Einführung Vorwort INHALT Menschen und Leben in Dachau Seite 7 11 15 Dachau 17 Was ist Wahrheit? - Der Mensch im Lager Nummer 26 800 Hugo der Appenzeller In der Qual des Alltags Der Prominenten"-Block Ohnmacht gegenüber Gewalt 22 27 33 - Vom Hungern - Scheidung der Geister 41 Nur Hände! Die Berufsgruppen im Lager Handwerker und Industrieleute - Arbeiten Von Intellektuellen SS Leute - Geistliche - Künstler Seelisch zerstörter Mensch Grundsatz der Geheimhaltung Typen - Dirlewanger - - Korruption Häftlinge verwalten sich Die Todesbrigade Hierarchie von Funktionären - Machtkämpfe zwischen - den Parteirichtungen Von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christlich- Sozialen Die Capos - Prolet und Mensch Gefährdung und Versuchung Bewährung durch Menschlichkeit 49 60 70 Typisches von Nationen Die Reichsdeutschen - Österreicher Polen Holländer - Luxemburger Franzosen - Tschechen Russen - Seite 76 l' Unter Kranken Pfleger und Verderber Menschen C 87 â - Priester h 104 114 Von Transporten und vom Fleckfieber Masse- ohne religiöses Bedürfnis? - - Die Situation Seelische Vereisung- Alarmierender Befund Priester in Dachau 121 - Seelische Eine Statistik Größe und Leidensmut - Der Priester- Block Drei Namen Ein unerwarteter Ausklang - - - März und April 1945: Höchste Spannung Abtransport der ,, Prominenten" Ein Tagebuch Seltsame Begegnungen: Niemöller, Leon Blum, Dr. Schuschnigg. Dr. Pünder, Dr. Schacht, Horthy jr., Badoglio jr.; Sippenhäftlinge: die Stauffenberg, Gördeler, Plettenberg; deutsche Generale: Thomas, Halder Die Befreiung Nachschrift Lehren Der zerstörte Mensch - Der Irrweg des a- christlichen Humanismus Der Ruf an die Christen Verantwortung des mündigen Kirchenvolkes Anhang Lagerbriefe Bilddokumente 137 147 149 165 187 I- VII EINFÜHRUNG دو Les infortunés déportés qui arrivaient au camp de Dachau vers l'année 1943 étaient reçus à la Registratur" de l'infirmerie, au cours de leur visite ,, d'incorporation", par un camerade déjà âgé qui les frappait tous par son air de bonté et par sa bonne humeur. Souvent, lorsque l'un d'entre eux criait trop fort sa faim, ce camarade s'en allait dénicher pour lui derrière une pile de pseudodossiers un précieux morceau de pain. On le voyait aller et venir dans les allées de ce sinistre camp de Dachau, un dossier médical sous le bras, qui lui servait d'alibi. En fait, il allait diffusant les nouvelles de l'extérieur, qui lui parvenaient par des moyens sûrs et dangereux. Il était l'ami tout à la fois des Polonais et des Tchèques, des Yougoslaves et des Hollandais, des Italiens et des Belges. J'ajoute qu'il avait une prédilection particulière pour les Français et qu'enfin, les prêtres allemands du block 26 le considéraient comme un des leurs. En réalité, père de famille nombreuse, vieux militant de toutes les causes du catholicisme social, il s'efforçait, dans ce milieu infernal, de virve jour après jour l'ideal de charité qui avait animé toute sa vie de disciple de Ketteler. Tel nous apparut l'auteur de ce livre, notre ami Joseph Joos, arrêté plus de quatre ans avant parce qu'il avait opposé sa Résistance morale au nazisme. Il n'est pas un Français du camp de Dachau qui ne garde du Père Joos un souvenir attendri et reconnaissant. J'avais le devoir d'ajouter ce témoignage au présent recueil de souvenirs et je suis bien loin, ce faisant, d'épuiser la dette de reconnaissance que j'ai à l'égard de Joseph Joos, pour l'exemple de charité chrétienne et de constance dans les épreuves qu'il m'a donné ainsi qu'à tant d'autres, au cours de ces sombres années que nous avons vécues côte à côte. Edmond Michelet MINISTRE DES ARMÉES 7 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG WE Jo ch Die unglücklichen Deportierten, die gegen Ende 1943 in das KZ Dachau kamen, wurden in der Registratur des Reviers zum Zwecke der Anlage ihrer Krankenakte von einem älteren Kameraden empfangen, der ihnen durch seine Güte und seinen frohen Sinn auffiel. Zuweilen, wenn einer gar zu ausgehungert aussah, hatte dieser Kamerad hinter einem Stoß ,, Akten" ein kostbares Stück Brot für ihn bereit. Er ging und kam durch die Alleen dieses verhängnisvollen Lagers von Dachau, einen Krankenakt unterm Arm, sein Alibi für alle Fälle. Tatsächlich brachte er Neuigkeiten von draußen, die ihm auf sichern und gefährlichen Wegen zugegangen waren. Er war in gleicher Weise Freund aller, der Polen und der Tschechen, der Jugoslaven und der Holländer, der Italiener und der Belgier. Ich füge hinzu, daß er eine besondere Zuneigung für die Franzosen bewies, und daß die deutschen Priester von Block 26 ihn wie einen der ihrigen betrachteten. In Wirklichkeit war er - Vater einer kinderreichen Familie und seit vielen Jahren auf dem Gebiete des sozialen Katholizismus tätig bemüht, in diesem höllischen Milieu Tag für Tag das Ideal der Nächstenliebe zu verwirklichen, das ihn, als treuen Schüler Kettelers, sein ganzes Leben hindurch bewegt hat. - So erschien uns der Verfasser dieses Buches, unser Freund Joseph, Joos, der schon Jahre vor uns in das KZ Dachau verbracht war, weil er dem Nazisystem moralischen Widerstand entgegensetzte. Es gibt keinen Franzosen des Lagers Dachau, der nicht für Vater Joos ein herzliches und dankbares Andenken bewahrt hätte. Ich betrachte es als meine Pflicht, dem vorliegenden Rückblick auf Dachau dieses Zeugnis hinzuzufügen. Und indem ich es tue, 8 im Se weiß ich mich weit entfernt davon, die Dankesschuld an Joseph Joos abgetragen zu haben für das Beispiel einer unentwegten und vielen anderen christlichen Hilfsbereitschaft, die er mir im Verlaufe der dunklen Jahre der Prüfungen, die wir Seite an Seite miteinander verlebt haben, gewährt hat, Paris, 26. Juli 1946. Edm. Michelet Ministre des Arm&es TEE TEE TEE EIERN VORWORT Diese Schrift spricht nicht über Konzentrationslager, sondern nur von Begegnungen und Beobachtungen in einem. Ihr Objekt ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere, nicht der Farb-, fleck, sondern die Nuance, nicht so sehr die Sache, vielmehr der Mensch. Sie will nicht ersetzen, was über Dachau geschrieben worden, sondern es ergänzen. Sie erwähnt vieles nicht, was man gemeinhin weiß, und wendet sich dem zu, was man auch wissen sollte. Sie ist keine Dichtung, sondern Wahrheit, kein Roman, sondern Erlebnis. Auf dem Wege der Vernichtung, im Todesschatten wandernd, behauptete sich der Mensch, frei geboren und dem Lichte zugewandt, Zeuge triumphierenden Geistes über gnadenlose Gewalt. In unseren Schilderungen werden wir derer gedenken, die, im Leiden wahrhaft groß, die Seele offen und unbefleckt erhalten haben, bereit zum brüderlichen Dienst am Gefährten der Schmerzen. Wem das Leben im KZ über das Individuelle hinaus zum sozialen Erlebnis geworden, hat in ihm ein Stück Welt im Spiegel gesehen in den beklemmenden Finsternissen der gefallenen Natur, wie in der strahlenden Helle des Gesegneten. - Beide Welten umgaben uns: die eine als Qual, die andere als Trost. Im trüben Schein der Lageratmosphäre werden wir den Gestalten begegnen, die sie verkörperten und lebten. Uns war es vergönnt, zu überstehen. Der Herr über Leben und Tod rettete uns aus des Jägers Schlinge und aus Ungemach". Kameraden, die mit uns waren und noch Härteres gekannt, sind verbrannt und ihr Staub in die Winde verstreut. Ihr Andenken sei gesegnet! 11 \ Sie kommen von einer Stätte der Trauer... Kehren Sie zurück von diesem Ort der Schmerzen mit Gedanken voll Haß und Zorn gegen die Men- schen, dann sind Sie bemitleidenswert; kehren Sie wieder in Gedanken der Güte und des Friedens, dann sind Sie mehr wert als jeder von uns. Myriel, Bischof von Digne, zu Jean Valjean nach dessen Rückkehr von der Zwangsarbeit (Victor Hugo,„Les Mise&rables‘*) DACHAU ,, Ein schweizerischer Journalist hat Leute aus der Gegend von Essen- Ruhr darüber ausgefragt, was sie von deutschen Konzentrationslagern wußten. Hier einige der gegebenen Antworten: Ein Arbeiter: Greueltaten in den Lagern? Wir waren davon nicht unterrichtet. Ein anderer Arbeiter: Ich kümmere mich nicht mehr um Politik. Das bringt einem nur Unannehmlichkeiten. Ein dritter Arbeiter: Greueltaten? Im großen und ganzen Propaganda. Eine junge Lehrerin: Ich war in der Partei bis zu dem Tage, da die SS mich zwangen, in den Dienst der Volksvermehrung inzutreten. Konzentrationslager? Darin waren doch nur Juden, Polen und gemeine Verbrecher aus allen Ländern..." So eine Zeitungsnotiz im Spätherbst 1945. Was ist Wahrheit? Wir wollen sie dem ablesen, was wir im Konzentrationslager zu Dachau zwischen 1941 und 1945 gesehen und erlebt haben. Wen der Schutzhaftbefehl nach Dachau verschlug, mußte mit dem Letzten rechnen. Nicht so, als ob er damit schon zum sicheren Tod verurteilt war das traf auf nicht wenige zu sondern, weil man da unversehens und leicht zu Tode kommen, in der Lagersprache ,, durch den Kamin gehen" konnte. - - Mit dem Begriff Konzentrationslager verbindet man allgemein Gewalttod und Massenhinrichtungen. Nicht ohne Grund, wie Zeugenaussagen und Berichte übereinstimmend lauten. Indes ist zu unterscheiden: In Dachau waren es in den Jahren 1941 bis 1945 nicht Massenexecutionen, die die Zahl der ,, Abgänge durch Tod" in die Höhe trieben es starb jeder dritte Mann. Dabei zählte das Lager an Häftlingen 1941: 5100( mit Außenkommandos 10 000); 1942: 7000 - 2 17 ( 14 000); 1943: 19 000( 40 000); 1944: 25 000( 50 000), und im ersten Vierteljahr 1945: 33 000-35 000 Mann, ¹) Die Mehrzahl versank im normalen Ablauf des Lagerlebens. Gewiß wurden auch Häftlinge ,, fertig gemacht": durch Erhängen, Erschießen, einzeln oder in kleinen Gruppen. Die Betroffenen gingen in der Regel über das ,, KA"( Kommandantur- Arrest), wurden im Lager nur an bestimmten Stellen notiert und kamen selten auf den Block. Mit dem Schutzhaftlager Dachau war ein Straflager der SS verbunden. Strafanstalt und auch wohl Uebergangsetappe zur Exekution. So sahen die zivilen Häftlinge in der Morgenfrühe des öfteren den bekannten Lastwagen mit SS- Todeskandidaten unter Bedeckung zum Schießplatz fahren. Gaskammern funktionierten in Dachau nicht. Noch nicht! Sie waren in Arbeit. Materialmangel bewirkte eine Stockung. Und als es soweit hätte sein können, ließen die katastrophalen Ereignisse an den Fronten die Fertigstellung und Inbetriebsetzung nicht mehr geraten erscheinen. Erschöpfung und Mangelkrankheiten( Oedeme, Phlegmone, Darmleiden, Hungertyphus, Nieren- und Herzleiden), waren es, die die Häftlinge in den ersten Monaten zu Boden rissen. Dem körperlichen Zusammenbruch ging in der Regel ein Und Niederbruch der moralischen Widerstandskräfte voraus. diese wiederum zerstäubten in der Vielfalt der niederdrückenden und erbarmungslosen alltäglichen Dinge, die die Atmosphäre eines KZ ausmachen. Verfasser dieser Aufzeichnungen hat jahrelang unter Kranken im KZ Dachau gelebt und hat den inneren und äußeren Zusammenbruch von Tausenden zu beobachten Gelegenheit gehabt. Für die meisten von ihnen hat es einen psychologischen Augenblick gegeben, wo ihnen ein Trost, eine Ermutigung, eine Stütze und Hilfe Leben und Zukunft hätte retten können. Wurde dieser 1) Von 1933 bis April 1945 haben ca. 228 000 Häftlinge das Dachauer Lager passiert. 18 V e F I g ב d S e r Augenblick von irgend wem wahrgenommen, ging die Gefahr vorüber, um vielleicht nie wiederzukehren. Wurde er verpaẞt, war es zu spät. Wer konnte dem Versinkenden den Rettungsring hinwerfen? Die SS- Ueberwachung hatte andere Befehle. Vor ihr gab es weder Klage noch Beschwerde. Für sie war jeder Todesfall im Häftlingslager ein Schritt zur Erfüllung des Programms der„, Dezimierung" der Staatsfeinde in den KZ, die unentwegt zu fordern das ,, Schwarze Korps" nicht müde wurde. Die Kameraden? Was konnte schon der Ohnmächtige dem Ohnmächtigen sein! Da waren allerdings die ,, Langjährigen", die Erfahrenen. Sie standen zumeist in der Häftlingsselbstverwaltung ir. einer Funktion, als Block- oder Stubenälteste, als Capos oder Schreiber kurz, sie hatten Einfluß und mannigfache Möglichkeiten. Sie nutzten sie wohl aus in dem Rahmen, der ihnen gemäß schien, das heißt in Grenzen, die nicht allein durch die Lagerverhältnisse diktiert waren. - Diese große Häftlingsstadt in Dachau war in sich zu differenziert, als daß auch nur eine Gemeinschaft des Schicksals sich hätte herausbilden können. Die nationalen Eigentümlichkeiten, unterstrichen durch die abgesonderten Baracken, schieden die Menschen schon stark voneinander 2). Die Klassenunterschiede und Klassenvorurteile und die dahinterliegenden weltanschaulichen Einstellungen trennten sie noch tiefer. Dazu kamen Fremdgefühle durch Bildung und Er2) Am 24. April 1945, vor Ankunft der amerikanischen Truppen, gehörten nach einer Statistik von Fr. Goldschmitt, enthalten in ,, Elsässer und Lothringer in Dachau"( Bd. Nr. 1, S. 13) zum Lager Dachau, also mit Einschluß der Außenkommandos, in abgerundeten Zahlen: Polen 15 000, Russen 13 500, Ungarn 12 000, Franzosen 7 000, Reichsdeutsche 5 000, Litauer 3 000, Italiener 3 000, Tschechen 2000, Slovenen 1700. Es folgten in Zahlen unter 1000: Belgier, Holländer, Kroaten, Griechen, Serben, Spanier, Slowaken, Letten, Luxemburger, Staatenlose; unter 100: Türken Norweger, Rumänen, Bulgaren, Engländer, Schweizer, Amerikaner. 2* 19 " ziehung, Gegensätze von jung und alt, deutlich spürbar und in primitiv- rohen Formen zum Ausdruck gebracht. Und welch eine Kluft im Denken und Handeln zwischen den verhältnismäßig wenigen Grünen", wegen Vergehen oder Verbrechen Bestraften, und der Masse der ,, Roten", den Politischen. Die Grünen einte die ihnen gemeinsame Tatsache des Kriminellen, und wo ihnen, in Arbeitskommandos, im Block oder auf der Stube, die Leitung zufiel oder von der SS ihnen in die Hand gespielt wurde, mißbrauchten sie sie aus dem Urinstinkt des Gefallenen bedenkenlos gegen die politischen Häftlinge. Das Leben im Lager war so unsicher und so gefährdet, der Kampf um Sein oder Nichtsein so blutigernst, daß der Trieb zur Selbsterhaltung übermächtig durchschlug und Denken und Trachten des Häftlings, aller Widerstände spottend, unter seine Herrschaft zwang. ,, Jeder sich selbst der Nächste!" Und: ,, Da sieh Du zu!" Im KZ begegnete uns der Mensch in seiner brutalen Nacktheit. Alle Masken, Hüllen und Künste der Verstellung verloren ihren Sinn und alle angeklebte, nicht von innen gewachsene Kultur, splitterte wie dürrer Lack unter den Erschütterungen ab, die dieses gefährliche Leben in sich trug. Und da es gegenüber der absoluten Gewalt der SS nur ein stummes Gehorchen gab, brachen die im Einzelnen angestauten Miẞstimmungen und Gereiztheiten, Verbitterung und Haẞ um so hemmungsloser gegenüber dem Mithäftling durch. Die Selbstverständlichkeit und Unbekümmertheit, die Roheit und der Zynismus, mit der sich dieser und jener dem Kameraden gegenüber durchsetzte, war niederschmetternd, und die Gewalt der ausströmenden Bosheit wirkte um so bedrückender, je weniger der Einzelne durch Milieu und Erziehung darauf vorbereitet war. Wie das Aufkommen und die In- Machtsetzung des nationalsozialistischen Systems letztlich nur im Nichtvorhandensein und in mangelhafter Ausprägung einer dem Wesen des Menschen und seiner höchsten Bestimmung gemäßen Bildung und charakterlichen 20 r Erziehung erklärt werden kann, so auch nur von hier aus das jammervolle Bild dieses scheinbar geordneten, in Wahrheit wirren Menschenhaufens. Häftlinge genug! Wo blieb der Mensch? Auch er war da, der leidende, duldende, hoffende und versin- Held auf kende, der widerstehende und sich behauptende Menscheinem Schlachtfeld eigener Art, das weder Namen noch Auszeichnungen kannte; nicht einmal Gräber für seine Gefallenen. Sein Gegenspieler war der Andere, voll Haß und Willkür, von dämonischen Gewalten aufgestört und zum Vernichten bestimmt. Er zog in seinen Dienst Versklavte verdorbener Natur, Geist von seinem Geist. Der Mensch kann ja viel tiefer sinken, als wir gewußt haben! ,, Dachau", so formuliert ein Häftling ,,, eine Narrenstadt, eine Sklavenstadt, eine Hungerstadt, eine Todesstadt!" So ergeben sich viele Beispiele von Größe in der Ohnmacht und von Niedrigkeit in der Vollmacht, unvorstellbar bis dahin in ihren ein dröh.Ausmaßen und Bedingungen. Grausame Wirklichkeit. nender Warnungsruf für alle Zeit gegenüber naiver Fortschrittsschrittsgläubigkeit. - Das Leben im Konzentrationslager, jahrelang gelebt, hat den Menschen vor die eigentliche Bewährung gestellt. Hier, in jedem Augenblick vor dem Allerletzten stehend, mußte er wachsen oder abnehmen, mehr werden, als er vordem war, oder weniger. Stehen bleiben war nicht denkbar, weil der Möglichkeiten, zu sinken, zuviele waren. Alle Mängel und Lücken in der Individualund in der Sozialerziehung traten in diesem Leben auf Widerruf hart und kraß zutage. ,, Auf Widerruf", ja! Heute noch gewährt, morgen entzogen. Die Situation zwang den lebendigen Menschen zu äußersten Anstrengungen und formte an ihm unentwegt. Und von der SS und ihrer Führung in ihren dunklen Geschäften unabhängig und für sie völlig unkontrollierbar, vollzog sich im Innern von vielen etwas, was ihr scheinbar verlorenes Leben weit hinaus hob über das vergangene. Sollte daraus nicht eine Kraft gewonnen sein für die Gestaltung der allezeit gefährdeten Menschheit? 21 NUMMER 26 800 ,, Am Menschen, dem Ebenbilde, das von Christus über seinen Fall erhöht wurde, ist der furchtbarste Frevel geschehen. Ein rätselhafter Haß auf den Menschen war durchgebrochen. Vielleicht fühlten diejenigen, die diesem Haß sich hingaben, daß in ihnen das Ebenbild zertrümmert war..." Reinhold Schneider ,, Von der Würde des Menschen" in ,, Gedanken des Friedens". 1936 war ein Freund für zehn Monate nach Dachau geschickt worden, weil er das verwegene Wort gesprochen:„ Ich rechne es mir zur Ehre an, seit 1933 einige Male in Schutzhaft gewesen zu sein." Unmittelbarer Anlaß war die große Männerandacht, die er im Dom zu Augsburg angeregt und organisiert hatte. Die kirchliche Behörde hatte ihre Zustimmung gegeben, und obschon die Glocken zu dieser außergewöhnlichen Männerfeier vorsichtshalber nicht geläutet wurden, war der Dom dennoch brechend voll. Das genügte der Gestapo. Als er, der hünenhafte Mann in den besten Jahren, nach Monaten zurückkam, war er 60 Pfund leichter, weiter nichts. Zwar hatte man ihn in Dachau drei Monate lang in der Kiesgrube arbeiten lassen, und jeden Tag, wenn ihn der SS- Posten mit dem geschulterten Gewehr übernahm, hieß es: ,, Du schwarzes Schwein, heut ist Dein letzter Tag." Aber der Posten bekam keine Gelegenheit zu schießen, und unser Freund war bald als gelernter Tischler gesucht, und fungierte die letzten Monate vor seiner Entlassung als Vorarbeiter. ¹) Als wir ihn zum ersten Mal trafen, fragte er be1) Was der Gestapo 1936 nicht gelungen, diesen wackeren Mann, Laien- Sekretär der Katholischen Aktion der Diözese Augsburg, Hans Adlhoch, zu vernichten, gelang ihr 1945. A. war im Herbst 1944 aufs Neue verhaftet worden. Wiederum Häftling im KZ Dachau, war er den entsetzlichen Zuständen auf den überbelegten Blöcken gesundheitlich nicht mehr gewachsen. Er überlebte zwar die Befreiung, starb aber einige Wochen danach. 22 a e ב e ב t 1 , t e deutungsvoll: ,, Wollt Ihr wissen, wie es war. Es ist uns unter Todesstrafe verboten, indes, die Frage ist lediglich die: was können Eure Nerven ertragen." Er erzählte und wir glaubten dar aus unter anderem entnehmen zu können, daß das Leben in einer Familienhaftes an sich habe KZ- Baracke so etwas - An diese Vorstellung, die natürlich falsch war und auf einem groben Miẞverständnis beruhte, mußte ich denken, als ich an jenem 23. Juli 1941 ahnungsschwer vom Internierungslager Wülzburg zur Gestapo Nürnberg ,, überstellt" war. Der korpulente Gestapo- Mann im Nürnberger Polizeipräsidium musterte unzufrieden Was wollen Sie die Koffer des französischen Zivilinternierten: mit den Sachen? Da, wo Sie hinkommen, können Sie nichts davon brauchen."- ,, Wo komm ich denn hin?"- ,, Nach Dachau." - Also. - Zuvor lagen wir noch zwei Tage im Gestapogefängnis auf Brettern, zu sechs Mann, wovon der eine verdächtig neugierig herumfragte, als ob er einen Auftrag dazu gehabt hätte. Ein Beamter der Stadt Nürnberg mit Namen Friedrich wurde in der Nacht hereingeschoben. Er hatte, wie er mir erzählte, eine kritische Bemerkung gemacht, als man die Kruzifixe aus den Schulen nahm. Er war ein vom Glauben tief ergriffener Mann, voll Mut und Würde. Wir verstanden uns gleich und haben uns, aller Dinge gewärtig, in aller Stille darauf vorbereitet. Er kam nicht nach Dachau. Die Polizei hatte uns kaum aus dem Gefangenenwagen der Reichsbahn den SS- Leuten übergeben, da stürzte es schon über uns herein: ,, Auf geht's, los, los!". Und wir waren buchstäblich in den bereitgestellten Lastwagen hinein getreten. Wir wuẞten nicht, wie uns geschah, und schon hatten wir das SS- Lager mit den Kasernen, den Waffen- und Waren- Depots durchfahren und landeten. ,, Alles raus!" Wir standen vor der politischen Abteilung, der Gestapo des Lagers, noch außerhalb des eigentlichen Schutzhaftlagers. Damals konnten wir nicht ahnen, welch giftige Eifersüchteleien und reißenden Gegensätze zwischen dieser poli23 tischen Abteilung und der SS- Schutzhaftlagerführung bestanden: nicht entfernt ahnen, daß ein Jahr später in dieser Abteilung uniformierte Leute sitzen konnten, die bereits und fortschreitend mehr oder weniger offen bekundeten, daß sie im Dienste von Dingen ständen, mit denen sie innerlich nichts zu tun haben wollten. - - Damals, 1941, blieb uns der widerliche Eindruck höhnisch grinsender SS- Leute. Geschlagen wurden wir nicht, wie es früher Mode war, aber einzeln ausgehöhnt. Wir hatten unsere Nummer, wurden mit ,, Du" angeredet, mit irgendeinem Attribut aus einem ganz groben Schimpflexikon. 26800 meine Nummer. Verstört schaute jeder auf die schwarzen Ziffern auf dem weißen Leinenstreifen. Eine Nummer kein Name mehr, oder doch nur mehr hinter der Nummer. Kein Mensch mehr, nur ein Staubkorn im Wüstensand, weniger als der Boden, auf dem wir standen, weniger als der Strohsack, auf dem wir unsere zerschlagenen Glieder niederstrecken sollten. Geschoren, abgebraust, der Kleider beraubt, nichts Eigenes mehr als ein Taschentuch, ein Sträflingsanzug, der mit rotem, grünem, schwarzem oder violettem Winkel zu versehen war, je nachdem, Holzschuhe aus. Häftlinge vom Arbeitskommando ,, Schubraum" und die Schubraumfriseure hatfen uns so hergerichtet, etwas robust, abgebrüht, augenzwinkernd und ein wenig höhnisch lächelnd ob der verwirrten und täppischen Neulinge. Es war ihr Dienst. - ,, Fertig! Ohne Tritt marsch!" Zum Zugangsblock. Wären wir nicht so übermüdet, so bestürzt, so zusammengedrückt und wie betäubt gewesen von all dem Unfaẞbaren und Unheimlichen des Augenblicks, so wäre uns aufgefallen, mit welch neugierigem Interesse die auf dem Appelplatz aufgereihten Massen den ,, NeuZugängen" entgegenschauten; hätten wir im Vorbeiziehen etwas von der Anlage dieser Galeerenstadt erfaßt: Das verhängnisvolle Tor, das wir am Jourhaus durchschritten, an Dantes Höllentor erinnernd, mit dem alle Hoffnung lautlos versank. Der langgestreckte 24 B k دوو 1 G h a. wen EEE EEE TEEN Bau, dem wir eben entronnen: Bad und Schubraum und Lager- küche, auf dessen Dach in mannsgroßen Lettern zu lesen war: „Es gibt einen. Weg in die Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Ordnunssliebe, Fleiß, Sauberkeit, Ehrlichkeit, Wahr- haftigkeit.” Und nun überqueren wir den öden Platz, der sich wie der auf- gerissene Riesenrachen eines Weltungeheuers öffnet, und biegen in die breite Lagerstraße ein, die sich vergebens bemüht, als Pappelallee angesprochen zu werden.„Blutpappeln” nannten sie die Kundigen, weil bei ihrer Einpflanzung soviel Blut vergossen worden sei. Links und rechts die gerade und ungerade numerier- ten Holzbaracken, Block genannt, jeweils durch ein dünnes, trau- rig-leeres Gäßchen voneinander getrennt. Der Zugangsblock, auf den wir zumarschierten, war der neunte. Wie alle, war auch die- ser Block in vier Doppelstuben aufgeteilt(Tagesraum und Schlaf- raum), denen jeweils ein Stubenältester vorstand. Stube 1, der Sitz des Blockältesten, dem die vier Stubenältesten unterstehen. In den folgenden Tagen, da man fürs Album Photos und Fin- gerabdrücke von uns nahm und jeder seinen Lebenslauf zu schrei- ben hatte, zeigte der Scharführer vom Erkennungsdienst ein ver- dächtiges Interesse für„Köpfe von Prominenten”, die man viel- leicht in Gips... Die Galerie der Gipsköpfe: in die Lager ver- schleppter Vertreter antinationalsozialistischer Parteien— war ein Sport der SS der ersten Jahre. Die Galerie verstaubte längst in einem Winkel, als es zu Ende ging. Der Herr Scharführer be- liebte sogar eine jener gequälten, in eine gekünstelte Leutseliz- keit getauchten Diskussionen mit dem sonderbaren Häftling zu beginnen, der nicht Kommunist, nicht Sozialist, nicht Krimineller, nicht Pfarrer war und in keine der Schablonen hineinpaßte. Solch Frage- und Antwortspiel suchten SS-Scharführer des öfteren mit Häftlingen, besonders wenn sie sich„Zeugen Jehovas” oder „Tempelwächter” nannten. Was sollten und was konnten die Ver- schüchterten und Niedergeschmetterten der ersten Stunde dem 25 { f = ’ allmächtigen Frager antworten? Es war das grausame Spiel der Katze mit der Maus. Erst später erkannten wir, daß es zum System der Konzentrationslager gehörte, vom ersten Moment an und dann immerfort, den Häftling zu demütigen, zu erniedrigen, alle Empfindungen von Selbstachtung und Selbstvertrauen in ihm zu zerstören, ihn innerlich zu zerbrechen. Der Mensch im Häftling sollte zugrunde gehen; er sollte sich gehen lassen, sinken, verlumpen. Damit seine feigen Verächter selbstgerecht darauf hinweisen konnten: ,, Seht, so sind sie, diese Staatsfeinde! Untermenschen!" Im Lager nannte man die Haltlosen, die Gesunkenen, die Verwahrlosten, die sich selbst aufgegeben ,,, Cretiner", das heißt verächtliche Subjekte, unbrauchbare unnütze Esser. Weg mit ihnen! e t 26 I 2.52 DEREN 7 NE: HUGO DER APPENZELLER Er konnte Böses tun und tat es nicht. Darum ist das Gute, das er wirkte, sichergestellt im Herrn. Buch der Weisheit In der Person des Blockältesten des Zugangsblocks bekamen wir erstmals Fühlung mit der Hierarchie der Häftlingsverwal- tung, mit Hugo, Ein hochgewachsener Mann, gesund, kräftig, elastisch, mit hell- blauen Augen und geschwungener Nase— ein Kopf, wie ihn Hod- ler malt. Schweizer von Hause aus, offenbar seit langem nach Beichsdeutschland verschlagen, nannte er beiläufig das Appen- zellerland als seine eigentliche Heimat. Er soll ein kritisches Buch über Hitler geschrieben haben. Jedenfalls war er geistig geweckt, schon Jahre im KZ, hatte bei der Lagerführung eine gute Nummer und galt überhaupt etwas in der Lageröffentlichkeit. Später zum stellvertretenden Lagerältesten avanciert, durch In- triguen beseitigt und ins Lager von Natzweiler versetzt. Von da nach Friedrichshafen, wo er 1944 bei einem Luftangriff in Stücke gerissen wurde. Hugo tat sich etwas zugute auf seine philosophische und psycho- logische Veranlagung und gab jedem Intellektuellen vom ersten Moment an zu verstehen, daß er es mit jedem sogenannten Gebil- deten aufnehmen und sich von keinem hintergehen lassen würde. „Versucht es nicht mit Angeberei!” meinte er.„Ich durchschaue jeden”. Er fühlte sich nicht nur als Psychologe, sondern auch als Pädagoge und machte ausgiebig Gebrauch davon. Trotzdem: er war menschlich, jedenfalls in Dachau. Als er einen Priester dabei antraf, seine geringe Brotration noch aufzuteilen und an Kameraden zu vergeben, und als derselbe Priester jedwede Zuwendung rundweg ablehnte, rief Hugo voller 27 Erstaunen aus:„Seht einmal da! Das imponiert mir!” Und er hat in der Folgezeit weitgehende Schlußfolgerungen gezogen. Diesen Ordensmann schützte er, wo er nur konnte, und er bewahrte ihn auch wie andere vor einem gefährlichen Transport, Wir waren auf seinen Block gekommen, an die 40 Mann, ein buntes Gemisch nach Herkunft, Beruf und Schicksal. Auch einige Kriminelle zwischen den Politischen>Huse ieß uns in einer Ecke der kleinen Blockstraße antreten und begann: „Wer bist Du? Weshalb bist Du hier?” Wir waren Journalisten, Geschäftsleute, Bauern, Arbeiter, Lehrer. Bei zwei Alten, mit auf- fallenden Kinnbacken und etwas abstehenden Ohren, kam’s bald heraus:„Wegen Sittlichkeitsvergehen im Rückfall.’—„Ach so, dachte ich mir, wahrscheinlich auch noch mit Minderjährigen, was? Da, Du———' und schon saß der Schlag im Gesicht des einen, und dann des anderen. Die Reihe war um.„Also, Ihr seid hier in Dachau. Hier ist das Leben ein Dreck, und die Strafen sind barbarisch. Wer Brot stiehlt, wird erschlagen. Dachau ist ein Lager der Politischen, derer mit dem roten Winkel. Wegen seiner politischen Gesinnung ins KZ kommen ist keine Schande; aber wegen eines gemeinen Verbrechens! Du dahinten, Du kannst heute schon Dein Testament machen. Du kommst lebend aus die- sem Lager nicht mehr heraus. So— und nun geht auf Eure Stube und näht die Winkel und die Nummer an Euer Zeug.”— Das war eine vielversprechende Ansprache. Die ersten Tage?— Was tut der in die Schrecknisse des völlig Ungewissen Hineingestoßene? Er sinnt, er brütet, sucht zu ver- stehen und sich zurechtzufinden; er hört die Gefährten des Schicksals und sinniert weiter. Kein eigentliches Wachsein und Kein eigentlicher Schlaf. Wohl dem, der bald inmitten der Sinn- losigkeiten das zu erkennen vermag, was ihn aufrecht hält. Zwei, ein Kaufmann aus dem Badischen und ein Lehrer aus Frankfurt a. Main, waren auf Grund der Reichsaktion Sommer 1941 gegen Astrologen und Graphologen ins Dachauer Lager ge- kommen, wie sie sehr naiverweise annahmen,„nur für kurze 28 Zeit”, Die Gestapo habe es selbst gesagt. Wie konnten sie nur! Alle Verhaftungen erfolgten unter dem lügnerischen Vorgeben der Gestapo:„Kommen Sie einen Augenblick herein, wir müssen Sie etwas fragen.” Und nach der geglückten Verhaftung:„Wahr- scheinlich nur für wenige Tage oder Wochen, bis sich Ihr Fall auf- geklärt hat.” Wenn man den Herausgeber der Hauptzeitschrift der Astrologen, dessen Horoskope der Partei im Aufstieg genehm waren, nach einigen Jahren tot im Berliner Grunewald auflas, wie konnten die Kleinen im Lande annehmen, daß man sie weiter schaffen ließ! Diese beiden nahm Hugo vor allem aufs Korn. Der Frankfurter ließ sich dazu verleiten, aus den Handlinien zu lesen und kühne Zukunftsprognosen zu stellen, bis ihn Hugo auf Widersprüchen ertappt hatte. Dann war es aus. Die Situation völlig verkennend, verlor der Schulmann immer mehr an Haltung, um bald völlig zusammenzusinken und sich als Invalide zu erklären. Das war das Verkehrteste, was er hat tun können. Nach wenigen Wochen war er„fertig”. Man hat nichts mehr von ihm gehört. Anders sein badischer Kollege. Viel zurückhaltender in der Wissenschaft, hat e- die Jahre durchgestanden. Er ist nicht„nach kurzer Zeit” entlassen worden, behielt aber sein Leben und wartete nach Jah- ren im„Arbeitskommando Kaninchenstall” geduldig auf das Ende. Hugo war streng, aber selten ungerecht. Er hielt die Hand über den zwischen 1914—-18 bereits zum Tode verurteilten und begna- digten und jetzt wieder verhafteten luxemburgischen Schriftsteller und Besitzer des Schlosses Bofferdange, Marcel Noppeney, und schützte ihn. Das war seine Rettung einstweilen. N. mußte noch öfters gerettet werden, denn sein Fall lag schwierig, und die Ab- sicht zu seiner Vernichtung war deutlich erkennbar. Bei Hugo lernten wir die sehr wichtige Angelegenheit kennen: Unterscheidung der Dienstgrade der SS, sowie die unzähligen La- gerbestimmungen, jedenfalls wurde der Versuch dazu gemacht. Um uns Text und Melodie der Lieder beizubringen, die gesun- gen werden mußten— man stelle sich vor: Häftlinge, die sich 29 vor Not und Entbehrung kaum mehr aufrecht halten konnten, mußten bei Auf- und Abmarsch zum Appellplatz singen!- hatte Hugo einen Häftling von der Lagermusik angestellt, den Karl von Neuẞ, eigentlich ein Kölner. - Karl, noch jung an Jahren, hatte sich mit der Roten Hilfe eingelassen. Das hieß: Hochverratsprozeß, Zuchthaus und Dachau. Nun im Lager hatte er sich auf seine Violine besonnen und spielte uns mit mehr gutem Willen als mit Kunst die Weisen vor. Immer und immer wieder das Lied von den blauen Dragonern mit dem sentimentalen Refrain: ,, Weit ist der Weg zurück ins Heimatland, so weit, so weit! Die Schwalben ziehn dahin_" und dem pseudo- philosophischen Schluß: ,, Der Mensch lebt nur einmal und dann nicht mehr". Karl hat sich mit Glück durch die Jahre hindurchmusiziert, wurde später Stubenältester, fiel bei einer unklaren Affäre auf und wäre um ein Haar auf Straftransport gekommen. Politisch von den Zehenspitzen bis zur Haarwurzel, verstand er es, das Letzte klug zu verschweigen. Und da er mit allen Kniffen und Pfiffen des ,, Organisierens" wohl vertraut war und ihm die Unbekümmertheit des Kölner- Naturells zustatten kam, so gelang es ihm, an allen Klippen ungefährdet vorbeizusegeln. Geplagt hat er uns nicht. War der Wind günstig und keine Gefahr, vom SS- Blockführer überrascht zu werden, so ließ er alle Schulmeisterei beiseite und legte eine schöpferische Pause ein, die man mit politischen Gesprächen vertraulich ausfüllte. An Hugo hatte er einen Meister in der Kunst, die Häftlinge zur rechten Zeit unsichtbar zu machen, das heißt sie zu verbergen. War man außer Schußweite, konnte uns der SS- Blockführer nicht erreichen, und ,, unsichtbar sein" hieß ,, nicht auffallen". Und darauf kam es an. Aber wir mußten doch einmal zum richtigen Appell, kamen auf einen ,, Freiblock"- ,, frei" bloß zum Unterschied von gesperrt- und mußten richtig marschierend singen und schwenken können. Hugo dachte an all das. Also marschierten wir stundenlang unter 30 SE Bl W au m ge gE S 1 0 e Z E en. ver we RETTEN, seinem Kommando. Er tat es mit viel Geschrei, so wie der Herr Blockführer es gerne sah. Zuweilen mußte er den Anschein er- wecken, daß er auch anders könnte. Also:„Niederlegen, Sprung auf, marsch marsch!” und so fort. Es war nicht so grimmig ge- meint. Aber es mußte sein. SS wünschte es so. Dann:„Ihr müßt ein Bettbauen können!” Bauen war richtig gesagt. Grad und kantig, ein Kunstwerk. Er hatte recht, denn: Ein Doppelfimmel beherrschte die SS-Ueberwachung und durch sie die Häftlingsbürokratie: Der B ettenbau- und derRein- lichkeitsfimmel. In beiden handelte es sich nicht mehr um objektive Ordnungsliebe und Sauberkeit. Beides war zur Manie entartet, zur krankhaften Sucht, zu protzen, sich gegenseitig aus- zustechen auf Kosten der von den Häftlingen so ersehnten Ruhe. Beides auch Gelegenheiten, die Gefangenen zu quälen, ständig zu bewegen, sie auf keinen Fall zur Ruhe kommen zu lassen. Den vollen Ernst begriffen wir, als wir von Hugos Block aus- einanderdirigiert und auf die sogenannten„Freiblöcke” verteilt waren. Damit erst erhielten wir unseren Platz und mit ihm, wenn wir Glück hatten, die Zuweisung zu einem Arbeitskommando. Da- mit verband sich das Anrecht auf„Brotzeit””— eine Schnitte Brot mit Zulage. Und Brot war Leben. Damals konnte man noch hie und da Schnitte Brot kaufen, wenn man Geld dazu hatte. Die wenigsten Neulinge waren dazu in der Lage, da ihr im Gefängnis oder bei Gestapo deponiertes Geld so lässig nachgeschickt war. Diese n wuß- in der Kantine eine der Stellen nahmen sich schrecklich viel Zeit. Die Angehörige ten noch nicht, wo wir waren, und daß sie Geld schicken durften. Erst nach'langen, bangen Wochen kamen die ersten verstörten und verschüchterten Antworten der Angehörigen, und darnach erst wieder nach Wochen das Geld. Manche bekamen von Kameraden etwas vorgestreckt und konnten sich die erste kleine Zusatznah- rung gönnen, soweit die Kantine sie leistete. Und da sah es bald bös aus. Mit der paradiesischen Zeit, wo man ein Stück Brot und eine Tasse schwarze Brühe kaufen konnte, war es schon Ende 31 1941 vorbei. Eine Weile gab es noch Sirup, konservieite Erbsen, überaus scharf gewürzte Gemüsesalate, fast ungenießbare kleine Fische oder Muscheln. Schließlich nur mehr Oelersatz, Senf und Kunstpfeffer und kosmetische Sachen in Hülle und Fülle: Haar- wasser— und wir wurden alle 14 Tage geschoren— und Haut- creme französischen Fabrikats, Herbst 1944, als es bereits dunkel zu werden begann, kam auch dünnes Bier. Bis Ende 1942 stand auf dem Briefumschlag des KZ Dachau unter Ziffer 5 zu lesen: „Pakete dürfen nicht geschickt werden, da der Gefangene im La- ger alles kaufen kann...” re IIIDER-QUAL DES ALLTAGS O Aufgang, ew’gen Lichtes Glanz, Du Sonne der Gerechtigkeit, Komm und erleuchte, die da harren in Finsternis und Todesschatten. (O-Antiphon vom 21, Dezember") Ich war auf dem„Musterblock” gelandet. Muster, weil er jeweils hohem und höchstem Besuch— Chargen der SS, der Po- lızei, der Wehrmacht— gezeigt wurde, so in der stolzen Geste: „Seht, wie sauber die Leute hier untergebracht sind! Alles da!” Einen Häftling bekam der Besuch nie zu sehen. Wir wurden ver- steckt und lauerten hinter den Baracken oft stundenlang, bis die Luft rein und wir wieder auf unseren Block gehen durften. Kam der Besuch um 11 Uhr morgens, war es um das Mittagessen un- widerruflich geschehen. Nur zwei Tage waren mir hier vergönnt. Da kam der Stuben- älteste und sagte:„Pack deine Sachen zusammen, du kommst in die Isolierung.” Die Isolierung, auch Strafblock genannt, war der Block derjenigen Häftlinge, die wegen ihrer Gefährlichkeit besonders gezeichnet waren: Schwarzer Punkt in weißem Feld auf Brust, Rücken und zu beiden Seiten der Hose. Die Isolierten waren abgetrennt, hatten keinen Kontakt mit den andern Häftlingen, durften nur alle drei Monate einmal schreiben und nur alle drei Monate einmal einen Brief empfangen(statt 14tägig). Hier waren die armen Teufel, die arbeiten mußten ohne Brotzulage und deren Aufsichtspersonal sich zumeist aus finsteren Elementen zusammen- setzte. Ein Saarbrücker Gewerkschafts-Sekretär, der mir hie und da zur Hand ging, meinte nach etlichen Tagen achselzuckend:„Sag, das kannst du hier nicht aushalten; du gehst in Bälde durch den Kamin. Wenn es dir gelänge für ein oder zwei Monate ins Revier 3 Joos, Leben 38 zu kommen... dann, vielleicht!" Seltsame Umstände bewirkten, daß das letztere eintraf. Wir hören davon an anderer Stelle. Als ich nach reichlich acht Monaten wieder dem ,, Musterblock" zugeteilt war, fand ich alles genau so vor wie damals. Man war konservativ. Dieser Block war zugleich derjenige der sogenannten ,, Prominenten", d. h. von Häftlingen in besseren Arbeitskommandos, Capos, Schreiber und dergleichen. Als Landsleute kannten sie sich untereinander und bildeten eine Welt für sich. Wir anderen lebten am Rande, fremd und geduldet nur. Kaum daß man uns eine Ecke am Tisch zuwies. Wenn wir wenigstens von der Partei gewesen wären! Etwas von oben herab schaute mancher der Auserlesenen auf uns arme Schelme herab, oder an uns vorbei, und mißtrauisch, scheu und abweisend mancher„ Genosse". Um so eifriger schimpfte der hilflose und darum um so kleinlichere Stubenälteste August auf uns ein. Wo konnte und wo sollte man sich lassen, wenn in der Stube kein Platz und wenn es darin nicht auszuhalten war? Eine neue Lagerbestimmung besagte:„ Es ist den Häftlingen verboten, sich auf den Bordrand der Lagerstraße oder der Blockstraße zu setzen. Verboten auch, sich beim Stehen an die Barackenwand anzulehnen." Die SS- Blockführer jagten die Müden mit einem Fuẞtritt hoch, und Blockälteste taten es auch. Versuchte man aber einen Schemel mit herauszunehmen, war der Krach da, weil nach Ansicht des Stubenältesten an den Füßen des Schemels Erde kleben bleiben und mit in die gebohnerte Stube geschleppt werden könnte. Ein Gewühl, ein Zerren und Jagen, ein Stoßen und Gestoßenwerden unter halb unterdrückten Flüchen und Schimpfen unwirscher Menschen in der Gereiztheit der Morgenfrühe beim Bau der Betten in drei Etagen, bis Decke und Kopfkeil, mit dem Maßscheit auf Millimeter gemessen, richtig lagen. Das Maßscheit mußte man sich am Abend bereits irgendwo ,, organisieren" und gut verstecken. Schweißtriefend rannte man zum Waschraum, vielleicht daß man an einer Ecke, wenn es ein Prominenter zugab, die Haut netzen 34 k e R S 35 Z S ee en TEE und; & so- ro 5 . 3 a ei 5 nen wL Ben- ken. ä & man E etzen 4 konnte. Dann hastig zurück, um einen Becher„Negerschweiß” zu erhaschen. Zu spät! Schon rief August:„Stubendienst!” und der Rummel begann: Bohnern! Wehe dem, der jetzt noch einmal zum Spind zurücklief, zu sehen, ob wirklich alles genau sitzt und nicht irgend ein Stäubchen hängen geblieben.„Raus!”„Verschwinde!” „Bist noch nicht weg?” Man tat es schon barfuß, um ja den Boden zu Schonen. Trotzdem, einer vom Stubendienst hat leichte Fuß- spuren auf dem blanken, wächsernen Boden entdeckt und lamen- tiert und schimpft.