An einem naẞkalten Freitagnachmittag im April des Jahres 1934 erhielt das preußische Konzentrationslager Börgermoor den Zuwachs von zwei Gefangenen, die aus den beiden Nachbarlagern Neu- Süstrum und Esterwege eingeliefert wurden. Als erster kam der Gefangene aus Neu- Süstrum, ein Schreiner von Beruf, unter der Bewachung eines SS- Mannes vor dem Stacheldraht an. Es war kurz vor vier Uhr. Die Zeit ließ sich deshalb feststellen, weil die Häftlinge, die in der Küchenbaracke arbeiteten, ihn durch die angelaufenen Fensterscheiben bemerkten und sich auf ihn aufmerksam machten. Ein eisiger Wind, der teils Regen, teils Hagel und Schnee mit sich brachte, fegte über das weite, braune Moor und riẞ den Sand von den frisch angelegten Wegen der Barackensiedlung wieder ins Land hinein nach Westen zu, wo der Hauptteil der Gefangenen, an die sechshundert Mann, mit Schaufel und Spaten bei der Zwangsarbeit war. - Der begleitende SS- Mann, dessen Gesicht im hochgeschlagenen Mantelkragen und unter tief herabgezogener Mütze fast verschwand, ließ seinen Gefangenen vor der Kommandantur- Baracke stramme Haltung einnehmen, erstattete Meldung von seinem Transport und eilte mit großen Schritten, ohne den strammstehenden Mann weiter zu be5 achten, in die gegenüberliegende Kantine, um seine erfrorenen Glieder zu wärmen. - -- ohne Mantel vor der KomIndessen stand der Gefangene und durchnäßt bis auf die Haut mandantur und wartete. Das Lagerleben ging seinen gewohnten Gang weiter, Angehörige der Wachmannschaft überquerten eilig den Platz, um ins Trockene ihrer Wohnbaracken zu kommen, der vermummte Posten am drahtvergitterten Eingangstor stampfte auf und ab, um vier Uhr trottete die Ablösung vorbei, kein Mensch kümmerte sich um den frierenden Gefangenen. - Während er so allein und unbeweglich im Regen stand, in der rechten Hand einen aufgeweichten Pappkarton, der seine Habseligkeiten enthielt, die linke Hand an der nassen Hosennaht, Kopf und Augen unverwandt auf die Türe der Kommandantur gerichtet, wurde der zweite Gefangene aus Esterwege eingeliefert. Er kam nicht zu Fuß, wie der Neu- Süstrumer, sondern in einem geschlossenen, blaulackierten Lieferwagen, den die SS- Männer in den Märztagen 1933 einem Konsumverein abgenommen hatten. Der Gefangene aus Esterwege mußte auch nicht wie der aus Neu- Süstrum vor der Kommandantur warten. Der Chauffeur des Wagens, ein hünenhafter SS- Mann in schwarzer Lederuniform, sprang vom Sitz, lief in die Baracke und kam schon nach zwei Minuten zurück. Im Herauslaufen gab er dem Posten am Tor ein Zeichen, daß er ihm öffnen solle, ließ den Wagen anspringen und fuhr direkt ins Lager 6 bis vor die Arrestbaracke, wo er seinen Gefangenen mit Hilfe des herbeigeeilten Wachhabenden aus dem Wagen hob und ihn kurzerhand auf den nackten Bretterboden einer der dreißig engen Zellen niederlegte. Er wechselte zwei, drei Worte mit seinem Kameraden, ging wieder hinaus, schlug die Tür des Wagens wie ein Metzger, der sein Fleisch abgeliefert hat, kräftig zu, wendete, scharf zurückstoßend, auf dem Lagerplatz und sauste in schneidigem Tempo über das Moorland nach Esterwege zurück. Der Gefangene in der Arrestzelle starrte mit verglasten Augen an die Decke. Ein zwei Finger breiter Riẞ klaffte vom Haaransatz quer über die Stirne bis zur Nasenwurzel. Er war seit vierundzwanzig Stunden tot. Zu der Zeit, in der sich dieser Vorfall ereignete, befanden sich im Lager Börgermoor die Materialverwaltung und die Handwerkereien für alle sechs Lager im Papenburger Bezirk. Die Einliefe rung der beiden Gefangenen, des toten und des lebenden, stand damit im Zusammenhang, denn der Tote sollte im Börgermoor einen Sarg bekommen, und der Schreiner war von der Lagerverwaltung aus Neu- Süstrum angefordert worden, weil im Börgermoor Mangel an gelernten Schreinern herrschte. Zehn Minuten vor fünf Uhr, als die Moorsoldaten singend, mit geschultertem Spaten, von der Außenarbeit einrückten, stand der Schreiner noch immer, steif wie ein Zaunpfahl, vor der Kommandantur 7 und wartete. Der Regen rann von seinem Mützenschirm, lief in Bächen über sein erstarrtes Gesicht, tropfte von der Nase, sickerte an der nackten Haut entlang in die Schuhe, - er stand in strammer Haltung und rührte sich nicht. - Als er endlich nach anderthalb Stunden von einem Schreiber hereingerufen wurde, war er so durchfroren, daß er über die Eingangsschwelle stolperte und mit dem Kopf gegen die Wand schlug. Im Büro mußte er seine Personalien zur Eintragung in die Gefangenenkartothek angeben. Während er zähneklappernd, noch ganz benommen, mit scheuer Dienstbeflissenheit Namen, Alter, Heimatort und frühere Parteizugehörigkeit aufzählte, kam der Platzmeister, ein SA- Mann, dem die Handwerkereien unterstellt waren, herein, um sich den neuen Schreiner anzusehen. Mit seinem braunen Lederhandschuh klopfte er sich sorgsam die Regentropfen von Ärmeln und Hosenbeinen und musterte den Gefangenen von oben bis unten. ,, Kannst du einen Sarg zimmern?" Der Schreiner, dem bei dem Wort ,, Sarg" ein Schrecken durch die Glieder fuhr, zögerte mit der Antwort. ,, Ob du einen Sarg zimmern kannst?" Jawohl!" ,, In der Arrestbaracke liegt einer von euch. Eben von Esterwege eingeliefert. Hirnschlag." - Plötzlicher Die Diagnose schien ihm Freude zu machen, und er fügte lächelnd hinzu: 8 ,, Kann vorkommen. Besonders in Esterwege." Der SS- Mann hinter dem Tisch rief: ,, Abtreten und Kleider fassen!" So kam mit dem neueingelieferten Schreiner auch die Nachricht von dem Toten in der Arrestbaracke ins Lager. Beim Abendappell um sieben Uhr, der in völliger Finsternis und bei Regen im Freien abgehalten. wurde, wußten es bereits alle Gefangenen. Während Kommandorufe durch die Nacht klangen, vereinzelte Stimmfetzen der Abzählenden über den Platz geweht wurden und die Schatten der von Baracke zu Baracke eilenden Wachhabenden im Lichtkegel der schwankenden Bogenlampen