‚u% JAN.[777 ’48ROT 90. Jun! 1978 08. Mai 1980 10R06 Ari wo 1989 aa 37: Juli 1989 ı 3. Juni 1995 08.10.97 05 11.97 VORWORT Dies Buch ist ein Tagebuch und will nichts anderes sein. Ich war gewöhnt, Tagebuch zu führen, und so war es nur natürlich, es nach meiner Einsperrung am 13. Januar 1942 fortzuführen. Papier und Schreibzeug waren das letzte, was ich in meinen Rucksack packte, ehe ich mit dem Distriktspolizeichef und seinem Helfershelfer auf brach, hinauf in die Berge nach Gausdal. Schon am nächsten Tag begann ich zu schreiben, in meiner Zelle im Lillehammer Kreisgefängnis, und ich blieb dabei, nahezu dreieinhalb Jahre lang. Aus verständlichen Gründen schrieb ich das Tagebuch in kleinster Schrift auf dünnstem Papier. Die Buchstaben waren so klein, daß die Stenotypistin ein Vergrößerungsglas benutzen mußte. Beim Schreiben kam mir nie der Gedanke, daß meine Niederschrift veröffentlicht werden könnte. Ich schrieb für meine Frau, um sie wissen zu lassen, was geschah und wie es mir ging und um meine Gedanken zu ordnen. Vielleicht erscheint das Tagebuch deswegen manchem zu persönlich, auch nachdem die meisten persönlichen Dinge herausgestrichen sind. Ich hatte das Gefühl, ich könne nicht alles herausstreichen, ohne dem Tagebuch zu viel von seiner Eigenart zu nehmen. Denn es ist eine Tatsache, daß ein Gefangener viel an seine Frau denkt, an seine Kinder und an sein Heim. Freunde drinnen und draußen glaubten, daß ein solches Tagebuch auch außerhalb des engsten Kreises von Interesse sein könnte. Mir scheint, sie haben recht- hier ist es also. Ich muß wohl dazu sagen, daß es auf etwa ein Drittel des ursprünglichen Manuskriptes zusammengestrichen ist.( Es handelt sich um die norwegische Ausgabe.) Ich fand viel, das gestrichen werden mußte und gestrichen werden konnte, und es ist auch so lang genug geworden. Das Manuskript des Tagebuches vom 20. August bis 4. Oktober 1943 ging unglücklicherweise verloren. 5 Die Zeit verging hinter dem Stacheldraht, und das Schreiben wurde für mich zu einer großen Hilfe. Es war, als vertraue man sich einem nahen Freunde an und könne sein Herz erleichtern von allem, das es bedrückte- es wurde zu einer eigenen Art des Vergessens. Ich war glücklich mit meiner Erfindung und wurde immer erfinderischer darin, das, was ich geschrieben hatte, zu verstecken und hinauszuschicken. In Grini, wo ich mich sehr schnell eingewöhnte, war es nicht schwierig. Es gab Hunderte von Verstecken, die kein Deutscher jemals herausfand. Wir hatten eine richtige Vorratskammer von ,, Verbotenem" in dem Hauptabzugsrohr, das aus dem Heizungsraum durch einen geheimen Tunnel nach draußen führte. In Rohrschächten im Hauptgebäude, hinter Gasrohren und Leitungen zwischen den Stockwerken hingen in Beuteln ,, feuergefährliche" Dinge. Wir hatten Verstecke auf dem Bauernhof, in den Werkstätten, unter Baumstümpfen und Steinen draußen auf den Feldern, in hohlen Tischplatten und Tischbeinen, in Fächern mit doppeltem Boden und in den Fußböden, Decken und Wänden aller Gebäude im Lager. Keine der vielen Nachsuchen, die zu meiner Zeit durchgeführt wurden, brachte irgend etwas wirklich Wichtiges zutage. Keine einzige Seite des Tagebuches fiel jemals in falsche Hände, kein einziger wichtiger Brief, keine einzige Nachricht. Auch Kanäle führten heraus, viele und gute. Manche Eilnachricht und manch wirklich wichtige Briefe, von denen Tod und Leben der Beteiligten abhängen konnte, fanden ihren Weg in die Freiheit in dem doppelten Boden einer Streichholzschachtel, in eine Zigarette gerollt oder in einem der Röhrenstücke, die dauernd nach Oslo zur Reparatur mußten. Viele hundert Seiten dieses Tagebuches wurden auf diesem Weg aus dem Lager gebracht. In den Fossum- Werken, am Bahnhof Lysaker und an vielen anderen Orten, wo wir Material für die Bauabteilung holen mußten oder anderes zu tun hatten, überall waren gute Freunde, die Briefe und Pakete beförderten und die mit den Verbindungsleuten in Oslo die Kanäle offen hielten. Die Kanäle waren unsere Lebensnerven. Es würde zu weit führen, alle Helfer zu erwähnen. So nenne ich niemand. Aber Ehre allen, die daran teilhatten. 6 In Deutschland war die Sache nicht so einfach. Und ich mußte weiterschreiben. Nicht, daß die Geheimhaltung in diesem Lager besonders schwierig war. Dort wurde weniger nachgesucht. Es war auch leicht, eine Gelegenheit zum Schrei- ben zu finden. Schwierig war nur, das Geschriebene mitzu- nehmen, wenn wir das Lager verließen. Denn das bedeutete „Pilzung‘‘- eine Untersuchung auf Leib und Seele, und nichts Verbotenes kam durch. So ziemlich alles war verboten- und wir konnten jeden Tag einem Transport zugeteilt werden. Dieses Problem beschäftigte mich lange Zeit, aber es hielt mich nicht vom Schreiben ab. Selbst wenn ich das Manuskript in deutschem Boden hätte vergraben müssen, ich wollte und mußte schreiben. Dann machte ich eine Entdeckung. Die meisten„Muselmänner‘ und die anderen, die mit Transporten in Sachsenhausen ankamen oder abgingen, hatten ein Brotbrett in ihrem Gepäck. Das kam so: die jedem Mann für den Trans- port zugeteilte Brotration wurde beim Aufbruch ausgegeben, und man hatte ein Brotbrett oder Brettchen, um das Brot darauf zu schneiden. Das wurde bei der„Filzung‘ nicht be- - anstandet. Kein noch so großer Dummkopf konnte es ver- dächtig finden. Natürlich! Das war die Lösung. Das Tagebuch würde im Brotbrett herauskommen. Ich ging gleich an die Arbeit. Ich war damals in der Tischlerei, und mit Hilfe meines Freundes Birger Bjerkeng, der unter anderem ein ausgezeichneter Tischler war, stellte ich einige entsprechende Brotbrettchen her. Ein Holzbrett wurde mit der Kreissäge in zwei Blätter geschnitten. Eines davon wurde ausgehöhlt in der Größe des Manuskriptes. Die beiden Blätter wurden abgeschliffen und mit der Genauigkeit eines Meister- Tischlers aufeinander gepaßt. Das Manuskript wurde in die Vertiefung gelegt und gepreßt, dann beide Teile zusammen- geleimt und an den Rändern geglättet. Kein Mensch konnte merken, daß das Brettchen geleimt oder hohl war. Das erste Brettchen war für mich, das zweite für Frode, das dritte für Scott, das vierte für Erik, das fünfte für Arvid und das sechste für Leif. Ich schnitzte unsereNamen hinein, und wir benutzten sie jeden Tag, bis sie mit Messerspuren und Fett- flecken bedeckt waren. In diesen sechs Brotbrettchen wurde das Tagebuch nach Norwegen gebracht außer dem Teil, den ich schrieb, nachdem wir Sachsenhausen verlassen hatten. Diesen nähte ich in meinen Schlafsack ein. Für die Orthographie der deutschen Namen möchte ich mich nicht verbürgen. Wenn die deutschen Ausdrücke nicht immer „Hochdeutsch‘“ sind, so ist das nur zum Teil mein Fehler. Lysaker, November 1946 Odd Nansen OddNansens Tagebuch aus derZeitseiner Haft isteinmensch- liches und historisches Dokument, das bereits in der ganzen Welt Widerhall gefunden hat. „Von Tag zu Tag“ ist in norwegischer Sprache geschrieben und umfaßt im Original drei Bände. Die beiden ersten be- handeln Odd Nansens Erlebnisse in norwegischen Lagern, der dritte Band deutsche Konzentrationslager, vor allem Sachsen- hausen. Es ist bereits eine englische Übersetzung erschienen, die in Amerika und England Erschütterung und Bewunderung geweckt hat. Wir bringen nun eine gekürzte Übertragung aus dem norwegischen Urtext. Aus den beiden ersten Bänden ist nur so vielentnommen, wie nötig war, den Gang der Ereignisse darzustellen. Der dritte Band, der Deutschland zum Schauplatz hat, ist nahezu unverändert geblieben. Odd Nansen hat den Reinertrag aus der deutschen Ausgabe seines Tagebuches für die deutschen Flüchtlinge bestimmt, denen zu helfen er sich zur Aufgabe gemacht hat. Wir hoffen, daß dies Selbstzeugnis eines großen Menschen in der dunklen Zeit der Verwirrung unter den Völkern auch bei uns in Deutschland die Würdigung und Beachtung findet, die es verdient. Im Herbst 1949 Hans Dulk Verlag Lieber deutscher Leser! Es ist vielleicht zu viel verlangt, dass ou dieses Buch als ein entgegenkommendes Freundschaftzeichen betrachtest, obschon es als dieses gemeint ist. Aus diesem Gründe habe ich das Buch an die deutschen Flüchtlinge gegeben, die unter Millionen anderer Opfer an diesen furchtbaren. Noregs katastropheen gelitten haben. Es ist mein grösster Wünsch, dass wir nus in Anerkamung der Wahrheit, die in diesem Buche ingeselinkt gesebildert wird, aut der Grundlage einer Ehrlichen Zusammen. arbeit begegnen können, inn zu verhindern, dass das, was geschah niemals wieder gescheh. en wird. Das grösste Verbrechen, das wir heute gegen ins selbst und die Gemeinschaft begehen können, ist das was geschah, zu vergessen und wieder in Heichgültigkeit zu fallen. Das was gesenah, ist viel schlimmer als dû almst, und es war dis Gleichgültigkeit der Mensehen, die es geschehen liess. Wenn man dieses Onen einen- wenn auch so bescheidenen. Beitrag geben kann, der zum Wiederausbau der Freundschaft, des Verständnis. ses und der Zusammenarbeit dient, um eine bessere Welt für uns alle zu schaffen,- dann hat es seinen Auftrag erfüllt. Mit den freundlichsten Grüssen hysaker, Rovember 1949. Ihr ergebener Odbnamen. 13. Januar 1942 Um acht erschien in meiner Hütte der Polizist, begleitet von zwei Deutschen. Es war dunkel. Schon von weitem sahen wir die Taschenlampe blinken. Es hätte sich um eine Radiokontrolle handeln können gerade jetzt zu dieser Stunde der Nachrichten aus London. Der Besuch galt mir. Ich solle, sagten sie, nach Lillehammer mit, von dort nach Oslo, wo ich das Warum erfahren werde. Man ließ mir Zeit zum Packen meines Rucksacks. Kari( meine Frau) war ruhig, die Kinder weinten, lächelten aber doch tapfer durch die Tränen, als ich sie verließ. Dann ging es los. Das Auto stand an der Garage des nahen Sanatoriums. Während unserer Fahrt war der Polizist sehr redelustig. Es lag ihm offenbar daran, die Rolle, die er spielen mußte, zu verbrämen. Als er bei Segalstad Bru ausstieg, wünschte er mir noch ,, baldige Heimkehr"!- Ich wurde in dem Kreisgefängnis festgesetzt, in Einzelhaft. In meiner Zelle hatte Admiral Tank- Nielsen die vergangene Nacht verbracht. Ich erfuhr von neuen Aktionen gegen Offiziere und die Leute, die dem Königshaus befreundet waren, und dachte mir, daß ich wohl in die letztere Kategorie gehöre- also dann wahrscheinlich ,, sitzen" sollte, bis der Krieg vorbei war. 6. Februar 1942 Im Gefängnis ist die Stille eine andere als anderswo. Tiefer, dichter, mehr gesättigt mit Gedanken. Für viele drüben in dem Hauptgefängnis ist es schlimm, sie zu bestehen. Für sie ist jeder Tag und das Zusammensein mit all den hundert anderen die Rettung. Denn nachts kommen die entsetzlichen Gedanken. Was wird mit mir geschehen? Wann kommt meine Sache zur Verhandlung? Ob sie überhaupt jemals zur Sprache kommen 9 wird? Aber welche Chancen hätte ich in diesem Falle? Ob jemand was verraten hat? Ob es zu einem Todesurteil kommt? Und wie mag es sein zu sterben?- Nein, nein! Ich will nicht und ich darf nicht sterben jetzt! Es gibt soviel, wofür ich leben muẞ! Wenn sich's doch nur noch ein paar Monate hinzögerte, bis zum Sommer oder vielleicht gar bis Herbst, dann bin ich sicher( denn länger dauert doch der Krieg bestimmt nicht!). Oh, wenn doch nur ein Glied in der Kette der Beweise fehlen möchte, so daß man mehr Verhöre nötig hat und deshalb auch mehr Zeit. Zeit, Zeit gib mir Zeit, lieber Gott, gib mir Zeit! Und die Gefängnisstille, diese tiefe, dichte, gibt keine andere Antwort, als von Zeit zu Zeit den Widerhall der schweren Schritte der Wachtposten in den Fluren oder das Knirschen ihrer Stiefel draußen in der Winternacht. Und wenn die Schritte sich entfernen und ihr Geräusch vergeht, fangen die Gedanken wieder an zu kreisen, bis sie ein leichter Morgenschlaf für ein paar Stunden unterbricht.- - Ich möchte wissen, ob wohl auch ich Angst vor ihr, dieser Stille, hätte, wenn ich daläge und darüber grübeln würde, welche Aussichten ich selber habe. Wer hat mir übrigens erzählt, daß ich keine ,, Sache" habe? Wer hat mir gesagt, daß ich der Zukunft unbesorgt entgegensehen kann? Wahrscheinlich sitze ich als Geisel hier. Doch nimmt man Geiseln zu dem Zwecke, daß sie büßen müssen, wenn etwas geschieht. Das, was in Frankreich möglich war, kann doch auch hier geschehen: dort erschoẞ man hundert Bürger, weil ein deutscher Offizier getötet worden war und der Mörder sich nicht meldete.- Unmöglich, daß dies auch in Norwegen geschieht, sagen alle Geiseln, mit denen ich darüber sprach. Aber keiner konnte mir das durch ein Argument wahrscheinlich machen. Keiner hatte den Gedanken zu Ende gedacht- er ging sie überhaupt nichts an. Uns kann doch nichts Derartiges passieren! Wir haben doch niemals etwas verbrochen! Wer also sollte wohl auf den Gedanken kommen, uns hier anzutasten?- So war es ja auch damals, als die Leute aus der Tschechoslowakei und Wien eintrafen und erzählten, wie man dort gegen Flüchtlinge und Juden vorgegangen sei. Genau so war's: man glaubte nicht ΙΟ daran. Man zuckte mit den Achseln und sprach nur von Phantasten, Sensationsjägern und Kriegshetzern. Und wir mußten uns damit zufrieden geben, daß die Leute kein Interesse hatten für diese ewigen Flüchtlinge, die ihr Schicksal wohl verdienten und gewiß etwas verbrochen hatten, weshalb man sie verfolgte. Hierzulande gab es andere Sorgen! Man mußte doch zuerst an sich und an die eigenen Nöte denken, bevor man sich um andere Völker kümmerte. Dort unten in den fernen Ländern mögen die NS ihr Wesen treiben hierher kommen sie auf keinen Fall! - Der Gedanke daran, daß sie auch noch hierherkommen könnten, war ihnen ferner als der Mann im Mond. Selbst nachdem der Krieg in Finnland ausgebrochen, war es ihnen schwer zu denken, daß auch wir bereits in der Gefahrenzone uns befanden, daß wir Norweger in unserer alten Heimat irgend etwas zu befürchten haben sollten. II. Februar 1942 Ich mußte heute zum ,, Bauernhof" hinunter... Man muß ein Stück Weges dorthin laufen. Auf diesem Wege sieht man über Wald und Felder, und heute wirkte alles ganz besonders schön und licht und froh. Ungefähr auf halbem Weg zum Bauernhof steht Kullmann und bricht Steine. Schon mehrere Monate hat er dort gestanden und den Weg gebaut. Dereinst wird dieser wohl den Namen tragen: Kullmannweg. Doch er selbst sagt froh und lächelnd, aber auch mit einem sonderbaren Ernst, daß er wohl einen anderen Namen tragen werde. Er weiß nur nicht, ob er wagen darf, ihn zu nennen. ,, Doch, sag' es schon, Kullmann, wie heißt der Weg?" ,, Er heißt WEG DER VERSÖHNUNG", sagt Kullmann, und wird beinahe feierlich. Doch kurz darauf lächelt er wieder übers ganze Gesicht, trillert vor sich hin und lacht. Ein merkwürdiger Mensch. Er lebt vollkommen in der eigenen Welt. Es ist, als sei er nur mit einem großen Werk beschäftigt, das vollendet werden muß. Als er, nach wenig Monaten, entlassen werden sollte, hatte er ein paar Bedingungen zu unterschreiben. Bei den I I meisten konnte er das unbedenklich tun. Ja, er wolle nicht mit Waffen gegen das Dritte Reich vorgehen. Er wolle auch nicht Propaganda machen für den Sieg der Engländer oder irgend- welche Unruhen anzetteln. Nein, keineswegs, an sowas habe er ja nie gedacht. Dann aber kam noch etwas anderes: Er dürfe nun nicht mehr für seine Ideen agitieren.- Das wollte er nicht unterschreiben; und so blieb er im Gefängnis.- Still und ohne Klage arbeitet Kullmann weiter an seinem„Wege der Ver- söhnung“. Heute war er ebenso liebenswürdig wie sonst, fast noch liebenswürdiger, als er grüßte und lachte im Sonnenschein, eifrig damit beschäftigt, einige große Steine nach einer Schnur zurechtzulegen. ‚Ist das Wetter nicht wundervoll?“ sprudelte es aus ihm hervor, er richtete sich auf und lächelte. Er strahlte förmlich vor Freude darüber, wie schön alles sei. „Wo willst du hin, gehst du nur spazieren?“ fragte er. Ich erklärte, daß ich Lange-Nielsen zum Verhör abholen solle. „Ich saß zufällig in der Vermittlung, und so wurde ich denn damit beauftragt.“„Ist die Gestapo dort?“ fragte er inter- essiert, und ein Schatten flog über sein Gesicht. Er kannte sie wohl auch, und dieses Wort war wie ein schneidender Mißklang zum Sonnenschein, zur Landschaft, zu Kullmann selbst und seinem„Wege der Versöhnung“. Es war, als ob in ihm etwas zerbräche beim Hören dieses Wortes, und ich entdeckte, daß es mir genau so ging. Gestapo war da. Ein Gefangener sollte verhört werden. Gestapo. Verhör. Wie eisig klingt das! Wie beißend kalt es auf einmal wird! Es wurde nicht mehr gesprochen, wir schüttelten nur den Kopf, und ich setzte meinen Weg fort. Etwas später wandte ich mich um und sah zurück nach Kullmann. Er stand noch da und starrte vor sich hin. Er sang nicht mehr. Er versuchte wohl, die düsteren Gedanken loszuwerden, die hereingebrochen waren, nur weil ich das eine böse Wort„Gestapo“ nannte.— Dieser Tag stand für mich im Zeichen dieser sonderbaren Stimmung. Ich wurde das unheimliche Gefühl nicht los, mitten am sonnen- lichten Tage.- Ich holte Lange-Nielsen. Er wurde verhört, aber diesmal nicht geschlagen. 12 2.März 1942 ... Warum soll ich klagen, der ich nicht einmal zwei Monate lang als Gefangener gelebt? Ich denke jener, die ein ganzes kostbares Jahr lang und noch länger hier gewesen sind, und die noch so tapfer wie am Anfang sind. Ihre ganze Seelenkraft bieten sie für diesen Kampf auf, ihre ganze überlegene Ruhe gegen die laute Machtentfaltung der brüllenden engstirnigen Wesen die sie umgeben. Ist das Resignation? O nein, dafür bedarf es keiner Resignation. Das Gebrüll erreicht sie nicht, die Demütigungen gleiten tief unten an ihnen ab, die Schläge prallen ab, die Dummheit fällt plump zurück auf ihren Ur- heber. Es ist keine Resignation, dies erbärmliche Schauspiel mit Mitleid zu betrachten. Es ist etwas völlig anderes. Es ist die natürliche Reaktion eines Überlegenen gegenüber dem ihm Unterlegenen. Merkwürdig ist, daß es auch hier so viel Gelegenheiten gibt, Herz und Nächstenliebe zu beweisen. Es gilt nur, zu diesen Gefühlen hinzufinden und sie nicht durch die Schatten primi- tiver Gefühle wie Haß, Verachtung, Rachegedanken ver- dunkeln zu lassen. Der überlegene Mensch sieht tiefer, er gibt sich nicht zufrieden mit diesen Oberflächen-Phänomenen, oder richtiger gesagt, vielleicht erlaubt er ihnen nicht, bis in die Tiefen seines Wesens vorzudringen und seine edelsten Quellen zu verschmutzen. Denn er weiß, daß sie heilig sind, und sein ganzes Wesen müht sich, sie zu hüten. Aus ihnen saugt er ja die Kraft, die er braucht, um das Leben zu meistern; von dort strömt ja die Wärme aus, jene Wärme, die den Mitmenschen entgegenstrahlt; dort springen die Funken auf, die den Nebel und die Dunkelheit zerreißen und Lichtstreifen werfen in jenes Unbekannte, das nie aufhören wird, ihn zu rufen. Er hütet sein Heiligtum, nicht weil es sein Eigentum ist, sondern weil es ein Teil ist jenes Ewigen, dem er sein Leben geweiht hat. Es ist seine höhere Bestimmung, diesem Geist zu dienen, seinen geringen Einsatz zu machen, der doch ewige Bedeutung hat. Aber dieser Einsatz wird verkleinert, wenn sein Sinn ver- dunkelt wird vom Nebel der Nächte und bewegt von zufälligen Windstößen. Darum muß er auf der Hut sein, denn es kann 73 schwer genug werden, standzuhalten, wenn die Windstöße heftig werden. Es gehört ein gutes Schiff dazu, und man muẞ auch steuern können, denn das Fahrwasser kann eng und schwierig sein und voller Klippen. Wer das Steuer aus der Hand verliert, der ist verloren. Und schließlich gilt es ja nicht nur an Land zu kommen in einen ersten besten Hafen. Es gibt so viele, die das glauben. Aber die Reise geht noch weiter, immer weiter! Der Hafen ist nur Stützpunkt und Ausgangsstelle für eine neue Fahrt, vielleicht für eine viel bedeutungsvollere als die, auf der man sich befindet.- Ja, sicherlich für eine viel bedeutungsvollere! Was aber wollen wir im Hafen mit dunklen Gedanken anfangen? Als wenn das Dunkel und der Sturm da draußen nicht schlimm genug wären! Wir wollen doch nur dorthin, um Zerstörtes wiederherzustellen, das, was der Sturm vernichtet hat, und um dies zu schaffen, haben wir Licht nötig. Nur mit Lichtgedanken können wir aufbauen! Demütig müssen wir ans Werk gehen, und nur mit Liebe, nie mit Haẞ können wir unsere Taten tun. Die Energie, die für die Hitze des Hasses verbraucht wird, stehlen wir unserer Arbeitskraft und verringern dadurch jenen Einsatz, der von uns gefordert wird. Und Gott weiß, daß viel von uns verlangt wird in dieser Zeit und in der Zeit, die kommen wird. 14. März 1942 Einer oder vielleicht mehrere von denen, die auf ihr Urteil warteten, haben den Bescheid erhalten, sie möchten ihre Sachen packen. Es dauert lange oft, bis das Leben wieder in Gang kommt, nachdem etwas Derartiges geschehen ist. Es tut weh, zu lachen, es tut weh, lustige Dinge zu erzählen, und noch weher tut's, mit jedem Atemzug zu fühlen, daß man gar nichts unternehmen kann, nichts von dem, wonach die Seele schreit. Der Aufruhr wächst in einem. Es ist so ein Gefühl, als sollte man ersticken. Und man hat nicht einmal die Freiheit, es hinauszuschreien. Es muß hinuntergeschluckt, es muß vergessen werden. Heute kam eine Reihe neuer Gefangener, teils von Bergen, 14 teils von Trondheim. Die Trondheimer gehörten zur Aalesundgruppe. Sie waren an Bord des Bootes gewesen, das gefaßt worden war. Viel ist für sie nicht zu hoffen. Sie hatten Angeber an Bord. Offensichtlich hatten sie sich Leuten anvertraut, die sie nicht persönlich kannten, von denen sie jedoch gehört hatten, daß sie schon Hunderte von Booten hinüberbefördert haben sollten. So kam es denn heraus, und die ganze Sache lag schon auf dem Tisch der Gestapo. Erklärungen waren überflüssig. Ihre einzige Hoffnung ist wohl, daß genügend Zeit vergehen wird, bevor die Sache zur Debatte kommt. Täglich können sie Bescheid bekommen, daß sie ihre Sachen packen möchten. Und dann wissen sie, was das bedeutet, wie auch Fraser und Svae es wußten, als sie abzogen, und wie all die anderen es auch wußten. Sogar hier im Gefängnis war das Leben so sehr wert, gelebt zu werden. Die Kameradschaft... fesselte sie ans Leben mit neuen und starken Banden, es wurde ganz undenkbar, sie wieder zu zerreißen! Die Sonne schien doch und blinkte in den Schneekristallen, sie schien über unserem Land, unserem Wald und über unseren Feldern, über unserer Arbeit und unserer Gemeinschaft und über einer leuchtenden Zukunft, zu der wir gleichsam alle täglich den Grundstock legen. Diese Gedanken werden zu einer inneren Gewißheit, die uns mit Freude und Lebensmut erfüllt und durch nichts zerstört werden kann. Die Tage werden immer heller und die Stimmung dementsprechend auch, das Leben wird reich und intensiv- wir gehen dem Frühling entgegen!- Aber dann plötzlich, eines Tages, verdecken schwarze Wolken unsere Sonne, und eine dunkle Unheimlichkeit lastet über dem Gefängnis. Das Leben verstummt; das Spiel hört auf; man senkt den Kopf und sieht weg, als wolle man sich schützen gegen das, was jetzt kommen soll. 16. April 1942 Heut ist ein strahlend warmer Frühlingstag. In diesen Frühlingstag zieht eine Norweger- Kolonne. Sie blinzeln in der Sonne, doch ist es, als erkennten sie sie gar nicht mehr. Sie I5 empfangen ihre warmen Strahlen, aber trotzdem tauen sie nicht auf. Irgend etwas ist zu tief in ihnen eingefroren, etwas, wohin die Sonne nicht mehr dringen kann. Etwas, das sich festzusetzen, das zu einem Eisgletscher im Gemüt zu werden droht. Das Gebrüll des Wachtpostens von dort, wo die Straf kolonne arbeitet, durchschneidet den beginnenden Tag; das Geräusch von hundert Hacken und Spaten gegen die gefrorene Erde erfüllt die Luft und übertönt das Vogelzwitschern und den murmelnden Bach, der sich um das ,, Straffeld" schlängelt. Oben in der Krankenstube liegen die zuschanden Geschlagenen mit ihren Gedanken. Sie erinnern sich an jede Einzelheit. So etwas kann man nicht vergessen. Wie grotesk sind solche Gedanken doch an einem Frühlingsmorgen! Und auf den Arbeitsplätzen gehen Gefangene umher und geben sich Mühe, nicht an das zu denken, was ihrer wartet. - So war der Frühling früher nie! Noch nie so schmerzlich, nie so seltsam, so entkräftend.. - Aber die Sonne stieg noch höher und gelangte schließlich auch in dunkle Ecken, wo die Winterkälte sich verborgen hielt, und noch ehe die Mittagsstunde schlug, hatte der Frühling Fuß gefaßt auch dort, wo das Dunkel am tiefsten und die Kälte am schlimmsten war. Die Kräfte nahmen zu, der Lebensmut wuchs, und die Hoffnung, die ewige, keimte im Frühlingstag. 30. April 1942 Heute morgen, bevor wir anderen aufgestanden waren, schickte man sie fort: die zum Tod Verurteilten der Aalesundgruppe. Der Obersturmführer war selbst zugegen, hielt ihnen eine donnernde Ansprache, und schlug sie mit der Reitpeitsche vor Wut. Der Widerhall davon drang bis in den Raum, den wir im Hauptgebäude innehatten, und vom Fenster aus konnten wir das, was sich da abspielte, beobachten. Einer der Wachtposten erzählte davon. Er war außer sich und tief entrüstet über das Benehmen seines Vorgesetzten. Bevor man sie losschickte, wurden ihnen Handschellen angelegt. Man kettete sie je zwei 16 und zwei zusammen. Ihr Gepäck blieb hier zurück, mit Namen und mit Anschrift. - Ein qualvolles und düsteres Schweigen lag heute über dem Gefängnis. Während die Stunden schlichen, war's, als wenn die Hoffnung schwände. Langsam, oh, so langsam und so peinigend, doch so unheimlich sicher, bis es Abend wurde und der letzte Rest von Hoffnung mit der Sonne hinter den Hügeln unterging.- Es waren alles junge, starke Burschen, die meisten von ihnen gerade solche, die beinah alles zu ertragen fähig sind. Noch nie schien es mir wahrer: Wo Leben ist, ist Hoffnung! Leben! Als wie selbstverständlich habe ich das doch empfunden in diesen jungen Jahren. Und welcher Hoffnung hätte es für uns bedurft? Man kannte immer nur Gewißheit, Siegesrausch und Lebensfreude, die herrliche, verantwortungslose, jubelnde, selbstverständliche Lebensfreude. - Daß man von Hoffnung sprach, das kam erst später, als wir reifer waren. Für diese jungen Burschen aber kam es plötzlich, mitten in ihrem Frühling, da das Leben sich entfaltet, da die Flügel sich zum ersten Fluge richten. Ich sehe Fillinger vor mir, aufrecht und hell, mit blauem Blick, hart und bestimmt. Sein Gesicht erzählt mir, daß er allem wohlvorbereitet entgegengeht. Er hat den Kampf schon bis zum Ende durchgekämpft und hat gesiegt. Er fällt nicht, ehe er tot ist. Und die anderen auch nicht.- 1. Mai 1942 Sie wurden gestern morgen um zehn Uhr erschossen; ohne gerichtliches Urteil, ohne weitere Umstände.- Heute morgen um halb acht brachte das Radio die Meldung. Die Namen jedes einzelnen waren im Radio verlesen worden. Jeder Name wie ein Peitschenhieb, ein Stich ins Herz. Namen von Kameraden, mit denen wir doch wochenlang zusammen wohnten, mit denen wir Essen und Tabak geteilt, mit denen wir gescherzt, gelacht... Heute nachmittag oben beim Obersturmführer, um über seine Gartenanlage mit ihm zu sprechen. Eine halbe Stunde 2 Nansen 17 ging er mit mir durchs Gelände. Mit den Augen liebkoste ich seinen Hals, in Gedanken hatte ich ihn zwischen meinen Händen, und drückte zu, ich sah, wie sein Gesicht in Schmerzen sich verzog und von Gelbgrün überging zu Dunkelblau, bevor er das Leben aushauchte. Ich wußte, daß ich dann nicht eher aufgehört hätte, als bis es zu Ende gewesen wäre. Und ich hätte Genugtuung dabei empfunden: die Welt wäre um einen Teufel ärmer gewesen! Aber ich wußte auch, daß der Rückschlag kommen werde. Und er kam. Schon weil ich dieses alles dachte, so lebendig dachte. Ich habe alles vergessen, worüber wir uns unterhalten haben. Und vieles davon darf ich ja doch nicht vergessen. Als ich in meine Zelle kam, sank ich zusammen. Seelisch und körperlich am Ende. Ich habe mich so tief geschämt, Kari. Ich hab' Angst vor mir selber!- Denk' an die achtzehn Familien, die heute diese Nachrichten erhielten. Wieviel Eltern, Schwestern, Brüder, Freunde, Freundinnen sitzen heute abend zusammengesunken in Not und Trauer, ohne irgendeinen Lichtblick, ohne irgendeinen Trost.- Ich erzählte G. heut morgen, was geschehen sei. Er lachte! Offen und ohne Hemmungen zu haben, lachte er! Der runde, gutmütige, merkwürdige, dumme Mann, von dem ich immer dachte, daß er ein Mensch sei- er lachte, als er hörte, daß achtzehn unserer Kameraden erschossen worden sind. Ich wollte meinen Augen und Ohren nicht mehr trauen. Ich wiederholte es, ich fragte geradezu entsetzt, ob er verstehe. ,, Jacob Friis ist tot", sagte ich ,,, gestern morgen wurde er erschossen, er, mit dem Sie täglich doch zu tun gehabt, der helle, blauäugige Junge, er ist ermordet worden!"- Ich schrie es ihm beinah entgegen. Aber G. verzog nicht eine Miene. Er behielt das breite, fette Grinsen bei und sagte, er habe schon vorher gewußt, daß es so enden werde- doch das ginge ihn nichts an. Das nämlich sei das Schlaueste, sich aus allem herauszuhalten! 18 Eine Woge von Zorn schoẞ in mir hoch, ich stammelte etwas, die Zunge überschlug sich, ich bekam es nicht heraus, dann wandte ich mich um und ging. Er blieb zurück und gaffte. 2. Mai 1942 Wie oft haben wir uns doch genügend Zeit gewünscht, wie oft hatten wir davon zu wenig in unserem gehetzten Dasein. Heute beten wir, Gott möge uns davor bewahren. Nimm sie fort, laß sie verschwinden, kürze sie ab, du Gott der Menschen! Wische sie aus, diese entsetzlichen Tage, die unendlich langen Wochen, Monate und Jahre und entferne doch die Spur davon in unserem Herzen, die tiefe Blutspur, in der die dunklen Gedanken nisten, um nie mehr daraus zu verschwinden. Wo gibt es denn noch Herzenswärme, wo kann eine Kindesseele sich dem Licht zuwenden? Der Schmerz im Blick der Mutter wird sich in das Gemüt des Kindes prägen. Die dunkle Wolke auf der Stirn des Vaters wirft ihren Schatten über des Kindes Spiel. Teufel, böse Mächte werden die Welt des Kindes ausfüllen, Tod und Blut werden sein Gemüt erzittern lassen und das Licht, das darin brannte, auslöschen... 3. Mai 1942 Blaue Farbe findet man nur, wenn man den Kopf hebt und zum Himmel auf blickt. Es scheint ein höherer Sinn darin zu liegen. Man hat Blau nötig, darum sieht man auf zum Himmel, darum erhebt man seinen Kopf, und dann ist's so viel leichter, all das andere zu vergessen, das zu diesem Frühling fehlt. Der Frühlingshimmel ist so hoch und grenzenlos. Dort gibt es nichts Abriegelndes. Nur ab und zu wagt es ein Flugzeug, wie ein schmutziger Fleck in diese Welt der Bläue einzudringen. Und es ist, als wenn hoch dort droben alle Trennungen aufhören müßten, selbst die Scheidung zwischen Leben und Tod. Als ob alles dort zusammenflösse in ein ungeheures Meer von Licht. Wir treffen die anderen wieder, sie grüßen uns, wir wissen, daß das Lichtmeer uns hier unten auch erreicht, wenn wir nur den Kopf erheben und die helle blaue Farbe in die Seele strömen lassen- daß sie gereinigt werde.- 2* 19 In der Mittagspause ließ der Zugwachtmeister mich nach oben kommen, in seine Villa; er habe etwas mit mir zu be- sprechen. Ich kam mit einem anderen Gefangenen zusammen, der die Villa säubert und in Ordnung hält, doch ließ er diesen gehen. Dann machte er die Tür zu und schob den Riegel vor. Nachdem er sich sorgfältig vergewissert hatte, daß sich niemand draußen auf dem Flur befand. Dann trat er vor mich hin und starrte mir ins Auge. Sein Blick war schwer und ernst, und als er zu sprechen anfing, merkte ich, daß es ihm schwer fiel. Ich stand nicht einem Zug- wachtmeister gegenüber- dem brutalen Unteroffizier, den wir den„Ochsen“ nannten-, ich stand einem Menschen gegen- über.\ Er trug keine Uniform, nur Trainingshose und Hemd. Das Hemd war am Halse offen, er hatte sich gerade rasiert, an den Ohren saß noch etwas Seifenschaum.— „Unter jenen, die neulich erschossen wurden, hattest du einen guten Freund‘, sagte er,„nicht wahr?“ „sie waren alle meine Freunde‘‘, sagte ich. „Ja, aber du hattest einen besonders guten Freund unter ihnen, nicht wahr, den jungen Blonden, der mit dem Abladen der Autos beschäftigt war?“ „Ja“, sagte ich,„das war der Student Jacob Friis; ihn habe ich sehr schätzen gelernt; es war ein guter Freund- ein sehr guter Kamerad.“ Dem Mann traten die Tränen in die Augen, es gelang ihm noch, hervorzustammeln, daß dieser Jacob Friis ihm einen letzten Gruß an mich aufgetragen habe. Die beiden letzten Stunden habe er gewußt, daß er erschossen werden sollte, und er habe ihn, den Zugwachtmeister, gebeten, mir einen Gruß zu bringen, einen Dank für alles und eine Botschaft der Gewißheit, die sie alle hätten, daß Norwegen einmal wieder frei sein werde. In seiner Seele gab es keinen Zweifel. Daß dies geschehen werde, wisse er genau, es sei nur schwer und schmerzlich, es selbst nicht zu erleben. Das, was jetzt bevorstand, hätten sie schon längst erwartet! Jetzt wolle er sich nur bedanken für das 20 Zusammensein und für die Kameradschaft. Die Zeit in Grini mit den Freunden sei eine gute Zeit gewesen. Ich sollte alle grüßen und ihnen danken. Zugwachtmeister Tauber starrte fast verzweifelt vor sich hin, nun hatte er sein Herz erleichtert. Er reise heute weg, sagte er, zur Ostfront. Darum habe er mir diesen Gruß ausrichten müssen, denn er wisse nicht, ob wir uns jemals wiedersehen würden. „Ich verstehe, daß der junge blonde Bursche und seine Kameraden gute Norweger waren‘, sagte er,„strahlend präch- tige Kerle, für die das Vaterland das Höchste war; ihm galten ihre letzten Gedanken- und dann waren sie ja so, wie sie sein sollten! Dies hat mir mehr weh getan, als du vielleicht verstehen kannst‘, fügte er hinzu,„aber Krieg ist entsetz- lich.“ Tauber stand mit gesenktem Kopf, dunkel zu Boden star- rend, die Arme hingen schlaff herab, er atmete schwer. Lange blieb er so stehen. Dann hob er plötzlich seinen Kopf und sah mich an.„Ich hoffe auch sehr, daß ihr einst Norwegen wieder frei macht, und daß ihr wieder freie Männer werdet, freie Nor- weger in einem freien Lande, so wie er das wünschte‘, sagte er stark und ohne daß die Stimme nachließ.— Ich antwortete lange nicht. Schließlich blickte ich ihn an: die Tränen rannen ihm die Backen hinunter. Dieser Riesenkerl, der für uns Gefangene nur ein besonders bösartiger Bulle war- denn er hatte gebrüllt und getreten und furchtbar tyrannisiert-, er weinte, weinte über einen guten jungen Norweger und seine Kameraden, die gestorben waren, ohne den Einsatz geleistet zu haben für ihr Vaterland und Volk, wonach sie sich gesehnt. Ich erinnere mich nicht mehr, wie wir auseinandergingen, Zugwachtmeister Tauber und ich. Doch wir gingen ausein- ander als ob wir plötzlich Freunde seien. Sonderbar, daß man auch das erleben sollte: sich in Freundschaft zu trennen von einem SS-Mann.- In einer dunklen Ecke des Geräteschuppens blieb ich lange sitzen und überdachte das, was da geschehen war. 8. Mai 1942 Achtzehn der sechsundzwanzig Jungen der Jaederküste sind zum Tod verurteilt... Beim Abendbrot kam Robert und brachte mir Bescheid von Anton Bö, einem unter ihnen. Er habe nach mir schicken lassen, da er gern mit mir sprechen wolle durch die Tür der Zelle, wo sie alle eingeschlossen säßen. Gleichzeitig fragte Robert, ob wir heute abend nicht noch etwas für sie singen oder spielen könnten draußen auf dem Flur zum mindesten, vor ihrer Tür... Ein unvergeßliches Gespräch war's, das ich mit Anton Bö durch das Schlüsselloch zum Todeszimmer führte. ,, Oh, bist du es, Nansen, ja, laß es dir gut gehen und hab Dank für alles in dieser Zeit. Wir sind hier alle guten Mutes, und wenn wir jetzt auch fallen, so hat das nichts zu sagen. Denn wir wissen, Norwegen wird wieder frei. Wir werden den Kopf nicht hängen lassen. Darauf kannst du dich verlassen. Du mußt alle die anderen grüßen und sagen, daß wir es alles miteinander ganz ruhig nahmen und dies auch bis zur letzten Stunde tun werden. Ich saẞ heute unten im Gericht und beobachtete den Gestapomann aus Stavanger. Ich beobachtete ihn die ganze Zeit, doch kein einziges Mal wagte er, mir in die Augen zu sehen. Er hatte Angst davor. Aber am schlimmsten sind die Frauen dort unten im Gefängnis. Sie laufen dort die ganze Zeit herum und lachen über uns. Morgens kommen sie und laufen nur herum und zeigen auf uns, die wir dort unten sitzen und auf unser Todesurteil warten. Es tat weh, dies zu sehen, aber es soll ihnen vergeben sein.. 66 Es war dies nicht die hektische Rede eines Menschen, der dem Tode gegenübersteht, mit ruinierten Nerven und gestörter Urteilskraft, es war auch kein erzwungener, auswendig gelernter Redestrom. Es waren dies die ruhigen Gedanken eines Mannes, der im Gleichgewicht und Frieden mit sich war und der verstand, sie auf knappe, klare Weise auszudrücken. Es waren die Gedanken eines Mannes, der gerungen hatte und 22 gesiegt, eines Mannes, der, kaum zwanzig Jahre alt, gelernt hatte, zu sterben. Als ich ihn fragte, ob ich niemand eine Botschaft von ihm senden solle, oder ob es nicht noch irgend etwas gäbe, das ich für ihn tun könne oder auch für einen von den anderen, antwortete er nur: ,, Nein, wir haben schon mit allem abgerechnet, du sollst nur grüßen und sagen, wie es ist. Wir werden es gut schaffen! Wir werden nicht mit der Wimper zucken! Grüße und sage das, Nansen." Darauf sagte ich ihm Lebewohl, Lebewohl und Dankeschön. - Nach dem Gespräch mit Bö begann Robert zu spielen, es war wundervoll. Keiner von denen, die dort waren, werden wohl je dies Konzert auf dem Flur vergessen können. Rücken an Rücken standen sie zu beiden Seiten den ganzen Flur entlang, schweigend, mit düsterem Ernst in den Gesichtern, viele mit blanken Augen, alle gepackt von der Feierstunde und von Roberts schönen heimatlichen Klängen. ,, Grüße alle jene, die von der anderen Seite kommen, und sage ihnen, sie möchten nicht so vorgehen, wie diese hier", so hatte Anton Bö geschlossen. Das gibt auch uns zu denken! Sein Herz war nicht erfüllt von Haß und Rache, selbst wenn sie ihm das Leben nahmen und seine Jugend ihm vernichteten. Er, der doch wirklich Grund gehabt, über Rache nachzudenken, er wünscht am Ende nur, daß wir am Tag der Abrechnung uns anders: besser, menschlicher benehmen möchten als die anderen. Es sind die guten Taten, die die Welt erretten sollen. Anton Bö und seine Kameraden, denn er sprach im Namen aller. Es war, als hätten sie gemeinschaftlich gekämpft und zum Licht gefunden. Dieses letzte Wort von Björnson hatten sie verstanden und danach lebten sie, solange zu leben ihnen noch vergönnt war.- Sollten nicht auch wir dazu imstande sein? Sonst wären wir wohl auch nicht würdig, seinen Gruß uns anzueignen, den einfachen, schönen Gruß eines einfachen, armen Jungen von der Jaederküste, der mit Selbstverständlichkeit, ohne Umstände 23 und große Geste hinfand zu der Mitte, dem Wertvollsten im Leben zu der Liebe. Denn sie war es, die ihm letzten Endes seine merkwürdige Kraft verlieh. 14. Mai 1942 Man sieht keine frohen Gesichter mehr, keiner kann vergessen, keiner will vergessen. Oben auf 412 sitzen die siebzehn zum Tode Verurteilten und starren in den Frühling durch das Gitter hindurch. Zwei Wachtposten sitzen vor der Tür ihrer Zelle. Sie dürfen nicht mit ihnen sprechen, und niemand darf sie sehen. Nicht einmal der alte Siqveland, der seinen Sohn unter ihnen hat, zweimal zum Tode verurteilt. Der Alte bemüht sich darum, bei den Verantwortlichen vorzusprechen. Er glaubt, daß der Sohn und die anderen zu Unrecht verurteilt sind, wegen Dingen, die sie gar nicht begangen haben. 25. Mai 1942 Jeden Vormittag beobachte ich von meinem Fenster aus den alten Siqveland draußen auf dem Platze. Barhäuptig läuft er da herum, nur mit einem langen hellen Stock, den er sich geschnitzt hat. Immer wieder wendet er sich an einen der Gefangenen von der Krankenabteilung, die draußen sind, um Luft zu schöpfen. Ich sehe und höre, daß er mit ihnen über seinen Jungen sprechen will. Der arme alte Mann. Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, noch ist er fest überzeugt, daß irgendwas eintreten werde, wodurch sie alle gerettet und dieser sinnlose Mord an seinem Jungen verhindert werden würde. An ihm, der doch den ganzen Krieg hindurch für sein Land gekämpft hat und ihm und dem Besten in sich selber treu geblieben bis zuletzt. Nein! Es kann nicht möglich sein, daß der niedergeschossen werden sollte wie ein Hund. Und dann faßt der Alte seinen Stock wieder mit einer nervösen Bewegung, macht ein paar heftige Schritte nach rechts und nach links, sieht sich hilflos um, bevor er wieder jemand findet, zu dem er gehen kann... 24 24 29. Mai 1942 Die zum Tode verurteilten Jungen von der Jaederküste wurden erschossen, während ich in Einzelhaft saß. Fünfzehn Mann wurden mitten in der Nacht hier weggeholt. Aufrecht und stolz bis zuletzt.- Ich habe mit dem alten Siqveland ge- sprochen, der sie abziehen sah. Treu hat er jede Nacht ge- wacht und zu Gott gebetet für seinen Jungen. Er sah ihn seinen letzten Gang antreten und bekam noch einen Gruß von ihm, einen ruhigen Gruß von einem guten Sohn, der wußte, welchem Schicksal er entgegenging, erhobenen Hauptes, ge- meinschaftlich mit seinen Kameraden.- So starben fünfzehn aufrechte Norweger für ihr Land. Ohne einen Augenblick das Ziel aus den Augen zu verlieren, ohne einen Augenblick dem Mitleid mit sich selber nachzugeben oder dem Unwillen des jungen Menschen, oder gar der Angst vor dem Tode. ‚Wir haben mit allem abgerechnet“, sagte Anton Bö,„und wir nehmen es ganz ruhig. Grüße und sage,es sei alles für Norwegen geschehen.‘- Das waren nicht bloß Worte... Der alte Siqveland ist jetzt etwas ruhiger, nachdem das Urteil vollstreckt ist. Er spricht ruhig über Torgeir, seinen Sohn, er erzählt von seinem Einsatz während des Krieges und nachher. Er erzählt, wie sie geschlagen und gepeinigt wurden während der Verhöre in Stavanger, wo man auch ihn selber folterte. Dann fing er wieder an von Torgeir zu sprechen, als er ihn zum letzten Male sah in jener Nacht. Torgeir ging zuerst, mit M. zusammengekettet. Zu je zweien gingen sie hintereinander, zusammengekettet, doch aufrecht. Der ganze Weg bis zur „Vermittlung“ war von Deutschen mit aufgepflanztem Seiten- gewehr besetzt. An der Biegung des Weges wandten sie sich alle miteinander um, wie auf ein Signal, und sahen hinauf zum alten Sigqveland, der dort oben stand am Fenster des Kranken- hauses... Sie nickten, lächelten und winkten ihm zum letzten- mal. 12. Juni 1942 Unwillkürlich muß man an die Lage nach dem letzten Welt- krieg denken. Hunderttausende Familien aufgelöst, Scharen 25 elternloser, heimatloser Kinder irren in der Welt umher. Keiner nimmt sich ihrer wirklich an. Viele von ihnen gehen zugrunde. Oder werden Feinde der Gesellschaft, lichtscheues Gesindel. Die Väter starben irgendwo oder kehrten nie zurück aus Kriegsgefangenschaft, die sie jahrelang von Frau und Kindern trennte. Mütter und Kinder sterben Hungers, nachdem sie den Ernährer verloren haben. Für sie bedeutete der Friede nichts als eine Fortsetzung von Not und Jammer. Wie wird das Bild sein, das sich uns darbietet, wenn der Vorhang der Europabühne nach diesem Kriege hochgeht? Es graut einem, daran zu denken. Wenn es das letztemal schon trostlos war und voller Schrecken wie wird es dann erst diesmal werden? Noch viel gewaltigere Menschenmengen sind in den Mahlstrom hinein geraten, und die menschliche Teufelei und die Vernichtungskräfte haben sich verzehnfacht. - Was für eine ungeheure Rettungsarbeit muß getan und zwar sofort getan sein, wenn die ausgepowerten Europaländer nicht restlos zugrunde gehen sollen! Und wer soll sich dieser Aufgaben annehmen? Europas bestes Blut ist verströmt auf den Schlachtfeldern, und die Zurückgekommenen sind geistig ebenso wie körperlich erschöpft. Wer wird fähig und geeignet sein, sich an diese Aufgaben heranzuwagen, vielleicht die größten, denen die Welt je gegenüberstand? Bei den Gesprächen in der letzten Zeit empfand ich es als niederschmetternd, wie gering doch das Verständnis ist für gerade diese Fragen. Viele von uns warten nur darauf, sich wieder ins Parteipolitische zu stürzen mit seiner Propaganda, seinen Lügen, seinem Klassenhaß. Soviel also hätten wir gelernt! Es ist, als sei dies unsere Religion geworden, als sei ein Dasein ohne die Partei nicht vorstellbar. Wie wäre es, wenn wir für ein paar Jahre wenigstens nur eine einzige Partei zu bilden uns entschließen würden- nämlich die Partei, die unser Land neu wiederaufbaut! Noch niemals hatten wir soviel Gelegenheit, gemeinsame Arbeit zu leisten. Noch nie war die Gelegenheit so günstig, zu einem Volk zusammengeschweißt zu werden, das es weit 26 bringen könnte, wenn nicht innerer Streit und Kleinlichkeit es immer wieder abwärts zögen und in seinem Wachstum hemmten. Das ist ja gerade unsere große Hoffnung, daß jetzt die zielbewußte einige Zusammenarbeit ihren Anfang nehmen soll! Mit Parteipolitik kann diese Arbeit nicht beginnen. Wenn jemand dich um Hilfe bittet, weil er sich in Not befindet, dann siehst du nicht erst auf die Uhr, ob du auch Zeit hast, oder auf den Tagesplan, ob dieser Posten dort verzeichnet steht. Du fragst auch keinen, nicht den Helfenden noch den in Not Geratenen, welche Weltanschauung er besitzt. Nur eins erfüllt dich dann die Rettungstat so schnell und gut wie möglich zu vollbringen, und dem nur opferst du dann deine ganze Kraft. 13. Juni 1942 Es ist, als ob ein Ring aus Stahl und Eisen die Gedanken dazu zwänge, ständig um dieselben Kleinprobleme und Nichtigkeiten zu kreisen, aus denen das Dasein hier besteht. Es ist etwas Erschreckendes, Unheimliches, Erniedrigendes, jeden Tag zu hören, worüber sich erwachsene, denkende, leidende Männer in unserer Gemeinschaft unterhalten. Gefängnisgeschwätz tagaus, tagein. Schmuggel, Sabotage, Erlebnisse mit den Wachtposten, Strafen, Aussichten auf Entlassung, Besuche- und vor allen Dingen: Gerüchte, Nachrichten! Der unlöschbare Durst nach Nachrichten, er erhält uns am Leben, bringt die Gedanken in Schwung. Aber die Gemeinschaft, die wir verlassen mußten, die, von der sie uns aussperren- sie ist uns jetzt so fern gerückt. Wir sprechen wenig darüber und machen uns selten Gedanken, wie wir sie einst gestalten werden. Die ,, Probleme", die mit unserem Hiersein verbunden sind, beherrschen die Gemüter, und man macht sich so das Dasein weit schwieriger, als es wirklich ist. 14. Juni 1942 Alles, was hier geschieht, geht einen selber an. Unmöglich, sich von irgend etwas abzuschließen. Darum empfinde ich auch eine aufrichtige innere Freude 27 jedesmal, wenn einer von den Kameraden entlassen wird. Es fällt einem nicht einmal ein zu denken: wenn ich's doch wäre!- Ich werde ja wohl auch noch an die Reihe kommen; diesmal war er's also, und es war recht so. Selbstverständlich haben wir Heimweh, wir sehnen uns nach Hause derart heftig, daß es physisch weh tut, aber das ist etwas anderes. Von dieser Sehnsucht bis dahin, daß man sich jenen Tag ausmalt, ist ein weiter Weg, den ich nie betrete. Es gibt soviel anderes, an das man denken muß, zu viele andere Schicksale, die die Gedanken in Anspruch nehmen.- Jener Tag wird ein unbeschreibliches Erlebnis werden, das ich mir nicht dadurch abschwächen will, daß ich es jetzt auf Vorschuß nehme. Ich will ihn neu erleben, jenen Tag, wenn er einst kommt. Ich denke auch, daß er nicht ohne Wehmut sein wird. Das klingt vielleicht merkwürdig, doch an jenem Tage wird so vieles unweigerlich zu Ende gehen, so viel von dem, was dem Dasein hier Inhalt und Sinn gegeben und das mit der Zeit deshalb schon bedeutungsvoll geworden, weil es das Beste, das man in sich trägt, auslöst. Die Gemeinschaft mit den anderen- diese große Gemeinschaft der Freude und Trauer- in Hoffnung und Zuversicht, und das gemeinsame Betätigungsfeld. 11. Juli 1942 Es ist merkwürdig in einer solchen Baracke, wo man Monat für Monat so dicht aufeinandergedrängt lebt. Es hilft nichts, daß man sich versteckt. Man wird feinfühlig für die Nuancen, man hört jeden Nebenlaut in den Stimmen und weiß, woher er rührt. Ohne daß wir einander eigentlich kennen, kennen wir uns gegenseitig durch und durch, wissen genau, was los ist, selbst wenn man es nicht einmal wissen möchte. Man kommt sich manchmal beinah indiskret vor, weil man, ohne daß man es will, ohne daß man etwas dafür kann, sich gleichsam hineindrängt in die Gedanken anderer, hinein in den Privatbezirk eines anderen, wo man, wie man weiß und fühlt, keineswegs willkommen ist. 28 Zum Teufel! Als wenn man nicht mehr als genug schon mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken zu schaffen hätte, die einem ja die Seele aus dem Leib herauspeinigen können.- - - ,, Nun, bist du noch nicht entlassen?" Wie oft mußte ich heute schon die Frage hören. Ich weiß es nicht- aber ich weiß, daß es jedesmal da drinnen irgendwo weh tut. Mein Verhör und daß es vielleicht mit der Entlassung zusammenhängt davon wissen sie natürlich alle. Und dann, im Vorübergehen, immer wieder diese Frage. Ich sitze hier und weiß, daß ich nicht entlassen werde. Es wäre nur Verrücktheit, an etwas anderes zu glauben. Alles spricht doch deutlich genug. Mich entlassen sie nicht. 14. Juli 1942 Daß sie Greise zu Krüppeln machen und kleine Kinder und Frauen peinigen, das wissen wir. Das ist alltäglich. Doch sind dies Dinge, mit denen wir nicht spaßen dürfen; sie senken sich in das Gemüt, sie nisten sich dort fest und werfen schwarze Schatten über unser Dasein. Gott helfe uns allen, wenn die Stunde der Vergeltung kommt. Wieder stehen jene letzten Worte Anton Bös vor mir: ,, Grüße jene, die von der anderen Seite kommen, und bitte sie, nicht so vorzugehen, wie diese hier!" Oh, daß mir doch Gelegenheit geboten werde, den letzten Wunsch des Bauernjungen auch an andere heranzutragen. 16. Juli 1942 Heute morgen lötete ich eine Büchse zu mit Tagebuchblättern, und weitere Kapitel verschwanden aus dem Hause. Ich fühle mich jedesmal erleichtert hinterher, und wünschte mir beinah, daß eine Inspektion und Hausdurchsuchung käme, nur damit sie feststellten, daß bei mir nichts vorhanden ist." Ich Aber bevor der Tag zu Ende ist, fange ich von neuem an. kann es einfach nicht lassen. Mir würde wirklich etwas fehlen, wenn ich diese Nachtstunden nicht mehr hätte. So viele sonderbare Stimmungen, so viele seltsame Erlebnisse, so viel starker dramatischer Stoff wird mir aus diesen Blättern entgegen29 - strömen, wenn ich sie später im Leben wieder in die Hand nehme. Das, was dem Leben hier auf Grini am stärksten das Gepräge gibt, ist wohl die eigentümliche Mischung von gesunder, guter Laune, sprudelndem Witz, Galgenhumor- und tiefem Todesernst. Zu den guten Stunden" hier gehören jene, in denen die Nachrichten verlesen werden. Von allen Seiten hört man, während sie verlesen werden, zufriedene Grunzlaute. Man freut sich, wenn man hört, daß der Feind beträchtliche Verluste hatte. Man denkt an einige SS- Leute im Lager und wünscht ihnen hemmungslos Tod und Verderben. Daß für jedes aller dieser Tausende und Abertausende von Menschenleben, die vernichtet werden, die Trauer darum in der Welt zurückbleibt, die sie verließen, das bleibt unbedacht. Auch daß aus dieser Trauer Haß erwächst- und daß der Haß zur Rache wird-, die Rache aber führt zu neuem Tod und weiterer Vernichtung. Böses soll mit Gutem vergolten werden! Wer wagt es, heute das zu sagen? Und was hätte es für einen Sinn, wenn er es täte? Und wer darf wagen zu behaupten, daß er selber daran glaubt? Denn wenn dies gilt, dann gilt es heute auch, in dieser Stunde, und nicht nur unter Einzelnen, sondern ebenso auch unter den Nationen. - Aber soll man Hitler denn nicht niederkämpfen? Und ist dies vielleicht mit guten Mitteln möglich?!- Kaum mit Gutem, sondern für das Gute. Es fragt sich nur, ob überhaupt noch etwas da sein wird, wenn der Kampf zu Ende ist. Ob nicht dann alles schon vergiftet ist vom Bösen? Darin besteht die tödliche Gefahr für unsere Kultur. Es ist die große Katastrophe, die uns droht: daß die Macht des Bösen über die Menschen siegen wird. Und daß das Böse den Frieden diktiert und die Zukunft plant. Dann ist in Wahrheit alles umsonst gewesen. Dann hätte Hitler doch gesiegt. Aber das wird nie geschehen! Aus all der Not und den Bedrängnissen, die diese Schreckenszeit gebracht, werden jene Männer steigen, deren Geist genügend Licht besitzt, deren Fähigkeiten groß genug sind, deren Wille soviel Stärke hat, 30 um die Brücke hinüber in die Zukunft unserer Kultur zu bauen. Die Katastrophe kann nichts anderes als ein Anfang sein. 27. Juli 1942 Auffallend ist, wie die Qualität der Gefangenen sinkt. Die Neuen, die eintreffen, sind nicht von solcher Art wie die vor ein paar Monaten hier Angekommenen. Ich denke da z. B. an die Lehrer eine stolze Schar. Arbeitsam, strahlend, voller Trotz und Stolz, voll eines glühenden Glaubens und unbeugsamen Willens, den Kampf zu führen bis zum Siege, den wirklichen Kampf, es koste was es wolle. - Oder die Fischer von Televaag. Eine schweigsame, verbissene Menge. Einfache Männer aus einfachen Verhältnissen. Mit schlichten, aber desto stärkeren Gefühlen. Eine Schar von Arbeitsmännern! Ich denke an die fünfzehn Jungen von der Jaederküste, die mit einem Lächeln in den Tod gegangen sind, und die in jener Nacht des Abzugs mit aufrechtem Haupt dem alten Siqveland ein Lebewohl zuwinkten, während er im Fenster der Krankenabteilung stand und den Sohn zum letzten Male sah. Leute aus solchem Guẞ kommen jetzt schon nicht mehr viele vor. Ich weiß nicht warum, doch läßt es sich nicht leugnen, es ist viel Pack, das man jetzt hierher schickt. Kleine Saboteure, Leute, die ihren Arbeitsplatz verlassen haben, weil sie andere und bessere Gelegenheiten witterten. Leute, die sich mit den Deutschen rauften, mit denen sie gemeinsame Geschäftsinteressen hatten. Schwarzmarktleute, die diese Zeit benutzten, um sich auf anderer Leute Kosten zu bereichern. Und schließlich kommen immer mehr NS- Mitglieder, die gestohlen oder sonstige Verbrechen begangen haben. Es scheint, als wenn man nachgerade damit anfängt, sich gegenseitig aufzufressen. Das letzte Stadium der übelsten Angeberei hat eingesetzt. In einem derartigen Morast von Verboten und Drohungen gedeiht alles Ungesunde und Verschimmelte natürlich um so besser. Ist es denn verwunderlich, daß die Sehnsucht, von hier wegzukommen, täglich zunimmt, daß wir nach frischer Luft 31 hungern und freier Bewegungsmöglichkeit? Es gibt Zeiten, wo diese Sehnsucht so stark wird und derart in der Seele wühlt, daß man geradezu körperlichen Schmerz empfindet. Es ist, als ob die Sehnsucht einen an der Gurgel packt; das Herz schnürt sich zusammen, und es sticht und klemmt in der Brust. Man will laut schreien oder weinen doch dann findet man sich selber wieder, wie an diesem Montag, da eine neue Woche beginnt und wir an unsere Arbeit schleichen. Und der Montag ist auch schon vorüber, es ist bald Dienstag. - 3. August 1942 Heute früh bekam ich den Bescheid, daß Kari und die Kinder draußen seien vor der ,, Vermittlung". Ich ging sofort. Ja, da standen sie, alle braun und frisch und lächelnd! Sie wußten alles. Sie hatten Bescheid bekommen und nahmen es mit strahlender Laune und staunenswerter Ruhe. Alle meine Angst und Nervosität wurden wieder weggeblasen. Sie jubelten mir alle Botschaften entgegen und ich schämte mich darüber, daß ich für einen Augenblick jene Sicherheit verlieren konnte, die aus ihnen strahlte.- Dieser Besuch hat auch den letzten Rest von Trauer fortgejagt darüber, daß ich von hier weiterkommen soll. 11. August 1942 Es wurde spät heut nacht, doch war's so herrlich still. Ich hatte das Bedürfnis, diese Stille zu genießen, mit ihr zu sprechen und zu fühlen, wie sie alles Harte, Kalte löst, das sich sonst leicht in einem festsetzt. Das Geräusch der Wellen zu vernehmen, die gegen die Schiffswand schlagen, und das Rauschen des Wassers, das vom Bug da vorn gebrochen wurde, während die ,, Bodö" sich den Weg nach Norden pflügte in der Sommernacht. Das war mir wie Musik, wie frohe Liebeslieder, wie ein gedämpftes Vorspiel zu dem Sonnenaufgang, der sein erstes Rot schon über die Berge sandte und die Schneeflecken hoch oben unter dem Himmel hellrot färbte.- 32 Wie voll Schönheit ist das Leben doch trotz allem. Was kann man anderes tun, als sie zu greifen, wo man ihr begegnet. Die Seele zu öffnen und sie in sich einzusaugen. Sie wirkt wie mildes Frühlingswetter; lockt ein Lächeln aus den herben Zügen, die in Dunkel und in Winterkälte starr geworden. Sie zündet wieder jenes Licht an, das zu verlöschen drohte, weckt Lebensgeister, welche schliefen unter einer Decke finsterer Gedanken, zerreißt den Nebel, der die Sicht ins Weite uns unmöglich machte. Noch drohten Wolken, lagen Nebelschwaden uns im Wege, noch herrschte große Dunkelheit. Doch sie begann bereits zu glühen. Schwarzblau und Blauviolett gingen über in Rotviolett, und bald flammte nordwärts ein wahres Feuermeer von Rot. Dann brach der erste Sonnenstrahl hindurch. Er traf auf einen hohen Berg im Westen mit einer leuchtenden Schneefläche, die ihn brach und sein Gold verstreute in ein Meer von Sternen. Der Tag brach an. - Dies war der achte Tag der Seefahrt nach Finnmarken. 16. August 1942 Ich stehe am Fenster und sehe einer traurigen Arbeit zu, die man da draußen auf dem Hofplatz vornimmt. Eine Arbeitsgruppe ist beauftragt, die Zwergbirken auszureißen, die da wachsen. Das ist charakteristisch. Wohin diese Menschen auch vordringen mögen, überall erkennt man sie an ihren negativen Spuren. Sie haben eine ganz besondere Gabe, Leben, Farben, üppige Fruchtbarkeit in eine Wüste zu verwandeln, in eine graue, traurige Geistlosigkeit. Die Zwergbirken standen ihnen, wie es schien, im Wege. Sie waren ja lebendig. Sie mußten deshalb sterben! Auch die Weiden müssen sterben. Man reißt sie mit den Wurzeln aus; gleichzeitig werden große Ballen Moos, Heidekraut und Erde mitgerissen, alles kommt auf große Haufen zum Verbrennen. - Es ist eigenartig, dieses wunderbare Landschaftspanorama gegen Norden durch den Stacheldraht zu sehen, der sich am 3 Nansen 33 Zaun entlang und an den Masten aufwärts windet. Der Stacheldraht wirkt wie ein sonderbares, hingekritzeltes Muster vor dem riesenhaften Gletscher, der mit seiner weißen Kappe im Nordwesten thront. Man verliert es aus den Augen gegen Sonnenuntergang, der am Horizont den letzten Schimmer Gold über den Himmel streut. So sah der Sonnenuntergang heut abend aus, nach einem Tag voll Nebel und eisigem Zugwind. Gegen sechs Uhr wich der Nebel, und die Abendsonne hatte gerade noch Gelegenheit, uns ihre letzten Strahlen zuzusenden, bevor sie hinter jenem hohen Berg verschwand, der im Westen steil emporsteigt. Und noch lange leuchtete sie auf den Bergen nordwärts, ostwärts, südwärts und zauberte aus Bergen und dem Fjord die wunderbarsten Farben auf.- - Sogar Per Krohg, der Maler, war begeistert. An dem Tag, an dem wir hier ankamen, enttäuschte ihn die Landschaft etwas. Es war für ihn wohl etwas zu viel ,, Panorama". Und außerdem war er, wie auch wir anderen, müde nach dem langen, anstrengenden Marsch. Doch selbst ein Panorama, halb in Vogelperspektive, kann, wenn man es nur in allen Einzelheiten kennenlernt, uns wichtig werden und vertraut. Es entfaltet soviel Schönheit, soviel Größe. Man sitzt hier überhaupt mit dem Gefühl, daß unser Land das schönste in der ganzen Welt ist! Das Register seiner Stimmungen und Farbentöne scheint unendlich. 18. August 1942 Ein Wachtposten erschien. Wir löschten das Licht und warfen die Karten weg wie Kinder, die auf frischer Tat ertappt sind. Er wollte uns nur bitten, abzublenden, damit das Licht vom Wege aus nicht sichtbar wäre, falls jemand dort vorbeifährt. Als ich draußen war, um die Fenster abzudichten, rief der Wachtposten und fragte, ob wir Tabak hätten. Ich sagte ja, doch sei es nicht mehr viel. Da lüftete er seine Regenkappe, entnahm daraus die Tabakstüte, gab mir eine Handvoll davon ab und wünschte gute Nacht. Dabei hatte er ein derart gutes 34 Lächeln, daß ich ihn gern gefragt hätte, ob er nicht mit hineinkommen und einen Schluck zur Stärkung trinken wolle. Denn es war bitter kalt und dunkel draußen, und der Regen goẞ in Strömen. Doch das wäre wohl zuviel riskiert gewesen. Die Verbindung aber war auf alle Fälle da, er selber hatte sie geschaffen mit seiner Freundeshand im Dunkeln draußen, weil er ein Mensch war mit einem Herzen unter dem Soldatenrock. Hoher Besuch heut nachmittag. Erst kam ein Oberst mit Begleitung, um zu inspizieren. Es war der Leiter dieses Abschnitts. Danach der General für ganz Nordnorwegen. Diese Inspektionen unterscheiden sich von den gewohnten wie Tag und Nacht. Hier gab es keine Pöbeleien, man betrachtete uns nicht als minderwertig. Es waren gebildete Menschen, durch und durch korrekt. Liebenswürdig hörten sie sich an, was die Gefangenen vorzubringen hatten. Sie fragten sie nach ihren Wünschen, gingen ein auf jeden einzelnen; sie machten sich Notizen und versprachen, alles tun zu wollen, was in ihren Kräften liege. Der General bedauerte vor allem, daß wir Gefangene seien und daß, wie er sich dächte, unsere Reise anstrengend gewesen sei. Über unsere schlechte Ausrüstung war er entsetzt und sprach sein Bedauern aus darüber, daß man uns nichts Besseres mit auf den Weg gegeben habe. Auch hier versprach er, das Versäumte möglichst nachzuholen. Niederschmetternd ist es anzusehen, wie viele hier schon Schimmel angesetzt haben. Nörgeln und murren gehören mit zur Tagesordnung, und zänkische Zusammenstöße gibt es täglich mehrmals. Man braucht sich allerdings wohl nicht darüber zu verwundern unter diesen Umständen. Wenn wir nicht draußen arbeiten, leben wir ja aufeinander und reiben uns natürlich fortgesetzt. - Einige sind mit dem Essen unzufrieden. Sie verdienten Schläge! Ich möchte wissen, ob es, die Deutschen ausgenommen, heute in Norwegen viele gibt, die besser leben. Es kann natürlich vorkommen, daß der Magen nicht mitmacht, 3* 35 und ohne Zweifel kommt das vor; Rasmus' Patienten leiden wirklich alle an Magenkrankheiten... Andere sind unzufrieden mit der Arbeit, die ihnen zugeteilt ist; sie entdecken andere, die es leichter haben, und dann beginnt der Neid. Warum soll er, wenn ich nicht usw. Sie sind wie kleine Kinder. Selbst wenn sie über sechzig alt sind. Wieder andere sind mit ihrem Lager unzufrieden- es gibt doch andere, die viel besser liegen, und im übrigen..., bis ins Unendliche. Alle beklagen sich beim Barackenleiter. Dieses Amt verfluche ich täglich öfters! Ich eigne mich nicht zum Kindermädchen. Und dabei habe ich gedacht, ich hätte viel Geduld. 10. Oktober 1942 Heute ist Vaters Geburtstag. Er wäre einundachtzig Jahre alt. Dieser Tag weckt viel Erinnerungen. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, wenn wir über Krieg und Elend sprachen, die schon damals in der Ferne drohten. Ich sehe auch die dunkle Wolke, die auf seiner Stirne war, und seinen starren Blick, der sich gleichsam in die Zukunft bohrte- und wie er langsam, traurig mit dem Kopfe schüttelte. Ob er wohl all das Schreckliche voraussah, das uns ein Jahrzehnt nach seinem Tod beschieden war? Ob er wohl schon alle seine Hoffnungen vernichtet sah, wenn er so dasaß, den großen kahlen Kopf hin und her bewegend?- Doch ich sehe ihn auch anders: wenn das Lächeln wiederkehrte, am ehesten, sobald er eine Stimme hörte, die ihm lieb war und die Wärme in ihm weckte. Diese Wärme spielte dann in leichten Wellen über sein Gesicht, bis sie sich zu einem offenen Lächeln festigte, das irgendwie verlegen war und knabenhaft, doch gleichzeitig äußerst sicher, stark und hell. 26. Oktober 1942 Ob das Elend unserer Mitmenschen uns nicht unser ganzes Leben lang belasten wird? In einem Meer von Not und Schrecken dies wird das Bild Europas sein und seiner un36 - glücklichen Völker nach dem Kriege- werden wir wie Wracks umhergetrieben werden, zerrissen und verzweifelt darum kämpfend, uns der dunkeln Mächte zu erwehren, die uns von dem abziehen wollen, was wir so leidenschaftlich suchen: Stille! Der Gedanke an ,, Abrechnung" ist fürchterlich. Er befriedigt nicht im mindesten. Er wühlt das Innere nur auf, so daß man sich vielleicht einmal einbilden kann, daß es zu herrlichen Taten kommen wird. Einer Orgie der Vergeltung!- Als wenn das zu etwas Gutem führen könnte. Als wenn das eine Basis bilden könnte für die neue Zukunft, in der unsere Kinder groß werden und ihres Lebens, Einsatz leisten sollen. Nein, diese Gedanken ziehen nur hinab. Sie bewirken, daß das Böse von uns Besitz ergreift. Wehe uns, wenn wir an jenem Gedanken hängenbleiben und die Kraft nicht aufbringen, uns von ihm zu lösen und unser Denken völlig anderen Dingen zuzuwenden! Wenn ich doch allein hier oben säße in den Bergen! Wie anders wären diese Berge, dieser hohe Himmel. Jetzt ist es mir, als stünde die Natur im Bunde mit dem Feind, nur um mich einzusperren. Nach allen Richtungen hin erheben sich die Berge gleich Gefängnismauern. Der Himmel und die Sterne beobachten uns, achten auf alle unsere Bewegungen; die weite, weiße Hochfläche liegt da wie ein unüberschreitbarer Teppich zwischen uns und der Freiheit... - 5. November 1942 ... Dann waren die armen zehn Minuten vorüber. Es war, als wenn du von mir glittest- und ich allein blieb stehen, hoffnungslos verloren. Es gelang mir, hinauszukommen - ich winkte dir- ich sah dich wie in einem Nebel- du winktest mir mit einem Handkuß- und dann, hinter dem Zaun verschwandest du. Ich sah dich noch einmal, kurz bevor du wieder um die Ecke des Gebäudes bogst. Ich riẞ mir das Herz aus der Brust und warf es dir nach, doch war es mir, als erreichte ich dich damit auch nicht. 37 13. März 1943 Heute sind es vierzehn Monate, daß ich verhaftet wurde. Das ist wahrhaftig eine lange Zeit, die aus dem Leben eines Mannes herausgerissen und geraubt wird, und der Gedanke daran kann schon Haß genug erzeugen. Doch ich lasse mich von solchen Haßgedanken nicht vergiften, ich kann es nicht, ich will es nicht. Ich fühle, daß das tot, unfruchtbar wäre, und es ist ja doch die Sehnsucht nach dem Leben und nach allem, das lebendig- schaffende Kraft besitzt, die sich in mir hervordrängt.- Gott sei gedankt! Sonst wäre es nicht auszuhalten. Es ist, als wäre ich besessen von dem Gedankenbilde des Lebendigen. Beinahe wird es göttlich, gewinnt enorme Stärke, neuen Inhalt, neuen Sinn und eine strahlende Intensität wie nie zuvor. Hier, hinter Schloß und Stacheldraht, unter dem Druck der ewigen Verbote und Verordnungen, angesichts von Unglück und von Jammer, wohin man sich nur wenden mag- hier ist dieser Trieb zum Leben erst in seiner ganzen Fülle in mir aufgewacht.- Manchmal wird mir angst, daß er vielleicht verschwinden könnte, wenn ich einmal wieder frei bin. Daß er platzen wird wie eine Seifenblase, und daß ich dann mit leeren Händen stehe, zermalmt von der Gewißheit, daß es alles eine Illusion war. Ein Gefängnis- Tagestraum. Doch es ist etwas in mir, das diese Furcht verjagt und mich mit einer glücklichen Gewißheit füllt, daß es kein Traum sei. Das ist ein reiches, tiefes Wissen, der bleibende Gewinn dieser Gefängniszeit, den mir niemand wieder nehmen kann, und der mir deutlich macht, daß diese Zeit, trotz allem, nicht nur böse war, und nicht vergeblich.- Teuer erkaufte Erfahrungen! Vielleicht vielleicht auch nicht, das wird sich zeigen müssen. Das Urteil kann erst fallen, wenn die Probe bestanden ist. 15. März 1943 ... Ich will nicht leugnen, daß die Sehnsucht über mich Gewalt bekommt bei solchen Entlassungen. Für Augenblicke wird man die Idee nicht los: wenn ich's doch wäre! Wenn ich's 38 doch wäre, der da seine Sachen packte und Zivil anzog, umringt von glückwünschenden Freunden und verfolgt von langen Sehnsuchtsblicken. Wenn ich's doch wäre, der alle diese harten Fäuste packt, um Lebewohl und Dankeschön zu sagen, und der die Fäuste ganz besonders hart drückt und sich räuspert, damit die Stimme klar erscheint und kein Verdacht aufkommt, daß die Hand zittert oder sonst ein Zeichen meiner Schwäche sichtbar wird. Nein so etwas sah uns doch nicht ähnlich! Zum Teufel, wir waren doch Männer, wir waren doch alte erprobte Gefangene, die mancherlei gesehen und erlebt, ohne daß uns etwas anzumerken war! Doch die Gedanken stürmen unaufhaltsam in der Richtung fort: Nach Hause! Eine berauschende und gleichzeitig lähmende Welle von Glück durchspült den ganzen Körper und bricht sich am Herzen, das da drinnen sitzt, und dem Gehirn sogleich ein Telegramm schickt von der Wirklichkeit. Die Folge: eine schmerzensreiche Szene, ein dumpfer Schlag, ein tiefer Stich. Dann wird es wieder still. Gefängnisstill.- Das Ganze dauert nicht sehr lange, nur Bruchteile einer Minute, aber es kommt wieder, viele, viele Male. 13. April 1943 Gestern feierte Siri- Piri ihren zehnten Geburtstag. Vor einem Jahr, als sie neun Jahre wurde, schrieb ich ihr ein Gedicht und machte eine Zeichnung: mit Tieren, Wald, Gebirge, die ich bunt ausmalte. Damals war alles licht und gut. Fünfzehn Monate Gefangenschaft haben das geändert. Mit Schrecken stelle ich es fest.- Es ist mir nichts gelungen. Es war ganz und gar unmöglich. Stundenlang kaute ich am Bleistift, schrieb zwei Zeilen, strich sie wieder, versuchte was zu zeichnen, hab' es wieder ausradiert... Du hast einen schlechten Vater, Siri- Pirilein, der es nicht einmal fertigbringt, dir einen kleinen fröhlichen Geburtstagsgruẞ zu senden. Ich sehe es vor mir, das kleine süße Gesicht, wenn sie mich halb erschrocken von der Seite anblickt- dort unten im Besuchszimmer. Das kaum merkliche Zittern der Mund39 winkel, wenn sie einen flüchtigen Blick auf den Dolmetscher wirft, der kalt und stramm auf seinem Stuhle sitzt. Ja, böse sind die Menschen, meine Siri, und das Leben kann entsetzlich, so entsetzlich sein, und so schwer für jemanden begreifbar, der erst zehn Jahre alt ist. Darum hätte ich dir doch was Schönes schicken sollen etwas, das dir erzählen sollte, daß das Leben doch nicht so entsetzlich ist, daß die Menschen doch nicht ganz so böse sind. Daß es nur so aussieht weil die Welt und weil die Menschen krank sind. - - 1. Juni 1943 .. Am schlimmsten aber ist doch der Gedanke an die Millionen trockener Augen, die ohne Hoffnung in die Zukunft starren. Augen, welche nicht mehr weinen können. Augen, denen keine Freude und auch keine Trauer mehr Glanz und Wärme geben tote, kalte, fühllose Augen, die so geworden sind, weil sie die unfaẞbare Roheit ihrer Nebenmenschen ansehen mußten. - Menschenherz, brenne nicht aus! Möchten Tränen in Strömen fließen und das verzehrende Feuer löschen! Und in neuen Strömen aus des Menschenlebens warmen Quellen Nahrung geben jener Liebe, die unsere einzige Rettung ist. 2. Juni 1943 Ich sprach heute lange mit Francis. Er war mit mir einig; er sah auch die Gefahr, die uns in dem Maße droht, wie die Roheit in uns Raum gewinnt und uns mit fortreiẞt. Er sah auch das Miserable und Erniedrigende in den Dingen, welche jetzt, mit unserer Zustimmung geschehen. Auch mit einem anderen Manne sprach ich über dieses Thema. Er ist jung und mit der rücksichtslosen Lebenstüchtigkeit der Jugend ausgestattet. Er war imstande, alles das mit einem breiten Lächeln wegzublasen. Es ging ihn überhaupt nichts an. Und so muß, vielleicht, die neue Generation auch sein, die wieder aufbauen soll- hemmungslos, kalt und gefühllos, der ,, Unbarmherzigkeit des Notwendigen" sich gegenüber 40 wissend. Laẞ dich durch nichts aufhalten! Blicke nicht zurück! Laẞ nicht wertvolle Kalorien nutzlos verbrennen! Allenfalls darfst du dich einmal bücken nach einer Blume am Rande deines Weges- falls du sie gerade siehst- und sie dir dann ins Knopfloch stecken. 12. Juli 1943 Gestern abend hielt ich meinen Vortrag. Der Barackenraum war überfüllt. Anschließend gab es eine Diskussion, und es berührte viele doch, daß ich an meine Hörerschaft auf Grini gerade für die Deutschen appellierte. Das heißt, es war ja eigentlich nicht ein Appell, es war mehr eine Frage im Hinblick auf die Lage nach dem Kriege, und nach den Forderungen, die dann an uns sich stellen würden. Wer von uns meldet sich zur ersten Hilfsexpedition für das unglückliche, verführte deutsche Volk? Wer hat Mut, Kraft und Willen, dem Feind durch Stacheldraht hindurch die Hand zu reichen in Erkenntnis dessen, daß auch er ein Mensch ist, den die Welt benötigt?- Einige waren allerdings entrüstet über eine solche Zumutung, und gerade das zeigt ja, wie notwendig es doch ist, jetzt schon damit anzufangen, diesen Fragen nachzudenken, ehe es zu spät ist. 17. August 1943 Gestern abend sprach ich lange einen Deutschen. Er war verhaftet worden in Stavanger oder Saudasjöen wegen Sabotage. Er war kein Parteimitglied und war nur bereit gewesen, das zu tun, wozu er kommandiert war. Köln war seine Heimat. Er hatte eine Frau und einen siebenjährigen Sohn. Daß sein Haus und sein Besitz bei einem Luftangriff vernichtet wurden, wußte er. Doch nichts war ihm bekannt vom Schicksal seiner Frau und seines Sohnes. Er sprach darüber, wie's in seiner Heimat stand, und machte gar kein Hehl daraus, daß er sich zu Tode schäme über das Benehmen seiner Landsleute hier oben. Er bat mich, nicht zu glauben, daß dies die wirklichen Repräsentanten seines 41 Volkes seien; die Mehrheit denke und empfinde hinsichtlich der neuen Zeit und ihrer Männer ebenso wie wir. Er erzählte, was er selbst, erst in Stavanger und dann hier als Gefangener, erlebt, und war aufgewühlt, empört, verzweifelt- war jedoch der Meinung, daß das meiste auf Depressionen und auf Angst zurückzuführen sei. 6. Oktober 1943 Es dauerte nicht mehr lange, da erklärte Hövre Johansen, der Vorarbeiter meines Strafkommandos, es werde im Lager keinen Frieden geben, bis Nansen weg sei. Eines Abends stand ich vor Denzers Thron. Er eröffnete mir ,,, mein Maß sei voll", ich solle nun nach Deutschland kommen und ein deutsches ,, KZ" kennen lernen. Und dann begann die Reise. Erik und Frode landeten mit mir in derselben Gruppe. Seitdem hat sich alles rasch und betäubend entwickelt. Sachsenhausen! Es wird kaum möglich sein, das lebendig genug zu schildern. Ein Eindruck nach dem andern stürmte auf uns ein, ja, manchmal eine ganze Reihe auf einmal- überwältigend, niederschmetternd, lähmend. All das Neue bricht wie eine Sturmflut über uns herein. Wir sind noch lange nicht zur Ruhe gekommen- noch haben wir irgendwie begonnen, uns zurechtzufinden. Nein, wir können noch nicht einmal sagen, daß wir eine Ahnung davon haben, wie dies alles überhaupt ist. Doch ich will von vorne beginnen. Wir lagen in einem Viehwagen, steif und müde nach einer Nacht und einem Tag ohne Schlaf und Ruhe, als der Zug plötzlich mit einem Ruck auf einem Bahnhof hielt. Auf einem Schild stand: ORANIENBURG. Wir machten uns ,, fertig" und warteten. Wir nahmen an, daß wir hier heraus sollten. Aber nein. Der Zug schob uns hin und her, so ungefähr sechsmal. Die Bremsen kreischten und schrien, die Lokomotive stöhnte und prustete, die Wagen wurden hin und her gezerrt, und jedesmal wurden wir durcheinander geworfen mit unseren Pappschachteln, Schlafsäcken und Resten von Eẞwaren, die wir aufzuessen versuchten, bevor wir aus dem Wagen sollten. Aber plötzlich ging der Zug weiter. Er hielt erst, als wir an 42 einem neuen Bahnhof ankamen, wo wir den Namen SACHSENHAUSEN lasen. Er lag in einiger Entfernung von Oranienburg. Und hier wurden wir hinauskommandiert. Bald vernahmen wir den altbekannten Laut: ,, Los, Mensch, los, los, los!" Jetzt bestand kein Zweifel mehr daran, daß wir an unserem Bestimmungsbahnhof angekommen waren und daß wir uns dem Ziel der Reise näherten. Wir wurden auf dem Bahnsteig in drei Reihen aufgestellt und zur Abwechslung mal wieder gezählt. Es war ein ländlicher Bahnhof mit einem älteren Bahnhofsvorsteher, dessen ganze Familie in der Tür des Bahnhofsgebäudes stand und die Gefangenen aus Norwegen neugierig betrachtete. Und oben im zweiten Stock unter dem Dach saß noch ein Ehepaar und beobachtete uns. Er war in Hemdärmeln und hatte eine Pfeife im Mund, und sie beglotzte sehr intensiv die merkwürdigsten Gestalten unter uns. Sie wollte wohl versuchen, zu erfahren, was denn das für Leute seien. Dabei war es gewiß nicht der erste Gefangenentransport, den sie beobachtete. Auf dem Bahnhof und draußen am Weg entlang, der die Eisenbahnschienen kreuzte, wimmelte es von Jungen im Alter von vier bis fünf Jahren. Sie hatten alle Maschinenpistolen aus Holz, die so aussahen wie diejenigen, die die SS- Wachen hatten. Und mit diesen zielten sie auf uns und schossen, denn wir waren ja Feinde. Das wußten sie. Die ganze Kolonne setzte sich in Bewegung, während die Wachen, ein paar schlecht aussehende Burschen in häßlichen, schmutzigen und zerfetzten Uniformen, uns durch erneute Rufe antrieben. ,, Los, los!" Die Töne kannten wir von früher. Ihre Bedeutung ebenso. Ehe wir ankamen, hatte einer dieser Burschen einem von uns schon eine Armbanduhr gestohlen. Der Bestohlene hatte drei Zeugen dafür und meldete es bei der Ankunft gleich dem Lagerkommandanten. Der Kommandant verlangte nach Zeugen. Sie erschienen und sagten aus. Nach einer Weile erschien der Kommandant mit der Uhr, sich halbwegs entschuldigend. Die Wache, die sie genommen hatte, war nicht deutsch. Es war ein Rumäne, und er bekam seine Strafe. 43 Die kleinen Jungen liefen am Weg entlang mit ihren Pistolen und hatten einen großen Tag. Es ging jetzt weiter durch einen Tannenwald auf sandigem Boden. Sand, nichts als Sand. Bei jedem Schritt entstand eine Staubwolke. Eine Schicht von feinstem Sand lag über allem. Wir kamen an einigen Gefangenen vorbei, die Sand in Autos schaufelten. Sie trugen weißgestreifte Anzüge, die aussahen wie Schlafanzüge. Man hatte nicht den Eindruck, daß sie sich überanstrengten. Das Arbeitstempo erinnerte schr an das auf Grini. Das war nun beruhigend. Nach einer Weile trafen wir weitere Gefangenenkolonnen. Es waren Norweger darunter, die winkten und uns willkommen hießen. Sie machten Aus- schachtungsarbeiten für Gebäude, die hier und da im Tannen- wald errichtet werden sollten. Dann kamen wir an die Mauer, die das Schutzhaftlager Sachsenhausen umgibt. Wir sahen einen Turm, und dann noch einen, und man erkannte das System mit Wachtturm wieder, wie es auf Grini gewesen war. Wir mar- schierten weiter und weiter, denn die Mauer war lang, und der Eingang lag auf der anderen Seite. Aber nach langer Zeit kamen wir doch an und zogen durch das Eingangsgebäude auf einen großen Platz, um den herum die Baracken im Halbkreis lagen. Unwillkürlich wurde der Blick gefangen von großen Schrift- tafeln, die auf diesen Baracken angebracht waren, und die zu- sammen eine Art„Lehrsatz‘ bildeten, der ungefähr so lautete: „Es gibt nur einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Gehorsam, Fleiß, Nüchternheit, Sauberkeit und Liebe zum Vaterlande!‘“ Ich weiß nicht, ob er uns mehr zum Lachen oder zum Weinen reizte. Während es unmittelbar lächerlich und kindisch wirkte, war es zugleich grotesk und unheimlich. Es war etwas an diesem System, das das Ganze so unheimlich machte. Es konnte eben nicht noch mehr übertrieben werden. Man konnte es nicht noch lächer- licher machen. Auf dem großen schmiedeeisernen Tor am Eingang, durch das wir gerade marschiert waren, stand mit großen, leuchtend weißen Buchstaben: ARBEIT MACHT FREI! Wie schön! Welch ein frischer Hauch von Germanen- geist! Hier konnte ja nichts Häßliches geschehen. Hier gab es 44 nur Arbeit! Frische Luft, Ehrlichkeit, Kameradschaft, Gemeinschaft. Ja, man brauchte sich nur umzuschauen. Überall auf dem großen, sonnigen Platz sah man grüngestrichene Baracken, Blumen, grüne Anlagen und saubere Gartenwege zwischen den Baracken und der gepflegten Todeszone, in der man durch kleine schöne Plakate in den Anlagen darauf aufmerksam gemacht wurde, daß man ohne Warnung erschossen würde, wenn man zu nahe käme. Was für ein Bild der Ordnung und Sauberkeit! Welche Idylle! Während wir dastanden wie ein Haufen staunender Bauern und alle diese Herrlichkeit betrachteten, bekamen wir einen ziemlich strengen Befehl, uns an der Mauer aufzustellen, und zwar ordentlich zu fünfen. ,, Los, los!" Es waren jetzt offensichtlich Gefangene, die das Kommando übernommen hatten, deutsche Gefangene, die alle wie Winkelmänner wirkten. Aber es waren wohl nur wir, die unangenehme Erinnerungen hatten, die bei dem geringsten Anstoß wachgerufen wurden. Hier war doch alles sicher anders? Sie konnten doch nicht nur Lüge und Betrug sein, die schönen Inschriften auf den Gebäuden? Liebe zum Vaterlande stand ja da. Und ich fing an, darüber nachzudenken, warum wir alle hier waren. Warum man uns ins Gefängnis geworfen hatte. Das muẞte doch auf irgendeiner Art von Liebe zum Vaterlande beruhen. Oder meinten sie vielleicht nur Liebe zum Dritten Reich? Ach ja, das war es wohl, was sie meinten! Ich wurde aus meinen Betrachtungen herausgerissen, als ein höherer Offizier angestiegen kam. Das war wohl der Kommandant. Er ging die Reihen entlang und musterte uns. Da bemerkte er einen Neger, den wir bei uns hatten, einen Südafrikaner, der neulich in Oslo verhaftet worden war. Er fand offensichtlich, daß das ein merkwürdiger Kerl sei. Vielleicht hatte er früher noch nie einen Schwarzen aus der Nähe gesehen. Darum befahl er dem Neger, vorzutreten, um ihn besser anschauen zu können. Er stellte einige Fragen auf deutsch. Der Neger schüttelte den Kopf. Er versuchte, ihn mit einigen englischen Brocken zu verblüffen, anscheinend das einzige, was er konnte- dann übernahm es ein Dolmetscher. Wissen wollte er überhaupt nichts. Schließlich ließ er den Neger und den Dol45 metscher stehen und ging weiter. Er schob die Zigarette in den anderen Mundwinkel, murmelte etwas davon, daß er noch nicht gewußt habe, daß die Norweger schwarz seien, dann ließ er den Blick weiter über die Reihen gleiten mit halbgeschlossenen Augen und schlappen, fleischigen Lippen. Ich muß gestehen, daß er nicht gerade sympathisch aussah. Er hatte ein Gesicht, in das Haß, Rache und Schlechtigkeit ihre deutlichen Spuren gezeichnet hatten. Ja, es lag schon ein Zug von Sadismus um den schlaffen, halbgeöffneten Mund. Er sprach gar nichts. Nachdem seine Neugierde in bezug auf den Neger gestillt war, ging er an der Front entlang, die Hände schlapp in den Hosen- taschen hängend, und verschwand. Mit einer Schwenkung nach links setzte sich dann die ganze Kolonne in Bewegung. Es ging quer über den Platz in eine der Seitenstraßen hinein. Wir kamen an Gefangenen verschie- denster Nationen vorbei: bleiche, gelbbraune Tschechen, Russen, Slowaken, Ukrainer, Polen, Franzosen, Holländer, Belgier und Norweger! Die meisten machten ihre Arbeit weiter, ohne aufzuschauen. Ein neuer Gefangenentransport? Herrgott, das war doch keine Sensation! Bildete sich vielleicht jemand ein, daß das etwas war, weswegen man aufzuschauen brauchte? Als wenn sie nicht Hunderte davon hatten kommen und gehen sehen, kommen und gehen bis ins Unendliche! Es war, als wenn einige absichtlich nach der anderen Rich- tung schauten. Das ist wie ein Zeichen, daß sie alte Gefangene waren, dachte ich mir, während ich mitten in der Kolonne zwischen Frode und Erik dahinzog. Wenn wir einander an- guckten, lachten wir. Sonst nicht. Sonst gab es nichts zum Lachen. Es gab so vieles zu beobachten. So viele neue Ein- drücke stürmten auf uns ein, daß man mehr als genug damit zu tun hatte, sie auf der Netzhaut und im Gehirn zu registrieren und zu sortieren, damit die Gefühlsreaktionen nicht ganz durcheinander gerieten. Bald erblickten wir die ersten Freunde von Grini- einige hier, einige dort. Sie winkten und riefen: „Hei, hallo Hansen!“„Hallo, Jokkern!“„Willkommen, Halvor!“„Wie geht es dir, Haakon?“„Ach Gott, bist du da, Frode?“„Du siehst ja gar nicht schlecht aus!“„Und du auch 46 nicht. Wie lange bist du hier gewesen?" ,, Kommen noch mehr?" ,, Habt ihr eine tolle Reise gehabt?" ,, Oh, es ging-" ,, Was gibt es Neues in Norwegen?" ,, Wie war es denn auf Grini?" Und dann erschien Aasebö. Er hatte eine leitende Stellung und nahm sich unser an. Er war bereits zwei Jahre hier gewesen und wußte alles, er gab uns Ratschläge und wies uns an, was wir zu tun hatten. Die Kolonne hielt außerhalb einer Baracke, draußen an der Peripherie, ganz draußen an der äußersten Mauer. Das war die Empfangs- und Entlausungsbaracke. Aasebö erklärte uns, daß wir jetzt alles abliefern mußten, was wir bei uns hatten, Uhren, Wertgegenstände, Geld, eben alles. Er bat uns dringend, nichts zu verstecken. Das würde doch nichts nützen, sagte er, und gerade jetzt sei es darum zu tun, daß wir keine Seitensprünge machten. Es würde doch nur Stunk geben, und wir würden es bereuen. Und ich dachte an das Tagebuch, das einzige, um das ich jetzt bangte- in bezug auf solche Dinge. Das ist das einzige Illegale, mit dem ich mich jetzt so hin und wieder beschäftige. Wo sollte ich es bloß hintun? Es steckte in meiner Hosentasche, und wir sollten doch baden, Kleider wechseln und eben alles abliefern. Das Gepäck, der Schlafsack, die Pappschachtel mitsamt dem Inhalt, alles mit Ausnahme der Eßwaren, die wir herausnehmen durften, sollte eingeliefert werden und mußte durch den ,, Gasraum", bevor wir es später zurückbekamen- das heißt dasjenige, das wir unter Umständen behalten durften. Das Tagebuchproblem beschäftigte und beunruhigte mich doch ziemlich. Und ich kam zu keiner Lösung. Schließlich wandte ich mich an einen der älteren Gefangenen. Er riet mir, es einfach abzuliefern. Es würde es doch keiner ansehen- und keiner würde etwas von dem darin Geschriebenen verstehen. Oh, dieser Idiot! Er hätte doch nur vorzuschlagen brauchen, daß er es in seine Tasche steckte. Ja, so schlau bin ich jetzt. Und so schlau hätte er damals sein wollen. Und weiter nichts. Aber jetzt ist das alles zu spät. Ich habe das Tagebuch in den Schlafsack gesteckt, der mit all den anderen Sachen in den Gasraum gebracht wurde, und vorläufig weiß ich nicht, was mit ihm geschehen ist. Einige von uns haben heute schon 47 ihre Sachen zurückerhalten. Aber ich habe meine noch nicht bekommen. Hier erfuhren wir auch das Schicksal der alten Freunde: August, Halvard, Sven, Leif, Arvid, Rolf... Doch, sie waren alle hier, und es ging ihnen gut. Colbjörn befand sich in einem anderen Lager in der Nähe, auch ihm ging es gut. Und wir fragten und fragten weiter:„Ja, und die, die starben?“„‚Ja-a- ‚sie starben- sie starben wie die Fliegen- im vergangenen Jahr und in den vorhergehenden Jahren. Die Jungen wurden krank, die meisten wurden krank-. Sie gingen dann eben ‚durch den Schornstein‘, wie man hier sagt.‘ Man machte gleichzeitig eine spiralförmige Bewegung mit der Hand und zeigte mit dem Daumen nach oben. Später erfuhren wir, daß der erhobene Daumen den Rauch vom Krematorium bezeichnen sollte. „Woran starben sie denn?‘ ‚Die meisten an Durchfall, Phlegmonen und Lungenentzündung. Sie kamen dann auf die sogenannte ‚Ambulanz‘, und wenn sie nicht über 40Grad Fieber hatten, bekamen sie nur einen Tritt und mußten weitergehen-. Wenn sie über 40 Grad Fieber hatten, bekamen sie ein paar Pillen oder etwas Ähnliches- vielleicht wurden sie auf das Revier gelegt- vielleicht mußten sie zum Block zurückgehen. So lagen sie denn eben da und starben. Es war schade um sie. Sie gaben auf- sie konnten nicht mehr.“ Ich fragte nach einem Freund, mit dem ich auf Grini zu- sammen gewesen war.„Ach der- ach er, ja- ja, ja, es ging schnell mit ihm. Er kam nach Falkensee— das ist ein anderes Lager hier in der Nähe. Und dort wurde er sofort krank. Er kam dann hierhin zurück auf das Revier. Eine Weile hielt er sich noch unter einem bequemen Kommando, aber dann ging es zu Ende, und dann ging es in den Schornstein. Ich glaube, er hatte Lungenentzündung.“ Doch ja, das war ja traurig, aber sonst ging es ihnen gut, sie bekamen Pakete, sie durften zwei- mal im Monat nach Hause schreiben, daß es ihnen gut ging, und im großen und ganzen wurden die Norweger anständig behandelt. Ich erkundigte mich nach einem anderen Kameraden von Gtini.