"WALTER POLLER Arzfschreiber in ü Il" I| VE 27 2» a Walter Poller ARZISCHREIBER IN BUCHENWALD - Bericht des Häftlings 996 aus Block 39 996 mit 4 Original-Lithographien von Richard Grune PHONIX-VERLAG- CHRISTEN& CO.- HAMBURG Einband-Entwurf und Ausstattung Bruno Christen Druck und Einband Hanseatische Druckanstalt GmbH, Hamburg J Y ı | | | 1 | ı Historisches Seminar j der Justus Liebig-Universität Gießen Abteilung für neuere Geschichte k Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, der Verfilmung und Verbreitung durch Rundfunk, der Bearbeitung als Drama oder Hörspiel, vorbehalten. Copyright 1946 by Phönix-Verlag Christen& Co., Hamburg Printed in Germany DEN TOTEN! DEN LEBENDEN! Heute, am 24. April 1945, vormittags 11 Uhr, gehe ich an die Ver- wirklichung meines langgehegten Vorsatzes. Ich will einen Bericht über das erstatten, was ich im Konzentrationslager„Buchenwald“ auf dem Ettersberg bei Weimar erlebte. Bevor ich ein Wort niederschreibe, schwöre ich folgenden Eid: Ich schwöre bei meinem eigenen Leben und bei allem, was ich liebe und lebenswert halte, daß ich die reine Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit niederschreiben werde. Ich schwöre vor mir selbst und vor der Menschheit: Ich werde weder wissentlich noch fahrlässig kein einziges Wort niederschreiben, das die Wahrheit verzerrt, übertreibt oder ihr nur zum Teil gerecht wird, und ich werde weder wissentlich noch fahr- lässig kein Wort weglassen, so daß dieselbe Wirkung entstehen könnte. Ich schwöre diesen Schwur und beglaubige ihn mit meiner Unterschrift. Neuschönningstedt, den 24. April 1945. Mal Tolle ZUR EINFÜHRUNG Der Leser hat zuvor das wohlbegründete Recht, zu wissen, wer ihm hier Bericht erstattet und weshalb ich in ein nationalsozialistisches Kon- zentrationslager eingeliefert wurde. Ich bin der Sohn eines Formers, der von Jugend auf in der gewerkschaftlichen und politischen Organisation der deutschen Arbeiterschaft führend tätig war, und wurde im Jahre 1900 geboren. In meiner Geburtsstadt Kiel besuchte ich zunächst eine Mittelschule und dann eine Oberrealschule, die ich aus finanziellen Grün- den nach Erlangung des sogenannten„Einjährigen-Zeugnisses“ verlassen mußte. Schon alsSchüler schloß ich mich der„Arbeiter-Jugend“ an, und hier erhielten meine früh geweckten literarischen und politischen Inter- essen die für mein Leben entscheidende Ausrichtung. Nach dem Abgang von der Schule war ich bis zur Einberufung zumMilitär als Redaktions- eleve an der Kieler Arbeiterzeitung tätig. Mit neunzehn Jahren wurde mir die Leitung einer Arbeiterzeitung in Westfalen übertragen; diese Tätigkeit verrichtete ich mit zwei längeren Unterbrechungen, die in der Hauptsache durch Studien und Auslandsreisen ausgefüllt waren, bis zum Tage meiner ersten Schutzhaft. Am 1. März 1933 wurde ich zum ersten Male in Schutzhaft genommen. Ich sollte an diesem Tage alsStadtverordneter meines langjährigen Wohn- ortes eingeführt werden und hätte nach den damals üblichen parla- mentarischen Gepflogenheiten mit meiner Stimme eine Vertretung meiner Partei im Stadtrat ermöglicht. Um dies zu verhindern, wurde ich kurzer- hand ‚zu meiner eigenen Sicherheit“ verhaftet. Die Schutzhaft ver- brachte ich unter formaler Beachtung der gesetzlichen Vorschriften in einer kleinen Zelle des staatlichen Polizeigefängnisses. Sie dauerte 8 Tage. Am 24. Juni 1933 wurde ich zum zweiten Male— diesmal für 14 Tage — in Schutzhaft genommen und in ein Schutzhaftlager gebracht, wo ich am eigenen Leibe erlebte, daß der Nationalsozialismus zweifellos in die 9 Fußstapfen des italienischen Faschismus trat, dessen brutale, unmenschliche, grausame Methoden ich in Italien kennengelernt hatte. Irgendeine strafbare Handlung hatte ich ebensowenig wie meine zahlreichen Gesinnungsfreunde begangen, die mit mir gleichzeitig in ganz Deutschland verhaftet wurden, um so die freie deutsche Arbeiterbewegung zu zerschlagen. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1934 wurde ich von fünf Mitgliedern der Geheimen Staatspolizei in meiner Wohnung verhaftet und wegen ,, Vorbereitung zum Hochverrat" unter Anklage gestellt. Ich hatte, in der Hauptsache gestützt auf Mitglieder meiner Partei, eine Bewegung gegen den Nationalsozialismus organisiert. Aber es waren nur zwei der von mir verfaßten Flugblätter durch den Polizeispitzel Macek aus Wiescherhöfen bei Hamm( Westf.) in die Hand der Gestapo gefallen. Ich wurde, mit Handschellen gefesselt, in eine Gitterzelle im Keller der Dortmunder Steinwache gesperrt und zahlreichen Vernehmungen unterzogen, dabei insgesamt siebzehnmal ,, hart vernommen", d. h. bei siebzehn dieser Vernehmungen wurde der Versuch gemacht, mich durch Stock- und Gummiknüppelschläge auf den Rücken, das Gesäß, gegen die Schienbeine und gegen den Unterleib zu einem Geständnis zu bringen. Es gelang mir, meinen Entschluß, unter keinen Umständen einen meiner Gesinnungsfreunde zu verraten oder zu belasten, aufrechtzuerhalten. Am 28. Juli 1935 wurde ich vom 3. Senat des Volksgerichtshofes wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Acht Monate der erlittenen Untersuchungshaft wurden mir angerechnet. Die vom Staatsanwalt beantragte Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren wurde vom Gericht abgelehnt. Diese Zuchthausstrafe ist die einzige Strafe meines Lebens. Ich habe auch während meiner Strafhaft und meiner Konzentrationslagerzeit keine Haus- oder Disziplinarstrafe erlitten. Die Zuchthausstrafe verbüßte ich über folgende Stationen: Münster, Neusustrum, Börgermoor, Plötzensee- die berühmte ,, Plötze" war eine Zeitlang wegen Raumnot in ein Zuchthaus verwandelt, Oslebshausen, Celle und Moorlager Lührsbockel in der Lüneburger Heide. Am 28. November 1938 war meine Strafhaft zu Ende, aber ich wurde nicht entlassen, sondern ohne irgendeine Eröffnung in Polizeihaft ge10 nommen und in das Strafgefängnis in Celle, in das durch Hermann Löns bekanntgewordene ,, Weiße Haus", übergeführt. Von da wurde ich wieder nach der Dortmunder Steinwache transportiert, wo mir nach einigen Tagen ein zurückdatierter Schutzhaftbefehl ausgehändigt wurde. Nach einer formalen Vernehmung und einer ebenso formalen ärztlichen Untersuchung, die darin bestand, daß mich der Polizeiarzt zwei Sekunden ansah, teilte mir am 17. Dezember ein Polizeibeamter heimlich mit, daß ich am nächsten Tage in ein Umschulungslager abtransportiert werden würde. Am 18. Dezember wurde ich auf Transport gebracht und am 22. Dezember 1938 in das Konzentrationslager ,, Buchenwald" eingeliefert. * 11 ERSTER TEIL - Am 18. Dezember 1938 werde ich wer weiß zum wievielten Male in diesen letzten vier schweren Jahren!- wieder einmal in die ,, Grüne Minna", den Schubwagen der Polizei, gepfercht. Diesmal geht die Reise nach Weimar, der Stadt, die für alle Zeiten durch Goethe und Schiller geweiht wurde. Ich kenne Weimar, aber diesmal werde ich nicht das Goethe- Haus am Frauenplan besichtigen, diesmal werde ich nicht die Gruft aufsuchen, in der zwei schlichte Sarkophage aufgebahrt sind, diesmal werde ich nicht das Schiller- Haus ehrfürchtig betreten und nicht auf dem Friedhof nach Denkmälern suchen, auf denen bekannte Namen eingemeißelt wurden, diesmal werde ich nicht hinübergehen nach jenem schlichten Gartenhaus, in dem eine Frau lebte, von der ein ganz Großer der Menschheit den in die Weltliteratur eingegangenen Vierzeiler dichtete: Du suchst, o Sonne, vergebens, durch die düsteren Wolken zu scheinen. Der ganze Gewinn meines Lebens ist, ihren Verlust zu beweinen. Aber auch diesmal sucht die Sonne vergebens durch die düsteren Wolken zu scheinen. Sie ist schwarz verhangen von einer Wolkenmauer des Grauens und der brutalsten Macht. Gerade eben rast wieder die Furie des Nazismus ungehemmt und frei über ganz Deutschland. Die Machthaber des Staates gaben den Befehl, und nun gehen Gotteshäuser in Flammen auf, Geschäfte werden geplündert, Wohnungen ausgeraubt, Sachwerte und Nahrungsmittel sinnlos vernichtet, Lebewesen, die das Menschenantlitz des Nazareners tragen, wie räudige Hunde erschlagen, erschossen, erstochen und zu vielen, vielen Tausenden in qualvoller Weise mit Stockschlägen, Drohungen und unter satanischem Gelächter zusammengetrieben, wie es nur sexuell anormale Bestien mit wehrlosen Tieren tun können. Es ist die Zeit des staatlich organisierten Judenprogroms in Deutschland, und der Name des literarischen Genies, vor dem sich selbst ein Goethe in 13 Ehrfurcht beugte, der Name des Nathan- Dichters Gotthold Ephraim Lessing, ist beim Volke der Dichter und Denker verfemt, unbekannt, verachtet! Und auch mir persönlich ist die Sonne mit düsteren Wolken verhangen. Ich weiß, ich stehe vor einem Tor, über dessen Bogen Dantes Worte mit Flammenschrift unsichtbar sichtbar eingemeißelt stehen: Ihr, die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren! Ich weiß es, aber ich weiß im einzelnen nicht, was meiner erwartet. Schutzhaft, Umschulungslager, KZ.! Zwar sind grauenhafte, schier unglaubliche Dinge von dort durchgesickert, und ich bin auch politisch geschult genug, um zu wissen, daß das Unglaubhafte doch wahr sein kann, wahr ist. Aber nun stehe ich selbst davor. Nun werde ich mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören, an eigenem Leibe spüren, was nationalsozialistisches Konzentrationslager ist. Habe ich nicht schon tausendmal in meinem Leben den gewaltigen Unterschied zwischen geistigem Erfassen und persönlichem Erleben empfunden? Damals z. B., als ich zum ersten Male den gestirnten Himmel über mir mit dem Fernrohr in der Sternwarte abtastete? Damals als sich mir das Wunder der Natur in seiner grenzenlosen Problematik zum ersten Male unter dem Mikroskop enthüllte? Als ich am Rande des Vesuvs das Herz der Erde majestätisch pochen fühlte? Als ich in der Chiesa del Vincoli vor Michelangelos gigantischem ,, Moses" stand? Wie war es doch gleich damals mit dem ,, Jüngsten Gericht" gewesen? Hatte ich nicht schon eine tief erschütternde Vorstellung von diesem Gemälde in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans gehabt? Hatte ich nicht schon zahllose Abbildungen, viele Berichte, ans Herz rührende Meditationen. über dieses Kunstwerk kennengelernt, so daß ich wohl sagen konnte, ich kenne es in allen Einzelheiten? Und dann, als ich vor dem Bilde stand und mir alles bestätigt wurde, was ich bis dahin wußte, da war doch noch etwas ganz Neues da: etwas Urgewaltiges, das Fluidum der Urnatur, das Wirken des Erdgeistes am lebendigen Kleide der Gottheit, den Goethe zu seinem Faust sagen läßt: ,, Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!", mit einem unzulänglichen Wort: das persönliche Erleben! O Fünf Tage sind wir unterwegs, immer zahlreicher werden im Laufe dieser Zeit die Schicksalsgefährten, die aus allen Himmelsrichtungen zu uns stoßen, um mit uns den Weg nach Weimar zu gehen. 14 Im Polizeigefängnis Halle treffen wir auf einen Leidensgenossen, der direkt aus Buchenwald kommt. Von ihm hören wir zum ersten Male den Namen Buchenwald, bis dahin wußten wir nur etwas über ein Kon- zentrationslager bei Weimar. Wir stürmen auf ihn ein, aber er sagt nichts Wesentliches über das Lager, nur allgemeine Redensarten, Einzel- heiten, die wahr sind, aber doch kein richtiges Bild von„Buchenwald“ geben. Wir glauben, daß er ein wenig beschränkt ist, aber er ist von großer Geschäftigkeit und ungemein hilfsbereit bei ıder Bereitung unseres Fußbodenlagers für die Nacht. Er ist blaß, nervös, doch nicht schlecht ernährt, trotzdem er schon drei Monate im Lager war. Nun ist er auf Transport nach Ostpreußen zu einer polizeilichen Vernehmung. Jedesmal, wenn wir ihm eine Frage nach Buchenwald vorlegen, sagt er nur:„Es ist schlimm da, aber ihr werdet ja sehen.“ Später erst'haben wir begriffen, weshalb er uns nichts über Buchenwald erzählte: Er wollte nicht riskieren, eine, wie es im Lager genannt wurde,„matschige Leiche“ zu werden, d. h. er wollte nicht langsam und grausamst zu Tode ge- quält werden. Er schwieg aus begreiflicher Selbstwehr. In der Nacht liege ich neben ihm auf der Matratze. Ich lasse nicht ab, ihn immer und immer wieder mit Fragen zu quälen, dennoch erfahre ich nur sehr wenig. Er arbeitete in der Tischlerei. „Wieso Tischlerei? Gibt es so etwas dort auch?“ „Hast du’ne Ahnung, dort gibt es alles.“ „Was hast du dort gemacht?“ „Ich? Ich habe die Särge schwarz gemacht.“ „Särge?“ Oh, 32, „Was hast du sonst gemacht?“ „Sonst nichts.“ „Nur Särge schwarz gemacht?“ jan „Den ganzen Tag?“ last: „Wieviel an jedem Tag?“ „Ach so dreißig Stück wohl. Aber ich hab das ja auch nicht allein gemacht.“ „Wieso nicht allein?“ „Da waren noch zwei andere, die auch nichts anderes taten.“ „Waren die Särge nur für Häftlinge?“ „Rlar. Das sind doch alles ganz einfache Kisten.“ „Wo werden die Leichen bestattet?“ „Weiß nicht.“ 15 دو Wieviel sind im Lager?" ,, Ach viele, vielleicht zwanzigtausend, aber jetzt sind noch die Juden dazu gekommen. Das sind gewiß noch mehr." دو Waren früher keine Juden im Lager?" ,, Klar doch, aber das sind doch die Juden vom November. Es kommen jeden Tag noch mehr. Ich meine die von Baracke IA bis VA." ,, I A bis VA?" ,, Ach, laß doch, du wirst selbst sehen." ,, Was wird sonst noch im Lager gearbeitet?" ,, Allerhand, im Lager und auch draußen." ,, Draußen auch?" ,, Ja, bei den Kasernen, im Steinbruch und so." ,, Gibts Schläge?" ,, Mensch, laß mich. Du wirst ja alles sehen.- Du? willst du mir wohl einen Gefallen tun?" دو , Wenn ich kann, selbstverständlich." ,, Ich heiße Marohn. Geh doch zum Kapo von der Tischlerei und sag ihm, ich habe die zwei Mark dem Hermann gegeben." دو , Was für zwei Mark?" ,, Die hat mir der Kapo geliehen, aber ich hab ihm die nicht mehr wiedergeben können." ,, Habt ihr Geld im Lager?" ,, Klar, Mensch. Jeder darf bis zu zehn Mark in der Tasche haben. Der Kapo hat mir das Geld zur Aufbewahrung gegeben." ,, Nicht geliehen?" ,, Ach, laß mich. Du wirst ja selbst sehen." ,, Können wir im Lager etwas kaufen?" ,, Ja, von der Kantine, das heißt, wenn was da ist." دو , Was kann man kaufen?" ,, Zigaretten und so." ,, Dürfen wir rauchen?" ,, Klar. Nur jetzt nicht. Jetzt ist Rauchverbot. Wird aber wohl zum Fest aufgehoben. Aber wenn du was hast, kannst du auch so rauchen." ,, Passen die Wärter nicht auf?" ,, Mensch, das ist nicht so wie im Kasten. Wir laufen da alle frei rum. Und im Lager sind immer nur ein paar Scharführer, nachts überhaupt nicht." ,, Wieviel Scharführer sind da?" ,, Viele, aber im Lager immer nur wenige. Außerdem sind noch die Posten da. Die sind draußen bei der Arbeit." 16 ,, Viele?" ,,' ne ganze Masse, vielleicht tausend, ich weiß nicht." ,, Kann man stiften gehen?" ,, Nee, das geht nicht, dann wird geschossen." ,, Kommt das vor?" ,, Ach, du wirst ja sehen.' دو CC , Gibt es auch Unterrichtsstunden?" ,, Unterrichtsstunden?" ,, Ja, ich meine, wir sollen doch umgeschult werden, dann müssen wir doch auch unterrichtet werden." ,, Mensch, Umschulung, das ist doch ganz anders zu verstehen." دو Wieso anders?" ,, Du meinst wohl wie im Knast, mit Lehrer und so, nicht?" " Ja." ,, Nee, das ist nicht. Da gibts nur die fünfundzwanzig." ,, Fünfundzwanzig?" ,, Ja, auf'n Arsch. Da mußt du dich über den Bock legen und kriegst fünfundzwanzig." ,, Wer schlägt da?" ,, Die Scharführer." ,, Tut das weh?" دو ,, Klar, aber laß doch, du wirst ja alles sehen." ,, Wird jeder geprügelt?" ,, Nee, nur wenn du erwischt wirst, und manchmal auch, wenn wir abzählen müssen und du mit dran kommst. Dann gibt es aber immer nur fünf." دو Warum denn nur fünf?" ,, Dann sind das doch immer viel zu viele. Sie würden sonst ja gar nicht durchkommen. Das dauert auch so schon immer einen halben Tag und länger." دو دو , Wann wird abgezählt?" Wenn sie mal keinen erwischen können und auch keiner verraten wird." ,, Gibt es Verräter?" ,, Klar, Mensch. Sei bloß vorsichtig und halt immer die Schnauze. Bist du politisch?" ,, Ja." ,, Dann hast du es leichter. Die Politischen halten besser zusammen." ,, Bist du auch politisch?" ,, Nee, ich bin ein Schwarzer." 2 Poller, Buchenwald 17 „Was heißt das?“ „Arbeitsscheu.“ „Warum sagst du denn Schwarzer?“ „Die Politischen haben ein rotes Abzeichen, die Arbeitsscheuen ein schwarzes.“ „Bist du entlassen?“ „Ich weiß nicht. Ich müß jetzt erst rauf nach Ostpreußen. ‚Vielleicht werde ich entlassen, hoffentlich.“ „Wie lange dauert es da im Lager?“ „Das ist ganz verschieden. Zwei Jahre, drei Jahre, manchmal auch noch länger. Einige sind schon von Anfang an da. Die haben aber meistens alle einen Posten, sind Kapo und so.“ »Kapo2- „Das sind Vorarbeiter. Die Politischen sind da die besten, nicht immer, aber manchmal.“ „Wieso die besten?“ „Die schlagen nicht so viel bei der Arbeit und machen auch nicht so oft Meldung.“ „Und die andern tun das?“ „Ja, fast alle. Die Grünen sind die schlimmsten.“ „Was sind das, Grüne?“ „Das sind die Kriminellen.“ „Gibt es auch noch andere?“ „Nur noch die Bibelforscher.“ „Gibt es auch was zum Lesen?“ „Mensch, laß mich schlafen. Zeitungen gibt es, die kannst du bestellen, wenn du Geld hast. Aber du wirst ja alles selbst sehen.“ Es ist spät in der Nacht; die meisten der Schüblinge, die mit mir Körper an Körper in der engen Zelle auf dem Fußboden liegen, sind schon eingeschlafen, und auch Marohn schläft bald fest und ruhig. Ich aber bin noch meer wach, stiere in die Dunkelheit'und sinne meinem Schicksal entgegen.——— Marohn ist dann später doch wieder ins Lager gebracht worden. Er kam nicht in die Tischlerei zurück, sondern wurde einem Außenkom- mando zugeteilt. Im Herbst 1939 wurde er, ein völliges Wrack, ins Revier eingeliefert. Ich erkannte ihn nur an seinem Namen wieder. Er starb wenige Tage nach seiner Aufnahme. Zu retten war nichts mehr. Er war zu unterernährt. Todesursache: Allgemeine Körperschwäche. 18 Der vergitterte Schubwagen der Reichsbahn rollt auf den Schienensträngen gen Weimar. In den kleinen Einmann- Zellen stehen eng aneinandergepreßt fünf und sechs Häftlinge. Der schmale Gang zwischen den Zellen ist mehr als überfüllt. Die Türen zu den Zellen sind geöffnet, damit auch dieser Platz ,, zweckmäßiger" ausgenutzt werden kann. Wir vermögen uns buchstäblich nicht mehr von der Stelle zu rühren, nur den Kopf können wir noch bewegen. Die Luft im Wagen ist bald derartig verbraucht und stickig, daß unser Atem schnell und stoßweise geht. Der Schweiß steht uns auf der Stirn, trotzdem es draußen bitterkalt und der Wagen nicht geheizt ist. In Halle hatten wir noch einigermaßen Platz im Wagen, aber unser Schubtransport hat die ganze Gegend mitgenommen, und in Merseburg, Leipzig, Weißenfels und Naumburg sind immer neue Trupps in unsere Wagen gepfercht worden. Als wir dann endlich in Weimar aus dem Wagen geholt werden, ist es mir zumute, als käme ich aus dem tiefsten Verließ der Erde plötzlich ins Lichte, aus einer engen, stickigen Höhle plötzlich in die reine Luft der Freiheit. Ich vergesse einen Augenblick ganz mein Schicksal, aber nur einen Augenblick, einen köstlichen Augenblick lang, denn schon fällt. mein Blick auf den engen Polizeikordon, der uns in Empfang nimmt und uns nun auf eine der Treppen nach den tiefer gelegenen Unterführungen leitet. Hier müssen wir haltmachen. Ein Polizeioffizier, von zahlreichen Polizisten umgeben, hält eine kurze Ansprache: ,, Wer einen Fluchtversuch unternimmt oder auch nur irgend etwas tut, was als Fluchtversuch gedeutet werden kann, wird sofort erschossen. Wir sind nicht gewohnt, lange zu fackeln. Sie haben auf der Stelle alles zu tun, was von Ihnen verlangt wird. Jede Gehorsamsverweigerung wird unnachsichtlich geahndet. Was das bedeutet, werden Sie bald erfahren. Beklagen Sie sich nicht über Ihr Schicksal, Sie sind selbst schuld daran. Wir werden Sie jetzt schubweise abtransportieren. Nur die von einem Polizeibeamten Aufgeforderten dürfen sich von der Stelle bewegen, alle anderen bleiben auf der Stelle stehen." Als die Reihe an mich kommt, legt ein Polizist die Knebelkette um mein Handgelenk und führt mich zu einem Polizeiauto, wie es früher von den Überfallkommandos benutzt wurde. Die Reihenbänke sind von einem derben Persenning überdacht und seitlich verdeckt. In der ersten und letzten Bankreihe stehen Polizisten. Auch die Randsitze in den Bankreihen werden von Polizisten eingenommen. Plötzlich ein Kommando von vorne: ,, Achtung, Augen hierher! Der Blick ist geradeaus nach vorn zu richten! Wer den Kopf auch nur einen 2* 19 Augenblick seitwärts wendet oder sich sonstwie bewegt, wird sofort erschossen." Die Fahrt geht los. Sie führt über glatte Straßen, holprige Pflaster, durch scharfe Kurven, manchmal auch durch Vertiefungen und Kuhlen. Wir sitzen wie die Ölgötzen im Tempel. Keiner rührt sich. Jeder denkt wohl nur an sich selbst und fühlt die schußbereiten Revolver und Maschinenpistolen auf sich gerichtet. * Der Wagen hält. Wir müssen absteigen und uns in Dreierreihen aufstellen. Wir befinden uns auf einem etwas schräg abfallenden Platz, der rückwärts halbkreisförmig von Wald umgeben ist. Vor uns ein großes, stabiles Gittertor, von dem aus eine breite, gut ausgebaute, lange Straße gradlinig nach einem symmetrisch gebauten Gebäude führt, das die Straße absperrt und von hier aus wie eine große Mauer wirkt. Die Straße ist der ,, Karachoweg", das mauerähnliche Gebäude ist das Lagertor mit dem Arresthaus nach links und dem Verwaltungsgebäude nach rechts. Noch sind wir von Polizisten umstellt, doch jenseits des Gittertors treten SS.- Männer, Totenkopfverbändler, zusammen, alle mit Karabinern oder Maschinenpistolen, den sogenannten Fettspritzen", bewaffnet. Links am Karachoweg entlang stehen stabile Gebäude, Garagen, eine große Tankstelle und andere Baulichkeiten. Auf der anderen Seite langgestreckte Holzbaracken. Das sind, wie wir später erfahren, Unterkünfte für die Wachmannschaften, die ,, Politische Abteilung", die Fotoabteilung, die Rasierstube, die Kantine für gewöhnliche SS.- Leute usw. Der Transportleiter übergibt uns einem SS.- Scharführer. Wir werden von den SS.- Leuten umstellt. Die Polizisten besteigen ihre Wagen und rollen ab, um eine neue ,, Ladung" aus Weimar zu holen. Ich stehe mitten in der Kolonne. Ein Kommando erschallt: ,, Rechts um!" Einen Augenblick später stößt mich mein Hintermann plötzlich mit voller Wucht in den Rücken und drängt mich derart nach vorn, daß ich wieder auf meinen Vordermann drängen muß. Da sehe ich, daß die SS.Leute mit Gewehrkolben und Gummiknüppeln wahllos auf uns einschlagen. Unsere Kolonne kommt ins Laufen, Schüsse knallen, Kugeln pfeifen. Wir laufen, eng aneinandergepreßt, den Karachoweg hinunter, stolpern übereinander. Wer hinfällt, wird von den Nachfolgenden nie20 20 dergetrampelt. Die Schläge und Stöße hageln nur so auf uns herab. Wir laufen alle um unser Leben, ein einziger, wüster, turbulenter Haufen. Keiner weiß, wohin er laufen soll, jeder richtet sich nach seinen Vorderund Nebenmännern, einer klammert sich am anderen, jeder versucht, in die Mitte der Kolonne zu kommen. Der Verstand setzt aus. Nur weg von den Schlägen und Stößen, weg von den pfeifenden Kugeln, weiter, weiter, immer weiter. Die Kolonne schwenkt nach rechts ab. Vor einer hölzernen Barackenwand kommen wir zum Stehen. Wir wissen nicht mehr, ob wir Männchen oder Weibchen sind. Mit Fausthieben, Kolbenstößen und Gummiknüppelschlägen bringen die SS.- Leute wieder Ordnung in den völlig verwirrten und durcheinander geratenen Haufen. Die Niedergetrampelten kommen herbeigehumpelt, keuchend, blutig, die Kleider beschmutzt und zerfetzt, und werden eingereiht. Wer nicht schnell genug ist oder auch nicht mehr schnell genug sein kann, wird mit weiteren Kolbenstößen und Schlägen traktiert. Allmählich kommt wieder Ruhe in unsere Kolonne, viele bluten, alle keuchen, keiner ist ohne Angst und Entsetzen, aber alle wissen nun warum oben beim Gittertor ein geschnitzter Wegweiser steht mit einer Holzbildhauerei, die verschiedene Häftlingstypen zur Darstellung bringt, darunter einen politischen Häftling, einen katholischen Priester und einen Bibelforscher, und auf dem das Wort steht: ,, Karachoweg"! Denn so etwas, wie wir es eben erlebt haben, pflegten wir durch das Wort ,, Mit Karacho" zu bezeichnen. 茶茶 In Trupps von etwa zwanzig Mann werden wir jetzt in die Baracke gebracht, vor der wir stehen. Es ist die ,, Politische Abteilung" des Lagers. Fast durch die ganze Barackenlänge zieht sich ein breiter Gang, von dem aus verschiedene Türen in die einzelnen Geschäftszimmer führen. Nach einiger Zeit kommt aus einer dieser Türen ein SS.- Mann, stellt sich mit einem Zettel in der Hand lässig vor uns auf und hält etwa folgende Ansprache: ,, Ihr befindet euch hier nicht in einem Sanatorium. Das werdet ihr wohl eben schon begriffen haben. Wer es noch nicht begriffen hat, dem wird es schon noch beigebracht. Darauf könnt ihr euch verlassen. Wir werden jetzt eure genauen Personalien aufnehmen. Jeder hat laut und deutlich und bis auf den letzten I- Punkt wahrheitsgemäß seine Angaben zu machen. Das gilt überhaupt für alle Angaben, 21 21 die ihr mündlich oder schriftlich zu machen’ habt. Wer es nicht tut, der kann was erleben, denn ich kann euch jetzt schon verraten, daß wir hier einen ganzen Sack voll der lieblichsten Strafen haben. Jedem Befehl ist augenblicklich und widerspruchslos Folge zu leisten. Das gilt sowohl hier bei der Vernehmung als auch im Lager. Ihr werdet im Lager ver- schiedene Schriftstücke auszufüllen haben. Wer sie nicht wahrheits- gemäß oder unzureichend ausfüllt, wer zum Beispiel irgendeine gericht- liche Bestrafung, und wäre sie auch noch so klein, anzugeben vergißt, wird bestraft. Wer sich in die Lagerdisziplin einfügt und alles wider- spruchslossund augenblicklich befolgt, was von ihm verlangt wird, wird in Ruhe gelassen. Wann ihr wieder entlassen werden könnt, hängt zum großen Teil von euch selbst ab. Wir werden euch hier wieder zu brauch- baren Menschen machen, oder ihr sterbt hier. Und das Sterben ist hier nicht so ganz einfach, wie es sich anhört. Das werdet ihr bald begreifen. Ihr werdet einen Zugangsbrief erhalten, durch den ihr euren Angehöri- gen mitteilen könnt, daß ihr hier eingetroffen seid. Mitteilungen über das Lager sind verboten. Ebenso politische Äußerungen jeglicher Art. Auch bei den anderen Briefen, die ihr erhalten werdet, hat sich jeder in der knappsten Form auf das Allerpersönlichste zu beschränken, denn wir haben keine Zeit und keine Lust, uns hier bei der Zensur mit eurem Gewäsch und Geschwätz zu beschäftigen. Jegliches Politisieren im Lager, jegliche Zusammenschlüsse sind strengstens verboten. Wer im Lager eine Beobachtung macht, daß gegen die Lagerdisziplin und unsere Befehle verstoßen wird, hat diese unverzüglich der Lagerleitung mitzuteilen, sonst wird er bestraft. Wer Geld bei sich hat, darf zehn Mark davon in der Tasche behalten. Jeden Pfennig darüber hat er bei der Kassenver- waltung abzugeben. Wer im Lager auch nur mit einem Pfennig mehr angetroffen wird, wird bestraft. Jeder hat bei der Arbeit bis zum äußer- sten fleißig zu sein; wer faul ist, wird bestraft, wer nicht alles bei der Arbeit hergibt, was er hergeben kann, verlängert damit nur die Dauer seiner Haft. Ihr seid hier keine Strafgefangene, ihr seid hier nur„‚Häft- linge“, und was das bedeutet, werdet ihr, wenn ihr es noch nicht wißt, bald erfahren. Ihr seid ehrlos und wehrlos! Ihr seid rechtlos! Euer Los ist ein Knechtlos! Amen.“—— Wir stehen in einer Zweierreihe im langen Barackengang. SS.-Leute, mit Karabinern bewaffnet, bewachen uns. Sie grinsen höhnisch, aber werden nicht tätlich gegen uns. Einer von ihnen sagt zu seinem Kollegen: „Häftlinge! Ein schönes Wort, nicht? Na ja, die Mistvögel werden es schon zu spüren bekommen.“ Darauf erwidert der andere:„Und ob! Du, wieviel sind heute verreckt? Waren es nicht achtundfünfzig?“ 22 ,, Nee", gibt der andere zur Antwort ,,, das war gestern, heute sind es bis jetzt nur einundvierzig." Die Zahlen erwecken in uns kaltes Grauen; die meisten von uns halten sie jedoch für Übertreibung und Bangemacherei. Aber sie waren nicht übertrieben. Am nächsten Tag schon erfuhr ich, daß sie wenigstens annähernd wahr waren; und das in einem Lager, in dem fast alle Häftlinge zwischen 17 und 50 Jahre alt waren, also in einem Alter, das naturgemäß die geringste Sterblichkeitsziffer aufweist! Jetzt gehöre ich zu den vier Mann, die in das Geschäftszimmer eintreten müssen. Ich bin der Dritte. Zahlreiche Schreib- und Bürotische, große Karteikästen, Stahlschränke an den Wänden, Schreibmaschinen, ein großes Hitlerbild, ein Bild von Heinrich Himmler, Scharführer und SS.- Männer bei Büroarbeiten. Ein Scharführer tritt zu dem Maschinenschreiber, der unsere Personalien aufnehmen will, nimmt eine Akte zur Hand, mustert uns und nennt dann einen Namen. Der Häftling vor mir meldet sich darauf mit: ,, Hier!" Der Scharführer sieht den Häftling mit einem stechenden Blick an, tritt dann auf ihn zu und schlägt ihm unvermittelt die geballte Pranke mit voller Wucht ins Gesicht, so daß der Geschlagene zur Seite wankt. Darüber ist der erste Mann in unserer Reihe derart erschreckt, daß er die an ihn gestellten Fragen des Maschinenschreibers nur leise beantwortet. Jetzt springt der Maschinenschreiber auf, nimmt eine biegsame Gerte, die er neben sich auf dem Tische liegen hat, schlägt den Häftling brutal rechts und links durch das Gesicht und brüllt ihn an: , Weißt du nicht, daß du hier laut und deutlich zu antworten hast?!" Die weitere Personalienaufnahme geht ohne Zwischenfall von statten. Als ich gefragt werde, setze ich alles auf eine Karte und brülle meinen Namen mit scharf akzentuierender Stimme. Der Maschinenschreiber ist einen Augenblick verdutzt. Er hat sich regelrecht erschreckt, und schon glaube ich, daß ich es ganz und gar verkehrt gemacht habe, aber er sagt mit bärbeißigem Gesicht nur: ,, Na, so laut braucht das nun auch nicht gerade zu sein", und läßt mich ungeschoren. Die Aufnahme unserer Personalien ist beendet. Wir stehen wieder auf dem Karachoweg angetreten, diesmal von weniger SS.- Leuten bewacht, aber die Karabiner und Fettspritzen, die schußbereit gehalten werden, genügen uns auch schon. Einer der SS.- Männer sagt zu uns: ,, Seht ihr da unten das Tor?" Er weist auf das Lagertor, das wir schon oben vom Gittertor aus gesehen hatten. Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit einem Wachtturm und einer Hakenkreuzfahne darauf. Der breite Torgang in seiner Mitte ist 23 mit einem dicken Eisengitter versperrt. Wir sehen, daß in dem Eisengitter eine kleine Tür geöffnet wird und den Blick auf einen großen Platz freigibt. Der SS.- Mann fährt fort: ,, Seht ihr das, ja?- Jetzt geht's mit Karacho da hinein! Verstanden?! Rechts um! Laufschritt- marsch, marsch!!" Und wir stürmen wie die Besessenen los, einer noch wilder als der andere. Wir sind bereits ,, dressiert" und merken gar nicht, daß wir diesmal nicht geschlagen und gestoßen werden, daß die SS.- Leute ruhig stehen bleiben und sich gar nicht erst die Mühe zu machen brauchen, uns wie störrisches Vieh zu treiben. Am engen Lagereingang gibt es ein wüstes Gedränge und Geschubse, als wäre der Teufel hinter uns. Es ist wie ein tragisch- trauriger Witz: Keiner von uns wollte ins KZ., und jetzt will jeder zuerst ins Lager hinein... Und als wir dann auf dem Platz sind und von zwei dort stehenden Häftlingen in Empfang genommen werden, sind wir wieder völlig außer Atem. Die beiden Häftlinge weisen uns an, uns in Reih und Glied aufzustellen. Sie tragen alte, saubere Soldatenröcke aus blauem Tuch, graugrünliche, gestreifte Hosen und schirmlose Mützen in gleicher Farbe und ebenso gestreift wie die Hosen. Auf der linken Brustseite ihrer Röcke und auf der rechten Hosennaht in Kniehöhe ist je ein rotes Tuchdreieck, mit der längeren Spitze nach unten gerichtet, aufgenäht, und darüber sind schmale weiße Leinenstreifen mit einer schwarzen Nummer. Ihre Gesichtsfarbe ist gesund und frisch, ihre Körperhaltung gestrafft und ihr Ernährungszustand zwar nicht ausgesprochen gut, aber auch nicht schlecht. Der eine von ihnen sagt uns: ,, Da habt ihr heute mal Schwein gehabt, daß ihr so ruhig durchs Tor gekommen seid."--Vor uns liegt ein großer, nach hinten zu abfallender Platz, der mit gelblich weißen und grauen Schottersteinen planiert ist. Auf der linken Seite zieht sich ein etwa drei Meter hoher Stacheldrahtzaun entlang, hinter dem in einiger Entfernung primitive Holzbaracken stehen. Die erste von ihnen ist mit einem großen ,, I A" beschriftet. Es handelt sich um die Baracken I A bis V A, in denen noch über 20 000 Juden aus der letzten Progromwelle untergebracht sind. Aber das wissen wir jetzt noch nicht. 24 Das untere Ende des menschenleeren, riesigen Platzes ist von einer Barackenreihe begrenzt, deren flache Dächer eigenartig geduckt daliegen. Rauch, der aus den Schornsteinen hervorquillt, zeigt uns, daß dort unten Menschen wohnen müssen. Und über den flachen Barackendächern schieben sich in der Ferne, im ersten Dämmern des frühen Winterabends fast verschwindend, Baumwipfel empor, blaugrau, dürr, ungemein trostlos. : Die rechte Seite des Platzes ist noch nicht planiert. Baumstubben, Kuhlen, Geröll und Sandhaufen deuten darauf hin, daß man hier Wald gerodet hat und dabei ist, den Platz auszubauen. Es ist die Stätte, auf der später das Sonderlager eingerichtet wird, von dem ich noch berichten werde. Über sie hinweg gleitet unser Blick nach dem hohen Drahtzaun, der das ganze Lager einzufassen scheint. Betonpfeiler stehen in regelmäßigen Abständen schnurgerade ausgerichtet. Der Draht zwischen ihnen ist mit Hochspannungsstrom geladen, und hinter ihm ragen auf breiten, in den Wald geschlagenen Lichtungen die hohen Wachttürme auf, die wie mittelalterliche, eckige Wehrtürme aussehen und deren Bedeutung wir auch bald kennenlernen werden. Die beiden Häftlinge führen uns über den Platz nach den Baracken hinunter. Hier bekommen wir zum ersten Male eine ganz andere Sorte Häftlinge zu Gesicht, nicht so sauber und ordentlich angekleidet wie die beiden Häftlinge, die uns vom Tor abgeholt haben. Sie sind dreckig, tragen zerrissene Kleider, die über und über mit Erdkrusten verschmutzt sind, sind lässig, stupide, abgemagert, von graugelber Gesichtsfarbe, an den klobigen, oft defekten Stiefeln klebt dicker Mergeldreck, und die Kleidung schlottert um ihre Körper. Einige tragen Brotbeutel über der Schulter und daran manchmal eine verbeulte Essenschale. Es wimmelt und krimmelt zwischen den Baracken von solchen Häftlingen, die einander alle merkwürdig und unbegreiflich ähnlich sind. Die weitaus meisten Häftlinge beachten uns gar nicht. Wie anders war das doch in der Strafanstalt. Da wurde jeder Zugang genau gemustert. Ja, selbst damals, als ich in den Moorlägern war, war jeder neueintreffende Transport eine Lagersensation. Jetzt aber scheint uns fast keiner zu beachten. Nur hier und da bleibt ein Häftling stehen und studiert mit sonderbar verhaltenem Interesse, fast scheu und merkwürdig eilig unsere Gesichter. Wenn einer von ihnen zu interessiert erscheint oder gar unseren Weg versperrt, brauchen unsere beiden Führer nur ,, Weg da!" zu sagen, und schon springt er augenblicks beiseite und ,, verkrümelt" sich im Gewimmel der anderen Häftlinge. Fraglos, es gibt hier zwei Sorten Häftlinge. Die eine scheint eine Elite 25 25 zu sein, die andere die große Masse. Merkwürdig nur, daß sich die große Masse so bedingungslos und augenblicklich den Anordnungen der anderen Sorte fügt. Merkwürdig? Nein, nicht merkwürdig! Wir taten es ja auch schon! Waren wir nicht auch ohne weiteres und geradezu un- begreiflich selbstverständlich den Anordnungen der beiden Mithäftlinge gefolgt? Vielleicht hätten wir„Neuen“ es unter Umständen nicht so kriecherisch und bedingungslos getan, wie wir es hier von den„Alten“ erlebten. Jedoch, wer weiß das? Nach wenigen Tagen aber wußten wir bereits, daß es nicht nur zwei Sorten, sondern eine ganze Reihe von Abstufungen im Lager gab, und‘ wir waren, je nachdem welche Art Häftling vor uns stand, genau so bedingungslos und augenblicks bereit, seinen Befehl auszuführen. Es mag vielleicht ein Unterschied zwischen dem Befehl eines Scharführers und dem eines derartigen Elitehäftlings gewesen sein, aber dieser Unter- schied war nur gradueller, nicht prinzipieller Art. Ich sollte in den nächsten Minuten den zweiten Anschauungsunterricht dafür bekommen, daß es hier im Lager tatsächlich verschiedene Kategorien von Häft- lingen gab. Wir kommen in die Häftlingskleidungskammer. In Regalen sind Uni- formen, Wäschestücke,. Stiefel usw. in großer Zahl gestapelt. Häftlinge sind hier beschäftigt, die verhältnismäßig gut und sauber aussehen. Fast alle tragen den roten„Winkel“. Wir Zugänge werden von ihnen zu- nächst sortiert. Hier die Politischen, die den roten Winkel haben sollen, da die Arbeitsscheuen und Asozialen für den schwarzen Winkel, die Bibelforscher für den violetten, die Kriminellen für den grünen, die Homosexuellen für den rosa Winkel. Die Juden erhalten noch zu ihrem Winkel einen gelben, den sie mit ihrem Farbwinkel zu einem Davids- stern zu kreuzen haben. Von fast jedem Häftling hinter dem Ausgabetisch werde ich zunächst gefragt, welche Farbe ich habe. Neben mir steht ein„Schwarzer“. Er bekommt offensichtlich schlechtere Kleidungsstücke als ich. Bei der Stiefelausgabe erhalte ich zunächst ein Paar„ausgetretene Latschen“. Als der Häftling sie mir aushändigen will, fragt er:„Politisch?“ und als ich bejahe, holt er mir ein Paar bessere Stiefel. Nur wir Politischen werden gefragt, ob wir einen Pullover oder eine Wolljacke mitgebracht hätten. Wer es nicht hat, bekommt ein solches Kleidungsstück, alle anderen Häftlingskategorien nicht. Es ist für mich jetzt keine Frage mehr, daß hier irgendeine Organi- sation vorliegt. Einen Augenblick bin ich so naiv, anzunehmen, daß die Lagerleitung dahintersteckt, aber im selben Augenblick finde ich den 26 Gedanken auch schon so absurd, so ganz im Widerspruch mit allen meinen bisherigen Erfahrungen, daß ich mich vor mir selbst schäme. Um wieviel näher liegt mir, mit tausend guten Gründen und auf tausend Erfahrungen gestützt, die Annahme, daß auch hier im Lager noch irgendeine politische Organisation vorhanden sein muß. Und meine Erfahrungen haben mir später auch in jeder Beziehung bestätigt, daß diese logische Annahme richtig war, schon lange bevor ich selbst in den Kreis der Vertrauten aufgenommen wurde und meinen Teil dazu beitragen konnte, auch hier im Konzentrationslager Buchenwald nicht nur persönlich, sondern auch im organisierten Zusammenwirken mit Gleichgesinnten meine Pflicht zu erfüllen. Aber warum werden hier nur die Politischen bevorzugt? Sind jene Violetten, Schwarzen, Grünen usw. nicht auch Menschen, nicht im tiefsten Grunde genau solche armen Schächer wie wir Roten? Ja, verstößt diese Bevorzugung nicht gegen alle unsere Grundsätze? Habe ich nicht hundertfach und mehr erfahren, daß jeder wahrhaft politische Mensch zuerst an seine Mitmenschen und in allerletzter Linie erst an sich selbst denkt? Wer gibt hier wem das Recht, solche Bevorzugung zu organisieren? Welches sittliche Gesetz stützt diese unterschiedliche Behandlung? Nun, noch weiß ich keine ausreichend gerechtfertigte Antwort, aber ich zweifle nicht daran, daß sie mir eines Tages gegeben wird. Denn es ist mir klar, keiner jener Häftlinge in der Kleiderkammer kennt mich und meine politische Einstellung, und dort der Kamerad, den ich auf der Fahrt nach hier im Schubwagen kennengelernt habe und von dem ich aus seinem eigenen Munde weiß, daß er Mitglied der NSDAP. war und Parteigelder unterschlagen hat, aber hier auch unter die Gruppe der ,, Politischen" eingereiht wurde, ist genau so bevorzugt worden. Wir müssen mit den empfangenen Kleidungsstücken unterm Arm in eine andere, ziemlich große Baracke und hier unter Anweisung von Häftlingen die Kleider wechseln, nachdem wir zuvor von einem Häftling auf Läuse untersucht worden sind. Wir müssen unsere gesamten Privatsachen abgeben, nur bis zehn Mark Geld, Taschenmesser, Leibriemen, Seife, Lebensmittel, Rauchwaren und Pullover dürfen wir behalten. Auch hier werden wir Politischen wieder abgesondert. Man fragt uns gesprächsweise vereinzelt nach unserer politischen Vergangenheit, nach unserem Wohnort, in welchen Anstalten wir unsere Strafe verbüẞt haben usw. Dort haben sich zwei Bekannte getroffen. Sie begrüßen sich mit lautem Hallo, und ich höre, wie der alte Häftling zu dem Zugang sagt: ,, Komm mit, ich mache die Sache in Ordnung." Auch ich treffe zwei Bekannte wieder, mit denen ich in Strafanstalten 27 schon einmal zusammen war. Das Hallo ist nicht minder gering, trotz- dem wir uns eigentlich nicht näher kennen. Einer von ihnen nimmt sich sofort meiner an und geht mit mir in den Keller der Baracke. Den dort unten beschäftigten Häftling fragt mein Bekannter:„Wo sind die Säcke für die Politischen?“ Die Kleidersäcke, in die wir unsere Zivilsachen stecken müssen, liegen ausgebreitet auf langen Tischen. Die Säcke für die Politischen liegen etwas abgesondert, unterscheiden sich jedoch scheinbar in nichts von den anderen Kleidersäcken. Aber es muß doch irgendein Unterschied sein, denn mein Bekannter sucht selbst noch unter den Kleidersäcken der Politischen aus, ehe er sagt:„Hier, nimm den!“ „Warum gerade den?“ frage ich. „Das ist eine niedrige Nummer und Block 39“, antwortet er. „Und was hat das zu bedeuten?“ „Das wirst du schon noch erfahren.“ Und so werde ich der Häftling Nr.996 aus dem Block 39! Ich habe einen alten, blauen Uniformrock bekommen, zwar etwas geflickt, aber doch sauber und auch'warm.Mein baumwollener, gestreifter Mantel ist nagelneu. Die Schuhe passen gut und sind neu besohlt. Meine wie der Mantel gestreifte, schirmlose Mütze, ist etwas speckig, aber das wird sich wohl waschen lassen. Die Strümpfe sind stark gestopft und drücken etwas. Der Brotbeutel ist gebraucht, aber sauber gewaschen. Nun geht es zurück zum Appellplatz. Diesmal müssen wir uns am unteren Ende in der Nähe der Baracken aufstellen. Der frühe Winter- abend beginnt, sich über das’Lager zu senken. Es ist kalt und mich friert leicht. Auf den Wegen zwischen den Baracken herrscht lebhafter Ver- kehr:; man erkennt die Gesichter der Häftlinge im Schummerlicht nicht mehr genau. Auf die Wege fällt das Licht, das aus den Barackenfenstern leuchtet. Und in den Baracken ist überall dunstige Luft. Aus einer kommt Gesang, aus einer anderen Ziehharmonikamusik, aus einer drit- ten irgendein Tumult. Als wir einige Zeit auf dem Appellplatz angetreten sind, müssen wir auf Kommando eines Häftlings stramm stehen, und dann kommt aus dem dämmerigen Dunkel ein untersetzter Häftling auf uns zu, der uns rühren läßt. Er trägt einen dicken, dunklen Soldatenmantel und hat um den Arm eine beschriftete Binde, deren Aufschrift ich aber in dem N Dämmerlicht nicht lesen kann; er hält uns eine etwas geschwollene Ansprache. Er spricht darüber, wie wir uns zu verhalten hätten. Innerhalb des Lagers wären wir ziemlich unbehelligt. Das Betreten fremder Baracken 28 wäre verboten. Es müßte fleißig gearbeitet werden, und zwar bis zum Umfallen. Alles, was vom Stubendienst, den Blockältesten, den Kapos, der Lageraufsicht und den Lagerältesten angeordnet würde, müßte sofort und widerspruchslos erfüllt werden. Vor allem dürfte kein Fluchtversuch, der sowieso hier Unsinn wäre, unternommen werden. Denn dann würde sofort geschossen, und das ganze Lager müßte darunter leiden. Wer irgend etwas hätte, könnte sich an ihn wenden. Wo er helfen könne, würde er helfen. Wer aber hier nicht gehorche, der kriege seinen Teil. Er könne unmöglich alles aufzählen, was im Lager als Strafen tägliche Gepflogenheit wäre. Er wolle uns nur eines sagen: Hier im Lager gäbe es nichts, was nicht möglich wäre bis zum Aufhängen, und das Letztere besorge er sogar selbst. Überhaupt, daß wir es nur von vornherein wüßten, er sei hier mit die Hauptperson im Lager. Politisieren sei verboten. Das gelte insbesondere für die Politischen unter uns. Innerhalb des Lagers wären wir fast ohne SS.- Aufsicht. Dafür gäbe es hier aber um so mehr Spitzel. Jeder möge sich nur auf sich selbst verlassen, das wäre das Beste. Im übrigen würden wir wohl bald herausfinden, wem wir vertrauen könnten und wem nicht. Draußen auf den Arbeitsstellen würden wir von SS.- Leuten bewacht. Keiner dürfe mehr als bis auf fünf Schritt an diese Leute herangehen. Wer die Postenkette auch nur aus Unachtsamkeit überschreite, würde sofort erschossen. Er könne nur raten, niemals näher als auf zehn Schritt an den Posten heranzugehen, auch wenn er dazu durch den Posten aufgefordert würde. Vor allen Dingen rate er aber, im sonstigen jeden Befehl sofort zu befolgen und sich streng an die Lagervorschriften zu halten, denn hier würde man sehr schnell eine ,, matschige Leiche", das hieße, man würde nicht von heute auf morgen, sondern etwas langsamer, aber absolut sicher ins Jenseits transportiert. Das Zuschauen bei solchem Transport wäre schon eine wenig angenehme Sache, noch unangenehmer aber, wenn man selbst auf Transport gebracht würde. Als nun ein zweiter Häftling, der gleichfalls eine Armbinde trägt, auf uns zukommt und sich neben den Sprecher stellt, wird dieser merklich unsicher. Das Wort geht ihm nicht mehr so fließend vom Mund wie zuvor, und nach einigen, jetzt mehr zusammengestotterten Sätzen fragt er den Hinzugekommenen: ,, Willst du noch ein paar Worte sagen?" Der schüttelt den Kopf. Und dann wird uns gesagt, daß wir nun in unsere Blocks gebracht würden. Alles Weitere würde uns der Stubenälteste sagen. Auf dem Wege durch die Barackenreihen sinne ich darüber nach, warum der erste Häftling wohl so unsicher wurde, als der zweite mit 29 der Armbinde dazu kam. Ich vermute, daß das wohl ein noch höherer Häftling gewesen sein müßte, kann es aber nicht ganz verstehen, weshalb der andere sich mit einem Male so unterwürfig zeigte und unsicher wurde. Die ersten Baracken, vor denen wir haltmachen, um die Häftlinge einzuweisen, sind einstöckige, über zwanzig Meter lange Holzbuden. Der Eingang befindet sich in der Mitte. Von ihm gehen drei Türen ab, von denen die mittlere in den reichlich primitiven Waschraum mit abgestoßenen Emaillebecken, verbeulten Kannen, Eimern usw. führt, während nach rechts und links die Türen zu den Tagesräumen abgehen, in denen eine drangvoll fürchterliche Enge herrscht. Die Häftlinge dort scheinen buchstäblich aufeinander zu hocken. Auf unserem Wege immer weiter ins Lager hinab kommen wir an einer Latrine vorbei, die mitten zwischen den Baracken errichtet ist. Sie besteht aus einer tiefen, offenen Grube, über der ein primitives Gestell aus Baumstämmen errichtet ist, von keinerlei Schutzwand oder dergleichen verdeckt. Zahlreiche Häftlinge stehen davor und warten, bis ein Platz in der langen Reihe frei wird. Schamgefühl oder auch nur so etwas Ähnliches wie Schamgefühl scheint hier völlig ausgestorben zu sein. Es geht weiter lagerabwärts. Die Wege zwischen den Baracken werden immer schlechter, bis sie schließlich einer Baustelle gleichen, auf der alles noch durcheinander liegt, Kuhlen und Löcher, Sandhaufen, Geröll und Steine. Wenige Wochen später, als die Schneeschmelze eingetreten ist, werden wir auf diesen ,, Straßen" stoisch und gleichgültig durch fuẞtiefen, zähen Schlamm waten und es gar nicht mehr beachten, daß uns das Wasser in die Schuhe dringt. Dann werden wir nicht einmal mehr lachen, wenn ein Häftling in dem tiefen Dreck so stecken bleibt, daß wir ihm behilflich sein müssen, wieder herauszukommen, denn in der Zwischenzeit haben wir es gelernt, uns auf Befehl eines launischen Scharführers mit der ganzen Körperlänge in den Schlick zu werfen. Da ist dann so ein kleiner ,, Betriebsunfall" keine Absonderlichkeit mehr und gehört mit zu den Selbstverständlichkeiten, die keines Aufhebens wert sind. Jetzt kommen wir zu den Steinbaracken. Sie sind zweistöckig, nicht unschön in der Architektur und offenbar solide gebaut. Es ist schon zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen, aber das Licht, das aus den gegenüberliegenden Baracken fällt, vermittelt doch einen Gesamteindruck, der sich merklich und vorteilhaft von dem der Holzbaracken abhebt. Der Block 39, das ist die Steinbaracke, der ich zugewiesen bin, scheint 30 gerade eben fertiggestellt worden zu sein, denn rundherum liegt noch Baugerät und Material aller Art, und ich sehe auch, daß hier und da an der Baracke noch Arbeiten zu verrichten sind. * Der Blockälteste nimmt uns Zugänge in Empfang und verteilt uns auf die einzelnen ,, Stuben", von denen es im Block vier gibt. Ich komme auf Stube C im Oberstock. Der Block ist im Prinzip so eingerichtet wie die Holzbaracken: Eingang in der Mitte, unten die Stuben A und B. Oben, über eine zementierte Doppeltreppe zu erreichen, die Stuben C und D. Von einem schmalen Flur führen drei Türen in den Waschraum und die beiden Stuben rechts und links. Der Waschraum ist modern und praktisch eingerichtet. Ein großes Rundbecken, an dem sich gleichzeitig etwa 20 Häftlinge waschen können, Aborte und eingemauerte Fußbadewannen, Fliesen auf dem Fußboden und an den Wänden. Die Tagesräume sind mit neuem, sauberem Mobiliar, Bänken, Schemeln, Spinden und einem Lautsprecher ausgestattet, der an das Mikrophon im Wachtzimmer oben am Tor angeschlossen ist. Die Deckenbeleuchtung besteht aus großen, zweckmäßigen, nicht ungefälligen Milchglaskugeln. Am Abend meiner Einlieferung ins Lager sehe ich allerdings von diesen Dingen kaum etwas, denn der Tagesraum ist derartig mit Häftlingen überfüllt, daß von den Einrichtungsgegenständen nur wenig zu sehen ist. Aber später hatte ich reichlich Gelegenheit, den Tagesraum ohne Häftlinge zu sehen, und ich hatte dabei stets den Eindruck, daß die Gliederung und Einrichtung zweckmäßig und hygienisch einwandfrei war. Unter Berücksichtigung dessen, daß es sich hier um den Aufenthaltsraum für Menschen handelt, die man nicht mehr als Menschen anerkennen zu glauben durfte, war der Tagesraum geradezu vorbildlich. Auch der Schlafraum, den man vom Tagesraum durch eine dem Eingang gegenüberliegende Tür erreicht, zeigt dieselbe Zweckmäßigkeit und Reinlichkeit. Hier brauchen allerdings die Häftlinge gar nicht anwesend zu sein, um die ahnungslosen Besucher sofort davon zu unterrichten, daß das KZ. eine Einrichtung ganz besonderer Art ist, denn die Gänge zwischen den Bettreihen sind so eng, daß sich eine Person gerade noch hindurchzwängen kann. Die Betten- einfache, eiserne Bettgestelle- stehen vierfach, an einigen Stellen sogar fünffach übereinander. So entsteht hier sofort der Eindruck, daß der Schlafraum viel zu stark belegt ist. Die Häftlinge, denen die oberen Betten zugewiesen sind, müssen wahrhafte 31 Artistik vollbringen, um in die ,, Falle" zu kommen.( Dafür war aber ihr Bettenbau nicht so einfach zu kontrollieren, und ein Bettenbau, der nach Ansicht eines Scharführers schlecht war, war willkommener Anlaß, den Häftling in eine ,, Lagerstrafe" zu nehmen. Am vorteilhaftesten war hier der ,, Olympier" dran. Sein Bett klebte geradezu an der Decke. Zwar konnte er sich nur seitwärts auf sein Lager schieben und sich im Schlaf nicht umdrehen, aber sein Bettenbau fiel nahezu nie auf, und das war bei den harten Lagerstrafen, die üblich waren und von denen noch die Rede sein wird, reichlicher Ausgleich.) Der Blockälteste beauftragt einen Häftling, mich zum Stubenältesten der Stube C zu bringen. An zahlreichen Häftlingen vorbei, die kaum Notiz von mir nehmen, gehe ich die Steintreppe hinauf durch den Vorflur und betrete die Stube. Sie ist zum Bersten überfüllt von Häftlingen, die alle den roten Winkel tragen. Der Block 39 ist ein ,, politischer Block". Die Tische sind mehr als besetzt, und zwischen ihnen und auf den Gängen gehen und stehen die Häftlinge herum, die keinen Sitzplatz haben. Anscheinend ist gerade das Essen verteilt, denn die meisten Häftlinge löffeln aus ihren Näpfen. Viele essen im Stehen. Manche haben ihren vollen Eẞnapf auf einem Tisch stehen und warten nun darauf, daß einer von denen, die einen Platz am Tisch haben, sein Essen beendet hat. Alle sind kahl geschoren und bartlos. Zwar sehe ich keinen einzigen ausgesprochen gut genährten Häftling, aber sie sehen auch nicht verhungert aus, haben meistens eine gesunde Gesichtsfarbe und blicken im Durchschnitt auch nicht so uniformiert stupide drein, wie jene Häftlinge, die ich oben in den ersten Barackenreihen antraf. Ich habe den Eindruck, daß sich diese Häftlinge hier bei weitem nicht so gehen lassen, daß sie sich offenbar gegen das Schicksal stemmen, das über sie gekommen ist, daß sie sich nicht selbst aufgegeben haben. Aber merkwürdig wieder, auch hier nimmt niemand von mir Notiz. Jeder ist mit sich selbst oder mit einem anderen Kameraden beschäftigt. Der Stubenälteste heißt Franz. Ich lerne ihn später näher kennen. Er ist ein ruhiger, junger Mensch, immer hilfsbereit, überaus gutmütig und hat eine sichere, stille, energische Art, das unaufdringlich durchzusetzen, was er im Interesse der Häftlinge für richtig hält. Er empfängt mich freundlich, und ohne daß ich zu einer Frage genötigt bin, informiert er mich, als wüßte er ganz genau, wo mir der Schuh drückt. Er händigt mir einen Eẞnapf, einen Löffel und einen Becher aus. Übriges Geschirr müßte ich mir von anderen Häftlingen ausleihen. Er zeigt mir im Schlafraum ein Bett und unterrichtet mich über den Bettenbau und wie die Kleidung nachts peinlichst genau auf einen Schemel aufzubauen sei. 32 32 Dann weist er mich einem Tischältesten zu, von dem ich meine Essenportionen empfangen werde. Zwar wäre zur Zeit kein Tischplatz frei und vorerst auch keine Aussicht vorhanden, da die Tischplätze in der Reihe des Zugangs zugewiesen würden und die Stube etwa sechsfach überfüllt wäre. Aber es wäre dann und wann doch wohl mal ein Sitzplatz nicht besetzt. Den könnte ich dann benutzen, müßte ihn allerdings auf Verlangen des Eigentümers stets sofort räumen. Im allgemeinen herrsche gute Kameradschaft im Block. Bei der Abfassung des Zugangsbriefes und der Ausfüllung des politischen Fragebogens wolle er mir erforderlichen Falles gerne helfen. Am nächsten Morgen nach dem Wecken gäbe es Kaffee, heute abend noch die tägliche Brotration nebst Verpflegungsportion. Nach dem Kaffee trete der Block an und zöge geschlossen zum Appellplatz. Wenn durch den Lautsprecher bekanntgegeben würde: ,, Zugänge ans Tor", müsse ich im Laufschritt ans Tor eilen und mich beim Arbeitsdienstführer melden, der mich einem Arbeitskommando zuweisen werde. Der Kapo werde mich dann weiter unterweisen. Der Tischälteste, dem ich zugewiesen bin, teilt mir eine Portion Brot und ein Stückchen gummiartiger Mehlwurst zu. Einen Spindplatz werde er mir nachher anweisen, denn die Spinde seien alle überfüllt, und er müsse erst einmal sehen, wo noch eine Ecke frei zu machen sei. Und dann stehe ich da, in der einen Hand den trockenen Brotknust, in der anderen das Stückchen ,, Leberwurst", und kein Mensch kümmert sich mehr um mich. Nun, ich habe redlich Hunger und merke deshalb meine Verlassenheit nicht sonderlich. Den Rest des Brotes verstaue ich in meinen Brotsack, weil ich nicht weiß, wo ich ihn sonst unterbringen kann. Ich bin gerade dabei, mein Brot wegzupacken, als Franz auf mich zukommt und sagt: ,, Jetzt mußt du erst deine Winkel und Nummern annähen." Er führt mich zu seinem Tisch und reicht mir Nadel und Faden. Als er sieht, daß ich mich ungeschickt anstelle, nimmt er mir die Jacke aus der Hand und näht die Abzeichen selbst an. Dabei erzählt er mir freundlich tröstend, daß er vielen Zugängen die Winkel annähen müsse, da wohl keiner ins Lager käme, ohne an allen Gliedern zu fliegen bzw. ohne aufgeregt zu sein. Für seine Hilfe könne ich mich demnächst dadurch revanchieren, daß ich einem anderen Zugang diesen kleinen Kameradschaftsdienst erwiese. Als ich dann lagermäßig ausstaffiert bin, nimmt mich ein Häftling in Beschlag, der auf der Stube das Haarschneiden und Rasieren besorgt. Den ,, Rasierstuhl" hat er sich in primitiver aber geschickter Weise selbst 3 Poller, Buchenwald 33 gezimmert. Er verfügt sogar über eine elektrische Haarschneidemaschine.. Als er mir das Haupt kahl geschoren und mich so endgültig lagerfähig gemacht hat, sagt er:„Nun sehe dir die Haare noch einmal an, du siehst sie nie wieder“, und packt die Haare in einen Sack. Der Barbier war Eduard Raderick aus Cranz a.d.Elbe. Ich habe später gute Kameradschaft mit ihm gehabt. Er war seit 1933 in Haft und hoffte, nun bald entlassen zu werden, zumal er nur einfaches Mitglied der KPD. gewesen war und eigentlich kein Grund bestand, ihn solange in Haft zu behalten. Wie ich nachträglich erfahren habe, hat sich sein Schicksal 1944 erfüllt. Er wurde trotz aller Bemühungen seiner Angehörigen nicht aus der Haft entlassen und später im zusammengebombten Duisburg zu Aufräu- mungsarbeiten eingesetzt. Dab i ist er von SS.-Leuten erschossen worden. Ich komme dann mit verschiedenen Häftlingen ins Gespräch und werde gründlich ausgefragt. Meine Fragen hingegen nach den Lagerver- hältnissen werden‘ immer nur ausweichend beantwortet. Ich wundere mich sehr darüber; aus den Strafanstalten war ich gewohnt, daß jeder Zugang ohne weiteres genauer informiert wurde. Aber es dauerte auch hier gar nicht lange, bis ich diese Vorsicht durchaus verstand. Man brauchte nur an eine falsche Adresse zu kommen, das heißt an einen Spitzel oder Verräter, der glaubte, sich bei der Lagerleitung„ein- schmusen“ zu können, und mußte nicht erlaubte Informationen mit grausamen Bestrafungen, häufig sogar mit dem Tode büßen. Als wir mitten in lebhafter Unterhaltung sind, packt mich ein Häft- ling an die Schulter und dreht mich impulsiv zu sich herum. Ich blicke in ein Gesicht, das mich anlächelt und das mir auch irgendwie bekannt vorkommt, aber ich erinnere mich nicht, wo und wie ich diesen Kame- raden kennengelernt habe. Er merkt, daß ich ihn nicht erkenne und sagt: „Kennst du mich denn nicht?“ „Nein, mit dem besten Willen nicht.“ „Feißt du nicht Walter?“ „Ja, sicher.“ „Bist du nicht aus Hamm?“ „Das auch.“ „Und du kennst mich nicht?“ „Nicht, daß ich wüßte.— Bist du auch aus Hamm?“ „Ja, Widumstraße.“ „Widumstraße?“ „Ja.— Na? Immer noch nicht?“ 34 ,, Nein, bestimmt nicht, wirklich nicht." ,, Schulenburg." ,, Mensch, Herrgottsakradio, Hännes, alter Schwede! Ja, jetzt erkenne ich dich! Ja, das bist du! Hännes Schulenburg! Wie geht's, wie steht's? Wo kommst du her? Wie lange bist du schon hier? Sind sonst noch Bekannte hier? Wie ist es hier im Lager?" Hans Schulenburg, der so abgemagert ist, daß ich ihn zunächst nicht erkannte, trotzdem ich ihn häufig genug gesehen und gesprochen habe, lächelt nur, beantwortet keine meiner sich überstürzenden Fragen und sagt statt dessen ruhig und sachlich: ,, Hast du schon einen Spindplatz?" Als ich verneine, räumt er eine kleine Ecke in seinem Spind, in dem schon vier andere Häftlinge ihr Zeug untergebracht haben, aus, so daß ich wenigstens meine Eẞschale abstellen kann, und spricht mit seinem Tischältesten, der zwar ein wenig widerwillig, aber dann doch zustimmt, daß ich mit in seine Tischgemeinschaft aufgenommen werde. Dann sagt er: ,, Komm, laßt uns eine Zigarette rauchen." Er nimmt mich mit in den Waschraum, weil im Tagesraum nicht geraucht werden darf. Zwar darf auch hier nicht geraucht werden, aber es herrscht stillschweigendes Übereinkommen unter den Häftlingen, und jeder raucht dort ,, auf eigene Gefahr". Mit kameradschaftlicher Selbstverständlichkeit erlaubt mir Schulenburg, soviel von seinem Tabak zu rauchen wie mir beliebt. Er fragt mich weiter, ob ich Geld habe, oder ob er mir etwas geben solle, und instruiert mich kurz über alles, was ich tun müsse, um einigermaßen im Lager durchzukommen. Zum Beispiel müßte ich das Geld über zehn Mark einem anderen Häftling zur Aufbewahrung geben. Er erweist sich in allem als guter Kamerad und ist es auch bis zur letzten Stunde geblieben, und was er mir anriet und für mich tat, war von einer solchen Selbstverständlichkeit und unbetonten Uneigennützigkeit getragen, daß es mir schier unbegreiflich wurde, daß wir jemals trotz des gemeinsamen Zieles gegeneinander gestanden haben. Gewiß, wir standen im Lager in gemeinsamer, entsetzlicher Not, aber waren jene politischen Dinge, die uns einstmals trennten, nicht im Grunde genau solche gemeinsamen und für die Menschheit noch viel entscheidenderen Notstände?! Mußte erst das ,, Schützengrabenerlebnis" über uns hereinbrechen, um uns zu bedingungsloser Kameradschaft zu zwingen?! Und so wie er, geschult durch die harte Not des Konzentrationslagers, genau wußte, was in dieser kurzen Stunde des ersten Zusammenseins das 3* 35 Nächstliegende und Wichtigste für mich war, und darum meine jetzt einfach unwichtigen Fragen überhörte, so müssen wir alle lernen, in allen Lagen des Lebens die Stunde zu nutzen und das Erforderliche und Mögliche zu tun! ,, Geh schlafen", sagt er bald ,,, du hast morgen einen harten Tag, und es ist besser, wenn du ausgeruht bist. Wir werden noch genug Zeit haben, über das zu sprechen, was uns auf dem Herzen liegt." Und als ich dann unter meine beiden dünnen Wolldecken gekrochen bin und den Tag überdenke, so wie ich es schon seit vielen Jahren zu tun pflege, da erst wird es mir klar, daß Hans Schulenburg mir zwar viele wichtige Fingerzeige gegeben hat, daß er im Grunde aber ungemein vorsichtig in seinen Äußerungen über das Lager gewesen ist und daß er mir manche meiner vielen Fragen nicht beantwortet hatte. Und erst später, als mir selbst die Atmosphäre aufgegangen war, die hier im Lager infolge des Zwanges und der Grausamkeit herrschte, verstand ich ihn ganz. Um 5 Uhr ist jetzt im Winter für uns Häftlinge die Nacht vorbei, im Sommer beginnt der Tag um 4 Uhr. Eine Stunde nach dem Wecken muß auf dem Appellplatz angetreten werden. Im Winter geht die Arbeitszeit bis 16 beziehungsweise 17 Uhr, im Sommer bis 18 Uhr. Es ist noch finster, als wir zum Appellplatz abrücken. Auf den Lagerstraßen sammeln sich die einzelnen Blocks zu einem langen Zuge. Die Kolonnen ziehen mit sonderbar schleppendem Gang dahin, widerstandslos, schicksalsergeben, als laste alle Verdammnis der Erde auf ihnen, ungemein stupide und monoton. Ich muß unwillkürlich an den Film ,, Schuld und Sühne" denken, den ich vor Jahr und Tag sah und in dem mir der Zug der Verbannten durch die unendliche Einöde Sibiriens ans Herz griff. Jetzt marschiere ich selbst in einem solchen Zuge, und das Mitleiden und Mitfühlen von damals ist nun schwer lastendes, ureigenstes, allerpersönliches Erleben. Auf dem Appellplatz wird blockweise angetreten. Alles geht fast reibungslos. Der Blockälteste zählt die Belegschaft ab, und als er sich davon überzeugt hat, daß kein Häftling fehlt, wartet er auf den Scharführer. Der weite Platz ist von Häftlingen überfüllt. Unser Block steht ganz unten auf dem Appellplatz. Es ist empfindlich kalt. Der Wind fegt durch unsere Kleider. Noch ist es dunkel, aber die erste graue Morgendämmerung zieht langsam herauf. Über dem Block, der in einiger Ent36 fernung vor uns angetreten ist, tauchen weit hinten jetzt die Konturen des Wachtturms über dem Lagertor auf. Zu meiner Rechten sehe ich hinter dem hohen Stacheldrahtzaun die großen Baracken IA bis VA. Wir Zugänge haben wie die meisten Häftlinge keine Handschuhe. An- dere sind glücklicher dran. Aber auch sie schlagen die Hände aneinander und trampeln mit den Füßen. Die meisten Häftlinge schweigen. Nur ab und zu beobachte ich, wie einer leise etwas zu seinem Neben- oder Hintermann sagt. Plötzlich geht ein leise geflüstertes, warnendes„Ach- tung“ durch die Reihen. Sofort steht alles still. Ich höre, wie unser Block- ältester kommandiert: „Achtung! Block 39, stillgestanden! Die Augen—— links!“ Dann sehe ich, wie aus dem dämmerigen Dunkel ein SS.-Scharführer auftaucht. Unser Blockältester läuft auf ihn zu, reißt die Mütze vom Kopf und erstattet ihm in strammer Haltung Meldung. Der Scharführer geht an die Spitze des Blocks und schnarrt:„Abzählen!“ Und indes das Abzählen wie am Schnürchen durch das erste Glied von Flügelmann zu Flügelmann rast, geht der Scharführer mit schnellen Schritten die Front ab und überzeugt sich, daß die Reihen vollzählig sind. Auf einem Appell- zettel macht er eine entsprechende Eintragung und geht dann zu einem anderen Block. Unser Blockältester kommandiert:„Rührt euch!“, und sofort kommt wieder Bewegung in unseren eben zur Mauer erstarrten Block. Man trampelt mit den Füßen, reibt die Hände, schlägt die Arme, aber alle Bewegung ist sonderbar verhalten, als wäre sie einem strengen Verbot abgestohlen. Wir stehen schon fast eine ganze Stunde auf dem Appell- platz, und immer lichter wird die Dämmerung, und immer erstarrter werden die Glieder. Wir hauchen unsere Hände an und reiben uns Nasen und Ohren warm. Jetzt sehe ich schon deutlicher die Blocks vor uns. Auch drüben bei ihnen dieselbe verhaltene Bewegung wie bei uns, dies Trampeln, Händereiben und Armeschlagen. Soweit mein Auge sieht, nichts als Häftlinge in gestreifter Kleidung oder alten Soldatenröcken, viele Hunderte, Tausende, Zehntausende. In den riesigen Lautsprechern, die über den Platz verteilt sind, knarrt es. Sofort steht wieder alles still, als hätte irgendein gigantischer Mario- nettenspieler die Fäden seiner Puppen plötzlich aus der Hand gelegt. Ich höre ein Klopfen im Lautsprecher. Offenbar wird ausprobiert, ob die Anlage funktioniert. Dann ein Kommando, hohl, hallend und über- menschlich laut: ‚Achtung! Lager— stillgestanden! Augen— rechts!“ Ich sehe nichts von den Dingen, die oben am Tor vor sich gehen, aber ich stehe genau so erstarrt und unbeweglich da, wie die Zehntausende 37 meiner Schicksalsgefährten. Und wenn ich es müßte und könnte, hielte ich wohl auch noch den Atem an. Nun knarrt es wieder in den Lautsprechern und dann: ,, Augen- gerade-- aus! Rührt euch!" Und augenblicks kommt wieder die verhaltene Bewegung in die Blocks. Ich höre, wie jemand vor mir sagt: ,, Na, das hat ja heute mal geklappt. Verdammt kalt heute. Soll der Teufel den ganzen Zinnober holen." Wieder knarrt der Lautsprecher: ,, Zugänge ans Tor! Arbeitskommandos antreten!" Wie auf einen Schlag kommt lebhafte Bewegung in die Massen, alles scheint durcheinander zu laufen. Es ist wie in einem plötzlich aufgescheuchten Bienenschwarm, aber dennoch, es ist kein Durcheinander, und schon nach wenigen Tagen beobachte ich, wie schnell und sicher sich die Zehntausende neu gruppieren. Mir ist gesagt worden, daß ich mich sputen müßte, ans Tor zu kommen, denn der Arbeitsdienstführer SS.- Hauptscharführer Bräuning liebt es, die Zugänge, die nicht augenblicks am Tor sind, besonders schweren Arbeitskommandos zuzuteilen, und ist wegen seiner brutalen Faustschläge und Fußtritte allgemein gefürchtet. Ich nehme deshalb meine Beine in die Hand und laufe den Appellplatz hinauf. In der Nähe des Mikrophons haben sich schon verschiedene Zugänge aufgestellt. Ich gruppiere mich zu ihnen, auf Anraten von Mithäftlingen im zweiten Glied, denn dort bin ich nicht in unmittelbarer Reichweite der Faustschläge des SS.- Mannes, aber andererseits doch wieder so weit vorne, daß ich mich eventuell zu einem weniger gefürchteten Arbeitskommando drängen kann. Doch meine Vorsicht ist umsonst. Bräuning ist nicht da. Er ist schon auf Weihnachtsurlaub. Der SS.