„Raus!” und irgendetwas fliegt hinterher... Draußen staut sich Mann an Mann: Im Vorraum, im Waschraum, in den übelriechenden Anlagen. Aber auch da wollen die Putzer voranmachen. Herausgebrüllt, herausgestoßen und-gedrängt, auf manchen Blöcken herausgeprügelt, stand man fröstelnd im kalten Regen, der vom nachtdunklen Himmel fiel. Halb sechs: Schon marschiert der Block zum Appellplatz. Die„Lore, Lore, Lore”, unser Blocklied. Und hernach marschieren die Arbeitskom- mandos ab. Jeder Capo meldet dem Wachhabenden mit lauter Stimme:„Kommando X mit soundsoviel Mann angetreten.” Die Außenkommandos ziehen voran mit den Posten und den Hunden. So beginnt der Tag.— Hungrig bis unter die Arme, stiert alles auf den dampfenden Kübel, bis 1943 von den Häftlingen keuchend herangeschleppt, später mit Wagen. Capos verzichten auf ihre Ration. Haben im Kommando gegessen und besser. Ihre Ration wird großmütig denen überlassen, die ihnen die Betten bauen und die Stiefel putzen. Gierig folgen die Blicke dem Stubendienst, der einen Nachschlag empfängt. Am Kübel schlagen sich einige um die Reste, die an den Kübelwänden hängen und in einer dünnen Schicht den Grund bedecken.— Hungern, andauernd hungern ist schwer, sehr schwer! Man muß sich gewaltig zusammenreißen, um sich nicht völlig zu ver- Leren, schmachvoll klein zu werden, so daß man den Kameraden wild anschreit, ohne eigentlich zu wissen warum. Uebermäßig das Verlangen nach Nahrung, wenn die Tagesgespräche immer nur g* 35 darum kreisen, wie der Habicht um die Beute. ,, Wenn wir jetzt ein ganzes Brot hätten..." ,, Einmal nur satt sein" und dergleichen. Solange hatte der baumstarke Waldarbeiter aus den Vogesen auf das Rot- Kreuz- Paket gewartet, solange sich erhitzt in der Vorstellung, was er mit den Herrlichkeiten alles anfangen würde, wenn sie kämen. Und als sie, die von Oel triefenden Sardinen, vor ihm ausgebreitet lagen, da übernahm er sich, und zwei Tage später schleifte man seine Leiche auf den Karren. 1941 blieb das Lebensmittelpaket noch ein Traum, und wer sich nicht bezwingen konnte oder wollte, geriet unweigerlich an die Abfallkiste. Von da gab es nur noch eins: Krematorium. - O dieses ununterbrochene Nagen und Wühlen im Gedärm! Es macht den blind und gefühllos, der sich gehen läßt. Eben ist wieder einer geschnappt und abgestraft worden, der in der Nacht einem Kameraden Brot entwendet hat. Man hat ihn gesehen, wie er die Beute herunterwürgte. Nun ist er dem Bestohlenen freigegeben. Der stürzt sich wütend auf ihn und schlägt ihn zu Boden. Dann mit Fußtritten und Fäusten keuchend noch und noch, bis ihm die Kräfte versagen. Niemand nimmt Notiz davon, niemand interveniert, um den Mißhandelten zu schützen. Das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verschwollen, schleppt er sich in seine Ecke. Nächstens wird er es wieder tun. Lieber ein einziges Mal satt gegessen und tot geschlagen, als immer Hunger leiden.Da konnten die SS- Leute ,, filzen", soviel sie wollten. Wo andauernd gehungert wird, da wird gestohlen. Die SS- Ueberwachung führte überraschende Schläge gegen das„ Organisieren" von Lebensmitteln, Rohstoffen und Fertigwaren. Die Außenkommandos wurden beim Einmarsch ins Lager von Kopf bis zu Fuß gefilzt. Heute die, morgen jene. Der Erfolg lohnte selten die aufgewandte Mühe. Und sie brachten sie dennoch herein! Die von der Plantage ( die große Anlage von Heilkräuterpflanzungen), Garten- und Feldfrüchte, solange es sie gab: Radieschen, Schnittlauch, Porree, Zwiebeln, Rettiche, Salate und Suppenkräuter; sie strickelten auch wohl ein wildes Kaninchen im nahen Gehölz, oder fischten verbotener36 W h e S F 4 x 54 “ Wr eh En weise im Teich. Die von den verschiedenen Küchen schmuggelten Kartoffeln, Brot, Fleisch, Wurst, Margarine, Mehl und Zucker herein. Und da war doch die Fleischkonservenfabrik von Wülfert! Die Leute wurden immer auf Herz und Nieren geprüft, und taten es doch. Die von den Kammern warteten mit Tauschwaren auf: Sohlleder, Schuhwerk, Strümpfe, Pullover. Auf Schubkarren, in Eimern und in Werkzeugkisten und versteckt unter den Kleidern, kamen die Sachen durch. Sie flogen wie der Wind seitwärts, wenn die Gefahr gesichtet war. Schließlich konnte die SS auch nicht jeden Tag filzen. Tauschhandel war streng verboten; es wurde immer getauscht. Die Preise schwankten wie auf der Börse. Alle paar Wochen suchte der Rapportführer Böttcher nach elektrischen Kochapparaten und nahm weg, was ihm in die Hände fiel. Aber Fachleute sorgten für raschen Ersatz. Im Winter tat’s der Ofen. Es wurde nach 1942 immer und überall zwischenhinein gekocht. Die Angehörigen der Häftlinge hatten es bald heraus und setzten ihre Lebensmittelpakete entsprechend zusammen. Der Abend senkt sich nieder. Wieder Appell und wieder die „Lore”. Heute hat der Zählappell geklappt. Nur eine halbe Stunde. Das geht noch. Und nach der Wassersuppe fallen uns die Augen zu. Ein ehemaliger Wehrmachtler, roter Winkel mit der Spitze nach oben, rasselt auf seiner Mundharmonika die„Schöne Müllerin” herunter. Der bayrische Schustercapo hat seine Zither hervorge- holt und sucht tastend, stockend, die Akkorde zusammen zu einer melancholischen Weise, Jeden Abend ist es dieselbe. Wie müde isf solch ein Tag!— Und zu dem einen gesellt sich der andere. Die Tage reichen sich die Hand, werden Wochen, Monate, leidvoller Uebergang zu einem anderen Ufer des Seins. Von allem losgerissen, was unser eigen war und woran unser Herz gehangen.— Unfrei, verspottet, verlacht, herumgestoßen und von verbitterten, mißtrauischen Kameraden schroff abgelehnt.— 37 Ein Spielball in Händen von Menschen, deren Begegnung uns schon Entsetzen bereitet. Immer ,, auf Draht" sein müssen, immer wach. Einen Augenblick nur vergessen, wo wir sind, eine schlechte Laune des Lagerführers, des Block- oder Stubenältesten, und wir fallen auf, werden gedemütigt, beschimpft, getreten, geschlagen Die geringste Widerrede, ein unglückliches Zucken der Muskeln, und wir werden gemeldet, bestraft durch stundenlanges Stehen am Lagertor, in strammer Haltung, in Sturm und Wetter, durch Entzug der Nahrung, durch Stockhiebe. Ohnmacht, Das niederdrückende Gefühl absoluter Recht- und Schutzlosigkeit gegenüber tollgewordenen Gewalten. Die unentrinnbare und schmachvolle Notwendigkeit: betteln, feilschen, sich verstellen, krumme Wege gehen zu müssen, um sich notdürftig am Leben zu erhalten. - - Die wachsende Erschöpfung schon wieder an Körpergewicht verloren, mein Gott, wie soll das enden. Die Füße schwellen! Wasser! Und das Herz fackelt. Und alltäglich vor Augen, wie Kameraden, die nicht mehr können, vom Block, vom Arbeitsplatz und vom Appellplatz zum Revier geschleppt werden, um da zu sterben. In der Morgenfrühe schon die schreckhafte Begegnung mit den Leichenträgern und der würgende Dunst verbrannter Leichen an trüben Tagen vom Krematorium her. Die stete Unsicherheit, gesteigert durch mysteriöse Andeutungen von Mund zu Mund, von Verhör und Bunker, von Erschlagenen und Erwürgten, Erschossenen, Erhängten. In der Nacht hat sich einer' aufgehängt; im Block ist ein Brotdieb erschlagen worden; ein Wahnsinniger hat sich in den hochgespannten Stacheldraht geworfen und ist verbrannt. Dieser ununterbrochene Kontakt mit Grauen und Tod, Tag für Tag, Woche um Woche. Das bringt die Masse der Häftlinge zunächst in einen Zustand dumpfer Verzweiflung. Die Sinne schwächen sich ab; das 38 Ge sti un ne Kwu un ur m de ba S h h C C T S e, t, r h n д h d t . n m. h h ; t d Gedächtnis verliert sich; die Welt von damals versinkt in unbestimmbare Ferne. Der Mensch ist nicht mehr er selbst, er geht unbewußt, wie eine Maschine, und handelt wie im Traum. So, nein: so kann es nicht weiter gehen! Da scheiden sich die Geister. Die einen raffen in tiefster Seelennot ihre letzte moralische Kraft zusammen, um den sinkenden Menschen in sich zu retten und um Herr zu bleiben über Angst und Grauen, über Unsicherheit und Leere, und um geistig und physisch aushalten zu können. Klammern sich ungestümer an das an, was ihrem Leben Sinn und Grund gewesen. Gläubige alle, in irgend einer Weise, denn nur derjenige, der glaubt, vermag diesen Weg zu gehen. Sie werden bald Menschen sein in dieser Stadt der Verlorenen, an die das Schicksal nicht mehr heranreicht, innerlich frei, fähig, sich zu behaupten und für ihre Kameraden etwas zu sein. Denn es ist Wahrheit in der Verheißung des Propheten: ,, Wenn du mit den Hungernden Mitleid hast und die Seele des Bekümmerten tröstest, dann wird dein Licht erglänzen in der Dunkelheit, und deine Finsternis wird sein wie Mittagshelle. Und der Herr wird dir Ruhe geben." Andere, von ganz anderer Art, nehmen den Kampf um ihre Existenz auf aus dem primitiven Lebensinstinkt der bedrohten Kreatur, mit allen Mitteln der Verbissenheit und Verschlagenheit, in finsterer Rachsucht und in triebhafter Selbstsucht, die unter Umständen über Leichen der eigenen Kameraden geht. Die einen appellieren an den besseren Menschen in sich; die anderen rufen das Tier in sich auf. Und wieder andere lassen sich völlig absinken in eine licht- und trostlose Resignation, glauben nichts mehr, wollen nichts mehr, können am Ende auch nichts mehr, geben sich selber auf, verloren. - Ein letzter Teil scheint weder kalt noch warm, gleichgültig, stumpf, gedankenlos, empfindungslos. Scheint! Was wissen wir vom Menschen? 39 Genug, daß welche sind, aus allen Nationen, aus allen Volks- klassen und Schichtungen, die standhaft bleiben, Sie sind vergleich- bar Menschen in Trübsal und Not, der äußeren Freiheit beraubt, der inneren aber nie verlustig; für Betrüger gehalten und doch wohlbekannt; gezüchtigt und doch nicht getötet, betrübt und doch immer freudig; anscheinend schwach, in Wahrheit stark, weil die Wurzeln ihres Wesens in dem gründen, was unzerstörbar, was ewig ist. h ב NUR HÄNDE1 DIE BERUFSGRUPPEN IM LAGER Derselbe Nihilismus, der die gottlose Liebe predigt, und das gottesfeindliche Mitleid sind es, die zugleich all denen die Menschenwürde versagen, die nicht an physische Arbeit gebunden sind. Der Arbeitseinsatz suchte wieder einmal auf den Blöcken herum nach Maurern, Zimmerleuten und Schreinern. Welche Handwerker suchte man nicht auf diesem so billigen Arbeitsmarkt, den die Gestapo ununterbrochen mit neuer ,, Ware" versorgte!? Schon die Unterhaltung des Lagers als Gefangenenstadt bedurfte der verschiedensten Arbeitskräfte: ungelernte, angelernte und gelernte bis zum qualifizierten Facharbeiter. Also: Schuster und Schneider, Bäcker und Küchenpersonal, Maurer, Zimmerer und Dachdecker, Installateure, Elektriker und Anstreicher, Schmiede, Schlosser und Tischler, Ofensetzer und Kaminfeger, nicht zu vergessen die Friseure für den Schubraum, für den Block, für die Herren von der SS. Auch die Kleiderkammern und Wäschekammern suchten sachkundige und verläẞliche Leute. Gestohlen wurde ohnehin, was nicht niet- und nagelfest war. In den Wirtschaftsbetrieben( WB) und einige Jahre in der Anfertigung von Flugzeugteilen( Präzifix) waren alle Sparten und Branchen industrieller Facharbeiter vereinigt, bis zum Ingenieur, indes die zirka 1200 Mann beschäftigende Plantage, der große Heil- und Gewürzkräutergarten, in den Gewächshäusern, Beobachtungs- und botanischen Versuchsstellen, gärtnerische Kapazität verwenden konnte. Landwirtschaftliche Arbeiter fanden auf den vom Lager abhängigen und von ihm kontrollierten Guts41 ES höfen der Umgegend einen Arbeitsplatz, wenn die Zahl der Stel- len auch in keinem Verhältnis stand zu den Massen aus den Agrar- gebieten der slavischen Länder, die man nach Dachau brachte, um ihre robuste Lebenskraft bis zum letzten Hauch aufzubrauchen. Für den Kundigen an Schreibmaschinen, in Kartotheken und in der Listenführung bot sich vielleicht einmal Gelegenheit, in eines der zahlreichen Büros der SS(Besoldungsstelle für die Chargen) und der Lagerverwaltung als Blockschreiber oder Läufer, oder in die SS-Schreibstube des Arbeitseinsatzes(Hollrith-Kom.-Schlüs- selungsmaschinen) oder im Revier unterzukommen. Buchsachver- ständige, Bibliothekare warteten allerdings lange vergebens auf einen Platz in der längst und auf Dauer vergebenen Lagerbibliothek. Sanitäter konnten Pfleger im Revier werden. Die Aussicht zu alle- dem war 1941 noch nicht so verzweifelt, wie zwei oder drei Jahre später, wo der Arbeitsmarkt dieser Sklavenstadt zehnfach übersetzt war. Arbeiten war unter allen Umständen vorzuziehen. Nicht nur um der„Brotzeit” willen, auch aus Gründen der. Erhaltung des seelischen Gleichgewichts. Wer kein Arbeitskommando fand oder annahm, wer nicht„gedungen” wurde, blieb auf der Strecke: „uneingeteilt”, nicht eingeordnet, lag daneben, hungerte und grü- belte, war unnütz, sich selbst zur Last, überall und allen im Wege; er galt nichts, wußte nichts und wurde zu unangenehmsten Auf- trägen herangeholt. Schließlich riskierte er mit dem nächsten Transport abgeschoben zu werden ins vollendet Ungewisse hinein. Zwei Wochen lang als„Uneingeteilter” im Wintermorgen, bei 20 Grad unter Null, im Schnee stehend, stundenlang, ohne zu wis- sen, warum und wozu, haben mir alles gesagt, was hierüber zu wissen nötig war. An einem solchen Morgen war es auch, als ein Kamerad, auf einen armen Schwachsinnigen hindeutend, der un- entwegt in die Höhe sprang, um sich warm zu halten, giftig her- vorstieß:„Daß so was noch lebt! Eine Spritze und weg damit!” Ein Häftling vom Häftling!— 42 a TE ee B n es n) in T- uf k. re zt ur es er e: ji44 e; f- en in. ei S- zu -in n- r- !" Die handwerklich und industrietechnisch Ausgebildeten waren bei dieser Sachlage natürlich im Vorteil. Sie waren gesucht. Von der Arbeit aus gesehen, setzte sich im Lager ihr berufliches Leben ganz einfach fort. Nicht aussichtslos war die Sache für jeden, der etwas praktische Veranlagung, Geschicklichkeit, Wendigkeit und Lebensklugheit mitbrachte. Dem einfachen Arbeitsmann aller Völker waren solche Gaben eigen. Sein hartes Dasein erforderte sie. Anders, ganz anders die Lage der geistigen, der gelehrten Berufe, der Intellektuellen. Was sollten hier: Journalisten, Rechtsanwälte, Richter und Notare, Männer der Verwaltung und der Regierung, Lehrer, Professoren, Generäle, Schriftsteller, Künstler der Musik und der Malerei, Geistliche? Die Gestapo holte sie aus allen Teilen Europas. Planmäßig fing man sie ein, transportierte sie in Lager, um die Bevölkerung jedweder Führung zu berauben. So in Polen und in der Tschechoslovakei, in Jugoslavien und auch in Frankreich. In der Lagerkartei stand als Grund der Verhaftung bei vielen polnischen Geistlichen: ,, polnische Intelligenz".") Vollzählig erschienen im Spätherbst 1944 im Dachauer Lager die Mitglieder der Direktionen der Eisenbahnen, der Post, der Volksschulen und der höheren Schulen, der Universität und aller Verwaltungsinstanzen von Laibach. Was wollte man mit ihnen allen in diesem Lager fast ausschließlich manueller Betätigung? Die Not der Intellektuellen begann mit dem ersten Tag. Für die Beschäftigung der mit Ende 1941 im Lager zu Dachau zusammengezogenen Geistlichen der verschiedensten Länder führte die SS- Lagerführung einen hartnäckigen Kampf gegen die von kirchlichen Stellen in Berlin erreichten Zugeständnisse. Danach scllten die Geistlichen erst keine körperliche Arbeit zu verrichten 1) Hitler hat vor Beginn des polnischen Feldzuges die Armeekommandanten wissen lassen, daß die SS in Polen die oberen Gesellschaftsklassen, insbesondere Geistliche, vernichten würde; die Generäle sollten geschehen lassen. 43 brauchen. Später hieß es„nur leichtere Arbeit”. Zwischenhinein ließ die SS-Ueberwachung die„Pfaffen” zwecks Abhärtung und Demütigung die schweren Eßkessel zu den Blöcken schleppen, eine Arbeit, die meist weit über normale Kräfte hinausging. Schließ- lich war die Anordnung diese: Die polnischen Geistlichen wurden behandelt wie alle anderen Häftlinge, d. h. sie wurden zu allen Arbeiten ohne jedwede Rücksicht herangeholt, ob sie konnten oder nicht. Die Masse der nichtpolnischen Geistlichen beschäf- tigte man in der Plantage, wobei es auch wohl anstrengende Ar- beitsarten gab. Eine Auslese von Geistlichen leistete Dienst in SS-Büros(Besoldungsstelle) und im Kripo-Kommando, einer kri- minal-psychologischen Forschungsarbeit, bei den Strumpfstopfern und in der Strohsackstopferei. Wer von den Intellektuellen, nicht Geistlichen, es erfaßt hatte, gab kurzerhand einen anderen, einen praktischen Beruf an. Journalisten, Industrielle, Direktoren erschienen in den Berufs- listen als„kaufmännische Gehilfen”; Partei-, Gewerkschafts- und Genossenschaftssekretäre besannen sich auf ihre einstige Berufs- ausbildung; Volksschul- und Fortbildungsschullehrer trugen sich als Tischler oder Schlosser ein, weil sie von ungefähr etwas davon verstanden. Ein gesunder Instinkt sagte ihnen: Kommt es auf einen praktischen Arbeitsberuf an, gut, dann haben wir ihn eben! Generäle und Generalstäbler(Oesterreicher, Tschechen, Polen, Franzosen) fanden wir als Schreiber in Büros; auch wohl bei manuellen Hantierungen. So imponierte der französische Ar- meegeneral E., ein Baske, durch die selbstverständliche Art, in der er eine untergeordnete Arbeit verrichtete, in würdevoller Haltung, zur Beschämung derer— wenn sie dessen fähig gewesen wären—, die ihn dazu zwangen. Die Plantage, ein Bereich für sich, von ihrem offenbar einfluß- reichen SS-Verwalter Vogt etwas unabhängig gehalten von der eigentlichen Lagerführung und daher in steter Spannung mit die- ser, ein Arbeitsbereich relativer Menschlichkeit, in dem aus- gesuchte Häftlinge in den Schlüsselstellungen saßen, erwies sich 44 ER Teer ee EN 2 2 n d n n e, 1. d h n l n er er h für die Unterbringung stets als letzter Zufluchtsort. Wenn alle Stricke rissen, so hieß es, dann ,, wollen wir es bei der Plantage versuchen". Jedenfalls ließ der dort amtierende polnische Major, so wenig wie der Wiener Journalist C., die Gelegenheit vermissen, rechtzeitig das Sprungtuch hinzuhalten. Selbstverständlich befanden sich auch unter den Capos der Plantage sogenannte ,, Schläger". So schlug zum Beispiel W., der Capo vom Kommando ,, Gemüsebau und Kompost" noch im August 1942 einen Geistlichen mit dem Schaufelstiel nieder, weil er angeblich zu langsam gearbeitet hatte. Es gab indes auch nicht wenige Intellektuelle, denen jeglicher praktischer Sinn und die Kenntnis elementarster Erfordernisse des Lebens abgingen. Manche waren wie Kinder, von ungefähr vom Himmel heruntergefallen; hilflos, unselbständig, führungsbedürftig, unfähig, sich in den einfachsten Dingen des Lagerlebens zurechtzufinden und sich zu helfen. Dabei handelte es sich nicht bloß um ,, Dichter und Denker". Es muß etwas in der Art, wie höhere Bildung übermittelt wird, es muß an einer Einseitigkeit, einer Lebensfremdheit im Studiengang selbst liegen, auch an einer unanwenn der Mensch gebrachten Scheu vor körperlicher Arbeit, höheres Wissen mit praktischer Hilflosigkeit bezahlt. War jener Religionsphilosoph nicht ein erschütterndes Beispiel? Ein Leben voll Studium, Kenner aller Schattierungen ostasiatischer Religiösität, und ach so abseits und so bejammernswert hilflos! Man konnte seinen Untergang nur im Zeitpunkt hinausDazu bedurfte es seiner schieben; zu verhindern war er nicht. Mitwirkung. Oder der junge Philosoph aus dem Rheinland, der über Nietzsche gearbeitet hatte. Auch ein Schulbeispiel, und bezeichnend für das Schicksal der intellektuellen Jugend im Dritten Reich! Die Pressekammer hatte ihn, der nicht zur Partei gehörte, aus dem Feuilleton eines bürgerlichen Blattes herausgeholt und zum Dienst in der Parteipresse gezwungen. Konflikt zwischen Brot und Gewissen, zwischen materieller und geistiger Existenz! Was tun? Er wird Berichter auswärts und schreibt verzweifelt 45 ästhetische und kunstgeschichtliche Feuilletons, um der politischen Stellungnahme auszuweichen. Das war zwar interessant und ging einige Zeit, aber sein Chef, fanatischer Parteimann und Freund von Göbbels, behielt ihn im Auge. Dem armen Schelm ein Ver- gehen gegen den Geist der Partei nachzuweisen, war kein Kunst- stück. Folgt Strafe. Bald danach Denunziation durch eine „Horcherin an der Wand”—: Dachau. Philosoph, rührend unge- schickt, jeder Schritt daneben. Dazu herzleidend und körperlich unheimlich geschwächt. Auch er zum Untergang in diesem Lager bestimmt. Wenn es gelang, ihn zu retten, so nicht ohne größte und fortgesetzte Umsicht.”) Sein Gefährte im Unglück, Mit-Be- sitzer des bekannten Kölner Kaffeehauses Eisenmenger, ein Diabe- tiker, ging nach wenigen Wochen wirklich„durch den Kamin”. Die Objektivität verlangt festzustellen, daß es auch Fälle gab, wo der gute Wille studierter Häftlinge am Unverstand von Ar- beitskameraden scheiterte, weil man diesen Studierten als„Ein- dringling”, als einen anderen betrachtete und zurückstieß. So ist es dem von der Pariser Technischen Hochschule diplomierten Ingenieur und Industriellen Dollfus, der seine Fabrik in Saus- heim bei Mülhausen am Oberrhein verlassen mußte und in Bel- fort wegen Verdacht auf Feindbegünstigung verhaftet wurde, in Jahren nicht gelungen, einen seinen Erfahrungen auch nur an- nähernd entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Als NN-(Nacht und Nebel) Häftling dauernd unter Schreibverbot stehend, ohne jedwedes Lebenszeichen von Angehörigen, hat dieser siebzigjäh- rige Mann, trotz wachsender Gebrechlichkeit, einen äußerst zähen Lebenswillen bekundet. Die Gurtenweberei im Lager hatte für diesen Spinn- und Webereisachverständigen nur eine der ”) Am 4. August 1947 brach er, der Schriftsteller Eduard von Holt, in seiner Vaterstadt Köln auf der Straße tot zusammen. Er stand im 34. Lebensjahr. Seine Erinnerungen an Kriegszeit und KZ Dachau„Weltfahrt ins Herz. Tagebuch eines Arztes” war einige Monate vorher erschienen(im Balduin Pieck-Verlag, Köln, dessen Mitbegründer er war.) Wir verweisen auf dieses Bekennt- nisbuch von großer Reife. 46 n g d D Le h r e st t e n r r T d schmutzigsten Nebenarbeiten Um des Brotes zur Verfügung. willen hat er angenommen und festgehalten. Er überstand wider Erwarten sogar einen Transport nach Natzweiler und nach Dachau zurück, um, wahrhaft tragisches Schicksal, zu Beginn 1945 vom Fleck fieber weggerafft zu werden. Schwierigkeiten ergaben sich für die Unterbringung intellektueller Kreise aus nicht- deutschen Ländern durch die Unkenntnis der Sprache. Hier waren die dem deutschen Sprachgebiet benachbarten Oesterreicher, Polen und Tschechen im Vorteil, Franzosen, Serben, Italiener usw. entschieden im Nachteil. An diesem Mangel scheiterten viele. Für Russen gab es überhaupt keinerlei Möglichkeit. Mit den Aerzten und Medizinstudierenden wußte man in Dachau lange nichts anzufangen. Als man sie endlich 1944 zum Krankendienst heranzog, weil es nicht mehr anders ging, ward ihr Eifer gedämpft und ging ihr Opfersinn ins Leere, da weder ausreichend Medikamente noch sonstige medizinische Hilfsmittel zur Verfügung standen! Blieben die eigentlichen Künstler. Malerische Genies waren nicht sichtbar, wenn auch da und dort versteckt für SS- Leute gemalt wurde. Und nicht nur für sie. Jeder Block- oder Stubenälteste hatte den Ehrgeiz, in seiner Wohnecke ein„, Original": eine Zeichnung, ein Aquarell, eine Landschaft oder ein Porträt in Oel vorzuweisen. Ein von der Worpsweder Schule berührter Maler X, grüner Winkel, malte nicht uninteressant für ein paar Brote, einen Würfel Margarine und etliche Wurstportionen, die der Käufer natürlich irgendwo ,, organisieren" mußte. Auch der Capo der Lagerbibliothek malte subtil und mit Hartnäckigkeit an Waldlandschaften und Seebildern. Der halbblinde Münchener, der grundsätzlich nur Dialekt sprach und durch eine lärmend aufdringliche Fröhlichkeit auffiel, malte auf ungefähr. Er war Anstreicher von Beruf und hatte einige Malstunden genommen. Der erste Weltkrieg brachte ihn, noch halb Kind, wie soviele andere, durcheinander, so daß ihn am Ende die Schausteller auf der Oktoberwiese 47 mehr anzogen als eine ständige Arbeit. Das war der Grund, warum ihn der Vater seines Mädchens abwies. Darum schoß er dieses nach Verabredung tot und sich in die Schläfe. Was an Mensch danach übrig blieb, sang Couplets, machte den Narren und malte aus der Phantasie. - Dagegen sahen und hörten wir Musiker von Ruf: einen Warschauer Musikprofessor und unentwegten Freund klassischer Musik, einen italienischen und einen bulgarischen Geigenkünstler, den holländischen Gymnasialprofessor und Cello- Virtuosen Nolthenius, den Kammermusiker Wollheim von der Berliner Philharmonie. Für sie versorgte der kunstbegeisterte Lagercapo Wilhelm unter der Hand irgend eine Scheinbeschäftigung. Sie konnten ihre Instrumente kommen lassen und üben, und sogar, wenn und solange es erlaubt war, spielen. Ihnen verdanken wir die zeitweise gestattete, später geduldete, zuletzt nur mehr erschlichene Kammermusik, geweihte Stunden, die uns Schmutz und Trostlosigkeit unserer unmittelbaren Umgebung und die Qual des Alltags fast völlig vergessen ließen.( Vgl. Anhang: Lager- Briefe.) ra น SC m W n է r 48 e C h ce SS LEUTE r 0 e T d S Befreie mich, o Herr, von bösen Menschen. Und von den Uebeltätern rette mich! Wer gescheit war und nicht von Amts wegen mußte, tat gut daran, dem SS- Mann im Lager aus dem Weg zu gehen. Je höher, um so eher. Denn man konnte nie wissen. Im Augenblick scheinbar freundlich, fast leutselig, im nächsten Moment unvermittelt von unglaublicher Roheit. - Wir werden an anderer Stelle dieser Schrift kenntlich machen, wie wir uns den Geisteszustand des in der Ideologie des Nationalsozialismus aufgekommenen kämpferischen Menschentyps erklären. Hier nur die Feststellung, daß uns in dem 100prozentigen SS- Mann der seelisch zerstörte Mensch begegnete: triebhaft, nihilistisch, wurzellos, haltlos, in sich unwahr und unberechenbar, den Einflüsterungen des Bösen anheim gegeben. Nur ein solcher Mensch konnte soweit abgetrieben werden vom geordneten Denken, nur ein solcher so abseits und jenseits von moralischem Bedenken handeln. - - Was trieb den fanatisierten SS- Mann es gab natürlich darunter auch laue und halbe eigentlich an? Neben dem unerbittlichen Befehl und der Furcht vor Strafe, der ungeordnete und ungezügelte Trieb. Ob recht, gut, vernünftig, anständig, blieb. völlig außer Betracht. Entscheidend war nur, was jeweils zweckmäßig, nützlich, möglich, ausführbar schien. Wir sagen: schien, denn für die tatsächliche Unterscheidung des Möglichen hatte die ganz und gar auf Suggestion eingestellte Propaganda Sinn und Organ weithin verwirrt und verdorben. Wurde diese Propaganda doch nicht müde, den von ihr Erfaßten unentwegt einzuhämmern, man könne selbst das Unmögliche möglich machen, ja, es gäbe überhaupt kein objektiv Unmögliches, sofern der Mensch nur 4 Joos, Leben 49 wolle. Da diese den wirklichen Lebensgesetzen und-Notwendigkeiten grob widersprechende Anleitung in ihrer Anwendung permanent Bankrott machen mußte, verlor sich das Opfer der falschen Propaganda vollends im Unwirklichen. - Praktisch genommen war das Tun dieser sich austobenden und strafenden SS von einer letzten Unwahrhaftigkeit durchwirkt. Selbst da, wo die Lust zur Bosheit, zur Grausamkeit, zur Miẞhandlung eine Hemmung und eine Grenze fand, bestand sie lediglich in der Ueberlegung, daß es ,, herauskommen", daß man ,, etwas davon erfahren könnte". Mißhandeln, Vernichten, Töten, wenn es geht aber insgeheim, verschwiegen, unfeststellbar. Es sollte nichts nach außen dringen. Die schier unbegreifliche Unkenntnis eines Großteils der deutschen Oeffentlichkeit über die Vorgänge in den KZ findet in diesem Tatbestand eine gewisse Erklärung ¹). Manch einer im KZ ward schon dadurch von der SS- Ueberwachung geschont, übergangen, gerettet, weil irgendwer war es im neutralen Ausland, um so wirksamer seinen Namen im Zusammenhang mit dem KZ genannt hatte. Nun hieß es für die SS von oben bis unten aufpassen und vorsichtig sein. Selbst der Umstand, daß ein Häftling regelmäßig Post von Angehörigen erhielt, konnte ein schützendes Moment für ihn sein. Umgekehrt: Wehe den Unbekannten, den Vergessenen im KZ! Sie waren in ihrer Verlorenheit ein steter Anreiz! Daher die besondere und stete Gefährdung der NN-( Nacht und Nebel) Häftlinge. Denn von ihnen wußte niemand und konnte - 1) ,, Auch die in der Umgebung von Dachau lebenden haben niemals Zutritt zum Lager Dachau gehabt und von den dortigen Zuständen nichts gewußt. Die Wächter, die in Urlaub gingen und die Insassen des Lagers, die im Laufe der Jahre entlassen wurden, mußten sich unter Androhung der Todesstrafe verpflichten, nicht das geringste auszusagen. Jedes Wort der Kritik oder jede Aussage über Verhältnisse im Lager wäre mit der Einlieferung in Dachau und einem grausamen Tod beantwortet worden." Kardinal Faulhaber, Erzbischof von München, in ,, Pastoralen Richtlinien" an seinen Klerus, gegeben Mitte Juni 1945. 50 niemand Post em eine ein An se SS- Man samen charakt Zill typisch lem Au bald st Du hie Klatsch - Und herrsch gestoß Wen Warter scheint torium schulu nahme Seelso zittert - - Da. Akten Das ihm E schlag jenige bevor wurde auf w niemand etwas wissen. Sie durften nicht schreiben und keine Post empfangen. Sie spurlos verschwinden zu lassen, war im KZ eine einfache Sache. An seinem Lachen offenbart der Mensch seinen Charakter. Den SS-Mann erkannte man an dem, woran er Spaß hatte. Die grau- samen Scherze, die die SS mit ihren verwirrten Opfern trieben, charakterisierten sie mehr als alles andere. vas i Zill, Sturmbannführer und erster Lagerführer von 1941, war es-"typisch. Hagere Gestalt, blasses, verlebtes Gesicht und aus schma-|“ Ilte-"lem Augenschlitz hervorschießender böser Blick, bald lauernd, Na 1t-; bald stechend— so stand er vor uns 40 Neulingen.„Warum bist| h- Du hier?”—_„Ich, ich... weiß es nicht”, stotterte es daher. nd-"Klatsch, schlug Zill zu.„Hier ist keiner unschuldig! Verstanden!"rl rch— Und Du?”— Dann stellte er sich breitbeinig vor uns hin und| herrschte uns an:„Ihr seid Verbrecher! Das Volk hat Euch aus- rk- gestoßen! Ihr seid ehrlos, rechtlos— wegtreten!” an Wenige Tage danach(14. 8. 41) verlief der Vorgang ungefähr so: ınd y Wartend stramm stehen von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr. Zill er- Sig scheint:„Warum biste eingesperrt? Ach so, Jude, 3 Tage Krema- torium!”—„Und du, Spanienkämpfer? Immer noch Sozialist, Um- schulung!”—„Und du Pfaffe?”—„Weil ich gegen die Beschlag-> eiz! nahme unseres Hauses protestiert habe.”—„So, hat das mit* und Seelsorge was zu tun?— Aber da ist ja noch so ne Pfäfflein; der R. nie zittert schon. Warum hier?”—„Ich darf es niemandem sagen.” a — Da, ein Schlag vor die Brust.„Bürschlein, ich werde mir deine 2a Akten ansehen, Lagerältester, schreib die Nummer auf!” Das war er. So ähnlich war auch der letzte: Ruppert. Von| ur ihm ging in der Führerbesprechung Mitte April 1945 der Vor- 1 schlag aus, wenigstens alle Spanienkämpfer und Funktionäre der- jenigen Parteien, die Gegner des Nationalsozialismus waren, noch bevor die Amerikaner kämen, zu„liquidieren”. Die„Anregung” len wurde vom Altkommandanten Weiß abgelehnt unter Hinweis auf womögliche Folgen für die Familienangehörigen der SS. Von 51 4* ET an can et dieser Führerbesprechung wußten wir am nächsten Morgen schon alle Details. Es war nichts mehr dicht und der Zeitpunkt zu solcher Untat schon lange verpaẞt. Wachsend in Haß, Groll und Verbitterung verharrten der zweite und der dritte Lagerführer. Tenkle, später Kuhn, dazwischen der Hamburger, die ,, blonde Bestie" genannt( Jarolin und Hoffmann waren schon weg). Sie waren von der alten SS- Schule, die nur Miẞhandlung der Häftlinge kannte, daher wurmte sie die fortschreitende Aufweichung" der Behandlungsmethoden. sie ihren Unmut abladen und ihrer Wut freien Lauf lassen konnten, taten sie es. Nicht mehr so dumm offen, wie der seinerzeitige Arbeitseinsatzführer Welter seltsamerweise ein Rheinländer-, der uns wiederholt drohend zurief: ,, Glaubt ja nicht, daß Ihr unseren Untergang überlebt! Wir werden Euch alle vorher umlegen." Nun, der war an der Front draußen, dem Zwange folgend, nicht dem eigenen Triebe. - quent nu das Opfe zu erpre Bach, sind, zeu anfangs Aufzeich ten, wie Wo die Unt Im Sc ,, Versof trunken selig vo dem Ap Block, Dafür war der fürchterliche Oberscharführer Bach da und hielt sich zähe; der SD- Mann, zur Ueberwachung der Gestapo, dessen Haẞ offenbar nicht einmal an sich selber eine Grenze fand, der Opponent der Politischen Abteilung, immer drohend und strafend. Er wollte das Schicksal noch niederzwingen, als die Würfel längst gefallen waren. Wehe dem, für den er sich ,, interessierte"! Wehe dem, von dem ihm etwas zugetragen wurde, ob wahr oder unwahr, blieb völlig gleichgültig. Er richtete 1944 einen Spitzeldienst im Lager ein( Häftling Wernecke); rohe, freche Gesellen, bestochen durch seine Gunst, Horcher auf der Stube, auf der Blockstraße, auf dem Appellplatz. Keiner war mehr sicher vor Denunziation. Geheime Listen wurden aufgestellt von angeblich besonders ,, Gefährlichen", und langjährige Häftlinge aus besten Kommandos und Funktionen, radikaler Richtung verdächtig, auf Straftransport geschickt. Jeder Tag ein neuer Fall, Aufdeckung von geheimer Verschwörung das war Bach. Er - wollte sich in Dachau unter allen Umständen halten. Er ließ den ,, Stehbunker" bauen, diese Zementkabinen, in denen der DelinSinn, Gedac fertigst plötzlic licher „ Ich ge rung Einen ter die seine D er los: Rat g mir e versu Mißve sein u einen lieber. und sc 52 quent nur stehen, nicht sitzen, nicht ruhen konnte, und überließ das Opfer Tag und Nacht der unsagbaren Qual, um Geständnisse N zu erpressen. Bach, der Henker von Dachau. Die seinem Spürsinn entgangen sind, zeugen heute wider ihn. Die Tatsache, daß Ende März und Sa anfangs April 1945 die SS in Dachau aus allen Häftlingsakten die Br Aufzeichnungen erlittener Lagerstrafen entfernten und verbrann- ten, wie überhaupt im letzten Augenblick alle Akten, vermag W; ie* die Untat nicht ungeschehen zu machen. ın- B a zeitige j Im Sommer 1943 war erster Schutzhaft-Lagerführer Redwitz, der En!„Versoffene” genannt. Er war derb und rauh, und wenn er ange- ö In- trunken war, völlig unberechenbar. So kam er eines Tages wein- » E selig von der SS-Sonnwendfeier und torkelte etwas unsicher auf t; dem Appellplatz hin und her, gerade vor dem aufmarschierten 26er 4 Ä Block, dem der Geistlichen. Da kam ihm von ungefähr in den! ai i Sinn, die„Pfaffen” etwas über das Sonnwendfest zu examinieren.; Er Gedacht, getan.„Du, Geistlicher Rat”, rief er einem der schlag- we fertigsten älteren Geistlichen zu,„weißt Du....” Da schoß ihm plötzlich der Zweifel durch den Kopf.„Bist Du überhaupt Geist- licher Rat?” frug er jetzt. Der Angeredete antwortete lächelnd: „Ich gebe schon mal einen geistlichen Rat!”— Ob dieser Erwide- RE rung des Häftlings war der Angetrunkene zunächst sprachlos. 2 F Einen Augenblick schien er zu überlegen,‘welche Schelmerei hin- 5 Ei 2 ter dieser Antwort stecken könnte. Auf einmal verfinsterte sich j rohe, seine Miene; sein Gesicht verzerrte sich zur Wut. Und nun brüllte| i ae er los:„Was, Du willst mir, dem Lagerführer, einen geistlichen Rat geben, Du Strolch, Du. Dir werde ich’s geben... Der will mir einen geistlichen Rat geben....” Danebenstehende Häftlinge\ versuchten den Herrn Lagerführer dahin zu belehren, daß da ein| Mißverständnis obwaltete. Nichts da, er wollte absolut beleidigt sein und schrie und polterte weiter.„Dieser Strolch, will mir einen geistlichen Rat geben..., da sind mir die Kommunisten den BE lieber.” Und er ging zu ihnen hinüber, grollend und fuchtelnd|© Dein 77 und schimpfend auf die„Pfaffen”.| 53 Dennoch, unter ihm und dem Kommandanten W. setzte eine Periode von ,, Kultureinrichtungen" ein: Anlage des Fußballspielplatzes, Konzerte der Lagermusik, Rezitationsabende, Freilichtspiele sogar. Nicht so, als ob die Lagerführung selber einen aktiven Willen, irgendwelches gestaltende Können, oder auch nur Verständnis und ernste Anteilnahme an einer Kulturpflege unter den Gefangenen gehabt oder bekundet hätte! Nein, darauf kam es auch gar nicht an. Wenn sie nur geschehen ließ. Das andere taten die Häftlinge schon von sich aus. Kräfte genug! Wie Dampf, im Kessel unter Druck gehalten! In dem Augenblick, da die Lagerführung den Weg zum Spiel, wenn auch zögernd, unter Hemmungen, Störungen und Rückschlägen, frei gab die Gründe, die sie dazu bewogen, haben wir nie klar erkennen können-, war auch schon alles da. Der niedergehaltene und auf gefährliche Abwege verdrängte natürliche Geltungstrieb von Hunderten von Lagerinsassen schaltete sich automatisch ein: wirkliche und vermeintliche Künstler, Musiker, Sänger, Schauspieler, Rezitatoren und Conférenciers, Taschenspieler, Imitatoren, Kettensprenger und was es im Tingel- Tangel und in der Vorortwirtschaft Amateurkünsten gibt. vor " pc Eh Ι qu lin au tis di m Si le lic is fa an L S S Für wenige Wochen ward sogar eine Art ,, Kulturbaracke" errichtet. Der Nachfolger von R. hatte weder Sinn noch Lust zu solchen ,, Spässen". Die Kulturbaracke erhielt eine andere Zweckbestimmung. Aber bald danach erstand an der Nord- Ost- Ecke des Lagers unter großem Kostenaufwand eine besser ausgestattete Barácke, deren Errichtung, wie es hieß, von oben besonders dringend gewünscht war: das Bordell. Hierauf verwandte die Lagerleitung nunmehr ihre ,, Kulturenergien" und ließ alles andere verderren. Ein Dutzend weiblicher Häftlinge, frühere Dirnen, wurden aus dem Frauenlager Ravensbrück nach Dachau geschafft und unter dem Vorgeben, nach sechsmonatigem Dienst nach Hause entlassen zu werden, verpflichtet. Es gereicht den politischen Häftlingen Dachaus aller Parteirichtungen zur Ehre, daß sie mit wenigen Ausnahmen in stillschweigender Verabredung ablehnten, 54 a me 2 See RR von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen— aus Gründen der „politischen Moral’, wie sie sagten. Ein Häftling von politischer Ehre lasse sich von der SS dazu nicht kommandieren. Daß die„Pfaffen”, wie SS-Leute ausstreuten, die schlechte Fre- quenz dieser Lagereinrichtung, die nur den reichsdeutschen Häft- lingen zugänglich war, verschuldet, ist erfunden Sie hatten dar- auf keinen Einfluß. Wir aber wissen, daß auch altangesehene poli- tische Häftlinge, abseits von christlich-sittlicher Moralauffassung, die selbstverständlich dagegen war, die Parole durchgaben, und mit Erfolg. Was erhoffte die Lagerleitung von dieser Einrichtung? Sie sagte: Erhöhung der Arbeitsfreudigkeit und meinte sicher Ab- lenkung des politischen Instinkts und Ablenkung vom widernatür- lichen Laster im Lager. Weder das eine, noch das andere ist erreicht worden. Auf dem Dach stand es breit: Sauberkeit und Ehrlichkeit seien Wege in die Freiheit. Das Gebaren der SS im Lager stand jeden- falls im Widerspruch zu der Tugendreklame auf dem Dache der Lagerküche. Sie kochte in anderen Töpfen. Wo nur rohe Kräfte sinnlos walten, wo jeder geistig-sittliche Wert verlacht und ver- spottet wird, da ist die Lüge zu Hause; da treibt Korruption ihre Sumpfblüten. Kaum ein SS-Mann, der sich nicht der Häft- linge bediente, um sich einen Vorteil zu verschaffen, wobei es nicht bloß um die Zigarette ging.