„Ach ja, er- er wurde auch krank, ja- sogar ziemlich 48 schnell- Durchfall und Lungenentzündung- ja, und er verlor den Mut und-." Der erhobene Daumen erzählte dann alles Weitere. ,, Aber ich bin gut davongekommen, bin nicht krank gewesen, habe gegessen und zugenommen. Ich wog nur 64 kg, jetzt wiege ich 78- das ist doch allerhand, nicht wahr?" Und er klopft auf seinen großen, dicken Bauch und lacht. ,, Wie war das Essen auf Grini?" An diesem Kerl war etwas, was grauenhaft unheimlich auf mich wirkte. Er gehörte irgendwie mit dazu, zu all dem, was wir gesehen hatten, er wirkte, als wenn er direkt vom Appellplatz käme mit den in Fächerform angelegten Baracken, mit den Inschriften und allem. Kalt, seelenlos, auf irgendeine Weise auch durchsichtig aber ordentlich, in Reih und Glied, einfach und übersichtlich. Aber unheimlich, bedrückend unheimlich. Ich wagte gar nicht, ihn weiter auszufragen. Ich hatte Angst davor, mehr von ihm hören zu müssen, von seinem Gewicht und von den Kameraden, die im vergangenen Jahr wie Fliegen dahinstarben. Ich hatte Angst davor, überhaupt noch etwas hören zu müssen. Ich wollte es dann doch lieber selber sehen und erleben. - Wir mußten stundenlang warten, ehe wir in den ersten Raum hineingelassen wurden, wo wir eine Kennmarke bekamen, Geld, Wertsachen und unser ganzes Gepäck ablieferten und eine Reihe verschiedener Dokumente und Formulare ausfüllten und unterschrieben- und wo wir denn auch endlich alle Kleider ausziehen mußten, die in einen Sack getan wurden, den einer für uns bereit hielt. Tabak und Eẞwaren durften wir behalten, und nach beendeter Zeremonie standen wir denn da mit etwas Tabak, einem Stückchen Brot und vielleicht etwas Butter in der Hand- nackt. Eine etwas merkwürdige Situation, über die nachzugrübeln wir allerdings nicht viel Gelegenheit bekamen. Unter den altbekannten Kommandotönen ging es hinein in den nächsten Raum. Man stellte sich in Schlange auf und näherte sich dann rasch einem Mann, der mit einer elektrischen Birne in der einen und einer Haarschneidemaschine in der anderen Hand dasaẞ. Über den Augen hatte er einen Lichtschirm. Und dann fing er an, uns alle Haare abzuschneiden. Eins, zwei, drei- und wir standen da, nackt, unserer Haare beraubt und mit 4 Nansen 49 einem Kopf, wie ihn noch keiner gesehen hatte. Eine merkwürdig zerdrückte und unebene Billardkugel mit einem Millimeter Borsten drauf. Auf dem Fußboden bildete sich ein großer Haufen Haare. Ich habe sie in Verdacht, daß sie diesen ganzen Teil des Films in Szene gesetzt haben, um alle diese Haare zu bekommen, aus denen sie dann Kleider machen können. Es war schon eine merkwürdig gerupfte Versammlung, die den Marsch in den nächsten Raum antrat es war ein Badezimmer. Unsere Eẞ- und Rauchwaren hielten wir noch immer treu in der Hand. Einige hatten das Glück, daß sie Seife und Toilettensachen mitbekommen hatten, aber da niemand uns darauf aufmerksam gemacht hatte, was erlaubt war mitzunehmen oder was uns eigentlich überhaupt bevorstand, so waren die meisten ohne Seife. Aber sie mußten baden, das war Befehl. Na, gut. Man stellte sich in zwei Reihen auf unter Duschen, die an der Decke angebracht waren und die von einer gemeinsamen Stelle aus gleichzeitig angeschraubt wurden. Erst kalt, dann kochend heiß, dann wieder kalt. Es muß alles im Takt geschehen. Ich bekam ein Stück Seife geliehen, aber erst so spät, daß das Wasser kalt war, bevor ich mich eingeseift hatte; und bevor ich die Seife abspülen konnte, war das Wasser abgestellt. Na, ein typischer Unfall. Man muß sich eben daran gewöhnen, Massenmensch zu sein, man muß sich einordnen. können unter einen Takt. Die Reaktion auf die Dinge, denen man begegnet, muß die gleiche, gemeinsame sein: man muß es lernen, eine Nummer zu werden, unsichtbar und ganz unauffällig. Ich stolpere an jeder Stufe und bin ganz ausgesprochen ungeeignet- ich bin ungeschickt und unnachgiebig in jeder Beziehung. Die Seife konnte ich nun abtrocknen mit einem Handtuch, das mir auf dem nächsten ,, Transportband" ausgeliefert wurde. Und dann ging es weiter in den nächsten Raum hinein. Kaum hatten wir ihn betreten, als ein Mann mit einem merkwürdigen Etwas erschien. Es stellte sich heraus, daß es ein Stöckchen mit Salbe gegen Läuse war, schwarz und ekelhaft anzusehen. Die Salbe trug er in einem großen Eimer, und mit dem Stöck50 chen holte er sie heraus und warf jedem von den nackten und durcheinander geratenen Gefangenen einen Klecks davon unter den Magen und unter die Arme. Wir mußten dann diese ekelhafte Salbe mit dem Finger verteilen. Sie hatte einen strammen Geruch. Als nächstes stand auf dem Programm der Empfang von Unterwäsche, Schuhen, Strümpfen, Hemden, Pullovern, Mänteln und Mützen. Das hört sich ja alles ordentlich an. ganz Aber wer auch einen einzigen der genannten Artikel gesehen hat, wird nicht mehr von ordentlich reden. Es war ein einziger Haufen schmutziger Lumpen, die wir ausgeliefert bekamen. Ob sie paẞten oder nicht, war vollkommen gleichgültig, das kümmerte niemanden. Man mußte eben den Haufen in Empfang nehmen, der einem ausgeliefert wurde, ob man nun groß oder klein, dick oder dünn war. Wenn man zurückging, um einen Teil umgetauscht zu bekommen, bekam man eine Faust ins Gesicht und fragte dann nicht mehr. Mir war es unmöglich, etwas von dem, was ich ausgeliefert bekam, anzuziehen, aber einer der anderen tauschte mit mir. Die Gefangenen, die die Sachen auslieferten, waren Scheusale. Ich eroberte eine Hose, die sich anziehen ließ, wenn sie auch nur bis zu den Waden reichte. Auch ein Hemd schnappte ich, das sich überziehen ließ, wenn ich es auch am Hals nicht zuknöpfen konnte und wenn auch die Ärmel nur bis zu den Ellenbogen reichten. Die Strümpfe, die wir bekamen, waren eine Art Fußsäcke, die aus alten Lumpen hergestellt waren. Sie paßten selbstverständlich auch nicht. Es blieb nichts anderes übrig, als sie ein wenig aufzureißen, so daß man den Fuß eben hineinstecken konnte. Sie wärmten natürlich nicht, schützten aber doch den Fuß ein wenig gegen die Holzbänder, die wir als Schuhe ausgeliefert bekamen. Das waren ganz kümmerliche Gegenstände. Sie hatten eine Art Spitze aus dünnem Handschuhleder, die mit Nägeln befestigt war, und ,, Kappen" und ,, Seitenleder" aus derselben Qualität. Ich eroberte etwas Papierkordel und schnürte damit die Platten am Fuße fest. Mit einer Mütze, die auf meinen drei obersten Kopf haaren saß, einer richtigen. Gefangenenmütze aus gestreiftem Stoff, in einer Hose, die 4* 5I - eben bis unter das Knie reichte und die zu platzen drohte, wenn ich mich bückte sie bestand nur aus einem einzigen Lumpenhaufen-, und in einer Jacke, deren zerfranste Ärmel bis zu den Ellbogen reichten dazu ein Hemd, das sich am Hals nicht zuknöpfen ließ und dessen Kragen über den Rücken baumelte( er war aus blau- weißem Schlafanzugstoff hergestellt)- auf meinen Holzplatten daherstampfend, verließ ich diese vorzügliche Anstalt in Begleitung von Erik, der keineswegs besser aussah. So, jetzt waren wir also wirkliche Strafgefangene! Daẞ wir dazu nicht rasiert waren, trug in nicht geringem Grade dazu bei, unseren Gesichtern das richtige kriminelle und düstere Gepräge zu geben, das zu dieser Umgebung paẞte. Auch Erik hatte mit geringem Erfolg versucht, einige der Bekleidungsstücke, die ihm nun gar zu klein waren, umgetauscht zu bekommen. Aber er hatte es auch schließlich aufgeben müssen. Es fehlte schon allerhand daran, daß die Jacke, die Hose usw. diejenigen Teile seines Körpers bedeckten, für deren Bedeckung sie da waren. Erst jetzt sahen wir einander richtig, sahen die entsetzliche Veränderung, die mit uns vorgegangen war. Jetzt erst lachten wir wirklich, ja, denn in solchen Situationen bleibt einem nichts anderes übrig als zu lachen, man muß sich eben ungehemmt dem Lachen hingeben. Vielleicht etwas hysterisch? Oder sollen wir sagen gezwungen? Vielleicht, um eine kleine, unbewußte Verzweiflung zu betäuben? Vielleicht. Ja, wohl deshalb. Wir wurden wieder ins Freie gelassen, wir kamen hinaus unter den Abendhimmel. Ja, denn jetzt war es bereits kalt und dunkel geworden. Wir erfuhren dann auch gleich, wie schlecht sich unsere neuen Kleider dazu eigneten, gegen Kälte zu schützen. Es wurde kälter und kälter, ein sternenklarer Oktobernachthimmel wölbte sich über uns. Wir klapperten mit den Zähnen Und noch waren nicht alle in die Anstalt hineingegangen. Wir würden noch lange warten müssen, denn es schien, als wenn wir warten sollten, bis alle fertig waren. Wir waren eine merkwürdige Versammlung. Es war schwer, die Kameraden wiederzuerkennen. Einige, die einen Bart gehabt hatten, sahen nun ganz anders aus als früher. Auf dem Kopf und dort, wo der Bart einmal gesessen hatte, waren sie weiß, 52 - und da die Gesichter sonnverbrannt waren, sahen sie wie Clowns aus, die fertig geschminkt und ausstaffiert waren, um auf die Bühne zu gehen. Plötzlich tauchte Oftedal auf. Er sah gut aus. Es war wohltuend, mit ihm zu sprechen. Er war gleich ruhig, ausgeglichen und besinnlich wie immer. Früher sei es furchtbar gewesen hier, ganz schrecklich, ja, ganz entsetzlich! Jetzt war es viel besser, und besonders die Norweger hatten es ordentlich- in mancher Hinsicht besser als die meisten. Sie dürfen z. B. Pakete in unbeschränkter Menge empfangen. Es gelte nur, den Paketverkehr in Gang zu bringen, und wir würden wohl ein paar Monate darauf warten müssen, bis es klappte. Aber wir fanden doch, daß dies gute Aussichten waren. Oftedal wirkte überhaupt beruhigend, wie Öl auf stürmischer See. Wir kamen alle gewissermaßen zur Ruhe. Und im übrigen lachte er auch nicht über uns, weil wir so merkwürdig aussahen. Wir hörten unwillkürlich auf, übereinander zu lachen, und fingen an, Oftedal auszuquetschen und nach allem zwischen Himmel und Erde zu fragen, bis er uns und unsere Fragen leid wurde, fand, daß er heute genug getan hatte, und ging. Wir mußten noch lange stehen bleiben und warten, bis auch die Letzten fertig waren und wir nach der Baracke marschieren konnten, die in Zukunft unser ,, Heim" sein sollte jedenfalls für eine reichlich lange Zeit... Wir blieben noch lange davor stehen, ehe wir hineingehen konnten, aber wir waren jetzt da, wo die Norweger wohnten, und nun kamen sie, um uns zu begrüßen. Mit der Arbeit waren sie fertig, und am Abend durften sie tun, was sie wollten, bis acht, halb neun. Wir sollten wie alle Anfänger in Quarantäne kommen, um dort vierzehn Tage zu bleiben. - 10. Oktober 1943 Vaters Geburtstag! Heute wäre er zweiundachtzig Jahre alt geworden, wenn er noch lebte. Ja, wenn er noch lebte! Wie oft habe ich daran gedacht und es in die leere Luft hinein wiederholt. Wenn er noch lebte? Was für ein naiver und sinnloser Gedanke, gerade hier noch sinnloser als irgendwo und jemals! Und doch ich glaube, er hat mehr von all diesen Dingen ge- 53 wußt, als man annimmt. Er hat sie geahnt, und er hat sie gefürchtet. Ja, vielleicht hat er alle seine Kräfte eingesetzt, um gerade diese Katastrophe zu verhindern! Wenn er doch am Leben wäre! Wenn er doch nur am Leben wäre! Man darf wohl annehmen, daß dann in Norwegen manches anders gewesen wäre. Quisling hätte jedenfalls keinen seiner Sprünge gewagt, und allein das hätte dem Ganzen ja ein entschieden anderes Gesicht gegeben. Aber hier! Hier ist der Wunsch so leer und sinnlos. Was hätte er hier wohl für einen Einfluß gehabt? Als wenn irgend jemand sich um einen Greis aus Norwegen gekümmert hätte, um einen Menschenfreund- um einen Humanisten! Angesichts der eisenharten und eiskalten Roheit, der tierischen Abgestumpftheit, die hier regieren, und die alles und alle zu beherrschen scheinen, wirkt die Erinnerung an ihn und seine Handlungen so vollkommen fremd und unverständlich, als wenn sie einer ganz anderen Welt zugehörten. Und doch gibt es noch Bande, die uns an jene Welt festhalten, und freiwillig lassen wir sie nicht durchreißen. Krampf haft klammern wir uns an ihnen fest, wir wollen nicht in jenen Abgrund hineingleiten, der uns mit seinem schwarzen, hoffnungslosen Schlund überall droht. Überall erleben wir, wie unsere Mitmenschen abgleiten, verzweifelte Hände und Arme strecken sich aus nach irgend etwas, das sie festhalten können, aber sie finden nichts, sinken tiefer und tiefer, um zuletzt ganz wegzubleiben und hineinzugleiten in die dunkle Masse des Abgrundes. Polen, Russen, Deutsche, Belgier, Franzosen, Ukrainer, Holländer, Rumänen, Tschechen, Ungarn. Ihre Gesichter grinsen uns entgegen mit einem kalten Lachen. Haß, Hohn, Schmerz! Haufen von Leichen! Lebendige Leichen und tote Leichen! Ein furchtbarer Geruch droht uns zu ersticken. Wohin man schaut, überall dasselbe Grauen, derselbe entsetzliche Anblick- nirgendwo ein Lichtblick. Doch! Tief drinnen in uns selbst! Vielleicht! Man findet auch dort nicht mehr hin. Es ist, als ob alle diese entsetzlichen Eindrücke, diese grauenerregenden Dinge, die wir sahen und hörten, uns verhext haben, und uns selber entfremdeten. Wir wissen nicht mehr, was mit uns vor sich geht, 54 wir wissen nicht mehr, wie wir selbst reagieren. Das ist zum Verzweifeln. Wie soll das nur weitergehen? Ein ohrenbetäubender, Lärm von morgens bis abends, ein Klappern der Holzschuhe hin und her, ein Hin- und Herschieben von Bänken und Hockern, auf denen auch noch getrampelt wird. Ein Schreien, ein Spektakel und ein Sichunterhalten ununterbrochen. Keine Minute Pause. Einige essen, andere kochen auf dem Ofen, der mitten im Raum steht, und zanken sich darum, daran zu kommen, einige lesen oder streiten um Zeitschriften und Zeitungen, andere wieder wechseln die Kleider, einige räumen den Schrank auf oder rasieren sich, wieder andere nähen und stopfen. Dann gibt es solche, die Schach oder andere Spiele spielen, sich dabei zanken oder gemütlich unterhalten. Alle Laute und alle Geräusche vereinigen sich zu einem dauernden Wasserfall, der gegen das Trommelfell drückt und die Gehirntätigkeit lähmt. Und plötzlich wird alles durchschnitten von einem ,, Achtung!" irgendeines Blockführers, der ab und zu erscheint, um uns ein wenig zu beschnüffeln. Oder wir werden wie Schafe aus dem Block herausgetrieben, um draußen auf den Barackenstraßen und unten auf dem Appellplatz mit unserem Blockältesten Hans zu marschieren. Man ist nicht mehr fähig, die verschiedenen Erlebnisse voneinander zu unterscheiden, weiß nicht mehr, ob es Morgen oder Abend ist. Es kümmert einen ja auch nicht, denn was spielt das überhaupt für eine Rolle? Ganz hilflos fühlt man sich hineingezogen in einen Mahlstrom ohne Sinn und Ziel, und mehr und mehr verliert man die Fähigkeit, sich dagegen zu wehren. Man weiß gar nicht mehr, welche Kräfte man für so etwas gebrauchte und ob sie überhaupt noch existieren. Vierzehn Tage lang sollen wir in Quarantäne bleiben, vielleicht noch länger. Gestern abend, als wir alle hier im Block ärztlich untersucht wurden, stellte sich heraus, daß einer Scharlach hatte. Das war Hareide, unser Reisekamerad, der vierte von uns, mit dem wir Tisch und Schrank teilten. Vielleicht glauben manche, daß die Quarantäne angenehm ist. Man braucht ja nicht zu arbeiten, man kann den ganzen Tag sitzen und sich strecken ohne irgendwelche Sorgen. Aber man irrt sich sehr, 55 wenn man glaubt, daß ein solcher Zustand am Anfang das Beste ist. Was man mehr als alles andere braucht, ist Beschäftigung, etwas, an dem sich die Eindrücke brechen können, etwas, das die Gedanken ablenken und verjagen kann, so daß man sich selbst wiederfindet. Man muß um jeden Preis von diesen entsetzlichen Gedanken, die auf einen einstürmen, wegkommen! Man hat ein unbändiges Bedürfnis, das ganze Bild, das man vor sich und überall sieht, wegzuwischen, als wenn es nur ein Phantasiebild sei, nur ein häßlicher Traum. Oh, wenn man doch aufwachen könnte nach diesen Schrecken, aufwachen und erfahren, daß es eine andere Wirklichkeit gibt, die dem Licht gehört, wo man nicht schläft und abgestumpft wird, sondern lebt und atmet mit vollen Lungen und dem Licht zugewandtem Gesicht. Und dieser tiefe Wunsch wird zu einer starken Sehnsucht, die sich mehr und mehr bewußt im Gemüt festsetzt und da drinnen aufräumt, wo die furchtbaren Eindrücke Unordnung geschaffen hatten. Das Licht kommt wieder, erst in kleinen Streifen wie ein Feuer in der Nacht, dann wie ein anhaltendes Licht in der Ferne, das näher und näher rückt und zu einem strahlenden Sonnenschein wird. Und dort mitten im Sonnenschein sind sie plötzlich, sie und die Kinder, und lächeln einem sicher und zuversichtlich zu! Endlich! Alles, was man im Leben besitzt, alles, wofür man überhaupt weiterlebt, ist in diesem Gesicht. Man empfindet plötzlich eine panische Angst, es könnte wieder verschwinden. Man weiß, daß das auch geschehen wird, man muß nur den Weg kennen, der wieder zurückführt. Man muß wissen, wie man sie wiederfinden kann. Plötzlich hat alles wieder einen Sinn, man hat ein Ziel, das am Ende dieses langen und schweren Weges liegt. Alle Fragen über Wo und Warum verstummen und werden überflüssig. Sogar all dieses Schreckliche wird nur zu einer Episode. Die Urteilskraft kehrt langsam wieder, die Dinge rücken wieder auf ihren rechten Platz. Etwas Festes und Sicheres, etwas unendlich Beruhigendes und Unverrückbares beginnt sich im Gemüt zu befestigen. All dies geschah, als sie wieder erschien. Ich habe es bis jetzt nicht ausgehalten, an sie zu denken, ich habe die Gedanken an sie und die Kinder mit all dem anderen mit Gewalt 56 beiseiteschieben müssen. Ich hätte es sonst nicht ausgehalten. Aber jetzt ist das anders. Jetzt werde ich es nicht mehr aus- halten ohne diesen lebendigen Gedanken. Jetzt kann ich ihnen wieder ins Antlitz sehen, jetzt kann ich dem Licht begegnen ohne geblendet, ohne entzweigerissen und Stück für Stück ver- brannt zu werden. Auch an Vater und seine Handlungen zu denken, hat wieder einen Sinn. Neue Perspektiven eröffnen sich, neue Aufgaben, neues Leben! ı1. Oktober 1943 Jeder Tag ist blank und klar, und die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Die Nächte sind sternenklar und beißend kalt mit zunehmendem Mond in Richtung Berlin. Wir haben noch keinen Fliegerangriff gehabt, aber mehrere Fliegeralarme. Die meisten unter uns frieren Tag und Nacht. Es ist verboten, nachts eine Strickjacke anzuhaben, wegen der Läusegefahr! Sie meinen, daß Strickjacken eine Anziehungs- kraft auf Läuse ausüben. Vielleicht haben sie etwas von„Luse- kofter‘‘ gehört? Man darf auch nicht mehr als eine Strickjacke bei Tag anhaben. Übertretungen werden streng bestraft. Ich gehöre zu den Gesetzesübertretern, sonst würde ich mich tot- frieren, sowohl bei Tage als auch bei Nacht. Ich habe noch nichts von meinem Gepäck zurückbekommen, auch nicht meinen Schlafsack. Die meisten haben das ihrige erhalten. Ich bin etwas nervös wegen meines Tagebuches, das im Schlafsack steckt. Sie werden es wohl herausnehmen. Hoffentlich legen sie es nur zu meinen übrigen Sachen auf das Zimmer. Man hat mir das versichert. Wo ich diese Tagebuchblätter mit der Zeit hintun soll, weiß ich noch nicht. Bis jetzt hat sich noch keiner angeboten, mir dabei zu helfen. Im Gegenteil. Ich möchte auch nicht gerne aufhören, zu schreiben. Es bedeutet soviel Hilfe und soviel Trost. Besser ist es, ich schränke mich etwas ein. Vorläufig habe ich bei weitem keine Ordnung in meinen Ein- drücken und Gedanken, so daß alles, was ich in nächster Zeit schreiben werde, wohl mehr den Charakter der Registrierung von Eindrücken und Erlebnissen haben wird. Ich habe auch noch nicht zu irgendeinem Tagesrhythmus hingefunden. Er IL - - wird- wenn es ab und zu aussieht, als wenn er Gestalt annehmen würde immer wieder vollständig zerstört durch die Erzählungen der Kameraden und durch all das, was ich selber höre und nach und nach erfahre. Gestern kam Anders Daae mit einem jungen russischen Flieger, der mich gerne begrüßen wollte. Er war mit sechzehn Kameraden zusammen bei Orel gefangengenommen worden, wo er sich nach einem Luftkampf im Fallschirm gerettet hatte. Sie kamen in ein Kriegsgefangenenlager in Königsberg. Dort bauten sie einen Radioempfänger, wurden entdeckt und hierhin gebracht. Und hier ist die Hölle für russische Kriegsgefangene. Im Laufe der Zeit sind ungefähr fünfzehntausend von ihnen durch dieses Tor marschiert, aber es gibt jetzt nur noch acht- bis neunhundert im Lager. Die anderen sind verhungert, totgeschlagen oder auf andere Weise umgebracht worden. Sieben der Kameraden des jungen russischen Fliegers sind erhängt worden wahrscheinlich als Strafe für die Geschichte mit dem Radio in Königsberg. Viele von den anderen sind an Hunger und Krankheit umgekommen. Solche Erhängungen werden auf dem Appellplatz vorgenommen, und alle müssen zuschauen. Unsere norwegischen Kameraden sind unzählige Male Zeugen gewesen. Es gibt auch bei diesen Hinrichtungen Heldengeschichten. Eines Tages wurde ein Deutscher erhängt wegen Fluchtversuchs. Auf dem Schafott sprach er von der Freiheit- von der Freiheit, die bald für das deutsche Volk kommen würde. Er wandte sich zu dem Kommandanten, der den Hinrichtungen stets beiwohnte, und sagte ruhig, daß es diesmal ihm gelte, aber es würde nicht lange dauern, bis der Kommandant an der Reihe sei. Als ihm die Schlinge um den Hals gelegt wurde, erhob er die Hand und grüßte seine Kameraden zum letztenmal mit einem Lächeln. Es ist schon entschieden schlimmer, Zeuge zu sein, wenn der oder die Unglücklichen schreien, weinen und sich sträuben. Einmal wurden sieben zusammen erhängt. Hier wird geschwindelt und ,, organisiert" auf alle mögliche Weise und in jedem Maßstab. Praktisch wird alles ausschlieẞlich durch Bestechungen geregelt. Der Begriff ,, organisieren" umfaßt alles, er hat eine gewaltige Erweiterung erfahren, an58 gefangen von gemeinem Diebstahl bis zu Bestechung, Kauf, Tausch und Betrug. Wenn man versuchen will, Kleider zu bekommen, die man tragen kann, dann muß man denjenigen bestechen, der sie anhat. Eine Mütze kostet soundso viele Zigaretten oder soundso viele Eßwaren von der und der Sorte. Eine Hose, eine Jacke, eine Strickjacke usw. werden auf dieselbe Weise einkalkuliert. Man kann natürlich auch Eẞwaren ,, organisieren", ja, sogar Arbeit, eben alles, überhaupt alles! Ein norwegischer Kamerad, der ein alter Gefangener hier ist, erzählte mir, daß man in der ,, schlimmen Zeit", d. h. vor einem halben Jahr, vor einem Jahr und vor zwei Jahren, mit anderen Worten ,, früher", als alles eben viel schlimmer war als jetzt, ein Stück Wurst oder ein Stück Speck, wenn man es entbehren konnte, draußen im Lager für z. B. 20000 Dollar verkaufen konnte. Denn Geld gab es in unbeschränkten Mengen Dollars, Pfunde, Rubel- in Form von Scheinen, aber auch in Gold. Edelsteine, Smaragde, Rubine, Perlen, Diamanten, und zwar Schmuck und Kostbarkeiten aller Art gab es auch eimerweise. Aber keine dieser Herrlichkeiten ließen sich doch essen! Sogar ein vielfacher Millionär konnte armselig und hilflos an Hunger sterben, Seite an Seite mit dem ärmsten Ukrainerjungen. Der Wert seiner Millionen wurde mehr und mehr illusorisch, während der Hunger an ihm zehrte, während der Wert des Wursthappens und des Speckstückchens stieg und stieg und jeden normalen Maßstab sprengte, alle vernünftigen" Grenzen aufhob- auf dem Wege zum Wahnsinn! - - Aber hier muß eine Erklärung folgen. Geld? Juwelen? Schmuckstücke? Wo kamen sie denn eigentlich her? Und wem gehörten sie? Mehrfachen Millionären? Wie kann das zusammenhängen? Von den großen Vernichtungslagern in Polen, Auschwitz, Lublin und anderen, wo Hunderttausende und aber Hunderttausende von Juden getötet wurden, kamen ununterbrochen Züge nach Sachsenhausen, die Kleider, Schuhe und Wertpapiere der getöteten Juden enthielten. Ein besonderes Kommando, bestehend aus vielen Hunderten von Gefangenen, zu denen auch mein norwegischer Kamerad gehörte, war draußen 59 in einer der Fabrikanlagen, an die die Gefangenen vom Lager „ausgeliehen“ wurden, ausschließlich damit beschäftigt, diese Kleider und Schuhe aufzutrennen. Denn in diesen Kleidern eingenäht fanden sie ganze Vermögen von Geldscheinen, und in den Schuhen, besonders in den hohen Absätzen der Damen- schuhe, fanden sich kleine Schatzkammern voll von Juwelen. Jeden Tag machten sie einen„Fang“ von vielen Eimern voll Juwelen und Schmuck und großen Haufen Geldscheinen. Man muß seine Phantasie zurückschicken zu jenem Märchenbuch der Kindheit von„Tausendundeiner Nacht‘, um das Gegen- stück zu all dieser leuchtenden Herrlichkeit zu finden. Auch die Räuber sind gut getroffen, denn wem gehört eigentlich all dies Gestohlene? Die rechtmäßigen Besitzer sind in den Gas- kammern in Polen zu ewigem Schweigen gebracht worden, und niemand kann verhindern, daß die SS und die großen „Fabrikbesitzer‘‘ Himmler, Göring und Goebbels die Sachen übernehmen. Denn sie müssen ja schließlich auch leben, und die DAW.(Deutsche Ausrüstungswerke) sind in diesem Falle in der Lage, etwas Zeit für anderes als Rüstungsarbeiten zu er- übrigen! Etwas nehmen sie ja auch für sich selbst für all die Arbeit, die sie haben, sowohl der Chef als auch die anderen SS-Leute-täglich ein oder zwei Eimer voll Juwelen und einige Haufen Scheine. So bekommen denn Himmler, Göring und Goebbels den Rest- wie sie meinen. Aber sie vergessen die Gefangenen, die trotz der schärfsten Kontrolle und der streng- sten Leibesvisitation täglich nach beendeter Arbeit und zwar ohne erhebliche Schwierigkeiten dafür sorgen, daß große Mengen dieser Sachen aus dem Lager verschwinden. Denn hier gibt es auch alte Verbrecher, die Erfahrung und den richtigen Griff haben, und sie kostet es keine große Mühe, sich einen Mit- arbeiter unter den SS-Wachtmannschaften zu verschaffen— unter Zusicherung von„Provision“. Kurz und gut: Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht die größten Schwindelgeschichten der Welt sich gerade in Sachsenhausen abspielten. Alles ist voll- kommen faul, kalt, unbeseelt und unheimlich hinter der großen Fassade, die uns empfing, als wir kamen, mit allen den wunder- vollen„Meilensteinen zur Freiheit“. Bezeichnend für den 60 ganzen Humbug, die Verlogenheit und Hohlheit ist es auch, daß die Baracken, auch ,, Blocks" genannt, überhaupt nie mit Wasser gesäubert werden- die Betten und Bettdecken werden nie gewaschen. Früh und spät brüllt man los von ,, peinlicher Sauberkeit" und bringt Schilder des gleichen Inhalts überall an. Außerhalb der Baracken und zwischen ihnen sind Blumengärten, allen Wegen entlang stehen kleine Zäune von borkenfreien Tannenzweigen. Das sieht sehr gepflegt und idyllisch aus, und ein Besuch erfährt nie, daß dies alles nur als Rahmen dient für eine grenzenlose Unsauberkeit, für die schlimmsten Brutstätten von Läusen und Bakterien. Es gibt keine Waschmittel, und das ist wohl einer der Gründe für dies alles. Gekalkte Gräber. In Wahrheit gekalkte Gräber. Wie viele ihr Leben in ihnen beendet haben, ist unmöglich zu sagen. Ich weiß nicht, was ich glauben soll und wem ich glauben soll. Denn die Zahlen schwanken. Dies ist auch etwas, was man schnell merkt: Es ist ganz unheimlich, wie leichtsinnig mit der Wahrheit umgegangen wird. Um eine Sensation in der Berichterstattung zu erwirken, scheut man nicht vor enormen Übertreibungen zurück. Denn sonst reagiert ja keiner. Die Wirklichkeit ist so stark, so betäubend und brutal. Einige erzählen, daß 40000 hier gestorben sind, andere sagen 30000, wieder andere geben kleinere Zahlen an. Die Zahl der Gefangenen ist jetzt auf 73000 gestiegen. Ich habe die Nummer 72060 bekommen. Im Lager sind ungefähr 17000 Gefangene. Nahezu 10000 Gefangene sind ausgeliehen in andere Lager und Arbeitsstellen, so daß die Zahl der zur Zeit hier in Sachsenhausen einregistrierten Gefangenen sich wohl auf etwas über 25000 beläuft. Colbjörn gehört zu den ,, Ausgeliehenen". Er befindet sich in einem kleineren Lager südlich von Berlin, das Lichterfelde heißt. Es geht ihm anscheinend gut, davon abgesehen, daß sie dort unter den Bombenangriffen mehr zu leiden haben. Mehrere der Baracken im Lager wurden vor einiger Zeit weggeblasen. Jetzt wohnen sie in kleinen Zelten, die sich über ein großes Gebiet erstrecken. Es sind besonders die Ukrainer, die zu der Kaste der Parias hier im Lager gehören. Ihnen geht es entsetzlich schlecht. Sie sterben auch in Mengen. Den ganzen Tag haben wir sie um uns 61 herum, bettelnd, naschend und kriechend. Schmutzig und ungepflegt sehen sie aus, kein einziges verständliches Wort vermögen sie zu sprechen. Sie zeigen nur auf die Zigarettenstummel, die sie haben möchten, auf die Kartoffelschalen vom Mittagessen, die sie ,, organisieren" wollen, usw. Einer von ihnen kam neulich abends an unseren Tisch. Wir aẞen gebratenen Hering( den bekommen nur wir Norweger durch das Norwegische Rote Kreuz). Die Eingeweide der Heringe, die Haut, die Gräten, die Schuppen und der übrige Unrat lagen in Haufen auf dem Tisch. Dieser Ukrainer kam nun den Tisch entlang geglitten, steckte die Hand verstohlen zwischen unsere Schultern, ergriff die Heringsabfälle und füllte damit seine Mütze. Danach stopfte er alles in seine Hosen- und Jackentaschen und fuhr weiter damit fort, seine ,, reiche Ernte" einzuheimsen. Armer Kerl! Einige jagten ihn weg. Das ist so üblich hier. Das einzige, wofür diese Menschen empfänglich sind, sind. harte Worte, Schläge und Stöße, dann schleichen sie weg, den Schwanz zwischen den Beinen, und verschwinden im Gedränge. Was sie tun, ist natürlich strengstens verboten und wird, wenn sie entdeckt werden, meist mit fünfundzwanzig Stockschlägen belohnt. Es wird überhaupt immer mit Prügelstrafen gedroht. ,, Fünfundzwanzig Schläge" ist ein stehender Ausdruck und das wagt man für alles mögliche. Wenn man sich zum Beispiel während der Arbeitszeit wegstiehlt, riskiert man die fünfundzwanzig, vielleicht mehr. Man darf nur dreimal am Tage rauchen, vor dem Morgenappell, in der Mittagspause von zwölf bis eins und nach dem Abendappell- dann ist Schluß! In den Baracken darf nie geraucht werden. Wenn man heimlich auf der Toilette raucht, riskiert man wieder die fünfundzwanzig. Diese Züchtigungen sind öffentlich, und es soll nicht gerade angenehm sein, ihnen zuzuschauen. Für diese Arbeit werden die geeigneten Leute unter den Gefangenen selbst ausgesucht, zu denen ja alle möglichen Menschen gehören- auch Büttel. Es ist auffallend, daß man so wenig uniformierte deutsche SS im Lager sieht. Aber die Blockältesten( es gibt 68 Blocks) und die drei Lager ältesten sind Deutsche. Und sie sind es, die die Disziplin aufrechterhalten. 62 Es scheint, daß wir Glück haben mit unserem Blockältesten. Er ist einer der besten, und wir konnten uns bisher über nichts beklagen. Er tut nicht viel mehr als seine Pflicht, und das können wir ihm ja nicht verdenken. Wie er uns das erstemal auf die übliche Blockältestenweise in die Lagerregeln über Zucht, Arbeit und Lebensart einweihte, war unvergeßlich. Er legte uns die ganze Terminologie des Lagers aus und benutzte dabei fleißig den nach oben gewandten Daumen, um zu zeigen, welches das Schicksal wahrscheinlich der meisten von uns sein würde. Dabei war er auf seine Weise ganz jovial und gemütlich, aber er hatte uns nun mal nicht viel Tröstliches zu sagen. Er war jedoch der Ansicht, daß einige von uns eine Chance hätten, mit dem Leben davonzukommen; jedoch nur, wenn wir ihm blinden Gehorsam zeigten und seinen Befehlen in jeder Weise nachkämen. ,, Sonst", fügte er mit einer Grimasse des Bedauerns und einem Achselzucken hinzu, und führte den Daumen langsam in einer Spirale nach oben. Erik, der noch nicht wußte, was dieses merkwürdige Zeichen mit dem Daumen zu bedeuten habe, wagte zu fragen: ,, Du, Hans, was heißt eigentlich das?" und er machte das Zeichen nach, so gut er konnte. ,, Aber Menschenskind doch", brüllte Hans mit einer Stimme, die sich beinahe überschlug, als wenn sein Unterricht nun auch vollständig umsonst gewesen wäre ,,, das verstehst du nicht? Krematorium! Mensch! Krematorium!" und dabei führte er den Daumen in der vollkommensten Spirale so hoch, wie sein Arm überhaupt reichte. So, jetzt zweifelte keiner mehr, und schwer legte sich das Verstehen über die Gemüter. ganzer Es gibt hier im Lager so unheimlich viele Menschen, die ,, so" geworden sind und die wohl auch nie mehr anders werden. Es gibt hier Leute, die seit 1933 als Gefangene gelebt haben. Zehn bis zwölf Jahre in einem Gefängnis oder Konzentrationslager! Möge Gott uns davor bewahren! Es ist wohl kein Wunder, daß sie in dieser Zeit das meiste von dem, was zu einer menschlichen Lebensweise und zu eines freien Menschen Leben gehört, vergessen haben. Ein Teil von ihnen ist natürlich körperlich und geistig zugrunde gegangen. Einige sind homosexuell. Diese werden in eigenen Baracken untergebracht. 63 Wieder andere sind ,, Lagermenschen" geworden, und man kann sich schwer vorstellen, daß sie noch in freien Gemeinschaften leben können. Sie sind arbeitsscheu, verlogen, feig und faul in jeder Beziehung. Wieder andere scheinen erloschen zu sein; ohne daß sie eigentlich untergegangen sind, haben sie sozusagen aufgehört zu leben, lange bevor sie sterben. Sie leben eben weiter nur mit den allernotwendigsten Organen, von denen. der Magen das wichtigste ist. Sie denken nur an das Essen, sie leben für das Essen, sie arbeiten mechanisch und reagieren apathisch, ausgenommen, wenn es sich um das Essen handelt denn dann werden sie fanatisch. Sie hamstern und raffen alles an sich. -- Die Gefangenen sind in verschiedene Gruppen oder Kategorien eingeteilt. Zu der ersten Gruppe gehören die politischen Gefangenen, vor ihrer Nummer steht ein rotes Dreieck. Die nächste Gruppe ist die der Kriminellen, der Diebe, Mörder, Sittlichkeitsverbrecher und Schwindler. Vor ihrer Nummer steht ein grünes Dreieck. Dann gibt es die Bibelforscher, die unter anderem erklären, daß Hitler ein falscher Prophet sei, eine Gefahr und eine Katastrophe für Deutschland. Keiner von ihnen weicht von dieser merkwürdigen Überzeugung ab. Ihnen hat man ein lila Dreieck vor die Nummer gesetzt. Die Homosexuellen sind auch mit einem besonderen Dreieck bedacht worden, und zwar mit einem hellroten. Es gibt noch eine Reihe anderer Dreiecksbezeichnungen für SS- Leute, Wehrmachtssoldaten und andere Deutsche, die aus irgendeinem Grunde hier gelandet sind. Im übrigen haben alle Gefangenen- mit Ausnahme der Deutschen- auch einen Buchstaben vor ihrer Nummer, der ihre Nationalität bezeichnet. Wir tragen alle ein N, die Russen ein R, die Polen ein P usw. Die Norweger nehmen in gewisser Beziehung eine Sonderstellung ein. Sie genießen Vorteile, die andere nicht haben, und werden mehr geachtet als die anderen Nationalitäten- ausgenommen vielleicht die Holländer und selbstverständlich die Deutschen selber. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß wir Germanen sind und daß wir Pakete bekommen mit Speck, Wurst, Zucker, Zigaretten und Butter. Die ,, Achtung" darf also nicht 64 -- verwechselt werden mit der Achtung, die man in einer freien Gemeinschaft unter freien Menschen für seinen Mitmenschen hat. O nein! 12. Oktober 1943 Immer noch dasselbe Wetter beißend kalt und strahlend klar. Auch heute nacht gab es keine Bombenangriffe. Jeden Abend kriechen wir erwartungsvoll zu Bett und wickeln uns da drinnen im dunkeln, überfüllten Schlafsaal in die fettigen, widerlichen Wolldecken ein. Enttäuscht verlassen wir morgens die Betten. Enttäuscht, weil wir ruhig hatten schlafen dürfen. Wir hatten etwas anderes gewünscht. Gott sei Dank, daß es dunkel ist da drinnen, damit wir die Wolldecken jedenfalls nicht sehen können. Wir können sie nur fühlen. Sie sind fett! Das einzige Fett, das wir bekommen. Die Betten sind in drei Etagen übereinander aufgerichtet und stehen so dicht, daß der ganze Raum ausgefüllt ist. Zwischen den Bettreihen befindet sich ein schmaler Gang, durch den man nur schrägwärts gehen kann. Zwei Männer können darin nicht aneinander vorbeikommen. Der eine muß hochklettern, damit der andere darunter weggehen kann. Ich liege in einer Bettreihe neben Frode. Es ist schon ein Kunststück, in ein solches Bett hinein- und herauszukommen, jedenfalls für einen Mann von meinem Kaliber. Aber allmählich kann ich es. Ein Glück, denn ich muẞ drei- bis viermal in einer Nacht aufstehen. Das kommt durch die wässerige Kost und die Kälte. Ich habe ja keine Unterwäsche, nur die Lagerlumpen. Ich habe meine Kleider noch nicht bekommen. Es besteht auch keine Gelegenheit, sie zu erhalten. Wenn ich zum Block ältesten gehen würde oder zu irgendeinem anderen, der etwas zu sagen hat, und ihm erzählen würde, daß ich friere, daß ich Lumbago habe( ich bin jeden Morgen steif wie ein Greis), und daß ich aus diesem Grunde meine Kleider gerne hätte, würde ich nur ausgelacht werden. Hier friert man nicht, hier ist man nicht krank, hier lebt man so, wie man leben muß laut Vorschriften und Verboten oder man stirbt. Und beides vollzieht man, ohne einen Laut von sich zu geben. Verstanden? - 5 Nansen 65 Ich muß nur abwarten und sehen, wie es weitergeht. Vielleicht bekomme ich meine Kleider ausgeliefert, bevor ich Lungenentzündung habe. Und wenn man Lungenentzündung hat, braucht man ja keine Kleider mehr. Wir leben von Kohlsuppe und Kartoffeln, Kartoffeln und Kohlsuppe, sowohl mittags als auch abends. Es kommt vor, daß wir Spinatsuppe und Kartoffeln bekommen, das heißt, es ist einmal vorgekommen. Aber ich glaube, daß auch das Kohlsuppe war, nur mit dem Unterschied, daß der Kohl diesmal grün war. Erik behauptet sogar, daß es Kartoffelgrün war. Zum Frühstück bekommen wir eine andere Art Suppe mit Brotkrümeln darin- oder sogenannten Kaffee- zu der sehr kleinen Brotration, die aber aus gutem Roggenbrot besteht. Zweimal in der Woche gibt es einen Klecks Butter. Wenn wir Kaffee bekommen, gibt es auch Aufschnitt, ein Stück Wurst, eine Art Käsemasse oder Marmelade. Alles ist natürlich ,, Ersatz", es sieht verdächtig aus, aber wir sind hungrig Im übrigen ist die Kost natürlich nicht ausreichend. Darum hungert man auch langsam, aber sicher. Die Norweger bleiben am Leben und in relativ guter Verfassung dank der Pakete aus Schweden und Dänemark. Diese Pakete sind von unermeßlicher Bedeutung, wir haben sie bereits kennengelernt. Unsere Kameraden, die schon lange hier sind und schon seit langem in Verbindung mit der Heimat stehen, bringen uns Ölsardinen, Knäckebrot, Käse und alle Herrlichkeiten der Welt, was alles im Nu aufgegessen wird. Alle haben noch einen Hohlraum im Magen, der aufgefüllt werden muß, bevor eine solide Grundlage entstanden ist, auf der sie dann weiter aufbauen können. Unterernährungserscheinungen bleiben nicht aus. Mehrere der Jungen haben geschwollene Beine. Das Wasser geht in den Körper, wie man hier sagt. Denn die Nahrung, die wir bekommen, besteht zum größten Teil aus Wasser und enthält verschwindend wenig Nährwert und Vitamine. Erik gehört zu denen, die geschwollene Beine haben. Aber wenn wir uns eine Weile der Eẞwarenlager unserer hiesigen Kameraden und der ständig neu ankommenden Pakete bedient haben werden, werden sich diese Übel schon legen. Ich glaube nicht, daß wir 66 etwas zu befürchten haben. Wir haben Glück gehabt, daß wir schon unseren ersten Brief nach Hause haben abschicken dürfen. Dieser Brief wurde von allen ziemlich einheitlich abgefaßt, damit er schneller durch die Zensur kommt. Heute habe ich endlich meine Kleider zurückbekommen. Aber das Tagebuch war nicht dabei, ebensowenig meine Mappe mit Papier. Und die Schuhe fehlten auch. Aber ich bekam schöne warme Unterwäsche und Strümpfe und nun fühle ich mich wohler, nachdem ich alles angezogen habe. Ich hatte auch ein Eẞbesteck bei mir. Das hat man mir genommen, ebenso eine Flasche Medizin gegen Fußpilz. Und das Gemeinste von allem: das Bild von Kari mit den Kindern, das ich auf den Boden des Pappkartons gelegt hatte, das haben sie mir auch genommen. So, das ist also auch nicht erlaubt, das Bild seiner Lieben zu sehen. Die Freude wäre ja auch zu groß für einen politischen Gefangenen. Wenn ich nachts wachliege und die Gedanken kommen, dann sehe ich vor mir die Gaskammern, wo Tausende und aber Tausende von Juden, Polen und auch anderen Menschen getötet werden, die Blausäurekammern in Lublin, die als Badeanstalt getarnt sind, wo die armen Menschen hineingehen in dem Glauben, daß sie baden sollen. Wir haben Leute hier im Lager, die aus Lublin kommen, die aus eigenem Erleben von diesen Dingen erzählen können. Das sind keine Phantasien. Es sind auch keine Phantasien, daß es hier im Lager Autos gibt, die so eingerichtet sind, daß der Exhauster in das Auto mündet, das ganz dicht verschlossen ist. Eine Reise von zehn Minuten in einem solchen Auto genügt, um einen Menschen in die Ewigkeit zu schicken. Die Autos sind fleißig gebraucht worden. Hunderte von Opfern sind aus diesen Wagen herausgetragen worden und sind ,, in den Schornstein gegangen". Es gibt ja immer noch mehrere Todesfälle täglich, wenn es auch nicht mehr so grauenhaft ist, wie es früher war bei weitem nicht! Es hat hier Zeiten gegeben, da in der Baracke jeden Morgen das Kommando ertönte: ,, Tote heraus!"- worauf alle, die im Laufe der Nacht an Hunger, Kälte, Ermattung und Krankheit gestorben waren, hinausgetragen und auf einen - 67 5* - Haufen gelegt wurden. So weit wurden diese Menschen getrieben ausgehungert und elend, wie sie waren-, daß sie Fleischstücke von den Leichen ihrer Kameraden abschnitten und aẞen. Wer darf sie verurteilen? Und was kommt nicht heute noch alles im Krankenhaus vor, wo todkranke Menschen aller Nationalitäten zu zwei in den Betten liegen. Wenn der Bettkamerad stirbt, unterläßt es der Überlebende oft, den Todesfall zu melden, und bleibt mit der Leiche im Bett liegen, nur um die Ration Essen zu bekommen, die dadurch ,, frei" wird. Um das alles noch etwas länger aushalten zu können! Um um sein Leben zu kämpfen! Um es so teuer wie möglich zu verkaufen! Wir fassen das einfach nicht. Es wirkt nur abscheulich auf uns, widerlich und grauenerregend. Abends, wenn es dunkel wird und man im Bett liegt mit diesen Gedanken, kommt es vor, daß man von einer bodenlosen schwarzen Verzweiflung befallen wird, schwer und müde wie Blei. Und es kann späte Nacht werden, bevor man hinfindet zur Sehnsucht, und Ruhe und Wärme wieder ins Gemüt zurückkehren. Ja, wahrlich! Die lebendige Sehnsucht ist ein Segen. 13. Oktober 1943 Karis Geburtstag! Verlassen- aber nicht alleine. Vier wundervolle Kinder hat sie um sich und Mutter und viele, viele Freunde. Aber ich weiß doch, daß der Tag schwer sein wird für sie vielleicht etwas schwerer noch als alle die anderen Tage. Arme, kleine, tapfere Kari. Gott gebe, daß du noch nichts über dieses Lager erfahren hast- und daß dir noch niemand erzählt hat, was hier vor sich geht. - 14. Oktober 1943 Wir können noch immer nichts anderes tun als essen und schlafen. Nach dem Morgenappell marschieren wir ein wenig, bis der Boden in der Baracke gekehrt ist und die Toiletten und der Waschraum gesäubert sind; das ist die einzige Abwechslung, die wir haben. Alles andere ist verboten. Selbstverständlich ist es auch verboten, hier zu sitzen und Tagebuch zu schreiben, und Gott weiß, wo ich es hintun soll oder wie ich es überhaupt 68 bei mir behalten soll, wenn ich einmal hier fort muß. Ich rechne eben kurzerhand damit, daß mein Fortgehen von hier mit dem Kriegsende zusammenfallen und damit jegliche Kontrolle dieser Art von selbst wegfallen wird. Darum schreibe ich mutig weiter. Dies bedeutet eine so ungemein segensvolle Hilfe für mich, ein starker Trost- und die Zeit läuft dann auch schneller. Jetzt liegen die anderen alle und schlafen. Denn man hat jetzt Schlafzeiten auch mitten am Tage eingeführt. Das Signal zur Nachtruhe ertönt abends um acht Uhr, und um vier Uhr stehen wir auf. Mir ist dieser Schlaf mehr als genug, auch ohne die Schlafstunden mitten am Tage. Darum bin ich lieber auf. Selbstverständlich ist auch das verboten; aber ich habe mich mit dem Stuben ältesten geeinigt, einem alten, lieben, polnischen Barbier, der Ludwig heißt und nichts weitererzählt. Ich habe ihm erzählt, daß ich damit beschäftigt sei, einen Liebesroman zu schreiben. Als er das hörte, lachte er verschmitzt, begeistert und bewundernd zugleich und bat mich, doch ja sitzenzubleiben. Seitdem schauen wir uns immer verständnisvoll an, wenn wir uns sehen. Weil Hareide Scharlach hat, ist die Quarantäne um eine Woche verlängert worden.- Wir sollen also noch eine Woche in diesem schlafenden und essenden Zustand verbringen und alle Eindrücke nur durch die Berichte der Kameraden empfangen. Hier folgt eine der täglichen ,, Dosen", kalt, einfach, nüchtern und wahr: Vor einiger Zeit kam ein Gefangenentransport in das Lager. Er wurde wie üblich gezählt und mußte sich auf dem Appellplatz innerhalb des Haupteingangs aufstellen. Die Zahl stimmte nicht. Es waren zwei Mann zuviel. Es wurde nochmals gezählt, bis endgültig festgestellt war, daß der Transport zwei Mann zuviel hatte. Diese beiden Männer wurden am Haupteingang außerhalb des Eingangsgebäudes aufgestellt. Dort blieben sie den Rest des Tages stehen, ohne daß sich irgend jemand um sie kümmerte. Dann kam der Abendappell, und wieder wurde gezählt. Die beiden Männer waren wieder zuviel. Da brachten einige Revolverschüsse aus einem Fenster des Eingangsgebäudes die Rechnung zum Stimmen. Jetzt war die Zahl 69 wieder richtig. Die beiden wurden weggetragen- sie sind hier in dieser Welt keinem mehr im Wege, nirgendwo zuviel. Vor einigen Jahren war jemand unvorsichtig gewesen und hatte verbotenerweise in der Baracke geraucht, die Feuer fing und niederbrannte. Als Strafe mußten alle Gefangenen zwei Tage und zwei Nächte angetreten stehenbleiben, ohne Essen zu bekommen. Und das bei mehr als zwanzig Grad Kälte! Von dreihundert erfroren dreißig Mann. Unser erster Blockältester Hans( jetzt haben wir einen neuen bekommen, der Albert heißt) erzählte uns dies, um uns davor abzuschrecken, in der Baracke zu rauchen. Er hatte selbst an dieser Strafe teilgehabt und konnte uns garantieren, daß es wahr ist. Später wurde es mir von mehreren Seiten bestätigt. Trotzdem ist es schwer, die Männer dazu zu bringen, das Rauchen zu lassen. Es gibt auch Schweinehunde unter uns, die nicht nur verbotenerweise rauchen, sondern die Rauchwaren ihrer Kameraden stehlen. Ja, auch Eßwaren werden gestohlen. Es ist niederschmetternd- aber wahr. Nach und nach merkt man wer das tut und hält sich von ihnen fern. Das ist alles. Heute haben wir tatsächlich genug zu essen bekommen. Ich glaube, daß alle satt sind, einige sogar mehr als das. Wir bekamen Kartoffeln aus der Kantine, die die anderen Kameraden für uns gekauft haben. Und abends gab es reichlich Stockfisch. Das hat gut getan auf der ganzen Linie. Die Stimmung ist wärmer und gemütlicher. Der Magen ist ein wichtiges Organ- auch hier! Vielleicht hier ganz besonders. Ich habe gar keine Lust, zu Bett zu gehen, aber ich komme nicht daran vorbei. Gute Nacht, Kari. 15. Oktober 1943 Heute nacht war Fliegeralarm, aber es wurde nichts daraus. Nur Scheinwerfer, Spannung- und Erwartung. Es zog sich so lange hinaus, daß ich einschlief. Ich fange jetzt an, gut zu schlafen. Colbjörn ist aus dem Lager Lichterfelde zu Besuch gekommen. Er sieht gut aus, ist voller geworden und anscheinend in besserer Verfassung als auf Grini. Er ist in Lichterfelde sehr zufrieden und möchte gar nicht 70 mehr hierhin zurück. Sie haben einen sehr schweren Fliegerangriff gehabt dort unten, und er meint, daß er damit dies wohl hinter sich hat. Es geschah nichts. Colbjörn ist zur ärztlichen Untersuchung hier. Alles o. k. Er geht heute wieder fort. Es war so schön, ihn wiederzusehen. Etwas von ,, früher". Heute morgen zog ein Transport von hier fort, wahrscheinlich in die elsässischen Steinbrüche, dorthin, wo wohl auch Leif, Hartvig, Berg- Hansen und die anderen gelandet sind. Leider mußte auch Siggen mit. Er ist ganz großartig zu uns gewesen, seit wir hierher kamen. Gemeinsam mit Leif Jensen und Arvid Johansen und einigen anderen versorgte er uns mit Tabak und Eßwaren und stand uns ständig mit Rat und Tat zur Seite. Überhaupt haben uns die Kameraden hier viel geholfen. Wir haben nicht gehungert und sind auch noch nie ganz ohne Rauchwaren gewesen. Die Zigaretten, die man hier in der Kantine kaufen kann und die die anderen für uns gekauft haben, sind schlecht wie Kameldreck und unter normalen Verhältnissen ungenießbar. Aber hier gehen sie wie frische Semmeln. Nachrichten? Einige bekommen wir doch immerhin. Erstens bekommen wir Zeitungen täglich. Deutsche Zeitungen selbstverständlich. Aber der Wehrmachtsbericht lügt, glaube ich, nicht so arg. Aus ihm erfahren wir doch jedenfalls die Hauptsache. Daneben erhalten wir in aller Stille und mit der größtmöglichen Vorsicht auch frische Nachrichten aus anderen Quellen. Sie kommen gleichmäßig und sicher, und ich glaube, daß wir im großen und ganzen nicht schlechter unterrichtet sind als auf Grini. Aber trotz der guten Nachrichten, ja, der nur guten Nachrichten von allen Fronten kann ich nicht optimistisch sein. Ich möchte es noch nicht eingestehen, nicht einmal mir selbst, daß ich den Glauben daran, daß alles im Herbst vorbei ist, aufgegeben habe; aber ich habe eine Ahnung, als wenn irgend etwas in mir ohne meine Kontrolle und gegen meinen Willen dieses Aufgeben an meiner Statt vollzogen hat. Der strahlende Optimismus, in dem sie zu Hause leben, Karis Wunsch, ich möchte ein ,, frohes Weihnachtsfest" verleben, und Ernsts Versicherungen, daß alles jederzeit zusammen7 7 I brechen könnte, habe ich vor mir stehen, aber sie werden mehr und mehr von einem Schleier der Unwirklichkeit verhüllt. Über allen Nachrichten, die von zu Hause kommen, liegt etwas Traumhaftes. Was uns hier unten umgibt, das ist ja die Wirk- lichkeit! Alles andere sind nur Träume und Illusionen! Ich entsinne mich, wie ich auf dem ‚‚Fallschirm‘“ saß und träumte. Es wäre mir gar nicht eingefallen, daß ich jemals mit Sehnsucht an den„Fallschirm‘‘ zurückdenken würde. Der„Fallschirm“ erscheint mir wie eine Idylle im Vergleich zu dieser Hölle. Onkel Lubbe wird zu einem liebenswürdigen Weihnachtsmann, und das tägliche Leben dort oben erscheint mir als etwas, das Inhalt und Sinn hat im Vergleich zu diesem Idiotenleben hier, wo man nur aufsteht, Kohlsuppe ißt, etwas in Holzschuhen herumläuft, etwas marschiert, während die Baracke„gereinigt“ wird, hineingeht und wieder mal schläft. Wieder mal herum- läuft.„Mützen ab!“ eine Weile vielleicht, noch mehr Kohl- suppe, noch mehr Schlaf, noch mehr Idiotie, weniger Optimis- mus— am meisten Kohlsuppe-, so daß man zuletzt das Gefühl hat, als wenn man in dieser stinkenden Kohlsuppe eingeweicht gewesen sei. 16. Oktober 1943 Endlich gab es mal wieder Wolken am Himmel. Dieser wolkenlose klare Himmel fing an, auf die Nerven zu gehen. Wie alles andere auch. Es ist jetzt milder, aber immerhin noch bitter und kalt genug. Die Nachrichten sind weiterhin gut. Ich wüßte nicht, wann wir zuletzt eigentlich schlechte Nachrichten bekommen hätten. Aber trotzdem steht der Winter vor der Tür. Wir werden schon anständig frieren, wenn wir nichts anderes anzuziehen bekommen als die Lumpen, die wir an- haben. Wir tragen jetzt Zeitungen auf dem Rücken, die vom Hosenbund gehalten werden. Das ist Eriks Patent, undes ist gut. Der schlimmste Hunger ist vorüber. Leif und die anderen, nicht zuletzt Finn Aanesen und sein Bruder, haben uns Brot, Käse, Sardinen und Zucker und aller Welt Herrlichkeiten hier heraufgeschickt. Ab und zu verschwenden wir richtig. Wie gut es tut, sich einmal ordentlich satt essen zu können- ungefähr 762 satt jedenfalls. Nach der Kohlsuppe fühlt man sich nur aufgeblasen im Magen, schwer und unbequem. Aber satt? Nein. Jetzt gibt es gleich wieder Kohlsuppe. Das merkt man schon an der Bewegung im Raum. Diejenigen, die saßen, stehen auf. Diejenigen, die schliefen, strömen nach und nach herein. Diejenigen, die plauderten, fangen an zu schwatzen. Über hundertfünfzig Mann verwandeln, ohne es zu beabsichtigen, ohne es überhaupt zu wissen, den Raum in einen Hexenkessel von ohrenbetäubendem Lärm, aufgewühlten Bewegungen und schlechter Luft. Das letztere ist das Schlimmste. Ich brauche ja wohl nicht näher zu erklären, wie sie entsteht, nur eben zu bemerken, daß die meisten jegliche Hemmung verloren hatten, lange bevor sie hierher kamen. Wenn zwei Drittel derjenigen, die hier wohnen und keinen anderen Aufenthaltsraum haben, nicht da wären und der Rest nach Möglichkeit ruhig gesessen hätte, dann wäre der Raum für normale Begriffe schon überfüllt gewesen. Es ist zum Verrücktwerden! Ich bin wirklich auf dem Wege dazu. Mir ist, als wenn meine Schläfen gesprengt würden, und es dauert nicht lange, so fange ich an zu schreien! Zwei junge Russen laufen hier im Block herum und verrichten allerhand kleine Dienste für Zigaretten, etwas Essen und übriggebliebene Reste. Wir nennen beide Wodka. Sie haben den ganzen Tag vollauf zu tun, unsere Lumpen zu reparieren, Nummern daran zu nähen, Nummern herbeizuschaffen, Schlafsäcke wieder in Ordnung zu bringen usw. Frode und Erik, die stinkfaul sind, ziehen es vor, zu schlafen, während ich schreibe. Und Wodka bekommt eine Handvoll der ,, ungenießbaren" Zigaretten, von denen wir bereits ein ansehnliches Lager besitzen, und alles ist in bester Ordnung. Die Zeit läuft. Herrgott, wie langsam die läuft, und gleichzeitig wie schnell! Bald sind es vierzehn Tage her, daß wir ankamen. 18. Oktober 1943 Noch ist nichts Neues mit uns geschehen. Wir müssen noch einen Tag in Quarantäne und Nutzlosigkeit verbringen weitere werden schon folgen. Morgen sollen wir, glaube ich, 73 noch einmal zum Arzt kommen, und anschließend wollen wir noch in der Kleiderkammer die Kleider eintauschen, die absolut nicht passen. Frode, Erik und ich haben Arbeit außerhalb des Lagers bekommen und sollen deshalb gestreifte Kleider erhalten. Ob die anderen sich mit ziviler Kleidung schmücken dürfen? Kohlsuppe, Kohlsuppe, Kohlsuppe! Aber heute abend gab es Heringe vom Roten Kreuz. Zwei für jeden. Wir wollen versuchen, etwas davon bis morgen in Wasser zu legen, damit wir uns einmal die Kohlsuppe ersparen können! Sonst organisieren wir hin und wieder etwas, und zwar die verschiedensten Dinge, so daß uns im Grunde genommen nichts fehlt- oder beinahe nichts---. 19. Oktober 1943 Die Quarantäne ist zu Ende. Morgen sollen wir raus und arbeiten. Das wird spannend werden. Ich nehme an, daß wir im Anfang weniger angenehme Arbeit bekommen, aber im Laufe der Zeit wird es wohl möglich werden, sich in irgendeine andere Arbeit hinüber zu ,, organisieren". Alles kann man ,, organisieren". Es ist abscheulich, aber so ist das hier, von oben bis unten. Heute abend haben wir zum erstenmal Appell gehabt. Es war eigentlich ein Ereignis, zum erstenmal dazustehen mit sieben- bis achttausend Gefangenen. Da ist es ein Vorteil, lang zu sein, damit man alles übersehen kann; denn es lohnt sich, dieses Meer von Menschen unter den Scheinwerfern zu schauen. Menschen, Menschen- Menschen aller Art, so weit man nach allen Richtungen hin schauen kann, ein dauerndes Gesumm von Gesprächen, das von kurzen Kommandotönen unterbrochen wird: ,, Stillgestanden! Augen gerade aus! Augen rechts! Augen links! Richtet euch! Rührt euch!"- und dann ist es vorbei. Nach und nach marschieren sie dann vom Platz weg, jeder zu seiner Baracke. Die Rauchwaren werden herausgeholt. Zigaretten und Pfeifen leuchten wie rote Augen überall im Dunkeln. Hier und da leuchtet ein Feuerzeug auf. Es schmeckt verdammt gut, denn man hat ja seit dem Mittagessen nicht geraucht. Das war ein Uhr und jetzt haben wir sechs. 74 Ich muß aufhören sie brüllen: ,, Los! Los! Los! Schlafen gehen!" Es ist ein ohrenbetäubender Lärm. Wir haben gute Nachrichten, aber sie fließen spärlich. Gute Nacht, Kari. 21. Oktober 1943 Gestern fingen wir an zu ,, arbeiten". Darum hatte ich keine Gelegenheit, zu schreiben. Als wir von der Arbeit nach Hause kamen, war es bereits Abend, und wir hatten den abendlichen Appell. Zu Mittag essen wir nämlich draußen auf dem Arbeitsplatz, dem ,, Kommando", wie es heißt. Man erkundigt sich nicht, welche Arbeit ein Mann bekommen hat und ob er mit ihr zufrieden ist, sondern man fragt nach der Art des Kommandos. Am Abend war ein Betrieb sondergleichen. Wenn wir nach Hause kommen, beginnt ein Kampf, der dauert, bis wir wieder am darauffolgenden Tage zur Arbeit gehen. Jetzt sind noch mehr Leute in unseren Raum gekommen. Das Gedränge ist unbeschreiblich. Der Block, der in die Flügel ,, A" und ,, B" aufgeteilt ist und einen Wasch- und Toilettenraum in der Mitte hat, besteht im übrigen aus vier großen Räumen: zwei Speise- und Aufenthaltsräumen und zwei Schlafsälen. Sie wären wohl ungefähr groß genug für vierzig bis fünfzig Mann- wir sind hundertundzwanzig, und es besteht die Aussicht, daß bald noch mehr hinzukommen. Daß es eine Prüfung sein wird, in diesen Räumen zu wohnen und sonst keinen Aufenthaltsraum zu haben, das ist klar. Wir sitzen so dicht, daß das Essen an Ellenbogen und Schultern vorbeigekämpft und vorsichtig bis zum Mund hingelotst werden muß falls wir denn überhaupt sitzend essen. Denn es gibt nicht Platz genug für alle auf einmal. Erik, Frode und ich halten zusammen mit jedem Tag wird die Freundschaft enger. Darin liegt eine Art Rettung. Es bedeutet so unheimlich viel, einen Freund oder auch zwei zu haben, jemand, mit dem man sprechen, jemand, mit dem man teilen kann, sowohl Essen und Tabak als auch das Schicksal. Und nicht zuletzt jemand, mit dem man sich freuen und lachen kann. Denn hier gibt es auch manches, worüber man lachen wenn man es nur fertigbringt. Zusammen verstehen könnte - - - 75 wir es, Frode, Erik und ich, und das ist wie eine Befreiung, wie ein frisches Bad! Aber ich wollte ja von unserer ‚Arbeit‘ reden. Ich erzähle lieber etwas vom Verlauf des gestrigen Tages. Erst der Morgen- appell: Er beginnt im Stockdunkeln- gestern war sogar Nebel - und dauert, bis es heller Tag ist. Es ist schon eine langwierige Geschichte, siebzehntausend Menschen zu zählen. Besonders dann, wenn man es auf die hier übliche Weise macht. Wenn das Zählen endlich abgeschlossen ist, fängt es gewöhnlich an, hell zu werden. Dann müssen wir uns in Arbeitskommandos auf- stellen. Damit beginnt der zweite Teil des Morgenappells, der am längsten dauert. Sämtliche siebzehntausend Mann werden losgeschickt, und jeder muß sich zu seinem Kommando hin- finden. Will man sich eine Vorstellung davon machen, wie das vor sich geht, dann muß man sich einen Riesenameisenhaufen denken, durch den man mit einem Stock gerührt hat, so daß alle Ameisen aufgescheucht und durcheinandergeraten sind. Das gibt so ungefähr ein Bild der Lage. Es ist gerade kein Ver- gnügen, sich an Hunderten von Menschen reiben zu müssen und Schimpfen und Stöße, ja sogar Schläge entgegenzu- nehmen. Ich mag weder schimpfen, noch schlagen, noch treten - aber ich muß gestehen, daß ich mich manchmal kaum noch beherrschen kann. Es ist so beschämend, so unheimlich be- zeichnend dafür, wie man hier werden kann. Diese Art„sich durchzuschlagen‘‘, diese ewige, abscheuliche, ohrenbetäubende Schimpferei! Ich glaube, daß das das Schlimmste ist. Ich stolperte über einen kleinen Ukrainer, er murmelte etwas da unten in der Tiefe, blickte dann auf mit einem schmutzigen, traurigen Gesicht- mit bittenden, blauen Augen- dann ver- schwand er im Gedränge. Auf diese Weise kämpften Erik, Frode und ich uns gemein- sam— zum ersten Male- durch das Menschengedränge quer über den ganzen Platz dorthin, wo unser Kommando aufge- stellt stand. Es heißt„Kraftfahrzeug-Depot Wald“ oder „KDW“. Und dort mußten wir uns dann wieder aufstellen, um uns abermals abzählen zu lassen. Sie lassen keine Gelegen- heit zum Zählen vorübergehen. Im KDW bot sich reichlich 76 Anlaß, die Kameraden zu begrüßen, u. a. auch Arvid. Sie versuchten uns davon zu überzeugen, wie glücklich wir sein konnten, daß wir hier gelandet waren. Sie erzählten und berichteten alles, was sie nur wußten. Der größte Teil der Stunde, die wir dort standen, wurde mit Erzählungen und Begrüßungen totgeschlagen. Natürlich wurde auch wieder gezählt sogar einige Male extra, da wir ja zum erstenmal hier angetreten waren. - Endlich durften dann auch wir durch das Tor des Haupteingangsgebäudes marschieren, wo mit„, Mützen ab!" und ,, Hände angelegt!" noch einmal gezählt wurde. Mit geradeaus gerichtetem Blick und gespannt wie Stahlfedern trampelten wir los, und der Takt der Holzklappern dröhnte wie ohrenbetäubendes Donnerwetter gegen den Betonweg. Bis auf die , Straße" mußten wir so gehen- es war ein Spieẞrutenlaufen an SS- Unteroffizieren und aufmarschierten, bewaffneten SSLeuten vorbei die ganze betonbelegte Straße außerhalb des elektrischen Zaunes entlang. 23. Oktober 1943 Ich bin wenig zum Schreiben gekommen. Aber jetzt will ich den Bericht weiterführen. Man hat den Eindruck, daß das Lager und seine angrenzenden Herrlichkeiten sich bis ins Unendliche nach allen Richtungen hin ausbreiten. Die Betonstraße führt längs der mit einem elektrischen Zaun versehenen Gefängnismauer am Lager vorbei. Auf ihrer anderen Seite liegt das SS- Lager- Baracken und nochmals Baracken, Kantinen, Kameradschaftshäuser usw. usw. Sonst sieht man Werkstätten und alle möglichen Arbeitsplätze, an denen Gefangene arbeiten. Unser Weg führt in den Wald hinaus, in einen Tannenwald, dessen Bäume selbst in Reih und Glied stehen! Zwischen den Baumreihen liegen Baracken und alle möglichen Anlagen. KDW ist ein besonders abgegrenztes Gelände. Dort gibt es Lagergebäude für alle möglichen Autos, Autobestandteile und Autoausstattungen mit den dazugehörigen Werkstätten. Nach unserer Ankunft dort am Morgen wurden wir zum 77 Zählen an der Bürobaracke innerhalb des Haupteingangsgebäudes aufgestellt. Nun sollte uns auch unsere Arbeit zugeteilt werden. Erik hatte sich auf der Liste als Fachmann für Holzgeneratoren einschreiben lassen, um auf dasselbe Kommando zu kommen wie Frode und ich. Trotz aller vorherigen Versicherungen klappte es durchaus nicht. Der ,, Direktor" wurde entlarvt, da er überhaupt noch nie einen Holzgasgenerator aus der Nähe gesehen hatte. Als Strafe bekam er eine harte Arbeit in der Fahrbereitschaft zugewiesen. Er mußte die Autos waschen und sauber machen, ehe sie nach der Reparatur die Werkstatt verließen. Frode und mir ging es besser: Wir wurden sofort beiseitegeschoben: ,, Also die zwei Holzschnitzer - jawohl, drüben aufstellen und warten!" Vom ersten Augenblick an verstanden wir, daß dies ein Schwindel war. Wir sollten unterschlagen werden und privat für die Schweinehunde arbeiten. Als alle ihre Arbeit bekommen hatten, mußten wir demjenigen, der die Arbeit verteilt hatte- Irsch hieß er-, auf sein Büro folgen. Nach einigen Überlegungen bestimmte er, daß wir uns vorläufig, bis ein Raum für uns freigemacht worden wäre, auf der Anstreicherwerkstätte aufhalten sollten. Der Vorarbeiter war gerade auf dem Büro und wurde angewiesen, uns Papier und Bleistifte zu besorgen, damit wir einige Skizzen machen konnten. Als Motiv für unsere Holzschnitzerkünste dachte sich Herr Irsch jetzt in der Eile einen ,, Hirsch in der Brunstzeit" aus. Ob wir einen Hirsch kennten und auch wüßten, was ,, brünstig" sei? Nein? Na, dann-. Irsch dachte weiter und quetschte noch eine phantastische Idee aus seinem Kopf, nämlich ein Liebespaar- oder ein ,, Hirtenmotiv", wie er es nannte. Danach überlegte er sich noch ein drittes Motiv, nämlich eine Vase mit schönen Rosen. Und dies alles hatte er sich als geschnitzte Reliefs( ich hatte ihm gesagt, daß Reliefs meine Spezialität seien) auf dem Boden von hölzernen Obstschalen vorgestellt. Doch, wir waren im Grunde genommen ganz zufrieden mit den Aufträgen, als wir mit Irsch und dem Vorarbeiter zusammen in die Anstreicherwerkstatt gingen. Das war eine große Baracke, voll von Autos und Leuten, die Lack spritzten oder ähnliche Arbeiten verrichteten. Ein durch78 dringender Lackgeruch, der in den Augen brannte, erfüllte den Raum. In der einen Ecke der Halle stand des Vorarbeiters kleiner Tisch und Schrank, das war sein ,, Büro", und dort sollten wir uns vorläufig aufhalten dürfen. Der Vorarbeiter nahm einige Holzfiguren aus dem Schrank, die andere Gefangene vor uns geschnitzt hatten. Irsch zeigte sie uns. Mir fiel auf, daß sie recht gut waren. Wir bekamen darum etwas lange Gesichter, als unser Freund Irsch erklärte, daß dies Beispiele schlechter Arbeit seien. Man könne nichts damit anfangen und er habe den Betreffenden die Aufträge entzogen. Jawohl, ja. Dies schien heiter zu werden! Dazu handelte es sich um richtige Holzfiguren, und weder Frode noch ich haben jemals so etwas gemacht. Wir stellten uns überlegen, sicher- wir durften ja unseren sinkenden Mut und unser zunehmendes Gefühl von Hoffnungslosigkeit nicht zeigen. So beteiligten wir uns an der allgemeinen Verurteilung dieser Holzfiguren, wiesen auf ihre Fehler hin und legten sie zurück, während wir mit den Schultern zuckten und einige langgezogene Worte sprachen, die bedeuten sollten: Ja, jaja- die Armen wußten es wohl nicht besser, aber wir, wir würden ihm schon zeigen, was wir könnten. Dann ging Irsch. Wir unterhielten uns mit dem Vorarbeiter. Er war Deutscher und hieß Alfred, jedenfalls nannten ihn alle so. Er stammte aus Köln, war Kunstmaler und Kommunist. Dazu hatte er einen Fehler an der Nase. An der einen Gesichtsseite, ich glaube, es war die rechte, lief der Nasenflügel mit der Backe und dem Backenknochen parallel. Das gab dem Mund wie dem ganzen Gesicht ein verzogenes Aussehen, fesselte aber zugleich und hielt den Blick gefangen. Es wirkte unbedingt interessant. Erst unterhielten wir uns über Holzschnitzerei und Zeichnen und Kunst, dann glitt die Unterhaltung hinüber in Politik, Krieg und Oranienburg. Er konnte viel erzählen. Im ganzen hatte er dreizehn Jahre seines Lebens gesessen, davon acht in Oranienburg. Bereits im vergangenen Krieg hatte man ihn wegen seines Kommunismus gefangen gehalten und dann noch einmal in den zwanziger Jahren, und nunmehr wieder, nachdem Hitler kam. Er hatte sich eine traurige, enttäuschte und niederdrückende Anschauung vom Leben und den 79 Menschen erworben und prophezeite, daß die Hölle hier im Lager losbrechen würde, wenn der Augenblick gekommen sei- vielleicht in einem Jahr, vielleicht später, kaum früher. Kalt, spöttisch, beinahe apathisch war er in seiner Einstellung zu den meisten Dingen. Besonders im Anfang wirkte seine zweifelnde, niederreißende, negative Art unheimlich. Jetzt nach ein paar Tagen ist es mir, als wüßte ich es besser, wo ich ihn hintun soll. Er ist mir nicht mehr so unheimlich. Es ist nur so schade für ihn, daß er keinen Sonnenschein mehr im Herzen hat. Neulich bekam ich einige seiner Kunstwerke zu sehen. Jetzt ist es mir, als könnte ich ihn besser verstehen. Es waren magere Sachen, sauer und traurig in der Farbe und wenig lebendig. Er selbst war damit zufrieden und nannte sie stolz ,, entartete Kunst", was sie übrigens gar nicht waren. Aber bewundernswürdig ist es, daß dieser Mann nach all der Zeit im Gefängnis seinem Glauben und seiner Überzeugung treu geblieben ist. Wie vieles muẞ in seinem Innern zerbrochen sein in all diesen Jahren, in denen er hier gesessen hat! Ist es überhaupt zu verwundern, daß er bitter und negativ geworden ist? - So verging der Tag in der Malerwerkstätte. Wir taten absolut nichts. Wir bekamen Papier ausgehändigt einige alte bedruckte Formularbogen, deren Rückseite wir benützen sollten! Das Gedruckte sah man durch das Papier hindurch, und das erschwerte das Zeichnen. Die Bleistifte, die wir bekamen, waren nur Stummel. Alfred besaß einige Ansichtskarten, darunter war auch eine mit einem brünstigen Hirsch, gerade dieser schrecklichen Sorte, wie Irsch sie wünschte. Das war ja ausgezeichnet. Ich machte eine Skizze nach dieser Vorlage. Das war an diesem Tag alles. 24. Oktober 1943 Gestern kam ich nicht weiter. Es kommen so viele Leute und stören, und außerdem müssen wir ja jetzt so langsam mit der Arbeit beginnen. Ich habe noch nichts von der Mittagspause erzählt. Sie verläuft ungefähr so: Gegen zwölf Uhr schlendert man langsam an den Ort, wo gegessen wird. Das ist der höchstgelegene Platz im Lager. Dort wird die Suppe unter freiem 80 Himmel den Kommandos, die sich einzeln aufstellen müssen, zugeteilt. Außer der üblichen Kohlsuppe und Kartoffeln bekommen wir auch Brot. Zwei belegte Brote und ein Stückchen Wurst. Dies vollzieht sich wie üblich unter Geschrei und Krach und vielen Befehlen. Versucht der eine oder andere eine doppelte Portion zu ergattern, indem er sich zweimal in die Schlange stellt, so wird er ausgeschimpft und vom Vorarbeiter geschlagen. Es gibt überhaupt laufend Episoden und Dinge, die das Dasein würzen. Wir müssen draußen essen, wenn wir nicht in einer überfüllten, dunklen Speisebaracke stehen wollen, wo nur die Älteren unter uns einen Platz am Tisch haben. Arvid, Erik, Frode, Leif und ich halten zusammen und bilden eine kleine Mittagsgesellschaft. Wir sitzen oder liegen auf der Erde, wenn sie trocken ist, oder auf einem Stein oder einem Haufen Zweige. Zu dieser Szene gehören auch die ,, Muselmänner". Sie gehen herum und sammeln Kartoffelschalen in ihren Mützen und essen sie. Die meisten von ihnen sind welk aussehende, knochenmagere Russen und Ukrainer, aber es kommt auch vor, daß hier und da einer einer anderen Nationalität angehört. ,, Muselmänner" nennt man diejenigen, die so viel gehungert haben, daß sie anfangen, von dem nahe bevorstehenden Untergang gezeichnet zu werden. Sie werden bald ,, durch den Schornstein gehen", wie es heißt. Sie sind ungefähr wie Tiere. Was sie sammeln und essen, ist schlechtes Schweinefutter. Wenn man sie nur anschaut, kann einem der Appetit vergehen, so schrecklich und abstoßend schmutzig sehen sie aus. Es ist die ärmlichste und traurigste Gesellschaft, die ich jemals gesehen habe, die da in ihren gestreiften überschmutzigen Lumpen herumschleicht, um mit gierigen, frechen Fingern zwischen den Beinen der Leute durch, unter Tannennadeln und Dreck Abfälle zu erhaschen, die sie gierig in ihre Taschen stopfen und- wenn jene voll sind in die Mützen. 25. Oktober 1943 Gestern war Sonntag. Er war um, bevor wir es überhaupt merkten. Wir kommen allmählich zur Ruhe" an unserem neuen Zufluchtsort. Ja, denn gerade das ist er, ein Zufluchtsort, دو 6 Nansen 81 eine Rettung aus dem Gedränge und Getümmel, das überall sonst herrscht. Überall! In dieser Beziehung ist die Arbeit- wie so oft auch sonst im Leben- auch hier zu einem Segen geworden. ,, Endlich werden wir für viele Stunden Ruhe haben!" seufzen wir, wenn wir müde und mit wunden Füßen auf unseren Stuhl niedersinken und allmählich anfangen, einen Plan für den vor uns liegenden Tag zu machen. Ja, mit wunden Füßen! Die Füße sind ein Kapitel für sich. Ich habe bereits erzählt, daß ich meine Holzstücke gegen solche eingetauscht habe, die ein wenig besser sind. Aber nach einigen Tagen bekam ich trotzdem große Blasen unter den Füßen. Es war, als ob man auf glühenden, mit Messern durchsetzten Eisen ginge. Wir müssen jeden Tag mehrere Kilometer zurücklegen, und man kann sich vorstellen, was das bedeutet. Nachdem ich noch einmal getauscht habe, hat sich mir eine ebenso brennende wie schmerzhafte Wunde an jedem Hacken gebildet. Ein Gang über den Fußboden verursacht schon die unausstehlichsten Schmerzen- erst recht der Marsch zum Mittagessen. Ich versuche, mit steifen Beinen zu laufen, so daß das Reiben in den ,, Schuhen" vermieden wird. Aber dann muß man langsam gehen, und das ist unmöglich, wenn man in der Kolonne marschiert. Außer den wunden Füßen gibt es noch einen Körperteil, der genannt werden muß, wenn man einen Eindruck von unserem Zustand im allgemeinen gewinnen will. Das ist der Magen! Er ist voll von Kohl. Immer voll von Kohl und Wasser. Wir fühlen uns nie satt, aber immer voll und aufgeblasen. Ein höchst unangenehmes Gefühl, das nicht besser wird bei all den Berichten, die wir von unseren Kameraden erhalten, die ,, Scheißerei" bekamen und ,, in den Schornstein gingen". Eriks Beine schwellen ständig an. Ein unheimliches Zeichen. Uns anderen ist bis jetzt nichts passiert. Wir füttern Erik mit Din soviel B- Vitaminen und stärkehaltiger Nahrung, als wir bekommen können. Jetzt geht es ihm etwas besser. Aber wir laufen doch alle herum mit einer ständigen mehr oder weniger bewußten Angst davor, daß die Beine anschwellen und wir magenkrank werden könnten oder daß ein anderes Übel uns auf das Revier bringen könnte. Das ist dann der erste Schritt zum Krematorium. 82 Ich traf gestern Överland und unterhielt mich lange mit ihm. Er wirkte müde, und das sei er auch, sagte er. Er tut anstrengende Arbeit in der Gärtnerei, muß den ganzen Tag stehen und darf sich nicht hinsetzen. Er hat nichts mehr gedichtet hier unten. Er sei zu müde, sagte er, und außerdem fehle ihm natürlich auch die Ruhe. But he is still going strong. 27. Oktober 1943 Was für ein Leben! Was für ein Leben! Was für ein Leben! Trostlos! Idiotisch! Hoffnungslos! Niederdrückend! Lähmend! Wie in aller Welt soll man es fertigbringen, den Kopf hoch zu halten? Die Laune wird mehr und mehr zu einer Abart von einer Laune: sarkastisch, zynisch und klanglos. Wir fangen an, uns über Roheiten zu amüsieren. Tod und Verderben, Not und Elend werden mit hereingezogen in unsere ,, Munterkeit". Es werden Witze gemacht über den Untergang der Kameraden, rohe Prophezeiungen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis dieser und jener in den Schornstein geht- und so etwas erzeugt Fröhlichkeit! Aber sie ist nicht echt. Sie ist hektisch und von außen aufgetragen. Es ist nur das Gesicht, das lacht, es sind nur die Muskeln, die reagieren. Das Gemüt und die Gedanken sind ganz woanders gebunden- ja, nahezu gelähmt. Es ist, als wenn nichts mehr Eindruck machen könnte. Wo man sich hinwendet, findet man Schwindel und Elend, Korruption in einem bisher nicht gekannten Umfang. Alles und alle beteiligen sich daran, sind Teile geworden einer riesengroßen Maschinerie, die besteht und weiterläuft mit Hilfe von Schwindel und Gemeinheit. Das Schlimmste ist, wenn man merkt, daß so viele der norwegischen Kameraden in diese Schweinerei hineingeglitten sind und sich jene Einstellung angeeignet haben, die sie überhaupt erst möglich macht. Die Norweger bekommen viel mehr von zu Hause geschickt als die Angehörigen anderer Nationen. Außer den Paketen vom norwegischen Roten Kreuz erhalten sie ähnliche Pakete auch aus Schweden und Dänemark. Dazu gibt es Heringe, Dörrfisch und Tran. Das ist ein Reichtum an Waren, den man hier auf dem 6* 83 ,, schwarzen Markt" gut umsetzen kann. Für einen Hering kann man sehr viel organisieren: eine schöne Jacke, ein Paar gute Stiefel, eine warme, neue Hose usw. Für Tabak kann man alles bekommen- selbst günstige Arbeit! Man lernt es hier gezwungenermaßen, es als seine- vielleicht wichtigste Aufgabe anzusehen, auf sich selbst achtzugeben, dafür zu sorgen, daß man genügend zu essen hat, genug Schlaf bekommt und sich nicht überarbeitet. Das ist schon eine wichtige Aufgabe... In jeder Lage sind dies selbstverständlich wesentliche Dinge, nur war dies alles eben früher nicht die Hauptsache. Man hatte genügend zu essen, lebte geräumig und gut. Das eigene Wohlbefinden und die eigene Gesundheit waren so selbstverständlich, daß sie weder Anstrengungen erforderten noch Sorgen machten. Hier ist das anders. Hier sind diese Dinge Gegenstand von Sorge und Anstrengung, und je mehr Mühe und Not sie bringen, desto größer dünkt einem die Aufgabe. 28. Oktober 1943 Das Schlimmste sind die Appelle. Jedenfalls werden sie es werden, wenn es kälter wird. Wenn wir hungrig und müde in das Lager zurückkehren, müssen wir uns auf dem Appellplatz in Reih und Glied aufstellen und bis ins Unendliche stehen und stehen und stehen, die Mütze abnehmen und aufsetzen nach einem idiotischen Drill, bis endlich das Zählen abgeschlossen und dem Lagerführer hinten am Haupteingang die Zahl feierlich gemeldet worden ist. Aber wir müssen auch dann noch eine Weile stehen, bevor wir zu den Baracken abmarschieren dürfen, wo der Kampf ums Dasein allen Ernstes beginnt. Diese ganze Komödie dauert mindestens eine Stunde, und wenn irgend etwas nicht stimmt- unter siebzehntausend Menschen sind die Möglichkeiten hierfür groß und häufig-, dann müssen wir noch länger stehen. Erstens ist es kalt, zweitens ist es anstrengend. Wenn ich abends in die Baracke komme, und wenn ich morgens nach stundenlangem Appell und anschließendem schmerzhaftem Marsch auf den mich zur Verzweiflung bringenden Holzbändern in das ,, Büro" komme, ist es mir, als sollte mir der Rücken 84 - durchbrechen. Ich fürchte, daß ich nicht besonders geeignet sein werde, zu Fuß nach Hause zu gehen- falls dies das Ende des letzten Aktes dieser Quälerei sein sollte. Aber wer weiẞ etwas über das Ende? Und was für einen Sinn hat es überhaupt, zu raten? Alles mögliche kann geschehen. Hier in Deutschland kann es zu jeder Zeit zu einem Zusammenbruch kommen welche Folgen wird er für uns haben? Was wird hier im Lager geschehen? Die meisten Norweger, mit denen ich spreche, scheinen zu glauben, daß im Falle eines Zusammenbruchs und Waffenstillstandes hier in Sachsenhausen ein Zug bereitgestellt werden wird, der uns direkt nach Norwegen bringen soll. Oder sie denken sich, daß sofort ein ganzes Flugzeuggeschwader kommen wird, um sie nach Hause zu holen. Es ist, als wenn man mit kleinen, kleinen Kindern spräche, die an Zwerge und Trolle glauben und nicht weiter gedacht haben als bis an ihre Nasenspitze- oder höchstens bis zur nächsten Türschwelle. Aber es schadet nichts, wenn man die verschiedenen Möglichkeiten erwägt und auf irgendeine Weise Stellung zu ihnen nimmt, damit man weiß, wie man sich in diesem und jenem Falle zu verhalten hat. Ja, denn es geht doch in erster Linie um einen selbst. Ich fürchte, daß die Norweger im ganzen hier unten sehr getrennt stehen und wenig stark sind. Ich muß leider gestehen, daß ich fürchte, daß es rein moralisch nicht besonders gut aussieht, und politisch hat sich jedenfalls bereits schon mehr als eine Front gebildet. Wir haben jetzt angefangen, Spielzeug herzustellen im großen Stil: Autos, Hunde, Krokodile und Puppenwagen. Die Holzschnitzerei ist vorläufig in den Hintergrund gedrängt. Der Hauptsturmführer, der uns beaufsichtigen sollte und für den die Spielzeugfabrikation überhaupt in Gang gesetzt worden ist, war noch nicht hier. Wir bekommen immer noch kein Werkzeug, und unsere Tätigkeit gestaltet sich deshalb beinahe tragikomisch. Tag und Nacht sind Kari und die Kinder in meinen Gedanken. Was werden sie jetzt wohl tun? Was glauben und hoffen sie? Ob sie meinen ersten Brief erhalten, ihren ersten schon abgeschickt haben... Tabak? Ja, jetzt denkt man wieder an sich selbst, es läßt sich doch nicht leugnen. 85 98 86 29. Oktober 1943 ,, Links! Ein! Zwei! Drei!- Links! Ein! Zwei! Drei!- Links! Ein! Zwei! Drei!" Und nach allen Himmelsrichtungen winden sich unendliche Züge von marschierenden Gefangenen vom Appellplatz weg. Das Trampeln der Holzschuhe hört sich an wie eine Invasion von Klapperschlangen. Dazu kommt das Gebrüll der SS und der Vorarbeiter. ,, Aufrücken! Vordermann! Los, los, los!" Schläge und Tritte gehören dazu. Dieses Vorrecht genießt die SS als ,, Herrenvolk", und die meisten von ihnen machen fleißig davon Gebrauch. Gestern erfuhren wir, daß nach dem 1. November keine Pakete mehr mit der deutschen Eisenbahn befördert würden. Das war ein harter Schlag. Wir sind ja ziemlich abhängig von dem, was wir von zu Hause bekommen. Bis jetzt kam noch nichts an. Die Pakete, die als Antwort auf unsere Briefe kommen müßten, können noch nicht lange abgeschickt worden sein und werden darum wohl auch nicht ankommen. Wir waren im Begriff, darüber zu verzweifeln, als Halvard uns damit trösten konnte, daß im vergangenen Jahr ein ähnliches Verbot gekommen sei, das aber damals nicht für das Rote Kreuz gegolten habe. Das war ein guter Trost. Von einer anderen Seite erfuhren wir, daß das Verbot nur für die Zeit vom 1. bis 9. November gelte. Das tröstete noch mehr. Hoffentlich ist es nun auch wahr. Arvid hat Diphtherie bekommen. Er wird wahrscheinlich mindestens drei Wochen auf dem Revier bleiben müssen. Erik geht es schlecht, er wird wahrscheinlich auch dort landen. Er ist stark erkältet. Wir beiden anderen sind noch o. k. 30. Oktober 1943 Das Verbot betreffs Paketversand in Deutschland bezieht sich nicht auf Pakete aus dem Ausland, wie wir heute erfahren haben. Es wird uns überhaupt nicht treffen. Das ist ein großer Trost. Beinahe schäme ich mich, einzugestehen, daß solche Dinge hier eine wesentliche Rolle spielen. Ich habe überhaupt Angst, daß man unwillkürlich nach unten sinkt, nach und nach und für einen selbst beinahe unmerklich. Alle Initiative scheint - zum Tode verurteilt und gelähmt zu sein, ehe sie überhaupt entstanden ist- ertrunken im Gedränge! Wir leben ja wie Sardinen in der Büchse, und selbst wenn es noch so erstrebenswert und noch so notwendig sein mag, seinen Mitsardinen zu helfen, damit sie nicht zu Tode gedrückt werden so ist es doch unmöglich, weil man ja selbst zum Schweigen und zur Unbeweglichkeit verurteilt ist. Jeder denkt an sich selbst. Jeder kratzt alles an sich, wenige teilen mit anderen. Die Norweger behandeln im allgemeinen sogar einen Ukrainer schlimmer als zu Hause ihren Hund. Sie wissen, daß der Ukrainer hungert, alle wissen das, denn aus der Ukraine kommen keine Pakete. Sie denken nur nicht daran und jagen die Menschen fort, wie sie lästige Fliegen und Ungeziefer wegjagen würden. Es sind wohl die Ukrainer und Russen, die am schlimmsten betteln, was ja nicht verwunderlich ist, bei ihnen geht es ums Leben. Sie hungern, und wer würde sich nicht erniedrigen, wenn es so steht- wenn sich eine Gelegenheit böte, das Leben zu erhalten? Die Norweger taten das selber, damals, als es bei ihnen ums Leben ging. Bevor sie Pakete bekamen. Für ein paar Zigaretten, von denen die Norweger mehr bekommen als die andern, können sie von einem armen, tabakhungrigen Russen oder einem anderen Mitmenschen eine ganze Brotration weglocken- eine ,, Brotkugel", wie man sie hier nennt. Ja, einige genieren sich nicht, mit Heringsabfällen zu handeln, die sie doch sonst weggeworfen hätten und auf die Scharen von Muselmännern warten, um sie aus dem Abfallkasten herauszuholen. Nicht einmal das verschenken sie! Die Nächstenliebe reicht nicht einmal so weit, daß sie ihren Mitmenschen den Abfall schenken. Auch dafür müssen sie irgend etwas wiederbekommen. Es ist kein Wunder, daß unser Freund Alfred mit Bitterkeit und viel Verachtung und Hohn die Norweger beschuldigte ,,, schlimmer zu sein als armenische Juden!" Das ist ein Wort eines Ausländers, der lange Zeit mit uns Norwegern täglich zusammen gewesen ist und uns in allen Verhältnissen gesehen hat- unter Tausenden von Mitgefangenen. Es ist ein hartes Urteil, aber ich fürchte, daß es nicht ohne Berechtigung gefällt ist. Es gibt nicht viele Norweger hier, die nicht im gegebenen Augenblick auf die 87 Juden losschießen würden nach bestem deutschem Muster. Sie schelten sie aus wegen ihrer angeblichen Schwindeleien, Mogeleien, Gier, Egoismus und all dem, womit die Mitmenschen heute alle Juden behängen. Mit keinem Gedanken würden sie die Tatsache streifen, daß sie selbst vielleicht genau so schlimm sind, genau so gierig und genau so egoistisch, daß sie selbst sich tatsächlich genau so tief erniedrigt haben. Es ist, als wenn auch sie das deutsche ,, Herrenvolkbewußtsein" angenommen hätten. Wir Germanen! Ja, ein Norweger sagte mir neulich, als wir über das Kriegsende und den eventuellen Zeitpunkt unserer Rückkehr nach Norwegen sprachen: ,, Für uns Germanen wird selbstverständlich zuerst gesorgt werden." Ich drang in ihn und es stellte sich tatsächlich als seine Meinung heraus, daß das nur normal sei. Ein langsam schleichendes Gift dringt in die Gemüter. Dieser Krieg muß bald zu Ende gehen, wenn nicht zu vieles zugrunde gehen soll. Denn dies hier sind Untergangssymptome. - 1. November 1943 Gestern war Sonntag, und zum ersten Male war er wirklich eine kleine Abwechslung in der Reihenfolge der Tage. Ich merkte tatsächlich, daß der halbe Tag frei war! Nach Tisch besuchte ich zwei Fußballkämpfe; danach machte ich Krankenbesuche. Erst war ich bei Arvid. Ihm ging es gut, er war gar nicht sehr krank, aber wegen seiner Diphtherie muß er mindestens vier Wochen im Krankenhaus bleiben. Später besuchte ich Henry Hansen, der jetzt über zehn Monate gelegen hat- ständig zwischen Leben und Tod schwebend. Die Behandlung, die er hier im Anfang bekam, hat ihn fertiggemacht. Er ist anderthalb Jahre hier gewesen. Damals wurden die Häftlinge hier wie Tiere gehalten, ja schlimmer noch- wie Sklaven. Sie wurden geschlagen, getreten, zur Arbeit getrieben den ganzen Tag ohne Ruhe und mit unbeschreiblich schlechtem Essen. Damals bekamen sie keine Pakete von zu Hause. Henry Hansen hat viele schlapp machen und sterben sehen vor Hunger und Überanstrengung. Durch mein Gespräch mit ihm bekam ich einen Eindruck von den Verhältnissen hier, wie sie früher 88 waren. Wir können uns glücklich preisen, wir, die wir später gekommen sind. Jetzt ist es ja ganz anders. Es kommen immer noch Dinge vor, behüte! Aber das Lager ist so groß, hier sind so viele Menschen, es gibt so viele Möglichkeiten, etwas zu verdecken. Daß eines Tages zehn Mann im Lager erschossen wurden, haben wir nicht einmal gemerkt. Wir hörten nur gerüchtweise davon. Auch daß ein Mann neulich erschossen wurde, weil er sich dem Zaun näherte, wurde nur rein zufällig erwähnt. Eine hingeworfene Bemerkung, daß er wohl versucht habe, zu fliehen oder etwas Ähnliches, war alles, was dazu gesagt wurde. Als ich gestern das Krankenhaus verließ, begegneten mir einige Leute, die eine Leiche auf einer Bahre trugen. Es war die Leiche eines Deutschen, der gerade erschossen worden war. Er hatte versucht, zu fliehen. Ich muß gestehen, daß es keinen besonderen Eindruck auf mich machte. Warum auch? Ich hatte ihn nicht gekannt. 3. November 1943 Jetzt fabrizieren wir Spielsachen im großen Stil. Fünf Autos sind schon fertig. Fünf Hunde und fünf Krokodile liegen halbfertig auf dem Tisch vor uns, und die Einzelteile von fünf Puppenwagen liegen aufgestapelt auf einem Stuhl an der Wand. Wir haben immer noch kein richtiges Werkzeug. Holzschnitzerwerkzeug haben wir überhaupt noch nicht bekommen, so daß die Arbeit vorläufig ruht. Aber das Wichtigste von allem ist, daß die Verbindung mit zu Hause hergestellt ist. Wir beide, Erik und ich, haben zwei Briefpostpakete bekommen mit„, Kleinigkeiten": Zigaretten, Butter, Käse, Knäckebrot. Herrgott, wie schmeckte doch die erste Zigarette von daheim himmlisch! Und die Molkereibutter war wie ein unwahrscheinlicher Traum. Unter uns dreien herrschte überhaupt eine Feiertagsstimmung sowohl gestern als vorgestern. Als die Pakete kamen und gleichzeitig hervor- moin ragende Nachrichten von der Ostfront einliefen, die von einem fabelhaften Vormarsch am Schwarzen Meer sprachen, wonach die Russen bald bei Odessa stehen und die Krim abgeschnitten 89 ist und hundertundzwanzig Divisionen eingeschlossen sind, ja, da wurde die Stimmung sozusagen ausgelassen lustig. Jetzt geht es, wie es gehen soll! Wenn es doch nur so weiterlaufen wollte. Es ist kälter geworden. Jetzt ist es erlaubt, einen ,, Überzieher" anzuhaben, d. h. eine Jacke aus derselben gestreiften Zellwolle wie alle die anderen Kleider- auch ebenso eng, zerlumpt und schmutzig. Es ist allmählich zu kalt, draußen auf der Erde zu essen, aber daran ist nun nichts zu ändern. Das wird sicherlich so bleiben, auch wenn es zwanzig Grad Kälte gibt. Die Suppe wird gemeiner und gemeiner. Sie besteht jetzt aus gekochtem Kohlrabengrün mit etwas Kohl und Kartoffeln darunter. Sie wird kalt auf dem Weg von der Ausgabestelle bis zu unserem Speiseplatz unter einigen der tausend kleinen Tannen, die in Reih und Glied stehen, so weit das Auge reicht. Das wäre ein Anblick für unsere Lieben, unser ,, Mittagessen im Grünen"! Schmutzig und unrasiert wie Straßenräuber, in den merkwürdigsten Bekleidungsstücken auf der Erde sitzend mit den Aluminiumtellern auf den Knien, diese entsetzliche Kohlsuppe in uns hineinschlürfend, die wir zu Hause nicht einmal den Tieren geben würden. Rund um uns herum ein Kranz von hungrigen Ukrainern oder Russen, alles ,, Muselmänner", die Kartoffelschalen betteln oder, wenn möglich, Zigarettenstummel. Sie verfolgen eine jede unserer Bewegungen mit begierigen, hungrigen Augen, nehmen förmlich Anteil an jedem Zug des anschließenden verbotenen Rauchens. Sie sind wie Fliegen, man kann sie nicht wegwedeln, sie kommen immer wieder, lagern und liegen auf der Lauer, ob wohl irgend etwas von unserem üppigen Mahl abfallen könnte. Die armen Kreaturen! Oft haben sie Zigarettenstummel, die sie gegen Heringe oder Heringsabfälle eintauschen wollen, auch gegen Tabak, Brot oder Kartoffeln. Ein russischer Muselmann hat herausbekommen, daß wir ein gutes Geschäft sind. Es fällt so viel ab von unserem Tisch, daß er sich jeden Tag wie ein treuer Hund zu unseren Füßen legt und aufpaẞt wie ein Habicht. Wenn wir Kartoffeln schälen, steckt er ein Stück Papier darunter, damit die Schalen darauf fallen. Oder er hält. 90 seine Schüssel oder Eßwarentasche darunter. Nichts darf verlorengehen. Es ist schrecklich, es zu sagen, aber er ist nicht viel anders als ein Tier. Man gewöhnt sich geradezu daran, ihn und seine Kollegen auf diese Weise zu sehen. Sie kämpfen auch um den Abfall- wie Tiere- knurren, schnauben, zeigen die Zähne und wedeln vor uns mit dem ganzen Körper, um mehr zu bekommen- wie Tiere. Was für ein Leben! Was für ein wahnsinniges, idiotisches, weggeworfenes Leben! 7. November 1943 Gestern haben wir gebadet. Darüber ließe sich eine besondere Geschichte erzählen. Eine Geschichte vom Wahnsinn. Die ganze Baracke, bestehend aus ungefähr dreihundert Mann, badet auf einmal. Alle werden zur gleichen Zeit aus der Baracke hinauskommandiert- in der Regel, während wir unser Abendbrot einnehmen. Die Mahlzeit muß dann sofort abgebrochen werden. Es wird gebrüllt, geschimpft, geschoben, gedrängt und geflucht hin zu den Schränken, zu den Kleidern, und dann in die Kälte hinaus. Es muß auch alles weggeräumt werden, denn Essen oder sonstige Gegenstände wie Kleider, ganz zu schweigen von Tabak, die liegenbleiben, werden immer gestohlen. Ganz einfach gestohlen, nicht etwa ,, organisiert". Der Stuben älteste und andere ,, Vorgesetzte" sind um kein Haar besser als die anderen, sie klauen auch wie die Raben. Kein einziger Tag vergeht, an dem nicht etwas von den Tischen weggestohlen wird- oder auch aus den Schränken heraus. Sogar die Stiefel werden einem von den Beinen weggestohlen und die Kleider vom Körper, wenn man nicht ständig achtgibt und seinen nächsten Freund verdächtigt, daß er gerade unterwegs ist, um zu ,, organisieren". Dieser verdammte Ausdruck zerstört das Gewissen und die Anständigkeit. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen mein und dein. Daß man zum Dieb wird, zu einem abscheulichen Schwindler und Taugenichts, das rührt keinen mehr. Nur früher einmal war das so, vor langer, langer Zeit, in einer anderen Welt! Daß es diese Welt ist, für die wir kämpfen und in die wir einmal zurückkehren sollen, darüber 91 denken wenige nach, und es graut einem davor, die Erfahrung machen zu müssen, wie wenig die meisten von uns geeignet sein werden, dort zu leben. Ja, die meisten von uns. Das ist keine Übertreibung! Ich hatte angefangen, über das Baden zu schreiben. Wir stehen meistens eine halbe Stunde Schlange draußen in der Kälte, bevor wir hereingelassen werden. Drinnen ist Überschwemmung von Dreckwasser. In diesem Wasser müssen wir stehen und uns ausziehen. Auf den Bänken zu stehen ist verboten, selbst wenn wir nur Strümpfe anhaben. Die Absicht ist die, daß wir mit Strümpfen im Dreckwasser stehen sollen. In einem höllischen Tempo müssen wir uns ausziehen, unter Verwünschungen und einem Lärm, der womöglich alles andere übertrifft. Man führt einen hartnäckigen Kampf, bis es gelungen ist, die Kleider auszuziehen und an die Haken zu hängen. Drinnen im Bad gilt es, unter eine der Hunderte von Duschen, die an der Decke angebracht sind, zu gelangen, um etwas Wasser an den Körper zu bekommen. Es kommt vor, daß der eine oder andere, der nicht drängen und schimpfen und fluchen kann, überhaupt kein warmes Wasser auf den Körper bekommt. Die Duschen werden alle auf einmal angedreht. Oft kommt dann brühend heißes Wasser, so daß manche Brandwunden davontragen. Nach einigen Minuten wird das warme Wasser abgestellt und eiskaltes Wasser aufgedreht. Dann gibt es mehr Platz unter den Duschen. Aber dann müssen alle hinauslaufen und versuchen, mit einem taschentuchgroßen Handtuch ihren Körper trocken zu reiben und die Kleider auf die feuchte Haut zu ziehen. Man muß sich vorstellen, daß auf dem Steinboden eine Überschwemmung von Dreckwasser ist, daß wir dicht wie Heringe in der Tonne stehen, daß wir versuchen müssen, die Füße einigermaßen trocken und sauber zu bekommen, bevor wir die Strümpfe anziehen, und daß es ein Kunststück ist, die Füße in die Stiefel zu bekommen, ohne in das Dreckwasser zu treten. Man muß sich vorstellen, daß eine Reihe der Aufsichtführenden davorsteht und brüllt und flucht, weil es zu langsam geht; diejenigen, die sich auf die Bänke hinaufgemogelt haben, schlägt, diejenigen, die stolpern oder ähn92 liches Ungeschick zeigen, sowie die Körperbehinderten verhöhnt, weil sie das Tempo nicht einhalten können- und das Bild dieser Irrenanstalt ist ungefähr vollkommen. Daß wir nicht alle miteinander den Verstand verlieren, ist überhaupt ein Beweis für die unbegreifliche Anpassungsgabe des Menschen. Gestern kamen Briefe an aus Norwegen. Erik und Frode bekamen Post, aber ich nicht. In Frodes Brief teilte sein Bruder ihm mit, daß sowohl Rote- Kreuz- Pakete als auch Einschreibepakete verboten seien. Und trotzdem kamen viele Briefpakete hier an, die von Norwegen später abgeschickt waren, als jener Brief geschrieben war. Also gibt es noch Hoffnung. Sonst müssen wir hoffen, daß uns die schwedischen und dänischen Pakete am Leben erhalten. Heute ist Sonntag. Die Arbeit ist bald zu Ende. Wir sollen ,, nach Hause" in die Baracken und uns unser Mittagessen erkämpfen. Dabei friert man jedenfalls nicht, aber Gott weiß, ob ich nicht doch lieber draußen essen möchte, selbst wenn es auch schneit und beißend kalt ist. So long, Kari! 8. November 1943 Nach dem gestrigen Schneewetter ist es jetzt wieder milder, so daß die Mittagsmahlzeit im Walde geradezu ein Vergnügen war. Wir konnten jedenfalls ohne Fäustlinge essen, wenn wir ab und zu aufstanden und ein paar Freiübungen machten. Sanko( das ist unser ,, fester" Russe; wir nennen ihn Sanko, weil Frode einmal einen ähnlichen Bernhardinerhund hatte) erscheint immer wieder bei uns, und wenn wir zum Essen kommen, liegt er bereits auf seinem Platz, um unsere Kartoffelschalen usw. in Empfang zu nehmen. Er spricht kein einziges Wort Deutsch, und da er immer eine Menge Vorschläge hat für Tauschgeschäfte aller Art, müssen wir uns schwer anstrengen, um herauszubekommen, was er überhaupt meint. Wir schaffen es in der Regel durch Zeichen und Gebärden. Er will uns jetzt Zigarettenmundstücke besorgen- es werden ganz schöne hier im Lager angefertigt- und Feuerzeuge. Wir müssen ihm dafür Heringe und Tabak geben. Gestern bekam Frode ein paar aus93 gezeichnete Stiefel von ihm. Die hatte er sicher aus dem Schuh- lager gestohlen bzw.