- Scharführer, der ihn vertritt, sagt uns, daß wir uns am Tag nach dem Fest erneut mit den Zugängen am Tor zu melden hätten, und überweist uns zunächst geschlossen zum Arbeitskommando ,, Garagenneubau". Ein Häftling, der eine Armbinde mit der Aufschrift ,, Kapo" trägt, nimmt uns in Empfang und führt uns wieder den Appellplatz hinunter nach der Stelle, wo sein Arbeitskommando angetreten ist, das aus etwa tausend Häftlingen besteht. Er gruppiert uns in die Kolonne ein und sagt uns, daß wir gleich beim Marsch durchs Tor vor allem auf Gleichschritt, Vordermann und Seitenrichtung zu achten hätten. Wer es nicht täte, würde sein blaues Wunder erleben und könne froh sein, wenn er mit einigen Kolbenstößen oder Schlägen über den Schädel statt mit Fünfundzwanzig, Torstehen oder einer Freiluftpartie am Baum davonkäme. Vor uns in der Kolonne stehen einige entsetzlich ausgemergelte Häftlinge, stumpfsinnig ergeben, mit hochgezogenen Schultern, frierend, und 38 offenbar so schwach, daß sie sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten können. Einer von ihnen hat sich bestimmt seit Wochen nicht mehr gewaschen. Schleim rinnt ihm aus der Nase, ohne daß er sich darum kümmert, und aus seinem sich unablässig wie bei einem Wiederkäuer bewegenden Mund rinnt der Speichel die scharfen Hautfalten herunter, die sich von den Mundwinkeln bis unter das spitze Kinn ziehen. Welch ein ,, Ebenbild Gottes"! Später, als ich mit den Lagerverhältnissen genauer vertraut bin, weiß ich genau, daß dieser Zustand die Einleitung der unabänderlich letzten Tage ist, aber heute bin ich noch nicht im Bilde, heute weiß ich noch nichts von dem großen Sterben, das in diesem Lager umgeht, heute ist mir das grausame Wort ,, Hungertod" noch ein tragischer Begriff von des Gedankens Blässe angekränkelt und kein Erlebnis, das durch die eigenen Augen mitten ins Herz greift. Die Musik der Lagerkapelle, die oben am Tor neben dem Mikrophon Aufstellung genommen hat, lärmt auf, ohrenbetäubend, schrill, gellend und wie mit Kanonenschlägen donnernd. Es wird irgendein Marsch gespielt, aber das ist kein Marsch, keine Musik mehr, das ist ein einziges Taktgebumse von riesigem Ausmaß, als wäre eine Horde Wilder in ekstatischem Rausch, in suggestivem Rhythmus zum Gleichschritt zwingend. Unser Kapo kommandiert: ,, Auf der Stelle im Gleichschritt-- marsch!", und die Kolonne fängt an zu marschieren. Hilfskapos schreiten die Kolonne ab und sorgen hier und da mit mehr oder minder harten Fußtritten und Faustschlägen für Ordnung und Gleichschritt. Dann nach einigen Minuten setzt sich unsere Kolonne unvermittelt in Bewegung. Wir marschieren in Richtung auf das Tor und gruppieren uns in die lange, schier endlos lange Schlange der großen und kleinen Marschkolonnen ein. Da hören wir plötzlich durch alles Getöse entsetzlich qualvolle Schmerzensschreie. Sie stammen von einem Häftling, der oben am Tor durchgeprügelt wird. Ich werde an anderer Stelle davon ausführlicher berichten. Wir marschieren am Prügelbock vorbei, und als wir kurz vor dem Tor sind, reißen wir auf Kommando die Mützen vom Kopf. Ich bin mir nie klar darüber geworden, ob wir damit der Hakenkreuzfahne, die über dem Wachtturm wehte, oder den SS.- Leuten am Tor Reverenz erweisen mußten. Wir marschieren durchs Tor, den Karachoweg hinauf, durch das zweite Tor hinaus. Mehrfach kommandiert dabei unser Kapo: ,, Mützen ab!" und dann hinterher ,, Mützen auf!" Jeder SS.Offizier muß von der Kolonne gegrüßt werden. 39 99 Wir schlagen die rechte, gut ausgebaute Waldstraße ein. Noch lange lärmt die Lagerkapelle hinter uns her. Linker Hand liegt der Garagenneubau, dem wir Zugänge für den heutigen Tag zugeteilt sind. Die Maurerarbeiten ruhen wegen der strengen Kälte, aber die umfangreichen Erdarbeiten werden weiter fortgesetzt. Die Kolonne teilt sich in kleinere Gruppen auf. Von einer Postenkette kann ich nichts sehen. Auch Scharführer sind nirgends zu erblicken. Ein paar SS.- Leute, die aus scheinbar eben fertiggestellten Großgaragen Lastkraftwagen und Motorräder usw. holen, kümmern sich nicht um uns. Ich bin einer Kolonne zugeteilt, die den Auftrag erhält, einen großen Schuttberg beiseite zu räumen. Der Häftling, eine Art Unterkapo, der uns die Arbeit anweist, entfernt sich und überläßt uns unserem Schicksal. Die alten Häftlinge, die die Arbeitsverhältnisse bereits kennen, gehen sofort an die Arbeit und hacken, ohne sich auf- und umzusehen, mit Picken und Schaufeln emsig darauf los. Das ist für uns Zugänge geradezu faszinierend. Zwar können wir diesen Arbeitseifer nicht verstehen, da doch alle Aufsicht zu fehlen scheint, aber die alten Häftlinge arbeiten nicht nur, sondern wühlen und schuften derart, daß wir es schnell für richtig halten, es ihnen gleichzutun. Wenn auch der Grund uns nicht verständlich ist, so spüren wir doch, daß es in unserem eigenen Interesse liegen muß, den gleichen Arbeitseifer aufzubringen, und wir gehen, wie ein Berliner Kamerad sagt ,,, ran an die Bulletten." Bald ist es uns trotz der eisigen Kälte und des scharfen Windes warm geworden. Wir blicken auf die„ ,, Alten", die unablässig wühlen und wühlen, und tun es ihnen gleich. Einer von uns Zugängen sagt zu einem alten Häftling: ,, Mensch, laß doch langsamer gehen! Mach doch mal , Fünfzehn'!" Der Häftling unterbricht seine Arbeit aber auch nicht um eine Sekunde und sagt nur: ,, Bist du verrückt, Kerl?" Und wir schaufeln weiter den Schutt in kleine Tragkästen und transportieren ihn in Kippwagen, die einige fünfzig Meter von uns entfernt auf Feldgeleisen stehen und wo andere Häftlinge in emsigstem Bienenfleiß damit beschäftigt sind, einen großen Erdhügel abzutragen. Die Arbeit ist schwer, aber ich fühle mich ihr gewachsen. Noch bin ich verhältnismäßig gut genährt, und mein Körper ist durch die Arbeit der letzten einundeinhalb Jahre in den Mooren der Lüneburger Heide gekräftigt. Auch habe ich gelernt ,,, unter Aufsicht zu arbeiten", das heißt trotz der unmittelbaren Bedrohung durch eine harte Bestrafung haushälterisch mit meinen Kräften umzugehen und stundenlang unablässig tätig zu sein, ohne mich restlos zu erschöpfen. 40 Dennoch, das Arbeitstempo ist hier um vieles härter, und ich beginne, den grundsätzlichen und entscheidenden Unterschied zwischen der Arbeit in den Strafanstalten und im Konzentrationslager zu erahnen. In beiden Fällen ist die größtmögliche Arbeitsleistung das Ziel, in beiden Fällen wird die Arbeitskraft bis zum äußersten ausgenutzt. In den nationalsozialistischen Strafanstalten stand die Arbeitskraft aber nicht unbegrenzt zur Verfügung. Der Sträfling mußte daher arbeitsfähig erhalten werden. Und nach der Verbüßung der Strafzeit mußten die meisten Strafgefangenen wieder in die Gesellschaft zurückgeführt werden und also auch dann noch arbeitsfähig sein. Hier aber, im Konzentrationslager, gibt es diese Grenzen nicht mehr. Es sind genug Arbeitskräfte vorhanden. Und sie fließen dem Lager aus einem scheinbar unerschöpflichen Reservoir in ständig wachsender Zahl zu. Und dann, was sind das für Menschen, die im Konzentrationslager als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen? Die rücksichtslose Ausmerzung aller Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus auflehnen oder ihm sonstwie im Wege stehen, ist offen ausgesprochener Grundsatz. Ein Menschenleben gilt diesen Nationalsozialisten nichts. Sie sind mit einer Frivolität, die einem normalen Menschenhirn einfach nicht faßbar ist, grundsätzlich bereit, Menschenleben zu vernichten, und sie sind nicht nur dazu bereit, sie tun es auch! Und so ist die Arbeit der Konzentrationshäftlinge für sie nur ein Mittel mit doppeltem Zweck: Ausrottung des Gegners und gleichzeitige Beschaffung eines bequemen und nach ihrer Ansicht genußreichen Daseins. Sie zwingen die Menschen, die wehrlos in ihre Hand gegeben sind, bei der Arbeit für sie- zu sterben! Was gilt ihnen schon der Tod eines Gegners?! Sie sind in unfaßbarer Verdorbenheit bereit, Millionen Menschen auszurotten, wohlgemerkt, nicht zehn, hundert oder tausend, nein, Millionen! Und sie taten es auch! Sie sind so abgrundtief verworfen, so unfaßbar demoralisiert, so bar aller Menschlichkeit, daß sie selbst vor der grausamsten Grausamkeit nicht zurückschrecken, wenn sie ihnen einen Vorteil oder einen Genuẞ bringt. Das Vieh, das auf die Schlachtbank geführt wird, wird betäubt und kurz und rasch getötet. Der Mensch aber kann, bevor er stirbt, noch ,, ausgewertet werden. Mag er an den Qualen furchtbarer Fronarbeit sterben! Was macht das schon aus!! Es sind genug, übergenug solcher Menschen da. Es kommt nut darauf an, aus jedem einzelnen alles, aber auch alles herauszuquetschen, was Vorteil und Genuß bringt. Und dann, so soll es nach nationalsozialistischer ,, Überzeugung" auch sein; diese Menschen sollen gequält, gemartert, gefoltert werden, sie haben es nicht 41 besser verdient, nein, sie empfangen nach nationalsozialistischer Auffassung nur ihren ,, gerechten Lohn". Unablässig hacken, schaufeln und schleppen wir die Tragkästen, ohne Aufenthalt und ohne aufzusehen. Dann und wann inspiziert der Kapo; seine Annäherung allein schon genügt, um die alten Häftlinge zu einem solchen Arbeitseifer anzustacheln, daß ihnen trotz der eisigen Kälte buchstäblich der Schweiß auf der Stirne steht. Einer von ihnen, ein Schwarzer, macht sich in hündisch kriecherischer Weise an den Kapo heran und sagt ihm, daß wir Zugänge die Arbeit nicht richtig machten. Es ist offensichtlich, daß er sich nur einzuschmeicheln versucht. Aber der Kapo greift nicht ein, er weist zwar den schmierigen ,, Zinker" nicht zurück, beschränkt sich jedoch darauf, uns anzuweisen, wie wir die Arbeit zu verrichten hätten. Meine Finger und Handballen beginnen zu schmerzen, und ich spüre deutlich, daß ich in der Arbeitsleistung nachlasse. Da rast plötzlich der Kapo- es ist der Sohn eines Bauunternehmers aus Frankfurt am Main, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, trägt den roten Winkel, schweigt sich aber völlig darüber aus, weshalb er in das Lager eingeliefert wurde- im Laufschritt über den Platz auf einige SS.- Leute zu, die ihm von einer großen Garagentür zugewinkt haben. Die Mütze in der Hand steht er stramm vor den SS.- Leuten und verschwindet dann mit diesen in die Garage. Nach einiger Zeit kommt er wieder heraus, geht auf unsere Kolonne zu und befiehlt kurz und herrisch: ,, Mitkommen!" Ebenso befiehlt er einer zweiten Gruppe, die in der Nähe arbeitet. Wir gehen in die Garage. Ein weiträumiger Hallenbau, in dem zahlreiche Lastkraftwagen und auch einige Motorräder und Baumaterial aller Art ungeordnet untergebracht sind. Wir sollen einen 5 bis 6 Meter langen und etwa 1,20 Meter hohen Dampfkessel auf einen Lastwagen heben und schieben zunächst dicke Kanthölzer unter den Kessel. Einige Häftlinge packen die Kanthölzer, andere die Laschen und Armaturen an. Mit äußerster Anstrengung gelingt es uns, den Kessel einseitig etwas anzuheben, aber wir bekommen ihn nicht von der Stelle. Auf Anweisung des Kapos werden dann Rundhölzer unter den Kessel geschoben, und nun können wir ihn bis an den Lastkraftwagen bringen. Und dann gelingt es uns auch nach mehrmaligem Ansetzen, ein Ende des Kessels mit äußerster Kraftanstrengung auf den Wagen zu schieben, aber dann geht es nicht weiter. Wir bekommen das andere Ende 30, 40, vielleicht auch 50 Zentimeter hoch, zittern in den Knien, keuchen, schwitzen, aber es geht einfach 42 / nicht. Zum vierten Male haben wir schon angesetzt, der Kapo brüllt wie ein Berserker, aber es geht und geht nicht, wir bekommen den Kessel nicht über den toten Punkt zwischen Zug und Hub. „Nicht fallen lassen!“ schreit uns der Kapo an, als wir den Kessel wie- der bis zum toten Punkt hochgehoben haben. Er ist selbst in einer Ekstase, die an einen hemmungslosen Tierquäler erinnert, der ein stör- risches Tier mit äußerster Brutalität zu zwingen versucht. Und weiter brüllt er:„Ich hau euch doot, wenn ihr den Kessel fallen laßt!!“ Und dann schlägt er plötzlich mit einem Knüppel wahllos auf uns Häftlinge ein, brüllt wie ein wildgewordener Stier, traktiert uns mit Fußtritten und schlägt und schlägt. Der Kessel wird immer schwerer und schwerer, und langsam gleitet das etwas angehobene Ende wieder auf den Boden zurück. Der Kapo rast um den Kessel herum: ‚Ich werd’ euch faule Bande kriegen! Ich werd’ euch Mores lernen! Ihr Saustücke, ihr Halunken, ihr Schurken, ihr!“{ Als er uns wieder zum Ansetzen kommandiert, greift ein SS.-Mann ein.„Hol noch ein paar Mistvögel!“ sagt er zum Kapo.„Das wäre ja noch schöner!“ sagt dieser, aber der 5S.-Mann veranlaßt ihn trotzdem, noch einige Häftlinge herbeizuholen. Wir haben einen Augenblick Ruhepause. Wir stehen geduckt und ängstlich da, keuchen und versuchen, unsere erschöpften Kräfte wieder zu sammeln. Der Kapo kommt mit sechs weiteren Häftlingen zurück. Es werden längere Balken unter den Kessel geschoben, damit alle Häftlinge an- packen können. Wieder setzen wir auf Kommando an. Diesmal be- kommen wir den Kessel hoch, aber als wir ihn auf den Wagen schieben wollen, ist irgendein Hindernis da. Wieder brüllt der Kapo wie ein Wahnsinniger, wieder schlägt und tritt er wahllos auf uns ein. Mit der letzten Kraft der Verzweiflung drücken, stemmen und schieben wir, und langsam, langsam gleitet der Kessel auf den Wagen. Und kaum ist der Kessel oben, da brüllt uns der Kapo an:„An die Arbeit, ihr Brüllaffen!“, und augenblicks laufen wir so schnell wir nur können aus der Garage hinaus an unseren Arbeitsplatz, nur fort, nur weg, wieder ran an die. harte Arbeit mit äußerster Anstrengung, denn dort werden wir doch wenigstens nicht noch obendrein körperlich mißhandelt.—— Ich sehe deutlich, daß sich die alten Häftlinge noch eifriger an die Arbeit machen, sie kümmern sich um nichts mehr, jeder ist sich selbst der Nächste, keiner sagt ein Wort, alle hacken und schaufeln und karren nur, als wären sie vom Teufel besessen. 43 Ich bin gerade dabei, mit einer Spitzhacke aus dem festgefrorenen Schutthaufen neuen Schutt zu lockern, während der Häftling, mit dem ich zusammen an den Tragkasten gestellt worden bin, den Schutt in den Kasten schaufelt, da kommt der Kapo auf uns zu. Wir arbeiten wie die Verrückten. Der Kapo steht wortlos da und sieht unserer Arbeit zu. Als sich ein paar andere Häftlinge mit ihrem Tragkasten in Bewegung setzen, brüllt.er:„Das nennt ihr arbeiten? Laufschritt, marsch, marsch!“ Die beiden Häftlinge fangen an zu laufen, widerspruchslos und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.„Ich will euch quadratigen Nacht- wächtern schon beibringen, wie hier gearbeitet werden muß, ihr Schlappschwänze ihr! Der Kasten ist in Nullkommanichts voll! Und dann geht es, aber im Karacho, nach den Kippwagen und zurück! Und das geht den ganzen Tag so! Und wenn heute abend der Haufen hier nicht verschwunden ist, dann geht das ganze Kommando über den Bock, verstanden?!“ Und als ich dann mit meinem„Pauker“- so nannten wir einen Häftling, der auf Gedeih und Verderb zu gemeinsamer Arbeit mit uns verbunden war— den übervollen Tragkasten anfasse, da setze ich mich gleichfalls sofort in Laufschritt, wehrlos, willenlos, eine Maschine, kein denkender Mensch mehr. Und auch heute noch, da ich den damaligen Tag in großem Abstand überdenke, bleibt immer noch ein letzter Rest von Unbegreiflichkeit übrig, denn damals wußte ich noch nicht, wie grausam zuweilen jene Menschen starben, die sich nicht willenlos und auf der Stelle dem Befehl eines SS.-Mannes oder Kapos beugten, und trotzdem ich noch ahnungs- los war, wehrte ich mich nicht gegen den Befehl, den dieser Kapo ganz offensichtlich nur deshalb gab, weil ihn die SS.-Leute gezwungen hatten, weitere sechs Häftlinge zur Hilfe zu holen. Der Kapo bleibt etwa eine halbe Stunde neben unserer Arbeitsgruppe stehen, und selbst lange Zeit nachdem er uns schon wieder verlassen hat, außer Sichtweite ist, bei anderen Arbeitskolonnen herumtobt und uns nicht mehr beobachtet, halten wir das mörderische Arbeitstempo noch durch, und es ist nicht unser Wille, sondern allein unsere physische Grenze, die langsam das Tempo abbremst. Um 12 Uhr verkündet ein weit entfernter Sirenenton eine halb- stündige Mittagspause. Wir sind derartig erschöpft, daß wir einfach um- fallen, uns auf den kalten Boden legen und kaum in der Lage sind, unser trockenes Brot zu essen, das wir im Brotsack bei uns tragen. Und wir empfinden die Ruhe als—— köstliches Geschenk des gütigen Himmels. Die Baustelle, auf der es eben noch wimmelte und krimmelte, liegt 44 wie ausgestorben. Nein, doch nicht, hier und da sind einige Häftlinge, die weiter arbeiten. Das sind die, die auf Befehl des Kapos aus irgendeinem Grunde mit ,, Durcharbeiten" bestraft sind. Dort geht der Kapo gemessenen Schrittes quer über den Platz, aufrecht, frisch, und den Stock, mit dem er uns eben noch über den Schädel und durch das Gesicht schlug, wirft er spielerisch von einer Hand in die andere. Wäre es ein SS.- Mann, ich würde mich abwenden und ins Leere starren. Aber das ist kein SS.- Mann, das ist ein Häftling wie ich. Er trägt genau dieselbe Kleidung wie ich, genau denselben roten Winkel. Nur um den Arm die Kapo- Binde, die unterscheidet ihn äußerlich von mir. Und dann diese Brutalität, diese viehische ,, Gesinnung", diese abgrundtiefe Verworfenheit, diese unfaßbare Demoralisierung! Es ist nur gut, daß ich noch ein wenig zu denken vermag. Habe ich nicht in den Strafanstalten schon zur Genüge diese Sorte Mensch kennengelernt, diese Schmarotzer unter den Gefangenen, die Hilfsdienste bei den Wachtleuten versehen und von uns Kalfaktoren genannt wurden? Bin ich da nicht auch schon manchmal verzweifelt gewesen? Verzweifelt, bis ich dann doch von irgendeinem Kalfaktor belehrt wurde, daß selbst in diesem Schmierlappenkleid noch anständige Gesinnung, würdiges Menschentum, wundervollstes, aufopferndes Kämpfertum lebendig war? Dort geht der Kapo. Fraglos, das ist einer von jener Sorte Mensch, die es nicht wert ist, den Namen Mensch zu tragen. Es wird hier aber sicherlich auch noch andere Kapos geben! Ist drüben im Lager nicht Hans Schulenburg? Habe ich nicht erlebt, daß andere Häftlinge, die ich gar nicht kannte, sich für mich eingesetzt haben? Und jener Häftling, den ich nur flüchtig kannte, dem ich die Nummer 996 verdanke? Die Nummer, von der ich noch nicht weiß, was für eine Bewandtnis es damit hat, die aber fraglos irgend etwas Wichtiges, mir Helfendes bedeutet. Wieder der entfernte Sirenenton. Die Mittagspause ist vorüber. Und wieder geht es an die harte Fronarbeit, die mörderische, die stundenlange, und von jeder Viertelstunde zur nächsten wird sie schwerer und schwerer. Da endlich ruft uns ein schrilles Pfeifensignal zum Antreten. Die Arbeit für diesen Tag ist zu Ende. Ich bin abgewrackt, erschöpft, zerschunden, am Rande meiner Kräfte. Der Schutthaufen aber, der nach der Anordnung des Kapos verschwunden sein sollte, ist noch zur Hälfte da. 45 Die Arbeitskolonne ist wieder angetreten. Die Häftlinge sind vollzählig zur Stelle. Noch bevor wir uns in Marsch setzen, hören wir, wie weit in der Ferne die Lagerkapelle einsetzt. Die Lautsprecher tragen das Getöse kilometerweit herüber. Wir marschieren im Gleichschritt ins Lager zurück. Die Hilfskapos sorgen für Vordermann und Seitenrichtung. ,, Mützen ab! Mützen auf!" gehen die Kommandos. - Vor dem Gittertor gibt es eine Stockung. Auf der Straße von Weimar marschiert eine andere Arbeitskolonne vor uns in den Karochoweg ein. Die Häftlinge dort sind gleichfalls müde und abgewrackt, ich sehe viele halbverhungerte Gestalten, und alle Gesichter sind eigenartig uniformiert. Ein frisches Gesicht, eine straffe Haltung, blitzende Augen sind selten und fallen ganz aus dem Rahmen. Die Kolonne singt das Lied vom Franzosen, der einen Gemsbock jagen wollte, mechanisch, stupide, lustlos, befohlen. Es ist mehr Gröhlen als Singen. Das Ende der Kolonne bilden die ,, Maroden", das sind die Häftlinge, die im Laufe des Tages zusammengebrochen sind. Einige von ihnen vermögen nur noch mühsam zu gehen, andere müssen getragen werden. Je vier Mann tragen einen Maroden, und je nachdem, in welchem Zustande sich dieser befindet, wird er transportiert, das heißt, je klarer er noch bei Bewußtsein ist, desto vorsichtiger und behutsamer wenn dieses Wort überhaupt gebraucht werden darf- wird er getragen, nicht etwa umgekehrt. - Wir marschieren durchs Tor, über dem in großen Lettern die Worte stehen: ,, Recht oder Unrecht mein Vaterland!" Scharführer zählen unsere Reihen nach. Hinter dem Tor verharrt unsere Kolonne einen Augenblick, dann ertönt das Kommando: ,, Arbeitskommando weggetreten!" und ich suche den Platz, wo heute morgen unser Block zum Appell angetreten war. Über eine Stunde dauert auch diesmal wieder der Appell. Namen und Nummern von Häftlingen werden aus irgendeinem Grunde durch den Lautsprecher bekanntgegeben. Auf dem Bock werden Häftlinge reihenweise durchgeprügelt. Diesmal stehe ich so, daß ich bis zum Tor hinaufsehen kann. Ich sehe das Mikrophon, sehe den Schutzhaftlagerführer SS- Obersturmbannführer Rödl, einen dicken Menschen mit aufgedunsenem Gesicht und bärig- tapsigen Bewegungen. Jetzt tritt ein SS.- Mann ans Mikrophon, es ist der ,, Feldwebel des Lagers", SS.- Hauptscharführer Strippel, ein Mann in den dreißiger Jahren mit nicht unüblen Gesichtszügen, etwas beleibt, aber doch sportlich straff in seinen Bewegungen. Er gibt irgendeine Anordnung durch die Lautsprecheranlage bekannt. Den Bock kann ich nicht sehen, aber ich höre die Stockschläge und die Schreie der Durchpeitschten. Ich habe einen Mordshunger 46 und alle Glieder schmerzen mir. Wenn doch der Appell erst einmal zu Ende wäre. Rödl tritt an das Mikrophon und hält eine Ansprache, aber ich verstehe kein Wort. Die meisten Häftlinge tun es anscheinend auch nicht, denn ich beobachte, daß sie gar nicht hinhören. Nur einige horchen gespannt. Plötzlich machen sie eine Geste, aus der zu schließen ist, daß sie wissen, daß nun die Ansprache zu Ende ist. Und in der Tat geht Rödl dann auch vom Mikrophon fort. Mir ist alles unbegreiflich. Jetzt geht Rödl, der sich einige Schritte entfernt hat, wieder auf das Mikrophon zu und sagt nur ein Wort, das ich aber auch nicht verstehe. Die Lagerkapelle setzt ein, intoniert die Melodie ,, Schlößchen im Walde", und bei der zweiten Wiederholung setzen die Zehntausende zu einem gewaltigen Massenchor ein. Drei-, viermal muß eingesetzt werden, ehe es klappt, und dann braust es orkanartig über den Platz durch das ganze, große Lager und füllt die Wälder ringsum bis tief hinab in das Tal mit einem Chorgesang, der wie die Posaunen des jüngsten Gerichtes in der Phantasie eines religiösen Menschen donnernd und tosend dröhnt. Als der letzte Ton verklungen ist, gibt Rödl an Strippel ein Zeichen, Strippel tritt an das Mikrophon: ,, Abrücken!", und blockweise rücken die Häftlinge ab ins Barackenlager. Wir Zugänge sollen mit nach der Küche, um die Essenkübel zu holen, aber unser Stubenältester Franz sieht, wie arg wir mitgenommen sind, und beauftragt andere Häftlinge, die uns die Arbeit auch sofort bereitwillig abnehmen. Mein Tisch ist nicht voll besetzt. Es gehören zu ihm verschiedene Häftlinge, die kommandiert und zur Zeit noch beschäftigt sind. Ihr Essen wird aufgehoben. Und ich habe Platz an einem Tisch, ansonsten hätte ich mein Essen im Stehen einnehmen müssen. Die Ruhe tut mir gut. Ich erhole mich langsam. Es gibt eine Kohlsuppe, wässrig, ohne Fleisch, bei weitem nicht ausreichend. Meine Brotration esse ich zur Hälfte mit auf. Ich möchte sie wohl gerne ganz verzehren, aber ich denke an den morgigen Tag. Ich gehe in den Waschraum. Das kalte Wasser erfrischt mich. Dann gehe ich zu Franz und informiere mich näher über das Leben im Lager nach Feierabend. Hans Schulenburg ist noch nicht da. Ich beschließe, 47 ins Lager zu gehen und mich auf eigene Faust umzusehen, denn jetzt dürfen wir Häftlinge im Rahmen der Lagerdisziplin tun und lassen, was wir wollen. Heute schon sehe ich mit klareren Augen. Das Lagerleben ist nicht mehr so kaleidoskopisch. Deutlich erkenne ich den Unterschied zwischen Lagerelite und Masse. Ich unterscheide fast immer sofort den politischen Häftling vom Asozialen und sehe besonders bei den Schwarzbewinkelten immer und immer wieder bejammernswerte Gestalten. Die Bibelforscher mit ihren violetten Dreiecken sind fast durchweg sauber und ordentlich gekleidet und zeigen Haltung. Auch die Grünen scheinen robustere Menschen zu sein, die eher mit den Lagerverhältnissen fertig werden. Unterschiedlich sind die Juden der verschiedenen Kategorien. Die meisten tragen den roten Winkel, aber unter ihnen sind weit mehr zermürbte, ausgemergelte, verhungerte und kranke Gestalten als unter den politischen Ariern. Die Latrinen sind noch grauenhafter und unhygienischer als ich gestern abend im Dämmern beobachten konnte. Ich habe einen unwiderstehlichen Ekel, sie zu benutzen. Das Betreten des Waldes, der sich unterhalb des Barackenlagers befindet, ist zur Zeit verboten; ich wende mich deshalb lageraufwärts. Ich sehe mir eine ,, schwarze Baracke" näher an. Im stickigen Tagesraum sind die Häftlinge noch enger zusammengepfercht als bei uns im Steinblock. Ich beobachte, daß das Zusammenleben dort bedeutend undisziplinierter vor sich geht. Auf dem Weg vor der Baracke geraten sich zwei Schwarze in die Haare, und im Handumdrehen ist ihr gegenseitiges Schimpfen in eine Schlägerei ausgeartet, aber keiner der übrigen Häftlinge in der Nähe scheint sich sonderlich darum zu kümmern. Erst als ein Blockältester dazu kommt, lassen die Kampfhähne voneinander und tauchen schnell im Gewimmel der Häftlinge unter. Der Schlafraum in der schwarzen Baracke besteht nur aus Pritschen und nackten Strohsäcken, auf denen je eine Wolldecke am Fußende zusammengerollt liegt. Auf je zwei Strohsäcken müssen drei oder vier Häftlinge schlafen, während bei uns im politischen Block jeder noch sein eigenes Nachtlager hat. Ich komme zu den Verwaltungsbaracken am oberen Ende des Barackenlagers. Vor der Post steht eine lange Schlange von Häftlingen, die Einschreibebriefe und dergleichen in Empfang nehmen müssen. Da ist die Lagerbibliothek, die verhältnismäßig wenig benutzt wird. Vor dem Zimmer der Lagerältesten herrscht reger Betrieb, dort kommt und geht es ohne Unterbrechung. Der Appellplatz liegt leer und verlassen da. 48 Die kleinen vergitterten Fenster des Arrestgebäudes rechts neben dem Tor sind mit Holzluken verschlossen. Ich gehe an der Seite, wo die Baracken IA bis V A stehen, wieder lagerabwärts. Die Juden in dem Sonderlager tragen Zivilkleidung, abgerissen, zerknüllt, dreckig, unglaublich verwahrlost. Auch sie sind kahlgeschoren. Es ist ihnen verboten, die Baracken nach der Seite des Hauptlagers zu verlassen, wie es uns verboten ist, an den Drahtzaun zu treten. Aber zwischen den Baracken sehe ich düsteres Elend in Hülle und Fülle. Ich beobachte, wie zwischen Insassen unseres Lagers und diesen Juden eine Steinpost hin und her geht. Beide Seiten arbeiten mit größter Vorsicht, damit der Posten, der drüben vom Turm hinter dem elektrischen Drahtzaun das Lager überschauen kann, nichts gewahr wird. In hohem Bogen fliegen die papierumwickelten Steine hin und her. Ich habe dann später in diesem Lager noch viele entsetzliche Dinge erlebt und gesehen, aber ich muß es einer berufeneren Feder überlassen, die grauenhafte Tragödie der Baracken I A bis VA zu schildern, denn was ich sah, war nur der Epilog, und ich vermöchte nur einen winzigen Teil zu schildern, der leicht ein Zerrbild erstehen lassen könnte. Als ich in meine Baracke zurückkomme, ist Hans Schulenburg da. Er nimmt sich sofort meiner an. Im Laufe der Unterhaltung mit ihm erfahre ich, daß auch Richard Elsner im Lager ist. Ich kenne ihn sehr gut, schon seit vielen Jahren. Er hat drei Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat hinter sich und ist dann nach einigen Tagen der Freiheit ebenso rechtlich grundlos wie ich in Schutzhaft genommen worden. Ich weiß wer er ist, ich weiß, daß er ,, echt" ist, ich muß ihn sofort aufsuchen. Hans Schulenburg geht mit nach dem Block, in dem er liegt. Auf dem Wege erzählt er mir von anderen Häftlingen aus unserer Stadt. Ich kenne sie fast alle, aber sie sind in der Mehrzahl nicht aus politischen Gründen im Lager. Aber trotzdem, es sind Bekannte aus meiner Wahlheimat, und ich fühle mich nicht mehr so verlassen und einsam wie noch vor wenig mehr als vierundzwanzig Stunden. Richard Elsner ist nicht in seinem Block. Er ist irgendwie unterwegs. Wir warten einige Zeit, dann müssen wir ergebnislos in unseren Block zurück, da gleich Lagersperre sein wird und dann kein Häftling mehr die Baracken verlassen darf. Dann leuchten die Scheinwerfer von den Wachttürmen die Lagerstraßen ab, und wenn sich jemand auf den Straßen und Wegen zeigt, dann knattern die Fettspritzen auf und ,, liquidieren", was gegen die Lagerdisziplin verstößt. Noch ist das Rauchverbot, das seit drei Wochen über das Lager ver4 Poller, Buchenwald 49 hängt worden ist, nicht aufgehoben, aber es wird überall unter Beachtung einer gewissen Vorsicht geraucht. In unserem Waschraum ist die schönste blaue Luft. Ich frage Hans Schulenburg: „Ist das ungenierte Rauchen hier nicht riskant?“ „Gewiß“, antwortet er,„und jeder tut es natürlich auf eigene Gefahr. Aber hier sind die Chancen eins zu hundert. Erstens sind keine Schar- führer mehr im Lager. Zweitens dürften wir hier im Block ziemlich spitzelrein sein, beziehungsweise kümmern sich die Spitzel nicht um solche Dinge. Drittens haben wir einen gut funktionierenden Signal- dienst, der uns wohl immer noch rechtzeitig warnt, wenn Gefahr im Verzug ist.“ „Na, dann können wir ja in aller Ruhe eine pusten“, sage ich, und wir schmunzeln beide. „Weißt du, wir müssen überhaupt hier im Lager allerhand für uns und für andere riskieren“ führt Schulenburg das Gespräch weiter,„aber das wirst du noch früh genug lernen. Im Grunde ist gar nichts dabei, denn ob wir so oder so kaputt gehen, ist ziemlich gleichgültig. Der eine riskiert Kopf und Kragen und ihm passiert gar nichts, der andere hält sich vollkommen zurück und stirbt. So ist das nun einmal hier. Wir müssen sehen, wie wir durchkommen. Und mit gegenseitiger Hilfe geht’s leichter.“ „Haben wir überhaupt die Möglichkeit, uns hier gegenseitig wirksam zu helfen?“ „Aber sicher doch. Ich kann dir das heute noch nicht so recht erklären. Es ist im Lager so, daß man alles am eigenen Leibe erfahren muß. Es sind schon sehr bittere Erfahrungen gemacht worden, und mancher hat ins Gras beißen müssen, weil er nicht vorsichtig genug war. Keiner traut hier zunächst einem anderen. Vertrauen muß hier wachsen, mühsam, langsam.“ „Besteht hier irgendeine politische Organisation?“ „Ich weiß nicht. Und wenn ich’s wüßte, ich würde es dir nicht sagen. Du mußt lernen, keine gefährlichen Fragen zu stellen.“ „Ich frage doch nur, weil ich in diesen ersten vierundzwanzig Stunden schon mehrfach erfahren habe, daß die politischen Häftlinge bevorzugt werden und offenbar gut zusammenhalten.“ „Wie man’s nimmt. Das ist nur zu natürlich. Es gibt hier ungeschrie- bene Gesetze.“ „Und wenn sie auch ungeschrieben sind, irgendeiner muß sie doch formuliert haben.“ „Ich glaube nicht, daß sie jemand formuliert hat. Sie sind unpersönlich. 50 Sie sind aus der gemeinsamen Not entstanden. Keiner sagt dir, daß du sie beachten sollst oder mußt. Jeder ist ganz allein auf sich gestellt." ,, Hannes, du kennst mich von früher. Ich habe mich im Grundsätzlichen nicht verändert. Mir kannst du es doch sagen. Und was wir hier reden, hört doch kein Zweiter." ,, Kein Dritter mußt du sagen. Vielleicht ist hier schon manchmal der Zweite zuviel." ,, Und wenn das so ist, dann frage ich dich, warum hast du dich meiner angenommen? Warum bist du mir behilflich, mich im Lager zurechtzufinden?" ,, Ich tue nicht mehr als andere. Was ich tue, ist selbstverständlich. Du wirst es morgen auch tun. Und wenn du Pech hast, gehst du dabei vor die Hunde." ,, Ich begreife, wir müssen hier eben allerhand riskieren." ,, Na klar!" ,, Aber nun sage mir, welches Recht haben die Politischen, sich gegenseitig zu bevorzugen? Sind die anderen nicht auch Menschen, die genau so schwer dran sind, die vielleicht noch mehr der Hilfe bedürfen als wir, die wir uns aus eigener Kraft oft besser zu helfen wissen?" ,, Ich habe dir schon einmal gesagt, du mußt es dir hier abgewöhnen, gefährliche Fragen zu stellen. Für mich besteht kein Zweifel daran, daß deine Erfahrungen dir die Fragen beantworten werden, vielleicht sogar eher, als es dir lieb ist." ,, Du wirst es schon sehen! Du wirst es erfahren! Immer wieder stoẞe ich auf denselben Satz. Gibt es denn hier überhaupt keine Menschen, die die Fragen beantworten, die jedem Zugang auf der Seele brennen?!" ,, Doch, die gibt es. Du wirst sie auch finden, nicht heute, nicht morgen. Das hat alles seine Zeit. Ich kann dir nur sagen: halte den Mund und mache die Augen auf. Und wenn du etwas erfahren hast, dann halte auch darüber den Mund!"- Ich muß gestehen, daß ich an diesem Abend mit meinem Kameraden nicht restlos zufrieden war, aber ich muß mit demselben Atemzug sagen, daß ich ihm bitter Unrecht tat. Es war im Lager so unendlich schwer, Vertrauen zu einem Menschen zu gewinnen. Denn damit legte man sein Schicksal in die Hand eines anderen, und mancher ist dabei in edelstem Wollen und gläubigstem Herzen eine-- matschige Leiche geworden! Und hier ist vielleicht einer der Schlüssel zu finden für das psychologische Rätsel, daß das deutsche Volk, dies. Volk der Dichter und Denker, in dem einstmals die freiheitlichsten Regungen der Menschheit lebendigste Kraft waren, nicht die Kraft fand, gegen das wahnsinnige Verbrechen 4* 51 anzurennen. Ich bedurfte wahrlich nicht des Anschauungsunterrichtes eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers, um zu wissen, zu welchen Konsequenzen dieses ,, Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" vom 24. März 1933 mit unausweichlicher Naturgesetzlichkeit führen mußte, aber ich glaube, daß das deutsche Volk dieses Anschauungsunterrichtes noch für Jahrzehnte bedarf. Unablässig und stetig mahlen die Mühlen der Zeit. Am nächsten Morgen stehen die Zehntausende wieder auf dem Appellplatz. Der Tag ist noch nicht erwacht. Die harte Nachtkälte erstarrt unsere Glieder und der scharfe Wind fährt durch die Kleider. Es ist Schnee gefallen. Die Natur hat ihr weißes Lailach, ihr gütiges, weiches Linnen über alle Dinge gelegt. Aber hier im Lager scheint selbst die Natur gegen die Natur aufgestanden zu sein, denn alles ist so unendlich trostlos, so schal und leer, so erbärmlich ärmlich, so ganz verlassen von aller Güte und aller Liebe. Wir stehen schon über eine halbe Stunde. Da knarrt der Lautsprecher: ,, Der Stubendienst in den Wald!" Ich höre, wie der Befehl durch die Häftlinge von Block zu Block mit merkwürdigem Gejohle weitergetragen wird, und sehe, daß sich etwa vierzig bis fünfzig Häftlinge am unteren Ende des Appellplatzes sammeln und sich dann in einer lockeren Gruppe nach dem Wald begeben. Durch die Reihen der Häftlinge geht indes eine eigenartige Bewegung, als habe ein plötzlicher Windstoß einen ruhigen Wald aufgescheucht. Ich kann mir nicht erklären, was das zu bedeuten hat, meine Nebenmänner wissen es auch nicht oder wollen es nicht wissen, nur einer sagt, daß es nun mit der Abnahme des Appells noch eine ganze Zeit dauern wird. Wir trampeln verhalten mit den Füßen, schlagen die Hände gegeneinander, reiben uns Nasen, Wangen und Ohren. Da höre ich plötzlich hinter mir leise nach meinem Namen fragen. Ich wende mich um. Ein Häftling drängt sich geduckt durch die Reihen unseres Blocks. Es ist Richard Elsner. Er hat die Zeit genutzt, sich durch die Dunkelheit von Block zu Block zu schleichen trotz der Gefahr, erwischt und dann hart bestraft zu werden. Von seinem Stubendienst hat er noch gestern abend erfahren, daß ich hier bin, und nun kann auch er es nicht mehr abwarten, mich zu suchen. 52 Wir stürzen aufeinander zu. Er sagt nur ein Wort: ,, Walter." Auch ich vermag nur ein einziges Wort zu sagen: ,, Richard." I Dann schütteln wir uns die Hand und sind beide so bewegt, daß wir geradezu verlegen sind. Wir sind doch sonst nicht so zimperlich und sollten es hier im Lager doch eigentlich ganz und gar nicht sein, aber wir können uns der Sekunde nicht entziehen, die übermächtig alles auf uns herabstürzen läßt, was wir denken und fühlen. Wir waren schon in den Jahren, als das deutsche Volk seinen Weg in die Nacht noch nicht angetreten hatte, Kampfgenossen und Weggefährten. Nicht, daß wir befreundet gewesen wären, wir waren uns nur gut bekannt, wie es eben zwei Menschen werden, die eine gemeinsame Weltanschauung, die gleiche politische Zielsetzung haben. Und jeder hatte in seinem Kreis und jeder nach bestem Vermögen den Kampf auch illegal gegen das Unheil fortgesetzt, das der Nationalsozialismus über Deutschland und die ganze Welt bringen mußte. Auch er war von der erbarmungslos verbrecherischen Vernichtungsmaschine erfaßt worden. Er war noch ein junger Mensch, Mitte der Zwanzig, als er auf der Anklagebank des sogenannten ,, Volksgerichtshofes" saß. Und trotzdem seine Gesundheit durch die harte Arbeit im Bergwerk so erschüttert war, daß er wegen Lungenkrankheit und Augenzittern invalidisiert werden mußte, hatte der Senat wegen Vorbereitung zum Hochverrat drei Jahre Zuchthaus über ihn verhängt, die er bis auf den letzten Tag verbüßte. Und dann hatte die skrupellose Vernichtungsmaschine ihn nach ,, Buchenwald" transportiert. Als wir uns etwas beruhigt haben, sagt er:„ Ich muß wieder hinüber nach meinem Block. Heute nachmittag nach dem Essen komme ich zu dir. Es wird nur bis zwölf Uhr gearbeitet. Ich wußte, daß du in diesen Tagen hierher kommen würdest. Ich habe mit meinen Freunden schon darüber gesprochen." دو , Was ist denn da mit dem Stubendienst los?" frage ich ihn. In einem Tonfall, als wäre es eine nebensächliche Randbemerkung, antwortet er: ,, Da hat wahrscheinlich wieder einer Schluß gemacht. Sie holen ihn nun aus dem Wald. Der Appell muß doch stimmen." Und dann sagt er freundlich lächelnd, aufmunternd: ,, Also bis heute nachmittag!", duckt sich zwischen unsere Reihen und verschwindet unter den Häftlingen. Dann sehe ich, wie er mit schnellen Sprüngen nach dem Häftlingsblock, der in einiger Entfernung vor uns angetreten ist, hinüberläuft und dort zwischen den Reihen verschwindet. ,, Ich habe mit meinen Freunden schon darüber gesprochen." Heute, da ich diese Zeilen schreibe, klingt mir der Satz wie eine Posaune ins Ohr. Damals habe ich ihn nicht beachtet und seine Bedeutung für mich weder erfaßt noch erahnt. Er war mir nicht mehr als eine gleichgültige, 53 - völlig bedeutungslose Bemerkung, ein Wortfüllsel, dessen einzige Aufgabe es ist, ein nichtssagendes Schweigen auszufüllen. Und doch, er war ein Schlüssel zu der Gewißheit, daß mir nichts Geringeres als das Leben gerettet werden würde. Selbst lange Monate, nachdem ich selbst um Haaresbreite am Tode vorbeigeschritten war, bin ich noch völlig ahnungslos gewesen. Erst als ich schon harter Konzentrationär geworden war, als ich von tausend Dingen wußte, die ich mir an diesem Tage noch nicht einmal in der Phantasie vorzustellen vermochte, als ich selbst zu meinem bescheidenen Teil in die Maschine eingespannt wurde, die hundert-, ja tausendfältig Menschenleben rettete und so den Kampf gegen das nationalsozialistische Verbrechen auch noch im Konzentrationslager fortsetzte, da ging mir die Bedeutung dieses lapidaren Satzes auf*. Es mag abermals eine halbe Stunde vergangen sein. Schon ist das erste Morgendämmern über das Lager heraufgezogen; meine Füße sind wie abgestorben, und ich spüre, wie die Kälte von Zentimeter zu Zentimeter an den Beinen emporsteigt. Da ertönt von unten aus dem Wald ein Gejohle, das von den unteren Blocks aufgenommen und dann wellenförmig von Block zu Block nach dem Tor hinaufgetragen wird. Ich werde nicht schlau aus allem, aber nach wenigen Minuten ertönen durch die Lautsprecher die üblichen Appellkommandos. Beim Arbeitskommando verbreite ich die Nachricht, daß heute nur bis zwölf Uhr gearbeitet wird. Die meisten Häftlinge sind nicht geneigt, es zu glauben. Einige fragen mich, woher ich es wüßte. Schon will ich meine Quelle angeben, aber da fällt mir plötzlich ein, daß es vielleicht gut sein dürfte, es nicht zu sagen, und ich antworte mit jenen Worten, die ich gestern noch verfluchte: ,, Ihr werdet es ja sehen!"- * Der Leser wird sich erinnern, daß damals, als die Angloamerikaner in das Schreckenslager Belsen eingedrungen waren, hundert Londoner Medizinstudenten freiwillig ins Lager reisten, um im ärztlichen Kampf gegen Seuchen und Hunger zu retten, was noch zu retten war. Ihr uneigennütziges Werk, ihr beispielhaftes Menschentum ist über allem Zweifel erhaben. Viele von ihnen gaben dabei ihr eigenes Leben. Zwar mußten auch sie unter ihren bis zum Letzten hilfsbereiten Händen noch viele, viele tausend Menschen ohnmächtig sterben lassen, aber viele andere Opfer des Nationalsozialismus konnten sie dem Leben zurückgewinnen und so tausendfältig Ernte für letzte Einsatzbereitschaft einbringen. Diese Londoner Medizinstudenten sind Männer, die ihren Namen in die Geschichte eingetragen haben. Und was sie im Licht der Weltöffentlichkeit sind, das waren in ,, Buchenwald" jene Menschen, die mein Weggenosse Richard Elsner als„ ,, Freunde" bezeichnete. Keiner von ihnen erhebt Anspruch, genannt oder von anderer Seite belohnt zu werden, Aber ich weiß kein eindringlicheres Beispiel als sie, um dem deutschen Volk den Glauben an sich selbst und an die Menschheit zurückzugeben. 54 Und es war in der Tat gut so. Denn hätte irgendwer den Ariadnefaden aufgenommen, er wäre durch das Labyrinth des Lagers auf einen SS.- Mann gestoßen, der uns Häftlingen gut gesonnen war. Und wäre das bekannt geworden, der SS.-Mann wäre fraglos in der nächsten Stunde auch Häftling gewesen.——— (4 See Auf dem Garagenneubau teilt der Kapo uns Zugänge zum Schneefegen ein. Wir müssen mit Besen, Schaufeln und Schneeschiebern die breiten Fahrstraßen säubern, die vom Lager nach den SS.-Kasernen führen. Die Arbeit macht warm und ist nicht sonderlich schwer. Wir arbeiten auch ziemlich ohne Aufsicht. Die Hilfskapos, die das Kommando über uns führen, sind durch und durch Kameraden, arbeiten selbst mit und treiben nicht an. Wenn ein SS.-Mann über die Straße kommt, müssen wir beiseite treten, die Mütze vom Kopf reißen und stramm stehen. Einmal sind wir so eifrig bei der Arbeit, daß wir nicht merken, daß von hinten ein SS.-Mann kommt. Er versetzt dem Häftling, der ihm arbeitend den geraden Weg versperrt, einen so kräftigen Fußtritt in das Gesäß, daß der Häftling zur Seite fliegt, und geht dann seinen Weg weiter, als wäre nichts geschehen. Wir sind zwar ein wenig„platt“, aber schon derart dressiert, daß wir das ganze Ausmaß der Brutalität gar nicht mehr empfinden. „Mensch, da hast du aber Schwein gehabt“, sagt ein Kamerad zu dem Getretenen. Der lächelt und ist derselben Meinung. Es hätte ja sicherlich noch viel schlimmer ausgehen können. Aber wir ziehen unsere Lehre aus dem Vorkommnis und teilen unsere Kolonne so ein, daß wir beide Straßenrichtungen übersehen können, und wenn sich nun schon in der Ferne ein SS.-Mann zeigt, dann geht durch die Kolonne schnell das ‚ geflüsterte Warnungszeichen:„Achtzig!“ Wir müssen auch die Straße säubern, die nach Weimar führt. Dort sehe ich zum ersten Male eine Postenkette.Im Abstand von etwa zehn Metern stehen die Posten auf der linken Waldseite, wegen der Kälte in dicke Pelzmäntel vermummt, mit Ohrenschützern und Gesichtswärmern. In den Händen die schußbereiten Maschinenpistolen. Einige von ihnen scheinen noch mehr zu frieren als wir. Verschiedene haben sich ein Feuer angemacht oder anmachen lassen, an dem sie sich aufzuwärmen suchen. Es geht alles gut. Die Posten scheinen sich um uns gar nicht zu 55 kümmern. Wir fegen, schaufeln und schieben den Schnee anfangs zwar etwas eifriger, lassen aber dann die Arbeit„sinniger“ werden, zumal wir feststellen, daß sich die Posten darum nicht zu kümmern scheinen. Einer von uns wird von einem Posten angerufen. Der Häftling bleibt am Straßengraben in angemessener Entfernung von dem Posten stehen, zieht die Mütze und nimmt stramme Haltung an. Der SS.-Mann fragt ihn, seit wann er im Lager ist und woher er käme. Nachdem der Häft- ling die Fragen beantwortet hat, schickt der Posten ihn wieder an die Arbeit. Unser Hilfskapo schiebt sich unauffällig an den Häftling heran und fragt ihn, ununterbrochen fegend, was da los gewesen sei. Dann erklärt er ihm, daß den Posten jede Unterhaltung mit den Häftlingen verboten sei, die Hauptsache aber sei, nicht zu nahe an die Posten heran- zugehen, denn man könne nie wissen, was sie im Schilde führten. Als wir uns’ schon eine weite Straßenstrecke vorwärtsgefegt haben, erblicken wir in der Ferne den Schlagbaum.„Dort beginnt die Todes- zone“, erklärt uns der Hilfskapo, ‚‚die sich rund um das Lager in vielen Kilometern Abstand zieht. Das Betreten dieser Zone ist für jedermann mit der Warnung verboten, daß hier ohne Anruf sofort scharf geschossen wird. Überall stehen Schilder, und der Wald wird ständig abpatrouilliert. Wir sind hier doppelt hermetisch abgeschlossen. Ein Fremder oder Un- befugter kommt nie an das Lager heran.“ Einer von uns Zugängen, ein Schwarzer, ist von diesem Bericht der- artig beeindruckt, daß er einen Augenblick das Fegen vergißt und nach- denklich nach dem Schlagbaum guckt. „He, du da!“ schreckt ihn der in der Nähe stehende Posten aus seiner Versunkenheit auf.„Herkommen!“ Der Aufgeschreckte läuft auf den Posten zu. „Weitermachen, nicht umsehen!“ flüstert uns hastig der Hilfskapo zu. Und wir arbeiten weiter auf den Schlagbaum zu. Als wir einige dreißig Meter weit sind, sagt uns der Hilfskapo:„Beeilt euch, wir müssen den Schwarzen da loseisen.‘“ Wir wissen‘nicht recht warum, aber arbeiten trotzdem mit doppeltem Eifer. Als wir die Straße bis fast an den Schlagbaum gesäubert haben, läßt uns der Hilfskapo antreten und führt uns geschlossen zurück. Der Schwarze steht am Straßengraben vor dem SS.-Posten in halber Knie- beuge, den Schneeschieber in den beiden Händen nach vorn gestreckt, und hält sich nur noch mühsam in dieser Stellung. Der Posten hat die Maschinenpistole auf ihn in Anschlag gebracht. Als wir vorbeimarschieren, . befiehlt unser Hilfskapo mit einem barschen Ton, den wir ihm gar nicht zugetraut hatten:„Mitkommen!“ Der Schwarze folgt dem Befehl sofort, 56 und der Posten läßt es geschehen. Wir Zugänge sind sprachlos. Als wir uns einige Meter entfernt haben, fragt der Hilfskapo den Schwarzen: ,, Hat er deine Nummer notiert?" Der Schwarze verneint. ,, Na, dann wird's wohl noch gut abgehen", meint der Hilfskapo. Und als wir dann dabei sind, einen Schneehaufen, den wir zusammengefegt haben, in den Straßengraben zu werfen, um die Zeit bis zur Arbeitseinstellung gegen 12 Uhr auszufüllen, erklärt uns der Hilfskapo auf unsere wiẞbegierigen Fragen: ,, Natürlich konnte und kann das auch noch schief gehen, aber meistens geht es gut. Wenn der Posten keine Meldung macht, geht der Schwarze nicht über den Bock. Und das ist wohl anzunehmen. Wenn er mich meldet, werde ich vielleicht damit durchkommen, daß ich für das Zusammenbleiben der Kolonne verantwortlich bin. Wenn nicht, dann habe ich eben Pech gehabt." Wir sind wieder um eine Erfahrung reicher, um eine wichtige Erfahrung. Und ich soll gleich noch eine zweite dazu bekommen, denn der Hilfskapo sagt dem Schwarzen: ,, Du mußt dir deinen Mantel ein bißchen dreckig machen. Man sieht dir den Zugang ja auf tausend Meter an. Solche Mätzchen wie mit dir machen die Posten fast nur mit Zugängen. Mit alten Konzentrationären bringen sie das nicht so leicht fertig. Meinst du, das hätte er mit mir fertig gebracht? Ich hätte mich sofort dünne gemacht, hätte den Anruf gar nicht beachtet. Der Bandit da darf seinen Posten nicht verlassen. Er kann mich nur zur Bestrafung melden. Dazu muß er aber erst meine Nummer haben. Und da muß man eben sehen, daß man möglichst schnell außer Sichtweite kommt." Nummer haben? geht es mir durch den Sinn. Nummer haben? Welche Nummer hat denn der Schwarze dort? Eine fünfstellige Zahl? Donnerwetter, daraus geht doch auch hervor, daß er ein Zugang ist. Ich aber, ich habe Nr. 996! Das ist eine Nummer, die durch Tod oder Abgang frei geworden ist. Das ist die Nummer eines ,, alten" Konzentrationärs. Richtig, ja, die anderen Politischen in unserer Kolonne haben auch niedrige Nummern. Heureka! Ich hab's gefunden! Wahrhaftig, ich muß heute einen rechten Glückstag haben! Erst der Richard Elsner, dann diese leichte Arbeit, und die nur bis 12 Uhr, dann die neue Erfahrung mit einer anderen Sorte Kapo und jetzt eine Erkenntnis, die mehr als Gold wert ist und meinen Glauben an das Gute im Menschen stärkt. Zwar spüre ich den gestrigen Arbeitstag noch in allen Knochen, aber ich marschiere heute doch ganz anders durchs Tor ins Lager. * 52 57 Mehrere Stunden des Nachmittags verbringe ich mit Richard Elsner. Er ist immer noch der Alte, nur gereifter, vorsichtiger, ernster. Sein körperlicher Zustand macht ihm zu schaffen. Er ist schon fast ein ganzes Jahr im Lager, und es ist ihm auf Grund seines Gesundheitszustandes und mit Hilfe von politischen Freunden gelungen, in der Strumpfstopferei Beschäftigung zu finden. Außerdem macht er sich im Stubendienst seines Blocks, beim Kantineneinkauf usw. nützlich. Er ist aufgeschlossen, gibt mir manchen wichtigen Fingerzeig und umsorgt mich mit rührender Hingabe. Er ist selbst Nichtraucher, aber hat sich ein paar Zigaretten besorgt, weil er weiß, daß ich Raucher bin. Er hat, wer weiß woher und wie, ein Stückchen Feigenbrot, so wie es den Kindern unter den Weihnachtsbaum gelegt wird, und nachdem er es geteilt hat, zwingt er mich, die größere Hälfte zu nehmen. An den beiden Weihnachtstagen wird nicht außerhalb des Lagers gearbeitet. Die Mehrzahl der SS.- Leute ist auf Urlaub, so daß keine Postenkette gestellt werden kann. Am ersten Weihnachtstag nach dem Appell wird meine Häftlingsnummer mit zahlreichen anderen durch den Lautsprecher aufgerufen. Die Aufgerufenen müssen an Schild 2 antreten. Ich bin schon vorher orientiert, daß an diesem Schild, das mit einer Reihe anderer oben am Tor steht, die Häftlinge anzutreten haben, die zum Lagerarzt müssen, und ich laufe deshalb völlig beruhigt nach oben. Wir werden in eine ausgeräumte Baracke geführt, müssen uns völlig entkleiden und uns mucksmäuschenstill verhalten, um die ärztliche Aufnahmeuntersuchung nicht zu stören. Zwei Häftlinge sitzen da, die die schriftlichen Arbeiten erledigen. Der eine von ihnen nimmt unsere Personalien auf, der zweite schreibt auf, was der Arzt ihm über unseren Gesundheitsbefund diktiert. Der Arzt ist ein älterer, hagerer Mensch, mit zerfurchten, strengen Gesichtszügen, markanter Hakennase, schmalen Lippen, verbissener Mundpartie. Er trägt einen Kittel, ist aber auch kahlgeschoren. Er scheint sein Handwerk zu verstehen. Seine Sprache ist gewählt, langsam, würdevoll, akzentuiert. Er stellte präzise Fragen nach durchgemachten Krankheiten, horcht zuweilen mit einem Hörrohr Herz und Lunge ab, diktiert Krankheitsbefunde, ändert die Angaben der Häftlinge ins Fachmännische ab, sieht sich Geschwüre, Hautausschläge, Wunden und Narben genauer an 58 - usw. Wenn ein Häftling sich ungeschickt benimmt oder unklare Angaben macht, fährt er mit einem energischen Donnerwetter drein und weiß in seinem ganzen Gehaben seine unbedingte Autorität zu wahren. Mit einem Satz: Er repräsentiert die ganze Würde eines strengen Medizinalrates! Als ich ihm bei meiner Untersuchung angebe, daß ich an Malaria erkrankt gewesen sei, fragt er:„ Malaria tropica?" als könne er mir von der Nasenspitze absehen, daß ich mich auf medizinische Unterschiede verstehe. Am Nachmittag frage ich Hans Schulenburg, ob das der Lagerarzt gewesen wäre. Nein, das wäre ein Häftling, der im Revier beschäftigt sei, aber er solle tatsächlich ein ehemaliger Medizinalrat sein. Der Lagerarzt kümmere sich nicht um die Aufnahmeuntersuchung und habe sie diesem Häftling übertragen. Man wüßte nicht, weshalb er im Lager sei, aber er sei ein Grüner, vielleicht Abtreibungen oder dergleichen. Es sei jedoch für uns Häftlinge nur gut, daß er die Aufnahmeuntersuchungen vornähme. Der frühere Lagerarzt Dr. Kirchhoff habe die Untersuchungen stets persönlich vorgenommen, und dabei sei es immer heiß hergegangen. Ich habe es später im Lager wiederholt erlebt, daß dieser Häftling von anderen Häftlingen mit ,, Herr Doktor" oder ,, Herr Medizinalrat" angeredet wurde, und er ließ sich die Anrede auch widerspruchslos gefallen. Aber er war es nicht. Der ,, Herr Medizinalrat" war Hans Rösler, ein wiederholt wegen Unterschlagung und Hochstapelei vorbestrafter krimineller Häftling, der sich seine medizinischen Kenntnisse im Lager angeeignet hatte und sein frappierendes Hochstaplertalent benutzte, um unter den Häftlingen den ehemaligen Medizinalrat zu spielen. Seinen Posten im Revier verlor er, weil wir ihn am Ende dann doch bei schmierigen Medikamentenschiebungen und nicht minder schmierigen Geldgeschäften und Betrügereien unter Ausnutzung der allgemeinen Not im Lager erwischten. Dennoch will ich anerkennen, daß er manchem Häftling geholfen hat und, soweit ich es beobachten konnte, auch niemals brutal gegen Mithäftlinge geworden ist. Und das ist im Lager auch etwas wert gewesen. Am Morgen des zweiten Weihnachtstages stehe ich auf der Steintreppe meines Blocks und beobachte das Häftlingstreiben auf dem Wege zwischen den Blockreihen. Es ist ein kalter, aber windstiller und sonniger Wintertag mit wolkenlosem Himmel. Die Sonne will gar nicht so recht zu all dem Treiben da auf dem Wege 59 passen, zu diesen ausgemergelten Gestalten, die vor den politischen Blocks herumlungern in der Hoffnung, daß sie von einem politischen Häftling ein Stückchen Brot, einen Rest vom Abend vorher übrig gebliebener kalter Suppe oder einen fortgeworfenen Zigarettenstummel ,, erben" können, zu diesen schmutzigen und zerrissenen Kleidern und diesen trägen, schleppenden Schritten der„ Passanten". Der Blockälteste jagt die herumlungernden Schwarzen von Zeit zu Zeit fort, denn es ist bei Strafe verboten, Nahrungsmittel an andere Häftlinge abzugeben, und er geht mit ,, über den Bock", wenn einer seiner Häftlinge bei der Übertretung des Verbotes erwischt wird. Aber es nützt nicht viel. Wie die Geier sind sie wieder da, sobald der Blockälteste den Rücken gekehrt hat. Ich blicke den Weg entlang. Vor allen politischen Blocks dasselbe Bild mit den lungernden Schwarzen. Die Straße ist belebt, wie die Geschäftsstraße einer Kleinstadt zur Hauptgeschäftszeit. Nur das allgemeine Tempo der Passanten ist verlangsamt, als hätte ein Filmoperateur die Kurbel seiner Kamera ein wenig ins Zeitlupentempo abgleiten lassen. Und dann ist es auch nicht das Bild einer deutschen Kleinstadt, sondern weit eher das Bild einer über Nacht aus dem Boden gestampften Barackenstraße am Klondike zur Goldfieberzeit. Da kommt ein Häftling mit der Armbinde ,, Lagerpolizist" den Weg herauf. Lange bevor ich seiner von meinem Olympplatz aus ansichtig werde, merke ich sein Kommen, denn die Schwarzen vor den Blocks sind plötzlich wie durch einen Zauberschlag verschwunden. Sie fürchten die ,, Bestrafung auf der Stelle", die dieser Häftling ausüben könnte, und weit mehr noch eine Meldung, die er bei der Lagerleitung erstatten muß und darum auch manchmal erstattet, je nachdem, um was für einen Lagerpolizisten es sich handelt. Vom Hauptweg, der sich durch das ganze Lager zieht und den Barackenweg rechtwinklig kreuzt, taucht ein eigenartiger Transport auf. Vier Häftlinge tragen auf ihren Schultern eine Bahre, auf der nach den Konturen ein Mensch liegt, der mit einer Wolldecke zugedeckt ist. Der Transport kreuzt den Barackenweg und verschwindet wieder hinter der höher gelegenen Baracke in Richtung auf das Lagertor zu. Ob das wohl ein Toter ist? geht es mir durch den Sinn. Und kaum ist der Transport hinter der Baracke verschwunden, da taucht ein zweiter Transport auf. Ich frage einen neben mir stehenden Häftling, was das zu bedeuten hätte. Er sagt mir sachlich nüchtern und ohne die Spur einer inneren Bewegtheit: ,, Das sind die Toten von heute nacht aus dem Revier. Die werden jetzt in die Leichenbaracke gebracht." Und schon 60 taucht eine dritte- vierte- fünfte- sechste Karawane auf, eine grausige Prozession, die sich mir um so schwerer auf die Seele legt, weil ich sehe, daß sich kaum ein Häftling darum kümmert. Richard Elsner hat mir schon gestern bestätigt, daß die Sterblichkeit im Lager sehr groß und daß die zynische Unterhaltung der beiden SS.- Leute auf dem Flur in der ,, Politischen Abteilung" wahrscheinlich nicht übertrieben gewesen sei, dennoch bin ich durch den Anblick derart erschüttert, daß ich den neben mir stehenden Häftling hilflos frage: ,, Sterben denn wirklich im Lager hier täglich so viele?" Der antwortet mit derselben Sachlichkeit und Unbewegtheit wie vorhin: ,, Die Leichenträgerkolonne ist heute schon ein paarmal vorbeigekommen. Du brauchst nur eine kleine halbe Stunde zu warten, dann kannst du den nächsten Sechserschub sehen." Und es ist in der Tat so, wie der Häftling sagt. Den frühen Nachmittag nutze ich, um unter Richard Elsners Führung das Lager genauer kennenzulernen. Er zeigt mir die große Häftlingsküche, die technisch vorbildliche Wäscherei und die ausgedehnte Gärtnerei. Wir gehen nach dem Wald, den Revierweg hinunter, der später eine so große Bedeutung für mich haben wird, ich sehe zum ersten Male das Häftlingsrevier, und wir schlendern quer durch den Wald nach den großen Stallungen und kommen dann an das Nordwestende des Lagers. Dort ist der Wald in breitem Streifen gerodet, und wir können talabwärts einen weiten Blick ins deutsche Land tun, über den elektrischen Draht hinweg, an den Wachttürmen vorbei. Richard Elsner zeigt mir die Höhenzüge des Thüringer Waldes, den Gickelhahn, und dann hoch oben im Nordwesten den Harz mit dem Kyffhäuser. Ich muß immer wieder nach dem Gickelhahn hinüberschauen. Er liegt so nah und doch so unendlich weit von mir. Ich denke an jene längst verklungenen Wochen, als ich vor fast zwanzig Jahren nach den Jugendtagen von Weimar durch den Thüringer Wald gewandert bin und auch auf dem Gickelhahn war, ein junger, freier, gläubiger, sorgloser Mensch. Und alles, was ich damals fühlte und wollte, meine ganze Gläubigkeit und Seligkeit, alle meine Ideale, mein fröhliches Herz und mein frohgemuter Sinn von damals, alles, alles F 61 steht wieder vor mir auf. Und alles, alles ist in Scherben zerschlagen. Wie gehen doch gleich die Goetheschen Verse: Ach, ich bin des Treibens müde, was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust.- Nein! Nein!! Nein!!! Nicht resignieren! Nicht müde werden! Nein, auch hier nicht! Gerade hier nicht! Denn der große Scherbenhaufen von heute muß der letzte, harte, qualvollste Tribut sein, den die Menschheit ihrer eigenen Dummheit zahlen muß! Nein! Nein!! Nein!!! Und würfen sie zehnmal uns nieder, aufsprängen wir wieder und griffen sie an und wieder! und wieder! und wieder! Der Arbeitsdienstführer teilt mich dem Arbeitskommando ,, Steinbruch" zu. Was weiß ich vom Steinbruch? Ich fühle mich frisch und gesund und jeder, auch der härtesten körperlichen Arbeit gewachsen. Der Kapo notiert meinen Namen mit denen der anderen Zugänge, die seinem Kommando zugewiesen sind, in der Arbeitsliste und gruppiert mich in jene Häftlingskolonne ein, deren Aufgabe es ist, die gebrochenen Steine von der Tiefe den Hang hinaufzuschleppen. Die Arbeitsstätte ist von SS.- Leuten umstellt. Der Hang fällt ziemlich steil ab. Es sind bereits zwei schmale Fußpfade getreten. Der Pfad abwärts geht schnurgerade, während der Pfad, auf dem wir die Steine nach oben schleppen müssen, einige Serpentinen hat. Mehrfach berühren die Serpentinen die Postenkette. Als ich den Hang zum ersten Male abwärts gehe, komme ich über Geröll ins Gleiten und dann ins Laufen. Einmal begonnen, wird mein Lauf immer schneller und schneller, und so sehr ich mich auch bemühe, die Schnelligkeit abzustoppen, es gelingt mir nicht. Und buchstäblich im Handumdrehen bleibt mir nichts anderes übrig, als nur noch mit äußerster Anstrengung darauf zu achten, daß ich nicht auf die Nase fliege. Ich bin zwar vollständig außer Atem, als ich unten ankomme, aber stimme doch in das Gelächter meiner Kameraden ein, denn ich bin auch davon überzeugt, daß ich eine putzige Figur abgegeben haben muß, als ich wie 62 ein wildgewordener Hampelmann in immer rasender werdendem Tempo über Stock und Stein sprang. Ich schultere dann wie die anderen Häftlinge einen Stein und schließe mich der langen Reihe an, die den Pfad aufwärts steigt. Der Weg ist beschwerlich, und man muß achtgeben, daß man über Geröll oder andere Hindernisse nicht stolpert. Der schwere Stein auf der Schulter, den ich mit beiden Händen festhalten muß, bringt mich dabei leicht aus dem Gleichgewicht, mehrfach verliere ich ihn, aber es gelingt mir doch immer, den Stein im Hinfallen noch festzuhalten, so daß er mir nicht wieder den Abhang hinunterkollert, und am Ende habe ich ihn glücklich nach oben gebracht. Ich merke, daß ich mich erst an diese primitive Arbeit gewöhnen muß, aber beim zweiten Treck geht die Sache schon besser. Ich komme gut unten an, nehme nicht wahllos einen Stein, vermag ihn mit einer Hand festzuhalten, so daß ich die andere zum Gleichgewichthalten und als Stütze beim Hinfallen benutzen kann, wenn mir das Geröll unter den Füßen weggleitet. Zwar bin ich wieder ein wenig- und diesmal vielleicht auch schon etwas mehr als beim ersten Male außer Atem, als ich den Stein in den Kippwagen oben werfe, aber ich weiß, daß kein Meister vom Himmel fällt, und habe keine Ursache zu der Annahme, daß ich diese Arbeit nicht durchstehen werde. Gegen Mittag spüre ich, daß mir die Zehen zu schmerzen beginnen. Insbesondere, wenn es bergabwärts geht, habe ich einen brennenden, stechenden Schmerz. Ich habe immer mit dem ganzen Fuß abgestoppt und dabei die Zehen gegen die Stiefelkappen gedrückt. Sie müssen wund sein, auch muß ich mir eine Blase an der rechten Hacke gelaufen haben. Die Haut an meinen Händen ist geschrunden von dem vielen Hinfallen. Auch meine Knie sind offenbar wund. Ich bremse jetzt nur noch mit den Hacken ab, wenn es pfadabwärts geht. Die Schmerzen an den Händen und Knien sind erträglicher. Die Arbeit ist hart, und es ist mir klar, daß ich natürlich Lehrgeld zahlen muß. Auch meine Beinmuskeln müssen sich erst an das fortgesetzte Bergsteigen gewöhnen. Da ereignet sich der erste Zwischenfall. Ein Häftling- ich war damals der Meinung, daß es sich um einen älteren Häftling handelte, weil ich noch nicht wußte, wie schnell die allgemeinen Lebensbedingungen und vor allem die harte Schinderei bei der Arbeit den Häftling in Buchenwald vergreistenwankt plötzlich, als er etwa zwanzig Meter mit dem Stein den Hang hinaufgeklettert ist. Er taumelt wie ein Betrunkener vom Pfade ab, stürzt dann wie ein gefällter Baum zu Boden und kollert, sich überschlagend, den Hang hinunter. 63 33 Ich mache unwillkürlich eine Bewegung, um dem Verunglückten beizuspringen, aber mein Hintermann schiebt mich gebieterisch im gleichen Augenblick nach vorn und zischt mich an: ,, Bist du verrückt, Kerl? Weiter!" Und bevor mir recht klar wird, was mir geschieht, flüstert mir der Hintermann zu: ,, Was meinst du wohl, was die SS. mit dir anstellt, wenn du dem da beispringst?!" Als wir oben angekommen sind, wird das Zeichen für die Mittagspause gegeben, aber wir müssen erst wieder nach unten, wo die meisten Häftlinge sich trotz der Kälte bereits hingelegt und hingesetzt haben. Der Häftling, der vorhin aus unserer Reihe den Hang hinunter gestürzt ist, liegt merkwürdig langgestreckt auf dem Boden. Man hat ihm den Brotbeutel unter den Kopf geschoben und ihn mit einem zweiten Mantel zugedeckt. Sein ungewöhnlich hageres, faltenreiches Gesicht ist kalkweiß. Die Haut auf dem linken Backenknochen, an der Schläfe und an der linken Nasenseite ist abgeschürft. Aus einer Wunde unterhalb des Backenknochens sickert Blut, sonderbar blaurot, ungesund und dünn, sickert in schmalem Streifen über die Kinnbacke und verliert sich zwischen dem hochgeschlagenen Mantelkragen des Häftlings. Seine Augen sind geschlossen, und sähe man nicht, daß sich der flache Brustkorb langsam hebt und senkt, man könnte der Meinung sein, daß er tot ist. Seine Hände sind nur noch Haut und Knochen, merkwürdig glasig- wächsern und sonderbar langgestreckt. Mein Hintermann in der Arbeitsreihe hat sich neben mich gesetzt. Jetzt erst sehe ich, daß er ein Schwarzer ist. Er holt sein Brot hervor und kaut mit vollen Backen. Ich ziehe mir die Stiefel aus, um meine Füße zu untersuchen. Meine Zehen sind blutig wund. Die kalte Luft tut wohl, aber der Schwarze sagt mir: ,, Nur nicht zu lange kühlen, das ist gefährlich. Du mußt dir die Zehen fest umwickeln, sonst machst du morgen bestimmt schlapp." Als er sieht, daß ich mir den einen Fuß mit einem Taschentuch umwickele und für den anderen Fuß keinen Lappen mehr habe, kramt er in seinem Brotsack herum und holt einen schmutzigen Leinenstreifen hervor. Er gibt mir ihn mit den Worten: ,, Den mußt du mir aber morgen wiedergeben." ,, Gibt es denn hier keinen Sanitäter?" frage ich ihn, indem ich mit dem Kopf eine Bewegung nach dem abgestürzten Häftling mache. ,, Doch", antwortet er ,,, aber was soll der dann noch viel bei dem da machen? Wenn man ihn jetzt in das Lager bringen dürfte, würde er vielleicht noch ein paar Wochen mittun. Aber flötepiepe, das ist nicht. Den nehmen wir heute abend mit. Und wenn er dann noch nicht tot ist, dann ist er es bestimmt morgen früh.“ 64 49 „Man kann doch den Menschen hier nicht einfach so sterben lassen!“ „Mensch, Kerl, hast du’ne Ahnung! Du wirst hier noch dein blaues Wunder erleben. Paß nur auf, daß du nicht auch mal so daliegst. Und dann vor allem, keine Zicken machen! Weißt du, vorhin, als du zu- packen wolltest, das war nicht nur für dich, daß ich dir eins ins Kreuz gab. Wenn die da oben— er weist mit dem Kopf nach der Postenkette, die den Steinbruch am Rand umstellt hat— erst mal wild werden, dann sind hier die Puppen für uns alle am Tanzen. Erst machen sie ihr Theater mit dir, und wenn sie dann Blut geschleckt haben, dann werden sie wild, und dann gehts über uns alle her. Die Hauptsache ist, daß wir die Woche durchhalten. Dann kommen andere dran, und wir können Steine brechen. Dabei können wir dann schon mal unauffällig Fünfzehn (Arbeitspause) machen. Beim Steinschleppen heißt es, immer in Be- wegung sein und unter keinen Umständen die Arbeit unterbrechen. Umfallen darfst du, aber nur auf dem Hang. Wenn du woanders um- fällst, glauben die Biester, du markierst, und dann kann es dir passieren, daß sie dir Beine machen.“ „Warum nur auf dem Hang?“ „Mensch, Kerl“, sagte der Schwarze mit einem wegwerfenden Ton- fall, als wäre ihm meine Dummheit unbegreiflich,„fall doch mal auf dem Hang um! Glaubst du, daß du dann auf der Stelle liegen bleibst? Nee, is nicht, mein.lieber Schwan. Das gibt immer eine schöne Talfahrt, die sich keiner freiwillig leistet. Freiwillig wirst du nur über die Posten- kette gehen.“ Die Arbeit wird wieder aufgenommen. Meine Knie sind etwas steif und lahm. Die Blase an der rechten Hacke schmerzt insbesondere bei den ersten Schritten, und der Stein auf der Schulter drückt empfindlich, so daß ich versuche, ihn unterm Arm zu schleppen. Das erweist sich aber bald als noch mühsamer. Ich mache mir aus meinem leeren Brotsack ein Polster, das ich zwischen Mantel und Jacke auf die Schulter schiebe, und habe guten Erfolg. Auch die Verbände um die Zehen bewähren sich. Aber die harte Arbeit zehrt doch an meinen allgemeinen Körperkräften, und meine Knie werden bei jedem„Turn“ weicher und weicher. Doch mir geht es nicht allein so, auch meine Kameraden werden lang- samer, und da sich jeder nur hinter seinem Vordermann halten kann, weil die Pfade sehr schmal sind, rückt die Kolonne immer enger zu- sammen. Während die Kolonne anfangs einen geschlossenen Kreis bil- dete, wird sie mehr und mehr eine lange Schlange, die sich im Kreis bewegt. Nur merkwürdig, der Kopf der Schlange vor mir wird immer kleiner, der Schwanz dafür um so länger. 