HEINRICH CHRISTIAN MEIER Der Weg ins Sein VERLAG ROBERT MOLICH- HAMBURG Euch, Ihr gemordeten Kameraden, widme ich diese Verse. Auch sie waren mit den ausgebombten Gütern vernichtet, verweht, verloren... Nur wenige waren unversehrt in meinem Gedenken... Andere habe ich mühselig aus dem verschütteten Gedächtnis geholt hier sind sie. - Man nehme sie als Fragmente dessen, was sie einmal waren. Mögen sie als ein kleines Monument bestehen für die Unvollendbarkeit aller Schöpfung! DAS LEID Hundert Strafen hab? ich erlitten, tausend Tode bin ich gestorben, jeden Tag wurde mein Menschsein erhängt— und doch bin ich aufrecht gegangen und nicht verdorben. Wißt Ihr, was ein Mensch erleiden kann? Wißt Ihr, was ein Mensch erträgt? Unendliches Leiden steht noch bevor! Doch beugt Euch vor jedem, der leider. Dem Schmerze leiht Euer inneres Ohr! Laßt keine Stunde vorübergehn, Menschen der Erde, ohne dem Leid der ganzen Kreatur ins Angesicht zu sehn! So nur könnt Ihr das Menschsein erfüllen. so nur könnt Ihr des Menschen Weg bestehn. GRAU IN GRAU Eine Häftlingskolonne im Zebragewand zieht einem Schienenstrang entgegen, der blank und fremd ins Ungewisse ragt. Ein Weib blickt in die regennasse Ferne, ein Seufzer quillt, ein Vogel klagt- Endloser Regen fällt auf meine Hand. DAS IST BITTER Einmal wagte es ein Freund, er sagte auf Deutschland ein böses Wort. Der Freund ich bot ihm Schläge an und jagte ihn für immer fort. Er sagte unter anderem auch: - Im deutschen KZ ist es nicht schön da gibt's den Bock, da gibt's den Stock, da kann man Leute hängen sehn. Ich jagte diesen guten Freund aus meinem Zimmer und aus dem Haus. Im deutschen Lande gibt's das nicht drum treibt den frechen Lügner aus. Nun bin ich selbst hier im KZ, ach, Deutschland hoch in Ehren: Nun steht der Bock frei auf dem Platz und keiner kann sich wehren. Sie prügeln, daß das Blut ihm quillt, man könnte sich entsetzen. Deutschland, wer hätte das gedacht, die Hose hängt in Fetzen. 9 Und wer liegt hier nun angeschnallt? Wem pressen sie den Wasserkopf? Ach, ich bin’s, hört doch endlich auf! Ich selber bin der deutsche Tropf. Und wer ist’s, der mich also peint in dienstlicher Ergebenheit? Den Kopf hoch, Deutscher, nicht geweint! Hoch! Hoch! die deutsche Einigkeit! APPELLPLATZBILD S Die Sonne strahlt im blauen Frühlingstag. Hier windet sich ein Mensch in einer Pfütze, und über ihn gebeugt, mit blanker Mütze, schlägt jemand mit dem Knüppel auf ihn ein - ' s ist auch ein Mensch, es muß ein Mensch wohl sein- seht, der Kadaver krümmt sich unter seinem Schlag, gleichmütig blickt die Sonne in den Tag. I I HAFTLINGSREVIERBARACKE Hinter staubblinden Fenstern starrt Mann für Mann in dumpfen, giftigen Krankenbetten— Das reckt nicht die Hände, es brütet Dich an: wir vergehn, wir verfallen, wir sterben. Sie stehen nicht mehr, sie liegen nicht mehr, Sie kauern auf ihres Leibes Scherben— Sie sind nicht zu retten. Du gehst dran vorbei, von Anschaun schwer kannst es nicht ändern, kannst es nicht enden, weißt nur: da ist mehr, immer noch mehr endloses Elend hinter den Wänden. APPELL Hacken klappen tausendfach zusammen. Und alles harrt. Ein zarter Vogel singt. Geräusch von fahrenden Rädern über Sand. Soldatenschritte nähern sich— und gehn. Eine Kommandostimme wutentbrannt, im lauten Wind kann ich sie kaum verstehn. Fern fährt ein Zug im abendnassen Land. Ich lausche, neben mir sagt einer schnell: „Natürlich, haben sich wieder verzählt!“ Und in das Warten hör ich still geschehn Mein eigen Blut, das klopft, mein Herz, das schlägt— Rührt Euch! BROT Wie heißt des Lebens Not? Brot. Was liegt in jedes Häftlings Blick? Brot. Oh süßes Wort, oh Lebensglück: Brot, Brot, Brot! Brot ist Tabak, Brot ist Gold, Brot ist Ausruhn und ist Geld, Brot ist Freiheit und ist Licht— Brot. Über Lebende und Tote klingt die eine Siegesnote: Brot, Brot, Brot— oh Lied der Welt. Nicht Weltgeschichte, nicht Weltgericht, — Brot! Mit Brot hast Du Freunde und auch den Posten, mit Brot. Kannst alle kaufen, was immer sie kosten, Brot! Kein Abendgang, kein Bücherschrank— Brot. Kein Freundeswort, auch nicht Kritik— Nur Brot. Nicht Liebespein und nicht Musik— Nur Brot— oh Herr in aller Not! 14 DER BROTDIEB Es kräht der Hahn. Hört Ihr, was er kräht: Solidarität! Solidarität! Sie haben ihn aus dem Leben gejagt, denn er hat niemand gebeten und keinen gefragt, er hat sich genommen das armselig Brot, er war hungrig, er nahm’s mit dem Blick in den Tod— darum jagen sie ihn durch die Kette, Solidarität! Solidarität! (ja, das fordert die Etikette.) Im grauen Morgen krähte der Hahn Solidarität! Solidarität! Da stellten sie ihn in das letzte Glied und packten ihn hart, damit er nicht flieht. Zwei Genossen gehen neben ihm her, denn er’soll heute büßen hart und schwer. Auch die Posten sind orientiert, sie haben schon das Gewehr geschmiert— Solidarität, Solidarität (das fordert die Etikette). Die Arbeitskolonne zieht singend dahin. Noch kräht der Hahn: Solidarität! Am Baume der letzte Apfel reift, Die Nebel steigen, der Herbstwind pfeift, da reißt sich der Dieb aus dem schreitenden Glied und greift nach dem Apfel, der lockend glüht. Ein Schuß fällt: Solidarität. Er ist tot— und kein Hahn, der nach ihm kräht— (das fordert die Etikette). VERSCHÜTTETES HEU Wie im geheimen Einvernehmen geht das Leben an mir vorbei. Bei diesem eingeübten Spiel bin ich wie verschüttetes Heu— Vorher besprochen ist Weg und Ziel— Nur ich bin nicht dabei. Sie plaudern, sie planen, sie finden, ich stehe ihnen nur im Weg. Ach, daß ich nicht hineingehöre, macht mich in ihren Augen dumm und träg. So bleib ich denn, wo ich liegen blieb, damit ich nicht störe. Dort stehn sie um den Galgen herum. Der Delinquent auf der Leiter. Sie essen, sie rauchen, sie sind nicht dumm, der Weltbetrieb ist ihr Eigentum. Es wird gehängt, es wird verbrannt, und alles geht immer so weiter... Ich sehe, es ändert sich nichts daran. Es funktioniert wie ein Mühlenbetrieb. Wie im geheimen Einvernehmen geht ihr Treiben an mir vorbei— Ich bin nur verschüttetes Heu, das zufällig liegen blieb. IM KÄFIG Wenn auf meiner Pritsche ich erwache, seh’ ich, daß ich nun ein Tier geworden. In der Zelle, darin sie mich morden, hält ein Käfig mich und ich bin Tier, hungrig müdes Tier— Daß ich nicht lache! Denn das Tier, das sie hier jede Nacht harten Leibes in der Hundedecke auf dem rohen Holz im Käfig sichern hat, unendlich wund, ergrimmend oft gedacht, wie Menschsein ist und wie sie freundlich waren. Nun ist alles Menschliche ein Kichern. Hilft es uns denn, zu rütteln an den Trallen, wenn ich Denkender, der durch die Stäbe nun die