REISE EINES MALERS IN PARIS In jenem Sommer, der dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges voranging, betrat der Maler Hans Reichmann gegen Mittag eine Bar am Boulevard St. Michel, schräg gegenüber dem Jardin du Luxembourg, den er eben ziellos durchschritten hatte. Die Schwüle war schon am Morgen unerträglich gewesen, die Geräusche der Straße klangen wie zersplitterndes Glas, die wenigen Passanten in dem gewöhnlich belebten Viertel stelzten wie an Drähten gezogen. Reichmann, auf seinen Aperitif niederstarrend, fühlte in machtlosem Ärger die Unentrinnbarkeit des verlorenen Tages, der vor ihm lag. Müde dachte er an die vergangene Woche, die er, einmal mehr Beute einer alten und gefährlichen Gewohnheit, in übermäßigem Weingenuß verbracht hatte. Seit einer Reihe von Jahren gehörte Reichmann zur keineswegs seltenen Gattung Ausschweifender, die man Quartalstrinker zu nennen pflegt. Arbeit und Genuß standen zueinander in geheimnisvoller, beglückendquälender Wechselbeziehung, und zwei freiwillig unternommene Aufenthalte in Entziehungsanstalten hatten ihm nur bestätigt, was er bereits geahnt hatte: daß nämlich der Verzicht auf den Wein das Versiegen der Arbeitskraft nach sich zog. Später bedeutete er sich mit dem gleichen melancholischen Humor, der sein Gespräch mit Freunden bestimmte, daß Malen und Trinken nur zwei Spielarten ein und derselben Ausschweifung seien, er selbst aber, sofern er seinem Leben einen 7 Sinn geben wolle, zur Ausschweifung gewissermaßen verurteilt: man werde weitersehen. Hans Reichmann stammte aus Würzburg und hatte später in München gelebt. 1914 steckte man ihn, nach vergeblichen Versuchen, einen Soldaten aus ihm zu machen, in die Militärzensur. Seinem Dienst kam er mit durch böse Indifferenz gemildertem Ekel nach, erfüllt von Gesichten der Revolte und Verzweiflung, die damals in den Zeitschriften und auf den Leinwänden Schwabings sichtbare Form annahmen. Er malte und schrieb, vorerst ohne die ausdrückliche Bestimmung für das eine oder andere. Der Zusammenbruch fand ihn immer noch in München; er empfand eine große und ungewisse Befreiung. Wie träumend bewegte er sich unter Hingerissenen und Erregten, teilte ihre wirren Hoffnungen, ohne die Bereitschaft zum tätigen Mitwirken in sich finden zu können. Als die Räteregierung die entscheidende Niederlage erlitt, entschloß er sich, den Kriegskommissar, einen von den Weißen verfolgten revolutionären Dichter, in seinem Hause zu verstecken. Doch wurde der Flüchtling bei ihm gefunden und Reichmann wegen dieser Begünstigung für ein halbes Jahr ins Gefängnis geworfen. Nach einigen Jahren verließ er Deutschland und nahm seinen Wohnsitz in Paris, nachdem er sich seit langem endgültig der Malerei zugewandt hatte. Im Kriege hatte er übrigens geheiratet, später jedoch sich gütlich von seiner Frau getrennt, mit der er sich, gemäß einer Vereinbarung, alle fünf Jahre traf. Diese wenigen Wochen des Wiedersehens, Wochen, die man einmal in Malaga, ein andermal in Neapel verbracht hatte, kamen einem vorläufigen Abschluß und einem Neubeginn gleich; 8 sie dienten der Selbstverständigung und bewiesen die Möglichkeit menschlicher Beziehungen jenseits des Kreises von Verstellung, Ermüdung und verpflichtendem Opfer, in dem sie sich zu bewegen pflegen. Reichmann hatte sein Atelier in einem alten Haus in der Rue de La Harpe. Er verbrachte seine Tage nicht ohne ein gewisses Glücksgefühl bei der Arbeit, mit wenigen Menschen und Gesprächen, mit unsteten Wanderungen durch die Bars des Montparnasse und in Ausstellungen. Er verdiente wenig Geld, jedenfalls genug, um nicht hungern oder der Bitterkeit anheimfallen zu müssen, die unerfüllte Wünsche allmählich in uns wachsen lassen. Reichmanns Kunst, eine Wunderwelt von Graswäldern und submarinen Landschaften, die unter Glas den Glanz zauberkräftiger Steine annahmen, war nur einem kleinen Kreis von Kennern bekannt. Jedes Jahr veranstaltete der Maler eine Ausstellung, und die handgroßen Aquarelle bereicherten jedesmal einige private und öffentliche Sammlungen diesseits und jenseits des Ozeans. In seiner Heimat hatten indessen politische Umwälzungen die unerfreulichsten Folgen für Leute seiner Art und Arbeitsweise gehabt, und dieser Umstand hatte ihm endgültig jeden Gedanken an eine auch nur vorübergehende Rückkehr ausgetrieben. Die letzten im Trunk verbrachten Tage konnten der Vorbereitung der jährlichen Ausstellung gefährlich werden. Am Schanktisch stehend dachte er finster an die bevorstehende Woche, die ihn von dem wichtigen Eröffnungstag trennte. Er verlangte einen zweiten Aperitif. Der Mann hinter der Theke klagte über die Hitze. Reichmann nickte gedankenlos. Paris glich einer 9 % evakuierten Stadt. Durch die flimmernden Ebenen pfiffen die Züge, die die lebensgierigen Ferienreisenden des letzten Vorkriegssommers nach allen Himmelsrich- tungen entführten. Die Fassaden des Quartier Latin schienen wie Papier zu wallen, aus dem jeden Augen- blick die Flamme schießen konnte. Ein fahles Licht brodelte in den Straßen. Reichmann gewahrte es im Spiegel, der den Wider- schein der Blätter an den Straßenbäumen ins Gelbliche färbte. Plötzlich entsann er sich eines Morgens in Neapel, der einem Erdbeben vorausgegangen war— damals hatte dieses fremde Gelb die Atmosphäre ge- füllt, in der sich nicht atmen ließ und die Geräusche jede Beziehung zu ihren Urhebern verloren. Sein Blick versenkte sich in das eigene, aus tausend Selbststudien vertraute Gesicht: da war ein Fünfundvierzigjähriger, der wie ein Sechziger aussah, mit lederfarbener Haut, breitem Mund und breiter Stirn, ein fränkischer Bauer, dem das eisengraue Haar unordentlich über die Augen fiel. Diese Augen— sie waren wohl am schwersten festzuhalten; dem eigenen Blick entglitten sie immer wieder, die weit auseinandergestellten Augen eines Trinkers oder Rhapsoden von sanftem und verwirrtem Ausdruck, deren Pupillen mit der verwaschenen Iris sich leicht nach oben kehrten und das Weiße sehen ließen. Hinter ihm sprachen zwei Männer halblaut über die Kriegsgefahr.„Diesmal ist es soweit. Diese ständigen ‘Mobilmachungen... Dann ist es schon besser...“ Reichmann drehte sich um und überblickte den Raum. Der fahle Schein, der von außen hereindrang, schien ständig stärker zu werden. Fünf, sechs Gäste saßen 10 einzeln oder zu zweit in den tragischen Stellungen von Marionetten vor ihren Gläsern. Jetzt erst wurde Reich- mann eines pausenlosen Summens gewahr, eines Zi- schelns und Flüsterns, von dem er nicht wußte, ob es aus dem Raum kam oder das Geräusch seines Blutes war. Mit einer jähen Wendung, die ihn einige An- strengung kostete, kehrte er sich dem Spiegel zu. Vergeblich suchte er in ihm die Konturen wieder, denen er einen Augenblick zuvor noch im Geiste nach- gegangen war. Die Gespräche, das Rücken der Stühle, das Klappern und Klingen von Flaschen und Gläsern — das alles erreichte ihn quälend hohl und ward der- maßen bedenklich, daß er in seinen Taschen nach Münzen zu suchen begann und aufstand. Ach, welch ein Tag war da noch zu verbringen! Sich und den Wein heimlich schmähend, versuchte er sich einzureden, daß er immerhin noch einiges für die Ausstellung zu tun vermöchte. Er legte das Geld auf den Tisch und wollte gehen, aber etwas hielt ihn fest und zwang ihn, sich noch einmal den beiden Männern zuzuwenden, die hinter ihm gesprochen hatten. Sein schweres, ge- blendetes Auge traf ihre ihm zugekehrten Blicke, die voll frechen Hohnes auf ihm ruhten. Sie mußten ihr leises Gespräch schon eine Weile unterbrochen haben. Reichmann maß sie unsicher, und in plötzlicher, ihm selbst unbegreiflicher Erregung stürzte er hinaus, wie einer, der sich ins Wasser wirft. Die schattenlose Straße empfing ihn mit einem Licht, das die Augen wie ein Keulenschlag traf. Die Kleider hingen an ihm wie dampfende Tücher. Reichmann stöhnte leise auf und ging den Boulevard hinab. Drei- oder viermal kamen ihm Passanten entgegen, und 1l jedesmal glaubte er, neugierig- unverschämte Blicke oder ein ironisches Lächeln zu erspähen. Wohin ging er eigentlich? Seine Wohnung war nicht weit, auch wäre es Zeit gewesen, ein Restaurant aufzusuchen, um das Mittagsmahl einzunehmen, aber der Gedanke an Speisen und Speisengeruch brachte ihm ein Würgen in die Kehle. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe, und immer stärker meinte er versteckten Haß und anonyme Drohung um sich zu spüren. An der Ecke des Boulevard St. Germain stieß er fast mit zwei jungen Männern zusammen, die ihm anscheinend den Weg verlegen wollten. Der eine, dunkelhäutig und mit ölig schillerndem schwarzem Haar, schnitt eine Grimasse, während sein Kumpan etwas Unverständliches rief und heiser auflachte. Sein Blut strömte dem Maler vom Herzen weg. Die Straße füllte sich Stück für Stück mit sausender Stille nur die rätselhafte Bewegung der beiden Fremden blieb, ihre unverständlichen Worte, ihr herzbeklemmender Hohn. In diesem Augenblick erblickte Reichmann an der gegenüberliegenden Ecke einen Polizeibeamten, der, die Mütze schief auf dem Kopf, das Mäntelchen kokett um die Schultern geworfen, mit träger Grazie seinen weißen Stab kreisen ließ. Reichmann legte sich keine Rechenschaft ab über sein Tun -in aufwallender Erleichterung ging, ja lief er auf den Beamten zu und bat ihn in hartem Französisch um Schutz vor der Belästigung, deren Urheber seine zitternde Hand über die Schulter hinweg bezeichnete. Der Polizist maß ihn, ohne sein Spiel mit dem Stab zu unterbrechen, mit jener übertrieben höflichen Aufmerksamkeit, die das stets gerechtfertigte Mißtrauen des Gesetzesvertreters gegenüber dem ordinären Bür12 ger nicht verbergen, sondern unterstreichen soll. ,, Machen Sie, daß Sie weiterkommen", pfiff er plötzlich durch die Zähne, und einer erneuten Beteuerung seines Notstands seitens des Malers kam er durch die nochmalige schroffe Aufforderung zum Weitergehen zuvor: ,, Hauen Sie ab, Herr, ehe ich mich ärgere! Allez- y, circulez!" Der Beamte faßte den Dachfirst des gegenüberliegenden Hauses ins Auge, während Reichmann, die hinter ihm aufklingende Lache noch im Ohr, blind vor Scham und Angst den Boulevard hinabtaumelte. Er erreichte die Rue de La Harpe und blieb, nach der nächsten Wand greifend, einen Moment aufatmend stehen. Die Straße brütete, tausend Abfallgerüche hingen wie ein verwesungfarbener Schleier zwischen den schiefen Fassaden, magere Katzen strichen langsam durch die Gossen, vor den arabischen Cafés standen dunkelblickende Männer. Als Reichmann in die Moderluft des Treppenhauses einbog, das er durchqueren mußte, um in seine Wohnung zu kommen, blieb er noch einmal erleichtert stehen. Auch hier war nicht der leiseste Luftzug zu spüren, doch nach dem strömenden Gelb, das überall da draußen wie flüssiges Feuer herabregnete, tat das Halbdunkel den schmerzenden Augen wohl. Reichmann lehnte die Wange an die verschmutzte, abgestoßene Wand, an der obszöne Kreidezeichnungen leuchteten. In den Vertiefungen der ausgetretenen Stufen lief die Finsternis wie die dunkelschäumende Spur Tausender von verlorenen Schicksalen zusammen. Auf dem ersten Treppenabsatz warf er gewohnheitsmäßig einen Blick in die Loge der Concierge. Die Alte war nicht da. Nur ihr gelber Kater blinzelte schmal 13 über den Tisch hinüber. Während er weiterstieg, griff Reichmann nach dem Schlüssel in seiner Tasche. Irgendwo übte jemand Tonleitern auf dem Klavier. Der Schweiß rann Reichmann in den Nacken. Auf dem obersten Treppenabsatz blickte er durch die Windungen des Geländers hindurch in die Tiefe. Das Klavier war verstummt. Zwei streitsüchtige Stimmen drangen einen Augenblick lang von der Straße her durch die Haustür. Dann war wieder völlige Ruhe. Reichmann hörte sein Herz laut schlagen. Er öffnete und dachte sogleich: Mein Gott! Mein Gott! Er dachte und rief es gleichzeitig, und der Ausruf, jeden Sinnes bar, widerhallte in seinem Kopf wie in einem Gewölbe, während er die Tür hinter sich zuzog. Das Atelier war von geisterhafter Bewegung erfüllt. Das erste, was ihm auffiel, war wieder jenes Zischeln und Flüstern, das aus allen Ecken und Richtungen zu dringen schien. Dann erst sah er, daß eine Anzahl Unbekannter den Raum erfüllte. Sie strichen in müder, unentschlossener Haltung an der Wand hin, saßen auf Stühlen und Diwan, standen in Gruppen vor den ungerahmten Bildern, die an den Wänden lehnten. Immer noch sprach Reichmann sein ,, Mein Gott! Mein Gott!" zu sich selbst, während er krampfhaft drüber nachdachte, wie die Fremden in das verschlossene Zimmer gelangt sein mochten. Und doch mußte er sich voller Verwunderung gestehen, daß seine Überraschung bereits nachzulassen begann. Er trat von einem Fuß auf den andern, ging schließlich zum Waschbecken hinüber und fing an, sich die Hände zu waschen. Mit schnellem Blick bemerkte er, daß das Handtuch auf dem un14 gemachten Bett lag. Er empfand etwas wie Verlegenheit, als er mit nassen Händen quer durch das Zimmer zum Bett hinüberging. Selbst hier saßen einige der Fremden. Sie waren alle sichtlich bemüht, ihm nicht im Wege zu sein, und hielten sich immer in einer gewissen Entfernung. Mit ihrem wehenden Schritt kamen sie nur einige Male nahe an ihm vorüber, so daß er in ihre undeutlichen Gesichter zu sehen vermochte. Sie sprachen nicht, schienen ihn kaum zu bemerken. Ihre Unruhe drückte ein ungewisses Suchen, eine schon halb enttäuschte Erwartung aus. Die Gruppen vor den Bildern machten sich unverständliche Zeichen. Die Mützen ins Gesicht gezogen, das Kinn auf der Brust, standen andere schweigend an die Wände gelehnt und schienen Reichmann aus den Augenwinkeln zu beobachten. Der Maler empfand keine Furcht. Seine Überraschung war geschwunden. Mit wachsendem Unbehagen sah er auf das unordentliche Bett, das schmutzige Geschirr. Er fingerte am Hahn des Gaskochers, dann ging er zu einem Fenster hinüber und öffnete es. Kaum sichtbar wölkte der Mittagsgeruch aus hundert Schornsteinen. Reichmann sah in die Straßenschlucht hinab, in der sich jetzt nichts mehr regte. Nur vom nahen Boulevard kam schwach der Lärm von Wagen herüber. Die Fenster der Häuser auf der anderen Seite waren trotz der erbarmungslosen Schwüle fest geschlossen. Reichmanns Blicke glitten suchend von Viereck zu Viereck, als erhoffe er Hilfe, Ratschlag oder auch nur ein Zeichen, das ihn an der Welt festhalten könnte. War er denn hier noch zu Hause? Er sagte sich immer wieder, daß er keine Angst habe, aber dann mußte er doch 15 daran denken, daß die Fremden plötzlich auf ihn losgehen und ihn aus dem Fenster stürzen könnten. Ein Ausruf entfuhr ihm. Hinter einem gerafften Vorhang war eine Frau erschienen, aber ihr Bild verschwand so schnell wie es aufgetaucht war. Er war allein mit seinen Besuchern, die sich, wie ihm zum Bewußtsein kam, hinter seinem Rücken nicht mehr rührten. Er blickte über die Schulter ins Zimmer. War es möglich? Die Zahl der unbekannten Gäste mußte sich in der kurzen Zeit, während er die Straße betrachtet hatte, vervielfacht haben. Eine dichte Menge belebte das Atelier mit der nach Bewegung drängenden Lautlosigkeit von Figuren eines Schattenspiels. Nun aber kehrten sie alle ihm ihre Gesichter zu, in denen eine zurückgedämmte, schwere Drohung zu lesen war. Reichmann schloß langsam das Fenster, ohne sie aus dem Auge zu lassen. Wie bin ich allein, dachte er, wie kann ich wissen, wo die Wirklichkeit anfängt oder wie viele Wirklichkeiten es gibt. Er griff nach der halbgeleerten Flasche auf dem Tisch und stürzte hastig zwei, drei Gläser hinab. Dann stellte er Flasche und Glas auf den Tisch zurück, wobei er sich bemühte, jedes Geräusch zu vermeiden, griff nach dem Hut und eilte mit vornübergeneigten Schultern aus dem Zimmer. Im Hausflur erst fiel ihm ein, daß er die Wohnung nicht abgeschlossen hatte. Aber er zögerte keinen Moment und trat auf die Straße, die ihn erneut mit ihrem Licht wie mit flüssigem Blei überschüttete. Nach wenigen Schritten stand er auf der Place St. Michel. Hier verweilte er eine Minute, schaute den Taxis nach. die über die Brücke enteilten, und warf sich dann in den nächsten Eingang der Métropolitain. Er wischte 16 sich den immer wieder ausbrechenden Schweiß von der Stirn, während er die Stufen hinabstieg und gedankenlos die weißen Kacheln und metergroßen Reklamebilder betrachtete. Ein schläfriger Beamter, mit einem von der Hitze gedunsenen Gesicht über dem geöffneten Kragen, reichte ihm seinen Fahrschein. Der Maler fühlte eine so tiefe Erschöpfung, daß er sich am liebsten auf den steinernen Weg niedergelassen hätte; aber mechanisch setzte er Fuß vor