auftauchten, flüsterte es von Mund zu Mund: ,, In Esterwege haben sie wieder einen umgelegt." ,, In der Arrestbaracke liegt er." ,,... einundzwanzig zweiundzwanzig undzwanzig..." ,, Weiß einer, wer er ist?" drei... vierundzwanzig fünfundzwanzig - ,, Keiner weiß, wie er heißt." ,, Stillgestanden!" - - voll!" ,, Die Hunde! Morgen müssen wir seinen Namen herausbekommen." ,, Weggetreten!" Über die aufgeweichten Wege gingen die Gefangenen langsam in ihre Baracken zurück. Viele wandten sich um nach der Silhouette der Arrestbaracke, die dem Drahtgitter am nächsten lag. Es war, als schauten sie durch die Holzwände in die 11 Zelle, die den toten, unbekannten Kameraden barg. ein scheues Streichen über Ein stummer Gruß, die Stirne dessen, der ausgekämpft hatte... Fremde Gäste sind geheimnisvolle Gäste, auch als Leichen. Daher geschah es, daß sich die große Gefangenenfamilie im Börgermoor fühlten sich - -- alle als eine große Familie fast ausschließlich mit dem Toten und seinem Schicksal beschäftigte und darüber den neueingelieferten lebenden Gefangenen vergaß oder sich zum mindesten nicht so um ihn bekümmerte, wie es sonst unter ihnen üblich war. Der tote, unbekannte Gast, der nur für diese Nacht in ihrer Mitte weilte, überschattete den Lebenden, ihm schlossen sich ihre Herzen auf, und ein Lager wurde ihm dort bereitet, so zart und weich, wie der Boden der Arrestzelle hart war. Sie kannten das Schicksal des Toten. Sie errieten es, ja, sie sahen seine letzten Minuten vor sich, in einjähriger Gefangenschaft hatten sie schon manchen gesehen, der, von der Rache seiner Wärter verfolgt, wie ein gehetztes Wild sein Leben mit sich schleppte, bis er eines Tages erschlagen, erschossen, zu Tode gequält erlöst ward. Und seinen Namen schrieben sie in ihr Gedächtnis. Denn dies ist gewiß: - Die Überlebenden werden einst in die Ohren der Mörder schreien: Wo ist der? Und wo ist der? Den habt ihr im Moor erschlagen! Darum muß ein toter Kämpfer im Börgermoor einen Namen haben und darf nicht fremd und unbekannt in seiner Zelle liegen. Und es wurde be12 schlossen, am nächsten Tag seinen Namen zu erforschen. An diesem Abend war es früh still unter den Gefangenen. Um acht Uhr lagen alle auf ihren Strohsäcken. Die Nachtwache machte die letzte Runde, löschte die Lichter und verschloß die Türen. In Baracke vier, auf einer oberen Pritsche, lag der Schreiner und starrte in das dunkle Gebälk des Daches. Rings um ihn herum schlief schon alles. Der Regen prasselte leise auf das Dach und gegen die Fensterscheiben, die von Zeit zu Zeit in vorüberhuschendem Scheinwerferlicht aufleuchteten. Er konnte nicht schlafen. Seine Gedanken, unruhig flackernd, suchten den stummen Mann in der Arrestzelle. - .. Eine Kugel kam geflogen,- gilt sie mir oder gilt sie dir?... Der Regen wird uns noch wegschwemmen... Heute du, morgen ich, Kamerad, hier kommt keiner mehr heraus... Er war erst seit vier Wochen Gefangener. In diesen vier Wochen aber hatte er alle Stationen durchschritten, die ein Schutzhaftgefangener durchschreiten muß: die Verhaftung, dann das Verhör im SA- Keller, die ersten Prügel, die er fassungslos und mit beinahe ungläubigem Entsetzen über sich ergehen ließ, die täglich folgenden Wiederholungen dieser brennenden Qual, während der ihm Mut, Würde und Standhaftigkeit Stück für Stück vom Leibe heruntergeprügelt wurden und er in jähem Fall hinunterstürzte in die dunkelsten, unbekanntesten Tiefen seines Menschseins; dann seine Ein13 lieferung ins Gefängnis mit neuen Torturen neuer Peiniger, endlich der Abtransport ins Lager, der Peitschenmarsch durchs Moor, die Ankunft hinter Stacheldraht.... Abend für Abend, ehe ihn der Schlaf erlöste, lag er seither in wüster Einsamkeit wach, hilflos den Bildern jener furchtbaren Erlebnisse preisgegeben, die sich in wirrem Durcheinander immer wieder vor ihm abrollten. Auch in dieser Stunde durchraste er das ganze Inferno der vergangenen vier Wochen, bis ihm der Angstschweiß ausbrach und nichts zu- rückblieb als Furcht, entsetzliche Furcht und ein Stück zuckendes, gequältes Herz, das aus der Finsternis stammelte: leben! leben! leben! Aus der Tiefe des endlosen Regens, der draußen niederging, tauchte vor ihm das Gesicht des er- schlagenen Kameraden auf, wie das Gesicht einer Leiche auftaucht im Wasser. Er sah es deutlich vor sich, dieses Gesicht, das er noch nie gesehen hatte, weiß und leblos, blutige Wunden auf Stirn und Wangen, über die der Regen rann, und er erkannte es: es war sein eigenes Gesicht, das ihn aus der Nässe anstarrte... Die hölzerne, verschlossene Baracke begann zu schwanken wie ein schwimmender Sarg, eine Arche Noah, die, mit hundert Toten beladen, ziellos auf den trägen Wassern der Sintflut trieb. Neben ihr schwammen leise schaukelnd die anderen Baracken mit ihrer Totenfracht, stießen mit leisen, dumpfen Tönen gegen ihre hölzernen Wände, drehten ab und kreiselten langsam ins Dunkle. 14 Das Dach seiner Baracke, zum Greifen nahe, senkte sich noch tiefer auf ihn herab, wie ein Sargdeckel, der sich auf seine Brust legte. Es riẞ ihn hoch. Mit der Kraft eines Erstickenden glaubte er, sich gegen das Dach stemmen zu müssen, er wollte mit seinen Armen den Deckel aufkippen, um die befreiende Nachtluft hereinzulassen. Ein Schläfer sprach im Traum. Unverständliche, tiefe Laute. Auf dem Dach aber lag der tote Kamerad und schaute durch die Sparren auf ihn herab. Und der Gequälte unter ihm stöhnte hinauf: Warum? Warum? Warum? - Was haben wir getan? Wer hat uns geheißen, die Obrigkeit nicht anzuerkennen, die über uns gesetzt ist? Du und ich, konnten wir beide nicht essen, trinken, schlafen und in Freiheit leben? Warum haben wir nicht den Hut gezogen vor jedermann, der es uns anbefahl? Um was trägst du nun das Zeichen an deiner Stirne? Sag' nicht, für die andern! Die sind es nicht wert. Nein, toter Kamerad, ich weiß jetzt, daß sie es nicht wert sind. Höre, wenn