Kost empfängt von Wächterhänden, mich erschrecke vor des Tieres Rasen— einst war es ein Mensch mit andern allen! Heute aber, wo ich dies erdulde, hüte mich, oh Gott, vor Tieres Hassen! Nicht Deines Kosmos alte Sphären wanken— Wankten sie, es wäre Lust für mich! Nur das Tier fängt manchmal an zu wüten. Trösten muß ich es und muß ihm sagen, was ich weiß von andren, schöneren Tagen, muß nach köstlichem Erinnern brüten, muß ihm zarte Melodien singen, muß es überschütten mit Gedanken, die die Gitterstäbe überranken. Muß das graue Brot ihm Kuchen nennen, meine Haut, wenn sie beginnt zu brennen, heißt dann„goldnes Vließ der Argonauten“. Traurig zittern mir die nackten Glieder, die der Liebe Wellen einst umblauten. Schaurig kahl sind die Gefängniswände. Ach, es ist ein Märchen, das wir lesen. Alles, alles, alles— ist gewesen, Nur das Tier hat Hunger ohne Ende ORION Wenn sie alle schlafen, und die Baracken im Nebel der Nacht liegen, dann leuchtet Orion— ewige Wacht. Und ich stehe und lausche, was mir das Schicksal bringen will. Im Flammen der Sterne Orion— ich halte still! DAS MEER Wenn ich die Weite des Himmels nicht hätte und in der Erinnrung das weite Meer, wären die Stunden nicht zu ertragen, jeder Tag schwer und jeder Tag leer. Doch ich berge mein friesisches Meer im Herzen, die springende Flut, die erglänzende Bahn. Sie können mich strafen mit jeglichen Leiden, sie nehmen mir nicht den Ozean. - Und sollten sie mich an den Galgen bringen, sie treffen mich nicht, sei es noch so schwer solang ich die Weite des Himmels habe, in meinem Erinnern das schimmernde Meer. 20 DIE STERNE Hab ich denn nie gewußt in meinem Leben, daß überall so aus dem Dunst der Menschlichkeit die Sterne sich erheben von Ewigkeit zu Ewigkeit? Daß überm Aasgeruch der sinnlos faulen Stunden die Sterne stehen aller Qual entbunden? Und daß von Dir, Orion, Helle sprießt im Jammer solcher Tage— unversiegt die Quelle des Lichtes überm Abgrund aller Leiden fließt von Ewigkeit zu Ewigkeit?! 21 DRAUSSEN VORM DRAHT Draußen vor dem Draht in der Maiensonne lenkt ein kleiner Junge in Zick-Zack-Fahrten sein zwerghaftes Fahrrad. Er spricht zu den Bäumen, er ruft jeden Posten an, er sieht nicht den Draht; auch zu mir spricht er lachend, als wär ich ein Kind wie er, unbefangen durch den Stacheldraht. Einst werde auch ich mein Fahrrad lenken, Zwiesprache halten mit Bäumen und Blumen— dann werde ich nicht mehr wissen wie arm wir jetzt sind. DES MENSCHEN REICH Oft weiß ich, wund vor Einsamkeit, nicht wo des Menschen Reich beginnt. Warum sind wir so sehr verstreut, warum muß es sein, daß wir einsam sind? Doch dann ist Andr& da und Fritz und Jak und Sascha, und Hans und Kort, und jeder reißt mir mit rauhem Witz ein Stück von meiner Misere fort. Ich sehe, daß jeder auch so allein wie ich den Weg zur Menschheit beginnt. Ist das der Weg, der Weg ins Sein, daß wir gleichermaßen einsam sind? URWIDERSPRUCH Oh Mensch, du wachsender ins Licht, wie bleibst Du Dir doch ewig gleich. Du Stufen klimmendes Gesicht, und doch— Du Tier aus Tieres Reich. Du wächst, Du wirst, Du bist ein Pfad, Entwicklung, Ziel und Plan— es sei! Doch wiederholst Dich, Grad um Grad— wie soll ich fassen diese zwei? Du schlafhaft dumpfes Menschenheer, halb noch Amöben, verirrt, verwaist, taumelnd im Kreise der Wiederkehr— und dennoch steigend, Geist um Geist, FRANZOSENTRANSPORT Pfingstlich strahlt der Appellplatz im himmlischen Blau, fünfhundert Franzosen für den Transport. Sie lächeln, und blinzeln ins strahlende Blau, sie warten auf das Kommandowort— Wie werde ich diese Menschen wiedersehen? 25 GEBET IM TYPHUS Hier liege ich nun Wochen lang, allein. Ein Hemd und noch ein Taschentuch sind mein. Die Träume jagt ich manches Mal mit Glück, den Tod auch trieb ich, wies ihn oft zurück. Nur eines spricht Dir Hohn und lacht der Not: Bestohlen werd ich jeden Tag ums Brot. Bestohlen, ach, vom deutschen Kamerad, mein Gott. Ich weiß, in ihrer Rechnung steht mein Tod! In dieser Todesstunde noch beraubt? Verzweifeln muß, wer je an Dich geglaubt! Franzosen, Polen, Russen sind bemüht für mich. Gott, glauben keine Deutschen mehr an Dich? Ach, einen sende, daß ich nicht vergeh’ im Dreck. Schick’ einen Deutschen mir, eh’ ich verreck! SIEG Schicksal ist, daß wir leben und menschlich, daß wir vergehen. Sieg ist, Menschengewalt und Fügung zu überstehen. Sieg ist, innerlich leiden und doch aufrecht gehen! FLIEGERALARM Die graue Menge stolpert in die Nacht. Ein jeder stößt den Andern— Trillerpfeifen, Kommandostimmen, böse Worte treiben die Schatten vorwärts— Stöcke fallen auf Knabenleiber, Kinderstimmen lallen, horch, die Sirene brüllt und erste Schüsse, die fern im grauen Himmel widerhallen. Auch ich bin tappend auf den Platz getreten. Ein ganzes Heer von Fliegern ist im Raum. Wo fällt der nächste Schlag? ich haste weiter. Nur keinen treten, nicht in Pfützen fallen, nicht Schläge fangen und nicht stehen bleiben und auch nicht in des Kellers Stinkgewässer hinunter müssen mit den Andern allen und nicht in Haß, in blinden Haß verfallen! Nein, unter diesem Giebel laß mich warten. Hier laß mich einen Todgedanken fassen! Raketen steigen auf, an den vier Ecken des Lagers fallen rote Lichtsignale. Der Menge Jammer grau und ohne Maßen und Einsamkeit, und Spuk der Ideale und Qual der Menschheit, alles— Nur nicht hassen! HIMMEL ROT VOR SCHAM Triumphales Rot erfüllt den Abendhimmel, den Appellplatz taucht es wie in Feuer, achtet nicht der Kranken in den Betten, achtet nicht des Galgens, der hier steht Dieser Farbenrausch ist nicht geheuer. Ach, die Sterbenden sind nicht zu retten. Wer ehrt so des Todes Majestät? Seht der Wolken blutendes Getümmel! In der Pfütze steht ein Häftling; er ist lahm; stiert erschreckt in all die rote Wonne. Dieses Rot muß etwas ahnen lassen. Welche Gottheit ließe dies geschehen? Über ihn hinweg zieht eine Marschkolonne. Kann ein Mensch dies viele Rot verstehen? Alles rennt, die Abendsuppe fassen— Ist vielleicht der Himmel rot vor Scham? MEIN ABENDGANG Was will ich denn von dieser Welt? In einem Wald ein kleines Zelt, und abends noch einen Gang durchs Feld, was will ich denn? Nur einen Blick am Wald entlang, und abends einen entrückten Gang hin und zurück, auf Vögleins Sang. Was will ich denn? Ein Fahrrad, das mich trägt vom fernen Wald, den Gott alleine pflegt zur Stadt, die meine Schmerzen trägt. Was will ich denn? Ein stilles Schicksal nur, einen Ausblick auf die fromme Flur, und Hoffen auf die Gottnatur, ist das zuviel? Des Herzens Scherben liegen bloẞ. ist denn mein stiller Wunsch zu groß? Dann Leben, laß mich, laß mich