Fuß- in geringer Entfernung erwartete ihn eine Bank oder der hölzerne Sitz in einem der Wagen des nächsten Zuges. Er wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war, als es ihm klar wurde, daß er seinen Weg verfehlt hatte. Schon längst hätte er auf dem Bahnhof sein müssen, und er schüttelte den Kopf über seine Achtlosigkeit, die ihn auf der vertrauten, täglich benützten Station diesen Durchgang hatte übersehen lassen, in dem er sich gerade befand. Er ging jedoch in der Gewißheit weiter, daß der Tunnel, wie alle anderen auch, auf den Bahnsteig münden würde, und er empfand eine Art belustigten Ärgers, als er nach weiteren Minuten feststellen mußte, daß der Gang sich teilte: während das eine Ende in Stufen nach oben führte und den Himmel sehen ließ der Maler wähnte das Rauschen der Fontäne auf der Place St. Michel deutlich zu vernehmen lief der andere Zweig, von wenigen Glühlampen da und dort beleuchtet, in ein ungewisses Halbdunkel, in das sich Reichmann nach kurzem Zögern verlor. - Er ging erstaunlich lange, ohne einem Menschen zu begegnen, und seine beinahe behagliche Selbstverspot2.019 17 Institut für neuere deutsche Literatur der Justus- lichin- Iniversität Gießen tung wich allmählich einer Betretenheit, die noch von der Ahnung vermehrt wurde, daß Ärgernis hinter ihm läge und nichts anderes ihn erwarten könne als Ärgernis. Der Gang wies einige Krümmungen auf, aber kein Zeichen deutete darauf hin, daß er ein Ende haben könne. Reichmann entzündete im Gehen eine Zigarette. Ärgernis, sagte er bei sich, Ärgernis; er nannte sich einen Narren und gedachte noch einmal der Tage sein Unbebeim Wein, aber unwillig und flüchtig hagen war so groß, daß jeder Selbstvorwurf es ins schlechthin Unerträgliche steigerte. - In diesem Augenblick hallten vor ihm Schritte, die näher kamen. Also doch, sagte er sich, als bezichtige er sich eines Mangels an Vertrauen: also doch. Der Mann, der ihm im trüben Schein der Lämpchen entgegenkam, trug Hose und Hemd und sah wie ein Arbeiter aus. Reichmann erkundigte sich nach dem Bahnsteig und begegnete einem erstaunten Blick. Die Züge würden nicht fahren, sagte ihm der andere, dem eine Fremdländischkeit die beflissen- höfliche Sprache reizvoll färbte. Italiener, dachte der Maler, oder Spanier. Der Fremde lächelte freundlich und schien keine Eile zu haben. Aber warum fahren die Züge nicht?, überlegte Reichmann verwundert. Ein Jahr vorher hatten die Pariser Verkehrsarbeiter versucht, in den Streik zu treten, und die Regierung hatte Truppen eingesetzt. Inzwischen fuhr der Fremde in suchenden Worten und mit schleifendem Akzent fort, Reichmann zu bedeuten, er sei fast am Ausgang angelangt und habe bis dahin nur noch hundert Meter vor sich. Reichmann dankte und schickte sich an weiterzugehen, als der Fremde hinzufügte, er habe lange in Paris gearbeitet. Diesmal 18 war es an Reichmann, erstaunt aufzublicken. Was sollte diese Erklärung? Ob du seit langem hier lebst oder nicht, mein Freund, dachte er, das kümmert mich wenig, allenfalls den Präfekten. Beide waren schon, ihren Weg fortsetzend, einige Schritte auseinandergeraten, da rief ihm der Fremde nochmals eifrig nach, der Ausgang zum Platz sei beinahe erreicht( er sagte ,, Plaza" und Reichmann entschied sich befriedigt für den Spanier), er möge sich heute aber links halten, sonst... Mit einer unbestimmten Gebärde verlor er sich hinter der nächsten Krümmung. Sollte Vorsicht geboten sein? Er hatte seit Tagen keine Zeitung mehr in der Hand gehabt. Aber vor wem sollte er sich hüten? Was ihn bedrohte, war vielleicht in keiner Zeitungsspalte der Welt zu finden. Der Fremde hatte übrigens wahr gesprochen. Reichmann näherte sich dem Ausgang dieses lächerlichen Ganges, der sich kilometerweit unter der Erde hin erstreckte, um schließlich an die Oberfläche zurückzuführen. Im Weitergehen befiel ihn eine knabenhafte Neugier, und er dachte an längst vergessene Entdeckungszüge durch die heimatliche Stadt, an Strom und Weinbergen hin. Die Stufen langsam höher steigend, war er ganz mit diesen Erinnerungen beschäftigt, so daß er die Augen erst erhob, als er auf dem Platz angekommen und schon einige Schritte weitergegangen war. Was er sah, vermittelte ihm die Empfindung eines Sturzes aus sehr großer Höhe, eines Sturzes ohne Halt und Rettung, wie man ihn manchmal im Traum erlebt. Er schaute zum Himmel auf, der derselbe geblieben war, eine Glocke aus fahlen Flammen. Die Tageszeit 2* 19 war weiter vorgerückt, die Leere der Straßen noch schreckensvoller, aber dieser Platz, auf dem er stand, war weder die Place St. Michel noch irgendeine Stelle, die ihn an Paris gemahnte, die Paris war. Und doch hatte er hier schon einmal gestanden, schon einmal hatte sich die Sonne in den langen Fensterreihen der grauen, abweisenden Fassaden gespiegelt, schon einmal hatte der Geruch des Meeres, der mitleidlosen Glut vermählt, ihn so bedrängt. Das Meer? Welches Meer atmete hinter dem Feuerhauch der Mietskasernen, hinter den staubverzuckerten Straßenbäumen und stumpfblinkenden Bogenlampen? Reichmann war, als könne er sein eigenes Gesicht sehen, wie es grau wurde hinter dem Schweiß, der zäh und bitter die Wangenfurchen hinabfloß. Wo war sein ihm entfremdetes Heim, wem konnte er noch vertrauen, wohin ging die Reise, die er nicht angetreten hatte, deren preisgegebenes Geschöpf er war, wer hatte ihn auserwählt? Die Augen schließend spürte er das ununterbrochene Sterben in seinem Leibe, das Vergehen und gierige Werden der Zellen, aus denen sein ungetreues Bewußtsein hervorging. Die Übergänge beherrschten die Stunde. Er sprach den Namen aus, diesen unglaublichen Namen, während die Stille um ihn pfiff, dröhnte, kreischte- Barcelona. Dies war Barcelona; es gab keinen Zweifel. Als müsse er zum zweitenmal in seinem Leben gehen lernen, bewegte er sich, von Furcht und Sonne geblendet, die nächste Straße hinab, die sich breit vor ihm auftat. Er schaute um sich, und aus den Tiefen der Vergangenheit erhoben sich blaß die Erinnerungen an diese Stadt, in der er sich einige Tage aufgehalten, ehe 20 er damals Herta in Malaga getroffen hatte. Dabei war es, als suche sein verstörtes Bewußtsein Schutz vor dem Unbegreiflichen, schon nahm es die Nachbarschaft der beiden Städte als gegeben, die Reise als vorsätzlich, die Zukunft als ungewiß hin. Und er überraschte sich bereits dabei, die Chiffren der Schatten, auf den steinernen Schwellen, der Risse in den Mauern, der Ladenschilder und Gitter enträtseln zu wollen. Bis dahin war ihm niemand begegnet. Ein paarmal glaubte er weiter oben einige Menschen hastig dahineilen zu sehen. Männer schlüpften an den Häuserwänden entlang und verschwanden unversehens in einem Haustor; zwei Frauen, schwarze Tücher eng um den Kopf gezogen, flatterten mit eckigen Bewegungen über die Fahrbahn. Das pathetische Schweigen der Fassaden wurde nur selten von fernem Geräusch gestört: vom Gellen einer Hupe oder einem trockenen Knacken und Prasseln, das zuweilen wie dürre Erbsen über die Dächer lief. Die Stadt quoll in der stickigen Luft wie ein Schwamm. Er erkannte die Ramblas wieder; plötzlich befand er sich auf dem Paseo de Gracia. Wie ungeheure Tropfsteinhöhlen, über die sich sodomitisch der Himmel wölbte, brannten die Fassaden, auf denen der Stuck phantastische Blasen warf. Phosphoreszierende Schwaden zogen um Erker, Türmchen, Stelen und Karyatiden. Näher kommender Motorenlärm ließ ihn an einer Querstraße innehalten. An dem kleinen geschlossenen Wagen, der von weitem schon durch Signale Einfahrt in die Hauptstraße forderte, war nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Dennoch empfand Reichmann bei seinem Anblick eine unsinnige Freude, deren er sich 21 beinahe im gleichen Moment schämte. Wie ein Schiffbrüchiger, der von seinem Floß aus dem immer höher über den Horizont emporwachsenden Dampfer zuwinkt, lächelte Reichmann dem kleinen Wagen entgegen, in dessen blauem Lack Glanzlichter flammten. Dieser Moment sollte dem Maler immer im Gedächtnis haftenbleiben; die kleine Limousine, die jetzt langsamer fuhr, in der nichts erkennbar war außer einem braunen Handschuh auf dem Lenkrad- der Retter, nach dem Reichmann der Ruf schon auf die Lippen stieg. Das kleine blaue Auto setzte zu einer Kurve an. In diesem Augenblick dröhnte über Reichmanns Kopf eine lange Kette von Explosionen. Der Feuerstoß lief durch Eisenblech und Fensterglas wie Nadeln einer riesigen Nähmaschine. Das Maschinengewehr verstummte sofort, und Reichmann sah, wie der braune Handschuh durch das Fenster flog und vor seine Füße rollte, während der kleine Wagen in seine Kurve hineinschoß, den Bürgersteig erkletterte und mit einem dumpfen Stoß gegen die Mauer zum Stehen kam. Die Stille in der Straße war wieder vollkommen. Aus dem Innern der Limousine kam kein Laut. Unsichtbare Flammen krochen über den blauen Lack, brachten ihn zum Sieden und ließen die Luft erzittern. Vor der andrängenden Hitze wich Reichmann zurück, ohne die Augen von dem brennenden Wagen abwenden zu können. Seine Beine bewegten sich unter ihm wie eine schleimige, gelenklose Masse. Er bebte so heftig, daß er vermeinte, eins zu sein mit der tanzenden Luft, die über der Brandstätte flackerte. So ist es also, dachte er wie im Traum. Was war das, was ihn 22 an diese Stelle bannte? Wie durfte er diesem Schauspiel zusehen, unter dem ewig schwelenden Himmel, neben diesen gleichgültigen Fassaden, den dahindämmernden Palmen, in dieser unverwundbaren Lautlosigkeit? Er bemerkte die schwarzen Pfützen schmelzenden Asphalts, die sich auf der Straßendecke ausbreiteten. Ein Mann an der Schwelle des Alters, fühlte er, daß ihm jetzt erst unwiderruflich die Jugend entglitten war. In ungeheurer Feindseligkeit schwieg die leere Straße um ihn, lebendig und verändernd wogte nur das glühende Element, das die Maschine und ihren menschlichen Inhalt ergriff, entstellte und verzehrte. In der Ohnmacht des Alpdrucks sah der Maler, wie durch zahllose Lichtjahre von ihm getrennt, das Ende eines verwandten, gänzlich unbekannten Universums. Mit einemmal begriff er, daß der Handschuh, unter dem jetzt ein dunkler Fleck entstand und sich verbreiterte, nicht leer war. Er wankte und tastete nach einem Halt. Jemand schrie aus dem Fenster über ihm. Reichmann begriff, stolperte in den Hausflur und zog sich die Treppe hinauf, auf der es nach Knoblauch und Katzen roch. Man hatte ihn vor dem Benzintank gewarnt, der jeden Augenblick explodieren konnte. Eine Tür im ersten Stock stand weit offen wie ein toter, schreckverzerrter Mund. Reichmann trat in ein ziemlich großes, verwahrlostes Zimmer, das fast leer war. Vorn zwischen den beiden von Sandsäcken halbverdeckten Fenstern unterhielten sich leise zwei Männer, die nachlässig die Straße beobachteten. Auf einer Kiste stand ein altes Hotchkiẞgewehr, dessen Mündung schräg nach unten zeigte. Ein paar Gurte lagen am Boden. Über den Rand 23 einer Kuchenschachtel erhob sich ein kleiner Hügel runder, gerippter Handgranaten. „Guten Tag“, sagte Reichmann und setzte hilflos auf französisch hinzu:„Ich störe doch wohl nicht...““ In diesem Augenblick flog draußen krachend der Benzin- tank in die Luft. Der ältere und größere der beiden Männer zog mit einer Grimasse den Kopf zwischen die Schultern. „Na also“, sagte er zu dem Kleineren. Er wandte sich halb nach Reichmann um.„Franzose?“ Reichmann nickte. Er fühlte sich zu müde zum Er- klären. Obwohl die Fenster halb verdeckt waren, er- füllte die gleiche schweflige Glut Zimmer und Straße. Der Kleinere, barhäuptig, im Monteuranzug, winkte ihn heran und trat ein wenig beiseite. Reichmann blickte kurz auf den zerfetzten Wagen hinab, über dem jetzt eine brausende, kaum sichtbare Flammen- fahne schlug. Der Kleine im Monteuranzug wies auf die brennende Maschine und nickte mit vielsagendem Ernst:„Der kommt auf unser Konto. Vier Tage haben wir auf ihn gewartet.‘ Der andere sah Reichmann in die Augen: „Falange. Mit einer falschen Diplomatennummer am Wagen. Mal in Figueras, mal in Gerona, mal hier.“ Reichmann schwieg. Die Schreie, die Salven der Exe- kutionskommandos, die Aufrufe und Anklagen be- lebten plötzlich den geisterhaften Mittag, um in den Schluchten der Pyrenäen zu ersterben. Berichterstatter von den katalaunischen Feldern, fiel ihm ein, wer hat mich dazu bestimmt? Der Kleine kauerte sich am Fenster zusammen und lauschte mit vor Anstrengung geblähten Halsadern. 24 ,, Irgendwo schießen sie wieder, die Idioten, die Hurensöhne. Ich möchte wissen, wann wir endlich Schluß mit ihnen machen, ich meine, richtig Schluß." In unregelmäßigen Abständen knackten und rollten gigantische Erbsen über die Dächer. Reichmann sah sich um. Neben der Tür bemerkte er ein zerstoßenes Klavier. Er ging hinüber, hob den Deckel von den Tasten, schloß ihn wieder. Sein Blick streifte ein paar abgegriffene Notenhefte: La Cucaracha, Waldteufel, ein Menuett von Beethoven. ,, Bist du Musiker?" fragte man hinter ihm. ,, Nein, Maler", sagte Reichmann, während er weiter Gegenstände und Tapeten musterte, in deren Verwahrlosung und Ermüdung er eine stolze Strenge, eine verborgene Schönheit wahrnehmen zu können glaubte. ,, Maler? Beim Bau? Oder bist du Künstler?" fragte der Ältere. Der Kleine, dicht am Fenster, sagte: ,, Schweine. Diese Schweine. Da kommen sie wieder." Fast im gleichen Augenblick erhoben sich die verwirrten Schreie der Sirenen über der in der Hitze geronnenen Stadt. Blaue und goldene Schatten fielen über die Dächer; ein Geschütz hustete hoffnungslos. ,, Ich male Bilder", sagte Reichmann, und ihm war, als kehre sich sein Inneres nach außen. Die Schatten liefen über die Dächer, übersprangen die Straße, flohen die Wände entlang. ,, Du solltest Plakate malen", sagte der Ältere ,,, ein Plakat zum Beispiel, daß sie dazu bringt, uns ein paar gottverdammte, aviones' zu schicken." ,, Sie kommen natürlich von der See her", sagte der Kleine am Fenster ,,, zehn, zwölf, achtzehn." 25 25 Die Sirenen murrten dumpf und verstummten. Das seidige Dröhnen eines Hummelflugs drang aus dem schwefelfarbenen Himmel. „Caproni‘, sagte der Kleine: „Savoia‘“‘, sagte der Ältere, ohne hinauszublicken. „Stimmt, Sovoia!‘ sagte der Kleine und seufzte, „Wollen wir einpacken?“ Das undeutliche, blinde, planlose Laufen beschuhter und nackter Füße drang durch die Fenster. Plötzlich wußte man die Straße geisterhaft belebt. Einmal schrie eine Frau unterdrückt auf. Dann verstärkte sich das Rascheln und Huschen laufender Füße, als flüstere ein Chor entsetzter Stimmen die Litaneien der Furcht. Reichmann stand mit dem Rücken zur Straße und seinem Ohr entging nichts. Ein Kalender fiel ihm auf, der kalkbefleckt über der rissigen Tapete hing: er zeigte den 26. Juli 1936. In Reichmanns Innerem zer- riß etwas. Ihm war, als müsse er sich sofort, ohne Ver- zug eines Umstandes entsinnen, der, wenn er leben wollte, so wichtig war wie das Atmen. Dann hörte er wieder die Stimme des Älteren:„Bist du in der Gewerkschaft?‘ Reichmann antwortete nicht. „Wenn du Zeit hast, kannst du im Gewerkschaftshaus nach mir fragen. Du erkundigst dich nach Antonio. Zimmer 16.