weil er gegen die Gleichschaltung der Zeitung war. Nur, weil er ihnen zu links, zu oppositionell war. Auch weil er Jude ist. Genossen? Schöne Genossen! Da ist der Fritz Leber doch ein anderer Kerl. Leber?... Den werden die Nazis bestimmt fertigmachen. Sage man nun, was man will: der Leber ist eine Kämpfernatur, kein Judas. Und die Schweine schalten sich gleich und verleugnen Leber und ihn. Bringen den Nazis die Zeitung und 40 000 Mark in bar und sich selbst und sitzen heute noch alle da. Der„ Volksbote" hat nur statt der drei Pfeile ein Hakenkreuz im Kopf. Oh, diese Schurken!... Hat man dafür fünfzehn Jahre seines Lebens geopfert? Muß man sich dafür totprügeln lassen? Diese Schurken! Dieser Halunke Mehrlein. Der sitzt in seiner Villa bei Schlutup und bezieht seine Pension, seine Judaspension... Koltwitz wälzt sich mühselig von der einen Seite auf die andere. Er kann nicht mehr auf dem Bauch liegen. Sein rechtes Bein schmerzt entsetzlich, aber schließlich gelingt es ihm, fast auf dem Rücken zu liegen. Es ist noch nicht Mittag, und schon hat er Furcht vor dem Abend. Der Zirbes, der den Lenzer ablöst, ist ein besonders brutaler Patron. Aber können sie ihn in diesem Zustand prügeln? Sie können es. Koltwitz weiß es. Weiß es aus eigener Erfahrung. Sie werden ihm wieder ein nasses Handtuch ums Gesicht wickeln und ihn prügeln, bis ihm die Sinne schwinden. Bestimmt wird der Zirbes das tun. Ob er sich nicht doch lieber einen Strick aus dem Tau dreht?... Soll er nicht doch lieber selber Schluß machen? Werden sie ihn nicht so lange prügeln, bis er es am Ende doch tut? Warum dann also noch warten? 93 95 Der bleiche, schmächtige Koltwitz muß immer wieder auf das Tau blicken, auf die Fäden, die er von dem Tampen gelöst hat. Ja, gibt es denn einen anderen Ausweg? Gibt es einen? Mechanisch greift die Hand unters Keilkissen und holt Briefe hervor. Briefe von seiner Frau. Er kennt sie auswendig, könnte sie der Reihe nach hersagen, aber er muß ihre Schrift sehen; dann erst ist er ganz bei ihr, sieht er sie vor sich, versteht er sie. Er nimmt einen aus dem Umschlag und liest, und während des Lesens kommen ihm Tränen... Liebster, es ist 9 Uhr am Abend. Die Kinder liegen im Bett, es ist eine köstliche Ruhe im Haus. Aber diese Ruhe, so angenehm sie auch nach den lauten Aufregungen des Tages ist, so quälend ist sie auch. Du fehlst mir. Was ich auch tue, woran ich auch denke, überall fehlst Du mir. Ich war doch früher nicht so unselbständig, heute möchte ich immer erst Dich fragen, mich von Dir beraten lassen. Ach, Fritz, wenn ich dran denke, daß man Dich wie ein wildes, gefährliches Tier einsperrt, daß man Dich vielleicht gar mit häßlichen Schimpfworten kränkt, es ist nicht auszudenken. Was haben wir eigentlich so Schreckliches verbrochen, daß man uns so straft? Doch ich will Dich nicht mehr mit meinen Sorgen quälen. Die Zeit ist schlimm für uns, doch sie geht vorüber, und alles wird wieder gut. Wollen wir dann nicht ein neues, schöneres Leben beginnen, fern von der garstigen Politik? Hast Du es nötig, Dich für andere, Treulose zu opfern? Ich wüßte so viel, was Dir Freude bereiten würde; ich will dann nur noch für Dich da sein. Ich weiß, es war nicht immer so, ich war oft selbstsüchtig und häßlich zu Dir. Weißt Du, Fritz, Liebster, mir ist vor einigen Tagen, als ich so an Dich dachte, ganz tief und innig an Dich dachte, das schöne Beethovenlied wieder eingefallen, das uns zusammen94 brachte, das am Anfang unserer Liebe steht, und es kommt mir nun nicht wieder aus dem Sinn. Kennst Du es noch? Summst Du es auch oft leise vor Dich hin? ,, Ich liebe Dich so wie Du mich./ Am Abend und am Morgen/ Es gibt kein' Tag, wo Du und ich/ Nicht teilten unsere Sorgen./ Auch waren sie für Dich und mich/ Geteilt leicht zu ertragen./ Du tröstetest im Kummer mich,/ Ich weint' in Deine Klagen./ Drum Gottes Segen über Dir,/ Du meines Lebens Freude./ Gott schütze Dich, erhalt' Dich mir,/ Schütz' und erhalt' uns beide." Summe das Lied stets des Abends um 9 Uhr, dann werden sich unsere Stimmen und Gedanken begegnen, und wir sind uns trotz Kerker und Mauern nahe... Koltwitz stiert mit wäßrigen Augen auf die Zellentür, durch sie hindurch nach Lübeck. Sieht sein kleines Häuschen vor der Stadt, mit dem Garten davor, in dem dunkelrote und pfirsichfarbene Rosen blühen und große, goldgelbe Sonnenblumen leuchten. Die Jungens werden von den Johannisbeeren und Stachelbeeren naschen, und sie wird in der Küche wirtschaften, das Mittagessen zubereiten. Er holt noch einen Brief hervor... Fritz, Liebster, ich habe nun so lange nichts von Dir gehört, doch ich nehme an, Du darfst nicht schreiben. Man erzählt hier, daß sich bei euch im Lager die Behandlung verschärft habe. Hoffentlich geht es Dir einigermaßen erträglich. Der Benno hat einige Schwierigkeiten in der Schule. Sie hänseln und reizen ihn. Die meisten in der Klasse dürfen nicht mehr mit ihm sprechen. Weißt Du noch, wie früher die Herren Steuersekretäre und Schulräte ihre Kinder vorschoben, wenn sie im Parlament Deine Fürsprache für ihre Karriere wollten? 55 95 96 Das hat sich gründlich geändert. Jetzt glaubt sich jeder einzelne berufen, Steine nach Dir zu werfen. Der Benno reagiert nun auf dies alles in einer Art, die mir auch nicht recht ist. Er ist ein mutiges Kerlchen, ja, aber den Stolz, den er jetzt auf sein Judentum herausstellt, kann ich nicht leiden. Doch er läßt sich von mir nicht belehren. Mutti, sagt er, sie verfolgen und verachten uns, weil wir Juden sind. Aber sie sind viel dümmer als ich, da habe ich, gerade ich, ein Recht, stolz zu sein, stolz zu sein darauf, daß ich ein Jude bin. Täte ich es nicht, würde ich Vater verraten, der noch viel mehr leiden muß als wir! Dergleichen erfreut das Herz, nicht wahr? Doch wäre er ein wenig bescheidener, wäre es mir lieber. - Gestern fiel mir beim Aufräumen ein Buch in die Hände, das Du sehr liebst, aus dem Du mir des öfteren vorgelesen hast: Chinesische Lyrik. Ich blätterte darin, und diese Zeile, jenes Gedicht erinnerten mich an eine glücklichere, sorgenlose Zeit., Zwei Gedichte fand ich, die wunderschön sind und so ganz meine augenblickliche Stimmung treffen. Du wirst sie sicher kennen. ,, Von Orangenblüten regnete das Firmament./ Unser Lager hatte Zeit nicht zu erwarmen./ Als die Sonne sank, lag ich in Deinen Armen./ Frührot sah uns schon getrennt. Sollst nicht in Erinnerung versinken,/ Sei als tapferer Soldat bereit. Einsam webe ich an einem Linnenkleid,/ Und ich will mir nicht mehr meine Brauen schminken. Meine Blicke lasse ich im Winde wehen./ Vögel fliegen groß und klein:/ Immer, immer fliegen sie zu zwein./ Werde ich Dich wiedersehen?" Und dann diesen herrlichen Vers von Li- tai- pe, den Du, ich weiß es noch genau, so liebst und mir etliche Male vorgelesen t 3 h n hast. Aber mir scheint, ich war ein versteinertes Menschenkind, nun erst kann ich jedes Wort nachempfinden. ,, Vor der Stadt, die sommerlich im gelben Staube wirbelt,/ Rasten Raben abends auf den Bäumen, krächzen, schaukeln./ Junge Frau des Kriegers, die an seidnen Fäden zwirbelt,/ Hört die Raben schrein und sieht, wie auf den Fenstervorhang müde sich die abendroten Strahlen legen./ Ihre Nadel sinkt; sie denkt an ihn, den ihre Wünsche wild umgaukeln./ Schweigend sucht und einsam sie ihr Bett, ihre Tränen fallen heiß wie Sommerregen." Traurig und düster sind diese Verse, aber so traurig und düster ist es in mir. Könnte ich Dir doch wenigstens etwas von Deinen Qualen abnehmen. Sie sind ungerecht verteilt; Du trägst alles. Wie gut haben wir es. Du Ärmster! Doch glaube uns, es vergeht kein Augenblick, ohne daß wir an Dich denken. Und in mir ist, trotz aller Trauer, die feste Zuversicht, daß wir diese schreckliche Prüfungszeit überstehen. Dann beginnen wir von vorn. Wir werden zurückgezogen leben, einsam und glücklich sein... Koltwitz kann nicht weiterlesen, vor seinen Augen schwimmt die Schrift; er legt die Briefe zur Seite und sieht lange, wie abwesend, gegen die schmutzige, rissige Decke über sich. Dann wirft er sich mit dem Gesicht aufs Bett und weint und schluchzt. Gegen Mittag erhebt er sich von der Matratze. Zwar hat er vom Heildiener die Erlaubnis zum Hinlegen, aber der Zirbes übernimmt nun die Station, und Koltwitz fürchtet diesen Zirbes. Die Haut am Gesäß ist zum Platzen straff; er fühlt die dicken Knollen. Eine lähmende Schwere liegt ihm in den Beinen; das rechte kann er nicht strecken, die Sehnen an der Kniescheibe scheinen verletzt zu sein. 7 Bredel, Prüfung 97 Noch vor der Essenausgabe kommt Zirbes tatsächlich zu ihm in die Zelle. So sehr sich Koltwitz auch zusammenreißt, er zittert am ganzen Leibe. Wachtmeister Zirbes, ein ehemaliger Bootsmann und Obermaat bei der Kaiserlichen Marine, bis zum 30. Januar Gastwirt der Nazikneipe„ Zum Postkeller", ein notorischer Trinker und passionierter Raufbold, schmunzelt zufrieden, wie er den zitternden kranken Menschen vor sich sieht. ,, Na, haben sie dich gestern abend vorgehabt?" Koltwitz fürchtet Gefahren, fürchtet Fallen, und er antwortet: ,, Nein, Herr Wachtmeister!" ,, Mensch, mach keinen Unsinn! Zieh mal die Hose runter! Los!" Koltwitz zerrt am Gürtel und läßt die Hose fallen. ,, So zeig mal! Dreh dich rum, du Idiot!" Koltwitz zeigt seinen verunstalteten Körper. ,, Das, mein Lieber", Zirbes grinst ,,, ist künftig deine Dauerfarbe! Wir werden dafür sorgen, daß sie so erhalten bleibt. Wenn sie abzieht, frischen wir sie wieder auf!" Koltwitz lehnt sich, nachdem Zirbes die Zelle verlassen hat, an das Bett. Er ist glücklich, daß es ohne Mißhandlungen abgegangen ist. Doch das Zittern in ihm läßt nur langsam nach. Obertruppführer Meisel öffnet die Säle 1 und 2 der Station A 1. Die Stubenältesten schreien:„ Achtung!" Alle Gefangenen erheben sich und nehmen stramme Haltung an. ,, Fertigmachen zur Freistunde!" Sogleich entsteht im Saal ein Riesendurcheinander. Stiefel werden hervorgeholt und angezogen, Anstaltshosen übergezogen, die Zuchthauskappen zurechtgelegt, dann kommandiert auch schon der Stubenälteste:„ Der Größe nach in zwei Gliedern angetreten, marsch- marsch!" 98 Meisel kommt wieder herein, und alles steht angetreten. Er kommandiert: ,, Links schwenkt, marsch!" Gemeinsam mit dem Nachbarsaal geht es auf den Hof. ,, Links! Links! Links, zwei, drei, vier!" Meisel steht in der Mitte des Hofes und läßt die Gefangenen in weitem Kreise um sich marschieren. ,, Achtzig Zentimeter Abstand vom Vordermann!" Meisel schreit nicht, er regt sich auch nicht auf, aber er beobachtet jeden einzelnen. Und wehe dem, der auffällt. ,, Abteilung!... Zurück das Kommando!... Wollt ihr nicht die Beine hochreißen?... Abteilu... ung... halt!" Achtzig Schutzhaftgefangene stehen wie eine Mauer. Meisel kommandiert rechtsum, läßt sie Front zu ihm nehmen. ,, Wir werden jetzt ein um den andern Tag exerzieren", verkündet er ,,, damit der innere Schweinehund in euch getötet wird. Kennt einer, spürt einer in sich den inneren Schweinehund?" Keiner der achtzig rührt sich. Meisel zieht die Augenbrauen hoch und lächelt. Er, Obertruppführer Meisel, wird jetzt in diesen Kommunekerlen den inneren Schweinehund töten. Achtzig Mann stehen stramm, laufen, springen und marschieren nach seinem Kommando. Er ist zwanzig, unter den Leuten sind Fünfzigjährige; das nennt man Karriere. Meisel legt die Hände auf den Rücken und schreitet vor die Front. ,, Die Neigung zum Widerspruch im Menschen, der Hang zum Rebellieren, die Lust zum Ungehorsam, das ist der innere Schweinehund. Die geheimen Gedanken, die oft andere sind, als die Klugheit manchem zu äußern gebietet, sind Bestandteile des inneren Schweinehunds. Eigene Auffassungen, die den Auffassungen seiner Vorgesetzten entgegengesetzt sind, auch das sind typische Merkmale des inneren Schweinehunds. In euch allen 7* 99 99 rumort dieser innere Schweinehund, ich weiß es, ich werde ihn töten. Töten, bis ihr nur noch meine Stimme hört, meine Ge-, danken denkt! Verstanden?" Von den achtzig antwortet keiner; aber achtzig Augenpaare sind wie tot auf ihn gerichtet. ,, Ob ihr mich verstanden habt, will ich wissen!" Einige antworten schüchtern: ,, Jawohl!" ,, Invaliden und solche über fünfundvierzig Jahre, heraustreten!" Acht Gefangene treten vor. 11 Was hast du denn?" wendet sich Meisel an einen jüngeren, der auch vorgetreten ist. ,, Ich habe doppelten Leistenbruch, Herr Wachtmeister!" ,, Die Alten und Invaliden bleiben hier in der Mitte! Die übrigen: Stillgestanden... Links... um!... Im Gleichschritt... marsch!" Wie auf einem Kasernenhof marschieren die Gefangenen in Reih und Glied über den sandigen Boden. Es ist zwar nicht mehr so heiß wie vor Tagen, doch in den engen, steifen Zuchthauskleidern, die bis an den Hals geschlossen bleiben müssen, und unter der Kappe, die stramm auf dem Kopf sitzt, bricht bald der Schweiß hervor. Meisel stolziert im Hof umher, gespreizt wie ein Pfau. ,, Laufschritt!... Zurück das Kommando! Bei Laufschritt fliegen die Arme wie Kolben in Brusthöhe!... Laufschritt!... Zurück das Kommando!... Laufschritt!... Zurück das Kommando! Wie heißt der... elfte Flügelmann von links... Ja, ja, du... Wie?... Miesicke?... Nachher bei mir melden!... Laufschritt! ... Zurück das Kommando! Der dritte Flügelmann von links auch nachher melden!... Laufschritt... Marsch- marsch!" Zweiundsiebzig Mann laufen auf sein Kommando in Reih und Glied um den Hof: selige Minuten für Obertruppführer Meisel. 100 Oberscharführer Harms und Wachtmeister Lenzer sind allein in der Wachtstube; Harms sitzt am Fenster und poliert seine Finger- nägel; Lenzer macht Ordnung in seinem Spind. „Wozu nahmst du gestern Urlaub?” fragt Harms so leichthin. „Ich war im ‚Forsthaus’ schwofen!” „Ich dachte, bei deinen Eltern!” „Da geh ich nur ungern hin, da trifft man diesen und jenen, und meine ganze Verwandtschaft, tatsächlich nahezu die ganze Ver- wandtschaft, ist gegen uns. Sowie ich hinzukomme, werden sie stumm wie die Fische! Du kannst einfach nichts mit ihnen an- fangen, sie lassen sich in keine Diskussion ein, und was ich auch sage, Sie schweigen. Und mein Alter hält so halb und halb zu ihnen. Wenn meine Mutter nicht wäre, ich ginge überhaupt nicht mehr nach Hause!” „Dann bekommst du von zu Hause keine Unterstützung?” „Ach was! Keinen Pfennig!” „Das ist aber Scheiße! Wie kommst du denn mit zwanzig Emm längs?” „Belämmert genug! Doch ich denke, sie legen demnächst was zu. Sie können uns doch nicht auf die Dauer alle zehn Tage mit zwanzig Mark abspeisen!” „Wenn ich nicht noch von zu Haus zubekäme, ich wüßte wahr- haftig nicht, wie ich auskommen sollte. Der kleine notwendige ‚Dreck frißt ja die paar Mark schon auf... Der Pöppi geht aber heiß ran, die Kerle japsen wie junge Hunde...” Harms hat sich umgedreht, blickt auf den Hof hin- aus und genießt, wie Meisel die Leute drillt. „Nicht einschlafen vorne... Links, zwei, drei, vier! Links, zwei drei, vier!... Die Beine hoch!... Die Oberschenkel waagerecht hochreißen!... Links, zwei, drei, vier!... Links, zwei, drei, vier!” 101 Die Zweiundsiebzig sind bereits fünfmal um den Hof gelaufen; einige sind am Ende ihrer Kraft, sie torkeln nur noch. Das ungewohnte Laufen verursacht Stiche in den Seiten, treibt das Blut zu Kopf, schmerzt in den Schenkeln. Wie eine Erlösung wird das Kommando„ Im- m- m... Schritt!" aufgenommen. ,, Links! Links! Links, zwei, drei, vier!" Langsam sammeln die Gefangenen im Marschieren neue Kräfte. Die Lungen pumpen; das Herz hämmert. Links! Links! Links, zwei, drei, vier!... Die Arme ausschlenkern lassen!... Schritt halten!" Oberscharführer Harms wendet sich plötzlich wieder an Lenzer, der seine langen Schaftstiefel einfettet. 11 Wenn sie sagen, das Geld ist knapp, dann aber bitte etwas mehr Gerechtigkeit. Warum muß Dusenschön viermal soviel haben wie unsereiner? Warum schließlich", er dämpft seine Stimme ,,, der Ellernhusen diese phantastische Summe? Was bekommt er? Als Staatsrat tausend Mark monatlich, das ist amtlich. Und was als Standartenführer? Was als Lagerkommandant? Das sieht nicht nach Geldknappheit aus." ,, Du hast ja recht, aber, Menschenskind, sei bloß vorsichtig und sprich nicht so zu jedem. Beispielsweise nicht zu Pöppi. Der haut dich glatt in die Pfanne! Man denkt sich sein Teil, aber man hält die Schnauze. Du kannst doch nicht gegen die da oben anstinken!" ,, Die sollen aber ihr Gefasel von der allgemeinen Not lassen. Wir müssen uns durchhungern, sagen die, die am Fettnapf sitzen. Das kann ja nicht gut ausgehn. Aber natürlich hast du recht. Na, ich rede derartige Dinge auch nur mit dir und doch nicht mit jedem!" ,, Und dann nimm dich auch vor dem Riedel in acht, der ist das verlängerte Ohr von Dusenschön!" ,, Den Idioten plagen wohl noch immer Gewissensbisse von wegen 102 dem Kriegsinvaliden mit dem Eisernen Kreuz und der halben Lunge!" ,, Mich kotzt das Getue auch an! Wie hat die Kommune unsern Dreckmann, unsern Heinzelmann, unsern Blöker erledigt, was? Die Roten kennen kein sentimentales Geflenne. Auf diese Strolche noch große Rücksicht nehmen!" ,, Ist doch auch alles nur Angeberei! Riedel will sich'n weißen Fuß machen. Der blinzelt nach oben, möchte Sturmführer werden!" ,, Dann weiß ich nur nicht, bei wem er mit seinem Benehmen Eindruck schinden will!" Meisel hat die Erholungspause nicht zu lange ausgedehnt, er hat schon wieder Laufschritt kommandiert, und die Gefangenen jagen, die Arme in Brusthöhe, um den Hof. Bisher sind ihm sechs aufgefallen. Mit denen hat er noch Besonderes vor. „ I- i- m- m... Schritt!" Das Marschieren klappt nicht mehr. Meisel mag noch so oft mit: Links, zwei, drei, vier! aufmuntern; die keuchenden, nach Atem ringenden Gefangenen können nicht mehr. Jeder taumelt, so gut es noch geht, weiter. Meisel gedenkt, sich an den sechs schadlos zu halten. ,, Abteilung... halt!... Rührt euch!... Die sich melden sollten, vortreten!" Die sechs treten vor, darunter Miesicke, der von der ungewohnten Anstrengung eine grünliche Gesichtsfarbe bekommen hat. Ängstlich blickt er auf den ruhig, wie gelangweilt vor ihm stehenden Meisel. Was wird er nun sagen? Wird er sie herunterputzen? ,, In euch scheint der innere Schweinehund besonders zu rumoren, da ist also eine kleine Sonderlektion vonnöten. Stillgestannn... Willst du immer noch nicht, du Dreckschwein?" 103 Miesicke möchte eine Entschuldigung anbringen, aber er wagt es nicht, er bekommt keine Silbe über die Lippen. Mit großen, erschreckten Augen blickt er auf den SS- Mann. ,, Stillgestannn...!" Miesicke reißt mit der Kraft der Verzweiflung seine Glieder zusammen. ,, Im Laufschritt... Arme hoch... marsch- marsch!" Die sechs laufen hintereinander an der Mauer entlang. Nach den ersten Schritten hämmern, da alle erschöpft und am Ende ihrer Kraft sind, die Herzen, keuchen die Lungen, wächst die bleierne Schwere in den Beinen. ,, Hinlegen!" Miesicke hört es und sieht sich erstaunt um. ,, Hinlegen ist kommandiert worden! Wird's bald?" - Vor und hinter Miesicke haben sie sich auf die Erde geworfen; er wirft sich ebenfalls hin. Und nun geht es ununterbrochen. ,, Hinlegen!... Sprung aufmarsch- marsch!... Hinlegen!... Sprung aufmarsch- marsch!... Hinlegen!... Sprung auf marsch- marsch!... Hinlegen!... Sprung auf- marsch- marsch!" Miesicke läßt sich ganz mechanisch fallen, rafft sich auf, läßt sich wieder fallen. Er merkt, wie in ihm langsam ein Schwindelgefühl hochsteigt. Gleich werde ich bewußtlos umsinken, denkt er. Aber er sinkt nicht um; er wirft sich nieder und quält sich wieder hoch, fällt nieder und rennt wieder weiter. Nachdem er sie zweimal mit Hinlegen und Sprung auf- marschmarsch! um den Hof gehetzt hat, kommandiert Meisel halt. Gott sei Dank, Gott sei Dank, denkt Miesicke. Doch es kommt anders, als er hofft. Mit völlig gleichgültigem Gesicht, in dem weder Wut noch Schadenfreude zu bemerken ist, kommandiert Meisel: Hände in die Hüfthalte!... In Kniebeuge... Unten bleiben... Nun hüpfen, 104 los!... Aber unten bleiben!.... Los, los, hüpfen! Immer weiter, weiter!” Die sechs hüpfen in Kniebeuge an ihren Kameraden vorüber, die Zeugen ihrer Qualen sind und ihnen nicht helfen können. Es ist Miesicke, als sei jedes Leben in ihm erstorben, er hüpft und hüpft und hüpft. Ganz plötzlich bekommt er starken Druck auf den Darm. Er kann es nicht halten. Gleichzeitig muß er sich übergeben. Er bricht zusammen. Meisel läßt ihn von zwei Ge- fangenen abseits schleppen. Die übrigen fünf müssen weiter- hüpfen. Erst nachdem noch zwei zusammengebrochen sind, läßt Meisel die letzten drei ins Glied treten. „Was ist mit dem Juden los?” „Der hat sich übergeben und vollgemacht!” „Dieser Mistbolzen, scheißt in die Hosen! Darum stinkt es auch so! Laßt ihn in seinem Dreck liegen; der wird schon wieder zu sich kommen!” Noch zweimal marschieren die Gefangenen um den Hof, an Miesicke vorbei, der nahe an der Mauer im Sand liegt. Dann geht es auf die Säle zurück. Der Stationsmeister Zirbes nimmt sie grinsend in Empfang. Obertruppführer Meisel geht ein Stockwerk höher, um in den Häftlingen der Säle 3 und 4 auf A2 den inneren Schweinehund zu töten. Am Vormittag des nächsten Tages ruft Zirbes Miesicke aus dem Saal. „Was hast du denn nun wieder ausgefressen?” „Wieso, Herr Wachtmeister?” Miesicke überkommt ein Zittern. „Du:ollst zur Vernehmung. Und zwar vor den Kommandanten. Der wird dir wohl den Rest verabreichen... Stell dich dorthin! Dort!” Miesicke steht mit dem Gesicht an der Wand neben dem Eingang zur Wachtstube. Er ist ganz allein auf dem Korridor. In der Wachtstube wird laut gesprochen und gelacht. Was kann der Kommandant von ihm wollen? Wenn sie nun doch von draußen etwas unternommen hätten? Fast drei Wochen ist er in Haft. Drei Wochen hat er keine Nachricht von seiner Frau. In diesen drei Wochen hat sich keiner, nicht einmal die Staatspolizei, nicht einmal das KzbV, um ihn gekümmert. Und nun will ihn plötzlich der Kommandant vernehmen. Ach, Miesicke ist ein unverbesserlicher Optimist. Ein ganz klein wenig hofft er, hofft er Gutes. Mußte sich nicht eines Tages doch seine völlige Unschuld erweisen? Wachtmeister Nuẞbeck tritt aus der Wachtstube. Er sieht am Eingang Miesicke stehen, stemmt die Arme in die Hüften und brüllt: ,, Willst du dreckiges Schwein dich gefälligst mindestens drei Meter von der Tür weg aufstellen! Horchen, was? Spitzeln? Du Bursche!" Miesicke ist entsetzt einige Schritte zur Seite gesprungen. Unablässig starrt er gegen die gekalkte Korridorwand. Nußẞbeck geht im Bogen um ihn herum und zischt ihm noch verächtlich zu: ,, Du jüdischer Arschpopel!" Ob der Zirbes vergessen hat, daß er hier steht? Schließlich wartet der Kommandant. Unruhe ist in Miesicke. Er hofft und fürchtet sich zugleich. Ein blau uniformierter Wärter und ein Gefangener kommen. Miesicke riskiert einen Seitenblick. Der Gefangene kommt ihm bekannt vor. ,, Stellen Sie sich hier hin! Nein, Sie brauchen sich nicht mit dem Gesicht zur Wand zu stellen!" 106 Der Wärter geht in die Wachtstube. Miesicke fixiert noch einmal den Gefangenen. Der sieht ebenfalls zu ihm hin und nickt ihm zu. ,, Noch immer hier?" fragt er flüsternd. Miesicke nickt; er kann sich aber noch nicht auf dies Gesicht besinnen. ,, Ich bin der Friseur!" Miesicke nickt. Leise wagt er zu fragen: ,, Wer bist du?" ,, Weißt doch, vom Stadthaus, in der großen Zelle!" Miesicke betrachtet ihn noch einmal, und dann weiß er: der Ladenräuber ist es. Richtig, dieser unangenehme, noble Kriminelle. Das blaue Gefängniszeug hat ihn recht verändert. Und der ist ihr Friseur? Wo liegst du denn?" " 1 ,, Drüben im Sternenbau, der ist jetzt Untersuchungsgefängnis!" Werdet ihr auch mißhandelt?" 11 ,, Nee, du bist wohl meschugge!" ,, Dürft ihr schreiben?" ,, Ja, jeden Sonntag und jeden zehnten Tag ein Paket empfangen!" ,, Oh, habt ihr es gut, wir dürfen hier überhaupt nicht schreiben. Ich habe noch keine Nachricht von meiner Frau!" Um Gottes willen, Nußbeck kommt zurück, und der Gefangene steht an dem Platz neben der Tür, von dem Miesicke verjagt worden ist. Und schon ruft Nußbeck: ,, Steht das Dreckstück immer noch da?" Dann wendet er sich an den Kriminellen. ,, Was machen Sie hier?" ,, Ich bin der Friseur... von drüben. Der Beamte ist drinnen!" ,, Ach so! Stellen Sie sich nicht so nahe an die Tür! Stellen Sie sich dorthin. Aber nicht mit dem Schwein da reden!" Eine Ordonnanz der Kommandantur kommt. Bevor der SS- Mann die Wachtstube betritt, fragt er: Wer ist Miesicke?" Miesicke meldet sich. 11 107 Dann reißt er die Tür zur Wachtstube auf: ,, Du, Robert, ich nehme den Miesicke mit!" ,, In Ordnung! Bring ihn möglichst nicht wieder!" Das Zimmer des Kommandanten, in das Miesicke geführt wird, ist klein. Staatsrat Ellernhusen, der Lagerkommandant, sitzt in seiner braunen Uniform breit und behäbig am Schreibtisch. Neben ihm, der Tür zu, steht Sturmführer Dusenschön. Seitlich vor dem Schreibtisch sitzt ein Herr, der Miesicke unbekannt ist. Die drei betrachten Miesicke. Der Kommandant nimmt einen Bleistift, tippt abwechselnd mit dem angespitzten und dem stumpfen Ende aufs Papier und stellt die Frage: 11 Wann sind Sie verhaftet worden?" ,, Am 29. August, Herr Kommandant!" 11 Warum zittern Sie?" ,, Ich... ich bin so aufgeregt, Herr Kommandant!" ,, Der Herr Rechtsanwalt", der Kommandant deutet auf den Besucher in Zivil ,,, hat in Ihrer Angelegenheit interveniert. Es liegt aber doch alles klar. Sie haben ein Geständnis abgelegt, und auf Grund dessen wird wahrscheinlich Anklage gegen Sie erhoben!" ,, Das... das... stimmt aber alles nicht!" 11 Was stimmt nicht?" ,, Ich habe die unwahrheit gesagt. Ich bin gar kein Kommunist und wollte den Kommunisten bestimmt nie Geld geben. Ich habe mich nie um Politik gekümmert. Nie! Alles, alles müssen nur unglückselige Verkettungen sein!" Miesicke weiß, jetzt hat er eine Chance; ein Rechtsanwalt steht ihm zur Seite, er kann, er muß offen reden. Er ist schrecklich aufgeregt; seine Worte überstürzen sich. Bald blickt er auf den Kommandanten, bald auf den Rechtsanwalt. 108 Warum haben Sie denn die Unwahrheit gesagt?" Darauf schweigt Miesicke, aber sein Blick bleibt für Sekunden an dem unbeweglichen Gesicht des Sturmführers hängen. ,, Herr Miesicke", wendet sich der Rechtsanwalt an ihn ,,, Sie erkennen also die Richtigkeit des von Ihnen abgegebenen Protokolls nicht an?" ,, Nein! Das heißt, ich habe es damals so zu Protokoll gegeben, aber es entspricht nicht der Wahrheit!" antwortet hastig, aber vorsichtig der Gefragte. ,, Danke, Herr Kommandant, ich werde nun das Weitere veranlassen!" ,, Sie brauchen also... Ihren Klienten weiter nicht?" „ Nein!" ,, Sie können gehen!" Miesicke will das Zimmer verlassen, da erhebt sich der Rechtsanwalt und reicht ihm mit einer kleinen Verbeugung die Hand. ,, Dr. Peuske. Auf Wiedersehen, Herr Miesicke. Und einen schönen Gruß von Ihrer Frau!" Dankbar ergreift Miesicke die Hand. Oh, vielen Dank, Herr Doktor! Vielen Dank!" Achtzehn Tage sitzt Torsten in Dunkelhaft. Jede Dunkelzelle im Keller ist belegt. In den achtzehn Tagen sind sieben Gefangene heruntergebracht, aber nur drei aus der Dunkelhaft herausgenommen worden. Torsten merkt, wie trotz aller Anstrengungen und Experimente seine körperlichen und geistigen Widerstandskräfte erlahmen. Die Flucht aus dieser Finsternis gelingt immer seltener. Die 109 - - Nerven versagen. Er muß sich mehrere Male am Tage kalt abwaschen; sein Blut fiebert und drängt zum Schädel. Wie um alles in der Welt halten es bloß die Genossen in den anderen Zellen aus? In jedem dunklen Loch liegt einer, und kaum ein Laut ist zu hören. Sie werden alle wie sein unruhiger Nachbar -langsam mürbe werden und zerbrechen. Daß noch keiner tobsüchtig wurde; daß noch keinen der Wahnsinn packte?... Torsten kauert auf dem Strohsack und denkt an die Genossen, zwischen denen er liegt, und die alle, wie er, Tag und Nacht in der Dunkelheit hocken und kein Ende sehen. Diese Ungewißheit ist das schrecklichste. Keiner weiß, wann er wieder Licht, wieder Sonne sehen darf. Keiner weiß, ob er sie überhaupt jemals wiedersehen wird. Wie sind die zu beneiden, die eine helle Zelle haben, in die die Sonne scheint. Einzelhaft ist gar nicht so schwer, aber immer und immer im Finstern hocken... Es überfällt einen Furcht vor den eigenen Gedanken. Gelingt es, sich auf irgend etwas zu konzentrieren, in eine Erinnerung zu fliehen, ersehnte Zukunftswünsche sich auszumalen, dann zerstört plötzlich alles der Gedanke: du tust das ja nur, um dich abzulenken, dich zu betrügen, dein Los zu vergessen!... Ernstliche Sorgen macht sich Torsten um seinen Nachbar, der seit einigen Tagen vollkommen gebrochen zu sein scheint. Das unsinnige Klopfen hat er aufgegeben. Er rennt auch nicht mehr in der Zelle umher. So angestrengt Torsten horcht, er hört kaum Schritte. Der Junge ist offenbar am Ende. Daß diesen lebhaften Freund die Dunkelheit bald knicken würde, war vorauszusehen. Ach, groß sind die Opfer, die gebracht werden müssen. Wie furchtbar, langsam und unrettbar einsam zugrunde zu gehen. Wenn es doch nur eine Verständigungsmöglichkeit gäbe?... Er hat immer wieder in regelmäßigen Abständen geklopft!... Das 110 muß etwas geheißen haben. Eine Verständigung durch Klopfen gibt es. Aber man muß den Schlüssel kennen. Wie nur erraten, nach welchem System er geklopft hat?... Torsten zermartert sich den Schädel.... Das Morsealphabet? Nein, das war es nicht. Er machte regelmäßig eine kurze und eine längere Pause. Zuerst klopfte er stets zweimal hintereinander. Dann wieder zweimal. Dann einmal und hinterher fünfmal. Dar- auf dreimal und nach einer kleinen Pause wieder-dreimal. Und dann?.... dann? Er horcht in sich hinein, um den Rhythmus . wiederzufinden... Vergebens!... Aber am Schluß, das weiß er, klopfte Kreibel wieder einmal und nach einer kleineren Pause fünfmal. Ja, in diesen Abständen wiederholte sich das Klopfen ständig... Bestimmt steckte dahinter eine Absicht... Bestimmt lag diesem Klopfen eine Methode zugrunde... Aber welche?... Gibt es denn keine Bücher über Gefangenschaft, die das Klopf- system enthalten, erläutern? Es sind doch Verständigungen durch Klopfsignale erreicht worden. Was gibt es für Gefängnisschilderungen?... Die Briefe von Rosa Luxemburg? Er erinnert sich nicht, darin von der Klopf- sprache gelesen zu haben. Max Hölz, auch Plättner und der frühere Anarchist Sepp Oerter haben über ihre Zuchthausjahre geschrieben. Aber eine Schilderung der Technik des Klopfens- steht bestimmt nicht in ihren Aufzeichnungen. Und die russischen Bolschewiki? In den Memoiren Schapowalows?.. Torsten kennt diese Bücher, erinnert sich auch, daß wiederholt die Ver- ständigung durch Klopfen erwähnt war. Wie sie aber geklopft hatten, nach welcher Methode, davon gelesen zu haben, erinnert er sich nicht. it Und Wera Figner? Diese bewundernswürdige, standhafte Frau aus den Reihen der Narodniki? Zwanzig Jahre Schlüsselburg. Nacht über Rußland!... Bestimmt hat sie in diesem Buch auch vom Klopfen geschrieben... Hat nicht durch Klopfen die Kerkerfreundschaft zwischen ihr und Ludmila Wolkenstein in der Schlüsselburg begonnen?... Und las er darin nicht auch von einem Klopfalphabet?... Torsten springt von seinem Strohsack auf und geht erregt in der dunklen Zelle hin und her... Was für Klopfsysteme kann es denn überhaupt geben? Einmal das Alphabet herunterklopfen. A ein, B zwei, C drei und so fort. Doch das ist viel zu umständlich, und dann klopfte der Genosse nebenan zwischen längeren Pausen regelmäßig zweimal. Zweimal?... Zweimal?... Torsten wird immer erregter... Warum zweimal?... Es müssen also die Buchstaben gruppiert sein... Wie gruppiert? A und B und darunter C und D und darunter E und F... Auch das kann nicht stimmen; er hat nie öfter als fünfmal hintereinander geklopft... Wenn man sich nur ein Wort zurufen könnte, dann wäre alles in Ordnung... Torsten fiebert; es juckt und kribbelt ihn am ganzen Körper. Wie viele Buchstaben hat das Alphabet eigentlich? Sechsundzwanzig! Ohne Jot fünfundzwanzig. Fünfundzwanzig?... Fünfundzwanzig?... Fünf mal fünf. Ja, das geht! Also die erste Zeile: a, b, c, d, e. 112 Ja, so steht es auch im Buch der Figner!... Bestimmt!... Ein Quadrat!... Er sieht es deutlich vor sich... 1 1 21 3 4 5 a b C d e 2 3 4 Cat f g 80 - q h i m n T k 0 P S t u 5 10 V W X y Ꮓ Was hat der Junge geklopft; gleich kontrollieren, ob es das System war. Zweimal und zweimal: ein G. Einmal und fünfmal: ein E. Dreimal und dreimal: ein N. Dreimal und viermal: ein O. Zum Schluß einmal und fünfmal: ein E. Also! G- e- n- o- e Geno- e?? Natürlich! Genosse! Genosse! Torsten steht vor der Zellenwand, die ihn von Kreibel trennt. Dahinter liegt der Junge, der tagelang die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht hat, eine Verständigung mit ihm herzustellen. Und er hat nicht begriffen. Was zum Greifen einfach war, er hat es erst heute, nach vielen- wie vielen? Tagen, begriffen. Torsten ist kein sentimentaler Mensch, in diesem Augenblick aber hat er feuchte Augen. - - - Feierlich kauert er an der Wand nieder. Mit der Faust schlägt er heftig gegen die Wand. Aus der Nebenzelle klopft es kurz zweimal zurück. Nun beginnt Torsten zu klopfen. 8 Bredel, Prüfung 113 Fünfmal dann einmal: V. Einmal dann fünfmal: E. Viermal - Viermal Viermal Einmal Dreimal - - - - dann zweimal: R. dann dreimal: S. dann viermal: T. dann einmal: A. dann dreimal: N. Einmal Einmal - dann viermal: D. Dreimal - dann fünfmal: E. dann dreimal: N. Torsten wartet auf einen wilden Freudenausbruch seines Nachbarn. Nichts dergleichen. Nebenan ist es vollkommen ruhig. Torsten stockt der Atem. Es klopft leise. Einmal Dreimal Einmal Dreimal - dann fünfmal: E. dann dreimal: N. - - - dann viermal: D. dann einmal: L. dann viermal: i. Zweimal Einmal Zweimal - - dann dreimal: C. dann dreimal: H. Torsten glüht vor Freude und Scham. Vor Scham, daß er den Genossen nebenan so lange warten ließ. Vor Freude, daß die Isoliertheit und die erdrückende Finsternis überwunden war: vor Freude über das erste Wort von Mensch zu Mensch, von Genosse zu Genosse. In der nachtdunklen Nebenzelle liegt der junge Kreibel am Boden und streichelt die kalte, steinerne Zellenwand. Dr. Fritz Koltwitz sitzt in der Zelle an seinem kleinen Tisch und zupft Werg. Täglich muß er ein Kilogramm Werg abliefern. Koltwitz arbeitet vom Wecken bis zum Schlafengehen, und er 114 hat die letzten Tage auch sein vorgeschriebenes Quantum geliefert. Seinen Arbeitstag teilt er sich genau ein. Morgens löst er die Taue von den verteerten Tampen und schlägt sie am Tischbein faserig. In den Nachmittagsstunden reibt er sie an einem am Tisch befestigten Stahldorn auf und zupft sie mit den Fingern zu feinen, wollartigen Fasern, zu Werg. Ein Kilo ist ein großer Haufen. Zwei Abende haben sie ihn in Ruhe gelassen. Schlaf findet er darum doch nicht, denn er befürchtet jeden Augenblick, bei jedem Schritt, bei jedem Lärm, sie könnten zu ihm kommen. Das rechte Bein ist immer noch nicht in Ordnung. Er muß es gekrümmt halten, sonst schmerzt es.. Die Geschwulst ist allerdings abgezogen. Er wagt nicht, sich zum Heildiener zu melden. Wenn der das Bein untersuchte, sähe er die Spuren der Mißhandlungen. Die Wachtmeister nähmen dann an, er habe sich nur gemeldet, damit bekannt werde, daß man ihn mißhandelte. Es ist Nachmittag. Koltwitz zupft Werg. Er freut sich über die Menge, die er bereits gezupft hat; heute ging es von der Hand. Zupfen ist gar nicht so übel; man hat eine Arbeit und kann doch dabei an alles mögliche denken. Vor ihm liegen die Teertampen, die er morgen verarbeiten muß. 11 Die Schiffstaue erinnern ihn an die Tarragona", mit der er vor zwei Jahren eine Mittelmeerreise gemacht hat. Wenn ihm damals einer prophezeit hätte, daß er zwei Jahre später in Zuchthauskleidern in einer Zelle Schiffstaue zu Werg zupfen werde, ohne etwas verbrochen zu haben, nur weil er Sozialdemokrat ist, den hätte er für hoffnungslos irrsinnig erklärt... Koltwitz träumt von Orangenplantagen, Olivenhainen, Gebirgseinsamkeiten, weiten Ausblicken auf das Meer, und plötzlich rasselt der Schlüssel im Schloß der Zellentür. Er springt auf und 8* 115 stürzt humpelnd an die Fensterwand. Wachtmeister Lenzer tritt ein. ,, Schutzhaftgefangener Koltwitz!" ,, Na, du Mistbiene, wie geht's?" ,, Das rechte Bein schmerzt noch sehr, Herr Wachtmeister, ich kann es nicht strecken!" ,, Dann mußt du dich zum Heildiener melden! Hier, ein Brief von der Gattin, der teuren! Sag' mal, ist die Dichterin?" ,, Nein, Herr Wachtmeister!" ,, Sie macht also die Gedichte nicht selber, die sie dir in den Briefen schreibt?" ,, Nein, Herr Wachtmeister, das sind gewöhnlich Gedichte, die wir früher zusammen gelesen haben!" Lenzer betrachtet den blassen Juden mit dem glatten, polierten Schädel, der gebeugten Haltung, blickt ihm in die großen dunklen Augen und lacht kurz auf: ,, Ihr habt zusammen Gedichte gelesen?" Er schmunzelt vergnügt:" Ihr müßt ja ein kurioses Pärchen sein..." Koltwitz liest: 116 Mein lieber Fritz, liebster Mann, ich habe mich nun doch nach dem Reinfall mit Dr. Behrens mit Dr. Ruschewenke in Verbindung gesetzt. Er hat mich sehr freundlich empfangen und mir versprochen, alles zu unternehmen, was in seinen Kräften steht. Ich habe ihm von Deinem Vorschlag, der Staatspolizei für Deine Beurlaubung eine Kaution zu stellen, erzählt. Er hält das für überflüssig und ist überzeugt, daß Du nicht mehr allzulange dort sein wirst. Ich habe ihn sehr hoffnungsfroh verlassen. Am letzten Sonntag war ich mit Benno in Travemünde. Es war herrliches Badewetter. Benno hat immer von seinem Vati gesprochen. Vielleicht fahren wir nächsten Sonntag schon zu t 1 sammen an die See. Ich bin so glücklich. Du siehst, Fritz, alles geht vorüber, auch die schlimmste Zeit. Ich bin bei Dr. Krohnberger in Behandlung; die oberen Zähne rechts machen mir Sorgen. Krohnberger fragt viel nach Dir; er läßt herzlichst grüßen. - Vorgestern kamen einige Erwerbslose aus Moisling.„ Tag, Frau Koltwitz, wie geht's Ihrem Mann?"- ,, Ach", antworte ich ,,, soweit ganz gut!" Sonst erzählen sie auch noch manches. Tags darauf kamen sie, um mir im Garten zu helfen. Rührend, nicht wahr? Sie haben den ganzen Nachmittag Birnen abgenommen und mir einen wunderschönen Strauß Blumen ins Haus gebracht. Ich habe ihnen natürlich, obgleich sie sich erst heftig sträubten, einen Korb Birnen mitgegeben. Solltest Du im Herbst noch nicht da sein, versprachen sie, dann wollten sie den Garten bearbeiten. Aber das ist ja Unsinn! Du wirst bald bei uns sein. Entschuldige, Liebster, daß dieser Brief so kurz ist, denn ich will mit dem Mittagszug nach Hamburg fahren und noch einmal persönlich bei der Stapo vorstellig werden. Vielleicht kann ich Dir ein kleines Paket schicken. Zum Schluß noch einige Verse, weil ich weiß, daß sie Dir Freude bereiten. Es ist leider die einzige Freude, die ich Dir machen kann. ,, Töricht treiben wir uns umher; wie die irrende Rebe,/ Wenn ihr der Stab gebricht, woran zum Himmel sie aufwächst, Breiten wir über den Boden uns aus und suchen und wandern/ Durch die Zonen der Erde, o Vater Äther, vergebens,/ Denn es treibt uns die Lust, in Deinen Gärten zu wohnen./ In die Meeresflut werfen wir uns, in die freieren Ebenen, uns zu sättigen, und es umspielt die unendliche 117 Woge/ Unsern Kiel, es freut sich das Herz an den Kräften des Meergotts./ Dennoch genügt es ihm nicht; denn der tiefere Ozean reißt uns,/ Wo die leichtere Welle sich regt. / O wer dort an jene/ Goldnen Küsten das wandernde Schiff zu treiben vermöchte." Du Lieber, harre noch ein wenig aus, nur noch kurze Zeit. Dein Benno schickt Dir Grüße und Küsse; und ich auch. Irene. Welch ein Freudentag; Koltwitz liest den Brief dreimal, liest ihn immer noch einmal, lacht und weint dabei vor Freude. Man sieht doch wenigstens das Ende näher rücken. Das Schreckliche zu ertragen ist nicht umsonst gewesen. Jede Kreatur hängt am Leben. Und das Leben ist schön. Wie schön und lebenswert eigentlich, das hat er erst hier erkannt. Ach, Koltwitz streckt die Arme seitlich in die Höhe, reckt sich, dehnt sich, daß die Gelenke knacken. Jetzt möchte er hinausstürzen, hinaus ins Freie, weg von den Menschen, in weite Wälder, auf große, schwindelerregende Höhen. Sein Bein würde er von einem guten Spezialisten kurieren lassen. Das würde schon gehen. Und so arg ist es auch gar nicht. Eine kleine Sehnenzerrung, das wird alles sein. Die Genossen sind doch prächtige Kerle. Kommen seiner Frau helfen. Ja, die Genossen, das sind gute Kameraden. Aber die andern, die sich an die Staatspfründen und an die Pensionskassen klammern, das sind ausgemachte Schurken. Ach, vergessen! Nicht dran denken! Vergessen! Vergessen! Ein Glück, daß er tagsüber so gut gearbeitet hat, jetzt faßt er nichts mehr an, läßt Tampen und Werg liegen und humpelt, kühne Ideen im Kopf, um seinen Arbeitstisch herum. 118 ,, Achtung!" Sturmführer Dusenschön, Stationswachtmeister Zirbes und der Inspektor des Lagers, Reimers, betreten den Saal. Der Stubenälteste springt vor und meldet:„ A 1, Saal 2, belegt mit achtunddreißig Mann, zwei Betten frei!" ,, Rührt euch!" Dusenschön macht einige Schritte in den Saal. ,, Hört mal her! Ihr bekommt Zuwachs, einen neuen Kollegen, einen sauberen Kollegen: den SPD- Bonzen Schneemann. Mancher von euch wird ihn kennen. Er hat nicht nur Leute von uns, sondern auch manchen von euch auf dem Gewissen. Er hat euch nicht schlecht bei der Polizei denunziert. Ihr habt also alle Ursache, den Zuwachs gebührend zu empfangen. Für alles, was in den nächsten Stunden auf diesem Saal geschieht, habe ich volles Verständnis!" Nach diesen Worten dreht er sich um und winkt Zirbes zu. Der geht an die Tür und ruft: ,, Reinkommen!" Der Sozialdemokrat Schneemann betritt hastig den Saal: klein, korpulent, rundköpfig, hochstehende Haare. Achtunddreißig Augenpaare der Gefangenen sind auf ihn gerichtet. Mancher unter den Gefangenen kennt den Neuen: Schneemann war wiederholt mit seinen Schupo- Rollkommandos in kommunistische Versammlungen eingedrungen, hatte sie gesprengt und Arbeiter, die sich dagegen wehrten, festnehmen lassen und der Polizei ausgeliefert. Sturmführer Dusenschön verläßt langsam und bedächtig den Saal. Er schmunzelt. Wachtmeister Zirbes wirft bedeutsame Blicke auf die Gefangenen und den Zuwachs. Er schmunzelt. Der Lagerinspektor geht als letzter. Auch er schmunzelt. Die Gefangenen bleiben noch eine ganze Weile unschlüssig stehen und betrachten den Neuen. Der wirft sein Bündel Anstaltszeug, das er unterm Arm trug, auf den Boden. 119 Als erster bricht der Seemann Kesselklein das Schweigen, streichelt sich die tätowierten Arme und meint: ,, Das kann ja ganz gemütlich werden. Auf solche Chance hab' ich lange gewartet!" ,, Gar nicht erst warm werden lassen!" ruft hitzig Ali, das Saalküken. ,, Verrammen und abgeben. Wir wollen das Schwein nicht unter uns haben!" Die Unruhe wächst. Die Drohungen steigen an. Andere stehen auf und beruhigen, beschwichtigen und fordern kaltes Blut. Der SPD- Mann steht regungslos an der Tür, erstaunt und verängstigt angesichts des Hasses, der ihm entgegenschlägt. Er wagt nicht, sich von der Stelle zu rühren. ,, Schlagt doch dem Schweinehund welche in die Fresse!" ,, Haut den Arbeiterverräter!" In diesem wachsenden Tumult verschafft sich Nathan Welsen, der Stubenälteste, Gehör. ,, Genossen! Wir müssen genau überlegen, was wir tun. Wer der Neue ist, wissen wir. Was der sich gegen uns erlaubt hat, geht auf keine Kuhhaut. Aber ich frage euch, ist es richtig, wenn wir Kommunisten hier im Lager ihn auf Geheiß der Nazis verprügeln? Ich glaube, das ist nicht richtig, entspricht nicht unserer Gesinnung. Wann und wie wir mit ihm abrechnen, das bestimmen wir selbst. Wir dürfen die Blutarbeit der Nazis nicht unterstützen, auch nicht, wenn uns ein solcher Arbeiterverräter vor die Füße geworfen wird. Das ist meine Meinung. Äußert euch selbst!" Langes, unschlüssiges Schweigen. Die einen nicken mit den Köpfen, andere gehen aufgeregt hin und her. Der Sozialdemokrat steht verlegen und schwer atmend an der Tür neben seinem Zeugbündel. Er blickt an allen auf ihn gerichteten Gesichtern vorbei. Welsen hat Autorität unter den Genossen; sie geben viel auf sein Urteil. Er ist ein langjähriger Funktionär und nicht zum erstenmal 120 im Gefängnis. Die Nazis haben ihn zum Stubenältesten ernannt, um ihn, den Juden, für alle Verstöße gegen die Saalordnung büßen zu lassen. Die Gefangenen durchschauten jedoch diese Absicht und vereitelten sie durch freiwillige, strenge Disziplin. Miesicke, der auf diesem Saal liegt, flüstert leise seinem Platznachbarn etwas zu. Der nickt, erhebt sich und ruft: ,, Der Miesicke hat ganz recht!" 11 Wieso? Was ist los? Na, dann red' doch schon!" ermuntert Welsen. ,, Miesicke meint, sie werden sich an uns rächen, wenn... wenn wir das nicht ausführen. Und besonders an dir... an dir werden sie sich rächen!" Ähnliche Bedenken werden von anderen geäußert. ,, Das, Genossen", erwidert Welsen ,,, wird uns doch niemals davon abhalten, das Richtige zu tun. Sollten sie gegen uns Repressalien anwenden, müssen wir uns eben damit abfinden!" Wieder längeres Schweigen. Der Neue steht wie erstarrt; sein Gesicht ist grau und fahl geworden. ,, Ich denke, wir machen es so, wie ich vorgeschlagen hab', nicht wahr?" Das Schweigen der Gefangenen deutet er als Einverständnis. ,, Also, Hermann, zeig dem Neuen sein Bett! An welchem Tisch ist noch ein Platz frei? Tisch drei! Ihr nehmt ihn auf. Das Bett gleich überziehen und sofort das Anstaltszeug anziehn!" Nachdem der Neue sein Bett geordnet und das schwarzbraungestreifte Anstaltszeug angezogen hat, setzt er sich abseits auf einen Bock am Fenster. Nicht ein einziger der achtunddreißig Gefangenen kümmert sich um ihn. Nur heimlich und verstohlen wirft mal dieser, mal jener einen flüchtigen Blick auf ihn. Es wird Schach und Karten gespielt, als sei nichts vorgefallen. Zwischen 121 den Tischen und der Tür gehen diskutierende Gruppen auf und ab. Nach knapp einer Stunde kommen Dusenschön und Zirbes. Sofort sehen sie, daß der SPD- Mann unbehelligt blieb. ,, Sieh mal einer an!" höhnt mit kaum verhehlter Wut der Sturmführer. ,, Kommune und SPD ein Herz und eine Liebe! Und da behaupten die Kerle, die SPD sei ihr Feind! Ihr wollt also Na gut! Stubenältester, lassen Sie in zwei Gliedern annicht? treten!" - ,, In zwei Gliedern angetreten, marsch- marsch!" In wenigen Sekunden stehen die neununddreißig Gefangenen angetreten vor dem Sturmführer. ,, Jetzt woll'n wir euch mal ein bißchen die Eier schleifen!" Im Gleichschritt geht es den Korridor entlang auf den Hof hinaus; dann tobt der Sturmführer seine Wut an sämtlichen neununddreißig Gefangenen aus. Er jagt sie um den Hof, läßt sie sich hinwerfen, aufstehen, hinwerfen, aufstehen, Kniebeuge, Liegestütze machen, um den Hof hüpfen, auf dem Bauch kriechen, wieder um den Hof rennen, wieder hinlegen, aufstehen, hinlegen, aufstehen, bis er heiser ist und die Gefangenen erschöpft, kraftlos und wie von Sinnen umhertaumeln. Zwei Tage gehen die Gefangenen nun schon mit unterdrückter Wut und Verbitterung um den Sozialdemokraten Schneemann herum. Er wird in keiner Weise benachteiligt, aber jeder meidet ihn, keiner beginnt ein Gespräch mit ihm, keiner fordert ihn zum Karten- oder Schachspiel auf. Miesicke kann das auf die Dauer nicht ertragen; der kleine, rundliche Mann tut ihm leid. Für das Verhalten der Kommunisten hat er kein Verständnis. Wenn sie auch draußen Gegner gewesen sein mochten, hier, in der Gewalt 122 des gemeinsamen Feindes, müßten sie doch zusammenhalten. Daß sie ihn nicht verprügelt haben, findet er, obgleich gerade er aus Furcht Bedenken gehabt hat, nun hinterher großartig. Aber warum den Menschen durch die allgemeine Verachtung so kränken? Nein, Miesicke findet das Verhalten der Kommunisten nicht in Ordnung. Wie er den Sozialdemokraten anspricht, sehen viele zu ihm hin; doch keiner sagt etwas. Schneemann gibt Miesicke auf alle Fragen bereitwilligst Antwort, dankbar, daß einer das allgemeine Schweigen bricht. Miesicke erfährt, daß Schneemann Betriebsrat bei den Gaswerken und Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft gewesen ist, daß er verhaftet worden sei, weil er die Arbeiter der Staatsbetriebe zu illegaler Tätigkeit aufgerufen habe. Doch er versichert, daß er niemals Angeberdienste für die Polizei geleistet habe, auch nicht, als seine Partei die Polizei leitete. Miesicke findet Gefallen an Schneemann; er ist unterhaltsam, man kann mit ihm über alles reden, über Reisen, Familie, sogar über Geschäfte, und er schließt sich ihm enger an. Schneemann ist auch in Unterhaltungen toleranter als die Kommunisten, er läßt auch andere Ansichten gelten, und wenn Miesicke seine verworrenen politischen Äußerungen macht, fällt er nicht gleich, wie die Kommunisten, über ihn her, als habe er eine Todsünde begangen. Miesicke und Schneemann unterhalten sich über die Nazis, dabei bemerkt Schneemann hämisch: ,, Ich bin ja auch ein Faschist, müssen Sie wissen, ein Sozialfaschist nämlich!" Das hört ein Arbeiter, der neben ihnen sitzt. Da kann er nicht mehr an sich halten, dreht sich um und fragt:„ ,, Dor bild'st du di woll noch wat op in?" Schneemann und Miesicke überhören diese Bemerkung. ,, Mok di hier man bloß nicht musig, sonst sett dat doch noch'n Morsvull!" 123 Die Gefangenen horchen auf. Stubenältester Welsen kommt: ,, Was ist los, Fiete?" ,, Ochwat, de Sozi stänkert. He mokt sik daröber lustig, dat wi em Sozialfaschist nannt hefft!" „ Ich würde dir empfehlen, mit deinen Bemerkungen vorsichtiger zu sein. Wenn du dich mit uns politisch unterhalten willst, brauchst du dich nur zu melden. Du bist zwar Schneemann und nicht irgendein x- beliebiger SPD- Arbeiter, aber bilde dir nur nicht ein, daß wir dich schneiden, weil wir Furcht vor deiner Redegewalt, haben." ,, Ich bin eingesperrt wie ihr, bin auf dem KzbV mißhandelt worden wie jeder von euch, die SPD ist verboten, wird verfolgt und unterdrückt wie die KPD, und ihr nennt uns Faschisten, Sozialfaschisten. Ist das nicht Irrsinn?" ,, Na, wollen wir uns mal darüber unterhalten, ob es so irrsinnig war, wenn wir die Politik deiner Partei sozialfaschistisch nannten!" Die Gefangenen rücken um die beiden zusammen. Die Schachspiele stehen verlassen auf den Tischen. Die Unruhigen, Rastlosen haben ihr Hin- und Herlaufen unterbrochen. Es ist still geworden im Saal. Welsen spricht nicht nur zu dem Sozialdemokraten, nicht nur zu Miesicke, er spricht zu allen, auch zu seinen Genossen. Ruhig spricht er, die Stimme gedämpft. Und während seiner Ausführungen sieht er in die Gesichter. Einige nicken zustimmend, andere sehen starr gerade vor sich hin, als erlebten sie noch einmal alles mit, an das Welsen erinnert. Der Sozialdemokrat, der erst ruhig und überlegen dasaß, rutscht gegen Ende der Ausführungen Welsens nervös auf seinem Sitz, hebt des öfteren die Hand, als hätte er einen Einwand vorzubringen, und kann anscheinend den Augenblick seiner Entgegnung nicht abwarten. 124 Welsen spricht über die Politik der Sozialdemokratie in den Jahren 1928 und 1929: Unter der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Hermann Müller wurde der Panzerkreuzer A gebaut, aber die Mittel für die Kinderspeisung wurden gestrichen... Es war Severing, der den Roten Frontkämpferbund verbot, die faschistischen Wehrorganisationen aber bestehen ließ, weil er, wie er sich selber ausdrückte, die Kommunisten dezimieren wollte... Der Gewerkschaftsführer Tarnow bezeichnete auf dem Kongres in Leipzig die Sozialdemokratie als Arzt am Krankenlager des Kapitalismus und forderte die deutschen Arbeiter zu größerer Bescheidenheit auf... Der Sozialdemokrat Künstler beschimpfte die dreiviertel Millionen kommunistischer Wähler in Berlin als Lumpenproletarier... 