5 Poller, Buchenwald 65 Jetzt sind nur noch vier oder fünf Mann vor mir. Als der erste Häft- ling auf einer Serpentine in unmittelbare Nähe eines Postens kommt, wandelt er plötzlich sein träges Tempo, sein Hintermann versucht ihm zu folgen, ebenso der dritte und vierte Häftling dahinter. Der Kopf der Schlange zieht sich auseinander. Ich werde die Sache noch rechtzeitig gewahr und bemühe mich, ebenfalls möglichst schnell an dem Posten vorbeizukommen, um dann schnell an das Ende der Schlange zu ge- langen. Das kostet zwar starke Anstrengung, aber es gelingt mir doch, ohne von einem Posten angetrieben oder sonstwie behelligt zu werden. Und da geht es dann eine ganze Zeitlang wieder in etwas langsamerem Arbeitstempo. Es mag etwa eine halbe Stunde noch bis zum Arbeitsschluß sein. Ich fühle mich wie gerädert. Die Knie zittern, und alle Glieder schmerzen. Meine Lippen sind merkwürdig trocken, und sobald ich oben auf den Hang komme, wo der kalte Wind durch alle Kleider fährt, über- kommt mich ein Frösteln und ein stechender Schmerz in der linken Leistengegend. Ich fühle, wie mein Herz gegen die Brustwand klopft, und mein Atem geht schnell und kurz. Da fällt es einem Posten aus irgendeinem Grunde ein, uns„aufzu- drehen“. Fast jeder Häftling, der an ihm vorbeihastet, bekommt einen Fußtritt. Mich tritt er gegen die Wade. Ich komme dabei ins Stolpern, aber ich kann den Stein im Gleichgewicht halten und schnell aus der Nähe des SS.-Mannes kommen. Die ganze Arbeitskolonne ist wie auf- gescheucht. Es ist beinahe so wie bei der Einlieferung auf dem Karacho- weg. Noch einmal muß ich an dem Posten vorbei, dann stellen die Häft- linge unten in der Tiefe. die Arbeit ein.; Wir müssen antreten, der Kapo zählt die Kolonne ab. Oh, köstliche Ruhe! Und wenn Auch der Weg ins Lager bei meinem körperlichen Zu- stand schwer, mühvoll und schmerzlich ist, und wenn auch meine Füße mit jedem Schritt brennen und meine Glieder bleischwer sind, es geht nicht mehr pfadauf und pfadab, und ich marschiere mitten in der Ko- lonne, wo ich mich vor den Mißhandlungen der SS.-Leute, die uns bis in die allgemeine Postenkette zurückbringen, ziemlich sicher fühle. Sec Als ich am nächsten Morgen meinen ersten Stein schultere, bin ich vom Tag vorher zwar noch arg mitgenommen, aber ich habe mir die Zehen fest umwickelt und aus einem alten Wollschal ein Schulterpolster gefertigt. Auch macht sich das Lehrgeld bezahlt, das ich tags zuvor zahlen mußte; ich gehe mit meinen Kräften haushälterisch um und lasse sorgsam keinen einzigen der kleinen Tricks und Kniffe außer acht, die ich gestern der harten Arbeit mühsam und unter Schmerzen abrang. Dennoch fällt es mir schwer, in Schwung zu kommen. Ich fühle mich wie eine Maschine, die sich erst einlaufen muß, wie ein neuer, nicht gerade sorgsam hergestellter Mühlstein, den man erst einzuschleifen hat. Aber nach einigen Runden pfadauf- pfadab sind meine Knochen und Gelenke geschmeidiger, und das leichte Grauen, das mich bei der Arbeitsaufnahme überkam, weicht einer zuversichtlichen Stimmung. Es sind andere Posten da. Neunzehn- bis zwanzigjährige Burschen, von jenem Typ, wie man sie zuweilen in den Nazi- Illustrierten abgebildet sah, nur nicht mit den dort fast immer sorgfältig ausgewählten Physiognomien. Bauernburschen, Draufgängertypen, unfertige Menschen, denen man es ohne weiteres ansieht, daß ihr Horizont begrenzt ist und daß sie kaum geistige Interessen haben, leichtsinnige Gesellen, die sicherlich für einen handwerklichen oder geistigen Beruf nicht taugen und sich darum dem Soldatentum verschrieben haben. Die ersten paar Stunden gehen gut ab. Zwei Laufschrittrunden, zu denen uns die Posten mit Drohungen und Mißhandlungen zwingen, versickern wieder, weil der größte Teil unserer Kolonne vom Kapo weggeholt wird, um einen riesigen Steinkoloß aus dem Wege zu schaffen. Dann geht es wieder pfadauf, pfadab, ohne Pause, mühselig, kräftezehrend. Da verliert einer ziemlich weit oben am Hang seinen Stein und vermag ihn nicht mehr zu halten. Der Stein rollt und hopst in tollen Sprüngen den Hang hinab und reißt andere Steine mit sich, geradewegs auf die Trägerreihe unten am Hang zu. Ein johlendes Rufen warnt die Häftlinge dort unten, und den meisten gelingt es auch, noch rechtzeitig beiseite zu springen, aber einer wird doch von dem herabfallenden Stein erwischt. Ich kann nicht sehen, wo ihn der Stein trifft, aber er wird förmlich durch den Anprall beiseite geschleudert, dreht sich halb um sich selbst, sackt zusammen, gleitet ab, kugelt sich überschlagend den Berg hinab und bleibt in einer Schneewehe einige Meter tiefer liegen. Die ganze Kolonne pfadaufwärts ist ins Stocken geraten. Der Häftling, der den Stein verloren hat, steht völlig entsetzt da, die Augen groß und ängstlich auf den Häftling unten in der Schneewehe gerichtet. Als dieser sich dann aus eigener Kraft aufrichtet und auf allen vieren bergabwärts klettert, setzt sich unsere Kolonne wieder in Bewegung. Ich sehe, wie der Pechvogel oben, dem der Stein entglitten ist, hilflos 5* 67 auf der Stelle verharrt. Er weiß nicht recht, was er tun soll. Er versucht einige Schritte den Pfad hinunterzugehen. Aber das geht nicht, dort ist die aufwärts steigende Kolonne im Weg. Er muß, ob er will oder nicht, den Pfad aufwärts, direkt auf den Posten zu. ,, Herkommen!" brüllt ihn der Posten an. Der Häftling zögert erst, sieht aber dann wohl ein, daß er seinem Schicksal nicht entgehen kann, und folgt dem Befehl. ,, Wo hast du Mistvogel deinen Stein?" Der Häftling macht eine hilflose Bewegung, als wüßte er nicht recht, was er antworten solle. Er weist mit der Hand den Berg hinunter. ,, Ach so?" grölt der SS.- Mann. ,, Du willst wohl deine Kameraden totschmeißen, was? Du bist wohl verrückt geworden, was? Dich haben sie wohl zu heiß gebadet, was? Einen Augenblick, Freundchen, ich werde dir eins auf den Schädel geben, daß der Mostrich in der Gegend rumspritzt. Hinlegen! Aufstehen! Hinlegen! Aufstehen! Hinlegen! Aufstehen!" Und während wir anderen Häftlinge weiter unsere beschwerliche Runde pfadauf und pfadab machen, geht etwa eine Viertelstunde immer in gleicher Monotonie dieses: Hinlegen! Aufstehen! Hinlegen! Aufstehen! Hinlegen! Aufstehen! Der Häftling ist bald völlig erschöpft. Er kann sich nur noch langsam und mühselig vom Boden erheben und läßt sich dann einfach fallen, zusammenknickend, vorwärts, seitwärts, rückwärts, wie er gerade fällt, nicht einmal mehr die Hände zum Schutz vorstreckend, und immer länger wird der Abstand zwischen den Kommandos. ,, Laß ihn doch trieseln!" ruft der benachbarte Posten, der etwa zwanzig Schritt entfernt steht, seinem Waffenbruder zu. ,, Trieseln!" befiehlt der Posten augenblicks dem Häftling, der sich nur noch wankend auf den Beinen halten kann. Und der Häftling streckt die Arme seitwärts und beginnt, sich auf der Stelle um sich selbst zu drehen. Aber er vermag sich nur noch langsam zu drehen, drei-, viermal vielleicht, dann fällt er wie ein Betrunkener um, stürzt einen niedrigen Steilhang hinab, bleibt einige Sekunden wie tot liegen, erhebt sich mühsam auf Händen und Knien, knickt um, trudelt den Abhang einige zehn Meter hinunter und bleibt dort endgültig wie leblos liegen. Eine halbe Stunde später etwa ist der Sanitäter nach ihm hinaufgeklettert. Ich sehe, daß er sich um ihn bemüht, aber der Häftling regt sich nicht. Dann ruft der Sanitäter dem Kapo, der in der Tiefe steht, zu: ,, Schick einen mit einem Strick rauf!" Der Kapo beauftragt einen Häft68 ling, der darauf mit einem dicken Seil den Hang hinaufklettert. Und dann seilen die beiden Häftlinge den Kameraden ein und bringen ihn mühsam den Hang hinunter. Unterdessen haben sich zwei Posten von ihrem Hang entfernt und sich oben auf dem Platz aufgestellt, wo wir die Steine in Kippwagen werfen müssen. Sie belustigen sich damit, daß sie uns jedesmal, wenn wir an ihnen vorbei müssen, Fußtritte geben und mit ihren Seitengewehren schlagen. Ich spüre, daß mich langsam die Kräfte verlassen, meine Knie beginnen zu zittern, meine Kehle ist wie ausgedörrt, meine Lippen sind trocken und spröde, in den erstarrten Händen habe ich fast kein Gefühl mehr. Der Nacken schmerzt mir, und ich habe das Empfinden, als presse sich eine schwere eiserne Klammer um Schläfen und Hinterkopf. Es überkommt mich ein nagendes Verlangen, mich einfach hinfallen zu lassen, wenigstens einmal, und wenn es nur für Sekunden wäre, irgendwie auszuruhen. Aber sofort steht dagegen der Gedanke auf, daß dies das unvermeidliche, qualvolle Ende ist. Das Ende ist? Das Ende? Und wenn ich jetzt über die Postenkette hinausgehe? Was dann? Werde ich nicht auch dann qualvoll sterben müssen? Und wenn ich den Stein nähme und ihn einem von den beiden Quälern da oben auf den Schädel schlüge? Auch das wäre das sichere Ende! Aber was wäre damit erreicht? Gewiß, ich stürbe. Und mit mir vielleicht noch einer von denen, die den Tod tausendfältig verdient haben. Aber würden dann nicht die Maschinenpistolen rattern und grausige Menschengarben mähen? Würde dann nicht heute noch das ganze Lager schwer zu leiden haben? Hat mir Richard Elsner nicht berichtet, daß man den Kameraden Förster, der aus dieser Hölle mit Gewalt entfliehen wollte, vor allen Häftlingen gehängt hat? Hat nicht damals das ganze Lager entsetzlich gelitten? Sind damals nicht viele, an Försters Tat völlig unbeteiligte Häftlinge grausam gestorben? Nein, wenn ich sterben muß, dann darf ich nur allein sterben! Und meine Knie werden schwächer und schwächer, und mein ganzer Körper ist wie gerädert, weit schlimmer noch als nach den harten Vernehmungen durch die Gestapo. Die Welt um mich wird unwirklich, ich sehe nur noch meinen Vordermann, packe nur noch mechanisch meinen Stein, quäle mich schrittweise stolpernd den Hang hinauf, spüre schon gar nicht mehr, daß ich von den Posten geschlagen werde, und will schon wieder meinen Stein schultern, als ich jemand neben mir und doch wie aus unendlicher Ferne sagen höre: ,, Mach doch keinen Quatsch, Kerl, es ist doch Mittag jetzt." 69 ---- Mittag?-- Mittag? Ich richte meinen Kopf auf. Da liegen und sitzen die Häftlinge alle. Jetzt erst sehe ich sie wieder.-- Mittag- Pause Ach ja, Pause! Und wie ein Sack falle ich um, und atme tief und bin beglückt, beglückt, daß ich da auf dem steinigen kalten Boden liegen darf. Ruhe, oh, kostbar- köstliche Ruhe! Und immer noch Ruhe! Immer noch und immer noch. Was schert mich der Nachmittag?! Was schert mich die nächste Minute?! Diese Sekunde, da mein Herz pocht, mein Atem geht, ist mein, ganz mein! Und niemand quält mich, und über mir ist der Himmel, und um mich ist die klare, reine Luft--Auch ich muß, wie jedes Lebewesen, wie jedes Ding hier auf dieser Erde und in diesem Weltraum, meines Daseins Kreise vollenden nach dem Gesetz, nach dem ich angetreten. Sind die Würfel gefallen? Muß ich in den Sielen sterben? Zermalmt mich die Mühle des Schicksals? Giordano Bruno, Savonarola, Ferrer, Uriel Acosta und tausend andere-- auch sie wurden zermalmt, weil sie sich selber treu blieben. Ich kleines, winziges Rädchen, ich Sandkörnchen am Strand der Welt, was kann ich mehr tun, als in der Stunde der Entscheidung ihrem Beispiel zu folgen. Mein heißester Herzenswunsch ist seit Jahr und Tag die gewaltlose Gemeinschaft alles dessen gewesen, was Menschenantlitz trägt. Und weil ich dieses Ziel anstrebte, bin ich hier auf diesem Kalvarienberg--. Gleichviel, wie es auch zu Ende gehen mag, ich will mir selber treu bleiben- --Die Arbeit wird wieder aufgenommen. Die kurze Ruhe hat meine Kräfte gesammelt. Aber ich komme nur über die ersten beiden Runden mit klarem Verstand hinweg. Dann flimmert es mir wieder vor den Augen, dann zittern wieder die Knie, und alle Glieder schmerzen, und ich verliere mich wieder in einem Zustand, der mich merkwürdig gleichgültig und apathisch sein läßt. Meine Gedanken beschäftigen sich nur noch mit der an Wahnsinn grenzenden Vorstellung, daß ich weiter und immer weiter muß, pfadauf, pfadab. Was um mich vorgeht, weiß ich nicht mehr. Ich sehe nur noch den Häftling vor mir, sonst nichts. Und ich erwache aus diesem Zustand erst, als ich am Ende in der Arbeitskolonne ins Lager marschiere. Irgendein Häftling hat mich eingehakt und stützt mich beim Gehen. Mir ist alles so gleichgültig, so unwirklich, so traumhaft fern, so ganz dem Leben entrückt, so jenseits von Zeit und Raum. Ich weiß nicht, daß ich mich auf der Schwelle des Todes befinde, wünsche nicht einmal- das Ende mehr. --茶茶 10 70 Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es dann weiter ging. Nur wenige Bilder haften in meinem Hirn. Es war, als habe sich alle Qual und Grausamkeit der Natur erschöft, als ob der gütige Schleier urewiger Nacht sich über mich mitleidsvoll gesenkt hatte und als ob ein Zustand völliger Empfindungslosigkeit sich stärker erwies als alle körperliche und seelische Qual. Ich habe mich um nichts mehr gekümmert und weiß auch nicht, ob sich jemand um mich gekümmert hat. Ich weiß nur, wie ich mich ins Bett gelegt habe und wohl augenblicks eingeschlafen bin, daß ich erst wieder wach wurde, als sich die meisten Häftlinge bereits im Tagesraum befanden. Und dann weiß ich, daß ich wieder auf dem Appellplatz stand. Den Brotsack umgehängt, unsäglich müde, ohne jegliche Widerstandskraft und völlig interessenlos dem unvermeidlichen Schicksal ergeben. Ich weiß, daß mir irgendein Häftling sagte: ,, Du! 996! ans Tor, nach Schild 2." Ich erinnere mich, daß ich dort oben am Schild 2 mit einigen Häftlingen stand und daß die Arbeitskolonnen zum Tor hinausmarschierten, daß es dann merkwürdig still um mich wurde, daß der Appellplatz plötz-, lich leer war und daß unsere kleine Kolonne von einem Häftling ins Lager hinab geführt wurde. Ich weiß weiter, daß ich vor der Revierbaracke stand, daß irgendein Häftling zu mir sagte: ,, Du bleibt heute im Lager." Aber ich erinnere mich nicht mehr, wie ich den weitaus größten Teil des Tages verbracht habe. Vom späten Nachmittag ab erst setzt wieder klareres Erinnerungsvermögen ein. Ich erinnere mich, daß ich im Tagesraum in meinem Block war. Franz und noch ein Häftling waren da und mit dem Zerschneiden von Blut- und Leberwürsten zu Portionen beschäftigt. Franz fragte mich, wo ich herkäme, und ich antwortete ihm, daß ich zum Arzt gerufen, aber ihm nicht vorgestellt worden sei. Weiter erinnere ich mich, daß ich mich im Waschraum gründlich gewaschen habe und dann sehr erfrischt war. Als im Lautsprecher die Musik der Lagerkapelle erscholl und damit das Signal gegeben war, daß die Arbeitskolonnen ins Lager zurückkamen, ging ich hinauf nach dem Appellplatz. Und nach dem Appell habe ich noch kurze Zeit im Tagesraum meines Blocks verbracht, dann Franz gebeten, ob ich mich schon vor der Zeit ins Bett legen dürfte, weil ich mich schlapp und müde fühlte. Franz gab die Erlaubnis, und wieder schlief ich ohne Unterbrechung bis zum allgemeinen Wecken. Und als dann am nächsten Morgen beim Appell meine Häftlingsnummer wieder durch den Lautsprecher nach dem Schild 2 aufgerufen wurde, bin ich nach oben gerannt und war der Meinung, daß ich wohl erst an diesem Tage dem Arzt vorgeführt werden sollte. Wieder sagte 71 mir ein Häftling unten vor der Revierbaracke:„Du bleibst heute im Lager, geh rüber in die Holzbude und mach dir da zu schaffen. Wenn jemand kommt, sagst du, daß du dich für den Arzt bereit halten sollst, und zeigst ihm diesen Zettel.“ Und damit übergab er mir einen auf einem Vervielfältigungsapparat hergestellten kleinen Zettel, auf dem im Vordruck mein Name, meine Häftlingsnummer und das Tagesdatum eingetragen waren. In der Holzbude lag zerkleinertes Reisig, auch ein Beil und ein Hau- block waren da. Ein Kapo kam und sagte mir:„Du brauchst hier nicht viel zu tun, du mußt nur die Augen aufhalten. Wenn jemand kommt, einerlei ob es ein Häftling oder ein Scharführer ist, dann mußt du dich mit Reisigschlagen beschäftigen. Vor allen Dingen darfst du nicht ein- schlafen.“ Ich habe dann den ganzen Tag in der Holzbude verbracht. Hin und wieder kam der Kapo und unterhielt sich mit mir. Er fragte mich weidlich aus, war aber in der Beantwortung meiner Fragen zurück- haltend. Einmal kam ein Häftling, der mich fragte, ob ich Büroarbeiten machen könnte. Ich bejahte, doch als ich ihn fragte, ob er solche Arbeit für mich hätte, sagte er nur:„Vielleicht für einen Tag, wir wollen mal sehen“ und entfernte sich wieder. Kurz vor Arbeitsschluß kam dieser Häftling zurück, gab mir einen neuen kleinen Zettel und sagte mir:„Mor- gen früh trittst du wieder an Schild 2 an. Wenn du gefragt wirst, zeigst du den Zettel vor.“ Und wieder wurde ich am nächsten Tag nach dem Revier geführt. Diesmal mußte ich etwa eine Stunde lang vor der Revierbaracke stehen. Dann kam ein Häftling, holte mich in die Baracke, und ich mußte von kleinen, verschmutzten Karten, auf denen ambulante Behandlungen ver- merkt waren, auf große, saubere Häftlingskarteikarten Übertragungen machen. Und wenn ich eine Karte fertiggestellt hatte, mußte ich sie Hans Rösler vorlegen, der mit Würde und peinlicher Genauigkeit jeden schiefen I-Punkt und jeden Kommafehler monierte. Nun, ich fand diese Art zwar reichlich kleinlich, aber was machte mir das schon aus! Es ging nicht mehr pfadauf, pfadab, und ein sauberer I-Punkt war spielerisch leicht an die rechte Stelle placiert, wenn man sich nur die Zeit dazu ließ, und auf die Anzahl der ausgefertigten Karten schien es dem„Medizinal- rat“ gar nicht anzukommen. Und als ich dann abends wieder mitten zwischen den Zehntausenden auf dem Appellplatz stand, da fühlte ich mich frisch und munter und war so guter Dinge, wie ich es nur sein konnte. Viele, viele Wochen später erst habe ich begriffen, was in diesen Tagen mit mir und um mich vor sich ging. Keiner hat mir je eine Erklärung 72 darüber gegeben, und kein Häftling hat mir bis zu dieser Stunde, da ich dieses schreibe, gesagt, daß er in jenen Tagen um mich bemüht gewesen ist und mein Leben unter Einsatz seines eigenen Lebens dem Tode und dem Nationalsozialismus abgetrotzt hat. Ich mußte erst selbst organisch in das stumme, ehrgeizlose, nur im schweigsamsten Pflichtbewußtsein verankerte Heldentum der Lagerelite hineingewachsen sein, um hier alle Zusammenhänge zu erfassen. Ich mußte erst selbst derjenige Häftling geworden sein, der die Arztvormeldescheine ausfüllte und die Liste der Arztvormelder ausfertigte, die fast täglich zur Lagerleitung ans Tor geschickt wurde, um zu begreifen, daß mich die aktiven Freunde in letzter Sekunde aus den Krallen des Sensenmannes befreit hatten. Zwar wußte ich schon, daß jeder politische Häftling irgendwie von den anderen politischen Häftlingen bevorzugt wurde, aber ich wußte noch nicht, daß es ungeschriebenes, ehernes Gesetz im Lager war, daß bestimmte Häftlinge abzuschirmen waren. Richard Elsner hatte seine Freunde auf mich aufmerksam gemacht. Zwar wußten sie noch nicht, ob ich würdig war, abgeschirmt zu werden, aber sie taten es dennoch, nur weil ein Freund, den sie kannten, für mich einstand. Sie schwiegen vor mir aus zwei Hauptgründen. Zum ersten war das, was sie für mich taten, eine riskante Sache. Wäre dabei irgend etwas schief gegangen, so daß die Lagerleitung davon erfahren hätte, sie wären selbst grausam gestorben. Und darum die angewandte Vorsicht, die vielleicht nur der ganz begreifen kann, der selbst im Lager in diesem Sinne gewirkt hat. Und zum zweiten war ihre Handlungsweise von Motiven getragen, die in den letzten, tiefsten, geheimnisvollsten menschlichen Regungen ihren Ursprung haben. Diese Regungen aber stehen jenseits von allen Äußerlichkeiten. Sie schämen sich vor äußerem Ruhm, äußerer Anerkennung, äußerer Ehrung, und Weihrauch nach außen und innen ist ihnen bis in den Tod verhaßt. Aus diesen beiden Gründen haben die Freunde bis auf den heutigen Tag vor mir geschwiegen und werden vielleicht immer vor mir schweigen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß ein Häftling beobachtet hatte, wie ich um Haaresbreite auf der Kippe stand. Und dann war durch irgendeinen Kanal mein Name ins Revier gekommen und ohne Wissen des Arztes auf die Arztvormeldeliste gesetzt worden. Und man hatte mir drei Tage Ruhe verschafft, die mich dem Leben zurückgewannen. Und als die Ruhetage vorüber waren, da brauchte ich nicht mehr beim Kommando Steinbruch anzutreten, sondern wurde in ein anderes, leichteres Arbeitskommando eingereiht. Zwar war auch dort die Arbeit noch 73 schwer und hart, aber sie überstieg doch nicht mein physisches Vermögen, und nach einigen Wochen vermittelte Hans Schulenburg, daß ich als Nachtschreiber im Häftlingsrevier beschäftigt wurde. Auch meine Tätigkeit als Nachtschreiber war zunächst noch inoffiziell. Die Lagerleitung und der Arbeitsdienstführer hatten dem Häftlingsrevier nur eine bestimmte Anzahl von Häftlingen als Hilfskräfte zugebilligt, eine Zahl, die viel zu gering war, um die anfallende Arbeit erledigen zu können. Die Ambulanzkarten lagen haufenweise da und harrten der Übertragung auf die Karteikarten, die in der Revierkartei von jedem eingelieferten Häftling angelegt worden waren. Und ebenso waren viele dieser Karteikarten noch nicht ausgefertigt, weil die Zahl der Zugänge von Tag zu Tag zunahm. Mit stillschweigender Zustimmung des Lagerarztes hatte man daher einige Nachtschreiber ,, organisiert", die von 19 Uhr bis zum Morgenappell bemüht waren, die hohen Stapel unerledigter Schriftstücke aufzuarbeiten. - Die Arbeit war so viel, daß wir Nachtschreiber bald gezwungen waren, zusätzlich noch ein paar Stunden am Tage und auch sonntags zu arbeiten. Da ich maschinenschreiben konnte, wurden mir dann nach und nach alle möglichen dringenden Arbeiten übertragen, zu denen der Arztschreiber das war der Häftling, der im Zimmer des Lagerarztes saẞ und dort die schriftlichen Arbeiten für den Arzt verrichtete keine Zeit fand. So lernte mich der Lagerarzt Dr. Ding kennen, und bald war ich schon mehr tags als nachts im Revier beschäftigt, so daß man es für zweckmäßiger hielt, mich nunmehr offiziell als Häftlingsschreiber für das Revier von der Arbeitsdienstleitung anzufordern. Das war aber nicht so einfach durchgeführt wie gedacht. Ich war noch nicht lange genug im Lager, und der Arbeitsdienstführer lehnte prinzipiell die Abstellung eines Häftlings, der erst kurze Zeit im Lager war, für einen ,, Druckposten" ab.. Aber mit einigen Schwierigkeiten, bei denen sowohl der Lagerarzt als auch meine Mithäftlinge und ich selbst einiges riskieren mußten, gelang es dann doch, mich ,, aushilfsweise für einen plötzlich erkrankten Häftlingsschreiber" offiziell abstellen zu lassen. So wurde ich Häftlingsschreiber im Revier, und der seidene Faden, an dem mein Leben hing, war einstweilen erst einmal doppelt geknüpft. Für den Leser mag jetzt die Frage auftauchen, warum die Häftlinge, wenn sie die Macht und die Möglichkeit hatten, mich aus den Knochen74 armen des Gevatters Tod zu befreien, es erst soweit kommen lassen mußten, ehe sie es taten. Nun, ihre Macht und Möglichkeiten waren aufs äußerste begrenzt. In der Regel, d. h. in der weitaus überwiegenden Mehrheit aller Fälle, mußten sie hilflos zusehen, wie Tausende von Häftlingen erbärmlichst dahinsiechten und starben oder gemordet wurden. Nur in wenigen Ausnahmefällen vermochten sie einzugreifen, und das auch nur, weil sie ihr eigenes Leben dabei einsetzten. Und tausendmal und mehr standen sie ganz einfach vor dem grauenhaften Entscheidungszwang, unter tausend Häftlingen einen einzigen auszuwählen, den sie dem Leben erhalten konnten. Man stelle sich einen Arzt vor, der in eine Baracke mit hundert an Fleck fieber erkrankten, todgeweihten Menschen kommt und nur die Medikamente hat, die ihm die Aussicht versprechen, fünf von den Todgeweihten dem Leben zurückzugewinnen. Er steht einfach vor der Frage, welchen fünf von den Erkrankten er das Medikament verabreichen soll. Er muß sich entscheiden, und je verantwortungsbewußter und wissender er ist, desto schwerer wird die Entscheidung. Soll er das Medikament einem menschlichen Wrack, das sich selbst und der Welt zur Last ist, verabreichen und den Kranken sterben lassen, der gleich daneben liegt und im zukünftigen Leben vielleicht noch wertvollste Arbeit für alle Menschen leisten könnte?--- In dieser Situation waren wir politischen Häftlinge, die wir im nationalsozialistischen Konzentrationslager durch Zufall, Glück und unser Menschentum die Möglichkeit unter dem Einsatz unseres eigenen Lebens hatten, einem Häftling zu helfen oder ihn am Leben zu erhalten. Aus diesem Grunde allein halfen sich die politischen Häftlinge in erster Linie gegenseitig, was aber keineswegs hieß, daß Häftlingen aus anderen Kategorien nicht auch von uns geholfen. wurde. Und häufig genug ist die Entscheidung zugunsten eines Schwarzen oder eines Grünen gegen einen Roten gefallen, der sich als Schweinehund im Lager erwiesen hatte. Es war die Regel, daß unter den politischen Häftlingen das bessere, das wertvollere Menschenmaterial vorhanden war, und aus dieser Erfahrungstatsache hatte sich das oberste ungeschriebene Gesetz im Lager entwickelt: Zuerst der Politische! Aber wir wären nicht die gewesen, die wir waren, hätten wir nicht mit strenger Selbstkritik auch unter den Politischen die Echten von den Gemachten, die Spreu vom Weizen gesondert. Und das zweite ungeschriebene Gesetz im Lager war, daß die politischen Häftlinge, die sich auf Grund ihres Kampfes gegen den Nazismus besonders exponiert hatten, abzuschirmen waren. Das war kein Freibrief 75 für sie, und fast keiner hat ihn auch wohl als Freibrief betrachtet oder ausgenutzt. Die Abschirmung bestand darin, daß man bemüht war, solche Häft- linge in weniger anstrengenden Arbeitskommandos unterzubringen, wo sie zudem noch aus dem unmittelbaren Blickfeld der Lagerleitung gerückt waren. Das gelang zwar nicht immer, aber doch häufiger, als man bei dem skrupellosen Nazihaß annehmen konnte. Und wenn auch Tausende unserer Besten qualvoll gestorben sind und ermordet wurden, viele andere können heute nur noch deshalb an einem besseren, würdigen Menschheitsgebäude mitwerkeln, weil sie ihr Leben allein der Solidarität zu verdanken haben, die selbst im Tornado des Konzentrationslagers nicht unterging und sich bewährte. eyes Ich war schon mehrere Wochen als Revierschreiber tätig und hatte mich mit dem internen Betrieb des Häftlingsreviers vertraut gemacht. Ich hatte manchen Blick„hinter die Kulissen“ getan und viele Dinge erlebt, die mich von einem Grauen ins andere brachten. Ich hatte er- fahren, mit welcher Selbstaufopferung hier Häftlinge wirkten, die ein Trantalus-Los auf sich nahmen und eine Arbeit verrichteten, die fast der der Danaiden in der Unterwelt glich. Ich hatte mich ihnen selbst zugesellt und immer wieder das Glück zutiefst empfunden, wenn ich durch irgendeine mehr oder minder belangvolle Tat irgendeinem meiner Kameraden etwas Gutes zu tun vermochte. Aber ich habe mich später häufig genug an den Kopf gefaßt und nicht begriffen, wie vollkommen ahnungslos ich von den Dingen war, die sich indes in meiner unmittel- baren Nähe zutrugen, im Zimmer nebenan, im Arztzimmer, das ich schon mehrfach betreten und immer in dienstlich einwandfreier Ordnung ‘gesehen hatte, und in den Räumen des Reviers, in dem Kranke lagen und Kranke behandelt wurden. Es war so, als hätte sich um mich eine undurchdringliche Mauer gelegt, als wäre ich blind gewesen. Dann aber öffnete das Schicksal mir auch dieses eiserne Tor und schob vor meinen Blicken den barmherzigen Vorhang zurück: Der Arztschreiber Herbert, ich glaube sein Nachname war Neumann, wird plötzlich entlassen. Der Häftling PaulGrünebaum, der schon als Nachfolger angelernt war, liegt auf Tod und Leben mit schwerem Rheumatismus und schwerster Herzneurose danieder. Es ist kein Häft- ling zur Hand, der die Tätigkeit eines Arztschreibers übernehmen kann. 76 Es muß jemand sein, der in etwa mit den schriftlichen Arbeiten im Revier vertraut ist und der perfekt maschinenschreiben kann. Ich bin der Dienstjüngste der Häftlingsschreiber. Dennoch, es ist nun einmal kein anderer da. Herbert schlägt mich dem Lagerarzt SS.- Untersturmführer Dr. Ding als Nachfolger vor. Dr. Ding fragt mich, ob ich mich einer solchen Aufgabe wohl gewachsen fühle, redet mir zu und macht mich zum Arztschreiber. Herbert weist mich in einer kurzen Stunde, die ihm noch bis zum Antreten am Entlassungsschild verbleibt, in meine Tätigkeit ein. Mir raucht der Kopf von all dem Neuen, und in einer dicken Mappe häufen sich die Vordrucke und Vorlagen. Ein herzlicher Händedruck mit Herbert: ,, Hals- und Beinbruch, Kamerad!", und dann bin ich allein auf mich gestellt. Die Scharführer, die dem Lagerarzt beigegeben sind, haben von den schriftlichen Arbeiten, die eigentlich sie machen sollen, aber vom Arztschreiber verrichtet wurden, nicht die geringste Ahnung. Auch Dr. Ding ist nicht über alles im Bilde. Paul Grünebaum ist derartig krank, daß ich ihn nicht stören darf. Der damalige erste Häftlingspfleger Klang warth, ein Buchdrucker, der sich im Revier frappierende medizinische Kenntnisse angeeignet hatte und selbst schwierige Operationen und Amputationen meisterhaft ausführte, ist gleichfalls nicht über alles im Bilde. Wenn er auch von Anfang an im Revier tätig gewesen ist und darum manches weiß, so hat er sich doch fast ausschließlich nur um die ärztliche Betreuung kümmern können. Er unterstützt mich, so gut er es vermag, und alles andere muß ich mir selbst ,, ausknobeln". - Ich kann hier nicht im einzelnen schildern, wie mein Weg war, wie ich überhaupt von mir hier nur insoweit reden möchte, als es mir zweckmäßig erscheint, um die Lageratmosphäre vor dem Leser erstehen zu lassen. Ich will nur so viel sagen, daß ich nun, nachdem mir der Zufall einen Platz im Lager anwies, von dem aus ich mehr als die meisten Häftlinge sehen konnte, Schritt für Schritt in das ganze Grauen des Nazismus eingeführt wurde. Die Unfähigkeit und Faulheit der SS.- Leute einerseits und andererseits meine kaltblütige Bereitschaft, in jeder Situation meine wahren Gefühle und Empfindungen hinter einer versteinerten Gesichtsmaske zu verbergen, ebneten mir den Weg in eine schier unbegreifliche Wirklichkeit und öffneten mir den Blick in das maskenlose Antlitz des Nationalsozialismus. Im nachfolgenden will ich versuchen, das ungeschminkte Antlitz des Nazismus erstehen zu lassen. Ich überlasse es dabei dem Leser, den Elementen nachzuspüren, die er aus eigener Anschauung kennt und sich 77 vor seinen Augen vielleicht nicht so grauenhaft entwickelten, aber im Grunde genau dieselben sind. Ich kann nur episodische Blitzlichter geben, aber ich hoffe, daß sie für sich selbst sprechen, denn jedes einzelne von ihnen gibt ein allgemein typisches Vorkommnis wieder und hat nicht etwa nur eine besonders krasse Ausnahme zum Gegenstand. 78 ZWEITER TEIL Ich war erst kurze Zeit als Arztschreiber im Häftlingsrevier und hätte auf die Frage, ob dem Lagerarzt Dr. med. Erwin Ding ein Mord an einem Häftling zuzutrauen wäre, einen Eid geschworen, daß das nicht der Fall sei. Da erhielt mein Herz den ersten belehrenden Keulenschlag. Dr. Ding war ein hochintelligenter Mensch von besten Umgangsformen, konziliant in seinem äußeren Wesen, freundlich, manchmal geradezu gutmütig. Seine Gesichtszüge waren eher weich als streng, seine Augen lebhaft und scharf beobachtend. Er war vor allem ungewöhnlich selbstsicher, und ich habe mich immer wieder gewundert, daß er sogar in den verfahrensten Situationen stets noch einen Ausweg wußte. Wie manchesmal hat mein Blick, wenn er vor mir vor seinem Schreibtisch saß und die von mir angefertigten Schriftstücke durchlas, auf seiner hohen, edelgeformten Stirn, auf der schönen und doch nicht weichlichen, sondern durchaus charaktervollen Nasenlinie, auf seinen ebenmäßigen, männlich schönen Gesichtszügen geruht! Und wie manchesmal hat mein Geist dabei das Rätsel zergrübelt, das mir dieser Mensch mit seinen hochqualitativen Anlagen und seinen verabscheuungswürdigen Verbrechen auferlegte. Es ist hier nicht meine Aufgabe, den Roman dieses Menschen zu schreiben, so reizvoll und aufschlußreich für die letzte geistige Durchdringung des Nazismus auch ein solches Werk sein könnte, ich kann hier nur skizzenhaft andeuten, wer Ding war, und muß es dem Leser überlassen, den psychologischen Abgründen nachzusinnen, die aus diesem Menschen trotz prächtigster Veranlagung einen Scharlatan und Mörder machen konnten. Ding war der Sohn des Arztes und Afrikaforschers von Schuler, der mit einer Dessauer Kontoristin in einem lockeren Konkubinat gelebt hatte, aus dem drei Söhne hervorgegangen waren. Von Schuler hat zweifellos vorgehabt, die drei Söhne zu adoptieren, seine Verwandtschaft bereitete ihm jedoch große Schwierigkeiten, und über die Durchführung der Adoption verstarb er. Die Mutter kämpfte um das Recht ihrer Kinder, 79 aber unterlag der Sturheit und der gesellschaftlichen Übermacht des sogenannten Adels. Der älteste der drei Söhne war noch rechtzeitig vor dem Tode des Vaters adoptiert worden. Der zweite trägt den Namen der Mutter, der dritte wurde von dem Leipziger Kaufmann Ding, der in kinderloser Ehe lebte, adoptiert. Mit seinem Adoptivvater hatte sich Ding ausgezeichnet verstanden; weniger herzlich war das Verhältnis mit der Adoptivmutter. Der alte Ding starb, hinterließ in seinem Testament ein knappes Stipendium für den Adoptivsohn und übertrug die Verwaltung und Nutznießung des hinterlassenen Vermögens seiner Frau. Bald war der junge Ding mit seiner Adoptivmutter auseinander. Auf der Universität ist er mitten in die Kreise hineingeraten, die mit ihrer Herrenmenschenideologie ein rechter Nährboden für nazistisches Verbrechertum abgaben. دو Fraglos besitzt Dr. Ding alle Voraussetzungen, sich seinen Weg als Arzt ehrlich und würdig zu bahnen, aber wieviel leichter ist der Weg über die Partei! Sie fragt nicht nach Wissen und Können, sie fragt nur nach ,, Gesinnung". Und was andere in jahrelanger, mühseliger, oft entbehrungsreicher Arbeit erreichen können, das legt die Partei dem, der Gesinnung" hat oder sie nur gut vorzutäuschen versteht, über Nacht mühelos in den Schoß. Und bei Dr. Ding drängt es. Die ausreichende finanzielle Unterstützung von zu Hause fehlt. Er will möglichst schnell zu einem Einkommen gelangen, das ihm die Heirat ermöglicht. Und er wählt den kurzen, bequemen Weg über die Partei! Er promoviert mit einer Arbeit über den ,, Pavor nocturnus" und wird erst Unterarzt, dann Lagerarzt im Konzentrationslager ,, Buchenwald". Keiner, der diesen Dr. Ding kennenlernt, kann sich des Eindrucks entziehen, daß er ein hochtalentierter Mensch ist. Jeder hat das Gefühl, daß er auch charakterlich bestes Format aufweist. Und selbst der Fachmann, der sich kurz mit Dr. Ding unterhält, ist erstaunt über das außerordentlich vielseitige und präzise Wissen, das dieser Mensch hinter seiner hohen Denkerstirn mit sich herumzutragen scheint. Und doch, es ist alles nur Fassade. Der Nazismus hat dieses prächtige Gefäß, das von Natur dazu berufen gewesen wäre, wertvolle Arbeit für die leidende Menschheit zu leisten, ausgehöhlt und mit Pesthauch angefüllt. Ich kann hier unmöglich all die Dinge anführen, die beweisen, daß alles an ihm Fassade war, aber einiges dürfte dafür schon genügen: In seinem Schreibtisch fand ich Aufzeichnungen, Anamnesen und Fotos von zuckerkranken Häftlingen und deren Angehörigen. Ding sagte mir, daß er die Absicht habe, eine größere Arbeit über ,, Diabetes 80 mellitus" zu schreiben, ich solle mir die Aufzeichnungen einmal ansehen und wenn möglich vervollständigen. Ich erfuhr dann, daß die Aufzeichnungen von einem jüdischen Arzt aus Wien namens Perth angefertigt worden waren. Ding ließ trotz des ausdrücklichen Verbotes, daß Ärzte als Häftlingspfleger im Revier beschäftigt werden durften, diesen Arzt und zwei andere jüdische Ärzte im Revier praktizieren, um seine höchst mangelhafte Ausbildung zu vervollkommnen. Und diese drei Ärzte verstanden es in meisterhafter Weise, die unwissenden Schüler zu markieren und doch dabei den ,, Lehrer" zu belehren. Als im Zusammenhang mit den Masseneinlieferungen nach dem Judenprogrom im Jahre 1938 ungewöhnlich viele Coma- Fälle auftraten und Dings Interesse dadurch auf die Zuckerharnruhr gelenkt wurde, hatte Perth ihn aufmerksam gemacht, daß das Lager ausgezeichnetes Untersuchungsmaterial zur Erforschung der Erblichkeit dieser Krankheit bieten müßte. Erstens sei das Lager aus allen Teilen Deutschlands beschickt und damit das Untersuchungsmaterial eines großen Landstriches auf engstem Raum zusammengedrückt. Zweitens beschränkten sich die gewöhnlichen Forschungen fast nur auf Krankenhausfeststellungen, während hier jeder Häftling, in dessen Familie oder Verwandtschaft Diabetes mellitus aufgetreten sei, zur Untersuchung herangezogen werden könne. Drittens sei es doch bekannt, wie unzuverlässig manchmal wissenschaftliche Forschungsergebnisse des Arztes dadurch werden, daß der Arzt kein Druckmittel in der Hand hat, den Patienten zur restlosen Angabe aller wichtigen Dinge zu veranlassen. Wie anders sei das aber hier im Lager! Diese drei Gründe leuchteten Ding ein, und er ließ von Perth und anderen jüdischen Ärzten das erste Material zusammentragen. Es häufte sich bald ein Aktenberg, zumal nur ein kleiner Schreibebrief des Lagerarztes an die Angehörigen der Lagerinsassen erforderlich war, um von dieser Seite Fotos, Angaben und Unterlagen in Fülle zu erhalten. Jeder draußen war der irrigen Meinung, daß er so seinem Angehörigen im Lager vielleicht etwas helfen könne. Die Stammbäume wurden gezeichnet, um die Streitfrage nach dominantem oder rezessivem Erbgang zu klären, Fotos wurden eingeklebt, Angaben aller Art festgehalten. Ich arbeitete mich in das Material hinein und war bald so weit, daß ich es beherrschte. Ding besorgte alle einschlägige Literatur, die er von Jena und Leipzig über Diabetes mellitus erhalten konnte. Ich arbeitete die Literatur durch, verkartete ihre wichtigsten Ergebnisse, legte einen Literaturnachweis an, brachte immer 6 Poller, Buchenwald 81 mehr Ordnung in das Material und war bemüht, es überall zu vervollständigen. Ich muß schon sagen, ich nahm meine Arbeit ernst; daß sie für mich persönlich eine schöne Seifenblase war, die einmal zerplatzen mußte, war nicht meine Sorge. Eines Tages wurde an einem Häftling, gegen den auf Feststellung einer Vaterschaft geklagt wurde, eine eingehende Untersuchung durch einen Fachmann des erbbiologischen Institutes der Universität Jena vorgenommen. Der Fachmann brachte Meß- und Untersuchungswerkzeuge mit, die sofort mein Interesse fanden. Ich sah, wie er körperliche Merkmale genauestens vermaß und in der charakteristischen Form durch Bild und Zeichnung festhielt. Ich lernte die Ähnlichkeitsdiagnostik kennen und besah mir darauf unter dieser Perspektive das Diabetesmellitus- Material. - Ich glaubte in fast allen Fällen, in denen auf Familien- und Einzelbildern ein erkrankter Elter und die erkrankten und gesunden Nachkommen zu sehen waren, eine überraschende Ähnlichkeit zwischen den Krankheitsträgern zu entdecken, während bei den gesunden Nachkommen kaum Ähnlichkeit vorhanden war. --Am nächsten Tage trug ich meine ,, Entdeckung" Ding vor. Er war augenblicks begeistert und ging sofort daran, in das Material aus dem Handgelenk alle möglichen Aufzeichnungen über besonders charakteristische Ähnlichkeiten einzufügen, die er angeblich bei eingehenden körperlichen Untersuchungen festgestellt hatte. Als ich Zeuge dieser Fälschung wurde, trug ich auch diesen Traum von Dr. Ding zu Grabe. Oder ein anderer Fall, der auf derselben Ebene liegt: Ich hatte auch den Literaturnachweis über Diabetes mellitus verkartet, denn ich fand in fast jedem Buch derartige Nachweise. Meine Absicht war, an Hand dieser Verkartung leicht feststellen zu können, wieviel Literatur existierte, was schon durchgearbeitet war und was noch durchgearbeitet werden müßte, um eine wissenschaftlich einwandfreie Arbeit zu leisten. Als Ding dann kurz nach Ausbruch des Krieges mit dem Material nach dem Kaiser- Wilhelm- Institut(!) ging, um dem führenden Fachmann auf diesem Forschungsgebiet sein ,, Material" zu unterbreiten, beauftragte er mich, der Mappe, die mit ihren Fälschungen für mich sowieso keinen wissenschaftlichen Wert mehr hatte, auch einen Literaturnachweis einzufügen. Auf meine Frage, ob nur die durchgearbeiteten Werke angeführt werden sollten, sagte er: ,, Nein, alle, auf die wir gestoßen sind. Das ist schon der halbe Sieg, denn glaubst du, daß der da alles über Diabetes mellitus gelesen hat? Und wenn er erst sieht, was ich alles gelesen habe, dann fragt er gar nicht erst viel, weil er annehmen muß, 82 daß er sich blamieren könnte. Glaubst du etwa, daß ich alle Literatur, die ich bei meinem„ Pavor nocturnus" angeführt habe, durchgeochst habe?"- Der Leser mag bei diesem Bericht über die Verantwortungslosigkeit eines Menschen erschrecken, dem später ein Lehrauftrag an einem wissenschaftlichen SS.- Institut in Graz übertragen wurde, für mich war das damals nichts Neues mehr. Ob er einen total verlogenen Bericht über das Ergebnis eines Ruhrphagenexperimentes diktierte, ob er seinem Kollegen aus Oranienburg etwas vorflunkerte über hochinteressante wissenschaftliche Reihenversuche in der Bekämpfung der Lungenentzündung durch Salvarsan- Einspritzungen, Experimente, über die er kurz zuvor wohl gelesen haben mag, die er aber niemals im Lager durchgeführt hatte, ob er völlig erlogene oder halb wahre Berichte an die medizinischen Fachzeitungen einreichte, um in den Mitarbeiterstab aufgenommen zu werden, ob er Totenberichte oder Krankengeschichten fälschte, ob er fahrlässig tötete oder mordete, alles das war mir längst kein Anlaß zum Erschrecken oder Entsetzen mehr. Ding war ja SS.Sturmführer und SS.- Arzt reinster Prägung, von der SS. gemacht, gesäugt und gefördert.-- Und doch, welch langer, harter Weg war mir beschieden von jenem Tag, als ich als Arztschreiber bei Dr. Ding anfing, bis zu jenem Tag, an dem mich nichts mehr an ihm verwundern konnte. Mit wie vielen brutalen Keulenschlägen mußte mein gläubiges Herz erschlagen werden, weil es einfach nicht begreifen wollte, daß dieser Mensch mit solch großartiger Veranlagung Fassade und Verbrecher, und nichts als Fassade und Verbrecher war! Dies war der erste Keulenschlag, den mir die kantige Wahrheit aufs Herz schlug: Ding war an einem sonnigen Morgen zum ersten Male, seitdem ich ihn näher kannte, weniger guter Laune und leicht nervös. Die Veränderung an ihm war kaum merklich, und dürfte dem oberflächlichen Beobachter sicherlich entgangen sein, mir aber fiel sie auf, wéil mich die Erfahrung gelehrt hatte, wie wichtig es hier im Lager war, auf die geringsten Kleinigkeiten zu achten, um sich selbst zu sichern und zu behaupten. Während er sonst erstaunlich schnell und ungewöhnlich ruhig und sicher von einer Sache zur anderen überwechselte, manchmal gar innerhalb weniger Minuten drei, vier und fünf völlig voneinander abweichende Angelegenheiten klar zu regeln und zum Abschluß zu bringen verstand, war er jetzt abgehackt sprunghaft und beschäftigte sich bereits mit der nachfolgenden Sache, ohne wie sonst die vorauf6* 83 gegangene erledigt zu haben. Während er sonst auf die leiseste Anmerkung reagierte und ihm nichts zu entgehen schien, nahm er jetzt kaum Notiz davon und machte den Eindruck eines auf eine Sache stark konzentrierten, oder, wie der Volksmund es nicht ganz richtig zu sagen pflegt, eines etwas zerstreuten Menschen. Diese Veränderung, einmal beobachtet und bald darauf schon fest in mein Erfahrungsgebäude eingebaut, war für mich so typisch, daß ich später nur diese Veränderung an ihm zu bemerken brauchte, um sofort zu wissen, daß er einen Mord oder ein Verbrechen beabsichtigte. Ich hatte mich einige Zeit aus dem Arztzimmer entfernt. Als ich zurückkam, war auch Ding nicht mehr im Zimmer. Aber in der hölzernen Federhalterschale auf dem Schreibtisch lag eine aufgezogene 20- ccmSpritze, mit einer klaren, leicht bräunlichen Flüssigkeit vollständig gefüllt. Noch war ich ahnungslos, aber ich wunderte mich doch über die Flüssigkeitsmenge, denn ich hatte bislang immer nur beobachtet, daß Ding ein oder zwei oder höchstens drei Kubikzentimeter Flüssigkeit spritzte. Es ist mir nicht klar geworden, ob Ding diese Manipulation mit Absicht vorgenommen hatte, entweder um herauszuexperimentieren, wie ich mich dabei benahm, oder um mich vorsichtig an Dinge zu gewöhnen, von denen er wußte, daß ich sie ablehnte und verabscheute. Es kann auch sehr wohl sein, daß Ding, als er die aufgezogene Spritze in die Schale legte, nicht im entferntesten an mich gedacht hatte, sondern die Spritze nur aus der Hand legte, weil er weitere Vorbereitungen in dem septischen Operationsraum treffen wollte, der in der Mitte der Stationsbaracke untergebracht war. Die Stationsbaracke lag parallel zu unserer Baracke und war nur durch einen Hofgang von ihr getrennt. Über den Revierweg kam oben vom Lager her SS.- Scharführer Sommer, der brutale Arrestleiter, auf das Revier zu. Unser Signaldienst benachrichtigte mich, und da ich allein im Arztzimmer war, trat ich an das Fenster, um Sommer zu beobachten: Sommer kommt mit schlacksigen, schnellen Schritten herunter. Hinter ihm hoppelt ein bleicher, spindeldürrer Häftling sichtlich unter großer Anstrengung her. Zuerst erkenne ich den Häftling nicht. Er hat große Mühe, die viel zu weiten Stiefel ohne Schnürsenkel nicht zu verlieren, mit der Linken hält er sich die Hose vor dem Leib zusammen ( die Hosenträger wurden jedem Häftling im Arrest abgenommen), und mit dem rechten Arm vollführt er bei jedem zweiten Schritt eine merkwürdig rudernde, gleichsam dem Gang nachhelfende Bewegung. Da erkenne ich in dem Skelett den Häftling Mohr. 84 Mohr war ein politischer Häftling, ein Funktionär aus Frankfurt am Main, und früher einmal Lagerältester gewesen. Er war durch den Lagerkommandanten SS.- Standartenführer Koch seines Postens enthoben worden und hatte sich, durch irgendwelche Zufälligkeiten begünstigt ,,, verkrümeln" können, wie wir Häftlinge es nannten, das heißt, er hatte aus dem unmittelbaren Blickfeld der Lagerleitung verschwinden und in dem Massenbetrieb untertauchen können. Man hatte ihm allgemein geraten, hinfort äußerst vorsichtig zu sein und alles zu vermeiden, was ihn in die Aufmerksamkeit der Lagerleitung zurückbringen konnte, denn man wußte, daß er nur um Haaresbreite am Tod vorbeigegangen war. Aber bei der Leichtfertigkeit, die bei den meisten Häftlingen leider an der Tagesordnung war, und insbesondere im Rahmen der turbulenten Ereignisse, die im Zusammenhang mit der plötzlichen Einlieferung von mehr als 20 000 Juden aus Anlaß des Judenprogroms im Jahre 1938 standen, hatte Mohr die gebotene Vorsicht außer acht gelassen. Er war, wenn ich mich recht erinnere, im Zusammenhang mit aufgedeckten Alkoholexzessen im Lager wieder in Arrest gebracht worden. Und nun hoppelt er wie ein waidwunder Hase und wie ein wandelndes Skelett hinter Scharführer Sommer den Revierweg herunter. Als er an meinem Fenster vorbeikommt, sehe ich, daß er sich zu einem mir nicht sichtbaren Häftling leicht umdreht und dabei mit der rechten Hand die nicht mißverständliche Gebärde des Aufhängens an seinem Hals demonstriert. Sommer verschwindet mit ihm im septischen Operationsraum. Bald darauf kommt Dr. Ding mit schnellen Schritten in das Arztzimmer, nimmt die Spritze und entfernt sich wieder. Ich bin noch ahnungslos. Nach einer Viertelstunde etwa kommt Dr. Ding zurück, wäscht sich die Hände und läßt sich die Unterschriftenmappe von mir vorlegen. Er ist ruhig und gelassen wie gewöhnlich, macht scherzhafte Bemerkungen und berichtet mir, weil er wußte, daß ich mich dafür interessierte, zwischendurch die neuesten politischen Ereignisse von draußen. Durch das Fenster sehe ich, wie unter Begleitung von Scharführer Sommer der Häftling Mohr auf einer Bahre in den Arrest zurückgetragen wird. Mohr schläft fest und friedlich. Ich bin nach wie vor ahnungslos. Als Ding seine Arbeit beendet und das Lager wieder verlassen hat, gehe ich in den septischen Operationsraum, um mich zu erkundigen, was mit Mohr los war. Der Häftlingspfleger, der dort arbeitet, antwortet mir auf meine diesbezügliche Frage: ,, Nichts." 55 85 Ich: ,, Wieso nichts?" Er: ,, Ja, nichts." Ich: ,, Es muß doch irgend etwas mit ihm los gewesen sein." Er: ,, Ja, Mensch, weißt du denn nicht Bescheid?" Ich: ,, Bescheid? Wovon?" Mir schwant etwas. Liegt nicht ein ganz besonderer Tonfall in den Antworten des Pflegers? Mir kommt ein furchtbarer Gedanke. Aber augenblicks wehren sich alle meine Nerven gegen eine Vorstellung, die mir ungeheuerlich erscheint und die sich mir doch mit der Macht einer Naturgewalt aufzwängt. Ich spüre eine Trockenheit in der Kehle, das Blut muß sich einen Augenblick aus meinem Hirn entfernen, denn mir wird schwindelig, und ich höre wie aus weiter Ferne, daß der Häftlingspfleger gelassen und mit gleichgültigstem Tonfall sagt: ,, Na, wenn du es nicht weißt, dann wirst du es bald erfahren." Und ich erfuhr es. Am frühen Nachmittag bekam ich den Befehl, die Totenmeldung für den Häftling Mohr zu erstatten, der im Arrest verstorben war. Am nächsten Morgen diktierte mir Ding einen verlogenen Totenbericht. Damit war mir auch der letzte Zweifel genommen. Außerhalb des Lagers, zwischen dem mit Hochspannungsstrom geladenen Drahtzaun und den letzten Ausläufern des von erpreßten. Judengeldern erbauten ,, Buchenwald- Zoos", lag die Leichenbaracke, eine kleine, erbärmlich- ärmlich zusammengehauene Holzbaracke von der Größe und dem Niveau einer miserablen Baubude. Einer Baubude? Nein! Eine Baubude, so wie sie ein auf rücksichtslose Ausbeutung haltender Unternehmer den Bauarbeitern einstmals stellte, nur um der gesetzlichen Vorschrift des Regen- und Wetterschutzes Genüge zu tun, war immer noch ein anständiger Raum gegenüber jener Baracke, in der alle Häftlinge vor der Einrichtung der eigenen ,, Verbrennungsanlage" kurze Rast machten, um die letzte Rumpelfahrt ins Krematorium nach Weimar, Gotha oder Eisenach zu machen, nachdem sie endlich von den Qualen des Lagers durch den Tod erlöst waren. Gewiß, Leichenkammern pflegt man nicht an verkehrsreichen Plätzen und Wegen einzurichten. Diese Leichenbaracke aber schien sich ganz besonders verkrochen zu haben, so, als scheue sie selbst noch in der Todeszone, die sich rund um das Lager zog, jedwede Öffentlichkeit, jed86 wede Aufmerksamkeit. Ich brauche nicht zu betonen, daß es volle Absicht war, diese Baracke an einer Stelle zu errichten, zu der kaum jemand kam. Und selbst der SS.- Mann, der den Zoo besichtigte und dabei die Leichenbaracke von der Ferne aus sah, wird vielleicht nicht geahnt haben, was für eine Bewandtnis es mit dieser Holzbude hatte, die wie ein primitiver Abstellschuppen aussah. - Die Baracke lag vollkommen isoliert, und als ich sie zum ersten Male betrat, hatte ich das starke Gefühl, daß ich bis zu ihr einen Raum durchquerte, den zu überschreiten nur wenigen Lebenden gestattet und ermöglicht worden war. Und so häufig ich dann auch später dorthin kam und es sind viele Dutzende Male gewesen immer wieder habe ich dasselbe Gefühl gehabt. Es mag sein, daß die abseitige Lage der Baracke, die Tatsache, daß sich niemand in der Nähe aufhielt, dies Gefühl hervorrief, vielleicht aber war die Quelle in jenen irrationalen Dingen zu suchen, die hier mehr als anderswo in der Welt in doppeltem Sinne wirksam waren. Die Baracke war in zwei Räume unterteilt. In dem einen lagen die Leichen der Häftlinge, in dem anderen stand ein kantiger, primitiver Tisch, der als Sektionstisch diente. Soweit Särge vorrätig waren, wurden die toten Häftlinge von den Leichenträgern- man hatte dafür zu meiner Zeit ausschließlich Juden bestimmt, und diese Juden wurden wegen ihres traurigen ,, Druckpostens" von manchem Häftling oftmals beneidet!! sofort eingesargt. Wenn aber, was bei dem Massenbetrieb bald immer der Fall war, nicht genügend Särge vorhanden waren, wurden die Leichen übereinander gestapelt. Es war ja doch alles ganz egal- - Der Sektionsraum war so klein, daß der Prosektor bei der Arbeit kaum Platz hatte und der Sektionsgehilfe, der die Schädelöffnung vornahm, indes der Prosektor Brust- und Bauchhöhle der Leiche obduzierte, immer mit der Stirnwand des Raumes in Konflikt kam. Seziert wurden alle Leichen, für die als Todesursache auf dem Totenschein ein unnatürlicher Tod wie ,, Freitod durch Erhängen", oder ,, Freitod durch Hochspannungsstrom", oder„, Auf der Flucht erschossen" angegeben war. Die Sektionsprotokolle wurden lange Zeit vor mir geheim gehalten. Die ersten, die ich zu sehen bekam, bestanden aus zehn bis zwölf Schreibmaschinenzeilen, wimmelten von Tippfehlern und enthielten 87 häufig nur halb vollendete Sätze. Sie waren von dem dem Häftlingsrevier zugeteilten SDG.( Sanitätsdienstgrad) SS.- Oberscharführer Seehausen angefertigt, einem typischen SS.- Mann mit ungehobelten Manieren, minderwertiger Schulbildung und viehischer Gesinnung. Seehausen konnte nur mangelhaft maschinenschreiben und mit den unzähligen lateinischen Bezeichnungen, die in solchen Protokollen üblich sind, nicht fertig werden, so daß der Prosektor ihm fast jedes lateinische Wort buchstabenweise in die Maschine diktieren mußte. Das mag dazu geführt haben, daß der Obduktor eine bessere Schreibmaschinenkraft gefordert hatte, zumal die Zahl der Sektionsleichen immer größer und größer wurde. Der Obduktor kam vom pathologischen Institut der Universität Jena und war selbstverständlich SS.- Mann. Nach den Bestimmungen waren alle schriftlichen Arbeiten im Häftlingsrevier von den Sanitätsdienstgraden auszuführen. Sie waren dazu aber nicht nur zu faul, sondern einfach überhaupt nicht imstande. Es lag nahe, einen anderen SS.- Mann aus der Lagerverwaltung für die Herstellung der Protokolle heranzuziehen. Der aber konnte nur über den Lagerkommandanten Koch angefordert werden. Man hätte Koch damit die Unfähigkeit der SDG.s eingestehen müssen, und das hätte fraglos bei der Brutalität, die Koch auch gegen die SS.- Leute an den Tag legte, zu unerwünschten Komplikationen geführt. So verfiel man schließlich auf den Ausweg, mich mit der Anfertigung der Protokolle zu beauftragen. Ich war im Laufe der Zeit ohnehin schon- oft aus Nachlässigkeit, oft aus Faulheit, oft aus einer Zwangslage der SDG.s mit allen möglichen internen Einzelheiten vertraut geworden, so daß es sowohl dem Lagerarzt als auch den SDG.s nicht mehr darauf ankam, mich in eine weitere Pestbeule einzuweihen. Man hatte mit mir doch bislang die besten ,, Erfahrungen" gemacht, glaubte vielleicht, daß ich manche Dinge nicht durchschauen würde, und konnte mir bislang keinen einzigen Fall nachweisen, in dem ich eine dunkle Angelegenheit nicht für mich behalten hätte. Außerdem war ich aber auch noch, wenn das erforderlich sein sollte, mit Leichtigkeit restlos stumm zu machen - --Die Hauptsache mußte nur bleiben, daß der Lagerkommandant nichts von dieser Tätigkeit erfuhr. Der neben dem Lagerarzt unmittelbar verantwortliche Schutzhaftlagerführer Rödl, dieser reichlich dumme und saugrobe Bayer, stand weniger auf der Rechnung. Man glaubte, ihn leicht über die kleine ,, Schiebung" hinwegtäuschen zu können. Nichtsdestoweniger waren ,, wir" doch einmal aufgefallen. Ich weiß nicht, wie Rödl auf meine streng untersagte Tätigkeit in der Leichenbaracke aufmerksam geworden war. Es mag sein, daß er mich selbst dabei beob88 achtet hatte. Es kann aber auch sein, daß irgendein„guter SS.-Kamerad“ ‚die Sache bei ihm angebracht hatte, denn die„Kameraden“ der SS., die nicht durch irgendein Verbrechen zu einer Interessengemeinschaft ver- sippt waren und deshalb„die Schnauze halten“ mußten, waren sich fast immer spinnefeind. Jedenfalls hatte es Rödl eines Tages verboten, daß ich bei Sektionen zugegen sein durfte. Nun, gegen Rödl wußte man sich zu helfen. Die Schreibmaschine und die Papiere, die ich sonst zur Sektion durch das Tor an Rödls Büro- fenster vorbei nach der Leichenbaracke schleppen mußte, wurden auf eine Bahre gepackt, mit einer Wolldecke zugedeckt und von den Toten- trägern unter Führung eines SDG.s unter der Deklaration eines Leichen- transportes nach oben gebracht, indes mich ein anderer SDG. auf einem großen Umweg in die Leichenbaracke führte. Die Schreibmaschine baute ich schon bei der zweiten Sektion auf einer wackeligen Kiste in einem Winkel neben der Tür so auf, daß ich unter dem Vorwand, möglichst wenig Platz wegzunehmen, den Verlauf der Sektion genau beobachten konnte. Die zu obduzierende Leiche war von den Totenträgern bereits auf dem Sektionstisch bereitgelegt. Die Träger mußten sich vor Beginn der Sektion wieder entfernen, oder, falls mehrere Leichen obduziert wurden, in dem zweiten Raum bei den Leichen aufhalten. Kaum hatte der Prosektor die Baracke betreten, als das Diktat auch schon begann:„Männliche Leiche, etwa 170 Zentimeter groß, in ausreichendem Ernährungszustand. Keine äußeren Verletzun- gen erkennbar. Pupillen gleich weit, mittelrund....“ Immer wieder konnte ich feststellen, daß die Sektionsprotokolle„er- forderlichenfalls“ genau so zusammengelogen und zusammengefälscht wurden, wie fast alle anderen Akten des Lagers. Was der Prosektor nicht sehen, nicht finden, nicht feststellen sollte, das stellte er nicht fest, das sah und fand er nicht, und umgekehrt. Um besonders in die Augen springende Tatsachen schien er sich überhaupt nicht zu kümmern, be- ziehungsweise verstand er es, sie geschickt zu vertuschen. So war zum Beispiel die Buchenwald-Spezialität bei Fluchterschießungen der Bauch- schuß. Durch immer neue Varianten brachte der Prosektor Abwechslung in die sonst monoton ausgefallenen Sektionsprotokolle dieser Art. Ob es ihm wohl aufgefallen ist, welche merkwürdige Erschießung auf der Flucht es war, als er einmal 21 Judenleichen zu sezieren hatte, wobei sich die SS.-Männer als geniale Meisterschützen erwiesen hatten, denn alle 21 Leichen zeigten-—- Genicknahschüsse auf? Nun, ich weiß nicht, ob sich ein Prosektor auch um solche merkwür- digen Dinge zu kümmern hat, er ließ es jedenfalls mit der Schädel- 89 sektion genug sein, um die medizinische Todesursache zu ermitteln. Was darüber war, mag er als ausschließliche Angelegenheit der Lagerverwaltung angesehen haben. Daß er sich wohl auch seine privaten Gedanken gemacht haben mag, glaubte ich mehrfach aus seinem Verhalten. gemerkt zu haben. Auch die Lagerverwaltung und besonders der Lagerarzt schienen diesem SS.- Kameraden nicht restlos zu trauen, denn regelmäßig in der Nacht vor der angesetzten Obduktion einer oder mehrerer Leichen wurde ,, Klarschiff in der Leichenkammer" gemacht, das heißt alle vorhandenen Leichen wurden in die Krematorien abtransportiert und die Leichenträger aus dem Lager erhielten Anweisung, die über Nacht verstorbenen Häftlinge erst am Nachmittag in die Leichenkammer zu tragen. Eines Tages war ich bei der Obduktion der Leiche eines arbeitsscheuen Häftlings zugegen. Es handelte sich bei diesem Häftling um eine üble Kreatur, die sich ihren Vorteil dadurch zu sichern suchte, daß sie Spitzeldienste für die Verwaltung verrichtete. Schon seit längerer Zeit hatte dieser Mensch bei den Mithäftlingen unter dem Verdacht der Spitzelei gestanden, und eines Abends war der Verdacht bestätigt worden. Die Folge war, daß der Vigilant von einigen Häftlingen gehörig durchgeprügelt wurde. Am nächsten Morgen aber waren besonders empörte Mithäftlinge auf der Arbeitsstätte, einer Baustelle in der Nähe des Lagers, erneut über ihn hergefallen und hatten ihn mit Schaufelstielen zu Boden geschlagen. Andere Häftlinge hatten dann den Ohnmächtigen mit Fußtritten traktiert und ihn in einen Wassertümpel geworfen. Die Lagerakte über diesen Vorfall begann mit der Feststellung, daß die Leiche des Häftlings am Rande des Tümpels vorgefunden worden sei. Vor der Sektion hatte ich Gelegenheit, die Leiche eingehend zu besichtigen. Die Schädeldecke zeigte mehrere klaffende Wunden. Oberhalb der rechten Schläfe war das Schläfenbein völlig zertrümmert, das rechte Auge war ausgelaufen. Der ganze Körper wies unzählige Blutergüsse, sogenannte Haematome, auf, die ohne Frage von Hieb-, Stoß- und Trittverletzungen herrührten. Für mich bestand kein Zweifel darüber, daß dieser Häftling von den Mithäftlingen erschlagen worden war. Wie aber würde die Lagerverwaltung mit diesem für sie mehr als mißlichen Vorfall fertig werden? Es war klar, die Tatsache, daß der Häftling tot war, war nicht aus der Welt zu schaffen. Der Tod war außerhalb des Lagers eingetreten und mußte deshalb irgendeine formalrechtliche Erledigung finden. Aber konnte die Lagerverwaltung zu90 geben, daß sie einen solchen Vorfall nicht hatte verhindern können? Daß so etwas überhaupt im Lager möglich war? Eine Anklage wegen Mordes gegen die beiden Häftlinge hätte zu einer Gerichtsverhandlung führen können, von der man nicht wissen konnte, welches faule Ei dabei für die Verwaltung herausgekommen wäre. Denn am Ende konnte man es zwei Mördern, die um ihren Kopf kämpften, nicht verdenken, wenn sie zu ihrer Entlastung einige Tatsachen geltend machen würden, bei denen die Lagerverwaltung die Angeklagte war. Auf der anderen Seite aber mußte sich die Lagerverwaltung unter allen Umständen decken. Auch mußte sie ihre Autorität gegenüber den Häftlingen wahren, denn immerhin handelte es sich bei dem Erschlagenen um einen Häftling, der für die Verwaltung spitzelte. So wurden die beiden Häftlinge in der Politischen Abteilung zu Protokoll genommen und dann in Arrest gebracht. Die Sektion wurde angeordnet. Ich mußte das Sektionsprotokoll schreiben. Unmittelbar vor der Sektion hatte der Lagerarzt Dr. Ding eine kurze ,, informatorische" Besprechung mit dem Prosektor, wobei er sagte, daß die Verwaltung daran interessiert sei, die Angelegenheit möglichst rasch und ohne besondere Weiterungen zum Abschluß zu bringen. Das Protokoll begann mit der Schilderung der äußeren Verletzungen der Leiche. Schon dabei wurde mir klar, daß die Todesursache nicht die starken Schädelverletzungen sein würde, ebenso wenig die übrigen Verletzungen an Brust und Unterleib. Bei der Öffnung der Brusthöhle sah ich, daß fast sämtliche rechten Rippen gebrochen waren. Dieser Befund wurde nicht in das Protokoll aufgenommen. Bei der Lungenuntersuchung lautete das Diktat: Alveolen mit weißlich gelber Flüssigkeit gefüllt. Andere innere Organe o. B.( ohne Befund). Bei der Öffnung des Magens entdeckte der Prosektor irgend etwas, das er sorgfältig untersuchte, einen kleinen schleimigfesten Klumpen, den er mit Glasstäbchen vorsichtig entwirrte und dann gegen das Licht hielt. Ein Stück Pergamentpapier? Er betrachtete das Papier mit der Lupe, hielt es dann nochmals ausgebreitet gegen das Licht. Ich mußte lächeln, trotz allem lächeln, denn wieviel Aufwand und welch gelehrtes Gesicht und wieviel Universitätsweisheit verschwendete sich auf dieses Stückchen Papier, das--- ganz einfach die Papierpelle von jenem kleinen Stückchen mehliger Gummiwurst war, das wir Häftlinge am Abend vorher als Verpflegung bekommen hatten. Bei dem im Lager herrschenden Hunger war es kein Wunder, daß der Häftling auch die Papierpelle mit hinuntergeschlungen hatte. Der Prosektor aber witterte 91 wahrscheinlich irgendeinen Giftmord, denn wenn er auch seinen Fund im Sektionsprotokoll nicht vermerkte, so packte er ihn doch sorgfältig ein, um ihn gewiß zu Hause mikroskopisch oder chemisch zu untersuchen. Als Todesursache wurde ,, Versinkungstod" angegeben. Eine Schädelöffnung wurde gar nicht erst vorgenommen. Versinkungstod. Das war ein Wort, das selbst unser Lagerarzt Dr. Ding noch nicht gehört hatte. Aber es war die ultima ratio dieses Falles, denn nun waren die beiden in Arrest genommenen Häftlinge keine. Mörder mehr. Nun hatte die Verwaltung um- und weitsichtig alles getan, um den Vorfall in einwandfreiester Weise zu klären. Nun konnte der Herr Untersuchungsrichter, gestützt auf alle Protokolle ,,, gerecht" darüber befinden, ob die Häftlinge aus der Untersuchungshaft entlassen werden konnten oder nicht. Nun brauchte der Herr Staatsanwalt nur die Akten zu studieren, um das Verfahren gar nicht erst zu eröffnen. Nun stand alles schwarz auf weiß fest, und alle Instanzen: Lagerverwaltung, Politische Abteilung, Kriminalpolizei, Untersuchungsrichter und Staatsanwalt, alle hatten ,, unabhängig von einander" den Fall ,, gründlichst" und unvoreingenommen untersucht und es an keiner Umsicht fehlen lassen. Der Häftling war tot, die Tragödie vorüber und das Hornberger Schießen glückhaft zu Ende gegangen. Was möglicherweise noch hätte Staub aufwirbeln können, das hüllten noch am gleichen Tage die Flammen des Weimarer Krematoriums für immer ein-- 茶茶 Immer wieder, wenn die vielen tausend Häftlinge morgens auf dem Appellplatz blockweise angetreten waren und die Abnahme des Appells besonders lange dauerte, ertönte es durch die Lautsprecheranlage: ,, Der Stubendienst in den Wald!" Dann wußten wir, es hatte wieder einmal irgendeiner den Verzweiflungsmut gefunden, seinen Lagerqualen ,, freiwillig" ein Ende zu setzen. Dann gingen die Blockältesten mit den Häftlingen, die für den Stubendienst in den Baracken und Blocks abgestellt waren, in Schützenlinie ausgeschwärmt in den am Fuße des Lagers gelegenen Buchenwald. Häufig dauerte es nur zehn oder zwanzig Minuten, manchmal aber auch bedeutend länger, bis ein Rufen und Johlen, das sich wellenförmig bis an das Lagertor fortpflanzte, mitteilte, daß man den ,, Mistvogel" gefunden hatte. Ein Scharführer überzeugte sich von dem Vorhandensein der Leiche und der Appell konnte abgenommen werden. Der Vorfall machte 92 nur auf Neulinge Eindruck, die alten Konzentrationäre blieben völlig unberührt, und für die Lagerverwaltung war die Angelegenheit sicher- lich die gleichgültigste und belangloseste Sache von der Welt. Besonders zahlreich war der ‚Freitod durch Erhängen“ im Arrest- gebäude. Für uns Häftlinge war das nur zu erklärlich, denn wir kannten den Scharführer Sommer, der das Arrestgebäude unter sich hatte und fast immer mit von der Partie war, wenn es galt, einen Häftling be- sonders grausam zu quälen oder in das Jenseits zu schicken. Wir wußten, daß der Arrest für jene Häftlinge, die aufgefallen waren, d. h. irgend- einen Verstoß gegen das unternommen hatten was die Lagerverwaltung unter„Lagerdisziplin“ verstand, in der Regel die mehr oder weniger kurze letzte Station vor dem Antritt der großen Reise war, von der noch niemand zurückgekehrt ist. Selbstverständlich wurden auch diese Leichen meistens seziert, denn ein Sektionsprotokoll war--- der beste und schlüssigste Abschluß einer Lagerakte. Ich war schon bei zahlreichen Sezierungen von Kameraden, die den Freitod wählten, zugegen gewesen, ehe mir auffiel, daß der Prosektor sich für die Strangulationswerkzeuge manchmal besonders interessierte. Während er gewöhnlich den Strick, mit dem die armen Häscher ihrem Dasein ein Ende gesetzt hatten, durchschnitt und achtlos beiseite warf, nahm er manchmal die Unterhose, den Strumpf, den Fetzen eines Hand- tuches, oder was sonst zum Aufhängen benutzt worden war,in die Hand, besah sich den Knoten und ließ ihn dann auf dem Sektionstisch liegen. Bei einer Sektion war mir dieses Gehaben besonders stark aufgefallen, so daß ich mir vornahm, den Hemdfetzen nach der Sektion auch ein- mal näher anzusehen. Doch als die Sektion beendigt war, war er nicht mehr aufzufinden. Aber meine Aufmerksamkeit war geweckt worden, und von nun an suchte und fand ich auch fast immer Gelegenheit, die Strangulations- werkzeuge vor der$ektion unauffällig näher anzusehen. Aber ich fand nichts Besonderes. Immer wieder eine Schlinge, mal rechts herum, mal links herum, mal ganz einfach, mal besonders sorgfältig geknüpft. Und dann lag wieder einmal die Leiche eines Arresthäftlings auf dem Sektionstisch. Da!