.4 RRREREREEEEEEEEEEQEEE;E— ebe, wenig ſichtbar bi Seiſter — dſchatz von Li end ich ein ☛ S au — Das Kiopfen an der Wand Von Henmann Horn Ich ſaß gerade noch beim ſpäten Frühſtück, als es läutete und gleich darauf mein junger Freund Paul eintrat. Er hatte erſt kürzlich von ſeinem Pflegevater eine kleine pharmazeutiſche Fahrik geerbt. Ich war mit ſeinem Erzieher, dem Apotheker, be⸗ freundet geweſen, hatte den jungen Doktor groß werden ſehen, und er kam oft, zumal er mit ſeiner Mutter in der Nachbarſchaft wohnte. So begrüßte ich ihn gleich, als ich ſeine Geſtalt erkannte, mit„Hallo“ und ob Kaffee und Zigarre gefällig ſeien. Er jedoch trat ſchweigend näher und ſagte nur:„Lies“, als ich ihn fragte, was denn los ſei. So nahm ich ein kleines Heft in Empfang, ſah einen Augen⸗ blick auf meines Beſuchers bleiches und abgeſpanntes Geſicht und las dann in der Schrift des Apothekers die blau angeſtrichene Stelle eines Notizbuches: Eines Nachts erwachte ich an einem fernen, leiſen Klopfen an irgendeiner Wand meiner Wohnung. Was iſt das? fragte ich mich. Und da mir war, als vernähme ich ein Schlürfen und vor⸗ ſichtiges Gehen, richtete ich mich auf, öffnete mein Nachtkäſtchen und ſaß gleich darauf mit geſpanniem Revolver erwartungsvoll im Bett. Der würde Augen machen, der Herr Einbrecher, wenn er einträte! Ich durchblickte in dem durch die Straßenlaterne erleuchteten Zimmer jeden Schatten und konnte, wenn es mir beliebte, jeden Fleck mit Kugeln beſtreichen. So lauſchte ich eine Weile, hörte draußen auf der Treppe des Hauſes jemand nach oben tappen, ſah ein Licht kommen und gehen und lachte ſchließlich.„Weiß Gott, was du da gehört haſt— wie oft iſt es ſchon nichts ge⸗ weſen, und wird auch wieder nichts ſein!“ Darüber ſchlief ich ein und erwachte erneut an einem leiſen und eindringlichen Klopfen. Aber das war vorüber, als ich mit offenen Augen Horqte Die Laterne drunten war erloſchen und ich blickte in tiefe Dunkelheit. Als ich eine Weile gelauſcht, erſt nichts vernommen hatte, nachher aber doch Geräuſche zu ver⸗ nehmen meinte, wurde ich unruhig. „Warum haſt du verſäumt, vorhin nachzuſchauen, ſagte ich mir. Wenn jetzt aus der Dunkelheit eine Fauſt nach deiner Kehle langt, biſt du wehrlos, und deine Waffe, die da irgendwo im Dunkeln liegt, nützt dir nichts.“ Ich hielt den Atem an und meinte zu fühlen, wie jemand mir entgegenhauchte. Das war ſo unerträglich, daß ich ungeſtüm auffuhr und beim Langen nach dem Revolver das Nachtkäſtchen umwarf. Es fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Ich lauſchte, bis ich mir lächelnd ſagte:„Vorhin haſt du un⸗ nötigerweiſe Mut und jetzt unnötigerweiſe Angſt gehabt. Dies kommt, weil du in der Dunkelheit liegſt— ach wäre doch Licht— aber im Licht kannſt du nicht ruhen.“ Jedes der harmloſen Worte bekam etwas Ungewiſſes und veränderte ſich, wenn es aus mir gekommen war. Mein vom Willen beherrſchtes Denken brach ab, und ich verlor mich in be⸗ ängſtigenden Vorſtellungen. Hatte ich nicht immer unnötigen Mut oder unnötige Angſt gehabt? Was hatte das eine oder andere für einen Wert. Hilflos ſchwamm man doch auf den Wogen des Lebens hin und her. Man fühlte ſich getragen, wußte aber nicht, warum der Wind blies, oder weshalb man bald hoch oben, bald tief unter trieb. Und abermals entſchlief ich und erwachte zum drittenmal an den Geräuſchen wie ſeither. Aber obgleich ich auch jetzt beim Wachen nichts hörte, war mir's doch, als ſei das Klopfen laut wie eine Poſaune und fürchterlich wie ein entſetzlicher Schrei ge⸗ weſen, und ich war erfüllt von Schrecken und wand mich unter der Vorſtellung des Todes. O dieſes fürchterliche Ende, dem man nicht entfliehen konnte, das weit hinausgeſchoben ſein und einen im nächſten Augenblick mit kalter Hand an ſich ziehen konnte. Man ging ihm entgegen, und es kam einem entgegen, und da⸗ zwiſchen gab es nichts als das Vergeſſen. Und das hatte ich nicht. Vernichtung lachte mir höhniſch entgegen, und Verweſung ein kleines Flämmchen, liegt in der Bruſt, bis ih wort hebt und der eE — Menſch den alten Reichtum entdeckt l hauchte mir ihren Atem ins Geſicht. Meine Natur fand vor der ſchrecklichen Pein keinen anderen Ausweg als Tränen, und ich weinte und entſchlief zum drittenmal. Ein leichter Ernſt war am andern Morgen in mir. Als ich mir die Morgenzigarre anſteckte und pötzlich die Erlebniſſe der Nacht vor mir hatte, konnte ich mir noch kopfſchüttelnd ſagen: „Und ſo etwas haſt du völlig vergeſſen können,“— dann ging ich an die gewohnte Arbeit. Aber hatte ich vergeſſen können, was ſo tief in mir ent⸗ ſchlummert war— mich hatte es nicht vergeſſen! 3 So kams, daß ich die Abende in ſtummer Trauer verbrachte. Wenn ich nach mühevoller Arbeit meine Wohnung betrat, erfüllte mich meine Melancholie wie Dunkelheit ein ſchattiges Tal. Sie umgab mich, und ich vermochte nicht, nach den ſonnigen Höhen emporzuklettern.„Du ſtrengſt dich Tag für Tag an, nach einer beſtimmten Richtung Geſchäfte zu erledigen,“ redete ich,„ſonſt wiederholt ſich deine Natur, als ſeiſt du nur eine Retorte für Reiz und Gegenreiz, in ewig gleicher Weiſe. Vor dir iſt trauriges Halb⸗ dunkel, das dein Blick nicht zu durchdringen vermag.“ Wahrhaftig, in dieſen paar elenden Gedanken ſah ich mein Leben, und zwiſchen ihnen hervor ſloß zäh und ſchwer die Trauer, von der ich nicht los⸗ kam, ob ich gleich nach Gott und Menſchen ſchrie. Ich weiß nicht, wie lange dieſe Zeit gedauert hat, als ich eines Nachts wieder an dieſem Klopfen erwachte. Aber nun war mir'’s, als ſei an mir vorbei in einer grünen Waſſerflut ein Weſen halb Fiſch, halb Menſch geſchwommen. Von der Seite aber hatte mich das ſeltſame Weſen angeſchaut. Und jetzt ſah ich deutlich ſein Auge, das ſich aus einem vor Scham niedergebeugten Antlitz erhob und mich anblickte.— Es war, als erwarte dieſes Weſen ſehnſüchtig ein Wunder von mir, das es rette.. Das aber war ein Blick, den hatte ich vor fünf Jahren, ſtumm vor Entſetzen über den Verrat des Freundes, mit meinen Augen geſehen! Ich hatte geglaubt, mein Wille und meine Verachtung hätten ihn abgelehnt, aber er war doch in mich eingedrungen, und Pent die Jahre her in mir gelebt, und war jetzt da mit ſeiner acht. Und ich erhob mich in meinem Bett und fragte mich:„He, was war geſchehen?“ Ich hatte mit meinem Freunde Paul, dem ich ſeit⸗ her blind vertraut hatte, eine kleine pharmazeutiſche Fabrik ge⸗ gründet. Sie hatte bereits alle Erſparniſſe meiner Apotheke, auf⸗ genommene Hypotheken und was ich ſonſt hatte, aufgefreſſen, als ich eines Tages bemerken mußte, daß mich Paul ſchamlos betrogen hatte. Er hatte einfach mein Geld für ſich verbraucht und mir gegenüber immer geſagt, man muß eben im Anfang hineinſtecken. Weiß Gott, wozu er alles verbraucht hatte. Er wurde ſchneeweiß und verteidigte ſich nicht gegen meine Vorwürfe; er unterzeichnete auch ſchweigend ein von mir in der Erregung verfaßtes Schrift⸗ ſtück, worin er ſeine Verfehlungen zugab und gleichzeitig auf alle Rechte verzichtete. Dann war es, daß er mir dieſen Blick zuwarf, der irgendwie auf ein Wunder durch unſere Jugendfreundſchaft und Liebe zu warten ſchien. Und ich ſah den Blick und wies ihn ab, weil ich nur mit dem Gedanken beſchäftigt geweſen war, wie retteſt du dich und dein Geſchäft vor dem Untergagg. Ach, was hatte er denn ſo ſchreckliches getan? Vielleicht ſeiner Frau zu ſchöne Pelze gebauft, zu teuer gelebt?— geritten und geſpielt, vielleicht Schulden der Verwandtſchaft gedeckt— was wußte ich.— Jedenfalls hatte er gedacht, meine Freundſchaft werde ſchon verzeihen, und ich hatte gedacht, ſeine Freundſchaft werde mein Vertrauen nie täuſchen! Und ich hatte die Sorgen, die er mir machte, zu hoch eingeſchätzt, und er das Wunder der Freundſchaft. Wie oft hatten wir früher geſagt, wir ſtünden uns näher als Brüder, und als er leichtſinnig mein Gut vertan hatte, da hatte ich nichts mehr von Bruder wiſſen wollen. Aber jetzt kam mein inneres Leben gleich Blut nach dem Schrecken wieder in mich geſchoſſen. Ja, ſein Blick zaghaften Hoffens auf das Wunder unſerer Liebe hatte tief vergraben in mir gelegen, und nun ich verzweifelte an Glück und Leben, war er da und zeigte mir eine Welt, die wieder zu erobern war. Wahrſcheinlich hatte ich damals gar nicht anders handeln können, als ich getan, aber jetzt, wo mich von der Welt der Wärme und des Lebens ein Abgrund trennte, 1 er in tiefer Not und Elend, war gar geſtorben und hatte mir war meine Sehnſucht durch ein Wunder erwacht. Vielleicht war ein letztes Zeichen geben wollen. Ich erſchauerte bei ſolchen Gedanken. 4 den Knaben. Aber nun machte ich mich auf die Suche nach meinem Freunde, und ſchon nach ein paar Tagen ſtand ich in Berlin in einer ärm⸗ lichen Stube vor einer verhärmten Frau und einem ſcheu blicken⸗ „Mein Mann,“ ſagte die Frau,„iſt vorige Woche geſtorben.“ „Ich,“ hatte er zu mir geſagt,„kann ihm nie ſchreiben, denn ich habe an unſerer Freundſchaft, die wirklich rein und wahrhaftig war, gefrevelt, aber wenn ich tot bin, und du ſchreibſt ihm— das hat mir immer Troſt gegeben,— wird er euch helfen.“ Und nun hind Sie ſelbſt gekommen, als wenn er Sie gerufen hätte.“ Darauf brach ſie in ein befreiendes Schluchzen aus, und ich hob, ſelbſt in Tränen, das Kind, das ſeine Augen hatte, zu mir auf und ſchwur mir in meinem Innern, ich wolle für die beiden rgen. 36 Ich bin wieder glücklich geworden, was ſagen will; empfäng⸗ lich für das, was die Menſchen als höchſtes ſchätzen in all ihren Leiden und Sorgen, und was die Frauen und die Jugend früher von ſelbſt hatten, als ſie noch nicht geſcheit waren: die reine Hin⸗ abe an das, was ihre Seele natürlich und als das Gute mit kreude erfüllt. Ich habe nicht wiſſen wollen, ob der Todestag meines Freun⸗ des mit dem erſten Klopfen an der Wand Beziehung hatte, ob ich vor einer Gedankenübertragung des Sterbenden ſtand, oder vor einer Bekehrung meines Innenlebens durch wundervolle Ahnungen — ich forſchte auch nicht nach, als man mir die merkwürdige Ge⸗ IMicht⸗ von„unſerm“ Zuchthäusler erzählte. Das war nämlich ein urch Erbſchaft zu Vermögen gekommener Verbrecher, der in unſe⸗ rem Hauſe wohnte. Der Burſche ſoll nachts mitunter betrunken eimgekommen ſein und an den Wänden geklopft haben, wie Ge⸗ angene ſich verſtändigen. Etliche Male war er auch nachts in remden Wohnungen erſchienen und war, als ob er betrunken ſei, mit einem ſtummen Lächeln und gemurmelten Entſchuldigungen wieder verſchwunden. Ich ließ alles in meinem Innern ſtehen wie den Eindruck des Sternhimmels oder des ſchweigenden Waldes, — und ich bin gut damit gefahren. Als ich dies geleſen hatte, blickte ich auf und ſah in die feucht⸗ gewordenen Augen meines jungen Freundes.... „Ich habe gefühlt,“ ſagte er,„wie jedes Wort in dich einge⸗ drungen iſt und dich beſchwert und nachdenklich gemacht hat. Zu wiſſer, daß du jetzt alles weißt, macht mich geradezu glücklich und befreit mich von meinem Ernſt. Was war er für ein Menſch!— Ich will gehen und das Heft meiner Mutter zu leſen geben!“ Nachdem er dieſe Worte in begreiflichem Überſchwang der Jugend ausgeſtoßen, ging er und ließ mich nachdenklich allein. —, 7 Sven Hedin René Schickele, der bekannte deutſche Schriftſteller, faßte ein⸗ mal ſeine Beobachtungen über die Unterſchiede zwiſchen dem fran⸗ zöſiſchen und dem deutſchen Buchmarkt in folgenden Worten zu⸗ jammen: ———ꝛöꝛ———nBBBEEmREERERERRR;E;E „..Das weitere Geſpräch führte zu betrübender Vergleichs⸗ anſtellung franzöſiſcher Auflagehöhen mit deutſchen. Wie viele Fak⸗ toren wirken hier zuſammen, um dem deutſchen Buch den Weg ſchon in das zehnte, meiſt ſogar in das fünfte Tauſend zu er⸗ ſchweren! Die Zerſplitterung in der Verlagsproduktion, die Un⸗ maſfe überflüſſiger, ja wertloſer Luxuspublikationen— welch eine Hochflut brachte die Inflationszeit!— und nicht zuletzt der das Buch als Kaufobjekt für die Allgemeinheit weſentlich verteuernde Einband.„„Hier liegt vielleicht der Kernpunkt der Abſatz⸗ unterſchiede. Der Franzoſe kennt von einem Buch zunächſt nur die große und allgemeine Ausgabe, die auf einfachem Papier gedruckt iſt, während das erſte Tauſend auf einheitlich gutem oder verſchie⸗ denem Papier(Japan, Holland) von Subſkribenten gezeichnet oder vor vornherein von beſtimmten bibliophilen Vereinigungen und einzelnen großen Sortimentern beſtellt iſt“ uſw. Eine jehr intereſſante und gewiß vielen neue Feſtſtellung. Wenn Schickele jedoch das„einfache Papier“ der franzöſiſchen Ver⸗ teger nachahmenswert findet, ſo kann man ihm nicht zuſtimmen. Das auf gute Waren Wert legende Publikum würde ſolche Bücher entrüſtet zurückweiſen. Mit Stolz kann man ſagen, daß in Deutſch⸗ land gelungen, was es in Frankreich nicht gibt: Volksbücher zu ſchaffen, die auch für den gewöhnlichen Sterblichen zu erſchwingen ſind und die dennoch auch verwöhnten Geſchmack nicht beleidigen. Man denke nur an die ſogenannten„Volksausgaben“ großer und teuerer Werke, deren Preiſe durch Beſchränkung des Buchinhalts auf das Weſentliche, durch guten, aber dem Zweck entſprechenden Einband, durch holzfreies, aber nicht übertrieben„hochfeines“ Pa⸗ pier und durch die Beachtung des Grundſatzes„großer Umſatz — kleiner Nutzen“ bedeutend reduziert worden ſind. Ein Beiſpiel: die jetzt im Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig, erſchienene Volks⸗ ausgabe von Alma Hedin,„Mein Bruder Sven“. Die große Aus⸗ abe koſtet 15 Mark, die neue, trotz beſter Ausſtattung, holzfreiem apier uſw., nur 3.30 Mark, in Leinwand gebunden nur 5 Mark! Ein Vorbild für die Verbilligung des deutſchen Buches.— Der Inhalt des hervorragenden Werkes iſt ja ſo bekannt, daß man nur kurz darauf einzugehen braucht. Man kann nur wiederholen, daß das Buch die liebenswürdigſte und perſönlichſte Biographie üben Spen Hedin iſt, die man ſich denken kann. Es iſt eigentlich alles darin enthalten, was man aus dem Privatleben eines berühmten Mannes zu wiſſen wünſcht. Szenen von intimem Reiz, intereſſante Bekanntſchaften mit allerlei Menſchen, Freundſchaften mit hervor⸗ ragenden Männern, wie Kitchener, Lord Minto, dem Vizekönig von Indien, Profeſſor von Richthofen, dem berühmten Berliner Geographen, dem großen Polarforſcher Nordenſkiöld, verleihen dem Werk einen glänzenden, ja ſeierlichen Hintergrund. Und inmitten des prunkenden Lebens irgendeines indiſchen Fürſtenhofes, im Rauſch der Feſtmuſik und neben Charakterköpfen der Geſchichte der beſcheidene, ewig liebenswürdige Forſcher, nie die einſame, unend⸗ liche Wüſte vergeſſend, die Glocken der Karawane und die Melan⸗ cholie des ſtillen Lagerplatzes, an dem er einſt ſaß und den leiſen Liebesliedern ſchwermütiger Burjaten lauſchte: 3 „Denn wem die Wüſte Lagerſtätte war, Wer ſchweigend ſaß in ſtiller Denkerſchar, Der ſehnt und ſehnt zurück ſich immerdar.“ MM—õ—⁊—ũꝑ—— ——ey—õ— 4 s Im Februar durch Wald und Jeld Die erſten Blumen ſind da. In den Gärten, die die ins Freie führende Straßen ſäumen, ſehen wir hier und da aus einem niederen, von tiefgrünen Blättern gebildeten Buſch einige Stengel ſich hochſchieben, die je mit einer oder einigen butter⸗ blumenähnlichen Blüte gekrönt ſind. Nur ſind dieſe Blüten größer als die bekannten Butterblumen. Ihre Grundfarbe iſt weiß, aber es miſcht ſich ein leichter roſenroter Ton hinein. Und mitten auf dem Fruchtboden ſtehen die gelben glitzernden Fortpflanzungs⸗ organe. Das iſt die Schneeroſe, ein Kind der Alpen. In unſeren Wäldern hat die Schneeroſe eine grünblühende Schweſter, deren Blumen ſich aber nicht vor März öffnen. Die weiße Schaeeroſe aber blüht mitten im Winter. Es verſchlägt ihr gar nichts, wenn ie tage⸗ oder wochenlang vom Schnee bedeckt wird. Sobald der chnee geſchmolzen, ſteht ſie wieder in ungeminderter Pracht da. Eine Blume, die unterm Schnee blüht, mußte nach Anſicht unſerer Altvorderen mit ganz geheimnisvollen Kräften ausgeſtattet ſein, und ſo erwartete das Volk früher Wunderdinge von der Schnee⸗ xoſe. Ihr Wurzelſtock ſollte vor allerlei Krankheit bewahren und langes Leben dem ſichern, der ihn beſtändig bei ſich trug. Beim Ausgraben mußten jedoch allerlei Vorſichtsmaßregeln beachtet werden. Der Wurzelgräber hatte frühmorgens ein Glas Wein trinken, und dann mußte er Knoblauch eſſen. Nach dem Früh⸗ tück mußte er einen Kreis um die Pflanze ziehen, nach der Sonne gewandt ein Gebet ſprechen und ſie dann ausgraben. Zeigte ſich bewirkt Erbrechen und Durchfall.. Häufiger als der Schneeroſe begegnen wir in den Gärten dem Schneeglöckchen, das in den ſchleſiſchen Wäldern in großen ei dieſer Arbeit ein Adler in den Lüften, dann hatte der Wurzel⸗ gräber noch im ſelben Jahre ſein Verlangen nach langem Leben mit dem Tode zu büßen. Lange Jahre hindurch hat man den Heilmittel benutzt; ſein Genuß Wurzelſtock dieſer Pflanze als Mengen wild wächſt. Die hängende Blüte beſteht aus drei längeren äußeren Zipfeln und drei kleineren inneren. Alle ſechs ſind weiß, die drei kleineren zeigen grüne Flecke. Auch das Schnee⸗ glöckchen bewahrt ſich ſeine Schönheit, wenn es längere Zeit vom Schnee eingehüllt wird. Bei günſtiger Witterung laſſen ſich gegen Monatsende auch bei dem unter dem Namen Eibe bekannten, immergrünen Strauche die kleinen Blüten finden, die teils einzeln, teils in kleinen Büſcheln ſitzen. Die erſteren ſind die weiblichen, die letzteren die männlichen Blüten. In den Wäldern begegnet man der Eibe nur noch ſelten, ſie zählt zu den aus⸗ ſterbenden Bäumen. Der Forſtmann ſchätzt ihr Holz zwar hoch, aber ſie wächſt ihm nicht ſchnell genug ins Geld; darum pflegt er ſie nicht. Die Gärtner aber wiſſen die Eibe als wertvolle Zier⸗ pflanze für die Gärten zu ſchätzen. Das Blühen zeigt ſich auch außerhalb der Stadtgrenze. Auf dem Anger blüht das Tauſendſchön, auch Gänſeblume genannt, die Blume der Kinder und der Liebenden,„Er liebt mich, ein wenig uſw.“. Das Tauſendſchön hat eigentlich noch gar nicht auf⸗ gehört zu blühen, es war den ganzen Winter da. Scheu duckte es ſich wenn der Schnee kam, dabei den Blütenkranz zu einem ſpitzen Kegel zuſammenlegend. Sobald aber Tauwetter einſetzt und die Sonne ſcheint, öffnet das vom Schnee befreite Tauſendſchön die Blütenſterne wieder. Im Schutze der Hecken haben in ähnlicher Weiſe Bienenſaug, Kreuzkraut, Sternmiere und einige andere gleichfalls mit dem Blühen gar nicht aufgehört. Erſcheinen hier die Blumen auch nur in geringerer Zahl als in den Sommermonaten, ſo ſind doch immer einige zu finden, die an Zahl um ſo mächtiger werden, je höher die Sonne ſteigt. 3 über dieſe niederen Vaſallen der Hecke reckt kerzengrade die Haſel ihre jungen ſchlanken Ruten in die Höhe. Dieſe ſchlanken Gerten, mit denen die Jugend ſo mancherlei Zeitvertreib anzu⸗ ſtellen weiß, deren Bekanntſchaft ſie aber doch nie gern macht, wenn ſie, die Gerten, ſich in der Hand anderer Perſonen, die ihr „ über dies hinweg iſt das Werk der treubeſorgten Schweſter „Svens“ ein ſchlichter Geſang auf die Liebe zum Bruder, zu den Eltern und zur Heimat. Keine hochtönenden Phraſen! Wahre Vor⸗ nehmheit, wahre Liebe, wahre Größe!— Eigenſchaften, wie ſie heutzutage ſtark in Vergeſſenheit zu geraten drohen, wie ſie aber doch wieder zu Ehren kommen ſollen. Dazu verhelfe das einzig⸗ artige Büchlein! — Geſchichte als Entwicklungsmotor Von S. Grünebaum Die Reaktion weiß, weshalb ſie ſich einer umwälzenden Re⸗ form der Geſchichtsbetrachtung im allgemeinen und des Geſchichts⸗ unterrichts im beſonderen mit allen Mitteln widerſetzt. Nur zu gut iſt ihr bekaant, wie ſehr durch den Hinweis auf Ver⸗ gangenes die Denkart der Gegenwart beſtimmt wird, wie ſehr gerade in Kriſenzeiten der Blick romantiſcher Naturen ſich gern in eine phantaſtiſch zurechtgeſtutzte Vergangenheit richtet, um tatkräftige Gegenwartsarbeit, die in eine beſſere Zukunft führen würde, umſo ſicherer verhindern zu können. Der bekannte Satz „Die Geſchichte iſt ſtets von den Siegern geſchrieben worden“, ſcheint für die deutſche Republik nicht zu exiſtieren. Sonſt hätten die Unterrichtsminiſterien der deutſchen Freiſtaaten längſt die Be⸗ deutung der Geſchichte für die Meinungsbeeinfluſſung erkannt und Bemühungen unternommen, dieſe Frage im Sinne einer republi⸗ kaniſchen Fortentwicklung zu löſen. Vom Standpunkt altgewohnter Geſchichtsbetrachtung aus, ſcheint es allerdings unmöglich, die Geſchichte als Entwicklungs⸗ motor zu benutzen. Wo immer wir die hergebrachte Geſchichts⸗ betrachtung am Werke ſehen, da finden wir ſie als konſervative Anbeterin der Vergangenheit zur Verherrlichung deſſen, was war, gewiſſermaßen als ſchriftliche Ergänzung der erzenen Denkmäler, die ſich die Dynaſtien von den babyloniſchen, ägyptiſchen und per⸗ ſiſchen Königen bis zu den Habsburgern und Hohenzollern zu ihrer Beweihräncherung haben ſetzen laſſen. Die herrſchenden Dyna⸗ ſtien und die herrſchenden Stände verkünden, wie Wilhelm Hans in einem ausgezeichneten Aufſatz„Geſchichte im Dienſte der Ge⸗ meinſchaft“ in der Zeitſchrift„Ethos“ nachweiſt, durch den Mund der Geſchichte, was ſie geleiſtet und geſchaffen haben. Sie be⸗ kunden ſo ihren eigenen Wert und begründen damit die Not⸗ wendigkeit des Fortbeſtehens der herrſchenden Verhältniſſe. Daß dieſe konſervative Tendenz der Geſchichte,„Hüterin der Tradition“ gegenüber dem ſtürmiſchen Revolutionär und ſchöpferiſchen Neuerer zu ſein, Gefahren von lähmender Wirkung hat, indem ſie vor allem das Alte auf Koſten des Neuen feiert, dürfte nur allzu klar ſein und große hiſtoriſche Perſönlichkeiten wie Nietzſche und Ibſen empfinden daher meiſt antihiſtoriſch und ſind gleich großen Revolutionen geſchichtsfeindlich, weil ſie erkennen, daß große Menſchheitsfortſchritte über den Bruch mit der Vergangen⸗ heit gehen und rationaliſtiſcher Art ſind. 4 Im Gegenſatz zur alten Geſchichtsſchreibung der Hofhiſtorio⸗ graphen, die auftragsgemäß die Geſchichtsentwicklung als ein Werk der Herrſcher, Heerführer und hödelejſchichten zeichnen, hat die moderne Geſchichte die Aufgabe, die kulturellen Leiſtungen auf dem Gebiete der Wirtſchaft und des Rechtslebens, der ſozialen auf der Entwicklung und der Wiſſenſchaft, Kunſt und Dichtung heraus⸗ zuheben und darf dabei unter Würdigung der großen führenden Perlunlichtekten nicht die markanten Strömungen des Volks⸗ ebens und ſeiner ſozialen Struktur überſehen. Führer wird ns hierbei die ökonomiſche Geſchichtsbetrachtung von Karl Marx ſein, die— fundamentiert auf den materiellen Grundlagen— unter Berückſichtigung des Auseinanderwirkens der geiſtigen, ſittlichen, ſhaglichen und individuellen Mächte uns ein grandioſes Bild ge⸗ chichtlicher Aufwärtsentwicklung aufzurollen vermag. Nicht im Sinne einer unwahrhaften Verklärung der Vergangenheit Ge⸗ Wichte zu ſchreiben, iſt die Aufgabe unſerer Zeit, ſondern die ellenlinien der Aufwärtsentwicklung der Menſchheit zu künden, muß das Ziel der Geſchichtsbetrachtung ſein. Den dpyuaſtiſchen Kriegsgötzen ſind das ſchaffende Volk und ſeine ſchöpferiſchen Geſtalten entgegenzuhalten; der Vergött⸗ lichung des national⸗egoiſtiſchen Machtſtaates iſt der gerade heute immer greifbarer werdende Begriff eines Bundes der geſamten Menſchheit, und dem zerfahrenen Chaos unſyſtematiſcher Auf⸗ zählung einzelner Ergebniſſe iſt die— wenn auch unter Rück⸗ fällen— klare Linie zum Auſſtieg ſich ſelbſt regierender Völker gegenüberzuſetzen. So kann, richtig gelehrt— einen Anfänger⸗ verſuch in dieſer Richtung ſtellen die„Grundlinien der Welt⸗ geſchichte“ von H. G. Wells und die„Allgemeine Rulturgeſchichten von Charles Richet dar—, die bisher konſervativen Zwecken dienende Geſchichtsbetrachtung zu einem Mittel werden, um der Jugend Verſtändnis dafür beizubringen, wie allmählich die Menſchheit fortſchreitet, wie unter furchtbaren Geburtswehen neue, höhere Entwicklungen alte Zuſtände verdrängen, wie nach und nach an Stelle blutiger Kämpfe geiſtiges Ringen den Weg für höhere Formen des Staates und der Geſellſchaft ebnet— kurz: wie, unter welthiſtoriſchen Geſichtspunkten geſehen, die Ge⸗ ſchichte den Entwicklungsmotor der Menſchheit darſtellt. Pioniere der Funktechnik Rudolf Goldſchmidt In der deutſchen Großſtation Eilveſe bei Hannover und in Tuckerton bei Neuyork arbeiten Hochfrequenzmaſchinenſender, die nach dem Syſtem des deutſchen Profeſſors Goldſchmidt hergeſtellt wurden. In jahrelangem Dauerbetrieb haben ſie ſich bewährt, ohne jedoch auf dem Gebiete des Hochfrequenzmaſchinenbaus führend werden zu können. Profeſſor Goldſchmidt hat die erſte deutſche Hochfrequenz⸗ maſchine geſchaffen. Er iſt hier ganz neue Wege gegangen. Ihm ge⸗ nügte die einfache überlegung nicht, daß man die Zahl der Pole und die Umlaufgeſchwindigkeit einer Dynamomaſchine vermehren müſſe, um zu einem Wechſelſtrom hoher Frequenz zu gelangen. Er ging bei ſeiner Maſchine von folgenden Gedanken aus: Er ſagte ſich, wenn man mit einem gewöhnlichen Braunſchen Funk⸗ ſender Wechſelſtrom von beſtimmter Periodenzahl dadurch er⸗ zeugt, daß man den Funken in einen geſchloſſenen Schwingungs⸗ kreis ſchickt, den man durch Veränderung der Kapazität oder der Selbſtinduktion abſtimmen kann und bei dem der Antennenkreis nmit ihm gekoppelten Schwingungskreis zurückwirkt, ſo iſt — E — Erziehungstalent beieiſen ſollen, befinden. An den älteren ÄAſten der Haſel hängen grünlichgelbe lange Würſtchen herab, die jeden Tag ihren goldgelben Blütenſtaub ausſtreuen können. Dieſe Würſtchen vereinigen an einer langen Spindel die männlichen Blüten des Haſelſtrauches. Nüſſe können aus ihnen nicht erwachſen. Dies iſt nur möglich in den weiblichen Blüten, die wir erſt bei genauem Nachſchauen an den Spitzen mancher Zweige ſitzen ſehen. Es ſind kleine, unſcheinbare, aus grünen Schuppen geformte Gebilde, aus deren Spitze ein paar purpurfarbene Fäden heraus⸗ greifen. Dieſe Fäden fangen den aus den männlichen Kätzchen vom Winde herausgetriebenen goldgelben Blütenſtaub auf und führen dieſen dann zu dem unter den Schuppen verborgenen Fruchtknoten. Dort reift dann allmählich die Nuß, die unſere Jugend ſo gern unterm Weihnachtsbaum ſucht, heran. Blätter treibt der Haſelſtrauch erſt, nachdem die Blumen ihren Dienſt verſehen haben. Auf braunem Ackerboden, an Gräben und auf feuchtem Brach⸗ land ſind wolliggraue Stengel aus dem Erdreich emporgeſchoſſen, die unter günſtigen Verhältniſſen eine Höhe von ein Viertel Meter erreichen. Dem Schafte liegen eine Anzahl kleiner Schuppen eng an. Oben tront ein Kranz gelber Blüten, in deren Anordnung wir unſchwer die Blütenform des Tauſendſchön wiedererkennen. Es iſt der gemeine Huflattich, deſſen herzförmige, unterſeits weißfilzigen Blätter, wie bei der Haſel, erſt nach den Blüten erſcheinen. Dieſe Blätter haben bei manchem Tabakerſatz eine wenig rühmliche Rolle geſpielt. Tauſenſchön und Huflattich zählen zu der Familie der Korbblütler, ſo genannt, weil ihre aus Scheiben⸗ und Zungenblüten zuſammengeſetzte Blütenſtände in einem Körbchen angeordnet ſind. „Im Walde begegnen wir einem weiteren Frühblüher, der ſeine Blumen gleichfalls vor den Blättern erſcheinen läßt. Es iſt der Seidelbaſt⸗ oder Kellerhals, ein bis Meter hoch werdender Strauch, den unſere Gärtner oft in die Gärten verpflanzen. Die roſenroten, in der Form den Syringen, oder Fliederblüten nicht unähnlichen Blüten, ſitzen in kleinen Büſcheln hart am Stengel. Sie verbreiten einen ſüßlichen betäubenden Geruch. Die Pflanze zählt zu den Giftgewächſen. Reichlicher noch als Blumen iſt in Feld und Wald ſprieße des Grün anzutreffen. Dies ganz beſonders an geſchützten oder von der Sonne ſtärker durchwärmten Stellen. Auch dieſes Grün hat ſeine Reize. Da iſt an Hängen und trockenen Gräben der Thymian, der ſeine zumeiſt niederliegenden Äſte mit einem gar zierlichen Grün bekleidet. Auch das Geſchlecht der Mieren ſchiebt im Schutze vom Gebüſch ſeine zarten lichtgrünen Zweiglein empor, an deren Schönheit wir nicht achtlos vorüber gehen ſollten. Wenn wir den Moder des Laubwaldbodens ein wenig beiſeite räumen, ſo finden wir hier unſchwer eine große Fülle der ver⸗ ſchiedenartigſten Zweiggeſtalten; überall iſt ſproſſendes Grün zu finden; aber es hält ſich noch im Schutze verweſenden Laubes verborgen, auf daß kommende Kälteperioden nicht gleich alles wieder zerſtören können. überall regt ſich das Leben dem Frühling entgegen. Wollen wir dies Leben und Regen mit etwas größerer Muße betrachten, als es an einem Sonntag nachmittag im Freien möglich iſt, ſo graben wir an einem froſtfreien Tage ein Tauſendſchön aus und ſetzen es mit den umgebenden Gräſern und Kräutern in einem großen Blumentopf in Erde. Oder wir ſchneiden uns ein paar mit Kätzchen beſetzte Zweige von Haſel, Pappel, Erle oder Weide und ſtellen dieſe in eine mit Waſſer gefüllte Vaſe. Am ſonnigen Fenſter unſeres Heimes können wir dann viel Freude erleben an der allmählichen Fortentwicklung des Inhalts von Blumentopf und Vaſe. Das iſt der Frühling im Heim. Und im nächſten Mynat kehrt auch draußen der Frühling ein. Herm. Krafft. ͤ„ʒʒ-—““ nicht einzuſehen, warum man nicht den Wechſelſtrom einer Dynamo⸗ maſchine ebenfalls durch ſolche Schwingungskreiſe ſenden ſoll, um ſo zu der von der Antenne auszuſtrahlenden hohen Frequenz zu gelangen. Das Jahr 1907 ſah die fertige Idee, das Jahr 1911 die Umſetzung in die Tat. Damals wurde eine Hochfrequenzmaſchine vollendet, deren Stator und Rotor je 150 Elektromagnete auf⸗ wieſen. Die Umdrehungszahl des Rotors betrug 4500 in der Mi⸗ nute oder 75 in der Sekunde. Daraus ergibt ſich, daß die Maſchine einen Wechſelſtrom von 10 000 Perioden erzeugte. Dieſer Wechſel⸗ ſtrom, der vom Rotor der Maſchine abgenommen wird, muß nun erſt einen geſchloſſenen Schwingungskreis paſſieren, der ebenfalls auf 10 000 Perioden abgeſtimmt iſt. Dadurch wird die Amplitude, d. h. der Schwingungsausſchlag des Stromes außerordentlich verſtärkt und wirkt ihrerſeits kräftig auf den Stator, den feſiſtehenden Teil des Rotors. Zu den 10 000 an ſich vorhandenen ſekundlichen Schwingungen kommen nun die 10 000 aus dem geſchloſſenen Kreis hinzu, es entſtehen 10 000+ 10 000= 20 000 Perioden. Dieſes Spiel kann man nun theoretiſch ſo oft wiederholen, wie man will. Praktiſch geſchieht das nur viermal, weil ſonſt die Energie zu gering wird. Jedesmal wird der Wechſelſtrom des Rotors in einen geſchloſſenen Schwingungskreis geſchickt. Der Stator wirkt mit ſeiner erhöhten Schwingungszahl auf den Rotor zurück. 20 000 Perioden wirken über einen weiteren geſchloſſenen Schwingungskreis wiederum auf den Stator, zu deſſen 10 000 Grundperioden ſie ſich geſellen, ſo daß 30 000 Perioden entſtehen. Und wenn dieſe 30 000 Perioden noch einmal einen auf ſie ab⸗ geſtimmten Schwingungskreis paſſiert haben, dann entſtehen im Stator 40 000 Perioden, die Zahl, mit der Goldſchmidts Maſchine arbeitete. Dieſe 40 000 Wechſel entſprachen einer Wellenlänge von 7500 Meter, die nunmehr von der Antenne ausgeſtrahlt wurden. Dabei wirkte die Selbſtinduktionsſpule des letzteren zur Frequenz⸗ ſteigerung benutzten Schwingungskreiſes als Antennenkoppelungs⸗ ſpule. Die Elektromagneten erregte Goldſchmidt durch eine Gleich⸗ ſtrommaſchine, wobei er dem Wechſelſtrom durch Droſſelſpulen den Weg verſperrte. Die Maſchine wäre bei ihren Arbeiten ſehr großer Erwärmung ausgeſetzt, wenn nicht der Stator durch Waſſer und der Rotor durch Luft gekühlt wären. Um die Bildung von Wirbelſtrömen innerhalb der Maſchine zu vermeiden, wurden Stator und Rotor aus Tauſenden von dünnen Eiſenblechen ge⸗ bildet, die voneinander durch beſonders präparierte Papier⸗ ſchichten iſoliert wurden. Die Hauptſchwierigkeit bei der Maſchine Goldſchmidts beſteht darin, dieſen aus ſo vielen Einzelblechen zu⸗ ſammengefügten Rotor ſo ſtabil zu bauen, daß er den immerhin noch recht erheblichen Fliehkräften gewachſen iſt. Die verſchie⸗ denen echſelſtröme der Maſchine müſſen oft die gleiche Leitung paſſieren. So wie man auf der gleichen Telegraphenleitung mit Wechſelſtrömen verſchiedener Frequenz gleichzeitig telegraphieren kann, ſo paſſieren auch die verſchiedenen Ströme der Maſchine von Goldſchmidt dieſelben Wege, ohne ſich zu ſtören. Goldſchmidts Begabung drängte ihn von Jugend an zur Technik. Sein Vater wünſchte, daß der am 19. März 1876 zu Neu⸗ buckow in Mecklenburg geborener Sohn Kaufmann werden ſolle, wie er ſelbſt. Trotz größten Widerſtrebens ſchickte er ihn als Lehr⸗ ling in eine Fabrik für landwirtſchaftliche Maſchinen. Dann ſtu⸗ dierte der junge Goldſchmidt an den Techniſchen Hochſchulen zu Charlottenburg und Darmſtadt. Hier wandte er ſich bereits der Wechſelſtromtechnik zu. Als Ingenieur wirkte Goldſchmidt nach Abſchluß ſeiner Studien u. a. bei der AEG. In England ergriff ihn das Intereſſe für die drahtloſe Kunſt, durch die er ſpäter ſo berühmt werden ſollte. Er gab den Dienſt in der Induſtrie auf, ging als Dozent an die Techniſche Hochſchule in Darmſtadt, wo er zur Schaffung ſeiner Hochfrequenzmaſchine kam, deren geiſtreiche Theorie ihn mit einem Schlage in die erſte Reihe der Funkpioniere ſtellte. W. M. Das männliche Schönheitsideal im Film Während der Kanon des weiblichen Schönheitsideals ſich aus den Bildwerken und literariſchen Dokumenten einer jeden Zeit mit Leichtigkeit feſtſtellen läßt, fehlt uns ein ſolcher für das männ⸗ liche Ideal vollkommen, wenigſtens vom Standpunkt der Frau aus betrachtet. Die Sehnſucht der meiſten Frauen iſt nicht der ſchöne, ſondern der„intereſſante“ Mann. Dem Helden des Films müſſen ſo viel äußerliche Vollkommenheiten eigen ſein, daß die weiblichen Zuſchauer es begreifen, wenn die Heldin ſich in ihn verliebt und nur den einen Wunſch kennt, ihm als Geliebte oder Gattin anzugehören. Der Typ, der dieſen Vorbedingungen vollauf entſpricht, darf als das moderne männliche Schönheitsideal an⸗ geſprochen werden.„Er muß groß und ſchlank ſein und ein ener⸗ giſches Geſicht haben— wie in Damenbüchern geſchrieben ſteht— regelmäßige, ſcharfgeſchnittene Züge und breite Schultern“, be⸗ merkt Urban Gad und fährt fort:„Als Filmfachverſtändiger er⸗ laube ich mir noch hinzuzufügen, daß er ſympathiſch ſein, ein hübſches Lächeln und einen ausgeprägt männlichen Typ haben muß.“ Von erheblicher Wichtigkeit iſt ferner noch, daß er ſich ele⸗ gant zu kleiden und ſchneidig zu bewegen weiß, daß er Überlegen⸗ heit offenbart und den Mann von Welt markiert. Selten wird, ſo lieſt man in dem ſoeben im Paul Aretz⸗Ver⸗ lag zu Dresden erſchienenen, großangelegten Werk„Sittenge⸗ ſchichte des Kinos“ von Curt Moreck, eine Frau danach fragen, ob ein Mann ſchön iſt, andere Eigenſchaften ſind für ſie eniſchei⸗ dend. In ihre Vorſtellung vom männlichen Ideal miſchen ſich vielfach noch ſtark uinantiſche Züge, und dieſer Vorſtellung kommt der Film mit ſeinem Helden entgegen. Er zeigt den Mann in voller, in ſympathiegewinnender Aktivität, er zeigt ihn ſpielend mit ſeiner phyſiſchen oder geiſtigen Kraft, mit ſeinem Mut und ſeiner Entſchloſſenheit. Der Held reitet, fährt, ſchwimmt, lenkt Auto und Flugzeug, gebietet über ein Heer von Arbeitern als Fabrikherr oder verfügt über ungeheure Summen als Finanz⸗ genie; als Lebenskünſtler genießt er lächelnd alle Freuden des Da⸗ ſeins, oder er beherrſcht als Erfinder die geheimnisvollen Kräfte der Natur. Sein Feld iſt die Tat, deren Gelingen ihn mit Glorie umgibt, mag er nun die ſilberne Rüſtung der Ritterzeit oder den tadelloſen Frack eines erſtklaſſigen Schneiders tragen, mit dem blanken Schwert oder mit dem Füllfederhalter ſeine großen Ent⸗ ſcheidungen treffen. Zeigt er ſich allen Situationen gewachſen, ſo iſt ihm die Bewunderung der Frauen ſicher, und wo Frauen be⸗ wundern, da lieben ſie auch, wo ſie aber lieben, da finden ſie den Mann auch ſchön, ſelbſt wenn er anders ausſieht als das Ideal mit dem beſtimmten Gepräge, das„von Modeblättern und An⸗ zeigen für Barbierſeife und Hoſenträger genügend“ bekannt iſt. Mit dem männlichen Schönheitsideal hat es eine eigene Be⸗ wandtnis. Es läßt ſich nicht ſo leicht normieren als das weibliche, das ſich vielfach nach einem zur Mode gewordenen Typ bildet. Daher ſehen wir den weiblichen Kinoſtar bemüht, ſich durch kos⸗ metiſche Künſte jenem einmal zur Beliebtheit gelangten Tyn anzunähern, während die männlichen Sterne ihre Eigenart zu wahren trachten, ſie ſogar kultivieren und beſonders betonen. Eine männliche Schönheitsgalerie des Films zeigt eine größere Varia⸗ bilität als die weibliche, ſie offenbart außer den ſcharf ausgepräg⸗ ten nationalen Anterſthieden auch noch jene des Temperaments und des Charakters, und ſie zeigt alle Nuancen vom feinnervigen, ſenſiblen, übernervöſen Manne mit femininem Einſchlag bis zum brutalen Kraft⸗ und Muskelmenſchen. Der po⸗ vuläre Geſchmack allerdings bevorzugt aus dieſer Muſterkarte den tadellos angezogenen Liebhaber mit der unentwegten Bügelfalte und dem durchgezogenen Scheitel, das ſogenannte„Backfiſch⸗ Ideal“. In Straßenanzug oder Frack ſieht er am beſten aus und erobert ſich alle Herzen im Sturm, auf dem Zelluloidband wie auch im Parkett. Daß nicht nur männliche Männer das Ideal des weiblichen Kinopublikums bilden, haben ſeltſamerweiſe die Ameri⸗ kanerinnen bewieſen, die häufig Männer von weiblich⸗zarter Schönheit(Rudolf Valentino!) zu ihren Favoriten machten. Im Flugzeug zu den Zwergſtämmen im Papualand Die Expedition des Profeſſors Stirling, die rund 250 Meilen ins Innere von Holländiſch⸗Reuguinea eingedrungen war und ſich im Papualand acht Monate aufgehalten hatte, iſt auf dem Rückweg nach den Vereinigten Staaten jetzt in Singapore eingetroffen. Sie bringt ungefähr 8000 ſeltene ethnologiſche Fundſtücke, eine große botaniſche Sammlung und ein reiches und wertvolles wiſſenſchaftliches Informationsmaterial mit nach Haus, deſſen Bearbeitung neues Licht über das Leben einer der em wenigſten bekannten Zwergraſſen verbreiten wird. Die Ex⸗ pedition wurde von dem amerikaniſchen Smithſonian⸗Inſtitut ausgerüſtet und fand wertvolle Unterſtützung durch die Wiſſen⸗ ſchaftliche Forſchungsgeſellſchaft von Holländiſch⸗Neuguinea. Dank der Verwendung eines Flugzeuges war es der Expedition möglich, tief in das Zentralgebirge Neugnineas einzudringen, die Berg⸗ barrieren zu überfliegen und Karten des Geſamtgebiets am oberen Rouffaer⸗Fluß aufzunehmen. Dieſes Gebiet war bisher völlig unerforſcht. Die Expedition erreichte Höhen von rund 3000 Metern und verweilte drei volle Monate unter den Zwergſtämmen des Berglandes, die ſich durchaus freundlich und gaſtlich zeigten, im Gegenſatz zu den Papuas der Küſtenzone, die wiederholt das Lager und die Transportzüge angriffen und mit blutigen Köpfen heimgeſchickt werden mußten. Die urſprüngliche Abſicht, von der Küſte aus im Fluge den Habbema⸗See zu erreichen, der nach den Schätzungen in einer Höhe von etwa 4000 Metern liegt, gab man ſchließlich auf, da man ſich das gewünſchte Informationsmaterial über dieſes noch ganz unerforſchte Gebiet anderswo verſchaffen konnte. Profeſſor Stirling iſt mit dem Ergebnis der Unter⸗ nehmung durchaus zufrieden und ſpricht ſich über die Hilfe, die er ſeitens der holländiſchen Behörden gefunden hat, in rühmenden Worten aus. Das Papier als Träger künſtleriſcher Form Im Rahmen der„Jahresſchau deutſcher Arbeit Dresden 1927“ veranſtaltet der Bund Deutſcher Ge rauchsgraphiker E. V. eine Sonderausſtellung unter dem Titel„Das Papier als Träger künſtleriſcher Form“. Der Bund Deutſcher Gebrauchsgraphiker, die Standesorganiſation der deutſchen Werbekünſtler und Buch⸗ graphiker, gibt hier zum erſten Male einen umfaſſenden Über⸗ blick über das Geſamtſchaffen der Gebrauchsgraphik. Es werden gezeigt: Werbegraphik von der kleinſten Geſchäftsdruckſache bis zum Plakat, Buchkunſt und Proben künſtleriſcher Schriftgeſtal⸗ tung, Beiſpiele repräſentativer Kundenwerbung, amtliche Graphik uſw. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 85 4 — 3 Liegt dir Geſtern klar und offen, Wirkſt du heute träftig frei, Kannſt auch auf ein Morgen hoffen. Das nicht Orpheus Von Rainer Maria Rilke Wir veröffentlichen nachſtehend eine Probe aus den „Sonetten aus Orpheus“(Inſelverlag. Leipzig) des ſo⸗ eben verſtorbenen Dichters Nainer Maria Rilke, die imn Anſchluß an die altgriechiſche Sage eine erzreifende Symboliſierung des Künſtlertodes enthält. Errichtet keinen Denkſtein. Laßt die Roſe nur jedes Jahr zu ſeinen Gunſten blühen. Denn Orpheus iſt's. Seine Metamorphoſe in dem und dem. Wir ſollen uns nicht müh'n um and're Namen. Ein für alle Male iſt’s Orpheus, wenn er ſingt. Er kommt und geht. Iſt's nicht ſchon viel, wenn er die Roſenſchale um ein paar Tage manchmal überſteht? O wie er ſchwinden muß, daß ihr's begrifft! Und wenn ihm ſelbſt auch bangte, daß er ſchwände. Indem ſein Wort das Hierſein übertrifft, iſt er ſchon dort, wohin ihr's nicht begleitet. Der Leier Gitter zwängt ihm nicht die Hände. Und er gehorcht, indem er überſchreitet. Dreihundert Jahre Neuyork Von Dr. Karl Wehner Die zweitgrößte Stadt der Welt und größte der Vereinigten Staaten beging mit offiziellem Gepränge ihren 300. Geburtstag. Aus einem Grüppchen primitiver Borkenhütten an der äußerſten Spitze der Inſel Manhattan erwuchs im Lauſe von drei Jahr⸗ hunderten das rieſige Handelsemporium Neuyork, die Reſidenz des allmächligen Dollars und ſeiner Vertreter, ein gigantiſcher Schmelztiegel, in den alle Raſſen des Erdballs hineinſloſſen, um in unglaublich kurzer⸗Friſt umgeſchmolzen daraus wieder hervor⸗ zugehen. Da es der Stadt im Laufe der Zeit an Entfaltungsmög⸗ lichkeiten in die Länge und Breite gebrach, wühlte ſie ſich viel⸗ ſtöckig in die Tiefe, bohrte ſie ihre Wolkenkratzer in den AÄcher. So ballte ſie die Menſchenmillionen in ihren Mauern auf faſt beängſtigend engen Raum zuſammen, zugleich aber verſchaffte ſie ſich damit eine Ausflucht aus dem Verkehrsproblem, der ſtädtiſchen Haupeſorge, ohne indes dieſes Problem reſtlos löſen zu können. Noch iſt nicht abzuſehen, wie die Entwicklung Neuyorks enden wird. Die Bucht von Neuyork, ihre Inſeln(Manhattan, Long Is⸗ land, Staten Island) und ihre Flußarme unterſuchte als erſter gründlich im Jahre 1609 der damals in holländiſchem Auftrag handelnde engliſche Seefahrer Henry Hudſon, nach dem der in die Bucht mündende Strom genannt iſt. Die Ausſicht, den gewinn⸗ bringenden Pelz⸗ und Fellhandel vom Jagdgrund aus in eigene Regie nehmen zu können und ſo von Rußland und dem fran⸗ zöſiſchen Kanada unabhängig zu werden, leuchtete dem pfiffigen Kauſmann Amſterdams, Hoorns und der anderen niederländiſchen Handels⸗ und Stapelplätze ein, ſo daß nach etlichen anderen Ver⸗ ſuchen, das„herrenloſe“ Gebiet der Ausbeutung zu erſchließen, im Jahre 1621 die Weſtindiſche Kompagnie zuſtande kam, um den Handel mit der Bucht monopoliſtiſch zu handhaben und dort ſouverän zu ſchalten und zu walten. Daß die Ziele der Kompanie nicht ausſchließlich merkantiler, ſondern daneben koloniſatoriſcher Af waren kam der neuen„Eigentümerkolonie“ dabei ſehr zuſtatten.. Noch ehe das Schiff„Hett Meewtje“ den erſten von der Ge⸗ ſellſchaft ernannten Gouverneur, Peter Minuit, einen Deutſchen aus Weſel, nach Manhattan brachte, beſtanden auf der Inſel einige rohe Hütten, hielten ſich dort Pelzhändler, Jäger und etliche inder glücklich ſei.. ——— Goethe wolloniſche Siedler auf. Aber erſt Minuits Schar von Ein⸗ wanderern brachten das ſo ſehr benötigte europäiſche Vieh und landwirtſchaftliche ſowie haadwerkliche Geräte mit, ſo daß das Fahr 1626 den Lontlichen Anfang der Koloniſierung und des ſpäteren Neuyork bezeichnet. Den Manhattan⸗Inſulanern kaufte Minuit die ganze, etwa 11 000 Morgen umfaſſende Inſel für ein Butterbrot ab: 60 Gulden entrichtete er für ſie. Am Ende des über die Inſel führenden Indianerpfades wurde eine Stadt an⸗ gelegt und Neu⸗Amſterdam genannt. An der Stelle des heutigen Cuſtom Houſe ſahen die erſten Steinbauten ihrer Fertigſtellun entgegen, und ein Fort an der Südſpitze(heute Battery Par ſorgte für den Schutz der zunächſt noch vorwiegend aus rohen Ho hülten beſtehenden Anſiedlung. Noch jetzt gemahnen vie traßennamen und Stadtteilbezeichnungen an die Holländer⸗ oder„Knickerbocker“⸗Zeit. Aus t Maagde Paatje ward Maiden Lane(Mädchen⸗Straße); die ſo berüchtigte Bowery leitet ihren Namen von einem Gutshof(holländiſch bouerij) des letzten niederländiſchen Gouverneurs Stuyveſant her, und Brooklyn iſt Wad!em holländiſchen Dorf Breukelen auf Long Island e anden. Die Holländer verblieben bis 1664 im Beſitz der„Neuen Niederlande“. Kolonie und Stadt waren unter Datarſe un von 2 Millionen Gulden von einer mächtigen Handelsgeſellſchaft an⸗ gelegt worden und ſollten ſich bezahlt machen. Daher kam es, daß den erſten Jägern und Siedlern zwar weitgehendes religiöſes Lutgegentommen in einer Zeit der religiöſen Intoleranz gezeigt wur daß aber der einzelne doch nur als der Handlanger, der Vaſall„ſeiner“ Geſellſchaft angeſehen wurde. Das von der Kompanie beliebte Regierungsſyſtem war ein durchaus ariſtokratiſches; der Direktor konnte anfänglich vollkommen deſpotiſch ſchalten. Durch eine Hintertür ſchlich ſich der europäiſche Feudalismus ein, indem vermögenden Unternehmern, die a eigene Koſten mindeſtens 50 Perſonen in die Beſitzung brachten, rieſige Landſtrecken, kleinen Fürſtentümern vergleichbar, über⸗ eignet wurden, auch erhielten ſie eine anſehnliche Reihe erblicher Vorrechte, ſo daß ſich ſehr früh Klaſſengegenſätze herauszubilden und ſoziale Kämpfe abzuſpielen begannen. Im Einklang damit ſteht natürlich, daß die Weſtindiſche Kompanie afrikaniſche Sklaven einführte und den Verſuch machte, die Indianer zu verſklaven. G Durch einen mitten im Frieden unternommenen Handſtreich ging die Stadt Neu⸗Amſterdam mitſamt ihrem Hinterland 1664 an die Engländer über und geriet aus dem Eigentum eines Handelsunkernehmens in die Hände eines Fürſten, des Herzogs von York, dem ſein Bruder Karl II. von England die ihm gar nicht Nehüreude Pflanzung verſchrieben hatte. Jetzt wurde aus Neu⸗Amſterdam zu Ehren des Herzogs ein Neuyork. Unter der Herrſchaft der Stuarts ſetzte ſofort machtvoll der Kampf um eine, wenn auch vorerſt nur provinzielle, Selbſtändigkeit ein. Herzog ſah ſich genötigt, das von der Bevölkerung ſchon der holländiſchen Kompaaie abgetrotzte Wahlrecht zu bewilligen und mannigfache Freiheiten und Privilegien, darunter das Recht der Selbſtbeſteuerung, anzuerkennen. Als er aber als Jakob II. den engliſchen Thron beſtieg, vergaß er nach Fürſtenart ſeine ge⸗ machten Verſprechungen und die Verbriefung jener Rechte, und wieder wurde die Provinz im Intereſſe des Fürſten oligarchiſch regiert. Als 1688 Wilhelm von Oranien den Stuart Jakob II. vom Thron ſtieß, erhofften ſich die mittleren und unteren Schichten Neuyorks von dem Regimewechſel eine Beſſerung der Lage. Da ſie keine ſofortigen Anſtalten dazu wahrnahmen, ſchritten ſie zur Selbſthilfe. Die unbegüterte Schicht, die jozial Benachteiligten, jene Bürger, die keine Freiſaſſen oder nur unbedeutende Land⸗ beſitzer waren, taten ſich zuſammen, um der Ariſtokratie holländiſcher und engliſcher Abkunft, den konſervativen Kron⸗ beamten und reichen Kaufleuten die Stirn zu bieten und ſich die Rechte, die man ihnen vorenthielt, zu erſtreiten. Zum Vor⸗ käm pfer demokratiſcher Ideen machte ſich der Deutſche Jakob Leisler, der auch in der ſtädtiſchen Miliz eine feſte Stütze hatte. Es gelang, ſeine Wahl zum Bürgermeiſter durchzuſetzen, womit die Partei des Volkes ihren erſten großen Sieg auf amerikaniſchem Boden erfochten hatte. Zwei Jahre lang(1689 bis 1691) ruhten die Zügel feſt in ſeiner Hand, und zwar kümmerten Verordnungen aus dem„Mutterlande“ Leisler und eine Gefolgſchaft wenig. Der Wunſch nach voller Loslöſung mag n den fähigeren Köpfen ſchon umgegangen ſein, ſicherlich war er noch verfrüht und unzeitgemäß. Mit Hilfe eines von England ge⸗ ſandten Truppenkontingents wurde die Volksregierung geſtürzt, Leisler gefangen und hingerichtet. Aber die einmal beſchworenen Geiſter ſpukten weiter; offener Bürgerkrieg zwiſchen der Partei des Volkes und den Gefolgsmannen der Ariſtokratie ſchien zu⸗ weilen faſt unvermeidlich. Unfreie Arbeit verblieb auch in der erſten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Note der Stadt Neuyork. Schon bald nach 1670 war allerdings das Verſklaven von Indianern verpönt worden, jedoch wohl mehr aus politiſchen, als aus Erwägungen der Menſchlichkeit heraus. Der mächtige Irokeſenbund der„Fünf Nationen“ und die iha zwar verfeindete, aber ebenſo kriegeriſche Algonkinföderation hätten ja den gemeinſamen Vernichtungs⸗ kampf gegen die Unterdrücker ihrer Raſſe proklamieren können! Für den Ausfall an indianiſchen Arbeitskräften verſchaffte man ich Erſaß in Geſtalt von unbemittelten Leuten aus Europa, die ür erhaltene Vorſchüſſe einen mehr oder weniger beſtimmten Zeitraum hindurch als Halbfreie arbeiten mußten. Daneben wurde„ſchwarze Ware“ in Menge eingeführt. Man ſuchte ſich gegen die armen, aus ihrer Heimat verſchleppten Neger dur allerlei kleinliche Verordnungen zu ſchützen, deren Übertretung unweigerlich brutale Auspeitſchung zur Folge hatte. Der nervöſe Angſtzuſtand der allmählich ſtark angewachſenen ſchwarzen Be⸗ völkerung gegenüber führte 1741 zu einem gräßlichen Neger⸗ ogrom. Man zieh die Schwarzen einer Verſchwöͤrung und be⸗ gätni e ſie der Brandſtiftung. Etwa um die gleiche Zeit fand ie erſte Einmiſchung in die Preſſefreiheit ſtatt, indem der Deutſche h Peter Zenger, der Drucker und Herausgeber des „New York Weekly Journal“, wegen Lonverueneſeindier Auf⸗ ese vor den Kadi gezerrt, aber glänzend freigeſprochen wurde. Wie es um die politiſche Freiheit beſtellt war, erhellt der Um⸗ land. daß 1738 gelegentlich einer Bürgermeiſterwahl jüdiſche Koloniſten ihre Stimme nicht abgeben durften. Der engliſche Merkantilismus war am Emporblühen der Holonie weit weniger intereſſiert als daran, ſich keinen Kon⸗ kurrenten auf ſeinen Europamärkten großzuziehen. Beſiedelung ſchien unwichtiger als die Ausnutzung der Jagdgründe und der wirtſchaftlichen Möglichkeiten. Da man aber auf die Dauer von einem ungedüngten Baum keine Früchte erwarten kann und die engliſche Politik gegenüber den Iflanzun en ſich eher auf das Fflücken verſtand als auf die Wachstumförderung, wurde der auf der Dinge beſchleunigt. Als das engliſche Parlament 1765 die Stempelakte, die Stempelgebühren auf Anträge und notarielle Schriftſtücke einführen ſollte, für die Kolonien erließ, ergriff Neuyork in der Abwehr die Führung. Der in der Stadt tagende Kolonialkongreß vertrat den Standpunkt, daß Beſteuerung ohne Befragung der Bevölkerung nicht zuläſſig ſei. Die Engländer Uießen vor dem zum Teil bewaffneten Widerſtand der Koloniſten das Geſetz unter den Tiſch fallen, ſannen aber auf eine neue Machtprobe. Immer mehr ſpitzten ſich infolgedeſſen, z. B. wegen der Tee⸗Einganzszölle, die Verhältniſſe zu, die Unabhängigkeits⸗ bewung ergriff weiteſte Volkskreiſe, und 1776 brach der offene Aufſtand gegen England aus. Neuyork war in dem ſieben Jahre währenden Kampfe nicht in der Lage, eine jührende Rolle zu ſpielen, da es früh von den Engländern und ihren ſchnöd von ihren Fürſten verſchacherten deutſchen Hilfstruppen einge⸗ nommen und die Kriegsdauer über beſetzt gehalten wurde. In Neuyork entſtand nach Erringung der Selbſtändigkeit die Föderaliſtiſche Partei, die einige glänzende geiſtige Führer ihr eigen nannte, darunter den Staatsmann Alexander Hamilton, aber nach 1800 in Bedeutungsloſigkeit hinabſant. Die Nicht⸗ föderaliſten nahmen anfangs den Namen Republikaner, dann— ſeit 1828— Demokraten an. Bis auf unſere Tage iſt die Demo⸗ kratiſche Partei, die in Tammany Hall ihren Sitz hat, in Neuyork im weſentlichen in der Führung geblieben. Die heutige Repu⸗ blikaniſche Partei beſteht übrigens erſt ſeit 1854. Das Jahr 1830 ſah in der Stadt die Entſtehung einer nur kurzlebigen Arbeiter⸗ partei. Aufruhr und Krawalle herrſchten öfter in Neuyork, keiner aber ſo gefährlich wie der Aufſtand aus Anlaß der Soldatenaus⸗ hebungen im Bürgerkrieg, der ſich gegen die Regierung und die farbige Bevölkerung richtete. euyorks Sturmlauf zur Millionenſtadt, ſein Aufſtieg zum Bank⸗ und Handelszentrum gehört der neueren und neueſten Ge⸗ ſchichte an. Seine Bevölkerung iſt die vielſprachigſte der Welt, da die Metropole der größte Einwandererhafen aller Länder iſt. Mit dem Siegeszug der Induſtrie und dem Aufkommen der Rieſenvermögen hat ſich auch das ſoziologiſche Bild Neuyorks ſtark geändert. Seine proletariſche Bevölkerung, obzwar ſtändig im Fluß, iſt ein Maſſenmoment ohnegleichen geworden. Hart im Raume ſtaßen ſich hier die Gegenſätze von unerhörtem Reichtum und kraſſeſtem Elend, von arbeitsloſem Einkommen und faſt ein⸗ kommenloſer Arbeit, und zwar weit mehr als in den anderen Großſtädten der Union, die eben nicht den allerärmſten Ein⸗ wanderer empfangen, wie das bei Neuyork der Fall iſt. Die Verkehrsnöte des Neuyork von heute wurden ſchon ange⸗ deutet. Es ſcheint der Ausweg geplant zu ſein, noch mehr rieſige Hochhäuſer zu erbauen, die von rieſenweiten Plätzen umgeben ſein ſollen, ſo daß der Neuyorker von übermorgen ein Menſch des Aufſtiegs wenigſtens in körperdynamiſcher Beziehung ſein würde. Denn für den ſozialen Auſſtieg kehen die„unbegrenzten Mög⸗ lichkeiten“ kaum noch derart zur Verfügung, wie vor einigen fünfzig Jahren. Das ſollte ſich mancher merken, in deſſen ge⸗ zegelte⸗ Daſein der myſtiſche Hauch des Namens Neuyork hin⸗ einweht. Das Werk von Foſeph Conrad Von J. M. Frank „Noch vor einem Jahre war der Name Joſeph Conrad in den weiteſten literariſch gebildeten Kreiſen Deutſchlands ſo gut wie unbekannt. Heute, nachdem vor kurzem der S.⸗Fiſcher⸗Verlag in Berlin uns die vier erſten Bände der Werke dieſes Mannes vor⸗ gelegt hat, mit Einführungen von Autoritäten wie Thomas Mann und Jakob Waſſermann, ſteht man ſtaunend vor der Wahr⸗ nehmung, daß dieſer Conrad wahrhaft ein Phänomen, eine literariſche Senſation darſtellt, und nur ein Bedauern darüber bleibt, daß der Dichter bereits tot iſt und uns keine weiteren Werke mehr ſchenken kann. Conrad, der Umdichter der Meere und Abenteuer, der glän⸗ zende Geſtalter plaſtiſch geſchaffener Menſchen, Charaktere, Szenen und Kataſtrophen, iſt eigenartig zwiſchen Stevenſon⸗London und ☛‿ fe— E———— Slternlies Von Franz Werlel Kinder laufen fort. Langher kann’'s noch gar nicht ſein, kamen ſie zur Tür herein, ſaßen zwiſtiglich vereint alle um den Tiſch. Kinder laufen fort. Und es iſt ſchon lange her. Schlechtes Zeugnis kommt nicht mehr. Stunden Argers, Stunden ſchwer: Scharlach, Diphtherie! Kinder laufen fort. Söhne hangen Weibern an. Töchter haben ihren Mann. Briefe kommen, dann und wann, nur auf einen Sprung. Kinder laufen fort. Etwas nehmen ſie doch mit. Wir ſind ärmer, ſie ſind quitt. Und die Uhr geht Schritt für Schritt um den leeren Tiſch. Aus dem Jahrbuch des ufolnas⸗Vetage⸗, Wien⸗Berlin, das piele Originalbeiträge, u. a. dieſes Gedicht von Franz Werfel enthält. Die Leute auf Bangaard (Zur erſten Aufführung des Dramas von Martin Anderſen⸗Nexö im Freien Theater in Wien) Im breiten Lebenswerk des däniſchen Arbeiterdichters Martin Anderſen⸗Nexö ſteht neben den großen Romanen, den zahlreichen Novellen und Reiſeſchilderungen ein einziges Drama:„Die Leute auf Dangaard“. Es iſt nicht nur ſtofflich aufs engſte mit den erzählenden Schriften Anderſen⸗Nexös verbunden, es iſt der Extrakt ſeines Schaffens, iſt die knappſte dichteriſche Formung ſeiner Weltanſchauung, ſeiner Zukunftshoffnung. Dangaard(der Danhof) iſt ein großes Bauerngut irgendwo auf Bornholm, in des Dichters Heimat, in der ſteinigen Gegend, deren magerer Boden in endloſer mühſeligſter Arbeit urbar gemacht werden muß. Hat der arme Bauer aber dem felſigen Grunde Ackerland abgerungen, dann kommt der Gutsbeſitzer, der Herr, präſentiert alte Schuldſcheine und nimmt den Acker. Alles iſt ihm untertan im Umkreis ſeines Gutes. Nicht nur der Boden, auch die Menſchen. Die Mägde müſſen ihm zu Willen ſein und die Knechte ſchlägt er zuſchanden, wenn es ihn gelüſtet, zu er⸗ proben, ob ein Menſchenſchädel oder ein Stuhlbein härter iſt. Doch es rieſelt im Gemäuer dieſer alten Herrſchaft. Der Sohn iſt nicht mehr wie der Vater. Er ⸗hat deſſen Leichtſinn, deſſen Hang zu Spiel und Suff geerbt, aber nicht deſſen Kraft. Und ſo verfällt das Gut; das Saatkorn wird verſpielt und verſoffen, die eigene Mutter betrogen, um die Schulden des Lotterlebens zu bezahlen. Dieſe Mutter rottet ihr fluchbeladenes, verkommenes Geſchlecht aus. Sie vergiftet den Lumpen und Schwächling, den ſie geboren, und vergiftet ſich ſelbſt. In der Buchfaſſung des Dramas, die bei Tolſtoi⸗Doſtojewſti geſtellt worden. Er iſt eine einzigartige Er⸗ ſcheinung, weil er, ein Pole, nicht nur geographiſch, ſondern ebenſo vollkommen ſeel iſch und geiſtig ſein Heimatland aufgab, um in eine neue Wahlheimat wiederum nicht nur geographiſch, ſondern ebenſo geiſtig und ſeeliſc hineinzuwachſen, ja, ſogar einer der beſten Proſadichter dieſer neuen Heimat zu werden. Dieſer unerhörte Fall, der nur einen einzigen Präzedenzfall in der Welt⸗ literatur haben dürfte— den des deutſch dichtenden Franzoſen Chamiſſo—, iſt noch beſonders eigenartig dadurch, daß Conrad nicht„Engländer“ wurde, um engliſch zu dichten, ſondern um Seemann zu werden und als geborener(meerferner) Pole rätſel⸗ hafte Sehnſucht im Bejogeen füdlicher Ozeane zu erlöſen. Sein in Dichtung umgeſtaltetes Erleben aber wird uns den dämoniſchen Ozeanen fernen Deutſchen zur Senſation, weil er, wie kaum einer vor ihm, die Dämonie des Meeres und der— nicht Abenteuer ſuchenden, ſondern nur im ePrlich ringenden Tagewerk Abenteuer erlebenden— Menſchen auf den Meeren zu ſchildern vermag. Das Werk dieſes Realiſten zu leſen, bedeutet„ſehen⸗, hören⸗ und fühlenlernen“ in einer Weiſe, die„Herz und Geiſt bis ins letzte feſſelt“, dabei mit der kliſcheemäßigen, banalen, nur zweckmäßigen modernen filmdramatiſchen Spannung nichts zu tun hat und trotz⸗ dem oft unerhört ſtärker„ſpannt“. Alles in allem: ein Erlebnis! Den Inhalt der vier ſoeben erſchienenen Romane zu ſkizzieren, wäre unangebracht; man muß ſie lejen So zuerſt vielleicht den „Geheimagent“, einen ſoziologiſch⸗politiſchen, gerade uns lebhaft intereſſierenden Kriminalroman, der nur auf dem Feſtlande ſpielt, inmitten der Korruption, die der Ozean nicht kennt; dann „Jugend“, die genialen Geſchichten von einem brennenden Schiff und einer unerfüllten Sehnſucht, vom„Herz der Finſternis“ des traumhaften Urwaldes, vom Käpt'n Whalley und dem Ende ſeines erſchütternden Liedes von der Liebe zu einem Schiff und ſeinem Kinde. Von Konflikten, die das ſeltſame„Spiel des Zufalls“ löſt, kündet der Roman, der dieſen Titel trägt und das Leben einer Frau an Bord eines dämoniſchen Schiffes ſchildert, deſſen Kapitän ſie gefolgt wär. Gipfel der Conradſchen Kunſt aber ſcheint„Die Schattenlinie“, die eigenartige Geſchichte einer Meeresſtille, in der ein Schiff vom Fieber überfallen wird, gerahmt um einen Menſchen, der, ſeeliſch in ähnliche Stille und Müdigkeit geraten, von Seelenfieber überraſcht, ſich zur Männlichkeit durchringt. Das ſchmale Bücherregal, das die Großen der Weltliteratur beherbergt, hat wieder einen neuen Gaſt: dieſen Conrad. Daß Thomas Mann und Jakob Waſſermann ihn für uns aus der Taufe hoben, daß der S.⸗Fiſcher⸗Verlag den Mut beſaß, ihn uns Deutſchen in der Zeit des„Charleſton“ und der„Modeköniginnen“ zu ſchenken, ſei ihnen gedankt! Es war eine„Tat“! —— Das Schaukelpfers Von Alphonse Croziere Berectigie Uebertragung von Dr. Ernſt Levy, Quarto dei Mille(Genova) Italien. Seit dem Neujahrstage war Frau Sorge bei den Vermichons eingekehrt und hatte ihren grauen Schleier über das Leben der Familie gebreitet. Und doch waren die Leute keine Müßiggänger. Der Mann arbeitete ohne Unterlaß, aber ſein Gehalt war elend. Der Neu⸗ jahrstag mit ſeinen zahlreichen Verpflichtungen war denn daran Albert Langen in München erſchien, zündet ſie auch das Herrenhaus an. Alle Spuren dieſes Geſchlechts müſſen vom Erd⸗ boden getilgt werden, das Feld muß frei ſein für die neue Geſell⸗ ſchaft, die nun heraufkommt und die keine Herren und Knechte mehr kennt. Dieſe neue Geſellſchaft kündet ſich machtvoll an. Da in der Bettel⸗Per, geſchundener Knecht, aus dem Armenhaus geholt, ge⸗ tretenes Laſttier, das ſich aufbäumt und ſein Menſchenrecht fordert. Auf ſeinen ſtarken Schultern ruht das Gut, ſeine Arbeit muß wettmachen, was der Unverſtand und die Laſter des Herrn ver⸗ derben. Er muß ſchaffen, dienen und kuſchen. Und hat doch das⸗ ſelbe Recht, Herr zu ſein auf Dangaard, iſt doch desſelben Vaters Sohn wie der verzogene Schwächling. Die Geſellſchaftsordnung erſt macht aus dem unfähigen und ſchwachen Bruder den Herrn und aus dem geſunden, ſtarken den Knecht. Dieſe Geſellſchafts⸗ ordnung des Unrechts und der Unterdrückung muß gebrochen werden. Die Landarbeiter ſcharen ſich um die Fahne des Sozialis⸗ mus. Wie die beiden ungleichen Brüder gleichen Anteil haben ſollten an dem Gut des Vaters, ſo ſollten alle Menſchen, gleich geboren von der Natur, gleichen Anteil haben an den Gütern der rde. Dieſen zum Bewußtſein ihres Menſchenrechtes erwachten Knechten übergibt die Herrin von Dangaard das Gut. Sie werden es wieder in die Höhe bringen; ſie werden einen Geneſſenſchafts⸗ betrieb Tründon, ſie werden alle für alle arbeiten. Als Natur⸗ notwendigkeit vollzieht ſich nach dem Zuſammenbruch der morſchen bürgerlichen Ordnung des Privatbeſitzes der Übergang zur ſozia⸗ liſtiſchen Gemeinſchaft. „Dangaard, der Danhof, iſt Dänemark, und dieſes Dänemark iſt die Heſtell chaft von heute. Gleichnis iſt das Drama, ſein Geſtalten Vertreter der Geſellſchaftsklaſſen, Vertreter der Mächte, die heute noch um die Erde ringen; und ein Schluchzen herunterwürgte: ſchuld geweſen, daß ſie ſo arg in die Klemme geraten waren und nicht mehr ein noch aus wußten. Ein Glück wenigſtens, daß die Vorſehung das Leihhaus er⸗ funden hat; mag es auch eine koſtſpielige Vorſehung ſein, eine orſehung iſt es immerhin. Die Eheringe, die armſelige goldne Schlüſſeluhr(das Fa⸗ milienandenken), einige Gegenſtände von Wert, die im Hauſe geblieben waren, zwei Sprungfedermatratzen, kurz all die Dinge, welche man beleiht, waren verpfändet Man hatte die Bäcker⸗ rechnung bezahlt, dem Schlächter und dem Kaufmann etwas an⸗ gezahlt und konnte wenigſtens etwas freier aufatmen als zuvor. Aber die gedrückte Stimmung blieb trotz allem und wurde noch gedrückter, als die Fabrik in welcher der Mann arbeitete, ganz unvermutet eine Ruhepauſe eintreten ließ Leider konnte man dieſe Ruhepauſe nicht auf den Magen der Frau und den des Kindes ausdehnen. „Da möchte man ſich am liebſten den ganzen Tag abrackern und kann doch nichts ſchaffen!“— Prummte der Mann, der ſeinem Sohn beim Spielen zuſah—„Es iſt wirklich zum Verzweifeln!“ Wie hätte er ſich ſonſt darüber gefreut, wie Stephan ſein Schaukelpferd hin⸗ und herſchob, es durchprügelte und dann mieder mit Zärtlichkeiten überhäufte Das armſelige Pferdchen war die einzige Freude des Jungen; er verließ es nicht einen Augenblick, ſelbſt im Bette mußte er es neben ſich haben, um es jederzeit liebkoſen zu können. Bei Tiſch reichte er ihm Brot und ſagte:„Friß, damit du fett wirſt.“ Kurz, dieſe Mißgeburt von einem Pferd, die ſich geradezu komiſch ausnahm, war das erſte große Glück im Leben des ſchmäch⸗ tigen kleinen Jungens geworden, der trotz ſeiner Häßlichkeit ſympathiſch war und mit ſeinem abgehärmten Geſicht und ſeinen großen, klugen Augen ſo traurig in die Welt hineiablickte. „Mach' nicht ſolchen Krakeel, du verdammter Bengel!“— fauchte der Vater.—„Man wird ja ganz dumm dabei. Ich bin gerade in der Stimmung, ſolche Poſſen mitanzuhören..“ Stephan muckſte nicht. Er ſagte bloß zu ſeinem Pferde: „Sei ruhig. Schlaf'.“ Dann nahm er ſich einen Katalog vor, aus dem er ſchöne Herren in feinem Pelzwerk ausſchnitt. Dabei aber horchte er auf⸗ merkſam auf das, was die Eltern redeten. „Das iſt ja reizend“— meinte der Vater—„ſie wollen dir alſo auf die Wäſche nichts leihen?“ „Nein, ſie ſagen, ſie ſei in zu ſchlechtem Zuſtande. Schließlich haben ſie recht; Wäſche kann man dieſe Lumpen, die hundertmal geflickt ſind, eigentlich nicht mehr nennen.“ „Dann wird man ſich alſo morgen den ſchnallen müſſen.“— Stephan warf einen gerührten Blick auf ſein hölzernes Pferd; der Blick ſchien zu ſagen: „Und wenn man nun auf den Gedanken kommen ſollte. dich zu verſpeiſen?“. 8 Den ganzen Abend litt der Kleine unter der düſteren Vor⸗ ſtellung, daß morgen in der Schüſſel kein Löffel Suppe mehr ſein werde. Nicht, daß das arme Wurm etwa an ſich dachte, er dachte an ſeinen Vater und ſeine Mutter. Er murmelte, in dem er Hungergurt noch enger der Ausgang dieſes Ringens iſt für den Dichter nicht unbe⸗ ſtimmt. Der Schluß des Dramas, dem des Romans„Pelle der Er⸗ oberer“ ſehr ähnlich, weiſt bereits in die Zukunft; aber er iſt nicht Viſion, er wird als Wirklichkeit geheichnal ſo groß iſt die Gewiß⸗ heit des Dichters, daß die rbeiterſchaft dereinſt ohne Kampf und ohne Blutvergießen aus den erkalteten Händen einer unter eigener Schuld uſammengebrochenen Geſellſchaft die Güter her Erde übernehmen wird, um ſie für die ge⸗ ſamte Menſchheit zu verwalten und zu mehren. In den großen, wuchtigen Linien des Bauerndramas iſt dieſes dichteriſche Gleichnis geſtaltet. Auch an der menſchlichen Tragik des Unterganges der Gutsherrnfamilie geht der Dichter nicht vorüber, und zahlreiche mit ſeiner großen Kunſt der Men⸗ ſchenzeichnung knapp umriſſene Epiſodenfiguren ſtellt er in das Gefüge ſeines Dramas: die alte Magd, die den zuſchanden ge⸗ ſchlagenen Knecht geliebt, die alte Häuslerin, deren Mann um⸗ gekommen, weil dem Gutsherrn eine Schutzvorrichtung an der Maſchine zu teuer geweſen, der Idiot, Opfer des tollen Übermuts des Großbauern. Blutzeugen vergangener Zeit der Sklaverei ſind 55 und huſchen wie Geſpenſter vorüber, da der Tag anbricht, der en Arbeitern, auf deren Schultern die Welt ſteht, auch die Herr⸗ ſchaft über die Welt erteilt.— Das Freie Theater hat ſich mit Einſatz aller ſeiner Kräfte um die Aufführung dieſes ſozialiſtiſchen Dramas bemüht und eine Vorſtellung zuſtande gebracht, die die ganze revolutionäre Spreng⸗ kraft der Dichtung zur Entladung bringt; der Regiſſeur Ernſt Lönner führte ſeine Schauſpieler zu wohlabgeſtimmtem Zu⸗ ſammenſpiel. — „Papa und Mama werden nichts zu eſſen haben. Sie werden ſterben, und ich werde mit meinem Pferdchen allein auf der Weli bleiben.“ Am folgenden Morgen ſtand ſein Entſchluß feſt. er mußte ſich von ſeinem Gefährten trennen. Es war ihm nicht leicht ge⸗ fallen, denn nichts ging dem Kleinen über ſein Hottehüh. Er nahm das Tier unter den Arm und öffnete dann geräuſch⸗ los die Tür. Seine Mutter ſah ihn fortgehen, glaubte aber, er wolle auf dem Flur ſpielen.. Stephan ſtieg haſtig die fünf Treppen hinab. Er ſagte zu ſeinem Spielgenoſſen:. 3 „Armer Kerl, es tut mir leid, daß du es ſo ſchlecht getroffen haſt und zu ſo armen Leuten gekommen biſt; aber damit mußt du dich jetzt abfinden. Ich werde dich aber nie vergeſſen; wenn ich erſt groß bin und mich ſelbſt ernähren kann, dann hol' ich dich beſtimmt wieder ab; dann werden wir gemütlich beiſammen ſein und uns über die verlorene Zeit tröſten“.. Bei dieſen Worten rollte eine verſtohlene Träne über ſein Geſicht. Ja, trotz allem; fiel ihm der Abſchied doch recht ſchwer. Bald befand er ſich vor der Zweigſtelle des Leihhauſes. Er kannte den Raum genau, wo er, an den Rockſchoß ſeiner Mutter geklammert, mehr als einmal geweſen war, er etrachtete die mürriſchen, ernſten Angeſtellten mit einer Art ſchüchterner Ehr⸗ furcht. „Wem gehört der Bengel?“ fragte ein nicht übermäßig höf⸗ licher Aufſeher. Aber ſchon war Stephan an einen Schalter getreten und ſtotterte voller Angſt: 3 „Verzeihung, können Sie mir vielleicht etwas auf mein Pferd⸗ chen leihen?“ 3 Einen Augenblick ſah der Beamte den ſchmierigen Bengel, der die Augen niederſchlug, als hätte er ein Verbrechen begangen, groß an; dann platzte er los: „Auf dein Spielzeug ſoll ich dir was leihen?⸗ Dieſe Worte waren von allen Anweſenden vernommen worden. Jetzt verzerrte ſich das Geſicht des Kleinen. Sein erer Körper wurde von krampfhaftem Schluchzen geſchüttelt, denn er hatte ſchrecklich Angſt vor dem Mann, dem er gegenüberſtand. Er erklärte mit abgehackten Worten die traurige Lage ſeiner Fa⸗ milie: man hatte ſchon alles hierher gebracht, es war nichts mehr zum Beleihen da, und morgen würde ſogar die Suppe fehlen... Hinter dem Schalter ſah man lächelnde und mitleidige Mie⸗ nen, hörte man tuſcheln. Stephan machte ſich ſchon darauf gefaßt, unſanft beim Kragen genommen und an die Luft geſetzt zu wer⸗ den; aber das machte ihm nichts aus. In ſeiner Ergebung lag ſchon etwas Heldenhaftes. Seine Kopf brummte dermaßen, daß er gar nicht hörte, wie jemand ſagte: „Das iſt ja ein Prachtjunge, ihr Leute! Sollen wir uns von dem beſchämen laſſen?“— 1¹ Und die Geldſtücke regneten nur ſo in den Hut. Jeder wollte ſein Scherflein beitragen. Als Stephan, etwas ruhiger geworden, ſein ſchmächtiges Ge⸗ ſicht wieder erhob, ſah er, wie der Mann hinter dem Schalter ihm etwas Weißes hinhielt. Er hatte das Ergebnis der Sammlung in einen Umſchlag geſteckt. Und als Stephan ihm ſein Hottehüh mit einem ſchüchternen: „ Danke, danke... Da haben Sie das Pferdchen,“ reichen wollte, verſetzte der Beamte: „Behalt' dein Spielzeug und mach, daß du fortkommſt.“ O, das ließ ſich Stephan nicht zweimal ſagen. Als er atemlos vor der Tür der kleinen Wohnung anlangte, be⸗ kam er einen Huſtenanfall, der von der Erregung noch verſchlim⸗ mert wurde. Seine Mutter erwartete ihn ſchon mit erhobener and. „Wo biſt du wiedev herumgeſtrolcht, du Taugenichts? Hab' ich dir nicht verboten, fortzugehen?“ „Aber Stephan, deſſen Augen noch gerötet waren, hielt ihr das Päckchen hin und ſagte triumphierend: „Siehſt du, Mama, das hat man mir im Leihhaus auf mein Pferdchen geliehen, und ich habe es trotzdem behalten dürfen. Sie haben gewiß geſehen. daß ich es ſehr lieb habe. — Das Theater der künftlichen Menſchen Vor 14 Jahren machte ein junger italieniſcher Journaliſt und Kritiker, der Doktor Vittorio Podrecca ſich daran, das Mario⸗ nettentheater neu zu beleben. Er ſchon in jahrelanger Arbeit nicht weniger als 600 wertvolle Marionetten und baute nach eige⸗ nen Ideen eine Miniatur⸗Bühne, das Teatro dei Piccoli, mit dem er ſchnell durchſchlagende und über ſeine italieniſche Heimat hinausgreifende Erfolge erzielte. Heute hat das Theater der künſtlichen Menſchen dank ſeiner künſtleriſchen Vollendung bereits Weltruf erlangt, hat auch in Deutſchland ſich ſchon viele be⸗ geiſterte Freunde gewonnen. In der zweiten Junihälfte wird Dr. Podrecca mit ſeinem Teatro dei Piccoli ein Gaſtſpiel in Mahdehüre auf der Deuiſchen Theater⸗Ausſtellung Magdeburg geben. Vom Schwaben, der keinen Spaß verſtand Der junge Löwenwirt erzählte:„No iſcht der Knecht mitten en der Predigt aufg'wacht, wo der Herr⸗ farrer gſait hot: Ond der Prophet fuhr in den Himmel!“— o hot der Knecht grufe:„Halt, i will au mitfahre!“ Der Hansadam hot kei G'ſicht verzoge. „Hoſcht net ver hat d 9 „Was net verſchtandg?“ „Da Schpaß net verſchtanda!“ „Ha, doh Wenn oiner do iſcht, no werd i ehn au ſcho ver⸗ ſchtanda ham!“— „Ha, worom lachſcht no netta?“ „Hal Z'wega was ſoll i lacha?“ „Ha, z'wegn ſellem Schpaß! „Ha, do iſcht doch nix z'lacha!“ netta!: „Ha, worum werd i denn koin Schpaß net verſchteha?“ „Ha, den hoſcht net zerf oindeſ „Wenn i ſag, i hau⸗n⸗e verſchtanda, no hau⸗n⸗en verſchtanda! Herrgottſackerment! Do verſchteh i koin Schpaß!“ 3 „Des iſcht's jo eba!“ „Was iſcht'’s eba?“ „Daß du koin Schpaß verſchtohſt!“ „Potz heideblitz! 8 hau⸗n⸗e doch verſchianda!“ „Worum hoſcht no net g'lacht?“? „J lach, wenn i will! Net wenn du willſcht!“ „Alſo hoſcht au net verſchtanda!“ „Potz heideelement no emol! Jetzt iſcht's genug, jonger Kerle, ſonf ſchlag i di u’gſchpitzt en de Boda nei, wenn du n eimol agſcht, i erſchtand oin Schpaß.— J verſchteh Schpaß! Du Lausbua, verſchtanda! Ond jetzt hältſcht’'s Maul!“— Alfred Auerbach. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer⸗ Frantiurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29: wohin auch alle Zu⸗ ſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Aufgabe Nr. 91 M. Winkler, Turuier des Deutſchen Arbeiter⸗Schach⸗Bundes 1922 a b e d e 1 g h 3 M— Sʒh ˖), 3 C 5—, 3 hhhhhöch S)hhhhſß 5 Schſchhc 4 , h, ſc,h, jch, 2 2 2 ſſ„ Gſh— Sſhſhſ ſhhhhchh ſhhſſh ScchhY 3 ſſh Ghh, ſoh G 3 5 Üʒʒ Sʒ˖Sh— d e— a 9b C f g h Matt in drei Zügen 8:4 Enoͤſpielftudie Nr. 41 Stellung: Weiß: Kd6, Ld8, Bd 4, 14, g5, 5). Schwarz: Khs, Lh, B d5, d7, f5, g6,(6). Weiß zieht und gewinnt. Löſung: 1. LdS8— f6+, Khs— gs, 2. Kd6— e7, d7— d* 3.L f6— h8l Kgsxl hs8, 4. Ke7— f7, Lh7— gs+, 5. Kf7 g6, Lg8— 06, 6. K g6— f6, Le 6— d7, 7. Kf6— f7 und gewinnt. A&ꝙ Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Sachſenhauſen: Dienstags, bei Adrian, Affentorplatz. Innenſtadt: Montag,„Zur Pfalz“, Holzgraben 7. Niederrad: Montags,„Schwarze Katze“, Kelſterbacher Str. 28. Nordend, Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Bornheim: Mittwoch, Pauly, Germaniaſtraße 49. Riederwald: Mittwoch, Blank. Bockenheim: Mittwoch, Moltkeeck, Ecke Varrentrappſtraße. Rödelheim: Mittwoch, Schwabeneck, Eſchborner Landſtraße 36. Bahnhofsviertel: Donnerstag, Zum Regenbogen, Gutleutſtr. 151. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 4 „Ha, worum denn net? Du verſchtoſcht halt koin Schpaß Der Mann am Kran Von Jean Tousseul(Brüſſel) Einzigberechtigte übertragung aus dem Franzöſiſchen von Hermynia Zur Mühlen Liegt dir Geſtern klar offen, Wirkſt du heute träftig frei, Kannſt auch auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich ſei. Das Beben des Krans übertönte für einen Augenblick die tauſend Geräuſche der Stadt, die ſang und ſich beluſtigte. Der Wagenkorb ſchaukelte, erſchien dann wie das rote Maul des Un⸗ geheuers über der Erde. Die aufſchießende Schlacke erhellte den Abhang, den Himmel, die Häuſer und den Fluß, verglomm dann wie ein Leuchtkäfer. In der aufſteigenden Nauchwolke ſtopfte Pierre Lardinois ſeine Pfeife und regelte den Apparat: Ketten, Motor und Metallgerüſt zitterten; der Eimer erhob ſich und glitt gehorſam dem Werk zu. Seit langem lebte Pierre Lardinois hier oben, ſeit langem kannte er nicht mehr die Hochöfen mit ihren bunten Flammen, ihren Gasdünſten, die das Gehirn zuſammenpreſſen und die Beine ſchlaff machen, das Geklirr der ſeltſamen Metallbauten, die hinterliſtigen Feuer, die den nackten Leibern die Haut abſchürfen, die Metalltropfen, die immer wieder eine Hand, eine Wange oder ein Auge durchbohren. Er kannte das Werk nur von oben: die ungeheuren Schlote, an denen die Menſchen des Tales die Stunde abblaſen, Schlote, die des Nachts die Purpurzungen herausſtreckten, kannte die flüchtigen Meteore, erzeugt von den verſchwitzten Händen der Menſchen, ausgeſpien von den Hochöfen. Für ihn bedeutete das Werk nur einen Teil der täglich geſchauten Landſchaft, wie ein an einem Baum hängender Mondſtrahl, ein Gewitter, das er in der Ferne aufſteigen ſah, die kleinen Häuſer, die des Nachts menſchlich vertraute Züge annahmen, die geköpften Kirchtürme, die von umherſtreifenden mutwilligen Rauchwolken entzweigeſchnitten wurden. Einſam, in der Nacht, ferne der Stadt, nahe den Wolken und den Sternen mit ſeiner Bibel und ſeiner Pfeife lebend, war Pierre Lardinois anders geworden als die übrigen Menſchen. Er fühlte dies auch, wenn er des morgens ſein Wächterhäuschen abſchloß und den Pfad hinab, an deſſen Saum ihm wohlbekannte Heilkräuter wuchſen, zu den Menſchen ſtieg. Die Menſchen liebten ihn, weil dank ihm in den ſchwülen Sommer⸗ und kalten Winternächten die Gegend auf zwei Meilen im Umkreis erhellt war und der rote Rachen die Liebe der Gatten im Bett, die Fieber der Kranken und die Angſt der ihre be⸗ trunkenen Männer erwartenden Frauen beleuchtete.. An regneriſchen Abenden liebten die verſpäteten Wanderer die himmliche Liebkoſung, die der Mann dort oben entzündete, in Brand erhielt mit einer kleinen Gebärde, die ihm ein wenig Brot, ein wenig Tabak und ein wenig Alkohol einbrachte. Fafhe in der Dämmerung die Familienmitglieder beiſammen und ſahen, wie Pierre Lardinois mit einer Handbewegung die fünftauſend grauen Häuſer erhellte, ſo wurde ſein Name genannt; ſchwieg man aber, ſo verklärte dieſer Name die Geſichter und öffnete die Lippen zu guten Worten des Friedens und der Liebe. Denn Pierre Lardinois verſtand ſich darauf, Leibſchmerzen zu heilen, Brandwunden und andere Verletzungen, er prophezeite das Wetter, konnte er doch oberhalb der rauchigen Stadt den Himmel beobachten; er erzählte Geſchichten, wie ſie Chriſtus den Menſchen erzählt hatte, die ihn ſpäter ans Kreuz geſchlagen haben. Große Zugvögel durchbrachen ſeine Nachtwachen mit ihrem Gekrächz und in dem Jahr, da die Pocken wüteten, be⸗ völkerten die Dohlen ſeine Hütte. Pierre Lardinois verweilte nicht lange unter den Menſchen. Er kehrte gerne in ſein Wächterhäuschen zurück; es machte ihm Freude, die fünftauſend erhellten Fenſter der kleinen Häuſer zu betrachten, er liebte die Unbekannten, die hinter ihnen lebten, ſtellte ſich vor, wie die Männer Karten ſpielen, oder wie eine Frau die Wäſche plättet. Um nicht allzu gerührt zu werden, zündete er ſeine Pfeife an der Tonlampe an, die man vom Fuße des Hügels aus für einen Stern hätte halten können, und dachte an einfache Dinge, ſchlicht wie ſeine jung⸗alte Seele, die Seele Goethe eines Mannes, den die Arbeit gerade zu nähren und kleiden ver⸗ mag und dem ſie zwei Finger der linken Hand geraubt hatte, In dieſer Nacht bellte der Wind im Gerüſt, ließ es auf⸗ ſeufzen, erzittern, trieb den Wagenkorb zurück und wehte deſſen heißen Atem auf das Wächterhäuschen. Pierre Lardinois lächelte über den Sturm, deſſen Launen ihn beluſtigten. Krach: der Wagenkorb ſchaukelte im Dunkeln, in Wind und Regen, die untere Schlacke glühte noch, verloſch, lohte abermals auf. Und das große flüchtige Morgenrot erhellte den ganzen Weſten, wo hier und dort aus den oberen Hochöfen die roten Zungen ſchoſſen und dann wieder in ihr Loch zurückkrochen. Der kleine Mann ſang im ſtarken Wind, Ketten, Motor, Gerüſt zitterten; der Eimer glitt ſchlitternd durch die Näſſe dem Werk zu. Dann kehrte er glühend wieder zurück, verſenkte bis⸗ weilen Pierre Lardinois' harten Schnurrbart. Der Mann ſchwitzte trotz der Kälte und dem Regen. Die Räder glitten langſam über das Geleiſe, der Motor gemahnte, von grünen Flammen be⸗ leuchtet, an einen Krebs. Das Unglück aber wollie es, daß der Eimer eine halbe Drehung machte; ſein großer roter Rachen ſtand weit offen, wie ein plötzlich am Himmel aufgeſtiegener Mond. Der Mann mußte die feuchte Leiter hinabklimmen, den Eroßzen Feuerhaken ab⸗ hängen, die blendende Schlacke ſchüren. Sein Keuchen vermiſchte ſich mit dem Bellen des Windes; die glühende Maſſe ſpuckte, dann wüßzlich kipbie der Eimer um. Ein helles Auſfſtrahlen liebkoſte as Dorf.