“ Die Luft begann sich zu rühren. Reichmanns Adern zuckten wie Fische, die eine Springflut am Strand zu- rückgelassen hat. Er sah nach den Fenstern hin und rang nach Atem. Die fahle Glut der Straße hatte sich dunkel verdichtet und ergoß sich wie ein tintiger Strom ins Zimmer. Ein hohles Kreischen, ähnlich dem Ge- räusch einer riesenhaften Säge, riß die Stadt in der 26 O Mitte auseinander, vervielfältigte sich und verstummte. Dann schmetterte ein Bündel von Explosionen hoch. Die Wände schwangen langsam vor und zurück. Schleier aus Glas und Kalk verhüllten die tanzenden Fassaden. Nach dem Brüllen der Bomben zog sich die Stadt wieder in ihr Schweigen zurück, in ein noch tieferes Schweigen, in dem allein das Klirren von Splittern und das Knacken brennenden Holzes lebte. Als er nach einer langen Pause zu sich kam, waren die beiden Männer verschwunden. Das insektenhafte Drohen neuer Geschwader zog vom Meere her. Reichmann stieg die Treppe hinab und schlug mechanisch die Richtung ein, aus der er gekommen war. In der Gegend des Hafens mußten Petroleumtanks brennen. Fetter Rauch erhob sich träge und formte einen gigantischen Pilz am Himmel. Kein Mensch war zu erblicken, kein Getrappel mehr zu hören. Der Maler sah nach der Uhr, die stehengeblieben war und sechs Minuten nach zwölf zeigte. Drüben auf dem Trottoir lag ein kleines Mädchen mit offenem Rücken; sein Kopf hing über die Bordschwelle, als wolle es aus der Gosse trinken. Reichmann ging weiter. Er bemühte sich, geradeaus zu blicken. Das schluchzende Rauschen der Motoren schien gerade über seinem Scheitel zu sein. Die Schüsse der Abwehr mußten schon lange verstummt sein, und er zuckte die Achseln. Er mußte sich ganz auf das Atmen und Gehen konzentrieren. Neue Einschläge dröhnten aus größerer Entfernung. Die erstorbenen Straßen füllten sich mit Wirbeln heißer Luft, um die Ecken pfiff es in Stößen und trieb Papierfetzen und leere Blechbüchsen über die Fahrbahn. Ein aufgerisse27 nes Haus schlug mit geblähten Vorhängen wie ein gespenstisches Schiff, das alle Segel gesetzt hat. - Später entsann er sich, daß er den Platz erreicht, den Tunnel wieder betreten hatte. Die Zahl der brennenden Lampen hatte sich noch vermindert. Schatten suchten einander mit rauhen, abgebrochenen, klagenden Rufen. Man stieg über Essende, Rauchende, Schlafende. Vor Reichmanns innerem Blick erschien die Vision eines unterirdisch lebenden Kontinents dem Zustand ward Dauer vorhergesagt, ja, bereits Dauer verliehen durch die Versuche der Vertriebenen, sich einzurichten, und hier und da wurde- heitere Stimmen und Gelächter bewiesen es von ihnen unzweifelhaft schon etwas wie Behaglichkeit empfunden. Es mußte inzwischen längst Nacht geworden sein. Der Maler wähnte ein paarmal das ferne Heulen der Sirenen zu hören, aber er stolperte immer weiter, ohne sich aufzuhalten, mit brennendem Blick, ermüdetem Hirn und lechzendem Mund. Irgendwo fiel er zusammen und schloß die Augen. - Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, als ihn ein beharrliches, heftiges Rütteln an der Schulter weckte. Der Strahl einer Taschenlampe traf einen Moment lang sein Gesicht. Das Dunkel war einer Dämmerung gewichen. Ohne Anstrengung erkannte Reichmann die Gesichter, die sich ihm zukehrten. Zunächst kümmerte er sich wenig um das Anliegen, das man an ihn hatte. Er war verwundert, sich auf einer Bank zu finden, Gebüsch, Bäume, ein Denkmal in geringer Entfernung vor sich zu erblicken. Die letzten Sterne verblaßten im Geäst. Weit im Osten wuchs ungewisse Helligkeit. 28 ,, Ihre Papiere!" sagte der Mann, der vor ihm stand Die Aufforderung hatte er wohl schon mehrere Male wiederholt, denn er blickte aus dem Augenwinkel auf seinen Kollegen, als riefe er für die bewiesene Geduld und Nachsicht seine Zeugenschaft an. ,, Ihre Papiere, nom de nom!" setzte der zweite hinzu. Reichmann, die Hand zur Tasche führend, hielt inne. Warum sprachen sie französisch? Wohin war er wieder geraten? Er erkannte jetzt die schwarze Uniform, die die beiden vor ihm trugen: eine Streife der französischen Gendarmerie. Eine Erleichterung kam über ihn: der Traum, das Abenteuer war zu Ende. Es war nicht das erstemal, daß Polizisten ihn auf nächtlicher Straße gestellt hatten. Mit innerer Belustigung wurde er sich der Tatsache bewußt, wie tief ihn, den Ausländer, der Anblick der gefürchteten Uniform in diesem Augenblick beruhigte. Mit einer fast übermütigen Bewegung griff er in die Tasche. ,, Ihre Papiere! Ja oder nein..." ,, Ich habe sie nicht", sagte Reichmann ohne Verlegenheit ,,, ich muß sie verloren haben." ,, Natürlich. Man verliert sie immer, wenn man sie gerade bei sich haben sollte", bemerkte der erste. ,, Ausländer?" ,, Ja." ,, Sie kommen mit uns. Befehl des Präfekten." Reichmann überlegte, während er aufstand. Wie konnte der Präfekt seine Verhaftung befohlen haben, da man nicht einmal seine Identität festgestellt hatte? Er versuchte sich zu orientieren. Wo war er? Das war nicht der Bois de Boulogne. Mechanisch überzählte er bei sich die Parks von Paris, die ihm bekannt waren. 29 - Übrigens war dies hier kein Park. Im stärker werdenden Licht erschien eine kleine Anlage, umgeben von Boulevards und den Kulissen vernachlässigter Häuser. Er wollte über seine Empfindungen ins klare kommen: zweifellos fühlte er Furcht Furcht vor einer neuen Erkenntnis, einer Wahrheit, die er nicht ertragen zu können glaubte und die sich ihm gleich in den Weg stellen würde wie ein Straßenräuber. Er stand den uniformierten Männern gegenüber, betrachtete ihre Mützen, das Riemenzeug, die mysteriösen Zeichen, die sie am Kragen trugen, das Weiße in ihren Augen. Angesichts ihrer Gegenwart begriff er, daß das Abenteuer weitergehen würde. Die Reise war nicht zu Ende. Er folgte den Männern über den Platz. Tiefe Schatten nisteten noch in den Straßen, während sich über den Dächern ein Morgen voll grüner Kälte auftat. Hunderte von unsichtbaren Vögeln erhoben ihre grellen, unerklärlich erregten Stimmen. Die Häuser schienen zu schlafen, die Fensterläden blieben geschlossen. Aber in den Torbögen und Einfahrten blitzten Taschenlampen auf, hallten die Tritte benagelter Stiefel, wurden harte Befehle laut. Zwei Motorräder, von Behelmten gesteuert, rasten den Boulevard hinunter und füllten die Straßenschlucht mit dem Geknall der Fehlzündungen. An der nächsten Ecke hielt ein mächtiger Wagen mit laufender Maschine. Ein Offizier wies den Maler mit einer Kopfbewegung zu den übrigen Insassen, die sich unruhig, mit den zerfahrenen Bewegungen von Gelähmten, im Schatten des Verdecks bewegten. Reichmann ertastete einen freien Sitz; seine Nachbarn rückten schweigend auseinander. Im Halbdunkel weinte eine Frau auf. 30 Das Flüstern und Raunen, die ständige Regung dieses menschlichen Waldes nahm er mit seltsamer Wachheit in sich auf. Er begann, sich selbst als Teil dieses Waldes zu fühlen. Die Explosionen des Motors drangen als fast unhörbare Erschütterungen aus dem Boden und ließen die Leiber erzittern wie ein ferner Gebirgsstrom die Stämme der Fichten. Mit unregistrierbarer Beharrlichkeit, dachte Reichmann, würden er selbst und all diese Unbekannten an seiner Seite Wurzeln schlagen, würde sich alles Leben in ihr Innerstes zurückziehen, würden sie nun eine völlig neue Existenz beginnen, eine Existenz der Handlungslosigkeit, des pflanzenhaften Dahindämmerns. Die im Flüsterton geführten Gespräche, aus denen sich manchmal ein Wort ohne Zusammenhang erhob, war nur die phantastische Kulisse, hinter der die Verwandlung sich vollzog. ,, Wieder eine kleine Sache, die sich die Deutschen ausgedacht haben. Damit werden sie bestimmt den Krieg gewinnen." Das Flüstern erstarb während einer halben Minute. Reichmann horchte auf. Die Stimme hatte sich, ohne Hast, voll ruhiger Kraft aus der Ecke hinter ihm erhoben. Der Maler drehte sich nicht um. Man hätte den Sprecher nicht erkennen können. Das ohnmächtigweiche Schleifen und Flüstern der Schatten begann von neuem. Wieder war es Reichmann zumute, als zerrisse etwas in seinem Innern. Immer wieder hatte er Überraschungen hinzunehmen, mit denen er sich nicht auseinanderzusetzen, deren Berechtigung er nicht anzuerkennen vermochte. ,, Damit werden sie bestimmt den Krieg gewinnen." Wie ein Ertrinkender fühlte er gleitende Wasser zwischen seinen Lidern und einer 31 Wirklichkeit, deren Abbild sein vergehendes Bewußtsein nur gebrochen erreichte. ,, Damit werden sie bestimmt den Krieg gewinnen." Der Krieg, von dem die Stimme gesprochen hatte, war vielleicht schon seit langer Zeit im Gange, während er, den gelegentlich Zeitungen und Gespräche aufmerken ließen, sich nur einer ungewissen Drohung, einer Gefahr bewußt gewesen war. Es war zu spät, Fragen zu stellen. Unaufhaltsam schlugen die Uhren, wie gerade jetzt, als von allen Türmen der unbekannten Stadt die fünfte Stunde nach Mitternacht verkündet ward. Mit dem letzten Schlag wurde eiliges Laufen hörbar. Befehlsgewohnte Stimmen sprachen lauter; Wagentüren wurden zugeworfen. Das Automobil setzte sich in Bewegung. Nun erst schien die Straße zu erwachen und den sich Entfernenden nachzublicken. Ein paar Gendarmen waren noch auf den anfahrenden Wagen gesprungen und nahmen im Halbdunkel Platz. Man sah ihre Zigaretten aufglühen und hörte das Scharren der Karabinerkolben auf dem Boden. Sie fuhren sehr schnell aus der erwachenden Stadt hinaus. Sobald die Häuser zurücktraten und das Band der Landstraße sich vor ihnen entrollte, wurde die Sonne sichtbar: blutig und klein stand sie über dem Horizont, ließ die Julilandschaft herbstlich erstarren und verlieh Gesträuch und Geäst die Züge prophetischer Runenschrift. Alles war voller Vorbedeutung, Schrecken, wüstenhafter Versunkenheit. Das Licht desMorgens entkleidete dieGesichter der Fahrenden, eines nach dem anderen: Müdigkeit und der Schmutz der Zeit flossen trübe die Wangenfurchen jählings gealterter Frauen hinab und hingen klebrig an den Bartstoppeln der Männer. 32 Die Blicke wichen einander aus. Ein tonloses Jammern kroch aus den Ecken des holpernden Wagens. Manch- mal erhoben sich Stimmen durcheinander; die Leute sprachen lauter, um den Motor zu übertönen. Hilf- lose, idiotische Satzfetzen, hinter denen nichts als Furcht stand, drangen an Reichmanns Ohr. Man sprach französisch, ungarisch, polnisch, jiddisch. „Was können sie uns schon tun...“ „Im übrigen soll es dort nicht so schlimm sein... „Du hättest mich an denWollschal erinnern sollen....“ „Aber nein! Nur eine Überprüfung der Papiere...“ Die Stimmen erstarben im Licht, das sich unerbittlich wieder ins Fahle kehrte. Der trügerische blaßgrüne Himmel, der erfrischende Morgenkühle versprochen hatte, war verschwunden. Geruch von Asche, Öl und stehendem Wasser schlug wolkenhaft über dem Wagen zusammen. Eine böse Glut stieg auf, als habe sie, in Gras und Korn geduckt, in der Ebene genächtigt. Die Gendarmen, den Karabiner zwischen”den Knien, blau- rasiert, mit schlagflüssigen Gesichtern über dem engen Kragen, starrten in den gelben Dunst. Ihre Augen waren ohne jeden Ausdruck wie die Augen von toten Fischen. Reichmann sah über die Schulter nach dem Un- bekannten hin, der über den Krieg gesprochen hatte. Ein Gesicht, das unerschüttert nach vorn gekehrt war, gleichförmig wie die Straße, die es gebildet hatte, ein Gesicht, an dem nichts auffiel außer den sehr hellen entschlossenen Augen. Der Mann trug einen grauen, sauberen Anzug ohne Form; ein zerdrückter Hut lag auf seinem Schoß. Hinter seinem Profil flog die Land- schaft vorbei, Häuser, die in der Hitze schief hinsanken, [77 3.019 33 staubgeschwärzte Gärten, rostige Geleise, die zusammenrannen, sich wieder trennten, Weichen aufwarfen, sich vervielfachten. Am Ende der Welt, dachte Reichmann. Das Bahngelände zog sich von der Landstraße zurück. Ein massiger dunkler Komplex verdeckte es völlig: meterhohe Palisaden umschlossen von vier Seiten her lange, geteerte Dächer, die sich, von Unebenheiten des Bodens begünstigt, hier und da zeigten. Der Wagen verlangsamte die Fahrt. In den Palisaden, die der Straße zugekehrt waren, wurde ein Tor sichtbar, vor dem Uniformierte lungerten. Schwere Wagen waren einige Meter weiter zusammengestellt: Polizeiautos und langgestreckte, bunte Autobusse, wie man sie zu Vergnügungsfahrten verwendet. Sie fuhren noch langsamer. Der Chauffeur schien die Breite der Straße abzuschätzen. Keiner sprach, aber alle Augen hingen voller Qual, Haß und Hoffnung an dem näher kommenden Tor. Ein Gendarm stand auf, kam auf Reichmann zu und beugte sich zu ihm hinab. Der Maler starrte in seine Augen, diese bebende, trübe Gallerte, auf der Äderchen wie eine Morgenröte schwammen. Der Mann bewegte die Lippen, und Reichmann hörte, wie er durch die Zähne stieß: ,, Fliehen Sie! Keiner von uns wird schießen!" Reichmann kehrte seinen Blick nicht von ihm ab. Aus dem Augenwinkel sah er gleichzeitig, wie der Wagen dem Tor entgegenschaukelte, wie die müßigen Hüter sich den Ankömmlingen zuwandten. Mit Schauder und Wollust fühlte er, daß er in diesem Moment nur einen Wunsch hatte: hinter dem Tor zu verschwinden, einzugehen in das unbekannte Reich der schwarzen 34 Dächer, über denen sich hölzerne Türme mit unbeweglichen Bewaffneten erhoben, und er wußte auch, daß diese Begierde ihm fremd, aber unabweisbar war- plötzlich verstand er, daß all die fremden Gefährten um ihn her unter der gleichen Verzauberung standen und einer den anderen fester in diesen Bann schloß. Die unsichtbare Sonne schlug auf die Schläfen wie mit Fäusten ein. Ein erstickender Duft von Teer und Harz kroch schwer über den knirschenden Sand: der süße Geruch der Verzweiflung, der die Herzen überwältigt und den Verdammten die Sehnsucht nach Selbstvernichtung einflößt. Immer noch zuckten die Lippen vor ihm. Der Wagen hatte gehalten. Reichmann bewegte den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts, noch einmal und noch einmal, als weise er eine Zumutung von sich. Er stand hastig auf. Fast alle waren bereits ausgestiegen; er durfte nicht zu spät kommen. Sie standen eng zusammengedrängt vor dem Tor, das man für sie zur Hälfte öffnete, und zwängten sich hindurch, als eine rauhe Stimme es ihnen befahl. Reichmann hatte noch einmal zu dem Gendarmen zurückgeblickt, der ihn angesprochen hatte. Er stand neben dem Wagen. Seine Lippen bewegten sich, als flüstere er ein stupides Gebet. Reichmann begegnete einem langen Blick und ging durchs Tor. Es gab gleich wieder einen Halt. Man notierte ihre Namen. Der Zehnte war der Unbekannte aus der Ecke, der einige Meter vor Reichmann stand. Eine Pause entstand. Der prüfende Beamte suchte in seinen Papieren. ,, Sie heißen?" 3° 35 ,, Herzog, Georges, geboren in Straßburg." Der Beamte sah auf. Er sah dem Unbekannten voll ins Gesicht, und Reichmann beobachtete, wie seine Lippen sich mit einer langsamen, schrecklichen Bewegung auseinanderzogen und die Zähne freigaben. ,, Es nützt nichts, Moreau. Wir kennen uns schon. So einen guten Fang haben wir lange nicht mehr gemacht. Du bist mehr wert als alle die Jüdchen zusammengenommen." Das Antlitz des anderen zeigte keine Regung. Aber Reichmann wähnte es sterben zu sehen. Es starb eines allmählichen, heimlichen, strengen Todes, der vom Munde her langsam bis zur Stirn wanderte. ,, Ich heiße Herzog.' 66 ,, Halt dein Maul! Raustreten! Der Nächste!" Sie wurden in die Baracken verteilt, nachdem man ihnen eine Decke in den Arm geworfen hatte. Über die polternden Laufstege verschwanden die Männer nach links, die Frauen und Kinder nach rechts, zwei menschliche Rinnsale, die von in Abständen postierten bewaffneten Wächtern nicht ohne eine gewisse bösartige Höflichkeit in die gewünschte Richtung gelenkt wurden. Die nervöse Unruhe, die angesichts der im Vollzug befindlichen Trennung aufkam, zerstreute sich rasch, als sich herausstellte, daß der Stacheldraht, der die beiden Abteilungen voneinander trennte, an einigen Stellen durch Verbindungswege unterbrochen wurde, über die man jederzeit zu Freunden und Verwandten im anderen Teil des Lagers gelangen konnte. Reichmann betrat eine Baracke einen sehr langen, halbdunklen Raum aus schmutzigweißen, splittrigen Latten, die außen von schadhaftem Teerpapier über36 - spannt waren. Das erste, was er wahrnahm, war das Summen unzähliger Fliegen, die über Wände und Scheiben krochen und in dichten Haufen auf den zum Trocknen ausgespannten Wäschestücken saßen. Die zweistöckigen hölzernen Bettstellen, in zwei Reihen mit den Kopfenden aneinandergestellt, ließen an den Längsseiten des Raumes zwei Gänge frei, über die zu jeder Tageszeit rastlose Schritte schlurften. Die fahle Glut der Außenwelt gerann hier zu einer schwerflüssigen, sich verdickenden Masse, in der zahllose Gespräche immer rätselhafter, unzusammenhängender, unverständlicher wurden, bis sie schließlich im Ohr des dahindämmernden Zuhörers eine drohende, unmenschliche Bedeutung anzunehmen begannen. Reichmann belegte einen freien Platz in der oberen Reihe, warf seine Decke über einen fleckigen Strohsack und bemerkte mit einer von Spott gestachelten Unruhe, daß er anfing, sich wohnlich zu fühlen. Schon? dachte er erschrocken, gedenkst du denn hier zu bleiben? Und doch mußte er sich gestehen, daß die übelriechenden Kleider und Schuhe, die auf Betten und Gängen verstreut umherlagen, daß die zerstoßenen, ungesäuberten Eßgeschirre auf den Strohsäcken keinen Abscheu in ihm erweckten. Widerstände waren geschwunden, ehe sie aufgerufen werden konnten, Gewöhnung hatte Platz gegriffen, bevor Prüfung und Einspruch sie hätten rechtfertigen können. Schon hatte man Namen erfahren, sich für Zuneigung oder Ablehnung entschieden. Schon sprach man einen ganz neuen Jargon mit nachlässiger Vertrautheit, belehrte man Neuankömmlinge über den geheimnisvoll verhangenen Tagesplan der Sinnlosigkeit. Ehe man wußte, 37 wie es geschah, war die fahle Glut dem Abend gewichen, mit brandigem Horizont, aufstrahlenden Bogenlampen, die jeden Quadratmeter des Geländes aufmerksam bewachten, mit der Suppe, die man, an die Wand gelehnt, gierig schlürfte, und