1 die Sozialdemokraten waren es in Hamburg Schönfelder Zeitungen, Kundgebungen und Versammlungen der Kommunisten verboten, den Händen der Arbeiter den letzten Revolver entrissen, während die Faschisten ihren Terror verstärkten. Welsen spricht und spricht, erinnert an zahllose, von vielen selbst erlebte Begebenheiten, an Lohnkürzungen, Streikbruch, Versammlungssprengungen.. ,, Seht", schließt er seine Ausführungen ,,, so wurde dem Faschismus durch die Politik der Sozialdemokratie der Weg geebnet, so wurde er von Stufe zu Stufe an die Macht geführt. Die sozialdemokratischen Führer erblickten ihre Hauptaufgabe darin, ihre kapitalistischen Auftraggeber nicht zu enttäuschen. Dank solcher Politik fiel den Faschisten in Deutschland die Macht in den Schoß. Denkt nur an den 20. Juli, an Papens Staatsstreich. Da haben die sozialdemokratischen staatsklugen Realpolitiker, weil wir den Generalstreik wollten, die Arbeiterschaft vor uns ge125 warnt, uns als Provokateure bezeichnet. Sie haben den Staatsgerichtshof der Republik angerufen. Dafür rächen sich die Nazis jetzt. Wir haben die Arbeiterschaft aufgerufen. Darum möchten sie uns ausrotten..." Die Gefangenen sitzen schweigend um ihren Genossen, jeder in eigene Gedanken, eigene Erinnerungen versunken... Juli 1919. Der Seemann Kesselklein sieht die bleichen Rotzjungen mit Stahlhelm und Gewehren wieder vor sich. Den ganzen Wohnblock hatten sie umringt, nur um ihn zu fassen... Das ganze Haus auf den Kopf gestellt und die Knarre schließlich auch gefunden... Das waren dieselben Gesichter gewesen. Die SS- Kerle sind Fleisch vom Fleisch und Blut vom Blut der damaligen Noskiden, der Zeitfreiwilligen Lettow- Vorbecks, die auf Veranlassung der Sozialdemokraten in Hamburg eingerückt waren und die Arbeiter entwaffnet hatten... Hansen überlegt: Fünfundzwanzig Jahre ist er Mitglied des Holzarbeiterverbandes gewesen Der Hokuspokus mit den Ehrendiplomen und Festartikeln in den Verbandszeitungen war zwar lächerlich, ihn aber an diesem Tage ausgerechnet an - - diesem Tage- aus dem Verband zu stoßen, das war eine Niedertracht sondergleichen gewesen... Mit unverschämtem Grinsen äußerte der sozialdemokratische Verbandsbevollmächtigte Henkell damals: ,, Moskauer Agenten brauchen wir in unserm Verband nicht! Daß wir dich so lange duldeten, mußt du uns hoch anrechnen. Einmal aber hat unsere Geduld ein Ende..." Ali Aẞmussen, der Jungkommunist, denkt an seine Haft im letzten Jahr vor der Hitlerdiktatur... Mit dem Gesang der ,, Internationale" und des ,, Fliegerliedes" waren sie, zwanzig junge Arbeiter, in Barmbeck durch die Hamburger Straße gezogen... Der Polizeisenator der Sozialdemokrat Herr Schönfelder - - 126 verhalf ihm dafür zu sechs Monaten Gefängnis... Sechs Monate für ein Lied der Arbeiter...: Schneemann ist nach dieser Rede und dem folgenden, drücken- den Schweigen noch unruhiger geworden, fährt sich mit der flachen Hand zum wiederholten Male über das hochstehende Haar, zwingt sich, wie er nun zu reden beginnt, zu einem tiefen, ernsten Ton. „Manches... manches ist durchaus richtig. Meine Partei hat Fehler gemacht, große Fehler. Sie hat auch diese Fehler selber teuer bezahlen müssen. Also zugegeben die Fehler der Ver- gangenheit. Doch glaubt mir, wir haben gelernt. Diese Fehler werden bestimmt nicht wiederholt. Wenn wir Sozialdemokraten nun für die Demokratie kämpfen, meinen wir eine andere, als wir hatten, nämlich eine wehrhafte, starke Demokratie. Ist es nun notwendig, daß wir immer wieder in der Vergangenheit nach Sünden und Fehlern kramen, wäre es nicht richtiger, wir würden Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und mit gemeinsamer, geschlossener Kraft den Faschismus bekämpfen? In diesem Ziel sind wir uns doch einig, also laßt uns nach Wegen und Möglich- keiten suchen, es so schnell wie möglich zu erreichen. Der Fa- schismus wird ewig triumphieren, wenn wir, SPD und KPD, wie in der Vergangenheit, weiter blindlings aufeinander rumhacken!” „Da hat er wirklich recht!” bekräftigt Miesicke seinen neuen Freund. „Der recht?” springt einer erregt auf.„Alles fauler Zauber!” „Nachtigall, ik hör dir schlagen!“ ruft ein anderer. „Wehrhafte Demokratie?” schreit Kesselklein.„Mensch, bei dir piept’s wohl?” „Wehrhaft war die Weimarer Demokratie, ja!” fällt der alte Dietsch dem Seemann ins Wort.„Aber nur gegen die Arbeiter- klasse. Wenn es gegen die Arbeiter ging, dann waren die Herren 127 Noske, Zörgiebel und Schönfelder nie zimperlich, dann gab's gleich blaue Bohnen, dann mußte der erste Tag blutig sein, wie Hörsing sagte. Und das soll Arbeiterpolitik gewesen sein?... Nee, mein Lieber, von dem Augenblick an, von dem euer Ebert Hindenburg und die Generäle gegen Spartakus holte, bis zu dem Augenblick, wo Hindenburg und die Generäle Hitler gegen die ganze Arbeiterklasse holten, geht ein gerader Weg: der Weg der Sozialdemokratie, der Weg der Koalition und des kleineren Übels, der Weg zum Faschismus. Daß wir heute mit zerschundenen Knochen hier liegen, daß Hunderte, Tausende der besten Genossen ermordet wurden und noch ermordet werden, das hätte vermieden werden können!" Der Sozialdemokrat blickt sich erstaunt um, alle stürmen auf ihn ein, Alte und Junge, Ruhige und Hitzige. Er sieht sich hoffnungslos isoliert, fühlt sich unverstanden und sucht nach einem Abschluß der Debatte. ,, Wir wollen uns doch nicht die Köpfe heiß reden; wir können doch in aller Ruhe die strittigen Fragen klären. Wir haben doch wirklich Zeit genug dazu. Und dann immer das, was gewesen ist. Ich finde, wer an den Sieg der Arbeiter glaubt, der sollte in die Zukunft blicken, vorwärts und nicht rückwärts. Das ewige Herumnörgeln am Gewesenen bringt uns keinen Schritt weiter. Ich denke, wir wollen weiter, wir wollen den Faschismus besiegen, wir wollen, daß der Arbeiter regiert!" Schon hat sich Welsen die Antwort zurechtgelegt, doch gerade, wie er beginnt, öffnet sich blitzschnell die Tür. Dusenschön und Zirbes treten in den Saal. Welsen meldet: ,, A 1, Saal 2, belegt mit neununddreißig Mann, ein Bett frei!" , Was habt ihr soeben geredet? Antworte! Aber laß das Lügen, das rate ich dir!" 128 Welsen blickt dem Sturmführer harmlos in die Augen und überlegt, er findet nicht gleich die richtige Antwort:„ Ich habe... ich habe... dem Neuen die... unsere Saaldisziplin erklärt!" ,, Du lügst!" brüllt Dusenschön.„, Schneemann, herkommen!" Schneemann läuft zur Tür und schlägt vor dem Sturmführer die Hacken zusammen. Die bangen Augen der Gefangenen hängen an dem Munde des Sozialdemokraten. Was hat der Jude von dir gewollt? Aber die Wahrheit, Bursche!" ,, Er hat mir Instruktionen gegeben, wie ich mich auf dem Saal zu verhalten habe!" Dusenschön kneift die Augen miẞtrauisch zusammen, blickt auf den Sozialdemokraten und dann auf den Stubenältesten. Wachtmeister Zirbes spielt mit dem Zellenschlüssel und meint:„ Die lügen beide!" ,, Klar lügen die!" bestätigt Dusenschön. ,, Beide rauskommen!" Auf dem Korridor fragt Dusenschön noch einmal Welsen. Er bekommt die gleiche Antwort. ,, Du Lümmel lügst!" schreit er und schlägt dem Gefangenen, der die Hände an der Hosennaht halten muß, unausgesetzt ins Gesicht. Welsen bleibt bei seiner Antwort. Zirbes nimmt unterdes Schneemann vor. Erst ohrfeigt er ihn, und wie er trotzdem keine andere Antwort herausbekommt, schlägt er ihm mit dem großen Zellenschlüssel ins Gesicht. Schneemann rinnt das Blut über die Wange, aber er bleibt fest. ,, Erfahren werden wir es doch!" droht Zirbes und brüllt in den Saal: Wer liegt neben Schneemann?" " I Miesicke meldet sich. " Raustreten!" Miesicke rennt zitternd hinaus. Wie er den blutenden Schneemann sieht, weiß er, was ihm bevorsteht. Nur gleich die Wahrheit sagen! Nur nicht prügeln! Nein, nur keine Prügel! Zirbes herrscht ihn an:„ Uber was haben die beiden geredet?" 9 Bredel, Prüfung 129 ,, Über... über Sozialfaschismus!" ,, Also über Politik?" ,, Jawohl!" ,, Da haben wir es ja, hörst du!" wendet sich Zirbes an den Sturmführer ,,, politisiert haben sie, wie ich dir sagte." Dusenschön gibt Miesicke einen Tritt, daß er kopfüber in den Saal fliegt. ,, Mensch, komm mir bloß mit dem nicht, ich krieg' das Kotzen!" ,, Aber der bestätigt doch unsere Vermutung!" ,, Schon gut! Schick sie in den Saal, lohnt sich nicht. Wir werden sie schon mal erwischen!" Zirbes versteht den Sturmführer nicht, schickt aber die beiden in den Saal. ,, Dieser Jammerlappen", erklärt Dusenschön ,,, sagt alles, was du haben willst. Keine Bohne Verlaẞ. Der hat schon den größten Kohl angerichtet. Wegen dem Dreckhaufen habe ich vom Kommandanten eine solche Zigarre gekriegt!" In der Zelle reicht Welsen vor allen dem Sozialdemokraten die Hand:„ Ich danke dir! Das war anständig von dir, das habe ich nicht erwartet!" Schneemann ergreift hastig und bewegt die Hand, sagt aber kein Wort. Mit dem Handrücken wischt er sich das Blut aus dem Gesicht. Da reicht ihm ein Arbeiter sein Taschentuch und redet ihm zu: ,, Nimm nur! Nimm! Und komm mit ans Waschbecken, ich wasch' dir die Wunde aus!" Miesicke hat sich still in eine Ecke des Saales verdrückt. Er ist froh, daß keiner von ihm Notiz nimmt. Wie Welsen zu ihm hinblickt, weicht er, hochrot im Gesicht, dem Blick aus. Welsen erwähnt vor den Genossen kein Wort von dem Verhalten Miesickes... Auch Schneemann schweigt. 130 Der Sturmführer ist zum Lagerkommandanten beordert worden. Kommandant Ellernhusen sieht in seinem Sturmführer einen: willigen, zuverlässigen und rücksichtslosen Soldaten, der sich bei seinen Untergebenen mit der nötigen Brutalität Autorität zu verschaffen weiß. Dusenschön wiederum verehrt den Komman- danten, da er ihn als einen mutigen Soldaten kennengelernt hat. Und das ist der einzige Wertmesser, den Dusenschön bei einem Manne gelten läßt. Hinzu kommt, daß der Kommandant nach Herkunft und Schulbildung dem Sturmführer weit überlegen ist. Ellernhusen ist ja auch nicht nur Lagerkommandant, er ist gleichzeitig Standartenführer der SA und hamburgischer Staats- rat. Dusenschöns Vorgesetzter ist also ein Mann, dessen” Wort wiegt und dessen Fürsprache die beste Karriere bedeutet. Es kommt selten vor, daß der Lagerkommandant den Sturm- führer außer der Zeit kommen läßt. Unruhig und erwartungsvoll — was mag er wollen?— betritt Dusenschön das Zimmer des Kommandanten. „Heil Hitler!” „Heil Hitler!— Sturmführer, ich ließ Sie kommen, weil ich Ihren Rat brauche. Sie kennen die Beschwerde des Obertrupp- führers Meisel gegen den Scharführer Riedel. Mir scheint, Meisel hat in der Sache recht, man kann nicht durchgehen lassen, daß einer dem andern Feigheit und ähnliche Sauereien vorwirft. Beide sind gute Soldaten. Wir müssen die Sache bereinigen. Was meinen Sie?” Dusenschön überlegt. Riedel ist sein persönlicher Freund; aber das Recht ist auf seiten des Obertruppführers. Er erklärt dem Kommandanten die Zusammenhänge und erzählt von dem Kriegsinvaliden Nagel, den Selbstvorwürfen Riedels, den Provo- kationen Meisels und der anschließenden Schlägerei. „Hin!“ macht Ellernhusen.„Das gefällt mir ganz und gar nicht! 9* 131 Der Riedel scheint für den Stationsdienst ungeeignet. Nur keine Humanitätsduselei aufkommen lassen. Das fehlte gerade. Da müssen wir rasch durchgreifen. Was schlagen Sie vor, Sturm- führer?” Dusenschön ist betroffen, er hat eine andere Wirkung seiner Ausführungen erwartet. Jetzt erwidert er nachdenklich:„Ja ja... das ist wohl wahr... Sonst ist der Riedel aber gar nicht so... Ich verstehe das selber nicht... Aber, wenn Herr Kommandant meinen, so könnte man ihn in der Schreibstube beschäftigen! Vielleicht auch zur Ordonnanz kommandieren... Oder... na ja, das wären so meine Vorschläge!” „Ein für allemal, Sturmführer, keine falsche Humanität einreißen lassen. Keine Unterhaltungen mit Gefangenen dulden. Min- destens alle vier Wochen die Stationswachtmeister wechseln. So, wie wir es besprochen hatten. Der Zeitpunkt, die Zügel zu lockern, ist noch nicht da. Das Lager ist kein Gefängnis und auch kein Zuchthaus; das Lager hat seine besonderen Aufgaben zu er- füllen. Ich wiederhole: es soll jedem Staatsfeind Furcht und Grauen einflößen. Wer einmal drin war, soll bis an sein Lebens- ende mit Angst und Schrecken an diese Zeit zurückdenken! Wir können diese notorischen Staatsverbrecher nicht überzeugen— an dieser Auffassung scheiterten unsere Vorgänger— wir müssen sie einschüchtern, so einschüchtern, daß sie niemals wieder ihre Hand gegen den Staat zu erheben wagen. Bei uns ist es überhaupt besonders flau. Das kommt davon, wenn man solche Auffassungen wie die des Riedel nicht ausmerzt. Sehen Sie Dachau. Dort wird fast ein um den andern Tag einer auf der Flucht erschossen. Und der Erfolg? Die Staatsfeinde in Süd- deutschland zittern beim Namen Dachau. Oder Oranienburg! Aber bei uns? Bis in den August hinein war die Schutzhaft das reinste Sanatorium. Pakete über Pakete. Besuch. Sport. Ja, meine 132 RE BEL Güte, damit jagen wir der Kommune keinen Schrecken ein. Wir haben unser Lager eingerichtet und als Wachtmannschaft den SS-Marinesturm gewählt, weil wir endlich mit der nötigen Rück- sichtslosigkeit durchgreifen müssen. Wenn das nicht anders wird, werden noch Sondermaßnahmen nötig sein.” Sturmführer Dusenschön ist vollkommen überrascht. Alles andere hat er erwartet, das nicht. Dem Kommandanten ist die Behandlung der Gefangenen zu human? Er hat Dunkelzellen einrichten lassen, Strafexerzieren, hat zwei _ Zellen zum Prügeln reserviert, hat stets beide Augen zugedrückt, wenn Gefangene fertiggemacht wurden. Er findet, den Vor- wurf der Humanität hat er nicht verdient. Um auf die Vorhaltungen des Kommandanten etwas zu er- widern, erwähnt er, daß leider nicht für alle elfhundert Ge- fangenen Arbeit vorhanden sei. Hundertzwanzig arbeiteten am Abbruch, sechzig auf den Höfen, zirka achtzig Einzelhäftlinge zupften Werg— aber der größte Teil, über achthundert, seien ohne jede Beschäftigung. „Das macht gar nichts. Beschäftigungslosigkeit wirkt strafver- schärfend. Denken Sie nur an die vielen Bittgesuche um Arbeit. Im Gegenteil! Besonders die Einzelhäftlinge unbeschäftigt lassen. Ich denke, wir werden die Zupferei auf die Säle verlegen. Aber über die Einzelheiten später...”. Kommandant Ellernhusen erhebt sich, bleibt dann aber am Schreibtisch stehen und blickt verträumt zum Fenster hinaus, auf den Vorplatz des Gefängnishofes. „Und den Riedel... den nehmen Sie in die Schreibstube. Das wird auch den Meisel zufriedenstellen. Erledigen Sie das; sprechen Sie mit beiden. Aber kommt es noch einmal zu einer Schlägerei, geht es für die Beteiligten nicht so glimpflich ab!" Sturmführer Dusenschön verläßt seinen Kommandanten zum 133 ersten Male unbefriedigt, ja verärgert. Er fühlt sich ungerecht behandelt; zu den Vorwürfen liegt seines Erachtens nicht der geringste Grund vor. Doch wenn der Kommandant durchaus meint? Es kann anders werden, an ihm soll es nicht liegen. Er soll nicht wieder über zu große Humanität zu klagen haben. Torstens Tage haben wieder Sinn und Inhalt. Das Klopfen ist eine herrliche Entdeckung; man müßte es jedem Gefangenen beibringen, besonders den Einzelhäftlingen. Wieviel Liebe und Zuneigung, wieviel Teilnahme und Besorgnis läßt sich doch in dieses leise Klopfen hineinlegen. Das Klopfen bringt Menschen einander nah, die sich nie gesehen, die nie ein Wort miteinander gesprochen haben und nun ihr Leben voreinander ausbreiten und Sorgen, Hoffnungen und Ängste miteinander teilen. Da der junge Kreibel der geschicktere Klopfer ist, klopft er die ersten Tage fast allein. Torsten horcht ab. Er erfährt, daß sein Nachbar seit Jahren Genosse ist. Sieben Monate ist er bereits in Schutzhaft; der alte demokratische Koalitionssenat in Hamburg hat sie noch über ihn verhängt, und der sozialdemokratische Polizeipräsident Schönfelder erließ den Haftbefehl. Es ist eine anstrengende, unendlich mühselige Arbeit, alles Buch- staben für Buchstaben durchzuklopfen, und doch ist es eine große Erleichterung der Haft. Du kauerst in einer finsteren Zelle, umschlossen von dicken Steinmauern, in der steinernen Kälte des Kellers hörst du keinen Laut— nur einige schwache Geräusche, schleppende Schritte, Husten und Schnupfen verraten, daß in diesem Grabesdunkel lebendige Menschen liegen— doch leises Klopfen überwindet die erfinderischste Bestialität, überwindet die Isoliertheit, das Schweigen, die Verzweiflung... 134 Seit dem 1. März, seit über sieben Monaten, ist Walter Kreibel in Schutzhaft>Dann kennt er also das ganze illegale Material der Partei nicht, sagt sich Torsten, weiß womöglich nichts von der Weltwirtschaftskonferenz, nichts vom Reichstagsbrandprozeß. Torsten sieht sich vor eine ernste, wichtige Aufgabe gestellt: den Genossen in der Nebenzelle zu informieren. Kreibel nimmt den Vorschlag begeistert auf. Seine Bitte, noch am Abend etwas durchzuklopfen, lehnt Torsten ab, weil sie in der Nachtstille zu leicht überrascht werden können. Doch diese Nacht beginnt nicht still. Ein Gepolter auf der Kellertreppe. Gleich die erste Zelle wird geöffnet; man hört Ohr- feigen, Schläge auf den Körper, Schreie des Mißhandelten, Wimmern, Stöhnen. Die zweite Zelle wird geöffnet, die dritte, die vierte. Und überall . wildes Schlagen, laute Schreie, unterdrücktes Wimmern. An Torstens Zelle zögern die Prügelknechte; sie besprechen sich— und gehen vorüber. Kreibels Zellentür wird aufgerissen. Sturm- führer Dusenschön, die Wachtmeister Zirbes und Meisel brüllen im Chor: „Runter vom Bett!” Kreibel springt vom Bett und steht im Nachthemd vor den dreien. Dusenschön knipst das Licht in der Zelle an. Zirbes und Meisel haben lange, geflochtene Nilpferdpeitschen. Kreibel hält die Hand vor die lichtentwöhnten Augen und blinzelt wie eine Eule auf die Eindringlinge. „Wie geht es dir?” fragt der Sturmführer.„Na, los, wie geht es dir?” Kreibel antwortet:„Gut!” „Das kommt ja recht zögernd. Und nur gut? Nur gut?” Kreibel weiß nicht, was er sagen soll, kommt nicht auf das, was der Sturmführer hören will; er schweigt. 135 „Es geht dir nur gut?” „Es geht mir sehr gut!” Natürlich, das will er hören, denkt Kreibel und atmet erleichtert auf. „Es geht dir nur sehr gut?” Kreibel schweigt. „Es geht dir nur sehr gut?” Kreibel schweigt. „Bück dich!” Kreibel bückt sich, da reißt ihm der Sturmführer das Hemd über den Kopf, wickelt es Kreibel um das Gesicht und drückt ihn nach unten. Zirbes und Meisel schlagen mit ihren Peitschen auf den bloßen Körper. Der Sturmführer reißt ihn hoch und fragt:„Wie geht es dir? Nur sehr gut?” Was soll Kreibel antworten? Er weiß es nicht. Wieder wird sein Kopf nach unten gezerrt, wieder sausen die Peitschen auf seinen geschundenen Körper. Endlich halten sie ein. Sie gehen. An der Tür dreht sich Dusen- schön noch einmal um:„Eine kleine Sondergabe, die es jetzt öfter geben wird. Euch Schweinen geht es hier nämlich nicht nur gut, nicht nur sehr gut, euch geht es zu gut!” Kreibel hört, wie sie in die Nebenzellen gehen, hört auch hier die Peitschen klatschen, die Gefangenen aufheulen. Eine Weile, nachdem sie den Keller verlassen haben, klopft Torsten:„was— wollten— sie?” „nichts— besonderes!” klopft Kreibel zurück,„nur— eine— sondergabe— weil— es— uns— zu— gut— gehe.” Sie klopfen nicht weiter, denn nun beginnen in den Zellen über ihnen die Gefangenen aufzuheulen. 136 Es ist Sonntag. Ein herrlicher Oktobermorgen. Die Sonnen- streifen brechen durch das bunte Laub der Bäume, die jenseits “der Gefängnismauer stehen. Die Äste tragen schwer an gelben Birnen und roten Äpfeln. In der Ferne fährt klingelnd ein Milch- wagen durch die Straßen Fuhlsbüttels. Über dem Zuchthaus kreist am wolkenlosen Himmel das rote Flugzeug des Wetter- dienstes vom nahen Flughafen. Auch in der Anstalt herrscht Feiertagsstille. Die Einzelhäftlinge sitzen mit verschränkten Armen auf ihren Schemeln und träumen in den Himmel hinter den Gitter- quadraten ihres Zellenfensters oder wandern ruhelos umher. Die Häftlinge in den Dunkelzellen kauern, wie alle Tage, in irgendeinem Winkel und phantasieren von Licht und Sonne und Bäumen und Vögeln; sie sind blind, sie wissen nicht, wie schön dieser Herbstsonntag ist. Oberscharführer Harms hat Sonntagsdienst. Er spielt in der Ge- fängnisschule auf der Orgel. Die Akkorde durchdringen feierlich das schweigende Gefängnis. Doch einige Pfeifen sind defekt, zwischen bestimmten Tönen faucht es nur. Harms untersucht den Schaden und sieht, daß aus der Orgel einige Pfeifen voll- ständig entfernt sind.„Das ist aber doch die Höhe!” brummt er, geht in die Wachtstube und teilt seine Entdeckung Zirbes mit. „Ja, weißt du das denn nicht?” erwidert der ganz erstaunt.„Das ist herrliches Zinn, da lassen wir Panzerkreuzer von bauen. Geht ausgezeichnet. Einige auf Saal 4 haben erstaunliche Handfertig- keit darin!” „Was laßt ihr aus den Orgelpfeifen bauen?“ „Panzerkreuzer! Kleine Potemkins! Mußt sie dir mal zeigen lassen. Teutsch hat einen, Meisel meines Wissens auch!” „Und, da wird einfach die Orgel demoliert?“ 137 " Wir sind zwar ein Konzertlager, aber Orgelmusik... ich bitt' dich!" ,, Geschieht das mit Zustimmung des Kommandanten?" ,, Was hast du eigentlich? Du tust, als wäre es ein Staatsverbrechen! Keine Ahnung, ob der Kommandant davon weiß. Vielleicht hat er aber selber schon einen oder will einen haben. Die Nachfrage ist groß!" Harms geht zurück in den Schulraum. Er betrachtet lange die zerstörte Orgel. Zieht Akkorde, um festzustellen, welche Pfeifen fehlen oder unbrauchbar sind. Wie er so in seine Spielerei vertieft ist, fällt draußen ein Schuẞ. Nanu? Wer hat geschossen? Er stürzt hinaus. Zirbes ist auch schon auf dem Korridor. Sie laufen beide auf den Hof. Der Posten an der Mauer winkt ihnen zu. " Was? Wo?" schreit Zirbes. - ,, A 3, die vierte Zelle!" Zirbes und Harms laufen die Treppe nach der Station A 3 hinauf. Schon auf dem Stationskorridor hören sie Wimmern. ,, Na ja, da haben wir es. Der auf Zelle 47 liegt angeschossen unterm Fenster, konnte den Kopf nicht vom Fenster wegkriegen." Zirbes schließt auf. Der Gefangene, ein ganz junger Mensch, liegt am Boden, hält sich mit beiden Händen den Kopf und wimmert. Die beiden Wachtmeister gehen an ihn heran. ,, Na, hast einen abgekriegt? Zeig mal her!" Der Gefangene nimmt die blutüberströmte Hand vom Gesicht. Ein Durchschuß. Unter dem Unterkiefer hinein und unterhalb des linken Auges wieder heraus. Das Blut rinnt ununterbrochen. 11 Trotz Verbot aus dem Fenster gesehen, was?" Der Verletzte blickt mit vor Schmerzen und Angst weitaufgerissenen Augen auf die Wachtmeister und nickt. 138 ,, Schöne Schweinerei! Hast selber schuld, mein Junge! Ausdrücklichst ist gesagt worden, daß aus dem Fenster sehen verboten ist!" Zirbes und Harms stehen unschlüssig in der Zelle. Verfluchte Scheiße, hat man noch Scherereien durch diesen Idioten!" Zirbes sieht Harms an. Was machen wir?" 11 ,, Bringen wir ihn runter und holen den Heildiener. Was sollen wir sonst machen!" ,, Kannst du aufstehn?... Na, denn man hoch und mitkommen! ... Nimm das Handtuch und halt es dir vors Gesicht, sonst verschmierst du die Korridore und Treppen!" Vor Schmerzen gekrümmt und leise wimmernd folgt der Angeschossene den Wachtmeistern die Treppen hinunter nach der Station A 1. ,, Da bleib' stehen!" Zirbes weist ihn an die Wand. ,, Oder setz' dich auf den Boden, wenn du nicht stehen kannst!" Der Gefangene läßt sich an der Wand auf den Steinboden sinken. Mit beiden Händen drückt er das blutdurchtränkte Handtuch vor das Gesicht. Er klagt nicht, schreit nicht, nur ein monotones Wimmern dringt durch Handtuch und Hände. ,, Der Heildiener ist nicht da!" Harms steht am Telephon. ,, Verfluchte Scheiße!... Dann mußt du den Dr. Hartwig anrufen!" 11 Welche Nummer hat der?" ,, Das weiß ich auch nicht! Ich kann doch nicht die ganzen Telephonnummern im Kopf behalten... Ruf doch noch mal drüben an. Wenn der Heildiener nicht da ist, soll ein anderer kommen. Irgendeiner, der was vom Verbinden versteht!" Eine Stunde verrinnt, es kommt keiner, der dem Verletzten hilft. Der liegt an der Korridorwand und stöhnt:" Helft mir doch! Helft mir doch!" 139 Zirbes und Harms schließen die Tür zur Wachtstube. Aus dem Wimmern und Stöhnen wird lautes, klagendes Rufen: „Helft mir doch! Helft mir doch!” Oberscharführer Harms tritt auf den Korridor:„Ja, mein Lieber, jetzt spürst du, wie es ist. Ihr Brüder könnt von uns kein Er- barmen erwarten.”; „Helft mir doch! Helft mir doch!” Harms geht weg. Gleich darauf dröhnen Orgelakkorde durch das Gefängnis. Aber sie können das in Todesängsten ausgestoßene Brüllen:„Helft mir doch! Helft mir doch!” nicht übertönen.: Da wird Harms übermütig und frivol und spielt, was die Pfeifen hergeben, Schlager.„Schlaf, mein Liebchen, schlaf auf lauter Rosen!— Schlaf, mein Liebchen, Träume dich umkosen!...” Die Melodie wird zerrissen durch tonlose Lücken. Und in dies verstümmelte Orgelgedröhn brüllt, schreit, fleht, winselt der tod- wunde Gefangene:„Helft mir doch! Helft mir doch! Helft mir doch!” Schemel werden gegen die Zellentüren geworfen.„Verbrecher! — Mörder!— Mörder!” hallt es durch die Korridore. Die Außenposten laufen auf dem Hof umher, das Gewehr in An- schlag auf die Zellenfenster gerichtet. Zirbes und König, der Wachtmeister vom B-Flügel, rennen von Einzelzelle zu Einzel- zelle und drohen jedem, der lärmt, Prügel und Dunkelhaft an. Doch der Lärm und das Gebrüll werden immer stärker. „Also ruf doch dasKrankenhaus an! Sie sollen’n Wagen schicken. Aber sofort!” Harms telephoniert. König und Zirbes schleppen den er- schöpften, winselnden Verwundeten in den Kohlenbunker. Die Bunkertür schließen sie ab. Jetzt kann keiner mehr sein Gebrüll hören. 140 | „Von diesen Skandalbrüdern kauf ich mir etliche!” wütet Zirbes. „Diese Frechheit! Diese Unverfrorenheit!” Zehn Minuten später fährt das Krankenauto in den Gefängnis- hof. Zirbes und Harms steigen in den Keller hinunter. Der Angeschossene liegt langgestreckt auf dem kohlenverstaubten Boden. „Nun ist der Kerl auch noch ohnmächtig!” seufzt Zirbes.„Wir müssen ihn raufschleppen, die vom Krankenhaus brauchen ihre Nase hier nicht reinzustecken!— Na los! Pack an!“ Ein Krankenwärter zieht dem Stummgewordenen ein Augenlid hoch.„Der ist ja tot!” „Was, der ist schon tot?” fragt Zirbes erstaunt.„Vor zehn Minuten hat er noch gebrüllt wie’n Stier!” Harms stellt provisorisch die Personalien des Toten aus. Dann fährt der Krankenwagen leicht und leise aus dem Lager, an den im Herbstschmuck prangenden Obstbäumen in den Gärten der Inspektorenhäuser vorbei, die Fuhlsbütteler Landstraße hinunter. „Alles in die Betten! Ruhe im Haus!” Schlafenszeit. Es ist zwar erst sechs Uhr. Die glutrote Oktober- sonne steht noch über den Bäumen, und es ist taghell. Die Wacht- meister vom A-Flügel aber wollen ihren Sonntagsskat spielen; darum schicken sie die Gefangenen vorzeitig in die Betten. In dem Riesenbau mit den hunderten eingesperrten Menschen ist es still wie in einem Totenhaus. Wachtmeister Lenzer, der laut singend„Es wird in hundert Jahren wieder einmal Frühling sein...” über den Korridor seiner Station geht, scheint das ein- zige Lebewesen in diesen Mauern zu sein. Und doch liegen auf jeder Station über hundert Menschen mit offenen Augen auf den Pritschen, in Einzelzellen eingesperrt wie wilde Tiere, manche in ständiger Dunkelheit. 141 „Man hört kein Flüsterchen!” Mit diesen Worten empfängt Wachtmeister König lächelnd Lenzer, Der erwidert stolz:„Disziplin! Disziplin! Allmählich kapieren die Mistbienen!” „Hast du die Karten hier unten?” „Ja, sie müssen im Spind liegen! Wie hoch spielen wir?” „Ich denke Bierskat, fünfhunderteins. Aber mit kontra und re und ramschen!” Wachtmeister Nußbeck kommt herein, der dritte Mann zum Skat. „Heil dir!” „Heil dir!” erwidern König und Lenzer. „Stellt euch vor, klopft doch tatsächlich auf meiner Station einer an die Tür. ‚Sie haben sich geirrt’, ruft er, wie ich komme, ‚es ist noch keine sieben, es ist erst sechs Uhr’!” „Da hat er ja recht!” „Ich hätte ihm am liebsten in die Fresse gehauen! Ein Gemüt haben diese Burschen!” „Wer war es?” fragt Lenzer amüsiert.„Der Junge hat Herz!” „Du weißt doch, der Dienelt von der Roten Marine, der bei etlichen Knallereien dabei war. Auch in die Adler-Hotel-Sache ist er verwickelt. Der Kopf wackelt dem Burschen, aber frech wie Rotz!” Obertruppführer Meisel tritt in die Wachtstube. Nach dem Er- folg seiner Beschwerde über Riedel nimmt er den Mund noch voller, greift er noch häufiger zur Peitsche. Auch heute kommt er wichtig und aufgeregt herein und legt eine Zeitung auf den Tisch.„Da, lest mal! Das ist dieses Judenschwein, das wir bei uns haben!” TruppführerTeutsch, der ihm wie ein Hündchen auf allen Wegen 142 folgt, setzt hinzu:„Der ist genau so für den Mord verantwort- lich wie dieser Leber!” König und Lenzer lesen im„Lübecker Generalanzeiger”, daß einer der Haupthetzer der Sozialdemokratie in Lübeck der Re- dakteur Dr. Fritz Koltwitz war, der sich jetzt im Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel befindet. Auch an dem entsetz- lichen Mord an dem Marinesturm-Mann Brüggmann im Februar dieses Jahres habe dieser Koltwitz intellektuellen Anteil. Keiner habe so wie dieser Jude die verführten Reichsbanner-Mitglieder gegen die Nationalsozialisten aufgehetzt. Lenzer schiebt wortlos die Zeitung beiseite. „Das läßt euch vollkommen kalt, was?” knurrt Meisel, da keiner in wilde Entrüstung ausbricht. „Das ist doch nichts Neues? Daß dieser Koltwitz Redakteur war, wissen wir doch, daß er ein Jude ist, wissen wir auch. Daß er gegen uns gehetzt hat, das kann man sich doch denken!” „Nun fehlt bloß noch”, faucht Meisel seinen Freund an,„daß 14 du ihm verzeihst „Das ist ein ganz großes Schwein, dieser Koltwitz, der müßte ganz anders vorgenommen werden!" Nußbeck schlägt in die gleiche Kerbe. „So ist das! Und darum komme ich! Den wollen wir uns mal wieder genauer ansehen. Komm mit, Hermann!” Meisel und Nußbeck holen sich aus dem Schulraum Peitschen. Teutsch nimmt statt einer Peitsche einen Ochsenziemer. Kolt- \ witz liegt in der vierten Zelle neben dem Schulraum. Wie sie a öffnen, steht er bereits zitternd am Fenster und meldet der neuen Vorschrift Dusenschöns gemäß: „Schutzhaftgefangener Koltwitz. Ich bin ein großes Juden- schwein.” Meisel lehnt seine Peitsche an die Zellenwand und holt den „Lübecker Generalanzeiger” hervor.: „Kennst du Dr. Leber?" „Jawohl!“ „Weißt du, daß der unseren Kameraden Brüggmann durch das Reichsbanner erstechen ließ?” „Jawohl!” „Weißt du, daß du durch deine Hetze in der Zeitung an diesem Mord mitschuldig bist?” „Nicht schlagen, meine Herren! Bitte nicht schlagen!” „Antworte auf meine Frage, Kerl!" Meisel blickt mit ab- gründiger Verachtung auf sein Opfer. „Ich...ich... habe diese Tat verurteilt!” „Du hast diese Tat verursacht— gerade du Hetzer! Du kannst dich auf allerlei gefaßt machen. Von dir lassen wir nicht mehr ab!” „Nicht schlagen, Herr Wachtmeister!... Ich habe eine Bein- verletzung. Kann mein Bein nicht bewegen... Nicht schlagen! Bitte nicht schlagen!" Teutsch nimmt das Handtuch, das er mitbrachte, und feuchtet es unterm Wasserhahn an. Er drückt es Nußbeck in die Hand, der enttäuscht ist, nicht mitschlagen zu dürfen. „Nicht schlagen, Herr Wachtmeister... Nicht schlagen...” „Willst du Hund ruhig sein?” „Ja! Ja! Aber nicht schlagen! Nicht schlagen!” „Bück dich!” kommandiert Meisel und greift nach der Peitsche. „Los! Bück dich!” „Oh, oh, mein Bein!" Koltwitz bückt sich. Nußbeck wickelt Koltwitz das nasse Handtuch um den Mund und drückt den Kopf nach unten. Meisel und Teutsch schlagen 144 E i } | auf den schmächtigen, knochigen Körper. Nach den ersten Schlägen dreht Meisel die Peitsche um und schlägt mit dem knotigen Handgriff. Koltwitz sinkt in die Knie. Die beiden Wachtmeister schlagen weiter. Koltwitz liegt lang am Boden. Sie schlagen weiter. Nuß- beck kann den in wahnsinnigen Schmerzen sich krümmenden und windenden Menschen nicht mehr halten; er läßt das am Genick zusammengedrehte Handtuch los. Koltwitz liegt auf den Knien, keücchend und wimmernd. Das An- staltshemd hängt ihm in Fetzen vom Leibe. Rücken und Gesäß “sind schwarz wie der Zellenboden. „Steh auf, du Schwein! Los, los!” Meisel tritt ihm mit seinen Schaftstiefeln in die Hoden. Ein gellender Schrei. Koltwitz verliert die Besinnung. Beim Verlassen der Zelle erklärt Meisel:„Das werden wir Abend für Abend wiederholen; das sind wir unserem toten Kameraden Brüggmann schuldig!” Einige Stunden später geht Wachtmeister Lenzer in Koltwitz’ Zelle. Er findet ihn, nichts als das zerrissene Hemd am Leibe, über den Zellentisch gebeugt. „Koltwitz, gehen Sie ins Bett!” „Ich kann nicht, Herr Wachtmeister! Kann nicht liegen!” „Legen Sie sich auf’n Bauch!” „Ich komme nicht aufs Bett, Herr Wachtmeister, ich kann mein rechtes Bein nicht bewegen!” „Also kommen Sie, ich helfe Ihnen! Und morgen m Sie sich zum Heildiener, verstanden?” „Jawohl, Herr Wachtmeister!" In der Wachtstube fragt Lenzer: „Wie ging dieser Mord an Brüggmann eigentlich vor sich? „Der Lübecker Soziführer Dr. Leber stieß mit seiner Reichs- Ju 10 Bredel, Prüfung; 145 anbannerwache auf unseren Marinesturm- Kameraden Brüggmann", antwortet Wachtmeister König. ,, Nun weiß ich nicht, ob sie ihn kannten, oder ob sie ihn nur wegen seiner Uniform rempelten, jedenfalls rief der Leber dem Reichsbannermann zu: Stich ihn nieder!' Und der Strolch stach ihm auch direkt ins Herz." Was hat Koltwitz damit zu tun gehabt?" ,, Mit dem Mord selbst eigentlich nichts!" meint König. ,, Aber soviel ich verstanden habe, war er zu der Zeit Redakteur der Sozizeitung na, und die haben doch wüst gegen uns gehetzt." - ,, Der ist bald fertig!" ,, Sie sollten es kürzer machen, nicht diese Quälereien. Sonst kann der Jude meinetwegen krepieren!" Bis gegen Mitternacht haben Torsten und Kreibel schlaflos auf ihren Pritschen gelegen. Die Ereignisse an diesem Oktobersonntag hatten sie viel zu sehr aufgeregt, als daß sie das besprochene Programm hätten durchführen können. Am nächsten Morgen erfährt Torsten durch einen- Kalfaktor, der den Keller ausfegt, der angeschossene Gefangene sei ein Barmbecker Jungkommunist gewesen. Er ist im Keller verblutet. Der Gefangene über ihm, den sie so mißhandelten, sei der Sozialdemokrat Dr. Koltwitz. Torsten fragt flüsternd durch die Zellentür, warum der Jungkommunist angeschossen wurde. ,, Er hat aus dem Fenster gesehen." Torsten fragt, ob noch weitere Sozialdemokraten im Lager seien. ,, Etwa zehn", lautet die Antwort... Torsten kennt Koltwitz nicht, hat nie von ihm gehört; er ist ein politischer Gegner, einer von denen, die seiner Meinung nach durch ihre Politik tatkräftig zur Errichtung des Dritten Reiches 146 beigetragen haben, und doch geht ihm das Schicksal dieses Mannes unerhört nahe. Wie oft sind sie nun schon abends in seine Zelle eingedrungen? Wie zäh kämpft der Gefangene um sein Leben! Was mögen sie nur mit dem Menschen anstellen, daß er nie laut schreit? Was sie wohl von ihm wollen? Ob er Aussagen machen soll? Der Montagmorgen— Wachtmeister Lenzer hat Dienst— ist ruhig. Torsten macht seine morgendlichen gymnastischen Übungen: Rumpfbeugen, Kniebeugen, Arm- und Beinrollen. Kreibel läuft nebenan in der Zelle hin und her. Seit den Klopf- unterhaltungen ist er wieder lebendiger geworden. Ihr morgend- liches g— m(Guten Morgen) haben sie bereits gewechselt. „weißt— du— näheres— von— koltwitz”— fragt nun Torsten. „ja“— klopft Kreibel zurück.„hat— uns— im— lübecker— volksboten— oft— angegriffen— gilt— aber— als— linker.” „warum— ist— er— hier.” „denke— rechte— bonzen— ließen— ihn— fallen— um— sich— plattform— für— gleichschaltung— zu— schaffen— koltwitz— jude.” „genaueres— weißt— du— nicht?” „nein.” Der Kaffee wird ausgegeben. Als Torsten Kaffeebrühe und sein Stück Schwarzbrot bekommt, fragt ihn Lenzer:„Wie lange sind Sie eigentlich schon im Keller?” „Vier Wochen, Herr Wachtmeister!” „Hm!“ macht der SS-Mann und sieht den Gefangenen nach- denklich an. „Herr Wachtmeister, ich vertrage das grobe Schwarzbrot nicht. Ich war vor einiger Zeit schwer magenleidend!” 10* 147 ,, Das müssen Sie dem Arzt sagen; ich werde Sie melden!" Vier Wochen, denkt Lenzer, und schließt die Zelle, Gott verdamm mich! Keinen ganzen Tag möchte ich da drinnen liegen. Kreibel verlangt von Torsten Informationen durchgeklopft. Aus den Antworten merkt Torsten, daß sein junger Nachbar wieder einmal außergewöhnlich nervös ist; er kann sein zerfahrenes, unregelmäßiges Klopfen kaum entziffern. Sieben Monate Haft. Wochenlang in Dunkelhaft. Ein junger Bursche. Bestimmt starke sexuelle Depressionen. Und keine Arbeit, keine Ablenkung, nichts, nur vier kahle Zellenwände und dauernde Dunkelheit. Torsten klopft. ,, wir - müssen - unter - - allen umständen gesund -gebot - bleiben erstes - dir- vor - gymnastik - - jeden - von- - gemeinsam zu - - treiben abend kalt hacken- bis- stahlharte- - mit mir - - - - - nerven- schlage - jeden morgen dich- jeden abzuwaschen zum- nacken erleichtert abends. - - - - morgen - - und - und - Zwar beruhigt ungemein - schlaf- und stärkt- nerven - - - es - - - ist unsere - pflicht - einverstanden." halten - uns - - körperlich - zu erKreibel klopft nicht sofort zurück. Was er dann aber klopft, erschüttert Torsten, denn hinter der Frage, die Kreibel durchklopft, verbirgt sich sein ganzer Jammer, die ganze Not, die grenzenlose Verzweiflung. ,, wie lange- werden - erhalten - - können." - sie - dunkelhaft _ aufrecht- Was soll Torsten seinem jungen Freund antworten? Wie lange sie können? Du meine Güte solange sie wollen; bis der Gefangene verblödet oder verreckt. Sie können, was sie wollen; wir sind ihnen schutzlos, wehrlos, hilflos ausgeliefert. Lieber, 148 D t. I nd in ererchdie htnge Geen; ber, bester Genosse, armer Kerl, du verlangst zuviel; was soll ich dir auf deine Frage antworten? Ich darf dir die ganze grauenhafte Wahrheit, die du ja selber ahnst, nicht noch bestätigen. ,, sie aber - - können einmal kampf- geht politische zu allen - - - - uns - - noch - nimmt alles auch aufgabe erfüllen - - - - hier die - - - lange hier lassen - ein- ende drinnen wir haben heißt umständen machst-- du mit." - - ,, selbstverständlich." - - - - durchhalten - hier - - - weiter als durchhalten - - - also - was unser - - die erste unter ist - - - - - - - ein Dann klopft Torsten Wort für Wort seine Informationen durch. Nach jedem Wort muß Kreibel das Zeichen: verstanden einmaliges Klopfen geben. Gibt er es nicht, hat er das Wort nicht verstanden, und Torsten muß es wiederholen. Und Wort für Wort, Satz für Satz geht durch die dicke Zellenwand. Torsten sitzt auf seinem Strohsack und klopft mit dem Löffel, um den er ein Taschentuch gewickelt hat, damit das Klopfen nicht oben zu hören ist. Den ganzen Tag hindurch. Am Abend ist er müde wie ein Sackträger. Kreibel aber will immer mehr hören, stellt immer neue Fragen. Torsten vertröstet ihn schließlich auf den nächsten Tag. - Aber Torsten findet keine Ruhe. Bald nach Einschluß hört er in der Zelle über sich wieder, wie am Vorabend, Jammern, Betteln, Schreien und dann die klatschenden Schläge... Mein Gott, was muß der Mensch dort oben ertragen. Der Zirbes hat Wache. Dieser robuste Bootsmann und Spelunkenwirt wird den da oben noch zu Tode oder zum Krüppel schlagen... Was machen sie nur mit ihm, daß er nicht schreit, nicht brüllt? Stecken sie ihm einen Knebel in den Mund? Schnüren sie ihm 149 die Luft ab? Und immerfort, ohne Unterbrechung, klatschen die Schläge. Kreibel klopft; so aufgeregt, daß Torsten es zuerst nicht entziffern kann. Er horcht angestrengt. Eins und fünf E. Zwei und vier - - I. Drei und drei - - N. Also: Ein. Torsten klopft zurück: verstanden. - Vier und drei S. Drei und vier- O. Fünf und fünf- Z. Zwei und vier- I. Sozi! Ein Sozi. Torsten klopft das Zeichen: verstanden. Torsten hat wirklich verstanden, nicht nur das Wort, auch den Sinn des Wortes. Besteht nicht ein Widerspruch zwischen seiner Einschätzung der Politik der Sozialdemokratie und dem furchtbaren Schicksal dieses sozialdemokratischen Redakteurs? Ja, sie rächen sich grausam an denen, die nicht zu ihnen überliefen oder sogar oppositionelle Äußerungen machten und doppelt grausam, wenn es sich um Juden handelt. An diesem Abend geht das Prügelkommando unter der Führung des Wachtmeisters Zirbes von Zelle zu Zelle. Bald näher, bald entfernter sind die Hiebe zu hören. Stunde um Stunde liegen die Dunkelhäftlinge angstschweißbedeckt auf ihren Pritschen im Keller und erwarten jeden Augenblick, daß auch sie an die Reihe kommen. Aber in dieser Nacht bleiben sie verschont. - - Gut wäre es, wenn man Meisel als Teilhaber gewinnen könnte, überlegt Wachtmeister Lenzer. Übers Ohr hauen könnte ich ihn trotzdem. Er als Obertruppführer ist eine gute Rückendeckung. Dazu hat er gegenwärtig bei allen eine Riesennummer. Ob er aber darauf eingeht? Tagelang läuft Lenzer mit seinem Plan herum, bis ihm eines Tages Meisel selber die Gelegenheit gibt, seine Absicht zur Sprache zu bringen. 150 g d n e e, n g. er an Nach der Mittagspause sind sie allein in der Wachtstube, und Meisel fragt Lenzer, ob er ihm drei Mark borgen könne. Meisel war in letzter Zeit wiederholt in Geldverlegenheit; er pumpt an allen Enden. Er hat, wie Lenzer weiß, eine neue Braut. Das kostet Geld. ,, Ja gewiß, gerne!" ,, Nett von dir. Bekommst es am Löhnungstag zurück!" Lenzer weiß, daß Meisel am Löhnungstag mehr Schulden zu zahlen hätte, als die Löhnung ausmacht, und wagt zu bemerken:„ Ich wüßte ein Mittelchen, Geld zu verdienen. Es wird nicht viel abwerfen, aber immerhin!" ,, Und womit, wenn man fragen darf!" ,, Ich habe mir das schon eine ganze Weile durch den Kopf gehen lassen und denke, man könnte es ohne großes Risiko machen. Täglich' n Taler könnte dabei rausspringen!" Meisel wird aufmerksam. Täglich drei Mark? Die könnte er verdammt gut gebrauchen. Ungeduldig fragt er:„ Na, wie denn? Sag doch schon!" Ja- a, das kann man aber nur unter vier Augen erörtern!" ,, Naja, ist ja keiner weiter hier!" 11 Lenzer merkt, daß der Boden günstiger ist, als er zu hoffen wagte. , Weißt du", beginnt er leise zu erklären, jeder Saal kauft alle vierzehn Tage für rund fünfzig Mark Tabakwaren. Die einzelnen Gefangenen würden auch noch mehr kaufen, wenn sie außer der Zeit kaufen könnten, denn sie bekommen das Geld oft erst geschickt, wenn die Bestellungen bereits gemacht sind. Die Lagerkantine verwaltet Reimers, und der steckt dabei einen hübschen Nebenverdienst in die Tasche. Und ich habe mir so überlegt, das könnten wir auch!" ot, 11 Wie stellst du dir das vor?" 151 ,, Mein Schwager hat ein Zigarrengeschäft, und er würde mir, wenn wir ihm größere Mengen abnähmen, zwanzig Prozent geben. Nehmen wir nun an, wir würden nur vier Säle mit Tabak versorgen und nicht zwanzig Prozent Aufschlag, wie Reimers, nehmen, sondern nur zehn Prozent, so hätten wir alle vierzehn Tage glatt sechzig Mark verdient. Aber ich denke, es wird noch mehr werden, da wir ja täglich liefern können!" Meisel sinnt vor sich hin. Sechzig Mark in vierzehn Tagen, macht für jeden dreißig. Aber wenn die dahinterkommen, gibt's einen Mordskrach. Und es muß ja auffallen, wenn einige Säle plötzlich keine Rauchwaren mehr bestellen. Er sagt Lenzer seine Bedenken. ,, Das werden wir eben bei den Kantinenbestellungen so einrichten, daß es keiner merkt. Den Kantinenkalfaktor Kurt werden wir einweihen, dann ist alles in Butter. Der soll meinetwegen dafür umsonst rauchen!" ,, Und du meinst, das ginge?" ,, Ich habe mir das so zurechtgelegt!" ,, Und wie willst du die Sachen ins Lager bekommen?" ,, Du kennst doch meine große Aktentasche, die breite, mit dem Diplomatenformat. Die wird, wenn wir täglich liefern, nicht einmal voll werden!" ,, Aber dazu braucht man Geld!" ,, I wo denn! Das Geld geben uns die Gefangenen. Tags darauf wird prompt geliefert!" Meisel zaudert. Er möchte wohl, fürchtet aber auch das Risiko. Er sagt nicht zu und rät nicht ab. ,, Weißt du... ich werde es mir überlegen!" Lenzer kommt von seinem Geldbeschaffungsplan nicht wieder los. Er geht in den Saal 2 seiner Station, um einmal festzustellen, für wieviel wohl bestellt würde, wenn er das Geschäft anfinge. 152 Terminmäßig kann erst wieder in drei Tagen bestellt werden; es wird also auf den Sälen an Rauchwaren knapp sein. ,, Achtung! A 1, Saal 2, belegt mit vierzig Mann! Kein Bett frei!" ,, Weitermachen!" Lenzer winkt ab, geht in die Mitte des Saales, wo die Tische stehen und setzt sich auf einen. ,, Stell sich mal einer an die Tür." Der alte Bender geht an die Tür. " Wenn jemand kommt, gib ein Zeichen!" Bender überwacht nach beiden Seiten den Korridor. ,, Also hört mal her, ihr Mistbienen, habt ihr noch reichlich Tabak?" Von allen Seiten ertönen Klagerufe. Seit zwei Tagen ist keine Krume Tabak mehr im Saale. ,, Wenn ihr die Schnauze halten könnt, dann könnte ich euch eventuell Rauchwaren besorgen. Dabei will ich euch nicht einmal Kantinenpreise abnehmen, sondern reelle Ladenpreise. Für das Besorgen müßt ihr mir allerdings na sagen wir, zehn Prozent geben. Was meint ihr dazu?" Die Gefangenen sind sprachlos. Einige blicken sich miẞtrauisch an; sie vermuten eine Falle. Die meisten aber sind viel zu gierig nach Tabak, um Bedenken aufkommen zu lassen. Der Stubenälteste Welsen drängt sich vor und fragt:„ Das ist Ihr Ernst, Herr Wachtmeister?" ,, Na, was denn? Glaubst du, ich will Witze machen?" ,, Dann wären wir Ihnen sehr dankbar, Herr Wachtmeister! Wir sind natürlich mit Freuden bereit! Und selbstverständlich wird darüber geschwiegen!" ,, Dann stellt man alles, was ihr haben wollt, zusammen und sammelt das Geld ein. Morgen mittag bringe ich das Bestellte!" ,, Achtung!" kommandiert der Stubenälteste. Doch Lenzer winkt ab. Weitermachen!" 11 153 ,, Mensch, was sagst du nu? Der Robert Lenzer ist in Ordnung!" Was ist denn mit dem los, der schmilzt ja wie die Butter in der Sonne!" ,, Der Robert war immer gut. Brüllt wie ein Stier und tut keiner Fliege was zuleide!" ,, Der riskiert Kopf und Arsch. Aber das kann uns schließlich egal sein." Im Saal ein lautes Durcheinander. Einige deuten das Angebot als Zeichen der Zersetzung in der SS. Der Seemann Kesselklein meint: ,, Wenn der so weitermacht, kann er später mal mildernde Umstände erwarten." Sofort muß der Stubenschreiber Alfred die Bestellungen aufnehmen. Damit es schneller geht, muß Miesicke helfen. Miesicke. Zuerst sind alle Gefangenen auf dem Saal schlecht auf ihn zu sprechen gewesen. Welsen hatte sie vor ihm gewarnt; sie sollten in seiner Gegenwart keine politischen Gespräche führen, Miesicke hatte sich nicht danach benommen. Dann aber, als sie Miesicke besser kennenlernten, verzeihen sie ihm. Er ist tatsächlich ein Fremdkörper unter ihnen, hat von der Politik die kindlichsten Vorstellungen und ist in seiner Angst vor Prügeln unzurechnungsfähig. Einige grollen ihm zwar immer noch; die meisten aber nehmen ihn, wie er nun einmal ist, und geben sich Mühe, ihn im Sinne der Solidarität zu beeinflussen. Auch Schneemann bleibt freundlich zu ihm. - - - Schneemann. Er wird von allen als vollberechtigter Kamerad behandelt. Heimlich werden immer wieder politische Streitfragen diskutiert. Und eigenartig das gerade achten die meisten Kommunisten an Schneemann, daß er zäh seinen politischen Standpunkt verteidigt. In allen gemeinsamen Angelegenheiten aber ordnet er sich dem Spruch der Mehrheit unter. 154 Für achtundfünfzig Mark Bestellungen kommen zusammen. Mie- sicke, der von seiner Frau Geld geschickt bekommen hat, bestellt für drei Kameraden, die wohl starke Raucher sind, aber kein Geld haben, Pfeifentabak. Er selbst leistet sich zwei Dutzend Brasil- zigarren und fünfzig gute Zigaretten. Der Saal ist in Hochstim- mung... Kurz vor Einschluß kommt Lenzer. Achtundfünfzig Mark. Ein guter Start. Er überfliegt die Liste der Bestellungen... „Zwei Dutzend Brasilzigarren, 25 Pfennig das Stück, fünfzig Atikah? Gott verflucht, wer ist denn der Kapitalist, der sich das leistet?” Miesicke meldet sich schüchtern. „Ah, Miesicke!? Immer dasselbe... Diese Juden haben doch Geld wie Scheiße! Na, ist gut, morgen habt ihr eure Sachen. Aber — Maul halten!” Lenzer erwischt Meisel auf dem Korridor. „Also wie ist es? Machst du mit?” „Mensch, ich weiß nicht!” „Hier! Achtundfünfzig Mark! Eben eingesammelt. Nur ein Saal! Rund gerechnet zwanzig Mark Verdienst!” _ Das gibt Meisel den entscheidenden Stoß.„Also, abgemacht, ich mach’ mit!” „In Ordnung!” Sie geben sich die Hand. „Aber“, stutzt Meisel,„worin besteht denn eigentlich meine Mit- arbeit?” „Na ja, du wirst mir helfen. Beispielsweise das Geld mit ein- sammeln... Und, wenn es mal nötig sein sollte, einiges mit in deiner Aktentasche verstau’n!” „Und vom Verdienst Halbpart?” „Vom Reinverdienst Halbpart! Nimm man gleich noch’n Taler 153 zu, dann hast du sechs Mark Vorschuẞ!" ,, Ist ja großartig!" Wütend poltert Wachtmeister Zirbes die Kellertreppen hinunter. Nun werden schon Dunkelhäftlinge zum Heildiener gemeldet. Was fällt dem Lenzer ein. Wenn man das einreißen läßt, gehn die alle Tage' ne halbe Stunde zum Heildiener spazieren. Der Schlüssel rasselt an Torstens Zelle. ,, Sie haben sich zum Heildiener gemeldet?" ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" 11 Was haben Sie?" ,, Ich bin magenleidend und kann das Schwarzbrot nicht vertragen!" ,, Das wollen wir nicht einführen, alle Tage zum Heildiener und so..." Torsten hat eine Erwiderung auf den Lippen, aber er schweigt. Es ist besser, er schweigt. Zirbes scheint zu überlegen. ,, Also los! Kommen Sie!" Torsten steht im gelben Lampenlicht des Kellerkorridors. Es ist ein kahler, langer, kalter Korridor. Tür neben Tür. Und hinter jeder Tür hockt im Finstern ein Genosse. Jetzt liegen sie alle da und lauschen. Sie werden denken, daß er aus der Dunkelhaft genommen wird. Das werden sie denken, weil sie es selber täglich, stündlich erhoffen. Zirbes geht die Kellertreppe vorauf; Torsten folgt ihm. Der Korridor der Station A 1 hat hohe längliche Fenster zum Gefängnishof, und es ist taghell. Torsten muß die Augen zusammenkneifen, da sie die plötzliche Helle nicht ertragen. Auf dem Korridor, vor den Zellentüren, stehen mit dem Gesicht zur Tür bereits einige Gefangene. Zirbes schreit: ,, Mit drei Metern Abstand aufschließen!" 156 Vier, mit Torsten sind es fünf Gefangene, stellen sich hintereinander auf. Torstens Vordermann ist ein kleiner, elend aussehender, humpelnder Mensch, dem die viel zu großen, gestreiften Zuchthauskleider am Leibe baumeln. Eine Ordonnanz kommt: ein junger, aufgeschossener SSMann. Er öffnet die Riemen seiner Revolvertasche und schiebt die Tasche griffbereit nach vorn. Wer unterwegs spricht, wird ganz gottsjämmerlich verarscht. Im Gleichschritt... marsch!" Die fünf Gefangenen marschieren hinter dem SS- Mann den Korridor entlang. Durch einen Mittelgang gehen sie in den B- Flügel des Gefängnisbaues und dort zwei Treppen hoch. Keiner der Gefangenen sieht zur Seite oder räuspert sich. Torstens Vordermann hat einen auffallend wohlgeformten Schädel mit hoher Stirn, kahl und glattrasiert. Auf Station B 2 liegt gleich am Treppenaufgang das Arztzimmer. In langen Reihen stehen auf dem Korridor in Abständen von drei Metern, mit dem Gesicht zur Wand, die Kranken. Die fünf von A 1 müssen sich ganz am Ende anschließen. Ein Wachtmeister geht auf und ab, um Durchstechereien zu verhindern. Wie er am anderen Ende geht, flüstert einer der fünf Torstens Vordermann zu: ,, Fritz, beiß die Zähne zusammen und halt durch!" Der wirft ängstliche Blicke zum Wachtmeister und nickt schwach mit dem Kopf. Der Kalfaktor von B 2 kommt vorüber. ,, Pst!" wird ihm zugeraunt. ,, Etwas Tabak!" Aber er geht weiter. Wie er zurückkommt, flüstert einer: ,, Alwin! Alwin!" Der Kalfaktor blickt sich vorsichtig um und flüstert:„ Ja, ich komme gleich wieder!" 157 Der Wachtmeister kommt langsam vom unteren Ende des Korridors. Das Flüstern, Raunen, Kopfdrehen unterbleibt; alle stehen wie leblose Figuren und starren gegen die Wand. Kaum hat er den Rücken gekehrt, geht das Zischeln und Flüstern wieder los. ,, Ich hab' Montag Termin! Gott sei Dank! Raus hier aus diesem Folterhaus!" ,, Weswegen?" ,, Beihilfe zum Mord! Die Sache von Grevenweg, wo sie unseren Genossen Merker erschossen haben!" 11 Wieso Beihilfe zum Mord?" ,, Da ist auch ein Polizist bei hops gegangen. Das wollen sie uns jetzt in die Schuhe schieben!" Der Kalfaktor Alwin kommt zurück. Im Vorbeigehen drückt er einem Genossen etwas in die Hand. Der Wachtmeister sieht ihn bei den kranken Gefangenen. 