— Die Auflader warteten vergeblich auf den glühenden Eimer. Die Menſchen, die am Sterbebett der alten Margueritte wachten, ſahen in dieſer Nacht nicht mehr die freundſchaftliche Helle des Krans, zwei junge Gatten ſchliefen bekümmert ein, ſorgten ſich um den ſanften, ſchüchternen, kleinen Mann, der von Zeit zu Zeit ihre Liebe erhellt hatte. Am folgenden Morgen fragten die Bewohner der fünftauſend kleinen Häuſer nach Pierre Lardinois, der während zehn Jahren kein einziges Mal ſeine Pflicht verſäumt hatte. Die Auflader zogen in Wind und Regen aus, riefen, die Hand vor den Mund gewölbt. Sie fanden das Wächterhäuschen leer, den Eimer hängend. Dann, da die Schlacke völlig tot war, wagten ſie ſich weiter vor auf dem heißen Hügel. Beim Licht der Lampe, an der der kleine Mann ſeine Pfeife zu entzünden pflegte⸗, fanden ſie verkohltes Fleiſch, etwas Nacktes, Rotes, Gekrümmtes, das mußte Pierre Lardinois ſein, der Lichtſpender und Tröſter des ſchwarzen weſtlichen Abhangs. Ber„Hamlet und„Der Sturm Von Gustav Landauer“ Der Tugend übung .. Geh, befrei' ſie Ich weiß nichts, was rückwirkend eine beſſere Erklärung für Hamlet wäre, als dieſe Wendung, wie ſie der Sturm bringt. Wir werden nie wagen dürfen, zu entſcheiden, wie weit die Unklarheit Hamlets über ſeine Motive und ſeinen heimlichen Willen eine Unklarheit des Dichters noch war, die jetzt der Klarheit gewichen i zu ſolchem Rätſelraten hat ſich Shakeſpeare zu tief in ſeinen eſtalten geborgen. Aber ſicher iſt, daß Hamlet, als er, die Hand am Schwert, um es zu ziehen, und zugleich an ſeinem Rachetrieb, um ihn nicht loszulaſſen, unentſchieden daſtand und darüber ſann, wie er das Schwert ſchrecklicher zücken könne, auf der Suche nach dem war, was Proſpero gefunden hat. Sehr ſeltſam dünkt mich das — „*) Aug„Shakeſpeare“ von Guſtav Landauer. II. Band. Bei Rütten& Loening. Frankfurt a. M. G Verhältnis unſrer Empfindung zu den raſchen Inſtinktuntaten, wie ſie Othello oder auch Hamlet begehen, und zu den wohl⸗ erwogenen, milden, kurzen Plagen, die Proſpero über ſeine frev⸗ leriſchen Feinde verhängt. Wir ſcheinen geneigt, mit jenen Aus⸗ brüchen der Wut wie mit etwas Natürlichem mitzugehen, uns an den Strafen Proſperos, ja ſogar an ſeinen rationellen Plage⸗ verfahren gegen den unbezähmbaren Wilden Caliban als etwas ſehr Hartem zu ſtoßen. Das kommt, meine ich, daher, daß wir elbſt die Bereitſchaft zu jeder blutigen Gewalttat in uns locker genug inden, wenn wir in unſerer Triebnatur ſtehen, daß wir es aber, ſowie wir zur Vernunft, zur Beherrſchtheit, zur Abgeklärtheit übergetreten ſind, nicht ertragen, irgendein lebendes und nun gar menſchliches oder menſchenähnliches Weſen als Mittel, ja ſogar, ein Stadium ſeines Daſeins als Mittel zu einem künftigen be⸗ uutzt ſehen Wir haben beides als Möglichkeiten in uns, den Affekt und die Vernunft; wir gehen aber in unbeirrtem Mitgefühl mit dem Triebmenſchen, während wir beim überlegenen jeden, auch den kleinſten Reſt aus der tieriſch⸗ſinnlichen Sphäre als unan⸗ genehm empfinden. m Hamlet hat eine Geiſterſtimme den Sohn, der ſeiner ganzen Anlage nach ſo ein geiſtiger, ſo ein Dichter zu ſein be⸗ rufen iſt wie Proſpero, zur Rache aufgerufen: zu blutig mörde⸗ riſcher Tat drängts ihn unterirdiſch von außen, unterirdiſch in ihm ſelbſt: von ſeiner inneren Höhe aber, von ſeinem beſten Weſen ruft es ihn zur Gewalt der geſtaltenden Rede, des ſtrafenden bannenden Worts, zu dem jetzt Proſpero mit tiefem Atemzug aus⸗ holt. Und zu dieſem Verzicht auf jegliche Strafe und Plage er⸗ muntert hat ihn Ariel der Geiſt, dem Grazie und wieleriſche Leichtigkeit und holde Anmut etwas verleihen, was wie eine natürlich gewachſene Nachbildung des ſanfteſten Teils unſres menſchlichen Gemüts iſt, wo es von der Stille der Vernunft, wo Seele von Geiſt, Gefühl von Denken nicht mehr zu trennen iſt. Wozu auch, ſagt ſich Proſpero, wozu ſtrafen, verletzen, töten, Leben zerſtören? Iſt ja doch alles Leben nur ein ſeltſames Spiel, das mit uns getrieben wird, uns ſo unwirklich und vergänglich, wie der Geiſterſpuk und Hokuspokus, den er ſelbſt ſchmerzlos ent⸗ ſtehen und vergehen läßt. Schmerzlos! Das iſt der Unterſchied zwiſchen dem Leben der Geſtalten, die der Phantaſt in die Lüfte zaubert, und derer, die das dunkle Schickſal aus den Elementen ins Daſein bannt. Darum tut Milde und inniges Mitleid not, auch gegen die Schlechten: das Leben, an dem die dämoniſchen erdenſchweren Naturkräfte hämmern und zerren, iſt mit Gefühlen, mit Schmerzen verbunden, gleichviel, ob einer gut oder ſchlimm Jeruien iſt, während Proſperos luftiger Trug nur Spiel und unter, flimmernder, ſchmerzloſer Geiſtertraum iſt. Sonſt aber reilich, was iſt Leben, was iſt Erde, was iſt Welt andres als raum und Spiel? das Urteil ſchreiben.“ Die Hoſen des Robespierre Von Hermann kLiaden An dieſem Nachmittag war der Konvent nicht ſtark beſucht; drei Urteile waren nur vorgeſehen. Das war zu wenig für die verwöhnten Pariſer. Einige Jakobiner lagen auf den Bänken der Galerie, ſchief die Mützen auf dem Kopf, die Zähne mit AÄpfeleſſen beſchäftigt; Kokotten, die den Nachmittag nicht beſſer verbringen konnten, ließen ihre Seidenbeine herunterbaumeln. Dagegen war der Wohlfahrtsausſchuß vollzählig verſammelt. „Madame Fifo,“ rief der Ausrufer mit narrender Stimme. Das war die erſte Angeklagte dieſes Nachmittages, die Frau eines Pariſer Bankiers, die ariſtokratiſcher Liebesbeziehungen bezich⸗ tigt wurde. Als die Türe von draußen geöffnet wurde, ſenkten die beiden Saalwachen die Bajonette, als nähere ſich ein gefähr⸗ liches Tier. An den Händen gefeſſelt, wurde die Angeklagte hereingeführt. Sie war nicht mehr ganz jung, dreißig etwa, blaß und ungepflegt, wie eine Gefangene eben nicht anders aus dhen kann, doch ging von ihr etwas aus, dem man ſich nicht entziehen konnte; ein etwas zerſchliſſener Zauber könnte man ſagen. Robespierre und Danton, die links an einem Seitentiſche ſaßen und mit der Unterzeichnung von Edikten beſchäftigt waren, nahmen von dem Eintritt der Angeklagten keinerlei Notiz. Der Verhandlungsführer, ein Kerl mit martialiſchen Geſichts⸗ zügen, der in früheren Zeiten Schafzüchter in der Provence ge⸗ weſen war, es jetzt zu Amt und Würden gebracht, begann ſchnell und geſchäftig die Vorfragen des Verhörs. „Angélique Fifo?“. „Es iſt richtig!“ „Gattin des Bankiers Fifo?“ „Es iſt richtig.“ „Sie haben den Grafen Lagrace beherbergt, obwohl Sie wußten, daß er ein Feind des Volkes iſt?“ „Es iſt richtig“ „Antworten Sie nicht ſo nachläſſig! Sagen Sie ja oder nein! übrigens“— der Sprechende wandte ſich zu den beiden immer noch unbeteiligt bleibenden, ſchreibenden Häuptern—„die Ange⸗ klagten hat Perſonalien, Tat...“ Er ſtockte, ſchwieg. Da hob Danton den Kopf. Seine Nüſtern vibrierten. Er hatte etwas Parfümartiges im Raum gerochen. Da gewahrte er die Frau mit den gefeſſelten Händen. „Sagten Sie etwas, Sétain?“ „Das iſt Angélique Fifo,“ erwiderte der Ankläger behend, „Gattin des Bankiers Fifo. Sie hat den Grafen Lagrace ver⸗ borgen. Tat und Perſonalien ſind eingeſtanden. Ich laſſe ſofort Neue Arbeiterdichtung Die Autoren der hier beſprochenen Bücher entſtammen alle der gleichen Geſellſchaftsſchicht: dem Proletariat. Was ihre Ar⸗ beit bindet, iſt der Arſprung ihres Weſens und das Bild ihrer Welterſchauung; aber, was ſie dennoch voneinander abgrenzt, iſt die Intenſität ihres Welterlebens und die Kraft ihrer dichte⸗ riſchen Geſtaltung. Kritiſche Lauheit um einer lobenswerten Tendenz willen wäre eine Mißachtung der künſtleriſchen Schöpfer⸗ kraft proletariſcher Dichter: nur durch eine eindeutige Scheidung der urſprünglichen Begabungen von den matten Nachempfindern und Auch⸗Dichtern wird das wirklich Echte und Dauernde, das Einmalige und Große um ſo heller ſich abheben. Die makelloſe Leiſtung ſei bejaht, der jämmerliche Eklektizismus als ſolcher ge⸗ kennzeichnet— denn eine wohlwollende und künſtliche Aufzucht des Schwächeichen iſt nur eine peinliche Verdunklung der eigen⸗ willigen Begabungen. Von Max Barthel liegen zwei weſentliche Dichtungen vor, edel in der Formung und zwingend in der Wahrhaftigkeit ihres Erlebens: die Erzählung„Die Mühle zum Toten Mann“(Ar⸗ beiterjugend⸗Verlag, Berlin) und der Gedichtband„Botſchaft und Befehl“(Buchmeiſter⸗Verlag, Berlin). Dieſe Erzählungen, die von der Not menſchlicher Kreatur im Kriege handelt, wiegt die ganze pazifiſtiſche Propagandaliteratur auf. In„Die Toten im Wald“,„Siebengeſtirn“,„Die Schlacht in den Argonnen“,„Der hohe Berg“ und„Die Mühle zum Toten Mann“ ſind kleine Meiſterwerke eines einfachen Proſaſtils geſchaffen; Dichtu igen voll anklägeriſcher Gewalt und zwingender Kraft. Das unvergeß⸗ liche Grauen, das wir, gemeine Frontſoldaten, widerſtrebend ertrugen, wird lebendig: von der Nordſee bis zur Schweiz ſleht die furchtbare Linie todgeweihter Männer; tun ſich die Maſſen⸗ räber auf in denen hunderttauſende Brüder faulen; zittert die ehnſucht nach Weib und Freiheit, ſchnürt die Ahnung nahen Todes unſer Herz, wenn wir vor dem Sturm mit fliegender Hand die letzten Briefe ſchrieben. Dann iſt Frühling, die Blumen blühen, aber mitten zwiſchen ihnen liegt ein Toter mit zerriſſenem Geſicht; in dem zertrommelten Wald ſingen in ſpäter Abendſtunde die Nachtiga en, und plötzlich ſliegen Berge auf und ſinken ins Tal. Und Viktoria, die Schweſter des Freundes und Symbol der Hoffnung, geliebt von gleichgeſtimmten Seelen, angebetet wie eine Heilige; die nächſten Kameraden und der leidende Mitmenſch aus den feindlichen Gräben: alles und alle ſind uns nah und vertraut, weil ſelbſt erlitten in Jahren des Zwangs, der Entmenſchung und der Rebellion. Voll dichteriſcher Kraft und unvergeßlichen Bildern ſind einzelne dieſer Geſchichten, die in ihrer Knappheit zum Beſten zählen, was Barthel bis heute geſchrieben hat. Der gleichzeitig erſchienene Gedichtband„Botſchaft und Befehl“ zeigt Barthels Formſicherheit, die alte hymniſche Aufſchwungfähigkeit, die wir ſchon aus ſeinen früheren Versbüchern kennen. Neu iſt die ſtärkere Wendung zum einfachen, reimloſen Gedicht: es gelingen ſelten vertiefte Erſchauungen, wie in der wunderbaren„Be⸗ ſinnung“, dem ſehnſüchtigen„Wintertag“ oder dem reſignierenden Sang„An die Son ie“. Seit den erſten Büchern, den„Verſen aus den Argonnen“ und den„Revolutionären Gedichten“ bis zu„Bot⸗ ſchaft und Befehl“ iſt eine reife Verinnerlichung bemerkbar: eine Abkehr von allzu pathetiſchen Wortballungen, bei denen teil⸗ weiſe noch dem Klang zuliebe gedichtet wurde.— Drei kleine Jugendſpiele von Barthel,„Licht⸗ und Schattenſpiele“(Ar⸗ beiterjugend⸗Verlag, Berlin), originell in der Idee und klar in der anſpruchsloſen Durchführung des Themas, ſeien als Neu⸗ erſcheinungen gleichzeitig erwähnt. Karl Bröger legt, ſeit dem„Held im Schatten“ zum erſten Male wieder ein in der„Volksſtimme“ bereits erwähntes ge⸗ ſchloſſenes Proſabuch vor:„Das Buch vom Eppele“, eine Schelmen⸗ und Räuberchronik aus Franken(J. H. W. Dietz, Berlin). Plaſtiſch geſehen und in beherrſchter, dem Stoff adäquater Sprache wird die abenteuerliche Lebensgeſchichte des Eppele von Gailingen geſtaltet. Brögers Blick fürs Weſentliche gibt nur ſo weit Anekdoten, als ſie für die Charakteriſierung ſeines Helden notwendig ſind; der Humor, der die Chronik durch⸗ webt, wird nie zum billigen Selbſtzweck, wie auch die gut gefügte Handlung nie um eines Effektes willen abgebogen wird, obgleich die Warſuching bei dieſer tollen Räubergeſchichte mehr als ein⸗ mal nahe iſt. Das Hiſtoriſche iſt gut geſehen und aus dem Staub der Aktenbündel und Geſchichtsbücher lebendig herausgehoben. Verwurzelt im Franken des 14. Jahrhundert, wächſt der lebens⸗ ſtarke Eppele durch Brögers Dichtung über das eng begrenzt Heimatliche hinaus: eine Volksgeſtalt und ein Volksfreund ver⸗ wandt dem Eulenſpiegel durch die ungebrochene Kraft ſeines Daſeins und jener philoſophiſchen Überlegenheit, die nie ver⸗ altet, weil ſie ewig⸗menſchlich und dadurch zeitlos iſt.— Ein „Sachte, ſachte,“ wehrte Danton ab,„noch iſt das nicht ſo einfach, wie es dir Aſcheint, mon éhér.“ Ein langer Blick des Revolutionärs fiel auf die dreißigjährige Frau. Die ſtand da, gleichgültig und müde gegen das, was ihr widerfuhr; ſie trug noch die Hausrobe, in der man ſie drei Tage vorher morgens aus ihren Räumen geholt, purpurrote, zerknitterte Seide. An den Schultern waren die Tragbänder zerriſſen und Danton, der zeit⸗ lebens nicht nur eines, ſondern zwei Augen auf die Frauen ge⸗ worfen hatte, ſah, daß die Schultern der Angeklagten von unge⸗ wöhnlich ſüüner Wölbung waren. Die Frau ſpürte den Blick des Mannes. Sie ſtreckte ſich. eine evahafte Regung ſchüttete ihr einen Tropfen Hoffnung ins Herz, wobei ſie vergaß, daß ſie auf einem Platz ſtand, auf dem es keine Hoffnungen geben darf. Und wieder wurden dieſelben Fragen an ſie geſtellt; diesmal aber von einer muſikaliſcheren Stimme, von einer Stimme, die Menſchen, Tiere und Steine bezaubert hatte. „Angélique Fifo heißen Sie, Madame?“ „Ja, Monſieur Danton,“ erwiderte die Frau raſcher und leb⸗ hafter als zuvor. „Gattin des Bankiers Fifo?“ „Ja, Monſieur Danton!“ „Sie ſind angeklagt, den Grafen Lagrace beſchützt zu haben? Peinlich, peinlich, ſehr peinlich, Madame. Wußten Sie das nicht, daß Lagrace ein Mitglied des Wohlfahrtsausſchuſſes erſtochen hat und ſeit acht Tagen überall geſucht wird in Paris?“ „Ich wußte das,“ ſagte die Frau und ſenkte den Kopf. „Peinlich, peinlich, peinlich,“ murmelte der Revolutionär, „Sie ſind noch ſehr jung und Sie ſind auch lehr hübſch. Aber auf ſolchen Dingen ſteht der Tod. Unſere Geſetze ſind lakoniſch.“ „Ich konnte nicht anders,“ ſagte die Angeklagte und warf Kopf empor,„er war doch mein Gatte!“ „Ihr Gatte?“ rief Danton überraſcht,„ich denke Fifo?“ „Mein erſter Gatte. Der Bankier iſt mein zweiter.“ „Ah, das verändert die Tatſachen ja ganz koloſſal!“ „Seit wann ſind ſentimentale Motive Entſchuldigungen für Staatsverbrechen?“ ſagte da die eiskalte Stimme Robespierres, der ſoeben ſeine Unterſchriften beendigt und die letzen Worte mit angehört hatte. „In Frankreich iſt die Liebe immer als das größte Ideal gehegt worden; alle Traditionen mögen wir ſtürzen, nun dieſe nicht!“ lenkte Danton entſchloſſen ein. „Du wirſt immer ein Schürzennarr bleiben, Danton— und das Vaterland wird darunter leiden!“ 3 In dieſem Augenblick hob Robespierre ſein Lorgnon, um die Angeklagte genauer zu betrachten. Ehe Danton dieſer Anzüglich⸗ keit eine Erwiderung geben konnte, verſchlug ihm die ſeltſame Veränderung in Robespierres Geſicht die Rede. Dieſes Geſicht ſah zwar niemals aus, als rolle Blut unter ſeiner Haut, gelb den ☛ und papieren ſah es immer aus, wie Pergament; jetzt aber ſchi 5 Leichenbläſſe zu überziehen. Werg leß t ſchien es Dantons Blick flog von Robespierre zu der Angeklagten. Und hier ſah er das zweite, leichenblaſſe Geſicht. Und nun kamen einige Reden, die der Umgebung nicht ganz verſtändlich waren. „Bürgerin— hörte man die kalte, ſpitze Stimme des Dik⸗ tators— erheben Sie Anſpruch auf eine Reviſion Ihres Pro⸗ zeſſes? Soweit es mir bekannt iſt, haben Sie Ihre Tat geſtanden, und auf Beſchützung eines Royaliſten ſteht unvermeidlich der Tod. Und ganz beſonders in Ihrem Spezialfalle, wo es ſich um den Mörder eines unſerer Freunde handelt. Eine ſolche Reviſion hätte gar keinen Zweck, und daß die Motive, die Danton zu Ihrer Ver⸗ teidigung einwarf, bei Ihnen vollkommen außer Betracht kommen, de⸗ das wiſſen Sie doch ſehr genau, nicht wahr Bürgerin 0?. 8 Angélique Fifo ſah Robespierre ſteif und faſſungslos an. Thre Augen glitten über ſeine ſchwarze Sammethoſen hin, und der iktator, der die Beine übereinandergeſchlagen daſaß, rückte etwas nervös auf ſeinem Stuhle hin und her, als er dieſen Blick ge⸗ wahrte „Fifſo. Fifo. Fifo murmelte Danton ſtändig vor ſich hin.„Wo habe ich den Namen nur geleſen—?“ Und er fing an, unter ſeinen Papieren hin und her zu kramen. . Endlich ſagte die Frau mit einem tiefen Atemzug:„Sie... Sie ſind der junge Advokat von damals?...“ und, die Hände angſtvoll geballt ans Kinn haltend:„Oh, oh, oh!“ Danton fragte:„Sag, Robespierre, kennt ihr euch? Schein⸗ bar, wie?“ Die fünf Finger der rechten Hand des tugendhaften Fana⸗ tikers griffen in ſeine Halskrauſe und neſtelten verlegen daran herum. Darauf ſagte er laut:„Die Vermutung, die mein Freund Danton ſoeben hier laut werden ließ, iſt richtig. Als ich vor einigen Jahren hierher nach Paris kam, führte mich ein Be⸗ kannter ein im Hauſe der Gräfin Lagrace. Um die Sitten des Adels damals bereits zu ſtudieren, willigte ich ein; jedoch fand ich in dem Hauſe der Gräfin ein ſolches lockeres Treiben, deſſen Schilderung ich mir erlaſſe, daß ich es bald wieder verließ. Der Graf war damals überhaupt nicht in Frankreich und die Gräfin hatte mit anderen Kavalieren ſo viel zu tun, daß ich— ein höh⸗ niſcher Seitenblick zu Danton— heute wohl behaupten kann, daß die Liebe der Gräfin nicht allzu groß geweſen ſein muß. Nicht wahr, Madame Fifo— er verbeugte ſich mit einer ironiſchen Galanterie— die Bürgerin iſt nie ſehr wähleriſch geweſen in ihrem Leben?“ Madame Fifo antwortete kein Wort. Sie ſah immer nur dieſen dünnen, mageren Menſchen an, der da oben mit böſe lächelnden Augen auf dem Richterſtuhle ſaß; ſie dachte wohl 74 Sprechchor„Der Morgen“(Arbeiterjungend⸗Verlag Berlin) gibt in blank gehämmerten Verſen ein optimiſtiſches Spiel für die proletariſche Jugend. Heinrich Lerſchs„Manni; Geſchichten von meinem Jungen“ (Deutſche Verlags⸗Anſtalt, Stuttgart), ſind Zwiegeſpräche des Vaters mit ſeinem fünfjährigen Sohn. Alle Stufen der ſeeliſchen und geiſtigen Entwicklung eines Kindes ſind einfach und lebendig in kurze Geſchichten gefaßt, die ſich wie von ſelbſt kunſtvoll runden. Alle Nuancen kindlicher Wißbegier, bald rheiniſch ſchlag⸗ fertig und humorvoll, bald nachdenklich und intuitiv⸗wiſſend, ſchimmern durch dieſes kleine Buch, das in ſeiner Schlichtheit— was das Tatſachenmaterial anbelangt— faſt ſo aufſchlußreich iſt wie ein Kompendium der Pſychoanalyſe und das obendrein eine ausgezeichnete Erziehungsfibel für Eltern abgibt. Denn, wie Lerſch mit Manni über Gott ſpricht, und der Sohn den Vater eines Beſſeren über Menſchen, Kunſt, Maſchinen, Obrigkeit und Italien„belehrt“, das iſt nie zuvor mit ſolcher Unbekümmertheit aufgeſchrieben worden. Eltern, ſchentt euch ſelbſt dieſe Manni⸗ Geſchichten: ſie vermitteln mehr iſſen von der Seele eurer Kinder als ſogenannte pädagogiſche Werke.— Ein gleichzeitig (im Arbeiterjugend⸗Verlag) erſchienenes Gedichtbändchen„Stern und Amboß“ gibt, mit geringen Ausnahmen, eine geſchickte Wahl aus den bereits früher erſchienenen Gedichtbändchen Lerſchs. In derſelben Bücherreihe wird erſtmals eine geringfügige Auswahl aus Gerrit Engelkes Gedichten und Tagebüchern geboten:„Ge⸗ ſang der Welt“. Um die Weſenhaftigkeit dieſer großen, frühver⸗ ſtorbenen Begabung kennen zu lernen, genügen dieſe wenigen Gedichte nicht; ein rundes Bild der dichteriſchen Leiſtung iſt nur durch„Rhythmus des neuen Europa“(Diederichs, Jena) zu gewinnen. Die beiden Bändchen von Lerſch und Engelke ſind von Walther G. Oſchilewſki mit einer ſchwungvollen Einleitung ver⸗ ſehen, die aber leider in Stil und Logik von undurchdringlicher Dunkelheit ſind. Wenn man Oſchilewſkis beide Vorreden über Lerſch und Engelke vertauſchte, paßte der bonnbaft ſche Phraſn⸗ ſchwall(ausgenommen die reichlichen Zitate) ebenſo hübſch auf den einen wie auf den anderen: d. h. auf keinen der ſehr eigen⸗ artigen und eigenwilligen Dichter. Die bourgeoiſe Gepflogenheit einer aufgeblaſenen Äſthetik wollen wir den Waſchzettel⸗ fobrikanten für ihr Geſchäft laſſen und nicht der gläubigen Ar⸗ beiterjugend bieten. Wenn man die ſchöne Aufgabe hat, über 8 zuweiſen hat. dichteriſche Perſönlichkeiten von dem Ausmaß eines Lerſch und Engelke zu ſprechen, ſoll man beſcheiden verſuchen ſo klar als moög⸗ lich das ihnen allein Zugehörige, ihre beſondere Artung und die Kräfte ihrer Wirkung darzuſtellen. Aber man ſoll nicht, wie Oſchilewſki, die großen und einfachen Geſtalten der Dichter mit pathetiſcher Phraſeologie verhimmeln und die Jugend durch „Tiefſin“ verwirren. Ebenfalls in der verdienſtvollen Reihe„Deutſcher Arbeiter⸗ dichter“ Levenva erſchien von Ernſt Preczang„Röte dich, junger Tag“: Verſe aus dem vergriffenen Gedichtwerk„Im Strom der Zeit“. In einem menſchlich ſchönen und anſpruchsloſen Geleitwort ſpricht der heute 56jährige Dichter zur Jugend: von der jahrzehntelangen Reſonanzloſigkeit, unter der die Arbeit der Alteren zu leiden hatte, und daß den Jungen von Heute Er⸗ üllung geworden iſt, was der vorigen Generation leuchtendes Ideal und Verheißung war. Die Gedichte ſind ausgeglichen in Formung, ſtark in der Bildhaftigkeit und makellos rein in ihrer Muſikalität. Die große Tradition unſerer Klaſſiker hat in ihren lebendigen Formelementen in Preczang einen Erben, der ihr neue Inhalte zu geben weiß. Alfred Thieme iſt in einem Bändchen„Hammer und Herz“ (ebenda) lebendig und echt, wenn er den Umkreis ſeines eigenen Daſeins beſchreibt. Verſe wie„Der alte Schneider“,„Die Ar⸗ beiter“ und„Reſignation“, alle ſchwermütigen Lieder, atmen An⸗ ſchauung und haben ſuggeſtive Wirkung. Dieſe Gedichte ſind kämpferiſcher als die Kampfgedichte des gleichen Bandes, die etwas ſchematiſch im Ausdruck bleiben und nicht die Vorſtellungs⸗ kraft haben wie die Verſe, die Selbſtgeſtändniſſe, Stimmungs⸗ ausdruck ſiad. Um ſo ſcharfhöriger Thieme auf ſich ſelbſt lauſchen wird, je reiner muß die Lyrik dieſes Jungen werden, um ſo intenſiver auch die Wirkung auf die Jugend, die dasſelbe Ar⸗ beiterleben erlebt. Walter Schenk iſt in„Kampfjugend“(ebenda) abſtrakter; der Atem ſeiner Verſe iſt weiter, die Form komplizierter, aber das Erlebnis wird nirgends ſo rein und eigen gegeben wie in den guten Gedichten Thiemes.— Hermann Claudius Verſe „Lieder der Unruh“ gehen in flüſſigem Rhythinus. ſie klingen volkstümlich, jedoch ohne Nachhall ernſten Erlebens zu ver⸗ mitteln. Den gleichen Eindruck hinterläßt ein dramatiſches Spiel „Menſchheitswille“(ebenda), das intellektualiſtiſch gekonnt iſt, aber nichts von dichteriſcher Verdichtung und Erhöhung auf⸗ Kurt Offenburg. einen Augenblick daran, den Leuten hier alles zu erzählen, wie Robespierre damals ihr Haus verlaſſen hatte, doch gab ſie es auf, denn wer— außer Danton vielleicht— hätte es gewagt, über jemanden zu lachen, der die Macht über Leben und Tod beſaß? ſaſß, bospiere aber ſaß mit erregt ſpielenden Fingern oben auf ſeinem Tiſch, die kalten Mörderaugen auf jene Frau ge⸗ richtet, der einzigen, der er ſich jemals in ſeinem mönchiſche Leben genähert hatte und die ihn auf ſo eine furchtbar lächer⸗ liche Weiſe zum Teufel gejagt hatte, er aber würde ſie jetzt zu einem anderen Teufel jagen. Und noch einmal zogen die Ereig⸗ niſſe von damals an ihm vorüber, während die Federn der Schreiber das Todesurteil kratzten. Ein Bekannter hatte ihn damals, als er noch nicht dieſer zuge⸗ knöpfte Zelot geweſen war, mit in das Haus der Gräfin ge⸗ ſchleift. Er trug damals, ſchlicht, wie er war, die langen Bein⸗ kleider der Sansculotten, die Pantalons. Die Gräfin kokettierte ſehr ſtark mit ihm, da man ihn einen ſehr begabten Menſchen nannte; ſchließlich verlockte ſie ihn dazu, ſich in ihre Schlaf⸗ gemächer zu begeben, forderte ihn auf, ſich einſtweilen zu ent⸗ kleiden, ſie käme nach. Man beobachtete ihn durch das Schlüſſel⸗ loch; das Schlafpulver, das die Gräfin ihm in einem Weinglas zugeführt hatte, wirkte raſch, er ſchlief ein, man ſtahl ihm die Hoſe. Als er aufwachte, war es Morgen, er fand ſich allein, be⸗ ſann ſich, wurde finſter vor Wut, klingelte, befahl ſeine Kleider und da vermißte man ſeine Hoſe. Im ganzen Hauſe war ſie nir⸗ gends zu finden. Die Gräfin war ausgefahren. Man bot ihm andere an. Aber es waren natürlich nur Kniehoſen in dieſem Hauſe. Wie der Adel ſie trug. Aber wie konnte er, Robespierre, der das Volk erlöſen wollte, in den Kleidern der Vornehmen ſich in Paris ſehen laſſen? Das hätte man nun gar zu gerne geſehen und nur dieſerhalb war das ganze inſzeniert. Aber Robespierre war das, was die Geſchichte von ihm behauptet, einer, der ſeinen Idealen niemals untreu wurde und er ließ eine Droſchke kommen an das Haus der Gräfin, beſtieg ſie in ſeinen wollenen Unterhoſen, fuhr, bleich vor Demütigung, nach Hauſe und viele Leute hatten ihn auf dieſer Fahrt, beim Ein⸗ und Ausſteigen beſonders, mit brüllendem Gelächter überſchüttet. Aber er glaubte, von keinem Bekannten geſehen worden zu ſein — jedenfalls hat ihm gegenüber niemals jemand davon ge⸗ ſprochen; das geſchah aber nur deshalb, weil bereits einige Tage darauf ſeine Karriere begann; in Wirklichkeit hatten alle ſeine Bekannten Spalier gebildet, um dieſen Anblick zu haben. „Sagen Sie noch, Bürgerin,“ begann Robespierre noch ein⸗ mal,„was wollte eigentlich der Graf von Ihnen?“ „Geld.“ ſagte Madame Fifo. „Fifo, ja, Fifo, aber natürlich, Fifo,“ ſchrie da Danton, das iſt der Bankier, der dem Tribunal eine ſo große Zuwendung gemacht hat! Robespierre— Fifo! weißt du denn gar nicht mehr? Eine Million Frank hat der wackere Mann für das Vater⸗ land geſtiftet und wir ſind imſtande und ſchicken ſeine Frau— und ſogar noch ſo eine reizende Frau— auf das Schafott. Die Hände frei, ſage ich—— k!!“— „Geduld, Geduld, nicht ſo haſtig,— Robespierre trommelte auf der Tiſchplatte, er machte ein Geſicht, als hätte er Salz und Zitronen verſchluckt— wenn es ſo iſt, müſſen wir die Ange⸗ legenheit vertagen!“ Da der Graf Lagrace bereits ſchon einen Tag vorher hingerichtet worden war, der Bankier bereit war, der neuen Verfaſſung mit einigen weiteren Millionen unter die Arme zu greifen und Robespierre um des Anſehens ſeiner Ge⸗ rechtigkeit willen die perſönlichen Motive ſeiner Nachſucht nicht auf die. Wagſchale legen durfte, war Angslique Fifo nach zwei Tagen auf Dantons Betreiben ihrer Haft entſetzt. Sie ſoll ihm vieles gewährt haben, aber was zwiſchen ihr und Robespierre damals geweſen iſt, das gab ſie niemals preis, wie ſehr Danton ſie auch danach gefragt. Manchmal, in ſchlaf⸗ loſen Nächten, ſpürte ſie noch den Todesſchweiß von neuem im Geſicht wie damals, als ſie vor dem Konvent in die böſe lächeln⸗ den Augen des Robespierre ſehen mußte. Warum Schwarzes und Roles Meer? Die Bezeichnungen Schwarzes und Rotes Meer haben ſich ſ eingebürgert, daß man kaum darüber nachdenkt, woher dieſe Namen ſtammen. Es müſſen beſondere Gründe ſein, da weder das eine Meer ſchwarz, noch das andere rot gefärbt iſt. Auch die Deutung, das Schwarze Meer habe ſeinen Namen von den ſchweren Nebeln halten, die zu gewiſſen Sturmzeiten den Horizont gänzlich verdunkeln, iſt wenig ſtichhaltig. Eine Deutung der beiden Namen gibt nun Hirt in der„Geographiſchen Zeit⸗ ſchrift“, wobei er zunächſt feſtſtellt, daß die Bezeichnung„Schwarzes Meer(pontos melas) zum erſtenmal in der Iphigenie auf Tauris des Euripides erwähnt wird. In ganz früher Zeit hatte bei den Griechen das Schwarze Meer das„ungaſtliche Meer“ geheißen, was aber nach ihren Anſchauungen weniger auf unangenehme Er⸗ eigniſſe auf dem Meere deutete, als vielmehr durchblicken ließ, daß das Meer und ſeine Küſten ihnen noch wenig bekannt waren. Denn ſpäter, als ſie es kennen elernt hatten, nannten ſie es gerade umgekehrt: das„gaſtliche eer“. Immerhin kann man aus 6 dem griechiſchen Wort„axinos“(d. i. ungaſtlich) auch auf einen anderen Sian ſchließen, nämlich auf die Umſetzung eines iraniſchen Wortes, das ſoviel wie„dunkelfarbig“ bedeutet. Dies ließe ſich auch inſofern als durchaus glaubhaft annehmen, als die Iranier tatſächlich in alten Zeiten am Schwarzen Meer lebten, o daß die Griechen, als ſie hinkamen und das Wort von ihnen hörten, es einfach beibehielten und überſetzten, aber fälſchlich in einem an⸗ deren Sinn, als es die Iranier gebraucht hatten. Auch für die Eniſtehung des Namens„Rotes Meer“ hat man verſchiedene Erklärungen herangezogen; denn noch weniger als das Schwarze Meer verdient das Rote Meer, das durch ſein klares Waſſer ſogar ſtark blau gefärbt iſt, ſeine Bezeichnung. Man hat daher angenommen, der Name beziehe ſich vielleicht auf ſeine ſalzreichen Küſtenwäſſer, die manchmal rötlich erſcheinen, oder etwa auf das Auftreten rötlicher Fadenalgen, die das Waſſer oft ſtellenweiſe bedecken; doch geben die Forſchungen Hirts auch hier einen viel ſtichhaltigeren Grund für die Namengebung der Ge⸗ wäſſer an. Das Rote Meer lag einſt ſüdlich vom Weltreich der alten Perſer, hatte alſo auch wohl von ihnen ſeinen Namen er⸗ halten. Nun beſtanden zwiſchen den Anſchauungen der alten Perſer und denen der Chineſen ſchon frühzeitig gewiſſe über⸗ einſtimmungen, und da bei den Chineſen die Farben: Schwarz, Grün, Rot und Peiß den Himmelsrichtungen Nord, Süd und Weſt entſprachen, ſo kann es ſich von ſelbſt ergeben haben, daß man bei den Perſern nach chineſiſchem Vorbild das Meer, das nördlich von ihnen lnge das Schwarze Meer und das ſüdliche, das Rote Meer nannte. In ähnlicher Weiſe nennen die heutigen Türken das Mittelländiſche Meer, das weſtlich von ihrem Lande gelegen iſt, das„weiße Meer“. Jedeafalls kann man annehmen, daß die Bezeichnungen Rotes und Schwarzes Meer von Völkern herſtammen, denen die Küſten der beiden Länder gut bekannt waren. Vielleicht haben ſogar die Perſer ihre Bezeichnungen von einem noch älteren Volk übernommen. Schach⸗Ecle Aufgabe Nr. 92 P. Lehn Int. Arbeiter-Schach-Turnier Berlin 1922: 3. Preis e 1 g h ‚ʒh), ,, Scch,; ₰ Süc 5,„— S , 5 3 Sz 7)hhhhg Gchſh I ſſch 3 W⸗,, ſſch, 2 I, S) )ſhhſhh) P,, M, M, Ghhhohſh 7 ʒ eeeeee Matt in drei Zügen Endͤfpielſtudie Nr. 42 Henri Rink Stellung: Weiß: K0G, Lf 3, B a6, 7 6, f 2(5).— Schwarza Kd8, S0, Ba7, d 4, e 4, e 2(0). Weis zieht und macht remis. Lösung: I. f6— f7I, e2— el DI. 2. Lf S— h6+, 3. Lh6— g5+, Kd8— c8. 4. Lg5— f4, 5. f 7— f8D+, Df4 X f patt. * Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Sachſenhauſen: Dienstags, bei Adrian, Affentorplatz. Innenſtadt: Montag,„Zur Pfalz“ Holzgraben 7. Niederrad: Montags„Schwarze Katze“, Kelſterbacher Str. 28. Nordend, Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Bornheim: Mittwoch, Pauly, Germaniaſtraße 49. Riederwald: Mittwoch, Blank.— Bockenheim: Mittwoch, Moltkeeck, Ecke Varrentrappſtraße. Rödelheim: Mittwoch, Schwabeneck, Eſchborner Landſtraße 36. Bahnhofsviertel: Donnerstag, Zum Regenbogen, Gutleutſtr. 151. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. D D *ᷣ e 1 †2 Sa6e Srrrre A. 83 ** * — — — „Gaſtwirt und Poet dazu..“ Zum 60. Geburtstag Ernſt Zahns am 24. Januar Von Dr. Christian Rodegg Der kerngeſunde, auf das Praktiſche gerichtete und mit einem ſtarken Hang zum Lehrhaften gepaarte Wirklichkeitsſinn, der das Schweizer Bürgertum in ſo ausgeſprochenem Maße kennzeichnet, iſt auch ein Hauptcharakteriſtikum ſchweizeriſchen Schrifttums. Wie Gottfried Keller ſeinem Dichterruhm durchaus nichts zu vergeben glaubte, wenn er als wohlbeſtallter Staatsſchreiber des Kantons ſeine Arbeit auf der Züricher Amtsſtube Tag für Tag treu und gewiſſenhaft verrichtete, ſo geht auch Ernſt Zahn, der Wirt des Bahnhofsreſtaurants in Göſchenen, ſeinen proſaiſchen Geſchäften nach, ohne daß der Alltagsberuf ſeinem dichteriſchen Schaffen Abbruch täte. Der„Gaſtwirt und Poet dazu“ hat es ganz im Gegenteil verſtanden, aus dem brauſenden Strom des internatio⸗ nalen Verkehrs, der an dieſem Kreuzungspunkt vorüberflutet, reiche Anregung für ſeine ſchriftſtelleriſche Arbeit zu ſchöpfen. Denn das Goethewort:„Zum Sehen geboren, zum Schauen be⸗ ſtellt“ gilt für keinen mehr als für den Bahnhofswirt von Göſchenen, deſſen Novellen und Romane ſich auch in Deutſch⸗ land ein feſtes Heimatrecht erworben haben. Ihm ſchärften der Alltagsberuf und die ſtändige Berührung mit dem Leben nur den Blick, und die geſchäſtige Muße wurde ihm ſo zum Genuß, zur Erholung in der Kunſt. Er ſelbſt bekennt, daß die bürgerliche Betätigung, weit entfernt, der künſtleriſchen feind zu werden, ihm vielmehr ſo etwas wie der„Bogenſpanner“ war, der dem Schützen die Waffe reichte. Der Schaffende empfing ſe unbewußt manche Anregung, die oft viel ſpäter Geſtaltung erfuhr. Ernſt Zahn iſt am 24. Januar 1867 als Sohn eines Deutſchen geboren, der in Zürich eine Kaffeehauswirtſchaft betrieb. In dieſem„Café Literea“, in der Storchengaſſe, verkehrte damals als Stammgaſt regelmäßig Gottfried Keller, ſo daß man ſagea darf, der Schutzgeiſt der deutſch⸗ſchweizeriſchen Dichtung habe im wahren Sinne des Wortes an der Wiege ſeines Landsmannes und dich⸗ tenden Nachfahren geſtanden. Auf dem Gymnaſium in Zürich war Ernſt Zahn ein ſchlechter Schüler, der vom Wiſſendurſt weniger als von der Leidenſchaft des Verſemachens geplagt wurde, eine hoffnungsloſe Leidenſchaft, die ihm bei Lehrern und Mitſchülern — 2—Q—ę—;—O—n Ein Go dſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein end ich ein Geiſterwort hebt und der Meuſch den alten Reichtum entdeckt nur Hohn und Spott eintrug. Beſſer ging es ihm in dem Breigen⸗ ſteinſchen Inſtitut zu Grenchen, wo er einen Lehrer fand, der ſeinen unruhigen Geiſt zu feſſeln wußte, und der daneben für die dichteriſchen Verſuche des Schülers teilnehmendes Verſtändnis zeigte. Als er die Schule verlaſſen hatte, beſchloß Zahn, ſich dem Beruf des Vaters zu widmen. In Genf machte er zunächſt als Kellner die Lehrzeit durch, um ſich ſpäter in Italien und Eng⸗ land in ſeinem Fach weiterzubilden. Nach ſeiner Rückkehr trat er als Gehilfe in das Geſchäft des Vaters ein, der inzwiſchen von Zürich in die einſame Bergwelt des Gotthard übergeſiedelt war und in Göſchenen die Bahnhofswirtſchaft übernommen hatte. Trot ſeiner Jugend wurde der zwanzigjährige Gaſtwirtsgehilfe in den Gemeinderat gewählt. Bald bot ſich ihm ein Anlaß, ſeine dichte⸗ riſche Begabung in den Dienſt der Allgemeinheit zu ſtellen. Bei der Enthüllungsfeier des Denkmals für den Erbauer des Gott⸗ hardtunnels Louis Fapre und die mit dieſem im Jahre 1879 ver⸗ unglückten Arbeiter auf dem Friedhof von Göſchenen ſprach der junge Gemeinderat ein von ihm verfaßtes Feſtgedicht, das dann auch in einer Luzerner Zeitung abgedruckt wurde, und dem raſch eine Reihe von Profaſchriften folgte. Als ſich dem Verfaſſer vollends die Spalten der angeſehenen„Neuen Zürcher Zeitung“ öffneten, und als er im Jahre 1892 dann noch mit ſeiner Novelle „Kämpfer“ einen Preis davontrug, wurde ſein Name ſchnell be⸗ kannt, Eine Reihe von Novellenbänden, in denen ſich Zahn als Meiſter der monumentalen Skizze zu erkennen gab, warben ihm auch im Ausland Freunde und Verehrer. Den kurzen Erzählungen reihten ſich die Romane„Erni Berheim“,„Albin Indergrand“, „Einſamkeit“,„Frauen von Tanno“ an. Dieſe Werke machten Zahn zum Neubegründer der Hochgebirgspoeſie und zeigten ihn 4 —BeBBEREEREERERERE ämmchen, liegt in der Bruſt, bis ihn Jean Paul kleines EnEREmRERREE; 4-—— auf der Höhe ſeiner Kunſt, die in der ſeeliſchen Vertiefung und dem epiſchen Pathos der wie aus Granit gemeißelten Sprache mit der Wucht eines elementaren Naturereigniſſes wirken.. Was Zahns Werk die beſondere Note gibt, iſt die glückliche Verbindung eines überzeugten Idealismus der Welt⸗ und Lebensanſchauung mit einer urwüchſigen Realiſtik der Menſchen⸗ und Naturſchilderung. Der Anſchauungs⸗ und Darſtellungskreis iſt zwar dabei, beſonders in den früheren Werken, ſo eng um⸗ ſchrieben, wie die Skala an Charakteren, Schickſalen und Pro⸗ blemen klein iſt. Aber paräde in dieſer Beſchränkung des Selbſt⸗ erlebten und Selbſtgeſch andſchaftlichen Umwelt verknüpft und verwurzelt, daß die auten liegt die Größe ſeines Schaffens. Kehren die Geſtalten der Bauern⸗ und Dorftypen auch wieder, 3 ſind ſie doch tauſendfach abgewandelt und ſo unlöslich mit der Menſchen zu Naturkräften und ihre Schickſale zu elementaren Naturkataſtrophen werden. Alles drängt zu ſtarken Kantraſten und tragiſchen Höhepunkten, und ſo ungeſtüm, wie der Knoten der Handlung geſchürzt iſt, ſo gewaltig und rückſichtslos iſt oft auch die Löſung herbeigeführt. Daß dieſer Beobachter großen Stils und Meiſter monumentaler Naturſchilderung in ſeiner Berg⸗ einſamkeit nicht zur Manieriertheit und Einſeitigkeit erſtarrt iſt, bezeugen ſeine letzten Schöpfungen, in denen Zahn beſtrebt iſt, ſeine Probleme im Sinne moderner Zeitſtrömungen zu vertiefen und ſeeliſch differenzierte Charaktere in den Kreis der Dar⸗ ſtellung zu ziehen. Ein deutſcher Forſcher bei menſchenfreſſenden Indianern In Zentralbraſilien, an den Ufern des Amazonas, vor Altn— eute aber an denen ſeiner ſüdlichen Nebenflüſſe, gibt es noch wilde Indianerſtämme, die der Menſchenfreſſerei huldigen. Mit dieſen ſogenannten freien Indianern ſucht die Regierung des Staates Manaos ſeit Jahren in Verbindung zu treten; ſie hat aber bisher nur ganz ungenügende Erfolge gehabt. Auch iſt es kaum einem Fremden gelungen, auch nur über die äußerſten Grenzgebiete vorzudringen, geſchweige denn einen Schritt ins Innere der Indianerſiedlungen zu tun. Seit mehr als 80 Jahren trotzten die Stämme dem Eindringen des weißen Mannes. Der in den Urwäldern des Amazonas Kautſchuk ſuchende Sering⸗ gueiro iſt mehr als einmal das Opfer tückiſcher überfälle der⸗ letzten Jahren Indianer geworden. Immerhin haben in den letzten Jah mutige Forſchungsreiſende verſucht, dieſe merkwürdigen Gebiete aufzuſuchen, und Koch⸗Grünberg, der berühmte deutſche Forſcher, der ſich einer amerikaniſchen Expedition angeſchloſſen hatte, hat mit an dieſer Aufgabe zu wirken verſucht, die zu löſen ihm nicht mehr beſchleden ſein ſollte, da er beim Aufbruch vom Rio Negro aus dem mürveriſchen Fieber erlag. Sein Begleiter Dr. Dengler, der ſich ebenfalls der amerikaniſchen Expedition angeſchloſſen hatte, aber ebenfalls infolge einer Fiebererkrankung zurückbleiben mußte, hat allein eine Expedition unternommen, die ihn in das zwiſchen den Flüſſen Madeira, Giparana und Manoelles gelegene, bisher von keinem Weißen betretene Gebiet wo auf 22 000 Quadratkilo⸗ meter dicht bewaldeter Fläche die Stämme der Kavahib⸗, Apai⸗ der Kavahib⸗Indianer brachte, rande⸗ und Kavawa⸗Tupi⸗Indianer wohnen. Nur einige Hunderte zählen dieſe Stämme; dennoch haben ihre wenigen Krieger dem Eindringen der Fremden bis heute erfolgreich Widerſtand geleiſtet. Man hat ſich ihnen nur durch Geſchenke langſam nähern können. Es iſt Dr. Dengler, Der eine Zeitlang unter dieſen Menſchen wohnte, ihre zentralen Siedlungen jedoch nicht erreichen konnte, gelungen, mancherlei Wiſſenswertes über ſie zu erfahren, worüber er dieſer Tage der Anthropologiſchen Geſellſchaft in Berlin berichtete. Die Kavahib⸗Indianer ſind kräftige, ſchöne Geſtalten, von rötlich⸗gelber Hautfarbe; ihr Geſicht iſt heller als der übrige Körper, ihre Haare von ſchwarzer bis dunkelbrauner Farbe. Die überaus reinlichen Menſchen widmen der Pflege ihres Haares beſondere Aufmerkſamkeit, ſo daß keine Läuſe bei ihnen gefunden werden. Der Forſchungsreiſende konnte ihnen ruhig ſeinen Kamm anvertrauen. Die Pflege des Mundes und der Naſe wird eben⸗ falls von ihnen geübt. Ihr Körper iſt nur wenig verunſtaltet, nur für das Tragen des Schmuckes werden die Ohrläppchen durch⸗ bohrt, die Frauen tragen Baumwollbinden an den Beinen, Tätowierung findet ſtatt. Bis auf einen knappen Lendenſchurz, der von dem ſechſten Jahre an angelegt wird, ſind dieſe In⸗ dianer völlig nackt, wenn ſie auch bald Gefallen an der Kleidung des Reiſenden fanden. Steinäxte und Keulen werden bei ihnen nicht geſunden. Ihre Waffen ſind zwei Meter lange Bogen und Pfeile, die ſie auf weite Entfernungen hin mit außerordentlicher Geſchicklichkeit handhaben. Dolchmeſſer wurden dem Forſcher be⸗ ſchrieben, ohne daß es ihm jemals gelang, ſolche zu erhalten. In die zentral gelegenen Dörfer zu gelangen, war unmöglich. Die Behauſungen ſind verſchieden groß, meiſt 8 bis 20 Meter lang, 6 Meter breit und ungefähr ebenſo hoch. Wenig Hausgerät iſt vorhanden; Hängematten ſpielen eine große Rolle. Die Haupt⸗ nahrung dieſer wilden Stämme bilden Mais, Mandioka, Bataten. Unter den Induſtriepflanzen iſt die Baumwolle vor allen zu nennen; Jagd und Fiſcherei bieten reichliche Nahrung. Feuer wird mittels des Holzbohrers gebohrt. Große Neugierde erregten die Streichhölzer, die vielfach als Genußmittel begehrt wurden. Die Geſchlechter leben äußerſt friedlich. Frauenmißhandlungen wurden nicht beobachtet. Mann und Weib leben in völliger Gütertrennung, und ſelbſt das Eigentum der Kinder(die von den Eltern gut behandelt werden), wie z. B. ihr Spielzeug, wird von den Eltern reſpektiert. Der Reiſende war vor Diebereien gewarnt worden, die er aber nicht feſtzuſtellen vermochte. Was die religiöſen Vorſtellungen betrifft, ſo tritt ein ge⸗ wiſſes abergläubiſches Moment ſtark hervor. Alpdruck bedeutet die Rückkehr der Toten, die man vor der Beſtattung bemalt, während man ihre Kriegspfeile zerbricht und verbrennt. Der Krieg iſt bei dieſen Indianern ein Sport, der Kopf des Feindes eine begehrte Trophäe. Man ſchlägt ihn ab, zieht die Haut her⸗ unter und räuchert den Schädel, den man beim Siegesfeſt um⸗ tanzt. Gefangene werden nicht gehalten, ſondern nach kurzer Zeit erſchlagen und verzehrt. Für den Krieg bereitet man ſich durch Bemalen des Körpers vor. Wiſſenswert iſt noch, daß die Kavahib⸗ Indianer weder den Genuß des Tabaks noch eines anderen Schnupfmittels kennen, das bei den übrigen Indianerſtämmen Braſiliens überaus häufig iſt. Sie kennen auch keine Haustiere, keine Hunde, ſondern höchſtens gezähmte Papageien, deren pracht⸗ volle Federn den Kopfſchmuck der Krieger bilden. Im Kampfe gegen die Ziviliſation werden auch dieſe Stämme wie andere ver⸗ wandte leider reſtlos zugrunde gehen, ſo daß es höchſte Zeit er⸗ ſcheint, ihre Reſte ethnologiſch und anthropologiſch kennen zu lernen und ſie der Wiſſenſchaft aufzubewahren. Der König in Anterhoſen In einem beſcheidenen Vorſtadttheater wird Schneewittchen geſpielt. Viele hundert Kinder ſitzen im großen, nüchternen Saale und brennen ihre Augen immer heißer in das einfache bunte Spiel, das ſich in wechſelnden Bildern wie ein Buch vor ihnen aufblättert. Sie ſind gefangen. Ungebändigt bricht ihr Lachen aus der Dunkelheit zu den Spielern vor, die ſich ob dieſer Anteil⸗ nahme ſelbſt kaum der Bewegung erwehren können. Elfmal ver⸗ löſcht und erhellt ſich die Bühne, bis das Schlußbild kommt und mit ihm die eindrucksvollſte Figur des farbigen Geſtaltenreigens: Der König von der Moritzburg. Aber nicht in Glanz und Purpur, ſondern— in Unterhoſen. Ja, wahrhaftig, in Unterhoſen. Die Kinder ſind außer ſich vor Vergnügen.„In Unterhoſen!“ Sie lachen und überlachen noch den rührſamen Schluß des Spieles. „Und wie gewöhnlich er ſprach!“ Noch auf dem Heimwege, nach Tagen, ja ſelbſt nach Wochen konnten ſich die Kinder nicht von dem erheiternden Eindrucke be⸗ freien, den der Unterhoſenkönig in ihnen hervorgerufen hatte. e Von den Erwachſenen war jener König von der Moritzburg im Schneewittchenmärchen unſchwer als die gelungene Karikatur eines unſrer zahlreichen Exfürſten wiederzuerkennen. Nichts aber wäre irriger, als dieſe Spielfigur des Märchens ihrer unzweifel⸗ haften Beziehungen zum zeitlichen politiſchen Leben wegen als märchenwidrig anzuſehen. Sie war im Gegenteil die am glück⸗ lichſten gezeichnete Geſtalt des Spieles, denn ſie war lebensgetreu trotz aller Steigerung ins Komiſche, was im gleichen Maße weder vom Schneewittchen noch von den übrigen Figuren geſagt werden konnte, die allzuſehr ſtarres Schema blieben. Es iſt das Weſen des echten Volksmärchens, in ſeinem Hand⸗ lungs⸗ wie in ſeinem Geſtalteninhalt ein möglichſt wahres Spiegelbild der Zeit zu geben, natürlich der Zeit, in der das Märchen ſich ſormte. Ein tauſend Jahre altes Volksmärchen kann unmöglich unſre Zeit ſpiegeln. Im gleichen Sinne iſt aber auch das moderne Märchen unecht, das ſeinen Inhalt einer für uns unſinnig gewordenen Erſcheinungswelt entlehnt. Wünſchenswert, ja notwendig iſt es dagegen, daß ſich das alte Märchen da, wo ſich ſein Inhalt noch mit unſrer Zeit berührt, auch mit neuzeitlichem Lebensatem füllt. Das war eben der Fall bei der Figur des Königs von der Moritzburg. Dadurch, daß ſich der Spieler nicht an ein romantiſches Königskliſchee hielt, ſondern ſeine zu ſpielende Rolle am realen Leben orientierte, wurde dieſe weſent⸗ lich lebendiger, ja geradezu neu gedichtet, und es war auffällig, in welch erfriſchender Weiſe ſie ſich im Spiele abhob. Nun könnte man ſagen, daß eine ſolche Moderniſierung des Märchens wohl zuläſſig und vielleicht auch reizvoll wäre, daß man mit ihr aber den kindlichen Charakter des Märchens zerſtöre. Dem iſt zu entgegnen, daß das Märchen urſprünglich ja gar keine kind⸗ liche Dichtung im heute gebrauchten Sinne war, daß es vielmehr als allgemeine Volksdichtung entſtand, und daß es als dieſe jeder⸗ zeit weit davon entfernt war, irgendwie romantiſch zu ſein, viel⸗ mehr ſeinen Charakter gerade durch ſeine völlig unliterariſche Realiſtik erhielt. Das Volksmärchen war naiv gedichtetes Volks⸗ leben, von unbedingter Echtheit in allen ſeinen Weſenszügen. Es war echt in ſeiner Derbheit wie in ſeiner Sanftmut, in ſeiner Grauſamkeit wie in ſeiner Milde, in Frömmigkeit wie Gott⸗ loſigkeit, in ſeiner Wahrheit wie in ſeiner Lüge. Das rohe Gefühl, die manchmal ſadiſtiſch erſcheinende Luſt, die aus der Freude in den im Märchen erfolgenden Hexenverbrennungen und andern qualvollen Hinrichtungen ſpricht, iſt ebenſo Ausdruck der Volks⸗ ſeele wie die ſüße Innigkeit, die die ſchönſten unſrer alten Märchen durchtönt. Der natürliche Menſch weiß nichts von jener ſenti⸗ mentalen Verlogenheit, die die allzu häufige Atmoſphäre unſrer literariſchen Schöpfungen bildet. Er ſpricht aus, was er fühlt und denkt, und kennt keine Scheu vor Menſchen und keine vor Göttern, —õn——ꝭ/—————nxznzxn———ᷓ̃ᷓÜͤ Die Schmiede Von Nikolaus Welter Verblutet war ein müder Tag Und Erd und Himmel ruhten; Doch drüben, wo die Schmiede lag, Da füan Geſtampf und Hammerſchlag, Da ſtand das Tal in Gluten. Die Halle ſteigt voll roten Lichts, Ein Zwinger, breit und drohend! Und plötzlich durch die Ziegel bricht's Wie Flammenſchwall des Weltgerichts, Die ſchwüle Nacht durchlohend. Und ſchwarz drängt durch das rote Tor Der Hünenſchwarm der Schmiede; Die Hämmer blitzen ſchwer empor, Der Zorn wälzt ſeinen Donner vor, Der Donner wird zum Liede. „Des Tages Not, der Nächte Fron, Wann ſoll's ein Ende finden? Man würgt ſich müd an Haß und Hohn Und muß für einen Hungerlohn Sich ſchier zum Krüppel ſchinden. — Sie auteln und kutſchieren draus, Die hochmutſatten Gäuche; Sie praſſen frech in Saus und Braus Und ruh'n auf Daunenkiſſen aus Die goldbehängten Bäuche. Und hockt zu Hauſe Weib und Kind Wie gramverzehrte Leichen; Sein Spottlied pfeift dazu der Wind, Wenn frierend ſie die Schwarzbrotrind Im Quell der Tränen weichen. Wir ſtehn in Schweiß und ſchnödem Zwang Gefeſſelt ganz wie Sklaven; Sie ſchwolden froh bei Becherklang, Sie ſcherzen roh bei Dirnenſang, Sie liebeln und ſie ſchlafen. Zerrt ſie heraus, ſchleppt ſie herbei! Nun ſteht und lauſcht, ihr Schlemmer: Von Frau'n⸗ und Kinderwehgeſchrei Dröhnt euch ins Ohr die Melodei Beim Zornestakt der Hämmer. Ihr ſeid die Macht, wir ſind die Zahl, Doch auch das Erz der Berge; Euch ward die Luſt, uns ward die Qual, Nur ſchmieden wir uns ſelbſt den Stahl, Der bannt das Gold der Zwerge. verlacht gern fremde und eigene Schwächen, iſt helläugig und hell⸗ hörig für ſie, wie er zugleich empiindſam iſt für alles Leid. Der natürliche Menſch iſt demokratiſch geſinnt, und es gibt kaum eine Dichtung, die ſo tief von echter demokratiſcher Geſinnung erfüllt iſt wie unſre Volksmärchen, neben den Volksliedern, den Schnurren und Schwänken das reinſte poetiſche Volksgut, das wir beſitzen. Vor einigen Wochen brachte der Simpliziſſimus eine ſcharfe Satire auf den Reichsminiſter Dr. Külz, den Verteidiger des Schundgeſetzes. Die Zeichnung zeigte den Miniſter als den Ritter Blaubart des deutſchen Volksmärchens, der mit grauſamer Hand die zarten, nackten und deswegen wohl als unſittlich geltenden Märchenſchöpfungen durchpeitſcht. Daß ausgerechnet ein Geſetz der ſich als demokratiſch bezeichnenden Republik dieſe Satire veranlaßt hat, iſt nicht ohne Ironie. Verſtändlicher wäre ein ſolcher Anlaß im vergangenen Kaiſerreich geweſen. Seinem undemokratiſchen Zeitgeiſt hätte das demokratiſche Märchen unangenehm ſein und gefährlich erſcheinen können. Niemals ſind ja Thron und Kirche, König und Pfaffe, der Beſitz von Geld, Titeln und Ämtern un⸗ verblümter, ſchärfer und kritiſcher gezeichnet worden als im Volks⸗ märchen. Faſt endlos iſt der königliche Reigen, der aus dem Märchen herausſteigt. Mag er immerhin geführt werden von einer kleinen Gruppe ehrſamer, würdevoller Könige, dieſen Wunſch⸗ und Sehnſuchtsgeſtalten des einfachen Volkes, viel größer iſt die Zahl der königlichen Narren, der Einfältigen, Beſchränkten und Feigen. Ihnen folgen, nicht minder zahlreich, als düſterer Schluß die königlichen Mörder, die Tyrannen, die gekrönten Egoiſten und Irren. Ähnlich iſt ein zweiter Zug mit den klugen, ſchönen und heldenhaften, ſehr oft aber auch dummen, falſchen und boshaften Prinzen und Prinzeſſinnen, im weiteren Gefolge die eitlen Miniſter, die törichten Kämmerer, die unehrlichen Schatzmeiſter, die ungerechten Richter, die betrügeriſchen Kaufleute und nicht zuletzt die große Zahl der heuchleriſchen und gottloſen Pfaffen, die im Märchen ja ſelten das ſind, als was ſie erſcheinen möchten. Unſere Volksmärchen ſind alſo ein durchaus revolutionärer Leſeſtoff. Dieſe Feſtſtellung berührt faſt komiſch, um ſo mehr, als wir gewöhnt ſind, ſie meiſt nur als Lektüre für das Kind zu betrachten. Das Märchen als dichteriſches Zeitdokument zu nehmen, als wertvolle Quelle im Kulturgeſchichtsunterricht zu verwenden, wem fiele das wohl ein? And doch ſpiegelt ſich in ihm, nicht immer ganz klar, für den, der es zu leſen weiß, aber doch deutlich, das Geſellſchafts⸗ und Geiſtesleben von Menſchheits⸗ epochen, über die uns andres, tatſächliches Quellenmaterial ſehr oft fehlt. Was iſt allein aus der Fülle der verſchiedenartigſten Königsmärchen zu leſen? Sie ſpiegeln nicht nur den ſich in grau⸗ ſamer Willkür, in brutalem Machtwahne, in Mord, in Ver⸗ bannung und AUnterdrückung aller Gegner austobenden Fürſten⸗ individualismus und Abſolutismus, ſondern offenbaren in der Unzahl ihrer Königsnarren, der königlichen Dummköpfe und Haſenfüße zugleich Unzulänglichkeit des Königstums. Andre zeigen den Machtwillen der Kirche, die Bevorrechtung des Beſitzes, die Korruption der Verwaltung, die Entrechtung und Anterdrückung der Beſitzloſen, den Hohn und Haß wider die Juden, die Ver⸗ dammung und Vernichtung der Andersgläubigen. Nicht ohne Grund liebt das Märchen die Gegenüberſtellung von gut und böſe, arm und reich, von hoch und niedrig. Der Einfältige des deutſchen Märchens und wohl jedes Volksmärchens, der Tölpelhans, der Dumme und Faule, ſie alle ſind nichts andres geborene dichteriſche Ausdruck als der aus demokratiſcher ausgleichender Rechtsgeſinnung heraus gebo des ewig Unter⸗ drückten. Und es iſt eben dieſes Gerechtigkeitsgefühl des Volkes, das den Einſältigen und in ihm immer ſich ſelbſt dem angeblich Klugen, dem Bevorrechteten, dem Pfaffen, dem Miniſter, ja dem Könige ſelbſt überlegen ſein läßt. * Wie kommt es nun, daß das Märchen heute ſo ausſchließlich als Kinderdichtung betrachtet wird, und wie iſt es möglich, daß Kinder ſich ſo heimiſch in den alten Märchen fühlen, deren Lebens⸗ inhalt dem unſrer Zeit ſo abgewandt iſt? Nun, der Urſprung des Volksmärchens fällt in eine Zeit, die völkerbiologiſch als Völker⸗ kindheit zu bezeichnen iſt und in der eben jener Geiſteszuſtand vor⸗ errſchte, der das Märchen formte, ein Geiſteszuſtand, der das uns eute unmöglich erſcheinende Fühlen und die in ihm wurzelnde Anſchauung von Gut und Böſe, von Gerechtigkeit und Sühne, von Wert und Unwert bildet. Die Völker ſind aus ihrer Kinderzeit herausgewachſen, ſind zu aufgeklärten Erwachſenen gereift, die ihre einſtige kindliche Einfalt belächeln und ſie zugleich als. Kind⸗ heitserinnerungen aufſchreiben. In ſeinem individuellen Leben durchlebt aber jeder einzelne Menſch auch heute noch dieſe Kind⸗ heitsperiode, und er fühlt in ihr noch einmal wie die Menſchen der Völkerkindheit. Darum ſein völliges Eingehen in das Märchen, in ſeine Atmoſphäre, ſeine Wertwelt, ſeine ſittlichen Anſchauungen. Weil das Kind in dieſer Zeit aber ganz der Märchenwelt angehört, iſt die Befürchtung, der nach unſern Anſchauungen keineswegs ſittenreine Inhalt des Märchens könne das Kind verrohen, unbe⸗ gründet. Das Kind weiß ja noch kaum etwas von der Exiſtenz unſrer zeitlichen Welt. Im Augenblicke jedoch, wo für das Kin die Märchenſchleier fallen, iſt der Einfluß der realen Welt, der Zwang ſeiner Anſchauungen auf das Kind ſo ſtark, daß es nur kurze Zeit dauert, um es von den Reſten ſeiner Märchenethik zu befreien und ihm Teufel und Hexen, Galgen, genagelte Todes⸗ küiſer und den ganzen phantaſtiſchen Märchenſpuk vergeſſen zu machen. 2 Doch nein, nicht alles vergißt das Kind. Da ſind Perſonen im Märchen, die mit herausſteigen und das Kind ins Leben be⸗ Beiten, Eine ſolche unſterbliche Märchengeſtalt iſt die Stiefmutter. Sie kann nicht im Märchen bleiben, weil ſie auch im heutigen Leben exiſtiert, weil das kindliche Leid, das vielleicht vor Jahr⸗ tauſenden nicht einmal, ſondern hundertmal und mehr die Stief⸗ mutter ins Märchen hineindichtete, ſie noch heute dichtet. Andre Geſtalten der Art ſind König, Prinz und Prinzeſſin. Das Leben kennt eben noch Könige. Nun erſcheint vielen dieſes Fortleben des Märchenkönigs ganz beſonders beängſtigend. Warum? Weil nach ihrer Meinung die Kinder allzuſehr mit der Exiſtenz eines Königs vertraut gemacht werden. Das iſt richtig, aber man ſollte ſich doch vergegenwärtigen, was für einen König das Kind im Märchenbuche kennen lernt. Doch nur ganz ſelten einen, der ihm verehrungswürdig erſcheinen müßte. Kann ein Kind an dem feigen, lächerlichen Könige im tapferen Schneider⸗ lein etwas Erhabenes finden? Weckt die grauſame, hoffärtige Königin im Schneewittchen nicht Haß? Darum kann das Märchen geradezu revolutionärer Leſeſtoff ſein, wenn es nur richtig geleſen wird. Man muß es nur nicht rührſelig, ſentimental, verlogen erzählen oder ſpielen, ſondern aus dem Geiſte heraus, der es gedichtet hat, muß dem König, den das Märchen lächerlich zeichnet, nicht den Purpur umhängen, ſondern ihn, wie es der Spieler im Schneewittchen tat, auch wirklich in Unterhoſen zeigen. Karl UlIlrich. Raſch dreht die Welt, weckt Reu und Leid; Zu Ende geht's, ihr Spötter! Wir fordern euch zum großen Streit, Wir Rieſen der modernen Zeit Euch fleiſchgewordne Götter. Türmt Stein und Eiſen um euch auf Mit Wimmern und mit Beten: Das Volk, das Volk ſtürmt an zu Hauf, Die Tyrannei im Sturmwindlauf In Nacht und Staub zu treten. Dann bricht die Götzendämm'rung ein, Die ſtolzen Höhen rauchen; Wir Knechte werden König ſein, Und lächelnd wird aus trübem Schein Die neue Erde tauchen.“ Aus der Sammlung von Gedichten des luxem⸗ gt burgiſchen Dichters(Verlag von Georg Weſter⸗ mann, Braunſchweig und Hamburg). — Das Bild in der zehntel Sekunde In den letzten Wochen gelangten aufſehenerregende Berichte in die Öffentlichkeit, wonach es gelungen ſein ſollte, nicht nur Muſik und Wort drahtlos über den Ozean— nach Amerika, ja um den ganzen Erdball zu ſchicken, ſondern auch Bilder und die Geſchehniſſe und Vorgänge an einem Ort, auf dem Wege der drahtloſen Bildübertragung überall und jederzeit wiederzugeben. Bis jetzt eilen dieſe Berichte den Tatſachen voraus, aber vorausſichtlich wird es nicht mehr lange dauern, daß eines der vielen„Fernſehſyſteme“ ſich praktiſch verwenden laſſen wird. Das Syſtem, das nach dem heutigen Stande große Ausſicht hat, ſich durchzuſetzen, iſt der„Fernſeher“ des ſchottiſchen Ingenieurs Baird. Auch dieſes Syſtem beruht auf der Methode, Bilder und bildliche Darſtellungen, die drahtlos übertragen werden ſollen, mit Hilfe ſtarker Lichtquellen zu beleuchten und dann durch„Ab⸗ taſtvorrichtungen“ in Geſtalt von rotierenden Loch⸗ und Schlitz⸗ ſcheiben Punkt für Punkt des Bildes entſprechend ſeiner Tönung und Schattierung dem Bildſender zuzuführen. Wie dieſe Abtaſt⸗ und Zerlegungsvorrichtungen arbeiten und wie Bildpunkt für Bildpunkt im Bairdſchen Fernſeher verarbeitet wird, darüber wird von Dr. P. Lertes im ſoeben erſchienenen Heft 3 der „Radio⸗Umſchau“, der illuſtrierten Wochenſchrift über die Fort⸗ ſchritte im Rundfunkweſen, ausführlich berichtet. Grundbedingung für das Zuſtandekommen eines„elektriſchen Fernſehens“ iſt demnach, daß die Abtaſtvorrichtungen imſtande ſein müſſen, ein ganzes Bild in einer zehntel Sekunde und die einzelnen Bild⸗ elemente in einer hunderttauſendſtel Sekunde zu erfaſſen und weiterzubefördern. Dasſelbe Heft der„Radio⸗Umſchau“ berichtet ferner mit reichen Bildbeilagen über die Bedeutung von Radio für die Hebung der Bildung in Rußland und weiter über einen neu⸗ artigen Radioempfänger„Supradyne“, der in ſeinem Aufbau und in ſeiner Wirkung etwas ganz Neues auf dem Gebiet des Radio⸗Empfängerbaues darſtellt.— r1— Metalle im menſchlichen Körper Die mediziniſche Forſchung hat feſtgeſtellt, daß es viele Menſchen gibk, die faſt ſtändig Zink ausſcheiden. Bei ſolchen Menſchen findet ſich der Zinkgehalt hauptſächlich in der Leber, in den Muskeln und im Gehirn ſowie im Blut, das übrigens bei allen Menſchen zinkhaltig iſt. Vermutlich iſt der Zinkgehalt dieſer Körperorgane darauf zurückzuführen, daß gewiſſe pflanz⸗ liche und tieriſche Nahrungsmittel des Menſchen Zink enthalten. So findet ſich 3. B. im Körper unſerer hauptſächlichſten Schlacht⸗ tiere— Rind, Kalb, Schwein und Schaf— ein ziemlich anſehn⸗ licher Gehalt an Zink, beſonders in der Leber, die beim Rind ſogar auch etwas Kupfer enthält. Auch Seefiſchfleiſch, Hühnereier, Brot, Dörrgemüſe und Kartoffel weiſen einen ſchwachen Zink⸗ gehalt auf. In jüngſter Zeit haben die Forſcher Betrand und Marcheboeuf im menſchlichen Körper auch Nickel und Kobalt ge⸗ funden und zwar faſt in gleicher Menge ſowohl in der Leber als auch in der Bauchſpeicheldrüſe(Pankreas), für deren Sekretion der Metallgehalt beſonders wichtig ſein dürfte. Es handelt ſich beim Metallgehalt des menſchlichen Körpers aber natürlich immer nur um ganz verſchwindend kleine Mengen, die oft nur Tauſend⸗ ſtel eines Grammes betragen. Die Leber des Menſchen enthält beiſpielsweiſe nur ungefähr 146 Tauſendſtel Gramm Zink, 150 Tauſendſtel Gramm Rickel und 100 Tauſendſtel Gramm Kobalt. Ungeachtet dieſer geringen Mengen ſcheinen nach den neueſten Forſchungen dieſe Metalle im Körper aber doch eine bedeutſame Rolle zu ſpielen, ſo vor allem bei der Heilwirkung des erſt in allerletzter Zeit entdeckten Mittels gegen die Zuckerkrankheit, des aus der Bauchſpeicheldrüſe gewonnenen Infulins. Eine Unter⸗ ſuchung hat ergeben, daß in Inſulinpräparaten hundertmal enehr Nickel und Kobalt enthalten war, als in den Drüſen, aus denen ſie gewonnen wurden. Das ſterbende Paris Das alte Paris ſtirbt. Mit harter Fauſt räumt der Geiſt der neuenZeiten in ihm auf. Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit ameri⸗ kaniſieren dieſe Stadt, die am längſten ihrem harien Griffe wider⸗ ſtand, und die man gut kennen muß, um in ihr noch die letzten Reſte jener intimen Kultur des„zweiten Kaiſerreichs“ entdecken zu können. Der alte Montmartre iſt dem modernen Montvarnaſſe gewichen. Auf ſeinen ländlich grünen Hügeln werden bald Miets⸗ kaſernen mitleidlos über die große Stadi blicken. Der letzte„Fi⸗ aker“ erregt an der„Place de l'Opéra“ heute mehr Aufſehen, als ſeinerzeit das erſte Auto. Die„Métro“(Untergrundbahn) hat mit ihren annähernd 300 Stationen den Boden unterminiert, auf dem die architektoniſchen Zeugen dreier Jahrhunderte ein bedrohtes Daſein führten. Der Eiffelturm, deſſen Lichtreklame nachts weit bis in die fernen Vorſtädte leuchtet, iſt wie ein drohendes Wahr⸗ zeichen des unaufhaltſamen Fortſchritts geworden. Dort, wo am„Boulevard des Italiens“, dem Zentrum der großen Boulevards, einſt unter„Louis Philippe“ das Herz von Paris am ſtärkſten ſchlug, ſind taufend Erinnerungen der Hacke und dem Spaten gewichen, die einen ganzen Häuſerkomplex niederriſſen, um am 1. November des verfloſſenen Jahres den Ver⸗ kehrsſtrom des„Boulevard Haußmann“ ungebindert in die „großen Boulevards“ fließen zu laſſen. Wie lange iſt es her, ſeit⸗ dem in den nunmehr verſchwundenen Bücherläden oder auf den Straßenterraſſen der Cafés ſich Dichter, Journaliſten, Maler und jene ganze geiſtige Elite trafen, deren pulſierendes geiſtiges Leben dieſer Straße den Charakter eines Zentrums der Welt auf⸗ prägte, aus dem die Kraft eines verfeinerten Eſprits weit über die Grenzen Frankreichs hinaus drang! Der„Boulevardier“, der franzöſiſche Dandy des zweiten Kaiſerreichs, der vor ſeinem Glaſe Abſinth auf der Kaffeehausterraſſe die Pariſer große Welt vor⸗ beidefilieren ſah und mit ſeinem beißenden Spotte bewarf, hat dem„Buſinesman“ Platz gemacht, der zwiſchen Börſe und Bureau keine Zeit mehr hat, über die Schönheit und Vergänglichkeit alles Irdiſchen ſchwärmeriſche Phraſen zu ſprechen. Für ihn, deſſen Augen nur die Realität zu ſehen gewöhnt ſind, klettern an den Laternen, Litfaßſäulen, Kiosken, Häuſern und Dächern mächtige, ſchreiende Plakate empor, deren Inhalte Nützlichkeit und Zweck verkünden. Der tobende Verkehr, die Jagd nach dem Gelde oder nur der harte Kampf um das tägliche Brot um ihn herum haben ſeine Gefühlsregungen ertötet. Um ihn pulſtert ein neues Leben, das in ſeiner Art zwar grandios iſt, aber in ſich den Todeskeim des„time is money“(Zeit iſt Geld) trägt. 4 Wenn in der abendlichen Dämmerung das Lichtmeer der levards ſich entzündet und wie ein feenhaftes Feuerwerk im dunkelnden Himmel brennt, dann denkt man an jene Antwort von Maupaſſant auf die Frage eines Freundes, wie ihm die elegante Dame am Nebentiſche gefiele:„Nicht genug Ringe, um ihre Hände zu verbergen.“ Nicht genug Glanz ſtrahlt uns hier entgegen, um die Armut dahinter zu verſtecken. Paris, die„Stadt des Lichts“, wie der Franzoſe ſie nennt, verliert mehr und mehr ihren inneren Schein und iene ſtarke Welle vergeiſtigten Lebens, die ſich aus ihr einſt über Europa breitete. Nur Phantomen einer Ge⸗ ſchichte gewordenen Zeit begegnet man noch, einer Zeit, in der man die Muße zum Bummeln und zum Plaudern hatie, zu Froh⸗ ſinn und Witz, einer Zeit, in der man Muße hatte— zu leben. Paris ſtirbt. Man weint ihm ein paar Tränen nach. wenngleich der Menſch von heute über dieſe Sentimentalität mitleidig lächelt. Fedor Lovest. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuler⸗ Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29: wohin auch alle Zu⸗ ſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Aufgabe Nr. 93 E. Baumgarten Köln. Kockelkorngedenkiurnier 1921 2. Preis p c d 2 Sh)hhhſh Shhhſ ſ) 6,N S, ſſſh·,; Mh, hh, h, 7 Sʒʒ e ſhhhſz; G⸗c) Gh 2 Whcc Sh 1 4. e, e, i, 3 Socc Shh ʒʒh 4 Shchhſ 4 ſGſh 3 5₰, ⁵ 2 22 2 4 h— — e W,—— ſ, 8 8 4 ʒhhh 2 ½ er 1 Matt in drei Zügen 8:9 Enoͤſpielftudie Nr. 43 Centurini Eine ſehr merkwürdige Stellung iſt die folgende von Centurini, der ſich um die Analyſe des Endſpiels Läufer gegen erdienſte erworben hat. Man Läufer und Bauer die größten 1 4 würde glauben, daß Weiß durch den Bauernvorſtoß leicht gewinnt, aber Schwarz verteidigt ſich nach I. e 6.— e7 mit La 5— dl und Weiß darf wegen Patt weder Dame noch Turm machen. Aber weder ein Läufer noch ein Springer genügt zum Gewinn bei dem Stande des Läufers auf h 2.— winnen. Stellung: Weiß: Kc6, Lh 2, Be6; Schwarz: KC3, La5. Weiß am Zuge kann nicht gewinnen. 4 Der Verſuch mit I. L c7 zu gewinnen, ſcheitert an Lb Al(nich L e wegen e 71); 2. Lb 6(droht L 5!) Le 7l 3. L a 5, L a 3; 4. Kd 5, Kb 7; 5. K e5, Le7l 6. Kf 5, Kc; 7. Kg 6, Kd5 8. Kf7, Le5(er darf nicht auf die zweite Diagonale, zum Bei⸗ ſpiel nach h 4, wegen La 5— 3— 10); 9. Ld8, Ke4A(Ke52 uſw. Remisſtellung bei dem Mittelbauer. Ortsgruppen im Frankfurter Bezirk: ffenba 9.„Zum Hohenſtein“, Donnerstags. ffenbach, Reſtauration Koſtner, Dienstags. anau, Gewerkſchaftshaus, Mittwochs und Samstags. echenheim„Anker“, Freitags. iſchofsheim,„Kaiſer Friedrich“, Mittwochs. ainhauſenb. Fr., Greb, Mittwochs. armſtadt, Gewerkſchaftshaus. Donnerstags. riesheim,„Zum kühlen Grund“, Samstags. ied,„Rheingauer Hof“, Donnerstags.. öch ſt.„Zur Roſenau“, Dienstags und Freitags. oſſenheim, Volkshaus, Mittwochs. GAAGAGca iſenau, bei Michael, Samstags. erhöchſtadt,„Adler“, Mittwochs. erurſel,„Zur deutſchen Eiche“, Samstags. ſenburg„Harmonie“ Montags. euznach,„Schillingshof“, Montags und Freitags. örfelden,„Roſengarten“, Freitags. ſterbach,„Bobbeſchänkelche“:. in⸗Krotzenburg,„Zum deutſchen Haus“ Mittwochs. ainz,„Parkuseck“, Samstags.. Raunheim,„Zum Taunus“, Hintergaſſe, Montags. 4 Unterliederbach,„Alleehaus“, Donnerstags; ferner in Wiesbaden Frankfurt. Babenhauſen und Bieber. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 2 A 0& 8 4 — ̈—— 823 Wäre der Läufer urſprünglich auf g 3, könnte Weiß ſowohl mit 2. e 3 als auch mit 2. e88 ge⸗ 10. Le7 und 16+); 10. Le7, Lf2; II. Lb 4, Lh 4; 12. Lc, 5. Fjsleresfen eh 212 *. 63 8 4 2 E 4 2 8 3 * 8 85 8 2 es ⸗ * 2 — 4e. Dr Hildebrands Tod Von Martin Keleti Einzig berechtigte übertragung aus dem Ungariſchen von Stefan J. Klein Nachdruck verboten. 1. „Verſchließ gut die Tür“— ſagte der Meiſter—„dann leg dich nieder, brenn nicht lange das Gas, denn es iſt teuer. Und ſtell auch die Gasuhr ab.“ Draußen wartete er ſo lange, bis der Schlüſſel im Schloß um⸗ gedreht wurde, er drückte auch die Klinke nieder, ging erſt dann heim. Vor der Kirche nahm er den hut ab, ſprach ein kurzes, ſtilles Gebet, denn er war ein gottesfürchtiger, frommer Mann. Allmorgendlich ſang er im Chor und lebte mit den ſebie aen Herren in guter Freundſchaft. Und Meiſter Sovek erfreute ſich in der ganzen Nachbarſchaft eines guten Rufes. Er lieferte genaue, gute Arbeit, ſprach milde, demütig, ſchuldete niemanden Geld, und ſein Schuhwerk war tadellos. Er nahm ſich der Armen an, und wenn er einen Bettler ſah, ging er an dieſem nicht vorbei, ohne ihm ein Almoſen zu geben. Auch Hildebrand hatte er aus dem Waiſenhaus geholt, um aus ihm einen wackeren Menſchen zu machen. HFildebrand war das Kind eines armen, gefallenen Dienſt⸗ mädchens, er hatte niemanden, und Meiſter Sovek war davon überzeugt, daß er eine äußerſt gute Tat vollbrachte, indem er den Knaben zu ſich genommen. 5 Hildebrand wollte eſſen Sein Abendbrot war bereits kalt ge⸗ worden. Es beſtand aus einem bißchen von Mittag übrig⸗ gebliebenen Gemüſe und einer Scheibe Brot. Er koſtete das Ge⸗ müſe, aß es jedoch nicht. Es fiel ihm ein, daß er ſich etwas aufge⸗ hoben habe. Er hatte am Vormittag zu der Frau Doktor ein Paar Stiefel getragen und dort von der mitleidigen Köchin ein Stück kaltes Fleiſch bekommen. Dieſes hatte er beiſeite gelegt. Er entkleidete ſich, kroch auf ſeine Schlafſtätte, ver ehrte das Fleiſch und das Brot, dann zog er die geflickte, dünne Hecke über ſich und zitterte vor Kälte. Es war bereits kalt. Der Meiſter ge⸗ ſtattete nicht, daß das Feuer auch am Abend unterhalten werde, und zu ſo vorgeſchrittener Stunde fror man tüchtig. Der Knabe ſblicin der Werkſtatt, denn die Meiſterin wollte nchi, daß er in der Wohnung AUnordnung mache. Er ſchlief, wo er arbeitete. Nach dem Feierabend ſchaffte er die Werkzeuge fort und bereitete ſein Lager. Er legte einen alten Kotzen auf den Boden, auf den Kotzen aber ein buntes Kiſſen und eine fadenſcheinige Decke. Hier ſchlief er. Wenn nur die Decke etwas dicker wäre, denn um dieſe Zeit, im Winter, friert er unter ihr. Im Sommer dagegen iſt es in der engen Kammer unerträglich ſchwül. Wahrlich, der Meiſter hätte ihm eine wärmere Decke geben müſſen, kam aber nicht auf dher 4 Gedanken. Hildebrand ſelbſt jedoch war nicht imſtande, etwas zu verlangen. Bedrückte etwas ſein Herz, ſo dcht zu Boden n5 ſchwieg. Am beſten iſt, ſtill ſchweigen: da nagt ſich das viele Un⸗ heit durch einen und dann findet man ſeine Ruhe. Er hätte auch ein Hemd, und auch ein beſſeres Gewand und auch Handſchuhe ge⸗ braucht, denn es fror ihn gar ſehr an den Händen. Iſt er einmal Geſelle ſo wird er ſich alles kaufen und ſich allſonntäglich ins Café ſetzen, dort Zeitungen leſen. Das Waiſenhaus fiel ihm ein. Dort hatte er es nicht ſchlecht gehabt. Die Burſchen konnten miteinander im Garten ſpielen, ſie lernten auch etwas, liefen herum, der Herr Direktor war ein guter Menſch, und au der Lehrer war nicht ſchlecht, und Sonntags betamnn ſie auch Fleiſch Ihm machte nur ſein Name zu ſchaffen. Die Burſchen fragten ihn, warum er Hildebrand heiße. Darüber mußte er au ſercht viel nachdenken. Die übrigen Burſchen hatten ſante erbonſ liche Namen wie: Peter, Georg, Johann, Martin uſw. Weshalb mußte er Hildebrand heißen? Hildi, Hildi riefen die Burſchen und umtanzten ihn. Doch zürnte er ihnen deshalb nicht. Ihn ſhen und nur, wenn zu den übrigen Kindern die Mutter kam, ihnen Obſt, * Ein 62 Zi atz von Diebe, wenig ſichtbar bis auf ein kleines Flamtchen,(iegt in der Bruſt, bis ihn end ich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum entdeckt Jean Paul — Kuchen brachte, oder ſie Sonntag nachmittag mitnahm. Da blieben ihrer kaum einige in der Anſtalt, und dies war ſo traurig. Stille breitete ſich über die weißen Wände, jeder Schritt wider⸗ hailge. die daheim gebliebenen Kinder ſaßen an den langen iſchen und grübelten über die mannigfachſten Dinge. Hildebrand dachte daran, daß einſt auch ſeine Mutter Sonn⸗ tag nachmittags zu ihm kam. Damals war er noch ein ganz kleiner Knabe und bei der alten, dicken Tante in Koſt. Seine Mutter war eine magere, ſchwächliche Frau. Sie arbeitete in ir⸗ gendeiner Schuhfabrik, brachte der dicken Tante jeden Sonntag für ihn das Koſtgeld. Oft klagte ſie weinend, daß ſie krank ſei, und ſie ſprach auch von einem Manne, der nach Amerika gefahren war und verſprachen hatte, Geld zu ſchicken, aber nicht einmal eine Zeile ſchrieb. Dann blieb auch ſeine Mutter fort. Sie kam ins Spital; ſtarb. Die alte Tante nahm auch ihn zum Begräbnis mit. Die Mutter wurde in aller Eile beſtattet, ohne Prieſter, ohne Weihigt, ohne alles. Nach dem Begräbnis ſagte die alte Frau zu ihm: „Na, du biſt mir auf dem Hals geblieben.“ Einige Wochen ſpäter kam er ins Waiſenhaus, und von dort zu Meiſter Sovek. Er dachte oft an den Tod, ſtellte ſich vor, daß er einmal auch ihn holen komme, ihn bei der Hand nehmen und mit c führen würde, wie er es mit der Mutter getan. ie mag es wohl ſein, wenn man fitht Er ſchloß die Augen, verharrte reglos, dachte, er ſei geſtorben. Langſam be⸗ mächtigte ſich eine Art Ruhe ſeines ganzen Körpers, und er hatte das Gefühl, daß dies gut ſei. Doch ſetzte er ſich gleich wieder auf, taſtete ſich ab, ob er noch lebe? Ein anderes Mal wieder hörte er, wie ihn die Mutter rief: „Komm mit mir, Hildebrand!“— Sie faßte ihn bei der Hand; ihre Hand war kalt, und ſie führte ihn fort. Ein Begräbnis iſt eine ſchöne Sache. Er dachte an die prunk⸗ vollen, langen Züge, an die ſchwarzen Roſſe, die vielen Kränze, an Prieſter und Kutſcher.. Der Tod aber iſt ſeltſam, ſtumm und ſchwarz... Und auch die Kälte iſt nicht gut, und auch die zerſchliſſene Decke nicht, und auch das abgeſtandene Gemüſe nicht. Abend für Abend, wenn er in der engen Werkſtatt allein blieb, jagten an ihm dieſe vielen Dinge vorbei. Oft dünkte ihn, als ſtünde die Mutter neben ihm, ſtreichelte ſeinen Kopf, ſeufzte und ſpräche von jenem Manne, der nach Amerika gefahren und nicht mehr zurückgekehrt war. Er griff unter das Kiſſen. Dort hatte er das kleine, bunte Heftchen verſteckt, in dem er allabendlich las. Sherlock Holmes... Detektivroman. Heft 5.. Er begann zu leſen. Vergaß die Kälte, den Hunger, verſchlang die ſchwarzen Buchſtaben. Der Detektivkönig findet auf der Straße eine blutige Manſchette, hebt ſſie auf, folgt den Spuren, geht in die Spelunke, entdeckt dort den Mörder, belauſcht ſein Geſpräch, wird erkannt. Man will ihn töten, er verteidigt ſich, zertrümmert die Lampe, verſchwindet, fücht in den Keller, kriecht in ein Faß, wird geſucht, nicht ge⸗ unden, ſchlüpft dann hervor, erbricht die Eiſentür des Kellers, Flangt auf den Hof, auf die Straße.. wird bemerkt, ver⸗ olgt... Herrlich!.* So ſah er es auch im Kino. Er ſetzte ſich auf. Vernahm den Lärm der Verfolger. Mein Gott! Sie werden ihn doch nicht erwiſchen!... Er wurde ſchläfrig. Streckte die Hand aus, drehte den Hahn ab, kehrte ſich der Wand zu und ſchlief ein. Er ſchreckte hin und wieder aus dem Schlaf. „Tut mir nichts“— ſtöhnte er—„tut mir nichts.. wehe...“ 3. Als Meiſter Sovek um halb acht morgens in die Werkſtatt kam, fand er die Tür verſchloſſen. Er begann zu pochen, erhielt jedoch keine Antwort. Auf den Lärm kam auch der Friſeur herbei und riet, einen Schloſſer zu holen, denn vielleicht ſet dem Knaben ein Anglück zugeſtoßen. IJena 10925, Guſt. Fiſcher. Preis broſchiert 7.50 Der Meiſter erklärte, er habe jetzt keine Zeit, müſſe in die Kirche eilen, weil der Chor auf ihn wartee. „Laſſen Sie den Chor Chor ſein“— ſprach der Friſeur. „Zuerſt kommt Gott, dann der Menſch“— ſagte der Meiſter im Bruſtton tiefſter überzeugung und entfernte ſich. Als er zurück⸗ kehrte, war die Tür noch immer verſchloſſen; ſie mußte erbrochen werden. Aus dem engen Raum ſtrömte Gasgeruch. Meiſter Sovek rief wütend: „Der verdammte Kerl hat die Gasuhr nicht abgeſtellt, jetzt haben wir die Beſcherung.