der Blechdose Wasser, die man sich vom rostigen Kran holte. Die Nacht brach herein, eine Nacht ohne Kühle und Stille unter dem harten Licht der Bogenlampe und den trüben Barackenlichtern, die nicht erloschen. Während der letzte Schein des Tages dahinschwand, war Reichmann durch das Lager gewandert. Die Menschen standen in Gruppen zusammen, sprachen überlaut und mit weitausholenden Gebärden, als müßten sie sich über Berge hinweg miteinander verständigen. Schrilles Gelächter, Kinderweinen, Aufschreie hingen wie eine Wolke aus Elmsfeuern über den Dächern. Junge Mädchen spazierten Arm in Arm wie in den gepflasterten Straßen der heimatlichen Kleinstadt und summten die ersten Takte eines Schlagers, wenn sie an den Burschen vorbeizogen. Überall lächelte man, während in den Augen die Panik flackerte. Reichmann glaubte plötzlich, in einem Wirbel des Entsetzens das gleißende Lächeln von tausend Gebissen zu sehen und Tausende von Augen, die der Schrecken langsam auslöschte. Er flüchtete nach der Rückseite des Lagers, wo eine breite Lücke in den Palisaden dem Blick über schräg abfallendes Gelände Raum gewährte. Hier gab es nur wenige, unbewohnte Baracken. Rostiges Gerät, halb im Sand versunken, hatte das Aussehen von Strandgut und ließ den Geist williger in die Vorstellung eintreten, da unten, jenseits des Stacheldrahts, liege ein ruhiges, nun sich verdunkelndes Meer. Irgendwo pfiffen 38 - immer wieder rangierende Lokomotiven, Lichter wechselten Farbe und Stand, und Reichmann glaubte plötzlich zu wissen, daß auf der unbekannten Station etwas Entsetzliches geschehe, etwas, wofür es keinen Namen gibt. Er spähte über den verlassenen Bereich. Niemand war in der Nähe außer den beiden Bewaffneten auf den Ecktürmen, in sich gekehrt und ohne Bewegung. Einen Moment lang dachte er an Flucht die Drahthindernisse mußten sich ohne viel Geräusch und Mühe überwinden lassen, Schüsse von den Türmen her konnten im Halbdunkel nicht allzu gefährlich werden. Dann aber sah er, wie auf einer vergrößerten Photographie, das sich senkende Gebiet im Geist vor sich: eine tödliche, verräterische Lockung breitete sich da vor ihm aus schwertscharfes Gras über schwankendem Land, aus dem träge Blasen quollen; Wolfsfallen und Fußangeln; Scheinwerfer, die mit einem Schlag die Gegend in blauweißes Licht zu tauchen vermochten. Drüben pfiffen und rasselten unaufhörlich die Lokomotiven. Er ging in seine Baracke, warf sich auf sein Lager und blieb bis zum Morgen im Halbschlaf, unter dem schwelenden Licht der niedrighängenden Lampen und von Geräuschen gewiegt, die sich in der nächtlichen Schwüle umeinander zu drehen schienen wie rastloser Rauch. - Es gab keine Grenze zwischen Nacht und Tag. Einmal wurde es heller; die Menschen sahen mit fiebrigen Augen aneinander vorbei. Die gleiche rotglühende Sonne lauerte am Horizont und löste sich nur wenig später in feurigen Regen auf. Um diese Zeit flüsterte man einander zu, um Mitternacht werde ein Transport das Lager verlassen. Reichmann, der sich in einem Zustand schmerzlicher Ermüdung befand, wurde aufge39 fordert, in der Baracke des Kommandanten vorzu- sprechen, wo eine Kommission eine Anzahl von Fällen nachprüfte. Er mußte mehrere Minuten warten und stand dann einem Beamten in Zivil gegenüber, der eine Zigarette an der anderen anzündete und Schriftstücke hin und "her schob, ohne ihn dabei anzusehen. Reichmann be- antwortete schließlich die in zerstreutem Ton gestellten Fragen nach Namen, Geburtsdatum und Domizil. Er betrachtete die hölzernen, mit Verordnungen und aus Zeitungen herausgetrennten Bildern beklebten Wände, als sähe er auf einer weit entfernten Bühne zum ersten- mal das Schauspiel der Trostlosigkeit. Der Beamte spielte mit einem Bleistift und griff mit der Hand in die Staubsäule, die die Sonne quer durchs Zimmer legte. Reichmann hatte Zeit, ihn zu beobachten, dieses Antlitz voll unerträglicher Spannung, das gelassen, ja gelangweilt erscheinen wollte; diese Handbewegung von unüberbietbarer Traurigkeit. „Sie sind Jude?“ „Nein“, sagte Reichmann. Der Beamte sah ihn nicht an. „Wie wollen Sie das beweisen?“ Als wolle er eine Antwort aufhalten, hob er abwehrend die Hand:„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß körperliche Merk- male weder in positivem noch in negativem Sinne beweiskräftig sind.‘ Reichmann hatte nicht beabsichtigt zu antworten. Er hörte das Echo dieser Sätze in sich widerhallen, wie von einem unsichtbaren Klöppel niedergeläutet in die unterste Schicht seiner Existenz. In dieser Sekunde, da der Raum in Qual erstarrte, begriff er, daß jene Fragen 40 und ihre Beantwortung, wie die Antwort auch immer ausfallen mochte, eine Katastrophe in sich schlossen, eine Katastrophe, deren Ausmaß ihm verborgen bleiben mußte. Er sah auch, daß die Spannung, die sich auf dem Antlitz hinter dem Tisch ausprägte, nur eine äußerste Erschöpfung bedeutete, den Schrecken vor der Leere, die mit gorgonischen Zügen das Zimmer, das Gelände, vielleicht den Kontinent zu durchdringen begann. Der Beamte entließ ihn, indem er kurz bemerkte, man würde seinen Fall im Auge behalten. Reichmann hörte die Tür hinter seinem Rücken zuknarren. Die Dächer der Baracken glänzten schwarz; die unermeßlich strömende Glut riß das Lager in einen tobenden feueratmenden Strudel. Die Luft war erfüllt von Lauten, die dem Schluchzen näher waren als dem Gelächter, das sie vorstellten. Reichmann strich am Krankenrevier vorbei, aus dem das Stöhnen und Schreien von Frauen tönte. Über alle Wege kamen schief schwebend die Bahren, auf denen von Krämpfen Befallene lagen. Reichmann war Zeuge des ersten Selbstmordversuchs. Man brachte den Mann mit aufgeschnittenen Pulsadern ins Revier, von dessen niedriger Decke Fliegenschwärme sich brausend auf ihre Opfer stürzten. Als es zu dunkeln begann, wurden die Bewohner jeder Baracke versammelt. Funktionäre des Lagers eröffneten ihnen, die Aufgerufenen hätten ihren Abtransport gegen Mitternacht zu gewärtigen. In der Stille, die jäh auf dem Lager lastete, hörte man von fern das Pfeifen der rangierenden Maschinen. Wie im Alpdruck vernahm man die gleichen Sätze, die der Mann vor einem sprach, von anderen Baracken her. 41 Dann begann das Verlesen der Namen, endlos, mit einer sekundenlangen Pause nach jedem Namen, wie der eintönige Anruf dämonischer Gottheiten. Reichmann spürte während der ganzen Verlesung eine hohe, schwebende Leichtigkeit. Mit Überraschung, beinahe mit Enttäuschung wurde er sich bewußt, daß sein Name zu den wenigen gehörte, die nicht aufgerufen worden waren. Die ersten Schreie gellten, die ersten Ohnmächtigen lagen im Staub: Mitglieder von Familien, die der Befehl teils zum Dableiben, teils auf den Transport zwang. Ein Taumel von kraftlosem Aufbegehren und ungehemmter Verzweiflung umfing das Lager, als die Sonne unter den Horizont hinabsank. Die Bogenlampen brannten nicht an diesem Abend. Im Dunkel vernahm man Kommandos und den Marschtritt von Gendarmerieabteilungen, die das Lager durchzogen. Gegen elf Uhr flammten die Lampen mit einem Schlag grell auf, Signalpfeifen schrillten und hastende Füße flogen ziellos auf den Laufstegen dahin. Hans Reichmann beobachtete, in den Schatten einer Baracke gelehnt, die Treibjagd, die den Verfolgten nicht den geringsten Ausweg ließ. Die Schreie wurden häufiger. Wie Luftwirbel sprang das Entsetzen in den Lagerstraßen, an den Eingängen, zwischen den Baracken auf. Es wurde nun offenbar, daß man Männer von den Frauen, Eltern von den Kindern zu trennen begann. Dabei lehnte sich nur eine Minderzahl gegen das unbekannte Geschick auf: Flucht ohne Ziel bot sich dem Blick und unmittelbar daneben das Schauspiel eifrigen Gehorsams, als liege im Befolgen des Befehls die Rettung selbst. Aber auch die Schreie der Gehetzten, 42 - ihr schluchzendes Stöhnen, ihre von jähem Verstummen gleichsam dementierten Protestworte auch dies war nur die Darstellung der Hilflosigkeit. Unter dem kreidigen Licht eines Bahnhofs oder eines Operationssaales entrollte sich ein Ballett von feierlich- grotesker Besessenheit: die Hysteriker, die verhinderten Amokläufer, die Kinder, die mit aufgerissenen Augen eine Puppe im Sand nachschleifen ließen, huldigten der medusischen Stunde. Von einem unsichtbaren Regisseur machtvoll gelenkt, stellten sie eine höllische Szene, deren Akteure sich selbst zuschauten. Reichmann ging in seine fast leere Baracke. Ein schreckliches Zittern stieg ununterdrückbar aus seinem Innern, riß ihm die Kiefer auseinander und brach als heiseres Stöhnen aus seinem Mund. Er hatte drei Schritte über die Schwelle getan, als eine Hand ihn an der Schulter faßte und ihn zwang, sich umzudrehen. Zwei Gendarmen hatten hinter der Tür gestanden. ,, Was wollen Sie hier?" 8 ,, Ich gehöre nicht zum Transport", sagte Reichmann. Unmöglich, das Zittern zu verbergen. Sie mußten es sehen. ,, Kommen Sie mit." Es war nicht möglich. Er hatte noch nichts sagen können, weil er seine ganze Kraft brauchte, um die Zähne aufeinanderzupressen. ,, Sie kommen mit! Machen Sie keine Geschichten!" Man führte ihn in einen kalkweiß erleuchteten Raum. Hinter einer Barriere zogen die zum Transport Bestimmten vorbei. An einem Tisch saßen mehrere Uniformierte. Eine Anzahl Männer stand vor ihnen in einer Ecke: man stellte Reichmann dazu. Der Lichtbogen einer Lampe sang schneidend. 43 ,, Die Aufgerufenen haben sich ebenfalls dem Transport anzuschließen. Sie haben fünf Minuten Zeit, um sich fertigzumachen." Die Stimme, unmenschlich, härter als Diamant, hart wie das Licht, dem kein Auge standhalten konnte, begann Namen zu verlesen, Namen von bisher Verschontgebliebenen. Der Raum war völlig von der Stimme beherrscht, von dem bösen Summen der Lampe, den fernen Pfiffen der rätselhaften Lokomotiven. ,, Abramowitsch, Marcel!" ,, Hier!" ,, Raustreten! Fertigmachen!" ,, Alkaley, Ernest!" ,, Hier!" ,, Raustreten! Transport!" ,, Bernhard, Isaak!" ,, Hier!" ,, Raustreten! Fertigmachen!" Die Aufgerufenen stießen Reichmann rechts und links an, wenn sie vorwärts traten. Wie im Traum hörte er ihr tonloses Schluchzen. Der leere Raum um ihn wuchs. Und durch den Nebel der Unwirklichkeit zogen, wie die Figuren eines Glockenspiels, die für den Transport Bestimmten stockenden Schrittes weiter. ,, Palewski, Serge!" ,, Hier!" ,, Transport! Los!" ,, Perlmann, Joseph!" ,, Hier!" ,, Fertigmachen!" Diesmal waren es nur Männer. Der Lichtbogen schrillte. Die Puffer entfernter Lokomotiven krachten 44 zusammen. Die Herde der Abreisenden kreiste vor seinen Augen. Reichmann atmete tief, verzweifelt, als fänden seine Lungen keinen Sauerstoff mehr. Schweiß lief in seinen trockenen Mund, er trank ihn in kleinen Schlucken. ,, Reichmann!" Keine Antwort. ,, Reichmann!" Keine Antwort. Er fühlte neben sich noch sechs, acht, vielleicht zwölf andere. Er sah sie nicht an, aber er spürte ihre Gegenwart, ihre Gegenwart als Zahl. Ein infernalischer Irrtum. Nun, warum nicht? Man konnte nicht entrinnen, nicht dieser Stimme. Und dann: hier war man einzeln, deutlich erkennbar, dort ein Teil der Masse, ununterscheidbar von all den Getriebenen. Man würde eine Gelegenheit finden, später, später... ,, Reichmann, David!" Neben ihm stammelte jemand: ,, Hier!" ,, Na also! Endlich! Transport!" Ein kleiner grauer Mann trat hinter dem Maler hervor und verschwand. Reichmann spürte eine ungeheure Kälte, die aus dem Boden hervordrang, die Knie erreichte, den Leib ergriff. Das ist der Tod. dachte er. ,, Die übrigen zurück!" Er sah undeutlich die wenigen, die neben ihm durch die Tür hinausglitten. Er entkleidete sich nicht. Er fiel auf seinen Strohsack und war eingeschlafen. Am nächsten Morgen rief man ihn ins Büro. ,, Reichmann, Hans? Sie sind entlassen." 45. Reichmann blieb stehen. Aus den Ritzen quoll der Teer und benahm ihm den Atem. Die unerhörte Hitze brannte in den Handflächen und auf den Schläfen, nur die Kälte in der Brust wollte nicht weichen. ,, Machen Sie, daß Sie hinauskommen! Melden Sie sich am Tor!" Er ging mühsam hinaus. Unterhalb der Hüften begann ein Widerstand, als wate er in tiefem Wasser. Reichmann, David. Reichmann, Hans. War er nicht aufgerufen gewesen? Aus irgendwelchen Gründen hatte er bis zum Abend zu warten. Er nahm die Mittagsmahlzeit mit den anderen ein, ging mit einigen von ihnen hin und her, lächelte ermunternd, als jemand die Nachricht brachte, der nächste Transport gehe erst in drei oder vier Tagen ab. Eine Fremdheit gegenüber diesen Leuten wuchs in ihm. Manchen erzählte er von seiner bevorstehenden Entlassung; überall drückte man Freude darüber aus. Man beglückwünschte ihn. Zwei oder drei gaben ihm unerhebliche Aufträge mit, eine Nachricht, einen Gruß. Er fühlte die wachsende Fremdheit mit einer tiefen Ungeduld, ja mit einem verzweifelten Ekel gegen sicher sah in Gesichter, beobachtete Hände, Haare, Kleidung, Bewegungen. Plötzlich meinte er zu sehen, wie diese Haare aus der Haut fallen würden, die sie beherbergte, wie die Augen anfingen, Pfützen zu gleichen, kleinen flüssigen Monden, langsam verdunstend zwischen Kraut und Gebüsch im heißen Licht eines Tages, der sein würde wie dieser. Er war schon lange vor Sonnenuntergang am Tor; man ließ ihn weiter warten. Er war voller Unruhe, als plage ihn das böse Gewissen. Gerade so müßte die 46 Hölle aussehen wie diese trostlose Küstenlandschaft, die an keinem Meere lag, mit ihren geteerten Dächern, auf die Fluten fahlen Lichtes wie ein brennender Niagara herabstürzten, mit den unerkennbaren Gesichtern, die sich um ihn sammelten, ihm Glück wünschten, weiterschwebten, zurückkehrten. Es wurde Nacht, eine heiße Nacht ohne Mond, ohne einen Stern, als er das Tor durchschritt. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, ehe er den Bahnhof der nächsten Kleinstadt erreichte, und den ganzen Weg über hörte er das Pfeifen und Rangieren der Maschinen auf der geheimnisvollen Station, die irgendwo rechts von der Landstraße gegen die Wälder zu liegen mußte, an die er schon nicht mehr recht glaubte und die er rasch vergaẞ. Auf dem Bahnhof verging noch fast eine Stunde, ehe sein Zug eintraf. Die Leute neben ihm musterten ihn betreten und scheu, als wüßten sie, wer er sei und woher er käme. Jeder schien voller Ungeduld, als gelte es so schnell wie möglich weiterzukommen. Die Nacht war von ungewisser Gefahr erfüllt. Einmal glaubte Reichmann, das Wort ,, Razzia" gehört zu haben. Unwillkürlich griff er nach dem Papier in seiner Tasche, das seine Überprüfung und Entlassung bestätigte. Aber nun kam schon der Zug, mit einiger Mühe fand er einen Platz, legte das Brot, das er bei sich trug, auf seinen Schoß, und versank in Schlaf, kaum daß er das Knirschen der anfahrenden Räder vernommen hatte. Er erwachte in völliger Finsternis, und eine lange Frist verstrich, ehe er sich zurechtfand: er saß in dem verlassenen, dunklen Abteil, in das kein Lichtschimmer 47 Institut für neuere deutsche Literatur der hists- liebig- Universität Gießen von außen fiel. Er überlegte und schalt seine Schlaftrunkenheit. Schließlich stand er auf und verließ den Waggon. Die Nacht war von einer unirdischen Dunkelheit. Kein Anzeichen von Leben war ringsum, nur der Wind strich ab und zu durch die Landschaft und fing sich in den unsichtbaren Bäumen. Reichmann stieß einen Ruf aus. Nicht einmal ein Echo antwortete ihm. Er hätte in den Waggon zurückkehren können, um die Dämmerung abzuwarten, aber eine Art Trotz ließ ihn weitergehen, geradenwegs in das Dunkel hinein. Er blieb nach ein paar Schritten in der Finsternis stehen, die seine Spuren tilgte. Zum erstenmal seit undenklicher Zeit fühlte er sich frei von Furcht- verlassen, doch nicht verloren. Nur der Wind war um ihn, der Wind, der wie ein Tier voranlief, umkehrte und an seinen Knien entlangstrich, wenn er ihn überholte. Ein paarmal wich er noch rechtzeitig Bäumen aus, die in der Nacht standen, nicht unvertraut und ohne Drohung. Einmal vernahm er das traumhaft- kehlige Geräusch fließenden Wassers. Unter seinen Füßen spürte er kurzes Gras, eine Strecke weiter einen unebenen Pfad. Er hätte noch Stunden weitergehen können, keine Müdigkeit war in ihm, aber er hatte keine Eile. Die Nacht war von einer unbeschreiblichen tröstenden Wachheit. Irgendwo setzte er sich nieder und lehnte den Rücken an einen Stamm. Sein geängstetes Herz schlug beruhigt und regelmäßig. So wollte er den Morgen erwarten. Er war in tiefen Gedanken, als der eintönige Ruf eines Vogels ihm zum Bewußtsein brachte, daß die Nacht zu Ende war. Er lauschte bewegt dem ruhigen, fremdartigen Ruf. Aus der Ebene, die hinter ihm lag, 48 