los! 31 AUF DEM STROHSACK ZU SINGEN Alle, die ich liebte, sind fort auf immerdar. Und erscheint mir eine im Traum von den herrlichen, duftenden Frauen— in ihres Lächeln silbernem Saum liegt alles, was einmal war— Und ob mich auch jede im Ernst verließ, nun wird mir der Strohsack zum Paradies. Oftmals erscheint mir die Eine gar, niemals war sie die Meine. Niemals lächelt ihr Augenpaar, blickt durch mich hin ins Reine. Und doch, in des Lebens Übermaß— Ich weiß, es geschah, daß sie mich vergaß. Doch es sind noch sechs Häftlingsmädchen hier auf der andern Seite des Zaunes. Die schenken für eine Reichsmark Dir fünfzehn Minuten des Faunes. Und haben nach einer Stunde vergessen, wer’s war, mit dem sie im Bett gesessen. Oh Wesen, die Ihr vergessen könnt, Mädchen und schöne Frauen, die keine mich nun den ihren nennt. Wer will auf die Liebe bauen? Staub sind wir alle, doch wer wird’s Euch sagen, wie wir glühend das Staubsein ertragen? JUGEND In den Baracken von Neuengamme ist nun die Jugend Europas versammelt. Norwegens Fischer, Kroatiens Schüler, Bauernblut Polens, Kinder-Gesichter, Frankreichs Studenten, nackt wie das Vieh eingepfercht hundert in einem Waggon, so kamen sie an: baumlange Balten, junge Rekruten der Roten Armee und die reinen Söhne vom jüdischen Stamme., Sie trieben sie nackt im Bad zusammen die Zukunft Europas: ein Sklavenheer,— Haben wir keine Hilfe mehr? Hört mich, Ihr Jungen, ein Deutscher spricht! Gefangen wie Ihr von sinnloser Macht, von denselben Peinigern täglich geschlagen— Nicht Deutschland hält Euch hier gefangen! Der Täuscher, der Deutschlands Ehre zertrat, der ruchlose Lügner, der unsere Besten noch ehe sie reiften, wie nichts verdarb! Aber die Stunde schlägt, wo er zittert,— wo unser Bewußtsein, junges Europa, steil und kühn in den Himmel flammt, Brüder all, aus Europas Ländern, ein Deutscher, ein Deutscher gibt Euch die Hand Vive l’Europe! Europa soll leben! 33 SO SINKEN DIE BLÄTTER So sinken die Blätter im Falle Auch du sinkst in endloses Weh. So sinken die Schicksale alle in Vergessens eisigen Schnee. So sinken sie hin, Billionen, kosmisch entzündeter Staub. Auch wir entschwebende Sonnen, auch wir nur fallendes Laub! BRIEFE Oft werden Briefe nicht, wie man will. In der Gedanken Tiefe bleibt alles still. Ich wollte sagen, was Dich erfreut. Nun wird’s ein Fragen, das Antwort scheut. Doch es wird wieder werden wie es einst war, frei von Gebärden, ganz leicht und klar. Ohne Wort, ohne Schreiben, ohne Hin und Zurück, ein In-einander-Bleiben mit jedem Blick. DER SPAZIERGANG Sie trieben uns an mit Schimpf und Schlagen, als wir hinter der Lore gingen. Dieses Leben war nicht mehr schön. Es konnte uns kein Schritt gelingen, es schien, als könnten wir’s nicht bestehn.... Der Stock war immer hinter uns her. Ach, dieses Dasein war nicht zu ertragen, ganz ohne Lust und freudeleer. Gott, nimm uns hinweg aus solchen Tagen!— Doch nun ist der Sonntag gekommen. Auf den Beeten glühn Astern im lauen Wind. Nun wir zu zweien auf nassen Wegen um das Lager gewandert sind, von der Lust des Gesprächs benommen, fühl ich mich wieder als Menschenkind. Ach, daß der Mensch doch weiter lebt und weiter wächst und weiter unbewußt wie Asternblüten sehnend sich erhebt: Nach Wind, nach Licht, nach Lust....! SCHLAFSAAL Seid Ihr das, Prometheus-Söhne, die das Feuer einst zur Glut entfachten? Diese blaue Funzel, zum Gespötte unsrer hoch elektrischen Epoche— Deckt mit Scham sie dieses Elend zu? Einer kratzt sich am zerlausten Beine, wühlt im Eiter der Furunkelbeulen— alle leben schmutziger als Schweine! Eine blaue Birne glüht im Winkel. Aus dem Dunst der Schlafenden, die stöhnen, weil kein Ausweg mehr, kein Ende— hebt sich einer auf, notdurftgetrieben, schlürft er ängstlich durch die engen Gänge, zwischen Bettfassaden tief gebeugt, selbst im Schlafe hoffnungslos erschauernd, von der Pein der Arbeit wie benommen. Und er schleppt sich durch das Blau der Lampe, dorthin, wo am Ende der Baracke sich gemischt, was menschlich: die Kloake. Und gebeugt von soviel Tierheit, elend grenzenlos erinnert an das Leiden aller Kreatur, rings dumpf gepeinigt, schnarchend, schwitzend, stinkend ohne Maßen, kehrt er wieder, fällt auf seinen Strohsack in die Nacht traumkranken Schlafes nieder. Seid das Ihr, Prometheus Söhne, die das Feuer einst vom Himmel raubten? Die den Blitz gezähmt, den Dampf gebändigt? Die das Erdreich umgestalten, Wasserwege, Schienennetze, Telegraphen sieghaft um die ganze Erde spannten, um der Menschheit würdige Form zu geben? Ach, wenn einer stirbt, der Bettgenosse merkt es nicht, zu müde ist der Sack. Keiner wagt, den Stubendienst zu wecken, denn um einen Toten lohnt es nicht. Was? Ein Toter? Laß den Vogel liegen. Alle müssen wir ja doch krepieren, glücklich ist, wer ohne Prügel sterben darf und kann, Ihr braucht Euch nicht genieren! Siehst Du den dort leise weiter schleichen? Siehst ihn seine Hand in fremde Betten, jetzt in andrer Leute Strohsack recken?! Denk Dir nichts dabei— sie stehlen alle! Not zwingt jeden— keiner weiß das Ende, und alle, die von Neugier angetrieben, dahinten, durch das Loch der Holzwand starren, (dort ist die Leichenkammer) alle wissen, daß alle sterben, alle stinken müssen— Und doch brennt der Menschheit heilige Flamme! HEUTE Verloren ist die schöne Zeit, die reiche und die lichte, Vertan auch deine Jugendzeit, vergangen alle Menschlichkeit und alle Weltgeschichte. Vergangen! Hinterm Drahtzaun hier ist alles, was du heute hast. Wird jemals eine Zukunft Dir? Freund, sie ist nur Idee von Dir, und der Gedanke selbst ist Last. Wirf’s hin! Hier nur ist Deine Welt. Es kann kein Gestern, kein Morgen sein! Nur, was Dich heut am Leben hält, und wenn es Dir auch nicht gefällt, was heute ist, nur das ist Dein. Drum sauge dieses Heute aus— Bedenke, bald folgt tiefe Nacht! Und was je war und nicht mehr ist, war nur ein Traum, den Du vergißt. Dein ist die Gegenwart— gib acht! 39 TUBERKULOSENTRANSPORT Die Sonne brach auf in das strahlende Blau, da packten sie dreihundert Kranke, genau, rissen sie aus dem Elendsbett, verpackten sie schnell in altes Stroh, Drei Wagen voll, Kranke, Schwache und so- ( Sie waren länger als sechs Wochen im Lazarett) Aus blaugrünen Gesichtern starrn sie ins Weite, ein wunderbarer Sonntag heute! Sie sehen nichts mehr, sie schaun sich nicht um, dreihundert Mann, bestimmt für das Große, sie haben alle die Tuberkulose. Sie träumen vom Sanatorium, in ihren Augen stehn ernste Sachen-- Keiner weiß, wohin sie fahren. ( Die längste Fahrt, die Menschen machen!) Wir werden sie nie wiedersehen, sie fahren den Weg, den keiner kennt. Oh, Ihr grünen, armen Leidensgesichter, die Sonne, sie leuchtet am Firmament. ( Wozu ist man Mensch und wozu Dichter?) Da uns doch keiner den Ausweg nennt! 