“ — Hildebrand lag auf dem Kotzen, blaß, mit bezogenem Geſicht. Er lebte noch.. Der Friſeur telephonierte der Rettungsgeſellſchaft, Hilde⸗ brand wurde fortgeſchafft und drei Tage ſpäter begraben, ganz wie ſeine Mutter. Hinten, neben dem Zaun, ohne Prieſter, ohne Menſchen, und auch die Totengräber hatten es ſehr eilig. Der Meiſter holte ſich aus dem Waiſenhaus einen anderen Knaben, und ſingt allmorgendlich mit frommem Geſicht im Chor, zum Lob des Herrn. — Eine wunderliche Geſchichte Von Johannes Hillmann Vor langen Jahren ſaß ich in einem rheiniſchen Ortchen, nahe dem Siebengebirge, als Pfarramtskandidat, um den erkrankten Pfarrer zu vertreten, der in Davos Heilung ſuchen mußte. Hier hatte ich eines Tages ein Erlebnis, das mir noch heute zu ſchaffen macht Es war ein Februarvormittag. Trübes Schnee⸗ ſchlackerwetter, Matſch auf allen Wegen, Unluſt draußen auf allen Geſichtern und Krankheit in vielen Häuſern. Ich ſaß daheim, über meiner Lizentiatenarbeit grübelnd. Plötzlich ſchellt's. Ein Mann kommt mühſam und zögernd herein. Mein Gott, wie ſah der aus! Durchnäßt, durchkältet, ſchlotternd, das Geſicht krankgelb, ſoweit man unter dem Schmutz das erkennen konnte. Er bot Ofen⸗ ſchwärze an, die er loſe in beiden Hoſentaſchen trug. Die reſolute Haushälterin führte ihn in die warme Küche, wo er ſich erſt mal ein wenig reinigen mußte, und dann wurde er mit warmer Suppe und anderem gelabt, wovon er ein erſtaunliches Quantum be⸗ wältigte. Dann ſah die Haushälteri nach, ob ich kein entbehr⸗ liches Kleidungsſtück im Schranke hätte, und kam bald mit einer dicken Hoſe zurück. Währenddem brachte ich den Gaſt zum Sprechen: Er ſtammte vom Weſterwald, trieb ſich ſeit Monaten auf der Landſtraße umher mit ſeiner Ofenſchwärze in der Hoſen⸗ taſche, wurde immer müder und ausgehungerter; erholte ſich nur, wenn er wegen Bettelei einmal ein paar Tage eingeſperrt wurde. Ob er Familie habe? Ja, ſeine Frau hätte— in der Not— geſtohlen, ſäße jetzt im Gefängnis; zwei kleine Kinder ſeien in der Gemeinde untergebracht, es gehe ihnen recht kümmerlich. Von den älteren Kindern läge der eine in N. im Hoſoital, der andere Liin P. im Gefängnis. Ja, wie ſollte man hier durchgreifend elfen? Da fiel mir ein, daß vor kurzem ein reicher Fabrikant, der in der Nähe ein Schlößchen bewohnte, mir geſagt hatte, wenn ich etwas ganz Beſonderes nötig hätte, ſollte ich mich an ihn wenden. Unſer Gaſt, er hieß Eſſelbronn, wollte zunächſt in die Her⸗ berge; verſprach aber, gegen Abend wiederzukommen. Bald hernach wanderte ich zum Schlößchen hinauf, wurde freundlich empfangen, und trug dem Ehepaare mein Anliegen vor. Während ich ſprach, ſchaute plötzlich der Herr zum breiten Fenſter hin, wodurch man das geräumige, maſſive neue Haus des Gärtners und Pförtners ſah. Er guckte fragend ſeine Frau an; die nickt. Dann ſagte er:„Unſer Gärtner iſt kürzlich geſtorben. Sein Haus iſt leer. Da ſoll Ihr Eſſelbronn mit den Seinen wohnen. Ich will für die ganze Geſellſchaft dauernd ſorgen. Nur eine Bedingung: Sie fahren morgen mit dem Mann nach Bonn in die Klinik. Dort ſoll er unterſucht und ärztlich beraten werden.“ Ich war wie berauſcht vor Freude; konnte gar nicht herzlich genug danken. Das war ja alles wie ein ſchönes Kindermärchen. Abends ſaß ich mit Eſſelbronn zuſammen, malte ihm aus, wie er nun geborgen ſei; wie wir die Seinen aus dem Gefängnis, aus Spital und Gemeindepflege herausholen wollten. Schier ver⸗ donnert ſaß er da, ſchaute mich ungläubig an und drückte meine Hand. Wir verabredeten alles für den nächſten Morgen, und er ging. Und am nächſten Morgen kam kein Eſſelbronn, und in der Herberge hieß es:„Der iſt heute morgen ſchon ganz früh fort⸗ gezogen“. Einige Monate ſpäter kam ein Bettler an meine Tür. Seine Hoſe erkannte ich wieder, aber Eſſelbronn ſteckte nicht darin. Wohl über ein Jahr war vergangen. An einem koſtbaren Herbſttage hatte ich oben auf dem Petersberg geſeſſen und ſtieg in der Dämmerung den einſamen Weg herunter. Auf einmal ſehe ich, wie vor mir ein Mann haſtig vom Wege ins Gebüſch ſpringt. „Hallo, will der mir auflauern?“ Mit ein paar Sätzen bin ich bei ihm. Verlegen dreht er ſich um und bietet mir Streichhölzer zum Kaufe an.„Eſſelbronn!“ rufe ich überraſcht.„Ja, ſagte er, ich er⸗ kannte Sie; darum wollte ich mich verſtecken.“—„Weshalb ſind Sie mir denn damals ausgerückt?“„Wiſſen Sie,“ antwortete er zögernd,„das war ja ganz ſchön von Ihnen gemeint und von dem reichen Herrn. Aber wenn ich immer an derſelben Stelle leben ſoll und jede Stunde auf die Herrſchaft hören,— ſatt werde ich dann wohl und hab’s warm; aber das halte ich nicht aus.“„Und Ihre Frau und Ihre Kinder?“ fragte ich mahnend.„Herr, die halten's auch nicht aus.“— Wir haben noch lange geſchwätzt, und endlich haben wir uns die Hand gegeben und ſind uns nicht wieder begegnet. Ich kann mir nicht helfen, aber bisweilen denke ich mit Neid und mit Beſchämung an den nichtsnutzigen, aber freien Eſſel⸗ bronn. Freilich, er mußte ſeine Freiheit oft mit jämmerlicher Un⸗ ziviliſiertheit bezahlen. Aber bezahlen wir unſere behagliche Zi⸗ viliſiertheit nicht täglich viel teurer mit innerer und äußerer Un⸗ freiheit?— — 8——ᷓ——— Die Straße mit den tauſens Zielen „Tat twam asi“(Du biſt Ich); ſo offenbart uns der indiſche Weiſe, der große Gütige, in jedem Menſchenſohn den Bruder. Darum geſellen ſich“*) zu dem geringſten, dem letzten Bruder von der Landſtraße die herrlich Großen unſerer Zeit, die Schöpfer, die Künſtler, die ihre eigene Heimloſigkeit ſtets irgendwie, irgendwo in ihrem Werke geſtaltet haben.(Wir ſind ja alle„leiſe Heimat⸗ loſe“ wir alle ſind ja„tiefſte Mittelloſe“). Große Heimloſe ſind die Dichter, die im Schritte unſeres Jahrhunderts wandern; ihr Weg in die Heimlofſigkeit geht durch Sprengung der ſozialen Hemmungen des hochgeſellſchaftlichen modernen Lebens hin zu perſönlichſter Wiedergewinnung kosmiſcher Verbundenheit. Aber der ganz Großen einer unter den ewig Raſtloſen, den Seeliſch⸗Heimloſen unſeres Tages, unſeres Volkes. denen ich be⸗ gegnete, iſt Armin T. Wegner.„Die Straße mit den tauſend Zielen“(Titel einer Gedichtſammlung aus den Jahren 1909—20, im Sibyllen⸗Verlag zu Dresden 1924, jetzt Deutſche Verlagsanſtalt Berlin und Stuttgart) iſt der Weg einer zehnjährigen Jugendwanderſchaft, deren wichtigſte Stationen, oft weit voneinander getrennt, für den Dichter zwiſchen der Mitte des 2. und 3. Jahrzehnts ſeines Lebens, in Europa und Aſien, liegen. Symbol ſeines Lebensweges wird die Straße mit den tauſend Zielen, die der„Poeta Ahasverus“, erfüllt von einer tiefen Begierde nach dem Geheimnis aller Dinge der Welt, wandern muß in räumliche und ſeeliſche Weiten und Tiefen. Meine Schreibtafel iſt die Erde. Mit dem Griffel der Füße ſang ich mein Leben über die Welt. Wie Individuation und Gemeinſchaft ſich gegenſeitig be⸗ ,») In meinem Buche:„Die Heimloſigkeit. Ihre Ein⸗ wirkung auf Verhalten und Gruppenbildun hdet Menſhen. arkk. dingen, wie jeden Lebensalters ureigentliches Lebensgefühl erſt aus ſeinem polaren zu tiefſt erlebt wird(der Dichter ſagt von ſich:„Ich bin nie älter geweſen als mit 16 Jahren“), ſo iſt nur in heimiſcher Sphäre echte Heimloſigkeit möglich, ſo wird dann Unſtete, Heimloſigkeit gleichbedeutend mit innigſtem Beheimatet⸗ ſein im Kosmiſchen und Sozialen. Darum iſt der Dichter der Heimloſe, der in jedem Lande zur Welt kam, der immer auf der rde geweſen iſt. Nur ich allein bin ruhend in der Welt: Sturmwolke, Flamme, Wind und Vogelfall, Vom Pol gedreht bis an des Südens Wende— Daß ich mich grenzenlos der Welt verſchwende, Bläſt Gott als Rauch mich brennend durch das All. Was des gegenwärtigen Künſtlers Geſtaltungskraft in dieſes wundervolle Bild zu faſſen vermag, haben die Führer der Menſch⸗ heit zu allen Zeiten im eigenen Daſein erfahren: immer ſührte ihre Bahn durch äußerſte Heimloſigkeit zu kosmiſcher Verbunden⸗ eit, die der unverſiegbare Born ihres ſozialen Handelns wurde: zudoha, der in aller Herrlichkeit der Erde Beheimatete, verließ Weib und Kind, um zu wandern, heimlos, und zu ſinnen, bis ihm offenbar wurde, wie die widerſtreitenden Wünſche der Menſchen ſich in der köſtlichen Hingabe der Perſönlichkeit an das all⸗ umfaſſende Leben löſen. Hebräiſche Propheten wanderten, als Heimloſe, und grübelten und ſannen, bis ihnen ihr Stammesgott zum Gott der ganzen Welt wurde. Mohammed führte Karawanen, ein Heimloſer, und ihm erwuchs aus dem Gemiſch von Volks⸗ göttern ein erhabener, ſchlichter Monotheismus. Nicht von un⸗ gefähr ſchreibt darum Armin T. Wegner ſeinem„Buch der Land⸗ ſchaften“ das Wort eines dieſer zu tiefſt Religiöſen, zu ſtärkſt Sozialen, das Wort Mohammeds nämlich, voran⸗ Ein Schritt in der Morgendämmerung, Ein Schritt vor der Sonne Niedergang Sind mehr als alle Güter der Welt. Indes, ſo wie der heimloſe Dichter die ausgedehnteſte Weite *des Allgemein⸗Sozialen umſpannt, ſo auch die intimſte Enge des — — Es geht ums Leben Von Christian Leden*) Das Eis iſt nun drei Tage alt. Die Luft iſt milder, der Him⸗ mel ſieht nach einem Schneeſturm aus. Heute muß ſich unſer Geſchick entſcheiden. Warten wir noch einen Tag, ſo kann das Eis, ſtatt ſtärker zu werden, wieder ganz verſchwinden. Kommt ein Sturm, ſo bricht das Eis auf und ſchwimmt mit der Strömung in die Hudſonbucht hinaus. Dann können wir uns darauf vorbereiten, unſere Hunde zu ſchlachten und zu verzehren. Wenn uns das Unglück verfolgt, verhungern wir nachher trotzdem, ehe eine neue, tragfähige Eisdecke ſich über den Fjord legt. 3 Verſuchen wir aber heute ſchon über das unſichere Eis zu ſahren, ſo laufen wir Geſahr, einzubrechen und zu ertrinken. Hier Scylla, dort Charybdis... Der ältere Eskimo geht aufs Eis und bohrt das Meſſer hinein. Etwas mehr Kraftaufwand als geſtern erfordert es immerhin. Die Eisdecke biegt ſich auch weniger unter ſeiner Laſt, aber ſie ſchwankt noch ſehr, während er darüber hingeht. Wir ſchauen nach dem Wetter aus und halten Kriegsrat. Meine Reiſegefährten machen ernſte und bekümmerte Geſichter. Der ältere iſt der Meinung, daß wir unbedingt noch heute verſuchen müſſen, über den Fjord zu kommen, und empfiehlt ſofortigen Aufbruch; wenn Sturm kommt, ſo geht das ſchwache Reueis unweigerlich in die Brüche. Wir eſſen unſere drei Stück Zucker, jeder eines, zünden die Pfeifen an und machen den Schlitten fertig. Die ethnographiſchen Sammlungen und den größten Teil meines ſonſtigen päcks müſſen wir in den Schneehütten zurücklaſſen. Mehr als die Schlaf⸗ ſäcke, meinen Kragkarabiner, die Primuslampe und meinen über⸗ pelz wagen wir nicht auf den Schlitten zu laden. Die Kamera hänge ich über die Schulter und ſtecke das halb vollgeſchriebene letzte Tagebuch in die Taſche der Attige(Unterpelz). Dann ſchnallte ich die Skier an. So hoffe ich ſchneller vorwärts zu kommen als auf — —) Durch das freundliche Entgegenkommen des Verlags F. A. Brockhaus, Leipzig, ſind wir heute in der Lage, unſeren Leſern eine Koſtprobe aus dem neuen intereſſanten Reiſewerk„Chriſtian Leden, Uber Kiwatins Eisfelder. Drei Jahre unter kanadiſchen Eskimos“(mit 70 Abbildungen auf Tafeln und im Text, zahlreichen Notenbeiſpielen und 1 Karte, Mk. 13.—, Leinen Mk. 16.—) zu bieten. Die an Abenteuern, harten Entbehrungen und Leiden reiche Expedition Ledens in die Eisfelder Kiwatins ſtand gleich im Anfang unter einem unglücklichen Stern. So kann der Forſcher von einem Schiffbruch im hohen Norden, von Kannibalismus der Naturvölker, von gefahrvollen Jagden auf Eis⸗ bären und Walroſſe, ja von einem„Wettlauf mit dem Tode“ berichten. Bei dem Schiffbruch verlor Leden den größten Teil ſeiner Ausrüſtung und ſeiner wiſſenſchaftlichen Inſtrumente und mußte ſo drei Jahre wie die Eskimos vom Lande leben. Sein Ziel waren nicht geographiſche Entdeckungen, vielmehr ver⸗ ſuchte er von der untergehenden Kultur des Eskimos für die Wiſſenſchaft zu retten, was die immer weiter nach Norden vordringende Ziviliſation davon noch übrig gelaſſen hat. Er iſt wie Rasmuſſen und Stefansſon der Anſicht, daß die Ziviliſation den Eskimos nur bedingt Segen bringt, und er führt genug Be⸗ weiſe dafür an. Einen beſonderen Reiz hat das Werk noch dadurch, daß Leden die Muſik der Eskimos erforſcht und im Phonogramm feſtgehalten hat. Das Buch bringt eine Reihe von Notenbeiſpielen, die beſonders intereſſteren werden. Um⸗ rahmt wird der Bericht von einer Reihe vorzüglicher Bilder nach eigenen Auf⸗ nahmen des Verfaſſers. RRn— Ordnung iſt und daß mein Heil in den Beinen liegt. Herunter alſo Schuſters Rappen. Ich bin ſicher, daß meine Begleiter und die Hunde wie die Wieſel laufen werden, um ſo ſchnell als möglich über das Eis zu kommen. Außerdem iſt unſer gemeinſames Ge⸗ wicht beſſer über das Eis verteilt, wenn ich für mich allein auf Skiern bin und nicht mit den andern neben dem Schlitten und den Hunden herlaufe. Das Eis trägt ja einen Skiläufer viel leichter als einen Fußgänger. Ein erwachſener Menſch auf Skiern belaſtet die Eisdecke nicht ſtärker als ein Hund von mittlerer Größe. So überlege ich, während ich die Skier anlege; aber bekanntlich kommt es immer anders, als man denkt. Meine Eskimos haben natürlich keine Skier, aber ſie binden ſich eine feſte Leine, wie man ſie zum Harpunieren der Seehunde benutzt, um den Leib und befeſtigen das andere Ende um den Schlitten. So angeſeilt, geht je einer in fünf bis ſechs Meter Ab⸗ ſtand zu beiden Seiten des Cchlittens. Auf dieſe Art iſt das Ge⸗ wicht des Schlittens und der Männer über eine größere Eisfläche verteilt. Sollte wirklich einer einbrechen, ſo kann ihn der andere an der Harpunenleine herausziehen. Das Eis ſchwankt unheilverkündend unter unſern Füßen. Wir ſind alle zu Anfang dieſer tollkühnen Fahrt ein wenig aufgeregt. Zuerſt fahren wir am Strand ein Stück fjordeinwärts; ſollte dann das Eis wirklich nach dem Meere zu abſchwimmen, ſo kommen wir vielleicht dennoch auf die andere Seite, ehe wir durch die ſtarke Strömung in die Hudſonbucht abgetrieben werden. Und nun geht es los mit voller Geſchwindigkeit! Die Hunde werden durch Zurufe und Peitſchenknallen gelenkt; die Eskimos laufen ſo weit vom Schlitten entfernt, als die Harpunenleinen es geſtatten. Anfangs geht alles vortrefflich, aber dann ſetzen Schnee⸗ fall und Wind ein; die Skier fangen an zu kleben. Das junge Eis iſt ſalzig und feucht; der Schnee iſt matſchig, obgleich wir mehrere rad Kälte haben. Der Schweiß läuft an mir herab vor Anſtrengung, und dennoch kann ich auf der klebrigen Fahrbahn nicht mit den andern Schritt halten. Der Abſtand zwiſchen mir und dem Schlitten wächſt... wächſt zuſehends... Der Wind nimmt ſchnell zu und wird zum Schneeſturm. Meine beiden Eskimos winken und rufen, ich ſolle mich ſputen; dann ſind ſie meinen Blicken hinter einem Vorhang von treibendem Schneeſtaub entſchwunden. Unter der dichten Decke des Neuſchnees ſind die vielen infolge der Stömung ſchwachen Stellen im Eis nicht mehr erkennbar. Daher wage ich nicht, die Skier abzulegen und zu Fuß zu laufen. Ich habe ja keine Hunde bei mir, die mich wieder herausziehen können, wenn ich ein⸗ brechen ſollte. Die Skier waren diesmal kein ſchlauer Gedanke! Ich hätte viel klüger getan, mich nach dem Beiſpiel der Eskimos mit einer Harpunenleine am Schlitten anzuſeilen. Liefen ſie neben dem Schlitten, ſo konnte ich ja hinterdreinlaufen. Man lernt zu, ſo lange man lebt. Für diesmal aber ſieht es aus, als wär's mit dem Leben und mit dem Lernen bald zu Ende! Noch höre ich die Eskimos rufen; aber weit, weit voraus. Es ſei ihnen bange um mich; ich ſoll mich beeilen, ſo ſehr ich kann— und noch ein bißchen mehr... Da begreife ich, daß vorne bei ihnen irgend etwas nicht in Zweimenſchlichen. Beides zu vereinen, iſt ſein Geſchick und jeine Miſſion: den Weg durch das große blutige Abenteuer der Jahr⸗ tauſende zu gehen und auch Einkehr zu halten am Wege und in der Inſel der friedſamen Hütten. Untrennbar, nicht auflösbar— ſo fein iſt ihte Miſchung— ſchwingen ſie in eins: die zwiſchen⸗ menſchliche Liebesbeziehung zur Geſamtheit wie die zu jedem einzelnen Menſchenkinde, wenn der Dichter dem einen, der einen ſagt: Tritt ein zur Pforte meiner Augenbrauen, Wenn Einſamkeit in deiner Seele weint. Allem Menſchlichen, allen Menſchen iſt ſein Herz aufgetan in menſchlicher Liebe, auch Venedigs Dirne, der er dieſe Worte ſchenkt: Schweſter und Braut— o lange verloren geglaubte: Trinke, trinke die liebende Seele mir aus! Denn eine leidenſchaftliche Zuneigung zu allen Unterdrückten und Verbrechern erfüilt den, der Lebendiges und Totes einer ge⸗ liebten Welt mit Liebeskraft in die Arme ſchließt:. Grab die Füße aus dem welken Grund, Die in Nacht die bleichen Flügel ſchmiegen, Daß ſie noch im Tod, zwei Tauben, fliegen Liebegirrend um den Erdenmund. So ſchlägt dieſes Dichterherz in gleicher Glut auch dem Außermenſchlichen: es verſteht die Pinie, die im Sande an ver⸗ ſiegten Brüſten kniet und um Waſſer betet. 1 Jedoch erheiſcht dieſe Weite der Seele immer wieder Los⸗ löſung von dem Abgegrenzten, Zugeſchloſſenen, Individuellen: Aufbruch iſt, der Winde Schlaf, mein Teil. Ob im ſüßen Blau die Blicke weiden, Grauſam von dem Liebſten mich zu ſcheiden, Fällt der Horizont ſein Henkerbeil. Der unbaengten Räumlichkeit, der Heimloſigkeit, erſcheint, als Entſprechendes die Zeitloſigkeit: Was man mit der Seele liebt, Liebe und Tod— nirgend ſo erſchüttern zeilen des Kreiſes vom Tode und vom Leben,„Das Lazarett“; Erotik zur eimlofgkest in gei er Stär ſeines Schaffens geſtaltet wie Ar flieht man in ruheloſer Wanderſchaft. Nur er, deſſen Herzens⸗ faſern im innerſten Grunde mit allen und allen verwurzelt ſind, kann grenzenloſe Verlaſſenheit erfühlen: Eine einſame Kerze, brennt Mein Herz in ſturmzerbrochener Laterne. Aber nicht um das Negative der Erfüllung, um das nur Poſitive des Beginns, dem kein Ziel winkt, handelt es ſich, wie Herm. Heſſes Gedicht„Auf einer Reiſe“ es ausſpricht: Mir iſt beſſer zu ſuchen und nie zu finden, Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden, Denn auch im Glücke kann ich auf Erden Doch nur ein Gaſt und niemals ein Bürger werden. Vielmehr widerſpiegelt das Werk A. T. Wegners ſein Suchen und Finden, ſein ganzheiterfülltes Haben, das dem großen Heim⸗ loſen allerdings zugleich hungrigſte Sehnſucht bedeutet. Und dieſe wiederum iſt nicht, wie bei Wolf Whitman, Reaktion auf das „gleichmäßige, unerträgliche Land, die ermüdende Gleichheit der Straßen, der Vürgerſteige und Häuſer“, ſondern hier iſt ſie erſter Urſprung, Quell der Geſundheit. Daher auch ſtellt ſich dieſes Heimloſen kosmiſche Beziehung im ſchlichten Gewande der natür⸗ lichen Beziehung dar: Nun taucht zur Flut der Wald ſein Witwenhaar, Und wäſcht im Mond das Herz der Tränen aus. Von ſeinen Zweigen rauchen wunderbar Die Düfte bis an mein verlornes Haus. Wie im letzten Grunde nächſte zerührung beſteht zwiſchen als in den Schluß⸗ ein Buch, das A. T. Wegner im Oktober 1914 in Polen ſchrieb für Käthe Kollwitz—, ſo auch zwiſchen Heimloſigkeit und Liebe, und kein anderer hat deeſe tiefſte Beujchung die Beziehung der e zum Brennpunkte min T. Wegner. Dr. Hanna Meuter(Köln]. mit den Skiern, obwohl ich Gefahr laufe, an irgendeiner Stelle, unter der die Strömung durchgeht, einzubrechen. Und nun renne ich wie beſeſſen mit den geſchulterten Skiern, renne, als wäre hinter mir die Hölle losgelaſſen.. Aus weiter Ferne höre ich die Eskimos nach mir rufen. Sie eulen und ſchreien; und ich laufe wie noch nie in meinem ganzen eben. Das Schneegeſtöber umwirbelt mich, vom Sturm gepeitſcht, ſo dicht, daß ich faſt nichts mehr ſehe. Ich halte die Richtung nach den Rufen meiner Gefährten. Plötzlich bin ich mit dem einen Bein in einer Wake, aber unter dem andern trägt das Eis; ich komme wieder hoch, weiter! Jetzt höre ich die Stimmen der Eskimos deutlicher, und endlich hehe ich ſie auch vor mir. Sie ſtehen hoch über mir auf der Eis⸗ kruſte am Strand, rufen, winken und gebärden ſich wie verrückt. Es ſieht aus, als ob ſie mitſamt dem Strandeis in raſender Ge⸗ ſchwindigkeit ſlordaufwärts glitten Da begreife ich: in wilder Fahrt treibe ich mit dem jungen Eis den Fjord hinab und dem Meere zu. Dicht zu meiner Linken iſt ein Zipfel offenen Waſſers ſſiichtbar. Er nähert ſich, wächſt und wächſt. Einen Augenblick verliere ich die Faſſung, dann aber ändere ich die Richt ung und renne nun halb fjordaufwärts, halb dem Ufer und dem Strandeis zu. Die Eskimos laufen mir längs der Eiskruſte entgegen, alſo in⸗ der Richtung, nach der ich mit dem Eis abgetrieben werde, und werfen mir von oben eine lange Harpunenleine zu. Gerade, da ich im Vorübertreiben das Ende faſſen kann. Schnell ſchlinge i ſie um das Handgelenk und halte ſie feſt wie im Schraubſtock Die Eskimos ſtemmen ſich mit den Füßen gegen den Rand der Eis⸗ kruſte und Fiohen mich auf Ufereis im gleichen Augenblick, in dem das offene Waſſer mir ſchon die Sohlen leckt.„Allianai!“(Was bin ich froh!) rufen ſie, während ich über die viele Meter Phe Bruch⸗ 1 ſtelle des Ufereiſes hinaufklettere.„Allianaikonni!“ Einen noch ſtärkeren Ausdruck der Freude kennt die Eskimoſprache nicht.„Wir hatten ſolche Angſt, du würdeſt es nicht mehr ſchaffen!“ Mir ſelbſt bleibt fürs erſte die Sprache weg. Ich pruſte und keuche wie eine alte Dampfmaſchine. Die Schlagadern an den Schläfen hämmern, als wäre da drinnen eine ganze Kupfer⸗ ſchmiede in Betrieb. Als ich längſt feſten Boden unter mir habe, meine ich immer noch, der Satan ſei mir auf den Ferſen. Ich ſehe hinter mich— offenes Waſſer und jähe Strömung, wo ich ſoeben noch wie von einer Meute gehetzt übers Eis rannte. Das war ein richtiger Wettlauf mit dem Tod. Noch ein paar Sekunden ſpäter, und ich wäre auf Nimmerwiederſehen hinaus ins Meer getrieben. Pioniere der Funktechnik Ernſt Frederik Werner Alexanderſon . Der Schwede Alexanderſon iſſt heute einer der erſten Funktechniker Amerikas. Ganz abgeſehen von ſeinen hervorragen⸗ den Leiſtungen, die er im Dienſte der amerikaniſchen Induſtrie auf dem Gebiete des Funkweſens vollbrachte, drückt ſich das auch äußerlich dadurch aus, daß er der erſte Ingenieur der„Radio⸗ Corporation of America“ und Präſident des„Inſtitute ob Radio⸗ Engineers“ iſt. 3 Alexanderſons Name wurde zuerſt durch die Arbeiten, die er zuſammen mit Feſſenden zur Schaffung von Hochfrequenz⸗ maſchinen ausführte, außerhalb der engeren Fachkreiſe bekannt. Die Maſchine von Feſſenden lieferte bei 333 Umdrehungen in der Sekunde einen Wechſelſtrom von 100 000 Perioden. Alexunderſon vervollkommnete die Maſchine Feſſendens weſentlich. Vor allem ſetzte er die Drehzahl des Ankers ganz erheblich herab, da er ſich alsbald mit 25 000 Perioden begnügte. Man hatte inzwiſchen die Erfahrung gemacht, daß man auch mit größeren Wellenlängen ſehr gute Ergebniſſe erzielen konnte. Alexanderſons Maſchine, die ſonſt grundſätzlich der von Feſſenden gleicht, iſt dadurch weſentlich betriebsſicherer geworden Die hohen Umlaufzahlen der Maſchine werden allerdings auch jetzt noch, durch die Einſchaltung von Zahnradgetrieben erreicht. Die Alexan⸗ derſon⸗Maſchine, die einen regelmäßigen, nach der Sinuskurve verlaufenden Wechſelſtrom liefert, wird heute in Amerika viel für größere Leiſtungen, meiſt 200 Kilowatt, verwendet. Ihr Haupt⸗ vorzug iſt, daß ſie ihre Schwingungen ohne Verluſt direkt in die Antenne ſchickt. In Frankreich erzeugt die„Compagnie Générale Radioslectrique“ eine ähnliche Maſchine, die von dem franzöſiſchen Ingenieur Latour durchkonſtruiert wurde. Ihm gelang es, die als Übelſtand empfundenen hohen Umlaufziffern dadurch noch weiter herabzuſetzen, daß er am rotierenden Teil dreimal ſo viel Pole anbrachte wie am feſtſtehenden Teil der Maſchine. Alexanderſons Tätigkeit auf dem Gebiete der Funktechnik iſt mit dem Bau von leiſtungsfähigen Hochfrequenzmaſchinen keines⸗ wegs erſchöpft. Eines ſeiner weiteren Verdienſte iſt, daß er auch Eiſen zum Bau von Hochfrequenzgeräten verwandte, eine Tat, die niemand vor ihm gewagt hatte, da man die magnetiſchen Eigen⸗ ſchaften dieſes Werkſtoffes fürchtete. Als leitender Ingenieur der prohen„General Electric Compagnie“ konſtruierte er u. a. Hoch⸗ requenztransformatoren für Leiſtungen bis zu 200 Kilowatt. Er ſchuf die Erdungsanlag: der amerikaniſchen Großfunkſtelle New⸗ runswick, Der Antennenwiderſtand dieſer Station betrug wie bei der von Feſſenden, * 3 Ohm. Alexanderſon verminderte dieſen Widerſtand etwa um das Zwölffache, indem er in regelmäßigen Abſtänden eine große Zahl von Drähten in die Erde verlegte und ſo der Antenne ein Gegen⸗ gewicht ſchuf, das äußerſt wirkſam wurde. Außer dieſen Arbeiten beſchäftigte er ſich auch mit der Verbeſſerung der Empfangstechnik, mit der Mehrfachtelephonie und zahlreichen Einzelfragen, die hier aufäuzählen zu weit führen würde.— Alexanderſon wurde am 25. Janaur 1878 in der altehr⸗ würdigen ſchwediſchen Univerſitätsſtadt U palg geboren. Er ſtu⸗ dierte an der ſüdſchwediſchen Univerſität Lund, beſuchte dann die Techniſche Hochſchule in Stockholm und vollendete ſeine Studien in Berlin. Im Jahre 1901 finden wir ihn bei der S.& O. Electric⸗Compagnie“ in den Vereinigten Staaten. Aber ſchon im nächſten Jahre trat er zur„General Electric“ über, der er bis zum heutigen Tage als einer ihrer erſten Ingenieure an⸗ gehört. Der Sohn Schwedens hatte in Amerika ein ausgedehntes Tätigkeitsfeld und damit eine neue Heimat gefunden. W. M. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuler, Fragtfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29: wohin auch alle Zu⸗ chriften und Löfungen zu ſenden ſind. Aufgabe Nr. 94 G. Buchmann, Neukölln Turnier des Berliner Arbeiter⸗Schachklubs 1. und 2. Preis geteilt 5. S 2 5 ☛ — Scc X hn X +½ be. N S Wee 3 7. 5, Gh 27 H e 2 S 1 . H z Gh ch, Shc N X X IW X XN X I Matt in drei Zügen Enoͤſpielſtudie Nr. 44 A. Troitzky, Petersburg Stellung: Weiß: Kg 2, L a 2, B b 5, h 2(4); Schwarz: Kh5, Lo2, B d 5, h 6(4). Weiß zieht und gewinnt. Löſung: I. b5— b6I Lc2— e4+; 2. Kg 2— g 3, d 5 — d4, 3. h 3— h4, Kh5— gé, 4. L a2— b1I und gew. 1. L d5 ſcheitert an L. d 3; 2. b 6L a6, 3. a 7I.% a7 und Weiß kann nicht gewinnen, da der Läufer das Feld h 8 nicht beherrſcht. Ortsgruppen im Frankfurter Bezirk: fe nbach,„Zum Hohenſtein“, Donnerstags. enbach, Reſtauration Koſtner. Dienstags. nau, Gewerkſchaftshaus, Mittwochs und Samstags. chenheim„Anker“, Freitags. ſchofsheim.„Kaiſer Friedrich“. Mittwochs. nhauſenb. Fr., Greb, Mittwochs. mſtadt, Gewerkſchaftshaus, Donnerstags. esheim„Zum kühlen Grund“, Samstags. d.„Rheingauer Hof“, Donnerstags. öchſt.„Zur Roſenau“, Dienstags und Freitags. ſſenheim, Volkshaus, Mittwochs. iſenau, bei Michael, Samstags. öchſtadt,„Adler“ Mittwochs. rſel,„Zur deutſchen Eiche“, Samstags. G◻ —0 ₰ r i e ₰ 84—Vß—ℳ 8SSA SGSSS Ca ‿ e 15 r u A K●☛— nburg„Harmonie“ Montags. e euznach,„Schillingshof“, Montags und Freitags: Mörfelden.„Roſengarten“, Freitags. ſt erbach,„Bobbeſchänkelche“:. n⸗Krotzenburg,„Zum deutſchen Haus“ Mittwochs. Mainz,„Parkuseck“ Samstags. NRaunheim,„Zum Taunus“, Hintergaſſe, Montags. Unterliederbach,„Alleehaus“, Donnerstags; ferner in Wiesbaden. Frankfurt. Babenhauſen und Bieber. SSSSSe — 0 8— Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. Fjsleresfen 2 E 8 2 4 2 8 3 * 8 85 8 — ee gorhhens n 685 Dr 77 2 G. 8 88 2 2 I«* 21 3 3— 2 WV, X, A 1.EALe § as macht den eigentlichen Unterſchied der bürgerlichen und proletariſchen Politik aus: die erſtere ſpricht fortwährend von llgemein⸗ ntereſſen, will aber den Staat nur ihrem Sonderintereſſe dienſtbar machen und kann auch gar nichts anderes, Es gehört zum Weſen der bürgerlichen Politik, die Worte von Bolkswohl und Volksfreiheit zu bloſzen Phraſen und Verhüllungen von partiellen Herrſchafts⸗ intereſſen zu machen. Die proletariſche Politik dagegen ſpricht prinzipiell nur von Klaſſenintereſſen, ſie will das Intereſſe der Beſitzloſen und Kus⸗ gebeuteten zur Herrſchaft bringen, aber nur damit Beſitzloſigkeit und AKusbeutung überhaupt verſchwinden. Während alſo die proletariſche Polltik nur für Sonderintereſſen des Proletariats zu wirken ſcheint, vertritt ſie in dOer Tat— und ſie allein— Allgemeinintereſſen. Denn ſie will den Staat nur erobern, um an ſeine Stelle eine ſolidariſche Geſellſchaft zu ſetzen, eine Geſellſchaft, in der die Laſten der Gemelnſchaft auf alle gleichmäſzig ver⸗ teilt werden, aber auch der Genuſz der geſellſchaftlichen Kultur allen gleichmäſzig zuteil werden wird. May Adler. ————— Anſere Aufgabe Ein Wort zur Gaukonferenz der Jungſozialiſten Kd. Nach den neueſten Beſchlüſſen des Reichsausſchuſſes der Jungſoßtaliſten und des Parteivorſtandes in Berlin hören die Jungſozialiſten endgültig auf, eine ſelbſtändige Or⸗ ganiſation innerhalb der Geſamtpartei darzuſtellen. Wären wir bisher überhaupt eine ſelbſtändige Organiſation geweſen, hätten wir nicht ſtillſchweigend und ohne Diskuſſion dieſen Be⸗ ij ſchluß entgegengenommen. Unſer gleichgültiges Verhalten gegen⸗ über der innerorganiſatoriſchen Veränderung beweiſt nicht etwa unſere Müdigkeit, ſendern nur die ſchon alte Tatſache, daß wir uns keineswegs als ſelbſtändige Organiſation innerhalb einer Organiſation fühlten. Dieſe irrtümliche Auffaſſung, die in die Partei durch einige der Jugend und den Jungſozialiſten fern⸗ ſtehenden Genoſſen hineingetragen wurde, führte auch zu ſelt⸗ ſamſten Vorſtellungen über das Weſen und über die Ziele der Jungſozialiſten. „Wenn wir eine Gaukonferenz der Jungſozia⸗ liſten abhalten und über einige innerorganiſatoriſchen Fragen ſprechen wollen, dann darf von den älteren Parteigenoſſen eine derartige Konferenz nicht als überflüſſig und gar ſchädlich be⸗ zeichnet werden, ſondern unſere älteren Parteigenoſſen ſollten einmal darüber nachdenken, warum die Jungen in der Partei ſich enger zuſammenſchließen wollen, und warum ſie für Whren Zu⸗ ſammenſchluß gerade die Form der jungſozialiſtiſchen Gemeinſchaften gewählt haben. Denn die Jungſozialiſten⸗ gruppen ſind nicht aus einer organiſatoriſchen Spielerei heraus entſtanden, ſondern aus dem Willen heraus, als Jun geſelb⸗ ſtändig mitzugeſtalten an dem Werk des politiſchen und ſozialen Aufbaus. Lag es allein an den Jungen, daß ſie dieſe Aufgabe nicht er⸗ füllen konnten? Frage erzwingt Antwort: Haben alle verant⸗ wortlichen Kräfte an der geſtaltenden Arbeit ihr Ziel erreicht und verwirklicht? Keine Schuldfrage ſoll aufgerollt werden, und kein Vorwurf der Jungen gegen die Alten erhoben werden, denn wird die Frage an uns gerichtet, was wir in den letzten Jahren Poſitives geleiſtet haben, dann verſchweigen wir ver⸗ ſchämt die Antwort. „Begeiſtert war unſer Anſturm auf die neuen Aufgaben der jungen Generation, und wir fühlten uns innerlich beglückt durch die Selbſtauferlegung einer Aufgabe, aber raſchen Laufs erreicht man kein Ziel, wenn der Zielpunkt in weiter Ferne liegt. Wenn wir heute bei ehrlicher Betrachtung eine Bilanz ziehen und uns fragen, welche Wirkung wir als Jungſozialiſten ausgeſtrahlt haben, dann ſollen wir den Mut aufbringen zur ehrlichen Bekennung: gering war unſer Erfolg. Und hier kommen wir wieder zu unſerer Ausgangs⸗ betrachtung. Nicht als ſelbſtändige Organiſation haben wir die Jahre hin verſucht, nach außen oder nach innen zu wirken, Ein⸗ fluß zu gewinnen, oder die Partei in ihren Entſchlüſſen zu be⸗ einfluſſen, obwohl gerade hier eine ſehr dankbare Aufgabe ſür eine politiſch außerordentlich regſame junge Generation in der Partei wäre, ſondern wir haben uns immer als beſcheidene Gruppe zurückgehalten, und nur eine etwas weiter⸗ reichende Erziehungsaufgabe innerhalb der prole⸗ tariſchen Jugendbewegung geleiſtet.... Die Jungſozialiſtenbewegung hat ſich jetzt ſelbſt ihr Urteil geſprochen: der Reichsausſchuß der Jungſozialiſten iſt ein An⸗ hängſel des Reichsausſchuſſes für ſozialiſtiſche Bildungsarbeit geworden. Nun haben wir die endgültige Charakteri⸗ ſierung der Jungſozialiſten als ausgeſprochene Bildungsgemeinſchaft. Hatten wir vorher immer noch in dem Ludergeruch einer ſelbſtändigen und gar vielleicht Politik treibenden Jungſosialiſten„organiſation“ geſtanden, ſo ſind wie jetzt durch die übernahme vollkommen entmündigt worden. Sollen wir dieſer Entmündigung eine Träne nachweinen? Wenn wir eine aktive und wirkliche Politik treibende Jungſozialiſtenorganiſation geweſen wären, wenn wir die Partei in ihren politiſchen Entſchlüſſen beeinflußt, und wenn wir eine derartige geiſtige Bedeutung innerhalb der Geſamtpartei— hätten, dann wäre ein ſtür⸗ miſcher Proteſt der Jungſozialiſten gegen dieſe„Entmündigung“ los gegangen, es wäre in der Partei zur inneren Revolu⸗ tionierung gekommen. Aber tröſtet euch, liebe älteren Partei⸗ genoſſen, ſo gefährlich waren niemals die Jungſozialiſten geweſen, ihnen fehlte nicht nur der Wille, ſondern weit ſchlimmer, ihnen ſohtt⸗ die klare geiſtige Haltung. Und nun, wo ſich langſam eine ſolche geiſtige Entwicklung herausentwickeln will, iſt es zu ſpät. Schon ſind wir ein Glied des Reichsausſchuſſes für ſozialiſtiſche Bildungsarbeit geworden, und unſere Aufgabe wird zukünftig darin beſtehen, die Bildungsinſtruktionen des Reichsausſchuſſes zu empfangen und in unſeren Gruppen durch⸗ zuführen. Ob man unſere ſcheinbar ſelbſtändigen Gruppen auch noch auflöſen wird, das iſt noch keine Frage der unmittelbaren Gegenwart, ſondern eine Frage des geeignetſten Zeit⸗ punktes. Alſo warten wir noch auf die Vollſtreckung des Todesurteils! Eine Bewegung, die aus ſich heraus keine Initiative beſitzt, die mit keiner Idee und mit keinem Gedanken die Geſamtpartei beeinfluſſen und beſtimmen kann, verdient auch. keinen ſchöneren Tod!... Grotesk hören ſich eigentlich dieſe Worte in einem Be⸗ grüßungsartikel an da wir aber ehrlich ſein und nicht immer die abgegriffenen Phraſen, ſondern ganz nüchtern den geiſtigen Beſtand unſerer Jungſozialiſtenbewegung aufnehmen wollen, des⸗ halb wollen wir auch mit einer ſachlichen Betrachtung unſere Konferenz eröffnen, keine Selbſtbeweihräucherung treiben, ſondern ſehen, was iſt, und nun Aufgaben formulieren, die wir im Rahmen der Geſamtpartei leiſten können. um unſete Exiſtenzberechtigung zu beweiſen... Ohne euig Ha nen wollen wir einmal feſtſtellen, welche Aufgabe uns eigentlich verblieben iſt. überheblich wäre es, zu ſagen, daß wir andere Aufgaben hätten wie die Partei und die Erwerſſchaften. Man ſoll uns nicht mit der Phraſe kommen, daß wir allein die ſittliche Erziehung zu leiſten hätten, oder gar ſchon leiſten, denn der vielaerühmte ſozialiſtiſche Menſch iſt noch nicht aus der jungſozialiſtiſchen Bewegung auferſtanden, und er wird auch ſo bald ſeine Auferſtehung nicht feiern. Was bleibt dann noch übrig, um überhaupt lebensberechtigt zu ſein, und um eine Gaukonferenz abzuhalten? Eigentlich eine ſehr banale Tat⸗ ſache bleibt noch zu erwähnen übrig... Tun wir uns deshalb aber nicht wichtig, und unterſchätzen wir ſie auch nicht. Jetzt kommt eine bittere Feſtſtellung für unſere älteren Parteigenoſſen und ein kleines Lob für unſere Jungſozialiſten. Wo findet man den ehrlichen WMillen zur theoretiſchen Arbheit innerhalb der ſozialiſtiſchen Arbeiterbewegung? Gewiß, auch in unſerer Partei und in den Gewerkſchaften und ſonſtigen Organiſationen wird theoretiſiert“⸗ vielleicht ſogar noch beſſer wie bei den Jungſozialiſten, aber daß in den Jungſozialiſten der ehrlichſte Wille zur geiſtigen An⸗ eignung des wiſſenſchaftlichen Sozialismus, daß auch hier noch die größte Hochachtung vor dem geiſtigen Werk unſerer Altmeiſter vorhanden iſt, kann nicht geleugnet werden, wenn auch ſonſt vieles faul im Staate Dänemark ſein ſollte. Es kommt nur auf die verhältnismäßige Feſtſtellung an, denn daß in der Partei mehr geiſtig Intereſſierte ſind, wie bei den Jung⸗ ſozialiſten, iſt entſprechend der Größe der Partei einleuchtend, aber es gibt nicht in der Partei eine geſchloſſene Gruppe von Genoſſen, die ſich freudig hingibt an die geiſtige Arbeit, dieſe Gruppe ſtellt aber die gar keine Orgeniſation ſein wollende Jungſozialiſtenbewegung dar. Das iſt das Poſitive ihres Seins. Wäre die Bewegung größer, würde man dieſen Ein⸗ fluß mit den Jahren ſpüren, denn leider muß geſagt werden, daß die geiſtige Arbeit am wiſſenſchaftlichen Sozialismus von vielen unſerer älteren und tätigen Genoſſen mehr wie vernachläſſigt wird, und daß ſogar eine unberechtigte Nicht⸗ achtung der theoretiſchen Arbeit gegenüber der praktiſchen Arbeit vorhanden iſt, ſo daß hier ein Entgegenarbeiten notwendig wird. Die Jungſozialiſten wollen dieſe Arbeit leiſten, ob ſie dieſelbe im Intereſſe der Ge⸗ ſamtbewegung leiſten können, das ſoll ſich ſpäter zeigen, wenn über dieſe Arbeit Jahre vergangen ſind und Reſultate vorliegen. Es iſt nur dieſe eine Seite unſerer Aufgaben ſkizziert worden. Wenn die Jungſozialiſten des Gaues Heſſen am Samstag und Sonntag im Jugendheim zuſammenkommen, dann werden zwei hochwichtige Referate davon Zeugnis ablegen, daß der Wille zur geiſtigen Belebung und Neu⸗ orientierung in den Jungſozialiſten lebendig iſt, und daß ſie ſich gerne als die Apoſtel des ſozialiſtiſchen Geiſtes und der ſozialiſtiſchen Idee fühlen, nicht mehr und nicht weniger ſein wollen, als die lauteſten Rufer im Streite um geiſtige Neuorientierung und für den Marxismus. Das ſoll unſer Ziel ſein und dahin ſoll unſer Weg führen. Noch ſind wir nicht dieſe Rufer, aber wir wollen und müſſen die Rufer werden, darum unſere Gleichgültigkeit gegenüber untergeordneten organiſatoriſchen Fragen, und unſer lebhaftes Intereſſe an der geiſtigen Durchdringung der Bewegung. An dieſen zu leiſtenden Aufgaben gibt ſich die Jungſozialiſtenbewegung ſelbſt ihre Exiſtenzberechtigung. und ſcheitert ſie an dieſer Aufgabe. dann darf ſie keine Stunde länger exiſtieren. Das Programm des Jungſozialismus Von Fritz Lewy Iſt die Entſtehung einer proletariſchen Jugendbewegung Zeichen einer muſt des politiſchen Bewußlſeins und der ſoziag⸗ liſt ſchen Bewegung? An ſich iſt jede Jugendbewegung ein Stück geſellſchaftlichen Befreiungskampfes für die Selbſtändigkeit der Jugend. Zunehnende Gegenſätze zwiſchen Jugend und Alter weiſen aber auf die tatſächliche beſtehende Kriſe hin. Man wird deren Vorhandenſein bejahen müſſen, ohne doch zugleich die bürgerliche und proletariſche Kriſe vergleichen zu dürfen. In einer Zeit, die im ganzen Abendlande die Unmöglichkeit der kapitaliſtiſchen Ord⸗ nung ſo handgreiflich zeigt, daß ſelbſt der engliſche Arbeiter, der bisher ein Monopol der hohen Lebenshaltung zu haben ſchien, die Geduld verliert, wo der Kapitalismus in Aſien und Afrika ſeine letzten Reſervearmeen— und in ihnen ſeine eigenen Toten⸗ gräber— formiert, in einer ſolchen Zeit kann keine Rede von einer Kriſe des internationalen Sozialismus ſein. Anders jedoch, wenn wir die Verhältniſſe in unſerer engeren Heimat betrachten. Wohl wird auch hier— im Zuſarnmenhang mit dem weltgeſchichtlichen Aufſtieg der Arbeiterklaſſe aller Länder — die ſozialiſtiſche Bewegung ihren Fortgang nehmen. Wir finden aber das deutſche Proletariat in einer heftigen Kriſe. Die Enttäuſchungen des Krieges und der Revolution ſind nicht ohne Folgen vorübergegangen; ſie haben hinterlaſſen: Mißtrauen, Zweifel und Erſtarrung. Die Generation, die dereinſt in gläu⸗ biger Jugendkraft die Fundamente gelegt hatte für einen Bau, der ſie noch wohnlich aufnehmen ſollte, ſieht ihr Ziel, das End⸗ ziel, noch in weiter Ferne, ja ſcheinbar weiter denn je. An die Stelle des einſtmals den Klaſſenkampf tragenden Endziels tritt die langſane Entwicklung, die die Machtpoſitionen der Arbeiter⸗ ſchaft in Staat und Wirtſchaft ſo verſtärken und ausbauen ſoll, bis der Kapitalismus von innen heraus ausgehöhlt und auf⸗ gezehrt worden iſt. Der bloße Glaube an„die Entwicklung“ iſt darum ſo gefährlich, weil er den geſellſchaftlichen Fortſchritt trennt von dem Bewußtſein und Willen, von dem Klaſſenkampf einer revolutionären Klaſſe. Nur ſolange gibt es in der Geſchichte Entwicklung und Fortſchritt, als in ihr Menſchen wirken, wirken mit der Begeiſterungskraft des Glaubens und Tatkraft des Willens. Wer nicht mehr an eine beſſere und ſchönere Geſellſchafts⸗ ordnung glaubt und nicht zugleich auch die Feſſeln der Knecht⸗ ſchaft und unmenſchlichen Entehrung der kavitaliſtiſchen Aus⸗ beutung ſelbſt noch ſprengen will, wer nicht„nit allem Willen ſich aus einem Knechte, der mit Abfällen vom Tiſche der Bourgeoi⸗ ſie zufrieden iſt, zum Herrn machen will, der iſt kein Revolutio⸗ när, kein Träger des geſellſchaftlichen Fortſchritts. Alle Jugend iſt unbedingt: Die menſchliche Fähigkeit zum folgerichtigen Denken iſt noch nicht bedrängt und abgelenkt durch die vielerlei Rückſichten und Intereſſen des Berufes und der Um⸗ gebung. Der Mut und die Kraft des jungen Menſchen ſind noch nicht verdorben und aufgerieben durch das ermüdende Gleichenaß der Organiſation, der Blick noch nicht eingeengt durch die Inter⸗ eſſen des Augenblicks. Das iſt der Radikalismus der Jugend, der ewig neue Gegenſatz von Vater und Sohn. Jedoch kann der Gegenſatz von Jugend und Alter nicht ſtärker ſein als die Bindung beider in der Klaſſengemeinſchaft und deren politiſchen Vertretung, der Partei. Daß auf der Seite der älteren Generation oft nicht dem Eigenleben und Eigenwert der Jugend Rechnung getragen wird, darf auf der Gegenſeite nicht zu einer grundſätzlichen Kampfeinſtellung führen. Vor allem aber werden die verantwortlichen Führer der Partei einſehen müſſen, daß die Partei die Jugend nur an ſich feſſeln wird, wenn ſie ihrer Ein⸗ ſtellung und ihren Bedürfniſſen Rechnung trägt. Wenn eine ſozta⸗ liſtiſche Partei mehr als Wahlverein, wenn ſie die Organiſation der Klaſſe, ein Stück der Zukunftsgeſellſchaft in der Gegenwart ſchon ſein ſoll, wenn ſie aber auch die Schlagfertigkeit einer Armee haben ſoll, die zu anderen noch berufen iſt als zum Gefechte der bedruckten Stimmzettel, dann kann ſie auf die Jugend nicht ver⸗ zichten, dann wird ſie aber auch das Schwergewicht ihrer Agita⸗ tion wieder von außen nach innen verlegen müſſen; nicht nur die Wählerzahl, ſondern vor allem die Mitgliederzahl iſt Ausdruck der Stärke einer proletariſchen Partei. Dem jungen Sozialiſten, der wiſſend in der Gegenwart ſteht, erwachſen aus dieſer Sachlage Pllichten und Verantwortung. Er darf ſich nicht in unzähligen Einzelaufgaben verzetteln: weder Stenographie noch Abſtinenz führen zum Sozialismus. Er hat die Pflicht, die rote Fahne der Revolution hochzuhalten, den An⸗ ſchluß zu gewinnen an die große Tradition der proletariſchen Kampfbataillone. Die geſchichtliche Überlieferung lebendig zu er⸗ halten und zu bewahren, ſich mit ihren Geiſte und Willen ganz zu erfüllen, den Glauben an die idealen Aufgaben der proletariſchen Revolution in den Maſſen des arbeitenden Volkes zu entzünden, das Wiſſen der marxiſtiſchen Erkenntnis zu pflegen und ſchließlich die Verwirklichung des Ideals und des Wiſſens in der Praxis, in der Tat: das iſt das Programm des Jungſozialismus. Dies Pro⸗ gramm iſt nicht neu und widerſpricht nicht einem offiziellen Pro⸗ gramen. Es iſt nicht ſo ſehr eine Ergänzung des Parteiprogramms, als ſeine Durchdringung mit dem Geiſte der Leidenſchaft der Jugend. Dieſe Leidenſchaft zu wecken und wachzuhalten, iſt die dringende Forderung, die ſich aus der gegenwärtigen Situation ergibt. Wie unſere Sache die der ganzen Menſchheit iſt, ſo fordert auch die Menſchheit den Einſatz unſerer ganzen Perſönlichkeit. „Sie ſind in der glücklichen Lage“, ſagte Laſſalle einmal den Ar⸗ beitern,„daß dasienige, was Ihr wahres perſönliches Intereſſe bildet, zuſammenfällt mit dem zuckenden Pulsſchlag der Ge⸗ ſchichte, mit den treibenden Lebensprinz’p der ſittlichen Entwick⸗ lung. Sie können daher ſich der geſchichtlichen Entwicklung mit perſönlicher Leidenſchaft hingeben und gewiß ſein, daß Sie um ſo küticher daſtehen, je glühender und verzehrender dieſe Leiden⸗ ſchaft iſt.“ Probleme der ſozialiſtiſchen Kultur Von Fritz Schmidt Nicht nur von materiellen Dingen iſt die Rede, wenn wir von Künftigem ſprechen. Es geht um die Geſtaltung des geſell⸗ ſchaftlichen Lebensganzen, um die Kultur. Unter Kultur begreifen wir all das, was menſchlicher Geſtaltungswille, aus ſeinem urſprünglichen Naturzuſtand heraushebend, einer zweck⸗ ſetzenden Veränderung unterwarf. Der umgegrabene Acker iſt ein Stück„Kultur“. Alle politiſchen und ſozialen Gebilde, alle Schöpfungen menſchlichen Geiſtes„ſind Kultur“. Die verſchiedenen Erſcheinungsformen einer Kultur ſtehen untereinander in Beziehung. In ihnen wirkt ſich jeweils das gleiche geſellſchaftliche Lebensprinzip aus. Grundlegend ſind jedoch die Produktionsverhältniſſe. Verändern ſie ſich, ſo erfährt auch das Geiſtesleben eine entſprechende Korrektur. Der„geſellſchaft⸗ liche Lebensſtil“ ändert ſich dann. Der innere Zuſammenhang der verſchiedenen Kulturſphären ſei kurz angedeutet: dem unbeweglichen Charakter der Natural⸗ wirtſchaft des Mittelalters entſprach der Kollektivismus, der Glaube, daß alles Beſtehende gottgewollt und ewig ſei, ſowie die Autorität der Kirche. Unſere Epoche wird durch die kapitaliſtiſche Konkurrenz, In⸗ dividualismus, Rationalismus und Diesſeitigkeit gekennzeichnet. Iſt der Sozialismus der Antipode der gegenwärtigen Geſell⸗ ſchaft, ſo muß dies auf allen geſellſchaftlichen Lebensgebieten, nicht nur im Politiſchen und Sozialen, zum Ausdruck kommen. Das Lebensgefühl des Sozialiſten muß im Widerſpruch ſtehen zu dem des kapitaliſtiſchen Menſchen. 4 Der gegenwärtige Kulturzuſtand wird weit über die Kreiſe der Sozialiſten hinaus als ungeſund empfunden. Welt⸗ und lebensfremde Jugendbewegler möchten am liebſten der Großſtadt mit ihren Rieſenbauten und mächtigen Induſtriekaſernen den Rücken kehren, um in lebensabgeſchiedenen Siedlungen ihren Idealen nachzuleben, oder einem unfruchtbaren Myſtizismus nachzuhängen. Kriſenmomenie ſind in allen Kulturſphären anzu⸗ treffen. Einige ſeien hier aufgezählt: Das leitende Prinzip der geſellſchaftlichen Wirtſchaft iſt, be⸗ trachtet vom Standpunkt des einzelnen Kapitaliſten, die Sucht nach Profit, alſo der Egoismus. Mit Brutalität und Rückſichts⸗ loſigkeit kommt man durch. Man braucht nur genügend Ellen⸗ bogenfreiheit.„Jeder für ſich, Gott für uns alle“, ſo ungefähr lautet die Deviſe des Kapitaliſten. Was kümmert ihn die ſoziale Gemeinſchaft. Er iſt Individualiſt, trotzdem in der Praxis die Bewegungsfreiheit des Individualkapitaliſten durch die kapitali⸗ ſtiſchen Monopolbildungen bedeutend eingeſchränkt wurde. Im Zuſammenhang damit ſteht die innere Verlogenheit der kapitaliſtiſchen Geſellſchaft. Die Bourgeoiſie predigt das Chriſten⸗ tum, handelt aber nicht danach. Vaterland, Nation, Staat ſind, nach ihren offiziellen Klopffechtern zu urteilen, politiſche Weſen⸗ heiten, die dem ſittlichen Ganzen dienen, während ſie in der Praxis der Feſtigung ihrer Klaſſenherrſchaft dienen. Man könnte den gegenwärtigen Zuſtand unſerer Kultur mit dem Begriff der„Ich⸗Kultur“ umſchreiben. Der Egoismus iſt Trumpf. Man ſtrebt danach ein Eigener, eine Perſönlichkeit zu ſein. Selbſt der Stil der Häuſer läßt erkennen, wie ſehr es dem Beſitzenden darauf ankommt, gewiſſermaßen im Andersſein des eigenen Hauſes, die eigene Individualität zu betonen. Die Ge⸗ ſellſchaft iſt atomiſiert, die Bande der Gemeinſchaft ſind zer⸗ riſſen. Werdende Kräfte müſſen ſie erneut knüpfen. Die Technik iſt zum Feind des arbeitenden Menſchen ge⸗ worden. Der Arbeiter, der in dumpfer Einförmigkeit den ganzen Tag über die gleichen Handgriffe macht, iſt zum ſeelenloſen An⸗ hängſel der Maſchine geworden, ſtatt zu ihrem frohen Beherr⸗ ſcher. Der Apparat triumphiert und der Menſch unterliegt, wie es Genoſſe Nölting einmal ausdrückte. Der Sozialismus muß dieſem Krankheitsherd unſerer Kultur ein Ende machen, ſchon um dem Leben der unter dieſen Zuſtänden Leidenden wieder einen Sinn zu geben. Und er kann es. Speiſt er doch alles geſellſchaftliche Denken und Tun aus einem neuen geſellſchaftlichen Lebensprinzip. Dem Egoismus des Einzelnen ſtellt er die Solidarität der Geſellſchaft gegenüber, dem„Ich⸗ Prinzip“ das Prinzip der Gemeinſchaft, der Anarchie der Wirt⸗ ſchaft deren planmäßige Regelung. Die Technik wird wieder zur Dienerin des Menſchen. Auf ſolcher Grundlage wird ſich ein neues Menſchentum er⸗ heben. Es läßt ſich umſchreiben mit dem Begriff des ſozialiſtiſchen Menſchen. Was beſagt alſo jenes vielgebrauchte Wort vom ſozia⸗ liſtiſchen Menſchen. Wir begreifen als einen ſozialiſtiſchen Men⸗ ſchen denjenigen, der den Kapitalismus auch geiſtig überwunden hat. Er wird der Gemeinſchaft dienen in der Arbeit, ſie preiſen in der Dichtung und im Geſang, ihr Symbole ſchaffen in der Bau⸗ kunſt. Es iſt klar, in Reinkultur iſt diehes Menſchentypus noch nicht möglich. Ihn zu geſtalten, wird das Werk der Erziehung von Generationen ſein. Beginnen wir bei uns ſekbſt. Sprechen wir es offen aus, die Zahl der Klaſſengenoſſen, in deren Privatleben oftmals die ſozialiſtiſche Note fehlt, iſt er⸗ ſchreckend. Man denke an die„private Löſung der Frauenfrage und des Antiſemitismus“, oder daran, daß für viele die ſoziale Frage aufhört zu exiſtieren, ſobald ſie einen auskömmlichen Ver⸗ dienſt haben. Sie alle ſind, nach einem Wort von Engelbert Graf, verhinderte Kapitaliſten. Eine gewaltige Erziehungsarbeit iſt da noch zu leiſten. 1 3 Sozialismus muß gewollt werden. Freudige Hingabe, ernſter Wille und die Zeit, die für uns ſchafft, werden ihn geſtalten. Anſätze, die auf die Herausbildung einer kommenden ſozialen Gemeinſchaft ſchließen laſſen, ſind bereits vorhanden. Wir be⸗ jahen die Maſſe; erleben in dem Rythmus unſerer Feſte die Ge⸗ meinſchaft der im Sozialismus Verbundenen. Das iſt vorerſt Feiertags⸗ und Minderheitskultur, kann nichts anderes ſein. Bürgerliche Jugend, abſeits vom Klaſſenkampf ſtehend, ſucht Ge⸗ meinſchaft. Die Technik, trotz ihrer Schattenſeiten, erzieht im kollektiwiſtiſchen Sinne. Sie vereinigt Rieſenſcharen von Arbeitern zum gemeinſamen Werk. Täglich werden Millionen von Menſchen urch die Zeitungen in ähnliche oder gleiche Gedankenbahnen ge⸗ lenkt. Der Rundfunk vereinigt ſie im gleichen Erlebnis. Die Tech⸗ nik iſt ein wichtiger Schrittmacher auf dem Wege zur Gemein⸗ ſchaft in der Kultur. Überflüſſig zu betonen, daß der Klaſſen⸗ kampf den entſcheidenſten Faktor in dem Prozeß dieſer Um⸗ wälzung darſtellt. — Beruf und Erziehung Von Paula Lohagen über dieſes Problen iſt in der Schriftenreihe„Neue Men⸗ hhen“, von Dr. Max Adler(Wien) herausgegeben(E. Laubſche erlagsbuchhandlung G. m. b. H., Berlin) ein außerordentlich wertvolles Buch von Dr. Anna Siemſen erſchienen. In knapper Form ſollen hier die Grundzüge des Buches wiedergegeben werden. Beruf und Erziehung ſind die Probleme der heutigen Ge⸗ ſellſchaft, in denen all ihre Mängel und Schwächen, ihre Wider⸗ ſinnigkeit und Unmoralität ihren eigentlichen und offenkundigſten Ausdruck finden. Die Bourgeoiſie und ihre Vertreter ſuchen das ver⸗ gebens hinwegzutäuſchen, ſuchen ebenſo vergebens eine Löſung innerhalb der kapitaliſtiſchen Geſellſchaftsordnung. Bewußt und in ihrer letzten Bewurzelung klar erkannt, werden ſie nur im Proletariat. Hier führen ſie zur Oppoſition gegen die beſtehenden Verhältniſſe, hier entſpringen die Quellen erzieheriſcher und be⸗ ruflicher Neugeſtaltung. Ihr Weg führt weit hinaus über die Grenzen kapitaliſtiſcher Geſellſchaftsordnung in die Zukunft ſo⸗ zialiſtiſcher Gemeinſchaft. Der Menſch iſt ein Geſellſchaftsweſen. Alle Erziehung ſteht in Beziehung zur Geſellſchaft. In der primitiven Geſellſchaft nit ihrer einfachen Arbeitsteilung zwiſchen Mann und Frau iſt auch die Erziehung einfach und geſchieht unbewußt durch Gewöhnung und Vorbild. Sie wird im Laufe der geſellſchaftlichen Entwick⸗ lung immer komplizierter. Das Kind wird in ſeiner Freiheit be⸗ ſchränkt, die Individualität wird eingezwängt in den Rahmen einer in Beſitzende und Nicht⸗Beſitzende geſchichteten Geſellſchaft. Die Herausbildung von Berufen bringt die Unterweiſung des Kindes durch beruſene Perſonen, durch Lehrer und Erzieher. Mit ſtärkerem Zwange ergeben ſich ſtärkere Widerſtände: die Prügel⸗ ſtrafe, die die primitive Horde oder Sippe nicht kennt, wird Er⸗ ziehungsenittel. Der Sohn des Handwerkers wird zum Hand⸗ werker, der Sohn des Bauern zum Bauer, der Sohn des Ritters zum Ritter erzogen. Die Frau iſt ohne Einfluß in der Geſell⸗ ſchaft; ſie iſt dem Manne unterworfen. Die Religion ſtempelt dieſe menſchliche Rangordnung zu einer gottgewollten. In der Revolution des 18. Jahrhunderts ſprengte das auf⸗ kommende Bürgertum die ſtarren Bindungen der ſtändiſchen Ge⸗ ſellſchaft. Die Schranken der geſellſchaftlichen Stellung, durch die Geburt beſtinmt, fielen hinweg. Es beginnt der Aufſtieg des Einzelnen nach dem Grundſatz:„Freie Bahn dem Tüchtigen“. Die wirtſchaftlichen Wandlungen brachten naturgemäß die Forderung nach einer geſellſchaftlichen Erziehungsreform mit ſich. John Locke in England mit dem Erziehungsideal der herrſchenden, wert⸗ ſchaftlich unabhängigen, halb feudalen, halb bürgerlichen eng⸗ liſchen Gentry; Goethe(Irf.„Wilhelm Meiſter“) nit dem Idea! der freien perſönlichen Entwicklung, das ſeine Erfüllung derin ſieht, es dem Adel gleich zu tun; Wilhelm von Humboldt, der extreme Individualiſt; Peſtalozzi, der als Erſter die Verflechtung aller Erziehung mit dem Sozialen erkennt und Fichte in Deutſch⸗ land, der zugunſten der Geſellſchaft die individualiſtiſche Freihe t gänzlich opfert und darin ſeinen Gegenpol in Humboldt findet, und Rouſſeau in Frankreich, der Revolutionär, der ſeinen„Enile“ außerhalb der menſchlichen Geſellſchaft erzieht, waren ihre bedeu⸗ tendſten Theoretiker. Im 19. Jahrhundert waren die großen Erziehungsreformer mit ihren Erziehungsidealen, großmöglichſte Entfaltung der kind⸗ lichen Kräfte, vergeſſen. In immer ſchärfer werdenden Gegen⸗ ſätzen ſtanden ſich Bürgertum und Proletariat gegenüber. Die Schulen aller europäiſchen Staaten gerieten unter die Kontrolle des Staates, der gegenüber den radikalen Forderungen des Bürgertuens konſervativ wird. Die Schulen ſtanden abſeits; es fehlte jede Verbindung mit dem ſich in immer raſcherem Tempo entwickelnden wirtſchaftlichen Leben; die immer dringender wer⸗ denden Forderungen nach Berufserziehung konnte die Schule nicht erfüllen. In der Arbeiterſchaft wird das Berufsprobleen der bürger⸗ lichen Geſellſchaft am deutlichſten. Der Aufſtieg der Technik findet allergünſtigſten Boden in der kapitaliſtiſchen Wirtſchaftsweiſe. Das Arbeitstempo wird immer mehr beſchleunigt, die Kleinbe⸗ triebe werden weniger; das Schwergewicht konzentriert ſich auf die Großbetriebe. Die Kennzeichen moderner Wirtſchaft ſind ihre Kriſenhaftigkeit und ihre internationale Verflechtung; ihre Folgen: drohende Arbeitsloſigkeit. Es fehlt die unmittelbare Be⸗ ziehung zwiſchen Arbeitsleiſtung und wirtſchaftlichem Erfolg. Typiſierung, Nornaliſierung und Spezialiſierung der Arbeit machen den Beruf des Arbeiters einſeitig und mechaniſch. Von dieſem Prozeß werden in zunehmendem Maße auch Angeſtellte und Beamte betroffen. Die Geiſteskräfte werden abgeſtumpft, Ini⸗ tiative, Verantwortung und Nachdenken des Einzelnen werden ausgeſchaltet. Von der freien Entfaltung der Perſönlichkeit, dem bürgerlichen Berufsideal, kann keine Rede ſein. Es bleibt nur übrig der Lohn bzw. das Gehalt als Arbeitsantrieb. Der Beruf hat im Proletarier keine Lebenskraft, entweder er läßt die Per⸗ ſönlichkeit verkümmern, oder der Menſch rettet ſeine Perſönlich⸗ keit, indem er ſich Wirkungsmöglichkeit auf anderen Lebensge⸗ bieten ſchafft. Die kapitaliſtiſche Wirtſchaftsweiſe knüpft beien Ar⸗ beiter an niedere Triebe an. Es kommt ihm nicht darauf an, den Menſchen mit ſeiner Arbeit wachſen und verwachſen zu laſſen, es konmt ihm nicht auf die Güte des Erzeugniſſes an, ſondern darauf, daß es rentabel iſt, d. h. beim geringſten Aufwand an Kraft und Zeit den möglichſt größten Profit erzielt. Hier müßte die Aufgabe unſerer techniſchen, handwerklichen und künſtleriſchen Fachſchulen anknüpfen und die ſchöpferiſchen Triebe im Menſchen entwickeln. Die dringende Notlage der Berufswahl und Berufsausleſe zeigt das Beſtehen der Berufsämter an. Aber auch ſie mögen den Krebsſchaden der Geſellſchaft nicht zu heilen. Einerſeits ſind ſie noch ſehr reformbedürftig in der Weiſe, daß ſie aufs engſte nit Schule und Wirtſchaft zu verknüpfen wären. Das würde allerdings auch eine Umwandlung der Volksſchulen in Arbeitsſchulen zur Vorausſetzung haben, die das Kind auf die es in der Geſellſchaft erwartende Arbeit vorbereitet. Aber dieſe Beſtrebungen würden das Berufsproblem nur erleichtern, doch keineswegs löſen. Die Tatſache der kavitaliſtiſchen Wirtſchaftsweiſe, die den lebens⸗ füllenden Sinn des Berufs ausgehöhlt, ihn vom übrigen Leben iſoliert und auf eine zufällige, mit allen Unſicherheiten behaftete Erwerbsmöglichkeit herabgedrückt hat, bleibt beſteben. Die Berufszerſetzung in der Arbeiterſchaft, die Erkenntnis der entgegengeſetzten Intereſſen des Unternehmertums, die Schwäche des Einzelnen im täglichen Kampf dieſer Gegenſätze und die Gleichzeitigkeit der Intereſſen aller Lohnarbeiter führten zu einer neuen Entwicklung, zum Zuſammenſchluß der arbeitenden Klaſſe in politiſchen und wirtſchaftlichen Organiſationen. So wuchs der Arbeiter vom individuellen Beruf in die Berufs⸗ und weiter in die Klaſſenſolidarität. Die zur Löſung geſtellten Auf⸗ gaben der Arbeitszeit, der Betriebsſicherheit, der einder⸗ und Frauenarbeit uſw., führten bei der internationalen Verflechtung der Wirtſchaft zu internationalem Zuſammenhang der Arbeiter⸗ orgniſationen. Neben den Gewerkſchaften, die in die inneren Or⸗ ganiſationen der Betriebe nicht hineinreichen, bildeten ſich die Be⸗ triebsräte. Ihr Wirken wird unſo erfolgreicher ſein, je inniger ſich ihre Zuſammenarbeit mit den Gewerkſchaften geſtaltet. Das Lebenszentrum des Arbeiters liegt heute in den Organiſationen. Dieſe ſtehen vor einer neuen wichtigen und dringenden Aufgabe: der ſyſtematiſchen Klaſſen⸗ und Berufsbildung. Ihre geſchichtliche Sendung zu erfüllen, dafür ſind die Maſſen der Arbeiterklaſſe zu erziehen. Marrismus und Weltanſchauung Von Georg Heidingsfelder Der belgiſche Sozlaliſtenführer Henrik de Man bat vor kurzer Zeit unter dem Titel„Pſuchologie des Sozialismus“ ein Buch erſcheinen laſſen, das den in der Überſchrift heeſchncte Gedanken⸗ komplex einer Analyſe unterzieht und das insbeſondere das Pro⸗ blem der ſozialiſtiſchen Kultur aufrollt. Das Buch de Mans, das ſeh umkämpft iſt, gibt Veranlaſſung, auf verſchiedene Irrtürner e Mans, in die viele, insbeſondere junge Sozialiſten verſtrickt ſind, hinzuweiſen und die Grenzen der Gültigkeit der einzelnen begrifflichen Sphären aufzuzeigen.. Es werden insbeſondere immer wieder die Sphären des Er⸗ kennens und des Wollens nicht ſcharf von einander getrennt. Man ſucht mit Argumenten aus der einen die aus der anderen zu „widerlegen“ ohne zu bedenken, daß das ein Wenſa törichtes Be⸗ ginnen iſt wie der Fiſchfang mit Leimruten. So bekämpft de Man den„Marxisnus“, der als Wiſſenſchaft der Erkenntnis⸗ ſphäre angehört, mit Argumenten aus der Gefühlspſychologie, wobei er überdies die Abſicht der Einſicht ordnet. Es iſt feſtzuſtellen: Der Marxismus iſt eine Wiſſenſchaft. Mit dieſer Feſtſtellung ſind zugleich die Grenzen ſeiner Gültigkeit ge⸗ zogen und jeder Verſuch, ihn zu etwas anderem(etwa zu einer Weltanſchauung) zu machen, iſt Verſuch am untauglichen Obijekt. Der Marxismus iſt die Wiſſenſchaft vom geſellſchaftlichen Ge⸗ ſchehen, das iſt die finale, niethodiſhe Konſtatierung der objek⸗ tiven Geſetzlichkeit, die dieſes Geſchehen beherrſcht, ernittelt durch Sezierung des empiriſchen(erfahrungsmäßigen) biſtorlſchen Ma⸗ terials mit dem Meſſer, das der„Satz von Grund“(welcher be⸗ Hgt daß olles. was iſt, einen Grund hat, warum es iſt) an die Hand gibt.. Es ſtehen ſich, ſchematiſch betrachtet, gegenüber die Sphären: I II Erkennen Wollen Anſchauung Handeln Wiſſenſchaft Agitation Dialektik Ethik (Frage: Was iſt?(Frage: Was ſoll ſein?) Marxismus„Manismus“ als deren typiſche Vertreter man benennen könnte: Hegel.. Fichte Marx einerſeits, Laſſalle andererſeits Cunow de Man wobei ſich der Verfaſſer ſelbſtverſtändlich der iezulünglichteit be⸗ wußt iſt, die darin liegt, daß lebende(alſo auch wollende) Per⸗ ſönlichkeiten kurzerbhand ſtarren Begriffsſyſtenen beigeordnet werden. Politik im ſozialiſtiſchen Sinne iſt nach dem obigen Schema: bewußtes Handeln nach den Erkenntniſſen aus I. Der Marxismus zeigt der Pejaliſtiſchen Politik die Richtung, in der ſie ſich zu be⸗ wegen hat, will ſie ſozialiſtiſche Politik ſein, wobei vorausgeſetzt iſt, daß die Geſetzlichkeit, die rückſchauend ermittelt iſt, auch für die Zukunft Gültigkeit hat. Die dieſem Handeln imanente(inne⸗ wohnende) Methodik iſt eine von derienigen der erforſchenden Wiſſenſchaft gänzlich verſchiedene und kann es ſein. Eine Trans⸗ formierung(Umforung) der Methodik des Erkennens in die des Dandelne, wie ſie de Man als unmöglich aufzeigt, iſt darum über⸗ üſſig. In der marxiſtiſchen Wiſſenſchaft iſt der Menſch Obiekt. Eben⸗ ¹ in der Politik ſpoſten er nicht aktiver Politiker iſt). Im inne einer zu ſchaffenden ſozialiſtiſchen Kultur iſt der Menſch Subjekt.(Zeitſchrift„Kulturwille“). Unbeſchadet dieſer Feſt⸗ ſtellung 8. die Kultur ſelbſt dennoch, wie Kant definiert, die „Summe der objektiven Werte“, „Sezialiſtiſche Kultur iſt nur in ſoziallſtiſcher Geſellſchaft möglich.(Folgerung aus den Marxrismus!) Da dieſe nicht iſt, oder noch nicht iſt, kann vom Beſtehen einer ſozialiſtiſchen Kultur keine Rede ſein, ja ſie muß der Möglichkeit nach verneint werden. Wenn demnach von angeblich ſozialiſtiſchen Kulturwerten, die beute ſchon beſtehen ſollen, geſprochen wird, ſo iſt dieſes utobiſche Konſtruktion. Woraus ſich im Verein mit einigen ſehr wahren Worten de Mans(ſiehe unten) für Kulturbeſtrebungen inner⸗ halb der ſozialiſtiſchen Bewegung manche Schlußfolgerungen er⸗ geben, die zu ziehen wir wegen mangelnden Raumes den ein⸗ zelnen überlaſſen müſſen. Die Konfuſion auf kulturellem Gebiet, die ſich aus der Un⸗ klarheit über den Sachverhalt ergibt, wird noch übertroffen von der auf weltanſchaulichem.(Es bedarf keiner beſonderen Dar⸗ legungen, daß ſenſchaft nicht mit Weltanſchauung identifizierk werden darf.) Man blicke um ſich: Da iſt der religiöſe Sozialiſt, der von der ihm in früher Jugend inokulierten(eingepflanzten), fixen Idee des Gott⸗Jehova, der„Himnel und Erde gemacht“ hat, nicht loskommen kann; da iſt ein anderer zu den Freidenkern gegangen; dort befindet d4 ein dritter im Gefolge der pan⸗ theiſtiſchen(die Natur iſt Gott!) Moniſten Haeckelſcher Obſervanz, von der Sektiererei vieler kleiner Grüppchen ganz zu ſchweigen. Alle dieſe divergierenden Elemente ſind zwar innerhalb der ſozia⸗ liſtiſchen Bewegung vereinigt. Dennoch erſcheint uns dieſe Tren⸗ nung der Sozialiſten in weltanſchaulicher Hinſicht ein Unglück, das die größte Aufmerkſamkeit aller Parteivolitik(im weiteſten Sinn) auf weite Sicht Treibender verdient. Der Ausſpruch Jaurès:„Wenn die Sozialiſten ihr Ziel er⸗ reicht haben, werden ſie finden, daß ihre Seelen leer ſind“, ſollte allzu nüchternen Realpolitikern Warnung davor ſein, dieſen wich⸗ tigen Komplex als unweſentliche„Privatfache“ abzutun. Wozu wir uns die Annerkung geſtatten, daß die Erreichung des ſozia⸗ liſtiſchen Zieles mit„leerer Seele“ von vornherein ein Ding der Unmöglichkeit ſein dürfte. ——ÿ— Aus der Bewegung b Jedes Mitglied der Arbeiterjugendbewegung weiß, hoffent⸗ lich, daß die Redaktion der„Volksſtimme“ es abgelehnt hat, eine Beilage für die Jugend zu„machen“. So erſcheint ja auch die von der Jugend geſchriebene und mit ihrem Denken erfüllte Beilage ſchon eine geraume Zeit, ohne daß auch nur ein einziges Wort von der Redaktion hinzugefügt worden wäre. Da aber der Beilage trotz ſchönſter Anſätze noch immer das eigentliche Leben fehlt, komme ich heute doch einmal auf der letzten Spalte(ohne daß dadurch irgendein Beitrag hätte zurückgeſtellt werden müſſen) mit meiner alten Bitte an jedes einzelne Mädel, an jeden einzelen Jugendgenoſſen: Berichtet doch das eine Mal im Monat etwas aus eurer Bewegung! Seht, da habt thr doch ein kräftiges Mittel, eurer Beilage den Pulsſchlag eurer Arbeit, eurer Spiele, eurer Sorgen und Erfolge einzuhauchen, da könnt ihr eine prächtige Verbindung ſchaffen zwiſchen den einzelnen Ortsgruppen; da könnt ihr der Partei und den Draußenſtehenden beweiſen, daß wirklich Leben in eurer Be⸗ wegung iſt. Es brauchen doch wirklich keine journaliſtiſchen Groß⸗ leiſtungen zu ſein, die da ſchlicht erzählen von einer Wanderung, von einem Mitgliederzuwachs, von einem Heimabend mit einem beſonders feinen Gemeinſchaftserlebnis. Jede kleinſte Notiz ver⸗ bindet aber die Schreiberin oder den Schreiber feſter mit der Jugendbeilage nad mit dem Streben der anderen Einzelmenſchen und Ortsgruppen. Wie wollen wir, liebe Jugendgenoſſinnen und „⸗Genoſſen, den Sozialismus begreifen können, wenn wir nicht ſeine tiefſte Sehnſucht nach Erfüllung wirklicher Gemeinſchaft unter den Menſchen an uns ſelbſt auslebea? Hoffentlich erreicht dieſe ſchriftliche Bitte, was bisher meinen mündlichen Vor⸗ ſtellungen verſagt blieb. Alle Ortsgruppen und Diſtrikte ſollten doch jetzt zu meiner Bitte Stellung nehmen, dann werden ſich ſchon friſche Menſchen finden, die nicht mehr vergeſſen, für jede Jugendbeilage ein paar Zeilen über den verfloſſenen Monat oder ſonſt ein Ereignis zu ſchreiben und durch die Organiſationsleiter dem Karl Dörr in Frankfurt zu ſchicken. Das iſt gewiß nicht zu viel verlangt und(ihr werdet ſehen) wird euch Freude machen, . Alfred Dang. Die Vertriebsſtelle der Frankfurier Jugend Nach langer Unterbrechung wurde die Vertriebsſtelle für Bücher, Ausrüſtung und Kleidung der Frankfurter Arbeiterjugend in neuem Gewande im Gewerkſchaftshauſe(Stoltzeſtraße 13 II.) wieder eröffnet. Die Vertriebsſtelle im Jugendheim bleibt ſelbſt⸗ verſtändlich auch weiterhin an den bekannten Abenden für den Verkauf geöffnet. Das Hauptgeſchäft im Gewerkſchaftshaus iſt den ganzen Tag über offen. Für die Schriftleitung verantwortlich: Dr. Alfred Dang. Baruch Spinoza Geſtorben am 21. Februar 1677 Von Hans MRarckwald Zweihundertundfünfzig Jahre ſind vergangen, ſeit im Haag, der holländiſchen Hauptſtadt, ein philoſophiſcher Denker ſtard, deſſen für ſeine Zeit faſt revolutionäres Denken das Sinnen „ er Geiſter auf Jahrhunderte hinaus befruchtet hat. Einer cruhmteſten Kanzelredner der evangeliſchen Kirche aus der Hälfte des neunzehnten Jahrhundert, Friedrich riermacher, feiert Spinoza, den erſten Konfeſſionsloſen rropas, mit den begeiſterten Worten:„Opfert mir ehrerbietig e Locke den Manen des heiligen, verſtoßenen Spinoza!“ Ein zroßer Teil der Goetheſchen Dichtung wurzelt im Spinozismus, odaß Heinrich Heine ſchreiben konnte: Die Lehre des Spinoza hat ſich aus der mathematiſchen Hülle entpuppt und umflattert uns als Goetheſches Lied. Goethe ſelbſt hat uns in„Wahrheit und Dichtung“ geſchildert, wie er zur Beſchäftigung mit Spinoza und zur Bewunderung des Philoſophen gelangte. Er hatte in einem Lexikon geleſen, die atheiſtiſchen Meinungen Spinozas ſeien höchit verwerflich. Da nun dabei ſtand, daß Spinoza ein ruhig nach⸗ kenkender und ſeinen Studien obliegender Mann, ein guter Scoatsbürger, ein mitteilender Menſch geweſen ſei, ſo wurde Woethe gegen das abfällige Werturteil über Spinozas Philoſovye mißtrauiſch. Er meint, die frommen Chriſten, die ſich über Spinoza ſo ſehr entrüſten, hätten wohl das evangeliſche Wort vergeſen:„An ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen“. Zaruch Spinoza wurde am 24. November 1632 in Amſterdam geboren. Seine Eltern, urſprünglich portugieſiſche Juden, wollten ihn zum Rabbiner machen. Der Geiſt des Knaben ließ ſich aber in die Dogmen der jüdiſchen Religion nicht zwängen. Schon im Alter von 14 Jahren ſetzte er ſeine Lehrer durch Einwände gegen ihre theologiſchen Behauptungen in Verlegenheit. Als Jüngling widerlegte er die religiöſen Auffaſſungen der Chriſten und Juden ſo ſchroff, daß ein jüdiſcher Fanatiker ihn zu erdolchen ſuchte, und daß die jüdiſche Gemeinde ihn mit einem Jahresgehalt von rouſend Gulden zu beſtechen ſuchte, wenn er von Zeit zu Zeit die Synagoge beſuchen würde. Als alles nicht half, wurde Baruch im Auer von 33 Jahren aus der jüdiſchen Religionsgemeinſchaft aus⸗ geſchloſſen Ratürlich lag es ihm fern, jetzt etwa zum Chriſtentum überzutreten. Ein echter Philoſoph auch in ſeinem Privatleben, wollte er ſeiner Wiſſenſchaft ſeinen Lebensunterhalt nicht ver⸗ danken. Im Denken wollte er völlig unabhängig ſein. Tin Kurfürſt von der Pfalz bot ihm eine Profeſſur an der Univerſität Heidelberg in dem„Vertrauen“ an, Spinoza werde ſeine Freiheit nicht gegen die öffentlich feſtgeſetzte Religion anwenden. Dieſe Zumutung wies unſer Denker zurück. Er ernährte ſich durch Schleifen optiſcher Gläſer für Brillen und für wiſſenſchaftliche Zwecke. Das Einatmen des Glasſtaubes hatte die Folge, daß der gelehrte Denker im Alter von 45 Jahren ſtarb. Spinoza war Kleinbürger. Aber der erwachende Kapitalis⸗ mus der holländiſchen Bourgeoiſie ſchuf das Milieu, aus dem ſich ſeine Philoſophie erklärt. In jedem Lande, in dem die Bourgeoiſie erſt im Werden war, leitete ſie ihren Siegeszug durch eine klaſſiſche Philoſophie ein. Für einen großen Philoſophan hatte die Bourgeoiſie beſondere Anerkennung, ſolange Handel, Börſe und Induſtrie ihr noch einen recht beſchränkten Wirkungs⸗ kreis boten. Spinoza war mit dem Staatsmann Jan de Wiit ſehr befreundet. Er war Republikaner, aber kein Demokrat — wenigſtens nicht in unſerem Sinne—, wenn er auch gelegentlich ſchrieb, wenn das Volk von öffentlichen Angelegen⸗ heiten nichts verſtehe, ſo läge dies daran, daß es küaſtlich in Unwiſſenheit gehalten werde. Der Ausſchluß des Proletariats vom Wahlrecht war für ihn ſelbſtverſtändlich. Und in ſeinem ſpäteren Lebensalter lehnte er auch die politiſche Gleichberechligung. mit der Bourgeoiſie ab. Die Philoſophie Spinozas beherrſchte das Denken der Bourgeo'ſie, und das Denken der Bourgeoſſie be⸗ herrſchte die Philoſophie Spinozas. Er kämpfte für die Freiheit Ein Godſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein kleines Fl end ich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum ensdeckt ämmchen, liegt in der Bruſt, bis ihn Jean Paul der Meinungsäußerung, namentlich für Preßfreiheit und für Religionsfreiheit. Der niederländiſche Frühkapitalismus konnte das Kapital und die Arbeitskraft verfolgter Proteſtanten und Juden des Auslandes recht gut brauchen. Für den Buchhandel war die Freiheit des Geiſtes ein Geſchäft. Die holländiſchen Händler hatten kein Intereſſe daran, ſich vom Staat Beſchränkungen ihrer Religionsfreiheit aufzwingen zu laſſen. Die von der Bourgeoiſie gewählte Volksvertretung erſchien Spinoza als die wahre Repräſentantin der Geſamtheit. Die Philoſophen der Königreiche aus dem Zeitalter Spinozas hatten dem lieben Gott ſchon die Fähigkeit abgeſprochen, die Raturgeſetze durch Wunder zu durchbrechen. Wie der König Staatsgeſetze gab, ſo gab Gott nach ihrer Anſicht Naturgeſetze. Spinoza lebte in einem Lande, in dem kein König regierte. Hier gab ſich, wie er meinte, die Geſamtheit ſelbſt ihre Geſetze. Die Menſchen ſchaffen ſich faſt immer ihre Weltanſchauung nach dem Vorbilde der Geſellſchaft, in der ſie leben. In der Republik ohne König gab es auch keinen perſönlichen Gott. Wie das Parlament die Siaatsgeſetze gab, ſo war die Welt, die den Naturgeſetzen unterworfen iſt, auch der Gott, der die Naturgeſetze gibt. Spinozas Weltanſchauung iſt der Pantheismus, eben die Annahme, daß das Weltall oder die Natur Gott ſei. Mit„Denken“ und„Ausdehnung“ bezeichnet er, was man gewöhnlich als Seele und Materie zu bezeichnen pflegt. Materie und Seele ſind ihm aber nur noch Daoſeinsweiſen einer Subſtanz. Das körperliche und ſeeliſche Ge⸗ ſchehen ſind ihm zwei Seiten der einen Subſtanz. Spinozas Auffaſſung iſt alſo ganz modern. Die ſeeliſchen Erſcheinungen der Menſchen ſind Nerven⸗ und Gehirnbewegungen, wie umgekehrt Nerven⸗ und Gehirnbewegung gleichzeitig Empfindungen, Vor⸗ ſtellungen, Gedanken, Triebe, Willensregungen ſind. Die eine Subſtanz iſt nach Spinoza gleichzeitig Gott und Welt, Geſetzgeber und Untertan. Wenn Spinoza das Daſein Gottes nicht leugnete, ſondern das Weltall als Gott bezeichnete, wenn er ſogar von der Liebe zu Gott ſprach, ſo erklärt ſich dies noch aus dem Grunde, daß in ſeinem Unterbewußtſein die Furcht vor etwas Höherem lauerte. Die Bourgeoiſie hatte damals bereits große naturwiſſenſchaftliche, aber faſt gar keine geſellſchaftswiſſenſchaftlichen Kenntniſſe. Ge⸗ ſchäftliche Spekulationen konnten gelingen und mißlingen und hinter dem Walten geſellſchaftlicher Mächte, die Reichtum und Armut ſehr verſchieden verteilen, ſteckte das unerforſchte Geheimnis. Die Mathematik war die Lieblingswiſſenſchaft der Bourgeoiſie. Kompliziertes Rechnen ließ ſich für Handel und Induſtrie verwerten. So erklärt es ſich, daß Spinoza zu der Üüberzeugung gelangte, daß die Geſetze ſowohl des Seelenlebens, wie die mechaniſchen Geſetze über die Bewegung der Materie ſich nach mathematiſcher Methode darſtellen laſſen. Sogar die Ethik, die Lehre von Gut und Böſe, ſtellt er nach Art mathematiſcher Lehrſätze dar. In der Mathematik gibt es aur Flüchtigkeitsfehler. Eine richtig gelöſte mathematiſche Aufgabe läßt keinen Zweifel übrig. So hatte Spinoza ſeiner Vorliebe für Mathematik zu verdanken, daß er klar erkannte, daß alles, was geſchieht, durch ſeine Urſachen bewirkt iſt, daß nichts anders geſchehen könnte, als ks geſchieht, und daß es mithin auch keine Willensfreiheit geben ann. Riecht kapitaliſtiſch⸗bürgerlich iſt auch die Morallehre Spinozas.„Suche deinen Nutzen!