wuchsen Wälder empor und erstiegen die Berge, über die das Dunkel sich allmählich zurückzog. Ein unsichtbarer Flußlauf verriet sich durch einen langen, tiefschleifenden Vorhang aus perlgrauem Nebel, den er über die Wiesen emporsandte. Hinter den niedrigen lehmfarbenen Hängen, die sich am anderen Ende der Ebene erhoben, erschien plötzlich in reinem, gleichsam mühelosem Aufschwung eine Sonne von mattem Gold. Tausende von Gräsern blitzten auf, ein Chor von gurrenden und flötenden Stimmen vereinigte sich mit dem gemessenen Ruf des unbekannten Tagverkünders. Reichmann stand auf. Eine wunderliche Leichtigkeit erfüllte ihn, die er nicht an sich kannte. An einem kleinen Gewässer wusch er sich und trank das kalte, scharfschmeckende Wasser. Er aß ein Stück Brot und steckte den Rest in die Tasche. Langsam begann er den Weg zu ersteigen, der in den bergwärts gelegenen Wäldern verschwand. So kam er langsam höher, ohne Anstrengung, wie ihm schien, als stieße ihn die Erde sanft weiter, dem Gebirge zu, das manchmal das körnige Grau einer Felswand durch eine Lichtung aufschimmern ließ. Die Mittagssonne konnte die goldene Kuppel der Kronen nicht durchbrechen. Er begegnete keinem Menschen, wenn er auch Spuren menschlicher Tätigkeit fand. Nachmittags rastete er neben einem mächtigen Stoß geschlagenen Holzes, fand später eine verlassene Hütte, die Holzfällern oder Hirten als Unterkunft dienen mochte, und vernahm schließlich ohne Unruhe die ersten Rufe der Waldtiere, die in der Dämmerung erwachten. Er nächtigte am Wege, als habe er es nie anders gekannt. Ein einsamer Stern durchbrach an einer Stelle 4.019 49 das Blätterdach, das sich hoch über ihm wölbte. Das Rauschen der Wasserfälle kam von allen Seiten wie die Stimme der Nacht. Am nächsten Tage setzte er seinen Weg fort, der durch niedriger werdendes Gehölz unablässig nach oben stieg. Er ging den ganzen Tag über mit ein oder zwei kurzen Unterbrechungen, in einem tiefen ruhigen Glücksgefühl, das in ihm nicht einmal die Frage nach der Art und dem Ziel seines Weges aufkommen ließ. Über einer Schlucht, in der ein Wildbach donnerte, konnte er auf die dichten Wälder hinunterschauen, die ihn wie in einer unwiderstehlich kraftvollen Be- wegung eingeschlossen und auf diese Höhe emporge- tragen hatten. Der Wind fing sich im niederen, zähen Gesträuch, ließ Schatten über die Moosbänke laufen und riß an den knorrigen Ästen der Föhren. Gegen Abend setzte er sich unter einen Felsvorsprung, ver- ‚zehrte den Rest seines Brotes und schlief ein. Als er in der Morgendämmerung seine Wanderung wiederaufnehmen wollte, fand er, daß er die Höhe des Gebirges erreicht hatte. Ein mächtiges Plateau er- schien jenseits des Buschwaldes, in das der Pfad, vom Tau dunkel gefärbt, gerade hineinlief. Von feierlicher Fremdartigkeit war die Landschaft; die seltenen Bäume, an deren Fuß noch Nebel hing, hielten ihre Äste im Morgenlicht mit schmerzvoll-bedeutender Geste gegen den blaßblauen Himmel. Aber eine Erinnerung reichte aus äußerster Ferne hier herüber, machte das erste Weg- zeichen kenntlich, die Wagenspuren, die blauen Kon- turen der Hügel. Der. Weg bog nach rechts und schien gerade in den Horizont laufen zu wollen, an dem weiß- grüne Federwolken ins Nichts vergingen. Der Pfad 50 überquerte einen Bach, ein eiliges, dunkles Wasser, aus dem kein Stein leuchtete. Eine hohe, hölzerne Brücke spannte sich darüber und half dem Weg weiter. War ihm nicht diese Brücke bekannt und die beiden Götterlampen, die rechts und links das Geländer schmückten? Reichmann wußte in diesem Augenblick, daß er gerettet war, und im gleichen Moment sah er einen Mann. Er stand am anderen Ende der Brücke, als habe ein Windstoß ihn plötzlich hergeweht mit dem Lehmstaub, der über die Planken rieselte. Der Mann war alt und sah wie ein Bauer aus. Über der bloßen, mageren Brust hing eine dünne blaue Jacke; schmutzige Hosen fielen auf die breiten, nackten Füße. Er trug ein Joch über der Schulter, wie Reichmann es noch nicht gesehen hatte, und der Maler ertappte sich dabei, daß er es im Geiste mit dem Joch verglich, mit dem die Bauern in der fränkischen Heimat zu pflügen gewöhnt sind. Der Bauer stand unbeweglich im Schatten der Brücke und sah ihn an. Reichmann wußte, daß er wirklich dort stand mit den schwarzen, schrägen Augen im gelben Gesicht. Er fürchtete sich nicht. Mit einigen schnellen, behutsamen Schritten überquerte er die Brücke und stand vor dem anderen. So nahe stand er bei ihm, daß er das vogelhafte, zarte Schlagen der dünnen, rauchfarbenen Schläfen sehen konnte, das Gitterwerk zahlloser Runzeln, die weißlichen, dünnen Strähnen des Bartes, der über die Mundwinkel nach unten fiel. Er versuchte nicht zu sprechen; er wußte, daß der andere ihn nicht verstehen konnte. Vielmehr verneigte er sich vor ihm, ohne daß er vorher daran gedacht hatte, und nahm ohne Überraschung die Ver4* 51 * neigung des Alten entgegen, der plötzlich zu lächeln begann, sich umwandte und ihm über die Schulter einen Wink gab. Reichmann folgte ihm ohne Zögern. Nach einer halben Stunde erreichten sie die ersten Hütten eines Dorfes. Heller Rauch stieg steil in die Luft, die erfüllt war von den Zwitscherlauten halbnackter Kinder. Neben einem kleinen Tempel kampften zwei weiße Hähne. Aus einer Schmiede kam unregelmäßiger scharfer Hammerschlag. Der Alte führte ihn in eine Hütte, vor der ein junger zeitunglesender Bursche im Staube hockte. Zwei ältere bebrillte Männer starrten auf Reichmann, hörten die Rede seines Begleiters an, lächelten und baten den Maler durch Zeichen, in den Nebenraum zu treten. Man wies ihm einen Sitz auf dem Boden an und stellte ein Tablett vor ihn hin, auf dem kleine Schalen mit Fleisch und Reis und heißem Wasser standen. Reichmann aß und wartete. Alle paar Minuten hob jemand den Türvorhang und ein höflich erstauntes Gesicht musterte den Fremden und verschwand. Es mußte gegen fünf Uhr sein, als vor der Hütte aufgeregte Rufe laut wurden. Der Lärm eines Automobils näherte sich und verstummte. Gleich darauf trat ein junger Mann in europäischer Tracht ins Zimmer, in das ihm die beiden Bebrillten folgten. Er sprach den Maler in englischer Sprache an, und als dieser zögernd antwortete, nannte er lächelnd seinen Namen. Er hieß Feng und erbot sich, Reichmann zum ,, General" zu bringen, doch klang dies kaum wie ein Vorschlag, vielmehr wie ein höflicher, jeden Widerspruch ausschließender Befehl. Während der Wagen über den staubigen, holpernden 52 Weg schaukelte, hatte Reichmann Gelegenheit zu erfahren, wo er sich befand und wohin man ihn brachte. Der General Tsu En Lai, einer der höchsten Befehlshaber im ,, Besonderen Gebiet" der achten chinesischen Armee. Obwohl er meist in Tschungking weile, berichtete Feng, wo er an den Regierungsarbeiten und der Kriegsführung den regsten Anteil nehme, sei er von Zeit zu Zeit in Yenan, um die hiesigen Behörden über die Pläne und Leistungen der Zentralregierung zu unterrichten. Die letzten Worte schien Feng nicht ohne Bitterkeit zu sprechen. Doch achtete der Maler wenig darauf. Er sann darüber nach, wie einfach und überraschungslos die weltentlegenen Namen ihm ins Ohr gingen. Alles schien auf einmal die Bestätigung einer seit langem tief verborgenen Ahnung zu sein: Fengs ruhige Stimme, sein langsames, ein wenig feierliches Englisch, der an- und abschwellende Gesang des Motors, die Schläge eines Gongs, die aus einem Hain tönten. Feng fragte ihn nicht, woher er käme, was er beabsichtige, als wisse er alles. Er zeigte auf die Bauern in den Feldern und sprach von ihrer Arbeit, als gäbe es nichts Wichtigeres. Seine Stimme wurde lauter; nicht ohne Leidenschaft erzählte er, man habe den Ertrag durch eine sinnvollere Einteilung der Arbeit, durch besseres Pflügen und andere Maßnahmen trotz der kriegerischen Verwicklungen um ein Bedeutendes erhöhen können. Yenan, dachte Reichmann, als sie die ersten einstöckigen Häuser erreichten. Er fragte sich nicht, wie er hierher gekommen war. Es genügte, zwischen dem Hier, der Zuflucht, und dem Dort, der unverständ53 lichen und tödlichen Welt, die Ebenen zu wissen, in denen die Nacht wachte, die undurchdringlichen Wälder, das menschenleere Gebirge. Man sah im Vorbeifliegen einige beträchtliche Gebäude, eine Benzinstation, Ochsenkarren, lärmende Gruppen vor Herbergen und Teehäusern, eine kleine Pagode in einem verwilderten Garten. Die Hügel waren nähergerückt, sie erschienen höher und ernster. Tsu En Lai erwartete sie in einem Haus, das voll war von Schritten und Stimmen. Der Abend begann Schwalbenflüge und blaue Schatten in die Fenster zu zeichnen. Der General trug eine Uniform ohne Abzeichen und war barhäuptig. Reichmann hatte seinen Namen manchmal in den Zeitungen gefunden. Wann war das gewesen? In ferner, schmerzhaft ferner Zeit, in Gefahr und Wirrnis. Er hörte mit Staunen, das Tsu ihn deutsch anredete. Der General bemerkte seine Verwunderung und erklärte, als wolle er sich entschuldigen, er habe in Deutschland studiert. ,, Bleiben Sie ein wenig hier. Es soll Ihnen an nichts fehlen, soweit das in unserem Vermögen steht. Sie sind Maler? Vielleicht werden Sie den Drang zur Arbeit spüren." Er unterbrach sich, und eine tiefe Ermüdung zeigte sich in seinem kurzsichtigen Blick, der voll freundlicher Strenge war. Der Maler fand in einem Zimmer des Schulhauses ein Feldbett, einen Tisch, zwei Stühle, einen niedrigen Schrank. Das alles hatte Feng hinschaffen lassen. Tagsüber drang das chorische Summen der Schüler durch die Wände. Der Blick ging über Gärten, die abends der weiche, irre Flug der Fledermäuse erfüllte, den Hügeln zu. Manchmal ließ Tsu ihn holen, erzählte 54 von den Sorgen des Tages, den Arbeiten, die man in diesem Teil des Landes in Angriff genommen hatte. Reichmann fiel auf, wie ungern er vom Kriege sprach, der viele Meilen entfernt tobte. Auch Feng schien diesem Gegenstand auszuweichen, wenn die Rede darauf kam. Die Menschen sprachen nicht weiter, wenn das Wort ,, Krieg" fiel, ihre Gesichter verdüsterten sich, tiefe Falten schnitten sich in ihre Stirnen zwischen die schrägen Augen. Doch sah man oft junge Leute sich versammeln und zu Feldübungen ausrücken. Aus den Feldern und Häusern sah man ihnen nach, wie sie, von einer Trommel begleitet, dahinzogen ohne Freude, doch mit einer Entschlossenheit, die etwas Furchtbares an sich hatte und den Beobachter ahnen ließ, ihr Leben werde nicht mehr lange dauern. - - Und doch schien es Glück zu geben bei all diesen Menschen, ein ernstes und armes Glück allerdings, das sich weniger in äußeren Errungenschaften nachweisen ließ als in der gemeinsam empfundenen Notwendigkeit eines klarer geordneten und gerechteren Lebens. Die Aufgabe, der sich viele dieser Menschen zu widmen schienen, war für den Fremden nicht leicht zu begreifen sofern er nicht achtlos oder stumpf dahinlebte, mußte er die Besonderheit der Atmosphäre spüren, in die er versetzt war. Reichmann entsann sich nicht, je zuvor eine derartige Teilnahme an einer Umgebung empfunden zu haben. Er liebte es, die Menschen in den Straßen, auf den Feldern bei ihren Beschäftigungen zu besuchen und sich von ihrer gelassenen Zuversicht beschwichtigen zu lassen. Feng wurde ihm unentbehrlich. Er sah ihn täglich und stellte ihm viele Fragen. 55 - Eines Morgens brachte ein Bote ein Geschenk des Generals: Wasser- und Ölfarben, Leinwand, Papier und manches andere. Die Ruhe der vergangenen Tage hatte in Reichmann den Trieb zur Arbeit geweckt. Mit Feng war er durch die Felder gefahren, hatte er Schulen besucht und selbst Theatervorstellungen, wo Rezitatoren und Schauspieler dem aufmerksamen, Süßigkeiten verzehrenden Publikum das neue Leben erklärten. Der Maler hatte allmählich hinter all diesen Unvollkommenheiten, dieser fremdartig- vertrauten Armut eine geheime Kraft verspürt, einen unbeirrbaren Ernst, der sich unwiderstehlich auf den Beschauer übertragen wollte. Er malte ein kleines Bildnis Tsus; Bauernbrigaden bei der Arbeit ihre Pflüge wendeten geschwadergleich die Erde um; Yenan als Traumstadt, mit hohen weißen Häusern vor, abendlichen Hügeln. Tsu En Lai dankte ihm, ohne ihn zu loben. Er betrachtete lange schweigend die Bilder, nickte ein paarmal und lächelte. Es war ein schwaches, trauriges Lächeln. das Reichmann manchmal an ihm gesehen hatte; der Maler empfand eine jähe Freude, er wußte nicht, warum, aber Tsu begann von etwas anderem zu sprechen, mit klugen, nüchtern- wissenden Worten, die an Reichmanns Ohr vorbeirauschten wie das Geflüster des hohen Grases auf den Hügeln vor der Stadt, wie eine Melodie der Kindheit, die man nicht mehr singt und nie vergiẞt. Es waren Worte ohne große Bedeutung: Tsu sagte, überall lebten die Menschen ein grausames, qualvolles Dasein; es gäbe zwar einen Weg aus diesem sinnlosen Leben, aber dieser Weg schrecke die meisten: er sei hart, einsam und voller Kämpfe. Wenn man die Qualen der Vergangenheit in sich lebendig erhalte 56 und an eine künftige Schönheit glaube, könne man sich der nützlichen Teilnahme an der Gegenwart nicht entziehen. Als wisse Tsu um alles, was Reichmann widerfahren war, hatte er von der Vergangenheit gesprochen. Dabei hatte man ihm niemals Fragen nach dieser Vergangenheit gestellt. Wie in stummem Einverständnis überwand man das unbegreifliche Gewesene durch tägliche Tätigkeit. So verlor die Zeit immer mehr alle inneren Grenzen und Maße. Reichmann lebte ohne Angst, ohne Sehnsucht, ohne Zweifel. Er arbeitete und beobachtete. Die Rätsel, die seinen Weg nach Yenan begleitet hatten, beunruhigten ihn nicht. Er wußte um das Gestern, ohne seiner in Unruhe zu gedenken. Mit Eifer ging er einer neuen Arbeit nach: Feng unterrichtete ihn täglich in der Sprache und Schrift des Volkes. Er liebte es auch, vor der Stadt zu sitzen und ins Land zu sehen, neben einem Grabhügel, an dem noch ein Brandopfer schwelte. Dann war das Treiben der Menschen hinter die Grenze des Sichtbaren gerückt und doch allgegenwärtig. Am Tage nach dem ersten Herbstregen gellten Gongs durch die Straßen. Reichmann, vor einem Buch sitzend, schaute auf. Menschen eilten schweigend, geduckt vorbei. Über dem Schreien der Gongs füllte ein langes, schmelzendes Schluchzen den Himmel. Er stürzte hinaus: vom abendlichen Horizont, an dem der Wind die Wolken auflöste, rauschten die schwarzen Reiherzüge der japanischen Flugmaschinen heran. Als er ins Haus zurückgehen wollte, traf er Feng, der ihn ohne ein Wort an der Hand nahm und ihn die Straße hinabzog. Die ersten Bomben fielen noch ziemlich weit im Süden. 