1! Was machst du denn da?" ,, Ich suche meine Handschaufel, die muß ich hier stehengelassen haben", antwortet unbefangen der Kalfaktor. ,, Such deine Klamotten vorher zusammen!" Der Kalfaktor gibt das Suchen auf. Die Abfertigung beim Heildiener geht bewundernswert schnell. Kaum wird ein Kranker ins Zimmer gerufen, ertönt auch schon wieder der Ruf:„ Der nächste!" Torsten ist der letzte der Reihe, vor ihm stehen die vier Kranken von A1. Dieser Gang zum Heildiener ist tatsächlich eine angenehme Unterbrechung der Dunkelhaft. Licht, Menschen, Stimmen, gleich fühlt man sich wohler. Er muß Kreibel durchklopfen, daß auch er versuchen soll, zum Heilgehilfen zu kommen. Die Reihe der Kranken wird zusehends kürzer. Jetzt wird der erste von den vieren der Station A 1 aufgerufen. Torstens Vordermann ist verschüchtert und überängst158 lich. Er hat ihn leise flüsternd gefragt, wie lange er schon in Einzelhaft sei, aber keine Antwort erhalten. Auch wenn ihm ein anderer zuflüstert, antwortet er nicht, nickt höchstens kaum merklich oder blinzelt. Unterhalb des Ohrs, am Halse, bemerkt Torsten bei ihm einen geschwollenen dunklen Fleck. Es sieht aus, als sei er gewürgt worden. Die Kranken der Station A 2 sind abgefertigt, gleich ist Torsten an der Reihe. Jeder, der ins Arztzimmer tritt, muß seinen Namen melden. Aspirin, Rizinusöl und weiße Tabletten zur Nervenberuhigung, das sind die Standardmedikamente des Heildieners. Torsten ist neugierig: was wird er schlucken müssen? Sein Vordermann humpelt ins Arztzimmer und meldet: ,, Schutzhaftgefangener Koltwitz!" Koltwitz? Hätte er sich eigentlich denken können. Ein menschliches Wrack, dieser mißhandelte Jude. Torsten horcht angestrengt ins Arztzimmer. ... zahle jede Kaution, Herr Heildiener, wenn ich in richtige Behandlung komme, ins Krankenhaus oder in eine Klinik! Ich stelle eine Kaution, ich laufe nicht weg! Wirklich nicht!" ,, Kaution stellen? Wieviel dächten Sie denn zu stellen? Zehntausend Mark?" ,, Jawohl, Herr Heildiener!" ,, Auch fünfzigtausend Mark?" " Jawohl!" ,, Haben Sie denn soviel Geld?" - ,, Ich... habe es nicht aber... ich habe reiche Verwandte!" ,, Und Sie meinen, die würden für Sie die Kaution erlegen?" " Jawohl, Herr Heildiener, das würden sie tun!" ,, Daraus wird nichts, mein Lieber, so korrupt sind wir nicht! Das Dritte Reich ist keine Weimarer Republik. Sie wissen doch, früher konnten sich die Hamburger Millionäre aus dem Zucht159 haus freikaufen, wie dieser Vitzen oder Vicens, wie hieß er noch? Im Dritten Reich gibt es so was nicht! Wir machen keine Unterschiede zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Wer gegen den Staat wühlt, ob arm, ob reich, wird als Verbrecher behandelt. Dein Geld nützt dir heute nichts mehr, Jude!" ,, Ich will doch auch nicht meine Freiheit erkaufen", jammert Koltwitz, ich will doch nur geheilt werden, will in ein Krankenhaus!" ,, Du willst in ein Krankenhaus, weil es dir bei uns nicht gefällt, was? Sei ehrlich, Mensch!" ,, Ich bin krank, Herr Heildiener!" ,, Ich gebe dir wieder vier Tabletten, morgens eine und abends eine nehmen. Sollst sehen, die wirken. In einigen Tagen fühlst du dich wie neugeboren!" Koltwitz will noch etwas sagen, aber er ist vor Hoffnungslosigkeit so verwirrt, daß er nicht die richtigen Worte findet. Er steht im Arztzimmer vor dem Tisch des Heildieners und blickt ins Leere. ,, Also los, geh! Der nächste!" ,, Schutzhaftgefangener Torsten!" ,, Torsten?- Sie waren noch nicht bei mir?" Der Heilgehilfe mustert Torsten. ,, Wie lange sind Sie hier?" ,, Fünf Wochen!" ,, Und wo liegen Sie?" ,, Im Keller!" In Dunkelhaft?" " Jawohl!" ,, Hm!" überlegt der Heilgehilfe. Torsten? Und wieder blickt - er den Gefangenen, der hoch aufgerichtet vor seinem Schreibtisch steht, prüfend an. A- ah!" jetzt fällt es ihm ein. ,, Sind Sie der Reichstagsabgeordnete Torsten?" " Jawohl!" 160 ? mt t. t - ±, S t t 1 ,, Jaja, Sie sind also gewissermaßen die Honorität des Hauses. Reichstagsabgeordnete haben wir weiter keine!... Und was haben Sie?" ,, Ich bin magenleidend und vertrage das Schwarzbrot nicht!" ,, Haben Sie sonst Beschwerden?" „ Nein!" ,, Irgendwelche Wünsche?" ,, Nein!" ,, Sind Sie immer noch Kommunist?" Torsten stutzt. Was soll diese Frage? Was will dieser Heilgehilfe von ihm? Torsten sieht ihn groß an, antwortet aber nicht. ,, Na?" schmunzelt der Heildiener.„ Ach, Sie haben keine Traute?" ,, Ich verstehe Ihre Frage nicht. Nehmen Sie im Ernst an, daß man hier zum Nationalsozialismus bekehrt wird?" Der Heildiener lacht. ,, Nee, das nehme ich wirklich nicht an. So idiotisch ist wohl keiner, das zu erwarten!". Torsten sieht immer erstaunter auf den Heildiener. Er ist noch jung, wie alle die SS- Leute, und scheint eine höhere Charge zu bekleiden. Unter dem Kragen des weißen Arztmantels sehen die Sterne auf dem Spiegel hervor. Der Heildiener blinzelt Torsten lächelnd zu und schreibt ein Rezept aus. ,, Karl!" ruft er zur Tür hinaus.„ Karl!" Der Wachtmeister, der die Kranken auf dem Korridor beaufsichtigt, tritt ein. ,, Bring die vier von A 1 zurück. Diesen liefer' ich selber ab!" Der Wachtmeister marschiert mit den vier Gefangenen ab. Der Heildiener tritt ans Fenster. Ohne Torsten anzublicken, fragt er: " Ja, Torsten, harte Schule hier, was?" 11 Bredel, Prüfung 161 Torsten ist sich noch nicht klar, was das alles zu bedeuten hat. Warum sich gerade ihm gegenüber der Heildiener so leutselig benimmt? Er hält es für klüger, einstweilen zu schweigen. ,, Es hat Tage gegeben, da habe ich auch einmal geschwankt. Kommunist oder Nationalsozialist?" Er dreht sich zu Torsten um. ,, Ich war nämlich in der SPD und bei den Arbeiter- Sanitätern. Ich hab' da Dinge erlebt, die mich bewogen, diesen Organisationen den Rücken zu kehren. Nur um eine Bonzengarnitur fett und glücklich zu machen, opfer' ich mich nicht auf..." Dann schweigt er und blickt zum Fenster hinaus auf den Gefängnishof. 11... Haben Sie nicht erwartet, was, daß das so plötzlich und so gründlich kommt?" beginnt er wieder. Daß Adolf Hitler so leicht die Macht erobert und so gründlich Ordnung schafft, was? Sie haben eben auf das falsche Pferd gesetzt und- verloren!" ,, Die Politik ist doch kein Pferderennen!" ,, Nein? Meinen Sie?" Der Heildiener lächelt. ,, Ich... ich weiß nicht, ich glaube es manchmal doch. Mal setzt man falsch, mal richtig. Ich hatte den richtigen Riecher gehabt!" Der Heildiener tritt dicht an Torsten heran. ,, Was hätten Sie im vorigen Jahr gemacht, wenn Sie gewußt, geahnt hätten, was dieses Jahr brachte?" ,, Ich habe es geahnt!" ,, Wa- as? Sie wollen mir erzählen, Sie haben im vorigen Jahr gewußt, daß im Jahre 33 der Nationalsozialismus an die Macht kommt!" ,, Das wußte ich zwar nicht genau. Aber die Chancen des Faschismus sind groß gewesen, man muß die Klassenkräfte, die dabei entscheidend mitwirken, kennen!" 162 Und Sie haben aus dieser Erkenntnis keine Konsequenzen gezogen?" " 1 Wie meinen Sie das? Ich sagte doch schon: Politik ist kein Pferderennen!" ,, Sie wollen mir also erzählen, daß Sie ganz bewußt in Ihr Unglück gegangen sind?" ,, In mein Unglück? Wieso? Herr Heildiener, ich bin Kommunist, kämpfe für ein sozialistisches Deutschland. Ich bin Marxist. War vor dem Kriege Sozialdemokrat und wurde Kommunist. Das war um die Zeit, als die SPD an die Macht gelangte. Ich bin also, nach Ihrer Meinung, schon damals bewußt in mein Unglück gegangen. Sie hätten es scheinbar eher verstanden, wenn ich Polizeipräsident oder Minister geworden wäre. Aber ich kämpfe für den Sieg der Arbeiter, für den Sozialismus und laufe nicht mit jedem Pferd, das im Augenblick Siegeschancen hat!" ,, Und Sie selber gehen dabei womöglich vor die Hunde!" ,, Das ist möglich. Doch das ist vor mir Tausenden und aber Tausenden schon so ergangen. Der Klassenkampf ist eine ernste Angelegenheit!" Als habe er die letzten Worte gar nicht vernommen, erklärte der Heildiener:„ Ich persönlich verachte die Sozis mehr als die Kommune. Die Kommune kann man hassen, die Sozis muß man verachten. Diese korrupten Mistfinken... Wann, glauben Sie, hat der Kommunismus in Deutschland Chancen?" Torsten lächelt. Diese plötzliche Frage verrät alles. Der SSMann, der da vor ihm steht, glaubt nicht, was sein Führer Himmler sagte. ,, Der Reichsführer der SS, Himmler, schätzte letzthin die Dauer der Herrschaft des Nationalsozialismus auf 50 000 Jahre!" ,, Ach Quatsch! Wer sich wohl für so dumm verkaufen läßt! Aber 11* 163 los, was meinen Sie, wann werdet ihr das Zepter in Händen haben?” „Ich bin kein Prophet, Herr Heildiener.... Nach dem Stand der Wirtschaft, der weltpolitischen Lage Deutschlands, der Stimmung der Arbeiter wird es so, wie es augenblicklich ist, nicht sehr lange bleiben können!“ Wachtmeister Zirbes kommt die Treppen herauf. Der Heildiener bricht das Gespräch ab und geht ihm entgegen. „Sag mal, hast du meinen Dunkelhäftling noch bei dir?” „Ja, gerade wollte ich ihn runterbringen... Torsten ist schwer magenleidend, sieh doch zu, daß du heute schon Weißbrot für ihn beschaffen kannst. Ab morgen muß er es bekommen.” Und zu Torsten gerichtet:„Dann gehen Sie man mit Ihrem Wacht- meister!” Harden, der Leiter der Lagerschreiberei, und Scharführer Riedel, der zur Schreibstube kommandiert worden ist, treten in die Wachtstube. Nur Zirbes ist anwesend. „Heil Hitler!” „Heil Hitler!” „Achtzehn Entlassungen heute, du hast einen dabei!” „Wie heißt er?” „Wart mal...” Harden blättert in den Abgangsbogen. „Miesicke! Gottfried Miesicke!” „Wa—as? Das Schwein, dieser Jude, wird entlassen? Das ist eine richtige Sauerei!” Zirbes ist ehrlich entrüstet; er meint, Juden dürften prinzipiell das Lager nicht lebend verlassen. Gemeinsam gehen sie in den Saal, auf dem Miesicke liegt. „Achtung! A 1, Saal 2, belegt mit vierzig Mann, kein Bett frei!” Von den Gefangenen kennt jeder den Wachtmeister Harden; sie wissen, der bringt Entlassungen. Er heißt darum: der Erlöser- 164 engel! Atemlos steht jeder da und hofft, daß sein Name aufgerufen wird. ,, Gottfried Miesicke!" ,, Ja, hier!" ,, Los, los! Willst du nicht herkommen?" Miesicke rennt nach der Tür, stellt sich vor die drei Wachtmeister und blickt, vor Aufregung den Atem anhaltend, auf den ,, Erlöserengel". ,, Na, Miesicke, was würdest du sagen, wenn du jetzt entlassen würdest?" " O- oh, Herr Wachtmeister..." Mehr kann Miesicke nicht sagen, denn er weiß jetzt, daß er entlassen wird. Entlassen! Frei! Nicht mehr strammstehn. Nicht mehr exerzieren. Keine Zuchthauskleider mehr. Entlassen! ,, Also Sachen packen. Aber dalli. In zwei Minuten bist du fertig!" " Jawohl, Herr Wachtmeister!" Miesicke zittert, diesmal vor Freude. Harden und Riedel lachen. Zirbes donnert mit Bootsmannsstimme: ,, Vorher wirst du aber noch dreimal um den Hof hüpfen! Also mach dich fertig, wir kommen gleich wieder." Miesicke wird umringt, beglückwünscht, beneidet. Zwei ziehen sein Bett ab und packen die Anstaltssachen zusammen. Was gut an seinen Sachen ist, wird mit schlechteren getauscht. Miesicke muß einen Zettel unterschreiben, daß die Rauch- und Fettwaren, die er bestellt hat, dem Saal verbleiben. Was er entbehren kann, gibt er ab. Von den fünf Mark und vierzig, die er besitzt, behält er vierzig Pfennige Fahrgeld; die fünf Mark läßt er auf dem Saal. Auch Zahnbürste, Rasierzeug und Kamm, die ihm seine Frau erst vor wenigen Tagen hereinschicken konnte, übergibt er Welsen, dem Stubenältesten, zur Verteilung an Kameraden. 165 Kaum hat sich Miesicke von der Freude erholt, wird er über- mütig, lacht, springt und rennt im Saal herum, schüttelt diesem und jenem die Hand, verspricht alles, was man von ihm wünscht, und kann sich vor Glückseligkeit nicht lassen. Der Seemann Kesselklein warnt:„Dat dicke Ende kummt noch. De Hüpperä!” „Laß dir nicht bange machen, Miesicke!” beruhigt ihn Schnee- mann.„Das hat der Zirbes im Scherz gesagt!” „Na, ik weet nich, denn droo ik all’ns to!” Gleich muß der Wachtmeister kommen und Miesicke holen, und Miesicke möchte zu gerne einige Worte an die Gefangenen richten, mit denen er doch nun viele Wochen zusammengelebt hat. Miesicke kann reden, wenn er Krawatten, Herrenhemden und Socken verkaufen will; er kann aber nicht reden, nun, da er sich von seinen Mitgefangenen, von Kommunisten, ver- -abschieden will. Die Worte bleiben ihm im Halse stecken. Seine Abschiedsrede ist ein stammelndes Versprechen, zu schreiben und Rauchwaren zu schicken. Wie der Wachtmeister Zirbes aufschließt, rafft Miesicke seine Sachen zusammen und stürzt mit einem„Auf Wiedersehen!” hinaus. Zwanzig Minuten später steht er jenseits der Lagermauern und rennt allen anderen entlassenen Gefangenen weit voraus, nach Ohlsdorf, zur Hochbahnstation. Daß der Jude Miesicke entlassen worden ist, muß der Jude Koltwitz büßen. Obertruppführer Meisel kann es gar nicht fassen, daß, wie er sich ausdrückt, dieser Dreckjude wieder auf die Menschheit losgelassen wird.„Paß auf!” meint er zu Zirbes, „in den nächsten Tagen wird auch dieser Koltwitz entlassen. Ich verstehe die Stapo nicht!” 166 „Der nicht!” antwortet Zirbes mit absoluter Sicherheit.„Der nicht!” 14 „Und wenn es kommt, kannst du auch nichts dran ändern! 1a „Ich kann aber, bevor es kommt, daran was ändern! „Das ja! Und da bin ich dabei! Ich kann dir verraten, daß Dusenschön schon wieder eine Zigarre gekriegt hat. Dem Alten weht der Wind nicht scharf genug. Der Kommandant weiß, was a er will „Das kommt”, erklärt Zirbes,„weil er näher bei der Regierung sitzt als diese alten Scheißer bei der Stapo. Der Kommandant erfährt im Staatsrat immer schon Tage vorher, was gespielt wird.” Torsten hat Kreibel sein merkwürdiges Gespräch mit dem Heil- diener durchgeklopft. Kreibel klopft zurück, der Heildiener sei Sturmführer bei der SA und heiße Heinz Brettschneider. Diese Nacht ist die furchtbarste, die Torsten bisher im Lager erlebte. Viermal dringen sie in die Zelle über ihm ein. und schlagen auf den kranken Koltwitz ein. Einmal vor Mitternacht und dreimal zwischen Mitternacht und Morgen. Diesmal lassen sie ihn schreien. Sein tierisches Brüllen und Jammern und Kreischen übertönt die prasselnden und klatschenden Hiebe und ist im ganzen Zuchthaus zu hören. Torsten denkt an den kleinen humpelnden Vordermann, der sich kein Wort zu flüstern, nicht den Kopf zu bewegen getraut hat— an diesen schmächtigen, kranken Menschen— denkt an die Würgmale am Hals— an die hohe Stirn, den glattrasierten Schädel... Die ganze Nacht findet Torsten keinen Schlaf. Aber nicht nur er, nicht nur Kreibel, hundert Gefangene finden in dieser Nacht keinen Schlaf. 167 Lenzer geht andern Tags, nachdem er Zirbes abgelöst und heimlich in Saal 1 und 2 die bestellten Rauchwaren abgegeben hat, in die Zelle zu Koltwitz. Der liegt, weiß wie ein Toter, auf der Pritsche und starrt mit aufgerissenen Augen gegen die Decke. ,, Na, Koltwitz, was ist denn mit Ihnen los?" Koltwitz blickt auf Lenzer und dann wieder, ohne ein Wort zu sagen, zur Decke. Neben Koltwitz liegt ein handfester Strick. Lenzer nimmt ihn in die Hand und betrachtet ihn. ,, Was soll dieser Strick, Koltwitz?" ,, Hat man mir gestern hereingeworfen!" Während er dies leise, fast hauchend antwortet, rinnen ihm die Tränen über das Gesicht. Lenzer haßt die Juden, doch das kann er nicht gutheißen. Wenn Koltwitz unbedingt sterben soll, dann nicht so, dann soll man ihn niederschießen.„ Ein Arschvoll zur rechten Zeit" kann nach seiner Meinung nie schaden, aber dies langsame Totprügeln ist erbärmlich. -- ,, Koltwitz, kann ich etwas für Sie tun? Wollen Sie Kaffee haben? Guten, echten Kaffee?" Der Gefangene schüttelt nur leicht den Kopf. Wenn ich hier Wache habe, wird der fortan nicht mehr geschlagen, gelobt sich Lenzer. Der Kalfaktor Kurt von A 1 räumt im Keller auf. Er war in der Winterhuder Stadtleitung und kennt Kreibel von der politischen Arbeit her. Immer, wenn die Luft rein ist, huscht er an seine Zellentür und teilt ihm Neuigkeiten mit. Trotz strengstem Zeitungsverbot im ganzen Lager kommen hin und wieder mit der Wäsche oder durch den Besuch einige Zeitungen auf die Säle. Auch erfahren die Gefangenen auf den Sälen dieses oder jenes durch die Wachtmeister. Auch spitzen die Kalfaktoren bei den Gesprächen der Wachtmeister die Ohren. 168 " 1 Walter!" " Ja!" ,, Karl Drechsler hat sich umgebracht. Vorigen Montag." „ Der auch?" ,, Und Jonni Reike und Otto Stenke sind tot!" ,, Kurt!... Kurt!..." Der Kalfaktor ist weg. Kreibel preßt sein Ohr gegen die Tür und lauscht angespannt ins Dunkel. Karl Drechsler ist tot... Das war ein guter, treuer Genosse. Jonni Reike ist tot. Otto Stenke, John Tetzlin, Hugo Feddersen, Karl Schönherr sind tot. Zu Tode gefoltert. Mit Peitschen und Ochsenziemer in den Tod getrieben... Und Lütgens, Tesch, Wolff und Möller und die vielen anderen, denen sie die Köpfe abschlugen... ,, Walter!" " Ja!" ,, Der Reichstagsbrandprozeß ist seit längerer Zeit im Gange. Das wird eine immer größere Blamage für die Nazis. Der Bulgare Dimitroff ist so'n Kerl; der gibt ihnen aber Zunder. Der hat Göring in der Verhandlung den Anstifter des Reichstagsbrandes genannt. Auf jeder Sitzung gibt es Krach, ein paarmal haben sie ihn schon ausgeschlossen." ,, Und Torgler?" ,, Den sollen sie fast fertiggemacht haben. Der ist ziemlich pflaumenweich. Naja! Hat immer in Einzelhaft und in Ketten gelegen!" " 1 Wie steht's mit der Arbeit der Genossen draußen?" ,, In letzter Zeit wieder besser. Die Partei hat sich von der Massenverhaftung im Juli erholt. In einigen Betrieben soll sogar großartig gearbeitet werden. Pst... Wart mal' n Augenblick!" 169 Wachtmeister Lenzer ruft die Kellertreppe hinunter: ,, Kalfaktor! Kalfaktor!" " Jawohl!" ,, Bist du unten?" ,, Jawohl!" ,, Na, das ist gut! Nicht mit den Mistbienen da unten reden, verstanden?" ,, Jawohl!" Kalfaktor Kurt putzt die Schlösser an den Zellentüren und fettet sie ein. " Walter?" " Ja!" ,, Es gab großen Krach in Genf. Goebbels hat seine Klamotten packen müssen und die Konferenz verlassen. Ein Diplomat hat gesagt, Deutschland solle Politiker und keine Gymnasiasten delegieren. Deutschland ist mit seinen Aufrüstungsvorschlägen nicht durchgedrungen!" ,, Was gibt's sonst noch Neues?" ,, Die Sowjetunion hat mit den Vereinigten Staaten ein Handelsabkommen geschlossen. Die Union bestellt für drei Milliarden Waren. Allein drei Millionen fertige Anzüge. Gestern sagte ein Wachtmeister:, Wenn wir diesen Auftrag erhalten hätten, wäre Deutschland für Jahre aus dem Dreck!' Alle laufen sie Litwinow nach. Sogar Mussolini hat ihn gebeten, wenn er von Amerika zurückkehre, in Rom vorzusprechen." Den ganzen Tag braucht Kreibel, um Torsten alle diese Neuigkeiten durchzuklopfen. Abends, gleich nach Einschluß, stellen sich Meisel und Teutsch ein. Lenzer sitzt in der Wachtstube. ,, Robert, gib mir mal deinen Zellenschlüssel, wir wollen den Koltwitz besuchen!" 170 ,, Den Koltwitz laßt man heute in Ruhe!" Meisels Augen werden klein und böse:" Willst du mir Vorschriften machen?" 11 Vorschriften? Nein! Ich sage dir nur, du sollst den Koltwitz heute in Ruhe lassen!" Meisel erwidert kein Wort; er ist äußerlich ruhig, in Wahrheit jedoch möchte er über Lenzer herfallen.„ Hole zwei Peitschen aus dem Schulraum!" wendet er sich an Teutsch. Der verläßt die Wachtstube. ,, Was fällt dir eigentlich ein?" zischt Meisel Lenzer an.„ Kümmere dich gefälligst nicht um meine Angelegenheiten! Wer gibt dir eigentlich das Recht, hier derartig aufzutrumpfen?" ,, Erst einmal, bevor der Teutsch zurückkommt, diese acht Mark. Dein Anteil von den letzten Lieferungen!" Lenzer reicht ihm das Geld hin. Einen Augenblick zögert Meisel. Sollte das Geld, sollten die gemeinsamen Geschäfte ihn gefügig machen? Er möchte es zurückweisen, aber er braucht es, braucht es dringend. Und er nimmt es. ,, Kommt mir sehr zupaß... Aber, sag mal, Robert, warum willst du den Juden schonen?" ,, Ich will keinen Juden schonen, ich will nur nicht, daß er während meiner Wache totgeschlagen wird; denn der Koltwitz pfeift auf dem letzten Loch!" Teutsch kommt herein, die beiden Nilpferdpeitschen in der Hand. Meisel winkt ab:" Heute nicht, morgen! Aber einen kleinen Schrecken werden wir dem Juden doch einjagen!" Er verläßt mit Teutsch die Wachtstube, knipst das Licht in Koltwitz' Zelle an und sieht durch den Spion. Der Gefangene liegt mit schreckhaft aufgerissenen Augen ängstlich lauschend auf der Pritsche. Meisel klopft mit der Faust gegen die Tür. 171 ,, He, Koltwitz, aufstehen! Fertigmachen! Wir kommen gleich!" Durch den Spion sieht Meisel, wie Koltwitz unter der Wolldecke zittert, und er verzieht das Gesicht zu einem hämischen Grinsen. ,, Das Schwein klappert wie ein altes Weib!" Auch Teutsch sieht durch den Spion und weidet sich an der Todesangst des Juden. Er schlägt mit den Peitschen gegen die Zellentür: Los! Aufstehn! In zwei Minuten kommen wir zurück!" Laut lachend gehen sie weg. Ein langanhaltendes Trillerpfeifensignal. ,, Aufstehn! Raus aus den Betten!" schreit Lenzer. ,, Aufstehn! Raus aus den Betten!" schreien die Wachtmeister der anderen Stationen. Es ist sechs Uhr und noch nachtdunkel. Erst in einer Stunde beginnt es zu dämmern. Die Einzelhäftlinge springen aus den Betten. Wer fünf Minuten nach dem Wecken noch liegt, wird mit der Peitsche wachgeprügelt. Auch die Gefangenen der Säle tummeln sich. In einer Stunde müssen sich alle gewaschen haben, muß der Saal in Ordnung sein. Um sieben Uhr ist Saalappell. Kurz vor sieben Uhr schleppen die Kalfaktoren die Kaffee- Eimer herbei. Ein Kalfaktor ist bereits von Zellentür zu Zellentür gegangen und hat auf den Klappenvorsatz der Türen Schwarzbrotstücke gelegt. Die Kaffee- und Brotausgabe beginnt. Lenzer schließt die Zellentüren auf, und die beiden Stationskalfaktoren verteilen Brot und Kaffee. ,, Du Mistbiene, kannst du nicht lauter melden?" ,, Schutzhaftgefangener Peemöller!" ,, Noch lauter!" ,, Schutzhaftgefangener Peemöller!" 172 ,, Noch lauter!" ,, Schutzhaftgefangener Peemöller!" ,, So laut, wenn ich bitten dürfte, jeden Morgen und jeden Abend melden! Verstanden, du Riesenarschloch?" Lenzer rast brüllend von Zelle zu Zelle und schließt die Türen auf; die Kalfaktoren können kaum mitkommen. ,, Schutzhaftgefangener Greiling!" ,, Schutzhaftgefangener Dose!" ,, Schutzhaftgefangener Eberstal!" Aus der nächsten Zelle kommt keine Meldung. Lenzer schließt schon die Tür der Nebenzelle auf. ,, Na, will der sich nicht melden? Wer ist denn diese Mistbiene? Koltwitz?" - Mit einem Satz springt Lenzer zurück und in die Zelle. Er stutzt. Koltwitz liegt nicht auf der Pritsche und ist auch nicht in der Zelle...... Doch · Lenzer prallt entsetzt und zugleich angeekelt zurück. Einen halben Meter neben ihm, über dem Klosett, hängt Koltwitz. Das Gesicht ist gräßlich verzerrt; der Mund ist weit offen; die Augen treten ihm aus dem Kopf. ,, Pfui Deibel, der stinkt ja schon!" stößt Lenzer hervor. Dann ruft er den Kalfaktoren zu, daß sie warten sollen, und läuft in die Wachtstube, um mit der Kommandantur und dem Heildiener zu telefonieren. Der Kalfaktor Kurt ist unterdessen in den Keller gesprungen, angeblich um dort Brot bereitzulegen. ,, Walter?" flüstert er aufgeregt durch Kreibels Zellentür. " Ja!" ,, Koltwitz hat sich erhängt!" 11 Was?..." ,, Am Heizungsrohr über dem Klosett!" Und schon rennt er wieder hinauf. 173 - Kreibel klopft Torsten in die Zelle:„ koltwitz hat- sich- erhängt". Torsten, der gerade bei seiner Morgengymnastik ist, setzt sich auf den Boden seiner finsteren Zelle. Haben sie es also doch fertiggebracht. Zirbes und Meisel haben erreicht, was sie sich vorgenommen haben. Koltwitz hat sich erhängt... Krank war er, ins Krankenhaus wollte er... Und diesen kranken, gebrechlichen Menschen haben sie geschlagen, immer wieder viehisch geschlagen... Der Heildiener Brettschneider kommt. Lenzer geht ihm entgegen. ,, Hast du ihn schon abgeschnitten?" , Wie komm ich dazu. Der stinkt ja wie die Pest!" ,, Dann muß er sich ja schon gestern abend erhängt haben?" ,, Hat er auch!" bestätigt Lenzer. 11 Woher weißt du denn das?" ,, Na- ich denk' mir so. Der hat Angst vor Prügel gehabt." Der Kalfaktor muß die Leiche halten. Der Heildiener schneidet den Strick durch. Sie schleppen die Leiche auf den Korridor. Lenzer hat auf dem Zellentisch Briefe entdeckt. Er betrachtet sie und liest darin. ,, Liebster Fritz!" ,, Mein liebster Mann!" - - - - - - - Und dann Verse. Er liest: ,, Vögel fliegen groß und klein. Immer, immer fliegen sie zu zwein. Werde ich dich wiedersehen?".- Ach ja, denkt Lenzer sie haben Gedichte zusammen gelesen. Wie Kinder, wie Verliebte. Komische Leute gibt's. Einige Stunden später telefoniert Scharführer Riedel mit Frau Koltwitz. ,, Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich persönlich kann doch nichts dran ändern... Nein, auch die Lagerleitung nicht... Ich sagte Ihnen doch bereits, daß die Beschlagnahme der Leiche Ihres verstorbenen Mannes von der Staatspolizei angeordnet wurde. Mit der müssen Sie sich in Verbindung setzen... Nein, der Lager174 kommandant ist nicht anwesend... Sein Stellvertreter?” Riedel blickt auf den Sturmführer Dusenschön, der im Zimmer steht, aber energisch abwinkt.„Leider ist auch der Stellvertreter des Kommandanten nicht anwesend... Was? Wie?... Aber er- lauben Sie mal! Wie können Sie so etwas behaupten?... Wie? ... Sie machen sich strafbar, Frau Koltwitz... Wie?... Ent- schuldigen Sie, aber ich kann Sie nicht weiter anhören!” Riedel hängt den Hörer an. ‚Verlegen blickt er auf den Sturm- führer. „Na“, lacht Dusenschön.„Hat sie ihrem Herzen Luft gemacht?” „Warum überlaßt ihr das immer mir?” „Etwas mußt du doch auch tun! Übrigens, wer ist denn— ihr? Sei vorsichtig, Willi, der Alte ist sowieso nicht gut auf dich zu sprechen... Schließlich kann man nicht verlangen, daß er bei jeder Frau eines Gefangenen, der sich erhängt, Beileidsvisite macht. Das ginge wohl zu weit!” In diesem Augenblick fährt das Auto mit der Leiche Koltwitz’ durch das Tor des A-Baues und an der Kommandantur vorbei. Riedel und Dusenschön sehen aus dem’ Fenster. Scharführer Harden bleibt, als ginge ihn das alles gar nichts an, vor seiner Schreibmaschine sitzen. Das große, doppelt gesicherte Lagertor wird geöffnet. Als der Schofför des Leichenautos hinausfährt, hupt er zweimal. „Stinkt! Stinkt! Ab! Ab!“ ahmt Dusenschön aufgeräumt das Hupen nach. Das schwere Tor wird wieder geschlossen. “Unter den Zugängen fällt ein großer, schlanker Mann auf, der um den Hals, auf dem Selbstbinder, einen großen Orden hängen hat. Außerdem trägt er am Rockaufschlag seines grauen Jacketts einige Ordensbänder und unter dem Herzen, auf den Rock ge- 175 heftet, das Eiserne Kreuz erster Klasse. Kalt und abweisend antwortet dieser Gefangene den Wachtmeistern auf ihre Fragen. Unbeweglich ist sein längliches, knochiges Gesicht, in dem das Kinn stark hervortritt. Riedel ist der erste, der sich lächelnd vor ihn hinstellt und fragt: 11 Wo haben Sie denn diese Sammlung Orden erworben?" ,, Beim Althändler gekauft, junger Mann, wie es andere hohe Herren vor mir taten!" Kalt und hohnvoll, mit schnarrender Stimme, kommt die Antwort. ,, Andere hohe Herren?" fragt Riedel betont und blickt den Rittmeister a. D. durchdringend an. Er weiß, dies ist auf den Reichsstatthalter Kaufmann gemünzt, von dem sich ganz Hamburg erzählt, daß er Orden trage, die er sich gekauft hat. " Jawohl! Andere hohe Herren!" ,, Sie haben scheinbar noch immer nicht begriffen, wo Sie sich befinden!" Riedel geht wieder in die Schreibstube. ,, Dieser Freiherr ist gut, was?" amüsiert sich Scharführer Harden in der Schreibstube. Als man ihn verhaftete, steckte er sich seine sämtlichen Auszeichnungen an. Ulkige Idee... Übrigens, eine hübsche Auswahl! Der große am Hals ist der Hohenzollernsche Hausorden." Er blickt auf die Tür und dämpft seine Stimme: ,, Da könnte direkt Göring neidisch werden!" Die neuen Zugänge müssen sich vor der Kommandantur aufstellen und dann im Gleichschritt über den Gefängnishof zum A- Bau marschieren. Der Rittmeister a. D. führt auf Anordnung des Truppführers Teutsch den Zug an. Stolz, hochaufgerichtet, schreitet der hagere Offizier a. D., den Hohenzollernorden um den Hals, das Eiserne Kreuz an der Brust und das braunschwarzgestreifte Zuchthauszeug unterm Arm, den Gefangenen voran. Die SS- Leute lachen, machen ihre Witze und rufen dem Rittmeister mit näselnder Stimme höhnische Bemerkungen zu. Der 176 Innenposten am Tor des A- Baues präsentiert vor dem Rittmeister das Gewehr. Neues Gelächter. Doch kein Gefangener lacht mit. Vor der Wachtstube müssen sich die Zugänge aufstellen. Sturmführer Dusenschön kommt. " Was ist das für'n Narr?" fragt er den Truppführer Teutsch, dabei auf den Rittmeister zeigend. ,, Das ist der Schutzhaftgefangene Freiherr von Borringhausen und Höltling!" ,, Das ist ja außerordentlich interessant!" Langsam schlendert der breite, untersetzte Sturmführer auf den Rittmeister zu. 11 Warum bist du hier?" Der Rittmeister sieht dem Sturmführer in das aufgedunsene Gesicht und fragt: ,, Meinen Sie mich?" Dusenschön kneift die Augen zusammen und fixiert den seltsamen Gefangenen. Er schlägt aber nicht; er erwidert nur: ,, Jawohl, ich meine Sie!" ,, Ich bin wegen angeblichen Hochverrats verhaftet worden!" ,, Das ist ja reizend! Kommunist?" ,, Nein, mein Herr, ich bekenne mich zur, Schwarzen Front'!" ,, Aber Hochverräter?" ,, Das wird mir angedichtet!" ,, Und wo haben Sie den Klimperkram da her?" ,, Das sind meine Auszeichnungen aus dem Weltkrieg!" ,, Und die wagst du Schwein und Hochverräter heute noch anzulegen?" schreit Dusenschön. Er geht einen Schritt auf den Rittmeister zu, und mit drei Handgriffen reißt er ihm den Hohenzollernorden, die Bänder und das Eiserne Kreuz ab und wirft sie hinter sich in den Sand. ,, Du selten freches Subjekt!... Willst uns verhöhnen, was? Willst das nationalsozialistische Deutsch12 Bredel, Prüfung 177 land verhöhnen?... Das wird dir teuer zu stehen kommen!... Zum Hochverrat der Hohn? Na warte, Bursche!" Der Rittmeister ist bleich wie ein Toter. Die Lippen hat er zusammengepreßt, doch das hervorstehende Kinn zittert. Aus der Stirn brechen ihm große Schweißtropfen. 11 Wirf das Zeug in die Müllkiste!" ruft Dusenschön Teutsch zu und geht über den Hof nach der Kommandantur. Teutsch sammelt die Orden und Bänder ein, um den Befehl auszuführen; da bricht der Rittmeister zusammen. ,, He, aufstehn! Hier wird nicht markiert!" schreit Teutsch den Gefangenen an. Der aber liegt regungslos neben seinem Anstaltszeug. Schließlich schleppen drei Mann den Ohnmächtigen in den Gefängnisbau und legen ihn vor der Wachtstube auf den Korridor. Spätnachmittags werden die Gefangenen in Gruppen eingeteilt. Der Rittmeister kommt auf Anordnung des Lagerinspektors auf den Saal 2 der Station A 1. Bleich und verstört tritt er ein. Keiner der Gefangenen weiß, wer er ist. Er gibt auf keine Frage Antwort. Einige Male faßt er sich an die Kehle, als bekäme er keine Luft. Dann übergibt er sich, bricht grüne Galle. Die Gefangenen nehmen an, daß er mißhandelt worden ist, und Welsen veranlaßt, daß man den Neuen" zu Bett bringt. Willig wie ein Kind läßt er sich führen. An solchen Abenden ist es still auf dem Saal. Es wird nur im Flüsterton gesprochen. Die lauten Spiele werden unterlassen. Wachtmeister Lenzer schließt die Tür zu Torstens Zelle auf. ,, Schutzhaftgefangener Torsten!" Mit Lenzer tritt Scharführer Harden, der„ Erlöserengel", in die 178 Zelle. Lenzer hat das Licht eingeschaltet. Torsten schließt die Augen. ,, Na, Torsten, freuen Sie sich, jetzt ist es mit dem Jammer hier unten vorbei!" Lenzer lacht über das ganze jungenhafte Lausbubengesicht. Er scheint sich wirklich zu freuen. Harden sieht schweigend auf den Gefangenen, der in das Licht blinzelt. ,, Sie sind von der Dunkelhaft befreit, Torsten, und kommen in die Gruppe 2. Nehmen Sie Ihre Sachen und folgen Sie!" Torsten ist mehr erschreckt als erfreut. Und Kreibel? Der bleibt allein zurück. Nun kann er sich mit keinem mehr durch Klopfen unterhalten. ,, Nun, Torsten?" Lenzer wundert sich. ,, Sie freuen sich anscheinend gar nicht?" ,, Ich denke an die Gefangenen, Herr Wachtmeister, die noch hier unten bleiben!" ,, Ach was", meint Lenzer ,,, man muß in erster Linie an sich selbst denken!" Nach einem kurzen, stummen Blick auf die Wand, hinter der Kreibel liegt, verläßt Torsten die Zelle, in der er sechs Wochen in Dunkelhaft verbracht hat. Er bleibt auf der Station A 1 und bekommt die Zelle 14. Allein, atmet er doch auf und sieht lichthungrig zum Zellenfenster hinaus, in den hellen Oktoberhimmel... Die Zelle ist sauber und frisch gestrichen. Es steht ein richtiges Bett mit Matratze, ein Tisch und ein Schemel darin. Auch hängt an der Wand ein Schränkchen. In solcher Zelle kann man es aushalten, denkt Torsten. Gar kein Vergleich zu dem Loch im Keller. Vorsichtig sieht er aus dem Fenster. Vor ihm liegt der Gefängnishof. Jenseits der Mauer sieht er Bäume und die Dächer der Inspektorenhäuser. Dahinter einen Gasometer aus rotem 12* 179 Backstein und daneben ein großes, hohes, modernes Gebäude mit vielen großen Fenstern. Ach, dieser Himmel... diese Bäume... Licht... Tageslicht... Verträumt blickt Torsten durch das Gitter. Plötzlich rasselt der Schlüssel im Schloß. Lenzer reißt die Zellentür auf. ,, Mensch, Torsten, sind Sie meschugge?! Der Posten schießt sofort, wenn er Sie am Fenster sieht!" Kurz vor Einschluß wird abermals Torstens Zelle aufgeschlossen. ,, Schutzhaftgefangener Torsten!" ,, Guten Abend! Es ist hier angenehmer als im Keller, was?" ,, Jawohl, Herr Heildiener!" ,, Wegen Ihrer Magengeschichte kommen Sie man noch mal zu mir, verstehen Sie?" Jawohl, Herr Heildiener!" ,, Am besten, wenn Wachtmeister Lenzer Dienst hat!" Darauf schreitet der Heildiener durch die Zelle, betrachtet die Wände, öffnet den Schrank und geht dann, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. Auf dem Korridor sagt der Heildiener: ,, Dieser Torsten, das ist der Abgeordnete, den sie bald totgeschlagen haben, der aber nicht ein einziges Wort gesagt hat!" ,, Ich weiß!" antwortet Lenzer. ,, Kaufmann und Ellernhusen und der ganze Stab waren dabei aber selbst der dicke Köller versagte!" ,, Das ist doch der", fragt Lenzer ,,, dem die Kommune das Bein abgeschossen hat?" Brettschneider nickt. - Torsten findet ein kleines, in Butterbrotpapier eingewickeltes Paket. Erst will er die Klappe ziehen und den Wachtmeister informieren, daß der Heildiener etwas vergessen habe. Dann über180 legt er. Das Paket liegt auf dem Keilkissen des hochgeklappten Bettes. Dort läßt keiner ungewollt etwas liegen. Und er öffnet es. Es sind zwei Weißbrotstullen mit Schinken belegt. Stundenlang blickt Torsten in den farbigen Oktoberhimmel. Besonders an klaren Abenden, wenn die Sonne sinkt. Dann strahlt der Himmel mit seinen Wolkengebilden in den herrlichsten Farben. Die Luft ist angenehm kühl, und über allem liegt eine tiefe Stille. Nur das Vogelgezwitscher jenseits der Mauer belebt die Abende. Wenn Torsten etwas hinter dem Fenster auf den Schemel steigt, kann er, ohne von dem Posten bemerkt zu werden, die Bäume betrachten. Die Birnen und Äpfel sind gepflückt; das Laub hat sich gefärbt. Eine große Rotbuche, die die Obstbäume weit überragt, liebt er besonders. Morgens, wenn er erwacht, gilt ihr sein erster Blick, abends, wenn die Dunkelheit sich über alles legt, sein letzter. Die Tage sind wieder lang und leer. Die Nachbarn begreifen sein Klopfen nicht. Auch kennt ihn keiner, also traut ihm auch keiner. In der ersten Zeit wandert er in der Zelle hin und her und freut sich am Licht, an den Wolken, am Vogelgezwitscher, an seiner Rotbuche. Dann aber beginnt ihn die Untätigkeit zu peinigen. Jeden Morgen kann er beobachten, wie einige Säle auf dem Hof antreten und in Arbeitskommandos eingeteilt werden. Die einen marschieren mit Schaufeln und Hacken zur Abbrucharbeit. Die andern fegen die Höfe, harken die Wege. Die Einzelhäftlinge sind zum Nichtstun verurteilt. Unendlich langsam schleichen ihre Stunden. Am letzten Oktobertag kommt Lenzer zu Torsten in die Zelle. 181 „Ab morgen bekommt ihr neue Wachtmeister! Zirbes und ich werden ausgetauscht!” „Das ist aber‘schade”, bedauert Torsten,„bekommen wir wenigstens einigermaßen gute Wachtmeister?” „Ich weiß nicht!” Lenzer verzieht sein Gesicht.„Verbessern werdet ihr euch wohl gerade nicht. Obertruppführer Meisel übernimmt die Station. Mit ihm Nußbeck. Na— ich seh’ mal hin und wieder rein, wie es euch geht. Gute Nacht!” „Gute Nacht, Herr Wachtmeister!” Am nächsten Tag führt sich Meisel ein. Den ganzen Tag läßt er sich nicht bei den Gefangenen sehen. Abends, beim Einschließen, sagt er zu keinem einzigen ein Wort. Jeder glaubt, Meisel sei mit der Station zufrieden, und ist froh, daß alles so lautlos und reibungslos abgeht. Völlig unerwartet beginnt, etwa eine Stunde nach dem Einschluß, ein wilder Lärm. In der ersten Zelle der Station fängt es an. Schmerzensschreie hallen durch den Korridor. Schimpfworte werden geschrien. Das Prügelkommando geht von Zelle zu Zelle. Torstens Sinne sind in den sechs Wochen Dunkelhaft außerordentlich geschärft worden; er vermeint, während der Mißhandlungen Frauen- stimmen zu hören. Jetzt prügeln sie in der gegenüberliegenden Zelle. Das Klatschen der Peitschen und das schaurige Geschrei werden unterbrochen von den Rufen:„Ihr Massenmörder!... Ihr Gesindel!... Ihr roten Strolche!...” Und nun hört Torsten deutlich eine Frau auflachen. Kein Zweifel mehr, an diesen Exekutionen nimmt eine Frau teil. Wer das wohl sein mag? Der Insasse in Torstens Nebenzelle wird durchgepeitscht. Er jault wie ein Hund und schreit nach jedem Schlag auf. Gleich werden sie zu Torsten in die Zelle dringen. Er merkt, wie sein 182 Puls heftiger schlägt, wie ein leises Zittern ihn überkommt. Er reißt sich zusammen. Die Nebenzelle wird abgeschlossen. Sie kommen. Plötzlich flammt das elektrische Licht in der Zelle auf. Der Schlüssel rasselt im Türschloß. Meisel, rot und erhitzt vom Prügeln, steht in der Tür. Neben ihm steht Teutsch. ,, Runter vom Bett!" Torsten steigt aus dem Bett. Dabei gewahrt er vor der Tür, neben einem SS- Posten mit Stahlhelm und Karabiner, ein junges Mädchen. ,, Bück dich!" schreit Meisel, der gegen Torsten knabenhaft klein wirkt. Torsten blickt auf die Tür und zaudert. Der bewaffnete Posten und das Mädel stehen im halbdunklen Korridor, aber Torsten sieht sie deutlich. Das Mädel ist klein und sehr schlank; das Gesicht ist schmal und zierlich. Klatsch! Torsten hat einen Peitschenhieb ins Gesicht bekommen. ,, Willst du dich bücken, du Schwein!" geifert Meisel und versetzt ihm einen zweiten Schlag über das Gesicht. ,, Bück dich, du Hund!... Bück dich!" Meisel und Teutsch schlagen gleichzeitig auf ihn ein. Da es in der Zelle eng ist, schlägt Meisel so, daß die Peitschenenden Torsten ins Gesicht klatschen. Er hält sich schützend die Hände vor die Augen. Krampfhaft preßt er die Kinnladen zusammen und verrät durch keinen Laut seine Schmerzen. Endlich halten sie ein. ,, Wenn ihr Hunde nicht pariert, passiert das jeden Abend!" schreit Meisel, knipst das Licht aus und wirft die Tür zu. Sie gehen eine Zelle weiter, in der sich das gleiche wiederholt. Torsten steht mit bloßen Füßen, nur mit dem Anstaltshemd bekleidet, in der Zelle, unfähig, etwas zu beginnen. So steht er 183 lange und horcht, wie ausnahmslos ein Gefangener nach dem andern ausgepeitscht wird... Vorsichtig, damit es nicht plätschert, läßt er dann kaltes Wasser in die Schüssel laufen und wäscht sich im Dunkeln kalt ab. Das lindert. Auch das Gesicht, das von den Hieben heiß und ge- schwollen ist, kühlt er mit kalten Umschlägen. Aus der Wachtstube hört er bis nach Mitternacht lautes Reden der Wachtmeister und das helle, lachende Kreischen eines Mädchens. Wenn der Rittmeister, todernst, die Hände auf dem Rücken, ein- sam und verbissen vor der Zellentür hin und her geht, lächeln die Gefangenen. Am Tage seiner Einlieferung hat er stundenlang kein Wort gesprochen. Was sie wissen wollten, mußten die Mit- gefangenen stückweise aus ihm herausholen. Aber je mehr sie erfuhren, um so neugieriger wurden sie. Besonders der alte Dietzsch interessiert sich für diesen Rittmeister. Immer wieder macht er sich an ihn heran. Der Speck, mit dem er ihn ködert und gesprächig macht, heißt: Kriegserlebnisse. Einen ganzen Nachmittag schwelgt er in Erinnerungen. Noch heute hat er jedes kleine Nest an der damaligen rumänischen Front im Gedächtnis; er erinnert sich jeder Station der Bahnstrecke Budapest- Bukarest, ebenso der Offiziere seines Bataillons, ihrer sozialen Stellung, ihrer Vorzüge und Nachteile. Der Rittmeister wird, ohne sich dessen recht bewußt zu werden, gesprächig. Er glaubt, eine ver- wandte Seele gefunden zu haben. In einer Ecke des Saales er- zählt er Dietzsch von der Schmach, die man ihm angetan hat. „Hätten sie mich geohrfeigt, getreten, ausgepeitscht, das über- windet man, das vergißt man. Aber den Schimpf, den mir dieser Kerl von Sturmführer angetan hat, den werde ich nie vergessen.- 184 können. Das wird mein Leben lang in der Brust brennen. Dafür werde ich als Offizier noch Genugtuung fordern!" Dietzsch hätte darauf viel zu erwidern; doch er schweigt. Der Rittmeister fährt fort. ,, Ich war Nationalsozialist, da gingen diese unreifen Burschen noch zur Schule. Ich habe mir vor Verdun meine Auszeichnungen erworben, da sind die meisten von denen, die uns heute als Helden entgegentreten, noch gar nicht auf der Welt gewesen, bestenfalls waren sie Wickelkinder. Und das spreizt sich jetzt und bläht sich auf... Wenn ich wieder draußen bin, werde ich an den General v. Mackensen schreiben, der kennt mich persönlich, der soll erfahren, wie es mir hier ergangen ist... Das laß ich nicht auf mir sitzen!" Am dritten Tage hat Dietzsch sein Ziel erreicht. Von den Fronterlebnissen sind sie auf die Politik gekommen. Dietzsch, Welsen, Schneemann, alle hören dem oppositionellen Nationalsozialisten aufmerksam zu. Der steife, stolze Rittmeister findet nichts Anstößiges mehr daran, unter Proleten von seiner politischen Anschauung zu sprechen. Sie sitzen rings um ihn, und er spricht langsam, scharf, akzentuiert und ein wenig überlegen, als spräche er zu Menschen, die seine Beweisführung von vornherein als Offenbarung aufzunehmen gewillt sind. ,, Natürlich muß Hitler versagen, das war schon vor Jahren vorauszusehen. Er hat sein eigenes Programm verraten und sich an Krupp und Thyssen verkauft. Was hat er bis heute dem deutschen Volke geboten? Goebbelssches Blendfeuerwerk, aber keinen Sozialismus. Sind die Banken verstaatlicht? Ist die Zinsknechtschaft gebrochen? Ist die Schande von Versailles getilgt? Nichts von alledem, nur Lug und Trug und der alte reaktionäre, 185 kapitalistische Trott hinter einer neuen Fassade; das ist ihr Drittes Reich." Viele Gefangene sehen überrascht auf. Das ist eine deutliche Sprache. Der Rittmeister scheint gar nicht so übel zu sein, mit dem läßt sich was anfangen. Welsen wartet auf den Pferdefuẞ der Rede. Er braucht nicht lange zu warten. Der Freiherr fährt fort: ,, Aber dem einfachen Manne in der Hitlerpartei und in der SA werden bald die Augen aufgehen, und dann wird der Nationalsozialismus auf seine alten, ideellen Ziele zurückgeführt, dann werden unter unserer Führung Breschen für den deutschen Sozialismus geschlagen, verlassen Sie sich darauf. Dann kommt die Volksgemeinschaft, die Hitler mit Konzentrationslagern und Massenhinrichtungen verhindert; die wir aber brauchen, wenn unser Volk nicht untergehen soll; die wir brauchen, wenn wir einer Welt von Feinden Trotz bieten wollen!" Der Rittmeister sieht sich erstaunt um: er blickt in lauter grinsende Gesichter. Es ist ein unangenehmes Grinsen, selbstbewußt und zugleich mitleidig. ,, Nur nicht so drängeln!" ruft lachend Kesselklein, vor euch wollen wir erst mal ein büschen ran!" Da wird der Rittmeister wütend. ,, Das glaubt ihr? Ach, ihr Armen, ihr wißt gar nicht, wie weit ihr noch davon ab seid. Und wenn der deutsche Sozialismus siegt, habt ihr verspielt, dann seid ihr überflüssig, direkt überflüssig. Ihr habt doch nur Chancen, solange der Kapitalismus diktiert. Ihr lauft blind herum, kennt nicht die Kräfte, die gegen euch sind, und seid vernarrt in euch selbst." ,, Oho!" lacht Welsen. ,, Nicht so hitzig!" ,, Warum regt dich denn das so auf!" meint lächelnd der alte Fuchs Dietzsch. ,, Liegt dazu ein Grund vor?" 186 Ein junger Arbeiter ruft: ,, Ihr seid doch nur eine zweite Garnitur des bankrotten nationalsozialistischen Ladens. Was ihr schon von ideellen Zielen schwafelt. Sage uns lieber, wie du zur Klassenkampffrage stehst? Was soll denn euer Viertes Reich für ein Monstrum sein?" ,, Ach, ihr Kommunisten!" Der Rittmeister fängt an zu schimpfen. Er ist vor Erregung und Ärger grün, seine grauen Augen schießen unruhig umher. ,, Was habt ihr Kommunisten denn in Deutschland zu bestellen? Handelt ihr aus deutschem Antrieb? Nein! Ihr seid ein außenpolitischer Aktivposten der russischen Sowjetunion; ihr handelt nach den Weisungen der russischen Politiker im Kreml." ,, Huh! Huh!" unterbricht ihn ein Gefangener ,,, dort sitzen ja die Weisen von Zion." Welsen wirft dem Sozialdemokraten Schneemann einen Blick zu, der mit einem verlegenen Lächeln quittiert wird. Fast denselben Einwand hat er, der Sozialdemokrat, gegen die Politik der deutschen kommunistischen Partei erhoben. ,, Gewiß, ihr seid mutige Kerle. Ich habe vor dem deutschen Arbeiter große Hochachtung. Euer Kampf gegen Hitler ist kühn und heldenhaft. Aber ihr seid letzten Endes doch nur Figuren für euch fremde Interessen. Internationale Verbrüderung! Schön und gut. Kann man aber das deutsche Volk opfern, damit es dem russischen Volk besser geht? Natürlich kann man das. Doch, nehmt es mir nicht übel, ich bin nun einmal ein Deutscher und wehre mich dagegen. So darf die internationale Verbrüderung nicht aussehen. Die Männer im Kreml sind klug, sie wissen genau, was sie wollen..." " Jawohl, das stimmt auffallend!" wirft Kesselklein ein. 11... Und nur zur Stärkung der sowjetrussischen Positionen in der Welt. Braucht die Sowjetunion an irgendeinem Punkt Ent187 lastung, werden die Proleten in den Streik oder auf die Barrikaden geschickt. Zum Wohle der russischen Sowjets fließt in allen Ländern und fließt ganz besonders bei uns in Deutschland wertvolles Arbeiterblut." Ein paar Gefangene sind aufgesprungen. Keiner grinst mehr; alle blicken erbittert auf den geifernden Rittmeister. Schneemann ergreift das Wort: ,, Ich habe einmal ähnliche Gedankengänge geäußert", beginnt er ,,, seitdem hab' ich oft darüber nachgedacht. Heute weiß ich, daß sie falsch sind. Warum? Weil wir keine engstirnigen Nationalisten sein müssen. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß wir zu einem Land stehen müssen, in dem die Arbeiterklasse herrscht! Selbst dann, wenn dem einen oder dem andern manches an den dortigen Verhältnissen nicht gefällt. Soviel ich weiß, spielt die Nationalitätenfrage bei Lenin eine große Rolle, und selbst im engen Bunde der Sozialistischen Sowjetrepubliken ist die nationale Selbstverwaltung und Selbstbestimmung garantiert. Darum stehe ich heute nicht mehr zu meinen früheren, reichlich kurzsichtigen Auffassungen. Nur bin ich der Ansicht, daß die Kommunisten auch in den einzelnen Sektionen diese nationale Selbstbestimmung pflegen sollten." Die Kommunisten blicken auf Welsen und Dietzsch. Von diesen erwarten sie die notwendigen Erwiderungen. Welsen fühlt die Blicke der Genossen; er weiß, sie erwarten jetzt, daß er dem Sozialdemokraten und dem Nazi die Grundprobleme des proletarischen Internationalismus erklärt. Aber Welsen schweigt. Er traut diesem Freiherrn von Borringhausen und Höltling nicht. Dietzsch versteht Welsens Schweigen nicht; er ließe lieber ihn sprechen, denn er fühlt sich seiner Sache nicht ganz sicher. Und tatsächlich widerspricht er sich schon nach den ersten Sätzen. 188 Sofort schnappt der Rittmeister zu. Und Dietzsch, der die ganze Verantwortung als Wortführer der Genossen auf sich fühlt, wird in seinen Ausführungen immer hitziger und verworrener. Kesselklein will ihm helfen, schimpft aber auch, anstatt zu diskutieren. Ali, der Jungkommunist, versucht den Rittmeister lächerlich zu machen. Die Aussprache wird zum Streit. Da geht die Zellentür auf. Welsen ruft: Achtung!" und die Gefangenen erheben sich von ihren Plätzen und nehmen Haltung an. Wachtmeister Meisel steht in der Tür, er sieht sofort, daß im Saal etwas nicht stimmt. Fast alle Gefangenen stehen um den Rittmeister. „ Höltling!" Der Rittmeister tritt vor. Schutzhaftgefangener von Borringhausen und Höltling!" ,, Meinetwegen auch!" Meisel verzieht geringschätzig den Mund. ,, Sie werden entlassen. Vorher aber sagen Sie mir, was Sie soeben mit den Gefangenen gesprochen haben. Verstanden?" ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" ,, Also packen Sie Ihre Sachen!" Kaum hat Meisel die Tür hinter sich geschlossen, dringen die Gefangenen auf den Rittmeister ein. 11 Wirst du es ihm sagen?" ,, Paß auf, das ist nur ein Trick von diesem Meisel, du wirst gar nicht entlassen, der, Erlöserengel' bringt doch die Entlassungen. Der Meisel will dich nur aushorchen!" ,, Du... du, verrat uns nicht! Hörst du?" ,, Aber hört mal, was traut ihr mir zu!" Der Rittmeister wimmelt sich alle Ermahner vom Halse. ,, So was kommt bei mir gar nicht in Frage!" 