“ iſt das Prinzip ſeiner Ethik. Eine ſolche Moralauffaſſung kann nur den Lebensbedingungen herrſchender Klaſſen entſpringen. Die Unterdrückten ſehen, wie ſchwer ſie zu leiden haben, wenn die Mächtigen nur ihren Vorteil ſuchen. Gewiß dachte Spinoza an den wahren Nutzen des Menſchen. Er fand ſein einzig und höchſtes Glück im Denken, in der Erkennt⸗ nis. in der Erforſchung der Wahrheit; nur was der Erweiterung des Wiſſens diente, hatte für ihn Wert. Die vielen landläufigen Tugenden, die er predigte, Gerechtigkeit, Wohlwollen, Humanität, ändern aichts an bürgerlich⸗kapitaliſtiſchem Charakter ſeiner Philoſophie. Die Kapitaliſten ſind meiſtens überzeugt, äußerſt human zu ſein und ſehr gerechte Löhne zu zahlen. In einer beſonderen Schrift, im„Theologiſch⸗philoſophiſchen Traktat“, wider⸗ legte Spinoza, entſprechend ſeinen freigeiſtigen Anſichten, die Unfehlbarkeit der Bibel. Jeder von uns kann aus der Philoſophie des großen Denkers des ſiebzehnten Jahrhuaderts viel lernen, und grah für den ſozialiſtiſchen Proletarier mögen die echt winoziſtiſchen Verſe Goethes gelten: Am Sein erhalte dich beglückt! Das Sein iſt ewig, denn Geſetze Bewahren die lebend'’gen Schätze, Aus denen ſich das All geſchmückt. Wandlung des Frauentypus Wir Sozialdemokraten wiſſen, daß die Menſchen ſich mit den Dingen ändern, und daß auch die Tradition ſich wandelt. Wir wiſſen auch, daß dieſe Wandlung im engſten Zuſammenhang mit der Wandlung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſteht. Gerade in Deutſchland aber gibt es, und zwar bis weit in linksgerichtete Kreiſe hinein, ſehr viele Menſchen, die in gewiſſen Dingen nichts von der Wandlung der Tradition wiſſen wollen. Sie ſtellen be⸗ ſonders für die Frauen mit Vorliebe den„blauäugigen, blond⸗ bezopften, ſittſamen und keuſchen Mädchentupus“ auf. Man braucht nur an die Tendenz der völkiſchen Kreiſe zu erinnern, die den Bubikopf verwerfen und mit aller Gewalt die Frau wieder aus⸗ ſchließlich auf das Haus beſchränken möchten. Auch hier muß man ſich mit der Tatſache abfinden, daß das Nad der Weltgeſchichte ſich nicht rückwärts drehen läßt. Modetorheiten hat es immer ge⸗ geben, und nicht nur bei dem weiblichen Geſchlecht. Der tiefere Sinn der abgeſchnittenen Haare und der kurzen Röcke liegt eben darin, daß die Frauen von heute weniger Zeit haben und ſich ſchneller bewegen müſſen. Sie können ſich auch heute im allge⸗ meinen nicht mehr auf die Tätigkeit im Haufe konzentrieren. Auch das Heim früherer Zeiten hat ſich gewandelt, wie ſich die Anſichten über Hygiene gewandelt haben. Die Korſettloſigkeit, der freie Hals und der kurze Rock ſind, rein äußerlich genommen, das Gegenſtück zur Eingeſchnürtheit der früheren Zeit. Es iſt falſch, zu ſagen, die Frau von heute ſei beſſer oder ſchlechter als die vergangener Zei⸗ ten. Sie iſt nur anders, weil auch die Zeiten anders geworden nd. Mit dieſer Wandlung des Frauentypus, die übrigens nicht typiſch deutſch iſt, Lndern ſich ähnlich in allen Ländern, ſelbſt im Orient, in China, Japan uſw., vollzieht, haben die Frauen zweifel⸗ los eine Reihe von Werten vergangener Zeiten verloren, aber ſie haben dafür weitaus größere Gewinne zu verzeichnen, denn ſie find frei geworden, nicht nur frei von Korſett, Stehkragen und langen Röcken. ſondern vor allem in ihrer Bewegungs⸗ und viel aufzugeben und hat ſich noch ni Denkfreiheit. Das iſt auch der Grund, warum ſich die Frau ſo außerordentlich ſchnell der neuen Zeit angepaßt hat. Das weib⸗ liche Geſchlecht wird ſo oft als das konſervative Element bezeich⸗ net. Das war einmal. Die heutige junge weibliche Generation iſt nichts weniger als konſervativ, ſelbſt da, wo ſie politiſch bei den Rechtsparteien ſteht. Die„Haustochter“ von einſt iſt bis auf wenige Ausnahmen, die bekanntlich immer die Regel beſtätigen, verſchwunden. Das junge Mädchen von heute will einen Beruf haben und wendet ſich, auch wenn es aus ſogenannter„guter Familie“ ſtammt, häufig Berufen zu, die früher verpönt waren. Erinnert ſei nur beiſpielsweiſe an die Tanzkunſt der Schülerinnen von Laban, Mary Wigmann u. a. Der Beruf der Frau von heute iſt nicht mehr ausſchließlich ein„Muß“. Mädchen aus guter Familie ſahen es früber faſt als Schande an, wenn ſie berufstätig ſein mußten, und ein anderer Beruf als der einer Lehrerin kam für ſie kaum in Frage. Die Kameradſchaft tritt heute an die Stelle der Scheu und Unwiſſenheit der Geſchlechter von einander. Dieſe Kameradſchaft beſtand ſöhon früher ſehr häufig, wo Mann und Frau aus Proletarierkreiſen mit⸗ und nebeneinander im Be⸗ triebe ſtanden. Dennoch liegt in dieſer Wandlung auch eine Tragik. Das hat zwei Gründe. Der Mann war früher Beſitzer, auch der Frau, und zwar nicht nur ihres Körpers und ihres Vermögens, ſondern auch ihres Geiſtes, ja, ihrer Seele. Er war Autorität. Seine Meinung war allein ausſchlaggebend. Die Frau hatte für ſeine Bequemlichkeit zu ſorgen, hatte da zu ſein, wenn der Mann nach Hauſe kam, kurz, der Mann war Subiekt, die Frau Obiekt. Auf Beſitz verzichten müſſen, iſt aber immer unbequem. Die Frau von heute wird nicht nur mehr und mehr wirtſchaftlich vom Mann unabhängig; ſie wird es weit mehr noch geiſtig. Sie, die heuze das Entſcheidungsrecht mit hat in allen öffentlichen Angelegen⸗ heiten, beanſprucht dieſes Recht ſelbſtverſtändlich auch im häus⸗ lichen Kreiſe. Der Mann wandelt ſich, ſelbſt wenn er modern zu ſein glaubt, viel Car Sſaner Er hat unendlich m davon überzeugt, daß die gewandelte Frau ihm viel zu geben hat, wenn auch anderes als nur häusliche Bequemlichkeit. Viele bildungs⸗ und wiſſensdurſtige Frauen, die tagsüber im Hauſe beſchäftigt ſind, müſſen abends auf Vorträge und Kurſe verzichten, weil der Mann ſein Eſſen haben will und dabei die Anweſenheit der Frau wünſcht. Dadurch kommt die Frau, die ihren Mann lieb hat, in eine Reihe von Konflikten. Sie wird nervös und unzufrieden, weil ſie, die Ge⸗ wandelte, den Mann als Hemmſchuh empfindet und die Frage nicht löſen kann, ob ihre Pflichten gegen ſich ſelbſt, gegen die neue Der Mann, der Hunger hatte Humoreske von Alphonse Groziere Berechtigte Uebertragung von Dr. Ernſt Levy. Quartro dei Mille(Genova). Jialien. Eines Morgens wachte Tuellerich mit einem Mords⸗ hunger auf. Unglücklicherweiſe war an den Tagen, wo er mit einem Mordshunger aufwachte, der Betrag, über den er zum Mittageſſen verfügen konnte, winzig klein. Das war auch an jenem Morgen der Fall. Welcher Ausweg blieb Tuellerich übrig? Sich von einem Freunde zum Eſſen einladen zu laſſen? Ja, aber bei dieſen ſchlech⸗ ten Zeiten ſind auch die Freunde, die einen zum Eſſen einladen, ſeltener geworden. Und daan hatte Tuellerich keine Bekanntſcheften unter den reich gewordenen Schiebern; ſeine alten Bekannten waren arm wie er ſelber. Ihm fiel jedoch der Name eines entfernten Vetters ein (Vogeklaus hieß er), der eine Weinſtube in der Gegend von Sainte⸗Euſtache beſaß, der hatte einmal zu ihm geſagt: „Wenn Sie eines Tages ſo gegen Mittag in unſerer Nähe In. dann machen Sie uns einen Beſuch; wir werden uns ſehr reuen.“ 3 „Ich habe doch,“ beglückwünſchte ſich Tuellerich,„ein ganz hervorragendes Gedächtnis. Die Yogeklaus' können ſchließlich nicht lagen, daß ich aufdringlich bin Seit mehr als einem Jahre bin ich bei ihnen eingeladen und habe die gute Gelegenheit noch nie ausgenutzt. Auf nach Sainte⸗Euſtache!“ Tuellerich bewohnte einen der höchſten Punkte des Mont⸗ martre, wo die friſche Luft den Magen ganz beſonders zuſammen⸗ zieht; er war weder Kaufmann noch Rentier und gehörte über⸗ haupt nicht zu den Bürgern, welche Einkommenſteuern zahlen, brauchte ſich alſo in keiner Weiſe zu beunruhigen, daß ihm eine Zuſtellung des Fiskus den Appetit verderben könnte. Als er ſeine Wohnſtätte verließ, ſchlug es elf Uhr. Er dachte: „ Zu rennen brauche ich nicht. Die Hauptſoche iſt, daß ich dort in dem Augenblick ankomme, wo man ſich zu Tiſch ſetzt. Wenn ich zu ſpät komme, wären ſie imſtande, ihre Einladung zu vergeſſen Potzblitz, ſo ausgehungert wie heute, war ich noch nie!“ Langſam ſtieg er die Montmartreſtraße hinab und bog dann in die Märtyrerſtraße ein, wo er mit ſeinem ausgepumpten Magen ſo recht hineinpaßte. Dann ging er weiter durch die Vor⸗ ſtadt. Hier ſah man ſchon eine Menge von Angeſtellten, die haſtig M⸗ Putenhs verließen und ſich in die gewohnten Reſtaurants egaben. zichtet, weiter zu gehen. E Wäre Tuellerich bei Kaſſe geweſen, dann hätte er darauf ver⸗ 5 r wäre in das erſte beſte Reſtaurant getreten und hätte ſeinen Beſuch beim Vetter Vogellaus auf ſpäter verſchoben. Am Anfang der Hörnchenſtraße ſagte er: „Jetzt hab' ich's faſt geſchafft Aber es iſt auch höchſte Zeit. Mein Magen hat ſchon ſo ein„ daß er den ttbewerb mit meinen Schuhen getroſt aufnehmen kann. Er trippelte etwas raſcher, wie ein Pferd, das den Stall riecht. AUm ſo ſchlimmer für mich, wenn ich zu fpät komme..Welch ein Hunger!“ Jetzt erblickt er ſchon das Schild der Weinſtube, das unter den Strahlen der Mittagsſonne funkelt. Endlich! Aber was ſehen ſeine Augen? Leute in Sonntagskleidern, die auf dem Bürgerſteig warten. „Nanu, ſollte man vielleicht vor dem Reſtaurant des ange⸗ heirateten Vetters anſtehen?“ Er nähert ſich noch mehr und erbleicht. „Schwarze Vorhänge,“ röchelt er.„Alſo ein Trauerfall..„ Und ich fall' vor Hunger um. Glück muß der Menſch haben!“ Er tritt ein. Der Vetter Vogellaus mit einem uralten Zylin⸗ der auf dem Kopf kommt ihm entgegen und reicht ihm die Hand. „Ich komme nicht gleich auf Ihren Namen.“ 3 „Tuellerich, Sie wiſſen doch, der Vetter Tuellerich oh, ein entfernter angeheirateter Vetter...“ „ Ach ſo, Tuellerich..“ „Sie erinnern ſich... Sie hatten zu mir geſagt: Wenn Sie eines Tages gegen Mittag in unſerer Nähe ſind, dann eſſen Sie einen Happen mit uns; wir machen nicht viel Umſtände. „Ja, ja. ganz recht... Das iſt aber nett von Ihnen, daß Sie zum Begräbnis gekommen ſind. Die AÄrmſte, ſeit ſechs Monaten mußte ſie ſich ſo quälen. Es war eine Erlöſung. Sie kommen doch mit zum Friedhof? Sie dürfen mich nicht verlaſſen.“ Tuellerich reißt die Augen erſchreckt ſperrweit auf. „Das ſind Sie ihr ſchließlich ſchuldig,“ fängt Vogellaus wieder an.„Sie als Vetter..Entſchuldigen Sie mich, da ſind Leute von meiner Familie; ich bin gleich wieder da.“ Tuelezich Säitt⸗ am liebſten geweint. Da hatte er ſich auf ein anſtändiges Mittageſſen gefreut und war jetzt dazu verdammt, an einem Trauerzuge teilzunehmen! „So etwas kann auch nur mir paſſieren... Ich kann mich nicht drücken. Ich bin moraliſch verpflichtet Oh, dieſer Ar Hunger! Niemals habe ich ſolchen Hunger gehabt..Ich muß anlegen laſſen. Zeit, zurücktreten müſſen hinter den Pflichten gegen den Mann, der noch auf dem Standpunkt jeines alten, für ihn bequeneren Beſttzrechtes ſteht. Ein anderes tragiſches Kapitel iſt die Konkurrenz⸗ frage, Auch im Berufe war ſeither der Mann der Beſitzende, der aberlegene. Er hatte ſich nicht nur eine Reihe von Berufen als Privileg geſichert; er hatte auch ganz andere Ausbildungsmöglich⸗ keiten als die Frau. Der Kampf gegen Frauenarbeit iſt noch längſt nicht entſchieden. Wir ſind augenblicklich im Stadium des Wett⸗ laufs, und die Frau hat den Mann überflügelt, nicht etwa in eiſtiger oder kaweriſcho⸗ oder beruflicher Erztehung, ſondern ein⸗ jfach in Hezug auf die daſcher durchſetzt, weil ſie ihr Gewinn bringt, ſelbſt wo ſie ſich deſſen nicht bewußt iſt. Auch der Männertypus wird ſich ändern, und erſt, wenn die vſchlechter in Kameradſchaft Hand in Hand der neuen Zeit entgegengehen, wird das verſchwinden, was uns heute noch als Disharmonie erſcheint. Anna Blos(Stuttgart). Seekſches und geſellſchaftliches Leben der Tiere Die methodiſche Erſorſchung des Seelenlebens der Tiere geht von amerikaniſchen und engliſchen Pſychologen aus, welche den Verſuch machten, die Verhaltungsweiſen von Lebeweſen in natür⸗ lichen, nur vorſichtig varlierten Situationen von außen her ſyſte⸗ matiſch zu beobachten, um auf dieſe Weiſe Aufſchluß über deren geiſtige und ſeeliſche Fähigkeiten zu erhalten. Deutſche Gelehrten Übernahmen dieſe Methode, an exakte Beobachtung Deutung ſinn⸗ vollen Verhaltens fügend. Eine der intereſſanteſten Arbeiten aus dieſem Problemkreis iſt die von W. Köhler„Intelligenzprü⸗ fungen an Anthropoiden“(Abhandlungen der preußiſchen Aka⸗ demie der Wiſſenſchaften). In der zu Teneriffa unterhalte⸗ nen Schimpanſenverſuchsſtation wurde das Verhalten dieſer Tiere bei geſtellten Aufgaben, wie ſolche ihnen auch im Leben in der Freiheit vielfach erwachſen, genau beobachtet und regiſtriert. Dabei handelt es ſich um ein oft erſtmaliges Finden von Löſungen, alſo um Verſtandesleiſtungen, keineswegs nur um eingelernte Tätigkeiten(Dreſſur) oder durch häufige Wiederholung zuſtande gekommene. Die Aufgabe eine Banane oder ſonſt eine beliebte Frucht hereinzuholen, die das Tier vom Gitter aus jehen, zu der es aber nur auf dem Umweg durch eine hinter ihm gelegene Käfigtüre gelangen kann, wird leicht gelöſt. Auch Hunde brachten ☛ ndlung in der neuen Zeit, die ſich bei ihr dies fertig, während Hühner dazu nicht imſtande waren. Schwieriger ſchon war es, ſich ein Ziel zu verſchafſen, das außer⸗ halb des geſchloſſenen Käfigs lag und mit den Armen nicht er⸗ reichbar war. Stöcke, die im Käfig lagen, wurden bald zu Hilſe euommen, als„Werkzeug“ benützt, wenn ſie ſich in derſelben ichtung wie das Ziel befanden, alſo mit dieſem zuſammen ge⸗ ſehen werden konnten. Lagen ſie in einer Ecke, ſo ſchien es ſchwerer auf ihre Verwendbarkeit zu kommen. War dieſe aber einmal ent⸗ dectt, he wurden ſie herbeigeholt, wo immer ſie ſich befanden. In ähnlicher Weiſe wurden Decken, Lappen, Stäbe verwendet. Die Tiere riſſen ſogar Zweige von einem im Hintergrund des Käfigs frehenden Baum ab und beniützten ſie als Armverlängerung. Eine andere Situation lag vor, wenn ein Körbchen von der Decke herab⸗ hing, in dem ſich eine Frucht befand. Waren Stöcke zur Hand, ſo wurde ſo lange auf das Körbchen geſchlagen bis die Frucht heraus⸗ fiel. Fehlten dieſe, ſtanden aber Kiſten im Raum, ſo wurden ſie unter das Ziel geſchoben und übereinander getürmt, der„Bau“ vorſichtig erſtiegen und das Ziel heruntergeholt. Auch wenn keine Kiſten da waren, wußten die Schimpanſen ſich zu helfen. Der durch den Raum gehende Verſuchsleiter oder Wärter wurde bei der Hand genommen, trotz ſeines Sträubens unter das Ziel gezerrt und als Leiter benützt. Ebenſo verſuchte Sultan, der intelligenteſte der Affen, der immer als erſter die Löſung der Aufgaben fand, einen Kollegen zu benützen, der aber ſeine Abſichten nicht ver⸗ ſtund oder ſich nicht als Leiter gebrauchen laſſen wollte. Der Deckel er Abflußgrube, der mit Eiſenriegeln verſchloſſen war, wurde von den Tieren beſeitigt; als der Verſchluß feſter gemacht worden war, wurde ein Stock zu Hilfe genommen: der„Hebel“ war entdeckt. Ge⸗ tränke wurden mit Strohhalmen aus einer Trinkſchale ausge⸗ löfſelt. Ein bei einzelnen Schimpanſen, ſo der fleißigen Chika, be⸗ liebtes Spiel war der Kletterſprung: ſie lief auf einem mit den Händen gehaltenen Stock in die Höhe und ſprang ſchnell ab, bevor derſelbe noch umfallen konnte. Das Spiel ging in Ernſt über, ſo⸗ bald der Kletterſprung zum Herunterholen eines Zieles ver⸗ wendet wurde. Zu beſtimmten Zeiten wurden beſondere Spiele bevorzugt. Es entfaltete ſich etwas wie Sport oder Mode. So war vorüber⸗ gehend das Fiſchen ſehr beliebt. Mit den aus dem Gitter hinaus⸗ gehaltenen Halmen, die vorher abgeleckt worden waren, ſtanden die Schimpanſen und harrten der Ameiſenzüge. Oder das Malen kam in Mode; mit Ton wurde dann alles angepinſelt. Auch Koſtümfeſte wurden mit Hilfe bunter Lappen aufgeführt.— Die Tiere boten ein ganz anderes Bild, je nachdem ſie nur ſielten oder mit Löſung einer Aufgabe beſchäftigt waren. Eine große Rolle ſpielte das optiſche un beſch 4 i ut in ihren Leiſtungen. mich beherrſchen, um nicht die Blumen und die Kränze zu ver⸗ ſchlingen. Aber jetzt ſitze ich in der Patſche und kann nicht mehr zurück. Hoffen wir wenigſtens, dan ſich der Vetter Vogellaus meines Magens erbarmt und mi e 4 zu einem anſtändigen Happen⸗Pappen einlädt, wie es in ſolchen Fällen üblich iſt.“ Eine Grabesſtimme wird vernehmbar: „Die Herren von der Familie.“—. Und Tuellerich fühlt, wie ihn der Witwer beim Arm packt. „Bleiben Sie in meiner Nähe Sie ſind der einzige, der mir wmpathiſch iſt. Sie hätten ſicher nicht die Siegel von Gerichtwegen .. Aber denen werde ich ſchon noch einen Streich pielen, an den ſie denken werden. Oh, dieſe ſelbſtſüchtigen Menſchen! Sie wenigſtens ſind ganz ſelbſtlos gekommen, nur um eine Pflicht zu erfüllen. Das werde ich Ihnen nie vergeſſen. Und er deückte Tuellerichs Hand mit aller Kraft. Tuellerich iſt dazu verdammt, hinter dem Sarge herzugehen; 2n. ſeiner Seite ſchreitet Vogellaus, der ihn unter den Arm ge⸗ faßt hat. „Werde ich bis zum Ende durchhalten können?“ meint der Unglückliche mit einer Leichenbittermiene, die ſo recht zu der trau⸗ rigen Zeremonie paßt.„Wieviel Kilometer werde ich noch mit knurrendem Magen zurücklegen müſſen?“ Diesmal überkommt Tuellerich die Wut. Die Ttränen ſteigen ihm in die Augen. „Sie ſind bewegt, lieber Vetter,“ murmelt Vogellaus.„Das ſoll Ihnen unvergeſſen bleiben. Ich ſehe, daß Ihre Familie nicht nur aus Lumpen beſteht, daß auch ein Ehrenmann darunter iſt... Daran werde ich denken...“ Und während ſie weitergehen: „Ach, welch ein Verluſt für mein Haus! Bedenken Sie nur, eine Köchin, die einzig daſtand. Welch eine Künſtlerin war ſie in der Zubereitung eines Ragouts mit Paprika Ich ſehe ſie noch, wie ſie ihre Hammelbruſt auflaufen läßt und Zwiebel und Knoblauch dazu hackt.. Mit wieviel Luſt und Liebe ſchichtete ſie in der Terrine die Speckſchwarten, das Hammelfleiſch, die grünen Bohnen, die Wurſt und das geriebene Brot, um dann alles zu⸗ jammen röſten zu laſſen. Welch ein Duft, mein Lieber, welch ein Duft! Und dann ihre Seezungen⸗Filets Man kam aus der Provinz eigens zu uns, um ihre berühmten Seezungen⸗Filets zu koſten. Wenn der Kunde ſie mit Kartoffeln und in Butter ge⸗ bratenen Artiſchocken umrändert auf der Schüſſel erſcheinen ſoh, dann konnte er nicht mehr an ſich halten. Und das geſchmorte beim Verlaſſen des Friedhofs auch nach Rinderfilet, die Spezialität meines Hauſes, und die wundervollen gefüllten Omeletts! Alle zehn Finger leckte man ſich danach..“ „Oh, hören Sie auf, hören Sie auf,“ murmelte Tuellerich be⸗ ſchwörend.„Mir bricht das Herz dabei.“ „Armer Kerk, wie Sie darunter leiden...“ Tuellerich denkt: „Ich werde mich beim Leichenſchmaus entſchädigen, aber nicht zu knapp! ₰ Endlich, nachdem man zwei Stunden gelaufen iſt, kommt man zum Friedhof. Die Zeremonie iſt kurz. Tuellerich hört, wie jemand von der Familie gleichgültig ſagt: „Alſo, dann ſind wir uns einig; wir treffen uns, wie ver⸗ abredet, in dem kleigen Kaffee an der Ecke, im„Lebensglück““ „Recht ſo, erwartet mich dort.“ meint der Witwer;„beſtellt Wein, Sardinen und Aufſchnitt. Ich gehe ſchnell zum Steinmetz und bin gleich wieder da Dann ſchiebt er ſeinen Arm unter den Tuellerichs, der wieder Vertrauen gefaßt hat. „Kommen Sie mit mir, Sie guter Verwandier, der einzige lelbſtloſe Verwandte..Kümmern Sie ſich nicht um all dieſe herzloſen Menſchen, die nur an Eſſen und Trinken denken. Wie ſchlecht iſt doch ie Welt!“ Er ſchleppt Tuellerich mit ſich über den Friedhof. Nachdem ſie ein gutes Stück hin⸗ und hergelaufen ſind, langen ſie bei der Tür des Kaffees an. Vogellaus beginnt zu lachen: „Die ſollen warten, bis ſie ſchwarz werden, die Lumpen! Sie lauern nur auf mich, um von der Erbſchaft zu ſprechen. Ekelhaft, Kommen Sie, Sie guter Kerl, Sie dauern mich, Sie ſind gano Er ſtößt Tuellerich, der einer Ohnmacht nahe iſt, in ein Auto. „Montmartre!“ befiehlt er. Der Wagen ſauſt los. „Jede gute Tat findet ihren Lohn, darum bringe ich Sie jetzt Hauſe. Wie leidend Sie ausſehen. Tuellerich. Die Er⸗ regung, wie? Einen guten Rat epen Sie heute abend nichts. Trinken Sie bloß etwas Kamillentee. Und morgen ein großes Glas Rizinus, damit Sie einmal ordentlich abführen... Laſien Sie bald von ſich hören“ Er ſetzt den Vetter vor ſeiner Tür ab.. „Und vor allem, wenn Sie ſo gegen Mittag mal wieder bei mir vorbeikommen, dann eſſen Sie einen Happen mit mir; laſſen Sie ſich nich lange norigen. Ich mache nicht viel Umſtände, denken Sie daran.“ Schon früher wurde hervorgehoben, daß Stöcke, die mit dem Ziel nicht zuſammengeſehen werden konnten, nicht ſo leicht als Werk⸗ zeug benützt wurden. Steht nun ein Tiſch feſt in einer Ecke, ſo kommt der Schimpanſe nicht darauf, ihn als Werkzeug zu verwen⸗ den, auch wenn er ſonſt keinen brauchbaren Gegenſtand findet. Er wird dann nicht als„einzeln exiſtierend“ aufgefaßt.„Es gibt eine Art optiſcher Feſtigkeit,“ ſagt Köhler. die das Abtrennen als Ver⸗ ſtandesleiſtung ebenſo erſchwert, wie die ſtärkſten Nägel das prak⸗ tiſche Losreiſen verhindern.“ Das genaue Studium beſtätigt auch die von Tierliebhabern oft gemachte Beobachtung von der Verſchiedenheit der tieriſchen Individualitäten. Wer kennt nicht aus dem Umgang mit Hunden beiſpielsweiſe die großen Unterſchiede ihrer Charaktere und ihrer Intelligenz? Im hochbegabten und leicht reizbaren Sultan, der Wutanfälle bekommt, wenn ihm nicht ſofort alles gelingt, in dem tückiſchen, bösartigen Grande, der Hühner heranlockt, um ſie zu quälen, der dummen gutmütigen Rana, die das Geflügel füttert und die kleine Koko betreut, dagegen alles verſucht, ohne je zu einem Ziel zu kommen, der Sportdame Chika und der„rätſelhaft“ bleibenden Tercera haben wir ganz verſchiedene, eigenartige Per⸗ ſönlichkeiten vor uns. Geben Köhlers Unterſuchungen ein Bild von den geiſtigen Fähigkeiten der Schimpanſen, wie es ſich im Werkzeuggebrauch Bauen uſw. offenbart und von einigen Erſcheinungen ihres ſozialen Lebens— Spiel, Mode, Sport—, ſo gewinnen wir aus den Beobachtungen Schjelderupp⸗Ebbes Aufſſchluß über andere Bereiche des geſellſchaftlichen Verhaltens der Tiere. So jand dieſer Forſcher, daß ſich auf einem Hühnerhoſe nach kurzer Zeit eine Rangordnung herausbildet, derzufolge ein Huhn nach einem zweiten hackt, während dieſes zwar ein drittes h hackt jetzt das nächſte, wieder nicht die Angreiferin. Schjelderupp⸗ Ebbe nennt das eine Hackliſte im Dreieck. Nur zuweilen findet Auflehnung eines untergeordneten Individuums ſtatt, dann wird durch Kampf das für die Zukunft wieder bindende Verhältnis ent⸗ ſchieden. Das geſellige Leben der Tiere in Herden, Schwärmen, Staaten, Rudeln, das frühere Forſcher aus der Familie abzulelten ſuchten, beruht nach neuerer Beobachtung auf einem eigenen ſozialen Trieb. Alverdes*) unterſcheidet in ſeiner Tierſoziologie ſolitäre(einſame) und geſellige Tiere, zu denen nur die höchſt ent⸗ wickelten Tierarten: Tintenfiſche, Inſekten, Wirbeltiere, gehören. Das Bedürfnis nach gemeinſamem Leben mit ihren Artgenoſſen iſt bei dieſen Tieren ſo entwickelt, daß es ſie gelegentlich ſogar dazu treibt, günſtigere Lebensumſtände mit ſchlechteren zu vertauſchen. Während es bei einſamen Tieren nur zu„Anſammlungen“ kommt (Mücken, Schmetterlingen an einer Lichtquelle, Totengräber an Mäuſeleichen, Blattläuſen auf Blättern uſw.), bilden ſich bei ſozialen Tieren, die durch Zufall zuſammengeführt werden, bald die mannigfachſten Beziehungen: Führer⸗ und Anhängertum, Schutzverhältnis(Krapotkins„gegenſeitige Hilfe“), Spiel⸗ und Kampfgemeinſchaften heraus. Die Staatenbildungen der Inſekten haben ſeit langem die Forſcher beſchäftigt; ihre Ergebniſſe ſind in weite Kreiſe ge⸗ drungen. Bekannte Darſtellungen in leicht faßlicher Form ſind Maurice Maeterlincks„Leben der Bienen“ und Bonſels „Biene Maja“. Der Fortpflanzungs⸗ und Brutpflegeinſtinkt führt zu den verſchiedenſten Formen der Eheſchließung und im Falle ſich beide Elternteile oder einer derſelben der Aufzucht der Jungen widmet, zu Elternfamilien, Vater⸗ und Mutterfamilien. Vom regelloſen Geſchlechtsverkehr an, der ſelten iſt, ſich vorwiegend nur bei ſolitären Tieren findet, kommen alle möglichen Geſchlechts⸗ beziehungen vor, ähnlich wie ſie das Studium der primitiven Völker aufgedeckt hat. Einehe und Vielweiberei, Dauerehe und Zeitehe(ſie überdauert nicht eine Fortpflanzungsperiode) uſw. und zwar ſowohl bei einſamem Leben wie auch innerhalb der Herde. So hat jeder Hahn ſeinen Harem, der Haremsbeſitzſtand der männlichen Tiere bleibt aber auch bei den in Herden lebenden Zebras, Känguruhs, Makaken(einer Affenart) bewahrt. Be⸗ ſonders bemerkenswert iſt es, daß ſich die Geſchlechter mancher Tierarten, die in Saiſonehe leben, nach der Fortpflanzung trennen und männliche und weibliche Verbände bilden. Bei Wildſchwein, Edelhirſch und Damhirſch werden die in einem Verband leben⸗ den Weibchen bis zum nächſten Frühling von den Jungen begleitet; 3 entſtehen Mütterherden, während die jüngeren zeugungs⸗ fähigen Männchen ſich zu Männerrudeln zuſammenſchließen und die älteren Männchen einſiedleriſch leben. Hier werden wir an Männer⸗ und Frauenhäuſer bei manchen Naturvölkern erinnert. 3 Die wiſſenſchaftliche ſyſtematiſche Tierbeobachtung gewährt uns Einblick in die Welt von Lebeweſen, in die wir bisher nur auf dem Wege von Phantaſie und Spekulation gelangen konnten, ein Weg, der ſich oft als irreführend erwies. Constanze Glaser. Das Geheimnis der Kokosperle Uralte Üüberlieferung weiß zu berichten, daß im Hohlraum der Kokosnuß oftmals eine eigenartige, birn⸗ oder kugelförmige “)„Tierſoziologie“, Forſchungen zur Völkerpſychologie und Soziologie; Homageehen von Thurnwald; Verlag Hirſchfel? (Leipzig); B. I. acken, nicht aber ſeine Angreiferin zurückhacken darf; das gehackte Huhn Steinbildung auftritt. Dieſe Bildung iſt außen vollkommen glatt, in ihrer Färbung milchweiß und ihre chemiſche Zuſammenſetzung ſtimmt ziemlich mit der der Auſternperle überein. Schon der Bo⸗ taniker Rumphius beſchrieb dieſe„Kokosperle“ in ſeinem be⸗ rühmten Herbarium. Wiſſenſchaftlich eingebender wurde ſie aber erſt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ſtudiert, ohne daß man über das Geheimnis ihrer Entſtehung bis in die letzte Zeit Aufklärung erlangt hätte. Nunmehr gelang es Dr. Hunger in Amſterdam, gelegentlich einer Studienreiſe durch Niederländiſch⸗ Indien, ders Rätſel zu löſen. Wertvolle Fingerzeige bei ſeinen Forſchungen waren die An⸗ gaben von einheimiſchen Augenzeugen, welche die Kokosperlen immer an jener Stelle im Kokosfleiſch feſtſitzend fanden, wo ſich das Keimblatt bei der Keimung des Samens zu einem Saugorgan („Gauſtorium“) ausbildet. In der inneren, ſehr harten Frucht⸗ ſchale finden ſich drei runde, vertiefte Stellen, die ſogenannten „Keimlöcher“, Eines davon iſt gewöhnlich mit einer häutigen Wand bekleidet, während die anderen durch feſte Wände abge⸗ Gloſen ſind. Der junge Keimprozeß findet nun bei der Keimung urch das erſte Keimloch ſeinen Weg nach außen. Es kann aber vorkommen, daß neben dem erſten Keimloch nur noch ein zweites vorhanden iſt oder daß überhaupt die beiden anderen fehlen. Am ſeltenſten iſt aber der Fall, daß überhaupt gar keine Keimlöcher vorhanden ſind. Solche Kokosnüſſe ohne Keimlöcher werden von den Eingeborenen als„blinde Kokosnüſſe“ bezeichnet und gelten als beſonderer Talisman. Hunger ping nun von der Annahme aus, daß gerade ſolche Nüſſe für die intereſſante Perlenbildung in Betracht kommen und trachtete, ſolche Kokosnüſſe als Unter⸗ ſuchungsmaterial in die Hand zu bekommen. Seinen Bemühungen gelang es, acht Stück dieſer koſtbaren Kokosnüſſe zu erhalten und ſie zu öffnen. Sieben Nüſſe ergaben kein Reſultat, aber die achte Kokosnuß barg eine wunderbar ausgebildete Perle, die knapy unter der Stelle eingebettet lag, wo normalerweiſe ſonſt die Keimlöcher ihren Platz haben. Die Frage nach der Entſtehung der Kokosperle war nunmehr einfach zu beantworten. Sie ſtellt eigentlich nichts anderes als das verſteinerte Saugorgan dar. Es blieb erhalten, als die Keimung dadurch zum Stillſtand kam, daß die Keimlingſpitze beim fortſchreitenden Wachstum keine Möglichkeit fand, die innere Fruchtwand zu durchbrechen. Durch die vorhandene Kokosmilch überkruſtete ſich das Saugorgan mit Kalkſalzen und wurde ſo zur vielbeſtaunten„Kokosperle“. Ein Seitenſtück zu dieſer intereſſanten Steinbildung erblickt Hunger in der Verſteinerung oder Mumifikation menſchlicher und tieriſcher Embryonen.. Ewald Schild, Leiter des Mikrobiologiſchen Inſtituts in Wien, gibt dieſen Bericht in der„Urania“. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Frankfurt a. M. ſchriften und Löſungen zu ſenden ſind Aufgabe Nr. 96 E. Opitz(Dresden) Bruchhäuſer. 3 p h 5 ſhhſ; ö)hh, ch, 3 ſhhhhſh ſhhhhſh 8 h)h)hhſſz ſh ſch 4, 8 3. ſ 2 j 2 2 p 2 1 SH, Sh 5 ſh n Sc D 5 2 ˖ʒ, 3 Jlat in Zugen Enoſpielſtudie Nr. 45 HI. Rink Stellung: Weis K d 4, I d, I. d 7. Bf 4(4). Schwarz: Kg I, B b 2, b 6, g 6(4). Weiß zieht und macht remis. 1 Das B b 2 ist dirékt nicht aufzuhalten, Weiß sucht Lösung: ein Patt. Also: 1. Ld7— f5, gͤ6 ✕ f5; 2. Kd4A4— e, b 2— b1D,; 3. Id8— di+† D X✕ I. Weiß ist Patt. Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. Waldſchmidtſtraße 29:; wohin auch alle Zu⸗ ., ——— * 12 33 14 4 4 * 4 9* 4 Veekor Hugo Zu ſeinem hundertfünfundzwanzigſten Geburtstag Von Hermann Wendel Es gibt nur eine Macht, das Gewiſſen im Dienſt der Gerechtigkeit, und nur einen Ruhm, den Genius im Dienſt der Wahrheit. Hugo. Kein Poet iſt ſchon zu Lebzeiten ähnlich vergöttert, ja ver⸗ götzt worden wie Victor Hugo. Der Ruhm, der ſich an die Ferſen des Jünglings heftete, blieb dem Manne und dem Greiſe treu. Mit dreiundzwanzig Jahren Ritter der Ehrenlegion, mit neununddreißig als Mitglied der Akademie„unſterblich“, wurde er nicht nur als der franzöſiſche Nationaldichter gekrönt, ſondern von ſeinen Bewunderern auch über Shakeſpeare und Goethe geſtellt. Nicht allein Seifen, Pfeifen und Schnäpſe, auch das Jahrhundert trug für viele ſeinen Namen. Als er 1882 ſein achtzigſtes Wiegenfeſt beging, defilierten Hunderttauſende an ſeinem Fenſter vorbei, Hunderttauſende geleiteten ihn drei Jahre ſpäter zu Grabe, und die Feier ſeines hundertſten Ge⸗ burtstages füllte, ſtatt ſich auf den 26. Februar zu beſchränken, eine ganze Woche aus. Aber es fehlte auch nicht an der Gegenſtrophe. Wie man ihm die Eitelkeit vorhielt, mit der er allen Weihrauch gierig einſog, gleichſam auf einem Thron ſaß und ſtatt Freunden nur Untertanen zählte, ſo ſchmähte man, daß ſeine Gedanken die des Gewürzkrämers an der nächſten Ecke nicht überflügelten, ſeine Dichtung hieß man einen Tanz von Bildern um ein Nichts, und da er nacheinander mit Überzeugung Legitimiſt, Bonapartiſt, Orleaniſt und Republikaner geweſen war, wies man ihm auch einen Platz in Prosny dEppes berühmtem„Wörterbuch der politiſchen Wetterfahnen“ an. Aber Vergötzung hin, Herabſetzung her, auch heute, einein⸗ viertel Jahrhundert nach ſeiner Geburt, erſcheint Hugo als Dichter von urwüchſig zyklopiſcher Kraft, als ſchöpferiſcher Bildner mit der Sprache, als großer Künſtler des Worts. Nicht mit Unrecht hat man ihn„das Menſch gewordene Wort“ genannt, denn er entwuchs einer Zeit, in der das Wort durch die Debatten des Konvents entkettet war und durch die Bulletins der Großen Armee Flügel bekommen hatte. Hugos Poeſie zeigte darum gleich ſeiner Proſa den erhabenen eviſchen Faltenwurf, ſchritt auf den Gipfeln des Pathos einher und ſchwelgte in den Donnern der Rhetorik. Das Aufnahmeorgan für ſeine Verſe iſt das Ohr, nicht das Auge, damit ſie meerhaft zu rauſchen beginnen und ihr Wellengang uns hebt. Wenn freilich Anatole France beklagte, daß ſich in Hugos gewaltigem Werk unter ſo vielen Monſtren nicht eine menſchliche Geſtalt finde, ſo glichen in der Tat die Geſchöpfe des Meiſters nicht den Alltagsweſen Flauberts, ſondern, zu überirdiſcher Größe aufgereckt, trugen ſie jedesmal das Schickſal einer ganzen Generation in ihrer Bruſt zuſammen⸗ gepreßt. Sinnbilder, nicht Abbilder! Wohl war dem Dichter, an deſſen Erzählungen Doſtojewski nicht umſonſt Gefallen fand, tiefſchürfende Pſychologie, Einfühlung in verwickelte Charak⸗ tere, Wiſſen um die unerforſchten Provinzen der Seele nicht fremd, uch ſein eigentliches Weſen blieb das Monumentale. Er ſchrieb nicht, er baute. Er türmte Wort⸗Kathedralen auf. Aber nicht daß Hugo ein großer, daß er ein politiſcher Dich⸗ ter im umfaſſendſten Sinne des Ausdrucks war, riß ihn zur Höhe empor. Wenn Goethe, ihm ein„Dichter der Gleichgültigkeit“, in ariſtokratiſcher Abſchließung einmal meinte, ſeine Sachen ſeien nicht für die Maſſen geſchrieben, ſondern für Wenige, die Ahn⸗ liches wollten und ſuchten wie er, ſtand es mit dem demokratiſchen Franzoſen gerade umgekehrt. Hugos Loſung hieß:„Die Kunſt um der Kunſt willen kann ſchön ſein, aber die Kunſt um des Fort⸗ ſchritts willen iſt noch viel ſchöner“. Nie ſaß er im Elfenbeinturm, in der Beſtarrung des eigenen Nabels Genüge zu finden, ſondern lebte in und mit ſeinem Volke. Immer ſprach er beſchwingt das aus, was einer Mehrheit der Franzoſen auf den Lippen lag, und Ein Gordſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein kleines Flämmchen endiich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum ensdeckt gt in der Bruſt, bis ihn Jean Pau — „ lie —EEEEE ſtets klang ſein Wort in gebundener und ungebundener Rede, als hallte es von einer öffentlichen Tribüne in die Weite. Schon als 1830 die junge franzöſiſche Romantik, um ſein Drama„Hernani“ wie um eine Sturmfahne geſchart, ihre Schlachten ſchlug, bedeu⸗ tete das, da ſie die klaſſiſche Form ſprengte und das bisher ver⸗ pönte Ich auf den Thron hob, einen Durchbruch des Bürgertums durch die ſtändiſche Ordnung, der ſich auf der Bühne vierzig Jahre ſpäter als in der Wirklichkeit vollzog; in ſcharfer Erkenntnis deſſen verglich Hugo die Romantik in der Literatur dem Libe⸗ ralismus in der Politik. Lehnte er ſich ſchon damals im Namen des Geiſtes gegen die Gewalt auf, indem er in der Erzählung„Der letzte Tag eines Verurteilten“ die Widerlichkeit der Todesſtrafe enthüllte, ſo rief ihn doch erſt das Jahr 1848 zu ſeiner wahren politiſchen Beſtim⸗ mung auf. Da er auf der Linken der Nationalverſammlung ſas, gehörte er zu denen, die am 2. Dezember 1851 der Staatsſtreich Louis Bonapartes ins Exil trieb. Auf einer engliſchen Inſel nahe der franzöſiſchen Küſte ſchlug er ſeine Zelte auf und be⸗ kämpfte von dort, eine Großmacht, den Abenteurer in den Tuile⸗ rien. Neben dem„Achtzehnten Brumaire“, der ganz geſchichtliche Erklärung iſt, iſt ſeine Streitſchrift„Napoleon der Kleine“ ganz ſittliche Entrüſtung; wird bei Marx alles durchſichtig und ſinn⸗ voll, ſo ſchäumt und wallt bei Hugo alles. Aber der Dichter, der trotz aller Amneſtien ſtandhaft jede Rückkehr in das entehrte Vaterland weigerte, wirkte mit dieſem Pamphlet und den Verſen, die den Mann des 2. Dezember mit Ruten, mit Geißeln, mit Skorpionen ſtrichen, mächtig auf ſeine Zeitgenoſſen; wenn die Jugend des Kaiſerreichs heimlich die„Züchtigungen“ las, glaubie ſie ſich fähig, im nächſten Augenblick die rote Fahne auf den Barri⸗ kaden zu entfalten. Nach Sedan im Triumph in die Heimat zurück⸗ geführt, erlebte Hugo die Kommune mit zerriſſenem Herzen. Auf der einen Seite, in Paris, ſah er das Recht, auf der anderen, in Verſailles, das Geſetz, aber zürnend kehrte er ſich nach dem Sieg der„Ordnung“ gegen die Rachegier eines Thiers und die Schlächtereien eines Gallifet, und er warb auch in den folgen⸗ den Jahren ohne Unterlaß ſür die Begnadigung der exilierten und deportierten Kommunards. Auch in den Dichtwerken, die in der Verbannung und nachher entſtanden, wurden die toten Buch⸗ ſtaben an den Gebäuden der dritten Republik: Freiheit! Gleich⸗ heit! Brüderlichkeit! flammender Geiſt; mit Fug rühmt Heinrich Mann ſeinen Revolutionsroman„1793“ als„das Buch ent⸗ feſſelter Menſchheit“. Schon 1830 nannte ſich Hugo einen Sozialiſten, 1869 feierte er auf dem Lauſanner Kongreß der„Liga für Frieden und Frei⸗ heit“ die Umarmung der Republik und des Sozialismus, und ſozialiſtiſche Empfindungen ſpielten noch auf der Stirn des hoch⸗ betagten Greiſes. Aber es war ein unbeſtimmter, rein gefühls⸗ mäßiger Sozialismus, der weit mehr mit Saint⸗Simon und Lamennais als mit Marr und Engels zu tun hatte. Von Klaſſen und Klaſſenkampf wußte Hugo nichts und wollte er nichts wiſſen, aber erſchütternd predigte er Erbarmen und Mit⸗ leid mit dem Hungernden, der Dirne, dem Verbrecher, dem Ga⸗ leerenſträfling, mit allen Ausgeſtoßenen der Geſellſchaft. Darüber hinaus machte er die Geſellſchaft ſelbſt verantwortlich; er zog ſie vor die Schranken, weil ſie, ſeit zweitauſend Jahren herrſchend, ſich unſer Gut und unſer Recht aneigne, ſogar denen alles nehme, die nichts haben. das Volk den Schmarotzern überantworte und Krieg und Schafott als Ergebnis kenne; unbarmherzig riß er die Maske von ihrem durch Zorn verzerrten Geſicht,„das Ge⸗ rechtigkeit heißt“. Den Roman„Der lachende Mann“ warf er als wuchtige Anklage gegen eine Welt hin, die aus der Hölle des Armen das Paradies des Reichen macht, und ſein mächtiger Ro⸗ man„Die Elenden“ gilt nicht fälſchlich als„eine Art Marſeillaiſe des Elendss.— Der Dichter, deſſen Stimme in Europa ſo weit drang wie ſpäter nur noch die Tolſtois, kannte auch in der auswärtigen Politik nur eine Stellung: für die Unterdrückten gegen die Unter⸗ drücker. So ſchallte ſein Wort für die Griechen gegen die Türkei, zür die Iren gegen England, für die Italiener gegen den Papſt, für die Ungarn gegen Habsburg, für die Polen gegen den Zaris⸗ mus. Allezeit blieb er ein feuriger, ein überſchwenglicher Pa⸗ zriot, der Frankreich als das Herz des Erdballs anſab, gleichwohl war der Begriff Menſchheit in ſeinem Kalender rot unterſtrichen. Namentlich liebte er Deutſchland, wenn es ihm auch weniger in dem wirklichen Licht des neunzehnten Jahrhunderts als im ſelt⸗ jam romantiſchen Glanz einer mittelalterlichen Rheinballade er⸗ ſchien. Als 1870 losbrach, neigte er ſich dem Gegner: Kein Volk iſt größer als du! und hatte, als Moltkes Heere gegen Paris vorſtießen, die ſich erſt 1918 erfüllende großartige Viſion von Deutſchen, die in Frankreich die Luft der Freiheit einatmeten„und den heißen Drang, uns nachzuahmen, alle gleich und frei zu ſein, das Gerümpel der Throne wegzufegen und den Nationen die Hand hinzuſtrecken“. Gegen den Frankfurter Frieden lehnte er, in deſſen Adern lothringiſches Blut floß, ſich zwar mit aller Schärfe auf, aber, zugleich die Fahne der Vereinigten Staaten von Europa entfaltend, rief er den Deutſchen zu:„Wir ſind dasſelbe Volk wie ihr. Ihr habt Arminius gehabt, wie wir Vercingetorix hatten. Derſelbe Strahl der Brüderlichkeit fährt durch das fran⸗ zöſiſche Herz und die deutſche Seele“. Hugos Standbild gehört in die Vorhalle des Völkerbunds. Aber auch ſonſt iſt er heute noch ſo lebendig, daß im ver⸗ gangenen Jahre eine große deutſche Ausgabe ſeiner Proſaſchriften zu erſcheinen begann und die ſozialdemokratiſche Preſſe mit Vor⸗ liebe ſeine ſozialen Erzählungen abdruckt. Wie ſein Werk eben viele Fragen aufwirft, um deren Antwort wir uns noch mühen, iſt es auch ein goldener Schlüſſel zum Verſtändnis der franzö⸗ ſiſchen Seele. Denn wie kein anderer hat Victor Hugo zur Formung des Geiſtes beigetragen, der bei ſeinen Landsleuten uns noch in der Schale des trübſten Spießbürgers verrät, daß das moderne Frankreich im Feuer dreier wirklicher Revolutionen ge⸗ ſchmiedet ward. — Alle und neue Jaſtnachtsſpiele Von Gustav Lindt Wenn der Winter ſeinem Ende nahte, feierten die alten Gallier ein großes Feſt.„Das Feſt des Miſtelpfluckens“ nannten ſie es, weil die heilige Miſtel, die von den Prieſtern unter feier⸗ lichen Zeremonien gepflückt und dem Volke gezeigt wurde, eine wichtige Rolle dabei ſpielte. War aber die ernſte Handlung vor⸗ über, ſo begann der luſtige Teil des Feſtes: man maskierte ſich, zog Frauenkleider an oder hüllte ſich in die Felle wilder Tiere und fand ſich zu einem Umzug zuſammen, den zwar der heilige Bel⸗Stier anführte, der aber, weit entfernt, feierlich zu ſein, ſchließlich im tollſten Unfug gipfelte. Auch bei anderen alten Völkern gehörten zu den Feierlichkeiten anläßlich der Jahres⸗ zeitenfeſte auch die Maskenumzüge mit ihrem wilden Treiben, die den Göttern zu Ehren ſtattfanden, in Wirklichkeit aber immer mehr den Zuſammenhang mit dem religiöſen Kult verloren. ————rrr——⸗·eem—— 2 Durch die Einführung des Chriſtentums wurde die Luſt am Maskentreiben nur wenig beſchränkt, um ſo mehr, als die Kirche gar nicht daran dachte, dem Volk das gewohnte Vergnügen zu rauben, vielmehr den Karneval gewiſſermaßen unter ihren Schutz ſtellte. Jetzt erhielt er auch eine andere Bedeutung. Er ſollte den Menſchen ein gründliches Austoben geſtatten, bevor die lange Faſtenzeit begann. So wurde auch der letzte„fette“ Tag, der Dienstag, zum Höhepunkt des Feſtes. Da gab es nun alle mög⸗ lichen Späße: Narrenumzüge und Fuchnrazeſtonen. Fiſchumzüge, bei denen jeder einen Fiſch in der Hand ſchwang, dann vom 14. bis zum 16. Jahrhundert in den Weingegenden die beliebten Weinprozeſſionen, deren Teilnehmer, als Winzer verkleidet, auf großen Wagen herumfuhren und Spottlieder auf alles ſangen, was ſich im Laufe des Jahres im Ort zugetragen hatte. Im 14. Jahrhundert liebte man beſonders eine Art luſtiger Gegen⸗ ſpiele. Verheiratete und ledige Männer ſtellten ſich gegenein⸗ ander auf, und jeder beſang und pries in derben Worten die Vor⸗ teile ſeines Standes, bis jeder den Gegner ſcheinbar überzeugt hatte, ſo daß die Verheirateten die Rolle der Ledigen übernahmen und die Junggeſellen die zärtlichen Ehemänner ſpielten. Als Faſtnachtsſpaß galt es ferner, wenn es gelang, einander in den Schmutz zu werfen. Je öfter einer in die Schmutzflut oder in den Schnee fiel, deſto größer war der Jubel, beſonders dann, wenn der Angegriffene als Begleiter einer Frau durch die Straßen ging. Allerdings blieben alle beſſeren Frauen dem Maskentreiben fern; auch die älteren Leute hüteten ſich, mit dem übermütigen Volk in Berührung zu kommen, denn wer ſich zeigte, hatte bald irgendeine komiſche Tierfigur aus Papier am Mantel kleben. In der Nacht, die auf den Dienstag folgte, miſchte ſich oft ſchon etwas furchtſamer Aberglaube in die freudige Hochſtim⸗ mung. Nun zog man mit brennenden Fackeln durch die Felder— ſo z. B. in Süddeutſchland— und ſtellte Holzkreuze auf, um die Frucht zu ſegnen. In Bayern gab es im 16. Dobrhun ert noch einen ganz beſonderen Dienstags⸗Spaß. Schon in Erwartung des nahenden Aſchermittwochs zogen Masken durch die Straßen, die aſchengefüllte Säcke trugen und jeden, der ihnen begegnete, mit Aſche überſtäubten. Den italieniſchen Karneval, namentlich den römiſchen, belebten zur Zeit der Renaiſſance Wetläiuſe verſchie⸗ dener Art, an denen Alt und Jung teilnehmen konnte; es gab Wettläufe für Kinder unter und junge Leute über 15 Jahre, für Männer unter 20, zwiſchen 20 und 30 und über 50 Jahre, Wett⸗ läufe für Pferde und Büffel und endlich auch für Eſel und Maultiere. Daneben brachte der römiſche Karneval auch buntes und prächtiges Maskentreiben und Umzüge, bei denen ſich der übermut bis zur Ekſtaſe der Tollheit ſteigerte „Schon frühzeitig zogen alle die Freiheiten des Karnevals auch die„Augen des Geſetzes“ auf ſich, denn den Freuden, die die„fetten Tage“ geboten hatten, folgte gewöhnlich ein ſehr dickes Ende nach. Karl der Große verſuchte, die allzu laute und derbe Art der Faſchingsfeiern zunächſt einmal dadurch zu be⸗ kämpfen, daß er kurzweg jeden Mummenſchanz verbot. Aber in dieſem Fall verſagte ſeine Macht ganz und gar, weil ja der Karneval durch die Kirche geſtützt wurde. Was die Kirche erlaubt — er e Farbſtoffe zur Desinfekton bei Sperationen „Einige Fälle von Wundvergiftung haben die amerikaniſchen Ärzte Tinker und Sutton veranlaßt, in einigen der beſtorgani⸗ ſierten amerikaniſchen Spitäler eine ſorgfältige Unterſuchung der Desinfektionsmittel durchzuführen. Es ſtellte ſich dabei heraus, daß das am meiſten verbreitete Antiſeptikum, das Jod, ziemlich unwirkſam iſt. Eine Unterſuchung von mehr als 1500 Bakterien⸗ kulturen ergab, daß Löſungen von Jod, Pikrinſäure, Sublimat oder Kaliumqueckſilberjodid die meiſten der widerſtandsfähigen Bakterien nicht töten und einige der weniger widerſtandsfähigen Krankheitserreger gar erſt bei vollſtändiger Berührung. Die Wir⸗ kung iſt noch geringer, wenn ein Durchdringung nötig wird. Es zeigte ſich aber auch, daß einige Anilinfarben bei Verſuchen zur Herſtellung einer vollkommen keimfreien Haut alle Bakterien töten. Die beiden amerikaniſchen AÄrzte empfehlen daher weit⸗ gehenden Verbrauch von Anilinfarben infolge deren ſtarken keim⸗ kötenden Kraft, deren geringer Giftigkeit und deren Unſchädlich⸗ keit für Inſtrumente. Es iſt alſo in Zukunft möglich, daß bei Operationen die zu desinfizierenden Stellen nicht mehr die all⸗ gemein vertraute braune Jodfarbe zeigen, ſondern roſa, purpur⸗ rot oder in anderen Farben ſchimmern werden. — Die Farbenkinematographi⸗ „Wie die ſteigende Verwendung farbiger Einlagen in die Kinofilme zeigt, gehört die Zukunft der Kinematographie dem Farbenfilm Zur Herſtellung von Farbenkinematographien gibt es zweierlei Verfahren. Bei der einen Art läßt man die Grund⸗ farben ſich überlagern, bei der anderen ſetzt man ſie in ſo kleinen Elementen nebeneinander, daß das Auge nicht die einzelnen Ele⸗ mente zu trennen vermag. Zur allgemeinen Verwendung der Farbenfilme iſt es notwendig, daß man die Streifen ohne Ver⸗ änderungen der gewöhnlichen Vorführungsaparate durchlaufen laſſen kann und daß der Mietspreis nicht zu ſtark ſich erhöht. Beim überlagern der Grundfarben hat ſich die Verwendung von drei Grundfarben, nämlich rot, violett und grün, vorläufig für die Praxis als zu ſchwierig erwieſen. Man verwendet daher einen zweifarbigen Film mit rot und grün. Man klebt dabei die Bilder Rücken gegen Rücken auf denſelben Streifen, wobei die eine Seite in rot, die andere in grün gefärbt iſt. Mit dieſer Filmart beſchäftigen ſich hauptſächlich zwei amerikaniſche Firmen „Kodachrom“ und„Technicolor“. Von dieſen bringt Kodachrom das rote und das grüne Bild Rücken gegen Rücken durch ein be⸗ ſonderes Verfahren auf dem Filmſtreifen an, während Techni⸗ color zwei getrennte Filme aufnimmt, deren Dicke die Hälfte von der der gewöhnlichen Dicke beträgt, und die man nachher zu⸗ ſammenleimt. Von den Verfahren, einen Zweifarbenfilm herzuſtellen, daß immer ein Bildchen blau, das andere rot iſt, tritt nach einem Artikel in Heft 7 der„Umſchau“ der Wolff⸗Haide⸗Farbenfilm neuerdings in den Vordergrund. Nach den dortigen Ausführungen erſcheinen die Darbietungen bei einer Wiedergabe von 24 Bil⸗ dern in der Sekunde in ſchönen, natürlichen Farben und es treten auch keine ſtörenden Farbränder auf. Die Herſtellung dieſes Farbenfilms ſtellt ſich auch nicht übermäßig teuer. Die fünzigjährige Bogenlampe Wie jung unſere moderne Technik iſt, erkennt man mit großer Schärfe an ihren Gedenktagen. Noch vor fünſzig Jahren war die Anwendung elektriſcher Lichtquellen für die öffentliche Beleuch⸗ tung ſo gut wie unbekannt. Als der amerikaniſche Chemiker Silli⸗ man im Jahre 1855 die erſte Petroleumlampe erſchaffen hatte, wurde das als ein ungeheurer Fortſchritt gewertet. Die Gas⸗ beleuchtung brachte in ihrer anfänglichen Form zahlreiche Un⸗ zuträglichkeiten mit ſich. Erſt die Einführung der Dynamomaſchine durch Werner von Siemens(1866/67) ermöglichte den Übergang zur elektriſchen Beleuchtung. Zunächſt gab es auch da noch viele, oder wenigſtens nicht verboten hatte, ließ man ſich auch durch des Kaiſers Willen nicht nehmen. Maskenverbote tauchten frei⸗ lich immer wieder auf, ſo im Jahre 1399, dann wieder— dies⸗ mal in Paris— im Jahre 1509, wo nicht nur die Träger der Masken, ſondern auch die, die Masken angefertigt und verkauft hatten, beſtraft und die Maskenanzüge ſelbſt öffentlich verbrannt wurden. Doch das half ebenſowenig als einſt Kaiſer Karls Ver⸗ bot. Die paar luſtigen Tage vor den langen Faſtenwochen ließ man ſich nun einmal nicht verbieten, und dabei iſt es bis heute geblieben.. In jedem Land trieb der Faſching ſeine eigenen bunten Blüten. In Belgien hatte man ſeinen Spaß daran, Rieſen⸗ ſiguren, Rieſenſchiffe und ⸗tiere in den Umzügen mitzuführen, ein Brauch, dem man auch jetzt noch, ebenſo wie in Frankreich, treu geblieben iſt. In Madrid wieder gab es die„reina cuaresma“ zu ſehen. Eine Puppe in Geſtalt eines alten Weibes mit einem Kranz von Sauerampfer und Spinat auf dem Kopf und ſieben langen mageren Beinen, die unter dem Geſang von Trauerliedern— die Trauer galt dem Ende des Faſchings— durch die Straßen gezogen wurde. Damit war der Spaß aber noch lange nicht zu Ende, denn die ſieben langen Beine der alten Dame verſinnbildlichten die ſieben Faſtenwochen, und ſo hatte man den Brauch eingeführt, die Puppe nach beendetem Karneval irgendwo öffentlich aufzuſtellen und ihr jede Woche eines ihrer Beine abzuſchneiden. Am Karſamstag wurde ihr dann das letzte Bein genommen und der übrige Reſt unter dem Jubel des Volkes in tauſend Stücke zerriſſen. Im Mittelalter, als das Karnevalstreiben ſeine Hochblüte erlebte, ſchuf die Freude am groben Schabernack allmählich einen neuen Brauch: das Faſtnachtsſpiel. Es begann damit, daß junge Leute, zur Unkenntlichkeit vermummt, zu ihren Freunden oder in Wirtshäuſer gingen und dort kurze Szenen aufführten, wofür ſie kleine Geſchenke erhielten. Die Szenen waren freilich von einer Derbheit, die kaum zu überbieten war, aber die Späße gefielen ſo, daß man nach und nach zu Aufführungen überging, die bereits in dramatiſcher Form irgendeine komiſche Begebenheit darſtellten. Am beliebteſten waren hierbei Szenen aus dem Bauernleben, bei denen möglichſt viel geſtritten und gerauft wurde. Natürlich bemächtigte ſich bald auch das fahrende Volk der Aufführung dieſer Faſtnachtsſzenen, aber die Künſte der Gaukler und Poſſen⸗ reißer waren ebenſo einfach wie roh und unanſtändig, doch be⸗ gannen ſie wenigſtens ſchon, ſich zu den Spielen in die Perſonen zu verkleiden, die ſie darzuſtellen hatten. Die Bürger in den Städten hatten ſchließlich aber doch das Bedürfnis, in dieſen Spielen etwas anderes und beſſeres zu ſehen und zu hören, als die Gaukler es bieten konnten. So entſtanden jene Faſtnachts⸗ ſpiele, die, von Meiſterſingern verfaßt, den alten Scherzſpielen allmählich eine andere Wendung gaben. Zuerſt waren zwar auch dieſe noch derb genug; was uns von dem erſten dieſer Meiſter⸗ ſinger des 15. Jahrhunderts, Hans Roſenplüt, bekannt iſt, ſtellt noch eine recht dürftige Miſchung von Zoten und ſchlechten Witzen aller Art dar. Allein dann tauchte Hans Sachs auf, der den Faſt⸗ nachtsſpielen endlich wirklichen ——— Humor und einen originellen Leinenband 3 Mark. Verlag von Quelle& Meyer in Inhalt verlieh. Aus dieſen tnuchteielen des Hans Sachs iſt dann nach und nach das Luſtſpiel entſtanden, das mit der Faſt⸗ nacht nichts mehr zu tun hatte, und ohne das ſich heute kein Theater mehr denken läßt. Leben und Treiben in einem Dorſe der Steinzeit Von Dr. G. Es wird vielfach angenommen, der Menſch der vorgeſchichta⸗ lichen Zeit habe ſich mit Vorliebe im Urwalde aufgehalten und verborgen. Das iſt ein Irrtum; denn der Urwald iſt ungaſtlich und üghe nicht einmal unſtet ſchweifenden Jägerhorden den Schwantes*) notdürftigſten Unterhalt. Sowohl der afrikaniſche als auch der aſiatiſche Urwald iſt leer von Menſchen.„Der Stille entſpricht die Ode der Wälder“, ſagt Brehm.„Wer ſich der Hoffnung hingeben wollte, in ihnen ein friſchfröhliches Jägerleben führen zu können, würde ſchmerzlich enttäuſcht werden. Meilenweite Strecken er⸗ ſcheinen oder ſind, mindeſtens zeitweilig, ſo tierleer, daß der Forſcher wie der Jäger verzweifeln möchte.“ Mitunter ſpurlos leer, oder beſſer geſagt: zum Verhungern leer findet Middendorf die Urwälder Sibiriens. Wäre Deutſchland ganz von Urwäldern bedeckt geweſen, wie gemeinhin angenommen wird, ſo wäre die dichte Beſiedlung in der Steinzeit und die verhältnismäßig hohe Kultur dieſer Periode undenkbar. Gerade der bunte Wechſel von Wald, Steppe, Heide und Moor hat die ſteinzeitlichen und ſpäteren Anſiedler in unſer Vaterland gelockt. Den offenen Landſtrichen folgend, drangen ſie bis ins Innere vor; auf dem waldloſen einſtigen Steppen⸗ und Tundraboden lagen ihre Anſiedlungen. Mit der trefflichen Steinaxt fällte man die Bäume am Rande des von geheimnisvollem, Grauen erregenden Dunkel erfüllten Ur⸗ waldes, der Heimat böſer Geiſter. Die zugerichteten Stämme ſenkte man als Pfoſten in die Erde. Ein Rutengeflecht, das mit Lehm beworfen ward, bildete die Wand. Noch heute deutet dieſer Name auf jene Bauart, die noch immer hier und da auf dem Lande angewandt wird; denn„Wand“ hängt zuſammen mit„winden“. Der Innenraum der Hütte war vielfach vertieft; nicht ſelten findet man nur dieſe Vertiefung, eine ſogenannte Wohngrube. Oft liegen dieſe meiſt runden oder un⸗ regelmäßigen Gruben, deren Größe, Tiefe und Geſtalt ſehr wechſelt, in Menge beieinander und bezeichnen die Stätien ehe⸗ maliger Dörfer. Aſchen⸗ und Kohlenreſte, geſchwärzte Erde, Un⸗ maſſen von Topfſcherben, Steingeräte, Tierknochen und andere Reſte der Mahlzeiten bilden die Füllung der Gruben. Oft liegen *) Dieſe anſchauliche und lebendige Schilderung entnehmen wir dem weitverbreiteten, jetzt ſchon in 4. Auflage vorliegenden Werk„Aus Deutſchlands Urgeſchichte“. Auf Grund genaueſter Kenntniſſe gibt der Verfaſſer hier eine allgemeinverſtändliche, friſch geſchriebene Darſtellung der deutſchen Mgeſchicte. In eipzig. heute kaum faßliche Schwierigkeiten zu überwinden. Es war in der Entwicklung begründet, daß man zunächſt verſuchte, den elek⸗ triſchen Lichtbogen, den der große engliſche Phyſiker Humphrey Davy 1813 entdeckt hatte, für dieſen Zweck auszunutzen. Vor allem verurſachte das ungleichmäßige Abbrennen der Kohlekerzen und das Abreißen des Lichtbogens großen Verdruß. Dazu kam, daß man anfangs nicht mehrere Lampen im gleichen Stromkreis brennen laſſen konnte. Der erſte, der dieſe Schwierigkeiten praktiſch überwand, war der in Paris lebende ruſſiſche Ingenieur⸗Offizier Jablochkoff. Schon vor ihm hatten andere Männer verſucht, durch ähnliche Vorrichtungen, wie ſie die heutigen Bogenlampen aufweiſen, die abbrennenden Kerzen in immer gleichen Abſtand voneinander zu halten. Es gelang Jablochkoff, ſeinen Kerzen eine Form zu geben, -. erſtenmal auch in Berlin bei einer Illumination verwendet. Die Nachteile der Jablochkoff⸗Kerze wurden bei ſpäteren Konſtruktionen, die wieder andere Wege gingen, überwunden. Die modernen Bogenlampen erfordern nur eine geringe Wartung. Sie arbeiten ſelbſttätig und mit großer Sicherheit und über⸗ fluten Straßen und Plätze mit Tageshelle. Der Weg vom Kien⸗ ſpan zum ſonnenhellen Bogenlicht erſcheint faſt wie ein Symbol der Menſchheit, die ſeit Jahrtauſenden aus dem Dunkel zum Licht aufwärts ſtrebt. „Trude“ der neue Modetanz Amerika will die Alte Welt wieder einmal mit einem neuen Produkt ſeiner Tanzkunſt beglücken. Der neue Tanz, von dem behauptet wird, daß er ſowohl den Charleſton als auch den Black Bottom verdrängen ſoll, heißt„Trude“ Er ſoll nicht ſo„wahn⸗ ſinnig“ ſein wie die beiden erſten Tänze, er iſt zu Ehren der Meiſterſchwimmerin Gertrud Ederle komponiert.„Trude“ ſoll eine Art äſthetiſcher Paraphraſe des Schwimmens darſtellen. Alle Bewegungen und Figuren des neuen Tanzes ſollen die ſchneidige Grazie der„amerikaniſchen Undine“, wie Gertrud Ederle jen⸗ ſeits des Ozeans genannt wird, nachahmen. Die Arme werden geſchwungen wie im Kampfe mit den Wellen, die Füße harmoniſch bewegt. Der Trude⸗Tanz verdankt ſeine Entſtehung den Film⸗ aufnahmen, die von dem Flugzeug, das Gertrud Ederle begleitete, hergeſtellt worden ſind. Er ſoll eine Verherrlichung der ſport⸗ treibenden Frau des 20. Jahrhunderts darſtellen und neue Schön⸗ heiten der weiblichen Bewegungen enthüllen. Kein Geringerer als Irvpin Berlin, der gefeierte amerikaniſche Tanzkomponiſt, ſoll in der Muſik des neuen Tanzes einen neuen künſtleriſchen Aus⸗ druck für die Darſtellung der ſchwimmenden Frauenſchönheit ge⸗ funden haben Es iſt das bewährte Rezept ſchmachtender ameri⸗ kaniſcher Tanzmuſik: melancholiſche Sehnſucht nach Floridas Strand, Mondſchein, ſchöner Garten auf einer Inſel. Der Char⸗ leſton iſt tot, es lebe die„Trude“! é auch Lehmſtücke vom Wandbewurf der Hütte darin, vom Herdfeuer harigebrannt, mit deutlichen Abdrücken des Rutenflechtwerkes der Wände. In ſehr vielen Fällen iſt von den Wänden des Hauſes nichts erhalten als dieſer Lehmverputz, ſo daß man die Form des Hauſes nicht erſchließen kann. Die Dörfer der Steinzeit lagen oft auf unfruchtbarem Ge⸗ lände, da dieſes nicht bewaldet war. Waldfrei waren aber auch vielfach die fruchtbaren Lößlandſchaften Süd⸗ und Mittel⸗ deutſchlands, und hier lagen die Ortſchaften in erſtaunlicher Menge beiſammen. Ein Dorf von geradezu gewaltiger Aus⸗ dehnung entdeckte man bei Großgartach im Neckartale. Hier fand man ſogar Reſte von Bemalung auf dem Lehmverputz der ge⸗ flochtenen Wände. 3 Die Menſchen, die damals überall in Deutſchland ihre Dörfer errichteten, beſchäftigten ſich wie die Dorfbewohner unſerer Zeit mit Viehzucht und Ackerbau. Das waren nicht mehr ſchweifende Jäger⸗ horden der Eiszeit oder auf wüſten Abfallhaufen hochende Fiſcher wie noch im älteren Abſchnitt der jüngeren Steinzeit, auch nicht unſtete Hirten⸗-Nomaden. Der Menſch war hier vom Sammler und Jäger unmittelbar zum ſeßhaften Bauern geworden. Die Anſicht, daß der Menſch überall vom Jägertum zunächſt zum Nomadentum überging. iſt nicht richtig. Nur im Falle der Not verließ man Haus und Hof und die mit ſo viel Mühe her⸗ gerichteten Acker. Dann packte man wohl die Habe, Weib und Kind auf den mit Ochſen beſpannten Karren, trieb die Herden zuſammen und fort ging's, einer beſſeren Heimat entgegen. Dem Kundigen verraten die Funde recht oft, daß viele, viele Ge⸗ ſchlechter nacheinander auf demſelben Platze wohnten, gerade ſo wie heute. Die Bewohner der Muſchelhaufen kannten nur ein einziges Haustier, den Hund. In der jüngſten Steinzeit dagegen trifft man alle wichtigeren Haustiere unſerer Zeit, Rind, Pferd, Schwein, Schaf und Ziege. Die Zucht dieſer Tiere hat man von fremden Völkern der öſtlichen Mittelmeerländer kennengelernt. Hier, im uralten Kulturlande der Ströme Euphrat und Tigris, ſcheint man zuerſt das Rind gezähmt zu haben. Vielleicht ver⸗ wandte man es im Anfange nur im Gottesdienſte und ſpäter erſt als nahrungsſpendendes Tier im Haushalte. Auch Schaf und Ziege kamen von fernher aus dem Süden während gewiſſe Raſſen des Hausſchweines und Rindes hier in Nordeuropa nach fremdem Vorbilde gezähmt ſein können, da ſie von heimiſchen wilden Tieren abſtammen. Sicher iſt das Pferd in Europa gezähmt worden. Es war dem Morgenlande anfänglich unbekannt, und erſt vom Norden heranrückende fremde Eroberer brachten dieſes edle Tier dorthin. Der Ackerbau wurde noch auf ſehr einfache Art betrieben. Wahrſcheinlich lag er ganz in der Hand der Frau, wie noch heute bei vielen Naturvölkern. z. B. den Negern. Der Boden wurde lediglich mit der Hacke bearbeitet. Steinerne Hacken werden be⸗ ſonders im Gebiete der Donauvölker, die ihre Tongefäße mit Bandverzierungen ſchmückten, häufig gefunden. Hackbau nennt man dieſe Art der Bodenwirtſchaft vor der Einführung des Pfluges. Überall baute man Hirſe, Gerſte und Weizen in ver⸗ ſchiedenen Arten. Maſſenhaft liegen verkohlte Getreidekörner unter den ſteinzeitlichen Pfahlbauten. Anderswo findet man ſie eingebacken im Wandlehm der Hütten oder in der Wandung der Tongefäße. Seitdem der Däne Kriſtenſen das erſte Getreidekorn in einer vorrgeſchichtlichen Scherbe fand, hat man auch in Gegenden, wo früher von Getreidereſten nichts vorlag, den Feld⸗ fruchtbau in der Steinzeit nachweiſen können. 4 Sicherlich haben ſchon die„Jäger und Sammler“ älterer Zeiten die nahrhaften Früchte von mancherlei wildwachſenden Gräſern als Nahrungsmittel geſchätzt und zur Zeit der Reife ein⸗ geheimſt. So ſammeln die Neger Afrikas vielfach noch heute wildes⸗Getreide, und ſelbſt in Norddeutſchland hat man bis vor kurzem den Samen eines wildwachſenden Graſes, des Schwaden oder Himmelstau, geſammelt und Grütze daraus gewonnen. Beim Ausbringen des Getreides aus den Ahren oder Riſpen und ſeiner weiteren Verwendung im Haushalte ging natürlich manches Korn verloren und wurde ſo in der Nähe der Wohnung ausgeſät. Im folgenden Jahre hat man dann dieſe unbeabſichtigten Aus⸗ ſaaten mit abgeerntet und dabei die Entdeckung gemacht, daß der vielfach umgewühlte und durch Unrat und Abfälle gedüngte Boden um die Hütte weit ſtattlichere Pflanzen mit reicherem Ertrage zeitigte als der ungeſtörte Boden der Wildnis. Dieſe Beobachtung mag den Menſchen bewogen haben, von der alleinigen Verwen⸗ dung wilden Grasſamens zum Anbau des Getreides überzugehen. Zuerſt hat man wohl nur kleine Flächen damit beſtellt, und lange Zeit hindurch mögen die Früchte, Blätter und Wurzeln wilder Gewächſe ein bedeutendere Rolle geſpielt haben als die noch ge⸗ ringeren Erträge des Ackers. Auf Reibſteinen zerrieb man das Getreide zu Mehl. Auf der meiſt etwas ausgehöhlten Grundplatte liegt der kleinere„Läufer“, der häufiger rund als platt iſt. Das Brot wurde auf heißen Steinen in Form flacher Laibe oder Fladen gebacken. Die Stein⸗ zeitleute, die an dem Bodenſee und an vielen anderen Seen des Alpengebietes ganze Dörfer auf Pfählen. die ſogenannten Pfahl⸗ bauten errichteten, haben dreierlei Brot gebacken: zweierlei Weizenbrot mit fein geriebenen oder groben Körnern und Hirſe⸗ Prot mit Weizenkörnern und Leinſamen. Die Gerſte wurde wohl geröſtet oder als Brei gegeſſen.““] 2 ——y——⸗ 5. Kg3 his+. 6. K f3 g4 †. 7. K 4 812 †. 8. KfS Sd. 9. Kes Seb. 10. Ta+ und gewinnt den Springer.. Niederrad: Montags„S 4 Nordend, Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Amerikaniſche Gewaltſchwimmerei Myrtel Huddleſton, eine Frau von dreißig Jahren, die erſt im vorigen Jahre Schwimmen gelernt hatte, um ſchlanker zu werden, hat kürzlich bei dem dritten Verſuch den Catalina⸗Kanal durchſchwommen. Sie iſt die erſte Frau, die bei dieſem Wettbewerb einen Sieg erzielte. Als ſie an Land ſtieg, brach ſie ohnmächtig zuſammen, der Arzt ſtellte feſt, daß die linke Körperſeite völlig gelähmt war. Sie durchſchwamm die Strecke des Kanals, der eine Meile breiter iſt als der Ärmelkanal an ſeiner engſten Stelle, in zwanzig Stunden und zweiundvierzig Minuten, d. h. ſie brauchte fünf Stunden mehr als der ſiebzehnjährige Kanadier, der kürzlich bei dem Wettbewerb, an dem hundert Schwimmer beiderlei Ge⸗ ſchlechts teilnahmen, den erſten Preis von 5000 Pfund Sterling 1 gewann. Seine Konkurrentin, Frau Huddleſton, nahm während 1 des Schwimmens keinerlei Nahrung zu ſich. Vor Erregung fie⸗ 2.— bernd, ſtieß ſie unter hyſteriſchem Schluchzen die letzte qualvolle 4 Viertelmeile mechaniſch vorwärts, während ihr elfjähriger Sohn, der ſie in einem Ruderboot begleitete, unaufhörlich rief:„Vor⸗ wärts, Mamal! Gib nicht auf!“ Als die Schwimmerin wenige Meter vom Feſtlande entfernt ohnmächtig zu werden drohte, er⸗. mögtichte man ihr durch Darreichung eines Narkotikums eine letzte Kraftanſtrengung. Ein Mann ſprang aus den Begleitbooten 1 in die See und ſchwamm längsſeite der ſchluchzenden Frau, um durch Zuruf ihren Mut zu beleben. Dann wurde ſie von einer 3 4 Welle hochgehoben und vorwärts getragen, während ihre Arme nur noch träge Schwimmbewegungen machten und die Beine ſich 43 überhaupt nicht mehr bewegten. Nur mit Mühe ſtieg ſie an Land ſie hätte keine Viertelſtunde länger im Waſſer bleiben ürfen. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäujer. Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29.: wohin auch alle Zu⸗ ſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Aufgabe Nr. 97 J. R. Neukomm ſ M 3 H C 74 4 , S Matt in 2 Zügen Enoͤſpielſtudie Nr. 46 J. Moradee Stellung: Weitß: Khs, T a2. Schwarz. Kgi, Bg7, hö. Weiß gewinnt. Lösung: Weih gewinnt nicht mit Kg7. sondern mit Kh7 Darin liegt die Pointe des Endspiels. 1. Kh 71 h4. 2. Kg h3. 3 Kgõ h2. 4. Kg4 hl D. 5. Kg3. Weiß gewinnt, da die Dame das drohende Matt nicht decken kann. Hätte weiß den Bg/ geschlagen, würde jetzt Dhs für Schwarz gewinnen. Falls auf 4. Kg4 gõ. Spielabende des Arbeiter⸗Schachtlubs Frankfurt a. M. Sachſenhauſen: Dienstags, bei Adrian, Affentorplatz. Innenſtadt: Montag,„Zur Pfalz“, Holzgraben 7. ſchwarze Katze“, Kelſterbacher Str. 28. Bornheim: Mittwoch, Pauly, Germaniaſtraße 49. b Riederwald: Mittwoch, Blank.. Bockenheim: Mittwoch, Moltkeeck, Ecke Varrentrappſtraße. Rödelheim: Mittwoch, Schwabeneck. Eſchborner Landſtraße 36. Bahnhofsviertel: Donnerstag, Zum Regenbogen, Gutleutſtr. 151. Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. —— 7 1 4 * 3 Ein Bahnbrecher der Elektrizität Am 5. März 1827 erlag Aleſſandro Volta, der große Phy⸗ ſiker, einem Herzſchlage, der den Zweiundachtzigjährigen bei einem Aufenthalt in ſeinem Geburtsort Como überraſcht hatte. An ſeiner Bahre trauerte die ganze wiſſenſchaftliche Welt des Abendlandes. Voltas Name ſteht am Anfang der modernen Elektrizitäts⸗ lehre. Seit Jahrtauſenden war das Elektron, der Bernſtein der Griechen, bekannt, und ebenſo lange wußte man, daß der geheim⸗ nisvolle Stein durch Reiben magnetiſche Eigenſchaften bekam. Aber dies wurde nicht viel mehr denn als eine Spielerei gewertet. Otto von Guericke, der große Magdeburger Bürgermeiſter, hatte zum erſtenmal den elektriſchen Funken beobachtet, den er mit Hilfe ſeiner von ihm ſelbſt gebauten Elektriſiermaſchine erzeugt hatte. 1780 hatte Galvanis Frau das Zucken von Froſchſchenkeln entdeckt, wenn ſie vom Meſſer ihres Gatten, der Arzt war, be⸗ rührt wurden. Galvani wurde durch dieſe Entdeckung berühmt, als er ſie elf Jahre ſpäter in Bologna veröffentlichte. Er ſtellte dabei die Theorie auf, daß in den Muskeln der Fröſche poſitive und negative Elektrizität vorhanden ſei, die über einen Kupfer⸗ draht zur Entladung komme. Voltas großes Verdienſt war es, daß er dieſe falſche Theorie bekämpfte und durch eine richtige Er⸗ klärung erſetzte. Er hatte erkannt, daß lediglich die Berührung der verſchiedenen Metalle die von Galvani beſchriebene elektriſche Erſcheinung hervorgerufen hatte. 1793 beſchreibt Volta dann zum erſtenmal die nach ihm benannte Batterie. Er ſchildert ſowohl ſeine Säule, die aus einer Anzahl von Kupferplatten beſtand, die durch Filz voneinander getrennt waren, als auch ſeine„Taſſenkrone“, die etwa unſeren heutigen naſſen Elementen zu vergleichen iſt. Intereſſant iſt die Tatſache, daß er die chemiſchen Vöorgänge bei ſeinen Batterien, das Wirken der Säuren, völlig überſah und ſogar jeden Einfluß der Säuren ſehr energiſch beſtritt. Dem deut⸗ ſchen Forſcher Johann Wilhelm Ritter, der auch der Schöpfer des erſten Akkumulators iſt, blieb es vorbehalten, für das Wirken der Volta⸗Säule eine einwandfreie Erklärung zu finden. Umge⸗ kehrt aber konnte Volta wieder die falſche Theorie Ritters über den Akkumulator richtigſtellen. Durch das Bekanntwerden der Volta⸗Säule wurden zahl⸗ reiche Phyſiker veranlaßt, ſich eingehender mit der Elektrizität zu beſchäftigen. Man kann in der Tat ſeit jener Veröffentlichung Voltas ein ſchnelles Anwachſen der Arbeiten über Fragen der Elektrizitätslehre feſtſtellen. Neben dieſer Arbeit, die Volta be⸗ rühmt machte, ſind noch eine ganze Reihe von wertvollen Ent⸗ deckungen dieſes großen Phyſikers zu verzeichnen. 1776 fand er das Elektrophor, ein Jahr ſpäter einen elektriſchen Gasanzünder, den er als„elektriſche Piſtole“ bezeichnete. 1782 ſchuf er den Kondenſator und das Elektroſkop. Damit hatte er Geräte, durch die er das Vorhandenſein ſelbſt kleinſter Elektrizitätsmengen nachweiſen konnte. Auch mit der Unterſuchung von Gaſen hat ſich Volta viel beſchäftigt. 1777 brachte er eine Waſſerſtofflampe und das Eudiometer für die Unterſuchung von Gaſen heraus, und 1788 berichtete er über die Elektrizität des Waſſerdampfes. Volta war Kosmopolit in des Wortes beſter Bedeutung. Mit zahlreichen Gelehrten des Auslandes ſtand er in engſter Ver⸗ bindung und hat ſich ſelbſt den Strapazen großer Reiſen unter⸗ worfen, die ihn faſt durch ganz Europa führten. überall fand er große Ehrungen. Die anerkannten Akademien ernannten ihn zu ihrem Mitglied. Bereits mit 29 Jahren war der am 18. Februar 1745 in Como geborene Volta Profeſſor der Phyſik in ſeiner Vaterſtadt geworden. Fünf Jahre ſpäter gab ihm die altehrwür⸗ dige Univerſität Padua einen Lehrſtuhl für Phyſik. Hier vollen⸗ dete er auch die Entdeckungen, die ſeinem Namen Weltruf geben ſollten. 1814 wurde er zum Direktor der phyſikaliſchen und mathe⸗ matiſchen Wiſſenſchaften an der Univerſität Padua ernannt, nach⸗ dem er 1810 wegen ſeiner großen wiſſenſchaftlichen Verdienſte auf Napoleons Wunſch in den Adelsſtand erhoben worden war. Wäh⸗ rend aber alle dieſe Ehrungen heute ſo gut wie vergeſſen ſind, Ein Goldſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein kle ines Flämmchen, liegt in der Bruſt, bis ihn endlich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum entdeckt Jean Paul —— hat ſeine wiſſenſchaftliche Leiſtung auch praktiſch nichts von ihrer Bedeutung verloren. Noch heute werden Elemente benutzt, die im Prinzip den ſeinen gleichen. Sein Name aber lebt für immer im „Volt“ fort, dem Maß der elektriſchen Spannung. Auf ungezählten elektriſchen Geräten iſt es zu finden und man darf behaupten, daß wohl kein anderes elektriſches Maß ſich größerer Volkstümlichkeit erfreut als dieſes. Damit aber wurde dem großen Forſcher ein Denkmal geſetzt, das wertvoller und unvergänglicher iſt, als jede der Ehrungen, mit denen man ihn zu ſeinen Lebzeiten überhäufte. Der Schöpfer der Himmelsmechanik Zur 100. Wiederkehr des Todestages von Laplace am 5. März Von Lr. Siegfried Kurth „Was wir wiſſen, iſt wenig; aber was wir nicht wiſſen, iſt ungeheuer viel“. Mit dieſen Worten ſchied in der Nacht zum 5. März 1827 Pierre Simon Laplace aus ſeinem reichen Wirken, der größte Aſtronom, den Frankreich hervorgebracht hat. Schon frühzeitig zeigte dieſer Sprößling armer normanniſcher Bauern — er wurde am 28. März 1749 in Beaumont⸗en⸗Auge geboren— eine auffällige mathematiſche Begabung. Als Zwanzigjähriger machte er ſich erfolgreich an die Löſung ſchwieriger Probleme der höheren Analyſis; dem ſcharfſinnigen Mathematiker gab man trotz ſeiner Jugend eine Stelle als Lehrer der Mathematik an der Militärſchule ſeiner Vaterſtadt. Bald berief man ihn nach Paris, wo er ſchon mit 24 Jahren in die Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften aufgenommen wurde. Als ſein Lebensziel ſah er es an, die Bewegung in unſerem Sonnenſyſtem mit den Hilfsmitteln der höheren Mathematik völlig zu erfaſſen; der Menſch ſollte ge⸗ miſſermiahen zum Geſetzgeber dieſer Bewegung werden. Wie voll ziehen die Erde, die verſchiedenen anderen Planeten und ihre Monde ihre Bahn? Erweiſt ſich bei dieſen kosmiſchen Maſſen das Geſetz, daß der große Engländer Iſaac Newton aufgeſtellt hat, das ſogenannte Gravitationsgeſetz, als völlig zutreffend? Bildet es nicht vielleicht nur eine bloße Annäherung an die ſeit Jahr⸗ hunderten gemachten Beobachtungen? Ziehen ſich wirklich auch die himmliſchen Körper entſprechend dem Verhältnis ihrer Maſſen und dem umgekehrten quadratiſchen Verhältnis ihrer Entfernungen an? Wenn man Newtons Geſetze und die Kepler⸗ ſchen Bewegungsgeſetze, die ſich daraus ableiten laſſen, zugrunde legte, dann zeigten ſich manche Abweichungen. So verläuft die Mondbahn nicht in einer Ellipſe. Aber Laplace zeigte, daß New⸗ tons Geiſt auch hier geſiegt hatte. Denn bei der Bewegung des Mondes um die Erde muß man auch den Einfluß der Sonne be⸗ rückſichtigen. Zur Zeit des Neumonds iſt unſer Trabant der Sonne am nächſten. Sie übt dann eine weit größere Anziehungs⸗ kraft auf ihn aus, als zur Zeit des Vollmondes, wenn er ſich am weiteſten von ihr entfernt hat. Die außerordentlich ſchwierigen mathematiſchen Verhältniſſe, die in dieſem ſogenannten Drei⸗ körperproblem herrſchen, ſind bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz gelöſt worden. Aber Laplace, der ſich ebenſo eifrig auch mit den Bewegungen der Monde des Fupiter befaßte, hat das Problem der Löſung um ein beträchtliches Stück nähergebracht. Die Gravitationstheorie ermöglichte zugleich dem franzö⸗ ſiſchen Forſcher, der in den Logarithmen ein Mittel ſah,„das Leben des Aſtronomen zu verlängern“. Unterſuchungen über die Stabilität unſeres Sonnenſyſtems durchzuführen; ſie lieferten das wichtige Ergebnis, daß auf abſehbare Zeit, die jedenfalls nach vielen Millionen Jahren zu rechnen iſt, die Bahnverhält⸗ niſſe der großen Planeten unſeres Sonnenſyſtems nur um eine gewiſſe mittlere Lage herumpendeln, ohne daß etwa einer oder der andere von ihnen durch Störungen ſoweit aus ſeiner Bahn herausgebracht wird, wie wir das bewegung kennen lernten. Eine weit ausgedehntere und bereicherte Ausgabe von Newtons„Mathematiſchen Grundlagen der Naturphiloſophie“ wurde Laplaces großes Werk„Die Himmelsmechanik“. Aber etwa bei der Kometen⸗ während der engliſche Naturkünder noch zu übernatürlichen Ein⸗ griffen ſeine Zuflucht nehmen mußte, um unſeren Kosmos in ſeinem Getriebe aufrecht zu erhalten, konnte Laplace ſeinem Be⸗ wunderer Napoleon auf die Frage, warum er in ſeiner„Mecha⸗ nik des Himmels“ nicht einmal das Wort„Gott“ gebraucht, mit Stolz erwidern:„Sire, ich bedurfte dieſer Hypotheſe nicht“. Aber gerade ſein Werk verkündete der Welt die überirdiſche Weisheit, die die Ordnung in der ganzen ſichtbaren Welt offenbart. War ſein großes Hauptwerk, das im Jahre 1842 auf Staatskoſten noch⸗ mals veröffentlicht wurde, mehr für den rechnenden Aſtronomen beſtimmt, ſo wandte ſich ſeine„Darſtellung des Weltſyſtems“ an den Geblideten überhaupt. Hier befaßte Laplace ſich auch mit der Frage, wie man ſich die Entſtehung unſeres Sonnenſyſtems zu erklären habe. Er kommt gleich Kant in ſeiner„Natur⸗ geſchichte des Himmels“ zu dem Ergebnis, daß dieſekbe An⸗ ziehungskraft aller wägbaren Materie, die jetzt den Lauf der Planeten unterhält, auch einſt imſtande geweſen ſein müſſe, ge⸗ wiſſermaßen Hebammendienſte bei ihrer Loslöſung vom Sonnen⸗ ball zu leiſten. Im Gegenſatz zu Kant, deſſen Gedanken er eigent⸗ lich nicht weiterbildet, ſondern nur umformt, geht er von einem rotierenden Nebelball aus. Helmholtz hat dieſe Kant⸗Laplaceſche Theorie weiter ausgeſponnen. Und wenn auch die Aſtronomie dank ihrer verfeinerten Beobachtungs⸗ und Rechnungsmethoden heute die Anſchauungen über das Weltall außerordentlich er⸗ weitert hat, der Kern der Lehren, die ſich an die Namen Kant, Laplace und Helmholtz knüpfen, bleibt im weſentlichen beſteben. Doch nicht nur dem Himmliſchen war Laplace zugewandt. Er, den Napoleon durch den Grafentitel ausgezeichnet und dem er eine Zeitlang das Miniſterium des Innern anvertraut hatte, ging an die Umgeſtaltung der Ecole Polytechnique, die zu einer der hervorragendſten Pflanzſtätten franzöſiſcher Wiſſenſchaft wurde. Er ſuchte aus den Beobachtungen über Ebbe und Flut das Geſetz der Gezeiten abzuleiten, das für die Schiffahrt von lo ausgezeichneter Wichtigkeit iſt, und er ſtand an der Spitze der Kommiſſion, die die Grundlagen zu einer Regelung der Maße und Gewichte ſchaffen ſollte. Auf dem Meter, der urſprünglich als der hundertmillionſte Teil des Erdquadranten gedacht war, bauen ſich alle die Maße und Gewichie auf, die heute faſt auf dem ganzen Erdenrund nicht nur im wiſſenſchaftlichen Leben, ſondern auch im wirtſchaftlichen Verkehr maßgebend ſind. Ein eigenartiger Zufall wollte es, daß Laplace gerade hundert Jahre nach dem Tode Newtons die Augen ſchloß, aus deſſen Welt⸗ anſchauung er die letzten Folgerungen gezogen hat. Künſtliche Färbung lebender Pflanzen Das Beſtreben, die Farben von Blumen durch äußere Ein⸗ wirkungen zu verändern, veranlaßte ſchon vor 300 Jahren die holländiſchen Tulpenzüchter zu den verſchiedenſten Verſuchen. So⸗ wohl durch Lichteinwirkung und Lichtentziehung, als auch durch Farbſtoffeinwirkung auf die Tulpenpflanzen oder Zwiebel ſuchte man neuartig gefärbte Pflanzen zu erhalten. Doch erſcheint der Erfolg der angewandten Mühe nicht entſprochen zu haben. Kann doch ſelbſt heute das künſtliche Umfärben lebender Pflanzengewebe noch nicht als praktiſch verwendbares Verfahren im eigentlichen Sinn des Wortes betrachtet werden. Immerhin laſſen ſich, wie die Mitteilungen von Mickſch in den„Fortſchritten der Technik“ —— —— darlegen, mit Hilfe der äußeren Einwirkung verſchiedener Che⸗ mikalien zahlreiche eigenartige und auch reizvolle Umfärbungen an Blumen erzielen. Schon vor mehreren Jahren hat man Verſuche gemacht, Bäumen im lebenden Zuſtand Farbſtoffe zuzuführen, um da⸗ durch das Holz umzufärben. Hierbei konnte man z. B. mit Anilin⸗ farben das Holz der Birke grünlich oder bläulich färben oder auch rot ädern; nach Anwendung von ſalzſaurem Anilin verfärbten ſich Birken ſogar ſchon innerhalb einer einzigen Nacht derart, daß ihr Laub dem der Blutbuche glich. Auch andere Holzfärbungsver⸗ ſuche am lebenden Stamm— ſo die von Rienhold— hatten inſo⸗ fern gute Erfolge, als die im lebenden Zuſtand gefärbten Hölzer ſattere und lichtbeſtändigere Farben zeigten als die erſt nach⸗ träglich gebeizten und ſich auch zum Polieren beſſer eigneten. Das Verfahren läßt ſich aber nur an ganz beſtimmten Holzarten an⸗ wenden, da die Farbſtoffe von manchen Hölzern nicht gleichmäßig aufgenommen werden, ſo daß bei dieſen auch keine gleichmäßige Färbung zuſtande kommen kann. Nun kann man Färbungen aber auch an Blumen vornehmen und auf dieſe Weiſe manche originelle Modeblume ſchaffen; eines⸗ teils einfach auf dem Weg äußerer Einwirkung chemiſcher Sub⸗ ſtanzen, andererſeits aber auch dadurch, daß die Pilanzen— ähnlich wie die Hölzer— die Farbſtoffe in ihre Zellen auf⸗ nehmen. Ein Verſuch der erſten Art beſteht beiſpielsweiſe darin, daß man blaue oder violette Blumen dem Rauche einer brennen⸗ den Zigarre ausſetzt, worauf oft ſchon nach wenigen Minuten grüne Färbung eintritt. Läßt man auf blaue, violette oder karme⸗ ſinrote Blumen Ammoniakgaſe wirken, ſo werden ſie ebenfalls grün, weiße Blüten dagegen gelb und dunkelrote Roſen weiß; unter der gleichen Einwirkung färbt ſich der weiße Kelch einer Fuchſie in gelb um, und ihre roſa Blumenkrone in grün und blau. Dämpfe von Salzſäure erzeugen an blauen, roten und roſa Aſtern dunkelrote Farbentöne, die ſo farbecht ſind, daß ſie ſelbſt an der vertrockneten Pflanze nicht bleichen. Früher war es ein von den Tulpenzüchtern eifrig erſtrebies Ziel, grüne Blüten zu erzeugen. Dieſes Kunſtſtück kann der moderne Gärtner— wenn auch nur durch üußere Einwirkung— auch an Roſen, Heliotrop und Vergißmeinnicht zuſtande bringen, indem er ſie in eine Lö⸗ lung aus 10 Teilen Schwefeläther und 1 Teil Ammoniak ein⸗ taucht; mit dem gleichen Verfabren kann man auch weiße Blüten gelb färben, wogegen ſich naturgelbe Blütenfarben faſt gar nicht beeinfluſſen laſſen. Beſprengt man friſche Blüten mit der ge⸗ nannten Miſchung, ſo erzielt man eine eigenartige Fleckung. Sehr abwechſlungsreiche Farbwirkungen kommen ferner zuſtande, wenn man Blumen in ſtark verdünnte Salpeter⸗ oder Salsſäure ein⸗ taucht. Mit ganz friſchen Blumen kann man hübſche Färbungs⸗ verſuche machen, indem man ſie in ein Gefäß mit einer Teerfarb⸗ ſtofflöſung ſetzt. Hierbei werden die Farben nämlich von den Pflanzenzellen aufgenommen und nach oben geleitet, ſo daß den Blumen die Farbſtoffe demnach durch ihre eigenen Säfte zuge⸗ führt werden. Die Dauer der Farbenaufnahme hängt natürlich in dieſem Fall immer mit dem Innenbau der Pflanzen zuſammen; bei Maiglöckchen, die man blau oder rot färben kann, dauert die Durchführung z. B. bis zur 6 Stunden. Gute Färbungen erzielt man weiterhin mit Pikrinſäure, die weiße Blüten in leuchtend gelbe verwandelt. Im Verlauf dieſer Verſuche kann man deutlich erkennen, wie ſehr ſich die einzelnen Gewächſe in der Art der R—j—-——O—·—— —PP—CO—Q—ꝭQ——BQ—Q—Q—Q—C—C————C—C—ꝭ—,—˖OQꝗᷓ;—— Zunger Frühling Run iſt es ſchwer allein zu ſein und nachzuhängen dunklen Worten, wenn frohe Kinder allerorten wie Knoſpen ſich im erſten Schein der Helle, die der Frühling webt, entfalten, um darin zu ſpielen und jung zu ſein und von den vielen ſind alle Plätze in der Stadt belebt. And ſelbſt der Abend iſt ein Kind; er läßt ſich tragen von der Helle und bringt den Tag nicht von der Stelle, den weiche Dämmerung umſpinnt bis er verſinkt in einer Nacht, die nichts mehr weiß von unſerm Trauern, und ſo erfüllt iſt von den Schauern der Liebe und der hellen Pracht der Sterne, die am Himmel glüh'n, daß wir den dunklen Tag nicht ahnen, an dem unter den ſchwarzen Fahnen der Arbeit wir uns qualvoll müh'n. Erich Grisar. Gosol Zu ſeinem 75. Todestag, 4. März Der Gedanke, auf den ſich der Roman„Tote Seelen“ aufbaut, iſt ebenſo verrückt wie genial: in Rußland wurden einmal in jedem Jahrzehnt die ſogenannten„Bauernliſten“ geprüft. Durch ſie iſt der Gutsherr verpflichtet, ſein ganzes Geſinde einzutragen und für die jeweils Geſtorbenen— die toten Seelen— eine Art Steuer, ein Kopfgeld zu bezahlen Dieſe toten Seelen jedoch find dem AUnternehmer eine unnötige Belaſtung.