57 Sie mußten außerhalb der Stadt niedergegangen sein. Flüchtlinge schwenkten auf ihren Weg ein: Frauen, die Kinder auf dem Rücken trugen und eine Ziege vor sich her trieben, Männer und Halbwüchsige mit Körben und Säcken. Feng zog ihn weiter, durch enge Gäßchen, an leeren, sich verdunkelnden Gärten vorbei. Die Häuser und Hütten traten zurück. Auf dem lehmigen Weg standen gelbe Lachen. Die Flieger schienen gerade über ihnen zu sein, als sie zwischen Feldern einen Hohlweg erreichten, der die Sicht auf die Hügel versperrte. Explosionen dröhnten von unten her; Reichmann sah im Widerschein aufkommender Feuer seinen Schatten auf der Böschung. Eine schneidende, unstillbare Trauer erfaßte ihn. Der Hohlweg wurde tiefer, es war, als wachse er über ihm zusammen. Plötzlich hatte Feng seine Hand losgelassen, war von seiner Seite verschwunden. Eine nahe Explosion warf ihre Helligkeit in den Hohlweg. Er sah zwei, drei Schatten vorbeistürzen, rief Fengs Namen, erhielt keine Antwort und lief weiter. Der Hohlweg wurde finster. Er blieb stehen und rief noch einmal: ,, Feng!" Keine Antwort kam. Heiße Luftstöße fegten an den Wänden entlang. Langsam ging er weiter. Es war ganz dunkel geworden. Irgendwoher kam ein Hahnenschrei: es wurde lichter. Der Schein fiel schräg von oben über eine steinerne Treppe in den Gang. Das war kein Hohlweg mehr. Sein Herz schlug heftig, ahnungsvoll, als er den Fuß auf die erste Stufe setzte. Ihm war, als müsse er etwas von sich weisen, als müsse er umkehren vor dem nächsten Schritt und zurückgehen, ohne Zögern den Weg zurückgehen, den er gekommen war. Oben er58 schien der Himmel, der kalte, leergestrichene Himmel eines frühen Morgens. Auf einmal wußte er, daß die große Woge, die ihn damals fortgerissen hatte, gleich, in diesem Augenblick noch sich am Gestade der Gegenwart brechen würde. Er atmete tief und schloß die Augen. Ausgesetzt bei sich selbst, blieb er ohne Antwort, ohne Zeichen, ohne Erlösung. Er war oben angelangt. Dies war kein Traum; diese Reise, unbeabsichtigt, ohne Vorbereitung unternommen, war zu Ende. Klar und kühl wie die Dämmerung der Kindheit lief der Windstoß des Erwachens durch seine Brust. Auch in Yenan hatte er nicht bleiben dürfen, das bedroht war wie die unbekannte Welt, wie Paris. Dies war Paris, aber ohne die Flammengüsse von Sodom, ohne die Schwefelglut des Deliriums. Der gewaltig verhaltene Ernst der Stadt belehrte ihn, wenn er es nicht schon geahnt hätte, daß kein Zufall, kein Narkotikum, kein Verhängnis die orphische Reise rechtfertigte oder erklärte. Der Hahnenschrei erklang wieder, viel näher jetzt, über dem Fluß, der im grünlichen Morgennebel seine Toten unter den Brücken dahin trug: die Seine. Die Fontäne der Place St. Michel rauschte gläsern im letzten Schatten der Nacht. Reichmann ging langsam über den Platz, auf dem das harte Rollen und der ungleichmäßige Hufschlag früher Gespanne erscholl. Er wußte seine Wohnung nahe, sein Atelier, seine Arbeit. Ein nicht vorauszusehender Zufall könnte ihn daran hindern, an all dem wieder teilzuhaben. Von Gewalten überkommen, er wußte nicht wie, hatte er eine lange Reise beendet, die ihm nicht aufgetragen gewesen 59 - was war. Nun schloß sich die Stadt wieder um ihn hieß Dauer an ihr, Gewißheit, Bestand, Überleben? Wie oft war sie inzwischen von Invasionen und Sintfluten erreicht, in Trümmern gelegt, wieder und wieder errichtet worden- diese Stadt, die vom Geschrei der Hähne, vom kühnen Licht des Gestirns belebt wie ein Schiff die Flut des Morgens teilte. Im Schlagschatten der Einfahrt warteten vielgesichtig die Möglichkeiten. Die ersten Cafés öffneten ihre Türen. Die Kioske kleideten sich in die Zeitungen einer unentschiedenen Welt, und voller Angst griffen. tausend magische Hände nach ihnen. Zwischen den schamlos fleckigen Tapeten der Hotelzimmer, in den von rasenden Telefonen erfüllten Büros, in den Hörsälen und Werkhallen tobten die Gefechte des Tages wie die durcheinanderschießenden Fäden eines gefährlichen Gewebes. Auf Reichmann senkte sich die tiefe Müdigkeit, die der erwählten, unaufschiebbaren Arbeit vorausgeht und sie begleitet. Die Stadt, im Morgen hochgereckt, unschuldig wie die Schwalben, die ihr Himmel barg, bot der verhangenen Zukunft die steinerne Brust. Das Atelier würde leer sein, kein ungebetener Gast die Arbeit stören. Er wandte dem Fluß den Rücken. Der Hahn schrie wieder. Weiter unten rief nun auch das Horn eines Schleppers unüberhörbar nach dem neuen Tag. 60 Nur der Tod des Trägers dieser Erzählung im August 1944 sowie auch sein Name entsprechen den Tatsachen. Alle weiteren Um- stände und Personen, von denen hier berichtet wird, sind er- funden.— Es sei ausdrücklich vermerkt, daß diese Erzählung von einer Novelle des Amerikaners Ambrose Bierce angeregt wurde. Im schwach erleuchteten Frühnebel des Augustmorgens sahen die zum Tode Verurteilten erblassend das Gestänge des Galgens inmitten der von Mauern umschirmten Sandfläche. Es waren einige jener Offiziere, die am 20. Juli des Jahres versucht hatten, die Diktatur, welche ihr Land seit langer Zeit in immer unerträglicher gewordene Fesseln geschlagen und es dazu schließlich in einen Vernichtungskampf gegen die ganze Welt gestoßen hatte, in jäh losbrechender und verzweifelt- ungläubiger Auflehnung zu stürzen. Einer der Verschworenen, Oberst Graf von Stauffenberg, hatte den Tyrannen selbst, der dem ganzen Regierungsgefüge den Namen gegeben, beseitigen wollen. Dies war mißlungen, der Aufstand in der Hauptstadt desgleichen, die Verschwörer, soweit sie nicht im Kampfe gefallen waren oder sich selbst entleibt hatten, standen bald vor dem grausamsten Werkzeug der Schreckensherrschaft, dem sogenannten Volksgerichtshof, dessen erbarmungslose und fanatische Richter sie allesamt zum Tode durch den Strang verurteilten. Die acht Offiziere, die nach langen Tagen der Erniedrigung und unaussprechlicher Folter dem Tode entgegensahen, waren sehr verschieden in Rang und Alter. Der älteste, Feldmarschall, hatte hohen Ruhm gewonnen, als er die schlecht bewaffneten und von Verrat geschwächten französischen Armeen in einem wenige Wochen dauernden Feldzug niedergeworfen 63 hatte. Vom General ging es weiter bis zum jüngsten hinab, dem in den Zwanzigern stehenden Leutnant Graf Yorck von Wartenburg, Träger eines der berühmtesten Namen deutscher Vergangenheit, der ein junger Mensch war mit braunem Haar und schönen, jetzt aber vor unterdrücktem Grauen gänzlich leeren Augen. Yorck, der seit dem Augenblick, da er entwaffnet und den gefürchteten schwarzen Garden des Diktators überliefert worden war, sich in eine ihm ebenso bekannte wie bekämpfenswert erscheinende Apathie hatte sinken sehen, durch die er gleichsam mit dem Tode ins geheimste und innigste Einvernehmen trat, hatte seit einer Woche in schrecklichster, quälender Ungeduld und unsinniger Hoffnung gelebt. Damals hatte er frühmorgens in seinem Brot einen Zettel gefunden, den er, am ganzen Körper geschüttelt, wieder und wieder gelesen hatte. ,, Kopf hoch! Wir holen Dich heraus! Wernicke wird den Wagen bereit halten." Yorck hatte die Handschrift des Freiherrn v. H., eines Freundes seines Vaters, zu erkennen geglaubt. Die folgenden Tage und Nächte vergingen ihm schnell oder langsam, während er sich ausmalte, wie die Befreiung vonstatten gehen würde. Konnte es sich um eine Amnestie handeln? Kein Gedanke war unsinnig genug, um von vornherein verworfen zu werden. Der letzte Satz auf dem Zettel schien allerdings auf einen geplanten Handstreich hinzudeuten. In Yorcks fiebrigen Träumen hallte der Gang von Schüssen und eilenden Schritten wider. All seine Hoffnungen endeten hier, fünfzig Schritt vor dem Galgen, der im gefährlichen Licht eines sich gelblich färbenden Nebels vor ihm aufragte. Seit der 64 Minute, da er den zerdrückten Zettel mit trockenem Munde verschlungen hatte, empörte sich sein kaum fünfundzwanzigjähriges Leben, wie von einer seltsamen Speise erregt, gegen das ihm zugedachte Geschick. Aber vergeblich rief er in dieser Minute die vergangene Lethargie zurück. Herkunft, Erziehung und das Erlebnis des Krieges hatten jeden dieser Männer mit dem Tode vertraut gemacht und ihnen eine von weither auf sie überkommene Haltung aufgenötigt. Daß sie im feuchten und geradezu tückischen Licht dieses Morgens zögerten, erschauerten, war weniger dem Anblick des Galgens zuzuschreiben, der schrecklich genug war. Vielmehr erkannten sie alle gleichzeitig, daß die Henker furchtbare Rache an ihnen zu nehmen gedachten. Maschinen deren Bedeutung sie mehr errieten als ganz begriffen, standen wartend unter dem Mordgerüst, und zwischen ihnen bewegten sich wie Marionetten Gestalten, die vor den schreckengeschlagenen Blicken der Verurteilten undeutlich wurden. Dem Generalobersten H. entfuhr ein Ausruf, den einer der begleitenden Henkersknechte mit einem Fluch und einem Kolbenstoß beantwortete. Man trieb sie auf die Maschinen zu, wo man ihnen einen Ring um den Hals legte, der durch Schrauben verengert und erweitert werden konnte. Ihr Tod sollte sich vertausendfachen und tausendmal die Luft und das Leben in ihre berstenden Lungen zurückströmen, ehe ihre Leichname am Galgen hängen würden. Yorck fühlte sich in den Block gestoßen, und gleich darauf schloß sich der Ring um seine Kehle. Seine Augen sahen groß und erschrocken über den Hof hin, 5.019 65 von dem sich der Nebel allmählich zu heben schien. Die Dinge traten in ihren Umrissen schärfer hervor, gleichzeitig aber schien das infernalische gelbrote Licht, das auf ihnen lag, stärker zu werden und ihnen eine neue, geheimnisschwere Bedeutung zu verleihen. Er fühlte sein Bewußtsein unwiderstehlich von sich weg, an sich entlang gleiten wie Sog an den Schenkeln eines Schwimmers. Dann begann ein Schmerz an seinem Halse zu zerren, er konnte nicht mehr atmen, in seinen Ohren war ein unendliches Rauschen wie Brandung an der Küste. Er hörte sich selbst tief innen schreien vor Entsetzen, aber er fühlte nicht den Speichel, der ihm aus dem offenen Munde über das Kinn floẞ, noch vermochte er sein Antlitz zu sehen, das, furchtbar verfärbt, Zunge und nach oben gedrehte Augäpfel zeigte, während die Lippen stumm blieben. Die Verurteilten zuckten konvulsivisch in den Blöcken, hier und da kreischte eine Schraube, die sich lockerte, und dann kam das schluchzende Keuchen eines der Gefolterten, der wie wahnsinnig die Luft einzog. Yorck taumelte blind und taub zwischen Vorhölle und Hölle hin und zurück. Mit dem zurückkehrenden Atem kam manchmal das Bewußtsein wieder, erschreckend klar, und ließ ihn die Süße dieser wenigen Sekunden fühlen, während derer die Luft ungehindert in seine Lungen zu dringen vermochte. Er spürte nicht, daß er weinte. Durch Tränen und Schweiß hindurch sah er von Zeit zu Zeit den Hof, über dem jetzt eine frühe Sonne hing. Die Sandfläche, auf die er starrte, verschob sich dann unversehens wie ein Objekt unter der Linse des Mikroskops, bis er einige Sandkörner 66 zu erblicken glaubte, scharf und starr, in deren Facetten das Licht sich farbig brach. Jedesmal aber kam das Rauschen der Brandung wieder, der Schmerz am Hals, die keuchende, berstende Atemnot, aus der schließlich die gelbroten Flammen der Vernichtung züngelten. Er wußte nicht, wie lange dies alles dauerte. Jahre konnten vergangen sein, seitdem er in diesem Block stand. Sein irres, sterbendes Bewußtsein sehnte sich immer nur nach den wenigen Sekunden, da die Schraube sich lockerte. In einem bestimmten Moment, als der Ring sich wieder schloß, aber das Atmen noch nicht völlig verweigerte, nahm sein schwindendes Bewußtsein eine Änderung wahr. Seine Augen waren geschlossen. Aber er spürte, daß ihm eine ungewöhnlich lange Zeit zum Atmen gegeben war. Eine Ewigkeit verstrich, ehe er wußte, daß sich die Schraube nicht gänzlich geschlossen hatte. Er war jetzt zu erschöpft, um die Augen zu öffnen. Durch das Rauschen der Brandung glaubte er neue, nie zuvor gehörte Laute zu vernehmen, ein flaches Hallen und Knirschen, unverständlich geschriene Worte dazwischen. Er erschrak bis ins tiefste, als dicht neben seinem Ohr eine Stimme heulte. Es war eine menschliche Stimme, wenn sie gleichwohl unmenschlich klang, aber er konnte noch immer nicht die Bedeutung der Worte erfassen, die jemand da schrie. - Als er mit großer Anstrengung die Augen geöffnet hatte er fühlte eine maßlose, kaum zu überwindende Müdigkeit-, sah er, daß etwas in seiner Umgebung sich geändert hatte.- Auf der Sandfläche, in deren Mitte er stand, erblickte er einige liegende menschliche Gestalten, und nach einiger Zeit aufmerk5* 67 samer Betrachtung legte er sich Rechenschaft darüber ab, daß es sich um Gefolgsmänner der Diktatur handelte. Er erkannte deutlich einzelne Uniformstücke an den reglos Daliegenden. Wenige Augenblicke später, während hinter und neben ihm noch Schüsse krachten - denn nichts anderes war jenes Hallen und Knirschen gewesen, das er in halber Ohnmacht vernommen hatte -, fühlte er sich ergriffen, aus dem Block befreit und halb getragen, halb geschleift zwischen zwei Männern, deren Gesichter er nicht zu erkennen vermochte. Der Weg über die Sandfläche schien ihm endlos, er blickte auf die Staubwölkchen, die sich unter seinen stolpernden und gleitenden Füßen erhoben, der Schmerz an seinem Halse brachte ihn einer Ohnmacht nahe, in seinen Schläfen klopfte schwer und träge das Blut, und zugleich horchte er auf die Stimmen, die, bald entfernter, bald näher, in befehlenden, abgerissenen, drohenden, doch immer unverständlichen Worten schrien und sprachen. Neben sich hörte er auf einmal jemand deutlich: ,, Schnell, Herr Leutnant! Wir müssen es schaffen!" Die Stimme klang vertraut, und während er noch mit langsam erwachenden Sinnen um Erinnerung bemüht war, hatte man ihn durch ein Tor hindurchgezogen und quer über eine Straße in einen niedrigen, grauen, geschlossenen Wagen hinein, dessen Motor sogleich aufrauschte. Dann fühlte er sich weich und unwiderstehlich dahingetragen, in erneuerter Gleichgültigkeit, die sich in seinen Sinnen dunkel ausbreitete wie Ringe in einem Gewässer. Von Zeit zu Zeit erwachend, erblickte er Landstraßen, Kiefernwälder, Bauern bei der Feldarbeit. Im gelben Nachmittagslicht sah er, daß 68 der Wagen in einen schmalen Waldweg einfuhr, über Wurzeln und Steine hinschwankte und vor einem Forst- hause hielt. Wernicke und die anderen führten den Leutnant sanft ins Haus hinein, wo man ihm Kaffee und einen Imbiß bereitete. Man richtete nur wenige Worte an ihn und er war dankbar dafür. Er erhielt eine Uniform, die die Abzeichen eines höheren Ran- ges trug, sowie Papiere, die auf den Namen eines Majors B. vom...ten Artillerieregiment lauteten. In der Tasche des Waffenrocks fühlte er schwer den Kolben einer Pistole 08. Über den Tisch hinweg sah er plötzlich in einem kleinen Spiegel sein Gesicht und erschrak vor dem Abgrund in seinen Augen und dem dünnen, rätselhaften Lächeln, das seinen Mund verzog. Zutiefst gebannt ruhte sein Blick im Glas, aber in dem schien es zu arbeiten, wie Wolken zog es drüber hin, und bald verblaßte und verschwamm alles vor seinen Augen, so daß er sich abwandte. Im Wagen breitete Wernicke eine Decke über ihrer beider Knie, und einen Augenblick lang sah Yorck auf dem Schoß des Dieners den kalten dunklen Stahl einer Maschinenpistole. Sie fuhren in den Abend hin- ein, Yorck fragte nicht, wohin. Er fühlte sich gestärkt, beruhigt, trotz der Schmerzen am Hals. Beinahe glück- lich betrachtete er die Landschaft, in der die frucht- tragenden Bäume bewegungslos in einen grünen und goldenen Himmel ragten, und versuchte nicht, Weg- weiser oder Ortstafeln zu erkennen. Allmählich sank die Nacht hernieder. Yorck fiel in einen leichten, fiebrigen Schlummer, in dem sanfte Worte und Gefechtslärm an sein Ohr drangen und Meerlandschaften, die schrecklichen Augen der Henker 69 und Schatten auf kiesbestreuten Wegen vor seiner Stirn vorbeizogen. Etwas beunruhigte ihn wieder, bohrte in ihm, aber er konnte es nicht fassen, er fand kein Wort dafür, und er erwachte und fühlte kalten Schweiß auf der Stirn. Gerade waren sie durch ein Tor in einen Hof eingefahren, an dessen Rückseite die Fassade eines massigen Gebäudes aufragte. Licht fiel von einigen Fenstern auf die Freitreppe, vor der sie hielten. Yorck war wieder ganz wach und sann erregt nach, wann er schon einmal in diesem Hofe gestanden hatte, als er am geöffneten Wagenschlag das Gesicht seines väterlichen Freundes, des Freiherrn v. H., erblickte. Eine unbeschreibliche Angst und Freude erfüllte ihn. ,, Peter!" rief der Freiherr leise. ,, Willkommen in meinem Hause!" Er reichte ihm die Hand und fuhr fort: ,, Noch jemand ist hier, der dich erwartet", und lächelte dem fragend zu ihm Aufblickenden gütig und verschlagen zu. Auf den Arm des Freiherrn gestützt, stieg der Leutnant wie im Traum die Treppe empor. Ein Setter strich um seine Knie, die Ampel über der Pforte sah er durch den Nebel jäher Tränen. In einem Zimmer, das er wohl kannte, war ihm schon ein Lager bereitet, in tiefer, froher Benommenheit ging sein schweifender Blick über die Bilder an den Wänden, die Bücher, den schwarzen Stutzflügel, die Kerzen auf dem Tisch. Ein Diener und Wernicke richteten die Tafel im Nebenzimmer. Der Freiherr sprach leise zu ihnen und verließ den Raum. Yorck stand am Fenster, in dem er undeutlich sein Spiegelbild erblickte. Die Wärme in dem schmalen, langen Gemach schläferte ihn ein, er 70 spürte schwer und schmerzend alle Glieder und der Kragen seines Waffenrocks beengte qualvoll seinen Hals. Er wußte, daß er nun allein war. Er sah die Gesichter seiner Gefährten vor sich, scherzend, besorgt, schreckensstarr. Das Antlitz des Generalobersten B. tauchte vor ihm auf, mit geschlossenen Augen, wachsgelb, an die Stuhllehne vor dem Schreibtisch hingesunken, während in den Korridoren des Hauses in der Bendlerstraße noch eine verspätete Handgranate krachte. Er sah genau die Rauchringe einer verglimmenden Zigarette, den Blutfaden, der unter dem kurzgeschnittenen grauen Haar des Generalobersten hervortrat. Indem er in dumpfer Betäubung die Fäuste regierungstreuer Soldaten gegen sein Gesicht spürte, hatte er noch immer in das spitzwerdende Antlitz des Generalobersten gesehen. Er merkte auf die unbestimmten, erstickten Geräusche des Hauses. Vor dem Fenster, das blind in die Nacht hinausstarrte, musterte er die verletzlichen Schläfen und seine Schultern, die in der Uniform nach unten fielen. Ohne daß er sich die Ereignisse der letzten Jahre im einzelnen ins Gedächtnis zurückgerufen hätte, fühlte er in dieser Stunde, daß eine Last von Zögern, Lähmung und Unklarheit auf seinem Herzen war und seine Kraft überkommen wollte. Yorck, dies überdenkend, spürte noch den schrägen Blick eines barhäuptigen Franzosen unbestimmten Alters, den man an ihm vorbei mit sieben anderen zum Erschießen geführt hatte. Der Augusttag war blau gewesen. Yorcks Blicke glitten über die Wälder, die in der Ferne flimmerten. Er betrachtete den bestäubten Wegerich, der aus dem Pflaster der Dorfstraße wucherte. 