-keine Schlinge!-ein Knoten! Ein doppelter Knoten, ein sogenannter Schifferknoten. Es bedurfte keines kriminalistischen Scharfblicks, um über diese eigenartige Weise des Selbstmordes zu stol- pern, keiner scharfsinnigen Logik eines Kriminalkommissars, um hier den richtigen Schluß zu ziehen, keines Tatzeugen, um zu behaupten, daß sich dieser Häftling nicht erhängt hatte, sondern-—erhängt wurde. Und richtig, wieder sieht sich der Prosektor den Knoten genauer an, 93 ; wieder wirft er ihn nicht achtlos beiseite, wieder legt er ihn auf den Sek- tionstisch und— als die untersuchten inneren Organe in Brust und Bauch- höhle der Leiche zurückgepackt werden, da ist auch das Strangulations- werkzeug vom Tische verschwunden——- Der Sektionsgehilfe vernäht die Schnitte, und das Feuer in dem Verbrennungsofen von Weimar, Gotha oder Eisenach vernichtet wenige Zeit später endgültig das In- dizium——- Ken An einem besonders sonnigen Vormittag sitze ich allein im Arzt- zimmer und rassele meine mehr oder weniger schematischen Toten- berichte in die Maschine. Ich habe viel zu tun und spute mich. Da knarrt der Lautsprecher. Die Häftlingskleiderkammer wird ge- rufen. Geht mich nichts an. Ich horche nur mit halbem Ohr hin und schlage weiter in die Tasten. Von einem Kleidersack ist die Rede. Und meine Maschine rasselt. Wer weiß, was da los ist. Meine Häftlingsnummer 996 ist es nicht, die da genannt wird. Meine Berichte sind wichtiger. Soll wohl irgendein Häftling entlassen werden. Die Tasten meiner„Conti“ hämmern weiter in monotonem Takt. Oder vielleicht handelt es sich um den Kleidersack eines verstorbenen Häftlings, dessen private Uten- silien jetzt abgeschickt oder ausgehändigt werden sollen. Wer weiß, ich jedenfalls bin nicht unmittelbar betroffen. Und die Arbeit drängt, die schematische, die traurige, an die ich mich jetzt schon so gewöhnt habe, daß all die verlogenen Dinge, die ich da schreibe, wie die endlos langen, nichtssagenden Zahlen eines Buchhalters sind, der die Zahlen registriert, ohne zu wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, Zahlen, die für ihn kein Leben haben, weil er nicht weiß, was sie bedeuten und welchen Wert sie tatsächlich darstellen. Da kommt ein Kamerad aufgeregt zu mir ins Zimmer-ich weiß heute nicht mehr genau, wer es eigentlich war, aber es wird wohl der Häftlings- oberpfleger Walter Krämer aus Siegen in Westfalen gewesen sein. „Da, Walter“, sagt er,„hast du gehört, das war die Nummer von Opitz Opitz? Ich unterbreche meine Arbeit. Opitz? Der Kapo von der Photo- abteilung? Nun, was soll da schon sein? Der hat doch genug Rücken- deckung, denn wem von den SS.-Leuten, den Scharführern, den Sturm- führern hat er nicht schon eine„kleine“.„private“„Gefälligkeit“ er- wiesen. 94 Ich winke ab: ,, Wird wohl nicht so schlimm sein." ,, Meinst du?" erwidert mein Kamerad, sieht, daß ich viel zu tun habe, und geht wieder aus dem Zimmer. Und meine Schreibmaschine rasselt wieder, den angefangenen Satz zu Ende, und weiter die zusammenphantasierten Krankengeschichten mit immer neuen Variationen bis zum ,, leider trotz sorgfältigster Pflege unvermeidbar gewordenen Exitus" beschreibend. Opitz? Nun, ich kenne ihn, ein prächtiger Bursche, ein angenehmer Kamerad. Vielleicht hat er Schwein und wird entlassen. Hat ja schon einige Jahre KZ. hinter sich, und außerdem, wer weiß, vielleicht hat er irgendeinen einflußreichen Sturmführer mit seiner Photographiererei fertigmachen können. Hals- und Beinbruch, Kamerad! Und ich spanne neue Bogen in die Maschine, die nächste Totenmeldung ,, aktenmäßig" zu erledigen. Zwar weiß ich nicht, woran und wie der Häftling gestorben ist, aber es ist die Karteikarte zur Hand, die wir Häftlinge bei der Einlieferung anlegten und auf der auch durchgemachte Krankheiten vermerkt sind. War schon einmal wegen Leberschwellungen in Behandlung. Kann also an Leberzirrhose gestorben sein. Für die Anamnese gibt es Bücher. Und die Behandlungsvorschriften sind gleich dabei vermerkt. Das wird ein klassischer Fall mit klassischer Behandlung. Die Indikation kann in der besten Klinik nicht besser sein. Und selbst der gerissenste Fachmann, der später einmal den Bericht lesen wird, wird sagen müssen, daß der Herr Lagerarzt bei der Einlieferung des Kranken in das Häftlingsrevier eine geradezu meisterhafte Prognose gestellt hat, daß auch nicht der Schimmer eines Fehlgriffes vorhanden ist und daß eine Behandlung durchgeführt wurde, wie sie in dem erstklassigsten Spezialsanatorium nicht besser durchgeführt werden kann. Daß der Patient am Ende dann doch gestorben ist, nun, wir Menschen müssen alle einmal sterben. Und hier war offenbar alles Menschenmögliche getan. Hier steht es ja, schwarz auf weiß, logisch, fachmännisch. So etwas läßt sich doch nicht aus den Fingern saugen! Patient zwar tot, aber Behandlung klassisch, ganz, ganz einwandfrei. Und ich spanne neue Bogen in die Maschine- --Es ist Mittag geworden. Die Häftlinge, die oben vor dem Lager in den Verwaltungsbaracken tätig sind, kommen auf eine Stunde ins Lager. Die Photoabteilung fehlt, und wie ein Lauffeuer geht's durchs Lager: Opitz im Arrest, die anderen Häftlinge isoliert, werden einzeln vernommen. Niemand im Lager weiß, was vorgefallen ist. Gerüchte kommen auf, wahrscheinliche und unwahrscheinliche. Opitz ist nicht irgendein namenloser Häftling. Viele kennen ihn, denn 95 95 jeder Häftling wurde nach der Einlieferung oben in der Photoabteilung photographiert. Die politischen Häftlinge, die wegen Zugehörigkeit oder Tätigkeit in nazifeindlichen Bewegungen im Lager sind, kennen ihn fast ausnahmslos. Er ist einer von den Häftlingen, die über den politischen Richtungen stehen, die sich wie eine traurige Erbmasse aus früheren Zeiten auch noch im Lager breitmachen und sich manchmal leider auch hier noch zu Gegensätzlichkeiten bedauerlichster Art auswachsen. Ruhig, offen, aufgeschlossen, für alles Gute und Schöne interessiert, stets hilfsbereit, geistig regsam, belesen, immer über der Situation stehend, selbst hier im turbulenten Lagerdasein noch ein ruhender Pol. Ich habe wiederholt mit ihm gesprochen über politische Dinge, wirtschaftliche Probleme, kulturelle Angelegenheiten, künstlerische Fragen, und über Gott und die Welt philosophiert. Er ist ein grundgütiger Mensch, ein anständiger Charakter durch und durch. Niemals hat er mich und habe ich ihn gefragt, in welcher Bewegung wir früher tätig waren. Ihm sind genau so wie mir alle persönlichen, privaten Dinge von untergeordneter Bedeutung, und niemals haben wir den Flug unserer Gedanken in die übliche, zwar verständliche, aber doch ziemlich bedeutungslose Atmosphäre des persönlichen Schicksals abgleiten lassen. Wir sind beide durchdrungen von der Notwendigkeit, daß über alle früheren politischen und weltanschaulichen Gegensätze hinweg eine einheitliche, von den edelsten und größten Idealen der Menschheit getragene Bewegung notwendig sei, um den Trümmerhaufen zu liquidieren, den der Nationalsozialismus mit Naturgesetzlichkeit herbeiführen muß. Er glaubt ebenso fest wie ich an den endgültigen Sieg des Guten im Menschen. Er ist genau so wie ich bereit, dermaleinst mit ganzer Kraft mitzutun, wenn es gilt, den Nazismus auszurotten und der Menschheit ein würdiges, gerechtes, wohnliches Haus zu zimmern. Er gehört mit zu jenen wenigen Vertrauten des Lagers, die willens und entschlossen sind, bis zum letzten zu kämpfen, wenn- womit alle Wissenden und politisch geschulten Köpfe rechnen- die SS.- Schergen in letzter Verzweiflung dazu übergehen würden, das gesamte Lager zu liquidieren, um einen grauenhaften Schlußstrich unter alle Greuel und Schrecknisse des Lagers zu ziehen. Er ist einer von jenen Tatmenschen, die nicht den Fanatiker phrasenhaft hervorkehren, aber in Wahrheit die einzigen, die wirklichen, echten, die edelsten Fanatiker sind. Opitz im Arrest? Nun, schlimm genug, aber doch nicht ganz hoffnungslos, denn Opitz ist eine Persönlichkeit, die eine Atmosphäre um sich verbreitet, auch wenn sie nichts sagt. Seine körperliche Haltung, sein 96 Gesichtsausdruck, seine klaren, offenen, edlen Augen, die hohe, edle Denkerstirn, das alles vereinigt sich zu einem augenblicklich wirkenden Eindruck, dessen sich niemand entziehen kann. Und dazu noch, Opitz ist hochintelligent. In wie vielen brenzlichen Situationen war ich im Laufe der Zeit, in der ich wehrlos den Naziverbrechern ausgeliefert war, schon gewesen, und ich bin durchgekommen. Sollte nicht auch ihm das Glück hold sein? --Am Spätnachmittag kommen die ersten Häftlinge aus der Photoabteilung ins Lager. Es handelt sich um eine Photographie, die im Kleidersack von Opitz vorgefunden wurde. Eine Photographie? Ich weiß nicht, um was für eine Photographie es sich dabei handeln kann, aber ich weiß, daß nun der Stab über ihn gebrochen ist. Nach dem Appell wird Opitz aus dem Arrest gebracht, auf den Bock geschnallt und durchgepeitscht. Kein Schmerzenslaut kommt über seine Lippen. Fünfundzwanzig entsetzliche Stahlrutenhiebe sind auf ihn niedergeprasselt. Aber er ist nicht ohnmächtig, erhebt sich aus eigener Kraft vom Bock, geht auf den Obersturmbannführer Rödl zu und erstattet Meldung über die an ihm vollzogene ,, Bestrafung" und wird nicht ,, freigelassen, wie wir dennoch wohl einen Augenblick gehofft haben. Wieder in das Arrestgebäude zurück. Es ist das letztemal, daß ich Opitz lebend sehe. - Am Abend erfahre ich dann Näheres. Am ,, schwarzen 6. Dezember 1937" waren zwei politische Häftlinge, Johannes Bremer aus Harburg und Oskar Fischer aus Berlin, während eines Appells aufgerufen und von bewaffneten SS.- Männern zum Tor hinausgeführt worden. Kurze Zeit darauf durchpeitschten Schüsse die Luft. Eine Erklärung, warum die beiden Häftlinge erschossen worden waren, konnte mir niemand geben. Bremer war ein Freund von Opitz. Die Leichen sind dann aus irgendeinem Grunde, der mir ebenfalls nicht bekannt ist, photographiert worden. Es kann sein, daß der Lagerkommandant SS.- Standartenführer Koch eine pikante Bereicherung seines Buchenwald- Museums haben. wollte. Opitz hatte die Bilder herstellen müssen und sich dabei ein Photo von seinem Freund besorgt. Dann hatte er sich durch einen vertrauten Häftling, der in der Häftlingskammer tätig war, ein Familienphoto aus seinem Kleidersack besorgen lassen, das Bild von seinem Freunde sorgfältig dahintergeklebt und die Photographie in seinen Kleidersack zurückstecken lassen. Nun war dieses Photo gefunden, und es war klar, daß ein jämmerlicher Verrat dahintersteckte. Natürlich hätten wir gerne gewußt, wer der Verräter war, aber alles Nachforschen führte zu keinem Resultat. 7 Poller, Buchenwald 97 Die SS.- Leute, mit denen wir Häftlinge Verbindung hatten und die uns den Verräter auch genannt hätten, wußten nichts, und die Schurken, die es wahrscheinlich wußten, waren begreiflicherweise heißes Eisen für uns. Nach etwa acht Tagen kam dann aus dem Arrest die Nachricht ins Revier, daß wir die Totenpapiere für unseren Kameraden Opitz auszufertigen hatten. Todesursache: Freitod durch Erhängen. Sektion auf den übernächsten Tag angeordnet. Als ich in die Leichenbaracke kam, hatten die Träger seinen Leichnam bereits aufgebahrt. Da lag er nun, mein guter Kamerad, mein Freund im Geiste und im Wollen, kalt und starr. Die Leichenflecke verdeckten gütig die Spuren der viehischen Mißhandlung, die er noch in den letzten Tagen seines harten Leidensweges durchzustehen hatte. Die Augen geschlossen, und auf dem friedlichen Antlitz und der hohen, gewölbten, reinen Stirn jener unnennbar hehre Abglanz eines großen, edlen Menschentums. Der Strang aber zeigte keine Schlinge, er war nur geknotet Es wird sicherlich viele Menschen geben, die sich entsetzen würden, wenn sie eines jener Formulare zu Gesicht bekämen, durch die die Nazis die von ihnen wieder eingeführte Prügelstrafe aktenmäßig erledigten. Ja, manche Menschen werden sich sogar schon entsetzen, wenn sie erfahren, daß die Nazis wirklich die mittelalterliche Prügelstrafe an erwachsenen Menschen durchführten. Aber es dürfte auch Leute geben, die die Strafe als ganz in der Ordnung ansehen. Ihnen widme ich dieses Kapitel mit dem heißen Wunsche, sie möchten nur ein einziges Mal die Prügelstrafe in der ,, mildesten" Form an ihrem eigenen Körper zu schmecken bekommen. Ich rekonstruiere aus dem Gedächtnis: Das Prügelblatt ist ein zweiseitig bedrucktes, in zahlreichen Rubriken unterteiltes, gelbliches Formular von Aktenbogenformat. Es ist auf das säuberlichste ausgearbeitet. Wo Eintragungen und Angaben zu machen sind, stehen gestrichelte, wo Unterschriften zu leisten sind, punktierte Linien. Zunächst mußten die genauen Personalien des Häftlings mit dem Grunde und der bereits verbrachten Dauer seiner Schutzhaft eingetragen werden. Dann die Straftat mit persönlicher Unterschrift des SS.- Mannes, der die Straftat bezeugen konnte. Weiter das vorgeschlagene Strafmaß, wobei 5, 10, 15, 20 oder 25 Stockhiebe vorgeschlagen werden konnten, und Angabe, wieviel Male und mit wie vielen Schlägen jeweils der Häft98 ling schon vorher durchgepeitscht worden war. Darauf das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung, ob der Gesundheitszustand des Häftlings den Vollzug der Strafe erlaubte. Weiter die Genehmigung des Strafvollzuges durch den Reichsführer- SS. oder einen Beauftragten, wobei besonders betont war, daß vor der schriftlichen Genehmigung die Strafe nicht vollzogen werden durfte. Dann eine Rubrik über den Vollzug der Strafe mit zwei punktierten Linien für die Unterschriften des SS.Mannes, der die Strafe vollzogen, und der Person, die den Strafvollzug überwacht hatte. Dabei eine ausführliche Anweisung, wie die Strafe zu vollziehen sei und wie sie nicht vollzogen werden dürfte. Zum Beispiel war verboten, den Häftling beim Strafvollzug festzuschnallen oder festzuhalten oder ihn zu entblößen und ihm mehr Stockhiebe als genehmigt zu erteilen. Ausdrücklich war betont, daß der Häftling sich frei über den Prügelbock zu legen habe. Die Maße der Ruten für die Auspeitschung waren genau vorgeschrieben, ebenso die Körperpartien, auf die geschlagen werden durfte. In zwei Rubriken mußte der Lagerarzt unterschriftlich mit Angabe der Untersuchungsergebnisse unmittelbar vor und nach Strafvollzug bestätigen, daß er beim Strafvollzug zugegen gewesen war. Wie gesagt, es war ein fein säuberlich ausgearbeitetes Formular, und den Befürwortern der Prügelstrafe wünsche ich von ganzem Herzen nur 5 Stockhiebe unter genauester Innehaltung der gedruckten Vorschriften. Obgleich ich auch weiß, daß diesen Befürwortern weit eher ,, 5 Stockhiebe à la Buchenwald" angemessener wären, so will ich sie ihnen doch nicht wünschen, denn das wäre noch ganz etwas anderes. Und es liegt mir nicht, ungehobelten Klötzen in Menschengestalt eine sadistisch perverse Grausamkeit an den Hals zu wünschen. Der Prügelbock, der in Buchenwald in Betrieb war, stand oben am Tor auf der Seite der Arrestbaracke und wurde nur hinter diese Baracke gestellt, wenn die Gefahr bestand, daß irgendein ,, Unberufener" ihn zu Gesicht bekommen könnte. Er war eine große Mulde in Tischhöhe auf einem derben Balkengestell. Eine Vorrichtung fesselte die Beine des Häftlings unterhalb der Kniekehlen fest an die Gestellfüße, eine zweite seinen Körper an die Mulde durch einen breiten Riemen über das Kreuz. Wenn die Fesselungsvorrichtung für die Beine einmal zerrissen war, oder wenn die Scharführer zu faul waren, die Beinfesselung vorzunehmen, mußten die Häftlinge mit den Füßen hinter eine Querlatte treten, die die vorderen Beine des Gestells miteinander verband, und sich dann so über den Bock legen. 7* Als ich am Tage nach meiner Einlieferung in meiner Arbeitskolonne 99 zum Tor hinausmarschierte, sah ich zum ersten Male den ,, Vollzug einer Prügelstrafe". Ich habe später noch unzählige und teils viel grausamere Auspeitschungen im Lager gesehen und habe bei solchen Anblicken auch immer wieder bis zum Würgen im Halse gelitten, und doch muß ich sagen, daß mich keine der vielen, vielen Durchprügelungen innerlich so stark aufgewühlt hat wie diese. Wir waren noch weit vom Tor entfernt, und die Lagerkapelle lärmte ihr unablässiges Taktgebumse, durch die Lautsprecheranlage verstärkt, so ohrenbetäubend, daß man den Eindruck einer Hottentotttenmusik hatte, und trotzdem hörten wir„ Zugänge" schon die entsetzlich qualvollen Schmerzensschreie durch alles Getöse und suchten erschreckt die Ursache dafür. Ich hatte zwar schon von dem Bock und der Prügelstrafe gehört, aber mir fiel nicht im entferntesten ein, diese grausigen Schreie damit in Zusammenhang zu bringen. Nun, ich wußte noch nicht, was man in Buchenwald unter Prügelstrafe verstand. Als wir näher an das Tor heranmarschiert waren, sahen wir den ,, Strafvollzug", und trotzdem wir Neulinge ausnahmslos schon wie magnetisiert und versteinert nach der fürchterlichen Szene schauten, rief uns unser Kapo mit brutaler Stentorstimme zu:„ Zugänge! Augen rechts! Seht euch die Sache hier an. So werdet ihr auch durchgeprügelt, wenn ihr nicht fleißig arbeitet. Der da auf dem Bock hat bei der Arbeit gefaulenzt." Merkwürdig nur- mir fiel es zunächst gar nicht auf, es kam mir erst nachträglich zum Bewußtsein, als ich bei der Arbeit, innerlich immer noch aufgewühlt, die erlebte Szene überdachte- merkwürdig nur, daß der Kapo selbst nicht einmal einen einzigen Blick auf die Ausprügelung warf. Doch es dauerte nur kurze Zeit, bis ich gelernt hatte, daß an dieser Tatsache gar nichts Merkwürdiges war, denn die Prügelstrafe wurde in Buchenwald derartig häufig ausgeübt, daß man bald wie abgestumpft war und schon ein engeres Interesse an dem Durchprügelten oder sonst einen persönlichen Grund haben mußte, um sich die Sache genauer anzusehen. Wir kamen immer näher an den Bock heran und sahen bald mit Grauen die abgemergelte Gestalt, die auf dem Bock festgeschnallt war. Wir hörten die fürchterlichen Schmerzensschreie in unseren Ohren gellen, sahen die verzerrten, qualvollen, geradezu von Todesfurcht erfüllten Gesichtszüge des Häftlings, sahen, daß er so festgeschnallt war, daß er nur noch den Kopf bewegen konnte, sahen einen SS.- Scharführer, der einen dicken, biegsamen Stock mit weit ausholender Gebärde und mit aller ihm nur zur Verfügung stehenden Gewalt schwang und auf 100 den Gefesselten niederzischen ließ, langsam, mit Bedacht, und wieder, und wieder, hörten wie der Stock pfeifend die Luft durchschnitt und dann mit lautem Knall auf das Gesäß des Häftlings niederprasselte und wie der Häftling dann jedesmal tierisch aufheulte. Die Lagerkapelle aber blies, fiedelte und bumste uns indes den Marschtritt in die Füße, von dem uns der Kapo vor dem Abmarsch unter fürchterlichen Strafandrohungen eingeschärft hatte, daß das zunächst die Hauptsache für uns sei, und wir marschierten durch das Tor den KarachoWeg hinauf nach unserem Arbeitsplatz, und unser Herz schlug uns bis zum Hals, und das Grauen stand uns noch lange in den Augen. Und als ich am Abend nach dem ersten harten Arbeitstag abgewrackt, erschöpft und am Rande meiner Kräfte wieder durch das Tor marschierte, sah ich, daß über dem Lagereingang mit großen Lettern die Worte standen: Recht oder Unrecht mein Vaterland! - Ich war zu zerschunden, um darüber zu meditieren, daß ausgerechnet jene Leute, die das Deutschtum allein in Erbpacht genommen haben wollten, dieses höchst zweifelhafte Wort aus dem Ausland hier zu ihrer Parole gemacht hatten. Aber als ich dann an dem Bock vorbeikam, der nun einsam und verlassen und unfaẞbar stumm dastand, da habe ich zum ersten Male in meinem Leben ganz begreifen gelernt, daß Ciceros ,, Ubi bene, ibi patria" doch eine innere Berechtigung hat. Mein Vaterland heißt Deutschland, und wird immer nur Deutschland sein! Ich aber kann hinfort keinem Deutschen mehr gram sein, der über den Bock in Buchenwald ging und sich darum zu dem Wort bekennt: ,, Wo es mir wohl geht, da ist mein Vaterland!" Keine einzige der vielen tausend Auspeitschungen während meiner Haftzeit in Buchenwald ist unter Einhaltung der Vorschriften erfolgt, die auf dem Formular niedergelegt waren. Von hundert Auspeitschungen ist kaum eine durch die Ausfüllung eines Formulars aktenmäßig niedergelegt. Ich weiß das, weil die Formulare durch die Unterschriftenmappe des Lagerarztes gingen und ich ihm die Schriftstücke einzeln zur Unterschrift vorlegen mußte. Die SS.- Leute waren viel zu faul, jeden Prügelfall wenigstens formell aktenmäßig zu bearbeiten. Und wenn das trotzdem in einigen, verhältnismäßig wenigen Fällen gemacht wurde, dann nur, weil man dem SS.- Sicherheitshauptamt in Berlin doch zeigen mußte, daß man im Lager etwas tat, und das Sicherheitshauptamt wiederum den Nachweis erbringen konnte, daß im Lager etwas getan wurde. Daran, daß sich beide Instanzen völlig darüber im klaren waren, daß die Ausfüllung der Prügelformulare nur Tarnung war, besteht für mich kein Zweifel. 101 Jene Fälle, die formularmäßig bearbeitet wurden, waren für die Betroffenen nur insofern noch unangenehmer, als sie häufig eine zweimalige Durchpeitschung für ein ,, Vergehen" herbeiführten. Die Bestimmung, daß der Strafvollzug erst von Berlin genehmigt sein mußte, stand nur auf dem Papier, denn die Durchpeitschung wurde sofort nach der Feststellung oder Aufdeckung der ,, Straftat" durchgeführt. In keinem einzigen Falle ist, solange ich Arztschreiber gewesen bin, ein Häftling daraufhin untersucht worden, ob sein Gesundheitszustand den Strafvollzug gestattete. In keinem Falle wurde eine ärztliche Untersuchung unmittelbar vor dem Strafvollzug durchgeführt. Und nach der Durchpeitschung? Es sträubt sich etwas in mir, das Nachfolgende zu schreiben, aber der Leser möge mich entschuldigen, denn ich stehe hier unter dem Zwange meines Eides und darf nichts verschweigen. Nach Massendurchpeitschungen bereitete der Lagerarzt, wenn er zufällig vorbeikam und eine bestimmte Sorte Scharführer und SS.- Offiziere am Tor stand, diesen homosexuellen Gesellen ein kleines Sondervergnügen" und nannte es ärztliche Untersuchung. Waren durch die Prügelstrafe Verletzungen erfolgt, dann wurde in keinem Falle eine lagerärztliche Behandlung vorgenommen; ja, es war den Häftlingspflegern sogar ausdrücklich verboten, derartige Verletzungen zu behandeln. Und wenn sie es trotzdem taten, dann taten sie es immer ,, auf eigene Gefahr"! In fast allen Fällen wurde der Häftling auf dem Bock festgeschnallt. 25 Stockhiebe waren formularmäßig die Höchstzahl, die verabfolgt werden durfte. Häufig wurden 30, 40, 50 und mehr Schläge verabreicht, je nachdem wie zäh der Häftling war und wenn man ihn absolut bis zur Ohnmacht durchpeitschen wollte. Nach der Vorschrift hatte der Scharführer die Schläge laut nachzuzählen. Er ließ das immer von dem Häftling machen, und wenn dieser das unter den Qualen vergaß, wurden aus den zudiktierten 5 häufig 30 und mehr Stockhiebe, je nachdem in welcher Laune der Prügelknecht war. Nur manchmal, wenn eine Massenbestrafung des Lagers stattfand, d. h. wenn durch Abzählen viele hundert völlig unschuldige Häftlinge herausgestellt und dann durchgepeitscht werden mußten, ließen es die Scharführer nach stundenlangem Prügeln bei 2 oder 3 Stockhieben statt der diktierten bewenden, weil sie einfach müde waren und keine Lust mehr zum Geschäft hatten. Selten nur wurde mit Ruten geschlagen, die der Vorschrift entsprachen. Es wurden lange, biegsame, mit Wasser vollgesogene Stöcke benutzt, lederne Hundepeitschen, Ochsenziemer, harte Knüppel und 102 Stahlruten. Damit sich die Profosse nicht verletzten bzw. damit ihnen die Hände nicht schmerzten, trugen sie Prügelhandschuhe. Es kam aber auch vor, daß die Strafe nicht brutal durchgeführt wurde. Das war manchmal dann der Fall, wenn der SS.- Standartenführer Koch oder der SS.- Obersturmbannführer Rödl eine ganz ausgefallen ungerechtfertigte Durchpeitschung angeordnet hatten und der SS.- Hauptscharführer Strippel oder der SS.- Oberscharführer Bergmann zur Strafvollstreckung befohlen waren. Dann kam es wohl vor, daß die Häftlinge nur unwesentliche Schmerzen erlitten, weil diese beiden SS.Leute eine Virtuosität darin entwickeln konnten, sich nur den Anschein zu geben, grausamst zuzuschlagen. Aber solche Fälle ereigneten sich nur selten, denn Strippel und Bergmann schlugen verhältnismäßig wenig, und die anderen Profosse im ,, braunen Ehrenkleid Adolf Hitlers" kümmerten sich nicht um die näheren Umstände. Verschiedentlich habe ich den Obersturmbannführer Rödl beobachtet, der auf das Prügeln geradezu versessen war. Es besteht für mich kein Zweifel, daß für ihn diese Grausamkeit sexuelle Befriedigung war. Wenn er am Tor war, mußte sich jeder Häftling bei ihm nach der Durchpeitschung etwa in dieser Form melden: ,, Arbeitsscheuer Häftling Nr. 13714, bestraft mit 10 Stockhieben wegen Faulheit bei der Arbeit", oder ,, Politischer Häftling Nr. 7063, bestraft mit 5 Stockhieben, weil ich in der Marschkolonne nicht Gleichschritt halten konnte", oder ,, Krimineller Häftling Nr. 11689, bestraft mit 5 Stockhieben, weil ich auf den Appellplatz gespuckt habe." Ich beobachtete wiederholt, daß Rödl, wenn eine längere Reihe von Delinquenten an der Arrestwand zur Bestrafung stand, die Reihe musternd abging und sich dabei offenbar besondere Opfer aussuchte. Und wenn diese dann auf dem Bock lagen, trat er heran, tätschelte während des Strafvollzuges dem Häftling im Gesicht herum und drückte seinen Unterleib gegen den Bock. Auf der gleichen Ebene lag der geschmackvolle Einfall", bei der Durchpeitschung einer größeren Zahl von Häftlingen durch die Lagerkapelle ein lustiges Potpourri spielen zu lassen; ja, einmal erlebte ich es sogar mit, wie Rödl dabei ein stimmungsvolles Geigensolo spielen ließ. Welcher Art die Straftaten waren, die mit Stockhieben geahndet wurden, habe ich bereits angedeutet. Einmal wußte ein Häftling nicht zu sagen, warum er mit 5 Stockhieben bestraft wurde. Daraufhin diktierte ihm Rödl gleich nochmals 5 Stockhiebe. Nach dem Vollzug wußte der ahnungslose Häftling immer noch nicht den Grund seiner Bestrafung. Rödl hatte einen Zettel, auf 103 dem ein SS.- Mann eine Meldung gegen den Häftling Nr. X wegen Rauchens auf der Arbeitsstelle gemacht hatte. Die Nr. X hatte der durchpeitschte Häftling, aber als Rödl ihm nunmehr vorhielt: ,, Weil du Viech mit doaner Malefizraucherei beinah die Benzinfaß in dö Autugarasch zu Exploschon bracht hoast", sagte der Häftling: ,, Herr Obersturmbannführer, melde gehorsamst, ich bin noch nie in der Autogarage gewesen, ich arbeite in der Wäscherei im Lager." ,, Woas? Woas?" stotterte Rödl überrascht und sagte dann nach kurzem Nachdenken: ,, Dö Kapo vun die Wäschrei sull herkum." Der Wäschereikapo wurde durch die Lautsprecheranlage ans Tor gerufen und bestätigte, daß der bestrafte Häftling seit Jahr und Tag in der Wäscherei innerhalb des Lagers arbeitete. Es lag offensichtlich eine falsche Nummerangabe des Wachtpostens vor. Für Rödl war die Sache damit erledigt, daß er sagte:„, So, so, na, ischo guat, hoast jetzt 10 im voraus, wenn du moal 25 kriagn sullscht, meldsch di bei mi, dann kriescht nur noch 15." Dem irrtümlich bestraften Häftling aber sickerte das Blut durch die Hose, und er mußte sich einige Tage später für lange Zeit in Revierbehandlung begeben, da sich infolge der Mißhandlung eine gefährliche Phlegmone entwickelt. hatte Oder ein anderer Fall. In unmittelbarer Nähe des Lagers wurde eine größere Erdbewegung in sehr primitiver Weise durchgeführt. Über einen steilen Abhang war ein Feldgeleise gelegt. Eine Häftlingskolonne schleppte mit Tragkästen Erdmassen in Kippwagen, eine andere hatte die Aufgabe, die gefüllten Kippwagen den Abhang hinunter bis zur Schuttstelle zu lenken. Die Abbremsung des Wagens erfolgte durch dicke Balken, die zwischen die Räder gestemmt wurden. Da die Kippwagen dabei manchmal trotzdem ins Gleiten kamen, wurden rechts und links Taue befestigt, an denen je sechs Häftlinge abbremsten. Nun ging die Abfahrt meistens gut. Einmal aber kam der Kippwagen trotzdem in immer schnelleres Gleiten. Daraufhin ließen die meisten Häftlinge die Taue los, nur einer, der sich unvorsichtigerweise die Endschlinge um die Schulter gelegt hatte, konnte sich nicht mehr frei machen und mußte die rasende Fahrt, die letzten Meter sogar geschleift, bis ins Tal mitmachen. Ein zweiter Häftling, der mit dieser Arbeitskolonne gar nichts zu tun hatte, eilte auf den Kippwagen zu, um dem geschleiften Kameraden zu helfen. Unglücklicherweise kam SS.- Standartenführer Koch in diesem Augenblick des Weges, notierte sich wortlos die Nummern der beiden Häftlinge und ging dann weiter. 104 Am Abend wurden die beiden Häftlinge mit je 10 Stockhieben bestraft-. Rödl war zum Glück nicht am Tor, so daß sie sich nicht mit ---. der Angabe des Grundes nach der Durchpeitschung zu melden brauchten. Sie hätten gleichfalls keinen Grund angeben können 茶茶 茶 Im Schreibtisch des Lagerarztes lagen zu meiner Zeit etwa 200 vorbereitete Entmannungs- und Sterilisierungsakten. Es handelte sich um Akten, die von dem früheren Lagerarzt Dr. Kirchhoff angelegt und noch nicht zur ,, Erledigung" gekommen waren. Auch Dr. Ding bekundete für sie kein besonderes Interesse. Sie bestanden jeweils aus einem Aktendeckel, auf dem der Name des Häftlings, den man zur Entmannung oder Sterilisierung vorgesehen hatte, vermerkt war und in dem zwei Bogen Papier lagen. Auf dem einen Bogen standen die Personalien des Häftlings mit dem meistens von ihm selbst angegebenen Vorstrafenregister, auf dem anderen eine vorgetippte Erklärung, wonach der Häftling freiwillig seine Entmannung oder Sterilisierung beantragte. Eine größere Anzahl dieser Erklärungen war bereits unterschrieben, auf vielen anderen zeigte eine Punktlinie an, wo der Häftling seinen Namen hinsetzen sollte.. Es bestand die Anordnung, daß die ,, Politische Abteilung" den Namen jedes Häftlings an den Lagerarzt zu melden hatte, aus dessen Akten irgendwie hervorging, daß er an Schizophrenie, Epilepsie, angeborenem Schwachsinn, zirkulärem Irresein, Fallsucht oder Trunksucht litt oder, daß er wegen eines Sittlichkeitsvergehens(!) oder-verbrechens vorbestraft war. Zum Glück erfolgten derartige Meldungen bei der Schlaksigkeit und der Dummheit, mit der die Akten in der politischen Abteilung geführt wurden, in vielen Fällen überhaupt nicht, und es bedurfte immer wieder der ,, Anregung" des Lagerarztes, um von dort einige. Namen zu erhalten. Die Kartei, die im Häftlingsrevier angelegt war, wurde von Häftlingen geführt, und es liegt auf der Hand, daß von dieser Seite kaum Meldungen erfolgten. Eine Ausnahme bildeten lediglich die homosexuellen Häftlinge, denn der Lagerarzt hatte angeordnet, daß bestimmte Gruppen von Häftlingen durch Karteireiter kenntlich gemacht wurden. Darunter befanden sich auch die homosexuellen Häftlinge, so daß jederzeit eine schnelle Kontrolle darüber möglich war, ob sie auch zur Entmannung vorgemerkt worden waren. Daß sie ausnahmslos entmannt werden mußten, war für die Lagerverwaltung und den Lagerarzt selbstverständlich. 105 Es liegt auf der Hand, daß die gesetzlichen Voraussetzungen zur zwangsweisen Entmannung oder Sterilisierung bei den im Lager vorhandenen Häftlingen in fast allen Fällen nicht gegeben waren. Aber die Bestimmung, daß eine Entmannung oder Sterilisierung auch dann durchgeführt werden konnte, wenn ein freiwilliger Antrag vorlag und mindestens zwei Ärzte die Durchführung befürworteten, gab die formale Handhabung für die Befriedigung einer unmenschlichen Geisteshaltung oder sadistischer und viehischer Begierden. Davon, daß irgendein Häftling von sich aus herkam und seine Entmannung oder Sterilisierung beantragte, konnte überhaupt keine Rede sein. In jedem Falle wurde der Häftling vom Lagerarzt vorgeladen und zur Stellung des Antrages gezwungen. In vielen Fällen brauchte der Lagerarzt nur ein paar ,, energische" Worte zu sagen, um den Häftling widerspruchslos zur Unterschrift zu veranlassen, denn die ganze Lageratmosphäre hatte fast immer die ausreichende Vorarbeit geleistet, um jeglichen Widerspruch auszuschalten. Der Häftling wurde in das Arztzimmer geführt, nachdem er vorher von Mithäftlingen instruiert worden war, wie er sich zu melden hatte. Die Unterschriftsleistung vollzog sich meistens wie folgt: Hinter dem Schreibtisch saß der Lagerarzt mit dem ominösen Aktendeckel vor sich, indes sich etwas im Hintergrund die SDG.s aufhielten. Der Häftling kam auf Strümpfen in das Arztzimmer, baute sich vor dem Schreibtisch des Lagerarztes in strammer Haltung auf und meldete: ,, Arbeitsscheuer Häftling Nummer XX zur Stelle!" Dann tat der Lagerarzt so, als studierte er die vor ihm liegende Akte, ohne den Häftling eines Blickes zu würdigen. Die herrschende Stille tat das ihre, um den Häftling noch unsicherer zu machen. Dann, nach ein oder zwei Minuten, blickte der Lagerarzt langsam von der Akte auf, die er in drei Sekunden hätte durchlesen können, und sagte, leise anfangend und langsam bis zum Brüllen lauter werdend: ,, Na, du Mistvogel. Du bist ja eine ganz besondere Marke. Was hast du alles auf dem Kerbholz? Na, nun haben wir dich aber. Hier wird nicht lange gefackelt! Für dich wäre es bestimmt besser, wenn du überhaupt nicht da wärst, du Sauhaufen!! Wollen wir wenigstens verhindern, daß noch mehr solche Schweinehunde wie du herumlaufen!! Wirst jetzt sterilisiert, verstanden!?" Und dann fügte er rasch, leise und sachlich, geradezu suggestiv hinzu: ,, Hier, mach die Sache kurz, unterschreibe!" In den meisten Fällen unterschrieben die Häftlinge den Antrag, häufig genug, ohne ihn erst durchzulesen. Wenn sich das Opfer nur leise an106 schickte, irgendeine Frage zu stellen oder einen Einwand zu erheben, dann sorgten ein paar Faustschläge und Fußtritte der SDG.s für ,, schnelle Bereinigung des Falles, und der Häftling unterschrieb mit einer noch etwas stärker zitternden Hand. Nur in den wenigsten Fällen bereitete die freiwillige Unterschriftsleistung größere ,, Schwierigkeiten". Wegen Verstoßes gegen die Nürnberger Rassengesetze wurde der etwa zwanzigjährige Jude Julius Meier nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe in das Konzentrationslager eingeliefert. Er war ein großer, kräftiger, kerngesunder Bursche, intelligent, gebildet, bescheiden und, wenn er sich nicht selbst als Jude bezeichnet hätte, nicht als solcher zu erkennen. Für den Eingeweihten war von vornherein klar, daß es sich hier um einen verhältnismäßig harmlosen Fall von Rassenschande handeln mußte, denn eine Gefängnisstrafe wurde von den damaligen Gerichten nur dann verhängt, wenn alle Umstände dafür sprachen, daß der Verkehr mit Einwilligung des unterrichteten Partners erfolgt war, ohne daß der Jude irgendein Abhängigkeitsverhältnis, die Versprechung oder Abgabe von Vorteilen oder dergleichen als Druckmittel benutzt hatte. Die Gerichtsakten, die der Lagerarzt angefordert hatte, nachdem ihm Meier von der Politischen Abteilung gemeldet worden war, wiesen folgendes aus: Meier hatte längere Zeit mit einer sexuell weniger gut beleumundeten Hausangestellten seiner Eltern Verkehr gehabt. Eines Tages waren von Nachbarn Vorgänge beobachtet worden, aus denen sie schließen konnten, daß zwischen ihm und der Hausangestellten Intimitäten bestanden. ,, Man" erstattete Anzeige. Beide Partner wurden verhaftet und gaben die ,, Rassenschande" zu, wobei der widerspruchsvollen. Darstellung der Hausangestellten- die natürlich unter Druck vergewaltigt sein wollte!- selbst vom Gericht kein Glauben geschenkt wurde. Hätte die Hausangestellte nur ein wenig intelligenter gelogen, dann wäre Meier fraglos zu einer weit empfindlicheren Zuchthausstrafe verurteilt worden. Es ist mir nicht klar geworden, warum der Lagerarzt ausgerechnet die Entmannung dieses Juden durchführen wollte, denn es gab andere Fälle von Rassenschande, in denen die Entmannung mit einem weit stärkeren Schein des Rechts hätte durchgeführt werden können. In den politischen Akten des Meier, die ich daraufhin durchsah, fand ich keinerlei Anhaltspunkte. 107 Vielleicht hatte der Lagerarzt selbst, als ihm die Meldung der Politischen Abteilung vorlag, die Entmannung beschlossen. Vielleicht hatte der Schutzhaftlagerführer Rödl, dessen Spezialität es war, aus tausend gleichgelagerten Fällen, die er vollkommen unberücksichtigt ließ, sprunghaft einen Fall herauszuklauben, die Entmannung ,, angeregt". Vielleicht hatte aber auch der Lagerkommandant SS.- Standartenführer Koch, der alle Zugangsakten durchsehen sollte, aber sich dieser Mühe nur vereinzelt unterzog, und fast immer nur, wenn ihn jemand auf eine besondere Akte hinwies, durch irgendeinen verrückten Zufall aufmerksam geworden, persönlich die Entmannung des Meier gefordert. Ich weiß weder das eine noch das andere. Ich weiß nur, daß die genannten Anlässe möglich sind, weil ich sie in Parallelfällen schon selbst erlebt hatte. Am unwahrscheinlichsten ist mir die Möglichkeit, daß der Lagerarzt selbst der unmittelbare Anlaß der Aktion war, denn in seinem Schreibtisch lagen genug andere Akten, aus denen er sich viel bequemer einen ,, Fall" hätte herausholen können. Meier war sich vollkommen klar darüber, in welcher Gefahr er schwebte, denn wie alle Rassenschänder war auch er in die Strafkompanie eingereiht, und den Häftlingen war es kein Geheimnis, mit welcher Frivolität und Rücksichtslosigkeit alle Häftlinge, die wegen eines Sittlichkeitsdelikts eingeliefert oder vorbestraft waren, entmannt oder zur Entmannung vorgemerkt wurden, und der Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Ariern galt nun einmal bei diesen entarteten Nazibestien als schweres Sittlichkeitsverbrechen. Aber Meier wußte auch, daß seine Angehörigen draußen mit größter Tatkraft bemüht waren, seine Auswanderungspapiere in Ordnung zu bringen. Und zu seiner Zeit wurden die Juden, die ihre Auswanderungspapiere in Ordnung hatten und nicht irgendwie ,, politisch belastet" waren, noch aus dem Lager mit der Auflage entlassen, Deutschland innerhalb 48 Stunden zu verlassen. Ich hatte es auch schon mehrfach erlebt, daß eine Entmannungs- oder Sterilisierungsakte einstweilen erst einmal wieder beiseite gelegt worden war, wenn ein Häftling die angewandten Druckmittel durchstanden und nicht unterschrieben hatte. Was ich dazu tun konnte, solche Akten dann aus dem unmittelbaren Blickfeld des Lagerarztes zu räumen, habe ich selbstverständlich getan. Wenn sich Meier also weigern würde, die Unterschrift zu leisten, konnte er eine Chance haben Der Lagerarzt kam meistens erst zwischen 9 und 10 Uhr ins Lager, während die zum Arzt bestellten Häftlinge sofort nach dem Morgenappell nach dem Häftlingsrevier geführt wurden und dann an einer Seite der Baracke bis zum Eintreffen des Lagerarztes Aufstellung nehmen 108 mußten. So hatte ich Gelegenheit, mit Meier vorher zu sprechen. Er war entschlossen, nicht zu unterschreiben. Und als Meier dann vor dem Lagerarzt stand, zeigte er beste Haltung. Die Wortkanonade ließ er unbeweglich über sich ergehen, kein Zucken des Gesichts, keine unwillkürliche Bewegung des Körpers, kein Flackern der Augen verrieten irgend etwas von dem, was in ihm vorging. Als er zur Unterschriftsleistung aufgefordert wurde, trat er ruhig an den Schreibtisch, nahm die Feder zur Hand und las den vorgetippten Antrag durch. Dann legte er die Feder auf den Schreibtisch zurück, blickte den Lagerarzt Dr. Ding fest an und erklärte mit ruhiger, klarer, keinerlei Bewegung verratender Stimme:„ Das kann ich nicht unterschreiben." Das klang so bestimmt und so bescheiden, so natürlich und selbstverständlich, so ruhig und doch so entwaffnend, so überlegen und doch so dünkellos, daß man wie mit einem Schlage in eine ganz andere Welt versetzt war. Die Situation war faszinierend und fiel so sehr aus dem Rahmen des Lagers heraus, daß Dr. Ding, den ich noch nie um irgendein Wort verlegen gesehen hatte, drei, vier, fünf Sekunden schwieg und die beiden SDG.s Oberscharführer Seehausen und Scharführer Hofmann im Hintergrund stehen blieben und einfach nicht mehr wußten, daß sie jetzt programmgemäß den Häftling mit Faustschlägen und Fußtritten zu ,, behandeln" hatten. Dann unterbrach Dr. Ding die eingetretene Stille und fuhr Meier herrisch und scharf akzentuiert an: Warum nicht?" دو Ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zögern, antwortete Meier ruhig und bescheiden: ,, Ich bin wegen Rassenschande bestraft und habe meine Strafe verbüßt. Ich habe mich schriftlich verpflichtet, das deutsche Reichsgebiet sofort zu verlassen. Meine Auswanderungspapiere sind zum größten Teil bereits in Ordnung; sobald sie vollzählig beisammen sind, werde ich Deutschland sofort verlassen." Jetzt hatte Ding seine Fassung wiedergewonnen. ,, So? Deutschland sofort verlassen?" unterbrach er Meier, als wäre er höchst belustigt, ,, und das glaubst du, daß wir dich Mistvogel so ohne weiteres auf die Menschheit loslassen? Das hast du dir gedacht, was? Damit du da draußen deine perversen Schweinereien austoben kannst, was? Nein, Sauhafen! hier! unterschreiben!!" Meier blieb unbeweglich stehen und wiederholte noch einmal: ,, Herr Sturmführer, das kann ich nicht unterschreiben." ,, Das kannst du nicht? Was? Nicht können? Das werden wir ja sehen." Inzwischen war Seehausen aus dem Hintergrund nach vorn gekom109 men, versetzte dem Meier einen brutalen Fußtritt in das Gesäß und schlug ihm zwei-, dreimal die geballte Pranke mit voller Wucht ins Gesicht, daß das Blut sofort aus Nase und Mund strömte. Meier taumelte etwas zurück, richtete sich dann aber wieder auf, nahm die vorgeschriebene stramme Haltung an und blickte stumm und unverwandt dem Lagerarzt Dr. Ding in die Augen, ohne sich um Seehausen zu kümmern. ,, Hier kannst du alles, Bürschchen", sagte Dr. Ding, indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und die Hände in die Hüften stemmte, und seine Stimme klang so überlegen und selbstsicher, so erbarmungslos und brutal, daß es einen Stein hätte ängstigen können ,,, das werden wir dich Saustück lehren! Ob du das glaubst oder nicht! Hier bist du nicht im Sanatorium, du Plattfußindianer! Meinst, du kannst hier vornehm tun, was?! Entweder du unterschreibst oder wir machen dich alle!!" Meier blieb auch jetzt noch völlig unbeweglich, man konnte es ihm deutlich ansehen, daß er jedes Wort hörte, aber nicht das geringste Anzeichen war da, ob die Einschüchterungsversuche so oder so auf ihn wirkten. Das Blut rieselte ihm aus Nase und Mund, tropfte auf seine Brust und von da auf den Fußboden. Als Seehausen das sah, stellte er sich vor Meier, und, seinen Herrn und Meister im Tonfall imitierend, brüllte er den geschundenen Juden an: ,, Was? Unseren Fußboden hier verdrecken? So ein Aas! So ein Hurenbengel! So ein Haufen Scheiße!" Und bei jedem Satz stieß ihm der SS.- Oberscharführer die Faust mit aller Wucht ins Gesicht. Meier aber stand da, wankte zwar bei jedem Faustschlag, machte jedoch keine einzige abwehrende Bewegung. Es war furchtbar, mit welcher Stoik Meier die Mißhandlungen über sich ergehen ließ. Man spürte, die Situation schien sich festzulaufen. Dieser Jude, der erst kurze Zeit im Lager und darum noch im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte war, würde sich eher totschlagen lassen als zu unterschreiben. Aber Seehausen, dieser beschränkte Landsknecht, denkt langsamer. ,, Was stellst du dir eigentlich vor, du Armleuchter, du!" Und wieder prasseln die Schläge auf Meier nieder. ,, Kannst du das denn nicht sehen, du Scheißhaufen?!" und Seehausen zeigt mit seinen Wurstfingern auf die Blutspritzer, die sich über den Fußboden ausbreiten. Wortlos zieht Meier sein Taschentuch, bückt sich und wischt die Blutspritzer auf. Dabei traktiert ihn Seehausen mit Fußtritten, und bei jedem Tritt fällt Meier zu Boden, aber jedesmal richtet er sich wieder 110 auf und wischt weiter und macht keine einzige abwehrende oder schützende Bewegung. Dann gibt Dr. Ding dem Seehausen ein Zeichen, daß er einhalten soll. Als Meier das Blut aufgewischt hat, nimmt er wieder gerade Haltung an und blickt unverwandt, wie ein Standbild fast, auf den Lagerarzt. Ich sehe deutlich, wie er sich strafft, die Brust herausdrückt und den Kopf leicht in den Nacken wirft, als trüge er nicht nur den eigenen Stolz, sondern in urewigem Auftrag zu seinem Teil auch den Stolz jenes Menschentums, das man, solange es eine nach Glück und Frieden ringende Menschheit gibt, immer und immer wieder ans Kreuz schlug ,, Ich will dir was sagen", spricht Dr. Ding jetzt den blutüberströmten Juden an, und dabei kneift er die Augen zusammen, spricht durch die Zähne und gibt seiner Stimme einen satanischen Tonfall ,,, ich gebe dir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Morgen früh bist du wieder hier. Dann geht das Tänzchen von neuem los, wenn du dich nicht inzwischen eines Besseren besonnen hast. Und glaube nicht, daß das dann so einfach wie heute abgeht. Wir haben noch einen ganzen Sack voll schöner Dinge für dich. Dann kannst du ja was erleben." Und dann brüllt er plötzlich wie ein Stier den Juden an: ,, Raus!" Meier macht gelassen die vorgeschriebene stramme Kehrtwendung und geht zur Tür. Scharführer Hofmann versetzt ihm dabei noch mit seinen Knobelbechern einen furchtbaren Fußtritt in das Gesäß. Und als der Jude die Tür hinter sich geschlossen hat, lacht Ding gemacht und häßlich auf, und Seehausen und Hofmann fallen in das Gelächter ein. Seehausen sagt mit zynischem Tonfall langsam und gedehnt: ,, So ein Scheißhaufen!" Aber ich spüre deutlich, daß es den drei Folterknechten nach diesem Erlebnis nicht wohl zumute ist. Kurz vor Mittag, als der Lagerarzt seinen Zwei- bis- drei- StundenDienst beendet hatte und sich nun auch die SDG.s verdrücken konnten, kam Seehausen zu mir und sagte:„, Für den Meier schreibst du keinen Zettel aus." Für die Häftlinge, die im Laufe des Tages im Revier behandelt werden sollten oder die auf Grund ihrer Krankmeldung am Abend vorher von den Häftlingspflegern zu einer eventuellen stationären Behandlung vor-. geschlagen, aber erst dem Arzt vorgeführt werden sollten, oder die der Arzt zu einer Untersuchung angefordert hatte, wurden sogenannte Arztvormeldescheine ausgeschrieben. Zwar sollten diese Scheine vom Arzt oder einem SDG. unterschrieben werden, aber es hatte sich eingeführt, daß sowohl der erste Häftlingspfleger als auch der Arztschreiber diese Scheine unterschreiben konnten, ebenso wie wir auch die ersten 111 Totenmeldungen, die für den Appellbericht gebraucht wurden, unterschreiben mußten, wenn weder Arzt noch SDG. im Lager waren, und das war von vierundzwanzig Stunden meistens zwanzig Stunden der Fall. Diesen Arztvormeldeschein mußte der Häftling seinem ArbeitsKapo zur Abmeldung für diesen Tag vorlegen und legitimierte ihn zum Verbleiben im Lager. Wenn wir dem Häftling keinen Arztvormeldeschein mehr aushändigen konnten, führten wir Name und Nummer des Häftlings auf einer Sammelliste auf, die wir dem Appellführer aushändigten, der die Nummern dann beim Morgenappell durch den Lautsprecher verlas und die aufgerufenen Häftlinge bei ,, Schild 2" antreten ließ, von wo aus sie dann geschlossen zum Häftlingsrevier geführt wurden. Wer ohne eine derartige Legitimation im Lager angetroffen wurde oder nicht nachweisen konnte, daß er innerhalb des Lagers beschäftigt war, wurde grausam bestraft, so daß es kaum ein Häftling wagte, sich von der täglichen Arbeit zu drücken. Mir war sofort klar, was Seehausens Anordnung zu bedeuten hatte. Ich suchte darum den Stubenältesten der Strafkompanie auf und orientierte ihn. Wir verfielen auf folgenden Ausweg: Meier wurde für den nächsten Tag zu jenem Teil der Strafkompanie eingeteilt, der innerhalb des Lagers arbeitete. Der Kapo wurde beauftragt, in der Nähe des Häftlingsreviers arbeiten zu lassen, so daß Meier für mich jederzeit erreichbar war. Am nächsten Vormittag stand Meier natürlich nicht bei den Arztvormeldern an der Stirnwand der Baracke, aber ich sah, daß ein Teil der Strafkompanie in unmittelbarer Nähe beschäftigt war. Und als Dr. Ding mir den Auftrag gab, Meier hereinzurufen, trat ich wie üblich vor die Baracke und rief mit lauter Stimme seinen Namen. Deutlich sehe ich, daß Seehausen völlig überrascht ist, als ich mit Meier das Arztzimmer wieder betrete. Daß auch Ding mit von der Partie in diesem niederträchtigen Spiel ist, erkenne ich an seiner ersten Frage: ,, Wo kommst du her?" Meier, dessen Gesicht geschwollen und blutunterlaufen ist, antwortet: ,, Von der Arbeit, Herr Sturmführer." ,, Wieso von der Arbeit?" ,, Ich bin hier am Weg beschäftigt, Herr Sturmführer." Und wieder weigert sich Julius Meier, das Formular: ,, Hiermit beantrage ich freiwillig meine Entmannung, um von meinem perversen Geschlechtstrieb befreit zu werden." zu unterschreiben. Und wieder beginnt die entsetzliche Folterung. Deutlich sehe ich, daß Meier weich in den Knien wird, aber sobald er aufgefordert wird, den Antrag zu unterschreiben, schüttelt er mit dem Kopf. Wieder, wieder und immer wieder. 112 Da! Meier wird ohnmächtig. Seehausen gießt ihm Wasser ins Gesicht und langsam kommt Meier wieder zu sich. Seehausen richtet Meier auf. Mühsam hält Meier sich aufrecht. Seehausen drückt ihm die Feder in die Hand. Aber Meier unterschreibt nicht. Plötzlich geht ein Zittern und Schütteln durch Meiers geschundenen Körper, seine Augen flackern, und mit einer Stimme, die einen Stein erweichen könnte, sagt er:„ Ich bin doch verlobt, Sturmführer. Meine Braut wartet auf mich. Ich werde Deutschland doch sofort verlassen, wenn meine Papiere in Ordnung sind." ,, Unterschreibe!" sagt Ding ,,, und du kannst Deutschland lebend verlassen." Meier schüttelt den Kopf. ,, Ich gebe dir eine halbe Stunde Bedenkzeit", sagt Ding. Seehausen führt Meier aus dem Arztzimmer und läßt ihn auf dem Häftlingsabort mit erhobenen Armen stehen. Als die halbe Stunde vergangen ist, weigert sich Meier immer noch mit stummem Kopfschütteln. Da gibt es Ding auf, und selbst Seehausen und Hofmann lassen den armen Schächer unbehelligt hinausgehen. Am nächsten Tage aber wird Julius Meier in Arrest gebracht. Als er dann nach zwölf Tagen wieder dem Lagerarzt vorgeführt wird, ist er nur noch ein Bild des Jammers. Zwar sind keine Spuren der schweren Mißhandlungen mehr in seinem Gesicht zu sehen, aber er sieht aus, als käme er aus dem Hungergrabe. Sein Körper ist spindeldürr geworden, seine Wangen sind hohl, seine Augen blicken aus tiefen, schwarz umränderten Höhlen, seine Gesichtshaut, vor vierzehn Tagen noch straff und blühend, ist welk und von entsetzlich gelber Blässe, und seine Körperhaltung ist krumm und zusammengefallen. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, ich hätte es nie glauben können, daß in zwölf Tagen und zwölf Nächten der Körper eines kerngesunden blühenden Menschen von athletischer Gestalt so gewandelt werden kann. ,, Du hast wohl noch nicht gewußt, was hier los ist?" spricht Ding ihn an, und seine Stimme ist ruhig und sachlich. ,, Nein, Herr Sturmführer", antwortet Meier mit matter Stimme. Willst du wieder raus aus dem Arrest?" دو ,, Ich möchte wohl, Sturmführer." Auch Dings Stimme ist jetzt leise, zuredend, und wer nur diese Worte gehört hätte ohne zu wissen, was vorausgegangen war, wäre davon überzeugt, daß Ding ein väterlicher Freund des armen Menschen sei, der da gebrochen und auf den Tod krank vor ihm steht. 8 Poller, Buchenwald 113 ,, Na, dann sei vernünftig und unterschreibe." Pause. Sekundenlang nur, und doch endlos lange Pause. Es ist als ob sich eine eiserne Kuppel über das Arztzimmer gelegt habe, als wäre der Raum nicht mehr von dieser Welt. Julius Meier steht unbeweglich mitten im Arztzimmer, starrt vor sich hin und atmet kurz und schwer. Es arbeitet in ihm. Wird er unterschreiben? Wird er jetzt die bereitgelegte Feder nehmen? Ding schiebt ihm den Schreibmaschinenbogen zu, taucht die Feder in das Tintenfaß und legt den Federhalter griffbereit auf die Tischkante. Meiers Blick ist auf den Federhalter gerichtet, dann hebt er ganz leicht und ungemein hilflos beide Arme an und sagt traurig, leise, grenzenlos verzweifelt: ,, Ich kann nicht, Sturmführer, ich will lieber sterben." Da macht Ding eine wegwerfende Gebärde mit der rechten Hand, als wolle er sagen: ,, Jetzt gebe ich den Kram auf." Meier wird aus dem Arztzimmer entlassen. Ich lege die vorbereitete Akte mitten in die anderen, die in dem Schreibtisch lagern. Nach vierzehn Tagen etwa treffe ich Meier im Lager. Er ist aus dem Arrest entlassen, sieht zwar immer noch arg mitgenommen aus, aber hat sich doch schon wieder erholt. Ich spreche ihm Mut zu: Vorerst brauche er keine Sorge zu haben, wieder in die Hände des Lagerarztes zu geraten. Inzwischen dürften seine Auswanderungspapiere in Ordnung gebracht werden und die Entlassung aus dem Lager wird dann schon glatt erfolgen. Er sagt mir: ,, Ich habe erst kein Vertrauen zu dir gehabt, ich möchte dir mein Mißtrauen abbitten."„ Keine Ursache, Kamerad", erwidere ich, ich weiß, wie schwer es hier im Lager ist, einem anderen Menschen zu vertrauen." Und sicherlich wäre alles noch gut ausgegangen, wenn die Menschen draußen gewußt hätten, wie es in diesem Konzentrationslager zuging. Aber wie sollten sie das wissen? Irgendein entlassener Häftling hatte Meiers Eltern über die Gefahr unterrichtet, in der ihr Sohn im Lager schwebte. Meiers Eltern hatten alles daran gesetzt, die Auswanderungspapiere in Ordnung zu bekommen, und bekamen sie auch in Ordnung. Dann setzten sie sich mit dem SS.- Sicherheitshauptamt in Verbindung und es gelang ihnen auch, wer weiß wie, aber die Liebe der Eltern ist ja zu allem fähig und findet immer einen Weg, bis an eine entscheidende Stelle vorzudringen. Sie waren orientiert, daß die Entmannung ihres Sohnes eine Frage von Sekunden sein könnte, und wußten es durchzusetzen, daß vom Sicherheitshauptamt ein Fernschreiben an das Lager gesandt wurde: ,, Entman114 nung des Julius Meier zurückstellen, Reichsführer- SS. fürchtet Greuelpropaganda." Der SDG. SS.- Scharführer Hofmann brachte das Fernschreiben von der Politischen Abteilung mit ins Häftlingsrevier und legte es in die Unterschriftenmappe des Lagerarztes, wo es mir zu Gesicht kam. Entmannung zurückstellen? schwirrte es mir durch den Kopf. Warum hieß das Fernschreiben nicht: ,, Entlassung des Julius Meier wird verfügt?" Ein solches Schreiben wäre nicht in die Hände des Lagerarztes gekommen, und Meier wäre ohne Aufhebens entlassen worden. Die wenigen Situationen, wo Meier bei der Entlassung noch hätte auffallen können, wären durch uns Häftlinge vermieden worden, denn so viel Macht hatten wir uns gesichert, und um einem Kameraden das Leben zurückzugeben, waren wir stündlich bereit, unser eigenes Vegetieren einzusetzen. Entmannung zurückstellen? Oh, ihr bejammernswerten Eltern, was habt ihr da getan! Wissen konntet ihr es nicht, aber gibt es nicht hunderttausend Beweise dafür, daß Liebe blind und ahnungsvoll den rechten Weg findet?! Warum mußte hier versagen, was hunderttausendmal den rechten Weg schon finden lieẞ? Keine Stunde später wurde Julius Meiers Name und Häftlingsnummer durch die Lautsprecheranlage gerufen: ,, Sofort ans Tor! Sofort ans Tor!" Meier wurde wieder in Arrest gebracht, und am nächsten Vormittag diktierte mir der Lagerarzt SS.- Untersturmführer Dr. Ding einen Totenbericht über einen gewissen Häftling Julius Meier, der trotz sorgsamster, aufopferungsvollster Pflege verstorben war. Das Fernschreiben des Sicherheitshauptamtes lag nicht mehr in der Unterschriftenmappe, als ich mich anschickte, die Durchschriften abzulegen. 茶茶 茶 Sterilisierung ist die Unfruchtbarmachung durch operativen Eingriff. Beim Manne versteht man darunter die Unterbrechung der Samenstränge, beim Weibe die Unterbrechung der Eileiter. Da die Geschlechtsdrüsen erhalten bleiben, fallen die Folgen der Kastration aus. Die Fähigkeit, den Geschlechtsakt auszuüben, sowie die charakterlichen und leiblichen Merkmale bleiben in der Hauptsache unverändert erhalten, nur die Befruchtung wird verhindert. 8* Die Sterilisierung ist schon seit Jahren in mehreren Staaten der Welt 115 eingeführt, um erblich bedingte Minderwertigkeiten wie Geisteskrankheiten, erbliche Erblindung und dergleichen auszumerzen. Die Entmannung( Kastration) ist die Entfernung der männlichen Keimdrüsen und führt zu weitgehender Veränderung der charakterlichen und leiblichen Merkmale. Sie wurde als sichernde Maßnahme gegen gefährliche Sittlichkeitsverbrecher von manchen Gelehrten und Erbbiologen gefordert, aber auch vielfach umstritten. In Deutschland war sie als sichernde Maßnahme im Strafgesetzbuch vorgesehen. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1935 sollte ,, schwere Gefahren für das gesunde Erbgut des deutschen Volkes verhindern". Als erbkrank galten danach Personen, die an angeborenem Schwachsinn, zirkulärem Irresein, erblicher Fallsucht, Veitstanz, erblicher Blindheit oder Taubheit oder schwerer körperlicher Mißbildung leiden. Diese sowie schwere Alkoholiker konnten auch gegen ihren Willen, durch Entscheidung des Erbgesundheitsgerichtes, unfruchtbar gemacht werden. Die Entmannung konnte unter Innehaltung bestimmter Kautelen nach diesem Gesetz auch dann durchgeführt werden, wenn der Sittlichkeitsverbrecher oder anormal veranlagte Mensch sie freiwillig beantragte und zwei Ärzte sie befürworteten. Sterilisierung und Entmannung spielten in ,, Buchenwald" eine große Rolle, wobei es in der Natur der Sache lag, daß die Sterilisierung zu weniger großen Tragödien führte, zumal sie zu meiner Zeit meistens durch Fachärzte im Weimarer Krankenhaus durchgeführt wurde, während die Entmannungen ausnahmslos und aus begreiflichen Gründen im Lager erfolgten. Wie und mit welchen Methoden die Voraussetzungen zur Durchführung der operativen Eingriffe geschaffen wurden, habe ich im vorherigen Kapitel beschrieben. Ich möchte betonen, daß es sich in jenem Falle nicht etwa um einen besonders eklatanten Ausnahmefall handelt, sondern um die typische Regel, wie überhaupt alle Einzeldarstellungen in diesem Buche von mir sorgfältig daraufhin ausgewählt wurden, daß sie alles in allem ein Bild von der Gesamtlage in Buchenwald ergeben. Als ich die Feder zu diesen Aufzeichnungen ansetzte, nahm ich mir vor, unter keinen Umständen ein Zerrbild, sondern nach bestem Wissen und Gewissen ein möglichst naturgetreues photographisch- phonetisches Bild der Wahrheit zu geben, und dieser Vorsatz ist mein oberstes Gesetz bis zum Schlußpunkt. Wer nun wurde in Buchenwald sterilisiert und entmannt? Natürlich gab es Sterilisierungsfälle, wo nach menschlichem Ermessen alle im Erbgesundheitsgesetz festgelegten Voraussetzungen gegeben waren. Das 116 waren insbesondere die Fälle, die ordnungsgemäß dem Erbgesundheitsgericht zur Beschlußfassung vorgelegt wurden, wenngleich ich auf Grund meiner Erfahrung auch nicht hundertprozentig davon überzeugt bin, daß alle Entscheidungen des Erbgesundheitsgerichts ohne Beeinflussung durch den Schatten blieben, den ,, Buchenwald" ausstrahlte. Die Fälle von zirkulärem Irresein, erblicher Fallsucht, Veitstanz, erblicher Blindheit oder Taubheit waren selten. Aber Alkoholismus und angeborener Schwachsinn, also jene Fälle, die sowieso schon schwer abzugrenzen sind, waren häufiger, denn hier hatte der Nazismus seine Domäne, hier konnte sich die leichtfertige und verbrecherische Grundhaltung des Nationalsozialismus schon unkontrollierbarer austoben. Jener Grundsatz ,, in dubio pro reo"( in Zweifelsfällen für den Angeklagten), der einstmals den deutschen Richterstand zu höchstem Ansehen in der gesamten Kulturwelt geführt hatte, existierte für die Nazigewaltigen nicht. Im Gegenteil, sie waren wie der Teufel nach der Seele darauf versessen, alles Recht zu brechen, um ihren unmenschlichen Trieben und ihrer verbrecherischen Gesinnung zu frönen. Schwerster Alkoholismus lag bei ihnen vor, wenn jemand schon einmal im Arbeitshaus gewesen oder zur Ernüchterung einmal in polizeiliche Schutzhaft genommen worden war. Angeborener Schwachsinn lag bei allen Analphabeten fast alle Zigeuner im Lager waren Analphabeten- und bei jedem sogenannten arbeitsscheuen Häftling vor. Gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher war jeder, der schon einmal wegen eines Verbrechens oder eines Vergehens(!) vorbestraft war. - Keine einzige der zu meiner Zeit in Buchenwald vorgenommenen zahlreichen Entmannungen hatte die im Gesetz vorgeschriebene Voraussetzung. Ich wurde Zeuge von einigen Fällen, in denen das Gericht die beantragte Entmannung sogar ausdrücklich abgelehnt hatte. Entmannt wurden nicht nur Sittlichkeitsverbrecher, sondern auch homosexuelle Häftlinge, Rassenschänder und Häftlinge, die sich irgendwann einmal und wenn es auch schon Jahrzehnte her war, ein Sittlichkeitsdelikt verhältnismäßig harmloser Art, ein sogenanntes Vergehen oder eine Übertretung hatten zuschulden kommen lassen. Für keine einzige Entmannung wurde ein Beschluß des Erbgesundheitsgerichts eingeholt. Der„, freiwillige" Antrag des Häftlings und die formalen Unterschriften zweier SS.- Ärzte ich weiß nicht recht, ob ich den Namen Ärzte hier überhaupt gebrauchen darf- genügten, um die Entmannung rücksichtslos und manchmal dazu noch nicht einmal chirurgisch einwandfrei durchzuführen. - 117 Zur näheren Charakterisierung der in Buchenwald durchgeführten Entmannungen greife ich drei Durchschnittsfälle als typisch für alle heraus: Der Häftling X. aus Königsberg war mit neunzehn Jahren als arbeitsscheuer Häftling in das Lager eingeliefert und bald darauf von dem damaligen Lagerarzt Dr. Kirchhoff entmannt worden. Ich habe Kirchhoff persönlich nicht mehr kennengelernt und verzichte darauf, die Erzählungen der Mithäftlinge über diesen ,, Menschen" wiederzugeben. Daß seine ,, Spezialität" neben anderen Grausamkeiten Sterilisierungen und Entmannungen waren, habe ich an Hand der im Häftlingsrevier vorhandenen Akten feststellen können. Der Fall des Häftlings X. wurde mir deshalb näher bekannt, weil nach der Entlassung des Häftlings eine Anfrage durch die Stapo- Leitstelle Königsberg über die Entmannung einging. X. war bei der Aktion aus dem Lager entlassen worden, die im Frühjahr 1939 zweifellos im Zusammenhang mit den Vorverhandlungen stand, die seinerzeit auf den Abschluß des Freundschafts- und Nichtangriffspaktes mit Rußland abzielten. Um die nötige Atmosphäre für die Verhandlungen zu schaffen, wurde damals eine größere Anzahl Häftlinge aus dem Lager entlassen. Ein Anhaltspunkt, nach welcher ,, Norm" die Entlassungen vorgenommen wurden, war uns Häftlingen nicht sichtbar. Wir hatten vielmehr den Eindruck, daß auf den Karteikästen des Sicherheitshauptamtes in Berlin, von wo die Entlassungslisten durch Fernschreiber im Lager eingingen, ein Wellensittich saß, der wahllos die Karten zog. Es wurde einfach ,, alles" entlassen, alle Häftlingskategorien, alte Konzentrationäre und Leute, die erst gestern eingetroffen waren, Unbestrafte und Bestrafte, Kameraden, die nie im Lager aufgefallen waren, und solche, die schon einen ganzen Sack voll Lagerstrafen hinter sich hatten, hohe ehemalige Funktionäre der nazifeindlichen Parteien und politisch unbeschriebene Blätter, Totkranke und Gesunde, Kameraden, die nur einfach eine Nummer im Lager waren, und solche, die eine nicht von heute auf morgen anderweitig zu besetzende Funktion ausübten, Häftlinge, die sich als alte Nazis bei der Lagerleitung einer gewissen Gunst erfreuten, und solche, die im Lager nur noch zu sterben hatten. Es war gar kein Zweifel möglich, die Nazis wollten mit dieser Aktion keine Amnestie durchführen, sondern eine ,, Zahl" konstruieren, mit der sie bei den russischen Verhandlungen in zweifacher Hinsicht Eindruck schinden wollten: Seht, so stabilisiert sind wir, daß wir uns das erlauben können! Und: Seht, so entgegenkommend können wir euch gegenüber sein, denn 118 ihr habt doch immer wieder die Öffnung der deutschen Konzentrations- lager gefordert! Bei dieser„Aktion“ war auch der Häftling X. mit„durch die Latten“ gegangen. X. aber war in der Zwischenzeit etwas verändert worden, und als er bei seinen Nazieltern in Königsberg eintraf, da schlugen die lieben Menschen die Hände über den Kopf zusammen. Sie waren Nazis, sie waren nicht irgendwer. Sie hatten auch Einfluß, Einfluß bis in die Stapo- leitstelle Königsberg. Und die Stapoleitstelle Königsberg ersuchte um Aufklärung bei der Lagerleitung. Und die Lagerleitung schickte die An- frage dem Lagerarzt zur Stellungnahme. Und der Lagerarzt befahl seinem Häftlingsschreiber, die Akten herauszusuchen. Der aber, der Letzte dieses langen mehr oder weniger offiziellen oder ratsamen In- stanzenweges, der war ich. Und nun las ich schwarz auf weiß, daß X. im Lager gewesen war, weil er sich angeblich arbeitsscheu gezeigt habe. Im Alter von siebzehn Jahren hatte er eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten(!) wegen Vornahme von unzüchtigen Handlungen an vierzehnjährigen Mädchen verbüßt. Er war bereits achtzehn Jahre alt, als er aus dem Gefängnis kam. Ist es nicht verständlich, daß sich dieser junge Mensch vor der ganzen Welt schämte, als er wieder unter freien Menschen leben mußte? Ist es schwer zu erraten, daß dieser Mensch die Arbeit mied, weil er annahm, daß ihm jeder von der Stirne ablesen müßte, was für ein Missetäter er gewesen war? K I Aber die Antworten auf solche Fragen stehen auf einem anderen Blatt. Und das Blatt, das im KZ. Buchenwald aufgeschlagen war, hieß: „Hiermit beantrage ich freiwillig meine Entmannung, um von meinem perversen Geschlechtstrieb befreit zu werden.“ Ich glaube, X. wußte gar nicht einmal, was perverser Geschlechtstrieb heißt. Aber er unterschrieb, ob mit oder ohne Folter, ich weiß es nicht, und Dr. Kirchhoff war Chirurg’ Dr. Ding wimmelte sich den„prekären Fall“ vom Hals, indem er die Anfrage zur Erledigung an den inzwischen anderweitig eingesetzten Dr. Kirchhoff weiterleitete. Den Ausgang der Sache habe ich nicht er- fahren. Auch der Häftling Y. aus Troppau war ein„Schwarzer“. Er war ein so unbedeutender, harmloser Mensch, daß er sicherlich in Buchenwald nie aufgefallen wäre, hätte er nicht in dem politischen Fragebogen selbst mit ungelenker Hand vermerkt, daß er wohl an die fünfzig Vorstrafen habe, aber sie im einzelnen nicht mehr angeben könnte. „Was? Fünfzig Vorstrafen? Das muß ja ein ganz besonderer Vogel 119 sein!" hatte sicherlich der Sachbearbeiter in der Politischen Abteilung gedacht, als er den ausgefüllten Fragebogen durchsah, und darauf einen Strafregisterauszug aus Troppau angefordert. Und als der Auszug eingetroffen war, da hatte er ihn durchgelesen und all die Stellen darin, die auf Bestrafung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses oder wegen unzüchtiger Handlungen hindeuteten, schön säuberlich rot unterstrichen und ihn dem Lagerkommandanten SS.