189 In aller Eile packen einige Gefangene ihm Bettzeug und Anstaltssachen zusammen und helfen ihm sich umziehen. ,, Du warst nur drei Tage im Lager!" sagt einer. ,, Vier! Vier Tage!" verbessert der Rittmeister. Vor Aufregung reißt er beide Schuhbänder ab. Ein Gefangener kniet vor ihm hin und knotet sie vorsichtig zusammen. Meisel öffnet die Tür. Der„, Erlöserengel" steht neben ihm. Da flüstert Kesselklein noch einmal: Also nicht singen!" Der Rittmeister verläßt ohne Gruß den Saal. Unter den Gefangenen herrscht spannungsvolle Unruhe. In den nächsten Minuten muß es sich entscheiden, ob der Rittmeister geschwiegen hat. Ali geht immer wieder an die Tür und horcht. Die Erregung hat auch Welsen ergriffen; er läuft vor der Tür auf und ab. ,, Er kommt!" flüstert Ali, der Schritte hört. Alle blicken auf die Tür. Meisel tritt ein. - ,, Achtung! A 1, Saal 2, belegt mit 37 Mann, drei Betten frei!" ,, Dietzsch!" Als habe jeder Gefangene einen Schlag erhalten, so zucken sie zusammen. Der alte Dietzsch tritt vor. ,, Sachen packen! Sie kommen in Einzelhaft! Aber ein bißchen flink, alter Bursche!" Meisel steht mit verschränkten Armen an der Tür und beobachtet die Gefangenen. Dietzsch rafft mit zitternden Händen seine Sachen zusammen. Kalt und sachlich erklärt Meisel: Wird hier noch einmal politisiert, so wird der ganze Saal verarscht!" An der Tür dreht Dietzsch sich um und ruft: ,, Auf Wiedersehn, Genossen!" Zum ersten Male verliert Meisel die Ruhe. 190 ,, Genossen?" schreit er." Genossen?" Und mit dem großen Zellenschlüssel schlägt er Dietzsch über den Kopf und ins Gesicht. Blutüberströmt taumelt der alte Mann durch den Korridor. Die ersten Novembertage sind kalt und regnerisch. Überraschend schnell sind die rauhen, stürmischen Herbsttage gekommen. Der Himmel ist bleigrau. Ein schneidender Ostwind schüttelt die Bäume. Der plötzliche Witterungswechsel wirft die Gefangenen um. Ohne Arbeit, ohne Bewegung, ohne ausreichende Nahrung und warme Kleidung ist ihr geschwächter Organismus nicht fähig, Trotz zu bieten. Eine Influenza wütet im Lager. Torsten kämpft um seine Gesundheit. Er weiß, daß die Haft doppelt schwer zu ertragen ist, wenn er erkrankt. Was seinem Körper in erster Linie fehlt, ist gutes Essen und Bewegung. Besseres Essen kann er sich nicht beschaffen, Bewegung aber kann er sich machen. Vier-, oft fünfmal am Tage treibt er Gymnastik. Abends ist er dann so erschöpft, als habe er schwere körperliche Arbeit verrichtet. Nachdem er das Teewasser so heiß wie möglich getrunken hat, wickelt er sich nach Nachteinschluß seine wollenen Socken um den Hals, eine Wolldecke stramm um den Leib und legt sich hin und schwitzt. So hält er sich die Influenza fern. Hunderte von Gefangenen jedoch erkranken. Ein Spital gibt es im Lager nicht. Das Lazarett des alten Zuchthauses haben die Gefangenen abbrechen müssen. Die Erkrankten liegen auf den Sälen oder bleiben in den Einzelzellen. Der Heildiener läuft von morgens bis abends wichtig durch die Stationen und verteilt an die Kranken Aspirin, Rizinusöl und weiße Pillen. Unter den Anfälligen befindet sich Kreibel. Wenige Tage nach Torsten ist auch er aus der Dunkelhaft genommen worden. Jetzt 191 liegt er auf der Pritsche seiner Einzelzelle mit entzündetem Hals und schmerzendem Schädel. Jeden Morgen und jeden Abend bekommt er eine Tablette Aspirin und zwei weiße Pillen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich in den Arbeitervierteln der Stadt die Kunde, daß eine Grippe- Epidemie im Konzentrationslager ausgebrochen ist. Die Angehörigen der Gefangenen stehen den ganzen Tag vor dem Lagertor. Die SS- Posten geben beruhigende Erklärungen; ihnen glaubt aber niemand. Die schimpfenden Frauen werden auseinandergetrieben; sie sammeln sich immer wieder in kleinen Gruppen, diskutieren, schimpfen, jammern und belagern das Tor, hinter dem ihre mißhandelten und kranken Männer und Söhne liegen. Da läßt die Lagerkommandantur in der Tagespresse erklären, daß, abgesehen von einigen Erkältungen, die in dieser Jahreszeit stets auftauchen, keinerlei Massenerkrankungen im Lager zu verzeichnen seien. Es sei noch kein einziger Gefangener an der Grippe gestorben. Die Ernährung sei ausreichend und die Behandlung einwandfrei. Wer anderslautende Gerüchte in Umlauf bringe, mache sich strafbar und komme ins Konzentrationslager. Torsten ist mit sich unzufrieden. Seit Tagen hat er sich vorgenommen, alle seine Kenntnisse über die russische Oktoberrevolution wachzurufen und ein großes Referat auszuarbeiten. Doch ihm fehlt die innere Ruhe, die Kraft, seine Gedanken zu konzentrieren. Das kalte, nasse Wetter drückt ihn nieder, nimmt ihm die Lust zur Arbeit. Stundenlang sitzt er auf dem Schemel, starrt in den farblosgrauen Himmel und horcht auf das Heulen des Windes. Seine hohe Rotbuche hinter der Gefängnismauer ist vom Sturm arg zerzaust; die Blätterpracht ist von den Zweigen gefegt, und die vielen kleinen, kahlen Verästelungen heben sich zart, wie Filigrane, vom Himmel ab. 192 Torsten entdeckt ein neues Spiel. Er findet in den Verästelungen der Buche Porträts, Landschaften, Karikaturen, Zahlen. Die kleinsten Andeutungen genügen; die Phantasie ersetzt das Fehlende... Eine kleine Brücke, über die eine altmodische Kutsche fährt... Ein niedersächsisches Bauernhaus mit einem runden Vollmond darüber... Feurige, kraftstrotzende Reiter, sie bewegen sich sogar, wenn der Wind in die Zweige fährt... Torsten sucht nach Zahlen, und wie er eine 3 findet, versucht er sie mit sich in Verbindung zu bringen. Wie lange noch? Drei Monate? Drei Jahre? Er sieht in den Ästen deutlich eine 9. Neun Monate oder neun Jahre? Neun Monate, das wäre im Juli nächsten Jahres. Im Juli... Zwischen diesen Spielereien und Träumereien rafft er sich auf und treibt Gymnastik, macht sein tägliches Pensum: fünfundzwanzig Kniebeugen, zwölf Liegestützen, zwölf Rumpfroller. Dann wirft er sich wieder, von den Anstrengungen der Gymnastik angenehm ermattet, auf seinen Schemel, träumt wieder in den Himmel, in das Astgewirr der Buche... ... Anna - wo wird sie sein, was wird sie anfangen?... Wie wird sie sich durchschlagen?... .. Tetzlin... Er hätte ihm nicht so kalt und abweisend antworten dürfen... Aber er war doch selber fast am Ende gewesen... Ach, auch Tetzlin hätte durchhalten sollen... Es war kein Verrat, Erpressung war es... ... Chemnitz. Ja, Chemnitz, dort wird bestimmt gearbeitet. Bestimmt. Die Genossen lassen nicht locker. Ob der große Ossig aus dem Eisenwerk noch immer die Zeitung macht?... Großartiger Bursche, dieser Metallarbeiter. Geschickt, klug und gewissenhaft... Und der alte Wiese, der Holzarbeiter mit der verkrüppelten Hand? Ob der noch Org- Leiter ist?... Und der schmächtige Bratsche, dem Noskesoldaten 23 ein Auge ausge13 Bredel, Prüfung 193 schlagen haben und der, seit sechs Jahren schon, die Z- Arbeit leitet... Die Elly, dieses kecke, resolute Geschöpf... Wie sie die Burschen des Jugendverbandes zu leiten wußte! Die Partei hat prachtvolle Menschen... Sie werden nicht alle vernichten, nicht alle entmutigen können... Dieser Reichsstatthalter Kaufmann muß ein besonderes Schwein sein. Läßt in seiner Anwesenheit mißhandeln. Und wie mißhandeln! Bürokratisch vorbereitete Bestialitäten... Der Ochsenziemer im Lederfutteral... .. Und dieser Heildiener, dieser Brettschneider?... Man wird nicht schlau aus ihm... Was kann er wollen? Sich auf die Zukunft rückversichern?... Jedenfalls glaubt er nicht alles widerspruchslos, was ihm vorgesetzt wird... Man muß mit ihm offener reden... Das nächste Mal... Ob sie ihn dieses Jahr noch im Lager lassen, oder ob er bald ins Untersuchungsgefängnis kommt?... Im UG kann man schreiben, rauchen, Bücher lesen, wird nicht miẞhandelt und darf täglich zwanzig Minuten auf den Hof... Ja, UG, das wäre eine feine Sache... Torsten sitzt auf seinem Schemel, das Gesicht gewohnheitsmäßig zum Fenster gerichtet. Ihn fröstelt. Er blickt in die Zweige der Buche. Deutlich sieht er wieder eine 3... Drei Jahre noch... Drei Jahre... Den jungen Kreibel machen sie kaputt. Dessen Widerstandskraft war doch schon fast am Ende. Ob er immer noch im Keller liegt? ... Das Klopfen ist doch eine herrliche Entdeckung... Ob die Genossen nebenan es nie begreifen? Soll er es nicht noch einmal versuchen? Er selbst hat es doch auch erst spät begriffen. Torsten will seine Klopfversuche erneuern. Da nahen Schritte, und die Zellentür geht auf. 194 Der Lagerkommandant, ein Mann in grauem Anzug und der Sturmführer betreten die Zelle. Der Wachtmeister bleibt draußen an der Tür. Langsam geht der Kommandant bis in die Mitte der Zelle auf Torsten zu. Seine Augen ruhen prüfend auf dem strammstehenden Gefangenen. Einige Sekunden stehen sich die beiden Männer wortlos gegenüber. Das Gesicht des Kommandanten ist noch aufgeschwemmter, noch wulstiger geworden. Die Augen sind in Fetthügel eingebettet. Das Kinn hat durch die fleischigen Backen an Energie und Männlichkeit verloren. Der Kommandant zieht die hervortretenden Lippen herunter und lächelt ein wenig. Wie fühlen Sie sich?" " 1 „ Gut!" ,, Haben Sie Beschwerden?" ,, Nein!" ,, Sind Sie krank?" ,, Nein!" Der Mann in Zivil tritt vor. Er ist klein und hager, hat ein zerknautschtes, gequältes Gesicht. Torsten denkt: Kriminalbeamter ... Kann aber auch Fettwarenhändler sein. Mit müden, schleppenden Worten sagt der Fremde zu Torsten: ,, So behandeln wir Sie. Was hätten Sie mit uns gemacht?" Torsten schweigt. Was ist das für ein Glas?" Er habe keinen Trinkbecher, erklärt Torsten, er benutze daher dieses Marmeladenglas. ,, Soso! Na, so arm sind wir nicht. Trinkbecher sind genügend vorhanden!" Der kleine, hagere Mann wendet sich an den Sturmführer. Hier kommt ein Becher her!" 13* Jawohl, Herr Präsident!" 195 Torsten zuckt zusammen. Präsident? Dies unscheinbare Kerlchen ist Präsident. Erregt sieht er in das gelangweilte, lederne Gesicht, in die ausdruckslosen, toten Augen. Das ist ein Präsident? Da darf er nicht länger zögern. „Herr Präsident, gestatten Sie eine Frage?” „Was haben Sie?” Der Lagerkommandant und der Sturmführer blicken unwillig auf Torsten. Der fragt mit fester Stimme: „Geschehen die Mißhandlungen im Lager mit Ihrem Einver- ständnis?” Es ist eisiges Schweigen in der Zelle. Lange blickt der Präsident dem wahnwitzigen Gefangenen in die Augen. Lange läßt er auf Antwort warten. Der Kommandant zieht die Lippen nach unten. Er grinst. Dusenschön kneift die Augen zusammen und nickt leicht mit dem Kopf. Das soll heißen: du Bursche wirst ja was erleben! „Ich weiß nichts von Mißhandlungen!” Nach dieser Antwort dreht der Präsident sich um und geht als erster aus der Zelle. Nach einem kurzen, bedeutsamen Blick folgt ihm der Kommandant. Dusenschön kann ein„Na warte!” nicht unterdrücken, wie er die Zelle verläßt. Auch zu Kreibel kommen die drei. Mit hohem Fieber liegt er auf der Pritsche. „Sie haben sich erkältet?" "„Jawohl!” Der Präsident schiebt sich ein wenig vor und fragt: „Gibt man Ihnen ärztliche Hilfe?” „Jawohl!” „So behandeln wir Sie. Was hätten Sie mit uns gemacht?” Der Präsident streift, als er sich abwendet und die Zelle ver- lassen will, das Gesicht des Sturmführers. Der verzieht den Mund 196 zu einem zustimmenden, devoten Lächeln. Sie verlassen die Zelle. Der Präsident ist von der mustergültigen Ordnung des Lagers überzeugt, er äußert nur noch den Wunsch, einen der Säle zu besuchen. Sie gehen auf die Station A 1. ,, Achtung!" schreit der Stubenälteste und meldet:„ A 1, Saal 2, belegt mit 37 Mann, drei Betten frei!- Sieben Mann an Grippe erkrankt!" ,, Sind Sie Arzt?" fährt der Kommandant den Stubenältesten an. ,, Nein, Herr Kommandant!" 11 Woher wissen Sie denn, daß die sieben an der Grippe erkrankt sind?" ,, Das hat der Heildiener festgestellt!" ,, Und Ihnen mitgeteilt?" „ Jawohl!" ,, Habt ihr irgendwelche Beschwerden?" ,, Nein!" antworten einige für den ganzen Saal. Der Präsident rafft sich zu einer zweiten Frage auf. 11 Werden die Kranken gut behandelt?" ,, Jawohl!" Der Präsident hebt den Zeigefinger und sagt mit müder, weinerlicher Stimme: ,, So behandeln wir euch. Was hättet ihr mit uns gemacht!" Dann verläßt er mit dem Kommandanten und dem Sturmführer den Saal. Auf dem Korridor drückt der Präsident dem Kommandanten für die erstaunlichen Leistungen seine Anerkennung aus. Sie schütteln sich die Hände, verbeugen sich. Auch dem Sturmführer wird ein Händedruck gewährt. 11 Wirklich ausgezeichnet! Ich weiß gar nicht, was die Kerle 197 haben! Aäh! Bis in unsere Kreise dringen Gerüchte und so. Kaum zu glauben. Aber tatsächlich, auf Ehre. Aäh!... Der Kommandant und sein Sturmführer geleiten den Präsidenten an seinen Wagen. ... Wirklich mustergültig. Man kann Ihnen nicht genug danken, Herr Kommandant. Ich bin überrascht. Unglaublich korrekt. Nein, wirklich, ausgezeichnet..." Weder der Kommandant noch der Sturmführer erwidern ein Wort. Erst wie der Wagen des Präsidenten davonfährt, sehen sie sich grinsend an. Und nachdem sich die schweren Torflügel hinter dem Wagen geschlossen haben, lachen sie laut heraus, ,, Das doofe Zittermännchen!" Der Kommandant braucht seinem Sturmführer gegenüber nicht zurückhaltend zu sein. Der charakterisiert den Präsidenten anders, er nennt ihn einen waschechten Reaktionär, mit einem Zopf hinten und einem vorn. ,, Aber", setzt er selbstbewußt hinzu ,,, mit dieser verknöcherten Sippschaft werden wir auch noch fertig!" Ellernhusen wirft ihm einen schnellen Blick zu. In seinen Augen ist ein Zug von Überlegenheit und Ironie... An diesem Abend haben einige Dutzend Gefangene Anlaß, darüber nachzudenken, was sie mit den Faschisten machen wollen, wenn sie die Macht erobert haben. - ,, Diese Schrecken mußten wohl kommen", sagt sich Torsten ,,, im deutschen Arbeiter war zu wenig Haß gegen seine Klassenfeinde. Ohne diese blutige Schule wäre im Proletariat schwerlich jene Verbiesterung entstanden, die nach einem Ausspruch Lenins nötig ist, um zu den Waffen zu greifen..., Was hätten Sie mit uns gemacht?' Schwer zu sagen. Was wir aber nun, nach diesen Erfahrungen mit ihnen machen werden, das braucht sich kein Arbeiter mehr lange zu überlegen!" - 198 Im Saal 2 ist lange über diese Frage diskutiert worden. Es gibt noch viele, die persönlich Rache üben, die Gleiches mit Gleichem vergelten wollen. Stundenlang wird die Frage debattiert: Werden wir unsere gefangenen Gegner mißhandeln? Laut und leiden- schaftlich erklären einige, Prügel, Dunkelhaft, Seelenfoltern— alles sollen die Faschisten selber zu spüren bekommen. August Möllner, ein parteiloser Arbeiter, entwirft den Plan, einen humanen Strafvollzug, wie er in der Sowjetunion besteht, ein- zuführen— für Mitglieder der NSDAP, der SA und SS und aller sonstigen faschistischen Organisationen jedoch den Straf- vollzug in Anwendung zu bringen, den sie selber gegen die Arbeiter eingeführt haben. Einige weisen darauf hin, daß das Prügeln eine rein negative Sache sei, daß Wichtigeres zu tun sein werde, als die Gegner zu quälen; daß es überhaupt nicht Kommunistenart sei, Menschen zu quälen; daß überdies ein großer Teil der proletarischen SA-Leute noch für den Klassen- kampf gewonnen werden müsse; daß man den Klassengegner wohl vernichten, aber nicht martern werde. Einer macht den Vorschlag, in dieser Frage eine Abstimmung vorzunehmen. Jeder bekommt einen kleinen Zettel, auf den er seine Ansicht schreiben soll. Die Zettel werden durch Ali verteilt. Dann wird nicht weiter über die Sache gesprochen. Manche überlegen lange, bevor sie den Zettel abgeben... Beim Abendessen erhebt sich Welsen. „Genossen, ich will euch das Resultat derAbstimmung mitteilen.” Mit einem Male ist jeder wieder neugierig. Alle Blicke hängen an Welsens Mund. „Von uns siebenunddreißig Genossen haben sich fünfunddreißig an der Abstimmung beteiligt. Dreiunddreißig Genossen haben für Erschießen, einer für Erhängen, einer für Totprügeln ge- stimmt.” S 199 Eine Weile herrscht Schweigen. Dann werden Witze gerissen. Jeder versucht, sein Erstaunen über dies Ergebnis hinter einem Witz, einer Bemerkung zu verbergen. Es ist, als fürchte sich einer vor dem andern, für zu human zu gelten. Jeder fühlt sich durchschaut. Die Wahl ist zu eindeutig... Welsen kann nicht einschlafen. Die Uhr an der Zuchthauskirche schlägt zehn. Drei Stunden wälzt er sich schon auf seinem Strohsack. Neben ihm atmen und schnarchen die Genossen. Welsen sieht im schwachen Schein der Notlampe über die Reihen der Pritschen hinweg. Auf jeder ein Genosse. Fast jeder ist grausam mißhandelt worden. Einige kommen aus Dunkelhaft und Einzelhaft. Dem jungen Walter Körning haben sie zwei Rippen gebrochen. Otto Stemmer hat heute, drei Wochen nach seiner Auspeitschung, noch Blut im Urin. Heinrich Elgenhagen, der einen Selbstmordversuch beging, um von den nächtlichen Miẞhandlungen erlöst zu werden, und rostige Nägel schluckte, leidet heute noch an schweren Magenblutungen. Den alten Dietzsch haben sie mißhandelt und in Einzelhaft geworfen... Von jedem weiß Welsen Entsetzliches... Und nur einer von ihnen allen will die Miẞhandlungen vergelten... Nur einer... Dreiunddreißig verabscheuen es... Dreiunddreißig sind hier hart geworden, unerbittlich aber nicht grausam... Welsen kann keinen Schlaf finden... Genossen!" möchte er schreien Genossen, ich liebe euch, liebe euch unendlich, und freue mich, zu euch zu gehören! Genossen, schämt euch nicht. Ihr habt recht: Bestien muß man totschlagen, aber selbst Bestien darf man nicht totquälen..." - 11 " I Oberscharführer Harms kommt aus der Wachtstube und will zur Treppe, die zum Gefängnishof führt, da hört er am andern Ende des Korridors ein leises ,, Pst! Pst!" Er dreht sich um -- 200 und sieht einen Gefangenen winken. Ist der Kerl verrückt? Er, geht auf ihn zu, um zu sehen, wer die Frechheit besitzt, ihn auf diese Art zu rufen. Er erkennt ihn jetzt: es ist sein Kalfaktor Kahlmann. Der aber macht plötzlich kehrt und rennt die kleine Wendeltreppe nach der oberen Station hinauf. Nun wird Harms erst recht stutzig. Was hat das zu bedeuten? Er ist für jemand anders angesehen worden, das ist klar. Wer hat zu den Gefangenen geheime Beziehungen? Wer steht mit ihnen auf derart vertraulichem Fuß?- Die ganze Art und Weise, wie sich der Gefangene verhalten hat, deutete auf dergleichen hin. Er steigt ebenfalls die enge Wendeltreppe nach A 2 hinauf. Auf dem Korridor arbeiten seine beiden Stationskalfaktoren. Möller fegt; Kahlmann putzt die Zellenschlösser. Harms geht auf Kahlmann zu. Deutlich sieht er, wie er seine Unruhe durch aufgeregtes Putzen und lautes Klappern mit dem Riegel verbergen will. Was sollte das bedeuten? Was hast du auf A 1 zu suchen?" Der Gefangene blickt verstört auf den Wachtmeister und schweigt. ,, Ich rate dir, zu antworten und die Wahrheit zu sagen. Andernfalls gibt es Arschvoll und Dunkelhaft. Also los, wen hast du da unten gesucht?" ,, Den Wachtmeister Lenzer!" ,, Lenzer? Was wolltest du von ihm?" Möller wirft seinem Kameraden einen warnenden Blick zu. Der zögert mit der Antwort und zittert vor Angst und Aufregung. ,, Los, los, antworte, Kerl! Was wolltest du von Lenzer?" ,, Der... der... nimmt unsere Tabakbestellungen an!" ,, Was für Tabakbestellungen? Tabakbestellungen sind doch gar nicht fällig? Und die nimmt doch auch Reimers an. Du Hund lügst!?" 201 Einen Augenblick überlegt Harms. Hier gehen seltsame Dinge vor. Er muß herausbekommen, was dahintersteckt. Er ruft den Wachtmeister König von A 3 herunter, informiert ihn kurz und geht mit ihm und Kahlmann nach der am Ende des Korridors liegenden Prügelzelle. Die Peitschen liegen in der Wachtstube oder in der Schule auf Station A 1. Harms will sie nicht holen, um nicht auf Lenzer zu stoßen. Er nimmt ein armdickes Tischbein. König hat ein Stück Schiffstau gefunden, ein Stück des Materials, das die Gefangenen zu Werg verarbeiten. Wie sie so ausgerüstet mit dem Gefangenen durch den Korridor gehen, fängt der an, zu jammern und zu betteln. ,, Nicht schlagen, Herr Wachtmeister! Bitte nicht schlagen! Ich habe bestimmt die Wahrheit gesagt! Ich wollte dem Wachtmeister Lenzer die Bestellungen des Saales geben! Wirklich, Herr Wachtmeister! Nicht schlagen! Bitte nicht schlagen!" ,, Halt deine Schnauze, Kerl!" 11 Warum wollen Sie mich schlagen, Herr Wachtmeister, ich habe nichts Unrechtes getan." Sie sind vor der Zelle angelangt. Harms schließt auf. Der Kalfaktor wird hineingestoßen. ,, So, Burr- sche, damit du erst einmal einen Vorgeschmack bekommst und bereit bist, uns die Wahrheit zu sagen. Bück dich!" ,, Herr Wachtmeister, ich..." ,, Du sollst dich bücken! Runter mit dir!" Der Kalfaktor zittert und bebt. Seine Augen sind unnatürlich geweitet und starren entsetzt auf das dicke Tischbein. Harms geht mit zusammengekniffenen Augen auf den Gefangenen zu, löst den Riemen seiner Revolvertasche und zieht seinen Mauser. 202 ,, Du willst dich widersetzen? Du willst dich widersetzen? Willst du dich bücken oder nicht?" Dem Wachtmeister König wird es ungemütlich. Das geht ihm zu weit. Der Gefangene braucht jetzt nur eine unbedachte Bewegung zu machen und Harms wird schießen. Er ist dann Zeuge einer unangenehmen Sache. Er will Harms am Rock zupfen, ihn vor einer Unüberlegtheit zurückhalten. Da bückt sich der Gefangene, und Harms steckt seinen Mauser ein. Er hebt das Tischbein und läßt es mit einem furchtbaren, dumpfen Schlag auf das Gesäß des Kalfaktors sausen. Ein entsetzlicher Schrei. Der Gefangene fährt hoch und taumelt mit offenem Munde. ,, Bück dich! Runter mit dir!" Mechanisch bückt sich der Kalfaktor wieder. Harms will abermals mit dem Tischbein zuschlagen, aber König fällt ihm in den Arm, nimmt ihm den Knüppel weg und gibt ihm sein Stück Schiffstau. Wie ein Besessener schlägt Harms nun drei-, vier-, sechsmal auf den Gefangenen ein. ,, So, und jetzt will ich die Wahrheit hören. Die reine Wahrheit. Sonst gnade dir Gott! Was wolltest du von Lenzer?" Eine ganze Weile ist der Mißhandelte unfähig, Antwort zu geben. Langsam sammelt er sich und stammelt: 11 Wachtmeister Lenzer. kauft für uns... Tabak ein... Ich... wollte ihm die Bestell... liste geben!" Harms und König sehen sich an. Harms strahlt vor Eifer; er hat begriffen: Lenzer steckt mit den Gefangenen unter einer Decke. Hier gehen Schiebungen vor sich. 11 Wann kauft Wachtmeister Lenzer für euch ein?" „ Jeden Tag!" ,, Nur Tabakwaren oder auch andere Sachen?" 203 " 1 , Gewöhnlich nur Tabak!" Gewöhnlich! Also auch anderes?" ,, Ja!" Harms blickt triumphierend auf König. Der ist sprachlos und gar nicht so erfreut, Zeuge dieser Enthüllungen zu sein. Lenzer ist ein guter Kamerad, ein wüster Schreihals zwar, aber im Kern anständig. König fragt: 11 Was soll denn das alles heißen?" ,, Nicht begriffen? Ist doch klar! Robert Lenzer steckt mit der Kommune zusammen. Kauft für sie ein. Besorgt für sie Bestellungen... Ich habe das schon immer vermutet. Dem Strolch habe ich stets mißtraut. Der Kommandant wird sich wundern!" ,, Das geht aber nicht aus der Aussage des Kalfaktors hervor. Er hat wohl nur für die Gefangenen mal' n paar Zigaretten besorgt!" ,, So siehst du aus! So harmlos gehn solche Sachen nicht vor sich. Siehst ja, wie weit es schon geht; es wird gepfiffen nach ihm... Übrigens", wendet er sich an den Gefangenen ,,, wo hast du die Bestelliste?" Kahlmann zieht aus der Innentasche seines Zuchthauskittels einen kleinen, verknitterten Zettel und gibt ihn Harms. - Der liest: ,, Sechs Pakete Brinkmann Stolz Ein Paket Heideblume Zehn Päckchen Zigarettenpapier Lloyd- Zigaretten Eine Zahnbürste." - - Acht Schachteln Harms faltet schmunzelnd den Zettel wieder zusammen und schiebt ihn in seinen Ärmelaufschlag. ,, Mach, daß du rauskommst. Wenn du ein Wort verlauten läßt, wirst du noch einmal verarscht. Dann aber gründlicher!" Der Gefangene rennt hinaus. ,, Der Lenzer tut mir, offen gesagt, leid. Der hat es am allerwenigsten verdient!" 204 11 Wie du redest?!" Harms staunt und blickt König forschend ins Gesicht. Der hat es nicht verdient? Was nicht verdient? Der macht mit den Gefangenen Schiebungen. Hast du es denn noch nicht begriffen?" ,, Na ja, das liegt ja ziemlich klar, aber... Was gedenkst du zu tun?" ,, Du bist wirklich merkwürdig. Was soll ich schon zu tun gedenken? Meldung machen, was sonst? Für den ist der Bart ab. Der hat seine Rolle bei uns ausgespielt... Oder bist du anderer Meinung?" ,, Nee... Natürlich muß man es melden!" Auf dem Wege zur Kommandantur überlegt Harms: wenn ich es gleich dem Kommandanten melde, ist es besser. Dusenschön fälscht es schließlich noch in seinen Erfolg um. Übergehe ich ihn aber, nimmt er es mir übel. Und was wird dabei rauskommen? Hoffentlich etwas mehr als eine Belobigung, mindestens doch ein Stern... Kommandant und Sturmführer sind nicht anwesend. Harms zögert. Soll er seine Entdeckung Harden und Riedel verraten? Klug wäre es nicht; aber er möchte sich zu gerne einem andern mitteilen. Dann aber siegt in ihm doch die Klugheit; er verläßt mit seinem Geheimnis die Kommandantur. Wachtmeister Meisel öffnet den Saal 1. Auf Anruf des Stubenältesten erheben sich die Gefangenen. Meisel bleibt an der Tür stehen und verkündet: ,, In einigen Minuten werde ich ein Pfeifsignal geben, dann habt ihr euch zu erheben und so lange strammzustehen, bis ich ein zweites Pfeifsignal gebe. Ganz Deutschland bekundet heute, am 9. November, am Tage des marxistischen Revolutionsverbrechens, 205 in einer Minute Gedenken seinen Willen zur Volksgemeinschaft!" Nach diesen Worten schließt er die Zellentür wieder zu und geht in den Saal 2. Müde, gelangweilt, eigenartig arrogant, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten gezogen, wiederholt er: ,, In einigen Minuten werde ich ein Pfeifsignal geben, dann erhebt ihr euch von den Plätzen und steht so lange stramm, bis ich ein zweites Pfeifsignal gebe. Ganz Deutschland bekundet heute, am 9. November, am Tage des marxistischen Revolutionsverbrechens, in einer Minute Gedenken seinen Willen zur Volksgemeinschaft!" In jede Einzelzelle zu gehen und sein Sprüchlein herzusagen, dazu ist er zu bequem; er stellt sich auf dem Korridor hin und brüllt durch die hohle Hand: ,, Achtung, Einzelhäftlinge, wenn ein Pfeifsignal ertönt, hat sich jeder unterm Fenster in strammer Haltung aufzustellen!" Dann geht er in den Keller, zu den Dunkelhäftlingen. Ein mattes elektrisches Licht bescheint die Steinwände und die dicken Eisentüren, hinter denen die Häftlinge in Einsamkeit und Finsternis liegen. Meisel stellt sich am Fuß der Treppe auf und schreit: ,, Achtung, Dunkelhäftlinge, wenn ein Pfeifsignal ertönt, hat sich jeder an der Stelle, wo das Fenster ist, in strammer Haltung aufzustellen!" Meisel hört, wie er die Treppen hinaufsteigt, die Wachtmeister der anderen Stationen gleichfalls die Gefangenen instruieren. Er sieht nach der Uhr. Noch sechs Minuten. Eine geniale Idee, denkt er, auf die Art jeden einzelnen zu zwingen, über die Volksgemeinschaft nachzudenken. Dieser Goebbels ist doch ein kluger Kopf. Einfälle hat der. Sogar die Feinde des Dritten Reiches werden gezwungen, die Volksgemeinschaft zu respektieren... 206 ,, Achtung!" schreit Meisel. Die Wachtmeister der einzelnen Stationen nehmen vor ihren Stuben Aufstellung. Meisel blickt unentwegt auf seine nach der Normaluhr an der Börse auf die Sekunde genau gestellte Uhr. Dann gibt er ein langes, gellendes Pfeifsignal. Die Wachtmeister geben sich einen Ruck, drücken die Hände an die Hosennaht und blicken starr geradeaus. Die Gefangenen auf den Sälen springen auf und stehen in strammer Haltung. Die Einzelhäftlinge haben sich unterm Zellenfenster aufgestellt und bleiben hier stramm stehen, denn jeder fürchtet, beobachtet zu werden. Die Dunkelhäftlinge haben sich an die Stelle begeben, wo das verdeckte Fenster ist. Sekunden nach dem Pfeifen hören die Gefangenen außerhalb des Lagers Sirenen ertönen, Dampfpfeifen aufkreischen, Kirchenglocken läuten. Heulen und Lärmen erfüllt die Luft. Regungslos stehen die Gefangenen auf ihrem Fleck und horchen. Die Einzel- und Dunkelhäftlinge grübeln, was das wohl zu bedeuten hat. Meisel, der wie hypnotisiert auf seine Uhr starrt, gibt ein zweites Pfeifsignal. Die Spannung in den Gliedern der Wachtmeister löst sich. Die Gefangenen begeben sich wieder an ihre Plätze. Die Einzelhäftlinge wandern in ihrer Zelle umher. Die Dunkelhäftlinge kauern sich in irgendeine Ecke ihrer Zelle und dösen vor sich hin. Wachtmeister Harms blickt nach dem zweiten Pfeifsignal schnell durch die Spione der Einzelzellen, um zu sehen, wie sich die Gefangenen nach der Kundgebung verhalten. Er sieht, daß Kreibel 207 auf der Pritsche liegt, und rennt nach unten, die lange Nilpferdpeitsche holen. Die Peitsche auf dem Rücken versteckt, betritt er Kreibels Zelle. ,, Hast du eben, wie es befohlen war, am Fenster gestanden?" ,, Nein, Herr Wachtmeister!" ,, Und warum nicht?" ,, Ich bin krank, Herr Wachtmeister!" 11 Was machst du, wenn du scheißen mußt?" Kreibel gibt ihm darauf keine Antwort. ,, Gehst du scheißen oder nicht? Jawohl, Herr Wachtmeister!" - Antworte!" ,, Also, dann kannst du auch aufstehen! marsch- marsch!" Kreibel kriecht von der Pritsche. - Raus aus dem Bett, ,, Raus auf den Korridor, marsch- marsch!" Kreibel ist noch nicht draußen, da schlägt Harms ihm schon mit der Peitsche über das Kreuz und schreit:„ Nach der Treppe, marsch- marsch!- Zurück, marsch- marsch!- Nach der Treppe, marsch- marsch!- Zurück, marsch- marsch!" Und jedesmal, wenn Kreibel an Harms vorbeirennt, saust die Peitsche. - ,, Hinlegen! Auf- auf, marsch- marsch!- Hinlegen!-Auf- auf, marsch- marsch! Hinlegen! Hinlegen!- Auf- auf, marsch- marsch!" - Wie von Sinnen rast Kreibel auf bloßen Füßen, nichts am Leibe als das Hemd, über den kalten, steinernen Korridor. Die Kiefer zusammengepreßt, die Fäuste geballt, daß sich die Fingernägel ins Fleisch eingraben, wirft er sich hin, springt er auf und rennt weiter. Immer wieder. Immer wieder. Endlich schreit Harms: ,, In die Zelle, marsch- marsch!" 208 Kreibel rennt an ihm vorbei. Noch einmal schlägt Harms ihm mit voller Wucht das knotige Ende der Peitsche über den Rücken. ,, Auch dir werden wir Disziplin und Sinn für Volksgemeinschaft beibringen!" Nachdem Harms die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hat, schleicht er auf den Stiefelspitzen an die Tür zurück, schiebt leise den Deckel vom Spion und blinzelt in die Zelle. Er sieht, wie Kreibel sich Rücken und Beine befühlt, sieht die dunklen Flecke und Striemen an seinem Körper. Leise, auf den Stiefelspitzen, entfernt er sich wieder. Eine Stunde später, um ein Uhr, stürmt Wachtmeister Nuẞbeck, Meisels Ablösung, in die Wachtstube. Er ist begeistert. ,, Menschenskind, ich kann dir sagen, unvergeßlich. Einfach unvergeßlich! Ich bin extra in die innere Stadt gefahren, weißt du. Und als die Sirenen ertönten, die Kirchenglocken läuteten, im Hafen alle Dampfpfeifen auf einmal ein Höllenkonzert machten, da blieben die ganzen Menschen stehen, wie elektrisiert. Straßenbahnen, Autos, Rollwagen, Radfahrer, alles hielt, wo es stand. Kinder und alte Mütterchen, Erwerbslose, Kaufleute, die gerade aus der Börse kamen, alle standen wie angewurzelt die eine Minute auf der Straße. Etwas Erhebendes lag in dieser Kundgebung, kann ich dir sagen, etwas unerhört Erhebendes!" ,, Herr Kommandant, was machen wir mit diesem Torsten?" Der Lagerkommandant Ellernhusen lächelt und überlegt. Der Sturmführer blickt ungeduldig auf ihn, er wartet auf Antwort. ,, Wir könnten ihn wieder in Dunkelhaft werfen?" schlägt er vor. 14 Bredel, Prüfung 209 Der Kommandant gibt immer noch keine Antwort. Breit und schwerfällig sitzt er an seinem Schreibtisch und überlegt. „Warum halten wir uns überhaupt mit solchen Leuten lange auf?” 2 Da blickt der Kommandant auf und sieht Dusenschön ins Ge- sicht. . „So einfach ist das nun alles nicht!”| „Ich bin für vereinfachtes Verfahren!” „Sturmführer, man kann nicht immer tun, was man möchte!” Ellernhusen erhebt sich. Er ist fast um einen Kopf größer als Dusenschön. „Beispielsweise die AngelegenheitKoltwitz gefällt mir gar nicht... Nicht wegen dem Juden, die Juden müßte man, wenn es ‚nach mir ginge, ausrotten wie Ungeziefer; es geht um etwas anderes... Dieser Koltwitz hat für seine Entlassung hunderttausend Mark Kaution anbieten lassen... Verhandlungen zwischen seinem Rechtsanwalt und der Stapo waren im Gange— da erhängt sich das Schwein... Das hätte man verhindern müssen, Sturm- führer... Hunderttausend Mark sind eine hübsche Summe, die man dem Juden hätte abknöpfen müssen... Wenn ihm dann hinterher draußen etwas Menschliches zugestoßen wäre, mein Gott, das wäre dann was anderes gewesen... Übereile kann auch schaden...” „Wir können nun kaum verhindern, daß sich einer erhängt!” Der-Kommandant, der während seinen Worten langsam ans Fenster geschritten ist, dreht sich um und lächelt den Sturm- führer überlegen an. „Ich habe mir berichten lassen, wie es um den Juden stand, wie er aussah, als man ihn ins Krematorium schaffte... Na ja, das ist nun einmal geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen!" 210 4 i | Sturmführer Dusenschön muß an sich halten. Er möchte den Kommandanten darauf aufmerksam machen, daß ihm noch vor wenigen Wochen die Behandlung der Gefangenen zu human gewesen ist. Woran sollte er sich denn eigentlich halten? Es brennt ihm auf der Zunge, dem Kommandanten zu sagen, daß ihn das Leben als Lagerverwalter, Beamter, als Büromensch zu langweilen beginnt; aber er denkt an die dreihundert Mark Gehalt, schluckt seinen Unwillen hinunter und schweigt. Ellernhusen gefiel ihm längst nicht mehr so gut wie damals, als er an der Spitze des Marinesturms durch die Wohnviertel der Roten zog. Damals war er ein Mann, ein Soldat mit Kameradschaftsgeist und Todesverachtung. Den Sturmführer Ellernhusen, den Standartenführer Ellernhusen, den hat er verehrt, für den wäre er in den Tod gegangen. Der Staatsrat Ellernhusen ist feist und bequem, hat alles Soldatische verloren; er ist ihm merkwürdig fremd geworden. Dusenschön blickt auf den Kommandanten, der ihm den Rücken zuwendet und auf den Gefängnishof sieht, mit Trauer. So blickt man einer erloschenen Liebe, einer zersprungenen Freundschaft nach. Empfindungen, die seit langem in ihm sind, über die er sich nur nie ganz klar geworden ist, in diesem Augenblick erkennt er sie: der Kommandant und er gehören nicht mehr zusammen. Bürokratische Sachlichkeit ist an Stelle soldatischer Kameradschaft getreten. Dem Sturmführer kommt das Schweigen im Zimmer dumm vor. Er überlegt, wie er, ohne den Kommandanten zu brüskieren, abtreten kann, da klopft es. Der Kommandant dreht sich um und ruft: ,, Herein!" Oberscharführer Harms tritt ein. ,, Herr Kommandant, ich habe eine wichtige Meldung zu machen!" ,, So- o? Also, was gibt's?" 14* 211 Harms hat lange herumgeschnüffelt, bis er herausspioniert hat, wann der Sturmführer beim Kommandanten ist. Es beiden auf einmal mitzuteilen, scheint ihm die glücklichste Lösung zu sein. ,, Herr Kommandant, ich habe herausbekommen, daß der SSMarinesturm- Mann, Wachtmeister Robert Lenzer, mit der Kommune zusammenarbeitet!" Harms macht eine Pause, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Der Kommandant blickt den Sturmführer an und dann den Oberscharführer. Er ist gar nicht sonderlich erstaunt; er denkt: dieser Oberscharführer gefällt mir. Nettes Gesicht. Hat allem Anschein nach Bildung. Scheint aus gutem Hause. 11 Wa- as?" stößt Dusenschön zweifelnd hervor.„ Der Lenzer? Der Robert Lenzer? Wissen Sie das genau?" Der Sturmführer ist doch eigentlich, wenn man ihn recht betrachtet, ein Tolpatsch, denkt der Kommandant weiter und betrachtet ihn, er ist plump und ungeschickt. Der könnte heute nicht mehr Sturmführer werden. Die Zeit, wo derartige Typen Karriere machten, ist vorbei. Was kann er eigentlich? Er hat keinen Sinn für das im Augenblick Notwendige, keine Beweglichkeit; bis zum heutigen Tag ist er der sture Sturmabteilungsmann geblieben, ohne Verständnis für die sich ständig ändernden politischen Situationen. Dusenschön wundert sich, daß den Kommandanten die Angelegenheit mit Lenzer nicht aufzuregen scheint, er tritt einige Schritte vor und fragt: ,, Gestatten Sie, Herr Kommandant, daß der Oberscharführer die Beweise seiner Behauptungen vorträgt?" ,, Ja, natürlich! Erzählen Sie, Harms!" ,, Durch den Kalfaktor auf meiner Station habe ich erfahren, daß der Wachtmeister Lenzer täglich Rauchwaren, aber auch andere Sachen, ins Lager schmuggelt. Ich bin von dem Kalfaktor irr212 tümlicherweise für Lenzer gehalten und auf Station A 1 angerufen worden. Er hat diesen Bestellzettel bei sich gehabt, den wollte er Wachtmeister Lenzer übergeben!" Harms überreicht dem Kommandanten den kleinen, zerknitterten Zettel. Der wirft einen kurzen Blick darauf und legt ihn auf seinen Schreibtisch. Er fragt:" Und weiter?" ,, Das ist der Tatbestand, Herr Kommandant!" Eine ganze Weile sagt der Kommandant gar nichts, dann schreit er plötzlich: ,, Schweinerei! Eine Riesenschweinerei!" Er blickt Dusenschön vorwurfsvoll an. Wie ist so etwas bloß möglich? Aber ich habe Ähnliches längst erwartet... Oberscharführer, Sie machen mir einen schriftlichen Bericht zur Weitergabe. Bis dahin, Mund halten. Vor uns liegt die Wahl; mir erscheint es nicht ratsam, vor der Wahl Unruhe unter die Leute zu bringen... Verstanden?" ,, Jawohl, Herr Kommandant!" ,, Sie können gehen!" Harms schlägt die Hacken zusammen, macht eine exakte Kehrtwendung und verläßt das Zimmer. ,, Sie haben nie etwas bemerkt?" fragt der Kommandant den Sturmführer. ,, Nein, Herr Kommandant!" Dusenschön schlägt das Herz bis zum Halse. Er fühlt, wie ihm das Blut in den Kopf schießt. Was hat der Kommandant? Warum macht er ihn für alles verantwortlich? Was soll dieser vorwurfsvolle Ton? ,, Herr Kommandant, solche Verrätereien hat es immer gegeben, früher noch mehr als heute!" ,, Sind Sie von Sinnen, Sturmführer?" Der Kommandant schnaubt Dusenschön wütend an. ,, Früher waren wir die Schutzformation einer Partei; heute sind wir die Schutztruppe des Staates. Es gibt 213 heute eine absolute militärische Disziplin und Standgerichte, wenn gegen diese Disziplin vergangen wird. Muß ich Ihnen das alles sagen?" sogar Dusenschön erwidert nichts. Wie ein Schlag ins Gesicht treffen ihn die Worte: 11 Gehen Sie! Ich möchte allein sein!" Den ganzen Tag hat Dusenschön sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Abends macht er einen Rundgang durch das Lager. Im A- Flügel des alten Zuchthauses stößt er auf Meisel, Teutsch und Nuẞbeck, die mit Peitschen und Ochsenziemern Einzelhäftlinge aufsuchen. Dusenschön schließt sich ihnen an. Wie ein Irrsinniger schlägt er auf die Gefangenen ein. Walter Kreibel liegt mit hohem Fieber auf seiner Pritsche. Der Heildiener hat ihm erlaubt, so zu liegen, daß sein Blick das Zellenfenster trifft. Den ganzen Tag starrt er in das winzige Stückchen Himmel zwischen den Gitterquadraten. Wenn er sich ein wenig aufrichtet, kann er die Wipfel der herbstlich kahlen Bäume jenseits der Gefängnismauer sehen. Er richtet sich oft auf. Nie hat er vor Gefängnis und Zuchthaus Furcht gehabt. Daß es aber so hart sein kann, das hat er nicht gewußt... Einer, der nie in Dunkelhaft, der nie in beschäftigungsloser Einzelhaft saẞ, selbst ein Gefangener, der nur Gemeinschaftshaft kennt, kann sich keine Vorstellungen machen, welche Seelenfolter das ist... Was es bedeutet, allein, hilflos, solchen Wachtmeistern ausgeliefert zu sein. Wird ein Gefangener auf dem Saal mißhandelt, so können seine Kameraden auch nicht helfen; aber das Bewußtsein, daß sie bei ihm sind, daß sie es sehen, daß die Genossen ihm hinterher mitfühlende Worte sagen werden, das schon hilft viel zu ertragen. Aber immer allein... Immer allein, das ist entsetzlich schwer... 214 Jetzt kommt der Winter. Es wird kalt zwischen diesen Steinwänden werden... Und wenn dann der Frühling kommt... Wenn die Sonne wieder wärmer wird, die Bäume und Sträucher zu grünen beginnen... Mein Gott, warum muß denn gerade er diese Prüfung ohne Ende durchmachen?... Dumm war er. Er hätte sich auch gleich in Sicherheit bringen sollen, wie andere... Die sitzen jetzt in Kopenhagen oder Apenrade, sind freie Menschen, haben Frauen um sich... Erich Blenker sitzt vielleicht in diesem Augenblick im Café oder im Kino... Kurt Diekmann hat sicher eine kleine Freundin bei sich... Die waren klüger als er... Sollte er die Freiheit wiedererlangen, wird er gescheiter sein. Jetzt sollen erst mal andere ihren Buckel hinhalten... Jawohl, jetzt sind die an der Reihe, die sich bisher zu drücken gewußt haben... Ilse wird sehr damit einverstanden sein, wenn er sich mehr um das Haus und die Familie kümmert... Und der kleine Fritz.... Wie wächst der überhaupt heran?... Keine Erziehung, keine richtige Pflege; er hat sich um das Kind kaum gekümmert... Das wird jetzt anders werden... Auf dem Sofa liegen können... den Jungen auf sich herumklettern lassen... dem Radio zuhören... die Zeitung lesen... Ach, man ist doch so bescheiden... Schritte nahen. Kreibel merkt, daß jemand durch den Spion blickt. Die Zelle wird geöffnet, und im weißen Kittel tritt der Heildiener ein. ,, Na Kreibel wie geht's?" - ,, Etwas besser, Herr Heildiener!" ,, Na, sehen Sie! Sie wollten schon den Mut verlieren!" Er tritt an die Pritsche und legt seine Hand auf die Stirn des Kranken. ,, Aber immer noch Fieber! Machen Sie keine Sachen!" 215 Er zieht Kreibel das eine Augenlid hoch und läßt ihn den Mund aufmachen. „Das wird bald wieder in Ordnung sein.— Hier sind noch drei. Pillen, falls Sie keinen Schlaf finden.— Und wenn sonst was ist, ruhig die Klappe ziehen und nach mir verlangen.” „Jawohl, Herr Heildiener!” „Man hat Sie doch nun in Ruhe gelassen, nicht wahr?” „Jawohl!” „Viel schlafen! Sie müssen so viel wie möglich schlafen!— Ich seh’ morgen wieder rein!” Brettschneider verläßt die Zelle und geht nach Station A 1. „Robert!“ ruft er in die Wachtstube.„Wieviel Kranke hast du?” „Drei!— Die Zellen sieben, elf und dreizehn!” „Sieben, elf und dreizehn!” wiederholt der Heildiener und geht den Korridor entlang. Die drei Gefangenen liegen auf den Pritschen. Der eine, Schmidt, klagt über Ohrenschmerzen. Der Heildiener verteilt Pillen und macht sich Notizen. Bevor er aber die Station verläßt, schließt er die Zelle auf, in der Torsten liegt. Torsten steht am Fenster und meldet. „Na, Torsten, Sie mit Ihrer Bärennatur sind natürlich gesund, was?” „Jawohl, Herr Heildiener!” „Und Ihr Magen ist auch in Ordnung?” „Es geht, Herr Heildiener!” Brettschneider wirft einen Blick auf den Korridor. Keiner ist zu sehen. Lenzer sitzt in der Wachtstube. „Torsten, ich habe eine Frage.... Ihr Marxisten behauptet doch, der Staat ist immer ein...na... ein Herrschaftsinstrument einer Klasse... Ist das richtig gesagt?” 216 ,, Der Marxismus behauptet", erklärt Torsten, daß der Staat immer das Herrschaftsinstrument einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen Klasse ist!" ,, Ja, richtig, so stand es auch in dem Buch... Ich habe nämlich durch Zufall ein Buch von Lenin über den Staat in die Finger bekommen... Aber diese Behauptung ist doch reichlich oberflächlich, denn... der nationalsozialistische Staat, ist der nun auch das Herrschaftsinstrument einer Klasse?" ,, Aber natürlich!" ,, Der kapitalistischen Klasse meinen Sie, nicht wahr?" ,, Freilich!" Der Heildiener geht wieder an die Tür und wirft einen Blick auf den Korridor. ,, Das stimmt doch aber nicht... Den Kapitalisten ist das Dritte Reich eine verdammt unangenehme Sache. Sie müssen mit den Arbeitern gemeinsam den ersten Mai feiern und den Feiertag sogar bezahlen. Sie können keine Löhne kürzen, wie sie es sicher gerne täten, der nationalsozialistische Staat hat Treuhänder der Arbeit ernannt, die über die Lohnpolitik der Unternehmer wachen und die gerechten Ansprüche der Arbeiter schützen. Der Arbeiter steht im Mittelpunkt unseres ganzen Aufbauprogramms. Noch nie ist der Arbeiter so geehrt worden. Noch nie wurden dem Arbeiter solche Rechte eingeräumt wie im Dritten Reich. Mir scheint, nach der Auffassung der Marxisten müßte der Staat heute eher ein Herrschaftsinstrument der Arbeiter sein." ,, Herr Heildiener, die wirtschaftliche Grundlage der kapitalistischen Klassenherrschaft ist das Privateigentum; die wirtschaftliche Grundlage der proletarischen Klassenherrschaft ist der Sozialismus. Hätte das Dritte Reich das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufgehoben und eine sozialistische Planwirt217 schaft eingeführt, dann könnte man von einer Herrschaft der Arbeiter sprechen. Aber es war unsinnig, dergleichen jemals zu erwarten. Adolf Hitler und die NSDAP sind mit der Großindustrie und dem Finanzkapital verbündet. Da ist es doch selbstverständlich, daß die besitzende Klasse unangetastet bleibt. Und die Arbeiterschaft? In Wahrheit beraubt Hitler sie der paar Rechte, die vom achtzehner Jahr übriggeblieben sind." Der Heildiener lacht: Hoho! Herr Agitator! Vorbeigeschossen. Am Sonntag wird das deutsche Volk wählen, ob es von Adolf Hitler oder von einem andern regiert werden will. Sonntag ist Volksabstimmung. Wo, sagen Sie mir, gibt es in der Welt eine Regierung, die es wagen könnte, so wie Adolf Hitler an das Volk zu appellieren? Etwa in der Sowjetunion? Etwa in Österreich? Hitler kann es riskieren, denn er weiß, daß das Volk in seiner überwältigenden Mehrheit seiner Politik zustimmt." Torsten ist in der Tat überrascht. Volksabstimmung ist am Sonntag? ,, Hitler wollte sich doch erst in vier Jahren an das Volk wenden?" ,, Ursprünglich ja, aber er läßt es schon im ersten Jahr entscheiden!" ,, Das scheint mir aber kein Ausdruck der Stärke, sondern vielmehr ein Symptom seiner Schwäche zu sein. Sicher ein großangelegtes Manöver, um die Massen von unangenehmen Problemen abzulenken. Ich kann es natürlich von hier aus nicht übersehen." ,, Natürlich, hab' ich ja gewußt, daß Sie hinter jeder Maßnahme der Regierung eine Schurkerei vermuten. Hier trennen sich eben unsere Auffassungen. Ich habe unbegrenztes Vertrauen zu Adolf Hitler. Der Mann wird auch weiter das Richtige tun!" 218 ,, Herr Heildiener, Sie müssen..." 11 Schon gut, ich seh' schon, ich habe mich viel zu lange aufgehalten." Die nachfolgenden Tage beschäftigt Torsten nur die eine Frage: wie kann ich den Heildiener beeinflussen? Aus gefühlsmäßigen und konjunkturellen Gründen ist der zu Hitler gekommen, das ist klar. Aber er beginnt politisch zu denken. Stößt auf Probleme und Zusammenhänge, die er nicht durchschauen kann. Da muẞ man unbedingt nachhelfen. Frage für Frage wirft Torsten auf und versucht sie in der klarsten und verständlichsten Art zu beantworten. Und ungeduldig wartet er auf einen neuen Besuch des Heildieners. Am Sonnabendnachmittag rast Wachtmeister Lenzer von Zelle zu Zelle und schließt die Türen auf. Dann schreit er: ,, Einzelhäftlinge! Raustreten!" Fast gleichzeitig kommen die Gefangenen aus ihren Zellen. Erstaunt sehen sie sich um; sie wissen nicht, was das zu bedeuten hat. Torsten betrachtet seine beiden Nebenmänner. Der links von ihm ist ein alter, hinfälliger Mensch mit riesigen Bartstoppeln und kahlen Flecken im Haar. Sein rechter Nebenmann ist ein langer Kerl mit schmalem Gesicht und einer Brille. Er steht vornübergebeugt und macht einen kranken, gebrochenen Eindruck. Die meisten Gefangenen haben lange Bartstoppeln. Unbeholfen stehen sie vor ihren Türen und schielen auf ihre Nebenmänner. Einige grinsen verlegen. In den zu langen oder zu kurzen schwarzbraunen Zuchthauskleidern sehen sie kläglich und verlottert aus. 219 ,, Mal herhören!" Wachtmeister Lenzer steht mitten auf dem Korridor und läßt den großen Zellenschlüssel in seiner Hand hin- und herschwingen. ,, Morgen ist Volksabstimmung, und die Regierung hat beschlossen, daß auch ihr mit abstimmen könnt. Ihr seid ja schließlich keine Verbrecher, sondern nur politische Gegner und besitzt noch die bürgerlichen Ehrenrechte. Eine Ausnahme wird nur gemacht, wenn ein Schutzhaftgefangener Anklage wegen Mord zu gewärtigen hat. Ist einer unter euch wegen Mord hier? Jonni, wie ist das mit dir?" ,, Mord? Nee!... Mi wüllt se Beihilfe tum Mord andreihn!" ,, Dann wirst du wohl nicht mitwählen können. Bei der Wahl handelt es sich um folgendes: Deutschland ist aus dem Völkerbund ausgetreten. Der Völkerbund will Deutschland weiter unterjochen; aber Adolf Hitler ist dagegen. Darum ist er aus dem Völkerbund ausgetreten. Nun hetzt die ganze Welt gegen Deutschland und behauptet, Adolf Hitler tyrannisiere das deutsche Volk. Das Volk soll morgen entscheiden, ob es mit den Maßnahmen der Regierung einverstanden ist. Gleichzeitig wird eine neue Regierung unter der Führung Adolf Hitlers gewählt. Jeder muß also zwei Stimmzettel ausfüllen. Ich will euch ganz offen sagen, daß ich es persönlich für großen Quatsch halte, daß man euch abstimmen läßt. Ihr werdet befragt, ob ihr mit den Maßnahmen der Hitler- Regierung einverstanden seid. Natürlich seid ihr nicht einverstanden, denn so zuvorkommend werdet ihr hier ja gerade nicht behandelt. Aber die Herren oben wollen es so, und ihr Wille sei ihr Himmelreich. Ihr habt mich verstanden, nicht wahr?" ,, Jawohl!" knurren einige. Torsten muß über die seltsame Rede des Wachtmeisters lächeln. Da kein Gefangener Fragen stellt, meldet er sich. 220 ,, Wird in den Zellen gewählt oder in einem andern Raum?" Wie gewählt wird, weiß ich selbst nicht. Aber das Wahlgeheimnis wird natürlich nicht angetastet; jeder kann ohne Furcht wählen, was er für richtig hält... Und jetzt: in die Zellen, ihr Mistbienen, marsch- marsch!" Im Nu sind sämtliche Gefangenen in ihren Zellen verschwunden. Lenzer jagt von Tür zu Tür und schließt ab. Gegen Abend werden die Gefangenen der Säle A 1 und 2 in den Schulraum geführt. Es ist ein großer, quadratischer Raum mit nach hinten schräg ansteigenden Bänken. An jeder Bankreihe steht ein SS- Mann. Hinter der Rückenwand der Sitze postieren sich ebenfalls SS- Wachtmeister. Vor den Bänken, neben einer Schiefertafel, um einen kleinen Tisch stehen Sturmführer Dusenschön, Obertruppführer Meisel, Oberscharführer Harms und einige SS- Wachtmeister. Dusenschön wendet sich an die Gefangenen. ,, Wenn Achtung gerufen wird, erhebt sich alles von den Plätzen!" Vorsichtig zwinkern sich die Gefangenen der verschiedenen Säle zu. Zeichen können sie sich nicht geben; die Wachtmeister passen zu scharf auf. Daß aber Gefangene verständnisinnige Blicke austauschen, können sie nicht verhindern. ,, Achtung!" Mit einem Ruck erheben sich die Gefangenen. Die Wachtmeister erheben den Arm zum Hitlergruẞ. Der Kommandant und ein Mann mit auffallend großem Unterkiefer betreten den Raum. Der Kommandant winkt ab. Dusenschön ruft: ,, Setzen!" Die beiden Herren nehmen am Tisch Platz. Dusenschön stellt sich in eine Saalecke und beobachtet die Gefangenen. 221 Der Kommandant legt die braune Mütze auf den Tisch und erhebt sich. ,, Herr Senator von Allwörden wird Ihnen einen kurzen Vortrag halten, damit Sie wissen, um was es sich handelt, wenn Sie morgen abstimmen!" Senator von Allwörden erhebt sich und tritt vor. Die Wachtmeister reißen die Arme hoch und rufen:„ Heil Hitler!" Die Gefangenen bleiben regungslos auf ihren Plätzen sitzen und schweigen. ,, Deutsche Volksgenossen! Ihr wundert euch vielleicht, daß ich euch mit diesen Worten anrede; seid ihr doch zur Sicherheit des neuen Reiches in Schutzhaft genommen worden. Aber ich sage ganz bewußt: deutsche Volksgenossen; denn wir Nationalsozialisten wissen, daß Deutschlands ärmster Sohn sein treuester und bester ist, und daß in der deutschen Arbeiterschaft und besonders in der von falschen Führern verhetzten, marxistischen Arbeiterschaft die wertvollsten Teile deutschen Volkstums vorhanden sind. Sie sind zwar unter volksfremdem Unrat verschüttet, aber wir wissen, der Zeitpunkt ist nicht fern, wo auch ihr erkennen werdet, daß der Nationalsozialist kein Feind der Arbeiter, sondern sein treuester Vorkämpfer ist; daß der nationalsozialistische Staat kein Staat schrankenloser Ausbeutung der werktätigen Massen, sondern ein Staat des gesunden Ausgleichs aller schaffenden Stände ist. Weil ihr heutigen Schutzhaftgefangenen also die nationalen Sozialisten der Zukunft seid, darum rede ich euch mit Volksgenossen an." Die SS- Wachtmeister beobachten scharf die Gesichter der Gefangenen. Die sitzen auf ihren Plätzen und rühren sich nicht; die Gesichter sind wie versteinert; keiner verzieht eine Miene. 222 Auch der Kommandant betrachtet Gesicht für Gesicht. An einige erinnert er sich von Vernehmungen her. Wie die Kerle da- sitzen, denkt er, verstockt und unbelehrbar. ‚n.. und der Völkerbund ist nichts anderes als eine Gruppe der Staaten, die als Sieger aus dem letzten, ungleichen Kriege her- vorgegangen sind und bis in alle Ewigkeit Deutschland aus- plündern und schwach halten möchten... -.. Das nationalsozialistische Deutschland will keinen Krieg. An der Spitze der heutigen Regierung stehen Männer, die die Schrecken des Krieges kennen und das deutsche Volk nicht leichtfertig derartigen Leiden ausliefern werden. Wir sind für Frieden und Abrüstung. Der Völkerbund hat in Genf Deutsch- lands Forderungen abgelehnt. Er hat unsere Forderung abge- lehnt, Heer und Flotte nach dem Stand unserer Nachbarn ver- stärken zu dürfen. Unserer nationalen Ehre waren wir es schuldig, darauf die rechte Antwort zu geben. Sie ist gegeben worden. Deutschland ist aus dem Völkerbund ausgetreten. Adolf Hitler fragt nun sein Volk, ob es diesen Schritt billigt. Auch Sie sollen dabei mitentscheiden..." Der Senator geht einen Schritt auf die Gefangenen zu, die stumm und teilnahmslos vor ihm sitzen, hebt beschwörend die Hände und fleht sie an. „Vergessen Sie die Unbill, die Ihnen vielleicht angetan worden ist. Denken Sie stets daran, diese Männer in Uniform da kennen nur eine große Liebe, hinter der alles andere zurückstehen muß, die Liebe zu Deutschland, zu unserem Vaterlande. Der deutsche Arbeiter hat in der Tat kein Vaterland gehabt, wir wollen es ihm schaffen. Helfen Sie uns. Je mehr gegen das Reich Adolf Hitlers gewühlt wird, desto schwerer wird es, dem Arbeiter zu ‚geben, was ihm gebührt, desto leichter haben es die unbelehr- 223 baren Reaktionäre, denen der Profit über das Vaterland geht, Adolf Hitler zu bekämpfen. Darum schließe ich meine kurzen Ausführungen mit der Aufforderung an Sie: Wählen Sie morgen mit Ja. Heil Hitler!" Die Wachtmeister nehmen stramme Haltung ein und heben den Arm. ,, Heil Hitler!" Auch der Kommandant hat sich erhoben. Unter den Gefangenen ist Verwirrung: die einen erheben sich, die andern bleiben sitzen. Sturmführer Dusenschön befiehlt:„ Aufstehen!" Nun erheben sich alle. Die SS- Wachtmeister singen: ,, Die Fahnen hoch, die Reihen dicht geschlossen..." Welsen sieht sich vorsichtig um. Nicht ein Gefangener singt mit. Nicht ein einziger hat die Hand erhoben. ,, SA marschiert in ruhig festem Schritt..." Sogar die beiden Zuhälter und der Taschendieb, die auf Saal 1 liegen, singen nicht mit, obgleich es heißt, daß der eine Nationalsozialist sei. ,, Kameraden, von Rotmord und Reaktion erschossen..." Wachtmeister Nußbeck, der hinter den Gefangenen steht, zischelt:„ Mitsingen! Mitsingen!" - Keiner läßt sich einschüchtern. ,, Marschiern im Geist in unsern Reihen mit." Der Senator und der Kommandant verlassen den Raum. Dusenschön kommandiert: ,, Saal 1 auf dem Korridor antreten!" Die Hälfte der Gefangenen drängt sich zur Tür hinaus. Kein Wort über ihr Verhalten fällt. Nur die Kommandos des Sturmführers zerreißen die Stille. 224 Nachdem Saal 1 und Saal 2 in ihre Säle zurückmarschiert sind, werden die Gefangenen der Säle 3 und 4 von Station A 2 heruntergeführt. Die Versammlungen wiederholen sich bis in den späten Abend. SS- Mann Fritz Gellert, der zur Bewachungsmannschaft des Konzentrationslagers gehört und im Turm schläft, wälzt sich unruhig auf seinem Feldbett. Er kann keinen Schlaf finden. Morgen hat er seinen freien Tag, und er phantasiert von Hildegard, der schlanken, blonden Gesellschafterin, die er letzten Sonntag beim ,, Deutschen Fest" in Alsterdorf kennengelernt hat. Wird sie kommen?... Hat sie ihr Versprechen ernst gemeint, oder ist das nur eine Laune gewesen?... Wie soll er sich ihr gegenüber verhalten?... Gleich packen und abküssen? So wollen es die meisten haben Aber die ist aus anderem Holz als die meisten... Fritz Gellerts Bett steht an einem kleinen, ovalen Turmfenster; er kann in die Gärten der Inspektorenhäuser und ein Stück von der Außenseite der Gefängnismauer sehen. Mit müden, langsamen Schritten schreitet ein Posten die Mauer entlang. Für Sekunden verschwindet er aus Gellerts Gesichtskreis... Ein gescheites Mädel. Daß die sich überhaupt mit ihm abgibt... Wenn sie erzählt, kann er nur zuhören. Was die alles weiß... Und ihr Mund?... Sie hat einen schönen Mund, klein, wunderschön geformt... Er wird sie doch packen... Plötzlich zuckt Gellert zusammen und richtet sich in seinem Bett auf. Zwischen den Bäumen in den Gärten huschen Gestalten und machen sich an der Mauer zu schaffen. Wo ist der Posten?... Gellert sieht noch einmal genau hin... Es ist keine Täuschung; an der Mauer kriechen Menschen. Er springt aus dem Bett. 15 Bredel, Prüfung 225 Was machen? Die Kameraden wecken? Den Posten alarmieren? Das könnte die Burschen an der Mauer verscheuchen. Schnell schlüpft Gellert in die Hose und schleicht in den Vor- raum. Hier telephoniert er die beiden anderen Turmwachen des alten Zuchthauses und die Polizeiwache in der Fuhlsbütteler Straße an. Er informiert sie und gibt ihnen Anweisungen, wie sie die Verbrecher umzingeln können. Dann geht er in den Schlafraum zurück und weckt drei seiner besten Kameraden. Die übrigen läßt er schlafen. In aller Eile ziehen sie sich an, schnallen sich die Revolver um und nehmen ihre Karabiner... Sie teilen der inneren Torwache ihre Entdeckung mit, und wie der Posten wieder für Sekunden hinter dem Tor verschwindet, laufen sie schnell auf das nächste Inspektorenhaus zu und ver- kriechen sich im Schatten der hohen Büsche am Gartenzaun... Kurz danach saust ein Überfallwagen der Polizei heran. Ein Scheinwerfer blitzt auf und beleuchtet die Gärten und die Mauer. Deutlich kann man sehen, wie einige Männer geduckt zwischen den Bäumen laufen. Von der anderen Seite kommen Polizisten und SS-Männer, die Gewehre im Anschlag. Die aufgeschreckten Gestalten hasten durch die Gärten auf das Tor zu. Hier hat sich der Außenposten, durch den Scheinwerfer aufmerksam gewor- den, das Gewehr im Anschlag, aufgestellt... Sechs Männer kommen aus den Gärten herausgerannt und laufen direkt auf den Posten zu. „Halt, oder ich schieße!” Sie sind nur noch zwanzig Schritte von dem Posten entfernt. Einen Augenblick zögern die Flüchtenden, dann aber rennen sie weiter. Sie wollen an dem Posten vorbei und laufen auf das Inspektorenhaus zu, vor dem Gellert und seine Kameraden liegen. 