„organisiert“. Aber es geschieht ja alles auf diese Weise. Man muß sich damit abfinden, ob man nun will oder nicht. Gestern abend kamen neue Gefangene an von Grini. Im ganzen siebenundfünfzig. Heide, Bjurstedt, Stamnes undandere bekannte Gesichter waren unter ihnen. Es war mir eben im- Vorbeigehen möglich, einige von ihnen zu sehen und durch das Fenster im Entlausungsbad einige Worte mit ihnen zu wechseln. Sie erzählten, daß die Verhältnisse auf Grini sich zum Schlim- meren entwickelt hätten, und daß es überhaupt schien, als wenn sich die Lage zu Hause zuspitzte. Es scheint leider Ernst zu sein, daß es verboten ist, Rote-Kreuz-Pakete oder Briefpakete zu schicken. Die Wirkung wird nach und nach furchtbar wer- den. Hoffentlich gibt es irgendeine Lösung. Dänemark, Schwe- den, die Schweiz, ja, sogar Ägypten lassen sich in dieser Be- ziehung gebrauchen. Alle Norweger hier im Lager haben von diesen Ländern schon früher Standardpakete bekommen. Hitler hielt gestern eine Rede, in der er sagte, daß derjenige den Krieg noch nicht gewonnen habe, der bis zwölf Uhr aus- gehalten habe, sondern daß es auf die fünf Minuten nach zwölf Uhr ankäme! Ein ganz eigenartiger Ausspruch. Aber er muß doch wohl der Ansicht sein, daß es auf zwölf zugeht- vielleicht auf die letzten fünf Minuten... ı1. November 1943 Gestern sprach ich mit einem Juden. Es gibt tatsächlich hier und da im Lager einen, der noch am Leben ist. Dieser heißt Keil, ist Uhrmacher und ist in Norwegen gewesen- in Hönefoß als deutscher Flüchtling von 1936. Hierher ist er von Auschwitz in Polen gekommen, dem berüchtigten Vernichtungslager übelster Sorte. Was er mir von diesem Lager berichtete, ist so grauenhaft, so unfaßbar entsetzlich, daß es jeder Beschreibung spottet. Er erzählte mir, daß von den norwegischen Juden, die dorthin geschickt wurden- und es waren anscheinend alle ge- wesen-, nur noch ganz wenige leben. Etwa fünfundzwanzig von zwölfhundert, meinte er. Ich glaube kaum, daß es zwölf- 94 hundert waren( oder hoffe ich es vielleicht?). Die meisten sind mit Gas getötet worden. Ganze Transporte wurden direkt in die Gaskammern gebracht und von da aus in das Krematorium. Männer, Frauen und Kinder in allen Altersstufen, aus allen Teilen Europas und aus allen Bevölkerungsschichten. Es gab fünf Krematorien im Lager, und alle fünf waren Tag und Nacht ununterbrochen in Betrieb und das seit mehreren Jahren-. Die Kleider, Schuhe und Wertgegenstände der unglücklichen Opfer wurden gesammelt, sortiert und größtenteils nach Oranienburg geschickt, der Rest wahrscheinlich in andere Konzentrationslager im ganzen Land. 1 Keils Bericht wirkt ganz lähmend auf mich. Ich fragte nach Dr. Becker und seinen Brüdern. Sie seien alle in den Gaskammern gestorben. Und die Familie Kaplan? Nur einer, der jüngste Junge, lebe noch. Er sei aus irgendeinem Grunde verschont geblieben, wahrscheinlich, weil er auf einem Kommando arbeitete, wo man ihn brauchte. Die ganze Familie Sherman sei getötet. Und alle, alle die andern! Keil selbst sei verschont geblieben, weil er Uhrmacher sei. Sie hatten Uhrmacher nötig, um alle die Hunderttausende von Uhren zu reparieren, die sie von den Toten stahlen. Jetzt sitzt Keil hier auf einer Uhrmacherwerkstätte und repariert solche Uhren. Auf anderen. Kommandos sitzen Gefangene und zertrennen Kleider und Schuhe auf der Jagd nach Diamanten und Gold, die die Juden in die Kleider eingenäht oder in dem Hohlraum der Damenabsätze und Sohlen versteckt hatten. Ich habe bereits früher erwähnt, welche Geldbeträge auf diese Weise an den Tag kommen und welche Vermögen an Juwelen und ähnlichen Dingen im Lager in Umlauf sind. Bei einem Lager ältesten, einem entsetzlichen Kerl, der noch viel anderes auf dem Gewissen hatte, fand man 130000 Dollar. Es hieß, daß er auf dem Appellplatz erhängt werden sollte wie viele vor ihm- aber bis heute geschah es nicht. Er befindet sich jetzt in der Strafkolonne und ist ein körperliches und seelisches Wrack. Aber zurück zu Auschwitz und Keil. Ich fragte ihn nach dem Rabbiner Samuel. Ja, der sei auf der Treppe vor einer Baracke gestorben. Er kam von der Arbeit, war überanstrengt, sank nur 95 - zusammen und war tot. Sein kranker Bruder, der, den wir seinerzeit aus Dachau gerettet hatten( oder war es Buchenwald?) und den wir mit viel Mühe und Not nach Norwegen kriegten, wurde in eine Gaskammer geschickt und starb dort. Klein, die Familie Klein, ja, sie starben alle in der Gaskammer. Keil meinte, daß drei bis vier Millionen Juden in Auschwitz und Lublin getötet worden seien in diesen Jahren. Und er glaubte auch, daß mindestens ebenso viele Polen denselben Weg geund ebenso Hunderttausende von russischen gangen seien und ukrainischen Gefangenen. Ist es denn verwunderlich, daß der Haß alle Grenzen sprengt? Ich muß an das Gespräch denken, das ich neulich abends mit dem Blockältesten hatte, dem kleinen deutschen Kommunisten, und mich graust es. Er glaubt nicht- er weiß. Weiß, daß die Menschen böse sind, weiß, daß Brutalität, Roheit und Sadismus Realitäten sind, von denen sie durch lange Jahre beherrscht wurden. Wie soll man es fertigbringen, durch dieses Inferno hindurch seinen Glauben an die Menschheit zu bewahren? Die Jugend! Wo gibt es denn überhaupt noch eine Jugend, die diese Zeit noch nicht vergiftet hat? Die die Lüge, Roheit, den Schwindel nicht schon gesehen und verstanden hat? Und in deren Gemüt sich noch keine dunklen Schatten abgezeichnet haben von all dem Grauen da draußen? Doch, es gibt eine Jugend, die trotz allem noch nicht verdunkelt ist, und ich kenne sie. Ich weiß es, wenn ich an die Freudenschreie des Kleinen denke als er auf der Schranke im Besuchszimmer auf Grini spazierte-, seine festen, kräftigen Arme und Beine seine strahlenden Augen- seine sprühende Begeisterung über das Leben! Und wenn ich an sie denke, die siegesstolz stand und zuschaute, stark und sicher, mit einem unbeugsamen Glauben, den Blick fest in die Zukunft gerichtet ohne mit der Wimper zu zucken. - - Heute sind fünfundzwanzig Jahre vergangen seit dem. Ende des vorigen Weltkrieges! Ein merkwürdiges Jubiläum! Diesem Tag zu Ehren bekamen wir ein Mittagessen, das war einfach prächtig: Ungekochter, gehackter Weißkohl, kurz und gut. Dazu zwei halbe Scheiben Brot und eine Viertelscheibe 96 Wurst. Das war Rekord. Jetzt wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis wir Häcksel bekommen!; Heute regnet es, und zum ersten Male aßen wir zu Mittag drinnen im Verschlag. Wir werden das wahrscheinlich auch in Zukunft tun, denn wir haben jetzt mehr Platz bekommen. Das ganze Kommando ist aufgeteilt, der andere Teil ist wo- anders. Leider gehört Erik nicht zu unserem Kommando. Er ist nicht mehr gesund, aber auch nicht krank genug, um von den Ärzten in das Revier aufgenommen zu werden. Er muß wohl erst eine Lungenentzündung bekommen, wie es einem anderen neulich erging. Er stand neben mir auf dem Appell- platz- plötzlich fiel er zusammen. Ohnmächtig. Wir hoben ihn auf und hielten ihn fest; denn forttragen durften wir ihn nicht, ehe der Appell beendet war. Selbst das bedeutete eine große Gunst. Ich half, ihn auf das Revier zu tragen. Am Abend er- zählte mir Oftedal, daß er eine Lungenentzündung habe. Mit vierzig Grad Fieber habe er am Abend vorher auf dem Appell- platz gestanden. Frode ist auch krank. Ich bin o. k., aber Gott weiß, daß man hier Gelegenheit genug hat, krank, und sehr wenig Gelegenheit, wieder gesund zu werden. Aber es wird dunkel. Ich kann nicht mehr weiterschreiben, auch nicht mehr arbeiten. Wir sind noch immer bei den Krokodilen, dazu haben wir verschiedene andere Tiere angefertigt, und Pferd und Hase und Esel stehen noch auf dem Programm. Das ist ein Idioten- programm und eine Idiotenarbeit, aber ich werde schon damit fertig werden. Verlaß dich darauf! 12. November 1943 Frode geht es heute schlechter, aber wir halten ihn über Wasser mit Hilfe von Albyl und Chinin. Erik ist auch noch krank, aber er verlangt nach Tabak, und ich glaube nicht, daß es dann ganz so schlimm steht. Gestern abend war Fliegeralarm. Ich hatte eine nachdrück- liche Jubiläumsvisite erwartet, aber sie blieb aus. Kurz nach- dem wir zu Bett gegangen waren, kam die Entwarnung, und damit war Schluß. Es wurde nicht einmal geschossen. Oder hatte der Besuch vielleicht ein anderes Ziel als Berlin? Wir 7 Nansen 97 darum werden das wohl noch erfahren. Dieser Fliegeralarm hat übrigens auch unseren Nachrichtendienst gestört sitzen wir heute ohne Berichte. Aber wir werden dafür um so mehr heute abend und morgen früh erfahren. Abends und morgens auf dem Weg zur Arbeitsstätte bekommen wir unsere special- news. Unsere Lieferanten haben wir schon längst entsprechend unterwiesen. Und es sind solide Sachen, die wir bekommen. Wir sind hier genau so gut unterrichtet wie auf Grini. Ja, ich glaube, wir erfahren sogar mehr als viele, die in ,, Freiheit" leben hier und in Norwegen. Wenn es auch jetzt sehr rasch vorangeht, so mache ich mich mit dem Gedanken an einen weiteren Kriegswinter doch langsam vertraut. Ich fange allmählich an, in Gedanken Weihnachten ,, vorzubereiten". Es wird ein eigenartiges Weihnachten werden. Ich kann mir keinen Ort auf der ganzen Erde vorstellen, der sich für dieses Fest weniger eignet. Heute haben wir feuchtkaltes Wetter, alles, was man anfaßt, ist feucht, auch die Kleider, die vor Dreck und Schmutz stehen. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis sie von mir abfallen. Aber es ist fast unmöglich, etwas Neues zu ,, organisieren" ohne Hilfe von Tabak oder Heringen oder anderen norwegischen Eßwaren, die man doch am liebsten selbst behalten oder doch jedenfalls auf bessere Weise verwenden möchte. Es gibt viele, die Eẞwaren nötig haben, viele, viele, die hungern. Ich habe mich etwas eines kleinen russischen Studenten angenommen. Er ist mager und blaß wie ein Vögelchen. Vor einiger Zeit kam er zu mir, weil sein Vater meinen Vater kannte, er hatte etwas mit ihm zu tun gehabt während der Rußlandhilfsaktion 1921-22. Dieser Junge bekommt die Flasche Tran, die ich von zu Hause erhielt. Aber er bekommt sie in kleinen Portionen. Ich habe ihm eine kleine Flasche gegeben, die er wieder gefüllt bekommt, sobald er sie leer getrunken hat. Ich habe Angst, die anderen würden ihn plündern, wenn er mit der ganzen Flasche käme. Etwas Butter, Brot, Sardinen und Käse gebe ich ihm auch. Es scheint, als wenn er das nötiger hätte als die meisten anderen hier. Ich selbst bin vollkommen in Ordnung in jeder Beziehung, ich werde sogar 98 beinahe satt nach den Mahlzeiten. Und das ist lange nicht mehr vorgekommen. Mir gegenüber sitzt Frode und putzt die Füße der Krokodile mit Grabesernst und einer Gefangenenroutine, die unbezahlbar ist. Er atmet wie ein Walroß, weil er völlig verstopft ist. Tropfen um Tropfen fällt langsam von der Nasenspitze auf die Krokodilsfüße. Vielleicht nennt man das Krokodilstränen? Jetzt kommt das Dunkel in unsere Werkstätte geschlichen. Uns fehlt die Birne in der Lampe, darum können wir schlecht sehen. Ich wollte etwas Wasser wärmen in unserem Speisenapf, um mich heute abend hier zu rasieren. Denn das kann man unmöglich ,, zu Hause" auf dem Block machen. So long, Kari! 13. November 1943 Regen, Regen! Ein trostloses Wetter, dunkel und traurig wie die Zeit selbst. Es verscheucht die hellen optimistischen Gedanken in weite Fernen. Das Leben kommt einem noch hoffnungsloser und idiotischer vor, noch schmerzhafter und noch endloser. Die SS- Männer, die in Reih und Glied stehen, wenn wir morgens hinausmarschieren nach einem kalten, nassen Appell in beißendem Wind, kommen einem vor wie lebendige Teufel in Uniform, in Teufelsuniform mit dem Totenkopf an der Mütze. Ab und zu laufen sie hinein in die Reihen, um irgendeinen armen Kerl zu schnappen, der vielleicht nicht im Takt marschierte oder die Hände nicht richtig angelegt hatte, als er vorbeischritt. Sie treten ihn, schlagen ihn mit der Faust, brüllen und gebärden sich wie wilde Tiere. Vor den verzerrten Teufelsgesichtern bei solchen Ausschreitungen schüttelt es einen vor kaltem Grauen. Erik hatte ein Erlebnis in der Speisebaracke gestern mittag. Ein russischer Verräter wurde von seinen Landsleuten geprügelt. Es war schrecklich anzusehen. Er wurde krank geschlagen von zehn rasenden Männern, die auf ihn losfuhren wie wilde Tiere. Dieser Kerl hatte irgendwo in Rußland den Deutschen zur Verfügung gestanden, war Gefangenenwärter seiner eigenen Landsleute gewesen und hatte sie denunziert. Er sei 7* 99 brutal gegen die Gefangenen gewesen, er sei überhaupt der Schlimmste, den man sich denken kann. Sie töteten ihn gestern nicht. Er konnte sogar ohne Hilfe zurück zur Arbeitsstelle schwanken. Aber sie werden ihn kaum noch lange leben lassen. August, der gerade hier war und der auch in der anderen Ba- racke ißt, erzählte, daß sie heute wieder auf ihn losgegangen seien. Der Vorarbeiter Joop wurde Zeuge dieser Abrechnung. Er ließ es natürlich geschehen. Er bat nur darum, daß Tische und Wände verschont bleiben möchten. Dann ging er weiter. Eine Abrechnung unter den Russen interessierte ihn nicht. Jetzt ertönt das abendliche Signal. Wir müssen uns fertig- machen. Bald beginnt das Marschieren wieder und der Appell und der Kampf ums Dasein in der Baracke. Heute abend wird wohl auch wieder gebadet. Herrgott, was für ein Leben! Aber es wird schon gehen, Kari! Es soll gehen! 14. November 1943 Gestern bekam ich nicht nur einen Brief von Kari, sondern ganze zwei. Einer war am 24. und einer am 30. Oktober ge- schrieben. Prächtige Briefe- in einem ganz wundervoll per- sönlich geprägten Deutsch. Kari besitzt aber auch überhaupt keine Hemmungen in bezug auf fremde Sprachen. Wenn sie ein Wort nicht kennt, schreibt sie einfach das Norwegische und stattet es mit etwas deutschem Schwung aus. Und damit ist es in Ordnung. Die Zensur ist auch der Ansicht, daß es gut ist so, und für mich ist ja ein solcher Brief mit solchen Vo- kabeln und einem derart unverfälschten Kari-Gepräge zehn- mal wertvoller als es ein anderer wäre, der in fehlerfreiem, fremdartigem und unpersönlichem Deutsch geschrieben ist. Sie berichtet, daß es ihnen allen gut geht, daß sie genug zu essen haben und gesund sind. Die Kinder gehen alle zur Schule mit Ausnahme des Kleinen, aber die Schulzeiten sind ver- schieden. Beide Briefe sind ein frischer Hauch von zu Hause, aus einer anderen Welt, und plötzlich empfindet man mit über- wältigender Stärke, was diese Welt für einen bedeutet, was sie birgt an Kraft und Licht. Mit einem Schlag wird man dorthin 100 zurückgenommen, wo man zu Hause ist. Die Verbindung ist wieder hergestellt mit unzerreißbaren Banden, die wohl so fest sein können, daß es in Körper und Seele schmerzt, und die man doch aus vollem Herzen segnet. Wie viel entsetzlicher wäre der Zustand hier, wenn man das Zuhause nicht hätte und alle die Lieben dort, bei denen man Kraft und Glauben holen kann! Wie hoffnungslos traurig und dunkel! Es scheint, als wenn auch Kari ihren Optimismus hätte bremsen müssen. Früher schloß sie immer mit ,, Frohes Weihnachten!". Jetzt schreibt sie, sie glaube nicht, daß ich Weihnachten nach Hause käme. Aber im Frühjahr! Im Frühling! Herrgott, was war das ein schönes Wort. So fern und verlockend, so voller Hoffnung! Ja, jawohl, also im Frühjahr, Kari! Gestern abend sollte die Läusekontrolle stattfinden. Keiner durfte nach halb acht hinausgehen. Und gleichzeitig gab es Fliegeralarm. Wie immer wurden wir alle zu Bett kommandiert und das Licht ausgemacht. Aber nachdem das Entwarnungssignal ertönt war, mußten wir wieder aufstehen und uns aufstellen zur Läuse- und Sauberkeitskontrolle. Es gab zur Abwechslung mal eine gründliche Nachschau, die dann auch Erfolg hatte. Viele wurden hinausgeschickt, um die Beine zu waschen! Einer mußte sogar unter die Dusche gehen, mit Seife und Bürste bewaffnet. Er war aber auch ein Wunder an Schmutz. Bei ihm fand man übrigens auch Läuse, und schichtenweise lag der Dreck auf ihm. Besonders auf dem Kopf sah es fürchterlich aus. Das sah man erst, als ihm die Haare geschoren wurden denn das geschah sofort. Es überfällt einen doch ein Grauen, wenn man überlegt, daß man sich Tag und Nacht an solchen Menschen stößt und reibt. Abgesehen von Dreck und Läusen- was mögen sie wohl sonst an Krankheiten und Ekelhaftigkeiten mit sich herumschleppen? Es bleibt nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und die Zähne zusammenzubeißen und es dem Herrgott anheimzustellen, was mit einem geschehen mag, bis man all das überstanden hat. Heute regnet es schlimmer denn je. Wir waren naẞ bis auf die Haut, als wir hierherkamen, und jetzt sind wir damit beschäftigt, unsere Kleider am Ofen zu trocknen. Es ist Sonntag, IOI und wir haben nur eine Arbeitsschicht. Der Rest des Tages ist frei. Frei! Ich muß lachen, wie komisch, wie sinnlos ein solches Wort sich hier in dieser Umgebung anhört. Aber wir haben ja kein anderes Wort, und darum mißbrauchen wir es. So long, Kari! Dankeschön für die Briefe. Das sind zwei Schätze, an deren Besitz ich mich jetzt viele Tage freuen werde! 16. November 1943 Heute war ich in der Judenbaracke bei den fünfzig jüdischen Uhrmachern. Keil kam und holte mich ab. Wir hatten vor, Sonntag zusammen hinzugehen, aber wir verpaßten einander. Es war merkwürdig, diese Juden zu sehen. Es waren Männer jeglichen Alters, und zwar alles Uhrmacher, die hier im Lager damit beschäftigt sind, Hunderttausende von gestohlenen Uhren zu reparieren. Diese Männer haben praktisch alle ihre Familien verloren. Die Frauen und Kinder waren in die Gas- kammern in Auschwitz oder Lublin geschickt worden. Sie haben es ausschließlich ihrem Uhrmacherhandwerk zu ver- danken, daß sie dem gleichen Schicksal entgangen sind. Es ist etwas Besonderes um das Uhrmachergewerbe. Das wird ge- schützt. Die Uhrmacher werden alle ausgesucht und einem Kommando zugeteilt, das direkt unter dem Kriegszeugamt (oder wie es heißen mag) in Berlin arbeitet. Sie unterstehen hier im Lager nicht dem Lagerkommando. Sie wohnen innerhalb eines abgegrenzten Gebietes, haben ihren eigenen Appell und mischen sich nicht unter die übrigen Gefangenen, obwohl sie merkwürdigerweise die Erlaubnis haben, im Lager herumzu- laufen wie sie wollen. Auf manche Art haben sie es besser als die anderen. Es mag sich merkwürdig anhören- aber sie wer- den in der Tat auf irgendeine Weise vorgezogen. Als ich in ihre Baracke eintrat, saß da einer und spielte Cello. Ein warmes und feines Spiel, das dort drinnen in der überfüllten Baracke ganz bezaubernd wirkte, dort, wo diese gestrandeten Menschen an- dächtig an den Tischen saßen und zuhörten. Von einem schwe- ren Leben gezeichnete Gesichter hatten die meisten, einen lei- denden Ausdruck. Es war nicht schwer, darin zu lesen, was 102 gediese Menschen an Schrecken durchmachen mußten, was sie sehen, was sie gelitten hatten. Und man spürte, daß die warmen Töne des Cellos ihre Gedanken hinwegtrugen in entschwundene Tage, als sie noch ein Heim hatten mit Frauen und Kindern. Ich saẞ da und war gepackt wie alle die anderen, und es wurde nicht viel gesprochen. Als das Konzert vorbei war, hatte ich nur eben Zeit, einige von ihnen zu begrüßen; dann mußte ich gehen, um vor der Schlafenszeit ,, zu Hause" in meiner Baracke zu sein. Ich habe mich mit Keil verabredet, Donnerstag wieder zu kommen, um etwas mit den verschiedenen Juden zu reden und zu erfahren, was sie durchgemacht haben. Es kommen noch immer gute Nachrichten. Ein phantastisches Gerücht besagt, daß General von Rundstedt Hitler einen Brief geschickt haben soll mit der Aufforderung, zurückzutreten. Wenn das wahr wäre! Aber sicherheitshalber verhalten wir uns abwartend und zweifelnd- vorläufig. 18. November 1943 Heute mittag haben wir eine große Sensation erlebt. Schon lange vorher waren Gerüchte darüber im Umlauf gewesen Parolen, wie sie genannt werden. Wir bekamen Makkaroni in der Suppe heute mittag! Wirkliche Makkaroni und weiße Makkaroni! Dazu gab es noch viele Kartoffeln. Das ist für die meisten ein großer Tag gewesen. Ich selbst habe so viel gegessen, daß mir blaue Flammen aus dem Mund herausschlugen, denn außerdem haben wir noch Kartoffeln gebraten mit einem Stückchen Speck, das Rolf mitgebracht hatte. Wir bekommen immer mehr zu tun. Es werden ständig neue Spielzeugtypen verlangt, und wenn wir bis Weihnachten fertig werden sollen, müssen wir uns schon anstrengen. Ich pinsle jetzt den ganzen Tag an. Rolf ist Schreiner und putzt und feilt und setzt die Sachen zusammen. Frode streicht auch an. Es geht jetzt ziemlich schnell. 103 20. November 1943 Gestern abend war ein Großangriff auf Berlin. Es waren amerikanische Flugzeuge. Der Angriff begann ungefähr um acht Uhr, und wir mußten trotzdem um diese Zeit zu Bett gehen. Ein Vorgang, der mit allerhand Lärm verbunden ist, da ja das Licht ausgemacht wird und hundertunddreißig Mann sich ausziehen, Toilette machen und zu ihren Betten stolpern müssen. Und dann krachte es. Obwohl es weit weg war, und selbst dann, wenn das Getöse nicht so ohrenbetäubend war, bekam man doch einen ausreichend überzeugenden Eindruck von der Hölle dort, wo die Bomben fielen. Ein ununterbrochenes Brausen der Maschinen zeugte von unzähligen Flugzeugen, die dabei waren. Und die Abwehrgeschütze hämmerten derart, daß die Explosionen nur noch wie ein zusammenhängender Donner rollten. Der Himmel wurde ständig erhellt von Bombendetonationen, durch deren Luftdruck die ganze Baracke wie Espenlaub zitterte. Einige Bomben schienen näher bei Oranienburg gefallen zu sein, der Krach und der Luftdruck waren so stark, daß man daran zweifeln konnte, ob die Baracke es aushalten würde. Aber sie hielt. Der Angriff dauerte eine Stunde, aber in jener Stunde gab es keine Pause. Der Alarm dauerte ungefähr drei Stunden. Die ganze Zeit lag ich da und kämpfte einen Kampf mit den Kräften in mir, die diesen Angriff wünschten, und jenen, die gegen diese Barbarei sich auflehnten- diese entwürdigende Art, Krieg zu führen. Ja, gibt es überhaupt eine Art, Krieg zu führen, die nicht entwürdigend ist? Ach nein-! Später werden wir zur Kultur zurückkehren- und zu all dem, wofür wir kämpfen, aber jetzt kämpfen wir! Die Amerikaner warfen auch eine Menge Flugblätter- im ganzen vier verschiedene-, es wurde uns Gefangenen bei Todesstrafe verboten, sie aufzuheben und zu lesen. Das wurde uns gestern beim Morgenappell in drei Sprachen bekanntgegeben( u. a. auf norwegisch). Inzwischen haben wir denn jedenfalls zwei davon erwischt, und ich habe sie gelesen. Sie waren in einem erfreulich ruhigen Ton gehalten, und der Inhalt war vernünftig und auf eine klare und logische Weise abgefaßt. Er hatte den Zweck, die Deutschen davon zu überzeugen, wie 104 hoffnungslos ihr Kampf sei, daß sie schon längst den Krieg verloren hätten und jetzt nur blind weiterkämpften- gleich einem Boxer, der ,, groggy" geworden sei und nicht mehr sehe wohin er schlage. Eine Reihe nüchterner Aufklärungen über deutsche Niederlagen, die man verschwiegen oder wegzuerklären versucht habe, verbunden mit Aufklärungen über die zunehmende Stärke der Alliierten auf allen Gebieten klangen vollkommen überzeugend und können ihre Wirkung auf die Leser nicht verfehlen. Aber wie gesagt, es steht Todesstrafe darauf, es zu lesen, und es ist fraglich, ob die Leute da draußen das Risiko auf sich nehmen, wie wir das tun. Im übrigen waren wir gestern den ganzen Tag fleißig wie die Bienen und nahmen uns nur Zeit, von der Arbeit aufzusehen, wenn es Essen gab. Irsch, unser böser Geist, war zweimal hier und beklagte sich darüber, daß das Tempo nicht rasch genug sei. Wir äußerten, daß wir unser Programm, dreihundert Spielzeugteile herzustellen, bis Weihnachten doch wohl abgewickelt haben würden. Er prophezeite, daß wir nicht fertig würden. Es wurde dann nicht mehr darüber gesprochen. Er zählte die Spielsachen und ging. Als er das letztemal hier war, hätte er mich beinahe beim Rasieren erwischt, aber es gelang mir, die Rasiersachen zu verstecken und die Seife von den Backen zu wischen, ohne daß er es sah. Gestern war ich wieder bei den Juden und erfuhr mehr von den Schrecken. Frode war auch mit. Es graut mir davor, das, was ich gehört habe, wiederzugeben. Ich glaube, ich warte, bis ich mehr erfahren habe. Der Mann, mit dem ich gestern sprach, ist ein Slowake, und er sagte, er möchte mir gerne erzählen, damit jemand diese Dinge wisse, falls er nicht lebend hier wegkommen sollte. In der Beziehung hatte er keine Illusionen. Er ist von Lublin aus hierhergekommen und hat selbst das Schrecklichste vom Schrecklichen, das man sich denken kann, gesehen und erlebt. Von den Fronten erfahren wir wenig Neues, aber was wir erfahren ist gut. Jetzt muß ich weiterarbeiten. 105 21. November 1943 Es ist wieder mal Sonntag. Halvard bekam gestern einen Brief von zu Hause, mit der Nachricht, daß Thora gestorben sei. Sie bekam Diphtherie auf Grini und ist wahrscheinlich zu spät in ärztliche Behandlung gekommen. Sie starb auf Ullevaal. Die arme Frau Lange, die jetzt ganz allein ist! Denn die Kinder befinden sich alle in Gefangenschaft, mit Ausnahme von Sophie, die in Belgien lebt. Frau Lange hat wahrhaftig traurige Jahre schwerer Prüfungen hinter sich. Es fragt sich, ob sie dies übersteht. Halvard macht sich Sorgen um sie. Gestern bekam ich ein kleines Päckchen mit einem Stück Käse von Massa geschickt. Es ist unglaublich, wie jedes kleine Päckchen und jeder Brief so strahlend aufmunternd wirken. - 22. November 1943 Der Sonntag wurde zu einem betriebsamen Tag. Ich mußte leider meinen Besuch bei den Juden absagen, weil ich zu viel anderes zu tun hatte. Auf Block I war Kabarett und ich mußte etwas auf der Gitarre spielen. Es ging gar nicht so schlecht. Das Lokal war überfüllt, die Begeisterung war stürmisch und die Hitze tropisch. An der guten Laune fehlt es bei den Norwegern jedenfalls nicht, wenn auch sonst wohl einiges an ihnen auszusetzen sein mag. Diese gute Laune ist beinahe unheimlich, und zwar deswegen, weil sie sich Seite an Seite mit dem schrecklichsten Elend zeigt und weil sie immer so verflucht selbstzufrieden aussieht. Sie wirkt dann geradezu grotesk und ungehörig. Ich sang einige Lieder, aber ich fühlte, daß es mir Mühe verursachte, daß ich es ungern tat und daß es mir auch gar nicht gelang, weil ich plötzlich und mit einer gewaltigen Stärke empfand, daß diese gute Laune und diese Selbstzufriedenheit, die, wie es mir schien, den ganzen Raum erfüllten, wie ein Hohn wirkten auf alle die Hunderte anderer, die in den Baracken lagen und im schwärzesten Elend starben. Essen, Essen, Pakete, Heringe, Tabak, Schwindel, Tausch, Organisieren und wieder mal das Essen bilden den Hauptinhalt unseres Daseins- und dabei meinen wir, wir seien Helden. 106 - Wir malen uns vielleicht aus, als Helden nach Norwegen zurückzukehren und als solche gefeiert zu werden! Obwohl das, was wir geleistet haben wenn wir denn überhaupt etwas geleistet haben-, Selbstverständlichkeiten sind. Was sollte es denn sonst bedeuten, jedesmal, wenn wir unsere Nationalhymne sangen und prahlten: Auch wir, wenn man es von uns fordert! Für denjenigen, der nichts geleistet hat, wird es schwer werden, der Zukunft und der Abrechnung, die einmal kommen wird, zu begegnen. Diejenigen, die etwas geleistet haben, haben ihre Pflicht getan. Punktum. Es gibt nur ganz wenige und seltene Fälle, in denen diese Pflichterfüllung zugleich heldenmütig gewesen ist. Aus der Gruppe von Norwegern, die hier ist, werden bei Gott nicht viele Helden hervorgehen.Zur Zeit befindet sie sich jedenfalls weiter von diesem Begriff entfernt als beinahe irgendeine mir bekannte Schar von Menschen. Mit solchen Gedanken nahm ich gestern am Unterhaltungsprogramm teil! Es wäre besser gewesen, ich hätte mich ferngehalten. Ich war es wohl, der sich auf verkehrter Wellenlänge befand. 23. November 1943 Heute nacht waren drei Fliegerangriffe auf Berlin, und es heißt, daß die Schäden beträchtlich sein sollen. U. a. soll der Potsdamer Bahnhof vollständig zerstört sein, ebenso auch die Bahnstrecke von Berlin hierher. Der erste Alarm war um halb acht Uhr, der Angriff erfolgte sofort danach. Frode ,,, Skipperen" und ich befanden uns auf dem Judenblock, als die Sirene ertönte. Wir mußten uns beeilen, fortzukommen. Es wird ja überall sofort verdunkelt, und wir hatten einen weiten Weg nach Hause. Es war eine seltsame Wanderung in der dunklen Nacht. Hunderte von Gefangenen taumelten aus den Baracken und begannen den Kampf gegen die Dunkelheit, um heimzukommen in die eigenen Baracken. Es regnete, der Boden war aufgeweicht, und es war darum auch nicht gerade angenehm, wenn man nähere Bekanntschaft mit dem Erdreich machen mußte. Natürlich kamen wir auseinander, aber nach zahlreichen Zusammenstößen und Widerwärtigkeiten gelangten wir doch schließlich alle Mann ans Ziel. 107 Und danach ging man zu Bett und lag dort und lauschte in die Nacht hinaus auf die Geräusche der Bombeneinschläge und des Abwehrfeuers, und man sah, wie der Himmel sich nach jeder Explosion erhellte, wie ab und zu große rote„Trauben“ auf die Erde herunterfielen. Das seien die„Phosphorkanonen“, sagten einige— die furchtbaren, die Feuer und Schrecken um sich verbreiten, wo sie hinfallen. 24. November 1943 Gestern abend war wieder ein schwerer Bombenangriff auf Berlin. Er fing ungefähr um sieben Uhr an. Wir waren gerade fertig mit dem Abendessen. Er dauerte bis zehn Minuten nach halb zehn, und es schien, als ob er noch heftiger gewesen sei als der vorige. Einige Explosionen waren so stark, daß die ganze Baracke rüttelte, so daß man Angst haben mußte, sie könnte weggeblasen werden, falls noch eine Explosion von gleicher Stärke käme. Heute vormittag war Irsch hier und holte 158 Spielzeuge ab. Er schimpfte heute nicht, im Gegenteil, er war beinahe freund- lich. Die Zeit, in der wir das Spielzeug zurechtlegten, benutzte er, um den Raum etwas zu untersuchen. Er schaute in einen Korb hinein, den wir auf dem obersten Regal stehen hatten. Dort entdeckte er unsere Rasiersachen, Zahnbürsten usw. Es ist verboten, solche Dinge auf dem Arbeitsplatz aufzubewahren. Er beguckte es, legte es wieder auf seinen Platz zurück und sagte nichts. Auf dem Tisch lagen zwei leere Streichholz- schachteln und daneben ein Haufen Zigarettenasche, die nicht zu verkennen war. Er wühlte mit dem Finger in der Asche,nahm die leeren Schachteln und warf sie in den Ofen, aber er sagte nichts. Wir haben uns dahin geeinigt, dies als eine Probe und einen Beweis dafür anzusehen, daß er so etwas auf diesem Sonderkommando durchgehen läßt. Es ist ja alles Schwindel, und unter Schwindlern geht es nicht so genau zu. Wir rauchen jetzt mit einem etwas besseren Gewissen als früher, und kochen Kaffee und Fleischbrühe und braten. Kartoffeln und machen es uns so gemütlich wie eben möglich. Wir haben es gar nicht so 108 schlecht, und die Zeit läuft merkwürdig schnell. Heute ist es nur noch ein Monat bis Heiligabend. Herrgott Heiligabend! 25. November 1943 Die Bomber kamen auch gestern. Der Angriff dauerte diesmal nicht länger als eine Stunde, und man hatte nicht den Eindruck, als wenn er ganz so heftig gewesen wäre wie der vorige. Aber er mag auch weiter entfernt gewesen sein. Die Zustände in Berlin sollen schrecklich sein. Der Westen und das Zentrum haben am meisten gelitten und wahrscheinlich auch der Anhalter Bahnhof. Der Potsdamer Platz und Bahnhof sollen ganz zerstört sein. Man hat kein Wasser, um die Brände zu löschen. Das Elektrizitätswerk ist zerstört, ebenfalls die Rundfunkstationen. Wie viele Menschen umgekommen sind, weiß man noch nicht. Ich habe gestern etwas von achtzigtausend gehört. Heute war ein abscheulicher Tag. Ein Morgenappell bei strömendem Regen gehört zu den am wenigsten angenehmen Erlebnissen, die wir haben. Wie ertränkte Katzen kehrten wir zu unserem ,, Büro" zurück. Aber ich denke an alle diejenigen, die den ganzen Tag über draußen stehen müssen und arbeiten, arbeiten, bei jedem Wetter. Dagegen geht es uns gut hier relativ gesehen ganz ausgezeichnet. 26. November 1943 - Gestern abend um acht Uhr war wieder Fliegeralarm, aber ich glaube nicht, daß ein Angriff erfolgte. Die Zustände in Berlin müssen schrecklich sein. Die Anzahl der Toten wird jetzt auf über hunderttausend geschätzt. Mehr als eine Million Menschen sollen obdachlos sein. Man spricht von einem Ultimatum, das die Alliierten Deutschland gestellt haben sollen und in dem der 27. als letzte Frist für die Kapitulation angesetzt wird- morgen also. Ich fürchte, daß es nur eine Phantasie der Gefangenen ist. Unsere Arbeit stockt. Die Schreinerei, die unsere Tiere und Sachen mit der Laubsäge aussägt, beliefert uns zu langsam, und in letzter Zeit ist es ,, unserem" Mann, den wir dort haben, 109 verboten worden, sich mit diesem ,, Mist" zu befassen. Jetzt muß wieder organisiert werden. Die SS auf der Schreinerei muß geschmiert werden, und das müssen wir tun, um Arbeit zu bekommen, die wieder für andere SS- Leute bestimmt ist. Das ist ein Betrieb! Aber wir müssen das tun, es nützt nichts, daß wir uns beklagen und sagen, daß wir nicht weiterarbeiten können. Dafür gibt es nur Schelte. Aber gestern konnte ich den ganzen Tag sitzen und eine Puppenstube mit Schlafraum und Küche zeichnen und Zeichnungen für die Einrichtung und alles mögliche anfertigen. Sie sind für einen SS- Mann auf der Schreinerei bestimmt. Irsch durfte um Gottes willen nicht sehen, daß ich das tat, darum mußten die Zeichnungen jedesmal, wenn jemand an die Tür kam, eiligst verschwinden. Sehr gemütliche Arbeitsverhältnisse! Man könnte verrückt werden. Aber auch da hinein gleitet man, als ob man nichts anderes gewöhnt wäre. Daß ich meine Sachen immer eiligst wegstecken muß, ist mir ins Blut gegangen. Ich werde wohl wie auf glühenden Kohlen sitzen und stets auf dem Sprung sein, die Dinge, an denen ich gerade arbeite, zu verstecken, noch lange, nachdem ich wieder zu Hause in meinem Arbeitszimmer bin, wenn der Krieg einmal zu Ende ist. Wenn er überhaupt mal zu Ende geht! Und wenn ich überhaupt jemals wieder nach Hause komme! Von morgen ab wird unsere Arbeitszeit um eine halbe Stunde verlängert. Der Tag gestaltet sich dann folgendermaßen: Um fünf Uhr stehen wir auf, ziehen uns an ,,, Kampf ums Dasein" ( Frühstück), Appell um Viertel nach sechs. Der Appell und der Marsch zum Arbeitsplatz dauern ungefähr eine Stunde. Dann wird bis zwölf Uhr gearbeitet. Die Mittagspause dauert bis halb eins, dann wird wieder bis sechs Uhr gearbeitet. Der Marsch nach Hause und der Appell beanspruchen wohl die meiste Zeit bis halb acht, dann folgt wieder der ,, Kampf ums Dasein" bis neun. Dieser ,, Kampf" besteht darin, etwas Kohlsuppe und Brot zu essen und was man sonst im Spind haben ertönt das Ruhesignal um neun- das heißt, wenn kein Fliegeralarm kommt und das Ganze stört. Wann die Freizeit sei, werden vielleicht einige fragen? Freizeit? Ein lächerlicher Begriff. Hier mag. Dann IIO wird er vollkommen absurd. Wir sind, was uns betrifft, froh, solange wir hier auf dem Arbeitsplatz sein dürfen. Hier haben wir doch etwas Ruhe, etwas Gelegenheit, wir selbst zu sein. Das, was„Freizeit“ sein sollte, ist in Wirklichkeit die an- strengendste Zeit des Tages. Ja, ohne Zweifel. 27. November 1943 Es kam ein furchtbarer Fliegerangriff, nachdem wir wie üb- lich um halb neun zu Bett gegangen waren. Er dauerte bis halb elf. Er war näher als alle vorhergehenden Angriffe und wirkte darum stärker auf uns. Und es war strahlend hell, so daß das ganze mächtige Schauspiel sich vor unseren Augen auf dem Himmelsgewölbe entfaltete. Es ist schrecklich, es zu sagen, daß ein solches Schauspiel schön ist. Das Strahlenspiel der Scheinwerfer auf dem Himmel, Hunderte von Granat- explosionen zusammen mit gelben, grünen und roten Leucht- zeichen- und dann der unheimliche Phosphor, den sie herunter- werfen und der langsam wie blutrote oder grüne Trauben auf die Opfer dort irgendwo auf der Erde fällt. Es ist lange Zeit auf einmal taghell draußen nur von dem Widerschein der großen Bombenexplosionen. Oder es hängen Leuchtbomben in Fallschirmen am Himmel und werfen ein mondschein- ähnliches scharfes Licht über weite Gebiete. Wir sahen Flug- zeuge, die von den Scheinwerfern eingefangen, aber keine, die abgeschossen wurden. Sie kamen in Wellen unter ohren- betäubendem Lärm. Nicht weit vom Lager entfernt liegt starke Flak. Die Geschosse brachten die Baracken zum Beben, daß es schien, als wenn sie auseinanderfliegen sollten, und jedesmal, wenn sie kamen, oder jedesmal, wenn eine Bombenexplosion den Boden erschütterte, wurde es still in den Betten. Worüber unterhalten sich nun die meisten- während sie sich mitten in der Feuerlinie befinden- dort, wo das Schicksal von Tausenden von Menschen entschieden wird- ja, dort, wo es um das Sein oder Nichtsein unserer Kultur geht? Über das Essen! Ja, noch- mals über das Essen! Man fragt sich, ob wir wohl jetzt noch Eßpakete bekommen können! Andere sind wie jubelnde Kinder, III amüsieren sich, zeigen auf das Feuerwerk und heulen vor Freude. Eine große Phosphortraube, die majestätisch und un- heimlich in das Inferno hinabgleitet, löst Kaskaden von be- geistertem Geheul aus. Die Laute, mit denen sie dort, wo sie hinfällt, empfangen wird, werden anderer Art sein. Hundert- tausende von Menschen warten in entsetzlicher Todesangst darauf, lebend verbrannt oder in Stücke zerrissen zu werden von Bomben, die überall vom Himmel fallen. Können Men- schen durch solche Nächte hindurchkommen und immer noch Menschen sein hinterher- und können sie weiter wie gewöhn- liche Menschen fühlen und reagieren? Können sie wieder ein Heim aufbauen, Kinder gebären, das Leben weiter leben? Das ist es ja, das wir glauben müssen— daß sie es können! Wenn nicht, dann ist dieses hier ja der Untergang. Mit solchen Ge- danken ist es unmöglich, über Bomben zu jubeln, die vom Himmel fallen- selbst wenn sie über Berlin fallen- und selbst, wenn es die Deutschen sind, die es trifft. Heute mittag war wieder Fliegeralarm. Aber er dauerte nur einige Minuten. Sie wollten wahrscheinlich etwas von den nächtlichen Zerstörungen photographieren. An den Fronten geht es immer noch gut voran. Der„Völkische Beobachter“ war gestern ganz großartig. Goebbels brachte einen Artikel für die Berliner, der alles, was er sich früher an hohlem Pathos und ekelhafter Propaganda geleistet hat, noch übertrifft. Der Artikel war geprägt von Panikstimmung, und zwischen den Zeilen konnte man die größten Eingeständnisse herauslesen. Darunter fand man einige Verordnungen aufgezählt: Die Banken haben ihre Arbeit eingestellt.- Kein Berliner darf Berlin verlassen- alle müssen sich sofort auf dem Arbeitsplatz einfinden. Als Entschädigung soll es zehn Zigaretten extra geben oder zwei Zigarren zu dreizehn Pfennig und eine Son- derfleischkarte mit 200 g Fleisch und noch 50 g Fleisch dazu in jeder der kommenden Wochen. Alles das konnte man lesen. Das Essen und der Tabak spielen also auch für die Deutschen eine Rolle.- 28. November 1943 Vorgestern kamen dreihundert Berliner als Gefangene ins Lager. Gestern kamen dreiunddreißig. Alle wurden erschossen. Das sagt mehr als Worte über die Lage und die Stimmung auf beiden Seiten. Diese Menschen hatten wohl auf irgendeine Weise Verordnungen verletzt oder ganz einfach gegen die SS demonstriert. Keiner weiß das. Es heißt natürlich, daß sie gestohlen hätten, oder etwas Ähnliches, und vielleicht werden sie sogar zu den Umgekommenen gerechnet. Folgende Episode, die sich gestern ereignete, gibt einen Eindruck von der Stimmung hier im Lager: Auf einem der Kommandos, die außerhalb des Lagers arbeiten und von Wachtposten bewacht werden, hatte einer der Gefangenen, ein Deutscher, erwähnt, daß dreihundert SS- Leute als Gefangene in das Lager gebracht worden seien. ,, Vorgestern waren sie SS- Soldaten, heute sind sie Gefangene, so kann es auch euch ergehen“, sagte er. Der Wachtmann erhob sich und ging in einen anderen Raum. Dies geschah in einer Mittagspause, drinnen in einer Baracke. Ein Norweger saß neben dem deutschen Gefangenen, der jenen Ausspruch getan hatte. Plötzlich hörte man zwei Schüsse, und der Deutsche fiel zusammen- tot. Er war durch die Wand hindurch erschossen worden. Etwas später kamen einige SSUnteroffiziere dazu. Sie äußerten dem Mörder gegenüber, daß er doch ebensogut den ganzen Haufen den gleichen Weg hätte gehen lassen können. Damit hatten sie sich mit der Handlung und dem Mord einverstanden erklärt und alles in Ordnung befunden. Die Leiche wurde aus dem Wege geschafft, und der Fall war erledigt! Aber was haben wir in Zukunft zu erwarten, wenn Raserei und Angst um sich greifen, während das Netz sich nach und nach um die Mörder zusammenzieht? Aber es ist Sonntag. Wir sollen aufhören, nachdem wir den ganzen Tag nichts getan haben. Wir haben aus der Schreinerei kein Arbeitsmaterial bekommen. Heute nachmittag ist Kabarettvorstellung auf Nr. 23. Und im übrigen muß ich noch zu den Juden gehen. 8 Nansen II3 - 29. November 1943 - Diesmal hatten wir mehr Ruhe, um uns die fürchterlichen Berichte aus Lublin, Auschwitz, Warschau und anderen Städten und Lagern anzuhören. Im Vergleich zu diesem Schreckensdrama, das sich dort abgespielt hat, ist alles andere an Schrecken, Grausamkeiten und Blutbädern, die die Geschichte der Menschheit kennt, sozusagen gar nichts. Es ist unmöglich, einfach unmöglich, sich eine Vorstellung von der Teufelei zu machen, die sich hier entfaltet hat. Das menschliche Fassungsvermögen und die menschliche Phantasie reichen nicht dafür aus. Bis zu einer gewissen Grenze kann man folgen. Tausende von Juden, alte und junge, vor sich sehen, die auf die Todestransporte geschickt werden, sie Tag und Nacht in endlosen Kolonnen marschieren sehen, Woche um Woche, Monat um Monat, ja Jahr um Jahr, hinein in die Vernichtung. Man begreift, daß menschliches Leid nicht noch größer und noch schlimmer sein kann. Größere Schande hat es nicht gegeben, solange Menschen gelebt haben ein schwereres und böseres Schicksal ist noch keinem Volke zuteil geworden. Und doch wird sicher das, was man sich vorstellen kann, nur ein blasser Abglanz der Wirklichkeit sein. Wie müssen diese unglücklichen Millionen sich danach gesehnt haben, sterben zu dürfen! Ja, in welchem Maße müssen sie die Gaskammern doch als Rettung angesehen haben vor den Schrecken, die sich außerhalb jener Kammern abspielten. Das war doch ein milder Tod! Aber nicht allen war er gegönnt- Hunderttausende der Stärksten und Besten, der gesundesten und schönsten Jugend in ihrer vollen Blüte mußten erst ,, verbraucht" werden, ihre Kräfte mußten erst ,, ausgenutzt" werden in den Todestrupps. Diese Todestrupps hatten die Aufgabe, die Hinrichtungen durch Erhängen zu vollziehen, die Leichen zur Leichenverbrennung zurechtzulegen usw. Und ihre Eigenen waren es, die sie erhängten, bargen, verbrannten ihre Eigenen! Vielleicht fanden sie in den Haufen von Leichen ihre eigenen Kinder, ihren eigenen Bruder oder ihren eigenen Gatten! Nein! Ich will es nicht versuchen, das, was ich gehört habe, wiederzugeben. Ich kann es noch nicht. Ich habe jetzt einen groß114 artigen Erzähler gefunden. Gestern erzählte er ununterbrochen zwei Stunden lang und rollte ein Bild auf, dessen Maßstab und Farbe so stark wirkten, daß ich mich immer noch wie gelähmt fühle. Ich muß warten. Vielleicht kann ich später anfangen, es niederzuschreiben, jedenfalls zu versuchen, die Umrisse des Ganzen zu Papier zu bringen. Außer den Juden, von denen ich gestern erzählte- die Uhrmacher, im ganzen 53 Mann, gibt es im Lager noch ein besonderes Judenkommando- 38 Mann-, die auf einer besonderen SS- Druckerei schaffen. Diese Druckerei befindet sich in einer Baracke neben der Judenbaracke, in der wir gestern waren. Sie ist auf allen Seiten von einem undurchdringlichen doppelten Stacheldrahtnetz umgeben. Ich habe sie gestern abend gesehen. Kein Außenstehender gelangt in diese Umzäunung. Keiner, der sich innerhalb befindet, gelangt hinaus. Diese Druckerei ist mit dem Fälschen von Dokumenten und Geld beschäftigt und produziert alle die Schwindeldrucksachen, deren sich das Dritte Reich bedient. Aber das Unheimlichste ist, daß man es als sicher ansieht, daß die 38 Juden, die hier beschäftigt sind, nie mehr hinausgelangen werden, damit sie nicht über das, was sie dort getan haben, berichten können. Sie wissen zu viel von all dem, was keiner wissen darf. Gestern abend in der Dämmerung stand ich da und betrachtete diese Baracke mit einem Gefühl von erstickender Unheimlichkeit. Die Stacheldrahtschirme zeichneten sich wie gespensterhafte Skelette gegen den Abendhimmel ab und betonten das Unheimliche. Sie schließen die ganze Baracke ein wie einen Käfig mit Decken und Wänden. Ich konnte die Augen kaum davonreißen, mir wurde schlecht, ich fühlte mich krank. Ein Gefühl der Ohnmacht greift einem an die Kehle es ist, als wenn man erdrosselt werden sollte. Und gar nichts hilft, kein Weinen, kein Schreien. Das Drama rollt weiter ab- steigt um einen auf- erfüllt einen- reißt einen mit und schleudert einen wie einen hilflosen, willenlosen, erbärmlichen Gegenstand, der nichts anderes fühlt als eine unwiderstehliche, stahlharte Macht, die einen in das Dunkel hinunterdrückt. Oh, Menschenkind! Welch ein Unglück, daß du mit einem Herzen geboren bist! 8* - II5 Wie viel leichter hättest du es ohne gehabt! Wie viel besser hättest du dich dann für dieses Leben geeignet mit all seiner zynischen Roheit!- Gerade nach diesen zwei Stunden, die ich in der Hölle verbrachte, kam ich zu der Kabarettvorstellung auf Nr. 23 und machte Spaß! Es war merkwürdig, aber es ging- ohne daß ich mir eigentlich dessen, was ich tat, bewußt war. Das Haus war überfüllt, die Hitze war tropisch und die Stimmung ebenso. ,, Gen Norwegen geht es", vallerallala! Johei! Famose Kerle! Doch, das muß ich sagen, Abwechslung gibt es auch hier. 30. November 1943 Unsere neue ,, Tagesordnung", die wir bekommen haben, ist wie alles hier ein geordnetes Durcheinander, das zu nichts führt. Wir stehen jetzt morgens um halb fünf Uhr auf. Viertel nach fünf ist für alle Appell. Er dauert ungefähr bis Viertel vor sechs. Dann müssen alle diejenigen, die auf den Kommandos außerhalb des Lagers arbeiten- das heißt die meisten-, zu den Baracken zurückgehen und dort bis halb sieben warten, denn um diese Zeit stellt man sich in Arbeitskommandos auf. Dies dauert wie üblich eine halbe bis dreiviertel Stunde, und dann marschiert man hinaus. Auf diese Weise vergehen beinahe drei und eine halbe Stunde vom Aufstehen bis zur Ankunft auf dem Arbeitsplatz. Hauptsache- das Dasein ist uns etwas saurer gemacht worden. Dazu wird die Mittagspause um eine halbe Stunde gekürzt und der Abendappell hinausgeschoben bis halb sieben. Das letztere bedeutet, daß wir, nachdem wir nach Hause gekommen sind, anderthalb Stunden warten müssen, bis wir uns zum Appell aufstellen können, um nochmals gezählt zu werden( was bereits drei- bis viermal vorher geschehen ist). Um das Ganze noch schlimmer zu machen, hat der Blockälteste bestimmt, daß wir die Suppe oder den Kaffee erst nach dem Abendappell bekommen. Das ist dann praktisch so, daß wir das trockene Brot um fünf Uhr herum, wenn wir nach Hause halb kommen, essen und den Kaffee oder die Suppe erst gegen acht zu uns nehmen können. Die Schlafenszeit beginnt wie 116 immer um halb neun. Sie haben uns jedenfalls den Tag in Stücke zerrissen, und falls das die Absicht war, dann ist die Veranstaltung ja in jeder Beziehung gelungen. Für uns drei Spielzeugfabrikanten spielt dies vielleicht eine geringere Rolle als für die anderen. Uns geht es am besten, wenn wir auf dem Arbeitsplatz sind. Es kann uns daher nur willkommen sein, wenn wir in der Mittagspause eine halbe Stunde weniger zu frieren brauchen. Für uns hat sich kaum etwas geändert. Im ganzen gesehen kann es uns gleich sein, wo wir uns gerade aufhalten und mit welchen Nöten wir gerade zu kämpfen haben- an den Stunden des Tages, an denen wir uns nicht in unserer friedlichen warmen Werkstatt aufhalten. Für uns ist zweifelsohne die Arbeitszeit die angenehmste Zeit des Tages. Aber für die meisten der Gefangenen ist es leider nicht so, denn sie arbeiten draußen, wo es feucht und kalt ist. Heute z. B. regnet es wieder in Strömen, und die draußen Arbeitenden haben nicht einmal einen Schuppen, in den sie sich zurückziehen können, wenn die schlimmsten Schauer kommen. Die ganze Zeit müssen sie im Freien bleiben und arbeiten— durch und durch naß, schlecht angezogen, erkältet, und schwach sind die meisten ja. Man muß sich wundern, daß so viele es aushalten. Es wird keiner krank gemeldet, der nicht hohes Fieber hat, und sogenannte„Schonung“ bekommen nur diejenigen, die nicht laufen können oder arbeitsunfähig sind infolge von Geschwüren, Phlegmonen und anderen Leiden. Wenn Oranienburg auch kein ausgesprochenes Vernichtungs- lager mehr ist, wie es früher war, so ist es jedenfalls doch eine „Gesundheitszerstörungsanstalt‘‘ ersten Ranges. Denzer hat schon die Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß nur die Ge- sundesten lebendig und gesund wieder hier herauskommen. Er wußte schon, was er sagte, der Teufel, er wußte es sehr genau. Darum war sein Racheakt gegen mich ein häßliches Verbrechen, das in bezug auf Planung und Absicht einem überlegten Mord gleichzusetzen ist!. 1 Denzer war einer der berüchtigtsten Wachtmänner im Lager Grini bei Oslo. 117 1. Dezember 1943 Ein neuer Monat hat angefangen. Der Weihnachtsmonat! Was für eine Karikatur eines Weihnachtsfestes wird er bringen? Die Russen sind sehr aktiv, drängen vor und brechen durch in breit angelegten Fronten. Es sieht aus, als wenn sie immer noch vorhätten, die Entscheidung in diesem Jahre herbeizuführen. Das täte not, denn unsere Schränke sind schon lange leer, und wir saugen bald auf dem letzten Zigarettenstummel. Die Kar- toffeln verschwinden mehr und mehr vom Speisezettel(sie gehen nach Berlin), an ihre Stelle treten Kohl- und Kohlrabi- suppe, nein, nicht an ihre Stelle, aber sie verschwinden, bei Gott, nicht! Wenn wir uns den ganzen Winter von jener Suppe und dem Brot mit dem„Talgaufstrich“ werden ernähren sollen, dann werden wir wohl Muselmännert alle miteinander. Aber wir wollen nicht im voraus sorgen. Heute abend treffe ich mich mit dem Judenerzähler bei Hagemann auf Nr. 2. Er wird ein neues Kapitel der Höllen- ‚saga aufrollen. Ich glaube, mir graust es schon. 2. Dezember 1943 Der Jude kam gestern nicht zum Erzählen. Es war zu un- ruhig. Es ist unmöglich, in einer Baracke Frieden zu be- kommen. Ja, ich glaube, es ist unmöglich, irgendeine Stelle im Lager zu finden, wo Gefangene Gelegenheit haben, sich über etwas zu unterhalten, ohne daß zehn bis zwölf Neugierige, die das gar nichts angeht, ihre Köpfe dazustecken. Obwohl es Hagemann gelang, einige der aufdringlichsten Kerle wegzu- jonglieren, fühlten wir uns doch nicht sicher genug, um den. Bericht auf ordentliche Weise fortsetzen zu können. Es ist jetzt immer ein toller Betrieb in den Baracken, damit die Betten„ordentlich‘“ gebaut werden. Das ist das, was wir Betten machen nennen. Der Lagerführer- oder Rapportführer 1 ‚Muselmänner‘“ wurden von den Mitgefangenen alle diejeni- gen Häftlinge genannt, die von der Lagerleitung absichtlich dem Hungertode preisgegeben wurden, und denen man dies bereits ansah. 118 ist es wohl- verlangt, daß die Betten auf eine ganz bestimmte Weise gebaut werden. Die Kopfkissen müssen wie Soldaten in Reih und Glied liegen. Sie müssen alle gleich hoch sein, und die Decke, die darüber gebreitet wird, muß eine rechtwinklige Falte haben. Das Bett muß flach sein, am besten etwas gewölbt. Um das zu erreichen und um die natürliche Vertiefung in der Mitte zu entfernen, muß das Bett aufgebaut werden, d. h. das Stroh in der Matratze muß etwas zur Mitte hingeschoben werden. Es ist verboten, irgend etwas anderes als die Schlafanzüge im Bett zu haben. Nicht einmal Schlafsäcke werden geduldet, sie müssen tagsüber in die oberste Bettreihe gelegt werden, damit niemand sie sieht. Im übrigen fehlt uns jeglicher Platz für unsere Kleider und Kleinigkeiten, weil wir z. T. das Spind zu fünf Mann teilen. Der Platz, der jedem einzelnen zugeteilt ist, wird schon überreichlich in Anspruch genommen von einer Garnitur Unterwäsche und den Eßgeräten. Wir können darum unsere Sachen nirgends anders hintun als ins Bett. Und das tun wir denn auch trotz des Verbotes es darf nur nicht entdeckt werden. Im übrigen ist es kein idealer Platz für die Aufbewahrung der Sachen. Im Schlafsaal ist es so schmutzig und entsetzlich, daß unsere Angehörigen weinen würden, wenn sie es sähen. Geputzt wird nicht, und mit dem Kehren ist es auch so eine Sache. Man kann es einfach nicht. Der Raum ist ja in drei Stockwerken mit Betten ausgefüllt. - B., der sogenannter ,, Stuben ältester" geworden ist, hat angefangen, den Deutschen in bezug auf Antreiberei und Schreierei Konkurrenz zu machen. Alles, was er an Deutsch beherrscht, hat er mit seinem Norwegisch vermischt. Seine Schimpferei trägt darum ein ganz besonderes Oranienburg- Gepräge. Norwegische Worte für Schlafsaal, Bett, Tisch, Baracke, Schrank, Schüssel usw. hat er vergessen. Für diese Dinge bedient er sich der deutschen Worte- wie das hier unten überhaupt üblich ist. Es ist ganz ungewöhnlich, zu hören, daß jemand die genannten Dinge mit seiner Sprache bezeichnet. Es heißt nun mal Schüssel, Bett und Spind. Etwas anderes, was durchweg allen gemeinsam ist, ist der Ukrainerhaß oder-verachtung. In demselben Maße, wie der Antisemitismus bei allen latent ist, so auch 119 die deutsche Abneigung gegen die Ukrainer, die sie auf vollkommen deutsche Weise als minderwertig betrachten, weil sie hungrig sind, schlecht angezogen( das sind wir ja alle, die wir es nicht fertiggebracht haben, uns schöne Kleider zu ,, organisieren") und weil sie zum Teil aus Gesellschaftsschichten stammen, die in bezug auf Bildung usw. bedeutend tiefer stehen als der Durchschnittsnorweger. Aber ich finde, daß, wenn es sich um rein menschliche Qualitäten handelt, die ,, Germanen" oft den kürzeren ziehen. Gestern erlebte Frode, daß, er aus Block I hinausgeworfen wurde, weil ein Lümmel von einem Norweger ihn für einen Ukrainer hielt. Aber es wurde ihm beigebracht, was die Uhr geschlagen hatte- dem Lümmel! Vom Bettenbauen wird uns morgens und abends immer noch in die Ohren getutet, aber es hilft gleich wenig. Drohungen von fünfundzwanzig Schlägen, Barackensperre und Toilettenreinigen sausen uns nur so um die Ohren, gemischt mit Flüchen jeglicher Art; aber es hilft nicht viel. An der Universität in Oslo sollen sämtliche Studenten verhaftet sein, da sie eine Loyalitätserklärung nicht unterschreiben wollten. Sie sollen nach Deutschland gebracht werden, heißt es. Vielleicht haben wir sie bald hier. Die Studentinnen wurden nach Hause geschickt, während eine Reihe von Professoren verhaftet ist. Die Universität wird jetzt wohl geschlossen sein. Ja, die Deutschen haben wahrhaftig eine offizielle ,, Kulturpause" eingelegt. Wann wird sie zu Ende sein? Wann in aller Welt wird sie zu Ende sein? 3. Dezember 1943 Gestern abend erschienen die Angloamerikaner wieder- mit einem Angriff, der beinahe zwei Stunden dauerte. Es war der größte der bisher erfolgten Angriffe, behaupten die meisten. Gerüchte erzählen, daß man Flugblätter mit einer Art Ultimatum an die deutsche Bevölkerung( oder an die Bevölkerung Berlins) abgeworfen habe des Inhalts, daß sie eine Weihnacht erleben würden, die sie nicht mehr vergessen sollten, wenn es ihnen nicht gelänge, bis zum 20. Dezember eine neue Regierung zu berufen. Deutschland würde dann total bombardiert I 20 - werden behaupten einige. Vermutlich ist das alles erfunden. Gestern geschah folgendes: Ein Rottenführer bat eine Gefangenengruppe, zu der auch zwei Norweger gehörten, einen Graben zu machen. Sie taten das und halfen ihm, einige erstklassige Werkzeuge und Autoteile dort hineinzuwerfen. Er begründete sein Tun damit, daß dies alles für die Front bestimmt gewesen sei. Es handelte sich also um einen Sabotageakt in Gegenwart der Gefangenen. Der Mann ist ja des Todes, wenn die Gefangenen das weitererzählen. Rolf hat mit den beiden Norwegern gesprochen, die dabei waren, sonst hätte ich es für ein Gerücht gehalten, denn es ist ja eine ganz kopflose und dumme Tat. Aber bezeichnend für die Stimmung. Es kann unmöglich noch lange dauern. 5. Dezember 1943 Gestern habe ich gar nicht geschrieben. Es war alles so traurig, so unheimlich! Ich hatte gehofft, einen Brief von Kari zu bekommen, der alles wieder gut gemacht hätte. Aber es kam kein Brief. Kaum jemand bekam Post. Die Transportschwierigkeiten müssen wohl daran schuld sein. Erik, Frode und ich ließen gestern abend alle drei den Kopf hängen. Das war eine harte Enttäuschung, und all das, was vorher schon so traurig und ungemütlich war, wurde noch schlimmer. Vorgestern, als wir von der Arbeit nach Hause gehen sollten, kam der Befehl, daß sich alle sofort zum Zählen einzufinden hätten. Ein Mann sei vermiẞt. Es stellte sich heraus, daß ein Gefangener aus dem benachbarten Kommando sich irgendwo im Wald erhängt hatte. Sobald das entdeckt und ins reine gebracht war, war alles vergessen und in Ordnung. Die Zahl stimmte- inklusive einer Leiche, die man auf einer Handkarre zum Zwecke des Zählens herbeigeholt hatte. Am gleichen Tage wurde der Leiter der Schuhfabrik, ein Hauptsturmführer, verhaftet, weil er in großem Stil geschwindelt hatte. Zehntausend Paar Schuhe hatte er verbrennen lassen, um die Spuren seiner Schwindelaffären auszuwischen. Die Schuhe waren nämlich von gemordeten Juden gestohlen, und er hatte sie auf eigene Kosten zerschneiden lassen, um sich den I2I Inhalt an Schmuck und Geld zu sichern. Wieviel er gefunden hat, weiß man nicht, aber man darf nach den bisherigen Erfahrungen damit rechnen, daß es sich um ein Riesenvermögen handelt. Der Mann wurde nicht deswegen verhaftet, weil er sich diese Werte angeeignet hatte, sondern, weil er die Schuhe verbrannt hatte! Viele Gefangene, die in der Schuhfabrik beschäftigt waren und seine Befehle ausgeführt haben, wurden verhört, und es scheint, als wenn die Sache Riesenausmaße annehmen würde. 8. Dezember 1943 Einen Tag habe ich jetzt ausgesetzt, und die Welt ging darum doch nicht unter. Trotz der Kälte, die den Rekord dieses Herbstes erreichte, und trotz des kalten Nebels, der sich dicht über das Lager breitete, wurde der Tag doch etwas heller. Ich war fertig geworden mit meinen schlimmsten Gedanken, dank der Ehrung, die mir meine Freunde an meinem Geburtstag zuteil werden ließen. - Ich bekam Geschenke. Erik brachte eine Erinnerung an seinen ,, Beruf" mit: eine Art Gesellschaftsspiel, mit dessen Herstellung er ja von Morgen bis Abend hier beschäftigt ist. Er begleitete sein Geschenk mit einer kleinen Rede. Dann erschien Frode mit seiner Gabe und seiner Rede. Er wollte das sollte mir gerne etwas ganz Persönliches schenken ein Geschenk ja immer sein, und er hatte nichts gefunden, das ihn persönlicher dünkte als ein Spielzeug, das ich selbst in unserer Fabrik hergestellt hatte: ein Schaukelschaf. Und Frode war dazu noch der Kellner der Festmahlzeit. Er brachte es fertig, die Laune und die Lachmuskeln derart zu lösen, daß wir zuletzt ganz erschöpft waren. Es war wunderbar, wieder etwas zu lachen. Ich lachte Tränen, als Frode durch die Schranktür mit allen dazugehörigen Kellnerbewegungen- eine Bestellung ,, hinunterschickte" auf vier Schneehühner und eine Flasche Yquème. ,, Bitte etwas schnell!" Und als er nach Kellnerart die Schnäpse und Tafelreste hinter der Tür des ,, Aufzugs" verschlang. Ich hatte ein derart dringendes Bedürfnis, mal abzukurbeln- und das gelang! Das Dasein bekam - I 22 eine hellere Farbe, und die ist seitdem geblieben, so einiger- maßen jedenfalls. Dazu bekam ich noch ein Einschreibe- päckchen von Paasan Nansen. Herrgott- so unterstützt denn auch er seinen Vater, der solches Pech gehabt hat, mit einem Klecks Butter und einer Schachtel Zigaretten! Im übrigen bekam ich noch einen Jahrgang„Byggmästaren“(„Der Bau- meister‘) direkt aus Stockholm geschickt. Frode bekam das auch. Es ist so merkwürdig, wieder etwas zu seinem Beruf in Beziehung zu treten. Das ist so lange her. Und das Dasein hier kommt einem auf einmal wieder tausendmal idiotischer und sinnloser vor als bisher. Hier sitzen zwei junge Architekten- denn wir sind doch noch jung?- und fabrizieren Spielzeug für SS-Kinder von morgens früh bis abends spät, während die Welt voll von großen architektonischen Aufgaben und Pro- blemen steht, mit denen die Kollegen in anderen Ländern voll beschäftigt sind! Schwedische Architekten arbeiten ruhig weiter, als wenn nichts geschehen sei, halten Vorträge, nehmen an Wettbewerben teil, schreiben Artikel und bauen- große, schöne, prächtige Bauwerke! Während der gleichen Zeit ist es die Hauptaufgabe anderer, sich den Hunger vom Leibe zu halten oder zu versuchen, nicht zu erfrieren. Gestern ging hier ein unheimliches Gerücht. Es verlautete, daß Chr. Berg-Hansen, der mit zwei anderen zusammen aus dem Lager im Elsaß hierhergekommen ist, mit einem der Todestransporte nach Lublin geschickt werden soll. Berg- Hansen kam mit demselben Transport wie wir von Grini und zog mit dem anderen Transport von Stettin ins Elsaß. Das war jener Transport, in dem u.a. auch Leif und Hartvig waren. Leif ist Revierchef dort unten geworden, ihm geht es darum einigermaßen ordentlich. Aber sonst ist das Lager entsetzlich, und viele gehen dort unter. Sie bekommen weder Briefe noch Pakete und müssen aus- schließlich von der Gefängniskost leben. Es ist klar, daß sie davon zuletzt sterben. Berg-Hansen und die beiden andern waren krank und arbeitsunfähig gewesen die ganze Zeit, folglich standen sie auf der verkehrten Seite in der Lagerabrechnung und mußten fort. Vorläufig befinden sie sich auf dem Zugangs- 123 block in Quarantäne. Wir werden sie wohl bald unter uns haben, denn es muß doch verhindert werden, daß sie den verkehrten Weg gehen- wenn das denn überhaupt beabsichtigt gewesen ist. An den Fronten geht es, wie es gehen soll. Im übrigen geschieht etwas in Norwegen, das jetzt anfängt, ein Weltereignis zu werden. Sämtliche Studenten der Universität, im ganzen fünfzehnhundert, die nicht zu den ,, Loyalen" gehören, wurden verhaftet und werden in ein Sonderlager nach Deutschland geschickt. Sie sind hier schon angemeldet, man macht schon Platz frei für sie. Aber sensationell ist es, daß die schwedische Regierung protestiert hat gegen diesen Übergriff und von Ribbentrop zurückgewiesen worden ist mit der Bitte, sich nicht in Dinge zu mischen, die sie nichts angehen. Nachher haben auch zehn Professoren in Madrid und wahrscheinlich auch die Studenten dort protestiert; im übrigen auch die Studenten in Bern, und es heißt, auch in Bulgarien und Ungarn sei protestiert worden. Ja, und in Helsinki und Aabo natürlich, das war ja das Wichtigste. Dies gibt ja besser als alles andere die Stimmung in dem ,, geeinten" Europa wieder, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stacheldrähte des Nationalsozialismus. Nein, jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Allmählich bekomme ich wieder Mut. Es wird schon gut gehen, Kari! Gestern war der griesgrämige Irsch wieder hier. Er muß ja schimpfen, und das tat er denn auch. Es gehe zu langsam. Die Sache ist die, daß wir mehr als glatt fertig werden mit dem Arbeitsprogramm, das er uns selbst gestellt hat. Er legte furchtbar los damals, als er es uns aufgab. Wahrscheinlich dachte er, daß wir damit niemals fertig werden würden. Jetzt sieht er, daß wir es schaffen, und darum muß er sich von dem, was er früher gesagt hat, weglügen, indem er hinzufügt, daß wir dazu noch eine ganze Menge anderer Sachen machen müßten. Er ist ein Drecksack. Ja, jetzt ist bald Weihnachten da, ob wir nun fertig werden oder nicht. Frode und ich sind beide für das Weihnachtskomitee gewählt worden. Das wird einen Betrieb geben! Dekorationen, Lieder, Spaß und Unterhaltung. Wenn wir die Freude nur dazu aufbringen. Und die Zeit- das spielt auch eine Rolle.- 124 10. Dezember 1943 Gestern abend waren Frode und ich wieder bei den Juden. Der Bericht wurde fortgesetzt- gleich düster und entsetzlich, gleich herzzerreißend! Es ist nicht zu glauben! Es ist mir noch nicht gelungen, die Eindrücke zu einem einigermaßen über- sichtlichen Bild zu sammeln. Ich werde warten müssen und weitersehen. Vorgestern bekam ich ein Paket von Siri, Immi und Liv. Das waren erfreuliche Grüße, sowohl in bezug auf den Inhalt, der aus wunderbaren Sachen bestand, als auch wegen der Le-- benszeichen von zu Hause, die solche Pakete immer sind. Wir sind sonst sehr beschäftigt jetzt. Ich male Weihnachtsmänner am laufenden Band, Weihnachtsmänner, Enten und Schweine, und im übrigen freuen wir uns darüber, daß wir drinnen sitzen in einem relativ warmen und gemütlichen Raum. Draußen ist es manchmal kalt, und es hat etwas geschneit. Wir warten ge- spannt auf das Ergebnis der Ereignisse. Gespannt und unge- duldig! ı1. Dezember 1943 Wieder mal Samstag! Die Zeit fliegt, aber nur, wenn man zurückdenkt, und das tut man so selten. Alle unsere Gedanken, unser ganzes Trachten sind in die Zukunft gerichtet. Der Zu- kunft gehört unser ganzes Interesse, sie soll uns all das bringen, wonach wir uns sehnen, all das, woran wir glauben und wofür wir arbeiten. Und daher kommt es, daß die Zeit doch nur langsam schleicht. Wir dürfen so wenig davon verlieren, sie wird uns kostbarer und kostbarer mit jedem Tag. Eines ist entsetzlich zu fühlen, daß man älter und älter wird, ohne etwas zu leisten- nur die Zeit hier in einem Idiotenlager totzu- schlagen, zwischen Irren und Rohlingen, ohne Möglichkeit, auch nur ein einziges vernünftiges Tagewerk zu tun, ja, bei- nahe, ohne auch nur einen vernünftigen Gedanken fassen zu können. Brutalität, Übergriffe, Gemeinheit, Stumpfsinn, von all diesen niedrigsten Eigenschaften sind wir jeden Tag um- geben. Jeden Tag. Es stellt sich heraus, daß täglich jemand im Lager hingerichtet wird. Ich habe das früher nicht gewußt. 125 Sie werden in den Gaskammern getötet oder erhängt oder erschossen in einem Graben neben dem Krematorium, nahe beim Ofen. Praktisch. Jeden Tag in letzter Zeit werden einer oder mehrere SS- Leute wegen Unterschlagung oder Diebstahls oder ähnlicher Dinge festgenommen. Die Angeberei blüht! Nirgendwohin kann man die Gedanken wenden, ohne auf Gemeinheiten zu stoßen. Der Todestransport von tausend Mann ging erst gestern ab. Drei von ihnen starben noch hier im Lager. Draußen auf dem Platz fielen sie tot um sie konnten nicht mehr. Sie hatten Glück. - Unser Arbeitsprogramm an dieser Arbeitsstätte ist schon längst abgewickelt. Wir haben weit über hundert Spielsachen fertig. Aber wie gesagt: Die Ansprüche sind gestiegen, und wir sind weiterhin fleißig. Eine größere Produktion von Tanks und Wiegen und Schubkarren und Puppenwagen wird die Zeit, die bis Weihnachten übrig ist, schon ausfüllen und mehr als das. In knapp vierzehn Tagen haben wir Heiligabend. Oh, wer doch ein sorgloses Kind wäre, das sich auf den Heiligabend freut!. Ich erinnere mich noch, wie das war. 12. Dezember 1943 Bekam gestern einen Brief von Kari. Das war herrlich. Es geht ihnen gut. Ein Schatten fiel auf die Freude dadurch, daß Frode von keinem etwas hörte. Er bekommt auch keine Pakete, und er weiß nichts von Hannagreta, seiner Frau, die auch im KZ sitzt. Er trägt es tapfer, aber ich weiß von mir selber, wie es einen niederschlägt, wenn man keine Verbindung mit den Seinigen hat. Es kann ganz lähmend werden. 13. Dezember 1943 Gestern war Frodes Geburtstag. Ich hatte es ganz vergessen, bis wir am Mittag nach Hause kamen. Erik und ich machten uns sofort daran, Geburtstagssuppe zu brauen mit Trockengemüse, Speckstücken und Erbsenmehl. Aber ach, die Zeit, in der wir am Ofen bleiben konnten, war zu kurz: Es gelang uns nicht 126 einmal, die Suppe zum Aufkochen zu bringen. Wir mußten es aufgeben. So etwas muß man morgens schon vorbereiten, und dann muß man einen der Schonungskranken die Suppe bereits am Vormittag aufsetzen lassen. Heute haben wir das so gemacht, darum fand das ,, Fest" eben heute statt. Wir schmückten den Tisch gestern mit Papierservietten- sie waren eigentlich das wesentliche Merkmal dieser Feier. Alle die Zeit, die wir darauf hätten verwenden können, etwas Nettes zu erfinden, vertrödelten wir mit der Suppe. Sonst haben wir jetzt wenig Grund Feste zu feiern. Die näheren Einzelheiten über den Abzug der Todestransporte aus dem Lager sind grauenerregend. Drei Mann starben auf dem Appellplatz, wie ich bereits erwähnte. Siebenundsechzig starben unterwegs zur Bahn. Sie wurden alle in Autobusse verladen in einer Halle irgendwo draußen vor dem Eingang. In dieser Halle arbeiten auch zivile Frauen. Die Art, wie die Gefangenen in die Autos geladen wurden, sei derart gewesen, daß diese weiblichen Zivilarbeiter in Pfui- Rufe ausgebrochen seien! Wie viele dieser armen Menschen werden im Zug sterben? Wie viele werden am Leben bleiben, um in Lublin in die Gaskammern zu gehen? Die Auswahl zu diesen Transporten ist das Schrecklichste, was man sich denken kann. Derjenige, der dazu bestimmt ist, muß sich ja wie ein Büttel vorkommen. Er fällt praktisch genommen Todesurteile. Ein Beispiel mag einen Eindruck davon geben: Ein junger russischer Junge war ausgesucht worden. Er war schwindsüchtig. Er verstand das Ganze. Er war sich vollkommen darüber im klaren, daß er ausgesucht war zum Sterben! Aber er wollte nicht sterben und bat darum, leben zu dürfen, jeden Tag bat er darum, inständig bat er darum. Derjenige, der entscheidet, ist ein entsetzlicher Kerl. Er heißt August und ist Elektriker und praktisch der eigentliche ,, Oberarzt" auf dem Revier. Er- nicht die Ärzte- bestimmt, wer gesund ist und wer krank genug ist, um hinausgeworfen zu werden. In letzter Zeit ist August besser, menschenähnlicher geworden. Er brachte es jedenfalls nicht fertig, diesen Jungen fortzuschicken, und erhörte seine Bitten. Das mag auch seine 127 Gründe haben- denn August hat eine Schwäche für Jungen in mehr als einer Beziehung. Es war allerdings seine Aufgabe, dafür einen andern zu suchen. Denn die Zahl tausend mußte voll sein. Daher blieb ihm nichts anderes übrig, als den Ältesten und Schwächlichsten von denen, die noch zurückgeblieben waren, auszuwählen. Das mußte er tun! Es ist kein Wunder, daß August jetzt nichts mehr mit diesen Transporten zu tun haben will. Das nächste Mal mögen sie selber aussuchen und wählen, hat er gesagt. Es wird einem anderen kaum leichter werden. Aber der Elektriker August hält es nicht mehr aus! Er hat es seinerzeit lange genug ertragen. Das Leben vieler, vieler Mitgefangener hat er auf dem Gewissen. Anscheinend hat sein Gewissen es ihm früher nicht schwer gemacht. Gestern kam ein großer Transport Norweger ins Lager. 374 Mann, vorwiegend von Grini und Falstad. Ich weiß noch nicht, wie viele Bekannte dabei sind. Sie kamen gestern abend spät an, und ich konnte nur so eben mit einigen von ihnen sprechen. Ein Teil des Transports, der ursprünglich über tausend Mann stark gewesen sein soll, ist in andere Lager gebracht worden. Ich glaube, es waren keine Studenten dabei, aber ich schreibe mehr darüber, wenn ich Genaueres erfahren habe. Wir hatten gestern eine Weihnachtskomitee- Versammlung. Ich soll die Weihnachtsrede halten. Ich fürchte, daß es nicht gerade eine Festrede werden wird. Und dann wollen wir versuchen, eine ganze Menge Quatsch und Spaß zu machen. 14. Dezember 1943 Der Transport, der gestern aus Norwegen kam, bestand aus tausend Mann, wovon 378 hierher kamen, der Rest wurde von Stettin aus in andere Lager geschickt. Ich unterhielt mich heute morgen mit Ingenieur Jacobsen und Dr. Glöersen, die auch dabei sind. Es geht ihnen im ganzen genommen gut, wenn man davon absieht, daß sie alle miteinander verteufelt frieren. In den Norwegerbaracken sind größere Sammlungen von Unterwäsche im Gange. 128 Tallaug ist auch dabei. Weitere Transporte sind offensichtlich zu erwarten. Es waren auf Grini noch hundert Mann aufgerufen außer denjenigen, die abgezogen sind. Ob sie wohl vorhaben, Norwegen zu evakuieren und Wechselgeld mitzunehmen? Die Kälte ist gebrochen Gott sei Dank! Ich habe alle Unterwäsche, die ich entbehren kann, an Ingenieur Görrisen, die Dänen und einige andere verliehen. Sie haben sie sehr nötig. 15. Dezember 1943 Heute morgen habe ich die Neuangekommenen auf Block 37 begrüßt. Ich traf auch Hugo Berntsen; das war ein Gruß von unserer Gruppe auf Grini. Hugo ging es gut, er brachte Grüße mit von den anderen. Aber Gruppe 6 hatte sich längst aufgelöst. Einer war hierhin gekommen, der andere dorthin. Ich selbst kam ja ins Krankenhaus, bis ich dann weiter in Ungnade fiel. Ja, es war schon lange her, daß Gruppe 6 ihre Glanzzeit hatte. Das Weihnachtsfest im vergangenen Jahr z. B. war ein Kapitel in dieser Zeit, und das war ein gemütliches Weihnachten. Wie wird das Weihnachtsfest sich wohl in diesem Jahr gestalten, hier auf diesem Block, wo wir doch kaum Platz haben, uns alle auf einmal hinzusetzen? Berg- Hansen liegt auf dem Revier. Er hat einen leichten Fall von Dysenterie, aber es geht ihm schon besser. Das dunkle Gerücht, daß er und die beiden anderen, die aus dem Elsaß kamen, mit einem Todestransport weg sollen, verblaßt nach und nach, und ich hoffe sehr, daß es unbegründet war. Ein anderer dieser drei, Gasserud, ist auf unserem Block gelandet. Ich habe mich etwas mit ihm unterhalten über die Verhältnisse in dem Lager, aus dem sie herkommen. Ich glaube, es heißt Natzweiler. Dort ist es entsetzlich. Sie müssen hart arbeiten und bekommen wenig zu essen. Alle hungern und werden schwächer und schwächer. Das Bild, das er von seinen Kameraden und ihren Mühen gab, war wenig aufmunternd. R. H. zum Beispiel, der geschwollene Beine hatte- er war in sehr schlechter Verfassung nach den Verhörschrauben auf Victoria Terasse-, wurde aus 9 Nansen 129 dem Revier hinausgeworfen und mußte harte Arbeit leisten wie Steineschleppen und dergleichen. Leif hatte im Anfang nicht viel zu sagen, er war ja nur Krankenaufseher. Ein SS- Arzt war für alles zuständig. Ihm zur Seite stand eine Reihe Gefangener Berufsmit grünen Winkeln. Sie wurden BVs genannt verbrecher. Man erwartet noch mehrere Transporte aus Norwegen hierher. Zwei vor Weihnachten heißt es. Nicht weniger als dreihundert Geiseln hat man genommen. Ich bin kein Einzelfall mehr. Es befindet sich übrigens noch ein Geiselgefangener seit über zwei Jahren hier. Er war allerdings auch als ein großer Gegner Deutschlands bekannt. 16. Dezember 1943 Es herrscht kein Zweifel mehr darüber, daß Weihnachten vor der Tür steht. Alle Kommandos haben mehrere Mann beschäftigt, zum Teil sogar mit Überstundenarbeit, das heißt mehr als zwölf Stunden Arbeitszeit, damit die Spielsachen der SS- Herren fertig werden. Unser abscheulicher Freund, Herr Irsch, hat in einer der Werkstätten ein Miniaturauto für seinen Sohn anfertigen lassen. Ich habe es nicht gesehen, aber Joop hat es mir beschrieben. Es besteht ganz aus Metall und ist ein Stromlinienmodell. Im Innern ist es gepolstert und mit Leder überzogen, außen spritzlackiert. Es soll bildschön sein. Solche Autos haben bisher nur Millionärskinder in Amerika bekommen. Und hier läßt ein SS- Oberscharführer so etwas herstellen mit Hilfe von Gefangenen, die für ,, kriegswichtige" Arbeit hier gehalten werden! Sieh mal an! Da erscheint nun gerade SS- Scharführer Hellwig. Ich dachte, die Türe sei abgeschlossen, aber ich hatte mich getäuscht. Er kam direkt herein, sah, daß ich dasaß und schrieb, nahm dies Blatt in die Hand und fragte, ob ich denn wirklich so klein schreiben könne ohne Mikroskop. Im übrigen beruhigte er mich mit der Behauptung, daß er nicht gefährlich sei und nichts gesehen habe. Hellwig ist der einzige Nette von den Leuten hier, ich glaube auch, daß er in Ordnung ist. So sehr interessierte er sich aber doch für mein Manuskript, daß 130 er es mit einem Vergrößerungsglas, das er aus der Tasche zog, näher studierte. Er entdeckte den Namen Irsch, den ich vorhin erwähnt habe, und fragte, ob auch etwas über. Hellwig dort stünde. Ich verneinte. Daraufhin legte er die Blätter beiseite und begann, sich über Wind und Wetter und alles mögliche zu unterhalten. Ich glaube, ich kann ihm trauen. Den gleichen Eindruck hatte Frode gewonnen. Darum schreibe ich ruhig weiter. 20. Dezember 1943 Gestern morgen wurden die Betten von Frode, mir und einigen andern mit Kreuzen verschen, d.h. der Blockälteste kennzeichnete so das Bett eines jeden, der nicht auf die Sekunde aufgestanden war, als ‚Aufstehen‘ gerufen wurde. Wenn alle auf einmal aufstehen, ist es aber vollkommen unmöglich, sich in den schmalen ‚‚Straßen‘‘ zwischen den Bettreihen zu be- wegen. Die Betten sind ja übereinander gebaut, so daß drei Mann auf derselben Stelle landen, wenn sie aufstehen, Schuhe und Strümpfe und nach Möglichkeit auch einige Kleider an- ziehen wollen, während alle gleichzeitig auch„Betten bauen‘“ sollen. Man kann sich vorstellen, was für ein unbeschreibliches Chaos das gibt, was für eine verzweifelte Enge und was für eine lebensgefährliche Atmosphäre unter müden und hung- tigen Gefangenen! Es wäre entschieden zweckmäßiger für alle Teile, wenn einige mit dem Aufstehen warten würden. Für Frode und mich hat das Warten heute nicht gelohnt. Wir wurden deswegen bestraft: Die ganze Weihnachtswoche sollen wir früher aufstehen und das Essen holen. Eine schwere Mist- arbeit, mit der wir uns sonst abwechseln. Heute morgen holten wir also das Essen. Es war schwer, aber der Rücken hielt. Im übrigen besteht auch das nur aus Gebrüll und„Los- los!“. Ich bekam von einem freundlichen Koch einen Schlag ins Gesicht. Es war dunkel, und ich verstand nicht schnell genug, welchen Kessel ich tragen sollte. Um vier Uhr morgens ist es ja stockduster. Frode und ich haben jetzt eine neue Arbeit bekommen. Wir sollen einen Kantinenbau der SS dekorieren. Alfred, der die g* 131 Sache arrangiert hat, sagt, daß die Motive aus dem Krieg geholt werden sollen. Er möchte wohl diese Arbeit, zu der er bereits die Skizzen angefertigt hat, loswerden. Wahrscheinlich sollen wir nur Alfreds Skizzen ausführen. Mit dieser Arbeit sind wir dann wohl für einige Monate gesichert. Vorläufig ist das ja noch eine lange Zeit- selbst wenn sie kaum ausreichen wird, um uns bis zur Entlassung zu beschäftigen... Es sind weitere fünfundsiebzig Norweger in das Lager gekommen. Sie verließen Grini bereits, bevor der letzte große Transport abging, haben sich aber unter kümmerlichen Umständen in Kiel aufgehalten- nämlich im Gefängnis. Hier im Lager sind sie im Block 14 gelandet; das ist ein Zugangsblock. Schlimmer konnten sie es nicht bekommen. Dort regiert ein Teufel von einem Blockältesten, der schlägt und sich schlimmer als ein wildes Tier benimmt. Als Berg- Hansen dort war jetzt auf unserem Block-, hat dieser Blockälteste während des Exerzierens einen Holländer totgeschlagen. Der blieb draußen auf dem Platz vor den Baracken liegen. - er ist Gestern war ich mit Frode und Görrisen zusammen bei Dr. Daae zum ,, Mittagessen". Dr. D. kam aus dem Berliner Gefängnis, wo er mehrere Monate gesessen hat, auch während der letzten Bombenangriffe auf Berlin. Das sei unheimlich gewesen. Görrisen wird auch bald auf unseren Block kommen. 27. Dezember 1943 Am Abend vor Heiligabend wurde ich krank, hatte neununddreißig Grad Fieber. Mich dünkte, das Leben sei dunkler, trauriger und elender denn je. Sicherheitshalber ging ich auf das Revier zum Arzt- denn ich habe ja Kari versprochen, mich in acht zu nehmen. Dadurch wurde es mir denn vergönnt, auch diese Zeremonie zu erleben. Vollkommen im gleichen Stil wie all das andere, was hier vor sich geht. Eine lange Reihe gebrechlicher Individuen stellen sich in Schlange, nachdem sie an stundenlangen Appellen teilgenommen haben- oft bei zehn bis zwanzig Grad Kälte. Auch mit diesen Leuten wird exerziert - man sollte es nicht für möglich halten. ,, Aufstellung- Vorder132 mann! Richtet euch! Mützen ab! Augen rechts!" usw. Dies verlangen sie nun von Menschen, die auf Krücken laufen, mit verbundenem Kopf, Armen und Beinen. Von Menschen mit hohem Fieber! Ein Schauspiel, das schließlich nur Nationalsozialisten in Szene setzen können. Aber hier empfindet man dies eigentlich nicht als so außerordentlich. Man würde sich eher wundern, wenn solcherart nicht auch der Weg zum Arzt wäre. Mir wurde Bettschonung verordnet, nachdem ich eine Stunde lang Schlange gestanden und gefroren hatte. Ich ging dann zu Bett, es war mir dunkel und traurig zumute. Am Tag darauf war es schon entschieden besser. Und so kam denn Weihnachten mit Essen, Gesang, Vorstellungen, Betrieb und Gedränge. Ein merkwürdiges Weihnachten. Einesteils war es ganz gemütlich. Jedenfalls hatten Erik, Scott, Frode und ich für eine Weile eine gemütliche kleine Ecke am Tisch. Joel kam auch auf einen Sprung und wurde bewirtet, während das Barackengeschnatter um uns herum lärmte. ( Joel ist ein deutscher Mitgefangener- ein guter Freund und ein seltener Mensch, von Beruf war er Redakteur. Zwölf Jahre hatte er in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern zugebracht wegen seiner mutigen Meinungsäußerungen.) Das ,, Programm" enthielt nichts Außergewöhnliches, Weihnachtsunterhaltung und eine Art Weihnachtsstimmung. Aber dann kam Överland. Er las ein Weihnachtsgedicht vor. Das war ein Erlebnis! Diejenigen, die sich vielleicht eingebildet hatten, daß ihm etwas fehle, hatten sich geirrt. Er war in seiner allerbesten Verfassung, selten hat er eine schärfere und klarere Form geprägt. Er gab dem Abend Inhalt und machte ihn zu einem Erlebnis. Aber du großer Gott, was für ein Risiko lud er sich damit auf, dieses Gedicht in sämtlichen norwegischen Baracken vorzutragen! Wenn das in die Hände der SS gelangt wäre, hätte das Schlimmste passieren können. Im Laufe des Abends bekamen wir auch Besuch von einem Sprechchor aus einem der anderen norwegischen Blocks. Er war frisch und gut. Für mich gab es nur ein Großes am Heiligabend 1943: Der Brief von Kari. Er kam vom Himmel- gerade am Heiligabend. Eingeklemmt zwischen anderen auf einer Bank las ich ihn zum 133 erstenmal, dann machte ich, daß ich in den Schlafsaal kam und ins Bett hinauf, und dort las ich und las, mehrere Male, und schließlich ging ich in das Dunkel hinaus, hinaus zwischen die Norwegerbaracken, und weiter auf den Appellplatz. Dort war ich dann endlich alleine im Stockdunklen, mitten. auf dem Platz. Hier konnte mich niemand hören oder sehen. Vor mir schimmerten die Lichter des Weihnachtsbaumes, der auf dem „Galgenhügel“ angezündet war. Ja, es stimmt. Dort, wo der Weihnachtsbaum aufgestellt war, pflegte man sonst den Galgen zu errichten, und nach der Exekution müssen alle daran vorbei- marschieren. Hinter mir auf dem Wachtbalkon des Eingangs- gebäudes stand eine Handvoll SS-Soldaten mit Stahlhelmen, Maschinenpistolen und Maschinengewehren, bereit, beim kleinsten Anlaß das Dunkel und den Weihnachtsfrieden mit Gebrüll und Kugeln zu zerreißen. Aus den heiseren Metall- trommeln der Lautsprecher draußen auf dem Platz ertönten die frommsten Lieder und gaben trotz allem eine gewisse Erinne- rung an Weihnachten. So stand ich lange, lange. Wie lange, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß ich zu Hause auf Polhögda war, zu Hause bei Kari,Marit, Bigil, Siri und Smaaen. Ja, sicher- lich weinte ich etwas, ärmlich und verloren wie ich dort stand in meinen Lumpen im Dunkeln. Aber ich möchte jenen Augen- blick nicht eintauschen gegen irgend etwas von dem, was das Leben hier unten bieten kann. Und im Grunde finde ich nicht, daß es eine Schande ist, ein wenig weinen zu können. Ich war nur so entsetzt- und beinahe auch ein wenig froh darüber, daß ich es noch konnte. 1. Januar 1944 Silvester ist vorübergegangen- man hat es kaum gemerkt. Und nun befinden wir uns im Jahre 1944! In unserer Baracke haben wir Silvester gar nicht gefeiert. Die meisten gingen zu Bett, obwohl wir anläßlich des Tages bis zehn Uhr hätten aufbleiben dürfen. Vorgestern ließ mich der Chef des Kommandos, Haupt- sturmführer Steger, kommen. Was er von mir wollte? Doch, er hatte nun erfahren, daß ich Nansen hieß und der Sohn sei 134 von usw. usf. Er habe viel über meinen Vater gelesen, sagte er, und er kenne dessen Verdienste um die Wissenschaft und um die Menschheit und er bedaure, daß ich einer derartigen Behandlung ausgesetzt sei. Er könne leider nichts daran ändern und sich überhaupt nicht hineinmischen. Ich sei ihm als Gefangener ausgeliefert worden und er müsse mich als Gefangenen behandeln. Aber er könne mir gewisse Erleichterungen verschaffen in der Arbeit hier draußen, und das wolle er auch tun. Er werde mir ein eigenes Zimmer anweisen in einer Baracke, wo ich es bequemer haben, schreiben, zeichnen, lesen und anderes mehr tun könne. Ich bedankte mich bei ihm, sagte aber, daß es mir dort gut gehe, wo ich sei, und daß ich Wert darauf legte, mit meinen Freunden weiterhin beisammenbleiben zu dürfen. Er erzählte dann, daß man beabsichtige, unseren jetzigen Aufenthaltsraum in einen Lagerraum zu verwandeln. Ich hatte den Eindruck, daß die Sache vorläufig auf sich beruhen solle, daß aber Frode den neuen Aufenthaltsraum mit mir teilen dürfe, wenn es soweit sei. Außerdem sollte ich freien Zutritt zu Steger haben, wenn ich irgend etwas wolle. Ich solle dem Unterscharführer im Vorraum nur mitteilen, daß ich der Häftling Nansen sei, und ich würde zu jeder Zeit direkt hineingelassen werden. Mir blieb ja nichts anderes übrig, als mich für soviel Aufmerksamkeit zu bedanken. Ich fühlte mich nicht recht wohl dabei, aber mir kam der Gedanke an Karis Bitte an mich, mich zu schonen, und hier hatte ich ja Gelegenheit dazu, ohne daß es auf Kosten anderer ging. Es war nur ein junger, ungeschickter, etwas taktloser, aber wohlwollender und ziemlich beschämter deutscher Offizier, der mir zeigen wollte, daß er etwas mehr könne als sein Vaterunser. 2. Januar 1944 Joel erzählte mir gestern von dem Transport von tausend Mann, der vor einiger Zeit hier wegging. Ein Todestransport! Sie hatten unterwegs kein Essen bekommen und waren überhaupt nicht aus den Wagen, in die sie hineingepfercht worden waren, herausgekommen. Als sie in Lublin ankamen, wurden 135 die Wagen in eine Halle gefahren, die unter Gas gesetzt wurde. Alle starben. Joel hatte den Bericht von einem der SS- Wachmannschaften bekommen, der den Transport begleitete. Ich glaube, ich habe vergessen, über Apotheker Juell zu berichten, der mein guter Freund war auf Grini. Er kam nach Deutschland mit jenem Transport, der unterwegs in Kiel lag. Gleich am ersten Tag hier in Sachsenhausen wurde er krank. Mit Grippe fing es an, dann kam eine Lungenentzündung und schließlich eine Hirnhautentzündung, und am Heiligabend um halb fünf Uhr starb er, nachdem er ungefähr einen Tag und eine Nacht bewußtlos gelegen hatte. Juell war ein so strahlender Optimist gewesen. Im Sommer war er so sicher, daß der Krieg aufhören werde und daß er im Herbst auf Jagd gehen könne- im vergangenen Herbst. Er wettete sogar mit mir darum. In seiner kleinen Apotheke auf Grini haben wir manchen Becher miteinander getrunken. Er verstand es meisterhaft, den Benzolgeschmack zum Verschwinden zu bringen. Sein frohes Gemüt und seine gleichmäßig gute Laune machten ihn zu einem hervorragenden Gefangenenkameraden, der nur Licht und Freude um sich verbreitete. Jetzt ist er tot. So fängt das neue Jahr an- jenes Jahr, das die Entscheidung bringen soll. Ja, sicherlich! Haben sie nicht genau dasselbe vor einem Jahr von 1943 gesagt? Und haben wir denn nicht auch daran geglaubt- von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, bis wir einsahen, daß es nicht wahr war, daß der Krieg noch ein Jahr dauern würde und vielleicht noch mehr. Für uns, die wir hier sind, hat noch nie ein Jahr dunkler angefangen, mit mehr zerstörten Illusionen und weniger Sicherheit. Und in noch traurigerer Umgebung als hier in Sachsenhausen kann man wohl kaum ein neues Jahr willkommen heißen. Nichtsdestoweniger knüpfen wir aufs neue unsere Hoffnungen, unsere brennenden Wünsche und unsere beißende Sehnsucht an das neue Jahr. Die Nachrichten sind ausgezeichnet, und alles in allem gesehen haben wir doch guten Grund, die Lage mit etwas mehr Optimismus zu betrachten. 136 3. Januar 1944 Ich bin von einem anderen Kommando angefordert worden. Das heißt, daß die Leitung eines anderen Kommandos hierher geschrieben und gebeten hat, daß der Gefangene Nr. 72060 Nansen dorthin übergesiedelt werde, da sie ihn als Architekten nötig haben. Das kam folgendermaßen: Ein Unter- und ein Oberscharführer saßen dort, wo Scott Isaachsen arbeitet, zusammen und unterhielten sich über den Völkerbund und über Frithjof Nansen. Der eine behauptete, Nansen sei am Nordpol gewesen, der andere meinte, nein, das sei nicht wahr. Sie zankten sich eine Weile herum, bis Scott unglücklicherweise sagte, daß sie das leicht erfahren könnten, da Frithjof Nansens Sohn hier im Lager als Gefangener sei. Sie fingen an, interessiert und neugierig zu werden, und als sie erfuhren, daß ich Architekt sei, entdeckten sie, daß ihnen auf dem Kommando ein Architekt fehle. Der wurde dann ,, angefordert". Selbstverständlich hege ich gar nicht den Wunsch, hier wegzukommen. Das Schlimmste ist, daß man jetzt meint, ich hätte dies selbst in Szene gesetzt. Ich habe Joop die Sache erklärt, er will mit Irsch verhandeln. Hauptsturmführer Steger entscheidet. Vielleicht muß ich selbst mit ihm sprechen. Im übrigen tun wir weiterhin nichts. Ich habe Angst, daß es Krach gibt, wenn wir Irsch nichts vorzeigen können, wenn er kommt. Aber irgendwie pfeifen wir darauf. Ob dies nun die große Gleichgültigkeit und Stumpfheit ist, ob es mit dem wachsenden Optimismus in bezug auf den Ausgang des Krieges zusammenhängt oder ob es nur die Nachwehen von Weihnachten und Neujahr sind ich weiß es nicht, es ist jedenfalls so. - 6. Januar 1944 Die Gefahr, daß ich zu einem anderen Kommando übergesiedelt werde, scheint vorüber zu sein. Irsch hat sie dadurch abgewehrt, daß er dem Chef auf der Arbeitsdienststelle, die mich anforderte, antwortete, daß ich als Architekt mit gewissen Ausweiterungsplänen für das Lager hier draußen be137 schäftigt sei und daß diese Arbeit ebenso ,, kriegswichtig" sei wie jene, die sie im anderen Kommando vorhätten! Heute war Irsch auf einen Sprung hier, das erstemal seit Weihnachten. Er war freundlich, beinahe lächelnd, und alles war ,, ganz nett". Wir haben noch nie sicherer hier gesessen als jetzt, glaube ich. Die polnische Grenze ist in einer Breite von hundert Kilometern überschritten- der Optimismus im Lager ist sehr gestiegen. Die Gerüchte laufen schlimmer denn je. Es fängt an, sicherer und sicherer zu werden, daß die Invasion in diesem oder womöglich im nächsten Monat erfolgen wird. Wahrhaftig, ich glaube es auch. Das und noch viel mehr. 7. Januar 1944 Die polnische Grenze ist in einer Breite von vierhundert Kilometern überschritten. Es fehlt nicht viel, daß wir Hurra rufen, so gut ist unsere Stimmung. Heute nacht habe ich doch so lebhaft geträumt, daß ich wieder nach Hause gekommen sei. Das war wundervoll. 13. Januar 1944 Heute sind es zwei Jahre her, daß ich verhaftet wurde. Zwei ewig lange, sinnlose Jahre. Wo sind sie denn geblieben? Ich wage es nicht, an sie zurückzudenken. Der Optimismus verblaẞt auch allmählich trotz der guten Nachrichten aus dem Osten. Wann in aller Welt werden die entscheidenden Ereignisse eintreten? - Zwei Mann sind festgenommen worden, weil sie auf SSRadio den Londoner Sender gehört haben. Sie werden fünfzig Schläge bekommen und für immer in SK geschickt werden. Das bedeutet ihren Untergang. Eine Katastrophe für zwei Mitmenschen! Das kommt von der Schwatzhaftigkeit. Wir hören davon, sprechen etwas darüber, sagen so etwas wie, daß es doch schrecklich sei- und vergessen es. 138 17. Januar 1944 Heute war ich auf dem Revier und besuchte wie immer Henry Hansen. Das war ein trauriger Besuch. Um ihn herum in dem Saal liegen sterbende Menschen. Sein Bettnachbar hat nicht mehr lange zu leben, er lag nur die ganze Zeit und stöhnte und sah schon aus wie eine Leiche. Hinter ihm lag ein Armer und jammerte, ihm war der rechte Arm amputiert worden. Jetzt hatte er sein Bett beschmutzt und bekam deswegen schreckliche Schelte von schlecht gelaunten und brutalen Krankenwärtern. Während der Nacht war ein Nachbar auf der anderen Seite von Henry gestorben. Sein ganzer Körper von den Fußsohlen bis zu den Leisten war voller Entzündungen und Elend gewesen. In dieser Umgebung liegt der arme Henry da, hilflos und leidend. Es ist kein Wunder, daß er schwere Gedanken hat. Und man kann auch gar nichts für ihn tun, als etwas Kautabak und das eine oder andere Buch mitbringen. Ich habe ein unheimliches Gefühl, als wenn er dies unmöglich auf die Dauer aushalten könne. 