- Standartenführer Koch vorgelegt. Der hatte darauf geschrieben:„ Entmannen!" und die Akte an den Lagerarzt weitergeleitet. Und nun stand der arme Schlucker vor dem Lagerarzt, eine Zillefigur, der nur die Brennspritflasche fehlte, um das letzte Insignum eines Sonnenbruders zur Schau zu tragen. Die Situation war so komisch, daß Dr. Ding auf das übliche Theater verzichtete. Und Y. unterschrieb auch ohne Zögern und ohne die Erklärung durchzulesen. Einige Schwierigkeiten bereitete die Ausfüllung des roten Entmannungsformulars. Denn dort waren alle Fragen genau rubriziert, und aus den inzwischen eingegangenen Gerichtsakten ging hervor, daß die drei Höchststrafe, die Y. zudiktiert bekommen hatte, einmal--Monate Gefängnis gewesen war. Alle anderen Strafen waren sechs Tage, drei Tage, zehn Tage, zwölf Tage, drei Wochen, zwei Tage, ein Tag usw. usw. Und die Erregung öffentlichen Ärgernisses bestand immer darin, daß er seine kleine Notdurft auf öffentlicher Straße verrichtet hatte. Und die unzüchtigen Handlungen? Da hatte er einmal total betrunken und reichlich unbekleidet im Graben an einem Weg gelegen, an dem Schulkinder vorbeigekommen waren. Was so an Eindringlichem fehlte, versuchte man durch einen etwas längeren Bericht auszugleichen. Das kostete zwar ein wenig ,, Schweiß", aber die Entmannungsoperation war dafür wieder um so weniger schwierig. Y. hat seine ,, Erleichterung" nicht lange getragen. Unter normalen bürgerlichen Verhältnissen neigen bekanntlich Kastraten zu körperlicher Fülle. Y. tat unter der Auswirkung der Lagerernährung das genaue Gegenteil, und als der harte Winter 1939/40 tobte, mußte er sich eines Tages mit totfrieren lassen. Der Häftling Z. stammte aus dem Ruhrgebiet, aus dem Land der Hütten und Schächte, auf das der Feind keine einzige Bombe werfen konnte. Er war homosexuell veranlagt und hatte eine Gefängnisstrafe, verbüßt, als er in das Lager gebracht wurde. Um die Unausweichlichkeit. seines Schicksals nicht einzusehen, war er viel zu intelligent, und um den Versuch zu wagen, die lagerüblichen Druckmittel durchzustehen, war er zu weich veranlagt. Er unterschrieb den Entmannungsantrag und gab 120 auch bereitwilligst jede Auskunft, die für die Ausfüllung des roten Entmannungsformular erforderlich war. Als die Entmannung vollzogen war, wurde er auf Veranlassung des Lagerarztes aus der Strafkompanie entlassen, um damit auf andere ,, Kandidaten" dort entsprechenden Eindruck zu machen. Als ich das Lager verließ, war Z. noch am Leben. Sterilisierungs- und Entmannungsexperimente, so wie sie von anderen Häftlingen insbesondere aus dem Lager Auschwitz berichtet werden, sind während meiner Zeit in Buchenwald nicht vorgekommen. Am Abend des zweiten Tages nach meiner Einlieferung in das Lager suchte ich Ernst Heilmann auf, denn ich hoffte, in einem Gespräch mit ihm mich über die Verhältnisse im Lager und die politische Situation gut orientieren zu können. Ich war während meiner politischen Tätigkeit in der Zeit der Republik mehrfach mit Heilmann zusammengekommen, ohne allerdings ein engeres persönliches Verhältnis zu finden. Das hatte in der Hauptsache zwei Ursachen. Zum ersten war Heilmann als Vorsitzender der sozialdemokratischen Landtagsfraktion und mit den zahlreichen anderen politischen Funktionen, die er versah, derartig überlastet, daß meine Unterredungen mit ihm stets nur kurze Zeit dauern konnten. Zum anderen war seine Stellungnahme in zahlreichen politischen und personellen Fragen nicht die meine, so daß mir die Haupttriebkraft fehlte, ein engeres, persönliches Verhältnis zu ihm zu suchen. Dennoch war ich von dem großen Wissen, der Tatkraft und der Konsequenz seiner Denkweise stark beeindruckt. Auf jeden Fall war Heilmann ein außergewöhnlicher, hochintelligenter Mensch, dem auch der objektive Gegner die Achtung nicht versagen konnte. Heilmann lag in einer zum Bersten überfüllten Judenbaracke. Zwar war den Häftlingen das Betreten fremder Baracken verboten, und jene Häftlinge, die bei einer plötzlichen Kontrolle in einer fremden Baracke angetroffen wurden, bestrafte man meistens mit fünf oder zehn Stockhieben. Die gleiche Strafe erhielt auch der Blockälteste der Baracke, den die Lagerverwaltung verantwortlich für die Einhaltung der Lagerordnung machte. Aber es wurden nur sehr selten Häftlinge bei einer solchen Verletzung der Lagerordnung erwischt, so daß man sich kaum um dieses Verbot kümmerte. War schon die Steinbaracke, der Block 39, in den ich eingewiesen worden war, etwa sechsfach überfüllt, so daß ich weder einen Spind, 121 noch einen Schemel, noch einen Sitzplatz an irgendeinem Tische erhielt und weit mehr Häftlinge in den Tagesräumen herumstanden als saßen, in dieser Judenbaracke waren die Verhältnisse noch weit schlimmer. Im Tagesraum standen die Häftlinge zusammengepfercht, wie in einer überfüllten Straßenbahn. Um nach dem Tisch des Stubenältesten zu gelangen, mußte ich mich buchstäblich durch das Gedränge der Häftlinge zwängen. Es war eine unglaublich muffige, schlechte, verbrauchte Luft in dem Raum, eine Luft, die so ,, dick" war, daß die elektrischen Glühlampen wie von einem leichten Nebel umhüllt waren. Einige Juden hatten sich aus dem Gedränge zurückgezogen und sich oben unterhalb der Decke auf dem Quergebälk der Baracke ,, eingerichtet". Da saßen sie wie die Hühner auf den Latten, verzehrten ihr Brot, schmökerten in zerfetzten Büchern oder flaxten sich gegenseitig an. Einer hatte sich in einen dunklen Deckenwinkel verkrochen und schlenkerte im Takt mit den Beinen. Als ich an ihm vorbeikam, sah ich, daß er Mundharmonika spielte, aber trotzdem ich keine drei Meter von ihm entfernt war, hörte ich nichts von seinem Spiel, denn die ,, Unterhaltung" der vier- bis fünfhundert Juden, die in diesem normalerweise für 60 Häftlinge eingerichteten Raum hausten, war wie das Geräusch einer Rotationsmaschine im Maschinensaal einer Zeitung. Ein Jude, der es mir offenbar ansah, daß ich ein Zugang war und diesen Betrieb zum ersten Male sah, rief mir marktschreierisch mit sarkastisch belustigtem Tonfall von seinem Balkonplatz zu: ,, Hier siehst du das auserwählte Volk, mein Freund! Wie es leibt und lebt, in Freud und Leid. Die Ebenbilder Gottes in Reinkultur. Komm rauf zu mir, du lachst dich tot, wenn du den Haufen aus der Hühnerperspektive siehst, und brauchst dann nicht mehr mitzumachen, und das ist bestimmt das beste für dich!" Ich rief ihm zu: Warum hast du dich denn noch nicht totgelacht, wenn das das beste ist?" ,, Ach", sagte er und hob dabei wie ein lehrender Rabbi den rechten Zeigefinger, ich bin ja kein Goi wie du, ich gehöre mit zur Mischpoche, ich darf nur über meinesgleichen und über mich selbst lachen, da reicht das Gelächter nicht aus, und das Totweinen ist hier verboten." دو Wenige Schritte weiter sah ich, wie sich zwei, drei Häftlinge um einen Kameraden bemühten, der offenbar in Ohnmacht gefallen oder schwer krank war. Alle übrigen Häftlinge nahmen aber nicht die geringste Notiz davon. Ich wußte noch nicht, daß ich nach wenigen Wochen schon genau so stoisch ruhig sein würde, wenn sich neben mir das Schicksal eines Kameraden erfüllte. Ich hatte mich schließlich bis an den Tisch des Stubenältesten durch122 - gezwängt. Er war mit anderen Häftlingen gerade bei der Verteilung von ,, Rationen", die für Juden natürlich noch geringer waren. Als ich nach Heilmann fragte ich mußte schreien, um mich ihm verständlich zu machen- blickte er mich sekundenlang prüfend an und schlug dann mit einem hölzernen Schlägel gegen eine aufgehängte Eisenstange, so daß ein lauter, klingender, glockenähnlicher Ton entstand. Augenblicks ebbte der Lärm und das Gewimmel im Raum ab. Der Stubenälteste rief dann laut: ,, Heilmann!" und wandte sich sofort seiner Arbeit wieder zu, ohne mich weiter zu beachten, und die Wogen des Lärms schlugen wieder über den Raum zusammen. Und da stand ich nun mitten unter den Juden, mitten in dem wirren Durcheinander von Reden, Rufen, Singen und Lärmen, mitten in der dicken, muffigen Luft, geschubst und gedrängt, und kein Mensch kümmerte sich um mich. Die Situation war so tragikomisch, daß ich lachen mußte. Ich wußte nicht recht, wie die Sache weitergehen würde, aber ich hatte den Eindruck, daß mein Versuch nicht erfolglos sein würde, und wartete einige Minuten, die Zeit benutzend, das Treiben der Juden weiter zu beobachten. Ich hatte das Gefühl, daß ich einen schweren Albtraum erlebte, der mich in ein Irrenhaus geführt hatte, und mußte mir Mühe geben, klar zu empfinden, daß alles Wirklichkeit war, was ich sah. Ich war eben noch zu jung im Lager --Dann sah ich Heilmann, wie er sich an den Tisch des Stubenältesten durch das Gewimmel drängte. Zwar war er geschoren und ohne Bart, aber ich erkannte ihn doch an den buschigen, leicht rötlichen Augenbrauen, der charakteristisch ausgeprägten Nase und dem typischen Blick seiner Augen. Doch sicherlich habe ich ihn nur erkannt, weil ich ihn suchte und erwartete. Sonst hätte ich ihn wohl schwerlich wiedererkannt. Die Spuren des Leids und all der Qualen, die dieser Mann in den bis dahin 51/2 Jahren Konzentrationslagerzeit durchzustehen hatte, waren tief in das zerfurchte Antlitz gegraben. Seine zerfetzte Kleidung war dreckig und geflickt. Sein Gang war gebeugt und langsam, seine Hände rissig, spröde, zerarbeitet. Das war nicht mehr der Mensch Heilmann, das war nur noch das Wrack Heilmann. Er erkannte mich nicht, und erst als ich meinen Namen nannte, wußte er sich meiner zu erinnern. ,, Laß uns ein wenig plaudern", sagte er und führte mich nach einer Bank in der Nähe des großen Ofens. Die dort sitzenden Häftlinge machten bereitwilligst Platz als wir sagten, daß wir etwas zu besprechen hätten. 123 Heilmann konnte sich nur mühsam setzen. Langsam verschränkte er die Arme vor der Brust in jener typischen Weise, die ich an ihm kannte, und faßte sich dann an das bartstoppelige Kinn mit jener charakte- ristischen Gebärde, mit der er einstmals durch seinen Vollbart gegriffen hatte. Dann, als hole er mühsam die Erinnerung aus tief verschütteten Schächten, rekapitulierte er leise vor sich hin:„Ja, in Westfalen warst du, gehörtest zu den Jungen, die uns zu schaffen machten. Dein Vater in Kiel, der zweite Stadtrat, den wir in Preußen in der Kaiserzeit durch- setzen konnten. Lebt er noch?“ Als ich verneinte, fuhr er meditierend fort:„‚Ich habe ihn gut gekannt, sehr gut gekannt. Karl Legien war sein Reichstagsabgeordneter. War er schon siebzig? So, so, fünfundsiebzig. Ein gutes Alter. Hat man ihn auch geholt? Nein? Gekürzte Pension? Ja, ja, wie üblich. Aber er hat unbehelligt sterben können. So hat wenig- stens die letzte Stunde eingelöst, worauf sein Leben ihm Anrecht ge- geben hat. Und du? Vier Jahre Zuchthaus? Anschließend hierher?“ Und dann unterhielten wir uns über gemeinsame Bekannte, über politische Dinge, über die Gründe, die nach unserer Ansicht zum Zu- sammenbruch der Demokratie und die Verankerung des nationalsozia- listischen Verbrechertums geführt hatten. Heilmann bestätigte mir, daß er von Oranienburg seinerzeit nach dem berüchtigten Konzentrationslager Esterwegen bei Papenburg gebracht worden war, daß man ihn dort immer und immer wieder mißhandelt und gefoltert habe. Er bestätigte mir, daß er mehrfach in die Hunde- hütte gesperrt wurde und daß er die Leute, die an der-Hütte vorbei- gingen, habe anbellen müssen. Er erzählte mir weiter, daß er dann eines Tages am Ende seiner Widerstandskraft gewesen sei und beschlossen habe, sich erschießen zu lassen. Er sei darum über die Postenkette hin- ausgegangen und habe den Anruf nicht beachtet. Der Posten habe ihn aber nur durch das rechte Bein geschossen. Als ich fragte, wie er sich die weitere Entwicklung vorstelle, sagte er:„Es wird Krieg geben, ihr Arier werdet noch eine Chance haben, denn sie werden euch brauchen. Aber uns Juden wird man wohl alle totschlagen.“ Ich bin während meiner Lagerzeit noch mehrfach mit Heilmann zu- sammengetroften, ohne allerdings längere Aussprachen mit ihm zu haben. Während es sonst wohl in der Macht des Häftlingskapos lag, diesen oder jenen Häftling aus dem unmittelbaren Blickfeld der Lagerverwal- tung zu rücken und ihm eine einigermaßen erträgliche Beschäftigung zu vermitteln, war das bei Heilmann nicht möglich, denn er zählte zu den „Prominenten“ und war außerdem noch ein besonderer„Freund“ des Schutzhaftlagerführers SS.-Obersturmbannführer Rödl und des Lager- 124 kommandanten SS.- Standartenführer Koch. Rödl wies ihm immer wieder besonders harte Arbeit an und hatte stets kleine Schikanen zur Hand, unter denen Heilmann mehr noch als andere Häftlinge zu leiden hatte. Auf der anderen Seite war aber der Vertreter des Obersturmbannführers, den wir Häftlinge nur mit seinem Spitznamen Jonny kannten - er hieß Hackmann-, immer wieder bereit, die Anordnungen des. Obersturmbannführers zu durchkreuzen. Jonny hatte das Äußere eines Filmhelden, smart, gelockte Haare, hübsche Figur, gepflegte Kleidung, und war ein rechter Luftibus, der von den Häftlingen wegen seines brutalen Schlagens gefürchtet war, aber sich auch einer gewissen Sympathie erfreute. Von seinen Liebes- und Saufabenteuern waren viele Geschichten im Umlauf. Es war bekannt, daß er zum Beispiel ständiger Gast in einem Weimarer Lokal war, dessen Besuch man der SS. offiziell verboten hatte, weil es wegen des ziemlich unverhüllt zur Schau getragenen Bordellbetriebs in Weimar und Umgebung verrufen war. Jonny, von Haus aus völlig unbegütert, hatte immer Geld und konnte hemmungslos wie ein Lebemann auftreten. Vor den Häftlingen, die er sich als ,, Burschen" hielt, brüstete er sich ungeniert mit seinen Abenteuern. Mit besonderem Spaß erzählte er, wenn es ihm gelungen war, irgendeinen SS.- Kameraden mit zum Besuch des verbotenen Lokals zu veranlassen, oder wenn er dort andere SS.- Kameraden angetroffen hatte, die natürlich nun den Mund halten mußten. Jonny war früher in Esterwegen Wachtmann gewesen und hatte Heilmann dort kennengelernt. Aus irgendeiner Laune heraus, vielleicht aber auch, um etwas für die Gelder zu tun, die seine Lebemannsmanieren subventionierten, traf er manche Entscheidung und Anordnung, die für uns Häftlinge eine gewisse Erleichterung brachten. Da er dem Obersturmbannführer geistig weit überlegen war, wußte er diesen häufig einzuwickeln. Jonny hat Heilmann mehrfach zu weniger anstrengender Arbeit eingeteilt. An einem Frühlingstag war Heilmann im Wald innerhalb des Lagers mit Stubbenroden beschäftigt. Arbeit im Lager war insofern schon eine Vergünstigung, weil keine Wachtmannschaften dabei waren, die ihre Langeweile mit irgendwelchen Quälereien zu kürzen suchten. Und auch das Arbeitstempo brauchte nur dann beschleunigt zu werden, wenn irgendein SS.- Mann in die Nähe kam. Im Walde lag auch der Hundezwinger, wo sich der Lagerkommandant SS.- Standartenführer Koch und andere SS.- Führer bissige Hunde hielten, und in der Nähe arbeitete Heilmann mit anderen Häftlingen. Wir Häftlinge hatten einen Signaldienst organisiert. Sobald einer von 125 den SS.- Leuten auf dem Wege durch das Lager in Richtung auf das Revier beobachtet wurde, bekamen wir Bescheid, so daß wir uns auf den ,, Besuch" vorbereiten konnten. Auch an diesem Vormittag wurden wir rechtzeitig benachrichtigt:„ Rödl mit fremden SS.- Leuten im Lager. Offenbar Besuch, dem das Lager gezeigt werden soll." Schnell sorgten wir für die letzte Politur, um möglichst nicht aufzufallen. Ich beobachtete vom Fenster des Arztzimmers aus, wie Rödl mit anderen lagerfremden SS.- Führern den Waldweg herunterkam. Als er an der Arbeitskolonne, in der Heilmann arbeitete, vorbeiging, stürzte der Kapo der Gruppe vorschriftsmäßig auf Rödl zu, riß die Mütze vom Kopf und meldete: ,, Vier Häftlinge und ein Kapo mit Stubbenroden beschäftigt." Rödl, der sich besonders in Gegenwart von Fremden gern wie ein gespreizter Pfau benahm, ging auf die Arbeitsgruppe zu und gab Anweisungen, wie das Roden richtig zu machen sei. Dabei entdeckte er Heilmann und machte die fremden SS.- Leute mit den Worten auf ihn aufmerksam: ,, Dös ist der Mistvogel Heilmann, wissens, dös Mistschwein aus dem Preißischen Landtag. Den ham mer dressiert. Passens auf." Und Heilmann mußte zum Gaudi der fremden SS.- Leute das Hundebellen von Esterwegen vorführen. Dann ging Rödl mit seinem Anhang weiter abwärts nach den Stallungen, wo eine größere Schweinemästerei betrieben wurde. Von den Stallungen ging es zum Hundezwinger. Der Hundewärter, ein übler Häftling, der in früheren Jahren verschiedene Sittlichkeitsverbrechen begangen hatte, sich dann aber lange Zeit straflos geführt hatte, so daß die gesetzlichen Voraussetzungen zur Verhängung der Vorbeugehaft nicht mehr gegeben waren, und nun als gemeingefährlicher Berufsverbrecher im Lager war, mußte die Hunde vorführen. Dabei kam Rödl auf den Einfall, den fremden SS.- Männern zu demonstrieren, daß die Hunde auch auf den Mann dressiert waren. Das Objekt war Ernst Heilmann. Heilmann mußte sich vor einem dicken Baum aufstellen. In einer Entfernung von acht bis zehn Schritt stand Rödl mit dem Besuch und dem Hundewärter, der zwei große, bissige Hunde angeleint hatte. Dann hetzte der Hundewärter die Köter auf den wehrlos dastehenden Heilmann, der den Anfall der Hunde mit vorgestreckten Armen und erbarmungsvoll ängstlichen Gesichtszügen, stierenden Augen und angstvoll geöffnetem Mund erwartete. Dann, als die Hunde zupacken wollten, rief der Wärter sie zurück. Die Hunde gehorchten sofort. Drei-, vier-, fünfmal wiederholt sich die Hetze, ohne daß Heilmann gebissen wird, dann beim sechsten Male packen ihn die Hunde doch, zerfleischen ihm Hände und Arme, und der Wärter hat Mühe, die 126 Hunde zurückzurufen. Fragend blickt der Wärter auf Rödl, ob er die Hetze weiter fortsetzen soll. ,, Weiter!" befiehlt Rödl. Und dann packen die Hunde den alten Juden, zerren ihn zu Boden und beißen sich fest. Und indes Heilmann mit den Hunden abwehrend ringt, gibt Rödl gefühllos und hämisch lachend seinen Gästen ein Zeichen zum Weitergehen. Der Hundewärter bändigt die blutgierigen Hunde, Heilmann liegt halb ohnmächtig am Boden, die SS.- Führer aber entfernen sich weiter, ohne sich auch nur noch ein einziges Mal nach dem Juden oder den Hunden umzuschauen. Es war wenige Wochen vor seinem Tode, als ich mit Heilmann das letzte Mal sprach. Nach der Lagerordnung durfte der Häftling im Besitz von zehn Mark Bargeld sein. Das war die Summe, die er sich monatlich von seinem Konto bei der Kassenverwaltung abheben durfte, um damit Kantineneinkäufe zu machen. Den Juden war die Abhebung von Geld nicht gestattet, es sei denn, daß sie das Geld zur Bezahlung eines Gesundheitsattestes für ihre Auswanderung, zur Beschaffung einer neuen Brille, eines Bruchbandes und dergleichen benötigten. Die Beschaffung von Brillen war mir auch übertragen. Bei mir meldeten sich die Häftlinge, die eine neue Brille benötigten, ich bestellte den Optiker aus Weimar und forderte das Geld zur Bezahlung von der Kassenverwaltung an. Da meine Arbeit nicht kontrolliert wurde, ging ich insbesondere dann, als nach Ausbruch des Krieges die sogenannte KL.- Verstärkung eintraf, die die alten Wachtmannschaften verstärken sollte, aber mit der Organisation des Lagers nicht vertraut war, dazu über, für eine Brille, die zum Beispiel 15 Mark kostete, 25 Mark anzufordern. Oder ich stellte Geldanforderungen aus, ohne daß eine Brillenbestellung vorlag. Auf diese Weise konnte ich die jüdischen Häftlinge in den Besitz von Geldmitteln bringen. Es lag auf der Hand, daß diese Manipulationen nur mit vertrauten Häftlingen vorgenommen werden konnten und daß ich dabei Kopf und Kragen riskierte. Aber dieses Risiko war gang und gäbe und ungeschriebenes Gesetz unter uns Häftlingen. Eines Tages erschien auch Ernst Heilmann bei mir, um sich zur Beschaffung einer Brille vormerken zu lassen. Er machte einen müden, zerschlagenen Eindruck, aber hielt sich immer noch aufrecht und war ruhig und gefaßt. Wir sprachen über den neuen Krieg. Er sagte: ,, Diesen Krieg kann Deutschland nicht gewinnen." Einige Zeit später wurde Heilmann zum Arzt bestellt. Er gehörte zu jenen wenigen Häftlingen, die in längeren Zeitabschnitten Besuch von Angehörigen empfingen. Wenn es auch den Angehörigen eines jeden 127 Häftlings möglich war, durch das Sicherheitshauptamt in Berlin Besuchserlaubnis zu erhalten, so wurde diese Möglichkeit doch nur in ganz verschwindend geringem Ausmaße benutzt. Die meisten Angehörigen wuẞten von dieser Möglichkeit nichts, und die Häftlinge durften von dieser auch im Lager nur sehr wenig bekannten Bestimmung nicht nach Hause schreiben. Dazu kam, daß die Situation im Lager derart war, daß die Häftlinge im Interesse ihrer Angehörigen nicht das Verlangen hatten, Besuch zu erhalten. Das Sicherheitshauptamt fragte durch Fernschreiben bei der politischen Abteilung des Lagers an, ob Bedenken gegen die Erteilung einer Besuchserlaubnis bestanden. Die einzelnen Abteilungen mußten Stellung dazu nehmen, und der Lagerarzt mußte den Häftling untersuchen, ob er überhaupt vorführungsfähig war. Die letzte Entscheidung fällte der Lagerkommandant. Heilmanns Angehörige hatten um Besuchserlaubnis nachgesucht, und aus diesem Grunde wurde er dem Lagerarzt zur Untersuchung zugeführt. Das war das letzte Mal, daß ich Heilmann lebend sah. Einige Zeit später wurde Heilmann in das Arrestgebäude übergeführt. Irgendeine äußere Veranlassung für die Isolierung war nicht gegeben, und wir wissenden Häftlinge waren uns klar darüber, daß Heilmann seinen Leidensweg beendete. Er war durch den Besuch wieder in das unmittelbare Blickfeld der Lagerleitung gekommen. Es dauerte nur wenige Tage, bis ich angewiesen wurde, die Totenmeldung zu schreiben. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Todesursache ich angeben mußte. Aber ich weiß, daß die Angabe erlogen war, denn als ich die Leiche oben in der Kammer sah, stellte ich in der rechten Ellenbeuge eine winzige, frische Stichwunde fest. In ärztlicher Behandlung aber war Heilmann nicht mehr gewesen. Zweimal täglich mußten sämtliche Lagerinsassen auf dem riesigen Appellplatz antreten, morgens vor Beginn der Arbeit und abends, nachdem die Arbeitskolonnen wieder in das Lager eingerückt waren. Selten nur ging der Appell glatt vonstatten, denn irgendeine Differenz gab es zunächst fast immer, so daß sich der Appell meistens über eine Stunde, häufig sogar noch weit länger hinzog. Eine Marotte des Schutzhaftlagerführer Rödl war es, nach der ihm erstatteten Meldung an das Mikrophon zu treten und eine meistens 128 kurze Ansprache zusammenzustottern. Wir Häftlinge haben davon nur selten etwas verstanden, denn Rödl war Bayer und knödelte ein furchtbares, völlig zusammenhangloses Dialektdeutsch. Häufig genug wurden selbst die SS.- Unterführer, die unmittelbar bei ihm am Mikrophon standen, nicht schlau aus dem, was er sagen wollte. Nur das Ende dieser Ansprachen war uns stets klar, denn das letzte Wort, das Rödl dabei aussprach, war immer: ,, Arschvull." Seine hohe Musikalität wollte Rödl durch zwei Einrichtungen beweisen, die gleichzeitig dazu dienten, Besucher, vor denen das wahre Gesicht des Lagers verborgen bleiben mußte, zu täuschen. Das war zum ersten die Lagerkapelle, deren Hauptaufgabe es war, beim Ein- und Ausrücken der Häftlinge Märsche zu spielen, damit die endlos langen Kolonnen in gleichmäßigem Takt durchs Tor marschierten. Zum anderen bereitete es ihm offenbar ein großes Vergnügen, sich von den Zehntausenden ein Ständchen bringen zu lassen. Das Ständchenrepertoire bestand aus zwei Liedern, dem ,, Schloß im Walde" und dem ,, Buchenwaldlied", die beide so häufig gesungen werden mußten, daß sie den Häftlingen bald zum Halse heraushingen und man allgemein nur noch darüber verwundert war, daß selbst ein Rödl diese Monotonie nicht satt bekam. Oft mußten die Häftlinge zehn- und fünfzehnmal ansetzen, ehe der Massengesang einigermaßen klappte. Da Rödl dabei immer wieder in Wut kam und irgendeine blödsinnige Massen- oder Einzelbestrafung durchführte, organisierten wir Häftlinge die Sache so, daß nur die in der Nähe stehenden Blocks mit doppelter Vehemenz singen mußten, indes die entfernteren Blocks, zu denen der Schall erst Sekunden später gelangte, einfach nur die Lippen bewegten. Trotzdem klang der Massenchor immer noch wie ein wilder Orkan. Aber ich glaube, daß selbst die Einwohner, die viele Kilometer weit vom Lager entfernt unten in den Taldörfern wohnten und den Massenchor wie dumpfes Brausen täglich hören konnten, weder den Text des Liedes verstanden, noch eine Ahnung hatten von dem, was in diesem Lager vor sich ging. Wie hätte sich auch der Fremde eine annähernd richtige Vorstellung vom Lager zum Beispiel aus dem Buchenwaldlied machen können, dessen erste Strophe lautete: Wenn der Tag erwacht, eh die Sonne lacht, die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn hinein in den grauenden Morgen. Und der Wald ist schwarz 9 Poller, Buchenwald 129 und der Himmel rot, und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot und im Herzen, im Herzen die Sorgen. Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist; wer dich verließ, der kann es erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist. Doch Buchenwald, wir jammern nicht und klagen, und was auch unser Schicksal sei, wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei. Der Text war so abgefaßt, daß seine Doppelsinnigkeit nur dem eingeweihten Häftling bekannt war. Bei der Mentalität der Lagerleitung war es klar, daß ihr diese Doppelsinnigkeit nicht einging. Ein Versuch Rödls, durch die Veranstaltung eines ,, Preisausschreibens" weitere Lagerlieder zu schaffen, schlug selbstverständlich fehl. Eine merkwürdige Beobachtung machte ich darin, daß die Appelle an den Tagen, an denen die SS.- Mannschaften irgendeine Veranstaltung hatten, stets glatt vonstatten gingen. Es war uns ohne weiteres klar, daß auch die SS.- Mannschaften daran interessiert waren, möglichst schnell Feierabend zu haben. Daß sie aber manchmal dazu übergingen, den Appell ganz einfach zurechtzubiegen, habe ich lange Zeit nur geahnt, bis ich schließlich einmal selbst dafür den Beweis erhielt. Ich führe den Fall hier an, um aufzuzeigen, mit welcher Verantwortungslosigkeit diese wüsten Landsknechtsnaturen dann ihren Dienst versahen, wenn ihr Privatinteresse irgendwie in Mitleidenschaft gezogen war. Durch Zigeuner, die insbesondere aus dem Burgenland in großer Zahl in das Lager eingeliefert wurden, war eine stark infektiöse, gefährliche Augenkrankheit in das Lager eingeschleppt worden. Ich weiß nicht aus welchem Grunde, aber von den erkrankten Häftlingen wurden drei in die Universitätsklinik Jena eingeliefert. Nach etwa vierzehn Tagen kamen zwei Häftlinge in das Lager zurück. Dabei stellte sich heraus, daß die drei Häftlinge durch ein Versehen am Lagertor während der ganzen Zeit gar nicht von der Lagerbelegung abgesetzt worden waren. Die Sache wurde jetzt zwar durch ein paar fingierte Meldungen wieder zurückgebogen, aber die Tatsache, daß während der ganzen Zeit der Appell trotzdem gestimmt hat, ist mehr als rätselhaft. 130 An einem sehr kalten Wintertag dauerte der Appell wieder einmal besonders lange. Immer wieder zählten die Scharführer ihre Blocks nach, immer wieder wurden die einzelnen Meldungen addiert. Die Zahl der abgestellten und im Revier liegenden Häftlinge wurde kontrolliert. Der Fehler war nicht zu entdecken. Ein Häftling wurde vermißt. Die Blockältesten führten einen Namensaufruf durch. Ergebnislos. Auch der Appellführer im Häftlingsrevier kontrollierte noch einmal seine Angaben nach, ohne zunächst auf den Fehler zu stoßen. An diesem Abend waren wieder einmal etwa 40-50 teils tote, teils sterbende Häftlinge nach dem Einrücken in das Revier gebracht worden. Sie wurden als Reviereinlieferungen gemeldet, um den Appell schneller zum Abschluß zu bringen, und am nächsten Morgen erst als im Laufe der Nacht verstorben oder eingeliefert im Appellbericht aufgeführt. In der Mitte der Revierbaracke II lag ein mit Steinfußboden versehener Abortraum. In diesen Raum wurden die toten und sterbenden Häftlinge gebracht, weil die Reinigung des Raumes wegen des Steinfußbodens einfacher war. Der Appellmacher hatte sich bei der Nachzählung vertan. Das war weiter nicht verwunderlich, denn es handelte sich um einen Raum, der etwa drei mal vier Meter groß war, und wenn darin etwa 40-50 teils tote, teils sterbende Häftlinge untergebracht werden mußten, ließ es sich nicht vermeiden, die Häftlinge übereinander zu schichten, und es war bestimmt kein Vergnügen, in diesem furchtbaren Menschenhaufen herumzuwühlen, um festzustellen, um wieviel Häftlinge es sich handelte und welche Nummern sie an ihren Kleidungsstücken trugen. Jetzt stand unser Appellmacher in Gefahr. Denn Rödl war beim Appell zugegen, und bei seiner sprunghaft sadistischen Veranlagung war es sehr leicht möglich, daß er unseren Kameraden nun durchprügeln lassen, seines Postens entheben und ihn in die Strafkompanie schicken würde. Irgendeine Vertuschung war nicht mehr möglich. Zunächst waren wir ratlos, dann beschlossen wir, alles auf eine Karte zu setzen. Das Revier war telephonisch mit der Torwache in Verbindung. Ich telephonierte mit SS.- Hauptscharführer Strippel, dem wir bei der Vertuschung der Appelldifferenz mit den drei nach Jena eingelieferten Zigeunern geholfen hatten, schenkte ihm klaren Wein ein und bat ihn, er möchte zusehen, ob er die Sache einrenken könnte. Er versprach es. Und nun durchlebten wir einige Minuten großer Spannung, denn noch wußten wir nicht, ob alles glatt ablief. Aus dem Lautsprecher mußten wir es in den nächsten Sekunden erfahren. Da, im Lautsprecher knarrt es. Wird unser Appellmacher ans Tor gerufen? Die Sekunden 9* 131 werden kleine Ewigkeiten. Unser Appellmacher steht da mit kalkweißem Gesicht. Wieder Knarren im Lautsprecher. Dann:„ Achtung! Stillgestanden! Augen rechts!" Himmelherrgottsakra! Das übliche Appellkommando! Uns allen fällt eine Last vom Herzen. Der Appellmacher aber schlägt sich wie toll auf die Oberschenkel und sagt immer und immer wieder: ,, Mensch, Junge, Junge! Mensch, Junge, Junge! Mensch, Junge, Junge!"- Bei einem anderen Abendappell standen die Häftlinge schon über eine Stunde auf dem Appellplatz und warteten auf das Einrücken des letzten Arbeitskommandos, das vor dem Tor stand und aus irgendeinem Grunde nicht eingelassen wurde. Plötzlich hieß es: ,, Es fehlt einer." Die Arbeitsstelle des Kommandos war der Garagenneubau. Es mußte von Häftlingen eine Razzia durch die Neubauanlage vorgenommen werden. Nach kurzem Suchen hatte man den fehlenden Häftling entdeckt. Es handelte sich um einen halbverhungerten ,, arbeitsscheuen" Häftling, der sich unter Bauhölzern verkrochen hatte und dort schlafend angetroffen worden war. Er war völlig apathisch und beantwortete keine der vielen Fragen, ob er einen Fluchtversuch unternommen habe, ob er eingeschlafen sei, warum er sich unter die Hölzer verkrochen hatte usw. Auch Fausthiebe und Rippenstöße brachten ihn nicht aus seiner Apathie. Als der Häftling im Lager war, konnte der Appell abgenommen werden. Rödl stellte einige Fragen an den sich völlig gleichgültig benehmenden Häftling, erhielt aber auch keine Antwort, und brachte den Vorfall für sich mit dem kurzen Befehl: ,, Fünfundzwanzig!" zur Erledigung. Der Häftling wurde auf den Bock geschnallt und erhielt mit Ochsenziemern 25 Stockhiebe aufgezählt. Auch dabei blieb er völlig apathisch. Zwar zählte er vorschriftsmäßig die erlittenen Hiebe mit etwas gequälter, gepreẞter Stimme nach, aber schon beim sechsten Schlag stellte er das Zählen ein. Als er vom Bock gelöst wurde, war er ohnmächtig. Ein anderer Häftling warf ihn auf Befehl wie einen leeren Sack beiseite und legte sich dann auf den Bock, um die ihm zudiktierten Stockhiebe entgegenzunehmen. Eine Stunde später mußten Krankenträger den arbeitsscheuen Häftling oben vom Bock fortholen. Er war tot. Ob der Tod bereits auf dem Bock eingetreten war, konnte man nicht mehr feststellten. Der Totenbericht dokumentierte, daß er kurz nach seiner Einlieferung in das Häftlingsrevier an einer Herzinsuffizienz trotz sofortiger Verabreichung einer ausreichenden Cardiazoldosis verstorben war. * X 132 Am Morgen des 9. November 1939 wunderten wir Häftlinge uns sehr, als nach dem Morgenappell durch den Lautsprecher nicht das übliche Kommando: ,, Arbeitskommandos antreten!" erklang, sondern der Befehl: ,, Blockweise in die Baracken abrücken. Kein Häftling darf die Baracken verlassen!" Wir waren völlig ahnungslos, bis die Häftlinge, die den Stubendienst in den Verwaltungsbaracken vor dem Lager versahen, wieder in das Lager zurückkamen und die sensationelle Nachricht mitbrachten: Gestern abend ist im Bürgerbräukeller ein Attentat auf Hitler versucht worden.. Hitler unverletzt, Attentäter unbekannt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht trotz der Barackensperre durch das ganze Lager, und es dauerte gar nicht lange, bis die tollsten Latrinengerüchte umliefen, die in der Hauptsache dadurch genährt wurden, daß man von Rödls Anwesenheit in München wußte. Rödl war Träger des sogenannten Blutordens. Gegen 9 Uhr kamen zwei Scharführer in das straßenleere Lager. Einer davon war der berüchtigte Scharführer Sommer, der Henker aus dem Arrest, der andere ein Oberscharführer, der wegen seiner sich unverhüllt zeigenden Homosexualität bei den Häftlingen unter dem Spitznamen ,, Anna" bekannt war. Sie gingen in eine der Judenbaracken und ließen fünf Juden, die sie willkürlich auswählten, heraustreten. Aus einer zweiten Judenbaracke ließen sie acht Juden heraustreten. Und aus einer dritten wählten sie weitere sieben Juden aus. In dieser Baracke war der Wiener Zahnarzt Kende im Stubendienst beschäftigt. Er hatte, da der Blockälteste gerade nicht an der Tür war, um die vorgeschriebene Meldung an die Scharführer zu machen, die Belegung der Baracke gemeldet und ahnungslos gefragt:„, Was wünschen Herr Scharführer?" Als dann die zwanzig Juden vor der Baracke in Reih und Glied standen und die Kolonne sich anschickte, unter ,, Annas" Kommando abzumarschieren, hatte sich Sommer im letzten Augenblick zu Kende umgedreht und gesagt: ,, Du da, komm' man auch gleich mit." Unter den 21 Juden war auch ein 18jähriger Bursche, dessen Vater gleichfalls im Lager war. Dieser junge Jude war eben aus dem Revier entlassen worden, wo der Lagerchirurg SS.- Obersturmführer Zahel eine schwierige Rippenresektion erfolgreich durchgeführt hatte, und war ein bescheidener, begabter, charakterlich wundervoller Mensch. Der Meldedienst, den wir Häftlinge unter uns eingerichtet hatten, übermittelte den Vorfall schnell, dem wir aber keine besondere Bedeutung beilegten. Wir nahmen an, daß irgendeine Arbeit außerhalb des Lagers zu verrichten war. 133 Aber keine Viertelstunde später hörten wir aus der Richtung des Steinbruchs eine wüste Knallerei. Im Sekundenbruchteil war uns klar, daß sich der Daseinskreis über 21 jüdische Kameraden geschlossen hatte. Kurz nach 10 Uhr rief mich Hauptscharführer Strippel telephonisch an. Seine Stimme klang rauh und betrunken: ,, Na, weißt du, wo die 21 Mistvögel sind?" Ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte. Zwar bestand für mich über das Schicksal der Juden kein Zweifel, auch wußte ich, daß man dem Hauptscharführer gegenüber nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen brauchte, aber der Ton seiner Stimme war derart grauenhaft, daß ich mich schnell entschloß, mich unwissend zu stellen. ,, Keine Ahnung, Herr Hauptscharführer", antwortete ich. Darauf brüllte Strippel wie ein wilder Stier in das Telephon: ,, Im Arsch sind sie! Verstanden?!" Jawohl, Herr Hauptscharführer." ,, Na, dann schreib man die Berichte", sagte er bedeutend leiser und leicht lallend ,,, brauchst du die Nummern?“ Jawohl, Herr Hauptscharführer." Und dann diktierte mir Strippel telephonisch 21 Häftlingsnummern und 21 Namen. Ich ging an die Kartei und zog 21 Karten, schrieb 21 Totenmeldungen, und 21mal schrieb ich als Todesursache:--- ,, Auf der Flucht erschossen." Am nächsten Tage sah ich die Leichen in der Totenbaracke. Sie wiesen alle Nahschüsse in den Hinterkopf auf. Die Verletzungen waren gräßlich, aber sie waren wenigstens alle auf der Stelle tödlich gewesen. Ich war noch bei der Anfertigung der Totenmeldungen, als die nächste Hiobsbotschaft bekannt wurde: ,, Essenentzug für das ganze Lager. Barackendunkelarrest für alle Juden." Die ersten zwei Tage vergingen verhältnismäßig leicht, am dritten Tage aber meldete sich der Hunger. Die Küchenabfälle aus den SS.Kasernen, die man in Trögen nach der Schweinemästerei im Lager brachte, wurden bereits nach Abfällen durchsucht. Die Zigeuner und Arbeitsscheuen fielen in immer größer werdender Zahl über die Abfälle her. Kartoffelschalen wurden gekocht und gegessen. Aus den Kellern der Häftlingsküche wurden vermatschte Steckrüben gestohlen. Am nächsten Tage werden von der Hungerwelle auch schon politische Häftlinge erfaßt, die bis dahin die beste Widerstandskraft gezeigt hatten. In der abenteuerlichsten und riskantesten Weise wird von einzelnen Häftlingen irgendwelches Eßbare organisiert. Nachts herrscht trotz des Verbotes lebhafter Verkehr im Lager. Einzelnen Juden gelingt es, aus 134 ihren verschlossenen und verdunkelten Baracken auszubrechen. Was sie über die Zustände in den dunklen Baracken berichten, ist grauenvoll. Es gelingt, etwas Brot und Steckrüben und vor allen Dingen Frischwasser nachts in die verrammelten Judenbaracken zu bringen. Ich erhalte etwas Brot von dem SS.- Scharführer Rose und teile es mit meinen Freunden. Der Hunger wird immer größer und größer. Während der größte Teil der Lagerinsassen in völlige Apathie absinkt, beginnt es in vielen Häftlingsaugen zu flackern. Der Mut der Verzweiflung steht langsam auf. Meine Gesinnungsfreunde kommen nachts zu mir. Wir besprechen die Lage, und allmählich wächst unser Entschluß immer klarer und eindeutiger aus den tiefsten Schächten unseres Lebenswillens und unserer politischen Überzeugung: Wir dürfen uns nicht wehrlos hinmorden lassen. Wir müssen irgend etwas tun, irgend etwas, und wäre es nur ein letzter, verzweifelter Schritt ins Nichts. Ein letzter Schritt zwar, aber doch ein Schritt, der uns vor uns selbst rechtfertigt und der unsere Sache, die Sache der Menschheit und der Menschlichkeit, dermaleinst vielleicht nur als Bericht zu fördern vermag. Bis dahin war die stärkste Kraft, die uns ,, Buchenwald" durchstehen ließ, die vage Möglichkeit, doch noch einmal wieder für die Errichtung und den Ausbau einer gerechten, würdigen Gesellschaftsordnung wirken zu können. Jetzt aber reift der Entschluß langsam herauf, daß wir unser Leben nur noch für eine kurze Notiz in jenem Werk hingeben müßten, das der Geschichtsschreiber der Zukunft über den unsäglich qualvollen Befreiungskampf der Menschheit schreiben würde. Da, als die Verzweiflung ihren Kulminationspunkt zu erreichen droht und wir jeden Augenblick mit dem Ausbruch der ,, letzten Revolte" rechnen, da wird der Essenentzug für die arischen Häftlinge aufgehoben. Die Juden aber bleiben in ihrem Dunkelarrest. Nach vier oder fünf Tagen wird auch diese Maßnahme aufgehoben. Die Lagerleitung hatte offenbar gemerkt, daß die letzten Konsequenzen ihrer brutalen Anordnung ausblieben. Die SS.- Schergen konnten nur tagsüber die Judenbaracken überwachen, nachts getraute sich kein SS.- Mann und kein SS.Führer ins Lager. Und wenn auch das Verlassen der Baracke nachts verboten war, und wenn auch die Scheinwerfer von den Wachttürmen immer wieder das Lager ableuchteten, es gelang uns doch immer und immer wieder, wenigstens einige Nahrungsmittel und Frischwasser in die verrammelten Judenbaracken zu bringen. Am 12. oder 13. Tag morgens wurden die Judenbaracken geöffnet. Es war ein sonniger, fast warmer Tag. Nie in meinem Leben werde ich den 135 Anblick vergessen, der sich da meinen Augen bot. Ich weiß noch sehr gut, daß ich damals als Kind, als ich zum ersten Male Beethovens Oper Fidelio mehr sah als hörte, ungemein ergriffen war, als die Gefangenen aus ihren Verließen ans Sonnenlicht gebracht wurden. Was damals eindringlichst durch die Macht der Kunst in mein Gemüt und damit in mein Weltbild eingegraben wurde, hier wurde es schaudervollstes Erlebnis, schier unbegreifliche Wirklichkeit. Da kamen sie aus ihren Baracken, in das Licht stierend, geblendet, bleich, elend, schwach und schwankend. Da brachten sie die Kranken heraus in die Sonne, die Sterbenden, die Toten, ein grauenvoller Zug menschlichen Leides und bejammernswerter Not. Es war so still, so unsagbar still rund um die Baracken, und doch irgendwo, ganz weit, weit in der Ferne, glaubte mein Ohr jene unsterblichen Töne zu hören, mit denen das größte musikalische Genie der Menschheit vor genau 125 Jahren solchem Elend Ausdruck gab. Die Nazis aber beschuldigten später nicht einmal einen Juden, sondern einen ganz respektablen Arier aus der Otto- Strasser- Gruppe des Attentatsversuchs im Bürgerbräukeller. Heute morgen, da ich diese Zeilen schreibe, scheint die Maisonne warm und gütig. Der wolkenlose Himmel leuchtet in tiefem, mildem Blau. Unbeweglich stehen die Bäume vor meinem Fenster in ihrem satten, frischen Grün, und tiefster, verheißungsvollster, glückseligster Frieden liegt über der ganzen Natur. Die Feldspatzen tschilpen, ein Zeisig schmettert ohne Unterlaß sein lustiges: ,, Leckleckleckschie, leckleckleckschie!" und eine Schwarzdrossel röhrt ihre liebeerfülllten, hohlen Schnarrtöne. --Ich war erst kurze Zeit im Konzentrationslager, und doch waren alle die entsetzlichen Einzelheiten bereits mit so furchtbarer Gewalt auf mich eingestürmt, daß ich das Empfinden hatte, schon jahrelang den grauenhaftesten Traum zu träumen, den sich ein armseliges Menschenhirn ausmalen kann. Schon begann ich stumpf zu werden. Ich fühlte es deutlich. Ich wollte es nicht, aber ich wurde es. Ich konnte es daran feststellen, daß die Prügelszenen, die mich doch am ersten Tage so ungemein erregt hatten, begannen, für mich ,, uninteressant" zu werden. Die Schmerzensschreie der gequälten Häftlinge gingen an meinem inneren Ohr vorbei, und schon schickte ich mich an, auch zu lachen, wenn ein 136 Häftling bei der Durchpeitschung einmal außergewöhnliche Schmerzenslaute von sich gab Da hatte ich ein Erlebnis, das mich aus dem Abgleiten in die allgemeine Apathie zurückriß. Und wenn ich nun rückschauend meine Konzentrationslagerzeit betrachte, dann kann ich feststellen, daß die SS.- Schergen in ihrer schier unerschöpflichen Erfindung neuartiger Foltermethoden selbst am besten dafür sorgten, daß nicht eine einzige menschliche Regung auch nur vorübergehend in mir erschlagen wurde. Wir standen an diesem bitterkalten Januartag auf dem Appellplatz zum Morgenappell angetreten. Der Wind pfiff schneidend durch unsere dünnen Kleider, und der Appell wollte und wollte nicht zum Abschluß kommen. Der Lautsprecher ertönte:„ Der Stubendienst in den Wald." Also deshalb! Hat wieder einmal einer Schluß gemacht. Was kümmert's uns? Wir fangen an zu trampeln, um das Blut nicht erstarren zu lassen, erst unauffällig nur, dann, als wir merken, daß die Lagerleitung sich nicht darum kümmert, immer stärker. Unser Block steht ganz unten auf dem Appellplatz, am weitesten vom Tor entfernt. Wir können in dem schummerigen Licht sogar ein paar Laufschritte riskieren, zumal unser Scharführer mit im Walde ist. Dann plötzlich Gejohle aus dem Wald. Man hat den fehlenden Häftling gefunden und ruft jetzt die im Wald verteilten Sucher zusammen. Durch den Hauptlagerweg kommt eine Gruppe von Häftlingen aus dem Wald zurück. Jetzt stockt sie. Wir können nicht erkennen warum. Da sich die Gruppe aber bald wieder in Bewegung setzt, ist unser immer katzensprungbereites Interesse wie weggeblasen. Als die Gruppe beim Appellplatz anlangt, stockt sie wieder. Jetzt sehen wir, daß sie in ihrer Mitte einen Häftling hat, der sich wehrt, ans Tor gebracht zu werden. Er stemmt sich mit den Füßen gegen den Erdboden und sucht sich aus den Griffen zu befreien, mit denen die anderen Häftlinge ihn gepackt haben. Einer packt ihn mit einem Polizeigriff an Kragen und Gesäß und schiebt ihn vorwärts. Nach einigen Schritten aber wirft sich der Häftling zu Boden. In diesem Augenblick kommen zwei Scharführer hinzu. Die übrigen Häftlinge treten etwas beiseite. Jetzt ist uns die Situation klar: Der arme Schächer da hat im letzten Augenblick den Mut verloren, sich den Strick um den Hals zu legen, und jetzt, da er ans Tor gebracht werden soll und genau weiß, was ihm dort blüht, wehrt er sich verzweifelt wie ein Stück Vieh, das zur Schlachtbank geführt wird. Die Scharführer schlagen auf ihn ein, aber er erhebt sich nicht. Sie packen ihn an den Armen, doch er schlägt mit den Beinen um sich und 137 trifft dabei einen der Scharführer, der daraufhin wie wild auf den Häft- ling so lange einschlägt, bis er sich wimmernd auf der Erde zusammen- krümmt. Dann packen ihn die Scharführer jeder an einem Bein und schleifen ihn über den steinhart gefrorenen Mergelboden, über die spit- zen Schottersteine. Der Häftling liegt mit dem Gesicht nach unten. Jetzt richtet er sich auf, stemmt seine Hände gegen die Erde und versucht, immer eine Hand hinter die andere setzend, nicht mit dem Gesicht über die harte Erde geschleift zu werden. So haben wir früher als Kinder mit unseren Spielkameraden Schieb- karre gespielt, nur daß wir unseren Kameraden nach vorwärts schoben und jetzt dem„Spiel“ eine besonders putzige Nuance gegeben ist. Das sieht so komisch aus, daß die in der Nähe stehenden Häftlinge zu lachen anfangen. Und je mehr Häftlinge aufmerksam werden, desto lauter wird das Gelächter. Auch die Scharführer scheinen amüsiert und stelzen mit betont tapsigem Schritt über den Appellplatz, indes der Häftling krampfhaft bemüht ist, seinen Händelauf den Schritten anzupassen. Das Gelächter der Häftlinge wird allmählich Gejohle. Da! Der Häftling verliert seine Kräfte. Seine steifen Arme knicken ein. Das Gejohle der Häftlinge aber wird immer noch lauter, und stur in gleichmäßigem Schritt schleppen die beiden Scharführer den Häftling hinter sich her. Jetzt knickt der Häftling um, fällt mit dem Gesicht auf die Erde. Die beiden Scharführer halten nicht ein. Das Gejohle der Häft- linge wird leiser. Dem armen Schächer gelingt es noch einmal, wieder auf die Hände zu kommen, aber bald schon fällt er wieder und dann.y immer wieder in stets kürzer werdenden Abständen mit dem Gesicht auf die Erde. Und jedesmal wird das Gelächter der Häftlinge leiser, bis es dann, als der arme Tropf sich nicht mehr aufrichten kann und nun von den Scharführern nur noch über den Boden geschleift wird, ganz verstummt. Zuerst läßt sich der Häftling nur auf der Brust schleifen und hebt den Kopf krampfhaft in den Nacken, dann aber fällt auch das Gesicht zur Erde. Wo eben noch eine gefühllos gemachte Menge lachte und johlte, herrscht jetzt Totenstille. Die Scharführer aber schleifen den Körper ihres Opfers immer noch weiter, und immer noch weiter. Jetzt sind es noch fünfzig Schritte bis zum Tor, jetzt noch vierzig, jetzt dreißig, zwan- zig, zehn. Eine blutige Schleifspur zeigt ihren Weg. Neben dem Prügel- bock lassen sie den Häftling fallen und treten dann zu den anderen Schar- führern, ohne sich nach dem Geschleiften umzusehen. Der Appell wird abgenommen. Die Arbeitskolonnen marschieren 138 nach dem Takt der Lagerkapelle zum Tor hinaus. Der eine oder andere Häftling wirft dabei wohl einen Blick auf den Menschen, der da leblos neben dem Bock liegt, und sieht, daß sich eine kleine Blutlache rings um den vermatschten Oberkörper sammelt. --Ich werde von diesem Erlebnis wohl nie ganz loskommen. Aber dir, grundgütige, treue Natur bin ich unsagbar dankbar und verpflichtet, denn du hast auch diese Grausamkeit mich überwinden lassen: Die Maisonne scheint warm und gütig. Der wolkenlose Himmel leuchtet in tiefem, mildem Blau. Unbeweglich stehen die Bäume vor meinem Fenster in ihrem satten, frischen Grün, und tiefster, verheißungsvollster, glückseligster Friede liegt über der ganzen Natur. Die Feldspatzen tschilpen, ein Zeisig schmettert ohn' Unterlaß sein lustiges: ,, Leckleckleckschie, leckleckleckschie!" und immer noch röhrt die Schwarzdrossel ihre hohlen Schnarrtöne. Auf dem Transport nach dem Konzentrationslager traf ich in Halle einen Kameraden, der mir durch sein zurückhaltendes Wesen besonders auffiel. Er war ein großer, kräftiger, breitschultriger Mann mit hoher Stirn, weichen Gesichtszügen und einem ruhigen Blick, dem man unwillkürlich nachspürte, daß sein Besitzer ein Grübler war. Allgemein ließen sich die Schüblinge in zwei Gruppen einteilen. Die eine bestand aus jenen Leuten, deren ganzem Benehmen man deutlich anmerkte, daß sie all die Dinge, die um sie passierten, nur danach beurteilten, wie sie persönlich davon betroffen werden konnten. Ganz anders die zweite Gruppe. Das waren die, die nicht in erster Linie an sich dachten, sondern sich mit den anderen Kameraden zu einer Schicksalsgemeinschaft verbunden wußten. Während die erste Gruppe immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht war, und wäre es auch auf Kosten der Schicksalskameraden gewesen, war die andere Gruppe stets hilfsbereit, erteilte den Unwissenden Auskunft, gab Ratschläge und verbreitete um sich eine Atmosphäre der Ruhe und Gefaßtheit. Jener Häftling aber schien ein Außenseiter zu sein. Er hielt sich abseits von allen Gruppen, die sich schnell bildeten, als der Weitertransport morgens auf dem engen Hof des Polizeigefängnisses zusammengestellt wurde. Ich sah, daß er die einzelnen Gruppen aufmerksam beobachtete, aber die langsame, ruhige Art, wie sein Blick von einer Gruppe zur anderen glitt, zeigte mir, daß er gar nicht daran dachte, sich irgend139 einer dieser Gruppen anzuschließen. Auch in seiner soliden, gepflegten Kleidung stach er von den übrigen Gefangenen ab. Er machte den Eindruck, daß man ihn direkt von einem Sonntagsspaziergang auf der Straße in den Gefängnishof gebracht hatte. Der Mann interessierte mich, und deshalb suchte ich unauffällig seine Nähe und sprach ihn dann wie beiläufig an. Er sah zunächst prüfend auf mich herab und wartete erst einige Sekunden, ehe er merkwürdig langsam, akzentuiert und klar antwortete: ,, Ich werde in ein Konzentrationslager gebracht." Auf meine Frage nach dem Warum, sagte er in gleicher Weise: ,, Weil ich meiner kommunistischen Gesinnung Ausdruck gegeben habe." Ich wußte nicht recht, wie ich das Wesen dieses Menschen zu deuten hatte, aber es war irgend etwas an ihm, das mich ansprach. Zwar spürte ich immer deutlicher, daß er ein Außenseiter war, und doch schwang etwas ihn ihm, das ihn sympathisch und absolut ehrlich und aufrecht erscheinen ließ. Ich erfuhr, daß er auf Grund kommunistischer Literatur überzeugter Kommunist geworden sei, trotzdem er der einzige Sohn eines gut situierten bürgerlichen Elternhauses war. Und als er sich dann zu seiner Überzeugung durchgerungen hatte, habe er die innere Verpflichtung gefühlt, aus seiner Einstellung keinen Hehl zu machen. Im Lager wurde er gleichfalls in den Block 39 eingewiesen, und daraus ergab es sich, daß ich noch mehrfach mit ihm sprechen konnte. Wenige Tage nach unserer Einlieferung wurde er zum Lagerarzt bestellt. Am Abend erzählte er mir, der Lagerarzt habe ihm eröffnet, er müßte sterilisiert werden. Er habe aber darauf hingewiesen, daß er bereits mehrfach in geschlossenen Anstalten zur Beobachtung gewesen wäre; trotzdem habe das Erbgesundheitsgericht die Sterilisierung abgelehnt. Ich war damals mit dieser Materie noch nicht so vertraut, daß ich mir ein Bild von der wirklichen Sachlage machen konnte. Meine Frage, ob er nach einer eventuellen Sterilisierung wieder aus dem Lager entlassen werden würde, verneinte er. Er wäre in das Lager wegen seiner kommunistischen Gesinnung eingeliefert worden und würde wohl bis an sein Lebensende hierbleiben müssen. Später, als ich aus dem Block 39 verlegt wurde, verlor ich den Kameraden aus den Augen. An einem regennassen Herbstabend bin ich allein im Arztzimmer des Häftlingsreviers und verrichte meine Arbeit. Der Abendappell ist vorüber. Gleich wird der erste Ansturm der Häftlinge zur ambulanten Abendbehandlung einsetzen. Schon wird es draußen auf dem Gange lebendig. Irgendein Tumult kommt auf. Das ist nichts Absonderliches, 140 und ich lasse mich in meiner Arbeit dadurch nicht stören. Wird wohl wieder ein Häftling durchgebläut. Einige Zeit später trete ich zufällig auf den Gang hinaus. In der Dunkelheit sehe ich eine Bahre, auf der ein Häftling liegt. Rund herum stehen andere Häftlinge. Ein Häftlingspfleger kniet neben der Bahre und untersucht den Häftling. Ich gehe vorbei, ohne mir den Fall näher anzuschauen. Beim Zurückkommen sehe ich, wie der Pfleger den steif auf der Bahre liegenden Häftling mit heftigen Ohrfeigen traktiert. ,, So ein Mistfink", sagt der Pfleger ,,, hat gar nichts, ist kerngesund, markiert nur!" und versucht, den Häftling durch weitere Ohrfeigen zum Aufstehen zu bewegen. -- Ich sehe mir den Häftling näher an. Er ist ein ,, Roter". Ein Roter? Jetzt interessiert mich der Fall, und ich erkenne in dem schummrigen Licht meinen Kameraden aus Halle. Natürlich wird das Schlagen darauf sofort eingestellt und der Kamerad in die Station eingewiesen. Inzwischen hatte ich ja genügend Gelegenheit gehabt, mich mit den Merkmalen der Schizophrenie vertraut zu machen, und mit einem Schlage war mir klar, daß mein Kamerad aus Halle schizophren war und sich jetzt in einem Sperrzustand befand. Der Mann war krank und gehörte während der Schubzeiten möglicherweise, aber nicht einmal sicher, in eine Heilanstalt, nicht in ein Konzentrationslager. Ich suchte in den Revierakten und fand auch Krankengeschichten und Gutachten von zwei Heil- und Pflegeanstalten über ihn vor. Fraglos handelte es sich hier um einen Fall harmloser Schizophrenie, und. selbst die eingehenden Beobachtungen von durchstandenen Schüben gaben keinerlei Handhabe für die Durchführung einer Sterilisation, da diese Schübe sich stets nur in schnell vorübergehenden Sperrzuständen, niemals aber in einer auch nur leicht gefährlichen Aktivität äußerten. Die minutiös aufgeführten Krankengeschichten waren so eindeutig, daß selbst ein nur höchst mangelhaft ausgebildeter Psychiater den Fall sofort richtig beurteilen konnte. Die Nazis aber hielten es für richtig, diesen harmlosen Kranken in das ,, Sanatorium Buchenwald" einzuliefern- Zuweilen kam es vor, daß SS.- Oberscharführer Seehausen sich von mir eine Kollektion derjenigen Formulare aushändigen ließ, die bei jedem Todesfall ausgefüllt werden mußten. Ich konnte mir den Verwendungszweck zunächst nicht erklären. Unter anderem wurden für die 141 standesamtliche Meldung bei Freitod rote, bei anderen Todesfällen gelbe Formulare ausgefüllt, die statistischen Zwecken dienten und auf denen auch die Todesursache angegeben werden mußte. Manchmal füllte Seehausen diese Formulare im Häftlingsrevier aus. Aber ich hatte keine Gelegenheit, zu untersuchen, warum Seehausen die Formulare selbst ausfüllte, denn er ließ sie immer sofort in seiner Aktentasche verschwinden, die er stets bei sich trug. Daß dabei irgendein Umstand in Frage kam, der vor mir verborgen bleiben sollte, war mir ohne weiteres klar. In etwa kam ich den Dingen auf die Spur, als Seehausen sich wieder einmal eine Kollektion aushändigen ließ. Es war uns bekannt geworden, daß der Scharführer Uhlig, der früher im Häftlingsrevier als SDG. tätig gewesen war und über dessen Schicksal ich an anderer Stelle bericnte, im Arrest Selbstmord begangen hatte. Da Seehausen jetzt wieder eine Kollektion Totenpapiere mit einem roten Standesamtsformular selbst ausfüllte, gehörte keine große Kombinationsgabe dazu, den Zusammenhang festzustellen. Einmal aufmerksam geworden, war es nur eine Frage der Zeit, die Richtigkeit meiner Kombination bestätigt zu bekommen. Die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten. Diejenigen Fälle, bei denen ich nicht feststellen konnte, daß ein SS.- Mann im Arrest ,, verstorben" war, fielen mir zunächst nicht besonders auf, denn bei dem sorgsamen Abschluß des Arrestgebäudes vom Lager war es sowieso schwer, zuverlässige Nachrichten von den Dingen zu erhalten, die sich dort ereigneten. Eine enge Freundschaft verband mich mit einem Gesinnungsfreund, der die Schreibarbeiten in der großen, aufs modernste eingerichteten Häftlingswäscherei versah. Durch ihn lernte ich Gesinnungsfreunde kennen, die früher an der Leipziger Volkszeitung tätig gewesen waren. Häufig fanden wir uns in den Freistunden zusammen, besprachen die Lage, politisierten und philosophierten und ließen es dabei auch nicht an jener Flaxerei fehlen, die bei uns Unverwüstlichen um so groteskere Formen anzunehmen pflegte, je dreckiger es uns ging. Einer dieser Freunde hatte die Sortierung und Registrierung der in der Wäscherei eingehenden Schmutzwäsche unter sich. Zufällig kam einmal das Gespräch darauf, daß ihm zuweilen auch blutige Wäsche und Kleidungsgegenstände von Erschossenen angeliefert wurden, trotzdem von einer Erschießung im Lager nichts bekanntgeworden war. Da er wußte, daß ich die Totenpapiere für die verstorbenen und getöteten Häftlinge auszufertigen hatte, fragte er mich, ob ich Näheres über derartige Fälle wüßte. Ich mußte verneinen. 142 Wir kamen überein, daß er mich bei den nächsten Fällen sofort benachrichtigen sollte; vielleicht wäre ich bei besonderer Aufmerksamkeit in der Lage, dann irgend etwas zu beobachten, das uns einen Fingerzeig zur Aufklärung der rätselhaften Angelegenheit geben würde. Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß es sich dabei vielleicht um die Liquidierung von mißliebig gewordenen SS.- Leuten handeln könnte. Als ich dann einige Zeit später von ihm entsprechend benachrichtigt wurde, ließ sich--- SS.- Oberscharführer Seehausen wieder eine Kollektion Todesformulare aushändigen. Wir waren einen Schritt weiter und wußten nun, daß von den SS.- Schergen auch Personen ermordet wurden, die man gar nicht erst in das Lager einlieferte. Der Schlußstein ließ nicht lange auf sich warten. Es gelang mir, ein von Seehausen ausgefülltes Formular zu Gesicht zu bekommen, und ich las in der Rubrik Todesursache: ,, Erschossen auf Befehl Reichsführer SS." Und schon wenige Monate später, als viele Dinge, die anfangs vor mir geheim gehalten wurden, mir dann aber nach und nach bekanntgeworden waren, hielt man auch diese Formulare nicht mehr vor mir geheim, ja ließ sie dann sogar ohne Bedenken von mir ausfüllen und häufig genug tippte ich als Todesursache in die Formulare: ,, Erschossen auf Befehl Reichsführer SS." Ich will gerne zugeben, daß diese Formulierung eindeutig und klar ist und daß sie im Rahmen des Konzentrationslagers und der vielen Millionen Morde, die auf dem Schuldkonto des Naziverbrechertums stehen, im Grunde eigentlich auch nichts Besonderes ist. Und dennoch ist es notwendig, einige Ausführungen dazu zu machen, denn hier lüftete das Naziverbrechertum offenbar seine Maske. Und daß die Helfershelfer des größten Mörders unserer Zeit davon wußten, beweist der Umstand, daß man diese offene Formulierung lange Zeit selbst vor mir, einem Häftling, vor dem man notgedrungen vieles nicht verbergen konnte, geheim zu halten suchte. Mit Sorgsamkeit waren die Verbrecher darauf bedacht, daß ihre zahllosen Morde und Grausamkeiten weder durch Zeugen noch durch Schriftstücke und dergleichen bewiesen werden konnten. Ein großer Teil des deutschen Volkes und der Welt wußte zwar, daß der Nationalsozialismus den einstmals hochangesehenen deutschen Richterstand zum willfährigen Werkzeug seiner Verbrecherpolitik umgewandelt hatte, aber man war der Ansicht, daß erst nach einem ordnungsgemäßen Gerichtsverfahren ein Urteil gesprochen werden und nach einem Urteilsspruch erst die Urteilsvollstreckung erfolgen konnte. Die Blut- und Schreckensjustiz der Nazis wahrte wenigstens nach außen 143 hin die Maske, und das deutsche Volk wurde in der Meinung gehalten, daß zum Beispiel die Todesstrafe an einem„Volksgenossen“ erst nach einem Gerichtsverfahren vollstreckt werden könne. Hier aber wurde amtlich dokumentiert, daß Herr Himmler eine Justiz für sich hatte. Für die Eingeweihten war das bestimmt nichts Neues, daß er jetzt aber dazu überging, seine Befehle dokumentieren zu lassen, war etwas Neues. Es ist heute nach dem Zusammenbruch und der Demaskierung des Nazismus verhältnismäßig leicht, den Beweggrund dafür anzugeben. Er bestand einfach darin, daß Himmler, der vor keinem Verbrechen zu- rückscheute, um an der Macht zu bleiben, durch die Geheimberichte seiner Gestapo sehr wohl und besser als jeder andere in Deutschland darüber unterrichtet war, wie sehr es im Gebäude des Nationalsozialis- mus wackelte, daß selbst seine festesten Stützen begannen morsch zu werden. Aus diesem Grunde wurde die eigene Gerichtsbarkeit der SS. eingeführt. Aus demselben Grund ließ er einen kleinen Teil seiner Mordbefehle jetzt dokumentieren, um sich den Anschein zu geben, daß er absolut fest im Sattel saß, und um alle jene zu warnen, die aus seinen Reihen auszubrechen versuchten. Es war jedem SS.-Mann bekannt, daß bis dahin eine offen zugegebene Ermordung nur auf ausdrücklichen Befehl von Hitler und nur mit seiner ausdrücklichen Genehmigung erfolgen konnte. Jetzt aber ließ Himmler, der’ von jedem SS.-Mann gefürchtet wurde, der seine Nase nur etwas tiefer in den allgemeinen Betrieb des Nazismus gesteckt hatte, mit Lauf- feuergeschwindigkeit in der gesamten SS. wissen, daß auch er SS.-Leute „offiziell“ erschießen ließ, wenn er es für richtig hielt. Bei diesen Erschießungen handelte es sich in erster Linie zwar um mißliebige Personen aus den eigenen Reihen, aber es wurden auch‘andere Leute erschossen, Leute zum Beispiel, über die nicht einmal die zur Nazi- hure herabgewürdigte deutsche Justiz ein Todesurteil fällen konnte, deren Liquidierung Himmler aber für zweckmäßig hielt. Ich weiß, jedem anständigen Menschen, der sich einmal Gedanken über das Wesen eines Staates gemacht hat, überläuft das kalte Grauen ob solcher Zustände, aber der Leser mag es mir glauben,“daß der Tod dieser Ermordeten von uns Konzentrationären beneidet wurde, denn sie wurden nicht langsam zu Tode gefoltert, sie erlitten nicht den Hunger- tod, der sich mit entsetzlicher Qual über Wochen und Monate, ja manch- mal über Jahre hinauszog, ihnen blieb die Hölle Buchenwald erspart, ihr Tod war zwar auch nicht schmerzlos, aber doch wenigstens kurz--- see 144 N Wie anders mußte zum Beispiel jener ärme Schächer sterben, der in das Lager eingeliefert wurde, um zum Sprechen gebracht zu werden. Es handelte sich um einen Häftling aus Tellsruh an der oberschlesisch- polnischen Grenze, der wegen verschiedener Diebstähle eine längere Ge- fängnisstrafe verbüßt hatte. Er hatte die Diebstähle mit einem Kumpan begangen, und während der Strafverbüßung tauchte gegen beide der Verdacht auf, bei ihren Diebesfahrten einen Polizeibeamten erschossen zu haben. Die herbeigeschafften Indizien reichten jedoch zu einer Ver- urteilung nicht aus. Während es seinem Kumpan gelungen war, nach Polen zu entkom- men, hatte er sich von dem Augenblick an, als er die Beschuldigung hörte, gegen sie damit gewehrt, daß er sich beharrlich weigerte, irgend- eine Aussage zu machen. Die einzigen Worte, die er sprach, waren: „Tellsruh“ und ‚Ich heiße--- nein.“ Er verstand alles, was man ihm sagte, gehorchte widerspruchslos und sofort jedem Befehl, war aber durch nichts zu bewegen, eine Aussage zu machen. Er war während der restlichen Strafzeit stumm geblieben und hatte auch die gewiß nicht behandschuhten Methoden bei der Einlieferung in das Lager wirkungs- los über sich ergehen lassen. Ebenso wirkungslos blieben wiederholte Auspeitschungen. Da alle Methoden nichts nützten, wurde er dem Lagerarzt Dr. Ding übergeben, der nun versuchen sollte, dem Häftling den Mund zu öffnen. Ding ging sehr zuversichtlich an die„Arbeit“. Die einfachen Methoden der Einschüchterung und der Quälereien blieben ohne jeden Erfolg. Schläge, Hunger, Arrestfolter waren ebenso wirkungslos wie der schroffe Wechsel zwischen Anschreien und väter- lichem Zureden und zwischen brutalster Quälerei und der„gutmütigen“ Zigarette. Der Häftling blieb stumm. Ding’entschloß sich, eine wohldosierte„grüne Spritze“(Apomorphin) zu injizieren. Ohne Zögern entblößte der Häftling selbst den Gesäß- muskel, und trotzdem ihn Ding satanisch angröhlte:„Jetzt mußt du Aas sterben!“, wehrte er sich nicht, ließ sich die Nadel in den Muskel stoßen und blieb ruhig stehen, bis Ding das Gift eingedrückt hatte. Dem Befehl, sich außerhalb der Baracke vor dem Fenster in halber Kniebeuge mit seitwärts erhobenen Händen hinzustellen, kam er sofort nach. Das Gift begann nach kurzer Zeit zu wirken. Krampfhaft ver- suchte er, den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken, weil er sich offenbar fürchtete, den gepflasterten Weg zu beschmutzen. Immer größer wird der Brechreiz. Angstvoll irren seine Augen um- } 10 Poller, Buchenwald; 145 her. Plötzlich kann er das Erbrechen nicht mehr verhindern. Er springt zur Seite an einen Baum und übergibt sich, nimmt dann aber sofort wieder die befohlene Stellung vor dem Fenster ein, kämpft immer wieder mit dem Brechreiz, springt immer wieder und in immer kürzer werdenden Abständen nach dem Baum, wird dann weich in den Knien, zuckt konvulsivisch auf, fällt auf die Knie, stützt sich mit den Händen auf dem Erdboden und würgt und würgt ohne Unterlaẞ. Die Augen quellen ihm aus den Höhlen, der Magenschleim verschmiert ihm das schmerzverzerrte Gesicht, und immer und immer noch würgt er und erbricht er sich. Immer tierischer wird sein Gesichtsausdruck, bis er schließlich geradezu an einen tollwütigen Hund erinnert, der sich nicht von der Stelle bewegen kann. Ding aber bleibt gelassen und lacht, als der Häftling konvulsivisch zusammenzuckend wie ein halb zertretener Wurm auf dem Boden liegt. Ding befiehlt einem Häftling, einige Eimer Wasser über den gemarterten Kameraden zu schütten. Langsam läßt das Erbrechen nach. Nach einer Stunde etwa hat der Häftling sich so weit erholt, daß er wieder auf den Beinen stehen kann. Ding ruft ihn herein, dringt auf ihn ein, aber der Häftling bleibt stumm -- Am nächsten Morgen, als der Häftling zu weiterer Vernehmung vorgeführt worden ist, läßt Ding ihm aus der Häftlingsküche ein Frühstück vorsetzen, das besonders lecker zusammengestellt werden muß. Die Frage, ob er nunmehr sprechen wolle, beantwortet er nach kurzem Zögern mit seinem stereotypen: ,, Ich heiße--- nein." Dann sagt ihm Ding: ,, Du kennst jetzt in etwa den Unterschied zwischen Gefängnis und Konzertlager. Du hast die Wahl zwischen beiden. Entweder du sprichst und dann wirst du ins Gefängnis zurückgeführt oder du sprichst nicht, dann wirst du hier eine matschige Leiche. Überleg dir die Sache. Ich gebe dir eine halbe Stunde Bedenkzeit. Wenn du dann immer noch schweigst, fahren wir in der Behandlung fort." Nach Ablauf einer halben Stunde ist das einzige, was der Häftling. sagt: ,, Tellsruh. Ich heiße--- nein." Dr. Ding befiehlt seinen Scharführern, den Häftling mit dem Pantostaten, einer vielseitigen, komplizierten Elektrisiermaschine, zu bearbeiten. Zunächst drücken sie ihm die beiden Polgriffe in die Hand und jagen, langsam beginnend, immer höhere elektrische Energien durch den Körper. Er windet sich in seinen Schmerzen und wird ruckartig zuckend furchtbar durcheinander geschüttelt. Aber keine der an ihn gerichteten Fragen wird beantwortet. Scharführer Hofmann steuert den Apparat. Als er sieht, daß das An146 und Abschwellen der Energie dem Häftling offenbar besonders starke Schmerzen verursacht, jagt er den Strom in kurzen Abständen immer auf und ab durch den Apparat. Die elektrischen Energien peinigen den Häftling in der furchtbarsten Weise, der Schweiß tritt ihm aus allen Gesichtsporen. Wenn er die Augen, die er meistens geschlossen hält, aufschlägt, erschreckt man über die hervorgetretenen Augäpfel, die so groß sind, als litte er an Basedow höchsten Grades. Insbesondere dann, wenn alle vorhandenen elektrischen Energien durch seinen Körper gejagt werden, schlägt er um sich und windet sich in furchtbaren Zuckungen. Immer turbulenter wird die Quälerei, immer wilder ,, tanzt" der Gefolterte. Der ,, Hexensabbat" hat nun derartige Formen angenommen, daß die Scharführer gar nicht beachten, wie sich der Gequälte immer weiter von dem Apparat entfernt. Gleich muß er den ganzen Pantostaten mit den Leitungsschnüren umreißen. Ach, wenn er es doch täte! Nie in meinem Leben habe ich einen heißeren Wunsch gehabt. Es ist einfach furchtbar, wehrloser Zeuge dieser Folterei sein zu müssen. Da ereignet sich etwas in mir, was ich nie zuvor für möglich gehalten hätte. Zwar weiß ich genau um die Gesetze und die Grenzen der Hypnose, dennoch konzentriere ich in sinnloser Weise meine ganze Gedankenkraft auf den Elektrisierungsapparat, als könne ich ihn mit jener Kraft, die leichtgläubige und unwissende Menschen den indischen Fakiren zutrauen, augenblicks in tausend Atome zertrümmern. Ich weiß, wie sinnlos mein Unterfangen war und daß man mich deswegen vielleicht verspotten wird, aber ich will es hier doch niederschreiben, weil ich mir selbst den Eid gab, hier alles so zu schildern, wie ich es erlebte, ohne etwas zu verschweigen und ohne ètwas hinzuzusetzen. Da schaltet Hofmann den Apparat aus. Schwer atmend und fast vollständig erschöpft steht der Häftling mitten im Raum. Die an ihn gerichteten Fragen beantwortet er jetzt nicht einmal mehr mit seinem monotonen: ,, Tellsruh. Ich heiße--- nein." Andere Häftlinge, die mit dem Pantostaten gefoltert wurden, hatten ausnahmslos gestöhnt und geschrien, gewimmert, gebettelt, gefleht und schließlich alles getan, was man von ihnen verlangte. Dieser Häftling aber brachte keinen einzigen Laut über den festverschlossenen Mund. Auf Anweisung von Dr. Ding muß sich der Häftling nach kurzer Pause entkleiden und in eine halb mit Wasser gefüllte Sitzbadewanne setzen. Ein Pol wird in das Wasser gelegt, der andere Pol an die ,, Rolle" befestigt. Und dann wird der Häftling mit Höchststufe massiert. Wieder 10* 147 muß er entsetzliche Qualen durchstehen, sein ganzer Körper zuckt auf und bäumt sich, aber der Häftling spricht nicht. Nun nimmt SS.