226 Zehn Schritte sind die Flüchtenden noch vom Hause entfernt, da fällt ein Schuẞ. Der Posten am Turm hat ihn abgefeuert. Einer der Männer sinkt nieder. Nun springen die vier SS- Leute auf, stellen sich den Flüchtenden entgegen und richten die Gewehre auf sie. Fünf Männer ergeben sich... Im ganzen werden siebzehn Personen verhaftet; sechzehn Männer und eine Frau. Der Polizeiwagen hat die Mauer mit dem Scheinwerfer abgeleuchtet. Nun weiß man, aus welchem Grunde die Verhafteten sich an der Mauer zu schaffen machten. Sie haben Plakate geklebt. Kommunistische Plakate. ,, Denkt an unsere gemordeten und miẞhandelten Genossen in den Konzentrationslagern, stimmt gegen die Mörder- Regierung Hitler. Stimmt mit: Nein!" steht in großen roten Buchstaben auf den weißen Flecken. Sofort werden Abwaschkommandos zusammengestellt. Im Scheinwerferlicht des Polizeiautos schrubben und kratzen SS- Leute und Polizisten die Plakate von der Mauer. Die Verhafteten werden in den A- Flügel gebracht und in den Schulraum gestoßen. Der Angeschossene wird in eine leere Zelle gelegt. Sturmführer Dusenschön, der zu seiner Wut erst nach der Verhaftung hinzugekommen ist, rast wie tollwütig auf dem Korridor herum. ,, Denen wollen wir einen Denkzettel geben, an den sie ihr Lebtag denken sollen!... Diese frechen Kanaillen!... Diese Schurken!... Erschießen müßte man die Hunde! Auf der Stelle erschießen!..." Die SS- Wachtmeister und auch einige Außenposten, die mitgekommen sind, laufen durcheinander. Jeder sucht nach einem geeigneten Prügel. Dusenschön hat eine Peitsche; Meisel einen 15* 227 Ochsenziemer; andere haben Tischbeine, Besenstiele, Holzlatten. Von der A- Station zur B- Station führt eine breite Treppe. Nach dieser Treppe werden die Verhafteten geführt; fünfzehn Männer und eine Frau. Die Hände müssen sie an den Hinterkopf halten. An beiden Seiten der Treppe haben sich die SS- Leute mit ihren Schlagwerkzeugen aufgestellt. Oben an der Treppe steht Meisel mit dem Ochsenziemer; unten steht Dusenschön mit der Peitsche. Einige Meter vor der Treppe stehen vier Posten mit Stahlhelm und halten die Gewehre in Anschlag. ,, Die Frau raus!" kommandiert Dusenschön. Die Frau klein, etwa dreißigjährig tritt vor. ,, Dort an die Wand stellen!" befiehlt ihr Dusenschön. Dann schreit er die in zwei Gliedern angetretenen Verhafteten an: ,, In Kniebeuge!... Los, runter in Kniebeuge!" Die Fünfzehn gehen, die Hände im Genick, in Kniebeuge. ,, Und nun die Treppen hinaufhüpfen. Hübsch langsam, einer hinter dem andern! Marsch!" Die ersten hüpfen nach der Treppe, hüpfen die erste Stufe hinauf, und schon sausen die Tischbeine und Besenstiele, die Peitschen und Holzlatten auf sie nieder. Die Mißhandelten taumeln, einige fallen um, aber sie müssen weiterhüpfen, die Nachkommenden drängen sie vorwärts... Unten steht Dusenschön und spornt zur Eile an; läßt die Peitsche bald auf diesen, bald auf jenen niedersausen Die ersten haben die oberste Stufe der Treppe erreicht, doch Meisel zwingt sie mit seinem Ochsenziemer zur Umkehr. Sie müssen die Treppenstufen wieder herunterhüpfen. Das ist noch furchtbarer als das Heraufhüpfen. Sie torkeln unter den Schlägen die Stufen hinunter. Einer fällt vornüber die Treppe hinab und bleibt unten mit klaffender Kopfwunde liegen... 228 Immer wieder müssen die Verhafteten in dieser Nacht die Treppen hinauf- und hinunterhüpfen. Ihr Geschrei und Gewinsel dröhnt durch das ganze Gefängnis. Immer mehr werden blutüberströmt von der Treppe an die Wand geschleppt und dort liegengelassen. Die Frau steht mit zusammengepreßtem Mund und aufgerissenen Augen dabei... Von ein Uhr nachts bis vier Uhr läßt Dusenschön auf die Verhafteten einschlagen. Die SS- Leute lösen sich ab, weil sie erlahmen. Die Besenstiele und Holzlatten zersplittern. Gegen Morgen werden die Mißhandelten in den Schulraum zurückgetrieben. Die nicht gehen können, werden an den Beinen gefaßt, über den Korridor geschleift und zu den andern geworfen. Die verhaftete Frau wird in die Wachtstube geführt. ,, Einen Strick!" befiehlt Dusenschön. Ein Wachtmeister bringt ein Tau. Dusenschön wirft es Meisel zu und kommandiert: ,, Bindet der Kommunistenhure die Röcke überm Kopf zusammen!" Ein schrecklicher, gellender Schrei. Im selben Augenblick sind einige SS- Leute über die Frau hergefallen, haben ihr einen Knebel in den Mund gewürgt und ein Handtuch um den Kopf gebunden. Meisel und Teutsch reißen ihr die Röcke hoch und binden sie zusammen. Mit einer Handbewegung hat Dusenschön Jacken und Riemen, die auf dem Wachtmeistertisch liegen, weggeräumt. Meisel und Teutsch zerren die Frau an den Tisch und ziehen sie darüber. Harms und Nußbeck müssen unter den Tisch kriechen und die wild ausschlagenden Beine festhalten. Dusenschön peitscht die Frau aus. Jeden Schlag begleitet er mit den Worten:„ Du Hure! Verflixtes Luder! Du Kommunistensau!" - - 229 Und Schlag auf Schlag kracht auf den Körper der Frau nieder... ,, Runter mit ihr vom Tisch!" Harms und Nuẞbeck ziehen sie an den Beinen vom Tisch. Meisel bindet die Röcke los. Da erschrecken die SS- Leute vor den aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen der Mißhandelten. Sie gibt keinen Laut von sich, nachdem man ihr das Handtuch abgenommen und den Knebel aus dem Mund genommen hat. Ihre Lippen zittern. In ihren Augen liegt stummes Entsetzen. Sie wird im Keller in eine leere Dunkelzelle gesperrt. Am nächsten Vormittag- es ist Sonntag, der Tag der Wahl- geht Dusenschön, begleitet von Obertruppführer Meisel, in alle Säle des Lagers und teilt den Gefangenen mit, daß der Kommandant ihm zugesagt habe, gleich nach der Wahl Entlassungen vorzunehmen, und zwar genau so viele, wie Ja- Stimmen abgegeben würden. Der Reichsstatthalter Kaufmann, so teilte er weiter mit, habe sich geäußert, daß er eine großzügige Amnestie durchführen werde, wenn das Resultat der heutigen Abstimmung ihm zeige, daß auch unter den Insassen des Hamburger Konzentrationslagers solche sind, die sich von den marxistischen Hetzern innerlich losgesagt haben. Nach der entsetzlichen, schlaflosen Nacht erweckt die Aussicht auf baldige Entlassung neuen Lebensmut. Die Gefangenen lachen, werden gesprächig; jeder hofft, bei dem bevorstehenden großen Schub mit in Freiheit zu kommen. Für die Kommunisten wird es in den Sälen immer schwerer, die Mitgefangenen zu beeinflussen. Es werden in letzter Zeit zweifelhafte Gestalten eingeliefert, Zuhälter, Taschendiebe, Homosexuelle. Manche dieser Kriminellen sind für kleine Vergünstigungen zu jedem Verrat bereit. 230 Auch im Saal 2 sind die Genossen nach dem Vorfall mit dem Nazi-Rittmeister vorsichtiger geworden. Welsen läßt sich nur mit Genossen, die er gut kennt, in Gespräche ein. Der Saal hat zwei Neue bekommen, denen die Kommunisten nicht trauen. Der eine ist ein vielfach vorbestrafter Juwelenräuber, der seine Strafe verbüßt hat und wegen Unverbesserlichkeit ins Kon- zentrationslager gesteckt worden ist; der andere ist ein Homo- sexueller, der in Frauenkleidern aufgegriffen wurde. An diesem Sonntag gibt es ein ausgezeichnetes Essen: Sauerkohl mit Kartoffeln, Fettsoße und Knackwurst. Die SS-Wachtmeister knüpfen leutselig mit den Gefangenen Gespräche an. Der Sturm- führer geht durch die Säle; sein Gesicht strahlt vor Wohl- wollen. In den Nachmittagsstunden müssen Gefangene Tische und Stühle auf den Korridor der Station A 1 schaffen. Eine blecherne Schutz- wand aus dem Heizraum wird gewaschen und heraufgetragen. Hinter dieser Wand sollen die Häftlinge wählen. Auf den einen Tisch wird ein hoher, schmaler Kasten gestellt. Sturmführer Dusenschön und ein Herr vom Statistischen Landes- amt nehmen an dem Tisch Platz. Obertruppführer Meisel über- nimmt die Verteilung der Stimmzettel und Umschläge. Mit dem Saal 1 beginnt die Abstimmung. Truppführer Teutsch ruft sieben Namen auf. Sieben Gefangene kommen heraus, darunter die beiden Zuhälter. Sie stellen sich nach der Reihen- folge vor der schwarzen Blechwand auf, bekommen von Meisel jeder zwei Stimmzettel und einen Umschlag und müssen, nach- dem sie hinter der Wand ihr Zeichen gemacht haben, den Um- schlag mit den Stimmzetteln am Tisch abgeben. Hier werden sie in den schmalen Holzkasten gelegt. Von Saal 2 werden neun Gefangene herausgerufen, darunter der Juwelendieb und der Homosexuelle, aber auch der Seemann Kesselklein. Die Wahlhandlung dauert den ganzen Nachmittag. Nach den Sälen kommen die Einzelhäftlinge. Von der Station A 1 werden zwei Gefangene herausgeholt; von Station A 2 drei. Fünfundsiebzig Prozent der Gefangenen dürfen nicht wählen. Nachdem alle auf der Liste geführten Gefangenen gewählt haben, werden die Tische und Stühle wieder fortgetragen; die Blechwand wird in den Heizraum geschafft, und der Beamte vom Statistischen Landesamt nimmt den Holzkasten mit den Wahlscheinen und geht, begleitet von Dusenschön, Meisel und Teutsch nach der Kommandantur. Kesselklein hat Welsen, der nicht mitwählen durfte, beiseite genommen. ,, Düsse Wohl is' ne ganz grote Gemeinheit. De köhnt sik jetzt genau utreeken, wi jeder eenzelne wählt hätt. De Kuverts mit de Stimmzettels liggt hübsch opeenanner und de Wohl is genau no de List vornohmen worden." ,, Unter diesen Umständen wäre es vielleicht ratsam gewesen, gar nicht abzustimmen, sich der Stimme zu enthalten!" meint Welsen. ,, Schiet doch doran!" erwidert Kesselklein. ,, Ik heff mien Krüz op beide Zettel mokt. Mi köhnt se an' Mors kleihn!" In den Abendstunden kommt Sturmführer Dusenschön in den Saal 2. Er ist angeheitert und nicht mehr ganz fest auf den Beinen. Die Gefangenen liegen auf den Strohsäcken. Einige schlafen bereits. Er knipst das elektrische Licht an und lallt: ,, Will euch nur mitteilen, daß ihr Hoffnung haben... könnt... Habt gut gewählt... ihr Arschlöcher... Vielleicht seid ihr morgen... schon bei... Muttern." 232 Dann knipst er das Licht wieder aus und verläßt den Saal. Etwas später kommt Lenzer herein. ,, Hallo, ihr Mistbienen, wollt ihr das Resultat wissen?" Einige Gefangene erheben sich von ihrem Lager. " Jawohl, Herr Wachtmeister!" ,, Dann hört mal her! Zweihundertdreiundsiebzig haben gewählt, davon zweihundertdreizehn mit Ja, dreiundfünfzig mit Nein und sieben Stimmen sind ungültig... Da staunt ihr selber, was?... Und die ersten Resultate draußen... gar nicht zu sagen. Überwältigender Sieg... der Bart ist endgültig ab! Von der Kommune ist fast nichts übriggeblieben." Flüsternd diskutieren die Gefangenen über diese merkwürdige Wahl bis in die späten Nachtstunden. Die Wachtmeister nehmen es heute nicht so genau; sie sitzen in der Wachtstube am Radio, hören die Resultate ab und saufen. ,, Aufstehn! Alles aus den Betten!" Torsten springt von der Pritsche, zieht sich die Hosen über und macht das Bett, streicht die Wolldecke glatt. Dann beginnt er seine morgendliche kalte Abwaschung und macht gymnastische Übungen. Mehrere Wachtmeister kommen laut redend den Korridor entlang. Er horcht. Sie kommen näher. Einer sagt:„ Ja, man los! Gehen wir mal rein!" Das Licht in seiner Zelle leuchtet auf, und die Tür öffnet sich. Obertruppführer Meisel, Oberscharführer Harms und der Wachtmeister Lenzer treten ein. ,, Na, Herr Reichstagsabgeordneter der Kommune, was sagst du nun? Das Volk hat sich für Hitler entschieden. Vierzig gegen zwei!" Harms stellt sich wichtig vor Torsten hin. Vierzig Mil11 233 lionen für Hitler und knapp zwei Millionen für euch! Mit euch ist es jetzt aus. Ihr habt nichts mehr zu bestellen!" Lenzer ist total betrunken; er lehnt sich an den Türpfosten und lallt:„ Aber... ihr werdet... werdet... nun nicht mehr... mehr geschlagen... nicht mehr geschlagen!" 11 ,, Man hat Fuhlsbüttel die SS- Hölle genannt!" beginnt jetzt Meisel, der vollkommen nüchtern ist. Was gewesen ist, soll ein Kinderspiel sein gegen das, was für die kommen wird, die nun noch, nach dieser Wahl, die alte Wühlarbeit fortsetzen!" Torsten schweigt. Er betrachtet die drei ungleichen SS- Männer. Harms weiß auch jetzt, angetrunken, Haltung zu bewahren. Er ist von gepflegtem Äußeren; hat blendendweiße Zähne und einen zarten Teint. Meisel, der kleinste von den dreien, sieht in seiner sauberen, schwarzblauen Uniform, seiner weißen Wäsche und rotleuchtenden Krawatte am herausgeputztesten aus. Dagegen wirkt Lenzer proletarisch. Seine Uniform ist stellenweise stark verblichen; der Kragen seines farbigen Hemdes hat einen dunklen Schweißrand, und sein Gesicht ist grob, plump und unrein. ,, Da bleibt... dir die Spucke weg, was Torsten?" fängt Lenzer von neuem an. Die beiden anderen drängen ihn zur Tür hinaus. Torsten hört, wie sie in die gegenüberliegende Zelle gehen und auch dort dem Gefangenen das Resultat mitteilen, auch dort gegen die, die nun noch eingeliefert würden, wüste Drohungen ausstoßen. Später kommt Lenzer noch einmal allein zu Torsten in die Zelle. Sein Rausch ist etwas verflogen. ,, Sie werden jetzt nicht mehr schlecht behandelt, Torsten. Alle sind der Auffassung, daß die alten Häftlinge nicht mehr miẞ234 handelt werden dürfen... Die Wahl übertrifft aber auch alle Erwartungen!" Vierzig Millionen Ja- Stimmen?" fragt Torsten. ,, Jawohl, vierzig Millionen!" antwortet Lenzer komisch stolz. ,, Und, das wird Sie interessieren: Hamburg hat dabei noch ungewöhnlich schlecht gewählt. Hier hat die Kommune ihre Stimmen halten können... Zirka hundertvierzigtausend NeinStimmen... Aber Sie wissen ja selbst, Hafenstadt, viel Gesindel, Halbstarke und so da ist es eigentlich weiter gar nicht verwunderlich!" - Torsten blickt in das Proletengesicht... Die Worte hat er heute in der Wachtstube gehört und aufgegriffen... Seine eigenen Gedanken sind das nicht... ,, Wenn der Wahlerfolg wirklich so überwältigend ist und die Marxisten wirklich ausgerottet sind, dann soll man doch die Konzentrationslager schließen und die Zuchthäuser leeren!" ,, Es ist wirklich so. Vierzig Millionen gegen zwei; Sie brauchen nicht daran zu zweifeln!" wiederholt Lenzer mit Nachdruck. Torsten lächelt und erklärt:„ Ich habe andere Zweifel!" Lenzer blickt ihn erstaunt an. Dann begreift er. ,, Sie meinen, die Wahl ist gefälscht?" Torsten zieht die Schulter hoch. ,, Ich bin ein Gefangener, Herr Wachtmeister, ich meine gar nichts!" ,, So was macht Adolf Hitler nicht. Kommt nicht in Frage. Das war bei den früheren wohl möglich, aber heute nicht... Nee, nee, das glaube ich nicht!" Nachdenklich verläßt der Wachtmeister die Zelle. Nach wenigen Minuten kehrt er zurück, schließt auf und steckt den Kopf zwischen die Tür:" Seien Sie vorsichtig und äußern Sie so was zu keinem andern!" 235 In den Nachmittagsstunden kommt vom Hof wildes Schreien, Rennen, Lachen. Torsten blickt von der Seite ein wenig aus dem Fenster. Vor dem Gefängnisgebäude stehen die Zugänge, sicherlich diejenigen, die während der Wahl verhaftet wurden. Die Wachtmeister sind heute so aufgeräumt, daß sie besondere Tollheiten aushecken. Die Schubkarren der Abbrucharbeiter werden herbeigeschafft, auch der große, schwere Rollwagen, mit dem man die Steine wegfährt. Erst müssen die neuen Gefangenen mit dem Schubkarren, in denen ein Gefangener sitzt, um den Hof traben; dann müssen alle auf den Rollwagen steigen, und zwei Gefangene müssen sich wie Pferde vorspannen und den Wagen ziehen. Die Wachtmeister laufen mit der Peitsche nebenher, schreien:„, hü!" und: ,, hott!" und treiben mit Peitschenschlägen die Gefangenen zu immer schnellerem Laufen an. Am Fenster der Wachtstube stehen der Heildiener und einige Kriminalbeamte und amüsieren sich. Einigen Wachtmeistern geht das Spiel nicht toll genug. Mitten im Hof, in einer Mulde, steht ziemlich tief Regenwasser. Durch diese Mulde müssen sich die Gefangenen gegenseitig auf Schubkarren hinein- und wieder hinausfahren. Wer es nicht fertigbringt, wird so lange gepeitscht, bis er es mit letzter Anstrengung doch erreicht oder zusammenbricht. Erst in der Abenddämmerung werden die Gefangenen ins Gefängnis getrieben. Acht, die total erschöpft, keuchend und sich erbrechend an der Mauer liegen, werden von ihren widerstandsfähigeren Kameraden mitgeschleppt. Lenzer sitzt in der Wachtstube und sieht die SS- Männer Otten und Kreker über den Gefängnishof auf den A- Flügel zukommen. Sie haben den grauen Stahlhelm auf und schwere Revolver an 236 der Seite. Nanu, denkt er, was wollen denn die, in diesem Aufzug? Er tritt ans Fenster und winkt. Mit unbeweglichen, kalten Gesichtern sehen sie zu ihm hinauf und schreiten die Stufen hoch in den Gefängnisbau. Lenzer wird eigenartig zumute. Eine fröstelnde Unruhe kriecht in ihm hoch. Otten und Kreker treten in die Wachtstube. Lenzer steht am Tisch und blickt sie fragend an. ,, Lenzer, Sie sind verhaftet! Geben Sie mir Ihren Revolver!" Lenzer ist vollkommen ruhig. Er lächelt die Kameraden an, die mit erfrorenen Gesichtern vor ihm stehen. Also geplatzt. Die Bombe ist geplatzt. Na schön, mal sehen, was nun wird. Er löst seinen Leibriemen und fragt dabei, das formale Sie mit Lächeln betonend: ,, In wessen Auftrag kommen Sie?" Otten antwortet: ,, Im Auftrage des Kommandanten." ,, Aha!" Lenzer reicht Otten den Riemen mit der Revolvertasche, greift in die Jackentasche und überreicht ihm auch den Zellenschlüssel. Dann fragt er:„ Und nun, meine Herren?" Otten wirft ihm einen giftigen Blick zu. ,, Folgen Sie uns!" Auf dem Korridor ruft Kreker den Wachtmeister Harms, der sich auf der Station A 2 befindet. Kreker teilt ihm mit, daß er für kurze Zeit die Station A 1 mit besorgen müsse. Dann nehmen sie den arretierten Wachtmeister in ihre Mitte und marschieren über den Gefängnishof nach der Kommandantur. Lenzer steht vor dem Kommandanten. An der Tür stehen Sturmführer Dusenschön und Obertruppführer Meisel. Lenzer hat einen kurzen Blick nach Meisel geworfen. Der reißt die Augen flehend auf und preßt die Lippen zusammen. Er ist weiß wie die Kalkwand, vor der er steht. 237 Der Kommandant sitzt an seinem Schreibtisch und liest ein Schriftstück. Ohne den Kopf von dem Papier zu heben, zieht er die Augen hoch und sieht Lenzer durchdringend an. ,, und du hast mit der Kommune paktiert?" ,, Nein, Herr Kommandant!" -- ,, Nein? Du hast den Gefangenen keine Einkäufe gemacht und sie heimlich ins Lager geschmuggelt?" ,, Jawohl, das habe ich getan, Herr Kommandant!" ,, Und das nennst du kein Paktieren?" ,, Nein, Herr Kommandant!" ,, So?" - ,, Herr Kommandant, ich habe den Gefangenen Tabakwaren besorgt, um mir einige Groschen zu verdienen. Das ist alles. Politisch habe ich mit den Gefangenen nie etwas gemein gehabt!" ,, Du hast auch Briefe und Berichte mit rausgeschleppt." ,, Nein, Herr Kommandant!" ,, Ich habe aber Beweise!" ,, Das ist unmöglich, Herr Kommandant! Das habe und hätte ich nie gemacht!" ,, Seit wann hast du für die Gefangenen Tabak besorgt?" ,, Seit einigen Wochen, Herr Kommandant!" ,, und du weißt, daß es verboten ist, nicht wahr?" ,, Jawohl, Herr Kommandant!" ,, Weißt du, Lümmel!", schreit der Kommandant ihn an ,,,, daß ich dich vors Standgericht bringen kann?" Lenzer schweigt. ,, Erschießen müßte man dich disziplinloses Subjekt!... Aber euch soll es noch schlechter ergehen als der Kommune, verlaẞ dich drauf!... Hast du noch etwas vorzubringen?" ,, Nein, Herr Kommandant!" ,, Sturmführer, was sollen wir mit dem Kerl machen?" 238 Dusenschön ist in Verlegenheit. Vor zwei Wochen erst hat er Lenzer zur Beförderung vorgeschlagen. Im Beisein Lenzers läßt der Kommandant ihn Richter sein. Er überlegt. ,, Herr Kommandant, ich würde vorschlagen: sofort aus der Wachmannschaft des Lagers ausstoßen und bei der Gruppenleitung die Entfernung aus dem Marine- Sturm beantragen!" ,, Und Sie?" wendet sich der Kommandant an Meisel. Der ist in noch weit größerer Verlegenheit als der Sturmführer. Er blickt auf Lenzer, der ihn durchdringend ansieht, und stammelt:„,... Ich... ich schließe... mich... der Ansicht ... des Sturmführers an, Herr Kommandant!" Lenzer verzieht ein wenig das Gesicht zu einem verächtlichen Lächeln. Meisel starrt ihn mit hochrotem Gesicht an. ,, Ich werde es mir überlegen!... Schaffen Sie ihn in die Arrestantenzelle!" ,, Zu Befehl, Herr Kommandant!" Die Hacken werden zusammengeschlagen, die Glieder angerissen; Lenzer verläßt das Zimmer. Dusenschön und Meisel folgen ihm. ,, Hier bleib stehen!" herrscht Dusenschön Lenzer an. Dann bleibt er einige Sekunden vor ihm stehen und sagt:„ Du Arschloch!" Lenzer zuckt ein wenig mit den Schultern, macht eine bedauernde Miene und schweigt. ,, Bring ihn runter!" Meisel und Lenzer gehen den Flur entlang und in den Keller, wo sich die Arrestantenzelle befindet. ,, Robert, verrat mich nicht!" flüstert Meisel seinem Gefangenen zu. ,, Du wirst es nicht bereuen... Ich mache alles wieder gut... Ich helfe dir, wo ich nur kann... Aber schweig... Du änderst ja doch nichts an der Sache..." 239 Lenzer geht schweigend neben ihm her. 11... Ich habe es geahnt, daß es einmal schief gehen wird!... Wir hätten doch die Finger davon lassen sollen..." ,, Versuche herauszubekommen, wer uns verpetzt hat!" ,, Ja!... Und wenn auch das mit dem Brief... mit dem Brief von diesem Fischer rauskommt?" Nun braust Lenzer auf.„ Das ist deine Sache. Damit habe ich nichts zu tun. Das laß ich mir auf keinen Fall zuschieben!" " Ja!... Ja, ja!" stammelt Meisel. ,, Das... das verlange ich auch gar nicht!" Meisel sperrt Lenzer in eine kahle, kalte Zelle, in der nichts weiter steht als eine lange Holzpritsche. Das Zellenfenster ragt nur mit dem oberen Viertel über den Erdboden. Schummriges Halbdunkel liegt in den vier Wänden. ,, Ich kann ja nichts dran ändern!" meint Meisel, als er die Zelle verläßt. ,, Hast du Zigaretten bei dir?" ,, Nein! Leider nicht!" ,, Dann besorg' mir welche!" ,, Ja! Ja! Ich komme sogleich wieder!" Meisel schließt die Tür und entfernt sich eilig. Lenzer steigt ans Fenster, um zu sehen, wer Hofwache hat. Er erkennt Kramer, der ihn nicht leiden kann. ,, Auch das noch!" flucht er, wirft sich auf die Holzpritsche und streckt alle viere von sich. Am anderen Tage werden sechzig Gefangene entlassen. Im Laufe der Woche sollen weitere Entlassungen folgen. Unter den Gefangenen im Lager herrscht größte Aufregung. Jeder hofft, entlassen zu werden. Dieser Umstand lockert die Solidarität. Die freiwillige Disziplin läßt nach. Streitigkeiten mehren sich; einige 240 S r d e e e werfen sich gegenseitig Straftaten vor. Der Stubenälteste Welsen versucht immer wieder, die Streitigkeiten zu schlichten und die Kameradschaftlichkeit auf dem Saal zu erhalten. Auf Saal 2 ist am Tage nach der Wahl ein junger Arbeiter eingeliefert worden, der als Mitglied einer Reichsbannergruppe mit den Kommunisten seines Stadtteils zusammengearbeitet hat. Er kennt Schneemann, und die beiden geraten bald heftig aneinander. Schneemann will immer noch die Notwendigkeit der Existenz einer Sozialdemokratie beweisen, und der Reichsbannerarbeiter vertritt die Auffassung, daß die Sozialdemokratie, nach ihrem politischen Fiasko, für alle Zeiten tot sei, daß alle Wiederbelebungsversuche Unsinn seien und es jetzt nur noch eines gebe: gemeinsam mit den Kommunisten zu gehen und eine einheitliche Arbeiterpartei zu schaffen. Was der Reichsbannergenosse erzählt, erfüllt die Gefangenen mit neuer Zuversicht. Zahlreiche Gruppen des Reichsbanners und Mitglieder der früheren SPD arbeiten mit den Kommunisten Hand in Hand; besonders in den Betrieben oft vorbildlich. In den Triton- Metallwerken war seit Wochen eine Betriebszeitung ,, Die rote Sirene" erschienen. Nie gelang es der Betriebsführung und der NSBOLeitung, die Hersteller oder die Verteiler dingfest zu machen. Um die illegale Arbeit in diesem Betrieb zu unterbinden, wurden alle Arbeiter, die vor der Machtergreifung Adolf Hitlers als Kommunisten oder Sympathisierende verdächtig waren, entlassen. Bevor jedoch der letzte revolutionäre Arbeiter seine Papiere bekam, traten einige alte sozialdemokratische Parteimitglieder an ihn heran und erklärten sich bereit ,,, Die rote Sirene" weiter im Betrieb zu verbreiten. Und so geschieht es auch. Sämt16 Bredel, Prüfung 241 liche als revolutionär bekannte Arbeiter wurden entlassen, aber die Betriebszeitung erscheint nach wie vor. Auch von der Wahl weiß der Reichsbannermann Neuigkeiten zu berichten. Die wenigsten Menschen trauten sich angesichts des unverhüllten Terrors und der offenen Drohungen zu wählen, wie sie dachten. Auf der Straße wurden Abzeichen mit" Ja" getragen. Wer es nicht trug, wurde beschimpft. In einigen Wahllokalen haben die Leute mit Handschuhen gewählt, weil sie fürchteten, man könne sie an den Fingerabdrücken auf dem Stimmzettel identifizieren. Die Wahlergebnisse wurden erst veröffentlicht, nachdem sie im Propagandaministerium von Joseph Goebbels geprüft" worden waren. Einzelresultate wurden überhaupt nicht veröffentlicht, weil, wie Presse und Radio meldeten, in den Kreisen der Bevölkerung kein Interesse dafür vorläge. ,, Das Ausland wird sich von dieser Wahl nicht irremachen lassen!" meint Schneemann. ,, Und wi ok nich!" setzt Kesselklein hinzu. Während der Essenausgabe drückt der Kalfaktor Welsen einen Zettel in die Hand. Darauf steht: Lenzer ist verhaftet! Erklären: wir haben angenommen, er handelte im Einvernehmen mit der Lagerleitung. Meisel ist nicht verhaftet. Zettel vernichten.- Nach dem Essen teilt Welsen den Genossen die Neuigkeit mit. Lenzer hat noch für zwanzig Mark und sechzig Tabakwaren zu liefern. Das Geld, meint Welsen, wird wohl verloren sein. ,, Und warum muß Lenzer allein die Verantwortung tragen? Warum drückt sich dieser Meisel, das Schwein?" ,, Genossen", antwortet Welsen, das geht uns nichts an. Wie die beiden Wachtmeister das untereinander erledigen, ist ihre Sache!" 242 „Jedenfalls har ik ok den Meisel dat ehr gönnt, as denn Robert Lenzer!” erklärt Kesselklein. Die Tage des November verlaufen ruhiger als die der Vor- monate. Obertruppführer Meisel läuft verstört im Gefängnis um- her und unterläßt die nächtlichen Prügelexekutionen. Sturm- führer Dusenschön kommt in immer größeren Gegensatz zu dem Kommandanten, der alles tut, die Unstimmigkeiten zu ver- schärfen. Harms ist Truppführer geworden und steht in persön- lichen Diensten des Kommandanten. Unter den SS-Leuten wird ‘ganz offen davon geredet, daß Harms wohl demnächst Sturm- führer und stellvertretender Lagerkommandant werden würde. Die Gefangenen, die nicht wissen, aus welchem Grunde die Mißhandlungen nachlassen, nehmen an, daß es mit dem Wahl- ergebnis zusammenhängt. Die Tage sind ruhig und geregelt wie in einem Gefängnis. In den Nächten hört man nur noch selten Schreie. Aber kalt ist es geworden, und, obgleich es Mitte November ist, bleiben die Zellen immer noch ungeheizt. Es fehlt an Kohlen. : Die Gefangenen ziehen alle Kleidungsstücke, die sie haben, auf den Leib; dennoch frieren die, die ohne Beschäftigung und Be- wegung in den feuchten, kalten Einzelzellen liegen, entsetzlich. Besonders die Dunkelhäftlinge sind schwer dran. Ihre Zellen liegen im Keller, und sie müssen frierend in eisiger, naßkalter Dunkelheit hocken. Die Posten auf dem Hof tragen schwere Lammfellmäntel und hohe, gefütterte Stiefel. Die Wachtmeister haben sich einen Petroleumofen beschafft. Um den sitzen sie und blasen sich warmen Hauch in die Hände, wenn sie von einem Rundgang durch die Station zurückkehren. Erst, nachdem ein alter Gefangener in seiner Zelle erfroren ist, 16* 243 greift die Lagerleitung durch. Acht an der Grippe erkrankte Häftlinge werden ins Lazarett des Untersuchungsgefängnisses gebracht. Anderntags kommen Lastautos mit Kohlen. Zwei Tage lang müssen die jüngeren Gefangenen der Säle 1 und 2 die Kohlen korbweise in den Keller schleppen. Ein alter, langjähriger Zuchthäusler wird Heizer, und eines Morgens zischt es endlich in den Röhren der Dampfheizung. In den letzten Tagen des November erholt sich Kreibel von seinem bösartigen Grippeanfall. Aber die Dunkelheit, die anschließende Krankheit haben ihn körperlich und seelisch verwüstet. Er hat eine schmutziggraue, gelblich schimmernde Hautfarbe und einen starren, irren Blick bekommen. Seit zehn Wochen ist er nicht rasiert worden. Zentimeterlange Bartstoppeln und lange Kopfhaare, die ihm über die Ohren und den Kragen der Zuchthausjacke hängen, verleihen ihm ein scheußliches und gefährliches Aussehen. Darin liegt Methode. An Sonntagen kommt jetzt des öfteren Besuch. Hohe Staatsbeamte mit ihren Frauen, Verwandten und Bekannten lassen sich das Konzentrationslager zeigen. In den wenigsten Fällen wird die Zelle aufgeschlossen, gewöhnlich werden die Gefangenen nur durch den Spion in der Zellentür beobachtet. Oft kreischt eine Frauenstimme entsetzt auf. ,, Uh, der sieht aber gefährlich aus; das ist doch gewiß ein Mörder!" 17 Der sieht ja entsetzlich aus Was sagen Sie, Herr Wachtmeister? Ein Messerstecher? Ja, so sieht er auch aus!" Eines Tages kommt ein Journalist, ein Engländer. Der Sturmführer führt ihn durch das Lager: in einige Säle und bestimmte Einzelzellen. Vom Keller wird nicht gesprochen. 244 Der Journalist spricht kein Deutsch. Jeden Gefangenen fragt er, ob er Englisch spräche. Die meisten verneinen. Dann verzichtet der Engländer auf Fragen. Dusenschön, der auch kein Englisch versteht, ist sehr zufrieden bis ein Einzelhäftling, ein Seemann, der wegen Zugehörigkeit zur Roten Marine festgenommen ist, auf englisch antwortet. - Er beschwört den Journalisten zu schweigen und berichtet ihm von den wirklichen Zuständen und den Miẞhandlungen, die er zu erdulden hatte. Der Engländer nickt nur. Dusenschön berichtet dem Kommandanten von der Unterredung des Gefangenen mit dem Journalisten in englischer Sprache. ,, Sie Idiot!" schleudert der Kommandant seinem Sturmführer ins Gesicht und stürzt wutentbrannt selber zu dem Engländer, der jetzt den D- Flügel des alten Zuchthauses, der renoviert wird, besichtigt. Er fragt ihn so nebenbei, was der Gefangene, mit dem er sich englisch unterhalten habe, ihm erzählt habe. Der Engländer verzieht keine Miene und schweigt. Am Abend läßt Dusenschön den Seemann auspeitschen. Der Dezember kommt mit Schnee. Große, weiße Flocken fallen ununterbrochen zur Erde. Auf dem kahlen Geäst der Bäume liegen Schichten festen Schnees. Die Dächer sind weiß überzogen. Der Gefängnishof ist eine einzige weiße Matte. Die beiden dünnen Heizungsrohre in Kreibels Zelle kommen aus den Kellerzellen, laufen, etwas über dem Boden, einen Meter an der Wand entlang und dann in die Nebenzelle. Am Boden, ganz nahe diesen beiden wärmespendenden Rohren, hockt Kreibel den ganzen Tag. 245 ... Auch diese Wintertage können so schön sein... Er denkt an frühere Wanderungen durch die schneeigen Wälder der Haake und Göhrde... denkt an die fröhliche Ursula, mit der er vor vielen Jahren Ferientage im Dezember verlebte... denkt an den weißen Sweater, den sie trug und der ihr zu dem braunen Wuschelkopf und den schwarzen, sehr glänzenden Augen so gut stand... Vorbei, längst vorbei sind all die schönen Tage... Und Ilse, seine Frau, hat er doch auch im Winter kennengelernt — bei der Gottlosenfeier am Heiligen Abend... Was wird sie in diesem Augenblick machen?... Auch sie ist schlimm dran. Sitzt da allein mit dem Kind und muß von den Wohlfahrts- groschen leben... Ilse?... Es war zwischen ihnen keine himmelstürmende erste Liebe, nein, aber eine ruhige, tiefinner- liche Liebe, die nicht viel Aufhebens macht... Er ist nicht immer gerecht, nicht immer gut zu ihr gewesen... Er wird es später— ja, vielleicht später— alles wieder gutmachen... =. Jorsten. Was mag mit Torsten sein?... Vom Kalfaktor hat er gehört, daß er auf A 1 liegt. Einmal hat er sogar einen kleinen Zettel mit einem Gruß hinunterschicken können... Den werden sie auch noch lange in Einzelhaft halten... Torsten müßte neben ihm liegen, dann wäre alles viel leichter zu ertragen. Der ist so stark ... Sie haben sich nie gesehen und sind doch Freunde ge- worden... Knastfreunde.... Wie mag er überhaupt aussehen?... Er wird nicht groß, aber stämmig und stark wie ein Bär sein... Gut und klug wird er aussehn,; was er geklopft hat, verriet den geschulten Marxisten. Er denkt noch lange an Torsten und an ihre Klopfgespräche. Ihm ist dabei, als ströme neuer Mut und neue Zuversicht durch seine Glieder...& 246 Kreibel hört Schritte nahen, springt von seinem Platz an den Heizungsrohren auf und stürzt ans Fenster. Die Zellentür öffnet sich. Der Sturmführer und der Stationswachtmeister Otten, der Harms abgelöst hat, treten ein. Hinter ihnen kommen zwei Männer in Zivil vorsichtig herein. Der eine, ein kleiner, verwachsener Mann, tritt ganz dicht an Kreibel heran und sieht ihn von unten herauf mit kleinen, stechenden Augen an. Der zweite, ein großer Mensch mit vollem Gesicht und runden, staunenden Augen, bleibt an der Tür stehen. Keiner spricht ein Wort. Der kleine Verwachsene sieht Kreibel immerfort ins Gesicht. Kreibel, der zuerst den Blick erwidert, sieht weg. Alle blicken ihn an und keiner spricht ein Wort. Plötzlich dreht sich der Krüppel um und rennt aus der Zelle. Die andern folgen ihm. Kreibel hört, wie einer draußen vor der Tür sagt:„ Nein, der nicht!" Dann entfernen sich die Schritte. Wie hypnotisiert bleibt Kreibel noch lange unterm Fenster stehen. Er kann sich nicht erklären, was das nun wieder zu bedeuten hat. Kreibels Zellennachbar, mit dem Namen Hansen meldet er sich, muß ein ganz junger Bursche sein. Immer, wenn der Wachtmeister zu ihm in die Zelle kommt, fragt er mit kindlich bettelnder Stimme: ,, Habe ich noch keinen Brief, Herr Wachtmeister?" Einmal hat Wachtmeister Otten ärgerlich geschrien: ,, Du machst mich noch ganz verrückt mit deiner Fragerei. Halt endlich das Maul! Wer soll dir denn überhaupt schreiben?" - ,, Meine Mutter, Herr Wachtmeister!" Trotz dem Anschnauzer fragt der Gefangene an den nächsten Tagen wieder. Nie war ein Brief für ihn da. 247 An einem kalten Dezembermorgen— auf dem Hof liegt zoll- hoher Schnee— läßt Meisel die Einzelhäftlinge der Stationen A 1 und A 2 auf den Korridoren antreten. Mit fünf Schritten Ab-- stand müssen sie marschieren. Es ist ein langer Zug verwilderter, erbarmungswürdiger Gestalten, der rund um den Hof durch den Schnee stampft. Obertruppführer Meisel hat seinen gefütterten Wintermantel an- gezogen und geht langsam in der Mitte des Hofes auf und ab. Einige Schritte von ihm steht ein Posten, das Gewehr im An- schlag.- Die Gefangenen tragen ihre alten, zerfetzten Zuchthauskleider, die sie auch im Sommer am Leibe hatten. Einige gehen vor Kälte gekrümmt und ziehen die’Schultern hoch. Kreibels Vordermann ist der junge Arbeiter Hansen. Ein kleiner, zarter Mensch, nach. seinem Aussehen eben der Schule entwachsen. Er hat eine viel zu große Jacke an. Die Hose, die auch zu lang ist, trägt er auf- gekrempelt. Seit drei Monaten ist Kreibel nun das erstemal im Freien. Mit tiefen Zügen atmet er die reine, kalte Winterluft ein. Dabei blickt er die Reihen der Gefangenen ab. Torsten muß darunter sein... Wer, um alles in der Welt, mag nun Torsten sein... Jeden Gefangenen betrachtet er beim Marschieren, ob er mit der Vorstellung, die er sich von seinem Freunde macht, überein- stimmt... Bei den dunklen Bartstoppeln in allen Gesichtern kann man keins deutlich erkennen... Er bemerkt aber, wie ein großer Mann mit wild wucherndem Barthaar und kreidebleichem. Gesicht, der vor ihm läuft, ebenfalls bei jeder Wegbiegung prüfende Blicke über die Gefangenen wirft... Sollte das Torsten sein?...- ... Was kann man unternehmen, damit dieser erfährt, daß er Kreibel ist?.... Er muß irgendwie auffallen... Der Wachtmeister 248 muß ihn anbrüllen... Es kann aber auch der Posten schießen... Die Patronen sitzen denen locker im Lauf... Einerlei, er muß etwas anstellen... Kreibel sackt in die Knie und fällt in den Schnee. Die Gefangenen marschieren an ihm vorbei. Der Posten macht Meisel aufmerksam und dieser schreit: ,, Was ist denn mit dir los?... Hallo! Aufstehen!... Herkommen!" Kreibel erhebt sich mühsam und wankt auf den Wachtmeister zu. Wie heißt du?" " 1 Kreibel schreit, so laut er kann: ,, Schutzhaftgefangener Kreibel!" ,, Was hast du?" ,, Mir wurde plötzlich übel, Herr Wachtmeister!" ,, Dann geh hier im Mittelgang!" Kreibel geht nun allein quer über den Hof. Dabei blickt er in das Gesicht eines jeden Gefangenen. Die meisten starren ihn stumpf und traurig an. Er richtet es so ein, daß er dicht an die Kette der Gefangenen kommt, wenn der große bleiche Genosse vorbeimarschiert. Wie er näher herankommt, schlägt ihm das Herz bis zum Halse... Es ist Torsten... Er zwinkert mit den Augen und lächelt Kreibel aufgeregt zu... Wie elend sieht er aus, wie bleich... So kräftig, wie ihn Kreibel sich vorstellte, ist er gar nicht. Aber kluge, warme Augen hat er... Das ist Torsten... sein Freund. Nun haben sie sich das erstemal in die Augen gesehen... Er hat ihm so unendlich viel zu verdanken... Wie wäre er ohne Torsten über die langen, entsetzlichen Wochen der Dunkelhaft gekommen?... ,, Euch friert wohl, was?" fragt Meisel die Gefangenen. ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" antworten einige. 249 ,, Dann lauft euch mal ein büschen warm... Laufschritt!... Die Arme hoch in Brusthöhe... Marsch- marsch!" Die Gefangenen traben durch den Schnee... Nach wenigen Schritten schon hämmern ihre Herzen, verkrampfen sich ihre Lungen; nach monatelanger Einzelhaft ist die Anstrengung für sie zu groß. Meisel jedoch läßt sie laufen, bis sie wie Trunkene an der Gefängnismauer entlang taumeln. ,, Schlappe Bagage!" schreit er und kommandiert Halt. Wir wollen Freiübungen machen, damit die Glieder gelenkiger werden!" Meisel läßt die geschwächten und erschöpften Einzelhäftlinge auf den Fingerspitzen Liegestützen machen... Der Posten. schreitet bei den Übungen die eine, Meisel die andere Seite entlang. Wer die Übung nicht richtig ausführt, bekommt einen Tritt oder einen Schlag mit dem Gewehrkolben. Den Gefangenen frieren die blutleeren Finger im Schnee steif. Der Wind fegt ihnen feinen Schneestaub unter die dünnen Kleider. Die Ohren brennen, und die Lippen laufen blau an. Nach dieser Übung läßt Meisel wieder Laufschritt machen. Während des Laufens kommt Kreibel, der die ganze Zeit im Mittelgang des Hofes ging, für einige Sekunden in die Nähe Torstens. Der lächelt angestrengt und flüstert ihm im Laufen keuchend zu: ,, Nie unterkriegen lassen! Wir müssen durch!" Kreibel nickt und zwinkert mit den Augen. Das ist Torsten... Immer noch der gleiche... Beim Einschluß fragt Hansen bittend und noch nach Luft ringend: ,, Herr... Wachtmeister... Habe ich immer... noch keinen Brief... von meiner Mutter?" 250 Otten gibt ihm überhaupt keine Antwort, sondern schlägt ihm die Zellentür vor der Nase zu. Weihnachten naht. Ein Wetter ist, wie in einem Weihnachtsmärchen. In der kalten, trockenen Luft bleibt der gefallene Schnee von jungfräulicher Reinheit. In den Häusern, hinter der Zuchthausmauer, herrscht feierliche Stille. Abends hören die Häftlinge aus der Anstaltskirche Choräle. Die kriminellen Gefangenen proben für ihre Weihnachtsfeier. Den meisten Gefangenen, selbst Kreibel, wird, je näher Weihnachten heranrückt, seltsam ums Herz. Zu tief wurzeln die Gebräuche und Feste in ihnen; zu viele Kindheitserinnerungen führen zum festlich strahlenden Christbaum, zum gedeckten Gabentisch, zu gutem Essen, zum fröhlichen Geknabber an Nüssen, Mandeln und Datteln zurück... Kreibel kommt auf den Einfall, die Bibel zu verlangen. In der Bibel zu lesen. Die Gesänge Davids vielleicht. Oder das Buch Hiob. Er hört Schritte vor seiner Zelle und klopft gegen die Tür. Wachtmeister Otten schließt auf. ,, Herr Wachtmeister, ich bitte um die Bibel!" Otten tritt vor Verwunderung einige Schritte in die Zelle und fragt, als habe er nicht richtig gehört: 11 Was willst du haben?" ,, Eine Bibel, Herr Wachtmeister!" " 1 Was willst du denn mit' ner Bibel?" ,, Drin lesen, Herr Wachtmeister. Es gibt sehr schöne Kapitel in der Bibel, Herr Wachtmeister! Besonders im, Alten Testament'." Otten starrt sprachlos auf den Gefangenen. Dann packt ihn die Wut, er schreit: ,, Du Schwein willst dich bloß dran aufgeilen. Ich kenn' das!" 251 Und links und rechts schlägt er Kreibel mit dem Handrücken ins Gesicht. Der taumelt gegen die Fensterwand. ,, Von wegen, Altes Testament', du Bursche... Ich weiß genau, was du willst... Besitz' noch einmal die Dreistigkeit, an die Tür zu klopfen!" Wie er Kreibels Zelle verläßt, klopft sein Nebenmann gegen die Tür. ,, Halt das Maul, du Idiot! Sind wir eure Laufjungen?" hört Kreibel den Wachtmeister schreien. Kreibel rückt den Schemel an die Fensterwand, und vorsichtig, den ganzen Körper an die Wand gedrückt, steigt er hinauf. Der Posten stampft in langsamen Schritten an der Mauer, das Gesicht auf die Fußstapfen im Schnee gerichtet. Die kurze, stille Dämmerung versinkt in Nacht. Der Mond gewinnt Glanz und Leuchtkraft. Einzelne Sterne beginnen zu funkeln. In der Ferne, hinter den im Mondlicht schimmernden Schneefeldern, sind Wohnhäuser zu erkennen. In ihren Fenstern ist Licht und Leben. Aus dem nahen Inspektorenhaus dringen dünne Kinderstimmen herüber. Ein Weihnachtslied. Heute ist Heiliger Abend. Kreibel steht auf dem Schemel und blickt durch die Gitter in die Nacht... Sie wird zu Hause sitzen und an ihn denken, so wie er jetzt an sie denkt... Den kleinen Fritz wird sie früh ins Bett legen... Vielleicht wird sie, wenn andere im fröhlichen Familienkreis singen und schlemmen, durch die verlassenen, dunklen Straßen laufen... Vielleicht liegt sie auch schon im vereinsamten Ehebett und kann, wie er, keinen Schlaf finden... Heiliger Abend... Heiliger Abend... 252 n ir n rt ,, Auch an euch ist gedacht worden!" hatte der Wachtmeister vor wenigen Stunden gesagt. Der Kalfaktor reichte ihm, wie jedem Gefangenen, ein fingerlanges Stück Mettwurst, einen halben Würfel Kunsthonig und sechs braune Kuchen. ,, Das ist von der Lagerverwaltung!" Wie Kreibel es stumm in Empfang nahm, schrie Wachtmeister Nuẞbeck empört:„ Kannst du Schwein dich denn nicht bedanken?" Heiliger Abend... Wie wird es am nächsten Heiligen Abend sein?... Einmal werden wir diesen heuchlerischen Zauber zerschlagen wir, die sie heute martern und morden... f. S u n n n st n S , - Schritte nahen. Kreibel springt vom Schemel, stellt ihn zur Seite und kriecht unter seine Wolldecke auf den Strohsack. Wachtmeister Otten knipst in jeder Zelle Licht an. Es brennt die ganze Nacht hindurch. So können die Außenposten sehen, wenn ein Gefangener am Fenster steht. Bis in den Morgen liegt Kreibel schlaflos in der erhellten Zelle. Und so wie ihm geht es vielen hundert Gefangenen hinter den roten Mauern. Am andern Tage verteilt Wachtmeister Nußbeck die Weihnachtspost. Er kommt zu Kreibel und schreit übermäßig laut: ,, Da, deine Post!" Zwei Briefe und eine Karte. Das ist die größte Freude. Seit wie-. viel Tagen hat er keinen Brief mehr von seiner Frau und von seiner Mutter erhalten. Hastig zieht er die Bogen aus den bereits von der Zensur geöffneten Umschlägen. In der Nebenzelle klopft es gegen die Tür. Mein Gott, hat der Hansen auch heute keinen Brief bekommen? Kreibel läßt einen Augenblick die Hände sinken... Wie mag das zusammenhängen? Der arme Kerl!.... 253 Fassungslos ist Kreibels Zellennachbar, wie der Wachtmeister, den er Post austragen hört, an seiner Tür vorübergeht. Eine schreckliche Angst kommt über ihn. Der Wachtmeister irrt. Er muß doch heute Post haben. Es ist doch anders gar nicht denk- bar. Und er stürzt trotz des Verbots an die Tür und hämmert mit seinen Fäusten dagegen. Kein Wachtmeister hört ihn und kommt... Den jungen Gefangenen würgt es in der Kehle; ihn packt eine grenzenlose Verlassenheit und Hilflosigkeit... Was ist passiert? Was ist mit der Mutter, daß sie nicht schreibt? Angst und Enttäuschung steigen wie Übelkeit in ihm hoch... Er hört Schritte. Sie wecken neue Hoffnungen. Mit angehaltenem Atem horcht er... Ja, vor seiner Tür bleibt der Wachtmeister stehen. Der Gefangene merkt, wie leise der Deckel vom Spion beiseite geschoben wird. Er wird beobachtet. Otten und Nußbeck treten in die Zelle. Zwei Briefe hat Otten in der Hand. Hansen hat sie sofort bemerkt, und ein glückhaftes Lächeln huscht über sein Gesicht... Also doch! „Wie alt bist du?” fragt Nußbeck. „Achtzehn Jahre, Herr Wachtmeister!" „Und dann noch so ein Mutterpüppchen?... Mit achtzehn Jahren ist man doch schon ein Mann... Du scheinst aber noch ein richtiges Schürzenkind zu sein?” Der Gefangene blickt nur auf die Hand mit den Briefen. „Wie heißt deine Mutter mit Vornamen?” „Pauline, Herr Wachtmeister!” „Und wohnt?” „Hufnerstraße 6, Herr Wachtmeister!” Nußbeck betrachtet die beiden Briefe und gibt sie Otten. Der ruft: 254 r -t Er m r n n S n h er ,, Komm her, Mutters Liebling!" Der Gefangene stürzt zu ihm hin. ,, Mach den Scheißhausdeckel hoch!" 11 Was...?" ,, Scheißhausdeckel hochnehmen!" Der Gefangene hebt, sprachloses Entsetzen in den Augen, den Deckel vom Abort. Otten nimmt die Briefe und reißt sie mittendurch. ,, Herr... Herr Wachtmeister... meine Briefe!" Die vier Teile reißt Otten noch einmal mittendurch und blickt dabei aufmerksam in das entsetzte, aufgerissene Gesicht vor ihm. Die Papierfetzen flattern ins Klosett. „ Ziehen!" Der Gefangene steht unbeweglich da; blickt bald auf den Wachtmeister, bald auf die Briefreste im Klosett. ,, Los! Ziehen!" Der Gefangene rührt sich nicht. ,, Du sollst ziehen!... Ziehen sollst du!..." Otten schreit und tobt. Der junge Hansen mit dem zarten, bleichen Gesicht starrt ihn nur an. Da stößt Otten ihn zur Seite und zieht selber den Hebel zum Spülkasten. Dabei sieht er ins Klosett, ob auch alle Papierstücke verschwinden. ,, Na, flenn doch! Flenn doch, du Muttersöhnchen!" höhnt er und wirft die Tür hinter sich und Nuẞbeck zu. Kreibel hört die gleichmäßigen Schritte des Postens unter seinem Fenster. Er hört den Schnee unter den Stiefeln knirschen. Und drinnen, im Gefängnis, draußen, hinter der Mauer, kein Laut. Die Tage schleichen dahin. Ihre Ruhe ist unerträglich, ist tötend. Gut, daß es nur einmal im Jahr Weihnachten gibt. 255 Er ist stets einsam und ohne Beschäftigung in diesen vier Wänden gewesen. Aber er lebte mit jedem Wort, das in seine Zelle drang, mit jedem Schritt, den er hörte, mit jedem Geräusch. In diesen Feiertagen war jedes Leben wie erdrosselt. Nicht einmal die Genossen in den Nebenzellen räusperten sich. Kein Laut, kein Klopfen, kein Schritt drang durch die Zellenwände. Und doch, in jeder Zelle sitzt ein Mensch, ein Genosse. In jeder Zelle. In hunderten Zellen. Und jeder dämmert durch diese stillen Tage, friẞt diese langen, einsamen Tage und Nächte in sich hinein und denkt an Frau und Kinder, an Eltern und Freunde und an die Genossen in der Freiheit... - Kreibel greift zum wievielten Male in diesen drei Weihnachtstagen? nach seinen Briefen, hockt sich in der Ecke am Heizungsrohr nieder und liest: - Mein lieber Walter, Nun steht Weihnachten vor der Tür, und Du bist immer noch in Haft. Wer hätte das gedacht, als sie Dich im März aus dem Hause holten? Vor einigen Wochen, als Gerüchte von einer Weihnachtsamnestie umgingen, bin ich auf dem Stadthaus gewesen und habe gefragt, ob Du, da Du noch aus der sozialdemokratischen Zeit in Haft bist, nicht mit entlassen würdest. Der Beamte sagte mir, eine Amnestie- Kommission prüft die einzelnen Fälle. Gestern sagte man mir, die Kommission habe Dich besucht und Deine Entlassung abgelehnt. Lieber Walter, ich habe eigentlich gar nichts anderes erwartet und ich denke, Du auch nicht. Dennoch, es wäre so schön, wenn Du wieder unter uns wärst. Aber Geduld, es kommt auch noch einmal wieder. 256 Der Kleine hat Nesselfieber gehabt. Deine Mutter, die mit ihm gut umzugehen weiß, plagte sich mit ihm ab. Nun ist er wieder munter. Es ist ein freches, aber süßes Kerlchen, sage ich Dir; den kennst Du gar nicht wieder. Groß und stark ist er geworden. Er frißt mir aber auch die Haare vom Kopf. Es ist nicht leicht, mit acht Mark Unterstützung die Woche auszukommen. Ich muß mich sehr einrichten. Radio habe ich abbestellt; die zwei Mark Gebühren monatlich bringe ich einfach nicht mehr auf. Lieber Walter, alle wollten Dir zu Weihnachten ein Paket schicken, Mutter, Grete, Paul und die Freunde. Da ich annahm, daß Du sicher nur ein Paket empfangen darfst, wollte ich Dir aus allen Geschenken ein schönes Paket zurechtmachen. Vor einigen Tagen wurde nun aber bekanntgegeben, daß Schutzhaftgefangene und auch alle anderen Gefangenen zu Weihnachten keine Pakete mehr empfangen dürfen. Das ist eine Bestimmung aus dem neuen Strafvollzug. Sei nicht traurig, Walter, wir werden später alles nachholen... Kreibel läßt die Hand, die den Brief hält, sinken... Sie ist doch mutiger und gefaßter, als er erwartet hatte... Und die Kommission? Die Amnestie- Kommission? Dieser unheimliche, stumme Besuch des Buckligen hat über sein Schicksal entschieden?... Das ist die Amnestie- Kommission gewesen?... Heiliger Strohsack, hier kann man was erleben... Nicht ein einziges Wort haben sie gesprochen. Nicht eine einzige Frage an ihn gestellt. Der Bucklige sagte draußen: Nein, der nicht! Das war alles... Kreibel zieht den zweiten Brief hervor, den Brief von seiner Mutter. 17 Bredel, Prüfung 257 Mein Lieber Junge, Ich will Dir nun auch noch zu Weihnachten Schnell einige Zeilen schicken, denn ich denke, es wird Dich doch Freuen von Deiner Mutter einen Brief zu bekommen, selbst wenn ich Dir nicht viel neues berichten kann. Zuerst der kleine war Krank, sehr Schlimm krank, ich habe sehr viel Arbeit gehabt und der kleine Butt hat sehr viel aushalten müssen, er ist aber ein Liebes kerlchen, stell' Dir vor, am Ganzen Körper ausschlag, cirka 40 eiterbeulen, der Doktor mußte davon wohl 10 schneiden, Geschrien hat er, Du machst Dir keine Vorstellung, ich mußte ihn halten, das war entsetzlich, aber nun hat er Erleichterung, heute Singt er schon wieder. Von mir ist Wenig zu berichten, viel Arbeit und Plagerei und obendrein auch noch Verdruß, An meine Lahmen Knochen darf ich jetzt nicht denken, wenn ich jetzt Schlapp mache, geht alles Verkehrt, also heißt es für mich den nacken Steifhalten. Und Du, mein Junge, wie geht es Dir, na ich kann es mir Denken, reden wir nicht drüber, aber alles hat Einmal sein ende und auch für Dich kommen Bessere zeiten, nur den Mut nicht sinken lassen, um uns Frauen mach Dir man keine Sorgen, wir kommen schon so durch. Alle lassen grüßen, mein Junge, sei man nicht so traurig, Deine Mutter. Kreibel lächelt. Die Briefe, wieviel Liebe steckt in jeder Zeile, in jedem Wort, wieviel Lebensmut zugleich und Zuversicht. Diese Briefe sind seine einzige Weihnachtsfreude, seine einzige Weihnachtslektüre, und immer und immer greift er zu ihnen, 258 liest er sie, freut sich darüber, daß die Mutter alle ihr wichtigen Wörter groß schreibt, freut sich darüber, daß sie nur dort den Punkt gelten läßt, wo sie einen Gedanken beendet hat. Er hängt beide Briefe über seinen Tisch an die kahle Zellenwand. Sie sind der einzige Schmuck der Zelle, und immer, wenn er beim Aufundabgehen an dem Tisch vorüberkommt, fällt sein Blick darauf. ,, Stillgestannn!... Das Gewe- ehr... über!... Das Gewe- ehr .. ab!... Rührt euch!" Die Wachtmannschaften des Konzentrationslagers exerzieren. Truppführer Teutsch führt das Kommando. - ,, Was ist denn bloß los? Das muß doch eine Freude sein, wenn die Arme gleichzeitig ruck- zuck an die Gewehre schlagen und alle wie in Bronze gegossen dastehen!... Kalk, du machst ein Gesicht, als habest du Essig gesoffen! Macht es dir keinen Spaß, he?" Der Angeredete zuckt verlegen grinsend die Achseln. ,, Stillgestannn!... Das Gewe- ehr über!... Im Gleichschritt... marsch!" Die Abteilung SS- Leute, mit Stahlhelmen und Gewehren, marschiert um den Gefängnishof. Teutsch schreitet nebenher, kritisiert den Abstand der einzelnen Glieder, die Haltung der Gewehre, das schwache Pendeln des freischwingenden Armes. ,, Abteilung... so schön, die Beine raus... halt!... So ist es gut! Ihr sollt sehen, wie uns die Mädels nachschauen... Abteilu- ung .. marsch!... Links schwe- enkt... marsch!... Gerade- e aus!" Auf dem Korridor der Station A 1 stehen mit dem Gesicht zur Wand drei Gefangene, die heute früh, am letzten Tag des 17* 259 Jahres, eingeliefert wurden. Einer von ihnen, ein großer, schlanker Mensch, hat pechschwarzes Kraushaar. Dusenschön und Meisel kommen über den Korridor, sehen den schwarzen Krauskopf und bleiben hinter ihm stehen. Dusenschön neigt sich zu dem Ohr des Gefangenen und flüstert: " 1 Wie heißt dein Vaterland?" Deutschland!" Was? Wie heißt dein Vaterland?" Der Gefangene dreht sich ein wenig um und erwidert noch einmal:„ Deutschland!" Dusenschön flüstert: Wie heißt du?" ,, Bruno Levy!" 11 ,, Dann ist doch Palästina dein Vaterland, nicht wahr?" Der Gefangene schweigt. ,, Gib Antwort, du Schwein!" brüllt ihm Dusenschön in die Ohren. ,, Ist Palästina dein Vaterland?" „ Nein!" Klöckner, der Anstaltsfriseur, kommt in diesem Augenblick vorüber. Sein Handwerkszeug, Haarschneideapparat, Schere und Kamm trägt er in einem kleinen Kasten unter dem Arm. Dusenschön hat einen Einfall. ,, Hallo!" ruft er den Friseur an. ,, Hast du deinen Haarschneideapparat zur Hand?" " Jawohl, Herr Sturmführer!" ,, Dann mal her damit!" Dusenschön nimmt den Apparat und beginnt dem Juden das wollige Haar zu schneiden. Der weicht erschrocken mit dem Kopf zur Seite. ,, Willst du stillstehn, du Idiot, oder soll ich dir die Ohren mit wegschneiden!" 