du vom Dach steigst und mir heraushilfst aus dem Sarg, verspreche ich dir, es besser zu machen. An mir selbst will ich genug haben und mich nicht mehr bekümmern um die Sorgen der andern, ich werde die Versuchung von mir weisen, und die Versucher, wenn es sein muß, den Richtern überliefern. Denn ich weiß jetzt: das alles hat keinen Wert. Wert hat nur das Leben, das jeder für sich lebt... Es war ihm, während er so zu dem Toten hinauf2 Eine Fuhre Holz 17 flüsterte, als verändere der ständig seine Züge. Immer war es wieder ein anderer, wenn er genau hinsah. Einmal war es seines Vaters Gesicht, das ihn fragend anstarrte, einmal seines Bruders Gesicht, dann seines Freundes Gesicht, das Gesicht eines Bekannten von der Straße und dazwischen wieder sein eigenes Spiegelbild, das ihm zunickte. Zur wandernden Reihe dieser Gesichter sprach er in seiner grenzenlosen Verlassenheit, immer drängender, erhitzter, immer verzweifelter, bis sich der Schlaf seiner erbarmte und mit kühler Hand die Bilder verhüllte... - Wie weiße, blinkende Glaskugeln rollen die Tage dahin in der Freiheit. Eine gleicht der andern, und der Mensch, der sie durch seine Hände gleiten läßt, vergiẞt oft, sie zu zählen so sehr gleichen sie einander und nur, wenn ab und zu in der weißen Kette die rote Kugel eines Feiertages, eines Todes, einer Liebe, einer Geburt erscheint, hält er verwundert inne, blickt auf und denkt: Schon wieder so viele Tage vorüber, die ich nicht beachtet habe. Die Zeit vergeht. Anders laufen die Tage durch das Leben des Gefangenen. Er dreht und wendet die kostbare Kugel in seinen Händen, drückt sie verzückt an sein hungriges Herz, er liebt sie, er verflucht sie und zählt sie. Zählt sie mit Inbrunst und Hoffnung, Haẞ und Verzweiflung, zählt sie wie der Geizige seine Goldstücke zählt und häuft sie auf in der Kiste seiner Erinnerung. Vierundzwanzig Stunden können ihm Jahre bedeuten, jede Stunde davon Jahre. 18 Sie können niederreißen, was Jahre aufgebaut haben und aufbauen können. Der Samstag, der jener Verzweiflungsnacht folgte, begann kalt, finster und naß. Früh um fünf Uhr zogen riesige Wolkenfetzen über den schwarzen Himmel, dessen ferne Ränder erst von der Dämmerung ergriffen waren und in fahlem, verschwommenem Fieberrot erglühten. Das Torffeuer im eisernen Barackenofen war ausgebrannt, durch alle Ritzen drang der feuchte, kalte Morgenatem des Moores. Mit entblößtem Oberkörper stand der Schreiner im Waschraum und preßte seine dumpfe Stirn an die kühlen Fensterscheiben. Seine Augen durchbohrten das morgendliche Dunkel draußen, ohne etwas anderes erkennen zu können als die nassen, tropfenden Stacheldrahtschnüre der Lagerumzäunung. Zerschlagen von seiner Ankunft, verwüstet von seinen Träumen, angewidert von der entsetzlichen, erschreckenden Bekanntschaft mit sich selbst, schnürte es ihm beim Morgentrunk die Kehle zu. Böse und stumm saß er neben seinen Kameraden, unfähig, ihre wohlgemeinten und aufmunternden Worte zu erwidern. Es fiel ihm in seiner neuen Umgebung auf, daß viele Gefangene die Köpfe zusammensteckten und leise und heftig miteinander sprachen. Sofort, seinem eigenen inneren Zustand entsprechend, entstand in ihm der häßliche Verdacht der Cliquenwirtschaft, jenes unwürdigen Bruderkampfes der Leidensgenossen unter sich, jenes selbstzerfleischen2 19 den Kampfes, dem er die Ohnmacht und das Ver- sagen, das ewig hoffnungslose Unvermögen der eigenen Befreiung seiner Klasse zuschrieb, und ver- bittert dachte er: Auch hier.— So war es und so wird es bleiben. Und dafür habe ich mich ein- sperren, schlagen und foltern lassen... Die Reihe der aufeinanderfolgenden Ereignisse jenes Samstages, deren Zeuge der Schreiner wurde, und die durch ihre merkwürdigen und seltsamen Umstände eine so grundlegende Wandlung in ihm hervorriefen, soll hier verzeichnet werden, einfach und klar, so wie sich alles zugetragen hat. Um sieben Uhr rückte die Moormannschaft zur Arbeit aus. Als der übliche Befehl zum Singen er- teilt wurde, verweigerten die Gefangenen zunächst den Gehorsam, und erst auf die zweite, heftige Auf- forderung des Truppführers begannen die an der Spitze Marschierenden mit lauter, klarer Stimme: „Ich hatt’ einen Kameraden..." Alle sechshundert Mann der Kolonne fielen ein. So marschierten sie ab.„Er ging an meiner Seite...”— erklang es vor der Kommandantur- baracke—„im gleichen Schritt und Tritt‘. Die zurückgebliebenen Handwerker, darunter auch der Schreiner, hörten klopfenden Herzens den Gesang, bis sie selbst zur Arbeit eingeteilt waren und auf ihre Plätze mußten. Sie blickten den Da- vonziehenden nach, die weiße Morgendämmerung hatte sie bereits verschluckt, von der Kanalbrücke her kam es leise durch den Nebel:„Kann dir die Hand nicht geben...“ 20 Nachdenklich ging der Schreiner an sein erstes Tagewerk. Neben ihm arbeiteten drei andere Kameraden, ruhige, ältere Männer, die schon lange im Lager waren. Sie wählten das Holz, vermaßen es und schnitten es zurecht für den Sarg. Es wurde wenig gesprochen, sie waren sparsam mit ihren Worten. Halbe Sätze, kurze Bemerkungen, und auf die Frage des Schreiners, ob man wohl jemals den Namen des Mannes, für den sie den Sarg zimmerten, erfahren würde, antwortete der Älteste: ,, Heute mittag werden wir ihn wissen." 