40 In die Viehwagen lädt man sie, Mann für Mann, sie starren wie blind einander an; der Himmel, er ist so herrlich blau, und diese Gesichter grün und grau— In der herrlichen, stolzen Frühlingsluft eine Lerche fliegt jubelnd vor ihnen her, und die Sonne strahlt unberührt und hehr. 41 DIE KINDER Die Kleinen sind hier ohne Strümpfe- sie brauchen keine Strümpfe mehr. Die Kinder sind auch ohne Schuhe- Wo nähmen wir soviel Stiefel her? Kein Lehrer und kein Unterricht, das brauchen die lieben Kinder nicht. Man läßt die Kindlein wie sie sind- Sind's gute Kind? Sind's böse Kind? Es kümmert sich kein Mensch um sie, dürfen leben und sterben wie das Vieh. Sie dürfen in dem Staub hier hocken. ( Zwischen Tuberkeln und Gonokocken.) Zwischen schmierig gemeinen Witzen sich tätowieren und Blut abritzen. Und kommt der Onkel Doktor dann, so setzt er gleich seine Spritze an. Sind's gute Kind, sind's böse Kind? Setzt Euch, die Spritze wirkt geschwind! Im Himmel gibt's ein Wiedersehn. Ihr lieben Kinder, schlaft recht schön! 42 EIN KROATISCHER SCHÜLER Seht die Flamme, rot zum Himmel tanzend, das ist Menschenfleisch, das riecht so dumm. Häftling, du wirst auch so eine Flamme, tanzend über’m Krematorium. Auf den Veilchenwiesen seiner Heimat tanzte seine Seele Nacht für Nacht. Igor, den sie hier mit fünfzehn Jahren achselzuckend ins KZ gebracht. Lassen ihn die Schergen hier verkommen? Einen Apfel schenk ich ihm, er lächelt mild. Aus dem Schweiß und Dunst des Lazarettes blüht der fernen Heimat lieblich Bild. Kam nicht jüngst ein Brief vom Mittelmeere? Tritt der Kommandant ans Krankenbett. Wenn du dich erholt hast, geht’s nach Hause. Igors Blick wird hart, wie das KZ. Niemals hab? ich Igor so gesehen. Alle Milde schwand aus seinem Blick. Aus der Brust kam Keuchen, Röcheln, Stöhnen. Meinen Apfel wies er schroff zurück. 43 Ach, Tuberkeln wühlen in der Lunge! Wie es hier nach Schweiß und Rüben stinkt! Igor stirbt— auf eine Veilchenwiese blickt er, die im Abendlichte winkt.— Seht die Flamme, rot zum Himmel tanzend, das ist Menschenfleisch, das riecht so dumm. Häftling, du auch wirst so eine Flamme, tanzend überm Krematorium. DER INNERE GEWINN So gehen die ernsten Dinge hart und schwer über uns hin... Ich sinne, ob’s mir gelinge zu bergen den innern Gewinn? Das äußere Antlitz der Wesen, es täuscht, denn es soll im Kampf bestehn. Man muß, zu aller Genesen, dahinter und tiefer sehn. Leiden sind der wahre, fürs Selbst gezahlte Sold. Es werden die bitteren Jahre auf der inneren Wage Gold. Zu wägen im innern Sinne der Wesen geheimes Sein, das gibt still leuchtende Minne und läßt doch ganz allein. 45 FISCHE Jungen unter fünfzehn Jahren haben heute hell am Tage mitten auf dem Platz der Ordnung einen Wagen Fische angefallen. Von vier Kapos stolz bewacht mit drei Tonnen saurer Fische kam der Lagerälteste, der stolze Köbes hergefahren zur Kantine. Doch die Russenjungen, flink wie Hechte schlüpften auf den Wagen schnell, zerrten an den Tonnen, bis sie rollten.... Der Beton ward blau von sauren Fischen. Köbes schlägt auf sie mit seinem Knüppel, seht, er schlägt auf Augen, Nasen, Fressen— Mensch zu sein muß man vergessen! Doch die Jungen, die geraubten Fische in die Hosen pressend, eilen sie dahin. Laßt ihn schlagen! Laßt ihn brüllen, wenn wir nur den Magen füllen! Was nicht in den Mund geht auf die Schnelle, stopfen wir in unsre Betten— Mensch zu sein muß man vergessen, über alles geht das Fressen! GESICHT, DAS ICH SUCHE Oft gehe ich durch die Menge und suche ein Gesicht und finde in aller Augen ein scheues, flackerndes Licht. Dieser zertretene Schimmer in jeglichem Menschengesicht, er läßt sich nicht unterdrücken, er flackert, nur flammt er nicht. Doch ich gehe weiter, ich suche, ich finde das junge Gesicht, aus dem der strahlende Morgen der ganzen Menschheit bricht. 47 MEIN WEG | Manchem ist es gegeben zu siegen, herrlich hervorzugehn aus Kämpfen und offnen Kriegen. Auf Schultern der Andern zu thronen, groß dazustehen, im Munde der Menge zu wohnen. Mein Weg ist ein andrer, mein Weg führt durch innen. Ich weiß, es ist ein beschwerlicher Weg, führt durch das Dickicht der Schmerzen. Manchen Abend frage ich mich: | War das Dein Weg, den Du heute gegangen? Bist Du nicht ausgewichen dem zitternden Bangen, das jeder in seinen Augen trägt? Warst Du strenge Dir selbst und milde den Andern? Gabst Du der inneren Stimme Gewalt? Hast Du’s gewagt, oder hieltst Du den äußeren Schein umkrallt? Warst Du wahr gegen Dich selbst? Warst Du gerecht? Nicht Erfolg, nicht die glückliche Chance entscheidet, ob Du Dir treu gewesen— Dein Weg ist ein andrer, | Dein Weg führt durch innen— Nur so kannst Du das Sein gewinnen— mitten durchs eigne Herz! DEIN GRÖSSTER FEIND Wenn sie dich treten und wenn sie dich schlagen," dann darfst Du dir herrlich sagen: Ein Feind ist größer als alle, Du selbst, Du bist dein größter Feind. Und wenn sie dich denn in Ketten legen und wenn sie dich hungern und frieren lassen, das ist nur äußeres Leid— das tiefste aber, das drohendste ist die Einsamkeit. Und wärst Du ein König und hättest Millionen Diener und einen Freund— Einen hast Du zu fürchten: Der allergrößte Feind ist deine Leidensfähigkeit. 49 HÄFTLINGSEHRE Ein Zuhälter war's und ein Bandit, der Toni, schlug die Kameraden. Er nahm den ersten Spatenstiel und haute dir auf die Waden. Doch eines Tages, der Kommandant, der ließ ihn hinbestellen. ,, Mein lieber Kapo", sprach er dann- ,, Sie sind einer von den Hellen. Wir haben's bis heute selbst getan, das Strafen. Doch ab morgen schlägt amtlich kein SS- Mann mehr, Ihr selbst müßt es besorgen. Dies ist die neue Lage nun, Ihr Kapos, hört auf zu schlafen. Und morgen stehst am Bock Du schon, wirst einen Brotdieb strafen." Und morgen kam. Der Kapo stand, den grünen Winkel an der Brust. ,, Nun los, Du Strolch, nun schlage drauf, nun kannst Du prügeln nach Herzenslust!" 50 Der Kapo, er war sonst nicht fein, er war von der übelsten Sorte, doch stand am Bock, steif wie ein Stein, ihm steckten im Hals die Worte. Willst Du nicht schlagen, Kapo, los! Der Kerl hat Brot gestohlen, heut kriegt er fünfundzwanzig bloß, der Kommandant hat’s befohlen. Er rührt sich nicht; das Lager steht, achttausend angetreten. Sie blicken auf den Toni hin— und schweigen, wie beim Beten. „Ich weiß es selbst, ich bin ein Strolch, hab’ manchen totgeschlagen. Doch schlug ich niemals auf Befehl— Wer ehrlos ist, mag’s wagen! Und dieser hier— war auch ein Strolch und stahl— er liegt in der Pfütze. Ich kenne Leute, die stehlen auch mit Uniform und Mütze. Und daß er stahl, ist wessen Schuld? Gebt Ihr ihm mehr zu fressen! Ich schlage nicht— ich bin ein Strolch, doch werd’ ich mich nie vergessen.