„Schwarz bestellt”, mit„schwarz organisiertem Material, in„Schwarzarbeit” hergestellt: Möbel- stücke, Schuhzeug, Wäsche, Kleider, Luxusgegenstände aller Art. In der Desinfektion versteckt arbeiteten monatelang einige Stroh- flechter kunstvolle Hausschuhe für Damen von SS-Führern. War Besuch in Sicht, verschwand die Werkstatt in einem Geräteraum hinter alten Schränken. Ein Feinmechaniker, Berliner Ingenieur, hatte wochenlang zu tun, um Schachfiguren aus Stahl, Kunst- werke in ihrer Art, anzufertigen. Dachau war als Zentrale der SS mit großem Uebungslager zu- SS-Beuteware. Kleiderstoffe gleich Stapelplatz für derwaren, Wäsche, in Ballen, fertige Garderoben, Seiden- und Le 55 Strümpfe, Pullover, Wein und Spirituosen brachte man in ganzen Zügen herein. SS versorgte sich bei der Waggonentladung zu- nächst, und mithelfende Häftlinge konnten es auch. Verzweifelt rief bei einer solchen Gelegenheit der überwachende Sturmführer aus:„Das kann so nicht weiter gehen. Bis Mittag mag es noch ‚organisiert’ sein, von Nachmittag ab ist es gestohlen, und wird be- straft.” Der Kommandant hielt sich Rassenhunde. Der Hundesepp hatte sie sachkundig zu pflegen. Nahrung: Vollmilch und Fleisch—, für Häftlinge absolut unerreichbare Dinge. Wie glücklich war der Hundesepp! Außerdem durfte er, der Hunde wegen, in den Wald hinaus, mit einem Posten selbstverständlich. Da sah er eines Tages, wohl nicht von ungefähr, seine Frau und seine Kin- der. Dann war’s um ihn geschehen. Vom Heimweh geplagt und von einer panischen Furcht befallen— er hatte zu jenem Zeit- punkt von dem Plan gehört, die Konzentrationslager mit ihren Insassen vor einer eventuell eintretenden Katastrophe durch die eigene Luftwaffe zu vernichten—, machte er einen Fluchtversuch, der mißlang und durch den er andere mit hineinriß. Solche Fluchtversuche, wie der Hundesepp ihn unter- nahm, wurden meist von Häftlingen gemacht, die in Außen- kommandos beschäftigt waren, ungeachtet der furchtbaren Prügel- strafen(zweimal 50 Schläge; ich sah einen, dessen Wunden nach 6 Monaten noch nicht verheilt waren) und der Einkerkerung im sogenannten Bunker. Diese Häftlinge kannten das Gelände und sie versprachen sich vielleicht auch zuviel an Mithilfe seitens der Bevölkerung, deren Abneigung gegenüber der Dachauer SS be- kannt war. In Gastwirtschaften auf dem Lande konnte es in der Tat vorkommen, daß die Wirtin den SS-Mann, der nach einer Erfrischung fragte, unter Hinweis auf Warenmangel abwies, aber eine demonstrativ offene Hand hatte für den Häftling. In der Stadt München allerdings schien das weniger sichtbar. Als wir zu etwa 10 Mann in einem verhängten Lastwagen in die Klinik gefahren wurden, zeigte sich auf den Gesichtern der in den Gän- 56 gen giert ner kran Pest die t gen wartenden Frauen und Kinder wohl etwas wie ängstliche Neugierde, aber kein eigentliches menschliches Interesse für die Männer im Dachauer Sträflingsanzug. Manche bemühten sich sogar krampfhaft, an uns vorbeizusehen, als ob sie fürchteten, der SSPesten könnte ihnen einen Schimmer von Anteilnahme ablesen, die diesen ,, Verbrechern" gegenüber unangebracht war, ja sogar als eine Provokation gegenüber Gestapo und Partei aufgefaßt werden konnte. Der kleine forsche Wiener Dr. Buchta in der Revier- Apotheke, ein leidenschaftlicher Jurist, aber zum Apotheker avanciert, mit beachtlichem Fachwissen, mußte seinem Chef, dem SS- Apotheker ganz scharf auf die Finger sehen, damit nicht allerňand an Medikamenten verschwand, zu privaten Zwecken, indes die Kranken des Reviers warteten und warteten. Da er, der Nicht- Apotheker und Doch- Apotheker, seinen„ Laden" genau in Ordnung hielt, während sein Chef seine Zeit mit Flirterei in München und anderswo vertrödelte, blieb er bei jedem Auftritt unbestritten Sieger. Unwirsch, mürrisch und neidisch wühlten SS- Kontrolleure in den Lebensmittelpaketen, deren Zusendung ab Oktober 1942 erlaubt wurde, was Tausenden und aber Tausenden das Leben rettete. Daß ,, dieses Gesindel" noch soviel Achtung im Lande besaß und soviel zugeschickt bekam, hat manchen SS- Mann nachdenklich gestimmt. Wein und Spirituosen, die sich in die Sendungen hinein verloren, nahmen sie selbstverständlich weg. Schade! Später ließen sie mit sich reden, wenn einer damit, und mit Tabakwaren, halbpart machte. Diese Lebensmittelsendungen ermöglichten unter anderem auch die Uebermittlung von Sachen, die die SS nichts anging, zum Beispiel Briefe und Bilder von Familienangehörigen. Naiv offen dazu gelegt, kamen sie natürlich nicht durch. SS wollte betrogen sein. Der Vertrauensmann der französischen Häftlinge war glücklich über jeden zusammengerollten Papierstreifen, den seine Frau geschickt im Paket untergebracht hatte. So erfuhr er das Besondere, was die Frau und die sieben Kinder im offiziellen Brief, zur 57 Abfassung in der ihnen fremden Sprache gezwungen, nicht schreiben konnten. Ein umfangreicher, knuspriger Kuchen überraschte seinen Empfänger dadurch, daß er überhaupt kein Kuchen, sondern ein sorgfältig umbackenes Buch war, in dem sämtliche Aktionen der Gestapo im Ordenshaus X im Verlaufe zweier Jahre aufs genaueste verzeichnet waren. Es müssen ganz kluge Schwestern gewesen sein, und mutige dazu, die sich dieses Stücklein geleistet haben. Im Verlaufe 1944 kamen manche SS- Unter- und Oberscharführer, Sturmführer usw. ungewollt an die Front. Dafür setzte man ältere Wehrmachtssoldaten ein, ungefragt, und steckte sie ganz einfach in SS- Uniform. Das war dumm, denn es war unsinnig. Diese sonderbaren SS- Leute sagten es jedem halbwegs vertrauenswürdigen Schutzhäftling, daß sie diese Uniform nicht gewollt, daß sie sie verfluchten und mit diesen Leuten nichts zu tun hätten. ,, Wir werden auf keinen Fall schießen", meinten sie. Das war tröstlich. In eine Art SS- Uniform gesteckt und wider Willen zur ,, Bandenbekämpfung" auf dem Balkan eingesetzt, wurden anfangs November 1944 auch 250 meist langjährige politische Häftlinge des Lagers Dachau. Ein gleiches Experiment war zuvor mit einer Anzahl krimineller Häftlinge gemacht worden. Unter den Politischen befanden sich auch zwei Geistliche, der katholische Pfarrer Doppelfeld, bekannt in der katholisch- sozialen Bewegung am Niederrhein, sowie ein evangelischer Pfarrer. Man faßte die ,, Dachauer" in eine besondere Kompagnie zusammen und vereinigte sie mit zwei weiteren Kompagnien, die aus politischen Häftlingen des KZ Sachsenhausen bestanden. So wurden sie in die TodesBrigade Dirlewanger eingereiht und am 23. November nach der Slowakei in Marsch gesetzt. Seitens der SS und auch wohl von schlecht orientierten Häftlingen, ist die Behauptung aufgestellt worden, diese politischen Häftlinge hätten sich„, freiwillig zum Heeresdienst gemeldet". Diese Darstellung ist unrichtig. Die Wahrheit ist die: Die Lager58 führung in Dachau forderte Ende Oktober 1944 bestimmte Jahresklassen auf, sich zu melden. Der Zweck war nicht ganz klar, wohl aber die Absicht, bei dieser Gelegenheit die Häftlinge zu klassifizieren in gut- und schlechtwillige, um danach entsprechend zu verfahren. Wollten die Häftlinge dieses durchsichtige Manö-ver der Lagerführung durchkreuzen, so konnte es in der Weise geschehen, daß sie sich alle meldeten. In einer internen Besprechung, an der alle Parteirichtungen teilnahmen, einigte man sich darauf, Dennoch suchte die Lagerführung auf dem Wege der ärztlichen Musterung diejenigen vorzugsweise heraus, die ihr aus politischen Gründen besonders gefährlich schienen. Die freiwillige" Meldung war demnach die eines ohnehin zum Tode Verurteilten, dem sich unter Umständen noch eine, wenn auch geringe, Chance eröffnen konnte. Die uniformierten Häftlingssoldaten von Dachau und Sachsenhausen haben sich keineswegs verhehlt, daß sie nach jeder Richtung hin verraten und ins Nichts gestoßen waren. Sie zählten weder zur Wehrmacht, noch zur SS, wurden nicht vereidigt, blieben aber der SS unterstellt. Weder zivil-, noch wehrmachts-, noch völkerrechtliche Ansprüche konnten von ihnen oder von ihren Angehörigen geltend gemacht werden. Sie glichen einem umstellten, uniformierten und mit Waffen versehenen Menschenhaufen, dem man jeden Augenblick mit Zusammenschießen und Aufhängen drohte. Dennoch galt es, das böse Spiel mitzuspielen bis zum Ende, mit dem unbeirrbaren Willensentschluß zur Flucht bei erst bester Gelegenheit. Am 11. Dezember, an der nordungarischen Front eingesetzt, gelang es nach wenigen Tagen, die russischen Truppen wissen zu lassen, wen sie vor sich hatten, und geschlossen. überzugehen. So wurden die politischen Häftlinge von Dachau und Sachsenhausen Kriegsgefangene. Die meisten verblieben im Gefangenenlager von Focsani( Rumänien) und kamen von da in Arbeitskommandos. Nach Kriegsschluß ist ein Teil von ihnen als krank entlassen worden. 59 HÄFTLINGE VERWALTEN SICH ,, Herr, niemals haben wir die wunderbare Macht und die Freuden der brüderlichen Nächstenliebe so klar erkannt, als während unserer Gefangenschaft. Nie haben wir Deinen Ruf so bewundert, den erhabensten, den die Menschheit je vernommen: Liebet einander!" Aus dem Gebet der Heimgekehrten, gesprochen anläßlich der großen Pilgerfahrt ehemaliger französischer Kriegsgefangener und Deportierter in Paray- Le- Monial, 16. September 1945. - Auffallend, mit wie wenig SS- Ueberwachung sich eine Häftlingsstadt von vielen Tausenden verwalten ließ! Der Lagerführer und seine Stellvertreter, ein oder zwei Rapportführer, für jeden Block ein Blockführer, Kommandoführer für die Arbeitsgruppen und Posten für die Außenkommandos und der Karren lief. Ein Kunststück! Die SS plante und redete drum herum, und die Häftlinge machten die Arbeit, verwalteten, ordneten an, führten durch, hielten den Betrieb in Gang. Eine Hierarchie von Funktionen und von Funktionären! Der Lagerälteste und sein Stellvertreter. Blockälteste, Stubenälteste und Schreiber. Eine Lagerschreibstube mit Häftlingen( Lagerläufer zugleich, da es keine telephonische Verbindung gab) besetzt, der Arbeitseinsatz, der mit einigen Kräften die angeforderten Arbeiter aussonderte und bereitstellte, die Capos endlich, Häftlingsaufseher der zahlreichen Arbeitskommandos. In den SS- Lohnbüros sogar Häftlinge, Geistliche. Herumkrakelende SS und sachlich arbeitende Häftlinge. Die Bezeichnung„ Aeltester" darf man nicht wortwörtlich nehmen. Die Lagerführung wählte sie aus den Reihen der Reichsdeutschen aus, unter Berücksichtigung des Jahres der Einlieferung, auch wohl auf Vorschlag hin. Leitpunkt: Organisationstalent. Das 60 - Sozialisten und hieß, SS- mäßig verstanden: robust, bedenkenlos, fähig zum Dreinschlagen. Die SS- Lagerführung wußte, daß die Kandidaten zu großen Teilen links, auch äußerst links, standen Kommunisten. Aber sie waren eben in der Mehrzahl Langjährige und Reichsdeutsche. Das wurde erst 1941/42 anders. Natürlich irrte sich die Lagerführung auch hie und da bei dem einen oder anderen. So gab es in dieser ausgedehnten Lagerbürokratie solche und solche, Gefürchtete und Geschätzte, bloße Subjekte und Männer, Abenteurer mit gefährlichsten Neigungen und wirkliche Menschen. Ein falscher Mann als Lager- oder Blockältester setzte von sich aus wieder falsche in untergeordnete Stellen und breitete das Uebel weiter und weiter. Umgekehrt, ein charaktervoller Mann, aus Versehen, aus einer momentanen Laune, auf einen bestimmten Eindruck hin ernannt, konnte Gutes um sich sammeln. Ein Machtkampf, von der SS- Lagerführung mitunter raffiniert ausgenützt, tobte unter der Decke zwischen den Parteirichtungen, zu denen sich die langjährigen Häftlinge jeweils bekannten. Hie Kommunisten hie Sozialdemokraten! Wer macht das Rennen? Persönlicher Ehrgeiz, Eitelkeit und überspanntes Geltungsbedürfnis Einzelner führten zu nie abreißenden Intrigen. Zeitweise waren die Kommunisten in den Schlüsselstellungen, und manche von ihnen wußten davon Gebrauch machen. Die Sozialdemokraten parierten umsichtig, verschwiegen, und mit ihnen waren Einsicht, Mäßigung, Vernunft und Menschlichkeit. Wo sie das Heft in Händen hatten und so lange sie es hatten: in der Lagerschreibstube, im Arbeitseinsatz, in der Lagerbibliothek, auf Blöcken, haben sie sich bewährt, in der sachlichen Arbeit, wie meist auch in den menschlichen Qualitäten. - zu Der interessanteste unter den kommunistischen Häftlingen war wohl Willi Bader, der 1943/44 Aeltester im Zugangsblock war, ein Transportarbeiter von Ludwigsburg. Er konnte von sich sagen, über seinem roten Winkel eine der ältesten Nummern des Lagers Dachau zu tragen, nämlich Nr. 9. Dieser Mann war die Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit selber. Von ihm wird der Ausspruch berichtet: ,, Ich frage mich jeden Abend, ob ich einem Kameraden 61 in der Stube heute Unrecht getan." Er starb im März 1945 an Hungertyphus. Die Kameraden legten ihm die ersten Frühlingsblumen auf den Totenschrein, in dem ihn die von der Totenkammer aufgebahrt hatten. Und es gab sehr, sehr viele, nicht zuletzt Priester, die um ihn trauerten. - Eine gute Figur machte auch der aus einer komm. Jugendbewegung hervorgegangene kunstbegeisterte Lagercapo Wilhelm. Er konnte zwar grob aus der Rolle fallen, tat es aber selten. Er zog mit den 300 unglücklichen Kameraden in SS- Uniform zur ,, Bandenbekämpfung" nach Ungarn. Neben ihm fiel uns der von einer radikalen Pädagogik herkommende sächsische Lehrer Bankwitz auf, der es bis zur Vertrauensstellung eines Lagerläufers brachte, um dann doch noch in die Hände von Bach zu fallen. Die Fäden, die er ,, schwarz" über den Drahtzaun ins Land hinaus sponn, waren zu fein, als daß sie hätten halten können. Sein schmales, ausgehungertes Antlitz bleibt mir in Erinnerung. Wie anders ihr Parteigenosse vom Isolierungsblock 1941, der Stubenälteste U., der mit dem Schlagen nicht mehr aufhören wollte und unbedingt darauf bestand, eine Meldung zu machen, weil ein Häftling ihn nicht sofort in seiner Würde erkannt und nicht ehrerbietig genug angesprochen hatte. Im Herbst 1944 verfügte die Lagerführung über eine ziemlich genaue Liste der in Funktionen stehenden Kommunisten. Ob Häftlinge dabei die Hand im Spiele hatten? Die Liste zeigtę überraschende Personenkenntnis. Man nannte als Mitwisser den damaligen Lagerältesten, einen Wiener Rennstallbesitzer, politisch ohne Färbung. Notwendig war es nicht, daß er wußte oder etwas daran tat, da es genug unvorsichtige Leute auch unter den Kommunisten gab. Sämtliche linksradikalen Parteigänger in gehobenen Stellungen kamen damals auf Straftransport. Mauthausen? Neuengamme? Auf Schiffe verfrachtete Häftlinge von Neuengamme sind zum Teil umgekommen. Dafür mußte der Nachfolger des am Fleckfieber verstorbenen Rennstallbesitzers im Amt des Lagerältesten, ein Armenier, Weißgardist, Dolmetscher für russisch und 62 beri mer U Sch gea gön erla tier W Ma ein hat wa ein WE ge fü be m A hi h berüchtigter Schläger, mitbüßen. Als die alliierten Truppen kamen, wurde er erschlagen. - Ueberaus tapfer und als guter Kamerad hielt sich der Wiener Als Blockältester allgemein Schutzbundführer Major Eifler. geachtet, politisch außerordentlich lebendig, war es ihm nicht vergönnt, das bereits sichtbare Ufer der Freiheit zu erreichen. Er erlag im Frühjahr 1945 dem Fieber. In der Lagerschreibstube amtierte längere Zeit an leitender Stelle der Wiener Emmerich Wenger, Sozialdemokrat, ein stiller und ungemein kluger Mann. Eingeklemmt zwischen der Schutzhaft- Lagerführung und einem meist mit Vorsicht zu nehmenden Häftlings- Lagerältesten hat W. unter der Hand um- und ab gebogen, was irgend möglich war. Die Intrigen fanden an seinem unbestechlichen Charakter eine Grenze. Er hätte wohl bis zum Ende durchhalten können, wenn er nicht mit den andern zur Division Dirlewanger gezwungen worden wäre. Dem gleich nach 1933 verhafteten, politisch führenden reichsdeutschen Sozialdemokraten und Schwerkriegsbeschädigten, dem ehemaligen Reichstagsabgordneten Dr. Schumacher, ist es gelungen, die 10 Jahre Quälerei auszuhalten. Anfangs 1944 wurde er entlassen. Als maßvoller Mann und stets hilfsbereiter Kamerad hatte er im Lager ein gutes Andenken hinterlassen. - Ein nicht geringeres sein Parteifreund, der ehemalige Präsident des lippischen Landtags. Wir nannten ihn Kuno. Da er das ebenso undankbare wie äußerst folgenschwere Amt als Büroleiter im Arbeitseinsatz innehatte, rief eben alles nach Kuno. Jeder klammerte sich an ihn, jeder wollte etwas von ihm, jeder hoffte Hilfe von ihm. Kuno tat sein möglichstes und darüber hinaus. Von einem unleidlichen, ewig aufgebrachten SS- Arbeitseinsatzführer bis aufs Blut gepeinigt, brach er in den Sielen zusammen. Ein Magenleiden ließ ihn dahinsiechen. Dem notwendig gewordenen operativen Eingriff war sein verbrauchtes Herz nicht mehr gewachsen. Stumm, fassungslos, tränenlos, wie es Sitte unter Häftlingen, starrten die Kameraden in das leidvolle Antlitz des Toten, den man schlicht, 63 dcch liebevoll in einem alten Schuppen aufgebahrt hatte— eine Möglichkeit, von der gegen Ende wiederholt Gebrauch gemacht wurde. Glücklicher waren zwei andere der älteren Dachauer in gehobe- ner Amtsstellung, die hier genannt werden müssen, zwei Christ- lich-Soziale. Beide haben härteste Tage gesehen und durch- gestanden, beide sich bewährt in ihrer Funktion, als Mensch und Kamerad. Dr. Kühr und der ehemalige Wiener Oberbürgermeister Schmitz. In derselben geistig und religiös-kirchlichen Welt be- heimatet, beide geläutert im Leid, haben sie ein eindrucksvolles Beispiel gesetzt. Denn sie haben praktisch gelebt, was ihr ernst ge- nommenes Christentum von ihnen forderte. Sie waren wirklich edel, hilfreich und gut. F. Kühr, eine ernste, stille Natur mit dem Hang zum Sinnieren, philosophisch und ökonomisch durchgebildet und in geistig diffe- renzierter Arbeit erprobt, kam auf dem merkwürdigen Weg über Afrika nach Wien in die Gewerkschaften, um bei Oesterreichs Vergewaltigung gleich allen Beamten, Politikern, Partei- und Ge- werkschaftsfunktionären, deren die Gestapo habhaft werden konnte, nach Sachsenhausen und Dachau geschickt zu werden. Obschon zurückhaltend und bescheiden, holte man ihn doch zu einer Schreiberstelle. Er versorgte die Aermsten der Häftlinge in der Isolierung(Strafblock) heimlich und verbotsaerweise mit Nahrungsmitteln und erlitt die schwersten Lagerstrafen. Außer- gewöhnliche innere Kräfte vermochten den schwächlichen Körper zusammenzuhalten, Er überstand. Selbstlos und hilfsbereit setzte er seine humanitäre Mission im Krankenbau fort, Alle kannten ihn; alle schätzten ihn, Keiner, der ihm mißgönnt hätte, daß er auch, wie die meisten der Wiener Christlich-Sozialen, Ende 1943 entlassen wurde, Der Christlich-Soziale Wiener Oberbürgermeister und Minister a. D. Schmitz allerdings blieb neben den Linksparteilern zu- rück. Trotz schwerer familiärer Schicksalsschläge mußte er aus- halten. Man ließ ihn unter polizeilicher Begleitung zum Begräbnis 64 t d т S e t B 5 seiner Gattin für einige Stunden nach Wien. Tiefgläubiger Mensch, tat er ruhigen Gemüts draußen in der Plantage, in einem stillen Uebersetzungsbüro, seinen Dienst, der Verheißung gewiß, die ihm das kirchliche Abendgebet alltäglich zurief:„ Mit einem Schild umgibt dich Seine Treue. Du brauchst nicht fürchten nächtlich Grauen, nicht den Pfeil, der unter Tags daher schwirrt, und nicht das Unheil, das im Finstern schleicht". Er hat auch das Abenteuer der Verschleppung in die Tiroler Alpen überlebt, von dem wir an anderer Stelle berichten. Ein junger Akademiker mit Namen Pfeiffer, praktischer Katholik und Mann der Zeitungswissenschaft, ein Leipziger, tauchte eine Zeitlang im Lager auf, wurde Revierschreiber und kam seltsamerweise in Verbindung mit einer angeblichen Kommunistenverschwörung auf Straftransport mit unbekanntem Ziel. Die besonderen Lagerumstände, in Verbindung mit dem fast unkontrollierbaren Ausmaß an Macht und Selbstherrlichkeit, das den Blockältesten zufiel und manchem von ihnen Lebensgewohnheiten ermöglichte, die er kaum zu Hause gekannt hatte, führten immer wieder zu kleinen und größeren Skandalen, die wahre Abgründe sittlicher Entartung ahnen ließen. So der Skandal der Nackttänze, die sich ein Blockältester in den Weihnachtsfeiertagen 1943 mit jugendlichen Häftlingen leistete. Er wurde samt Anhang seiner Stelle enthoben. Das im Lager bekannte Laster, ein öffentliches Geheimnis, wucherte als solches weiter. Diejenigen Blockältesten, die lieber ihre Degradierung und den Straftransport auf sich nahmen, als bei der Auspeitschung von Kameraden mitzuwirken, lebten geistig jedenfalls in reineren Regionen. Daß die SS dazu überging, die Lagerstrafe der Stockhiebe von Häftlingen an Häftlingen vollziehen zu lassen, entsprach deren Geistesverfassung und dem ihr eigenen Mangel an elementarem Anstandsgefühl. Daß Blockälteste sich darauf einließen, war peinlich, selbst wenn es unter Hemmungen und mit dem Willen zur Zurückhaltung geschah. Die SS stand daneben und hielt auf festen Schlag. Moralisch wertvoller blieb die kategorische Weige5 Joos, Leben 65 rung: ,, Ich schlage nicht." Dann eben Absetzung und Straftransport. ,, Tun Sie, was Sie für gut halten!" Ehre dem politischen Blockältesten Frey, dem Charakter mehr war, als das Amt! Die Capos Die Berufung von Arbeitsaufsehern aus den Reihen der Häftlinge war ein raffinierter Schachzug der SS- Lagerführung. Besser, Häftlinge selber trieben ihre Kameraden zur Höchstleistung an und schlugen sie. Manchem Capo machte dieses Amt keine Sorge. Er hatte ein bequemes Leben, zusätzliche Nahrung, warum also nicht. Einige erwiesen sich als willige Helfer bei dunkelsten Praktiken der SS. So der im Lager dieserhalb verschrieene Capo Knoll, der sich dessen rühmte, eine Reihe von Juden ,, fertiggemacht" zu haben. Der kleine Schreinercapo der Isolierung 1941 war jedenfalls von anderem Holz. Gleich am ersten Tag setzte er mir auseinander: ,, Wir arbeiten hier gezwungen und grundsätzlich nur, wenn die SS in Sicht ist." Er kannte das verzweifelte Los derer von der Isolierung, dem Strafblock, der Häftlinge mit dem schwarzen Punkt, und wußte auch um die Korruptheit des Blockpersonals zu der Zeit, das uns mißhandelte und ausplünderte. Der forsche Schwabe hätte seinem Kollegen, dem Capo von der Strohsackstopferei eine Lektion halten können. Dieser wenig biedere Sachse und ehemalige Dezernent des Sozialamtes einer sächsischen Großstadt, linksradikal, konnte sich nicht genug tun in der Leistungssteigerung. Waren 60 Strohsäcke verlangt, so drängte er auf 80. War es soweit, dann meinte er, man könne bequem 100 machen. Dabei waren wir in der verheerendsten Hungerperiode Dachaus, Sommer 1942. Jeden Tag fielen Kameraden zusammen. Er, der Capo, verschaffte sich durch Schwarzarbeit besondere Zusatznahrung und aß sie ohne Wimperzucken vor den Augen seiner hungrigen Mannschaft. Er duldete wenigstens, daß wir diejenigen, die sich nicht mehr aufrecht halten konnten, in der Holzwolle versteckten und schlafen ließen. Dennoch starben von 18 Mann 11. 66 Darunter befand sich der durch seine kunstkritischen Arbeiten über Meßkirch und den Maler Grünewald bekannte Stadtpfarrer von Donaueschingen, Msgr. Dr. Heinrich Feurstein. Niemand im Arbeitskommando der Lagereinräumung ahnte, daß hinter der über der Arbeit gebeugten, zerbrochenen Gestalt ein Mann mit außergewöhnlicher künstlerischer Begabung verborgen war. Im Januar 1942 wurde er verhaftet; in wenigen Monaten vollendete die Gestapo an ihm ihr Vernichtungswerk. Er kam aus dem Gefängnis in Konstanz nach Dachau, lediglich um zu sterben. Die Tage, da er sich nur noch mühsam aufrecht halten konnte, behandelte ihn unser sächsischer Capo mit ausgesuchter Rücksichtslosigkeit. Er verstand nicht, warum der an Körper und Gemüt verwüstete Mann selbst das wenige nicht mehr zu leisten vermochte, was man von ihm verlangte, bis man ihn eines Tages bewußtlos stöhnend unter dem Arbeitstisch liegend fand. Er ist kurz darauf ( 2. 8. 1942) im Revier gestorben. Der letzte, den ich genau in Erinnerung habe aus diesem Strohsackkommando, war ein Geistlicher, Religionslehrer aus dem Böhmischen. Zweimal hatte er schon versucht, ins Revier aufgenommen zu werden, vergebens. Nun luden wir ihn auf eine Handkarre und fuhren ihn in den Krankenbau, nachdem wir ihm anbefohlen hatten, unter gar keinen Umständen sich zu erheben, einerlei, was auf ihn eingeredet werden könnte. ,, Bleib ruhig liegen und rühr Dich nicht!" Als wir aber vor dem Revier- Capo standen und dieser ihn anschrie: ,, Aufstehn!", da erschrak er derart, daß er seine letzten Kräfte zusammenriß und wirklich und wahrhaftig aufstand. Der Capo lachte uns aus und schickte uns weg. Acht Tage später war unser Religionslehrer tot. Der sächsische Capo starb an Fleckfieber. Sachkundige Männer wirkten als Capos in der Plantage, in der Bibliothek, in der Wäschekammer und in einer Reihe anderer Kommandos. Auch der originelle Capo B., Kommunist im Sinne eines miẞverstandenen Arme- Leute- Protestes, war ein herzensguter Kerl. Er lebte in der Erinnerung an seine Großtat: Sprung von 5* 67 der Donaubrücke in den Strom. ,, Das hat mir keiner nachgemacht. Schade, jetzt geht's nicht mehr." Am Charakter von zwei Capos konnte man den Nachweis führen, daß man Arbeitsaufseher und guter Mensch zugleich sein kann, denn sie haben das Experiment unter den erschwerenden Umständen eines KZ gemacht: Hecht, der Offenburger, und Jakob, der Moselaner. Hecht, Handwerker, gemäßigter Sozialist und Vertreter in einem badischen Bezirk, war 1942 Capo der Holzschnitzer. Geschnitzt wurden Holzschuhe und Holzlöffel. Sein Kommando war interessant zusammengesetzt: Arbeiter, Bauern, Amtspersonen, Gelehrte, Journalisten. Neben uns schnitzte der Belgrader Professor für englische Literatur Popovic wohlgeformte Holzlöffel, flankiert vom Bürgermeister von Marburg und dem polnischen Grafen von X. Hecht trieb niemals an. Er war eher Vater als Aufseher. Es ging auch so. Niemals erhob er die Hand gegen einen Häftling. Hatte er eine Schale Suppe erhascht, stellte er sie zur Verfügung. Wir nahmen bewegt Abschied von ihm, als sein Arbeitskommando aufgelöst wurde, weil der Löffel und Holzschuhe genug waren. Er hat es später wieder aufgezogen und ist wohl glücklich heimgekommen. Nicht so Jakob Koch, der vom Unglück Verfolgte. Er war praktischer Katholik und kam politisch aus der Mitte. Die in Zell an der Mosel alteingesessene Familie von Weinbauern ließ den Jungen ins Verwaltungsfach aufsteigen. Von Hause aus antipreußisch orientiert, interessierte sich der junge Beamte nach dem Weltkrieg 1914/18 für die Rheinische Republik. Als die französischen Truppen Rhein und Mosel verließen, bekam Jakob sein Strafverfahren und drei Jahre Zuchthaus. In der Heimat war danach seines Bleibens nicht mehr. Wohin? Klosterschwestern stellen ihn für Büroarbeiten ein und müssen ihn auf polizeiliche Intervention wieder entlassen. Eine neue Stelle tut sich auf, wieder im Schatten eines Klosters, und einige stille Jahre folgen. Es kommt das System Hitler. Er wird aus der Stelle vertrieben und 68 - ➖ kommt als Verwaltungsmann in einer Vertrauensstellung bei der Autobahn unter. Alles scheint sich zum Guten zu wenden. Da bricht 1939 der Krieg aus, und die Gestapo zieht die geheime Liste der Bestraften und Verdächtigen aus der Tasche. Koch kommt ins KZ Sachsenhausen. Dort ist die SS in Schwung. KnieTreten. Er ist Zeuge, wie beuge Sachsengruß Schlagen der von internationalen Kongressen weithin bekannte rheinische Föderalist und Idealist Professor Schmittmann, Köln, herzleidend, bei der Uebung zusammenbricht und von einem SS- Mann mit dem Stiefelabsatz bearbeitet wird, bis er Blut bricht. Der Tote, angeblich an Herzschlag gestorben, wird der Gattin drei Tage später zur Beerdigung freigegeben. Von Sachsenhausen geht's nach Dachau. Hier wird Jakob Koch Capo der ,, Lagereinräumung" und als solcher Zuflucht für alle, die der Schonung bedürfen und kein Kommando finden können Bei ihm sehen wir auch den rheinischen Separatisten Matthes. Schon kränkelnd und an Verfolgungswahn leidend, stirbt er im Sommer 1944 an Krankheit. Es ist nicht richtig, daß er den Gewalttod erlitten hat. Jakob selber aber, unter der unerträglichen Verantwortung der nicht durch seine Schuld heraufziehenden Seuche des Fleckfiebers schwer bedrückt, wird vom Fieber aufgezehrt, ein Opfer hingebungsvoller Arbeit im Dienste der Kameraden. Als er in dem trostlosen Schuppen lag, tot und fast unkenntlich, haben viele, zumal unsere Priester, in dankbarem Gebet Abschied genommen von diesem trefflichen Mann. - 69 PROLET UND MENSCH „Seid wahrhaftig, Männer, die zu ihren Verant- wortungen stehen, die die Meinung anderer achten und die Einheit nicht mißverstehen als einen Fried- hof des Verstandes.” Kardinal Saliege, Erzbischof von Toulouse, an eine Volksversammlung im September 1943. „Hier gibt's keine Bedienung. Hier sind wir alle gleich!” brüllte mir ein unbekannter, düster aussehender Kamerad wütend und mit rollenden Augen zu. Er hatte im Vorbeigehen gehört, daß ich einen Freund um eine ganz selbstverständliche Gefälligkeit ge- beten hatte. Wie? Alle gleich? Hier so wenig wie draußen. Ungleich von Na- tur und ungleich von Charakter. Es gab unter uns Starke und Schwache, Gesunde und Kranke, Einfache und Komplizierte, Ver- nünftige und Unvernünftige, Kluge und Unkluge, Saubere und Unsaubere, Hilfsbereite und Selbstsüchtige, Feine und Gemeine.— Ungleich in der Ernährung: Die einen hatten doppelten Zusatz, gehobene Kost und organisierten sich noch allerhand dazu, woran ein simpler Häftling nicht entfernt denken konnte. Gerade kriminelle Naturen fanden Mittel und Wege und hatten alles, was das Herz begehrte. Ungleichin Kleidung: Die einen gingen in Lumpen und bar- fuß und in groben Holzschuhen, andere hatten sich eine feine „Kluft” und gepflegte Lederstiefel„organisiert”. Ein Berliner Kri- mineller protzte mit seiner geradezu aufreizenden Seidenwäsche. Es war die Zeit, da der Zebrastoff der Häftlingskleidung ausging und fast alles auf Zivilkleidung umgestellt wurde. Die Häftlinge trugen nicht etwa ihre mitgebrachten eigenen, sondern die abge- legten Anzüge derer, die irgendwo durch die Gaskammern gegan- gen.— 70 Und nicht gleich in der Unterkunft. Wir haben Häftlinge, Lager-, Block- und Stubenälteste gesehen, in deren behaglicher Wohnecke sich ein ganz anständiger Luxus von allerlei Gerät zusammenfand, vom Kristall bis zum Federkissen. Um uns aber war es nackt und kahl, und wir lagen auf der steinhart gepreßten Holzwolle. Selbst in der Behandlung waren Unterschiede. Die einen geachtet, die anderen Luft. Für die einen waren die Plätze freigehalten beim Lagerkonzert, andere mußten sich darum schlagen. Nein, selbst an diesem Ort des gemeinsamen Leids und des langsamen Sterbens herrschte keine Gleichheit. Nur im Tode waren sich auch hier alle gleich. Eines allerdings hätte wie ein erhabenes Gesetz für alle Häftlinge Geltung haben sollen: Die Achtung vor sich selbst und der Respekt vor der Würde und Ehre des Kameraden. In den Augen der SS waren wir„, Untermenschen", ein ,, Dreck", wie sie sich ausdrückten. An uns lages, das heilig zu halten, was sie uns verweigerten. Die Gefahr des Abgleitens war nicht gering, denn auch böse Beispiele ziehen an. So sahen wir Capos, Stuben- und Blockälteste sogar, auf die das Wort vollgültig zutraf: ,, Und wie der SS- Mann sich räuspert und wie er spuckt, das haben sie ihm trefflich abgeguckt." Dieselbe Ueberheblichkeit, derselbe Ton, dieselben brutalen Umgangsformen in der Menschenbehandlung: Schimpf, Schlag, Fußtritt. Vom SSMann erwartete man nichts anderes. Der Gedanke der Gleichwertung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, war ihm fremd. Daß er vereinzelt auch Nachahmer selbst unter den Häftlingen finden könnte, deren Trachten auf ein humanitäres Menschheitsideal hinging, war das Unbegreifliche Die große Versuchung für den unausgesetzt gefährdeten KZ- Häftling ging weiter und tiefer. Er konnte dem feigen, niederen Menschen in sich nachgeben, um durch entsprechendes Verhalten die Gunst eines Scharführers oder Sturmführers zu erwirken. Das konnte zu einem bevorzugten Posten hinführen, zu einem beque71 meren Leben, wobei Geltungstrieb und Herrschgelüste gleicherweise auf ihre Rechnung kamen. Dazu gab es hundertfach Gelegenheit. Und wir können leider nicht sagen, daß sie ungenutzt geblieben. Der Stubenälteste meinte: ,, Wie soll ich anders mit denen fertig werden, die unerzogen und unsauber, disziplinlos und faul, eigensüchtig, miẞgünstig und zu Zänkereien aufgelegt sind?" Es kam darauf an, sie so zu behandeln, daß sie nicht den letzten Rest von Selbstachtung verloren und etwas Verständnis für Charakter und soziales Verhalten in ihnen aufkeimen konnte. Dazu bedurfte es keiner großen Erzieherweisheit. Es genügte der gute Wille jenes Menschen, der in seinem bescheiden stillen Bemühen allemal mehr zur Weltverbesserung beiträgt, als derjenige, der mit Trompetengeschmetter die Forderung durch das Land trägt. Denn: aus dem Teil erwächst das Ganze und aus dem Unscheinbaren das Große. Gesellschaftserneuerung wird ja nicht durch Dekrete, so wenig wie sie zu erreichen ist durch steigenden Komfort allein. Der Mensch ist eben nicht bloß ein Produkt der Verhältnisse. Der Irrtum, daß durch Verbreitung von Komfort die Menschen tugendhafter und die Laster und Verbrechen beseitigt würden, ist längst erkannt. Die Herrschaft der dämonischen Gewalten des Nationalsozialismus hat uns darüber hinaus in Blut und Tränen erkennen lassen, daß es auch mit den Mitteln der Unmenschlichkeit, mit Sklaverei, Bluturteilen und Lebensvernichtung im Großen nicht zu machen ist; damit am allerwenigsten. Es ist richtig, daß im KZ sich politische Gegner menschlich näher kamen. Indes ist die Humanisierung der Formen im Austrag politischer Gegensätze nach unseren Erfahrungen noch lange nicht soweit vorangekommen, daß man aufhören könnte, sich dafür mit aller Kraft einzusetzen. Daß ein verkrampftes Klassen- und Parteibewußtsein es schwer hatte, als Mensch schlechthin zu fühlen und es zu sein, dafür haben wir eindrucksvolle Beweise erlebt. Konnte es doch vorkommen, daß ein Häftling bei seinen Stuben72 genossen schon dadurch unangenehm auffiel, weil er eine Brille trug und keinen Dialekt sprach.„Der gehört nicht zu uns. Ach- tung!”— und man rückte von ihm ab, hatte keinen Gruß und erst recht kein Wort, keine helfende Hand für ihn.„Kameraden”, Häftlinge, waren es, die dem Stuttgarter Verleger G. das Leben zur Qual gemacht und ihn von einer Not in die andere peitschten! Und so vielen, vielen anderen. Und wie schwer war es, das. Miß- trauen zu überwinden! Es gab auch Studierte, die glaubten, von oben herab auf den„Proleten” sehen zu sollen— Klassendünkel von oben, nicht besser als der von unten. Ein gesundes Arbeiter-Standesbewußtsein weiß den eigenen Stand zu achten, ohne darum andere zu verachten. Darin unter- scheidet sich der selbstbewußte und standesstolze Mann der Ar- beit von dem, der„Proletarier” sein will. Der eine hat etwas zu verlieren— und nicht nur seine Ketten! Der andere nicht. Der eine weiß, daß derMensch„nicht vom Brot allein” lebt und nimmt teil nach Kraft und Anlage am geistig-kulturellen Gemeingut der Zeit, der andere lebt unbewußt aus der geistigen Substanz des Bourgeois und hat kein höheres Ziel, als so zu werden, wie dieser. Schon der vormarxistische Proudhon hat über Verirrtungen und verkehrte Ideale von Sozialisten seiner Zeit geklagt. Sein ihm in manchem kongenialer Landsmann, der katholische Denker und Dichter Peguy, spricht es konkreter aus, wenn er sagt, daß Sozia- lismus auch zu einer bloßen Aufreizung der Bourgeoisinstinkte in der Arbeiterwelt ausarten könne, indem er diese dazu verleitet, ihrerseits Bourgeois zu werden. Wir haben bei jahrelanger gewissenhafter Beobachtung von Tau- senden von Häftlingen wahrgenommen, daß Selbstachtung, würde- volles Benehmen und edle Menschlichkeit nicht an Herkunft und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Menschenklasse gebunden sind. Der Schnitt ging auch in Dachau vertikal durch alle sozialen Schichtungen und Standesunterscheidungen hindurch. Einfache, natürlich gewachsene und unverbildete Leute beschämten mitunter welche aus höheren Gesellschaftskreisen, wie hinwiederum ein 73 Prinz, dessen Stammeslinie bis auf Ludwig den Frommen zurückzuverfolgen ist, durch seine schlichte, menschlich gewinnende Art allen Kameraden gegenüber praktisch vorlebte, daß echter Adel sich in Charakter und Gesinnung dokumentiert und keineswegs im Adelspatent. Prolet und Mensch! Wir sahen sie in Dachau des öftern im Gegensatz zueinander und glauben erkannt zu haben, daß auch der Arbeiter als solcher verspielt, wenn der Mensch in ihm zu kurz kommt. Insofern ist Proletarierdasein etwas, was überwunden werden muß, damit der Mensch im Arbeiter seine Auferstehung feiert. Zum vollwertigen Menschsein gehört zweifellos ein gewisses Maß von Besitz und Eigentum. Aber es gehört auch dazu ein Verwurzeltsein in Familie und Berufsstand, in Heimat und Volk. " Weh dem, der keine Heimat hat!" Der diesen Schrei in die nebelgraue Vorwinterwelt hineinstieß, war im geistig- sittlichen Sinne proletarisiert. ¹) - Ein Kamerad, Parteifunktionär, äußerst links, noch jung an Jahren, mit dem wir über das Problem der Ueberwindung des Proletariats ins Gespräch kamen, antwortete uns lediglich mit dem Hinweis auf Karl Marx: ,, Marx hat gesagt" und„, Marx schreibt im Kapital..." Ich wollte aber ihn selber hören, seine eigene Meinung, auf Grund seiner Erfahrung, unter den heutigen Umständen und Zuständlichkeiten. Er hatte anscheinend keine. Das Dachauer Lager hatte eine überwiegend gute Bibliothek. Wenn wir die von den Bibliothekaren sorgfältig geführten Bücherkataloge nachschlugen, haben wir uns oft fragen müssen: Wie kommt das KZ Dachau an solche Bücher? Sie waren teils geschenkt, teils von der Gestapo beschlagnahmt, Bücher, die Häft1) Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt, bald wird es schnei'n. Weh dem, der keine Heimat hat! 74 Friedrich Nietzsche lingen von Angehörigen geschickt wurden und in die Bibliothek wanderten. So ungefähr kam diese Bibliothek von etlichen tausend Bänden zusammen. Möglich, daß auch Bücher hereingeschmuggelt waren. Jedenfalls hatte die SS-Ueberwachung verschiedenes nicht eingesehen, oder, was anzunehmen näher liegt, es nicht verstanden, Die Bibliothekare kannten ihre Bücher und wir auch(vgl. Anhang: „Lagerbriefe”). Wer indes am Ausgabeschalter der Nachfrage auf- merksam folgte, konnte auf die Dauer nicht im Zweifel darüber sein, wonach die meisten griffen und was sie bevorzugten. In der Erziehung zu guter Literatur ist ungeheuer viel nachzuholen— auch eine Aufgabe für eine Arbeiterbewegung, die mehr sein will als ein Automat zum Zwecke der Regelung von Lohnhöhe und Arbeitszeit. Die Erziehung zum Geschmack und zum Genuß einer Herz und Gemüt erhebenden Musik ist ein Kapitel für sich. Die breite Masse im Lager zu Dachau wollte von Kammermusik nichts wis- sen. Klassische Musik, die Werke unsterblicher Meister aller Na- tionen, sagten ihnen nichts. Kaum eine kultivierte technische Lei- stung auf einem Instrument.Der Zug ging zum rhythmischen Ge- räusch, zum Schlager. Musik zum Tanz— sie ließ im Geiste der Lebenshungrigen die Welt jenseits des Stacheldrahtes erstehen. Leben— und man wollte leben! er TYPISCHES VON NATIONEN Der Herr allein kennt den Ort und die Qualen der Tausende, die man von Haus und Hof verschleppt. Die Gestapo, die dem deutschen Soldaten von Land zu Land folgte, fand in allen Völkern Männer, die ihrem ,, neuen Europa" gefährlich schienen. Am Ende gab es kaum mehr andere, und so kamen sie in ununterbrochener Reihenfolge in die Konzentrationslager. Daß viele von ihnen erst nach 1942 nach Dachau kamen, war ihr Glück, denn sie trafen auf ein Lager, von dem die alteingesessenen Häftlinge hartnäckig behaupteten, es sei, im Vergleich zu früher ,,, das reinste Sanatorium". Seltsames Sanatorium, in dem die Menschen starben wie die Fliegen. Auffallend und nicht ohne psychologisches Interesse, wie verschieden die einzelnen Nationen aus ihrer geistigen und physischen Substanz heraus auf das Konzentrationslager, seine Atmosphäre und die anormalen Lebensbedingungen in ihm reagierten. Versuchen wir, bei allen Vorbehalten, die sich aus der Notwendigkeit der Vereinfachung komplizierter Tatbestände und Erscheinungen ergeben, einige charakteristische Linien festzuhalten.' Wie die Alt- Reichsdeutschen im allgemeinen das Leben im. KZ aufnahmen, entzieht sich insofern unserer Kenntnis, als diejenigen, die wir 1941 zu Gesicht bekamen, schon die Gesiebten waren. Sie waren diejenigen, die eben nicht durch das Todessieb gefallen waren. Vom besonderen Glücksfall abgesehen, hatten sie damit eine gewisse psychische und physische Widerstandskraft bewiesen. Politisch überwiegend links stehend, waren die meisten von ihnen durch Hochverratsprozesse, längere Untersuchungshaft, durch Gefängnisse und durch Zuchthäuser gegangen. Dachau erschien ihnen übereinstimmend abstoßender und härter, als das der Willkür weniger ausgesetzte Zuchthaus. Das Brandmal der Aech76 tung als Konzentrationshäftling berührte sie nicht mehr. Sie waren abgehärtet. Als Reichsdeutsche wurden sie von der SS mit etwas anderen Augen betrachtet. Wohl auch als ,, Untermensch", aber wenigstens ein deutscher. Man brauchte sie. Aus ihren Reihen holte man zunächst die Lager-, die Block- und Stubenältesten, die Schreiber und die Capos. Also immerhin gehobene Häftlinge. Die Kriminellen unter den Reichsdeutschen fühlten sich gerne als solche und gaben es den Ausländern zu spüren. Ein Zug, den wir den Politischen unter ihnen nicht ablesen konnten. Kam man mit einem langjährigen Reichsdeutschen in vertrauliches Gespräch, was für den Nichtparteigenossen einige Schwierigkeiten hatte, aber nicht unmöglich war, so hörte man zuweilen heraus, daß noch anderes sie bedrückte, als der Verlust und der Entzug der Freiheit. Dieses Andere lastete schwer und dunkel auf ihnen: Der Zusammenbruch ihres Familienglücks. Während er im Zuchthaus saß und im Lager, hat die Ehefrau Scheidung beantragt und durchgeführt. Man muß wissen, daß die Gestapo nach 1933 an alle Ehefrauen der wegen versuchten Hochverrats zu längeren Zuchthausstrafen verurteilten Häftlinge das Ansinnen stellte, sich doch von diesem ,, verbrecherischen Mann", ,, der doch nie mehr nach Hause kommen würde", scheiden zu lassen. Drohungen und in Aussicht gestellte Vorteile und Hilfe taten ein übriges. So haben viele Frauen verängstigt, verwirrt und verzweifelt den Schritt getan. Manche taten es zum Schein. Andere lehnten tapfer, beharrlich und mit Erfolg ab. In bewundernder Liebe sprachen Gefangene von ihren Frauen daheim, wenn sie treu und fest geblieben; im Tone unmiẞverständlicher Drohungen mit einer späteren Abrechnung, andere, Grauenhafte Selbstmorde im Lager hatten ihre letzte Ursache in dieser familienzerstörerischen Politik der Gestapo. So trugen diese reichsdeutschen Häftlinge als erste Opfer des Hitlersystems ihre besondere Last. Daß sie als Deutsche zusammenhielten und sich als solche gegenseitig stützten, haben wir 1941 kaum beobachten können; es sei denn, daß Staats- und Parteizu77 gehörigkeit zusammenfielen. Ein eigentliches deutsch- patriotisches Empfinden konnte unter der ungeheuern, vieljährigen seelischen Belastung nicht aufkommen. Das Gestapo- System des Nationalsozialismus hatte ihnen nicht nur die Freiheit, die menschliche Würde, die Familie, sondern auch das Vaterland genommen. Die nach 1941 eingewiesenen Häftlinge des Altreiches stellten ganz andere Kategorien dar. Sie hatten andere Delikte oder nur das der anders gearteten Gesinnung. Sie kamen zum Teil auch aus anderen Volksschichten, Erfahrungs- und Erlebniskreisen. Aber auch ihr nationales Bewußtsein schien bedrückt und verlor sich leicht in kosmopolitischen Empfindungen und Vorstellungen. Anders die auch als Reichsdeutsche angesprochenen Oesterreicher, eine Auslese von Ministerialbeamten, Land- und Bezirkshauptleuten, darunter Dr. Figl, der gegenwärtige Bundeskanzler, Minister a. D. Schmitz, von Bürgermeistern, Partei- und Gewerkschaftsfunktionären, Geistlichen, Journalisten, Arbeitern und Handwerkern! Sie fühlten sich als Angehörige einer vergewaltigten Nation. Auch sie waren 1939 rasch in Funktionen und gute Arbeitskommandos im Lager hineingewachsen und hielten ihre Stellung mit zäher Ausdauer. Ihr Zusammenhalt war gut. Manchmal schien es uns, als habe das gemeinsame Schicksalserlebnis althergebrachte Spannungen zwischen Sozialdemokraten und Christlich- Sozialen in etwa gemildert; wenn nicht allgemein, so doch bei einzelnen, und wenn nicht in der Tiefe, so doch im persönlichen Umgang. Nichtsozialistische Oesterreicher wurden nach 1942 nach und nach entlassen. Den Ueberlebenden kam nicht zuletzt der optimistische Grundzug der gemütswarmen, musikfrohen Nation zugute. Bestimmter, eindeutiger und lebendiger äußerte sich das nationale Zusammengehörigkeitsbewußtsein bei den Tschechen. Ob Arbeiter, Bauern, Techniker oder Arzt, ob Politiker oder Generalstäbler sie steiften sich den Rücken und halfen sich, wo sie nur konnten, in einem verblüffend selbstverständlichen Eigeninteresse. Begreiflich, denn ihre Stellung im Lager war schwieriger, 78 - und viele von ihnen hatten Furchtbares hinter sich. Planmäßig entfalteten sie ihren Einfluß, und die Kenntnis der Sprache ermöglichte ihnen Positionen, die wieder für die Unterbringung von Landsleuten ausgenutzt wurden. So war der eine Arzt, Dr. Blaha, der in der Totenkammer er hat in der Zeit an Jahre hindurch die Autopsien vornahm 8000 Leichen geöffnet ein kapitaler Gewinn für alle. Daß es ihm, dem bewußten und geschworenen Feind des SS- Systems, gelungen war, jahrelang einen Beobachtungsposten zu behaupten, gefährlich zwar, aber so geartet, daß er sehen konnte, was SS mit Nacht und Grauen zu bedecken bemüht war, ist schier unvorstellbar. Nur darum konnte er der Zeuge par excellence im Nürnberger Prozeß über Dachau werden. Er hat wirklich gesehen und gewußt. Seine Aufzeichnungen mußte er verbrennen; sein Gedächtnis blieb erhalten. Wie oft saßen wir in Abendstunden bei spärlich flackerndem Kerzenlicht in seiner unheimlichen Werkstatt, oder wanderten mit ihm den stockdunklen Weg zwischen den Revierbaracken, um den neuesten Londoner Tagesbericht über die Kriegslage zu hören. Wir haben ihn nie gefragt, woher er es hatte. Er wußte aber. Und wie oft mußten wir seine diagnostische Kapazität in Anspruch nehmen, damit er einem kranken Kameraden, der nicht ins Revier aufgenommen war oder nicht aufgenommen werden wollte, einen sachdienlichen Rat erteilte. Er hat nie versagt. Rührend betreute er den altersgeschwächten Politiker seines Landes, den man unter der Hand im benachbarten Revierblock untergebracht hatte. Nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner( am 29. April 1945) haben diese ihm die Aufsicht über die gesamten Sanitätseinrichtungen dort übertragen. Die Tschechen hielten bewundernswert zusammen. Die Polen, welch ein beklagenswertes Volk, die Polen in den Konzentrationslagern! Alle in den arbeitenden Massen dieses fruchtbaren Volkes angestauten körperlichen Kraftreserven hat man systematisch herausgepreßt. Und bei ihrer Bildungsschicht 79 war es nicht anders. Die Vitalität dieser Polen war groß, und doch mußten sie zu vielen Tausenden sterben, wobei Landarbeiter wie Gutsbesitzer, Industriearbeiter wie Fabrikdirektoren, Volksschullehrer wie Professoren, Geistliche und Künstler ihren Anteil hatten. 