21. Januar 1944 abend mit Heute nacht waren sie wieder da, d. h. gestern einem großen Angriff. Nach dem Abendappell fing es an. Vom Appell aus tasteten wir uns im Dunkeln nach Hause, sahen zu, daß wir das Bett fanden, und wälzten uns hinein. Und dann krachte es los. Es war ein Angriff wie immer. Wir sind jetzt so daran gewöhnt, daß wir uns gar nicht mehr viel daraus machen. Ich war am Mittwoch wieder bei Henry. Es geht ständig bergab. Jetzt hatte er mit seinem belgischen Arzt gesprochen und ihn direkt gefragt, ob er glaube, daß er wieder gesund werde. Der Arzt habe etwas ausweichend geantwortet ,, und weißt du", meinte Henry ,,, das genügte mir." Dann blickte er mir gerade in die Augen und sagte: ,, Es ist hoffnungslos! Und dann ist es ja ebenso gut, daß es hier unten zu Ende geht mit mir, denn in diesem Zustand nach Norwegen zu kom." Was sollte ich antworten? Meine tröstenden Worte fielen flach zur Erde. Aber er nimmt es tapfer. men 139 Es passiert kaum etwas anderes, als daß die Russen gleichmäßig vorangehen, während Engländer und Amerikaner reden und Generäle und Oberbefehlshaber ernennen für was? - Bryde bekam neulich Bescheid, er möchte sich auf der politischen Abteilung stellen und zwar in Zivil. Zuerst hieß es natürlich, daß er entlassen werden sollte. Aber es wurde eine Fahrt nach Berlin daraus. Es handelte sich um eine Art Verhörein seltsames Verhör! Er wurde ganz ausgezogen und mußte sich so vor einige Sturmbannführer stellen, worauf er mit Scheinwerfern beleuchtet wurde, während die Grünen im Dunkeln saßen. Er wurde gefragt, ob er in die SS eintreten wolle und ob er sich darüber im klaren sei, daß die Bolschewisten sich nicht damit begnügen würden, Deutschland zu nehmen, sondern in jenem Fall auch Norwegen nehmen würden. Ob er nicht gegen sie kämpfen wolle usw. Er antwortete, wie man soll und muß, und kehrte am Abend ins Lager zurück, ohne daß etwas Weiteres passierte. 26. Januar 1944 Zur Zeit regnet es, und es ist windig, ein entsetzlich ungemütliches und kaltes Wetter- typisch Sachsenhausen. Und da es ja verboten ist, mehr als eine Unterhose und ein Hemd anzuhaben, wird es verdammt kalt. Denn die Überziehkleider, die man hier bekommt, geben keine Wärme. Mein Isländer und meine Pelzjacke sind es, die mich am Leben erhalten. Aber es ist unmöglich, die Erkältung loszuwerden. Jetzt habe ich sie seit vor Weihnachten, und jeden Tag ist es gleich damit, nachdem ich stundenlang auf den Appellplätzen gestanden und gefroren und gehustet habe. Viele haben Bronchitis und viele bekommen Lungenentzündung, viele haben Rippenfellentzündung bekommen und viele leider auch Tuberkulose. Aber man muẞ vollkommen krank und arbeitsunfähig sein und hohes Fieber haben, ehe man in Behandlung kommt oder irgendeine Arznei erhält oder bevor man überhaupt geschont wird. Im übrigen haben wir ja bis jetzt einen verhältnismäßig merkwürdig milden Winter gehabt mit wenig Kälte, dafür aber viel 140 elend nasses und naẞkaltes Wetter, dessen Wind wir täglich bis auf das Rückenmark gespürt haben. Gott weiß, ob Kälte nicht besser gewesen wäre! Gestern bekam ich endlich ein Paket, nachdem wir alle vier lange Zeit auf den Daumen gelutscht haben. Vieles war aus dem Paket herausgestohlen, unter anderem beinahe der ganze Tabak. Aber was ich bekam, kommt uns gut zustatten. Sonst geht es mir zur Zeit gut. Ich zeichne eine Hütte für mich selber und teile mir die Zeit ein wie ich will hier auf unserer Bude. 30. Januar 1944 Vorgestern nacht und gestern waren Großangriffe auf Berlin. Es muß schlimm hergegangen sein, aber bis hierhin dringen nur Gerüchte darüber. Ein viermotoriges englisches Bombenflugzeug stürzte gestern nacht in der Nähe des Lagers ab. Viele haben es gesehen, ich muß wohl wieder eingeschlafen sein. Merkwürdig, daß man tatsächlich schlafen kann, während da draußen die Hölle los ist. Im übrigen ist das Leben eintöniger denn je. Jeder Samstag ist ein dunkler Tag, denn er vergeht ständig, ohne daß ich einen Brief von Kari bekomme. Nur leere Briefumschläge habe ich erhalten. Ich verfluche die Unbekannten, die diese geschickt haben. Aber Flüche helfen wenig, sie klingen nur leer und häßlich hinaus in das graue, neblige Dunkel, das uns Tag und Nacht umgibt. Hustend und räuspernd mit beißenden Schmerzen in der Brust und in Armen und Beinen, die steif sind vor Kälte, gehen wir daher mit stumpfem Gehirn und hoffnungslosem, starrendem Blick in der Tretmühle- tagaus, tagein! Nein- doch nicht hoffnungslos! Die Sehnsucht hält das Leben und die Hoffnung aufrecht! Eine nagende, beißende Sehnsucht, die uns nie in Ruhe läßt. Gott sei Dank! - 31. Januar 1944 Man ließ ihn gestern am Jahrestag der Machtübernahme seine Rede nicht in Ruhe halten. Erst kamen sie um zwölf Uhr und unterbrachen. Ich weiß nicht, ob es zu einem größeren Angriff 141 kam, aber am Abend kamen sie wieder und da gab es einen Großangriff auf den Osten von Berlin, erzählte mein Freund, der Zivilarbeiter hier. ‚Nun habe ich Berlin abgeschrieben‘, sagte er. Ich besuchte Henry gestern. Es besteht kein Zweifel darüber, daß es jetzt bergab mit ihm geht. Er hat keine Schmerzen und lächelt denen, die ihn besuchen, blaß zu. Er versucht tapfer, optimistisch zu wirken, aber es gelingt ihm nicht mehr so gut. Ich zeichne eine Hütte für mich selbst und habe ständig gute Tage. Meinem ‚„Beschützer‘‘ Steger ist es schon ernst gewesen. Frode arbeitet unten bei den Deutschen und hat zwischendurch etwas frei. Dann kommt er hierher. Rolf hat eine Bestellung auf zweitausend Schlüsselschilder bekommen und kann damit rechnen, daß er den Winter über hier bleibt. Er kann mit Leichtigkeit drei- bis vierhundert Schilder am Tag herstellen, während er einen Auftrag auf zweihundert in der Woche bekommen hat. Einige Engländer sind hier in der Nähe mit dem Fallschirm heruntergekommen. Die Fallschirme hängen noch in den Bäumen. Die Feuerwehr ist damit beschäftigt, sie herunterzu- holen. Feine Seidenschirme, sagt Bjarne, der mit dabei war. 5. Februar 1944 Neulich kamen einige Männer aus Natzweiler hier an. Was sie von jenem Lager erzählten, ist ganz entsetzlich. Von einem Transport aus Norwegen(dem Weihnachtstransport) von hundertundzwanzig Mann sind neunundzwanzig an Lungen- entzündung gestorben. Von den übrigen liegen noch fünfzig auf dem Revier mit der gleichen Krankheit. Leif hat die beiden gebeten, Oftedal, dem Arzt, mitzuteilen, daß die Norweger in Natzweiler alle hundertprozentig Muselmänner sind. Wenn man an diejenigen denkt, die an diesem Massenmord schuld sind, dann ist es nicht merkwürdig, wenn man die Gewalt über sich verliert vor Haß und Raserei. Die Nachrichten sind gut, aber die Invasion ist noch immer ein Mythus. Es laufen Gerüchte, daß sie im Lauf von einigen 142 Wochen kommen wird. ,, Churchill hat es gesagt!" Zweiundfünfzig Wochen zum Beispiel? Diese Männer drücken die Dinge immer so aus, daß ihre Worte richtig bleiben, wie es auch kommen mag. Aber es wird schon gehen, Kari! - 7. Februar 1944 Es ist beißend kalt, und wir frieren wie die Hunde. Aber jetzt wie früher müssen wir uns damit trösten, daß wir es besser haben als so viele andere. Meine Gedanken können sich von Leifs Nachricht aus Natzweiler nicht lösen. Gegen den Frühling werden sie wie Fliegen sterben, hat er gesagt. Er selbst war heruntergekommen. Er starrte nur vor sich hin mit einem gläsernen Blick. Sie haben überhaupt keine Arznei gegen Lungenentzündung. Es geht uns also großartig im Vergleich zu ihnen. Leider kam ich gestern zu spät, um Henry zu besuchen. Ich hatte eine Tüte Keks und Apfelsinen für ihn gerichtet, darum war es ärgerlich. Vielleicht gelingt es mir, mich heute hineinzuschleichen. - Gestern liefen wilde Gerüchte Sonntagsgerüchte. Unter anderem sei Narvik genommen. Noch eine Reihe anderer Sensationen gab es, die nicht einmal erwähnenswert sind. 12. Februar 1944 Vor einiger Zeit flohen zwei Mann, und darum haben wir eine Zeitlang Portionensperre. Das heißt, wir bekommen am Mittag keine Brotration. Das ist ganz katastrophal für die Russen, Ukrainer und einige andere. Die Brotportion bildet ja den Hauptbestandteil unserer ärmlichen Mahlzeit. Ich habe übrigens viele Tage lang nichts gegessen, weder Brot noch Kartoffeln oder Kohl. Es geht mir wirklich schlecht. Ich habe Durchfall bekommen. Den ganzen Vormittag habe ich auf einer Matratze im Nachbarzimmer gelegen und habe gedöst. Ich bin so schlapp und wackelig, daß es mir schwer fällt, mich aufrecht zu halten. Ich habe fünfundzwanzig MB- Tabletten 143 gegessen(Kari schickte sie mir in einem Paket) in der Hoffnung, daß es helfen sollte. Ich habe wenig Glück gehabt in den letzten Tagen, als ich verschiedentlich versuchte, aufs Revier zu kommen. Ich schaffe es nämlich nicht, lange auf einmal Schlange zu stehen. Immer wieder muß ich weglaufen nach einem gewissen Ort. Es ist auch„‚spannend‘‘, beim Appell zu stehen, aber bis jetzt habe ich es ganz gut geschafft. Man hat Geld gesammelt für die Muselmänner des Lagers. Der Kommandant hat das veranstaltet. Es heißt, es sei frei- willig, aber alle sollten einen Betrag zeichnen, der zum Einkauf von Essen aus der Kantine verwandt werden soll. Erstens gibt es in der Kantine wenig oder gar nichts von besonderem Nähr- wert, zweitens haben sie blutige Preise, und drittens bedeutet es nur, daß die SS Geld nötig hat. Das Ganze ist ein Schwindel, darauf angelegt, unser Geld zu bekommen auf eine scheinbar „ehrenhafte‘, ja, sogar„hochsinnige‘‘ Weise. 22. Februar 1944 Samstag- wieder kein Brief. Der letzte Brief, den ich von Kari bekam, war am ı2. Dezember geschrieben. Was mögen sie wohl mit meinen Briefen machen? Sie werden sie wahr- scheinlich nur wegwerfen! Was spielt das auch für eine Rolle, ob ein Häftling ohne Verbindung mit seinem Heim ist? Mit meinem Durchfall ist es nicht besser. Ich war bei Dr. Glöersen, und er bot mir an, mich aufs Revier zu legen. Ich hätte Ruhe und Wärme nötig, sagte er. Aber auf dem Revier würde ich ja nur liegen und frieren, denn es ist nicht erlaubt, Kleider mitzunehmen. Ich bedankte mich darum. Ich will ver- suchen, mich außerhalb des Krankenhauses durchzukratzen so recht und schlecht, wie es eben geht. Als ich gestern Henry besuchen wollte, kam ich an einer Bahre mit einer Leiche vor- bei, die man mitten auf den Weg hingesetzt hatte. Ein Zipfel der Decke war weggeweht und enthüllte ein grinsendes, blau- schwarzes Gesicht, abgemagert und stierend. Bin schreckliches Gesicht. Die Begleitung zu dieser Idylle bildete ein ständiger Strom schwatzender Gefangener, die keine Notiz von der 144 - eine ohrenzerreißende Bahre mit der Leiche nahmen, und Tanzmelodie aus den Lautsprechern überall im Lager. Als ich von meinem Besuch zurückkehrte, lag die Leiche immer noch da, und der Strom der Gefangenen ging nach der anderen Richtung daran vorbei- ebenso lärmend und schwatzend wie vorher. Die Lautsprecher schrien los auf die gleiche Weise, der rasende Pförtner- Gefangener wie wir anderen- war dabei, einen armen Ukrainer zu schlagen und auszuschelten, und das blauschwarze Gesicht der Leiche stierte hinauf in den regnerischen Himmel. Drinnen sah es nicht besser aus. Überall lagen todkranke Menschen. Bei einigen war es beinahe so weit- sie lagen nur und kämpften mit den letzten Regungen von Leben. Von draußen hörte man das Brüllen und die grotesken Rhythmen der Lautsprecher. Plötzlich kam der Block älteste in den Raum gestürzt und schrie wie ein Rasender, daß die Besuchszeit um sei und im Krankensaal absolute Ruhe herrschen müsse. Die Besucher hätten zu gehen! Darauf besiegelte er seinen Befehl mit einigen Kraftausdrücken, die an einen Patienten gerichtet waren, der irgend etwas tat, was wohl verboten war. Endlich knallte er die Türe mit Gepolter zu und verschwand. Ich nahm Abschied von Henry und ging wieder ,, nach Hause"- vorbei an der Leiche auf der Bahre, hinaus in die Schlange der Mitgefangenen, hinein in das Gedränge in der Baracke. Was für ein Leben! August, der Elektriker, der der eigentliche Oberarzt und Diktator auf dem Revier war, und der viele, viele Leben auf dem Gewissen hat, wurde dieser Tage in seinem Raum in flagranti mit einem kleinen Ukrainerjungen geschnappt. Er wurde umgehend auf Transport weggeschickt. Viele atmen erleichtert auf, aber das Leben geht seinen schiefen Gang weiter. So etwas gehört auch mit zur Tagesordnung. 25. Februar 1944 Ich glaube, ich schrieb neulich, es passiere nichts. Das ist bestimmt eine Wahrheit, die sehr verschieden aussehen kann. Der Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums steigt ohne 10 Nansen 145 Unterlaß in die Luft, Tag und Nacht. Viele, viele Menschen werden täglich erschossen oder auf andere Weise umgebracht. Der junge russische Kriegsgefangene, den ich neulich traf und mit dem ich mich am Sonntag auf dem Revier ein wenig unterhielt, wurde am Tage danach zusammen mit seinen drei Kameraden, die auch„gestanden“ hatten, daß sie Juden seien, erschossen. Der Lohn für ihre„Ehrlichkeit“ bestand also darin, daß ihr Leben um einige Tage verlängert wurde. Es ist gefährlich geworden, auf dem Revier zu sprechen. Man hat jetzt ein besonderes Spionagesystem eingeführt, um zu erfahren, was die Gefangenen wissen und worüber sie sich in bezug auf Kriegsnachrichten und Politik unterhalten. Man muß den Mund halten und vorsichtig sein. Bei einem Hol- länder hat man ein Tagebuch gefunden. So etwas kann zu einer Katastrophe führen. Ich überlege, ob ich nicht aufhören soll. Ich werde das angefangene Buch zu Ende führen und dann jedenfalls eine Weile aussetzen. Durch solche Vorkomm- nisse wird man unweigerlich etwas nervös. Eine tolle Schiebungsgeschichte hat man im Lager aufge- deckt, aber sie ist wieder totgeschwiegen worden, weil eine lange Reihe von SS-Leuten und anderen Prominenten darin verwickelt war. Der türkische Militärattach& wurde vor einiger Zeit verhaftet und saß eine Woche hier im ‚‚Bunker“. Er hatte von einem Hauptscharführer über 200 Juwelen und dazu 120000 Dollar gekauft. Diese hatte er in der türkischen Nationalbank angelegt. Der hiesige Kommandant erzählte ihm, daß das alles gestohlene Werte seien, die die Gefangenen hier im Lager hätten, und forderte ihn auf, alles wieder zurück- zugeben. Der Militärattache erklärte sich dazu bereit, jedoch unter der Bedingung, daß er eine klare Erklärung darüber er- halte, wo die Werte herstammen, wem sie gehören und wie es möglich sei, daß Gefangene in einem Gefangenenlager in den Besitz solcher Dinge gelangen könnten. Daraufhin wurde die Angelegenheit totgeschwiegen, der türkische Militärattach® wurde freigelassen. Leute von zwei anderen Gesandtschaften sollen auch darein verwickelt sein. Die Sachen hatte ein SS- 146 Gruppenführer vermittelt. Sie stammen alle aus der Schuhfabrik. Es war jüdischer Besitz, der in Schuhen und Kleidern versteckt gewesen war. 16. März 1944 Wieder ein paar Worte. Es ist so viel geschehen, daß ich mein Gedächtnis entlasten muß. Die Angst davor, daß meine Papiere Unberufenen zu Gesicht kommen könnten, hat unweigerlich nachgelassen, nachdem ich nach und nach Abstand zu den Dingen bekommen habe. Ich glaube, daß das erste Geschehen, nachdem ich die ,, Waffen" niederlegte, ein nachdrücklicher Tagesangriff auf Berlin gewesen ist. Der Angrifferfolgte bei strahlendem Sonnenschein. Es war wohl der erste Tagesangriff auf Berlin. Zwei Gefangene der eine ein Norweger- und ein SS- Fahrer wurden während des Angriffs getötet. Das waren die ersten Todesopfer durch Luftangriffe in unserem Lager. Wie viele werden es wohl werden, bevor alles vorüber ist? 20. März 1944 Es gibt so manches, das man liebhatte- das aber im Laufe der Jahre aus dem Gedächtnis entschwunden ist und das hier bei diesem Leben wieder wach wird. Die Gedanken kreisen um all das Zuhause- von Kindheit auf und alle Jahre hindurch-, Spiel und Ernst- Sorgen und Freuden. Wie schön und reich das alles wird! Es ist, als gehörte es zu einer ganz anderen Welt. Heute sitze ich nun hier und erinnere mich daran, daß Aasmund Geburtstag hat. Ich höre vor mir sein offenes Lachen, sehe seine strahlenden Augen, wenn er froh wurde seine Trauer und herzzerreißende Verzweiflung, wenn ihm die Welt böse und ungerecht vorkam. Wenn du es gewußt hättest, Aasmund, wie böse und ungerecht die Welt und die Menschen wirklich sind, dann hätte es wohl dein feines und gutes Herz zermalmt. Es war vielleicht ein mildes und gutes Schicksal, das dich hinwegnahm und dich von all dem verschonte, das da kommen sollte... - 10* 147 22. März 1944 Es ist zwischen zwei und drei Uhr. Wir haben gerade einen Bombenangriffaus der Nähe erlebt. Vier Lager- und Werkstatt- baracken brennen, dazu das Wirtschaftsgebäude der SS und eine SS-Wohnbaracke. An einer der Fahrbereitschaftswerk- stätten sind die Wände und die Türen eingedrückt. Wie immer bei Fliegeralarm mußten alle Gefangenen in die Speisebaracke gehen, wo wir wie Heringe in einem Faß zusammengepfercht wurden. Es dauerte nicht lange, aber es waren merkwürdige, eindringliche Minuten. Weniger als sechzig Meter von unserer Speisebaracke entfernt gingen Bomben nieder. Als alles vor- über war, wurden die Reichsdeutschen und die Norweger als Hilfsmannschaften hinauskommandiert. Die anderen mußten bleiben. In solchen Fällen fragt man nur nach den„Ger- manen“. Wir bekamen also Gelegenheit, uns das Ganze aus der Nähe zu betrachten. Ich glaube nicht, daß viele etwas Beson- deres leisteten. Die Streichholzhäuser brannten lustig, und die ganze SS-Speisebaracke sowie die vier Lager- und Werkstatt- baracken mit Werkzeug und allem wurden vernichtet. Während ich dies schreibe, brennt es noch. Ich sehe es durch das Fenster. Mit einem Schlag sind wir an die Front gekommen, und wir werden wahrscheinlich noch eine Weile dort bleiben. Wenn ich dich doch nur beruhigen könnte, Kari, denn du wirst davon wohl erfahren. 23.März 1944 Im Gefangenenlager waren auch Bomben gefallen. Die Hälfte einer Baracke war niedergebrannt, sonst gab es nur kleinere Schäden. Ich weiß noch nicht, wie viele verletzt sind und wie ernsthaft. Es heißt, daß ein Mann getötet wurde und daß vier Schwerverletzte auf das Revier gebracht worden sind. Sicher ist jedenfalls, daß ein Gefangener erschossen wurde, weil er auf dem Brandplatz stahl. Er wurde auf frischer Tat ertappt und auf der Stelle erschossen. Keiner findet etwas dabei. Er war nicht mehr wert, sagt man nur und zuckt die Achseln. So- wohl die SS als auch die Gefangenen scheinen einverstanden 148 zu sein mit dieser Art von Rechtspflege. Ich glaube übrigens, daß die meisten Norweger noch auf so etwas reagieren. Der Erschossene war ein ausgehungerter armer Ukrainer, der ein Brot sah, das doch verbrannt wäre. Beim Abendappell bekamen vier Mann je fünfzehn Stockschläge, angeblich, weil sie während des Bombenangriffs genascht hatten. Einige Baracken marschierten vom Platz weg, bevor diese Szene vorüber war. Blockchefs gaben den Befehl, ohne das Zeichen zum Abmarsch bekommen zu haben. Sie wurden wahnsinnig angeschnauzt vom Lagerältesten, der wie ein Verrückter herumlief. Ich sah, wie er zwei Leuten mitten ins Gesicht schlug ohne jeglichen Anlaß( geschweige denn Recht). Der eine fiel auf den Boden, versuchte, sich zu erheben, sank aber wieder zusammen. Fr hatte den Kopf verbunden und wollte wahrscheinlich zum Revier gehen. 24. März 1944 Gestern kam kein Fliegerangriff, aber in anderer Beziehung war es ein harter Tag. Wir mußten nämlich alle miteinander Bretter schleppen. Unser Lager soll verlegt werden, da ja bei dem Brand neulich im ganzen zehn Baracken und Werkstätten zerstört wurden. Heute sitze ich hier im Büro, bin leer im Kopf und habe Muskelkater in den Gliedern nach den Strapazen des gestrigen Tages. 27. März 1944 Der Sonntag verlief wie andere Sonntage- oder Alltage. Die meisten schlafen. Ich machte wie üblich Krankenbesuche. Frode geht es sehr gut. Er ist praktisch genommen gesund, schält sich jetzt und hat zwei bis drei Wochen Ferien vor sich. Er bekam Nachricht von zu Hause und hat erfahren, daß auch Hannagreta nach Deutschland geschickt worden ist. Sie befindet sich in Ravensbrück, und er wird wohl bald Verbindung mit ihr bekommen. Ich sagte Henry guten Tag. Es geht ihm besser. Eine Aktion, die im Gange ist, um ihn frei zu bekommen und nach Hause zu schicken, scheint tatsächlich Erfolg zu haben. Er hofft selbst etwas darauf, und das hilft, daß es aufwärts mit ihm geht. Gott gebe, daß es klappt! 149 30. März 1944 Es ist schwer, etwas zu schreiben. Dieser grauenhafte, verfluchte Glaskäfig, in dem ich sitze, ist den ganzen Tag voll von Grünen. In Wellen kommen sie auf einmal an, setzen sich auf meinen Zeichentisch, auf mein Zeichenbrett, stürzen sich über den Ofen und schreien, machen Witze und amüsieren sich auf vollgermanische Art großartig. Sie sind entsetzlich. 31. März 1944 Die Russen dringen mit Riesenschritten voran. Neulich wurden drei Mann auf Block 28 geschnappt, während sie den Sender Moskau hörten. Sie hatten eine Schreibmaschine und fünf Durchschläge von der Sendung des Tages, und sie mußten gestehen, daß sie sie verteilen wollten. Sie werden wohl erhängt werden. Es wird erzählt, daß sie auch einen Sender besaßen. Wer weiß! 1. April 1944 Gestern starb Sand. Sein Fall war ernster, als wir glaubten. Er starb an Hirnhautentzündung. Er war ein liebenswerter Mann und es war eine traurige Nachricht, zu erfahren, daß er gegangen ist. Wieder einmal denkt man: Wie viele von uns werden sie erledigen, bevor es vorüber ist? 3. April 1944 Gestern bekam ich einen prächtigen Brief von Kari, strahlend von frohem Optimismus. Im August an unserem Weddingtag schreibt sie- werden wir wieder zusammen sein. Es ist merkwürdig, welche Wirkung solche Briefe haben. Alles verändert sich wie durch einen Zauberschlag. Das Düstere im Gemüt weicht dem Sonnenschein! Wenn diese Briefe doch etwas öfters kommen könnten! 5. April 1944 Gestern bekam ich ein Märzpaket von Kari und zwei Genfer Pakete. Sonst erhalte ich regelmäßig kleine Pakete von Freunden. Es ist merkwürdig, wie doch jede kleine Sendung eine 150 Aufmunterung bedeutet. Von Montag ab ist die Arbeitszeit um eine halbe Stunde verlängert, während gleichzeitig die Sommerzeit eingeführt wurde und wir dadurch nachts eine Stunde Schlaf weniger bekommen. Wir stehen jetzt um vier Uhr auf und gehen um halb neun zu Bett. Und die ganze Zeit ist Arbeitszeit. Am anstrengendsten ist es, wenn wir uns auf dem Block aufhalten und versuchen zu essen. Ungefähr um sieben Uhr ist der Abendappell zu Ende, oft auch später. Dann wird gegessen, entlaust( zweimal in der Woche), geraucht, geredet und all das verrichtet, was mit einem Privatleben und persönlichem Tun verbunden ist. Um halb neun muß man zu Bett gehen, wenn man sein Leben gern hat. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Außenstehender, wenn er plötzlich in unsere Lebensbedingungen verwiesen würde, behaupten könnte, daß es unmöglich sei, so zu leben- jedenfalls nicht lange. Aber es geht! Die Anpassungsgabe des Menschen ist famos. Aber wie werden wir uns dazu eignen, später wieder ein normales Leben zu führen? Ein normales Leben? Was ist denn das? Diese Schweinerei hier ist ja normal geworden! Ein Mann, der neulich entfloh, ist geschnappt worden. Wir erwarten, daß er an einem der kommenden Tage erhängt wird. Viele BVer sind an die Front geschickt worden. Neulich kam ein Gefangenentransport von Auschwitz her. Das war ein entsetzlicher Anblick. Lebendige Skelette! Alle mit Ausnahme des Kochs, der rund und fett war. Er hatte das Essen der Kameraden aufgegessen und wurde hier sofort ,, in Behandlung" genommen der arme Teufel! An dem Abend, an dem sie ankamen, wurden Nahrungsmittel für sie gesammelt. Sie hatten drei Tage und drei Nächte nichts mehr zu essen gehabt! Sie mußten vorsichtig gefüttert werden. Denn so ausgehungert, wie sie waren, konnten sie das Essen nicht vertragen. Sie waren alle ,, Überlebende". Jetzt werden die Lager in Polen geräumt... - Wir sollen die ganze Osterzeit arbeiten, gerade, als wenn es keine Ostern gäbe. Selbstverständlich und Gott sei Dank. Ob wohl viele in Norwegen an Ostern ins Gebirge ziehen? Gott ins Gebirge! Es tut ganz einfach weh, an alle die Touren 151 im Gebirge zu denken- in vergangenen Österzeiten. Die weiten, weißen Hochbflächen- die frische klare Luft- der Himmel- o, Herrgott! 9. April 1944 Jubiläums- und Ostertag! Was für ein Jubiläum und was für ein Ostern! Aber ich pfeife darauf. Ich bekam gestern wieder einen Brief von Kari. Der strahlendste Brief der Welt, voller Lebensmut und Zuversicht. Das macht mich. so glücklich. Aber mitten in diesem Rausch von Glück erreichte mich eine unsagbar traurige Nachricht: Henry liegt im Sterben. In diesem Augenblick ist er vielleicht schon tot, und ich werde ihn nie mehr wiedersehen. Er war ein so prächtiger Mensch. Ich habe keinen gesehen, der tapferer kämpfte, aber es nutzte nichts. Was für eine grenzenlose Schuld tragen jene, die ihn nahmen, und die Tausende anderer! Wie kann so etwas je ge- sühnt werden? 10. April 1944 Gestern war ich bei Henry, aber ich konnte nicht mehr mit ihm sprechen. Er hatte das Bewußtsein verloren und lag da und kämpfte seinen letzten Kampf, alleine. Henrys Bett steht gerade vor der Eingangstür des Krankensaales- mitten im Verkehr. Es ist ja Sonntag und Besuchszeit. Die Gefangenen strömen ein und aus- der Krankensaal ist groß, und es kommt viel Besuch.(Es liegen mindestens dreißig in dem Saal, der zu klein wäre für zehn Patienten in einem brauchbaren Kranken- haus.) Die Besucher drängen sich wie immer. Was geht es sie an, daß ein Gefangener im Sterben liegt? Einer von siebzehn- tausend. Sie kennen ihn ja nicht einmal. Im übrigen wollen sie ihre eigenen Freunde besuchen, die vielleicht auch im Sterben liegen- vielleicht schon tot sind. Ein Fenster ist offen. Etwas frische Luft strömt langsam herein, ein unsichtbarer kalter Streifen in dem widerlichen Dunst, der den Raum erfüllt. Und mit der kalten Luft zu- sammen dringt auch noch etwas anderes in den Krankensaal ein— lustige Musik von den Lautsprechern draußen. Eine 152 - schreiende Frauenstimme, begleitet von einem brüllenden Chor. Und vor mir unter der Decke zusammengekrochen- liegt Henry und stirbt. Einer der feinsten und besten Norweger, die wir hier unten gehabt haben- einer von denen, die wir so unsagbar nötig hätten- und einer von denen, die es anders verdient hätten, wenn jemand es je anders verdient hat. Er fuchtelt mit den Armen. Ich nehme seine Hände in die meinen, streiche ihm über die Stirne und nenne seinen Namen. Doch- er kommt zur Ruhe, er hatte nach etwas gesucht und hat es gefunden. Ich werde gestoßen, falle vornüber und muß Henrys Hände loslassen. Und plötzlich werde ich gewahr, wo ich bin: auch hier mitten im Gedränge- am Bett eines sterbenden Kameraden... Zuletzt packt mich die Verzweiflung. In mir kocht das Gefühl einer hoffnungslosen Empörung gegen diese Teufeleien, es war nicht mehr auszuhalten. Zum letztenmal kniete ich an seinem Bett nieder, zum letztenmal nahm ich seine kalten Hände in die meinen, strich ihm noch einmal über die Stirn. Dann kehrte ich mich um und floh hinaus, hinaus in den Lärm und in das Gedränge. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Er starb in der Nacht, um Viertel nach eins. 12. April 1944 Heute hat meine kleine Tochter Siri Geburtstag, und ich kann ihr weder einen Brief noch einen Gruß schicken, geschweige denn ein kleines Bild mit einem Gedicht, wie ich das vor zwei Jahren von Grini aus tat. Aber wir werden es nachholen, Siri- Piri, du bist nicht von deinem Vater weggewachsen, dessen bin ich sicher. Du wirst ihm gewiß einen kleinen Gedanken schicken, wenn er auch heute nicht bei dir sein darf. Unsere Gedanken werden einander unterwegs treffen und darüber einig werden, daß wir am nächsten 12. April ein solches Leben nicht mehr führen wollen. Dann werden wir zusammen sein, alle miteinander! Alle im Lager husten. Es ist ein gefährliches Klima. Die 153 Nächte und Morgen auf dem Appellplatz sind eiskalt, oft haben wir Kältegrade, während die Tage nach und nach tropisch warm werden können. Es ist jetzt verboten, einen Mantel anzuhaben, wenn das Wetter gut ist. Darum frieren auch alle beim Morgenappell und auch während des Tages, so daß sie mit den Zähnen klappern. Es ist klar, daß wir krank werden. Die meisten haben Bronchitis, viele bekommen Lungenentzündung und andere Schweinereien. Viele sterben. Das Schuldkonto wird immer größer. Es wird gebombt und gebombt, mehr und mehr, öfter und öfter. 15. April 1944 Jetzt ist der halbe Monat April herum, und der Frühling schickt sich ernstlich an, zu kommen. Das heißt, hier unten gibt es überhaupt keinen Frühling. Es wird nur wärmer, und plötzlich ist der Sommer da. Nein, es ist schon der Gedanke an den Frühling im Norden, der im Gemüt beißt, die Sehnsucht nach der wundervollen Zeit, die jetzt dort oben beginnt. Und dann ist man dazu verurteilt, hier in diesem Schweinestall zu leben, als Sklave bei diesem Volk, das uns so fern ist, das uns unsere besten Jahre raubt, unsere Jugend, unsere Kraft- ohne Spur von Recht, ohne Gesetz und Urteil. Auf den einfachsten Rechtsgrundsätzen wird herumgetrampelt, und unsere Menschenwürde wird verhöhnt. 17. April 1944 Tarnopol ist erobert, und sie stehen in Sebastopol! Lemberg wird bald fallen. Tito und die Russen werden zusammenarbeiten. Es geht vorwärts. Im Westen wird nur gebombt. Eine Welle von entschiedenem Optimismus geht wieder durch das Lager. Selbst Leute, die ausgesprochene Pessimisten sind, lassen sich auf so kurze Perspektiven wie vier Monate ein. Gestern war ,, Länderkampf", die Stimmung war großartig. Norwegen- Deutschland. Norwegen führte lange mit 3: 1, und die Stimmung erreichte gefahrdrohende Höhen. Aber dann fielen die Norweger zusammen, die Deutschen holten sie ein 154 und mehr als das. Das Ergebnis war 5: 3. Das war wohl gut so, sonst hätten wir es doch auf irgendeine Weise zu spüren bekommen. Es war eigenartig, den Fußballkampf zu beobachten und zu hören, wie die ,, Länderkampfstimmung" rollte mitten in all diesem Elend. Grotesk wie alles andere auch. Für viele bedeutet es eine Rettung, daß sie Fußballspieler sind. Sie werden mit Seidenhandschuhen angefaßt, bekommen schöne Arbeitsstellen und viel Essen, während andere zu Muselmännern werden und untergehen. 18. April 1944 Erik und Arvid haben beide Schonung. Sie ersticken fast vor Erkältung und Bronchitis und haben keine Stimmen mehr. Ich selbst fange auch wieder an zu kränkeln. Es ist hoffnungslos, sich hier gesund erhalten zu wollen. Und dabei habe ich es doch Kari versprochen! Gestern zog ein großer Trupp BV- Leute hier weg. Sie wurden entlassen, um zur Front zu ziehen. Schwerverbrecher und Pack werden jetzt unter Ehrenbezeigungen und Kameradschaftsgesten eingezogen. Es wurden ihnen Geschenke und Blumen überreicht, und vor der Abreise wurden sie vor dem Haupteingang gefilmt. Mörder und zum Tode Verurteilte, gefährliche Feinde der Gemeinschaft- jetzt sind sie Kameraden und sollen für das große Vaterland und die deutsche Ehre kämpfen! 19. April 1944 Gestern, als ich gerade aufgehört hatte zu schreiben, kam ein entsetzlicher Fliegerangriff. Er galt den Heinkel- Anlagen. Die Werkstätten wurden zerstört. Man sagt, es seien vier. Viel schlimmer ist, daß eine Menge Gefangener verletzt oder gar getötet wurden. Es ist dort nämlich so teuflisch eingerichtet, daß die Luftschutzräume unter den Hallen liegen. In einen Luftschutzraum, der tausend Mann faßt, fiel eine Bombe. Es wird erzählt, daß in einem anderen Raum das Wasser hochstieg, weil die Wasserleitung zerstört wurde. Die Ärzte wurden alle mobilisiert. Sie haben bereits die ganze Nacht gearbeitet. Man 155 soll bis jetzt ungefähr vierhundert Tote und hundert Verletzte geborgen haben. Diejenigen, die Augenzeugen waren, sagten, daß es ein entsetzlicher Anblick sei. Es wurde viel nach Blutspendern gefragt, und zahlreiche Gefangene meldeten sich. Auch viele Norweger. Die Katastrophe wirft einen dunklen Schatten über alles und alle- was ja ganz natürlich ist. Hier im Kraftfahrzeugdepot und anderen Waldkommandos erlebten wir den Angriff fast nur als ein großartiges Schauspiel. Ein Flugzeuggeschwader nach dem andern sahen wir hoch dort oben am blauen Himmel, sie kamen gleichsam von allen Seiten, und die Flak dröhnte. Einige Flugzeuge stürzten ab- das sah ganz unwirklich aus. Eines fing Feuer. Es flog weiter, während die Mannschaften in Fallschirmen heraussprangen. Nach und nach entfalteten sich viele Fallschirme. Sie schwebten hoch oben und schimmerten kreideweiß im Sonnenlicht. Der Himmel war besät mit Flugzeugen und explodierenden Granaten. Es war wie ein Wunder, daß nicht mehr abgeschossen wurden. Wir sahen nur fünf Abstürze unter Hunderten von Flugzeugen. Einige große Explosionen erschütterten die ganze Welt, aber sie waren so weit weg, daß wir nur die Rauchsäulen von den auf allen Seiten rasenden Bränden sahen. Der Rottenführer erlaubte uns, Schutz zu suchen, d. h. wir durften in einen in der Nähe befindlichen Luftschutzraum gehen. Dort flogen wir aber wieder heraus- er war nämlich gedrängt voll von SS- Männern. Die tapferen Ritter, die mit Stahlhelmen und Löschgeräten auf dem Posten stehen sollten! Wir hatten keine andere Möglichkeit, uns Deckung zu verschaffen, als uns unter Autos und Maschinen zu legen oder auf die Erde, entlang den Barackenwänden. Es war sehr nötig, in Deckung zu gehen, und es war beinahe ein Wunder, daß keiner von den Splittern getroffen wurde, die es plötzlich um uns herum regnete. Ich lag neben Egil Andresen. Ein gewaltiger Splitter von der Größe einer Riesenzigarre kam singend durch die Luft und landete einen halben Meter vom Schenkel Egils entfernt. Andere größere und kleinere Splitter kamen von allen Seiten, aber niemand wurde getroffen. Die ganze Zeit über beobachteten wir das Schauspiel am Himmel und die Fallschirme, die niederschwebten. 156 20. April 1944 Des Führers Geburtstag! Die Sonne scheint von einem absolut wolkenfreien Himmel, und alle erwarten Besuch. Bis jetzt ist nichts Besonderes passiert. Heute morgen ertönte irgendwo etwas Musik. Der Appell fing eine Viertelstunde später an als sonst, und als wir hinausmarschierten, sahen wir bereits ein Rednerpult vor dem Haupteingang aufgestellt. Es war sechs Uhr. Der Festredner war frühzeitig in Betrieb gewesen. Vielleicht war es auch die einzige Chance. Sie rechneten ja auch mit Besuch. 23. April 1944 Sowohl der berüchtigte Geburtstag wie auch die Tage darauf verliefen friedlich. Nur nachts wurde etwas geschossen, auch einige Bomben fielen- wahrscheinlich auf Berlin. Im übrigen ist es anscheinend überall ruhig. Die Aktivität ist einer großen Stille gewichen. Stille vor dem Sturm? Heute ist wieder mal Sonntag, und gestern bekam ich wieder einen prächtigen Brief von Kari. Gott segne sie! Alles wäre viel, viel schlimmer ohne ihre Briefe. Frode wurde gestern wieder krank. Fieber und Grippe im ganzen Körper. Heute nacht lief er übrigens draußen herum. Er hat vorläufig drei Tage Schonung bekommen. Erik arbeitet wieder, Arvid auch. Sie sind einigermaßen gesund. 24. April 1944 Frode wurde gestern wieder aufs Revier gelegt. Schon beim Anstehen vor der Krankenbaracke wurde ihm so schlecht, daß man ihn wegführen mußte. Wir ,, besuchten" ihn später durch das Fenster. Er war recht elend, der Arme. 27. April 1944. Vorgestern wurde ich zur politischen Abteilung gerufen und muẞte aus diesem Grund den ganzen Tag ,, zu Hause" im Lager bleiben. O nein, es handelte sich nicht um meine Entlassung, was alle sofort mit Sicherheit annahmen. Ich habe es mir ab157 gewöhnt, so etwas zu glauben. Es handelte sich um etwas ganz anderes. Kari hatte dem Kommandanten einen Brief geschickt ( sie ist nicht dumm!) mit Fotografien von dem Kleinen und hatte ihn in ihrem üblichen eleganten Deutsch gebeten, mir die Bilder zu zeigen. Der Kleine sieht großartig aus, und ich laufe herum wie ein stolzer Hahn und zeige ihn allen. Es tut weh, diese Bilder von zu Hause zu sehen, aber es tut auch gleichzeitig so unendlich gut! Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch einige der Gründe, warum ich hierher geschickt worden sei. Der SS- Schreiber las einige ,, Strophen" aus meinem Schutzhaftbefehl vor: ,, judenfreundlich" stand dort und ,, während der Haftzeit ein deutschfeindliches Gedicht verfaßt". Herrgott! Dazu mußten sie also ihre Zuflucht nehmen, um mir etwas anhängen zu können! Dann muß es ihnen wahrlich darum zu tun gewesen sein, mich hierher zu bekommen. Das Deutschfeindliche im Grini- Marsch muß ja dann wohl das von der Gerechtigkeit sein. Es ist spaßig, daß sie es selber eingestehen. Gestern wurde beim Abendappell ein Mann erhängt. Ein Pole, der geflohen war und den man wieder gefangen hatte. Aufs neue versagte der ,, technische Apparat". Das letzte Mal riẞ der Strick, so daß der Gefangene auf die Erde fiel, wo er erschossen wurde. Diesmal war der Strick zu lang, so daß der Gefangene mit den Füßen die Erde erreichte, als er fiel. Einige gruben die Erde aus unter seinen Füßen, damit er frei hängen konnte. Ich möchte davon absehen, den Eindruck zu beschreiben, den dieses Schauspiel wieder auf mich machte. Es war zu abscheulich, zu niedrig. Ich kann wieder in die leere Luft hinausrufen: Wann im Namen des Himmels soll dies ein Ende nehmen? Was werden wir noch erleben? 28. April 1944 Es scheint eine Aktion gegen alle Bibelforscher im Gange zu sein. Es gibt viele von ihnen hier im Lager. Sie haben anscheinend dieser Tage ein Flugblatt ausgesandt des Inhalts, daß der Führer zu irgendeiner bestimmten, wahrscheinlich nahe bevorstehenden Zeit sterben wird. Solche Flugblätter soll man 158 auch innerhalb des Lagers gefunden haben. Die Aktion hatte zur Aufgabe, sie zu finden. Als wir gestern von der Arbeit hereinmarschierten, wurden alle Bibelforscher am Appellplatz aufgestellt und gefilzt, d. h. sie wurden ausgezogen und durch und durch untersucht. Einige andere Gefangene wurden auch zur Seite genommen und auf die gleiche Weise untersucht. Wir waren nicht wenig nervös, als wir durch einen Spießrutengang von SS- Leuten, Blockältesten und sogar Gestapoleuten hindurchmarschierten. Die meisten von uns hatten ja Pfeifen, Zigarettenmundstücke, Streichhölzer und Tabak bei sich. Lauter verbotene Sachen. Ich hatte alles mit Ausnahme von Tabak. Für solche Dinge gibt es fünfundzwanzig Schläge. Das ist das tägliche Lied. Das Schlimmste ist, daß es Gefangene, sogenannte ,, Kameraden" sind, die Büttel spielen. Meines Wissens hat man sie noch nicht dazu gezwungen, ein solches Handwerk auszuüben. Das wäre nicht nötig gewesen. 2. Mai 1944 - Jeden Sonntag sind Fußballkämpfe. Sonntag zwischen Norwegen- Tschechoslowakei und Deutschland- Polen. Norwegen gewann, Polen verlor. Diese Kämpfe werden manchmal leidenschaftlich geführt. Das Blut gerät in Wallung und es kommt vor, daß die Spieler mit den Fäusten aufeinander losgehen. Im Kampf zwischen Polen und Deutschland mußten zwei Spieler das Feld verlassen, weil sie die Fäuste gebraucht hatten, nachdem bereits zwei andere weggetragen worden waren kampfunfähig. Die Polen hassen die Deutschen glühend. Gestern waren die Parteien folgendermaßen zusammengelegt: Deutschland- Tschechoslowakei gegen Norwegen- Polen. Der Kampf mußte abgebrochen werden wegen regelrechter Schlägereien zwischen den Parteien. Sie warfen sich auf dem Platz in den Dreck und schlugen aufeinander los, während es in Strömen regnete, der Richter seine Pfeife blies und das Publikum brüllte. Feiner Kampf! Gleich nebenan liegen Menschen und sterben. Sachsenhausen! Gestern war ich Zeuge einer typischen Sachsenhausen- Idylle. Während der Fußballkampf am schlimmsten tobte, kamen zwei 159 Gefangene, die eine Leiche auf einer Bahre trugen. Den ganzen Platz entlang, an den brüllenden Zuschauern vorbei. Plötzlich wurden auch die Träger sehr interessiert an dem Kampf. Sie setzten die Leiche hin, zündeten ihre Stummel an und begannen, dem Kampf zu folgen. Als der spannende Augenblick vorbei war, gingen sie zur Leiche zurück und setzten den Transport zum Leichenhaus fort, während von sämtlichen Lautsprechern lustige Operettenmusik ertönte. Gestern und auch vorgestern besuchten wir Frode, der immer noch auf dem Revier liegt. Er ist jetzt beinahe gesund- aber mager. Harald Schwenzen der von Lichterfelde gekommen ist, wurde eingeliefert wegen einer Wunde am Bein, die nicht heilen will. Nichts heilt hier unten. Sonst geht es ihm gut. Ein Freund, Stavrem, befindet sich unter den Verwundeten von Heinkel. Er hat einen Splitter durch den Ellenbogen bekommen. Bestenfalls behält er einen steifen Arm. Es ist der rechte, und jetzt hat sich die Wunde entzündet. Hier entzündet sich auch alles. 4. Mai 1944 Gestern morgen wurde ein Transport nach Süddeutschland ausgesucht. Fünfhundert Mann. Wir waren etwas nervös, aber es zeigte sich, daß die Norweger nicht mit sollten. Wir genießen immer eine Sonderbehandlung. Ab und zu wissen wir nicht, was das bedeuten soll. Entgegenkommen- oder werden wir für etwas noch Schlimmeres zurückgehalten? 6. Mai 1944 Gestern wurden zehn alte Blockälteste, die früher wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt worden waren, auf ,, Transport" geschickt, d. h. in das Strafkommando von Klinker. Der Blockälteste auf 26, ein brutaler Bulle, der mich einmal schlug, als ich im Bad war, gehörte auch dazu. Einige von ihnen waren ebensolche Rohlinge wie er. Es waren alles Deutsche. Es gibt ja nur deutsche Blockälteste. Im Lager hat ein Systemwechsel stattgefunden. Das Kommunistenregime ist durch ein Verbrecherregime abgelöst 160 worden. Es hat schon immer einen Kampf gegeben zwischen den Grüngewinkelten und den Rotgewinkelten im Lager. Die Grüngewinkelten haben wieder einmal den Sieg davongetragen mit Hilfe von Angeberei und anderen Teufeleien. Die Rotgewinkelten meist Kommunisten sind aus allen leitenden - Stellungen entfernt und durch Grüngewinkelte ersetzt worden. Die Grüngewinkelten sind alle Berufsverbrecher. Düstere Aussichten! Dieser Tage starb ein Norweger, nachdem man ihn mit Lungenentzündung aus dem Revier geworfen hatte. Zweimal ging er wieder hin, und jedesmal wurde er wieder vor die Tür gesetzt. Das drittemal starb er. Nur eine Alltagsgeschichte. Aber diesmal handelte es sich um einen Norweger, und die Norweger pflegen sonst besser behandelt zu werden irgendwelchen Gründen. Neulich war auf einem Kommando ,, Filzung". Alle Norweger wurden aus den Reihen beordert, bevor sie begann. Wir brauchten nicht untersucht zu werden. Solche Dinge machen uns nicht gerade beliebt bei den anderen. - aus Frode ist wieder aus dem Revier entlassen, mager, but still going strong. Wir wollen sehen, daß wir ihn ein bißchen mästen. Er war Zeuge gewesen, wie die Arbeitsfähigen aus dem Revier ausgesucht wurden. Leute mit großen offenen Wunden wurden zur Arbeit geschickt! Ein kleiner Schnösel von einem Mediziner war ,, Richter". Einige bekamen ein paar Tage Schonung, andere wurden direkt zur Arbeit geschickt mit Wunden und Leiden, die normalerweise einen langen Krankenhausaufenthalt erfordern, jedenfalls aber längere Schonzeit. Viele von ihnen, wenn nicht sogar die meisten, werden daran zugrunde gehen. Aber es sind ja nur Häftlinge! Heute ist blauschwarzes Unwetter um uns herum, es wechselt zwischen Sonne und Regen, ist schwül und ungemütlich. Es kommt mir vor, als wenn die Zukunft genau so aussähe. 8. Mai 1944 Ein Bombenangriff unterbrach gestern das Schreiben. Sie hatten es wieder einmal auf Berlin abgesehen. Bomben fielen auch auf das Gefangenenlager Lichterfelde, d. h. auf Gefangene 11 Nansen 161 von dort, die in der Prinz- Albrecht- Straße in Berlin( dem Hauptquartier der Gestapo) arbeiteten. Gestern abend wurde eine Ladung Leichen hier in das Lager gefahren. Gestern war Unterhaltung auf Nr. 25. Ich beteiligte mich mit einigen Nummern. Das machte Spaß. Aber es ist entsetzlich, daran zu denken, daß sie zur gleichen Zeit im Leichenhaus auf dem Revier damit beschäftigt waren, Leichen auf einen Lastwagen zu schaufeln. Das waren die Reste unserer ,, Kameraden", die an demselben Morgen gleichzeitig mit uns zur Arbeit gegangen waren. Man muß verzweifeln, wenn man der Wirklichkeit, so wie sie ist, in die Augen schaut. Man darf das in der Tat nicht tun, nicht auf diese Weise sonst hält man es nicht aus. Darum ist es richtig, Lieder zu singen, während andere Leichen schaufeln. 10. Mai 1944 Der Todesprozentsatz im Lager wird immer größer. In letzter Zeit sind jeden Monat zwei- bis dreihundert Mann auf dem Revier gestorben, abgesehen von all den anderen, die täglich hingerichtet werden oder ,, auf dem Transport sterben", wie man sagt, wenn sie mit Gas oder auf andere Weise im Lager umgebracht werden. Auch viele Norweger sind in letzter Zeit gestorben. Sie sterben meist an Lungenentzündung. Es ist ein lebensgefährliches Klima für uns hier. Nachts ist es eiskalt und tagsüber manchmal brütend warm. Das Essen ist etwas besser geworden als früher, um die Arbeitsleistung zu steigern. Aber wenn wir die Pakete von zu Hause und von den verschiedenen Rote- Kreuz- Stellen nicht gehabt hätten, wäre es uns schon schlecht gegangen. Sie retten uns. A propos Arbeitsleistung! Die Arbeitszeit ist wieder mal verlängert worden. Wir arbeiten von morgens fünf, sechs bis abends sechs, sieben Uhr. Wir stehen um vier Uhr auf und gehen ungefähr um neun Uhr zu Bett. Irgendeine Ruhezeit dazwischen gibt es nicht, es sei denn, daß einige wenige eine solche Arbeit haben, daß sie sich ab und zu fortstehlen können, um zwischendurch zu schlafen. Um die Arbeitsleistung zu steigern, bekommen wir, wie gesagt, eine bessere Kost. Trotz162 dem kann man ohne Untertreibung sagen, daß die Arbeitsleistung zwischen Null und fünfundzwanzig Prozent unter einer Normalleistung liegt. Bei dem überwiegenden Teil der SS- Leute sind Zustand und Stimmung schlapp und gleichgültig. Sie pfeifen auf alles. In bezug auf Sabotage und Faulheit sind sie führend. Ich selbst mache zur Zeit gar nichts. Ich liege ab und zu draußen auf einem Brett in der Sonne und schlafe. Heute kam ein einbeiniger SS- Invalide und weckte mich. Er riet mir, mich woanders hinzulegen, wo mich niemand sehen könne, und empfahl ein großes Lastauto, das mitten auf dem Platz stand. Frode, den er auch weckte, und ich folgten seinem Rat und legten uns eine Weile in jenes Auto. So sind wir. Unterdessen schuften sich andere in anderen Kommandos tot und sterben vor Hunger und Unterernährung. Das einzige, was wir tun können, ist, kalt und nüchtern festzustellen, daß wir Glück gehabt haben, viel Glück. Wir führen ja das reinste Faulenzerleben unseren Einsatz wird kein Krieg gewonnen. durch 16. Mai 1944 Die Gerüchte schwirren immer noch und erreichten den Höhepunkt am Sonntag, als die Invasion im Norden, Süden und Westen bekanntgegeben wurde. Der Montag brachte wie immer die kalte Dusche, und doch ist es, als wenn irgend etwas in der Luft läge. Ich werde das Gefühl nicht los, daß es bald im Ernst krachen wird, und jetzt ist nicht länger nur der Tabak oder der Brief von Kari daran schuld. Erik, Frode und ich sowie Finn Aanesen, der in letzter Zeit ,, im Spind" gewesen ist, sind vom B- Flügel auf den A- Flügel über gesiedelt. Jetzt ist nämlich der ganze Block norwegisch geworden. Eine Reihe Gefangener verschiedener Nationen sind ausgezogen. Wir haben es schön bekommen, haben großartige Betten und wirklich reichlich Platz am Tisch. Zum erstenmal seit über einem halben Jahr haben wir uns hinsetzen und ruhig essen können, ohne daß wir bei jedem Bissen an den Nachbarn gerieten, ohne daß wir mit Breiklecksen und Suppenspritzern beträufelt wurden von all den Schüsseln, die man über unsere 11* 163 Köpfe reichte, ohne daß wir als„‚Schuhputzer‘‘ benutzt wurden von denen, die auf der Innenseite der Bank saßen und hinaus- oder hineinwollten und mit ihren schweren holzgesohlten Stiefeln über die Bänke gingen— verschmiert und verstaubt. Nein, jetzt haben wir es wirklich großartig! 17. Mai 1944 Kälte und Regen, Regen und Kälte! Ich denke daran, wie gespannt wir als Kinder waren, ja noch als Erwachsene- ob das Wetter am 17. Mai wohl schön werden würde! Wie traurig war es doch, wenn der Tag mit Regenwetter anfing, wie enttäuscht waren wir, wenn wir unsere Sonntagspracht. nicht anziehen konnten: den Strohhut, die neuen Schuhe, die Söckchen, den dünnen Sommeranzug! Wie freuten wir uns doch, im Kinder- zug zu gehen die Karl-Johann-Straße hinauf bis zum Schloß. Auf den Zug der Abiturienten, auf all die ausgelassene gute Laune und den Jubel! Wie weit verschwand doch alles, was un- erfreulich, grau und traurig war, an jenem Tag. Hier ver- schwindet das nicht. Hier hält es sich, und jeder Tag gleitet hinein in die Reihe der anderen- ohne Fest, ohne Freude, ohne jeden Jubel. Aber vielleicht werden wir doch diesen 17. Mai in der Erinnerung behalten- lange Zeit. Gerade in dieser grauen Wüste, in dieser traurigen Umgebung und auf diesem dunklen Hintergrund, den wir heute haben, wird der Tag sich vielleicht nach und nach deutlich in unserem Gemüt abzeichnen. Er wird die Grundlage geben für einen mahnenden Ernst, für einen neuen wertvollen Inhalt, der sich sicher einmal ausdrücken wird in einer tiefen und reichen Freude. Sonst gibt es nichts Neues. Es geht voran in Italien— Auf- marsch an der Ostfront. Es wird gebombt und gebombt. Heute nacht hatten wir Fliegeralarm. Ich bin Brandwache geworden und war deshalb auf. Sonst geschah nichts. Wir warten und warten. 18. Mai 1944 Es ist immer noch still, immer noch Regenwetter. Gestern abend hatten wir eine kleine Siebzehnten-Mai-Feier auf dem 164 Block. Unser norwegisches Orchester kam und spielte einige norwegische Melodien und Lieder. Harald Schwenzen, der aus diesem Anlaß das Revier verlassen hatte, war auf einen Sprung da und las Björnson und Sivle, und ich hielt eine kurze improvisierte Rede. So wurde uns eine Feierstunde auf den Weg gegeben. Gestern kamen fünfzig Paar Schuhe aus Schweden an, die an mich adressiert und für die norwegischen Gefangenen bestimmt waren. Mir graut vor der Verteilung. Fünfzig Paar Schuhe und zwölf- bis fünfzehnhundert Gefangene, die alle welche haben möchten! 27. Mai 1944 Ich habe sogenannte ,, Hafterleichterung" bekommen, die in einer täglichen Zulage von zwei Schnitten Brot besteht. Offiziell ist mir kein Bescheid gegeben worden von dieser ehrenvollen Aufmerksamkeit, ich merke es nur an der Zuteilung der besonderen Brotration, die täglich auf mich wartet, wenn ich ,, nach Hause" komme. Ich komme ohne sie aus, darum verschenke ich das Brot. Es gibt genug derer, die es nötig haben. Was für weitere Begünstigungen meine ,, Neuernennung" noch bringen wird, weiß ich nicht. Es heißt, daß ich dann lange, gewöhnliche Briefe werde schreiben dürfen. Wovon soll ich denn dann schreiben? Wenn es sich doch um eine Erlaubnis handelte, unbegrenzt viele Briefe von zu Hause empfangen zu dürfen! Aber nein, so wird es wohl nicht sein. Ich muß das heute untersuchen. Es ist ja bereits Samstag. Man stelle sich vor, wenn ich morgen schon nach Hause schreiben könnte! Ich habe schon erwähnt, daß es uns in bezug auf das Essen viel besser geht in der letzten Zeit. Und doch erleben wir beinahe täglich, daß der eine oder andere vom Appellplatz weggetragen wird, ohnmächtig, sterbend oder tot vor Ermattung, Hunger und Elend. Die Gesundheit derjenigen, die lange hier gewesen sind, die keine Verbindung mit zu Hause haben und keine Eẞpakete bekommen, ist vollständig und unheilbar untergraben. Etwas bessere Verpflegung reicht noch lange 165 nicht aus, um sie wieder auf die Beine zu stellen. Es kommt selten vor, daß jemand sich ihrer besonders annimmt, wenn sie auf dem Revier eingeliefert werden. Sie bekommen ein Bett, in dem sie sterben dürfen. Das ist alles. 28. Mai 1944 Gestern bekam ich Post. Kari erzählte von der Taufe.( Sie hat ihm gleich alle Namen gegeben: Dag, Erik und Odd.) Ich erfuhr, wie der Täufling sich in der Kirche benahm, wo er herumspazierte und, während der Pfarrer predigte, eine schöne Stunde im Altarring verbrachte. Herrgott, was hätte ich nicht dafür gegeben, dabei gewesen zu sein. Und nachher die Feier auf Polhögda! Kari bekommt meine Briefe nicht. Den letzten Brief, den sie bekam, schrieb ich am 16. Februar. Was mag wohl der Grund sein? Ich bekomme ja jetzt ihre Briefe ziemlich regelmäßig alle vierzehn Tage, und das bedeutet eine große Hilfe für mich. Heute ist Pfingsten. Man merkt es nur daran, daß die SS betrunken ist. Sie haben gestern einen großen Pfingstabend veranstaltet. Ein Sturmbannführer in Zivil und ein Obersturmführer haben sich halbtot getrunken. Sie setzten sich in ein Auto und rasten los, erst gegen ein Tor, dann in voller Fahrt in eine Kolonne Gefangener hinein. Ein Mann wurde überfahren. Die Mitgefangenen nahmen sich seiner an, während die beiden Betrunkenen weiterrasten. Es handelte sich ja nur um einen Gefangenen- und er war ja nicht einmal Germane! 30. Mai 1944 Jetzt werden die Fliegeralarme wieder regelmäßiger. Sie kommen jeden Tag und jede Nacht, und mehr und mehr fange ich an zu glauben, daß dies die ,, zweite Front" ist. In Italien geht es voran, aber mit Maßen. Tito operiert erfolgreich, und in Bulgarien haben sie einen Ministerpräsidenten bekommen. Das bedeutet wohl, daß dort innere Unruhen und Entscheidungen sind, Leiden und Elend. Überall gibt es Terror und Schrecken, überall seufzen die Menschen nach Frieden. 166 31. Mai 1944 So ohne weiteres ging der Monat Mai vorüber- und es geht auf Mittsommer zu. Johannisfest! Helle Sommernächte- geblümte Kleider- Wärme und Blumenduft. Ja, Blumenduft- wie entbehren wir doch Blumenduft hier in dieser Sandwüste. Nur der Gedanke an Veilchen und Maiglöckchen und alle die anderen Blumen zu Hause zaubert die wundervollsten Bilder hervor und Erinnerungen. Aber hier ist Sachsenhausen- nur das staubige, schmutzige, entsetzliche Sachsenhausen. Und nichts geschieht. - 6. Juni 1944 Die Invasion begann heute morgen. In der Normandie. Heute mittag werden von beiden Seiten schwere Kämpfe gemeldet. In den frühen Morgenstunden und im Laufe des Tages sollen große Truppenmengen gelandet sein. Natürlich auch eine große Anzahl Fallschirmtruppen. Man hört noch nichts darüber, ob es gelungen ist, einen Brückenkopf zu bilden. Das kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich hatte beinahe den Gedanken an diese ewige Invasion aufgegeben, an diese zweite Front, die jetzt beinahe drei Jahre in unseren Köpfen herumgespukt hat. Und jetzt kracht es los! Gott, was für eine Hölle! Das, was wir vom Bombenkrieg gesehen und erlebt haben, wird wohl nur ein blasser Abglanz der Hölle sein, die sich jetzt in der Normandie ausbreitet und sich weiter über das unglückliche Frankreich ausdehnen wird. 7. Juni 1944 Heute kann man hier von Feststimmung sprechen, so zynisch es sich auch anhören mag angesichts jener Schrecken, die sich jetzt dort im Westen abspielen. Aber es läßt sich nicht leugnen: Das Lager ist wie verhext. Es wird gepfiffen, gesungen, gelächelt und gewitzelt. Eine helle Stimmung hat vollständig überhand genommen. Von jetzt ab werden die Tage nicht mehr grau und endlos sein. Die Entscheidung naht, vielleicht mit Riesenschritten. Es ist ja doch nicht verwunderlich, daß wir uns freuen trotz allem! 167 8. Juni 1944 Zur Zeit sind die Zustände im Lager weniger gemütlich. Die Aktionen gegen die deutschen Kommunisten, die die meisten Schlüsselstellungen besetzten, werden weitergeführt. Mehrere Blockchefs sind abgesetzt und in andere Lager geschickt worden, angeblich nach Lieberose. An ihrer Stelle wurde eine Reihe Banditen eingesetzt, Leute, die sich an irgendeine ,, Sonderkommission" verkauft haben, um Spionage und andere lichtscheue Tätigkeiten zu pflegen. Es herrscht kein Zweifel darüber, daß die ,, Leitung" auf die BVs übergegangen ist- also auf die Berufsverbrecher. Zwei bis drei Oberbanditen sind zu Lager ältesten ernannt worden. Der Chef der Ordnungspolizei und des Luftschutzes ist ein Verbrecher. Ein furchtbarer Typ. Eine neue Strafära ist gekommen! So müssen u. a. Gefangene, die mit den Händen in der Tasche angetroffen werden, strafexerzieren. Scott mußte am letzten Sonntag daran glauben, weil er einem Vorarbeiter( einem Grüngewinkelten) mit dem Spruch aus Götz von Berlichingen geantwortet hatte. Das Strafexerzieren wird von diesem Verbrechergeneral kommandiert. Ununterbrochen Hinlegen, Hasensprung und Lauferei, wenigstens eine Stunde lang. Der Scott ist ganz steif und erledigt seitdem. Eine noch größere Schikane für politische Gefangene, als sich von Mördern und Einbrechern befehlen zu lassen, sich in Sachsenhausens Dreck zu wälzen und herumzukriechen, kann man sich wohl schwer denken. Zur Zeit ist es auch üblich, daß der ganze Block strafexerzieren muß, wenn er nicht ,, schön" genug gestanden oder ,, schön" genug exerziert hat. Unser Block mußte Sonntag eine Stunde lang in der Hitze marschieren und exerzieren. Auch hört man Gerüchte von Massenhinrichtungen jetzt im Lager. Massenhinrichtungen von Kommunisten. Aber wir müssen glauben und hoffen, daß es sich nur um Gerüchte handelt. Doch herrscht zweifellos ,, dicke Luft". Man sollte in jeder Beziehung vorsichtig sein, sich nicht über die Invasion unterhalten und auch nicht lächeln. Es könnten teure Gespräche werden und ein teures Lächeln! Verboten ist es auch, Leuten aus den Oststaaten Essen zu schenken, d. h. Polen, Ukrainern, Russen und Tschechen. Es 168 sollen jetzt jeden Abend Wachtposten zwischen den Norwegerbaracken stehen, damit keiner von diesen Leuten in die Straße kommen kann, die zwischen den Baracken liegt. Die Wachtmannschaften werden mit Gummiknüppeln ausgerüstet und sollen die armen Menschen, die sich vor Hunger und Elend am Rande des Abgrunds befinden, schlagen. Es ist entsetzlich. Das Schlimmste ist, daß es hier Norweger gibt, die das für normal und richtig halten und selbst losschlagen. Aber viele helfen doch, die Hungrigen zu füttern, wenn es keiner sieht. Das fehlte ja auch noch- solange wir im Überfluß leben! Der Grund dieses sinnlosen Verbotes, helfen zu dürfen, ist der, daß die Deutschen das Essen der Norweger selbst haben wollen. Sämtliche neu angestellten Blockchefs mit ihrem Schwanz von Gaunern kann man für Eẞwaren, Zigaretten, Seife usw. kaufen. Die kommunistischen Blockchefs waren ja wohl auch roh und abgestumpft jedenfalls die meisten von ihnen-, aber diese sind viel schlimmer. - A propos Essen: Es wird in Zukunft wahrscheinlich wenig Pakete geben, vielleicht werden sie ganz aufhören, wenn die Invasion und der Druck von allen Seiten derart zunimmt, daß jeder überflüssige Transport im Inlande von selbst unmöglich wird. Wir haben uns deshalb darüber geeinigt, daß wir jedenfalls etwas sparsam mit dem, was wir haben, umgehen wollen. Aber keiner von uns kann sparen, darum wird es wohl bei dem vernünftigen Vorsatz bleiben. Und im übrigen gibt es so viele, die gar nichts haben... Der Unterscharführer hier auf dem Kommando, der den ganzen Tag mit mir zusammensitzt, denkt nur und immer an Mädchen und Treulosigkeit. Eine seiner ,, Freundinnen" hatte ihm gestern auf englisch auf die Zigarettenschachtel geschrieben:" I love you." Er hatte keine Ahnung, was das bedeutete, und fragte mich heute morgen. Ich antwortete, daß es heißt: ,, Du kannst mich..." Seine Maske wurde sehr lang, und ich ließ es dabei bleiben. 66 169 9. Juni 1944 Im Westen verläuft alles, wie es soll. Man kann jetzt wohl behaupten, daß sie an Land endgültig. Fuß gefaßt haben. Wenn man von dieser größten und schwierigsten militärischen Aktion aller Zeiten hört, bekommt man einen überwältigenden Eindruck davon, wie überlegen doch das Ganze geplant und ausgeführt ist. Die bangen Ahnungen, die man hatte, weichen, und zurück bleibt nur der überwältigende Eindruck einer zer- malmenden Überlegenheit. Auf der Überfahrt haben sie keinen einzigen Mann verloren, und auch in der Luft sind sie kaum auf Widerstand gestoßen! Der Verlust an Flugzeugen, den sie während der Überfahrt hatten, war geringer als derjenige, den die Amerikaner bei Übungen vor dem Kriege erlitten: etwa sieben Promille. Die SS, besonders Follmann, war gestern und vorgestern sehr, sehr geschlagen und kleinlaut. Heute haben sie sich jedoch wieder erheblich gefaßt. Follmann erzählt, daß alle Luftlandetruppen jetzt restlos vernichtet werden und daß die Verluste des Gegners so groß seien, daß die Landungsboote mit weißer Flagge an Land kämen! Jetzt soll allerdings die ‚deutsche Luftwaffe ernstlich eingesetzt werden- usw. usw. Das hören sie sich heute und morgen an, dann kommen neue Enttäuschungen und neues Sichwiederfinden und-aufrichten nach neuer Propaganda. 10. Juni 1944 Heute sind vier Jahre vergangen, seit sie aus Norwegen ab- zogen und es den-Eindringlingen überließen. Das ist ein Datum, an das man sich erinnern dürfte! Aber so, wie die Dinge heute liegen, wollen wir hoffen, daß eine Invasion in unserem Lande nicht nötig sein wird. Dort, wo die Invasion angefangen hat, wird es Blut und Vernichtung genug geben. Sie wird plan- mäßig fortgesetzt. RolfNissen, ein junger Student, der seinen Platz an unserem Tisch im Block hatte, starb dieser Tage. Er hatte Diphtherie und Lungenentzündung bekommen, und eine Herzlähmung 170 nahm ihm zuletzt das Leben. Er war ein frischer, starker, junger Bursche, ein guter Kamerad, klug und wertvoll. Er ist der vierte von unserem Tisch im B-Flügel, der starb. Er war drei- undzwanzig Jahre alt. Aber es nützt nichts, daß man stehen- bleibt und daran denkt. Das tun wir auch nicht, sondern leben weiter und vergessen, so gut es geht. Ab und zu finde ich es ganz unheimlich, wie gut wir das können. ı1. Juni 1944 Gestern war Brieftag, aber ich bekam keinen Brief diesmal und auch kein Paket. Irgendeine Kleinigkeit wird immer noch geschickt, aber es sieht sonst aus, als wenn sie zu Hause stark gebremst hätten mit den Sendungen. Sie haben wohl nichts mehr zum Schicken. Jedenfalls hat es bestimmt angefangen, knapp zu werden. Ein größerer Transport, der dieser Tage nach Natzweiler hätte abgehen sollen und bei dem auch ziemlich viele Nor- weger waren, soll vorläufig erst in einem Monat starten. Die- jenigen, die dabei waren, sind glücklich. Jetzt wird der Trans- port wohl kaum noch jemals abgehen. Das Elsaß liegt weit westlich! 12. Juni 1944 Heute nacht war wieder Fliegeralarm. Die dritte Nacht hintereinander seit der Invasion. Es wird immer schwerer und schwerer, geduldig zu warten, nachdem es gewiß ist, daß die Stunde der Befreiung naht. Man fühlt einen Drang zu schlafen, es sind wohl die Nerven, die sich melden. Ohne daß wir es eigentlich merken, werden sie ja hart geprüft. 15. Juni 1944 Leider startete der Transport nach Natzweiler vorgestern doch. Einige Norweger mußten mitziehen. Ich gab ihnen die Ziehharmonika mit- die kann von Nutzen sein in jedem Lager. 177 - 16. Juni 1944 - Wir sind lebendig begraben in einem riesengroßen Gemeinschaftsgrab, wo wir wie Maulwürfe umeinander kriechen und krabbeln. Die Lebensgeister sind gerade so weit lebendig, daß sie das Allernotwendigste für die Erhaltung des Lebens in dieser Dunkelkammer verrichten. Auch hier ist Krieg ein Krieg aller gegen alle. Ein abstoßender, stupider Kampf ums Dasein, um sich so lange wie möglich zu halten. Viele gehen in diesem Kampf unter. Die schieben uns beiseite, drücken sie hinunter in die Erde, und stoßen uns weiter. Gewissenlos sind wir, ohne Mitleid mit dem Nächsten, ohne Gedanken an etwas anderes als daran, alles für uns selbst zusammenzukratzen, um unsere armseligen Kadaver so lange als möglich am Leben zu erhalten. Solange wir genug zum Leben haben und der Untergang etwas in die Ferne gerückt ist, kennen wir sogar ein gewisses Wohlbefinden das glauben wir jedenfalls. Wir bringen es sogar fertig, gemütlich miteinander zu reden und lustig zu sein. Das ist Galgenhumor und schmeckt bitter und schlecht wie das ganze Dasein überhaupt. Die häufigsten, amüsantesten und am besten gelungenen Witze sind immer diejenigen, die auf den Krematoriumsschornstein hinspielen, etwa derart, daß der oder jener diesen Weg bald gehen wird. Das wird lediglich mit dem Daumen angedeutet. Dann verstehen alle, was gemeint ist, und amüsieren sich laut darüber. Wenn einer, der zu unserem näheren Bekanntenkreis gehört, jenen Weg tatsächlich geht, dann rückt uns der Spaß schon etwas näher. Eine Art ferner Widerschein von etwas, das wenig an Sorge erinnert, mehr an Angst oder Nervosität, streift einen und wühlt eine Weile in den Gedanken und im Gemüt, bevor er Raum gibt für andere, mehr lebensnahe und in bezug auf das Essen nützlichere Reaktionen. Die Menschen sind im Grunde genommen Schweinehunde, und wir bilden alle keine Ausnahme. Es ist nur eine Einbildung, das zu glauben. 17. Juni 1944 Der Rottenführer war heute in glänzender Verfassung. Haß und Rache funkelten in seinen Augen, und es war deutlich zu 172 erkennen, daß auch ein Glaube dahinter flackerte- der Glaube an den Sieg in zwölfter Stunde. Es wird interessant sein zu beobachten, wie lange das Flackern noch dauert. Frode wurde gestern auf das Revier gelegt. Er hat Stirnhöhlenentzündung, und man fand es ratsam, daß er sich ruhig verhält und eine Weile das Bett hütet. Sonst geht es ihm relativ gut. Gestern kam eine Sensation, die die Stimmung der SS um mehrere Stufen höher gebracht hat. Die neue deutsche Waffe, Hitlers lange angekündigtes Geheimnis, diejenige, die den Krieg mit einem Schlag zur Entscheidung bringen sollte, wurde angewandt. London und Südengland waren das Ziel einer sogenannten Vergeltungswaffe. Es ist noch nicht klar, woraus sie besteht. Hier auf dieser Seite wird es geheimgehalten, und auf der anderen Seite haben sie es noch nicht herausgekriegt. Über die Wirkung erfährt man noch nichts Genaues. Man kann ja nicht auf die SS hören, die felsenfest glaubt, daß England und London nach kurzer Zeit erledigt und der Erde gleichgemacht sein werden. 19. Juni 1944 Das war ein dunkler Samstagabend und ein dunkler Sonntag. Nicht nur, weil ich keinen Brief von Kari bekam, sondern weil ich meinen vier Seiten langen Brief, den ich ihr vor vierzehn Tagen geschrieben hatte, zurück erhielt. Und ich hatte schon angefangen, mich darüber zu freuen, daß sie ihn jetzt bekommen haben müßte. Er war quer durchgerissen und mit vielen roten Strichen und Aufschriften versehen: ,, Nichts aus dem Lager schreiben!" Ich hatte geschrieben, daß ich Hafterleichterung bekommen habe und daß es schwer sei, so viel Ruhe zu bekommen, daß man sechzig Zeilen schreiben könne. Auch das ist also verboten! Und dadurch geht Kari ein Brief verloren. Das ist wirklich eine schöne Hafterleichterung! In der Gemeinschaft innerhalb dieser Mauern gibt es alles- auch einen Wahrsager oder Astrologen, wie er sich nennt, obwohl er aus der Hand wahrsagt. Gestern bin ich zu ihm gegangen. Er weissagte, daß am 21. oder vielleicht bereits am 173 20. Juli eine entsetzliche Katastrophe für Deutschland hereinbrechen würde, die den Krieg beende. Der Waffenstillstand würde unmittelbar hinterher folgen, vielleicht Anfang August. Im Juli oder August wäre ich wieder zu Hause, sagte er, ich würde ausgetauscht werden, während die meisten bis September bleiben müßten. Die heimliche Waffe sei Bluff, meinte er. Nichtsdestoweniger haben sie London seit dem 15. Juni ununterbrochen damit bombardiert. Für die Londoner Bevölkerung mag sie vielleicht einen etwas ernsteren Bluff bedeuten. Aber kriegsentscheidend wird sie kaum sein. 21. Juni 1944 Gerade hat wohl der bisher größte Bombenangriff auf Berlin und Umgebung stattgefunden. Ich weiß nicht genau, wo es am schlimmsten war. Die Luft war voller Flugzeuge, die Bomben fielen und die Kanonen der Flak donnerten zwei Stunden lang, Rauchsäulen stiegen in die Höhe. Nicht weit weg von hier müssen gewaltige Brände wüten. Bei uns fielen keine Bomben, obwohl ein Geschwader nach dem anderen gerade über uns hinwegflog. Wir beobachteten kein einziges Flugzeug, das heruntergeschossen wurde. Sie flogen ruhig und unbeeinflußt durch Granatregen hindurch, anscheinend ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen. 22. Juni 1944 Heute sind es drei Jahre her, daß Rußland in den Krieg eintrat. Viele erwarten etwas aus diesem Anlaß. Gestern waren tausend Flugzeuge über Berlin- zuzüglich zwölfhundert Jäger. Kolossale Zerstörungen. Ich bekam plötzlich und unerwartet einen Brief von Kari gestern. Er war hell und hoffnungsfroh! 26. Juni 1944 Jetzt kommt ein Teil der SS vom hiesigen Kommando an die Front. Der Jüngste hier auf der Schreinerwerkstätte, der ,, Bursch", jubelt wie ein Kind. Das wird wohl einen Spaß geben! Der arme Kleine. 174 Es wird immer weniger von der neuen Waffe geredet. Die SS ist etwas ruhiger geworden. Fürchterliche Szene.. 27. Juni 1944 Ja, allein dies, daß Hunderte von Jungen sich auf dem Platz befinden und diesen Kulturübungen zuschauen- genügt das nicht schon? Die Menschen, die hierfür verantwortlich sind, die die Strafe bestimmt und den Befehl zu ihrem Vollzug erteilt haben, können das überhaupt menschliche Wesen sein? Gibt es denn an ihnen noch irgend etwas Menschliches? Haben solche Individuen überhaupt noch ein Daseinsrecht? Nein! Sie haben genug verdorben! Ein hartes Urteil eines Humanisten? Ja aber gefällt wird das Urteil durch- Humanität. Die Welt muß von diesem Gift befreit werden, das sich sonst verbreiten und aufwachsende Geschlechter vergiften wird, die doch jene Zukunft aufbauen sollen, an die wir trotz allem glauben, für die wir kämpfen, leiden und leben! Mit dieser Gemeinschaft, in der wir hier leben, als Hintergrund wird das Verbrechen nur haarsträubender. Hier, wo Schwindel, Diebstahl und Lüge zur Tagesordnung gehören, wo Büttel führend sind, wo es um Millionenschwindel jeglicher Art geht. Hier, wo man zum ,, Organisieren" erzogen wird und wo keiner existieren kann, der sich dieses System nicht aneignet und es anwendet! Hier wird ein unwissender Ukrainerjunge geschlagen und erhängt für eine der belanglosesten ,, Organisationen", die überhaupt vorkommen! Er hat sich sicher für jene Schuhsohlen etwas mehr Suppe verschaffen wollen oder eine Ration Brot, weil er hungerte, weil auch er als junger Mensch gerne noch weiterleben wollte, den Hunger überwinden, die Entbehrungen und all das Elend und weil er versuchen wollte, sein Gesicht dem Licht und der Zukunft zuzuwenden! Ich habe dich nicht gekannt, du armer, tapferer Ukrainerjunge, ich weiß nicht, welche Gedanken und Gefühle dich erfüllten, als du da oben unter dem Galgen standest, ob Trotz oder Angst. Das spielt auch gar keine Rolle. Dein Auftreten 175 war würdig, und ich werde es nie vergessen. Dein letzter Einsatz wird in der Erinnerung vieler bleiben, und wenn alles Häßliche und Abstoßende jener Situation im läuternden Bad der Zeit und der Gedanken weggefallen ist, dann wird dein Einsatz im Sonnenlicht stehen und so leuchten, wie dein kahlgeschorener Kopf in der Abendsonne leuchtete, als du dort oben unter deinem Triumphbogen hingst! Als der Ukrainerjunge mit dem Büttel zusammen unter dem Galgen erschien, gab es irgendwo auf dem Platz Lärm und Aufruhr. Es war ein Holländer, einer der Bibelforscher, der aufschrie und gegen diese Schandtat protestierte. Ein einziger unter siebzehntausend Gefangenen wagte es, normal zu reagieren! ,, Es ist eine Schande! Es ist eine Gemeinheit!" schrie er. Er wurde gegriffen und fortgeführt... 6. Juli 1944 Ich habe eine Schreibpause eintreten lassen müssen. Ich weiß eigentlich nicht, warum, aber ich hatte so ein Gefühl, als wenn sie heraushaben wollten, mit was zum Teufel für Geheimnissen ich mich unter dem Tisch beschäftigte. Und sicherheitshalber... Wir wurden, als wir gestern von der Arbeit hereinkamen, mit einer traurigen Botschaft empfangen. Michelsen ist gestorben. Ein guter Freund und ein strahlender Kerl. Wir besuchten ihn regelmäßig jeden Sonntag während des Monats, den er nun wieder auf dem Revier zugebracht hat. Er hatte zum zweitenmal Lungenentzündung bekommen. Im Winter hatte er dazu noch Gichtfieber. Seine Gesundheit war gebrochen, er besaß keine Widerstandskraft mehr. Das verstand er auch selbst, und als wir das letztemal da waren, bat er uns, seine Frau zu grüßen. Einer der Pfleger, der sich während unserer Anwesenheit im Krankensaal aufhielt und sich darüber beklagte, daß er soviel zu tun habe, erhielt von Michelsen die milde Antwort: ,, Mit mir sollt ihr bald nicht mehr viel Umstände haben. Jetzt wird es schnell gehen." Er war jung verheiratet und hatte ein Kind, das er noch nicht gesehen hatte. Immer zeigte er uns nur ein lächelndes Gesicht. 176 - er hatte Er wurde Seine Dankbar, weil wir kamen und ihn besuchten, flüsterte er uns beinahe unhörbar seine Fragen und Antworten zu die Stimme verloren. Damit fing seine Krankheit an. heiser wie ein Rabe, dann blieb die Stimme ganz weg. arme junge Frau, ja, die arme, arme Frau. Wenn wir nach Hause kommen( falls wir denn überhaupt nach Hause kommen), müssen wir sie aufsuchen und erzählen, wie strahlend er war bis zum Schluß. Ich fange an Angst zu bekommen um Frode. Er liegt immer noch auf dem Revier. Sonntag bekam er plötzlich Fieber und gestern wieder. Was ihm eigentlich fehlt, wissen wir nicht. Das Revier ist ein Todesloch, und die ganze Einrichtung ist eine Einrichtung zum Zwecke des Massenmordes. Alle Krankheiten, die dort vertreten sind, bekommt man auch, wenn man nicht genügend Widerstandskräfte im Körper hat. Frode ist jetzt schwach, aber er ist zäh. Gott gebe, daß es nicht schief geht mit ihm! Das wäre schrecklich. 13. Juli 1944 Vergangenen Freitag erlebten wir noch einmal, daß jemand erhängt wurde. Es war ein Mann, der geflohen war und der während der Flucht ,, verschiedene Verbrechen" begangen habe. Es handelte sich um einen jungen Burschen, sicherlich einen Polen. Wir gewöhnen uns bald daran. Er war der fünfte, der erhängt wurde, seit wir hierher gekommen sind. Auch Transporte verlassen zur Zeit das Lager. Alle kranken Juden, denen man auf der Uhrmacherwerkstatt ,, gekündigt" hat, weil sie krank sind, wurden gestern nach Auschwitz in Polen gebracht. Das bedeutet für sie sicher die Gaskammern. Gestern ging auch ein Transport nach Natzweiler- nein, ich glaube, er geht erst heute ab. Ein Freund von mir von Grini, Kaardal aus Horten, wurde auch mitgeschickt. Gestern fand ich auf der Liste der toten Norweger den Namen Jon Skeie. Der arme Joner, der doch so robust und groß und anscheinend stark war! Er wurde im Spätherbst Richtung Süden geschickt und starb wahrscheinlich um Neujahr herum. Warum sind es immer die Besten, die sterben müssen? 12 Nansen 177 14. Juli 1944 Heute ist Nationalfeiertag der Franzosen. Die Freiheit, die sie feiern können, mag noch gering sein. Nur ein kleines Stück der Normandie ist frei, und dort gibt es nur noch Ruinen. Aber dieser Teil ist von einer Gewaltherrschaft befreit, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat, er kann wenigstens wieder frei atmen. Ja, wenn man das wieder könnte- und wenn es zwischen Ruinen sein sollte! - 15. Juli 1944 Gestern floh ein Mann von unserem Kommando. Es war ein Ukrainer, der es zu schwer gehabt hatte. Er war lange im Strafblock gewesen, war geschlagen und ausgehungert worden, wurde Muselmann und jetzt wollte er von dem Ganzen weg. Eine Gruppe Gefangener mußte bis acht Uhr gestern abend suchen- aber wir fanden ihn nicht. Heute wurde er in einer der Hallen gefunden, und zwar unter dem Boden, wo er sich versteckt hatte. Gott weiß, wie lange er geglaubt hatte, dort bleiben zu können- ja, was er sich überhaupt gedacht hatte. Nur Verzweiflung und kein Mut, sich das Leben zu nehmen? Das, dem er jetzt entgegengeht, wird nicht schön sein, wohl noch schlimmer als das, was er früher erlebt hat. Er wird mindestens fünfzig Stockschläge erhalten und kommt dann in die SK. Das ist noch schlimmer als Todesstrafe. 17. Juli 1944 An den Fronten geht es gleichmäßig und sicher vorwärts, die Geschwindigkeit ist untadelig, und in Deutschland heißt die Parole allmählich: Das Vaterland ist in Gefahr! Es ist aber unmöglich, ein Ende des Ganzen abzusehen, wenn man kein Riesenoptimist ist, wie ich das manchmal bin. Aber es geht auf und nieder. Das muß ich zugeben! Kari, die Kinder und Mutter sind auf Wormseter, und ich bin froh darüber. Wenn sie doch recht lange dort bleiben wollten. Man kann nicht wissen, was zu Hause, so ganz in der Nähe von Fornebu passieren kann, wenn es krachen sollte. 178 Frode liegt noch immer auf dem Revier. Aber es geht ihm besser. Heute wird er zum erstenmal wieder aufstehen. Hoffentlich haben wir ihn bald wieder draußen. Er sieht sehr gerupft und mager aus jetzt, wir müssen zusehen, daß er einige Kilo zunimmt. Die Laune der SS ist zur Zeit gesunken. Ein gutes Zeichen das jedenfalls. 22. Juli 1944 Vor langer Zeit schrieb ich von dem Wahrsager, der sagte, daß am 20. Juli etwas Entscheidendes geschehen würde. Der Wagenlenker Olsen( allgemeine Geheimbezeichnung für Adolf Hitler in Norwegen, Adam Heinz nannte der Wahrsager ihn) würde ,, einschlafen", sagte er. Von seinen Eigenen betrauert! Und es geschah tatsächlich etwas in dieser Richtung, ein Attentat in Hitlers Hauptquartier, bei dem viele verwundet wurden, einige ernstlich, andere leicht. Zu den letzteren soll Hitler gehören. Noch in der gleichen Nacht sprach er zum deutschen Volk ,,, damit es seine Stimme hören solle", und dankte der Vorsehung für die wunderbare Rettung von einer Bombe, die zwei Meter von ihm entfernt explodierte. Zum Teufel auch, wenn das wahr sein sollte. Er erklärte sofort, daß es ,, frühere Offiziere" sind, die dahinter stehen, und erzählte, daß alle, die mit dem Attentat zu tun hätten, bereits tot seien, entweder erschossen oder sie hätten sich selbst umgebracht. Es ist klar, daß es jetzt gärt im Reich. Berlin ist von der SS besetzt gewesen und war bis heute gesperrt. Himmler hat die ganze Gewalt über das Heimatheer überall im Reich bekommen. Er allein kann Befehle erteilen ,,, derjenige, der nicht gehorcht oder andere Befehle erteilen sollte, wird sofort verhaftet und niedergekämpft, falls er sich zur Wehr setzen sollte!" SS war auskommandiert, und Berlin hatte Alarmzustand. Wahrscheinlich war es überall so. Heute läuft das wunderbare Gerücht, Goebbels sei gestern verhaftet worden von Himmler persönlich! Innerhalb der SS ist die Stimmung nervös und unsicher. Man konnte es unter anderem daran merken, daß am Abend des Attentats sämtlichen Gefangenen die Taschenmesser weg12* 179 genommen wurden. Der Kommandant hat die Blockleiter und Vorarbeiter zusammengerufen, ihnen Disziplin eingeschärft und sie um Unterstützung gebeten, falls es mulmig werden sollte. Es scheint, als wenn sie doch etwas erwarteten in den kommenden Tagen. Es sind merkwürdige Tage, voll von einer unbeschreiblichen Stimmung, einer Mischung von wahnsinnigen, hellen Hoffnungen und Angst vor dem Ausfall der Ungeduld und Spannung, denen man nicht entfliehen kann. Wir wollen sehr hoffen, daß es jetzt schnell gehen wird! 25. Juli 1944 Es scheint, als wenn der Wagenlenker Olsen in bestem Wohlbefinden weiterlebte. Alle die Kräfte, die früher für die Beendigung des Krieges arbeiteten, sind aus dem Spiel gesetzt, und die SS bestimmt. Als deutliches Zeichen der Degradierung der Wehrmacht ist der Wagenlenkergruß auch bei ihr eingeführt worden. Er bedeutet ihre letzte und endgültige Nazifizierung. Es fragt sich nur, ob sie vollkommen gelingen wird. An den Fronten läuft es phantastisch, besonders im Osten. Sie stehen jetzt neunzig Kilometer von Warschau entfernt. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie die Stadt in dieser Woche nehmen würden. Sie rücken jetzt viel zu schnell vor, als daß die Deutschen es wegerklären können, und die Stimmung unter der SS ist sehr gemischt zu nennen, während sie unter den Gefangenen heller und zuversichtlicher denn je ist. 27. Juli 1944 Zwei größere Transporte mit Wagen sind jetzt hier aus dem Depot geholt worden und nach Polen gegangen, um dort bei der Evakuierung zur Verfügung zu stehen. Gestern zogen siebzehn Autozüge nach Königsberg. Eriks Chef, Lucian, war dabei. Erik ist glücklich und schläft und faulenzt auf der Arbeitsstelle, so gut es geht. Lucian wird sicher eine Woche wegbleiben, vielleicht länger, vielleicht kehrt er nie zurück! Erik wird bei dem Gedanken so hingerissen, daß er beinahe schmilzt. 180 Lucian ist ein Schwein, schlägt und tobt täglich. Für ihn kann kein Schicksal hart und schrecklich genug sein, meint Erik. Gestern wurden wir beim Einmarsch zur Arbeit wieder einmal gefilzt. Diesmal waren sie wahrscheinlich hinter Waffen her. Eine solche Filzung schafft immer eine große Unruhe und Nervosität unter den Gefangenen. Sie mögen gar nichts Gefährliches bei sich haben, allein der Gedanke an Stockschläge und Peinigungen, an Faustschläge und Teufeleien bringt sie schon zum Zittern, und in Hunderten von Fällen verlieren sie das Gleichgewicht ganz und gar. Sie werfen alles mögliche von sich: Pfeifen, Zigarettenmundstücke, Hosen, Gürtel usw., und auf dem Weg und am Wegrande liegen die merkwürdigsten Dinge verstreut- angefangen von den genannten Dingen bis zu Brot und Regenmänteln. Einige sind derart außer sich vor. Nervosität, daß die Posten annehmen, sie hätten etwas Gefährliches bei sich, und deshalb eine besonders gründliche Untersuchung vornehmen. Ein Riemen, der normalerweise sicher um die Taille des Gefangenen gesessen hätte, wurde wahrscheinlich aus purer Furcht, weil er natürlich ,, organisiert" war, um die Wade unter der Hose gewickelt. Er wurde gefunden, und die Sache war klar: Er hatte ihn gestohlen! Das geschah gestern. Der Gefangene erhielt als Einleitung einige Schläge mit dem Riemen ins Gesicht, nachher wird er dann wohl in SK geschickt, wenn es nicht noch schlimmer endet. Man muß sich an den Jungen erinnern, der neulich erhängt weil er Leder für ein Paar Schuhsohlen organisiert wurde hatte. - 30. Juli 1944 Im Osten geht es mit Riesenschritten vorwärts. Die Städte fallen wie Erbsen aus einem Sack. Sogar im deutschen Rundfunk spricht man schon von ,, südöstlich von Warschau". Man sollte meinen, daß Warschau diese Woche noch fiele, und dann ist es nicht mehr weit bis zur deutschen Grenze! Im Lager wird zur Zeit viel gefilzt. Die Stimmung ist darum etwas nervös. Heute sind einige zum Strafexerzieren befohlen, weil sie Tabak, Eßwaren und irgend etwas anderes mitge181 nommen oder weil sie während des Appells gesprochen haben. Das Verbrecherregime ist äußerst gründlich. Besonders aufmerksam sind sie gegen die Norweger, wahrscheinlich als Dank für die Hunderte von Paketen, die sie von uns erhalten haben. 3. August 1944 Des Königs Geburtstag! Die Sonne scheint von einem klaren Himmel. Ich, der ich als Königsgeisel hier bin, sollte eigentlich wissen, wie alt der König heute ist. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß mir das durcheinander geraten ist. Dreiundsiebzig oder vierundsiebzig? Oder ist beides verkehrt geraten? Einen Glückwunsch schicke ich ihm doch. Stolz und aufrecht leuchtet seine Gestalt unverändert durch jene Stürme hindurch, die über unser Land dahingegangen sind. Mit überlegener Würde und Gemütsruhe hat er die harten Schläge, die unser Land und Volk und damit auch ihn getroffen haben, hingenommen, und keinen Augenblick haben wir den Eindruck gehabt, daß er schwach geworden wäre. Nicht einmal ein klein wenig hat er seine Forderung eingeschränkt: Ein wiedererrichtetes und freies Norwegen. Sein treues Herz und sein sicherer Glaube tragen die Zukunft in sich. Jugend und Lebenskraft strahlen aus diesem merkwürdigen Mann, so fern und unpersönlich er uns auch manchmal früher war. Heute kennen und schätzen wir ihn hoch als Menschen, lieben ihn als Freund, ehren ihn als unseren König. Alle Norweger ohne Ausnahme wünschen ihm heute, daß er es erleben möchte, daß er nach Norwegen zurückkehren kann, in einen neuen Tag, in eine neue Morgenröte über unserem Land. Und jener Tag naht. An allen Fronten geht es voran, und die Stimmung bei der SS beginnt sich dem Nullpunkt zu nähern. Der SS- Rottenführer Follmann schlug heute mit der Faust auf den Tisch drinnen im Glaskäfig und verfluchte den Kapitalismus! Ich sagte, dann sei er ja Kommunist. Er stutzte. wehrte sich aber dadurch, daß er auf Rußland hinwies und auf die Kommunisten in Deutschland, die das Land ins Elend gezogen haben würden. Ob es denn jetzt nicht noch tiefer ins 182 Elend gezogen worden sei, fragte ich. Ja, aber im Kampf für das Recht- und im Kampf wollen wir untergehen! Es ist hoffnungslos hoffnungslos. Zur Hölle mit dem Ganzen! Das war die einzige Folgerung, die der SS- Rottenführer Follmann ziehen konnte. 1 - Zur Zeit finden im Lager Hinrichtungen statt, und zwar draußen im Industriehof. Einige ,, feierliche Exekutionen" gibt es auch, zu denen prominente Persönlichkeiten erscheinen. Bei diesen Gelegenheiten wird- soviel ich erfahren habe meistens der Maßapparat( Nackenschuß) angewandt. Prügelszenen gehören täglich dazu, besonders an Samstagen, wenn vierzig bis fünfzig Gefangene zehn bis fünfzig Schläge von ihren eigenen" Bütteln bekommen. Eine öffentliche Bestrafung oder Erhängen auf dem Appellplatz hat lange nicht mehr stattgefunden. Gott weiß, warum. Den beiden Transporten, die von dem hiesigen Depot aus nach Polen gingen, ist es schlecht ergangen. Der erste, der von Irsch geleitet wurde, scheint einem Angriff ausgesetzt gewesen zu sein. Die Teilnehmer sind schwer verletzt. Der zweite, bei dem sich Lucian befand, soll umgekommen oder von den Russen geschnappt worden sein. Erik tanzt can- can. Too good to be true! 4. August 1944 Als wir gestern ,, nach Hause" kamen, wurden wir von der Neuigkeit empfangen, daß eine Paketsperre eingetreten sei. Ebenfalls Rauchersperre. Es stellte sich jedoch heraus, daß die Rauchersperre sich auf die Einkäufe in der Kantine- also von Machorka beschränkte. Sie soll vierzehn Tage dauern. Aber die Paketsperre ist endgültig und dauernd. Es handelt sich um keine Lagerbestimmung. Das Verbot kam von höherer Stelle und bezieht sich auf das ganze Land und auf alle. Wahrscheinlich soll das Verkehrsnetz entlastet und auf den totalen Kriegseinsatz umgestellt werden. Erik hat sich zu früh gefreut. Es war keine Stunde nach seinem wilden Freudenausbruch vergangen, als Lucian mit den Resten seines Autotransportes wieder erschien. Irgendwo 183 in Polen hatte er sieben Wagen verloren im Kampf mit Partisanen, aber er sprang quietschvergnügt aus einem der heimgekehrten Wagen heraus und verkündete, daß er ,, noch am Leben sei, und fing sofort an, zu schimpfen und zu toben. Die Hoffnung lebt immer, aber auch sie ist total! - 8. August 1944 Die Tage schwinden mit Sonnenschein und Hoffnungen. Wenn sie auch schnell vergehen, es ist doch zu langsam für uns! Sowohl im Osten als auch im Westen ist die Geschwindigkeit jetzt untadelig ,,, sachlich" gesehen. Aber wir sind nicht sachlich. Diejenigen, die die Augenbrauen hochziehen und feierlich überlegen und mit schweren Postulaten kommen, daß der Krieg immer noch lange dauern wird sie bluffen! Diejenigen, die dozieren, daß man wohl die Flugwaffe habe und die enorme Beweglichkeit und Schlagkraft der motorisierten Truppen- während man andererseits auch mit dem Teufel und seinem Pumpenstock rechnen müsse- sie bluffen auch. Ärgerlich ist nur, daß jeder Tag, der vergeht, ihnen recht gibt- diesen Wichtigtuern! Und ihre Stirnfalte wird immer tiefer, ihr Grabesernst immer bedeutungsvoller. - 10. August 1944 Nein, nicht alles kommt so, wie man es mit oder gegen seinen Willen hier erwartet. Es geht voran an den Fronten, behüte aber wir möchten etwas erleben, das den Vorgang beschleunigt, etwas, das das Ende herbeiführt! Einen großen Krach, und dann Schluß! Aber es blieb nur ein miẞlungenes Attentat. Die Attentäter wurden vorgestern erhängt. Einer von ihnen, Höppner, war der General, mit dem ich am 15. März 1939 in Prag zu tun hatte. Er war es, der mir mit den Flüchtlingen half. Er, der trotz allem ein anständiger Mensch war. Jetzt wurde er erhängt. Das ist beinahe wie ein Symbol. Mir fällt ein, was er mir in Prag sagte, als ich ihm erzählte, daß zur Zeit Frauen und Kinder draußen im Schnee lägen und frören bei zehn Grad Kälte 184 und Schneesturm- auf der Flucht vor den Deutschen. ,, Ja", sagte er ,,, ich weiß, was das bedeutet, ich habe selbst Frau und Kinder..." Einen Augenblick lang war der General wie abwesend, der strenge Zug in seinem Gesicht wurde milder, als wenn ein kleiner Sonnenstreifen durch sein Gemüt striche, aber es dauerte nur einen Augenblick, und er war wieder der General. Und doch war es wohl dieser kleine Sonnenstrahl, der ihm gebot, mir Hilfe zu versprechen in meiner Arbeit für die Errettung dieser armen Menschen. Ach, wie wenig haben wir zu tun vermocht, und wie unvollkommen war das alles. Die Lawine hatte sich bereits gelöst, was half dann noch das Fliehen? Wir wurden ja alle eingeholt, die Helfer und die, denen geholfen wurde. Es war ja nur ein kurzer Aufschub. General Höppner sagte mir ja auch, ehe ich von ihm ging, daß es rasch geschehen müsse, sollte er mir helfen können. Und er fügte hinzu: ,, Denn nachher kommen die andern... Sie wissen, welche ich meine...", und er zeigte mit dem Daumen über die Schulter hinweg nach jener Seite des Foyers hinüber, wo sich die Gestapoleute aufhielten. Doch, das wußte ich bereits damals, ich auch, aber ich ahnte nicht, wie bitter ich jene Wahrheit später zu spüren bekommen sollte. Er ja wohl auch nicht. Armer Mann- arme Frau und arme Kinder, die jetzt irgendwo ,, zu Hause" sitzen, ja- wenn sie überhaupt noch ein ,, Zuhause" haben und in die Ruinen alles dessen hineinstarren, woraus früher ihre glückliche Welt bestand! Es ist wie ein Sinnbild des ganzen schrecklichen Betruges, dessen Opfer das deutsche Volk geworden ist. Ein ganzes Volk, ja, beinahe eine ganze Welt starrt hoffnungslos hinein in diese Ruinen. Nur wenige haben Kraft und Glauben genug, um an die Zukunft zu denken und den Wiederaufbau anzufangen. Was in aller Welt soll daraus werden? 