260 “r Dem Gefangenen wird der Kopf kahlgeschoren; nichts soll ihm bleiben als ein kleiner Büschel mitten auf dem Kopf. Meisel steht unbeweglich neben dem Sturmführer und sieht zu, wie die Locken fallen; er verzieht keine Miene, blickt aufmerk- sam und ernst zu, als habe alles so seine Richtigkeit. Während des Scherens fragt Dusenschön: „Warum bist du eigentlich verhaftet?“ „Wir haben uns vor der Terrasse Witze erzählt!” „Wer wir?" „Meine Freunde und ich „Und wo sind die Freunde?” „Das weiß ich nicht!” 14 „So, so, Witze habt ihr euch erzählt... Was für Witze? Ich möchte auch mal gute Witze hören... Los, zier dich nicht!” „Das waren Witze... Witze gegen... die Regierung.” „Ja, ja, das kann ich mir denken. Aber was für welche, ich will sie hören!... Also wird’s bald, oder willst du erst einen Arsch- voll haben?“ „Einer hat die Frage gestellt, warum wir in diesem Winter keine Kohlen brauchen?...” „Na, und? Weiter... weiter!” „Das heißt: Weil wir eine... eine warme Regierung haben!” „Fabelhafter Witz!” lobt ironisch Dusenschön und zupft und reißt mit dem Apparat an den Ohren und an der Schläfe das dichte Haar aus.„Mehr! Ihr habt euch doch mehr Witze er- zählt!” „Warum... der Sachsenwald ab... abgeholzt werden muß. Weil...” Der Gefangene zögert und blickt von der Seite ängst- lich auf den Sturmführer, der immer noch seinen Schädel be- arbeitet.„... weil Göring... einen neuen... Kleiderschrank braucht!” ,, Die Witze werden ja immer großartiger. Ihr habt euch doch auch den Witz vom Reichstagsbrand erzählt, nicht wahr?" ,, Nein!" ,, Nicht den Witz von den Brüdern SASS?" ,, Nein!" Dusenschön betrachtet den geschorenen Juden und meint grinsend zu Meisel:„ Ein toller Witzbold, was?" Meisel zieht die Augenbrauen hoch, und ein kaum merkliches Lächeln huscht über sein Gesicht. ,, Er sieht zwar nicht schön aus, aber selten!" Wir woll'n ihn mal draußen zeigen!" Dusenschön tippt dem Gefangenen an den kahlen Kopf. ,, Mitkommen!" Auf dem Hof wird der Gefangene, der mit dem kahlgeschorenen Schädel und dem schwarzen Büschel auf dem Kopf einem Chinesen gleicht, mit brüllendem Gelächter empfangen. Dusenschön übernimmt das Kommando. ,, Stillgestannn!..." Die SS- Soldaten reißen die Knochen zusammen. " 1 ,, Das Gewe- ehr... über!... Im Gleichschritt... marsch!" Dusenschön wendet sich an den Gefangenen. Und du läufst jetzt im Schweinsgalopp um die Abteilung herum. Das wird sehr witzig aussehen. Los! Marsch- marsch!" Der Gefangene Levy rennt hinter dem Trupp SS- Soldaten her. An der Spitze rennt er um sie herum und auf der anderen Seite zurück, dem Trupp entgegen. Dann rennt er um das Ende herum und wieder der Spitze zu. Die SS- Leute amüsieren sich köstlich über den Geschorenen, der wie ein toller Hund um sie herumläuft. ,, Singen!" befiehlt Dusenschön. ... Lore, Lore, Lo- o- ore, schön sind die Mädel zwischen siebzehn- achtzehn Jahr..." 262 Dusenschön schreit den Gefangenen an, der um die Marschierenden herumkeucht: ,, Schneller laufen, nicht einschlafen! Schneller! Noch schneller!" 1/... - Und kommt der - - - Frühling in das Tal, grüß- mir die · Lore noch einmal..." - ,, Schneller laufen. Schneller!" blicket alle Mor- orgen, des Försters Töchterlein heraus. Lore, Lore, Lo- o- ore..." Der Gefangene wankt gegen die Marschierenden und erhält von einem SS- Mann einen Stoß, daß er zur Seite taumelt und fällt. Dusenschön kommandiert. ,, Hier vor dem Gefängniseingang in zwei Gliedern angetreten, marsch- marsch!" Der erschöpfte Gefangene, der sich wieder erhoben hat, soll durch die beiden Reihen der SS- Leute ins Gefängnis laufen. Dusenschön gibt ihm den Rat: ,, Beeile dich, sonst bleiben dir die Kommiẞstiefel im Arsch stecken!" Levy preẞt die Zähne aufeinander, verkrampft die Finger seiner Hände zur Faust und beginnt ohne einen Laut durch die Reihen zu laufen. Von beiden Seiten wird er durch Tritte und Hiebe vorwärts getrieben... Er duckt sich, um die Schläge gegen Gesicht und gegen Kopf abzuwehren und stürzt, getroffen von rabiaten Tritten, zu Boden. Eisenbeschlagene Stiefel trampeln auf ihm herum... Er rafft sich wieder auf, sieht nichts als schlagende, stoßende Arme und Beine, hört nichts als Lachen und Johlen und fühlt sich schließlich in hohem Bogen auf die Steinstufen der Gefängnistreppe geschleudert. Im ersten Augenblick ist er wie betäubt. Dann blickt er auf und sieht in lachende, aufgerissene Gesichter. Vorsichtig erhebt er sich. 263 ,, Rauf mit dir!" schreit Dusenschön, und der Gefangene stolpert hastig die Treppe hinauf. ,, Mal herhören!" wendet sich der Sturmführer dann an die SS- Leute. ,, Ich will euch gleich etwas bekanntgeben. Der Reichsstatthalter hat die gesamte Wachtmannschaft des Lagers zu einem Neujahrsempfang eingeladen. Es soll dies eine Anerkennung für unsere Leistungen sein!" In der Schreibstube der Kommandantur herrscht Ratlosigkeit. Harms steht mit verschränkten Armen an dem aus rohem Holz zurechtgezimmerten Regal, in dem die Akten und Kartothekkarten liegen. Riedel sitzt an seinem Schreibtisch und grübelt schweigend vor sich hin. Dusenschön läuft mit schnellen, nervösen Schritten im Zimmer auf und ab. 11 Wie ist das bloß möglich?" seufzt der Sturmführer ein um das andere Mal. ,, Wie ist das bloß möglich?" Harms und Riedel sehen sich an. Jedem ist, als husche über das Gesicht des andern ein flüchtiges, schadenfrohes Lächeln. " Und wenn wir es doch unterdrücken? Das gibt ja einen Skandal ohnegleichen!" Unmöglich!" antwortet Riedel kalt. ,, Fast alle haben es gehört. Auch ohne uns erführe es der Alte!" ,, Menschenskind, Harms, du ahnst nicht, was du angerichtet hast. Es ist sowieso ununterbrochen dicke Luft im Bau. Und nun auch noch das." ,, Ich war besoffen!" ,, Immerhin! Immerhin!" Dusenschön bleibt plötzlich vor ihm stehen. ,, Und du weißt alles von Lenzer, direkt von Lenzer?" ,, Ja, ich traf ihn am Kellinghusen- Bahnhof. Wir kamen ins Gespräch. Ich machte ihm Vorwürfe in dieser Angelegenheit, und er erzählte mir dann das von Meisel. Er war wütend, weil man 264 die Sache im Sturm zur Sprache gebracht hat und der Meisel ihn schnitt!" ,, Dann hat er es gewiß auch schon anderen erzählt!" ,, Na, selbstverständlich!" ,, Kein schöner Charakterzug!" bemerkt Riedel lakonisch. ,, Schöner Charakterzug?" knirscht Dusenschön.„ Ein großes Schwein ist er, ein Erzhalunke!" Er vergräbt seine Hände in den Hosentaschen und rennt im Zimmer umher. ,, Ruf mal drüben an. Meisel soll herkommen!" Wenige Minuten später tritt Meisel ins Zimmer. Mit großen, verstörten Augen blickt er um sich; sein erdfahles Gesicht schimmert grünlich; die Lippen hat er krampfhaft aufeinandergepreßt. Bevor er Fragen an ihn richtet, steht Dusenschön lange am Schreibtisch, sieht Meisel an und klopft mit den Fingern auf die Tischplatte. Dann schüttelt er den Kopf und dreht ihm brüsk den Rücken zu. Meisel spürt die Blicke seiner beiden Feinde Harms und Riedel, aber er sieht an ihren Gesichtern vorbei. ,, Von jedem andern... Wenn man mir das von jedem andern berichtet hätte, es hätte mich nicht so überrascht. Ausgerechnet du... Ausgerechnet du, der Übergewissenhafte, der bis ins kleinliche Genaue. Mensch, sag' mir bloß, wie hat dich der Lenzer dazu gekriegt?" Dusenschön steht dicht vor Meisel, der den Blick des Sturmführers mit glanzlosen, unruhigen Augen erwidert. ,, Ich habe davon gewußt, aber nie direkt mitgemacht!" Dusenschön horcht auf. ,, Du hast nie mitgemacht?" „ Nein!" ,, Keine Bestellungen aufgenommen? Keine Tabakwaren ins Lager geschmuggelt? Sie nicht auf die Säle verteilt?" 265 „ Nein!" ,, Du hast nur von allem gewußt?" ,, Ja!" 11 Und wolltest den Lenzer nicht verraten?" ,, Nein!" Dusenschöns Stimme bekommt einen anderen Klang. Er wendet sich an Harms und Riedel: ,, Nun sieht die Sache aber schon ganz anders aus!" Riedel sieht den Sturmführer erstaunt an, dann richtet er den Blick auf den an der Tür stehenden Meisel. Für Sekunden begegnen sich ihre Augen. In denen Meisels liegt ein ängstlich flehender Zug, aber Riedel bleibt ungerührt. Er muß an den Kriegsinvaliden, an Koltwitz denken, an die vielen wehrlosen Gefangenen, die dieser jetzt zerknirscht vor ihm stehende Vorgesetzte mißhandelte. Riedel empfindet kein Mitleid mit Meisel, er denkt nicht daran, ihn zu schonen. ,, Meisel hat nicht nur von den Schiebungen Lenzers gewußt", erklärt er fest und bestimmt ,,, er hat auch immer die Hälfte des Erlöses abbekommen!" Dusenschön knickt zusammen; er blickt Meisel an. ,, Stimmt das?" ,, Jawohl!" antwortet der leise mit bebenden Lippen. ,, Du Lump!" zischt Dusenschön in ohnmächtiger Wut. ,, Mir das anzutun." Er tritt ans Fenster und lehnt den Kopf gegen die Hand, die das Fensterkreuz umkrallt. Riedel und Harms blicken unverwandt auf Meisel, der den Kopf auf die Brust sinken läßt und die Augen schließt. Plötzlich schreit Dusenschön, ohne seinen Platz am Fenster zu verändern: ,, Abführen lassen!" Riedel erhebt sich, geht an Meisel vorbei aus dem Zimmer. 266 Mit einem SS- Posten der Kommandantur betritt er den Raum wieder. ,, Los, mitkommen!" Meisel zuckt zusammen, blickt auf, wirft Riedel einen tödlichen Blick zu und verläßt vor dem Posten das Zimmer... Dusenschön will dem Kommandanten über den Vorfall Bericht erstatten; doch Ellernhusen ist bereits über alle Einzelheiten unterrichtet. ,, Es wird immer toller!" Dusenschön antwortet: ,, Man müßte rücksichtslos durchgreifen!" War dieser Meisel nicht einer von denen, die Ihr besonderes Vertrauen genossen, Sturmführer?" Dusenschön hat diese Frage erwartet. Sie mußte ja kommen. Und doch steigt eine kalte Wut in ihm hoch. Er blickt dem Kommandanten offen in die Augen, aber er schweigt. Kommandant Ellernhusen liest in dem Blick seines Sturmführers, und dieser von seinen besten Freunden bloßgestellte Untergebene tut ihm plötzlich leid. Mit versöhnlicheren Worten meint er: ,, Sturmführer, Sie sind ein schlechter Menschenkenner! Doch überwinden Sie die Enttäuschungen, sie sind eine gute Lehre, sie machen hart und lehren die Menschen verachten!" Schnell spricht sich im Lager herum, daß beim Neujahrsempfang des Reichsstatthalters Kaufmann Oberscharführer Harms in seiner Betrunkenheit mit Obertruppführer Meisel in Streit geraten ist und ihm Dienstvergehen, Schiebungen und Korruption vorgeworfen hat, und daß Meisel bereits in Arrest sitzt. Bei den Gefangenen herrscht einmütige Freude. Zu groß ist der Haß gegen diesen Wüterich, als daß auch nur ein einziger Ge267 fangener für ihn Partei nähme, obwohl er Schiebungen be- gangen hat, die den Gefangenen zugute kamen. Der Seemann Kesselklein hält in seiner Begeisterung eine lange Rede: „Denn Saukopp gönn ik dat, wie keenen annern. Dat wär jo keen Wachtmeister, dat wär een Wuchtmeister. Ober dee breekt sik all sülmst dat Genick, wenn wi später mol affreeken wüllt, is von de ganzen Bambusen keen een mehr dor. Paßt man op, dat kummt noch veel scheuner. Von düssen Rittern ohne Furcht und Tadel ward noch mancher in den Bunker wandern!” Oberscharführer Harms ist zum Obertruppführer befördert worden. Scharführer Riedel zum Truppführer. Dusenschön hat Erholungsurlaub genommen, Harms vertritt ihn. Harms, der verhinderte Student und geschmeidige Taktiker, rückt dem ersehnten Ziel beträchtlich näher. Er ist der Vertrauens- mann des Kommandanten, und unter den SS-Leuten geht das Gerücht um, daß Dusenschön von seinem Urlaub nicht zurück- kehren, daß, Harms an seine Stelle treten wird. Der Januar ist ein ruhiger Monat. Die Nächte werden nicht mehr von den Schreien Mißhandelter zerrissen. Harms liebt lautlose Arbeit. Kein Gefangener wird in seiner Zelle ausgepeitscht. Aus- peitschungen werden nur noch im Keller hinter doppelten Türen vorgenommen, durch die kein Schlag und kein Schrei dringt. Alle gelernten Maler unter den Gefangenen der Säle wurden herausgesucht. In Kolonnen aufgeteilt, streichen sie die Korridore und Zellen. Andere Arbeitskommandos säubern mit Wasser- schläuchen und Besen das ganze Gefängnis. Von frühmorgens bis spätabends herrscht auf allen Stationen emsige Betrieb- samkeit. 268 Aus Liebe zum Organisieren, nicht um den Gefangenen ihr Los zu erleichtern, trifft Harms Maßnahmen, die auch den Gefangenen zugute kommen. Die Post wird pünktlicher ausgeteilt. Die Besuchszeit für die Gefangenen genau festgelegt. Freistunden werden regelmäßiger angesetzt. Die Bettwäsche terminmäßig gewechselt. Alle vier Wochen wird zum Baden geführt. Harms liebt es, überraschend auf die Säle zu kommen. Die Gefangenen müssen dann die Hände vorstrecken, einen Stiefel ausziehn und die Füße zeigen. Harms prüft außerdem die Sauberkeit der Eßgeschirre und die Ordnung der Spinde. Nur in die Einzelzellen geht er nicht. Er weiß, die Einzelhäftlinge haben oft kein Eẞgeschirr, sondern essen aus der Waschschüssel, haben gewöhnlich weder Kamm noch Spiegel und werden oft monatelang weder gebadet noch rasiert. Aber er ordnet an, daß häufiger die Zellenfenster geöffnet werden, damit es in den Zellen nicht zu sehr nach Schweiß und Kot stinkt. Eines Tages, gegen Ende Januar, wird Torsten aufgefordert, sofort seine Sachen zu packen. Der Wachtmeister teilt ihm mit, daß er ins Untersuchungsgefängnis überführt wird. Torsten holt tief Atem: das ist eine Freudenbotschaft. Das Konzentrationslager überstanden, heißt viel überstanden; alles was nun noch vor ihm liegt, kann nicht halb so schlimm sein. Schnell kleidet er sich um, rafft die Anstaltssachen zusammen breitet die Wolldecke aus und wirft alles hinein. Wieder in seinem Privatzeug, ist ihm gleich wohler; er fühlt sich als Mensch. Dann nimmt er Abschied von der Zelle, in der er Monate gelebt hat. Jeden Riß an der Decke, jeden Farbenstrich an den Wänden, die Roststellen an der Zellentür, alles betrachtet er noch einmal. Wie oft ist in den langen, einsamen Wochen sein Blick darauf gefallen? 269 Er sieht aus dem Fenster und nimmt Abschied von seiner Buche, die nackt und wie erstarrt ihre kahlen Äste von sich streckt. Träumend hat er so manche Stunde in ihren herbstlichen Blätterschmuck geblickt. - Kreibel... Vielleicht wird der auch bald verlegt. Der ist doch schon bald ein Jahr im Lager... Ob er ihn später wiedersehen wird?... Wenn er es richtig überdenkt damals in der Dunkelhaft, in dem finsteren Steingrab, hat er am intensivsten gelebt. Mit dem Knöchel haben sie stumme Wände zum Sprechen gebracht. Der Wachtmeister kommt. ,, Sind Sie fertig?" ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" ,, Dann kommen Sie heraus!" An der Wachtstube nimmt eine Ordonnanz der Kommandantur Torsten in Empfang. Sie gehen über die Gefängnishöfe nach dem Mittelbau. In der Effektenkammer, die sich im Keller unter den Räumen der Kommandantur befindet, muß Torsten warten. Auf dem Flur vor der Kleiderausgabe stehen zahlreiche Zugänge. Torsten wundert sich über einige junge Burschen, die hohe Schaftstiefel und braune Wildlederhosen tragen. Einen in vollständiger SAUniform hat Torsten für einen Wachtmeister gehalten. Er bekommt aber blaues Gefängniszeug, ist also ein Gefangener. Truppführer Teutsch, dem die Kleiderausgabe zu langsam geht, kommt die Kellertreppe herunter. Er sieht den SA- Mann vor seinem Kleiderbündel stehen und tritt auf ihn zu. ,, Du bist SA- Mann?" " Jawohl!" ,, Und weshalb bringt man dich her?" ,, Ich bin angezeigt worden... Ich habe etwas gesagt!" 270 „Was hast du gesagt?” „Gegen Kaufmann und... und... gegen die oben!” „Du bist ja ein musterhafter SA-Mann! Seit wann bist du in der SA?” „Seit 19291!” Teutsch sieht die Schaftstiefel und die braunen Hosen der andern. „Was bist du?“ fragt er einen jungen Menschen mit der kräftigen, sehnigen Figur eines Sportlers. „Modelltischler!“ „SA-Mann?” „Jawohl!” „Und was hast du ausgefressen?“ „Ich habe in meinem Betrieb für Streik agitiert!” „Bist von der Kommune, was?” „Nein! Unsere Akkordsätze sollten verschlechtert werden.” „Bist du auch ein SA-Mann?” fragt er den dritten. „Nein! Amtswalter!” „Amtswalter? Und warum hat man dich festgenommen?” „Ich habe vergessen, die Kohlenkarten, die ich mir ausstellte, vom Vorsteher unterschreiben zu lassen. Ich habe das nur ver- gessen, denn das Einverständnis des Vorstehers lag vor!” „Du Schwein lügst!” Teutsch tritt ganz dicht an ihn heran. „Wegen eines Versehens kommt kein Mensch ins Konzentrations- lager. Du wolltest Schmuh machen, was?” „Nein!“ „Wie heißt du?” „Brenningmeier!” „Deinen Namen werde ich mir notieren. Du wirst mir schon die Wahrheit sagen, verlaß dich drauf. Überleg’ es dir bis dahin!“ 27 Dann blickt Teutsch wieder auf die beiden anderen SA- Gefangenen: ,, Ihr solltet euch die Augen aus dem Kopf schämen." Torsten steht dabei, hat Wort für Wort gehört und möchte laut jauchzen. Wenn das Leben hier drinnen auch still steht, draußen geht es weiter. Wenn sie schon ihre eigenen Anhänger ins Konzentrationslager stecken müssen, ist die Entwicklung rascher gegangen, als er zu träumen gewagt hatte... Teutsch tritt an Torsten heran und fragt: ,, Na, für Sie fängt jetzt das Knastschieben an? Mit was rechnen Sie?" ,, Das kann ich nicht sagen, denn ich weiß noch gar nicht, weswegen ich angeklagt werde!" ,, Wird wohl' ne hübsche Stange bei rauskommen!" Einige Stunden später fährt Torsten im Polizeiwagen, zusammen mit zwei Zuhältern, die ebenfalls ins Untersuchungsgefängnis gebracht werden, durch das Lagertor. Noch einmal blickt er aus den schmalen Fenstern des Wagens auf die stillen, finsteren, schmutzigroten Gefängnisbauten, noch einmal denkt er an die furchtbaren Nächte hinter diesen Mauern, an Koltwitz und an Kreibel und alle die vielen Genossen, die hinter den Gittern leiden. Der Heildiener Brettschneider kommt zu Wachtmeister Otten in die Wachtstube. ,, Na, Otten, was gibt's Neues auf der Station?" ,, Nichts! Nur der Klasen in Zelle 38 hat sich krank gemeldet. Er sagt, er habe die Syphilis. Aber das Schwein will nur ins Lazarett!" ,, Und der Kreibel, wie geht's dem?" 272 e t, er g 00 n n e- IS ո, ie n n in et. ns ,, Der ist wieder auf'm Draht!" ,, Die Frau hat neun Stunden vor dem Tor gewartet. Sie wollte nicht eher fortgehen, bis sie ihren Mann gesehen und gesprochen hat." ,, Schließlich hat sie sich das doch überlegt, was?" ,, Ihr Kind ist ins Krankenhaus gekommen. Die Frau war ganz aufgelöst. Hat Mühe gekostet, sie zum Fortgehen zu bewegen." ,, Ich kenn' das", erwidert Otten, ich war mal während der Besuchszeit Posten. Mensch, diese Weiber haben Haare auf den Zähnen, eine widerspenstige und freche Bagage. Tritt doch so'ne kleine Puppe, die du auf' n Arm nehmen kannst, an mich heran und fragt mich:, Gehör'n Sie auch zu den Bestien, die meinen Mann verprügelt haben?', Erlauben Sie mal', sage ich ,, ich kenne Sie gar nicht!', Mich nicht!' kräht die mich an., Nein, mich nicht, das weiß ich, aber meinen Mann desto besser, was?' Mensch, ich sage dir, ich habe mich schleunigst verpiẞßt. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wären sie über mich hergefallen, wie über den Zirbes." Brettschneider lacht. ,, Ist ja begreiflich, daß diese Weiber alle hysterisch sind, denen fehlt der Mann..." Brettschneider schließt die Zelle 38 auf. Er findet darin einen kurzen, breitschultrigen Menschen mit großem, knochigem Gesicht. ,, Sie sind Seemann?" " Jawohl!" ,, Und was fehlt Ihnen?" ,, Ich habe Syphilis!" ,, Woher wissen Sie denn das?" ,, Woher ich das weiß?" fragt der gefangene Seemann erstaunt. 18 Bredel, Prüfung 273 ,, So was weiß man eben!" ,, Wann waren Sie zuletzt in Behandlung?" Warten Sie mal... Das war vor etwa drei Jahren!" ,, Sind Sie verrückt geworden? Oder wollen Sie mich verhohnepiepeln? Drei Jahre laufen Sie mit dem Schweinkram rum?... Wieviel Weiber hast du Strolch denn angesteckt?" Der Gefangene antwortet nicht. ,, Aber du schwindelst, du hast gar keine Syphilis, dir gefällt es in Einzelhaft nicht, möchtest ins Lazarett, was?" Der Gefangene sieht unablässig den Heildiener an, schweigt aber. ,, Na, komm man zu mir, ich will dich schon untersuchen. Dir soll die Spucke wegbleiben. Und wehe dir, wenn du mich angelogen hast!" Der Heildiener schließt Kreibels Zelle auf. ,, Wie geht's?" ,, Schlecht, Herr Heildiener!" ,, Schlecht? Woran fehlt's denn?" ,, An Arbeit, Herr Heildiener. Ich möchte um irgendeine Arbeit bitten. Mir ist von dem dauernden, sinnlosen Hin- und Hergerenne ganz muffig im Kopf!" 11 Wenn es nach mir ginge, müßtet ihr alle von morgens bis abends arbeiten. Und wenn es für die Wohlfahrtserwerbslosen wäre. Aber es ist einfach keine Arbeit da. Das bißchen, das an die Gefängnisse vergeben werden darf, bekommen die Strafgefangenen und Zuchthäusler." Der Heildiener betrachtet aufmerksam das Gesicht des Gefangenen, die graue, kranke Hautfarbe, den seltsamen starren Blick und das nervöse Zucken der Gesichtsmuskeln unter dem linken Auge. 11 Wie lange sind Sie schon in Einzelhaft?" 274 „Fast zehn Monate, Herr Heildiener. Davon sechs Wochen in Dunkelhaft!” „Am!... Ich will sehen, was ich tun kann. Aber machen Sie sich keine übertriebenen Hoffnungen. Vielleicht kann ich Garten- arbeit für Sie herausholen!” „Ich wäre Ihnen unendlich dankbar, Herr Heildiener.” Der Heildiener verläßt die Zelle und geht zurück in die Wacht- stube zu Otten. „Der Kreibel macht es nicht mehr lange. Sein Blick gefällt mir nicht. Es ist doch eine verdammt schwere Haft, immer allein und ohne Arbeit!” Otten, der in seinem Meldebuch Eintragungen macht, dreht sich herum und meint: „Wenn ich zu sagen hätte, würde etwas ganz anderes gemacht. Ich würde alle entlassen... Würde aber jeden, der zum zweiten-; mal bei politischer Arbeit gefaßt wird, auf der Stelle erschießen. Wenn wir die Burschen schon einschüchtern wollen, dann ist das die beste Methode. Und obendrein ist sie billiger; eine deutsche Patrone kostet sieben Pfennige.” „Du stellst dir die Dinge zu einfach vor.” Nachdem der Heildiener gegangen ist, überlegt Otten, ob er dem Kreibel mitteilen soll, daß sein Kind ins Krankenhaus ge- kommen sei. Wie ihm der Gedanke kommt, verspürt er große Lust, sofort hinzugehen. Soll der Kerl sich doch ruhig Gewissens- bisse machen. Dann zögert er aber. Ist eigentlich eine tolle Quälerei, einem gefangenen Menschen derartigen Schrecken ein- zujagen. Will ihn man in Ruhe lassen. Und er arbeitet weiter. Eine Weile später blickt er abermals von seiner Schreiberei auf und grübelt vor sich. Haben diese Burschen Rücksicht verdient? Otten zögert. Er möchte zu gerne dem Kreibel eine Lektion . erteilen, aber er zögert immer wieder. 18* 275 .® Schließlich steht er auf und tritt in den Korridor, geht direkt auf Kreibels Zelle zu und öffnet. Der Gefangene steht vor- schriftsmäßig unter dem Fenster an der Wand und meldet: „Schutzhaftgefangener Kreibel!” „Du hast einen Sohn?” „Jawohl, Herr Wachtmeister!” „Wie alt ist der?” „Drei Jahre, Herr Wachtmeister!” „Er ist ins Krankenhaus gekommen!” Kreibel blickt auf den Wachtmeister, der an der Tür steht und ihn aufmerksam beobachtet. „Herr Wachtmeister... was... fehlt ihm?” „Das weiß ich auch nicht! Ihre Frau war hier und wollte Sie sprechen!” Kreibels Gesicht ist wie von einer Lähmung überzogen; er atmet schwer. Stoßweise bringt er hervor: „Ist... es... sehr gefährlich, Herr Wachtmeister?” „Einzelheiten weiß ich auch nicht!” Nach diesen Worten schließt Otten die Tür. Doch bevor er weitergeht, blickt er noch einmal durch den Spion und sieht den Gefangenen bleich und regungslos an der Wand unter dem Fenster stehen. Soll sich Gedanken machen. Soll sich auch ruhig unglücklich fühlen, denkt Otten. Dazu sind die Kerle ja schließlich hier. Am nächsten Morgen hört Kreibel auf dem Korridor und in der Nebenzelle aufgeregtes Gelaufe. Otten flucht, die Kalfaktoren lassen die Kaffee-Eimer stehen und rennen die Treppen hinunter. Was ist nebenan passiert? Ob der junge Hansen sich erhängt hat? Wenn, dann hat ihn dieser Otten auf dem Gewissen. Was der Mensch für gemeine Augen bekam, als er ihm von seinem 276 Sohn berichtete. Wie er die Lippen hochzog und die Zähne zeigte. Gleichmäßige, perlenweiße Zähne hat er. Darauf scheint er besonders stolz zu sein. Der Heildiener kommt mit Otten über den Korridor. Kreibel erkennt ihn sofort an der Sprache. ,, und du hast gestern abend nichts gemerkt?" ,, Nicht das geringste. Der benahm sich wie an jedem andern Abend!" Kreibel preßt sein Ohr an die Zellenwand. Wenn auf dem Korridor keine Geräusche sind, kann er hören, was in der Nebenzelle gesprochen wird. ,, Menschenskind, was machst du für Dummheiten. So etwas macht man doch nicht, wenn man achtzehn Jahre alt ist. Hast du Liebeskummer?" Kreibel kann nicht verstehen, was Hansen antwortet. ,, Briefe von deiner Mutter? Die Frau wird keine Zeit zum Briefeschreiben haben. Aber man bringt sich doch nicht um, weil man keine Briefe bekommt. Du bist ja eine ganz verdeubelte Marke!" Kalfaktoren schleppen eine Tragbahre herbei. Kreibel hört, wie Hansen aus der Zelle getragen wird. Vor seiner Tür sagt der Heildiener: ,, Der hat einen unglaublichen Massel. Normalerweise müßte er längst verreckt sein." Dieser Morgen hat für Kreibel große Bedeutung. Auch er kennt Abende und Nächte, in denen er mit dem Gedanken rang, Schluß zu machen. Seit vielen Tagen trägt er einen festen, geflochtenen Strick unterm Hemd am Hals, damit er, wenn er erkennt, daß es keinen Ausweg mehr gibt, nicht noch lange Vorbereitungen zu treffen hat. In den einsamen, verzweiflungsvollen Nächten hat dieser Strick wie eine glühende Kette gebrannt. Und abends, wenn wieder ein qualvoll langer Tag vorüber war und 277 eine nicht minder qualvolle schlaflose Nacht bevorstand, war es ihm oft, als ob der Strick um seinen Hals ihn ermuntere: ,, Tu's doch!" Schweißgebadet vergrub er dann das Gesicht in daş grobe Sackleinen seines Strohlagers. An diesem Morgen, nachdem sie den jungen Zellennachbar fortgeschafft haben, gelobt er, daß er nie selber Hand an sich legen will; er nimmt den Strick vom Hals und wirft ihn in den Abort. Er hat einfach kein Recht, mit seinem Leben zu spielen; er muß durchhalten. Torsten und die meisten anderen Genossen halten auch durch. Torsten?... Der würde sagen: ihm fehlte die Härte, die ein Bolschewik besitzen muß. Nein, er will sich nicht umbringen. Nie und nimmer. Dann holt er einen winzigkleinen Holzsplitter und ein Stück graues Papier hervor und beginnt vorsichtig, Buchstabe für Buchstabe, das Klopf- Alphabet aufzuzeichnen. Er sticht die Buchstaben ins Papier. Bei der nächsten Gelegenheit will er seinem anderen Nachbarn diesen Zettel zustecken; denn, obgleich er seit Wochen gegen die Wand klopft, versteht der ihn nicht. Walter!" Kreibel stürzt an die Zellentür. Der Kalfaktor Erwin flüstert durch die Ritze der Tür. ,, Der Hansen hat sich die Pulsadern aufgerissen. Das Blut hat sich aber verkrustet und er lebt. Mächtig klapperig ist er. Du, den hat Otten dazu getrieben!" ,, Ja", flüstert Kreibel zurück. ,, Ich weiß!" ,, Hansen ist ins Barmbecker Krankenhaus gekommen. Wenn er helle ist, dann macht er sich rechtzeitig dünne!" ,, Du, Erwin!" 11 Was?" ,, Ist die Luft rein?" ,, Ja! Otten ist unten!" 278 です Willst du Kramer einen Zettel zuschieben?" ,, Du, das ist gefährlich. Du weißt, was das für mich bedeuten kann!" ,, Na, dann laẞ man!" ,, Los, versuch es durch die Türritze zu schieben. Du mußt den Bogen knicken und direkt überm Schloß hineinschieben!" Kreibel schiebt aufgeregt den Zettel zwischen Tür und Wand. Er stößt auf Widerstand. An dem Knick in der Türfüllung ist ein kleiner Vorsatz. Immer wieder versucht er es, probiert es mal an dieser, mal an jener Stelle. ,, Du mußt ruhig bleiben, sonst gelingt es nicht!" Endlich rutscht der Zettel durch. ,, Hast du ihn?" ruft Kreibel.„, Hast du ihn?" ,, Ja! Sei ruhig, schrei nicht so!" Kreibel hört, wie der Kalfaktor den Zettel durch die Tür der Nebenzelle schiebt und dann eilig weitergeht. Der Genosse in der Nebenzelle schlägt mit der Faust gegen die Wand. Kreibel schlägt zurück. Nun betrachte das Alphabet, Genosse, und dann wollen wir uns unterhalten, spricht Kreibel gegen die Wand, hinter der der Gefangene den grauen Zettel studiert. Am 30. Januar, am Jahrestage der Machtübertragung an Adolf Hitler, betritt mit Wachtmeister Otten der ,, Erlöserengel", Wachtmeister Harden, Kreibels Zelle. Kreibel bekommt vor Aufregung rote Flecke im Gesicht, und das Herz schlägt ihm im Halse. Bedeutet das seine Entlassung? Starr blickt er auf den Wachtmeister der Kommandantur, der einen großen weißen Zettel in der Hand hält. ,, Packen Sie Ihre sämtlichen Sachen!" Jawohl, Herr Wachtmeister!" 279 Kreibel stürzt halb von Sinnen auf das Bettzeug und wickelt es zusammen, kramt aus dem Spind Heringsbrett, Schüssel und Löffel auf den Tisch. ,, Hast du in den Gemeinschaftssälen Platz?" Kreibel horcht auf. Er wird also nicht entlassen, er kommt auf einen Saal. Na, wenn schon; erst mal raus aus diesem Loch. Otten denkt nach: ,, Bei mir ist nichts frei. Beide Säle sind voll belegt!" Kreibel hat sein Zeug zusammengepackt. Das aus Klosettpapier verfertigte kleine Schachspiel knistert in der Hosentasche. Er wirft einen flüchtigen Blick auf die Wand, hinter der Ernst Rüsch liegt. Vorbei sind die Klopfunterhaltungen, die erst nach so langen Bemühungen zustande kamen. Vorbei ist das Schachspielen, das ihre letzten Tage ausgefüllt hat... Auf einen Saal. Unter Genossen. Aber ich werde vorsichtig sein, gelobt sich Kreibel; mir meine Schnauze nicht verbrennen und kein Wort über Politik äußern. Eh' ich mich recht umgesehn habe, sitze ich wieder in Einzel- oder gar Dunkelhaft. Der Saal ist die letzte Etappe vor der Entlassung, und er hat kein Verlangen, noch einmal von vorn anzufangen. ,, Der Lühring muß Betten frei haben!" meint Harden. Sind Sie fertig?" ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" ,, Dann kommen Sie mit!" Sie gehen die Treppe hinunter nach der unteren Station. Unterwegs erfährt Kreibel vom Wachtmeister, daß er auf Anordnung der Staatspolizei in Gemeinschaftshaft komme und für Sonntag Besuchserlaubnis erhalten habe. ,, Bleiben Sie hier stehen!" Harden geht in die Wachtstube. Kreibel sieht den leeren Korridor entlang. In einer der Zellen lag Torsten. Und dort die dunkle Treppe führt in den Keller. 280 Ob noch alle Dunkelzellen belegt sind? Ob auch andere Genossen klopfen?... Harden kommt mit Wachtmeister Lühring aus der Wachtstube. ,, Kommen Sie mit!" Lühring schließt die Tür zum Saal 2 auf. Der Stubenälteste schreit:„ Achtung!" und meldet: ,, A 1, Saal 2, belegt mit achtunddreißig Mann, zwei Betten frei!" ,, Zugang! Gleich rasieren, Haar schneiden und waschen lassen, damit er wieder menschliches Aussehn bekommt!" Jawohl, Herr Wachtmeister." Kaum haben die Wachtmeister den Saal verlassen, wird Kreibel von den Genossen umringt. Sie drücken ihm die Hände, klopfen ihm auf die Schulter, bieten Zigaretten an und von ihren gekauften Lebensmitteln, Butter und Schmalz und Weißbrot. Kreibel findet Genossen, die er kennt. Mit Welsen zusammen hat er in verschiedenen Kulturorganisationen gearbeitet. Auch Willi Kröger kennt er, das ist einer der besten Arbeiterkorrespondenten. Der ihm schon die zweite gedrehte Zigarette zuschiebt, ist Genosse Klöckner, ein alter Gewerkschaftsfunktionär. Ein kleiner, hagerer Gefangener drängt sich durch den Ring der Kreibel Umstehenden und ergreift Kreibels Hand. ,, Kennst mich nicht mehr?" Kreibel ist es peinlich, daß er sich nicht erinnert. ,, Ich bin Siebel. Du hast mich doch ins Krankenhaus gebracht, als sie mich bei der Oktoberfeier in Ohlsdorf anschossen!" Nun erkennt ihn Kreibel, und sie schütteln sich lange die Hände. ,, Laẞt ihn erst mal in Ruh' und langsam wieder zu sich kommen!" ermahnt Welsen die Genossen.„ Oskar, schab' ihm den Urwald von den Backen und schneid' ihm die Haare. Ali und Alfred können unterdessen sein Bett in Ordnung bringen!" 281 Dann nimmt Welsen den noch ganz verstörten Kreibel zur Seite und flüstert ihm zu: ,, Ausgezeichnet, daß du kommst. Wir haben auf dem Saal eine kleine Arbeitsgemeinschaft. Über Politische Ökonomie und Dialektik haben wir bereits Kurse gehabt. Du wirst einen über die Geschichte der KPdSU und die russische Revolution machen müssen. Ich bin in diesen Fragen zu schwach, und du hast doch darüber auf der Bezirksparteischule referiert." ,, Sieh den Nathan!" ruft der hagere Siebel den Genossen zu. ,, Uns sagt er, wir sollen Kreibel in Ruhe lassen, er selber krallt ihn sich gleich. Das ist ein Fuchs!" ,, Wir sprechen noch darüber!" flüstert Welsen. Dann ruft er laut: Und jetzt laß dich herrichten, damit du, wie der Wachtmeister sagt, wieder wie ein Mensch aussiehst!" Morgens. Welsen sieht auf die Uhr. Noch einige Minuten bis sieben. Er nimmt Kreibel am Arm und geht mit ihm vor der Zellentür auf und ab. Die Genossen vom Stubendienst fegen die Zelle aus, räumen die Bänke zur Seite, auf denen die Waschschüsseln standen. Die Betten werden hergerichtet. Die Wolldecken müssen glatt auf den Strohsäcken liegen; kein Fältchen darf zu sehen sein. Das Eßgeschirr muß sauber und in gerader Reihe auf den Tischen stehen. Spiele, Kartons, Privatkleider dürfen nicht sichtbar sein, sondern müssen unter die Betten gestellt werden. ,, Wir haben auf unserm Saal einen Stamm guter Genossen. Vor einigen aber mußt du dich in acht nehmen: vor dem Nazi Rudolf Köhler das ist der Lange da, der gerade sein Bett baut dem Wiechers, das ist ein Zuhälter, wir trauen ihm nicht, und Borgers, der hat Schwindeleien bei Wohlfahrtslotterien ge- - 282 macht..." Welsen tritt an die linke Bettreihe und zeigt auf ein Lager. Wem gehört dies Bett?" 11 ,, Dor ligg ik!" meldet sich Kesselklein. ,, Das Bett muß besser gemacht werden. Zieh mal die Decke glatt! Heute sieht Lühring nach; ihr wißt, wie penibel der ist!" - ,, De kann mi fix beschieten!" knurrt Kesselklein, aber er macht sich doch daran und zerrt und zupft an der Decke. ,, Wir sind insgesamt siebzehn Genossen, und davon sind fünfzehn gesund. Der Hannes Kolzen- das ist der dort am Fenster, der Kahlköpfige der baut ab. Ich glaube, die Frau setzt ihm zu. Nach jedem Brief, den er empfängt, und nach jedem Besuchstag ist er besonders deprimiert. Der zweite ist Waldemar Lohse, der beginnt in letzter Zeit die Bezirksleitung zu beschimpfen." " 1 - Wer ist Lohse?" ,, Der dort an den Spinden steht und Pfeife raucht! Aber mit den übrigen Genossen kann man Pferde stehlen. Wir haben auch zwei Sozis unter uns. Der eine heißt Schneemann..." ,, Kenn' ich! Kenn' ich!" unterbricht ihn Kreibel. Das ist doch der kleine Dicke da, nicht wahr? Mir kam er gleich bekannt vor. Das ist Schneemann. Und wie benimmt er sich?" ,, Ganz anständig. In den ersten Tagen noch kampflustig wie ein das heißt kampflustig gegen uns. In der letzten Kickerhahn - Zeit ist er ziemlich ruhig geworden." ,, Der hat eine üble Rolle gespielt!" ,, Ich weiß! Dusenschön wollte sogar, wir sollten ihn vermöbeln Ich erzähle dir das alles bei Gelegenheit. Der andere Sozi ist Mitglied des Reichsbanners. Er redet zwar reichlich viel; Richtiges und Unsinniges durcheinander, ist aber eine ganz ehrliche Haut!" 283 11 Wer ist das?" ,, Der Große dort am zweiten Tisch, der mit dem kleinen Spitzbart und der spitzen Nase. Fritz Seeliger heißt er." ,, In unserer Arbeitsgemeinschaft sind acht Genossen. Die nicht mitmachen, überwachen unsern Zirkel." Welsen kontrolliert noch einmal die Bettreihen, die übereinander links und rechts an den Wänden des Saales stehen, überfliegt mit einem Blick die vier Tische in der Mitte des Raumes, auf denen schnurgerade nebeneinander die Eẞkummen und Trinkbecher stehen und kommandiert dann: ,, In zwei Gliedern der Größe nach angetreten, marsch- marsch!" Wachtmeister Lühring kommt. Sowie sich die Tür öffnet, ruft Welsen: Achtung! Die Augen... links!" Welsen tritt einen Schritt vor und meldet: ,, A 1, Saal 2, mit neununddreißig Mann angetreten zum Morgenappell. Alle gesund bis auf Drews, der zum Heildiener bittet!" Lühring, ein ehemaliger Steward, mit einem übergroßen, herabhängenden Kinn und kleinen, stechenden Augen, sieht die Reihen ab. ,, Augen gerade- e... aus!... Rührt euch!" Dann geht er die Bettreihen entlang, prüft die Ordnung auf den Tischen und befiehlt, während er noch im Saal um sich blickt: ,, Abzählen!" ,, Eins, zwei, drei, vier, fünf..." ,, Zurück das Kommando!... Abzählen!" 77 11 Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben..." Wer ist Drews?" ,, Hier!" " 1 Was fehlt dir?" ,, Ich habe Halsschmerzen!" ,, Ich sage euch, unterlaßt das, wegen jedem Scheißdreck zum Heildiener zu laufen!" 284 Die Kalfaktoren stellen einen Eimer Kaffee herein. Neununddreißig Stück Brot werden auf den Tisch gezählt. Wie Lühring sich umdreht und auf die Tür zugeht, fliegt schnell ein Stück Weißbrot zu den abgezählten Stücken. ,, Achtung!" Die Gefangenen nehmen wieder stramme Haltung an. Lühring verläßt den Saal. Kreibel sitzt neben Welsen. Zum erstenmal seit Monaten iẞt er belegtes Brot. Von allen Seiten wird ihm angeboten. ,, Probier mal diese Gekochte; ich habe leider nicht mehr viel davon!" ,, Walter, willst du Schmalz? Dann nimm Zwiebel dazu. Schmalz und Zwiebel zusammen schmeckt ausgezeichnet!" ,, Hier, gute Marmelade. Noch von meinem letzten Besuch!" Aber Kreibel hat keinen Appetit. Fast die ganze Nacht lag er wach, der Schlaf wollte und wollte nicht kommen, obgleich ihn Müdigkeit quälte. Rasiert, Haare geschnitten, gebadet, unter Genossen, zuviel auf einmal. Und alles kommt so plötzlich; ohne jeden Übergang. In der Dunkelhaft sehnte er sich nach Licht. Einzelhaft in einer hellen Zelle betrachtete er als angenehme Haft. In der tödlichen Einsamkeit der Einzelhaft beneidete er die Genossen in Gemeinschaft. Nun ist er in Gemeinschaft, aber er wird dessen noch nicht froh; er kann das Gewesene nicht so schnell abschütteln, die lauten Nächte der Einzelhaft liegen ihm noch in den Ohren. ,, Genossen", sagt er plötzlich während des Essens ,,, ich möchte nie wieder in Einzelhaft!" Die Gefangenen blicken ihn an und schweigen. ,, Nu, wo du hier büst, kummst du ok nich wedder in Eenzelhaft!" Kesselklein findet als erster tröstende Worte. Welsen sagt nichts, aber er legt seinen Arm um Kreibels Schulter. 285 Kreibel übersieht in diesen Tagen erst ganz, wie abgeschnitten er vom Leben gewesen ist, wie wenig er trotz Klopfen und Zuflüstern von dem erfahren hat, was draußen und auch im Lager, in seiner nächsten Umgebung vor sich ging. Er erfährt, daß die Genossen Lux und Esser und Drescher und manche andere durch Mißhandlungen in den Selbstmord getrieben; daß die Genossen Lindau und Retslag hingerichtet worden sind... ,, Du, Walter, was sagst du dazu, Kampers und Horn haben in öffentlichen Erklärungen die Partei beschimpft. Zum Dank dafür wurden sie auch von der Stapo entlassen." " 1 Viele Genossen sind schwach geworden und haben Verrat begangen." ,, Und Zirbes ist verschwunden. Der soll eines Sonntags von unsern Frauen verprügelt worden sein. Die Stapo hat ihn aus dem Lager entfernt." , Lenzer und Meisel sind auch geflogen. Ach du, das muß ich dir erzählen..." Von allen Seiten werden Kreibel Neuigkeiten zugetragen. Er nimmt sie gierig in sich auf. Er läßt sich von den politischen Ereignissen der letzten Monate berichten, von der illegalen Arbeit der Partei, von der Tätigkeit emigrierter und dem Schicksal verhafteter Genossen. Besonders der kleine, hagere Siebel mit dem glattpolierten Schädel und dem winzigen, hochstehenden Nasenstummel macht sich an ihn heran. Er ist kurzsichtig; wenn er mit Kreibel spricht, rückt er das Gesicht ganz vor und bespritzt Kreibel mit Speichel. Wir hatten einen Rittmeister auf dem Saal. Kein dummer Kerl. Einer von den Strasserleuten. Ich habe oft mit ihm diskutiert. Militärpolitik, du weißt doch, das ist mein Metier. Sehr in286 teressant, sage ich dir. Seine Perspektive war: Japan kriegt jämmerliche Haue. Und der war über die Rote Armee erstklassig informiert..." Kreibel muß lächeln, wenn er daran denkt, daß dieser kleine Mann im Sommer 1919 die militärische Leitung der revolutionären Arbeiter und Soldaten in Hamburg hatte, das Stadthaus besetzte, die Entwaffnung eines Korps Freiwilliger am Hauptbahnhof und den Widerstand gegen Lettow- Vorbeck organisierte. Jetzt war er ein altes, gebrechliches Männlein geworden, das stolz von seinen Taten während der Revolution erzählt. - einmal habe ich diesen Rittmeister gefragt: Sie haben ja nun ein wenig gründlicher Kommunisten kennengelernt. Nun sagen Sie mir, wo ist das politische Niveau höher: bei den Kommunisten oder bei den Nationalsozialisten?' Und weißt du, was er mir erwiderte? Wie können Sie einen solchen Vergleich anstellen? Die Nationalsozialisten haben doch überhaupt kein politisches Niveau.' Gut, was?... Und doch hat der Kerl uns bei seiner Entlassung verraten!" - Jetzt, wo Kreibel in Gemeinschaft ist, hat er oft das Bedürfnis, allein zu sein. Das viele Reden, das Hin- und Hergerenne, der Streit beim Kartenspiel die ewige Unruhe auf dem Saal verursachen ihm Kopfschmerzen. Am ersten Tag hat er sich freudig in den Lärm und das Durcheinander geworfen, nun wird es ihm zuviel. Oft schüttelt er die Genossen ab, sitzt ganz allein in einer Ecke des Saales und träumt vor sich hin. Er nimmt sich vor, wenn er entlassen werden sollte, eine einsame Wanderung durch die Weserberge oder den Harz zu unternehmen. Ganz allein will er tagelang durch Wälder streichen. Er möchte vergessen. Vergessen und nie, niemals wieder daran erinnert werden. 287 Acht Genossen sitzen in der Saalecke am Fenster um Kreibel herum. Darunter der Jungkommunist Walter Körning, der immer noch über Rippenschmerzen klagt— man hat ihn drei Nächte hintereinander im Keller verprügelt—; der blasse Heinrich EI- genhagen, der stets wie vom Weinen gerötete Augen hat und als einziger auf dem Saal täglich einen Viertelliter Milch bekommt, weil sein Magen, nach einem Selbstmordversuch mit rostigen Nägeln, zerrissen ist; auch Otto Siebel und Welsen. Heute soll Kreibel die Geschichte der russischen Bruderpartei erzählen. Kesselklein hat die Wache an der Tür. Zwei weitere Genossen separieren unauffällig die kleine Gruppe von den übrigen. Den ganzen Tag war Kreibel aufgeregt. Lange hat er mit sich gerungen, ob er es überhaupt machen soll. Er weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn die Nazis dahinterkommen. Was würden die Genossen aber von ihm denken, wenn er zurückschreckte? Er darf sich nicht feige zeigen, komme nun, was da wolle. Was würde Torsten an seiner Stelle tun? Der würde freudig die Ge- legenheit benutzen, Genossen politisch zu schulen. Hier drinnen kann er sich den Genossen nicht entziehen. Wird er entlassen, ist das was anderes; da kann er aus ihrem Gesichtskreis ver- schwinden. „Genossen”, flüstert er,„wir wollen uns über, sagen wir, Ar- beitergeschichte unterhalten, und zwar über die Geschichte der russischen Arbeiter, ihrer Parteien, Theorien und Revolutionen. Vorher aber will ich euch eine kleine Geschichte erzählen.” Einige Gefangene, die an den langen Tischen vor Schach-. brettern sitzen, Skat oder Rommee spielen, sehen zu dem kleinen Kreis hin. Sie wissen, daß es immer dieselben sind, die sich dort . zusammenfinden, aber sie tun so, als kümmere es sie nicht. Nur Schneemann sieht häufiger hin, und wenn der Kreis beisammen ist, läuft er gewöhnlich unruhig durch den Saal. 288 ,, Es war vor einigen Jahren", beginnt Kreibel ,,, ich war Schmierer auf dem Motorschiff Barbara'. Wir fuhren die Mittelmeerroute, Spanien, Italien und Nordafrika. Eines Sonntags lagen wir im Hafen von Livorno. Ich weiß nicht mehr genau, war es Mai oder Juli, jedenfalls war es ein wunderschöner Sommertag. Sehr heiß. Der Himmel war unbeschreiblich klar und rein. Und die Sonne über uns zauberte aus den grauen Steinmassen der Stadt, die vor uns lag, unvergleichliche Farbeneffekte hervor. Die Barbara' war wie ihr wohl wiẞt ein Rotor- Schiff und dann, es war Sonntag; darum standen am Kai hunderte Menschen, die zu uns hinübersahen. Wir waren nicht am Kai vertäut, sondern lagen mitten im Hafen vor Anker. - - Ein Boot hatten wir ausgesetzt und tummelten uns nackend im Wasser. Es war herrlich. Wir schwammen weit hinaus, aber auch an die Kaimauer und neckten uns mit den sonntäglich geputzten Livornern und Livornerinnen. Unter den Menschen stand auch eine Schar junger Mädel, die große, kecke Strohhüte und helle, lustige Sommerkleider trugen. Wenn wir ganz nahe heranschwammen, riefen sie uns etwas zu, das wir nicht verstanden. Der Bootsmann dolmetschte schließlich. Sie baten um die Erlaubnis, das Schiff besichtigen zu dürfen." Die Genossen sehen sich erstaunt an. Walter Körning grinst über das ganze Gesicht. Auch Welsen blickt ratlos auf Kreibel. Der sieht in die erstaunten Gesichter und sagt nur: ,, Paẞt bitte genau auf! Sie kamen also an Bord. Der Bootsmann hatte die Erlaubnis des Alten bekommen. Unser Käppen war ein stockreaktionärer Puritaner; er trank nicht, schimpfte von früh bis spät über das Lasterleben der Matrosen und betete fleißig. Als die Damen an Bord kamen, empfing er sie in Galauniform an der Gangway. Achtzehn junge Mädchen kletterten kichernd und lachend hinter19 Bredel, Prüfung 289 einander die Schiffstreppe hinauf und zuletzt eine ältere, ehrwürdige Matrone. Wir wollten auch etwas von dem Besuch haben und kletterten vorsichtig die Jakobsleiter hinauf, die wir am Vorschiff herabgelassen hatten. Als der erste über die Bordwand stieg, war das ganze Pensionat auf der Back versammelt. Ein Mädel kreischte auch sogleich auf, als sie den splitternackten Mann an der Schiffswand auftauchen sah. Rot wie ein Puterhahn stürzte der Alte auf uns zu und machte uns einen mordsmäßigen Krach. Aber wir mußten an Bord. Züchtig drehten sich die Damen um, und wir schlichen nackt und wassertriefend hinter ihren Rücken in unser Logis. Der Alte konnte sich über unsere Sittenlosigkeit gar nicht beruhigen; immer und immer wieder entschuldigte er sich bei den Damen. Wir kleideten uns an; sie besichtigten unser Schiff. Es waren verdammt nette Mädel dabei. Ein herzerfrischender Anblick. Lustig flatterten die Röcke, als sie die steilen Treppen zur Kommandobrücke hinaufstiegen. Unser Koch, ein altes, klumpfüßiges Ekel, begrüßte plötzlich einige Mädel, als sie an seiner Kombüse vorüberkamen, schüttelte ihnen die Hände und begann sogleich mit ihnen zu radebrechen. Der Alte stutzte, der erste Offizier stutzte. Woher kennt der Kerl die Damen? Aber sie gingen weiter und zeigten dem Besuch den Motorraum. Anschließend wurde noch ein Gläschen Wein getrunken und dann Abschied genommen. Unser Alter war hoch in Form. Jeder jungen Dame schüttelte er die Hand, und von der ehrwürdigen Matrone verabschiedete er sich, ganz Gentleman, sogar mit einem Handkuẞ. Der Koch sah sich das alles kopfschüttelnd an. 290 Unter Gelächter und freundlichen Zurufen und langem, fröhlichem Winken ruderte der Bootsmann die Mädel wieder zurück. Der Alte schnappte sich den Koch und fragte ihn, woher er die Damen kenne. , Ja, wissen Sie denn nicht, wer sie sind, Käppen?' Na ja, wohl die Damen irgendeines Pensionats!' kam die ärgerliche Antwort. Ja, die Damen von der, Pension Irene', dem bekannten Puff in der Via del porto recchio. Die ältere Dame war die stadtbekannte Bordellmutter Signorina Irene selbst.' Der Kapitän starrte, mehlig im Gesicht, mit verglasten Augen auf den Koch, der ihn aus vergnügten, schadenfrohen Augen anblinzelte." ,, Ausgezeichnet!" ruft Elgenhagen lachend ,,, so etwas ähnliches habe ich von Anfang an vermutet!" ,, Na, und abends traf sich die gesamte Besatzung, inklusive Kapitän, im Bordell der Signorina Irene, was?" Körning ist ganz bei der Sache. Aber Welsen unterbricht ihn mit todernstem Gesicht. ,, Sehr nett, wirklich, sehr nett erzählt. Aber willst du uns nicht erklären, was das mit unserm..." ,, Jawohl, ich will erklären", unterbricht ihn Kreibel lächelnd. ,, Ihr habt diese kleine Erzählung gehört, und ich bitte euch, sie einigermaßen zu behalten. Wenn irgendein Wachtmeister nun den Verdacht schöpft, wir sprächen über Politik, und holt einen oder alle von uns raus und fragt jeden einzeln, was ich euch erzählt habe, dann habe ich euch immer dieses Erlebnis aus Livorno erzählt. Verstanden?" Die Genossen antworteten mit Gelächter. ,, Großartig!" ,, So ist das richtig!" 19* 291 „Mensch, Walter, das hast du dir gut ausgedacht. Famose Sache. So hätten wir uns schon längst sichern sollen.” „Und jetzt laßt uns anfangen zu arbeiten!” „Halt!” ruft Körning.„Erst will ich wissen, ob ihr am Abend alle im Puff den Besuch erwidert habt?” Kreibel lacht mit den Genossen. -„Das erzähle ich dir nachher ganz allein.” Dann beginnt er von der Narodniki-Bewegung in Rußland gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu erzählen. Morgens, bei der Kaffeeausgabe, flüstert der Kalfaktor einem Gefangenen zu, daß der Genosse Harry Niehus zum Tode ver- urteilt worden sei. Am Frühstückstisch wird darüber gesprochen. Viele kennen den Genossen Harry; er war Funktionär des illegalen Roten Front- kämpferbundes. „Dabei hat es damals nicht einmal einen Toten gegeben!” „Bei dem Zusammenstoß in der Holstenstraße ist doch ein Nazi draufgegangen?” „I wo, drei von unsern Genossen und zwei Nazis erhielten. Messerstiche, aber keiner hat dran glauben müssen!” „Und trotzdem Todesurteil; das ist allerhand.” „Der Harry ist so’n lustiger Kerl. Ich weiß noch bei derDampfer- ausfahrt nach Zollenspieker...” Der Sprecher bricht ab; fast alle Gefangenen erheben sich. Fritz Jahnke, der am ersten Tisch sitzt, hat sich übergeben und schlägt mit dem Kopf auf seine Kaffeekanne. Der heiße Kaffee läuft ihm über Brust und Knie. Kreibel faßt mit an; der bleiche Gefangene wird an seinen Strohsack geführt. Dort liegt er regungslos und start mit offenen Augen ins Leere. 292 ,, Ich habe schon einige Male gesagt, man soll solche Gespräche unterlassen!" flüstert Welsen den Genossen zu. ,, Ihr wiẞt doch alle, wie es um ihn steht!" Die Genossen setzen sich an ihre Plätze. Stumm würgen sie ihr Brot. Einige spülen bereits am Wasserhahn ihre Schüsseln aus. Heimliche und besorgte Blicke werden nach dem kranken Genossen geworfen. ,, Ist der Jahnke so sensibel?" fragt Kreibel leise Welsen. ,, Kein Wunder, dem wollen sie auch den Kopf abschlagen!" Mein Gott! Und weswegen?" ,, Er steht unter Mordanklage!" flüstert Welsen.„ Erinnerst du dich an die Zusammenstöße in der Gothenstraße im vorigen Jahr? Ein SA- Mann wurde dabei erschossen, drei von unseren Genossen wurden schwer verletzt; darunter er. Fünf Monate lag er mit einem schweren Brustschuß im Lohmühlenkrankenhaus. Nun steht er unter Mordanklage; er soll die tödlichen Schüsse auf den Nazi abgegeben haben." ,, Hat er das zugegeben?" ,, Nein. Aber die anderen Angeklagten behaupten es." ,, Wie ist das möglich, daß sie das aussagen?" 