11 Wie denn?" ,, Es gibt Wege." Mehr sagte er nicht. Ein Gefangener muß schweigen können, ehe er nicht weiß, ob ein Freund und Genosse vor ihm steht. In Wahrheit war an diesem Morgen das ganze Lager in fieberhafter Bewegung. Nach außen bot es das gewöhnliche Bild. Aber unter der Oberfläche der Verordnungen, Regeln und Wachvorschriften, der eisernen Strenge, der Disziplin, der Strafen und grausamen Gewaltmaßnahmen sah es aus wie in einem von Ameisen zerfressenen Bau: Unendlich feine Kanäle zogen kreuz und quer da eine Erfahrung, eine Beobachtung, dort ein Lächeln mit einem Wärter, ein flüchtiges Wort, ein kleines Geschenk, ein unbelauschtes Gespräch über Politik, ja selbst geheime Verbrüderung mit einigen Unzufriedenen aus der Wachmannschaft, - 21 Arbeitsdienst in der Kommandantur, in der Schreibstube oder in der Postbaracke - und die ganze Summe dieser Erfahrungen registriert, erweitert, kein Bau kann so fein planmäßig angewandt sein, keine Strafe so hart, kein Schrecken so groß zäher Wille, Klugheit und Mut knüpfen sich ein Netz geheimer Verbindungen, errichten ein zweites Lager im Lager und schaffen sich den Lebensraum, den sie benötigen. Auf diesen Wegen arbeiteten die Gefangenen, um den Namen ihres toten Kameraden zu erfahren. Um neun Uhr erschien der Platzmeister mit langen Stricken über dem Arm in der Schreinerei. Er warf sie in einer Ecke ab und beobachtete die Gefangenen bei der Arbeit, während er mit seinem braunen Lederhandschuh die beschmutzten Ärmel reinigte. Der Älteste begann: 11 , Was ist denn das für einer aus Esterwege, Herr Platzmeister, wie heißt er denn?" ,, Weiß nicht." 11. ,... und die Krankheit, an der er gestorben ist?" ,, Halt's Maul und frag nicht so dumm!" Damit ging er hinaus. ,, Nicht so weit her mit deinen Wegen"", lachte der Neue und sah den alten Kameraden spöttisch an. ,, Abwarten." Nach einer halben Stunde begab sich einer der drei Schreiner auf die Latrine, dem Nachrichtenort des Lagers, und kam niedergeschlagen und miẞ22 22 mutig zurück. Noch nirgends sei es bis jetzt gelungen, sagte er, den Namen des Toten herauszubekommen. Nicht in der Wäscherei, nicht bei den Schuhmachern, nicht in der Schreibstube, nicht im Lazarett, nicht in der Materialausgabe, wo sich der Platzmeister die Stricke zum Herunterlassen des Sarges geholt hatte, nicht bei den Gärtnern nirgends. - ,, Vielleicht können die draußen im Moor etwas erreichen", meinte er betrübt ,,, bei uns scheint es ausgeschlossen." Draußen pfiff der Aprilwind und drang schneidend durch die Holzwände der alten Arbeitsbaracke. Zum Glück rückten die durchnäßten Moormannschaften schon um zwölf Uhr mittags ein, weil laut Lagerordnung am Samstagnachmittag nicht gearbeitet wurde. Diese freien Samstagnachmittage gehörten zu den schönsten Stunden im Lager, auf die sich die Gefangenen die ganze Woche freuten. Knapp zehn Minuten nach ihrem Einrücken wuẞten alle Baracken, daß es auch draußen im Moor nicht geglückt war, die Identität des Ermordeten festzustellen. Er blieb geheimnisvoll und unbekannt. Seine stumme, anonyme Anwesenheit lastete immer schwerer auf den Gefangenen, und während des Mittagessens berieten sie neue Wege und Mittel, das Geheimnis doch noch zu lüften. Mitten in das Essen hinein platzte die Nachricht, daß sich die Stubenältesten aller Baracken nach der Kommandantur begeben sollten. Die Gefangenen 23 23 stutzten. Solche Unterbrechungen im normalen Tageslauf bedeuteten gewöhnlich nichts Gutes. Die Löffel flogen in die Eßnäpfe, Vermutungen wurden laut über Strafarbeit am freien Samstagnachmittag oder über andere Schikanen, und die gewohnheitsmäßigen Propheten unter den Gefangenen hatten allerorten zu tun. Die Nachricht aber, die die zurückgekehrten Stubenältesten mitbrachten, hatte keiner vorausgesagt. Sie gaben folgende Anordnung des Kommandanten bekannt: Heute, Samstag nachmittag, zwei Uhr, solle der Tote aus der Arrestbaracke beerdigt werden. Eine jede Baracke habe zu diesem Begräbnis sechs Mann zu stellen, die mit der Feldbahn den Sarg ins Moor zu begleiten hätten, wo die Beerdigung stattfinde. Die Meldungen zur Beteiligung seien freiwillig. Antreten viertel vor zwei Uhr am Lagereingang. Hätten die Stubenältesten berichtet, der Kommandant habe in einer menschlichen Anwandlung für jeden Mann im Lager eine tägliche Fleischzulage beschlossen, die Gefangenen würden es eher geglaubt haben als diese Anordnung. Sie sprangen von ihren Bänken, schrien erregt durcheinander, packten sich bei den Armen, und für die nächsten Minuten konnte keiner des anderen Stimme verstehen. Die Vorstellung, der Kommandant könnte einer Regung von Anstand, Pietät oder Gewissen nachgegeben haben und den Gefangenen ein Trauer24 gefolge gestatten, um vielleicht auf diese Weise sein Bedauern über den Vorfall zum Ausdruck zu bringen, war so unfaßbar, so überraschend und neu, daß sie alle Herzen aufs äußerste erregte. Wie ein immer geprügelter Hund mit einem scheuen Sprung zurückweicht, wenn sein Herr die Hand erhebt, um ihn ausnahmsweise einmal zu streicheln, so war die erste Reaktion der Gefangenen Miẞtrauen und Unglaube. Die wahnsinnigsten Vermutungen, Folgerungen, Hypothesen schwirrten durch die Luft, wurden geglaubt, verworfen, wieder geglaubt und erneut verworfen bis man sich so ratlos in die Augen blickte wie zu Beginn und alle Fragen sich zu einer einzigen Frage verdichteten: - Wer war der Tote, daß sich die Lagerleitung zu einem solchen Schritt entschloß? Was hatte er ihnen angetan? Welchen Gegner hatten sie für ewig stumm gemacht? Und wer zwang ihnen noch im Tod Achtung ab, daß sie ihn nicht einscharrten wie ein krepiertes Tier, wie sie es getan hatten mit den anderen, die in jenem Hügel im Moor schon eingescharrt lagen? Welchen Kameraden, welchen Führer, welchen Freund hatten die Gefangenen verloren? Der unbekannte Tote in seiner Zelle wuchs auf, es erhob sich sein Schicksal über alle andern, seine namenlose Gestalt schritt durch das Lager, geheimnisumwittert, fern und doch nah, er trug in sich vereint das Leiden und die Liebe, den Kampf und die Treue, den Tod und die Auferstehung aller 25 Unterdrückten, und sein Antlitz war alt wie die Menschheit. Wenn ein solcher zu Grab getragen wird, dürfen nur die Besten folgen, daß das Gedenken rein bleibt unter den Überlebenden. So war es verständlich, daß die Gefangenen aller Baracken beschlossen, die Würdigsten unter sich auszuwählen, die Tapfersten, deren Verhalten in der Gefangenschaft Vorbild für sie war und Ansporn, um ein Trauergeleit zusammenzustellen, das