12. August 1944 Es gibt viele Anzeichen dafür, daß es auf das Ende zugeht. Eine neue Aktion hat im Lager eingesetzt- gegen Kommunisten und andere gefährliche" Menschen. Die Sonderkommission, dieses unheimliche, unsichtbare Ungeheuer, steckt 185 dahinter. Sie arbeitet unter der Oberfläche mit Hilfe von Spionen und Aushorchern. Sie zwingt Gefangene in ihre Dienste und läßt sie für sich arbeiten unter Androhung von Tod und Untergang. Täglich werden Menschen geholt und in den Industriehof geschleppt, aus dem sie entweder überhaupt nicht oder halbtot geschlagen wieder herauskommen. Die Gefangenen mit niedrigen Nummern, das heißt diejenigen, die das Schlimmste hier im Lager gesehen und erlebt haben, diejenigen, die hier waren in der Zeit, als die Zahl der Ermordungen in die Tausende stieg, sie werden gefährliche Zeugen werden, wenn der Tag der Abrechnung kommt. Vielleicht suchen die Deutschen sie deshalb aus dem Weg zu räumen in dem Bewußtsein, daß dieser Tag bald da ist. Man scheint es auch auf jene Gefangene abgesehen zu haben, die wegen Hochverrats verurteilt worden sind. Ich höre, daß Protokolle zur Unterschrift vorgelegt werden sollen, die Geständnisse der schrecklichsten Verbrechen enthalten, die die SS begangen hat. Die armen Gefangenen werden gepeitscht, bis sie unterschreiben. Gepeitscht und geschlagen, bis sie nicht mehr auf den Beinen stehen können. Man hat einen Isolierblock für solche Gefangene eingerichtet. Block 58. Uns anderen wurde unter Androhung der schlimmsten Folgen befohlen, uns fernzuhalten. Eine Reihe Gefangener von der SK auf Klinker sind hier ins Lager gekommen, und die ,, Bestrafungen" werden täglich vorgenommen. Hier soll auch ein sogenanntes ,, Stehkommando" eingerichtet worden sein. Die Gefangenen müssen aufrecht stehen, immer stehen, Tag um Tag, bis sie nicht mehr können. Selbstverständlich können sie auch daran sterben. Es geht nur langsamer, als wenn sie erschossen, erhängt oder zu Tode geschlagen würden. Und vielleicht soll es langsam gehen. Vielleicht werden sie dann einige Verbrechen auf sich nehmen, nur, um es zu einem Ende zu bringen! Und noch eines: Auch hierin äußert sich eine Art Rache, Vergeltung. An England, oder am Feind, gleichgültig an wem. Vergeltung! Der Haß und der Wahnsinn bekommen ein Ventil, auch der Fanatismus wird total, das Dunkel, die Menschen. Ob wohl irgend jemand von uns jemals nach Hause zurückkehren wird? 186 Der arme Joel, er ist zur Zeit nervös. Gestern schickte er nach mir, weil er mit mir sprechen wollte. Er durfte ja nicht durch die Absperrungen um die Norwegerblöcke kommen. Außer- halb des norwegischen Bezirks auf dem Platz treffe ich ihn regelmäßig und stecke ihm etwas Speck, Sardinen, Butter und Brot zu. Das ist ja auch verboten. Er hatte jetzt Angst, daß er geschnappt würde. Er ist einmal wegen Hochverrats ver- urteilt worden und hat elf Jahre gesessen. Alles hat er gesehen und erlebt. Den Schreckensmonat 1941, vom ı. September bis 15.Oktober, als zwölftausend russische Gefangene planmäßig ermordet wurden, darunter Jungen und Mädchen im Alter von dreizehn bis vierzehn Jahren. Er hat das alles gesehen und er- lebt, er wagt nur nicht, daran zu denken, er versucht, davon wegzukommen. Jetzt ist es wieder da, dringt auf ihn ein, er wird es nicht mehr los, und schwach, wie er jetzt ist, bringt ihn die Nervosität ganz aus der Fassung. Er glaubt sicher, daß er demnächst geholt werden wird, und er fürchtet, nicht lebend aus Nr. 58 oder aus dem Industrichof herauszukommen, wenn er dorthin geführt wird. Er hat selbstverständlich nichts auf dem Gewissen, aber er ist ein alter Gefangener, und man rechnet ihn zu den Kommunisten, obwohl er den Kommunismus immer bekämpft hat. Dazu kommt, daß er Journalist ist- ein sehr gefährlicher Zeuge. Sehr gefährlich. Er spricht mit keinem, hat auch keine Freunde, aber er wollte wohl gerne, daß einer Bescheid weiß, wenn ihm etwas passieren sollte. So kam er denn zu mir. Nichts kann ich für ihn tun, als ihm zuhören, sein Freund sein, vielleicht, daß ihm das hilft. Sonst kann ich ihm keinen Trost geben. Er weiß ja alles besser, hat eine weit größere Erfahrung und kennt seine Büttel durch und durch, besser als die meisten anderen. Was wird er schreiben können, falls er einmal lebend hier herauskommen sollte! Und viel- leicht wird es gerade dieser Umstand sein, der ihn jetzt ver- nichtet. Man hat ein Freudenhaus im Lager eingerichtet. Erst wollten wir es nicht glauben, aber es ist Tatsache. Vorgestern wurde es für die Norweger geöffnet. Leider gab es einige, die hingingen, und damit ist denn die Front gebrochen. Es sind zehn Huren 187 - dort. Sie kommen aus dem Frauenlager in Ravensbrück. Es handelt sich um Gefangene, die sich ,, freiwillig" gemeldet haben, um eher entlassen zu werden. Der erste Tag war für die Blockältesten und die Prominenten reserviert. Dann kamen die Reichsdeutschen an die Reihe und dann alle Germanen. Es ist dieser stolzen Rasse vorbehalten, sich dieser Anstalt zu bedienen aus ,, medizinischen Gesundheitsgründen" selbstverständlich, und auch dort ist alles ,, peinlich sauber". Daẞ das Ganze eine Schikane und eine Schweinerei ist, fällt selbstverständlich keinem von der SS ein. Ganz im Gegenteil, es handelt sich um Großmut, Edelmut und taktvolles Verstehen. Scheine werden ausgeschrieben, zu fünfen muß man Schlange stehen und bekommt zehn Minuten Zeit, nachdem man nach erfolgter Untersuchung für ,, sprungfähig" befunden worden ist. Selbstverständlich werden Scheine verkauft und gekauft, dann brauchen die Feiglinge sich auf dem Block nicht zu melden, falls sie Lust haben, hinzugehen. Die armen zehn Häftlinge, die dafür früher entlassen werden sollen! Sie werden sicher vollauf zu tun bekommen. Der Puff ist bald keine Sensation mehr, er gibt nicht einmal mehr Anlaß zu groben Witzen. 14. August 1944 Der gestrige Sonntag war sehr unruhig. Es geschehen überhaupt zur Zeit Dinge, die die Tage sehr bewegt machen. Wir erwarten hier im Lager Tausende von neuen Gefangenen. Ebenso viele sind bereits angekommen. Wahrscheinlich kommen sie aus Polen, wo ein Konzentrationslager nach dem anderen evakuiert wird, sowie die Russen näher rücken. Gestern erwarteten wir einen großen Zustrom: zwei- bis dreitausend. Mehrere Blocks wurden geräumt und für den Zugang freigemacht. Zu den Blocks, die geräumt wurden, gehörte auch Nr. 25, wo alle Dänen, ungefähr hundertunddreißig, mit den Norwegern zusammenwohnten. Alle diese Dänen und Norweger wurden auf die übrigen vier Norwegerblocks verteilt mit dem Erfolg, daß wir jetzt wie mehrfach geschichtete Sardinen in einer Büchse wohnen. Es sind ja geradezu entsetz188 liche Zustände, wenn man bedenkt, daß tagsüber und auch nachts eine tötende Hitze brütet. Die Luft im Schlafsaal ist von dem Augenblick an, da wir abends zu Bett gegangen sind, unbeschreiblich, obwohl alle Fenster ausgehängt sind. Wie soll das im Herbst und Winter werden, wenn die Fenster wieder eingehängt worden sind und wir die Wärme drinnen halten müssen? Gott gebe, daß es nicht so lange dauern wird. Zur Essenszeit im Speisesaal zu sein, ist eine Tortur, wie überhaupt die ganze Zeit, solange wir uns ,, zu Hause" im Lager aufhalten, sowohl morgens wie abends. Man muß sich durchkämpfen zwischen nackten und halbnackten, schweißigen und schmutzigen Körpern. Einige sind voller Geschwüre, andere unsagbar schmutzig. Man flucht und wettert, hohnlächelt, lacht und verzweifelt. Aber wir gehen hindurch und sind glücklich darüber, daß es doch wenigstens Landsleute und Dänen sind, die in unseren Betten liegen, sich mit uns an die Tische quetschen, uns auf die Füße trampeln im Waschraum und in den Aborten. Es hätte schlimmer sein können. Wir hätten nämlich auch Polen und Ukrainer bekommen können, und trotz aller Menschenliebe und aller Toleranz: Es wäre entschieden schlimmer gewesen. Denn sie sind- jedenfalls die Schlimmsten von ihnen noch schmutziger, noch unsauberer als die Schlimmsten von uns. Ob man sich das nun als einen Dauerzustand oder als Übergangsstadium gedacht hat, weiß ich nicht. Ich möchte annehmen, daß es ein Dauerzustand wird. Es ist wahrscheinlich, daẞ ständig mehrere tausend Gefangene und Flüchtlinge hier ankommen werden im gleichen Maßstab, wie die Russen näher rücken. Später geschieht dann vielleicht dasselbe im Westen, wenn Engländer und Amerikaner vorgehen. Als wir heute morgen nach der ersten engen Nacht auf unseren Arbeitsplatz marschierten, erlebten wir einen traurigen Anblick auf der Hauptstraße von Sachsenhausen. Ein unendlich langer Zug von Frauen, Kindern und Männern. Es waren Polen, einige sagten Flüchtlinge, andere sagten Gefangene, wieder andere meinten, daß es vor den Russen Geflüchtete seien. Man erzählt, sie hätten zu fünf und fünf aufgestellt fünf Stunden lang unter Bewachung hier gestanden. Es soll sich 189 im ganzen um dreitausend Menschen handeln. Säuglinge waren darunter, die die Mütter auf den Armen trugen, junge Mädchen und Jungen. Dies ist also ein neuer Zuwachs für die Konzentrationslager, die bereits von früher her überfüllt sind. Und dabei sprechen die Deutschen davon, daß die Alliierten gegen Frauen und Kinder Krieg führen! Es geschieht aber noch mehr zur Zeit. Für uns Norweger hier im Lager ist etwas anderes von besonderem Interesse. Die Lagerleitung, das heißt die beiden Lager ältesten, zwei Erzbanditen, die der unsichtbaren und gefürchteten Sonderkommission angehören, planen eine Aktion gegen die Norwegerblöcke. Offiziell heißt es, daß die Kommunisten aus allen Vertrauensstellungen entfernt werden sollen. In Wirklichkeit haben sie es auf die übriggebliebenen Pakete aus Norwegen, vom Roten Kreuz usw. abgesehen. Es ist ihnen leider bereits gelungen, viel zu viel davon in die Finger zu bekommen. Und so sind die Sachen unter gut genährte deutsche Verbrecher verteilt worden anstatt unter Körperschwache und Kranke. Aber unseren norwegischen kommunistischen Vertrauensleuten( ja, Kommunisten sind sie mit geringen Ausnahmen) sind sie nicht beigekommen. Jetzt schützen wir sie alle miteinander. 15. August 1944 Die dreitausendfünfhundert, die gestern auf der Straße standen, waren Flüchtlinge aus Warschau. Warschau brennt, restlos! Die Deutschen haben die Stadt angezündet. Man kann sich vorstellen, wie es jetzt dort zugeht. Es ist doch merkwürdig, daß jene Flüchtlinge, die die Deutschen ,, aus den Mörderhänden der Russen gerettet" haben, jetzt in Konzentrationslager kommen- einschließlich Säuglinge und Greise beider Geschlechter. Die Stimmung ist nervös und auf dem Siedepunkt angelangt. Man merkt, daß etwas bevorsteht. Es liegt etwas in der Luft. Als die Flüchtlinge durch Berlin marschierten, habe die Zivilbevölkerung Sympathiekundgebungen veranstaltet: sie habe ihnen zu essen gegeben, den Müttern mit Kindern geholfen usw. 190 Die Demonstranten wurden dann auch gleich mitgenommen in den Rettungszug hierher. Der ganze Zug stand oder ging da draußen einen Tag und eine Nacht lang ohne Essen. Gott weiß, was man jetzt mit ihnen anfängt. Den Brief, den ich das letzte Mal an Kari schrieb, habe ich jetzt zum viertenmal zurückbekommen. Diesmal, weil die Zeilen zu lang waren, das letzte Mal, weil er bereits einmal abgeschickt war( ich hatte den Zeitpunkt verpaẞt), und zuvor, weil er einen Satz zuviel enthielt. Hafterleichterung ist etwas Fabelhaftes! 23. August 1944 Es ist sicher alles planmäßig. Mit Riesenschritten geht es voran im Osten und im Westen. Und doch geht für uns nichts schnell genug. Man hört zuverlässige Gerüchte darüber, daß alle Norweger in ein anderes Lager gebracht oder zur Zivilarbeit verschickt werden sollen. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß diese Maßnahmen in Verbindung stehen mit der Durchführung des Programms für den totalen Kriegseinsatz. Alle Deutschen im Lager werden täglich eingeschrieben und warten darauf, an die Front geschickt zu werden. Räuber und Verbrecher hat man ja schon lange in großem Maßstab mobilisiert, und ständig marschieren neu aufgestellte Kompanien zum Tor hinaus, während die Aktion gegen die Kommunisten und Hochverräter fortgesetzt wird. Dieser Tage wurde der frühere Chef für den Arbeitseinsatz aus Nr. 58 auf das Revier getragen blutig und halbtot geschlagen. Er wird sicher nicht der einzige bleiben, wenn den anderen nicht ein kürzerer Weg zum Krematorium bereitet wird. Ein ganz ausspekuliert teuflischer Zug an der ,, Nr.- 58- Aktion" ist es, daß dort zusammen mit den Kommunisten ,,, Verrätern" und anderen unerwünschten Elementen auch solche Leute sitzen, die alle gerne loswerden möchten. Solche, die im Laufe der vergangenen Jahre das Leben von Hunderten von Mitgefangenen auf ihr Gewissen geladen haben. Sadisten und Rohlinge, die ihre Vorarbeiterund anderen Posten dazu benutzt haben, auf ihre Mitgefangenen loszugehen. Leute, die man nicht mehr zu den normalen 191 - - Menschen zählen kann, die zu Tieren geworden sind durch die Gefangenschaft, Schicksalsschläge und Teufeleien richtiger gesagt, zu lebendigen Teufeln. Auf diese Weise werden die Karten gemischt man soll wohl den Eindruck bekommen, daß alle, die auf Nr. 58 kommen, das auch verdienen... Und nach und nach vergiẞt man das Ganze. - Es gibt viele unter uns, die nicht einmal etwas davon wissen- ja, die sich nicht einmal dafür interessieren. Sie leben dahin und sind mit sich selbst und ihren eigenen Problemen beschäftigt: Essen- Arbeit- Briefe, Essen- Kleider- Arbeit- Essen- Essen! 25. August 1944 Gestern kapitulierte Rumänien. Natürlich war auch dort nur eine ganz kleine ,, Verräterclique", die ihr Land ,, verriet". Es ist merkwürdig, wie großartig die Deutschen diese Sache mit dem Verrat finden. Als wenn es dann keine Schande wäre! Sie konnten nichts dafür! - Sonne- Das Wetter ist strahlend schön zur Zeit. Sonne ein wolkenloser Himmel Tag für Tag. Ich sitze viel draußen und schnitze. Zur Zeit entsteht ein Teufel. Der Kopf eines Teufels auf dem Boden einer Schale. Ich hatte solche Lust dazu. Der, für den die Schale bestimmt ist, war sehr enttäuscht à sehr miẞtrauisch beinahe böse. Also ist mir die Sache gelungen. Er will die Schale nicht haben. Prima! Er möchte lieber eine Rose haben oder eine Margueritenblume oder eine andere zarte kleine Blume mit einem Blatt. ,, Das ist doch viel schöner- viel netter- nicht?" - 27. August 1944 Unser Hochzeitstag! Siebzehn Jahre! Der dritte Hochzeitstag im Gefängnis! Also sind es eigentlich nur vierzehn, aber vierzehn helle, reiche Jahre, die es möglich gemacht haben, die drei dunklen zu ertragen. Ja, dunkel sind sie gewesen, aber nicht so dunkel, daß das Licht der vergangenen es nicht vermocht hätte, in sie einzudringen und auch sie zum Leuchten zu bringen. Alle Briefe, alle Besuche auf Grini, alle Gedanken 192 und Erinnerungen werden zu einer Reihe von Lichtpunkten, die all das andere Schwere und Schmerzliche überstrahlen. Darum, wenn ich jetzt für einen Augenblick diese Umgebung vergesse, wie sie einmal in nicht langer Zeit vergessen werden soll, und an diese drei Jahre zurückdenke, dann werden sie zu einer einzigen zusammenhängenden glücklichen Sehnsucht. Trotz allem ist das Leben gut zu uns gewesen. Den Reichtum, den es uns in diesen siebzehn Jahren gegeben hat, kann uns keiner nehmen. Er ist ewig und wird nicht vergehen, selbst wenn wir uns nie mehr wiedersehen sollten. -- 28. August 1944 Es wurde ein großer Tag gestern wie sich das gehört. Wohin man auch blickt nach Osten, Westen, Norden oder Süden-, gibt es Rückzüge, und zwar Katastrophenrückzüge für die Deutschen. Unaufhörlich trifft sie ein harter Schlag nach dem andern. Es herrscht kein Zweifel, daß sie es jetzt nicht mehr sehr lange werden schaffen können. Höchstens vier Wochen, sagte mir neulich ein alter Kommunist, ein äußerst vorsichtiger Mensch. Er urteilt sonst pessimistisch. Aber jetzt kann man dem Pessimismus keinen großen Platz mehr einräumen. Merkwürdigerweise merkt man nicht viel von Verzweiflung bei den Deutschen. Das heißt: die Stimmung äußert sich nicht in Verzweiflung, eher in Gleichgültigkeit und Selbstaufgabe. Aber etwas sind und bleiben die Nationalsozialisten doch: ,, bad loosers". Die Zeitungen sind voll von Beschimpfungen der Gegner. Sie seien Banditen, Gangster, Verräter, Schwindler, Judenpack und Ausbeuter. In einem ,, ehrlichen Kampf" hätten sie nie über die Nazis gesiegt! In ,, ehrlichem Kampf" gewinnen nämlich nur die Nazis! Auch das deutsche Volk wird ja hier und da einen Strich durch die Rechnung vertragen können aber wenn die ganze Rechnung anfängt, nur aus Strichen zu bestehen ja, dann ist es nicht mehr so einfach. 13 Nansen 193 29. August 1944 Der Terror auf Nr. 58 rast weiter. Ein Opfer von dort ist auf das Revier gebracht worden. Es hat vierhundert Schläge bekommen, und seine Schenkel und seine Sitzfläche sind derart zerstört, daß man sie hat entfernen müssen- wegoperieren. Man hatte ihm das Fleisch buchstäblich von den Beinen weggeschlagen. Er war wahrscheinlich Kommunist und hatte außerdem Russen und Ukrainern zu essen gegeben. Jetzt geht er seinem Schicksal entgegen, seinem Urteil von seiten jener Kulturträger, die dabei sind, Europa vom Kommunismus zu befreien! Das Herrenvolk! Gottes Auserwählte! 30. August 1944. Weit hinten im Nebel beginnt das Gespenst des Winters wieder Gestalt anzunehmen. Heute haben wir den ersten richtigen Herbstmorgen erlebt. Kalt und neblig, kein Frostnebel, aber ein beinahe frostblauer Morgennebel, über dem sich hoch oben ein Sternenhimmel wölbte. Bei jedem Morgenappell kann ich jetzt meinen Stern erblicken( ich glaube, alle haben ihren besonderen Stern, auch ich habe meinen), bis wir zur Arbeit hinausmarschieren, dann verschwindet er im Sonnenlicht. Die Nächte werden länger und länger, bald werden sie uns bis auf den Arbeitsplatz begleiten und uns wieder entgegenkommen beim Abendappell. Jetzt ist bald ein Jahr vergangen, seit ich hierherkam. Nur ein Monat fehlt noch. Sollte der Monat der entscheidende werden? Sollte er die unbegreifliche Nachricht bringen? Die Nachricht, die man kaum auszusprechen wagt! 31. August 1944. Heute ist der letzte Tag des fünften Kriegsjahres. Auch das ist ein Anlaß zu wehmütigem Nachsinnen. Fünf Jahre haben die Menschen gegeneinander gerast, alles niedergetrampelt und all das Böse in sich entwickelt, all die Teufelei. Fünf ganze, lange Jahre, und es soll noch länger dauern. Morgen beginnt das sechste Jahr. Als der Krieg anfing, hielten wir es für un194 denkbar, daß er solange dauern könnte. Wir glaubten, daß die Welt, jedenfalls unsere Kultur, schneller untergehen würde, auf alle Fälle dann, wenn eine Million Menschen getötet sein würden! Wir vergaßen, zu bedenken, daß sie dann untergehen wird aber mit den Überlebenden. Der Untergang liegt nicht in der vollständigen Vernichtung von Menschen und Material durch Bombardierung, Mord und Brand. Er liegt in der Abstumpfung und Verrohung, die sich nach und nach an jenen Menschen vollzieht, die weiterleben sollen. Darum wissen wir noch nicht, wie nahe der Untergang wirklich herangerückt ist. - Nach dem vergangenen Krieg waren wir es, die die Welt retten sollten. Wie oft haben wir das gehört! Jugend! Von euch soll die Rettung kommen! Ihr sollt die Sünden der Väter büßen und mit dem Glauben, der Begeisterung und der Willenskraft der Jugend sollt ihr die Gemeinschaften in eine lichtere und bessere Zukunft führen. Wir haben es nicht geschafft. Aber hat man uns überhaupt eine faire Chance gegeben? Darüber läßt sich streiten, aber eines ist sicher: Die kleine Chance, die wir hatten, haben wir schlecht ausgenutzt jedenfalls nicht gut genug. Wir fanden zu tiefe Spuren, in denen wir gehen konnten. Und in jene fielen wir allmählich zurückwir fanden den Takt, den Ton und den Geist der Väter, und damit ging es weiter denselben Weg, den man früher gegangen war. Es nutzte so wenig, daß der eine oder andere sich entgegenstellte. Zuletzt half es nicht einmal, laut zu schreien- selbst wenn man die Lawine kommen sah. Und so kam sie denn. Wir mußten hindurch. Jetzt sind wir es, die unseren Kindern sagen sollen: Von euch Jungen soll die Errettung kommen! Eigil! Odd Erik! Marit! Siri! Seid ihr bereit? Wenn wir jetzt doch nur unsere Alteleuteweisheit für uns behalten wollten. So viele ,, wertvolle" Erfahrungen von der Erbärmlichkeit der Menschen prallen zusammen mit der glühenden Begeisterung und dem festen Glauben der Jugend und werden wertlos wie alte Lumpen. Denn jetzt wie immer sind es Begeisterung und Glauben, die den Weg zeigen und helfen, daß man ihn zu gehen vermag. 13* 195 Gestern beim Abendappell wurden zwei Mann auf einmal am gleichen Galgen erhängt. Es waren Polen. Sie hatten in einem Keller, in dem sie arbeiteten, etwas Essen gestohlen. Das war alles. Und wie waren sie doch unterernährt! Aber sie waren Ostleute- minderwertig und gefährlich. Und man hatte eine neue ,, Vorstellung" nötig. Auch diesmal war ein Fehler am technischen Apparat. Die Stricke waren zu lang. Sie kamen nach dem Fall mit den Beinen auf die Erde. Der eine starb nicht, man lief hinzu und versuchte, ihm die Holzschuhe auszuziehen, und als das nicht gelang, hob der Büttel ihm die Beine hoch. Das Opfer wurde blau im Gesicht, und es sah aus, als wenn es die schrecklichsten Qualen ausstand, ehe es starb. Wir wollen hoffen, daß beiden der Nacken beim Fallen doch brach und daß es sich bei dem einen nur um Krampfbewegungen handelte. Auch diese beiden wußten noch nicht, daß sie erhängt werden sollten, bevor sie mit ihren Wächtern ankamen und den Galgen sahen. Der eine brach aus: ,, Mein Gott, mein Gott!"; der andere rief: ,, Auf Wiedersehen, Kameraden!" und schaute hinüber in die Reihen, wo sie standen, schweigend- Tausende von Kameraden. Tapfer bestiegen die beiden das Schafott und ruhig gingen sie in den Tod, ohne Widerstand zu leisten, ohne Zeichen irgendeines Zusammenbruchs. Sie waren junge Burschen, alle beide. Den meisten unbekannt. Jetzt sind zwei weniger in der Reihe der vielen, vielen Hunderttausende. Der Lagerführer und noch einer, ein Gefangener, der gefürchtete dicke Lager älteste der Sonderkommission und Angeber Kunke, wurden während dieser Szene in munterem Gespräch beobachtet. Der Lagerführer hatte sogar auf den Galgen gezeigt, wo die beiden hingen und wo man gerade ihre Beine vom Erdboden hochhob. Dabei hatte er irgendeine Bemerkung gemacht, die anscheinend bei den beiden Heiterkeit erregte. Sie waren mit der Vorstellung zufrieden- offensichtlich. Wir? ja, wir gingen zu unserer Abendmahlzeit, und wir müssen im Interesse der Wahrheit bekennen, daß uns das Essen genau so schmeckte wie sonst. Dann hörten wir uns den Wehrmachtsbericht an draußen auf dem Platz beim Lautsprecher, 196 - rauchten falls wir noch etwas hatten-, und dann kam das Bett und der Schlaf- der beste Freund trotz allem. Ach, wenn man doch auch hinüberschlafen könnte in eine andere Zeit! 2. September 1944 Gestern kamen glänzende Nachrichten. Auch an der deutschen Westgrenze stehen sie jetzt. Die SS läßt die Köpfe hängen, aber sie klammern sich merkwürdig einstimmig an die Gerüchte von einer neuen Waffe, die im Laufe kurzer Zeit den Krieg zu Ende führen wird. Man denkt immer an das Gespenst des Gaskrieges in solchen Stunden. Ob sie das wohl versuchen werden, bevor sie untergehen? Denn untergehen müssen sie! Wir erleben eine seltsame Welle von Optimismus und fangen ein wenig an zu packen. 4. September 1944 Gestern morgen meldete der deutsche Rundfunk, Finnland habe kapituliert und die russischen Bedingungen angenommen. Endlich! Deutschland ist jetzt von allen Seiten eingeschlossen, seine Verbündeten sind abgefallen, einer nach dem anderen. Bald stehen die Deutschen mit dem Rücken gegen die Wand und dann werden sie zeigen müssen, was sie meinen, mit dem ,, bis zum letzten Mann kämpfen". Ich bin keineswegs davon überzeugt, daß sie das nicht auch so meinen. Wozu sind zum Tode verurteilte Männer nicht fähig, solange sie an der Macht sind? 6. September 1944 Die Entwicklung im Westen ist ganz fabelhaft. Brüssel, Antwerpen, Vlissingen, Breda, ja sogar Rotterdam sind genommen. An der ganzen Westfront stehen sie an oder innerhalb der deutschen Grenze, und die Stimmung bei uns hat die höchsten Höhen von Optimismus und Erwartung erreicht, während man mehr und mehr merkt, daß die SS zu verstehen anfängt. Sie sind schon lange dahin gekommen, was ich das ,, Kofferstadium" nenne, weil sie sich alle intensiv dafür interessieren, Koffer hergestellt zu bekommen, um das ,, Ihrige" 197 fortzuschaffen und in Sicherheit zu bringen, falls ,, etwas" geschehen sollte. Die Schreinerei ist in letzter Zeit damit beschäftigt gewesen, solche Koffer anzufertigen. Selbstverständlich ist das Schwarzarbeit. Wir wetten jetzt, ob es wohl in diesem Monat zum Waffenstillstand kommen wird oder nicht. Es gibt nicht viele, die zu wetten wagen, daß er nicht eintreten wird. Man hat tatsächlich Anlaß zu glauben, daß dieser Monat das Ende bringt. Kann das möglich sein? Ich wage nicht, daran zu denken. Kari, Kari! Kann das möglich sein? Hier im Lager hat sich die ,, Taktik" geändert. Es wurde uns neulich feierlich mitgeteilt, daß es wieder erlaubt sei, Essen zu verschenken- auch an Ostleute. Von wem oder von welcher Stelle dieser Befehl herrührt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich vom Kommandanten oder vom Lagerführer, die der Sonderkommission und ihren Trabanten wohl gerne einen Streich spielen. Gleichzeitig sieht es aus, als wenn die Aktion gegen die norwegischen Kommunisten zu Ende sei. 7. September 1944 Gestern wurden wieder zwei Mann beim Abendappell erhängt. Es scheint jetzt modern geworden zu sein, zwei auf einmal am gleichen Galgen zu hängen. Es sieht wohl doppelt abschreckend aus. Diesmal war der Strick zu kurz, besonders der eine. Er fiel nicht viel mehr als einen halben Meter. Es war entsetzlich anzusehen. Der Nacken brach wahrscheinlich nicht, und der Gehängte trampelte und tobte mehrere Minuten, bevor er endlich erstickt war und es stille wurde. Der andere starb anscheinend schneller, aber er fiel auch einen halben Meter länger, bevor der Strick sich strammte. Diese ,, Unfälle" scheinen beabsichtigt zu sein. Man wird dazu gezwungen, das zu glauben. So oft macht man keine verhängnisvollen Fehler bei Hinrichtungen. Aber wenn man einem Todeskandidaten fünfzig Stockschläge gibt, bevor er erhängt wird, dann braucht man ja in bezug auf Roheit sich über nichts mehr zu wundern. Es ist unheimlich, wie wenig das einen allmählich beeindruckt. 198 Mit Grauen habe ich beobachtet, wie Spaß gemacht wurde, daß Gespräche im Gang waren, während die beiden mit Krampfbewegungen dort hingen. Ja, während des Erhängens selbst- und unter meinen nächsten Kameraden! Ich habe es nicht ganz herausgekriegt, was die beiden für ein ,, Verbrechen" begangen haben. Es hat sich wohl um Fluchtversuche gehandelt, und ich glaube, es waren beides deutsche BV- Leute. Gestern abend vermochte ich nicht zu essen. Ich war wohl wieder zu weich geworden, und das lohnt sich wenig. 13. September 1944 Eine kürzere Pause trat ein. Als solche charakterisiert man auch am besten die Tage, die vergingen, seit ich zuletzt schrieb. Es scheint, als wenn sie sich jetzt im Osten und Westen sammelten, um sich auf den letzten entscheidenden Schlag vorzubereiten. Man kann ja schließlich nicht erwarten, daß sie ohne Unterbrechung voranrollen mit der Geschwindigkeit eines Rades, als wenn die deutsche Grenze überhaupt nicht existierte. Denn sie existiert allerdings, und eine Siegfriedlinie gibt es auch. Die Wirkung der letzten Spritze mit ,, Verteidigung von Heimat und Vaterland" soll man auch nicht unterschätzen. Man muß schon damit rechnen, daß man vor einer großen Entscheidung steht. Es scheint allerdings, als wenn ihr Beginn heute schon da wäre. Im Westen sind sie an sechs verschiedenen Stellen in die deutsche Grenze eingebrochen. Die Bombenangriffe der letzten Tage und Nächte waren enorm. Gestern hatten wir hier eine phantastische Flugzeugvorstellung: Hunderte von Flugzeugen, ein Schwarm nach dem anderen, erschienen hinter den Wolken im Westen hoch oben im Sonnenglanz und setzten ihren Weg nach Osten oder Nordosten fort. Mit einer majestätischen Ruhe, die überwältigend war, verfolgten sie ihre Bahn, ohne sich von den um sie herum explodierenden Granaten beeindrucken zu lassen. Etwas, das wie ein Luftkampf aussah, vollzog sich einige Minuten lang Tausende von Metern über unseren Köpfen. Nicht einmal das störte sie. Vollständig un199 berührt setzten sie ihren Kurs fort; und es schien, als wenn zwei der angreifenden Jäger abstürzten. Beinahe jede Nacht haben wir Fliegeralarm. Den schweren Explosionen nach zu urteilen müssen die Angriffe heftig sein. An dem Tag, nachdem ich das letztemal schrieb, wurde beim Abendappell wieder ein Mann erhängt. Wieder war ein Fehler an der ,, Apparatur". Er fiel zu weit und erreichte mit den Beinen die Erde. - 14. September 1944 Einer der gefährlichsten deutschen ,, Gängster" aus Berlin. ( d. h. ein Saboteur), der hier saß die meisten sind in Ketten-, wurde neulich hingerichtet. Aber vorher unternahm er noch etwas. Auf irgendeine Weise hatte er ein Taschenmesser ergattert, und es war ihm gelungen, es bis zur Richtstätte im Industriehof mitzuschmuggeln. Ausgerechnet auf dem Schafott ging er auf den Büttel los und zerschnitt ihm das Gesicht, die Brust und mehrere andere Stellen, so daß er eiligst auf das Revier gebracht werden mußte. Es scheint, daß er es überlebt. Der Todeskandidat hatte Handeisen an. Es war deshalb keine Kleinigkeit für ihn, den Henker dergestalt zuzurichten. Keiner beklagt den Büttel. Früher oder später wird er wohl auch abgefertigt werden, und es gibt kaum jemanden, der einem solchen Menschen das Leben wünscht. 18. September 1944 Gestern wurde ein erlösendes Wort durch den Äther geschickt:" We are pouring in through the gap in the Westwall." Mehr konnten wir nicht aufschnappen, aber das genügt schon. Es wurde ein strahlender Sonntag, und die Stimmung stieg um mehrere Grade auf der ganzen Linie. Täglich finden Hinrichtungen im Industriehof statt. Durchschnittlich sechs bis acht am Tag sagt jemand, der Gelegenheit hat, es täglich zu beobachten. Neulich wurden vier Frauen in den Todeskeller geführt. Zwei von ihnen waren schöne junge Mädchen. ,, Verflucht hübsch", sagte mein Vertrauensmann. 200 Sie hätten gelächelt und genickt, und er war sicher, daß sie keine Ahnung davon hatten, wohin es ging und was geschehen sollte. Der Kommandant und der Lagerführer seien unmittelbar nach den Mädchen gekommen. Bei ,, besonderen Anlässen" sind sie immer zugegen. Fünf Todeskandidaten unternahmen neulich Fluchtversuche. Es gelang ihnen, den Bütteln zu entkommen und sich zu verstecken. Nach einer spannenden Jagd wurden sie alle fünf gefunden, und einer von ihnen wurde von dem Büttel totgetrampelt. Dies haben mehrere beobachtet. - Dieser Tage ich glaube, es war Donnerstag vergangener Woche wurde wieder ein Mann erhängt. Einer, der versucht hatte, zu fliehen. Diesmal haben sie offensichtlich eine neue Art ausprobiert, wie man Menschen erhängen kann. Der Strick war an zwei Stellen befestigt, und die Schlinge um den Hals des Opfers wurde im Fallen nach zwei Seiten hin zugeschnürt. Aber er fiel nicht, er glitt nur hinab, blieb hoch oben hängen und ist anscheinend unter den schrecklichsten Leiden erstickt. Er zappelte und arbeitete mehrere Minuten, bis das Gesicht ganz dunkelblau wurde. Es war entsetzlich. - Vorgestern wurde ein Mann geschlagen fünfundzwanzig Stockschläge. Es war jener Holländer, der vor drei Monaten dagegen protestierte, als der junge Ukrainer fünfzig Stockschläge bekam und anschließend erhängt wurde. Drei Monate lang ist der Holländer in SK gegangen, und jeder, der eine deutsche Strafkolonne im Konzentrationslager kennt, weiß, was das bedeutet. Täglich Schläge und Tritte- im Laufe jener drei Monate wird er oft fünfundzwanzig Schläge bekommen haben, wie vorgestern in Gegenwart aller. Das Schweigen, das während der Bestrafung herrschte und das nur unterbrochen wurde von dem kurzen Knallen des Gummirohrs gegen den Körper und durch das schmerzliche Stöhnen des Märtyrers, erzählte mehr als Worte von den Gefühlen der meisten der sechzehn- bis siebzehntausend Menschen, die dieser ,, Gerichtshandlung" beiwohnten. Einige Zeit, nachdem dieser Holländer gegriffen und weggeführt worden war, damals vor drei Monaten, leitete ich eine Untersuchung ein, um sein Schicksal zu erfahren. Einer meiner norwegischen Kameraden hatte einen 201 Posten auf dem Sekretariat, wo für jeden Gefangenen im Lager mit echt deutscher Gründlichkeit eine Kartothekkarte angelegt und genau geführt wird. Mein Freund suchte die Karte des Holländers hervor. Darauf stand zu lesen: ,, Abgeführt zur Mentaluntersuchung." Der einzige Mensch im Lager, der normal reagierte, mußte geisteskrank sein. Das war der erste und einzige Gedanke, den die Deutschen in diesem Zusammenhang hatten. Und später, als sich herausstellte, daß er nicht geisteskrank sei, schlugen sie ihn. Neulich hatte ich Strafsport. Ich war eines Morgens ,, notiert" worden, weil ich mich während des Appells umdrehte und mit Erik sprach. So etwas ist natürlich ganz verwerflich. Das bekam ich denn auch zu fühlen. Denn Strafsport ist kein Spaß. Es ist jetzt drei Tage her, und noch kann ich mich nur mit Mühe bewegen, geschweige denn mich bücken oder hinsetzen und wieder aufstehen. Der Strafsport dauert ungefähr eine Stunde und wird von einem der schlimmsten Rohlinge des Lagers geleitet, dem Vorarbeiter im SK. Der Posten paẞt großartig zu ihm. Durch gut getane Arbeit, d. h. überrohen Sport, hat er Gelegenheit, sich einzuschmeicheln, und vielleicht kommt er auch daran vorbei, erhängt zu werden. Der ,, Sport" war mehr als roh. Dreimal hin und zurück von Block 14 bis zum Revier, d. h. dreimal 420 Meter im Hasensprung: Tief in der Hocke sitzend mit nach vorn gestreckten Händen und vorwärts hüpfen in dieser Stellung! Man versteht, was das heißen will für jemanden, der vollkommen untrainiert ist und der jahrelang keinen Sport getrieben hat. Ein armer Teufel, der anfing zu lachen- es ist ja auch wirklich grauenhaft komisch anzusehen-, wurde derart roh getreten und geschlagen von diesem wutschäumenden SK- Banditen, daß er im Staube liegenblieb. Später wurde er weggetragen. ,, Staub" ist überhaupt ein milder Ausdruck für den dicken, schwarzen Belag, der den ganzen Platz bedeckt. Wenn man überlegt, daß auf jenem Platz fünfzehntausend Mann zweimal am Tag sich aufstellen und mehrere tausend zu anderen Tageszeiten, und daß alle ganz ungeniert und ungehemmt um sich herum all das ausspucken, was sie hochhusten 202 und räuspern, dann kann man sich eine Vorstellung davon machen, was dieser Belag an Bazillen usw. enthält. Nach einigen Hasensprüngen des Trupps steht ein meterhoher, dichter Staub über dem Gelände, und atmen müssen wir ja. Mein Unglück war, daß ich zu lang bin. Alle meine Leidensgenossen waren klein, und jedesmal, wenn ich versuchte, den Büttel zu hintergehen, war er zur Stelle mit einem Tritt oder einem Schlag. ,, Du Langer da, Schweinehund! Willst du dich nicht. beugen? He? Warte nur- ich werde dafür sorgen! Herunter kommst du, Schweinehund!" Und kurz danach hatte ich seine holzgesohlten Stiefel im Schenkel, Magen oder am Kopf. Da war es wohl am besten, man bückte sich. Was für einen Sinn hätte es überhaupt, dem wilden Tier zu erzählen, daß ich infolge einer Knieoperation nicht imstande sei, auf den Absätzen zu sitzen, weil das eine Knie zu steif ist? Aber ich erfand eine andere Methode, ihn zu hintergehen. Ich legte mich hin und krabbelte auf den Knien und Händen und versteckte mich im Staub, so gut ich konnte. Das ging besser, schaukelnd kam ich wieder auf die Beine nach dieser Übung- aber ach, nur um eine gleich lange, gleich harte andere zu beginnen. In der gleichen, zusammengekrochenen Stellung mußten wir laufen, also wie Enten wackeln. Einmal den ganzen Appellplatz hinauf und wieder hinunter. Auch das ging. Dann wurde gelaufen, endlos lange. Ich schaukelte, mir wurde schwindlig, ich schluckte Staub- aber es ging. Ich kam durch, aber viele stürzten und blieben liegen. Auf diese hieb der SK- Bandit mit Stiefeln und Stock ein. Die meisten beachteten ihn nicht mehr. Sie wurden fortgetragen. Ich habe vergessen, zu erzählen, daß ich Fieber hatte, daß ich auf dem Revier gewesen war und Schonung bekommen hatte. Ich hatte aber den ,, Schonungslappen" noch nicht erhalten, nur einen Wisch, der mitteilte, daß ich am folgenden Tag zum Ohrenarzt bestellt sei. Als ich ihn dem Strafgeneral zeigte, sagte er nur, daß meine Beine wohl in Ordnung seien, wenn ich zum Ohrenarzt gehen müsse also könne ich auch laufen! Ja, und dann gab es Kniebeugen rauf und runter, zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal und Gott weiß wie oft, und wie 203 ich durchkam. Aber es ging selbstverständlich, und selbstverständlich konnte ich auch nachher lachen, wenn ich auch steif war wie ein Stock. Ich glaube nicht, daß ich das nächste Mal wieder lache. Scott hat zweimal Strafgymnastik gehabt. Auf jeden Fall werde ich ihn nächstes Mal nicht mehr auslachen. Dann habe ich Gott sei Dank drei Tage Schonung gehabt. Das konnte ich gebrauchen nach dieser Anstrengung, und zum erstenmal habe ich es genossen ,,, zu Hause" auf dem Block zu sitzen. Aber Ruhe gibt es selbstverständlich auch hier nicht. Es herrscht ein Betrieb und ein Lärm von morgens bis abends, und wenn man nicht todmüde ist, kann man nicht schlafen. U. a. muß man ja Essen holen, schwere Eimer schleppen, Schlange stehen, Schelte entgegennehmen und dem einen oder anderen zur Verfügung stehen, meist einigen schimpfenden, halberwachsenen Deutschen, die" the time of their life" haben. Sollen sie es haben. So sehr lange wird es nicht mehr dauern. Mannerheim ist jetzt endlich auch in derselben Kategorie gelandet wie Badoglio und König Michael und die anderen ,, Verräter". Er, der vor kurzem noch mit Deutschlands höchster Auszeichnung mit Schwertern, Eichenlaub und Brillanten und Gott weiß was dekoriert wurde, wird heute ausgeschimpft, ein ehrloser Greis zu sein, der feige und gemein sein Vaterland und seine deutschen Waffenbrüder verraten habe. Jetzt ist es wirklich Herbst geworden. Der Sommer ist plötzlich und endgültig vorbei. Man ist schon gezwungen, die deutsche Unterwäsche hervorzuholen, von der man glaubte, daß man sie nicht mehr gebrauchen werde, als man sie im Frühjahr in den Pappkarton legte. Nicht ohne ein gewisses unheimliches Gefühl und Entsetzen sitze ich hier und rechne aus, daß es nur noch knappe drei Monate sind bis Weihnachten. 30. September 1944 Und damit zerbrach die Hoffnung, Weihnachten nach Hause zu kommen. Vielleicht war Churchills Rede gestern die Ursache, als er sagte, man solle auf" several months of 1945" gefaßt sein. Vielleicht war es eine kräftige Reaktion nach nervlich 204 angespanntesten Tagen, vielleicht war es, weil ich seit dem 25. Juli nichts mehr von Kari gehört habe, vielleicht auch nur das schlechte Wetter. Es ist ein unendlich schwerer und pla- gender Gedanke, daß wir noch ein halbes Jahr hier unten herum- laufen sollen- oder noch länger. 5. Oktober 1944 Gestern bekam ich endlich einen Brief von Kari. Der letzte vorher war vom 25. Juli. Seitdem erhielt ich nur einen leeren Briefumschlag mit dem Datum vom ı2. August. Aber jetzt ist die Sonne wieder durchgebrochen in meine kleine Welt, und alles ist gut..Was spielt es für eine Rolle, daß die Nach- tichten auf sich warten lassen, daß man einige kleine Wider- wärtigkeiten im Lager gehabt hat und daß einiges anders sein - könnte. Kari und den Kindern geht es gut, ihr Gemüt ist licht, sie warten und glauben, sie hoffen und wissen. Im Lager ist Flecktyphus ausgebrochen. Das ist allerdings schlimmer. Gestern gab es dreiundzwanzig Fälle, einen auch auf dem Norwegerblock Nr. 2. Man spricht von Quarantäne. Es kann sein, daß die Außenkommandos auf dem Arbeitsplatz wohnen sollen. Das wäre nicht dumm. Im übrigen ist es gut, wenn man drinnen bleibt und sich vor Läusen in acht nimmt. Das kann noch schwierig genug sein, selbst wenn es bis jetzt gut gegangen ist. Aber es wird schon gehen. Jetzt an Fleck- typhus krepieren, nein, das will ich nicht. 9. Oktober 1944 Ein Gespräch: „Guten Morgen, Peter!“ „Guten Morgen- na, wie geht es?“ „Ausgezeichnet, und dir?“ Peter schlägt die Arme auseinander, zieht die Augenbrauen hoch und schiebt den Mund vor zu einem ‚„‚Tja“. Warum soll er „ausgezeichnet‘‘ antworten? Denn es geht ihm ja durchaus nicht ausgezeichnet! Er sieht müde aus, und wenn er lächelt, ist es immer, als wenn das Lächeln von etwas zurückgehalten 205 würde. In seinen Augen liegt ein wehmütiger Zug, der nicht weichen will. Verrät er eine heimliche Angst vor etwas, das noch kommen wird, oder ist es ein Schatten der Erlebnisse. auf den Schlachtfeldern Spaniens? Peter ist ein deutscher Kommunist und hat in Spanien gekämpft. Er ist ein wirklicher Kommunist, in der guten Bedeutung des Wortes. Er ist ein Idealist, im Gegensatz zu so manchen anderen deutschen Kommunisten hier im Lager, ja im übrigen auch zu manchen norwegischen Kommunisten. ,, Was gibt es Neues, Peter?" Peter zuckt die Achseln, kommt näher und erzählt mit gedämpfter Stimme die letzten Nachrichten, die aus dem Osten, Westen und Süden kommen. Peter vergißt die Nachrichten aus dem Westen nicht, obwohl dies die Gewohnheit so vieler Kommunisten ist. Von dort komme nichts Gutes, meinen sie. Von dort drohe nur eine neue Tyrannei, ein neuer, gleichzeitig aber alter Erbfeind: der Kapitalismus. Es gehört sich jedenfalls nicht für einen Kommunisten, finden sie, einen Fortschritt im Westen zu betonen. Das könnte ja den Eindruck erwecken, als wenn sie von dieser Seite her etwas erwarteten, ja, als wenn sie recht und schlecht Freunde des Kapitalismus wären. Ach nein! Dieser Krieg ist ja nur ein Auftakt zum nächsten: der endgültigen Abrechnung mit den Kapitalisten! Sie zweifeln keinen Augenblick daran, daß Stalin ein geniales Spiel mit den anderen treibt, und daß er derjenige ist, der alle Fäden in der Hand behalten wird, wenn alles vorbei ist. Peter hat keine epochemachenden Nachrichten heute. Hier und dort geht es etwas voran, aber im großen und ganzen ist es merkwürdig still. ,, Es wird sich hinausziehen", sagt Peter langsam ,,, wir werden uns schon auf einen neuen Kriegswinter vorbereiten müssen." Eine Pause tritt ein, es ist, als wenn ein Urteilsspruch gelesen wurde. Man muß sich etwas besinnen. Was bedeutet dieses Urteil nun? Es ist Peter, der fortfährt:;, Glaubst du denn immer noch, daß du Weihnachten zu Hause in Norwegen sein wirst?" 206 Jetzt ist der Norweger an der Reihe, sein Gesicht zu einem ,, Tja" zu verziehen und mit den Armen auszuschlagen. ,, Es kann viel passieren vor Weihnachten. Dies ist die Stille vor dem Sturm, wenn sie jetzt erst loslegen- und ich glaube, sie tun es bald" dann kann es schnell gehen. Vielleicht nur noch vierzehn Tage, vielleicht auch nur eine Woche!" Peter antwortet nicht sofort, aber man sieht deutlich, daß er diesen Optimismus nicht teilt. Und dann fragt er wieder, beinahe etwas neckisch: ,, Ja, und du glaubst also, daß du Weihnachten zu Hause in Norwegen sein wirst, wie?" Der Norweger zögert etwas mit der Antwort, aber dann kommt es rasch: ,, Ja, ich glaube das, selbstverständlich glaube ich das! Selbstverständlich! Es kann nicht länger dauern! Unmöglich!" Peter lächelt sein kleines, müdes, trauriges Lächeln und schaut den Norweger an. Es ist, als wenn er ihn beneide und bemitleide zur gleichen Zeit. Er möchte ja wohl auch gerne diesen frohen Glauben haben, die Gabe, das Dasein im Augenblick licht zu machen, aber die Schatten in seinem Gemüt lassen das nicht zu. Darum empfindet er Mitleid mit dem anderen, für den die Enttäuschung so schwer sein wird, wie er meint. ,, Ja, ihr Norweger", sagt er, und man spürt einen gewissen Neid, den er zu verbergen sucht, indem er halbwegs im Spaß spricht ,,, ihr schaut alles in einem rosenroten Licht. Seid ihr alle gleich große Optimisten?" ,, Nein, nicht alle", lächelt der Norweger ,,, bei weitem nicht alle. Einige lassen keinen Anlaß vorübergehen, ohne niederzureißen, zu zerschlagen, den Teufel an die Wand zu malen- als wenn darin irgendeine Mission läge. Ist es denn so großartig, nachher kommen zu können und zu sagen: Siehst du, was habe ich gesagt?" ,, Nein", sagt Peter ganz still ,,, aber es liegt vielleicht auch eine Mission darin, daran zu erinnern, wo wir uns befinden, in welche Lage wir gestellt sind. Gefangene wie wir befinden sich mitten in der Höhle des Löwen. Es schadet doch wohl nicht, vorbereitet zu sein. Alles kann geschehen! Jederzeit!" 207 ,, Du meinst mit uns?" Peter nickt. Der Norweger wird gedankenvoll. Er versteht, was Peter meint. ,, Aber was für einen Vorteil können sie denn davon haben, daß sie uns töten?" sagt er plötzlich. Der Gedanke ist ihm ja nicht neu. Er wurde Abend für Abend von ihm heimgesucht, wenn er dalag und zu schlafen versuchte, wenn das Licht erloschen und das Ruhesignal ertönt war, wenn er in den Schlafsack hineinkroch und gleichsam versuchte, diese fürchterliche Wirklichkeit auszuschalten und in eine andere hineinzuschlüpfen, in der alle seine Lieben waren und die Hoffnung darauf, mit ihnen zusammen sein zu können. Noch einmal denkt er diesen Gedanken durch, während er auf Peters Antwort wartet. Sollte er denn nie mehr nach Hause kommen? Nie mehr sie und die Kinder wiedersehen? Nie mehr, nie... Sterben jetzt, so nahe am Ziel? Nein, nein, tausendmal nein! Das kann nicht geschehen. Und doch, welche Rolle spielt das im Getriebe der Welt, ob auch er wegblieb, er und ein paar tausend Gefangene mit ihm? Gar keine Rolle spielt das! Es wäre nur ein neuer kleiner Abschnitt in jener Tragödie, die täglich mit Blut und Tränen geschrieben wird. Und das Leben würde weiterjagen wie bisher... Einen Augenblick lang ist es, als wenn dieser Untergangs gedanke ihn ergreifen würde und herunterziehen, aber dann kommt irgend etwas in seinem Innern ihm zu Hilfe. Aus einem heimlichen Quell beginnt Licht in sein Gemüt zu strömen, er wird erfüllt von einem zitternden Glücksgefühl, das ihn ganz packt und ihn zu zersprengen droht. Erklären kann er das nicht, er steht nur da und fühlt, daß es so ist. Jetzt kann Peter wiederkommen! ,, Findest du, daß es leicht ist, die Vorteile zu erkennen bei dem, was Deutschland heute unternimmt?" sagt Peter. ,, Die Vorteile, die darin liegen, einen vollkommen hoffnungslosen Krieg weiterzuführen? Was sind denn das für Vorteile? Nein, dieses Stadium ist längst durchschritten. Sie werden jetzt durch andere Dinge vorangetrieben. Du mußt bedenken, daß es todgeweihte Männer sind, die heute die Macht in Händen haben in Deutschland, Männer, die einsehen, daß ihr Spiel verloren, für 208 die nur eines sicher ist: der Untergang in irgendeiner Form. Sie können ihm nicht entgehen. Das wissen sie. Auf diesem Hintergrund muß man ihre Handlungen sehen. Ein fürchterlicher und unheimlicher Hintergrund, der nicht viel Anlaß zu Optimismus gibt, solange man sich in der Gewalt dieser Männer befindet. Wir kennen das Schicksal anderer Konzentrationslager. Gerade ist die Nachricht eingegangen, daß drei Lager im Baltikum mit Zehntausenden von Gefangenen, liquidiert' worden sind, das heißt, daß alle getötet wurden. Das war ihre letzte Tat, bevor sie sich zurückzogen. Welche Vorteile hatten sie davon? Gut, sie brauchten sie nicht mitzunehmen und nicht zu ernähren. Aber es mögen auch andere Beweggründe gewesen sein: Sie haben vielleicht auch die Zeugen alles dessen, was in den vergangenen Jahren in diesen Lagern vor sich gegangen ist, ausrotten wollen. All der Morde, all der Torturen, all der Teufeleien. Man mag auch Pläne über Meuterei bei den Gefangenen gefunden haben und hat vielleicht darum sicherheitshalber mit dem ganzen Lager kurzen Prozeß gemacht. Zeit zum Nachforschen hatte man ja schließlich nicht. Und schließlich muß man auch bedenken, daß dies die Erfüllung von Hitlers eigenen Worten über den Untergang ist: Wenn wir untergehen sollen, dann wollen wir auch ganz Europa mit in den Untergang ziehen." Peter wird ruhig. Das traurige Lächeln ist verschwunden. Jetzt ist sein Gesicht nur noch blaß und mager. Sechs Jahre Gefangenschaft sind darin ausgeprägt. Alle die Schrecken, alle Roheit, deren Zeuge er gewesen ist, sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Die Züge sind von tiefen Furchen gezeichnet, und die eingefallenen Wangen erzählen von Hunger und Entbehrungen. Aber in den Augen, in den klaren, blauen, in tiefen Höhlen liegenden Augen kann man noch etwas anderes lesen: einen unbeugsamen Willen und Herzensgüte, die dem Blick seinen warmen Glanz verleiht. Dies zu bewahren ist ihm gelungen. Darum ist Peter anders als die meisten anderen. Gegen Peters Argumente hat der Norweger wenig einzuwenden. Wenn ihm selbst diese Gedanken gekommen sind, hat er auch keine Vernunftgründe finden können, ihnen zu be14 Nansen 209 gegnen. Er muß es schon wahrheißen, daß alle diese Möglichkeiten da sind, er bringt es nur nicht fertig, herumzulaufen und sie zu glauben. Dann wäre es nämlich nicht auszuhalten. Was soll das eigentlich heißen, auf das Schlimmste vorbereitet sein? Das ist doch wohl nur eine Redensart. Ein jeder, der überhaupt dachte, mußte doch wohl einsehen, daß das Schlimmste eintreffen könnte. Man kann an Lungenentzündung sterben, an Flecktyphus, an Geschwüren, ja auch an Hunger. Was wissen wir überhaupt davon, was in dieser Beziehung eintreffen kann, ehe es ein Ende nimmt? Man mag denken und denken, Logik und Vernunft anwenden, soviel man will, man kommt doch nicht weiter. Letzten Endes kommt es auf einen selber an, auf den eigenen Lebenswillen, darauf, wieviel Licht man im Gemüt hat, wenn es gilt ,,, vorbereitet" zu sein. Vielleicht ist doch derjenige am besten vorbereitet, der den Blick fest gegen aufgang gerichtet hält. SonnenSo denkt der Norweger, aber er hält es nicht für erwähnenswert. Er will auch Peter nicht verletzen, denn er versteht, daß dieser etwas von seinem Lebenswillen und von dem Licht in seinem Gemüt verloren hat und nun dasteht mit einem blutenden, leidenden Herzen und einer stillen Resignation. Er mag den Norweger ein wenig beneiden und halbwegs verwundert sein über den Unterschied zwischen jenem und ihm. Es wird nicht mehr viel zwischen ihnen gesprochen- es gibt auch nicht mehr viel zu sagen. Sie ziehen die Augenbrauen hoch, schlagen die Arme auseinander und zucken die Achseln alle beide, formen ein lautloses ,, Ja" und lächeln- jeder auf seine Art, jeder mit seinen Gedanken. 10. Oktober 1944 Wieder mal Vaters Geburtstag! Heute wäre er dreiundachtzig Jahre alt geworden. Wenn er noch leben würde, wäre er wohl jetzt ein gebrochener Greis. Er wurde nie zum Greis, und all das Unglück, all das Elend, das ihn umgab, alle die schweren Enttäuschungen, die er erlitt, vermochten nicht, ihn zu brechen. Müde und mutlos konnte er wohl werden, und es gab Zeiten, da schien es, als wenn er versänke in Hoffnungslosigkeit, aber 210 er richtete sich immer wieder auf. Das Leben rief ihn, die Schönheit in jedem einzelnen Wesen bezauberte ihn immer wieder und gab ihm Kraft und Lebensmut. Seinen Glauben an die Menschen und an das Leben verlor er nie. Welch einen Reichtum muẞte er doch in sich getragen haben, in seinen Gedanken, daß er so viel mehr leisten konnte als andere. Etwas Neues kann ich anläßlich dieses Tages nicht berichten. Im Lager läuft alles wie immer. Einige Prügelszenen. Es ist längere Zeit niemand mehr erhängt worden. 13. Oktober 1944 Karis Geburtstag! So sicher hatten wir damit gerechnet, daß wir an diesem Tag zusammen sein würden. Einmal gab es keinen Zweifel darüber. Dieser Tag lag wie ein Licht irgendwo in der Zukunft. Jetzt ist er das nicht mehr. Vor uns wölbt sich ein bleigrauer Unglückshimmel- neue Wolken rollen von allen Seiten heran nur weit hinten leuchten die tausend Sterne der Jahre, die vergingen. Der Tag glüht und brennt und wird zu einer beißenden schweren Sehnsucht, und die Gedanken bestürmen das Gemüt. Die Schrecken draußen und hier drinnen werfen sie zur Erde. Die Notschreie hunderttausend Unglücklicher erfüllen die Welt. Man hat das Gefühl, daß man langsam von blutroten Flammen verzehrt wird, die niemand löschen kann. Sie fassen alles, was brennbar ist, und ziehen es hinein in das Feuermeer. Ab und zu meint man, daß man es nicht länger aushalten könne, daß man ersticken müsse. Man sieht vor sich die angstzerquälten Gesichter der zum Tode Verurteilten der Erhängten gläsern starrende Augen- den hoffnungslosen Blick der Ausgehungerten aus dunklen Augenhöhlen oder das gleichgültige, rohe Gelächter derjenigen, die längst aufgegeben haben und die untergegangen sind. Tod und Teufel! Tod und Teufel! - Und heute ist dein Geburtstag, Kari! Ich muß unwillkürlich daran denken, daß er in diesem Jahr auf einen Freitag fiel. Freitag den Dreizehnten- konnte man davon etwas anderes erwarten? In diesem Überfall von Unglück und Elend kommt auch alter Aberglaube zu seinem Recht. 14* 21 I Es geschieht immer noch wenig Neues. Aachen ist umzingelt. Aber wenn es bei jeder deutschen Stadt solange dauert, dann werden sowohl Winter wie Frühjahr vergehen. Es ist eine schwere Zeit. Aber zu Beginn des Monats bekam ich einen Brief von Kari, darum darf ich eigentlich nicht verzweifeln. Das sei mir fern, das tue ich ja auch nicht. 20. Oktober 1944 Gestern wurde uns eine große Freude bereitet. Als wir am Abend heimkamen, war der Lager älteste Kunke nicht mehr im Lager. Er war am Vormittag in eines der schlimmsten Lager weggeschickt worden, degradiert und kahlgeschoren, nachdem er fünfundzwanzig Schläge bekommen hatte. Es ist beinahe" too good to be true", aber das war tatsächlich geschehen. Einer seiner Freunde und ,, Gleichgesinnten" hatte ihn in das Unglück gebracht. Dieser Freund hatte irgend etwas mit der Effektenkammer zu tun, wo er sich im Laufe einer langen Zeit allerhand Schweinereien erlaubt hatte: Diebstähle, Unterschlagungen und Schiebungen. Mitgefangene hatten längere Zeit hindurch Beweismaterial gegen ihn gesammelt. Jetzt war die Sache ,, reif", und man hatte sie durch irgendeinen Oberscharführer direkt nach Berlin gemeldet, da man fürchtete, daß der Kerl ,, Freunde", eventuell Mitschuldige in der Lagerleitung hätte. Eines Tages wurde er vernommen, und das Netz sich um ihn zusammen. Er kam allerdings mit heiler Haut aus dem Verhör, aber Kunke, der wahrscheinlich sein komplice war, befahl auf Grund irgendeiner fingierten Krankheit, daß er auf das Revier gelegt werden sollte. Er wies den Gefangenenarzt an, eine Krankenerklärung auszustellen. Der Schwindel wurde durchschaut, und damit kam Kunke an die Reihe. Endlich! Wir atmeten erleichtert auf. Denn er war ja der Teufel, der hinter allem steckte. Seine Macht war groß. Er konnte Strafen auferlegen, er konnte die Gefangenen auf den Block 58 und 38 und in SK befehlen, und er hatte das Leben vieler Mitgefangener auf dem Gewissen. Nur eine Sorge dämpft jetzt unsere Freude: Wer wird an seiner Stelle Lager ältester werden? Hier gibt es genug Kunkes zur Auswahl. zog 212 22. Oktober 1944 Die Geschichte von Kunke sieht etwas anders aus: Irgend- ein prominenter deutscher Gefangener war auf Befehl von Kunke auf 58 gesetzt worden. Er bat, sich erklären zu dürfen. Nein. Er bat, mit dem Lagerführer sprechen zu dürfen. Nein. So floh er denn eines Tages aus 58 und suchte Lagerführer Höhne auf. Das, was er ihm von Kunke erzählen konnte und wofür er auch Beweise hatte, war derart, daß der Lagerführer augenblicklich eingriff. Er schickte nach Kunke, und nach einigen einleitenden Bemerkungen bekam er einen in die „Schnauze“.: Der andere Lagerführer, Kolb, war dazu- gekommen, und jetzt zerrten die beiden Kunke vor die Block- führer, wo er nach einigen Runden ‚auf die Schnauze‘ fünf- undzwanzig Stockschläge bekam. Er benahm sich erbärmlich, weinte wie ein Kind und schrie. Danach nahm Kolb ihn mit auf 58, wo er ihn den Gefangenen zeigte.„Hier seht ihr den- jenigen, der euch betrogen hat, ich halte es für richtig, daß ihr jetzt mit ihm abrechnet!“ Dann befahler, Kunkes bestenFreund im Lager zu holen- nämlich den Büttel, und zwar sofort. Und der Büttel mußte seinem besten Freund fünfundzwanzig Schläge geben. Danach wurde Kunke vom Blockführer und den Gefangenen geschlagen und getreten, bis er mit seinen „Kameraden“ von 58 zusammen mit einem Transport weg- geschickt wurde, von dem er wohl nicht lebend zurückkehren wird. 23. Oktober 1944 Man merkt es deutlich, daß viele erleichtert aufatmen, nach- dem sie den Dämon Kunke losgeworden sind. Seine Leute sind offensichtlich vorsichtig. Bei den Morgenappellen kommt es kaum noch zu Untersuchungsszenen und heftigen Auftritten. Man kann allmählich anfangen, etwas Essen mit auf die Arbeit zu nehmen. Im übrigen sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß noch weiter aufgeräumt wird. Das wird wohl auch nicht mehr geschehen. Gestern war ich im Konzert. Dem Gefangenenortchester war es wieder einmal erlaubt, sich hören zu lassen. Es war lange 213 Zeit vergangen seit dem letzten Mal. Sie spielten Beethoven, Haydn, Mozart und ein Violinkonzert von dem Italiener Giotta - das war schön, aber dann kam Fliegeralarm, und das Konzert wurde abgebrochen. Es war herrlich, wieder einmal Musik zu hören, obgleich sie langweilig und blutarm spielen. Es gab tatsächlich Augenblicke, in denen ich beinahe vergaß, daß ich in Sachsenhausen war, so daß ich mich umdrehte, um Karis Hand zu fassen. 24. Oktober 1944 Gestern abend wurde bekanntgegeben, daß alle deutschen Gefangenen, die wegen Hochverrats oder Landesverrats verurteilt gewesen waren, Gelegenheit hätten, sich freiwillig zur Front zu melden. Sie wurden nach dem Appell zum Lagerführer gerufen, der ihnen mitteilte, daß ihnen hiermit Gelegenheit gegeben sei, die bürgerliche Achtung usw. wiederzugewinnen, und daß alles Vergangene vergessen sein sollte, falls sie sich jetzt freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit sollten sie bekommen und Gelegenheit, die Sache unter sich zu beraten. Sie sollten im Lager kein Aufsehen davon machen, sondern es mit ihren Gleichgesinnten in Ruhe und Frieden überlegen. Der Lagerführer Höhne teilte dies auf eine stille, ja sogar höfliche Art mit und drohte nicht. Wie es ihnen ergehen wird, wenn sie sich nicht melden, mögen sie selbst herausbekommen und damit das Risiko beurteilen, das sie eventuell auf sich nehmen. Der eine oder andere wird sich selbstverständlich melden, aber der größte Teil wird es wohl lassen, um, wenn es nun mal schief gehen soll, lieber den Tod im Lager zu wählen. 1. November 1944 Jetzt ist beinahe eine ganze Woche vergangen, ohne daß ich etwas habe von mir hören lassen. Der Hauptgrund ist der, daß ich tatsächlich viel zu tun habe. Ich habe angefangen, unsere Hütte aufzuzeichnen im Maßstab 1:50, nachdem ich jahrelang an sie gedacht und von ihr geträumt habe. Ich träume mich so intensiv in diese Hütte hinein mit all ihren 214 Einzelheiten und Räumen, daß ich mich tatsächlich jeden Tag danach sehne, wieder an die ,, Arbeit" zu kommen. Ich finde, ich habe für nichts anderes Zeit. Die letzten Tage habe ich mich losgerissen und ,, Pilzausflüge" gemacht! Tatsächlich! Ein großartiger Kriegseinsatz. Ich habe jeden Tag einen großen Korb voll gefunden und den Inhalt zur großen Begeisterung meiner Eẞgenossen auf dem Schreinerofen zubereitet. Wir leben augenblicklich nicht schlecht. Es ist einiges passiert im Lager. Alle Deutschen sind eingezogen worden, ob sie nun wollten oder nicht. Daß sie sich freiwillig melden durften, war wohl nur eine Geste. Sie wurden ärztlich untersucht und zum größten Teil für tauglich befunden. Jetzt warten sie darauf, fortgeschickt zu werden. Das ist entsetzlich. Zehn Jahre waren sie teilweise im Gefängnis, weil sie Gegner dieses Systems sind, und nun müssen sie an die Front, um für dieses System zu kämpfen- ja, vielleicht dafür zu sterben. Das ist mehr als tragisch! Vorgestern kamen achttausend neue Gefangene ins Lager. Wir mußten deshalb noch dichter zusammenrücken als vorher. Einer der Norwegerblocks wird auf die anderen drei verteilt. Ein Block mußte in eine neue Baracke übersiedeln. Sardinen in einer Büchse liegen geräumiger als wir jetzt. Es ist unmöglich, daß mehr als höchstens die Hälfte auf einmal sitzt und iẞt. Ich wage überhaupt nicht daran zu denken, wieviel Luft jedem Individuum zur Verfügung steht. Dieser Tage will ich es aber ausrechnen. Arvid wurde auf 38 geschickt. Das ist entsetzlich. Man hat ihn verlogenerweise beschuldigt, einem Norweger nach dem Leben getrachtet zu haben. Der Norweger hat falsch gezeugt. Er ist Legionär und ein miserables Objekt. Der Ankläger, der Blockältester auf 23( Norwegerblock) ist und dazu noch als Schläger im Lager fungiert, hat ihn gekauft. Ein fürchterlicher Kerl, mit dem Arvid unvorsichtigerweise Krach bekommen hat. Arvid ist noch nicht geschlagen worden, aber er hat in dieser Hinsicht Angst vor der Zukunft. Das quält ihn selbstverständlich, und er ist sehr nervös. Keiner von uns kann etwas 215 für ihn tun. Man befindet sich vollkommen in Händen von Banditen, und ein ehrlicher Mann ist ein hilfloses Wesen in diesem Lager. Am besten ist es, er hält den Mund, selbst wenn das, was er sieht und hört, noch so empörend ist. Das kann Arvid nicht. 6. November 1944 Das SS- Waffenamt ist eines der Nachbarkommandos vom Kraftfahrzeugdepot Wald. Auf diesem Kommando wird u. a. eine der berüchtigten neuen Waffen hergestellt, die Panzerfaust. Tag und Nacht wird dort gearbeitet. Wenn wir morgens ausrücken, begegnen uns lange Kolonnen von Gefangenen, die von der Nachtschicht kommen. In gleichmäßigen Abständen donnern Tag und Nacht kleine Serien von drei bis vier Schüssen, das sind die Rohre der Panzerfaust, die eingeschossen werden. Sonst kennen wir dieses Kommando auch von Morgenappellen her. Es stellt sich neben uns auf und zeichnet sich besonders durch einen außergewöhnlich brutalen Vorarbeiter aus, der an den Reihen hinauf- und hinunterläuft und tobt. Er läßt Schläge und Schimpfwörter nach rechts und nach links hageln und wir hören ständig davon, daß seine Opfer auf Nr. 38 kommen. Ihm stehen übrigens einige bereitwillige und aufnahmefähige Handlanger zur Seite, die ihm die Arbeit erleichtern. Es sind alles miteinander deutsche ,, Kameraden". Sie haben sich mit der Zeit alle ein ansehnliches Konto ,, Dankesschuld" von ihren untergebenen Mitgefangenen erarbeitet. Es sind auch einige Norweger auf dem Kommando und im übrigen Gefangene der verschiedensten Nationalitäten. Die Norweger erzählen mir, daß es ihre Eẞpakete sind, die sie retten. Diese üben eine geradezu hypnotische Macht selbst auf den schlimmsten Vorarbeiter aus. Mit Hilfe von Speck, Sardinen, Haferflocken und anderen Dingen kaufen sie sich von der ,, kameradschaftlichen" Behandlung frei und trösten sich damit, daß die Wirkung dieser Transaktionen auch anderen zugute kommt. Dadurch, daß man wilden Tieren etwas zu fressen hinwirft, sichert man sich jedenfalls so lange Frieden, bis es verzehrt ist. 216 Auf dem SS- Waffenamt ging vor einigen Wochen eine Stanzmaschine entzwei. Das geschah folgendermaßen: Auf dieser Stanzmaschine werden einige kleine Metallplatten ausgestanzt, die für den Panzerfaust- Mechanismus gebraucht werden. Die Platten sind 0,75 Millimeter dick und werden einzeln unter die Stanze gelegt. Hat man das Pech, daß zwei Platten auf einmal darunter geraten, setzen sie sich fest und die Maschine geht entzwei. Dies geschah, während ein Pole die Maschine bediente. Er sorgte selbst dafür, daß der Schaden geheilt wurde, schuftete und arbeitete und bekam die Maschine im Laufe von zwei Stunden wieder in Gang. Er meldete diesen Vorfall selbst dem Chef, einem SS- Sturmbannführer. Der sagte nichts, und der Pole, der sehr unglücklich gewesen war über den Unfall, dachte, daß diese Angelegenheit damit in Ordnung und erledigt sei. Vier Wochen später, am Donnerstag vergangener Woche, kam der ,, Bütteltrupp"( das ,, Krematoriumskommando") mit dem ,, Galgenwagen" zum SS- Waffenamt herausgefahren. Der Galgen wurde errichtet, und beim Abendappell auf dem Arbeitsplatz wurde der Pole erhängt. Ein kurzes ,, Urteil" wurde vom Lagerführer, der herausgeradelt kam, verlesen. Der Pole wurde ,, auf Befehl des SS- Reichsführers Himmler wegen, Sabotage" erhängt. Der Chef, der dem Polen damals vor vier Wochen, als er den Vorfall meldete, nichts gesagt hatte, hatte ihn in der Zwischenzeit gemeldet und die Todesstrafe vorgeschlagen. Der Pole weinte herzzerreißend und hemmungslos von dem Augenblick an, da er gegriffen wurde, bis er baumelte. Dies war am Donnerstag. Am Tage danach, zur gleichen Zeit, kam der ,, Galgenwagen" mit seinem düsteren Kommando wieder zum SS- Waffenamt gezogen. Der Galgen wurde errichtet, und diesmal wurden zwei Holländer aus dem gleichen Grunde erhängt. Ich habe mit einem Freund des einen Holländers gesprochen, einem Norweger, der erzählte, daß der Holländer ein außerordentlich sympathischer, prächtiger Junge gewesen sei. Er war gerade eine Art Arbeitsvormann in der Werkstatt geworden, wo die Stanzmaschine steht, und war darum ,, verantwortlich" für alles, was da vor sich geht. In der Werkstatt hat niemand absichtlich Sabotage217 handlungen vorgenommen- diejenigen, die Pech hatten an der Stanzmaschine, am allerwenigsten. Mein Vertrauensmann hatte gerade an jenem Freitag mit dem Holländer zusammen im Waschraum gestanden. Der Holländer erzählte und machte Spaß, wie es seine Art war. Und dann verkündete er u. a., es sei seine sichere Überzeugung, daß der Krieg bald zu Ende sein werde und daß er zu Weihnachten nach Hause kommen würde. Als sie zum Appell hinausgingen, trafen sie einen SS- Mann, der mit einem Papier in der Hand herumlief und einen Namen rief. Es war der Name des Holländers. Er meldete sich, wurde an der Schulter gepackt und geradenwegs zum Galgen hinaufgeführt, der, ohne daß man davon wußte, auf dem Platz errichtet worden war. Ein ,, Urteil" wurde verlesen, und wieder wurden zwei Morde begangen. Der andere Holländer, der mit Handschellen gefesselt war, kam von der Nachtschicht und war mit dem ,, Galgenwagen" herausgekommen. Beide Männer waren imponierend ruhig und gefaßt geblieben bis zum letzten Augenblick. Der Junge, von dem ich gerade erzählt habe, trug keine Handschellen. Seine ,, freien" Hände benutzte er dazu, das Brett zurechtzulegen, auf dem sie stehen sollten, während ihnen der Strick um den Hals gebunden wurde. Es lag nicht ganz fest. Einen letzten Gruß sandte er noch an seine Kameraden, ehe er fiel. Ich glaube, ich habe vergessen, zu berichten, daß am Mittwoch vergangener Woche, am Tage bevor die erste Hinrichtung beim SS- Waffenamt stattfand, ein Mann im Lager erhängt wurde. Ein BV- Mann, der als Partisanenkämpfer draußen gewesen war. Er war geflohen und wieder geschnappt worden, war also hier ausmarschiert bei Musik und Trommelwirbel, um für das Vaterland in den Krieg zu ziehen. Und jetzt wurde er hierhin zurückgebracht, um sein Leben am Galgen zu lassen als Warnung und Schreck für andere, die daran denken sollten, etwas Ähnliches zu versuchen, wenn sie an der Reihe sind. Um dieser Feierlichkeit beizuwohnen, wurden wir zum Appell zusammengerufen. Sonst gibt es jetzt keinen Abendappell mehr. Ja, tatsächlich nicht- und das ist eine phantastische Erleichterung, ein Riesenvorteil, den ich eiligst hätte 218 niederschreiben sollen. Es deprimierte mich sehr, als wir so aufgestellt standen, um zum ,, Galgenappell" zu marschieren, wie unheimlich gefühllos wir geworden sind. Da standen wir nun, über vierhundert Norweger( allein in unserem Block), und waren im Begriff, anzusehen, wie ein Mitgefangener für irgend etwas erhängt wurde... Man sollte glauben, daß diese Stunde vom Ernst geprägt sei, jedenfalls doch von einem vollkommenen Schweigen! Statt dessen befindet man sich unter einem redenden, spaßenden, lachenden Haufen von Männern und Jungen, die fluchen wenn sie im Gedränge aufeinander stoßen oder sich treten, die über die Schulter hinweg einen Spaß oder eine Unanständigkeit an ihren Hintermann abfeuern, der heimlich raucht, und die endlich nach langer Zeit fertig sind, um zum Tatort zu marschieren, wo dann nicht einmal während des Erhängens eine gedrückte Stimmung herrscht. ,, Mützen ab", wenn das Urteil verlesen und in mehreren Sprachen wiederholt wird. ,, Mützen auf", wenn der Büttel ans Werk schreitet. Kein zum Tode Verurteilter soll durch entblößte Häupter von den Kameraden geehrt werden! Und dann endlich können wir zum Block zurückgehen- zum Essen und zu Belanglosigkeiten. Gleichgültig schlendert der Haufen wieder zurück. Die wenigsten interessieren sich dafür, wer erhängt wurde und warum. Jetzt gilt es, einen Platz am Tisch zu erobern, damit man etwas in den Leib bekommt! Oder eine Verabredung mit irgend jemand einzuhalten, der etwas zu verkaufen hat eine schöne Jacke oder eine Hose... - 8. November 1944 Marits Geburtstag. Als ich verhaftet wurde, war sie gerade dreizehn Jahre alt geworden, ein kleines Mädchen. Jetzt ist sie sechzehn und Frau. Das ist merkwürdig. In dem Brief, den ich von ihr bekam, versichert sie selbst so süß und eifrig, daß sie nicht von mir weggewachsen sei. Aber der ganze Brief zeigt, daß es so ist. Arme kleine Marit, dafür kann sie ja nichts. Ich bin es ja, der nicht mit ihr gegangen ist. Im übrigen leben die Kinder nicht ihr Leben, um den Eltern zu gefallen, sondern 219 - um selbständige brauchbare Menschen zu werden. Und das werden sie oft trotz der Eltern. Es sollte nicht heißen: Du sollst Vater und Mutter lieben. Es ist auch nicht immer gesagt, daß du sie ehren sollst. Wie wäre es denn, wenn sie heute zum Beispiel Nationalsozialisten wären? Was dann? Das Gebot hätte ja auch an die Eltern gerichtet sein können, und mit mehr Recht könnte es dann heißen: Du sollst deine Kinder ehren und lieben und alles für sie tun, was du vermagst, ohne ihre freie, selbständige Entwicklung zu hochwertigen Menschen zu hemmen oder zu hindern. Vergiß nie, daß dein Kind ein reinerer und besserer Mensch ist als du selber. Und doch entbehre ich dich sehr, mein kleines ,, Fischermädchen", und solltest du auch ab und zu deinen Vater entbehren, so möchte ich nur wünschen, daß dies zum Segen für uns beide werden möge. 9. November 1944 Als wir gestern hereinkamen, war wieder mal ,, Galgenappell". Diesmal wurden zwei Mann erhängt. Es waren wahrscheinlich Flüchtlinge. Wir hören die Bekanntgabe des Urteils so schlecht, weil wir so weit entfernt stehen, und Gott sei Dank sehen wir auch nicht viel. Um diese Zeit ist es jetzt dunkel, und dazu kommt, daß wir so stehen, daß die Scheinwerfer uns blenden. Wir sehen sie nur als zwei Schatten fallen. Aber das genügt. Neulich wurde eine große Anzahl Leute, die den Militärdienst verweigert hatten, im Industriehof erhängt. Das geschieht jetzt jeden Tag. Bevor sie an den Galgen kommen, werden sie vom Lagerführer gefragt, ob sie sich immer noch weigern, sich einziehen zu lassen. Wenn sie sich weigern, wird einer erhängt, dann werden die anderen wieder gefragt usw., solange, bis alle gemordet sind. Neulich ging der Lagerführer zum Galgen hinauf zu einem, dem man den Strick um den Hals gelegt hatte, und fragte ihn, ob er sich noch immer weigere. Er antwortete ja, indem er sich zu den anderen wandte, und sagte ruhig und fest, sie sollten standhaft bleiben, die höheren Mächte würden sie sicher retten. So wurden sie denn alle erhängt, einer nach dem andern. 220 ı0. November 1944 Erst heute zieht der erste Schub ‚Freiwilliger‘ ab. Man hat ihnen erzählt, sie kämen nach Krakau in ein Übungslager. Aber sie nehmen nicht an, daß sie lange dort gehalten werden. Es wird schon wieder losgehen demnächst, und aller Wahr- scheinlichkeit nach werden sie genau wie die BV-Leute zur Bekämpfung der Partisanen eingesetzt werden. Das ist das Gefährlichste, was es gibt, und wenige kommen lebend davon. Der Kapo(anderer Ausdruck für Vorarbeiter) Eugen Gerhardt bekam am Morgen nach seinem Aufruf Bescheid, daß er doch zurückbleiben sollte, ebenso einige andere. Aber Peter in der Feuerwehr, mein guter Freund, der feinste und beste Deutsche - und Kommunist, den ich kennengelernt habe, wurde leider mitgeschickt. ı1. November 1944 Der Waffenstillstandstag von 1918- und über die Schlacht- felder Europas fließt das Blut, dichter und dunkler denn je. Der ıı. November 1918 leitete nur eine Pause ein in dem Blut- bad, und weiter rast der Wahnsinn über Europa und über die Welt. Wir haben Nebel und Regen, es schneit beinahe, so kalt ist es. Feucht und trostlos legt sich der Nebel auf das Gemüt. Keine Spur von Freude findet man. Ein schwerer Tag. Aber ich tauchte hinunter in mein Hüttenprojekt„Karistua‘‘ und träumte mich weit weg, über den Nebel hinaus, hinauf in die weißen Berge. Dort schien die Sonne. 13. November 1944 Die Kälte und das ungemütliche Wetter halten an. Von den Fronten hört man nichts Neues außer den üblichen„Kurz- meldungen“. Wie langsam erscheint es uns, wie schrecklich langsam! Gestern, am Sonntag, war ich mehrere Stunden bei den Juden. Es ist ein Transport von tausend Juden hierher- gekommen von Auschwitz, unter ihnen sind auch zwei Nor- 221 weger. Der eine ist aus Haugesund, ein Neuhinzugezogener, den ich nicht kenne. Der andere stammt aus Oslo, und zwar handelt es sich um Wolfberg, meinen Freund von der Nordnorwegenreise und Grini, der mit Robert Andersen zusammen Geige spielte. Diese beiden Norweger und noch einer, einer der Kaplanjungen von Tromsö, sind sicher die einzigen Überlebenden der norwegischen Juden, die nach Auschwitz kamen - und dort landeten die meisten, etwa 800. Der Wolfberg, den ich jetzt wiedertraf, war ein ganz anderer als jener, mit dem ich 1942 auf Grini zusammen war. Jener Wolfberg war ein schwacher, nervöser Junge, wie man ihn leichthin und oberflächlich als ,, Nichtsnutz" bezeichnet. Damals hatte er Angst vor dem Tode, er hatte eine höllische Angst, sterben zu müssen. Der Wolfberg, den ich gestern traf, war kein nervöser Judenjunge, sondern ein erwachsener Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken mit weitgeöffneten Augen in die Zukunft hineinstarrte. Für ihn war das Leben nicht mehr und nicht weniger als das, was es ihm im Augenblick bot- Schmerzen oder einen kleinen, blassen Widerschein von Freude. Gestern gab es ihm das letztere, zum erstenmal seit langer Zeit. Er war so froh, daß er mich traf, und fing an, über die früheren Zeiten auf Grini zu reden, wie nett wir es hatten und wie anders doch... Und so nach und nach begann er, von den Jahren, die darauf gefolgt waren, zu erzählen. Auschwitz! Ich glaube, es wird für die Nachwelt, ja, für andere Menschen überhaupt schwer werden, die Tiefe der Leiden und Schrecken zu ermessen, die mit dem Namen Auschwitz verbunden sind. Noch weniger wird man jene Menschen verstehen können, die dies überlebt haben daß sie immer noch Menschen sein können, als Menschen denken und fühlen können. Man muß sie unwillkürlich bewundern, ihre Ruhe, ihre gute Laune und ihre Resignation. Wenn man unter diese Menschen kommt, hat man tatsächlich den Eindruck, als wenn man sich auf einer Art ,, Landpartie" befände. Man spricht und macht Spaß, man fragt und antwortet, man lacht und lächelt. Schaut man näher hin mit geschärftem Blick und Gehör, dann kann man vielleicht etwas Hartes im Lachen heraushören und etwas Wehmütiges - 222 und Müdes über dem Lächeln schauen, etwas Hoffnungsloses. Aber kein Weinen und keine laute Verzweiflung, keine Wehklagen und kaum noch Bitten um Hilfe. Es wäre doch nur natürlich gewesen, denn sie waren hungrig wie Wölfe. Einige pflückten die niedergetretenen Kohlblätter auf und alte Kohlrabischalen, die sie gelegentlich draußen auf dem Feld, auf dem sie sich aufhielten, fanden- und aßen das, während andere auf demselben Feld herumsaßen und notwendige Geschäfte verrichteten. Ich hatte erwartet, daß sie um Rauchwaren bäten. Aber sie taten es nicht. Ich gab ihnen das, was ich hatte, und sie griffen begierlich danach und teilten es miteinander. Die Zigaretten wanderten von Mund zu Mund, keiner bekam mehr als ein paar Züge, aber sie waren dankbar und froh darum. In Lumpen gekleidet waren sie alle, wie alle Zugänger. Eigentlich ein trauriger Anblick- aber das fällt hier nicht auf. Sonst sahen die meisten merkwürdig gut aus, sie waren wohl mager und trugen deutliche Zeichen von Unterernährung, aber das tun die meisten anderen auch allerdings mit Ausnahme der Norweger, darum fällt einem das weniger auf. Aber vom Tode gezeichnet war eigentlich keiner von ihnen, es gab keine wandernden Skelette wie bei den Russen und Ukrainern hier im Lager. Die Erklärung dafür ist einfach: Diejenigen, mit denen es soweit war, starben oder wurden in den Gaskammern getötet. Das hier sind die Überlebenden, die brauchbare Auswahl von Arbeitskräften, die noch eine Zeitlang in Werkstätten und auf anderen Arbeitsplätzen für den ,, Sieg" ausgenutzt werden können! Alle anderen, die Kranken und Alten und Minderjährigen waren getötet worden. Ganz einfach. Sie wußten, was das hieß, krank oder auf irgendeine Weise arbeitsunfähig zu werden das bedeutete den kürzesten Weg zum Krematorium. Und in Auschwitz- vielmehr im Lager unmittelbar nebenan, in Birkenhof- waren die fünf Krematorien ununterbrochen in Betrieb- Tag und Nacht- Jahr um Jahr... - - Wolfberg ist kein guter Erzähler. Man muß alles, was man wissen will, aus ihm herausziehen, und es geht träge. Vielleicht hält er es nicht so sehr für erzählenswert, vielleicht nur für die Tragödien des Alltags. Und doch ist er für mich besser als die 223 meisten anderen, die allzu leicht und fließend sprechen. Bei ihnen kommt es leicht vor, daß sie zuviel färben, und im übrigen berichten sie gern die billigsten Sensationen. Wolfberg ist nüchtern, und wenn er ab und zu selten ein starkes Wort - - braucht, so weiß man, daß es berechtigt ist. 16. November 1944 Ich habe Wolfberg mehrere Abende hintereinander getroffen und mit ihm über Auschwitz gesprochen. Es scheint kein Zweifel darüber zu herrschen, daß praktisch alle norwegischen Juden tot sind. Um wie viele es sich handelt, ist unmöglich zu sagen, aber es können ganze tausend sein. Er weiß nur von vier oder vielleicht fünf, die am Leben sind. Für viele war der Tod eine Befreiung. Einer der Kaplanjungen( von Tromsö) und Salomon Schottland( Tromsö) standen eines Morgens beim Appell. Da sagte Schottland: ,, Du, das halte ich nicht mehr aus, es ist zu entsetzlich, und es hat wenig Sinn, daß wir hier herumlaufen und für diese Schweinehunde arbeiten, bis wir sterben. Ich will nicht mehr. Komm, wir wollen uns auf der Ambulanz melden!" Ohne daß sie sich weiter darüber unterhielten, waren sie einig. Sie fragten, ob nicht auch Wolfberg sich zu ihnen gesellen wolle, aber er antwortete, er wolle es noch eine Weile versuchen, noch eine Chance abwarten. Dann trennten sie sich, und Wolfberg sah seine Kameraden nie mehr wieder. Sie meldeten sich auf der Ambulanz und gingen kurz darauf in die Gaskammer und in das Krematorium draußen in Birkenhof. - Der Jüngste der Kaplanjungen, Konrad, war anders geartet jung( zweiundzwanzig) und mit mehr Lebenswillen. Dazu war er voller Herzenswärme und voller Drang, anderen zu helfen. Er arbeitete auf der ,, Rampe", das heißt auf jener Plattform, auf der die Eisenbahnwagen mit ihren traurigen Ladungen von größtenteils zum Tode verurteilten Menschen ankamen. Dort erschien ein Transport nach dem anderen aus Ungarn, der Slowakei, aus Böhmen, Mähren, Deutschland, Belgien, Holland, Norwegen, Frankreich, Jugoslawien, der Ukraine, und Tausende und Abertausende neuer Juden kamen 224 auf dieser Plattform angerollt. Nachdem die Wagen geleert waren, wurden die Juden zu je fünf auf der Plattform aufge- stellt und verlesen. Alle Gesunden und Arbeitsfähigen wurden herausgeholt. Der Rest sollte in die„Bäder“. Alle kleinen Kinder gingen in das„Bad“, jede Frau, die ein Kind auf dem Arm trug, ebenfalls die Alten und Gebrechlichen. Dies wußten jene, die auf der Rampe arbeiteten, und alle, die täglich dieses Schauspiel beobachteten. Aber die armen Opfer, die mit dem Transport kamen, ahnten nichts. Darum mochte es einer jungen, starken Frau brutal und un- verständlich erscheinen, als Konrad Kaplan kam und ihr das Kind, das sie auf dem Arm trug, wegnahm und es einer alten Frau in den Arm legte. Konrad wollte die junge Frau retten. Er konnte es nur auf diese Weise tun, ohne Worte zu machen und ohne etwas zu erklären, nur bestimmt. Das Kind und die alte Frau mußten ja auf jeden Fall sterben! Und dann- nach- dem diejenigen, die sterben sollten, von denen, die leben sollten, getrennt waren, setzte sich der Todeszug in Richtung auf die Krematorien in Bewegung. Dort gab es außer den Gaskammern und den Verbrennungsöfen, die achtundvierzig Leichen auf einmal faßten, einen großen Entkleidungsraum, wo die Opfer hineingeführt wurden mit dem Bemerken, daß sie baden sollten. Sie zogen sich nichtsahnend aus und betraten das Bad, das nebenan lag. Und dann kam Gas an Stelle von Wasser aus den Duschen. Wie lange es dauerte, bevor sie starben, wußte Wolf- berg nicht, auch nicht, ob der Tod schmerzhaft war. Der Weg aus dem Bad zum Ofen war kurz. Dieser Prozeß hat sich jetzt mehrere Jahre hindurch ohne Unterbrechung vollzogen, und trotzdem haben die fünf Krematorien nicht genügt. Auch draußen im Freien mußten Leichen verbrannt werden. Als Brennmaterial benutzte man Holz und Kohlen sowohl in den Krematorien als auch draußen. Das Feuern, das Zurechtlegen der Leichen und alles sonst wurde natürlich von den Gefan- genen selbst besorgt. Kein SS-Mann faßte mit seinen Händen eine so schmutzige Arbeit an, wie es das Töten von Juden be- deutet. Ein kleiner Judenjunge, zehn bis zwölf Jahre alt, sollte in 15 Nansen 225 das ,, Bad". Er wollte nicht und stahl sich aus der Kolonne heraus, wurde aber sofort geschnappt. Man steckte ihn wieder in die Reihen, er lief abermals davon. Dann wurde er geschnappt und in einen Wagen gesetzt, die Türe wurde abgeschlossen. Da schlug der Junge die Scheibe kaputt und kroch hinaus. Der Lagerführer fand, daß dieser kleine Bursche tapfer um sein Leben gekämpft hatte, und ließ ihn leben. Wohl ein kleiner Anfall arischen Großmuts! Jetzt ist der Kleine Laufjunge und steht auf ,, gemütlichem" Fuß mit dem Lagerführer, der ihm auf die Schulter klopft und Onkel spielt. Als Wolfberg am ersten Abend ohne Umschweife und mit einer unsentimentalen Offenheit sagte: ,, Ich versichere dir, Odd, es würde mir nichts ausmachen, wenn ich heute abend in den Ofen sollte, ich bin vollkommen darauf vorbereitet", da meinte er das. Als er fragte, ob ich glaubte, daß einige von ihnen lebend durch dies alles hindurch und nach dem Krieg nach Hause kämen- da wußte ich wahrscheinlich nicht, was ich antworten sollte. Denn es würde ja unweigerlich merkwürdig und inkonsequent sein, solche Zeugen am Leben zu lassen, damit sie der Nachwelt erzählen können, was vor sich gegangen ist. Aber dann kam mir der Gedanke, daß sie wohl gerade einige Juden in den Lagern haben wollten, um zu zeigen, daß auch sie wie Menschen behandelt und gehütet wurden im Dritten Reich. Zumal sie jetzt in des Volkssturms elfter Stunde wohl Arbeitskräfte bis zum letzten Mann benötigen, ob es sich nun um Juden, Neger oder Germanen handelt.- Und ich sagte Wolfberg das. ,, Glaubst du?" fragte er, und es war, als wenn ein Funke von Hoffnung in seine Augen trat, ein dankbarer kleiner Funken. Wolfberg und der andere Norweger, Rechenberg aus Haugesund( eigentlich ein Ungar), bekamen jeder ein dänisches Rote- Kreuz- Paket und waren glücklich. Vorgestern kamen siebenhundert Juden hierher aus Jugoslawien. Es waren Ungarn. Sie trugen alle Soldatenuniformen- oder die Reste von solchen. Sie waren zehn Wochen marschiert, von der jugoslawischen Grenze bis hierher, und hatten kaum noch Kleider oder Schuhe auf den Leibern. Ihr Zustand war furchtbar. Viele waren unterwegs gestorben. Auch Leichen 226 brachten sie mit, und mehrere starben auf dem Appellplatz, wo sie nach ihrer Ankunft hier den größten Teil der Nacht stehend zubringen mußten. Zuletzt durften sie im Bad liegen, aber dorthin mußten sie mit Gewalt getrieben werden, da vielen dieses ,, Bad" verdächtig war. Sie hatten Arme, Beine und den übrigen Körper in Papier und Säcke gewickelt, die sie am Wegrand gefunden hatten. Von hier aus sollen wahrscheinlich die meisten von ihnen weitergehen, denselben Weg wie die anderen, die bereits fortgeschickt wurden. Gestern kamen hundertundsechzig Norweger aus dem Zuchthaus Sonnenburg hierher. Auch sie waren in einer elenden Verfassung. Dreißig von ihnen haben Tuberkulose, davon wurden sechs auf das Revier gelegt. Es ist uns strengstens verboten, sie aufzusuchen und ihnen Essen und Geschenke zu geben. Sie sind nämlich Zuchthausgefangene und nicht Schutzhaft gefangene. Aber ihre Sache wird ,, bearbeitet", und es ist möglich, daß es gelingen wird, sie auf Schutzhaft zu überführen. Gestern bekam ich zwei Briefe von Kari. Strahlend! Pakete gibt es wenige. Im ,, Spind" haben wir nichts mehr, und ich habe lange, lange nicht mehr anständig geraucht. Ich lebe von einigen Stummeln, die ich in der guten Zeit gesammelt habe, und auch die sind heute zu Ende. Jetzt bleibt also nur noch Machorka übrig, und der ist schlecht. - 18. November 1944 Als wir heute morgen aus dem Tor kamen, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick. Ein Transport verkommener Leute, siebzig bis achtzig Mann, stand dort und auf einer Handkarre lagen drei Leichen, zwei Leichen lagen daneben auf der Erde. Die Leichen waren zum Teil entkleidet sie frieren ja nicht mehr, aber das taten die Überlebenden in ihren Lumpen. Wir marschierten schnell vorbei, darum konnte ich nicht viel sehen es war doch mehr als genug. Um sie herum standen Haufen von SS- Leuten und lachten und unterhielten sich. Keiner nahm sich der Elenden an. Da es kalt und feucht ist, ist es wahrscheinlich, daß mehrere von ihnen sterben, bevor sie 15* 227 unter Dach kommen. Das ist kein ungewöhnliches Ereignis, des Alltags graue Tragödie in Deutschland heute. Gott helfe ihnen allen! 20. November 1944 Nebel, schlechtes Wetter, Regen und Schneematsch ununterbrochen. Auch heute. Kluge Leute meinen, daß im Westen eine Großoffensive vor der Tür stehe, und die Alleroptimistischsten meinen, daß Aussichten bestehen, daß es noch in diesem Jahr zum Schluß kommen kann. Zu diesen gehöre ich nicht, und im übrigen bin ich auch kein kluger Kopf. Wolfberg, der wahrscheinlich heute mit einem Transport weitergeschickt wird, war gestern hier und spielte uns etwas vor- einige Abschiedsmelodien. 21. November 1944 Eine merkwürdige Patrouille marschiert zur Zeit ständig um den Appellplatz herum, ähnlich wie der ,, Schuhtrupp". Sie tragen alle Gepäck und singen und pfeifen, während sie gehen. Das ist die ,, Pillenpatrouille". Sie sind Versuchskaninchen für eine neuerfundene Energiepille. Es wird an ihnen ausprobiert, wie lange sie sich nach dem Genuß dieser Pillen halten können. Nach den ersten vierundzwanzig Stunden hatten die meisten es aufgegeben und waren zusammengebrochen, obwohl es heißt, daß man mit diesen Pillen Unglaubliches leisten könne ohne die übliche Reaktion. Ja, die Deutschen werden jetzt solche Pillen nötig haben. 24. November 1944 Es sind starke Kürzungen an der Arbeitszeit erfolgt, weil der elektrische Strom gespart werden muß. Wir dürfen ganz einfach morgens eine volle Stunde länger schlafen, bis Viertel nach fünf Uhr, und abends um Viertel vor vier Uhr Schluß machen. Sonntags wird wahrscheinlich auch nicht mehr gearbeitet werden. Das paẞt ja schlecht zu dem totalen Kr egseinsatz, von dem man jetzt so laut schreit, aber es ist doch ein Beweis für den wahren Zustand im Reich. Selbstverständlich 228 macht sich der Mangel an Kohlen geltend. Das Ruhrgebiet wird bald verlorengehen, und wenn Oberschlesien noch wegfällt, dann hört es wohl auf mit den Kohlen. Und dann? Ja, Gott weiß, ob sie sich nicht auch dann noch mit Ach und Krach halten können. 29. November 1944 Dieser Tage bekamen wir ein ,, Schwedenpaket", und damit brach der Wohlstand wieder aus in unserem Spind. Aber das Kari- Paket bleibt aus, darum ist die Tabaknot groß. Das Wetter ist besser geworden, es sollte darum eigentlich ,, Offensivwetter" sein- aber die Meldungen sind eher zahmer gewesen als sonst. Die Tragödie, die sich in Nordnorwegen abspielt, muß entsetzlich sein. Es scheint, daß sie tatsächlich vorhaben, ganz Nordnorwegen zwangsweise zu evakuieren und im Zuge ihres Rückmarsches vollständig brachzulegen. Die Berichte melden, daß sie die Leute nach kurz vorher erfolgter Ankündigung zwingen, fortzugehen. Diejenigen, die nicht gehen wollen, werden erschossen, heißt es. Das mag etwas übertrieben sein. Es mag hoffentlich ebenfalls übertrieben sein, daß die Gehöfte und Häuser nach und nach abgebrannt werden, oft, bevor die Einwohner Zeit gehabt haben, wegzukommen. Das ganze Vieh wird natürlich abgeschlachtet. Ich war gestern auf dem Schonungsblock und besuchte einen Freund von Keil, einen ungarischen Juden aus Paris. Ingenieur, intelligent und sympathisch. Er kam hierher aus der Hölle von Auschwitz, wo er durch einen bloßen Zufall der Gaskammer entkam. Auch sein Vater und seine Mutter kamen nach Auschwitz, aber er wußte das nicht und bekam sie nie zu sehen dort. Sie gingen von der Eisenbahn aus direkt in die Gaskammern. Später erfuhr er was geschehen war, und die letzten Worte des Vaters wurden ihm wiedergegeben: ,, Ach, wenn ich doch nur etwas über meinen Sohn wüßte und ob er noch am Leben ist!" In jenem Augenblick befand sich der Sohn kaum zweihundert Meter entfernt, aber nicht lange danach war der Vater tot. Er war der einzige Sohn. Sechzehn Mitglieder der Familie starben in Auschwitz. Er erlebte und durch229 lebte dies alles. Ein Onkel von ihm rief ihm auf dem Weg zur ,, Kammer" zu, daß er schwören müsse, dies zu rächen, falls er es überleben sollte. Er konnte nicht viel Gutes über die polnischen Juden erzählen. Es seien ohne Zweifel die schlimmsten Menschen, die er getroffen habe, sagte er. Ohne Bedenken ermordeten sie sich um ein Stückchen Brot. Sie seien schlimmer als Tiere. Er kenne nur zwei bis drei Ausnahmen unter den Tausenden, die er getroffen habe. Er erzählte von einem Kommando, auf dem er gewesen war. Eines Tages bekam der Leiter vom Arbeitsdienst die Nachricht, daß er heute nur fünfundsiebzig Liter Suppe für hundert Mann bekommen könne. Der Leiter, der Vorarbeiter, die SS und andere mehr wußten Bescheid sie wußten, was sie zu tun hatten. Am Abend brachte diese Hundertschaft fünfundzwanzig Leichen mit ins Lager. Auf diese Weise bekam jeder einen Liter Suppe. Die Fünfundzwanzig wurden von ihren eigenen ,, Kameraden", von den Leitern, den Vorarbeitern und SS- Leuten totgeschlagen. Die Toten waren alles Juden, denn die Juden sind immer die Schwächsten. Sie haben schlechtere Behandlung, schlechteres Essen, keine ärztliche Hilfe. Mein Freund, der Ungar, war selbst dabei, als dies geschah, und konnte für die Wahrheit einstehen. Es kam sonst täglich vor, daß einige totgeschlagen wurden. Es war ganz alltäglich, daß die Hundertschaften abends mit zwei bis drei Leichen ins Lager zurückkehrten. Sie waren mit Knüppeln totgeschlagen worden oder ,, erschossen während eines Fluchtversuchs". Das letztere war beinahe eine Art Sport für die SS- Leute. Sie befahlen Gefangenen, die sie dafür ausersehen hatten, ihnen irgend etwas außerhalb des Zaunes zu holen. Wenn der Gefangene den Befehl ausführte, wurde er als Zielscheibe benutzt, wenn der Abstand passend war. Es war ja verboten, etwas außerhalb des Zaunes zu holen, und die SS hatte den Befehl zu schießen, falls es trotzdem vorkam. Jenen anderen Befehl nahm der Tote mit sich ,, in den Schornstein" wenn nicht irgendein anderer ihn schon gehört hatte. Und das war die Regel, aber was bedeutete das? Juden lügen immer! - 230 Wie gesagt, mein Freund, der Ungar, war ein sympathischer Kerl. Er war achtundzwanzig Jahre alt und intelligent. Das Gesicht trug deutliche Spuren dessen, was er durchgemacht hatte. Seine Augen leuchteten zwar wach und klug, aber in seinem Blick lag auch etwas unendlich Dunkles und Trauriges, das einen fesselte. Man bekam Lust, mehr von ihm zu erfahren, ihm näherzukommen. Das war nicht so schwierig. Es war, als habe er sich danach gesehnt, mit jemandem zu sprechen, einsam und gebrochen, wie er war. Er war verheiratet, hatte aber keine Kinder. Seine Frau war Französin und wohnte jetzt in Nizza. Offiziell hatte sie Bescheid bekommen, daß er erschossen worden sei, und er hatte keinen Versuch gemacht, sie davon zu benachrichtigen, daß er noch am Leben sei. Warum? Das erfuhr ich auch bald. Sein Gesicht wurde dunkel und verbissen, die Augen blitzten, und der Mund verzog sich zu einer häßlichen Grimasse, als er das Wort hinauszischte: ,, Rache!" Armer Junge! Er war von einem einzigen, übermächtigen Gefühl erfüllt: Rache! Rache um jeden Preis! Das war alles, wofür er noch Platz hatte, alles, wofür er noch lebte. Der Dämon der Rache hatte von seiner Seele Besitz ergriffen und hatte alles andere hinausgejagt auch seine Frau. Ich versuchte, ruhig mit ihm zu sprechen, ihn von der Sinnlosigkeit seines Vorhabens zu überzeugen, ihm das Negative und Zerstörende daran zu zeigen. Das spielte für ihn keine Rolle. Die Zukunft, die Kultur, die Menschheit, die Liebe und alles, was er einmal hoch geschätzt hatte und wofür er gekämpft hatte( er war ein politischer ,, Verbrecher"), hatte aufgehört, irgend etwas für ihn zu bedeuten. ,, Es soll ruhig alles untergehen! Ist dies vielleicht Kultur?" und wieder beschwor er neue Schreckensszenen von Auschwitz herauf, wo Hunderte und Tausende wertvoller Menschen in den Tod gingen. Schöne junge Mädchen, Mütter mit Kindern auf den Armen, junge Burschen, alte Weise, Professoren, Ingenieure, Künstler, Handwerker, Arbeiter... Vor seinem inneren Auge zogen sie vorüber, alle die Bilder jener Menschen, die sterben sollten und die immer noch soviel zu geben hatten, soviel, wofür sie zu leben hatten, soviel Wärme, soviel Lebenslust und- solche Angst vor dem Tode. Alles un- - 231 schuldige Menschen, friedliebende, arbeitsame, gute Menschen. Aber sie waren Juden! Während er sprach, strömten die Tränen über seine Wangen- und sie hörten nicht auf zu strömen, wenn auch die Augen blitzten und wenn man geradezu die Hitze jenes Feuers fühlen konnte, das in seiner Seele brannte. 