1941 war das gröbste an Mißhandlung in Dachau vorbei, aber längst nicht alles. Die Hungerperiode kam 1942. Geschlagen wurden sie nach wie vor, und der gute Bischof Kozal, eine stille, würdevolle Figur im Lager, starb danach( am 26. Januar 1943). Abgesehen von Schreiber- und Pflegerstellen und Beschäftigung als Friseur standen die Polen in harter Arbeit. Ihre Vitalität blieb trotz allem staunenswert. Sie hatten den Mut und die Kraft, den Augenblick( Sommer 1943), da im Lager Freilichtspiele erlaubt waren, zu nutzen, um ein Tanzspiel in Nationalkostümen mit Massenchören zu inszenieren, das eine einzige nationalpolitische Demonstration war. Und sie waren dabei mit dem vollen Enthusiasmus ihrer Rasse. Ihre leidvollen, miẞhandelten Priester waren es auch. die, von Kapelle und Gottesdienst ausgeschlossen, im Jahre 1943 damit begannen, in einer geheimen heiligen Messe, die sie alltäglich in einem Schlafzimmer feierten, zu beweisen, daß sie zum Letzten bereit waren. Es gehörte unter den obwaltenden Umständen die Entschlußkraft dazu, die allein aus einer naiven Volksseele heraussteigt. Ihr musikalischer Sinn zeigte sich in dem Warschauer Musikprofessor K., der durch sein wohlgepflegtes Violinspiel auffiel. Ein wahrer Künstler, orientiert an der höchsten Sendung der Kunst, der sich niemals dazu verstand, Konzessionen an eine Massenstimmung zu machen. Er verschwendete seine Kunst zur erhebenden Freude seiner Kameraden in geradezu königlicher Weise. In der Plantage saßen in einer stillen Klause einige polnische Priester und malten unter Leitung des Wieners C. Blumen, Aquarelle nach lebenden Modellen in geradezu erstaunlicher Einfühlung, zartester Empfindung und in höchst kultivierter Ausdruckskraft; Vorlagen zur photographischen Vervielfältigung und zur Verwertung 80 in botanischen Lehrbüchern. Kaum einer hätte den bescheidenen, fast scheuen jungen Klerikern solches Talent zugetraut. Die wenigsten wußten überhaupt davon. Um so mehr von dem Major und Generalstäbler K., der auch in der Plantage draußen und auch in einem stillen Winkel seine Fäden zog. Weitsichtig, klug, Mann der Gesellschaft und mit diplomatischen Künsten vertraut, ließ er sein Organisationstalent bewußt zugunsten seiner Landsleute spielen. Aber nicht nur für sie. Sollte einer den mißtrauischen Augen der SS entzogen werden, mußte einer verschwinden, einerlei aus welcher Nation, mit dem Major konnte man darüber reden. Sein Freund, der Jurist und Journalist Georges Swida, Pole wie er, aber lange im Ausland gewesen und mit dem Gesicht nach Westen, hatte es etwas schwieriger, verstanden zu werden. Seine journalistischen Sporen hatte er in Frankreich verdient, wo seine großen Reportagen über Mädchenhandel und Rauschgifte in der ,, Dépêche de Toulouse" Aufsehen erregten bis in den Völkerbund hinein. Von Frankreich zu seiner alten Mutter zurückgekehrt, erlebte er die Zerstörung Warschaus durch die deutschen Truppen und wurde bei einer Razzia in einem Kaffee kurzerhand mit allen anwesenden Männern mitgenommen. ,, Die teuerste Tasse Kaffee, die ich je getrunken" pflegte er zu scherzen. Sie kostete ihn 5 Jahre seines Lebens. Seinen Landsleuten und den Russen hat er treue und wenig gekannte Dienste geleistet, indem er als Dolmetscher den vor dem SS- Vernehmungsführer bedrohten Häftlingen jeweils das suggerierte, was ihnen helfen und sie schützen konnte. Aufs genaueste orientiert über den jeweiligen Stand der Zänkereien unter den SS- Leuten des Lagers war dieser polnische Journalist neben seinem Landsmann, dem ,, Hausel" in der politischen Abteilung, der einzige, der es wagen konnte, dem Kriminalsekretär offen zu bekennen: ,, Wie können Sie anderes von uns erwarten, als Abneigung und Haß, der Sie unser Land verwüstet und unser Volk fast zu Tode gequält haben." Er war der einzige, der in die6 Joos, Leben 81 sem Gestapo- Mann menschliche Züge zu entdecken vermochte und sich dabei nicht geirrt hat. Swida ist im November 1945 in München von jungen Russen, ehemaligen Dachauer Häftlingen, erschlagen worden tragisch, denn er hat in zahlreichen Fällen russischen Gefangenen geholfen. Seine impulsive Art mag ihm in seiner Eigenschaft als Stubenältester auf 17/4 manche Feindschaft eingebracht haben. Sie erklären diese Mordtat nicht. Die Täter blieben unerkannt, da die Ortsbehörde der Angelegenheit nicht nachging. Dem Kriegsverlauf entsprechend folgten die Luxemburger, die Holländer und die Belgier. Diese, dem westlichen Kulturkreis angehörenden kleinen Länder, stellten in ihren Repräsentanten nicht so sehr viele, aber in ihnen entschieden ausgeprägt, jenen Sinn, Hang und Drang zur unabhängigen Persönlichkeit. Das Kriegsschicksal hat ihr Nationalgefühl unerhört gestärkt. Sie waren sprachkundig und sofort brauchbar in Lagerstellen. Während die Holländer unter anderem Geistliche, Gelehrte und interessante Musiker stellten, so die Belgier in dem Jesuiten P. Dekoningk einen ebenso glühenden Patrioten wie vitalen Volksmann und Gelehrten. Sie besetzten auch, gleich den Luxemburgern, Pflegerstellen im Revier mit durchweg ausgezeichneten Leuten, wobei Arthur H. besonders genannt zu werden verdient. Das kleine Luxemburg war von der Gestapo reichlich bedacht. Luxemburger in Dachau aus allen Volksklassen! An Intellektuellen der hoch in den Sechzigern stehende Präsident der Luxemburgisch- französischen Schriftstellervereinigung Marcel Noppeney, dessen reichhaltige Bibliothek und selten kostbare Sammlungen in Schloß Bofferdange von der Besetzungsmacht verschleppt worden sind. Der Ingenieur Dr. W., dem das bekannte Spottgedicht ,, Wenn wir den Krieg gewonnen hätten" zum Verhängnis wurde, eigentlich nur durch den saloppen Schluß: ,, Zum Glück gewinnen wir ihn nicht." Abbé Jules Jost, dem es gelungen war, in der politischen Abteilung einen Vertrauensposten zu verwalten- blieb ein nie versagender Nothelfer, Eine Gruppe jugend82 — ב e t S t el n frischer Polizisten aus Luxemburg war da, die den verlangten Eid verweigert hatten und sich im Lager blendend zurechtfanden. Eine zum Schluß gefürchtete Fußballmannschaft. - Die Russen. Ein Neues im Lager und in bestimmter Weise auch ein total Anderes, als mancher gedacht hatte. Ueberwiegend Land- und Industriearbeiter und auffallend viel Soldaten und Offiziere, die man widerrechtlich aus den Kriegsgefangenenlagern nach Dachau gebracht hatte. ¹) Alle, wenn sie nicht bereits verbraucht und nur zum Sterben geschickt waren, erstaunlich gesund, mit den Merkmalen einer noch lange nicht erschöpften Rasse. Phantastische Tätowierungen, wahre Bildergalerien von Sowjetstern, und Anker, und Schlange, und Porträts in die sonnverbrannte Haut geritzt. Kaum Analphabeten, wie der Mann auf dem Mond glaubte sicher annehmen zu können. Auch kleine, untersetzte Leute vom asiatischen Rußland mit ausgeprägten Backenknochen, schief geschlitzten Augen und kindlich fragendem Gesichtsausdruck. Alle arbeitsam, fleißig und fähig zur Improvisation. Stoisch ertrugen die Russen Unbill und Not, Krankheit und Tod. Der Oberst, dem man die Fingernägel ausriẞ, um ihn zu Geständnissen zu zwingen, schwieg beharrlich und ging am anderen Tag mit blutenden Händen wieder zur Tortur. Die 97 Offiziere, die an einem Tag erschossen wurden( Mai 1944), trugen den Kopf hoch. Ein Augenzeuge, der französische Häftling Armand Kientzler, der von seinem Arbeitsplatz aus durch eine Mauerluke die Exekution überschauen konnte, berichtet: Die Offiziere wurden jeweils zu 30 Mann zum Krematorium geführt. Man reihte sie an der Wand auf zur Entkleidung. Zu zehn Mann traten sie vor und wurden durch Maschinengewehrfeuer er1) Hitler hat die für Rußland bestimmte Invasionsarmee wissen lassen, daß die nachfolgende SS. einen blutigen Terror ausüben und alle Volkskommissäre( er wollte erst auch alle Offiziere mit einbeziehen) getötet würden.( v. Schlabrendorf„ Offiziere gegen Hitler", S. 48.) 6* 83 ledigt. Alle, ob tot oder nur schwer verletzt, wurden auf einen Haufen geworfen, bis alle 97 exekutiert waren. Der Augenzeuge glaubt, daß 30 bis 40 nicht tot waren. Sie wurden so in den Ofen geworfen.( Amicale des Anciens de Dachau, Bulletin no. 3, oct./nov. 1945). Das heutige Rußland, eine Ueberraschung. Das Leben ist meist farbenreicher, als die stehenden Klischees erraten lassen. Und es gibt viel mehr Möglichkeiten, im und mit dem Leben fertig zu werden wenigstens auf absehbare Zeit -, als wir anzunehmen geneigt sind. - Je weiter die Zahl der Nationen im Lager zu Dachau um so bunter wurde das Bild. Das wahre Frankreich kam verhältnismäßig spät nach Dachau. Dann aber in seiner besten Repräsentation: in der Ré- sistance. Arbeiter, Handwerker, Bauersleute und Geschäftsleute, Journalisten, Advokaten und Aerzte, Präfekten und Bürgermeister, Adelige, Geistliche, Professoren, Generäle, darunter der Armeegeneral mit dem baskischen Namen und der im letzten Augenblick noch exekutierte Schöpfer der französischen Geheimarmee, General Delestraint, Viel, viel junge Franzosen, die die Gestapo vor dem Maquis ,, bewahren" wollte. Die Mentalität des französischen Volkes ist von Natur aus der Stillosigkeit und der Sklaverei eines Konzentrationslagers wohl am allerschärfsten entgegengesetzt. Der Zug zur Freiheit( nous sommes de race des hommes de liberté Peguy), der im französischen Denken tief verankerte Respekt vor der menschlichen Persönlichkeit und der Würde des Menschen, in Verbindung mit einer angeborenen Respektlosigkeit vor Verbotstafeln und einem militarisierten zivilen Massendasein diese wesensmäßigen Eigenschaften des französischen Volkes standen in schreiendem Widerspruch zu den Lebensbedingungen eines KZ. Diese Bedingungen mußten gerade die französischen Gefangenen in ihrem Innersten treffen, ihren Widerwillen aufpeitschen und ihre Qual steigern. Die einzige Nation, in der ein ausgesprochener Wider84 - stand gegen das nivellierende ,, Du" in der Ansprache des Häftlings zu beobachten war. Viele Franzosen haben sich nie daran gewöhnt und lehnten das übervertrauliche ,, Du" auch im Verkehr zueinander ab, zum Gespött derer, die nichts aufzugeben hatten, wenn sie sich in der Masse verloren. Ihr Los war um so härter, als die Unkenntnis der deutschen Sprache ihre Verwendungsmöglichkeit bei der Unterbringung in bessere Arbeitskommandos weitgehend einengte. Abgesehen von den Aerzten, die spät herangezogen wurden, war es nur einem Häftling sofort gelungen, seinen Platz zu finden: Marcel, dem Koch. Er kochte in der SS- Küche und ließ seine Kameraden zuweilen auch an dem teilnehmen, was sich von dort mitnehmen ließ. Da sein richtiger Name lange geheim blieb, gelang es ihm vielleicht, sich aus der bereits gelegten Schlinge herauszuziehen. Für die Mehrzahl der französischen Häftlinge blieben normalerweise nur die unangenehmsten und schweren Arbeiten übrig. Und da zeigte sich ein weiteres: die Begrenztheit ihrer physischen Widerstandskraft. Die heute, wenn auch vom Transport ermüdet, dennoch gesund und leuchtenden Auges vor uns standen und deren Moral so gut und fest zu sein schien, kannte man nach wenigen Wochen kaum mehr. Weil sie die Distanz im Endspurt zu kurz und den Niederbruch ihrer Peiniger zu nahe sahen, folgte Enttäuschung auf Enttäuschung. Die besten fingen an zu zweifeln. Und dann? Den Rest gaben ihnen die täglichen Erniedrigungen, der Hunger, der Mangel an Nachrichten von daheim. Die eingefangene Schwalbe hatte sich im Gestänge des Käfigs längst die Flügel zerfetzt; sie konnte sich nicht mehr erheben.-- - - - - Ein Mann wie Edmond Michelet, der Erwählte ihres Vertrauens zur Zeit, da ich diese Zeilen niederschreibe, ministre des Armées hatte es so kommen sehen. Er versuchte auch mit befreundeten Kameraden Uebermenschliches, um Wankende zu halten und Stürzende wieder aufzurichten. Ausgesuchte Delikatessen, von daheim zu seiner eigenen Kräftigung gesandt, wurden zur Verfügung gestellt, um den damaligen Lagerältesten für eine 85 angemessene und geeignetere Unterbringung französischer Häftlinge günstig zu stimmen. Es waren ihrer zu viele, zu viele! Frankreich hat in seinen sterbenden Söhnen in Dachau einen hohen Preis gezahlt.Wir sahen in Dachau noch Jugoslaven( Serben, Slovenen, Kroaten), prachtvolle Menschen, in ihren Arbeitern, Bauern, Priestern und Professoren und mit guten Voraussetzungen zum Aushalten. Albaner, Griechen, die den Kampf ums Dasein an dem Platze schwerlich bestehen konnten. Und Italiener, viel zu viel zusammengestaut, um Luft und Lebensatem behalten zu können, zumal die meisten so jämmerlich geschwächt ankamen. Schließlich fehlte ihnen auf dem trüben, feuchtkalten Hochmoor von Dachau die Hauptsache, das Elexier ihres Lebens, der blaue Himmel und die warme Sonne der Heimat. Vielleicht, daß der alte Advokat von Triest, der in seiner Eigenschaft als christlich- demokratisches Mitglied im antifaschistischen Komitee der Stadt Triest verhaftet und deportiert war, den Rückweg gefunden hat. In entscheidenden Augenblicken gelang es, ihn zu u stützen. - Soviel Nationen soviel Tragik. Wie müßte das neue Europa aussehen, wenn es vor den Opfern des alten bestehen wollte! 86 UNTER KRANKEN Todesstöhnen hielt mich umfangen; der Unterwelt Qualen umschlossen mich. Aus Psalm 17 - - Zwei Tage nach dem Sturz im Barackenbau konnte ich keine Stiefel mehr anziehen: Oedeme, Wasser. Der Wiener Herzspezialist Dr. Kreuzfuchs, wie alle mit dem gelben Stern zu uns auf den Strafblock verschlagen, hatte mir eben wieder im fahlen Morgensein licht wir waren wie immer aus der Stube getrieben tragisches Schicksal dargelegt: ,, Daß ich als Mann der Wissenschaft, auf internationalen Kongressen bekannt, hier elend verkommen muß" ¹) da las man mich vom Boden auf. Ohnmacht, nichts weiter. ,, Legt ihn in die Ecke und deckt ihn zu, daß der Blockführer nichts merkt. Am Abend bringe ich ihn ins Revier" Und sagte in einer Anwandlung von Güte der Blockälteste. abends brachte er mich hin, und der Reviercapo nahm mich wirklich auf. 111 - Auch im Krankenbau des Lagers Dachau, Revier genannt, trat schon 1941 der Arzt vor dem Pfleger in den Hintergrund. Wenig Aerzte und viel Pfleger und Schüler. Ein SS- Chefarzt mit zwei oder drei Assistenzärzten bei 1500 Kranken und x Tausenden in ambulanter Behandlung. Die Hauptarbeit, unter teilweisem Einschluß von operativen Eingriffen, lag in Händen von Häftlingen, die irgendwie im Sanitätsdienst notdürftig angelernt waren. Wie bei den Pflegern und Schülern, so gab es auch unter den SS- Aerzten Berufene und Unberufene, Aerzte, die mehr auf den Sitz der Uniform und den Glanz ihrer Stiefel sahen, als auf die Fieberkurve der Kranken; und andere von relativ sachlichem 1) Dr. Kreuzfuchs ist 1941/42 nach kurzer Beschäftigung im Dachauer Krankenhaus spurlos verschwunden. 87 Können, Gewissenhaftigkeit und persönlicher Anteilnahme. Indes war es ein Kommen und Gehen, ein Gerufen- und ein Abberufen. werden unter den SS- Aerzten, so daß kaum einer mit dem Krankenbau verwachsen konnte. Ein von Pflegern wie von Kranken wohl geschätzter SS- Chefarzt, Wolter, fiel schon 1942 Intrigen zum Opfer und wurde ins Lager Utrecht abgeschoben. Er war der einzige, der es wagte, den Wüterichen von der Lagerführung den Zugang zum Revier zu verweigern. Da habe er zu bestimmen und er dulde nicht, daß die SS der Lagerführung und die Gestapo durch fortgesetzte Schnüffeleien und Untersuchungen seine Kranken beunruhigten. Darum mochte ihn die Lagerführung nicht und sorgte für das weitere. Seine Nachfolger bogen den Rücken, wie es gewünscht war. Und die Pfleger? Sie waren teils im Sanitätsdienst bereits etwas erfahrene Häftlinge, teils aber auch als Schüler angelernt. Pfleger sein, bot gewisse Erleichterungen, Vorteile und Annehmlichkeiten. Der Pfleger hatte eine gewisse Selbständigkeit, erhielt Zusatznahrung, war besser untergebracht als auf dem Block und von der Teilnahme am Appell befreit. So drängten sich auch wohl minderwertige Charaktere, kriminelle sogar, in Pflegerstellen, harte, gefühllose, gefährliche Gestalten, die mehr daran dachten, sich selbst zu pflegen. Daneben gab es pflegerische Naturen von hoher Qualität, ehemalige Handwerker und Verwaltungsleute, die es in Eifer, Hingabe und sachlichem Interesse zu einer Praxis in der Krankenbehandlung brachten, die Bewunderung erregen konnte. Alle Häftlingspfleger unterstanden dem sogenannten Reviercapo. Damals der gefürchtete Heiden, ein baumstarker Rohling, der die ihm unterstellten Pfleger ebenso erbarmungslos schlug wie die Kranken. Er war ein unbeherrschter, hemmungsloser Mensch, von Launen hin und her gezerrt. Er schrie und tobte mitunter wie ein Besessener. Und er war der Herrscher über Leben und Tod. Ihm war es gegeben, Kranke anzunehmen, oder sie mit einem Fuẞtritt hinauszuwerfen. Zitternd und zagend nahten sich 88 die Häftlinge am Abend der Arztmeldung und der Aufnahmekontrolle Heidens. Die Oedeme- und Phlegmonekranken, die mit Furunkulose und sonstigen noch nicht bestimmbaren Erkrankungen kamen auf Revierblock 3 zu Max. Dieser Pfleger der Station war früher Polizist, ein Krimineller, verkommen und mit ausgesprochen sadistischen Neigungen. Drei Säle unterstanden ihm, verschiedenen Stadien der Erkrankungen gemäß. Auf 3/3 waren die nicht mehr interessanten Fälle, die Aufgegebenen. Max warf je nach Gutdünken seine Kranken dahin und dorthin. Er schlug zu und hätte sich, wie von Sinnen, in eine Raserei des Schlagens hineinverbissen, wenn nicht Hilfspfleger Alois Ullmann, ein sudetendeutscher Sozialdemokrat aus Aussig, ihm in den Arm gefalien: ,, Max, jetzt hörst Du auf, oder?".. und Max war so feige wie grauMusiker unter den Patienten mußten zu seiner Ehre und Eitelkeit spielen, möglichst sentimentale Weisen. Besonderer Zeitvertreib war für ihn das Spiel mit Hüpling, dem polnischen Lehrer, dem ein Bein abgequetscht war und der an einer Krücke humpelnd auf sein Kunstbein wartete. Hüpling muẞte sich in den Gang stellen, und Max bewarf ihn so lange mit Kartoffeln, mit Blechtellern und sonstigem Eßgeschirr, bis es ihm, auf einem Bein hüpfend und den Geschossen ausweichend, gelungen war, sich unter die Betten zu verkriechen. Abends wollte Max Frauenabenteuer erzählt haben. Er selbst schilderte in zynischer Offenheit seine Betrügereien. Er ist im Dezember 1941 entlassen worden. Sein Vater war ein rabiater Pg. sam. Bei diesem Pfleger lagen die Wassersüchtigen mit aufgeschwollenen Gliedern und Glotzaugen. ,, Trinkt nicht soviel!" rief ihnen ein wohlwollender Kamerad zu. Sie schlürften weiter die undefinierbare braunschwarze Brühe und die kraftlosen Wassersuppen. , Warum nicht wenn man's haben kann?" Nichts zu machen. Die eiternden Wunden von Phlegmonekranken, Wunden an Fuß, furchtbar. Dazwischen Bein, Schenkel, Brust, Rücken, Nacken die mit Furunkulose! " - - 89 Heute hieß es: ,, Verbände!" Die Vorbereitungen waren getroffen. Max tat seine Gummischürze um und dito Handschuhe. Die Schüler richteten die Operationswerkzeuge, Verbandstoff und Salben. Die Opfer wimmerten und weinten schon leise in sich hinein, als man mit einem Ruck die Verbände abriẞ. ,, Der Erste! Haltet ihn!" Und schon tauchte das Operationsmesser tief ins Fleisch der aufgeschwollenen Körperstelle. Ein gellender Schrei, ein Aufbrüllen, abgebremst und erstickt unter einigen Schlägen vorüber. ,, Lexer Weiß, Lexer Rot, Lebertran. Der Nächste." Ein Bild, wie beim Schlächter und ein Geruch, erstickend und durchdringend von Blut und faulendem Fleisch. - Und doch: die Kranken klammerten sich an die Revierstube. Wenigstens ein sauberes Bett und Ruhe. Zwar um 5 Uhr morgens aufgeschreckt zum Waschen und Bettherrichten, aber danach durfte man sich wieder legen und schlafen, schlafen. Auf 3/1 war es am schönsten. Alles leichte Fälle, peinlich sauber und kein Geruch. Auf 3/3 war der Betrieb schlampiger, die Decken schmutziger und die Kranken gereizter und verbitterter. Sie wußten eben, wie es um sie stand, merkten das Fortschreiten der Sepsis und beobachteten wohl, daß man wartete... Je mehr der Kranke zusammenfiel, um so näher plazierte man ihn der Türe zu. Von da war es nur ein Schritt zum Waschraum, wenn der Geruch zu sehr störte... War das noch ein Mensch, der da lag? Ein Skelett, mit glasiger Haut überzogen, von dem zeitweise leises Stöhnen und Seufzer ausgingen. Wer weiß? Es starben so viele fast unbemerkt und manche, als ob sie geheime Zwiesprache gehalten mit dem, von dem alles Leben ausgeht und zu ihm zurückkehrt. Vielleicht daß mancher still für sich mit dem Psalmisten betete: ,, Erbarme Dich meiner, Herr? Hinschwindet mir vor Gram das Auge, die Seele und der Leib. In Schmerzen welkt dahin mein Leben und unter Seufzen meine Jahre. Vom Elend gebrochen war meine Kraft, und mein Gebein zerfällt". Allein, fremd, unter Fremden, verlöscht sein Leben. Der Hilfspfleger oder ein Schüler reißen ihm 90 hie und da die Augenlider hoch, um zu sehen, ob's immer noch nicht aus ist. Seine letzte Brotration haben die Bettnachbarn schon unter sich geteilt. Bald wird er kalt und tot pietätlos abgeschleppt, und dann geht's zum Krematorium. Ob Max hätte verhüten können, daß wir alle auf die Liste der Invaliden kamen? Ende 1941 hat man eine Liste aufgestellt von nicht mehr arbeitsfähigen und vermutlich nicht mehr leistungsfähigen Häftlingen im Revier und auf den Blöcken. Es hieß eines Tages ganz einfach: ,, Alles antreten vor der Krankenbaracke; Fieberkurve mitnehmen." Ein SS- Oberarzt schritt eilig die Reihe entlang und winkte ab. Geschehen. Wir waren auf der grauenhaften Liste, von der wir noch sprechen werden. Heini Stöhr, der Nachfolger von Max im Pflegeramt, machte sich viel Sorgen um diese Liste. Er war der vollendete Gegensatz zu Max, ein guter Mensch und gewissenhafter Pfleger. Von der sozialistischen Jugendbewegung herkommend, mit starken geistigen Interessen, die sich im Zuchthaus offenbar erweitert und vertieft hatten, brachte er alle menschlichen und sachlichen Qualitäten für die Krankenpflege mit: medizinische Begabung, Forschungstrieb, Geschicklichkeit und Sauberkeit, Sorgfalt und Fleiß, Selbstlosigkeit und Mitgefühl. Keine Mühe war ihm zu viel. Die Kranken konnten ihm unbedingt vertrauen. Als Häftlinge ihm nach Jahren zu Weihnachten ein medizinisches Handbuch schenkten, hing er Tag und Nacht darüber. Daß alle langjährigen Zuchthausgefangenen irgendeinen kleinen Hau weghatten, wußte man. Bei Heini war er erträglich. Nicht umsonst flüchteten sie auf seine Stube: der tschechische Botschaftsrat und der holländische Professor, der Freiburger Bibliothekdirektor A., der französische Sonderhäftling R. und C., der Hans Dampf und viele, viele andere.²) 2) Ueber Heini Stöhr schreibt der französische Häftlingsarzt, Pierre Suire, der einige Monate in Heinis Krankenabteilung tätig war, in seinen Dachauer Erinnerungen: ,, Henny( Heini) war ganz anders als die Mehrzahl der Oberpfleger. Bei ihm war volles Verständnis. Seine langjährige Praxis hatte in ihm das Bedürfnis zu pflegen entwickelt. Seine therapeutischen Maßnahmen waren 91 Heinis Faktotum, im Lager ,, Hausel" genannt, der Jupp, den mußten sie allerdings mit in Kauf nehmen, weil Heini nicht mehr von ihm loskam. Jupp war ein verwegener Bursche aus der Aachener Gegend und wegen Schmuggelns im Großen bestraft und nach Dachau gebracht. Hier arbeitete er sich ganz selbstverständlich voran und ins Revier hinein. Mit der Instinktsicherheit der kriminellen Natur fühlte er jeweils, wo etwas zu holen war, zunächst auf normalem Weg; den Rest stahl er irgendwo. Er war gutmütig und gefährlich in einem, zuverlässig und plötzlich unvermittelt höchst unzuverlässig. Von seinen Schmuggeltaten erzählte er gerne im Tone der Selbstbewunderung. Studierte und kultivierte Leute gingen ihm auf die Nerven, und er gab es ihnen unverhohlen zu fühlen. Es ging auf Weihnachten zu, und obschon das Singen von Weihnachtsliedern verboten war, bereitete Heini doch den Heiligen Abend vor mit Weihnachtsbaum, Transparenten und nützlichen Geschenken für die, die weder Geld noch Kantine hatten. Die Geschichte mit der Invalidenliste lag ihm dumpf im Gemüte. Wenn man nur etwas tun könnte! Der junge Münchener mit der hoffnungslosen Stirnhöhlenvereiterung war auch darauf. Er war zwar ein Krimineller und in eine böse Einbruchsaffäre verwickelt, aber er hatte sich total geändert und wollte dahin zurück, wo er nie hätte weggehen sollen: zu einer Gemeinschaft Barmherziger Brüder. In liebevoller Hingabe hatte er die Scherenschnitte für die Transparente gefertigt, Szenen aus der Heiligen Nacht. Heini wünschte es. War dieser Heini gläubig? Religiös? Was er vom Leben gesehen, hatte ihn Toleranz gelehrt, mehr als das: Ehrfurcht vor der Ueberzeugung anderer. Schneidend scharf verwies immer sorgfältig. Henny arbeitete, er hatte medizinische Bücher.. Alle Beobachtungen trug er ein.. Wie eine Mutter beugte er sich an diesem Ort, wo fast alles Roheit und Menschenverachtung war, über das Antlitz der Sterbenden... Henny, man kann Sie nicht vergessen!.. Würde Ihre geistige Einstellung vorherrschen, die deutsche Frage wäre leicht gelöst."( Pierre Suire ,, il fut un temps", F. Soulisse- Martin, Niort, p. 151/152). 92 er dem pfaffenfresserischen linksradikalen Heilkundigen das Wort, als dieser im gewohnten Stil loslegte. ,, Seien wir froh, wenn Priester sich um Geist und Seele der armen Teufel annehmen? Es sind ihrer immer noch zu wenige, die es tun." In rührender Anteilnahme pflegte Heini, im Dezember 1942, den todkranken Nymeger Völkerrechtler P. Régout SJ, der bei ihm sterben sollte; im Frühjahr 1945 auch jenen eigenartigen französischen Jesuiten, dessen abenteuerliches seelsorgliches Experiment Staunen weit und breit erregte, P. Dillard. Wir sprechen von ihnen noch an anderer Stelle( vgl.„ ,, Priester in Dachau"). Auf einem ungewöhnlichen Wege über den SS- Arzt der TbcStation und dessen Pfleger Walter gelang es, Berlin zu bewegen, einige von der verhängnisvollen Liste zu streichen. Auf wiederholten telephonischen Anruf wurden 14 Namen freigegeben. 3986 blieben. Es waren kranke, gesunde, unerwünschte und der SS oder den Blockältesten miẞliebige Häftlinge. Im Februar 1942 ging dieser Invalidentransport ab. Die dem Tode Geweihten ahnten dunkel und trösteten sich zweifelnd darüber hinweg. Es hatte doch im, Völkischen Beobachter" gestanden, daß man jetzt eine Lösung gefunden habe, letzte menschliche Kräfte nutzbringend zu verwerten.-- Ueber ihre Todesart ließen die ersten zurückgesandten Kleider keinen Zweifel. Von da ab stieß man die Unglücklichen unbekleidet in die Gaskammern. دو In diesem ersten großen Invalidentransport befanden sich neben deutschen eine ganze Reihe polnischer Priester. Von allen deutschen Geistlichen, die man mitgeführt hat, ist der Tod bestätigt worden. Dem ersten Vernichtungstransport folgten im Verlaufe der Jahre 1942 und 1943 weitere, sowohl von Invaliden, wie insbesondere auch von Schwachsinnigen und Nervenleidenden. ³) 3) Als ein Schulfall dürfte der des evangelischen Pfarrers Sylten Berlin betrachtet werden. Er war in der Betreuung evangelischer Nichtarier tätig und deswegen nach Dachau geschickt. Dort befiel ihn die im Lager zeitweise stark verbreitete Bartflechte. Ihr hartnäckiger Charakter zwang Sylten zu einem längeren Aufenthalt in der Krankenabteilung. Grund, ihn dem im Herbst 1942 ab- 93 „Unwertes Leben!” Als am 24. Juni 1942 alle„Uneingeteilten” auf den Appellplatz getrieben wurden, um auf„Arbeitsunfähig- keit” untersucht zu werden, brach unter den Häftlingen eine wahre Panik aus. Die durch das Todesschicksal ihrer vorausge- gangenen Kameraden Verängstigten machten. die verzweifelsten Anstrengungen, um sich zu verbergen. Sie wurden von unver- nünftigen Block- und Stubenältesten aus allen Verstecken heraus- geholt. Einigen gelang es dennoch. Am 15. August desselben Jah- res kam ein Erlaß heraus, daß kein Priester mehr auf Invaliden- transport geschickt werden dürfe. Die Krankenakten der Abtransportierten sind nach und nach in| der Registratur des Reviers abgeholt worden, und damit war für die Lagerführung das Kapitel abgeschlossen. Indes: eine Abschrift der Liste der 4000 blieb verwahrt und sie verstaubte nicht. Als Anfang April 1945 der Chefarzt Hintermeier den Befehl gab: „Alle Akten werden verbrannt”, konnte er es nicht wissen, denn 1942 war er nicht da. Die Liste ist nicht verbrannt worden; sie wurde versteckt. Dafür sorgte Alois von der Zahnstation. Eine Atmosphäre der Beklommenheit in diesem Revier, erhöht durch das Geraune und Geflüster Wissender über die Vorgänge auf Revierblock 5, der Versuchsstation des Luftwaffen- arztes Dr. Rascher. Durch die Veröffentlichungen des Hilfs- pflegers Helmut Berndt(,Alsace” Juni 1945) und durch die Aus- sagen des tschechischen Arztes Dr. Blaha‘im Nürnberger Prozeß weiß man alles. Häftlinge sind gezwungen worden, sich zu Ex- perimenten herzugeben: Luftdruckmessungen und Beobachtung von Wirkungen auf den menschlichen Körper bei plötzlicher hoch- gradiger Temperaturveränderung. Die Experimente kosteten den meisten das Leben. Unter tiefen Kältegraden in den Zustand der Erstarrung versetzt und dann unvermittelt mit heißem Wasser behandelt, um Wiederbelebung zu studieren— wer hält das aus? In einem anderen Teil des Reviers setzte ein alter Kolonialarzt gehenden Invalidentransport zuzuteilen. Nach wenigen Wochen schon erhielten seine Söhne die Todesanzeige ihres Vaters. 94 Mücken an, um Malaria zu erzeugen und Gegenmittel zu finden. Eine biochemische Versuchsabteilung erzeugte künstlich durch Eitereinspritzung Phlegmone, um ihre Heilung auf neuen Wegen zu versuchen, zum dauernden Schaden der Versuchsobjekte. Die Experimente waren unter dem Titel von Forschungsinstituten durch Himmler genehmigt und angeordnet. Im Revier starb an Krankheit der Privatsekretär von Heẞ. Er war an dem verhängnisvollen Tag mit ihm in Augsburg, als sein Chef verbotenerweise eine startbereite Maschine zu einem angeblichen Uebungsflug bestieg und damit nach England flog. Dafür kam der Sekretär nach Dachau. Vorsichtig, immer scheu um sich blickend, erzählte uns dieser von düsteren Ahnungen zerquälte Mann seine Geschichte und etwas von seinem Chef, fest überzeugt, daß er das Lager lebend nicht verlassen würde. Seine Ahnungen haben ihn nicht getrogen. Auf der Station verlöschte neben einer Unzahl von Namenlosen der junge evangelische Pfarrer Hesse, der mit seinem Vater, ebenfalls Pfarrer der Bekenntniskirche, verhaftet war. Da der Pfleger keine Erklärung dafür hatte, woher die heftigen Kopfschmerzen kommen konnten, ließ er den Kranken ganz einfach ohne Pflege tagelang liegen. Der Hilfspfleger, damals der Nymeger Dekan Teulings, mußte verzweifelt zusehen! Hier beendeten auch jene beiden katholischen Pfarrer aus dem Trierer Bistum ihren Lebensweg, deren Pfarreien unweit von Maria Laach, dem See und der Abtei, lagen. Sie hatten im Sommer 1940 das Verbrechen begangen, nicht aufzustehen, als in einem Ausflugskaffeehaus am See der Reichsmarschall Göring mit Gefolge erschien. Dafür verhaftete man sie am selben Abend, schleppte sie durch Gefängnisse und nach vorübergehenden quälenden und schikanösen Monaten nach Dachau, wo sie noch drei Jahre aushalten konnten. Da beide, Dechant Zilliken und Pfarrer Schulz, weit über 60 Jahre alt waren, haben sie den Tag der Befreiung nicht mehr erlebt. Der kämpferisch hünenhafte Dechant starb wie ein alter Haudegen auf dem Schlachtfeld, der 95 innerliche Pfarrer Schulz froh und gottergeben. P. Böminghaus und P. Mahring, der Naturwissenschaftler, beide Jesuiten, waren ihnen schon vorausgegangen. Seltsam, die Zusammensetzung des Pflegepersonals in diesem bewegten und ewig in Umwälzung begriffenen Krankenbau! Ein revolutionärer Dichter, stark in Worten, mit einem unverkennbar betonten Hang zum Genuß, pflegte auch. Seine Wohnecke war feudal, und er konnte sich der verschiedenen Gänge seines Menus rühmen. Umgekehrt der zurückgezogene, bescheiden lächelnde Mann, den es aus einem Spital der Barmherzigen Brüder nach Dachau geweht hatte. Für ihn war nur der Schauplatz seines Handelns geändert, nicht die Aufgabe. Ganz Hingabe an seine Kranken, in blitzblanker Stube, vollzog sich sein Dienst. Die Kraft dazu holte er sich von dem, der die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen, damit er sie erquicke. Vorsichtig öffnete er die Tür an dem schlichten Schränkchen und ließ uns in der Tiefe sein verehrungswürdiges Heiligtum schauen, so wie es sich die Volksfrömmigkeit ausdenkt. Warum man die Geistlichen nicht zur Krankenpflege heranzog? Ganz einfach: weil man verhindern wollte, daß sie auch für die Seelen sorgten, Kranke trösteten, aufrichteten und auf ein seliges Sterben vorbereiteten. Darin waren sich SS und antikirchliche Häftlinge einig. 1943 hatte man es von oben her doch getan. Einige Geistliche wurden Hilfspfleger, wenigstens das. So Ferdinand von der Schweizergrenze, ein junger, frischer, zupackender Kaplan. Er hatte es schnell erfaßt, was es heißt, pflegerischer Priester und priesterlicher Pfleger zu sein. Seine Kranken mochten ihn gern. Er ließ keinen einsam sterben und reichte das Kruzifix auch den älteren Russen hin, die sich ihrer frommen Volksseele sehr wohl erinnerten und nicht ablehnten. Ferdinand hat 92 auf den Tod vorbereitet, darunter den Professor K. von der Kunstakademie Wien. Indes: der sture Stationspfleger mochte die ,, Pfaffen" nicht, und wer den Hund werfen will, findet bekanntlich auch den Stein. Ferdinand ging wieder auf den 96 F 0 F h S Priesterblock, um einige Erfahrungen reicher, und organisierte dort etwas ambulante Pflege. Dennoch hat er erlebt, was Priester in Dachau für die Kranken hätten sein können! Ein anderer war der zähe Westfale Maashänser, zweitmalig im KZ, ein mutiger Mann und gern gesehener Pfleger bei Heini. Im März 1944 wurden für die Geistlichen alle Möglichkeiten hierzu mit einem Schlag verschüttet. Der Lagerführer verbot, Geistliche weiterhin in Vertrauensstellungen als Schreiber, Pfleger und dergl. zu verwenden. Grund: Der temperamentvolle und sorglos draufgängerische Hans C. hatte zuviel gewagt und war aufgefallen. Begabter Priester und schöpferischer Organisator der Caritas, hatte er in seinen vielbeachteten Familienwochen durch offene Stellungnahme gegen die ,, Vernichtung des unwertigen Lebens" die Aufmerksamkeit der Gestapo auf sich gezogen. Ins Lager von Dachau gebracht und darin kaum warm geworden, reizten ihn die Ungeheuerlichkeiten. Er verfaßte Notizen über gewisse Vorgänge und ließ sie durch einen„ Grünen" herausschmuggeln. Diese Sache hatte die Gestapo entdeckt und eine Untersuchung war im Gange, die das Schlimmste vermuten ließ. Zum Glück hatte sie, wie meistens, die Hauptsache nicht erwischt. ,, Ich habe nie etwas Dümmeres, Bösartigeres und Verlogeneres gesehen als die Typen der Gestapo", schreibt P. Dillard in einem seiner Gefängnisbriefe aus Wuppertal. Das Urteil stimmt und ist vielfach erhärtet. Darin lagen für ihre unter Verdacht cder Verhör stehenden Opfer gewisse Chancen und Gefahren, je nachdem, was jeweils überwog: die Beschränktheit der Gestapo oder ihre Bösartigkeit. C., dessen Kopf man bereits wackeln sah kam über Erwarten gut weg und überwand trotz seiner langjährigen Diabetes die Bunkerstrafe. Dafür rächte sich der SSChefarzt des Reviers insofern, als er ihm, Ende März 1945, nach einer schweren Furunkeloperation, die Bitte um Einweisung in eine Münchner Klinik zwecks sachgemäßer Behandlung, rücksich slos abschlug. Eine solche Bitte auszusprechen war für den 7 Joos, Leben 97 KZ- Häftling eine sehr verwickelte und in der Regel auch völlig aussichtslose Sache. Der Häftling hatte zunächst einzukommen, ,, einen Rapportbrief schreiben zu dürfen". Und wenn er zufällig im Revier lag, mußte die Bitte über einen langen Instanzenweg gehen 4). Damit war C. unter den obwaltenden Umständen sozusagen zum Tode verurteilt und wir reichten uns in den Nachmittagsstunden des 23. April 1945 ahnungsschwer die Hand zum Abschied. Die Frage war, ob er solange durchhalten konnte, bis die Amerikaner kamen. Das gelang. Mit den amerikanischen Panzern kam die Hilfe. Sie stellten sofort einen Wagen bereit und verbrachten ihn in ein Lazarett. Das war seine Rettung. Daß damals die Geistlichen samt und sonders auch aus der Krankenpflege verdrängt wurden, war im Hinblick auf die trostlose Lage der Dinge im Revier gewiß schmerzlich. Schmerzlich auch der Verlust so mancher mühsam eroberter Position in Büros und Kommandos, wo ein Priester in jedem Augenblick bedrängten Kameraden hilfreiche Hand bieten konnte. Im ,, Arbeitseinsatz" zum Beispiel war die geschickt verdeckte Hilfsarbeit, die der überschäumende Lothringer Goldschmitt dort neben seinem Landsmann Philipp monatelang verrichtete, in der Tat Gold wert. Anderseits war aber auch das, was Hans C. mit seinen Alarmrufen aus der Welt hinter Stacheldraht anstrebte, bei der weitverbreiteten Ahnungslosigkeit der deutschen öffentlichen Meinung in Sachen KZ in sich richtig und hoch zu bewerten. Schließlich konnte die Lagerführung ihre Sperrmaßnahmen auch nicht bis zum Ende festhalten. Als das Fleckfieber kam, blieb ihr nichts anderes übrig, als die notwendigen, freiwilligen Pflegerkräfte aus den Reihen derer anzunehmen, die man geächtet hatte. Sie waren auch fast die einzigen, die sich anboten. Der Stationspfleger vom Revier 7, der die„ Pfaffen" nicht 4) Vergleiche Wiedergabe des abgelehnten Gesuchs des Geistlichen H. C. im Anhang. Der Bleistiftvermerk des Chefarztes Hintermeier lautet kurz und bündig: ,, Behandlung im H. K. B." ( Häftlings- Kranken- Bau). 