71 Er hörte Schritte und wußte, daß man sie in die Lichtung hinausbrachte. Aufschauend verlor er sich in die kühlen, hellen Augen eines der Gefangenen. Der Ausdruck des scharfen, leicht schielenden Blickes war jenseits aller Verzweiflung, unbeschreiblich versunken, wägend, erkennend. Nur wenige Sekunden hindurch hatten sich ihre Blicke gekreuzt wie kam es, daß Yorck sich dieser Augen jetzt entsann. Es schien ihm auf einmal, daß er seit dieser Sekunde durchschaut war, daß er wie nackt war vor aller Welt. Er spürte keine Bewegung in sich, nur ein ermüdendes, ja zermalmendes Bewußtwerden, und, ohne sich zu rühren, sagte er zum Fenster hin: ,, So kann man nicht leben!" - Ein Seufzer schien ihm zu antworten. Er warf sich herum und sah Anna an der Tür stehen. Seine unvorsichtige Bewegung jagte ihm Wellen des Schmerzes durch Kopf und Nacken. Während er sich mit beiden Händen zum Halse griff, entsann er sich der Bemerkung des Freiherrn. Anna, kaum zwanzigjährig, war Yorcks Verlobte. Sie war von süßer und schwacher Schönheit. Mit einem von weither kommenden Blick schaute er quer durchs Zimmer zu ihr hinüber. ,, Peter!" sagte sie mühsam. Er machte ein paar langsame Schritte. Er betrachtete sie aufmerksam. Dies war Anna, die seine Frau werden sollte. Er dachte mit einer Art düsterer Ungeduld an gewisse mißbilligende Andeutungen älterer Verwandter, wie seltsam es sei, daß ein Yorck von Wartenburg eine Bürgerliche zu ehelichen gedächte, und sei es auch die Tochter eines Konsistorialrates. Sie sah auf zu ihm, der immer noch kein Wort sprach. ,, Peter!" 72 wiederholte sie. Ihre Augen füllten sich sogleich mit Tränen. Er entsann sich, daß er sie liebte und küßte sie. „Es ist alles gut!“ sagte er und lauschte seiner Stimme nach, die viel zu laut klang. „Alles!“ fuhr er fort und wandte sich ab. Langsam ging er an den Wänden hin.„Sie kamen rechtzeitig.“ Dabei fiel ihm ein, daß er nichts von seinen Gefährten wußte. Bisher war es ihm nicht in den Sinn gekom- men, nach ihrem Geschick zu fragen.„Und die an- deren?“ fragte er, innehaltend.„Was ist aus den anderen geworden?‘ Sie sah ihn an. Offenbar ver- stand sie ihn nicht. Die Tür öffnete sich. Der Freiherr trat ein, gefolgt von dem Diener, der die Tafel gerichtet hatte. „Darf ich bitten?“ „Was ist mit den anderen?“ fragte Yorck zu ihm hin- über. Der Freiherr, im Begriffe sich niederzusetzen, sah auf. Er antwortete ausweichend, undeutlich. Yorck fühlte die Schmerzen in seinem Hals auf einmal sehr heftig. Die Atmosphäre über dem Tisch schien sich zu ver- dichten, trübe und drohend brannten die Kerzen. Der Leutnant lauschte den Worten des Freiherrn, die er nicht verstand, aber etwas hemmte ihn, seine Frage zu wiederholen. Mit ungläubigen Augen, in denen sich plötzliches Grauen regte, sah er den basilisken- haft gewordenen Blick des anderen. Die Gesichter seiner Gegenüber verzogen sich. Er mußte an ein Stück aus den„Serapionsbrüdern‘“ denken, wo ein Mensch plötzlich einem Fuchs und dann wieder einem Men- schen ähnlich sieht. Er legte die Stirn in die Hände. Als er wieder aufschaute, war der Spuk vorbei. Er 73 mußte über sich lächeln. Sicherlich war seine Übermüdung zu entschuldigen. Er sehnte sich plötzlich danach, allein zu sein, die Lichter zu löschen, traumlos zu schlafen. - Sie aßen schweigend. Der Diener räumte ab und brachte eine Flasche Kirsch. Anna saß regungslos vor einem Glas Wein, das sie kaum berührt hatte. Der Freiherr sprach in kurzen, bestimmten Worten über die militärische Lage, während er eine Zigarre anzündete. ,, Wir haben zu spät gehandelt. Die Entschlossenheit, die unsere Namen auf bronzene Standbilder in den Stadtgärten und auf die Seiten der Schulbücher bringt, hat uns jedesmal verlassen, wenn wir sie am notwendigsten brauchen. Ich sage dir, Peter: überall erblicke ich Abgründe. Schon einmal habe ich gesehen, wie sie Knaben schlechtbewaffnet gegen Feuerschlünde schickten. Jeden Tag zerfällt eine Stadt. Und jeden Tag verdunkeln die Schatten von zweihundert Geiseln die im Mittagslicht weißen Mauern. Wer wird uns noch glauben, daß wir das nicht gewollt haben? Ich habe nachgedacht und bin zu Schlüssen gelangt, die dir und den anderen aus deinem Kreis vielleicht unannehmbar erscheinen werden. Wir waren stumpf..." Yorck sah ihn an. Der Freiherr sprach nun halblaut. mit langen Pausen zwischen den Sätzen. Seine rechte Hand fuhr gleichmäßig nach rechts und links über das Tischtuch. ,, Stumpf. Oder vielleicht feige. Unter uns gibt es allzu viele Feiglinge mit EK I und Ritterkreuz. Was uns fehlt, ist die Fähigkeit, die Frage neu zu stellen." Yorcks Gedanken irrten ab. Er sah sich über einen Feldweg reiten, im weißen Hemd, auf ,, Apollon", dem 74 ostpreußischen Hengst, der sich später in Karlshorst das Hüftgelenk zersplittert hatte und den man er- schießen mußte. Wann war das doch? Er mußte da- mals sechzehn oder siebzehn Jahre alt gewesen sein. Wernicke folgte auf der grauen Stute, einen Schritt zurück.„Was war da gestern abend los, Wernicke? All die Leute vor den Remonteställen?‘‘— ‚Nichts weiter, Herr Graf...‘‘ Die leichte Verlegenheit in Wernickes Stimme. Damals sagte er noch„Herr Graf“, später. nannte er ihn„Herr Leutnant“.—„Immer her- aus mit der Sprache.‘‘ Yorck ahmte die Sprechweise des Vaters nach.—„Der Verwalter hatte den Folg- mann entlassen.‘„‚Folgmann? Aha, ich weiß schon. Aber das ist doch wohl nicht alles?‘ Den Kopf halb zurückgewandt, spricht er in den dunkelblühenden Himmel hinein, der über Heide und braunen Roggen- feldern liegt. ‚Den Folgmann haben sie geholt, Herr Graf. Er soll gehetzt haben.“—„So... Sieh einer an...“— Wie lange waren sie so geritten? Yorck sieht starr zwischen den spielenden Ohren des Pferdes durch. ‚„‚Wernicke?‘‘— ‚Herr Graf?‘— ‚Was war eigent- lich Ihr Vater?“— Mein Vater? Heuerling beim gnä- digen Herrn, er starb schon anno dreizehn. Blutver- giftung. Die Mutter wohnt ja noch drüben im Heide- dorf. Die hält ihre Kate immer noch recht.‘ Der Hengst strauchelt. Yorck zieht die Zügel an und wendet sich im Sattel.„Was denken Sie von den Roten, Wernicke? Sprechen Sie aufrichtig.“—„Aber, Herr Graf... Herr Graf müssen wissen, ich und die Politik...“ „Nein, Wernicke, das gilt nicht... Ich hab mal was darüber gelesen, verstanden hab ich’s nicht ganz... Man müßte mehr wissen, Wernicke, wirklich...“— 75 Zeug nachgedacht. Achtzehn, als ich aus dem Felde kam, wählte ich sozialdemokratisch, das sag ich Herrn Grafen ganz offen... Später hab ich’s sein lassen, da wählte ich gar nicht mehr.‘—„Sagen Sie, Wernicke, glauben Sie, daß das alles einen Sinn hat? Sie und ich... Ich meine, wozu leben wir eigentlich?“— „Herr Graf stellen schwierige Fragen... Ich bin man bloß ein ungebildeter Mann. Man lebt, um zu arbei- ten. Tut seine Pflicht, nicht?... Und außerdem ist das alles heutzutage ja sowieso verboten, ja...“— „Vor vier Jahren, als wir in Berlin waren, Vater und ich, sahen wir so einen Kommunistenumzug... Arbeit und Brot! schrien sie immer. Und: Nieder mit den Kriegsbrandstiftern!... Das war so komisch für mich. Vater schimpfte. Aber ich merkte doch, wie elend die aussahen. Und so ernst...“—„Ja, Herr Graf, davon wird es auch nicht besser.‘—„Wer weiß... Man müßte mehr wissen, Wernicke. Sprechen können mit jemand, der sich auskennt....“ Seine Augen sind ver- schleiert, die Reitgerte trifft den Stiefel.„Ich bin müde, Wernicke. Also, zurück...“ York sah nun wieder den Freiherrn vor sich, der immer noch sprach. Anna sagte kein Wort, sie hielt den Kopf gesenkt. Mit halbgeschlossenen Augen lauschte Yorck dem Reden seines Freundes, das wie das Rauschen eines Gewässers an sein Ohr drang. »».. die Frage neu stellen. Aber wer stellt sie neu? Bei uns hat keiner den Mut. Oder fehlt es einfach an der Erkenntnis, sagen wir, an der zur Erkenntnis not- wendigen Geistesschärfe? Was wir Mut nennen, ist 76 „Ja, Herr Graf, ich hab noch nicht weiter über das. vielleicht nur ein gewisses Quantum an Intelligenz. Ja, bei uns gab es die Suttner, Schönaich, Gerlach Aber ich kann den Krieg nicht einfach verwerfen Der Freiherr stand auf. ,, Die anderen, Peter... Siehst du, die anderen, ich sage es, weil ich es weiß... Die in Paris, London, Moskau: sie haben recht mit ihrem Krieg..." "" Leise, mit gesenktem Haupt: Weil wir mit dem unseren unrecht haben." Yorck hörte wieder kaum hin. Über seine Augen fiel Bild um Bild wie Falten eines Vorhanges, vage, wechselnd und bezaubernd wie karelisches Nordlicht. Musik tönte dazwischen. Woher kamen diese fernen Trompetenstöße? Leonorenouvertüre. In einem unbegreiflichen goldenen Nebel sah er die Karyatiden der Berliner Philharmonie, die Leuchter... Aber auf einmal war er in einem Zimmer. Zwei Männer saßen an einem Tisch. Von Kerzen tropft Wachs auf die ausgebreiteten Karten. Draußen knirscht der Frost in den ostpreußischen Wäldern. Alles das hatte er in Tagträumen schon hundertmal gesehen. Diebitsch beugt sich vor, seine Augen leuchten und er sagt( man hört die R rollen): ,, Ich beglückwünsche Ew. Exzellenz. Darf ich den Entschluß Ew. Exzellenz als den ersten Schritt zu einem Bündnis aller freiheitliebenden Völker Europas werten?" Der andere wendet sich um. Im Schein des Kaminfeuers, das sein offenes, nun fast lächelndes Gesicht beleuchtet, sieht man ihn nachdrücklich nicken. ,, Ja, Herr General."- Diebitsch erhebt sich, seine Augen sind verzückt, er öffnet auf feierliche und ein wenig komische Weise die Arme: ,, Le nom du général Yorck sera désormais 77 lie& la chute du sanglant Bonaparte. La liberte est en marche. Permettez, que je vous embrasse...“ Wieder die fernen Trompetenstöße. Oder war es der Beethovensche Yorckmarsch? Aus seinen Träumen emportauchend, hörte er wie eine Antwort die Worte des Freiherrn:„Sie haben es gewagt. Sie gingen bis zum letzten.‘ Eine Pause, Yorck kämpfte gegen das Versinken, sein Hals schmerzte, er war unaussprechlich müde, doch zugleich wußte er, er würde nicht schlafen können. Der Freiherr sagte:„Seydlitz.“ Yorck blieb stumm. Er lauschte begierig auf alle Laute, die an sein Ohr drangen: das schwere Atmen des Freiherrn, Schritte im Gang, die gedämpft näher kamen und vergingen, den gemächlichen, hohlen Schlag der Standuhr. „Neu stellen, die Frage: das heißt Vaterland, Pflicht, Ehre, Eid neu erleben, neu denken. Einmal diese ver- dammten Türen durchbrechen: Angst vor der Ahnung, dem Denkenmüssen, Furcht um die Privilegien... Ich las Michelet in diesen Wochen. Der vierte August, weißt du? Diese unerhörte, welterschütternde Nacht, die Grafen und Barone in Bürger eines Landes um- bricht.‘Söhne einer Nation, die sich zur ersten macht, weil sie für die Freiheit aller Nationen kämpft.“ Der Freiherr hatte sich halb erhoben. Yorck sah ver- wirrt ein unbekanntes Zucken auf seinem Gesicht. „Das war Frankreich!... Und wir? Unser SS-Pöbel erschießt die Kinder von Charkow.“ „Sie haben recht, wiederhole ich. Mit Reichstags- abgeordneten, Kommunisten sich an einen Tisch setzen... Wie weit mußte es erst kommen, daß unser- 783 einer das natürlich fand. Ich habe sie sprechen hören. Still, hör zu...“ Der Freiherr stand auf, ging zum Apparat hinüber und suchte eine Station. Der Empfänger rauschte, dann kam plötzlich schwach und deutlich das Zeichen des Senders. Der Gott, der Eisen wachsen ließ. Yorck sah die Schule vor sich. Der wollte keine Knechte. Knechte... Man muß nachdenken. In Blut müssen wir waten bis an die Knöchel, um mit dem Denken zu beginnen. ,, Sie stören wieder." Aus dem Apparat drang Krachen und Heulen. Der Freiherr stellte ab und kam zurück. ,, Verzeih. Ich denke auch gar nicht an dich. Du mußt schlafen gehen. So bist du also in Sicherheit unter meinem Dache, Peter. Wer weiß, wie lange noch? Bald wirst du weiter müssen. Nun aber schlafe- und denk nicht an morgen. Gute Nacht." Er ging, Yorck die Hand drückend. Yorck ging durch die Verbindungstür in das ihm angewiesene Zimmer. Anna brachte ein leises ,, Gute Nacht" hervor, die ganze Mahlzeit über hatte sie geschwiegen. Yorck seufzte, entkleidete sich langsam, verriegelte die Tür und blies die Kerzen aus. Im Dunkel tastete er, sich erinnernd, noch nach der Pistole, entsicherte sie und legte sie auf einen Stuhl, den er ans Bett rückte. Yorck verbrachte die folgenden Tage auf dem Gut. Sein Zimmer verließ er kaum. Vor dem Fenster sitzend ließ er seinen Blick über die Seiten des aufgeschlagenen Buches hinweg den Wäldern am Horizont entgegenfliegen. Manchmal blieb Anna bei ihm, er vermochte kaum zu ihr zu sprechen, nur ihre Hand hielt er lange in der seinen. Den Ausblick aus dem Fenster kannte er von seiner Knabenzeit her, unter dem wechselnden Tageslicht 79 traten Stürme und Ahnungen von einst wieder mächtig in sein Herz ein. Über jene Höhen hinweg und durch die blauschattenden Wälder hindurch mußte man auf die breite Straße kommen, die durch die bienentönende Heide zum Meere zog. Er kannte sie besser als alles, was ,, Heute" hieß, inniger als das unsägliche Entsetzen, das ihm in den letzten Jahren so nahe gewesen war. Am Bahndamm wuchs immer noch der Ginster, unter dem er den ,, Malte Laurids Brigge" gelesen hatte, während aus den vorbeidonnernden Zügen die schwarzen Gesichter der Heizer grüßten. Am Waldrand abends begegnete man Unbekannten, die freundlich blickend stehenblieben und nach Neuigkeiten aus der Hauptstadt fragten. Die Dörfer lagen im Rauch des Abends, aus den offenen Türen duftete das neue Brot, im Schatten der Scheunen hämmerten die Knechte die Sensen für den morgigen Tag und hinter den Gardinen lächelten scheu und verloren fremde Mädchen. Dann kam man von den Straßen ab, ging nur noch auf Feldwegen, die immer heller und sandiger wurden, und als der Pfad einmal auf besondere Weise in den Horizont hinaufstieg, wußte man: Das Meer, obwohl es noch nicht gleich das Meer war. Aber der Wind in den Wäldern roch anders, die ersten Dünen kamen auch bald, Brackwasser tauchte auf und auf einmal mußte man stehenbleiben, lange, lange, und es war gut, daß man allein war. Aber es war überhaupt gut, allein am Meer zu sein, allein im ganz frühen Morgen, in dem die ersten Türme der Segelschiffe am Horizont standen, die See in ungeheuer alter, verschleierter Schönheit ruhte, allein im Mittag, wenn die letzten 80 Badegäste über die splittrigen Laufstege zu ihren Hotels hinaufgestiegen waren, allein am späten Nachmittag, wenn ein feierlich scheidendes Licht die eisernen Verzierungen an den Landungsbrücken verzauberte und die ferne Musik von Kurkapellen ins Erhabene wuchs. Die tragische Gemessenheit des Meeres reinigte das eigene unwägbare Leid, das sonst den Knaben erschreckte und zur Klage trieb. Er empfand undeutlich dieses Leid als untersten Träger seiner Existenz und als Brücke zugleich zu jenem allgemeinen Leid, dessen bestimmte und ruhige Bejahung erst ihm seinen Platz in der Welt zuwies. Im Anblick des Meeres schien ihm die noch leise, aber gewisse Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu werden, dergestalt, daß er seine Einsamkeit in eine Vielzahl von Einsamkeiten gestellt und in ihr bewahrt zu wissen meinte. Deutlich zogen die Bilder der Jugend an seiner Stirn vorbei: Ritte im klirrenden Wald, die Pferde straucheln auf dem abschüssigen Weg- plötzliches Weinen im Schoß der Mutter, die nicht fragte und alles wußte -, Abende, an denen die Eltern fremd und schön in festlichen Kleidern den Knaben umarmten, während das Haus die Gäste erwartete. Im Musiksalon geht er am geöffneten Flügel vorbei, die Erzieherin bringt ihn in sein Zimmer, rasch versinkt er in Schlaf und erwacht plötzlich im Dunkel: niemals erhört dringt süßeste Musik durch die Wände. Er weiß, sie spielen das Tschaikowsky- Trio und jetzt Brahms, und in unendlicher Geborgenheit sinkt er zurück in den Traum, den noch Musik durchweht. Und später sah er die drohende Schönheit der Städte, 6.019 81 lauschte er dem rascheren Atem fremder Frauen, sprach die Nächte durch und hörte andere sprechen, und die Jugend wollte nie enden. Deutlicher verstand er, daß alles, was sich an ihm vollzog, ihn nur in der einen Richtung bestärken wollte: das Leben näher zu fühlen und dieses stärker Gefühlte ins