„Wenn ſich nun ein Gauner fand, der ihm dieſe toten Seelen abnahm, für ſie die Kopf⸗ abgabe zahlte, ſo wäre dem Herrn geholfen. Der Gauner wieder könnte die toten Seelen, die er natürlich als lebende auf irgend⸗ eine Wüſtenei in der Krim überführte, im Vormundſchaftsamt ver⸗ pfänden, bis 100 Rubel pro Seele, und mit dieſem Erlös verduſ⸗ ten.“ Gogols Held, Tſchitſchikow, bereiſt nun das„Heilige“ Ruß⸗ land, um tote Seelen zu kaufen und wieder zu verſchachern Und ier beginnt das Soziologiſche des Romans: alle Volksklaſſen und Typen paſſieren Revue; Adel. Beamtentum, Bäuerntum werden in ihrem Milien, in ihrer troſtloſen Stumpffinnigkeit gezeigt, die nur für Stunden abgelöſt wird von einer pfiffigen Gewinngier. „Die toten Seelen“, Gogols Hauptwerk, iſt die größte Satire, die je auf ruſſiſche Zuſtände und den ruſſiſchen Menſchen geſchrle⸗ ben wurde. Ein hoffnungsloſer Peſſimismus durchwebt dieſen Roman, und das Gelächter über die komiſchen Situationen ver⸗ mag nicht die Verzweiflung zu verſcheuchen. Es iſt wie ein Fa⸗ tum— bedingt in der ruſſiſchen Seele— daß Gogol dieſen No⸗ man nur in ſeinem erſten Teil vollendete, und der zweite be⸗ gonnene und der dritte verſprochene Teil(die die„Erlöſung“ Farbſtoffaufnahme von einander unterſcheiden. So gelangt bei einer Ziermalve(abutilon) die Pikrinſäure nur bis zum Kelch, während die Blumenblätter davon unberührt bleiben. Bei ande⸗ ren Blüten wieder zeigt ſich die Farbenaufnahme nur in einer netzartigen Anderung, wie beim Schneeglöckchen, an deſſen Blüten⸗ blättern nach vierſtündiger Säurebehandlung rote Aderchen auf⸗ traten; dagegen laſſen ſich Tulpen, Hyazinthen, Flieder und Pri⸗ meln, wie auch Kamelien und Levrkojen, gut färben. An weißen Blumen kann man durch Eoſin und grünem Teerfarbſtoff ſogar auch Buntfärbung— gleichzeitig grün und rot— und endlich auch in ähnlichem Verfahren zwei verſchiedene Färbungen her⸗ vorrufen, indem man zweimal hintereinander färbt. Man ſieht alio, daß der modernen Blumengärtnerei alle möglichen Mittel zur Verfügung ſtehen, um auch auf anderem Wege als dem der Neuzüchtung ſonderbare neue Blüten zu ſchaffen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man Umfärbungsverſuche be⸗ reits auch an Topfpflanzen vorgenommen hat, nur muß man bei allen ſolchen Verſuchen immer wieder in Betracht ziehen, daß die Pflanze den Farbſtoff nur durch die Wurzeln aufnehmen kann. Soll alſo der Farbſtoff von der Pflanze aufgenommen werden, o müſſen vor allem viele der Wurzelfaſern durch vorheriges Abſchneiden ihrer äußeren Ausläufer freigelegt und damit zum Auſſaugen befähigt werden. Man kann auf ſolche Art die Farben von Petunien, Hyazinthen und Georginen verdunkeln, wenn man der Erde nur etwas Holskohle zuſetzt; es iſt ferner möglich, die Blüten auch durch Beimiſchung von feingepulverter Soda rot zu tärben. Zu den Verſuchen an Topfpflanzen erwieſen ſich nament⸗ lich die Zwiebelgewächſe— beſonders Krokus und Hyazinthen— als hervorragend geeignet. Jedenfalls dürften ſich mit dieſen Ver⸗ ſuchen, bei denen die Umfärbung gewiſſermaßen auf natürlichem Wege vor ſich geht, noch manche bedeutſame Ergebniſſe erzielen laſſen. 2 ☚ 74— Zwei Sträaflinge Erbarmungslos brannte die mittägliche Sonne den Straßen, Häuſern, Dächern und Menſchen des kleinen Städtchens das glühende Merkmal eines drückenden Sommertages auf. Nur hier und da glitten einige leichte Wolken unter dem Glutball hin, warfen Gnelle, zerfließende Schattenbilder über die Landſchaft und verſchwebten wieder in der Ferne. Alles Leben ſchien er⸗ ſtorben. Nur ſelten ſah man Leute gehen. Es war ein Tag, der zum Ruhen zwang und nur das Rotwendigſte geſchehen ließ. Doch wenn auch viele Menſchen ruhen, ſo gibt es doch für andere Diedenum keinen Feiertag... Uad ſei die Ernte noch ſo kläglich... 3n dieſem Tage hatte das Gras zwiſchen den Pflaſterſteinen der Gefängnisſtraße draußen vor dem Städtchen eine gewiſſe Höohe erreicht. Was lag da näher, als dieſes bißchen Grün zu morden? — Zwei Strafgefangene mühten ſich auf hartem Stein, den Fugen die dünnen Gräſer zu entreißen. Unbarmherzig brannte es mit Feuergarben vom Zenith. Ein Wärter drückte ſich beſorgt in den Schatten einer nahen Ulme. Das alles ſah ein Fremder, der des Weges kam als einziger im weiten Felde. Er wunderte ſich über die ſeltſame Gruppe. Ein kleines Weilchen hielt er inne— und ſchon trafen ihn die Blicke des einen Gefangenen. Aber was für ein Geſicht war das! Sind das die Züge ein REEEEEEEE E EREE; nes Verbrechers, fragte der Betrachter ſich beſtürzt. Was brachte dieſen Menſchen hinter Kerkermauern, daß er in dieſer Glut ſein Daſein büßen muß? Wie flehend und beſchämt zu⸗ gleich ſchaute er mich eben an! Er dünkt ſich gewiß ein Geächteter der Menſchheit. Was mag ſich jetzt in ſeinem Innern abſpielen? — Schon wollte der Fremde auf den Wärter zuſchreiten, als ihn die zweite Geſtalt faſt durchbohrend anſah. Ein höhniſch grinſendes Geſicht war ſeinen Augen zugewandt. Tückiſch blinzelte ihn der Sträfling an. Das ſind die Spuren eines echten Verbrechers— durchfuhr es den Fremden—, hinter deſſen finſterer Stirn hinter⸗ hältige Gedanken lauern. Der weiß ſich ſchon zu rächen für dieſen und andere ſchwere Tage, wenn er einmal wieder freigeworden iſt! „Ja, ſieh mich nur an“, ſagte ſein höhniſches Lächeln,„vielleicht wirſt du auch noch einmal ein Opfer meiner Kunſt. Sieh dich vor! Um dieſen Weichling da brauchſt du dich nicht zu kümmern. Der wird doch nächſtens an dem Sklavenleben verrecken! Der taugt nicht für unſere Zuaft!“ Dann kehrte ſich der unheimliche Geſelle wieder ſeiner Arbeit zu, krümmte den Rücken und ertrug weiter mit hartnäckiger Ausdauer die Laſt der Hitze. Der Fremde wandte ſich und ging weiter. Das Bild von dem ungleichen Geſpann bei der merkwürdigen Arbeit begleitete ihn. Einige Tage ſpäter läutete das Totenglöcklein für den Sträf⸗ ling mit dem braven Geſicht. Er hatte ſich in ſeiner Zelle erhängt und nur einen Brief zurückgelaſſen, der die Worte enthielt:„Was ich getan habe, geſchah in der Not. Ich konnte meine Verfehlung noch gutmachen. Aber was man mir getan hat, das konnte ich nicht länger mehr ertragen.“ Wilhelm Neureuther. Bemerkenswerte amerikaniſche Romane Von Frank Dewett Dieſe arſtellung lä ie ier ſ f Seir Nhſenes Ertellu 3 Sisc berunater hie cun lichtlich unerwähnt. „Wir Europäer haben von Amerika ein genau feſtgelegtes Bild, eine Standardvorſtellung gewiſſermaßen. Darüber hinaus und nebenher gibt es nichts. Amerika, das iſt Volumen oder geiſtiges Zentrum, iſt Rekord in allem, iſt überirdiſche Architektur⸗ viſion, Lärmtaifun, Lichtſchreireklame, Arbeit zuweiſendes und aufzwingendes Laufband, Tillergirls, Filmmonſtra, ſüßliches Schablonengeſicht, Geſchäft, Börſe, Bank. Die geiſtvertänſchende Füllung all dieſer Dinge iſt Antigeiſt, ihr religtöſer Unterbau Puritanismus, ihr Gemüt Sentimentalität eigenſter Prägung, und die oft ſanguiniſche Entladung von Hochſtimmungen falſche Romantik. Alles dies läßt ſich auf einen Punkt bringen, aus dem heraus, zu dem hin ſich alles entwickelt; dieſer Punkt heißt Dollar. So ſehen wir Europäer gemeinhin Amerika. Wir ſehen es ſo nicht falſch, aber wir ſehen es ſo auch nicht richtig. Zufolge dieſer, durch die koloſſal⸗voluminöſen und marktſchreieriſchen Aus⸗ wirkungen amerikaniſcher Lebensbetätigung benommenen Objekti⸗ vität der Betrachtung werden beim Leſen des obigen Titels nonche Zweifel wach werden! Zweifel wie etwa dieſer: Be⸗ merkenswerte amerikaniſche Romane? Gibt es ſolche? Nun ja, es wird Romane geben, aus amerikaniſcher Mentalität geboren, an amerikaniſche Mentalität ſich wendend, und darum„be⸗ merkenswert“ für Amerikaner vielleicht. Aber für uns Europäer, für uns Verwalter und Mehrer eines großen literariſchen Erb⸗ gutes, für uns Irrationalen und Metaphyſiſchen, für uns Gemüts⸗ tiefen und wahrhaft Aſthetiſchen? Dieſe zweiſelnde Frage läßt ſich zum Verſtummen bringen: —— bringen ſollten) nie zu Ende geformt wurden. Wir glauben nicht, daß nur in Gogols einſeitiger Begabung— ausſchließlich die negativen Seiten des Daſeins zu ſehen— die Urſache für die Un⸗ vollendetheit des Romans zu ſuchen iſt; ebenſowenig in der reli⸗ giöſen Kriſe, die ſich unter dem Einfluß eines Pfaffen und einer Betſchweſter bis zum Wahnſinn ſteigerte.— Die letzten zehn Jahre ſeines Lebens hat Gogol der Vollendung der„Toten Seelen“ ge⸗ widmet und ſchließlich Teile des Manuſkriptes verbrannt: nicht, weil er den Ausweg, die Erlöſung, das Paradies künſtleriſch nicht geſtalten konnte, ſondern weil er in einen„düſteren Moralismus“ verſunken war über die hoffnungsloſe Primitivität ruſſiſcher Menſchen. „Schimpfet nicht auf den Spiegel, wenn das Maul ſchief iſt.“ Dieſes Motto vor Gogols Luſtſpiel„Der Reviſor“ iſt wie eine Vorwegnahme aller Angriffe, die der Dichter auf dieſe lachenden Enthüllungen ruſſiſcher Korruption erwartete. In einer Klein⸗ ſtadt wird die Beamtenkaſte durch die Nachricht erſchreckt, daß ein Reviſor(der als ſolcher nicht erkannt werden will) angekommen ſei. Und nun treibt der ſympathiſche Schwindler Kleſtakow— ein vorweg genommener Domela— ſein Weſen: berichtet vom Hof in Petersburg, bekommt Geld, Frau und Tochter des Gouver⸗ neures verlieben ſich in ihn; und auf der anderen Seite: die ſehr devoten Ehrenmänner, der Kommandant, Richter, Poſtvorſteher, Hoſpitalverwalter— Trunkenbolde, Betrüger, Tagediebe. Bei der Abreiſe des„Reviſors“ kommt der wirkliche Reviſor und die Ge⸗ prellten erfahren ſchließlich durch einen Brief, den ſie ſich gegen⸗ ſeitig vorleſen, was für Narren und Schurken ſie ſind. Niikolaus J., der der Aufführung des„Reviſors“ beiwohnte (und durch deſſen Vermittlung die Zenſur das Luſtſpiel nicht ver⸗ bieten durfte) äußerte:„Alle haben ihr Teil abbekommen und ich am meiſten“. Der Zar lachte und wußte, was er tat, indem er ein Verbot des„Reviſors“ verhinderte: er wollte die kleinen Betrüger, die beſtechlichen Beamten, ſchrecken und im übrigen in Ruhe laſſen, denn er war auf ſie angewieſen; um dieſen Preis nur war es ihm möglich, die großen Gauner abzuhalftern.— Was dem„Reviſor“ überzeitliches Intereſſe gibt ſolange Beamtenkaſten exiſtieren, iſt ſeine treffſichere Satire, mit der hier dieſer aufgeblähte, ſterile Menſchenſchlag enthüllt wird. Die kleineren Arbeiten Gogols— wie„Ein Abend auf dem Vorwerk“,„Der Mantel“,„Die Naſe“ und die romantiſche Ge⸗ ſchichte des Räubers„Taras Bulba“— ſind Frühwerke. Sie machen Gogols Name bekannt und bringen ihm die Freundſchaft Puſchkins. In allen Werken Gogols iſt ein lebenskräftiger Realis⸗ mus, der durch ihn zum erſten Male in der ruſſiſchen Literatur an⸗ ewandt wird: eine beobachtende und analyſierende Kunſt, die das Weſentliche des Volkes und Landes in die Dichtung einbezieht. Wo etwa Puſchkin und Lermentow noch Romantiker waren, iſt Gogol ſchon nüchterner Pſychologe. Der ſataniſche Humor dieſer Satiren iſt nur die Wirkung des Peſſimismus, der hoffnungslos dumpf war wie die Seele des Ruſſen. Nikolaj Gogol wurde 1809 in einem kleinen Ort des Gouver⸗ nements Poltawa geboren; bekleidete kurze Zeit einige Ämter (Subalternbeamter im Apanagendepartement, Oberlehrer der ruſſiſchen Literatur, Profeſſor für Geſchichte); von 1836 an ver⸗ bringt er zehn Jahre im Ausland; zuerſt in Jialien, wo er den erſten Teil der„Toten Seelen“ ſchreibt; 1848 zieht er, ſchon Opfer religiöſer Verdüſterung nach Jeruſalem; kehrt nach Moskau zurück, wo er, bereits fieberkrank— durch fanatiſchen Prieſter⸗ einfluß dem Wahnſinn nahe, den zweiten Teil der„Toten Seelen“ verbrennt— am 4. März 1852 ſtirbt. Rastignac. Amerika hat einen der größten Gefühlsmeiſterer hervorgebracht, einen Mann, der das ſeltene Stigma wirklicher lyriſcher Berufung in ſich trug und es in Wort und Schrift projizierte! Dazu war dieſer Mann Vollblutamerikaner, ein ſogenannter Hundert⸗ prozentiger und hieß Walt Whitman. Sollte man hierauf entgegnen, daß dieſer Mann ja ſchon 60 Jahre lang tot wäre, alſo zu einer Zeit gelebt habe, in der Amerika noch nicht Amerika geweſen ſei, ſo wäre zu ſagen, daß auch damals ſchon alle potentiellen Merkmale des Amerikanismus, deſſen Entfaltung wir heute bewundern, vorhanden geweſen ſind. Außerdem aber muß es aufmerken laſſen, wenn man gewahrt, daß Walt Whitman in Amerika ſelbſt erſt heute erkannt wird und zwar in ſeiner ganzen Größe, lange nachdem er in das europäiſche Bewußtſein gedruaggen war. Es zeigt ſich alſo, daß gerade in dieſer † Hochblütezeit des geſchäftlichen Helotentums ſich der Boden ebnet für die zarten Lyrismen der„Grashalme“(Gedichte von Walt Whitman), daß die Herzhülle ſpringt und den Weg nach innen freigibt. Wodurch nun wurde dieſe Wandlung, dieſe Richtungs⸗ änderung der amerikaniſchen Seele erzeugt? Ich verſuche die Antwort und ſtelle an die Spitze den Satz: Es fehlte bislang den Amerikanern die Zeit, ſich ſelbſt ins Geſicht und in die Seele zu ſehen. Dieſe Zeit gehörte dem großen Run, dem Haſten nach immer neuen und fruchtbareren Ländereien, nach Goldfeldern, Aktien und Bankguthaben. Und die Zeit war karg bemeſſen. Denn immer neuer Zuſtrom aus allen Erdteilen flutete ins Land, moderne Konquiſtadoren⸗ und Uſurpatorentypen, und hielten den raſenden Rhythmus in Schwung. So entſtand ein Volk von Sklaven des Ehrgeizes und des materiellen Erfolges. Es gab kein Ausruhen, konnte keines geben, denn es könnten ſonſt Leute mit ſtärkeren Ellenbogen und ſchnelleren Beinen kommen. Außer vielen, die ohne irgend ein ſeeliſches Mangelgefühl dieſes Leben ertrugen und ertragen, gab und gibt es viele, die in kurzen Augenblicken der Ruhe verzweifelnd fühlten, daß ſie den anderen, innen verankerten Pol des Lebens nicht hatten. Aber es war nicht Zeit zu erkunden, wo er ſei. Er lag von zu vielem überſchüttet tief irgendwo. So ſchufen ſie ſchnell einen ärmlichen Erſatzſtoff und zimmerten ſich für beſondere Gelegenheiten Abſteigequartiere der Seele. Es fehlte den Amerikanern die Zeit! G Dann aber kameng einige, denen die Verzweiflung über die innere Leere die Breſche zur Zeit ſchlug. Der große Aufrüttler und Kritiker Mencken kam und ſchlug mit ſeinen Keulen auf die Schädel der Yankee⸗Philiſter; es kam der ſcharfe Sezierer Hergesheimer, und es kamen die Dichter Edgar Lee Maſters, Sherwood Anderſon, Theodore Dreiſer und Sinclair Lewis. Vor allem kamen Theodore Dreiſer und Sinclair Lewis. Sie ſind es, die jene„bemerkenswerten“ amerikaniſchen Romane ſchrieben. Theodore Dreiſer, jetzt Sechzigjähriger, hat über 30 Jahre lang mit dem amerikaniſchen Volk um Anerkennung gerungen. Anerkennung heißt hier; Vollzug des Zwanges auf ein 100⸗Mil⸗ lionen⸗Volk, es zur Spiegelſchau zu veranlaſſen. Endlich, endlich gelang es ihm. Das Buch, das die Paſſage freilegte, heißt „American Tragedy“ und iſt die Geſchichte eines jungen Durch⸗ ſchnitts⸗Amerikaners, der das Opfer all der amerikaniſchen religiöſen, ſozialen, moraliſchen und geſellſchaftlichen After⸗ zuſtände iſt und nach einer erſchütternd endenden Liebe zu einem Fabrikmädchen von einer reichen Erbin angelockt wird und zu⸗ letzt, vollſtändig zuſammengebrochen, auf dem elektriſchen Stuhl endigt. Dieſes Buch ſetzt ſich aus tiefen Grübeleien und morali⸗ ſierenden Kommentaren zuſammen zu einer Kompoſition von großer künſtleriſcher Wirkung. Ehe dieſes Buch geſchrieben wurde, entſtanden„Siſter Carrie“, die traurig⸗peſſimiſtiſche Geſchichte eines Straßenmädchens; der leidenſchaftgeſchwängerte Roman„Jennie Gebhardt“; außerdem „Der Finanzmann“,„Der Titan“ und„Genius“. All dieſe Bücher hat man totzuſchweigen verſucht, denn man fand ſie allzu un⸗ beguem in ihrer moraliſierenden und offenherzigen Monſtroſität. In ihnen war ja der Amerikaner grauſam klar gezeigt, ſo mancher Ur⸗ und Univerſaltypus des amerikaniſchen Weſens war ja haar⸗ ſcharf erfaßt, alſo: Scheuklappen her! Der Mann wird tot⸗ geſchwiegen!! Dann aber kam der Krieg und mit ihm die gewaltſame An⸗ näherung an Europa. Die Alte Welt gab noch mehr ab, als ſie ſchon gegeben hatte: ſie gab von ihrer Seele ab; und die ameri⸗ kauiſchen Heimkehrer waren bereit zum Blick in den Spiegel. Als dann im rechten Augenblick Theodore Dreiſers„American Tra⸗ gedy“ erſchien, erkannte man, was man vorher in den Sumpf getreten hatte. Außer dem Krieg hatte Dreiſer aber auch noch einen anderen Wegbereiter. Es war der 35jährige Sinclair Lewis, der„Ent⸗ decker“ des amerikanichen Naturalismus. Im Jahre 1920 erſchien ein Roman des bis dahin unbekannt gebliebenen Autors auf dem amerikaniſchen Büchermarkt, der ihn über Nacht berühmt machte und in 5 Jahren die reſpektable Auflageziffer von 600 000 erreichte. Dieſes Buch heißt„Die Haupt⸗ ſtraße“(Main street) und iſt die Geſchichte eines amerikaniſchen Mädchens, der Carol Kennicott. Dieſe Carol iſt die Seele des Proteſtes gegen die„Hauptſtraße“, die als Symbol für die durch⸗ Phnittliche kleinſtädtiſche amerikaniſche Ziviliſation und Kultur zu gelten hat. Das Leben dieſer Frau in ihrer Ehe mit einem Land⸗ arzt iſt wundervoll realiſtiſch und in ſubtilſter Kleinmalerei ge⸗ zeichnet. Dennoch aber umfaßt dieſes Buch mehr als nur die Lebenserfahrung der Carol Kennicott. Es enthält die Frage nach dem Sinn und Wert des amerikaniſchen Lebens von heute und einen großen Teil der Antwort hierauf. Der andere, ebenfalls weit verbreitete Roman Sinclair Lewis heißt„Babbitt“. In dieſem Roman ſteht in glänzend gezeichneter Umwelt die ebenſo glänzend gezeichnete Figur F. Babbitts, eines ordnungsliebenden, betriebſamen Geſchäftsmannes in einer etwa 300 000 Einwohner zählenden Stadt. Dieſer Mann, ſonſt durchaus amerikaniſcher Normaltyp, fühlt ſich eines Tages aus ſeiner Zufriedenheit und ſeinem Lebenstrott aufgerüttelt. Die Erfolgsphiloſophie befriedigt ihn nicht mehr, ſondern die große Frage nach dem Wozu des Lebens wird in ihm wach. Wie er ſie zu beantworten verſucht, iſt einleuchtend dargeſtellt. Aber auch hier wieder iſt, über ſeine perſönliche Lebenserfahrung hinausgehend, die Maske vom Geſicht des Amerikanismus geriſſen. Es mag uns als ein Phänomen erſcheinen, daß die Amerikane darauf hören. Da ſie es tun, zeigt es uns den Fehler, der ein⸗ gangs erwähnten Oberflächlichkeit in der Betrachtung Amerikas. Und Bücher, die den Umbruch des ſeeliſchen Kraftraumes eines Volkes zur Folge haben, wird man füglich beachtenswerte nennen dürfen. Wer Amerika kennen lernen will, wie es iſt, und wie es nach dem Glauben Berufener ſein wird, leſe dieſe Bücher. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zu⸗ ſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Aufgabe Nr. 98 A. Klinke, 1. und 2. Preis geteilt. Eſſener Arbeiter⸗Zeitung 1926 ☛ — Sſh) ,), r ſchch 2 ſcch ſ Mre chh, 2. Sſchh 2 2 3 W,— S S, 2 AI 2 p 7. 7 G —j——j Matt in drei Zügen Enoͤſpielſtudie Nr. 47 K. A. L. Kubbel Stellung: Weiß: Khl, Th3, 8 g8, Bf6(4). Schwarz: Kes, TfI8, Beꝰ, f5, h2.(5). Löſung: 1. T h3— h71 e7 6. 2. Th7— e7+, Kes— ds. 3. Te7— a7! KdSs— es. 4. Sgs--h6! Ke8— d8s. 5. Sh6— f7+, Kds— es. 6. 8f7— h8, Kes— d6., 7. Ta7— as+, Kd8— e7. 8. Sh 8— g6† und gewinnt. Auf 4..„15— f4. 5. Sh 6— föl f4— f3. 6. S 15— g7+. n ſchwieriges Stück mit einigen ſchönen ſtillen Zügen. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Sachſenhauſen: Dienstags, bei Adrian, Affentorplatz. Innenſtadt: Montag,„Zur Pfalz“, Holzgraben 7. Niederrad: Montags„Schwarze Katze“, Kelſterbacher Str. 28. Nordend, Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Bornheim: Mittwoch, Pauly, Germaniaſtraße 49. Niederwald: Mittwoch, Blank. Bockenheim: Mittwoch, Moltkeeck, Ecke Varrentrappſtraße. Rödelheim: Mittwoch, Schwabeneck, Eſchborner Landſtraße 36. Bahnhofsviertel: Donnerstag, Zum Regenbogen, Gutleutſtr. 151. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. “ n 2 Spanſſche Straße Der mitternächtige Hahn— Haremskäfige— Der ekſtatiſche Tanz. Von Armin T. Wegner Sevilla, im März. Straßenſymphonie. Um fünf Uhr morgens unter einem flammend gelben Himmel weckt mich das Geſchrei einer keifenden Frau. Es iſt die Stimme eines Papageien, der böſe und zänkiſch in die erwachende Gaſſe ſchimpft.(Natürlich ſpricht er ſpaniſch.) Jetzt beginnt eine Katze zu miauen, ein Eſel ſchreit melancholiſch, als beweinte er den Untergang der Welt. So hebt bis tief in die Nacht mit tauſend⸗ fachen Geräuſchen der Mund der Gaſſe zu ſingen an, deſſen Lied in allen Städten Andaluſiens das gleiche iſt. Ein Scherenſchleifer verkündet mit hellem Pfeifentriller ſein Nahen, zwei bettelnde Muſikanten zupfen die Mandoline.„Canayas y bocas! Agua! Agua fresca! Que buenos melones como almibar!“(Seemuſcheln! Waſſer! Friſches Waſſer! Gute Melonen, ſüß wie Honig!) ertönen die Rufe der Straßenverkäufer. Unter der Tür meines Hauſes küßt eine Mutter ihr Kind nach andaluſiſcher Art ſo lange und heftig, daß es wie das Zwitſchern von Vögeln klingt. Eine männ⸗ liche Stimme beginnt ſich laut und ausgiebig zu räuſpern; dieſer Ton in dem Konzert der andaluſiſchen Straßenſymphonie darf nicht ſehlen. Es gibt andere Südländer, die ſpucken; aber ſie tun es nicht mit der gleichen Abſcheulichkeit, elefantenhaft laut und wie vor dem Ausbruch einer Seekrankheit. Um ſieben Uhr abends iſt die Stunde der mechaniſchen Klaviere gekommen. Um zehn Uhr kräht zum erſten Male der Hahn, was er bis Mitternacht ununter⸗ brochen fortſetzt. Offenbar hat er die Gewohnheiten ſeiner andalu⸗ iſchen Landsleute angenommen, die erſt um dieſe Zeit ihren Tageslauf beginnen. Der Schleier Arabiens. „Drei koſtbare Vermächtniſſe haben uns die Araber hinter⸗ laſſen,“ ſagt ein ſpaniſcher Dichter,„die ſchwarzäugigen Schönen, die Palmen und die klaſſiſche Mantilla, den andaluſiſchen Schleier.“ Einſt dazu beſtimmt, als Frauenmantel das Geſicht nach den Geboten des Iſlam bis an die Augen zu verhüllen, iſt er im Wandel der Zeiten zu einem reinen Schmuckſtück geworden. Aber nicht nur in der Mantilla zeigt ſich das ſtarke Nachwirken arabiſcher Einflüſſe im Lande. Das ganze Leben der Frau, die faſt nie mit dem Manne gemeinſam ausgeht, mit ihrem geringen Bil⸗ dungsgrade ausſchließlich auf die Häuslichkeit beſchränkt, erinnert noch heute an das Gefangenenleben des Harems. Die Fenſter der Häuſer ſind wie in den mauriſchen Städten mit Gittern verſehen, die großen eiſernen, nach innen offenen Käfigen gleichen. Die Räume liegen um einen großen ſonnengeſchützten Hof, ſo daß ſich das ganze Leben des Hauſes nach innen richtet. In die Höfe (Patios) kann man von der Straße aus durch das Eingangsgitter hineinſehen. Der Fußboden der Vornehmen iſt mit Marmor ge⸗ täfelt, die Wände ſind mit Kacheln belegt. Zwiſchen Palmen und der bunten Stickerei der Blumen ſteht die weiße Säule eines Springbrunnens wie ein ſchmaler ſilberner Faden. An Arabien erinnern auch die engen Gaſſen dieſer Städte, die flachen Dächer der Häuſer, arabiſch ſind die Bewäſſerungskanäle des Landes, ſeine Lieder, Tänze, Sitten und Gebräuche, die Moſaikarbeit ſeiner Schmuckſtücke, ſeine Schimpfworte und Gebärden, ſowie die Zube⸗ reitung ſeiner Speiſen in vielen kleinen Gerichten. Selbſt die Pflanzenwelt Andaluſiens iſt arabiſch⸗afrikaniſch. Berberfeigen, Reis, Maulbeerbäume führten die Mauren ein und in Elche be⸗ ſitzt dieſe Provinz einen Palmenwald, wie man ſie in gleicher Aus⸗ dehnung nur an den Ufern des Tigris findet. Am ſtärkſten ſpricht die Bedeutung der arabiſchen Kultur naturgemäß aus den Bau⸗ denkmälern jener Zeit, dem vielhundertſtämmigen Säulenwalde der Kathedrale von Cordoba, oder aus der Giralda, dem einſtigen Gebetturme Sivillas. über allen Menſchen und Dingen des Landes liegt jene geheimnisvolle Mantilla ausgebreitet, der Schleier Arabiens, durch den das chriſtlich⸗europäiſche Spanien ſeltſam verwandelt und mit verführeriſchem Lächeln hindurchblickt. . m d dald und unerwartet Wechſel wiegt ein Wohl das Weh und ſchnelle Lei en w'gem Goethe 8 iſt es ausgeglichen. In e den unſre Freuden auf ☛‿ QEEEERERERRREREREE; Müßiggänger, Bettler, Zigeuner. Womit beſchäftigt ſich der Andaluſier? Reiſende behaupten boshaft, daß es nur zwei Berufsſtände in Andaluſien gibt: Leute, die Schuhe putzen und ſolche, die ſie ſich putzen laſſen. Aber zum mindeſten die Tätigkeit des Losverkäufers, des Fremdenlührers, der Bettler und Zigeuner erfreuen ſich nicht geringerer Beliebt⸗ heit. Gibt es etwas Angenehmeres, als zwiſchen den Tiſchen der Kaffeehäuſer hinſchlendernd Lotterieloſe zu verkaufen, die überall guten Abſatz finden, weil jedermann in Andaluſien es für unter ſier Würde hält, auf andere Art Geld zu verdienen als ohne Arbeit? Fragt man ein junges Mädchen nach ſeiner Tätigkeit, ſo erhält man in der Regel die Antwort:„Ich gehe ſpazieren.“ Be⸗ ſonders auf den Bahnhöfen der kleinen Städte verſammeln ſich zu einer täglichen Promenade weibliche und männliche Jugend, Ver⸗ käufer und Nichtstuer belagern neugierig eine Viertelſtunde den durchfahrenden Zug, bis nach dem umſtändlichen Läuten der Glocke der kleine Bahnhof inmitten der weiten Ebene wieder in Schweigen verſinkt. 3 „Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen.“ Die Auffaſſung der Arbeit als einer Folge dieſes bibliſchen Fluches führt zu einer ſtändigen überfüllung der Bettlerberufe. Geſellt ſich ein körperliches Gebrechen hinzu, ſo iſt es ein beſonders einträg⸗ liches Gewerbe. Krüppel ſtrecken den Vorübergehenden ſchamlos und in Ekel erregender Weiſe die nackten verſtümmelten Glieder entgegen, die geſchmolzenen Eiſen gleichen. Nicht wenige gibt es, die nach der Verletzung abſichtlich zu ſpät zum Arzt gehen, um durch ihr Gebrechen eine müheloſe Einnahmequelle zu gewinnen. Denn die Mildtätigkeit iſt nach den Lehren der katholiſchen Reli⸗ gion in Spanien ein verdienſtliches Werk. Mit einem ſchmelzenden „Signorito simpathico!“(Geliebtes Herrchen!) verfolgt ſchon der fünfjährige Knabe hartnäckig wie eine Weſpe den Fremden. Nur der Einheimiſche weiß, wie er ſich durch ein„perdone hermauo!“ (Verzeihe mein Bruder!) loskaufen kann, das nichts iſt als eine Verbeugung vor der Würde des Bettler s. Hartnäckiger noch betreiben ihre Verfolgungen die„Gitanos“, die Zigeuner. Im Wahrſagen, Betteln, Stehlen ſind ſie vollendete Meiſter. Ihre Zahl in Spanien wird auf über 40 000 geſchätzt, in manchen Städten wie in Granada habe ſie ihre eigenen Stadt⸗ viertel. Gleich Kaninchenlöchern ziehen ſich ihre Höhlenwohnungen, die in den weichen Felſen gegraben ſind, die Hänge des„Monte Sacro“ hinauf. Von Kaktushecken überwuchert, gleicht der Berg von weitem eher einem verwilderten Hügel als einer bewohnten Stadt. Die Wände im Innern der Höhlen ſind ſauber und weiß getüncht und der Neuzeit entſprechend— elektriſch beleuchtet. Blankgeputzte kupferne Pfannen hängen an der Wölbung, unter der eine angenehme Kühle herrſcht. Jetzt tritt aus dem grellen Sonnenlicht, die Kaſtagneten ſchlagend, eine junge Zigeunerin herein. Langſam beginnt ſie mit erhobenen Armen die Sevillana zu tanzen, die geſchmeidigen Glieder dehnend wie eine Katze Ihre Blicke fallen wie gezückte Dolche über uns her. Das rote Büſchel Mohnblumen in ihrem Haar tanzt über ihrem Haupte wie eine kleine züngelnde Flamme— Die Liebe Gotles Hörſt du die Seele des mechaniſchen Klaviers donnern? Hörſt du das Tamburin, die Gitarren? Es iſt zehn Uhr nachts, die Stunde des höchſten Lebens in Sevilla. In der Verlängerung der „Sterpes“, der belebteſten Promenade, die, wie die Gaſſen Vene⸗ digs, für Wagenverkehr verboten iſt, durchſchneidet die„Calle Amor de Dios“ die Stadt,„Straße der Liebe Gottes“. Aber es iſt eine weltliche Liebe, denn an ihr liegen die meiſten Singſpiel⸗ Kaffees(café cantante), Tanzbühnen und öffentliche Ballſäle, weltlich, wie Gott nur in Spanien ſein kann, wo bei aller geiſti⸗ gen Unduldſamkeit der Kirche Maskenſcherze und Stierkämpfe die religiöſen Feiertage erfüllen, Prieſter im Ornat auf den Redaktionsſtühlen der Zeitungen ſitzen und in Männergeſellſchaft beim Wein heitere Gaſſenlieder ſingen.„O Jüngling,“ ſagt ein Spruch,„was biſt du für ein Tänzer, tanzend gehſt du zur Hölle. In bunten Pfützen glänzt das rote Licht auf dem Pflaſter. Für Aℳ60 den Preis eines Glaſes Kaffee kannſt du drei Siunden lang den Fandango oder die Sevillana genießen. Weder bei den meiſter⸗ haft geſchulten Tänzerinnen in den Theatern Madrids noch bei den Zigeunern von Granada habe ich das gleiche Feuer, die gleiche Urſprünglichkeit gefunden wie hier. Mit ſeinen aufregen⸗ den Verdrehungen, die alle Elemente des arabiſchen Bauchtanzes enthalten, verrät der Tanz aus jeder Bewegung ſeinen orien⸗ taliſchen Urſprung. Es gibt keinen Tanz der Erde, der ihm an exrotiſchem Reiz gleichkommt.„Anda hijat Viva la graciaf Viva tu mare!“ ertönen die Schreie. Die Bühne iſt von Zigaretten⸗ dampf umwogt. Hände klatſchen ineinander. Stöcke rammen ſich in den Boden im Takt des Zigeunerrhythmus. Eine junge Tän⸗ zerin im Faltenrock tritt nach vorn. Die Hände, die ſich über ihr wie erſchrockene Schlangen bewegen, ſcheinen irgend etwas aus der Luft zu greifen. Zitternd hebt und ſenkt ſie ſich, wie der Waſſerfall einer Fontäne; man fühlt, ſie würde zu Boden ſtürzen, ſchwiege plötzlich die Muſik. Eine kleine dämoniſche Geſtalt folgt ihr, gleich einer Panterkatze aus dem Winkel ſchnellend. Einen Augenblick kauert ſie zwerghaft auf der Erde, nur mit den Schul⸗ tern zuckend, ſpringt von neuem in die Höhe, die Haare fallen ihr in die Stirn, die Blumen vom Kopfe, mit wildem Schrei ſtürzt ſte auf die Erde, ſich mit der Hand bald an die Stirn, bald auf den Boden ſchlagend, daß der Staub wirbelt. Ihre Schultern ent⸗ blößen ſich, ihre Hände zucken, von Fieber geſchüttelt, als wollte ſie ſich wie raſend den Kopf, alle Kleider vom Leibe reißen, in dem Ausbruch eines plötzlichen und vollkommenen Wahnſinns und hricht erſchöpft unter dem Schweigen der Muſik zuſammen. Junge Männer trommeln auf ihre Strohhüte wie mit Kaſtagnetten den Takt weiter. Zurufe, Schreie, Mützenwerfen. Keuchend erhebt ſich die Tänzerin und mit blitzenden Augen, den Hut eines ihrer Ver⸗ ehrer ſchief auf dem Kopf, beginnt ſie den Tanz ihrer zügelloſen Elſtafe von neuem. Beethoven, ein Republikaner Von Werner Maass Iſt es vermeſſen, ihn, den genialſten Tonkünſtler aller Zeiten, Republikaner zu nennen? Wäre es nicht eine Herabwürdigung des Beethovenſchen Genius, wollte man ihn in die Feſſel einer politiſchen Weltanſchauung binden? Darf man es wagen, ihn, den ewaltigen Titanen, den Übermenſchen, der in der Einſamkeit, ern von allen weltlichen Dingen, nur ſeinem muſtkaliſchen Schaffen lebte, politiſch zu werten. Der beethovengläubige Muſikenthuſiaſt wird nur den Meiſter der Töne anerkennen wollen. Er wird ſich entrüſten, einen ſo außer⸗ gewöhnlichen Menſchen in die Sphären eines engſtirnigen Partei⸗ dogmas hinabgezogen zu ſehen. Wie ſchlecht müſſen jene die Werke Beethovens mitempfinden, wollen ſie nicht ſeine grandioſen Schöpfungen, wie die Egmont⸗ Ouverture, die Eroica und andere Hymnen der Freiheit als das Glaubensbekenntnis eines glühenden Freiheitskämpfers anerkennen. Gewiß, Parteimenſch in dem heute üblichen Sinne war Beethoven niemals, konnte er niemals ſein— und wäre er nie⸗ mals geworden. Aber ſeine zielbewußte, freiheitstrunkene Ge⸗ ſinnung ſteht hiſtoriſch außer — eEEEEEEE ———.— Zweifel. Sie ſand natürlich nicht.! fremden Gaſt, einem franzöſiſchen General des Kaiſers Napoleon, ihren lebendigen Ausdruck in revolutionären Taten, ſo daß dieſe edle Geſinnung der geſamten Welt offenbart wurde, ſondern ſie ergoß ſich in ſeine muſikaliſchen Werke, die jene Empfindungen in herrricher Klarheit und Reinheit widerſpiegeln. Als über Frankreich der Sturm der Revolution hinwegbrauſte und das Feudalſyſtem einer morſchen und brüchigen Zeit in elenoe Trümmer zerbrach, da jauchzte auch Beethoven den neuen Menſch⸗ heitsidealen freudig zu. Sein politiſches Glaubensbekenntnis war frei von aller erbärmlicher Gehäſſigkeit und niedriger Denkungs⸗ art. Es entſprang einem idealen Freiheitsbedürfnis, das durch das eigne trübe Erlebnis ſeiner ſchweren Jugendjahre verſtärkt wurde. Auch Schiller und Goethe bekannten ſich zu den neuen Menſchheitsidealen, aber ihre republikaniſche Begeiſterung war nur das plötzliche Aufflackern eines Impulſes, während Beethoven unerſchütterlich ſeinen Glaubensgrundſätzen treu geblieben iſt. Nichts kennzeichnet ſeine Glaubenstreue erhabener, als ſeine berühmte Eroica⸗Symphonie. Beethoven wurde damals in Wien, wie die Muſikgeſchichte erzählt, mit dem Geſandten der franzö⸗ ſiſchen Republik bekannt. In den Unterhaltungen pries der Ge⸗ ſandte die Heldentaten des Generals Bonaparte, der den Wirren der Revolution ein Ende bereitet hätte und ſich jetzt bemühe, die neuen Ideale zu wirklichem praktiſchen Leben zu erwecken. Beethoven war über die Schilderung des Geſandten aufrichtig be⸗ geiſtert. Der Komponiſt ſah in Bonaparte einen neuen Befreier und Beglücker der Menſchheit. So reifte in Beethoven der Plan dieſem gewaltigen Freiheitshelden zu Ehren eine große Helden⸗ ſymphonie zu komponieren. Als das Werk geſchafſen war, ſchmückte Beethoven das Titel⸗ blatt der Partitur mit dem Namen Bonaparte. Wie Beethoven nun erfährt, daß Bonaparte ſich zum Kaiſer der Franzoſen hatte krönen laſſen, verſetzt ihn die Nachricht in helle Wut und Empörung. „Iſt der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Menſch!“ rief er zornig aus.„Nun wird er auch alle Menſchenrechte mit Fürßen treten, ſeinem Ehrgeiz frönen; er wird ſich nun hiiher wie alle anderen ſtellen, ein Tyrann werden.“ Ergriff das Titelblatt der Partitur, riß es durch und warf es zu Boden.(Später nannte er die Symphonie Eroica.) Seine ganze freiheitliche Geſinnung, ſein reines Fühlen und Denken bäumte ſich auf gegen dieſen ſchmählichen Verrat Bona⸗ partes. Es war ihm unerträglich ſeinen Namen unter dem des Verräters zu ſehen. „Ahber das iſt nicht nur der einzige Fall, wo Beethoven ſich rückhaltlos als Republikaner bekennt. Jeder weiß, wie ſchwer Beethoven unter dem Mäcenentum des Wiener Hochadels zu dulden hatte. Gewiß war er jenen Gönnern nicht ſo völlig als Sklave ausgeliefert, wie etwa ſein großer Zeitgenoſſe Joſeph Haydn, der faſt während ſeines ganzen Lebens in der Gefangen⸗ ſhaft der gräflichen Familie der Eſterhazys ſchmachtete. Aber auch er ſelbſtbewußte Beethoven war an drückende Verpflichtungen ebunden, din ihn häufig bis zur Unerträglichkeit peinigten. Fenn es ihm dann zu viel wurde, dann brauſte er los, un⸗ gehemmt wie ein plötzlich losbrechendes Gewitter und ſein Zorn kannte keine Rückſicht und keine Grenzen und die höchſten Herr⸗ ſchaften mußten oft recht bittere Wahrheiten einſtecken. Einſt weilte Beethoven auf dem Schloß leines Gönners, des ſehr reichen Fürſten Lichnowſky. Lichnowſky bat Beethoven, ſeinem — er E REEEEE;ꝝ;E Grauwacke Von Max Dortu Hans Jakob Höhl iſt heute 55 Jahre alt. Hans Jakob iſt Bruchmeiſter im Grauwackebruch, der liegt hoch in den Bergen. Sibirien! nennt der Volksmund den Grauwackebruch, und zu Recht: denn wenn winters der Oſtwind um die Bruchwände her pfeift und ſtürmt und tanzt— dann iſt es wahrlich ſo kalt wie in Sibirien. Jetzt aber weht Märzluft. Der Lenz iſt da. Der junge Lenz, noch ein Knäblein, das kaum kriechen kann, aber da iſt er doch: Der Lenz! Und er wird wachſen. Der Grauwackebruch. Scheint helle Sonne auf das Geſtein, vann funkelt es wie braunes reifes Gold. O, der ſchöne Stein; hart wie Eiſenſtein. gehärtet von vulkaniſchen Dämpfen der Urzeit Ein herrlicher Bauſtein, ein prächtiger Schotterſtein. Im Grauwackebruch ſchaffen an die hundert Mann; zum Teil Altarbeiter, zum Teil Erwerbsloſe: als Notſtandsarbeiter. Wie gejagt, Bruchmeiſter iſt Hans Jakob Höhl, der heute 55 Jahre alt wird. Niemand im Bruche weiß, daß heute ver Hans Jakob Ge⸗ burtstag hat— aber eine Lerche wußte es doch. Die ſchwebt hoch über dem Bruche, und ſie ſingt dem alten Steinarbeiter ein ſröh⸗ liches Geburtstagslied. Es iſt früh am Morgen. Silbern ſteht die Sonne in ganz fanft⸗blauem Gewölke, das iſt rundballig. Der Wind jchlaäͤft hinterm Weidenbuſchen. Der Weidenbuſchen ſteht voller ſilberner Kätzchen. Und nahe dabei blüht der Haſelſtrauch, gelbgoldgelb. Hans Jakob Höhl, wie war dein Leben? Gott, ſehr einfach. Oder beſſer: ſehr reich! denn es war gute Arbeit. Seit dreißig, Jahren ſchafft Hans Jakob Höhl im Bruche; ſeit er verheiratet iſt; die Frau heißt Kathrin; Kinder hatten die Eheleute keine. ans Jakob war nie in der Fremde; was braucht er reiſen, wenn ſein Herz reich genug war, die ganze Welt in ſich zu erleben. So chauet ihr doch einmal ins Auge des Hans Jakob Höhl— was eht ihr. Die Himmelswölbung, blank und blau; Sterne funkeln drin: Sterne der Güte, der Liebe und der Gemeinſchaft. Gemein⸗ chaft? Sicherlich! Hans Jakob iſt Sozialiſt! Und roter Gewerk⸗ chafter iſt der Hans Jakob Höhl; er verwaltet die Zahlſtelle des Steinarbeiterverbandes. Da kamen die Erwerbsloſen in den Bruch arbeiten. Hans Jakob frug— ſeid ihr organiſiert? Nur wenige waren es. Wer nicht in einem roten Verbande organiſiert war der mußte in den Steinarbeiterverband, anders tat es der Bruchmeiſter nicht. „Jeder Arbeiter, der auf Ehre hält, gehört in die freie Gewerk⸗ ſchaft!“ Der Grauwackebruch. Die Sonne kam höher. Wie eine ſilberne Fontäne verſprudelt die Sonne ihr helles Licht am blauen Himmelsmarmor. Die Wolken fuhren davon wie wandernde Schiffe. Horch! Ein Rotkehlchen ſingt! Und die Brechſtangen der Stein⸗ arbeiter, auch die ſingen, kling⸗klang und ping⸗pang. Und am Bremsberg ſingt die Stahltroſſe, die ſcharf helmchant iſt wie eine Violinſaite, auf und ab flitzen die Wagen, zu Tale, zu Berge: zur Talfahrt beladen mit dem braunen Golde, mit dem koſtbaren Bauſtein, mit der ſchönen Braunwacke. Auch Grauwacke geheißen! Hans Jakob Höhl denkt. Er überſchaut ſein Leben. War das Leben wert, gelebt zu ſein? Sicherlich, ſicherlich. Der Berg hier oben hat eine rieſige Wunde, da heraus brach eine Menſchen⸗ generation eine halbe Stadt. Viele tauſend Häuſer wurden aus dem Geſtein dieſes Grauwackebruches erbaut, und viele Chauſſeen wurden von dieſem Steinbruch her bepflaſtert und beſchottert. Grauwacke! Grauwacke! Hans Jakob hat ein Stück ſeines Menſchen⸗ etwas vorzuſpielen. Es gab eine peinliche Szene. Beethoven lehnte das ungeheuerliche Anſinnen vor einem Untertan des Ver⸗ räters Napoleon zu ſpielen empört ab und floh heimlich. mit Extrapoſt nach Wien. Der entſetzte Fürſt fand aber folgenden Brief: „Fürſt! Was Sie ſind, ſino Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich. Fürſten hat es und wird es noch Tauſende geben, Beethoven gibt's nur einen.“ Manche werden dem heißblütigen, ungezügelten Temperament Beethovens, ſeinem ſtarken Selbſtbewußtſein, feiner eigenwilligen Perſönlichkeit die Schuld zu ſolchen Handlungen Vermnaſen die die Grundlage zu derartigen Gefühlsäußerungen gegeben haben. Sie werden ſie mit dem perſönlichen Mißgeſchick, insbeſondere ſeinem quälenden Ohrenleiden, das dem kämpfenden Künſtler ſo manche ſchmerzensreiche Stunde bereitet hat, zu deuten verſuchen. Sie werden leugnen, daß Beethoven jemals auch nur im ent⸗ fernteſten republikaniſch gefühlt und gedacht hat. Ja, man wird fagen, dieſer einzigartige Subjektiviſt hat nie⸗ mals die Sphäre ſeines eignen Leids überwunden, um das Leid der Menſchheit mitempfinden zu können. Das Heiligenſtädter Teſtament, das erſchütternde Bekenntnis eines großen Menſchen, das Bekenntnis des verzweifelten Beet⸗ hoven' beweiſt das Gegenteil. „Ihr Menſchen, die ihr mich für feindſelig, ſtörriſch oder miſanthropiſch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir; ihr wißt nicht die geheime Urfache von dem, was euch ſcheinet. Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens; ſelbſt große Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt.“ An einer anderen Stelle:„Gottheit! Du ſiehſt herab auf mein Inneres, du kennſt es, du weißt, daß Menſchenliebe und Neigung zum Wohltun drin hauſen.“ Wie ſehr muß den leidenden Beethoven das Gefühl des Un⸗ verſtandenſeins niedergedrückt haben, daß er ſich hier im Heiligen⸗ ſtädter Teſtament mit Worten des tieſſten Schmerzes vor ſeiner Mitwelt rechtfertigt, die ihn immer nur als„feindſelig, ſtörriſch oder miſanthropiſch“ verſpottete. Entzüchend iſt die Teplitzer Bade⸗Anekdote, die man ſich von Beethoven und Goethe erzählt. In dem Badeort Teplitz traf der große Olympier Goethe mit Beethoven zuſammen. Eines Pes⸗ begegneten die beiden im Kurpark unvermutet der auch zur Kur in Teplitz weilenden öſterreichiſchen Kaiſerin, die von einer aus⸗ erleſenen Hofgeſellſchaft begleitet wurde. Goethe, als galanter Hofmann, drückte ſich beſcheiden zur Seite zum Wegrand, zog ſeinen Hut und grüßte untertänigſt, während Beethoven unbe⸗ kümmert, den Hut auf dem Kopf, den Überzieher zugeknöpft, mit untergeſchlagenen Armen, mitten durch den dickſten Jaepi von Erzherzögen, Fürſten und Schranzen hindurch ging, ohne auch die Kaiſerin nur eines Blickes zu würdigen. Man könnte die Beiſpiele beliebig vermehren und immer wieder zeigen, wie Beethoven ſeinem„Dogma“ unwandelbar treu blieb. Wenn jetzt zum 100. Todestag Beethovens die muſikaliſche Welt den gewaltigſten Meiſter deutſcher Tonkunſt durch zahlreiche Gedächtnisfeiern, durch glänzende Aufführungen ſeiner herrlichſten Tonſchöpfungen ehrt, ſo ſoll durch dieſe kleine Betrachtung auch des freiheitlich geſinnten Beethovens gedacht werden, der nicht nur ein genialer Komponiſt, ſondern auch im reinſten und edelſten Sinne ein glühender Freiheitskämpfer geweſen iſt. — nicht, ſo beſchwören Sie Ihre Unſchuld bei den 7 Durch Schuld der Mutter Knunapp fünfßzehnjährig war ofefa aus dem an Geſchwiſtern überreichen Elternhaus in die Großſtadt in Stellung gegangen. Die Mutter hatte ihr außer einem ſchmalen Pappkarton mit der notwendigſten Wäſche nichts mit auf den Lebensweg geben können als eine fromme, chriſtkatholiſche Erziehung zur Ehrfurcht und Demut vor Gott und der allerſeligſten Jungfrau. Joſefas An⸗ ſchuld war ſo vollkommen, daß ſie von geſchlechtlichen Dingen nicht einmal die allerleiſeſte Ahnung hatte. In der Stadt fand ſie Stellung bei einem geſetzten älteren Ehepaar, in deſſen Wohnung gleichfalls die Luft der Moral und Strenggläubigkeit wehte. Ihre Kolleginnen aus dem Hauſe, leicht⸗ blütige Mädel vom Rhein, hatten natürlich ſchnell Joſefas kind⸗ liche Aawiſſenheit herausgeſpürt, aber das Mädchen verſtand nicht einmal die gelegentlichen anzüglichen Neckereien und das helle Gekicher über das Treppengeländer hinweg. Das Vergnügen der Mädchen ſteigerte ſich zur Ausgelaſſenheit, als ſie merkten, daß der forſche junge Kommis im Kolonialwarenladen an der Ecke begann, dem hübſchen, wenn auch etwas dürftigen Ding auf robuſte Art den Hof zu machen. Joſefa war es ſo neu, daß jemand ſie beachtete, ja, ſogar ſich um ſie bemühte. daß ſie wie überwältigt vor Selig⸗ keit umherging. In ihrem rührend herausgeputzten Fähnchen und mit hochklopfendem Herzen erwartete ſie an freien Abenden ihren Freund an der Straßenecke, der ihr mit dem Beſuch billiger Vor⸗ ſtadtkinos und garſtiger kleiner Cafés eine Märchenwelt erſchloß, Zärtlichen Annäherungen aber wich ſie ſtets mit dem Gefühl inſtinktiver Ablehnung aus. An einem warmen Sommerabend erging ſich das Pärchen nach einem erregenden Liebesdrama im Kino auf den von milden, wür⸗ ſigen Düften überhauchten Wegen des ſtädtiſchen Parks. In freund⸗ iche Geſpräche vertieft, merkte die ahnungsloſe Joſefa nicht, daß ihr Begleiter ſie allmählich aus dem Lichte der Bogenlampen fort in immer tiefere Schatten und dunklere Einſamkeiten hineinzog. Der junge Mann, der von Joſefas abſoluter Unwiſſenheit natür⸗ lich keine Vorſtellung hatte, konnte ihre Willigkeit nicht anders deuten denn als ſchweigendes Einverſtändnis.. einem finſteren Seitengange riß er ſie gierig zu Boden, und Joſefa, die in ſtarrem Schreck an Raub und Mord dachte, verlor die Beſinnung. Als ſie erwachte, fand ſie ſich mit zerwühlten Kleidern am Boden liegend und allein. Mit bebenden Knien und völlig verſtört machte ſie ſich auf den Heimweg. Obgleich keine Ahnung ihr ſagte, welches Verbrechen an ihr begangen worden war, mied ſie in Zukunft jedes Zuſammentreffen mit ihrem einſtigen Freunde. Ihr Vertrauen war grauſam ent⸗ täuſcht, und lieber führte ſie unter gleichgültigen Fremden ein reudloſes Leben der Geltungsloſigkeit, als daß ſie ſich noch einmal o ſchrecklichen Erſchütterungen ausſetzte. Eine Erlöſung war es ihr, daß ihre Dienſtherrſchaft bald darauf den Wohnort wechſelte und ſie mitnahm. Bei den Strapazen des Umzugs meldeten ſich die erſten Anzeichen werdender Mutterſchaft bei Joſefa, aber das Mädchen wußte ſie nicht zu deuten und hielt ſie für Folgen der Überanſtrengung. Gleichmäßig und einſam führte ſie ihr Leben in der fremden Stadt, bis eines Tages aus der ſich ändernden Form ihres Leibes die Dienſtherrſchaft Verdacht ſchöpfte. Mit ſtrenger, drohender Miene ein Kruzifix in der Hand, trat die Frau vor das erſchrockene Mädchen.„Haben Sie geſündigt, ſo geſtehen Sie; wenn Leiden des Herrn!“ ☛ tums mit in die Häuſer und in die Straßen einbauen laſſen. Wieſo? Er arbeitete mit Liebe. Sein Werk war ihm nicht nur bezahlte Arbeit— nein! mehr!— das Werk war dem Hans Jakob Dienſt am Volke, Dienſt an der Gemeinſchaft. So höret, wieder ſingt die Lerche, ſchwebend, droben im fil⸗ bernen Blau. Und erſte kleine Bienen ſummen ganz fein um den blühenden Haſelbuſchen, die ſchönen gelbgoldgelben Kätzchen! Hans Jakob Höhl denkt. Er ſchaut auf ſeine Werkskameraden. Da ſind manche, mit denen er ſeit Jahrzehnten Schulter an Schul⸗ ter den guten Kampf gegen unfertiges Werk kämpfte, auf daß fertiges Werk als Bruch⸗ und Bauſtein zu Tale zöge. Dann ſind da die nothergewehten Erwerbsloſen, die Not⸗ ſtandsarbeiter im Bruche. Junge und Alte. Welche mit gram⸗ zerbiſſenen Antlitzen, andere mit kühnen, revolutionären Augen, welche, denen eine Krankheit das Antlitz zeichnete. Da iſt der Muſiker. Der mit den ſanften Mädchenaugen, ein junger Menſch von einigen zwanzig Jahren. Er verladet Steine. Seine Hände ſind klein. Ab und zu ſchaut er auf zur Sonne. Was ſucht er da? Hans Jakob weiß— Schönheit! Dann iſt da der Schreiber, der iſt alt, er wird bald ſechzig ſein, er hat ſich im Leben ſchief geſchrieben— und jetzt bricht er Steine, Steine zu neuen Häuſern. Eine menſchliche Ruine gibt jungen Bauſtein. Der Kaufmann. Ein trotziges Antlitz. Wem hat er getrotzt? Ward er wegen dieſem ſeinem revolutionären Trotze aus ſeiner Arbeitsſtellung von ſeinem Prinzipale entfernt? Hans Jakob ſieht, wie der Kaufmann den Schlegel führt: das ſind wuchtige Hiebe, Steinköpfe zerſpringen! Dann der Buchdrucker, jetzt Notſtandsarbeiter im Grauwacke⸗ bruch. Ein feines wiſſendes Antlitz, wie ein Buch iſt dieſes Ant⸗ litz, ſeine Geiſtigkeit leuchtet wie die Grauwacke bei hellem Sonnenſchein, wie reifes Gold! Der Gärtner. Ein Antlitz ganz voll Liebe. Die Augen wie Veilchenblüte. Der Gärtner ſingt:„Warum weinſt du, ſchöne Gärtnersfrau? Ich weine um der Veilchen tiefes Blau“ Dann iſt da noch der alte Kunde bei den Notſtandsarbeitern, der ſchafft nicht gerne, ſinnend lehnt er an der Bruchwand. Woran denkt er? Er denkt nach über die Unſinnigkeit der kapitaliſtiſchen „Wirtſchaftsordnung“. Der alte Kunde hat alle Welt bereiſt, er hat viel vom Leben geſehen, und er hat gut geſehen, drum weiß er: der Arme iſt das Laſttier der Reichen! Er ſelbſt aber will dieſes Laſttier nicht ſein, drum ſchafft er nicht gerne. Hans Jakob tut, als ob er nicht ſähe, er läßt den ſinnenden Kunden ſinnen, er verſteht! Wenn er auch ſelber anders iſt. Für Hans Jakob iſt jegliche Arbeit bereits heute ſchon ein Stück Sozialismus, Dienſt an der Gemein⸗ ſchaft. Auch, wenn der ſchwarze kapitaliſtiſche Kater die Sahne von der Arbsitsſchüſſel herabfrißt... Frühſtückspauſe! Kollegen, werft das Werkzeug hin— und ſtärkt euch..— Die Frühſtücksbude. Im Ofen brennt ein rotes Feuer. Der März iſt noch friſch. Die Kaffekannen ſind gut gewärmt. Das Butterbrot ſchmeckt. Und luſtige Geſpräche fliegen hin und her. Als letzter kommt in die Frühſtücksbude herein Hans Jakob Höhl. Der war ſehr er⸗ ſtaunt: an ſeinem Tiſchplatze lag eine rote Nelke! Von wem? Warum? Ach ſo, Hans Jakob iſt heute 55 Jahre alt. Irgend⸗ jemand muß das doch gewußt haben. Die rote Nelke ſoll heißen: „Kollege, wir gratulieren!“ Und als alle Mann wieder an die Arbeit gingen, da ſteckte ſich Hans Jakob die rote Nelke über’s rote Herz, und draußen über dem Bruche ſang wieder die hohe luſtige Lerche:„Hans Jakob, wir alle gratulieren! Joſefa, die ſich keiner Schuld bewußt war, ſchwor verwundert, was die Frau verlangte. In ſchrecklichen Qualen ſchleppte ſie ihren müden Leib weiter zur Arbeit. Aus Angſt, ihre Stellung zu verlieren und ſich un⸗ bekannten Schickſalen ausgeliefert zu ſehen, wagte ſie nicht, dar⸗ über zu klagen, wie krank und elend ſie ſich fühlte. Die Stunde der Niederkunft überraſchte ſie eines frühen Morgens, als ſie zum Milchholen über die Straße ging. Auf kaltes Pflaſter ſtürzte ſie nieder und wand ſich in namenloſen Schmerzen. Von einer auf der menſchenloſen Straße daherkommenden Krankenſchweſter wurde ſie aufgeleſen und ins Haus geſchleppt. Joſefas Herrin tobte in ittlicher Empörung.„Schweſter, ſchaffen Sie doch, bitte, dieſe Per⸗ hit ſofort aus dem Hauſe! Dieſe Sünderin, dieſe gottverdammte Meineidige!“ In ratloſem Entſetzen flehten die Augen der Ge⸗ bärenden die beiden ſtrengen Frauen an, flüſterte der totenblaſſe Mund:„Was iſt denn mit mir?“„Wollen Sie auch jetzt noch leugnen?“ fragte die Schweſter ſcharf„jetzt. wo Ihre Sünde klar zutage liegt?“ Die Frauen, die die Seltſamkeit des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis hinnahmen, wollten an die Seltſam⸗ keit einer Empfängnis ohne Wiſſen nicht glauben. „Ein Krankenmagen lieferte die Gebärende noch gerade recht⸗ zeitig in die Anſtalt ein. Das Kind ſtarb wenige Tage nach der Geburt. Joſefa fand nach ihrer Geneſung bald in der fremden Stadt eine neue Stellung, in der niemand von ihrem Schickſal wußte. Aber ihre Lebenskraft war gebrochen In ihrem Heiligſten, in Weibtum und Mutterſchaft mißbraucht und geſchändet, war die harmloſe Kindlichkeit ihres Gemüts einer erdrückenden, un⸗ endlichen Schwermut gewichen und das friſche Mädchengeſicht zu einem blaſſen, leidvollen Frauenantlitz gewandelt. Bitterkeit um⸗ düſterte ſie, und ſie klagte an, aber nicht zuerſt den rohen Ver⸗ führer, ſondern die Mutter, die heiligſte Mutterpflichten an ihr verſäumt und aus falſcher„Sittlichkeit“ ihre unwiſſende Jugend einem erbarmungsloſen Schickſal preisgegeben hatte. H. S. Amerikaniſche Groteskſchauſpieler Hin und wieder findet man in literariſchen Zeitſchriften und in Zeitungen, die Wert auf eine gepflegte Geiſtigkeit legen, Auf⸗ ſätze und Kritiken über amerikaniſche Groteskſchauſpieler, vor allem über Charlie Chaplin, die dieſen größten amerikaniſchen Darſteller geradezu als ein metaphyſiſches Wunder hinſtellen und durchaus einen tiefen Philoſophen aus ihm machen wollen Aber dieſe Artikel geben keineswegs den allgemeinen Eindruck wieder, den Chaplin oder Buſter Keaton, Harold Lloyd oder Fix und Farx bei der großen Maſſe der deutſchen Kinobeſucher hervorrufen. Man lacht über ſie, aber man lacht mehr und herzlicher über die Backfiſchſtreiche einer Oſſi Oswalda oder über Liedtkes ſchelmiſche Augen; man fragt ſich bei den Amerikanern: was ſoll dieſer tolle Unſinn? und denkt ſtillſchweigend: das Ganze iſt doch uaiſch Allerdings wagt das Premierenpublikum nicht, ſolche Gedanken laut werden zu laſſen, weil man ſich als Bewohner weſtlicher Gegenden nicht der Gefahr ausſetzen will, als ungebildet zu gelten. Am nächſten kommt dem deutſchen Verſtändnis noch die Komik Harold Lloyds, weil er von einer durchaus realiſtiſchen Handlung ausgeht. Er ſieht auch ſonſt wie ein gut zu regiſtrieren⸗ der Erdenbürger aus, bewegt ſich beſcheiden und liebenswürdig durch ſchwierige Situationen, und die große Hornbrille verleiht ihm dazu einen Anſtrich ſolider Geiſtigkeit. Zuerſt glaubt man ein harmloſes Filmluſtſpiel mit den bekannten Liebesverwicklungen zu ſehen, bis es dann grundlegend anders wird. Wenn Lloyd plötzlich auf die Idee kommt, an der Faſſade eines Wolkenkratzers emporzuklettern, endet bereits das Verſtändnis, aber man ver⸗ elht ihm dieſen Unfug auf Rechnung der bürgerlichen Talente, ie er vorher entwickelt hat. Wie ſoll man ſich aber zu Chaplin ſtellen, deſſen Filme von Anfang an eine Welt geben, in der die Geſetze des Alltags aufgehoben ſcheinen? Sieht ſo ein anſtändiger Menſch aus? Wo gibt es ſolche Schuhe? Es iſt nicht üblich, in einem Reſtaurant mit Schlagſahne um ſich zu werfen. Anmerika und England ſind die eigentlichen Länder grotesken Humors, ſowohl in Literatur und Graphik, wie in Film und Theater. Es handelt ſich hier nicht um eine Loslöſung von den Geſetzen der Logik, ſondern im Gegenteil um ein konſequentes Zu⸗ endedenken. Warum ſoll Harold Lloyd nicht an einem Wolken⸗ kratzer hochklettern; warum ſoll Buſter Keaton nicht eine Kuh am Maule zu melken verſuchen? Der einmal aufgetauchte Ge⸗ danke wird radikal verwirklicht. Vielleicht iſt dieſe Groteske eine Reaktion auf das ſolide, bürgerliche, geordnete und von der Ver⸗ nunft diktierte Leben des Amerikaners. Sie iſt ein Narrentanz der Vernunft und hat nichts mit Gemüt zu tun. Gerade das Fehlen des Gemüthaften hindert aber den Durchſchnittsdeutſchen, bei dieſen Dingen warm zu werden. Er will auch im Luſtſpiel ſeine Welt ſehen. Es fehlt ihm die jonglierende gedankliche Leichtigkeit. dieſen Filmen zu folgen, andererſeits aber auch die Freude an witzigen Einfällen, wenn ſie aus dem Rahmen des Gewohnten herausfallen. Chaplin iſt ſchwer einzuordnen; warum ſoll man ſich dieſe Mühe machen? AUnd doch iſt mit dieſen Grotesken eine Kunſtart geſchaffen, die das Filmiſche am reinſten bringt, reiner noch als Wegeners phantaſtiſche Sujets oder als Fairbanks ſpieleriſche Abenteuer. Dieſe Filme ſind vollſtändig auf Bewegung eingeſtellt. Man kennt keine toten Stellen, und innerhalb dieſes feſtſtehenden Rahmens zeigt jeder der großen Groteskſchauſpieler ſein eigenes Gepräge, ſeine ſtarke Perſönlichkeit. Abgeſehen von Harold Lloyd, der ſich meiſtens in vornehmeren Gegenden geſellſchaftlicher Geltung aufhält, ſpielen die anderen vergeſſene Stiefkinder des Glücks, Leute, die ohne feſtes Einkommen jede Gelegenheit er⸗ groſfen, um ein paar Cents zu verdienen. Fix und Fax treten in Cutaway und Zylinder auf und ſind ſchauſpieleriſch von allen am unbedeutendſten. Stärker im Mimiſchen iſt Buſter Keaton, aber auch er iſt im Grunde auf einen einzigen Ausdruck feſtgelegt, ein unbewegliches Geſicht mit fragenden Augen, die nie etwas peſſen können. Ein merkwürdiges Strohhütchen trägt er zu allen Anzügen; es verläßt ihn nicht, auch wenn er als Matroſe oder Cowboy auftritt. Dies Hütchen gibt ihm von vornherein ein groteskes Ausſehen, das ſich bei Chaplin vollends ins Phantaſtiſche ſteigert. Das iſt eine Erſcheinung, die den Boden der Wirklichkeit verlaſſen hat. Alles iſt grotesk an ihr, und doch zeigt ſich dahinter immer wieder das Bild des kleinen, gedrückten Oſteuropäers, der ein ſchlaueres Köpfchen hat als die anderen, die Weisheit und Reichtum gepachtet haben. Er will kein Philoſoph ſein— ſagte er ſelber von ſich—, ſondern nur ein exakter Beobachter des Lebens, der Züge der Wirklichkeit überſteigert und damit die Lächerlichkeit des Lebensernſtes enthüllt. Das bleibt das Ent⸗ ſcheidende an der amerikaniſchen Groteske: ſie iſt frei von jeder Sentimentalität; ſie zeigt einen ſouveränen Geiſt, der leicht und witzig mit den„heiligſten Gütern des Lebens“ ſpielt. 5 Felix Scherret. Kinderbeſeitigung Während bei uns im Parlament für und gegen die Er⸗ haltung der Leibesfrucht gekämpft wird, haben die primitiven Völker dieſes Problem ganz radikal gelöſt. Sie mögen dabei im Grunde vom gleichen Standpunkt wie wir ausgehen, denn auch bei ihnen iſt die mediziniſche, eugenetiſche, ſoziale Seite der Frage ausſchlaggebend. Im Prinzip ſchätzen die primitiven Völker die Geburt eines Kindes ſehr, aber es gibt manche Gründe, die ſie veranlaſſen, die neugeborenen Kinder zu töten. Bei den Armeniern und Syriern z. B. ſpielen religiöſe Gründe eine Rolle. Man ſpricht dann von einer Opferung der Kinder. Ein anderer Grund für die Kinderbeſeitigung iſt der bei vielen primitiven Völkern herrſchende Aberglaube, daß man aus dem Körper eines neugeborenen Kindes Heilmittel von beſonders wundertätiger Wirkung gewinnen könne. Bei einigen Negerſtämmen, die ſonſt der Kindertötung nicht huldigen, werden Zwillinge oder Drillinge getötet, weil ſie ihrer Meinung nach etwas Entehrendes bedeuten. Bei ſolchen Völkerſtämmen aber, die unter ewigem Nahrungs⸗ mangel leiden, werden nur ſo viele Kinder am Leben gelaſſen, als tatſächlich ernährt werden können. So konnte man beobachten, daß nach einer Mißernte die Zahl der getöteten Kinder erheblich ſtieg. Ein weniger wichtiger Grund iſt die Sorge um die Rein⸗ raſſigkeit, doch gibt es auch einzelne Stämme, die alle Kinder töten, die aus der Verbindung eines Fremden mit einer Einge⸗ borenen hervorgegangen ſind. Schließlich gibt es auch manche wilden Völker, bei denen ſich die Eltern ihrer Kinder einfach aus Bequemlichkeitsgründen entledigen. Die Forſchungen auf dieſem Gebiete haben ergeben, daß es hauptſächlich Mädchen ſind, die beſeitigt werden, während die Knaben am Leben gelaſſen werden. So kommt es, daß es bei manchen wilden Völkern fünfmal ſo viel Knaben wie Mädchen gibt. Bei einem indiſchen Volksſtamm gab es ſogar im Jahre 1840 fünf⸗ zehnmal mehr Knaben als Mädchen. Die Art der Kinderbe⸗ ſeitigung iſt bei den einzelnen Stämmen verſchieden. Fiſchervölker erſäufen die Kinder meiſt gleich nach der Geburt. Sehr verbreitet iſt die Sitte, die Kinder abzulegen. Sie ſtammt ſchon von den Spartanern, die körperlich oder geiſtig ſchwache Kinder im Berge Taygetos ausſetzen. Manche indiſche Stämme graben die Kinder, zuweilen ſogar lebend, unter ihren Hütten ein. Die Chineſen hatten turmartige Gebäude, in denen ſie die unerwünſchten Kinder, meiſt Mädchen, oft lebend, ablegten. Dieſe Türme ſind ſogar heute noch hier und da in China im Gebrauch. Je grauſamer uns vom menſchlichen Standpunkte aus die Be⸗ ſeitigung eines ſchon geborenen Kindes erſcheint, um ſo mehr muß uns die überaus große Sorge und Zärtlichkeit verwundern, mit denen dieſe wilden Völkerſtämme wiederum die am Leben ge⸗ bliebenen Kinder behandeln. Alle die Sorge und Liebe, die ſie ſonſt auf ein Dutzend Kinder verteilt hätten, konzentrieren ſie auf die wenigen Üübriggebliebenen, die Auserleſene des Stammes und Träger eines ſtarken Geſchlechts werden ſollen. Dr. K. H. Für die Redaktion verantwortlich: Oscar Quint, Frankfurt a. M. Snͤͤ“ d ç“ 5 N Ungleich erſcheint im Leben viel, doch bald und unerwartet iſt es ausgeglichen. In ew'gem Wechſel wiegt ein Wohl das Weh und ſchnelle Leiden unſre Freuden auf Goethe Konverter Von Nikolaus Welter Sacht wie eine Burgunderflaſche Neigt ſich die Konvertertaſche In den Zapfen. Plötzlich wühlt ein Saus Durch ihr Eingeweid: wie Sterngefieder Sprüht’s aus ihrem Halſe; flankennieder Rieſeln Ströme Blutes. Dann mit Brüll und Braus Hebt ſich ſchweren Schwungs die Rieſenbirne Hoch, ſchlägt am Gebälke faſt die Stirne Schartig, faucht unbändig in den Raum, Daß die Nacht im Drunterunddrüber auseinander Flattert und von Bergeshöh der ſpäte Wand'rer Fiebernd ſtarrt den Feuergarbentraum. Speit ein Geiſir jäh im Bogen Seine nie erſchöpften Flammenwogen, Daß die Stadt ertrinkt in einem Schwefelſee? Sind es Teufelsbuben, die mit breiten Traufeln Aus dem Glutenpfuhl der Hölle ſchaufeln Und ſich ſpielend balgen mit Raketenſchnee? Hoch die Sterne ſenken ihre goldnen Brauen, Zwinkern, blinzeln, ſchauen ſich im ſtillen Grauen An und liſpeln:„Seht die Erde! Welch ein Schein! Will der grämliche Planet ſich gottvergeſſen Mit dem ew'gen Lichterheer des Himmels meſſen? Will er künftig ſelber ſeine Sonne ſein?“ Und die Sternlein, bleich, im kindlichen Gewimmel Tauchen unter. Blut’ger Aufruhr ſtürmt den Himmel, Will die Milchſtraß fegen. Doch mit einemmal Bricht der Aufſturz. Friedlich ebbt’'s im Kraterſchlunde. Sacht neigt ſich die Flaſche, und aus ihrem Munde Quillt, wie Milch ſo weich, der reine Stahl. Aus Welters Gedichtſammlung. Verlag Georg Weſtermann in Braunſchweig und Hamburg. Der Abendmahlswein Von Alfred Bock Der Herr Pfarrer war aus der Kreisſtadt in ein weltfernes Dorf des hohen Vogelsbergs verſetzt worden.— „Ich kenne die Bauern dort droben aus eigenſter Erfahrung,“ hatte ihm ein Amtsbruder und Freund geſagt,“ zwar eſſen ſie nichts ungeſalzen, allein von attiſchem Salz in den Predigten wollen ſie nichts wiſſen. Sie brauchen maſſiven Stoff. Wena ſie ſich die Stiefel ſchmutzig machen und in die Kirche kommen wollen ſie etwas dafür haben. Darum geb ich dir den wohlgemeinten Rat: predige nicht zu kurz. Im Vogelsberg iſt auch gut Brot eſſen, aber du mußt den Verhältniſſen Rechnung tragen, mußt Kordel nach⸗ laſſen, ſonſt kann dir's geſchehen, daß du wie Jeremia deine Harfe an die Weiden häagſt und klagſt.“ 1 8 Heute hatte der Herr Pfarrer im Dorf ſeine erſte Predigt ge⸗ halten. Auf ſeine Rednergabe durfte er ſich etwas einbilden. Und doch hatte er ein wenig zaghaft geſprochen. Da er geendet, beſchlich ihn der Zweifel, ob ſeine wohlbedachte Rede die Herzen der Hörer getroffen. Er trat vor den Altar, verlas die Einſetzungsworte des heiligen Abendmahls und forderte die Kommunikanten auf, zum Tiſch des Herrn zu kommen. Wohl dreihundert Männer und Frauen waren es, denen er den Becher bot. Währenddeſſen ſang die Gemeinde: Schmücke dich, o liebe Seele, Laß die dunkle Sündenhöhle, Komm ans helle Licht gegangen. 4 Fange herrlich an zu prangen, enn der Herr voll Heil und Gnaden Will dich jetzt zu Gaſte laden. 1 — Die heilige Handlung war vollbracht. Der Pfarrer ſegnete die Gemeinde. Die Orgel ſetzte ein. Der Lehrer, der ſie ſpielte, konnte ſic nicht genug tun in ſeiner Kunſt. Klänge, innigſter glaubens⸗ Mier römmigkeit entſprungen, durchbrauſten das alte Gottes⸗ aus. Der geiſtliche Herr begab ſich in die Sakriſtei, wo die Wein⸗ flaſchen ſtaanden, die, mehr oder minder gefüllt, vom Abendmahl verblieben waren. Der Kirchenvorſtand folgte ihm. „dDas iſt wohl ſo Sitte hier,“ dachte der Pfarrer, und wandte ſich an die Männer, die ſich in ihrer ſchwarzen Gewandung mit ernſten Mienen um ihn gruppierten:„Ja, meine Freunde, der Herr gibt uns im Abendmahl gar viel. Er gibt uns ſein Gott⸗ vertrauen, ſeinen Pflichteifer und ſeine Menſchenliebe. Die Feier wird erſt recht ſegensreich, wenn ſie Verſöhnung und Frieden ſtiftet, wenn ſie Zwietracht und Haß aus unſerer Gemeinde verbannt und eine herzliche Liebe entzündet. Wahrlich, dem allgemeinen Hang zu ſnlichem Vergnügen entgegen eröffnet ſie eine Quelle edlerer, reinerer Freuden!“ Die Bauern hörten mit ſtumpfen Geſichtern zu. Sie wankten und wichen nicht. „„Was mögen ſie nur wollen?“ dachte der Pfarrer und ſagte⸗ „ 8 iſt bitter kalt hier. Wenn Sie noch etwas mit mir zu beſprechen haben, mein ich, wir ſollten in Pfarrhaus gehen.“ Die Bauern nickten.— Den Herrn Pfarrer an der Spitze, bewegte ſich der Kirchen⸗ vorſtand dem Pfarrhaus zu. In ſeiner Amtsſtube hieß der Geiſtliche die Männer ſich ſecher Das taten ſie, nur der Bembel aus der Untergaſſe blieb ſtehen und ſprach:„Herr Pfarrer, ſolang die Kirch im Ort ſteht, is es bei uns Mode geweſt, daß der Abendmahlswein, der übrig iſt, vom Kirchenvorſtand getrunken wird. Das war eſo und dadevon gehn wir net ab. Der Herr Porrer hat eine Kapitalpredigt gehalten, das is wahr, aber's muß d auch ſonſt alles ſeine Ordnung aben“. Dem Pfarrer ſtieg eine Blutwelle zu Kopf.. „Ich habe nicht anders angenommen, daß der Wein, der übrig⸗ geblieben iſt, den Ortskranken zugute kommt.“ „Das mag wo anderſter eingeführt leinn entgegnete der Bem⸗ bel,„hier trinkt ihn der Kirchenvorſtand. Wann’s dem Herr Pfarrer net paßt, legen wir unſer Amt nieder.“ In dieſem Augenblick trat der Kirchendiener in die Stube. Er war mit Weinflaſchen beladen und ſetzte ſie auf den Boden. Der Pfarrer ſchritt ein paarmal in der Stube auf und ab. „ Unerhört!“ ſprach er bei ſich.„Am liebſten jagte ich die Kerle, daß die Lappen flögen Stät, ſtät! Wie hatte ſein Kollege ge⸗ ſprochen? Du mußt den Verhältniſſen Rechnung tragen, mußt Kordel nachlaſſen, ſonſt kann dir's geſchehen, aß du wie Jeremia deine Harfe an die Weiden hängſt und klagſt.“ Er rief ſeiner Frau. „Bring Gläſer!“. „Halt!“ rief der Bembel,„eins ſchickt, das iſt bei uns immer ſo Mode geweſt.“ Die Pfarrerin brachte ein Glas. Das ging von Mund zu Mund. Bald griff eine behaglich fröhliche Stimmung unter den Herren vom Kirchenvorſtand Platz. „Vorm Jahr.“ erzählte der Hannam(Johann Adam) vom Ochſenweg,„hatten wir einen Rachenputzer. Heilig Donnerwetter, krag ich am andern Tag ein’ dicken Kopf!“ „Das hier is ein fein Weinche.“ ſchmunzelte der Eulerspeter, das ſchmeckt nach mehr!“. Erſt als der letzte Tropfen getrunken war. entfernten ſich die Männer. langſam und würdevoll. „Das ſind ja nette Zuſtände hier, ſagte der Pfarrer zu ſeiner Frau und neiate den Kopf von einer Schulter zur anderen.„J glaube, dieſe Bauernhäute ſind Futterale für große Schelme. Oder iſts wirklich bloß ihre Art, die ſo 155 am Hergebrachten hält? Greichniet, ich drücke ein Auge zu. Beſſer Friede mit ihnen, als Krieg.“ M Ein Heiland der Armen Von Armin P. Wegner Wer kennt heute Charles Louis Philippe? Gewiß ätzt und liebt ihn ſeit langem jeder Eingeweihte der Literatur, ber was weiß die große Maſſe der Leſer von ihm? Weiß ſie, daß er auf der bedeutenden Linie des franzöſiſchen Romans, die von Balzac bis zu Anatole France reicht, etwas vollkommen Neues iſt? Charles Louis Philippe wurde in einer kleinen Stadt der Landſchaft Bourbonnais in Frankreich als Sohn eines Holzſchuh⸗ machers geboren. So war er von Jugend auf hineingeſtellt in die Armut, die er liebte wie niemals ein Reicher den Reichtum ge⸗ iebt hat. Mit 12 Jahren verließ er die kleine Stadt, um mit einem Stipendium das Gymnaſium in Montlucon zu beſuchen, und dort erlebte er die ganze Schwermut eines verlaſſenen Schul⸗ knaben, die große Vereinſamung der Kindheit, die ſchwerer iſt als die eines Mannes. Dann ſpäter kam Philippe nach Paris, wo er zuketzt eine Anſtellung als Stadtſchreiber an der Pariſer Stadt⸗ verwaltung erhielt. So war ſein äußeres Leben arm an drama⸗ tiſchen Ereigniſſen. Aber während der kurzen Spanne ſeines Daſeins(Philippe wurde nur 35 Jahre alt) ging er ſtändig umher in dieſer Welt kleiner Beamter und Handwerker, Bettler und BVagabunden, nahm ſie ganz in ſich auf und durchglühte ſie mit ſeiner Seele. Dieſes Leben der Entſagung, in das er geſtellt war, wurde ihm Bedürfnis und Beſtimmung und erfüllte ihn mit ſeiner Miſſion. Er liebte das Leid wie Doſtojewſki, deſſen Bücher ihn in ſeinen letzten Jahren begleiteten, um ſeiner ſelbſt willen, als den größten Schöpfer und unerhörten Baumeiſter der Seele, der auch die Herzen der Kleinen ausgräbt zu Tränentiefe uand hinausführt über ſich ſelbſt. Charles Louis Philippe hat ſechs Romane und einige Novellen geſchrieben, von denen der Inſelverlag in Leipzig das weſentlichſte auch in einer deutſchen Ausgabe vereinigt hat, die Wilhelm Südol mit einem Vorwort herausgab. Nur ein paar ſchmale Bände ſind es, und doch enthalten ſie ein ganzes Leben von Menſchen mit allen Kämpfen und Erniedrigungen, das Leben einer ganzen Stadt. Eine ſolche Zuſammendrängung konnte nur möglich ſein, weil Philippe von vornherein auf jedes breit ausgemalte äußere Geſchehen verzichtete und nichts gab als die nackte Seele, die durch alles hindurchzittert. Die Seele von Menſchen, von Häuſern, von tauſend kleinen alltäglichen und verachteten Dingen. Darum iſt es auch ſo ſchwer, den Inhalt ſeiner Romane wiederzugeben, ſo leicht es auf der anderen Seite wäre, ihr tatſächliches Geſchehen auf eine kurze Formel zu bringen. Da iſt„Mutter und Kind“, der Roman ſeiner Kinder⸗ jahre, ein Buch tiefſter Dankbarkeit gegen den Schoß, der ihn in dieſes elende Leben hineingeboren hat und voll von der ganzen Schwermut, die ſeine traurige Jugend umſchloß. Da iſt„Marie Donadieu“, ein kleines Bauernmädchen aus d Lyon, das der Spur ſeiner Sinne folgt, die ſie nach Paris und weiter in das Verderben treiben, und das ſelbſt eine große und edle Liebe wie die Jean Bouſſets nicht mehr retten kann. Dieier Roman iſt künſtleriſch vielleicht Philippes vollendetſtes Werk. Da iſt„Croquignolé“,„Der alte Perdrix“ und alle die anderen Ge⸗ lten eines engen und elenden Daſeins mit ihrer dürftigen Zu⸗ friedenheit und ihrer großen Sehnſucht. Aber was nützt es mir Liebha der Gegend von er--fr-rfEREREREEEREERE am Ende, die kurze Linie ihres Lebens aufzuzeichnen, die meiſt mit dem Tode endet und die ſchließlich bedeutungslos iſt. Was kann im Grunde der Erfolg anderes jein, als wenn man aus einem bunt ſchimmernden Seeſtern das Waſſer oder aus einer lichtſpielenden Seiſenblaſe Luft und Sonne nimmt, um allein den konkreten Stoff zurückzubehalten, der nicht viel mehr iſt als ein weſenloſes Nichts, da es mir doch nicht gelingen kann, in dieſen Zeilen den Schmelz ſeiner Sprache und den Hauch ſeiner Worte einzufangen! Nur von„Bübü de Montparnaſſe“, möchte ich noch ſprechen. der neben„Mutter und Kind“ und„Marie Donadien“ zu Philippes vollkommenſten Schöpfungen gehört. Es iſt die Ge⸗ ſchichte der Berthe Méténier und ihres Zuhälters, aber ſo weit von all dem entfernt, was je über dieſe Dinge geſchrieben wurde, wie der Himmel von der Hölle entfernt iſt. Man vergleiche nur Zolas„Nana“, in der immer noch etwas von der verſteckten Lüſternheit des Bürgers enthalten iſt, und man wird den Unter⸗ ſchied erkennen. Es iſt eine kleine Bibel dieſes elenden und ver⸗ worfenen Lebens, und ich weiß nicht, ob es einem Menſchen unſerer Tage beim Leſen des Teſtamentes noch ſo heilig werden kann wie beim Leſen dieſer Geſchichte. Drei Geſtalten hat der Dichter durch das Buch geführt. Berthe Méténier, die Dirne, ein anſpruchsloſes und leichtfinniges Ding, hin⸗ und hergeriſſen zwiſchen Schwachheit und ohnmächtigem ſich Aufraffenwollen, nichts anderes als ein bemitleidenswerter Ball, den das große Paris Hinabſoit in die Goſſe. Daneben die Geſtalt Bübüs, ihres ers, von Hauſe brutal und mit einer gewiſſen Energie begabt, aber doch zu ſchwach, um den Verlockungen eines müßigen und von ſinnlichen Freuden erfüllten Lebens zu widerſtehen. Zwiſchen beiden ſteht Pierre Hardy, der ein wenig Charles Louis Philippe ſelbſt iſt, ein zwanzigjähriger Mann aus der Provinz, der die ganze Glut ſeines unbefriedigten Verlangens und das volle Empfinden ſeiner zartfühlenden Seele zu Berthe getragen hat. Er iſt das Seil, an das Berthe ſich gläubig klammert, um zu geregeltem Leben zurückzukehren. Als aber Bübü eines Tages aus dem Gefängnis zurückkehrt, fällt ſie in ihr altes Leben zurück. Er nimmt ſie wie etwas Selbſtverſtändliches und mit dem harten Willen des Eigentümers, wie eine Sache, die ihm gehört. Sie alle drei werden verfolgt von der Syphilis, die wie eine ewige Peſt die ſchmutzigen Zimmer der Abſteigequartiere durchſtreicht. Und niemals auch nur von Ferne ſteht die Frage auf nach Schuld und Gerechtigkeit. Alles iſt Verſtehen, Liebe, Erbarmen. Auch in den Seelen Berthes und Bübüs lebt neben ihrem entſetzlichen Handwerk etwas von jener echten und tiefen Hingabe, die noch die Niedrigen über ſich jelber erhebt und ſie für Augenblicke das Eiwiſße im Menſchen ahnen läßt. 9 Brauche ich nun zum Schluß noch von der künſtleriſchen Art Philippes zu reden? Der Farbigkeit ſeines Stils und jeiner Art, die Dinge zu ſehen und zu geſtalten, der unerhörten Suggeſtion, mit der er das Stadtbild von Paris zeichnet. Brauche ich noch zu ſagen, daß er alles andere geben wollte als Literatur? Er kam vom Leben, war ſelbſt Pierre Hardy geweſen, hatte jelbſt die Dirne Berthe Méténier geliebt und um ſie gelitten.„Es iſt ſo furchtbar“, ſagt er einmal,„zu denken, daß man nicht aus dem Grunde ſeines Herzens ſchreibt, und daß da irgendwo dieſe greu⸗ liche Sache, die man Talent nennt, beteiligt ſein könnte, die Ge⸗ fühle zu verſchönen und Empiindungen hinzuzuſetzen“. So gelang — ꝗ———————Q—Q—ͦ—ꝛ—ꝛxꝛ——— —... B₰. 4—₰ Weltreiſe mit einer Kollwitz⸗Ausflellung Von Lonise Diel Der Kabinenſteward 1. Klaſſe vom ſtolzen„Albert Ballin“ wollte abſolut nicht begreifen, warum und wieſo das rieſen⸗ quadratige Bilderpacket unterm Bett treu geborgen werden müſſe. Wie er dann eines lachenden Tages noch den Inhalt ſichtele — der, o Schreck, in dieſer Raumesenge für die Ausſtellung oben im Damenſalon ſondiert wurde—, da verſchlug es ihm die Rede. Fortan ſpiegelten ſeine Blicke überlegenes Bedauern. Anders der Chef, der Borddruckerei. Er meinte ganz bel⸗ läufig„gute Sachen, hab' mich früher auch mit dergleichen be⸗ ſchäftigt“. Das Programm überreichte er laut Randbemerkung „dergleichen druckt man ſo“. Und„ſo“ ſtieg die Sache. Förmlich angeſtanden haben ſie. Und in allen Sprachen rief's und diskutierte es durcheinander. Gleichgültigkeit. Neugier. Abneigung, Intereſſe, Mitgefühl— es fehlte an nichts. Stumme Überheblichkeit ventilierte etwa: „Wir reichen Yankees, was ſoll uns das; wir haben es doch gar nicht nötig, ſowas zu ſehen!“ Sie ſpülten es mit einem Whiſky Soda ſchnell herunter. Die junge Welt ſtaunte. Das atmete ihren Geiſt, Pazifismus, Liberalismus.. und ob ſie ſich dafür begeiſterten! Die Alt⸗ xreichen belächelten den Spleen der Jugend. Umziehen zum Diener— Smoking und Decolletée, Sekt und Tanz alles iſt vergeſſen. Plötzlich ſagt die brillantenbeſäte Mrs. Beautiful zu Mr. Uptodate:„Ach. das Leben iſt doch ſehr ſchmer— da ſieht man es wieder!“ Was nur Beine hat ſchlenpt die Bagage eilig ſchweren Schrittes vom Schiff zum Pier. Die Herrn Zollbeamten mit meyhr witz ihr ahnendes: was werden Sie damit alles erleben!) Nun zerblättert er den ganzen Inhalt, wird noch wortkarger, guckt mich dann kritiſch⸗neugierig von der Seite an:„Selbſt ge⸗ macht?“ Mein Verneinen legt ein menſchliches Lächeln auf ſeine korrekten Züge. Dann holt er aber doch Verſtärkung.(Er hat ja keine Ahnung.) Dummerweiſe oder gottlob liegen die ſtärkſten Blätter obenauf,„Frau mit totem Kind“ uſw. Sowas wirkt gut, taxiere ich bei mir ſelbſt.(Das iſt ein moraliſch⸗ernſtes Sujet für tugendbehütende YNankees.) Ich halte das Blatt Nummer 2 als Abwehrſchild entgegen. Inzwiſchen hatte ich auch beariffen, daß ein Händedruck mit gemurmelten Dankesworten am Platze iſt. Er ſagte dann einfach kommen Sie mol mit“— und an einem ent⸗ fernten Schalter bekam mein Paket das Pflaſter aufgeklebt und die Sache war erledigt. Mühſam wurde alles wieder vernudelt. Die Ouverture war heendet.