98 mochte, war inzwischen zum Reviercapo avanciert. Von da mußte er wider Willen die SS- Uniform anziehen und mit zur ,, Bandenbekämpfung" an die Balkanfront. Dort ist er gefallen. - Eine widerliche Szene, in der sich die menschliche Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit eines Pflegers so recht widerspiegelt, steht in meiner Erinnerung. Es ging gegen Abend, die Stunde, in der Kranke leicht ängstlich und rätselhaft unruhig werden. Ein Nervenkranker sollte anderntags entlassen werden. Nun redete der Pfleger auf ihn ein: ,, So, das schenk ich Dir, weil ich Dich gesund gemacht habe.", Wie, Herr Pfleger?" ,, Weil ich ,, Dankeschön, Herr Pfleger; aber - Dich gesund gemacht habe." " - - - - ich möchte jetzt gleich zum Block gehen."- ,, Du gehst morgen, hab ich Dir schon einmal gesagt." ,, Dankeschön, Herr Pfleger, aber ich möchte..."- ,, Halt's Maul, Du bleibst hier." ,, Aber, ich möchte..." Klatsch, klatsch, klatsch fielen die Schläge auf den ganz verwirrten Kranken den der Herr Pfleger ,, eben gesund gemacht." - Ein einziger, wirklicher Arzt war unter den Häftlingspflegern vor 1943, der polnische Kräuterdoktor F., und ihm hatte man bloẞ eine Stube anvertraut, nicht die Station. Er war ein Arzt im Vollsinne, nicht bloß Mediziner, ein Helfer in vieler Not. Seine Praxis ging weit übers Revier hinaus, und sein Vorteil war, daß er weniger mit Chemikalien arbeitete und mehr mit Diät und Heilkräutern. Die Medikamente waren rar. Ein zweiter polnischer Häftlingsarzt Ali, der tüchtige und gewissenhafte Chirurg, kam 1943 in den Operationssaal, - Was nützte es also, wenn jetzt, in der zweiten Hälfte 1944, Häftlinge, die beruflich Arzt waren, zu Hilfe gerufen wurden? Sie konnten nur verzweifelt die Hände ringen. Arzt sein vor hilfsbedürftigen Kranken, wissen, was zu geschehen hat, und doch nicht helfen können? Die französischen Aerzte haben diese Qual ausgekostet. Sie waren zuletzt ihrer 40 im Dienst. 14 davon starben. Günstiger lagen die Bedingungen für Roche, den Okulisten, 7* 99 der noch rechtzeitig ins Lager kam, um total falsch behandelte Augen retten zu können, was er auch ausreichend getan, obwohl sein Herz stärker und stärker der sich nähernden Front der Alliierten entgegenschlug. In der Zahnstation, etwas abseits und von den SS- Aerzten nur wenig kontrolliert, amtierte ein Elsässer, Theo, ein Mülhauser, zeitweise französischer Boxmeister, zuletzt mit einem Dentisten aus Besançon und einem Jugoslaven. Geschäftsführer war Alois, von Heinis Station herübergewechselt, jeden Tag aufs neue empört über den Skandal der Goldablieferung nach Berlin. Goldzähne, Brücken und Plomben, die aus den Kiefern der Toten herausgebrochen wurden, mußten allmonatlich nach Berlin abgeliefert werden. In dieser Zahnstation konnte man durch geschickte Anordnung Leute sehen, die die SS in besonderem Gewahrsam hielt, sogenannte ,, Ehrenhäftlinge" vom Bunker( Zellenbau): Pastor Niemöller und Genossen 5). Auch sonst erwies sich die hinter dem Operationsraum liegende Werkstatt der Zahntechniker als ein sicherer Ort. Alois hatte gutes Kartenmaterial, und man konnte in den Abendstunden den Frontvorgängen ausgezeichnet folgen. Blieb die Revierschreibstube, mit österreichischen und tschechischen Schreibern besetzt. Der tschechische Generalstäbler suchte seine wachsende Unruhe durch Studium in Briefmarken und in winzig kleiner Schrift hingeworfenen Tagebuchblättern abzureagieren. Unterabteilung der Revierschreibstube war die Registratur. 1 Die Revier- Registratur unser Bereich. Sie hatte mit den Kranken und den Gesunden zu tun. Für jeden Ankömmling in Dachau legten wir eine Krankenmappe an, verwahrten und 5) In Dachau gab's Normal- Schutzhäftlinge, Vorzugshäftlinge ( durften meist langes Haar tragen), Ehrenhäftlinge( mit violetter Armbinde), Ehrenbunkerhäftlinge( Prominenzen), sogenannte 11 klm- Häftlinge,( in Zivilkleidern, wohnten außerhalb des Lagers und durften sich in bestimmtem Raum frei bewegen). 100 vervollständigten sie. Alle wichtigen Krankheitsvorgänge warfen ihre Schatten in die Registratur. Hier lagen die Totenscheine von Jahren und die Totenbücher, die wir verbrennen sollten und es nicht getan haben. Ein Türschild warnte Unberufene: ,, Eintritt verboten". Die Arbeit lag früher in Händen von SS- Leuten, offenbar darum, weil damals mehr lichtscheue Angelegenheiten das Büro passierten, wozu sicher auch die ausgedehnte Korrespondenz über zwangsweise Unfruchtbarmachung gehörte. Die SS wurde später durch Häftlinge ersetzt. Das Türschild blieb. Das hatte den Vorteil, daß man uns fast völlig in Ruhe ließ. Der nervöse Bayer mit dem Holzbein, zu dessen Wesen das Randalieren gehörte, war längst auf Transport. Nur Lüder Winters hielt die Stellung und störte den Frieden nicht, denn er war von der Wasserkante, einsilbig, etwas verbrummt und geistig höchst eigentümlich gewachsen. Lüder, ein Proletarierschicksal, wie man es bei Sombart beschrieben und bei Käthe Kollwitz gezeichnet findet. Schon als kleiner Bub in der Morgenfrühe, schlaftrunken, genötigt, Brötchen auszutragen und am Abend Laternen anzuzünden. Weder Zeit zum Lernen noch zum Schlafen. Und auch sonst keine Ruhe in der Familie. Besteht die Volksschule dennoch mit Glanz, lernt ein Handwerk und landet in den Zeiß- Werken von Jena. Weiterentwicklung nach Regel: Sozialist, durch den Weltkrieg 1914/18 Anhänger der USPD von Haase, Deserteur, Mann der Revolution in Weimar. Für einige Wochen ,, Machthaber", dann kommunistischer Zeitungsschreiber, und in der Folge Genossenschaftssekretär. Als solcher Reise nach Rußland zum Studium des Genossenschaftswesens, Vortrag im Blauen Kreuz in Bremen über Reiseeindrücke, Verhaftung, Gefängnis und KZ Sachsenhausen. Wird nach 2 Jahren entlassen und bei Kriegsausbruch 1939 wieder verhaftet und schwer mißhandelt, was ihn zu einem Selbstmordversuch treibt. Die Schnur wird rechtzeitig durchschnitten; er lebt weiter und kommt nach Dachau, von Freunden in die Registratur des Reviers geschoben. 101 Hier war Lüder in seinem Element. Bürokratisch genau im Dienst, geistig darüber hinaus lebend. Unter der Schreibunterlage hatte er seine ,, stillen Blätter". Die zog er abends hervor und qualmte dazu, gutes und schlechtes Kraut. Er dichtete, sarkastische, nadelspitze, beißende Verse über das Leben im KZ und die SSKorruption. Nur eines war anders, das Gedicht, das er unter dem Eindruck des kleinen Photos schrieb, das seine Frau ihm schickte. Da stand sie selbst, die bejahrte Frau mit den kummervollen Zügen vor dem bescheidenen Häuschen, und schaute die Straße entlang, ob ihr Lüder nicht doch einmal wiederkäme. Dies Bild hat ihm ins Herz geschnitten und darum war sein Gedicht darauf auch einzig schön, wie ein Volkslied in dämmeriger Abendstunde gesungen. Seine Gedichtsammlung hat er noch glücklich ,,, schwarz" natürlich, heimschaffen können. Da traf ihn der Schlag. Trotz seiner vorsichtig stillen Art war es halt doch bekannt, wo er parteipolitisch beheimatet war. Kurz, er kam im Oktober 1944 mit den Kommunisten auf Straftransport nach Neuengamme. Wir hätten ihm ein leichteres Ende der Lagerzeit gegönnt, denn er hat viel gelitten). Zuverlässige Mitteilungen besagen, daß Lüder W. im März 1945 in Sandbastel am Typhus gestorben ist. 6) Nach Mitteilungen von Augenzeugen( Le Monde, Paris 30 oct. 1945 und 3 nov. 1945) sind die Häftlinge des KZ Neuengamme beim Herannahen der Alliierten im April 1945 nach Lübeck transportiert und dort auf vier Schiffe verfrachtet worden: ,, Cap- Arcona" mit zirka 6000 Mann ,,, Athena" mit 2000 Mann ,,, Thielbeck" mit 2500 und ,, Deutschland" mit zirka 3000 Mann. Die Schiffe hatten die Hakenkreuzflagge gehißt und kreuzten während 2 Tagen an der Küste. Am 3. Mai hatten die Alliierten Lübeck erreicht. Es erfolgte ein Luftangriff: drei der Schiffe sanken. An Ueberlebenden zählte man von ,, Cap- Arcona" 312, von" Thielbeck" zirka 100, ,, Athena" erreichte mit allen den Hafen. Das Schicksal der ,, Deutschland" ist unbekannt; man hat nie einen Ueberlebenden gesehen. Es bleibt demnach auch strittig, wer das Schiff versenkt hat. Die SS hatte die Schiffe vor dem Angriff verlassen und schoẞ am Ufer auf diejenigen Häftlinge, die sich retten wollten. Sollte dieses Schicksal der Zweck des Straftransportes der Dachauer kommunistischen Häftlinge nach Neuengamme gewesen sein? 102 Unser gewohntes Leben im Büro der Registratur hätte seinen Fortgang nehmen können, wenn wir auf dieser Insel der Seligen nicht zu viele beherbergt und aufgefrischt hätten und damit, jedenfalls beim neuen Reviercapo aufgefallen wären. Ein von Natur gezeichneter, körperlich und seelisch verwachsener, aus List und Angeberei zusammengesetzter Mann wurde eines Tages mitten unter uns plaziert, ein Aufpasser, ein Spion. Wir mußten schweigen und zehnfach auf der Hut sein. Mit der Ruhe und mit dem, was wir von hier aus tun konnten, war es zunächst zu Ende. Allerdings, es rückte auch das andere Ende heran, denn wir schrieben bereits April 1945. 103 VON TRANSPORTEN UND VOM FLECKFIEBER Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und es berührt sie nicht des Todes Pein. In der Toren Augen schienen sie gestorben, sie aber sind in Frieden. Buch der Weisheit, 3 Zwei Worte waren es, die jedem Häftling für einen Augenblick den Atem verschlugen, wenn sie ihm galten: Vernehmung und Transport. sein? Vernehmung? Grübelnd drehte man den bedenklichen Zettel, den der Schreiber eben überbracht hatte, in Händen: ,, Acht Uhr Vernehmung. Sauberer Anzug, rasiert." Was kann es nur Verpfiffen? Hat ein Spitzel des SD- Mannes Bach irgendetwas aufgeschnappt? Vielleicht auch nur Postvernehmung? Ein Brief, der mir nicht ausgehändigt und nur vorgelesen wird?- Oder eine Unterschrift zu leisten?... Halt, richtig, kann sein, die Versicherung?... Vernehmung, manchmal wirklich harmlos, aber immer geheimnisvoll gehalten, um den Häftling zu erschrecken. Manchmal auch der Anfang vom bösen Ende, denn die Verfahren der Gestapo folgten uns ins KZ und stöberten mitleidlos auch die Kranken aus den Betten. Einmal im Netz der Gestapo, blieb man rettungslos drin hängen. Gefährlicher unter Umständen, wenn es hieß:„, Du kommst auf Transport". Einzeln, das war möglicherweise nicht so schlimm. Das ging zum Gefängnis nach München, zum Prozeß oder zur Zeugenaussage, aber Massen transport? Hm, da pfeift's aus einem andern Loch. Wir sahen doch, in welchem Zustand Transpcrte nach Dachau kamen. Vergebens suchten wir in diesem Kommen und Gehen von Transporten einen Plan, ein System zu er104 kennen. Anfordern und Abstoßen, Verschiebung von Arbeits- kräften, wahrscheinlich. Dieses KZ Dachau war gleich einem un- geheuren Rangier- oder Verschiebebahnhof für die Ware„Häft- lings-Arbeitskraft“, in dessen Betrieb es allerdings hie und da Qurcheinander ging: o’dre, contreordre, desordre. Vorbereitete Transporte blieben stecken, abgegangene kamen zurück, Organi- sation, Horatio! Nur verständlich durch die Rückschläge, Wen- dungen und Bewegungen an den Fronten. Die Transporte nach Dachau brachten 1942/43 meist Verbrauchte, Ausgelaugte von Danzig, von Großrosen, von Mauthausen, von Flossenbirg und Natzweiler. Sie kamen mehr oder weniger aufs Krematorium zu, falls sie nicht unterwegs schon—— das war eben die Fiage. Sechs, acht, zehn Tage mit einem Minimum von Brot und Wasser in einem luftdicht abgeschlossenen Güterwagen — wer hält das aus? mransport kommt!”, so ruft ein Lagerläufer durch die hohle Hand über den Appellplatz. Und:„Transport kommt!“ hallt es, von irgendwelchen Stimmen weiter gegeben, durch die Lager- straße. Da kommen sie schon durchs Tor, dunkle Kolonnen ver- schmutzter, abgerissener und vernachlässigter Gestalten. Müde, abgehetzt schleppen sie sich, von SS-Wachmannschaften ange- trieben, dem Spielplatz zu. Da macht einer der SS-Lagerführer schon Bewegung, und der Häftlings-Lagerälteste gibt eifrig und wichtigtuerisch Befehle zu selbstverständlichen Anordnungen.„Je 100 Mann einschwenken!” 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9— hundert, 11, 12—— zum Schluß stehen 3500 Mann. Ach nein, sie stehen nicht mehr; sie können nicht mehr stehen. Viele sind zwischen den Reihen zu Boden geglitten und bleiben liegen. Nach und nach kauern sie alle. Ob Sonnenbrand, ob Regen, ob Wind und Wetter — da liegen sie wie erschöpfte Tiere nach einer endlosen Wüsten- wanderung. „Wasser! Wasser!“ wimmerte es an jenem heißen Nachmittag. Revierpfleger mit Tragbahren zwängen sich durch die herum- liegenden, klagenden, seufzenden und rufenden Massen. Schwer- 105 kranke und Sterbende werden aufgelesen und weggebracht. Dann erst beginnt die stundenlange Prozedur des Aufgeschriebenwerdens und der Desinfektion. Es ist längst wieder Nacht geworden, kühl und kalt, wenn die letzten, nackt, zum Bad getrieben werden, um danach mit einem dünnen, um ihr Gebein schlotternden Lageranzug und in klumpigen Holzschuhen, in letzter Anstrengung, dem Block zuzuwanken. Fragwürdige und übelriechende Utensilien was schleppt ein auf langen Transport gehender Häftling nicht alles in seiner Not mit! qualmen auf dem feuchten Moorboden. port. - - - verglühen und verSo kommt ein TransDas Allerschrecklichste, was uns je an Transporten zu Gesicht kam, war der im November 1942 von Danzig- Studhof. An 900 polnische und russische Gefangene waren es, die man erwartete. Sie waren 10 Tage unterwegs und hatten nur für 2 Tage Nahrung. Bei ihrer Ankunft zählte man 300 Tote, die aus den unbeschreiblich verschmutzten Wagen herausgeschaufelt werden mußten. Sechs Leichen waren angenagt, an einzelnen Körperteilen bis auf die Knochen, nicht von Tieren, sondern von den hungernden Ka meraden. Kannibalismus im Jahre 1942 in Zentral- Europa! Die Ueberlebenden zogen im Desinfektionsbad nackt an uns vorüber, schwankenden ein grauenerregender Zug von gespensterhaften, Skeletten, mit stierem Blick aus tiefen Augenhöhlen, ein Totentanz, wie ihn die Phantasie des Totentanz- Malers Holbein nicht erschreckender ausdenken konnte. Nach wenigen Wochen der ganze Transport ausgestorben. Andere Transporte von Großrosen und Mauthausen erinnerten daran. Der letzte am 28. Februar 1945, von Großrosen kommend, zählte 80 Prozent Tote! war - Der Transport französischer politischer Deportierter, der am 5. Juli 1944 von Compiègne kam, sollte nach den Laufzetteln 2582 Mann bringen. Es kamen nur 952 Lebende und 43 Tote. Die andern Toten waren bereits unterwegs ausgeladen. Niemand im Lager glaubte der SS, die das Gerücht verbreitete, die Gefangenen hätten unterwegs Streit unter sich gehabt und hätten sich gegen106 a seitig tot getreten. Sie waren erstickt. Der Arzt Dr. Marzot, der in Compiegne Dienst als Lagerarzt versah, wurde zwangsweise nach Dachau mitgenommen, weil er sich geweigert hatte, einige Kranke als transportfähig zu bezeichnen. Spätere Transporte la- gerten wie üblich ihre Menschenlast auf dem. Spielplatz ab vor unseren Bürofenstern. So sahen wir an einem heißen Sommernachmittag vor unsern Fenstern niedergekauert liegen u. a. Msgr. Piguet, den Bischof von Clermont, und General Delestraint, beide erschöpft und in leidendem Zustand, von Natzweiler kommend. Der Elsässer Hau- messer, Vikar von Sausheim, meldete sofort und man überlegte. Durch geschickte Manipulation gelang die Aufnahme beider ins Revier. Der General, der genau wußte, daß sein Leben verwirkt war und es ihm nur bis auf weiteres, auf Widerruf, belassen war, litt an hartnäckiger Furunkulose, was ihn vielleicht für einige Monate retten konnte. Bischof und General teilten als treue Schicksalsgefährten miteinander das wenige, was ihnen zustand. Michelet, den sein allzeit gefälliger Capo inzwischen mit einem Sonderkommando betreut hatte, damit er im Revier den franzö- sischen Kameraden unauffällig behilflich sein konnte, hielt den Kontakt mit ihnen aufrecht. Indes der Bischof dem Block der Priester überwiesen war, verblieb Delestraint weiter im Revier, Sie trafen sich nach Monaten wieder, als sogenannte„Sonder- häftlinge“ im Zellenbau. Von da rief die SS den General in der Morgenfrühe des 19. April 1945 aus der heiligen Messe des Bischofs heraus zur Exekution. 5 Tage darnach ward der Bischof aufge- rufen zum Transport in die Tiroler Alpen. Das Verfahren des Empfangs, der Identifizierung und Notierung sinfektion auf dem offenen Spielplatz blieb bis in e, un- sowie der De den Winter 1944 hinein dasselbe. Die großen Transport glaublich verlaust, wurden noch im Regen und Schnee im Freien erledigt. Dann erst fand man, daß man es auch anders machen konnte. 107 Durch unsere Revier- Registratur mußten sie alle, nackt und bloẞ, bis auf die Revierkranken. Grund: Anlage der Krankenpapiere, an sich ohne Belang. Papierwirtschaft und ein ,, So tun als ob". Für uns aber, die wir den müden und verängstigt fragenden Neulingen ins Antlitz sahen, war es die willkommene Gelegenheit, ihnen einen nützlichen Wink zu geben, damit sie die Sphinx, das rätselhafte Ungeheuer eines KZ rechtzeitig, wenigstens in Umrissen, erkannten. Wie töricht gaben sich die einen, die da meinten, klug vorauszuschauen, wenn sie möglichst viel Krankheiten angaben! Es kam darauf an, sie unauffällig zu belehren, daß es hier, an diesem Ort, nicht bloß menschlich zugeht und daß Invalidität Tod bedeuten konnte. Daß die wahre Klugheit erfordere ,,, arbeitsfähig" zu sein, selbst wenn man es nicht war. Und wieviele waren es nicht! Brachte man doch Blinde, Lahme, Amputierte, Krüppel ohne Arm und Bein, welche, die am Boden krochen, Wozu? Wozu? - - Wir fanden, daß der erste Kontakt mit einem Lagerbüro, und sei es auch nur im Revier, diesen angstvoll Ahnenden das Gefühl vermitteln müßte, daß es noch Menschen in diesem grausamen Ort der Geächteten gab, und daß ein verstehender Blick, ein Wort des Landsmannes in der heimatlichen Sprache Wunder wirken könnte. Also richteten wir unseren Betrieb danach ein: Michelet wird vom Kommando beurlaubt und herangezogen, um die französischen Kameraden zu empfangen; Dekan Teulings die Holländer, Georg S. die Polen und die Russen. Zwischenhinein hatten wir rasch alles Nötige erfaßt: ,, Woher,", Weshalb" und wie es draußen aussieht. Die französische Jugend setzte uns blitzartig ins Bild... ,, Gut, sehr gut!" Und sie gingen mit glänzenden Augen und de bon moral zur nächsten Station: Durchleuchtung. Und wer Gold im Munde hatte, zur genauen Feststellung.„ Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach wir Armen!" So läßt Goethe den Dr. Faust klagen. Berlin suchte Gold, notierte es bei den lebenden Gefangenen und nahm es von den toten. 108 " Mit der gierigen Hast des Goldsuchers im Flußsand warf sich die Lager-SS, im voraus avisiert, auf den Transport. der von Auschwitz kam. Juden— hier ist Geld und Gold, Sie hatten es längst nicht mehr. Aber das Personal der Blöcke, die Häftlinge, die diese Armen, dem Tode Geweihten, zu betreuen hatten, die hatten es. Den ganzen Tag wurden diese seltsamen Kameraden, die ihre Mitgefangenen unter Drohungen und Schmeicheleien aus- geplündert hatten, gefilzt. Wie die großen funkelnden Goldmünzen und mancher kostbare Stein bewies, nicht ohne Erfolg. Welch ein reicher Tag für die Lagerführung! Ein Transport aus russisch-polnischem Gebiet brachte, in Männerkleidung versteckt, vier Frauen. Ob Frauen, die ihren Männern gefolgt waren? Wir haben es nicht erfahren können. K., der dritte Lagerführer, hat sie durch Genickschüsse getötet, Achtzig jüdische Knaben waren für wenige Wochen in Dachau. Der jüngste acht Jahre alt, der älteste fünfzehn. Der Fünfzehnjäh- rige fühlte sich als Sprecher für alle. Ungewöhnlich reif für seine Knabenjahre und schon längst ausgebildet in einem Handwerk, setzte er uns sachlich kühl auseinander, was er von diesem Trans- port und den mutmaßlichen Absichten der SS hielt.„Wir werden getötet, wie unsere Väter und Mütter. Wir wissen es. In dem La- ger, aus dem wir kommen, rief man jeden Tag einige von uns aus der Reihe. Sie verschwanden, und wir haben nie mehr von ihnen @ehört. Nun ist die Reihe an uns. Man wird uns von hier abtrans- portieren und in die Gaskammern stoßen. Es soll wohl so sein.” — 14 Tage später ging’s richtig weiter. Das Fleck fieber Was wußten wir von diesem fremden Fieber? Daß es im Osten und auf dem Balkan beheimatet ist. Daß die Leute dort ziemlich immun wären. Und daß es gefährlich sei für alle anderen. 1943/44 war eine Welle von Bauchtyphus über das Lager gegangen und hatte einige hundert mitgenommen. Aber was war das gegenüber dem Gifthauch, der dem Rachen dieses fremden Ungeheuers entströmte und die Toten zu Tausenden häufte. Der wahnwitzige Massenzugang vom Balkan her hielt an. In Ost, Süd und West wurden Hals über Kopf Konzentrationslager geräumt. Alles nach Dachau! Wie sollte das enden? Die Massen stauten sich in den Baracken, in dem engen Blocksträßchen. Statt 80 Häftlinge 500 auf eine Stube, 2000 auf den Block! Von Ruhe und Schlaf keine Rede mehr. Und das Ungeziefer raste. An dem Tag, da uns der unglücklich verantwortliche Capo der Lagerdesinfektion, Jakob Koch, atemlos zurief:„ Kommt und seht! Milliarden von Ungeziefer! Die abgelegten Kleider der Häftlinge, die gekommen sind, bewegen sich!" Und gedämpft und bedrückt hinterher: ,, Ich glaube nicht mehr, daß wir es zwingen. Wir gehen alle unter." Da wußten wir genug. - Jakob ließ dem Chefarzt keine Ruhe mehr. Meldung über Meldung. ,, Herr Chefarzt, es geht nicht mehr. Die Quarantäne nützt nichts. Unsere Desinfektionsmittel reichen nicht aus, und die Blöcke sind verlaust. Zuviel Menschen. Wir können uns nicht mehr rühren." Der Chefarzt Hintermeier hörte, und es geschah nichts. Tage und Wochen verrinnen. Schon toben Hunderte im Fieber. Bislang kerngesunde, langjährige Dachauer, wertvolles Blockpersonal, ist in wenigen Tagen erledigt. Nun, zu spät, folgen überstürzte, sinnlose Maßnahmen, die nicht mehr retten, aber Bedrohtes zu raschem Untergang treiben 110 Was sich ab Ende Dezember 1944, im Januar und Februar 1945 im KZ Dachau abgespielt hat,gehört zudenerschüttern dsten Tragödien in der Geschichle aller Konzentra- tionslager. Hier das Zeugnis von Ueberlebenden vom Block der Alten und Invaliden: „Wir waren voller Läuse und Flöhe. Viele hatten keine Matratze mehr und lagen nackt auf den Brettern. Da sie nicht mehr auf- stehen konnten, wurden alle Bedürfnisse am Ort verrichtet. Von den oberen Brettern fiel der Schmutz auf die unteren. War einer zu sehr beschmutzt, so wurde er auf Verlangen der Kameraden it den Waschraum gezerrt, mit groben Bürsten abgescheuert und wieder auf die Bretter geworfen. So Camille, der Controlleur general de l’armee, bald danach verstorben. Der Fischer Schulz Michel, 44 Jahre alt, blieb 3 Wochen ohne jedwede Pflege nackt auf den Brettern. Totgeglaubt, warf man ihn auf den Leichenhau- fen. Unter Aufbietung letzter Willenskraft gelang es ihm, sem Bett wieder zu erreichen. Am 5. Januar 1945 mußten wir vom Bad zum Block zurückkehren(zirka 400 m), bei strenger Kälte, nur mit kurzer Unterhose bekleidet und einem dünnen Hemd. Manche von uns brachen unterwegs zusammen und starben(Davier von Nantes). Wir blieben 3 Tage ohne Kleider und ohne Decken. Als diese von der Desinfektion zurückkamen, waren sie noch voller Ungeziefer. Anläßlich dieser Desinfektion erhielt Cherpittel von Belfort, 63 Jahre alt, vom Blockältesten Zepp(wahrscheinlich Sepp, d. V.) heftige Stockschläge auf den Kopf und starb einige Stunden da- nach. Die Desinfektion vom 25. Januar 1945: um 6 Uhr morgens mußten wir zum Bad. Wer nicht gehen konnte, wurde nackt oder halbnackt auf eine Karre geworfen. Es war sehr kalt. Viele von uns hatten 40 Grad Fieber. Wer nicht schnell genug vorankam, erhielt Stock- schläge vom Blockältesten. Wem es im Bad nicht gelang, gleich zur Dusche zu kommen, wurde über den Zementboden geschleift und in einen Wasserbehälter getaucht. Die Häftlinge de Maudhuy und Durfour ertranken. Auch der Capo vom Bad beteiligte sich 171 an den Mißhandlungen der Kranken. An diesem einen Tage star- ben 74 Kameraden von 350 unserer Stube. Die Rückkehr zum Block erfolgte abends 8 Uhr, barfuß; viele waren ohne Kleider. Wir waren also 14 Stunden im Bad festgehalten ohne Speise und Trank. In den folgenden Tagen erhöhte sich die Zahl der Toten ganz er- heblich. Die Leichen, mit einem Erkennungszettel am Fuß, hat man je zu zehn aufgeschichtet im Waschraum und längs der Baracke. Von da ging’s zum Krematorium, nachdem Goldzähne und Plomben entfernt worden waren. Dieses Leben auf dem Block 30, insbeson- dere auf Zimmer 3 und 4, dauerte an, bis die Alliierten kamen. Auf Block 30 waren der Blockälteste, der Stubenälteste und die Torwächter stets mit Stöcken bewaffnet. Ohne die Rohheiten und mit etwas mehr Menschlichkeit wären sicher manche Kameraden noch am Leben.” Diese Darstellung erschien Mitte Juni 1945, also noch unter dem frischen Eindruck der furchtbaren Erlebnisse, in der Zeitung„La Republique” in Dijon und ist verantwortlich gezeichnet von dem 31 Jahre alten Kriegsinvaliden Paul Ferrier, ebenfalls von D.jon. Seine Angaben sind bestätigt durch eine Reihe von Kameraden, die mit ihm auf diesem Unglücksblock waren, an der Spitze der Colonel Bonneau. Sie stimmen auch vollkommen überein mit dem, was uns der Capo der Desinfektion, dem dieser unter Quarantäne stehende Block 30 zugänglich war, in jenen Tagen berichtet hat. Zermürbt und verstört angesichts der verheerenden Folgen von Unterlassungen verantwortlicher Stellen, brach auch er, der Retter von Hunderten von Häftlingen, vom Fieber ergriffen, zusammen. Ihm folgten nicht wenige aus seinem Arbeitskommando der Lager- Desinfektion. In dieses Todes-Kommando hatte sich, freiwillig und der Gefahr bewußt, Edmond Michelet eingereiht. Er wollte ein Beson- deres für seine Kameraden tun. Nach wenigen Wochen war er soweit— Fleckfieber. Er ist einer der wenigen geblieben, wo ein an diesem furchtbaren Fieber Erkrankter aus dem tagelangen IZ Traum- und Dämmerzustand wieder zum Leben erwachte. So war es ihm nach baldiger Genesung gegeben, seine kranken Kameraden der Obhut der einmarschierenden alliierten Truppen zu übergeben. Treu an ihrer Seite ausharrend, trat er, erst später mit den Letzten die Heimreise an. Nicht ohne vorher, als Unterpfand gegenseitiger Hilfe in zukünftiger Not, die ,, Amicale des Anciens de Dachau" gegründet zu haben. Dieser Freundschaftsbund ehemaliger französischer Häftlinge von Dachau trägt im Abzeichen zur dauernden Erinnerung an den kurz vor dem Einmarsch der alliierten Truppen hingerichteten General Delestraint dessen Häftlingsnummer: 100027, Mit dem General wurden gemeinsam erschossen drei weitere französische Häftlinge und elf tschechische Offiziere. Delestraint war der letzte. Hoch erhobenen Hauptes, der Kleider entledigt, schritt er auf die Mauer zu. Noch ehe er sie erreicht hatte, streckten ihn zwei Pistolenschüsse nieder. Er starb, während man die Leichen der anderen auflas. Der General war um 7 Uhr morgens aufgerufen worden. Man hatte ihn aus der heiligen Messe, die der Bischof von Clermont zelebrierte, herausgerufen. Seine Erschießung erfolgte um 11 Uhr morgens. Er starb als Soldat und als frommer Christ.( Angaben des Augenzeugen Armand Kienzle, Amicale des Anciens de Dachau, Bulletin no. 3, oct./nov. 1945). Ueber Delestraint, in der französischen Widerstandsbewegung unter dem Namen Vidal bekannt, und über seine letzten Tage finden sich weitere zuverlässige Angaben in den Dachauer Erinnerungen des französischen Häftlingsarztes Pierre Suire ,, il fut un temps"( Soulisse Martin, Niort) sowie in den Schilderungen des und Goldschmitt ,, Elsässer - Pfarrers Fr. lothringischen Lothringer in Dachau." Nach letzterem hat der Oberscharführer Bongartz den General durch zwei Genickschüsse getötet. Der Capo des Krematoriums Erwin Mahl mußte die Leiche mitsamt den Kleidern verbrennen. 8 Joos, Leben 113 MASSE— OHNE RELIGIÖSES BEDÜRFNIS? Der Mensch ist seinem Wesen nach religiös, und die menschliche Seele vermag nicht, die religiöse Leere zu er- tragen... Erlischt in ihm der Glaube an den lebendigen und wahren Gott und wird die Idee Gottes aus dem Be- wußtsein verdrängt, dann tauchen in der Seele die Gestal- ten der falschen Götter auf und werden Gegenstand, der religiösen Anbetung. Nikolai Berdiajew Da waren sie in diesem Lager, im Zeichen desselben Schicksals, auf Jahre hindurch zu Tausenden und aber Tausenden zusammen- gehäuft. Wohl die meisten von ihnen waren christlich getauft, einmal im kirchlichen Leben ihrer Heimat eingeordnet und vege- tierten nun von Heimat und Familie abgeschnitten unter erbärm- lichsten Arbeits- und Lebensbedingungen. Eine Unsumme von physischer, geistiger und sittlicher Not! Gewiß, es waren junge, lebensdurstige Menschen darunter mit physischen Kraftreserven, deren Gesundheit eine Zeitlang stand- hielt, deren Nerven auf die menschenunwürdige Behandlung nicht gerade tragisch reagierten, junge Menschen, die sich verblüffend rasch an das Ungeheuerlichste gewöhnen konnten. Es berührte sie späterhin auch kaum, wenn sie den Leichenträgern begegneten, in der Morgenfrühe die Toten nackt vor den Blöcken liegen\sahen, oder wenn der mit Leichen hochbeladene„Moor-Expreß”, ein ver- brauchter Lastwagen, von Häftlingen gezogen, banal an ihnen vorüberzog. Zwischen dem sonntäglichen Fußballspiel und den unerhörten Vorgängen um sie her empfanden sie keinen merk- baren Widerspruch. Sie lebten gleichsam darüber hinweg— SO- lange sie gesund blieben. Anders, wenn die Krankheit sie faßte, wenn sie„Elefantenbeine” bekamen, wenn Wunden aufbrachen, wenn der Puls flackerte, 114 Fieber sich anmeldeten, wenn das Herz zu versagen begann oder irgendeine andere der bekannten Mangelkrankheiten sie niederwarf. Dann näherten wohl auch sie sich der nachdenklichen Stimmung, die über den Aelteren, den Familienvätern lag. Dann sahen auch sie sich um nach einer geistigen Hilfe, nach einem Zuspruch, nach dem die verlassene, mißhandelte, gequälte und ständig umdrohte Kreatur sich natürlicherweise sehnt. Wie not tat diesem Massenlager erniedrigter, verlorener Arbeitssklaven ein heilsamer, tröstender und aufrichtender, ein von selbstlosen Menschen ausgehender und von ihnen getragener Einfluß! Und darüber hinaus: Religion, Berührung mit Gott, Christentum und Kirche! Ein Mehr als die Bücher der Lagerbibliothek, und ein total Anderes, als der draußen ausrangierte Filmstreifen oder die zuweilen erlaubten Konzerte der Lagermusik zu geben vermochten. Waren sie wirklich so fern vom religiösen Glauben, wie es schien und scheinen mußte, diese Massen reichs- und volksdeutscher, luxemburger, belgischer, holländischer, tschechischer, jugoslavischer, französischer und italienischer Häftlinge? Das ist schwer festzustellen, und wir können nicht sagen, daß wir zu einem eindeutigen und abschließenden Urteil gekommen wären. Es gab welche, die das Thema Religion, Christentum und Kirche seit ihrer Kindheit nicht mehr berührt hatte. Ihre religiösen Wurzeln schienen abgestorben. Auf nicht wenige mochte das Urteil von P. Dillard zutreffen: Masse mit schlaff gewordenen Sprungfedern, voll Mißtrauen gegen alle Mysterien des Glaubens, gegen alles Uebersinnliche, dem Evangelium Christi schwerer zugänglich, als ein Chinese oder Eskimo. Bei den vom marxistischen Sozialismus und vom Kommunismus beeinflußten kämpferischen Typen war es allerdings anders. Da zeigte sich mitunter eine ehedem vorhandene religiöse Energie umgebogen ins Soziale und Politische, das heißt auf die Durchsetzung sozialer Forderungen der Arbeiterklasse. Hier hinein hatte sich ihr 8* 115 seelisches Bedürfnis geflüchtet; hier glaubten sie auch die Hoffnung gefunden zu haben, deren keiner im KZ entraten konnte, wenn er als Mensch vor sich und vor anderen bestehen wollte. Und wir können keineswegs gering denken über die von vielen bewiesene ideelle und moralische Widerstandskraft! Manche von ihnen hatten ein Jahrzehnt hindurch ein Uebermaß von Trübsal, Quälerei, Ent- täuschungen ausgehalten und es an Mut zur Ueberzeugung nicht fehlen lassen. Mit diesen konnte man sich über alle Fragen mensch- lichen Schicksals austauschen. Nur im Gespräch über Religion und Kirche wurden selbst die besten von ihnen seltsam spröde und wortkarg, als ob sie gefürchtet hätten,— das sei zu ihrer Ehre gesagt— den gläubigen Kameraden mit ihrer Skepsis, ihrem Miß- trauen, ihrer totalen Abneigung, verletzen zu müssen, wenn sie aus sich heraus gingen. Von ungefähr durch eine unglückliche Wen- dung gereizt, fielen sie sofort aus der Passivität in eine aggressive Haltung, insbesondere gegen die Kirche, Selbst bei ruhigen und gemessenen österreichischen Linkspar- teilern brach da unversehens eine Erregung durch, deren Ursprung nicht allein in der religiös-kirchlichen Erfahrungswelt gelegen sein konnte. Der Umgang und die gelegentliche vertrauensvolle Aus- sprache mit erlesenen Geistlichen hinterließen kaum einen sicht- baren oder spürbaren Eindruck. Gerade in religiösen Dingen stießen wir auf einen Grad von seelischer Vereisung, die aufzu- tauen menschliche Kraft allein offenbar nicht ausreicht. Natürlich fanden wir auch den Typ jenes gottlosen und kirchen- feindlichen Menschen, wie ihn Berdiajew vor Jahren in einer Studie über die„Psychologie der russischen Gottlosigkeit” glaubhaft umschrieben hat!). Seine Feststellungen dürften auch für be- stimmte Kreise der mittel- und westeuropäischen Arbeiterwelt zu- treffen. Man glaubt sich gegen Gott und Kirche wenden zu müssen aus der Annahme heraus, diese stünden einer Befreiung des Pro- letariats im Wege. Ein Aufstand gegen Gott also, im Namen der 1) vel.„Hochland”, 29. Jahrgang, Ba. II, S. 193 ff 116 Erlösung der Massen von Elend und Leid, seine Leugnung in der irrigen Vorstellung, einzig dadurch ein leidloses irdisches Reich verwirklichen zu können. Die Verbindung eines derartigen Atheismus mit dem wissenschaftlichen Marxismus hat sein Wesen noch weiter rationalisiert, ideell entleert und in einen Kampf um gesellschaftliche Macht und zivilisatorischen Fortschritt ausarten lassen. Wer mächtig und in guten materiellen Verhältnissen ist, der brauche keinen Gott. Die neue Gottheit heißt dann: Wissenschaft oder Technik, Maschine und politische Macht als Mittel zur Erlösung in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. Einer derartigen geistigen Haltung als Massenerscheinung und Massenbewegung gegenüber erscheint die heutige Kirche als Trägerin des christlichen Gottesgedankens und der darauf beruhenden Lebensordnung wie eine Welt für sich. In sich geschlossen, in einem wunderbaren hierarchischen Aufbau, eine Stadt Gottes, umgeben von Mauern, Türmen und Wallgräben, deren Torbrücken um sie herum ein an Breite hochgezogen sind. Die feste Stadt - und Tiefe zunehmender Strom von Massen, an ihr vorbeiflutend. Ein wahrhaft alarmierender Zustand! Ein soziales Unglück! Und eine nicht zu überhörende Mahnung! Nach soll zeitweise Angaben eines Dachauer Häftlings ¹) öffentlicher Gottesdienst im Lager gehalten worden sein. Die Kirche selbst aber habe bald darauf verzichtet. Grund: wenn der Pfarrer von Dachau sonntags ins Lager kam, den Gottesdienst abzuhalten, wurde er bereits am Tor mit Schallplattenmusik begrüßt: ,, Du schwarzer Zigeuner..." Während der Messe gingen die aufsichtführenden SS- Leute schwersten Schrittes, Zigarren rauchend und hie und da Hiebe austeilend, einher; besonders während der Wandlung wußten sie stets zu stören. Die Gottesdienstteilnehmer wurden sämtlich aufgeschrieben und mußten den ganzen übrigen Sonntag entweder die Kaserne schrubben oder in der Kies1) Walter Feuerbach( Pseudonym) in ,, 55 Monate Dachau". RexVerlag, Luzern. 117 grube arbeiten; auch wurden ihnen während der Woche die schwersten und schmutzigsten Arbeiten zugewiesen; endlich wurden sie bei Strafmeldungen ,, bevorzugt"( a.a. O. S. 11). Noch Ende 1941 war während des Gottesdienstes in der Kapelle des Priesterblocks ab und zu ein SS- Mann neben dem Altar postiert und rauchte ostentativ Zigaretten. Ein solcher Posten riẞ gelegentlich dem amtierenden Priester die heilige Hostie aus der Hand und höhnte: ,, Wenn das euer Herrgott ist, so soll er euch helfen!" Eine Handvoll Laien begannen sich 1941/42 gegen den durch die Lagerverordnung bewirkten Ausschluß vom Gottesdienst, still und verschwiegen zwar, aber hartnäckig zu wehren. Für sie stand hier lebendige Seelennot gegen formale Verantwortung. Wem gebührte der Vorrang? Die große Masse der Häftlinge im Lager zu Dachau blieb freilich unberührt und ließ ein wagemutiges religiöses Bedürfnis nicht erkennen, so daß wir uns fragen mußten, ob denn die Kirche ihrer Heimat unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gelebt hatte? Ganz offenbar ging eine ,, Welt" an ihr vorüber. Und diese andere Welt war im Lager Dachau durch viele Tausende von Häftlingen repräsentiert, eine Herde von Zerstreuten, die auch hier vom Guten Hirten hätten aufgesucht und betreut werden müssen. Dieser Gute Hirt aber war im Priesterblock abgesperrt. Und die Kranken? Und die Sterbenden? Sie litten und starben wohl auch in den normalen Baracken( ,, auf dem Block"), aber nur wenige und in größerer Zahl nur in Zeiten von Epidemien. Im ,, Revier"( Krankenbau) war selbstverständlich kein priesterlichseelsorglicher Beistand vorgesehen. Wie hätte eine SS- Ueberwachung auf einen solchen Gedanken kommen können! Was wußten die Vertreter der Unmenschlichkeit des ,, Uebermenschen" von Todesnot, von christlicher Hoffnung und vom Sterben in Gott? Zwischen 1940 und 1942 war es fast undenkbar, den Sterbenden im Krankenbau zu erreichen. SS- Ueberwachung und religions- und kirchenfremde Häftlinge arbeiteten zusammen, um es zu verhindern. Das Sterben im Krankenbau war zu jener Zeit ein qualvol118 les und einsames Verenden, zum Teil im letzten Augenblick, im Waschraum, und bar jedweder menschlicher Rücksicht. Als es 1942/43 gelungen war, einige Geistlichkeit als Hilfspfleger im ,, Revier" unterzubringen, schien die Angelegenheit wenigstens für besondere Krankenabteilungen geregelt. Die Priester handelten selbstverständlich gegen das Verbot, wenn sie im Vorbeigehen Beicht hörten und die Sterbesakramente spendeten oder wenn sie das Kruzifix zum Kusse herumreichten. Als dann die Geistlichen 1944 aus allen Büros und Krankendiensten entfernt wurden, war die Not besonders fühlbar, denn die Zahl der Kranken war mit der Auffüllung des Lagers beträchtlich gewachsen. Verfasser erinnert sich des Augenblicks, als Msgr. Piguet in seiner Eigenschaft als Bischof von Clermont im Herbst 1944 eine vertrauliche Besprechung der Lage anregte. Seine Auffassung war klar und bestimmt: ,, Hier sterben jeden Tag in den Krankenabteilungen Gefangene ohne jeden priesterlichen Beistand, auch wenn sie ihn dringend wünschen. Das ist ein unmöglicher Zustand. Es muß eine Lösung gefunden werden." Das Gespräch hierüber wurde auf der Lagerstraße geführt. Offiziell ließ sich nichts Besonderes tun, unter der Hand aber verschiedenes. Dennoch ist es bis Frühjahr 1945 nicht gelungen, den priesterlichen Beistand für Sterbende in dem Umfang zu organisieren wie es notwendig gewesen wäre. Die Schwierigkeiten lagen nicht zuletzt in den eigenartig widrigen Umständen des Lagers, aber auch in dem Mangel an jenem christlich- heroischen Geist, der aller Verbote und Hemmungen spottet. In der feierlichen Erklärung, die Msgr. Piguet nach seiner Befreiung und glücklichen Heimkehr in der Pontifikalmesse zu Clermont am Pfingsttage( 20. Mai 1945) vor seinen Diözesanen abgab, legte er besonderen Wert auf die Feststellung, daß er Zeuge gewesen einer unerhörten Gewissensnot unter den Zivilhäftlingen in Deutschland. Er kennzeichnete die ,, unbarmherzige Weigerung gegenüber Sterbenden, die um den religiösen Beistand baten", die Notwendigkeit, vor die die Priester sich gestellt sahen ,,, den Seelen die Segnungen des übernatürlichen Lebens auf Wegen zu vermit119 teln, die ebenso schwierig, versteckt und gefahrvoll waren, wie diejenigen zu Zeiten der Verfolgungen in der Katakombenkirche. Es ist unumgänglich notwendig, daß die zivilisierte Welt Kenntnis erhält von den moralischen Qualen, die neben den physischen Schmerzen den Seelen auferlegt waren". Kardinal Faulhaber, Erzbischof von München, beglückwünschte am 24. September 1945 Msgr. Piguet zu seiner Heimkehr und sprach ihm seinen besonderen Dank aus. ,, Unsere Priester von Dachau sprechen mit großer Verehrung von Msgr. Piguet, Bekenner und Märtyrer. Quot carceres sanctificastis, quot catenas consecratis! Möge Gott Ihnen noch viele fruchtbare Jahre des Friedens schenken"( La Croix). 