neben dem Toten bestehen konnte. Was auch immer die Beweggründe der Lagerleitung sein mochten, die Gefangenen - hatten ihre eigenen Gründe und ihre eigenen Pflichten. So kam es, daß in allen Baracken die geheimen Führer des Lagers erwählt wurden, der eiserne Stoßtrupp der Zukunft, um den Sarg zu begleiten. Ein sonderbarer Zufall oder vielmehr eine Ausnahme bei der Wahl wollte es, daß sich auch der neu eingelieferte Schreiner, sehr gegen seinen eigenen Willen, unter dem Trauergefolge befand. Die drei anderen Schreiner hatten nämlich auf Grund der Tatsache, daß sie den Sarg gezimmert hatten, den Anspruch erhoben, daß die Schreinerei geschlossen am Begräbnis teilnehmen könne, ein Anspruch, der nach einigem Für und Wider auch anerkannt wurde. Aus Furcht, sich bei seinen Kameraden unbeliebt zu machen, wollte der neu eingelieferte Schreiner nicht zurücktreten und stand deshalb 26 ebenso wie die anderen viertel vor zwei Uhr am Tor. Sie hatten sich in zwei Gliedern aufgestellt und erwarteten schweigend den Sarg. Ihre grünen, zerschlissenen Uniformen waren, soweit dies in der kurzen Zeit und bei ihrer Nässe möglich war, gereinigt und gebürstet, die schirmlosen Käppis, Kopfbedeckungen, die sich nur ein stupider Militarismus hatte ausdenken können, saßen gerade und ordentlich über ernsten, entschlossenen Gesichtern. Das Lager war still und leer, aber aus den Baracken spähten aufmerksame Augen zu ihnen hin, die jeden Schritt der seltsamen Feier verfolgten. Der Platzmeister kam aus der Kommandantur. Er blieb stehen und blickte prüfend in den Himmel. Der Wind hatte die großen Wolken zerrissen; wie eine aufgeregte, gepeitschte Herde jagte ein Meer von kleinen weißen, weißen, grauen und schwarzen Wolkenballen tief über das Moor hinweg, nur im Süden stand eine graublaue, drohende Wetterwand, weißlichen Dunst vor sich hertreibend wie den Rauch eines fernen Brandes. Die Fahne am hohen Mast vor der Kommandantur knatterte im steifen Wind wie Schüsse, wie splitterndes Holz. Aus ihren Wohnbaracken vor dem Gitter traten SS- Männer in langen blauen Mänteln, den Karabiner in der Hand. Die Gewehrschlösser knackten, die Patronen sprangen ins Magazin, die Sicherungsflügel flogen mit hellem, scharfem Metallklang herum. Der Truppführer kam kauend aus der Kantine, 27 beide Hände tief in den Taschen des Mantels vergraben, und schlenderte durch das Eingangstor auf die Gefangenen zu. ,, Stillgestanden!" ,, Abzählen!" ,, Eins, zwei, drei... sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, achtundzwanzig, ohne einen!" ,, Ohne einen!" klang es durch die leere Barackenstadt. ,, Alle?" ,, Und fünf Mann, abkommandiert zum Sargholen." ,, Rührt euch!" Schweigend warteten die Gefangenen. Jetzt öffnete sich die Tür der Arrestbaracke mit häßlichem Kreischen, heraus schwankte der Sarg. Er neigte sich über die Stufen vornüber, ein dünner, dürrer Kranz aus Heidekraut rutschte langsam in den Sand unter die Füße der Träger. Der Tote, auf den Schultern seiner Kameraden, trat seine letzte Fahrt an. Mit brennenden Augen erwartete ihn sein Gefolge. Schritt für Schritt schwankte er näher. Auf zwanzig Meter Entfernung ging ein Ruck durch die Gefangenen. Ohne Befehl, ohne Kommando hatten sie stramme Haltung eingenommen, mit einer einzigen Bewegung flogen die Käppis von den Köpfen, alle Augen waren auf den Sarg gerichtet barhäuptig, starr und unbeweglich empfingen sie ihren fremden, geliebten Gast. - Der Platzmeister, der, am Eingang stehend, diesen Aufzug beobachtet hatte, wandte sich unruhig hin 28 und her, und gegen seinen Willen von der Würde des Augenblickes ergriffen, schien er unschlüssig, ob auch er sein Haupt entblößen solle, und entschloß sich endlich, wenigstens seinen rechten, nie getragenen Glacéhandschuh anzuziehen. So stand er mit zwei plumpen, riesigen, toten Händen, die schlaff an seinen Armen hingen, stumm und steif am Gitter und wagte nicht aufzublicken, als habe er persönlich den Toten ermordet. Inzwischen hatten sich die Träger an die Spitze gestellt, lautlos, ohne Kommando setzte sich der Zug in Bewegung, rechts und links von der Wachmannschaft umgeben. Dem Schreiner inmitten des Zuges schlug das Herz. Er fühlte schmerzhaft die Spannung, die in der Luft lag, Todesangst überfiel ihn bei dem Gedanken, daß jetzt die geringste Bemerkung, die kleinste Unvorsichtigkeit auf beiden Seiten genügte, um eine Katastrophe heraufzubeschwören, deren Ausmaß unausdenkbar war. Am Gleisschuppen vor dem Lager wartete die Feldbahn. Zehn offene, nur von Holzschranken umgebene Wagen, die kleine Lokomotive am Ende des Zuges angekoppelt, so daß sie die Wagen vor sich herschob, anstatt sie zu ziehen. Der Maschinist stand mit der weißen Mütze in der Hand. Auf den vordersten Wagen stellten die Träger den Sarg, auf den zweiten kletterten die Gefangenen, auf den dritten die Wachmannschaft. Die sieben andern blieben leer, und die Gefangenen zerbrachen sich vergeblich die Köpfe über ihren Zweck. 29 29 30 30 Alles war jetzt bereit, aber aus irgendeinem Grunde schien sich die Abfahrt zu verzögern. Schweres, schweigendes Warten. Über die Kanalbrücke holperte ein Gefährt auf das Lager zu. Dahinter, von rechts kommend, tauchte ein Auto auf, das den Bauernwagen auf halbem Wege überholte und vor dem wartenden Zug abstoppte. Im Wagenschlag erschien die schwarze Mütze des Kommandanten. Der Truppführer eilte auf ihn zu und machte Meldung. Der Kommandant dankte und wandte sich ins Wageninnere zu einer weißgekleideten Gestalt, die die Gefangenen nicht erkennen konnten. ,, Der Kommandant nimmt selbst am Begräbnis teil", flüsterten sie erregt und konnten sich den ganzen Vorgang immer weniger erklären. Inzwischen war auch der Bauernwagen angekommen, aus dem zum grenzenlosen Erstaunen der Gefangenen drei Meßbuben in weißen Chorhemden stiegen. Der eine holte ein langes Stabkreuz aus dem Wagen, der andere trug