— 84 Wel!, wenn die N. Y. Times ſo anerkennende Worte ſindet, muß man ſich dieſe german art mal anſehen. Wer dann die Stiege zum Ausſtellungsſaal im Civic Club hinter ſich hatte, verſchnaufte einen Augenblick. Der genügte für den erſten Orientierungsrundblic.. Die Mienen wurden ge⸗ dehnter— ſchier ſprachlos ſtarrte man in die Gegend Das Weitere wechſelte von Fall zu Fall. Die Einen mühten ſich redlich Herz und Hirn als Refonanzboden einzuſtellen, andere mißäukerten ſich in der Tonart„Kunſt ſoll business aäbreagieren und einen veranüglich erheitern— aber dieſe Bilder—“ ſie fanden keine Worte! es ihm wie nur wenigen zuvor, den Eindruck der Unmittelbarkeit in ſeinen Werken hervorzurufen. Dabei iſt er ein unübertreff⸗ licher Pſychologe, der die tauſend kleinen Vorgänge der Seele in I dem Augenblick aufdeckt und feſthält, daß wir halb erſchrocken Die warme Nähe des Lebens fühlen. Man hat Philippe deshalb einen Dichter des Anfangs genannt, und er ſelbſt hat geſagt: „Die Zeit der Sanftmut und des Dilettierens iſt vorüber, die Zeit der Leidenſchaft beginnt. Ich weiß nicht, ob einer oder der andere von uns ein großer Schriftſteller ſein wird, aber das weiß ich wohl, daß wir zur kommenden Raſſe gehören, daß wir zum mindeſten einer der kleinen ſehr zahlreichen Propheten ſein wer⸗ den, die kurz vor ſeinem Kommen den Chriſt verkündeten und ſchon nach ſeiner Lehre predigten.“ Charles Louis Philippe iſt jung geſtorben. Aber das Werk, das er hinterließ, hat erſt zu wirken begonnen. Seit ſeinem Tode ſind viele Stimmen in Frankreich und Deutſchland für ihn laut geworden, und ſein Ruhm iſt ſchon jetzt ſo groß, wie Herher ſeine Armut niedrig war. Durch ſeine magiſche Fähigkeit, alles Tote und Lebendige zu durchſeelen, berührt er ſich mit jener großen Bewegung der Neuzeit, die in Kunſt und Leben ſchon vor dem Kriege wie in einer großen vulkaniſchen Aufwallung des Gefühls die ungeheure Mechaniſierung und Intellektualiſierung unſeres gegenwärtigen Lebens zu durchbrechen im Begriff war, und die bei ihm durch die Kraft ſeiner Unmittelbarkeit ſo ſtark auf uns wirkt und ihn zu einem ſo großen Dichter gemacht hat, deſſen Be⸗ deutung weit über ſeine eigene Ahnung hinausgeht. Die Jagd in der urgeſchichtlichen Epoche der Menſchheit Von Profeſſor Dr. H. Friedenthal*) Wenn es uns bei der heutigen Scheu und Flüchtigkeit des Wildes unſaſßdar erſcheint, wie der Vormenſch mit Hilfe eines ſo einfachen Werkzeuges, wie es ein unbehauener Feldſtein darſtellt, andere Säugetiere überwältigen und als Nahrung benutzen konnte, müſſen wir für die erſten Zeiten des Vormenſchtums auf das Verhalten der höheren Tiere in Gegenden zurückgreifen, welche den Menſchen bisher noch nicht kennen gelernt haben. Wir ſehen an Orten, wo der Menſch den Ausrottungskrieg gegen die Tierwelt noch nicht eröffnet hat, ein paradieſiſches Ver⸗ halten gegen den unbekannten Zeitgenoſſen Menſch. Polarvögel drängen ſich um die Matroſen auf neuentdeckten Südmeereilan⸗ den und laſſen ſich ohne jede Schwierigkeit mit Händen greifen und ihrer Eier berauben. Das höhere Wild zeigt heute noch in Gegenden, wo es nicht gejagt und verfolgt wird, eine derartige Neugier und Harmloſigkeit, daß man in Afrika bei vegetariſch lebenden Negerſtämmen, die zu ihrer Nahrung als Beikoſt nur die Produkte der Viehzucht, Milch und Butter hinzufügen, ohne die Herdentiere zu ſchlachten oder Jagd ausüben, ſieht wie Buſch⸗ ——]) Dieſe höchſt unterhaltende Studie ninehmen wir dem bemerkenswerten Buche„Menſchheitskunde“, das uns in die Entwicklung der Menſchheit von der Entſtehung der Erde bis zur Gegenwart einführt. Ein Pochſt willkommener Führer durch ein neuartiges Forſchungsgebiet, das alle Menſchheitsprobleme umfaßt. Gebunden Mark 1.80. Verlag von Quelle& Meyer in Leipzig. folgend, die ganze Erdoberfläche, ſoweit er böcke, Antiloven, Zebras und andere Steppentiere in der Nähe der Ortſchaften friedlich zwiſchen dem Vieh ihrer Aſung nachgehen. In Indien gilt es als ein Beweis für Heiligkeit von Asketen, die ſich in den Wald zurückgezogen en, um mit den Brüdern, Tier, Pflanze und Erde den Reſt ihres Lebens in Frieden zu ver⸗ bringen, wenn der Betreffende durch die Ruhe und Harmonie feiner Bewegungen reſpektive durch ſeine häufige Bewegungs⸗ loſigkeit der Tierwelt ſolches Zutrauen an Mäuin beginnt, daß ſie von ſeiner Anweſenheit keine Notiz mehr nimmt und ungeſtöoört ihrem gewohnten Treiben nachgeht. Nach dieſen ſicheren Erkenntniſſen aus der Neuzeit können wir annehmen, daß der Übergang von der früheren Pflanzen⸗ und Inſektennahrung zur hauptſächlichen Fleiſchnahrung durch Erlegen von Tieren den ſteinbewehrten Urmenſchen in einen Überfluß von Nahrung verſetzte, der ſeinerſeits die Leiſtungs⸗ fähigkeit aller heiger Organe zu ſteigern imſtande war. Wie ſehr auch heute noch Nahrungsüberfluß und gute Pflege die körper⸗ lichen Eigenſchaften anfänglich zu ſteigern pflegt, wenn die Ver⸗ nunft ſchädigenden Überfluß und Maßloſigkeit fern hält, das zeigt uns hundertfältig der überraſchende körperliche Aufſtieg an Leiſtungsfähigkeit und Schönheit bei reich gewordenen Familien der Neuzeit. ce wenigen Generationen bringen günſtige Um⸗ weliswerhältniſſe Geſtalten hervor, welche an Schönheit, Kraft und Leiſtungsfähigkeit mit den Abkömmlingen der alten Adels⸗ geſchlechter wetteifern können, deren gut gepflegte Kinder den Leiſtungsdurchſchnitt unter den Menſchen weit zu übertreffen pflegen. Wie bei den Adligen, bereitet freilich raſch einſetzende Degeneration, durch übermut und Laſterhaftigkeit verſchuldet, dem körperlichen und geiſtigen Aufſtieg ein raſches Ende, wäh⸗ rend bei den Adelsgeſchlechtern, ſoweit ſie ſich betätigen, ein Teil der Individuen der zykliſch eintretenden Degeneration des Adels zu entgehen pflegt. Wir können nach dem Geſagten vermuten, daß der übergang zur Fleiſchnahrung beim Urmenſchen mit einer Steigerung von körperlicher Leiſtungsfähigkeit, Schönheit und Intelligenz ver⸗ bunden war. Wenn wir annehmen, daß das Wild der Vorzeit dem Ur⸗ menſchen ebenſo harmlos gegenübertrat, wie heute noch das Wild neuentdeckter Erdgegenden, ſo werden wir nach dem raſchen Scheuwerden des gejagten Wildes ſchließen können, daß auch in der Urzeit ſehr bald die übrigen Säugetiere den Menſchen als gefährlichen Verfolger fürchten lernten und, wo er ſich blicken ließ, durch ſchleunige Flucht ſich ſeiner Verfolgung zu eutziehen ver⸗ ſuchten. Der Urmenſch brauchte alsdann, wie Hauſer hervorhebt, ſeinen Wohnſitz nur wenige Kilometer weiter zu verlegen, um wieder mit neuer, Menſchen ungewohnter Tierwelt in Berührung zu kommen und Jagdbeute zu gewinnen. Ohne einen myſtiſchen andertrieb des Menſchen zu Hilfe nehmen zu müſſen, können wir uns eine ſehr raſche Ausbreitung des Menſchen über die ganze ihm ſugängliche Erdrinde, als durch das Verhalten der Umwelt bedingt erklären, und dieſer Umſtand erklärt umgekehrt rückwärts, warum wir bisher ſo wenig Reſte dieſer Periode in der Erdrinde auffinden können. Wir ſchilderten in den obigen Zeilen eine Ausbreitung des Menſchen in der Urzeit, bei welcher der zur Fleiſchnaßrung über⸗ gegangene Menſch ſeinen Jagdtieren, den anderen Säugetieren konnte, beſiedelte. —— Zigarette im Mundwinkel, näſelte„very interestina“ und ver⸗ krümelte ſich nebenan, wo im tearoom american spirit floß. Eine vorlaute Lady hatte tauſend Fragen— auf die ſie aber keine Antwort verlangte. Dann bedankte ſie ſich und nannte alle Deutſche höfliche Menſchen.—* Der Reklamechef des größten Warenhauſes lobte die Ware. „My compliment“ ſagte ſein Händedruck. Ob er das erworbene „Selbſtbildnis“ ſeiner office 25. Etage einverleibte? Was es doch für Typen gibt! Das behäbig⸗ſaturierte Amerika, das jüdiſch geiſtig regſame— als Stockamerikaner wie als Deutſchamerikaner— das elaſtiſch⸗idealprogreſſive, das alt⸗ bieder⸗deutſche, das jung⸗importiert⸗kämpfende, das ſportlich übergeiſtig untertrainierte... eine Leporelloliſte ohne Ende. Ein richtiger Schneefall verſtopft ganz Neuyork den Verkehr. Stundenlang dauert die Fahrt von Brooklyn nach Manhattan— dann bleibt das Auto ſtecken, dann hüpft es wieder über Schnee⸗ berg und Grotten. Die neue Bildermappe— made in America— tanzte, als ob ſie Ballettbildern ihre wohlige Fülle verdanke. Dabei gings ins Hotel Majeſtic zu Vortrag und Ausſtellung. Alles klappte ſonſt— nur die Ausſtellung tanzte zeitferne ihres Weges. Knapp vor Eröffnung landete ſie. Fiebernde Arbeit. Eile ohne Weile. Gäſteandrang. Rundgang. keiner ahnt, daß noch vor vaar Stunden.. alles iſt perfectly all right. Vortrag ſteigt, Führung folgt, Muſik endet... vorbei des Zaubers Spur... die Zeitungen melden einen vollkommen gelungenen Abend. 8.—„₰. 4 Europa heimwärts. Die Mappe wird in eine Holakiſte ge⸗ ſteckt mit Aufſchrift: kein Garnichts. * Mr. Smith mit der Hornbrille, Hände in den Hoſentaſchen, Direkt nach Berlin. Kein Zoll⸗Händedruck, „Herr Poſtinſpektor, die Bilderpakete müſſen heute fort, nächſte Woche will das Zürcher Kunſthaus ſeine Ausſtellung eröffnen.“ Bitte ſehr: 1. Schein, 2. Beſtätigung, 3. Liſte, 4. Zollzettel, 5. Frei⸗ paß für Zollgrenze— ha, es geht über meine Grenze!— all das muß erſt noch beſchafft und ausgefüllt werden. Und dann kommt hinterher die Nachricht, daß dorten noch eine Litanei verlangt wurde und die Bilder nach beendeter Wanderausſtellung durch die Schweiz dieſelbe Grenzſtelle zu paſſieren hätten, ſonſt— nun, ſonſt geht es in alle Ewigkeit ſo weiter mit 1. Schein, 2. Beſtätigung... Doch dann läuft die Sache am akuraten Schweizer Schnürchen. Man verſtändigt ſich wundervoll in deutſcher Mutterſprache.— Keiner verſteht zwar was der andere ſchwätze duet— aber immer⸗ hin!„Am Radio müſſens Ihr Hochdütſch hier bſonders langſam rede“ Ich rechnete zehn Minuten Aufſchlag und kroch wie eine Schnecke. Zürich war befriedigt; Stadt und Land ſtrömte herbei in Völkerſcharen und die Preſſe klatſchte Beifall. * Wir ſind die Hauptſtadt. Wir haben auch eine neue Kunſt⸗ halle, und ſind überhaupt obenauf. Bei uns ſitzt die Regierung und ſteht auf und erſcheint wenn ſowas los iſt. Bern ruft— und alle kommen gemächlich. Schaut unſer Plakat— ſo ehren wir deutſche Kunſt. Und unſer Kurſchänzli⸗Radio hat Baſel als Part⸗ ner. Was der Beutel dünn. iſt das Herz um ſo voller. Nichts für unaut! Und ein Rütliſchwur en miniature bekräftigt die Freundſchaft. Der Wagen rollt. ſiber Meere und Alpen, durch streets und Gäsli, von Etapne zu Etappe. Ja, Freunde, nun fangen wir erſt richtig wieder ank— — Eine zweite noch folgenſchwerere Urſache für eine weitere Aus⸗ breitung der ſtärkſten und durch Fleiſchgenuß am meiſten empor⸗ geſtiegenen Armenſchen bot die Menſchenfreſſerei, welche Ver⸗ anlaſſung dazu gab, daß der Menſch ſeinem Munmehrigen Lieb⸗ lingswildbret, dem Mitmenſchen, deſſen Harmloſigkeit und man⸗ gelnde Kriegskunſt ausnutzend, ebenſo nachzog, wie früher ſeiner ieriſchen Mitwelt. Der übergang eines jeden Säugetieres, welches in der Hauptſache Fleiſchnahrung genießt, zum Auffreſſen von ſchwächeren Individuen der eigenen Art, iſt ein derart leichter, daß wir nicht beim Menſchen glauben zu brauchen, daß ganz beſondere Umſtände, die für die übrigen Tiere wegfallen, wie Aberglauben und myſtiſche Vorſtellungen bei ihm Ver⸗ anlaſſung dazu gaben, das Fleiſch ſeiner eigenen Gattung dem Fleiſche aller übrigen Tiere vorzuziehen. Die Jagd auf höhere Tiere und vorwiegender Fleiſchgenuß vermag nur derartig wenige Menſchen auf der Erdoberfläche zu ernähren, daß dem anfänglichen überfluß an Jagdbeute in der Periode der Harmloſigkeit der übrigen Säugetiere, ſehr bald zum mindeſten an einzelnen Stellen, bitterer Mangel gefolgt ſein muß. Dieſen Mangel können wir verantwortlich machen für den übergang des fleiſchverzehrenden Urmenſchen zur Menſchen⸗ freſſerei, deren Spuren wir in allen Erdteilen begegnen. Noch im 16. Jahrhundert ſollen europäiſche Matroſen bei Schiffbruch und Proviantmangel ihre eigenen Kameraden, die durch Los aus⸗ gewählt und beſtimmt wurden, verzehrt haben, gewiß ein voll⸗ gültiger Beweis, wie dünn auch noch beim Europäer die Kultur⸗ inſtinkte über der menſchenfreſſeriſchen Unterſchicht im Bewußtſein gelagert ſind. Wenn heute noch bei Verbrechern Menſchenfreſſerei in ihrer ſchlimmſten Form, nämlich der verſteckten Form, durch die Ge⸗ richte aufgedeckt wird, ſo weiſt uns dieſer Umſtand darauf hin, in wie vielen Fällen der Verbrecher für den wiſſenſchaftlichen Be⸗ arbeiter nichts weiter darſteltt als einen Menſchen der Jetztzeit mit den Inſtinkten und Neigungen ſeiner Vorfahren bei Fehlen der umweltbedingten Oberſchicht im Gehirn, welche den Kultur⸗ menſchen grundlegend von ſeinen eigenen Vorfahren unterſcheidet und erſt zum Kulturmenſchen macht.. — Der leere Sarg der Hetepheres Die Hoffnung, daß man in dem Sarkophag in der vor acht Monaten von der Boſton⸗Harward⸗Expedition entdeckten Grab⸗ kammer auf dem Grunde des ungefähr dreiunddreißig Meter tiefen Schachts hinter der großen gepflaſterten Steinſtraße, die zu der Cheopspyramide führt, eine Mumie finden würde, iſt ent⸗ täuſcht worden. Der koſtbare, mit herrlicher Einlegearbeit verzierte Alabaſterſarg, den man in monatelanger, mühevoller Arbeit frei⸗ gelegt hatte, war, als man ihn öffnete, leer. Dieſer Fehlſchlag hat die Archäologen jedoch nicht im geringſten entmutigt. Sie erwarten vielmehr noch immer, das zu finden, was ja den Schlüſſel für das ganze bildet. Es wäre auch ſonſt unerfindlich, warum dieſes Grab mit aller Kunſt in einem verborgenen Winkel angelegt ſein ſollte, um den Sarkophag aufzunehmen, deſſen reiche und koſtbare Ausſchmückung zur Genüge beweiſt, daß er für eine königliche Mumie beſtimmt war. Man weiß, daß Cheops, der Er⸗ bauer der Pyramide, die urſprüngliche Grabſtätte ſpäter verlegt hatte, weil dieſe bereits von Dieben heimgeſucht und geſchändet worden war. Er ſetzte deshalb alles daran, das Grab gegen weitere Nachſtellungen zu ſichern, und um dieſe Sicherheitsmaß⸗ regeln ſo vollkommen wie möglich zu machen, iſt es nicht aus⸗ geſchloſſen, daß er ſich ſchließlich entſchloß, die Leiche überhaupt nicht in den für ſie beſtimmten Sarkophag zu betten, ſondern ſie an einer geheimen Stelle zu verſtecken, die gegen diebiſche Nach⸗ ſtellungen geſichert war. An der Weſtmauer der Grabkammer be⸗ findet ſich in der Tat eine tiefe Einbuchtung, die man beim öff⸗ nen des Grabes wohl bemerkt hat, der man indeſſen weiter keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, weil man zunächſt annahm, daß dieſe Ausbuchtung dem Zwecke dienen ſollte, die Grabkammer zu er⸗ weitern. Später hat man dann, ſo nehmen die Sachverſtändigen an, dieſen Plan aufgegeben und mit Mörtel ausgefüllt. Der Gang erſcheint aber groß genug, um eine Leiche aufzunehmen, und die Archäologen neigen auch der Anſicht zu, daß die Mumie hinter dieſer aufgeworfenen Niſche verborgen wurde. Die Hypotheſe geht weiter dahin, daß man dieſem Winkel die beſondere Form gegeben habe in der Abſicht, nachſpürende Räuber irrezuführen, ein Wunſch, der ja auch den heutigen Forſchern gegenüber vollſtändig in Erfüllung gegangen iſt. Man hat jetzt beſchloſſen, in dieſem Gang eingehende Ausgrabungen vorzunehmen. Daß die Grabkammern übrigens als letzte Ruheſtätte für die Königin Hetepheres, die Gemahlin des Pharaos Seneferu und die Mutter des Cheops, beſtimmt war, darf als ſicher gelten. Die verſchie⸗ denen Gegenſtände, die man in der Kammer gefunden hat, deuten darauf hin, daß es ſich hier um die Grabſtätte einer Frau handelt, und die Inſchriften in goldener Hieroglyphenſchrift, die ſich auf den verſchiedenen Gegenſtänden befinden, bezeugen klar, daß Pha⸗ rao Seneferu alle dieſe Gegenſtände ſeinem Weibe bei Lebzeiten geſchenkt und ihr ins Grab mitgegeben hat. ——;— Die Garibaldi⸗Schlucht Vielleicht der größte Abgrund der Erde iſt eine Schlucht mit 490 Meter Tiefe, die am 12. September 1926 von einer Trieſtiner Geſellſchaft beſucht wurde. Sie liegt bei Montenero im äußerſten Norden der Kalkſteine des Karſtes. Der Abſtieg begann am 12. September, 2 Uhr 30 vormittags, und ging durch eine lange Folge von vertikalen Öffnungen von 12 bis zu 80 Meter Tiefe, die untereinander durch mehr oder weniger enge geneigte Gänge verbunden ſind. Einer dieſer Gänge hat nur 40 Zentimeter Breite. Störend wirkte der ſtarke Luftzug. Nach etwa 6 Stunden ſtändigen Abſteigens wurde in 490 Meter Tiefe ein kleiner See von 20 auf 15 Meter erreicht, der eine Tiefe von 30 Meter aufwies, ſo daß die Geſamttiefe des Abgrundes 520 Meter betrugt. Der Abgrund wurde Garibaldi⸗Schlucht getauft, nach dem Namen des Oberſten, der mit dem Abſtecken der jugoſlawiſchen und italieniſchen Gren⸗ zen betraut war. Schach⸗Ecke Aufgabe Nr. 99 Rudolf Buchner, Erdmannsdorf i. Sa. Schwarz 6 f ſchhhh, N H 3 , ʒhh Q f 3 Weiß 8:8 Weiß zieht an und ſetzt im zweiten Zuge matt Partie Nr. 24 Indiſch 3 Weiß: O. Dankert. Schwarz: E. Windfuhr. 1I. d— dA, Sg8- fé. 2. 2—. Am schärfsten. Eine solide Antwort ist Sf5. 2.„g7— g6. 3. SbI— c3, d7— d5. Ein regel- widriger Zug. In der Indischen hält man den Bauernvorstoß d5 lange zurück, um den Zug( als Luftstoß zu kennzeichnen. 4. Lcl— f4l 7— c6. 5. e2— e5, Lg8—- g1. 6. LfI— d5, Sb8— d7. 7. c4% dö!l Weiß öffnet sich die c-Linie, um die Schwäche von Feld 7 aufzudecken. 7...„ Sf6) dö. 8. Sc3 d5, c*△α d5. 9. Sgl—f3. Der Bauernvorstoß e5 wird verhindert. 9...„ Dds- b6. Schwarz sollte zunächst seine Entwicklung beenden, denn jetzt ist die Dame zu früh ins Feld und kommt in Gefahr. Auf 9. Da† folgt 10. Dd2, DxD. II. KxD und der weiße König steht günstig für das Endspiel. 10. Ddl— 2, Sd7— f6. 11. 0— 0. Droht gelegentlich der vernichtende Zug Lo7. II.„ Lc8——- d7. 12. Tal—chll Auf sofort Lo7 folgt Dc6. 12..„ Ta8— c3. Die weiße Dame steht vor dem Turm, was meistens nicht gut ist. Deshalb glaubt Schwarz die c-Linie annektieren zu können, aber diese ist schon ein Opfer wert. 13. Do2 α! Ld7 3. 14. TcIα, Ke8— d7. 15. Tco8— 5. Der schwarze König befindet sich jetzt in Mattgefahr, und die schwarze Dame steht schlecht. 15..„ h7— h6. Ein Verteidigungszug von zweifelhaftem Wert. Aber alles ist ungenügend. 16. Lds— b5*†, Kd7— d8. 17. TfI—ell Droht Damenverlust und Matt. I7... Db6— e6. 18. Tc5— c7, a7— a6. 19. Tc7 α b7. Schwarz gibt auf. Vorstehende Partie ist dem Arbeiter-Schachkalender 1927 entnommen. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Sachſenhauſen: Dienstags bei Adrian, Affentorplatz. Innenſtadt: Montags„Zur Pfalz“, Holzgraben 7. Niederrad: Samstags Sportplatz der Freien Turner, Hahnſtraße. Nordend: Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Bornheim: Mittwochs bei Pauly, Germaniaſtraße 49. Niederwald: Mittwochs bei Blank. Bockenheim: Mittwochs„Zum Freiſchütz“, Leipziger Straße 64. Rödelheim: Mittwochs im„Schwabeneck“, Eſchborner Landſtr. 36. Bahnhofsviertel: Donnerstags„Zum Regenbogen“, Gutleutſtr. 151. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. BB 85 ℳ — —öEſ greifenden Umänderungen be⸗ wahrt geblieben. Namentlich das fürſtlichen Hoftenoriſten“ Johann van Beethoven und der ergreifend ſein großer Sohn geboren wurde, 8 8 ö“ e Offenba —O— n —— Wer die Straßen und Gaſſen der Bonner Altſtadt durch⸗ wandert, die das typiſche Gepräge der rheiniſchen Mittel⸗ und Kleinſtadt zeigen, wird an keiner Stelle durch irgendetwas Auf⸗ fälliges daran erinnert, daß hier die Wiege des größten Ton⸗ meiſters ſand, den die Menſchheit hervorgebracht hat. Mitten in dem Häuſergewirr, in der Bonngaſſe 20, erblickte Ludwig van Beet⸗ hoven am 17. Dezember 1770 das Licht der Welt. Das Haus hatte im Wandel der Zeiten öfter ſeinen Beſitzer gewechſelt und den ver⸗ ſchiedenſten Betrieben bürger⸗ —»888—8ʒ-ʒ-ʒ- rung als Von Felik Linlee, z. Zt. in Bonn ☛ alle A 8 Veränderungen des Vorderhauſes wurden entfernt, die alten Treppengeländer, Türen, Fenſterläden uſw., die ein glücklicher Zufall erhalten hatte, aus dem Keller hervorgeholt und wieder an die alte Stelle gebracht. Die unter einer dicken Schicht von Tünche und Kalkbewurf verborgenen Balkendecken mit ihren für die damalige rheiniſche Bauart eigentümlichen Stuckverzierungen wurden durch Abkratzen in ihrer urſprünglichen Beſchaffenheit wieder bloßgelegt, fehlende Teile ſtreng nach Maßgabe des vor⸗ handenen ergänzt. Dieſe Arbei⸗ lichen Erwerbes Raum geboten; ſpäter wohnten mehrere ärmere Familien in den engen Räumen. Seit dem Jahre 1871 iſt es als das Geburtshaus Beethovens bezeichnet. Aber wie zum Spott ertönten gerade in dieſen Tagen die Klänge einer Singhalle be⸗ denklichſter Art in den Räumen jenes Hauſes. Im Erdgeſchoſſe hatte ſich eine Kneipe niederſten anges feſtgeſetzt. Das Gute aber hatte dieſer Zuſtand. daß er den Anſtoß dazu gab, die ſchlichte Stätte Beethovens Geburt allzu profaner Beſtimmung zu ent⸗ ziehen und nur der Erinnerung an den Meiſter zu widmen. Das Haus war zwar ſchmutzig und verwohnt, war aber durch die Armut der Bewohner vor durch⸗ Hinterhaus mit der ſehr be⸗ ſcheidenen Wohnung des„kur⸗ ärmlichen Dachkammer, worin war noch in urſprünglichem Zu⸗ ſtande. Im Jahre 1888 traten in Bonn zwölf kunſtſinnige Bürger zuſammen, um die durch die Ge⸗ burt eines Größten der Menſch⸗ eit geweihten Mauern dieſer für immer zu erhalten. Am 26. Februar 1889 ging das Haus für den damals enormen Preis von 57 100 Mark in den Beſitz eines der zwölf Verehrer Beet⸗ hovens über, nachdem eine Unterſuchung von Sachverſtändi⸗ gen die Möglichkeit einer zeit⸗ gemäßen Wiederherſtellung des Baues ergeben hatte. Zugleich wurde der Verein„Beethovenhaus“ gegründet, deſſen Mitglieder⸗ zahl bald anſtieg und der als juriſtiſche Perſon das Haus erwarb. In dem Hauſe ſollten die verſchiedenen Ausgaben ſeiner Werke, die Literatur, die über ihn handelt, Handſchriften, Briefe und Reliquien, die ſtumm⸗beredt von ihm erzählen, die bildlichen Darſtellungen ſeiner äußeren Erſcheinung ſowie alles, was die ſinnliche und ſeeliſche Berührung mit ihm vermittelt, geſammelt werden. Zu dieſem Zwecke ſollte das Haus in ſeinen urſprüng⸗ lichen Zuſtand verſetzt werden. Die neuzeitlichen Einbauten und ten konnten nur mit Hilſe tüch⸗ tiger, mit dem alten Bauſtile vertrauter Handwerker ausge⸗ führt werden, die mit ebenſoviel Eifer wie Geſchick die ihnen ge⸗ ſtellten Aufgaben erfüllten, teil⸗ weiſe ſogar— ein ehrendes Zeichen für die Tiefe des Ver⸗ tändniſſes— ihrer Hände Ar⸗ beit als Beitrag für den idealen Zweck koſtenlos zur Verfügung ellten. Um die Aufgaben und die Möglichkeiten des Erwerbs Beet⸗ hovenſcher Erinnerungen, Manu⸗ ſkripte uſw. zu überſehen, ver⸗ anſtaltete der Verein anläßlich des erſten auch von ihm aus⸗ gehenden Kammermuſikfeſtes im Mai 1890 eine Beethoven⸗Aus⸗ ſtellung, auf der durch das Ent⸗ gegenkommen der öffentlichen Sammlungen und zahlreichen Privatbeſitzer das Idealbild eines Beethoven⸗Muſeums zu⸗ ſtande gebracht werden konnte. Allen voran beeilte ſich die preu⸗ ßiſche Staatsbibliothek in Berlin, die die wertvollſten und zahl⸗ reichſten Beethovenſchen Hand⸗ ſchriften beſitzt, ferner Ernſt Mendelsſohn⸗Bartholdy in Ber⸗ lin mit ſeinen koſtbaren Samm⸗ lungen und Carl Meinert in Deſſau ſowie viele andre Samm⸗ lungen und Private, ihre Schätze an Handſchriften und Briefen, Skizzenbüchern, Konverſations⸗ heften, Tagebüchern, Urkunden und ſonſtigen Erinnerungen an das Erdenwallen des unſterb⸗ lichen Meiſters zur Verfügung zu ſtellen. Faſt alle Originalbild⸗ niſſe Beethovens konnte man 3— dort ſehen und vergleichen. Die Hoffnung, die Sammlung des Beethovenhauſes auf eine würdige Höhe zu bringen, ſchien zuerſt natürlich gering, weil ſich das Wertvollſte im Beſitze öffentlicher Sammlungen, alſo in feſten Händen, befand. Dennoch darf der Verein mit Befriedigung auf das Erreichte zurückblicken Die zahlreichen wertvollen Schenkungen und Erwerbungen haben eine anſehnliche Samm⸗ lung zuſtande gebracht, obwohl Beethovenmanuſkripte ſeit langem auf den Kunſtauktionen faſt unerſchwingliche Preiſe erzielen. Aus der großen Zahl der Beethoven⸗Bildniſſe beſitzt das e — Beethovenhaus das Gemälde Schimons, das aus Beethovens Nachlaß in Schindlers Beſitz und ſpäterhin mit dem übrigen auf Beethoven bezüglichen Nachlaß Schindlers in den Beſitz der Preußiſchen Staatsbibliothek in Berlin kam. Auch die Geſichts⸗ maske, die der Wiener Bildhauer Klein vom Geſicht des Leben⸗ den in deſſen 42. Jahr abnahm, befindet ſich als beſonders wert⸗ volles Stück im Beſitze des Beethovenhauſes. Viele andere Origi⸗ nalbildniſſe und ⸗Büſten, die ſich im Beſitze Privater befinden, ſind in Abbildungen und Abgüſſen für das Beethovenhaus ge⸗ fertigt, ohne im Kunſthandel käuflich zu ſein. Perſönliche Erinnerungsſtücke aus dem Haushalt des Meiſters ſind dank ſeltener Glücksumſtände und hochherziger Spenden in großer Anzahl im Geburtshaus vereint. Unter andern finden wir dort den von dem Inſtrumentenmacher Graf in Wien gebauten Flügel. Dieſer war eigens für den Meiſter mit Rück⸗ ſicht auf ſeine Gehörsſchwäche vierchörig, d. h. vierſeitig für jeden Ton, hergeſtellt. Ferner iſt das wunderbare Streichquartett, das Beethoven 1806 vom Fürſten Karl Lichnowski verehrt wurde, ganz erhalten. Dasſelbe beſteht aus alten Amatis und Guar⸗ nerius. Die rübrendſten Erinnerungsſtücke an den großen Meiſter find ſeine vier Hörinſtrumente, von dem bekannten Mechaniker und Freund Beethovens Maelzel gefertigt, demſelben, von dem das noch heute faſt ausſchließlich benutzte Metronom(Taktmeſſer) ſtammt. Eine ganze Reihe kleiner Gegenſtände, meiſt vom Schreib⸗ tiſch Beethovens, vervollſtändigen die Sammlung. Ein Erinne⸗ rungsſtück, das dem Meiſter bis zu ſeinem Tode beſonders teuer war, iſt das Porträt der Gräfin Thereſe Brunswick, der„unſterb⸗ lichen Geliebten“, wahrſcheinlich 1806 von J. B. Ritter von Lampi d. Alt., ſeinerzeit einem der hervorragendſten Porträt⸗ maler OÖſterreichs, gemalt. Ihre eigenhändige Widmung, die den Meiſter charakteriſiert, befindet ſich noch auf der Rüchſeite des Rahmens: Dem ſeltenen Genie Dem großen Künſtler Dem guten Menſchen von T. B. Das Bild verwahrte Beetboven, ebenſo wie ſeine berühmten in der Staatsbibliothek zu Berlin befindlichen Briefe an„die un⸗ ſterbliche Geliebte“ wie einen Schatz bis zu ſeinem Lebensende. Vom Haupt des Meiſters beſitzt die Sammlung mehrere Büſchel Haare, das eine 1827 von der Leiche abgeſchnitten, zwei andere von befreundeten Perſonen überkommen. Weitere Schätze beſitzt das Beethovenhaus in den Hand⸗ ſchriften, Skizzen⸗Büchern, Konverſationsheften, Skizzen, revi⸗ dierten Abſchriften, Widmungsexemplaren, Briefen und Billetts, die teilweiſe wegen ihres derben Humors und ihrer genialiſchen Grobheit amüſant ſind. Hierzu kommen noch viele Muſikalien, Bücher, gebundene Ausſchnitte, Bilder uſw. So wertvolle Schätze auch das Beethovenhaus enthält, be⸗ ſitzt es dennoch nur einen kleinen Teil der Erinnerungsſtücke an Beethoven. Darin hat es einen Mangel mit allen ähnlichen In⸗ ſtituten gemein. Der größie Teil befindet ſich in der Welt zerſtreut, ſo daß der Beſucher niemals einen Geſamteinblick in die vorhan⸗ denen Stücke erhält. Zu wünſchen wäre natürlich eine größtmög⸗ liche Abrundung derartiger Sammlungen. Dazu wäre allerdings Bedingung, daß alle die großen Beſitzer, in unſerem Falle in erſter Linie die Preußiſche Staatsbibliothek in Berlin, ihren Be⸗ E——— ſit nach Bonn abführten. Daß gerade die Geburtsſtätte für ſolche Sammlungen geeignet iſt, iſt ja das natürlichſte. Soll der Über⸗ gang kultureller Schätze in Privatbeſitz vermieden werden, ſo ver⸗ ſtaatliche man ſolche Stätten— vielleicht entſchließt man ſich an⸗ läßlich der jetzigen Feiern zu dieſer Maßnahme. Das wäre eine würdige Ebrung des Geburtslandes für ſeinen großen Sohn. E. A. Hoffmann und Beethoven Von Dr. Wilhelm Bolze E. T. A. Hoffmann, der phantaſtiſchſte Erzähler der deutſchen Romantik, hat zur Muſik nicht nur die Stellung eines Bewunderers und Verehrers eingenommen, ſondern iſt auch ſelbſt ein ausübender Muſiker von nicht Feriätgen Fähigkeiten geweſen und hat lange ge⸗ ſchwankt, ob ihn ſeine Neigung und Begabung ſtärker zur muſika⸗ liſchen oder zur dichteriſchen Laufbahn drängte. Von ſeinen kompo⸗ ſitoriſchen Taleaten zeugen heute noch eine Reihe in den Bibliotheken vorhandener Originalpartituren von Opern⸗ und Inſtrumentalkompoſitionen, und mehrmals iſt er auch eine Zeitlang als Dirigent, ja, ſelbſt als Sänger tätig geweſen. Wenn er auch immerhin in dieſer Seite ſeines Künſtlertums keine Ewigkeits⸗ werte zu ſchaffen vermochte, ſo befähigte ſie ihn doch in ſeinen No⸗ vollen und muſtikäſthetiſchen Schriften zu einer ungemein ver⸗ ſtändnisvollen Beurteilung der zeitgenöſſiſchen Tonkunſt, die als überraſchend modern gelten kann. — Vyon beſonderem Intereſſe dürfte gerade in dieſen Tagen die Stellung ſein, die Hoffmann Beethoven gegenüber eingenommen hat. Nächſt dem im Beginn des 19. Jahrhunderts zu allgemeiner Anerkennung gelangten Mozart gilt ihm Beethoven, deſſen neu⸗ artige Kunſt damals noch vielfach umſtritten war, als größter deutſcher Tonkünſtler. Bereits im Winter 1806/07 hat er in Warſchau als Dirigent der„Muſikaliſchen Geſellſchaft“ eine Sym⸗ phonie von Beethoven zur Aufführung gebracht. Wie tief er in die Eigenart und Größe der Beethovenſchen Tonkunſt eingedrungen iſt, das erſehen wir am deutlichſten aus ſeinen für die„Allgemeine Muſik⸗Zeitung“ geſchriebenen Beſprechungen der C⸗Moll⸗Sinfonie der„Coriolan“⸗Ouvertüre, der beiden Trios(op. 70), der Muſi zum„Egmont“ und der C⸗Dur⸗Meſſe, aus denen er dann auch einen Extrakt unter dem Titel„Beethovens Inſtrumental⸗Muſit“ in die„Kreisleriana“ aufgenommen hat. „Die Muſik,“ ſagt Hoffmann,„ſchließt dem Menſchen ein un⸗ bekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der Beethoven Du biſt der Morgenſtern im Reich des Schönen, Rein wie ein Demant ſtrahlt dein Genius! Die höchſte Offenbarung klingt aus deinen Tönen, Die ſanft wie Zephir flüſtern, wie Gewitter dröhnen, Daß unſre Seele ſchwelgt im himmliſchen Genuß. Du ſchlägſt das Feuer ſelbſt aus kalten Steinen, Aus dir ſingt tauſendſtimmig die Natur. Ergriffen weinen wir, wenn deine Nächte weinen, Begeiſtert jubeln wir, wenn deine Sonnen ſcheinen, And folgen wie die Kinder deiner Blumenſpur. Die Engel ſchweben aus den Sphären nieder, Wenn deine Harfe weint und jauchzt und klingt, Die Roſe duftet ſchwül, der Falter ſchwirrt im Flieder, Die Nachtigallen ſchluchzen heiße Liebeslieder, Und glles rauſcht und brandet, leidet, hofft und ſingt! ViCctor Kalincwshki. K 4 2 1 4 Beethoven in Berlin In ſeinen jungen Jahren teilte Beethoven das Schickſal ſo vieler großer Männer, ſich unter mannigfachen ſchweren Ent⸗ behrungen emporkämpfen zu müſſen. Als er 1792 von ſeiner Ge⸗ burtsſtadt Bonn nach Wien überſiedelte, beſſerten ſich zwar ſeine äußeren Verhältniſſe ein wenig, aber die Sorge um den Lebens⸗ unterhalt ſtand doch noch oft genus drohend vor ihm. Um ſich und von Wien aus eine Konzertreiſe durch die Städte Deutſchlands, die damals im Mittelpunkt des muſikaliſchen Lebens ſtanden. Zu ihnen gehörte auch Berlin. Obwohl hier nach den ſchleſiſchen Feldzügen Friedrichs II. das künſtleriſche Leben völlig erloſchen war und alle Kräfte jahrzehntelang zur Heilung der durch den ſiebenjährigen Krieg geſchlagenen Wunden eingeſetzt werden mußten, weckte doch der Thronwechſel des Jahres 1786 die alten Beſtrebungen, und am Ausgange des 18. Jahrhunderts gehörte auch Berlin wieder zu den Städten, mit denen der Muſiker rechnen mußte. Der preußiſche Königshof entfaltete unter Fried⸗ rich Wilhelm II. ein großes Prachtleben und pflegte die Muſik als ſchönſte Begleiterin ſeines ausſchweifenden Treibens. In der Einwohnerſchaft Berlins aber warben zahlreiche mufikaliſche Kreiſe in Privatzirkeln und durch öffentliche Konzerte mit größtem Erfolge für gute, ernſte Muſik. Als Beethoven im Juni 1796 nach Berlin kam, waren ſeine Kompoſitionen erſt wenigen Freunden bekannt, aber der fünfund⸗ zwanzigjährige Künſtler galt bereits als der beſte deutſche Klavierſpieler. Der König zog ihn ſofort an ſeinen Hof und ließ ihn ihn mehrfach vor ſeiner Umgebung konzertieren. Beethovens Spiel ergriff die Zuhörer im tieiſten Innern und rührte ſie faſt zu Tränen. Freilich war dieſer Erfolg nicht nach ſeinem Ge⸗ ſchmack. Er fühlte, daß das ſeichte Daſein dieſer Menſchen, denen obendrein die Tränen ſo locker ſaßen, nicht den aufwühlenden Stürmen ſeine Schaffens gewachſen ſein konnten. Deshalb lehnte er eine Einladung des Königs an den Hof ab, und es blieb beim Austauſch von Geſchenken. Beethoven widmete Friedrich Wil⸗ helm II. zwei Celloſonaten und erhielt eine goldene Doſe mit 100 — lingung und die Verwertung der Beſonderheit der einzelnen nſtrumente bei den Kammermuſik⸗Kompoſitionen deutlich vor uns erſteht, wie er auch nicht vor durchaus diskutablen kritiſchen Ein⸗ wänden gegen die Orcheſterbegleitung der von Klärchen im„Eg⸗ mont“ geſungenen Lieder zurückſchreckt, dann aber auch wieder die lebendige melodramatiſche Geſtaltung der Schlußſzene von Goethes Trauerſpiel rühmt, und wie er ſchließlich Beethoven an einer Reihe von Momenten aus der C⸗Dur⸗Meſſe als Schöpfer geiſtlicher Muſik charakteriſiert, das behält auch heute noch neben den fein⸗ finnigſten muſikäſthetiſchen Unterſuchungen unſerer Zeit Geltung. Wir werden deshalb gern dem Muſikgelehrten Spitta zuſtimmen, der in einem Aufſatz der„Deutſchen Rundſchau“ über Hoffmanns „Kreisleriana“ und beſonders die Abhandlung„Beethovens In⸗ ſirumentalmuſit“ mit ihrer Charakteriſierung Haydns, Mozarts und Beethovens urteilt:„In den Kreisleriana' ſteckt ein Gärſtoff von erſtaunlicher Kraft, der die ganze Muſikſchriftſtellerei unſeres Jahrhunderts durchdrungen hat„Die Bilder der drei großen öſterreichiſchen Inſtrumentalkomponiſten, welche Hoffmann.. zeichnet und einander gegenüberſtellt, ſind mit ſolch tiefſchauender muſikaliſcher Jatention erfaßt und zugleich mit ſo ſiegreicher dichteriſcher Kraft herausgeſtellt, daß ſie heute noch ihre volle Wirkung tun.“. Perſönlich haben ſich Hoffmann und Beethoven niemals kennen gelernt. Aber wir können uns denken, welche Freude Hoffmann empfunden haben wird, als ihm im Frühjahr 1820 ein Freund Beethovens einen vom 23. März datierten Brief überbrachte, in dem ihm Beethoven ſeinen Dank für ſeine Teilnahme an ſeinem Schaffen ausſprach. Bhehtin ein de charakteriſiert iſt, wie die thematiſche Ver⸗ — Bis 60 Gras Kälte auf der ſibiriſchen Tundra Von Dr. Kai Donner. Der finniſche Jarſcher veröffentlichte ſoeben im Ver⸗ lage von Strecker und Schröder in Stuttgart ein reich⸗ illuſtriertes Werk:„Bei den Samojeden in Sibirien“ (M. 3.—), worin er über ſeine dreijährigen Reiſen und Erlebniſſe in dieſen ungeheuren Einöden berichtet. Die Gefahren einer Winterreiſe auf der ſibiriſchen Tundra werden uns durch die vachſehende Schilderung überaus anſchaulich vor Augen geführt. Am 28. Januar verließen wir die Hütte des Schamanen und fuhren auf dem linken Tasuſer nach Süden zu über die Tundren. Die Karawane war ziemlich groß, wir hatten acht Narten und eine Menge Renntiere. Als wir den ganzen Tag gefahren woren, wurde es gegen Abend bedeckt und dunkel; wir verloren die Rich⸗ tung und verirrten uns gänzlich. Es wurde Nacht, und wir mußten uns einen Lagerplatz ſuchen. Schließlich fanden wir einen niedrigen Hügel mit einigen Kiefern und Birken. Wir hielten, ließen die Renntiere los und zündeten Feuer an. Kälte und Wind nahmen zu. Zum Schutz gegen die Kälte und den eiſigen Wind hatten wir nur ein mäßiges Feuer und eine niedrige Wand aus Zweigen und Schnee. Als wir etwas getrockneten Fiſch gegeſſen hatten, breiteten wir Renntierhäute auf den Schnee und legten uns dicht nebeneinander, um es wärmer zu haben. Es war— 60 Grad C. und ich konnte vor Kälte lange nicht einſchlafen. Morgens erwachte ich aus meinem leichten Schlaf und wollte aufſtehen. Aber ich hatte ein merkwürdiges Gefühl in den QEEE—— ———jnnnn—jöü--nn;ᷓ; ⸗ Beinen und ſiel um. Meine Füße waren erfroren. Kein Feuer, kein Reiben, kein Hüpfen konnte den Zuſtand beſſern. Meine Beine, die bis zu den Knien weiß und gefühllos waren, blieben kalt und ich konnte nicht gehen. Die Renntiere wurden eingefangen, und wir machten uns wieder auf den Weg, um wo⸗ möglich ein Zelt zu finden, in dem wir uns wärmen könnten. Es war etwas wärmer geworden,— 50 Grad Celſius, und man konnte auf günſtigeres Wetter hoffen, aber deſſenungeachtet konnte ich es nicht unterlaſſen, wenig angenehme Betrachtungen über meinen Zuſtand anzuſtellen. Fanden wir keine Hütte, dann war es aus mit meinen Pedalen und ich konnte meine Reiſe un⸗ möglich fortſetzen. Zum Glück ſtießen wir bald auf Schneeſchuh⸗ ſpuren und nach einer Weile auf eine Jurte, wo ſofort die achtungswerteſten Verſuche gemacht wurden, wieder Leben in meine Beine zu bringen. Ich beſinne mich beſonders einer alten Samoijedin, die nicht müde wurde, meine Beine mit Schnee zu reiben. Auch ſpäter nahm ſie ſich meiner an und pflegte, ſolange wir zuſammenreiſten, mir ein ausgezeichnetes Fußheu zu machen. Später gab ſie mir die Erlaubnis, ſie Mama zu nennen. Nach einigen Stunden fleißiger Arbeit kehrte das Gefühl in meine Beine zurück, und ich konnte ſie als gerettet anſehen. Aber ſie waren ſo geſchwollen und empfindlich, daß ich gezwungen war, über vierundzwanzig Stunden in der Hütte zu verweilen. Eine ausgezeichnete Wirkung hatte der Fiſchtran, mit dem ſie fort⸗ während eingeſchmiert wurden.— Am 2. Februar verließen wir die Hütte und ſetzten unſeren Weg fort. Das Thermometer zeigte immer unter— 50 Grad Cel⸗ ſius, und unſere Renntiere waren von der beſchwerlichen Fahrt und der anhaltenden Kälte ziemlich arg mitgenommen. Wir kamen an dieſem Tage nicht weit, aber als wir lagerten, fanden wir einen ziemlich großen Wald, wo es für die Renntiere viel Moos und für uns viel Brennholz gab. Aber obwohl wir ein anſehnliches Feuer angezündet hatten, gelang es uns in der zu⸗ nehmenden Kälte doch nicht, warm zu bleiben. Nachts konnten wir nicht ſchlafen, ſondern mußten auf unſere Hände und Füße achtgeben, die an verſchiedenen Stellen zu erfrieren drohten. Am Morgen verſchlangen wir in aller Eile ein paar Biſſen rohes Fleiſch und machten uns daran, die Renntiere einzufangen, die ſich nach allen Seiten zerſtreut hatten. Müde und erfroren, wie wir waren, dauerte dieſe Jagd einige Stunden, denn mit unſeren ſteifen Fingern konnten wir mit dem Laſſo nicht oft treffen. Den ganzen Tag fuhren wir über eine Tundra, die ſich nach Weſten erſtreckt, ſo weit das Auge reicht. Abends kamen wir an tief⸗ gelegene Sümpfe, wo wir Feuer machten und ruhten. Die Frauen blieben mit dem Gepäck über Nacht hier, aber wir Män⸗ ner fuhren weiter, um die Hütte zu erreichen. Es wurde immer kälter und unerträglicher; es fing an windig zu werden, und unſere Geſichter, Hände und Füße froren zu gefühlloſen Eis⸗ klumpen. Endlich entdeckten wir einen Weg, der von Leuten ge⸗ bahnt wurde, die man uns entgegengeſchickt hatte. Auf dieſem Weg, der eigentlich nur eine tiefe Furche war, arbeiteten wir uns langſam, aber ſicher weiter. Doch wir froren und froren immer ſchlimmer, bald riß ein Riemen, bald ein Zügel; ſchließ⸗ lich fingen die Renntiere an hinzufallen, und wir hatten die größte Mühe, ſie wieder hochzukriegen. Spät erreichten wir end⸗ lich die Hütte, und halb bewußtlos taumelte ich hinein. Noch ein Tagebuche ‿ finde ich unter di AEEEEAEAEAEEEEERRE eſem r—— — Dukaten. Nur zum Prinzen Louis Ferdinand trat Beethoven in engere Beziehungen. Der Prinz ſpielte ſelbſt vorzüglich Klavier. Als Beethoven ein kurzes Konzert von ihm gehört hatte, meinte er, daß Lauis Ferdinand gar nicht königlich oder prinzlich ge⸗ ſpielt hätte, ſondern wie ein echter, richtiger Klavierſpieler. Dieſe hohe Anerkennung enthielt zugleich das vernichtendſte Urteil, das je über fürſtliche Kunſtbetätigung geſprochen worden iſt. Beet⸗ hoven beſaß eben den für damalige Verhältniſſe ganz unerhörten Mut, jeden einfachen Menſchen, der ſein Handwerk von Grund auf erlernt hatte, hoch über fürſtliche Dilettanten zu ſtellen. Wenige Jahre vor Beethovens Ankunft war in Berlin die Singakademie gegründet worden. Sie war der Mittelpunkt des muſikaliſchen Berliner Bürgertums und hatte es ſich zum Ziele ge⸗ ſetzt, eine Pflegeſtätte guter Muſik zu ſein. Hier fand Beethoven natürlich das tiefſte Verſtändnis. Zweimal beſuchte er den jungen Verein in ſeinem Übungslokal in der Akademie der Künſte Unter den Linden. Nachdem er ſich einige Geſangsvorträge angehört hatte, ſpielte er ſelbſt— ſpielte, was der Augenblick ihm gerade eingab. Es war ſeine Stärke, ſich ans Klavier zu ſetzen und ohne Noten, ohne die Abſicht, ein beſtimmtes Stück wiederzugeben, zu phantaſieren, den klingenden Stimmen ſeines Innern nachzu⸗ gehen. Solche Improviſationen riſſen alle Zuhörer hin, und auch die Mitglieder der Singakademie wurden ſo tief ergriffen, daß ſie keines lauten Beifalls fähig waren und ſich am Ende er⸗ ſchüttert um den Spieler drängten und ihm ſtumm die Hände ſchüttelten. Über ſolches Verhalten, auf das wohl jeder andere Künſtler ſtolz ſein würde, konnte nun freilich Beethoven höchſt ungehalten werden. Ergriffenes Schweigen und Rührung war ihm etwas für Frauen; Männer jedoch ſollten leidenſchaftlich und begeiſtert ſein. Noch nach Jahren äußerte er ſich mißmutig über die Wirkung ſeines Spiels auf die Mitglieder der Singakademie: „Das iſt es nicht, was wir Künſtler brauchen; wir verlangen Applaus“. Mit den Größen des Berliner Muſiklebens kam Beethoven nicht auf guten Fuß. Ob nun ſein kantiges Weſen und ſeine demo⸗ kratiſche Geſinnung daran ſchuld waren, oder ob die Berliner Muſiker das junge Genie nicht erkannten, kurz, Beethoven blieb ihnen fremd. Der Leiter der Singakademie, Faſch, nahm in ſeinem Tagebuch nur ganz kurz Notiz von der Anweſenheit des„Herrn Ludwig van Beethoven, Klavierſpieler aus Wien.“ über den Eindruck, den das Spiel des Künſtlers auf ihn und die Zuhorer gemacht hatte, wußte er nichts zu ſagen. Zelter, der Freund Goethes und Nachfolger Faſchs an der Singakademie, fand ſich erſt ſehr ſpät zu einem gerechten Verſtändnis Beethovenſcher Kunſt hindurch, und mit dem Kapellmeiſter des Königs, Himmel, kam es zu ſo ſchweren Auseinanderſetzungen, daß wenig ſpäter der endgültige Bruch zwiſchen den beiden Künſtlern erfolgte. Die Fachwelt verhielt ſich alſo nicht ſehr freundlich gegen den Wiener Meiſter. Deſto hellhöriger war das Laientum. Zweifellos hat hier Beethoven durch ſeinen Beſuch den Grundſtein für die Ver⸗ ehrung gelegt, die ihm ſpäter in Berlin zuteil wurde. Zu großer Begeiſterung des Publikums konnte die Berliner Oper es im Jahre 1815 wagen, den von Mißeeſchicken arg verfolgten „Fidelio“ endgültig aus der Taufe zu heben. Beethovens Dank dafür war grenzenlos. Er wollte eine neue Oper ganz allein für die Berliner ſchreiben. Der Plan zerſchlug ſich, weil ſich kein ge⸗ eignetes Textbuch fand, aber Zeit ſeines Lebens hat Beethoven 1 dieſe Tat den Berlinern nie vergeſſen. R. M. Datum eine lange Jeremiade über dieſe Beſchwerlichkeiten. Ich war in großen Zweifeln, wie die Reiſe wohl enden und ob das Wetter weiter, wie ſeit über einem Monat, gleich ungünſtig bleiben würde. Am ſchlimmſten empfand ich es aber, keine Ahnung zu haben, wie ſich der Weg zum Ob geſtalten würde. Die Karten ſind an dieſen Stellen weiß, und kein Samojede konnte beſſere Auskunft geben. — — 1 ‿ e Stein der Straße . Das iſt der Titel eines kleinen Bandes Gedichte, die Franz Rothenfelder gedichtet hat. Der Gedichtband iſt im Kom⸗ miſſionsverlag der Verlagsgeſellſchaft des Allgemeinen Deutſchen Gewerkſchaftsbundes(Berlin S. 14, Inſelſtraße 16) erſchienen. Verſe ſind darin, die die zarte feine Farbe und den Duft einer Blume haben. Ich bin nicht mehr, ich werde ſein. Ich ward ein Reis in einem Garten Und um mich ſchmiegt ſich ſanftes Warten Im wunden Winterſonnenſchein. Und hart daneben Verſe, die Aufſchrei ſind und Anklage, Trauer und Reſignation. Und immer wieder neuer Auſſchrei. Das ſchnitt mit vielen ſcharfen Winden: Weh dem, der keine Arbeit fand! Und magſt du eine Stelle finden, Wo ſchlafend Froſt und Hunger ſchwinden, Dann nenn’' es Menſchenwunderland. Aus dem Geſamtwerk aber fühlt man, daß dieſer heute vierzig⸗ jährige Dichter einen ſeltſamen, harten Weg gegangen iſt. Man verſteht es, daß der junge Student in der Beſchaulichkeit des Mönchtums Erfüllung ſeines mit Menſch und Tier, Baum und Pflanze mitleidenden Lebensgefühls zu finden hoffte. Grade an den Gründer des Ordens, in den er eintrat, den heiligen Franz von Aſſiſi, deſſen„Blümelein“ ſicher auch vielen Proletariern nicht unbekannt ſind, knüpfen ſich ja viele ſchöne Legenden menſch⸗ lichen Mitleidens. Wir kennen ſeine Predigt an ſeine Schweſtern, die Vögel, und ſeine Brüder, die Fiſche. Aber wie in ſeinen Ge⸗ dichten ſteht im Leben dieſes Menſchen Rothenfelder hart neben dem lyriſchen Verſunkenſein die klare Erkenntnis der Ungerechtig⸗ keit der heutigen Geſellſchaft. Die Not iſt's, die in Kerkern friert und darbt. Dem Elend eurer Schuld nehmt ihr das Licht. Die Wundo, die ihr ſchlagt, heilt und vernarbt, Doch der geſchlagene Sinn vergißt ſie nicht. Dieſe Erkenntnis aus Mitleid treibt Rothenfelder, bevor er eine Weihe erhalten und bevor er ein Gelübde abgelegt hat, aus dem Kloſter mitten unter das Proletariat. Die Ablegung des Dohktorexamens hätte ihm eine geſicherte Exiſtenz geboten. Aber es reißt ihn auf die Straße der Welt: arbeitend und hungernd zieht er durch Deutſchland, Belgien, Frankreich und Italien. Früh wird er klaſſenbewußter Sozialiſt. Der Krieg treibt ihn in die vorderſte Reihe derer, die für ihre Klaſſe kämpfen. Die bürger⸗ liche Geſellſchaft rächt ſich an ihm: ſie wirft ihn im Frühling 1919 für Jahre auf die Feſtung und läßt ihn alle Härten grauſam fühlen. Schwerkrank verläßt er die Feſtung. Sein Weg führt mitten hinein in das Elend der großen Stadt. Der Regen ſtach und fiel, Die ſchwarzen Straßen froren. Und Bahnhof ward Aſyl. Strandgut und Strom verloren, Lag fern von Glück und Ziel. Der ſpäte Morgen kam, Wie roter Zorn zu ſehen. Wir wankten ſteif und lahm, Wir ſchliefen fort im Gehen Und ſchwerer kroch die Scham. Untergetaucht in das Meer der Not verliert der Dichter nie ein glühendes Herz, nie ſeinen Glauben an die Menſchen, nie eine religiös⸗ſozialiſtiſche Inbrunſt. Du biſt der Mantel nicht, Den Könige und Prieſter Um Schultern ihrer Launen werfen. Die Fliege aber Und der Wurm, Den Menſchenfrevel tritt, Biſt du— Und darum biſt du groß Und darum Gott Aus dieſem Gefühl, aus dieſem religiöſen Sozialismus heraus wird der Dichter Rothenfelder der Sprecher all der Namenloſen, der Elenden. Er weiß, daß er nur ein Stein der Straße zur Zu⸗ kunft iſt, daß der Weg noch weit und mit vielen Steinen der Not und des Elends gepflaſtert iſt. Viel Weg und Weh der Menſchen ſtrich Wohl über dich, wohl über mich, Und tief veratmend ſtrömt die Nacht, Noch immer Weg, noch immer Wacht. Gerth Schreiner, 1 Woher ſtammt die Bezeichnung Konſervatormum? überſetzt man das aus dem Italieniſchen[bonservaterio) ſtammende Wort, ſo heißt das:„Bewahranſtalt“, was uns zu ſeiner heutigen Bedeutung nicht recht geeignet erſcheinen will. Dieſer Ausdruck rührt jedoch davon her, daß in früheren Jahr⸗ hunderten in Italien der Muſikunterricht der Kinder in„Bewahr⸗ anſtalten“, in Findelhäuſern, in Waiſenhäuſern, auch in Hoſpitälern abgehalten wurde. Später wurden dann auch eigene, aber bloß durch Wohltätigkeit unterhaltene Muſiklehranſtalten gegründet, in denen die Schüler und Schülerinnen Wohnung, Koſt und Kleidung erhielten, gleichzeitig auch erzogen, alſo vollſtändig „bewahrt“ wurden. Manche dieſer Muſik⸗Wohltätigkeitsanſtalten wurden ſogar, wie es z. B. in Venedig geſchah,„ospedale“ (Hoſpital) genannt. Die urſprüngliche Bezeichnung„con⸗ servatcrio“ behielt man bei, auch als ſich dieſe einfachen Muſik⸗ ſchulen im Laufe der Jahrhunderte ſchon längſt zu den be⸗ rühmteſten hohen Schulen in Italien entwickelt hatten. Von dort wurde dieſe Bezeichnung dann auch auf andere europäiſche Muſik⸗ lehranſtalten angewandt, wenn ſie einer Hochſchule gleichkamen, wie auf das Leipziger, das Wiener, das Prager Konſervatorium und das Pariſer„Conservatcire“, die ſämtlich Weltruhm genoſſen. Aber ſchon vor dreißig Jahren begann man, vor allem in Berlin, faſt jede beſſere Muſikſchule ſo zu betiteln, und heute iſt, das alt⸗ berühmte„Wiener Konſervatorium“ in eine„Hochſchule der Muſit“ umgetauft worden, wodurch es ſich nun von den anderen, mitterweile auch dort aufgetauchten„Konſervatorien unter⸗ ſcheidet. ———ꝛ— Schach⸗Ecke Aufgabe Nr. 100 Dresdeu. 4. Preis im Zwei⸗Zü att in Endſwielſtudie Nr. 48 A. Tvoitzky(Petrograd) Stellung: Weiß: Kg 2, La 2, Bb 5, h 2.(4). Schwarz: Kh 5, Lc 2, B d 5, h.(4). Löſung: I. b5— bél Lce2— e4+ 2. Kg 2— g 5 d5— d4 3. h 2— h4 Kh5— gé erzwungen 4. La2— b I Le4 ᷣ✕ bI, 5. b 6— b7 und gewinnt. Voranzeige: In der übernächſten Nummer beginne ich mit einer Abhandlung über das Damengambit und Damen⸗ bauernſpiel nebſt ſeinen Abzweigungen. Das Thema iſt ſehr /— M intereſſant und bietet unſeren Schachfreunden Gelegenheit, ſich in dieſer wichtigen Eröffnung weiter auszubilden. J. B. Aus anderen Kreiſen: Eine Überraſchung gab es in den Vereins⸗Kreis⸗Meiſterſchaften des 5. Kreiſes. Nürnberg verlor in Ingolſtadt gegen München 7:1. Zwei Partien hängen noch. Vermutliches Reſultat 7 ½: 2 ½ für München. Dieſes wird wahrſcheinlich Kreismeiſter. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Sachſenhauſen: Dienstags bei Adrian, Affentorplatz. Innenſtadt: Montags„Zur Pfalz“, Holzgraben 7.. Niederrad: Samstags Sportplatz der Freien Turner, Hahnſtraße⸗ Nordend: Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Bornheim: Mittwochs bei Pauly, Germaniaſtraße 49. Niederwald: Mittwochs bei Blank. Bockenheim: Mittwochs„Zum Freiſchütz“, Leipziger Straße 64. Rödelheim: Mittwochs im„Schwabeneck“, Eſchborner Landſtr. 36. Bahnhofsviertel: Donnerstags„Zum Regenbogen“, Gutleutſtr. 151. 3 1 N. 4.. 7 * — 55 —888 5 . 5 ½ 4 6 1 2 . . 3 . 4 6 8 8 A ; e 9 glänzt, iſt für den Augenblick geb — Fohannes Brayms Noch ſind unſere Herzen entflammt von jenem unfaßbaren menſchlichen und künſtleriſchen Vermächtnis, das im Zeichen hundertjähriger Erbſchaft uns Beethoven als einen der größten Muſikſchöpfer feiern ließ, und ſchon wird der auf den 3. April fallende Todestag eines anderen deutſchen Meiſters— Johannes Brahms— Verpflichtung, ſeiner und ſeines Werkes zu gedenken. Nicht allein die runde Zahl verfloſſener Jahre, vielmehr die ge⸗ wonnene Diſtanz zwiſchen ſeinen und unſeren Tagen, die zwei Zeitabſchnitte mit anderer Geſinnung und Geiſtigkeit ſcheidet, gibt über die äußere Veranlaſſung hinaus die tieferen Gründe unſerer Betrachtung und die Möglichkeit der objektiven Wertung. Da die Erſcheinung Beethovens in uns allen lebendig iſt, wird ſich an ihr Brahms um ſo deutlicher erklären. Viel haben beide gemeinſam: beide entſtammen dem Volke, aus Muſikerfamilien, deren unerbittlicher Exiſtenzkampf ſchon die Jungen zwingt, mit⸗ zuverdienen; beide begannen ihren Weg als Klavierſpieler; beide blieben einſam, ohne Schickſalskameradin, ohne Kinder und ſtarben ohne Freund; beide waren ſentimentaliſche Naturen, die die Formen der Muſik mit perſönlichem Erlebnisinhalt aus⸗ füllten, alſo Ausdrucksmuſiker waren; beide lebten ohne hervor⸗ vagendes äußeres Amt ganz ihrem Schaffen(die kurze Zeit, die Brahms als Dirigent in Detmold, Hamburg und Wien erlebte, bleibt jeweils nur Epiſode im äußeren Schickſalswege); beide hatten die ethiſche Haltung in Leben und Schaffen wie auch die Volksverbundenheit gemein. Was ſie vor allem ſcheidet, iſt die rein ſchöpferiſche Kraft im Erfinden und Geſtalten, in der Tiefe und Weite des Schauens, in den Horizonten des Willens und Denkens. Was bei Beethoven unvergleichbar, iſt bei Brahms hoher Anerkennung wert. Beethoven iſt ein Genie, Brahms eine ungewöhnliche Begabung, die mit ihren Kräften vorbildlich wucherte. In ihrer Bedeutung für die Entwicklungsgeſchichte der Muſik unterſcheiden ſich dieſe beiden Künſtler ſo: Beethoven, wurzelfeſt und mit beiden Füßen auf traditionellem Boden, ſaugt die Geiſtigkeit ſeiner Zeit mit ihren Freiheitsideen unbewußt in ſich, wird ſich ihrer kraft ſeines Geiſtes bewußt, macht ſie ſich in kämpferiſcher, perſönlicher Selbſtentſcheidung zu eigen und be⸗ ſeelt— als Revolutionär des Geiſtigen— das Vorhandene, übernommene mit neuem Ausdrucksgehalt. Meiſterlich und uner⸗ hört zuchtvoll geſtaltend ſteigert er die übernommene Form (Sonate, Sinfonie) auf techniſch unüberwindbare Höhe. Er er⸗ füllt das Geſtern und eröffnet das Morgen; ſein Werk aber iſt in ſeiner Kraft, Tiefe und gebundenen Freiheit ewig wie ein Heute. Anders Brahms. Sechs Jahre nach Beethovens Tode(am 7. Mai 1833) in Hamburg als Sohn eines Kontrabaſſiſten geboren, wächſt er heran in einer Zeit, wo die reine, von Beethoven erweckte Blüte der Romantik ſich ſchon der ſengenden Mittags⸗ höhe nähert. Weber und Schubert ſind tot; allein Schumann(in ſeinen Liedern und Klavierwerken noch nicht der drohenden romantiſchen Zerſetzung verfallen) wahrt urſprünglichen Sinn. Mendelsſohn begegnete dem Barockrieſen Bach und erfror an dieſer Größe zur konſervativen Formſtrenge. Fortſchrittsgeiſt lebte und wirkte allein im Weimarer Kreiſe um Liſzt, dem Wagner, der Vollender, entwuchs. Hier erlebte die Romantik ihre Hochblüte und überſteigung, die zum Verfall führte, die den Subjektivismus Beethovens nicht mehr einer Gemeinſchaftsidee unterordnete, in Selbſtbetrachtung krank und volksfremd wurde und Kunſt aus ſich und für ſich ſelbſt pflegte. Brahms, zuerſt im Banne Schumanns, von dem er wie von Bach und Beethoven nachhaltig beeinflußt wurde, ſchloß ſich nie⸗ mandem an. In Gefühl und Weltanſchauung iſt er Romantiker, in Formbewußtſein und mit dem Verſtande„Klaſſiker“. Bei ihm iſt das für die Romantik typiſche Zurückſchauen und Zurückgreifen auf das Mittelalter mehr als nur literariſches Programm: übernahme von techniſchen Dingen infolge von übereinſtimmung mit ſeiner Weltanſchauung, wie ihn ſein Weſen, ſeine Triebkräfte oren, das 4. iha umein beſtimmten. X Brahms aber gibt in ſeinem Werke die Brücke von Bach zur 9— ermr, und ſein Schaffensvermögen vor allem zum Hüten, Bewahren, Mendelsſohn hat Bach wiederentdeckt; neuen Zeit. Niemand wahrte Beethovens Erhe ſe wie er, nicht im Wort, in Aufführungen, ſondern in ſeiner Muſik Pelbſt wo das Beiſpiel Beethovens fortlebt, ſeine Technik, ſein Weſen ſich aufs innigſte mit Brahms' perſönlicher Note verbindet. Nannte Hans von Bülow einmal die erſte Sinfonie von Brahms die „Zehnte“(von Beethoven), ſo war damit natürlich kein Wert⸗ urteil gegeben, da ja jeder Vergleich hier unmöglich iſt, ſondern es war darin einſichtig geſagt, daß hier eine Erbſchaft durch eine ähnlich beſtimmende Art angetreten war. Brahms iſt die gewaltige und harmoniſche Zuſammenfaſſung deſſen, was das Schickſal der Muſik von der Hochblüte der vor⸗ klaſſiſchen mehrſtimmigen Vokal⸗ und Inſtrumentalkunſt bis zur Hochblüte der Romantik(ihre Auflöſung noch nicht einbeziehend) beſtimmte.(Das gilt für die abſolute Muſik, denn Brahms ſchrieb keine Oper.) Darüber hinaus liegt ſein ſchöpferiſch Originelles, Eigenwertiges nicht in einer neuen Form oder neuen Geſinnung, ſondern in ſeinem individuellen, perſönlich reizvollen, überzeu⸗ genden Klange, der das Dunkle, die„Wonne der Schwermut“, eine verhaltene Leidenſchaft rein und klar und tief ehrlich— und gekonnt ausſpricht. Herbſtlich wie ſeine ganze Erſcheinung iſt ſeine Muſik, oft dunkel verbrämt, herb und keuſch wie ſein Menſchliches, wie ein reifes Alter, das nur ſelten und dann auch nur müde, kaum merklich, lächelt. Nicht jene hymniſche Begeiſte⸗ rung, mit der ihn Schumann der Welt vorſtellte, doch auch noch weniger jenes Nietzſche⸗Vort von der„Melancholie des Unvermögens“ haben heute noch für ihn Bedeutung und Sinn. Mit uns verbunden iſt er durch den Vater der Moderne, Max Reger, dem er den Boden bereitete und die Brücke von Bach und Beethoven über den Abgrund Wagner baute. Er iſt uns verbunden durch die innerlich bewegende und in ihrer herbſt⸗ lichen Schönheit beglückende Muſik, als getreuer Verwalter und Heger unſeres echten alten Volksliedes. In ſeinen vier Sinfonien, ſeinem„Deutſchen Requiem“, ſeiner Kammermuſik und vor allem in ſeinen Liedern wurde er uns zum„Klaſſiker“, deſſen klar er⸗ kannte, große, wenn auch nicht größte Bedeutung. auch dieſer neuen Zeit ſelbſtverſtändlich iſt. Walter Berten. Mit dem Ablauf der dreißigjährigen Schutzfriſt iſt das Verlagsprivilegium der Brahmſchen Werke er⸗ loſchen, was naturgemäß dazu beitragen wird, die Popularität des großen Nachklaſſikers noch zu ſteigern. Beſonders wird die durch die Herſtellung des freien Wettbewerbs bedingte Ver⸗ billigung des Notenmaterials der Verbreitung der Lieder und Kammermuſikwerke des Meiſters zugute kommen. So gewinnt der Brahms⸗Gedenktag heute, wo die Frage einer etwaigen Verlängerung der Schutzfriſt auf 50 Jahre nach dem Tode des Autors heftig umſtritten wird, die Bedeutung eines beredten Plaidoyers gegen eine ſolche Verlängerung, die auf Koſten der Allgemeinheit nur einer verſchwindend kleinen Zahl perſönlich Intereſſierter einen überdies noch nicht einmal ſicheren geſchäftlichen Vorteil in Ausſicht ſtellt. Gehören doch Brahms Klavier⸗ und Kammermuſikwerke, ebenſo wie ſeine Lieder, mit den Schöpfungen der Klaſſiker zuſammen zum feſten Beſtand der deutſchen Hausmuſik, und ungezählte Muſikfreunde haben deshalb mit Sehnſucht den Tag erwartet, an dem ſein Werk endlich Gemeingut des deutſchen Volkes wird. Beethoven und Grillparzer Der große öſterreichiſche Dichter Grillparzer hat bekanntlich die Rede verfaßt, die der Schauſpieler Anſchütz 1827 in Wien bei der Beerdigung Beethovens gehalten hat. In ſeinen„Erinnerungen“ ſchreibt Grillparzer über Beet⸗ boven u. a.: 3 Das erſtemal, daß ich Beethoven ſah, war in meinen Knabenjahren— es mochte in den Jahren 1804 oder 1805 ge⸗ weſen ſein— und zwar bei einer muſikaliſchen Abendunterhal⸗ tung im Hauſe meines Onkels, Joſef Sonnleithner, damaligen Geſellſchafters einer Kunſt⸗ und Muſikalienhandlung in Wien. Außer Beethoven befanden ſich noch Cherubini und Abbé Vogler unter den Anweſenden. Er war damals noch mager, lchwarz und zwar, gegen ſeine ſpätere Gewohn⸗ heit höchſt elegant gekleidet und trug Brillen, was ich mir darum ſo gut merkte, weil er in ſpäterer Zeit ſich dieſer Hilfsmittel eines kurzen Geſichtes nicht mehr bediente. Ob er jelbſt oder Cherubini bei dieſer Muſik ſpielte, weiß ich mich nicht mehr zu erinnern, nur daß, als der Bediente bhereits das Souper ankündigte, ſich Abbé Vogler noch ans Klavier ſetzte und über ein afrikaniſches Thema, das er ſelbſt aus dem Mutterlande herübergeholt, endloſe Variationen zu ſpielen anfing. Die Ge⸗ jellſchaft verlor ſich nach und nach während ſeiner muſikaliſchen Durchführungen in den Speiſeſaal. Es blieben nur Beethoven und Cherubini zurück. Endlich ging auch dieſer und Beethoven ſtand allein neben dem hart arbeitenden Manne. Zuletzt verlor auch er die Geduld, ohne daß Abbé Vogler, nunmehr ganz allein gelaſſen, aufhörte, ſein Thema in allen möglichen Formen zu liebkoſen. Ich ſelbſt war im dumpfen Staunen über das Unge⸗ heuerliche der Sache zurückgeblieben. Was von dieſem Augenblick an weiter geſchah, darüber verläßt mich, wie es bei Jugend⸗ erinnerungen zu gehen pflegt, mein Gedächtnis völlig. Neben wem Beethoven bei Tiſche ſaß, ob er ſich mit Cherubini unterhielt, ob ſich ſpäter Abé Vogler zu ihnen geſellte— es iſt, als ob ein dunkler Vorhang ſich mir über alles das hingezogen hätte... Ein oder zwei Jahre darauf wohnte ich mit meinen Eltern während des Sommers in dem Dorfe Heiligenſtadt bei Wien. Unſere Wohnung ging gegen den Garten, die Zimmer nach der Straße hatte Beethoven gemietet. Beide Abteilungen waren durch einen gemeinſchaftlichen Gang verbunden, der zur Treppe führte. Meine Brüder und ich machten uns wenig aus dem wunderlichen Mann— er war unterdeſſen ſtärker geworden und ging höchſt nachläſſig, ja unreinlich gekleidet— wenn er brummend an uns vorüberſchoß; meine Mutter aber, eine leiden⸗ ſchaftliche Freundin der Muſtk, ließ ſich hinreißen, je und dann, wenn ſie ihn Klavier ſpielen hörte, auf den gemeinſchaftlichen Gang, und zwar nicht an ſeiner, ſondern unmittelbar neben unſerer Türe hinzutreten und andächtig zu lauſchen. Das mochte ein paarmal geſchehen ſein, als plötzlich Beethovens Tür aufgeht, er ſelbſt heraustritt, meine Mutter erblickt, zurückeilt und un⸗ mittelbar darauf, den Hut auf dem Kopfe, die Treppe hinab ins Freie ſtürmt. Von dieſem Augenblick an berührte er ſein Klavier nicht mehr. Umſonſt ließ ihn meine Mutter, da ihr alle anderen Gelegenheiten abgeſchnitten waren, durch ſeinen Bedienten ver⸗ ſichern, daß nicht allein niemand ihn mehr belauſchen werde, ſon⸗ dern unſere Türe nach dem Gang verſchloſſen bleiben und alle ihre Hausgenoſſen ſtatt der gemeinſchaftlichen Treppe ſich nur im weiten Umwege des Ausgangs durch den Garten bedienen würden. Beethoven blieb unerweicht und ließ ſein Klavier unbe⸗ rührt, bis uns endlich der Spätherbſt in die Stadt zurückführte In einem der darauffolgenden Sommer beſuchte ich öfters meine Großmutter, die in dem nahe gelegenen Döbling eine Land⸗ wohnung inne hatte. Auch Beethoven wohnte damals in Döbling. Den Fenſtern meiner Großmutter gegenüber lag das baufällige Haus eines wegen ſeiner Liederlichkeit berüchtig⸗ ten Bauers, Flehberger hieß er. Dieſer Flehberger beſaß außer ſeinem garſtigen Hauſe auch eine zwar ſehr hübſche, aber vom Rufe eben auch nicht ſehr begünſtigte Tochter Lieſe. Beethoven ſchien an dem Mädchen vieles Intereſſe zu nehmen. Noch ſehe ich ihn, wie er die Hirſchengaſſe heraufkam, das weiße Schnupftuch, am Boden nachſchleppend, in der rechten Hand, und nun an Fleh⸗ berger Hoftor ſtehen blieb, innerhalb deſſen die leichtſinnige Schöne, auf einem Heu⸗ oder Miſtwagen ſtehend, unter immer⸗ währendem Gelächter mit der Gabel rüſtig herumarbeitete. Ich habe nie bemerkt, daß Beethoven ſie anredete, ſondern er ſtand ſchweigend und blickte hinein, bis endlich das Mädchen, deſſen Geſchmack mehr auf Baauernburſchen gerichtet war, ihn, ſei es durch ein Spottwort oder durch hartnäckiges Ignorieren, in Zorn brachte; dann ſchnurrte er mit einer raſchen Wendung plötzich fort, unterließ aber doch nicht, das nächſte Mal wieder am Hoftor ſtehen zu bleiben. Ja, ſein Anteil ging ſo weit, daß, als des Mäd⸗ chens Vater wegen Raufhandels beim Trunk in das Dorfgefäng⸗ nis geſetzt wurde(Kotter genannt), Beethoven ſich perſönlich bei der verſammelten Dorfgemeinde für deſſen Freilaſſung ver⸗ wendete, wobei er aber nach ſeiner Art die geſtrengen Rats⸗ herrn ſo ſtürmiſch behandelte, daß wenig fehlte, und er hätte ſeinem gefangenen Schützling unfreiwillige Geſellſchaft leiſten müſſen. N Grillparzer hat für Beethoven auch einen Overntext gedichtet, an dem Beethoven eifrig mitarbeitete. Einmal ſagte er zu Grill⸗ parzer:„Ihre Oper iſt fertig!“ Ob jertig im Kopfe oder auf ſeinen unzähligen Notizzetteln, iſt nicht bekannt geworden. Denn Beethoven iſt mittlerweile geſtorben... 28 Zum Schluß ſeiner Erinnerungen an Beethoven ſetzt Grill⸗ varzer„noch ein paar Reimzeilen, die ich vor kurzem niederge⸗ ſchrieben, und für die ich keine beſſere Stelle weiß“: Es geht ein Mann mit raſchem Schritt,— Nun freilich geht ſein Schatten mit— Er geht durch Dickicht, Feld und Korn, Und all ſein Streben iſt nach vorn; Ein Strom will hemmen ſeinen Mut, Er ſtürzt hinein und teilt die Flut; Am andern Ufer ſteigt er auf, Setzt fort den unbezwungnen Lauf. Nun an der Klippe angelangt, Holt weit er aus, daß jedem bangt. Ein Sprung— und ſieh da, unverletzt.— Hat er den Abgrund überſetzt.— Was andern ſchwer, iſt ihm ein Spiel, Als Sieger ſteht er ſchon am Ziel; Nur hat er keinen Weg gebahnt. Der Mann mich an Beethoven mahnt. —Qᷓnᷓÿᷓ———— Martha Von Ada Negri Der Schmerzes herbe Stöße trug ſie ſtumm, Am Webſtuhl aufrecht ſitzend, weiß wie Wand, Nach Arbeitsſchluß im Nordwind iſt ſie heimgerannt, Und auf des Hauſes Schwelle ſank ſie um. Sie ſtöhnte raſtlos,— als ſein bleich' Geſicht Der Morgen hob, ſtieß die unſel'ge Frau, Wie wundes Tier aufheulend wild und rauh, Den toten Engel vorwärts an das Licht. Man nahm den kleinen Leichnam— grub ihn ein, Den Mutteraugen fern— und alle ſchwiegen. Sie blieb drei Tage auf dem Kiſſen liegen, Das Antlitz unbewegt, gefügt von Stein. Am vierten Tag— noch ſang ſein wildes Stück Der Wind von Nord— erhob die Bleiche ſich, Der alles Blut aus ihrem Leibe wich— .. So kehrte an den Webſtuhl ſie zurück. (Deutſch von Henni Lehmann.) Ein Heiratsbureau 1950 Von Alfred Auerbaech Im Zentralrundfunkdienſt, der die Zeitungen längſt über⸗ flüſſig gemacht hatte, wurde tagtäglich angekündigt: „Moderne Heiratsvermittlung, nach neuzeitlich wiſſenſchaft⸗ lichen Methoden. Fehlehen ausgeſchloſſen. Man bittet um Be⸗ ſuch des Ateliers. Luftautolinie 13. Quadrat B. 43. Stockwerk.“ Ich wünſchte dieſe Methode kennen zu lernen. Sie ſchien mir Humpug Vor meinem Fenſter hielt die gelbe Linie 13. Ich ſtieg ein und fand kaum Platz. Die Leute ſtanden im Lufi⸗ auto eng aneinandergepreßt. Sie muſterten ſich neugierig und auch mich ſtreiften Blicke. Eine ältere Dame ſchien beſonderes Intereſle für mich zu haben. Sie lorgnettierte mich mit Y⸗Gläſern(Syſtem Profeſſor Strahlinſky), die bekanntlich den Menſchen durchleuchten. Die Dame ſchien bei mir keine von den Eigenſchaften zu ent⸗ decken, die ſie ſuchte, ſie wandte ſich ab. In dieſem Augenblick hielt das Auto vor dem Atelier. Sämtliche Paſſagiere ſtiegen aus und betraten den Halte⸗ ſtellebalkon.. 212. Man ſchritt durch eine Tür, die ſich automatiſch öffnete in einen Raum, der mit den wunderlichſten Apparaten angefüllt war. Objektive riſſen ihre Klappen auf und photographierten automatiſch jeden Ankömmling, natürlich filmiſch. Andere Inſtrumente, ſeltſam verdeckt, nahmen die leiſeſten Geſpräche auf. In der Tür zum Audienzzimmer war ein Durch⸗ leuchtungsrahmen.. — WDie Leute ſtanden in dem Warteraum geduldig in langen Reihen. Berichte aus den ſagenhaften europäiſchen Kriegsjahren und Nachkriegszeiten ſchildern wartende Polonaiſen, die um Brot an⸗ ſtanden Jetzt konnte ich mir ein Bild machen, wie das in den unfaßbaren Zeiten ausgeſehen haben mag. Ich blickte auf die Uhr. Zwei Stunden mochte ich brap ge⸗ wartet haben, als ich endlich den Türrahmen paſſieren konnte. ö““ v“ t ehe ich etwas ſagen konnte. Wachſen im Frühling Von M. 4A. von Lütgendorff Die ſchöpferiſche Geſtaltungskraft der Natur, die aus dem Atom die lebenstätige Zelle und aus Zellenmillionen allmählich die Form ſchafft, tritt zu keiner Jahreszeit gewaltiger hervor, als in den erſten Frühlingswochen, wenn die Knoſpe am Baum ſchwellt und dem Ackerboden der zartgrüne Halm Eutipricht. Wo⸗ durch dieſe Naturkraft befähigt und veranlaßt wird, den Natur⸗ weſen Geſtalt und Lebenstüchtigkeit zu verleihen, weiß man nicht, aber das Wachstum ſelbſt in ſeinen verſchiedenen, geſetzmäßig auf⸗ einanderfolgenden Erſcheinungsformen hat die Forſchung zum großen Teil klargelegt. Großen Einfluß auf den Beginn und den Verlauf des Pflanzen⸗ wachstums hat die Temperatur, denn für jede Pflanze beſteht ein beſtimmtes Wärmegeſetz, und dieſes wiederum umſchließt drei Hauptpunkte: das Temperaturminimum, bei dem die Pflanze ihr Wachstum beginnt, die Temperatur, unter der ſie am ſchnellſten wächſt, und endlich ein Maximum, unter deſſen Einfluß das Wachstum zum Stillſtand kommt. Dieſe einfache Tatſache birgt nun eine Fülle der verſchiedenartigſten Wachtumserſcheinungen. Der Weizen z. B. beginnt ſchon bei fünf Grad Wärme zu wachſen, erreicht darin bei 29 Grad den Höhepunkt der Schnelligkeit und gelangt bei 42 Grad zum Stillſtand. Mais und Bohnen brauchen zum Wachstumsbeginn eine Wärme von 9,4 Grad Celſius, der Kürbis ſogar 14 Grad; bei 34 Grad wachſen ſie dann am ſchnell⸗ ſten, und bei 46,2 Grad iſt das Maximum erreicht. Dieſer geſetz⸗ mäßige Wachstumsverlauf beginnt ſogar ſchon in der einzelnen Zelle, die zuerſt langſam wächſt, dann ihr Wachstum mehr und mehr beſchleunigt, bis auch ſie auf einen Höhepunkt— das Maxi⸗ mum— gelangt, das nicht mehr überſchritten wird. Gelegentlich kann man freilich auch Ausnahmen beobachten, inſofern, als bei manchen Pflanzen das Wachstum direkt ſtoßweiſe erfolgt; ſie ſind aber ſehr ſelten und in ihren Urſachen auch noch nicht erforſcht. Daß Wärme vor allem auf die Schnelligkeit des Wachstums der Pflanzen fördernd wirkt, beweiſt am deutlichſten das unge⸗ mein raſche Wachſen gewiſſer Tropengewächſe, ſo z. B. einer auf Ceylon wachſenden Bambusart(Dendrccalamus), an der man innerhalb 24 Stunden einen Höhenzuwachs von 57 Zentimeter feſtgeſtellt hat. Mahagonibäume können in zwei Jahren eine Höhe von fünf Meter erreichen; ja, ſelbſt in unſerem Klima gibt uns der Hopfen, der in einem Sommer bis zu zwölf Meter lang wird, ein charakteriſtiſches Beiſpiel einer unter günſtigen Wärmever⸗ hältniſſen ſchnell wachſenden Pflanze. Allerdings ſetzt ein ſolches Rekordwachstum auch eine genügende Waſſerzufuhr voraus. In regenarmen Ländern, in denen, wie etwa in Kapland, jahrelang kein Regen fällt, oder gar wie im ſüafrikaniſchen Betſchuanaland, wo es, wie die jüngſten Feſtſtellungen ergeben haben, nur alle zwölf Jahre einmal regnet, iſt trotz Sonnenwärme und Licht die Flora von einer Dürftigkeit, von der wir uns überhaupt keine Vorſtellung machen können. Wie Filzpolſter liegen die Pflanzen dem Boden auf, wobei ſie ihre Blätter ganz eng an einander⸗ preſſen, um ſie vor Verdunſtung zu ſchützen. Durch eine ſolche Schutzvorrichtung gegen Waſſerverdunſtung kommt bei einer Trockenpflanze Neuſeelands eine ganz ſeltſame Form zuſtande: ſie bedeckt nämlich den Boden in einer Geſtalt, die ganz und gar einem auf der Erde liegenden S EEE m ú chaf gleicht. Man hat das eigen⸗ artige Gewächs(Raoulia Mammillaria Hock) denn auch „Schafspflanze“ genannt, weil auch das ſchmutzige Weiß der fil⸗ zigen Polſter an die Farbe des Schaffells erinnert. Wärme kann ſomit auf das Wachstum der Pflanze in erſter Linie belebend und die Schnelligkeit fördernd einwirken, wogegen der Lichteinfluß auf das Pflanzenwachstum vermutlich bisher in mancher Hinſicht überſchätzt worden iſt. In den Tropen wachſen 3 B. viele Pflanzen hauptſächlich während der Nacht, weil das grelle Tageslicht wahrſcheinlich hemmend auf den normalen Wachstumsverlauf wirkt, wie denn auch die Lichtmeſſungen Pro⸗ feſſor Wiesners an unſeren einheimiſchen Pflanzen feſtgeſtellt haben, daß zerſtreutes Licht das Wachstum mehr fördert, als das direkte Licht prall aufallender Sonnenſtrahlen, gegen die ſich zahl⸗ reiche Gewächſe ſogar durch die verſchiedenſten Vorkehrungen— verdickte Gewebe, Haardecken und dergleichen, oder entſprechende, der Sonne abgewendete Stellungen— zu ſchützen ſuchen. Alſo weder Wärme noch Lichtſtärke wären allein imſtande, daß Pflan⸗ zenwachstum dahin zu bringen, daß die Natur im Verlaufe weniger Wochen völlig ergrünt. Es muß vielmehr noch der Haupt⸗ faktor den Ausſchlag geben, damit die Knoſpen geſprengt werden; und dieſe wachstumauslöſende mächtige Triebtta iſt das Waſſer. Denn das Waſſer hat nicht nur im Pflanzenkörper ſelbſt die Aufgabe, die Nährſtoffe von Zelle zu Zelle, von Organ zu Organ zu befördern, ſondern es muß auch auf den Boden in der Weiſe einwirken, daß ſeine nährenden Beſtandteile der Pflanzen⸗ wurzel zugeführt werden können. Was manche Pflanzen während ihres Wachstums an Waſſer brauchen, iſt wirklich ganz erſtaunlich. An einer Verſuchskultur von Puff⸗ oder Saubohnen(Vieia Faba) beobachtete man, daß der Waſſerbedarf der einzelnen Bohnenpflanze bis zur Blüte etwa 6 Liter betrug, von der Blüte bis zur Samenbildung 24 bis 38 Liter und endlich bis zur Reife noch 5 bis 8 Liter er⸗ forderte. Soll ein Stück Ackerboden 1 Kilogramm Getreide her⸗ vorbringen, müſſen ihm 500 Kilo Waſſer zugeführt werden— ein Verhältnis, das ſich auch bei vielen anderen unſerer Kultur⸗ pflanzen findet—, ſodaß alſo eine Anbaufläche von 10 000 Quadratmeter nicht weniger als 5 Millionen Liter Waſſer nötig hat, um eine befriedigende Ernte zu liefern. Und ein Baum von 30 Meter Höhe braucht im Tage nahezu 60 Liter Waſſer, das die tiefgehenden Wurzeln zum größten Teil dem Boden ent⸗ nehmen müſſen, um jedes ſeiner Organe bis zum kleinſten Blätt⸗ chen hin mit Rährflüſſigkeit zu verſorgen. Man hat beiſpiels⸗ weiſe erſt kürzlich im Verlauf von Unterſuchungen den Waſſer⸗ bedarf des Torfmooſes(Sphagnum) mit dem des Menſchen ver⸗ glichen und iſt dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß ein etwa 150 Pfund ſchwerer Menſch, wollte er ſoviel Waſſer trinken, wie, im Verhältnis zu ſeiner Größe, das Torfmoos zu ſich nehmen kann, er jede Sekunde 4 Liter Waſſer trinken müßte! Zu den feſſelndſten Beobachtungen, die uns das Pflanzen⸗ wachstum vermittelt, gehört noch die Feſtſtellung des Zeitmaßes, in dem die einzelnen Pflanzen und pflanzlichen Organe wachſen. Nach den jüngſten Unterſuchungen hat ſich das ſchnellſte Wachs⸗ tum an einem Pilz(Dictiophora) wahrnehmen laſſen, der in der Minute um 5 Millimeter zunahm. Staubfäden von Gräſern wuchſen in einer Minute um 1,8 Millimeter, während der Kürbisſtengel um 0,1 Millimeter in der Minute länger wurde. In Prozenten ausgedrückt ließ ſich das Minutenwachstum bei⸗ — Ich hatte ein ſeltſam prickelndes Gefühl, als ich ihn durch⸗ ſchritt Es war, als griffe ein Operateur in meine Herzgegend und drehte mein Innerſtes um und um. Endlich ſtand ich vor dem gewaltigen Direktor. Er war 1.54 Meter groß, hatte eine Glatze, kleige ſtechende Auglein und katzenhafte Bewegungen. Er drückte mich in einen Seſſel und betaſtete mein Gehirn, Er begann dann: 3 „Sie ſind keine angenehme Partie, Sie ſind ſpöttiſch, eigen⸗ ſinnig, ſchwer nehmbar, gutmütig gegen Gleichgeſinnte, kritiſch gegen Andersdenkende. Sie ſind weder groß, noch ſchön, immerhin noch gut erhalten, agil, tätig und haben eine Zukunft.“ „Ihre filmiſchen Aufnahmen, ſowie ihre Stimmplatten, Ihre Herzdurchleuchtung, ſowie Ihre Kopfabtaſtung geben dieſelben Auskünfte.“ Ich wollte etwas erwidern, aber der Mann drückte mich ſchon wieder in einen anderen Seſſel. „Ich weiß, was Sie ſagen wollen. Hier iſt das filmiſche Bild. die Stimmplatte, das Durchleuchtungspoſitiv der Dame, die einzig zu Ihnen paßt. Es iſt meine Spezialität, durch abſolut zuverläſſige, dem Jahre 1950 und ſeinen Fortſchritten entſprechende Methoden falſche Ehe⸗ verbindungen auszuſchließen. Sie werden bemerken können, daß Eheſcheidungen, ſowie Selbſtmorde zu den Seltenheiten geworden ſind, ſeitdem die Liebe techniſchen Errungenſchaften und Meſſungen gewichen iſt. Roman⸗ tiſche Dummheiten ſind geweſen! Sie haben viel Unheil geſchaffen und hätten die Erde bald ruiniert.“ 18d wollte das Wort ergreifen. Er drückte mich in den Seſſel zurück. „Sie wollen ſagen, daß Ihnen die Dame gefällt. Sie haben recht. Ihre Ehe wird eine glückliche ſein. Honorar 2000 Gold⸗ ſpezies, ſofort zahlbar.“ 9 Endlich konnte ich etwas ſagen: „Herr Direktor, ich wollte Sie ja nur beſuchen, um Ihre Methode kennen zu lernen. Ich kam aus theoretiſchen, nicht aus proktiſchen Gründen, Herr Direktor. Ich finde Ihre Methode hlänzend, aber ich habe keinesfalls die Abſicht zu heiraten. Guten Morgen!“. 4 Herr Direktor ſah mich an, als ob er willens wäre. mich mit wiſſenſchaftlichen Methoden zu erledigen. „Herr!“ ſchrie er,„Sie rauben mir meine koſtbare Zeit! Die Menſchheit wallfahrtet zu mir, Sekunden ſind Schickſalsgnade, und Sie wagen es. mich um die Zeit zu betrügen. Hinaus, Herr. 1, Ich war ſehr erfreut, entlaſſen zu ſein, aber der Direktor hielt mich an „Halt! Erſt das Honorar! Sie haben 8000 Goldſpezies bei ſich. Ihre Brieftaſche iſt genau von mir durchleuchtet worden.— Heraus damit.“ „Herr, das iſt Diebſtahl.“ „Nehmen Sie ſich in Acht! Sehen Sie die Menge, die draußen ungeduldig wartet, ein Wink von mir und ein Wort, und Sie werden gelyncht“ Ich griff nach meiner Brieftaſche. Er nahm das Geld. Dann ſagt er freundlich lächelnd, während er den Scheck in ſeine Taſche ob: „Außerdem, mein Herr, machen Sie noch ein glänzendes Ge⸗ ſchäft denn die einzige Dame, zu der Sie nech meinen Feſt⸗ ſtellungen paſſen, hätte Sie das Zehnfache gekoſtet. Weiter, der Nächſte!