120 PRIESTER IN DACHAU Wir müssen siebzig mal siebenmal verzeihen, denn unsere Religion ist eine Religion der Erbarmung. Aber wir müssen auch darüber wachen, daß das Salz nicht schal wird, und unser Licht muß leuchten in seiner ganzen Reinheit, damit die Seelen nicht geärgert werden und sie in ihr die göttliche Tugend, Christus erkennen. P. Dillard Bis 1941 waren im KZ. Dachau vorwiegend und in größerer Zahl ( über 2000) polnische Geistliche untergebracht, von denen wohl die Hälfte dahinstarb. Reichs- und volksdeutsche, luxemburgische, belgische, holländische und tschechoslowakische Priester und Pfarrer( katholisch, evangelisch, orthodox) wuchsen an Zahl nach und nach. In dem Maße, wie die Gestapo ihre Operationsgebiete ausweitete, folgten in zeitlichen Abständen Jugoslaven, Franzosen, Griechen, Italiener und Ungarn. Ende April 1945 mag die Zahl der Geistlichen im Kl. Dachau noch an die 1500 betragen haben. Davon waren rund 800 Polen, etwa 350 Deutsche, zirka 120 Franzosen, ¹) Die meisten waren katholische Geistliche. Nur 62 gehörten nicht zur katholischen Kirche, darunter 27 reichsdeutsche Pfarrer. Die meisten der letzteren waren leitende Männer der Beken1) Nach Mitteilungen des Vatikansenders wies die letzte Standesmeldung vor der Räumung des KZ Dachau am 15. 3. 1945 nachstehende Ziffern auf( die sich offenbar nur auf katholische Geistliche beziehen): 1493 Priester aus 144 Diözesen von 25 Nationen der Welt und zwar: Reichsdeutsche 261, Oesterreicher 64, Volksdeutsche 19, Reichsdeutsche auf Widerruf 9, Lothringer 1, Luxemburger 8, Staatenlose 6, Polen 791, Franzosen 122, Tschechen 73, Holländer 38, Belgier 34, Italiener 29, Jugoslaven 19, Ungarn 4, Litauer 4, Dänen 3, Griechen 2, Kroaten 2, Schweizer 2. An Amerikanern, Engländern, Russen, Norwegern, Rumänen, Spaniern, Ukrainern je 1. 121 nenden Kirche, Mitglieder von Bruderräten derselben und wegen Stellungnahme gegen die Irrlehren der Partei und Protesten gegen die Tötung von Geisteskranken in Haft. Daß die Gestapo katholische Priester und Ordensleute in größerer Zahl verhaftete und nach Dachau schickte, ist weiter nicht verwunderlich. Nationalsozialistisches Denken und Handeln stand in schroffem Gegensatz zum christlichen Gottesglauben und zur christlich- sittlichen Ueberzeugung. Das mußte je länger um so mehr offenbar werden und zu den Verfolgungsmaßnahmen hinführen, an deren Ende die Verhaftung stand. In den vergewaltigten und besetzten Ländern wurden die Geistlichen als die ,, geborenen Führer" des Volkes planmäßig weggenommen. Das Verhältnis der SS- Verwaltung bzw. Lagerführung zu Religion und kirchlichem Denken war absolut negativ, feindselig. Religiöses Bedürfnis anerkannte die SS nicht. Religiös- kirchliches Leben erschien ihnen als eine Marotte, eine Narrheit, als ein ,, Gewerbe der Pfaffen", als Volksverdummung. Den Geistlichen begegneten sie mit Hohn, Spott und Verachtung. Wo sie dieselben demütigen, lächerlich machen, wo sie sie schikanieren konnten, taten sie es. Und unter der Hand nährten sie unter den Häftlingen im Lager eine haẞerfüllte Stimmung gegen Religion und Geistlichkeit. Im Kasino der SS- Offiziere waren die Wände mit Bildern unflätigster Art beschmiert, in deren Mittelpunkt der Geistliche als Heuchler und sittenloser Mensch erschien. Von dieser Bemalung sind Photos vorhanden. Sie werden der Oeffentlichkeit unterbreitet werden. Der geräuschlos und überaus umsichtig arbeitende P. Schmitt( Salesianer), ein wahrer Virtuose angewandter Technik, hatte sie in aller Stille abkonterfeit und die Photos solange versteckt halten können, bis die Befreiungsstunde schlug. Prinzipiell wurden in den Jahren nur solche Geistliche aus dem Lager entlassen, die sich bereit erklärten, auf Ausübung ihres priesterlichen Berufes zu verzichten und keinerlei kirchliche Funktionen mehr auszuüben. Von dieser Möglichkeit ist in einem lächerlich geringen Maße Gebrauch gemacht worden. 122 Nur in einem Fall durfte ein aus dem Lager freigegebener Priester wieder zurück in seine Pfarrgemeinde. Warum hat man die Geistlichen trotzdem im Lager zu Dachau und in gesonderten Baracken gesammelt und einem Teil von ihnen ( praktisch gesprochen allen außer den Polen) einen Kapellenraum zur Verfügung gestellt? Man würde fehlgehen, wollte man annehmen, daß dabei irgendeine Art von dunkel gefühltem Respekt vor religiösen Werten oder vor der Person der Geistlichkeit mit eine Rolle gespielt haben könnte. Dem ist wirklich nicht so. Die Absonderung hatte den Zweck, jedwede religiös- kirchliche Beeinflussung der Gefangenen durch die Geistlichen zu verhindern. Der Priesterblock galt als gesperrt. Das Betreten dieser Baracke war verboten, der Zugang durch einen Drahtzaun von der Lagerstraße getrennt. Die Geistlichen waren, bis auf die ,, blockfremden" Aufseher, die sie umgaben, ,, unter sich". Erst als sich bereits die Abendschatten über das Dritte Reich herabsenkten, gewährte man den Priesterblocks Verwaltungspersonal aus eigenen Reihen. Nach den ausgezeichneten Erfahrungen mit dem Münsterländer Friedrichs als Blockältestem wird man in der Lagerführung vielleicht bedauert haben, es nicht schon früher getan zu haben! Für die Ausgestaltung des Kapellenraumes auf dem Block 26 hatten die Priester selber zu sorgen. Einige Ausstattungsstücke stellte das Generalvikariat München, und ein gewisses Interesse bekundete die in Häftlingskreisen verschrieene Schwester Pia Trägerin des Blutordens, und hochgeachtet bei Hitler und Himmler, ein aus Sentimentalität und Unweiblichkeit zusammengesetztes psychologisches Rätsel. Sie scheint sich der Illusion hingegeben zu haben, durch die Gewährung von Kapelle und Gottesdienstmöglichkeit könnte man die Stimmung unter der Geistlichkeit zugunsten des Nationalsozialismus beeinflussen. Ueberraschend schnell improvisierten die ,, Dachauer" alles, was 123 zur würdigen Gottesdienstfeier in der Kapelle nötig war. Ihre Liturgie war in Form und Gesang wohlgepflegt. An kirchlichen Hochfesten konnte sogar außerlesene geistliche Musik dargeboten werden, 2) Der einzigartige ,, Weihnachts- Liederabend der 20 Nationen" 1944 war im Lager ein nie gehörtes musikalisches Ereignis. Das hauchzarte Lied der Slovenen klingt unvergeßlich in uns nach. Den feinsinnigen Musiker und Chorleiter, Seminardirektor Dr. Schrammel, einen Oesterreicher, hatte die Lagerführung schon im Herbst 1944 aus der Arbeit herausgerissen und auf Straftransport geschickt. Er ist im April 1945 in Buchenwald erschossen worden. - Mit dem Verbot des Zutritts zum Priesterblock, das von Zeit zu sogenannZeit in Verbindung mit unkontrollierbaren Gerüchten ten ,, Lagerparolen" inoffiziell erneuert wurde, konnte man die Priesterbaracke immer unter Druck halten, d. h. wenn das Blockpersonal( bis Ende 1944 ausnahmslos Nichtgläubige, meist linksextremen Parteien entnommene reichsdeutsche Häftlinge) entsprechend reagierte. Das war durchaus nicht immer der Fall. In den schwierigen Jahren 1941 und 1942 erhielten die reichsdeutschen Geistlichen alltäglich eine Sonderzuwendung in Form einer kleinen Schale Kakao, sowie einem geringen Quantum Wein. Höhere kirchliche Instanzen sollen diese Stiftung erreicht haben. ( Genaueres hat der Verfasser nicht erfahren.) Die SS- Lagerführung hat die Zuwendung unter vernehmlichem Knirschen akzeptiert, aber dafür gesorgt, daß sie in geradezu würdelosen Formen zur Verteilung kam. So mußten beispielsweise die Geistlichen reihenweise an den Tischen antreten und auf Kommando: ,, eins, zwei, drei" das ihnen zugewiesene Quantum Wein gleichzeitig und restlos austrinken. Selbstverständlich ging die SS dabei nicht leer aus. Diese Sonderzuwendung an die reichsdeutschen Geistlichen, 2) Dafür sorgten die Benediktiner P. Maurus Münch- Trier ( St. Matthias) und P. Gregor Sch wake- Beuron. Letzterer vermochte in den 15 Monaten Dachau mehrere poetische und musikalische Werke zu konzipieren, u. a. eine„ ,, Dachauer Messe". 124 obschon von Häftlingsfunktionären ausgenutzt, hat nicht wenig dazu beigetragen, das Ansehen der Geistlichkeit in der öffentlichen Lagermeinung zu vermindern. So war es seitens der SS- Leute auch gemeint. Unermüdlich nährten sie unter der Masse der Häftlinge die Miẞstimmung gegen die„ Pfaffen" unter dem besonderen Hinweis, daß diese Sonderzuwendungen erhielten, die sie nicht nötig hätten, daß sie gegenüber dem einfachen Häftling ,, privilegiert" wären und es darum besser aushalten könnten usf. Als dieses fragwürdige ,, Privileg" endlich Frühjahr 1942 wegfiel und alle Geistlichen den anderen Häftlingen gleichgestellt waren, atmeten die Weiterblickenden unter ihnen buchstäblich auf. Damit war ein schweres psychologisches Hindernis in der Auswirkung einer irgendwie gearteten seelsorgerlichen Einflußnahme der Geistlichen gefallen. Es blieben freilich der Hemmungen und Schwierigkeiten noch viele vor allem der Wegfall jedweder offiziell gestatteter kirchlicher Seelsorge! und wir können nicht sagen, daß es in den Jahren gelungen wäre, einen lebendigen Kontakt zwischen dem Block der Priester und der geistigen Atmosphäre des Lagers herzustellen. Dieser Kontakt wäre nicht unmöglich gewesen. Jedenfalls war er wünschenswert. - - Der französische Klerus, weniger vertraut mit den Fallstricken, Möglichkeiten und Befürchtungen des Lagers und von Hause aus auch mit bedeutend weniger Respekt vor irgendwie gearteten ,, Verbotstafeln" ausgestattet, nahm unbekümmert Seelsorge auf, zog Laien heran und schickte sich an, die Kapelle damit zu bevölkern, gleichviel, ob gern oder ungern gesehen, bei ängstlichen Gemütern erwünscht oder unerwünscht. Daneben nutzte er die Gelegenheit, sich mit der neuesten Seelsorgsliteratur vertraut zu machen eine Literatur, weitgreifend in der geistigen Konzeption, von verständnisvoller Einführung in die Psychologie der Zeit und von erfrischender Unbefangenheit hinsichtlich der Erfassung der sozialen Probleme, die neu aufgeworfen und durchdacht werden sollen. - Die Umstände waren 1944 so, daß Msgr. Piguet, Bischof von 125 lermont, unter Assistenz des schon als Offizier im Weltkrieg 1914/18 bekannten und nun als Mann der„Widerstandsbewegung” deportierten Generalvikars von Pau, Dagusant(heute Proto- notar), es wagen konnte, die französischen Priester öfters zusam- menzurufen, um mit ihnen Gedanken über Zeitfragen auszutau- schen. So waren sie Haupt und Glieder und fühlten sich ermutigt in ihrem herzhaften Ansatz. Ueber alle menschlich so naheliegen- den und verständlichen Entfremdungen hinweg verstanden sie ikren Bischof, als er am 17. Dezember 1944 dem schwerkranken deutschen Diakon der Diözese Münster i. W., Karl Leisner (er war 4 Jahre zuvor unmittelbar vor der Weihe verhaftet wor- den und schwer lungenkrank), die Hand auflegte und ihnin der Kapelle des KZ, Dachau zum Priester weihte— eine im geheimen vorbereitete, unerlaubte und von der Lager- leitung nur übersehene Feier! Sie hat den Bischof selber so tief ergriffen, daß er in seiner öffentlichen Rede anläßlich der Pilger- fahrt von Kriegsgefangenen und Deportierten der südwestlichen Departements Frankreichs(Paray-Le-Monial, 16. September 1945) ausdrücklich auf dieses Ereignis zu sprechen kam und es als unauslöschlich in seiner Erinnerung charakterisierte, Abgesperrt in einem Sonderblock, der von der Benutzung der Kapelle ausdrücklich ausgeschlossen war, begannen die pol- nischen Priester schon vor 1944 im geheimen mit der Feier der heiligen Messe. Ohne Erlaubnis, nur unter stillschweigender Dul- dung des Blockpersonals— eine Duldung, die wohl immer wieder aufs neue erkauft werden mußte, und jeden Augenblick ge- wärtig, dennoch verraten zu werden— feierten sie, noch bevor das Lager sich erhob, in einem Schlafzimmer dicht zusammenge- drängt, unter primitivsten Umständen, das heilige Meßopfer. Der Vertrauensmann der französischen Häftlinge, der alltäglich mit Wissen der polnischen Geistlichen an dieser„‚Geheimmesse” (4 Uhr morgens) teilnahm, empfand sie eben wegen der damit ver- bundenen Gefahr an Inbrunst und Ergriffenheit der erlaubten Feier in der Kapelle bei weitem überlegen. 126 Fra Ha Ist den polnischen Geistlichen diese Kraft nicht gerade aus dem zehnfachen Leid erwachsen, das jahrelang auf ihnen lag? Und hat sich jene erschütternde„Passionswoche 1942”, die die SS des Lagers Dachau, vom Dämon getrieben, den pol- nischen Priestern zugedacht, nicht nachträglich als Quelle höchster Kraft erwiesen! In der Karwoche des Jahres 1942 mußten sie zu Hunderten jeden Tag auf dem Appellplatz antreten, in Holz- schuhen, mit wunden Füßen und ohne Speise und Trank, von SS und einem willfährigen Häftlingspersonal verspottet und ver- höhnt, stundenlang marschieren und singen. Dutzende brachen jeden Tag zusammen. Es gab keine Gnade. Hunderte haben den Todeskeim empfangen. Diese Leidenswoche der polnischen Geist- lichen hat selbst auf„Abgebrühte” einen gewissen Eindruck ge- macht. Wie erst mußte sie jene erhöhen, die sie durchlitten haben! Schade, daß sich dieser Geist eines heroischen Katakomben- Christentums nicht allgemeiner dokumentieren konnte, um jene unruhvolle und sich immer wieder im Bewußtsein vordrängende Frage zurückzuwerfen:„Wann und wie kommen wir nach Hause?” Wo diese Frage die Gemüter beherrschte, war für Seel- sorgsfragen wenig Stimmung. Um so mehr für das Auf und Ab an den Fronten der Kriegsschauplätze, was wiederum zurück- führte zur Frage:„Wann kommen wir heim?” Ueber diese be- greifliche Sorge waren jene 20 Geistlichen definitiv hinweg, die sich in den ersten Monaten 1945, als das Fleckfieber unter den Dachauer Häftlingen die furchtbarsten Lücken riß und niemand mehr sich der sichtbaren und sichern Ansteckung auszusetzen wagte, freiwillig zur Wartung(eine eigentliche Pflege gab es nicht) meldeten. Ehre ihnen! Die meisten haben mit dem Leben bezahlt.— Drei Namen Wir glauben, in Kreisen der Priester des Dachauer Lagers kei- nem Widerspruch zu begegnen, wenn wir hi er in besonderer 124 # Weise dreier gedenken: zwei von ihnen starben in Dachau früh vollendet, der dritte lebt: P. Régout( SJ), der Völkerrechtler der katholischen Universität Nymegen( Holland), P. Dillard( SJ), der Sozialpsychologe und kühne Apostel unter den zwangsverschickten französischen Arbeitern in Deutschland, und P. Kentenich, der Pallotiner von Schönstatt. Sie sind nicht die einzigen, die verdienen, erwähnt zu werden ich denke voll Bewunderung an den vitalen und originellen Belgier, P. de Coninck( SJ), den Spiritual aber sie waren einzig in ihrer Art. - In P. Régout verkörperte sich alles, was in den Augen des Nationalsozialismus keine Gnade finden konnte: stolzes Rechtsgefühl, Popularität, Einsicht in die Strömungen der Zeit, frische Lebendigkeit als wissenschaftlicher Lehrer und geistlicher Berater junger Intellektueller. Schon gleich nach dem Einbruch der deutschen Truppen in Holland verhaftet, fiel er im Gefängnis von Arnheim bereits auf durch die selbstverständliche Art, wie er die Aechtung auf sich nahm: in unverwüstlichem, frohem Sinn. Genau so im ,, Alex" in Berlin. Die Zelle 4 der 13 Mann hat Berühmtheit erlangt durch die darin praktizierte Kunst, zu leben! Wenn er in Dachau mehr litt, so durch die moralische Erniedrigung, durch sein beleidigtes Rechts- und Ehrgefühl. Daß er zur Verrichtung schwerer Arbeit gezwungen war, hat ihn in seinem inneren Wesen nicht berührt, wohl aber seine Gesundheit zerstört. Zufällig auf den Block der polnischen Geistlichen geraten, teilte er, der durch den harten Winter 1941/42 schwer mitgenommene und geschwächte Mann, mit diesen die besondere Qual der Karwoche. Alle in Dachau ihm zugemuteten Arbeiten( Eẞkesseltragen, 40 kg) überstiegen bei weitem seine Kraft. Dabei blieb er stets der barmherzige Samaritan und schleppte einen zusammengebrochenen Geistlichen ins Revier, um Zeuge zu sein, wie beide mit einem Fußtritt hinausgeworfen wurden. Bald in Lumpen schlotternd strahlte er Güte und Hilfsbereitschaft aus. 128 Als Priester fühlte er sich in diesem Lager der Schmerzen ganz دو und gar am Platze. Hier", meinte er ,,, können wir Priester viel, viel mehr geistliches Brot brechen als draußen im Leben." In allem blieb er der priesterliche Mensch: im Beten, im Sprechen wie im Schweigen. Durch die Hilfe von Freunden erhält er endlich, im Dezember 1942, ein Bett im Revier. Zu spät! Sein Körper ist zermürbt, in der Ruhe bricht die Krankheit aus: Gelbsucht. Danach ein seltsam ansteigendes Fieber, das die letzten Kräfte aufzehrt. Ganz klar ,,, in geistiger Hochkonjunktur", wie er selbst sagt, verfaßt er am 18. Dezember sein geistiges Testament ein wunderbares Dokument, ein selten schönes Zeugnis eines begnadeten Priesters, eines edlen Patrioten, eines erleuchteten wissenschaftlichen Lehrers. Wenn er hie und da aus der totalen Gottergebenheit zum Wunsch der Genesung aufwachte, so mehr denen zuliebe, die sich seiner rührend angenommen: Kühr und Heini, der sozialistische Pfleger, den sein Tod aufs tiefste ergreifen sollte. Am 28. Dezember 1942 hat Pater Régout seine herrliche Seele in Gottes Hand gelegt. ( Näheres über ihn berichtet sein holländischer Leidensgefährte von Dachau, P. van Gestel in den ,, Sint Jans Klokken", Nr. 1170). - In P. Victor Dillard hat die Gestapo einen Mann von höchZukunft und ster Originalität, einen Sozial- Psychologen von einen Priester neuzeitlichen Stils vernichtet. In völlig erschöpftem Zustand kam er Ende November 1944 in Dachau an. Es war gelungen, ihn im Revier bei Heini unterzubringen. Als wir ihn begrüßten, konnte er nur mühsam und kaum vernehmbar antworten. Suire, der französische Arzt, tat das menschenmögliche, um ihn zu retten; zu spät. Der gute Dillard starb, von Freunden umgeben, im Januar 1945. Pierre Suire, französischer Häftlingsarzt, zeichnet in seinen Erinnerungen an Dachau ,, il fut un temps" ein lebensvolles Portrait des P. Dillard und gibt erschütternde Einzelheiten seiner letzten Lebenstage wieder. Wer er war und welcher Art seine Lebensarbeit war, erfuhren wir erst nach seinem Tod. Damals wußten wir nur, daß er nach 9 Joos, Leben 129 mehrjährigen Studienreisen in Europa und Amerika ab 1938 in der Action populaire tätig war und sich im Herbst 1943 freiwillig als Elektroschweißer den nach Deutschland verschickten fran- zösischen Arbeitern angeschlossen hatte, um ihnen priester- lichen Beistand leisten zu können. Nach einem halben Jahr ver- dienstvoller Arbeit denunziert und verhaftet, zermürbte die Ge- stapo seine Kraft in monatelanger Haft im Gefängnis zu Wupper- tal. Dort verfaßte er auch seine Studie über die„Psychologie des französischen Arbeiters in Deutschland” und die andere, unvoll- endete„Experience sociale”, die besondere soziologische und ar- beitspsychologische Beobachtungen festhält‘), Beide Studien of- fenbaren ein verblüffendes Einfühlungsvermögen in die Gedanken- und Empfindungswelt des neuzeitlichen Industriearbeiters sowie jene soziale Hellsichtigkeit, die nur demjenigen eigen sein kann, der in selbstvergessener Liebe dem zugewandt ist, dessen Leben und Schaffen er erkennen und werten will. Die sorgfältig geführ- ten Aufzeichnungen beweisen, daß in P. Dillard nicht nur die Seelsorge am französischen Industrievolk, sondern darüber hinaus die allgemeine sozial-erzieherische und-gestaltende Arbeit einen Meister in der Erkenntnis und Wegweisung verloren hat. Denn Dillard vereinigte in sich die seltene Doppelgabe: Blick für die Wirklichkeit und idealen Sinn. Als Priester hatte er die Kraft, die ganze Wirklichkeit zu sehen, sozusagen in die Wüste zu blicken, ohne zu verzweifeln. Er sah um sich her den absoluten Mangel an jedweder geistlichen Unruhe und eine religiöse Wurzel- losigkeit und Verbildung, die einen Durchschnittsmenschen hätten umwerfen müssen. Nur 1 bis 2 Prozent praktizierten, wenn darunter auch wahre„Menschenfischer” waren. Und Dillard sah durch alle Dunkelheiten hindurch den positiven Kern. Noch schien ihm die christliche Seele nicht verloren;„noch raucht der ver- glimmende Docht”. Und es verstanden ihn auch diejenigen, die 1) Beide abgedruckt in„Pere Dillard, Supremes Temoignages”, Edition Spes- Paris, 130 SET ERTEE HET TT ET PTR TER TE rich oba fra Lar Deı stoi Arl ,, nichts mehr daran taten". Dillard war der gute Kamerad aller, neben und unter ihnen. Zu dieser Haltung war er durch den Einblik in die sozialen Verhältnisse und Bedingungen gekommen. Nicht etwa so, daß sich die übersinnliche Bedeutung der Erlösungsreligion des Christentums in ihm in eine sozialradikale Reformbewegung hinein verlor, o nein! Aber er sah und fühlte, was derjenige, der die Seele des heutigen Industriemenschen erfassen und bereichern will, über das unmittelbar Religiöse hinaus wissen müßte, um den richtigen Atem und die Sprache zu ihm zu finden. Dillards Beobachtungen und Vorschläge beziehen sich zwar nur auf den französischen Arbeiter, aber sie sind so, daß jeder Seelsorger, wes Landes er immer sei, daraus lernen kann. Nicht minder aufschlußreich sind seine Schilderungen über die Denkweise und Gefühlswelt des Industriearbeiters. Erstaunlich, wie dieser Mann der Wissenschaft intuitiv spürt, wie der Werkstoff und der Arbeitsvollzug den Arbeiter mitformen, wie selbst die Maschine für ihn ein Lebendiges ist, wie der Mann mit ihr verwächst und zusammen lebt. Und nur eine ganz große Liebe zum Arbeitsmenschen konnte Dillard erkennen lassen, daß es Arbeiter gibt, außerhalb der Arbeit vielleicht Tölpel, Trinker und Gott weiß was, in der Arbeit selbst aber wahre Künstler der Feinheit und der sicheren Hand. ,, Alle diese verdienten hohen Respekt. Aber niemand weiß von ihnen; nur diejenigen, die sie arbeiten sehen. Sie bleiben die Uebersehenen, die Sozialverkannten, Leute, denen man mitunter jedweden menschlichen Wert abspricht. Andere gehen mit sauberen Händen und reinem Hemdkragen daher und lassen sich mit lieber Meister' anreden. Sie aber bleiben Arbeiter, unbekannt selbst ihrer Frau, ihren Kindern und ihren Freunden, denn sie sind ja nur Vollendete im Werkstoff. Als ob diese ihre Arbeit nicht einen Adel in sich selber trägt!" ( a. a. O. S. 44). Dillards Bemühungen um die geistig- sittliche Hebung des französischen Arbeiters in dem ihm fremden deutschen Lebensraum 9* 131 zwingen selbst denen, die einen antiklerikalen Affekt nicht los- werden können, hohe Achtung ab. Was er ihnen in gelegentlichen Handzetteln zurief über Ehrgefühl, Freiheit und Verantwortlich- keitssinn, über Selbstachtung und Achtung vor andern, über Frauen, Treue zur Heimat, über Kameradschaft und Zusammen- leben, über Arbeit und geistiges Leben— ist So treffsicher und lebenskundig hingesetzt, daß man nur bewundern kann. Ein sol- cher Priester durfte es wagen, ohne Unmut zu erregen, seinen Arbeitskameraden zuzurufen:„Zuerst mußt du Mensch sein, ‘dann erst Arbeiter!” Was sterblich an P. Dillard war, zerfiel im Januar 1945 im Kre- matorium zu Dachau und mischte sich brüderlich mit der Asche seiner unglücklichen Kameraden.— Der westdeutschen Provinz der Pallotiner war es vergönnt, neben den Jesuiten und Benediktinern aller Länder den größten Prozentsatz Gefangener des Ordens zu stellen. Unter ihnen den Rheinländer P. Kentenich, den Schöpfer und Beweser der vielgenannten„Schönstattbewegung.“ Dieser ungewöhnlich begabte Priester hat im Lager zu Dachau Jahre hindurch eine erstaunliche vielseitige und gefahrvolle apostolische Tätigkeit entfaltet. Von Berlin aus als„besonders gefährlich” avisiert, blieb ihm 1942 der Zugang zum Priesterblock sieben Monate lang verwehrt.(Die normale Zuweisung eriolgte nach drei Wochen.) Er nutzte diese Strafzeit zur Sammlung und Unter- richtung von zugehenden Geistlichen und Laien-Gemeinschaften. Während zweier Monate wird er auf den polnischen Priesterblock verschlagen. Hier sucht er seine polnischen Konfratres durch gelegentliche Vorträge in lateinischer Sprache innerlich zu stär- ken und mit ihrem Los auszusöhnen. Im Oktober 1942 kommt er endlich auf den deutschen Priesterblock, wo er bis zum 11. April 1945 bleibt. In diesen Jahren hält er regelmäßig und allabendlich im Schlafsaal Vorträge und müht sich in Verbindung mit einem Benediktiner, eine widerstandsfähige, ideale Priestergemeinschaft 132 a fom we Auf pält Tät Prie me ge dei au W , 1 n I er e e " en ch - n. ck ch r- er ril ch em aft formen zu helfen. Vom März 1943 ab nimmt er auf illegalem Wege( er steht dauernd unter Postverbot) die Verbindung mit der Außenwelt auf, und zwar in beispiellosem Umfang, die er festhält bis zum Ende. Daneben geht eine umfassende schriftliche und schriftstellerische Tätigkeit einher. Die Vorträge für die Gesamtheit der deutschen Priester bricht er ab und sucht durch unmittelbare Beeinflussung kleiner Kreise indirekt die Gesamtheit zu erfassen. Er bleibt im Hintergrunde, arbeitet aber von dort aus um so intensiver unter schwierigsten Umständen in und mit kleinen Elitekreisen. Die Ueberwachungsstelle Berlin( wohl das Reichs- SicherheitsHauptamt) läßt ihn wissen, daß man seine Beziehungen zu kommunistischen und sozialistischen Lagerinsassen als auffallend beurteile, ihn für etwaige aufrührerische Lagerparolen verantwortlich machen werde und ihn im Verdacht habe, ausländische Sender zu bedienen. Vom April 1944 ab hält er keine Abendvorträge mehr, konzentriert alle Kraft auf Erweiterung und Mobilisierung geistig und religiös besonders interessierter Kreise und verlegt den Schauplatz seiner Wirksamkeit unauffällig in der Freizeit auf Appellplatz und Lagerstraße. So betreut er an 120 Personen aller Nationen, die wiederum von sich aus auf andere wirken. Im Oktober 1944 beginnt er Vortragszyklen für polnische Priester auf deren Block, erst jeden Sonntag, dann dreimal in der Woche, bis die wachsende Seuchenwelle die Ansammlung unmöglich macht. Die Arbeit unter den Laien aller Parteischattierungen nimmt ihren Fortgang. Sie mußte in dem Maße in die Breite hin wirksamer werden, als Pater Kentenich von Anfang an die ihm besonders reichlich zugehenden Mengen an Lebensmitteln, Kräftigungsmitteln und Medikamenten aus einer grundsätzlichen Haltung heraus restlos für Notleidende zur Verfügung stellte.2) Da seine Verbindungen im Lager 2) Die Dachauer Geistlichen aller Bekenntnisse haben persönlich und gemeinsam in Form von Sammlungen viel an das 133 zahlreich waren, so wußte er immer, wem er etwas zukommen lassen sollte. Eine Eẞgemeinschaft bildete sich heraus. Und da die in der Stube ausgehängte Paketliste Auskunft darüber gab, wer von außen her wenig oder garnicht bedacht war, konnte K. mancher Bitte zuvorkommen und praktisch dartun, daß niemand ganz verlassen zu sein brauchte. Wie weit das hier nur in großen Umrissen angedeutete Wirken des Paters Kentenich die Gesamtheit der Priester- oder LaienHäftlinge im Lager beeinflußt hat, ist nicht einfach festzustellen. Bei Gesprächen mit Angehörigen anderer Bekenntnisse oder radikaler Parteiprogramme zugegen, konnte ich der Spur unmittelbarer Erfolge nachgehen. Und wenn auf der„ Gegenseite" nichts weiter erwirkt worden wäre als der Eindruck, hier einer Priesterpersönlichkeit begegnet zu sein, aufgeschlossen und verstehend, wissens- und lebenskundig, selbstlos und mutig nur der Allwissende vermag zu ermessen, was das im gegebenen Fall jeweils bedeutet hat. In den Jahren der Gefangenchaft haben wir uns des öfteren über den Fragenkomplex unterhalten, von dem hier die Rede war. Wie wird, so fragten wir uns, die christliche Kirche diese Jahre unerhörter Leiden der Völker überstehen und wie wird sie danach vor den Opfern dieser Weltkatastrophe stehen? Unsere Auffassung und unser Urteil blieben optimistisch. Wo immer die Kirche sich zu ihrem Geist bekannte, hat sie gewonnen. Was die katholische Kirche im besonderen angeht, so hat sie in der Zeit, da eine entfesselte Unmenschlichkeit Triumphe feierte, Haltung bewahrt. Darum war sie ja in den Ländern, wo sich die dämonischen Gewalten austoben konnten, von diesen gehaßt und verfolgt, aus dem öffentlichen Leben ausgestoßen, zurückgeworfen in die Sakristei, eingeengt und gefesselt und ihres Lager, vor allem für die Kranken im Revier, abgegeben. Periodisch sammelten sie Zwieback und Traubenzucker, wie auch die jüngeren und noch halbwegs kräftigen unter ihnen sich jederzeit für Blutabgabe bei Transfusionen zur Verfügung stellten. 134 unmittelbaren Einflusses auf die Seelen der Menschen beraubt. Diese Kirche, die nicht aufgehört hatte, Gottes Anspruch über alle irdischen Mächte hinweg zu verkünden, hatte sich damit auch schützend vor die vergewaltigte menschliche Persönlichkeit gestellt. Nein, sie konnte nicht mitverantwortlich gemacht werden für die Katastrophe der Zeit. Eine Hinwendung zu Religion und Kirche, ein Zuwachs an Sympathien, eine neue christliche Zukunft müßte erblühen, so fühlten wir es in einsamen Stunden, wenn diese Kirche in der Lage wäre, ihren Reichtum an ewiger Weisheit in einer allen verständlichen Sprache deutlich zu machen. Ihre göttliche Sendung müßte inmitten zertrümmerter Weltanschauungen und gestürzter wahnwitziger ,, Kulturideale" von der entsetzlichen menschlichen Massennot her neu gefühlt und begriffen werden. So brauchte sie nur zu scheinen, was sie in Wahrheit ist. Jede päpstliche Kundgebung in diesen Jahren nahmen wir als eine Bestätigung dafür, daß die Kirche die Zeichen der Zeit verstanden hatte. Da aber der Weg zum Vermenschständnis ihres inneren Wesens für den Fernstehenden lich gesehen über die im Leben des Alltags wirkende Kirche geht, führt er zugleich über den Priester. - - Wir hatten in Dachau Gelegenheit, Typen verschiedenster Art kennenzulernen: Theologen von Bedeutung; Mönche: Benediktiner, Dominikaner, Kapuziner, Franziskaner, Zisterzienser, Karmeliter u. a. m.; Angehörige neuzeitlicher Orden und Gesellschaften: Jesuiten, Pallotiner, Redemptoristen, Salesianer und Salvatorianer; Weltpriester vom Domherrn bis zum Vikar. Eine Fülle von Stilarten und Temperamenten in der Erfassung und Verwirklichung Jeder ihnen von Frömmigkeitsidealen ³). von 3) Vertreten waren Mitte März 1945 an 40 Orden und Genossenschaften der katholischen Kirche, u. a.: Jesuiten 26, Pallotiner 18, Benediktiner 17, Franziskaner 11, Karmeliter 10, Kapuziner 9, Dominikaner 6, Redemptoristen 5, Zisterzienser, Prämonstratenser und Picpusianer und Missionare vom göttlichen Wort je 4, Augustiner, Kreuzritter und Salesianer je 3, Salvatorianer, Trappisten und Weiße Väter je 2. An Schulbrüdern zählte man 8. 135 antwortete in seiner Geistesart, auf eine bestimmte Seite des menschlichen Seelenlebens und seiner metaphysischen Bedürfnisse. Ja, wenn man diese verschiedenen Eigenarten hätte miteinander mischen können: die Gottesgelehrtheit und den mystischen Sinn mit dem praktisch- seelsorglichen; die Neigung zu weltentrückter Innerlichkeit mit der tatkräftigen Bejahung äußerer Notwendigkeiten! Denn die Welt bedarf heute des Priesters von universellem Geist und harmonischer Ausbildung, fähig, alles Lebendige und Wahre in sich aufzunehmen. Ihr Ruf geht nach dem weitherzigen Seelsorger, der über den enggezogenen Zaun, der die Kirche von der bedürftigen Welt trennt, hinaus blickt, und in seiner Art und mit seinen Mitteln an ihrer Erneuerung arbeitet. Sie sucht den innerlich ergriffenen, im Ewigen wurzeln den, dabei aber doch praktisch begabten Seelsorger, der den Mut und die Kraft hat zum Zufassen, der sich nicht fürchtet, wenn der Staub der Straße sich auf sein Gewand legt. Die Welt der aus tausend Wunden blutenden, physich, geistig, sittlich Hungernden ruft den Priester als Diener Gottes und damit zugleich als Diener des Men- schen; Seelenführer und Menschenerzieher im Vollsinne des Wortes, gewillt und berufen, den Gläubigen zu Freiheit und innerer Selbständigkeit zu erziehen, im Gegensatz zum Massenmenschen, der eigentlichen Gefahr unserer Tåge. M sich zeig W grol sam Ma Die hör wa D ma reg ger Ge far Die ko me 136 W N N fü ra EIN UNERWARTETER AUSKLANG ,, So spricht der Herr: ,, Ich denke Gedanken des Friedens, nicht des Verderbens: Ihr werdet zu mir rufen, und ich werde Euch erhören. Heimführen werde ich Euch aus der Gefangenschaft von überall her."( Ps. 84.) März und April 1945. An der kümmerlichen Rosenhecke, die sich am Stacheldrahtzaun hinter der Krankenbaracke festhält, zeigen sich die ersten Blättchen. Was lag nicht alles in der Luft! Wenn am Sonntag nachmittag der deutsche Heeresbericht am großen Lautsprecher auf dem Appellplatz durchgegeben wurde, sammelten sich schon etwas aufgeregte Scharen von Häftlingen. Man mußte auf der Hut sein, im Gespräch, in Miene und Gebärde. Die Spitzel des SD Bach standen zwischen den Reihen. Kundige hörten natürlich auch das heraus, was im Bericht verschwiegen war. Diese Kundigen im Lager hatten andere Berichte, nur durfte man, nicht einmal leise, davon sprechen. Nur Gewisse hörten regelmäßig und gaben es auch nur an Gewisse weiter. Bei steigender Nervosität suchten der Rapportführer Böttcher und Bachs Gesellen auf den Blöcken und im Revier nach geheimem Empfangsgerät. Unsinn! Das gab es nicht. Das brauchte man nicht. Die in den SS- Büros vorhandenen Radioapparate genügten vollkommen. Und jeden Abend wußte man genau, was London gemeldet hatte. Die sich häufenden Luftangriffe, zahlreicher und wirksamer werdend von Tag zu Tag, waren nicht mißzuverstehen. Jede Nacht Alarm und buntes Feuer über München und anderswo. Jede Nacht Luftangriff und Bombardement. Eine eigentliche Angst für das Lager und für uns hatten wir nicht. Wenn auch die Baracken bebten und wankten von den Einschlägen in Münchens 137 Umgebung. Wir wußten und sahen es in der Nacht, wenn sie mit Leuchtkugeln das Lager absteckten, daß sie uns schonen wollten. Eine einzige Brandbombe hatte sich in den oberen Teil des Schub- raums verirrt und ihn in Brand gesetzt, wobei unsere Kleider verbrannten. Das war alles. Nun aber flogen die Silbervögel in gewaltigen Schwärmen schon bei hellichtem Tag ein. Niemand hinderte uns zu sehen, zu staunen. Keiner kontrollierte die freudig gestimmten Gemüter und die bereits sachte ansteigende Lust zu offener Demonstration. Die Splittergräben zum Schutze der Häftlinge waren längst zu- geschüttet. Seitdem schnelle Amerikaner bis auf die Lagermauern herunterstießen und die Wachttürme der SS anknabberten, rech- nete man mit Luftlandung. Wir waren also weit genug. Jetzt hieß es aufpassen. Die letzte Führerbesprechung erörterte bedrohliche Liquidierungspläne. Wir waren gewarnt. Und jeder von uns legte sich seinen eigenen Plan zurecht für den Fall X. Da änderte sich für uns das Bild über Nacht. Wir schrieben den 23. April. Gegen Mittag war ein Läufer von der Lagerschreibstube gekommen mit der Weisung:„Sofort deine Sachen packen. Du kommst fort!”——„Ich?”—, Ja. Um.2 Uhr mußt du im Arbeitseinsatz sein.” . Hm, im Arbeitseinsatz, fragen wir den Metzer Berufskollegen, der dort sitzt.„Wie ist das? Weißt du was?”—„Ja, es stimmt. Kann dir im Vertrauen sagen: du nicht allein. Eine Reihe von Persönlichkeiten wird fortgeschafft.’——- ,„Wohin?”—„Wir wissen nichts genaues. Man vermutet. Mit dir sind für heute Nachmittag bestellt: Prinz Leopold von Preußen und sein Ad- jutant Cerrini, der Prinz Xavier de Bourbon-Parme, der Ober- bürgermeister Schmitz von Wien und noch einige. Es genügt um_ Ar Ohm 2 So, das ließ sich hören. Die Kleiderkammer hatte Befehl:„Gute Sachen!” Wir hatten bald ausprobiert. 138 t T 1. n B e e h n e r 그, r m n ,, Jetzt zur Schneiderei", meinte der überwachende Scharführer. دو - - , Warum?"- ,, Ihr bekommt den Lagerstreifen als Kennzeichen. Befehl." So, also zur Schneiderei. Und in Rock und Hose der fast nagelneuen Zivilanzüge schnitt man häßliche Löcher, die mit Zebrastreifen übernäht wurden. Alte Handkoffer, Gott weiß, wem die einmal gehört haben, standen zur Verfügung. Um 6 Uhr warteten wir am Lagerbahnhof auf den Lastwagen. Schade, meine Lagernotizen und den langjährigen Briefwechsel mit den Kindern hatte ich zurückgelassen, in anderen Händen, da man nicht wissen konnte, ob- Und nun wäre alles so gut gegangen. Vorbei. In meine Ueberlegungen heulen die Sirenen. Tiefflieger im Angriff. Amerikanische Jäger beschießen mit Bordwaffen, als ob sie gewußt hätten. Die bereitgestellten Wagen gehen in Stücke. Zurück ins Lager. Alles in die Sonderbaracke, nicht mehr auf den Block. Die Sonderbaracke, das Bordell, war schon seit Wochen geräumt und leer. Als wir ankamen, hatten es sich Freunde und Bekannte schon bequem gemacht, die vom Bunker, vom Zellenbau: Bischof Piguet von Clermont, Domkapitular Neuhäuser von München, Pastor Niemöller und einige, die wir später kennenlernten. Der Bischof hatte bereits den Tagesraum der ehemaligen Bewohner von bösen Geistern befreit, den Raum ausgesegnet und zum Gebetsraum umgewandelt. Froh, uns in solcher Gesellschaft zu wissen, schliefen wir auf den improvisierten Strohsäcken ruhig ein. Und nun erwähnt mein Notizbuch über den weiteren Ablauf: 24. April Von einem alten SS- Scharführer nicht gerade aufdringlich bewacht. Der Tag verläuft. Gegen 5 Uhr nachmittags werden wir durch die Lagerstraße zum Tor geführt. Die Kameraden bilden Spalier. Man winkt, ruft und grüßt zum Abschied. Freunde schütteln sich die Hand, Geistliche werfen sich ihrem Bischof in die 139 Arme. SS läßt geschehen. Alle denken das gleiche: die ersten, die man auf die Seite schafft... Wir warten vor dem Tor und staunen: da stehen ja deutsche Generäle, von Falkenhausen, der einstige Militärgouverneur von Belgien und Nordfrankreich, in Uniform; und englische, griechische und italienische Offiziere und Generalstäbler, alles Häftlinge. Interessant! Wir zwängen uns in die Wagen. Was heißt Schemel, was heißt Bank? Der eine hält den anderen. So geht's in die Nacht hinein. Wohin? Wenn man es wüßte! Es ist stockdunkel. Unsere Gedanken wandern mit dem Gebrumm der Motore... Bei einer Wegbiegung mitten in der Nacht kennt sich einer der Bayern aus. Wir fahren über Rosenheim- Kufstein, Richtung Innsbruck. 25. April Ein bleicher Morgen dämmert aus dem Sprühregen auf. Es trieft. Stacheldraht. Ein Lager. Wir halten. Das Durchgangslager und die Gestapozentrale Innsbruck. Wir kommen unerwartet. Man verhandelt. Wir warten. Endlich aussteigen. Da stehen wir im Regen. Im Lager erwacht das Leben. Hinter vergitterten und mit Stacheldraht vernagelten Fenstern schauen schmale, übernächtigte Gesichter uns entgegen, teils Männer, teils Frauen. Eine Abteilung Kriegsgefangener, Slovenen der Sprache nach ,. ziehen schweigend an uns vorüber. Man reicht uns eine Sitzbank. Was sollen wir hier? Manche rechnen schon mit einem Genickschuẞ. Um 9 Uhr erhalten wir ein Stück Brot und Wurst. Also Vertrauen! Die Stunden schleichen dahin. Mutter Natur hat Erbarmen mit uns und hat den Schleier vom Bild ihrer schönen Welt weggezogen. In strahlender Schönheit türmen sich vor uns die Bergketten. ,, Sehen Sie", bemerkt der Bischof ,,, die wunderbare Welt da droben ist Gottes Werk, was uns hier unten umgibt, ist Menschenwerk." Am Abend dürfen wir in der einen Baracke unsere Betten bauen. 26. April ,, Schon stieg der Sonne Licht empor; so lasset Gott uns flehen 140 a d E an, daß er uns schütze heut’ beim Werk vor allem, was uns scha- den kann... Daß, wenn der Tag zur Neige geht...” Mit dem Bischof, zwischen den Baracken wandernd, kommt uns die Stär- kung zu, die uns furchtlos macht und froh. Langsam lernen wir uns kennen. Der Schweizer Mottet, der in Flossenbirg dem Tod entgangen, mit ganzer Seele Mann der Resistance, bescheiden, tapferen Herzens, schließt sich uns an.— So, das ist der Engländer vom Secret Service, den die Gestapo seiner Zeit an der holländischen Grenze verschleppt nat... Und hier der ganze griechische Generalstab mit seinem Chef, der italienische General Garibaldi mit seinen Stabsoff£izieren. Unter den Deutschen sehen wir neben von Falkenhausen den Amtschef vom OKW General Thomas, Oberst von Bon In scher der Operationsabteilung im Generalstab, Fregattenkapitän Nie- dig. v. Bonin war wegen eigenmächtiger Abänderung€ines sinn- losen Befehls Hitlers bei der Ostarmee mit KZ bstraft. Weitere Lastwagen haben neue Schicksalsgenossen gebracht. Eben begrüßt L&on Blum sichtlich bewegt den Bischof von Clermont und dankt in ihm dem französischen Episkopat für Schutz und Sorge, die seinen Glaubensgenossen vom französischen Klerus zuteil geworden. Der Wiener Oberbürgermeister schüttelt seinem Freund Schuschnigg die Hand, der, von Frau und Kind begleitet, bittere Jahre hinter sich hat. Auffallend viel junge Frauen unter den„Sippenhäft- lingen”, Familienangehörige der in das Attentat gegen Hitler verwickelten Offiziere und bürgerlichen Politiker: die von Stauf- fenberg, die Gördeler u. a. Hier Graf von Plettenberg, vom west- fälischen Adel. Seine Tochter durfte an Stelle der kranken Mut- te- mit in Haft. Nun ist auch von Halder da, der ehemalige Chef des deutschen Generalstabs, mit seiner Frau und Dr, Pünder, der ehemalige Staatssekretär in der Reichskanzlei. Yon Bonin läßt sich immer wieder von Dachau berichten.„Un- glaublich, unmöglich! Wie konnte das nur geschehen!” Und er schämt sich der Untaten seiner Landsleute. 