das Buch, der dritte das Becken. Ratlos starrten die Gefangenen auf diese Wunder. Die Tatsache, daß ihr erschlagener Kamerad mit kirchlichem Zeremoniell begraben werden sollte, daß die Gestalt im Auto offenbar der Priester war, machte ihre Bestürzung vollkommen. Wer war der Tote? Die drei Meẞbuben standen verloren und eng aneinandergedrängt auf der Straße. Der Wind ließ ihre weiten, weißen Meßgewänder flattern, daß sie aussahen wie ein Häufchen verängstigter, flügelschlagender Vögel. Es waren Bauernbuben aus der Umgebung, im Alter von zehn bis zwölf Jahren, klein von Wuchs wie der ganze Menschenschlag dieses kargen Landstriches, hatten sehnige, rote Gesichter, strohgelbe Haare, niedere, ein wenig verschlagene Stirnen, unter denen helle, blaue Augen furchtsam auf die Gefangenen schauten, auf die bewaffneten SS- Männer, auf das stacheldrahtumzäunte Lager. Der Geistliche rief sie aus seinem Wagen zu sich heran und sprach mit ihnen. Danach schritten sie langsam, die Köpfe gesenkt, auf den Wagen mit dem Sarg zu, kletterten auf die Plattform, setzten sich, der eine rechts, der andere links vom Sarg, der dritte mit dem hohen Stabkreuz vorne nieder, und mit einem Ruck, der alle durcheinanderschüttelte, fuhr die Feldbahn ab. Traurige Fahrt ins Moor! Ratternd, knatternd sprangen die Räder über die Verbindungsstellen der verrosteten, schmalen Schwellen, schrill pfiff die Lokomotive einen Klagelaut in den Wind, ratternd, knatternd schob sich die Schlange ins Feld. Vorn schnitt hoch und schwarz das Stabkreuz in den jagenden Aprilwolkenhimmel, der sich anschickte, mit unzähligen Regenschauern das erfrorene Wintermoor zu erwecken. Holpernd, stolpernd, hopsend glitt der rohe, ungehobelte Sarg über die dunkle, stöhnende Erde, die sich nackt und aufgerissen in glänzendem Schwarz und feuchtem Braun der Gewalt des Himmels ergab. Faule, 31 schwere Frühlingsdünste entstiegen ihrer geängsteten Tiefe, das graubraune, messerscharfe, verstorbene Riedgras, Schilf und Binsen am Rande toter Gräben bogen sich im heulenden Wind, nacktes Gestrüpp, stachelige Büsche, gekrümmte, zerzauste Föhren standen weit und verloren wie einsame Posten in der Odnis, ferne, tiefe Wolken rissen sich an ihrem verzackten Geäst die geblähten Bäuche auf und entleerten sich in weißen, fliehenden Streifen ihrer Wasserlast Soweit das Auge reichte: Unfruchtbarkeit, Armut, Einöde. Links glimmerten in langen, hügeligen Reihen die schwarzen Speckwürfel von frisch gestochenem Torf, dahinter ein endloser viereckiger Teppich umgebrochenen Landes, in dessen saurem Boden die Raben vergeblich nach Würmern pickten, ein Teppich, gewoben vom Schweiß der tausend Gefangenen, durchtränkt mit ihren Flüchen, Bitterkeiten und Hoffnungen, ein breites, weites Grab im Moor. 603 Rechts lief ein Kanal. Gerade, wie ein tiefer Beilhieb, zog er durch den Boden bis zum Horizont. In seinem trägen Wasser schwammen große, verzerrte Olaugen, Fett der Erde, Sud der Dörfer. Ein Torfkahn trieb herab. Die lange Stoßstange in den Händen, blickte der Bauer auf. Er gewahrte das Kreuz, den Sarg, die Kinder, die Gefangenen und ihre Wächter. Traurige Fahrt ins Moor. Geflüsterte Worte, brennende Gedanken, Erinnerungen... Neben dem Zug fuhr langsam das Auto des Kommandanten. An einer Wegkreuzung bog es ab, der 32 3* Kommandant fuhr nach Hause, und als das Auto den ratternden Zug wieder erreichte, saß der Priester allein im Wagen. Die Gefangenen atmeten auf. Irgendwer war während der Fahrt plötzlich auf den Gedanken gekommen, daß sie den Namen des Toten nun doch noch erfahren würden, denn der Priester mußte ihn ja aussprechen, wenn er die Seele des Verstorbenen der Obhut des Herrn empfahl. Mehr noch, vielleicht wußten sogar die drei Meßbuben seinen Namen, der Vorfall konnte sich ja im Dorf herumgesprochen haben, und es war sehr wohl möglich, daß die Einwohner Genaueres darüber wußten. Es gab eine Vorschrift, die den Gefangenen untersagte, sich mit Zivilpersonen zu unterhalten. Eine. ähnliche Anweisung mochten wohl auch die drei Jungen erhalten haben, denn sie blickten starr und furchtsam geradeaus, ohne auch nur einmal den Kopf zu bewegen. ,, He, Jungens", flüsterten die Gefangenen ,,, wiẞt ihr, wie der im Sarg heißt?" Nicht die geringste Bewegung gab zu erkennen, ob sie verstanden hatten oder antworten wollten. ,, Du, Kleiner, brauchst keine Angst zu haben, sag' schon, wie er heißt!" Die drei Kinder saßen stumm, die Hände um die heiligen Gefäße geklammert. Mitgefangene, deren Lippen verschlossen waren aus Furcht und früher Kenntnis der Leiden, die denen zugefügt werden, die nicht gehorchen. 35 35 36 36 Aber die Gefangenen, die sich schon am Ziel glaubten, bedrängten sie weiter. Und endlich, scheu, ganz langsam, ganz vorsichtig, großartig in der Beherrschung der stummen Gefangenensprache, schüttelte einer den Kopf zum Zeichen, daß sie den Namen nicht wußten. Der Schreiner war während dieser Unterhaltung immer unruhiger geworden. Unauffällig spähte er zurück zum Wagen der Wachmannschaft; er sagte sich, daß es ein Wahnsinn sei, durch solche Unvorsichtigkeit ein Strafgericht zu provozieren, unter dem dann alle zu leiden hatten. Die SS- Männer aber hatten sich in ihre Mäntel eingehüllt und dösten dumpf vor sich hin. Auf halber Strecke zwischen Börgermoor und Esterwege liegt, wenn man vom Börgermoor kommt, rechter Hand eine kleine hügelige Schonung. Wie eine Düne, eine traurige Insel erhebt sie sich mitten aus dem Sumpf, bepflanzt von jungen, kümmerlichen Föhrenstämmchen, niederem Gebüsch und Strauchwerk, ein kleines Eiland im Moor, das in dieser Gegend aussieht wie ein erstarrtes Meer, aus dem versunkene Wälder schwarze Wurzeln wie verdorrte Arme in den Himmel strecken. Diese Insel ist unzugänglich für den Wanderer auf der Straße, der, um zu ihr hinüberzugelangen, einige Meter Moor überqueren müßte, in dem er bis zu den Knien und tiefer versänke. Hätte