“ Der Klinkertoni ward abgeführt. Sie brachten ihn gleich in Arrest. Dort hingen vier Kameraden am Strick, nackt, strahlend in der Furunkelpest. Die vier Toten, die glotzten ihn an, Kapo, Du bist recht weit gekommen. Und von Stund an ward er ein Mensch: Hat nie mehr den Knüppel genommen. WARUM? Überm Neubau blutigrot die Sonne sinkt— und mit ihr sinkt mein Mut. Kann denn keiner diese Sonne fragen, warum wir noch immer Steine tragen? Häftlinge, halbnackt, auf schwachen Bohlen, hasten wir auf unsern müden Sohlen durch das Zwielicht, seht, die Sonne sinkt... Blutig rotes Licht— der Posten winkt. Er verlangt, daß wir so weiter hasten. Ach, ich schlepp’ mich durch den Abend hin, dort stand eben noch die Sonnenscheibe— Warum muß das sein, oh rote Sonne, daß ich Sklave sein muß, und dies treibe— längst versank des Lebens letzter Sinn. DAS SALZFASS Im Schlamme stehn sie, in der heißen Sonne; menschliche Bagger sind wir, die mit jedem Spatenstich tief auf dem Schlamm der aufgewühlten Erde das neue Bett eines Kanales heben. In Häftlingskluft, in Schweiß gebadet, sticht ein jeder mit dem Spaten in das Erdreich. Wir wissen nicht, ob unsere Freiheit jemals an uns zurückgegeben, doch Dudas zieht die Pfeife aus dem Sack: ,, Well, machen wir einen kleinen Smoke." Vor mir treibt der Kapo einen Brotdieb durch die Menge er tritt ihm mit den schweren Stiefeln an das Schienbein, Blut läuft ihm an den Waden nieder, schon ist sein Gesicht entstellt von Schlägen, er stöhnt, wenn er die schwere Karre hebt. Drei Stunden hetzt der Kapo ihn schon durch die Reihen, wie lange wird der Brotdieb es noch machen? Jetzt stellt er scheu die Karre bei mir hin. Ich seh in seiner Hand ein Glas, ein schönes Glas, es funkelt in der Sonne. ,, Hier, nimm es hin, ich brauche es nicht mehr", gibt mir's und nimmt die Karre, taucht unter in die Menge. 54 Da, plötzlich gellt ein Aufschrei; fällt ein Schuß, alles schmeißt in den Dreck sich, in den Schlamm— Ich seh von weitem noch zwei Arme schlagen in den Wind. Und Dudas zieht die Pfeife aus dem Sack: „Well, machen wir einen kleinen Smoke.“ Tot ist er, ausgelöscht aus dieser Schöpfung. Was gab er mir? Jetzt erst seh ich es an. Ein Salzfaß ist es, daß die arme Menschenseele dem Kameraden gab in letzter Stunde. LASST EUER GUTES HERZ... Lasset Euer gutes Herz nicht bitter werden über den Schmerzen! Blicket in Nöten himmelwärts: Gott gedenket mit Sanftheit der Seelen, die leiden\ und krönt sie mit Sternen! Denn sehet: Ihr wurdet ein Leben alt, doch die ewigen Sterne, die nun in Jahrmillionen schon über den Leidenden aller Ewigkeit wohnen, sind älter und höher und weiter als alles Leidens Gewalt, und derer, die leiden, überirdische Kronen! Es kommt eine Stunde, da werdet Ihr selber zu Sternen, und fasset die Bitternis, die Euch betraf, nur noch aus ewigen Fernen. ARBEITSEINSATZ Sie alle haben diesen Blick, der zu mir aufschreit mit der Scham des Menschen! Bin ich verurteilt, Tausende zu sehen, die hier zerlumpt an allen Ecken stehen, in allen such’ ich eines nur, such’ wie ein Rasender: Die Menschnatur! Wenn sie so nahn, die schmutzigen Hände greifen ins Leere— oder greifen sie nach mir? Wenn sie mich so um eine Arbeit bitten, die nicht zu schwer für einen schwachen Leib, ich seh in ihren Augen diese Gier nach einem Menschen, ach, vielleicht nach mir! Der Dieb, den sie zum Galgen schleppen, der Flüchtling, den sie schnallen auf den Bock, der Muselmann, der aus der leeren Tonne die letzten roten Beete kratzt mit Wonne; der arme Strolch, der die Kartoffelschalen frißt— Ach, Kameraden, blickt mich an und wißt: Hier bebt ein Herz, das dennoch menschlich ist! 57 Und Du— holst Du mit nackten Händen aus dem Drang der Abfallgrube den zernagten Knochen—.} Auch Du hast diesen wunden Menschenblick; und doch, ich muß Dich, Kamerad, an’s Menschsein mahnen! Wie nähere ich mich dem Punkt in Eurem Innern, der wirklich Mensch— sich Mensch zu nennen wahrhaft berechtigt ist? In seinen Augen liegt dies Brennen, I dies schamvoll wehe, abgewandte Licht: | Das ist das wahre Menschenangesicht. Sie alle haben diesen Blick, der zu mir aufschreit mit der Scham des Menschen! DRAUSSEN GEHT DER REGEN Draußen geht der Regen ins Ewige herab. Dieser Stunde Segen bettet er ein Grab. Dieser Stunde Stille hinterm Rauschen steht. Und mein eigner Wille schweigt und wird Gebet. Weiter rinnt der linde . Strom der Erde zu. Fern dem Spiel der Winde lauscht mein Ich der Ruh... VOGLEIN AUF DEM ELEKTRISCHEN DRAHT Auf dem Draht, der um das Lager gespannt, sitzt ein Vöglein, singt in den Morgen. Ach, könnt ich mir doch für heute nur die süße Stimme borgen!! Es schmettert sein Lied in den Frühlingstag, singt von Feldern im Maien, von Vater und Mutter, von Glück und Schmach, vom Vaterland, das wir befreien. Wir befreien es, so wahr wir sind, wir öffnen das Tor, wir müssen hinaus in den heldischen Frühlingswind- zu Wäldern, zu Bächen und Flüssen. Und wie ich ihm lausche, da hebt es behend die Schwingen und gibt sich dem Winde. Ich bin allein, das Lied ist zu End' und der Dienst ruft, geschwinde! Ach wir müssen hinaus, der elektrische Draht, er wird uns nicht ewig zwingen. Wir werden wie Du, oh Vöglein zart, unser Lied in den Morgen singen! 60 DER FLIEDER Wo sie beim Fliegeralarm durch das hölzerne Tor fiebernd sich drängen, bei jeder Mahlzeit hervor die grauen Massen der Kameraden, Dort wächst ein Fliederstrauch, leuchtend im Frühling steht er dort, schweigend, dem Licht sich neigend, im Strome der Menschen, wie jedes Jahr. Wie blüht er wieder so wunderbar! Aber es ist mir, als ob er in seiner schweigenden Pracht anders ist als alle Gestalten, als ich, als Menschen und Menschengewalten. Wie er dort steht in der Sonne, ergrünend, erblühend - von Duft umgeben, nach innen gewendete Wonne... Beglückendes Zeugnis ist er mir für das bleibende, schweigende Sein auch in mir, auch in den Kameraden! Denn ob wir auch hingegeben ans Treibende- auch in uns ruht das Bleibende wie in dem blühenden Strauch, in uns lebt es auch: Das andere ewige Sein. 61 DER LESENDE Mittags, wenn die Löffel klirren, sieht man ihn am Tische sitzen, mit dem Buche in der Hand. Wenn sie ihre Suppe schlürfen, lehnt er schon vor seinem Spind. | Zwischen ihren faulen Witzen hockt er still und unverwandt. Wie ein Anfang, wie ein Morgen leuchten aufgeriss’ne