141 ige Dr. Schacht, der ehemalige Reichsbankpräsident, der langjährige Finanzier des Systems, bemüht sich, uns plausibel zu machen, daß er nie aufgehört habe, Hitler zu widersprechen und bessere Ratschläge zu geben... Niedig und Niemöller bearbeiten den Sturmführer Stiller, den Verantwortlichen unseres Transportes, und wollen absolut wissen, wohin die Reise geht. 27. April Nichts von Belang. Wir warten und erfahren von anderen, die mit unserem Transport gekommen sind: Rechtsanwalt Dr. Adolf Müller, München, Divisionspfarrer Dr. Hamm, Dr. Horst Hoepner, der Bruder des hingerichteten Generaloberst Hoepner, der Sohn Badoglios, der Sohn Hortys, ungarische Generäle. Niemöller und Niedig werden heftiger. In der Nacht fahren wir dem Brenner zu. Schauerlich das ausgebrannte, einstmals einzig schöne Matrei auf der Brennerhöhe, in dem uns eine Panne festhält. Bleiches Mondlicht aus zerrissenem Nachtgewölk schläft auf den wenigen aufragenden Brandmauern. Aus den eingestürzten Kellergewölben dringt süßlicher Leichengeruch. Leuchtkugeln verglühen an den Hängen, und drunten irgendwo heulen die Sirenen. 28. April Der Tag graut. Wir sind auf der Straße ins Pustertal. Der Weg biegt in ein Gehölz. Verstecktes Waldlager? Wir halten vor einem verschlossenen Tor. Was soll das? Man klopft. Niemand öffnet. Wir fahren weiter. Gegen Villa Basso( Niederdorf) und bleiben 10 Minuten Wegs vom Dorf entfernt seitwärts von der Landstraße liegen, stundenlang, vom Morgen bis zum Abend. Es regnet. Wir dösen und wandern, um uns zu wärmen, über die nassen Wege. Ein Unteroffizier der Wehrmacht redet uns an: ,, Ist es wahr? Ist Pastor Niemöller mit Euch hier?", Warum wollen Sie das wissen?" ,, Ich bin ein Glaubensgenosse von ihm von der Bekenntniskirche und kenne ihn. Wenn ich ihn doch sehen könnte!"- - - دو 142 , Wir dürfen niemanden ansprechen und niemand uns, trotzdem wir rufen ihn. Gehen Sie hier auf und ab." Sein Wunsch ist erfüllt worden. Selig drückt er uns die Hand und versichert:„ Es passiert nichts mehr; es ist Schluß..." Um 10 Uhr abends werden wir ins Gemeindehaus gefahren. SS hat Stroh im Gemeindesaal aufgeschüttet. Die Damen kommen in Gasthöfe. Wir können uns hinlegen. 28./29. April Die Nacht läßt sich unruhig an. Um Mitternacht flüstert uns Petersdorfer, der mit der verstümmelten Hand, von dessen Herkunft und Schicksal wir am wenigsten wissen, eine alarmierende Nachricht zu. ,, Die SS- Leute sind betrunken und schwätzen vom Umlegen". ,, Wir leisten auf alle Fälle Widerstand. Alles auf die Beine, wenn wir rufen!" Es passiert nichts. 29. April Sonntag. Um 10 Uhr Mitteilungen. Man sucht uns zu beruhigen. Die italienischen Offiziere haben sich zu ihren Freunden seitwärts in die Büsche geschlagen Der Neffe Molotows hat sich angeschlossen. Um 211 Uhr wird die katholische Kirche am Ort zum Gottesdienst für die Häftlinge freigemacht. Mgr. Piguet zelebriert die heilige Messe. Deutsche, französische und ungarische Teilnehmer. Das Mittagsessen fällt aus. Um 122 Uhr Tee. Gerüchte bedenklicher Art tauchen auf. Um 3 Uhr wieder Beruhigungsansprache. Ein Komitee zur Vertretung der Häftlinge wird gewählt. Wir suchen uns ein anderes Quartier. Man kontrolliert nicht mehr. Zeichen der beginnenden Auflösung. Der Müller Schmidthöfer von Niederdorf, bekannt als Gegner der Nazis, nimmt uns zu dreien bereitwilligst auf. Wir schlafen in wirklichen Betten und essen wie beim Fest. 30. April Stiller Tag. Man scheint über unsere weitere Unterbringung zu verhandeln. Wir diskutieren und gehen spazieren. Um 3 Uhr nach143 mittags biegen Lastwagen der Wehrmacht ins Dorf. Wehrmachtssoldaten in voller Kampfausrüstung, Handgranaten im Gürtel, springen ab. Major von Alvensleben, sicher von Oberst Bonin gerufen, meldet, daß die Wehrmacht den Schutz der Dachauer Häftlinge übernimmt. Die SS hat ausgespielt.¹) Um 5 Uhr besteigen wir die Wagen, die uns in das einsame, für uns freigemachte Berghotel ,, Prager Wildsee" hinauffahren. Es geht durch tief verschneiten Bergwald in die vollendete Winterherrlichkeit hinein. 1. Mai Ein Schneesturm fegt durch den Talkessel. Am Nachmittag lächelt die Sonne wieder. Die Katholiken gehen zur Kapelle am See und eröffnen den Monat der Maienkönigin durch eine feierliche Andacht. Am Abend ist evangelischer Gottesdienst. Lieder von Paul Gerhardt. Niemöller spricht über den Text: ,, Befiehl Du Deine Wege." 2. Mai Weiße Wolkenballen schwimmen durchs blaue Himmelsmeer. Die Sonne strahlt. Um 19 Uhr ist heilige Messe. Fest von Athanasius. Die Lesung aus Paulus, Kor. Brief 2, 4, 5--14 erinnert uns an verwandte Schicksale... ,, Wir kommen in Not, aber nicht in Verzweiflung, leiden Verfolgung, sind aber nicht im Stich gelassen; werden unterdrückt, gehen aber nicht zugrunde Alle Zeit tragen wir Jesu Todesnot an unserem Leib." Am Nachmittag schneit es immerzu, und am Abend erzählen die Griechen, wie die SS ihnen ihre gesamten Effekten weggenommen und wie es ihnen dennoch gelungen ist, die Hauptsache zu retten das Geld. 3. Mai - - Italienische Partisanen tauchen auf. Ein französischer Kapitän sieht sich um. Abgeworfene Flugzettel melden die Kapitulation der 1) Nach F. von Schlabrendorff( ,, Offiziere gegen Hitler") wäre die Rettung der von Dachau in das italienische Tirol verschleppten Häftlinge u. a. auch der Vereinbarung zu verdanken, die der Kommandant der SS- Truppen in Nord- Italien zu jenem Zeitpunkt mit den Amerikanern getroffen hatte. 144 deutschen Armee in Oberitalien, der von Vietinghoff. Zum ersten Mal erscheint Fleisch zum Mittagstisch. 4. Mai Die Amerikaner sind von Cortina heraufgekommen. Die deutschen Truppen werden entwaffnet. Alles verläuft friedlich. In Niederdorf soll es zu Schießereien gekommen sein. 5. Mai Wir erhalten Schuhe und Kleidungsstücke. Die Amerikaner sind splendid nach jeder Richtung hin. Man filmt, einzeln und in Gruppen. Das Leben lächelt uns zu. 6. Mai Mit unserer Befreiung aus den Händen der SS ist der Frühling in die Berglandschaft eingekehrt. An allen Ecken und Enden rinnen und klingen die Wasser. Ein Himmel, blau wie Enzian, spannt sich über die leuchtenden Berge. In der kleinen Kapelle spricht Mgr. Piguet über den Wiederaufbau in Vertrauen, in Wahrheit und Liebe. 7. Mai Um 10 Uhr morgens begrüßt uns der amerikanische General. Er bittet von den am morgigen Tag bereitgestellten Wagen Gebrauch zu machen. Die Wälder ringsum seien noch nicht gesäubert und Vorsicht am Platze. 8. Mai Noch einmal feiern wir in der kleinen Kapelle die heiligen Geheimnisse. Punkt 10 Uhr sind 30 Jeeps gekommen. Alles ist vorgesehen. Selbst ein Krankenwagen ist dabei. Die Fahrt ist schwierig. Alle Brücken sind gesprengt und viele Straßen unpassierbar. Unser Weg geht in wundervoller Bergfahrt über Stock und Stein, durch Bäche und Flußläufe über die Dolomiten. Dunkelblauer Enzian blüht am Wege. Belluno, umkränzt von verschneiten Gipfeln, im Sonnenglanz. Muntere Leute unterwegs. Sie atmen Frieden. Erst um 1 Uhr in der Nacht erreichen wir das halbzerstörte 10 Joos, Leben 145 Verona. Fritz Thyssen, der deutsche Großindustrielle von Ruhr und Rhein, dessen(wenn auch reichlich späte) Absage an Hitler und dessen Flucht aus Deutschland seiner Zeit viel Aufsehen er- regt hatte und der auch verhaftet war, sitzt mit uns am Tische. Er hat nur den einen Wunsch, mit seiner Frau nach der Schweiz gehen zu dürfen. ü 9. Mai 9 Uhr morgens. Die Wagen holen uns zum Flugplatz. Um 111 Uhr steigt das silberne Ungetüm mit den ersten 20 Mann hoch. Florenz, Siena, Rom tief unter uns. Die Via Appia entlang, durch ein Stück Nebelmeer über dem Golf— Neapel. Im Park-Hotel des Schweizers Loelinger endet das Abenteuer einer Fahrt von Dachau, die von den Urhebern vielleicht anders geplant und leicht auch hätte anders ausgehen können. NACHSCHRIFT Seit diese Erinnerungen niedergeschrieben sind, ist ein Chor von Stimmen ehemaliger Kameraden an mein Ohr gedrungen. Und jede einzelne Stimme klang so, als ob sie mich hätte fragen wollen: , Weißt Du noch... Und jener?" " Ich weiß: Der Schmerz ist eine individuelle Angelegenheit und soviel Häftlinge- soviel Schicksale! Man konnte sie nicht alle überschauen. Es war doch so, daß der Einzelne im Lager jeweils nur einen Ausschnitt der Vorgänge, nur einen Bruchteil der Menschen sah, die litten, kämpften, starben. Wer wollte auch die Tausende aus allen europäischen Ländern kennen, die allein ab Herbst 1944 ins Dachauer Lager geschleppt worden sind? Wer jene zahlreichen ehemaligen Arbeiterführer, Stadträte, Parlamentarier aus allen deutschen Landesteilen, die man rein listenmäßig im Gefolge des 20. Juli 1944 verhaftet hatte? Es gab im Dachauer Lager ein ,, internationales Kollektiv", einen christlichen Pastorenkreis, ein Zusammenwirken von geistlichen Häftlingen verschiedener Bekenntnisse, und, neben den parteipolitisch geprägten Häftlingen, eine Reihe von aktiven evangelischgläubigen Laien, darunter den schwäbischen Regierungsrat Dr. Collmer. Von den einen wußte man, die andern kannte man nur vom Hörensagen. " Ein wohlmeinender, in Dachau äußerst aktiver Kamerad lieẞ uns wissen, daß er gerne gesehen hätte, wenn wir uns nicht bloß darauf beschränkt hätten, die geistige und praktische Haltung der Proleten" an einem höheren Menschentum zu messen. Es hätten in Dachau auch Vertreter anderer Gesellschaftsschichten zuweilen menschlich versagt: Künstler, Professoren, Lehrer, Ingenieure, Redakteure, Offiziere, Geistliche. Wir glauben das Notwendigste da und dort angedeutet zu haben. Die besondere Würdigung aber der sozialen Schicht der Arbeiter ergab sich natur10* 147 gemäß aus der Tatsache, daß, wie es scheint, gerade ihr nach dieser Weltkatastrophe in allen Ländern eine besondere Verantwortung bei der Neugestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zufällt. Dem Zuwachs an Verantwortung und Einfluß muß ein höherer Menschentyp entsprechen, wenn es ein Aufstieg sein soll. Das letzte Wort sei also ein Wort aufrichtigen Bedauerns gegenüber all denen, einerlei welcher Nation, Gesellschaftsschicht und Partei, deren Schicksale, Kämpfe, Leiden und heroische Leistungen hier nicht erwähnt sind, weil der Verfasser nicht oder zu wenig von ihnen wußte. Es war nicht Absicht, sie hier schweigend zu übergehen. Uns aber, denen die Gunst der Umstände, Zufall, Glück, Gottes Fügung zu Hilfe kamen, so daß wir überleben konnten, ist damit ein zweites Leben geschenkt. Sein Sinn kann nur der sein: daß wir Zeugnis ablegen für die Wahrheit dessen, was wir gesehen, daß wir die Erkenntnis weitertragen, die in den Jahren der Qual in uns gereift ist, mit dem ernsten Willen, uns unentwegt einzusetzen für wahre Freiheit, für Men- schenrecht und menschliche Würde, für Humanität in den Beziehungen zwischen Mensch zu Mensch, für Verständigung und Frieden zwischen Volk und Volk. 148 O, daß der Geist Zarathustras in einigen Auserwählten lebendig würde!... Und wer wahrhaft Herr der Niederen wird, erhebt sie zu seiner Höhe und führt sie höher und höher, auf jene Bergscheitel, wo Titanen und Halbgötter mit den Göttern selbst um die Weltherrschaft streiten.... Peter Gast in seiner Einführung zu Friedrich Nietzsche „Also sprach Zarathustra”.(Leipzig. Alfred Kröner, 1930, Seite 407). Wir schauen zurück. Unser Blick schweift über die ungeheuren Stätten der Zerstörung und der Verwüstung in den Ländern der Erde. Wir schauen die weiten Totenfelder und schaurigen Massen- gräber— und die Lager grausamer Qual. Wir lesen in versteiner- ten und gramerfüllten Gesichtern Verzweifelter und Zerbrochener, die man von Haus und Hof vertrieben, und lesen in der. enttäusch- ten und vertrotzten Gesichtern junger Menschen, die, verwor- renen Geistes, vor der grauen Wand stehen. Und wir fragen uns: Was war das, was sich vor uns und mit uns abgespielt hat? Eine Tragödie, wie sie die Geschichte auf vielen Blättern ver- meldet? Mehr als das! Ein Spiel von Grauen und Tod, wie es jeder große Krieg in sich schließt?— Ein Mehr und ein Anderes! Ein Schauspiel voll grausiger Szenen, von nie dagewesener Härte und Grausamkeit, von Selbst- und Weltzerstörung. Ein Spiel sich überschlagenden Macht-Wahns, des vollendeten Wahnsinns! Wir haben die„Titanen und Halbgötter” auf dem Bergscheitel am Werk gesehen— es war der zerstörte Mensch. Hüten wir uns, den Vorgang etwa nur räumlich und völkisch bedingt zu sehen! Das hieße ein weltgeschichtliches Problem ein- engen, den Blick verdunkeln und die Wege zur Tiefenerkenntnis verlegen. Was hier zutage trat, ist nicht so zu umgrenzen. Es ist in jenem Rahmen nur zunächst und nur deutlich sichtbar geworden. 151 Gewiß entwickelte sich die staatliche Organisation des Macht- Wahns nicht von ungefähr im deutschen Raum. Bestimmte massenpsychologische Einflüsse zeigten sich in ihr wirksam, so daß sich von der deutschen Lage um 1933 sagen läßt, was der Vorsokra- tiker, der Anonymus Jamblichi, von der Entstehung des fürchter- lichen Uebels der Tyrannis sagt: „+... Manche Leute, die nicht richtig überlegen, sind der Mei- nung, daß sich ein Tyrann aus anderen Gründen erhöbe und daß die Menschen ihre Freiheit verlören, ohne selbst daran Schuld zu sein, weil sie von dem aufgetretenen Tyrannen vergewaltigt wür- den. Aber da sind sie im Unrecht. Denn wer glaubt, daß ein König oder Tyrann aus einem anderen Grunde aufkomme, als infolge von gesetzlosen Zuständen und dem Ehrgeiz, mehr als andere sein zu wollen, der ist ein Tor... denn, wie könnte auf anderem Wege die Alleinherrschaft auf einen einzigen Menschen übergehen, als dadurch, daß das Gesetz hinausgejagt ist, das zum Heile der Volks gemeinschaft herrschte? Denn es muß ja der Mann, der das Recht umstürzt und das Gesetz, das allen gemeinsam und förderlich ist, aufhebt, aus Stahl sein, wenn er die Kraft haben soll, diese Grund- pfeiler der Menge der Menschen zu rauben, er, der eine Mann, den vielen,”') „Titanen und Halbgötter'?— „Mit Göttern soll sich nicht messen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde.” An diese Grenzen der Menschheit, wie sie Goethe umschreibt, ist der Mensch gelangt. Er hat es nicht gewußt und nicht gespürt. Körner 1) Die Vorsokratiker v. Wilhelm Capelle. Stuttgart: S. 388. 152 Wir aber waren Zeuge dessen, was entsteht, wenn der Mensch aus dem Glaubens- und Sittengefüge herausfällt und mit dem Absinken in das bloße Triebleben die Einfallstore aufstößt für die Herrschaft der Dämonen! Wir haben im zerstörten Menschen den entpersönlichten ,. den entmenschten, den brutalisierten Massenmenschen gesehen, Männer, die keine Männer mehr waren, und Frauen, die nichts mehr mit der Frau zu tun hatten. Beide Opfer chaotischer Verwirrung. Männer mit großen Gebärden, die doch nichts weiter waren als haltlose, aufgeblähte Triebwesen. Und Frauen, die zwischen Mannweib und Weibchen herumpendelten. Es haben sich jene Begründer des primitiven Atheismus vor reichlich einem Jahrhundert geirrt, als sie glaubten, dem Menschen einen Dienst zu leisten, indem sie ihn vom Gottesglauben ,, befreiten". Geirrt, als sie meinten: Wenn man das Licht am Himmel löschte, dann würde ein um so helleres auf Erden aufleuchten können. Sie, die im Kopfe Atheisten, im Herzen aber noch Christen waren, haben sich schrecklich geirrt. Sie wußten nicht, daß, wenn der Mensch nichts mehr über sich anerkennt und anerkennen will, er die Leere seiner Seele nicht ertragen kann und daß, wenn der Glaube an den lebendigen und wahren Gott aus seinem Bewußtsein verdrängt wird, Götzen und Dämonen in ihm die Herrschaft antreten und ein Joch finsterer Mächte in seiner Seele aufrichten. Und es haben sich jene Philosophen furchtbar geirrt, die den primitiven Atheismus zum gottlosen Humanismus ausweiteten: Erlösung der Menschen vom irdischen Leid und ihre Beglückung auf Erden ohne und gegen Gott Vorläufer jenes großen und letzten Zerstörers christlicher Werte und eines allgemein gültigen Menschenbildes: Nietzsche. - 153 Nun erst, da ein Philosoph den Mut gefunden, die Tafeln gottgegebener Sittengesetze zu zerschmettern, die Begriffe von Gut und Böse umzustürzen und die Herrenmoral zu verkünden, war mit der Zerstörung des Bildes von Gott auch das des Menschen zerfetzt. Die Folgerungen waren entsprechend. Wo keine Ehrfurcht mehr vor dem absoluten Gott, da auch keine vor dem Menschen. Der Gottesverächter wird notwendigerweise Menschenverächter. Der Mensch wird seiner Würde entkleidet, wird Mittel in der Hand des Uebermenschen, für den die ganze ,, Mitleidsarbeit" zur Erhaltung der ,, Kranken, Invaliden, Gichtbrüchigen und Verpesteten" ein Greuel ist. Was hat man der aufhorchenden Menschheit verkündet? ,, Das Genie, der Zarathustra Mensch arbeitet an der Höherzüchtung der Menschheit und um deswillen zugleich an der Vernichtung alles Kranken, Entarteten und Parasitischen so daßẞ endlich jenes überschäumende Leben wieder auf Erden möglich wird, aus dem der hellenisch- göttlichste Zustand, der dionysische, erwächst"( Peter Gast a. a. O. S. 384). Die Masse aber, die verachtete Menge, beugte sich vor den sich spreizenden machtlüsternen Hohlköpfen, die sich als„, Uebermenschen" gaben, genau wie der bewundernde Kommentator Nietzsches es umschrieb: ,, Die Menge braucht nicht nur Führer, sie will sie selbst, wenn auch uneingestandenermaßen. Sie weiß mit sich nichts anzufangen; sie wird sich auf die Dauer zum Ekel. Kommt aber der Große, dann fühlt sie mit heiligem Schauder, was sie nie gefühlt: daß über ihr noch sieben Himmel der Uebermenschheit ausgespannt sind; daß die einzige Erlösung, die es auf Erden gibt, das Machtgefühl ist, an dem der Kleinste teilhaben kann und willig teilhat!... Dazu aber muß sie selbst da sein, die Macht!... als Mensch! als Genie der Tat und des Gedankens!" ( Peter Gast a. a. O. S. 406). Dieses als einzige Erlösung auf Erden gepriesene Machtgefühl 154 hat Menschen dazu verleitet, sich selbst und andere zu verwirren. Wahrheit, Sitte, Recht hat man eine Zeitlang in sich selbst gesucht und gefunden und selbstmächtig alle höheren Werte, einschließlich Religion, selbst zu ,, machen" sich bemüht. Schließlich: selbstherrlich sich göttliche Eigenschaften angemaßt und vom usurpierten Throne herab hemmungslos die Freiheit, Persönlichkeit und das Leben derer zerbrochen und vernichtet, die anders dachten, und die man als Gegner fühlte. Wir haben erlebt, daß aus dem angestrebten ,, höheren Menschen" ein Tier und ein Teufel wurde! Das haben wir gesehen. Alle unsere Schulweisheit und kindlichen Vorstellungen von Mächten und Gewalten der Unterwelt erhielten in den Lagerbeobachtungen und-Erfahrungen einen realen Hintergrund, der die kühnste Phantasie übertraf. Was wir als Kinder gehört und nur halb geglaubt, wurde hier greifbare Wirklichkeit. Wir haben den Geist des Bösen verkörpert gesehen. Wer aber wachen Sinnes das Wüten und Toben der entfesselten Dämonie auf sich wirken ließ und sie mit dem Tarnungsgewäsch der Künder eines neuen Zeitalters verglich, der mußte staunen, daß deren Künste der Irreführung in solchem Ausmaße und so lange Erfolg haben konnten. Und hier ist der Punkt, wo wir einen Augenblick verweilen müssen: Es war möglich, den Menschen zu betrügen und zu verführen, weil die technischen Mittel, die bestimmt waren, ihn zu erhöhen, auch dazu benutzt werden konnten, ihn zu erniedrigen. Was ihn innerlich reich machen sollte, machte ihn tatsächlich ärmer; was ihn stärken sollte, schwächte ihn; was ihn selbständiger machen sollte, machte ihn hilfloser, und was ihn freier machen sollte, machte ihn in Wirklichkeit abhängiger. Das Gegenteil von dem ist eingetreten, was der reichsdeutsche ,, Anzeiger für Berg- Hütten- und Maschinenwesen" glaubte erwarten zu können, als er am 4. Dezember 1924 schrieb: ,, Noch nie wohl 155 - hat ein Zeitalter mehr Freude an der Technik gehabt, als das unsrige. Die Massen fühlen instinktiv, daß hierin die einzige Rettung aus ihren Drangsalen liegt. Die Technik wird die Erlösung aus ihren Drangsalen bringen." Nicht ,, Erlösung", sondern härtere Qual, Vermassung und Versklavung war die Folge. Dieser Prozeß ging im Zeitalter der Technik, des Kinos und des Radios, der Ausdehnung der Presse und Volksbildung vor sich. Es mußte nicht so kommen, aber es kam so, weil und insoweit die technischen Mittel der lenkenden Hand des Menschen entglitten und ihrerseits die Herrschaft an sich nahmen. An warnenden Stimmen hat es nicht gefehlt. Allein es war, als ob die Kräfte derer gelähmt oder gebrochen waren, die sehen und dagegen angehen mußten. Die Hüter des heiligen Herdfeuers höchster menschlicher und göttlicher Werte haben in dem rasenden Wettlauf mit den menschenzerstörenden Kräften nicht Schritt halten können. Und ihre Gegenmaßnahmen zu seiner Rettung waren nicht allgemein und nicht wirksam genug. Nun ist der Rückschlag da. Die Ruinen, die Toten und lie zerstörten Menschen reden eine eindringliche Sprache. Der getäuschte und betrogene Mensch steht wie vom Donner gerührt. Bei vielen ist gleichsam der Himmel eingestürzt und hat auch das Letzte begraben, woran der aufbauende Mensch anknüpfen könnte. Sie glauben nicht mehr an die Vergangenheit. Aber auch nicht an die Gegenwart. Und erst recht nicht an die Zukunft. Sie glauben zunächst überhaupt nichts mehr. So der seelische Zustand einer erschreckend wachsenden Zahl von jungen Menschen. Und nicht nur in Deutschland! Schrieb doch dieser Tage Georges Bernanos: 2) ,, Es gibt Millionen von jungen Menschen, und ihre Zahl wächst von Tag zu Tag, die sich nicht mehr anders aufrechterhalten können, als durch Hoffnungs2) ,, Les Monstres", par Georges Bernanos ,,, Le Figaro", Nr. 542, 14. 5. 46. 156 losigkeit und Verachtung." Und er beschwört die Wächter der Zeit, diese Tatsache nicht leicht zu nehmen! ,, Aus solcher Jugend, die nicht Kind gewesen, haben sich jene Ungeheuer entwickelt, die sich auf die Welt gestürzt. Die Welt war Beute hoffnungsloser, verlorener Kinder... Sie hallte wider von ihrem grausamen Lachen, sie haben mit ihr gespielt wie Kinder mit einer Kröte..." Der Erwachsene weiß von Beispielen der Vergangenheit, daß der Mensch nicht nur ein Rohling ist. Diese Erinnerung wirkt in ihm wie eine Bremse vor dem Absturz ins Bodenlose. Diese Vergleichsmöglichkeit und diese Bremse fehlt der Jugend. Sie weiß nur von dem, was sie um sich gesehen. Und das war vielfach geeignet, sie mit einem unauslöschlichen Ekel vor dem Menschen zu erfüllen. Kann etwas geschehen? Und was muß geschehen? Keine psychologische Lage ist absolut hoffnungslos. Der Mensch sucht von Natur aus wieder einen Weg. Er muß es, weil er in der Weglosigkeit auf die Dauer nicht leben kann. Man muß ihm helfen. Wer aber wird Wegweiser aufrichten? Der christliche Mensch muß es. Und die Kirche muß es! Und die Richtung muß heißen: voran! Vom vermassten, entmenschten und verzerrten Menschentypus zum wahren Menschenbild! Zum in seinem freien, selbständigen, mündigen, Christsein vertieften und erhöhten Menschen! Diesen Menschentypus muß man wollen. Er ist das einzige wirkliche und auf die Dauer wirksame Gegengewicht gegen den gottabgewandten Kollektivmenschen der einzige Garant christlich- abendländischer Kultur. Diesen Menschen mit den ihr eigentümlichen religiös- kirchlichen Kräften zu erziehen, muß die christliche Kirche sich allen Ernstes anschicken. und Man erziehe den Christenmenschen, der die Freiheit und Menschen würde achtet, für den sie einen hohen Wert bedeuten, auch einen hohen sittlichen Wert. Ohne Freiheit keine menschliche Würde, keine Persönlichkeit! Sie gehört auch Würde des Christenmenschen. Ohne Freiheit keine wahre Relizur 157 giosität. Nicht umsonst betet der Priester im Opferungsgebet: ,, Gott! Du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert. Laß uns durch das Geheimnis dieses Wassers und Weines teilnehmen an der Gottheit dessen, der sich herabgelassen hat, unsere Menschennatur anzunehmen, dein Sohn Jesus Christus." Wie leicht hatten es die totalitären Systeme, den Menschen Freiheit und Würde auszureden! Wie leicht haben sich breite Massen die Freiheit nehmen lassen! Vor die Wahl gestellt: Freiheit oder Brot? wählten sie unbedenklich Brot, und ließen die Freiheit fahren. Wo wahre Freiheit, da ist innere Selbständigkeit. Auch sie muß man wollen. Erziehung zum Willen und zur Kraft zu selbstverantwortlichem Handeln, zu eigener gewissensmäßiger Entscheidung! Keine Verantwortung abnehmen, wo es nicht unbedingt nötig ist! Der christliche, der kirchliche Mann, die christliche und kirchliche Frau müssen zumal als Väter und Mütter auf eigenen Füßen stehen können und nicht in jedem Augenblick gehalten werden... Hätte man in der kirchlich- religiösen Erziehungsarbeit allenthalben so gehandelt und wäre die Zahl der unmündigen Christen nicht gar so groß gewesen, der nationalsozialistische Massenwahn hätte noch aktiveren Widerstand in kirchlichen Kreisen gefunden. Die von Reeb beklagte religiöse Unreife ist eine Tatsache und das von ihm geschilderte Mißverhältnis zwischen intellektueller und beruflicher Ausbildung einerseits und religiöser Mißbildung anderseits ist leider keine Erfindung.„, Tatsächlich gibt es heute ungezählte erwachsene Christen, die vielleicht in anderen Dingen, im Wissen und Können ihres Berufes, in den Erfahrungen des praktischen Lebens auf allen Gebieten selbständig, reif und mündig sind, nur nicht in ihrem religiösen Leben. Da sind sie auf der Kindheitsstufe stehen geblieben..." ³). 3) Reeb: ,, Christentum ziger& Co., 1940, S. 218. - Ende oder Wende?" Einsiedeln: Ben158 Die Erziehung zum mündigen Christen kann nicht ernst genug genommen werden! Uebersehen wir nicht: In dem Maße, wie sich das Gefüge der Kirche aufwärts entwickelte und verdichtete zu immer stärkerer autoritativer Zusammenfassung, hat sich anderseits eine Abwärtsbewegung entfaltet, eine Bewegung von ihr weg, in der Verselbständigung immer weiterer weltlicher Sachgebiete und Räume bis zur vollendeten Entleerung von jedwedem religiösen Gehalt, ja bis zur Gottlosigkeit als Massenerscheinung. Gottesnähe der Kirche und Tiefe des atheistischen Massenwesens! Dieser Spalt kann sich nur wieder schließen vom mündigen Menschen her. Ihn zu führen, ist schwerer und zugleich dankbarer, als die Leitung oder Bewahrung von Unmündigen. Es gehört dazu jener Mut, jenes Vertrauen und jene Liebe, die wir in einer seltenen Verdichtung zusammenfinden im Kerngehalt der Hirtenbriefe des unlängst zum Kardinal erhobenen Erzbischofs von Toulouse. Als Erzbischof Saliège am 17. September 1944 einer auf der Place du Capitole in Toulouse einberufenen christlichen Volksversammlung beiwohnen sollte, richtete er an sie eine denkwürdige Botschaft nachstehenden Inhalts: ,, Meine Botschaft ist kurz. Ein einziges Wort faßt sie zusammen: seid wahre Männer! Ich verlange von Euch, daß Ihr Männer seid der Wahrheit, Verteidiger des freien Gedankens und Primats des Geistes und der Vernunft. Ich wünsche, daß Ihr nicht denkt auf Kommando, daß Ihr einer Verstümmelung des Verstandes nicht zustimmt. Seid Männner der Wahrheit, wahrhaftige Männer überall, Zeugen und Bahnbrecher der Loyalität in der Presse, am Radio, in den Verabredungen und in den Verträgen; wahrhaftige Männer, die ihre eingegangenen Verpflichtungen halten, die zu ihren Verantwortungen stehen, die die Meinungen anderer achten und die die Einheit nicht miẞverstehen als einen Friedhof des Verstandes. 159 Ich wünsche von Euch, daß Ihr Euer Haupt nicht beugt, daß Ihr gerade steht... Ich möchte wiederholen ebenso klar und bestimmt wie 1942: ein Mann ist ein Mann. Eine Frau ist eine Frau. Ein Mann, selbst wenn er gefehlt hat, bleibt ein Mann. Eine Frau, selbst wenn sie gefehlt hat, bleibt eine Frau. Wahrheit, Freiheit, Liebe, das sind die Bedingungen einer Renaissance Frankreichs. Ich zähle auf Euch. Christus zählt auf Euch. Habt keine Angst! Kopf hoch! Das Kreuz ist der einzige Baum der Freiheit. Es ist die Kanzel der Wahrheit. Es ist eine Quelle der Liebe. دو Und die Liebe wird immer Recht behalten.") Die Notwendigkeit einer Vertiefung der Lehre vom Menschen", seiner erbsündigen Natur und seiner Erhöhung im Heilsplane Gottes versteht sich aus dem Vorhergesagten. Wenn uns der durch und durch unechte, boshafte, grausame, dämonische Mensch als Typ überrascht hat, so darum, weil wir innerlich nicht darauf vorbereitet waren, weil unsere Vorstellung vom Wesen des Menschen zu flach, zu kitschig war. Die von Karl Muth herausgegebene Zeitschrift ,, Hochland" hat seiner Zeit in einer Rundschaunotiz( Die Niederlage des Moralisten, August 1935) den Punkt berührt, auf den es uns hier ankommt. Es war die Rede vom Mangel an Selbsterkenntnis, verursacht durch mangelndes Wissen um den wirklichen Menschen. Diesen gelte es vom künstlich gefärbten Schleier der Illusion befreit zu sehen, um zu erkennen, ,, welche widerspruchsvolle Summe von großen und erhabenen, aber auch furchtbaren Möglichkeiten in ihm schlummert. Hat nicht die menschliche Weisheit Goethes gesagt, er habe zu jedem Verbrechen die Möglichkeit in sich gefühlt Wer aber hat das Antlitz des Menschen wahrhaft unversehrt bewahrt außer dem Heiligen!" Wir haben nicht in die Abgründe hineingeblickt und uns nicht denken können, wie tief der Mensch fallen kann und was ent4) Mgr. Saliège,„ Témoignages" 1939-1944, Editions du Témoignage Chretien, Paris, rue de Gramont. S. 181. 160 stehen muß, wenn der Mensch den Mut gefunden, sich total loszusagen von der christlichen Gottesidee und dem absoluten Sittengesetz, wenn er einmal wirklich Ernst macht mit dem Versuch, nicht nur ohne Gott, sondern gegen Gott zu leben und zu wirken. Es ist zwar nicht wahr, daß der Mensch die Welt nicht gestalten könne ohne Gott; er kann es wohl, nur wird er es immer auf Kosten des Menschen tun. Es bleibt ein Verdienst des gelehrten französischen Philosophen de Lubac( SJ), in einer geistvollen Analyse der Lehren von Comte, Feuerbach und Nietzsche nachgewiesen zu haben, daß der Versuch einer Erlösung und Beglückung der Menschheit ohne und gegen Gott und Christus zu einer Tragödie führen muß. Wer es will und versucht, der endet, ob gewollt oder ungewollt, in der Unmenschlichkeit. Mit dem Evangelium der Liebe wird er beginnen und mit der Aufrichtung der Tyrannei wird er enden. Das scheint ein psychologisches Gesetz zu sein. Was de Lubac in seinem Buch ,, Le drame de l'humanisme athée" den Lehren der genannten Kultur- und Sozialphilosophen abliest, das haben wir erlebt. Und der es rechtzeitig vorausgeahnt, und dessen Werke ein einziger Schrei der Warnung darstellen, war Dostojewsky. Er kannte die Irrungen, Wirrungen und Abgründe der menschlichen Seele wie kein anderer. Sein Ruf verhallte ungehört. Der böse Traum, das Reich Gottes auf Erden errichten zu können, ohne Gott und im Kampfe gegen ihn, ja, daß man Gott leugnen müsse, damit dieses Reich ohne Leid und ohne Sorge verwirklicht werden könne, ist noch keineswegs ausgeträumt. Täuschen wir uns nicht, so schickt sich der gottlose Humanismus an, in anderen und weiteren Formen sich durchzusetzen. Der grauenhafte Zusammenbruch des einen Experiments, des Hitlerismus, wird leider nicht allgemein so gedeutet und verstanden. Und er lag doch durchaus auf der Linie des Versuches einer ,, Menschenbeglückung" mit untauglichen Mitteln, die naturgemäß ins Gegenteil umschlagen mußte. 11 Joos, Leben 161 Man wird also fortfahren, eine Liebe zum Menschen zu predigen, die sich gegen Gott wendet und sich letzten Endes gegen den Menschen wenden wird. Man wird fortfahren Soziallehren und soziale Systeme zu propagieren, die im Wahn, das Leid aus der Welt zu schaffen, den Menschen dem ,, allgemeinen Glück" opfern, ihn erniedrigen und seine Persönlichkeit zu einem Werkzeug und bloßen Mittel machen. Aus Mitleid mit dem Menschen wird Grausamkeit; aus Freiheit: Zwang und Gewalt; und aus dem Schutz der Persönlichkeit vor Despotismus des einzelnen wird Preisgabe der Persönlichkeit an eine extreme Gesellschaftstyrannei. Nur ein geistig Blinder vermag Anfang und Ende dieser Linie zu verkennen und darüber hinwegzusehen. So ergibt sich die Schlußfolgerung: der Zusammenstoß des Christentums mit den Kräften eines irregeleiteten Humanismus bleibt. In dieser Auseinandersetzung wird sich nur ein Christentum bewähren, das den ganzen Christus in vollem Ernst und mit dem Heroismus des Kreuzes umspannt! Ein Christentum, das den Mut und die Kraft hat, die ganze Wirklichkeit zu sehen, das nicht ausweicht, nicht auf Nebenwege schleicht, sich nicht selbst betrügt, indem es Bequemlichkeit mit Innerlichkeit verwechselt. Also das Christentum, das mehr ist als ,, Lebensversicherung", Ruhekissen und sattes Gehaben. Ein Christentum, das Risiko auf sich nimmt. Ein Christentum, das wagt, weil es wagen kann. Kein ,, neues" Christentum, kein anderes", nur das alte und doch ewig junge, ernsthaft gelebt! Das genügt! Es läßt sich da in etwa auch der Satz anwenden, den Romain Rolland seinem ,, Clerambault" in den Mund legt: ,, Es genügt nicht das bloße Dasein einer Wahrheit, damit der Mensch zu ihr aufblicke, es ist nötig, daß dieses Dasein ein lebendiges Leben habe... sonst sind alle unsere Gedanken nur Dilettantenspiele, eine Theaterspielerei, die einzig auf Theaterapplaus ein Anrecht hat." 162 Und man muß auf jede Gefahr hin dem falschen Evangelium der Unmenschlichkeit gegenüber die voll im Menschen wirkenden christlichen Werte entgegensetzen: die Zartheit und die Güte, das Wohlwollen und das Mitleid allen denen gegenüber, die leiden, die Verteidigung der Unterdrückten und die stille Ergebenheit an sie, der Widerstand gegen die Lüge, der Mut, das Schlechte mit seinem Namen zu nennen, der Geist des Friedens und der Eintracht, die Offenherzigkeit, der Gedanke an den Himmel... 5) ,, Die Gnade für heute und morgen läge darin, daß es uns gelänge, Streiter Christi zu sein, betend, wirkend, erkennend, verantwortend, aus Liebe zu Gott und den Menschen. Dies ist die einzige Form, die es dem Menschen ermöglicht zu leben, wo er unabweislich leben muß, zwischen Himmel und Hölle, auf dem Schauplatz der Geschichte und im Angesicht ihres Richters." Diese Sätze sind gesprochen von Reinhold Schneider, dem Freiburger Kulturphilosophen und Dichter). Kein Geringerer als Graf d'Harcourt von der Académie Francaise hat auf diesen seltsam begnadeten Mann hingewiesen, dessen geschichtsphilosophisches Hauptwerk ,, Macht und Gnade" als totaler Widerspruch gegen den dämonischen Machtwahn Hitlers seinerzeit berechtigtes Aufsehen erregte. Reinhold Schneider ist einer der bislang sichtbar gewordenen, erleuchteten katholischen Deutschen, denen es gegeben ist, für das Erlebnis der Schuld und Sühne eine echte und würdige Formulierung zu finden, ein Formulierung, die mehr ist als eine bloße Wortwendung. Das eben macht ihn zum berufenen Künder der notwendigen Einkehr, Umkehr und einer wirklichen Wandlung im deutschen Volk, für die nach 1918 die psychologischen Voraussetzungen weithin gefehlt haben, die jetzt aber kommen muß, wenn es in Europa Frieden und Zukunft geben soll. Der Zusammenstoß des Christentums mit der Wirklichkeit ist 5) de Lubac, a. a. O. S. 135, 136. 6) Vortrag: ,, Der Mensch vor dem Gericht der Geschichte", gehalten im Frühjahr 1946, in Freiburg im Breisgau. 11* 163 - wie sie hingerichteten zugleich der mit einer sozialen Wirklichkeit, die keineswegs dem Ideal sozialer Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl entspricht, wie es gesehen und formuliert ist in den Soziallehren der Kirche. Die auf die Verwirklichung der kirchlichen Soziallehre aus den sozialen Enzykliken der Päpste spricht Energien kirchlich gesinnter Menschen genügen noch in keiner Weise der Aufgabe. Die kirchlich- religiöse Menschenführung bedarf einer weiteren Durchdringung mit dem Geiste gestaltender Sozialarbeit aus den Tiefen des Christentums. - Es wäre ein Verhängnis, wollte man sich in dem Augenblick, wo Entscheidungen von unerhörter Tragweite sich vorbereiten und wo Klerus und Kirchenvolk zur Mitarbeit am Rettungswerk christlicher Kultur aufgerufen sind, auf den Kirchenraum, aufs ,, innerste Heiligtum" zurückziehen. Wo der Nationalsozialismus hin kam, hat er versucht, die Kirche dahin zu zwingen. Man mache aus der Not keine Tugend, noch eine neue Ideologie der Seelsorge! Die Kirche kann in keinem Fall aus der ihr aufgegebenen Verantwortung, für alle Bereiche der Gottes schöpfung durch religiös- sittliche Grundsätze zu wirken, entlassen werden und keine andere Instanz kann ihr diese Verantwortung abnehmen. Die Mahnung des Heiligen Vaters Pius XII. in seiner Ansprache an die Pfarrer und Fastenprediger der Stadt Rom( die Privataudienz fand zu Beginn der Fastenzeit 1946 statt) ist geeignet, jedweden Zweifel hierüber auszuschließen. Und es besteht der Satz des bekannten Soziologen G. Gundlach zu Recht, niedergeschrieben in schwerer Zeit der Bedrängnis der katholischen Kirche in Deutschland: ,, Nicht in konkordatären Abmachungen ist zuletzt, menschlich gesehen, das Leben der Kirche gesichert, sondern im einsatzbereiten und aufgeweckten Volk der Gläubigen das ist die Kirche auch." Das Schicksal des orthodoxen Schismas mag eine Warnung sein! Es gilt, ein mündiges Kirchenvolk im echten Pluralismus eines lebendigen Verbandswesens zur Mitverantwortung zu erziehen! 164 Der erste Teil der hier wiedergebenen Briefe ist im Internierungslager( Ilag) XIII- W ülzburg geschrieben; der zweite Teil im KZ Dachau. In beiden Lagern bestand strenge Briefzensur und Verbot, in Briefen etwas über persönliches Befinden und über Lagerzustände zu schreiben. Im KZ ist das Verbot naturgemäß härter gehandhabt worden. Schon bei geringen Verstößen wurde der Brief zurückgegeben oder er blieb ganz einfach unbefördert liegen. Außerdem durfte im KZ nur an eine feststehende Adresse geschrieben werden. Der Gefangene, der über das verbotene Thema besonderes sagen wollte, mußte ,, schwarz" schreiben, d. h. den Brief auf irgend eine Weise und durch irgendwen unkontrolliert hinausbringen. Möglichkeiten und Wege dazu waren zu finden. Obschon es riskant und unter Umständen mit schweren Strafen belegt war, haben es nicht wenige getan. Seltsame Zufälle ließen andere hereinfallen. Unter diesen Umständen konnte sich im normalen Lagerbrief von den düsteren Vorgängen und Verhältnissen im KZ so gut wie nichts widerspiegeln. Die hier wiedergegebenen Briefe sind ein Beleg dafür. Im übrigen war es dem einzelnen überlassen, im Rahmen des Erlaubten sich mit seinen Angehörigen auszusprechen. Unsere Briefe und Auszüge sind als Versuch eines Vaters zu werten, unter den obwaltenden Zwangsverhältnissen einen Austausch mit seinen im Studium befindlichen Töchtern zu pflegen. Persönliches Erlebnis und erzieherische Tendenz gehen darin inHinweise auf einander über und kennzeichnen ihren Charakter. Literatur und auf musikalische Lagerdarbietungen lassen erraten, daß da abseits von der SS ein Brünnlein sickerte, das zeitweise zu nutzen bis zu einem gewissen Grade jedem praktisch möglich war. - Ilag XIII, 13. 11. 1940 ... Hoffen wir das Beste und vergessen wir nicht, uns einzurichten für das Schlimmere. Ich sehe, wie unglücklich die Leute sind, die nur mehr auf ihre Entlassung warten. Man lebt ruhiger in den 167 schönen Vorwinter hinein, wenn man aufhört, daran zu denken. Auf meinen Rundläufen im Burghof erfrischt mich die herbe Höhenluft, entzückt mich die Bläue des Himmels und das Weiß der ziehenden Wolken. Im übrigen vertiefe ich mich in Puschkin, Lamartine, Balzac usw. Habe heute die Schwelle zum 63. Lebensjahre gesund und guter Dinge überschritten. Wir haben trotz allem Unglück der letzten Jahre Grund, dankbar zu sein, weil alles noch viel schlimmer sein könnte. Eine Geschichte von Lamartine ,, Der Steinbrecher von Saint Point", die mich wundersam berührte, brachte es mir erneut zum Bewußtsein... Men: keit feier ins Erin Pau Büc ... Ilag XIII, 5. 1. 1941 Zwischen Ausflügen in den tiefen Schnee( Schneeschippen) lese ich zur Zeit mit hohem Genuß die Briefe von ,, Abaelard und Heloïse"( 12. Jahrh.), fand dieser Tage auch einen vergilbten Band Adolphe Monod( 1802-1856) ,, Sermons choisis". Sein Vater Jean Monod war Pfarrer in Kopenhagen und Paris, 4 von dessen 8 Söhnen wurden Pfarrer. Adolphe war es in Genf, Neapel, Lyon, dann Professor in Montauban und starb als Pfarrer der reformierten Gemeinde in Paris, Seine Predigten und Erwägungen sind geistvoll. Im Porträt glaubt man bekannte Züge zu sehen. Wie klein ist doch die Welt!... durc ist fram neu lich Ron den Sch ich wa Em unc Ilag XIII, 5. 2. 1941 ... Morgen gehen wieder welche von uns heim. Der Rest ist nur mehr ein kleines Häuflein, das seine Hoffnungen wachsen sieht, wie das Licht des Tages. Dennoch scheint mir Geduld nach wie vor die beste tugendliche Ausrüstung. Inzwischen habe ich mich in Dickens hineingelesen. Welch eine Freude! Wie echt sind seine Gestalten und wie köstlich sein Humor. Er ist in seiner Autobiographie so ernst wie Lamartine, und so froh wie ein Kind. In den bunten lebenswahren Typen habe ich der Reihe nach bald an das eine, bald an das andere von Euch denken müssen. So seid Ihr mir, Ihr und Eure Geschwister, die tote Mutter und ihre Helferin, auch in der fremden Literatur gegenwärtig. Man kann mit Dickens' 168 hab neh Sch hä All Erl für Eu Menschen weinen und lachen. Gebe Gott, daß uns allen die Fähigkeit zu beidem erhalten bleibt... Ilag XIII, 24. 