-Scharführer Hofmann die Rolle und führt sie immer wieder über die Arme, über die Brust, über den Leib, und der Häftling zuckt und strampelt immer wilder und wilder. Da! als Hofmann über die linke Brustseite rollt, bäumt sich der Häftling mit einem gewaltigen Ruck auf, schnellt förmlich wie ein Hecht aus der Wanne hervor, be- schreibt dabei mit beiden Armen eine große, kreisförmig um sich schla- gende Bewegung und--- sinkt dann völlig erschlafft und leblos über der Wanne zusammen. Dr. Ding, Seehausen, Hofmann, der dritte SDG., dessen Namen ich vergessen habe, ein Häftling, der auch dabei sein mußte, sie alle sind durch diesen blitzartig eingetretenen Wandel der Situation derart per- plex, daß sie gleichfalls wie tot dastehen, vielleicht war es nur eine Sekunde lang, vielleicht mehrere Sekunden, vielleicht aber auch nur der Bruchteil einer Sekunde, ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur noch, daß der Zeitraum mir endlos lange vorkam. Am erstarrtesten stand Hofmann da, mit halb eingeknickten Knien, die Rolle locker in der Rechten, die Augen entsetzt auf den zusammen- gesunkenen Körper vor ihm gerichtet, den Mund halb geöffnet. Es war gewiß sein erster direkter Mord, und es mag sein, daß es auch sein letzter war, denn er war im Grunde aus gutem Holz geschnitzt, aber aus sol- chem Holz, das in der Naziatmosphäre auch faul werden muß. Am Abend dieses Tages habe ich das einzige Mal während meiner gan- zen Haftzeit längere Zeit geschwankt, ob die fast völlig hoffnungslose Möglichkeit, noch einmal ein sinnvolles Leben führen zu können, das Leid aufwog, das ich jetzt durchzustehen hatte. ı Beim ersten Trupp Konzentrationäre, der im Jahre 1937 zur Errich- tung des Lagers auf dem Ettersberg eintraf, waren„Grüne“, also Häft- linge, die wegen ihrer kriminellen Delikte zwar nicht in Straf- oder Sicherheitshaft genommen werden konnten, weil die gesetzlichen Vor- aussetzungen dazu fehlten, dafür aber nun einfach in ein Konzentrations- lager gebracht wurden. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß es mir als politischem„Ver- brecher‘“ während meiner ganzen Gefangenschaft eine der schwersten seelischen Belastungen gewesen ist, daß ich mit kriminellen Elementen in einen Topf geworfen wurde. Zwar habe ich unter meinen kriminellen 148 - Kameraden prächtige Menschen, ja- so eigentümlich es auch klingen mag, ich muß es hier trotzdem sagen sogar Charaktere von sittlichem Format kennengelernt, Menschen, die sich in jeder Lage vorbehaltlos als Kameraden benahmen, aber der größere Teil der Kriminellen war doch ein unsauberer, schmutziger, charakterloser, vigilantenhafter Haufen, gegen dessen direkte und indirekte Drangsalierung man sich nur durch sehr schwer durchzuführende Isolierung wehren konnte. Es ist bekannt, daß zu allen Zeiten, selbst im düstersten Mittelalter, der politische ,, Verbrecher" nicht mit dem kriminellen in einen Sack gesteckt wurde. Daß der Nationalsozialismus es tat, hat eine einfache Erklärung. Ich weiß sehr wohl, daß diese Erklärung manchem Gutgläubigen und Dummen nicht plausibel erscheint, sie ist trotzdem wahr, so wahr, wie der Wechsel von Tag und Nacht, so wahr wie jedes eherne Naturgesetz, dessen Unausweichlichkeit und Unabänderlichkeit wir sekündlich empfinden. Der nationalsozialistischen Führerclique war wie Goebbels es auch ausdrücklich und offen formuliert hat das politische Verbrechertum ein kriminelles Problem, - -- - weil sie nicht in der Lage war, zwischen kriminellem und politischem Verbrechertum zu unterscheiden. Denn diese Führer waren keine Politiker, sondern sie waren und jeder Deutsche muß diese Wahrheit endlich begreifen skrupellose kriminelle Verbrecher, die sich den politischen Mantel umhingen wie der Hochstapler sich den Frackanzug anzieht. - Ich muß hier jedoch auch folgendes festhalten. Zwar wurden wir ,, Politischen" sowohl während der Strafhaft als auch im Konzentrationslager gezwungen, mit unsauberen kriminellen Elementen Zelle, Tisch und Arbeit zu teilen, aber ich kann die Zahl jener Wächter und Vorgesetzten, die mir persönlich gegenüber keine Unterscheidung von irgendeinem kriminellen Verbrecher zeigten, an den Fingern einer Hand abzählen. Ich habe immer wieder feststellen können, daß meine Wächter trotz ausdrücklichen Verbotes mich anders, zuvorkommender, sachlicher, anständiger behandelten, und habe in Gesprächen mit politischen Kameraden die gleiche Beobachtung im Durchschnitt bestätigt bekommen. Selbst manche SS.- Schergen im Konzentrationslager, die sich die größte Mühe gaben, weisungsgemäß zu handeln, konnten doch nicht verbergen, daß ihnen diese Forderung ihrer Führerschaft nicht ganz eingehen wollte. Und auf diesen Umstand ist es bestimmt auch mit zurückzuführen, daß jene einflußreichen Posten, die innerhalb des Lagers von Häftlingen versehen wurden, immer mehr und mehr in die Hände der ,, Politischen" übergingen. 149 Bei der Gründung des Lagers aber wurden zunächst zwei ,, Grüne" Lagerälteste und darum bald fast sämtliche Kalfaktorenposten und Kapostellen von den ,, Grünen" besetzt. Das war für die Politischen und für das gesamte Lagerleben ein schwerer Schlag. Man muß wissen, daß ein Kapo im Lager über die Mithäftlinge eine ungeheure Macht hatte, eine Macht, die so groß war, daß er selbst über Tod und Leben seiner Mithäftlinge entscheiden konnte. Die Lagerleitung hatte den Kapos mit voller Absicht diese Machtposition überlassen, denn sie fand so sogar aus den Reihen der Häftlinge willfährige Werkzeuge ihrer brutalen Vernichtungspolitik. So leicht es natürlich der Lagerleitung war, einen mißliebigen Kapo zu beseitigen, so schwer war es den Mithäftlingen. Die Tatsache, daß zunächst alle Kapostellen von Grünen besetzt waren, hat sich sehr zum Unheil ausgewirkt. Bei der natürlichen Abneigung der kriminellen Elemente gegen die politischen Häftlinge und bei der Gegensätzlichkeit dieser beiden Welten bedurfte es eines langen, schweren Weges, bis die Kapostellen den kriminellen Elementen. immer mehr und mehr entwunden werden konnten. Als ich in das Lager eingeliefert wurde, war der 1. Lagerälteste ein grüner Häftling namens Richter, der bei der Lagergründung denselben Posten innehatte, dann einige Zeit Kapo der Strafkompanie gewesen und nun wieder zum Lagerältesten ernannt worden war. Er war ein untersetzter, breitschulteriger, verschmitzt dreinblickender Bursche. Was mit ihm los war, glaube ich durch zwei Tatsachen deutlich genug demonstrieren zu können. Der Häftling, der uns Zugängen am Tage meiner Einlieferung in das Lager auf dem Appellplatz in geschwollener Form den Informationsvortrag hielt, war Richter. Er schilderte uns im großen und ganzen die uns da noch unglaublichen Lagerverhältnisse richtig und seine Bemerkung, daß er das Aufhängen von Häftlingen selbst besorge, war nicht etwa eine renommierende Übertreibung, sondern entsprach durchaus den Tatsachen. Der zweite Häftling, der die auffallende Wandlung in Richters Haltung herbeigeführt hatte, war Hans Schulenburg, der seinerzeit Lagerpolizist war und sich mit seinem korrekten Verhalten großer Sympathie im Lager erfreute. Richter, der viel ,, Dreck am Stecken" hatte, wußte, daß er in der Hand von Hans Schulenburg war, der ihn jedoch aus seiner grundsätzlichen Einstellung nicht ,, hochgehen" ließ. Aber was wußte Richter schon von der grundsätzlichen Einstellung eines politischen Häftlings!? Er glaubte, sich die persönliche Sympathie durch unterwürfige Speichelleckerei erwerben zu können. Darum dieser plötz150 liche ,, Witterungsumschlag". Er war, wie wir Häftlinge es nannten, eine ,, Radfahrernatur": Krummer Buckel nach oben, treten nach unten --Und die zweite Tatsache: Als Richter dann doch endlich von seinem Schicksal erreicht und gestorben war, sang man im Lager das ,, Buchenwaldlied" mit folgender Variante: Der Wald ist schwarz und der Himmel rot, Und Richter schlägt keine Schwarzen mehr tot. Ich glaube, diese beiden Tatsachen genügen, um Richter zu charakterisieren, das übrige ergibt sich im Laufe des folgenden Berichts: Ich war erst kurze Zeit für das Häftlingsrevier abgestellt, als ich eine merkwürdige Unruhe unter den alten Kameraden beobachtete. Später erst habe ich begreifen gelernt, warum ich nur unter großen Schwierigkeiten die Ursache dafür erfahren konnte. Ich war eben noch zu jung im Lager. Die Erfahrung mußte den alten Kameraden erst zeigen, ob man mir auch restlos vertrauen konnte. Meine politische Vergangenheit und die Tatsache, daß ich eine langjährige Freiheitsstrafe für sie auf mich genommen hatte, und dann auch noch anschließend ins KZ. gekommen war, also drei Dinge, die mir normalerweise ohne weiteres Vertrauen einbringen mußten, galten hier im Lager nur wenig, und es war allgemein üblich, erst eine ,, Feuerprobe" abzuwarten, ehe man einem Häftling Vertrauen schenkte. Zwar hing unser aller Leben sekündlich an einem Reihfaden, dennoch gab es immer wieder Situationen, bei denen man für seine Kameraden noch mehr riskieren konnte. Wer eine solche ,, Feuerprobe" bestand, galt als vertrauenswürdig. Ich hatte eine solche Probe damals häftlingsoffiziell noch nicht bestanden. Aber ich erfuhr doch, daß der Koch aus der Revierküche und der Leichenkapo in die Affäre verwickelt waren, ebenso ein Häftling, der von Beruf Dentist war und als Häftlingspfleger Zahnbehandlungen aller Art durchführte. Die ersten beiden Häftlinge waren ,, Grüne" aus der Gründungszeit, der Dentist ein ,, Schwarzer". Es ist mir unbekannt geblieben, wie die Lagerleitung dazu kam, die Affäre aufzurollen, aber ich weiß, daß es ihr nicht gelang, den ganzen Umfang des Skandals aufzudecken. Seit Jahr und Tag hatte sich der Leichenkapo dadurch in den Besitz von Gold gesetzt, daß er Goldplomben verstorbener Häftlinge herausbrach. Eine Zahnzange hatte er sich aus dem Häftlingsrevier ,, organisiert". Um das so erlangte Gold aus dem Lager herauszubringen, beschritt er drei Wege. Einmal hämmerte er die Goldkronen zu kleinen Klumpen 151 zusammen, die er, wenn er wirklich einmal entlassen werden sollte, rechtzeitig zu verschlucken gedachte. Auf solche Dinge war er als alter ,, Ganove" versiert. Zum zweiten suchte und fand er über den Revierkoch den Weg zum SS.- Scharführer Uhlig, der sich bei entsprechender Beteiligung bereit erklärte, das Gold aus dem Lager zu bringen. Und der dritte Weg ging über den Dentisten, der in langwieriger Nachtarbeit massiv goldene Stiftzähne und Brücken herstellte, die er dann einzelnen Häftlingen, notfalls unter Entfernung gesunder Zähne, einsetzte. Anfangs mag dieses eigenartige ,, Geschäft" verhältnismäßig klein gewesen sein, dann aber, als insbesondere nach dem Judenprogrom des Jahres 1938 und den sich systematisch immer weiter verschlechterten Verhältnissen der ,, Sterbebetrieb" im Lager größere Formen annahm, um von da ab immer umfangreicher und umfangreicher zu werden, hatte der Leichenkapo Gold buchstäblich haufenweise. - Der Scharführer Uhlig- ich habe ihn nur wenige Tage persönlich kennengelernt, denn er wurde bald nach Berlin versetzt war ein junger, hübscher Bursche mit sorglosen Draufgängermanieren, schnodderich, oft zum Scherz und sogar auch zu einer jungenshaften Balgerei selbst mit Häftlingen aufgelegt. Er war allerdings auch launisch; das konnte bei einem derart disziplinlosen Burschen und den Machtbefugnissen, die er als Scharführer im Lager hatte, nicht ausbleiben. Die meisten Häftlinge gingen ihm deshalb aus dem Wege und kalberten nur so lange mit ihm herum, wie sie es tun mußten ohne aufzufallen. Sein Frühstück nahm er regelmäßig in der Revierküche ein. Das war zwar verboten, aber billig, bequem und--- lecker, denn dafür sorgte der grüne Revierkoch auf Kosten der Kranken. Zunächst wurde der Dentist in Arrest gebracht. Das war für alle, die in der Affäre verwickelt waren, das Signal, Spuren zu verwischen und sich einen eventuell erforderlich werdenden Aussageplan zurechtzulegen. Zwei Tage geschieht nichts, dann werden weitere Arrestverhaftungen vorgenommen. Es ist klar: Die Zahnplombengeschichte rollt. - Unter den Beteiligten- es sind ausnahmslos kriminelle Häftlinge wird die Frage diskutiert, ob der Dentist ,, link" ist, was in der Gaunersprache soviel wie verräterisch heißt, oder, wenn er es nicht ist, wie weit er dort oben im Arrest ,, Stange halten" wird. Der Leichenkapo wird nicht zu halten sein, denn den Ursprung des Goldes wird die Lagerleitung bestimmt herausquetschen. Die neuen Arrestverhaftungen werden gesichtet, und da es sich dabei ausnahmslos um Leute handelt, die nicht weiter ,, auspacken" können, lautet die Prognose der Ganoven: ,, Der Zahnklempner hat Herz, er singt 152 überlegt“(er hat Mut und was er verrät, ist überlegt). Der Leichenkapo verspricht für den Fall, daß er„hochgehen“ sollte, mit Vorsicht aus- zupacken und möglichst klein zu bleiben. Über bestimmte Dinge will er unter allen Umständen schweigen, dabei ist auch Uhlig. Das Motiv dafür ist allerdings nicht der Schutz des SS.-Scharführers, sondern Selbst- erhaltungstrieb, denn er weiß genau, daß er sterben muß, wenn die Schiebung mit Uhlig bekannt wird. Es bestand auch eine gewisse Chance, daß die ganze Affäre mit einem blauen Auge für die Beteiligten ausgehen könnte. Denn es handelte sich um kriminelle Häftlinge, denen die Lagerleitung sowieso rein kriminelle Delikte im Lager gerne ein wenig nachsah, weil eine Krähe bekanntlich der anderen das Auge nicht aushackt. Zum anderen wollte der Leichen- kapo die Sache so darstellen, als habe er„die Zähne nur den dreckigen Saujuden ausgebrochen, die das Gold ja sowieso den Ariern geklaut hatten“. Mit dieser Darstellung spekulierte er auf mildernde Umstände, und er hatte guten Grund zu der Annahme, daß er auch Erfolg damit haben würde. Und drittens handelte es sich um eine Erwägung, die ebenso dreist wie vielleicht auch durchschlagend war. Man wollte darauf hinweisen, daß Häftlinge, die mit derartigen Zahnreparaturen aus dem Lager entlassen werden, ein guter Beweis dafür seien, daß die„Greuel- märchen“ über das Lager gar nicht stimmen konnten. Der Leichenkapo wird geholt. Am dritten Tag wird bekannt, daß er sich in seiner Zelle aufgehängt hat oder aufgehängt wurde. Das ist ein schlechtes Zeichen, die Unruhe unter den Beteiligten wird größer, aber es vergehen einige Tage, ohne daß irgendetwas weiteres&eschieht. Hat der Leichenkapo Schluß gemacht, um alle weiteren Spuren zu ver- wischen? Rödl kommt ins Revier, geht durch jeden Raum, hält sich aber über- all nur kurz auf: Nichts deutet darauf hin, daß diese Revision etwas mit der Zahnplombengeschichte zu tun hat. Das Leichenträgerkommando wird restlos abgelöst, ein harmloser- Schwarzer wird Kapo, Leichenträger werden ausnahmslos politische Juden, die diese traurige, unangenehme Verrichtung als--—-— Vergün- stigung empfinden. Nach einigen Tagen wird der Revierkoch geholt und gleichzeitig wird bekannt, daß SS.-Scharführer Uhlig oben im Arrest sitzt. Uhlig begeht Selbstmord, nachdem ihm die Dienstpistole eindeutig in die Zelle zurückgegeben wurde. Nach einigen Tagen beobachte ich, daß Ding eine Spritze aufzieht und sie Seehausen aushändigt, der sie in die Aktentasche legt, die er ständig 153 , unter dem Arm geklemmt bei sich trägt. Seehausen entfernt sich dann auf etwa eine halbe Stunde aus dem Revier. Als er zurückkommt, tuschelt er mit Ding. Ich verstehe nichts davon, nur höre ich etwas wie ,, etwas Luft auch gleich noch mit dabei". Ich war damals noch zu unerfahren und zu jung im Lagerbetrieb, um sofort zu wissen, daß Seehausen den Revierkoch liquidiert hatte. Selbst als ich am nächsten Tag die Totenpapiere für den Revierkoch ausfertigen mußte, ja selbst da noch, als ich durch die Leichenträger erfuhr, daß der Revierkoch offensichtlich durch eine Spritze in den Arm umgebracht worden war, war ich noch ahnungslos. Ich nahm an, daß der Arrestführer, SS.- Scharführer Sommer, dessen Gesichtszüge die eines brutalen Henkers waren, den Mord begangen hatte, während Seehausen die Physiognomie eines klobigen Biedermannes hatte. Aber es dauerte nur wenige Wochen bis ich genug Erfahrung gesammelt hatte, um über die wirklichen Zusammenhänge im Bilde zu sein. Seehausen war der Mann, der das Mordgeschäft an dem Revierkoch mit der Wahrscheinlichkeit verüben konnte, nicht auf Widerstand zu stoßen, denn häufig genug hatte er mit Uhlig zusammen bei dem Revierkoch gefrühstückt. Und der Revierkoch konnte annehmen, daß er von Seehausen wirklich ein Herzstärkungsmittel und kein Gift injiziert bekam Die Zahnplombenaffäre schlief dann bald ein. Der Dentist wurde nach einigen Wochen aus dem Arrest entlassen, und die Häftlinge, die mit in die Affäre verwickelt, aber noch nicht geholt worden waren, bekamen jetzt die Gewißheit, daß ihre Namen der Lagerleitung nicht bekannt waren. Zu diesen Häftlingen gehörte auch der Lagerälteste Richter, der den größten Teil ,, seines" Goldes in seinen Stiefelabsätzen verborgen hatte und der buchstäblich- den ganzen Mund voll Gold hatte. Sein Schicksal vollendete sich einige Zeit später. Schließlich war er doch mit seinen zahlreichen Schiebungen der Lagerleitung lästig geworden. Die Dienste, die er ihr fraglos geleistet hatte, standen wohl nicht mehr in einem annehmbaren Verhältnis zu der Belastung, die ein derartig charakterloser Mensch immer mit sich bringt. Als der Tag aufging, der den letzten Akt über Richter einleitete, war er noch sehr zuversichtlich. Er hatte sich schon durch unzählige Situationen hindurchgewunden, hatte immer wieder festgestellt, daß die Lagerleitung die Hand über ihn gehalten hatte, und war--- an das Sterben so gewöhnt, daß er wohl den Tod auch für sich selbst nicht mehr allzu sehr fürchtete. Welche Dinge der unmittelbare Anlaß waren, daß die Lagerleitung ihn seines Postens als Lagerältesten enthob, weiß ich nicht. Das ist auch 154 gleichgültig, denn Richter hatte unzählige Dinge auf dem Kerbholz, von denen bei anderen Häftlingen eines genügt hätte, um aus ihm eine ,, matschige Leiche" zu machen. Richter wußte, daß er zunächst über den Bock gehen würde. Er meldete sich deshalb als Kranker im Häftlingsrevier. Der Oberpfleger wußte nicht recht, was er tun sollte, denn hätte er Richter in das Revier aufgenommen, wäre es sehr leicht möglich gewesen, daß ihn die Lagerleitung für diese Schiebung zur Rechenschaft gezogen hätte. Auf der anderen Seite wagte er es aber auch nicht, Richter nicht aufzunehmen, denn es bestand immerhin noch die Möglichkeit, daß Richter sich wieder aus der Zange winden und dann erneut in eine Machtposition kommen. würde, die Richter fraglos gegen ihn ausnutzen würde. Er ließ deshalb die Aufnahme mit dem Hinweis in der Schwebe, daß er zunächst wichtigere Dinge zu tun hätte. Inzwischen kamen zwei Scharführer auf der Suche nach Richter herunter nach dem Häftlingsrevier. Richter protestierte zwar dagegen, daß man ihn mit ans Tor nehmen wollte, und sagte, daß er schwer krank sei und zunächst dem Arzt vorgeführt werden müßte, aber die Scharführer lachten amüsiert und kümmerten sich nicht um diesen Protest. Auch die anderen Häftlinge, die Zeuge dieser Szene waren, amüsierten sich nur. Richter erntete seine Saat. Richter wurde dann in Arrest eingeliefert und ging noch mehrfach über den Bock. Daraus wurde geschlossen, daß er nicht zum ,, Singen" zu bewegen war, zumal irgendwelche Arresteinlieferungen, die mit ihm zusammenhängen konnten, nicht stattfanden. Er starb in einer Nacht, in der die SS.- Offiziere in ihrem Kasino ein turbulentes Saufgelage abgehalten hatten. Ding diktierte mir am nächsten Morgen mit verkatertem Gesicht- Ding war sonst kein Trinker- den Totenbericht. Todesursache: Syphilitische Hauptschlagaderentzündung. Das Resultat war der noch nicht erfolgten Sektion vorweggenommen. Es war mit Vorbedacht ausgewählt. Als die jüdischen Leichenträger die Leiche aus dem Arrestgebäude abholten, konnten sie zwar nicht die Spuren einer intervenösen Injektion entdecken, die Spuren einer intermuskulären Injektion wären an dem total zerschundenen Körper sowieso schwer feststellbar gewesen. Dafür aber sahen sie, daß irgend jemand die zahlreichen Goldzähne bereits aus dem Gebiß der Leiche herausgebrochen hatte. Ein Häftling konnte das nicht getan haben- 155 Eines Tages wurde eine alte, etwas isoliert dastehende Holzbaracke, die abgebrochen werden sollte, um einem Steinbau Platz zu machen, auf Rödls Anweisung von sämtlichem Inventar geräumt. Türen und Fenster wurden ungewöhnlich fest verrammelt und die Baracke völlig verdun- kelt. So entstand die Dunkelbaracke, die sich Rödl höchstpersönlich ausgedacht hatte, weil ihm die zahlreichen anderen Strafmethoden nicht mehr ausreichend erschienen. Rödl ordnete folgendes an: 1. Die Dauer der Dunkelhaft bestimme ich. 2. Eine Unterbrechung der Dunkelhaft infolge Krankheit und der- gleichen gibt es nicht. 3. Die Ernährung besteht nur aus Wasser und Brot, und zwar erhält jeder Häftling täglich 200 Gramm Brot. 4. Jedes Gespräch mit den eingesperrten Häftlingen ist strengstens verboten. Als die Baracke hergerichtet war, bezogen 23 Häftlinge auf die Dauer von vier Wochen den Dunkelarrest, nach zwei Tagen folgten noch weitere drei Häftlinge und nach acht Tagen weitere 11, so daß also ins- gesamt 37 Häftlinge eingesperrt waren. Nachher erfolgten keine Ein- sperrungen mehr. Was sich im einzelnen in dieser Baracke abgespielt hat, vermag ich nicht zu sagen, ich weiß auch nicht, ob diese Tragödie je auf- gehellt werden kann, denn es ist mir unwahrscheinlich, daß ein einziger dieser Häftlinge noch am Leben ist. Aber ich kann schildern, was ich selbst sah, und wenn auch Worte die Wirklichkeit nur eben anzudeuten vermögen, hoffe ich doch, daß sie eindringlich genug sind, eine ahnungs- volle Vorstellung erstehen zu lassen. Im-Vorraum der Dunkelbaracke waren auf Rödls Anweisung auf einer großen Tafel die Namen der eingesperrten Häftlinge mit dem Beginn und dem Ende der Strafe geschrieben. Der Scharführer, der die täglichen Brotrationen in die Dunkelbaracke zu bringen hatte, hatte am Morgen nach der vierten Woche die ersten 23 Häftlinge aus der Dunkelheit her- ausrufen wollen, aber es hatten sich nur 4 Häftlinge gemeldet, die wie wandelnde Leichen herauswankten und dann gleich vor der Baracke zu- sammenbrachen. Daraufhin hatte er zum Häftlingsrevier geschickt, die Träger sollten sofort mit vier Bahren nach der Dunkelbaracke kommen. Der erste Häftlingspfleger Walter Krämer war darauf mit Trägern und Bahren nach der Baracke gegangen. Als er dort ankam, war der Scharführer mit einer. Taschenlampe in die Dunkelbaracke eingedrungen und hatte festgestellt, daß ein großer Teil der Häftlinge bereits tot war, daß ein anderer Teil offenbar im Sterben lag und daß die übrigen einen total entkräfteten, apathischen oder wahnsinnigen Eindruck machten. Krämer ließ zunächst die vier Häftlinge, die ohnmächtig vor der Baracke lagen, ins Revier tragen, drang gleichfalls in die Baracke ein und ord- 156 nete dann an, daß sämtliche Träger mit allen zur Verfügung stehenden Tragbahren sofort nach der Dunkelbaracke zu kommen hatten. Es war noch früh am Morgen. Ding und die SDG.s waren noch nicht im Lager und vorerst auch nicht zu erwarten. Darum schloß ich mich der Trägerkolonne an, denn ich ahnte die furchtbare Tragödie. Krämer kam mir entgegen. Ich sah sofort, daß er Entsetzliches erlebt haben müßte. Denn er, der doch schon soviel Elend, Leid und Grausamkeit gesehen hatte und der eine geradezu phänomenale Widerstandskraft besaß, die ich immer und immer wieder an ihm einfach bewundern mußte, und an dem ich schon wiederholt beobachten konnte, daß er selbst bei grausamsten Vorkommnissen die äußere Ruhe bewahrte, war fast fassungslos und blickte mich mit Augen an, aus denen grausigstes Grauen flackerte. Wir besprachen uns kurz. Er sagte mir, daß er im Einverständnis mit dem Scharführer die Toten und die Sterbenden aus der Baracke herausholen lassen wollte. Der Scharführer stand vor der Tür. Auch ihm lag kaltes Grauen auf der Stirn. Er trat sogar beiseite, als Krämer und ich nun in die Baracke eindrangen. Ein unglaublicher, pestilenzartiger Gestank von Kot, Fäulnis und Leichenmoder schlug uns entgegen. Krämer leuchtete mit einer Taschenlampe in die Tiefe der Baracke. Der Fußboden völlig mit Dreck, Kot und Feuchtigkeit verschmiert. Auf der linken Barackenseite erreicht der dünne, matte Strahl der Taschenlampe eine Reihe von toten Häftlingen, die von ihren Kameraden offenbar noch nebeneinander beseitegelegt worden waren, verhungert, verkrampft, in den grauenvollsten Lagen. Dann gleitet der Taschenlampenstrahl nach rechts hinüber. Dort liegen die Toten und Sterbenden durch- und übereinander. Der Lichtstrahl gleitet von einem Skelett zum andern. Es ist nur gut, daß die Lampe nur noch matt leuchtet und darum die ganze Tragödie hier nicht auf einmal vor unseren Augen enthüllt. Dort liegt einer, matt atmend, manchmal von Krämpfen durchzuckt und neben ihm liegen sechs, sieben oder acht Brotrationen. Dort hockt ein anderer zusammengekauert an der Barackenwand, tot, Brot und Wasserbecher noch in der Hand. Und dort die anderen, die Lebenden, auf dem nackten Fußboden sitzend, mit dem Rücken an die Barackenwand gelehnt, apathisch, blödsinnig stierend, entkräftet. Einer hat sich völlig entkleidet und hockt nun da auf seinen Kleidern und erinnert an einen Affen im Zoo. Ein anderer, offenbar ein Zigeuner, sitzt ganz stillvergnügt in einer Ecke und lächelt fortgesetzt vor sich hin, aber das Licht unserer Taschenlampe erzielt keinerlei Reaktion. Als wir hingegen andere Häftlinge anleuchten, heben sie abwehrend die Hand oder senken geblendet den Kopf. 157 Aber merkwürdig, keiner von ihnen spricht uns an, es ist, als ob sie alle die Sprache verloren hätten. Doch dieser Umstand ist uns eigentlich erst nachträglich zum Bewußtsein gekommen, denn ob all des Grauens, das wir sahen, hatten wir vergessen, die Häftlinge anzureden. Wir hatten vergessen, daß sie uns ja gar nicht erkennen konnten, weil wir hinter dem blendenden Licht standen, und daß sie in uns Scharführer und nicht Mithäftlinge vermuten mußten. Wir trugen 19 Tote und 7 Sterbende aus der Baracke. Inzwischen war Dr. Ding in das Lager gekommen und gleichfalls nach der Dunkelbaracke gegangen. Nach wenigen Blicken schon befahl er die vollständige Räumung der Baracke, 4 Häftlinge wurden in ihre Wohnbaracke entlassen, die restlichen 7 zur Behandlung in das Häftlingsrevier eingeliefert. Trotzdem sich die Häftlingspfleger alle nur erdenkliche Mühe gaben, sie sind uns alle 7 dennoch gestorben. Offensichtlich hatte Dr. Ding die Räumung der Baracke auf eigene Faust angeordnet. Da wir wußten, daß die Einrichtung der Dunkelbaracke Rödls persönliches Werk war, nahmen wir an, daß es nun zu einem Zusammenprall zwischen den beiden kommen und Dr. Ding als der Untergebene dabei den Kürzeren ziehen müßte. Aber nichts dergleichen geschah. Als ich Dr. Ding nach einiger Zeit fragte, wie er mit dem Obersturmbannführer in dieser Sache fertig geworden sei, sagte er mir: ,, Ach der! Das hat der Idiot ja schon vierzehn Tage nach der Einrichtung vollständig vergessen. Wenn ich ihm von der Aufhebung der Baracke Meldung gemacht hätte, dann wäre ihm erst wieder eingefallen, daß er sie damals eingerichtet hat." Vielleicht werden es nur ehemalige Lagerinsassen ganz verstehen, daß mir die Vielzahl der grauenvollen Erlebnisse in ,, Buchenwald" nur in den Hauptkonturen und manchmal nur undeutlich im Gedächtnis haften geblieben sind. Aber auch jene Angloamerikaner und Deutschen, die gleich nach Öffnung des Lagers mit den noch vorhandenen Insassen sprachen und sahen, zu welchem geistigen Krüppeltum die Nazischergen selbst intelligente Menschen zusammengefoltert hatten, werden Verständnis dafür haben, daß es einfach unmöglich ist, minutiöse Darstellungen von allen SS.- Greueltaten höllischster Ausgeburt zu geben. Doch jene, deren Geschäfte damit besorgt wären, brauchen nicht zu frohlocken. 158 Es bleibt immer noch mehr als genug übrig, das das Todesurteil über sie spricht! Zwei Jahre etwa befand sich Pfarrer Paul Schneider aus Dieckenschied- Womrath in Buchenwald, neben Pfarrer Niemöller, der damals im KZ. Oranienburg festgehalten wurde, ein namhafter Führer der Bekenntnischristen in Deutschland. Als er sich bei einem Appell weigerte, die Mörderfahne des tausendjährigen Reiches zu grüßen, wurde er auf den Bock gelegt, mit 25 Stockhieben bestraft und dann, weil er sich standhaft weiter weigerte, den geforderten Gruß zu erweisen, in das Arrestgebäude gesperrt. Das war der Anfang seines Endes. Die Häftlinge, bei denen sich Schneider einer großen Beliebtheit und einer allgemeinen Achtung erfreute, weil er vom ersten Tage seiner Lagerzeit an alles buchstäblich mit seinen Mithäftlingen teilte, selbst das Brot und das wenige Geld, das er hatte, und weil er aus seiner christlichen Gesinnung und seiner Gegnerschaft gegen den Nazismus auch jetzt noch keinen Hehl machte, wußten, daß damit das fast absolut sichere Todesurteil über ihn gesprochen war. Aber niemand ahnte an diesem Tage, daß es erst nach mehr als einem endlos langen Jahre vollstreckt werden würde. Bei der Vollstreckung war ich zugegen, und deshalb will ich darüber hier berichten. Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn die Zehntausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude fast über den ganzen Platz schallend gehört: ,, Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. Um Christi willen, erbarmt euch. Betet zu Gott. Bleibt standhaft und treu. Gott, der allmächtige Vater, wird das Übel von uns nehmen." Für uns war alles klar: Paul Schneider war ein Fanatiker des Glaubens, ein tief religiöser Mensch, der in der Leidensgeschichte seines religiösen Idealbildes den Trost und die Stärke fand, das Schwere bis zur Bereitschaft zum Tode auf sich zu nehmen. Paul Schneider glaubte an die Erlösung durch Gott. Er wußte sehr wohl, was nach einer solchen ,, Predigt" mit der Unvermeidlichkeit eines Naturgesetzes über ihn hereinbrechen mußte, aber das sittliche Gesetz in ihm zwang ihn, vorbildlich mutig so zu handeln. Und immer nach solchen Predigten wurde Schneider aus dem Arrest geführt und durchgepeitscht, bis das Blut durch die Kleidung drang. Und dann wurde er halb ohnmächtig wieder in das Arrestgebäude zurückgeschleift. 159 Was Paul Schneider im Arrest außerdem noch durchzustehen hatte, weiß ich nicht, aber es muß grauenhaft gewesen sein. Denn er war dort in der Hand des Arrestleiters, des unglaublich sadistischen SS.- Scharführers Sommer, der mit Wollust prügelte, mit perverser Lust das Baumhängen vollzog und sich immer wieder Gift aus der Apotheke des Häftlingsreviers geben ließ, wonach regelmäßig ein Todesfall im Arrestgebäude verzeichnet wurde. Im Sommer 1939 bekam ich Paul Schneider zum ersten Male aus nächster Nähe zu Gesicht. Er wurde von dem SS.- Scharführer Sommer plötzlich in das Häftlingsrevier gebracht. Welch ein Anblick! Niemals habe ich die tiefe Tragik des Pilatuswortes ,, Ecce homo" erschütternder gefühlt. Das große, edle, fahlgelbe Gesicht mit den hellen, offenen Augen leidzerfurcht, und doch voll jener Verklärung, die edelstes Menschentum und entschlossener Wille auf jede Kämpferstirne legt. Der Körper abgemagert zum Skelett, die Arme unförmig geschwollen, an den Handgelenken blaurote, grüne und blutige Einschnürungen. Und die Beine- es waren keine Menschenbeine mehr Elefantenbeine - es waren Wasser! Wir, die wir viele, viele Häftlinge schon hatten an Kreislaufstörungen sterben sehen, standen vor einem Rätsel: Wie war es möglich, daß dieser Mensch noch lebte?! Daß er in diesem Zustande, zwar unbeholfen und wankend, aber doch noch aus eigener Kraft den langen Weg über den großen Appellplatz, durch die endlos lange Barackenreihe und durch den Wald hinunter ins Häftlingsrevier zu gehen vermocht hatte?! SS.- Scharführer Sommer, dessen schmutziges Gesicht mit den ebenso stupiden wie jaguarverschlagenen und brutalen Zügen abgrundtief kontrastierte, wich keinen Augenblick von Schneiders Seite, und wir Häftlinge konnten kein Wort mit unserem Kameraden wechseln, um Näheres zu erfahren. Was sollte hier geschehen? Wieder ein Mord? So abgestumpft wir gegen den täglichen Massentod geworden waren, hier rührte er uns doch irgendwie tiefer an. Paul Schneider war nicht irgendein namenloser, unbekannter, aber deshalb nicht etwa weniger erbarmungsvoller Häftling. Paul Schneider war einer von denjenigen, dessen Tod weitere Kreise ziehen würde, Kreise bis hinüber nach Holland, England, Schweden, Amerika. Und. Paul Schneider war unser Kamerad, dessen Gesinnung vielleicht nicht die unsere, aber dessen Lauterkeit und Tatchristentum über allen Zweifel erhaben war.. Doch unsere versteinerten Gesichtszüge verrieten dem SS.- Scharführer 160 Sommer nichts von dem, was in uns vorging. Nur die vertrautesten Häftlinge wechselten miteinander Blicke, die dem geschulten Eingeweihten sagten, was wir fühlten und wie bewegt wir innerlich waren. Nicht den Bruchteil einer Sekunde unterließen wir unsere zugewiesene Beschäftigung, und langsam schläferte das luchsartige Forschen in den Augen des Schergen Sommer nach ,, Anzeichen" bei uns ein. Dann kam der Lagerarzt Dr. Ding. ,, Warum haben Sie sich nicht krank gemeldet, Schneider?" sprach ihn Ding mit ruhigem, sachlichem, vorbildlich ärztlichem Tonfall an. Paul Schneider wollte von der Bank aufstehen, auf die er sich hatte setzen dürfen, aber Ding sagte sofort: ,, Bleiben Sie sitzen." Nun blickte Paul Schneider etwas hilflos zu Ding auf, offenbar überrascht von der Art, wie er angesprochen wurde. Aber deutlich sah ich in seinen Augen, daß er dem Ton nicht traute. Er machte mit der rechten Hand eine Gebärde, als wüßte er nicht recht, was er antworten solle. Ding wiederholte noch einmal geradezu gütig- suggestiv: ,, Sie sind doch krank! Sie müssen sich doch melden, wenn Sie sich nicht wohl fühlen!" Paul Schneider antwortete nichts. War denn dieser Dr. Ding nicht Lagerarzt im Konzentrationslager Buchenwald? War er denn ein ahnungsloser Engel aus einer anderen Welt? Sah er denn gar nicht, daß dieser Mensch hier ganz offensichtlich bis an den unmittelbaren Rand des Todes gefoltert worden war? Wir Häftlinge, die dabei waren, taten so, als wäre die Sache völlig belanglos für uns. ,, Kommen Sie mit", fuhr Ding dann fort ,,, ich werde Sie untersuchen." Paul Schneider erhob sich mühsam und wankte hinter Ding her in einen anderen Barackenraum, wo ihn Ding abfühlte und mit einem Stethoskop abhorchte. Wird ihm Ding jetzt eine Spritze geben?- Nein! Er tut es nicht!! Er ordnet an: ,, Salbenverband um die Handgelenke. Traubenzucker. Herzstärkungsmittel. Vorsichtige Massage. Rotlicht für die blutunterlaufenen Partien auf Rücken, Gesäß und Oberschenkel." Und er überläßt die Ausführung den Häftlingspflegern. Was geht hier vor? Wende? Will man Paul Schneider jetzt anders behandeln? Menschenwürdig? So wie es das äußere und innere Gesetz gebietet? Die Häftlingspfleger bemühen sich um Paul Schneider, aber sie können kein Wort mit ihm wechseln, das ihnen eine Erklärung, eine Beantwortung unserer Fragen geben könnte, denn Sommer weicht auch jetzt 11 Poller, Buchenwald 161 nicht von Schneiders Seite. Als Ding den Raum verläßt, ordnet er an: ,, Die Behandlung wird morgen fortgesetzt. Sommer, Sie bringen Schneider morgen früh sofort nach dem Appell wieder ins Revier." Die Behandlung wurde etwa acht bis zehn Tage lang fortgesetzt. Schneider erholte sich überraschend schnell. Einmal bin ich während dieser Zeit dabei, wie Ding ihn fragt: ,, Na, Schneider, wie fühlen Sie sich jetzt?" Schneider lächelt: ,, Gut, Herr Sturmführer." Ding fragt weiter: ,, Haben Sie ein ordnungsgemäßes Lager in Ihrer Zelle?" Schneider: ,, Ja, Herr Sturmführer." Ding: ,, Geben Sie doch Ihren Unsinn auf, Schneider. Sie sehen doch, daß Sie ordentlich behandelt werden, wenn Sie sich in die Lagerdisziplin einfügen." Paul Schneider antwortet nicht, lächelt nur, aber seine Augen funkeln. Ding fährt fort: ,, Ich werde mit dem Standartenführer sprechen, ob Sie aus dem Arrest entlassen werden können."- Inzwischen haben die Pfleger mit Schneider sprechen können. Er war wieder einmal etwa vierzehn Tage in der Zelle ununterbrochen Tag und Nacht wie ans Kreuz geschlagen gefesselt worden. Scharführer Sommer, den er als Mörder und Folterknecht bezeichnete, hätte ihn immer und in dieser Zeit besonders gräßlich mißhandelt. Er wüßte sich nicht zu erklären, warum er jetzt plötzlich so anständig behandelt würde. Ob er wohl entlassen werden sollte---? Als die Behandlung mit einem frappierenden Erfolg zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, nimmt Ding wieder eine eingehende körperliche Untersuchung mit Auskultation des Herzens und der Lunge vor und sagt dann: ,, Sehen Sie, Schneider, Sie haben sich prächtig erholt. Nur noch eine kleine Insuffizienz. Na, ist ja erklärlich bei der ganzen Chose. Das kriegen wir aber auch noch hin. Wollen mal ein Herzstärkungsmittel injizieren." Ding holt aus der Apotheke eine Ampulle, zieht die Spritze in Schneiders Gegenwart auf und injiziert. Am nächsten Tage bin ich nicht dabei, als Schneider von Sommer ins Revier gebracht wird. Nach den Berichten der Pfleger hat Ding Schneider gefragt, wie er sich nach der gestrigen Spritze gefühlt habe. Schneider habe geantwortet, er habe sich im ganzen gut gefühlt, nur sei ihm etwas schwindelig gewesen. Das habe eigentlich nicht sein sollen, habe Ding darauf erwidert, aber vielleicht liege eine gewisse Allergie gegen das Medikament vor, mit dem er sonst immer sehr gute Ergebnisse er162 zielt habe. ,, Wir wollen es einmal mit einem anderen Mittel versuchen, und sehen, wie Sie das vertragen." Als ich in das Behandlungszimmer komme, ist Ding nicht anwesend. Schneider sitzt unter der Höhensonne. Meinen Morgengruß erwidert er lächelnd. Er hat sich ganz ausgezeichnet erholt. Arme und Beine sind wieder normal, nur der Körper ist noch ungewöhnlich hager, aber der Brustkorb wölbt sich breit und kräftig und Schneiders Körperhaltung ist wieder gut gestrafft. Ding kommt ins Zimmer. Er hat eine vollgesogene Spritze in der Hand. Er ist-- überraschend lebhaft. Oh, ich kenne dieses Wesen an ihm! Im Bruchteil einer Sekunde ist mir alles klar. Ich kann nicht mit dabei sein, verlasse den Raum und begebe mich in das Arztzimmer. Ich bin wie gerädert. Hatte ich nicht auch schon zu glauben angefangen, daß Paul Schneider Buchenwald überstehen könnte!? Und nun wieder diese plötzliche Wende! Mehr mechanisch und nur ungern, einem inneren Zwange folgend, gehe ich zum Papierkorb, in den Ding die leeren Ampullen zu werfen pflegt. Und dort liegen- fünf leere Strophantinampullen. Zwei davon auf einmal injiziert sind schon tödlich. Kurze Zeit hinter mir kommt Ding in das Arztzimmer, setzt sich an den Schreibtisch, und ich reiche ihm die Unterschriftenmappe. Er unterschreibt, liest kein Schriftstück durch, ich sehe es deutlich. Seine Gedanken sind ganz woanders. Peix, der Häftlingspfleger der inneren Station, tritt ins Zimmer. So, jetzt kommt es. Ding tut geschäftig. Ich blicke auf Peix. Die Sekunde wird zur Ewigkeit. ,, Herr Doktor", sagt Peix ,,, soll Schneider jetzt wieder in den Arrest zurück?" ,, Wie?" fragt Ding ganz überrascht, starrt einen Augenblick ins Leere, wie es jemand zu tun pflegt, der in dem plötzlich aufgeschreckten Bruchteil einer Sekunde tausend Gedanken durchdenkt ,,, Wie?---- So.-- Ja. Nein." Es liegt eine Atmosphäre grenzenloser Unbegreiflichkeit in der Luft, und immer noch starrt Ding ins Leere. Dann aber sagt er, als handele es sich um eine ganz harmlose Therapie: ,, Nein, leg ihn noch eine halbe Stunde unter den Lichtkasten." Peix geht aus dem Zimmer, und Ding unterschreibt weiter. Sollte ich mich doch getäuscht haben? Das ist doch gar nicht möglich, daß irgendein Menschenherz diese Giftdosis länger als wenige Minuten überdauert!! Sehe ich denn schon Gespenster? Ding ist vollkommen ruhig, stellt Fragen an mich, bespricht dies und das. Ich muß mich getäuscht haben! 11* 163 Da kommt Peix in das Zimmer gestürzt: ,, Herr Sturmführer, bitte schnell." Ding springt auf, fragt gar nicht erst, was geschehen sei, und läuft mit schnellen Schritten hinter Peix her. Ich muß mich einen Augenblick an der Tischkante festhalten. Dann gehe ich auch ins Besuchszimmer. Dort, lang hingestreckt auf dem Boden, liegt Paul Schneider. Tot. Ding kniet neben der Leiche, öffnet die geschlossenen Augenlider. Peix steht wie eine Bildsäule daneben.- Später erfahre ich dann, daß Paul Schneider über plötzliches Schwindelgefühl unter dem Lichtkasten geklagt habe. Der Pfleger habe darauf den Lichtkasten abgenommen und als Paul Schneider auf den Stuhl zugegangen sei, auf dem seine Kleider lagen, sei er umgefallen--- Im Arztzimmer diktiert mir Ding dann eine frei erfundene, völlig verlogene Krankengeschichte. Eine Fieberkurve wird gezeichnet, trotzdem Schneider nie im Revier in stationärer Behandlung war. In dem Totenbericht heißt es, daß Schneider bereits aus der stationären Behandlung des Reviers entlassen worden sei und sich nur noch in ambulanter Behandlung befunden habe. Der Tod sei nach einer ambulanten Behandlung überraschend in der Nähe der Revierbaracke eingetreten. Die Todesursache sei wahrscheinlich Herzschwäche. Der Lagerkommandant Koch wird sofort benachrichtigt. Das ist das erste Mal, daß so etwas geschieht. Berlin bekommt durch Fernschreiben Bescheid. Die gefälschten Krankenpapiere, in denen eine mehrfache Revierbehandlung zusammengelogen wird, werden sorgsamst zusammengestellt, um sie auf Anforderung sofort nach Berlin schicken zu können - und sie wurden natürlich auch prompt angefordert. Und indes die jüdischen Totenträger den Leichnam in die erbärmliche Totenbaracke außerhalb des Lagers transportieren, zermartere ich mir immer noch den Kopf: Warum dieser Aufwand? Sonst macht man doch viel kürzeren Prozeß?! Jetzt wird sogar noch die Sektion der Leiche angeordnet. Die Rätselfrage wird immer unentwirrbarer für mich. Am nächsten Tag kommt der Prosektor vom pathologischen Institut der Universität Jena. Ich muß das Sektionsprotokoll schreiben. Noch einmal sehe ich Paul Schneider auf der Pritsche. Keine Spur irgendeiner Miẞhandlung, keine Spur all des Leides, das dieser Mensch durchstehen mußte. Nur dort in der Beuge des rechten Armes eine kleine, kaum sichtbare Stichverletzung, die Stelle, an der der Mörder das Gift in die Blutbahn spritzte, das Gift, das nicht wirken wollte, wer weiß, aus 164 welchem Grunde nicht, und das dann unter dem herzschwächenden Lichtkasten endlich zur Wirkung kam. Die Leiche wird geöffnet. Alle Organe in Ordnung. Nirgends die Spur irgendeiner Krankheit, die zum Tode hätte führen können. Das Herz wird geöffnet, dieses große, überstarke, gläubige Herz. Das Sektionsprotokoll schließt mit den Worten: Todesursache Herzinsuffizienz. Und hier der Epilog. Er bringt auch die Beantwortung der Fragen, die mir bis dahin noch Rätsel waren. Schneiders Leiche wird nicht nach Weimar ins Krematorium geschafft!! Ein paar Tage später werden Peix und ich beauftragt, dabei zu sein, wenn die Leiche abgeholt wird. Und auch hier wieder erbärmlichstes Theater. Noch nie ist eine Leiche aufgebahrt worden. Im Gegenteil, alle Leichen wurden in der unwürdigsten Weise in die primitiven Särge gestopft und haufenweise nach den Verbrennungsanstalten gefahren. Aber hier wird auf Befehl des Schutzhaftlagerführers, SS.- Obersturmbannführer Rödl, Träger des goldenen Parteiabzeichens und des Blutordens, Trunkenbold, Sadist, Mörder, eines Mannes, der viele, viele tausend wehrlose ,, Schutz" häftlinge brutalst zu Tode quälte oder richtiger quälen ließ, hier wird auf Befehl dieser Bestie in Menschengestalt auf dem ,, Karachoweg" eine Autogarage ausgeräumt und dort der Leichnam aufgebahrt. Ja, um das Maß des Hohnes voll zu machen, Rödl läßt sogar aus der Gärtnerei Blumen bringen und sie zu beiden Seiten der Leiche aufstellen. --Und dann war ich dabei, wie Frau Schneider kam, von einem Freunde begleitet, die Frau, der man den Gatten, den Vater ihrer sechs unmündigen Kinder mordete. Sie trat nicht nahe an den Sarg. Die Leiche wurde in einen mitgebrachten Sarg umgebettet, der Sarg versiegelt und plombiert. Frau Schneider aber bekam die Auflage, daß der Sarg unter keinen Umständen wieder geöffnet werden dürfte. Ich habe während meiner Haftzeit viele harte und grausame Dinge durchstanden, Dinge, die sich schwer auf meine Seele legten und mich nie wieder frei lassen werden. Aber diese unmenschlichen Grausamkeiten sind es nicht allein gewesen, die mich häufig bis an den Rand meines. Widerstandsvermögens brachten und mich zu erdrücken drohten. Wer wüßte nicht, was das, was wir Menschen als ,, Gesinnung" be165 zeichnen, für den Bestand der menschlichen Gesellschaft im kleinen und im großen bedeutet. Die Gesinnung ist meistens der erste Anhaltspunkt, um einen Menschen zu beurteilen und zu bewerten, ihm zu vertrauen oder ihn abzulehnen. Und ich habe auch viele, viele prächtige Menschen kennengelernt mit einer Gesinnung, die durchaus nicht immer die meine war, die aber in ihrer Selbstdisziplin und in ihrer sittlichen Forderung an die streng einzuhaltende allgemeine Disziplin die fruchtbarste Voraussetzung zur Errichtung und zum Ausbau einer Gesellschaftsordnung war, in der das Leben eine einzige Lust sein muß. Doch ich habe auch viele, herbe Enttäuschungen erlebt, die sich schwer auf meine Seele legten. Wahrhafte Gesinnung ist immer das Ergebnis langer, schwerer, innerer Kämpfe, eifrigsten Studiums, harten seelischen Ringens, kritischster Selbstphilosophie, ehrlicher Toleranz. Gesinnung kann nur haben, wer sich seine Weltanschauung selbst zimmert und seine Lebensführung täglich auf den kategorischen Imperativ abstimmt, der zwar verschieden formuliert sein mag, doch fast immer den gleichen Inhalt hat. Aber wie häufig traf ich Leute an, deren ,, Gesinnung" in einer Handvoll Phrasen bestand. Leute, die ,, Gesinnung" als Aushängeschild benutzten, um in den Besitz persönlicher Vorteile zu kommen. Leute, die mit verrückten Behauptungen operierten und sich selbstgerecht und überheblich auf ,, ihren Kreis" zurückzogen, wenn diese Behauptungen durch die Wucht der Tatsachen oder durch die Macht der Logik als Chimäre entlarvt wurden oder zu werden drohten. Leute, die selbst nicht viel taugten, aber immer sofort bereit waren, am anderen kein gutes Haar zu lassen. Leute, die unter der Maske der Uneigennützigkeit schmierige Gemeinheiten begingen. Leute, die ihre ,, Gesinnungsfreunde" gar nicht erst auf die allgemein menschlichen, intellektuellen und seelischen Qualitäten hin untersuchten und beurteilten, sondern denen es die Hauptsache war, möglichst viele ,, Anhänger" zu haben, und die auch nicht davor zurückschreckten, minderwertigem Gesindel, das„, Gesinnung" zu markieren verstand, Macht über Mitmenschen in die Hand zu geben. Wie selten habe ich hingegen Menschen angetroffen, die sich ihre Mitmenschen in erster Linie darauf ansahen, welche guten Seiten, welche geistigen und seelischen Qualitäten, welche Talente und Eignungen sie hatten, um dann zu versuchen, diese guten Seiten für das allgemeine Beste zu mobilisieren. Gewiß, ich habe solche Menschen verhältnismäßig selten getroffen. Aber ich habe sie getroffen! Und ich habe immer festgestellt- gleich166 gültig welcher Gesinnung sie auch waren, daß sie sich allgemeiner Beliebtheit und Achtung erfreuten, daß der schmierige Geifer kleinlichen Hasses oder niedriger Verdächtigung nicht an sie heranreichte. Das waren die geborenen Führer. Mancher von ihnen ging zur Zeit der Republik seinen Weg, aufrecht und stolz, nichtachtend des Giftes, das die Hydra der politischen Dunkelmänner aus tausend dunklen Kanälen gemein und niederträchtig oft aus dem Hinterhalt gegen ihn spritzte, und wurde schließlich doch ein Opfer, denn viele Hunde sind des Hasen Tod. Und jene Demokratie, die solchen Methoden noch einmal Tür und Tor öffnet, ist keine Demokratie. Die Gestalter unseres kommenden Reiches mögen es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachten, von vornherein die Waffe zu schmieden, die den Dunkelmännern und Nichtskönnern auf allen Gebieten des öffentlichen, sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens die Drachenzähne ausbricht, wo immer sie sich auch nur leise bemerkbar machen! Ich könnte hier ein hohes Lied von jenen politischen Häftlingen singen, die ich im Zuchthaus und im Konzentrationslager in allen Schattierungen antraf und die selbst da noch, als sie zu den Geschlagenen und Getretenen gehörten, dem sittlichen Gesetz in ihnen gemäß lebten und wirkten. Und es wäre mir ein leichtes, aufzuzeigen, welcher Art und welcher Gesinnung sie waren. Aber ich glaube, das ist noch nicht an der Zeit. Und ich würde wohl auch nicht in ihrem Sinne handeln, wenn ich den Glorienschein, den sie sich tausendfach verdient haben, um ihre Stirn winden würde. Sie sind ja keine Hitlernaturen, die sich blasphemisch lobhudeln ließen, ja sich sogar selbst öffentlich beweihräucherten. Aber wenn es einmal erforderlich werden sollte, dann werde ich dieses Lied mit hundert Strophen singen, um aufzuzeigen, aus welchem Holz jene Männer und Frauen geschnitzt sein müssen, die zur Führerschaft, zur alleinigen Führerschaft in jenem Reich berufen sind, das unsere Sehnsucht ist. Doch was soll ich z. B. zu einem„, politischen Häftling" sagen, der einstmals führender Funktionär war, im Konzentrationslager aber willfähriger Handlanger des Mordbetriebes wurde? Was soll ich zu einem ,, politischen" Kapo sagen, der seine Mithäftlinge mit SS.- Brutalität schlug und peinigte und sie der Lagerleitung zur Bestrafung meldete, nur um selbst nicht unmittelbar zu den Geschlagenen und Gemarterten zu gehören? Was soll ich zu einem ,, politischen" Kapo sagen, der sich zu seiner Günstlingswirtschaft bestechen ließ? Es war ungeschriebenes Gesetz, daß jeder politische Häftling, der sich 167 - im Lager nicht als Schweinehund gezeigt hatte, bevorzugt Schutz und Hilfe von allen politischen Mithäftlingen zu genießen hatte. Was aber soll ich zu folgendem Vorfall sagen?: Das Lager Buchenwald mußte wieder einmal 2000 Häftlinge an das Konzentrationslager Mauthhausen abgeben. Mauthhausen wurde bei uns Mordhausen genannt, denn es war bekannt und die späteren Aufdeckungen haben es ja auch bestätigt-, daß die Verschickung nach dort dem sicheren Todesurteil gleichkam. Aber was soll ich dazu sagen, daß es eine politische Clique im Lager fertig brachte, auf die Verschickungsliste auch den Namen eines früheren Arbeiterführers zu setzen, der von dieser Clique selbst noch im Lager als Steigbügelhalter Hitlers und Sozialfaschist bezeichnet wurde. Und das, trotzdem er durch eine langjährige Zuchthausstrafe und seine Verschickung nach Buchenwald doch wohl genügend bewiesen hatte, daß er Todfeind des verruchten Nazismus war. Es war ungeschriebenes Gesetz im Lager, daß die freigewordenen Posten möglichst durch geeignete politische Häftlinge besetzt werden sollten. Und wir Häftlinge konnten hier sehr häufig entscheidenden Einfluß ausüben. Bei allen anständigen Häftlingen war es dabei selbstverständlich, nur auf die persönliche Eignung und nicht auf die politische , Vergangenheit" zu achten. Aber was soll ich dazu sagen, wenn wir immer und immer wieder feststellen mußten, daß es politische Cliquen gab, die nur ,, ihre" Leute, und wenn sie auch gar keine persönliche Eignung für den Posten besaßen, auf den Posten brachten? دو Nein, das sind keine politischen Männer, das sind Totengräber der Freiheit, das sind Nationalsozialisten mit umgekehrtem Vorzeichen! Und es wird mit eine der ersten Aufgaben unserer zukünftigen Führer sein, solchem Otterngezücht von vornherein das Handwerk zu legen. Wird diese Aufgabe nicht gelöst, dann wird die Sehnsucht aller anständigen Menschen für alle Zeiten Traum bleiben und nie Wirklichkeit werden. 茶 茶水 Interessante, sachliche und aufschlußreiche Diskussionen hatte ich mit dem ehemaligen kommunistischen Abgeordneten Walter Stoecker, der gleichfalls im Lager war. Stoecker, der sich begreiflicherweise sehr zurückhaltend benahm, arbeitete bei den Fußbodenlegern und wurde von der Lagerleitung im Gegensatz z. B. zu Ernst Heilmann nicht besonders drangsaliert, sondern wie jeder andere Häftling behandelt. Eben168 so wurden andere prominente Häftlinge, wie Neubauer, Mierendorff, der Sohn von Eisner usw., durchaus nicht besonders behandelt. Ich lernte Walter Stoecker näher kennen, als er wegen einer plötzlich aufgetretenen Gesichtsnervenlähmung in Revierbehandlung kam und mit Zustimmung des Lagerarztes Dr. Ding auch nach seiner Heilung noch einige Zeit zur Erholung im Revier verblieb. Zwar habe ich Stoecker nie als Redner in Volksversammlungen gehört, weiß also auch nicht, wie er dort operierte und argumentierte. In den persönlichen Gesprächen mit mir zeigte er sich als gebildet, belesen und von ruhiger Sachlichkeit, ohne jenen unangenehmen, überheblichen und unsachlichen Eifererbeigeschmack, den ich bei Agitatoren seiner politischen Richtung leider häufig antraf. Wir haben nicht nur soziale, wirtschaftliche und politische Probleme durchgesprochen, wir haben uns auch über kulturelle, philosophische, künstlerische und religiöse, naturwissenschaftliche, technische und pädagogische Fragen ausführlich unterhalten und haben hier fast immer Übereinstimmung der Anschauung und der Zielsetzungen festgestellt. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren, wenngleich ich auch nicht verhehlen kann, daß wir uns in der Frage der Taktik weitgehend differenzierten. Diese taktischen Differenzen bedürfen weiterer Klärung, und es wird Sache des deutschen Volkes sein, in den kommenden schweren Jahren damit fertig zu werden, denn mit ihrer Klärung wird über Leiden und Wohlfahrt des Weges entschieden, der die Wunden des Krieges heilt und zu einem wohnlichen Menschheitsbau führt. Es liegt eine besondere Tragik über Walter Stoeckers Tod, und darum will ich hier auch darüber berichten. Im Lager war eine Typhusepidemie ausgebrochen und eine Schutzimpfung aller Häftlinge angeordnet worden. Die Impfung wurde ohne SS.- Aufsicht von Häftlingspflegern durchgeführt, und deshalb konnten wir den Häftlingen, denen die strikte Einhaltung der Vorschriften zuzutrauen war, die eine Infektion ohne weiteres verhüteten, die Impfung freistellen. Die meisten Häftlingspfleger verzichteten auf die Schutzimpfung, Walter Stoecker, der noch im Revier lag, tat es nicht. Und Walter Stoecker war einer von jenen äußerst seltenen Fällen, die bei einer derartigen Massenimpfung leider immer eingesetzt werden müssen. Der Typhusbazillus hat eine sieben- bis neuntägige Inkubationszeit, d. h. zwischen der eigentlichen Infektion und dem ersten Auftreten der Erkrankung liegen sieben bis neun Tage. Erfolgt eine Schutzimpfung in dieser Zeit, dann erkrankt der Geimpfte meistens besonders schwer. 169 Walter Stoecker war bereits infiziert, als er die Schutzimpfung auf eigenen Wunsch erhielt. Er starb, weil er am Leben erhalten werden wollte und sollte. Die damalige Nachricht in ausländischen Zeitungen, daß er im Konzentrationslager Buchenwald ermordet worden sei, stimmt nicht. ,, Auf der Nordseite zwischen den Türmen hängt einer am Draht!", alarmierte mich ein Totenträger, den ich gebeten hatte, mir Bescheid zu sagen, wenn wieder einmal ein Häftling seinem Leben durch Berührung des Hochspannungsdrahtes ein Ende gesetzt hatte. Ich hatte einen solchen Vorfall noch nicht gesehen, trotzdem diese Art des Freitodes nicht selten war. Das lag daran, daß die Lebensmüden aus begreiflichen Gründen fast immer nur abseitige Stellen wählten und der Drahtzaun, der das riesige Lagerterrain umspannte, selbst von den hohen Wachttürmen nur auf kurze Strecken zu überschauen war. Und bevor ich Arztschreiber geworden war, hätte ich es auch nicht wagen können, meine Arbeitsstelle zu verlassen. Bei der Selbständigkeit, in die ich mich anfangs nur durch die Eigenart der Umstände, später aber durch immer stärker entfaltete eigene Initiative hineinmanövrierte, konnte ich es jetzt ohne nennenswerte Gefahrenmomente riskieren, ,, Entdeckungsfahrten" zu unternehmen und„ Privatbesorgungen“ zu erledigen. Ich machte mich also auf den Weg quer durch den Wald nach der mir näher bezeichneten Stelle. Auf halbem Wege sah ich, daß Scharführer Sommer mit einem Häftlingstrupp den Hauptweg zwischen den Barackenreihen herunterkam. Ich kümmerte mich nicht darum und ging geschäftig meines Weges weiter, als hätte ich es besonders eilig. Der Häftling hatte fast genau in der Mitte zwischen zwei Wachttürmen den Tod gesucht. Der elektrisch geladene Drahtzaun war an dieser Stelle durch einen Stacheldrahtverhau gesichert, der zwanzig Meter davor etwa drei Meter breit aufgebaut war. Man konnte ihn durch eine Bohle überklettern, die sich der Kamerad wahrscheinlich von einem in der Nähe gelegenen Bretterstapel geholt und darüber gelegt hatte. Die Überquerung des Drahtverhaues war uns Häftlingen mit der Warnung, daß wir im Übertretungsfalle von den Wachttürmen aus erschossen würden, verboten. Ich war daran interessiert, den verkrampft im Draht hängenden Häftling näher zu sehen, und da ich in meiner weißen 170 Pflegerkleidung deutlich als Häftlingspfleger zu erkennen war, wagte ich, den Verhau auf der Bohle zu überklettern. Die Kleidung, die wir uns selbst zugelegt hatten, hatte überhaupt eine eigenartige Wirkung. Und diese Wirkung allein, nicht etwa irgendeine Eitelkeit höchst unangebrachter Art, war es, die uns veranlaßte, auf unsere Kleidung besondere Sorgfalt zu legen. Wir stachen mit unseren sauberen, schneeweißen und gepflegten Anzügen derartig von der allgemeinen Lagerbekleidung ab, daß selbst die SS.- Leute sich davon beeindrucken ließen. Man hielt uns für eine besondere Sorte Mäuse, mit der wahrscheinlich weniger gut kirschenessen war, und ließ uns fast immer ungeschoren, selbst auch dann noch, wenn wir uns mit der genügenden Sicherheit und Selbstverständlichkeit Dinge herausnahmen, für die andere Häftlinge ,, zu Klumpen geschlagen" wurden.„, Kleider machen Leute", dieses Sprichwort, mit dem das Volk mit Recht mehr kritisiert als guten Rat erteilt, hatte sogar im Konzentrationslager seine Gültigkeit nicht ganz eingebüßt. Unmittelbar vor dem Drahtzaun lag eine Doppelreihe spanischer Reiter. Diese hatte der Häftling noch überklettern müssen, um den geladenen Draht zu berühren. Als ich näher trat, rief mich der Wachtposten vom Turm an: ,, Vorsicht! Strom ist noch nicht ausgeschaltet!" Was doch die Kleidung alles tut! dachte ich; hätte ich die übliche Häftlingskleidung getragen, ich hätte wahrscheinlich schon längst ein paar Kugeln aus der„, Fettspritze" im Leib. Nun war der ehrenwerte Staatsbürger dort oben sogar um mein Wohlergehen besorgt--Der tote Häftling, der verkrampft mit wächsernem Gesicht am Draht hing, war barfuß. Ich sah deutlich, wie er mit seinen nackten Füßen über den Stacheldraht gelaufen war, und mußte daran denken, in welcher Verzweiflung er sich befunden haben mußte, um dieser Qual nicht zu achten. Noch stand ich bei der Leiche, als ich hinter mir im Wald erbärmliche Schmerzensschreie hörte, die anfangs immer lauter, dann aber bald kläglicher wurden, bis sie ganz erloschen, in der Abstufung etwa wie das Angst- und Schmerzensgeschrei eines Schweines, das ohne Betäubung von einem ungeschickten Schlächter umgebracht wird. Bald darauf wieder ähnliche Schmerzensschreie, diesmal nur dumpfer, qualvoller, noch entsetzlicher, langgezogen und röhrend. Dazwischen mengte sich nun mit hellem Diskant ein flehendes, ungeheuer verzweifeltes Gejammer, als wenn ein Weichling in entsetzlicher Todesangst und unter fürchterlichen Qualen um sein Leben schrie. Es war mir sofort klar, daß irgendwo ein„, Strafvollzug" stattfand, und trotzdem es immer ratsam war, um solche Stätten einen möglichst 171 weiten Bogen zu machen, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, wegen der ,, Neugierde" gleich mit ,, behandelt" zu werden, beschloß ich doch, meinen Rückweg über den Waldrand zu nehmen, von wo die Schmerzensschreie kamen. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis ich den ,, Richtplatz" entdeckte. Da hingen schon vier oder fünf Häftlinge an einer Baumgruppe, während etwa die gleiche Zahl noch etwas abseits stand und offensichtlich darauf wartete, bis die Reihe an sie kam. Ich wurde Zeuge des ,, Baumhängens", von dem ich schon gehört hatte und das von den Häftlingen sehr gefürchtet war. Das ,, Baumhängen" hatten die Herren Nationalsozialisten aus dem ,, Baumbinden", wie man so schön sagt ,,, entwickelt". Aus der FridericusRex- Legende, mit der die Militaristen ihre unheilvolle, traurige ,, Politik" bis zur blinden Besessenheit emporzupeitschen verstanden, indem sie alle Brutalität in Humanität, alles würdelose Verhalten dieses Preußenkönigs in preußische Ehre und alle Geistesknechtschaft, mit der er sich an der Macht hielt, in Freiheit und Toleranz umfälschten, aus dieser Fridericus- Rex- Legende ist bekannt, daß es neben anderen Dingen zu seiner Zeit im Schwange war, einen Delinquenten an das Rad oder an den Baum zu binden. Wie die Nazis als Geistesverwandte aus dem Spießrutenlaufen den Prügelbock entwickelt hatten, so entwickelten sie aus dem Baumbinden das ,, Baumhängen". Es bestand darin, daß man dem Missetäter die Hände auf dem Rükken zusammenband und ihn dann an dieser Fesselung an einem in einen Baum geschlagenen Nagel aufhing. Wer sich keine Vorstellung davon machen kann, was das bedeutet, versuche ein kleines Experiment an seinem eigenen Körper. Ich kann mir so eine nähere Beschreibung ersparen. Ich rate ihm aber, sich die Hände dabei kreuzweise fesseln zu lassen, denn das dürfte zu seiner Belehrung schon genügen. SS.- Scharführer Sommer zog es vor, die Hände der Häftlinge lang aneinander zu fesseln, denn er hatte herausgefunden, daß diese Art noch eine kleine ,, Zugabe" war. Natürlich mußte ich ,, uninteressiert stur" und der Vorsicht halber immerhin auch in einer angemessenen Entfernung an der Richtstätte vorbeigehen, aber was ich dabei sah und hörte, war mehr als genug. Dieses Schreien, Wimmern, Fluchen, Betteln, Beten, Stöhnen, Brüllen, Weinen, Zetern in allen Schattierungen und Lautstärken vom Versuch, keinen Laut über die Lippen zu bringen, bis zum bullenhaften Gebrüll eines gereizten Stiers und dann wieder bis zum letzten verebbenden Wimmern und Röcheln! Dieser fürchterliche Anblick der hängenden 172 Häftlinge, die sich anfangs durch alle möglichen krampfhaften Körperbewegungen bemühten, die Schmerzen zu lindern, dann immer schlapper und schlapper wurden, um schließlich wie leblos dazuhängen, häufig genug ohnmächtig, manchmal sogar tot. Lange bevor ich das Baumhängen sah, hatte ich mit meinen Freunden in einer sonntäglichen Freistunde einmal über die merkwürdige Beobachtung gesprochen, daß im Lager trotz des Vorhandenseins von Nadel- und Buchenwald, Hoch- und Tiefwald und Gestrüpp die Vogelwelt völlig ausgestorben war. Wir hatten einen Ornithologen unter uns, der uns viele scharfsinnige und einleuchtende Gründe und Erklärungen sagte. In den Lägern Neusustrum und Börgermoor aber hatte ich beobachtet, daß sich die Vogelwelt, die vorher in diesen unwirtlichen Gegenden auch nicht zu Hause war, schnell auf Grund einer Art Symbiose oder Synökie einsiedelte. Daß hier in Buchenwald trotz der Belebungen des unwirtlichen Waldes durch Menschen und große Stallungen aller Art die Ansiedlung von Vögeln ausgeblieben war, wuiste unser Ornithologe auch nicht zu erklären, und mit der Umfälschung einer Vermutung zu einer Behauptung befaßte er sich als verantwortungsbewußter Wissenschaftler nicht. Nachdem ich das Baumhängen gesehen und gehört hatte, brauchte ich keine Erklärung mehr. * Es hat in Deutschland keinen verständigen Menschen gegeben, der nicht wußte, daß das Leben im Konzentrationslager eine harte Sache war, wenngleich auch gesagt werden muß, daß das Ausmaß der Nazigreuel entweder nicht bekannt war oder meistens einfach nicht geglaubt wurde. Es dürfte gut sein, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, daß selbst wir Konzentrationäre uns im Lager manchmal sagten: ,, Wenn wir das draußen erzählen, das nimmt uns keiner ab. Das glaubt uns keiner. Das kann uns keiner glauben. Was tun wir nur, um die Wahrheit dennoch glaubhaft zu machen?" Wir Häftlinge hatten im Lager keines jener Mittel zur Verfügung, mit denen moderne Aufklärung arbeitet, keinen Photoapparat, keinen Tonfilm, kein Diktaphon oder keinen Phonograph, keine Möglichkeit, irgendein beweiskräftiges Dokument zu schaffen. Wir wußten genau und sahen es tagtäglich, mit welcher Sorgfalt die SS.- Leute alles vernichteten, was einmal als Dokument aufgezeigt werden könnte. Wir 173 wußten, wie hermetisch sie die Läger abschlossen. Wir wußten, wie raffiniert sie sich zu tarnen verstanden. Und wir wußten, daß diese Unmenschen sogar sorgsamst darauf bedacht waren ,,, Dokumente" anzulegen, das heißt zu fälschen, durch die sie unter Umständen den schwer widerlegbaren Nachweis erbringen konnten, daß sie ,, korrekt" gehandelt hatten. Und es blieb und bleibt uns nur eine einzige Möglichkeit, den Wahrheitsbeweis für das zu erbringen, was unglaubliche Wahrheit ist, nur eine einzige Möglichkeit, auch dem letzten anständigen Deutschen die maskenlose Fratze des Nationalsozialismus aufzuzeigen. Und diese einzige Möglichkeit ist: Alle noch lebenden Konzentrationäre müssen unabhängig voneinander unter Eid zu Protokoll vernommen werden. Es ist genau festzulegen, was sie persönlich sahen, erlebten, durchlitten. Und was dann deckungsgleich bekundet wird, das mag der Staat in dem einzigen Buch, das noch das Hoheitszeichen der ,, Partei" tragen darf, dokumentarisch niederlegen zur Kenntnis derer, die die Verantwortung für das Schicksal des deutschen Volkes tragen. Jeder verständige Mensch in Deutschland wußte, daß allein die Drohung mit ,, Konzertlager" genügte, jede selbständige Regung zu unterdrücken und jede Opposition zum„, Parieren" zu bringen. ,, Konzertlager" sagte das Volk, nicht etwa Schutzhaftlager, wie die amtliche nationalsozialistische Bezeichnung war. Warum sprach keiner in Deutschland von ,, Schutzhaft"? Nun, weil jeder wußte, daß es keine Schutzhaft war! Warum sprach keiner von Erziehungslager, Straflager, Zwangsarbeiterlager? Nun, weil jeder genau wußte, daß Konzentrationslager noch etwas Schlimmeres war!! Trotzdem es Schutzhaftlager hieß, kein Mensch in Deutschland und in der Welt nannte es so. Das ist typisch und-- aufschlußreich. Es gibt in dem größten Verbrechen aller Zeiten, das sich mit dem Wort Nationalsozialismus tarnte, keine einzige Erscheinung, bei der nicht der Nachweis zu erbringen ist, daß sie zwei Seiten hatte: eine schöne Maske nach außen und eine grauenhafte, unmenschliche, unwürdige Wahrheit nach innen! Den wahren Inhalt dessen, was die Nazis so schön und harmlos Schutzhaftlager nannten, wußten wenige, ahnten manche und fürchteten alle. Bald wird jeder die ganze, entsetzliche Wahrheit wissen und wird erfahren, daß alles, ausnahmslos alles am Nationalsozialismus dieses schaudervolle Zwiegesicht trägt. 