13. Dezember 1944 Ich schrieb zum letztenmal an meinem Geburtstag. Als ich an jenem Tag nach ,, Hause" kam, erwarteten mich große Überraschungen: Ein festtäglich gedeckter Tisch, eine Geburtstagsgesellschaft, eine Deputation mit Liedern und Ziehharmonika, Gratulationen und ein ganzes Buch mit Grüßen und Zeichnungen, das Frode zurechtgemacht hatte. Ich hatte geglaubt, wir wollten einander ,, schonen", indem wir ,, Adressen" zu unseren Geburtstagen wegließen, und jetzt bekomme ich ein ganzes Buch voll! Eine große Arbeit- buchbindertechnisch, künstlerisch und literarisch. Sehr schön. Nun war nichts daran zu ändern, ich mußte alles liegen lassen und mich für eine Rache opfern. Auch Frode mußte ein Buch haben- und er bekam auch eines. Das Neue Testament. Eine umfangreiche und anständige Rache. Aber du großer Gott, wie schwer ist es doch, ihn zu karikieren! Ich habe täglich von morgens bis abends geschuftet, und gestern wurden Frodes neununddreißig Jahre mit Festtafel, Liedern und Begeisterung gefeiert. Im übrigen nehmen die Dinge weiterhin ihren schiefen Verlauf. Die ,, Großoffensive" fängt unaufhörlich an und hört ständig auf. Immer noch steht der Westwall, und mehr und mehr gewinnt man die Überzeugung, daß es noch mehrere Monate dauern wird. Es laufen Gerüchte, die besagen, daß Göring sich in einer Nervenklinik befände. Auch der Führer soll in einer solchen Klinik sein - wenn er überhaupt lebt. Es gibt nämlich andere Gerüchte, die sich nicht genug daran tun können, zu erzählen, er sei tot. Die englische Propaganda fragt ständig: ,, Wo ist Hitler?" und es heißt, daß eine Gruppe deutscher Offiziere, darunter auch Generäle, verlangt haben sollen, den Führer zu sehen. Aus diesem Anlaß soll eine Reihe 232 von ihnen erschossen worden sein. Daß viele Deutsche zur Zeit erschossen, erhängt oder auf andere Weise umgebracht werden, steht außer Zweifel. Was man aber von all dem, was erzählt und geflüstert wird, glauben soll, kann man nicht wissen. Es mag alles wahr sein oder gar nichts. - Ein Großtransport nach dem anderen kommt ins Lager. Von Auschwitz, von anderen Lagern in Polen, in Deutschland, und Tausende von evakuierten Juden aus Ungarn. In einer unbeschreiblich elenden Verfassung kommen sie hier an. Sie haben eine Menge Todesfälle unterwegs gehabt, und viele fallen um und bleiben auf dem Appellplatz liegen, wo sie nach einem Transport, der mehrere Tage gedauert hat, oft die ganze Nacht draußen stehen müssen, ohne etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen. Neulich kamen zweitausendsechshundert Juden aus Budapest. Der Transport hatte nur drei Tage gedauert. Achtzig starben unterwegs. Als sie hier ankamen, mußten sie beinahe die ganze Nacht draußen in der Kälte stehen. Acht starben auf dem Appellplatz. Keiner hatte einen Tropfen Wasser bekommen während dreier Tage und dreier Nächte. Essen hatten sie von zu Hause mitgebracht. Als seinerzeit die ersten Transporte von ,, Evakuierten" aus Warschau hierherkamen, waren wir entsetzt darüber, daß Frauen, Kinder und Greise in solchen Transporten mitgeschleppt wurden. Jetzt gibt es nicht mehr viele, die auf solche Dinge reagieren. Kleine Kinder von zehn Jahren aufwärts werden hier und in anderen Lagern als Strafgefangene gehalten. Die Frauen werden in besondere Lager geschickt. Greise dürfen hier sterben. Es geht schnell, aber nicht ohne Schmerzen. Es ist entsetzlich, sie zu sehen. Diejenigen, die zum Beispiel aus Polen kommen, haben nichts anderes anzuziehen als die Lumpen, die sie hier ausgeliefert bekommen. Und wir sind mitten im Winter! Die wenigsten haben anderes an den Füßen als Holzplatten mit Riemen und Bändern darauf. Strümpfe gibt es nicht, statt dessen Tüten aus dünnem Stoff. Eine Unterhose und ein Hemd aus dünnem Waschstoff( Zellwolle), eine Überhose und eine Jacke, die kein Bettler anziehen würde, dazu irgendeine Mütze für den Kopf- das ist alles. Es ist klar, daß sie Lungenentzündung, Tuber233 kulose und andere Krankheiten bekommen und zu Hunderten zugrunde gehen. Eine Weile geht es ihnen schlecht, dann kommen sie auf das Revier( das heißt, wenn sie keine Juden sind- Juden kommen nicht dorthin) und dort wird dem Werk die Krone aufgesetzt, besonders auf dem Schonungsblock. Dort werden sie beinahe wie Tiere behandelt und sterben bald unter Schmerzen an Lungenentzündung, Durchfall, Gehirnentzündung, Phlegmonen und vielen anderen Krankheiten. Macht man eine Runde über die 150 Schonungsblocks( wie ich es in letzter Zeit regelmäßig tue durch meine Besuche bei dem jüdischen Ingenieur), sieht man ständig menschliche Skelette umherwandern. Ausgehungerte Polen, besonders solche, die Durchfall bekommen haben und nichts von der elenden Kost, die es hier gibt, bei sich behalten können. Diät? Ein unbekannter Begriff. Da muß man nur lachen! Ein jüdischer Baumeister aus Budapest, den ich kennenlernte und der den entsetzlichen Marsch von Südserbien nach Deutschland mitmachte, hat mir erzählt, daß einer seiner Arme dick anschwoll und eine Entzündung zeigte. Er ging zum Arzt, der eine Knochenhautentzündung feststellte, den Arm schiente und verband und ihm erklärte, daß die Krankheit von Unterernährung und dem Fehlen gewisser Stoffe in der Nahrung herrühre. Er müsse mehr essen, vor allem kräftigere und vielseitigere Kost bekommen besonders Fett. Das war doch Hohn, ein kaltes Lächeln! Wo soll der arme Mensch diese Nahrung hernehmen? Hier bekommt er Suppe, Suppe ,,, Kaffee" und ein wenig Brot, ab und zu etwas, das sie als Butter bezeichnen. Und immer zu wenig, sogar von diesen Dingen. Soll er aber gesund werden, dann muß er besseres Essen haben. Soviel ist jedenfalls sicher. Er weiß das und bereitet sich jetzt darauf vor, langsam zugrunde zu gehen. Er hat ja alle seine Kräfte dazu gebraucht, lebend den achthundertundfünfzig Kilometer langen Marsch von Serbien her zu überstehen. Neulich sprach ich mit einem alten Polen auf diesem Schonungsblock. Er war siebenundsechzig Jahre alt, sah aber aus wie siebenundneunzig. Ich wette, daß an dem Mann keine fünf Kilo Fleisch und Mageninhalt waren, wenn man die Knochen, 234 die Sehnen und die Haut abrechnet. Daß er sich überhaupt aufrecht halten konnte, war ein Wunder, das aber offensichtlich bald aufhören würde. Es fiel ihm sehr schwer, zu sprechen, und er sprach nur polnisch. Ein Dolmetscher übersetzte. Er war ein polnischer Bauer aus der Gegend um Warschau und war hierhin ,, evakuiert" worden, hatte gehungert und gelitten, gehungert und gelitten. Von dem Rest der Familie: den Kindern und der Frau wußte er nichts. Sie waren bei der ,, Evakuierung" auseinander gekommen. Jetzt hatte er Durchfall bekommen und konnte nicht essen. Er war bereits erloschen, war kein Mensch mehr, nur ein armes, leidendes, immer noch lebendes Wesen, das darauf wartete, Frieden zu bekommen. Es gibt Hunderte und Tausende wie er, unschuldige, ungefährliche- leidende Menschen. 14. Dezember 1944 Gestern bekam ich einen Brief von Kari! Und einen bekam ich neulich- gerade an meinem Geburtstag. Jeder dieser Briefe ist ein Lichtpunkt im Dunkeln. Ich muß oft an alle die Tausende denken, die solche Lichtpunkte nicht haben, die entweder nichts von ihren Lieben hören oder aber wissen, daß das Heim zerbombt und vernichtet ist, oder daß sie krank und elend und ohne Essen und Geld dasitzen, oder daß sie nicht mehr leben, sondern verhungert sind, getötet oder ermordet worden, gefallen als unschuldige Opfer der unfaßbaren Roheit der Menschen. Wie tief dankbar müssen wir doch sein, wir, denen es gut geht, die keine Not leiden und die gute Nachrichten von ihren Lieben daheim haben! Aber diese Gedanken, die kommen, wenn man in die Gesichter dieser zerstörten Menschen schaut, die einen im Lager von allen Seiten umgeben, diese Gedanken senken Wehmut und Schwere ins Gemüt. Es ist nicht recht, es ,, gut" zu haben unter so vielen, denen es schlecht geht. Das einzige, das uns helfen kann, ist, daß wir von den materiellen Gütern, die so ungleich und ungerecht unter uns verteilt sind, verschenken. Zuschauen zu dürfen, wie ein hungriger, gepeinigter Ukrainer sich satt iẞt, gibt die reichste und tiefste Zufriedenheit, die dieses Leben hier zu bieten hat. Der Hunde235 دو blick dieser Menschen, während sie essen, und auch nachher ist allerdings nicht auszuhalten. Es ist nur so unendlich wenig, was man tun kann, um zu helfen. Wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, muß man gestehen, daß traurig wenig von jenem sinnlosen Überfluß, der in den Norwegerblocks herrscht, weggegeben wird ohne Gegenwert. Man handelt und„, organisiert", man verschenkt nicht. Auf diese Weise sind es nur die ,, Lebenstüchtigen" und , Geschickten", die etwas bekommen, diejenigen, die stehlen können für jene, die es nicht wagen, sondern es für sicherer halten, mit einer Büchse Sardinen, einem Happen Speck oder einem Stück Käse zu bezahlen. So bekommen sie das, was sie wünschen, auf ganz bequeme Art. Der Ukrainer ist es, der Russe, der Pole, der das ganze Risiko auf sich nimmt, entdeckt und bestraft, wenn nicht gar gehenkt zu werden. Den norwegischen Besitzern von Sardinen, Speck, Käse, Butter, Wurst, Tabak und allen möglichen anderen Herrlichkeiten, die das Leben hier unten erträglich machen, geschieht nichts. Sie verdächtigt keiner. Nein, unser Ruf ist in dieser Beziehung derart gefestigt, daß unsere Schränke nicht untersucht werden, wenn man nach Gestohlenem fahndet, unsere Person wird nicht angetastet. Es heißt, Norweger stehlen nicht. Und sollte es einmal vorkommen, daß ein Norweger auf frischer Tat ertappt wird( und es ist schon vorgekommen) beim Stehlen oder verbotenen Rauchen während der Arbeitszeit, und er im Lager gemeldet wird, dann bekommt er keine Schläge mit dem Knüppel wie die Ukrainer, die Polen, die Juden oder die Russen. Nein, dem Norweger geschieht in der Regel nichts. In ganz seltenen Fällen wird ihm ein Aufenthalt in Nr. 38 angewiesen, aber auch dort wird er anders behandelt als die anderen Gefangenen, die man ständig schlägt. Die Norweger werden nicht mehr geschlagen. Früher war das anders, in der ,, harten Zeit", aber da bekamen die Norweger auch keine Pakete. Und diese Pakete sind es der Speck, die Wurst, die Sardinen, der Käse und der Tabak, die mehr als alles andere den Norwegern eine Sonderstellung verschafft haben. Daß sie ,, Arier" sind und zwar besonders Reinrassige, rangiert erst in zweiter Linie, 236 - wenn sie auch von den Deutschen dafür am meisten beneidet und bewundert werden. Dieser Zustand wirkt sich sehr schädlich aus nicht nur für das Verhältnis zwischen den Norwegern und den anderen Gefangenen, sondern auch für den einzelnen Norweger selbst. Wir werden tatsächlich großschnauzig und bekommen ,, Herrenvolkmanieren". Mehr und mehr sehen wir es als Selbstverständlichkeit an, daß wir eine Sonderbehandlung erfahren, schauen auf die anderen herab und fühlen uns als hochstehende Tiere. Ich bin Norweger, das bedeutet: Bitte aufschauen! Bitte aus dem Weg gehen!- oder auch: Ich darf mal eben etwas rauchen, ich darf mich eben etwas ausruhen, ich darf Schwarzarbeit für mich selber tun, ich bin nämlich Norweger! Wir hören von all dem Elend bei den anderen, von all dem Unglück, von dem sie betroffen sind, von den Bestrafungen und Hinrichtungen für nichts. Wir zucken die Achseln, verlieren vielleicht ein paar Phrasen darüber, wie schrecklich das ist fragen aber nie: Warum in aller Welt geschieht das nicht mit uns? Warum kommen wir immer an allem vorbei? Die Fragen sind längst beantwortet, und die Antworten ruhen in unserem Unterbewußtsein, sind uns ins Blut gegangen: Wir sind nämlich Norweger! Ein Pfund Fleisch? Eine Büchse Ölsardinen? Oder vielleicht ein Stück Käse? Und so schlendern wir denn unseres Wegs weiter als geistige und körperliche Kolonialwarenhändler, als Juden in der Bedeutung, die dieses Wort hat, wenn wir es als Schimpfwort gebrauchen. Das tun wir fast immer, und nicht am wenigsten hier. Man sollte doch meinen, daß wir uns jedenfalls dafür zu gut hielten. Aber nein. Mit den Deutschen und den anderen zusammen heulen wir: Verdammte Juden!- und wir erzählen, wie schrecklich sie sind, wie sie alles an sich scharren, wie egoistisch. Ein Norweger aus meiner Bekanntschaft, ein sonst anständiger Kerl, entpuppte sich neulich, als die Sprache darauf kam, was diese unglücklichen Juden doch alles durchmachen müssen. ,, Aber verflixt, sie verdienen es auch!" sagte er. ,, Ich kenne sie, ich wohne auf demselben Block wie sie. Täglich beobachte ich, wie sie sind. Wenn einer von ihnen ein Paket bekommt, stiehlt er sich in eine Ecke und friẞt es alleine auf! Nie teilt er 237 mit anderen. Sie bestehlen sich nur gegenseitig, begaunern und betrügen einander! Nein, von den Juden habe ich genug. Gott sei Dank, daß wir nur einen bei uns daheim in Aalesund hatten. Er war schlimm genug!" - ,, Ja, du kannst wohl damit rechnen, daß du ihn jetzt losgeworden bist", sagte ich. ,, Er wird wohl zusammen mit Tausenden von anderen norwegischen Juden in Auschwitz zugrunde gegangen sein. Darum kannst du dich jedenfalls darüber freuen wenn dir dies möglich sein sollte!" Und dann sagte ich dazu natürlich noch eine ganze Menge mehr. Ich wurde sehr erregt. Denn zufällig hatte ich bei einem meiner Besuche im Judenblock, in dem dieser Norweger wohnt, einen Blick auf dessen Schrank geworfen. Er war so gespickt voll mit Essen und allen möglichen Herrlichkeiten, wie ein Schrank nur sein kann. Der Bursche hatte Nahrungsmittel für mindestens zwei bis drei Monate gelagert. Um ihn herum auf dem Block leben hungrige Mitmenschen, die meisten aus Auschwitz, wo sie ihre Frau, ihre Kinder und ihre ganze Familie ,, hinterlassen" haben, ja, viele ihre ganze Sippe. Sie kommen aus der Hölle auf Erden. Dort haben sie gelebt und gelitten Monate und Jahre lang und haben mehr durchgemacht, als man für möglich halten sollte, daß Menschen ertragen können. Der Gedanke kam mir: Wie wäre wohl dieser Norweger gewesen, wenn er das durchgemacht hätte? Er hat nichts anderes erlebt als den gewöhnlichen, banalen Verrohungsprozeß, den hier alle durchlaufen, und bringt es bereits fertig, für sich selbst in einem Schrank mit Vorhängeschloß Essen und Tabak und aller Welt Herrlichkeiten aufzustapeln, während die Leute um ihn herum tatsächlich hungern. Und ein solcher Mann wagt es, die Juden zu beschimpfen, sie seien Egoisten, neidische und schofle und schlechte Kameraden. Sollte man sich da nicht aufregen? In mir kocht es. Wenn man die Schrankreihen entlang schaut auf jenem Flügel, wo die Juden mit einigen anderen zusammen wohnen, unter denen sich auch Norweger befinden, dann entdeckt man hier und da einen Schrank, der mit einem Vorhängeschloẞ versehen ist. Das sind die Schränke der Norweger! Denn ,, die Juden stehlen!" Kein Jude hat ein Schloß 238 -- vor seinem Schrank und, soweit ich in Erfahrung gebracht habe, andere auch nicht. Aber sie bekommen ja auch nicht so viele Pakete, haben nicht so viel zu hamstern. Kameradschaft, ja wir sind herrliche Kameraden! Im Namen Norwegens! Als wenn nicht auch wir stehlen. Auf unserem Block allein wurden in letzter Zeit ein ganzes Schwedenpaket und ein ganzes Dänenpaket gestohlen, und zwei Schweizerpakete waren geöffnet und wieder verschlossen worden, nachdem man die Zigaretten entnommen hatte. Dazu wird noch täglich aus Schränken und Taschen gestohlen. Als wenn nicht auch wir Egoisten und neidische Leute unter uns hätten! Ein Norweger der ersten Gesellschaft hatte derart gehamstert in seinem Bett, in Schachteln, im Schrank, daß man der Sache nachging. Es war ungeheuerlich, was er alles hatte! Dann hieß es, er sei krank. Denn er war Norweger- und kein Jude, kein Ukrainer, kein Russe, kein Pole. Wenn ein ,, anständiger" Norweger stiehlt, dann ist er leider ,, kleptoman". Es ist schade um den lieben Mann, wer hätte das von ihm geglaubt! Selbstverständlich ist er krank. Er ist von einer häßlichen und gefährlichen Krankheit befallen- aber warum sollen wir sie mit einem feinen Namen schmücken? Es gibt auch ,, unanständige" Norweger, solche, die auch früher gestohlen haben. Aber sie bleiben allein mit ihrer Schande und ihrem Elend. Es fällt keinem ein, die Verantwortung mit ihnen zu teilen oder zu denken, daß etwas von der Schande auch auf ihn fällt. Bei weitem nicht! Aber die Schande eines einzigen Juden sei er nun ,, anständig" oder ,, unanständig"- verteilt sich gleichmäßig auf sein ganzes Volk. Und so ist es heute auch mit den Polen, Ukrainern und zum Teil auch mit den Russen hier im Lager. Das ist grundsätzlich ,, Schweinepack". So sieht unsere Gerechtigkeit aus- Scheinheiligkeit. Ich sprach mit einem Norweger, der einmal auf dem Flügel gewohnt hatte, von dem ich eben schrieb. Er hatte nie ein Vorhängeschloß vor seinem Schrank, und die ganze Zeit, während er dort wohnte, wurde nie etwas aus seinem Schrank gestohlen. Aber er verschenkte, teilte mit seinen Kameraden, mit Juden und anderen. Das erfuhr ich hinterher von anderen. 239 Das dürfte doch Beweis genug dafür sein, daß es möglich ist, sogar zu Juden kameradschaftlich zu sein, sogar zu Leuten, denen es schlecht geht und die hungern. Kamerad zu sein jenen, die, wie man selbst, im Überfluß leben das ist leicht. Darüber braucht man keine Lobreden zu halten. Wenn dort gestohlen wird, dann geschieht es nicht einmal aus Not! - 18. Dezember 1944 In diesem Jahr ist jede Art von Weihnachtsfeier verboten. Es ist auch den Gefangenen nicht erlaubt, sich mit ,, Weihnachtsgeschenken" zu beschäftigen, mit Spielsachen und ähnlichem. Material für solche Zwecke darf nicht verwendet werden. Das hindert nicht, daß auf allen Kommandos praktisch in großem Stil an solchen Dingen gearbeitet wird. Ich stelle Weihnachtskarten am laufenden Band her, zeichne Weihnachtsmänner, Bauklötze, Spielsachen und alle möglichen verbotenen Dinge, als wenn wir uns im ersten Kriegsjahr befänden und nicht im sechsten und als wenn die Deutschen vor und nach großen entscheidenden Siegen ständen und nicht die letzten Zeilen in diesem traurigen Vers sängen. Finn Aanesen ist wohl unser schlimmster Pessimist. Er wettete neulich, daß der Krieg nicht einmal Weihnachten nächstes Jahr zu Ende sein würde. Es muß alles seine Grenzen haben. Ich wettete augenblicklich dagegen, daß der Krieg Ostern fertig sei. Die Menschen aus den Transporten, die zur Zeit im Lager kommen und gehen, sind in einem Zustand, der sie zu einem einzigen Schrei um Hilfe macht. Stundenlang stehen sie zu Hunderten halbnackt draußen in der Kälte und klappern mit den Zähnen, und drinnen in den Baracken und außerhalb und überall sterben sie wie die Fliegen. Wir schauen es an mit leeren Augen- oder vielleicht sehen wir es wie eine notwendige Farbe in der Landschaft. Einige wenige wenden sich und fliehen sie ertragen es nicht mehr. O, wenn die Welt doch wüẞte, was in deutschen Konzentrationslagern vor sich geht! Dann müßte sie dies doch zu einem Ende bringen. Es ist ja eine Schande für unsere ganze Kultur, nicht nur für Deutsch240 - Iand. Schuldgefühl und Verantwortung müssen wir alle empfinden. Können wir im Grunde genommen denn von Kultur sprechen, davon, daß ,, unsere Kultur" zugrunde geht? All das, was wir als Kultur ansahen, was in unseren Augen das Besondere des Kulturmenschen ausmachte, all das hat sich nur als dünne Schicht herausgestellt, die über dem wirklichen Menschen lag. Früher lasen wir vom Altertum und vom Mittelalter, und es gruselte uns- wie ich mich erinnere-, wenn wir über die Roheit der damaligen Menschen lasen, über die brutalen Räubereien und Eroberungszüge der Perser, über die Christenverfolgungen im Römerreich unter Nero, über die Ketzerprozesse im Mittelalter- ja, es grauste uns nicht am wenigsten beim Lesen der unerhörten Teufeleien der Negerund Indianerstämme bei ihrem Vorgehen gegen ihre Feinde, die ja schließlich in den meisten Fällen nur als Unterdrücker erschienen und sie ihrer uralten Rechte beraubten. Aber kann irgend etwas von dem, was wir damals lasen, sich mit dem messen, was heute geschieht? Und wir prahlten mit unserer fortgeschrittenen Kultur! Waren jene Dinge, die damals geschahen, nicht nur Miniaturen, verglichen mit dem, was heute inmitten unserer glänzenden Kulturgemeinschaft geschieht? Das, was wir Kultur nannten und womit wir prahlten, war Blendwerk ein für die Menschen hergestellter bequemer Schlafsack des Materialismus. Und in jenem Sack haben wir gut geschlafen und schöne Träume geträumt- bis wir brutal aufgeweckt wurden, um der Wahrheit in die Augen zu sehen: daß wir uns kulturell gesehen in der Wikingerzeit befinden. 20. Dezember 1944 Vorgestern starteten die Deutschen eine Offensive im Westen und drangen sechzehn Kilometer in Luxemburg und Belgien vor. Die Freude bei der SS ist natürlich groß. Auf Stegers Büro wurde aus diesem Anlaß Champagner getrunken, und bei Follmann stieg die Stimmung um mehrere Grade. Er fing mir gegenüber an, die Amerikaner und Engländer auszuschimpfen, und erwartete halbwegs, daß ich seinen Ergüssen zustimmen 16 Nansen 241 sollte. Ich sagte: ,, Es hat wohl kaum einen Zweck, daß wir über dieses Thema sprechen oder diskutieren. Sie dürfen nicht erwarten, daß ich mit Ihnen einig bin, und ich sehe es Ihnen an, daß Sie nicht wünschen, daß ich ehrlich antworte. Auch ich habe ein Vaterland, Rottenführer Follmann, und der Kampf für mein Vaterland deckt sich nicht mit dem Kampf für Ihr Vaterland." Er wurde weiß im Gesicht. Ich wußte nicht genau, ob er nicht rasend werden würde. Sicherheitshalber bot ich ihm eine Zigarette an und sagte, wir könnten trotzdem eine Friedenspfeife zusammen rauchen. Er nahm keine an und sagte mit Märtyrerstimme, er rauche lieber seinen Machorka. Dann begann er, mit dieser Substanz seine Pfeife zu füllen. Was sind sie doch für Kinder! Wie unwissend, wie dumm, wie kleinlich! 22. Dezember 1944 Die Welt ist pechrabenschwarz. Jetzt sind die Deutschen in Belgien fünfzig Kilometer vorgedrungen, und die Stimmung bei der SS ist nicht mehr zu dämmen. Sie schimpfen und gebärden sich, als wenn sie an der Wolga ständen. Es ist wahrhaftig leichter, Häftling zu sein, wenn es ihnen schlecht geht. Anscheinend werden sie ein ganz außerordentliches Weihnachten bekommen. Wenn sie heute einen Meter vorrücken, ist es ja dasselbe, wie wenn sie vor zwei Jahren eine Meile vorangingen. Was soll man da von fünfzigtausend Metern halten? Es ist ja selbstverständlich, daß sie berauscht werden! 26. Dezember 1944 Weihnachten 1944 ist vorüber, und bald ist das neue Jahr da. So merkwürdig es sich anhören mag- aber ich glaube nicht, daß ich seit Anfang des Krieges bei irgendeinem Jahreswechsel so dunkel in die Zukunft geschaut habe wie dieses Mal. Aber ich bringe es nicht fertig, hoffnungsfroh zu sein. 4. Januar 1945 Ja, weiter kam ich nicht. Ich habe nicht einmal etwas davon erzählt, wie wir Weihnachten feierten. Das kam wohl haupt242 sächlich daher, daß Frode und ich ganz freiwillig in einen hektischen und intensiven Arbeitsrausch hineingerieten. Wir stellten im Laufe der wenigen Tage, die uns bis Silvester noch zur Verfügung standen, eine ganze Neujahrsrevue her. Aber erst einige Worte über Weihnachten: Es wurde ein langes und ausführliches Programm für Heiligabend aufgestellt mit Reden, Liedern und Unterhaltung. Ich war in keinem Komitee, aber ich wurde gefragt, ob ich nicht etwas zur Unterhaltung beitragen wolle. Ich schlug es nicht ab, obwohl ich alles andere als dazu aufgelegt war. Unsere Baracke war von fleißigen ,, Nachtarbeitern" dekoriert und geschmückt worden mit Malereien von norwegischen Landschaften, Wichtelmännern usw. Mittlerweile wurde unser an die SS- Leitung gerichtetes Gesuch, Weihnachten nach vorgelegtem Plan zu feiern, glatt abgeschlagen. Die Antwort waren dicke rote Striche über jede einzelne Programmnummer des Gesuches unter Zusatz eines in Wut und Ärger geschriebenen roten NE IN. Kein Weihnachtsevangelium, keine Reden, keine Unterhaltung. Nur deutsche Lieder sollten gesungen werden. Jawohl! Wir führten unser Programm ungekürzt durch, nur den Pfarrer mit dem Weihnachtsevangelium ließen wir aus. Frode hielt eine Rede. Wir nahmen eine gemeinsame Mahlzeit ein, bestehend aus Butterbroten, Lagerbier, Keks, Knäckebrot und Rauchwaren. Es wurde gemeinsam gesungen, sogar auch solo, es wurde vorgelesen, man brachte einen Prolog und verschiedene Späße. Den Höhepunkt bildete jedoch in diesem Jahr wie im vorigen Arnulf Överland mit einem großartigen Gedicht, das er selbst vortrug. Es enthielt dramatische Kontraste, große Visionen, Innerlichkeit, Wärme, Haß, Kälte: es war ein Meisterwerk. Und es war ein großes Erlebnis, es hier zu hören, mitten in dieser Hölle, wo es geschaffen wurde. Der ,, Großmut" der Deutschen anläßlich dieses Tages erstreckte sich bis halb elf Uhr, dann mußten alle zu Bett gehen. Aber am ersten Weihnachtstag hatten wir frei. Erst um Viertel vor neun Uhr war Appell. Ganz fabelhaft generös! Als ich gut ausgeschlafen, satt und zufrieden am folgenden Tag in den klirrend kalten Wintermorgen hinauskam und mit 16* 243 der Zigarette im Mundwinkel zum Appellplatz hinunterspazierte, bot sich mir ein unheimlicher Anblick. Aus dem Revierblock Nr. 2 wurden zwei Skelettleichen hinausgetragen und auf eine Bahre gelegt, die vor der Tür auf der Erde lag. Die Leichen, die steif gefroren waren und deren Arme und Beine sich in alle Richtungen spreizten, sahen grotesk aus mit ihren offenen, starrenden, gebrochenen Augen. Die beiden Träger bogen und brachen die Arme und Beine so zurecht, daß sie sich an die Körper anlegten und so besser auf der Bahre lagen. Sie wurden aufeinandergelegt, der Platz war zu schmal für zwei nebeneinander. Die Träger rauchten Zigaretten und spaẞten und lachten wie alle die anderen, die vorbeigingen oder herumstanden. Es war ja der erste Weihnachtstag, und wir hatten frei, und das Wetter war schön. Ich wandte mich um und ging weiter, da wurde eine ähnlich starrende und spreizende Leiche von Block Nr. 1 herausgetragen. Dieser Arme war anscheinend noch nicht lange tot, denn seine Glieder ließen sich leichter zurechtbiegen, aber die Augen starrten wild und unheimlich weit drinnen aus den tiefen Augenhöhlen heraus. Es ist ein sprechender Beweis dafür, wie wir geworden sind, daß die meisten von uns überhaupt nicht auf eine solche ,, Weihnachtsmorgenidylle" reagieren. Wir rauchen weiter, unterhalten uns über den Verlauf des Krieges, über das Weihnachtsprogramm, über das Mittagessen. Dem Ganzen opfern wir vielleicht ein paar kurze Worte wie: ,, Wie schrecklich", und dann schütteln wir es wieder von uns ab. Es war ein langdauernder Weihnachtsappell bei beiẞender Kälte. Selbst in warmen schönen Kleidern und schwedischen Skistiefeln mit Sohlen und Wollsocken darin wurde es kalt und es tat gut, nachher auf dem Block an einen warmen Ofen zu kommen, etwas Heißes zu genießen und zu fühlen, daß man einen ,, freien Tag" hatte. Es gab hunderte, die auf diesem Appell in leichten Lagerlumpen standen, ohne Unterwäsche, an den Füßen Holzplatten, und zwei von diesen hunderten sind an diesem Morgen erfroren. Wie viele den Gnadenstoẞ bekamen, weiß man nicht. Am Abend des ersten Weihnachtstages wickelten wir unser 244 - Weihnachtsprogramm weiter ab. Es wurde gesungen, ein Sprechchor trat auf, Prologe wurden vorgetragen, Gefangene von anderen Blocks kamen zu Besuch. Kurz, es herrschte Weihnachtsstimmung, gab Essen und Trinken. Und viele Betrunkene. Alle prominenten Blockältesten, Vorarbeiter und ihre Gruppen hatten sich Trinkwaren beschafft, Gott weiß, wie und woher. Sie tobten in ihrem Zustand durch das Lager, schlugen Krach auf den Blocks die ganze Nacht hindurch. 6. Januar 1945 - Dieser Tage, während ich von meiner Arbeit weg war, war einer von den Grünen, wahrscheinlich Follmann, an meiner Schublade gewesen und hatte das letzte Blatt des Tagebuches herausgenommen. Es stand nichts darauf, was nicht jeder lesen konnte, aber es ist doch unangenehm. Später erfuhr ich, daß Follmann bei einem Norweger in der Nachbarwerkstatt gewesen war, um das Blatt übersetzen zu lassen. Er hatte ihm gedroht, es würde nichts nützen, verkehrt zu übersetzen die Sache würde auf alle Fälle weitergeleitet. Das Blatt enthielt, wie gesagt, nichts Gefährliches, nichts über die SS, nichts über das Lager, nur über Frode und meine Arbeit. Außerdem eine kleine Neujahrsrevue, die wir angefertigt hatten, und etwas über Kaffee. Die Franzosen im Lager bekamen nämlich an Weihnachten Kaffee. Monat um Monat hatten sie auf die französischen Rote- Kreuz- Pakete gewartet, und nun kamen sie an- endlich! Mit zitternden Knöchelhänden und in hungriger Erwartung öffneten sie die Pakete und fanden außer Keks, Pralinen und kleinen französischen ,, Raffinements"- ein halbes Kilo Kaffee! Doch eigentlich ein Hohn für Muselmänner, die gehofft hatten, sie bekämen Essen!- Essen! Aber die Norweger hatten Essen, Wurst, Speck, Käse, Sardinen. Ein wütender Tauschhandel begann. Kaffee! Echter Kaffee! Es war wundervoll. Frode und ich liefen mehrere Tage im Koffein- Rausch herum, nachts schliefen wir nicht, wir dichteten nur und schrieben. Es war eine Art Fieber, eine merkwürdige Reaktion auf all das Traurige und Schwere, auf die Kälte und das Dunkel 245 und die deutsche Offensive im Westen. Und das Ergebnis war wohlgelungen. Wir bereiteten uns selbst und anderen Freude. 14. Januar 1945 Es kommt vor, daß man nur das Datum hinschreibt, dann schon gestört wird und es aufgeben muß, weil ein SS- Mann kommt oder etwas anderes Unangenehmes. Aber es gibt noch einiges, was ich berichten muß. Mir wurde auf Kfz- Depot Wald gekündigt. Ich bin ganz einfach weggeschickt worden. Am gleichen Tage noch mußte ich meine Sachen zusammenpacken, um nie mehr wiederzukommen. Aber es ging etwas voraus: Heute haben wir Samstag. Ich glaube, es war am Dienstag abend nach der Arbeitszeit, als meine Schubladen draußen im Glaskäfig durchsucht wurden. Außer einer Menge verschiedener Zeichnungen und Papiere, fünfzehn bis sechzehn Aquarellen, darunter vielen Studien von Ukrainern, Muselmännern usw., nahm man auch das Konzept zum Bombenlied mit, das ich vor kurzem im Koffein- Rausch gedichtet hatte. Das waren ja alles weniger gefährliche Dinge als das Tagebuchblatt, das Follmann schon früher an sich genommen hatte. Denn es läßt darauf schließen, daß es noch mehr solcher Blätter gibt. Es fing sogar mitten in einem Satz an. Und dann die Aquarelle! Irsch hatte sie schon früher gesehen, jedenfalls einige von ihnen, aber er hat nichts gesagt. Es ist unmöglich, daß man dafür erhängt werden kann! Nein, im ganzen genommen ist es eine unschuldige Geschichte, aber so, wie sie vor sich ging, hat sie doch immerhin etwas Unangenehmes im Gefolge. Follmann und Hüsel erzählten mir am Mittwoch morgen nur, was geschehen sei, sonst nichts. Nicht, was man genommen hatte, nicht, was man vorhabe. Sie sagten nur, daß ich abgesetzt werde, weil zu viele Architekten im Kfz- Depot Wald seien. Den ganzen Tag wartete ich darauf, zu Steger oder Irsch gerufen zu werden, aber vergebens. Steger hatte wohl wenig Verlangen, mich wieder zu treffen, denn er hatte ja einmal versprochen, mich zu ,, schützen". Irsch wird wohl alle meine 246 Aquarelle einrahmen und sie an die Wand hängen. Einfach Diebstahl, ganz gemeiner Diebstahl. Es ist kein Wunder, daß er keine Lust hat, mit dem Bestohlenen zu sprechen. Die Angelegenheit ist eigentlich furchtbar einfach, von dieser Seite aus betrachtet. Na gut, ich kam an jenem Tag nach Hause, mit meinen Zeichensachen und anderen Dingen beladen. Ich ging sofort mit Scott zusammen zum Vorarbeiter auf ,, Herz As", um meine Umsiedlung nach dort zu sichern. ,, Herz As" ist das Kommando, wo Scott arbeitet, und dort gibt es keine SS. Das ging in Ordnung. Als wir auf den Block zurückkamen, trafen wir Erik. Er hatte Nachrichten, Unannehmlichkeiten! Wo befanden wir( Erik und ich) uns am 5. Januar, und wo war Nansen am 3.? Am 3. war ich auf ,, Herz As", um mich dort zu orientieren, und am 5. waren wir beide auf der Schützengilde- einem Außenkommando-, von wo aus wir mit einem Lastauto eine lange geplante Reise nach Berlin machen wollten, zu der es jedoch nicht kam. Wir hatten also geschwänzt, und es war entdeckt worden. Das wußten wir schon früher, aber wir glaubten, den Sturm beschwichtigt zu haben, indem wir erklärten, daß wir bei der Ambulanz und beim Zahnarzt gewesen seien. Aber das war offenbar untersucht worden und hatte ein trauriges Ergebnis. Wo waren wir gewesen? Im Geiste sahen wir uns schon auf Nr. 38 nach Erhalt der fünfundzwanzig Schläge- wenn es nicht noch schlimmer käme. Es sah in der Tat bunt aus! Wir fingen an, von Herodes zu Pilatus zu laufen, um einen Rat zu bekommen, was zu tun sei. Und wir fanden am Ende auch den Richtigen. Ehe die Nacht einbrach, war die Sache in Ordnung. Unser Mann versicherte uns, wir könnten ruhig schlafen. Und seither bin ich hier im Lager herumgelaufen ohne Arbeit, ohne Kommando. Man soll nämlich nichts selbst arrangieren. Man soll nicht auf ein Kommando gehen, auf dem man nicht verlangt wird. Man muß warten, bis einem die höchste Stelle im Arbeitsdienst Bescheid gibt, und einen solchen Bescheid habe ich noch nicht bekommen. Ich habe im Grunde genommen nichts dagegen, so ein wenig zu faulenzen wenn es 247 - nur in Ordnung geht. Ein kleiner schmerzlicher Zweifel nagt noch. Ob die Schweine doch noch...? Nein, ich kann darin keinen Sinn finden. Aber warum in aller Welt kommt dieser Bescheid auch heute nicht, am dritten Tage? Ein anderer Norweger hat übrigens zweiMonate lang auf diese Weise gewartet.Das nennt man Kriegseinsatz! Ich habe ja Zeit und versäume nichts. Meinen Protegés geht es besser. Der Jude aus Budapest stolpert täglich auf seinen aufgeschwollenen Beinen zu mir hin und holt seine Suppe oder vielmehr meine Suppe, Brotration, Wursthappen, Zuckertüte usw. Und er erholt sich langsam, aber sicher. Die schlechte Behandlung, die er von dem Blockältesten erfuhr, ist besser geworden. Ich habe mit jemandem gesprochen, der wiederum mit dem Blockältesten reden konnte. Er muß immer noch im Stehen essen, darf sich im Block überhaupt nicht hinsetzen. Er ist ja noch immer Jude! Ich will versuchen, auch darin eine Änderung herbeizuführen. Auch ein belgischer Architekt erscheint täglich. Ich habe Arvid mobilisiert. Er ist großartig, lieb und vornehm. Er würde das Hemd vom Leibe geben auch dort, wo andere hundert Einwände haben würden. Für Arvid ist das natürlich ein Bedürfnis und eine Freude. - Gestern wurde wieder ein Mann erhängt. Es war ein Junge, den ich auf Block 13 getroffen habe, als ich die Norweger von Sonnenburg begrüßte( diejenigen unter ihnen, die sich freiwillig zur Schuhläufertruppe gemeldet haben. Sie laufen täglich mehr als vierzig Kilometer!). Gestern war ich dort nach der Hinrichtung. Kalt und ruhig hatte er es getragen. Er war mit den Jungen unten gewesen und hatte gesehen, wie der Galgen errichtet wurde. Er hatte die Achseln gezuckt, höhnisch gelacht und war wieder zurückgeschlendert. Auf dem Block hatte der Älteste gesehen, daß er die Strümpfe und Schuhe des Kommandos anhatte. Er verlangte sie ihm ab- er dürfe sie nicht anhaben, wenn er gehängt würde! Der Junge wechselte. Er bekam Zigaretten von den Kameraden und rauchte in einem fort, bis sie kamen und ihn holten. ,, Lebt wohl, Kameraden!"- und die Hände in den Hosentaschen schlenderte er mit den Bütteln davon. Er starb ohne ein Wort, ohne eine Bewegung. 248 13 waren unten Und wir gingen zum Abendbrot, das wir mit ungemindertem Appetit verzehrten. Seine Kameraden von Nr. und schauten ihn an, wie er da hing. ,, Er war ja unser Kamerad. Wir mußten ihn uns doch ansehen!" 17. Januar 1945 Der gestrige Tag war eine Qual von morgens bis abends. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ein Bild davon zu geben. Ich bekam vorgestern abend den Befehl, am folgenden Tag in der Russenisolierung zu erscheinen, um dem Arbeitseinsatz vorgestellt zu werden und ein Kommando zu bekommen. Ich ahnte, daß das schief gehen würde, denn bei solchen ,, Vorstellungen" werden ja die Transporte aufgestellt. Aber man versicherte mir, daß davon für mich keine Rede sein könne. Es sei der gewöhnliche Weg, ich müsse nur dorthin gehen, und dann werde mir ein Kommando auf ,, Herz As" zugeteilt werden. Das sei ja alles schon längst in Ordnung. Punkt acht Uhr erschien ich innerhalb der Russenisolierung, eines abgesperrten Gebiets zwischen Block 11 und 12, wo einige hundert russische Kriegsgefangene wohnen, die hier arbeiten, aber aus irgendeinem Grunde isoliert sind und nicht mit Schutzhäftlingen verkehren dürfen. Hier wohnen Juden und Zugänger, bevor sie einem Kommando zugeteilt oder mit Transporten weggeschickt werden. Hier befindet sich auch der ,, Todestrupp" unter starker Bewachung auf einem besonderen Block. Das sind Sabotagebanden oder Plünderungsbanden aus Berlin und anderen Städten, oft ganz junge Burschen bis zum Alter von zwölf und vierzehn Jahren. Allen diesen Gefangenen werden schwarze Kreuze ins Gesicht gemalt, eines auf die Stirn und eines auf jede Wange. Die Gefährlichsten unter ihnen tragen Tag und Nacht Handschellen, andere nur nachts. Hier wohnen außerdem Geflüchtete, die man wieder eingefangen hat und die in der Regel darauf warten, erhängt zu werden. Die ,, Todestruppen" warten auch auf den Tod. Hier wohnt auch das ganze Strafkommando SK, Schuhläufer, die damit beschäftigt sind, verschiedene Arten von Schuhen auszuprobieren. 249 In diese Isolierung begab ich mich also gestern morgen. Es waren noch nicht viele Gefangene dort versammelt. Darum dachte ich, es handle sich nur um eine kleine Gruppe, die in derselben Lage ist wie ich, das heißt ohne Kommando, und die ganze Vorstellung(wie man dies nennt) sei im Laufe einer halben Stunde abgewickelt. Bald bekam ich Gelegenheit, die Sache anders zu betrachten. Es war beißend kalt, vierzehn Grad Kälte und Nebel. Ich fror wie ein Hund. Allmählich füllte sich der Hof mit Gefangenen. Sie strömten herein durch das Tor und aus den Blocks innerhalb der Absperrung. Es waren Juden, Ungarn, Belgier, Franzosen, ein oder zwei Deutsche, Slowaken, Polen, Russen, Dänen und Norweger. Ich fing an, sie mir näher zu betrachten. Es war entsetzlich. Am schlimmsten stand es um die Juden und die übrigen Zugänger. Die meisten von ihnen waren barfuß. Ich ging zu einigen hin und sprach sie an. Ob sie frören? Was für eine Frage, aber was sollte ich denn fragen? Ihre aufgeschwollenen blauen Füße gaben die Antwort. Sie sagten, daß sie jetzt nicht mehr soviel fühlten. Am schlimmsten sei es gleich, nachdem sie herauskämen. Ich ging zu anderen. Einer hatte ein Gesicht wie eine über- reife Melone mit Lippen wie aufgesprungene Knackwürste, und der Eiter strömte aus den offenen, blutigen Rissen. Er konnte kaum sprechen. Seine Füße waren in der gleichen traurigen Verfassung, blau vor Frost und voller Wunden. Er zog die zerlumpte Hose hoch, die ihm um die Beine hing und die er hatte auftrennen müssen, damit er die Füße und die Beine durch die Hosenbeine stecken konnte. Mehr hatte er nicht an. Einen Lumpen von einer Jacke und darunter einen Lumpen als Hemd, ohne Knöpfe am Hals- das war alles, was er am Oberkörper hatte. Auf dem Kopf trug er ein Gebilde, das wohl einmal ein Filzhut gewesen war. Ich ging weiter und traf meinen Freund Strauß- meinen Schützling, dem der Arzt Schonung und leichtere Arbeit ver- ordnet hatte. Er müsse sitzen, hatte der Arzt gesagt, dürfe nicht frieren und müsse gut essen. Jetzt mußte er hier stehen. Er war zum drittenmal zur Vorstellung beordert, trotz der„‚Scho- 250 nung“. Diese geht eben nur den Arzt etwas an. Und dies hier war Arbeitseinsatz, und alle, die leichtere Arbeit verrichteten, mußten nachgesehen und kontrolliert werden, auf jeden Fall diejenigen, die sich nicht freikaufen und bei einflußreichen Kameraden ‚organisieren‘ konnten- also auf jeden Fall alle Juden. Strauß war jedenfalls gut angezogen. Mein Isländer hat wohl kaum jemals bessere Dienste getan, ebenso die gute wollene dicke Unterwäsche, die ich ihm gegeben hatte. Aber seine Füße waren geschwollen, und er fror trotz der warmen Strümpfe. Strauß war„Veteran“ bei diesen Vorstellungen, die ich überhaupt nicht kannte. Er wußte, daß er den ganzen Tag dort stehen werde, und hatte deshalb Essen mitgebracht. Ich hatte nicht einmal gefrühstückt, denn ich hatte mir vor- genommen, das erst zu tun, wenn ich wieder zum Block zurück- gekehrt wäre. Später bot mir Strauß von seinem Proviant an, aber mir war aller Appetit vergangen, und er ist bis jetzt noch nicht zurückgekehrt. Was ich zu sehen bekam, war entsetzlich. Um neun Uhr fing es an. Die Gefangenen drängten sich um den Aufrufer, der auf einem Schemel stand und die Namen derjenigen rief, die hereinkommen sollten, um dem hohen Leiter des Arbeitseinsatzes vorgestellt und einem Kommando zugeteilt zu werden. Eine Reihe von Leuten, die sich weit nach vorne gedrängt hatten, wurde zuerst aufgerufen. Unter diesen fielen eine Menge Norweger auf. Sie brauchten dann nicht da draußen zu stehen und zu warten. An ihrer Stelle mußten halbnackte Juden und Zugänger um so länger frieren. Wenn der Aufrufer einen Stoß Scheine bewältigt hatte, trat in der Regel eine längere Pause ein, bevor er wieder anfing. Die Gefangenen zerstreuten sich dann, gingen umher, liefen und unternahmen alles, was man tun kann, um nach Möglich- keit dem Körper Wärme und Leben zu erhalten. Einige verschwanden in die Ecken zwischen den Baracken, um zu rauchen oder um andere notwendige Dinge zu ver- richten. Manche waren krank an Durchfall und mußten sich dort hinsetzen, wo sie gerade standen, andere brachten nicht einmal das fertig, und das Wasser ging in die Kleider. Welch ein Elend! Ich hatte etwas Tabak und rollte eine Zigarette. Im 251 selben Augenblick standen hundert Mann um mich herum. Hundert bittende Augenpaare! Das kannte ich ja von früher. Der Tabak verschwand, aber sie blieben stehen. Der Stummel? Oder ob nicht noch etwas Tabakstaub in meiner Tasche sei? Ich hatte meine Pfeife. Später rauchte ich sie zu Ende und klopfte sie gegen den Absatz aus. Zehn Mann warfen sich auf die Erde, kratzten die Asche an sich und schlugen sich um die verkohlten Stäubchen, die im Dreck auf der vereisten Erde lagen. Die Leute wichen zur Seite. Es war eine kleine Abteilung der ,, Todestruppe", die, eskortiert vom ,, Luftschutzgeneral" ( einem vollständig wahnsinnigen deutschen Gefangenen, der zum Leiter des Luftschutzes befördert worden war) und seinen Trabanten, durch die Menge geführt wurde. Sie sollten zum Industriehof gebracht und dort hingerichtet werden. Es waren zehn Todeskandidaten, halbnackt, wie Skelette so mager, ausgehungert, geschlagen, todmüde. Die schwarzen Kreuze in den Gesichtern gaben in all ihrem Grauen die Erklärung, die man suchte. Es war nicht nötig, zu fragen. Alle wichen zur Seite, und die Abteilung ging durch einen Spießrutengang zum Tor hinaus und fort. Nachher kam der ,, General" zurück, angetan wie eine Art Kaiser in Gala mit Reitstiefeln, Bandelier, Axt, Helm, bunter Armbinde mit Aufschriften, Epauletten und Hakenkreuzband. Nicht einmal in der wildesten Operette kann diese Figur übertrieben werden. Dieser Mann, ein Mitgefangener, früherer Sozialdemokrat, lebt jetzt auf dem Gipfel seiner Wünsche. Die Leute fürchten ihn wie den Leibhaftigen und weichen zur Seite, wenn er seine Kommandos hinausbrüllt. Gott weiß, was er sagt! Drei Gruppen vom Tode Gezeichneter durchquerten im Laufe des Tages den Hof. Eine der Gruppen bestand aus zehn kleinen Jungen. Ich nehme an, daß die Jüngsten höchstens zwölf bis vierzehn Jahre alt waren, aber es schien, als ob die Todeskreuze in den Gesichtern sie zu Greisen machten. Ich mußte an einen Artikel denken, den ich dieser Tage im ,, Völkischen Beobachter" gelesen hatte. Dort stand, daß Jungen bis zu dreizehn Jahren herunter von den Engländern, ich glaube in 252 Belgien, verhaftet worden seien. Man stelle sich vor, Kinder zu verhaften! stand dort. Kinder zu bestrafen! stand dort. Das tun die grausamen Engländer, und so werden sie in Deutschland vorgehen, wenn wir kapitulieren, stand dort. Und die Gedanken gingen weiter zu den Hunderttausenden von Judenkindern, die in den Lagern in Polen in die Gaskammern geschickt worden sind, zu den Schandtaten an Kindern, überall, wo diese ,, Erretter" vorgedrungen sind. Aber vielleicht gelingt es doch, deutsche Mütter damit zu schrecken, daß die Engländer Kinder verhaften und bestrafen! Die Stunden vergingen im Schneckentempo, und wir zitterten und froren. Es kam Fliegeralarm. Wir wurden in die Toilettenräume der Baracken ,, eingestapelt". So etwas geschieht hier mit Stockschlägen. Ich sah einen jungen Schnösel einen weißhaarigen, gebeugten Mann schlagen, weil er nicht zur Seite wich, ein anderer ,, Arier" bearbeitete die Menge mit einem Besenstiel, als wenn die ,, Menge" eine gefährliche, revolutionäre Masse sei und nicht eine ausgehungerte Versammlung elender, halbtoter Gefangener. Du, mein lieber Arier mit dem Besenstiel, mit dem feinen Halstuch, den Schneiderkleidern ( für Sardinen und Speck erstanden), ich werde mich nicht an dir rächen, obwohl es mir in den Fingern juckt, es zu tun. Ich weiß, daß du der Hilfe ebenso bedürftig bist wie die Unglücklichen, die du mit deinem Besenstiel schlägst. Möchte jene Hilfe nur nicht zu spät kommen. Das ist das, was heute in der Welt entscheidend ist! Überall. Möchte doch jene Hilfe nicht zu spät kommen! Denn der Untergang vollendet sich. Aber das verstehst du nicht. Dein Gehirn ist eingeschrumpft zu einer Art Taxameter für den Grad deines eigenen Wohlbefindens in dieser Hölle, in die du so unverschuldet hineingeplumpst bist.- Und dein Herz? Ja, dein Herz ist wohl nicht mehr als ein einfaches Pumpwerk für dein arisches Blut? Oder wie denkst du selber darüber? Fühlst du überhaupt etwas, wenn du den Besenstiel erhebst und ihn sinken läßt auf die Rückenknochen eines alternden, grauhaarigen, sterbenden ungarischen Juden, der, von Hunger und Kälte gepeinigt, mit nackten Füßen auf den Holzsohlen, mit tröpfelnden Wunden 253 an Händen und Füßen und im Gesicht, den Schlägen zu entkommen versucht? Aber du empfindest wohl kaum etwas anderes als ein stumpfes dummes Gefühl von Macht. Nur Verachtung bist du wert und nicht all diese kriechende Angst, die diese armen Menschen auf dich verschwenden- und die der einzige Lohn für deinen Verrat sein wird. Denn ein Verräter bist du ein Verräter an der Kultur, der du angehörtest, und darum auch an der Sache, die die unsrige ist, an deinem Land und an deinem Volk. Hättest du doch wenigstens eine Ahnung von Schuld empfunden für die Katastrophe, in der wir uns mitten drin befinden, hättest du doch den ganz kleinen Teil von Schuld empfunden, der auch auf dich fällt. Aber du bist ohne Schuld, nicht wahr? Du warst immer ein Gegner des Nationalsozialismus, nicht wahr? Und du hast deinen Weg sauber gehalten. Nicht wahr? Darum sitzt du ja eben hier. Und jetzt?- trägst du nur dazu bei, Ordnung zu halten nicht wahr? Was hast du denn getan, als die Menschen wie Wild über die Grenzen Europas gejagt wurden, bevor die Katastrophe losbrach? Als unschuldige Menschen zu Tausenden aus den Gemeinschaften ausgeschlossen und nirgendwo in der Welt als gleichwertig empfangen wurden. Was tatest du damals? Was hast du getan, als die Judenverfolgungen in Deutschland begannen und ständig schlimmer wurden? Was hast du getan, als diese Mentalität anfing, Wurzeln zu schlagen in deinem eigenen Land? Was hast du denn damals getan, daß du heute gar kein Schuldempfinden verspürst? - Alle wissen, was du getan hast: Du hast deine Türe verschlossen und hast an dich und das Deinige gedacht. Etwas anderes kanntest du nicht. Aber das hast du getan: Du hast deine Tür verschlossen- und das Maul gehalten. Dies ist deine Schuld und sie heißt Gleichgültigkeit, und sie dürfte ebenso schwer zu tragen sein wie so manche andere Schuld. Aber es ist nun einmal so, daß die Gesetze der Gemeinschaft dich beschützen und dich freisprechen. Jetzt wartest du auf Gerechtigkeit, nicht wahr- und vertreibst dir nur solange die Zeit damit, Ordnung zu schaffen. Denn das muß sein- und 254 diese Juden sind entsetzlich. Und unter Gerechtigkeit verstehst du Rache, nicht wahr? Sei nun mal ehrlich! Rache an denjenigen, die es wagten, dich anzutasten, der du doch schuldfrei warst! Du und die Deinen. Oder würdest du vielleicht die Juden mit in den Kreis ziehen? Versuche einmal, zu empfinden, wie das tut. Nimm dein Halstuch und gib es einem von ihnen- und sieh, wie seine Freude gegen den Abgrund strahlt. Stelle dir vor, daß aus dieser kranken, elenden Welt ein Aufruf zur Güte stiege! In der Erkenntnis dessen, daß wir alle einen kleinen Teil der Schuld tragen! Sollte der Gedanke an unsere Kinder uns nicht helfen? Sollte das nicht möglich sein- trotz allem? genommen - Merkwürdige Gedanken hier in der Hölle, vielleicht. Hier grinsen dir die Antworten überall entgegen. Nein- nein- nein- nein! Aber dann plötzlich begegnet dir ein Ja. Ein kleiner Junge. Ein russischer Student, einundzwanzig Jahre alt. Nahm am Krieg teil bei Leningrad, wurde verwundet, gefangengenommen, gepeinigt, geplagt. Er floh, wurde wieder gefangenneue Qualen- jetzt ist er hier und kommt mir entgegen. ,, Warum sind die Menschen denn so", fragt er, ,, warum, warum?" Er erzählt mir von all dem, was er erlebt hat. Vom Krieg, von den Kameraden, die in Scharen fielen. Er erzählt mir Einzelheiten, herzzerreißende Einzelheiten- Roheit, Brutalität, Gemeinheit. Aber dieser Junge ist unverändert, die Güte strahlt aus ihm- die Lebenslust. Merkwürdig. Wie kommt es, daß er nicht so geworden ist wie alle die anderen? Er hat doch dasselbe durchgemacht. Ich frage ihn, was für Rachegedanken er hat. Rache? Nein- dieses Wort kennt er nicht auf deutsch, das er sonst ganz gut spricht. Ich erkläre ihm, was ich meine. Er schaut mich nur verwundert an und fragt warum. Und ich bleibe ihm die Antwort schuldig. Diesem Jungen gegenüber schwindet jeder Zweifel. Er ist ja ein Beweis dafür, daß es möglich ist, dieses eine, das man kaum zu hoffen wagt. Ich habe beinahe Angst, noch mehr mit ihm zu sprechen, vielleicht, daß er dann etwas sagen wird, was alles wieder verderben könnte und auch ihn zu solch einem elenden Muselmann machen würde, der nur nach Essen Essen- hetzt, - 255 nach etwas, das er in den leeren, schmerzenden Magen stecken kann. Aber nein. Er erzählt weiter von sich selbst, seiner Familie seiner Verlobten, seinem Studium. Er ist Student der Architektur aus Moskau. Unglaublich. Dieser Junge lag mit einem gebrochenen Bein im Dreck außerhalb von Leningrad, kroch zwischen den Leichen von Hunderten von Kameraden hindurch, während ihm die Granatsplitter um die Ohren fegten. Er versuchte, bei den anderen zu bleiben auf ihrer Flucht vor den Deutschen, bis er nicht mehr konnte, es aufgeben und sich gefangennehmen lassen mußte. Seitdem stand er einem Büttel nach dem anderen gegenüber mit dem gleichen offenen Gesicht mit den gleichen klaren, leuchtenden Augen. Als wir uns trennten, gab ich ihm eine Büchse Sardinen, die ich zufällig in der Tasche hatte. Er wollte sie nicht nehmen. Nein, nein. Vielleicht wurde ihm etwas zerstört dadurch, daß ich sie ihm geben wollte? War er verletzt? Mit ,, dem Recht und der Würde des Alters" zwang ich ihn, sie in die Tasche zu stecken. Um zwei Uhr wurde mein Name aufgerufen. Ich kam in die Wartebaracke hinein, denn erst mußten wir eine Stunde dort warten, bevor wir ,, zum Thron" zugelassen wurden. Endlich war ich an der Reihe. Der hohe Herr ein Oberscharführer Rose-, der Brillengläser trug und im übrigen wie ein Mensch aussah, fragte, warum mir gekündigt worden sei auf meiner seitherigen Arbeitsstelle. Ich antwortete, dort seien zu viele Architekten beschäftigt, und fügte gleich hinzu, daß man wahrscheinlich auf ,, Herz As" Architekten benötige und daß ich es so verstanden habe, als wenn dort Arbeit für mich sei. Er schaute über die Brille hinweg und antwortete: ,, Nein, davon weiß ich nichts!" Dann machte er mir ein Zeichen, daß ich gehen könne, und diktierte dem Schreiber: ,, Bad Saarow!" Das bedeutet, daß ich in ein anderes Lager transportiert werden soll. Mit einem Schlag waren alle meine Hoffnungen zunichte. Transport! Doch, ab und zu hatte ich eine Ahnung gehabt, aber dann dachte ich wieder, es würde schon in Ordnung sein mit ,, Herz As". Jetzt erfuhr ich, wie das in Ordnung war. Meines Wissens ist Bad Saarow ein anständiges Lager, und zwar 256 ein kleines, in dem ungefähr fünfzig Norweger gut behandelt werden. Aber sich hier von den Freunden trennen müssen, mit den Wurzeln herausgerissen werden und wieder von vorne beginnen wieder einmal Zugänger werden! Ich ging geradenwegs ,, nach Hause". Sofort waren alle bereit, die Sache für mich in Ordnung zu bringen, dafür zu sorgen, daß mein Name auf der Liste gestrichen wird zu ordnen, zu organisieren. Den Rest des Tages benutzte ich dazu, mich zu orientieren und möglichst viel zu regeln, aber ohne sichtbares Ergebnis. Jetzt mag es laufen, wie es will. Wahrscheinlich geht der Transport übermorgen ab. Ich bin ganz durcheinander von all den Ratschlägen, mit wem ich sprechen darf, mit wem nicht, was ich hätte tun sollen und was ich unter keinen Umständen tun darf usw. Ich sitze bei Schiffer und schreibe. Ich mag nichts essen und bin müde. Ich verspreche mir weder das eine noch das andere. Die Nachrichten sind gut, und der Krieg ist im März zu Ende. 19. Januar 1945 Ja, wahrhaftig, es sieht aus, als wenn der Krieg demnächst zu Ende sei. Das Blatt hat sich vollständig gewendet. Die Offensive der Russen ist phantastisch, und im Westen ist die deutsche Offensive schon lange zusammengebrochen. Jetzt gehen die Amerikaner mit den Engländern zusammen auf der ganzen Front zum Angriff vor. Gestern erfuhr ich, daß der deutsche Reichstag einberufen werden solle. Als er das letztemal zusammentrat, hieß es, jetzt werde er nicht mehr einberufen werden, bis der Krieg zu Ende oder das Land in tödlicher Gefahr sei. Außer dieser Nachricht gab es noch eine, nämlich, daß Großadmiral Raeder und Reichsbankdirektor Schacht als Gefangene ins Lager gekommen seien. Man sagt, daß sie sich in irgendeiner ,, Ehrenvilla" aufhalten. Die Nachrichten laufen alle in gleicher Richtung, und der Optimismus schwillt an. Jetzt rechnen wir damit, daß wir Ostern zu Hause sind. Zum Teufel! Es ist so lange her, seit wir eine Welle von Optimismus empfingen. Und das ist eine Flutwelle! 17 Nansen 257 Im übrigen habe ich einen Brief von Kari bekommen. Was tut es dann, ob ich auch nach Bad Saarow geschickt werde? Zwei Uhr. Ich bin nicht nach Bad Saarow geschickt worden! 23. Januar 1945 Jetzt sind wieder ein paar Tage vergangen, ziemlich bewegte Tage. Der Vormarsch der Russen ist phänomenal, und die Stimmung ist so gespannt wie nie zuvor. Einige warten tatsächlich darauf, daß es jeden Augenblick zu Ende geht, während andere es ruhiger nehmen. Bezüglich meiner Person gibt es nur die Neuigkeit, daß ich endlich hier draußen bei ,, Herz As" an die Arbeit gekommen bin. Das Ganze ging einigermaßen schmerzfrei vor sich, wenn auch nicht völlig. Ich mußte eine Büchse Sardinen, Speck und Zigaretten opfern, um mich damit bei einem BV- Leiter erkenntlich zu zeigen, als alles in Ordnung war. Am Sonntag kam ich hier heraus. 25. Januar 1945 Meine Faulheit ist daran schuld, daß ich zur Zeit nicht schreibe. Zu berichten gibt es nämlich genug. Aber das Leben hier draußen auf ,, Herz As" macht trotz alldem, was passiert, faul. Man braucht tatsächlich nur das zu tun, wozu man gerade Lust hat, wozu man sich bequemen will, und läuft dabei keine Gefahr. Hier gibt es keine SS, nur einige Zivilisten, die ungefährlich sind. Mit anderen Worten: Hier ist es ganz ideal im Verhältnis zu dem, was sich sonst den Gefangenen bietet. Panik und Auflösung prägen die Situation. Aus anderen Lagern, die evakuiert werden müssen, kommt ein Gefangenentransport nach dem anderen. Gestern kamen mehrere Eisenbahnzüge mit solchen Transporten in Sachsenhausen an. Die meisten waren tot. Sie waren auf offenen Güterwagen, wo sie sich bis zu drei Tagen und drei Nächten in einer entsetzlichen Kälte( bis zu siebzehn Grad) aufgehalten hatten, erfroren. Ein 258 SS- Mann im Kfz- Depot Wald, den ich schon von früher her als einen Menschen in Erinnerung habe, hatte meinen Kameraden von seinen Erlebnissen erzählt, die er als Bahnwache hatte, als der letzte Transport ankam. Es waren Frauen und Kinder dabei, Tote und Lebende. Diejenigen, in denen noch Leben war, mußten herausgesucht und auf das Revier geschickt werden. Die Leichen wurden direkt in das Krematorium gebracht. Aber mit dem ,, Aussortieren" klappte es auf dem Bahnhof nicht ganz. Jedenfalls wurde vom Krematorium aus beim Revier angerufen mit dem Bescheid, man möchte eine Bahre bringen, da eine der Leichen noch am Leben sei! Wenn ich dies alles höre und bedenke, daß sie zu Hunderten jeden Tag hier im Lager an Hunger und Kälte sterben, ohne daß jemand wirklich darauf reagiert, ja, ohne daß jemand es überhaupt außergewöhnlich findet, dann kann ich mir vorstellen, daß dies überhaupt niemand glauben wird, wenn wir davon einmal erzählen werden. Ihr übertreibt, werden sie dann sagen, es ist unmöglich! Die Deutschen sind doch ein Kulturvolk! So etwas kann doch gar nicht vorkommen! Ein betäubender Schrecken geht über uns hinweg, und mit Grauen sehe ich das alles nur als einen Anfang von dem, was noch kommen wird. Denn nicht nur Gefangene erfrieren. Die deutsche Zivilbevölkerung geht dem gleichen Schicksal entgegen. Die Städte im Osten werden zwangsevakuiert, und die Bevölkerung wird allmählich herüberströmen wie eine Flutwelle. Es ist uns gesagt worden, daß jede Baracke siebenhundert bis tausend Gefangene wird aufnehmen müssen. Das ist unmöglich, wird man sagen. Wir sind heute vierhundert auf jedem Block und es herrscht schon Überfüllung. In den Norwegerbaracken liegen durchschnittlich drei in zwei Betten, und vier Betten stehen übereinander. In anderen Baracken ist es noch schlimmer. Allein die Vorstellung, daß die Belegschaft sich vielleicht mehr als verdoppeln wird, ist der reinste Wahnsinn. Und dabei haben die Norweger alle möglichen Vorteile. Die meisten besitzen Schlafsäcke, und alle haben genug zu essen. Nun stelle man sich diejenigen vor, die nicht mehr als zwei fadenscheinige Lumpen von ,, Wolldecken" haben, keine 17* 259 Unterwäsche, keine Strümpfe, keine Schuhe und kein Essen! Gestern sah ich eine kleine Abteilung von vierzig bis fünfzig Mann, die von einer Baracke aus irgendwohin marschierten. Sie waren ganz barfuß bei zehn Grad Kälte. Der Boden war mit Schnee und Eis bedeckt. 26. Januar 1945 Die Beschreibung der Leiden der Tausende von Evakuierten ist entsetzlich. Evakuierte aus dem Osten strömen ständig Richtung Berlin. Sie kommen zu Fuß oder mit der Bahn. Eisenbahnwagen werden geöffnet, und erfrorene Leichen fallen heraus. Mütter, Kinder, Greise sitzen erfroren mit dem Kopf in den Händen oder zusammengekrochen in den Ecken. Die Untergrundbahnen und die Keller in Berlin sind überfüllt von Flüchtlingen, und es herrschen entsetzliche Zustände unter ihnen. Und ständig rücken die Russen näher. Für das Lager Sachsenhausen hat man, wie die SS verlauten läßt, noch keine Evakuierungspläne gemacht. Gott weiß, was noch geschehen soll. Wir werden wohl nur ganz ruhig zu warten haben, bis die Russen uns befreien. Ein Gefangenentransport von 28000 Mann, der aus Auschwitz zu Fuß nach dem Westen unterwegs war, wurde von russischen Panzerspitzen eingeholt, nachdem russische Flieger tief über ihre Köpfe weggeflogen und dann wieder verschwunden waren. Die SS wurde sofort ergriffen und die Gefangenen freigelassen. Die Russen teilten ihnen nur mit, daß sie frei seien, daß sie aber für sich selber aufkommen müßten, sie könnten leider nicht für sie sorgen. Vielleicht eine problematische Freiheit, aber immerhin! Wir würden wohl damit fertig werden. Aber wir haben auch selten gute Voraussetzungen dafür, so gut genährt und schön warm gekleidet wie wir sind. Und wieder kommen die Gedanken an die anderen, quälen und beschämen einen Tag und Nacht. Man gibt von sich, was man kann, aber was hilft das? Gar nichts, man braucht nur zu sehen und zu hören! Herrgott, was sieht man doch wenn man sehen will, und was hört man doch wenn man hören will! Überall nur Tod und Untergang, Leiden, Roheit, Herzlosigkeit. Die 260 - Menschen haben aufgehört, Menschen zu sein. Neben einem, der da liegt und verhungert, sitzt ein anderer und lacht und spaßt und brät Kartoffeln mit Speck. Neben einem, der erfriert, steht einer, der zwei Paar Unterhosen, eine Windbluse und zwei Paar Hosen anhat, dazu Pullover, Hemden, Mäntel, dicke Fäustlinge und tadellose Stiefel. Er findet, daß es frisch ist, und flucht über die Kälte. Der Mann nebenan stirbt ohne ein Wort. Er sinkt zusammen und wird fortgetragen. ,, Na, der Ärmste, er hätte es ja doch nicht geschafft. Hast du etwas zu rauchen? Verdammt!" 29. Januar 1945 Gestern vormittag verließ ein Transport halbtoter Menschen das Lager. Es waren dreizehnhundert Kranke. Sie waren die erbärmlichsten und schwächsten Muselmänner, die man finden kann, und zwar vom Revier, von den Schonungsblocks und der Tuberkuloseabteilung ausgesucht. Viele starben draußen am Tor zum Revier, wo sie halbnackt und elend in Schnee und Kälte aufgestellt wurden, um aufgerufen zu werden. Sie fielen um, so wie sie standen, oder legten sich in den Schnee und starben. ,, Haufenweise", sagte Erik, der sie gesehen hatte. ,, Es war ganz unbeschreiblich grauenhaft." Sie waren alle miteinander schon im voraus beinahe tot und alle ohne Ausnahme halbnackt, mit nackten Füßen auf Holzsohlen, ohne Unterzeug und blauschwarz vor Frost und Wunden. Die meisten unter ihnen waren direkt aus den Betten herausgeholt worden, wo sie doch jedenfalls in Ruhe und relativ warm hätten sterben können. Wohin man sich wendet, überall der Untergang unschuldiger Menschen am laufenden Band! Mit einer unausweichlich sicheren, teuflischen Berechnung wird das Lager nach und nach von denen gesäubert, die doch sterben müssen! Ja, jeder, der diese Unglücklichen sieht, weiß sofort, daß sie unmöglich wieder Menschen werden können. Es ist ja ein Wunder, daß sie sich überhaupt aufrecht halten können. Sie bestehen buchstäblich nur aus Knochen, Haut und Sehnen. Alle haben denselben Ausdruck im Gesicht, wenn man überhaupt von ,, Ausdruck" 261 und„Gesicht“ sprechen kann. Es sind ja alles nur Totenschädel und sie gleichen den Totenschildern am ‚‚Todeszaun“, der das Lager umgibt. Totenschädel sehen wohl ungefähr alle gleich aus. Selbst eine Mutter würde wohl kaum ihren Sohn unter Totenschädeln auf dem Friedhof wiederfinden. Welcher Ab- grund von Resignation und Leiden starrt dir doch entgegen, ohne Worte, ohne einen Laut! Wie soll man jemals wieder diese starrenden Augen loswerden? Mit Grausen und mit Widerwillen muß man einsehen, daß man nach und nach ab- gestumpft wird und daß es eine unabwendbare Notwendigkeit ist, so zu werden, eine Art Selbstverteidigung. In diesem Todes- tanz treiben auch Verbrecher ihr Spiel, Schwindler, Raub- mörder, Bank- und Taschendiebe, Betrüger— die'meisten von diesen nehmen übergeordnete Stellungen im Lager ein und können sich innerhalb dieser Gemeinschaft frei bewegen. Sie stehlen das Essen aus dem Mund des Hungrigen, die. Kleider vom Körper des Frierenden, geben Kameraden an und ge- nießen dadurch die Gunst der SS. 30. Januar 1945 Vorgestern kam ein Transport von zweitausend Mann, meist Juden, aus Auschwitz an. Zweihundertundsechzig Leichen waren dabei. Sie hatten zehn Tage und Nächte auf offenen Eisenbahnwagen zugebracht, auf Kohlenwagen, wo sie in Schichten übereinandergelegen hatten. Sie hatten nicht auf- stehen oder sich sonst bewegen dürfen. Die mittleren Schichten waren am besten weggekommen, die untersten und obersten waren erfroren. Sie hatten diese zehn Tage und Nächte nichts zu essen gehabt. Seit sie hierherkamen, sind die Chirurgen auf dem Revier ununterbrochen damit beschäftigt, Arme und Beine zu amputieren. Die anderen Ärzte versuchen, diejenigen, die- den Transport überstanden haben, am Leben zu erhalten. Aber selbstverständlich sterben sie haufenweise. ı. Februar 1945 Gestern war der Zwölfjahrestag des Naziregimes in Deutsch- land. Abends habe der Führer gesprochen, heißt es. Die Rede, die ich in der Zeitung gelesen habe, bestand im wesentlichen 262 aus Verherrlichungen von Heldenmut, Opfer, Kämpfen bis zum letzten Mann usw. Und im übrigen rief er beständig die Vorsehung an um Gnade und Sieg. Über die Kriegslage sagte er nichts. Das war wohl auch überflüssig. Alle wissen ja, wie es steht, jedenfalls alle, die es wissen wollen. Aber die meisten wollen es nicht wissen, und für diese waren die Worte des Führers ein willkommenes, trostreiches und höchst erforder- liches Evangelium.„Jetzt mögen die Russen nur kommen!“ sagen sie.„Sie mögen nur kommen, wir werden sie schon auf- halten!““ Und viele glauben das tatsächlich. So hingegeben sind sie, so fanatisch gläubig. Aber die Russen rollen voran. Eben kam der Vorarbeiter herein und meldete, daß die Russen ‚‚im Kampfraum von Frankfurt an der Oder‘ stehen. Hundert Kilo- meter vor Berlin! Die SS verkündet, daß russische Panzer- spitzen vor Eberswalde stehen, vierzig Kilometer von hier. Man weiß bald nicht mehr, was man glauben soll. Jedenfalls müssen wir wohl darauf vorbereitet sein, daß wir nicht mehr auf die Kommandos hinauskommen. Falls Evakuierung in Frage kommt, wird sie wohl in allernächster Zeit aktuell werden, vielleicht schon heute abend. Man darf nur hoffen, daß daraus nichts wird. Es werden spannende Tage werden. Die Zustände im Lager sind wie früher. Aber wir, das heißt die Norweger und die alten Gefangenen, leiden weder Not noch sind wir überbelastet. Gestern bekamen wir sogar noch Pakete von zu Hause! Unglaublich. Ich habe das Gefühl, als wenn das so bleiben wird, solange der Krieg dauert. 2. Februar 1945 Gestern abend war es unbeschreiblich im Lager, ungefähr so, als wenn wir bereits frei wären. Alle waren bei lachender guter Laune, rieben sich die Hände und atmeten auf. Endlich! Jetzt handelte es sich nur noch um Stunden. Die Russen standen ja gerade dahinten am Horizont. Und die Gerüchte überstürzten sich. Das eine schlug das andere tot. Mehrere wollten nicht zu Bett gehen oder jedenfalls nicht schlafen. Die Russen konnten ja jederzeit da sein. Man mußte packen und alles bereithalten. 263 Es waren wenige, die nicht alles, was sie auf den Kommandos gehabt hatten, bei sich führten, Kleider, Essen, Tabak. Sie sollten nie mehr dort hinaus! Das stand fest! Darüber waren sich sogar die Pessimisten einig. Solche Massenpsychose oder-hypnose macht mich immer etwas skeptisch, und doch glaubte auch ich wie die meisten, daß die Russen jederzeit kommen könnten. Ich glaube es auch jetzt in diesem Augenblick, obwohl ich wie immer draußen auf dem Kommando sitze und wieder einmal schreibe. Denn wir mußten doch auch heute wieder dort hinaus. Aber es ist nicht zu verkennen, daß das Ende nahe ist. Gestern wurden zwei Selbstschutzkompanien im Lager aufgestellt, eine deutsche und eine polnische, jede hat wohl zweihundert Mann. Diese Kompanien, die aus Gefangenen bestehen, sollen bereits Waffen ausgeliefert bekommen haben. Ein so drastischer Schritt wie dieser- vierhundert Gefangene werden mit Waffen und Polizeigewalt ausgestattet!- kann wohl nur eines bedeuten: daß die SS vorhat, wegzulaufen, wenn die Luft anfängt dick zu werden, und daß das Lager sich selbst und den vierhundert Mann überlassen werden soll. Und was sind das für welche, diese Vierhundert? Die zweihundert Deutschen sollen von einem großen Banditen, der Jacob heißt, geführt werden. Jacob ist Blockältester auf Nr. 13 für frühere SK- Banditen und Schuhläufer, und im übrigen jene ,, Persönlichkeit", die das Strafexerzieren leitet oder leitete. Denn damit scheint doch jetzt Schluß zu sein! Seine Tritte und Schläge trage ich in freundlicher Erinnerung. Seine Leute und Waffenbrüder bestehen hauptsächlich aus BV- Leuten, einem Haufen Wildschweine ohne jegliche Hemmung. Die meisten von ihnen haben ein blutiges Sündenregister sowohl von vor als auch von während ihres Aufenthalts im Konzentrationslager aufzuweisen. Der Gedanke, daß diese Menschen Waffen und ausgedehnte Machtbefugnisse haben, ist nicht erhebend. Und dann die Polen! Die Qualität der im Lager befindlichen Polen ist bekannt. Unter ihnen findet man neben Deutschen die schlimmsten Vorarbeiter, die größten Rohlinge, die tollsten Angeber, die gemeinsten ,, Kameraden". Man weiß noch nicht, wer deren Leiter 264 sein soll, aber es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was für ein Kerl das sein wird. Auswahl gibt es genug. Der Oberstkommandierende für diese ganze Banditenherrschaft soll nach Verlautbarung der Luftschutzgeneral Manske werden, der verrückte Deutsche, der mit den zum Tode Verurteilten hausiert. Ich habe ihn schon früher erwähnt. Doch, es kann schon heiter werden. Und dabei muß man sagen, daß der Abschluß dieser Schrecken vollkommen stilecht ist und paẞt zu all dem, was vorausging. Die Verbrecher im Hochsitz? Heute morgen, als wir uns auf dem Arbeitskommando aufstellten, wurden wir von der unheimlichen Nachricht überrascht, daß unser ,, Chef" hier auf dem Zeichenbüro, Leo Borius, heute nacht um zwölf Uhr ,, geholt" worden und noch nicht zurückgekehrt sei. Sein Schicksal ist unbekannt, aber man muß das Schlimmste befürchten. Gleichzeitig wurden auch einige andere Leute ,, geholt", darunter eine Reihe russischer Offiziere und ,, Intellektueller", die erschossen worden sein sollen. Im ganzen waren es wohl fünfzig Mann. Leo war ein freundlicher und gemütlicher Mensch, und wir hoffen nun, daß er aus irgendeinem Grund nur isoliert worden ist, ebenso wie wir das auch für die Russen hoffen. Ich hatte mehrere Freunde unter ihnen und bin gespannt, heute abend ins Lager zu kommen, um Neues über sie zu erfahren. Der BVer, der es erzählte und der glaubt, daß sie alle ,, expediert" seien, meint auch, daß dies nur der Anfang einer Ausrottungskampagne sei, die sich gegen die Prominenz und die Intelligenz im Lager richtet. Vielleicht wird sie sich nicht auf Norweger, Dänen und Holländer erstrecken, fügte er hinzu. 3. Februar 1945 Aus dem hellsten und ausgelassensten Optimismus ist man hinabgestürzt in einen düsteren Pessimismus. Als wir gestern abend von der Arbeit nach Hause kamen, traf uns die unheimliche Nachricht, daß das Lager evakuiert werden soll. Jetzt sollen wir alle auf Wanderschaft gehen. Was das in letzter Konsequenz bedeutet, davon kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Für die allermeisten kam die Nachricht wie 265 ein Blitz aus heiterem Himmel, und viele wollen es jetzt noch nicht glauben, so himmelschreiend wahnsinnig und unmöglich kommt es einem vor. Vierzigtausend Mann auf Wanderschaft nach Süden, Südwesten oder Westen, elend angezogen, ohne Essen, in einer mehr als elenden Verfassung. Erst erfuhren wir es als ein Gerücht. Nur langsam drang es in unser Bewußtsein ein, das sich weigerte, es zu glauben. Später kam eine offizielle Mitteilung auf den Block. ,, Das Lager wird wahrscheinlich evakuiert!" Wahrscheinlich. Eine Hoffnung hängt immer noch an diesem klobigen Wort, eine kleine Möglichkeit, daß die Russen zu schnell sein könnten, die Chance eines Widerrufs mit nachfolgendem Gegenbefehl, wie wir es ja so oft erlebt haben, daß man sie beinahe als Regel ansehen kann. Aber in diesem Fall käme eine andere, noch dunklere Wolke auf an unserem Himmel, eine Wolke, die im Laufe des letzten Tages und der letzten Nacht dunkler und schwärzer und drohender geworden ist. Liquidierung! Vernichtung! Es heißt jetzt, daß zweihundert Mann, darunter sämtliche Lakaien des Sonderkommandos, gestern nacht erschossen worden seien. Das war übrigens eine fürchterliche Bande, und keiner betrauert sie. Es waren jene Männer unter den Gefangenen, die der Gestapo zur Hand gingen und die zu allerlei Teufeleien imstande waren: Angebereien, Morde und Hinrichtungen. Dies also war der Lohn und Dank für ihre Hilfe. Als die Wahrheit über die nächtlichen Geschehnisse nach und nach bekannt wurde, als wir erfuhren, daß unsere Freunde, die Engländer John, Jack und Tommy und wie sie alle hießen, aller Wahrscheinlichkeit nach erschossen worden seien, dazu die russischen Offiziere und viele andere- da legte sich eine dunkle Stimmung über die Gemüter. Und die Gerüchte erzählten, daß es in der folgenden Nacht noch schlimmer werden würde. Gestern nacht wachten viele auf, weil sie Schüsse im Lager hörten. Das verhielt sich folgendermaßen: Als eine Gruppe derjenigen, die bei Nacht und Nebel aus den Blocks herausgeholt wurden, durch das Tor marschierte und nach rechts umbog, verstanden sie, wohin es ging, brachen 266 aus den Reihen aus und liefen in die kleine Parkanlage hinein, die sich außerhalb zwischen den Mauern befindet. Die Wachtmannschaften eröffneten das Feuer gegen sie, und sie wurden dort in den Anlagen niedergeschossen. Es war das Knattern der Maschinenpistolen der Wachtmannschaften, das die Stille der Nacht durchbrach und Grauen und Angst in die Gemüter derjenigen jagte, die wach lagen. Die schrecklichsten Gedanken und Ahnungen sausten durch die Gehirne, aber die Nacht war kohlrabenschwarz und undurchdringlich, und die Stille schloß sich wieder über ihr. Ich sprach heute abend mit meinem Schützling Strauß und seinem Freund Lager. Beide waren darauf vorbereitet, daß heute nacht die Juden an der Reihe seien. ,, Wir können nur einmal sterben", sagte Strauß. ,, Ich bin vollständig mit dem Gedanken vertraut", sagte Lager. ,, Bedenke, daß ich gesehen habe, wie Tausende in die Gaskammern wanderten, und daß ich in vielen langen Jahren jeden Augenblick darauf gewartet habe, daß jetzt ich an der Reihe sei." Sie bedauerten alle die anderen, die vor dem Tode Angst hatten, alle die, die schlechter gestellt seien als die selbst. Bereits gestern abend, als der Evakuierungsbescheid durchgekommen war, fingen wir an, Vorbereitungen zu treffen, obwohl der erste Evakuierungstransport wahrscheinlich erst Sonntag wegkommt. Man sah seine Sachen durch, setzte die Kleider instand, ordnete die Eßwarenvorräte. Tragriemen müssen organisiert werden, noch besser ein Rucksack. Die meisten Norweger haben ja einen Schlafsack und können diesen benutzen, aber man muß sehen, daß man einige Riemen bekommt, damit man den Sack auf dem Rücken tragen kann. Es ist klar, daß wir die meisten unserer Sachen zurücklassen müssen, weil wir zu Fuß gehen sollen. Es wurden drei Lager genannt, auf die wir verteilt werden: Buchenwald, das wahrscheinlich in der Nähe von Weimar liegt, Flossenbürg, wahrscheinlich in der Nähe von Nürnberg, und Bergen- Belsen, wahrscheinlich bei Hannover. Alle, die gesund sind und weniger als fünfundfünfzig Jahre alt, sollen zu Fuß gehen, die Alten und Gebrechlichen und Kranken sollen transportiert werden, 267 wahrscheinlich mit der Bahn. Der kürzeste Weg wird also zweihundertfünfzig bis dreihundert Kilometer weit sein. Ein Marsch von wenigstens vierzehn Tagen! Trainiert sind wir alle nicht, und die meisten( mit Ausnahme der Norweger und weniger anderen) sind unterernährt. Nach den Berichten von anderen Transporten wird das Essen wahrscheinlich knapp werden, und wie und wo wir nachts kampieren sollen, ist natürlich eine ebenso wichtige Frage. Wenn wir die Nächte unter offenem Himmel zubringen müssen, wird es katastrophal, naẞ und kalt, wie es jetzt draußen ist, und mit dem wenigen Bettzeug, das wir tragen können. Für die meisten sind es sowieso nur zwei einfache schlechte Decken. Es ist klar, daß auf alle Fälle viele sterben werden. Ein Deutscher sagte mir heute: Ein Drittel stirbt, ein Drittel macht sich davon, ein Drittel kommt an. Der Gedanke an die zweite Alternative drängt sich natürlich vielen auf. Es ist unterhaltend, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, aber gefährlich, und für Ausländer ist es ziemlich schwierig und gewagt, ihn in die Tat umzusetzen. Wenn es jedoch einmal passieren muß, dann muß es jetzt sein, während die Panik sich ausbreitet und alle Wege von Flüchtlingen vollgestopft sind. Es ist klar, daß wir längst unsere letzten Pakete und Briefe von zu Hause erhalten haben. Von jetzt ab müssen wir warten, nur warten, bis Schluß ist. Für unsere Angehörigen zu Hause wird es in mancher Beziehung jetzt wieder am schlimmsten werden. Sie werden natürlich vom Schicksal des Lagers erfahren. Alle möglichen ängstlichen Gedanken werden kommen und natürlich fleißig mit den wildesten Gerüchten gefüttert werden. Die arme Kari! Es wird eine harte Zeit für sie sein. Aber das wird wohl auch gehen, auch das! Es ist mehr als merkwürdig, hier herumzulaufen und zu wissen, daß dieser Abschnitt bald zu Ende ist, daß etwas Neues beginnen wird, etwas ganz Neues und Unerprobtes. Noch sind alle Möglichkeiten offen. Alles kann geschehen. Auch eine Totalvernichtung. Auch mit diesem Gedanken muẞ man sich vertraut machen. Jetzt zu sterben, da es sich vielleicht nur noch um Tage 268 - handelt in das Dunkel, das Nichts hineingehen zu sollen mit allem, was man an Glauben und Kräften in sich spürt- mit der ganzen großen Sehnsucht, alle die Pläne endlich in Angriff nehmen zu können- jetzt das Leben nicht leben zu dürfen, das man solange erträumt und erkämpft, für das man solange gelitten hat--- das wäre doch zu sinnlos. Nein, das wird nicht geschehen! Ich weiß das. Man braucht uns noch, die Zukunft ruft uns, und wir kommen, wir kommen! 4. Februar 1945 Bereits gestern abend sollten alle, die ohne Kommando waren oder leichtere Arbeit hatten, losmarschieren. Unter ihnen befindet sich eine ganze Reihe Norweger, alles ,, Alte". Es gab ein Packen und eine Aufregung, rührenden Abschied mit Wiedersehenswünschen und allem, was dazu gehört. Und da alles in überfüllten Baracken vor sich ging, in denen zu gleicher Zeit gekocht, gegessen, verbunden wurde usw., ergab das Ganze ein Bild des absoluten Chaos. Ab und zu ertönte die Pfeife des Schreibers, die durch Mark und Bein ging. Dann gab er einen Bescheid oder nahm einen anderen zurück, den er eine halbe Stunde vorher gegeben hatte. -> Von Bad Saarow kam gestern ein ganzer Transport. Da hätte ich auch dabei sein können! Alle, die von dort kamen- es waren viele Norweger dabei mußten immer und immer wieder antreten, unaufhörlich. Die Leute liefen wie kopflose und aufgescheuchte Hühner herum. Einige sollten reisen, ihnen fehlte die Seife. Andere sollten bleiben, ihnen fehlten die Hosenträger. Ich bin wieder hier auf dem Kommando und schreibe. Zu Hause in den Blocks sitzen noch immer die ,, Alten". Sie kamen gar nicht weg. Bei Nacht und Nebel wurden über dreitausend Mann aufgerufen. Mehr konnte der Transport nicht nehmen. Die Norweger gehörten nicht dazu, sie durften zurückbleiben. Die armen ,, Alten"! Viele von ihnen hatten sich nach schweren Seelenkämpfen dazu überwunden, das zu verschenken, was sie absolut nicht mitschleppen konnten, und jetzt blieben sie doch hier sitzen! Gestern bekamen wir noch Dänenpakete, und es heißt, daß auch die Schwedenpakete heute oder morgen 269 kommen sollen. Wo in aller Welt sollen wir alles hintun? überlegen manche. Sie denken nur an sich selber. Die allermeisten im Lager haben nichts, weder Essen noch richtige Kleider. Ich war gestern abend auf dem Judenblock Nr. 11, wo mein Freund Strauß wohnt. Dort sah es traurig aus. Halb angezogen, ohne Essen und ohne Ausstattung irgendwelcher Art sollten sie gestern abend losziehen. Es scheint, daß das ein ,, Ausrottungstransport" werden soll. Mit unheimlicher Deutlichkeit weist alles darauf hin. Wir versuchten dennoch, Strauß aufzumuntern, und gaben ihm den Inhalt eines guten Dänenpaketes mit auf den Weg. Möge es ihnen doch gut gehen! Was heute geschehen soll, weiß ich nicht. Wir stellten uns zum Arbeitskommando auf und marschierten ab. Jetzt heißt es, Norweger und Deutsche sollen im Lager zurückbleiben, oder die Norweger sollen in ein eigenes Lager geschickt werden, Gott weiß, wohin. Auch eine Menge anderer mehr oder weniger glaubwürdiger Gerüchte schwirren umher. 6. Februar 1945 Zweihundertfünfundzwanzig Juden gingen gestern in die Gaskammer. Das war ein Transport aus Liberose. Alle waren so elend und verkommen, daß es für die meisten nur eine Erlösung war, sterben zu dürfen. Ich fürchte, daß Strauß dabei war, und daß der ganze Transport, mit dem er fort sollte, diesen Weg gegangen ist. Anscheinend sollen alle Juden mit der Zeit ausgerottet werden. Das Krematorium ist Tag und Nacht in Betrieb. Der Krematoriumstrupp, der aus fünfundzwanzig Juden besteht, arbeitet schichtweise. Die vorige Gruppe wurde ,, liquidiert". Sie wußte natürlich zuviel. Diese Juden gehen wohl denselben Weg, sobald sie ihre Arbeit ausgeführt haben. Das Evakuieren geht weiter. Es heißt, heute sollen sechstausend Mann los. Es werden immer noch Leute, die krank und arbeitsunfähig sind, weggeschickt. Später sollen alle Russen, Ukrainer, Franzosen, Belgier und Polen wegkommen. Eine ,, Elite", bestehend aus zwölftausend Deutschen, Norwegern, Dänen und womöglich Holländern, soll im Lager zurückbleiben. Dies wurde gestern abend auf vielen Blocks von 270 den Blockältesten bekanntgegeben. Ich kann es nicht recht glauben. Aber etwas Wahres scheint daran zu sein, nämlich, daß die Norweger vorläufig nicht weggeschickt werden sollen. In Berlin soll es schlimmer sein denn je. Der letzte Angriff- ich glaube, er erfolgte vorgestern- war der bisher größte und schlimmste. Das ganze Zentrum von Berlin ist vollkommen dem Erdboden gleichgemacht. Dort herrscht Chaos und schreiende Not. Krematorien gibt es nicht mehr, und die Menschen sterben wie die Fliegen. Eine Wagenladung mit Leichen nach der anderen kommt hierher, um verbrannt zu werden. Und ständig erscheinen Wagen voller Kleider, die aus dem Krematorium kommen. Wir leben in der Hölle. Es ist merkwürdig, festzustellen, daẞ Menschen selbst an einer solchen Stätte sich anpassen können. Wenn man die Norwegerblöcke nicht verläßt und Augen und Ohren allem verschließt, was passiert und was gerade nebenan vor sich geht, dann kann man sogar den Eindruck bekommen, als wenn die Hölle ein warmer, molliger Ort sei mit viel Spaß und Gemütlichkeit, wenn der Platz auch ein wenig eng ist. Es steht dem nichts im Weg, und viele tun es. Es wird gesungen und gespielt, Spaß gemacht und gelacht und gegessen, und im Kran gibt es Wasser genug. Die Unterbrechungen durch den Fliegeralarm merkt man nicht mehr. Die Fenster sind verdunkelt, und drinnen geht das Leben weiter, unberührt von Tod und Zerstörungen, die sich einige Meilen weit entfernt über die Menschheit herabwälzen. Ja, viele merken es tatsächlich nicht einmal mehr, wenn Alarm ist, so beschäftigt sind sie mit ihrem Roman, ihrem Essen, ihrem sonstigen Zeitvertreib. Nachts schläft man, schläft und schnarcht und läßt die Welt ihren schiefen Gang weitergehen. Der einzige Gedanke ist der, ob wir wohl nicht evakuiert zu werden brauchen, wie lange es wohl dauern wird, bis wir zu Hause sind, ob das Essen bis dahin reichen wird, ob noch weitere Pakete ankommen können- die Zigaretten- der Tabak... So sind wir im Grunde genommen alle miteinander, und keiner soll den ersten Stein werfen. Ob es wohl besser wäre, wenn wir das äßen und weinten 271 und verzweifelten? Es gibt übrigens ziemlich viele, die helfen, mehr, als ich früher wußte. Es sind nur einige, die hamstern und sich so benehmen, daß man sich beherrschen muß, um nicht auf sie loszugehen. Ich kenne einen, der drei schwedische Kartons voller Eßwaren hat, die er wie ein Drache bewacht. Weiß er wohl, daß täglich Hunderte von Menschen im Lager an Hunger sterben? Doch, er hat davon gehört. Ich habe ihm das erzählt. Aber in seinem Gesicht bemerkte man keinerlei Reaktion darauf. Was geht ihn das an? Ist er vielleicht Jude oder Ukrainer oder Russe oder Pole? Ich fürchte, er glaubt, er sei ein norwegischer Held- ein Nationalheld. Er hat wegen ,, nationaler Tätigkeit" über ein Jahr in deutscher Gefangenschaft gesessen. Und dafür erwartet er Belohnung. Bis dahin zählt er seine Sardinenbüchsen, seine Butterpakete, Speckdosen und Knäckebrotpakete. Und stapelt sie in seine Kartons. Er wird schon durchkommen, heldenmütig wie er ist! 8. Februar 1945 Gestern wurden hundertachtzig Juden aus Block 11 herausgeholt, dem Isolierungsblock, in dem auch Strauß am letzten Tag saẞ. Es scheint leider keinen Zweifel zu geben, daß sie in die Gaskammer kamen. Man hat übrigens Veranlassung, zu glauben, daß alle Juden den gleichen Weg gehen werden. Der ,, Luftschutzgeneral" hat es gesagt, und Keil teilte es mir gestern abend mit. Er war sehr blaß und aufgeregt, der Arme, und man kann verstehen, daß er alles mögliche tun will, um sein Leben zu retten. Es ist entsetzlich, daß Mitmenschen herumlaufen und darauf warten, hinterrücks ermordet zu werden, nur weil sie von einer bestimmten Art Eltern in die Welt gesetzt worden sind-. Arbeitsame, tüchtige Menschen, die die SS selbst ausgenutzt hat, solange sie konnte. Jetzt kommt der Lohn! Unsere englischen Freunde sind tatsächlich erschossen worden. Ihre Kleider sind zurückgekommen. Einer von ihnen, der aus irgendeinem Grund in jener Nacht auf der Liste vergessen worden war, sitzt jetzt auf 58. Er sei aufgewacht, als 272 die Kameraden aus dem Schlafsaal geführt wurden, und hatte sich vorgedrängt, um zu hören, was los sei. Der Blockälteste (der gefürchtete Jacob) wollte ihm wohl und flüsterte ihm zu, er solle machen, daß er wegkomme, damit er nicht gesehen werde. Er aber antwortete, daß er dort sein wolle, wo die Kameraden seien. Ein SS-Mann entdeckte ihn kurz darauf und fragte erstaunt, ob noch ein Engländer da sei. Seine Nummer und sein Name wurden notiert. Ungefähr eine Stunde später holten sie auch ihn. Aber ein Fliegeralarm kam da- zwischen und er wurde in der Eile auf 58 geschoben. Schlampig und zufällig, wie alles hier vor sich geht, kann es sein, daß er vergessen wurde, und daß der Fliegeralarm ihm das Leben gerettet hat. 9. Februar 1945 Die Evakuierung geht weiter. Jetzt sind wohl nahezu zehn- tausend evakuiert, aber keine Norweger, ausgenommen ein kleiner Transport solcher, die gerade vom Revier ausge- schrieben waren, und ein paar anderer, die auch kein Arbeits- kommando hatten. Der Transport sollte nach Bergen-Belsen bei Hannover gehen. Die Tätigkeit im Krematorium hat nicht nachgelassen. Es wird Tag und Nacht verbrannt. Im Industrie- hof herrscht auch ununterbrochene Tätigkeit. Ständig hören wir von Juden und Muselmännern, die vergast werden. Es wurde erzählt, daß gestern alle kranken russischen Kriegs- gefangenen an der Reihe waren. Ob es wahr ist, ist schwer zu sagen. Das Lager wimmelt von Gerüchten und- Angst, Todesangst. Ein jüdischer Freund kommt jeden Tag zu mir. Er hat Angst vor dem Tode, und das ist keine Schande. Es sieht aus, als ob sich das Netz um die Juden immer enger zusammenzöge. Sogar für die Uhrmacher besteht Gefahr. Aber gestern hat Keil neue Hoffnung gefaßt. Der Leiter des Kommandos hat erzählt, daß sie nach Bergen-Belsen geführt werden sollten, wohin auch schon die Uhren und das Werkzeug geschickt worden seien. Der Evakuierungsplan sei bereits fertig, und die Evakuierung sei ein„Faktum‘, sagte er. Solche„Fakten“ sind so oft hier 13 Nansen 273 unten in einem einzigen grauenvollen Augenblick zu entschwundenen Träumen geworden, daß sich keiner sicher fühlen kann. - 10. Februar 1945 Als wir gestern abend von der Arbeit zurückkamen, ging ein Transport zum Tor hinein, der in einer außergewöhnlich verkommenen und elenden Verfassung war. Es waren wandernde Skelette ohne anständige Kleider, und ein großer Teil von ihnen war barfuß. Einzelne konnten sich nicht aufrecht halten und wurden von den Kameraden mitgeschleppt. Einer wurde in einer Wolldecke getragen. Ein paar fielen im Tor um und versuchten verzweifelt, wieder auf die Beine zu kommen, um den Tritten der SS zu entgehen, die auf beiden Seiten der Toröffnung stand und brüllte: Seitenrichtung! Aufstehen! Kopf hoch! Finger lang! Und noch andere muntere Zurufe galten diesen halbtoten Menschen. Diejenigen, die vor Ermattung umfielen sie wären wohl am liebsten ewig liegen geblieben, wurden getreten und ausgeschimpft. ,, Du verfluchter Schweinehund! Aufstehen! Weitergehen! Schnell, du brauchst deine Schuhe nicht, laß sie bloß liegen, du Idiot! Morgen gehst du sowieso ins Krematorium! Also los, Mensch! Hörst du nicht? Los, los!" und die Tritte trafen am Kopf, im Rücken, in den Rippen, und die Schimpfwörter hagelten. Oh, wenn man doch nur sterben dürfte! Sterben und wegbleiben. Denn dies war schlimmer als die Hölle! Zuletzt hatten sich alle durch diesen fürchterlichen Spießrutengang im Tor durchgeschleppt und waren auf den Platz gekommen, wo sie ,, frei" atmen und sich auf den Tod vorbereiten konnten. Auf dem Marsch über den Appellplatz blieben wieder viele liegen. Es waren ,, unsere" SS- Leute, die wir täglich sehen und die wir ab und zu versucht sind als ,, nett" und ,, ungefährlich" zu bezeichnen, die die halbtoten Skelette traten, sie ausschimpften und ihnen das Krematorium versprachen. Es kommt bei ihnen allen nur darauf an, daß der erste Stein geworfen, die Parole ausgegeben wird dann wissen sie nur noch, daß sie Todeskandidaten gegenüberstehen, daß sie der ,, Natur" freien Lauf 274 - lassen können, schlagen und treten und schimpfen und toben! Sie werden zu Tieren, schlimmer noch- zu Untieren! Sie selbst nehmen sicherlich in Anspruch, als Übermenschen bezeichnet zu werden. Wir auf Block 39 können uns glücklich preisen, daß wir einen so großartig lieben alten Blockältesten wie Ludwig bekommen haben. Er kann tatsächlich keiner Katze etwas zu- leide tun. Und das ist großartig in jenem Kreis von Banditen, in dem er sich bewegt. Täglich hören wir, daß Leute geschlagen werden, und daß auf den anderen Blocks Krach ist. Bettelnde Ukrainer werden hinausgeworfen, getreten und geschlagen, aufgeschrieben und gemeldet. Vor unserer Tür, ja,auch drinnen in der Baracke, sind genau so viele Bettler. Ludwig brüllt los: „Heraus, los, los, los!