Augen, |} aufgetan zu etwas Großem, wie zu einem Werk, das neu beginnt. F | [| | Gern läßt er die Nachkost fahren, darf er nur den frischen Sprudel schöpfen aus des Buches Quelle. Zärtlich seine Hand das Buch umschließt. Laß sie lachen, laß sie spotten—. In des Dichters Seligkeit bleibt er frisch und todbereit,— IN STILLEN STUNDEN Oh, Königin Seele, tief in meiner Brust, das Reich des Rechts im Andern, das mache mir bewußt! Lehre mich Leid ertragen um meiner Kameraden willen! Nach eigenen Schmerzen nicht fragen und anderer Tränen stillen. Oh, Königin Seele, dann will ich es weiter tragen, und mir in stillen Stunden sagen: Königin Seele... VOR UNS GING EINE WOLKE VON GESTANK Die Meier, Müller, Schulze im KZ, die hatten sie schon abgeschrieben, die hatten sie genau vergessen. Von Sieg zu Sieg war die Nation geschritten, und keiner sprach und keiner fragte je nach Meier, Müller, Schulze im KZ. Denn es ist Krieg, nein, keiner wollte an solche Leute gern erinnert sein. Wir waren Nummern, ohne Wirklichkeit, Gestorbne ohne Totenschein. Doch eines Morgens war der Himmel grau, und Asche fiel hernieder tagelang. Ach, keiner fragte je, was wir erlebten. Wir aber horchten ahnungsbang: Sind die da draußen alle eingeäschert? Was ist geschehn? Nach Leichen riecht es fein. Lebt denn noch einer? Tausend Bomben fielen sie deckten Hamburg gut mit Phosphor ein. Und Meier, Müller, Schulze im KZ, die sahn von fern, daß ihre alte Stadt nur noch ein rauchender Trümmerhaufen war. Wer aber löscht die tausend Feuer nun? Wer holt die Leichen aus den Kellerlöchern? Und die geschmort in ihrem eignen Fett, wie soll man die begraben - pfui, das riecht! Und die SS nein, die ist viel zu nobel, - da muß man einen andern Ausweg finden. 64 Das würde eine schöne Arbeit sein für alle, die noch leben im KZsteckt sie in frische Zebrakleider, he, laßt die den Toten aus den Kellern helfen! Die Meier, Müller, Schulze so geschah's! - Wir Toten aus dem Lager, längst vergessen, zweitausend Mann, verladen wie das Vieh, mit Zebrakleidung herrlich ausstaffiert, so fuhren wir in unsre Vaterstadt. Und Meier, Müller, Schulze im KZ, die schleppten nun Lebendige und Tote, die Leiber blau und grün, Gesichter aufgequollen, die Weiber aufgeschwemmt von Leichenwasser und Kinder, Säuglinge noch in den Windeln, die schleppten wir- und übten Disziplin. Und die SS bewachte uns sehr wohl; wir haben es geschafft, was keiner riechen wollte und womit keiner sich befassen konnte ( denn jeder Bürger hat sein eignes Leid und die SS hat ihren Alkohol). Wir haben's ausgehalten tagelang, wir Meier, Müller, Schulze im KZ. Vor uns ging eine Wolke von Gestank, und einem fiel ein Pfeiler auf den Kopf und mancher endete von Leichengift - und mancher kotzte auch, das war der Dank. 65 5 GIBT ES SO WAS NOCH? | Promenade im Stacheldraht, | blicken hinaus in die sonnige Weite, | ich und der Willy, mein Kamerad. Wir machen wie oft am Sonntag heute| | | Da sehen wir in der leuchtenden Au| einen kleinen vergnügten Knaben | mit seinen Eltern, Mann und Frau.| Wie drei so wandern, die Sonntag haben. Ich sah’s. Da faßte mich Willy am Arm. | Er faßt mich an mit staunendem Schweigen. Er lächelte so eigen warm— | Er wollte die Träne im Aug nicht zeigen. | | Und sprach und blickte hinaus ins Grün:| Sag, wer hat uns solches Wunder bestellt? Gibt es denn so was noch in der Welt? Wir sahen sie glücklich weiterziehn. AUF DEN RUINEN MEINER VATERSTADT I. Diese Hände, die zärtlich zu sein verstehen, haben tausend Leichen geborgen! Aus dem Schutt zertrümmerter, verkohlter Häuser schleppte ich die Kadavertagelang. Ach, wie trag ich's, meine Hände, wie, das Brot mit euch zu brechen, wie, die grauen Bilder zu vergessen; ach, mit Fingern, die von Leichenwasser trieften, jemals wieder einen jungen, zarten Leib mit frommer Lust zu packen? Aus den blinden Kellerlöchern, unter den zerbrochenen Gewölben stanken uns die aufgedunsnen Leiber an. Ins verbrühte Antlitz einer Alten irrte unser Blick: Ist es vielleicht die Mutter? Ein verkohltes Kind, noch in den Windeln wiegte einer närrisch hier im Arme einer leckte von der Wand ein ausgelaufenes Ei. Aber ich ging durch das Grausen mit des Häftlings Kleidung wie gezeichnet, taumelnd, wie in eines andern Menschen Wahn! 67 II. Diese Augen, die einst alles liebten, die mit freier Lust das All umwarben, mit der Zärtlichkeit des Einsamen,— nun das Grauen, das der Mensch bereitet, habt Ihr es, Ihr todgeweihten Blicke in die innere Pforte aufgenommen? Innen, wo der ewige Abgrund lauert, ohnmächtig harr’ ich, daß ein Wunder komme! Ist es die Sonne, die noch hinterm Horizont den Rand des Meeres küßt, daß tausend Diamanten im Wind der Frühe aus der Flut erschimmern? Was ist es, daß die innre Mitte wankt und Leben sich in meiner Tiefe regt? ® Ach, Du bist es, mein unbekannter Freund! Oh, wie verschweig ich’s Dir, daß Du- in diese Nacht des Grauens eingetreten, jung, strahlend, noch im frischen Ackerduft— mit einem Leib, der noch den frühen Hauch taufrischer, wilder Erde atmet! ID Wie kann es sein, daß ich nach solcher Not Dich sehen darf; wie, daß Du noch dies stille, ungebrochne Lächeln, wenn Du allein bist, trägst? Das von der Süße einer Hoffnung spricht, die einer heilen Menschheit gilt? Wie kann es sein, dies Wunder, daß ich Dich weit ab, in Deiner Unschuld sichrer Ferne belauschen darf, ich, einer von den Diamanten, die, von der Sonne Kuß im Morgen angeglüht, 4 nun miterschauern von dem Glanze Deines Innern? j Oh Sonne über einem Leichenfeld, ich möchte mich Dir nahn, allein mir fehlen alle Worte. Zerfetzt sind sie, wie Hamburgs Kathedralen. Im Schutt der ausgebombten Keller liegen sie, die wunschbeseelten Worte, die ich liebte, die Hoffnungen, zerfetzt in Nacht und Grauen. E meer RE A an IV. ö Sind sie denn zwischen Menschen aufgerichtet, Chinesischen Mauern gleich, die Rassen und Nationen? Der Gegensatz der Klassen ohne Brücken? Scheidung der Sprachen und Abgrund der Bildung? Freund, der in einer anderen Muttersprache Du geworden bist, wie kann ich mich Dir nähern? Allzulange heimlich schon nannt’ ich Dich Freund! Kenne des Wortes Schlüssel nicht, der Deine Seele öffnet. Wie aus dem Abgrund meiner verlorenen Inbrunst trete ich frei in die große Lichtung Deines erglänzenden Blicks? Wie, ohne zu erröten, wie nach dem Jammer all der grausen Tage, wie sag’ ich’s Dir, gesuchtes Menschenangesicht, daß ich zu am Ende tödlich dumpfer Menschheitsklage,[hoffen, zu hoffen wieder wage und zu glauben? Und daß Du, Lächelnder, der Du in Deinen Lenden das Wissen trägst vom David Michelangelos, daß Du der