Große, ja Unvergängliche zu steigern. Die Angst, mit der er in Wernickes Augen geblickt hatte, als er ihm einst auf dem Ritt jene Frage stellte, war nur die letzte Abwehr eines früheren Seins, das er von sich abfallen spürte wie eine verbrauchte Schale. ,, Ich habe nur ein Leben", hörte er sich manchmal laut sagen, wenn er allein war. Er las Bücher und sprach Menschen, die er Kameraden und Eltern nicht zeigen durfte. Das Regime verachtete er zunächst stillschweigend in der Weise, die ihm Stand und Familie vorschrieb. Später erst, er war Leutnant und hatte zwei Feldzüge mitgemacht, begann er sich darüber zu verwundern, daß in all seine Überlegungen und in sein Drängen nach einem erfüllteren Leben der Gedanke an die politischen Zustände seines Landes kaum getreten war. Fast gleichzeitig fühlte er, daß er die Diktatur nicht länger aus den gleichen Gründen verachten konnte, sondern daß er sie neuer Er kenntnisse wegen haßte. Am vierten oder fünften Tage seines Aufenthaltes teilte ihm der Freiherr mit, daß die Geheimpolizei mit ihren Nachforschungen in die Nähe des abseits gelegenen Gutes gelangt und seine schleunige Abreise geboten sei. Er fügte hinzu, daß alles getan worden wäre, um Yorck in endgültige Sicherheit zu bringen. An welchen Platz der Freiherr ihn zu senden gedenke, 82 fragte Yorck ahnungsvoll, worauf jener erwiderte, es gäbe nur eine Rettung: die Durchquerung der deutschen Linien im Osten und die Flucht nach Rußland, wo der dem Tode Entronnene mit den aufständischen Generälen in Verbindung treten würde. Yorck fühlte sein Herz in Freude und Bedrängnis stürmisch schlagen, während er in ruhigen Worten dem Freunde dankte. Der Freiherr versicherte, alles sei aufs beste vorbereitet, die Abreise auf den kommenden Tag festgelegt, die Überquerung der Weichsel gesichert. Als einige Stunden daraufes dämmerte schon- Anna bei ihm eintrat, schritt er ihr schnell entgegen, um sie von seiner Abreise zu unterrichten. Aber sie neigte das Haupt zum Zeichen, daß sie bereits wisse. Er führte sie zu einem Stuhl in der Nähe des Fensters. ,, Ich vermute, es wird das Beste sein für dich", sagte sie förmlich. Er sah, sich vorbeugend, ihre junge und etwas hinfällige Schönheit. Der Kontrast zwischen dunklem Haar und blaugrünen, sehr leuchtenden Augen, ihr durchsichtiger Teint hatten ihn eines Tages bezaubert, ihr etwas gedrücktes, ungesprächiges Wesen belebte immer von neuem seine Teilnahme. Er betrachtete ihre abfallenden Schultern, die schön gebildete Fläche von Wange und Schläfe und fühlte sich unbegreiflich gerührt. Wieder empfand er die leise, fremde Erregung und Niedergeschlagenheit bei dem Gedanken, dieses unbekannte und nie zu erreichende, ihn nie erreichende Wesen zu lieben. Aber während er zu ihr sprach und ihr die Notwendigkeit seiner Flucht auseinandersetzte, fühlte er, daß sie ihm entglitt. Unwiderruflich, dachte er und wußte nicht, ob er es ausgesprochen hatte. Ihm war, als löse 6* 83 sich ihr Antlitz vor seinen Augen in einen weißen Schaum auf, zusehends vergingen ihre Züge, ohne daß er sie in seinem Innern wiedererstehen zu lassen vermochte. Vielleicht, dachte er, ist Anna nur die Verkörperung eines Lebens, von dem ich für immer Abschied nehmen muß. Entrinnen und wieder entrinnen -nur das ist die Zukunft: Verwandlung und Vergessen. Er war nicht erstaunt, als er plötzlich ihre Stimme hörte, lauter und erregter, als er sie je zuvor vernommen hatte. Durch den Nebel erschienen ihm ihre Züge wieder deutlicher. Er mußte eine Weile warten, bis es ihm gelang, den Sinn ihrer Worte zu verstehen. ,, Geh nicht hinüber, Peter!" hörte er sie sagen ,,, ich weiß, du wirst mir nicht zurückkehren... Warum nicht für eine kurze Zeit nach O...? Dort könntest du unerkannt bleiben, und du weißt, daß du dort sorgende Freunde hast." ,, Wie soll ich dir erklären..." Er sprach sehr langsam, als erwäge er jedes Wort. ,, Nicht allein, daß die Straßen nach O... gesperrt sind, wie die Kundschafter berichten..." Er schwieg lange. ,, Mein Weg hinüber zu den andern ist vielleicht die letzte Möglichkeit...", sagte er zögernd. Er fühlte ihren verständnislos fragenden Blick. ,, Das erhöhte Leben", setzte er mühsam hinzu. Ihr Blick wich nicht von ihm, und mit geschlossenen Augen und einem halben Lächeln schien er, während seine Hand sich abwehrend ausstreckte, seine Worte auslöschen zu wollen. Er wußte auf einmal, daß er sie verzweifelt liebte und sie verlassen mußte und sie vielleicht nicht wiedersehen dürfte und sie nicht wiedersehen würde. Ihr Ge84 sicht war zu ihm aufgehoben wie das eines Kindes, das begreifen möchte, und sein Blick, der in dieses Gesicht stürzte wie in einen Schacht, löste wie Schichten andere Gesichter unter ihm los, junge und sehr junge, lockende, fragende, wissende, gütige und gefährliche. In ihren schönen, schwachen, ergebenen Augen sah er es sich wie Verrat erheben, und zugleich empfand er ganz sicher, daß sie einem frühen Tode bestimmt war. Aber als er in leisem Grauen, angerührt vom Flügelschlag ahnender Offenbarung, zurücktrat, fand er wieder ihr ursprüngliches Antlitz, angstvoll und ohne Verständnis und voll eines Flehens, das ihm ein tiefes Erbarmen mit ihr eingab. Er drückte sie sanft auf den Sitz nieder, von dem sie sich erhoben hatte, dann kehrte er ans offene Fenster zurück, in das er sich setzte, ein Knie in den verschränkten Händen. Auf den golden strömenden Abend schauend, fühlte er eine starke, verzichtende Ruhe in sich, und sein rückwärts über die Schulter gewendetes Antlitz suchte die Wälder. Die ersten Sterne traten aus der verdunkelten Bläue hervor. Verse gingen ihm durch den Sinn: ... Bei meinem Saitenspiele Segnet der Sterne Heer Die ewigen Gefühle. Schlafe! Was willst du mehr? Halblaut begann er das Gedicht zu sprechen. Eine süße und schmerzende Gewißheit sagte ihm, daß sich an ihm ein Unabwendbares vollziehe, und daß die verhängte Zukunft das ihm Notwendige, das Befreiende bereithalte. .. Bannst mich in diese Kühle, Gibst kaum im Traum Gehör... 85 Als er aus seinen Gedanken zurückfand, war er allein, und das Zimmer lag völlig im Dunkel. Er läutete nach dem Diener, bat um Licht und ließ sich bei dem Freiherrn entschuldigen. Am nächsten Tag, als das Gesinde beim Essen saß und der glühende Hof im blendenden Lichte des Mittags erstarrte, fuhr Yorck ab, von Wernicke und einem Ver- trauten des Freiherrn begleitet. Der Freiherr umarmte ihn stumm, Annas Hand lag einen Moment lang kühl und trocken an seinen Lippen. Man hatte ihm neuerlich falsche Papiere mitgegeben. Auch die Abzeichen an seiner Uniform waren geändert worden. Sein Ausweis lautete diesmal auf den Namen eines Oberleutnant R. im Stab eines Armeekorps, der sich von einer Dienstreise nach Berlin zu seinem Stand- ort im Abschnitt von Sandomierz zurückbegab. Des- gleichen war ihr Wagen gewechselt worden. Sie fuhren den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein, schliefen im Wagen, den sie in einem Gehölz versteckt hatten, und waren am nächsten Abend in der Nähe der Weichsel. Yorck kannte die Gegend nicht, in ruhiger Betäubung überließ er sich seinen Begleitern und stellte kaum Fragen. Gegen zehn Uhr abends hielten sie mit ge- löschten Scheinwerfern an einer Waldlichtung, über die bald zwei Männer auf sie zuschritten. Die beiden. ein Unteroffizier und ein Oberfeldwebel, salutierten straff, ohne daß Yorck in seiner Ermüdung bei der gemurmelten Vorstellung ihre Namen verstand. Sie nahmen im Wagen Platz, der Unteroffizier am Steuer, und rollten noch einige Kilometer mit abgeblendeten Lichtern. Der Vollmond trat selten durch ein bewegtes Meer schwarzer Wolken. Hier und da blinkten Sterne 86 | | | hervor, um gleich wieder in der Schwärze zu verschwinden. Einige Panzer klirrten an ihnen vorbei, von einer Ambulanz gefolgt. In der Ferne hämmerten MGs ( wie Spechte, mußte Yorck denken). Weit vorn stampfte russische Artillerie. Ab und zu erschien über fernen Baumwipfeln, die in der Nacht versanken, der Widerschein von Leuchtkugeln. Sie bogen von der Straße ab, fuhren über holprige Wege. Einmal sah Yorck in der Schwärze Geschützrohre, hörte im Wind den gedehnten Schrei: ,, Battriee!" und zuckte gleich darauf unter dem Schlag der Abschüsse zusammen. Dann verließen sie den Wagen, Yorck verabschiedete sich von seinen Begleitern und tastete sich, vom Unteroffizier begleitet, das Ufer hinab. Im Dunkel fanden sie das Boot, stießen ab und hörten nach wenigen Minuten den Kiel auf Sand knirschen. Der Unteroffizier flüsterte Yorck einige Worte zu und verschwand mit seinem Boot. Yorck lauschte auf die schwachen Ruderschläge, stolperte hangaufwärts, glitt im nassen Lehm aus und stieß die Schulter an einem niederen Baum. Auf dem Kamm des Hügels stand er kurze Zeit still, ein starker Wind kam in Stößen aus dem Unbekannten und kühlte seine feuchte Stirn. Wie ein Schlafwandler schritt er in die Nacht hinein. Er achtete nicht auf den Weg und erstarrte erst, als er einen Anruf aus dem Dunkel vor sich vernahm: ,, Stoj!" Ein gedrungener Mann mit einer Maschinenpistole im Arm schritt auf ihn zu. ,, Kommandant!" sagte Yorck. Er mußte plötzlich lächeln. Im Unterstand empfing ihn der Diensthabende. An der lehmverschmierten Uniform sah Yorck im Kerzenlicht eine Reihe von Auszeichnungen. Sie sprachen 87 englisch miteinander. Der Russe ging ans Telephon. Yorck dämmerte auf einem Sitz dahin, bis ein Unter- offizier ihn in die zweite Stellung brachte. Nach kurzem Verhör wies man ihm einen Platz zu. Die nächsten Tage vergingen mit Fahrt und Aufent- halt. York fühlte sich befreit und ermüdet, eine merk- würdige Schlafsucht war in ihm. Mitten im Gespräch vergingen vor ihm die Gesichter, aber manchmal war er ganz wach, zitternd vor Erregung, als sollte sich ihm nun ein großes Geheimnis erschließen. Das ungeheure Land glitt an ihm vorbei mit holpern- den, staubbedeckten Straßen. Niedergebrannte Kol- lektivwirtschaften lagen am Wege. In den weißgelben Feldern ratterten die Mähdrescher. Ein nicht abreißen- der Strom von Panzern, Geschützen, Pontons flutete westwärts an ihnen vorüber. An den Dorfstraßen. standen winkende Kinder. Durch zerstörte Städte fuh- ren sie, Yorck zwischen Schlaf und Wachen, bis er eines Nachmittags, aus schwerem Traum hochfahrend, das Wort„Moskwa‘ vernahm. York sah Straßen und Gebäude, die ihm von Abbil- dungen her wohlbekannt waren. In seine Benommen- heit hefteten sich Bilder: Kopftücher in einer Gruppe von Frauen, der Eingang zu einer Station der Unter- grundbahn, die Schlote eines Kraftwerks, die Rubin- sterne auf den Türmen des Kreml, den er aus dem vorüberfliegenden Wagen erblickte. Er hatte seit lan- gem keine so bewegte Stadt gesehen und erinnerte sich mit zornigem Lächeln der Zeitungsberichte, die behauptet hatten, die feindliche Hauptstadt sei durch die deutschen Flieger völlig zerstört worden. In einem Zimmer stand er dem General gegenüber, dessen 88 Ahnherr einst die Schlachten des großen Friedrich geschlagen hatte. Er sah vertraute Uniformen, gespannte Gesichter, wurde Männern vorgestellt, deren Namen er insgeheim so manchesmal vernommen hatte, Männer einer Partei, die ihm von jeher als der Inbegriff des Vaterlandslosen, des Übels, des unter keinen Umständen Annehmbaren dargestellt worden waren. Tief angerührt hörte er diese Männer Dinge beim Namen nennen, die er nur zu ahnen gewagt hatte, in grenzenlosem Erstaunen begriff er, daß sie die ganzen Jahre hindurch um das Gleiche gebangt hatten wie er selbst, nur war alles von ihnen schon ganz durchdacht und entschieden worden. Er dachte an sein Zögern, seine Zweifel und verstand sich kaum mehr. Sie lauschten seinem Bericht. Es fiel ihm schwer zu sprechen, Namen zu nennen, oftmals verwirrte sich wieder alles in ihm. Die Erschöpfung wollte nicht von ihm weichen, obwohl er froh war, unendlich erleichtert. Selten gedachte er seiner Flucht, mit Anstrengung entsann er sich manchmal Annas oder des Freiherrn. Aber die Zeit verwirrte sich ihm, er zählte nicht mehr die Tage, die Wochen, die Monate, und gelegentlich hätte es ihn nicht verwundert, zu erfahren, daß seit seiner Ankunft ein ganzes Jahr verstrichen sei. Er fühlte sich von einer mächtigen Bewegung umgeben wie ein Träumender auf einer Barke. Aus dieser Bewegung leuchtete hier und da ein Antlitz hervor, ein Gespräch, eine Frage, eine Landschaft, in der er sich aufhielt. Manchmal, sich unvorsichtig umwendend, spürte er den Schmerz in seinem Hals, aber an die Umstände, unter denen er sich diese Schmerzen zugezogen hatte, erinnerte er sich nur nebelhaft und ungern. 89 Irgendeinmal wuchs die Bewegung um ihn ins Unermeßliche. Nur allmählich teilte sich Yorck die ganze Erregung seiner Umgebung mit, und erst ungläubig, dann in erschütternder Freude erfuhr er, die Heimat habe sich erhoben. Nach den eingetroffenen Meldungen zu urteilen, war der Aufstand gleichzeitig in fast allen Teilen des Reiches erfolgt und hatte die Unterstützung der verschiedensten Schichten der Bevölkerung. Arbeiter hatten, mit den aus dem Ausland verschleppten Arbeitssklaven verbündet, Hütten und Minen besetzt, im Odenwald und Spessart hatten sich die Bauern, mit Sensen und Hacken bewaffnet, auf die Städte in Marsch gesetzt, in der Hauptstadt war der Generalstreik erklärt und der Rundfunksender von den Aufständischen in Besitz genommen worden. Die Wehrmacht meuterte an verschiedenen Abschnitten der Front und erhob sich gegen die Prätorianergarden der Diktatur. Das Haus hallte Tag und Nacht von eilenden Schritten und Gesprächen wieder. Kurz darauf verkündeten die alliierten Oberbefehlshaber in einem gemeinsamen Aufruf an ihre Truppen den Beginn der allgemeinen Offensive an allen Fronten. Nachts jagt Yorck mit mehreren Offizieren nach Westen. Auf den Straßen der Stadt wogen dunkel rufende Menschenmassen, während die Salven der Salutgeschütze sich vielstimmig an den Häuserwänden brechen. Der nächste Morgen beleuchtete fahl die von jähen Regenstößen geschwärzten Vormarschwege. Durch die zerrissenen, von neuer Sonne beleuchteten Wolken ziehen Jagdgeschwader feindwärts. Links und rechts, 90 über die abgeernteten Felder, preschen die Hundertschaften der Kosaken. Yorck fühlte das Glück wie eine machtvolle Sicherheit. Die Müdigkeit, die nie ganz von ihm wich, trieb ihn zum Sprechen. Er wollte in diesen Stunden den anderen nahe sein, wie er das erfülltere Leben sich nahe fühlte. Sein Nachbar lächelte ihm zu. Yorck betrachtete neben seiner Wange die Fensterscheibe, an der Regentropfen sich sammelten und vom Winde weggerissen wurden. und es ergreifet ihr Schicksal den, der es leidet und zusieht..." sagt er plötzlich laut. Der andere wendet sich zu ihm und beendet, in gedämpftem Ernste lächelnd: und ergreifet den Völkern das Herz." Der Wagen macht eine jähe Schwenkung. Wohin? denkt Yorck, während eine unwiderstehliche Kraft ihn nach rechts drückt. Gibt es denn keinen Halt? Er fühlt einen schrecklichen, nicht endenwollenden Sturz, der ihn blendet, der nicht aufhören will, ihn zu blenden... Er war ganz wach, in dem letzten, furchtbaren Wachsein seines Lebens. Es war die weite Sandfläche, die er zuerst erkannte. Sie war nicht mehr rostrot, sondern von einem Grau, als ob es nie eine Sonne gegeben habe. So war er also nicht befreit worden, hatte nicht zu Anna und dem Freiherrn gesprochen, war nicht in das große Land entkommen, in dem man alles ganz verstanden hatte: Ehre, Treue, Pflicht, Heimat. So war er also nicht zurückgekehrt... Yorck, an der Schwelle des Todes. fühlte keinen Schmerz und hatte keine Furcht mehr. Der Tod hatte 91 ihn zu spät geweckt. Auf der mitleidlosen Fahlheit zu seinen Füßen schaukelten Schatten. Er war der letzte, den sie an den Galgen würden hissen müssen wie eine schwere, dunkle Fahne. Mit einem unendlichen Blick maß er das Gelände. Gleich würde er den großen Schritt machen. Seitwärts gewahrte er die Hand seines Henkers, die an der Schraube lag. Wie unter einer Linse, noch einmal, hob. sich die erbarmungslose Landschaft dieser Hand seinem Auge entgegen. Er sah die dunkle Behaarung wie gelichtetes Unterholz, die schmutzigen Gruben der Poren, die Schieferteiche der gebrochenen Nägel, Narben und Falten wie die Hieroglyphen der. Ver- ruchtheit und eines Lebens ohne Trost. Aber nichts mehr erreichte ihn. Kein Schmerz war in ihm und keine Enttäuschung. Er war ganz allein, und auf die Hand, die nun die Schraube zu drehen begann, spiegelte sein ruhiger Blick den letzten Widerschein von Städten, Menschen, Gefühlen und Erkenntnissen seines geträumten Lebens. INHALT one 00000000. ur.e00..