“ und leise fragt er:„Hast du deine Schüssel, dann komm! Hierher! Schnell!“ Und er nimmt die Schüssel und füllt sie mit Suppe, steckt ein Stück Brot oder irgend etwas anderes in die Tasche des„Opfers“ und fängt wieder an zu brüllen:„Hinaus! Sofort, du Schweinehund! Aber schnell!“ usw. Wenn wir zuschauen, blinkert er uns währenddessen zu. Aber der Ton hört sich echt an, und die anderen Blockältesten, die es vielleicht hören, zweifeln nicht daran, daß Ludwig vom selben Kaliber ist wie sie. Wieder ist Samstag. Bald sind wir mitten im Monat. Es ist schon lange her, seit wir glaubten, es könne sich nur noch um Stunden handeln. Wieder sind Pausen eingetreten, wenn auch die Nachrichten von den Fronten täglich von harten Kämpfen berichten. Gestern kam die Meldung, daß die Amerikaner in Holland vorgegangen und nach einem sechsstündigen Trommel- feuer in Nijmwegen eingedrungen seien. Viele warten heute gespannt auf die Frontnachrichten. Erik zum Beispielschnappte beinahe ein, als ich nicht sicher war, daß diese Nachricht so epochemachend sei, daß man Grund haben könnte, sich zu diesem Tag zu gratulieren. In dem Gefangenendasein von Erik löst eine entscheidende Epoche unaufhörlich die andere ab. Daß sie wieder schwinden, macht gar nichts, denn dann ist bereits wieder eine neue im Anmarsch. In der Beziehung ist er nicht kleinlich. Frode dagegen ist nüchterner, er läßt sich 18* 275 selten in einen Wortstreit mit Erik ein, hört nur zu und radiert Eriks dick aufgetragene Farben ab, ohne etwas zu sagen. Scott hört auch zu und sagt weniger, außer wenn sich eine Gelegenheit zu einer frischen kleinen Wortkeilerei eröffnet. Dazu biete ich meist Anlaß, denn ich kann den Mund nicht halten.. Dann knallen die Ansichten gegeneinander. Trotzdem herrscht immer gutes Wetter bei uns. Spind 18 hält zusammen, wir sind hervorragende Freunde durch dick und dünn, seit Tagen, Wochen, Jahren. Der Liebste in unserem Kreis ist Arvid. Er ist immer unterwegs für andere. Wenn man Arvid irgend etwas nennt, das man entbehrt, dann tut er alles, um es herbeizuschaffen. Wenn man Hilfe sucht für einen Muselmann, ist Arvid immer bereit. Er fragt nicht, wer und was und warum, packt die Sache gleich an, nimmt aus seinem Spind heraus, was gebraucht wird, und gibt. Alle möglichen Unannehmlichkeiten wie Suppe- und Kartoffelholen usw. nimmt er auf sich, selbst auf die Gefahr hin, daß er es auch wieder wegtragen muß. Er hat nie nein gesagt. Nachdem er sich damit abgequält hatte, Erik und mir Rucksäcke und Tragriemen für die Evakuierung zu beschaffen, hatte er für sich selbst noch nichts. Es gibt wirklich nicht viele, die in diesem Fall erst an andere gedacht hätten. Wenn man etwas herbeischafft, was besser ist als das, was andere haben, und das man vielleicht durch ein außergewöhnlich gutes ,, Organisationsvermögen" erreichte, dann empört er sich nicht über das Ungerechte daran, wie es uns anderen passieren kann. Er wird auch nicht neidisch, sondern freut sich darüber, daß der Betreffende etwas so Schönes herbeigeschafft hat. Es tut so gut, so etwas zu sehen. Es hilft einem, das zu bewahren, was man einfach nicht verlieren darf. Denn hier wurden nicht nur tote Menschenleiber verbrannt und vernichtet, hier sind nicht nur junge, kräftige Gestalten zu Muselmännern geworden, zu Knochengestellen und Krematoriumsbrennmaterial. Auf diesem Schlachtfeld sind auch der jugendliche Glaube und die jugendliche Begeisterung von Tausenden zugrunde gegangen, der Lebensfunke von Unzähligen ist in Dunkel und Roheit erloschen. Ideale sind verschwunden, die Nächstenliebe ist in vielen Herzen zu Eis gefroren, der Glaube an die Zukunft, der 276 Wille und die Kräfte zum Guten sind verwelkt, wie die Muskeln auf den Skelettkörpern der Muselmänner zu einem unbrauch- baren, trockenen Gewebe einschrumpften. Von allen Massen- morden ist dies vielleicht der schlimmste. ıı. Februar 1945 Bei dem so grausam mißhandelten Transport, von dem ich gestern schrieb, waren auch zwei Norweger. Es stellte sich heraus, daß es der Nachtrupp eines größeren Transportes von dreizehnhundert Mann aus Liberose war. Diese Nachtruppe bestand aus dreißig bis vierzig Mann, die alle Muselmänner waren oder Verletzungen hatten, so daß sie schlecht gehen konnten. Die Norweger hatten Scheuerwunden und Blasen an den Füßen. Jetzt sind nur noch fünf von diesem Nachtrupp am Leben: die beiden Norweger, zwei Belgier und ein Deutscher. Die anderen wurden gestern getötet. Auf dem Weg von Libe- rose nach hier wurden neunundsechzig Mann erschossen, weil sie es nicht mehr schafften. Es waren meist Juden, aber auch Ukrainer, Polen und Russen. Also alles„Ostleute“. Wenn jemand von den anderen Gefangenen schlapp machte, wurde er auf den„Küchenwagen‘ genommen. Die Reise, die dreizehn Meilen lang war, dauerte sechs Tage. Während dieser Zeit be- kamen sie zweimal ‚Kaffee‘, sonst nichts Warmes. Sie hatten nicht mehr zu essen als die zwei Brote, die jeder von Liberose mitbekommen hatte. Einer der beiden Norweger war gestern auf unserem Block. Seine Füße waren bedeckt mit Wasser- blasen.„Wenn ihr Gelegenheit bekommen solltet, zu fahren oder mit einem rollenden Transport mitzukommen, so tut das um Gottes willen!“ sagte er.„Ihr wißt nicht, was ihr tut, wenn ihr freiwillig zu laufen wählt!‘(Diejenigen, die meinen, daß sie es zu Fuß nicht schaffen werden, haben jetzt Gelegenheit, sich in Listen für einen Zugtransport eintragen zu lassen.)„Das ist ganz schrecklich. Wir haben alles weggeworfen, was wir zu tragen hatten, mit Ausnahme der Wolldecke und des Schlafsacks. Viele warfen auch das noch weg und behielten nur ein paar Eßwaren, die sie bei sich hatten.‘ 271. v f 15 Ich glaube, daß die Wasserblasen des Jungen die Hauptrolle in seiner Urteilsfähigkeit übernommen hatten. Ungefähr zwei Meilen am Tag zurückzulegen ist nicht gefährlich, selbst für Leute, die nicht trainiert sind. Und mit Traggeräten, Ruck- säcken oder was man sonst organisiert haben mag, sollte man es doch schaffen können, jedenfalls zwanzig Pfund mit sich zu schleppen. Das könnte dann der Schlafsack, die Wolldecke, einmal Wäsche zum Wechseln und etwas Essen sein. Wir müssen mal sehen. Keiner vom Spind meldet sich für den Zugtransport. Wir glauben, daß wir es werden schaffen können, wenn wir auch„hoch in den Jahren‘ sind. Der Zugtransport sollte gestern abgehen, dann wurde er auf heute verschoben, und nun kam Bescheid, daß die Norweger nicht mit sollten. Die Norweger werden immer besonders be- handelt. Es scheint, daß man uns bis zum Schluß zurückhalten will. Vorgestern war Generalappell im Lager für alle, die keine Kommandos haben, zu Hause sind oder in den Blocks arbeiten. Die Norwegerblocks mußten nicht antreten; verirrte sich irgendein Norweger dazu, so wurde er herausgeholt und auf den Block zurückgeschickt. Die anderen wurden auf die Transportlisten gesetzt, mit Ausnahme der Deutschen wahr- scheinlich. Sie werden auch hier zurückgehalten. Gestern bekam ich zwei Briefe von Kari, aber keine Pakete oder Kleinigkeiten, obwohl ich aus den Briefen ersehe, daß sie ständig schickt. Es kommen wohl ganz ausgedehnte Post- diebstähle vor, das ist klar. Jetzt ist es leer im Spind. Ganz bis zum Boden ist es ausgekratzt, wir haben tatsächlich nur noch Mittagessen für heute, außer trockenem Brot und unseren „Panzerportionen“, die wir für den Evakuierungsmarsch zurückgelegt haben. Auch mit Tabak ist es aus. Falls wir nicht heute oder morgen irgendeinen„Paketbeitrag‘‘ erhalten, fürchte ich, daß wir wieder mit„Steckrüben“ anfangen müssen. Und dann geht es bergab zur Muselmanngrenze. Einige Wochen werden wir es immerhin schaffen! Uns ist es ja kaum einen einzigen Tag schlecht gegangen- ernährungs- “ technisch gesehen- und eine gute Grundlage haben wir alle miteinander. 278 Man hat jetzt hier draußen am Kanal, wo„Herz As‘ liegt, angefangen, Schützengräben zu ziehen. Man merkt, daß die Front näher rückt, wenn es auch sonst einerseits merkwürdig ruhig ist. Das Unheimlichste ist, daß alles, was geschieht, und alles, wovon wir hören, darauf hindeutet, daß dieses wahn- sinnige Volk vorhat, sich bis zum letzten Dorf zu verteidigen. ı2. Februar 1945 Die Sprache ist gesprengt. Ich selbst habe sie gesprengt. Es gibt keine Worte, die die Schrecken, die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, beschreiben können. Wie soll ich es fertigbringen, nur einen Widerschein von der Hölle zu geben, in der ich gestern war? Es war in der Isolierung zwischen Block ı3 und 14, die voll war von Juden aus Liberose. Leif Wolfberg war unter ihnen. Er hatte nach mir geschickt, darum kam ich. Ich kam nicht dazu, viel mit ihm zu sprechen. Ich sah, daß es ihm ‚ordentlich‘ ging, er hatte die ganze Zeit Norweger- pakete bekommen und sah„‚gut‘‘ aus. Aber das Schauspiel, das sich da drinnen um mich herum abspielte, fesselte mein ganzes Interesse, alle meine Gedanken und nahm mir beinahe alle meine Kräfte. Es war entsetzlich. Dantes Inferno könnte nicht schlimmer sein. Dort waren über tausend Juden, das heißt, einmal waren es Juden und Menschen gewesen. Jetzt waren sie lebendige Skelette, tierisch in ihrem wahnwitzigen Hunger. Sie warfen sich über die Abfallkisten, vielmehr sie fielen mit dem ganzen Oberkörper kopfüber hinein, mehrere auf einmal. Sie verschlangen alles, absolut alles, was darin lag, Kartoffel- schalen, Abfälle und in Fäulnis Übergegangenes jeder Art. Sie sahen nicht, was sie aßen, sie stopften es nur ins Gesicht, zogen und zerrten daran und balgten sich darum. Viele blieben in den Abfallkisten hängen, so daß diese mitgingen, wenn sie sich wieder erhoben, und es aussah, wenn sie daherkamen, als wenn zwei und drei Skelette zu einer wunderlich wandernden Karyatiden-Skulptur vereint seien. Aber das Schlimmste war, daß die ganze Zeit ohne Unterbrechung Schläge von Gummi- stöcken auf sie herunterhagelten. Sie kamen von jungen SAW- 279 - Burschen( SAW= Sonderabteilung Wehrmacht). Die Jungen hatten sich wahrscheinlich Kameradendiebstähle zuschulden kommen lassen und waren darum ins Konzentrationslager gebracht worden. Hier wurden sie mit Gummistöcken ausgestattet und bekamen das Recht, zu schlagen und zu töten. Sie waren mehr als willig und schlugen nach Herzenslust los. Aber die Opfer beachteten sie nicht. Sowie die Büttel sich umdrehten, um in eine andere Richtung zu schlagen, fielen sie wieder über die Abfallkisten her. Das Blut strömte an ihnen herab, von Gesicht, Händen und Beinen. Die meisten waren barfuß, und die Kleider hingen wie Lumpen um ihre Körper. Schwere Wunden leuchteten durch Risse und Öffnungen der Kleider. Die Büttel waren unbeschreiblich. Es waren nur junge Burschen, aber diese blutige Schlägerei berauschte sie und machte sie im höchsten Grade wild. Ich ging ihnen nach, sah ihre Gesichter, während sie schlugen- sie waren keine Menschen mehr, sie waren lebendige Teufel, besessen, hingerissen in Ekstase. Aus allen Kräften schlugen sie, zielten nach Gesicht und Kopf und Rücken und- trafen. Sie schlugen, was sie sahen, nicht nur diejenigen, die sie in den Abfallkisten erblickten. Sie stürzten wie brüllende Löwen in die Massen hinein und schlugen nach rechts und nach links. Die armen Opfer stürzten dutzendweise zur Erde um sie herum. Das begeisterte sie nur, und sie schlugen weiter auf sie los, als sie dalagen, versetzten ihnen Tritte, während das Blut aus Mund und Ohren und Wunden strömte. Jedesmal, wenn sie sich ausruhen mußten, wandten sie sich zu ihren lachenden und lächelnden Kameraden und Bewunderern um, lachten mit und schwangen ihren Stock leicht und spielerisch über ihren Köpfen. Und dann fingen sie von vorne an. Ein Jude, der zehn oder zwanzig Schläge bekommen hatte, schwankte und fiel gerade vor meine Füße. Er blieb unbeweglich liegen, das Blut floß ihm aus dem Mund und tröpfelte aus einem Ohr. Die Augen waren blutig und die Backenknochen von den Schlägen blutig geschwollen und aufgesprungen. Er war barfuß und die Füße waren voller Frostwunden. Die Hose 280 war heruntergeglitten, so daß die streichholzdünnen Schenkel sichtbar waren, und durch einen Riẞ im Hemd sah man seine Rippen. Ich neigte mich über ihn, faßte ihn unter den Armen und hob ihn auf. Er war leicht wie ein Kind. Wolfberg, der in einiger Entfernung stand, rief mir zu, ich dürfe das nicht tun, es nütze nichts, ich solle vorsichtig sein. Der arme Wolfberg; selbst einer von ihnen, war er noch abgehärteter, noch gefühlloser geworden. Ihm machte es gar nichts aus, das anzuschauen. Das war Alltag, ganz gewohnte Kost! Ich schleppte den Juden an die Wand und stützte ihn dagegen, dort kam er wieder zu sich. Er schaute mich mit ein paar Augen an- ach Herrgott, was für Augen! Alles Weiße war rot, und das Rote floẞ die Wangen herunter, die braunen Pupillen waren matt, als wenn eine Haut über sie gezogen sei, und die großen Augenlider hingen schwer darüber. Er gab einige gurgelnde Laute von sich. Ich dachte, er habe Atemnot, und versuchte, ihn aufzurichten. Die gurgelnden Laute kamen immer noch, jetzt regelmäßiger, es hörte sich an, als wenn er erwürgt würde. Aber es war, weil er weinte, weinte wie ein Kind. Ein Freund von ihm, der lange nebenan gestanden hatte, kam und half mir, ihn zu halten. Er erklärte mir, er habe gedacht, ich wolle seinen Freund aufrichten, um ihn zu schlagen. Er glaubte nicht, daß es wahr sei, daß ich ihm nur helfen wolle. Ich war ja kein Jude. Was ich sei? Norweger! Er lächelte, und etwas, das ein Lächeln bedeuten sollte, erschien auch im Gesicht des Freundes, einige groteske Grimassen und ein verstärkter Strom gurgelnder Laute. Ich schämte mich wie ein Hund. Was sollte ich sonst tun? Diese Juden, beide zu Krüppeln geschlagen( dem Freund, der hinzukam, strömte das Blut aus dem Gesicht)- von meinen Rassegenossen waren sie so zugerichtet, meine Rassegenossen waren es, die sie so behandelten, ihre Mitgefangenen! Und hier standen sie und lächelten, glücklich darüber, das eine Wort ,, Norweger" zu hören, während ich machtlos stand. Nie habe ich es früher tiefer empfunden, was es heißen will, machtlos in des Wortes wahrster und vollkommenster Bedeutung zu sein. Allein dort anwesend zu sein, wo ich war, war 281 mir verboten, wieviel mehr, den Verhaßten zu helfen! Die Gedanken jagten durch das Gehirn, ich erwog alle Möglichkeiten, aber überall stieß ich nur auf die Mauer, die Verbote, den Terror, die Büttel! Und die Vernunft, die kalte, widerwärtige Vernunft erzählte mir ohne Umschweife, daß diese Menschen des Todes. seien. Keiner könnte sie noch retten, nicht einmal die besten Ärzte in Friedenszeiten. Sie waren zu weit gekommen, sie standen ja bereits mit dem einen Bein weit drinnen im Totenreich. Ein einziger Gedanke festigte sich: Möge der Tod sie bald holen! Mögen sie doch diesen Abend noch in die Gaskammer geführt werden, damit diese unmenschlichen Leiden und Peinigungen zu Ende wären! Hätte ich Veronal in unbegrenzten Mengen gehabt, ich hätte es an Hunderte wie Brot ausgeteilt, im Bewußtsein dessen, eine gute Tat getan zu haben die einzig mögliche. - - Ich zog dem halbtoten Juden die Hose hoch, befestigte und ordnete seine Kleider, so gut es ging, nahm ein Taschentuch und trocknete das Blut aus seinem Gesicht. Sie stierten mich nur an, alle beide, mit großen, verwunderten Augen. Dann hob der eine mühsam seinen Arm er mußte alle seine schwindenden Kräfte dazu aufbieten ließ ihn in der Höhe meines Kopfes sinken, und langsam glitt seine verknöcherte Hand an meinem Gesicht hinab. Das war seine letzte Liebkosung, und er gurgelte etwas, was sein Freund übersetzte: ,, Er sagt, Sie seien ein anständiger Mensch!" Dann rutschte er an der Wand entlang hinunter auf die Erde, und ich glaube, daß er dort gestorben ist. Aber ich weiß es nicht, denn ich beeilte mich, fortzukommen, während die Schamröte mir im Gesicht brannte. ,, Ein anständiger Mensch!" Ich, der es nicht einmal gewagt hatte, zu versuchen, diesem besinnungslosen, unwissenden, wahnwitzigen Jungen in seiner himmelschreienden Schande und Ungerechtigkeit Einhalt zu gebieten. Ich, der es nicht einmal gewagt hatte, ins Lager hinauszugehen und Essen für diese hungrigen Skelette zu sammeln! Arme, einfältige, leidende Seele, mir galten ihre letzten Liebkosungen, ihr letztes Lächeln, ihre letzten Worte: ,, Ein anständiger Mensch." Ach, wenn ich mich doch nur einmal wieder aufrichten könnte 282 aus dem Scheindasein in diesem Pfuhl von Erniedrigung, um wirklich ein ,, anständiger Mensch" zu werden! Ich ging wieder zu Wolfberg und einigen anderen Norwegern, die um ihn herumstanden. Sie betrachteten das Schauspiel, das seinen Fortgang nahm. Die Büttel schlugen irrsinniger denn je, und die Opfer zogen sich zurück mit gebeugtem Rücken und vorgehaltenen Händen, um sich zu schützen. Viele stürzten und ersparten es so den Bütteln, ihnen nachzulaufen. Sie schlugen, bis sie sich ausruhen mußten. Die Attentate auf die Abfallkisten wiederholten sich ununterbrochen. Die Elenden stopften die Abfälle in die Taschen, unter das Hemd, in die Mütze alles, was sie nicht in den Mund stopfen konnten. Sie achteten auf nichts, nur Essen- Essen! Diese Sauerei keine Schweine hätten es gefressen, kein Tier, nur Fliegen und Bakterien hätten es langsam aufgezehrt. - Ein Norweger sagte: ,, Das da sind keine Menschen, das sind Schweine! Ich habe selbst gehungert, aber nie könnte ich so tief sinken, daß ich den reinen Dreck essen würde! Noch nie habe ich schlimmere Leute gesehen, schlimmeres Schweinepack. Es ist ja richtig, sie von den Abfällen fernzuhalten, man muß sie ja schlagen, aber nicht einmal das hilft!" Ich warf mich auf ihn und schlug auf ihn los. Es tat gut, zu sehen, wie er sich krümmte, denn er krümmte sich bei jeder Salve, die ich losfeuerte. Er wurde ganz klein zuletzt. So habe er das nicht gemeint, sagte er. Aber ich meinte es so, und als zu gleicher Zeit ein krummgebeugter Skelettjude um sein Leben lief, den Büttel hinter sich, gerade an uns vorbei, während Schlag auf Schlag auf seine armen Knochen fiel, zeigte ich auf die beiden und sagte: ,, Wer von diesen beiden ist ein Mensch und wer ein Schwein? Antworte darauf, du selbstherrlicher Arier, der du da stehst!" Er sprach kein Wort mehr. Auch das war eine Genugtuung. Aber das Ganze war ein kleines, armes, feiges Ventil für alle in mir aufgestauten Kräfte, von denen ich fühlte, daß sie zu etwas ganz anderem gebraucht werden sollten, wenn ich nur den Mut dazu gehabt hätte! Ich hielt es nicht mehr aus, dort drinnen zu sein, alles, was ich sah, machte mich mehr und mehr machtlos, mehr und mehr verzweifelt, mehr und mehr 283 inwendig gelähmt vor stummem Abscheu vor allem, auch vor mir selbst. Es gelang mir, mit Arvid zusammen, der mir gefolgt war, hinauszukommen. Wir gingen auf das Revier und besuchten Rolf. Es ging ihm Gott sei Dank viel, viel besser. Ich hatte ihn vierzehn Tage lang nicht gesehen, es war eine gewaltige Besserung einge- treten. Wir blieben lange dort: zwei bis drei Stunden. Auch das war verboten. Am Abend wurde auf dem Block Ziehharmonika gespielt und gesungen, und die Laune war gut. Ich sang mit und war lustig! Kann das möglich sein? 13. Februar 1945 Aus der Tb-Abteilung auf dem Revier werden ständig Leute herausgesucht, die direkt in das Krematorium gehen. Ja, direkt! Nicht zuerst in die Gaskammer, sie bekommen einen Schlag auf den Kopf, das genügt. Man hört Schreie und ein- zelne Schüsse, wenn eine Abteilung dorthin gegangen ist. Lange habe ich geglaubt, daß es nur die hoffnungslos Kranken sind, die dieses Schicksal ereilt. Jetzt erfahre ich, daß auch hier die Auswahl ganz zufällig ist. Ein großer starker Pole, der vier Jahre auf der T'b-Abteilung gelegen hat und der keineswegs hoffnungslos krank ist, sollte dieser Tage genommen werden. Er bekam Wind davon, sprang durch das Fenster hinaus und versteckte sich im Lager. Der Blockälteste nahm einen anderen Patienten, einen Polen oder Ukrainer, aus einem Bett heraus und sandte ihn an dessen Stelle weg. Die Quote mußte stimmen, um Krach zu vermeiden. Es heißt, daß aus dieser Abteilung Leute ins Krematorium geschickt werden, ohne überhaupt untersucht worden zu sein. Mit den Juden aus Liberose ist noch nichts geschehen. Ein großer Teil von ihnen starb gestern nacht. Ich sprach wieder mit Wolfberg. Es gelang ihm gestern, hinauszukommen, um uns zu besuchen. Er erwartete nicht mehr, lebendig hier heraus- zukommen, der Arme. Aber er bat uns merkwürdig leicht und unbeschwert, die gemeinsamen Freunde zu Hause zu grüßen, falls wir durchkämen. Auf ihn macht kein Krematorium mehr 284 einen Eindruck, kein Büttel, keiner dieser unmenschlichen Schrecken, die mich noch immer aufregen- jedenfalls eine Zeitlang. Er ist abgehärtet, aber gleichzeitig hat er auf eine merkwürdige Weise sein Herz und seine feine, weiche Menschlichkeit behalten. Er hat nur eine ganz unerklärliche und beinahe unheimliche Fähigkeit, sie auszuschalten, wenn es erforderlich ist. Und es ist erforderlich, das weiß Gott! Als wir gestern zurückkamen, hieß es, alle Evakuierungsmaßnahmen seien eingestellt. Es gibt wirklich Dinge, die auch darauf hindeuten. Aber auf einem anderen Block wurde ebenso hartnäckig und aus ebenso ,, sicherer" Quelle behauptet, daß wir Donnerstag los sollen. Einige Norweger sind bereits mit einem Reviertransport geschickt worden. Damit ist die Ansicht, daß die Norweger zurückgehalten werden sollen, widerlegt. Jetzt heißt es noch, daß die Evakuierung nach Kommandos vorgenommen werden soll. Dann wird das Spind gesprengt. Frode und Erik werden zusammenkommen und Scott und ich. Aber wir glauben nichts, bevor wir es sehen. Ein norwegischer Polizist kam gestern hier ins Lager und wurde auf Nr. 14 gelegt. Er war mit den anderen norwegischen Polizeileuten irgendwo bei Danzig interniert gewesen. Vor einiger Zeit wurde das Lager zu Fuß evakuiert. Der Polizist bekam Scheuerwunden und konnte das Tempo nicht mehr einhalten. Man sagte ihm, wo es hinging, und bat ihn, nachzukommen. Dann wurde er sich selbst überlassen. Er zog die Landstraße allein entlang, so gut er konnte, bettelte Essen auf den Bauernhöfen und ebenso Nachtlager. Aber dann vergaß er den Namen der Stadt oder des Lagers, wo er hin sollte. In irgendeinem kleinen Dorf meldete er sich bei der Polizei und erklärte die Sache. Man gab ihm drei Posten mit, und es sollte per Bahn weitergehen. Die Posten hängten ihre Mäntel und Gewehre auf dem Bahnhof ab und gingen davon. Der Mann blieb wieder alleine, denn die Posten kamen nicht zurück. Er traf dann einen deutschen Offizier und meldete, was vorgefallen war. Der Offizier nahm sich der Gewehre und der Überzieher an und sagte, der Mann könne weitergehen. Er ging, und nach langer Zeit langte er hier in Sachsenhausen an, 285 wo er anklopfte und bat, hereingelassen zu werden. Dem stand anscheinend nichts im Wege. Jetzt sitzt er auf Block 14 zusammen mit Juden und den Schlimmsten aller Muselmänner. Er muß ja doch ein Trottel gewesen sein, daß er seine Chance nicht besser ausnutzte. Aber die Geschichte- wenn sie wirklich wahr ist- gibt ein ganz gutes Bild von den Zuständen außerhalb des Zaunes. Chaos und Auflösung! Es waren unweigerlich wertvolle Aufklärungen für solche, die vielleicht daran gedacht hatten, sich davonzumachen. Die Russen dringen weiter vor. Jetzt sind sie beinahe nur einen Tagesmarsch entfernt. Hier werden überall Panzergräben und Bunker, Maschinengewehrnester und Schützengräben gebaut. Gott weiß, ob wir den ganzen Sturm aus der Nähe erleben sollen? 14. Februar 1945 Im Laufe der vorletzten vierundzwanzig Stunden sind im Lager verstorben: 150 Mann auf dem Revier, 46 auf dem Block, 14 der Juden aus Liberose und 1542 auf Transporten. Das ist die Ernte von vierundzwanzig Stunden. Gestern wurden einhundertzehn Mann aus der Tuberkulose- Abteilung ausgesucht und ,, um die Ecke" geführt, das heißt zum Krematorium. Das Aussuchen geschieht auf folgende Weise: Die Häftlinge werden aufgerufen und ,, zum Transport" aufgestellt. ( Als wenn die meisten nicht wüßten, wohin es ginge!) Man läßt sie sogar Decken und Schüsseln mitnehmen und was sie sonst an Kleinigkeiten besitzen. Sie werden gut angezogen. Die SS hilft ihnen sogar, die Jacken am Hals zuzuknöpfen, damit sie nicht frieren sollen! Sie nimmt sich ihrer an und ist geradezu nett zu ihnen, damit sie keinen Verdacht schöpfen sollen. Trotz der Wolldecken, der Schüsseln und der Kleinigkeiten sind die Kleider ohne ihre Besitzer vom letzten ,, Transport" auf die Blocks zurückgebracht worden. Und doch gibt es viele, die sich betrügen lassen und glauben, es ginge wirklich auf einen an286 ständigen Transport. Man könnte vielleicht glauben, daß diese Fälschung, diese Todeskomödie aus Nächstenliebe in Szene gesetzt wird, damit die armen Menschen jedenfalls nicht wissen, daß sie getötet werden sollen. Ach nein, auch Edelmut kennt Grenzen! Es geschieht aus rein praktischen Gründen- es ist das Ergebnis einer jahrelangen Erfahrung. Es hat sich nämlich gezeigt, daß die Menschen, selbst die Kranken, sich nicht ganz freiwillig zur Schlachtbank führen lassen, gerade wie die Tiere auch. Es kommt vor, daß sie ihre letzten Kräfte zusammenraffen, um sich loszureißen und wegzulaufen, Widerstand zu leisten, zu schlagen, zu schreien. Dann müssen sie auf sie schieBen, sie wieder einfangen, und allerlei Unannehmlichkeiten können entstehen. Es könnte vielleicht sein, daß unerwünschte Leute auf diese Tätigkeit aufmerksam werden. Nicht von jedem wird sie ja als die hygienische Aktion, als die sie gemeint ist, verstanden und gewertet. Denn Tb ist ja ansteckend, ist einer der schlimmsten und tödlichsten Feinde der Menschheit! Sie muß ausgerottet werden. Gesunde Menschen darf man dieser tödlichen Ansteckungsgefahr nicht aussetzen. Der Schwindsüchtige ist darum ein Feind des gesunden Menschen. Wenn man die Sache also von dieser höheren Warte aus ansieht, kann man den ganzen Prozeß als menschenfreundlich bezeichnen. Aber so ,, weit" zu schauen, ist wohl nur einzelnen gegeben- Übermenschen! In letzter Zeit wählt man für diese ,, Transporte" allerdings einen anderen Weg. Man hat entdeckt, daß die meisten verstehen, wohin es geht, sobald sie um die rechte Ecke biegen. Viele klappen zusammen oder werden lästig aus den genannten Gründen. Darum setzt der Transport, nachdem er durch das Tor gegangen ist, seinen Weg geradeaus fort an der verhängnisvollen Ecke vorbei und geht auch zum äußeren Tor hinaus, hinaus auf die Straße in das freie Deutschland! Und in die angsterfüllten Herzen schießt die Hoffnung, daß es doch übertrieben ist, dieses Gerede von Krematorium und Untergang, daß man ihnen nichts Böses will, daß sie nur in ein besseres Lager übergesiedelt werden sollen, in ein Erholungsheim! Und mit frischem Mut und zunehmenden Lebenskräften 287 wandern sie mit ihren Narrendecken und Sachen los bis zur nächsten Ecke, wo rechts abgebogen wird. Und dann führt man sie durch einen anderen Eingang in die gleiche Anstalt mit denselben gelben Schornsteinen, aus denen sich Tag und Nacht schwerer Rauch wälzt. Viele glauben sogar, daß sie hier nur hinkommen, um in Omnibusse verladen zu werden, die sie zur Bahn bringen sollen. Bei Tb- Kranken ist es ja sehr schwer, die Hoffnung zu zerstören, wenn sie einmal gefaßt ist. Und diese Hoffnung betäubt ihren Verdacht, stumpft ihre Urteilskraft und Beobachtungsgabe ab und bringt sie dazu, bis zum letzten Atemzuge mit allen Fasern am Leben zu hängen. Aber die ,, Rücksichtnahme" und das ganze Narrenspiel hören auf in dem Augenblick, in dem sie die Schwelle zur Todeskammer überschreiten- sei es nun die Gaskammer, der Krematoriumskeller oder der Industriehof. Wenn man die Schüsse und Schreie bis zum Revier und den umliegenden Gebäuden hören kann, wie muß es dann sein, wenn man sich im nächsten Raum befindet und ,, an der Reihe" ist? Ein Stück Speck von Björn und ein paar Sardinenbüchsen, die sich im gleichen Paket befanden ,,, retteten" gestern die Lage. Die ,, Panzerportion" wurde noch einen Tag gespart. Vielleicht können wir noch einen Tag mit dem restlichen Speck und der einen Sardinenbüchse auskommen- wir werden dazu noch ein paar Steckrüben hinunterzwingen, damit der Magen voll wird. 15. Februar 1945 Gestern wurde im Schonungsblock Nr. 2,, ausgesucht", wo Skipper Stuben ältester ist. Er wußte zu erzählen, daß die Opfer die Wolldecken und was sie sonst noch besaßen mitkriegten. Ein Omnibus kam auf den Appellplatz und holte sie. Das Einsteigen ging dort vor sich. Mit Paketen auf dem Rücken und Paketen auf dem Bauch und einer Decke über den Schultern wanderten sie froh zum Appellplatz, wo sie Mann für Mann aufgerufen wurden und ihr Name auf der Liste ein Kreuz erhielt. Diese Kreuze wurden ihre Grabkreuze. Aber sie wußten es nicht. Sie fuhren aus dem Lager hinaus, geraden288 wegs durch die beiden Tore. Der Omnibus hielt auf der anderen Seite der Anlage. Dort ist eine neue kleine Baracke entstanden. Sie wurden hineingeführt und mußten dort das Hemd ausziehen, weil sie geimpft werden sollten. In der Baracke sah es sauber und ordentlich aus. Weiße Decken lagen auf den Tischen, und zwei weiẞgekleidete ,, Ärzte" erwarteten sie.( Zwei Gefangene, die nie Ärzte gewesen waren, und die die Büttelarbeit übernommen haben!) Auf einem Tisch lagen mehrere Spritzen bereit. Der eine ,, Arzt" gab dem Gefangenen die Spritze, während der andere sie aufs neue füllte und auf den Tisch legte. Dann wurde der Gefangene von einem ,, Pfleger" durch die gegenüberliegende Türe geführt. Kaum war er durchgegangen, da fiel er auch schon tot um. Die restlichen Kleider wurden ihm ausgezogen, und die Leiche wurde dann direkt weiter in den Krematoriumsofen expediert. Dies hat einer der ,, Ärzte" im Rausch verraten. Denn getrunken wird natürlich auch. Es ist des öfteren vorgekommen, daß jemand an Metanolvergiftung gestorben ist. Ein Norweger starb dieser Tage auch an einem solchen ,, Rausch". Ein anderer wurde beinahe blind. Leider spukt es für die Juden aus Liberose. Ein Teil von ihnen ist schon ,, ausgesucht" worden. Viele sterben auch ,, natürlich". Der arme Wolfberg! Ihr müßt zu Hause grüßen, sagte er. Er wird schon vorbereitet sein. Mitten in diesem Elend und in dieser Unheimlichkeit existiert immer noch der Sonderbau, das Hurenhaus. Zehn Mädchen haben sich auf diese Weise ,, freigekauft" von einer Strafe, die sie schlimmer dünkte. Und als Begleitung zu all dieser ,, Betriebsamkeit" donnern, quietschen und brüllen die Lautsprecher ringsum im Lager von dem Augenblick an, da wir abends von der Arbeit kommen, bis wir zu Bett gehen. Modernste Operettenmusik, Chorgesang, Militärmärsche, Nachrichten und Propaganda, merkwürdigerweise ab und zu auch wirklich gute Musik: Bach, Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann. Aber die Lautsprecher sind so erbärmlich schlecht, daß es eine Qual ist, selbst diese Musik zu hören. Wir bekommen allmählich ,, reichlich Platz" im Lager. Seit 19 Nansen 289 wir hier sind, war das Lager noch nie so schlecht belegt. Darum soll jetzt etwas umbelegt werden. Alle, mit Ausnahme der Norweger, sollen nach Kommandos geordnet untergebracht werden. Wir sollen uns auf zwei Blöcke verteilen, so daß wir anstatt vierhundert nur hundert auf jedem Block sind. Das wird ja das reinste Luxusdasein werden, wenn auch unter normalen Verhältnissen immer noch anderthalb hundert Gefangene zuviel da wären. Ach ja, normale Verhältnisse. Was ist das? Für uns hat sich alles verschoben: die Zeit, der Maßstab und die Begriffe. Es wird schon schwer werden, wieder Häuser für Menschen im normalen Maßstab zu zeichnen. 16. Februar 1945 Auf dem Revier liegt ein kleiner Judenjunge, der noch keine zehn Jahre alt ist. Er kommt von Auschwitz. Seine Füße sind erfroren, und einige Zehen mußten amputiert werden. In Auschwitz war er Laufjunge im Krematorium. Er erzählt u. a., daß die größte Anzahl, die die Gaskammer auf einmal fassen könne, zweitausend sei, und ,, dann wurden zwei Büchsen gebraucht", sagte er. ,, Woher weißt du denn das?" fragte ihn jemand. ,, Doch, ich holte ja die Büchsen", antwortete der Junge. Er erzählte auch, daß sein Vater, mit dem er zusammen wohnte, ihn oft in den Kleiderhaufen verstecken mußte, wenn im Lager Razzien nach Judenkindern waren. Auf diese Weise wurde er gerettet. Ich möchte wissen, ob das der kleine Junge war, der an der Hand seines Vaters ging und ihn nicht loslassen wollte, nicht einmal, als er grüßen sollte. Er wechselte nur die Hand. Es war vor einem halben Jahr, als Wolfberg mit dem großen Transport von Auschwitz kam. Der Vater erzählte mir, daß er den Jungen mitgeschmuggelt hatte und daß er ihn immer versteckt habe, wenn die Razzien kamen. Wo mag dieser Vater jetzt sein? Und wie mag es dem armen kleinen Jungen gehen? Ich werde ihn bei erster bester Gelegenheit besuchen und mit ihm sprechen, vielleicht kann ich ihm ein klein wenig Trost oder Freude geben. Ich werde jedenfalls ein paar Stücke Zucker mitnehmen. Das ist leider alles, was wir jetzt noch haben. 290 Wolfberg wurde gestern in einen anderen Block überführt. Wahrscheinlich in Nr. 58, so erzählte mir jemand, der gesehen hat, wie er mit zwei ,, Luftschutzleuten" an unserem Block vorbeiging. Er war allein. Das könnte bedeuten, daß alle anderen Juden vernichtet werden sollen und daß er auf diese Weise in Sicherheit gebracht wird. Er ist ja Norweger und noch sind die Norweger ,, geschützt". Sogar die Norweger auf der Tuberkulose- Abteilung, die ziemlich hoffnungslos krank sind, bleiben in Frieden. Dafür können sie sich wohl bei Sven Oftedal bedanken. Aber ein Jude, der nicht einmal Uhrmacher ist? Ich weiß nicht, wie ich erfahren soll, wie es ihm geht. Block 58 ist immer noch ein streng verbotenes Gebiet. Der furchtbare Schläger Ernst ist dort Blockältester und sein Waffenbruder Filip Stuben ältester. Filip ist ein norwegischer Junge, den ich vom Nordnorwegen- Transport her kenne, wo er faul, schwierig und bockig, aber nicht böse war. Jetzt ist er Handlanger der Büttel. Der arme Filip! Seine Glanzzeit wird kurz sein. Bald sieht es auch für ihn dunkel aus, trotz der langen Gefangenschaft und allem, was sie herbeiführte. Filips Schicksal ist tragisch und bezeichnend dafür, was aus einem ungefestigten, charakterschwachen Jungen in dieser höllischen Umgebung werden kann. Es gibt auch gewisse andere Norweger, die mit einem grünen Winkel ausgestattet sein sollten. Alle tragen den roten, alle sind politische Gefangene ,,, achtbare" Vaterlandskämpfer. Doch, hier kann man eine wunderbare Auslese von ,, Vaterlandsfreunden" zusammenstellen, mit denen in irgendeiner Weise klassifiziert zu werden wir uns wohl bedanken würden. Das wird auch ein Nachkriegsproblem werden, was wir mit diesen Lumpen machen sollen, die sich hinter roten Winkeln verstecken. Zwei von ihnen, denen es wahrscheinlich zu heiß wurde in ihrem Block, haben sich als Partisanenkämpfer zum Kriegsdienst gemeldet, zusammen mit den deutschen Grüngewinkelten. Ach Gott im Himmel, wie ist dies entsetzlich! Ringsum wird geraubt, gestohlen, geplündert und gemordet, die Kanonen und Bomben dröhnen, und die Teufel triumphieren. Ob dies nicht doch der Untergang selbst ist? Wie hatte man 19* 291 sich ihn sonst vorgestellt? Es ist wohl so, daß wir immer nur davon gesprochen haben. Uns fehlte die Phantasie, um uns vorzustellen, wie er sich gestalten würde. Jetzt ist er da. Wir sind mitten drin und merken es nicht, weil wir es nicht fassen können. Wir werden es vielleicht erst verstehen, wenn es zu spät ist. 18. Februar 1945 Im Laufe des Nachmittags und Abends wurde noch ein Teil ‘Norweger für den Transport ausgesucht. Man rechnet damit, daß sie heute nachmittag starten. Unter ihnen befinden sich Arnulf Överland und Bjarne Aanesen. Man sagt, daß dieser Transport nicht einer von den besten sein soll. Aber man kann und soll sich nicht auf das verlassen, was der eine oder andere „sich so gedacht hat“. Die Stimmung im Lager ist in den letzten Tagen übrigens noch unheimlicher und teuflischer geworden. Die Norweger fühlten sich seither sicher, aber die- jenigen, dieNerven und„ Riechorgane‘‘ haben, werden langsam bedenklich.„Vernichtung!“ liest man oft mit Feuerbuchstaben an der Wand in der Dunkelkammer der Gedanken. ‚Ver- nichtung! Standrecht! Ausnahmezustand! Es gibt nur zwei Sorten Menschen: diejenigen, die mit uns sind, und diejenigen, die gegen uns sind! Die letzteren sollen vernichtet werden, restlos vernichtet!‘“ Man sieht die Kolonnen vor sich, die in den Tod marschieren, jene an den Fronten und die in den Konzen- trationslagern und Gefängnissen und auch diejenigen, die die Wege in ganz Deutschland füllen: die Flüchtlinge. Und über ihnen allen hängt der Terror wie eine Peitsche mit Millionen Schwänzen. Ohne Gnade! Willst du oder willst du nicht? Leben oder Tod! Keine Sentimentalität, keine Gefühle. Die Maschinengewehre fühlen nicht, auch nicht die Tanks und Kanonen und Bombenflugzeuge, auch diejenigen nicht, die den Finger am Abzug ihrer Waffe haben, die an den Lenkrädern sitzen- Kurs Untergang. Und so ist es am besten. Denn denke dir, wenn sie wüßten, was sie tun—? Uns ist noch nicht alles gleichgültig, jedenfalls nicht allen. Unsere Herzen empfinden immer noch Schmerz, unsere Nerven können uns lästig wer- 292 den, und unsere Gedanken beugen uns zur Erde. Aber auch die Sonne kann noch scheinen, noch vermögen ihre Strahlen in unser Gemüt einzudringen und Hoffnung, Glauben und Freude zu verbreiten. Ja, Gott sei Dank, noch sind wir nicht, tot, noch gilt unsere Sehnsucht dem Leben. Die Sensation dieser Tage ist eine riesengroße Alkohol- affäre im Lager. Fünfzigtausend Liter Genever sind nach Kfz-Depot Wald gekommen. Es dauerte nicht lange, bis die Gefangenen den Schnaps rochen und anfingen zu zapfen. Die SS folgte, und jetzt stehlen sie um die Wette, jeder für sich oder gemeinsam. Gestern und heute war ein großer Teil des Kommandos ziemlich angeheitert. Die SS wagt nicht, etwas zu sagen, sie ist selbst zu sehr in die Geschichte verwickelt. Sämmler rief heute bei Irsch an und meldete, daß ein ganzes Kommando vollkommen betrunken oben im Wald liege. Es wurde nichts unternommen. Ich habe den Schnaps versucht, er war grauenhaft. Im übrigen mag ich keinen Wacholder- schnaps. 19. Februar 1945 Gestern besuchte ich den kleinen Judenjungen auf dem Re- vier. Stelle dir einen von Raffaels Engeln vor! So sah er aus, ja, man mußte unwillkürlich schauen, ob die Kopfkissen- enden, die hinter seinem Rücken hervorsahen, nicht vielleicht doch zwei kleine Flügel seien! Er lag auf R III, und es ging ihm großartig. Alle kannten ihn, viele nahmen sich seiner an, und er entbehrte nichts. Er bekam genug zu essen, und der Fuß schmerzte nicht mehr. Zwei und ein halbes Jahr lang hat dieser Junge in deutschen Konzentrationslagern eingesperrt gesessen! Er ist Slowake und wohnte in einer Stadt in der Nähe von Preßburg. Seine Mutter war Deutsche, ja, war, denn sie wird kaum noch am Leben sein. Die ersten beiden Jahre wohnte er mit seinen Eltern zusammen in einem Lager in Kielce in Polen. Es ging ihnen„gut“, sie arbeiteten dort in einer Fabrik. Nach einem halben Jahr wurde der Vater mit einem Transport weggeschickt. Der Kleine lebte dann mit seiner Mutter ein Jahr lang im Lager. Aber dann wurde auch die Mutter mit 293 - einem Transport weggeführt, und er stand alleine in der Welt, acht Jahre alt! Und in was für einer Welt! Er wurde dann nach Auschwitz überführt. Sein Vater, der dort in einer Wäscherei arbeitete, erblickte ihn zufällig, als er auf der Rampe stand, wo er mit mehreren hundert Juden aufgestellt war, um in die Gaskammer geführt zu werden. Der Vater schnappte ihn und versteckte ihn in der Wäscherei unter den aufgestapelten Kleidern. Später wurde er Laufjunge in der Wäscherei. Als er noch keine zehn Jahre alt war, lernte er die Schrecken in ihrem ganzen Ausmaß kennen. Er konnte erzählen, wie groß die Gaskammer sei, wie viele Menschen auf einmal hineingingen( zweitausend) und wie viele Büchsen( Gas) man dann brauche( vier). Er erzählte vom Entkleidungsraum, wo sie sich auszogen, ehe sie in die großen Hallen gingen. Er stehe voller Bänke, sagte er, und alle müßten ihre Kleider ordentlich an die Haken hängen und nicht vergessen, das Schild mit ihrer Nummer über die Kleider zu hängen. Nein, in der großen Halle seien keine. Bänke er lachte über meine Unwissenheit-, dort drinnen müßten sie stehen, sie sollten ja sterben, und er lächelte wieder sein Engelslächeln. War das möglich? Lag dieser Engel Raffaels wirklich dort und erzählte, wie Tausende und aber Tausende seiner eigenen Stammesgenossen starben? Und war sein Lächeln nicht so rein und unschuldig wie jedes Lächeln in einem schönen Kindergesicht? Nein, sie durften sich nicht hinsetzen, sagte er, sie standen dicht, dicht beieinander und starben. Er schien sehr verwundert darüber, daß ich, der ich doch so alt aussah, so etwas nicht wußte. Das sei doch ganz alltäglich... Es könne ungefähr zehn Minuten dauern, bis sie tot seien, meinte er beinahe sachlich. Ob die Halle wie ein Bad aussehe, ob das Gas durch an der Decke angebrachte Kräne ströme oder wie es überhaupt sei? wollte ich wissen. Er schüttelte den Kopf über soviel Unwissenheit: Nein, das Gas wurde doch zu ihnen hineingeworfen. Die Büchsen? Jetzt wurde er ganz verzweifelt darüber, daß ich so einfache und gewöhnliche Dinge nicht wußte, wie, daß das Gas in Glasbehältern durch Öffnungen in der Wand hineingeworfen wurde und daß die Behälter zerbrachen, wenn sie auf den Boden fielen. Den Zu294 sammenhang zwischen diesen Behältern und den Büchsen verstehe ich nicht, aber ich brachte es nicht über mich, weiter zu fragen. Ich kam mir beinahe wie ein Verbrecher vor, weil ich diesen kleinen Engel nach solchen Dingen fragte. Ein halbes Jahr blieb er in Auschwitz- so erzählte er weiter. Dann wurde sein Vater wieder abtransportiert. Das war im November vorigen Jahres. Der Vater kam hier in dieses Lager, wahrscheinlich mit dem gleichen Transport, mit dem Wolfberg kam. Aber er ist nicht mehr hier. Er wurde irgendwohin weitergeschickt, und es ist sehr zweifelhaft, ob er überhaupt noch unter den Lebenden ist. Der Junge kam vor vierzehn Tagen hierher mit einem anderen großen Transport, bei dem viele erfroren waren. Er weiß weder von Vater noch Mutter etwas, und Geschwister hat er keine. Er steht ganz allein in der Welt, allein unter fremden Menschen, in einem fremden Land, zehn Jahre alt! Er ist vertraut mit Tod und Untergang, mit Not und Peinigung und der Teufelei aller Menschen. Ihm wird man wohl kaum etwas erzählen können, was er nicht schon weiß oder gehört oder gesehen hat mit seinen großen, unschuldigen Kinderaugen. So sieht seine Ansicht von der Welt aus ihm war keine Gelegenheit geboten, sich eine andere zu bilden! Vom Leben und vom Tod- wußte er nur das, was er gesehen hatte in dieser Hölle! Aber ich fand in diesem Kindergesicht nichts, was erzählte von all den Schrecken, in denen er gelebt hatte. Die Augen waren groß und graubraun und offen mit einem ruhigen und zuversichtlichen Ausdruck, und die ganze Zeit spielte ein Lächeln um seinen Mund. Vielleicht lag ein nervöser Zug darum- aber nein, Kinder lächeln ja nur, wenn sie sich sicher fühlen und wenn es ihnen gut geht. - Vielleicht genierte er sich auch ein wenig. Ich weiß es nicht. Scott, der mich begleitete, machte mich darauf aufmerksam, daß die Hände des Kleinen ausgesprochen nervös reagierten. Keinen Augenblick konnte er sie ruhig halten, ständig fuhren. sie über die Decke, fummelten an den Zipfeln des Bettuches und an seinen Kragenecken. Er hatte ein kleines Buch bei sich, das er beständig herumdrehte. Er blätterte ein wenig drin, schloß es wieder, griff nach einem Bleistift, den Scott ihm 295 gegeben hatte, fummelte etwas damit, ließ ihn wieder fallen, strich sich über die Stirn, fuhr leicht über das Gesicht, über den Mund, die Ohren, das Haar und dann wieder über die Bettuchzipfel. Ununterbrochen war er in Bewegung. Es waren erwachsene Hände, es waren nicht die molligen, stumpfen Finger eines Kindes mit den runden Handrücken. Es waren lange, gefühlvolle, feingeformte Finger, leuchtend sauber und delikat mit fein modellierten Handflächen. Schöne Hände, aber sie gehörten irgendwie nicht zu diesem Bild von Raffael. Es war, als wenn die ganze Tragödie, die dieses Kind erlebt hatte, Ausdruck gefunden habe in diesen kleinen, übersensiblen Händen. Wenn man erst auf sie aufmerksam geworden war, konnte man die Augen nicht wieder von ihnen lassen, sie fesselten vollkommen. Ich nahm sein Buch und blätterte darin. Es war ein Buch mit Bildern von deutschen Kriegsflugzeugen, Jägern, Bombern. Ich fragte ihn, ob er sich dafür interessiere. ,, Ja!" und er strahlte vor Begeisterung. ,, Ja, aber weißt du nicht, wozu diese Flugzeuge gebraucht werden?" versuchte ich einzuwenden. ,, Doch, die werden im Krieg gebraucht, um hoch oben in der Luft zu fliegen, hoch, hoch!" Er zeigte so hoch er konnte und lachte hingerissen. Ich deutete auf das Bild von einigen Bomben und fragte, ob er wisse, was das sei. ,, Selbstverständlich!" lachte er ,,, das sind Bomben!" ,, Ja, und wozu braucht man die?" ,, Zum Schießen, Bomben, in die Luft zu sprengen!" Und er stellte eine Explosion mit Händen und Armen dar und lachte begeistert. Ich sagte, daß solche Bomben und solche Flugzeuge gefährliche Dinge seien, für die wir uns nicht interessieren sollten. Aber ich wußte ja, daß ich ihm das so schnell nicht beibringen könnte, Jahre würden vergehen, ehe diese Kinderseele gerettet wäre! Und plötzlich überkam mich ein brennendes Bedürfnis, ihn mitzunehmen, zu behalten, zu beschützen und einen Menschen aus ihm zu machen. Eine plötzliche Freude durchfuhr mich, ich erlebte ein paar gute Sekunden, ehe mir das Unmög296 liche und Hoffnungslose eines solchen Planes bewußt wurde. Ich fragte ihn, ob er in diesem Buch auch gelesen habe. Nein, er könne nicht lesen. Und schreiben? ,, Kannst du mir bis zum nächsten Sonntag einen Brief schreiben?" Nein, auch schreiben könne er nicht, sagte er. ,, Aber deine Mutter lehrte dich doch sicher lesen und schreiben in Kielce?" ,, Nein, darauf stand Todesstrafe, darum wagte Mutter das nicht", sagte er mit einem Lächeln. Wenn ich auch ziemlich abgehärtet bin durch dieses Leben hier unten und gewohnt, manches zu sehen und zu hören, so trafen mich diese kleinen lächelnden Antworten doch wie Bombenschläge. Das Kind, der Engel Raffaels, war Herr der Lage. Wir anderen mußten uns immer wieder zusammenreißen und unsere Gedanken ordnen, um das Gespräch fortsetzen zu können, das dieses merkwürdige Kind dann wieder lächerlich machen oder ganz zerreißen konnte, nur durch ein paar kleine Worte oder ein Lächeln oder ein kleines, trillerndes Lachen. Aber in diesen Worten, in diesem Lächeln und in diesem hellen Kinderlachen lag gleichzeitig das ganze eisenharte Grauen dieser Zeit, ihre Schrecken und ihre kalte Herzlosigkeit. Selbst das Elend der Muselmänner, selbst Prügelstrafen und der Galgen, selbst der schlimmste Terror haben nicht stärker auf mich gewirkt als dieser kleine Raffael- Engel mit seiner melodischen Kinderstimme, seinen schlichten Worten, seinen offenen, zuversichtlichen, lächelnden Augen und mit seinen Händen- diesen merkwürdigen Händen. 20. Februar 1945 Heute kam unser zweiundsiebzigjähriger ziviler Chef hier auf ,, Herz As" und sagte, daß wir einige Kisten besorgen müßten, in die wir unsere Zeichensachen usw. packen könnten, weil wir nach Stettin übersiedelten. Wir brauchten aber nicht alles mitzunehmen, meinte er, denn in einigen Monaten kämen wir hierher zurück und sollten hier weiterarbeiten. Tatsächlich, das glaubte er! Der Vormarsch der Russen sei jetzt aufgehalten, sie würden nicht weiter vordringen. Wir sollten nach Stettin kommen, zwanzig Kilometer vor den russischen Linien, und 297 eine Benzinfabrik, die bombardiert sei, aufbauen! Kann man so etwas glauben? Die Deutschen können es. Die Norweger, die für den Transport ausgesucht worden sind( es soll der letzte rollende Transport von hier sein), sitzen immer noch isoliert auf Block 14, zusammen mit all den anderen. Vor zwei Tagen mußten einige von ihnen abends, nachdem sie bereits zu Bett gegangen waren, ihre Sachen packen und kommen, weil der Transport gleich abgehen sollte. Zwei Tage und zwei Nächte haben jetzt tausend Mann sich dort aufgehalten, in einem Block, während viele Blocks in den Lagern leerstehen und es mehr Platz gibt denn je! Und dort liegen sie nun und essen all das auf, was sie für die Reise mitgenommen hatten, während sie das, was sie nicht mitschleppen konnten, verschenkt haben! Der Alkoholskandal auf Kfz- Depot artet weiter aus. Hunderte von Litern sind jetzt in Händen der Gefangenen und haufenweise kommen sie abends todbetrunken in das Lager. Gestern, als Kfz- Depot an uns vorbeimarschierte, roch man eine richtige Schnapsfahne herüber. Der Kommandoführer schrie: ,, Es stinkt nach Fusel von der ganzen Kfz- Kolonne!" und beim Einmarsch kam es beim Tor zu einem kleinen Nachspiel. Wir sahen, wie ein völlig betrunkener Pole über den Appellplatz zum Bunkerblock getreten wurde. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten, so betrunken war er, und jedesmal, wenn er wieder hochkam, flog er durch einen wohlgezielten Tritt von SS- Stiefeln wieder auf die Erde. Die SS amüsierte sich großartig! Armer Teufel! Nachher wird er wohl Schläge bekommen und seine Reste werden auf Transport geschickt werden. Zwei Norweger wurden später am Abend auch geschnappt, weil sie betrunken waren. Sie wurden in den Bunker von Block 41 geführt, wo sie einen Teufel von Blockältestem haben, einen der Schlimmsten im ganzen Lager. Aus dem Revier sollen jetzt viele Kranke mit dem nächsten Transport weggeschickt werden. Zu ihnen gehört auch Rolf. Er sieht blendend aus und wird es schon gut schaffen. Gott sei Dank! Der Transport geht nach Bergen- Belsen bei Hannover. Es soll dort ordentlich sein. 298 22. Februar 1945 Gestern wurden wieder einige Wagenladungen Tb- Patienten abgefertigt. Dazu kam der Trupp Juden, der im Krematorium beschäftigt war. Es waren sechsundzwanzig Mann. Sie hatten die Spuren der Ermordung von zwölftausend Russen im Jahre 1941 beseitigen müssen, das heißt, sie gruben die Gebeine heraus, wo sie nach mangelhafter Verbrennung vergraben worden waren, und zerbrachen sie. Was dann damit gemacht wurde, weiß ich nicht. So glaubte man wahrscheinlich, die Spuren eines zweiten Katyn entfernen zu können. Gestern wurde ein Gefangener in das Krematorium geschickt, um im Leichenkeller ein neues Fenster einzusetzen, da das alte zerbrochen war. Das Fenster war mit Blut bespritzt, und ein Eisenstab war zur Seite gebogen, als wenn jemand versucht hätte, hinauszukommen. Er erfuhr, daß eine der ,, Leichen“ nicht tot gewesen war und dort unten, wo man unter Hochdruck arbeitete, um die Leichen in die Öfen zu befördern, aufgewacht sei. Er hatte in den Ofen hineingeschaut, den entsetzlichen Zusammenhang erfaßt und einen verzweifelten Versuch gemacht, sich aus dem Fenster hinauszuzwängen. Dann hatten sie ihn erschossen. Die Mauer rings um das Fenster war mit Kugeln besät. Der Transport ist noch nicht abgegangen. Einer der Betrunkenen vom Kfz- Depot ist gestorben. Er hat sich einfach totgetrunken an zweiundachtzigprozentigem Spiritus. 25. Februar 1945 Noch immer sind die dreißig Norweger, die mit dem Transport weggeschickt werden sollten, hier. Heute kamen sie sogar, nachdem sie eine Woche isoliert gewesen waren, auf ihre Blocks zurück. Ich sprach mit Stenstrup. Was er von dieser Woche erzählen konnte, war erschütternd. Die Leute starben wie Fliegen um sie herum. Sie waren ja mit Muselmännern und arbeitsunfähigen Leuten zusammengepfercht. Täglich wurden Haufen von Leichen auf den Aborten oder im Waschraum aufgestapelt. Es gehörte zur Tagesordnung, daß einige 299 der„Leichen“ nicht ganz tot waren. Wenn von irgend jemand, der an diese„Grobsortierungsmethode‘ noch nicht gewöhnt war, der Einwand erhoben wurde, daß der und der noch am Leben sei und nicht auf den Leichenhaufen gelegt werden dürfe, dann wurde nur geantwortet, daß er doch in wenigen Minuten sterben werde. Man solle ihn also ruhig dahinlegen. So ging das! Es konnte vorkommen, daß eine„Leiche“, die zuunterst lag, noch lebte! Man konnte auf Einwendungen dieserhalb auch die Antwort bekommen: ‚Von ihm haben wir einen Totenschein, er ist also fertig! Tu ihn auf den Haufen- er ist bald tot!‘‘Man war die zweifelhaften Fälle durchgegangen und hatte Totenscheine ausgeschrieben auch für die, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe des Tages sterben würden. Es gehört wohl etwas dazu, sich an einen solchen Zynismus zu gewöhnen. Oder was soll man von folgender„Barmherzigkeits- tat‘ halten: Es wurde aufgerufen. Einer nach dem anderen kam. Sie mußten sich zu fünfen in Reihen aufstellen mit allen Kleidern und Habseligkeiten. Ein Mann wurde aufgerufen- er meldete sich nicht. Der Name wurde wiederholt, und er kam- schwan- kend, abgemagert, fertig. Es war offensichtlich, daß er keinen Transport mehr würde aushalten können. Jemand fühlte seinen Puls, belauschte das Herz, schüttelte den Kopf und sagte etwas zu den„Veranstaltern‘‘. Einer davon wandte sich an die, die an der Barackenwand standen:„Machen Sie doch Platz, damit dieser Mann sich an die Wand lehnen kann. Er wird sterben- er stirbt sicher im Augenblick!“ Sie wichen zur Seite, der Mann ‚erreichte die Wand, stützte sich, und gleich darauf sank er zu- sammen und war tot. Ein Pfarrer hat mich früher schon stutzig gemacht mit seiner merkwürdigen Ruhe und Unberührtheit. Er hörte Stenstrup zu, ohne etwas anderes zu sagen als die eine oder andere ergänzende Bemerkung über die toten und lebenden„Leichen“. Er tat es mit einer Munterkeit, als wenn er etwas Komisches erzählte. Aber er lachte nicht.„Ja, erinnerst du dich an den, der so fror?“ fragte er plötzlich. Stenstrup erinnerte sich.„Es ging einer zu ihm hin“, fuhr der Pfarrer fort,„befühlte ihn und 300 nahm den Puls. Dann sagte er nur zu dem Mann, daß er jetzt nicht mehr lange zu frieren brauche. Bald sei er im Krematorium, und dort habe er es warm genug!" Der Pfarrer lachte nicht, es war ja auch nichts zum Lachen. Er aẞ nur weiter Knäckebrot mit Marmelade, während Stenstrup weiter erzählte und ich ihn ausfragte. Als wir gestern von der Arbeit zurückkehrten, gab es große Neuigkeiten. Es heißt, daß die Norweger in ein Sonderlager geschickt werden sollen. Das schwedische Rote Kreuz hatte Verhandlungen mit Deutschland geführt, ja, direkt mit Himmler, und diese Verhandlungen hatten zu einem günstigen Ergebnis geführt. Wir sollen weg von hier! Evakuiert werden unter dem Schutz des schwedischen Roten Kreuzes! Direkt von Himmler ist der Befehl gekommen, daß alle Norweger aus sämtlichen Kommandos nach Neuengamme bei Hamburg geschickt werden, wo ein Sammellager für sie eingerichtet werden soll. Weiter heißt es, daß wir von dort aus in ein Internierungslager in Schweden übersiedeln sollen. Die goldenen Perspektiven, die uns vorgespiegelt werden, nehmen überhaupt kein Ende. Was wahr ist an dem Ganzen, ist unmöglich zu sagen. Alle Nachrichten werden derart verdreht, gefälscht und zurechtgemacht, daß der wirkliche Kern von Wahrheit ganz verschwindet und man gar nicht weiß, was man glauben soll. Ich für mein Teil habe mir deshalb angewöhnt, auf alles vorsichtig zu reagieren, besonders auf alles Erfreuliche. Man hat jedoch einigen Kommandos offiziell mitgeteilt, daß alle Norweger durch andere Gefangene ersetzt werden sollen, da diese ,, an einem der nächsten Tage weggeschickt würden". Dieser Prozeß, Norweger durch andere zu ersetzen, hat übrigens bereits begonnen. Einige behaupten, es sei Graf Folke Bernadotte, der diese Verhandlungen in Berlin geführt habe. Andere wieder wollen wissen, Prinz Carl persönlich habe angefragt, wie es um die Sicherheit der norwegischen und dänischen Internierten in der jetzigen- und zukünftigen- Situation in Deutschland stehe. Die Antwort muß offensichtlich derart gewesen sein, daß die Schweden Verhandlungen aufgenommen haben. Sie wollen selbst den Transport der nor301 wegischen und dänischen Gefangenen in ein„‚sichereres‘““ Lager übernehmen. Neuengamme ist sonst als schlecht bekannt. Sollte jedoch wahr sein, daß es ein Sonderlager für Norweger und Dänen unter dem Schutz des schwedischen Roten Kreuzes werden soll, dann hätte man ja Ursache zu glauben, daß die Verhältnisse dort besser werden. Es erübrigt sich wohl, zu sagen, daß die Stimmung in den Norwegerblöcken gehoben ist- milde ausgedrückt. 26. Februar 1945 Hinsichtlich unseres Schicksals haben wir nichts Neues er- fahren. Aber die Gerüchte werden weiter gesponnen, und die fröhlichsten und schönsten Zukunftsperspektiven werden auf- gerollt. In Sonnenscheinomnibussen sollen wir hier wegfahren, bedient und gepflegt werden von schwedischen Lotten, Über- fluß an Essen und Kleidern haben, und alles soll nur gut wer- den. Die Zeit unserer Prüfungen ist vorbei. Wir sind erlöst! Aber sonst ist alles beim alten. Heute morgen marschierten wir zur Arbeit wie sonst, und nichts deutet auf eine plötzliche Veränderung hin. Emil Stang, Stenstrup und viele andere kamen nach dem ein- wöchigen Aufenthalt in der Isolierung zurück, tief erschüttert und entsetzt über das, was sie gesehen und erlebt haben. Stenstrup erzählte davon. Stenstrup ist übrigens fabelhaft. Ich glaube, ich habe noch nie einen stärkeren Menschen als ihn getroffen, was auch die Heldensaga seines Gefängnisaufent- haltes mit allen seinen abenteuerlichen Begebenheiten bezeugt. Klein und zart, wie er ist, sollte man es nicht für möglich halten, daß er alle Peinigungen und allen Terror, denen er unterworfen war, ausgehalten hat. Die wunderbare Stärke, die von diesem kleinen, merkwürdigen Mann ausstrahlt, ist bestimmt auch eine gute Hilfe für die Kameraden gewesen. Stang sagt, er seinerseits habe keine Ahnung davon gehabt, was hier in Sachsenhausen wirklich vor sich gegangen sei. Als er hierher kam, wurde er von guten Freunden und lieben Menschen betreut- und es dünkte ihn, er habe es in jeder Beziehung 302 „gut“ und„nett. Von Sachsenhausens Kehrseite habe er nichts gesehen, er habe keine Ahnung davon gehabt, was für Dinge hier geschehen, und daß Zustände herrschen, die so schrecklich seien, so roh und entsetzlich, daß seine Phantasie nicht ausgereicht hätte sich das vorzustellen- hätte er es nicht mit seinen eigenen Augen gesehen. Er war bis in das Innerste seiner Seele erschüttert. Die Norweger sind während der Isolierung Gegenstand einer systematischen Ausplünderung gewesen. Teils mußten sie dem Blockältesten. und allem möglichen Blockpersonal und „angestellten“ Mitgefangenen von ihren Vorräten abgeben, um eine anständige Behandlung zu erreichen, teils wurden sie regelrecht bestohlen. Sie wurden erst auf 14 gelegt. Als sie dort ausgeplündert waren, wurden sie auf 36 überführt, wo ein neuer Blockältester und andere mehr eine neue Ausplünderung begannen. Das Letzte verloren sie, als sie auf Block 14 zurück- ziehen mußten. Nachts wurden sie nach Strich und Faden in den Betten bestohlen, denn sie mußten ja alles, was sie be- saßen, mit in die Betten nehmen und versuchen, darüber zu brüten. Aber die meisten schliefen zu tief und erwachten in einem leeren Bett. Leer? Sie lagen ja zu dreien bis vieren zu- sammen. Die Muselmanndiebe krochen herum, elend und wahnsinnig vor Hunger, und stahlen alles Eßbare und alle Kleider, die sie auf ihre Knochenkörper anziehen konnten. Arme, elende Menschenwürmer! Kann man das nicht ver- stehen? Gibt es keine Entschuldigung für das, was sie taten? Gibt es nicht Verbrechen, die schlimmer sind als das, daß man versucht, dem Tod zu entgehen dadurch, daß man von denen nimmt, die Überfluß haben? Überfluß? Keiner hat Überfluß, aber einige leiden keine Not, und andere sterben vor Hunger. „Sie werden doch sterben!“ Ja, wahrscheinlich, aber auch sie hängen am Leben, und Hunger und Schrecken machen sie wahnsinnig und verzweifelt. Unter diesen Wahnsinnigen gibt es viele gerissene Diebe, und man ist seiner Sachen niemals sicher, solange man sich unter ihnen aufhält. Alles verschwindet einem aus den Taschen und aus dem Pappkarton, den man unterm Arm hält. Bjarne Aanesen hatte alles, was er besaß, 333 schön verpackt in einem neu organisierten Rucksack auf dem Rücken. Als sie sich wegen Fliegeralarms eine Weile in die Baracken zurückziehen mußten, wurde ihm sein ganzer Besitz mit einem Messer aus dem Sack herausgeschnitten! Das geschah, als er im Flur im Gedränge stand. Ich mußte lachen, als ich es hörte, denn es ist ja so sinnlos ärgerlich, und die Frechheit hat einen derartigen Rekord geschlagen, daß es schon komisch ist. Wie immer war ich auch am gestrigen Sonntag auf dem Revier, um meinen jüngsten Freund, den Raffael- Engel Tommy, zu besuchen. Er war gerade so freundlich und lächelte. ebenso, wie das letztemal, dabei war er mitteilsamer. Er hatte keine Zeichnungen für mich gemacht, wie er es versprochen hatte, und entschuldigte sich damit, daß er es ohne Erfolg versucht habe. Ich hatte ein Päckchen mit Würfelzucker, Sardinen usw. bei mir, Scott brachte Keks, und Tommy war begeistert. Diesmal berichtete er von dem Transport von Auschwitz über Heinckel hierher. Erst gingen sie drei Tage zu Fuß. Sie hatten ziemlich viel Essen mitbekommen, u. a. auch Büchsenfleisch, das ihm gleich am Anfang weggestohlen wurde. Die Decke, die er mithatte, warf er von sich, weil sie zu schwer wurde. Er ging mit einigen anderen kleinen Jungen zusammen, die in seinem Alter waren. Sie waren auch allein in der Welt, die Eltern wahrscheinlich tot. Allein auf einem Gefangenentransport! Zehn Jahre alt! Nach einem Marsch von drei Tagen wurden sie in Eisenbahnwagen verstaut. Zweihundert in jeden Wagen. Die Wagen waren offen. Sie hatten keine Wände. Die Gefangenen standen zusammengepfercht so dicht wie möglich. Man muß sich vorstellen, was das für die kleinen Zehnjährigen bedeutete, zusammengepreẞt zu stehen, tief unten zwischen den Beinen der Erwachsenen. Der Transport wurde während der schlimmsten Kälte durchgeführt und dauerte zwölf Tage und zwölf Nächte. Der Junge erzählt, daß ununterbrochen Menschen starben, und daß die anderen sich jedesmal freuten, wenn wieder einer tot war, weil sie dann mehr Platz bekamen. Die Toten wurden manchmal sofort hinausgeworfen, oder es war üblich, daß man sich auf sie setzte. 304 ,, Was hast du denn von all dem gedacht, Tommy?" ,, Bitte, ich verstehe nicht was meinen Sie?" - ( Er sagt ,, Sie" zu allen älteren Herren, beherrscht die Umgangsformen vollkommen, ist höflich und wortgewandt.) Ich erklärte ihm, so gut es ging, was ich meinte, im Grunde genommen meinte ich ja gar nichts. Was mochte dieses Kind gedacht haben? Er glaubte, ich wolle wissen, was mit dem ,, auf Leichen sitzen" gemeint sei, und versicherte mir, daß er niemals auf einer Leiche gesessen habe und daß er das auch nicht wolle. Ich fragte, ob sie in diesen Wagen eingeschlossen waren, oder ob sie beim Aufenthalt in den Bahnhöfen hinausgehen durften. ,, Ah, Sie meinen austreten!" Und er erklärte, daß dafür ein Loch im Wagenboden gewesen sei, das sie während der Fahrt benutzen konnten. Durch dieses Loch, so erklärte er, flohen auch viele. Fünfzehn aus dem Wagen, in dem er war. Die Wachen sagten nichts. Warum sollten diese Armen auch nicht solch eine verzweifelte Chance benutzen? Hunderte starben ja unterwegs vor Kälte und wurden über Bord geworfen. Diese hier konnte man ja auch als Tote ansehen- ob das nun jetzt oder später war. Groß würden die Chancen, ihrem Schicksal zu entgehen, auch in der ,, Freiheit" nicht sein. Juden ohne Essen und Kleider im heutigen Deutschland! Ich fragte Tommy, wie viele unterwegs wohl erfroren seien. ,, Oh, viele, viele, mindestens tausend! Mindestens!" ,, Und du, Tommy, hast du auch gefroren?" ,, Furchtbar, ich habe auch furchtbar geweint. Aber meine Hände sind nicht erfroren!" Darüber ist er stolz und froh, und er zeigt sie mir, diese merkwürdigen, erwachsenen, nervösen Hände mit den langen sensiblen Fingern. ,, Aber meine Füße!" und er macht einige Grimassen, um zu zeigen, wie weh ihm die Füße getan haben. Er habe keine Handschuhe an den Händen gehabt und konnte sie auch nicht in die Tasche stecken, dafür sei es zu eng gewesen, erklärte er. Sie seien darum die ganze Zeit frei gewesen. Bei Heinckel war er auf das Revier gelegt worden mit den anderen Kindern zusammen und vielen, vielen anderen. Alle hatten Erfrierungserscheinungen. Auch dort habe er viel geweint, erzählte er ein wenig schelmisch- als wenn er von Streichen erzählte, die er angestellt habe. 20 Nansen 305 Besonders die große Zehe habe sehr geschmerzt. Die ganze Haut und das Fleisch hätten weggenommen werden müssen, erzählte er, und er sei so dünn gewesen wie-( er zeigte mir seinen dünnen kleinen Finger). Hier habe man den großen Zehen amputiert und den nebendran auch, und das habe sehr, sehr weh getan. Auch hier habe er viel geweint, aber jetzt war alles vorbei. Es waren Abschnitte einer merkwürdigen Geschichte aus all den Erlebnissen geworden, einer Geschichte, die er jetzt erzählen konnte. Seine kleinen Spielkameraden hatte er verloren. Sie waren alle mit Transporten irgendwohin weitergeschickt worden. Aber hier seien viele Onkels, strahlte er, die alle so nett zu ihm seien, und jetzt gehe es ihm gut. Es verlange ihn nur so sehr danach, aufzustehen und gesund zu sein. ,, Warum denn", fragte ich ,,, du hast ja Zeit genug. Und solange du hier bist, bist du in Sicherheit!" Da schaute er mich beinahe mitleidsvoll an mit seinen großen, klugen Augen und sagte: ,, Ja, aber wenn dieses Lager evakuiert wird- was dann? Wenn ich dann noch hier liege und nicht laufen kann was wird dann mit mir gemacht?" Ja wahrlich, es würde nichts nützen, wollte man versuchen, diesen Zehnjährigen unter falschen Voraussetzungen zu trösten. Er sah klarer als mancher Erwachsene und wußte besser Bescheid darüber, was in einem Konzentrationslager geschehen kann jedenfalls mit Juden. Welche Summe schrecklicher Erfahrungen besitzt er doch! Was weiß er nicht alles über das Leben. Welche Gedanken muß er sich doch über seine Mitmenschen gemacht haben- oder nach und nach bekommen! - - Kann man nicht das Weinen dieses kleinen Jungen hören aus der Tiefe des offenen Güterwagens, wo tote und sterbende Menschen zusammengestaut waren, wo keiner an andere als an sich selber dachte, geschweige denn an einen armen, kleinen, zehnjährigen Menschenwurm, der auf dem Boden des Wagens zusammengekauert lag und weinte? Kann man sich dieses grauenhafte Drama bei zehn und fünfzehn Kältegraden vorstellen empfindet man es nicht als eine unausweichliche Forderung an sich selbst, alles zu tun, was man vermag, um zu verhindern, daß so etwas jemals wieder vorkommen wird? Armer 306 - kleiner Tommy, was soll aus dir werden! Elternlos, mit einem Gemüt, das zerspalten ist von den Schrecken, die er erlebt hat, mit Gedanken und Meinungen, die zynisch sind wie kaltes Metall, und zehn Jahre alt! Nein, man empfindet nur, daß man sinkt sinkt hinunter in eine bodenlose Ohnmacht. Keine einzige Seele kann man retten- nicht einmal verhindern, daß sie vor den eigenen Augen schonungslos getötet wird. Nicht einmal dann, wenn man sein eigenes Leben als Pfand gäbe- und alles, was man besitzt- nicht einmal dann... - Glöersen hat mich untersucht. Es geht mir zur Zeit nicht besonders gut. Starke Bronchitis- die tief steckt. Sonst nichts. Auch keine Arznei. Wenn ich atme, pfeift der ganze Brustkasten. So geht es Erik auch. Aber was kann man daran machen? Nichts. Wenn man Fußtouren macht, ist es weniger angenehm. Man bekommt dann leichter Lungenentzündung, sagt Glör. Und bekommt man das, ist es wahrscheinlich aus- meint er. 28. Februar 1945 Und so kamen denn auch die letzten Tage des Februar. Der März ist der Frühlingsmonat und bringt uns doch in eine lichtere Zeit hinein. Churchill hat wieder gesprochen. Es soll jetzt bald zum letztenmal losknallen, hat er gesagt. Der Alkoholstrom vom Kfz- Depot fließt in unverminderter Stärke. Man erzählt sich, daß 52000 Liter von einer evakuierten Branntweinfabrik bei Breslau gekommen seien. Und das Lager trinkt, sowohl die Grünen als auch die Gestreiften. Ein Mann vom B- Flügel auf unserem Block starb. gestern auf unserem Revier. Was er getrunken hatte, weiß ich nicht jedenfalls starb er daran. Und zu Hause hatte er Frau und Kinder. Herrgott! - 2. März 1945 Die Tage und Nächte sind voller Fliegerangriffe, und die Luftabwehrgeschütze hört man nicht mehr. ,, Das ist kein Wunder", sagte ein Zivilist hier ,,, denn die Soldaten sind alle an der Front. Die Flak wird von Frauen und Hitler- Jugend 20* 307 Besonders die große Zehe habe sehr geschmerzt. Die ganze Haut und das Fleisch hätten weggenommen werden müssen, erzählte er, und er sei so dünn gewesen wie-( er zeigte mir seinen dünnen kleinen Finger). Hier habe man den großen Zehen amputiert und den nebendran auch, und das habe sehr, sehr weh getan. Auch hier habe er viel geweint, aber jetzt war alles vorbei. Es waren Abschnitte einer merkwürdigen Geschichte aus all den Erlebnissen geworden, einer Geschichte, die er jetzt erzählen konnte. Seine kleinen Spielkameraden hatte er verloren. Sie waren alle mit Transporten irgendwohin weitergeschickt worden. Aber hier seien viele Onkels, strahlte er, die alle so nett zu ihm seien, und jetzt gehe es ihm gut. Es verlange ihn nur so sehr danach, aufzustehen und gesund zu sein. , Warum denn", fragte ich ,,, du hast ja Zeit genug. Und solange du hier bist, bist du in Sicherheit!" Da schaute er mich beinahe mitleidsvoll an mit seinen großen, klugen Augen und sagte: ,, Ja, aber wenn dieses Lager evakuiert wird دو - was dann? Wenn - ich dann noch hier liege und nicht laufen kann was wird dann mit mir gemacht?" Ja wahrlich, es würde nichts nützen, wollte man versuchen, diesen Zehnjährigen unter falschen Voraussetzungen zu trösten. Er sah klarer als mancher Erwachsene und wußte besser Bescheid darüber, was in einem Konzentrationslager geschehen kann- jedenfalls mit Juden. Welche Summe schrecklicher Erfahrungen besitzt er doch! Was weiß er nicht alles über das Leben. Welche Gedanken muß er sich doch über seine Mitmenschen gemacht haben oder nach und nach bekommen! Kann man nicht das Weinen dieses kleinen Jungen hören- aus der Tiefe des offenen Güterwagens, wo tote und sterbende Menschen zusammengestaut waren, wo keiner an andere als an sich selber dachte, geschweige denn an einen armen, kleinen, zehnjährigen Menschenwurm, der auf dem Boden des Wagens zusammengekauert lag und weinte? Kann man sich dieses grauenhafte Drama bei zehn und fünfzehn Kältegraden vorstellen empfindet man es nicht als eine unausweichliche Forderung an sich selbst, alles zu tun, was man vermag, um zu verhindern, daß so etwas jemals wieder vorkommen wird? Armer 306 - kleiner Tommy, was soll aus dir werden! Elternlos, mit einem Gemüt, das zerspalten ist von den Schrecken, die er erlebt hat, mit Gedanken und Meinungen, die zynisch sind wie kaltes Metall, und zehn Jahre alt! Nein, man empfindet nur, daß man sinkt sinkt hinunter in eine bodenlose Ohnmacht. Keine einzige Seele kann man retten- nicht einmal verhindern, daß sie vor den eigenen Augen schonungslos getötet wird. Nicht einmal dann, wenn man sein eigenes Leben als Pfand gäbe- und alles, was man besitzt- nicht einmal dann... - - Glöersen hat mich untersucht. Es geht mir zur Zeit nicht besonders gut. Starke Bronchitis die tief steckt. Sonst nichts. Auch keine Arznei. Wenn ich atme, pfeift der ganze Brustkasten. So geht es Erik auch. Aber was kann man daran machen? Nichts. Wenn man Fußtouren macht, ist es weniger angenehm. Man bekommt dann leichter Lungenentzündung, sagt Glör. Und bekommt man das, ist es wahrscheinlich aus- meint er. 28. Februar 1945 Und so kamen denn auch die letzten Tage des Februar. Der März ist der Frühlingsmonat und bringt uns doch in eine lichtere Zeit hinein. Churchill hat wieder gesprochen. Es soll jetzt bald zum letztenmal losknallen, hat er gesagt. Der Alkoholstrom vom Kfz- Depot fließt in unverminderter Stärke. Man erzählt sich, daß 52000 Liter von einer evakuierten Branntweinfabrik bei Breslau gekommen seien. Und das Lager trinkt, sowohl die Grünen als auch die Gestreiften. Ein Mann vom B- Flügel auf unserem Block starb gestern auf unserem Revier. Was er getrunken hatte, weiß ich nicht jedenfalls starb er daran. Und zu Hause hatte er Frau und Kinder. Herrgott! - 2. März 1945 Die Tage und Nächte sind voller Fliegerangriffe, und die Luftabwehrgeschütze hört man nicht mehr. ,, Das ist kein Wunder", sagte ein Zivilist hier ,,, denn die Soldaten sind alle an der Front. Die Flak wird von Frauen und Hitler- Jugend 20* 307 bedient. Erstens sind sie des Schießens unkundig, zweitens haben sie Angst, wenn es knallt, und da auch die Munition knapp ist, lassen sie es lieber. Es steigt praktisch genommen kein deutscher Jäger mehr auf, um den feindlichen Bombern zu begegnen. Sie haben kein Benzin mehr. Die Brände in Berlin und in anderen Orten können nicht gelöscht werden. Es fehlt an Wasser, und es sind keine Leute da. An den Wegen von hier nach Küstrin und anderen Teilen der Front stehen die Autos in dichter Reihe. Kein Benzin! Warum in des Himmels Namen wird dieser Wahnsinn fortgesetzt?‘ Derjenige, der so sprach, ist ein hundertprozentiger Nationalsozialist. Bernti Lund hat einen Brief von seiner Mutter bekommen, die in Schweden lebt. Sie schreibt, daß man dort angefangen habe, einen ‚Kindergarten‘ einzurichten, wo sie ihre Kinder betreuen dürfen. Jungen und Mädchen! Die Kinder könnten in zwei Monaten einziehen, heißt es, und der Brief wurde vor einem Monat geschrieben. Es muß ja wohl doch etwas daran sein, an diesen Gerüchten vom schwedischen Roten Kreuz. Das ist klar. Aber daß wir nach Schweden überführt werden sollen, daran habe ich noch nicht zu denken gewagt. Jetzt werde ich wohl immer daran denken müssen, aber mit dem Glauben warte ich lieber bis später. Der Brief hat hier neuen Optimismus hervorgerufen. Viele halten jeden Tag, den wir hier sind, für den letzten in Sachsenhausen. 4. März 1945 Sonntag- vielleicht der letzte in Sachsenhausen. Heute abend sollen alle zum Appell antreten. Es sicht beinahe aus, als ob wir abreisen sollten! Offensichtlich geht es nach Neuen- gamme. Sammellager zwecks Weitertransport?NachNorwegen oder Schweden? Gestern kamen Gefangene aus Ravensbrück hierher, darunter einige wenige Norweger. Im übrigen waren noch achtzig Kinder dabei- zwischen vier und acht Jahren-, gefährlich für das Dritte Reich! Viele von ihnen waren im Konzentrationslager geboren. Die Frauen in Ravensbrück haben es entsetzlich gehabt. Es 308 sind meist Muselfrauen. Die Pakete, die von hier aus an die norwegischen Frauen abgingen, wurden zum größten Teil gestohlen. Sie waren alle an einen Vertrauensmann adressiert. Der Kommandant bediente sich des unglaublich gemeinen Tricks, daß eine Gefangene unmöglich achtzig Pakete empfangen könne. Zwanzig bekam sie. Die anderen nahm er. 5. N . März 1945 Es wird schon ernst mit unserer Abreise. Gestern kamen alle Außenkommandos ins Lager. Von Falkensee, Klinker, Lichtenrade, Lichterfelde und wie sie alle heißen mögen. Unter ihnen befand sich auch Kolbjörn und viele andere. Aber es wurde nichts aus dem Appell um sechs Uhr, wie wir es erwartet hatten. Und auch heute gingen wir zur Arbeit, als wenn nichts bevorstünde. Wir werden natürlich einen plötzlichen Bescheid bekommen, im Laufe von zehn Minuten abfahrtbereit zu sein. Und dabei haben wir noch nicht ,, gepackt"! Die Kinder aus Ravensbrück waren Zigeunerkinder, phantastisch schön und süß, musikalisch und- hungrig! Einige von ihnen bekamen auf dem Norwegerblock 16 zu essen. Sie bedankten sich mit Gesang und Musik. Seltsam und merkwürdig, wie so manches andere in diesem Lager, wo Dunkel und Licht, Tod und Leben, Himmel und Hölle Seite an Seite wandern. Am Sonntag war ich wieder wie üblich auf dem Revier. Dem kleinen Tommy geht es jetzt viel besser. Er war aufgewesen und auf seinem Fuß herumgelaufen. Er wird wie ein Prinz behandelt dort drüben, und natürlich furchtbar verwöhnt. Scott und ich brachten ihm Zucker und andere Dinge, und Arvid kam mit Knäckebrot und Sardinen. Tommy wird darum vorerst keine Not leiden. Aber wie wird es ihm ergehen, wenn wir wegreisen? Wenn das Lager evakuiert wird? Wenn der Krieg zu Ende ist? Es tut mehr als weh, daran zu denken, daß dieses arme, unschuldige Geschöpf vielleicht kaltblütig aus dem Weg geräumt werden soll, getötet, gemordet! Und wir können nichts tun, um das zu verhindern, gar nichts. Ich habe mich gestern von ihm verabschiedet. Ich erwarte nicht, daß 309 - ich ihn einmal wiedersehe. Es tat weh, aber er verstand es nicht. Er versprach willig, mir zu schreiben, wenn der Krieg vorbei sei, und lernte meine Adresse auswendig. Er wird sich schon daran erinnern. Ich fragte, ob er wohl gerne nach Norwegen käme. Nach dem Krieg wolle er kommen, sagte er, aber er wolle Vater und Mutter mitnehmen. Der arme Junge! Er hat Tausende sterben sehen, er hat mit seinen kleinen, nervösen, erwachsenen Händen Leichen angefaßt und kennt diese Welt, die sich ihm so offenbart hat aber er denkt keinen Augenblick daran, daß Vater und Mutter tot sein könnten. Sie gehören in seine eigene kleine Welt, die ganz außerhalb jener steht, in der die Menschen sterben und sich in Leichen verwandeln und durch das Loch im Boden des Eisenbahnzuges auf den Bahndamm geworfen werden. Oder wo zweitausend Menschen auf einmal in die Gaskammern geführt werden und später weiter in die Öfen der Krematorien wandern. Vater und Mutter sind am Leben, wo, das weiß er jetzt nicht, aber nach dem Krieg werden sie nach ihm suchen, und er wird sie suchen, und sie werden einander finden und nach Hause fahren, in die kleine Stadt in der Slowakei, in der der Vater ein kleines Hotel hatte. mon Tommy verabschiedete sich lächelnd. Er war begeistert über einen silbernen Bleistift, den ich ihm schenkte, einen Bleistift mit einem blauen, roten, grünen und schwarzen Stift, der eine Vorrichtung zum Wechseln der Farben hatte. Er verabschiedete sich so schön mit halb kindlichen, halb altklugen Redewendungen und versprach mir nochmals, nach Oslo und Norwegen zu schreiben, wenn der Krieg vorüber sei. Er wußte noch, daß er versprochen hatte, mich Onkel zu nennen. Es fiel ihm etwas schwer im Anfang, aber er versprach, daß er es nicht vergessen wolle. ,, Das ist meine Pflicht!" sagte er. Er hat ja wahrlich allerlei von Pflicht gehört, und jetzt fand er wohl, daß es hier hinpaßte, dieses schöne Wort. Kleiner Tommy! Wenn doch deine Mitmenschen einen Bruchteil soviel an die Pflichten, die sie dir gegenüber haben, denken wollten, wie du an deine gegen sie, dann sähe heute alles heller für dich aus. Gott sei Dank, daß du das nicht verstehst. Mögst du nie das abgrundtiefe, gemeine Unrecht verstehen, das an dir begangen 310 worden ist! Möge doch die Zukunft sich für dich so gestalten, daß all dies Entsetzliche, all dies unbegreiflich Grausame, das du durchgemacht hast, von deinem Gemüt weggewischt wird! Mögest du doch erfahren, daß das Leben nicht so ist, die Welt nicht so aussieht, wie du sie vom Boden des Güterwagens aus gesehen hast damals, als du weintest, weil du so schrecklich frorst. Mögest du einmal auch ihren Reichtum erfahren, all ihre Wärme und Freude, all das strahlende Licht, das sich in deinen großen, viel zu klugen Kinderaugen spiegelt und das an deine Bestimmung erinnert und von ihr zeugt. Über unser Schicksal laufen natürlich alle möglichen Gerüchte. Wir sollen nach Norwegen in ein Lager gebracht werden, dort Arbeit bekommen oder als Geiseln verwandt werden. Und alle können ihre Gerüchte mit den solidesten SS- Quellen belegen. Oder wir sollen, nachdem wir uns in Neuengamme gesammelt haben, gegen deutsche Zivilinternierte in Schweden ausgetauscht werden. Einige meinen, daß wir heute abend oder morgen losfahren, einige meinen selbstverständlich übermorgen, wieder andere sind vorsichtiger und meinen im Laufe der Woche. Alle sind sich jedoch im klaren, daß wir wegkommen, wenn die Russen nicht plötzlich... Überall im Gelände werden Maschinengewehrnester gebaut und Stacheldrahtsperren angebracht. Es scheint, daß sie vorhaben, sich von Baracke zu Baracke durch den ganzen ,, Preußenwald" durch zu verteidigen. Alle die Tausende von Autos, die im Wald gestanden haben, werden weggeschleppt und nach und nach mit der Bahn weggefahren. Benzin fehlt vollkommen, kein Auto kommt einen Meter weiter mit eigener Kraft. Die meisten Autos sind sowieso defekt durch Schnee und Regen, denen sie draußen dauernd ausgesetzt waren. Alle SS- Leute, die ich kenne, haben es jetzt vollkommen eingesehen, daß alles verloren ist. Einige von ihnen sprachen davon, daß der letzte Schuß im Revolver für sie selbst sei. Denn lieber wollten sie sterben als in Ketten gelegt werden. Unter russischer Gefangenschaft verstehen sie rasselnde Eisenketten mit schwerer Kugel- und Sibirien. Und der Branntwein im Kfz- Depot muß zur Zeit schwer herhalten. 311 9. März 1945 Noch immer sitze ich hier und faulenze, eine ganz seltsame Faulheit hat mich ergriffen. Ich tue nichts, ich kann nicht, ich schaffe es einfach nicht. Die Zeit steht mir ja zu meiner eigenen Verfügung, und ich könnte sie wohl zu etwas gebrauchen. Aber nein, es wird nichts daraus. Wir werden ja bald reisen. Das ist wohl der Grund. Jetzt ist schon eine Liste derjenigen angefertigt worden, die mit dem ersten Schub weg sollen. Es wird zwei Trupps geben. Gestern wurde gemeldet, daß die Angloamerikaner über den Rhein gekommen sind- endlich. Köln ist gefallen, im Osten wird Stettin bald folgen. Dann ist da noch der russische Angriff bei Küstrin, wo ein Keil vorgestoßen wurde, der uns und Berlin ziemlich nahe kommt. Wir meinen jetzt, den Kanonendonner von der Front ständig zu hören, und haben immer Fliegeralarm. Sie kommen regelmäßig jeden Abend, darum müssen wir im Stockdunkeln zu Bett gehen und auch meist im Dunkeln essen. Sonst sind mein Sinn und meine Gedanken an anderen Orten- weit, weit weg. Die Sehnsucht sprengt mich, und ich kann keine Worte dafür finden. 13. März 1945 Samstag waren wir zum letztenmal draußen auf dem Kommando. Als wir am Abend ins Lager zurückkehrten, überraschte Aufbruchsstimmung und Reisefieber in allen Norwegerblöcken. Vierzehn- bis fünfzehnhundert Mann sollen mit dem ersten Transport weg. Bis spät in die Nacht hinein wurde gepackt. Das Gepäck wurde immer zu schwer und die Säcke zum Platzen voll, so daß man von vorne beginnen mußte. Es ist gar nicht so leicht, sich von so manchem, was man in diesen Jahren liebgewonnen hat, zu trennen, und schwierig, alles gepackt zu bekommen, wovon man sich unter keinen Umständen trennen möchte. Es könnte ja eine Filzung geben, und dann dürfte der Sack nichts enthalten, was gegen die Bestimmungen ist! Es war ein Uhr geworden, als wir bei Fliegeralarm im Stockdunkeln endlich in unsere Betten fanden. Aber es gab 312 nicht viel Schlaf. Es war, als wenn die Reise, die unglaubliche Reise aus Sachsenhausen, bereits begonnen hätte. Jene Reise, von der wir Tag und Nacht geträumt, die wir uns auf hundert verschiedene Arten vorgestellt hatten. Wir lagen und starrten in das Dunkel, während die Gedanken eine Rundreise machten, sich absolut nicht zur Ruhe begeben wollten. Es gab so vieles, von dem man Abschied nehmen mußte, so vieles, an das man sich erinnern mußte, und vor allem so vieles, dem man entgegensehen konnte. Es wurde vier Uhr, halb fünf Uhr, und damit war es wieder mal Morgen. Es folgte der übliche Appell und Morgenbetrieb. Der Appell vor dem Kommandanten fand um zehn Uhr statt. Aufruf, alphabetische Aufstellung- zu fünfen! Seitenrichtung! Noch einmal das Übliche. Der Kommandant hielt eine Rede, nachdem er mit gesenktem Blick die Reihen entlang gegangen war. Anscheinend interessierte ihn das Schuhwerk am meisten- oder ob er vielleicht den Leuten nicht gerne in die Augen schaute? Er sagte, wir müßten gut angezogen sein. Keiner dürfe in Zebrakleidern reisen. Allen, die schlechtes Schuhwerk hatten, versprach er neues. Wenn es losgehe, müßten wir alle frisch rasiert sein und saubere Sachen anhaben. Wann das sei, könne er noch nicht sagen an einem der kommenden Tage. Morgens hatte er Bescheid geschickt, daß wir nicht mit den gewöhnlichen Gefangenenmützen reisen dürften( sie sind ähnlich wie Baskenmützen). Jetzt durften wir sie doch behalten zur großen Enttäuschung aller, die sich bereits andere organisiert hatten oder etwas herbeigeschafft hatten, was früher einmal ein Hut gewesen war. Im übrigen sollten wir uns hübsch benehmen, solange wir uns noch im Lager aufhielten, und die Disziplin des Lagers respektieren. Wir sollten mit Omnibussen abgeholt werden, von denen jeder dreißig Mann fasse. Das war alles, was er erzählte, und wir durften wieder auf unsere Baracken zurückgehen, wo wir also bis zur Stunde noch immer sind. Es ist schon Dienstag nachmittag geworden ohne das kleinste Zeichen zur Abreise. Die Zustände in den Baracken in diesen Tagen bedeuten eine einzige, lange Prüfung. Die Baracke ist Tag und Nacht brechend voller Menschen. Dort wird immer gegessen, immer gelesen, immer - 313 gekocht und gebraten, immer gezankt, alles geschieht immer. Der Samstagabend wurde zur ,, Entlausung" benutzt. In der Entlausungsanstalt wurden wir ausgezogen und Schlafsäcke und Kleider ins ,, Gas" geschickt, während wir selbst unter die Brause mußten. Dort betrachtete man uns mit der Lupe unter dem Magen. Natürlich gab es Fliegeralarm, als wir nackt dastanden und auf unsere Kleider warteten. Der Alarm dauerte über eine Stunde, die wir natürlich im Dunkeln verbrachten. Endlich war er vorbei, und es gelang uns, unsere entlausten Kleider und unseren Schlafsack zu bekommen, und dann gingen wir auf unseren Block zurück und legten uns in Betten, die Läuse haben müßten, falls diese Entlausung überhaupt irgendeinen Sinn gehabt hätte! Das ist deutsche Gründlichkeit! Sonntag nachmittag waren wir wie immer auf dem Revier. Wir begrüßten Tommy zum letztenmal. Es ging ihm glänzend, und er war begeistert von zwei Spielen, die wir für ihn herbeigeschafft hatten, sowie einer großen Tüte mit Würfelzucker. Ich spielte mit ihm und verlor. Er war selig, fand es aber etwas traurig, daß ich verloren hatte. Du armer, liebenswerter, prächtiger Tommy! Es tat so weh, so weh, dir auf Wiedersehen zu sagen- mehr als irgend etwas anderes in dem Gefangenenleben deines ,, alten Onkels"! Denn bereits das erste Mal, als er dich sah, hast du sein Herz gewonnen. Aber das verstandest du nicht, Tommy, und das ist gut so. Rolf ist wieder ganz obenauf. Er spaziert draußen herum und sieht besser aus denn je. Er wird mit dem ersten Trupp fortgehen. 16. März 1945 Gestern passierte so viel, daß ich bis heute mit dem Schreiben gewartet habe. Morgens bekamen die ersten dreihundertundfünfzig Mann, die auf der Reiseliste standen, Nachricht, sie möchten mit Gepäck antreten. Endlich? Aufbruch und Krach, neue Welle von Reisefieber, neuer Optimismus. Die Stimmung war bereits etwas schlapp geworden. Die Dreihundertundfünfzig wurden, nachdem sie sich auf dem Appellplatz aufgestellt hatten, im Bad untergebracht. Dort blieben sie sitzen, 314 und man gewöhnte sich bereits an den Gedanken, daß sie jetzt wohl einige Tage dort bleiben würden. So pflegt es ja hier zu gehen. Dann kam Fliegeralarm mit einem der härtesten Angriffe, die wir je erlebt haben. Diesmal galt es Oranienburg, und die Lager und Anlagen in der unmittelbaren Nähe von Sachsenhausen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Schon als die ersten Bomben fielen, verstanden wir, daß es uns diesmal mehr anging als sonst. Denn wir hatten uns daran gewöhnt, keine besondere Rücksicht mehr darauf zu nehmen. Aber das Dröhnen der Bomben, die diesmal kamen, ließ sich nicht betäuben. Bei jedem Einschlag hatte man den Eindruck, als wenn ganze Schauer von Bomben kämen. Die Baracken rüttelten derart, daß alles, was an den Wänden hing oder ringsherum lose auf Regalen stand, auf den Fußboden fiel. Man wartete gleichsam jeden Augenblick darauf, daß sich die Decke vom Luftdruck hochheben und die Wände über uns einstürzen würden. Aber sie hielten, merkwürdigerweise. Der Angriff dauerte über zwei Stunden. Das heißt, er hörte nicht auf, es wurde nur stiller, und die Flieger blieben weg. Jetzt ist es vierundzwanzig Stunden später, und er dauert immer noch an. Er hat die ganze Zeit gedauert mit einer ununterbrochenen Reihe von Explosionen durch Zeitzünder. Oranienburg und die ganze Gegend, die bis an das Lager hier reicht, wurde während des Angriffs mit Bomben gespickt. Ein großer Teil davon waren Zeitzünder. Die ganze Nacht haben die Baracken durch die kolossalen Explosionen in ihrem Gefüge gewackelt. Ein Frauenlager bei den Auerwerken( Rüstungsfabrik) wurde während des Angriffs total vernichtet. Die Wohnbaracken und Arbeitshallen wurden systematisch dem Erdboden gleichgemacht. Die Frauen befanden sich alle in den Baracken, und diejenigen, die in den ersten Reihen standen, wurden alle getötet. Die anderen konnten nach und nach hinausgelangen und aus dem Lager fliehen, unter und über den elektrischen Zaun hinweg, der jetzt ohne Strom war, weil das Elektrizitätswerk einen Volltreffer bekommen hatte. Die Zustände in jenem Lager waren selbstverständlich entsetzlich. Ich habe mit einem Vor315 arbeiter gesprochen, der alles von Anfang bis Ende miterlebt hat. Mit dem Lagerführer Höhne zusammen, der während des Angriffs kam, rettete er fünfzig bis sechzig Frauen aus den brennenden und zusammenstürzenden Baracken. Er lobte den Lagerführer sehr, der sich bei dieser Gelegenheit hervorragend benommen habe. Er habe gesagt: ,, Was auch mit uns geschehen möge, wir haben jetzt nur eines zu tun: so viele Häftlinge wie möglich zu retten!" Zweimal seien sie beide unter Schutt und Ruinen begraben worden, und der Vorarbeiter habe den Lagerführer herausgegraben. Höhne habe ihn später auf dem Büro. des hiesigen Kommandanten als seinen Retter vorgestellt und um Entlassung für ihn nachgesucht. Man weiß noch nicht, wie viele Frauen getötet wurden, da noch nicht alle, die aus dem Lager flohen, zurückgekehrt sind. Im Anfang befürchtete man, es seien tausend getötet worden, aber die Zahl ist inzwischen auf vier- bis fünfhundert gesunken. Die Überlebenden sind hierhergekommen. Sie strömten bereits einige Stunden nach dem Angriff herein. Uns gegenüber wurden einige Blocks für sie freigemacht, Baracke 36 und 37. Eine große Menge Frauen mitten in einem Lager von Männern, die seit Monaten und Jahren keine Frau mehr gesehen haben, ist natürlich eine Riesensensation. Wohl hauptsächlich aus diesem Grund werden die Blocks, in denen sie wohnen, abgesperrt und vorne und hinten mit Wachtposten versehen. Aber durch die Fenster ist die Verbindung den ganzen Tag in vollem Betrieb. Unser Block ist sehr populär geworden und hat den ganzen Tag Besuch von Schaulustigen jedes Alters. Sie stehen Schlange in den Klosetts und im Waschraum, um die Schönheiten auf der anderen Seite zu bestaunen, wo man nicht weniger eifrig ist und sich an die Fenster drängt, winkt, lächelt, sich brüstet und gurrt wie Tauben. Ja, ja, hier ist das uralte und ewige Spiel in vollem Gang- obwohl vor weniger als vierundzwanzig Stunden diese Evastöchter noch um ihr Leben liefen aus zusammenstürzenden und brennenden Baracken, vorbei an sterbenden, toten und verstümmelten Schwestern. 