er aber die Insel erreicht und blickte sich um im Gestrüpp, dann gewahrte er aufgeworfene Erde, ein verstecktes, rohes Holzkreuz, und er würde seine Mütze ziehen, denn er stände auf Gräbern. Auf den Gräbern der Gefangenen von Esterwege. Die Feldbahn hielt. Die SS- Männer sprangen vom Wagen und stellten sich an der Straßenseite auf. Der Truppführer kommandierte: ,, Absteigen und in zwei Gliedern antreten! Marsch, marsch!" Langsam und ohne Hast stiegen die Gefangenen vom Wagen. Unbeirrt, ruhig, nur ihrer eigenen Stimme gehorchend, schritten sie so, wie es sich für eine Beerdigung geziemt, wie Trauernde zu gehen haben wie sie geschritten waren zu den Gräbern in der Freiheit, wie sie es in ihrer Kindheit gelernt hatten, wenn sie sich ehrfürchtig der großen, weiten, feierlichen Gegenwart eines Toten nähern mußten. - ,, Los, los, schneller!" brüllte der Truppführer, ohne den geringsten Eindruck zu machen auf die Gefangenen, die in diesem Augenblick allein und frei, mit stummer Aufmerksamkeit und in brüderlicher Eintracht ihre letzte Pflicht erfüllten. Als sie in zwei Reihen aufgestellt waren, ließ der Truppführer abzählen. ,, Eins, zwei, drei, vier" ,, Halt! Nummer eins bis vier bleibt stehen alles andere rechts um, drei Schritte vorwärts, marsch!" Vier Mann und die vier Mann dahinter blieben auf der Stelle, die anderen marschierten drei Schritte weiter. Als sie solcher Art eingeteilt waren, pflanzte sich 37 der Truppführer breitbeinig vor ihnen auf und hielt ungefähr folgende Ansprache: „Mal herhören! Da sind sich einige über den Zweck ihres Hierseins nicht im klaren. Außer den -acht Mann geht jetzt alles ins Moor— Holz sam- meln. Die zehn Wagen müssen voll werden. Je schneller ihr macht, desto früher kommen wir nach Hause. Wenn ihr langsam macht, bleibt ihr draußen bis ihr schwarz werdet. Wer sich eingebildet hat, es gibt hier eine Vergnügungsfahrt, war schief ge- wickelt." Damit wandte er sich der Mannschaft zu und teilte sie ein. Durch die Reihen der Gefangenen lief ein Zittern. Der Befehl hatte wie ein Blitz eingeschlagen, und sie erkannten, daß sie betrogen, getäuscht und her- eingelegt worden waren. Nicht zum Begräbnis hatte man sie ins Moor geschickt, sondern zur Arbeit! Zur Arbeit am freien Samstagnachmittag sollten sich Freiwillige melden, und weil die Leiche sowieso hier herausgebracht werden mußte, hatte die Komman- dantur die Gelegenheit ausgenutzt, Brennholz zu be- schaffen, vertrocknetes, verfaultes Wurzelwerk, das an dieser Stelle zahlreicher war als in der Um- gebung des Lagers. Das war der Sinn der sieben leeren Wagen, das war das erwachte Gewissen des Kommandanten, das war das Rätsel der Humanität, und das war die Pflicht der sechzig Besten des Lagers: auszufahren mit einem Toten und heimzu- kehren mit einer Fuhre Holz. Aber seltsam— trotz der plötzlichen Aufwallung, 38 - der rot dumpf zum Kopf schießenden Wut und Scham des Betrogenseins, gingen die Gefangenen erleichtert an die Arbeit. Das Gesicht ihres Gegners stimmte wieder. Ja, so sah es aus, wie sie es kannten, wie sie es immer vor sich gesehen hatten, roh, brutal, gemein und sie wußten wieder, es geschehen keine Wunder, die Welt geht weiter, und dieses Gesicht wird es sein, dem sie gegenüberstehen werden am Tag der Abrechnung. An diesem Bewußtsein konnte auch das Rätsel des Priesters nichts ändern, das sich ihnen erst einige Zeit später löste und ihre Haltung glänzend rechtfertigte. Das kirchliche Begräbnis war auf den Druck der Bevölkerung zurückzuführen, die von den zahlreichen Erschießungen in Esterwege Wind bekommen und in verschiedenen Eingaben an die Behörden ihrer Empörung Luft gemacht hatte. Seit dieser Zeit hatten die Erschlagenen in Esterwege an einer normalen Krankheit gestorben zu sein und behördlich registriert, mit den Segnungen der Kirche versehen, in den Himmel zu treten. So reihte sich auch diese Anordnung würdig in die Reihe aller andern ein und rundete das Charakterbild der Esterweger Lagerleitung auf das trefflichste ab. Der fünfte unter den acht Zurückgebliebenen aber war der Schreiner. Und zum erstenmal seit seiner Einlieferung regte sich unter der Kruste seiner Angst und Furcht ein anderes Gefühl. Tief im Schacht seines verschütteten Innern flammte es auf wie ein zaghaftes Licht im Stollen das Gefühl für die Ungerechtigkeit, die ihnen allen angetan 39 wurde. Geborgen in der Masse und nicht als einzelner vor seine Peiniger gestellt, regte sich in ihm der Abwehrwille des Beleidigten, schwach noch, aber so spürbar, daß sein Herz klopfte und sein. Atem schneller ging. Die acht machten sich an die Arbeit. Sie holten Schaufeln, Spaten und Holzplanken, die sie als Brücke über das Moor nach der Insel legten, suchten den Platz aus und schaufelten das Grab. Sie arbeiteten still und schnell, mit verbissenem Eifer, die Spaten hieben knirschend in die Erde, die Schaufeln flogen im Takt. Nicht weit von der Feldbahn wartete das Auto des Priesters. Er war trotz dem Regen, der wieder eingesetzt hatte, ausgestiegen und ging, von Zeit zu Zeit auf seine Uhr schauend, auf der Landstraße auf und ab. Als die Grube tief genug ausgehoben war, reinigten sich die Gefangenen sorgsam und bedächtig von den Erdklumpen, die an ihren Schuhen und Hosenbeinen hingen, legten die Schaufeln ins Gras und gingen zur Feldbahn zurück. Der Priester trat eilig hinzu, der Truppführer kam, die Meßbuben stellten sich auf. Sechs Mann nahmen den Sarg auf die Schulter, zwei trugen die Stricke. Zuvorderst ging der Junge mit dem Stabkreuz über die Planken. Dann kam der Sarg. Seine rauhen Kanten schnitten in die Schultern der Träger. Mit kurzen, tastenden Schritten schwankten sie über die schmalen Bohlen, die sich unter dem Gewicht tief in den Sumpf bogen, aus dem trübes, 40 schwarzes Wasser hochstieg und die Füße überfloẞ. Hinter dem Sarg schritt der Pfarrer. In sein Gebet versunken, erblickte er die