174 Es wird in Deutschland viele Menschen geben, die erstaunt sein wer den, wenn sie erfahren, daß nach den ,, gesetzlichen" Bestimmungen die ,, Schutzhaft" nur für die Dauer eines viertel bzw. höchstens eines halben Jahres verhängt werden durfte, wohlgemerkt nach den Bestimmungen, so wie sie die Nazis selbst schriftlich festgelegt hatten. Aber es ist doch hinlänglich genug bekannt, daß die Gegner, die der Nationalsozialismus in seine Klauen bekam, nicht 2, 3 und 4 Jahre in den Konzentrationslägern festgehalten wurden, sondern daß manche Opfer 5, 6, 7, ja sogar 12 lange Jahre dort verbringen mußten und fraglos auch heute noch dort wären, wenn das tausendjährige Reich nicht inzwischen gestorben wäre. Ich möchte hier einen Passus einschalten, der eigentlich nicht in dieses Buch gehört, aber ich halte ihn für so notwendig, daß ich ihn nicht oft genug zum Ausdruck bringen kann. Es gibt Leute, die die Tatsache, daß es Menschen gegeben hat, die 12 Jahre in Konzentrationslägern als Häftlinge gelebt" haben und nicht gestorben sind, dahin glauben deuten zu dürfen, daß es dort gar nicht so schlimm wie geschildert gewesen sein kann. Menschen, die 12 Jahre Konzentrationslager überlebten, sind die ganz wenigen, regelbestätigenden Ausnahmen. Die Hunderttausende, die elendig zugrundegegangen sind, sind die Regel! Und es ist nicht das Verdienst der Nazis, daß die wenigen Ausnahmen am Leben blieben, sondern dies ist nur auf das Konto der Intelligenz, des unbändigen Lebenswillens, des großen Menschtums und des--- Glücks dieser wenigen Ausnahmen zu buchen. Die Einfalt könnte sagen, die Nazis hätten es doch gar nicht nötig gehabt, die Dauer der Schutzhaft auf höchstens ein halbes Jahr festzulegen, und darum ist es unbegreiflich, daß sie es taten! O sancta simplicitas! Die Einfalt hat schon wieder vergessen, mit welchen niederträchtigen Mitteln der Nationalsozialismus an die Macht kam und sich an der Macht hielt. Ich muß noch mehr aus dem Konzentrationslager Buchenwald erzählen; so sehr sich auch die Feder sträubt: ==Nach den Bestimmungen hatte die Lagerleitung über jeden Häftling erstmalig nach einem viertel Jahr und dann halbjährlich einen Führungsbericht abzugeben. Was es mit diesen Führungsberichten auf sich hatte, konnte ich durch einen Zufall bereits während meiner Lagerzeit feststellen. 175 Es kam immer wieder vor, daß dem Lagerarzt die sogenannten„, politischen Akten" zur Verfügung gestellt wurden; das waren Akten, die man in der ,, Politischen Abteilung" über jeden einzelnen Häftling führte. Anfangs gaben die Scharführer die Akten nicht aus der Hand bzw. wurden sie unter gutem Verschluß gehalten. Die Regel war, daß die Akte von einem Scharführer aus der ,, Politischen Abteilung" gebracht oder geholt wurde, der Lagerarzt nahm Einsicht, und sofort wurde die Akte zurückgebracht. Diese Handhabung war auf eine strenge Anordnung des Lagerkommandanten zurückzuführen, der aus nur zu begreiflichen Gründen ausdrücklich befohlen hatte, daß die politischen Akten grundsätzlich nicht aus der Politischen Abteilung, wo sie in Stahlschränken aufbewahrt wurden, entfernt werden durften. Einsicht in die Akten durften nur die Mitglieder der Politischen Abteilung, der Schutzhaftlagerführer und der Lagerarzt nehmen. Da es vorkommen konnte, daß Schutzhaftlagerführer und Lagerarzt die Akten in ihren Arbeitsräumen zur Hand haben mußten, war es gestattet, die Akten diesen unter ihrer Verantwortung, aber nur mit besonderer Genehmigung des Leiters der Politischen Abteilung auszuhändigen. Es dauerte geraume Zeit, bis ich Gelegenheit hatte, einen Blick in eine politische Akte zu tun, und noch länger, bis ich einmal eine solche eingehend durchblättern konnte. Aber später habe ich dann solche Akten sogar unter„, eigenem Verschluß" gehabt. Bevor das geschah, hatte mich der Lagerarzt angewiesen, unter keinen Umständen von diesem ,, Vertrauen", das er mir schenkte, einem Dritten etwas zu sagen. Ich habe sehr wohl gewußt, was mir zustoßen würde, wenn die Lagerleitung von diesem ,, Vertrauen" erfahren würde, dennoch erschien mir die Sache nicht besonders gefährlich. Nur einmal war die Situation etwas brenzlich. Rödl kam ins Revier. Der Lagerarzt war nicht da. Nach meiner Meldung: ,, Häftlingsschreiber 996 bei der Aktenablage" und seinem stets gewohnten: ,, Weidermochen!" blieb Rödl im Zimmer. Ich fühlte, daß er mich fixierte und aufmerksam beobachtete, was ich arbeitete. Aber ich war schon zu ,, abgebrüht", um mich dadurch aus der Ruhe bringen zu lassen. ,, Isch dö Dokter nöt hier?" fragte mich Rödl. ,, Nein, Herr Obersturmbannführer. Herr Sturmführer( ein Pfleger hatte einmal 5 Stockhiebe zudiktiert bekommen, weil er Herr Doktor gesagt hatte!) hat mir gesagt, daß Herr Sturmführer heute erst im SS.- Revier zu tun habe, bevor Herr Sturmführer ins Lager käme." Nach einer Weile dann Rödl: ,, Göb mal dö Akten x x her!" Auweih! Das war der Name eines Häftlings, dessen politische Akte im Schreibtisch des Lager176 arztes lag, zu dem ich den Schlüssel in der Tasche trug. Aber ich zögerte nicht einen Augenblick: ,, Zu Befehl, Herr Obersturmbannführer", und ging gelassen an einen der Schränke, in dem die Revierakten aufbewahrt. wurden, suchte die Revierakte heraus und überreichte sie Rödl. ,, Dö nich, dö annere, dö wo von oben." Ich stellte mich dumm: ,, Die politischen Akten, Herr Obersturmbannführer?"- ,, Jo, jo, dö. Seins net hier?" ,, Ich weiß nicht, Herr Obersturmbannführer." Rödl zeigte auf den Schreibtisch des Lagerarztes: ,, Net da, daeini?" ,, Ich bin darüber nicht im Bilde, Herr Obersturmbannführer." Rödl war beruhigt und zog wieder ab. Ebenso beruhigt war Ding, als ich ihm Bericht erstattet hatte. Die politische Akte" war meistens dürftig genug. Sie bestand häufig nur aus dem sogenannten ,, Schutzhaftbefehl", jenem roten Schein, der auch dem Häftling ausgehändigt wurde, dem politischen Fragebogen, den wir sofort nach der Einlieferung unter schärfster Strafandrohung mit kurzem Lebenslauf wahrheitsgemäß zu beantworten hatten, und einem in jedem Falle(!) negativen Führungsbericht, der nach Ablauf der ersten drei Monate Schutzhaft erstattet worden war. Bei kriminellen Häftlingen kam manchmal, aber selten genug, ein Strafregisterauszug hinzu. Außerdem fand ich in verschiedenen Akten noch Schriftverkehr mit dem Sicherheitshauptamt, Prügelblätter, von der Zensur festgehaltene Briefe und dergleichen. Auch bei Häftlingen, die schon jahrelang im Lager waren, fand ich keine dickeren Akten vor, höchstens, daß sie ein oder zwei Führungsberichte mehr enthielten, die meistens durch Fernschreiben von Berlin angefordert waren. Daß diese Führungsberichte über den Leisten geschlagen waren, fiel mir bald auf. Der asoziale Häftling war immer noch faul, der kriminelle auch im Lager wieder straffällig geworden, der politische zeigte noch keine Umstellung, der Bibelforscher noch keine Bereitschaft, seinen Glauben aufzugeben usw. Aber es dauerte erst einige Zeit, bis ich dahinterkam, daß vielfach bei den Häftlingen, in deren Führungsberichten es hieß, daß sie gerade in letzter Zeit noch wieder disziplinarisch bestraft werden mußten, gar keine Bestrafung erfolgt war. Dann bekam ich die politische Akte des Häftlings Melingo in die Hand, das heißt wir Häftlinge nannten ihn Melingo, er hieß Edler von Melingo und war vom ersten Tag seiner Einlieferung ununterbrochen in stationärer Revierbehandlung gewesen. Er hatte die tollsten Krankheiten durchzumachen und stand immer wieder ,, auf der Kippe", aber ebenso oft gelang es den Pflegern, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. So kam es, daß Melingo einfach zum eisernen Bestand des Reviers gehörte und gewissermaßen- man verzeihe mir den Vergleich- der 12 Poller, Buchenwald 177 - Hund der Kompanie war. Wäre Melingo nicht im Revier gewesen, uns hätte etwas gefehlt. Wäre Melingo nicht gleich nach der Überwindung der Lungenentzündung an Blinddarmreizung oder sonstwas erkrankt, uns wäre ,, nicht wohl" gewesen. Und als es einmal absolut nicht mehr weitergehen wollte und der Tod schon guten Abend gesagt hatte, da machte Perth ein jüdischer Arzt, der eigentlich gar nicht im Revier sein durfte die einzige während meiner Zeit zu Heilzwecken in Buchenwald vorgenommene Bluttransfusion, die sich auch Ding ansah, weil er so etwas vorher noch nie gesehen hatte, der Herr SS.- Arzt. Und- Melingo blieb uns erhalten. Und als er bei der Rippenfellentzündung wochenlang mit dem Schlauch lag, aus dem unablässig der Eiter tropfte, und dann der achttägige Essenentzug über das Lager verhängt wurde, da hätten wir ihm unseren letzten Bissen gegeben, denn es war nachgerade Ehrensache geworden, Melingo mußte am Leben bleiben. Was aber entdeckte ich in Melingos politischer Akte? Sie war etwas umfangreicher als gewöhnlich. Wiederholt hatte Schriftverkehr mit dem Sicherheitshauptamt über ihn stattgefunden. Wahrscheinlich war man von verschiedenen Seiten um seine Freilassung bemüht, und mehrfach waren Führungsberichte über ihn ausgestellt. Und da hieß es einmal, daß er ungemein faul bei der Arbeit sei. Das andere Mal, daß er immer noch keine Besserung zeige und in letzter Zeit sogar nach mehrfacher Verwarnung bestraft werden mußte. Als ob es so etwas wie Verwarnung überhaupt im Lager gab! Dann nochmals: Melingo zeige immer noch keinen Eifer bei der Arbeit, er müßte immer wieder verwarnt werden und arbeite nur bei strenger Aufsicht. Melingo? Unser Sorgenkind? Arbeitet nur bei strenger Aufsicht? Ach, seht euch doch den Mann an, der da sterbenskrank im Bett liegt! Der kann doch gar nicht arbeiten und hat auch noch nie im Lager gearbeitet. Und doch steht es schwarz auf weiß da: arbeitet nur bei Aufsicht. Konnte es mir noch eindringlicher klargemacht werden, mit welcher Gewissenlosigkeit hier in diesen Führungsberichten gelogen wurde? strenger Und wie häufig habe ich von nun an feststellen können, daß die ganzen Führungsberichte erstunken und erlogen waren! Ich zweifle nicht eine Sekunde daran, daß auch meine Führung in diesen Berichten entsprechend war, trotzdem ich niemals verwarnt, bestraft oder sonstwie aufgefallen war. Einmal erhielt unser Kamerad Ernst U., der beim Revier als Schreiber beschäftigt war, einen Brief von seiner Frau mit heftigsten Vorwürfen. Sie habe nun schon über fünf Jahre auf ihn gewartet. Er habe ihr doch 178 kurz vor Beendigung der Strafzeit fest versprochen, sich in die neuen Verhältnisse einzufügen und müsse nun von der Gestapo auf ihr Gesuch um Freilassung erfahren, daß er immer noch politisch wühle. Sie müsse sich unter diesen Umständen von ihm scheiden lassen.( Der Brief war offenbar durch die Zensur gerutscht.) Der Zusammenhang war mir völlig klar. Trotzdem U. genau so wenig aufgefallen war wie ich, trotzdem U. in der Politischen Abteilung nur eine Nummer war, man hatte über ihn ganz einfach ein Führungszeugnis aus den Fingern gesogen. Ich sprach mit Ding über diesen Fall. Er besorgte die Akte. Und da stand es schwarz auf weiß: Anforderung eines Führungsberichtes über U. Und das Führungszeugnis lautete inhaltlich: U. mußte wiederholt wegen politischer Wühlereien im Lager verwarnt werden. Und das wurde über einen Häftling geschrieben, der vollkommen zurückgezogen lebte, der niemals verwarnt worden und bei seiner Arbeit ungemein gewissenhaft und fleißig war. Als ich Ding vorhielt, daß man mit solchen Führungsberichten doch auch noch das Familienleben der Häftlinge zerstöre, und ihn fragte, ob es denn nicht möglich sei, mit ,, neutraleren" Berichten wenigstens dieses Unheil zu verhindern, blieb er mir jede Antwort schuldig. Die weitaus meisten Häftlinge wurden Tag für Tag an zahlreichen Stätten außerhalb des Lagers zu härtester Fron gezwungen. Die Arbeitsplätze wurden von weiteren oder engeren Kordons abgegrenzt, die von Mitgliedern des SS.- Totenkopf- Verbandes gestellt wurden, der in den von Häftlingen erbauten Kasernen seine ,, militärische" Ausbildung erhielt. Sie lagen fast alle innerhalb der Todeszone oder abseits vom ,, öffentlichen Verkehr": Kasernenneubau, Garagenneubau, prächtige Villen für SS.- Offiziere und bescheidenere Siedlungen für SS.- Unteroffiziere und SS.- Mannschaften, Wegeaus- und-neubau, Erdbewegungen, Ziegeleiarbeiten, Wasserleitungsbau usw. usw. Die offizielle Aufgabe der SS.- Totenkopfverbändler war die Bewachung der Häftlinge. Sie hatten den Befehl ,,, bei jedem Fluchtversuch sofort rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch zu machen". Aber da solche Fluchtversuche nicht unternommen wurden, betätigten sie sich als Fron- und Folterknechte, die sich einen ,, Spaß" daraus mach12 米 179 ten, immer neue Quälereien und Antreibereien zu erfinden und durchzuführen. Ein Fluchtversuch kam sowieso dem sicheren Tode gleich und hat meines Wissens nur drei oder viermal stattgefunden. Während meiner Lagerzeit hat kein einziger Häftling einen Fluchtversuch von der Arbeitsstelle aus unternommen. Die vielen Häftlinge, die während dieser Zeit ,, Auf der Flucht erschossen" wurden, waren entweder bei den SS.- Quälereien aus Unterhaltung erschossen oder hatten bewußt diesen ,, Freitod" gewählt, weil sie die entsetzlichen Quälereien nicht mehr ertragen konnten. - - Ein guter Kamerad ich habe seinen Namen vergessen, aber er wird wieder feststellbar sein wählte auch den Tod ,, Auf der Flucht erschossen". Er war früher Mitglied des Zentralvorstandes des kommunistischen Jugendverbandes gewesen und seit 1933 in Schutzhaft. Sechs endlos lange und schwere Jahre lagen hinter ihm, als er sich für den Freitod entschied, oder besser gesagt entscheiden mußte. Er war ,, alter Konzentrationär", durch die harte Schule der SS.- Brutalität gegangen, aber selbst dabei nur härter geworden. In den letzten Jahren hatte er eine Beschäftigung gehabt, die einigermaßen zu ertragen war. In Buchenwald gehörte er zu jenem Kreis politischer Häftlinge, die von den Mithäftlingen möglichst abgeschirmt wurden. Zwar hing unser aller Leben immer nur an einem schwachen Reihfaden, aber wir hatten es doch im Laufe der Zeit verstanden, diesen schwachen Reihfaden hier und da etwas zu verstärken. Der Kamerad, von dem hier die Rede ist, arbeitete, wenn ich mich recht erinnere, in der Häftlingskleiderkammer und war so aus dem unmittelbaren Blickfeld der Lagerleitung gerückt. Aber dann nahm das Verhängnis doch seinen Lauf. Es war irgendeine Sache geplatzt", d. h. es war irgend etwas der Lagerleitung zur Kenntnis gekommen, was nach ihrer Ansicht gegen die Lagerdisziplin verstieß. Daß es nichts Unehrenhaftes war, versteht sich am Rande. Unser Kamerad war darin verwickelt. Er kam in die Klauen von Rödl, der ihn zunächst durchpeitschen ließ und einer Strafabteilung zuteilte, die besonders harte Arbeit außerhalb des Lagers zu verrichten hatte und wobei es, wie die SS.- Leute zu sagen pflegten, stets ,, lustig" zuging. Er war erfahren genug, um genau zu wissen, daß sich sein Schicksal erfüllt hatte. Aus Rödls Klauen kam er nicht wieder lebend heraus. Das einzige, was er noch tun konnte, war, daß er sich den qualvollen Weg grausamster Folterungen ersparte. Und darum ging er am selben Tag noch langsamen Schrittes auf die Postenkette zu, die die Strafabteilung umstellt hatte. Den Anruf ließ er unbeachtet und überschritt 180 den Kordon ruhigen Schrittes. Der erste Schuß des Postens ging fehl. Unser Kamerad ging seinen Weg in aller Ruhe weiter. Beim zweiten Schuß erst brach er zusammen. Aber er war nicht tot. Die Kugel- es wurden von den SS.- Leuten nur Dum- Dum- Geschosse verwandt- war durch die untere Rückenpartie in den Körper eingedrungen und hatte die Leibdecke mit großer, klaffender Wunde buchstäblich zerfetzt. Die zerrissenen Därme lagen teilweise aufgedeckt. Als ihn die Träger auf die Bahre legten, war er noch bei klarem Bewußtsein. Die fürchterlichen Schmerzen verbiß er mutig und willensstark. Beim Tor gab er seine Personalien noch selbst an, und erst auf dem Wege nach dem Revier hinunter verlor er das Bewußtsein. Wir sahen sofort, daß hier nichts mehr zu retten war. Der Darm war mehrfach zerfetzt, die Bauchhöhle von einer mit Kot durchsetzten blutig- schleimigen Masse angefüllt, ein Teil des Darms lag in Windungen auf der Bauchdecke. Walter Krämer, der mit ihm eng befreundet war, rief ihn mehrfach an, aber er antwortete nicht, so daß Krämer die Morphiumspritze, die er schon zur Hand hatte, um seinen Freund wenigstens von den letzten Schmerzen zu erlösen, wieder beiseite legte. Und nun standen wir ratlos um seine Bahre und harrten der Sekunde, die dem immer noch pochenden Herzschlag ein ewiges Ende setzen würde. Schon ging der Atem schwer und stoßweise. Die Träger erzählten die näheren Umstände, und einer von uns ließ sich berichten, wer der Kamerad da auf der Bahre war. Als jemand die Träger fragte, ob er noch irgend etwas geäußert habe, als er noch bei Bewußtsein war, schlug er zu unserem Erstaunen und Entsetzen die Augen auf und bewegte verneinend langsam den Kopf hin und her. Wir hatten nicht bemerkt, daß er das Bewußtsein wiedererlangt hatte. Als Krämer, der während der ganzen Zeit den linken Puls nachfühlte, das sah, rief er ihn an: ,, Hörst du uns denn?" Er hatte die Augen schon wieder geschlossen, aber nickte bejahend unsäglich matt mit dem Kopf. ,, Hast du Schmerzen?" fragte ihn Krämer, und wieder bewegte er den Kopf verneinend langsam hin und her. Da kam einer der SS.- Unterärzte- ich habe leider auch seinen Namen vergessen in den Raum, besichtigte die grauenhafte Wunde und faßte, als er sah, daß einzelne Partien des Darmes, der aus der Bauchhöhle herausgetreten war, noch arbeiteten, diese Partien mit der bloßen Hand an. Wir sahen, daß unser Kamerad jetzt offenbar Schmerzen litt, und Krämer sagte leise: ,, Sturmführer, er ist noch bei Bewußtsein." 181 ,, Was? Wie? Der noch bei Bewußtsein?" schnarrte gefühllos laut der SS.- ,, Mediziner", dessen Dummheit so groß war, daß er sie nicht einmal einem Durchschnittsmenschen verbergen konnte. ,, Was? Der da? Ausgeschlossen." Und dann noch lauter und noch ekelhafter schnarrend: ,, He! Sie da! Wie heißen Sie?- Na, wollen Sie mal gefälligst antworten, Sie da!" -- - - - --im Da öffnete unser Kamerad den festverschlossenen Mund, und langsam, matt, wie aus einer anderen Welt, ganz leise, aber doch für alle Sie mich doch im Raum verständlich, sagte er: ,, Lassen Frieden sterben." Und dann schlug er die Augen auf, sah den SS.Arzt mit einem Blick an, als wolle er sich seine Gesichtszüge einprägen, und blickte dann flehend zu Walter Krämer hinüber. Der verstand, und ehe sich der SS.- Arzt wieder gefaßt hatte, hatte der Freund dem Freunde den letzten Dienst erwiesen. 茶茶 茶 Wenn alle Häftlinge im Lager waren, glich es einem mehr oder minder trägen Ameisenhaufen, in dem es wimmelte und krimmelte und in dem hier und da größere Aufregung herrschte, weil irgendein dummer Mensch dort mit einem Stock in dem kunstvollen Bau herumgestochert hatte. Tagsüber aber, wenn die Arbeitskolonnen draußen waren, war es wesentlich ruhiger, doch natürlich nicht menschenleer, denn es wurde auch innerhalb des Lagers an Wegen, Baracken, Werkstätten usw. gebaut. In der Gärtnerei, der Wäscherei, den Stallungen wurde gearbeitet. In der Häftlingsküche herrschte Hochbetrieb. Erdbewegungen wurden durchgeführt. Auf dem Holzhof und im Wald waren Häfttlingskolonnen tätig. Das Baubüro, das Häftlingsrevier, die Postverwaltung, die Kleiderkammer waren da. Der Stubendienst, die Block- und Lagerältesten, die Lagerpolizei versahen ihren Dienst. Kurz, es wurde auch tagsüber im Lager gefront, aber es war doch ein auffälliger Unterschied zwischen dem Arbeitsbetrieb draußen und drinnen. Das lag in erster Linie daran, daß innerhalb des Lagers keine SS.Postenketten die Arbeitskolonnen bewachten. Zwar sorgten auch hier manche Kapos für turbulenten Betrieb, und wenn SS.- Scharführer oder SS.- Offiziere auftauchten, ging es oft ,, heiter" zu, aber im ganzen war es im Lager doch wesentlich ruhiger und sachlicher, und wem es gelungen war, innerhalb des Lagers seine Tätigkeit zu finden, hing nicht 182 mehr an einem, sondern an- zwei seidenen Fäden, und das Damoklesschwert, das über den Arbeitskolonnen draußen immer wie wild herumtanzte, hing hier ruhig und bewegte sich nur zeitweise in gefährlicheren Schwankungen über unseren Häuptern. Die Häftlingsküche war zwar mit modernen Kochvorrichtungen versehen, aber doch verhältnismäßig primitiv eingerichtet. Besser und zweckmäßiger war schon die Wäscherei, die später errichtet worden war, zwar auch noch, vor allen Dingen bauliche, Mängel aufwies, aber sich doch schon ,, sehen lassen" konnte. Geld für den Ausbau der Kasernen und des Lagers war in Hülle und Fülle da, und da die Absicht bestand, in dieser Wäscherei auch die gesamte Truppenwäsche zu waschen, hatte die Bauleitung hier nicht gespart. Von der modernsten Wasserenthärtungsanlage bis zur Trockenschleuder und den Trockenkammern, hier war alles da. Die Leistungsfähigkeit der Wäscherei war frappierend. Sie wurde zu meiner Zeit bei weitem nicht voll ausgenutzt, denn sie hätte mit wenigen Arbeitskräften die gesamte Wäsche einer Stadt von 40000 bis 50000 Einwohnern bewältigen können. Überhaupt ,,, Buchenwald" konnte auch in einem anderen Sinne überzeugender Anschauungsunterricht sein. Wir Häftlinge haben in unseren kärglichen Freistunden manchesmal darüber ,, philosophiert". Wir stellten uns vor, was ein unvoreingenommener, ahnungsloser Besucher wohl sagen würde, wenn er dieses Buchenwald und seine Umgebung in appellfähigem Zustande und ohne irgendeinen Lagerinsassen besichtigen würde. Er mußte nach unserer Ansicht einfach ,, aus den Pantinen kippen", wenn er das, was man hier in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft hatte, sehen würde. Diese riesigen Kasernenbauten, diese Straßen und Wege, diese Siedlungen und Villen, die Werkstätten und Steinbaracken, die Wäscherei, die Stallungen und unten im Tal die Ziegelei, eine der größten und modernsten von Deutschland mit einem ungewöhnlichen Ausstoßvermögen. Und dann haben wir wohl die Augen geschlossen, haben an jene gigantische Kraft gedacht, die die Technik schuf, und die Aufgabe der Zukunft gesehen, die diese Technik bändigen und ausschließlich in den Dienst der Menschheit stellen würde. In den Dienst der Menschheit, nicht um zu vernichten, sondern um auf- und auszubauen, nicht um der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen unwürdige Formen zu geben, sondern um das Leben aller sinnvoll und schön zu machen. Selbstverständlich konnte man auch an Hand dieser Bauten die beiden hervorstechendsten Merkmale der nationalsozialistischen Führerclique ohne Schwierigkeiten feststellen: Dummheit und Schweinehundgesin183 nung. Und es ist bestimmt nicht zuviel behauptet, daß fast alles, was hier an großzügiger Planung und wirklich praktischer, zweckmäßiger Aus- und Durchführung vorhanden war, nicht auf das Können und die Arbeit der leitenden Nazis zurückzuführen war, sondern das Verdienst der Häftlinge ist, die überall eingespannt wurden, vom Baubüro und der Bauleitung angefangen über die Vorarbeiter bis zum letzten gelernten und ungelernten Arbeiter. Gewaltige Geldsummen wurden da, wo sich die Häftlinge zunächst nicht ,, einschalten" konnten, auf Anweisung der Nazis geradezu verpulvert und oft in schier unbegreiflicher Weise unzweckmäßig verbaut. Häufig wurden ganze Gebäudeteile wieder abgerissen, Baupläne während der Ausführung mehrfach grundlegend umgeändert, halb ausgeführte Projekte wieder fallen gelassen. Aber nicht nur Dummheit und Unvermögen feierten Orgien, auch Schiebung und Korruption standen in höchster Blüte, angefangen von den kleinen privaten Gefälligkeiten bis zu den Schiebungen, bei denen Sach- und Geldwerte in Höhe von vielen zehntausend Mark und mehr aus der Tasche des Staates in den Privatbesitz der SS.- Leute eskamotiert wurden. Und bei diesen Schiebungen war das beste und seltenste Material gerade noch gut genug: Chrom-, Nickel-, Wolfram- und Molybdänstahl, die teuersten Farben, die besten Klinker, das wertvollste Holz. Die Arbeitskraft und die technischen und künstlerischen Talente, die aus diesem Material die Wohnungen und Gebrauchsgegenstände aller Art zu fertigen hatten, kosteten nichts- Und die Schiebungen waren natürlich rangmäßig abgestuft. Der SS.Mann ließ sich ,, nur" einen Prunkdolch aus Molybdänstahl fertigen, der Lagerkommandant dafür aber die Wohnungseinrichtung eines Millionärs, der Scharführer erschob sich ein paar zehntausend Mark, der Sturmführer ging an die Hunderttausendgrenze heran, und der höhere SS.Offizier wußte gar nicht, wo seine Grenze nach oben war. Es mögen die Götter wissen, wie diese SS.- Leute ihre Schiebungen abdeckten, aber ich glaube, daß es gar nicht so schwer war, denn Schweinehundgesinnung war überall bei ihnen Trumpf, und ein Rechnungshof des Deutschen Reiches, so wie es ihn zur Zeit der Monarchie und der Republik gab, existierte für sie nicht. Aus dem Kostenvoranschlag für das projektierte Häftlingsrevier waren zu meiner Zeit schon einige Hunderttausend Mark verbraucht. Man neige nun nicht zu der Ansicht, daß dafür nicht schon etwas gebaut worden war. Bitte sehr, unmittelbar vor dem Häftlingsrevier, das ,, provisorisch" aus zwei Holzbaracken bestand, je 24 m lang und 7,5 m breit, von denen 184 die eine mehr als Verwaltungsbaracke und Ambulatorium, die andere als Station benutzt wurde, da hatte sich diese Geldsumme schon realisiert. Da waren doch Ausschachtungen sichtbar, die allerdings ,, leider" wieder halb verschüttet waren, weil man seit ,, einiger" Zeit die Arbeit aus dringenden Gründen hatte einstellen müssen. Und an einer Ecke stand eine Grundmauer, zwar auch schon wieder halb zerfallen, aber sie war doch wenigstens noch mit einiger Anstrengung als Anfang einer Grundmauer zu erkennen. ,, Und, im Vertrauen Herr Kamerad, hier handelt es sich ja um das Häftlingsrevier. Droben bei den Kasernen, das SS.- Revier, das müssen Sie mal sehen. Da ist alles vorbildlich, mit allen Schikanen. Da ist kein Wunsch der Mediziner und Chirurgen unerfüllt. Da haben wir mal zeigen können, was wir zu leisten imstande sind"- Buchenwald wurde im Jahre 1937 erbaut. Ich war von 1938 bis 1940 dort. Am 8. April 1945 drangen die ersten Amerikaner in das Lager ein. Das Häftlingsrevier war immer noch ein ,, Provisorium", und was für ein Provisorium!! Als der Lagerkommandant SS.- Standartenführer Koch dahintergekommen war, daß hier und da im Lager ganze Gebäude entstanden waren, die man gar nicht im Bauplan vorgesehen hatte, erließ er den strengen Befehl, daß nicht die geringste bauliche Maßnahme ohne seine ausdrückliche Genehmigung erfolgen durfte. Das SS.- Sanitätsamt Berlin, von dem sämtliche Medikamente, alles Verbandzeug und auch alle ärztlichen Instrumente usw. bezogen werden mußten, hatte sich einmal darüber beschwert, daß die Verpackungskisten in nicht ordnungsgemäßem Zustande zurückgesandt worden seien. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß die Kisten zwar sofort von den Häftlingen vorschriftsmäßig entleert und versandfertig gemacht worden waren, aber die SS.- Leute, die den Transport der Kisten nach der Güterabfertigung in Weimar ausführen sollten, hatten ihren Auftrag nicht umgehend ausführen können, und die Kisten hatten einige Tage in Wind und Wetter stehen müssen. Eine Gelegenheit, die Kisten unter Dach zu lagern, war nicht vorhanden. Unter Hinweis auf die Beschwerde des. SS.- Sanitätsamtes wurde deshalb um die Genehmigung gebeten, einen einfachen Abstellraum zu errichten. Koch erteilte die Genehmigung mit der Auflage, daß der Abstellraum in der einfachsten Form aus Holz hergestellt werden dürfte. Nun, die Genehmigung lag vor, und Walter Krämer, unser 1. Häftlingspfleger, fing an zu ,, organisieren". Und nach kurzer Zeit stand versteckt hinter den Revierbaracken ein kleines massives Häuschen mit verschiedenen Räumen. Nun konnten Revierwäsche und Verbandmaterial 185 gelagert und die Kleidung der Revierkranken primitiv zwar, aber doch ordnungsgemäß sterilisiert werden. Und als das Desinfektionshaus fertig war, da hätten wir beinahe vergessen, auch-- die Kisten des SS.- Sanitätsamtes dort unterzubringen. Ich kann es dem Leser überlassen, die Folgerungen zu ziehen, die sich aus dieser kleinen Episode für die Beurteilung der SS. und der Häftlinge ergeben. Oder eine andere Episode: Bei der mangelhaften Ernährung und der unzulänglichen Bekleidung der Häftlinge war es erklärlich, daß die Lagerinsassen unter der Unbill der kalten Wintermonate stark zu leiden hatten. Erfrierungen aller drei Grade waren Massenerscheinungen und suchten hauptsächlich Juden und Zigeuner heim. Wir Häftlinge hatten nicht die Macht, die Ursachen der Erfrierungen zu beseitigen. Und gegen Erfrierungen dritten Grades ist kein Kraut gewachsen. Hier hätte selbst der tüchtigste und beste Arzt ohnmächtig wie wir den Schlußstrich dem Verbrennungsofen überlassen müssen. Aber wir hatten eine kleine Möglichkeit, wenigstens die einfacheren Erfrierungen ersten und die schwereren und schwersten zweiten Grades zu bekämpfen, und taten es auch selbstverständlich mit allem nur aufzubietenden Fanatismus. Salben und Verbandmaterial waren knapp und reichten nicht einmal für alle schweren Fälle. Aber wir hatten heißes und kaltes Wasser und konnten die Wechselbadtherapie anwenden. Die Erfolge waren gut, derart, daß sich sogar der Lagerarzt Dr. Ding dafür zu interessieren begann, vielleicht aus der Witterung heraus, daß er mit einer solchen billigen Behandlung bei seinen Kollegen aus den anderen Lägern Eindruck schinden konnte. Die ,, Erkrankungsfälle" zählten nach vielen Hunderten. Die Revierbaracke, die sowieso immer überfüllt war, war zu klein, um eine Behandlung durchführen zu können. Daß sie nicht im Freien durchgeführt werden konnte, lag auf der Hand, und so wurde mit Dr. Ding als Vorspann um Überlassung einer Baracke nachgesucht. Sie wurde genehmigt, und Walter Krämer durch die Errichtung des Unterstellraumes für die Medikamentenkisten noch mutiger geworden hatte wieder Gelegenheit, sein Organisationstalent zu bestätigen. Die Baracke mußte natürlich in der Nähe des Häftlingsreviers, errichtet werden. Und da suchten wir in dem schrägabfallenden hügeligen Gelände einen Platz aus, der einen planierenden Unterbau erforderlich machte. Der Mithilfe bestimmter Kapos und der Häftlinge waren wir gewiß, und innerhalb kurzer Zeit war der Baderaum in diesem Unterbau eingerichtet, in der Baracke selbst aber konnten wir noch einige Betten als zweite Station aufstellen. Ja, in dem Unterbau konnten wir 186 sogar noch eine kleine Leichenkammer einrichten, so daß wir wenigstens zeitweise dem Zustand ein Ende bereiten konnten, daß in der Revierbaracke Tote, Sterbende und Lebende durcheinander lagen. Die Heizung der Baracken erfolgte durch Ofen, in denen in der Hauptsache Briketts verfeuert wurden. Die Beschaffung der Briketts vom Kohlenplatz war Sache des Stubendienstes. Die sogenannten Verwaltungsbaracken, wozu auch unsere Revierbaracke gehörte, aber wurden mit Holz und Briketts von einer Arbeitskolonne versorgt, die selbst in diesem ungewöhnlichen Lager noch besonders auffiel. Wenn man diese Kolonne von ferne unter Begleitung ihres Kapos durch das Lager marschieren sah, hatte man unwillkürlich den Eindruck, als sähe man eine Herde kleiner Elefanten im Gänsemarsch ihres Weges ziehen. Niemals sah man die Kolonne ohne Tragkasten, ob voll, ob leer, ob morgens, mittags, oder abends, immer waren je zwei Häftlinge Kopf und Schwanz eines solchen Tragkastens. Während sonst Arbeitskolonnen in schnellem Schritt durchs Lager gingen- außerhalb des Lagers wurde vielfach den ganzen Tag ununterbrochen im Laufschritt gearbeitet!, diese Kolonne hatte Zeit und marschierte langsamer noch als ein Leichenzug, aber mit einer geradezu roboterhaften Beständigkeit. Beim Näherkommen entdeckte man dann, daß fast jeder Häftling in dieser Kolonne einen ungewöhnlich stupiden, fatalistischen Eindruck machte und um den Arm eine weiße Binde mit der Aufschrift ,, Blöd" oder ,, Dof" trug. Die Kolonne war eine Einrichtung, die der Schutzhaftlagerführer SS.- Obersturmbannführer Röd 1 persönlich getroffen hatte und auf die er besonders stolz war. Daß sie eine eindringliche Anklage gegen den Nazismus war, hat dieser traurige Geselle ebensowenig empfunden wie er erkannt hat, daß die ganze Einrichtung im Grunde recht, recht ___ blöd war. Die Kolonne wurde Blödenkompanie genannt. Ihre Mitglieder waren selbst im Lager bis zu einem gewissen Grade ,, tabu". Zwar waren sie von dem allgemeinen Lagerleben nicht ausgenommen. Sie mußten genau so hungern, frieren und unmenschlich hausen, wie alle anderen, und genau so alles ertragen, was über das Lager an Strafen und Ungemach kam, aber sie wurden z. B. bei ihrer Arbeit nicht getrieben oder geschlagen, 187 höchstens, daß ihr Kapo sie einmal etwas härter anfaßte. Sie wurden auch nicht bestraft, selbst dann nicht, wenn sie irgendwie gegen die Lagerdisziplin verstießen. Sie wurden, kurz gesagt, sowohl von den SS.- Leuten wie auch von den Häftlingen meistens nachsichtig behandelt. Die Eingliederung in die Blödenkompanie ordnete Rödl persönlich an, und sie war auch danach. Es konnte sehr leicht vorkommen, daß ein vollkommen vernünftiger Häftling auf Rödls Befehl die Blödenbinde tragen mußte, und andererseits kam es immer wieder vor, daß Rödl die Eingliederung ablehnte, wenn irgendein Stubenältester einen Häftling vorführte, der ganz offensichtlich ,, blöd" war. Der Erfolg war, daß solche ,, abgelehnten" Häftlinge meistens in sehr kurzer Zeit dem harten Lagerleben erlagen und ihre letzte Fahrt nach Weimar antreten konnten. Wenn man die Kolonne bei ihrer ,, Arbeit" beobachtete, war man erstaunt über die ,, Sturheit", mit der sie die ihr einmal andressierte Beschäftigung verrichtete. Da kam ein Häftling mit der weißen Binde in das Karteizimmer des Häftlingsreviers, die Schuhe gereinigt, die Mütze in der Hand, den Brotsack umgehängt, und steuerte sofort auf die Brikettkiste zu, ohne sich auch nur im geringsten um irgend etwas anderes zu kümmern als um die Brikettkiste, hob den Deckel, blickte hinein und entfernte sich wieder, um die erforderliche Anzahl Briketts herbeizuholen. Meistens beachteten wir die Sache gar nicht und ließen es auch durchgehen, wenn der„, Dofe" mal seine Schuhe nicht gereinigt oder die Mütze nicht abgenommen hatte. Aber wenn in einem solchen Falle ein anderer Häftling wortlos auf die Schuhe oder die Mütze zeigte, dann nahm der ,, dressierte Häftling" sofort die Mütze vom Kopfe oder reinigte schnell seine Schuhe mit-- der Mütze, die er in der Hand hielt, um sie dann ruhig und gelassen wieder auf den Kopf zu stülpen, wenn ihm auch dabei der Dreck das ganze Gesicht verschmierte. Im großen und ganzen führte die Blödenkompanie im Lager ein ziemlich unbeachtetes Dasein, nur zuweilen, wenn sie durch Rödls Intelligenz mal allzu stark angeschwollen war, kam wohl der Lagerarzt her und verfügte Entlassungen. Im Sommer 1939 kam Dr. Ding auf den Einfall, die ,, Cardiazolprobe" bei allen Häftlingen der Kompanie durchzuführen. Er hatte darüber gelesen, daß bei Epileptikern durch Einspritzung einer bestimmten Menge Cardiazol ein epileptischer Anfall herbeigeführt wer-. den konnte, und daß durch die Einspritzung das Vorhandensein einer echten Epilepsie auch in solchen Fällen nachzuweisen war, bei denen es nicht zum offenen Ausbruch von epileptischen Anfällen kam, sondern sich in einem Zustande äußerte, der einer manisch depressiven Erkrankung, einer Zyklothymie ähnelte. 188 Das Ergebnis der ,, Cardiazolprobe" war die Feststellung, daß es sich bei fast allen Häftlingen der Kompanie um Epileptiker handelte, die in eine Heil- und Pflegeanstalt gehörten. Ding veranlaßte auch die Überführung einer Anzahl Häftlinge in solche Anstalten. Ich bin nicht darüber im Bilde, ob Ding damals bereits wußte, daß unter der nationalsozialistischen Ära solche Kranke in diesen Anstalten auch liquidiert wurden. In der Verwaltungsbaracke des Häftlingsreviers war neben dem Bestrahlungsraum, der Apotheke, dem septischen Operationsraum, dem Laboratorium, dem Kartei- und dem Arztzimmer auch die Ambulanz untergebracht. Sie war in eine äußere und in eine innere Ambulanz unterteilt. Hier walteten Häftlingspfleger, wozu von uns gerne ehemalige Arbeitersamariter und andere geschickte und interessierte Häftlinge genommen wurden, die man entsprechend anlernte, ohne ärztliche Aufsicht und selbständig ihres Amtes. Der Arzt und der Laie, der von Heilkunde einige Ahnung hat, dürften über diese Handhabung entsetzt sein. Sie werden es noch mehr sein, wenn sie erfahren, in welchem Ausmaße bis zu schwierigen Diagnosen und Prognosen und bis zu Operationen und Amputationen hier ärztliche Betreuung von„, blutigen Laien" durchgeführt wurde. Aber sie werden nicht nur aufs höchste entsetzt, sondern einfach sprachlos sein, wenn sie erfahren, mit welcher grenzenlosen Dummheit, Gewissenlosigkeit, Faulheit und Leichtfertigkeit hier sogenannte SS.- Ärzte ihren Beruf ausübten, und mit welcher Nonchalance sie das Wenige, was sie wußten, in den Dienst verbrecherischer sadistischer, mörderischer Naziideologie stellten. Es gab natürlich auch Ausnahmen. Ich nenne Dr. Blies aus Offenbach am Main, Dr. Zahel aus Österreich, der eine Mediziner, der andere Chirurg, zwei Ärzte, die leider viel zu kurze Zeit im Lager waren, ihre ärztliche Aufgabe ohne Ansehen der Person durchführten, aber nur wie ein Tropfen auf einem heißen Stein waren. Ja, ein Tropfen auf einem heißen Stein, nichts weiter, aber doch wieviel, wieviel im Blickfeld der Häftlinge, die Tag für Tag, stündlich, sekündlich, dies ,, lasciate fare ogni speranze" grausamst erlebten! Ununterbrochen während des ganzen Tages vom Wecken bis zum ,, Zapfenstreich" hatten die Häftlingspfleger in den Ambulanzen zu tun. Nur während der Appellzeit lagen die Räume verwaist. Der Haupt189 ansturm der Häftlinge aber setzte sofort nach Beendigung des Abendappells ein. Deutlich waren drei Gruppen zu unterscheiden. Als erste trafen die ein, die noch verhältnismäßig gut auf den Beinen waren und darum den Weg vom Appellplatz hinunter nach dem Häftlingsrevier schnell bewältigen konnten. Dann kamen, von den Trägern und Mithäftlingen gebracht, die Häftlinge, die nicht mehr aus eigener Kraft gehen konnten. Und die dritte Gruppe waren jene Häftlinge, die sich noch mehr oder weniger mühsam allein nach dem Revier zu schleppen vermochten. Und kaum war der erste Häftling im Revier angelangt, dann begann das Wundensäubern, Verbinden, Schneiden, Tamponieren, das Verpflastern, die Untersuchung der Augen, der Ohren, des Kehlkopfes, dies Abhorchen des Herzens und der Lunge, diese Perkussion und Auskultation, diese Rotlichtbestrahlungen und Lichtkastenbehandlung, diese Schutzimpfungen und Injektionen aller Art. Pflaster, Salben, Solvenstabletten, Prontosil, Gelonida, Hexamythelentetramin, Panflavin, Teutonal, Dimethylaminophenazon usw. usw. usw. kamen zur Ausgabe. Hier wurde ein Häftling in stationäre Behandlung genommen, dort der bereits eingetretene Tod eines anderen festgestellt, hier mußte einem Häftling klargemacht werden, daß er gar nicht krank war, und dem anderen dort, daß er seine Erkrankung nicht zu leicht nehmen dürfe, hier wurde mit geradezu intuitiver Begabung die beste Behandlung durchgeführt, dort passierte ein faustgrober Mißgriff. Es war ein einziges Kommen, Warten, Behandelt werden und Gehen am laufenden Band, und wenn der letzte Patient kurz vor der Straßensperre im Lager die Ambulanz verlassen hatte, dann sanken die Pfleger auf ihren Schemeln zusammen und waren vollkommen fertig, mußten sich erst einmal ein wenig verpusten, räumten ihre Ambulanzen auf und sanken todmüde aufs Lager Was diese Häftlinge in selbstloser Arbeit an Schmerzen stillten, an Leiden linderten, an Menschenleben retteten, ist nie festzustellen, und was sie leisteten ist fraglos weder im Auftrag noch im Sinne der Lagerleitung gewesen. Das Gebot der Not gab ihnen das Recht. Manchesmal haben sie dabei für ihre Kameraden Kopf und Kragen riskiert, und nicht nur riskiert, sondern auch verloren. Sie waren die unbändige Kraft des Guten, das immer und immer wieder gegen alle furchtbaren Mächte der Finsternis zum Licht vorstößt, tausendmal geknickt, tausendmal zerschmettert, aber ebenso oft und unverdrossen wieder sich erhebend und wirkend. Sie waren die Fleischwerdung des Wortes, das Jones damals im Zuchthaus schrieb: 190 Und würfen sie zehnmal uns nieder, aufsprängen wir wieder und griffen sie an und wieder! und wieder! und wieder! Schliche, Umwege, Tarnungen mußten sie nutzen, um ihren Kameraden Hilfe zu bringen. Jede Schwäche, jede Dummheit, jede Zwangslage der Lagerleitung und der SS.- Leute mußte genutzt werden, um Möglichkeiten dafür zu schaffen. Es war eine harte Arbeit, eine Arbeit, die improvisiert werden mußte mit unzulänglichen Mitteln und unzulänglichem Wissen. Und dennoch, sie hat ihre Erfolge gehabt. Und das ist ein Glorienschein, der für alle Zeiten unsichtbar für viele, aber dennoch sichtbar für alle Wissenden über dem Lager schweben wird, das einstmals die tiefste Erniedrigung der Menschheit sah. In den Februartagen(!) des Jahres 1939 wurde oben auf der Nordseite des Appellplatzes ein Lager im Lager errichtet: drei große Zelte, die parallel zueinander wie die Stallungen eines Zirkus aufgestellt wurden, und eine Baracke, die man in einiger Entfernung quer zu den Zelten zusammensetzte, so daß zwischen Zelten und Baracken ein ,, Hof" entstand. Das Ganze wurde durch einen hohen Stacheldrahtzaun eingefaßt. Kein Häftling konnte sich eine Vorstellung davon machen, welchen Verwendungszweck dieses Lager haben sollte. Sollte ein neuer Progrom inszeniert werden? Dafür war das Sonderlager eigentlich zu klein, denn wenn man die Lattengestelle, die in den Zelten zusammengehauen wurden und wie Flaschengestelle im Keller einer Weinhandlung waren, als Schlafpritschen deutete, dann war das Sonderlager mit ,, Buchenwald"- Maß gemessen für etwa 200 bis 250 Häftlinge bestimmt. Daß dieses Sonderlager etwas mit Dingen zu tun haben würde, die sich ,, spontan" einen ganzen Monat später ereignen würden, wußten sicherlich nur einige verbrecherische Drahtzieher. Und die schwiegen darüber, weil sie noch alle Ursache hatten, sich zu tarnen. Wie war damals die politische Situation? Schon ein ganzes Jahr vorher, als Hitler seinen schlecht getarnten Überfall auf Österreich unternahm, ohne daß ein gebieterisches Veto erklungen war, hatte das Verhängnis offen seinen Lauf genommen. Man erinnere sich: Am 12. Februar 1938 garantiert das ,, Reich" im Berchtesgadener Abkommen ,, dem österreichischen Brudervolke noch einmal feierlich Unabhängigkeit und Sou191 veränität", aber schon am 10. März 1938 walzt Hitlers Kriegsmaschine zum ersten Male auf den ,, Straßen des Friedens", den Reichsautobahnen. Von allen Strecken der Reichsautobahnen ist die Strecke MünchenLandesgrenze die erste, die fertiggestellt wurde. Sie war auch die erste, die ihrer wahren Bestimmung übergeben wurde. Schon rollen die Panzer mit genauem Marschbefehl und kein Mensch scheint zu bemerken, daß am nächsten Tage erst, am 11. März 1938, sich das österreichische Volk ,, erhebt", die deutsche Wehrmacht zur Hilfe ,, ruft". Am 12. März wird Hitler ,, jubelnd als Retter in Österreich begrüßt". Am 13. März vollzieht er den Anschluß Österreichs. Am 10. April 1938 inszeniert er eine Volksabstimmung mit 99,9 v. H. JaStimmen. Konnte nicht ein Blinder mit dem Krückstock fühlen, was hier in Wahrheit vor sich ging? Wie war es nur möglich, daß die politisch geschulte Welt nicht klar erkannte, wohin der Weg der verbrecherischen Naziclique führte? Daß niemand Einhalt gebot? Und nun fast auf den Tag genau ein Jahr später, unternimmt Hitler den zweiten offenen Schritt. Man erinnere sich: 23. September 1938: Godesberger Memorandum. 29. September 1938: Münchener Abkommen. 5. Oktober 1938: Rücktritt Beneschs. 2. November 1938: Wiener Schiedsspruch. 30. November 1938: Hacha Staatspräsident. 14. März 1939: Einmarsch der deutschen Truppen in die Slowakei und am 16. März 1939: Erlaß über das Protektorat Böhmen und Mähren. Am 14. März 1939 läßt Hitler die deutsche Wehrmacht nach Prag marschieren, weil ihn ,, Hacha plötzlich und unerwartet dringend um Hilfe ruft". Einen Monat vorher aber läßt er im Konzentrationslager Buchenwald schon die Vorbereitungen treffen, um hier einen Teil jener Leute liquidieren zu können, die er programmgemäß am 15. März verhaften lassen wird. Gewiß, das, was wir Konzentrationäre dort erlebten, war nur ein kleiner, ziemlich bedeutungsloser Anschauungsunterricht, und es gibt viele eherne Tatsachen, die eine weit überzeugendere Sprache sprechen, aber er ist so eindeutig und so dokumentarisch, daß er allein schon genügt. Ich gehöre nicht zu jenen Schwarzweißpolitikern, für die die Frage der Kriegsschuld im Handumdrehen beantwortet ist, aber dieser Anschauungsunterricht allein schon würde die Erkenntnis vor mir rechtfertigen: Noch nie in der Geschichte ist die Schuld an einem Kriege eindeutiger, klarer und berechtigter einem einzigen Manne zuzuschreiben gewesen! Hitler wollte den Krieg! Sein Überfall auf Österreich war der erste offene Schritt. Sein Einmarsch in Prag der zweite. Und als er dann wenige Monate später Polen in 18 Tagen überrennen ließ, da nahm das 192 längst in Bewegung gesetzte Verhängnis nur noch seinen ununterbrochenen Lauf. Wenige Tage schon nach dem Einmarsch in die Tschechei kommen die ersten Transporte jener Häftlinge, die in das Sonderlager gebracht werden. Das einzige, was wir über sie erfahren, ist, daß sie Juden sind, darunter die gesamten Insassen eines jüdischen Altersheims, hochbetagte Greise der älteste 93 Jahre und viele Waisenkinder im Alter - --von 8 bis 14 Jahren. Das Lager ist in acht Wochen restlos liquidiert, bis auf einige Kinder, die wir kurz vor der letzten Tragödie noch in das allgemeine Lager überführen können. Ich vermag es nicht zu beschreiben, was sich hier zutrug. Jedenfalls war alles so grauenhaft und so entsetzlich, so kaleidoskopisch turbulent, daß man den einzelnen Menschen in diesem Lager nicht mehr sah. Schätzungsweise wurden etwa 1200 bis 1400 Häftlinge in das Lager gepfercht. Ihre Verpflegung bestand, da sie nicht zur Arbeit herangezogen wurden, aus einem halben Liter dünner Wassersuppe und einer Schnitte Brot täglich. Zum augenblicklichen Hungertode zu viel, zum Leben viel zu wenig. Das große Sterben begann schon auf dem Transport ins Lager und steigerte sich mit jedem Tag nach Zahl und Grauen. Ärztliche Betreuung fand nicht statt, Samariterdienste durften nicht geleistet werden, Medikamente, Verbandmaterial wurden nicht in das Lager gelassen. Keiner durfte das Lager verlassen, kein anderer Häftling das Lager betreten. Und was sich dort zutrug, das konnten wir zunächst nur ahnen, wenn wir sahen, welche Szenen sich zum Beispiel bei der ,, Essenausgabe" im Hof abspielten. Wie eine Meute hungriger, halb wahnsinniger Wölfe benahmen sich die Häftlinge, indes die Scharführer mit Hundepeitschen, Stöcken und Revolvern dazwischenfuhren. Nach vier Wochen etwa betritt der Lagerarzt Dr. Ding zum ersten Male das Sonderlager, weil ihm ein Scharführer erzählt hatte, daß in letzter Zeit merkwürdig viele Häftlinge ohne erkennbare Todesursache starben. Der Scharführer nahm an, daß irgendeine Seuche im Lager grassierte, er kannte den Hungertod noch nicht. Ich muß Ding begleiten. Als ich das Lager betrete, sind bereits etwa 400 Häftlinge gestorben, trotzdem liegen die übrigen Häftlinge in den Zelten, die sie nur zum Essenholen und Austreten verlassen dürfen, noch buchstäblich übereinander. Die Lebenden bei den Sterbenden, die Gesunden bei den Todkranken, die Greise bei den Kindern, die Angstlichen bei den Fatalisten. 13 Poller, Buchenwald 193 Unglaublicher Pesthauch, unbeschreiblicher Schmutz, Menschen, die am lebendigen Leibe verfaulen, Irre und Wahnsinnige, in Krämpfen sich windend, im Coma--- eine Apokalypse, wie sie kein Hirn auszudenken und keine Feder zu beschreiben vermag. Es herrscht nur schummriges Licht in den Zelten, als scheue das gütige Licht, den Wahnsinn zu enthüllen, der sich hier vollzieht. In einem Winkel ist eine Wolldecke aufgehängt. Wir schauen dahinter, aber entdecken nichts. Eines der Kinder, die wir dann später in das Hauptlager überführen konnten, hat mir berichtet, daß sich hinter dieser Decke jene zurückzogen, die ihrem Dasein selbst durch den Strick ein Ende setzten. Der Strick sei immer wieder von den Mithäftlingen abgeknüpft und dann an den Nagel gehängt worden, für den nächsten Todeswilligen, denn man habe nur diesen einen Strick gehabt. Nach acht Tagen bin ich zum zweiten Male im Sonderlager. Den Mut, in die Zelte zu gehen, bringe ich nicht auf. Es ist gerade Essenausgabe. Sie vollzieht sich jetzt bedeutend ruhiger als früher. Essen bekommt nur, wer sich seine Portion selbst holt. Alle Häftlinge befinden sich in halb verhungertem Zustande. Viele vermögen sich nur noch mühsam auf den Beinen zu halten, aber sie quälen sich doch noch bis zur Baracke, mit einem verbeulten Eẞnapf, einer alten Konservendose oder sonst irgendeinem Gefäß in der Hand. Andere sind noch besser auf den Beinen, wenngleich sie auch erschrekkend mager sind und fast alle wie wandelnde Gerippe aussehen. Da schleppen zwei solcher Gerippe einen Kameraden, der offenbar in Ohnmacht gefallen ist, an der Essenausgabe vorbei, und erhalten auch drei Portionen von der dünnen Wassersuppe. Als sie das ,, Essen" empfangen haben, schultert einer seinen ohnmächtigen Kameraden und bringt ihn ins Zelt, während der andere einstweilen die drei Töpfe bewacht. Der erste Häftling kommt mit seiner Last in einiger Entfernung bei mir vorbei. Ich sehe, daß er eine Leiche transportiert. -- Im selben Augenblick macht mich Ding auf eine andere Sache aufmerksam. Da sitzt einer kaum fünf, sechs Meter von der Essenausgabe entfernt vor einem anderen Häftling, der, auf der flachen Erde sitzend, gegen die Barackenwand gelehnt ist, und bemüht sich offenbar, seinen Kameraden zu füttern. Und jedesmal, wenn er ihm den Löffel vor den Mund hält, blickt er spähend nach rechts und links und schiebt sich den Löffel dann schnell-- selbst in den Mund. Wir beobachten ihn eine ganze Weile. Dann geht Ding auf ihn zu. Als der Fütterer das merkt, wirft er den Napf mit der Suppe fort, springt auf und verschwindet schnell in eines der Zelte. Der Häftling an der Barackenwand regt sich 194 nicht. Ding stößt ihn an. Er fällt leblos um. Er ist schon seit mindestens zwei Tagen tot, denn die Leichenstarre war nicht mehr vorhanden. In der achten Woche ist es sehr still im Sonderlager geworden. Alle Häftlinge bis auf etwa hundert, darunter merkwürdig viele Kinder, sind ,, gestorben". Auf Dings Anweisung sollen die Kinder, deren körperlicher Zustand es wahrscheinlich sein läßt, daß sie sich wieder erholen können, nun in das allgemeine Lager übergeführt werden. Wir holen alle noch lebenden Kinder heraus, baden sie, geben ihnen saubere Kleider und- zu essen. ,, Oh", sagt einer: ,, Ist das denn wahr? Gibt es denn wirklich noch so gute Menschen? Das kann ich ja gar nicht glauben."-- Nach wenigen Tagen hat auch der letzte erwachsene Insasse des Sonderlagers die Augen zugemacht. Das Lager wurde gereinigt, desinfiziert und wieder instand gesetzt. Es wurde nach einem Vierteljahr zum zweitenmal gebraucht --Es war nach der Überlieferung der römische Kaiser Titus Flavius Vespasianus, der das geflügelte Wort ,, non olet" prägte, als man ihm die Gewinne aus einer Abtrittssteuer vorwarf, und seither pflegt man jedem bei einem unsauberen Geschäft verdienten Geld das Prädikat ,, es stinkt nicht" anzuhängen. Von meinem Vorgänger übernahm ich eine Reihe von Attestmustern mit der Belehrung, daß das erste Attest 12, das zweite 20, das dritte 30 und das vierte 50 Mark koste. Außerdem würden auch noch größere Atteste ausgestellt, deren Preis unterschiedlich und in jedem einzelnen Falle festgesetzt würde. Ich hatte in der schnellen Stunde, die zur Einweisung in meine neue Tätigkeit als Arztschreiber übrigblieb, so viel zu behalten und erfuhr so viel Neues, daß es mir wie dem bekannten Schüler im Faust erging. Und da die kurze Einweisung bald von der Erledigung der dringendsten Arbeiten abgelöst wurde, war es weiter nicht verwunderlich, daß die Attestmuster zunächst aus meinem Blickfeld verschwanden. Aber es dauerte gar nicht lange, daß ich sie aus dem Wust meiner Vordrucke, Muster und Notizen hervorsuchen mußte, denn es erschien ein jüdischer Mithäftling und bat um die Ausstellung eines Gesundheitsattestes zum Zwecke der Auswanderung. Ich war nicht im Bilde, dafür aber der jüdische Kamerad um so besser. Er erklärte mir, 13* 195 welches der vier Muster für Holland, welches für England, welches für Amerika und welches für Shanghai benötigt wurde. Es war damals noch üblich, daß jüdischen Häftlingen, die politisch nicht belastet waren, die Auswanderung aus Deutschland gestattet wurde. Neben anderen Papieren, die das dritte Reich und die Staaten, in die der Jude einwandern wollte, von solchen Auswanderern verlangten, war meistens auch ein Gesundheitsattest erforderlich, denn die Aufnahmestaaten hatten begreiflicherweise keine Neigung, kranke Personen aufzunehmen, die den betreffenden Staaten doch bald zur Last fallen würden. - Es ist von uns Häftlingen damals manchesmal die Frage sorgfältig erwogen worden, wieso es die Nazis zulassen konnten, daß Häftlinge, die doch aus eigener Anschauung die grauenhaften Zustände im Konzentrationslager Buchenwald kannten, in das Ausland gelassen wurden. Uns war es offen gestanden- ein wenig unbegreiflich. Denn wir sagten uns, daß doch kaum ein Jude dort in der freien Welt sich um die beim Verlassen des Lagers abgezwungene Verpflichtungserklärung, keine ,, Greuelnachrichten" über das Lager zu verbreiten, kümmern werde, und daß das Gewissen der Welt durch die immer wieder kongruenten Berichte aus deutschen Konzentrationslägern aufgerüttelt werden müßte. Zwar leuchtete es uns ein, daß mit der Veröffentlichung der Zustände in Buchenwald die Gefahr heraufbeschworen wurde, daß keine Juden mehr aus dem Lager entlassen werden würden, oder daß es bei der Einstellung der Nazis sehr leicht möglich sein könnte, daß man zu Vergeltungsmaßnahmen gegen die im Lager zurückgebliebenen Rassegenossen überging. Aber nach unserer Ansicht wurde dieses ,, Risiko" nicht von dem Meer des Grauens aufgewogen, das hier schaudervollst abgründig tobte, und wir konnten es uns nicht vorstellen, daß das wachgerüttelte Weltgewissen nicht imstande sein sollte, die Dämme zu durchstoßen, die dieses furchtbare Meer von Blut, Leid und Qual zusammendrängten. Wir wußten auch, daß hier und dort in ausländischen Zeitungen bereits Berichte über Buchenwald und andere deutsche Konzentrationsläger veröffentlicht worden waren, wir wußten, daß die Lagerleitung diese Berichte kannte( Ding selbst hatte mir einmal erzählt, daß im Ausland ein Bericht über das Häftlingsrevier mit ziemlich genauen Angaben veröffentlicht worden war), und trotzdem wurden Juden weiter entlassen und keine Vergeltungsmaßnahmen durchgeführt. Wir wußten noch nicht, wie ungemein schwer es ist, diesen wahrheits196 getreuen Berichten Glauben zu schenken. Die Nazis wußten es. Sie wußten, daß das träge Weltgewissen nur zu leicht geneigt war, die unfaßbare Wahrheit mit dem Wort ,, Greuelpropaganda" abzuschütteln. Sie wußten, daß selbst der Jude, der die grauenhaften Verbrechen der Nazis mit überzeugendster Kraft in alle Welt hinausschrie, ihnen augenblicks nicht sonderlich gefährlich werden konnte. Ja, sie rechneten kalt und nüchtern: Die Wahrheit wird dem Juden nicht geglaubt, und die Tatsache, daß man ihn lebend ins Ausland hatte reisen lassen, verstärkt nur seine Unglaubhaftigkeit. Und heute, nachdem das Verbrechen der Nazis vor jedem Menschen offen liegt, wissen wir, daß die teuflische Rechnung aufgegangen ist. Das Weltgewissen schwieg bis zu dem Augenblick, wo angloamerikanische Truppen in die Läger eindrangen und den letzten schwachen Abglanz der unsagbaren Tragödie mit eigenen Augen sahen. Da erst berichteten alle Zeitungen der Erde über Buchenwald, Belsen, Auschwitz und Dachau. Da erst ging der Welt das Grauen auf, das sich vor dem deutschen Volk und vor der Welt mit dem Worte ,, Nationalsozialismus" getarnt hatte. Da erst erhoben die Regierungen und verantwortlichen Staatsmänner anklagend ihr gewichtiges Wort. Wir wissen heute, daß das Weltgewissen vorher nicht wachgerüttelt wurde, aber nicht, weil es nicht wachgerüttelt werden wollte, sondern weil es nicht wachgerüttelt werden konnte, denn niemals ist die Wahrheit so unglaubhaft, so infernalisch in der Welt gewesen wie hier. Wie schwer aber wird es sein, das Gewissen Deutschlands wachzurütteln und wach--- zu erhalten!! Denn hier türmt sich noch ein gewichtiges psychologisches Moment schier undurchdringlich vor die Wahrheit. Der verantwortungsbewußte Mensch bricht nur zögernd den Stab über den Mitmenschen. Hier aber muß mancher über sich selbst den Stab brechen! Und das tut kaum einer freiwillig und keiner gerne! Jeder Mensch ist nur zu gern geneigt, seine Augen vor einem schaudervollen Abgrund zu verschließen. Hier aber ist es dringendstes Gebot der Stunde, daß das deutsche Volk die Augen für alle Zeiten aufreißt, denn nur so kann es sich wandeln! Heute sehe ich Aufgabe und Schwierigkeiten klar vor mir ausgebreitet, damals, als ich meinem jüdischen Kameraden das Gesundheitsattest ausfertigte, stand ich noch vor Unbegreiflichkeiten. Der Häftling wollte nach Holland auswandern. Er benötigte das einfachste Gesundheitsattest, eine Bescheinigung, daß er gesund sei und an keiner ansteckenden Krankheit litte. Wenngleich ich auch annahm, daß die Ausstellung des Attestes keine 197 besonderen Schwierigkeiten bereiten würde, war ich doch überrascht über die Schnelligkeit, mit der der Lagerarzt die ärztliche Untersuchung erledigte. Es ging buchstäblich schneller, als ich es hier zu beschreiben vermag. Der Häftling hatte sich draußen auf dem Flur zu entkleiden, wurde hereingerufen, Ding setzte das Hörrohr auf zwei Sekunden über dem Herzen an und schickte den Kameraden wieder aus dem Zimmer. Ich fertigte ein Attest nach Muster Nr. 1 aus und schrieb eine Geldanforderung über 12 Reichsmark an die Kassenverwaltung. Die Anforderung händigte ich dem Häftling aus, der das Geld besorgte und bei mir gegen Aushändigung des Attestes ablieferte. Ich lieferte die Summe an den Lagerarzt ab, und der Fall war erledigt. Und jeden Tag kamen Juden mit solchen Anliegen, manchmal nur 2, 3 oder 5, häufig aber auch 20, 30, 40 und mehr, und nach kurzer Zeit schon machte sich Ding nicht einmal mehr die Mühe, die Juden anzusehen, geschweige denn zu untersuchen. Die Atteste wurden am laufenden Band ausgestellt und es wurde alles bescheinigt, was die Bittsteller bescheinigt haben wollten. Der einzige Unterschied war nur noch der, daß die Gebühr, die zu zahlen war, möglichst hoch angesetzt wurde, und das war um so leichter, weil die Höhe der abgeforderten Summe bei den jüdischen Häftlingen in der vagen Hoffnung, sie könnten doch noch aus der Hölle entrinnen, keine Rolle spielte. Ich lernte auch bald die nationalsozialistische Unterscheidung zwischen Lagerarzt und Amtsarzt kennen. Der Lagerarzt war in gleicher Person auch Amtsarzt. Wenn aber ein amtsärztliches Attest verlangt wurde, dann kostete das gleiche Attest, das sich nur durch ein anderes Siegel unterschied,-- 10 Reichsmark- mehr. -- Zuweilen kam es vor, daß die Ausfüllung größerer Formulare gefordert wurde, die den jüdischen Häftlingen von ihren Angehörigen zugeschickt wurden, die draußen die Auswanderungspapiere zusammenzubringen suchten. Auf diesen Vordrucken wurde die Beantwortung von Fragen verlangt, die nur ein mit den Fachausdrücken vertrauter Arzt sachgemäß beantworten konnte. Das hätte von Dr. Ding, selbst wenn er die Häftlinge nicht untersuchte, vielleicht eine halbe Stunde oder etwas mehr Zeit beansprucht. Ding übertrug die Beantwortung der Fragen jüdischen Ärzten und beschränkte sich darauf, 50 oder 60 Reichsmark je nachdem zu kassieren. Anfangs war ich ahnungsloser Europäer der Meinung, daß Dr. Ding die so einkassierten Gelder an irgendeine Amtskasse abliefern würde, denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß auf so einfache Weise jemand, der in fester Besoldung stand, nebenbei Tag für Tag 300, 400, ja 600, 198 " ja 1000 Reichsmark und mehr verdienen" konnte. Aber so unglaublich es mir auch erschien und so sehr sich irgendetwas in mir gegen diese Erkenntnis wehrte, es dauerte nur kurze Zeit, bis ich es nicht nur glauben mußte, sondern es auch wußte. Als ich ihm wieder einmal einige hundert Mark, die ich einkassiert hatte, aushändigen wollte, sagte er, daß er dieses Geld an die Unterstützungkasse der SS. abliefern wolle. Die Kasse hätte zwar genug Geldmittel, aber er müsse ab und zu einè Summe dorthin abführen, da es bei der Lagerleitung bekannt sei, daß ,, zuweilen" Einnahmen aus Attestgebühren eingingen. Bei einem anderen Male fragte er mich, ob ich persönlich Geld gebrauche. Ich lehnte die Annahme von Geld mit dem Hinweis ab, daß ich nur 10 Reichsmark bei mir tragen dürfe, selbst Geld habe und im übrigen ja sowieso nicht wüßte, was ich mit dem Geld anfangen könnte, da die frühere Möglichkeit des Kantineneinkaufes wegen Mangels an Waren fast gar nicht mehr vorhanden war. Die Gründe mußte er gelten lassen, wenngleich ich auch das starke Gefühl hatte, daß er genau wußte, weshalb ich ablehnte. Sicherlich hat er innerlich über mich ,, Phantasten" gelacht, aber ich gehöre nun einmal nicht zu jenen Menschen, die bedenkenlos sagen können: ,, non olet". 茶茶 茶 Ding dürfte sich überhaupt manchesmal über die seltsamen Vögel gewundert haben, denen das Messer doch an der Kehle saß und die trotzdem noch ihre unbegreiflichen Grundsätze hatten. Er selbst hatte es mehrfach mehr als deutlich zu verstehen gegeben, daß er bereit war, fünf gerade sein zu lassen, wenn sich ein Häftling auf Kosten seiner Mithäftlinge einen persönlichen Vorteil verschaffte. Aber diese ,, komischen Käuze" gaben ihm keine Gelegenheit, seine Bereitschaft durch die Tat zu erhärten. Und um diesen Häftlingen, die die ganze Arbeit für ihn taten, einige Vitaminpräparate und stärkende Arzneimittel geben zu können, mußte er von den Firmen, die für ihre Präparate in den medizinischen Wochenschriften die Reklametrommel rührten ,,, Arztmuster" anfordern. Die wurden von den Häftlingen angenommen. An den Präparaten in der Häftlingsapotheke vergriff sich keiner. Einmal im Monat wurde an das SS.- Sanitätsamt in Berlin eine Bestellung über Verbandmaterial, Medikamente, Instrumente usw. aufgegeben. Zuerst wurden diese Bestellungen ziemlich lax gehandhabt. 199 Fast alles, was bestellt wurde, wurde auch geliefert, und was in diesem Monat nicht einging, traf meistens mit der nächsten Monatslieferung ein, weil Berlin sich die Sache inzwischen besorgt hatte. Dr. Ding folgte im ganzen den Anforderungen, die der erste Häftlingspfleger aufgab. Der wieder richtete sich nach dem Verbrauch, den die Häftlingsapotheke gemeldet hatte, die gleichfalls von einem Häftling- das war keineswegs ein approbierter Apotheker, aber es ging auch so ausgezeichnet- verwaltet wurde. Bei dieser Sachlage haben wir Häftlingspfleger es immer wieder aufs lebhafteste bedauert, daß wir nicht medizinisch genug gebildet waren, um unsere Medikamentenbestellung entsprechend beeinflussen zu können. Aber es brauchte uns nur ein Fachmann auf ein Medikament aufmerksam zu machen, das ,, sehr gute Erfolge" erzielt hatte, und schon stand es auf unserer nächsten Monatsliste und wurde erprobt. Natürlich kam es vor, daß der Lagerarzt Dr. Ding irgendetwas strich oder kürzte, wenn wir ein teures Medikament allzu reichlich aufgeführt hatten. Aber das kalkulierten wir ein. Bei Ausbruch des Krieges kamen neue Anweisungen heraus. Bestimmte Medikamente wurden für das Häftlingsrevier überhaupt gestrichen, Verbandmaterial durfte nur in äußerst beschränktem Umfange angefordert werden. Ding strich die Bestelliste auf Teufel komm hinaus zusammen, und wir standen wie die begossenen Pudel dabei. Aber im nächsten Monat wußten wir uns schon zu helfen. Machten wir die Liste nicht selbst postfertig"? Wußten wir nicht zu 99 Prozent, daß sich um die Liste sonst keiner zu kümmern schien? Und als Ding unterschrieben hatte, da setzten wir hier noch eine Zahl davor und dort hingen wir eine kleine Null daran. Und als die nächsten Kisten aus Berlin eintrafen, da war alles gutgegangen. Nur schade, daß wir manche Medikamente überhaupt nicht mehr anfordern durften. Überhaupt nicht mehr? Stand da in den neuen Anweisungen nicht auch irgendetwas von Medikamenten, die nur in beschränktem Umfange und nur in äußerstem Notfall angefordert werden durften? Anweisungen her und genauestens durchstudiert! Konnten wir riskieren, wenigstens diese Mangelmedikamente usw. wieder aufzuführen? Ding hatte sie damals alle gestrichen. Aber waren wir nicht mit dem Buchdruck vertraut? Wußten wir nicht, was ,, Durchschuß" ist, dieser Abstand zwischen den Druckzeilen? Und als beim nächsten Male Dr. Ding die Bestellung unterschrieben hatte, da wanderte die Liste noch einmal durch die Schreibmaschine. Für ,, Durchschuß" war vorher 200 gesorgt, und das, was wir noch einzufügen hatten, paßte sich ganz vorzüglich in die Kolumne ein. Was wir da taten, taten wir für unsere Kameraden. Hätte man uns erwischt, wir wären samt und sonders ,, matschige Leichen" geworden. Wir wußten es genau, aber wir mußten es dennoch tun! Denn in uns war ein Gesetz lebendig, so stark, so elementar, so kategorisch, daß es nichts gab, was sich ihm nicht unterordnete! Ich glaube, hätte man uns alle totgeschlagen, dieses Gesetz wäre noch am Leben geblieben. Wie mancher hat sein Leben in Buchenwald hingegeben, weil ihn das ,, moralische Gesetz" in ihm ,, zwang", seinen Kameraden uneigennützig zu helfen! Ich weiß, wir haben in Deutschland viele Totenmale zum Gedenken, zur Ehre und zur Mahnung aufzurichten, denn die Zahl der Naziopfer ist Legion. Dieses Denkmal in Buchenwald darf dabei nicht vergessen werden! 