Augen heitre Wonne bist, die schon im Schauen sich vollendet? Wie überspringe ich mit einem Worte die Klüfte, die der Menschheit abgrundtief gesetzt sind durch Nation und Rasse? Wie, in welcher Sprache gelange ich an Deines Innern Pforte? V. Ach, keine Brücke ist von Mann zu Mann. Ich, der sechs Jahre keine Frau umarmt, des Blicke zwischen Stacheldraht und Abgrund in meines Herzens sinnlosem Verließ umhergeirrt, niemals mehr hoffend, einen Leib an mich zu pressen, ich, der vom Leichensaft der tödlichen Verwüstung noch immer stinke, ach, wie sollte ich, frühlingshafter betörender Knabe, Dir nahn? Wie sollte ich im Schaudern dieser Tage ein Wort erfinden, daß die Pforte Deiner Menschlichkeit ohne Dein Inneres zu erschrecken? Wie sag ich's leise Dir, daß ich nichts will, [ aufschließt, als aus der Mitte glühen, weiter glühen, glühen? Wie, Freund, der Du von Menschheit und von Kampf nichts wußtest, hierher verirrt bist, wildes Ahornblatt, das irgendein sinnloser Wind herabgeweht- Wie soll ich die Berauschtheit meiner Seele Dir sagen, und ohne Dir zu schaden? Ach, das ist's, was an meinem Wunsch ich doppelt liebe, daß er hoffnungslos verlaufen und unverständlich ist für Dich. - Denn aller Taumel der Seele wächst mit der Auswegganz wie das Wunder wächst, [ losigkeit, 71 je tiefer wir in den Wald gelangen! Und doch, mich treibt die Qual unausgesprochener Freude,) treibt mich, den Blick selbstquälerisch zu lenken, treibt mich zwischen sinnlos dumpfen Massen der ausgemergelt müden Kameraden, schmerzlich und lustvoll um das Lächeln nur Deines Angesichts zu kreisen. Noch ein Tag, mein Freund mit dieser Qual dessen, der seine Freude nicht sagen darf, und ich vergesse alles, was ich wollte; ich geh den Weg, den hier die Diebe gehen, breite meine Arme aus, ins Licht des Todes, der ewige Erinnerung ist; und springe und stürze hoffnungslos durch jene Kette, die todgewiß den Häftling hier umschließt! VI. Ich seh es, Freund, daß die Entfernung wächst. So kann den Drang gewaltiger Fremde ich, gewaltigen Schmerzes, hoffnungsloser Sympathie, nur pressen in den einen großen Schwur: Du Knabe, der noch nie geliebt, hinfort soll diese, wie verirrte Inbrunst meines Ich zu einem Menschen, der um mich nie weiß, und der die Zartheit meiner Tiefe nicht ermißt, der ganzen Jugend aller Nationen, der jungen Menschensaat gehören, die auf den Fluren aller Kontinente glückverheißend, hoffnungsjubelnd ausbricht aus den Menschheitäckern der ganzen Erde! Hinfort, mein Freund, soll diese glühende Mitte, im Angesicht millionenfachen Todes und der Ruinen ganz Europas, nur einem zauberhaften Ziel gehören: Ach, könnte ich die Lust der Welt mit dieser zitternden Gewalt betören! Jugend des Erdballs, dir allein gehört mein einsam stilles Streben. Und darin, Freund, wird heimlich meine Liebe auf einem seeligen Umweg Dich erreichen. 73 DIE FRAU Die zarten Hände in der Acht, so haben sie sie hereingebracht. Wie ihre stille Gestalt entschwand In des Arrestes rohe Gewalt, sahn wir diese kleine zärtliche Hand. Der Kommandant trat frech in ihre Zelle, | sie kirre zu machen auf die Schnelle: |„Wenn wir Dir die Fesseln herunternehmen. wirst Du Dich dann vielleicht bequemen?“ „Dann werd ich Dir“, so spricht das Weib, |„die Augen aus dem Kopfe kratzen, Ich zerfetze Dir den Leib, ich habe Nägel an den Tatzen!“.... Und schwieg, und ließ mit sich geschehen, daß man sie hängte, ohne aufzusehen. Und als sie ihr die Strümpfe dann von den Füßen lösten, sahn sie, so zart gepflegt war Fuß und Bein, daß jede Zeh’, im Tode noch, verlockend war, lustvolles Sein. SCHAM Bedenke eins: daß Du nie Scham erregst! Solange bist Du Mensch, als Du des Andern, des Andern Scham schonst wie die eigne Scham, wenn Du auch sehr des Menschen Leiden trägst. Ganz in der Tiefe hat die Scham ihr Haupt. Im dunklen Innern reckt sie sich blutrot. Wohl, dessen Hand von Schand und Schweiß verstaubt, der Scham tief-innres Antlitz nie bedroht! Denn wo dies Antlitz einer Scham verletzt, kann nie ein Mensch verwinden und vergessen. Und selbst im Mörder— wer kann Scham ermessen— achte dies Menschlichste zu allerletzt! WEIHNACHTSBAUM AUF DEM APPELLPLATZ VON NEUENGAMME Ich bin der alte Weihnachtsbaum aus unserm ewigen Kindertraum. Ich bin einsam hierher geschneit aus einer Welt, die märchenweit. Aus einer Welt, die sternenweit, hab' ich meine alte Fröhlichkeit. Ich laß von meinen grünen Zweigen den Lichterglanz zum Himmel steigen. Doch wie ich rings im Kreise blicke, ist hier nichts von dem alten Kinderglücke, ist hier nichts von dem fröhlichen Kindertraum, nur der Wind fährt eisig durch den Raum. - Doch das ist nicht der Raum der Welt, ist nicht das ewige Sternenzelt Ich stehe in eines Scheinwerfers Flamme auf dem Appellplatz von Neuengamme. Auf dem Appellplatz im Regenwetter treiben die Menschen wie welke Blätter. Das ist ein Rennen, ein toller Betrieb, das sind die Menschen ohne Lust, ohne Lieb. 76 56 Sie drängen herein durch das hölzerne Tor, ein paar Posten stehen frierend davor. Das ist die nackte, die bittere Not- jeder kämpft, jeder ringt um sein Abendbrot. Das wälzt sich durch die Regennacht, keiner hat für den andern Bedacht. Und einer, ein Kind, der Jüngste von allen, ist in dem Gedränge hingefallen. Da stehe ich nun, ich windkalter Baum, bin nicht das Glück in dem kindlichen Traum. Ich sehe, ich trage keine Kerzen, bin statt rosiger Apfel behängt mit Schmerzen. Ich bin mit elektrischen Birnen verziert. - Man hat den Appellplatz dekoriert. Ich bin nur ein hölzerner Restbestand von dem abgeholzten Waldesrand. Und das halbtote Kind hier in der Pfütze ist sinnlos wie ich und zu nichts nütze. Keiner hilft ihm empor aus dem grauen Dreck Ich seh, es verreckt ohne Sinn, ohne Zweck. Der Wind geht durch die Regennacht, ich halte immer noch einsame Wacht. Ich neige mich in des Sterbenden Traum, als wär' ich der alte, der fröhliche Baum. - 47 77 Was bin ich? Stöhne ich vor mich her. Der Appellplatz liegt jetzt öd und leer. Dort hinten, wo der Galgen stand, singen sie nun— vom Vaterland. Singen das Lied in allen Sprachen, sie essen Kuchen und sie lachen. Doch was werden sie feiern in allen Rassen, wenn wir die Kindheit verderben lassen? Der Wind pfeift durch den Stacheldraht. Er singt das Lied vom Hochverrat, Werd ich noch einmal Kerzen tragen, die lichterloh gen Himmel schlagen? FEGENDE RUSSEN Da stehen sie wieder im treibenden Schnee. Fremde, gebeugt von heimlosem Weh. In Lumpen gehüllt, mit nacktem Bein— Sie fegen, sie fegen ins Weiße hinein— Wer lenkt ihr Schicksal im treibenden Schnee? DIE FLUT Einmal wird es geschehn, das