4. 1941 ... Wie schön, daß Ihr den Gedenktag des 5. Mai mit mir gefeiert habt. Da wir an Fernwirkungen der Seele glauben, die auch ins Jenseitige hinüberreichen, wird Eure tote Mutter an unserem Erinnern irgendwie teilgenommen haben... An Büchern las ich Paul Bourget: ,, Le Disciple". Wie schade, daß ich so spät an solche Bücher komme, die früher mit Euch und Euren Geschwistern durchzusprechen von großem Gewinn gewesen wäre. Das Buch ist quälend und doch durchaus positiv... Das erste Paket vom französischen Roten Kreuz ist gekommen, das einzige, das uns in neun Monaten zuging. Es kam von Aleppo. Habe wieder Herrliches gelesen: ,, Les amants du lac", von Albert Cahuet. Es ist der Roman über Lamartines tiefstes Erlebnis. Danach begreift man den schmerzgeborenen Gehalt seiner Dichtungen und Erzählungen. Schauplatz der lac du Bourget und Chambery. Wie sehr wünschte ich, daß Ihr beide Lamartine lest und an seinen Gestalten seelisch wachsen könntet. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie fein ich ihn empfinde. Der Schöpfer alles Schönen, Guten und Edlen segne Euch und erhalte Euch ein aufnahmefähiges Herz!.. Dachau, 3 K, 27. 7. 1941 ... Ihr werdet in Schmerzen auf Nachricht von mir gewartet haben und betrübt sein. Und doch bitte ich Euch: Seid tapfer und nehmt mit mir diese neue Prüfung auf Euch. Haltet gut zusammen. Schreibt mir im Rahmen dessen, was möglich ist, über Eure Verhältnisse und wie Ihr Euch einrichtet. Nur das interessiert mich. Alles andere nicht... Bemüht Euch weiter nicht;" das meiste zur Erleichterung und vielleicht Abkürzung kann ich selbst tun. Betet für mich, wie ich es auch tue ohne Unterlaß für Euch... Dachau, 3 K, 10. 8. 1941 ... Es ist für mich eine große Beruhigung und ein Trost zugleich, Euch so tapfer und berufsfreudig zu wissen. Leider muß ich Euch 169 wieder betrüben. Wie Ihr aus der beigelegten Mitteilung erseht, unterliege ich verschärften Haftmaßnahmen. Lest die Mitteilung genau durch und richtet Euch danach. Mein nächster Brief an Euch wird erst in einem Vierteljahr sein können. Es ist schmerzlich für Euch wie für mich, so lange nichts voneinander zu hören, indes wiẞt Ihr, daß ein Vaterherz nie aufhört, an seine Kinder zu denken. Ich habe Euch im Geiste Eurer in Gott ruhenden Mutter immer vor mir und auch Eure fernen Geschwister. Ihr zumal, die Ihr die schwere Prüfung mit mir tragt, werdet auch meiner gedenken. Lest das geistige Testament Eurer verstorbenen Mutter öfters durch und haltet Euch daran. Es möge Euch durchs Leben geleiten, wenn es mir und so lange es mir nicht vergönnt ist, Euch beizustehen. Ihr habt mir wacker und liebevoll geholfen, das Jahr der Internierung gut zu überstehen; tut es nunmehr geistigerweise in der beginnenden Zeit. Gottes Vorsehung stehe Euch zur Seite und sei Euch Trost und Stärke!.. - Mitteilung Ich unterliege den verschärften Haftmaßnahmen im Lager. 1. Ich darf im Vierteljahr nur einen Brief empfangen und schreiben. 2. ich darf im Vierteljahr nur 10.- RM empfangen 3. der Empfang jeglicher Pakete ist verboten. - - - Dachau, 3 K, 3. 2. 1942 Heute sind es genau 3 Monate, seit ich Euren.letzten Brief erhielt abgesehen von dem überraschenden Weihnachtsgruß, der mir so große Freude bereitet hat. Ich bitte jeden Tag darum früh und spät, daß es Euch und Euren Geschwistern gut gehen möge, daß Euch das Licht des Glaubens erhalten bleibe und Ihr wachsen möget am Körper gesund, wie an Geist und Seele. Der Neujahrsspruch, den Ihr mir zugerufen, umschreibt sehr schön Trost und Hoffnung, die uns verblieben. Unser gemeinsamer Vater hat unseren Kalender für das laufende Jahr aufs genaueste gemacht, und wir überlassen alles getrost seiner gütigen Anordnung. Wie er es tut und geschehen läßt, ist es gut getan. In dieser Gesinnung erwarte ich die Zeilen, die mir von Euch und Eurem Leben berichten... 170 2 f r 1 =, 1 d d S Dachau, 3 K, 28. 2. 1942 ... Nun können wir ja regelmäßig zweimal im Monat Austausch miteinander halten. Ich bin darob über alle Maßen froh. Alles, was Euer Leben, Denken und Tun ausmacht, bewegt mich jederzeit. Wie gerne würde ich Ch. in der Bibliotheksarbeit helfend unterstützen. In der Frage, was Arbeiter und Angestellte in der Literatur interessiert und warum das so ist, darüber habe ich auf Grund langjähriger Beobachtung einige konkrete Erfahrungen gesammelt, aber darüber müßte man sich aussprechen können, schriftlich geht das nicht. Wenn Du, liebes Kind, mit wachen Sinnen und hellen Augen in Deiner Arbeit stehst und Liebe zur Sache hast, wirst Du nach und nach schon das Richtige treffen. Mit H. müßte ich mich erst recht aussprechen, welchen Beruf sie ergreifen könnte. Nach den Lagerbestimmungen geht es wohl nicht. So muß sie sich eben weiterhin zwischen Kochtopf, Stubendienst, Haushalt und Professor Bertrams Literaturvorlesungen durchwürgen in der Hoffnung, daß es irgendwann andere Möglichkeiten geben. könnte... Dachau, 3 K, 28. 3. 1942 ... Ich bin sehr froh, daß wir uns über die Grundlinien Eures Studienplanes verstehen. Habe inzwischen mit Vätern gesprochen, die ebenfalls Töchter im Studium haben und hatten. Alle betonen die absolute Notwendigkeit praktisch verwertbaren Könnens neben dem theoretischen Studium, z. B.: Sprachen, Stenographie in Fremdsprachen, Maschinenschreiben. H. soll damit sofort beginnen und kursusmäßig und Ch. sollte in Abendstunden etwas zulernen. Haltet mich auf dem laufenden über die Meinung der befreundeten Familien zu Eurem Plan... Morgen werdet Ihr Palmzweige holen und dann rüsten auf das Osterfest. Erinnert Euch, wie es früher war, als wir noch alle beisammen waren, und seht zu, was am ehrwürdigen Brauch noch möglich ist. Allen wünsche ich ein tiefinnerliches Fest der Auferstehung... Dachau, 3 K, 22. 4. 1943 ... Gründonnerstag. Soeben holte ich Euer Osterpaket ab, das 171 eigentliche mit den bunten Eiern und der Osterkarte. Wir halten Osterputz, das erinnert mich an die Kartage daheim, wenn Mutter und K. überall herumwirtschafteten und man nicht wußte, wo man sich lassen sollte... Karsamstag abends! Das Alleluja ist gesungen, und die Osterkerze brennt und leuchtet. Besonders reich bedachte Kameraden haben Ostergeschenke für weitere kranke, verlassene und mittellose Kameraden möglich gemacht... Dachau, 3 K, 5. 6. 1943 .. Das Verzeichnis der Vorlesungen, Seminare, Kurse, die Ihr belegt habt, hat mich besondere interessiert. Ch's literarischer Magen scheint danach allerhand Gemüse verdauen zu müssen, indes H., abgesehen von Kant, einen mehr genießerischen Teil erwählt hat. Hauptsache ist: daß diese mehrfache Belastung Euch nicht gerade umbringt, daß Ihr Freude am Studium behaltet und nicht zu vergessen die inneren Gleichgewichtskräfte in Euch wahrt, damit Ihr vom Schicksal des Fräuleins Torsen in Knut Hamsuns ,, Letzte Freude" bewahrt bleibt. Ueber diesen Typus eines verunglückten Frauenstudiums, der mir da begegnete, bin ich ordentlich erschrocken, eben darum, weil es sich nicht nur um eine literarische Figur handelt. So etwas gibt's wahrhaftig im Leben. Ihr lest auch Grillparzer, schön. Das wenige, das ich von ihm kenne, seine schicksalsherbe Art und sein unbedingter Glaube an die Existenz einer alle verpflichtenden moralischen Welt- und Schöpfungsordnung gefallen mir. Von ungefähr geriet ich an Hermann Hesse: ,, Der Steppenwolf". Ich brachte es nicht fertig, die Sache zu Ende zu lesen, so verbogen, fremd und krank kam sie mir vor. Ein amüsanter Film wurde uns gezeigt. Das Schönste daran waren die Landschaftsbilder. - Dachau, 3 K, 17. 7. 1943 .. In der Bonner Buchgemeinde ist eine Lebensbeschreibung der heiligen Hildegard von Bingen erschienen( W. Hünermann: ,, Das lebendige Licht"). Wenn die Darstellung anfangs auch etwas kindlich anmutet, so finden sich in dem Buch doch allerlei be172 merkenswerte Einzelheiten über Zeit und Persönlichkeit dieser großen Seherin und Bekennerin, Aebtissin und Aerztin des 13. Jahrhunderts. Sie war eine wirklich große Frau, Patronin und Gründerin des Klosters von Eibingen, wo H's. Patin ist. Man muß das Buch bis zu Ende lesen.... Dachau, 3 K, 31. 7. 1943 ... Daß es ,, katholische Protestanten" wie auch ,, protestantische Katholiken" gibt, ist eine Formel, zu der man ,, ja" und ,, nein" sagen kann, je nach dem, was man im einzelnen darunter versteht. Ein Einblick in die Probleme, die dahinter liegen, geben die bereits 1917 veröffentlichten 95 Thesen von H. Hansen. Sie bilden die Grundlage der von Friedrich Heiler geleiteten sogenannten ,, hochkirchlichen Bewegung". Dabei geht man von der Erkenntnis aus, ,, daß eine Reform der alten Kirche damals wohl notwendig war, daß aber die geschehene verfehlt ist, und daß Katholizität zur Kirche Christi schlechthin gehöre"( Satz 10). Aufgefallen sind mir beim Lesen noch insbesondere die Sätze 9, 22, 36, 39, 48, 49, 59 ff. und 81.... Neben allabendlichen Spielen guttränierter Fußballmannschaften sah ich 2 Filme, wovon der eine mit Teilen der 9. Symphonie Beethovens und dem Chor von Händel ,, Tochter Sion"... sehr schön war. Sogar ein Balladenabend wurde improvisiert! Dennoch: meine Gedanken sind immer bei Euch, Euren Geschwistern und bei denen, die von uns gegangen sind. Heute sind es genau drei Jahre, seitdem wir getrennt worden sind. Ein Erinnerungstag eigener Art. Wie gut ist es, daß wir mitunter nicht einmal a hnen, geschweige denn wissen können, was uns der Zukunft Schleier verborgen hält... - Dachau, 3 K, 14. 8. 1943 Was mich persönlich angeht, so habe ich jetzt das Gefühl, als ob ich Euch schon halb verloren hätte und als ob damit die letzten Blätter von meinem Lebensbaum herabwirbelten. Ueber das Los der ,, Alten" hat der Vater von Mme. de Staël, Necker, Gedanken niedergeschrieben, die für alle Zeiten gelten dürften. Ich las sie und sie wollen mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn. 173 Sie begründen unter anderem das Einsamwerden aus dem Grunde, weil„die Jugend eben dem entgegenläuft, von dem die Alten zu- rückkommen”. Es gibt indes auch ein wohlgesegnetes Alter, wie es ein: Sterben gibt zur rechten Zeit. In beiden ist Gnade... In diesem Monat jährt sich wieder der Tag unserer Trennung. Eine Unsumme von schmerzlichen Erfahrungen, seltsamsten Fügungen und tröstlichen Wendungen schließen die drei Jahre in sich ein! Wahrhaftig: keine verlorene Zeit! Dachau, 3K, 18. 9. 1943 ... Lese zur Zeit Isolde Kurz:„Vanedis”, Schicksalswege einer Frau, ein geistiges und ein reines Buch, mit etlichen bizarren Aus- ladungen, aber im Kerne gut, voller Lebensweisheit und guter Sentenzen! Und ein französischer Roman„Les hommes de la route” machte mir Freude. Das sind die Menschen, die wir in Venthon und in Ugines sahen: einfach, schlicht, mit ihren kleinen und gro- Ben Kümmernissen.— Kennt Ihr die Briefe von Wilhelm von Humboldt an eine Freundin(1814-1834)? Schön, in Wesen und Art, dieser durch 20 Jahre hindurch währende geistige Austausch des älteren Mannes und Vaters mit einer Frau und Jugendfreundin. Menschen wie Humboldt sind wirklich gute Geister, und die Zeit, die sie möglich machte, war eine wahrhaft große Zeit. Ich werde noch darauf zurückkommen...| ka Dachau, 3K, 16. 10. 1943 ... Ein geregeltes Studium ist in unruhigen Zeiten das einzige Mittel, das innere Gleichgewicht zu erhalten. Wenn ich bedenke, warum und in welchem Maße das einem Manne wie Wilhelm v. Humboldt in den umwälzenden ersten Jahrzehnten des 19. Jahr- hunderts gelungen ist, so haben. wir da ein selten gutes Vorbild vor uns. Die Lektüre seiner Briefe war für mich eine Ueber- raschung. Ich fand da Erkenntnisse, Empfindungen und Erfah- rungen niedergelegt, die mir zeitlebens vertraut waren; dabei denke ich nicht zuletzt an die Art, wie er Leid, Schmerz, Schick- salsschläge aufnahm und einbaute in die Ordnung des Lebens, wie er die innere Verbindun 174 sg von Natur und Leben, Irdisches und Ueberirdisches, Leben und Tod geschaut hat. Was er über Bildung, Charakter, Sittlichkeit, über Lebensfreude und die Erhaltung des seelischen Gleichgewichts und über Religiosität und Christentum sagt, ist so ausgezeichnet, wahr und fein gesehen, daß ich staunen muß, wie wenig er genannt und zitiert wird. Sein Büchlein scheint mir ein zuverlässiger Helfer zur Selbsterkenntnis und Selbsterziehung zu sein. Ich denke so oft darüber nach, wie ich Euch, wenn auch in der Trennung, in Eurem Streben nach geistiger Formung wenigstens hinweisend helfen, d. h. als Vater auch etwas nachholen könnte. Es ist wohl providentiell, daß ich es unter den heutigen Umständen versuche, wo ich alles gelassener empfinden kann als früher. Nicht, als ob ich etwa lebensmüde geworden wäre, o nein! Da fühle ich mich ganz eins mit H.:,,Ueberd ruẞ am Leben, Stumpfheit an seinen Freuden, Wunsch, daß es enden möge, haben mit meiner Einsamkeit nichts gemein". Wie gesund, diese Lebensauffassung! Man könnte aus H's. Briefen ein Betrachtungsbüchlein zusammenstellen, das am Ende neben Franz v. Sales einen Platz fände. Jedenfalls, viel von dem, was ich Euch und Euren Geschwistern auf Euren Lebensweg zurufen möchte, ist hier gut gesagt. Wir nähern uns Allerseelen, und da finde ich gerade bei ihm die schöne Stelle: ,, Da der Gedanke an die Verstorbenen mit allem dem zusammenhängt, was sie im Leben umgab, so sind sie, statt vom Leben abzuführen, vielmehr immerfort Verknüpfungsmittel mit demselben. Es gibt in jeder Lage noch immer Gegenstände, an welchen man sich die Verstorbenen als teilnehmend vorstellen kann." Denkt auch daran, wenn Ihr an Allerseelen an unseren Gräbern steht. Im Geiste gehe ich mit Euch... Dachau, 3 K, 30. 10. 1943 Was den ärztlichen Beruf angeht, so denke ich sehr hoch von ihm, d. h. vom Arzt, was mehr besagen will, als bloẞ ,, Mediziner" sein. Du wirst hierüber Ausgezeichnetes finden in dem Buch von Paul de Kruif: ,, Kämpfer fürs Leben".( Von großen Naturforschern und Aerzten.) Lies es! Und nun: Gott befohlen 175 zum Beginn! Von dem großen Humanisten, dem Basler Jakob Burckhardt, las ich noch ,, Die Kultur der Renaissance in Italien", wie ich glaube, mit Nutzen. Wie wenig weiß man doch, trotz relativ langem Leben! Und immer staunt man aufs neue vor der Entdeckung: Alles, aber auch alles schon dagewesen!... Dachau, 3 K, 13. 11. 1943 Sie gehören beide zu der Familie, von der ich bestimmt annehme, daß sie den Sinn für vergangene Tage und das Andenken an die Menschen in ihr treu zu bewahren versteht. Den Sterbetag des 1. Dezember werdet Ihr in pietätvoller Erinnerung begehen. Ein Mensch zeigt, was er ist, in dem, was er nicht vergiẞt! Ihr habt eine gute Mutter gehabt; sie hat für ihre Kinder und für mich mehr getan, als Ihr wissen könnt. Der einzig ausreichende Trost für ihren frühen Heimgang ist wohl in dem Hinweis auf die Dinge gegeben, die danach kamen. Die Sorge um uns alle hätte sie zerbrochen. So war es doch jene große Gnade, die allen innerlich Vollendeten zuteil wird, daß sie früher sterben konnte. Sie hätte auch so sprechen können, wie die Mutter in dem bezaubernd schönen Büchlein des Chinesen Cheng Tscheng ,, Meine Mutter"( aus dem Französischen mit einem Vorwort von Paul Valery, 1929): ,, Um groß zu sein, muß man leben und leiden. Wenn Ihr am Ende des Lebens und auf dem Gipfel des Leidens sein werdet, dann werdet ihr groß sein!" Ich höre jetzt hie und da und im Krankenbau ganz feine Kammermusik eines ausgesucht guten Quartettes( Schubert, Mozart, Beethoven) und finde dabei bestätigt, daß die Musik, mehr als jeder andere Kunstzweig, den Charakter einer Zeitepoche angibt! Welch eine Wandlung seitdem! Und es geht dabei um mehr als um den Geschmack!... Nein, am Gedenktag ist man nicht allein. Es gibt Kameraden, die daran denken. Einige Einfälle waren wirklich drollig und originell. Schließlich: je bedürfnisloser man wird, um so größer die Freude... - Dachau, 3 K, 11. 12. 1943 Meine Literaturhinweise sollen keine schulmeisterliche Tendenz haben, sondern jeweils Ersatz sein für geistigen Austausch und 176 EIER EEE ein Versuch, auf diese Weise Euch dienlich zu sein. Ich möchte so gerne, daß Ihr Eure besondere„Adventszeit” gesund an Leib und Seele durchlebt! Die Zeit scheint mir so wirklich schwer zu sein für junge Menschen in Eurer Lage... Und nun stehen wir mit dem 3. Adventsonntag bereits in der Vorfreude von Weihnachten. Ihr werdet das Fest nicht mehr einsam feiern, denn Ihr seid nicht mehr allein und glücklich umfangen von liebenden Familien. Gebt nur acht, daß das in göttliches Geheimnis eingetauchte Fest für Euch nicht bloß ein äußerliches werde, sondern ein wahrhaft inner- liches, frohes und gnadenreiches. Gedenkt in Treuen Eurer Ge- schwister, von denen das eine oder andere die Tage vielleicht weh- mütig verbringen mag. Mutters Segen wird über Euch allen stehen! Traumhaft rasch ist dieses Jahr vergangen und doch war es, zumal für Euch, voll ernster und seliger Spannung und Entschei- dung... Was mich selber angeht, so seid unbesorgt! Wenn die Jahre der schweren Schicksalsschläge eines in mir gefestigt haben, so die Ueberzeugung, daß letztlich doch alles zur Bereiche- rung und Vervollkommnung unseres Charakters beiträgt. Und kann es etwas Beglückenderes geben als das Gefühl, trotz steigender Altersjahre dennoch weiter zu wachsen an Erkenntnis und an Ein- sicht, sowie an Kraft, über sich selbst hinauszukommen. So lösen und verflüchtigen sich Unruhe und Bitterkeit. Von unserem großen Landsmann Albert Schweitzer, dem Orgelkünstler, Theologen und Urwaldarzt, stammt der schöne Ausspruch, den wir wohl alle als Leitgedanken annehmen können:„Als Wirkende und als Leidende haben wir die Kraft von Menschen zu bewahren, die ihrem Dasein einen Sinn gegeben haben, und danach zu streben, zum Frieden durchzudringen, der höher ist als alle Vernunft!”(Schlußsatz seiner „Selbstdarstellung”). Wirkende und Leidende sind wir allzumal. Wenn nur unser Schaffen jederzeit seinen höheren Sinn behält. Wenn wir wieder schreiben dürfen, hat das neue Jahr bereits be- gonnen, von dem man ahnt, daß es Entscheidungen von größter Tragweite und tiefster Tragik in sich schließen könnte. Denkt daran im Uebergang, wie ich dankbaren Herzens, aufwärts- blickend, auch Eurer in Liebe gedenken werde... 12 Joos, Leben Dachau, 3 K, 1. 1. 1944 Alle Pakete waren rechtzeitig da und so reich, daß man, ohne sich selbst zu vergessen, an die verlassenen Kameraden denken konnte. Allenthalben wurde dafür gesammelt und mit respektablem Erfolg. Und so konnten vor allem Kranke und besonders Bedürftige bescheert werden. Die Kameraden rückten am Heiligen Abend zusammen, geschmückte Christbäumchen, Lieder und etwas Musik auf allen Blöcken auch das Kirchliche war mir möglich. Wie schade, daß Ihr den Heiligen Abend nicht miteinander dort verleben konntet. Vielleicht geht es an Silvester, was allerdings nicht das gleiche ist. Im Blütenregen der Erinnerungen von Weihnachten liegen Friede und Herzensfreude beschlossen, während im Lärm eines Silvesterabends die dunkle ,, Frage an das Schicksal" und etwas Beklommenheit steht. Weihnachten ist ein offenes Tor, Silvester ist verschlossen. Möchte das kommende Schicksalsjahr uns gnädig bedenken! Es möge uns keine unheilbaren Wunden schlagen! Was ich meine, ist das: aus dem Fleische kann man Wunden herausschneiden, aber es ist viel schwieriger, sie aus dem Geiste zu entfernen, und fast unmöglich, sie aus der Seele zu lösen. Davor bewahre uns der gütige Gott, der die Welt in seinen Händen hält! Zum Silvesterabend hörte ich eine geistliche Konzertstunde für Orgel, Violine, Cello und Chor. Hirtenlieder von Bach und Cornelius. Indes mein Gemüt sich erhob, weilten meine Gedanken bei Euch und den Unseren... ... 1 - Dachau, 3 K, April 1944 Zur Ausfüllung von Lücken las ich Hebbel in seinen Briefen und Tagebüchern. Sehr interessant, aber- infolge der sich häufenden Widersprüche im Menschen und Dichter H.( und man kann sie doch nicht voneinander trennen) blieb ich in der Mitte stecken. Die Loslösung von Luise Lensing kann ich beim besten Willen nicht als ,, Mut zur klaren notwendigen Entwicklung und natürlichen kräftigen Sinnlichkeit" ansehen; schon eher als bekannte, sehr häufig sichtbare Scheu vor letzter Verantwortung. Ob die nachfolgenden Werke des Dichters das wirklich ausglei178 C D V P a E F t b chen?... Ich verstehe Eure Müdigkeit und wandere in Gedanken mit Euch durch die zerstörten Gebiete. Es wird noch schlimmer werden! Wohl dem, der sich in diesen Tagen in Gottes Schutz weiß und nicht aufhört zu glauben und zu vertrauen... Das Bild Unserer Lieben Frau glaubte ich zu sehen, zart und wie auf Goldgrund gemalt, als ich anläßlich eines musikalischen Probeabends wieder einmal das einzig schöne Wiegenlied von Reger hörte: ,, Maria im Rosenhag". Zugleich wurden zwei Quartette von Beethoven und Schubert stimmungsreich wiedergegeben. Da Bücher die Freude meiner freien Stunden sind und unsere Lagerbibliothek wirklich gut ist, konnte ich in der Zwischenzeit wieder Schönes lesen. So bin ich etwas vertraut geworden mit dem Leben, Denken und Sterben von Sokrates. Wie weit vorgedrungen war doch die Weisheit der Alten in der Erfassung der Welt ewiger Ideen, und wieviel an ethischen Werten war vorgebildet, bis in Christus die volle Wahrheit aufging! Am tiefsten ergriffen mich die letzten Gespräche des Sokrates mit seinen Freunden. Erhaben und groß... - Dachau, 3 K, den 6 Mai 1944 ... Gott sei Dank, daß Ihr beide heil geblieben! Ich warte in Schmerzen auf Einzelheiten. Da man nicht weiß, wie lange noch vor Eurer Hochzeit eine normale Korrespondenz möglich ist, möchte ich Euch heute schon ein Besonderes sagen: Der Augenblick, da Ihr Euch vom Elternhaus löst, um mit Eurem Gatten ein eigenes Leben zu leben, ist hoch bedeutsam auch für mich. Zum ersten Mal schicke ich mich an, nach alter Väter Sitte, Euch zum beginnenden Leben zu Zweien die Hand aufzulegen und Euch aus der Kraft, die von oben kommt, zu segnen. Wie gerne hätte ich es mit Eurer verstorbenen Mutter zusammen getan, mit ihr, die wahrhaft groß und beispielhaft gewesen in der unwandelbaren Liebe zum Gatten und in der selbstvergessenen Hingabe an die Familie. Sie hatte, als Geschenk einer gesunden Natur, einen ungebrochenen Gottesglauben, eine tiefe Liebe zur Gottesmutter und ein lebendiges kirchliches Gemeinschaftsbewußtsein. Damit ver12* 179 band sie allezeit, über alle Mißverständnisse, die Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen des anderen. Um diese Gaben bitte ich für Euch. Daß Ihr Euch über alle Lebensdunkelheiten hinweg den Glauben und das Vertrauen zum Ewigen und Allgütigen bewahrt, der Gottesmutter von der Immerwährenden Hilfe stets nahe bleibt und Euch jederzeit mit der Gemeinschaft der Gläubigen, der Lebenden und Toten, verbunden fühlt! Und Ehrfurcht habt voreinander! Wie wahr und schön sagt es unser elsässischer Landsmann Albert Schweitzer in seinen ,, Jugenderinnerungen": ,, Sich kennen, will nicht heißen, alles voneinander wissen, sondern Liebe und Vertrauen zueinander haben und an den anderen glauben. Auch die Seele hat ihre Hülle, deren man sie nicht entkleiden soll. Keiner von uns darf zum anderen sagen: weil wir so und so zusammengehören, habe ich das Recht, alle Deine Gedanken zu kennen. Alles Fordern dieser Art ist töricht und unheilvoll. Hier gibt es nur Geben, das Geben weckt." Wahrt in geschwisterlicher Anhänglichkeit den Zusammenhang mit Euren Brüdern und Schwestern. Was immer Euch heilig gegolten, daran haltet fest und unter allen Umständen! Dann wird Euch vieles andere zufallen. Es segne und behüte Euch der Dreifaltige Gott, das Licht vom Himmel, das die dunkelste Nacht erhellt! 2. 5. Lese eben tief erschüttert Euren Brief vom 23. 4. Furchtbar, diese Unglücke, und rätselhaft! Und doch: Gott ist gut und nie gegen unser Heil! Tragen und vertrauen wir, wie Job es getan. - In Liebe und Treue Vater. - Dachau, 3 K, den 10. 6. 1944 Pfingstsonntag! Ein selten schöner Morgen. Rund um, im Blau verloren, trillern die Lerchen. Eben habe ich mich im Schott etwas eingefühlt in den Gedanken des lieblichsten aller Feste. Wie not tut uns allen die Durchwirkung des Heiligen Geistes, in seiner Gaben Zahl! Daß er wasche, was beflecket ist, heile, was verwundet ist, tränke, was da dürre steht, beuge, was 180 t 0 4 tt e. n as S - verhärtet ist, wärme, was erkaltet ist, lenke, was da irre geht! Alles, was ich für mich, für Euch, für die uns nahe sind, erbitte, ist hierin enthalten. Schade, daß meine Briefe so lange unterwegs sind. Was die erwähnten ,, Sorgen, Nöten und Aufgaben" angeht, so verstehe ich schon. Indes, liebes Kind, das alles gehört zum Leben. In der Art, wie wir damit fertig werden, zeigt sich, ob und was in uns ist! Also: Nur immer guten Mut. Dachau, 3 K, den 26. 8. 1944 ,, Es Ein blaẞblauer Sonntag steigt herauf. Wäre es ein Tag in friedvoller Zeit! Indes, der Weg bis dahin geht noch über manche Steilwand. Da man nicht weiß, wie lange die Briefe zur Zeit unterwegs sind, will ich heute schon an den Patronstag des 17. September denken. Von der heiligen Hildegardis las ich: schwankte ihr Leben zwischen Glück und Unglück, ohne im Glück übermütig zu werden, noch im Unglück zu verzagen. In allem behielt sie ein und dieselbe Zuversicht." So sollte man einmal von Dir, wie von uns allen sprechen können. Und merke Dir von ihr nur den einen Ausspruch und behalte ihn tief im Herzen: ,, Gott läßt niemanden zugrunde gehen, der auf Ihn vertraut." Er segne Dich und schenke Eurem Lebensbund frohes Wachstum in eine friedliche Zukunft hinein! Alle angekündigten Päckchen sind da. Ausgezeichnet. Nun bin ich gut eingedeckt. In hellen wie in dunklen Tagen Eurer treu gedenkend - - Vater. - NB. Ich mache darauf aufmerksam, daß jegliche Zusendung von Briefen, Geld, Bildern usw. in Häftlingspaketen, offen oder versteckt, verboten ist. Bei Zuwiderhandlungen wird künftig das betreffende Paket beschlagnahmt und gegen den Absender Strafanzeige erstattet. Dachau, 3 K, 24. 9. 1944 Wo, wann und wie wird dieser Brief Euch antreffen? Ich weiß es nicht. Dennoch schreibe ich wie immer, selbst auf die Gefahr hin, daß der eine oder andere der Briefe Euch nicht erreicht. Es ist eben so, daß ich in den Briefen zu Euch spreche, und das werde ich im Rahmen unserer Schreiberlaubnis unentwegt 181 weiter tun... Möglich, daß es für uns alle schwerer wird als bisher. Es ist gut, daß wir die Zukunft nicht durchdringen und nicht vor wissen können, denn dadurch müssen wir als lebendige Menschen um so notwendiger wachsen an inneren Seelenkräften und an vertrauender Hingabe. Schließlich steckt auch eine echte Wahrheit in Rilkes Sätzen über die Fruchtbarkeit von Zeiten der Trauer. Ich erwähne sie im Hinblick auf Eure Bemerkung über den oft ,, mangelnden Sinn dunkler Stunden": 99 , Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist."( Briefe an einen jungen Dichter.) Ich lese zur Zeit Newmans Geschichte seiner religiösen Entwicklung( Apologia) und kann wiederholen: Alles, was er denkt und schreibt, erscheint mir wertvoll und Gewinn. Dann kommt Huizinga ,, Erasmus" an die Reihe, worauf ich mich schon im voraus freue, weil er unter den Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts eine geistige Mitte zwischen Tradition und Neuschöpfung vertrat. Ihr müßt bei Euren historischen Studien darauf gestoßen sein. Mit Euch gedenke ich all derer, die vom Leid getroffen sind Vater. Dachau, 3 K, den 7. 10. 1944 Ich kann mir Eure Lage und alle Sorgen vorstellen. Wenn ich Euch nur einen Teil davon abnehmen könnte! Ich verstehe auch, daß Eure nun seit Jahr und Tag ununterbrochen beanspruchten Nerven zur Zeit eine schwere Belastungsprobe durchmachen. Und doch, seid gewiß: Ihr werdet sie bestehen, wenn mit der wachsenden Gefahr Euer Gottvertrauen zunimmt, denn solches Vertrauen allein vermag uns aufrechtzuhalten, und gerade dann, wenn unsere nur zu begreiflichen Wünsche unerfüllt bleiben, das Gegenteil eintritt und alle sonstigen Stützen brechen. Schließt, bitte, diese Erkenntnis etwas stärker in Euer Denken und Fühlon 182 ein, denn die damit verbundene Wahrheitswelt ist wesentlicher Bestandteil der geistigen und praktischen Existenz des christlichen Lebens. Das Buch von Huizinga über ,, Erasmus von Rotterdam" hat mich stark angezogen. H. sieht ihn als äußerst komplizierte, als tragische Natur. Jedenfalls gehört er als Humanist in sehr bewegter Zeit zu der ziemlich seltenen Gruppe derjenigen Menschen, die zugleich unbedingte Idealisten und durchaus Gemäßigte sind. Beide Eigenschaften in einem Charakter vereinigt, das gefällt mir, und darum mein besonderes Interesse für ihn. - - Wir hörten wieder einmal nach langer Pause klassische Musik: Borodin, Mozart, Dvorak ein Sonnenstrahl huschte über den Alltag. Trotz der dreiwöchigen Reise erhielt ich heute, da ich diese letzten Zeilen schreibe, das in Eurem Brief erwähnte Paket Nr. 12 als eine höchstwillkommene Gabe. Ich verbinde mit diesen Zeilen die Hoffnung, daß Ihr die bisherigen furchtbaren Tage glücklich überstanden und vielleicht in der Nähe unserer Gräber bleiben könnt, damit sie zu Allerseelen nicht so vereinsamt und ungepflegt bleiben. Im Gedenken an Mutter und an unsere Toten alle Vater. - ... Dachau, 3 K, den 22. 10. 1944 Heute, da ich diesen Brief beginne, ist ein voller Monat vergangen, seitdem Ihr den gemeinsamen Brief geschrieben, den letzten, den ich von Euch erhielt. Seitdem habe ich nichts mehr von Euch gehört. Ich selbst schrieb unter dem 24. 9. Dennoch hoffe ich zuversichtlich, daß Ihr auch in den schrecklichen Gewittern der letzten Wochen heil geblieben seid. Wahrscheinlich habt Ihr geschrieben und Euer Brief hat mich noch nicht erreicht. Wie dem auch sein und werden mag, für uns schickt sich nur eins: zu bitten um die Kraft, das zu tragen, was uns auferlegt ist. In diesem Sinne habe ich die Texte der Messe des heutigen Sonntags aufgenommen. Neben dem frühen Sterben von Professor Donders- Münster beklage ich betrübten Herzens den Tod des guten - 183 Gesellenvaters Hürth, der nach Zeitungsnotiz am 27. 9. in Köln getötet wurde. Um mich abzulenken, las ich u. a. den 460 Seiten starken Wälzer über den Archäologen Theodor Wiegand, den erfolgreichen Ausgraber und Schöpfer des Pergamonmuseums. Sohn eines kurhesvon sich sischen Vaters und einer rheinischen Mutter, hat er gesagt, er habe zu einer bestimmten Zeit das Gefühl gehabt, innerlich ärmer geworden zu sein, seit er die von der rheinischen Mutter ererbte romantische Natur in sich zu überwinden gesucht habe. Da dachte ich an Euch. Auch Ihr habt ein solches Muttererbe in Euch. Wahrt es Euch und hütet Euch sowohl vor Verzweiflung wie vor Versandung! Im Andenken an die Toten unserer Familie, mit innigen Wünschen für Eurer und Eurer Geschwister Wohlergehen Vater. Dachau, 3 K, den 4. 11. 1944 1. November Allerheiligen. Ein Sonnenstrahl bricht durch das graue Gewölk, da ich diese Zeilen schreibe. Erinnerungen steigen auf. Ich sehe mich mit Jugendfreunden im Gedränge auf den Friedhöfen unserer elsässischen Heimat, wandernd von Grab zu Grab, ein Meer von Lichtern und Kränzen. Noch spüre ich den Duft der Astern. Später, wie wir jeweils zusammen mit Mutter auf den Nordfriedhof pilgerten zu Großvaters Grab. Vorbei, alles dahin, und ich kann mir die verwüsteten und verwaisten Gräber vorstellen. So wandern wir denn in Erinnerungen weiter vcn einem Grab zu anderen, halten Zwiesprache mit unseren Toten und bitten ihnen ab, was wir verkehrt getan. Vergeßt es nicht im Euren Brief vom 5. 10. habe ich am Monat der Armen Seelen! - 24. 10. glücklich erhalten. Von Nickel und Bern hörte ich schon, ¹) 1) Gemeint sind Nikolaus Groß, Köln, Schriftleiter der ,, Ketteler Wacht" und Bernhard Letterhaus, Köln, Verbandssekretär der Katholischen Arbeitervereine Westdeutschlands; beide im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet. Näheres in den Erinnerungen des Gefängnisgeistlichen Pfarrer Buchholz. 184 E m 0 S g I An einem Probeabend hörten wir in wundervoller Einheit Beethoven: Die Serenade Op. 25 für Violine, Viola und Flöte ( himmlisch!), das Streichquartett Op. 18/4 und 2 seiner Lieder. Die musikalische Einführung umschrieb in Anknüpfung an das Motto ,, das Romain Rolland seinem Beethoven- Büchlein vorangesetzt hat, sehr fein das metaphysische Ethos der Musik Beethovens. Der Text des Liedes ,, Ich liebe Dich" ist ja mehr Gebet als Liebesgedicht und inhaltlich so, daß junge Eheleute( und ältere nicht minder!) sich den Wortlaut immer vor Augen und in ihr tägliches Memento mit hineinnehmen sollten. Denn: es kommt, früh oder spät, für alle einmal die Zeit, da man unendlich bedauert, jemals und irgendwann vergessen zu haben, so daß man sich von der Geheimen Offenbarung( 2. 2 ff) sagen lassen muß: ,, Ich weiß, daß Du das Böse nicht leiden magst, aber das habe ich gegen Dich, daß Du in Deiner Anfangsliebe nachgelassen hast!" Wo immer Ihr Beethovens Lied hört, nehmt es auf und laẞt Euch von ihm ermahnen und erheben. Gott segne Euch und erhalte Euch Vater. - Dachau, 3 K, den 10. 2. 1945 - Was ... Mein letzter Brief ging offenbar ins Leere. Leider. soll ich sonst sagen? Unser persönliches und familiäres Schicksal ist nur eines unter Millionen! Und es gibt Augenblicke, wo wir blitzartig erkennen, wie gnädig es trotz allem noch mit uns war, im Vergleich zu anderen. Sicher ist Euer Leben zur Zeit ,, bewegter" als das meine, aber wir stehen dennoch in derselben Unsicherheit, nicht wissend, was morgen sein wird. Wenn ich das ruhigen Sinnes niederzuschreiben vermag, so einzig darum, weil ich unbedingt und restlos mich Dem anheimgebe, dessen Existenz und Walten ich mehr denn je sehe und erfahre! Und ich glaube daher buchstäblich, was der Psalm( 90) im kirchlichen Abendgebet verheißt: ,, Mit einem Schild umgibt dich Seine Treue, du brauchst nicht fürchten nächtlich Grauen. Und sinken Tausend nieder dir zur Linken..." Mit innigem Dank für Anweisung und Päckchen Vater. 185 Dachau, 3 K, den 3. 3. 1945 ... Heute, da ich diesen Brief beginne, ist der 20. Februar, der Geburtstag unserer Aeltesten. Ihr staunt, daß ich es weiß und daran denke. Dabei bringe ich so ziemlich alle Eure Geburtsdaten zusammen, nur bei zweien bin ich etwas unsicher... Heute morgen lag der arg strapazierte Brief von P. auf meinem Tisch. Man freut sich über jede Zeile, auch wenn sie verspätet kommt. P. konnte ja nicht annehmen, daß seine Weihnachtsgrüße fast gar Osterwünsche enthalten konnten. Allen Postsachen aus der betreffenden Gegend ist es so ergangen. Freuen wir uns, daß und solange uns überhaupt noch etwas erreicht! Auch das wird eines Tages nicht mehr sein. Wir sollen darum um so eindringlicher aneinander denken, denn: auch Gedanken und Empfindungen übertragen sich und werden auf geheimnisvolle Weise irgendwie wirksam.( Vom Gebet, das auf einer anderen Ebene liegt, nicht zu reden.) Eben habe ich die Lektüre eines Romans beendet, den ich in Hand und Herz jedes einzelnen von Euch wünschte, weil er eine überaus gesunde Philosophie über Leid und Tod enthält: ,, Le sens de la mort", Sinn des Todes, aber der Inhalt sagt ebensoviel vom Sinn des Lebens. Beides ist ja nicht voneinander zu trennen Es scheint, als ob die dem Roman zugrunde liegende positiv gläubige, literarisch künstlerische Richtung sich weiterpflanzen würde, wenn, wie man jüngeren Intellektuellen abliest, Charles Peguy heute im Mittelpunkt steht. P. hat in Dichtung und Prosa Dinge von höchster Feinheit geschrieben. Seine kleineren Schilderungen von Land und Leuten erinnern mich lebhaft an manche über Scholle und Reben gebeugten Männer und Frauen der Savoie. Daß Ihr noch ein paar Frühlingstage zusammen verleben durftet, war wirklich schön. Zur Zeit wird es schon nicht mehr möglich sein. Möchtet Ihr alle die kommenden Wochen glücklich überstehen. Das wünscht von Herzen Vater. - NB. Es ist strengstens verboten, den Briefen Geldscheine oder Lebensmittelmarken beizulegen. 186 Blatt I: Eingabe von Caritasdirektor Hans Carls an den Lagerkommandanten von Dachau Blatt II— VI: 5 Notizbuchblätter mit Unterschriften von prominenten: Mitgefangenen, aufgenommen während des Transports in die Tiroler Alpen Lie Unterschriften sind im folgenden wiedergegeben, Bei einer Reihe wurden nähere Kennzeichen beigefügt, Blatt II: Dem Verfasser persönlich unbekannte englische Offiziere und andere Häftlinge aus verschiedenen Nationen Blatt II: Friedrich Leopold, Prinz von Preußen Armand Mottet, Chef d’Ateliers Raismes,(Nord) France Fr, Engelke h P, Cerrini(Adjutant des Prinzen Leopold) Dr, Josef Müller(Rechtsanwalt in) München, Gedonstraße 4 Dr, Horst Hoepner(Bruder des hingerichteten Generaloberst Hoepner) Martin Niemöller DD.(der bekannte evangelische Bekenntnis- pfarrer) Walther Graf-v, Plettenberg j Gräfin Gisela v, Plettenberg Blatt IV: Georges Kosma und folgende griechische Generale 183 v. Igmandy Hegyessy kgl, ung. Generalleutnant Nikolaus von Horthy jr.( Sohn des Reichsverwesers Horthy) Dr. Dezsö v. Onody Gustave Celmius, Riga, Lettland Dr. Hamm, Kpl. Aachen( Divisionspfarrer) Alexandra Gräfin Schenk von Stauffenberg Terès Gräfin Schenk von Stauffenberg Marie- Gabriele Gräfin Schenk von Stauffenberg Elisabeth Gräfin Schenk von Stauffenberg geb. Freiin von und zu Guttenberg Otto Philipp Graf Schenk von Stauffenberg Blatt V: Bogislaw v. Bonin, Oberst i. Gen.Stab von Falkenhausen, General d Infanterie( Gouverneur von Nordfrankreich) Georg Thomas, General d. Infanterie, zuletzt Amtschef im O.K.W. Franz Niedig, Fregattenkapitän Horst Petersdorfer, Berchtesgaden Dr. J. J. C. von Dijk, vorm.( Kriegs) Minister in Holland Dr. Hjalmar Schacht( ehem. Reichsminister u. Reichsbankpräsident) Generaloberst Halder( ehem. Chef des Generalstabs) Freifrau Bivoli geb. von Hassel( Schwester des hingerichteten früheren deutschen Botschafters in Rom) Blatt VI: Gabriel Piguet, Evèque de Clermont( Bischof von Clermont) Léon Blum( ehem, Präsident des französischen Ministerrats) Schuschnigg( ehem. Bundeskanzler von Oesterreich) Prince Xavier de Bourbon( Mit- Kronprätendent für Spanien) Blatt VII: Briefformular aus dem Konzentrationslager Dachau 189 M Konzentrationslager lechau Abteilung 111 An den Dachau; 3 X, ced 28. Marzo 1945. Führer der Abteilung III Lonz.- Lager Dachau. Der Sch. DR. Gefangene Carls, Hans geb.am 17.12.86. on Metza Gef.Nr. 29400 31. 26/3 bittet einen Rapportbrief schreiben zu dürfen. den herrn lagerkommandanten, über destberrn 1. Schutzba Grund: Lagerführer und der Berrn Chefarzt, bier. Bebitte fütrechtliche Ausserung des Garen Gefahl gorkhwell finsonifing is nice Munfavec Brinck. Laide ſeit Jahren an diabetes and z. It an den helgen von fürunkaloporations in Brücken. Resten Arags of fullest. Ich bitte den Haven 1. Schutzhaftlagerführer um weitere Veranlassung Deutlich schreit on Den Herrn 1. Legerarzt, hier! Behandling A | 4 Bi en ji a Bu a 14: a ch " 5 2 3 | : a ei a 0% ; en ah Ss E Er Sn ” ae Sa Be Bi 1%: Pl u en I } A sa Be 7“ je,| \ i Bi | | -| Be ii 3, E| A . |} | Au_—— fies RAF(IR) | ee y- ran hayel tim AR 157 Bas, Pe Rogt 4 ei ar A HR GE DE; va Beh ; II WER j] BT; / St. eh Yrmarıd SALE / i 4 4 a, 7 Lo Hd Pe a es BEE ‘ £ gi L 7){« EHI( 73 9) LH, Al. ESTER U (Cork Fa Ar A d Ay Mill TI ad X YVIP fi’ 4‘A; If 4 Si y i | AL> d. 2 eat Ey BEAT, Hymne, y y% Nr n”“L, ve 706 b Fr Ay a a An v2 1.8 “ Ru ag er: Me Be n Jean g. Br As has ee In enge Bons fan) guet — Lozillas&. Jamin Obrht:: Hen Hab Нав Genwal d. defantern Juletzl Amtschaf vm O.K.W. Frony Mining Fregatter. 15 epflüm Dr. Y. J.C. son Disk Dr. JJ Vorm. Wnister in Holland Agama Schacht Jauncelobook Halder Hey Pirie Birgli feb. bou Hassell V VI + Pabriel Fiquet Ive que de Custouts/ léonflum Lembing Price Xaveri de Brenden ၁၉ 00898 .81 N- 300 : ошен Absender:.. Konzentrationslager Dachau 3K Folgende Anordnungen sind belm Schriftverkehr mit Gefangenen zu beachten: 1.) Jeder Schutzhaftgefangene darf Im Monet zwel Briefe oder zwel Karten von seinen Angehörigen empfangen und an sie absenden. Die Briefe an die Gefangenen müssen gut lesbar mit Tinte geschrieben sein und dürfen nur 15 Zellen auf einer Seite enthalten. Gestattet ist nur ein Briefbogen normaler Größe. Briefumschläge müssen ungefüttert sein. In einem Briefe dürfen nur 5 Briefmarken 12 Pig, belgelegt werden. Alles andere ist verboten und unterliegt der Beschlagnahme. Postkarten haben 10 Zellen. Lichtbilder dürfen als Postkarten nicht verwendet werden. 2.) Geldsendungen auf Postanwelsungen sind gestattet, doch sind dabel genau Namen und Vornamen, Geburtsdatum und Gefangenennummer anzugeben. 3.) Zellungen sind gestattet, dürfen aber nur durch die Poststelle des K. L. Dachau 3 K bostellt werden. 4.) Pakete dürfen durch die Post in beschränktem Maßo gesandt werden. 5) Entlassungsgesuche aus der Schutzhall an die Lagerleitung sind zwecklos. 6.) Sprecherlaubnis und Besuche von Gefangenen Im Konzentrations- Lager sind grund. sätzlich nicht gestellet. Alle Post, die diesen Anforderungen nicht entspricht, wird vernichtet, Der Lagerkommandant Fre Christel Joor Köln VRG. Lindenthul Gesaffe. 19 of Randy Zeparstempel: Postzenfurftells 2.&. Dagen seprift: Kontrollzelchen des Blockführers: 1285 VII