erwachte erst nach acht Uhr, nicht mehr wissend, wo ich mich befand. Erst allmählich kehrte ich zum Bewußtsein des gestern Erlebten zurück, und plötzlich brach der Gedanke in mir durch: Nun konnte ich doch wieder von Dir und den Kindern hören! Noch heute wollte ich an Alice nach Lissabon schreiben und den Inhalt meiner letzten Karte vor dem Transport ins Sammellager widerrufen. Freude kam in mir hoch, gedämpft durch die Erinnerung an die im Zug sich weiter und weiter von uns entfernenden Freunde!
Laß mich zum Abschluß ein Gedicht hierhersetzen, dessen Abschrift ich vor kurzem erhielt, und das besser als lange Schilderungen wiedergibt, was ich genau so in den letzten Tagen empfunden und erlebt hatte. Die Ueberschrift heißt ,, Deportation", der Verfasser ist nicht bekannt, aber das Gedicht geht bei uns von Mund zu Mund!
DEPORTATION
Ich sah heut tausend Menschen verstörten Angesichts, Ich sah heut tausend Juden, die wanderten ins Nichts. Im Grau des kalten Morgens zog die verfemte Schar Und hinter ihr verblaßte, was einst ihr Leben war.
Sie schritten durch die Pforte und wußten: Nie zurück, Und ließen alles draußen, die Freiheit und das Glück. Wohin wird man euch führen? Wo endet euer Pfad? Sie wissen nur das Eine: Das Ziel heißt Stacheldraht. Und was sie dort ewartet, ist Elend, Qual und Not, Ist Armut, Hunger, Seuche, für viele bitt'rer Tod. Ich schaut in ihre Augen mit brüderlichem Blick, Erwartend tiefen Jammer bei solchem Mißgeschick.
Doch statt Verzweiflung sah ich ein tiefes, tiefes Müb'n Um Haltung und Beherrschung aus ihren Augen glüb'n, Sah heißen Lebenswillen, sah Hoffnung und sab Mut, Dazu in manchem Antlitz ein Lächeln stark und gut.
12 Behrend, Ich stand nicht allein
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