11 Wenn du schon so fragst? Was meinst du, wie sie die vorgenommen haben. Nacht für Nacht. Die erkannten sich gegenseitig nicht mehr wieder, so waren sie zugerichtet... Unserm Fritz werden sie den Kopf abschlagen; das ist so gut wie gewiß." ,, Und das weiß er auch?" ,, Ja, natürlich!" Bald ist der Vorfall vergessen. Die Genossen wandern in der Zelle auf und ab, sprechen, lachen, necken sich. Schach wird gespielt und' Sechsundsechzig. Köhler, der lange SA- Mann, liest zum zweiten Male Lichtenstein" von Hauff, das einzige Buch, das auf dem Saal ist. Ein Gefangener hat es heimlich vom Unter11 293 suchungsgefängnis mitgebracht. Der blonde, stets lustige Jungkommunist Walter Körning sitzt am Fenster, sieht durch ein kleines Loch der undurchsichtigen Milchscheiben auf die Dächer der Häuser von Fuhlsbüttel, träumt und singt:„ Uns geht die Sonne nicht unter!" Kreibel schaut heimlich zu Fritz Jahnke hin, der immer noch auf seinem Strohsack liegt und schweigend die Genossen beobachtet. Der schwere Brustschuß, die lange Einzelhaft, die nächtlichen Miẞhandlungen haben den Fünfundzwanzigjährigen altern gemacht. An den Schläfen schimmert das dunkelbraune Haar silbern. Die Augen scheinen unentwegt zu suchen; sie sind stets weitaufgerissen, angstvoll und unheimlich glasig. Er spricht wenig, oft tagelang nicht. Wenn er von sich spricht, sagt er lächelnd:„ Ich Lämmlein unter den reißenden Wölfen!" Es ist dann, als ob seine Worte in Tränen schwömmen. Welsen erzählt aber, daß es auch Tage gibt, an denen er lustig und ausgelassen ist wie keiner. Er ist ein guter Geschichtenerzähler; spielt leidenschaftlich Schach und versteht es, die Genossen aufzumuntern. Kreibel betrachtet das Gesicht, das fahl ist und grünlich schimmert. Es ist schrecklich abgemagert; die Haut zieht sich straff über die Gesichtsknochen. Die Lippen sind blutleer, wie vertrocknet. Unter den Augen liegen breite, dunkle Schatten. Kreibel schreckt unwillkürlich zusammen; der Genosse hat bemerkt, daß er ihn beobachtet. Er winkt. Kreibel zaudert. Jahnke lächelt und winkt abermals. Langsam tritt Kreibel an sein Strohlager. ,, Genosse Kreibel, ich bin zwar kein Parteikommunist, aber kein schlechter Genosse. Ihr nehmt mich leider niemals dazu, wenn du den Genossen erzählst." ,, Genosse Jahnke, fortan wirst du dabei sein!" 294 „Ich danke dir... Du warst schon in der Sowjetunion?” „Ja, im vorigen Jahr bin ich drei Monate durch die Ukraine, durch den Donbass und den Kaukasus gereist.” „Erzähl mir bitte, was du gesehen hast. Es war immer mein höchster Wunsch, auch einmal in die Sowjetunion zu kommen. Da ist nun nichts daraus geworden... Komm, setz dich zu mir! Komm doch näher! Erzähle mir von den Arbeitern im Don- gebiet oder vom Kaukasus. Willst du?” Kreibel setzt sich ganz nahe zu dem Genossen. Er möchte gerne den Arm um ihn legen, aber er schämt sich und unterläßt es. Er erzählt von dem Riesenstaudamm am Dnjepr und der neuen, sozialistischen Stadt Dnjeprostroj, von den Metallwerken in Stalino, seinen Arbeitern, Klubs und Theatern. Er flicht Bürger- kriegsepisoden ein, die er von dortigen Genossen gehört hat und verschweigt auch nicht die Schwierigkeiten, die das enorme Tempo des sozialistischen Aufbaus mit sich bringt. Fritz Jahnke hört ihm aufmerksam zu; die großen Augen sehen in die Ferne, als sähe er dort alles bildhaft. „Ganz großartig, wächst die Naphthaproduktion in Baku. Das sind Kerle, die Olarbeiter von Baku. Als die Oktoberrevolution in Moskau und Petersburg und in den meisten Teilen Rußlands bereits siegreich entschieden war, tobten im Kaukasus nationale Vernichtungskriege. Es gibt viele Völkerschaften im Kaukasus, und der Zarismus hat sie gegeneinander gehetzt, um leichter über alle herrschen zu können. Nun mordeten die Aserbeidshaner die Tjurken, die Georgier die Armenier und umgekehrt. Zeitweise hatten die Menschewiki die Überhand, die mit den Engländern, Türken und Weißgardisten gegen die revolutionären Arbeiter gemeinsame Sache machten. Einmal haben sie sechsundzwanzig Arbeiterkommissare aus Baku den Weißen ausgeliefert, und die haben sie auch sofort erschossen. Nach langen, opferreichen 295 Kämpfen eroberten schließlich die Bakuer Arbeiter die Macht, doch die Olindustrie war in den Wirren des Bürgerkrieges fast restlos vernichtet worden. Aber die Arbeiter hatten begriffen, daß Rußland Ol und Brennstoff braucht. Den Fünfjahrplan haben sie in zweieinhalb Jahren durchgeführt, und heute erzeugt Baku viel mehr Ol als vor dem Kriege. Die Arbeiter wohnen in schönen, modernen Häusern, in der sozialistischen Stadt Armenikent, die auf einem Hochplateau über Baku liegt. Der nationale Bruderkrieg der einzelnen Völkerschaften ist geschlichtet: Tjurken, Russen, Georgier und Armenier leben friedlich nebeneinander und bauen gemeinsam die sozialistische Gesellschaft. In den Hochschulen und technischen Instituten studieren die Jungarbeiter. Das werden die kommenden Baumeister des Sozialismus. Die schönen Villen der ehemaligen Ölmillionäre von Baku sind Arbeitererholungsheime..." Kreibel schweigt. Er sieht dem Genossen neben sich in die Augen und kann nicht weiterreden. Doch der faßt seine Hand und drückt sie und flüstert: Erzähle weiter!" Sonntag. Besuchszeit. Sechs Genossen auf dem Saal erwarten Besuch; auch Kreibel soll nun seine Frau wiedersehen. Nach sechs Monaten soll er sich einige Minuten lang mit ihr unterhalten dürfen. Einige Minuten nur, da müssen die Fragen vorher gut überlegt werden. Und Kreibel läuft schon am Morgen aufgeregt im Saal hin und her. Ob sie die wichtigsten Bücher gerettet hat? Alles hatte er rechtzeitig aus dem Hause geschafft, nur seine Bibliothek nicht. Ob sie von der illegalen Arbeit erzählen kann?... Wie wohl die Straßenzelle arbeitet?... Ob sie den Jungen mitbringt?... Er muß ihr genau sagen, was sie auf der Stapo erklären kann. Sie soll nur nicht schüchtern sein und versprechen, was man dort 296 hören will... Und Wäsche. Auch den Mantel soll sie schicken, falls— falls er entlassen werden sollte... Und dann mehr schreiben. Man will doch schließlich das Leben draußen mit- leben, in Gedanken mitleben... Ob sie sich verändert hat?... Besonders gründlich rasiert und kämmt man sich heute. Das Zuchthauszeug wird abgebürstet, die Stiefel werden gewichst, die Fingernägel gereinigt; die Gefangenen, besonders die sechs, die Besuch erwarten, sehen wie aus dem Ei gepellt aus. „Ik jenier mir vor de Wachtmeisters nich; ik nehm mien Deern in den Arm und drück eer een langen Seuten op. Wat goht mie de Wachtmeisters an. Am leewsten dee ik eer so richtig um den Achtersten footen!” Jonni Stüwen ist in angeregter Stimmung; er erwartet seine Braut. Mit je zwei Genossen an der Seite wandelt er ruhelos im Saal hin und her und erzählt in einem fort.: „Ik har mal sonne lütte Dicke in Stockholm. Wi leegen dor mit de ‚Katharina‘ von Ruß. Ik kann di seggen, son Deern wär dat, son Nummer heff ik mokt und so—on Trio—trio—trallala heff ik kreegen...” Hannes Kolzen erwartet auch Besuch. Sein kahler, polierter Schädel glänzt, als habe er ihn mit Fett eingerieben. Er macht. nicht den Eindruck, als freue er sich, seine Frau zu sehen; er läuft scheu und allein umher. Den Kopf hat er auf die Brust geneigt. Er wirft finstere Seitenblicke auf die lauten, lachenden Genossen. Vor Wut und Verzweiflung über seine Ohnmacht möchte er sich zerreißen. Raus hier! Raus hier! Das ist sein ein- ziger Gedanke. Andere scheinen dies Leben ertragen zu können, er nicht, er ist nicht zum Märtyrer geboren, er will raus. Aber wie— wie?... Hannes Kolzen kaut an den Fingernägeln. Und wenn sie‘ zu Kaufmann ginge?... Das Gesucheschreiben ist sinnlos, selber 297 muß sie hingehen, immer wieder hingehen. Und auf dem Stadthaus muß sie liegen. Tag für Tag. Möglichst noch die Kinder mitnehmen... Daß er auch seine Pfoten nicht davon gelassen hat. Ausgerechnet er mußte die Zeitung vertreiben, wo es so viele junge Genossen gibt, die keine Familie haben und leichter eine Haft absitzen. Sie sollten ihm noch einmal kommen, er würde ihnen schon was erzählen... - Und Hannes Kolzen redet sich in Wut und Haß hinein. Aber dann kommen auch Erinnerungen an Genossen, die nicht nur eingesperrt, die nicht nur viehisch geprügelt die ermordet, schändlich ermordet wurden, die auch Frau und Kinder hatten und die nie geklagt, nie ihr Schicksal verflucht, nie ihre Taten bereut haben. Hannes Kolzen ist nicht aus diesem Holz geschnitzt. Er glaubt denen nicht, die für eine politische Partei bewußt und stolz in den Tod gehen. Er hält sie für Lügner und Heuchler, die sich selbst belügen, die, um eingepaukte Gesten getreulich nachzuahmen, mit Rot Front und der geballten Faust in den Tod gehen; die aber heulen möchten vor Verzweiflung und Angst und doch mit blutleeren Wangen, die Internationale singend, das Schafott betreten. Er will nicht heucheln, will nicht sich und andere belügen; er hat schon von dieser Kostprobe des faschistischen Terrors genug, er will raus. Raus aus diesen Mauern... Ja, sie soll zu Kaufmann gehen. Gleichzeitig will er einen Antrag auf Vernehmung an die Stapo stellen. Sie sollen ihn fragen, er will ihnen antworten, will ihnen alles sagen. Sie sollen wissen, wie er heute denkt. Jonni Stüwen wird als erster aufgerufen. ,, Sauber gewaschen?" fragt der Wachtmeister und betrachtet Stüwen prüfend. Gut rasiert? Sonst denken die Frauen, hier sei ein Zigeuner- und kein Konzentrationslager." 11 298 Jonni Stüwen gibt dem Wachtmeister gar keine Antwort. Der wendet sich an Welsen: ,, Stubenältester, Sie sind dafür verantwortlich, daß die Besuchsleute gewaschen und rasiert sind und geputzte Stiefel haben. Vorigen Sonntag ist ein Schwein mit ungeputzten Stiefeln vor seine Frau getreten. Hier herrscht Ordnung und Sauberkeit, und wer das nicht begreift, dem bringen wir es im Schweinsgalopp bei!" Zwanzig Minuten später kommt Stüwen wieder, den ganzen Arm voll Apfelsinen und Äpfel und Schokolade. ,, Hier, Nathan, dat kannst du verdeelen!" Damit wirft er Apfelsinen und Äpfel und Schokolade auf den Tisch. ,, Und du willst gar nichts haben?" fragt Welsen. ,, Doch, mien Deel, wi jeder andere ok." Dann wendet er sich an seine Genossen. ,, De Wachtmeisters hefft son Glubschoogen mokt, ik heff se affknutscht, dat eer de Luft wegbleew." Sie lachen und fragen ihn nach Einzelheiten aus. Als nächster wird Kreibel herausgerufen. ,, Gehen Sie die Treppe hinunter und melden Sie sich beim Wachtmeister der Zentrale!" Kreibel läuft die Treppen hinunter. In wenigen Minuten wird er sie sehen. Wie wird sie sich ihm gegenüber verhalten? Das Herz pumpt wie wahnsinnig; er muß tief, sehr tief Luft holen. 11 Wer sind Sie?" faucht ihn der Wachtmeister der Zentrale an. ,, Kreibel? Sie sind noch gar nicht dran. Stellen Sie sich dort hinten an die Wand. Dort an die Treppe. Und mit dem Gesicht zur Wand." Kreibel steht an der Treppe, die in den Keller führt. Unten im Keller ist Lärm. Er horcht. Deutlich hört er die Stimme des Obertruppführers Harms. 299 ,, Da hat der Kerl sich einfach die Haare ausgerissen?" ,, Jawohl, Sturmführer!" Sturmführer? Der Harms ist Sturmführer geworden? Dann haben sie den Dusenschön tatsächlich abgeschoben? Und Kreibel horcht wieder nach unten. Er hört Schläge und unterdrückte Schreie. Der Gefangene aber scheint sich zu wehren. Wildes Gepolter. Gellende Aufschreie, die sofort ersticken. Endlich verlassen sie die Zelle. Nun stehen sie im Keller an der Treppe. ,, Du hast ihm doch extra gesagt, der Schopf soll stehen bleiben?" fragt Harms. ,, Na, selbstverständlich!" ,, Wann hat er sich die Haare ausgerissen?" ,, Heute morgen, soeben merke ich es. Da gehört aber auch' n Nerv dazu, sich ein Büschel Haare aus dem Kopf zu reißen!" ,, Levy heißt er?" ,, Jawohl!" ,, Das Schwein werden wir uns noch mal besonders vornehmen. Und wenn sich der noch einmal zur Wehr setzt, knallen wir ihn übern Haufen." Sie kommen die Treppe herauf. Sie sehen Kreibel, der direkt an der Treppe steht. Harms zieht die Augenbrauen hoch und runzelt ärgerlich die Stirn. ,, Wer hat dich denn hierher gestellt?" ,, Der Wachtmeister!" ,, So- o!" Harms knurrt: ,, Der kann wohl auch keinen besseren Platz finden!" Sie gehen beide langsam auf die Zentrale zu. Kreibel denkt an Gespräche der Genossen auf dem Saal. Harms prügelt nicht, behaupten einige. Seitdem der den Dusenschön vertritt, ist es ruhig im Lager geworden. Andere wieder wollen wissen, daß es der 300 Lagerkommandant sei, der das Prügeln aufs strengste verboten habe. Kreibel wird gerufen. ,, Los! Los!" schreit der Wachtmeister. ,, Herkommen!" Kreibel läuft zu ihm. Es stehen hintereinander schon drei Gefangene da. Hannes Kolzen ist dabei. ,, Hinten anschließen!" schreit der Wachtmeister Kreibel an. ,, Los! Schneller! Oder willst du erst einen Tritt in' Arsch haben?" Kreibel nimmt hinter dem dritten Gefangenen Aufstellung. ,, Im Gleichschritt... marsch!" Sie marschieren durch den Gang. Ein großes Eisengitter wird aufgeschlossen. Wieder ein langer, kahler Gang. Am äußersten Ende stehen Wachtmeister. ,, Halt!" Wachtmeister Harden liest die Namen von einem Zettel: ,, Christoph Koch!" . ,, Hier!" Walter Kreibel!" „ Hier!" Hans Hülsenbeck!" ,, Hier!" Johann Kolzen!" ,, Hier!" ,, Dort ins Zimmer hinein!" Die vier Gefangenen treten in einen kahlen Raum, in dem nur einige Stühle stehen. Zwei SS- Leute folgen und stellen sich an der Tür auf. Harms geht in ein anderes Zimmer des Korridors und holt die Frauen. 301 ,, Bitte, meine Damen, kommen Sie. Versuchen Sie nicht, Ihren Angehörigen heimlich etwas zuzustecken, Sie schaden ihnen nur." Fünf Frauen gehen langsam über den Flur. Eine weint ununterbrochen und wischt sich die Augen. Eine alte, gebrechliche Frau wird von einer jüngeren gestützt. Gehen Sie bitte dort hinein. Dort, die nächste Tür!" Ein rascher Blick. Kreibel sieht seine Frau als letzte ins Zimmer treten... Na ja, sie sieht aus wie früher. Wieso sollte sie sich auch verändert haben? Das an den Kinnbacken etwas breite Gesicht, der kleine Mund, die mandelförmigen, hellen Augen und das schwarzglänzende Haar: ihm ist plötzlich, als habe er sie erst gestern gesehen. Den Blick nicht von ihm wendend, tritt sie auf ihn zu. Sie geben sich die Hand. ,, Guten Tag, Walter!" 11 Guten Tag, Ilse!" ,, Jetzt geht es dir besser, nicht wahr?" ,, Ja! Wie geht es dem Kleinen?" ,, Der hat alles überstanden und ist gesund." Kreibel blickt zu den anderen Paaren im Zimmer. Die Frauen weinen, umhalsen immer wieder ihre Männer, können vor Schluchzen nicht reden. Die alte Frau fragt einen jungen Burschen, der die Hand seiner Frau fest umschließt: ,, Haben sie dich auch geschlagen, mein Junge?" Der Gefangene lächelt und antwortet laut: ,, Mutter, darauf kann ich dir keine Antwort geben!" Die alte Frau blickt haẞerfüllt auf die beiden SS- Wachtmeister, die an der Tür stehen und dem Blick ausweichen. ,, Du siehst andere an, und wir haben uns viele Monate nicht gesehen." " Ja, ja", stottert Kreibel und blickt wieder auf seine Frau, in deren Augen es auch feucht schillert. 302 ,, Fang' nur nicht an zu weinen!" ,, Nein!" Sie lächelt. 11 Wie geht es denn sonst so zu Hause? Wie kommst du durch? Was machen die Freunde? Du sagst gar nichts." ,, Ich freu' mich nur, daß ich dich sehe, gesund sehe!" Sie dämpft ihre Stimme. Man hat draußen grauenhafte Sachen erzählt. War es so entsetzlich?" ,, Du siehst, ich lebe und bin gesund. Alles geht vorüber. Und so arg war es auch gar nicht. Hast du von den Büchern welche retten können?" ,, Nein, sie haben alle mitgenommen, nicht nur die politischen, sondern alle. Ausnahmslos!" Kreibel sieht starr an seiner Frau vorbei. Die ganzen Bücher haben sie genommen. Er war stolz auf seine Bibliothek, wieviel schöne Stunden verbanden ihn mit seinen Büchern, die er in langen Jahren gesammelt hatte. Und alle Bücher hatten sie genommen... Am Fensterplatz sieht er Hannes Kolzen und seine Frau. Die Frau ist klein, sieht abgearbeitet und verbittert aus. Sie weint nicht, sie redet in einem fort auf ihn ein. Er nickt nur. ,, Die Bücher, Walter, ist ja schlimm, aber doch nicht das Schlimmste. Wichtig ist, daß wir alle leben und gesund sind. Mußt nicht so traurig sein." ,, Ich bin ja gar nicht traurig, ich freue mich so, daß ich dich sehe; es hat Stunden gegeben, da hatte ich die Hoffnung, dich noch einmal wiederzusehen, aufgegeben." ,, Also doch!" Kreibels Frau sieht ihn mit tränenerfüllten Augen an. Verdammt, nun hatte er mehr gesagt, als er sagen wollte. Verlegen legt er seine Hand auf die Schulter seiner Frau, und wie er sie lächeln sieht, streicht er ihr einmal über das Gesicht. 303 ,, Siehst du, solche Stimmungen kommen immer mal, das ist weiter nicht so schlimm. Und nun, nun geht es mir ganz gut, nun brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen." ,, Meine Herrschaften, die Sprechzeit ist vorüber!" ,, Ach, Herr Wachtmeister, jetzt schon?" jammert eine Frau. ,, Sind die zehn Minuten schon um?" ,, Ich muß mich an meine Instruktionen halten!" Der Wachtmeister zuckt mit der Schulter und reibt verlegen die Hände. ,, Einige Kleinigkeiten habe ich dir mitgebracht. Leider mußte ich das Beste draußen bei der Kontrolle zurücklassen!" Kreibel nimmt ein kleines Paket in Empfang. ,, Also, meine Herrschaften, die Sprechzeit ist zu Ende!" Die Tränen fließen reichlicher. Umarmungen und Küsse. Küsse, die sich mit den Tränen vermengen. Kreibel reicht seiner Frau die Hand. ,, Also, vielleicht in vier Wochen wieder!" ,, Ja!" druckst sie heraus. Kreibel sieht, wie sie sich zusammenreißt, um ruhig zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen. Er legt den Arm um sie und drückt sie an sich. ,, Mach's gut. Und halt den Kopf hoch!" ,, In vier Wochen komme ich wieder!" ,, Grüß die Freunde! Grüß alle!" Die vier Gefangenen müssen sich auf dem Korridor aufstellen. Ohne laute Kommandos, ohne Schimpfereien geht es in den Gefängnisbau zurück. Erst, nachdem sich das Gittertor hinter ihnen geschlossen hat, dürfen die Frauen das Zimmer verlassen. Von einer SS- Ordonnanz werden sie über den Gefängnishof aus dem Lager begleitet. 304 Täglich kommen Zugänge, täglich werden Genossen in das Untersuchungsgefängnis überführt, hin und wieder kommt auch der„ Erlöserengel" und bringt Entlassungen. Jeden Nachmittag sitzen Kreibel und die Genossen zusammen. Kreibel erzählt von den ersten Parteitagen der russischen Sozialdemokratie, den theoretischen Differenzen, der Spaltung, erzählt von der historischen Rolle Lenins, den ersten Massenkämpfen der russischen Arbeiterklasse und der Revolution von 1905. Die Kursusarbeit wird immer gefahrvoller. Unter den Zugängen sind jetzt häufiger unbekannte Leute, sehr oft Mitglieder der NSDAP und der SA, die irgendwie widerspenstig geworden waren. Auch rückfällige Kriminelle werden als asoziale Elemente eingeliefert. Wie Geschwüre werden sie in der Gemeinschaft der Politischen empfunden. Kreibel hätte gerne die Schulungsarbeit aufgegeben. Das Risiko wird immer größer. Aber die Genossen drängen und wollen von Auflösung des Zirkels nichts wissen. Schlimm empfindet Kreibel die Abende. Die kriminellen Elemente bringen einen neuen Ton in die Flüsterunterhaltungen. In derben Anspielungen wird über sexuelle Dinge gesprochen, bis in die Nacht werden auf den Pritschen Witze geflüstert und Zoten gerissen. Kreibel kann dann keinen Schlaf finden. Nie, selbst in der Einzelhaft nicht, litt er so unter der zwangsweisen Enthaltsamkeit, wie jetzt, wo er unter Menschen ist. Es gibt bittere Stunden, lange, qualvolle Nächte... Er beobachtet aufmerksamer die Genossen und findet, daß sie alle unter diesem anormalen Leben leiden; aber ernsthaft wird nicht darüber gesprochen. Einige Genossen schnitzen aus alten Besenstielen Figuren, meist nackte Frauengestalten; andere zeichnen viel, gewöhnlich allein. Nie wollen sie zeigen, was sie zeichneten. Die jungen Genossen erzählen sich besonders gern lustige Liebesaffären, die sie breit 20 Bredel, Prüfung 305 ausmalen. Alle werden langsam zernagt und erdrückt von dem trostlosen Einerlei der Haft, deren Ende keiner weiß.. In dies triste Gefangenendasein platzt eines Tages eine Nachricht, die mit einem Schlage jeden einzelnen hochreißt und mit neuen Hoffnungen erfüllt. Der Kalfaktor kommt und klopft leise. Welsen ruft um Ruhe und horcht an der Tür. „Nathan?“ „Ja, was hast du?” „Hör zu, ganz dolle Sache. In Paris und Österreich ist Re- volution!” „Mensch, Erni, mach keinen Unsinn!” „Im Ernst, in Wien ballern sie wie verrückt. Hunderte Tote. Die Arbeiter haben ganze Stadtteile besetzt.” „Und die österreichische Sozialdemokratie?” „Na, die macht so halb und halb mit. Der Schutzbund hat den Laden geschmissen.” „Ich glaub? dir das nicht!” „Red’ doch keinen Unsinn, die ganzen Zeitungen stehen voll. Wenn ich kann, besorg’ ich aus der Wachtstube eine Zeitung und steck’ sie euch zu.” „Ja, mach das! Nicht vergessen!” Gedankenvoll verläßt Welsen die Tür. Er kann noch immer nicht glauben, was ihm eben mitgeteilt wurde. Revolution in Paris und Österreich? Was geht denn eigentlich draußen in der Welt vor? Das kommt ja alles rascher, als jeder erwartet. Und ausgerechnet in Österreich? Der sozialdemokratische Schutzbund wagt den bewaffneten Aufstand? Wie mag das alles zusammenhängen? Was kann dabei rauskommen? Er wendet sich an die mit fragen- den Gesichtern um ihn Stehenden. 306 ,, Hört mal her! Was der Erni da eben sagt, ist so ungeheuerlich, daß man es nicht ohne weiteres glauben kann! In Österreich soll die Revolution ausgebrochen sein! Erbitterte Kämpfe soll es geben. Bisher hunderte Tote. Und in Paris soll es ebenfalls drunter und drüber gehen!" Sekundenlang stehen alle atemlos da. Dann aber bricht es aus ihnen heraus, ein Durcheinander von Freudenausbrüchen, Fragen, Prophezeiungen und Hoffnungen wirbelt durch den Saal: Wenn es schon so weit ist, dann greift es über!" ,, Jetzt müssen wir die Klamotten hinwerfen und streiken, die Wirtschaft lahmlegen. Die deutschen Arbeiter dürfen die Wiener nicht im Stich lassen!" 11 Wenn das nicht kommt, ist es Essig. Glaubst du, die anderen Staaten sehen ruhig zu, wenn in Österreich die Arbeiterrevolution ausbricht? Jetzt kommt es drauf an!" ,, Is dat so, wie Nathan uns dat vertellt, dann reuhrt sick de Arbeiter öberall." 11 Wenn die Arbeiter in Österreich siegen, dann marschiert Mussolini ein. Der liegt doch sowieso schon auf der Lauer." ,, Das werden die österreichischen Arbeiter und die Arbeiter aller anderen Länder schon zu verhindern wissen, mein Lieber!" ,, Hunderte Tote sagst du, Gottsverdori, die gehen gleich hart ran. Wer hätte das den Wienern zugetraut?" Keiner denkt mehr an Schach und Kartenspiele. Selbst der griesgrämige Hannes Kolzen spitzt aufmerksam die Ohren und horcht bald bei dieser, bald bei jener Gruppe. Der lange Köhler, der ehemalige Flügelmann des SA- Sturmes 14, meint:„ ,, Da werden die Nazis in Österreich mit den Arbeitern gemeinsame Sache machen. Die wollen auch, daß Dollfuß verschwindet!" ,, Menschenskind, bist du denn immer noch nicht kuriert?" schreit ihn Elgenhagen an. ,, Glaubst du denn immer noch, daß die Nazis 20* 307 irgendwie mal mit den Arbeitern gehen? Die sind die Schutz- _ truppe‘des Kapitalismus, sie erfüllen nicht Arbeiter-, sondern Unternehmerforderungen. Begreif’ das doch endlich!” „Du wirst ja sehen!” beharrt der Nazi eigensinnig auf seinem Standpunkt.„Wir werden das ja noch genau erfahren.” Kreibel, Welsen, Walter Körning und Schneemann stehen zu- sammen. Schneemann, der zuerst mehr erschreckt als erfreut war, führt das Wort. n... die Wiener Sozialdemokratie, das ist die bestorganisierte der ganzen Welt! Ein Ruf, und die Arbeiter verlassen die Be- triebe. Ein Kommando, und die Arbeiter, geführt vom Schutz- bund, ergreifen die Waffen. Da können wir Deutschen uns eine Scheibe von abschneiden.” Er faßt Welsen gönnerhaft auf die Schulter. „Aber, Genossen, ein offenes Wort. Die österreichischen Ar- beiter können das, weil sie nicht gespalten sind, weil nicht zwei gleichstarke Parteien die Aktionskraft der Arbeiter lähmen.” „Du, darauf ließe sich viel sagen”, meint Welsen ein wenig ver- wirrt und bissig. Er stößt Kreibel an, der wie abwesend neben ihm steht.„Ich denke, Walter sagt uns mal, was er darüber denkt.” „Ja, Genossen, ja, Schneemann.” Welsen zieht den kleinen Kreis von der Tür fort und nach der Fensterecke, zu den Stroh- säcken hin.- „Da ließe sich verdammt viel sagen... aber”, Kreibel wendet sich an Welsen,„wir wissen kaum, was eigentlich los ist, kann man da ernsthaft diskutieren?” 2 „Ein etwas plumper Rückzug!” ‚höhnt der Sozialdemokrat.„In Österreich wird bestimmt gekämpft, das dürfen wir schon glauben. Die Wiener Sozialdemokratie kapituliert nicht vor dem 308 Faschismus, denn die Arbeiter sind bewaffnet, sind seit vielen Jahren bewaffnet." ,, Weißt du, Schneemann, eine Revolution kann man nicht lediglich durch eine Proklamation hervorrufen, sie bedarf auch nicht nur der Bewaffnung der Arbeiter, sondern auch der Bewaffnung der Köpfe der Arbeiter ich meine damit eine systematische politische Erziehung der Arbeiter zur Revolution, eine revolutionäre Ideologie..." - ,, Du quatschst von revolutionärer Ideologie. Schön und gut. Die revolutionärste Ideologie liegt doch in der Tatsache, daß die Sozialdemokratie die Arbeiter bewaffnete." ,, Zu welchem Zweck, Schneemann?" ,, Zu welchem Zweck, fragst du? Vielleicht um Spatzen zu schießen; ich weiß es nicht." ,, Ich frage so: Um eine Arbeiterherrschaft zu erkämpfen?" ,, Na also, da sind wir ja wieder im alten Fahrwasser. Ihr Kommunisten könnt nur in diesem Gewässer plätschern. Ich antworte dir so: Um die Rechte der Arbeiter zu verteidigen!" ,, Ich weiß, was du Rechte der Arbeiter nennst; also du gibst zu, nicht um eine sozialistische Republik zu erkämpfen?" ,, Ihr seid hoffnungslos vernagelt. Sozialistische Republik. Außer dieser Einrichtung gibt es nichts, für das es zu kämpfen sich lohnte, was?" ,, Das gibt es schon, aber es ist wichtig, daß die Arbeiter das politische Ziel kennen, für das sie kämpfen sollen." ,, Der Arbeiter, der zum Gewehr greift, weiß genau, für was er kämpft." ,, Richtig, Schneemann, der Arbeiter ja, wenn auch oft nur rein instinktiv klassenmäßig. Aber die Führer der österreichischen Sozialdemokratie? Für was, für wen kämpfen sie?" 309 „Ach ja?” Schneemann lächelt Kreibel sarkastisch an.„Das sind ja verkappte Faschisten, nicht wahr?” „Mir kommt das ja auch alles komisch vor”, mischt sich der Jungkommunist in die Debatte.„Wie aus’ner Pistole geschossen, bums, Revolution. Und vorher eine Politik, Mensch, nichts als 14 Kapitulationen: „Die Sozialdemokratie hat stets erklärt, wenn uns die Reaktion einen bewaffneten Kampf aufzwingt, werden wir auch davor nicht zurückschrecken.” „Nein, Schneemann”, nimmt Kreibel wieder das Wort,„be- waffneter Kampf gegen die Reaktion? Nachdem man fünfzehn Jahre mit ihr regiert hat? Nachdem man immer und immer wieder erklärt hat, daß es ein friedliches Hineinwachsen in den Sozialismus gebe? Nein, Schneemann, der bewaffnete Aufstand der österreichischen Arbeiter ist eine radikale Abkehr von der sozialdemokratischen Politik. Und was auch dort geschehen sein mag, der Aufstand kann nur gegen den Willen der sozial- demokratischen Parteibürokratie ausgebrochen sein.” „Die Wiener Sozialdemokratie, der Schutzbund....” „Hört mal”, schneidet Welsen dem Sozialdemokraten das Wort ab,„mir gefällt diese Debatte ganz und gar nicht. Wir wissen so gut wie nichts und reiben uns die Köpfe. Die österreichischen Arbeiter kämpfen. Das ist doch eine so herrliche Sache, daß wir sie uns durch Diskussionen, die in der Luft hängen, nicht ver- sauen lassen wollen. Arbeiter kämpfen, da kämpfen wir alle mit. Hinterher wollen wir rechten und kritisieren!” „Gut gesprochen, Nathan”, bekräftigt Walter Körning,„mir direkt aus dem Herzen gesprochen! Schluß mit dem Streit!” Kesselklein kommt mit wiegendem Gang und strahlender Laune. „Du, Nathan, de Otto packt all siene Sooken. He gleuwt, dat se uns all hüt Nacht rutholt!” 310 ERSTE „So schnell wird es wohl nicht gehen!” erwidert Welsen lachend. „Aber was, Hein, das Herz geht einem auf, wenn man so etwas hört!” Eine ungeheure Spannung und Erregung hat alle Gemüter er- griffen. Nach Einschluß wird im Flüsterton bis tief in die Nacht diskutiert. Jeder fiebert nach weiteren Meldungen. Pläne werden geschmiedet, um Zeitungen und Nachrichten zu bekommen. Walter Körning erklärt, daß er morgen Wachtmeister Lühring fragen will, wie es in Osterreich aussieht. Selbst auf das Risiko hin, daß der Lühring ihm ins Gesicht schlägt. „Sechs Uhr morgens. Das elektrische Licht im Saal flammt auf. Draußen ist pech- schwarze Nacht. Der kleine Siebel springt wie jeden Morgen als erster vom Strohlager auf, geht und reißt die Fenster auf, die nachts verschlossen sein müssen. Frostigkalt dringt die Morgen- luft herein. Die meisten können heute morgen nicht hochkommen, sie räkeln sich auf den Strohsäcken, gähnen und recken sich. Bis in die späte Nacht wurde geflüstert, und nun steckt noch Müdigkeit in den Knochen. Einer nach dem andern kriechen sie in die Hosen und ziehen sich die Hemden über den Kopf. Jeder nimmt sich eine Wasch- schüssel und schließt sich bei der Wasserleitung an. Einer steht neben dem andern vor den Waschbecken, die auf den langen Bänken stehen, und wäscht sich. „Man los!"Man los! Raus aus den Federn!” treibt Welsen die Langschläfer hoch. „Aus den Federn ist gut”, knurrt einer.„Das Stroh hat mich gestochen und gepiesackt; als wär’s lebendig geworden.” „A-ach Gott!” gähnt ein anderer,„ist das ein bescheidenes Da- sein!” i „Der Siebel hat’n Vogel, gleich in aller Frühe immer die Fenster aufzureißen. Man klappert wie’n Schneider!” Kesselklein wäscht sich die tätowierten Arme.„Wenn du doran denkst, dat se vellicht grod jetzt op de Faschisten ballert, und du hier hockst un verschimmelst, dann kannst de Platze kriegen vor Wut!” Keiner antwortet. Aber jeder denkt: Osterreich. Dort wird ja ge- kämpft. Und heute werden wir sicher Neues erfahren. Es hat aber keiner Lust, am frühen Morgen schon die Debatten des gestrigen Tages und der Nacht fortzusetzen. Doch Kessel- klein redet weiter. Er wendet sich an keinen, sondern spricht mit sich selbst. „Und ji köhnt mi gleuwen, dat duert gornich mehr lang, dann_ kummt dat hier ok so. D& dütsche Prolet is ja nu eenmol en ganz grooten Michel. Ober dat kummt doch, dat kummt doch. Bannig langsam, aber dat kummt!” Elgenhagen und Kreibel, die in seiner Nähe stehen und sich waschen, blicken auf den redenden Seemann und lächeln. Die Tische und Bänke werden nach einer Seite des Saales ge- rückt, und die Gefangenen vom Stubendienst fegen und schleppen Eimer voll Wässer zum Aufwaschen herbei. Zwischen ihnen hasten halbnackt die Säumigen. Andere legen Wolldecken zu- sammen und bringen die Pritschen in Ordnung. „Schneller! Schneller!” treibt Welsen.„Es ist gleich sieben Uhr. Ihr kommt ja heute gar nicht von der Stelle.” Und er packt mit an, wringt einen Lumpen aus und wischt den Fußboden trocken. Zwei Minuten vor sieben stehen die Gefangenen des Saales 2 zum Morgenappell angetreten. 312 Sie warten bis Viertel nach sieben. Kein Wachtmeister kommt. Sie warten bis halb acht. Kein Wachtmeister kommt. Sie warten bis acht. Kein Wachtmeister kommt. Da läßt Welsen wegtreten. Was ist passiert? Warum läßt sich kein Wachtmeister blicken? Warum gibt es keinen Kaffee? Die unsinnigsten Vermutungen werden geäußert. „Das hängt bestimmt mit der österreichischen Revolution zu- sammen. Wer weiß, was jetzt draußen vor sich geht?” „Ich sage gar nichts, wenn die Nazis schon alle stiften gegangen sind. Wenn es darauf ankommt, sind die Burschen feige wie die Hasen.” Welsen erinnert, daß es doch nicht das erstemal ist, daß der Wachtmeister sie so lange warten läßt. Aber keiner will das hören, jeder redet sich ein, die merkwürdige Stille im Bau sei bedeutsam. Aufregung und Unruhe werden immer größer. Einige.benehmen sich ganz ausgelassen, werfen ihre Privatsachen zusammen und sagen zum Scherz, hinter dem sich die ernste Hoffnung nur schlecht verbirgt:„Sachen packen. Raustreten zum Waffen- empfang!” Schlagartig tritt Ruhe ein. Kannen klappern. Schritte kommen näher. Wachtmeister Lühring schließt auf. Auf das Kommando Welsens erheben sich die Gefangenen. „Stubenältester, Sie haben wegtreten lassen?” „Jawohl, Herr Wachtmeister!” „War sehr vernünftig von Ihnen. Weitermachen.” Er sieht sich nach den beiden Kalfaktoren um.„Los, los, schneller!” Kreibel flüstert einem Kalfaktor heimlich zu:„Warum kommt ihr heute morgen so spät?” „Alle Wachtmeister saßen am Radio!” flüstert der zurück. 31,3 ,, Nach dem Kaffee fertigmachen zur Freistunde. Aber nicht übereilen, erst ruhig essen!" ,, Jawohl, Herr Wachtmeister!" Lühring verläßt den Saal. Die beiden Kalfaktoren schleppen vom Korridor eine Kanne in den Nebensaal. ,, Menschenskind, der ist ja wie umgewandelt!" ruft einer staunend. ,, Die Liebenswürdigkeit selber." ,, Was sagt Theo, warum kommen sie heute so spät?" ,, Die Wachtmeister safen am Radio." ,, Aha! Und die Sache kann nicht schlecht stehen, sonst wäre dieser Lühring nicht so scheißẞfreundlich." ,, Na, Kreibel?" fragt Schneemann strahlend, mit einem Unterton von Ironie. ,, Immer noch politische Bauchschmerzen?" ,, Was soll das heißen?" fragt Kreibel etwas gereizt zurück. ,, Du hast doch zu den Wiener Arbeitern kein Vertrauen!" ,, Red' doch nicht solchen Unsinn!" ,, Das will dir wohl gar nicht in den Kopf, daß Arbeiter auch ohne Anweisung von Lenin oder Stalin Revolution machen, was?" ,, Sag' mal, willst du mich frotzeln, oder was beabsichtigst du mit deinen Redensarten?" ,, Na, na, man nicht gleich so hitzig." Lühring kommt. Welsen kommandiert: ,, In zwei Gliedern angetreten, marsch- marsch!" Bevor sie den Korridor entlang nach dem Hof marschieren, tritt Walter Körning aus der Reihe und auf Lühring zu: ,, Herr Wachtmeister, gestatten Sie mir eine Frage?" ,, Na, was hast du denn?" ,, Können Sie uns etwas über die Lage in Österreich sagen?" Lühring sieht den jungen Gefangenen, der ihm treuherzig und offen ins Gesicht blickt, erstaunt an. Zuerst findet er keine 314 Worte, dann lächelt er und fragt:" Wer hat euch denn von Österreich erzählt?" 11 Wir haben es durch Zufall erfahren, Herr Wachtmeister." ,, So, so, durch Zufall. Komisch. Aber Österreich ist eine tieftraurige Angelegenheit. Deutsche, die sich gegenseitig abschlachten. Als ob wir nicht Feinde genug hätten. Diese marxistischen Bonzen laden immer größere Schuld auf ihr Haupt." ,, Herr Wachtmeister, wie stehen die Nationalsozialisten in Österreich?" Und Lühring gibt auch Welsen Antwort. ,, Die Nationalsozialisten machen solchen Brudermord nicht mit." Auf dem Hof unterhält sich Lühring mit dem Posten, und die Gefangenen marschieren im Kreis. Heute gibt es keinen Laufschritt, keine Kniebeuge, keine Liegestützen und kein Hüpfen. Am nächsten Tag gelingt es dem Kalfaktor, eine Zeitung in den Saal zu werfen. Wie ausgehungerte Wölfe über ein Stück Fleisch, so fallen die Gefangenen darüber her. Jeder will lesen. Viele rufen: ,, Welsen soll vorlesen!" Aber diejenigen, die die Zeitung erwischt haben, geben sie nicht her. Die ersten Zeilen werden allen zugerufen. ,, Schon über tausend Tote." ,, Der Schutzbund besetzt Favoriten und Simmering." ,, Blutiger Kampf um den Karl- Marx- Hof." ,, Die Sauhunde, diese Halunken, gottverflucht." Der kleine Siebel hält krampfhaft die Zeitung in seinen zitternden Händen, liest und schimpft. ,, Diese Bestien, hört bloß mal an, die schießen mit Kanonen auf Arbeiterhäuser. Mit Kanonen in den Straßen Wiens. Da hört doch aber alles auf." ,, Genossen", ruft ärgerlich einer. ,, Was ist das für ein Verhalten? Etwas mehr Solidarität und Kameradschaftlichkeit. Wir wollen alle hören. Also vorlesen." 315 11 Jawohl, vorlesen, vorlesen!" Welsen soll vorlesen." Mit einem Seufzer gibt Siebel die Zeitung an Welsen ab. Der setzt sich an den mittleren Tisch. Er liest nur leise, aber jedes Wort ist zu verstehen, so ruhig ist es um ihn. ... In den Nachmittagsstunden des 12. Februar griffen die Schutzbündler von Margareten zu den Waffen. Sie besetzten den Reumannhof und schossen aus den Wohnungen mit Gewehren und Maschinengewehren auf die Polizei. Verstärkungen des Militärs wurden zurückgeschlagen. Schließlich gelang es den Truppen der Exekutive doch, den gewaltigen Häuserkomplex zu stürmen. Aber unter großen Opfern, denn in den Stiegen und Gängen der Häuser wurde Mann gegen Mann mit Gewehren, Revolvern und Handgranaten erbittert gekämpft..." ,, Verdammt, dann sind sie da also geschlagen worden?" ,, Ruhig!" ,, Maul halten!” ,, Weiterlesen!... Welsen, lies weiter!" ,, Vor dem Liebknechthof, der von bewaffneten Schutzbündlern besetzt ist, fuhr ein Sanitätsauto vor. Die Arbeiter ließen es passieren, weil sie glaubten, es wolle Verwundete transportieren. Plötzlich aber sprangen Polizisten aus dem Auto und schossen. Die Schutzbündler erwiderten das Feuer und zwangen die Polizei zum Rückzug. In dem Sanitätsauto haben die Schutzbündler noch ein Maschinengewehr und viele hundert Schuß Munition gefunden..." ,, Das haben die Jungens gut gemacht. Das Maschinengewehr konnten sie sicher gut gebrauchen!" ruft einer begeistert. ,, Aber das sind Schweine, was? Polizei im Sanitätsauto!" ,, Aber nun seid doch ruhig. Laßt ihn doch weiterlesen!" ,, Na, man kann doch wohl mal ein Wort sagen." 316 Die Bundesregierung läßt gegen die aufständischen Schutzbündler Panzerautos und Panzerzüge einsetzen. Am Wienerberg wurden Schutzbündler, die die Gemeindehäuser besetzt hielten, von einem Panzerzug beschossen. Die Schutzbündler sollen große Verluste erlitten haben. Die Regierung hat einen Erlaẞ an die Bundestruppen herausgegeben, in dem es heißt, daß mit größter Rücksichtslosigkeit gegen die Aufrührer vorgegangen werden soll. Immer größere Militärmassen werden um Wien zusammengezogen..." ,, Wa- as? Mensch, lies diese Meldung mal! Hier steht, daß der sozialdemokratisch geleitete Buchdruckerverband seine Mitglieder auffordert, die Arbeit wieder aufzunehmen." ,, Schwindel!" ruft Schneemann dazwischen.„ Laßt euch doch von der bürgerlichen Presse nicht verkohlen, die wollen doch nur die Arbeiter verwirren." ,, Sicher wollen sie das. Man muß zwischen den Zeilen lesen", stimmt einer zu. ,, Hier steht sogar, daß nur die Kommunisten zum Generalstreik aufrufen, die Gewerkschaften aber nach wie vor zurückschrecken, das Chaos noch zu vergrößern!" ,, Wat'n Quatsch!" schreit Kesselklein empört. De wüllt uns ganz vor dumm verkeupen. Dor is'n frischfröhlicher Bürgerkrieg, und de wüllt uns vertellen, dat de Arbeiter nich mol streikt. Wi kann so' n Rindsbimmel von Redaktör sowat schriewen?" ,, Wir haben alle Ursache, den reformistischen Gewerkschaftsbonzen alles zuzutrauen!" äußert Siebel. Die sind zu allem fähig." Kreibel nimmt Welsen zur Seite. ,, Merkst du was? Es stinkt. Das kommt so, wie ich dir sagte. Die Proleten haben losgeschlagen, und die Bonzen bremsen und sabotieren." 317 11 Wenn man doch nur Genaueres wüßte." Jede kleine Notiz wird vorgelesen. Dann wandert die Zeitung von Hand zu Hand. Wieder und immer wieder werden die Nachrichten gelesen und beurteilt. Erregte Debatten schwirren durch den Raum. Hitzige, lärmende Reden steigen. Kesselklein schreit auf den kleinen Siebel ein und nennt ihn einen„ Stänker" und Bürogeneral". " I Plötzlich steht Wachtmeister Lühring im Saal. ,, Ihr seid wohl verrückt geworden! Ein Radau wie in einer Judenschule. Euch geht es wohl zu gut, was? Noch einmal solchen Krach, dann hol' ich jeden einzeln raus." Er geht an die Tür, hat schon die Klinke in der Hand, da dreht er sich noch einmal um und fragt, über das ganze Gesicht hämisch grinsend:„ Oder ist euch Österreich zu Kopf gestiegen? Ihr Arschlöcher!" Dann verläßt er lachend den Saal. Die Gefangenen sehen sich an. Jeder sucht im Gesicht des andern zu lesen. Jeder denkt: es sieht nicht gut aus. Aber jeder schweigt. Am nächsten Tag kommt Zugang. Ein junger Metallarbeiter, der Flugblätter hergestellt und verteilt haben soll. Er bestätigt die unausgesprochenen Ahnungen: Der Aufstand der österreichischen Arbeiter ist niedergeschlagen. Auf dem Saal ist es ruhig geworden. Die lauten, erregten Diskussionen sind verstummt. Die Schachspieler sitzen sich wieder stundenlang gegenüber, die Blicke auf die Felder und Figuren gerichtet. Fritz Jahnke, blaß, mit übernatürlich großen Augen, sitzt den ganzen Tag allein am Fenster. Schneemann ist still und ernst geworden. Heimlich betrachtet er oft den fast zwanzig Jahre jüngeren Kreibel. Wie fest und unbeirrbar dieser seinen politischen Standpunkt vertrat. Sollte er gar am Ende recht haben?.... 318 Auch Kesselklein und Stüwen sind schweigsam geworden. Beide durchmessen stundenlang die Zelle, ohne ein Wort zu sagen. Kesselklein wirft anerkennende Blicke auf den Bürogeneral", der einigen jungen Kommunisten von den bewaffneten Kämpfen 1919 in Hamburg erzählt... Nur Walter Körning ist lebensfroh und lustig wie immer; er sitzt am Fußende seiner Pritsche, näht sich Knöpfe an die Jacke und singt: ,,.... Uns geht die Sonne nicht unter." Kreibel hat die Schulungsarbeit wieder aufgenommen. Auch Fritz Jahnke nimmt daran teil, obgleich er kein Parteimitglied ist. Kreibel spricht von den Lehren der russischen Revolution von 1905 und der Pariser Kommune. ,, Der Hauptfehler der Pariser Kommunarden war, daß sie sich, wie Marx sagte, auf die Verteidigung beschränkten, statt unverzüglich nach Versailles zu ziehen und die reaktionären Truppen entscheidend zu vernichten. Sie ließen ihnen aber durch ihre defensive Taktik Zeit, sich zu reorganisieren, aus der Provinz neue Mannschaften herbeizuholen und mit den Preußen zu paktieren. Den gleichen Fehler machten 1905 die Moskauer Arbeiter. Sie organisierten die Verteidigung der Arbeitervororte, ohne sofort die Offensive zu ergreifen, Verwirrung unter die Truppen zu bringen, die schwankenden Soldaten in den Kasernen zu den aufständischen Arbeitern herüberzuziehen, ohne konzentrisch ins innere Moskau vorzustoßen und den Feind anzugreifen." Und Kreibel erzählt, wie Lenin und die russischen Arbeiter aus den Fehlern der Kommune und der Revolution 1905 gelernt haben. Sie haben in der Oktoberrevolution diese Fehler nicht wiederholt. Die Petersburger Arbeiter beschränkten sich nicht darauf, die Stadt vor der anrückenden Armee des gegenrevolutionären Generals Judenitsch in Verteidigungszustand zu 319 setzen, sondern zogen ihm entgegen und vernichteten ihn vor den Toren des damaligen Petersburg. Kreibel bemerkt, daß Schneemann wiederholt zu ihnen hinblickt und auch etliche Male näherkommt, aber unschlüssig immer wieder umkehrt. Schließlich tritt Schneemann tatsächlich an den kleinen Kreis heran, und Kreibel ist nicht so überrascht wie die Genossen um ihn. unsicher Schneemann sieht Kreibel an, dann die Genossen, dann wieder Kreibel und sagt leise, fast flüsternd:„ Genossen, ihr macht hier Schulungsarbeit, nicht wahr? Darf... darf ich daran teilnehmen?" Die Genossen blicken erstaunt auf. Welsen ,, Es ist eigentlich nur für Parteimitglieder, weißt du." Kreibel erhebt sich. Seine Augen leuchten.„ Genossen, ich meine, dagegen bestehen keine Bedenken." - - sagt: ,, Nu, er soll ruhig mitmachen!" Elgenhagen rückt mit seinem Schemel zur Seite. ,, Also komm, Genosse Schneemann, du kannst gerne mitmachen!" Körning springt auf und holt einen Sitzbock. 320 Die Ent 1 a S S u n 80 Der Schnee ist geschmolzen. Auf dem Gefängnishof stehen große, lehmige Pfützen. Vom Meer brausen Sturmwinde heran, pfeifen durch die Telegraphendrähte, knacken Äste von den kahlen Bäumen und umtoben heulend die Häuser. Gleich gehetzten Seglern jagen tiefhängende, rauchgraue Wolken vor dem Winde. Regenmassen prasseln herab, die der Sturmwind übermütig gegen die Häuser und über die Felder fegt. Rauh und finster sind diese Tage, an denen der Winter vertrieben und dem Frühling der Weg gebahnt wird. Im Gefängnis ist es still, wie auf einem Schiff im Sturm. Außer dem Posten, der mit hochgeschlagenem Kragen, das Gewehr im Arm, dicht an der Mauer auf und ab geht, ist keine Menschenseele zu erblicken. Die Wachtmeister sitzen in ihrer Stube am heißen Grogglas. Die Einzelhäftlinge hocken frierend in der Ecke der kahlen Zelle, an der das dünne Heizrohr entlang läuft. Die Gefangenen auf den Sälen paffen Pfeifen und Zigaretten, gehen mürrisch und maulfaul aneinander vorbei. Einige liegen auf den Pritschen und starren in die vorbeijagenden Wolkenfetzen. Einer legt sich ununterbrochen Karten. Wenn er gerade festgestellt hat, daß er diese Woche noch entlassen wird, erfährt er sogleich darauf, daß es nichts wird. Verzweifelt befragt er immer und immer wieder die Karten. Walter Körning summt gedankenlos: Wenn uns der eigene Bruder verrät..." Aber hält erschrocken inne, als Fred Kolberg, ein beleibter Hafenarbeiter, ihn grimmig wie ein Raubtier anknurrt:„ Laß das Gewimmer!" Auf dem Saal ist es trist und unfreundlich; es ist, als drücke die 11 21 Bredel, Prüfung 321 graue, regenschleudernde Wolkendecke die Menschen nieder, als habe ihnen der Sturm die Lebensfreude weggeblasen. Kreibel sitzt am Ende des mittleren Tisches und blättert im ,, Lichtenstein": er will noch einmal die Beichte des Pfeifers von Hardt lesen, die Kaiser Wilhelm so gut gefallen hat, wie im Vorwort des Buches steht. Hinter ihm gehen Nathan Welsen und Schneemann auf und ab. Wenn sie an ihm langsam vorbeigehen, hört er Brocken ihrer Unterhaltung. Welsen spricht. ,,... der materialistischen Geschichtsauffassung fällt es gar nicht ein, die Rolle der Persönlichkeit zu leugnen. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, sagt Marx, aber..." Kreibel liest die Beschreibung der hübschen Pfeiferstochter, die so unglücklich in den schmucken Junker verliebt ist. Dann muß er wieder auf die Worte hinter sich horchen. Leise, aber eindringlich betont Schneemann jedes einzelne Wort. 11... Man kann den Zufall nicht ausscheiden. Kann einer sagen, wie der Gang der Geschichte gewesen wäre, wenn beispielsweise die Schlacht bei Sadowa zugunsten der Österreicher ausgefallen wäre, wenn Napoleon bei Waterloo über Wellington gesiegt hätte, wenn die Deutschen die Marneschlacht..." Finster und unruhig schleicht Hannes Kolzen an der Tür umher. In den letzten Tagen sind drei Gefangene entlassen worden, darunter Waldemar Lohse, der neben ihm lag, mit dem er sich angefreundet hatte. Andere sind ins Untersuchungsgefängnis überführt worden. Nur er bleibt hier. Nur er erfährt nicht, ob er einen Prozeß bekommt oder ob seine Entlassung bevorsteht... Der Lohse hatte einen Brief geschrieben. Er tat so geheimnisvoll damit. Dieser Brief wird mit seiner Entlassung zusammenhängen... Wenn man bloß wüßte, was in so einem Brief drinstehen muß, um entlassen zu werden... Wenn seine Frau nicht so ein Tolpatsch wäre. Ihr Mundwerk steht keine Minute still, 322 wenn sie aber da oben vor den hohen Herren steht, verschlägt es ihr den Atem, und dann kriegt sie keinen Pieps heraus... Andere Frauen bekommen doch ihre Männer frei. - ja die - Kreibel sieht von seinem Buch auf. Fritz Jahnke liest Briefe. Minutenlang blicken seine Augen auf eine Briefseite, so daß Kreibel meint, er lese nicht, sondern träume. Nicht nur die Briefe betrachtet Jahnke, auch die Umschläge, die Poststempel, die Marken, die Anschrift, und alles scheint er ganz genau, Buchstaben für Buchstaben, zu besehen. Erich Borgers tritt leise an Kreibel heran, neigt seinen Kopf zu ihm und fragt geheimnisvoll flüsternd:" Willst du mir eine Frage beantworten, die ich einem von euch schon lange stellen wollte?" Kreibel schiebt das Buch zur Seite. Dieser Borgers ist ein übler Bursche. Lebt von Schwindeleien an kleinen Leuten. Ein paar seiner Tricks hat er eines Abends einigen Gefangenen erzählt. Kreibel ist es hinterbracht worden. Seitdem verachtet er diesen kurzsichtigen Leisetreter mit der spitzen Nase und dem langen, glatt gescheitelten Haar. Kreibel sieht ihn an, blickt ihm in die kleinen, feuchten, immer etwas zusammengekniffenen Augen und fragt:„ Schieß man los! Was hast du?" ,, Schieß los, ist gut", kichert der und rückt näher an Kreibel. Dabei blickt er vorsichtig nach links und rechts. ,, Es kann uns doch niemand hören?" ,, Ist das so gefährlich, was du zu fragen hast?" ,, Pst! Um Gottes willen nicht so laut." Kreibel wird ungeduldig. Entweder du fängst nun an, oder du läßt mich allein." ,, Seid doch nicht so aufgeregt. Ihr Kommunisten wollt uns immer belehren, aber wenn man mal mit einer Frage kommt, paft euch das nicht." 21* 323 „So frag’ schon”, lenkt Kreibel versöhnlicher ein. „Das ist nämlich so, weißt du”, wieder neigt sich Borgers ganz nahe an Kreibels Ohr.„Ihr opfert euch für den Kommunismus, nicht wahr. Viele wissen genau, daß sie mit dem sicheren Tod rechnen müssen, nicht wahr? Und sie tun’s doch. Da will ich dich nun ganz geheim fragen, warum noch keiner von euch ver- u sucht hat, den Hitler oder den Göring...”, er dämpft seine Stimme noch mehr,„über den Haufen zu schießen. Weg mit - diesen Bluthunden. Dann ist die Bahn für den Kommunismus frei. Was meinst du?” Kreibel blickt lange in das kleine, vogelartige Gesicht, in die winzigen, zusammengekniffenen Augen. Nimm dich in acht, warnt etwas in ihm. Hüte dich vor diesem Menschen. Kreibel fühlt den warmen Hauch des Fragers, der sein Gesicht noch immer dicht an seines hält... Er zieht sich etwas zurück und antwortet ruhig, leise, aber nicht flüsternd: „Über solche Dinge rede ich nicht. Übrigens: die Kommunisten lehnen Attentate ab. Damit wird an den politischen und wirt- schaftlichen Zuständen nichts geändert.” „Aber in Rußland wurden doch früher Attentate organisiert? Und schließlich, als die Zeit so weit war, haben sie alles um- gestülpt.” „Ich wiederhole, ich kann darüber nicht reden. Aber auch in Rußland organisierten die Marxisten keine Attentate. Wir wollen nicht den Einzelkampf, sondern.den Massenkampf der ganzen Arbeiterklasse organisieren.” „Aber man kann doch nicht leugnen...“ „Also Schluß”, unterbricht ihn Kreibel.„Ich will weiter nichts von der Sache hören.” Lautlos geht Borgers. Kreibel blickt ihm, ohne den Kopf zu 324 wenden, nach. Ein übler Geselle. Mag der Teufel wissen, wie er auf solche Frage kommt, was er mit dieser. Frage beabsichtigt. Borgers geht an den letzten Tisch und sieht Schachspielern zu. Nun plagen Kreibel doch Gewissensbisse. Er hätte kamerad- schaftlicher mit ihm reden müssen. Solche unpolitischen Leute stellen aus Unwissenheit und Naivität derartig gefährliche Fragen. Vielleicht hat er dabei keine Hintergedanken gehabt, war es ihm nur mal so in den Kopf geschossen. Aber, sagte er sich dann wieder, Vorsicht ist solchen Elementen gegenüber immer am Platze, ganz besonders heute und ganz besonders, wenn man sich in einem Konzentrationslager befindet. Hol’s der Teufel, er hätte ihn noch kälter abfahren lassen sollen. Mit solchem kriminellen Gesindel darf man im Gefängnis nicht politisieren; das ist reinster Selbstmord. Der Brillantendieb in der Sammel- zelle des Stadthauses, der war in Ordnung; der hielt Solidarität. Wie der von Dimitroff sprach. Da lachte einem das Herz. Dieser Brillantendieb war kein Angeber, kein Schleicher, kein Feigling ...Doch diesem Borgers traue ich nicht. Die kleinen Spitzbuben sind gewöhnlich die gemeinsten. Noch mit diesen Gedanken beschäftigt, hört Kreibel hinter seinem Rücken wieder die Stimme Nathans. „... einmal den Weg eingeschlagen, führt er unvermeidlich ins gegnerische Klassenlager. Denke nur am Tschang Kai-schek. Auch er...” Kreibel schmunzelte in sich hinein. Nun waren sie schon bei Tschang Kai-schek. Von Sadowa und Waterloo über die Marne- schlacht zur chinesischen Revolution. Er denkt, ich möchte doch wissen, was Nathan ihm auf seine Zufallstheorie geantwortet hat, beginnt aber wieder, sich in die schmucke Häuslichkeit des reu- mütigen Pfeifers von Hardt zu vertiefen. 