茶茶 茶 Es gehört bestimmt nicht viel Beobachtungsgabe dazu, um festzustellen, daß die Natur jedem Menschen ein anderes Gesicht, einen anderen Habitus mit auf den Lebensweg gibt. Selbst Zwillinge, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, werden von der Mutter und den Menschen, die täglich mit ihnen umgehen, ohne weiteres unterschieden. Und es gehört auch nicht viel Beobachtungsgabe dazu, um einem Menschen mit ziemlicher Sicherheit vom Gesicht, von der Kleidung usw. abzulesen, wessen Geistes Kind er ist. In Buchenwald aber war es nach wenigen Tagen schon einfach unmöglich, einem Menschen vom Habitus oder vom Gesicht abzulesen, was er im bürgerlichen Leben wohl gewesen sein mochte. Das erbarmungslos harte Schicksal, das über allem stand, zermalmte fast jedes Unterscheidungsmerkmal, und nur der geschulte Psychologe vermochte vielleicht hier und da noch ganz grobe Merkmale zu entdecken, die den Charakter so oder so zu deuten schienen. Da waren überall die gleichen zerrissenen, verschmutzten Uniformen, die glattgeschorenen Schädel, die gleich ausgemergelten bartlosen Gesichter, überall die gleiche Mischung von Furcht, Grauen und Fatalismus in den Augen der Häftlinge, die gleiche Not, das gleiche Elend, die gleiche ,, Lebens" führung. Und wenn da in Reih und Glied der Gelehrte neben dem Arbeiter, der Seelsorger neben dem Gewohnheitsverbrecher, der 201 Lehrer neben dem Handwerker, der Künstler neben dem Schwachsinnigen, der Kaufmann neben dem Stromer stand, man hätte nicht sagen können, wer der eine und wer der andere war. Es war so, als ob das, was früher die ganze Welt der einzelnen Persönlichkeit ausmachte, mit einem Schlage und restlos vernichtet war. Und man muẞte schon lange Zeit im Lager sein und wissen, was der oder jener früher einmal gewesen war, und eine hochentwickelte Gabe der Menschenkenntnis haben, um Spreu vom Weizen, Charakter von Charakterlosigkeit, Wissen von Dummheit, Idealismus von Materialismus an äußeren Merkmalen sondern zu können. Das Vegetieren im Lager erschlug fast immer das Bewußtsein vom eigenen Wert und von der eigenen Würde. Und jene Häftlinge, die sich trotz allem ihre Persönlichkeit zu erhalten wußten, waren die Ausnahme, nicht die Regel. Buchenwald zermalmte jeden Persönlichkeitswert. Das, was der wissende Mensch von ganz Deutschland feststellen konnte, wenn er von einer hohen Warte in den zwölf Jahren des Grauens auf Deutschland niederblickte, dieses Absterben jedes individuellen Wertes, hier in Buchenwald konnte er es bis zur letzten Konsequenz verwirklicht feststellen. Und es gab nur noch ein einziges Ereignis, das diesen Zustand an Gleichmacherei noch übertraf. Das war die grauweiße Asche der verbrannten Häftlinge; die Asche, die man als Düngemittel an den deutschen Bauern verkaufte--- Und wenn einmal auf Pilastern, die bis in den Himmel reichen sollten, die Namen derer mit Flammenschrift eingemeißelt werden, die in den deutschen Konzentrationslägern ermordet wurden, dann erst wird man sehen, wieviel Edelmut, wieviel reines Menschentum, wieviel Intelligenz, wieviel Gelehrsamkeit, welche geistigen und sittlichen Qualitäten hier brutalst ausgerottet wurden. Gelehrte, Künstler, Erzieher, Staatsmänner, Politiker, Führer auf allen Gebieten des menschlichen Lebens von Weltruf wurden hier barbarisch vernichtet. --In jedem Lexikon nicht nationalsozialistischer Prägung findet man den Namen Kreuzfuchs. Er ist in das Register ärztlicher Fachausdrücke eingetragen wie die Namen Basedow, Priesnitz oder Billroth. Der Mann, der als Röntgenologe so seinen Namen weithin sichtbar in die Geschichte eintrug, lebte als Arzt in Wien und war Jude. Er hatte still und zurückgezogen nur seiner Wissenschaft gelebt, aber Jude. Er hatte sich kaum, und in der Öffentlichkeit schon gar nicht, um Fragen des gesellschaftlichen Lebens gekümmert, aber er Jude. Er war viel zu ,, weltfremd", um zu wissen, was Nationalsozialismus war und hatte darum niemals zu dieser ,, Sache" so oder er war war 202 so Stellung genommen, aber er war Jude. Ja, ich glaube, er war so völlig versponnen in seine wissenschaftliche Aufgabe, daß er es sogar vergessen hatte, daß er Jude war. Aber er war es! Jude, nichts als Jude, nur ein Jude! Und das war sein Unglück! Einen Tag, nachdem Hitler Wien ,, befreit" hatte, wurde er nach Buchenwald gebracht, denn er war - Jude! --Was ich von ihm zu berichten habe, ist nicht sonderlich viel, und es gäbe drastischere Beispiele, aber ich will mich darauf beschränken. Kreuzfuchs war im Lager ein altes, verhutzeltes Männchen geworden, abgemagert bis zum Skelett. Und als ich ihn kennenlernte, war er so schwach, daß er nicht einen einzigen Tag in einer Arbeitskolonne auẞerhalb des Lagers überstanden hätte. Er war ,, abgeschirmt" worden und arbeitete in einer Kolonne innerhalb des Lagers. Wer ihn sah, hätte kein Anzeichen dafür aufzeigen können, daß dieser Häftling ein Gelehrter war, so restlos ,, entpersönlicht" war er. Seine Tage waren ohne Frage auch innerhalb des Lagers gezählt. Die jüdischen Freunde, die ihn kannten, wußten darum, und man sann nach einem Weg, ihm wenigstens für kurze Zeit Ruhe zu verschaffen. Hatten die zwei, drei jüdischen Ärzte, die der Lagerarzt Dr. Ding für sich eingespannt hatte, gemessen an ihren jüdischen Mithäftlingen nicht auch ein wenig Ruhe? War es nicht bekannt, daß diese Ruhe ein erbärmliches, aber nun einmal nicht zu verhinderndes Aquivalent für das Wissen und Können war, das sie dem Herrn SS.- Arzt abgetreten hatten? War es nicht möglich, Dr. Ding auch für eine epochale Entdeckung der Röntgenologie zu ,, interessieren"? Ja, hier war eine Chance für Kreuzfuchs! Unmerklich wird Dr. Ding durch die jüdischen Ärzte Schritt für Schritt vorbereitet. Zuerst fällt bei einer Prognose wie unbeabsichtigt das Wort Röntgenologie. Dann wird von Ergebnissen der Röntgenologie gesprochen. Dann später von Erfolgen. Nach einigen Tagen ist Ding so weit vorbereitet, daß er ohne Opposition die lapidare Weisheit schluckt, daß in bestimmten Fällen die Röntgenologie das einzige bislang bekannte Hilfsmittel des Arztes ist, eine Krankheit sicher zu erkennen. Und wieder nach einigen Tagen äußert Ding von sich aus den Wunsch, diesen Kreuzfuchs, der doch schon Epochales auf dem Gebiete der Röntgenologie geleistet hat, kennenzulernen. Wir sind sehr zuversichtlich. Kreuzfuchs ist so weltfremd, daß wir ihm einreden müssen, er wäre es seinem Lebenswerk schuldig, dem Lagerarzt Rede und Antwort in Fragen der Röntgenologie zu stehen. 203 Und dann steht Kreuzfuchs vor dem Lagerarzt, bescheiden, zurückhaltend, klar in seinen Antworten und Darstellungen. Auf der einen Seite dieser verhutzelte, abgemagerte, auf dem Aussterbeetat stehende Mensch. Auf der anderen Seite der allgewaltige SS.- Sturmführer, eine einzige Demonstration blühendster Gesundheit. Und zwischen ihnen steht die Sache, nichts als die Sache. Auf der einen Seite das Wissen, das große Wissen, auf der anderen Seite die grandiose Möglichkeit, dieses für die ganze Menschheit segensreiche Wissen zu mobilisieren.. Auf der einen Seite der Gelehrte, dessen Kenntnisse so groß sind, daß sie nicht mehr schulmeisterlich belehrend, sondern unaufdringlich, bescheiden unterrichtend wirken, auf der anderen Seite der SS.- Offizier, der hochtalentiert ist und gewiß mit dem letzten Rest von Anstand, der noch in ihm lebt, aufspürt, daß hier eine große Sache vor ihm ausgebreitet wird, jenseits schon von Persönlichem und von IndividuellMenschlichem. Ding unterhält sich, stellt Fragen, äußert Ansichten und-- entläßt dann den Juden, ohne hämische Bemerkung, ohne eine Geste, aus der wir hätten schließen können, daß er uninteressiert wäre. Ich hätte gerne mehr gewußt, stelle mich deshalb unwissend und frage Dr. Ding: ,, Was war denn das für einer?" Ding antwortet: ,, Das war der Kreuzfuchs. Der Mann weiß was." Mehr sagt Ding nicht, aber selbst das wenige war Wasser auf die Mühle unserer Zuversicht. Ein paar Tage später meldet sich Kreuzfuchs wieder beim Lagerarzt und wird auch vorgelassen. Er hat eine Zeichnung angefertigt, die er Ding erklären will. Es handelt sich um das Aneurysma, die krankhafte Erweiterung der Aorta. Ding ist interessiert und läßt sich die Zeichnung bis ins einzelne erklären. Kreuzfuchs wird von seinem Lieblingsthema fortgerissen. Er holt weit aus, den Blick unverwandt auf die Zeichnung geheftet und mit den zittrigen Fingern zuweilen das, was er sagt, auf der Zeichnung demonstrierend. Ich vermag dem Vortrag nicht mehr zu folgen und beschränke mich darauf, Kreuzfuchs und Ding zu beobachten. Kreuzfuchs ist ganz im Banne seiner Darstellung, Ding läßt ebenfalls zunächst keinen Blick von der Zeichnung. Doch jetzt blickt er auf Kreuzfuchs, dann wieder auf die Zeichnung, dann wieder auf Kreuzfuchs, dann zurück zur Zeichnung. Da! was flackert in Dings Augen!? Ich sehe deutlich, daß er dem Vortrag gar nicht mehr folgt, daß irgendetwas anderes in ihm vorgeht. Sein Kinn schiebt sich vor, seine Lippen pressen sich aufeinander. 204 Kreuzfuchs merkt von dieser Veränderung nichts, unverwandt ruht sein Blick auf der Zeichnung, ruhig und sachlich klingen seine Worte und die zittrige Hand demonstriert unentwegt die blauen und roten Linien, die Kreuze und Punkte auf der Zeichnung. Aber Ding ist längst nicht mehr bei der Sache. Ich sehe, daß sich irgendein Ausbruch in ihm anbahnt. Mein Herz klopft, ich bin wie ver- steint. Da! Jetzt hebt Ding seine Rechte, langsam, als ob ein Tiger seine Pranke hebt. Und dann, dann schlägt er zu, reißt die Zeichnung dem völlig erschreckten Kreuzfuchs aus der Hand, zerknüllt sie und schlägt sie dem Juden mit brutalem Fausthieb ins Gesicht! Der ist vollkommen fassungslos, begreift zunächst gar nicht, was vor sich ging, faßt sich dann, dreht sich hilflos hin und her und läuft dann zur Tür hinaus, als renne er um sein Leben. Als Kreuzfuchs aus dem Zimmer ist, höhnt Ding in ohnmächtiger Wut, völlig unbeherrscht und schamlos durch die fest aufeinander- gepreßten Zähne:„So ein Saustück! So ein Jude!“ Ich gebrauchte einige Zeit, um restlos zu begreifen, was sich hier vor meinen Augen und Ohren abgespielt hatte. LEN LESEN 5 nee Der 1. September 1939 ist für uns im Konzentrationslager zunächst ein Tag wie jeder andere. Noch immer geistert der vor einer Woche abgeschlossene Nichtangriffs- und Konsultationspakt mit Rußland in den politischen Gesprächen herum. Jene, die es unbegreiflich fanden, daß damals, als die deutschen Truppen in die Tschechei einrückten, das zwischen der Tschecho-Slowakei und Rußland abgeschlossene Militär- bündnis nicht in Aktion trat, die die’ Forcierung des wirtschaftlichen Güteraustausches zwischen Deutschland und Rußland als eine„unbe- deutende Angelegenheit“ abtaten, weil sie damit nicht fertig werden konnten, waren durch die Veröffentlichung dieses Paktes zwischen den beiden unversöhnlichsten Gegnern der Welt derart vor den Kopf ge- schlagen, daß es selbst den Zungengewaltigsten die Sprache verschlug. Und nun ist der 1. September 1939 angebrochen, der Tag, an dem Hitler ununterbrochen seinen Vormarsch bis Narvik, Petsamo, Lenin- grad, Rshew, Wjasma, Stalingrad, Kaukasus, el Alamein, Irun, Brest und Amsterdam antritt. Es ist ein Tag wie jeder andere, denn der Ewigkeit Mühlen mahlen immer noch den 24-Stunden-Kreis und werden ihn bis ans Ende unserer Tage mahlen. Das Lager erwacht, und die Zehntau- sende, die noch arbeitsfähig sind, ziehen zum Appellplatz. Ich bin im 205 Arztzimmer und verrichte meine Arbeit. Die SDG.s kommen, Ding kommt. Es ist ein Tag wie jeder andere. Da kommt ein Anruf vom Tor.„Sofort einen wichtigen Brief ab- holen, aber sofort!“ Seehausen holt den Brief. Es ist ein doppelt ver- siegeltes Päckchen.„Geheim“ ist mehrfach daraufgestempelt und genaue Anweisung ist gegeben, auf wessen Befehl und wann das Päckchen ge- öffnet werden kann. Es enthält die von langer Hand vorbereiteten„Be- fehle an den Lagerarzt des Konzentrationslagers Buchenwald im Falle eines Kriegsausbruchs“. Es ist, als ob das Päckchen in ein Wespennest hineingestochen habe. Ding ist erregt, die SDG.s sind bestürzt. Die Schriftstücke werden vor mir geheim gehalten. Es müssen irgendwelche Formulare ausgefüllt wer- den. Seehausen setzt sich an die Schreibmaschine und müht sich, buch- stäblich schwitzend, eines dieser Formulare auszufüllen. Ding steht da- neben. Es klappt nicht. Ding setzt sich selbst an die Maschine. Er schreibt wie ein leidlicher Anfänger, aber doch noch bedeutend besser als seine „rechte Hand“, deren Aufgabe es war, alle im Häftlingsrevier anfallen- den schriftlichen Arbeiten zu erledigen. Es gelingt mir, die Aufschrift auf dem Briefumschlag zu lesen, der achtlos auf dem Tisch liegt. Ding und Seehausen sind viel zu sehr mit der Ausfertigung, ihres Formulars beschäftigt, als daß sie auf mich ge- achtet hätten.„Befehle an den Lagerarzt des Konzentrationslagers Buchenwald im Falle eines Kriegsausbruchs.“ Blitzschnell ist mir die ganze Bedeutung dieser Stunde bewußt, und doch ist es mir so, als hätte ich den Spruch eines Kalendermachers gelesen. 1930 war ich schon in die Versammlungen gezogen und hatte gepredigt: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg!“ Und ich war von da ab nicht müde geworden, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln mich gegen den wie schwärzeste Gewitterwolken drohend heraufziehenden Wahnsinn zu stemmen. Welch verzweiflungsvollen Kampf hatte ich 1932 geführt mit Wort und Schrift, um Deutschland in letzter Sekunde von dem Ab- grund zurückzureißen, in den es und mit ihr die ganze Menschheit zu stürzen drohte! Und selbst da noch, als Hitler mit Lug und Trug, mit Terror, Schrecken und Verbrechen die Macht im Staate erobert hatte, hatte ich die Hände nicht in den Schoß gelegt. Aber immer kleiner war die Zahl derer geworden, die wie ich dachten. Für mich aber war diese traurige Erkenntnis nur erhöhte Verpflich- tung. Ich wußte, was Faschismus in Wahrheit war. Ich hatte 1923 und 1924 selbst in Italien erlebt, mit welchem brutalen Sadismus Mussolini und seine Schwarzhemden jeden Geistesgegner„liquidierten“. Und als 206 ich nun in Deutschland dieselben Methoden und nur noch um einen Grad brutaler wüten sah, da zögerte ich nicht eine Sekunde, meinen Kampf fortzusetzen. Zwar war ich in die Illegalität abgedrängt. Aber was kümmerte mich das?! Der Krieg, der furchtbare Krieg, das entsetzlichste Verbrechen, das je an der Menschheit verübt werden konnte, stand vor der Tür. Ich wußte es. Der kategorische Imperativ in mir zwang mich zum Handeln. Und ich sah meinem Schicksal klar in die Augen. Und ich ging meinen Weg. Meinen Weg durch die Folterungen der Gestapo, durch die Zuchthäuser von Münster, Berlin, Bremen und Celle, durch die Arbeitsläger in Ostfriesland und in der Lüneburger Heide, meinen Weg nach Buchenwald. Und wo immer ich stand, ich war nicht müde geworden und hatte jede Möglichkeit genutzt, meinen Teil zum Aufbau einer würdigen menschlichen Gesellschaftsordnung beizutragen. Zwar war mir schon seit Jahr und Tag klar, daß das Verhängnis nicht mehr zu vermeiden war. Aber ich wußte, daß das Verhängnis auch den Zusammenbruch des Nazismus mit sich bringen mußte. Ich glaubte nicht nur daran, ich wußte es! Und darum wurde ich nicht müde und nutzte jede Möglichkeit bis in diese Sekunde, weiter zu wirken und die Saat zu streuen, die dermaleinst aufgehen mußte! Und ich wußte, daß ich es weiter tun würde bis an mein Lebensende. Nun aber ist das Verhängnis hereingebrochen, und-- ich bin nicht erschüttert! Ich bin ruhig wie am jüngsten Tag, entferne mich aus dem Zimmer und teile meinen Kameraden mit: ,, Alarm! Krieg gegen Polen! Der Weltkrieg hat begonnen!" Seit langem hatten wir Häftlinge die Frage besprochen, was mit uns geschehen würde, wenn der Krieg ausbrechen sollte, und es hatte nicht an gewichtigen Stimmen gefehlt, die der Ansicht waren, daß dann vielleicht die Maschinengewehre und ,, Fettspritzen" das Wort haben würden. Andere äußerten die Ansicht, daß die kräftigsten der Häftlinge zu Arbeitskolonnen zusammengestellt werden würden, die in sattsam bekannter Manier zu Schanzarbeiten usw. herangezogen werden würden. Auf jeden Fall waren wir auch im Lager noch politisch Aktiven fest entschlossen, uns nicht widerstandslos liquidieren zu lassen. Aus diesem Grunde benachrichtigte ich meine Kameraden, die dann für die Orientierung der übrigen vertrauten Häftlinge sorgten. Am frühen Nachmittag des gleichen Tages haben sich der Lagerarzt und seine SDG.s mit ihren Meldungen usw. derart festgewurschtelt, daß sie mich zur Erledigung der schriftlichen Arbeiten heranziehen. So bekomme ich einen Einblick in die ,, Geheimbefehle". In der Hauptsache 207 handelt es sich um die Organisierung einer KL.- Verstärkung, d. h. Konzentrationslagerverstärkung. Zweierlei wird mir klar: Eine sofortige ,, Liquidierung" des Lagers ist nicht ins Auge gefaßt und es wird mit einer starken Zunahme der Belegungszahl gerechnet. Am nächsten Tage schon treffen die ersten Mitglieder der KL.- Verstärkung ein, in der Hauptsache ältere SS.- Männer mit körperlichen Gebrechen leichterer Art. Ihre Aufgabe soll es sein, nach einiger Zeit die Bewachung und den Dienst im Lager allein zu übernehmen, während die bislang eingesetzten Kräfte für den Frontdienst zur Verfügung gestellt werden sollen. Über acht Monate lang habe ich diese Umgruppierung beobachtet. Eine Schwierigkeit löste dabei die andere ab, und von einer alleinigen Übernahme konnte niemals die Rede sein. Die Hauptursache dafür lag darin, daß es sich bei der KL.- Verstärkung um SS.- Leute handelte, die nicht nur den Nationalsozialismus kannten, sondern auch durch eine„, andere Zeit" gegangen waren. Sie hatten zum größten Teil den vorigen Weltkrieg an der Front mitgemacht und hatten die Zeiten der Republik erlebt. In ihnen war noch ein unausrottbarer Rest von Rechtsbewußtsein, sie waren noch nicht ganz frei von jenen moralischen Kräften, die die Natur und die menschliche Erziehung in jede Menschenbrust verankert, von den Kräften des Mitfühlens und Mitleidens. Sie hatten kein ,, Buchenwaldformat"! Und darum sah sich die Lagerleitung veranlaßt, wenigstens die Hauptfunktionen, die Zentralleitungen in den Händen ,, bewährter" SS.- Leute zu lassen. Wenige Tage nach Eintreffen der KL.- Verstärkung hatte ich zwei typische Erlebnisse. Da war der SS.- Mann Rose, ein Handelsvertreter aus Berlin, der dem Häftlingsrevier als SDG. zugeteilt wurde. Rose war etwa 50 Jahre alt, verheiratet, hatte erwachsene Kinder, war gutmütig und durch und durch anständig. Schon bei der ersten Begegnung glaubte ich beobachtet zu haben, daß er unsicher und ängstlich war, und daß er zu jener Sorte Menschen gehörte, die weniger aus eigenem Antrieb und mehr geschoben der SS. angehörten. Die Lagerzugänge wurden an diesem Tage der ,, ärztlichen" Aufnahmeuntersuchung in einer Baracke unterzogen, die am unteren Rande des Appellplatzes stand. Rose war zugegen, um den Betrieb kennenzulernen. 208 Ich war aus irgendeinem mir nicht mehr bekannten Grunde auch anwesend. Aus einem Fenster der Baracke konnte man den ganzen Appellplatz bis hinauf zum Tor und zu den angrenzenden Gebäuden überschauen. Ich sehe, wie Rose zunächst eine ganze Zeitlang die Aufnahmeuntersuchung aufmerksam verfolgt. Er ist offensichtlich genau so beeindruckt, wie die ahnungslosen und sich mucksmäuschenstill verhaltenden Zugänge. Auch er geht auf Zehenspitzen durch den Raum, um unseren ,, Hans" nicht zu stören, der mit der Würde und Autorität eines Medizinalrates die Untersuchungen vornimmt und mit den lateinischen Krankheitsbezeichnungen nur so herumwirft, als wäre er in der medizinischen Fakultät zu Hause wie die Hausfrau in ihrem Kochtopf. Ich muß lächeln, denn ich weiß, daß es nur wenige Tage dauern wird, dann wird Rose genau so ungehobelt durch den Raum latschen wie es die alten SDG.s zu tun pflegen. Jetzt geht er mit vorsichtig leisen Schritten durch den Raum, um sich die Barackeneinrichtung anzusehen. Er tritt an ein Fenster, das zum Appellplatz hinausgeht und guckt aufmerksam hinaus. Ich sehe, wie er den Kopf hin und her bewegt, als sähe er das, was er dort beobachtet, nicht genau, als wolle er sich die Sache möglichst von allen Seiten ansehen. Da erst achte ich darauf, daß oben am Tor der Bock in Betrieb ist. Die Schmerzensschreie der Durchpeitschten und die knallenden Schläge der Züchtigungsruten dringen über den ganzen Appellplatz hinweg bis in unsere Baracke. Wir aber waren daran schon so gewöhnt, daß wir es ,, gar nicht mehr hörten". Augenblicks stehe ich neben Rose. Ich will sehen, wie dieser SS.- Mann auf solche Brutalität reagiert. Er ist eine Spur blässer geworden und seine gutmütigen Augen verraten eine merkwürdige Mischung von Spannung und Entsetzen. دو , Was ist das da?" fragt er mich und wendet keinen Blick von der Prügelszene, die man von hier unten nicht deutlich erkennen kann. Ich bemühe mich, meiner Stimme den Ton grenzenloser Gleichgültigkeit zu geben: ,, Das da? Ach, da kriegt einer nur 25 aufgezählt." ,, 25?" fragt Rose und seine Stimme zittert leicht. ,, Ja, 25 Stockhiebe. Man hat ihn auf den Bock geschnallt und zählt ihm nun 25 auf." Der Häftling oben auf dem Bock schreit zum Steinerweichen und wimmert zwischen den einzelnen Schlägen mit langgezogenem Klageton, der hier unten zwar leiser, aber doch noch deutlich hörbar ist, und die Stockhiebe knallen wie entfernte Pistolenschüsse. Ich sehe, wie Rose 14 Poller, Buchenwald 209 sich verfärbt, sehe deutlich, daß seine Knie zittern. Da weiß ich, dieser Rose ist mein Mann! Und er wurde es auch. Zwar konnte er nur in engen Grenzen helfen, aber er half so gut er konnte. Er besorgte uns zu rauchen, er gab uns zu essen, er schmuggelte einmal einen Brief an die Meinen aus dem Lager. Er beteiligte sich nie an Quälereien. Er war von allen SS.- Leuten, die ich kennengelernt habe, der einzige, über den ich nicht den Stab zu brechen vermag. Mit dem ersten Trupp KL.- Verstärkung, der im Lager eintraf, kam auch ein etwas poussierlich ausschauender, vielleicht fünfzigjähriger SS.Scharführer an, der sich von seinen Kameraden abhob. Ein großer, ziemlich korpulenter Mann in einer reichlich kleinen SS.- Uniform. Seine Beine staken in gewöhnlichen Knobelbechern und wirkten wie zwei Stelzen in viel zu großen Stiefeln. Auf der linken Brustseite oberhalb des sich lustig unter dem Koppel vorschiebenden Bäuchleins das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Das Gesicht leicht aufgedunsen wie das eines Menschen, der gut zu essen und zu trinken versteht, und mit allen Prädikaten eines Sanguinikers. Schmisse über der Backe verraten den früheren Kommilitonen einer schlagenden Verbindung". Das Einglas, das mit einer fabelhaften Sicherheit und Selbstverständlichkeit gehandhabt wird, deutet auf den ehemaligen Offizier monarchistischer Prägung hin. Es ist Dr. med. Blies aus Offenbach am Main, durch die Mobilmachung zur KL.- Verstärkung in das Konzentrationslager Buchenwald befohlen. Noch am gleichen Tage hatte ich auf Grund des Mobilmachungsbefehls eine Meldung mit genauer Personalangabe, SS.- Dienstgrad, Funktion im Lager und ehemaligem Dienstgrad in der Armee über die eingetroffene KL.- Verstärkung an das SS.- Sanitätshauptamt in Berlin zu machen. Der Meldung wurde ein Beförderungsvorschlag beigefügt, und es dauerte nur einige Tage, dann war z. B. SS.- Mann Rose SS.- Oberscharführer, SS.- Scharführer Blies SS.- Obersturmführer, und Dr. med. Blies wandelte sein Äußeres in eine weniger putzige Figur. Aber einstweilen war er noch SS.- Scharführer und wurde nun zur Unterstützung des Lagerarztes in den Betrieb eingeführt. Natürlich wurde ihm zunächst ein potemkinsches Dorf vorgeführt, aber er fiel auch dabei schon von einem Erstaunen ins andere. Am meisten verwunderte ihn wohl, was hier im Lager die Häftlinge alles selbständig verrichteten, Häftlinge, die nicht die geringste ärztliche Fachausbildung hatten. Die Ambulanzbehandlung ließ er vielleicht noch durchgehen, aber daß Laien hier auch die schwierigsten Erkrankungen auf dem Gebiete der inneren Medizin vollkommen selbständig behandelten, daß sie 210 Operationen und Amputationen durchführten und mit Salben, oralen Medikamenten und Spritzen operierten, die nur vom Arzt verschrieben und angewandt werden durften, das war ihm offensichtlich zu viel. Aber dennoch, er mußte anerkennen, daß es ein Arzt nicht besser machen konnte. Vielleicht hat er auch sehr bald eingesehen, daß die Laien den SS.-Ärzten tatsächlich turmhoch überlegen waren, denn wenn er auch wie ein Ackergaul schuftete, um seinen ärztlichen Aufgaben gerecht zu werden, er hat niemals gegen diese„Gepflogenheit“ im Lager einen Ein- wand erhoben oder die Selbständigkeit der Häftlinge irgendwie einge- schränkt, wozu er ohne weiteres in der Lage gewesen wäre. Nachdem er durch das Revier geführt worden war, mußte ich ihm im Arztzimmer eine kurze Einführung in die Verwaltungsorganisation des Reviers geben. Neben anderen Formularen und Berichten, Kranken- geschichten und statistischen Darstellungen, zeigte ich ihm auch einen soeben fertiggestellten Totenbericht. Es handelte sich hier um einen vollkommen frei erfundenen Bericht, nach dem der Häftling einem plötzlich aufgetretenen Hitzschlag erlegen sei. In Wahrheit war er wie so viele, viele andere Kameraden einfach verhungert, aber die Todes- ursache„Allgemeine Körperschwäche“ sollte nun einmal in den Akten desReviers und in den amtlichen Berichten nur selten gebraucht werden. Dr. Blies wunderte sich, wie überaus sachgemäß die Häftlingspfleger den Fall behandelt hatten, und ließ sich von mir noch einmal bestätigen, daß wir Häftlingspfleger Behandlungen dieser Art vollkommen selb- ständig durchführten. Als er las, daß als letzter Versuch, das Leben des Häftlings zu erhalten, eine Cardiazoleinspritzung vorgenommen worden wäre, sagte er:„Donnerwetter, das machen Sie hier auch allein?“ Ich schwieg, denn ich wußte ja nur zu gut, daß in diesem Fall der ganze Bericht erlogen war, aber da ich andererseits wußte, daß wir Häftlings- pfleger gegebenenfalls genau dieselbe Behandlung durchgeführt hätten, hatte ich keine Ursache, die Frage zu verneinen. Es dauerte nicht lange, bis Dr. Blies die Unwahrhaftigkeit der Toten- berichte und Krankengeschichten usw. erkannt hatte, und von da ab versuchte er es möglichst zu vermeiden, seinen Namen unter derartige Berichte zu setzen. Doch das war nicht zu vermeiden, es sei denn, daß er offen erklärt haben würde, nein, das tue ich nicht. Das aber wäre frag- los gleichbedeutend mit seiner sofortigen Liquidierung gewesen. Und jedesmal, wenn ich Dr. Blies Schriftstücke zur Unterschrift vor- legte, dann sah ich, daß er einen regelrechten Anlauf nehmen mußte, ehe er die Hürde überspringen konnte, die das moralische Gesetz in ihm errichtet hatte. War aber die erste Unterschrift geleistet, dann folgten 14° 21 die weiteren schon leichter, manchmal zwar noch etwas stockend, aber bei weitem doch nicht so schwer abgerungen wie die erste. Er hatte auch im Gegensatz zu allen anderen SS.- Ärzten die Gewohnheit, jedes Schriftstück zunächst durchzulesen. Bei einfachen Meldungen, Bestellungen usw., die offensichtlich keine Fälschungen waren, leistete er seine Unterschrift schnell und bedenkenlos. Diese Beobachtung veranlaßte mich wiederholt zu dem Experiment, ihm Schriftstücke in vorher wohl geordneter Reihenfolge vorzulegen, denn es reizte mich zu wissen, wie ein Akademiker alter Schule, der vom Nazismus aufgesogen worden war, psychologisch reagierte. Mit der mathematischen Genauigkeit eines Naturgesetzes ereignete es sich ausnahmslos, daß Dr. Blies sich offensichtlich die Unterschrift unter unwahren Schriftstücken stets erst nach einem inneren Kampf abrang, aber er leistete sie dennoch. Wir Häftlinge hätten ihn gerne im Lager behalten, denn in der Untersuchung und Behandlung von Lagerinsassen erlebten wir keinen einzigen Fall, in dem er seine ärztliche Pflicht, ohne Ansehen der Person nach bestem Vermögen zu helfen, außer acht ließ. Aber es war uns auch klar, daß sich Dr. Blies bemühen würde, sobald wie möglich das Lager wieder zu verlassen. Er wurde dann auch bald unter Beförderung nach Hohenlychen versetzt. Am 3. September erfolgte die Kriegserklärung Englands und Frankreichs an Deutschland. ,, Na ja, es ist wieder soweit", mit diesen bezeichnenden Worten quittierte Dr. Ding die Nachricht. Auf meine Frage, was unser verbündetes Italien jetzt machen werde, sagte er wegwerfend: ,, Ach die, die lassen uns selbstverständlich im Stich. Auf die ist kein Verlaẞ." Am 2. September schon trafen neue Häftlinge zu Hunderten ein, und in den nächsten Tagen wurden es immer mehr und mehr. Viele waren darunter, die erst im Frühjahr bei der Massenaktion aus dem Lager entlassen wurden. Der kommunistische Abgeordnete Dr. Neubauer war auch dabei, aber er wurde bezeichnenderweise nach etwa 14 Tagen wieder entlassen, während sich das Lagertor über viele kleine Funktionäre und Mitläufer für immer schloß. Die Umfassungsschlacht im Weichselbogen war noch nicht geschlagen, als die ersten Polen- Transporte" eintrafen. Das Sonderlager wurde wieder vollgepfropft. Angeblich um die Gefahr der Einschleppung von 212 Flecktyphus und anderer Seuchen abzuwenden, wurden alle Zugänge einer fürchterlichen Prozedur unterzogen. Es wurden zwei große Wasser- tonnen aufgestellt, die eine mit Lysollösung, die andere mit klarem Wasser gefüllt. Die Häftlinge mußten sich im Freien entkleiden und wurden dann buchstäblich in die Lysoltonne geworfen, mehrfach“unter- getaucht und mit langstieligen, groben Piassavabesen in der brutalsten Weise abgeschrubbt, häufig so, daß die Haut an einigen Stellen blutete. Dann mußten sie sich in der zweiten Tonne abspülen und, ohne sich abzutrocknen, wieder in die Kleider schlüpfen. Das war ein Erzgaudi für alle Scharführer und SS.-Offiziere des Lagers, die die Prozedur„ge- nossen“ wie gutmütige Kinder ein Kasperletheater. Und wenn dabei ein schwacher Greis ohnmächtig wurde oder ein Kind besonders toll zappelte, dann gab es aus den Reihen der Zuschauer stets ein Extra- gejohle. Das Sonderlager wurde wieder in der unglaublichsten Weise voll- gepfercht und wieder vollkommen getrennt von uns gehalten, so daß wir nicht feststellen konnten, wer und wie viele Häftlinge dort ein- geliefert wurden. Aber schätzungsweise wurden dort diesmal etwa 2000 Personen eingesperrt. Wieder bestand die tägliche Essenration aus einem halben Liter dünner Wassersuppe und einer SchnitteBrot. Wieder wurde das Sonderlager aufs strengste isoliert. Wieder ging nach kurzer Zeit der Massentod um. Da! Ruhr im Lager! Schon seit einiger Zeit hatte sich das Auftreten blutiger Durchfälle vermehrt. Unser Kamerad Rudi, ein früherer Jung- lehrer, der von einem jüdischen Spezialisten im Laboratorium angelernt worden war und sich auf dem Gebiete der bakteriologischen Mikroskopie einfach„pfundige Kenntnisse und Fähigkeiten angeknobelt“ hatte, hatte immer schon verdächtige Exkremente untersucht, und wenn er sagte: „Keine Ruhr! Kein Typhus! Keine Tuberkel!“ dann haben wir aus dem Krankheitsverlauf auch stets ersehen können, daß er recht hatte. Diesmal aber meldet er sich:„Ich habe Ruhrbazillen gefunden.“ Der Kranke wird sofort isoliert. Rudi meldet einen zweiten, dritten und vierten Fall. Auch diese Kranken werden abgesondert. Nach wenigen Tagen schon sprechen sämtliche Symptome für„Rudis pfundige Dia- gnostik“. Aber woher kommt die Ruhr ins Lager? Führen wir Häftlinge nicht selbst die ärztlichen Aufnahmeuntersuchungen durch? Haben wir nicht alles Mögliche aus eigenem Antrieb auf hygienischem Gebiet strengstens durchgeführt? Es gibt Bazillenträger, gesunde Menschen, die krankheits- erregende Bazillen beherbergen und ausscheiden! Sofort wird untersucht, 213 in welchem Block die Krankheit zuerst aufgetreten ist. Aber die ersten Fälle sind Einzelfälle, die keinen Anhaltspunkt geben. Überall werden sofort alle Maßnahmen getroffen, um einer weiteren Ausbreitung der Krankheit vorzubeugen. Trotzdem mehren sich die Fälle. Ich habe eine schematische Lagerzeichnung mit den einzelnen Wohnblocks angefertigt und trage jede Neuerkrankung in die Zeichnung ein. Nach wenigen Tagen schon weisen die Eintragungen wie mit einem Pfeil auf das Sonderlager! --- Dr. Ding, Walter Krämer und ich dringen in das hermetisch abgeschlossene Sonderlager ein. Es ist dasselbe Bild wie damals vor vier, fünf Monaten, nur noch grauenhafter, noch entsetzlicher, noch unbeschreiblicher. Und kein Zweifel, hier wütet die Ruhr in unvorstellbarstem Ausmaß. Und jetzt ist auch kein Zweifel mehr: Die Ausscheidungen der Kranken, die nicht nur in den Zelten, sondern auch über den ganzen Hofplatz den Erdboden bedecken, sind vom Regen in das bergabwärts gelegene Hauptlager gespült worden. Die primitive Latrinengrube- ein tiefes Erdloch mit einem vollständig verschmutzten Baumstamm darüber ist mit Blut, Eiter und Exkrementen angefüllt und-- läuft über. In Rinnsalen sickert mit einfach unerträglichem Gestank der grauenhafte, dünnflüssige Schlick talabwärts ins Hauptlager - --Mit Zentnern von Chlorkalk versuchen wir, diese geradezu ideale Brutstätte für den gefährlichen, mörderischen Ruhrbazillus zu vernichten. Nach monatelangem Kampf gelingt es uns auch, die Epidemie bis auf ein geringes Maß einzudämmen. Aber wie viele Opfer hatte sie dahingerafft. Das Sonderlager ist nach wenigen Wochen bereits restlos liquidiert. Als nach einer gewissen Zeit in diesem Lager die Zahl der Häftlinge, die an ,, Sch.... rei kaputtgingen", nachließ, besorgte sich der Scharführer, der die Essenausgabe im Sonderlager unter sich hatte, aus dem inzwischen eingerichteten physiologischen Institut künstlich gezüchtete Bakterienkulturen und mischte sie--- dem Essen bei. Er wollte möglichst rasch von seinem Sonderauftrag befreit werden und wurde es so auch. Das physiologische Institut, das bei der Öffnung des Lagers noch vorgefunden wurde, wurde während der zuvor beschriebenen Ruhrepidemie errichtet. Eines Tages, als wir uns mitten im Kampf gegen die Seuche 214 befanden, waren zwei junge SS.- Mediziner in schmucken Uniformen im Lager erschienen, hatten trotz der im Lager herrschenden furchtbaren Raumnot eine Baracke räumen lassen und dann aus ihrem Feldlaboratorium unzählige Kästen und Kisten, Instrumente, Mikroskope, Brutschränke, Flaschen, Schalen, Reagensgläser, Pipetten und was weiß ich auspacken lassen. Es wurde ein bakteriologisches Institut eingerichtet, wie es die modernste Universität nicht besser haben konnte! Und dann begaben sich die beiden SS.- Mediziner an die Arbeit. Unserm Rudi, der sowieso schon total abgekämpft war, weil er buchstäblich ununterbrochen Tag und Nacht arbeitete und sich in letzter Zeit auch nicht sonderlich wohl fühlte, war diese Hilfe nur recht. Und bald kamen auch aus dem physiologischen Institut die ersten Resultate, und die Häftlingspfleger hatten in Hülle und Fülle zu tun, um die von dort ermittelten Ruhrkranken wenigstens einigermaßen unterzubringen. Merkwürdig nur, das waren ja eigentlich ganz andere Kranke als die, die Rudi angab! Aber es gibt ja auch leichtere Ruhrfälle. Und doch, die Sache wird noch eigenartiger. Der Stuhl von Ruhrkranken wird von dort als bazillenfrei gemeldet. Dr. Zahel, der Lagerchirurg, hat während dieser Zeit die Vertretung des Lagerarztes. Die Häftlingspfleger tragen ihm unsere Beobachtung vor. Er geht durch die Isolierbaracken und überzeugt sich selbst von den völlig unterschiedlichen Krankheitszuständen. Geht dann in das Labor zu unserem Rudi, läßt sich Ruhrpräparate unter das Mikroskop legen und schaut immer wieder durch das Okular. Dann hinauf in das physiologische Institut. Als er zurückkommt, bringt er Präparate mit, die dort oben soeben als positiv festgestellt wurden. Rudi schiebt sie unter das Mikroskop. Er kann nirgends Ruhrbakterien entdecken. Gerade als sich Zahel an das Mikroskop setzt, betrete ich das Labor. Zahel stiert und stiert, schiebt, schraubt und stiert und stiert. Als er das Auge vom Okular nimmt, sehe ich leichte Schweißtropfen auf seiner Stirn. Diese Schweißtropfen kenne ich von den Operationen her. Die kamen immer, wenn eine Sache schief zu gehen drohte und dann doch nicht schief ging. Ich verstehe nicht viel vom Mikroskopieren, aber ich habe mir gleich damals, als Rudi die erste Meldung brachte, die kleinen gefährlichen Bazillen angesehen, ihre Form mit den Zeichnungen in der Fachliteratur verglichen und sie auch später dann noch häufig genug gesehen. Auch ich finde nicht die Spur eines jener charakteristischen Stäbchen. Keiner von uns dreien spricht ein Wort. Jeder weiß, was der andere denkt, aber keiner sagt etwas. Zahel sieht auf die Uhr. Es ist kurz nach 215 13 Uhr. Er blickt einen Augenblick nachdenklich aus dem Fenster, und dann, als gäbe er sich innerlich einen Ruck, geht er zur Tür hinaus. ,, Bleiben Sie hier", sagt er beim Hinausgehen zu uns. Rudi zündet sich eine Zigarette an. Ich stelze mit den Händen in der Hosentasche durch das Labor, vier Schritt hin und vier Schritt her, so wie ich es mir in den langen Monaten meiner Einzelhaft in der Zelle angewöhnt habe und wie ich es immer noch mechanisch zu tun pflege, ohne daß es mir zum Bewußtsein kommt. Keiner von uns beiden spricht zunächst ein Wort. Rudi ist vollkommen überarbeitet. Er sieht sehr schlecht aus. ,, Du siehst schlecht aus, Rudi", sage ich zu ihm. Rudi winkt ab. Das ist das einzige Wort, das zwischen uns gefallen ist, als Zahel nach etwa zwanzig Minuten wieder das Labor betritt, in der Hand ein Porzellanschüsselchen mit einem Stückchen Agar. Wieder wird kein Wort zwischen uns dreien gewechselt, aber Rudi und mir ist es augenblicks klar, daß Zahel aus dem Brutschrank oben im physiologischen Institut während der Zeit, wo die beiden Bakteriologen zu Tisch waren, ein Stückchen von dem Nährboden geholt hatte, auf dem sie Ruhrbazillen züchteten. Wortlos reicht Zahel dem ehemaligen Junglehrer, der wegen seiner politischen Überzeugung von den Nazis relegiert wurde und nun hier in Buchenwald ist, dem Häftling, der sich das Mikroskopieren ,, angeknobelt" hat, das Agar, und wortlos überläßt er ihm die Fertigung des Präparates. Und als Rudi die Glasplatte auf den Objekttisch geschoben hat und nun Zahel mit einer Handbewegung auffordert, das Mikroskop einzustellen, da sagt ihm Zahel genau so wortlos durch eine Handgebärde, sich an das Mikroskop zu setzen. Das ist Zahel, muß ich denken, ganz Zahel, der ausgezeichnete Chirurg, der Mann, der viel weiß und viel kann, der Mann, der mir einmal sagte: ,, Es war die schwärzeste Stunde meines Lebens, als ich in die SS. eingetreten bin." Rudi knipst die Lampe an, drückt das Auge auf das Okular, stellt den Spiegel, dreht am Okular, an den Feinstellschrauben. Und dann, als er das Auge wieder vom Okular fortnimmt, sagt er nur ein einziges Wort: ,, Koli!" Zahel setzt sich an das Mikroskop, stiert, verschiebt das Präparat, stiert wieder. Und dann erhebt er sich wortlos. Im Grunde genommen bin ich hier überflüssig, denn was weiß ich viel von Kokken, Bazillen und Spirochäten, aber Zahel fordert auch mich wortlos auf, mich an das Mikroskop zu setzen. Und während ich feststelle, daß ich noch nie eine solche wundervolle Reinkultur von Koli216 bazillen, diesen im Dickdarm so gern heimischen und dort völlig harm- losen Spaltpilzen von Stäbchenform, gesehen habe, geht Zahel wortlos hinter mir im Labor auf und ab. Als ich mich vom Mikroskop erhebe und mit dem Kopf bestätigend nicke, sagt Zahel:„Morgen früh lassen Sie von allen Ruhrkranken Untersuchungsproben nehmen. Um 3 Uhr fährt ein Sanka nach Jena.“ Das Untersuchungsergebnis von Jena bestätigt, daß im neuen physio- logischen Institut Kolibazillen für{Ruhrbazillen genommen worden waren. Zahel diktierte mir einen ruhigen, sachlichen Bericht an das Sanitäts- hauptamt in Berlin und teilte dann seinen beiden Kollegen mit, welchen Bericht er nach Berlin absenden werde. Jedes weitere Wort in dieser Angelegenheit wäre eigentlich über-| flüssig, und nur der Vollständigkeit halber füge ich noch hinzu, daß die f beiden biederen Bakteriologen aus dem physiologischen Institut noch am gleichen Abend mit einigen anderen, diesmal bedeutend zutreffenderen 1 Ergebnissen aufwarteten. Sie hatten sich von den Häftlingspflegern vor- 1 her angeben lassen, welcher Stuhl von Ruhrkranken war und welcher nicht. Wir hatten nicht mehr nötig, Dr. Zahel von dieser Schiebung zu unterrichten, denn Berlin hielt es für angezeigt, die beiden Bakteriologen zur anderweitigen Verwendung. zurückzukommandieren und andere Ärzte zu schicken. Unser Rudi aber lag bald darauf auch mit Ruhr schwer danieder, kämpfte wochenlang einen Kampf auf Leben und Tod und ging nur i mit Millimeterschärfe am großen Tor vorbei. Er hatte sich beim Mikro- skopieren infiziert- die beiden Berliner Bakteriologen hatten es nicht getan. So 7 Seren In der fünften oder sechsten Woche der Ruhrepidemie— das bakterio- ; logische Institut war schon eingerichtet— taucht im Lager SS.-Unter- sturmführer Dr. Neumann mit Sondervollmachten auf. Es heißt, daß er aus dem engsten Kreis um den Reichsärzteführer Gerhard Wagner kommt. Auf ihn geht der weitere Ausbau des physiologischen Instituts zurück. Er führt die„wissenschaftlichen“ Experimente an kranken, künstlich krankgemachten und an gesunden Menschen als System ein. Er ist ein Mann in den dreißiger Jahren, leicht fahrig, sehr von sich ‚eingenommen, ein absoluter Einzelgänger, der selbst mit seinen brutalen SS.-Kollegen keinerlei Verbindung hat,ohne ein hervorstechendes Merk- 217 mal, das ihn als Arzt, Wissenschaftler oder Persönlichkeit von überdurchschnittlicher Bedeutung erkennen ließe. Seine Gesichtsfarbe ist graugelb, seine Züge verlebt, sein Blick unstet und spontan stechend. Wenn man sein Antlitz, aufmerksam durchforscht, kommt man zu dem Schluß, daß er sicherlich Brutalitäten begehen möchte und wohl auch könnte, aber vielleicht nur unter bestimmten Voraussetzungen, im geheimen, hinter verschlossenen Türen. Die SS.- Uniform, die er trägt, ist leicht unordentlich, ohne den sonst so beliebten ,, Schmiẞ", aber doch wohl nach Vorschrift, aber man weiß es nicht genau. Zunächst beschränkt er sich auf die Sektion von Ruhrleichen. Er ist keine halbe Stunde im Lager, und schon muß eine Leiche auf der Sektionspritsche liegen, als ob Leichen noch fortlaufen könnten oder nicht genügend viel ,, Material" für seine Studien vorhanden wäre. Er ist erst vor zwei Stunden in Buchenwald angekommen, ist sofort zum Lagerkommandanten gegangen, hat seine Vollmachten vorgezeigt und sich ein Quartier anweisen lassen. Dann ist er ohne Aufenthalt ins Lager gegangen. Er tut so, als ob alles für ihn springen müßte, aber er hat nicht das geringste Zeug, sich als Autorität auszugeben, und wird deshalb von den SS.- Scharführern sofort ,, geschnitten". Er benötigt Hilfe. Lagerarzt und SS.- Scharführer ,, bedauern", derartig mit Arbeit überlastet zu sein, daß sie sie ,, leider" nicht leisten können. ,, Können mir Häftlinge zur Verfügung gestellt werden?" ,, Aber natürlich, Herr Kollege", erwidert der Lagerarzt. Die Häftlinge, die ihm dann zur Verfügung gestellt werden, guckt er sich gar nicht erst an. Für die Arbeit, die er ihnen anweisen wird, ist wahrscheinlich nach seiner Ansicht jeder zu gebrauchen. ,, Ich habe mein Besteck oben am Tor stehen, kann mir ein Scharführer die Tasche herunterholen?" fragt Neumann den Lagerarzt. ,, Aber schicken Sie doch einen Häftling, Herr Kollege." ,, Geht das denn?" ,, Aber selbstverständlich, Herr Kollege." ,, Wo kann ich sezieren?" - ,, Ja, Herr Kollege, da haben wir allerdings nur oben vor dem Tor die Leichenbaracke, ein wenig primitiv, aber- es wird schon gehen. Unsere Sektionen werden dort auch stets vorgenommen." ,, Sind Leichen da?" ,, Aber natürlich, Herr Kollege", lächelt der Lagerarzt. ,, Dann werde ich sofort beginnen." 218 ,, Ganz wie Sie wollen, Herr Kollege." Neumann zieht mit zwei Häftlingen los, zuvor allerdings hält er es für zweckmäßig, seine Pistole zu laden. Seehausen wirft dabei dem Lagerarzt einen grinsenden Blick zu. Nach zwanzig Minuten etwa betritt Neumann wieder das Lagerarztzimmer: ,, Herr Kollege, ach bitte, ich habe vergessen, Gummihandschuhe einzupacken. Kann ich hier ein Paar bekommen?" Der Lagerarzt weiß genau, daß in der Revierapotheke eine größere Anzahl von Gummihandschuhen vorrätig ist, trotzdem sagt er: ,, Gummihandschuhe? Ja- ich weiß nicht recht- die sind- eh- knapp hier. Aber - ich werde nachsehen lassen." Und dann werde ich beauftragt, in der Apotheke nachzusehen. Ich habe auch ohne Brille verstanden, und als ich zurückkehre, habe ich ein Paar Gummihandschuhe in der Hand, die wohl gerade eben noch einmal zu gebrauchen waren. Neumann sieht sich die Gummihandschuhe etwas verblüfft an, sagt aber nichts und hat sich dann am nächsten Tage aus dem SS.- Revier andere Gummihandschuhe besorgt. Am Abend berichten uns die Häftlinge, die Neumann zugeteilt worden waren: ,, Das ist ein ganz sonderbarer Kauz, bis über den Stehkragen zugeknöpft, von maßloser Arroganz und offenbar der Meinung, daß wir die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Da sollten wir sofort begreifen, wie Leichenteile, die er herausschnitt, zu behandeln sind. Und als wir das nicht konnten, da wurden wir mit„ Verbalinjurien" auserlesenster Art tituliert." Aber wir Häftlinge wußten, daß der ,, Neue" im Lagerarzt und von den Scharführern keine Unterstützung hatte, und waren der Ansicht, daß der ,, Kauz uns nicht sonderlich gefährlich werden konnte". Es sollte anders kommen. Aus Berlin treffen neue Kisten mit zahlreichen Instrumenten ein, und das physiologische Institut wird ausgebaut. Bald hat Neumann eine Unzahl von Präparaten aller Art zusammengebracht. Er hat nicht nur perforierte Därme und andere Ruhrsymptome geschnitten, er hat fast alle inneren Organe des Menschen in Gläsern und Phiolen präpariert, nicht nur erkrankte, sondern auch gesunde Organe in Hülle und Fülle. Und nicht nur innere Organe, sondern auch Gliedmaßen, an denen teilweise Sehnen, Nerven, Adern, Knochen, Gelenke usw. freigelegt waren, Schädelteile, Genetalien usw. Eine Anzahl mikroskopischer Präparate sind hergestellt oder in Arbeit. Ein Häftling kam fast den ganzen Tag nicht von der Schneidemaschine, die die hauchdünnen Schnitte für diese Präparate herstellte. 219 Nun, wenn es für uns Häftlinge auch nicht gerade eine angenehme Perspektive war, demnächst zum Teil in einem oder in mehreren Schaugläsern herumzuschwimmen oder uns die Haut abziehen und gerben zu lassen, wie es mehrfach geschah, so hatten wir doch die Gewißheit, daß wir- davon nichts mehr spüren würden. Dann aber taucht Neumann auch plötzlich in der Notbaracke, die wir für die überaus zahlreichen Ruhrkranken hatten einrichten müssen, und in unserer Stationsbaracke auf. Die Pfleger haben anfangs den Eindruck, daß er nur ,, besuchsweise" kommt, aber dann zeigt er in immer steigendem Maße ein merkwürdig lebhaftes Interesse für einzelne Kranke. Am nächsten Tage schon beginnt er mit Untersuchungen und eigenen Behandlungen. Und wenn er auch keinem Häftlingspfleger jemals sagt, was er injiziert und welche Medikamente er verabreicht, es besteht schon bald gar kein Zweifel mehr, daß er--- experimentiert. Keiner der von ihm persönlich behandelten Häftlinge gesundet. Wohl zeigen sich hier und da mal Besserungen, aber nach der Verabfolgung neuer Medikamente tritt stets eine Verschlechterung ein, und kein einziger seiner ,, Patienten" kommt mit dem Leben davon. Die meisten der verstorbenen Häftlinge seziert er unmittelbar nach dem eingetretenen Exitus. Wir hätten gerne gewußt, welche Medikamente Neumann verabfolgt, aber so sehr sich die Pfleger auch bemühen, in dieser Beziehung irgendetwas festzustellen, es ist nichts zu ermitteln. Er verabfolgt die Medikamente stets persönlich, die Ampullen mit Sektionsflüssigkeit sind immer neutral, die Pulver und Pillen, die er den Kranken in seiner Gegenwart zu schlucken befiehlt, sind ohne Ausnahme in neutralem Papier verpackt oder entnimmt er aus Schachteln ohne Aufschrift. Das Verpackungspapier steckt er stets wieder zu sich, die Injektionsspritze reinigt er selbst und legt sie immer sofort wieder in seinen Besteckkasten zurück, den er niemals unbeaufsichtigt läßt und immer mit sich nimmt. Dann geht er dazu über, einen kleinen Raum der Stationsbaracke für seine ,, Kranken" zu reservieren. Dort liegen jeweils 8 Häftlinge, an denen die sonderbarsten Behandlungen vollzogen werden. Wiederholt reibt er Flüssigkeiten und Pulver auf die gesunde Haut( Oberschenkel, Arm und Handrücken) ein, die darauf regelmäßig an den eingeriebenen Stellen und manchmal auch über den ganzen Körper erkrankt. In bestimmten Stadien schneidet er dann aus den erkrankten Hautstellen Partien heraus und geht mit den Präparaten in das physiologische Institut, wo ihn niemand beim Mikroskopieren usw. stören darf. 220 Er führt Kanülen und Schläuche in Brust und Bauchhöhlen der bejammernswerten Opfer ein und läßt diese manchmal wochenlang unter aufmerksamster Beobachtung. Er injiziert mit und ohne Betäubung mit langen Nadeln irgendwelche Flüssigkeiten in innere Organe. Sobald derartige Häftlinge verstorben sind, obduziert er die häufig noch warmen Leichen und untersucht eingehend fast immer nur einzelne Organe, während er den übrigen Körper nur oberflächlich untersucht. Jeder verstorbene Häftling muß sofort durch einen anderen Kranken ersetzt werden, den Neumann sich stets persönlich aussucht. Heute, da ich diese Zeilen schreibe, ist es mir unbegreiflich geworden, wie wir Häftlinge das damals haben ertragen können. Das stärkste Motiv, das uns Häftlingen die Kraft gab, die grausamen Dinge durchzustehen, von denen ich typische Einzelheiten in diesen Aufzeichnungen niederschrieb, ohne auch nur im entfernten alles zu erschöpfen, war neben unserer weltanschaulichen und politischen Überzeugung das Gefühl und das Bewußtsein, daß daheim unsere Lieben waren, die auf uns warteten. Wir waren im Lager alle im letzten so grenzenlos einsam, und selbst da, wo sich enge Freundschaftsbande knüpften, blieb noch ein kleiner Rest Fremdheit übrig. Unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde daheim, alle jenen Menschen, mit denen wir uns unlösbar verbunden fühlten, das war im innersten Herzen unser kostbarster Besitz. Die immer neuaufkommende Hoffnung, daß uns das Schicksal es doch eines Tages gönnen könnte, wieder mit diesen Menschen zusammen zu sein, riß uns immer und immer wieder empor. Die Freundschaften des Lagers waren sicherlich nicht minder starke Kraftquellen, aber hier hatte uns unsägliche Not zusammengeführt. Die Lieben daheim jedoch hatten sich uns auf anderer Ebene, in freieren Bezirken, ohne den brutalen Zwang der Not verbunden. Und darum war jede Zeile von daheim, die Ausdruck dieser Bindung war, für uns Todumwehten und Todgeweihten ein seelisches Erlebnis von solcher Köstlichkeit und Eindringlichkeit, von solcher inneren Stärkung, daß die begnadetsten Worte ihre tiefen Werte nicht darzustellen vermögen. ,, Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch" Wir Häftlinge durften dann und wann in kurzer Form nach Hause schreiben. Wer dabei aus Unwissenheit oder Dummheit ein unvorsich221 tiges Wort schrieb, wurde immer grausam bestraft. Daß er außerdem für längere Zeit Schreibverbot erhielt, versteht sich am Rande. Häufig genug wurde uns aber auch die Schreiberlaubnis allgemein entzogen, entweder, um das Lager zu bestrafen, oder weil die Scharführer auf der Poststelle keine Lust hatten, unsere Briefe und Karten zu zensieren. Selbstverständlich ging auch die Post, die wir von zu Hause erhielten, durch die Zensur. Auch sie, die von den völlig ahnungslosen Angehörigen geschrieben war, gab zuweilen Anlaß, den Häftling in Strafe zu nehmen. Die Zensoren schnitten alle Sätze, die wir nicht zu Gesicht bekommen sollten, einfach aus den Briefen heraus, so daß es schwer war, festzustellen, was wir nach ihrer Ansicht nicht lesen sollten. In der Hauptsache aber dürfte es sich dabei um Stellen politischen Inhalts, um Entlassungsbemühungen der Angehörigen und um Sätze gehandelt haben, hinter denen die SS.- Leute irgendeine chiffrierte Mitteilung vermuteten. Es kam häufig vor, daß man in seinem Briefumschlag nur zwei Schnippelchen Papier vorfand, auf denen die Anrede und die Unterschrift des Briefschreibers standen, manchmal auch nur eins von beiden. Auf der anderen Seite kam es aber auch vor, daß Briefe unzensiert ins Lager gelangten. Abgesehen davon, daß das für uns nur ein weiterer Beweis war, welcher Schlendrian in der Lagerverwaltung herrschte, brachten solche unzensierten Briefe zuweilen aufschlußreiche Nachricht von draußen in unser abgeschlossenes Lager. Daß der Zensur in den Briefen sowohl aus dem Lager als auch in das Lager Schnippchen über Schnippchen geschlagen wurden, liegt auf der Hand. Einige Häftlinge und deren Angehörige hatten dabei ohne vorherige Verabredung eine derartige Virtuosität entwickelt, daß es kaum eine verbotene Nachricht gab, die nicht übermittelt wurde, und für die Intelligenz der Zensoren war bezeichnend, daß sie häufig Nachrichten durchgehen ließen, die selbst ein einfältiges Gemüt als eine reichlich plump abgefaßte Umschreibung einer verbotenen Nachricht auf den ersten Anhieb erkannte. Ich hatte mit den Meinen gleichfalls ein System entwickelt und konnte ihnen schließlich genaue Anweisungen geben, welcher Art ihre Bemühungen um meine Freilassung sein mußten, obgleich jede Andeutung dieser Art streng verboten war. ,, Denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei!" Diese doppelsinnige Zeile aus dem Buchenwaldlied war vielleicht der Pol, von dem unsere Gedanken immer und immer wieder am stärksten angezogen wurden. Und selbst dann noch, wenn wir in unseren Gesprächen die fast völlige Aussichtslosigkeit unserer Entlassung feststellten, schwang 222 zum mindesten im Unterbewußtsein eine leise Hoffnung mit, daß wir vielleicht doch einmal aus der Hölle entrinnen könnten. Ken Meine Freunde rieten mir mehrfach, ich solle versuchen, unauffällig aus dem Häftlingsrevier zu verschwinden und zu jener Gruppe von Häftlingen überzuwechseln, die in einem leichten Arbeitskommando ein einigermaßen erträgliches, von der Lagerleitung unbemerktes Häft- lingsdasein führte. Sie wußten, welche Einblicke ich auf Grund meiner- Tätigkeit als Arztschreiber gewonnen hatte, und waren der Ansicht, daß meine Entlassung deshalb völlig aussichtlos sein müßte. Ich mußte anerkennen, daß ihre Gründe schwer wogen, und hatte ja selbst ge- nügend Beispiele dafür erlebt, mit welcher Leichtfertigkeit die SS.-Leute unbequeme Häftlinge aus dem Wege zu räumen pflegten. Aber ich konnte mich vornehmlich aus zwei Gründen nicht entschließen, dem Rat meiner Freunde zu folgen. Ich sagte mir, daß die SS.-Männer ent- weder die Gefahr erkannt hatten, die ich für sie hätte werden können- dann hätten sie mich auch so nie entlassen, oder sie hatten die Gefahr nicht erkannt, dann würden sie mich auch aus Dummheit ebenso wie meinen Vorgänger entlassen. Und zum anderen sagte ich mir, daß ich auf Grund meiner Weltanschauung und Überzeugung eine innere Ver- pflichtung hatte, bis zur letzten Stunde die Möglichkeiten auszunutzen, die mir meine am Ende immer einflußreicher gewordene Stellung im Interesse vieler Leidensgefährten bot. Da teilten mir meine Angehörigen verdeckt mit, daß mein ältester Sohn, der an der Front stand, ein Entlassungsgesuch direkt an das Sicher- heitshauptamt in Berlin gerichtet hatte. Mir war mehrfach bekannt- geworden, daß dieser Weg zum Erfolg geführt hatte. Erstens wog bei den Nationalsozialisten das Gesuch eines Frontkämpfers schwerer, als das Gesuch einer Frau, die sich über fünf lange Jahre ohne Unterstüt- zung durchs Leben hatte schlagen müssen. Zweitens war die Stapoleit- stelle meines Wohnortes so übergangen. Da saßen Gestapoleute, die aus persönlicher Gehässigkeit und in dem Bewußtsein, daß meine bloße Gegenwart ihnen abträglich sein müßte, meine Entlassung prinzipiell ablehnten. Und drittens hatte meine Familie den Wohnsitz bereits aus dem gleichen Grunde nach Norddeutschland verlegt. Ich muß schon sagen, jetzt hatte ich, wenn überhaupt, eine Chance. Gegen diese Chance aber stand drohend alles das, was mir als Arzt- schreiber zur Kenntnis gekommen war, wenngleich ich auch mit der 223 Er | | | | leisen Möglichkeit rechnete, daß ich den SS.- Leuten keinen Anlaß zu der Annahme gegeben hatte, daß ich mit offenen Augen und klarem Blick und Treue zu mir selber meinen Weg gegangen war, denn ich war ihnen meines Wissens in dieser Beziehung niemals irgendwie aufgefallen. Etwa zwei Monate nach der Benachrichtigung durch meine Angehörigen werde ich zur sogenannten ,, politischen Befragung" zum Schutzhaftlagerführer Rödl befohlen. Wir Häftlinge wußten sehr wohl, was es mit dieser politischen Befragung" auf sich hatte. Sie war nicht viel mehr als eine Farce. Mancher Häftling, der schon mehrfach zu solcher Befragung befohlen worden war und dem man immer wieder bei solchem Anlaß versichert hatte, daß er nun wohl bald nach Hause gehen würde, wurde dennoch nicht entlassen, auch wenn er sich im Lager schon seit Jahren einwandfrei geführt hatte. Und andererseits waren viele Häftlinge ohne eine solche Befragung entlassen worden. Einwandfreie Lagerführung und die glaubhafte Versicherung, daß man sich jetzt in die Ordnung des nationalsozialitischen Staates einfügen werde, waren ür die Entlassung aus dem Lager ebensowenig entscheidend, wie wiederholte Bestrafungen und ungeschickte Bemerkungen. Darum legte ich auch meiner politischen Befragung keine besondere Bedeutung bei. Sie wickelte sich außergewöhnlich kurz ab. Der Schutzhaftlagerführer Rödl saß mit meiner politischen Akte vor sich hinter seinem Schreibtisch, als ich sein Verwaltungszimmer betrat. Nach meiner Meldung blätterte er in der Akte und fragte mich dann: ,, Hast du Kinder?" ,, Ja, Herr Obersturmbannführer." دو Wieviel?" ,, Drei, Herr Obersturmbannführer." ,, Deine Kinder werden sich wohl freuen, wenn du jetzt wieder nach Hause kommst?" ,, Gewiß, Herr Obersturmbannführer." ,, Der Alteste hat hier ein Entlassungsgesuch eingereicht. Wenn du jetzt entlassen werden solltest, dann kannst du das nur ihm verdanken. Verstanden?" ,, Jawohl, Herr Obersturmbannführer." ,, Na, dann geh man jetzt wieder an deine Arbeit." ,, Zu Befehl, Herr Obersturmbannführer." Das war alles. Ich wurde nicht, wie sonst üblich, nach eventuellen Lagerstrafen, meiner jetzigen politischen Einstellung und nach meiner 224 Ansicht über das Lager gefragt. Und ich war bald der Meinung, daß die politische Befragung auch in meinem Falle nichts als eine leere Geste gewesen war, zumal inzwischen bereits Häftlinge entlassen worden waren, die weit später erst als ich zur politischen Befragung gekommen waren. Nun ja, Pech gehabt, basta! sagte ich zu mir selbst und legte die Angelegenheit in meinem Gehirn zu den verstaubten Akten. Der 9. Mai 1940 bringt einen ungewöhnlich schönen, warmen Maiabend. Ich bin im Pflegerzimmer beim Abendbrot. Da kommt SS.- Oberscharführer Rose noch einmal überraschend nach dem Häftlingsrevier herunter. Der Abendappell ist schon vorüber. So spät ist meines Wissens noch niemals ein SDG. im Lager gewesen. Ein Häftling sagt mir Bescheid, daß Rose im Arztzimmer ist, und ich begebe mich darauf sofort dorthin. Rose ist offensichtlich stark erregt und sagt mir: ,, Du wirst morgen früh entlassen." Entlassen Ich bin vollkommen ruhig. Mein Herz schlägt auch nicht einen einzigen Pulsschlag schneller. ,, Hast du nicht irgendeine politische Akte hier, die ich nach oben. bringen kann? Ich muß doch hier noch was zu tun gehabt haben", sagt Rose zu mir. Ich gehe an den Schreibtisch, schließe auf und gebe ihm eine politische Akte. Dann bin ich allein im Zimmer. Entlassen. Wie spät ist es? 19 Uhr! Gut! Morgen um die gleiche Zeit hat sich mein Schicksal für die nächste Zukunft entschieden. Entweder bin ich dann im Zug auf der Fahrt nach Norden, oder ich bin auf der Flucht erschossen. Und die paar Stunden, na, die werde ich nach diesen letzten fünf Jahren, sechs Monaten und 17 Stunden wohl auch noch rumkriegen. --Ich gehe zu Richard Elsner. ,, Es ist soweit, Richard. Morgen früh." ,, Na, also, Walter. Es wird schon klappen. Ich habe keine Sorge." Aber ich merke ihm doch an, daß auch er um die Ungewißheit meines. Schicksals weiß. Dann suche ich Walter Krämer auf. Er ist der Vertraute, dem ich all die Dinge sagen kann, die mir auf Grund meiner politischen Funktion im 15 Poller, Buchenwald 225 Lager übertragen wurden und die ich noch nicht zur Erledigung bringen konnte. Auch er weiß, daß ich jetzt endgültig ausscheide, so oder so. In der Nacht ordne ich in den Akten, was noch zu ordnen ist. Das fällt bei den Nachtschreibern und anderen Häftlingen des Reviers nicht auf, denn ich habe häufig genug die Nächte durchgearbeitet. Nur Walter Krämer und Richard Elsner sind im Bilde, und von beiden weiß ich, daß sie schweigen. Ich will nicht, daß mein Abgang im Lager bekannt wird, denn ich weiß, daß sie dann alle kommen würden, die zahlreichen Freunde. Und ich mag das nicht. Vor dem Morgenappell ruft Hauptscharführer Strippel mich telephonisch an. Ich habe so manches Dienstgespräch mit ihm geführt. Er. nannte mich immer: Du lustiger Vogel. Jetzt fragt er mich: ,, Bist du da, du lustiger Vogel?" ,, Jawohl, Herr Hauptscharführer." دو , Wann bist du geboren?" ,, Am 6. Januar 1900." ,, Na, dann pack man deine Sachen und sei um acht an der Kleiderkammer. Ich rufe deine Nummer nicht erst durch den Lautsprecher. Es geht nach Muttern!" Ich gehe zu Walter Krämer: ,, Du, es ist amtlich. Strippel hat mich eben angerufen." ,, Na, dann viel Glück, alter Junge. Schreib mal, wenn du raus bist, damit wir Bescheid wissen, ob's geklappt hat." Dann verteile ich meine kleinen privaten Utensilien, die ich mir während meiner Lagerzeit ,, organisiert" hatte, mein Feuerzeug, meine Zigarettenspitze, meinen Füllfederhalter, den Füllbleistift, die Geldbörse. Ich vertausche meine guten Schuhe und meinen sauberen Häftlingsanzug gegen alte Lumpen, denn in der Kleiderkammer brauche ich nur zahlenmäßig eine Garnitur abzuliefern. Und nun noch einen schnellen Händedruck den Häftlingen, mit denen ich über ein Jahr im Revier zusammen gearbeitet habe. Noch ist eine knappe Viertelstunde Zeit. Mein Blick geht noch einmal durchs Arztzimmer. Da stehen die Regale mit den verlogenen Totenberichten, da ist der Schreibtisch mit den Entmannungs- und Sterilisierungsakten, den politischen Akten und den Mordgiften, hier die Schreibmaschine, auf der ich so viele grauenvolle Dinge und Gesundheitsatteste am laufenden Band schrieb, und das ganze Zimmer, das mit seinen vier Holzwänden entsetzliche Sachen erlebte. Ein Häftlingsschreiber kommt ins Zimmer. Er ist ein ruhiger ungemein stiller Bursche, hat immer fleißig seine Arbeit getan. Ich habe 226 ihn geschätzt, aber mich kaum mit ihm politisch oder persönlich unterhalten. Er war ein guter Kamerad, der seine Pflicht tat. Nun sagt er: , Walter, ich weiß nicht, ob sie dich freilassen. Ich wünsche es dir. Aber gleichviel! Ich muß dir zum Abschied sagen: was du hier getan hast, hat mir den Glauben an das Gute im Menschen wiedergegeben." Und ehe ich ganz begriffen habe, was er mir da sagte, ist er auch schon wieder aus dem Zimmer hinaus. Das sagt mir ein Unbekannter! ein kaum von mir Beachteter! Und er sagt es mir in einem Augenblick, da ich es ihm nicht mehr entgelten kann. Sela! Nun habe ich die innere Kraft auch für den letzten Weg durch Buchenwald! 茶茶 茶 Jetzt stehe ich auf dem Flur der Politischen Abteilung und mit mir noch sechs, sieben andere Häftlinge, die auch entlassen werden sollen. Wir bekommen einen Fahrschein nach unserem Wohnort, einen Schein, nach dem wir vorläufig auf Probe entlassen sind, und werden angewiesen, uns innerhalb 24 Stunden nach Eintreffen in unserem Wohnort auf der Geheimen Staatspolizei zu melden. Dann ruft mich der Leiter der Politischen Abteilung, SS.- Obersturmführer Frerichs, aus der Häftlingsgruppe heraus in das Zimmer, in dem einstmals meine Personalien aufgenommen wurden. Dort sitzen die Scharführer an den Schreibtischen und vor den großen Karteikästen. ,, Kommen Sie mit", sagt Frerichs zu mir und geht voraus in ein zweites, fast leeres Zimmer. Was soll da geschehen? Ich halte mich dicht hinter ihm, denn ich bin fest entschlossen, nicht wehrlos zu sterben. Er geht aus dem leeren in ein dahinterliegendes Zimmer. Es ist sein Arbeitszimmer. Meine Nerven sind aufs äußerste gespannt. Das leere Zimmer, das ist der Schalldämpfer! O, ich kenne diese Methode nur zu gut! Und mein Entschluß ist zu sekundenschneller Tat bereit. ,, Schließen Sie die Tür!" sagt Frerichs zu mir. Ich schließe die Tür, ohne ihn aus den Augen zu lassen. ,, Sie werden heute entlassen. Ich weiß, Sie haben hier Dinge gesehen, die die Öffentlichkeit vielleicht heute noch nicht ganz versteht. Sie haben darüber absolutes Schweigen zu bewahren. Sie wissen das, ja? Und wenn Sie es nicht tun, dann sind Sie bald wieder hier, und was Ihnen dann passiert, das wissen Sie auch." ,, Ich weiß das, Herr Obersturmführer." Und ich füge aus einem inneren, mir völlig unerklärlichen Zwange, der mich unwiderstehlich 15* 227 überkommt, mit einer Ruhe, vor der ich selbst erschrecke, hinzu: ,, Dies Lager ist ein hartes Lager, und ich bin davon überzeugt, daß seine Härte erforderlich ist im Interesse des nationalsozialistischen Staates." ,, Gut, Sie können gehen!" Und ich gehe rückwärts aus dem Zimmer, ohne ihn aus den Augen zu lassen, wie ein Lakai es ehedem wohl vor seinem Fürsten zu tun hatte- Ein Posten führt uns Abgänge den Karachoweg hinauf auf der Straße nach Weimar bis zum Schlagbaum. Die Wache dort macht sich nicht einmal die Mühe, unsere Entlassungsscheine zu kontrollieren. Zehn Schritte noch. Dann überkommt es mich. Dann geht es nicht mehr. Die Knie zittern. Das Herz pocht in schnellen Schlägen und mein Atem geht flach und stoßweise, bis sich die Spannung in einem einzigen, tiefen, befreienden Atemzug löst. Vom wolkenlosen, blauen Himmel strahlt wundervoll warm und gütig die Sonne, die würzige Waldluft umspült Stirn und Wangen. Ich bin frei! Der härteste Weg meines Lebens liegt hinter mir. 228 Widmung Der Eid Zur Einführung INHALTSVERZEICHNIS Dem Unbekannten entgegen Im Polizeigefängnis Halle 519 Erster Teil 13 14 19 20 21 24 31 36 40 46 47 52 55 58 58 59 61 62 66 71 74 76 Über Weimar nach dem Ettersberg Empfang in ,, Buchenwald" Durch die ,, Politische Abteilung" ins Lager Das Lager.. Block 39, ein politischer Block Morgenappell Der erste Arbeitstag. Der ,, Kapo" Abendappell Feierabend Ich höre von ,, Freunden" Kameradschaft Fürsorge Der Medizinalrat Prozession im Lager Blick ins Land Im Steinbruch Mein Totentanz Ein Menschenleben abgetrotzt Beschäftigung im Häftlingsrevier Arztschreiber Zweiter Teil Der Lagerarzt mordet 79 Die Leichenbaracke 86 Sektionsprotokolle Freitod durch Erhängen im Arrest Ein Häftlingsschicksal Der Prügelbock 87 92 94 98 229 Freiwillige Unterschrift Ein Jude unterschreibt nicht Sterilisierung und Entmannung Ernst Heilmann Musik und Gesang Appell- Erlebnisse Massen vergeltung Totgeschleift Heil- und Pflegeanstalt Erschossen auf Befehl Reichsführer SS. Die grüne Spritze. Der Pantostat Kriminelles Milieu Die Dunkelbaracke Pfarrer Paul Schneider Gesinnung und Haltung Diskussion im Lager Das Baumhängen Eine Zwischenbemerkung Die politischen Akten Auf der Flucht erschossen Schiebungen Die Blödenkompanie Häftlingssanitäter Das Sonderlager Geld stinkt nicht Medikamentenbestellung Der Wissenschaftler Krieg.. KL.- Verstärkung Ruhr im Lager Bakteriologie Experimente Briefe Die politische Befragung ,, Entlassen?" Der letzte Weg 105 107 115 121 128 130 . 133 136 139 141 145 148 156 158 165 168 170 173 175 179 182 187 189 191 195 199 201 205 208 212 214 217 221 223 225 227 Die Bilder Weihnachten im KZ. 80-81 Hunger 96-97 Im Draht 176-177 Schlafraum 192-193 230