“ uer fpielsweiſe bei den Pollenſchläuchen der Gartenbalſamine mit 100, den Pollenſchläuchen einer anderen Balſaminengattung (Impatiens Hawkeri) ſogar mit 200 bewerten. Hierzu muß frei⸗ lich bemerkt werden, daß ein ſolches Rekordwachstum von der Pflanze faſt in allen Fällen nur kurze Zeit hindurch, ſo bei den Staubfäden der Gräſer überhaupt nur einige Minuten lang, eingehalten werden kann. Unter den Bäumen ſind als beſonders ſchnellwachſende Formen an erſter Stelle einige Eukalyptusarten zu nennen. Ein Eukalyptus, der im Jahre 1874 in Batavia ein⸗ gepflanzt worden war, hatte nach drei Jahren ſchon die ſtatt⸗ liche Höhe von 15 Meter erreicht; weitere drei Jahre ſpäter war er über 20 Meter hoch. Auch die Molukken⸗Albiszia, ein in ſeiner Heimat ſehr geſchätzter Schattenbaum, kann nach einem Jahre ſchon eine Höhe von 5, ja manchmal ſelbſt von 6 Meter erreichen. — Eine wohlfeile Ausgabe von Tolſtois Romanen und Erzählungen Um die Jahrhundertwende hat man ſich über den Ethiker und Volksbeglücker Tolſtoi in Büchern und Aufſätzen gewaltig ereifert. Die einen verwarfen ihn, die andern ſahen in ihm den Mann der Zukunft, den einzig wahren Propheten. Heute ſieht man klarer. Ohne den Ernſt und den Wahrheits⸗ mut des Reformators zu verkennen, iſt man über ihn hinweg⸗ gegangen und hat ſich anderen Lehren zugewandt. Man darf ſagen, daß die Bedeutung des ehemals vielgeſchmähten Nietzſche in demſelben Maße gewachſen iſt, wie die Bedeutung Tolſtois des Bekenners verblaßte. Und nun erſt offenbart ſich, was der große Ruſſe eigentlich war: nämlich ein überragender Künſtler. Als ſolcher hat er ſeinen Siegeszug ſoeben erſt angetreten.— Es iſt daher dankbar anzuerkennen, daß der Verlag Heſſe& Becker in Leipzig die Romane und Erzählungen Tolſtois in vor⸗ trefflichen Üüberſetzungen zu niedrigem Preiſe jedermann zugäng⸗ lich gemacht hat. Die Ausgabe, die die erzählenden Werke des Ruſſen nahezu vollſtändig bringt, umfaßt zwölf ſchöne Ganz⸗ leinenbände(50 Mk.). Sie kann aber auch in zwei Reihen zu je ſechs Bänden bezogen werden. Auch iſt jedes Werk einzeln zu haben. Die überſetzungen müſſen durchweg als ſehr gut bezeichnet werden. Sie ſtammen von W. Czumikow, Marianne Kegel, Er⸗ win Walter, Marie Stellzig, Mila Stucken u. a. In dem Geſamtwerk des hochbedeutenden Erzählers nehmen die beiden Romane„Krieg und Frieden“ und„Anna Karenina“ die erſte Stelle ein.„Krieg und Frieden“, die umfangreichſte Schöpfung Tolſtois, iſt ein gewaltiges Zeit⸗ und Familiengemälde aus der Epoche Napoleons,„Anna Karenina“ einer der erſchüt⸗ terndſten Eheromane der geſamten Weltliteratur.„Auferſtehung“, das letzte Werk des raſtlos ſchaffenden Künſtlers, läßt kaum ein Erlahmen der dichteriſchen Kraft verſpüren, wenn es auch als Theſenroman keinen ungetrübten Eindruck macht. Köſtlich ſind die Gaben aus der Frühzeit des Dichters, namentlich ſeine„Jugend⸗ erinnerungen“ und die Erzählung„Die Koſaken“(mit unübertreff⸗ lichen Naturſchilderungen). Der Roman„Hadſchi⸗Murad“, ein Kunſtwerk aus einem Guſſee, darf endlich ebenſowenig vergeſſen werden wie die Volkserzählungen, Legenden und Märchen. Unter den Volkserzählungen befinden ſich Stücke, die wegen ihrer er⸗ greifenden Schlichtheit die allerweiteſte Verbreitung verdienen, ſo „Wo Liebe iſt, da iſt auch Gott“,„Die beiden Alten“(ein Kron⸗ juwel der Erzählungskunſt),„Herr und Knecht“ u. a. . Tolſtoi der Künſtler iſt eine europäiſche Größe. Und ſeine Werke bedeuten, wie die Dramen des Norwegers Ibſen, einen Gewinn für den deutſchen Geiſt. Er iſt, neben Turgenjew, der Ruſſe, der uns am wenigſten fremd erſcheint. Wer ſich in ſeine wunderbare Welt verſenkt, wird ſeeliſch reicher werden; er wird Stunden erleben, an die er immer wieder gern zurückdenken wird. Deshalb iſt dieſe neue Ausgabe, nochmals geſagt, ein verdienſt⸗ liches Unternehmen. Karl Quenzel. Die Sorge Von K. Michailowa Petja ging langſam Schritt für Schritt die Landſtraße ent⸗ lang. Er hatte zuviel braſchka getrunken und ſtolperte bisweilen. Eigentlich dachte er an garnichts. Er war fröhlich wie immer, wenn er von einem Feſte kam, das ſein reicher Bruder gegeben Hants.Meitht einmal Neid fühlte er. Die Not hatte ihn gleichmütig gemacht. Aufatmend blieb er ſtehen. Erklangen nicht Schritte hinter ihm? Petja wandte ſich um, konnte aber niemanden erkennen, obwohl ſchon die Morgendämmerung die Nacht zu verdrängen ſuchte. It da jemand?“ Schwer löſten ſich die Worte aus ſeiner Kehle. Er war nicht furchtſam, aber das Schweigen machte ihn beklommen. „Ich bin da, Brüderchen, ich war mit dir auf dem Feſte. Du gefällſt mir ſo gut, und ich will nie mehr von dir laſſen. Ich bin’s, die Sorge.“ Petja ſchwieg.„Du biſt ſo geduldig, ſo ſtill. Ach, was haben die böſen Menſchen ſchon alles mit mir gemacht. Jetzt will ich immer bei dir bleiben!“ Aber Petja ſtampfte ſchweigend die Landſtraße entlang. Aus ſeinen Schritten klang Entſchloſſenheit. Er ſtand vor der Tür ſeiner armſeligen Hütte, löſte den Riegel und ſah ſich mit ſtumpfem Lächeln um. Dann ſetzte er ſich auf den einzigen Holz⸗ ſtuhl, der neben dem rohen Tiſche ſtand.„Mir bleibt nichts, gar nichts mehr. Ich will mir einen Sarg zimmern und— mich hineinlegen.“ Und Petja ging an ſein Werk, froher, als man hätte glauben ſollen.„Du wollteſt mich nie verlaſſen; alſo leg dich zuerſt hinein!“ Einen Augenblick zögerte die Sorge. Dann bettete ſie ſich und— Petja verſchloß den Sarg mit zitternden Händen, trug Sarg und Sorge auf den Friedhof und begrub beide. Petja wurde reich. Zuerſt wunderten ſich die Leute. Als er ihnen aber reiche Feſte gab, vergaßen ſie, daß ſie ihn einſt mürriſch und einen Säufer genannt hatten.„Bruder, wie haſt du das ge⸗ macht?“ Wladimir ſah Petia liſtig an.„So ſchnell biſt du reich eworden und noch vor einem Jahre——?“„Ich will es dir en du biſt ja mein Bruder.“ Petja erzählte von dem Begräb⸗ und nach jedem Satze tat er einen tiefen Zug. Der Bruder brach auf. Er ging aber nicht den geraden Weg durch das Dorf, ſondern ging über den Friedhof. Emſig ſchaufelte er, bis er Holz unter ſeinem Spaten fühlte. Dann glitt er hin⸗ unter und öffnete den Sarg. Die Sorge ſprang heraus und dehnte und ſtreckte ſich nach der langen Gefangenſchaft.„Du haſt mich befreit,“ ſagte ſie hohnvoll.„Geh wieder zu meinem Bruder, dem Petja! Er hat Sehnſucht nach dir, ihm geht es gut, viel zu gut.“„Nein,“ frohlockte die Sorge,„ich bleibe bei dir. Du ſollſt mich nicht undankbar ſchelten. Immer bleibe ich jetzt bei dir. Sieh mal, wenn ich zu Petja ginge, dann würde mich dieſer ge⸗ walttätige Menſch vielleicht einmal ganz umbringen.“ — Meſſung des hypnotiſchen Schlafs Wir ſtark Menſchen durch die Hopnoſe beeinflußt werden, prüfte der amerikaniſche Profeſſor C. L. Hull von der Univerſität von Wisconſin nach folgenden Methoden: Es wurde hypnoti⸗ ſierten Leuten geſagt, daß ſie zweimal ſo ſchnell atmen würden als gewöhnlich, wenn ſie auf den gradzahligen Seiten eines Buches läſen, aber nur halb ſo ſchnell als gewöhnlich, beim Leſen auf den ungeraden. Dann wurde nicht mehr hypnotiſiert, ſondern die einzelnen nur von Zeit zu Zeit aufgefordert, in dem Buch zu leſen. Es war dann gut zu erkennen, wie die Stärke der Suggeſtion mit der Zeit abnahm. Bei einer anderen Prüfung wurde den Verſuchs⸗ perſonen in der Hypnoſe aufgegeben, ſie würden beim Erwachen gleichzeitig zwei geiſtige Aufgaben löſen, die eine bewußt und die andere unbewußt. Die erwachten Leute laſen in einem Buch und arbeiteten zu gleicher Zeit komplizierte geiſtige Probleme aus, die ihnen aufgegeben waren. Es zeigte ſich, daß die beiden Pro⸗ zeſſe in ihrem Gehirn abwechſelten, miteinander interferierten und daß ſchließlich jeder Prozeß weniger als halb ſo ſchnell ver⸗ lief, als wenn die Leute angewieſen worden wären, jedes Ding für ſich zu tun. Die betreffenden Perſonen merkten wohl die Störungen beim Leſen, konnten ſich aber über deren Natur keine Rechenſchaft geben, da ſie von dem Keichzeitig im Unterbewußt⸗ ſein bearbeiteten Problem ja keine Kenntnis hatten. Es ergaben ſich keinerlei Anzeichen dafür daß die geprüften Leute einen unterbewußten Denkprozeß genau gleichzeitig mit einem bewußten durchführen konnten. — Die Reſervearmee der Schönheit Ein überangebot an ſchönen Frauen herrſcht, wie wir einem Artikel der Wiener„Arbeiter⸗Zeitung“ entnehmen, in der Stadt Hollywood bei Los Angeles in Kalifornien. Tauſende ſchöner und ſchönſter Frauen ſtrömen alljährlich dorthin, in der ſicheren Hoff⸗ nung, beim Film unterzukommen. Viele fühlen ſich berufen, aber nur wenige werden auserwählt. Von den zurückgewieſenen aber ſuchen ſich die Filmgeſellſchaften die ſchönſten aus, um ihnen irgend eine Anſtellung in Hotels, Speiſehäuſern uſw. zu geben. Werden dann in einem Film Maſſenſzenen verlangt, ſo hat man ſofort das nötige, klaſſiſch⸗ſchöne Material in größter Zahl zur Verfügung.— Die ſchönſten Frauen von Hollywood ſind die induſtrielle Reſervearmee des Filmkapitals, und ſie bringen dieſem Moloch in eitlem Harren auf etwas, was nie kommt, ihre Jugend und Schönheit zum Opfer. Blieben ſie in Chikago oder in San⸗Franzisko oder woher ſonſt ſie kommen— ihre Schönheit böte ihnen zum mindeſten die Gewähr, für den Mann ihrer Wahl und ihres Herzens eine Diva zu werden. In Hollywood iſt ihre Schönheit eine alltägliche Angelegenheit, die niemanden auffällt, niemandes Herz entzündet, von niemanden als ein Vorzug empfunden wird. — Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. . 3 1 —„- 1 1 — * 1 S . 4 4 4 1 4. “ * S 8 ½ 5 8 “ A A N 94 1 2 5 8 = 8 — 2 2 * — — — 1☛ — — — 4— — — —₰ * — ‿₰ .— — ' ,— 2 1 Aufſang Von Hermann Claudius Ihr Jungen voll unerhörtem Sehnen zu jenem Neuen, Das keine Bücher noch lehrten, Das euer Blick ſchon wittert, Das aus jeder Gebärde euch zittert, Ihr Leuen An Kraft gegen uns Wächter der Ruh’— Euch geſell ich mich zu. Trghet laſtet umher, ein Meer von Blei, Bosheit taſtet mit hämiſchem Lächeln herbei. Unbeweglich, ein Klotz, ſtarrt Unverſtand. Auf in das neue Land, Das wir ſelber ſind! Wir, von Menſchenmüttern geboren, Länger nicht zwiſchen Leib und Seele verloren. Laßt mich die weißen Segeln euch braſſen helfen im Wind! Sonnenſelig hebt ſich die Küſte.. Traundgewätti breitet ſie ihre Brüſte Gegen den Strand. Auf in das Land! Aus„Lieder der Unruh“ Arbeiterjugendverlag(Berlin). — Vierundzwanzig Stunden Von Coweck Vierundzwanzig Stunden. Vierundzwanzigmal 60 Minuten. Wiſſen Sie, was eine Minute iſt. Ein Augenblick— oder ſechzig endlos lange Sekunden, ſechzig Herzſchläge— Millionen Gedanken, die dieſen kleinen Zeitabſchnitt von einer Sekunde umkrallen—— Im Zeitalter des Automobils, des Motorrads, des fehlenden Tachometers und des— immer doch nur ſo ein ganz klein wenig offen gebliebenen Gashebels— ſind ſie keine Seltenheit, dieſe großen Bogen geſtempelten und bedruckten Papiers, vom Gericht, — Strafbefehle, mit der Aufforderung 3 oder 5 Mark Strafe zu zahlen——„oder vierundzwanzig Stunden Haft!“ Es iſt keineswegs nötig die Geldſtrafe zu zahlen. Das Gericht entwickelt eine engelhafte Geduld. Es mahnt, es verſchreibt eine Unmenge Papier, es ſetzt eine Friſt und notiert fleißig Koſten,— und endlich kommt die Aufforderung zum Strafantritt. Der entſcheidende Moment! Noch hat man Zeit, ſich zu ent⸗ ſcheiden, ob man lieber die Moneten aus der Taſche ziehe, oder ob man mit Heldenmut„brummen“ geht. Noch wartet man. Und je mehr oder weniger Geld man hat, oder je mehr oder weniger „bürgerliche Hemmungen“ zu überwinden ſind,— entſchließt man ſich zur Strafe oder zur Haft. Zögert man zu lange, ſo erſcheint eines Tages:„Das Auge des Geſetzes“ und präſentiert einen roten Haftbefehl. Dann hat einem das Gericht die Zweifel des Entſchluſſes bereits entledigt. „Viele, die meiſten zahlen!“ ſagte mir der Gefangenwacht⸗ meiſter eines größeren Bezirksgefängniſſes in der Nähe Frank⸗ furts,„ich kenne ſogar Arbeitsloſe, die ſich das Geld zuſammen⸗ leihen müſſen, aber ſie zahlen lieber, als daß ſie ſich die paar Stunden in den Kaſten ſetzen. Trotzdem die Haftſtrafe für ein der⸗ artiges Ordnungsvergehen garnicht als Strafe im Regiſter ge⸗ führt wird und ehe als Vorſtrafe gilt. Und wie ſehen ſolche vierundzwanzig Stunden Haft aus? IIch habe es ſelbſt durchkoſten können— mehr aus Intereſſe vielleicht als aus Notwendigkeit, und denen möchte ich es erzählen, di ſelöſt u Hauſe ſo einen lieblichen Druckbogen liegen haben und mit den werden. änden hinter die Ohren fahren, wenn ſie ſeiner anſichtig das kuapßf Tiſchchen und die no beide in Aber die Zeit ſchleicht. Schon lange müßte es dunkel, müßte es Abend ſein. Aber immer noch iſt es hell. Manchmal ſchallen Schritte durch die Gänge,— an der Zelle vorbei— manchmak piept vielleicht auch ein kleiner verirrter Vogel vor den vexgitter⸗ ten Fenſtern— ſonſt iſt nichts. Und ſchon ſchmerzt der Rücken, den die ſchmale, kaum zwanzig Zentimeter von der Wand ab⸗ ſtehende Sitzgelegenheit ſtrapaziert und ſekkiert,— bald rennt man auf und ab— fünf Schritte hin, drei Schritte her— einen Bogen um das Bett— und pfeift dazu.— Aber die Zeit ſchleicht. Im ſechs Uhr kommt endlich der Wärter wieder mit dem Eſſen. Ein rieſiger Emaillenapf in dem der Löffel ſteckt und ein klobiges Stück Brot, fünf Zentimeter dick, maſſiv wie alles hier. Ach, man hat Hunger. Das Kauen wird eine Abwechſlung ſein. Man ſtellt das Eſſen auf den Tiſch— der Rücken krümmt ſich zu Spiralen— es geht nicht. Dann nimmt man den Emaillenapf wiſchen die Knie, den Löffel in die Hand, und— riecht. Und hmieikt vorſichtig— und riecht wieder. Es ſind Erbſen. Erbsbrei — und plötzlich ſtellt man mit bitterem Entſchluß das Eſſen auf den Tiſch— und pfeift. Und ſieht nicht mehr hin— und denkt an— nein man denkt nicht. Gewiß iſt es Autoſuggeſtion, Einbildung. Gewiß iſt das Eſſen menſchenwürdig und gut zubereitet. Aber— der Löffel, das Ge⸗ ſchirr— es geht nicht. Und ſchließlich iſt man in paar— nein, erſt n vielen Stunden wieder zu Hauſe, hat Meſſer und Gabel, ein Täichtuch, Teller— Stuhl— einen Stuhl mit ehne... Und die Nacht beginnt. Die Nacht des Gefängniſſes, die um ſieben Uhr abends anfängt. Der Wärter bringt Wäſche zum Über⸗ und einen ziehen. Die Strohfüllung kniſtert, wenn das Bett heruntergeklappt wird— alles iſt hart— auch hier ſchafft die Einbildung einen wüſten, ekelhaften Geruch— man rechnet noch ein wenig, zählt Stunden, Minuten— belügt ſich ſelbſt— und endlich, endlich ſchläft man ein. Und wenn der Auſſeher am Morgen zum Wecken erſcheint, iſt man ſtumpfer geworden, verbitterter. Man möchte über die eigene Stimmung lachen, aber man kann es nicht mehr. Die Gering⸗ ügigkeit des Vergehens ſteht in der Erinnerung,— die ſchleichende, grauenhafte Zeit, die ſo unendlich langſam verrinnt, macht ungerecht, quält. Und wenn der Wärter abermals kommt, und lächelnd jagt, daß die vierundzwanzig Stunden vergangen ſind, dann iſt das alles kein Scherz mehr, dann iſt es Ernſt. Und je ſtärker man dieſe anzen Empfindungen durchgemacht hat, um ſo heftiger die Depreſ⸗ ion. Mit zuſammengebiſſenen Zähnen folgt man der Aufforderung. Wäſcht die Zelle auf, putzt das, vor Ekel nicht benutzte Waſch⸗ eſchirr,— leert das andere aus und reinigt es mit einer Bürſte.— weil man muß. Weil man Gefangener iſt wie die an⸗ dern, die wegen Bettelns und Vagabundierens in der nächſten Zelle ſitzen. Nur, daß es nicht als Vorſtrafe gilt. Und ſelbſt der Gedanke an die erſte Zigarette wieder, iſt nicht mehr ſo be⸗ rauſchend, wie man es ſich vierundzwanzig Stunden lang vor⸗ geſtellt hat. Und ein unerklärliches Ekelgefühl liegt auf Händen und Geſicht, die nicht gewaſchen ſind,— wenn man dann wieder frei iſt, vor Menſchen ſteht,— und nicht ſo jubelt, wie man es ſich ausgemalt. Und auch der Gedanke: ſo— oder ſo viel, fünf oder drei Mark geſpart zu haben, wiegt nicht alles auf. Nicht alles! VBom blauen“ Blute Von Dr. Ernst Hamberger(Franffurt a. M.) Woher ſtammt die Bezeichnung:„blaues“ Blut? „Während meiner Anweſenheit als Schiffarzt in Südamerika (Columbien und Venezuela) fiel mir auf, daß in den Familien ein großer Wert auf reine Abſtammung gelegt wurde. Nur der, dem reines ſpaniſches Blut in den Adern floß, galt als vollwertig. War in irgend einer Generation eine Miſchung mit Einheimiſchen vor⸗ delontaen, ſo war die Familie etwas minderwertig. Run iſt die Bevölkerung jener füdamerikaniſchen Staaten weſentlich ſpaniſch. Der Urſprung, daß der Adel„blaues Blut“ beſitze, daß adlig leichwertig mit„blaublütig“ ſei, führt alſo nach Spanien. Wie ommt der ſpaniſche Adel dazu, ſich„blaues“ Blut zuzuſchreiben, wie kommt er zu dem Vorrecht, ein beſonderes Blut zu beſttzen? Die älteſten und ſtolzeſten Familien Kaſtiliens leiten ihre Abſtammung von den Weſtgoten her. Dieſen wurde das„blaue“ Blut, das„Sangre azul“, zugeſprochen. Die blonden Goten hatten eine helle Geſichtsfarbe im Vergleich zu den Eingeborenen, welche die dunkle Haut des jüdlichen Klimas beſaßen. Durch die weiße, durchſichtige Haut der erſteren ſchimmerten die blauen Adern durch; bei der dunklen Haut der Eingeborenen war davon nichts zu ſehen, ebenſowenig bei den dortigen Juden und eingemwanderten Mauren. Wer von den Abkömmlingen der Weſtgoten ſich nicht mit Mauren, Juden oder eingeſeſſener Bevölkerung vermiſchte, heſaß„blaues“ Blut. Das Blut wird dabei als typiſcher Teil des Körpers behandelt, der von den Eltern ſich auf die Kinder vererbt. gebend. Es liegt alſo ein guter meint. Wenn wi Nun wird vom Blut der adligen Vorfahren, von Eltern und Kindern, als von etwas geſprochen, das ſie von anderen Familien und Raſſen unterſchied. Die alten Geſchlechter Spaniens erhoben den Anſpruch, ganz reinen Blutes zu ſein. Der moderne Spanier 4 noch heute ſtolz darauf, beweiſen zu können, daß in ſeinen dern nur das„sangre azul“ fließt, unvermiſcht durch das Blut anderer. Dieſer Titel„blaublütig“ bleibt aber nicht dem Spanier allein, ſondern wurde ſpäter allgemein auf den Adel übertragen. Daher die Sitte, adlig gleich„blaublütig“ zu ſetzen. Der Weg, den die Verbreitung der Bezeichnung genommen, ſcheint über England zu führen. In der engliſchen Literatur kommt die Bezeichnung, ſoweit mir bekannt, früher als in anderen Ländern vor. So ſagt b ſchon im Jahre 1606 Shakeſpeare in„Antonius und Kleopatra“ ſthere is gold and here my bluest vaines to kiss a hand that kings have lipped“(nimm Gold und hier zum Kuß die blaueſte Ader; eine Hand, die zitternd der Könige Lippen geküßt). Es iſt kein Zweifel, daß durch Heirat in dem gleichen Fa⸗ milienſtamm hochwertige Eigenſchaften ſowohl körperlicher, wie geiſtiger Art vererbt werden. Durch Inzucht können im Laufe von Generationen die höchſtentwickelten Menſchen gezüchtet werden. Das Geſchwiſterpaar Siegmund und Sieglinde erzeugt in Richard Wagners Muſikdrama den vollkommenſten Helden. Allerdings muß reine Inzucht durch zu viele Generationen verworfen werden; die Stämme bedürfen zuweilen einer Auffriſchung durch fremdes Blut. Aber trotz der Heiraten im Famiilienſtamm iſt bei den Nach⸗ kommen des ſpaniſchen Adels eine ÄAnderung im Ausſehen ein⸗ getreten. Es wäre ein Trugſchluß, anzunehmen, daß bei Inzucht ſcharakteriſtiſche Eigenſchaften ſich nicht ändern könnten, daß auch heute noch der kaſtilianiſche Adel blond ſein müßte. Auch bei In⸗ zucht ändern ſich die Familieneigenſchaften allmählich durch Um⸗ gebung und Gewohnheiten. So hat Boas nachgewieſen, daß bei den Kindern der in Amerika Eingewanderten ſich ſchon in der nächſten Generation die Geſichtsformen ändern; ſchmale Geſichtet werden breiter, breite werden ſchmäler. Wir legen heute weniger Wert auf Adel und reine Ab⸗ ſtammung, auf reines„sangre azul“, als auf körperliche und geiſtige Tüchtigkeit. Da iſt es aun eine bemerkenswerte Tatjache, daß wir auch heute noch ſagen oder ſagen dürfen, daß körperlich und geiſtig hervorragende Menſchen„blaues“ Blut beſitzen, aber nicht nur rein anatomiſch, ſondern zugleich ſunktionell. Heute werden wir vorziehen, von Vollblut zu ſprechen; die Deutung iſt die gleiche. Bei Pferden ſprechen wir ſchon immer von Voll lut. Was iſt das Charakteriſtiſche des Vollbluts? Daß dicke Blutadern auf der Haut liegen, gefüllt mit blauem Blut, weil das Blut durch die Kohlenſäure, die ſich durch Vor⸗ brennung von Sauerſtoff im Korper bildet, dunkel gefärbt iſt; je ſtärker die Blutader, je blauer das Blut. Bei guter Funktion aller Organe fließt Blut in dieſelben; je mehr, deſto beſſer für die Ausbildung der Organe. Die Ausbildung und Vergrößerung eines Organes hängt direkt von Blutzufuhr und Funktion ab. Dabei iſt das, was für die phyſiſche Funktion gilt, auch für die geiſtige maß⸗ Kern in der Anſchauung vom „blauen“ Blut, ſoweit man nicht nur die verſtärkte Funktion in ben äußeren Körperteilen, ſondern auch die der Zentralorgane r ſagen:„mens sana in sano corpore“(im ge⸗ Goethe uns Bremerhaven Zur Hundertjahrfeier des größten deutſchen Uberſee⸗ Paſſagierhafens Von Dr. Frierich Hackenberg Am 30. April ſeiert die Tochterſtadt der Hanſe⸗ ſtadt Bremen die vor hundert Jahren durch den bremiſchen Staatsmann Smidt erfolgte Hafen⸗ gründung. Keine Burg dräut herüber aus Ritterfehde und Waſſah⸗ ſpiel, kein Dom wuchtet herauf zu dem weiten Himmel mit den wundervollen Wolkenſchifſen, kein Heldenſang ſingt von Walſtatt und Runenmal dort am Ausklang der deutſchen Weſer, die Schillers Muſe„auch zu dem kleinſten Epigramm“ keinen Stoff gab. Und doch war es Heldenzeit deutſcher Seerecken und hanſe⸗ atiſcher Kaufherren, als vor hundert Jahren der bremiſche Bürgermeiſter Johann Smidt mit genialem Zugriff an der Weſermündung einen feſten Grundſtein zum neuen Deutſchland Umſchwung vom Agrar⸗ zum Induſtrieſtaat vollzog, gründete Smidt auf einem Streifen hannöverſchen Landes den Hafen und die Stadt, von denen aus Bremen ſich Weltmeer und Welt⸗ geliung erringen ſollte. Wenige waren es, die, wie er, Deutſch⸗ lands Wandlung vom Dichter⸗ und Philoſophenreich zum realen Tat⸗ und Welthandelsſtaat vorausſahen; noch löſchte und lud die bremiſche Brigg in fernem Weſt und Südoſt ohne Schutz einer weltbewußten deutſchen Macht. Der kleindeutſche Philiſter ſchüttelte den Zopf ob der heldiſchen Tat des weitſchauenden Bremers; der Große Weimar⸗Deutſchlands aber, der ſelbſt gerade ſeine heroiſche Arbeit- meiſterte, die„Wanderjahre“ beſchloß, und läßt er von ſeinem Sekretär John abſchreiben. Das den„Fauſt“ der Vollendung zuführte, zollte ihm Beiſall und tiefe Anteilnahme. Dem Seher Goethe, der die ganze geiſtige Arbeit der Menſch⸗ heit beobachtete und innerlich erfaßte, war der ſtille Auſſtieg jungfriſcher neuer Kultur nicht verborgen geblieben. Das zeigten die Amerikabetrachtungen der„Wanderjahre“, die Prophezei⸗ ungen über Panama⸗ und Suezkanal, der Wunſch, den Deutſchen vom Nur⸗Geiſtigen zum Real⸗Tätigen zu führen. Eckermann hatte ihn ſchon 1826 nach einer Reiſe in die Riederſächſiſche Heimat„von Hamburg, Stade und den dortigen Anſchwemmun⸗ gen, Einrichtungen, Anſiedlungen“ berichtet. Sein Bremer Freund Dr. Nicolaus Meyer wird ihn bei ſeinem Beſuch in Weimar beſtimmt auf die Pläne und Erfolge Smidts aufmerkſam gemacht haben. Anfang Februar ſchickt er dem Achtzigjährigen„eine Zeichnung und allgemeine Nachrichten über den Hafenbau“, die er von jeinem Vetter, dem Senator Dr. Heinecken erhakten hatte, der den Ausbau leitete. Heineckens Brief iſt beigefügt, der die Erſchwerung des Handels durch den ungünſtig gelegenen Löſch⸗ platz Brake, die ſchwierige An⸗ und Abſuhr auf den Kleiwegen, die Notwendigkeit einer Kunſtſtraße und des„Bremerhavens erläutert. Am 9. Februar vermerkt Goethe:„Verſchaffte mir legte. In den Tagen, da die Herrin der Meere endgültig den Weſerkarten, um die mitgeteilten Nachrichten über die neuen Bauten bei Geeſtendorf und dem Leher Hafen beſſer einzuſehen, worüber die Menyeriſchen Mitteilungen ſehr angenehm waren“. Am folgenden Tage findet Eckermann ihn„umringt von Charten und Plänen in Bezug auf den Bremer Hafenbau, für welches großartige Unternehmen er ein beſonderes Intereſſe zeigte“. Goethe iſt„höchſt dankbar“ für die„Rotizen mit dem Interims Riß der neuen Anſtalten an der Einmündung des Weſerfluſſes und bittet um weitere Nachrichten; er wünſcht ſogar die Orte zu wiſſen,„durch welche der Weg von der neuen Anlage bis Breuen geführt wird“. Die eingehenden Mitteilungen Heinedkens von zunden Körper iſt auch eine geſunde Seele), ſo ſetzen wir eine hohe Zeiſtige Funktion neben körperlicher Tüchtigkeit voraus. Und zwar wollen wir ganze Völtker zu kulturell hochſtehenden Menſchen er⸗ iehen. Nur im Verlauf von Generationen können ſich freilich durch Pehenzunr ſolche Kulturvölker heranbilden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir alle, körperlich und geiſtig, in gutem und in ſchlechtem Sinne, ſehr viel mehr, als man früher glaubte, von der Erbſchaft abhängen, die wir von unſeren Voreltern er⸗ hielten. Das beſtimmt neben der Fernhaltung aller üblen Ein⸗ flüſſe durch ſoziale Reformen unſere Zukunft. Was können wir nun aus eigenen Kräften zu dieſer wünſchenswerten Entwicklung beiſteuern? Dies führt uns zu einem aktuellen Kapitel, dem Sport. Je ſtärker die Funktion, deſto mehr Sauerſtoff wird verbrannt, deſto mehr Kohlenſäure gebildet, das Blut wird„blau“. Umgekehrt deutet„blaue“ Farbe des Blutes auf eine durch Übung erlangte Fähigkeit, Energien in ſich aufzuſpeichern. Der an geſunde Arbeit Gewohnte trägt größere Energien in ſich, als der Untätige und der mit ſchlechter Arbeit Beſchäftigte. Er iſt in hohem Maße leiſtungsfähig. Darin liegt der Sinn des Sports. Der Sport iſt ein Weg,„blaues“ Blut bei möglichſt vielen Menſchen auch aus der großen Maſſe zu erzeugen. Aber der körperlich gerichtete Sport vermag nichts ohne geiſtige Ubung. So muß noch geiſtige Beweglichkeit und Freiheit zum körperlichen Wohlſein kommen, um„blaublütige“ Geſchlechter im modernen Sinne erſtehen zu laſſen. Dann haben wir eine Eigen⸗ ſchaft, die früher Adelsprivileg war, auf ganze Völker übertragen und der demokratiſchen Entwicklung Bahn gebrochen im Sinne des Dichterwortes: „Alle Menſchen, frei geboren, Sind ein adliges Geſchlecht!“ — 5 45 A 54, 4 31 Das weibliche Schönheitsideal ien Jilmn Von Curt Moreck Wir entnehmen mit Erlaubnis des Paul⸗Aretz⸗Verlages in Dresden dem ſoeben erſchienenen Werke„Cuxt Moreck, Sittengeſchichte des Kinos“(300 Seiten mit 112 Tafeln in Tiefdruck; Ganzleinen 25 Mark; 9 Liſſerunhen zu 2.30 Mark; Einbanddecke 2 Mark) folgende intereſſante Stelle: Mit der Kunſt, ſich zu kleiden, ſich zu ſchmücken, ſind der Frau Inerſchöpfliche Möglichkeiten der Wirkung auf den Mann in die Hand gegeben. Es iſt naheliegend, daß dieſe Möglichkeiten vor üllem von jenen Frauen ausgenützt werden, deren äußere Erſchei⸗ nung Gegenſtand öffentlichen Intereſſes iſt. Dies iſt in erſter Linie heute die Kinoſchauſpielerin. Sie iſt zur Trägerin jedes Neuerungsgedankens in der Mode geworden, Sie kreiert die Neu⸗ heiten und inſpiriert ſie zuweilen. Lange vorbei ſind die Zeiten, wo man von einer Mode der Königinnen ſprechen konnte, die der Welt zum Vorbild wurde; die Geſetze des Geſchmacks werden heute von den Königinnen der Mode diktiert, die in der Welt des Films reſidieren. Individualiſierungstendenzen ſind es, die den Kinoſtar zur Modeſchöpferin oder ⸗trägerin machen. Seine Neuerungsſucht entſpringt dem Bemühen, ſich abzuheben und aus⸗ zuzeichnen durch ins Auge ſpringende Mittel. Ständig in einer ſchweren Rivalität ſtehen und von der Gun — 3 eee —:nOAnRE ſt des Publikums abhängig, muß die Kinoſchauſpielerin ſich auf die ſchwere Kunſt des Gefallens verſtehen, wie keine andere Frau, denn ſie will nicht einem gefallen, ſondern allen, nicht einen in ihren Bann ziehen, ſondern alle. Auffallen iſt die Vorausſetzung für Gefallen. Dazu verhilft ihr vor allem die Mode, die Extravaganz der Mode, das Beſtreben, die Tendenz der Mode über das allgemein inne⸗ gehaltene Maß hinauszutreiben, oder aber ihr alsVorbild voraus⸗ zueilen. Georg Simmel ſagt in ſeiner„Philoſophie der Mode“, daß die Mode der eigentliche Tummelplatz für Individuen ſei, deren Selbſtgefühl einer gewiſſen Auszeichnung, Aufmerkſamkeit, Beſonderung bedürfe.„Sie erhebt eben den Unbedeutenden da⸗ durch, daß ſie ihn zum Repräſentanten einer Geſamtheit macht, ur Verkörperung eines Geſamtgeiſtes. Ihr iſt es eigen— weil ſe ihrem Begriff nach niemals eine von allen erfüllte Norm ſein ann—, daß ſie einen ſozialen Gehorſam ermöglicht, der zugleich individuelle Differenzierung iſt. In dem Modenarren erſcheinen die geſellſchaftlichen Forderungen der Mode auf eine Höhe ge⸗ ſteigert, auf der ſie völlig den Anſchein des Individualiſtiſchen und des Beſonderen annehmen.“ Als ein gewiſſer Grad von Modenarrheit aber erſcheint die Führerſchaft des Filmſtars in der Mode, weil das Ungewöhnliche ihm zur Betonung ſeiner Sonderſtellung willkommen iſt und er nur durch Übertreibung⸗ Aufſehen erregen kann. Die Kinoſchauſpielerin muß und wird ſich ſtets bewußt ſein, daß ſie gleichſam ein Ideal der ihr huldigenden Menge zu er⸗ füllen hat, daß ſie das Objekt eines gewiſſen Schönheitskults iſt. Mag die ſich in den Hirnen der Zuſchauer ſpiegelnde Vorſtellung von Schönheit noch ſo verworren und verſchwommen ſein, ſie wird den ſchwankenden Begriff dadurch feſtigen, daß ſie in ſich einen Durchſchnittstyp aufſtellt. Auch hierzu verhilft ihr die Mode. Geblendet von der Eleganz des Kleides, überſieht vielfach der Zuſchauer gewiſſe Schönheitsfehler der körperlichen Erſchei⸗ nung, und es iſt zweifellos wichtiger für die Kinoſchauſpielerin, eine geſchickte Schneiderin zu haben, als eine makelloſe Figur, denn nicht allein der vollkommenſte Körper genügt für ſich allein dem Schönheitsverlangen des heutigen Menſchen, ſondern auch die ganze Aufmachung, ſchicke Kleider, elegante Strümpfe, feines Schuhwerk gehört eben gleichſam zum Körper wie beim Tier das farbenprächtige Gefieder oder anderer Körperſchmuck. Der größte Triumph iſt daher wohl der eleganteſten Kinodarſtellerin ſicher. Für die Männer wird ſie das Wunſchbild ihrer erotiſchen Sehn⸗ ſüchte ſein. Für die Frauen das Vorbild, nach dem ſie ſich kleiden und bewegen, nach dem ſie lächeln und die Blicke werfen. Bei der immenſen Verbreitung der großen Filmwerke iſt dieſe Wirkung eine umfaſſende und internationale. Auch in dieſer Beziehung wird jedoch der Geſchmack jener Nationen vorherr⸗ ſchend ſein, der den größten Abnehmerkreis der Filminduſtrie ſtellt und dies iſt derzeit Amerika. Amerikas Geſchmack, durchaus fragwürdig und von keiner Tradition getragen, gibt heute dem Ideal von Eleganz und Schönheit ſein Gepräge; er hat einen Typ entſtehen laſſen, der allerorts ſich Geltung zu verſchaffen wußte. Ihm verdanken wir als Schönheitsideal der Maſſe eine Frauenerſcheinung von prononcierter Künſtlichkeit, an der alles „ſüß“ gefunden wird: das kurzgeſchnittene, in blonden Wolken ‿ —— bremiſchen Senator für ihn bereitgelegte genaue Kartenmaterial über Bremerhaven iſt allerdings nicht mehr in ſeine Hände ge⸗ langt(vgl. das verdienſtvolle Werk von Hans Kaſten, Goethes Bremer Freund Dr. Nicolaus Meyer, Bremen 1926). Die ihn beſuchenden Bremer(am 21. Juli 1829 wird ein„Burgemeiſter Kuhlenkamp“ erwähnt) berichten über den Fortgang und das Ausmaß der Arbeiten. Damals ringt Goethe um den Ausklang des„Fauſt“. Er iſt ſein„Hauptgeſchäft“, das, wie Fauſts letztes Unterfangen, den Lebensabend des ewig Strebenden erfüllt. Mag er das Bild, Fauſt als Koloniſator und Beherrſcher des dem Meere abge⸗ rungenen Landes, ſchon nach Eckermanns Bericht erſchaut haben, mag er Beiſpiele dafür in der Geſchichte der Niederlande, Oſt⸗ frieslands, der Republik Venedig gefunden, Napoleons oder des großen Friedrichs Züge ſeinem Tatmenſchen mit aufgeprägt haben, die friſcheſten und tiefſten Anregungen ſind ihm zweiſel⸗ los von der Unterweſer gekommen. Smidts Werk fällt zeitlich zuſammen mit ſeinem Schaffen am Unternehmen Fauſts,„der ſeuchten Breite Grenze zu verengen“. Realiſtiſch iſt die Sprache wie die des heraufdämmernden wagemutigen Zeitalters:„Das freie Meer befreit den Geiſt“. Und dann iſt Smidts Hafen⸗ und Stadtgründung nicht nur etwas unerhört Neues, ſondern eine Tat deutſchen Geiſtes, die Goethe, der ſich nach dem innerlichen Freiwerden in Italien wieder ſeinem Volkstum zugekehrt hatte, als Deutſchen packt und tiefinnerſt begeiſtert.„Müſſen wir doch ſoviel von den engliſchen Docks, Schleuſen, Kanälen und Eiſen⸗ bahnen uns vorerzählen und vorbilden laſſen, daß es höchſt tröſt⸗ lich iſt, an unſerer weſtlichen Küſte dergleichen auch unternommen zu ſehen.“„Ich habe,“ ſchreibt er dankerfüllt an ſeinen Bremer Freund Dr. Meyer,„kein anderes Intereſſe als das allgemein Deutſch⸗Continentale. Seit der Caſſeler Zuſammenkunft(der im Jahre 1828 erfolgte zollpolitiſche Zuſammenſchluß der nieder⸗ ſächſiſchen Staaten mit Mitteldeutſchland) und den dortigen Be⸗ ſchlüſſen muß uns böchſt wichtig ſein, eine Unternehmung, die der Weſer erſt ihre Würde gibt, vorſchreiten zu ſehen.“ Nach ſeinen eigenen Worten beſchäftigt ihn nur das, was ſeine Tätig⸗ keit vermehrt, und ſo iſt denn auch gewiß Smidts Tat in das dichteriſche Schaffen jener Tage lebendig eingefügt. „Das Land iſt noch nicht da; im Meere liegt es breit.“ Des bremiſchen Staatsmannes geniales Zufaſſen ſchafft das Aus⸗ falltor:„Wer weiß da, was Beſinnen heißt! Da fördert nur ein raſcher Griff.“ Überraſchend ſchnell erſtehen unter Smidts und des Senats Leitung Land, Schleuſe, Dämme, Buhnen: „Kluger Herren kühne Knechte Gruben Gräben, dämmten ein, Schmälerten des Meeres Rechte, Herrn an ſeiner Statt zu ſein. Dort im Fernſten ziehen Segel, Suchen nächtlich ſichern Port— Kennen doch ihr Neſt die Vögel— Denn jetzt iſt der Hafen dort.“ Im Gegenſatz zum idylliſchen Genügen ſatten Alters(Philemon und Baucis) hat der Land⸗ und Städtegründer Fauſt ſich bis ans Ende raſtlos verzehrend, die Natur zu großen Kulturaufgaben bezwungen. Für die beſondere Wahl ſeiner zukunftsſtarken Koloniſationskat iſt ohne Zweifel Smidts Meiſterwerk, die Gründung Bremerhavens, Anſporn und Vorbild geweſen. Und wenn kommende Geſchlechter und Völker in weisheitstiefen Wundergärten der Fauſtdichtung„wandern, forſchen und ent⸗ decken,“ ſo wird in Fauſts Vollendung auch Smidts Tat, die wirklich„der Weſer erſt ihre Würde“ gab, immer wieder ſtill aufglänzen und von einem großen Menſchen zeugen, für den Fauſtens Wort gilt: „Dem Tüchtigen iſt dieſe Welt nicht ſtumm“, 4 8 8 1 — den Kopf bekrönende Haar, die dunklen, ſchmachtenden Augen mit den langen Wimpern, die ſinnlich geſchweiften, mit leuch⸗ tendem Rot bemalten Lippen, der ſtark überpuderte Teint, die ſchlanken ſchönen Beine in ſchimmernden Seidenſtrümpfen, die ſchwingenden Hüften und die in erregender Kurve verlaufende Rückenlinie. Das iſt die kosmetiſche Aphrodite des modernen Films. Der amerikaniſche Geſchmack hat dieſen Typ ſanktioniert und darnach modellieren ſich die„Sterne“ des neuen und alten Kontinents. Der moderne Frauentyp, dem wir heute überall im Leben begegnen und der ſich in kurzer Zeit überall durchgeſetzt hat, iſt von der Kinoſchauſpielerin vorbereitet worden. Sie hat den neuen Haarſchnitt, der dem Einfall einer Tänzerin entſprungen iſt, als Modelaune aufgenommen und ihn den Tauſenden und Abertauſenden von begeiſterten Zuſchauerinnen ſuggeriert. Sie hat, aus Koketterie vielleicht, um mit den Reizen eines ſchönen Beines Aufſehen zu erregen, den Rockſaum bis ans Knie hinauf befohlen und die Frauen in aller Welt ahmten ihr nach. Sie hat die neue Linie propagiert, jene neue Linie, die den Körper der Frau ſchlank und ebenmäßig erſcheinen läßt und die die körperlichen Unterſchiede der weiblichen Formen im Gegenſatz zu den männlichen auf ein Minimum ausgleicht, indem ſie die Kurve der Hüften und das für die Frau charakteriſtiſche Mißverhältnis in den Proportionen des Unter⸗ und Ober⸗ körpers verſchwinden läßt. Sie hat nur einer Laune folgend der Entwicklung gleichſam vorgegriffen und durch ihr Beiſpiel zur „Vermännlichung“ der modernen Frau beigetragen. Sie hat mit der Anmut ihrer Erſcheinung den Geſchmack vorbe⸗ reitet auf die von der Zeit bedingte und von der Zeit herbei⸗ geführte Wandlung im Außeren der heutigen Frau, die ſymboliſch iſt für ihre tiefere, ſeeliſche Metamorphoſe. Sie hat den modernen Frauentyp vorgebildet, den Typ der Frau des zwanzigſten Jahr⸗ hunderts, der der Antityp des mütterlichen Weibes iſt: denn den alten Naturwillen, der ſich auf die Idee der Fortpflanzung konzentriert, haben die ungeheuer ſchweren Lebensbedingungen unſerer Gegenwart gelähmt und unterdrückt, ſie haben ihn im Kampfe mit dem Selbſterhaltungstrieb des Menſchen unterliegen laſſen. Sie gab uns das Vorbild der Frau, die heute mit leichten federnden Schritten durch den raſenden Tumult der Straße ſchreitet, lächelnd und ſicher, von Gefahren umſpielt, Tennis ſpielend auf ſonnigen Plätzen, ſich in die Wogen bewegender See werfend, mit feſter Hand das Auto lenkend oder die Zügel des Pferdes haltend, die Steilheit ſchroffer Felſen überwindend und über verſchneite Hänge fauſend. Vielleicht hat ſie ſelbſt dies alles nur als extravagante, intereſſante Geſte hingeworfen, vielleicht iſt ſie ſelbſt nur ein lebendiges Modejournal geweſen, nur die Darſtellerin eines der Zeit gemäßen Lebens, aber das Bild blieb haften und tat ſeine Wirkung, eine Wirkung, die im Sinne der Epoche lag. Oper ohne Orcheſter Allen Ernſtes geht man jetzt daran, die immer mehr ſich ent⸗ wickelnde Grammophon⸗ und Schallplatten⸗Technik in den Dienſt muſikaliſcher und deklamatoriſcher Veranſtaltungen zu ſtellen.— Vor allem, ſeitdem die Grammophontechnik nicht mehr die alten Aufnahmeverfahren benutzt, wie ſie im Anfang zurzeit der Er⸗ findung des Grammophons und Phonographen durch Ediſon an⸗ gewandt wurde, ſondern ein modernes„Schneid“⸗Verfahren, das mit Hilfe der modernen Elektronenröhren arbeitet. In der „Radio⸗Umſchau“, der illuſtrierten Wochenſchrift über die Fort⸗ ſchritte im Rundfunkweſen, wird eine derartige Schneidevorrich⸗ tung zur Herſtellung von Schallplatten genau beſchrieben, und anſchließend die Anwendungsmöglichkeiten, die ſich hieraus er⸗ geben. Bei der beſchriebenen Anordnung wird Muſik und Sprache von einem Mikrophon aufgenommen, in der Art, wie dieſes bei allen Fernſprechapparaten zu finden iſt. Die Schallenergie, welche hier in elektriſchen Strom umgewandelt wird, geht dann in einen Verſtärker, der ähnlich gebaut iſt wie die beim Nodinappälat be⸗ nutzten Verſtärkereinrichtungen. Wenn jetzt der Strom den Ver⸗ ſtärker verläßt, iſt er ſo kräftig, daß er in der Lage iſt, einen Elektromagneten zu betätigen, der ſeinerſeits eine Stahlnadel oder einen Stahlgriffel ſo beeinfluſſen kann, daß dieſer, wenn er auf einer ſich drehenden Grammophonplatte ſchleift, kräftige, mehr oder weniger ſtarke Vertiefungen ein,ſchneiden“ kann. Auf dieſem Prinzip beruhen heutzutage alle modernen Aufnahmeverfahren, und es entſtehen ſo die verſchiedenen Fabrikate, die uns unter dem Namen Elektro⸗Record, Grammola, Elektrola und anderen Markenbezeichnungen begegnen. 1 In welcher Weiſe ſich die Technik der elektriſchen Verſtärkung entwickelt hat, zeigt ein in demſelben Heft der„Radio⸗Umſchaut enthaltener Aufſatz über die modernen Mehrfachröhren, d. h. Röhren, die, in einem Glasgefäß eingeſchloſſen, Anordnungen enthalten, die in der Lage ſind, die feinſten elektriſchen Span⸗ nungen und Ströme derart zu verſtärken, daß bei dieſen Geräten alle augenblicklich überhaupt vorkommenden Verſuche auf dem Gebiet der Drahttelegraphie und der drahtloſen Telegraphie vor⸗ genommen werden können. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch, alle Zu⸗ ſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Aufgabe Nr. 101 G. Letz in, Neukölln(Arbeiter⸗Schachzeitung 1929) : Schwarz 77 W S N 8 Mr, S ggp, N X ſ)hhſh hhhſhhſ 2 X+ N X 8 S X X X 8 8 X 8 8 8 X W 8 NN X I 8 Weiß Weiß zieht an und ſetzt im dritten Zuge matt Löſung: 1. Sabl(es droht 8 4) T. à5. 2. De6, cö. 3. D matt. Schwarz öffnet durch c5 dem einen Turm die Tür nund ſchließt ſie dem andern. Damengambit und Damenbauernspiel Nach den Zügen 1. d 2— d 4, d7— d 5; 2.°2— e 4, d 5 X△ 4: IV. 3. Sg1— tfs gilt als die stürkste Antwort, Sg 8— f 6: 4. 02— eg, Les— 4. 5. LT1 X 04, 07— 6. 6. 8 b 1— 3, c7— c6.(ohrär⸗ muß natür- lich die offene c-Linie, die für den weißen a-Turm in Frage kommt, möglichst ab- schließen.) 7. 0—0, L f 8— e 7. 8. D d 1— e 2, 0— 0. 9. T f 1— d1, 8 b 8— d 7. 10. 0 3— 41, DdS— e 7. Weiß steht zwar etwas freier, aber die schwarze Stellung ist durchaus vorteidigungsfähig. 3. S f.*43, e 7— 66. 4. 02— 3, Sg 8— f 6. 5. L. f 1 ✕ 4, a 7— a6, um sich mit b 7.— b5 zu entwickeln. 6. à 2— a 4, 7—( 5. 7. 0— 0. Weiß will die offene d-Linie für seinen Turm verwenden. S b 8—(6. 8. S b 1— G 8, L18— 07. 9. D d1— e 2, 0— 0. 10. I71— d 1, 5 ✕ d 4. 11. e 3 ¾% d 4, Sc6— b 4. Lasker sagt: Weiß hat die Initiative, Schwarz steht gedrückt. VI. 3. Sg 1— f 3. Dieser Zug ist stark, da er die scharfe Antwort e 7— e 5 verhindert. Doch— er gibt dem Schwarzen ein wichtiges Tempo zur Ver- teidigung des Gambitbauern. 7— c 6. 4. a 2— a 41(Weis darf jetzt nicht ungestraft b 7— b 5 zulassen; z. B. 4. 9 2— e 3, b7— b 5. 5. a 2— a 4, D d8— b 6. 6. b 2— b3, c α b 3. 7. Dd1 ϑ△ b 3, b 5 X✕ a4! usw. Auf 6. a X✕ b 5, ✕ b 5. 7. b 3, c ✕ b 3. 8. D ✕ b 3, b 4. 9. Se 5, e 6 und Weiß dürfte schwerlich Ausgleich erzielen.) b 7— b 5. 5. à 4 X✕ b 5, 6 X b. 6. e 2— 3, e 7— e 6. 7. b 2— b 3, a 7— a 5. 8, b 3 X✕( 4, b 5— b 4 und Schwarz dürfte wohl gleiche Chancen haben. Diese Varianten sind aber durchaus problematisch und je nachdem, wie ein Spieler eingestellt ist, wird er als Angriffsspieler das weiße, oder als Positionsspieler das schwarze Spiel vorziehen. Das Handbuch wilt die schwarze Spielweise mit 6. e 2— e 3, Dd8— b 6 (?, hier ist e 7— e6 entschieden besser.) 7. Sf 3— e 5 widerlegen, was aber sehr zweifelhaft ist, denn es folgt 7. e 7— 2 61(Nicht 8S g 8— f 6 oder Lb 7, wie im Handbuch) 8. D d1— f 3, Db6— b 7!1 und Schwarz steht gut. VII. Eine zweite wichtige Spielart nach 3. 8 g 1—f 32 ist L e s— g 4! Diese 8 Antwort ist wohl die solideste und klarste, Spielt Weiß immer aggressiv, so hat Schwarz bald bequemes Spiel, z. B.: 4. Sf 3— e 5, S8g 4— h5. 5. g 2— g 4, Lh 5— g6. 6. 8 b 1— 3, 8Sg8— f6(kolgt auk 3. L g 4 4. 0 3, so entwickelt sich Schwarz mit e t nebst Le 7 und 8 b— d7 usw. Auf 4. e 4 folgt schon e 7— e 5 und Schwarz hat freies Spiel. Zum angenommenen Damengambit ist noch zu sagen: Die Annahme des Gambits muß nicht unbedingt die Absicht ausdrücken, den Bauern c 4 auf alle Fälle zu behaupten. Vielmehr betrachté man die Annahme vorläufig als Drohung, durch den Mehrbauern auf dem Damonflügel in Vorteil zu kommen. Zweitens hat die Annahme den Zweck, durch gelegentliche Aufgabe des Bauern ein freies, gleiches Spiel zu erlangen. Auch im abgelehnten Damengambit ist diese Drohung vorhanden, jedoch spielt Weiß bald e 2— es und damit ist sie fast aufgehoben. — Auflöſung des Kreuzworträtzels Wagerecht: 1. Lagune, 5. Mal, 6a. Ob, 9. Lo, 10. Lug, 12. oh!l, 14. acht. Gas, 16. Lord, 17. Eidame, 20. Meter, 22. duſ. 23. Aida, 25. un, 27. es, 29. Do, 31. Zebu, 34. Ardennen, 37. Berg, 38. Rauhe Alb, 40. Met, 43. du, 43. Ilm, 45. Leu, 47. Pe, 48. Spa, 49. Aha!, 51. Ella, 53. Weſte, 54. Sudermann, 55. Met. 3 Senkrecht: 2. Ar, 3. Ulema, 4. No. 5. Muſe 6. A. G., 7. Bode, 8. Boe, 10. Lama, 11. Tor, 13. Hias, 14. Hal, 16. Lenz, Bans E asi 3 Ä. R. gieis u s.. Nice 30. Fehde, 32. Ellipſe, 33. Ur, 34. Arm, 35. Nu, 36. neu, 39.. 34,3 eer, 44. Uhu, 46. Ulm, 47. Pan, 48. Sem, 49. As, 50, a. D., g. ‿ Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. “ 2 1 7. ſ“ 84 2S 8 4 2 1.d 5 80 Was glänz Die geiſuage Entwicklung des jungen Beethoven Von Profeſſor Dr. L. Schiedermair*) Wenn auch Beethovens Erlebniſſe und Eindrücke, die freie Entfaltung ſeines inneren Weſens in den erſten Wiener Jahren zum Aufbau ſeiner Welt⸗ und Kunſtanſchauung das Bedeutungs⸗ vollſte und Entſcheidenſte beitrugen, Sründſteide in dieſer und jener Richtung ſind bei ihm in den empfänglichſten Jugendjahren doch wohl bereits durch den Verkehr mit ſeinem Lehrer Neefe gelegt worden. Beethovens Grundſätze und Anſchauungen haben gewiß erſt bei zunehmendem Alter durch ſich allmählich mehrende FErkenntnis und Erfahrung ihre feſte Geſtalt gewonnen, aber Neefes Auffaſſungen dürften bereits in dem jungen Menſchen einen zündenden, nicht mehr verlöſchenden Funken geſchlagen haben. Mit Gott und Menſchen, Tugend und Gerechtigkeit ſich innerlich auseinanderzuſetzen und über dieſe Auseinanderſetzung nicht raſch hinwegzugleiten, das lag in Beethovens innerer Orga⸗ niſation begründet, aber Neefe mag dazu einen erſten ſtärkeren Anſtoß gegeben haben. Wie eine Bekräftigung, Verdichtung und Steigerung Neefeſcher Außerungen mutet es an, wenn Beethoven ſpäter an den Bonner Freund Wegeler ſchreibt:„So viel will ich euch ſagen, daß ihr mich nur recht groß wieder ſehen werdet; nicht nur als Künſtler ſollt ihr mich größer, ſondern auch als Menſch ſollt ihr mich beſſer, vollkommener finden“, oder wenn er eben⸗ demſelben verſichert:„Meine körperliche Kraft nimmt ſeit einiger Zeit mehr als jemals zu und ſo meine Geiſteskräfte. Jeden Tag gelange ich mehr zu dem Ziel, was ich fühle, aber nicht beſchreiben kann. Nur hierin kann dein Beethoven leben. Nichts von Ruhe! — ich weiß von keiner andern als dem Schlaf, und wehe genug tut mir's, daß ich ihm jetzt mehr ſchenken muß, als ſonſt.“ Ein anderes Mal legt er in rückhaltsloſer Offenheit das Bekenntnis ab:„Gott, der mein Inneres kennt und weiß, wie ich als Menſch überall meine Pflichten, die mir die Menſchlichkeit, Gott und die Natur gebieten, auf das Heiligſte erfülle.“ Und wenn wir es auch nicht aus ſeinen Briefen wüßten, ſo würden Leben und Schaffen für ſein höchſtes Pflichtbewußtſein und ſeine ſtärkſte Vitalität Zeugnis ablegen. Wie ein leiſer Vorklang zu dem lapidaren Zitat von 1820:„Der geſtirnte Himmel über uns“ erſcheint Neefes„wende den Blick aufwärts“, und die Art der Verwendung von Begriffen wie„Schickſal“ oder„Pöbel der Zu⸗ hörer“ erinnert lebhaft an Neefes Sprachſchatz, in den ſelbſtver⸗ ſtändlich allgemeines Zeitgut eingegangen war, der dieſes aber dem jungen Menſchen unmittelbar darbot. Bei Neefes umfaſſender Bildung und ſeinen Anſchauungen über die Ausbildung des Künſtlers wäre es verwunderlich ge⸗ weſen, hätte er den geiſtigen Geſichtskreis des ihm anvertrauten Schülers nicht nach allen Seiten zu erweitern geſucht. Wer den Satz niederſchrieb:„Freilich gehört mehr dazu, als die Kunſt, einige Töne über und nach einander, nach den Regeln des Generalbaſſes und des Geſangs, verbinden zu wiſſen, welche leicht jeder Dorfſchulmeiſter erlernen kann“, ließ ſeinen Schüler nicht auf dem geiſtigen Niveau des Elternhauſes und des Tirociniums ſtecken. Er wurde der Anreger und Förderer der Bildungsquellen ſeines Zöglings, der Ratgeber und Mentor in allgemein menſch⸗ lichen und künſtleriſchen Fragen, der Führer in ſeinen litera⸗ riſchen Bedürfniſſen. Was die Bonner Reſidenz an geiſtigen Strömungen durchflutete und was Neefe zu ihnen beitrug, um⸗ fing den jungen Beethoven und berührte jetzt um ſo ſtärker ſeine Seele, weil Neefe es nicht gewaltſam aufzudrängen ſuchte, ſondern *) Der Todestag Beethovens lenkt unſere Aufmerkſamkeit auch auf die be⸗ deutendſte Beethoven⸗Publikation der letzten Jahre, das kürzlich erſchienene um⸗ fangreiche Werk„Der junge Beethoven“, dem die vorſtehende Probe entnommen iſt. Auf Grund bisher gänzlich unbekannten Materials wird hier die Jugend des roßen Mufikers zum erſtenmal ausführlich geſchildert. Verlag von Quelle 8⸗ Keyer in Leipzig. In Leinenband Mk. 20.—. — t, iſt für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwell unverloren d in einem das jugendliche Alter des Schülers nicht überſchreitenden Maße näher brachte. Wenn Beethoven ſpäter immer wieder zu den Werken großer Dichter und Denker griff, hat mit den Angehörigen des Bonner Freundeskreiſes Neefe hierzu die erſten Anregungen gegeben. Daß Beethoven zu Gellert kam, wird wohl ebenſo auf ihn zurückzuführen ſein wie beſonders die lang an⸗ haltende Begeiſterung für Klopſtock, den er nach ſeiner eigenen Ausſage— wir dürfen wohl hinzufügen: vornehmlich in ſeinen Jugendjahren—„freilich nicht überall verſtand“. Vielleicht war es auch Neefe, der zu ihm ſchon damals von Goethe ſprach und dadurch veranlaßte, daß dieſer Name ſich in Beethovens Ge⸗ dächtnis für immer verankerte.. Wie der junge Beethoven durch Neefe ſich bereits in frühen Jahren allmählich der Sphäre der damaligen Moral⸗ und Auf⸗ klärungsphiloſophie näherte und von dem Anbruch der großen deutſchen Dichtung ungefähre Vorſtellungen erhielt, ſo wurde er unter Neefes Leitung jetzt auch muſikaliſch nicht mehr wie bisher hin und her gezogen, ſondern ſicher geführt und mit älterer wie moderner Kunſt vertraut. Die techniſche Unterweiſung auf Clavichord, Hammerklavier und Orgel nahm einen ruhigen Fort⸗ gang, für die theoretiſche kompoſitoriſche Schulung wurde wohl erſt jetzt unter Zuhilfenahme von Lehrbüchern ein feſterer Grund gelegt, die erzieheriſche Kraft äußerte ſich aber vor allem in der Auswahl des Spielmaterials, das dem Schüler in die Hand gegeben wurde und in der Abſicht, auch deſſen muſikaliſchen Ge⸗ ſichtskreis möglichſt zu erweitern und nicht euf die Klavierkunſt zu beſchränken. Faſt in derſelben Zeit, in der Mozart im Wiener Hauſe von Swietens den Weg zu Sebaſtian Bach fand, kam der um vierzehn Jahre jüngere Beethoven durch Neefe zum„Wohl⸗ temperierten Klavier“ und entrann dadurch der Gefahr einſei⸗ tiger, moderner Ausbildung, der damals nach der Verdrängung von Bachs Kunſt und dem Siegeszug des neuen Inſtrumentalſtils junge deutſche Künſtler leicht ausgeſetzt waren. Dieſe Bachſtudien ſchlugen eine Brücke zur älteren, norddeutſchen Kunſt und mochten zunächſt auch die Lücken weniger fühlbar machen, die Neefes Art der kontrapunktiſchen Anleitung unausgefüllt ließ. Seidem hat Beethoven die Beziehungen zu Sebaſtian Bach nicht mehr gelöſt. — In memoriam Andreas Reiſcheck Unſere Zeit iſt reich an Geſchichten von märchenhaften Er⸗ folgen willenskräftiger Männer, die von den unterſten Stufen der Armut zu den höchſten Höhen des Reichtums und der Macht emporſtiegen. Namen wie Ediſon, Rockefeller, Ford mögen hier genügen. Jedoch ſcheinen ſolche Laufbahnen eine ſpezifiſche An⸗ gelegenheit der geſchäftstüchtigeren Amerikaner zu ſein. Im alten Erropa, und vornehmlich an Männern, deren Arbeit nicht äußerem Glück, ſondern ideellen Zielen gilt, bewahrheitet ſich immer noch das Wort:„Der Prophet gilt nichts in ſeinem Vaterlande!“ Das Leben Andreas Reiſchecks, des großen Neuſeelandforſchers, iſt ein Schulbeiſpiel hierfür. Im Jahre 1845 wurde Andreas Reiſchek in Linz geboren, kam aber ſchon in zarteſter Jugend nach Käfermarkt im hügeligen Mühlpviertel Dberöſterreiche Ungeſellig gegen die Meaſchen, ver⸗ brochte der Knabe ſeine Zeit im Walde. Als er alt genug war, um einen Beruf zu ergreifen, wurde er bei einem Bäcker in die Lehre gegeben. Es war ein Glück für den Knaben, der ſich nie mit einem Handwerk befreunden konnte, daß ſein Meiſter Verſtändnis für ſeine naturwiſſenſchaftlichen Studien beſaß. Dann brach 1866 der Krieg gegen Italien aus. Ein am Feldzug teilnehmender Baron nahm nach Kriegsende den klugen jungen Mann auf Reiſen nach Italien mit. Fortuna folgte dem Zurückgekehrten auch nach Wien. Kaum verheiratet, erhielt er durch Vermittlung eines ein⸗ flußreichen Gönners den Auftrag, ein Kolonialmuſeum auf Neu⸗ ſeeland einzurichten. Und Reiſchek, der ſeine Jugendträume in Erfüllung gehen ſah, griff bedenkenlos zu, obwohl er ſeine Frau „auf zwei Jahre“ verlaſſen ſollte. Aber ſein Traum war ſtärker als alle Bande, die ihn an die Heimat feſſelten. Daß er in Wirk⸗ lichkeit zwölf Jahre fernbleiben ſollte, hat er wahrſcheinlich ſelbſt nicht geahnt. In Neuſeeland angekommen, ging er ſogleich an die Arbeit, die ſein Lebenswerk werden ſollte. Mit ſeinen ſchwer er⸗ arbeiteten Gehältern rüſtete er nacheinander acht Erpeditionen aus, zog auch ganz einſam, nur von ſeinem treuen Hunde Cäſar begleitet, unbekannten Gefahren entgegen. Monatelang hörte er oft keine menſchliche Stimme. In zwölfter Stunde war es ihm vergönnt, eine unter den Tritten der Ziviliſation„Sterbende Welt“ feſtzuhalten. Neuſeeland hat ungefähr die Geſtalt und die Größe der Halb⸗ inſel Italien. Der Nordinſel geben große Vulkane, tätige und er⸗ löſchende, das Gepräge. Hunderte von Geiſern ſprühen ſiedeheißes Waſſer turmhoch zum Himmel. Das Herz der Natur pocht hämmernd und dröhnend an die Erdrinde. Die Südinſel erhält durch eine mächtige Bergkette ein feſteres Gefüge. Fjorde, deren Schönheit die ſkandinaviſchen übertrumpft, zerreißen die Küſte. Dieſe paradieſiſche Inſel beherbergt eine ſeltſame Tierwelt. In der geheimnisvollen Waldeinſamkeit tappt der Kiwi—ein Strauß⸗ zwerg, nächtlich ſeinen Weg. Flügelloſe Eulenpapageien hauſen in Baumhöhlen und gehen wie der Zwergſtrauß nur nachts auf Nahrungsſuche aus. Ein anderer Papagei hat ſich aus einem Vege⸗ tarier zum Fleiſchfreſſer entwickelt. Er überfällt Schafſe und hackt ihnen Fleiſchſtücke aus dem Rücken. Der Huia⸗Vogel lebt paarweiſe in ſtändiger Gemeinſchaft. Das Männchen hackt mit ſeinem kurzen ſtämmigen Schnabel die Bäume an, des Weibchens langer dünner Schaabel zieht die Würmer hervor. So ſind ſie untrennbar an⸗ einandergebunden. Das größte Wunder dieſer Welt iſt aber der Menſch. der Maori. Er vereinigt in ſich ſcheinbar unvereinbare Gegenſätze. Die Maori ſind ſchön, den Ariern ähnlich, ſie beſitzen eine hochent⸗ wickelte Kultur, Sinn für Schönheit, Kunſt und Rhetorik, aber ſie ſino Kanibalen. Dem getöteten Feind ſticht der Maori die Augen aus, die er verſchluckt; er ſchneidet die Halsſchlagader auf und ſaugt das Blut aus; er verzehrt ſchließlich auch das gekochte Herz. Reiſchek erzählt, daß einmal ein Häuptling, der einem vor⸗ mehmen Gaſt beſondere Ehre erweiſen wollte, ſeine Frau zwang, für ihr Kind und ſich ſelbſt Kochgruben zu graben, und daß er dann die eigenen Familienangehörigen mit größtem Vergnügen ver⸗ ſpeiſte. Gewöhnlich meint man, daß ein menſchenfreſſendes Volk unbedingt auf einer tiefen Kultur ſtehen müſſe. Die Sitten der Maori ſtrafen dieſe Anſchauung Lügen. Ihre Religion rraſcht durch den Gehalt an tiefen philoſophiſchen Ideen. Sie erinnert in vielem an den chriſtlichen Glauben. Wunderbare Schnitzereien, künſtleriſche bunte Matten, die reiche Ornamentik an ihren Bauten zeugen für große Geſtaltungskunſt. Beſonders hervorzuheben ſind Taxferkeit und Redlichkeit der Geſinnung. Als z. B. ein Stamm Dieſe wundervolle„Sterbende Welt“ hat Reiſchek der Menſch⸗ heit überliefert. Das iſt ſein großes und unſchätzbares Verdienſt. Leider hat man den Lebenden nicht zu würdigen verſtanden. Auch 117. hrhun lautet zu deutſch:„Reiſchek, der Schnepfenſtrauß, Fürſt von Öſterreich“. Sein Vaterland hatte kaum genug Verſtändnis, ihm die Zukunft finanziell ſicherzuſtellen. Am 3. April 1927, 25 Jahre nach dem Tode dieſes beſcheidenen Mannes, fanden in ganz Öſterreich Erinnerunssfeiern ſtatt, an denen die Spitzen der Behörden und der Preſſe teilnahmen. Aber Reiſchek verdient, daß man ſeiner auch in der übrigen Welt ge⸗ denkt. Wenn der Vielverkannte auch während ſeines arbeits⸗ reichen Lebens nicht Ruhm und Anerkennung gefunden hat, ſo ſoll wenigſtens der Name des Toten der Vergangenheit entriſſen ſein. Daß dies jetzt geſchieht, nach einem Menſchenaller, iſt nicht zum mindeſten der dankbaren Liebe ſeines Sohnes zuzuſchreiben, der die Forſchungen des Vaters in dem Buch„Sterbende Welt“ (Brockhaus, Leipzig) ſammelte. Anläßlich des 25. Todestages Reiſcheks hat nun Brockhaus unter dem gleichen Titel auch eine billige Ausgabe des großen Reiſewerks in der Sammlung„Reiſen und Abenteuer“, Halbleinen Mk. 2.80, Ganzleinen Mk. 3.50 herausgebracht. Möge ſie dem bedeutenden Forſcher und edlen Menſchen Reiſchek die Achtung der großen Welt gewinnen. Das Amſterdamer Schiffahrtsmuſeuem Wie eine Idylle in der Großſtadt, fernab dem lärmenden Getriebe der Hauptſchlagadern des Verkehrs, dem raſtloſen Ge⸗ klingel der Straßenbahnen und Getute ſchnell dahinjagender Autos, liegt Amſterdams Schiffahrtsmuſeum, die Stätte ſo vieler Erinnerungen an eine große, für immer der Geſchichte an⸗ gehörenden Vergangenheit. Man ſieht es dem ſchmucken Bauwerk von außen nicht an, was hier an wertvollen Erinnerungen ge⸗ borgen iſt, und man würde gerade dieſe Sammlung eher in jeder anderen Gegend der in ihrem Kern ſo altertümlichen Stadt ſuchen, als hier im architektoniſch ſo modernen Süden von Amſter⸗ dam. Weitaus das Schönſte in dieſem Muſeum ſind die Schiffstypen aus längſt vergangenen Tagen. Die Zeit des Großadmirals De Ruyter ſteigt wieder vor uns auf, wo Hollands Schiffe alle Meere der Erde beherrſchten und die Schätze aller Länder auf dem Amſterdamer Markte zuſammenſtrömten, um von hier aus weit in das europäiſche Binnenland hinein verfrachtet zu wer⸗ den. Da ſieht man Miniaturkriegsſchiffe des 17. Jahrhunderts, von deren Maſten ſtolz die Flagge der Republik der General⸗ ſtaaten weht, und deren reichliche Ausſtattung mit Kanonen darauf hindeutet, daß der koloniale Imperialismus der großen Handelsherren Amſterdams und Rotterdams auch vor Gewalt nicht zurückſchreckte, wenn ſie die niederländiſche Seegeltung be⸗ droht ſahen. Da ſtehen Handelsſchiffe jener Zeit, die in ihrem weiten Bauche ſchon ſtattliche Gütermengen aufzunehmen in der Lage waren, aber bei deren Anblick man ſich doch über den Wage⸗ mut der Seeleute wundert, die auf dieſen ſo ſchwachen Planken den Stürmen aller Meere des Erdballs trotzten. Da begreift man erſt den kühnen Mut und die zähe Ausdauer der Zeitgenoſſen Rembrandts, die in Hollands Blütetagen hier die Grundlagen eines Reichtums ſchufen, von denen nachher Jahrhunderte zu zehren vermochten. Aber auch Landkarten aus vergangenen Zeiten belehren uns, wie nur allmählich das Weltbild des europäiſchen Menſchen ſich weitete, und wie für die Seefahrer des ſogenannten„goldenen“ derts noch große Strecken unſeres Planeten ein un⸗ —— úò E . 1 —— Keine Geſchichten von großen Leuten Von Jonathan Külz Karl Sternheim, man weiß das ſeit geraumer Zeit, war einer der erſten, der ſich begeiſtert für den deutſchen Molisre hielt. Na, n. Eines Abends ſitzt er, wie immer, wenn er in Berlin iſt, in der Halle des Hotel Adlon und hört intereſſiert den Sprüchen eines kleinen Kritikers zu.. 3 „Ich kenne,“ ſo dozierte jener,„nur zwei ſouveräne Geiſter in der deutſchen Literatur...“ „ Und wer iſt der zweite?“ fragte ganz ſchlicht Karl Stern⸗ heim. X „Bleib' jeſund,“ krähte Max Liebermann die Treppe rauf, „bleib' jeſund, Aujuſte.“ Dann trippelte er ſachte aus der Haus⸗ tür, fuhr aber gleich erſchreckt zurück. Vom Möbelwagen auf der Straße war ein großer Schrank gepoltert. Das aber kümmerte den Kutſcher nicht, er fuhr weiter. „Junger Mann,“ krähte da wieder Max Liebermann,„junger Mann, hörnſe, ick jloobe, Se ham da wat valorn...!“ Sudermann, ja, der Sudermann, er lebt und webt noch, und bisweilen lockt er auch mal wieder den Pegaſus. Aber das gehört nicht hierher. Kürzlich ließ er ſich ſeinen weltprämiierten Vollbart ab⸗ nehmen, wandelte ſo voller Luſt auf den Straßen der rituellen Stadt Berlin. „Grüß Gott, alter Freund,“ tönt es da plötzlich von links,“ „beinahe hätte ich dich nicht wieder erkannt.“ „Auch ich, lieber Alfred Kerr, erkannte mich vor dem Spiegel erſt an meiner ſonoren Stimme wieder.“ Das war bei einer Sternheimpremiére in Berlin, bei der „Jungfrau von Utwil“, da rannte mitten aus der Vorſtellung ein Mann heraus auf die Straße und weinte, und weinte und weinte.. G Und der Direktor rannte hinterher, ſo ſchnell er konnte, auf ſeinen kleinen dicken Beinen, er war ein bißchen exaltiert, ein bißchen beſorgt. „Was iſt Ihnen, lieber Freund“, flüſterte er angſtvoll dem Weinenden zu. „Ich weine! Ich muß weinen! Alle müßtet Ihr weinen! Mein Stück iſt ja ſooo ſchön...!“, jubelte Karl Sternheim, der Autos, perſönlich. 3 Max Slevogt war nicht immer Max Slevogt. Auch er war einmal jung, unbekannt und mit ſchlechter Garderobe begabt.. Eines Tags begab es ſich, daß ein reicher Sammler ſein Atelier betrat und ſich galant nach den Preiſen einer Zeichnung erkundigte „Dreißig Mark“, flüſterte Slevogt klopfenden Herzens. „Dreißig Mark“, pro Stück, lieber Freund, dann haben Sie ja ein großes Vermögen hier im Atelier.“ Als Thomas Mann, der ja von Geburt ein Halb⸗RNeger iſt, ſeinen erſten Roman fertig hatte, zog er auch damit zu einem ſtadtbekannten Münchener Gönner. —— — bekanntes Märchenreich darſtellten, wo die Phantaſie ſich nach Herzensluſt ausleben konnte. Was uns heute ſo ſelbſtverſtändlich iſt, mußte erſt einmal gefunden und entdeckt werden, und wieder⸗ um waren es holländiſche Seefahrer, die in jenen Tagen zu den kühnſten Entdeckern gehörten. Ehrerbietung zwingen uns Karten ab, bei denen noch Japan halb im Unbekannten verſchwimmt, und mit deren ungenauer Unterſtützung die Männer auf gebrech⸗ lichen Segelſchiffen hinausfuhren, um die Kontinente mitein⸗ ander zu verbinden. Es iſt ein Stück niederländiſcher Geſchichte, das hier von ſachverſtändigen Händen zuſammengetragen und durch dieſe Mo⸗ delle ins Anſchauliche überſetzt iſt. Die weite See mit ihren un⸗ begrenzten Möglichkeiten war von Alters her das Lebenselement des Niederländers, in der Vergangenheit ſelbſt noch mehr als heute, wo das Land neben einem Handelsſtaate mehr und mehr auch zum Induſtrieland wird. Darum verweilt man gern an dieſer Stätte, die ungeachtet ihrer modernen Ausſtattung etwas vom Geiſte einer längſt entſchwundenen Zeit umweht und uns das niederländiſche Volk in ſeinem ſchweren Ringen um das Da⸗ ſein beſſer verſtehen läßt. 8 5 4 Die alternde Frau Wenn ſich die vierziger Jahre dem Ende nähern, beginnt für die Frau die kritiſche Zeit der Wechſeljahre— eine Lebensepoche, die mit mehr oder weniger ausgeprägten eigentümlichen Erſchei⸗ nungen verbunden zu ſein pflegt. Das Charakteriſtiſche dieſes Ab⸗ ſchnittes liegt in dem allmählichen Erlöſchen der Eierſtock⸗ funktionen: die alternde Frau verliert die Fähigkeit, Eier zur Reifung zu bringen, die monatliche Blutung bleibt aus, und auch die ſonſtige Arbeit des Eierſtocks, die er bisher für den Organis⸗ mus geleiſtet hat, hört auf. Dieſes faſt vollſtändige Huiunde gehen eines Organes unterſcheidet ſich lebhaft von dem allgemeinen Altern der anderen Körpergewebe, die wohl mit zunehmenden Jahren an Leiſtungsfähigkeit abnehmen, aber immerhin bis zum Ende des Lebens doch weiterarbeiten. Die Wechſeljahre— das Klimakterium— liegen im all⸗ gemeinen zwiſchen dem 45. und 54. Lebensjahre; gewöhnlich zwiſchen dem 47. und 48. Jahre; ſie belaufen ſich durchſchnittlich auf 12 bis 24 Monate; bei manchen Frauen ſind ſie von kürzerer, bei anderen wiederum von längerer Dauer. Die Meinung, daß frauen, deren Periode frühzeitig begonnen hat, ſpäter in die Wechſeljahre kommen, Entlere)ſli Frauen mit ſpäter eintretender monatlicher Blutung frühzeitig in die„Wechſel“ gelangen, dürfte irrig ſein. Es iſt jedoch zuverläſſig bekannt, daß bei Frauen, die an Zulkertrantheit, Baſedowſcher Krankheit u. dgl. leiden, die Blu⸗ tungen vielfach vorzeitig fortbleiben. Das Hauptſymptom der Wechſeljahre— des Klimakteriums — iſt das Aufhören der monatlichen Blutung; und zwar erfolgt dies nicht mit einem Schlage, ſondern allmählich werden die Blutungen ſchwächer, ſie treten in größeren Abſtänden auf, um ſich ſchließlich ganz zu verlieren. Mit dieſem— auch für den Nicht⸗ arzt leicht erkennbarem— Vorgang gehen nun gewöhnlich mannig⸗ faltige Veränderungen körperlicher und ſeeliſcher Natur einher, die— wie kürzlich Prof. H. Eymer(Innsbruck) in einer vor⸗ Fielichen Arbeit über„Das Klimakterium“ hervorhob— nun im EG egenſatz zum Aufhören der Periode nicht mehr als normal auf⸗ zufaſſen ſind. Immerhin gibt es Ausnahmen, bei denen die Wechſeljahre ohne erkennbare„Störungen“ —.— — einhergehen Bei der· Kalk und Mehrzahl aller Frauen jedoch treten in Hieſem Zeitabſchnitt ob⸗ jektiv wahrnehmbare und ſubjektiv empfundene Erſcheinungen auf. Die eine Gruppe iſt durch zunehmende Wohlbeleibtheit, die andere durch Abmagerung gekennzeichnet und zwar neigen an und für ſich unterſetzte Frauen mehr zu ſtarkem Fettanſatz, vorwiegend an der ganzen unteren Körperhälfte, einſchließlich der Beine, während die hageren Frauen anfangen, noch dürrer und knochiger zu werden. Ihre Geſichtzüge werden ſchärfer, an Kinn, Wangen und Oberlippe kommen lange borſtenartige Haare zum Vorſchein; das ganze Ausſehen wird männlicher, auch die Stimme nimmt mitunter eine rauhere Klangfarbe an. Bei den Fettleibigen da⸗ gegen zeigen ſich ſehr häufig Erweiterungen der Blutadeen im Geſicht. 3 „Von den ſubjektiven Beſchwerden ſind am bekannteſten die heißen Wallungen, von denen die klimakteriſchen Frauen befallen werden. Sie dauern etwa zwei Minuten, klingen ab und wieder⸗ holen ſich. Oft ſetzen dieſe Störungen ſchon vor Abnehmen der monatlichen Blutungen ein und bilden dann vielfach das erſte Anzeichen des beginnenden Klimakteriums. Ebenſo wie die Wallungen ſtehen die oft unerträglichen Kopfſchmerzen während der Wechſeljahre unter dem Einfluß des Nervenſyſtems; auch hier handelt es ſich um Störungen im Bereiche der Blutgefäße. Hierzu gehört ferner: zeitweiſes Rot⸗ und Blaßwerden des Ge⸗ ſichtes, Schweißausbrüche, Schwarzwerden vor den Augen, Hitze⸗ gefühle, Ohnmachten, Kribbeln in den Fingern und Zehen, wo⸗ bei die Glieder blaß und bläulich werden und das Gefühl des Eingeſchlafen⸗ oder Abgeſtorbenſeins in Armen und Beinen auf⸗ tritt. Wohl in ſämtlichen Körpergegenden können„Gefäßnerven⸗ ſchmerzen“ empfunden werden. Vielfach wird über nervöſe Herz⸗ beſchwerden geklagt, die mit Vorliebe nachts auftreten und die Patientinnen ſehr peinigen können. Weiterhin gibt es Frauen, die im Klimakterium unter Durchfällen, andere wiederum, die unter Verſtopfung zu leiden haben. Charakteriſtiſch für die Wechſeljahre iſt eine niedergeſchla⸗ gene Stimmung, gepaart mit Angſtzuſtänden, faſt regelmäßig be⸗ ſteht geiſtige Ermüdbarkeit und oft eine auffallende Gedächtnis⸗ ſchwäche. Nicht ſelten treten auch wenig angenehme Charakter⸗ eigentümlichkeiten zutage, wie Lügenhaftigkeit, Klatſchſucht, Herrſchſucht, Eiferſucht uſw. Allmählich jedoch klingen auch dieſe phyſiſchen Störungen ab und die Frau gewinnt nach und mach ihr ſeeliſches Gleichgewicht wieder. Im übrigen kann man bei genauer Beobachtung feſtſtellen, daß alle dieſe Begleiterſcheinungen der Wechſeljahre— wenn auch weit weniger ausgeſprochen— ſchon zur Zeit der Ge⸗ ſchlechtsreife, bei und vor der monatlichen Blutung und während der Schwangerſchaft ſich zeigen können. Die Frauen aus den ärmeren Bevölkerungsſchichten, die tagaus, tagein hart zu ar⸗ beiten haben, haben in der Mehrzahl unter geringeren Beſchwer⸗ den zu leiden, als die verzärtelten Frauen aus den wohlhaben⸗ den Kreiſen, die genügend Zeit beſitzen, ſich mit dem„Problem des Klimakteriums“ zu beſchäftigen. Was die Behandlung der klimakteriſchen Beſchwerden ande⸗ trifft, ſo bedürfen die allmählich ſchwächer werdenden Blutungen im allgemeinen keiner ärztlichen Verſorgung. Wohl aber iſt ſofort ärztlicher Rat in Anſpruch zu nehmen, wenn ſich die Blutungen hiiuſenr Zur Linderung der allgemeinen Störungen ſtehen dem rzt eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung. Gegen die Übererregbarkeit der Gefäßnerven hat ſich die Behandlung mit Brom bewährt. Kribbeln und Abſterbegefühle werden —— Aber der wollte nichts davon wiſſen. Der dankte. Nicht ge⸗ ſchenkt. „Ich hielt Sie für einen Mäzen“, ſtotterte Tommi enttäuſcht. „Das dſt wohl möglich, aber ich, junger Freund, halte Sie für keinen Dichter.“ 2 Da gibt es einen Maler aus Breslau in Berlin, rote Haare hat er, ein gräßliches Geſicht, und ſein Körper iſt auch nicht von Praxiteles gemeißelt. Aber er hat geiſtige Allüren und verkehrt deshalb gern in Geſellſchaft von Jefuiten. „Sie haben ja, lieber Ludwig Meidner“, doziert einer aus der Runde,„einen ſchönen Judaskopf...“ Der Maler Meidner explodiert:„Es iſt nicht erwieſen, daß Judas rothaarig war. Aber es ſteht feſt, daß er zur Geſellſchaft Jeſu gehörte!“. „Sind berühmte Leute in dieſem Saftladen?“ krächzte ein bißchen arrogant ein jugendlich geſchminkter Herr, als er das Bureau des Sanatoriums betrat. „Gewiß, mein Herr“, knickte devot die Sekretärin,„zwei Prinzen, vier amerikaniſche Millionäre, Titta Ruffo, der Bankier.. „Genug! Aſſez! Ich bin ſelbſt berühmt. Ich bin der inter⸗ nationale Dichter Karl Sternheim!“ Thomas Mann begibt ſich, immer mal wieder, auf eine Vor⸗ tragsreiſe. Sein jelten begabter Sohn, der Ephebe Klaus, trägt artig Pappis großen Koffer und ſetzt ihn auf einen leeren Platz. Der Dichter ſetzt ſich traumverloren daneben. Es iſt ſo ſchön, im Zug bequem zu ſitzen.. Alle andern Plätze ſind beſetzt. Da ſtürzt Meier ins Coupé, Meier aus Berlin, nimmt radikal des Dichters Koffer vom Platz und will ſich darauf ſetzen. Auf den Platz. „Eigentümer dieſes Reiſeutenſils iſt ein mir befreundeter Herr aus unſerer gemeinſamen Vaterſtadt Lübeck. Er wird, nach Beſorgung einer kleinen, aber deſto dringenderen Angelegen⸗ heit hierorts erſcheinen und ſeinen Platz in Beſitz nehmen wollen...“, erläutert ſchlicht der Autor mehrerer Bände. Inzwiſchen ſetzt ſich der Zug in Bewegung. Und bei ſteigender Geſchwindigkeit ſchmeißt Meier den Koffer aus dem Fenſter.„Ihr Freund wird ihn ſonſt vermiſſen, wenn er nun, zu ſpät, auf den Bahnſteig kommt“, tröſtet er ſachlich den faſſungsloſen Dichter. · 78 Nun, heute ſind unſere Diplomaten, unſere Miniſter muſiſcher veranlagt. Auch Guſtav iſt muſiſcher veranlagt. Weshalb er gern ſich im Kreiſe des muntern Bühnenvölkchens bewegt. Moiſſi ſitzt am runden Tiſich. Paul Wegener ſitzt am runden Tiſch. Mehrere Damen ſitzen am runden Tiſch. Guſtav auch. Man ſtreitet ſich über Gagen, diskutiert über das Wetter, be⸗ ſchimpft die Direkkoren; man kommt weiter, man iſt dabei, die Entelecheia des drititen Welträtſels zu ergründen. Das iſt Paul Wegeners, des Golems, Lieblingspferd. „Ich hab's“, ſtrahlt plötzlich Guſtav in die vierzehn Naſen⸗ löcher am runden Tiſch,„ich hab's“ Und damit legt Streſemann eine ſoeben gefangene, zerquetſchte Fliege auf den Tiſch.. durch warme Bäder günſtig beeinflußt. Blutarmut während der Wechſeljahre macht nicht ſelten Darreichung von Arſen erwünſcht. Vor allem jedoch ſind die Beſtrebungen, mit Hilfe von tieriſchen Eierſtockspräparaten den Ausfall der Eierſtockfunktionen zu er⸗ ſetzen und dedurch die klimakteriſchen Beſchwerden zu lindern, ſehr beachtenswert. Allerdings ſind in vielen Fällen die Erwartungen, die an dieſe Mittel geknüpft worden ſind, nicht in Erfüllung ge⸗ gangen. Immerhin wird der Arzt ſehr häufig einen Verſuch mit Eierſtockpräparaten machen, zumal keine nachteilige Folge⸗ erſcheinungen zu befürchten ſind. Ungemein wichtig iſt ferner die ſeeliſche Beeinfluſſung der alternden Frau durch den Arzt, die in Ausnahmefällen ſogar in Hypnoſe beſtehen kann. Eine Verhütung der klimakteriellen Beſchwerden iſt kaum möglich; jedoch vermag eine hygieniſche Lebensführung die Leiden der Wechſeljahre zu mildern. Der drohende Fettanſatz wird am eheſten durch eine Obſt⸗ und Gemüſekoſt hintangehalten. Dieſe Ernährungsform hat auch den Vorzug, daß ſie gleichzeitig der Darmträgheit entgegen⸗ wirkt. Der Genuß von Eiern, Fett und Fleiſch, vor allem auch der Mehlſpeiſen iſt tunlichſt einzuſchränken. Wenig oder gar kein Zucker; viel rohes Obſt und Gemüſe; geringe Zufuhr von Flüſſig⸗ keit und Salz; reichlicher Aufenthalt und Bewegung in friſcher Luft; in beſonderen Fällen Kuren in geeigneten Badeorten. Mit Rückſicht auf die Blutdruckſteigerung ſollen Gewürze, Kaffee, Alkohol und Nikotin vermieden werden. Dagegen zeitigen lau⸗ warme Bäder, kühle Waſchungen und Gymnaſtik gute Erfolge. Je weniger ſich die Frau an Nichtstun gewöhnt hat, je mehr ihr Körper auf eine vernünftige Tätigkeit und hygieniſche Lebens⸗ weiſe eingeſtellt iſt, deſto leichter wird ſie das Klimakterium überſtehen. — Wäſchereinigung in alter Zeit Die Reinhaltung der Leibwäſche und der Kleidungsſtücke hat von jeher, wie ſchon im„Gudrun“⸗Liede geſchildert wird, zum ſpeziellen Arbeitsgebiete der Frau gehört. Die bereits früh vor⸗ kommende Leinenwäſche wird, abgeſehen vom Waſchen in heißem Waſſer im Hauſe, durch Reiben, Drücken und Zuſammenpreſſen in fließendem Waſſer gereinigt. Sie wird auch auf einen Stein oder ein Brett gelegt und dann mit einem Waſchhol; geſchlagen, dem ſogenannten Bleuel, von dem unſer Wort celnen für heftig ſchlagen abgeleitet iſt. Der Gebrauch der Lauge, das ſogenannte Buchen, iſt wohl vom Auslande her eingeführt worden. Dieſe Lauge wurde dadurch gewonnen, daß man Holzaſche mit kochen⸗ dem Waſſer übergoß. Die ſo gereinigten Gegenſtände wurden, nachdem ſie ausgerungen und getrocknet waren, mit dem ſo⸗ genannten Mangelholz(altnordiſch: modell) geglättet. In den Städten bildete ſich bald die Gewohnheit heraus, daß berufs⸗ mäßige Wäſcherinnen in die Häuſer zum Waſchen gehen oder auch die Wäſche zum Waſchen abholen. Daher findet ſich denn auch in den Städten ein öffentlicher Bleichplatz, der auch von den Webern für ihre Zwecke benutzt wird. Während das Mangelholz mit der Hand bewegt wird, kommt bald eine Maſchine auf, die durch ein Rad in Bewegung geſetzt wird, und auf der ein mit Steinen beſchwertes Brett auf Rollen läuft. Aus dieſer Einrichtung iſt unſere heutige Mangel entſtanden. Das Wort hat ſich aus dem althochdeutſchen„mange“ zu dieſer Form entwickelt. Vielfach gab es in den Städten Manghäuſer, die öffentliche Glättanſtalten für Gewebe darſtellen, ſo z. B. in Augsburg, Nürnberg und Aachen. Die Trockenreinigung der Kleider erfolgt erſt ſehr ſpät durch die Bürſte. Noch im 12. Jahrhundert iſt lediglich die Kopfbürſte be⸗ kannt, und erſt ſehr viel ſpäter kommt die Kleiderbürſte in Ge⸗ brauch. Früher erfolgte die trockene Reinigung der Kleidungs⸗ ſtücke durch ein Gewinde aus Heidekraut und kleinem Geſtrüpp. Frauengefängniſſe als Erziehungsanſtalten „Eine ſehr intereſſante Schilderung im„New York Herald“ über die Beſſerungsanſtalt für Frauen in New Jerſey zeigt, daß die Methoden, um Frauen, die der moraliſchen Beſſerung be⸗ dürftig ſind, auf den rechten Weg zurückzuleiten, in allen Kultur⸗ ſtaaten im Prinzip die gleichen ſind. Entſcheidend bleibt nur, daß der reichere Staat naturgemäß ſeine Methode ſchneller und in größerem Maßſtabe, alſo wirkſamer durchführen kann. Die Beſſerungsanſtalt„Reformatory“ im Staate New Jerſey kann wohl als Idealanſtalt angeſehen werden. Von vergitterten Fenſtern und verſchloſſenen Türen findet man hier keine Spur. Die Anſtalt iſt eher eine Farm; ja, das Frauengefängnis von New Jerſey iſt beinahe ein kleines Dorf für ſich, denn es beſitzt große Verwaltungsgebäude, ein Krankenhaus, Lehrgebäude und eine kleine Kirche. Die ganze Farm wird lediglich von Frauen verwaltet; nur die ganz ſchweren Arbeiten werden von Männern ausgeführt. Die Gefangenen bewohnen die verſchiedenen Gebäude, je nach der Arbeit, die ſie zu verrichten haben. Mit Gittern umgeben ſind nur die Stallungen des Viehs, das dort in großen Mengen gezüchtet wird. Nirgends iſt eine Mauer zu erblicken oder auch nur ein Lebeweſen, das jemanden in ſeiner Freiheit beſchränken wollte. Trotzdem geſchieht es nur ſehr ſelten, daß jemand aus der Anſtalt entweicht. Faſt alle Frauen, die dieſes Wagnis unter⸗ nahmen, wurden wieder eingefangen und mußten ein halbes Jahr länger in der Anſtalt verbleiben. Außer der körperlichen Arbeit müſſen die Frauen ſich in ihrer freien Zeit, ſoweit ihre Kenntniſſe mangelhaft ſind, weiterbilden. Da hier nur ſolche Strafgefangene untergebracht ſind, die eine Strafe von mindeſtens 18 Monaten zu verbüßen haben, ſo iſt es ſehr gut möglich, ihre beſonderen Fähigkeiten herauszufinden und ſie in dieſen Fähigkeiten weiter auszubilden. Es kommt nicht ſelten vor, daß hier eine Frau ganz plötzlich beſondere Talente entwickelt, von denen ſie früher keine Ahnung hatte und die ihr nach Verbüßung ihrer Stbuſe den Rückweg ins bürgerliche Leben bedeutend erleichtern. In der Anſtalt werden ferner in jeder Woche Vorträge, Konzerte, ja ſogar Kurſe— z. B. in der Körper⸗ pflege— veranſtaltet. Dieſe Ablenkungen haben den Zweck, Seele und Geiſt in den geſunkenen Frauen zu wecken. Einen Teil ihrer freien Zeit dürfen ſie auch mit Arbeiten ausfüllen, die ihnen Geld einbringen, und von dem verdienten Gelde dürfen ſie monatlich 2 Dollar nach ihrem Belieben ausgeben. Je nach ihrer Führung werden ſie mit der Zeit gleichſam klaſſifiziert, indem man ſie von „probation girls“ zu„honour girls“ und ſchließlich zu„student officers“ aufſteigen läßt. Dieſe Rangunterſchiede werden auch in der Kleidung kenntlich gemacht. Selbſt nach der Entlaſſung aus der Strafanſtalt behält man die Frauen weiter im Auge. Im Notfalle wird ihnen eine ent⸗ ſprechende Beſchäftigung und dadurch die Möglichkeit zu einem anſtändigen Leben geſchaffen. So werden die Frauen, die gefallen, zermürbt, geſunken in das„Gefängnis“ gebracht wurden, oft lebenstüchtige Menſchen, die mit Dank an ihre Lehrzeit im„Re⸗ formatory“ zurückdenken. Pr. K. I. Allerlei vom Trauring Warum iſt der vierte Finger der Ringfinger? Eine alte Er⸗ klärung lautet, daß von dieſem Finger eine Ader direkt zum Herzen gehe. Dieſe Anſchauung, die in früheren Zeiten ſehr verbreitet war, iſt aber anatomiſch falſch und man darf annehmen, daß der wahre rund ein durchaus praktiſcher iſt, indem nämlich an dieſem von beiden Seiten geſchützten Finger, der weniger als die anderen gebraucht wird, der Ring ſich am wenigſten abnutzt. Übrigens hat ſich die Sitte, den Trauring am vierten Finger zu tragen, erſt all⸗ mählig eingebürgert. Wir können auf Bildern der Renaiſſance beobachten, daß man vielfach Ringe, ja ſogar den Trauring, am Daumen trug, und dieſe Sitte war in England goch im 18. Jahr⸗ hundert verbreitet. In manchen Ländern war früher der bevor⸗ zugte Ringfinger der Zeigefinger.