große Glück:| Das weite Meer wird vor mir liegen| mit Schäumen und Brausen—| seliger Augenblick! Hinter quirlenden Wassern steht Unendlichkeit. Während ich warte und schaue, wird die Flut sich erheben, dämmernde Wesenheit. Noch einmal in meinem Leben, Schicksal, laß mich dies sehen— Fromme Bewegung hinter dem Meere: Die Flut— Laß an mir geschehen! POLNISCHE EVAKUIERTE Gestern kam er an, der lange Zug, Frauen aus Polen mit ihren Kleinen. Auf den Ackern verstreut liegt noch Papier. Wind trug herüber ein verlorenes Weinen. Und seltsam: Aus der offnen Wagentür flattert im lauen Winde ein weißes Tuch. Jetzt fährt er dahin ins Ungewisse— Ist es wohl eine Frau? Wem winkt sie Grüße? (1) Die Nächte schlägt er in den Wind, braucht nicht zu schlafen, zu essen. Genug, daß wir beisammen sind | und unser Elend vergessen— I} Er stiehlt sich ins Lazarett geschwind, dort warten die jungen Kroaten, Studenten, Schüler, Soldaten. Ih} Für sie hat er Mäntel organisiert, für sie hat er Brot gebettelt, | hat für sie gelogen und manövriert. | Er stellte sie an den Posten,| wo sie nicht ruhn, nicht rosten.| Denn einmal, wenn die Stunde naht, I wird jeder Mensch ein Kamerad! | Er kennt nicht Partei, er kennt nicht Nation, er sieht nicht den grünen, den roten Winkel er kennt nur eins und das ist der Lohn: Die Menschheit ist das einzige Ziel! Doch was soll ich tun, mein Freund Andre, da sie Dich an den Galgen bringen?! Wie sollt ich es je verwinden, Dein leuchtendes Aug’ nicht mehr zu finden? Wie sollte der Kampf, der Sieg gelingen, wenn Du nicht bist— Höre auf mich, Andre———! 82 ( 2) Doch wann hat André einmal geruht? Er eilt hinweg zu den Kroaten, junge Studenten, Titos Soldaten Er wacht die lange Nacht bei ihnen, wenn sie, von Tuberkulose zerfressen, ihre Hoffnung in glühenden Reden messen; in ihren stinkenden Betten bleichen und ihre Träume sehnsuchtschwer bis in die ferne Heimat reichen... Er gab jede freie Minute her, er teilte mit ihnen die Schmerzen, gab ihnen Zuspruch aus wissendem Herzen. Wann hat André einmal mit Muße gegessen? Oft schlug die SS ihm ins Gesicht. Er lächelte nur, es berührte ihn nicht. Den Kopf erfüllt mit Häftlingsziffern, den nächsten Bergen- Belsen Transporten, mit einer Geheimschrift versteckten Chiffern, so lief er umher und organisierte für andere denn das war sein Leben! Sie pflanzten die Fäuste ihm roh in die Fresse, Blut rann, daß ich es nie vergesse! Doch er opferte nicht nur sein letztes Hemd, er gab auch die Mannesehre hin, hatten die andern nur einen Gewinn! Er hat tausenden geholfen, hat alles getan, gab seine allerletzte Kraft! Und André - er hat es doch nicht geschafft! Hier eine Schüssel Essen, dort ein Stück Brot- André, man weiß nicht, wie er es machte, doch André linderte jegliche Not - und lachte! 83 (3) Wie soll ich es sagen, was Andr& war? Alle Nationen haben von ihm gezehrt. Er war das Gewissen von Neuengamme, er war uns die stetige Flamme der einen, der edlen Menschlichkeit, die strahlte durch jedes bittere Leid. Für viele hat man Monumente gesetzt, sein Monument steht in unserem Herzen. Aber ich will Euch ein Lied von ihm singen, ein Lied, wie er lebte, wie er Kamerad war und wie er starb: Der junge Belgier Andr£. Was er uns war, steht über den Parteien, wird nie eine Partei verstehen. Nur wer wie wir unter dem Fluch der schändlichen wie wir geseufzt, hinter geladenem Draht,[Zeit, kann ermessen, was Andr& uns war.- Im Lager hat der Mensch nur einen Besitz: Die Kameradschaft. Manche sorgten für einen guten Posten und organisierten, manche schlugen und manche drückten sich still. Andre drückte sich nie, Andr& war immer bereit! Hunderte kamen zu ihm, schleppende Muselmänner; Andre gab ihnen Arbeit, Andr& stahl für sie Mantel Andre war das Gewissen der Not.[und Schuh. Und nun liegt er unten im Meere, ausgelöscht ist das Große, das Reine, das Schwere; sein Leib treibt mit dem Kopf nach unten im faulenden Wasser in Meeresnacht. Andre,— sie haben Dich doch zur Strecke gebracht! Aber in unserm Herzen strahlst Du mild der Zukunft glühend gewisses Bild: Andre! nn ET ee DIE SCHWÜRE Sollen die Schwüre vergeblich sein, die ich in der Not geschworen habe? Wie bitter war die Zeit und schwer— Ach, meines Herzens lautres Sein und Mildheit, die ich verloren habe.— Mildheit, die jedes Herz umfaßt, sollt’ ich sie denen nicht gewähren, die mich verfolgt, mich steinern gehaßt? Wie bitter war die Zeit und schwer— Soll ich das Leid der Welt vermehren? Was schwor ich doch in meiner Pein? In jener bittern, schweren Zeit? Wenn ich die Freiheit wiederhabe, ein Freund auch meines Feinds zu sein und jedem Menschen eine Labe!! DIE GEDICHTE Ich habe sie bei mir getragen in meiner Häftlingskluft, ein Bändchen heimlicher Verse zwischen Galgen und Typhusduft. Ich wußte: wenn sie die finden, wehe, dann hänge auch ich. k Sie haben mich ausgezogen,‘ sie prüften, sie filzten mich. In den abgelegten Klamotten heimlich verbarg ich sie— Diese Worte, die alles enthalten: Mensch, Gott und Vieh. Einmal ließ ich sie liegen auf dem Appellplatz im Dreck. Ein Häftling kann alles brauchen, die Verse nahm keiner weg. So hab’ ich sie bei mir getragen, Re ich bin mit dem Galgen vertraut, hab’ oft bei ihm gestanden und still mein Brot gekaut. Doch diese Verse blieben mein letztes Stück Land, der Ehre und der Seele beschworenes Unterpfand. 87 INHALTSVERZEICHNIS Das Leid.. 7 Ein kroatischer Schüler .. ..43 Grau in Grau. 8 Der innere Gewinn 45 Das ist bitter 9 Fische. 46 Appellplatzbild II Gesicht, das ich suche. 47 Häftlingsrevierbaracke 12 Mein Weg. 48 Appell 13 Dein größter Feind 49 Brot.. 14 Häftlingsehre. 50 Der Brotdieb .. IS Warum?.. 53 Verschüttetes Heu 16 Das Salzfaẞ 54 Im Käfig.. 17 Laẞt Euer gutes Herz.... 56 Orion. 19 Arbeitseinsatz. .. 57 Das Meer. 20 Draußen geht der Regen.. 59 Die Sterne 21 Vöglein auf dem elektrischen Draht 60 Draußen vorm Draht. 22 Der Flieder 61 Des Menschen Reich.. 23 Der Lesende.. 62 Urwiderspruch 24 In stillen Stunden. 63 Franzosentransport 25 Vor uns ging eine Wolke Gebet im Typhus. 26 von Gestank...... 64 Sieg.. 28 Gibt es so was noch?.. ... 66 Fliegeralarm.. 29 Auf den Ruinen meiner Himmel rot vor Scham 30 Vaterstadt. .. 67 Mein Abendgang 31 Die Frau.. 74 Auf dem Strohsack zu singen. 32 Scham. 75 Jugend.... 33 So sinken die Blätter.. .. 34 Briefe. 35 Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz von Neuengamme Fegende Russen.. .. 76 .. 79 Der Spaziergang.. 36 Die Flut.... 80 Schlafsaal. 37 Polnische Evakuierte 81 Heute. 39 André. 82 Tuberkulosentransport 40 Die Schwüre.. 86 Die Kinder 42 Die Gedichte. 87 88