316 18. März 1945 Nicht viele unter ihnen konnten noch mit weiblichen Reizen bezaubern. Mager und mitgenommen waren die meisten, und in den Gesichtern von vielen las man Drama, Tragödie, Sorge, Schrecken, Verzweiflung, Leiden und Elend. Aber die Jüngsten, Gedankenlosesten und Leichtsinnigsten drängten sich vor, glätteten das Haar, feuchteten die Lippen( sie wissen schon, was not tut) und lehnten sich gegen die Fensterbank, damit das Profil sichtbar würde das ganze Profil! Nicht nur das Gesicht! Andere wieder, meist die, die kein solches Profil hatten, setzten sich in die Fenster in malerischen Stellungen. Und trotz der Wachtposten und des Stacheldrahtes und der Absperrungen durch Bretterzäune war es gestern einem Norweger gelungen, dort hineinzukommen. Er wurde geschnappt und in den Karzer geworfen, wo er vier Stunden bis Mitternacht saẞ. Mit der Transportgruppe Nr. 2 zog er dann ab. - Ja, jetzt ist der Transport in vollem Gang. Die erste Gruppe, die ich im Bad verließ, als der Angriff kam, blieb bis Mitternacht dort sitzen. Dann wurden sie auf die Straße zwischen den Toren geführt. Der Kommandant, die Lagerführer und die Vertrauensleute waren anwesend. Der Kommandant hat wieder die kleine einschlägige Rede gehalten, daß sie sich anständig benehmen und nicht fliehen sollten. Die schwedische Regierung sei dafür verantwortlich, daß keiner entfliehe. Sollte es trotzdem vorkommen, würden weitere Transporte eingestellt werden. Dann wurde das äußere Tor geöffnet, und ein zwei Meter langer schwedischer Offizier erschien der Leiter der Rot- Kreuz- Expedition. Draußen standen dreizehn weißlackierte Omnibusse mit schwedischen Fahnen und den Abzeichen des Roten Kreuzes. Grüße wurden gewechselt und der erste Bus mit den ersten dreißig Mann gefüllt. Noch nie haben Norweger in einem deutschen Konzentrationslager sich strammer und flotter aufgestellt, noch nie ist etwas exakter und reibungsloser abgewickelt worden, obwohl kein einziges ,, Los! Los!" ertönte, kein ,, Seitenrichtung!" und„ Zu fünfen!" und ,, Aufrücken!" und wie das ganze Kommandogebrüll nun heißen mag. Hoffentlich hat es einen Eindruck auf die 317 anwesende SS gemacht gruß! nur als ganz kleiner AbschiedsDas ganze Gepäck wurde von schwedischen Mannschaften in weißen Rote- Kreuz- Uniformen auf dem Dach der Busse verstaut. Jeder Mann bekam ein Paket mit Eẞwaren und Zigaretten mit dem Bescheid, daß dies einige Tage reichen müsse, und dann ging es los. Das war also in der Nacht zum Freitag. Heute nacht- oder richtiger gesagt heute morgen( sicherlich saßen sie wieder im Bad von Mitternacht bis früh um fünf Uhr!) ging der zweite Schub ab. Ich bin gespannt, ob ich beim nächsten Transport bin, oder ob er vor ,, Na" aufhört. Es geht nach Neuengamme, wo wir in ein eigenes Lager kommen, allerdings immer noch unter deutscher Bewachung. Anscheinend verhandeln die Schweden noch weiter über uns und über die Zulassung ihrer Leute zu dem neuen Lager. Den Norwegern geht es also wieder mal ausgezeichnet. Sonst herrscht aber noch immer großes Elend hier. Es ist besser als früher, aber das kommt vor allen Dingen daher, daß diejenigen, denen es am schlechtesten ging, gestorben sind. Heute morgen noch, beinahe drei Tage und drei Nächte nach dem Angriff, explodierten Zeitbomben. Die Zustände sollen ganz unbeschreiblich sein. Tausende von Menschen wurden getötet. Unterirdische Räume, die voller Menschen waren, haben Volltreffer bekommen, und jede einzelne Seele ist in Atome zersprengt worden. In den Ruinen liegen tote Menschen, und Teile von Leichen liegen überall herum. Es gibt kein Wasser und keinen Strom. Man kann sich vorstellen, was das für eine Stadt bedeutet. Auch hier im Lager fehlen diese beiden Dinge, und die Toiletten können nicht mehr benutzt werden. In die Erde zwischen den Baracken hat man Löcher gegraben. Dort sieht es aus! Gott sei Dank, daß es noch nicht heiß geworden ist. Wasser steht hoch im Kurs. Man hat schon angefangen, damit zu handeln- oder zu ,, schieben", wie es hier heißt. 318 19. März 1945 Wir warten und warten darauf, wegzukommen. Ich weiß noch nicht, ob ich diesmal mitkomme. Der Rest vom Revier soll nämlich mit, und die füllen allein schon zwei Omnibusse. Morgen im Laufe des Vormittags wird der Transport losgehen. Gestern erlebten wir wieder einen kräftigen Angriff. Drei Bomben fielen in der Nähe des Lagers. Die eine war ein Volltreffer in einen Luftschutzraum. Alle kamen ums Leben. 21. März 1945 Ich sitze in einem Mauseloch von einer Baracke und in einem Schweinestall von einem Lager, das Neuengamme heißt. Das lang ersehnte, lockende Neuengamme! Aber ich will erzählen, wie es vor sich gegangen ist: Montag abend wurde eine Liste, die auch einige ,, N" enthielt, aufgerufen. Es wurde gepackt und Abschied genommen, um elf Uhr, bei Nacht und Nebel. Unter einem leuchtenden Sternenhimmel stapften wir über den Appellplatz zum Bad. Ich stellte mich unter meinen Stern und machte mich mit der Nacht vertraut. Eine schöne Nacht ,,, würdig", die letzte in Sachsenhausen zu sein. Es war zu kalt, um still zu stehen. Deshalb gingen wir zum letztenmal zwischen den Baracken hin und her. In den ,, Straßen", die nur von einem blassen, leicht verschleierten Halbmond erhellt wurden, war es menschenleer. Dunkel und unheimlich zeichneten sich die Umrisse des Lagers gegen den Nachthimmel ab. Vom Appellplatz aus sahen die Barackengiebel wie die Zacken einer halbkreisförmigen Riesenbandsäge aus. Es war, als hinderte nur das Dunkel der Nacht daran, daß man das Blut an den Zacken hinunterfließen sah. Ich stand lange draußen auf dem Platz und ließ den Blick von Zacke zu Zacke gleiten: ,, Sauberkeit!- Ehrlichkeit!- Gehorsam Wahrhaftigkeit- Nüchternheit und Liebe zum Vaterlande!" Und das Blut floß und tropfte hinunter in den Sand von Sachsenhausen, wie es das viele Jahre unaufhörlich getan hatte. Ich dachte an all das, was ich hier gesehen und erlebt hatte, an alles, was ich durch andere gehört habe, die noch mehr - - 3.19 und noch Schlimmeres erlebten. Ich sah vor mir alle Kameraden, die dieses Märchen der Abreise von hier nicht mehr erleben durften, diejenigen, die von der Bandsäge ergriffen und mitgerissen worden waren. Ich sah die klaren, klugen Augen von Henry Hansen vor mir, die vor Lebenslust und-willen strahlten. Ich sah den lieben, guten Blick von Michelsen und hörte seinen flüsternden Abschiedsgruß: ,, Grüße meine Frau und laß es dir gut gehen!" Ich sah den armen Strand unter einem zusammenstürzenden Haus... Und aus dem Dunkel tauchte der endlose Zug von Muselmännern auf mit Augen, die aus schwarzen Abgründen starrten, mit Knöchelarmen und Händen, die sie gegen den Nachthimmel erhoben, nackten Beinen, die sie an der Erde. entlang schleiften, schwer, geschwollen, voller Wunden und Entzündungen. Sie stürzten, während sie dahingingen, und sanken hinein in die Nacht, stumm wie das Dunkel selbst. Das war der Abschied von Sachsenhausen. Anders hätte er nicht werden können. Glücklich nicht, auch nicht traurig, aber dunkel wie die Märznacht mit einem zunehmenden Halbmond und tausend blassen Sternen. Ein Gesicht strahlt durch das Dunkel- eines, das ich nie vergessen werde: das Engelsgesicht des kleinen Tommy. Ungefähr um ein Uhr kamen wir ins Bad, und dort blieben wir zusammengepfercht wie Heringe in der Tonne bis vier Uhr. Dann mußten wir uns draußen aufstellen. Offensichtlich waren die Autos gekommen. Als wir im Begriff waren, abzumarschieren, kam Fliegeralarm. Und wieder ging es zurück ins Bad! Dann wurde noch eine Stunde im Gedränge zugebracht. Und endlich ging es zum Tor hinaus, erst durch das innere, dann tatsächlich durch das äußere es war, als wüchsen einem Flügel, als flöge man durch die Tore hinaus, dorthin, wo die Reihe der weißen Omnibusse stand und wo die Stimmen des Brudervolkes zu vernehmen waren. Bevor ich wußte, wie mir geschah, saß ich angenehm und weich im ersten Omnibus mit einem schwedischen Rot- KreuzPaket( mit Zigaretten!) auf dem Schoß. Ach, Herrgott! In einem schwedischen Bus zusammen mit Schweden zu sitzen 320 oder besser gesagt: mit Menschen! Das Märchen hatte angefangen. Und dann sahen wir zum letztenmal die Mauer, die Wachttürme, das SS- Lager, die Wachtposten an der Wegkreuzung, den Schlagbaum, dort, wo der Weg nach Kfz- Depot abzweigt. Dort marschierten wir jeden Tag, morgens und abends! Bald verschwand das Lager ganz aus unseren Augen. Es ging nach Westen, etwas Neuem entgegen, etwas Unbekanntem, das aber so verlockend war! Ich werde morgen weiterschreiben. Jetzt ist es bald Mitternacht, und dreihundert Mann liegen und schnarchen um mich herum. 22. März 1945 Wenn man sich die Straßen aus der norddeutschen Landschaft wegdenkt, bleibt nur eine flache, mit Dörfern bestreute Ebene übrig. Die Busreise ging von Dorf zu Dorf über endlose Straßen, die Meile um Meile der Ebene in Polygone, Rechtecke und Dreiecke aufteilten. Eine langweilige Landschaft- eine unheimliche Landschaft mit all den Strömen von Flüchtlingen und Gefangenen, denen wir begegneten oder die wir überholten. Am Eingang und am Ausgang jedes Dorfes und jeder Stadt waren Tanksperren errichtet. Schwere Baumstämme waren zu einem dichten Bollwerk in großer Höhe und ansehnlicher Breite aneinander gerammt. An jeder Wegkreuzung und an jedem Brückenübergang waren ähnliche Anlagen erbaut. Alles zeugte davon, daß jeder Meter deutscher Erde verteidigt werden soll. Wenn es von der deutschen Führung abhinge, wäre der Krieg noch lange nicht zu Ende. Wir kamen auch hin und wieder an einem Gefangenenlager vorbei, und auf den Feldern sahen wir Gefangene arbeiten, Frauen und Männer. Ich fuhr im ersten Bus und konnte frei nach vorne schauen. Die anderen Fenster waren verdunkelt. Vor uns fuhr der schwedische Leiter mit einem Begleiter in einem kleinen Personenwagen. Zwei- bis dreimal unterwegs legten wir ,, Ruhepausen" ein, in denen wir aus dem Auto aussteigen konnten. Es gelang mir, einige Worte mit dem schwedischen Arzt, Pro21 Nansen 321 fessor Runberg, zu wechseln, der mit in unserem Bus fuhr. Ich gab ihm Namen und Nummer von Keil. Er versprach mir, sein möglichstes zu tun, um Keil später mitzubekommen. Im übrigen wolle er versuchen, unsere„Flüchtlinge“ Holm, Meyer und Hart mitzunehmen. Aber Tommy, Herrgott, Tommy! Allein seinen Namen zu nennen, gab einen Stich ins Herz. Für Tommy konnte Runberg leider nichts tun. Wir hatten Radio im Bus und hörten die deutschen Nach- richten. Der Professor bemerkte dazu mit einem Schalksblick: „Sie müssen nicht glauben, daß das alles ganz genau stimmt!“ Die Bemerkung löste stürmischen Beifall aus im ganzen Bus. Es war ja so schön, so etwas zu hören- dazu noch in einer gemütlichen, sicheren Sprache! Die Flüchtlingskarawanen füllten überall die Straßen. Es sah aus, als wenn das Land voller Zigeuner wäre. Alles machte den Eindruck von Auflösung und Verwirrung, Hoffnungs- losigkeit, Elend und Unglück. Aber wir saßen sicher in schwe- dischen Rot-Kreuz-Omnibussen auf dem Weg zur Rettung. Die Zeit der Prüfungen war vorbei!— glaubten wir. Endlich bogen wir in einen Seitenweg ein, und gleich da- nach fuhren alle elf Busse am Eingang des Konzentrations- lagers Neuengamme vor. Das erste, was uns entgegenkam, als wir aus den Autos stiegen und die steifen Beine streckten, war ein Gestank von Abfall und unverfälschter Kloake. Ein Gestank, der uns seit- dem ununterbrochen verfolgt- nur haben wir uns in der Zwischenzeit etwas mehr daran gewöhnt. Und dann fingen sofort einige SS-Leute an mit„Seitenrichtung‘ und„Zu fünfen‘‘ und all dem anderen. Mit der ‚‚Freiheit‘‘ war es zu Ende, die glücklichsten Stunden seit vielen Jahren waren vor- bei, wir mußten das Kreuz wieder auf die Schulter nehmen und in eine neue Strafanstalt hineinmarschieren. Das ‚‚Kreuz‘* war schwer, aber es sollte später noch schwerer werden. Außer dem„Gepäck“ hatte jeder sein Dänenpaket zu tragen. Es stellte sich heraus, daß das Lager selbst einen Kilometer vom äußeren Eingang entfernt lag. Die Autos mußten draußen halten, ob- wohl ein breiter, guter Weg bis hin führte. Aber die Schweden 322 sollten nicht weiter als bis dorthin kommen. Daß dazu mehr als guter Grund vorhanden war, verstehen wir jetzt, nachdem wir die Innenseite gesehen haben, die, wie man wohl sagen darf, jeder Beschreibung spottet. Der Mangel an Ordnung und Sauberkeit schlägt einem an der Pforte schon förmlich entgegen. Je mehr man sieht, desto stärker wird dieser Eindruck. Wir landeten auf einem mittelgroßen Betonplatz, den Baracken umgaben, die mit Stacheldraht eingezäunt waren. Dahinter erblickten wir die Kameraden der vorhergegangenen Transporte. Wir wurden aufgerufen, zu fünfen aufgestellt und marschierten endlich in die Stacheldrahtumzäunung hinein und von dort in eine Baracke. Aber was für eine Baracke! Sie starrte förmlich von Dreck, und es roch nach allem, was schlecht riechen kann. Die Baracke war ein einziger offener Raum von acht Meter Breite und fünfzig bis sechzig Meter Länge. Auf dem Boden waren Gestelle, die mit Stroh gefüllt waren, und auf dem Stroh lagen Wolldecken. Man hatte das Gefühl, als wenn das Stroh und die Decken lebendig wären vor lauter Läusen, die man zwar noch nicht sehen konnte. Wir sollten noch nähere Bekanntschaft mit ihnen machen! Vorerst galt es jedoch, sich im„ ,, Stall" einen Platz zu verschaffen. Arvid, Erik und ich hatten das Glück, in eine Ecke beim Eingang hineinzuplumpsen. Der Weg nach draußen war kurz man konnte ja nie wissen. Dort brachten wir unsere Sachen unter, und dann gingen wir hinaus, um uns mit den Verhältnissen vertraut zu machen. Der ,, Hofraum"- der Zwischenraum zwischen unserer Baracke und der nächsten war schmal wie ein Handtuch und wie ein Unglück so lang. Ihr benachbart und an sie angebaut lag eine lange, niedrige Abortbaracke. Und gegenüber war es genau so. Alle Baracken gingen zum Hofplatz hinaus. Um eine unserer Nachbarbaracken war Stacheldraht gezogen. Dort wohnten nämlich zum Tode Verurteilte, Flüchtlinge und andere. Wir sahen, wie sie am Stacheldraht standen und um Zigarettenstummel und anderes bettelten. Sie sahen verkommen und elend aus. Der ganze Hofplatz war nichts anderes als eine offene Kloake, wo es noch schlimmer stank als drinnen in den Baracken. Obwohl das 21* 323 Wetter seit langer Zeit trocken war, lag in den Betonvertiefungen, in den Rinnen und Ritzen Wasser. Welcher Art dieses Wasser war, verriet der Geruch. Auch wie es um die Abwässer stand, darüber war kein Zweifel möglich. Der Dreck lag überall schichtenweise, es war schlimmer als in einem Schweinestall. Die Baracke war der Stall, wo die Tiere die Nacht zubringen sollten, der Hofraum der Außenstall. Wir trafen mit den Jungen zusammen, die vor uns angekommen waren, und was sie erzählten, war niederschmetternd. Überall derselbe Schweinestall, überall Gestank und Dreck. Alles in allem nur Durcheinander und Elend. Außer uns setzten sich die Lagerinsassen ausschließlich aus Muselmännern zusammen, die wie die Fliegen im äußersten Elend starben. Es war trostlos. Aber wir waren müde. Wir waren ja um den Schlaf einer Nacht betrogen worden, und die Reise war anstrengend und vor allem aufregend gewesen. Darum schliefen wir bald schwer und tief in unseren Stallungen. 24. März 1945 Ich bin sehr damit beschäftigt gewesen, eine Baracke einzurichten, die man uns als Krankenhaus überlassen hat. Deshalb konnte ich diese Aufzeichnungen nicht täglich machen. Es gibt so viele Eindrücke, und sie sind so überwältigend in ihrem Grauen, daß es schwer sein wird, ihnen gebührenden Ausdruck zu verleihen. Das schwedische Rote Kreuz ist offensichtlich hinters Licht geführt worden. Schon jetzt gibt es Typhus im Lager, und es graust einen, wenn man daran denkt, was das Ausbrechen einer Epidemie unter diesen Verhältnissen bedeuten würde. Bald kommt die Wärme. Misthaufen liegen offen da Kloake und Dreck fließen überall. Verlauste, kranke und sterbende Muselmänner schleppen sich herum und hängen bettelnd an den Stacheldrahtzäunen, die unseren Hofplatz umgeben. Es ist gerade, als wenn man in Bakterien und Bazillen watet und wütet. Täglich sterben hundert bis hundertundfünfzig Mann im Lager, das alles in allem Platz für achttausend Gefangene hat. Es waren schon bis zu zwölftausend hier. Die 324 - Zahl variiert, denn ständig kommen und gehen neue Transporte. Mehrere der Jungen sind im Krematoriumskeller gewesen. Sie haben dort riesige Haufen von Muselmannleichen gesehen, mehr als der Ofen verbrennen kann. Es herrscht auch Mangel an Brennmaterial. Hier wird auch ständig erschossen und erhängt. In der innersten Ecke unseres Hofraumes zeigt ein Galgen gegen den Himmel. Gestern sah ich, wie einige von den Unsern auf dem Brett unter dem Galgen saßen und ganz gemütlich ihre Mahlzeit einnahmen. Die meisten der Hingerichteten scheinen SSLeute zu sein, darunter auch Norweger und Dänen, die man bei Fahnenflucht oder Sabotage geschnappt hat. Sie tragen eine lila Binde um den Ärmel, auf der ,, Torsperre" steht, und warten alle auf den Tod. Man gewöhnt sich daran, sie zu sehen, ohne sich über ihr Schicksal aufzuregen. Sie verdienen es jedenfalls eher als Tausende von unschuldigen Muselmännern, die zu Tode hungern und frieren. Es ist nun mal so, daß man immer unempfindlicher gegen Tod und Elend wird, wenn man tagaus, tagein davon umgeben ist. Die Norweger, die einige Wochen bevor die schwedische Aktion einsetzte von Sachsenhausen aus nach Bergen- Belsen geschickt wurden, haben es entsetzlich gehabt. In BergenBelsen gibt es zwei Lager. Lager 2 ist ein richtiges Vernichtungslager. Dort gab es keine Appelle. Es wurde nur gezählt, wie viele hereinkamen und wie viele Leichen wieder hinausgingen. Es bestand ohne Zweifel die Absicht, alle, die dorthin kamen, sterben und verschwinden zu lassen. Durch ein Mißverständnis kamen die Norweger in Lager 2. Sie waren nur drei Tage dort, ehe sie in das andere Lager gebracht wurden, aber das reichte. Sie lagen auf Betonboden, der zum Teil unter Wasser stand. Die alten Gefangenen starben haufenweise. Es war dort Sitte, daß man sich eine Leiche als Unterlage beschaffte, um trocken zu liegen. Auch Kannibalismus kam nicht selten vor. Ein Norweger sah, wie ein Gefangener die Leber aus einer Leiche herausschnitt und sie aẞ. Solche Dinge und viel, viel anderes kann man von dort berichten. Sie werden sicher einmal von jenen 325 erzählt werden, die das selber gesehen und erlebt haben. Aber keiner wird es glauben, weil die Phantasie fehlt, es sich vorzustellen. Einige Norweger, die nach Bergen- Belsen kamen, sind als Muselmänner hier eingetroffen. Die meisten von ihnen sind jedoch in Bergen- Belsen zurückgeblieben- sie waren zu krank, um transportiert zu werden. Die Schweden wurden nicht zum Lager hineingelassen dort war es wohl zu entsetzlich. Die meisten der Zurückgebliebenen haben Flecktyphus. Es sind mehr als zwanzig Mann. Gestern kamen hundertundacht Dänen aus dem Lager Porta in Westfalen. Alle sind Muselmänner, die reinsten Skelette. Elf von ihnen wurden auf unser Revier gelegt, das nichts weiter ist als eine leere Baracke, aus der wir gerade den Dreck hinausgeschaufelt und die wir dann aufgewaschen haben. Ich sprach mit einem der elf. Er erzählte, daß sie in märchenhaften Fabrikanlagen gearbeitet hatten, die, sieben Stockwerke hoch, acht Kilometer weit im Innern eines Berges lagen. In einem der Stollen seien die Philipswerke mit Maschinerie aus Holland, in einem anderen die Siemenswerke. In Porta wurden die Gefangenen zur Arbeit angetrieben, bis sie umfielen. Die Dänen wurden zu Muselmännern im Laufe von einigen Monaten. Sie waren ein halbes Jahr dort gewesen, und von etwas über zweihundert waren fünfundsechzig gestorben. Aus den dänischen Rot- Kreuz- Paketen bekamen sie nur das Knäckebrot. Speck, Tabak, Butter, Marmelade, Zucker und ähnliches stahl ihnen die SS. Und das Knäckebrot wurde ihnen auch von organisierten russischen Gefangenenbanden weggerissen, die sie überfielen und bis auf die Haut ausplünderten. Auch die Kleider nahmen sie ihnen weg. Kein Wunder, daß sie Muselmänner geworden waren dem Tode nahe. Jetzt lächelten sie blaẞ und meinten, daß ihre Strapazen und die Zeit ihrer Prüfungen vorbei seien. Dies war ja ein Paradies, dies war ja die Rettung! Dieser Schweinestall! Ja, die gleichen Dinge können wahrhaftig für verschiedene Menschen verschieden aussehen. - Heute kam der erste Transport aus dem Süden, von Dachau. 326 Einige der Elsaßjungen waren dabei. Es sind viele von ihnen gestorben, merkwürdigerweise auch dann noch, als sie bereits von Natzweiler weg und auf verschiedene Lager in Süddeutschland verteilt waren. Viele starben an Lungenentzündung und an anderen Krankheiten, die meisten ganz einfach an Hunger und Ermattung. - Heute ist dazu noch ein Transport aus Sachsenhausen gekommen. Jetzt sind nur noch sechshundert Mann dort. Sie werden vielleicht in einigen Tagen kommen. Von allen Seiten erscheinen jetzt Transporte. Es ist merkwürdig, alte Freunde wiederzusehen und zu erfahren, wer lebt und wer tot ist gerade, als wenn Riesenexpeditionen aus dem Innern Afrikas oder aus anderen lebensgefährlichen Gebieten des Erdballs zurückkehrten, nachdem sie mehrere Jahre von der Welt abgeschnitten gewesen waren. Man überfällt sie mit Fragen aller Art, vor allen Dingen: Wer ist gestorben? Wie viele leben, und war es schlimm? Habt ihr genug zu essen bekommen? Und Pakete? War es ein Vernichtungslager? Fragen und Antworten blitzen durch die Luft, und Freude und Schmerz rieselt über die Gesichter der Gefangenen wie Frühlingsregen. 25. März 1945 Von den fünfhundertundvier Mann, die durch das Natzweiler Lager ,, gegangen" sind, ist beinahe die Hälfte gestorben. Das ist wohl so ungefähr das richtige Verhältnis. Das Lager Mauthausen sei das schlimmste gewesen, erzählen diejenigen, die in beiden Lagern waren. Heute morgen sprach ich mit einigen von ihnen. Alle, die gestern von Dachau und Mauthausen kamen( es mögen ungefähr dreihundert Mann gewesen sein), sind jetzt mit den Studenten zusammen in Quarantäne. Es ist darum schwierig, mit ihnen zu sprechen, aber es geht. Der ,, Hof" des Quarantäneblocks läuft parallel zum Hof von Block 11 und ist von jenem nur getrennt durch einen ,, Gartenstreifen". Das ist ein Stück gepflügte Erde, auf die Dünger gestreut ist. Dieser Streifen Erde ist auf beiden Seiten mit einem Stacheldrahtzaun versehen, und an diesen Zäunen entlang 327 stehen Hunderte von Dachauleuten und Studenten. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm. Eine Antwort kann man kaum ver- stehen, wenn es überhaupt gelungen ist, die Frage des Gegen- übers aufzuschnappen. Und doch erfuhr man hier von Brüdern, die gestorben waren, und nahm ihre letzten Grüße entgegen. Hier traf man Freunde wieder, von denen man glaubte, daß sie tot seien. Knochenmager waren viele von ihnen und in einer elenden Verfassung, mit ausgeschlagenen Zähnen, ver- sehrten Beinen oder Armen und ruinierter Gesundheit- aber sie lebten. Hier über die Stacheldrahtzäune hinweg bekam man Nachricht von Frauen und Kindern, die jahrelang nichts von ihrem Mann und ihrem Vater gehört hatten. Todesnachrichten wurden hinausgebrüllt, erreichten ängstlich lauschende Ohren durch einen betäubenden Lärm hindurch und trafen wie Pfeil- spitzen die Gemüter, während heisere Zurufe mit Botschaft von Leben und Hoffnung wie Sonnenstrahlen in andere Her- zen drangen, Freude bereiteten, unsagbare, unfaßbare Freude! Freunde trafen sich wieder, nachdem sie Jahre auseinander gewesen waren, Freunde, die zu Hause in der Zelle gesessen hatten in langen, dunklen Monaten, mit denen man gemeinsam Torturen durchgemacht und in nackten, kalten Gefängniszellen alles geteilt hatte: Sorgen und Schmerzen, Essen und Trinken- wie es gerade kam. Und so waren manche Freunde geworden fürs Leben. Der Eindruck, den man bekommt, wenn man ver- suchen will, alle die überwältigenden und aufreibenden Szenen zusammenzufassen, ist der einer einzigen Riesenkatastrophe, die über uns alle hinweggefegt ist und reiche Ernte gehalten hat. Es kann noch lange dauern, bis wir in einem sicheren Hafen sind. Es sind ja nur einige Wracks, die hier in Neuen- gamme an Land getrieben worden sind. Zu Hause sitzen Wit- wen und Waisen zu Hunderten und wissen es nicht!Oh, welch ein Jammer! Oh, welche bodenlosen, unüberwindlichen Sor- gen werden über unser Land fluten, über dieses kriegsver- wüstete, zerrissene Land! Ich habe sichere Nachrichten über Leif bekommen. Es geht ihm gut, und er kommt später-. Ich sprach mit Hartvig Munthe. Er ist quietschlebendig, und 328 dabei hatten wir so oft gehört, daß er tot sei. Auch Ragnar Hartwig traf ich. Er sah geradezu gut aus- nach Typhus und Elend hat ihn einige Zeit in Dachau mit Paketen wieder auf die Beine gebracht. Gunnar Kaardahl aus Horten- mein Freund von der Baracke und dem Architekturbüro auf Grini- lebt in bester Verfassung. Aber vier von den sechsen, mit denen er von Sachsenhausen nach dem Elsaß zog, sind tot. Ich traf viele Überlebende, und bei jedem bekannten Gesicht, das ich hinter dem Stacheldraht erblickte, durchfuhr mich ein Freudenschauer. Sie riefen meinen Namen, und ich rief wieder: ,, Willkommen, willkommen!" Ganz durcheinander von dem, was ich gesehen und gehört hatte, halb bewußtlos von all den übermächtigen Eindrücken suchte ich zuletzt den Block auf. Und nun versuche ich, etwas davon so niederzuschreiben, daß es wenigstens einen blassen Widerschein davon geben kann. Ich werde einen Anblick, den ich gestern nachmittag hatte, nicht mehr los. Er bildet einen festen Hintergrund für alles, was sich heute vor mir abspielt. Ich sah Hunderte von Leichen, die drinnen im Leichenhaus haushoch aufeinander gestapelt sind. Arvid und ich gingen dorthin. Ich wollte es sehen. Es war ein fürchterlicher Anblick. Dort lagen drei- bis vierhundert Skelette man muẞte an gerupfte magere Küken denken. Es waren keine Menschen mehr, so elend waren sie. Und die Menge, diese überwältigende Menge verschob das Maß vollständig. Aber die Gesichter und die starrenden Augen, die gähnenden Münder und die schmerzverzogenen Züge- sie gehörten Menschen, Menschen, die gelebt und gelitten hatten und die gestorben waren. Und diese Hunderte waren die Ernte von nur drei Tagen! Sie lagen den Köpfen- oder richtiger gesagt den Totenschädeln nach in einer Richtung. Die Körper brauchten nicht mehr Platz als die Köpfe. Es waren ja nur noch die mit Haut überzogenen Knochen übrig. Einige waren blutig mit eitrigen Wunden und farbigen Malen von Schlägen, andere wieder waren bleich wie Wachs. Zu unseren Füßen lag ein Norweger. Der ,, Leichenwächter" zeigte ihn uns, er war an Typhus gestorben. Er wollte ihn umdrehen, weil er mit dem Gesicht auf dem Betonboden lag, aber zur gleichen Zeit kam 329 SS herein. Es war ein Obersturmführer. Er fing an zu brüllen, was zum Teufel wir hier wollten! Ich fürchte, wir machten einen recht dummen Eindruck. Ich bekam kein Wort heraus. Vor mir donnerte dieser wütende Obersturmführer und starrte uns an mit einem Gesicht, das von allen Eigenschaften der Raserei geprägt war, und hinter uns starrten drei- oder vierhundert kalte Augenpaare. Ich weiß nicht, was unheimlicher war. Schließlich stammelte Arvid, daß wir uns geirrt hätten. Der Sturmführer lud uns ein, drei Tage und drei Nächte im Leichenkeller zu schlafen, wenn uns der Sinn danach stünde. Ich glaube, es war sein Ernst- er sah so aus. Aber das Unwetter legte sich. Während uns einige Drohungen nachgerufen wurden, zogen wir ab. Heute nachmittag habe ich eine eigenartige ,, Bauversammlung" abgehalten. Meine Pläne für das Revier sind fertig und ,, anerkannt", und darum ließ ich das ,, Baukomitee" zusammenkommen, nachdem ich im voraus mit zwei grünwinkligen Banditen verhandelt hatte, die die Materialien liefern sollten. Die Schieber können alles beschaffen, während wir auf legale Weise an nichts herankommen können. Der ganze Umsatz des Materials liegt in den Händen von Schwarzhändlern und BVLeuten. Alles wird mit Zigaretten bezahlt. Ich nahm die beiden Grüngewinkelten mit zur Bauberatung, und nach einigem Verhandeln wurden wir einig. Sie sollen uns für fünftausendfünfhundert Zigaretten das ganze Baumaterial für das Krankenhaus liefern. Trotz allem kann man dies doch wohl ein gutes Geschäft nennen. Es kommen nur zwei Zigaretten auf jeden Norweger und Dänen bei der augenblicklichen Belegschaft. Ich möchte wissen, ob sich viele ein Krankenhaus mit zweihundert Betten so billig erbaut haben? Morgen kommt das Material wir müssen sehen, daß wir die Wagen so schnell wie möglich abladen können, damit niemand es sieht, und übermorgen fangen wir an zu bauen. Das machen wir alles selbst. Selbstverständlich ist diese Art und Weise, Anschaffungen zu machen, abscheulich, aber für uns bedeutet es Lebensrettung in großem Stil, wenn wir dieses Krankenhaus wirklich aufbauen. Es ist bereits im voraus mit einhundert330 - einunddreißig Patienten belegt. Die notwendigen Arzneien sowie Desinfektions- und Waschmittel, Seife, Scheuerbürsten, Putztücher usw. nebst Wolldecken erhält das Revier vorerst per Flugzeug aus Schweden gemäß einer Vereinbarung zwischen dem Kommandanten und dem leitenden schwedischen Arzt der Rote- Kreuz- Expedition. Jetzt bin ich wirklich müde nach einem anstrengenden Tag. Morgen werden Frode und ich durch unsere Baracken gehen und alles notieren, was an Reparaturen und Neuanschaffungen notwendig ist. Es tut so gut, etwas Nützliches zu arbeiten. Die Zeit vergeht dann schneller. Gute Nacht, Kari! 28.- 30. März 1945 Es war eine aufreibende Nacht, und ich will schreiben, solange die Eindrücke noch frisch sind. Gestern abend um halb elf Uhr fing es damit an, daß uns mitgeteilt wurde, daß etwa zwölfhundert Norweger und Dänen in den Schonungsblock übersiedeln sollten. Das ist ein zwei Stockwerk hoher Steinbau, der von außen ganz imponierend wirkt, aber von innen derart aussieht, daß man lange nicht vergessen wird, was man gesehen hat. Da herrscht ein Elend, das alle Grenzen und Begriffe sprengt. In jedem Bett lagen drei bis vier, ja auch fünf oder sechs Mann. Es klingt unglaublich, aber ich habe es selbst gesehen. Sie lagen allerdings aufeinander. Die meisten waren nur Skelette und brauchten nicht viel Platz. Ganz ruhig lagen sie, sie hatten keine Kraft, sich zu rühren. Sie lagen nur da, um zu sterben. Viele waren bereits tot. Das ganze Innere des Gebäudes war ein einziges Inferno, ein Wartezimmer des Todes, schlimmer, als man es sich in der wildesten Phantasie vorstellen kann. Ohne Betreuung lagen die armen Menschen in den Betten, einige mit Tuberkulose, andere mit Durchfall und Typhus, wieder andere mit offenen Wunden und eiternden venerischen Krankheiten, kurz, allen denkbaren und undenkbaren Leiden jeder Art. Diejenigen, die Durchfall hatten und zu kraftlos waren, um sich aus den Betten zu heben, machten alles dorthin, wo sie lagen. Man kann sich vorstellen, 331 wie es in den Betten aussah! Das Stroh war uralt, und die Wolldecken waren seit Jahren nicht ausgeschüttelt, geschweige denn gewaschen worden. Sie lagen wie steife Kuchen von Dreck in den Betten. Auf dem Boden und an den Wänden lag der Dreck in dicken, harten Schichten. Wenn man das Gebäude betrat, kam einem ein Gestank entgegen, von dem man sich keinen Begriff machen kann. In den Fluren, im Waschraum, im Treppenhaus, auf dem Abort, in den Sälen und in den Betten lagen Leichen herum. Und jetzt sollten diese Menschen hinausgeworfen werden, damit das Lager mehr Norweger aufnehmen kann. Wir sollten nach ihnen einziehen. Die SS hatte tatsächlich die Absicht, uns einziehen zu lassen und uns alles zum Gebrauch zu übergeben so wie es war. Hinein in die Dreckkuchen, hinein in dasselbe Stroh, das jahrelang in den Betten gelegen hatte und voller Bakterien und Bazillen, voll menschlicher Ausscheidungen war. Das ist eben eine besondere Art von Sauberkeit: Die Decken sollen glatt liegen und die Kanten wie Lineale so gerade sein. Auf den Decken darf nichts liegen, auch nichts unter den Betten. Ob die Decken Mist bedeckt oder etwas anderes, das interessiert niemanden wie ein Tanzboden. Ja, wenn auch Leichen unter den Decken liegen und verwesen, das ist vollkommen in Ordnung- wenn man sie nur nicht sieht. - wenn die nur glatt sind Das letztere erwähnte ich, weil wir während des Aufräumens Leichen fanden, die im Bettstroh versteckt waren. Bettkameraden ,, hielten" die Leichen dort, um eine besondere Portion Suppe und eine zusätzliche Brotration zu erhalten. Sie zogen den Arm der Leiche hervor, wenn der Kalfaktor mit dem Essen kam, und halfen der toten Hand, die Schüssel und das Brot zu ergreifen. Diesen Trick kennt man von beinahe allen deutschen Konzentrationslagern, auch von Sachsenhausen. Die SS hatte sich jedoch verrechnet, wenn sie glaubte, daß Norweger und Dänen, die noch bei Verstand waren, sich zwingen ließen, einzuziehen und sich in diese Hölle von Dreck zu legen. Unsere Blockärzte übernahmen ohne Besinnen die 332 - - Verantwortung dafür, daß dem Befehl entgegengehandelt wurde. Sie befahlen eine sofortige Generalreinigung des ganzen Hauses von oben bis unten. Und damit ging ein Reinemachen los, desgleichen dieses Lager und seine Leitung jedenfalls nie vorher gesehen hat. Hunderte von Norwegern und Dänenlegten los und arbeiteten buchstäblich gesprochen- mit Todesverachtung die ganze Nacht hindurch. Sie sind jetzt, am späten Nachmittag, immer noch dabei. Jedes einzelne Bett und jedes Bettbrett wurde in die Waschräume geschleppt und abgekratzt und mit Lysol und Chlorwasser gewaschen. Der Boden und die Wände wurden auf die gleiche Art behandelt. An einigen Stellen mußte man den Dreck abhacken. Eine Arbeitsgruppe löste die andere ab. Morgens um vier Uhr waren alle Muselmänner draußen und alle Leichen weggebracht. Es lagen nicht nur überall Leichen herum viele der armen Kreaturen stürzten oder wurden auf dem Weg nach draußen Leichen. Sie wurden in das Bad geführt und gewaschen. Auch dort starben viele, als sie unter das kalte Wasser kamen. Von dreißig Mann, die aus irgendeinem Grunde auf das Revier gelegt wurden, waren bereits heute morgen sechzehn tot. Zweifelsohne wären sie trotzdem gestorben, nur etwas langsamer vielleicht aber ihre Leiden hätten länger gedauert. In den Augen anderer Gefangener, die dieses heikle Schauspiel sich in ,, ihrem" Lager abspielen sahen, werden wir Norweger und Dänen, da wir die Ursache waren, in einem denkbar ungünstigen Licht stehen. Da kommen ein paar Tausend ,, gut genährter" Norweger und Dänen( es gibt aber auch unter uns Muselmänner: diejenigen aus Mauthausen, Melk, Bergen- Belsen und anderen Lagern, zum Teil auch aus Dachau)- und damit sie Platz bekommen, muß die mehrfache Anzahl anderer Gefangener: Russen, Polen, Ukrainer, Holländer, Franzosen und andere ihre Blocks räumen und sich in Räumen zusammenpferchen, die bereits vorher schon überfüllt waren. Sie liegen zu drei, vier und fünf Mann in einem Bett, und die Betten sind achtzig Zentimeter breit! Jetzt soll jeder Norweger und jeder Däne sein eigenes Bett haben ein Mann in jedes Bett! Es ist klar, daß das böses Blut macht, und daß die anderen Gefangenen den - - 333 Grund dafür nicht einsehen- oder verstehen-, geschweige denn die„Gerechtigkeit“, die darin liegt. Sie finden keinen Anlaß, uns zu entschuldigen, und tun auch nichts, um den Grund und die Zusammenhänge zu erfahren. Sie nehmen dies, wie sie all das andere Schreckliche genommen haben, das ihnen das Schicksal zugefügt hat und das ihr Dasein tagaus, tag- ein, in vielen, vielen Jahren ausgemacht hat. Bitter ist es aber, daß auch wir jetzt in ihre Galerie von Todfeinden eingereiht werden. Wir waren es, die ihnen die Betten und Baracken weg- nahmen, wir waren es, die sie von„Grund und Boden“ ver- trieben, hinaus auf Transport. Und was ein Transport für sie bedeutet, das wissen alle viel zu gut. Ein Ereignis löst das andere ab. Ich habe nicht mehr als sage und schreibe drei Stunden Schlaf gehabt im Laufe von zwei Tagen und zwei Nächten. Am gleichen Nachmittag, an dem wir mit dem Reinemachen im Mauerblock fertig waren, kam Bescheid, daß das ganze Revier auf Block 16 und Block ı5 (den letzteren hatten wir gerade verlassen) übersiedeln sollte. Ich bekam einige Leute zur Hilfe, und wir schufteten, bis es Tag wurde. Es war vier Uhr durch, als ich mit Arvid zusammen in Koje Nr..4 des Mauerblocks an Bord kroch, um ungefähr eine Stunde später mit einem Donnerwetter geweckt zu werden. Wir sollten unsere Sachen augenblicklich packen und auf Block 7 einziehen! Die Dänen sollten den Mauerblock alleine haben. Hinaus mußten wir, und in jener Nacht gab es keinen Schlaf mehr, denn ich mußte anfangen, Pläne zu zeichnen für die Einrichtung des neuen Reviers in zwei Blocks. Wir hatten gebeten, Block ıı zu bekommen, einen Block, der für diesen Zweck viel besser geeignet ist als Block ı5 und 16. Das sind nämlich alte und baufällige Gebäude. Bescheid:„Das kommt nicht in Frage.‘ Der Kommandant hatte befohlen, daß wir 15 und 16 haben sollten, punktum. Dazu kommt noch, daß 15 und 16 am Ende einer Blockreihe liegen. Das Revier darf wohl nicht zentral und praktisch liegen! Im Laufe des Nach- mittags kam dann Bescheid an mich vom Standortarzt, daß ich die Pläne pünktlich um neun Uhr am nächsten Morgen fix und fertig haben müßte. Ich war todmüde, nachdem ich nur 334 eine Stunde nachts geschlafen hatte, und erklärte das Unmögliche dieses Verlangens. Der SS- Arzt und der Schreiber, die diesen Bescheid brachten, verstanden das ja, aber es war Befehl, und als sie eine Weile Mitgefühl gemurmelt hatten, gingen sie mit einem ,, Also Sie sorgen dafür, daß die Zeichnungen fix und fertig sind bis morgen früh um neun Uhr! Ne'?" davon. 31. März 1945 Ich kam gestern nicht mehr zum Schreiben, denn die lange erwartete schwedische Kommission kam. Eine festliche Komödie, auf die ich noch zurückkommen werde. Ich fahre fort, wo ich gestern aufgehört habe: Also, vor neun Uhr sollten die Krankenhauszeichnungen fertig sein. Es galt, die Zähne zusammenzubeißen und loszulegen. Von meinem Freund Per Graesli( vorläufig hier Oberarzt) bekam ich zwei Mikodrintabletten, um wach zu bleiben. Ich saẞ bis drei Uhr, da kam Fliegeralarm und das Licht mußte gelöscht werden. Ich stellte die Weckuhr auf fünf und legte mich hin. Um fünf Uhr stand ich auf, aß eine Pille und fing wieder an. Später nahm ich noch eine Pille, und als um neun Uhr Bescheid kam, daß ich mich sofort beim Standortarzt mit den fertigen Zeichnungen einzufinden habe, war ich hell wach und die Zeichnungen so ungefähr fertig. Geschlagene zwei Stunden mußte ich draußen vor der Tür des Büros des hohen Herrn stehen und warten, bis ich hereingelassen wurde. Aber das hatte ich erwartet und war deshalb nicht überrascht. Die Konsultation ging rasch vonstatten. Der Herr war katzenfreundlich und ,, zuvorkommend", deutete aber an, daß wir versuchen müßten, einen Teil der benötigten Gegenstände von den Schweden zu bekommen. Das hatte ich mir ja so gedacht. Das Ganze ist eine Fassade. Sie zeigen den Schweden schöne Projekte auf dem Papier, um ihnen zu sagen, wie sie alles für uns einzurichten ,, gedacht" hatten- aber es gäbe leider keine Möglichkeiten, Material zu beschaffen usw.( Es gibt allerdings tatsächlich keine, zu denen sie sich den Schweden gegenüber bekennen können!) Etwas blamabel muß es im Grunde doch 335. für sie sein, aber es scheint, daß sie das gar nicht kümmert. Die Wirklichkeit, die Wahrheit, die handgreiflichen Realitäten spielen keine besonders große Rolle bei ihnen, wenn nur die äußere Fassade präsentabel ist. Als wenn die schwedische Rote- Kreuz- Kommission, die soviel weiß, sich bluffen ließe von einer eilig erstellten nationalsozialistischen Fassade! Am Nachmittag kam die Kommission. Die Vertrauensleute wurden zusammengerufen, denn Graf Folke Bernadotte, der die Kommission führte, verlangte sie zu sprechen. Sie hatten eine lange Konferenz, bevor die Führung durch das Lager begann. Die Schweden wurden gut orientiert. Unser erster Vertrauensmann war großartig. Er hatte klaren Bericht erstattet über die Zustände im Lager, ohne daß der Kommandant, Lagerführer oder irgendein SS- Mann gewagt hätte, einzugreifen oder zu unterbrechen. Die Unterhaltung war auf ,, skandinavisch" geführt worden. Die Schweden waren also gut orientiert, ehe sie ihre Inspektionsrunde begannen. Erst begaben sie sich in den Mauerblock, der sich jetzt in einer ordentlichen Verfassung befindet. Aber danach ging es in den Block 6, einen der schlimmsten, wo unsere Leute auf ihren Strohhaufen auf dem Fußboden eng beieinander hockten und aßen. Das machte auf die Schweden einen tiefen Eindruck. Für die Deutschen mußte dieser Rundgang ja ein Kanossagang sein, wie man ihn selten findet! Sie schienen sich auch nicht sehr wohl dabei zu fühlen. Sie sagten nichts, konnten auch nicht verhindern, daß die Schweden sich lebhaft mit uns und anderen unterhielten. Die Schweden bekamen alles zu sehen und alles zu wissen, und ich glaube, sagen zu können, daß dies für uns ein großer und wohlgelungener Tag war. Die Laune war auch die allerbeste. Allein schon, die Schweden unter uns zu sehen, war ja eine kolossale Aufmunterung, und ihr strahlender Optimismus in bezug auf das Kriegsende und unser Schicksal tat ein übriges. Es war, als wenn ein frischer Frühlingswind durch die Norweger- und Dänenbaracken ging. Ich beobachtete heute einen Transport Muselmänner, die das Lager in schwedischen Autobussen verließen. Die Schweden mußten es übernehmen, sie wegzutransportieren, damit wir 336 mehr Platz im Lager bekamen. Es war ein trauriger Anblick. Die meisten Muselmänner besaßen nicht mehr so viel Kraft, daß sie die Trittbretter der Autobusse erklettern konnten. Man mußte sie hineinheben. Einige fielen zusammen, bevor sie soweit waren, und blieben auf der Erde liegen. SS- Leute und der Lagerführer Thumann selber sowie die Vorarbeiter bekamen es eilig, sie in die Reihen hineinzuschieben, und stellten sich selbst davor, damit die schwedischen Chauffeure es nicht so gut sehen sollten- und dann wurden sie halbtot in die Autos getragen. Nur hineingeschoben in die Menge, worauf die Türen verschlossen wurden. Die SS dachte wohl, daß die Situation gerettet sei, wenn sie nur weg waren, weg aus diesem Lager! Ob sie auch als Leichen ankamen, das war dem Lagerführer Thumann gleich- ganz im Gegenteil! Er sah das ganz gerne- er brauchte ja deswegen keine Rechenschaft abzulegen. Das glaubt Thumann! Mag sein, daß er sich irrt- mag sein, daß es ihm einmal schwer sein wird, der Abrechnung entgegenzugehen! die meisten waren schon - In allen diesen Muselmännern vom Tode gezeichnet- erwachte unsagbare Freude und Hoffnung, als sie sahen, wie die weißen Rot- Kreuz- Autos auf den Betonplatz fuhren, und als sie verstanden, daß sie damit fortfahren sollten! Vielen wurde es zuviel, sie ertrugen es einfach nicht mehr, einer so märchenhaften, wundervollen Hoffnung zu begegnen- sie sanken zusammen und starben buchstäblich vor Freude! Dann ging es los. Sie kamen nach Braunschweig und wurden dort in eine neue Hölle geführt. Bis dahin und nicht länger dauerte das Märchen- dort zerbrach die Hoffnung, und die Träume von der Rettung gingen unter in dem Gebrüll neuer Sklaventreiber und Büttel, wurden zerschlagen unter den Gummirohren. Aufs neue schloß sich der Stacheldraht um sie- aufs neue sollten ihre Tage zu einer ununterbrochenen Reihe namenloser Leiden werden bis der Tod sich ihrer erbarmt und ihnen Frieden gibt. ,, Jeder ist sich selbst der Nächste", sagte einer der Schweden zu mir und schüttelte traurig den Kopf. Dieses Wort haben wir wohl besser als die meisten anderen am eigenen Leib erfahren müssen- wir, - 22 Nansen 337 die wir einige Jahre in einem Konzentrationslager verbracht haben. Die Zeit unserer Leiden ist vorbei. Wir haben Anlaß, das wirklich zu glauben, und wir freuen uns darüber und sind den Schweden dankbar für ihren Einsatz, den sie für uns geleistet haben. Aber eines ist sicher: Wenn wir das Bewußtsein haben dürften, daß auch für die anderen Tausende etwas unternommen worden wäre, um ihre Leiden zu mildern, dann wäre unsere Freude größer und tiefer gewesen. Wenn wir jetzt alle die Verbesserungen und Vorteile genießen, die man uns bereitet hat, ohne daß wir einen Finger dafür gerührt haben, dann empfinden wir tief in unserem Gewissen ein verzehrendes Gefühl, daß wir dies eigentlich nicht verdient haben. Wir haben ja keine Not gelitten, jedenfalls die meisten von uns, die in Sachsenhausen gewesen sind. Wir waren ja am günstigsten gestellt von allen Gefangenen und sind es die ganze Zeit geblieben. Wenn es gerecht zugegangen wäre, hätte den anderen Gefangenen ( den Russen, Polen, Ukrainern und Juden) zuerst geholfen werden müssen. Es gibt zwar auch Norweger und Dänen, die Not gelitten haben und dabei den anderen vollständig gleichgestellt waren. Auch unter uns gab es verhältnismäßig viel Sterbefälle. Aber das alles vermag nicht das nagende Gefühl zu verjagen, unverdient und ungerechterweise anderen Leuten vorgezogen zu werden, Menschen, denen es viel schlimmer geht als uns, und die untergehen und sterben, während wir im Überfluẞ leben. Es geht ja hier schließlich um Leben oder Tod! Die Kommission mit Bernadotte an der Spitze ging durch jeden einzelnen Block. Wir zogen sie überall mit hin und zeigten ihnen, wie wir leben. Sie hatten aufmunternde Worte für alle Worte, die von Tausenden von hungrigen Seelen verschlungen und in ihren Herzen bewahrt wurden. Als die Kommission gegangen war, wurde alles, was sie geredet hatte, wieder hervorgeholt, besprochen und gedeutet- vergrößert und vertieft auf alle möglichen Arten. Ich sprach mit Runberg über einige Teile, die wir nötig haben, um das Revier instand zu setzen. U. a. fragte ich, ob uns die Schweden Zement, sanitäre Anlagen, Chlor usw. 338 schicken könnten. ,, Ja- a, das könnten wir schon machen- aber das schaffen wir nicht mehr!" antwortete der Professor. Das wurde nachher unser Motto, denn der Professor antwortete mit denselben bezaubernden Worten, sooft es paẞte. Der Graf landete auch ähnliche Dinge, gerade an der Nase des Lagerkommandanten und des Lagerführers vorbei. War das ein Fest!! Zu erleben, daß die SS- und dazu die allerschlimmsten Büttel unserer Lagerwelt- wie Luft behandelt wurden! Sie vollkommen hilflos zu sehen und jämmerlich das war alles unbeschreiblich erfreulich. ,, Ist das der Teufel, von dem Sie mir erzählt haben?" fragte der Graf nachher draußen auf dem Platz Sverre Löberg und zeigte auf den Lagerführer Thumann, den Teufel von Lublin. - Doch, es war ein großer Tag und ein märchenhaftes Erlebnis für uns. Jetzt besteht nur die Gefahr, daß wir gar zu übermütig werden, daß uns der Hut zu hoch geht! Der Anfang dazu ist schon da. Einige wollen nicht mehr arbeiten, sie weigern sich ganz einfach und pochen auf ihr ,, Recht". Das stimme nicht überein mit dem Vertrag, die Deutschen dürften sie nicht kommandieren usw. Als wenn wir irgendeinen ,, Kontrakt" hätten! Als wenn wir Bescheid bekommen hätten, daß wir etwas anderes geworden seien als ganz gewöhnliche Schutzhäftlinge, wie wir es die ganze Zeit über gewesen sind! Aber es wird schon gut gehen, wenn die Gemüter sich erst wieder beruhigt haben, und wenn es uns klar geworden ist, daß es noch einige Tage dauern wird. 1. April 1945 Heute ist der erste Ostertag und dazu noch der 1. April. Das Lager hat ,, frei". Für uns ist das jedoch kein Vorteil. Wir werden nämlich in unsere Stacheldrahtstraßen eingeschlossen und dürfen nicht einmal in die anderen Norwegerblocks gehen. Aber die Stimmung ist großartig, denn die Schweden waren auch gestern hier, allerdings ohne Bernadotte. Professor Runberg kam mit drei anderen. Sie brachten acht Lotten mit, die von heute ab regelmäßig auf dem Revier arbeiten sollen. Sie werden jetzt jeden Tag kommen. Es ist nicht zu glauben! 92* 339 Der kleine Standortarzt folgte auch gestern den Schweden mit meinen Zeichnungen unter dem Arm und wedelte damit hin und her. Aber ich glaube, es gelang ihm auch diesmal nicht, ,, seine" Pläne für unser neues Revier vorzulegen. Es interessierte sich niemand für ihn, den Armen- er war überflüssig überall, wo er sich vorzudrängen versuchte. Weder als Arzt noch als SS- Offizier wurde er um Rat gefragt oder hatte er irgend etwas zu sagen. Jedenfalls waren die Schweden nicht der Ansicht und wir auch nicht! Die Schweden schreiben lange, neue Listen über unsere Wünsche, die jetzt auch Dinge wie Musikinstrumente einschließen. - - Bernadotte verhandelt in Berlin. Er will wahrscheinlich versuchen, uns hier wegzubekommen, noch ehe der Krieg zu Ende ist hoffentlich nach Schweden. ,, Bernadotte hat ja bis jetzt unglaublich viel erreicht, warum sollen wir denn nicht glauben, daß er auch dies wird schaffen können?" sagte einer der Schweden gestern. Alle norwegischen Zuchthäusler- über neunhundert, die auf drei verschiedene Gefängnisse in Deutschland verteilt waren-, kommen auch hierher. Das ist alles in Ordnung. Wir erleben jetzt zweifelsohne die Schlußphase des Krieges mit der großen Offensive im Westen, die sich mit jener aus dem Osten trifft. So mächtig packen uns die Nachrichten, und die Eindrücke und Begebenheiten, die sich in diesen Tagen über uns ergießen, sind so gewaltig, daß wir sie kaum zu fassen vermögen. Wir leben wie in einem Märchen, es ist, als wenn man in die Luft träte. Wie sieht denn die Wirklichkeit aus? Hinter dem Revier steigt der Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums zum Himmel. Das ist die Wirklichkeit, in der wir trotz allem noch immer leben. Eine Kältewelle hat eingesetzt, und ich sitze hier und friere, auch bei dem Gedanken an all das, was der Rauch aus dem Krematoriumsschornstein wieder in Erinnerung bringt: die stierenden toten Augen, die mageren Skelette, die im Leichenhause aufgestapelt sind. Kann es möglich sein, daß diese Schrecken bald zu Ende sind? Kari du bist jetzt so lange so weit, weit weg gewesen! - 340 7. April 1945 Gestern kam ein Transport von Süden. Ich bekam Nachricht, daß Leif dabei war, und lief zum Revier, um ihn zu treffen. Es war erschütternd, ihn wiederzusehen. Alle Vorstellungen, die ich mir von ihm gemacht hatte, seit man mir erzählte, daß er gute Zeiten gehabt habe, seit er leitender Arzt in Natzweiler wurde, fielen mit einem Schlag zusammen. Ein nur aus Haut und Knochen bestehender weißhaariger Greis, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, kam mir auf der Ambulanz entgegen- Leif. Ich mußte nach Luft schnappen, ich kannte ihn kaum wieder. ,, Herrgott, bist du es, Leif?" platzte ich heraus. ,, Ja bist du es, Odd?" antwortete Leif und versuchte, es lustig klingen zu lassen. Wir blieben stehen und schauten einander an. ,, Wie geht es dir, Leif?" fragte ich, denn ich glaubte, ich müßte doch irgend etwas sagen. ,, Danke, ausgezeichnet", sagte Leif- er mußte ja im selben Stil antworten. Aber dann fiel er zusammen. Er sank auf einen Stuhl, der dort stand. Wir drückten einander die Hand und konnten lange nichts sprechen. Die Stimme wollte nicht, es war etwas im Hals, das weggeräuspert, hinuntergeschluckt werden mußte zuerst. Später brachten wir Leif zu Bett und gaben ihm das Beste zu essen, was wir hatten: Eier, Milch und weiße Keks. Aber er konnte nicht viel davon hinunterbekommen. Die Milch mußten wir mit Wasser verdünnen, dazu ein paar Löffel mit Ei und ein kleines Stück Keks, das war alles, was er zu essen vermochte. Ich versuchte, etwas aus ihm herauszubekommen, zu hören, was er durchgemacht hatte, aber darüber äußerte er sich kaum. Die letzte Zeit vor der Evakuierung aus Natzweiler hatte er es etwas besser gehabt. Sie hatten Arzneien bekommen und auch etwas mehr Essen. Später ist er in mehreren anderen Lagern gewesen und hat mit vielen anderen zusammen Not gelitten, bis er zuletzt in einem Lager südlich Stuttgart als Arzt landete. Das war das Schlimmste von allem, was er kennengelernt hatte. Dort hungerten alle. Das Lager lag so versteckt, daß die Schweden es kaum gefunden 341 Aber von hier gingen heute tausend lebende Leichen nach Bergen- Belsen ab. Ich sah, wie die Muselmänner aufgerufen wurden und sich außerhalb der Blocks, in denen sie hausten, aufstellten. Sie kamen aus dem Dunkel herausgewackelt und konnten die Beine nicht mitbekommen. Ein ,, Kapo" stand mit einem Gummistock und half nach. Er schlug sie so, daß sie kopfüber die Treppe des Mauerbaus hinunterfielen, und schalt sie gleichzeitig auf die übliche Weise aus. Konnten sie sich aus eigener Kraft nicht mehr aufrichten, wurden sie aufgehoben und ,, zu fünfen" gerade aufgestellt, von ihren Seitenmännern gestützt. Zu fünfen, die sich irgendwie aneinander klammerten und so eine zusammenhängende Reihe bildeten, die auf irgendeine Weise nicht umfiel ,,, marschierten" sie zum Tor hinaus. Einige fielen hin, wurden aber wieder aufgerichtet und weitergeschleppt. Eine ganze Reihe fiel aufs Gesicht. Da erschien ein ,, Kapo" mit der Peitsche, und irgendwie kamen sie wieder hoch und schleppten sich weiter auf ihren Holzschuhen, die gegen den Beton klapperten und kratzten. Daß sie sich nicht etwa unterstanden, sich hinzulegen und zu sterben, wo sie gerade standen! Nicht einmal das war ihnen erlaubt. Nein, sie sollten bis zum allerletzten Atemzuge gepeinigt und geplagt werden. Sie sind derartig geknechtet, daß sie sich auch ergeben dorthin schleppen, wo man ihnen befohlen hat, daß sie sich aufstellen und umfallen sollen. Wie das Vieh, das man zur Schlachtbank führt! Es fällt ihnen gar nicht ein, Widerstand zu leisten oder den Gehorsam zu verweigern. Denn dann werden sie geschlagen. Und diese Schläge, diese entsetzlichen Schläge stehen vor ihnen als etwas Schlimmeres als der Tod, der auf sie wartet. Was für ein himmelschreiendes Elend! Verstehst du es, meine Kari wie unsagbar weh es in der Seele tut, dies ansehen zu müssen, ohne irgend etwas tun zu können, um zu helfen? Verstehst du, wie diese Blicke voller Haß und Verachtung im Gemüt brennen, die einige von ihnen mir dort im Tor zuwarfen, weil ich so gut aussah und nicht so war wie einer von ihnen? Diese Menschen sind ja meine Mitgefangenen. Warum müssen sie sterben und nicht ich? - - 344 n 9. April 1945 Vor fünf Jahren! Fünf harte, böse Jahre, wie ein Unglück so lang. Aber die nächsten fünf sollen anders werden, ich werde sie auf andere Art verleben! Das Joch wird bald abgelegt sein, und wir werden zum erstenmal nach vielen Jahren die Freiheit kennenlernen. Wir wollen sie bis auf den Körper fühlen, sie körperlich spüren und im Gemüt, sie in tiefen Atemzügen ein- atmen! Der Tag wurde im Lager mit kleinen Feiern begangen, mit Reden, Gedichten und Liedern. Es war das alte Rezept, wenig Neues war geboten. Vielleicht gab es etwas zuviel große Worte im voraus. Aber wenn wir es fertigbringen, ihnen entgegenzu- leben, dann ist es ja in Ordnung. Der erste Krankentransport ging heute ab nach Schweden. Leif war dabei. Es tat nicht so weh, von ihm Abschied zu nehmen, wie damals ihn wiederzusehen. Er versprach, Kari zu schreiben. Sie sollen nach Flensburg fahren, wo dänische Rote- Kreuz-Autos warten. Ich glaube, es eilt allmählich. Bremen ist gefallen, und die Alliierten stehen wahrscheinlich weniger als hundert Kilometer von hier entfernt. Wenn sie so weiter vorangehen, können sie jeden Tag hier sein. Es heißt, daß die SS dabei ist, Vorbereitungen für die Evakuierung des Lagers zu treffen. Hier wie in Sachsenhausen haben sie die Kartothek über die Toten vernichtet. Die ‚Akten‘, wie man sie nennt, wurden verbrannt. Keine Spur soll verraten, auf welche Weise die Opfer ermordet worden sind. Dieser Prozeß vollzieht sich bereits seit einigen Tagen. Die Regale und Schubladen im Schreibzimmer des Lagerreviers sind schon leer, und das Gefangenenpersonal wartet auf den Evakuierungsbefehl, Sie sind in das„Rucksackstadium‘‘ gekommen, und man kann jetzt gute Bezahlung für einen brauchbaren Rucksack be- kommen. Diejenigen Gefangenen, die noch außerhalb unseres Stacheldrahtes hier im Lager sind, rechnen damit, daß sie zu Fuß gehen müssen. Wohin, ahnt niemand. Auch über unser weiteres Schicksal weiß vorläufig noch keiner etwas. Sollen auch wir evakuiert werden? Oder sollen wir zurückbleiben unter dem Schutz des schwedischen Roten Kreuzes? Ich 345 sprach mit dem schwedischen Pfarrer, der heute hier war. Er hofft, daß es dazu kommt, daß auch wir evakuiert werden. Denn dann würden die Schweden sofort hier sein mit ihren Omnibussen und ‚sich unser annehmen“, wie er sich aus- drückte. Er hoffe das sehr! Ich glaube, er meinte damit, daß es bald so weit ist. 10. April 1945 Wir haben ständig Fliegeralarm, und viele Angriffe sind in der Nähe. Eine Munitionsfabrik wurde neulich angegriffen, ebenfalls Altona, und zwar sehr schwer. Die Schweden neigen mehr und mehr zu der Ansicht, daß der Aufenthalt hier nur noch kurze Zeit dauern wird, und daß wir kaum Zeit haben werden, viel von unseren Plänen durchzuführen. Gestern be- kamen wir Nachricht, daß die dänischen Baracken hier mit der Bahn angekommen seien. Ich wurde aus diesem Anlaß zum Lagerführer Thumann bestellt. Dort waren einige Dänen, die die Sendungen begleitet hatten. Sie zeigten Bilder der fertig aufgestellten Baracken und übergaben eine dazu gehörige Be- schreibung der Bautechnik. Ich übernahm es, die Baracken mit bereits ausgesuchten Leuten aufzustellen. Aber ich glaube kaum, daß wir es noch schaffen. Wir hätten am kommenden Tag früh anfangen sollen, aber noch sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß wir beginnen können. Genau so geht es mit allem anderen. Es ist sehr zweifelhaft, ob wir jemals etwas von dem Material schen werden, das wir für die Einrichtung des Reviers bestellt haben. Ich besuchte heute eine Gruppe jüdischer Kinder, die hier gehalten werden, wie sie in Sachsenhausen auch gehalten wurden: als Versuchskaninchen. Sie wohnen in einem kleinen Raum mit einem versteckten Eingang am Ende der Revier- baracken. Man kommt erst in einen kleinen Hinterhof, wo eins großer Käfig mit Meerschweinchen steht. Sie dienen dem- selben Zweck wie die Judenkinder. Der Hofplatz ist dazu noch mit einem Kohlen- und einem Abfallhaufen geschmückt. Es sind kaum zehn Quadratmeter, auf denen man sich bewegen kann. Dies ist der einzige Ort, wo die Kinder frische Luft 346 schnappen können. Sonst leben sie in dem kleinen Innenraum, der beinahe vollständig von ihren Betten eingenommen wird. Die Betten sind zweistöckig, in jedem liegen zwei Kinder. Ich sah süße Geschöpfe- französische, holländische, belgische und polnische. Sie kamen alle aus Auschwitz. Ein achtjähriger Junge hatte vier und ein halbes Jahr im Konzentrationslager verbracht. Auf meine Frage, was für Experimente mit diesen Menschenkindern gemacht würden, hielt der Häftlingsarzt, der mich herumführte, den Finger warnend vor den Mund: davon dürfe man nicht sprechen- aber die Kinder hätten Einspritzungen bekommen. Was für Einspritzungen? Neue Warnung mit dem Finger, und flüsternd kam es: Tuberkulose! Ob tatsächlich wirklich tüchtige Wissenschaftler diese Experimente gemacht hätten? Ach, ja. Ein deutscher Professor, der so ähnlich wie Wiesmeyer oder Bismeyer hieß. Die Kinder sahen nicht aus, als ob ihnen die Experimente geschadet hätten. Es war keines gestorben, und sie waren auch nicht besonders schwer krank gewesen. Augenblicklich hat eines von ihnen, ein Sohn des Leiters des Rothschild- Instituts in Paris, Lungenentzündung. Aber der Junge wird gut gepflegt und befindet sich bereits wieder auf dem Weg der Besserung. Offensichtlich bekommen sie auch genug zu essen und haben insofern ein sorgloses Dasein, als sie nichts verstehen von dem, was mit ihnen und um sie herum vor sich geht. Mein Freund, der Häftlingsarzt, der die Kinder offensichtlich liebgewonnen hat, schüttelte traurig den Kopf, als ich nach dem Schicksal der Kinder fragte für den Fall, daß das Lager evakuiert werden würde. Er bat, daß ich die schwedische Kommission fragen möchte, ob sie nicht etwas für die Kinder tun könnte. Ich werde das tun · aber ich bin darauf vorbereitet, daß auch das erfolglos sein wird wie beinahe alles, was man für Mitgefangene zu erreichen versucht. - Die Kinder haben Essen und Süßigkeiten von uns bekommen, und sie sollen mehr erhalten, solange wir hier sind. Es wird nicht nur mit diesen Kindern experimentiert. Es stellte sich heraus, daß der ganze Block, an dessen Ende die Kinder 347 wohnen, von völlig verkommenen Individuen des üblichen Muselmanntyps bewohnt ist, und daß auch sie zu verschiedenartigsten Versuchen benutzt werden. Ob sie nun an diesen Versuchen sterben oder an etwas anderem- das kann ja schließlich gleichgültig sein! Sie sollen ja auf jeden Fall sterben! Ja, wenn etwas Gutes bei diesen Versuchen herauskäme, dann wären sie nicht einmal vergebens gestorben. Und das wäre mehr, als man von den Millionen anderer sagen kann!! 11. April 1945 Heute morgen kam Bescheid, daß das Revier anderswo untergebracht werden soll. Unser Krankenhaus, das wir jetzt gerade einrichten, das ich kreuz und quer aufgezeichnet habe, das wir repariert und in Ordnung gebracht haben und das wir jetzt gerade anstreichen! Das ist selbstverständlich nur Schikane vom Lagerführer. Angeblich ist der Grund der, daß man neue Transporte erwartet. Sie müssen Platz schaffen, und die Norweger müssen zusammenrücken. Sven hat erreicht, daß der Umzug verschoben wird, bis der nächste Transport weggegangen ist. Man erwartet, daß das morgen oder übermorgen geschehen soll. Die Transporte gehen jetzt ohne Unterbrechung bis Schweden. Sie brauchen nicht mehr in Dänenautos hinüberzuwechseln. Zwischen dem Revier und dem nächsten Block, der außerhalb des Norwegerlagers liegt, hat man dieser Tage einen doppelten Stacheldrahtzaun gezogen. Russen, Polen und andere haben diese Arbeit verrichtet und haben manchen Hieb von den Gummistöcken der Kapos bezogen, weil sie nicht schnell genug arbeiteten oder weil sie versuchten, durch den Stacheldraht hindurch mit den Norwegern zu handeln. Heute wurde ihnen mit Peitschenhieben und Gebrüll befohlen, das Ganze wieder abzureißen. Heute kam ein Transport Dänen. Zweihundert, von einem hiesigen Außenkommando. Die meisten sind Skelette. Eine ganze Anzahl unter ihnen konnte nicht auf den Beinen stehen, sie wurden zum Revier getragen. Fünfzig Mann waren im 348 Laufe von drei Monaten gestorben. Es war unheimlich, sie zu sehen. Aber man gewöhnt sich mit der Zeit an so etwas. Frode ist krank geworden. Die Stirnhöhlenentzündung hat wieder angefangen. Jetzt wird er nach Hause geschickt, und das ist gut so. Er kann es selbst noch nicht richtig fassen. Nach Hause! Frei! Nein, das muß ja auch unfaẞßbar sein. Heute wurde mir ein Geschwür in der Armhöhle aufgeschnitten. Das tut weh. Heute nacht, als ich wach lag, flogen feindliche Flieger gerade über unsere Dächer weg, und wir hörten ihre Salven von kleinen Kanonen oder Maschinengewehren. Sie haben die Fahrzeuge auf der Hauptstraße draußen beschossen. Nach allem zu urteilen, stehen die Alliierten nicht viel weiter als sechzig bis siebzig Kilometer von hier. Heute hören wir den Kanonendonner von der Front. Ein Transport unserer Kranken geht soeben ab. Ständig kommen neue Dänen und Norweger an. Alle haben Entsetzliches durchgemacht. 13. April 1945 Gestern war wieder eine kleine Kommission hier. Es waren Repräsentanten vom Internationalen Roten Kreuz. Sie gingen nicht viel herum. Als sie sich verabschiedeten, nahm einer von ihnen einen Norweger zur Seite und sagte: ,, Übergabe wird klappen." Was er nur damit gemeint haben mochte? Frode zog gestern ab. Es ist merkwürdig, daß er weg ist. Aber ich bin froh darum, er hatte es nötig und verdient es mehr als viele andere. Es ist nicht sicher, wann der nächste Transport abgeht wahrscheinlich morgen. - Mir ist es, als lebte ich in einer Halbwirklichkeit. Das, was geschieht, das, was geschehen soll, und das, was geschehen ist- alles gleitet irgendwie ineinander über. Und alles ist so stark und verdichtet, daß es einem den Atem nimmt. Jetzt, da diese langen, entsetzlichen Jahre bald vorüber sein sollen und die Stunde der Befreiung unmittelbar bevorsteht- jetzt ist es mir plötzlich, als wenn das Heim, sie und die Kinder so weit weg wären weiter denn jemals. Wie merkwürdig! Ich werde in 349 einem Strom mitgewirbelt, der so stark ist, daß ich es nicht schaffe, aus ihm herauszukommen. Es ist, als sei ich nur ein Teil davon, ohne persönliche Existenz. 17. April 1945 Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß Roosevelt gestorben ist. An einem Gehirnschlag. Damit ist wohl einer der größten Politiker und Staatsmänner der Welt gegangen, und zwar gerade, bevor er die größten und reichsten Früchte seiner Politik ernten konnte. Für die Friedenskonferenz wird Roosevelts Hinscheiden einen unersetzlichen Verlust bedeuten. Vielleicht würde er ein Balancefaktor sein, der jetzt fehlt? Vielleicht war er- besonders im Verhältnis zu Rußland- ein unersetzlicher Mann. Wir wollen hoffen, daß sein Nachfolger seinen Platz ausfüllen kann und daß nicht zu viele ‚kleine Leute‘‘ Gelegenheit bekommen, im Trüben zu fischen! 18. April 1945 Die Front rückt näher. Heute vormittag haben wir Flieger- besuch gehabt, und ständig hören wir den Kanonendonner und die Maschinengewehrsalven. Die Flieger schossen einen Lastkahn in Brand, der einige Kilometer von hier entfernt liegt. Es ist im Grunde genommen kein Krieg mehr im üblichen Sinne des Wortes. Wir sind eher Zeugen einer kriegerischen Besetzung. Täglich gehen große Gefangenentransporte hier weg. Wohin, weiß keiner. Man ahnt nur das Allerschlimmste. Der Rauch vom Krematoriumsschornstein, der sich noch immer schwarz und dick in den Himmel wälzt oder sich mit einem widerlichen Gestank über das Lager legt, erinnert daran, daß die ‚Ernte‘ noch in vollem Gange ist, während gleichzeitig Kolonnen von Muselmännern auf dem Appellplatz aufgestellt werden und dann aus dem Tor hinausmarschieren- Richtung Eisenbahn. Sie werden in die Waggons hineingepfercht und bleiben stehen- oft Tage und Nächte, bevor sie abrollen. Wohin?? Wir hoffen, daß wir vor der Besetzung wegkommen, sonst kann es langwierig werden. Der nächste Transport geht 350 morgen früh. Wenn man doch nur wüßte, daß es jetzt nach Schweden ginge! Ich habe das unangenehme Gerücht gehört, daß alles, was wir bei uns tragen, und alle Kleider, die wir anhaben, alles ohne Ausnahme nach unserer Ankunft verbrannt wird. Ob es in Dänemark oder in Schweden ist, weiß ich nicht, aber es ist entscheidend. Sollte es in Schweden sein, dann werde ich meine kleinen Dinge wohl vor den Flammen retten können. In Dänemark kann es schlimmer werden. Es mag ja sein, daß das der Gestapo letzte Filzung ist! Es wäre sehr ärgerlich, wenn ich dieses Tagebuch verlieren sollte, nachdem ich es nun mal so fleißig geführt habe. Ich muß sehen, daß ich eine schwedische Lotte dazu verführen kann, es für mich mitzunehmen. Aber Frode nahm ja ein Brotbrett mit. Ob es wohl schiefgegangen ist? Jetzt ist Frode in Schweden! 19. April 1945 Ein Transport von unserem Revier hätte heute morgen abgehen sollen. Alle waren schon bereit. Da kam Bescheid, daß alle Transporte bis auf weiteres eingestellt seien. Das war eine Enttäuschung! Es verhielt sich damit so: Gestern waren die Verhandlungen in Berlin über unsere Evakuierung beendet. Wir sollten alle evakuiert werden. Spät am Abend kam der Gegenbefehl von Himmler: Alle Transporte sind einzustellen! Der Grund ist unbekannt. Man muß annehmen, daß er militärischer Art ist. Der Professor erzählt, daß Bernadotte heute nach Dänemark flog und jetzt im Auto hierher unterwegs ist. Er will versuchen, die Verhandlungen weiterzuführen, um nach Möglichkeit eine Erlaubnis für unsere Evakuierung zu erwirken. Eine solche Evakuierung ist jedoch auch nicht gefahrlos. Sechs oder sieben dänische Omnibusse sind bereits zerschossen worden, und ein Chauffeur hat einen Schuß durch den Schenkel bekommen. Dies geschah auf der Rückreise nach Dänemark. Es kann problematisch werden, jetzt mit Transporten auf den Straßen zu liegen. Die Schweden sind der Ansicht, daß die Lage im Falle einer Besetzung heikel für uns ist. Der Professor hat es tatsächlich aus351 - gesprochen, daß wir dann damit rechnen müssen, noch sehr lange hier gehalten zu werden er sprach sogar von sechs Monaten. Ein halbes Jahr! Das ist schwer zu schlucken. Die meisten lachen darüber und sehen es als einen guten oder schlechten Witz an. Aber so war es bestimmt nicht gemeint. Aber so tief steckt die Überzeugung bei den Norwegern, daß sie selbstverständlich zuerst gehen. Wir sind ja Norweger! Und die Schweden sind ja hier, um uns zu retten! Erst die Norweger- ja, und die Dänen- und dann erst die anderen! Man kämpft schwer, um den Glauben an die Menschen zu bewahren. Es sind die Einzelnen, nicht die Massen, die ihn retten. Aber wenn das Dunkel kommt, und die Nacht sich über all die Leiden und das Elend senkt, dann zerfallen die Massen und werden zu lauter Individuen, und jedes flüstert einen geliebten Namen in das Dunkel der Nacht hinaus. 20. April 1945 - Ich sitze im Omnibus und schreibe. Im Bus zur Freiheit-. Es geht durch Deutschland, Richtung Norden, über die Norddeutsche Tiefebene. Wir sind nicht weit von Lübeck, aber das Ziel der Reise ist weiter nördlich, wir hoffen Schweden. Die Nachricht kam gestern abend, nachdem wir zu Bett gegangen waren. Um vier Uhr sollten wir geweckt werden und reisefertig um sechs Uhr sein! Wir durften nur so viele Kleider mitnehmen, als wir tragen konnten, und ganz wenig Essen. Geschlafen habe ich nicht viel heute nacht. Ich lief stundenlang draußen herum, konnte mich einfach nicht dazu bequemen, diese letzte Nacht zu Bett zu gehen. Draußen herrschte eine lebhafte Tätigkeit. Ununterbrochen war Fliegeralarm. Bomben krachten, Kanonen donnerten, und Maschinengewehre knatterten an allen Enden. Man hatte den Eindruck, als wenn man mitten drin stünde- ohne daß es so war, denn es fielen keine Bomben, keine Splitter und Granaten. Sogar das war unwirklich geworden. Und doch gab es Unruhe im Lager. Einige Gefangene hatten irgendwo Pakete gestohlen. Sie wurden eingefangen und geschlagen. Ihre Schreie und ihr Gebrüll tönten unheimlich in die mondklare Nacht hinaus, zwischen den 352 Bombendonner und die langgezogene Unheimlichkeit der Fliegersirenen. Hunderte von Gefangenen waren damit be- schäftigt, ihre Matratzen auf den Appellplatz hinauszutragen und das Stroh auf einen großen Haufen zu schütten. Warum? Sollte es verbrannt werden mit den Millionen von Läusen und Bazillen? Ich weiß es nicht. Der Haufen lag noch dort, als wir heute morgen abzogen. Wie alles andere unter dem hiesigen Kommando vollzog sich auch dieser Vorgang unter Gebrüll und Geschrei, rasenden Kommandos und Schimpfworten. Auch dies gab dieser letzten Nacht eine„heimatlich‘‘ bekannte Melodie. Wir halten jetzt gerade in Lübeck. Wir sind durch die Stadt- mitte gefahren und haben die Zerstörungen gesehen. Es war traurig, den Rathausplatz mit dem alten, schönen Rathaus, der Marienkirche und dem Dom zerstört zu sehen. Gerade der schönste Teil von Lübeck ging in Trümmer, und doch ist Lübeck wohl eine jener Städte, die am billigsten davon- gekommen sind. 27.28. April 1945 Was in aller Welt soll ich schreiben? Es ist mir heute genau so unmöglich wie an all den anderen Tagen, die in einem einzigen Rausch von Unwirklichkeit und Märchen dahin- gingen. Ich bin nicht mehr in Deutschland! Ich bin in Däne- mark, auf einem Herrensitz, er heißt Mögelkaer und liegt gerade außerhalb von Horsens, und ich bin bereits seit über einer Woche hier! Es ist einfach nicht zu glauben. Was habe ich nicht alles erlebt in dieser Woche! Es scheint nur so ganz hoffnungslos unmöglich, es zu beschreiben. Wo soll ich an- fangen, wo soll ich aufhören, was soll ich schreiben? Vorgestern sollte ich einen Gruß an Kari hinhauen, nur in der Eile einen Gruß, einige Worte auf ein Stück Papier- als Unterlage diente das Schutzblech eines Autos. Man sollte doch meinen, das sei leicht: ein Gruß an die eigene Frau und an die Kinder, ein paar Worte, daß man hier sei, gerettet und gesund. Aber nein, es kam mir so unmöglich vor, so uner- schwinglich! Jedes Wort wurde zu einer großen, unwill- 23 Nansen 3)3 kommenen Kröte, und Kari und die Kinder, alles, was ich so liebhabe, alles, wonach ich mich jahrelang mit ganzer Seele sehnte, alles war ferner denn je. Wie war das möglich, wie kam das? Ich hätte weinen mögen vor Verzweiflung und Wut! Und da standen liebe, hilfsbereite dänische Menschen und warteten, weil sie den Brief mitnehmen und weiterschmuggeln wollten. Die Norwegenhilfe! Meine liebe, geliebte Kari! Ich glaube, das war das einzige, in dem etwas Vernunft lag. Ich weiß nicht, wie das andere wurde. Ich mußte ja etwas schreiben, ich konnte ja nicht erzählen, daß es mir unmöglich sei. Nur einen kleinen Gruß: Auf baldiges Wiedersehen! Das mußte ich doch schreiben können! Und so zwang ich mich dazu und legte es in einen Briefumschlag, und diese merkwürdig lieben Menschen nahmen es mit. Und jetzt sitze ich wieder hier, genau so leer, genau so durcheinander und genau so betäubt wie vorher, ohne Verbindung mit der Wirklichkeit, weil sie tatsächlich so ist, daß ich nicht daran glauben kann. NACHWORT Die deutschen Leser des Tagebuches von Odd Nansen werden fragen, wie er sich die Verständigung und die Zusammenarbeit zwischen dem norwegischen und dem deutschen Volke denkt und wie die Beseitigung der Trümmer, die scheinbar unübersteigbar zwischen den beiden Völkern aufgeschichtet sind.- Besser als alle theoretischen Erklärungen spricht das Hilfswerk, das er im Geiste seines großen Vaters fortführt, und die nun folgende Rede, die er am 19. Juni 1949 in Mainz gehalten hat. Möge sie offene Ohren und Herzen in unserem Land finden. Der Verlag REDE gehalten in Mainz am 19. Juni 1949 Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, ich würde heute auf Grund einer Einladung freiwillig zu einer deutschen Versammlung in Deutschland sprechen- ich gestehe, ich hätte es als einen ziemlich taktlosen Scherz aufgefaßt. Auch damals war ich in Deutschland, aber ich fürchte; meine Gedanken und Gefühle für die Deutschen und Deutschland waren damals ganz andere als heute. Man wird mich vielleicht entschuldigen, wenn ich hinzufüge, daß ich damals sehr gegen meinen Willen in Deutschland war. Ich war in einem Konzentrationslager eingesperrt, zusammen mit Tausenden von Gefangenen fast aller Nationen Europas, unter denen meine Landsleute ziemlich zahlreich vertreten waren. Was wir damals erlebten und was wir erlebt hatten, bevor wir hierher kamen-, war nicht gerade dazu geeignet, freundschaftliche Beziehungen zwischen unseren Nationen zu schaffen. Es mögen deshalb manche der Meinung sein, diese Dinge sollten am liebsten vergessen werden, damit in dieser Versammlung keine unnötige Verstimmung aufkomme. 23* 355 Ich muß sogleich erklären: ich glaube nicht an Vergessen! Auf Vergessen kann man nichts Wertvolles aufbauen. Wenn wir einander verstehen wollen, müssen wir es ertragen, die geschminkte Wahrheit zu hören. Auf keiner anderen Grundlage ist wirkliche Verständigung möglich. unIch kann mich nicht von den Erinnerungen freimachen, von den Erinnerungen an das Blut von Männern und Frauen, das den Boden, auf dem wir stehen, geweiht hat. Ich weiß und verstehe sehr gut, daß ich nicht der einzige in dieser Versammlung bin, der solche Erinnerungen hat, und daß der Boden, auf dem wir stehen, auch für Euch, meine deutschen Zuhörer, geweiht und heilig ist. Nicht nur, weil er Euer Vaterland ist, sondern auch, weil er in derselben Weise durch das Blut von Hunderttausenden Eurer eigenen Landsleute geweiht worden ist, durch das Blut Eurer Väter, Mütter, Kinder und Freunde. Die Gefühle, die diese Erinnerungen in uns erwecken, wurzeln tief in unseren Herzen. Sie sind in einer tieferen und weit solideren und reineren Schicht verwurzelt als die Affekte des Tages, als dieser ganze verwickelte Komplex von Haẞ, Rache, Neid, Mißtrauen, Bitterkeit und sonstiger seelischen Gemeinheit, die Gott sei Dank überwiegend in den oberen Schichten des Gemütes ihr Wesen treiben. Wir müssen diese infizierten Schichten durchstoßen und hinunterdringen bis in die reiche, unberührte Tiefe. Dort müssen wir das Fundament legen für die Freundschaft, die Verständigung und das Vertrauen, das zwischen unseren Nationen wieder aufgebaut werden soll, damit wir eine Wiederholung des Geschehenen durch gemeinsame Arbeit verhindern können. Ich sagte, ich glaube nicht an Vergessen, und das meine ich. Aber ich meine es nicht so wie es so oft aufgefaßt wird-, daß - es das Wichtigste ist, den Blick zurückschweifen zu lassen und hartnäckig die Erinnerungen an Unrecht, das gegen einen begangen worden ist, an Bitterkeit und Niederlagen, zu bewahren. Die Geschichte, wie auch immer sie sich gestaltete, kann uns vieles lehren, aber die Bedingung dafür ist, daß wir 356 den Blick vorwärts richten, daß wir der Wirklichkeit ins Auge sehen und daß wir die Tatsachen und Erfahrungen der Geschichte umwandeln in positives Wissen darum, wie wir die Aufgaben in Angriff nehmen müssen, um neues Unrecht, neue Bitterkeit, neue Katastrophen und Niederlagen zu vermeiden. Mit ,, Niederlage" meine ich nicht in banalem Sinne, einen Krieg ,, zu verlieren". Solche Ausdrücke kann man bei Fußballkämpfen gebrauchen. Krieg ist kein Fußballkampf. Er ist eine Katastrophe, die keiner gewinnen kann. Die Menschheit ist es, die die Niederlage erleidet. Einer solchen Niederlage sind wir nicht noch einmal gewachsen, und es ist daher unsere vordringlichste, größte und wichtigste Aufgabe, den Weg zu finden, der uns an ihr vorbeiführt. - Einige Menschen- und es gibt heutzutage nicht wenige von ihnen scheinen zu glauben, daß Optimismus- den wir selbstverständlich haben müssen, um mit jeder Art von Arbeit vorwärts zu kommen- darin besteht, daß man die Lage und die Zukunft in rosigem Licht sieht. Daß er darin besteht, die ungeheuren Probleme, die sich in der Welt auftürmen, und die ernsten Gefahren und Schwierigkeiten, die den Horizont verdunkeln, zu übersehen. In Wirklichkeit bedeutet das, der Unwissenheit und Gleichgültigkeit einen hübschen Namen zu geben. Eine bequeme Flucht vor der Wirklichkeit und der Verantwortung, die wenig mit wahrem Optimismus zu tun hat, denn der beruht auf Wissen. Wir wissen, wohin ein solcher blinder Optimismus führt und wir dürfen es nicht vergessen. Der Himmel, der sich heute über Europa wölbt, ist nicht blau und wolkenlos, und es ist kein Pessimismus, wenn man feststellt, daß er dunkel und gefahrdrohend ist. Das ist eines jeden Mannes Pflicht. Wenn wir, nachdem wir der Wirklichkeit so tief es möglich ist ins Auge gesehen haben, noch Kraft und Glauben übrig haben, für unsere Zivilisation eine Zukunft zu sehen, und den Willen haben, an ihrem Aufbau teilzunehmen, dann können wir von wahrem, gesundem, natürlichem Optimismus sprechen. 357 Dieser Optimismus, der für jede kulturelle Entwicklung und für jeden Fortschritt so wesentlich ist, beruht letzten Endes auf dem Glauben an die Menschen selbst. Vieles deutet darauf hin, daß es bedrohlich viele Menschen in unserer traurig verwüsteten und kriegsmüden Welt gibt, die diesen Glauben verloren haben. Wir, die wir ihn noch haben, trotz allem was wir gesehen und erlebt an menschlichem Verfall und Elend, wir müssen es als unsere erste Pflicht betrachten, ihn denjenigen zurückzugeben, die ihn in ihrem schweren Kampf ums Dasein verloren haben. Niemals hat ein Krieg einen solchen Umfang gehabt und ist unter größeren und schwereren Opfern ausgekämpft worden als der letzte Weltkrieg. Auch haben wir niemals mit größerer Kraft und Innigkeit gehofft und geglaubt, daß unsere Opfer nicht vergeblich sein möchten. Niemals sind mehr Völker und Nationen in der gemeinsamen Hoffnung und dem Glauben vereint gewesen, daß der Friede die Grundlage für eine neue und bessere Welt schaffen würde. Wo ist diese neue und bessere Welt? Wo ist der Friede? Wir sprechen nicht einmal von ihm. Wir reden von Krieg. Ja, einige sind mit ihm schon recht gut im Gange. Eins ist sicher: Haß, Rache und Vergeltung führen zu nichts. Sie führen nur wieder in den Abgrund. Wir dürften hinlängliche Erfahrungen haben, um das zu wissen. Füttern wir die kommende Generation damit, ist es gleichbedeutend mit Seelenmord und dasselbe, als ob wir das Todesurteil unserer Kultur unterschrieben. Ich denke an die kommende Generation in allen Ländern. Aber noch etwas anderes müssen wir sie lehren, oder richtiger gesagt, es gibt etwas, was wir mit unseren Vorurteilen, unseren gefühlsbetonten Einstellungen, verdrehten Meinungen und verhärteten Gemütern bei der Jugend nicht in seiner natürlichen, freien Entwicklung hemmen und entgleisen lassen dürfen. Es ist ihr Trieb zur Güte, ihr angeborenes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit anderen Menschen- ihre Nächstenliebe. 358 Sie kennt keine Eisernen Vorhänge, keine Frontlinien, weder Diplomatie noch Politik, weder Kapitalismus noch Kommunismus, weder Haß noch Rache, weder Abrechnung noch Untersuchung. Sie kommt aus den Menschenherzen und sucht nach Menschenherzen, die auf allen Seiten von allen erdenklichen Grenzscheiden schlagen, und sie bringt die Botschaft des Herzens von Verständnis und von Freundschaft. Ich bin überzeugt, daß jeder einzelne von Ihnen, meine Zuhörer, die Kraft und Wärme gefühlt hat, die von dieser einfachen menschlichen Botschaft ausströmt ihre unsterbliche Gültigkeit gefühlt hat und die Helle empfunden hat, die sie mit sich in das Gemüt der Menschen bringt. - Kaum einem von Ihnen wird das Flüchtlingsproblem unbekannt sein, wie es mit manchen in meinem Lande der Fall sein mag, wo es uns nicht so dicht auf den Leib gerückt ist. Sie leben ja sozusagen mittendrin und können nicht umhin, seinen Druck im täglichen Leben zu spüren. - Sein tiefer Ernst, sein enormer Umfang und Charakter und das katastrophale Gefahrenmoment, das es für uns alle bedeutet, wenn es nicht gelöst wird, ist den meisten von Ihnen sicher wohlbekannt. Wir wollen uns daher nicht mit Statistik, Klasseneinteilung und Zahlen aufhalten die obendrein noch wenig exakt sind, da bei weitem nicht alle Flüchtlinge registriert sind und täglich neue Tausende über die Grenzen kommen und alle Berechnungen sprengen. Ich will mich damit begnügen, festzustellen, daß es sich um viele, viele Millionen von Männern, Frauen und Kindern handelt, die wie Wild über die Grenzen zwischen den kriegsverwüsteten und blutenden Nationen Europas gejagt sind. Die meisten von ihnen wenden sich nach Westen- darum häufen sie sich hierzulande an- als ob sie nur am Ufer warteten, um in das gelobte Land jenseits des Meeres zu entkommen. Aber es ist nicht ein deutsches Problem allein, wenn auch die Mehrzahl der Flüchtlinge Europas sich in Deutschland befindet und wenn auch die meisten von ihnen deutscher Abstammung sind. Kein verantwortlicher Politiker oder vernünftig denkender Mensch kann das Flüchtlingsproblem als ein deutsches Problem betrachten, das Deutschland allein bewältigen muß. 359 Es geht uns alle an. Ebensowenig wie Deutschland es ohne Hilfe von seiten anderer lösen kann, können wir anderen es ohne Deutschlands Hilfe lösen. Die Mehrzahl der Millionen Flüchtlinge muß untergebracht und ihnen Lebensbedingungen gegeben werden in neuen Ländern, wenn nicht- was anzunehmen die heutige politische Entwicklung wenig Anlaß gibt- die Grenzen der Länder, aus denen sie gekommen sind, sich wieder öffnen wollten. In der Zwischenzeit muß man ihnen dort, wo sie sich aufhalten, Unterhalt und Lebensmöglichkeiten gewähren. Hier ist Raum für Zusammenarbeit, hier können wir zusammenkommen, ohne daß man verdächtigt zu werden braucht, sein Schäflein ins Trockene zu bringen- mit dem gemeinsamen Willen, eins der größten Probleme der Nachkriegszeit zu lösen und damit mit dabei zu sein, die Grundlage zu schaffen für jenen Gedankengang des Friedens, der allein eine neue und bessere Welt erstehen lassen kann. Man benötigt dazu hauptsächlich drei Dinge: Geld, Weitblick und Herz. Leider hat es den Anschein, als ob diese drei Dinge heutzutage alle seltene Ware sind. Aber doch nicht so selten, daß sie nicht beschafft werden könnten. Umgehend könnten viel mehr Flüchtlinge in überseeischen Ländern untergebracht werden, wenn man nur Schiffe genug hätte. Um genug Schiffe zu beschaffen, braucht man Geld. Um genug Geld hierfür zu beschaffen, muß weniger für den reinen Unterhalt der Flüchtlinge in den Lagern aufgewendet werden, und um diesen Unterhalt einzusparen, müssen wiederum mehr in neuen Ländern untergebracht werden. Damit ist der Kreis geschlossen. Eine scheinbar hoffnungslose Tretmühle, ein idiotischer Ring, und unsere Aufgabe ist, ihn zu durchbrechen und zu öffnen. Man sollte glauben, daß es möglich wäre, wenn man bedenkt, daß die ganze Welt nach Arbeitskraft stöhnt zum Wiederaufbau alles dessen, was der Krieg auf allen Gebieten zerstört hat, und daß es mitten im Herzen Europas Millionen von Menschen gibt, die einen wesentlichen Teil dieser Arbeitskraft bilden und mehr als bereit sind, etwas zu leisten. 360 Mit anderen Worten, es eilt! Um eine schwere Katastrophe abzuwehren, deren Folgen eine unübersehbare Reichweite bekommen können, muß rasch gehandelt werden. Wohnungsnot, Angst vor Arbeitslosigkeit, politische Furcht, nationaler Haẞ, Verdacht, Mißtrauen und Abrechnungsmentalität stellen sich hindernd in den Weg. Sie müssen überwunden werden. Wir können dabei helfen, auch zu unserem eigenen Besten. Wir befinden uns alle auf dem gleichen Schiff, und man sollte glauben, daß es im Fahrwasser voraus dunkel genug aussieht. Geht das Schiffunter- und 15 Millionen heimatlose Menschen können gemeinsam mit anderen gefährlichen Elementen einen solchen Schiffbruch verursachen kommen wir alle dabei um. - Alle an Bord müssen zusammenarbeiten, um das Schiff in den Hafen zu retten. Es muß einmal klargestellt werden, daß die Flüchtlinge nicht eine Schar arbeitsscheuer, minderwertiger Menschen von zweifelhafter Qualität sind. Aber sie können es werden. Und sie können sich gegen uns wenden! Heute sind sie noch Millionen von vollwertigen Menschen, nützlich und notwendig für die Arbeit, die Welt wieder hochzubringen. Gefährlich wie Atombomben, wenn man sie niederhält und ausschließt. Fremdes Blut wird stets eine Nation stärken. Das beweist die Geschichte aller Nationen. Keine Geschichte bezeugt das Gegenteil. Ich glaube nicht, daß die Juristen mit all ihrer ,, Gerechtigkeit" und ,, Redlichkeit" Frieden und Verständnis schaffen werden, jedenfalls nicht nach den Grundsätzen, die jetzt die vorherrschenden zu sein scheinen. Die Politiker haben weiß Gott mit all ihrem Streben auch keinen großen Erfolg gehabt- sofern es wirklich von dem ehrlichen Willen gelenkt war, Frieden zu schaffen. Ich glaube nicht, daß die Diplomaten mit all ihrem ,, Diplomatenscharfsinn" den Weg durch Eiserne Vorhänge und Sperren hindurch finden werden, die jetzt Völker und Nationen 361 voneinander trennen. Es scheint, als ob ihre Pläne und Mitteilungen- sofern sie welche haben- in den Papierhaufen ertrinken, von denen erstickt zu werden die Welt im Begriff steht. Die Botschaft, nach der die blutende Menschheit sich sehnt, ist weder juristisch, politisch noch diplomatisch. Ein hungernder Mensch braucht nicht Rache, um satt zu werden, er braucht Nahrung. Ein kranker Mensch braucht kein politisches Programm, um gesund zu werden, er braucht Medizin und ärztliche Hilfe. Ein frierender Mensch braucht keine diplomatischen Abkommen, um sich zu wärmen- er braucht Kleidung und Schuhe und ein Heim. Ein jegliches Wiederaufbauprogramm, das nicht in erster Linie darauf hinausläuft, diese fundamentalen menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, wird daher zu nichts führen. In all ihrer prosaischen Einfachheit ist nämlich die Befriedigung dieser Bedürfnisse die Bedingung alles Lebens, sowohl des materiellen wie des geistigen und kulturellen. Denen, die sagen, daß es die Pflicht des Staates sei, diese Aufgaben in Angriff zu nehmen, daß die Regierung und die Führenden sie übernehmen sollten, daß die Aufgaben so groß sind, daß der Einsatz des einzelnen sowieso nicht zählt, will ich antworten: Der Staat, die Regierungen und die Führenden können viel übernehmen und sie müssen viel übernehmen und es wäre höchst wünschenswert, auf diesem Gebiet auch von ihrer Seite mehr Unternehmungslust und eine handgreiflichere und zielbewußtere Politik zu sehen. Aber so weit darf nie der Staatsbetrieb und die Sozialisierung gehen, daß sie auch die Tätigkeit des einzelnen Herzens und Gehirns übernimmt. Wenn das geschieht, sind wir sehr weit auf dem Abweg zum totalitären Ideal des Nazitums und der ,, Volksdemokratie": Du bist nichts, dein Volk ist alles. Das hieße die eigentliche tragende Idee jeder wahren Demokratie geringschätzen und hintansetzen die Achtung vor dem Menschenwert und seine Behauptung. - Gerade die Reaktion und der Einsatz des einzelnen zählt, 362 und ein Gemeinschaftssystem, dem Einrichtungen und Organe fehlen, wo dieser frei zur Geltung kommen kann, ist kulturfeindlich und undemokratisch. Deshalb müssen wir unsere humanitären Organisationen beschützen, sie unterstützen und sie bewachen als die unschätzbaren Güter, die sie sind. Sie sind unverlierbar ein Teil unserer Demokratie das Lächeln des Herzens auf dem Gesicht nach außen hin und der Pulsschlag der Nächstenliebe im täglichen Leben-, und nicht zum wenigsten müssen wir dafür sorgen, daß sie unser waches soziales Gewissen werden. Aus ihrer Mitte und aus ihrer Gedankenwelt werden die Gründer des Friedens kommen. Viele zweifeln daran, daß wir jemals dahin kommen werden, und an dem Nutzen unserer Bestrebungen, Mitmenschen in der Not zu helfen und damit dem Frieden den Weg zu bahnen. Ich glaube, daß die Botschaft, nach der die Welt sich sehnt, eine Botschaft ist, die mit Herz und Güte zu tun hat. Eine Botschaft, die die Herzen erreicht, die in der Brust von Menschen schlagen auf beiden Seiten von Eisernen Vorhängen und Landesgrenzen. Eine Botschaft der Nächstenliebe, für deren Überbringung man keine Politiker oder Diplomaten braucht. Du und ich können sie überbringen! Eine vorbehaltlos ausgestreckte Freundeshand mit Nahrung, Kleidung und Medizin für die Hungernden, Frierenden und Kranken wird mehr erreichen und solidere Bindungen zwischen den Menschen schaffen als irgend etwas anderes. Das ist heute aktive Friedensarbeit- nach meiner Meinung die weitaus bedeutendste. Unsere humanitären Organisationen bieten jedem einzelnen von uns Gelegenheit, an dieser Arbeit teilzunehmen. Ja, mehr als das. Sie geben uns die Möglichkeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu zeigen, daß wir zutiefst verstehen, daß nicht alles in der Welt ist wie es sein sollte und daß durchaus nicht alles sich einrenken wird, wenn man nur Geduld hat. Es ist nicht länger eine Frage der Geduld! Unsere Geduld muß ein Ende haben bevor es zu spät ist. Denn während wir mit den Händen im Schoß dasitzen, erfüllt von der vielgepriesenen Geduld, sterben Menschen und es ist zu spät, ihnen zu helfen. 363 Wir wollen nicht länger ruhig mit ansehen, daß unschuldige Männer, Frauen und Kinder hungern und untergehen. In erster Linie, weil es zu unseren heiligsten Ideen und Grundsätzen im Widerspruch steht, von denen wir wissen, daß der Friede auf ihnen aufgebaut werden muß. Und zweitens, weil wir wissen, daß, wenn es uns gelingen soll, die Zukunft zu gestalten und Frieden zu schaffen, es mit Hilfe dieser Menschen gemacht werden muß. Lassen Sie mich zum Abschluß ein paar Zeilen zitieren, die ich im deutschen Konzentrationslager in mein Tagebuch schrieb: Wir wollen leben! Wir wollen aus dem Nebel heraus, vorwärts, dem Licht und neuen Zielen entgegen. Ob wir sie erreichen? Ja- ist das eigentlich das Wichtigste? Wenn wir nur niemals aufhören, unterwegs zu sein. G2d 52.191