325 Kurz vor Ausgabe des Mittagessens kommt der Wachtmeister Lühring mit dem„ Erlöserengel" in den Saal. Wieder eine Entlassung. Die Augen der Gefangenen sind erwartungsvoll; in jedem glimmt Hoffnung. Deutlich hört man stoßweises Atmen. Wachtmeister Harden, der„ Erlöserengel", legt die Hand, die den Abgangszettel hält, auf den Rücken, lächelt und tritt langsam in die Mitte des Saales. Vor Kreibel bleibt er stehen. ,, Na, Kreibel, ahnst du schon was?" Kreibel läuft krebsrot an. Das kommt überraschend. Weiß Gott, das kommt plötzlich. Und Kreibel ist nicht fähig, ein Wort zu erwidern. Monatelang hat er Tag für Tag gehofft, nie kam es; jetzt, wo er mit keinem Gedanken zu hoffen wagte, ist es plötzlich da... Frei! Er wird frei sein! Es wird ihm schwindlig. Seine Wangen brennen. ,, Also machen Sie sich fertig; Sie sind entlassen!" Wachtmeister Lühring, der an der Tür steht, ruft Kreibel zu: ,, Hast du ein Schwein, Bursche. Bist wohl selber sprachlos, was?" Die Wachtmeister gehen hinaus. Kreibel bleibt sekundenlang wie angenagelt auf dem Fleck stehen. Er ist immer noch puterrot im Gesicht und wagt nicht, die Genossen anzusehen. Er kann nach Hause gehen, sie bleiben hier. Er, einer der führenden Funktionäre, ist frei, sie haben Prozesse vor sich, lange Gefängnis- und Zuchthausjahre oder gar den Tod, wie der Genosse Fritz Jahnke. Verstört blickt er die Genossen an. Einige kommen auf ihn zu, packen ihn am Arm, schütteln ihn, beglückwünschen ihn. ,, Mensch, Walter, das ist ja großartig. Die lassen dich raus. Die haben ja keine Ahnung, was sie tun." 326 ,, Das kommt nur daher", meint ein anderer ,,, weil du noch von Schönfelder verhaftet worden bist. Du hast dich ja nicht gegen das Dritte Reich vergangen." ,, Famos." Welsen gibt Kreibel einen freundschaftlichen Stoß in den Rücken. Und so, daß nur Kreibel und Schneemann es hören können, flüstert er:" Hier drinnen ist ein Kommunist wenig, draußen aber ist er viel wert." ,, Walter!" schreit der kleine, kahlköpfige Siebel aufgeregt ,,, ich packe deine Sachen zusammen." Er macht sich auch sogleich daran, schiebt den Pappkarton hervor, holt das Privatzeug heraus und nimmt aus Kreibels Fach Rasierzeug, Zahnbürste und Pasta. ,, Alles... alles, was ich habe, bleibt auf dem Saal." Das sind die ersten Worte, die Kreibel hervorwürgt. Elgenhagen nimmt Kreibel beiseite. ,, Willst du zu meiner Frau raufgehen?" ,, Selbstverständlich, Heinrich!" ,, Erzähle ihr, was sich hier so tut, und sage ihr, Fritz Wolf muẞ benachrichtigt werden. Es steht schlecht um ihn. Ernst Dresel hat ausgepackt; Wolf muß verschwinden. Wirst du es behalten?" ,, Behalten werde ich es schon. Es scheint mir aber eine heikle Sache zu sein. Deine Frau ist gut?" ,, Vor der brauchst du keine Angst zu haben." ,, Und du wohnst?" ,, Marschnerstraße 17, zweiter Stock." ,, Werde es erledigen." Die Gefangenen umstehen wieder Kreibel und betrachten ihn, als sähen sie ihn zum erstenmal. Sie sehen ihn zum letztenmal. In einigen Minuten wird er hinausgehen. Dann wird sich das Lagertor hinter ihm schließen, und er wird draußen in der Welt stehen und frei sein. Wird nach Hause fahren. Zu seiner Frau. 327 Zu seinem Kind. Wird sich frei bewegen können. Frei. Sie betrachten ihn mit stillen, schwermütigen Blicken. " 1 Wenn du buten büst, dann hau man bald aff, sonst kriegt se di doch wedder bi de Büx", rät Kesselklein und legt seine schwere Seemannshand Kreibel auf die rechte Schulter. ,, Walter, sei die erste Zeit bloß vorsichtig." Schneemann drängt sich zu ihm. ,, Ein unbedachtes Wort, und die ganze Tortur beginnt von neuem." Kreibel nimmt alle Ratschläge und Glückwünsche schweigend entgegen. Er lächelt abwesend. Er hat sich seine Entlassung so ganz anders vorgestellt. Er schämt sich fast, ihm ist, als versündige er sich gegen die Genossen. Dabei sieht er nicht einmal die neidischen Blicke, die ihm Hannes Kolzen zuwirft. Der steht allein am Fenster und kaut gierig an seinen Fingernägeln, dabei keinen Blick von Kreibel lassend. Aber Kreibel begegnet dem schmerzvollen Blick Fritz Jahnkes, und sein Herz verkrampft sich. Was für Gedanken mögen in diesem Genossen brennen? Er geht in die Freiheit, dieser muß den Richtblock besteigen. Vor ihm steht das Leben; vor jenem der Tod. Nein, Kreibel hat sich seine Entlassung leichter, froher vorgestellt. ,, Du bist wohl ganz benommen, was?" Welsen tritt an ihn heran. ,, Aber glücklich bist doch, was? Hast die Scheiße erst mal hinter dir. Das andere findet sich." ,, Pst, Lühring kommt!" ruft Körning, der an der Tür horcht. Die Genossen drücken Kreibel seinen Pappkarton in die Hand, schieben ihm die Anstaltssachen zu und strecken ihm noch einmal die Hände hin. ,, Genossen", die Kehle ist Kreibel wie zugeschnürt. ,, Genossen... das kommt ziemlich überraschend... wirklich... kann es selber noch nicht fassen... aber ihr versteht, wenn ich hier nicht alles 328 \ sagen kann, was ich möchte.” Er sucht mit den Blicken Fritz Jahnke. Der steht in der hinteren Reihe und sieht über die Schultern der Genossen zu ihm. Hingehen möchte er, ihn um- armen, aber er bringt nicht die Kraft auf. Er blickt in das gelb- liche, hagere Gesicht, in dem die Lippen zucken, und kann nur noch stammeln:„Genossen... ich... wir alle... draußen... u werden euch nie vergessen... nie... Lühring steht an der Tür und öffnet. „Fertig?" „Jawohl!” Kreibel dreht sich zu den Gefangenen um, ruft:„Lebt wohl, Genossen!” und verläßt den Saal. „Das ‚Genossen‘ hätt’st dir schenken können!” knurrt Lühring. „Geh die Treppe hinunter und melde dich bei der Zentrale!” ‚Kreibel geht den Korridor entlang nach der Treppe. Lühring ruft ihm noch ironisch nach:„Auf Wiedersehen, Genosse!” Hinter sich hört Kreibel das Lachen des Wachtmeisters. In der Zentrale verrichtet Wachtmeister Otten den Dienst. Er sitzt an einem kleinen Tisch, auf dem nur Telephon und ein Tintenfaß stehen und macht auf einem weißen Bogen hinter Namen Kreuze. Er dreht sich halb um. „Na, Kreibel, willst du nach Hause?” „Jawohl, Herr Wachtmeister.” „Stell dich dort an die Wand... Nein, nicht mit dem Gesicht zur Wand; stell dich nur ordentlich hin.” Kreibel kann den ganzen Gefängnisflügel übersehen. Drei Stock- werke: Zelle neben Zelle. Im Erdgeschoß streichen Gefangene in grauen Kitteln die Wände. Die Decken sind geweißt, die Gänge liegen voller Kalk und Schmutz. „Otten, was ist mit Kreibel?”- 329 ® Kreibel blickt nach oben. Dort lehnt sich Wachtmeister Teutsch über das Geländer der zweiten Station. „Wird entlassen!” antwortet Otten, ohne von seinem Papier aufzusehen.; „Entlassen? Das muß doch wohl ein Irrtum sein!” Teutsch schüttelt verständnislos den Kopf.„Entlassen? Ich glaube, den werden wir bald wieder bei uns sehen.” „Na, das glaub’ ich nicht.” Otten dreht sich auf seinem Sitz herum und blickt zu Teutsch hinauf und hinterher auf Kreibel. „Das glaub’ ich nicht. Aber wenn, dann gnade ihm Gott.” Wachtmeister Nußbeck kommt. Er sieht Kreibel und geht auf ihn zu. „Werden Sie entlassen?” „Jawohl, Herr Wachtmeister.” „Das freut mich aber. Nun seien Sie bloß vernünftig und lassen Sie die Finger von der Politik. Kommen Sie ein zweites Mal hierher, dann kommen Sie bestimmt nicht wieder heraus. Was wollen Sie nun draußen anfangen?“ „Ich bin Dreher, ich denke, daß ich bald Arbeit bekomme.” „Und wenn es nicht so schnell geht, wie Sie hoffen, dann nur nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Der nationalsozialistische Staat läßt keinen Volksgenossen verhungern.” Nußbeck geht die Treppe nach seiner Station hinauf. Kurz darauf tritt der Heildiener aus den Räumen der Kommandantur. Otten öffnet das große Gittertor. Brettschneider fragt leise:„Was ist mit Kreibel?” „Der wird entlassen!” Der Heildiener schlendert langsam auf Kreibel zu. In der Hand trägt er eine Arzneiflasche mit gelblicher Flüssigkeit. „Also entlassen?” „Jawohl, Herr Heildiener!” 330 ,, Hoffentlich sehen wir uns hier drinnen nicht wieder!" ,, Nein, Herr Heildiener." Brettschneider tritt ganz dicht an Kreibel heran und flüstert ihm zu: ,, Sei besonders in den ersten Wochen vorsichtig. Man wird dich scharf beobachten." Kreibel schließt einmal schnell die Augen und nickt. Nachdenklich geht der Heildiener den langen Korridor entlang. Und ich bin immer noch Gefangener, denkt er. Ich kann diesen Kittel nicht ablegen. Das braune Hemd sitzt uns fester am Leib wie denen der Zuchthauskittel. Eine halbe Stunde später steht Walter Kreibel mit drei anderen Gefangenen vor dem Zimmer der Kommandantur. In der Effektenkammer hat jeder die Anstaltssachen abgegeben und seine eigenen Sachen ausgehändigt bekommen. Nun werden die letzten Formalitäten erledigt. Riedel bringt Kreibel einen Füllfederhalter, der ihm in der Einzelhaft abgenommen worden war. Dabei sagt er zu den Entlassenen: 11 Ihr braucht nicht mehr strammzustehen, macht es euch bequem. Wer nicht mehr stehen kann, darf sich an die Wand lehnen." Keiner der vier Gefangenen macht von dieser Aufforderung Gebrauch. Sturmführer Harms kommt aus seinem Zimmer und betrachtet die vier neben ihren Kartons wartenden Gefangenen. Er tippt Kreibel auf die Schulter und fragt: ,, Du bist doch mißhandelt worden, nicht wahr?" ,, Nein, Herr Sturmführer." ,, Aber du warst doch in Dunkelhaft?" ,, Nein, Herr Sturmführer." Schmunzelnd geht Harms in das Zimmer des Kommandanten. Mit dem Kommandanten zusammen kommt er wieder heraus. 331 Sie tuscheln miteinander, und Harms weist auf Kreibel. Der Kommandant ist in den Wintermonaten fett geworden. Die braune Wildlederuniform sitzt prall an seinem mächtigen Leib. Über den Uniformkragen quellen Doppelkinn und Nacken. ,, Na, Kreibel, willst du zu Muttern?" ,, Jawohl, Herr Kommandant." ,, Ich entlasse dich gerne, aber ich möchte dich nicht wieder als Zugang begrüßen. Das würde für dich bitter aussehen." Kreibel erwidert nichts; er sieht in das volle, zufriedene Gesicht und muß daran denken, daß dieser Mensch mit dem Revolver in der Hand dabei stand, als er ausgepeitscht wurde. Damals jedoch hatte er noch forsch, soldatisch ausgesehen. ,, Ich gebe dir den Rat, vergif, was hinter dir liegt. Darin besteht die höhere Kunst des Lebens, daß man sich nur an das Gute erinnert und das Schlechte vergift. Wahre deine Zunge, wir lassen nicht mit uns spaßen. Dies war eine Zeit der Prüfung. Du wirst dich jetzt entscheiden müssen. Denke stets daran, daß wir um jeden Volksgenossen ringen; auch um den, den wir einmal scharf anzupacken uns gezwungen sehen. Und nun geh!" Wachtmeister Harden begleitet die vier Entlassenen über den Gefängnishof. Der Kommandant und der Sturmführer folgen. Das große, schwere Tor wird geöffnet. 332 Die Entscheidung Schweißgebadet rennt Walter Kreibel' die Fuhlsbütteler Chaussee hinunter. Der rauhe Märzwind, der ihm entgegenstürmt, fährt in die kahlen Bäume, daß die dürren Äste knackend brechen und herunterfallen. Kreibel blickt nicht nach rechts und nicht nach links, er rennt geradeaus. Es treibt ihn die wahnsinnige Angst, alles könnte nur ein Versehen sein, und sie könnten ihn jeden Augenblick zurückholen. Aus den Hauseingängen der kleinen Häuser, den Geschäften, blicken oft Frauen auf ihn; die Leute auf der Straße drehen sich nach ihm um: jeder weiß, er kommt aus dem Konzentrationslager. Täglich kommen die Entlassenen mit ihren Kartons vorbei. Kreibel sieht das alles nicht, vor seinen Augen schwimmt alles, durch seinen Schädel saust nur immer wieder der eine Gedanke: Frei! Gerettet! Nach Hause! An der Alsterschleuse wirft er einen Blick zurück auf die schmutzigroten Gebäude hinter der hohen Mauer, auf den häẞlichen Turm am Eingang des Zuchthauses, in dem deutlich sichtbar die Glocke hängt; die Glocke mit dem abscheulich schrillen Klang. Er blickt noch einmal auf die glatten Fronten der Anstalt, mit den viereckigen, vergitterten, dunklen Löchern. Oh, nie wieder! Nein, niemals wieder hinein. Er geht frei auf der Straße. Kann hingehen, wohin er will. Das Leben hat ihn wieder aufgenommen. Dort ist die Straßenbahn; in wenigen Minuten wird er zu Hause sein. Bei seiner Frau. Bei seinem Jungen. Ganz schwindlig taumelt er dahin. 333 Und wenn nun wirklich alles nur ein Irrtum wäre? Wenn sie schon hinter ihm waren, ihn zurückzuholen? Wenn sie ihn morgen erneut verhafteten? Sollte er nicht lieber sofort in die Illegalität untertauchen? Ist es richtig, gleich nach Hause zu fahren? Heiß und kalt wird Kreibel bei diesen Gedanken. Alles überstürzt sich in ihm: Freude und Angst. Er traut seinem Glück nicht. Ihm kommt noch immer alles unwahrscheinlich vor. Wenn schon wieder zurück, dann gleich. Dann nur nicht lange die Freiheit kennenlernen. Dann gar nicht erst richtig begreifen lernen, was einem alles gefehlt hat. Aber... aber lieber überhaupt nicht mehr zurück. Nie mehr. Er wird die Finger davon lassen, bestimmt. Er hat Urlaub von der Politik. Er scheidet erst mal aus. Er hat ein Recht auszuscheiden, denn er kommt doch geradenwegs aus dem Grabe gekrochen. Natürlich wird er nach Hause fahren. Warum sollen sie ihn wieder holen? Warum soll seine Entlassung ein Irrtum sein? Sie werden ihn in Ruhe lassen, wenn sie sehen, daß er die Politik an den Nagel hängt. Überhaupt, sie werden ihn beobachten, und wenn er nicht gleich nach Hause geht, macht er sich sofort verdächtig. Wie ein Eremit will er leben, mit keinem Menschen Umgang pflegen. Ruhe will er haben. Das zurückgewonnene Leben will genossen sein. Wandern will er. Sonntag schon wird er mit Ilse und dem Jungen ans Elbufer fahren. Eine Straßenbahn rasselt vorbei. Es ist die Linie sechs; sie fährt bis vor seine Haustür. Er läuft hinterher und springt auf. Ach, tut das Laufen gut. Kreibel bleibt auf der hinteren Plattform stehen. Der Schaffner blickt auf seinen Pappkarton und lächelt ihn an. Ob ihm denn alle Menschen ansehen, wo er herkommt? Schrecklich langsam fährt die Bahn. An jeder Straßenecke hält sie. Ilse hat keine Ahnung. Sie wird Augen machen, wenn er 334 plötzlich vor ihr steht. Warum fährt die Bahn bloß so bummelig? Ungeduldig lehnt sich Kreibel hinaus. Er sieht nur, daß gleich wieder eine Haltestelle kommt. Die Nachbarn werden sich ja auch wundern. Besonders der Hasenberger, das Schwein, der damals zynisch meinte:„ Na, dieser Kreibel kommt die ersten zehn Jahre nicht wieder aus Nummer Sicher raus." Der wird gucken. Und dann die Genossen. Die Genossen, die wird er sich hübsch vom Leibe halten. Hoffentlich sind sie nicht so idiotisch und kommen gleich zu ihm gelaufen. Und überhaupt, er scheidet erst mal aus. Ohne ihn wird es auch gehen. Wenn man ihn totgeschlagen hätte, oder wenn er damals zum Strick gegriffen hätte, müßte es ja auch ohne ihn gehen. Er ist ja schließlich auch Mensch und hat auch einen Anspruch auf das Leben. Diese Bahn bummelt zum Tollwerden. Dort ist ein Taxistand. Ohne weiter zu überlegen, springt Kreibel herab und läuft auf die Autos zu. ,, Bachstraße 2. Recht schnell." Schon an der nächsten Straßenecke hat das Auto die Straßenbahn überholt. Noch zwei, noch eine Minute, und er ist zu Hause. Es ist Abend. Die erste Aufregung ist vorüber. Der Junge liegt in seinem Bett und schläft. Ilse kauft in aller Eile zum Abendbrot ein. Kreibel liegt auf dem Diwan und hört Radio. Es ist alles, wie es früher war. Vielleicht gemütlicher noch, heimischer. Der lange grüne Tisch steht immer noch an der Wand. Auch Marats Ermordung hängt noch darüber. Die Nazis wußten mit diesem Bilde nichts anzufangen. Nur die Bücherregale sind leer. Der Nähkasten, eine Blumenvase ohne Blumen stehen in dem einen Regal. In einem andern steht ein kleiner, vertrockneter 335 Kaktus. Ganz unten liegen dünne, vergilbte Broschüren, die die Beschlagnahme überlebten... Daẞ Ilse noch Geld hat? Die kauft groß ein, und übermorgen erst ist Zahltag. Er weiß nicht, daß sie überall auf Kredit kauft. Er weiß auch nicht, daß die kleinen Geschäftsleute ihr heute, wo der Mann zurückgekehrt ist, gerne borgen. Sie ist doch eine prächtige Frau. Etwas zu gutherzig, zu weich, aber ein gerader, aufrechter Charakter. Es war doch eine merkwürdige Ehe zwischen ihnen. Sie haben sich die Hände geschüttelt wie zwei alte Freunde, als er ankam. Keine Freudenausbrüche, keine Tränen, keine Küsse, und dabei war er doch dem Grabe entkommen. Bei ihnen sitzt eben alles zu tief innen, es dauert seine Zeit, bis es an die Oberfläche gelangt. Im Radio wird ein Schlager gesungen: Kannst du küssen, Johanna? Gewiß kann ich das. Trallalala... Kreibel horcht auf die Melodie, doch seine Gedanken sind bei den Genossen, die gewiß jetzt auf den Pritschen davon reden, daß er bei seiner Frau liegt. Ach, jetzt nicht dran denken. Wozu ist es gut? Wohin führt es? Die nächsten Tage gehören ihm. Nur ihm. ,, Ich hab' es mir doch wahrhaftigen Gottes verdient!" spricht er zu sich selbst. Ilse kommt herein. Ihr Gesicht ist voller rötlicher Flecke von der Aufregung, ihre Bewegungen sind unruhig und zerfahren. ,, Gleich können wir essen!" sagt sie und geht in die Küche. Als ob das Essen das wichtigste wäre. Im Radio wird gesprochen. Kreibel hört nur Worte, ohne den Zusammenhang zu begreifen. Das hat mir gefehlt. Man ist allein und ist doch nicht allein. Es gibt keine Einsamkeit und Stille mehr. Einsamkeit und Stille... Torsten liegt vielleicht gerade jetzt auf seiner Pritsche und denkt an ihn, sorgt sich um ihn. Waren die Tage der Dunkelhaft eigentlich so schrecklich? War er überhaupt in Dunkelhaft? Unbe336 greiflich, was alles gewesen ist. Und alles ist vorüber. Alles ist wieder so, als wäre es nie anders gewesen. Ilse deckt mit großem Eifer den Tisch; sie breitet eine neue weiße Decke aus, trägt Brot und Wurst und Käse herein, die Teekanne und Zitronenscheiben. Warum sie wohl diesem Abendessen solchen Wert beimiẞt? Ihn plagen weder Hunger noch Durst. Er möchte bei ihr sitzen, bei ihr liegen, seinen Kopf an ihre Schultern legen und vergessen, an nichts denken. Sie gießt ihm Tee in die Tasse, schmiert ihm Käsebrote, nötigt ihn zu essen und streichelt ihn mit den Augen. Und er iẞt und trinkt. Plötzlich sagt er: ,, Du, das sage ich dir, wenn sie den Fritz Jahnke hinrichten, dann knall' ich den Kaufmann über'n Haufen." ,, Vergiß doch heute die Genossen einmal." ,, Vergessen? Ich soll die Genossen vergessen, die ich zurücklassen mußte? Na, weißt du, da bin ich doch sprachlos." ,, So meinte ich es doch nicht, Walter." ,, So meintest du es nicht? Wie meintest du es denn?" Komm doch zur Ruhe. Erzähle mir später alles, jetzt nicht." ,, Du solltest ihn kennen, Ilse, ein feiner Mensch, das Gesicht schmal und blaẞ und große, weiche Augen. Die Angst, das Entsetzen vor dem Schrecklichen hat ihn schon hundert-, schon tausendfach getötet. Aber wenn sie den hinrichten, dann... dann... ich weiß nicht. Dann muß was geschehen. Und dann wird was geschehen." ,, Komm, Walter, trink' ein wenig Tee." ,, Ich mag nicht." ,, Du iẞt auch nichts", sagt seine Frau halb schmerzlich, halb vorwurfsvoll. ,, Ich kann nichts essen." 22 Bredel, Prüfung 337 Mitten in der Nacht- beide liegen mit offenen Augen im Dunkeln spricht Kreibel unvermittelt, wie aus dem Traum: ,, Und ich schieß' den Kaufmann dann doch über'n Haufen." Seine Frau streicht ihm sanft über das glühende Gesicht und redet ihm wie einem Kranken zu. So liegen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander. Er hat seinen Kopf auf ihrer Brust, und sie streicht ihm über die heiße Stirn. ,, Ich werde dem Kaufmann einen Brief schreiben... Warum sollte ein gut aufgesetzter Brief nicht seine Wirkung haben? Jahnke darf nicht hingerichtet werden. Der Junge muß gerettet werden..." Und Kreibel starrt wieder, wie er es lange Wochen in der Dunkelhaft, lange Monate in der Einzelhaft getan hatte, mit offenen Augen gegen die Decke. ,, Die Genossen haben abgestimmt. Ich war damals noch in Einzelhaft. Und nur einer war für Mißhandlungen; alle andern für schnelles Erschießen. Ist das nicht erschütternd? Du mußt wissen, sie sind fast alle mißhandelt worden. Aber keiner will Rache. Vernichtung, jawohl, aber keine Rache. Ist das nicht erschütternd? Du?" Seine Frau weiß gar nicht, was er meint. Ihre Augen schwimmen in Tränen, und ihre Hand streicht ihm über die Haare. Auf sein Drängen antwortet sie leise: Ja, Walter, du hast recht!" Der neue Tag dämmert in den Fenstern, da findet Kreibel endlich Schlaf. Aber selbst im Schlaf findet er keine Ruhe; er wälzt sich von einer Seite auf die andere, stöhnt und ächzt, stammelt abgerissene Worte und wimmert leise, als ob ihn Schmerzen quälten. 338 Seine Frau liegt neben ihm, hält seine schweißigen Hände und bedeckt sein Gesicht mit Küssen, die sich mit ihren Tränen vermengen. Der erste Weg am nächsten Morgen führt Kreibel ins Stadthaus. ,, Sind Sie der entlassene Kreibel selbst?" fragt der Beamte ihn zweifelnd. " Jawohl!" Angst steigt in Kreibel hoch. Was soll die Frage? Wenn sie ihn nun gleich wieder festnehmen und zurück nach Fuhlsbüttel schaffen? Sie brauchen nur zu erklären: es war ein Versehen, nicht Sie, ein anderer sollte entlassen werden. Der Beamte verläßt das Zimmer. Ein leises Frösteln überkommt Kreibel. Wieder kommt er sich vor wie in einer Falle... läßt den Blick nicht von der Tür. Der Beamte kommt wieder herein. ,, Also, Sie sind wirklich Kreibel selbst?" ,, Jawohl!" Er ,, Sie haben wenigstens Courage. Andere schicken gewöhnlich ihre Frauen oder Geschwister. Hier haben Sie Ihren Entlassungsschein." Erleichtert läuft Kreibel durch die halbdunklen Korridore des Stadthauses auf die helle Straße hinaus. Bei seiner Mutter, die eine kleine Dachwohnung bewohnt, trifft Kreibel den Bruder seiner Mutter, Onkel Arthur. Onkel Arthur ist eine politische Wetterfahne; er sucht nur bei Parteien und Verbänden Anschluß, wenn er hofft, sie melken zu können. Lange Jahre war er Mitglied der Sozialdemokratie. Dann mußte er einen Streik mitmachen, obwohl der Verband sich weigerte, Unterstützungen zu zahlen. Die 22* 339 " 1 Internationale Arbeiterhilfe verpflegte die Streikenden. Da trat Onkel Arthur in die Internationale Arbeiterhilfe ein. Als die Unterstützungen aufhörten, trat er wieder aus. Von Nachbarn erfuhr er, daß die Christliche Mission" kinderreichen Familien helfe. Er wandte sich an die Mission und schleppte Kleider und Eẞwaren nach Hause. Im Frühjahr 1933 war er einer der ersten, die sich gleichschalteten und statt der schwarzrotgoldenen die Hakenkreuzfahne heraushängten. Seine Söhne schickte er ins Arbeitsdienstlager. Onkel Arthur begrüßt Kreibel herzlich, rückt nahe an ihn heran und fragt:„ Nun erzähle mir mal, wie sieht es tatsächlich in so einem Konzentrationslager aus. Man hört so allerlei, aber meistens furchtbar übertriebene Sachen." Kreibel hätte große Lust, diesem Menschen eine Grobheit ins Gesicht zu schleudern, aber er nimmt Rücksicht auf seine Mutter und antwortet nur kalt und abweisend: ,, Entschuldige schon, aber darüber spreche ich nur mit meinen besten Freunden!" Onkel Arthur stellt keine weiteren Fragen. Die Unterhaltung will nicht mehr recht in Gang kommen, obwohl die Mutter ihr möglichstes versucht. Gegen Abend klopft es an Kreibels Tür. Ilse öffnet. Ein junger Mann steht vor ihr und reicht ihr ein Paket. ,, Soll ich abgeben." Dann läuft er die Treppe hinunter. In der Stube packen sie es aus. Es enthält Butter und Wurst, Käse, ein Glas Honig, ein Päckchen Kaffee und eine Flasche Tokayer. Kreibel findet einen kleinen Zettel, auf dem in kritzeliger Schrift steht:" Wir freuen uns alle. Laß es dir gut schmecken!" 340 Ein Gruß von den Genossen. Sie haben schnell herausbekommen, daß er draußen ist. Ihm wäre lieber gewesen, sie hätten sich nicht bemerkbar gemacht. Ich mache doch nicht mehr mit. Ich habe Urlaub, großen Urlaub. ,, Das ist doch wirklich nett von den Genossen, was?" Kreibel knurrt Unverständliches. Dann meint er: ,, Sie haben doch selber nichts zu fressen!" ,, Das ist es ja. Sie haben gewiß gesammelt. Ich werde gleich eine schöne, starke Tasse Kaffee machen." Diesen Abend, diese Nacht ist Kreibel schon ruhiger; er beginnt sich an das neue Leben zu gewöhnen. Die Tage gleiten dahin. Kreibel geht in der Stadt spazieren, besucht den Lesesaal für Erwerbslose, streift stundenlang am Hafen herum und langweilt sich schrecklich. Oft begegnet er früheren Bekannten, Genossen. Gewöhnlich blicken sie, wenn sie ihn erkannt haben, weg und gehen grußlos vorbei. Kreibel weiß nie, schämen sie sich, weil sie sich gleichgeschaltet haben, oder sind sie vorsichtig, weil sie illegal arbeiten? In der Frühe des ersten Sonntags nimmt er seinen Jungen an die Hand und verläßt das Haus. ,, Und wo wollt ihr hin?" Ilse begleitet die beiden bis an die Haustür. 11 Wir werden an die Elbchaussee fahren." ,, Kommt rechtzeitig zum Essen zurück." Kreibel löst Karten nach Fuhlsbüttel. Zweimal umkreist er in großem Bogen den alten, finsteren Zuchthausbau. Hinter der hohen, roten Mauer scheint jedes Leben erstorben zu sein. Er aber weiß genau, was hinter den kalten Steinen vorgeht. Wie viele stille Sonntage hat er in der Ecke auf dem Betonboden gehockt. Damals konnte er nicht 25 Bredel, Prüfung 341 begreifen, daß das Leben ungestört weiterging, daß die Sonne schien, daß es Frauen gab, daß Menschen fröhlich waren. Er steht wieder im Leben. Andere liegen jetzt in diesen dunklen Löchern begraben. Andere laufen verzweifelt von früh bis spät in ihrer Einzelzelle auf und ab, sieben kleine Schritte vom Fenster zur Tür und wieder zurück. Nein, nie wieder dort hinein. Sterben, wenn es sein muß, aber nie wieder in diese langsam tötenden grabesdumpfen Zellen. Kreibel nimmt seinen Jungen an die Hand und flieht, als wären Greifer hinter ihm her. Ilse rackert sich ab, versucht, mit den wenigen Unterstützungs- groschen die Wohnung zu verschönern, kauft Farbe und streicht die Küchensachen, die Fenster und Türen. Dem Haus- wirt knöpft sie Bohnerwachs ab und poliert die Fußböden. Sie will es ihm so gemütlich wie möglich machen. Kreibel sitzt an seinem langen Tisch und liest. Ein ganzer Stapel„Blick in die Zeit” liegt vor ihm. Er will wissen, was während seiner Gefangenschaft in der Welt vor sich ge- gangen ist. i Er liest von der Ermordung John Scheers und der drei andern Mitglieder des ZK. Die Nachricht brachte damals ein krimi- " nellerGefangener auf den Saal, aber keiner wollte ihm glauben. Nathan Welsen behauptete sogar hartnäckig, John Scheer sei gar nicht verhaftet... Wie viele haben ihr Leben lassen müssen. Wie viele allein in Hamburg. Geköpft. Erhängt. Erschossen. Zu Tode geprügelt. Fritz Jahnke lebt noch, aber auch ihn wollen sie töten. Wer weiß, wie viele noch ihr Leben verlieren werden.. Sie werden jetzt auf dem Saal vor der Tür auf und ab gehen. Vielleicht sprechen sie von ihm. Sie können ihm bestimmt nichts Schlechtes nachsagen. 1 342 In den Einzelzellen werden sie durch die Gitterquadrate in den Himmel sehen. Der Frühling liegt in der Luft. Die Tage werden milder. In der Haut beginnt es zu prickeln. Und im Keller? In den Dunkelzellen? Dort liegen sie in dauernder Nacht und phantasieren von Licht und Leben und Menschen und Frauen. - Ob die Nächte ruhiger sind?... Ob der Harms noch immer im Keller auspeitschen läßt?... Kreibel denkt an die ausgestandenen Qualen und Schrecken des großen, starken Schirrmann. Sie hatten ihn entsetzlich verprügelt, aber nichts aus ihm herausbekommen. Da schleppten sie ihn in den Keller. In der Badestube lag ein Genosse, der sich vor wenigen Stunden erhängt hatte. Sie banden Schirrmann mit der Leiche zusammen, und zwar so, daß sein Gesicht auf dem Gesicht des Toten lag. Eine Stunde später hatte Schirrmann zwei Kameraden verraten... Kreibel denkt an die Erzählung des Jungkommunisten Walter Körning. Mit drei weiteren Jugendgenossen wurden sie nachts aus den Zellen geholt und von einer SS- Abteilung mit Stahlhelm und Karabiner auf den Hof geführt. Es war eine klare, mondhelle Nacht, die Sterne glitzerten. Die SS- Leute stampften mit den vier Gefangenen über den lehmigen Boden des Gefängnishofes. Vor der halbabgebrochenen Innenmauer mußten sie sich hinstellen. Der Truppführer Teutsch trat vor und las von einem Zettel die vier Namen der Gefangenen ab. Dann fragte er, ob sie vor ihrem Tode noch einen Wunsch hätten. Als die vier verneinten, wurden die Gewehrläufe auf sie gerichtet. In diesem Augenblick schrie Körning: ,, Es lebe der Kommunismus!" 23* 343 Sie wurden nicht erschossen, sondern wieder ins Gefängnis geführt. Die drei kamen in ihre Zellen; Körning wurde in den Keller geschleppt und dort bis zum Morgen verprügelt.. Wen sie wohl jetzt quälen?... Wer wohl jetzt in seiner Verzweiflung zum Strick greift?... Wer wohl jetzt mit zerschundenen Gliedern auf seiner Pritsche liegt und stöhnt?... Kreibel wirft die Zeitungen beiseite. Er kann nichts lesen, ohne daß, wie aus abgründiger Tiefe, entsetzenerregende Erinnerungen aufsteigen. Woche reiht sich an Woche. Kreibel geht stempeln, holt an den festgesetzten Tagen seine Unterstützung ab und schlendert die übrige Zeit durch die Straßen, schnuppert in Bibliotheken, besucht Museen und Kunstgalerien. Alles systemlos, ganz nach Lust und Laune und ohne irgendein bestimmtes Ziel. Mehr und mehr fallen die Erinnerungen an das Zurückliegende von ihm ab, verblassen und versinken. Er verliert die Gesichter der Genossen aus seinem Auge, hat den Klang ihrer Worte nicht mehr im Ohr. Seiner eigenen Gefangenschaft erinnert er sich wie eines unheimlichen Traums. Er findet, daß es Vergnügen bereitet, mit der Frau einzukaufen. Das Geld ist knapp; es gilt, mit wenig Geld vorteilhaft zu kaufen. In den Läden kann man viel sehen und hören. Die Frauen schimpfen; die Geschäftsleute klagen. Kreibel hört zu, aber er schweigt. Abends sitzt er in seinem kleinen Zimmer und liest Zeitung, versucht manches zwischen den Zeilen zu erraten, stellt das Radio ein, wenn Musik gegeben wird, oder liest in dem Buch aus der Leihbibliothek. 344 MERRUERESERTELIEN Ilse sitzt neben ihm, bessert Kleidungsstücke aus, stopft oder liest im„Hausfrauen-Magazin”, das die Kunden in einigen Ge- schäften kostenlos erhalten. Und doch fühlt Kreibel sich nicht wohl. Oft ist ihm, als würde er gerüttelt und geschüttelt, als sprächen viele bekannte Stimmen auf ihn ein, als wiesen viele Finger auf ihn. Ihn packt dann ein unangenehmes Grausen; übles Wasser läuft ihm im Mund zusammen. Eines Abends läuft Kreibel aufgeregt durch die Straßen Barm- becks. Durch seinen Kopf geht in einem fort der Gedanke: Ich will nicht. Ich werde nicht kommen. Sie sollen mich doch bloß in Ruhe lassen. In der Hamburger Straße hat ihn Adolf Rafmus, ein alter Funktionär der Partei, angehalten und ihm zugeflüstert:„Sei morgen vormittag um elf in der Badeanstalt, Diedrichstraße. Schwimmbad!” Das war die Partei. Sie wollte ihn wieder einspannen. Es soll alles wieder von vorn anfangen. Aber Kreibel will nicht. Nein, nein und nochmals nein. Ich werde nicht hingehen. Wer zwingt mich hinzugehen? Sie sollen ruhig merken, daß sie fürs erste nicht mit ihm rechnen können. Auf diesen Augenblick hat:er schon lange gewartet. Nun, sie sollen denken und reden, was sie wollen. Sollen doch erst selber mal Kopf und Arsch hinhalten. Ich gehe nicht. Ich hätte es dem Raßmus gleich sagen sollen. An diesem Abend kommt Kreibel spät nach Hause. Seine Frau fragt nicht, wo er war, sondern stellt schweigend das bereits abgeräumte Abendessen wieder auf den Tisch. Beim Essen sieht sie einige Male zu ihm auf. Er weicht ihren Blicken aus. 345 Sie kennt ihren Mann gut, sie weiß, daß er ihr etwas Ernstes, Wichtiges verheimlicht. ,, Ist dir heute was verkehrt gegangen?" Erst schweigt Kreibel. Dann blickt er auf, sieht das besorgte Antlitz seiner Frau und richtet den Blick wieder auf sein Butterbrot. " 1 Was soll mir verkehrt gehen? Wie kommst du darauf?" Die Frau beobachtet, wie hastig ihr Mann iẞt, wie er den Blick gesenkt hält, damit ihn seine Augen nicht verraten. 11 Wollen dich die Genossen haben?" Kreibel hebt erstaunt den Kopf: ,, Du bist wohl nicht recht gescheit? Die werden mich zu ihrer eigenen Sicherheit in Ruhe lassen. Sie wissen genau, daß ich einen Rattenschwanz von Spitzeln hinter mir herziehe." Als habe sie diese Worte nicht verstanden, sagt sie leise: Laß dich man auch auf nichts ein." Am andern Morgen geht Kreibel ins Barmbecker Schwimmbad. Einige Erwerbslose und eine Schulklasse mit ihrem Lehrer tummeln sich im Wasser. Kreibel seift sich ein, duscht sich und will gerade ins Bassin, da wird er begrüßt. ' n Tag, Walter, kennst mich wohl nicht mehr?" ,, Hallo, Otto, Menschenskind, ich habe dich ohne Plünnen wahrhaftig nicht erkannt!" Sie schütteln sich die Hände. ,, Ich will gerade ins Wasser." " 1 Wart' noch einen Augenblick; ich will mit dir sprechen." Kreibel stutzt. Sollte Otto Regers der Verbindungsmann der Partei sein? Als er ihn zuletzt traf, war er noch Sozialdemokrat. 346 Sie stehen beide unter der Dusche. Um sie herum sind lärmende Schulkinder. Otto Regers flüstert: ,, Ich bin beauftragt, die Verbindung mit dir herzustellen. Erst wollte man mich nicht recht nehmen, als ich ihnen aber erzählte, daß wir uns aus der Arbeiterjugend kennen, war man einverstanden." ,, Du bist also jetzt bei uns?" Ja natürlich, schon fast ein Jahr. Gleich nach den Maiereignissen des vorigen Jahres. Also, hör mal zu." Regers rückt noch näher an Kreibel, hält aber die Arme nach oben und läßt über die Hände das heiße Wasser auf seinen Nacken gleiten. ,, Man will wissen, wie lange du noch auszuspannen denkst. Die Partei braucht jeden. Sie haben was mit dir vor." Kreibel kann diesem ehemaligen Sozialdemokraten unmöglich erklären, daß er sich noch für lange Zeit von jeder Parteiarbeit zurückzuhalten gedenke; er ist etwas verwirrt und gibt eine ausweichende Antwort. ,, Man muß mir erst einmal sagen, für welche Arbeit ich vorgesehen bin." ,, Das weiß ich selber nicht. Im Prinzip bist du also einverstanden?" ,, Das ist doch selbstverständlich." Anderes, Walter, hat man eigentlich von dir auch nicht erwartet. Und doch, man erlebt Überraschungen. Es gibt welche, die früher tüchtige Genossen gewesen sein sollen, aber heute der Partei mit einem glatten Nein kommen." Kreibel staunt. Dieser Otto Regers spricht, als sei er seit einem Jahrzehnt Kommunist. Und er spricht mit einer solchen Selbstverständlichkeit und einem solchen Selbstvertrauen, wie es nicht einmal Kreibel aufbringen würde. In dem Jahr seiner Haft hat sich doch manches verändert. 347 ,, Du siehst", flüstert Regers wieder ,,, nun habe auch ich endlich den richtigen Weg gefunden. Hat verdammt lange gedauert, denkst du, was?" Kreibel schüttelt lächelnd den Kopf. ,, Ich bin mit meiner ganzen Gruppe übergetreten. Nur ein einziger ist nicht mitgegangen. Und auch der nicht aus politischer Meinungsverschiedenheit, sondern aus Angst. Wir arbeiten sehr gut. Ich habe dir was mitgebracht, damit du mal siehst, was gemacht wird. Die Dinger gehen uns unter den Händen weg wie warme Semmeln." -- - Die nächsten Abende läuft Kreibel bis spät in die Nacht durch die einsamen, stillen Straßen. Er hält es im Hause nicht mehr aus, das Radio fällt ihm auf die Nerven, zum Lesen fehlt ihm die Ruhe, das triste Hocken im Zimmer ist ihm unerträglich. Die Nächte des Aprils sind klar und frisch. Stundenlang sitzt er auf den Bänken und träumt wie er es oft in seiner Zelle getan hat in das glitzernde Sternengewimmel über sich. Aber wenn er auch über Zahlen und Vergleiche grübelt, die er früher bei Bürgel gelesen hat, und sich die Unergründlichkeit dieser rätselhaften Weltgebilde vergegenwärtigt seine Gedanken und Empfindungen entgleiten ihm immer wieder. Er mag auf einer einsamen Bank am Kanal sitzen und den Sternenhimmel bewundern, seine Gedanken sind plötzlich doch bei Torsten. - Torsten!... Er wird immer noch allein in den vier kalten Wänden einer Zelle stecken. Wird seinen Nachbarn Mut machen, wird ihnen raten: Wasche dich morgens und abends kalt ab. Treibe Gymnastik. Die erste Pflicht eines gefangenen Kommunisten ist: Gesundheit. Stahlharte Nerven... 348 Ja, Torsten... Aber nicht alle Kommunisten sind wie Heinrich Torsten. Nicht alle tragen solche Liebe zur Partei in ihrem Herzen. Nicht alle haben diesen unerschütterlichen Glauben an den Sieg der Arbeiterklasse. Nicht alle sind so hart, so selbstlos. Was würde Torsten über ihn sagen? Der Kreibel ist von den Faschisten gebrochen worden. Bei Kreibel haben sie erreicht, was sie wollten: sie haben ihn abgeschreckt, haben ihn eingeschüchtert. Aber Torsten würde auch sagen: Ihr, Genossen in der Freiheit, die ihr Dunkelhaft und Einzelhaft nicht kennt, urteilt nicht leicht und schnell über Kreibel. Nicht jeder Kommunist besitzt eine gepanzerte Seele. Er würde ihnen sagen: Nicht alle, die schwach wurden, sind unsere Feinde. Bedenkt, daß diese Genossen unter dem Zwiespalt ihres Lebens mehr leiden als die Robusten, die Bärenstarken; als die, die schnell vergessen können, die von keinen Zwangsvorstellungen gemartert werden. Torsten ist klug. Ein Mensch, der tiefer blickt. Er wird keine schnellen Werturteile fällen. Er wird auch ihn, auch sein Verhalten begreifen. Aber wird er es billigen? Nein! Das nie. Dazu ist er gegen sich selbst zu hart. Dazu verlangt er von sich selbst und auch von anderen zu viel. Dazu ist er ein zu aktiver Revolutionär. Billigen wird er so ein Verhalten nie. An solchen Abenden kommt Kreibel zerschlagen, zerknirscht, den heißen Kopf voller Selbstanklagen nach Hause. Ilse sieht, wie der Mann ihr langsam wieder entgleitet. Sie spürt die Unruhe, die in ihm steckt, ahnt, daß die Partei ihn wieder zu sich zieht. Und sie kämpft um ihren Mann, kämpft um die 349 Erhaltung der kleinen Familie, möchte sie vor neuer Unruhe, neuen Sorgen bewahren. Eines Abends, er ist wieder spät nach Hause gekommen und hat sich verdrießlich und wortlos neben sie gelegt- packt sie seinen Kopf, bedeckt ihn mit Küssen und Tränen und bittet ihn, fleht ihn an, sich und seine Familie nicht wieder in Gefahr zu bringen, sich nicht mit den Genossen einzulassen, immer daran zu denken, was er ausgestanden hat. Wenn du wieder dahinkommst... ich ertrage es nicht... ich gehe mit dem Kleinen aus dem Leben... Ein zweites Mal kommst du nicht zurück." Kreibel umfaßt seine bebende, schluchzende Frau. Er erwidert nichts, streicht ihr die Haare aus dem Gesicht und drückt sie an sich. ,, Warum verheimlichst du mir deine Sorgen?" Du brauchst keine Angst zu haben, Ilse, ich laß meine Hände davon; ich bin ein gebranntes Kind." Kreibel glaubt in diesem Augenblick selber an seine Worte." Was quälst du dich? Warum machst du dir grundlos Sorgen?" ,, Du... du bist so seltsam. Bist immer finster. Sprichst nicht. Kommst spät in der Nacht nach Hause. Glaubst du, mir fällt dein verändertes Wesen nicht auf?" ,, Es ist wahr; ich denk' zu viel an die Genossen." - ,, Denk' doch einmal auch an dich. Einmal. Und dann auch an uns. Das ist doch so kein Leben." Kreibel geht am Osterbek- Kanal. Ihm entgegen kommt ein Mann, dessen Gestalt und Gang er zu kennen glaubt. Der Fremde blickt auf, stutzt und macht dann einen hastigen Schritt auf Kreibel zu. 350 29 Guten Tag, Genosse Kreibel." Er streckt ihm die Hand hin. ,, Ich habe schon immer gehofft, dich zu treffen. Ich weiß seit langem, daß du draußen bist, wollte aber du weißt ja nicht zu dir raufkommen." - Kreibel weiß nun auch, wer das ist, und es verschlägt ihm die Sprache vor Erstaunen. Bollert ist es, ein Funktionär des Metallarbeiterverbandes. Diese überschwengliche Begrüßung. Vor zwei Jahren hat er ihn noch in einer Versammlung wild beschimpft, hat ihn einen kommunistischen Strolch" und" unverantwortlichen Hetzer" genannt. Vorsicht, der führt vielleicht übles im Schilde. Bollert, ein mittelgroßer, stämmiger Arbeiter, begleitet Kreibel und flüstert ihm Neuigkeiten zu. ,, Hast du von dem Flugblatt bei Calmon gehört?" Kreibel schüttelt den Kopf. ,, Nicht? Ganz tolle Sache. Großartig gemacht. Unsere Genossen sind so auf'm Draht, sag' ich dir!" Unsere Genossen? Kreibel schweigt. ,, Und alles wegen eines Witzes. Also da arbeitet bei Calmon ein Packer mit Namen Karl Endrusch. Ich kenn' ihn, früher war er Mitglied der SPD. Seit der Hitlergeschichte hält er sich zurück. Also der macht einen Witz über Röhm. Kannst dir ja denken, was für einen. Davon erfährt die NSBO- Leitung im Betrieb, und der Mann wird wegen Beleidigung eines Reichsministers entlassen. Das war gestern. Heute morgen... bedenke, heute morgen hat plötzlich jeder Arbeiter und jede Arbeiterin im Betrieb ein kleines Flugblatt, unterschrieben von der KPD. Kein Aas weiß, auf welche geheimnisvolle Weise diese Flugblätter in den Betrieb gekommen sind. In diesem Flugblatt wird gefragt, ob dieser perverse Lüstling Röhm es denn wert sei, daß seinetwegen ein alter Arbeiter, der elf Jahre 351 im Betrieb gearbeitet hat, brotlos gemacht werde. Die Belegschaft wird aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, damit der Entlassene wieder eingestellt wird. Ich kann dir sagen, dies Flugblatt hat wie eine Bombe gewirkt. Und besonders die Frauen im Betrieb haben Skandal gemacht. Heute nach Feierabend war schon eine Betriebsversammlung. Glänzend besucht. Die Belegschaft fordert Wiedereinstellung. Die NSBO- Kerle sind ganz aus dem Häuschen." ,, Dann arbeiten in dem Betrieb noch KPD- Genossen?" ,, Und ob. Und die Genossen arbeiten gut. Prompt erschien anderntags das Flugblatt. Ganz Barmbeck spricht davon." Was hältst du denn sonst von der Arbeit der Kommunisten in Barmbeck?" ,, Im vorigen Herbst, weißt du, da hat die Partei einen auf die Nase gekriegt, und hinterher war wochenlang gar nichts. Aber inzwischen hat sie sich glänzend erholt. Unsere Genossen arbeiten gut. Es ist, soviel ich weiß, kein sehr großer Kreis, der aktiv arbeitet, aber die, die arbeiten, halten zusammen, sagt man, wie Blutsbrüder." Am Goldbekplatz verabschiedet sich Bollert. Kreibel geht allein durch die Bachstraße nach Hause. Er muß immer noch an die stürmische Versammlung des Metallarbeiterverbandes denken, in der dieser Bollert ihn und die kommunistischen Mitglieder beschimpfte. Nun scheint er ganz begeistert von der Arbeit der Kommunisten zu sein. Unsere Genossen..." hat er gesagt. 11 Langsam schlendert Kreibel durch die Straßen Barmbecks, bleibt einige Male vor Schaufenstern stehen, um zu kontrollieren, ob man ihn nicht beobachtet, ob ihm niemand folgt, und steuert gegen acht Uhr auf die Heitmannstraße zu. 352 Während er in den Hauseingang Nummer 63 geht, überdenkt er, daß er sofort wieder nach Fuhlsbüttel kommt, wenn hier eine Sitzung stattfindet und ausgehoben wird. Auf einem Messingschild steht ,, Fritz Kretschmar". Er klopft an die Tür. Eine alte, gebeugte Frau öffnet, ohne die Kette abzunehmen. ,, Meinen Sohn wollen Sie sprechen? Einen Augenblick." Sie klappt die Tür wieder zu. Nach einer Weile öffnet sie. ,, Kommen Sie herein." In der kleinen Stube sitzen drei Männer. Nur einen kennt er aus der früheren Parteiarbeit. Der geht auf ihn zu, begrüßt ihn und meint:" Gut, daß du rechtzeitig kommst. Wir wollen es so kurz wie möglich machen. Setz dich! Das ist also Genosse Walter. Und das ist der Genosse Hugo. Und das der Genosse Wilhelm." - Kreibel begrüßt beide. Er wundert sich über die Sorglosigkeit der Genossen und fragt:„ Habt ihr eigentlich keine Furcht, ich könnte Spitzel hinter mir herziehen?" Einer der drei lächelt und faßt ihn am Arm:" Wenn, dann hätten wir es schon gewußt, bevor du kamst. Es ist alles in Ordnung!" ,, Verstehe ich nicht. Wie wollt ihr das vorher wissen?" Genosse Kreibel, du wirst auch von uns beobachtet." Bei dieser Zusammenkunft vernimmt Kreibel, daß ihn die Partei als Redakteur nach Frankfurt versetzen will. Obgleich ihm der Atem stockt, bleibt er ruhig und gefaßt. ,, Natürlich kannst du in Hamburg nicht mehr arbeiten. Das wäre reinster Selbstmord. Und auch in Frankfurt wirst du die erste Zeit nichts tun. Mußt ja erst mal Illegalität kennenlernen. Doch wir denken, du wirst schnell dahinterkommen. Papiere, Fahrkarten, Adresse wirst du alles noch bekommen." 353 ,, Und... und meine Frau?" ,, Deine Frau? Die bleibt natürlich hier." Kreibel wird rot. Er weiß gar nicht weshalb. Warum sehen ihn die Genossen so eigenartig an? Er kann doch schließlich eine Frau haben und sich um ihr Schicksal kümmern? " Wir haben schließlich alle Frauen. Wie du sie am besten unterstützt, mußt du in Frankfurt mit den Genossen regeln. Du wirst dir hier eine Deckadresse suchen und so weiter. Na, das ist ja alles selbstverständlich." Für Kreibel ist alles absolut nicht selbstverständlich. Er hätte Lust, den kaltschnäuzigen Genossen eine Abfuhr zu erteilen; würde am liebsten sagen, daß er auf den Parteiauftrag verzichte, daß er überhaupt nicht die Absicht habe, illegal zu arbeiten. Aber er zaudert und schweigt. Da erhebt sich der älteste der drei Genossen, ein großer und beleibter Mann mit einem groben Gesicht, einer Glatze und auffallend starken Augenbrauen. Er hat bisher kein Wort gesprochen; jetzt wendet er sich mit ruhigen Worten an Kreibel: ,, Genosse, du bist noch nicht ganz im reinen mit dir. Wir wollen nichts überstürzen. Überleg' dir alles noch einmal genau und teile uns in einer Woche deinen Entschluß mit. Dann kannst du auch gleich, wenn du den Auftrag annehmen willst, Papiere und Fahrkarte erhalten. Ist dir doch lieber so, nicht wahr?" ,, Ja, danke! Ich werde mir es überlegen!" Kreibel läuft wieder rot an. ,, Hast du im Lager von einem Genossen Torsten gehört?" ,, Und ob ich von ihm gehört hab'. Wir lagen im Keller Zelle an Zelle. Ich möchte wissen, wo er jetzt steckt." ,, Torsten befindet sich im Untersuchungsgefängnis. Sein Prozeß wird in einigen Wochen steigen." 354 „Der ist im UG?” ruft Kreibel erfreut.„Das ist gut. Torsten ist ein großartiger Genosse.” 14 „Die Partei hat viele Torsten Kreibel liegt auf dem Diwan und liest im„Anzeiger“ eine Rede Görings. Ilse sitzt ihm zu Füßen und reinigt den Straßen- anzug des Jungen. Plötzlich legt Kreibel die Zeitung beiseite und’ fragt: „Du würdest dich also umbringen, wenn ich wieder politische Arbeit übernähme?” „Nein, das werde ich nicht tun!” „Nicht? Vor einigen Tagen hast du so geredet!” „Ich habe es mir überlegt.“ „S0—0?” Kreibel ist etwas überrascht und sogar etwas ent- täuscht.„Und was hat deinen Sinn geändert?” Sie antwortet, ohne den Kopf von ihrer Arbeit zu heben und ohne mit dem Reiben aufzuhören:„Die Frauen der anderen Genossen.” „Der anderen Genossen? Welcher anderen Genossen?” „Deren Männer noch viele Jahre sitzen und deren Männer umgebracht wurden.” „Jedenfalls eine vernünftige Auffassung.” Kreibel liest. Ilse reibt emsig. Sie sprechen nicht weiter darüber. Später, im Bett, sagt sie:„Tu, was du für richtig hältst. Laß dich durch mich und den Jungen nicht beeinflussen. Aber was du tust, überlege reiflich.” Kreibel erwidert nichts, aber er nimmt sie stürmisch in seine Arme. Da bricht es aus ihr heraus; sie weint hemmungslos wie ein: Kind. Walter Kreibel ist nicht wiederzuerkennen; er ist froh, lustig, sogar übermütig. Ihm ist, als seien erdrückende Lasten von seinen Schultern genommen, und er kann sich wieder frei be- wegen, recken und strecken. Er tollt mit seinem Jungen im Zimmer, scherzt mit seiner Frau und ist zu Streichen aufgelegt. Eine kleine Notiz erschlägt seine fröhliche Stimmung. Die Zeitung meldet: Fritz Jahnke zum Tode verurteilt. Sie haben ihn also doch zum Tode verurteilt? Er sieht das schmale hohlwangige Gesicht auf sich gerichtet. In den Augen lag Abschied, der Abschied für immer. Sie haben ihn zum Tode verurteilt. Damals haben sie ihn fast er- schossen, aber wieder geheilt. Dann haben sie ihn monatelang in Einzelhaft gesteckt, haben ihn Nacht für Nacht gepeitscht und gequält, und jetzt wollen sie ihm den Kopf abschlagen.... Kreibel bekommt Brechreiz, wird grün im Gesicht und will weder essen noch trinken. Er verläßt das Haus und läuft wie geistesabwesend den Munds- burgerdamm und das Alsterufer entlang. Spät am Abend steht er vor dem düsteren Gebäude des Untersuchungsgefängnisses. Er schleicht sich auf die dunkle Friedhofsseite, kauert zwischen verfallenen Gräbern nieder und starrt fiebernd und doch zitternd vor Kälte auf den unheimlichen, dunklen, stillen Stein- koloß. Er muß an das Gerücht denken, das im Lager umging: Volk, der erste Kommunist, der in Hamburg hingerichtet wurde, sei auf dem Hof des Untersuchungsgefängnisses über einer Badewanne enthauptet worden. In einer der tausend Zellen sitzt Fritz Jahnke... Morgen schon können sie ihn zum Richtblock schleppen... Er wird auf seiner Pritsche liegen und gegen die Decke starren... Er wird in einer Ecke seiner Zelle stehen und zum Gitterfenster hinauf- sehen... Seine Mundwinkel werden leise zucken: ,, Ach, ich Lämmchen unter den reißenden Wölfen..." Vor Kreibels feuchten Augen verschwimmen die klaren Umrisse des von Scheinwerfern beleuchteten Gefängnisses. Drüben vor der Mauer bewegt sich wie ein Schatten der Posten. Ringsum ist nächtliche Stille. Vom Holstenplatz her dringt Lärm der Straßenbahn herüber. Die kleine, dicke Gnadenkirche steht gleich einem riesengroßen Gendarmen vor dem Gefängnis. Sie werden ihn nicht morden... Sie wollen mit dem Urteil abschrecken; aber sie können es unmöglich durchführen... Nein, sie werden das Urteil nicht vollstrecken... Wie eine unanfechtbare Gewißheit kommt es über ihn: sie werden das Urteil nicht vollstrecken. Er erhebt sich, schreitet am alten Friedhof entlang nach dem Dammtor und der Alster, wie eine Melodie den einen Gedanken im Kopf: sie werden das Urteil nicht vollstrecken. So wandert er zu Fuß durch die schlafende Stadt. Bevor er sich zu Bett legt, flüstert er seiner Frau zu: ,, Sie werden das Urteil nicht vollstrecken!" - - - Kreibel sieht mitten auf einem sehr kleinen Hof, der von hohen Mauern umgeben ist, eine strahlendweiße Badewanne. Um diese Wanne stehen dunkle Gestalten mit schwarzen Zylindern und weißen Handschuhen. Eine dieser dunklen Gestalten tritt vor, verbeugt sich steif und erklärt mit dumpfer Grabesstimme: ,, Wir sind leider nicht vorbereitet gewesen und müssen uns mit einer Badewanne behelfen!" 357 Ein langer Zug SA marschiert in langsamen Schritten näher. Vor ihnen schreitet ein Mann in Frack, mit weißer Binde und weißen Handschuhen. Er trägt einen länglichen Kasten in der rechten Hand. Die SA nimmt in zwei Gliedern vor der Badewanne Aufstellung. Ihr Anführer in Schwarz verbeugt sich vor den dunklen Gestalten und winkt dann mit der weißen Hand. Einsam kommt ein schmächtiger Mensch in grauem Kittel. Sein Hals ragt lang und dürr aus den Schultern. Die Hände sind ihm auf den Rücken gebunden. Er bleibt, den Kopf auf die Brust gesenkt, vor der Wanne stehen. Der Mann im Frack nimmt seinen Holzkasten, öffnet ihn und holt ein breites, blinkendes Beil hervor. Ein SA- Mann tritt aus dem Glied und drückt den schmächtigen Menschen in die Knie. Das blanke Beil schwebt sekundenlang über der weißen Wanne. Dann saust es herab. Der Kopf plumpst in die Wanne, und aus dem Halsstumpf schießt ein dicker Strahl hellroten Bluts. Der Mann im Frack wischt umständlich das Blut vom Beil und legt es wieder in den Kasten. Zwei SA- Männer heben unterdes den kopflosen Leichnam in die Wanne. Den Kopf setzen sie dem Hingerichteten auf die Brust. Nun erst sieht Kreibel das Gesicht des Geköpften: Fritz Jahnke... - - - - - ,, Um Gottes willen, Walter, was hast du?" - Kreibel sitzt aufgerichtet im Bett, die Augen unnatürlich geweitet, den Kopf in beiden Händen und stöhnt und wimmert. 358 ,, Was hast du nur, schreist mitten im Schlaf, schlägst um dich und springst auf." ,, Sie haben Fritz Jahnke hingerichtet!" ,, Unsinn, du hast geträumt!" " 1 Wirklich! War das nur ein Traum? Oh, es war ein entsetzlicher Traum! Entsetzlich!" ,, Leg' dich wieder hin und schlaf. Du bist ja ganz naẞ. Du fieberst. Walter, werde mir nur nicht krank." Kreibel wirft sich aufs Kissen zurück, läßt sich wie ein Kind die Bettdecke bis an die Brust legen und das Gesicht streicheln. ,, Ilse, glaubst du, daß sie ihn hinrichten werden?" ,, Nein, sie werden das Urteil nicht vollstrecken!" Kreibel stößt einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Woche ist vorüber. Heute trifft Kreibel die drei. Er hat sich entschieden. Er versteht jetzt gar nicht, wieso es Hemmungen geben konnte. Die Partei ruft, wie kann er da zögern. Und doch. Es schwelt in ihm ein Rest Grauen. Die Erinnerung hat an Farbe verloren, ist verblaßt, aber mitunter steigt sie doch grell vor ihm auf: Dunkelhaft. Nächtliche Auspeitschungen. Einzelhaft. Der Oktobersonntag mit dem angeschossenen Gefangenen und dem Orgelspiel. Koltwitz' qualvoller Tod... Und doch. Er hat sich entschieden. Jeder muß sich entscheiden; es gibt kein Ausweichen, kein Entrinnen. Kreibel ist auf dem Wege zur Heitmannstraße. Unterwegs kauft er sich eine Abendzeitung und liest im Gehen darin. Mit einem Male ist ihm, als stürzten die Häuser vornüber, sausten die Bäume und Laternenpfähle durch die Luft. Er sucht Halt und stützt sich am Gitter eines kleinen Vorgartens. 359 ,, Mein Gott, ist das möglich? Ist das möglich?" Kreibel taumelt und legt die Hand vor die Augen. ,, Sie haben es also wirklich vollstreckt." Er sieht die blutüberströmte weiße Wanne. Die schwarzen Gestalten darum. Die SA. Sieht den Mann im Frack die blutbespritzten weißen Handschuhe von den Händen ziehen... Kreibel reißt sich zusammen, preßt die Zähne aufeinander, daß ihm der Schädel schmerzt, und geht, hochaufgerichtet, festen, schnellen Schrittes durch die Heitmannstraße. Die drei andern warteten schon...