überschwemmten Bohlen, zauderte, blickte unschlüssig auf, raffte seinen langen Rock hoch und hüpfte mit drei unfeierlichen Sprüngen auf die Schonung. Dann kamen die beiden anderen Jungen, die Strickträger und schließlich der Truppführer. Die Strickträger zogen darauf zwei von den Bohlen ein, wie den Landsteg eines abfahrenden Schiffes, und legten sie quer über die Grube, damit die Träger den Sarg darauf abstellen konnten. Der Priester begann sein Gebet. Die Gefangenen hatten währenddessen die Stricke um beide Sargenden geschlungen und standen, vier Mann an jeder Seite, zum Herablassen bereit. Der stärker strömende Regen veranlaßte den Geistlichen, die Feier zu beschleunigen. Mit seinem breiten Ärmel schützte er das offene Buch, schneller flossen die Worte aus seinem Mund, und die langgezogenen, singenden Töne folgten einander in Eile. Gespannt und aufmerksam beobachteten die Gefangenen das Zeremoniell. Jetzt mußte, irgendwann einmal, im mechanischen, gleichmäßigen Strom seiner Rede der Name aufleuchten, der Name des toten Genossen, mit einem Schlag würde er hervortreten aus dem Dunkel seiner Namenlosigkeit und sagen: Das war ich, erinnert euch meiner, wenn ihr der Toten gedenkt. Auf ein Zeichen des Priesters ließen sie den Sarg 43 hinab, schmerzhafteste Minute, wenn der Tote mit seinem Gewicht an den Stricken reißt, sich losreißt von den Lebenden in die Tiefe, und schon sprach der Pfarrer: ... und so vertraue ich die Seele des hier ruhenden... des hier ruhenden..." - verdutzt hielt er inne. Wie ein erschreckter Schlafwandler blickte er auf- die Bestürzung malte sich deutlich auf seinem Gesicht hilflos starrte er zurück ins Gebetbuch, dann wieder hoch, seine Augen wanderten suchend in der Runde und blieben fragend beim Truppführer hängen. Der stand, die Mütze lässig in der Hand, unbeweglich, als hätte er den peinlichen Zwischenfall überhaupt nicht bemerkt und blickte interessiert ins Moor hinaus, wo die gebückten Gestalten der holzschleppenden Gefangenen zu sehen waren. ... des hier ruhenden-", stotterte der Pfarrer nochmals, sammelte sich und fuhr fort: ,, des hier Ruhenden der Nachsicht und Barmherzigkeit des Allmächtigen...", und weiter floß der Strom in vertrauter Bahn. Als er gesegnet, geweiht und Erde gestreut hatte, wandte er sich schnell um und ging, von den Meẞbuben gefolgt, davon. Zurück blieben die Gefangenen, vier Mann an jeder Seite der Grube, und der Truppführer, der sich, sichtlich erleichtert, daß alles vorüber war, die Mütze über den Kopf zog. ,, Zuschaufeln!" In der Sekunde, in der sich der Schreiner um44 wenden wollte, um nach der Schaufel zu greifen, fiel sein Blick auf die Kameraden. Es war eigentlich nur der Bruchteil einer Sekunde, ein Schnappschuẞ seiner Augen, der ihn mitten in der Drehung aufhielt, zögern, seine angefangene Bewegung abbrechen ließ, und in diesem Nichts von Zeit, weniger als ein Blitz, kürzer als ein Gedanke entschied sich sein Schicksal. Alles, sein Leben, Denken, Fühlen, Trachten, Handeln wurde bestimmt in diesem Hauch einer Sekunde. - Er sah seine Kameraden. Keiner rührte sich, um dem Befehl nachzukommen. Steif blickten sie in die Grube, auf den Sarg und die ersten auseinandergespritzten Erdklumpen. Der Ausdruck ihrer Gesichter aber war es, der den Schreiner zurückriẞ, war der Befehl, der Schrei, der Ruf, der stärker war als Todesfurcht und Feigheit. Die blutlosen Lippen zusammengepreßt, daß die Kinnbacken fremd und weiß hervorstehen, darüber schmale, harte Schlitze von Augen, die Stirnen dunkel geschwollen, verfaltet wie zerknülltes Leinen, von Furchen und ringelnden gestauten Adern durchzogen gefähr- liche, dickflüssige, im Augenblick höchster Unruhe erstarrte Gesichter, in bleicher Siedehitze von ungeheurer Anstrengung und Willenskraft geprägte Masken. In den drei folgenden, tödlichen Sekunden, die in grauenhaftem Schweigen zäh und langsam dahinkrochen wie Tage, Wochen, Jahre, Ewigkeiten, in denen nur die nassen Zweige im Gebüsch knackten und die Regentropfen leise aufschlugen, stand der 45 Schreiner in Reih und Glied. Sausend wie Peitschenhiebe, sengend wie glühender Stahl durchfuhren ihn Furcht und das Verlangen, nach der Schaufel zu greifen er blieb stehen. - ,, Zuschaufeln!" zweitenmal. schrie der Truppführer zum Die acht Gefangenen rührten sich nicht. ,, Zuschaufeln!" schrien auch jetzt die SS- Männer und kamen näher. Regungslos standen die Gefangenen und starrten in das Grab. Der Schreiner inmitten seiner Kameraden hörte die Befehle nur noch wie hinter einem Schleier. Die Quelle in seinem Herzen war freigelegt. Mächtig und rein stieg Welle auf Welle hoch und erfüllte ihn mit unsagbarem Glück, tiefem Bewußtsein seiner Menschwerdung, seiner Kraft, seiner Zugehörigkeit zur großen Familie, dunkel brauste in ihm der Strom der Bruderschaft, der zerschlagene, zerprügelte Mensch erhob sich von der Erde, erweckt vom Beispiel der Solidarität seiner Brüder, und mit der unaussprechlichen Wonne, die das Wissen um die Gemeinschaft verleiht, trat er wieder ein in die Reihen der Kämpfenden. Drei Minuten verharrten die Gefangenen in ihrer Stellung, obwohl die immer aufgeregtere Wachmannschaft, die kaum mehr wußte, wie sie sich angesichts solcher Entschlossenheit verhalten sollte, auf sie einbrüllte, die Karabiner von den Schultern riẞ und Miene machte, auf sie anzulegen. 46 Als die Zeit um war, sagte einer der Gefangenen leise: ,, Jetzt." Darauf ergriffen sie ruhig die Schaufeln, und polternd flogen die Schollen in die Grube. Es war Abend geworden, bis die zehn Wagen mit Brennholz gefüllt waren. Das Geheimnis des Toten blieb ungelöst. Angekommen am Abend und begraben am nächsten Tag, ruht er im weiten Moor. Aber der Lebende, mit ihm angekommen am gleichen Abend und verloren für die Sache der Freiheit, war der erste, den er durch seinen Tod in die Reihen der Kämpfer führte. Der erste aber nicht der letzte. 47