— Eine alte Sitte iſt es, daß der Trauring ein ſchmuckloſer Gold⸗ reif iſt. Man will damit die ſchlichte Würde dieſes Sinnbildes be⸗ tonen In der Renaiſſance waren auch die Trauringe noch reich⸗ lich geſchmückt und es erregte ein gewiſſes Auſſehen, als die Königin Martha die Katholiſche bei ihrer Heirat mit Philipp von Spanien den ausdrücklichen Wunſch äußerte, ſie wolle einen ganz einfachen Goldring als Traureif haben, wie ihn andere Frauen benutzten. In manchen Ringſammlungen findet man Beiſpiele von Trauringen mit Inſchriften. Aber der alſo verzierte Ring iſt ebenſo wie der Edelſtein⸗geſchmückte doch häufiger das Symbol der Verlobung. In Zeiten der Not, in denen der Ernſt des Lebens der Menſchheit beſonders nahe tritt, hatte man immer wieder zu eiſernen Trauringen gegriffen. Gold gab ich für Eiſen! Sowohl während der ſogenannten Befreiungskriege, als das deutſche Volk ſeinen Fürſten die Befreiung vom Druck Napoleons mit ſeinem Blute erkaufte, wie während des Krieges von 1914—18 haben Tauſende biederer Bürger ihre Trauringe geopfert, ſie erkannten viel zu ſpät, wie ſehr man ſie betrogen hatte! Ia den meiſten Ländern ſitzt der Trauring an der rechten Hand, in England aber an der linken, ein Brauch, der während der Reformation aufkam und den man daraus erklärt, daß die linke Hand näher am Herzen iſt. Torſverwendung in Schweden Da Schweden keine Kohlenbergwerke hat, hat man in den letzten Jahren ſich inmer und immer damit beſchäftigt, Torf als Brennmaterial zu benutzen, da die großen Torfmoore Schwedens bisher faſt nutzlos dalagen Der Führer der ſchwedi⸗ ſchen Torfinduſtrie, H. Ekelund, teilt nun mit, daß ſich maſchinell ein Torfpulver herſtellen läßt, mit dem man jeden gewünſchten Hitzegrad billiger und beſſer als mit Kohle erzeugen kann. Mit Torf als Brennſtoff ſoll man Eiſenerz in kleinen elektriſchen Öfen zu Eiſen reduzieren können. Im Vergleich mit Holzkohle koſtet das Torfpulver nur die Hälfte und wenn auch das damit hergeſtellte Eiſen nicht von ſehr hoher Qualität iſt, ſo iſt es doch beſſer als mit Koks gewonnenes. Es ließen ſich mit dem Torf Temperaturen bis zu 2200 Grad Celſius erreichen. Ein Vorteil der neuen Methode, die Torflager auszunutzen, iſt der, daß das aufgearbeitete Land nach entſprechender Drainie⸗ rung als Ackerland benutzt werden kann. In Gegenden wie Nord⸗ ſchweden, wo ſich Ackerbau infolge zu großer Kälte nicht betreiben läßt, kann man auch Wälder anpflanzen. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. ———— 5 3 8 4 1 B a. “ . n 1. * e —=—— eeeeAe 2* 4 ☛ Oſterbiumen und Immergrün Drei Geſchwiſter. Erſt die Erna. Wie alt? Zwölf. Dann der Willibus. Und der? Dreizehn. And dann das Mariechen— vier⸗ zehn Jahre alt, ſchulentlaſſen! eingeſegnet von der roten Jugend⸗ weihe, kommt gleich nach Oſtern in die Fabrik, als Spinnerin. Vater arbeitet im Gaswerk. Mutter putzt in der Schule. Und heute iſt Oſterſamstag. Heute dürfen die drei Geſchwiſter alleine vors Stadttor, an den Fluß, in den Wald, auf den Berg. Und juch⸗ heiraſſaſſa, es lebe die Freiheit!. Es regnet, leiſe. Der Fluß, vom vielen Regen her ganz gelb, wie guter Milchkaffee iſt das Waſſer des Fluſſes. Der Ulmenhain. Hu— drei Naben! einer ſchreit. Und'n grünes Kräutchen, mit 'ner gelben Blume dran. Abpflücken!, ſagt Erna, aber Mariechen wehrt: Nein, die Blumen muß man ſchonen! Es regnet. Drei Geſchwiſter unier einem großen Regenſchirm (der gehört Vatern), Mariechen in der Mitte, Erna links einge⸗ hakt, und Willibus rechts eingehakt. Und da wird geſungen: „Hinaus in die Ferne—!“ Jetzt von der Chauſſee abgebogen, Seitenpfade ſind die ſchöne⸗ ren Wege. Heiſa!, der Bach, wie der zwitſchert und gurgelt und ſpringt— wie der ſich am Felsſtein gar überſchlägt, welch luſtiger Purzelbaum! Drüben ſteh'n fünf ſchwarze Dannenbäume— auf der Wieſe— auf der grünen, grünen Wieſe. Hu! Die fünf hohen Tannenbäume ſind unheimlich, wie ſchwarze Fahnen, die der Wind ſchwenkt. Aber es regnet nicht mehr, der Wind macht klar. Bergauf! Ohne Pfad und ohne Steg. Du, da im Appelbaum ſitzt en Buntſpecht; näl das iſt'n Eisvogel!— aber mit lautem Geſchrei fliegt dann die weißgrauſchwarze Elſter davon— dem Walde zu. Immer bergauf. Die Waldwieſe, die Wieſe vor dem Walde. Hier und da ein gelber Himmelsſchlüſſel— und große blaue Flecken im Grün, ſind Hundsveilchen: blau, blau— aber ohne Duft. Und am Himmel gibt es nun auch blaue Flecken— hier einer— da einer— und plötzlich wirft die Sonne'ne Handvoll Goldkörner über die Landſchaft— nur eine Handvoll, dann iſt die Sonne wieder fort. Und graue Wolkenadler decken mit ihren mächtigen Flügeln die letzte blaue Himmelsſtelle. Der Wind läßt nach. Leiſe regnet es wieder. Nun der Wald. Erſt Dornengeſtrüpp. Da müſſen wir hin⸗ durch! fordert Willibus, das iſt indianermäßig, und mitten durch den Dornbuſch hin ſchleichen die drei Geſchwiſter auf der Spur des„Wildtöters“. Ach, Ernachen weint, aber das iſt nicht ſchlimm, mit einem großen Dorn vom Schlehenbuſch ſteckt Groß⸗Marie⸗ chen der Kleinen das Loch am Ärmel wieder zu— ſo! man ſieht ſchon nix mehr. Huſch! ein Haſe, der Willibus hinterher— laufe, was de laufen kannſt! Huhu! Schuhu! Hi—ier! Willibus! Und dann haben ſie ſich wiedergefunden, die drei Geſchwiſter, im Bergwald; o, die würzige Luft! Eichbäume, dul da raſchelt was— da is es! da is es! was denn?'ne Eichkatz. Schirrtirrr! und kritzekratze eichauf— droben an der Aſtſpaltung ſitzt es: rotbraun, die ſchwarzen Augenperlen, und der buſchige Schwanz, wie Onkel Peter ſein Schnurrbart! ne Quelle. Den Becher her. Ho! das ſchmeckt. Och was— ſagt Willibus, da müßte Himbeerſaft hinein. Schwelger! lacht Marie⸗ chen— und ſie trinkt ſchon den dritten Becher Quellwaſſer. Jetzt im Fichtenwalde. Finſter. Es riecht nach modernden Tannennadeln. Hei, das aber— ſie ſind ſchon wach, da ſchau her: die Ameiſen! Langſam und verſchlafen kriechen ein paar große braune Waldameiſen über die Pyramide ihre Baues. Dul da ſchnurrt was— hörſte nix— und dann ſauſt es vorbei— der ſtolze Hirſch, mit goldenem Geweih—. Aber es war nichts— es war nur der Wind, der ſich in den Kronen der Fichtenbäume ge⸗ jangen hatte, wie eine Fliege im Netze der Spinne— doch der hind hat Kraft— ſchnurreſauſiſum— frei iſt er wieder: der Wind. Und er nahm den Regen mit! Von irgend einem fernen Datfe her läutet es 9, Mittag. Dann aber wird's Zeit! trumpft Wi mein Magen knurrt ſchon b—*. 8 4—— wie'n biſſiger Hund. Ja, jetzt wird gegeſſen. Aber wo ſitzen? Wir finden ſchon'nen guten Platz. Und der gute Platz fand ſich. Im alten aufgelaſſenen Steinbruch, da war ſogar'ne halbzuſammen⸗ gebrochene Bank, aber Willibus legte Steine drunter, da konnte man dann auf der Bank ſitzen. Und man ſpeiſt, Butterbrot und u Endchen Wurſt, und'nen Apfel hinterher, und'n ganz kleines Stück Schokolade— damit ſie reicht— bis zum Abend. Der alte Steinbruch. Bafaltſtein. Flammiges Geſtein, auf⸗ wärts wirbelnd, erſtarrte Vulkanmaſſen. Und hier und da die Steinwände ſchon wieder verſchüttet von rotbraunen Erdmaſſen. Und in den Erdmaſſen grünt es, das erſte junge Grün des Knob⸗ lauchkrautes. Und da: all die goldenen Sterne, Huflattich! Huf⸗ lattich! Horche du! wie es in den Tannenbäumen rauſcht, der Wind, ſo rauſcht an Nordlandsklippen die graue ſtürmiſche See. Meiſen! Meiſen! Ach wie niedlich, welche mit gelber Bruſt, welche mit ſchwarzen Häubchen über dem Köpfchen—— tſchi⸗tſchi⸗tſchi —— türr— titi! Die Meiſen. Die Meiſen. Und'n blauer Käfer. Und da ne ganze Familie junger Brenneſſeln. Und— hier erſt— ine Königskerze— kaum'ne Handbreit aus dem Boden hetaus — aber man ſieht es am grauſamtenen Blatt— das gibt ne Rönigserhe— Willibus hat im Zeugnis für Botanik immer „ſehr gut!“ Hier im Steinbruch iſt Treffpunkt, in'ner Stunde ſind alle wieder hier, jetzt macht jeder'ne eigene Entdeckungsreiſe—. Aber Erna will nicht alleine geh'n, Erna hat Angſt im großen Walde, wo der Fuchs ſchleicht— und wo der Wolf die Großmutter von dem Rotkäppchen gefreſſen hat— im Märchenbuche ſteht's doch! Na, Erna! Dann geh' du mit Mariechen. Der Willibus iſt ſchon fort, wie ein Luchs, ſo ſchnell! ſprang der Willibus davon— hin in den Waldbuſch. Unſer Herz geht mit Erna und Mariechen. Wildes Felsgeſtein, Quarzit, das ſich terraſſenförmig aufbaut, und Akazienbäume, die mit verkrümmten Armen einander angreifen— eine Krone beißt ſich ein in die Krone des anderen Baumes. Der Schrei eines Hähers. Und ein Finkenweibchen ſagte hundertmal hintereinander — tüt! tüt!— tüt! tüt! Das iſt der Regenpfeifer. Es kommt noch mehr Waſſer vom Himmel herab. Ein ganz zartes kleines Waldgerinnſel, ein Waſſeräderchen aus'm Fels heraus, hin durchs goldgrüne Moos, durchs„goldene Frauenhaar“. Und da, ohl die Freude— Oſterblumen! die erſten! Frei Heil! Und da, nochmals, oh! dieſer Reichtum, die ganze Fels⸗ wand überzogen mit blaublühendem Immergrün. Du! wir machen Kränze.— Und dann trägt jedes der Mädchen einen Frühlings⸗ kranz. Mariechen einen weißen Kranz aus Oſterblumen, aus den zarten weißen Anemonen— die, mit den gelben Kelchen. Erna trägt einen blauen Kranz vom blühenden Immergrün. Und dann zum Treffpunkt! Und da kommt auch der Willibus, das Antlitz hochgerötet, die Hoſe verriſſen, die Hände und die Wangen voll blutiger Schrammen— und einen ganzen Armvoll Spieße und Speere, ſchlanke Gerten vom Haſelſtrauch. Und— da erſt! ein weißer Vogelflügel— triumphierend hält Willy den hoch—/ Flügel vom wilden Schwan! O, geſegnete Phantaſie der Jugend — in Wirklichkeit war es ein Hühnerflügel, das andere zu dem weißen Flügel, das hatte der edle Räuber Habicht gefreſſen. Nun zur Bergſpitze. Wir ſind ſchon droben. Die alte Burg. Der Turm ſteht noch. Die Wendeltreppe hinauf. O, die ſchöne Ausſicht, o, die weite Fernſicht! Drunten ſchlängelt ſich der Fluß. Die Stadt am gelben Fluß, wie ein zinn⸗ farbener großer Fleck, da heraus eine ſchwarze Fauſt, mit zwei er⸗ hobenen Fingern: der Dom!. Der Himmel finſter, unheimlich!— und plötzlich grollt 85— zickzack ein ſchwefeliger Blitz— Kindeyl verſteckt euch, ein Früh⸗ lingsgewitter. Blitze töten die Kinder! Und die drei Kinder ver⸗ ſtecken ſich im Gewölbe der alten Burgruine, im einſtigen Wein⸗ keller— droben hört man den Donner mit harter Fauſt auf die Wolken ſchlagen— und immer die grelle Helle, bis tief ins Ge⸗ wölbe hinein leuchten die Blitze. Und Hagel praſſelt herab, und der Sturm heult wie die wilde Jagd der Walpurgishexen, her um Ruine und Berg. 16 Dann iſt alles vorbei. Das Gewitter hat reine Luft gemacht. Kommt'n bißchen Sonne heraus. Wolken mit weißen Flügeln Pbe über blaue himmliſche Meerbuſen. Andere Wolken ſind wie isgebirge. Und da nun eine ſchwarze Wolke über die Sonne zieht, da löſcht deren dunkler Schatten da drunten über der Landſchaft all den lichtgoldenen Glanz aus— als ob der Tod über die Land⸗ ſchaft ſtreiche, ſo iſt es. Abend. Nach Hauſe. Auf dem Wege heimwärts. Im Weſten wird der Himmel ſchmutzig orangefarben. Dort die Stadt. über der Stadt zwei kleine blaſſe Sterne. Die Stadt mit bunten Läden. Mit Autos und Elektriſchen. Mit viel zu vielen Menſchen. Dann das qualmende und ſtinkende Gaswerk. Und dann im dritten Stockwerk der Mietskaſerne— zu Hauſe— bei Vatern und Muttern! Kinder! Wo bleibt ihr ſo lange? Die Mutter war ängſtlich. Vater iſt im Gaswerk, auf Nachtſchicht. Kinder! Nun gegeſſen und dann ins Bett. Es gibt Haberſuppe— und'n Stück Brot hinein. Und dann man gleich in die Schlafkammer! Arme Leute— die drei Kinder ſchlafen in einem einzigen Gemach. Erna und Mariechen nehmen ſich jedes einen Suppenteller voll Waſſer mit— einen Stuhl ans Bett— da den Waſſerteller druff— und ins Waſſer hinein die Kränze. Weiß der Kranz am Bette Mariechens. Blau⸗ grün der Kranz am Bette Klein⸗Ernas. Gute Nacht, Kinderchen — und morgen iſt Oſtern! Der Willibus aber hatte an ſein Bett gelehnt— ſeine drei⸗ zehn Spieße und Speere. Und der weiße Schwanen⸗ und Hühner⸗ flügel lag unterm Kopfkiſſen des Willys— und die Nacht über träumte der Willy von großen Jagden— von Elefantenjagden in Afrika, von Tigerjagden in Indien— auf den Kordilleren Südamerikas aber da ſchoß der Willibus'nen ſchneeweißen Kon⸗ dor, der Flügel davon liegt unterm Kopfkiſſen. O, ſelige Träume der Jugend! Und Erna, was träumte die? Die träumte von Puppen. Sieben Kinder, ſieben Puppen, und alle trugen blaugrüne Kränze von Immergrün— und Puppenmütterchen ſchneiderte, ſchneiderte und ſchneiderte die lange Nacht hin— ſieben Kinder ſchleppen dir was kaputt: Kleider! Kleider! Kleider! Mariechen aber hatte'nen traurigen Traum. Ihr träumte von der Spinnerei. Sie war Spinnerin, die Maſchinen griffen mit ſtählernen Händen nach dem Herzen des Mariechen— dal! Da hatten ſie Mariechen rotes Herz, die Maſchinen ſogen dem Herzen alles rote Blut aus— Mariechen war tot— ſie lag im Sarg— auf dem toten Haupte der weiße Kranz von Oſterblumen. Das war ein trauriger, trauriger Traum. Auf einmal klopfte es— guten Morgen, ihr lieben Kinder⸗ chen, und fröhliche Oſtern! Und herein in die Kinderkammer kommen Vater und Mutter. Mutters Antlitz leuchtet wie die Sonne. Mutter trägt in Händen'nen großen Napfkuchen, wie der ſo fein duftet—. Und Vater ſetzt mitten in die Kammer ein Körb⸗ chen mit bunten, bunten Oſtereiern— dann iſt Vater ſchnell wieder weg— er iſt nicht für rührende Ereigniſſe zu haben. Vater iſt ein harter Mann vom Gaswerk. Die Kinder aber mit einem einzigen Satze aus dem Bette heraus— und der Mutter ans Herz—. O, Oſtern! O, Mutter! O, Oſtern! Und nun läuten vom Dome her die brummenden Glocken. Und Mariechen ſetzt aufs Haupt ihren weißen Kranz von Oſterblumen— o, noch lebt man— der böſe Traum war Trug! Und Erna mit dem blauen Kranze von Immergrün. Der Willi⸗ bus aber tanzte im Hemde wie ein wildgewordener Indianer, mit den Händen ſchwang er die Speere— dreizehn Stück— dem Manne ziemt der Kampf! Den Mädchen aber ziemt Anmut und Schönheit— Kränze von Anemonen und Immergrün.— Und nun allen eine fröhliche Oſtern! Max Dortu. Hundert Millionen Eier Der Schmuck des Oſterfeſtes.— Warum hat das Ei eine weiße Schale?—„Afterhähne“ und„Baſiliskeneier“.— Das Grammo⸗ phon im Hühnerhof.— Nähr⸗ und Geſchmackswert der Eier.— Ein Eierſpeiſenrekord.— Das Gaſtmahl des Trimalchie. Von M. A. von Lüdgendorff Verführeriſch locken die Schokoladen⸗ und Marzipaneier in in den Schaufenſtern und geben dieſer voröſterlichen Zeit ihre beſondere Note. Aber auch die beſcheidenen bunten geſottenen Oſtereier kommen zu ihrem Recht, und es wird keine übertrei⸗ bung ſein, zu ſagen, daß in Deutſchland durchſchnittlich mindeſtens hundert Millionen ſonſtiger Oſtereier verbraucht werden. Oſter⸗ zeit iſt ja Eierzeit, und das harmloſe Huhn, der Lieferant unſerer Tafel, darf ſich in dieſen Tagen beſonders wichtig vorkommen. Als Urahn des europäiſchen Haushuhns hat man das in Oſt⸗ indien bis zur Himalayagrenze hin wild lebende Bankiva⸗Huhn feſtgeſtellt. Nun ſind aber die Eier dieſes Urhuhns ganz im Gegenſatz zu unſeren weißen Hühnereiern dunkel gefärbt, und bis jetzt hat die Forſchung die Frage über die Entſtehung der weißen Schalenfärbung unſeres Haushuhns noch nicht klären können. Die Entwicklung eines Hühnereies geht verhältnismäßig ſchnell und zwar gewöhnlich im Laufe von vierundzwanzig Stunden vor ſich. Im Eierſtock der Henne entwickelt ſich zuerſt die Dotterkugel und wandert ſodann in den Eileiter, wo ſich unter ſtändig drehender Bewegung das Eiweiß in Schichten um den Dotter legt, was etwa drei Stunden dauert. Dann wird die Drehung langſamer, und innerhalb weiterer drei Stunden bildet ſich aus einem Teil des Eiweißes die Schalenhaut, worauf das Ei in den Eihalter wandert, wo Drüſen eine kalkhaltige Flüſſigkeit abſondern, die nun das Ei umgibt, dann allmählich erſtarrt und endlich zur feſten weißen Eierſchale wird. Dieſer letzte Teil der Eibildung dauert am längſten— 12 bis 20 Stunden—, ſo daß alſo die Ent⸗ wicklung eines Eies in der Regel einen vollen Tag beanſprucht. Die Zeit, in der das Ei noch ſchalenlos im Eileiter liegt, iſt die kritiſchſte Zeit für ſeine Ausbildung. Kommt es hier zu Stö⸗ rungen irgendwelcher Art, ſo iſt die Folge, daß mißgebildete Eier entſtehen, jene Eier, an die unſere Vorfahren allen erdenklichen Aberglauben geknüpft haben. Denn wenn z. B. einmal ein Ei ohne Schale, ein anderes Ei wieder ohne Dotter ans Tageslicht kam, ſo mußte unbedingt der Teufel dabei die Hand im Spiele haben oder das Ei von einem„ſchreckbaren Afterhahn“ gelegt worden ſein. Oder es gab gar„Baſiliskeneier“, in denen ſtatt des Dotters ſchlangenartig geformte Eiweißbildungen lagen. Natür⸗ lich haben aber alle dieſe Mißbildungen ihre ganz natürlichen Ur⸗ ſachen. Findet man z. B. Eier, die ohne Eiweiß, nur aus einem dünnbehäuteten Dotter beſtehen, ſo liegt die Urſache daran, daß ſe in zu raſcher Drehung durch den Eileiter wanderten, daß ich kein Eiweiß anlagern konnte. Und legt ein Huhn einmal ein Ei ohne Kalkſchale, ein ſogen. Fließ⸗ oder Wildei, ſo iſt das gleichfalls auf eine körperliche Störung und zwar diesmal darauf zurückzuführen, daß die die Kalkflüſſigkeit abſondernden Drüſen Ein kleines Oſterzied Frohe Frühlingsſonne du, komm in unſ're OÖde, ſtreue deine Strahlenluſt über unſ'e Nöte. An der kahlen, kalten Wand wartet dein ein Plätzchen, hängt ein kleines, liebes Bild, iſt mein herzig Schätzchen. Unſ're Liebe war gar arm in den Wintertagen;- kann von deiner Fülle Glanz manchen Hauch vertragen. Sonne, die du liebreich biſt, ſchmück nicht nur die Auen, laß auch das beengte Glück ſchön’'re Tage ſchauen. Was iſt Leben ohne dich, ohne deine Güte! Schönſtes Auferſtehen iſt doch die Menſchenblüte. Zerfass. — Aifred Kubin („Der Zeichner von Traum und Spuk“) Von Walter Appelt Am 10. April wurde Alfred Kubin 50 Jahre alt. Er iſt als Menſch und Künſtler ein Sonderlieng, in ſeinem reichen Schaffen aber von den meiſten noch lange nicht nach Vedienſ an⸗ erkannt. Dieſe würdigende Charakteriſtik wird den hrennden einer Kunſt willkommen ſein,— die andern hoffentlich anregen, ſich mit ihr zu beſchäftigen. Alfred Kubin, der in der ſelbſtgewählten Einſamkeit ſeines oberöſterreichiſchen Beſitztums ein ruhig geſundes Landleben führt,— freilich umgeben von reichſten Bücher⸗ und Kunſtſchätzen —, ſteht auch als Künſtler abſeits von den mancherlei Strö⸗ mungen ſeiner Zeit: als ein Eigener, in ſich ſelbſt Genüge Finden⸗ der. Nichts ändert daran die Tatſache, daß die Lepreſſiont ten ihn gern als einen der Ihren ausgeben, ohne daß zubin bisher widerſprochen hätte. In Wahrheit iſt ſein Lebenswerk,— das nur noch beſtätigt und vertieft, aber keine überraſchungen mehr bringen kann,— viel einmaliger, als daß es bei irgendeiner „Richtung“ Stütze und Rechtfertigung ſuchen müßte. Wiee die meiſten derartigen Abſtempelungen, umſchließt auch die für Kubin geprägte Marke„Der Zeichner von Traum und Spuk“ nicht ſein ganzes, ſtark ſchöpferiſches Künſtlertum. Traum, Spuk, Grauen und andere Bedrückungen aus zwiſchenweltlichen Sphären ſind gewiß ſeine ſeit Jahrzehnten immer wiederkehren⸗ den Motive und nehmen in ſeinem Schaffen ſowohl nach der Breite als auch nach der Tiefe den größten Raum ein. Und wenn wir die von ihm ſelber rückhaltlos aufgezeichnete Geſchichte ſeiner ““ nicht funktioniert haben. Für eine Erſcheinung weiß man aller⸗ dings keine Erklärung. Es heißt nämlich, daß die Eier der Hühner in früherer Zeit größer waren und jetzt immer kleiner werden. Dieſe Anſicht brachte einen amerikaniſchen Hühnerzüchter auf einen genialen Gedanken: um die Leiſtungsſähigkeit ſeiner Hennen zu eigern, ließ er im Hühnerhof— ein großes Grammo⸗ phon aufſtellen, aus dem unabläſſig Hennan herausgackerten. Das Gackern fleißiger Eierlegerinnen ſollte auch ſeine Hennen dazu animieren, mehr und größere Eier zu legen. Ob ſie ihm den Ge⸗ fallen getan haben, iſt leider nicht bekannt geworden. Wenn uns ein Ei gut oder weniger gut ſchmeckt, ſo liegt das immer am Dotter, denn das Eiklar, das nur aus Waſſer und Ei⸗ weiß beſteht, beeinflußt den Geſchmack ſo gut wir garnicht. Der Geſchmackswert des Dotters hängt gewöhnlich mit der jeweiligen Fütterung zuſammen, ebenſo wie auch die Farbe des Eigelbs durch die Ernährung der Hühner bedingt wird, indem der Körper der eierlegenden Henne dem Pflanzenfutter gewiſſe Farbſtoffe entzieht und ſie zum Aufbau des Eidotters verwendet. Als man den Verſuch machte, Hennen nur mit Nahrung aufzuziehen, die jene Farbſtoffe nicht enthielt, legten ſie Eier, deren Dotter ganz weiß waren. Daß mit der Farbe eines Eidotters auch ſein Nähr⸗ wert zuſammenhängt, ſo daß etwa dunkelgelbe Eidotter nahrhafter wären als hellgelbe, iſt dagegen nicht erwieſen; auch die Farbe der Schalen hat mit dem Nähr⸗ oder Geſchmackswert eines Eies nichts zu tun. Im allgemeinen begeht man den Fehler, den Nährwert eines Eies zu überſchätzen. Ja, man kann ſogar oft genug hören, ein einziges Ei erſetze den Nährwert eines halben Pfundes Fleiſch. In Wirklichkeit aber ſieht es damit weſentlich anders aus. Ein Farſcher— Dr. Haſtotlit— hat feſtgeſtellt, daß dieſe Rechnung ganz und gar nicht ſtimmt. Es müßten vielmehr ſieben Eier ge⸗ geſſen werden, um die gleiche Eiweißmenge zu erhalten. Wer den Eiweißbedarf ſeines Körpers nur mit Eiern decken wollte, müßte täglich 13 bis 17 Eier verzehren. Weſentlich geſteigert wird der Nährwert der Eier, wenn man ſie zugleich mit Brot oder Kar⸗ toffeln ißt, weil dieſe Kohlehydrate— die dem Ei völlig fehlen— enthalten, ſo daß auf dieſe Weiſe die Nährſtoffe der einzelnen Lebensmittel einander wirkſam ergänzen können. Viele Leute betrachten die bunten hartgekochten Oſtereier mit einigem Miß⸗ trauen, weil ſie annehmen, harte Eier ſeien ſchwer verdaulich. Ein hartgekochtes Ei iſt jedoch, vorausgeſetzt, daß es gut gekaut und nicht in einen bereits überfüllten Magen eingeführt wird, durchaus nicht ſchwer zu verdauen. Hält ſich der öſterliche Appetit in normalen Grenzen, ſo werden auch ein paar harte Eier keinen Schaden anrichten. Daß es an Eierſpeiſen nicht mangelt, weiß wohl jeder; wie viele Speiſen man aber aus Eiern herausklügeln kann, beweiſt ein Rekord, den ein Pariſer Koch geſchlagen hatte. Dieſer hatte ſich auf dieſes Gebiet verlegt und ſchließlich Hunderte von Eier⸗ kochrezepten komponiert. Allein für hartgekochte Eier hatte er ſechundzwanzig Rezepte erfunden und für weichgekochte zweiund⸗ ſiebzig; verlorene Eier konnte er hundertunddreiundvierzigmal variieren und in immer neuen Schöpfungen auf den Tiſch bringen, gleichzeitig aber auch 212 verſchiedene Eierkuchen backen! Für Spiegeleier wußte er 68, für Rühreier ſogar 76 Varianten. übrigens ſetzten auch die Köche der alten Römer ihren Stolz darein, allerlei ſeltſame und koſtbare Eierſpeiſen zu bereiten, um ſo mehr, als die Eier bei den Römern ſehr beliebt waren und ſchon bei ihren erſten Meahleiten am Morgen nicht fehlen durften. Eine ganz beſondere Eier⸗Kurioſität gab es bei einem Gaſtmahl des Trimalchio, jenes reichgewordenen Sklaven, der ——ᷓ———;— äußeren und inneren Entwicklung leſen, ſo ergibt ſich der Drang zum Traumhaft⸗Myſtiſchen als zwangsläufige Folge der durchlebten körperlich und ſeeliſch gleicherweiſe aufrüttelnden Kriſen. Viele meinen, Kubin habe ſich, vielleicht aus Senſations⸗ luſt oder Sucht nach Originalität, die Welt zuſammengedichtet, die wir als die ſeine kennen,— die Welt, in der feiſt und häßlich die„Sumpfmutter“ hindöſt, in der das Seſpenf des geizigen Müllers“ um die Mühle ſchleicht, in der das„ Kenſchentier“ blöd und läppiſch ſelbſtzufrieden im Schaukäfig ſpielt,— die Welt, in der jede Zimmerwand, jeder Landſchaftswinkel zum ſchaurigen Sitz geiſternder Spukweſen wird. Wer jedoch ernſter an den Künſt⸗ ler und ſein Werk, und insbeſondere an die Quellen herangeht, aus denen dieſes Werk entſteht, der wird erkennen, daß Kubin ſich„ſeine“ Welt nicht zu erfinden brauchte. Daß er nicht ſkurrile Abſonderlichkeiten konſtruiert, um ſich intereſſant zu machen,— ſondern daß dieſe Welt mit ihren atemverſetzenden Schrecken und lähmenden Bannungen den Künſtler wieder und wieder bedrängt. Daß er ſich der vielfältig phantaſtiſchen Geſichte, die auf ihn ein⸗ ſtürmen, nicht anders entledigen, oder nicht anders Ruhe vor ihnen finden kann als ſo, daß er ihnen reale Form gibt. Durch den Niederſchlag auf die umgrenzte Fläche ſeiner Zeichenblätter nimmt er, für ſich wenigſtens, den bizarren Erſcheinungen jene Bleiſchwere, die ſie, für ihn wenigſtens, als raumerfüllende Viſionen haben müſſen. Nichts aber beweiſt nachdrücklicher Kubins hah Geſtalterkraft als der Umſtand, daß ſeine aus allerperſön⸗ ichſtem Müſſen entſtandenen Zeichnungen noch für den Beſchauer genug von dem Reichtum des Innenlebens behalten, aus denen ſie wuchſen. „Noch immer wird viel Mißbrauch mit dem Wort und Begriff „Dämonie“ getrieben. Eine Charakteriſierung der Kubinſchen ſich zum ge⸗ wiegten Feinſchmecker ausgebildet hatte. Es war eine Platte, auf der eine rieſige hölzerne Henne auf ebenfalls ſehr großen Eiern brütete. Die Eier waren glänzend und ſchneeweiß und ſahen aus wie abnorm große Hühnereier. Aber als man ſie näher beſah, konnte man feſtſtellen, daß ſie aus Teig beſtanden, und als man ſie öffnete— wozu jedem Gaſt ein ſchwerer ſilberner Löffel ge⸗ reicht wurde—, lag in jedem Ei eine knuſprig gebratene Schnepfe. Ein Inder über den Weltfrieden In Entgegnung auf die Anregung Hearſts, einen Bund aller Völker engliſcher Sprache zu ſchaffen, äußert ſich der indiſche religiöſe Führer Kriſchnamurti über die Folgen, die ſolch ein Ereigiie chaben würde.— An ſich Thhen iſt es für uns Euro⸗ päer weſentlich, zu erfahren, wie die Menſchen des Oſtens ſelbſt über die politiſche Entwicklung Aſiens denken; beſondere Bedeu⸗ tung aber kommt den Worten Kriſchnamurtis zu, der ein guter Kenner Europas iſt und in ſeiner indiſchen Heimat zu den führenden Geiſtigen gehört. Die von Hearſt vorgeſchlagene Vereinigung der Völker mit engliſcher Mutterſprache würde nichts anderes als eine weitere Zerteilung bedeuten. Sie würde neue Verwicklungen nach ſich ziehen. Unbedingt enthält ſie eine ſcharf abgegrenzte Scheidung zwiſchen Oſt und Weſt. Die Folgen einer ſolchen ſtarren Abgren⸗ zung können dem Weltfrieden verhängnisvoll werden. Schon jetzt gibt es panaſiatiſche Bewegungen. Einige davon ſind der öffent⸗ lichkeit bekannt, andere exiſtieren, obwohl ſie der Allgemeinheit heit noch verborgen ſind. Die vorgeſchlagene Vereinigung der Völker mit engliſcher Mutterſprache wird unbedingt einen Zu⸗ ſammenſchluß der Aſiaten hervorrufen. Sie wird ſicherlich in ihnen ein ſtarkes Gefühl gegen den Weſten erzeugen. Das alles wird ſchließlich ſchickſalshaft zu irgendeinem Zuſammenſtoß führen. Gewiß, alle ſolche Bewegungen ſollen ſtets aus rein defenſiven wecken geſchaffen ſein. Dennoch— eines Tages werden ſie zu ffenſivbündniſſen. Die Maſſen Aſiens fühlen von Tag zu Tag mehr, wie ihre latente Kraft wächſt. Schon wird ihre Haltung aggreſſiver. Sie find nicht länger damit einverſtanden, ſich vom Weſten beherrſchen zu laſſen. In China zeigt ſich dieſes fremdenfeindliche Gefühl beſon⸗ ders ſtark und geſtaltet ſich dort zu einem rein nationaliſtiſchen Element. Die inneren Kämpfe treten ganz in den Hintergrund. Das Volk vergißt den Streit, den ein Teil mit dem andern hatte. Alles Mißbehagen, alle Haßgefühle wenden ſich gegen die Aus⸗ länder. Solche Geiſtesrichtung iſt zweifellos der Mentalität des Inders vollkommen entgegengeſetzt. Und trotzdem— wenn auch in der Form milder: dieſelbe Stimmung zeigt ſich in Indien. Sollte nun tatſächlich eine Vereinigung der Völker mit engliſcher Mutterſprache gebildet werden, und ſollte man Indien nicht daran teilnehmen laſſen, dann würde dieſes Gefühl ein viel feind⸗ ſeligeres Geſicht bekommen. Die Schaffung eines ſolchen engliſchen Bundes würde dahin führen können, daß Indien ſich auf ſich ſelbſt verließe. In gewiſſem Sinne hoffe ich übrigens, daß es dahin kommt. Und Indien würde gegenüber dem großen Intereſſe ſeiner nationalen Exiſtenz ſeine unbedeutenden Streitigkeiten im Innern aufgeben. Wen Hearſts Vorſchlag durchgeſüſßrt werden würde, ſo be⸗ deutet das vornnefichtlich die Schaffung einer Liga der Völker Aſiens. Dazu würde auch Rußland gehören, ferner Japan, China und die Türkei. Und dann Indien, das noch ſeine alten Traditionen hat, ſeine Gebräuche, durch die bis jetzt noch Kunſt, die ſich bezeichnenderweiſe oft an Doſtojewſki, Poe uſw. zu Gipfelleiſtungen entflammte, wird aber ſchwerlich ohne ſie aus⸗ kommen. Doch muß feſtgeſtellt werden, daß die Dämonie in Kubins Kunſt nicht gemacht, ſondern erlebt iſt, nicht Abſicht und weck, ſondern Antrieb und Schaffensquell. Und vielleicht wäre zubins Dämonie ſchwer erträglich, wenn ſie nicht immer wieder aufgelockert und gemildert würde. Die Momente, die das tun, ſind: eine im innigſten Sinne des Wortes fromme, hingabefreu⸗ dige Heiterkeit der Seele,— und ein befreiender Humor. Gewiß, der Humor iſt zuweilen(bis zur Abſurdität) grübleriſch verdüſtert,— aber ebenſo oft wird das bedrängende Traumhafte durch einen ganz ungeſucht aufblitzenden Funken weiſen Froh⸗ ſinns überſtrahlt. Als Beiſpiel ſei das Blatt„Ausflug der Vogel⸗ ſcheuchen“ genannt. Da begibt ſich ein grotesker, ſchon im Ge⸗ danken unverkennbar Kubinſcher Spuk.. aber es iſt ein ſonniger Sommerſpuk, gewürzt mit ſoviel herzhaft heiteren Einzelzügen, daß kein williger Betrachter ſich der Wirkung entziehen kann. In Kubins Strich— er hat faſt nur Federzeichnungen und Lithographien, höchſtens noch eine geringere Anzahl Aquarelle geſchaßfen— gibt ſich oft eine gewiſſe Nervoſität und Überſenſi⸗ bilität zu erkennen. Ebendarauf iſt es wohl zurückzuführen, daß in vielen ſeiner Arbeiten kein winzigſtes Fleckchen iſt, daß nicht erregt und erregend lebt, der Wunder⸗Urwelt des mikroſkopiſchen Waſſertropfens vergleichbar. Der Reiz dieſer Blätter, neben denen es auch geradlinig klare, ſozuſagen„einfache“ gibt, iſt ein ganz eigener und eigentümlicher. Wie überhaupt das Schaffen des nun ünfzigjährigen umſo gewinnbringender und innerlich lohnender ſſt, je tiefer wir uns hineinleben. Das zu tun, bieten wohlfeile Ausgaben der von ihm illuſtrierten Werke zervie ſeine— eben⸗ falls noch erſtaunlich billige— Originalgraphik reiche Möglichkeit. 7 ſeine zahlloſen Millionen Einwohner Unterworfene ſind, deſſen Sehnen nach nationaler Freiheit aber ſtändig wächſt. Zu dieſer Liga würden gleichfalls gehören: Meſopotamien, Afghaniſtan, Arabien und Paläſtina, Syrien und wahrſcheinlich auch Abeſſi⸗ nien und der Norden Afrikas. Ein Konflikt von weltumſpannen⸗ der Bedeutung würde daraus erwachſen. Alle dieſe aſiatiſchen Völker ſind vom Weſten ausgeraubt und ausgebeutet. Sie würden natürlich gleichfalls einen„rein defen⸗ ſiven“ Bund ſchließen. Damit wäre die Arena gegeben für den ſchrecklichſten, ſcheußlichſten Krieg, den die Welt je geſehen hätte. Und damit wäre gegeben die Scheidung der Farben— auf der einen Seite die weizen Raſſen, auf der anderen Seite die braune, gelbe, rote, ſchwarze Raſſe. Auf der einen Seite Aſien, dieſer unendliche Kontinent mit ſeinen Millionen Menſchenweſen, in allen das gleiche glühende Verlangen, der gleiche Ehrgeiz, die gleichen Ideale, die gleichen Bedürfniſſe. Und ihnen ſtänden auf der anderen Seite die Millionen der Kontinente Europa und Amerika gegenüber. Und ſelbſt, wenn die Folgen der Hearſtſchen Anregung in materieller Beziehung nicht ſo gefährlich ſein ſollten, würden ſie es nicht in jedem Fall auf moraliſchem Gebiet ſein? Ein Bund aller Völker mit engliſcher Mutterſprache würde ſicherlich den Reichtum und das materielle Gedeihen dieſer Völker vermehren. Zum Wohlergehen der Welt würde er nicht beitragen. Denn er würde in die neue Ziviliſation nicht einſchließen die Weisheit, die Kultur, die Schönheit des Orients und all der Völker mit nicht engliſcher Mutterſprache. Solch ein Bund könnte bedeutend ſein durch ſeine Organiſationsfähigkeit, durch ſeine Regierungskunſt und ſeine Geſetze. Denn gewiß haben die Völker, welche zu ihm gehören würden, eine bewundernswerte Literatur und ſchöne Kunſtwerke hervorgebracht. Doch nie iſt ihrem Schoße eine Religion oder ein großer geiſtiger Lehrer entſproſſen. Der geiſtige Reichtum der Welt entſtammt dem Orient; der materielle Reichtum gehört dem Okzident. Nur die Vereinigung beider ſichert das Glück der Welt. Salzburgs Höhlenwelt In einem Uraniavortrag in Wien ſprach der Höhlenforſcher Fußenienr Walter Czornig⸗Czernhauſen über die Salzburger öhlen. Das Volk erzöählt ſich von Karl dem Großen im Untersberg, verborgenen Schätzen, in die Höhlen verbannten Böſewichten, Zwergen und Bergfräulein, die vor den Eingängen ihre Schleier trockneten, wenn die feuchte, aus den Löchern ins Freie ſtrömende Luft kondenſierte und als Nebelfetzen in den Wänden hing. Ganz Mutige, aber auch gläubige Phantaſten, ſtiegen wirklich in die eiſige Nacht der Bergdome und Gänge, die ſagenhaften Schätze zu heben. Viele von ihnen mußten ihren Fürwitz mit dem Leben be⸗ zahlen; der Sturm verlöſchte ihre Fackeln und ließ ſie nicht mehr entzünden, die einſamen Höhlenwanderer verirrien ſich in den Labyrinchen, ſie ſtürzten ab oder gingen am Hungertod elead zu⸗ runde 4 Vereinzelt begann ſchon um die Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts eine von den phantaſtiſchen Nebenabſichten freie Durch⸗ forſchung der Höhlen, aber erſt ſeit 1910 wird dieſe Arbeit ſyſtematiſch auf wiſſenſchaftlicher Grundlage durchgeführt, be⸗ gründet von Alexander Mörth, der leider 1914 im Kriege ſtarb, deſſen Aſche aber, geborgen in einer Urne, an dem Orte ſeiner eifrigſten Tätigkeit, in einer Höhlenniſche des Tennengebirges, aufgeſtellt wurde.. Bis heute ſind in Salzburg 259 Höhlen mit insgeſamt 59 Kilometer Länge begangen, vermeſſen und nach allen Kich⸗ tungen hin unterſucht worden. Die wiſſenſchaftliche Ausbeute iſt nicht gering anzuſchlagen. Ausgeſtorbene Höhlentiere und Inſekten wurden gefunden, ſeltſame phyſikaliſch⸗meteorologiſche und hudro⸗ graphiſche Erſcheinungen fanden Erklärung. und noch manche an⸗ dere Ergebniſſe laſſen die Mühe wert erſcheinen. Durch Chlorieren der Waſſer, einem neuen Verfahren, wurden manche Irrtümer über verborgene Flußläufe aufgeklärt. Was die Entſtehung der Höhlen betrifft, ſo ſtammen ſie wohl zum größten Teil aus der ſpäteren Tertiärzeit und ſtellen damalige unterirdiſche Flußläufe dar, die in das hochragende Tertiärmeer eben mündeten. Kohlenſaures Waſſer hat vorerſt chemiſch den Kalk in einer Klüftungslinie ausgehöhlt und dann mechaniſch die charakteriſtiſchen, heute manchmal eingeſtürzten Tonnenwölbungen geſchaffen. Beweis für die chemiſche Wirkung des Waſſers iſt, daß es innerhalb hundert Jahren imſtande iſt, eine Kugel mit 35 Meter Durchmeſſer im Kalk auszuhöhlen. Zum Teil ſind die Salzburger Höhlen trocken, die Flußläufe ſind verſiegt, viele Gänge aber ſind noch aktiv, waſſerführend, an ihnen ſchreitet die Bildung weiter, ſie ſind auch nicht das ganze Jahr hindurch zu begehen. Weſentliche Veränderungen vermag allerdiags der kurzlebige Menſch kaum wahrzunehmen, und der Vortragende bezeichnete das Leben in der ewigen Fniiemmi⸗ für den Forſcher als Abbild der Zeitloſigkeit, ein Gefühl, das ihn unwillkürlich berj lt „Daß in den 4 ANießt, erklärt ſich aus der Kommunikation. Die gewaltigen Stürme, beſonders in engen Durchgängen, entſyringen aus den öhlen das Waſſer auch nach aufwäris Temperaturdifferenzen außen und im Berginnern. Trotzdem die Höhlentemperatur zeitweilig über 09 Grad liegt, geht doch Eis⸗ bildung vor ſich, da die im Winter einſtrömende kalte Außenluft die Wände derart abkühlt, daß ſie gleichſam als Kälteſpeicher dienen und die Luftfeuchtigkeit in Eiskriſtallen niederſchlagen. Rieſenhafte Eispyramiden und ⸗vorhänge, phantaſtiſche Tropfſtein⸗ gebilde und klare Waſſer laden ein, einzukehren bei den küeede und Zwergen im Untersberg, Tennengebirge und an andern ſagenumwobenen Orten. Kreuzworträlſe 1 ⸗ v r 68 3 7 9 2 E F 7 3 7 7 2 1 7 T. 81 3 7 pSs ⸗ 1 2 5 E 1 4 a, 49 E 7. 3 V mM Wagerecht: 1. ſeichter Meeresarm, 5. Platz bei Bewegungsſpielen, Ga. ſibiriſcher Strom, B. Müdchenname, 10. Unwahrheit, 12. Ausruf des Bedauerns, 14. Anruf, 15. Brennſtaff, 16. engl. Titel, 17. Schwiegerſöhne, 20. Längenmaß, 22. Wehruf, 23. Oper von Verdi, 25. Vorſilbe, 27. Fürwort, 29. italieniſches Ton⸗ zeichen, 31. afrikaniſches Nind, 34. europäiſcher Gebirgofug, 37. Erderhöhung, 38. Teil des Schwäb. Jura, 40. Honigwein, 42. Fürwort, 43. Fluß in Thüringen, 45. Name des Löwen, 47. Buchſtabe, 48. Stadt in Belgien, 49. Ausruf der über⸗ me chang. 51. weibl. Vorname, 53. Kleidungsſtück, 54. oſtpreußiſcher Schriftſteller, 55. Wie 40. Senkrecht: 2. Feldmaß, 3. türkiſcher Rechtsgelehrter, 4.„Numero“, 5. Göttin, 6. kaufm. Abkürzung, 7. Nebenfluß der Saale, 8. Windſtoß, 10. Kamelari, 11. einfältiger Menſch, 13. bayeriſcher Name, 14. Ausruf der Schadenfreude, 16.„Frühling“ im Dichtermund, 18. wie 42., 19. Fluß zur Nordſee, 21. franz. Fürwort, 24. europäiſcher Strom, 26. ſibiriſcher Strom, 27. norddeutſcher ta 28. Muſikinſtrument, 30. Streit, 32. mathematiſche Figur, 33. ausgeſtorbenes Rind, 34. Körperteil, 35. Augenblick Lin Verbindung mit„im“), 356. nicht„alt“, 39. Baumtell, 41. Produkt aus Steinkohle, 44. Nachtvogel, 46. Stadt in Württem⸗ berg, 47. Hirtengott, 48. bibliſche Perſon, 49. Spielkarte, 50.„außer Dienſt“s 52. italieniſches Tonzeichen. Schach⸗Ecke Damengambit und Damenbauernſpiel I. „Der Doppelſchritt des Damenbauern erfreut ſich in den großen Turnieren der letzten Jahre einer großen Beliebtheit, weil der Vorteil des Anzugs am längſten eſgehalten wird, eine ſtarke Zentrumsſtellung geſtattet und theoretiſche über⸗ raſchungen weniger zu befürchten ſind. Die Spiele des Damenbauern zerfallen in zwei Teile: in A. das Damengambit und B. das Damenbauernſpiel. A. Das Damengambit Nach den Zügen 1. d 2— d4 d7— d 5, 2. c2— 4 führt eigentlich nicht mit Recht den Namen eines Gambits, da der Bauer mit Tempogewinn zurück⸗ gewonnen wird; verſucht Schwarz, den Bauer zu verteidigen, kommt er meiſtens in Nachteil, daher gilt die Ablehnung des Gambits für beſſer. Wie nachteilig die ſofortige Deckung des Bauern iſt, zeigen folgende zwei Varianten: 2. d5 X△ c4, 3. e 2— e 4 b 7— b 5? 4. a 2— a 4 e 7— c6, Na4 X b 5 c 6 X△ b. 5, 6. b 2— b8 c 4 ✕ b3, 7. Lf 1  b5+ Les— dy, 8. Dd1 ✕ b 3 L. d7 △ b 5, 9. Db3 ✕ b5+† DdS— d7, 10. Db 5 X✕ ⁰ 7+ und Weiß ſteht überlegen, beherrſchend im Zentrum. Seine Figuren haben die günſtigſten Ausfall⸗ ſtraßen und kann in kürzeſter Zeit ſeinen K durch 0—0 in Sicherheit und den h⸗Turm in Spiel bringen. Eine andere Stellung entſteht durch 3.°2— es und falls jetzt b. 7— b 52 4. a 2— a 4 7— c 6, 5. a 4 X, b5c6  bö, 6. D d 1— f3 und gewinnt eine Figur. Viel beſſer iſt nach 3. e 2— 04, 3. 8 b 1— c oder 3. 2— e der Zug e 7— 05. I. 3. e 2— e3 e 7— e 5, 4, Lf 1 c.4 e 5 ⁴⁸ d 4, 5. 3% d4 Lf8— d. Weiß hält zwar ſeinen Entwicklungsvorteil noch eine kurze Seit feſt, aber bei gutem Gegenſpiel von Schwarz reicht er nicht zum Gewinn aus. Im Gegenteil kann Schwarz, wenn er erſt die Eröfnungsſchwierigkeiten über⸗ wunden hat, infolge der vereinzelten weißen Damenbauern leicht in Vorteil kommen. II. 3. 2— e 4&. gut.) 5. S b 1— c 3 LkS— c(5; 6. Lf 1 X ⁴¶ SE6— g 4; f 7— 75; 8. Lel— g5ö DdS— dS; 9. e 4  15 Le8 X⁴△ᷓ 15; n— Dds— 6. Dieſes ſtammt aus dem Turnier London Steinitz— Blackburne, wo der Schwarze gewann. III. 3. 8 b 1— ce3 e 7— e 51 4. d 4 ✕ 5⁵ D d'8 △ d1+. Auſ d8 X₰△( 14— d5 ergeben ſich ähnliche Spielweiſen wie oben angeführt.) 5, Sc3 △ d 4. 6 3 bS— c6. .. 1 4 0 0.— 0d †. 8. Ke2² b 4+. 9. K b 1, 15 uſw.) 6. e 2— e 41 Sc6%✕ 9 5.(Schlechter iſt 6. k 4 8 d 4 14 LfS— dö. 8. Lf4 X e5 L,d5 ✕ e5. 9. L f1 18g 8—*7. 10. S g 1— 92 0.-9. D vielen nen Zeing. . eereeen een 52— e 8 „„— NAMNEN Sn AAn ar 6nn —— 47 AE Was glänzt, iſt fü ugenblick geb — Der Leichenwagen Von Hans Hyan Es war nachmittags js gegen drei Uhr, und die Leute ſuchten die noch immer ſchmale Schattenſeite der Potsdamer Stra dieſem Jahre war im Mai die glänzende Luft ſchon ſo unbeweg⸗ lich und ſchwer, daß die Menſchenköpfe ſich ſenkten, wie Pflanzen in der Dürre. Auf dem Aſphalt fuhr, mit ſeinen Silberverzierungen in dem heißen Licht blinkend, ein Leichenwagen. Den beiden Rappen hatte man die ſchwarzen Tuchdecken abgenommen, die Tiere hatten den gravitätiſchen Schritt von heute morgen, wo ſie den Toten hinausgefahren hatten nach Britz, aufgegeben und zogen das offene, mit barocken Schnörkeln verzierte Gefährt jetzt mit bun⸗ melnden Köpfen im gemütlichen Zockeltrab dahin. Der Mann, der am ſchwarzen Wollſtrick ſonſt das Handpferd leitete, ſaß mit zwei Leichenträgern hinten auf dem Wagen und ließ ſeine ſehr langen Beine herabhängen; von weitem ſah es aus, als müßten ſie auf das Straßenpflaſter ſtoßen. Links von ihm ſaß ein Dicker mit einer Glatze, der war be⸗ trunken. Deſſen ſpeckigen Zylinder hielt der Lange auf dem Schoß, und wenn der Dicke dann und wann aus dem Gleichgewicht kam und herabzuſtürzen drohte, ſo faßte ihn der andere und ſchob ihn wieder hinauf auf das ſchwarze Bodenbrett des Wagens, von dem die Farbe gewichen war unter den rutſchenden Füßen der Särge und den blanken Hoſenböden der Leichenträger. Mitten drin im Wagen, gerade unter dem Kreuz, ſaß ein kleiner, grauhaariger, magerer Menſch, der ſchlief. Und der vierte der Träger, noch jung und beſſer gekleidet als die übrigen, ſaß vorn neben dem Kutſcher. Er ſah alles noch mit fremden Augen an, aber der Kutſcher, offenbar ein Philoſoph, meinte eben: „ Ick weeß janich, Menſch, wat du willſt!. Wat ick fahre, det is mir doch janz ejall.. Veioher war ick Bierfahrer, det heeßt, Mitfahrer, denn ick hatte de Arbeit und mein Kootze von Kutſcha, der vadiente det Jeld! Na, un wat meenſte woll, wie manch eena hat ſich totjeſoffen an unſre Aktienjauche!... Is'n det wat anders? Heite fahr' ick de Doten ſelba.. Ick ſage dir, ick habe ſchon Jeheimräte jefahren!... Wer de erſte Klaſſe beſſahlen kann, den fahr ick, un offenjeſtanden, et dut mir bloß leed, det ick mir nich ſelba mal rausfahren kann nach den ſo⸗ jenannten Jottesacker.“ Er machte eine kleine Pauſe, ſagte zu ſeinem Kollegen:„Halte mal de Leine!“ und nahm eine Priſe. Dann fuhr er ſelber weiter und meinte: „Darum mußte nu aba nich denken, ick jloobe det alles, von wejen an Jott un ſo.. nee, det du ick eben nich!.. ick jloobe an janiſcht! Seh mal, Martin, dazu habe ick zuviel jeſehn in meinem Leben!... Wat ſeid ihr denn??... Ooch ſojenannte Jottesjeſchöpfe!... det heeßt mit andern Worten, ihr mißt Steiern zahlen, det eich die Mitze wockelt, und kennt froh ſein, wenn a eich ſatteſſen derft!.. JIs det etwa die jöttliche Jerech⸗ tigkeit?!.. Sie dachten beide ein wenig nach, dann meinte der Jüngere: „Un nachher, Aujuſt? jloobſt du, det nachher noch wat kommt... ja?“ I „Wenn denn?.. nachen Dode?. Nee, mein Junge, det jloobe nichl. Du mußt da mal ſo'n Doten anſehn, wenn a ſo ſeine drei, vier Tage jelegen hat, in Sommer! oller Keeſe is janicht dajejen, ſag' ick dir!. Det der hernachens noch wiedg rumwurmeſieren ſollte, ſo jewiſſermaßen als Jeiſt, nee, det jloob ick nich!... Det is ausjeſchloſſen!... Fertig!. Punkt!.. Jedankenſtrich!“ Er ſah vor ſich hin, ſchmitzte dem Stangenpferd eine Bremſe von der Schulter und ſagte: „Jott, meechlich is ja allens!... Er dämpfte ſeine Stimme. „Seh mal da hinta uns in’n Wagen det FJeſtelle, den Mer⸗ tens, an!..Du kennſt'n ja noch nich, aba jloobſte, der redt oren, das Echte bleibt der Nachwelt de. In bloß ick kann ma nich den⸗ ken, wie det denn nachher mit de Rangordnung ſind ſollte!“ ———ꝛfeB iebahaupt mit unſa eenen?! Nich in de Tietel Un allens bloß, weil a ma frieher Lehrer jeweſen is.“ „Na, warum is er denn dis nich jebliem“?“ fragte der Jün⸗ gere etwas lauter. „Pſt!“ machte der Kutſcher,„halt doch’'s Maul! Er braucht et doch nu ooch nich jrade zu hören!... Er wurde nämlich durch den Paſtor uff St. Marien an unſeren Fuhrherrn empfohle Na, un du weeßt doch, wat de Paſtoren wollen, det miſſen ſe t5 uns machen! Sonſt kommen de feinen Fuhren am Ende bei andern!. Un ſo wurde er denn ooch richtig anjeſtellt.“ Er gab dem anderen abermals die Zügel, füllte ſeine breiten Naſenflügel tüchtig mit„Carotten“, nieſte inbrünſtig und fing. weiterfahrend, wieder an: „Seh mal, Fritze, wat der Lange is, det is'n Jemietsmenſch, wie du'n ſelten findeſt!“ Er unterbrach ſich, um einen Bäckerjungen anzuſchnauzen, der offenbar mit Abſicht dicht unter den Pferdeköpfen vorbeiging. „Der kann keen Kind ſchtef anſehn, jeſchweije denn n wat dun! Na, un wie det ſchonſt is, wenn ſo’n Menſch heiraten dut, denn kommt a allemal an de Falſche.“ „Ach, der Lange is vaheirat’?“ Der Kutſcher nickte.— „Waal... waa vaheirat'!“ „Is die Frau dot?“ Der Kutſcher umging dieſe Frage und ſagte: „Sie ſoll In janz ausnahmsweiſe hübſchet Meechen jeweſen ein. Ick habe ihr ja nich jekannt, aba der Roſann— der, der ahinten immazu quatſcht!— der ſagt et.. un der muß et doch wiſſen, um den wa et ja!“ „Wat denn, Auiuſt, wat denn?“ Der Jüngere wurde neu⸗ gierig. „Wat denn?!., Det kennſte da doch denken, Menſch!. Se hat'n bedrogen, den Langen... hinten un vorne hat ſein bes drogen!... mit jeden!... for Jeld un umſonſt Un 9 ſich ooch janich etwa jeniert, ih neel.. Wenn der Lange na Hauſe jekommen is, denn ſaß allemal eena bei ſel...“ Er knallte mit der Peitſche. „Meine ſollte et man jeweſen ſind! Der Jüngere ſchüttelte den Kopf.— „Un das hat ſich der Lange allens ruhig jefallen laſſen?“ Der Kutſcher nickte. „Tjal.. Un denn kriechte ſe'n Kind. Damals vakehrts der Roſann bei ſe, und der hat felbſt injeſtanden, det er der Vater is... un der Lange hat niſcht jeſagt.. Im Jejenteil, er hat det kleene Wirmeken ſo lieb jehatt, als wär et ſein eiienes! 65 Nachts is a' uffjeſtann un hat n de Flaſche jejem’ denn de faule Aas, ſeine Frau, die hat ſich nich jeriehrt... aber't half allens niſcht, det Kind ſchrie immazu, et muß woll'n innerliches Leiden jehatt haben! Un eenes Dages, wie der Lange nach Hauſe kommt, da is et dod.. Und da wartt alle!... Se muß woll noch en dreckije Redensart jebraucht ham oda ſowat, kurzum, ſe haben ſich det Zanken jekricht, un ſchließlich hat mein Karl det Beil jenomm' un hat ſe vorn Kopp gehaun, ſo lange, bis ſe dod wa.“ Der Jüngere war blaß geworden, ſcheu ſah er ſich nach dem Langen um, der eben wieder den Betrunkenen zurechtſetzte. Auguſt drückte ihm die Leine in die Hand.„Halte mal,“ ſagte er un nahm une Priſe.„Wat is denn nu mit ihm jeworden?* fragte der Jüngere dann. „Na, a hat ſich ſelbſt vor Jericht jeſtellt un ſe haben'n ooch vaurteilt, ick jlaube, zu finf Jahrel... Aber nachher is a be⸗ jnadigt wor'n.“... „Un da redt a noch mit den, mit den Roſann? l“ „Na, da kannſte ja ſehn, wat a vor'ne Seele von Menſch is!. ⸗ Brrrl.. Brrrl... wollt ihr woll ſtehn, ihr Rackers!“ ſche Der. Leichenwagen hielt vor einer Deſtillation und der Kut⸗ r rief: „Na, Kinda, wie istt mit'ne kleene Weiße bei Stachow'n?* Schon waren ſie alle vom Wagen und verſchwanden im Lokal⸗ Nur der ehemalige Lehrer blieb, als ging ihn das nichts gu, mitten im Wagen, unter dem ſilberblinkenden Kreuz mn Im Juli durch Feld und Wald — Vor Tag und Tau heraus aus den Federn muß der, der jetzt die Natur genießen will. über Tag meint es die Sonne gar zu gut, da ruht es ſich beſfer im kühlen Schatten, die Wanderung wird beſchwerlich. Erſchlaffend wirkt die Sonnenglut, aber nicht nur auf den Menſchen, auch in der Natur wird ſolches empfunden. Ganz anders iſt es in der Morgenfriſche, bevor die Sonne den Nachttau weggeküßt. Da ſind noch Zeichen und Wunder in der Natur zu erleben. Das Erwachen der Blumenwelt— zu keiner anderen Tages⸗ zeit läßt ſich dies ſo ſchön beobachten, wie am frühen Morgen. Cohl gibt es auch Langſchläfer unter den Blumen, die erſt am Vormittage oder gar erſt nachmittags ausgeſchlafen haben. Ja, ſelbſt ausgeſprochene Nachtſchwärmer ſind vorhanden, deren Tage⸗ werk erſt am Abend beginnt. Doch das alles ſind Ausnahmen. Die Mehrzahl der Blumen ſchläft in der Nacht, wie es ſich für eſittete Lebeweſen geziemt und rüſtet ſich am Morgen zu neuer rbeit. Wer noch keine Blume ſchlafen ſah, der merke ſich im Felde, auf einer Wieſe, an einem Rain irgend ein Plätzchen, an dem über Tag die gelben Strahlenkronen des Löwenzahnes, auch Kuhblume oder Hundeblume genannt, im Sonnenlichte er⸗ ſtrahlen. Dieſelbe Stelle ſchaue er ſich dann am Abend an, noch bevor die Sonne zur Ruhe ging: Er mag ſich die Augen aus dem Kopfe ſchauen, von der ſtrahlenden, gelben Pracht des Tages iſt nichts mehr zu ſchauen. Genaue Betrachtung des Fleckchens Natur lehrt dann, daß nicht etwa ſpielende Kinderhände all die Blüten⸗ ſtengel herauszupfen, um davon Ketten und Kronen zu ſchmieden. Samt und ſonders ſtehen die Blumen noch da. Ihre Form hat ſich nur gewandelt. Statt in flacher Scheibe ſind jetzt die vielen Strahlenblüten wie zu einer Pyramide nach oben zuſammenge⸗ legt. Das iſt die Schlaf⸗ oder Nachtſtellung der Löwenzahnblume, zum Unterſchied der Tagſtellung. Nicht alle Blumen zeigen einen ausgeprägten Unterſchied zwiſchen Tag⸗ und Nachtſtellung. Bei einer ſehr großen Zahl aber iſt dieſer Unterſchied vorhanden, und wenn dieſer auch nicht immer ſo augenfällig iſt wie beim Löwenzahn, ſo iſt es doch gar nicht ſchwierig, ſelbſt einige Dutzend verſchiedener Pflanzen zu finden, wo ein ſolcher Unterſchied bei den Blumen zu bemerken iſt. Die günſtigſte Zeit zur Feſtſtellung ſolcher Pflanzen iſt der frühe Morgen. Und darum wollen wir unſere Wanderung auch vor Tag und Tau beginnen, daß wir draußen ſind, wenn das all⸗ emeine Erwachen anhebt. Viel iſt von den Blumen auf den dern zunächſt noch nicht zu ſehen, weil eben die meiſten lumen in der Nachtſtellung verharren, in der ſie, wie wir es eben beim Löwenzahn kennen lernten, nichts oder nur wenig von den Blütenblättern zeigen. Wir betrachten nun die Schlaf⸗ ſtellung der Blumen näher. Da ſehen wir, daß die Blumen, die eine dem Löwenzahn ähnliche Blumenform zeigen, es ſind Korb⸗ blütler, ſich auch dieſer Blume gleich verhalten. Die große Zahl der Doldenblütler, wofür die wilde Möhre ein bekanntes Bei⸗ piel gibt, ballt ihre tagsüber weit auseinandergeſperrten Blüten⸗ ſtände für die Racht zu einem kleinen Knäuel zuſammen, Einſames Mädchen Braun und gelb mein Goldlack blüht, Die Bienen ſind bei mir zu Gaſte. Die Sonne. Meine Brüſte ſind rund. Meine Wange glüht. Aber niemand will am Munde mir naſchen. Der Mond. Die Mitternacht. Frau Eule ſchreit. Ich ſehe mich ſelbſt ſchon als altes Weib. Vom Himmel fallen die Sterne. Max Dortu „Ab' immer Treu und Redlichkeit“ Zu Höltys Gedicht Die Mahnung, immer Treue und Redlichkeit zu üben, kann einer Zeit und Geſellſchaft, die das eine ſo wenig zuläßt wie das andere, nicht ernſt erſcheinen; und ſtellt man das Tempo der Weiſe wieder her, zu der man Höltys Gedicht in den Liederbüchern verzeichnet findet— die des Papagenoliedes„Ein Mädchen oder Weibchen“ aus der„Zauberflöte“—, ſo iſt die Parodie vollendet. Danach könnte man der Meinung ſein, unſer Gedicht gehöre einer Vergangenheit an und bleibe, unverbunden mit der ſchnellen Lebendigkeit unſerer Gegenwart, den Heutigen unverſtändlich, es lei im günſtigſten Falle eine Kurioſität für jen⸗ Wenigen, die die Treue und Redlichkeit des Höltyſchen Sprachkunſtwerkes um ſo höher zu ſchätzen wiſſen, je ſeltener ſie die beiden Tugenden in der Realität zu finden vermögen. Aber wir machten uns die Erkenntnis der Literaturgeſchichte zu leicht, wollten wir uns damit zufrieden geben und in Höltys ähnlich fals wenn wir unſere flache Hand zur Fauſt ballen. Noch andre Blumen drehen ſich tütenartig zuſammen, dann ſind da ſolche, die ihre Blütenköpfe vom Himmel ab und der Erde zu neigen. In unzählig wechſelnder Form läßt ſich die Nachtſtellung der Blumen beobachten. Im Weiterwandern ſehen wir das Bild ſich allmählich ändern. Und wenn wir uns die Zeit dazu nehmen, dann können wir an beſonders ins Auge gefaßten Blumen deutlich den Übergang von der Nacht⸗ in die Tagſtellung verfolgen. Bei der einen Blumengattung vollzieht ſich dieſer übergang ſchneller, bei andern langſamer. Je wärmer und heller die Sonne heraus⸗ kommt, umſo ſchneller vollzieht ſich der Wechſel. Wärme und Licht müſſen alſo wohl die Urſache dieſer Bewegungen ſein. Um zu er⸗ gründen, ob wirklich dieſe beiden Kräfte die wirkenden ſind, haben die Forſcher die eigenartigſten Verſuche angeſtellt. Dabei hat ſich dann gezeigt, daß Wärme und Licht ſich bei den ver⸗ ſchiedenen Blumen verſchieden äußern, manchmal genügt die eine oder andre dieſer beiden Kräfte, oft aber müſſen beide zuſammen wirken, um aus der Nachtſtellung eine Tagſtellung zu erzielen. Sind Wärme und Licht die wirkenden Kräfte für die Tagſtellung, ſo müſſen die Gegenſätze, Kälte und Dunkelheit, die treibenden Federn für die Nachtſtellung ſein. Aber ſie ſind es nicht aus⸗ ſchließlich, denn manche Blumen wechſeln am hellen Tage aus der Tagſtellung in die Nachtſtellung hinüber, wenn der Feuchtig⸗ keitsgehalt der Luft eine gewiſſe Grenze überſchritten hat. Dieſes Empfinden für Feuchtigkeit iſt bei etlichen Blumen ſo ausge⸗ prägt, daß ſie heraufziehenden Regen zeitiger anzeigen als wir Menſchen dieſen mit unſeren Sinnen wahrzunehmen vermögen. Die bekannte Wetterdiſtel verdankt dieſer Eigenſchaft nicht nur ihren Namen, ſondern auch ihren begründeten Ruf eines Wetter⸗ propheten. Doch es müſſen auch noch andere Kräfte ihre Hand im Spiele haben, denn manche Blumen, die am Vormittag voll erblüht waren, ſehen wir über Mittag in der Nachtſtellung ver⸗ harren, um ſich am Nachmittag noch einmal zu öffnen. Hier zeigt ſich die erſchlaffende Wirkung des Übermaßes von Licht und Wärme. Weiter zwingt uns der Umſtand, daß etliche Blumen tagsüber geſchloſſen ſind, und ſich nur des Nachts öffnen, zu der Annahme, daß die genannten Kräfte nicht allein maßgebend ſind. Sind dieſe treibenden Kräfte auch noch nicht reſtlos erforſcht, ſo ſehen wir doch klar den Nutzen, den die Pflanze aus der Fähigkeit, ihre Blumen zu ſchließen und zu öffnen, zieht. Es iſt der Schutz der eigentlichen Fortpflanzungsorgane, Fruchtblatt und Staubblatt, der hierdurch erreicht wird. Frucht⸗ und Staubblatt machen das Weſen der Blume aus. Blumen⸗ und Kelchblätter ſind nur förderndes und ſchirmendes Beiwerk. Gelegentlich ſehen wir unter Blumen, die in Nachtſtellung verharren, etliche der gleichen Art in Tagſtellung. Dieſe haben ihren Daſeinszweck er⸗ füllt, die Samenanlage iſt befruchtet. Das Schutzmittel iſt nicht mehr vonnöten. Gottlob, daß endlich der Waldſaum winkt. Das Wandern durch die Felder hat Schweiß gekoſtet, da ſoll das Frühſtück im Waldesſchatten munden und dann ein Schläſchen zur Stählung des Körpers beitragen. Nun ſind wir da. Unter der breitaus⸗ ladenden Linde iſt es nicht nur ſchattig, ſondern auch trocken⸗ Gedicht nicdts weiter ſehen als die in den luftleeren Raum ge⸗ ſprochene Moral einer kandidatenhaften überzeugung. Es verbirgt ſich vielmehr in Höltys Gedicht, ſo erſtaunlich dieſe Behauptung im erſten Augenblick klingen mag, ein Stück Antifeudalismus, ja es gehört mit anderen Gedichten jener Zeit zu den Dokumenten des ſich bildenden bürgerlichen Klaſſenbewußtſeins. Wir wollen unſere Behauptung zu beweiſen verſuchen. Das Gedicht iſt als eine Mahnung gedacht, die„Der alte Landmann an ſeinen Sohn“ richtet; eine Mahnung, die den Geld⸗ und Land⸗ gierigen, der auch im Tode keine Ruhe finden kann, dem Redlichen gegenüberſtellt und die von der Vergeltung ſpricht, die einmal dem böſen Amtmann und dem geizigen Pfarrer zuteil werden wird. Hier führt ein religiöſer Puritanismus das Wort, der ſich ſehr wohl, bei Berückſichtigung aller geänderten zeitlichen Verhältniſſe, „mit früheren religiös⸗revolutionären Gedankengängen vergleichen läßt. Die Schwarmideen eines Thomas Münzer und der brutale Puritanismus der Cromwell⸗Zeit finden hier einen abklingenden Nachhall. Die Linie von den flammenden Revolutionspredigten Thomas Münzers bis zu den ſanften Worten Höltys zeigt die ganze traurige Entwicklung der deutſchen Dinge. Hölty ſelbſt kann als Zeuge für unſere Behauptung ge⸗ nommen werden. Es iſt zu unſerem Gedicht eine Strophe erhalten, die in der endgültigen Faſſung keine Aufnahme gefunden hat und die man mit Schubarts brennendem Gedicht„Die Fürſtengruft“ zuſammenhalten darf; ſie lautet: Der Fürſt, der ſonſt nach Hirſchen ſchoß, Von Wein und Weibern dumm Trabt nun auf einem glüh'nden Roß Im wilden Wald herum. Kutſchiert, im glüh'nden Fürſtenrock, Die Straßen ab und auf, Ein Teufel auf dem Kutſcherbock, Zween Teufel hintenauf. Johann Heinrich Voß, der mit Friedrich Leopold Grafen zu Stolderg 1783 zum erſtenmal Höltys Gedichte geſammelt heraus⸗ Ein belſeres Ruheplätzchen läßt ſich im Innern des Waldes ſchwerlich finden. Nieder alſo. Bald vernehmen wir über uns ein geſchäftiges Summen und Surren. Das kidſdie fleihigen Mienan, 3 3 euch die ſich an den Honigtöpfen der Linde g S der angenehme Duft auf, der von oben herniederſtrömt. Ob wohl die Bienen ebenſo den Duft riechen wie wir? Wahrnehmen müſſen ſie den Duft wohl; ob das aber in gleicher Weiſe wie durch unſere Naſen gelchieht, wir wagen es nicht zu ergründen. Aber wir ſollten uns doch einmal den Honigtopf anſchauen, der die Bienen ſo mächtig anlockt. Schnell iſt ein kleiner Lindenzweig zur Hand. Der einzelnen Blume ſehen wir nichts außergewöhn⸗ liches an, höchſtens daß einem Teil der zahlreichen Staubfäden die Staubbeutel fehlen. Dieſe zeugungsunfähigen Staubblätter müſſen den Honig herſtellen. Aber ſo ein ganzer Blütenſtand iſt doch ein recht ſonderbares Ding. Der Stiel ſcheint direkt aus einem Blatt herauszuwachſen. Aber es iſt doch etwas anders. Der Stiel kommt nicht aus dem trockenhäutigen Blatt heraus, er läuft vielmehr darauf entlang und zweigt ungefähr vom Mittelpunkt des Blattes ac um ſich bald trugdoldig zu ſpalten. Wir eilen der Zeit einige Monde voraus: Aus den Blumen ſind Samen ge⸗ worden und dieſe löſen ſich mit dem häutigen Blatt vom Baume; da erweiſt ſich das Blatt als ein gar prüchtiger Flug⸗ und Fall⸗ ſchirm, der die Samen weit von der Mutterpflanze fortführt, auf daß ſie womöglich günſtigen Boden zum Keimen finden; im Schatten der Mutterpflanze würden die Samen nicht keimen und nicht heranwachſen können. Manchmal finden wir neben dem einen häutigen Blatte, an dem der Blütenſtiel aufſitzt, noch andere ähnliche, aber mehr oder weniger verkümmerte Blattgebilde. Und dieſe haben den Forſchern einen Fingerzeig gegeben über die Entwicklung des Blütenſtandes unſerer Linde. Aus urſprünglich vielen kleinen Blättchen, die dem Samenſtand als Fallſchirm dienen mußten, hat ſich nach und nach das eine größere Blatt herausgebildet. Herm. Krafft. Meraner Tage Von Peka Zoollſtation Brenner! Italieniſche Sprachlaute durchſchwirren die Luft. Ein ſchwarzhaariger Boy kräht mit heiſerer Stimme „Chianti⸗Ruffina⸗Chinati“. Grüne Grenzer, die lange Hahnen⸗ zeder am Hut, kontrollieren die Gepäckſtücke. Eilfertig wühlen zihre Hände in den Koffern herum. Die erſten Faſchiſten werden Ptbar Sie„röntgen“ die Paſſagiere auf äußere und innere Ver⸗ ächtigkeit. Man fühlt ſich beobachtet, kontrolliert, umſchnüffelt, ſeiner perſönlichen Freiheit beraubt. Im Lande der Junggeſellen⸗ ſteuer herrſcht das Syſtem der Gewalt, das fühlt man in der Luft wie Gewitterſtimmung. Ein baumlanger, robuſter Geſelle, dem der ſchußbereite Revolver frech aus dem Lederfutteral ſchaut, kon⸗ trolliert die Zeitungen, die die Paſſagiere bei ſich haben. Unhöf⸗ lich und ſtillſchweigend geht er durch den Zug und nimmt einfach weg, was ihm nicht gefällt, ohne ein Wort der Erklärung. Mein Überzieher wird viſitiert, der Faſchiſt entdeckt bei mir— im Gepäck⸗ netz liegend— die„Münchener RNeueſten“. Ich darf die Beltung Pehalten, ſein Inſtinkt für Geiſtesverwandtſchaft hat ihn nich etrogen. Dde und verlaſſen liegen die erſten Stationen hinter dem Brenner. Sie ſind bereits italieniſiert und ihr deutſcher Klang durch italieniſche Endungen verſtümmelt. Auf den Bahnſteigen wandelt das alte und das neue Italien tatenlos umher. Zwei Karabinieri mit ihren lächerlichen Operettenuniformen— das alte Italien. Sie gehen ſtumm und ſtols neben einander her und halten das Genick ſteif, damit der Dreiſpitz nicht aus der Richtung kommt. Hinter ihnen, breitſpurig und frech, der faſchiſtiſche Kon⸗ trollbeamte(auf jedem Bahnhof faulenzt ein Schwarshemd herum) den Revolver im Gürtel und die unvermeidliche Zigarette zwiſchen den Zähnen. Die beiden andern ſind nur Staffage, er iſt die Macht, jene unheilvolle Macht, die auf dieſem Lande liegt wie ein Dämon und alles, was freiheitlich iſt, mit Gewalt erſtickt. Im Schneckentempo windet ſich der Zug durch die Ebene des Etſch. Hinter Bozen— heute Bolzano genannt— tauchen ſchatten⸗ haft die geſpenſtiſch zerriſſenenen Kämme der Dolomiten auf. Immer breiter wird das Tal, von herrlichen Mittelgebirgszügen eingeſchloſſen, die von gewaltigen, ſchneebedeckten Gebirgsrieſen überſchattet werden. Das ſcharfe Profil der Mendel zeigt den Ein⸗ gang zum Tal von Meran. Unvergleichlich iſt dieſes Tal, einzig⸗ ⸗artig in der Blütenpracht ſonnigen Hochfrühlings. Wie ein bunter Blütenteppich iſt es flach zwiſchen Gebirgszüge geſpannt, durch⸗ wirkt mit Miriaden von Blüten. Die leuchten und duften wie ein Roſengarten im Märchen von Tauſend und eine Nacht. An den Hügeln beginnt der rote Wein zu grünen; der rote ſüdtiroler Lakreinkrätzer, der das Blut wie Feuer durch die Adern jagt, und der goldgelbe Terlaner, der die Menſchen hypnotiſiert wie ein Zaubertrank. Mitten durrch das Tal rauſcht die Etſch. Dort, wo ſich die wilde Paſſer in die Etſch ſtürzt, liegt Meran, von den Italienern Merano genannt. Scharf an die Paſſer anſchliehend. keilt ſich die Meraner Altſtadt— mit ihren reizenden altertümlichen Häuſern und winkeligen Gäßchen— zwiſchen zwei Anhöhen, um ſich nach Weſten wie ein Füllhorn auszubreiten. Jenſeits der Paſſer, nach Oſten zu, über eine ſanfte Höhe ausgeſtreut liegt maia alta, das Villenviertel. Meran iſt ein bedeutender Kurort, bedeutend wegen ſeiner günſtigen Lage und ſeines ausge⸗ zeichneten Klimas. Von allen Seiten her vom Hochgebirge ein⸗ geſchloſſen, hat es eine außerordentlich milde Temperatur, wie ſie nur noch in Davos und Agypten anzutreffen iſt. Seine Haratieriſtiſche Trockenheit— es regnet ſelten und meiſt nur nachts— macht es hervorragend für Kehlkopfkranke, die hier abſolute Heilung finden. Auch Gicht⸗ und Rheumakranke ſuchen durch Meraner Frühjahrskuren Linderung und Heilung. Meran iſt deshalb Kurbad im eigentlichen Sinne des Wortes.— Auch unter italieniſcher Herrſchaft hat Meran ſeinen inter⸗ nationalen Charakter behalten. Allerdings nur äußerlich. Denn ein Kurort von ſolcher Bedeutung, in dem die Fremden beſpitzelt werden, dürfte in der Welt einzig daſtehen. Man verſucht zwar, um den Fremdenverkehr nicht zu behindern, das Syſtem der Kon⸗ trolle ſo unauffällig wie möglich zu machen, aber im Geheimen werden alle Dinge überwacht. Poſtgeheimniſſe gibt es nicht. Briefe gegeben hat, unterſtrich die Tendens des Gedichtes, indem er den acht Strophen zwei hinzufügte: Der Pfarrer, der aufs Tanzen ſchalt nd Filz und Wuch'rer war, Steht nachts als ſchwarze Spukgeſtalt Um zwölf Uhr am Altar; Paukt dann mit dumpfigem Geſchrei Die Kanzel, daß es gellt, Und zählet in der Sakriſtei Sein Beicht⸗ und Opfergeld. Der Junker, der bei Spiel und Ball Der Witwen Habe fraß, Kutſchiert, umbrauſt von Seufzerhall, Zum Feſt des Satanas; Im blauen Schwefelflammenrock Fährt er zur Burg hinauf, Ein Teufel auf dem Kutſcherbock, Zween Teufel hintenauf. So weiſt ſich der Sinn dieſer Religioſität: dem praſſenden Fürſtentum und Adel ſteht der darbende Untertan gegenüber, der aus ſeiner Not eine Tugend macht und der, da er es ſelbſt nicht wagt, an Widerſtand und Vergeltung zu denken, die Religion das tun läßt, was er ſelbſt zu tun zu ſchwach iſt. Auch hier mag man ſehen, wie ſich die große Revolution von 1789 ankündigt. Fritz Brügel. Die Reſeda Die wohlriechende Reſeda(Reseda odorata) war früher ſehr volkstümlich. Aus dieſer Zeit ſtammt auch das ſchöne Gedicht Gilms, wo es heißt: Stell' auf den Tiſch die duftenden Reſeden, Die letzten roten Aſtern bring' herbei!. Alſo noch in den Herbſt hinein blüht und duftet die Reſeda, die, wenn auch aus der Mode gekommen, noch ebenſo reizvoll geblieben iſt, wie ſie war. Die Reſeda ſtammt aus Nordafrika. Die erſten Reſedaſamen hat der franzöſiſche Forſcher Granger— der 1733 nach dem Orient ging und 1737 in Basra ſtarb— von der Cyrenaica nach Europa, und zwar dem Jardin des Plantes, dem heute noch beſtehenden botaniſchen Garten in Paris, geſendet. von hier aus gelangte ſie zuerſt in die übrigen botaniſchen Gärten Europas. Später auch in die Privatgärten. Sie wurde zu einer der beliebteſten und am meiſten verbreiteten Pflanzen, wozu außer ihrem lieblichen Duft und ihrer langen Blütezeit auch ihre leichte Kultur viel beitrug. Obzwar ſie ſich von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an raſch verbreitete, blieb ihre Herkunft noch ſehr lange ein Ge⸗ heimnis. Das Geheimnis wurde erſt im Jahre 1887 durch die botaniſche Forſchungsreiſe von Taubert nach der Cyrenaica. der ſie dort wildwachſend fand, gelüftet. Es gibt mehrere Reſedaarten, die ſich hauptſächlich durch die Größe der Blütenähren, durch üppigkeit und Buſchigkeit des Wuchſes unterſcheiden. Die bekannteſten ſind die folgenden: Reseda odorata grendiflore. Dicke, dichte Blütenähren. Breite ljaftige Blätter. Reseda odorata ameliorata. Kräftiger Wuchs. Staubbeutel der Blüte braun. Reseda odorata eximea. Blütenähren weißlich. Sehr ſtark duftend. fteld aa odorata gigantea pyramidalis. Kräftiger Wuchs. In ſehr langen Riſpen ſtehend.. Reseda odorata Machet. Dicke, rötliche Blütenſtände. Reseda odorata Victoria. Staubbeutel dunkelbraunrot. Aus den Reſedablüten wird auch ein feinduftendes Ol ge⸗ wonnen.. Von den mitteleuropäiſchen Reſedaarten iſt der ſogenannte Färbewau(eseda luteola) erwähnenswert. Sie wurde im Altertum und im Mittelalter zum Gelbfärben benützt. Zu dieſem Zweck wird er heute nur noch in England und Holland kultivierk⸗ —1f werden geöffnet, Telephongeſpräche belauſcht; man iſt, ohne daß man es merkt, überall von Spitzeln umgeben. Der ſchwarze Schrecken der Spionage iſt wie ein Netz über das ganze Land ge⸗ zogen. Ein Vorkommnis, das dieſe Verhältniſſe ſehr deutlich illu⸗ ſtriert, ſei bier erzählt: Ein deutſcher Stadtverordneter aus dem Rheinland macht Raſt in einer Dorfkneipe. Er unterhält ſich dort über die politiſchen Verhältniſſe Italiens und wird von dem Wirt nachher denunziert. Ungünſtige Außerungen über Muſſolini! Der Mann iſt reif fürs Gefängnis. Man verhaftet ihn und ſchleppt ihn nach Bolzano. Hier hat er Zeit, darüber nachzudenken, was er eigentlich verbrochen hat. Erſt auf Vorſtellungen der deutſchen Regierung läßt man ihn frei und jagt ihn über die Grenze zurück. Fälle, in denen Reichsdeutſche— von denen man weiß, daß ſie dem Syſtem Muſſolinis als Feinde gegenüberſteben— beläſtigt, oftmals auch verhaftet und mißhandelt werden, ſind an der Tages⸗ ordnung. Von Politik darf nicht geſprochen werden. Ein politiſches Ge⸗ ſpräch mit Eingeborenen anzuknüpfen, iſt deshalb nahezu eine Unmöglichkeit. Grauſame Strafen treffen die, die aufrecht genug ſind, ihre Meinung zu ſagen. Sie verſchwinden in irgend einem verpeſteten Landſtrich im ſüdlichen Italien, Tirgeſtrichen aus der Liſte der Lebendigen, eine Strafe, die für die Angehörigen des Unglücklichen ſchlimmer iſt, als der Tod. Seufzend beneidet der Südtiroler deshalb das Los der andern deutſchen Minderheiten in den losgetrennten Gebieten. Der Verſailler Vertrag hat die Südtiroler nicht nur an Italien, er hat ſie— was vie gchlimmi iſt— dem Faſchismus ausgeliefert. An jeder Straßenecke iſt das Antlitz Muſſolinis mit ſchwarzer Farbe aufgeſchmiert. Sein durch⸗ dringender Blick hupnotiſiert wie das ſtarre Auge eines Raub⸗ vogels, der ſich auf ſeine Beute ſtürzt. Das Syſtem des Faſchismus lähmt das urſprüngliche Leben der Südtiroler und verbreitet eine Stimmung, die man als unterdrückten Haß gegen Italien be⸗ zeichnen kann. Die Südtiroler Bauern ſind eine beſondere Raſſe. Dickſchäde⸗ lig, konſervativ, an ihre armſelige Scholle gefeſſelt, im ſteten Kampf mit den Elementen ihrer Gebirgswelt, haben ſie ſich daran gewöhnt, langſam und zähe zu ſein. Mit dieſer Zähigkeit haſſen ſie auch das Syſtem des Faſchismus und wünſchen Muſſolini mit ſamt ſeinen ſchwarzbehemdeten Banditen zu allen Teufeln. Aber ſie wagen nicht, dieſen Haß deutlich werden zu laſlen. Ihren Kin⸗ dern erteilt man in der Elementarſchule nur italieniſchen Unter⸗ richt. Die deutſche Sprache erhält ſich mühſam in der Familie fort, in ein paar Jahrzehnten wird ſie verſchwunden ſein, voraus⸗ geſetzt, daß bis dahin nicht der Faſchismus zuſammengebrochen iſt. Die Südtiroler hoffen; Muſſolini aber arbeitet weiter an der faſchiſtiſchen Durchſeuchung des Landes. Das neue Syndikatsgeſetz kommt auch in Südtirol zur vollen Anwendung. von Syndikaten iſt über das Südtiroler Land gebreitet. Alles wird zwangsläufig faſchiſtiſch organiſiert. An der Spitze eines jeden Syndikats ſteht der Wachmann, der Kontrolleur des Ruten⸗ bündels. Alle Lebensregungen der Geſellſchaft werden ſo in die Zwangsläufigkeit einer entſetzlichen Bureaukratie gepreßt. überall das Gefühl des Abgeſtempeltſeins. Durch höheren Macht⸗ ſpruch eingeordnet in ein Staatsleben, in dem nur der„Duce“ etwas zu ſagen hat. So ſind die Südtiroler heute zum Gehorſam verurteilt, und ſie gehorchen, weil ihnen ſonſt nichts übrig bleibt. Eines Tages— ſo träumen ſie— wird auch am politiſchen Himmel das Licht wieder degreich hervorbrechen, wie die Sonne im Tal von Meran. Bis dahin aber reitet der ſchwarze Reiter weiter, der dem dampfenden Pferd die Sparen bis zum Blut in die Weichen keilt, bis es unter ihm zuſammenbrechen wird.. — 3 3 De e K28 Ein Bad im Kooko diſfleß „Zu baden, wenn die Krokodile um einen herumſchwimmen, iſt gewiß nicht jedermanns Sache. Und doch gibt es Männer, die ſich trotz der Nähe ſolcher Ungeheuer mit größter Furchtloſigkeit in den Fluten erfriſchen. Eine angenehm gruſelige Geſchichte von einem, der dieſen lebensgefährlichen Sport bekrieb, enthält das ſoeben bei Brockhaus erſchienene Werk„Der wilde Landor. Das Maler⸗ und Forſcherleben H. A. Savage Landors, von ihm ſelbſt erzählt“. Der Sportsmann war kein Geringerer als Landor ſelbſt. Der Marſch durch den engliſchen Sudan führte ihn an den Ufern des Sobat entlang. Eines Tages war die Hitze wieder einmal uner⸗ träglich und der ſchwarze Staub, wie immer, zum Erſticken. Lan⸗ dor dürſtete geradzu nach Abkühlung. So ſtieg er denn kurz ent⸗ ſchloſſen zu einem erquickenden Bad in den Fluß, obwohl er von Krokodilen wimmelte. Bis an die Bruſt ſtand er im Waſſer. Jedes⸗ mal, wenn er ſich am ganzen Körper eingeſeift hatte und ſich bückte, um den Schaum abzuſpülen, tauchten im Kreis um ihn herum die niedlichen Schnauzenſpitzen und lüſternen Augen von acht bis zehn oder noch mehr ausgewachſenen Krokodilen auf, die raſch und lautlos herangeſchwommen waren. Einen Augenblick lang, als der Gemütsmenſch Landor ſich gerade den beißenden Seifenſchaum aus den Augen uuich. Jaſtn ſie ſogar bis auf zwei Meter an ihn heran. Landor indeſſen kannte ſeine Pappenheimer genau. Ab und zu blickte er ſcharf nach ihnen hinüber oder tat ſo, als wollte er werfen. Dazwiſchen fing er dann noch laut an zu rufen, und ſofort verſchwanden die unerfreulichen Gäſte unter der Ober⸗ fläche. Aber nur für ein paar Sekunden. Dann tauchten alle wieder auf und rückten näher. Als Landor endlich ſein für jeden anderen ſicher mehr nervenaufreibendes als geſundheitförderndes Bad Ein ganzes Netz — beendet hatte, hatte ſich bereits eine ganze Volksverſammlung kon⸗ ſtituiert. Nun wurde die Angelegenheit ſelbſt einem Landor et⸗ was zu brenzlig und er trat den Rückzug an. Doch in ſeinen Me⸗ moiren hält er es für nötig, ſich vor den Leſern deshalb zu ent⸗ ſchuldigen:„Krokodile ſind ſo erbärmlich feige, aber man ſoll das Schickſal nicht auf die Probe ſtellen. So hielt ich es, als das Ziel. einer gründlichen Reinigung erreicht war, doch für geraten, die Tiere nicht weiter in Verſuchung zu bringen.“ Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zuſchriften und Löſungen zu ſenden ſinde Partie Nr. 29 Gespielt im Haagschen Arbeiter-Schachklub Weis: F. L. Wackers I. e2— e4 e7— e5⁵ 3. LfI— 44 LfS— e7. Schwarz: W. de Bruyn 2. Sgl— f3 Sb8— c6 Damit geht Schwarz vielen An. griffen aus dem Wege, verliert aber bald den Halt im Zentrum. 4. d2— dA4 e5 △ d⁴ Den Vorzug verdient d7— ⁴. 5. Sf3)dd..... 1 Stärker ist der Buchzug 5. c, um dxo mit 6. Dd5 zu beantworten. ...... Sc6— 05 Lc4—e?ã d.— d 7. f2— f4 Se5— g6 8. 0—0 Sg8— f6 9. SbI— c3 0—0 10. Lcl—e..... Der Läufer steht hier exponiert; besser war b nebst Lb2. ..... 18— e8 II. h2— h.... Um Dda spielen zu können, ohne durch S94 gestört zu werden 1 ..... Le7— 18 12. Le2— d5?e..... 12. Lf6 mußte geschehen; auf den Textzug ermöglicht der ungedeckte Les einen Durchbruch im Zentrum.. ...... 7— C5l 13. Sd4— f3..... Oder 13. Sb3, dö. 14. LXc5, daed zum Vorteil von Schwarz. 3 ..... dõ— d5 14. Ld5— b5..... Weiß erhält dadurch zwar Turm und zwei Bauern gegen zwei leichte Figuren; die Mehrbauern sind aber nicht zur Geltung zu bringen, so daß Schwarz durch sein Figurenüber- gewicht in Vorteil kommen muß. 1 15. Lb5 es Dd8 e8 d5— dA „„„ 2 e 16. Sf5 da 05dA4 17. DdIdd b7— b6 18. Tal— dd..... Ein Fehlzug, der besser durch e4l— e5 ersetzt würde. 18..... LfB“ e5 19. DdA4— dd Lo8—- a6l 20. Dd a6 Lo5X e³‿ 21. Kgl—hI Sf6— h5! 22. IfI f3 Lesf4. Mit dem Bauernverlust ist das Schicksal des Weißen besiegelt; es ist aber noch interessant zu beobachten, wie energisch und schnell der Schwarze sein Uberd gewicht zur Geltung bringt. 23. Da6— b7 Sg6— e5 24. If3— fe Lfa—es 25. Sc5— dd Dieser Versuch, dem Qualitätsa verlust zu entgehen, wird sehr gut widerlegt. .... Le⁵α†2 26. Sd5-C.... c d ee h 91 S Wchſchcocce 2 ʒ)h, 3 2. Z 3, Gh 2 5 3 5 2, 5 Üh E z 5 5 4 8 2, ccch 5 S Sch c H 2 8 5 68;, Su h 26... Ta8—- dl 27, Iaf— dö..... Wenn Weiß die Dame nimmt, so folgt natürlich Matt in zwei Zügen. 72 Td8*α d 28. e4*αd5⁵ Se5— f3 Ein brillanter Schlußzugl Die Dame kann wieder wegen Matt nicht genommen werden, und auf gxf folgt Del† nebst Matt im nächsten Zuge. Weiß gab auf.„ Anmerkung Paul Johner in der„Züricher Post'. Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. 6G6AAA A= — . S. ₰ ertrnr — Der Mann, der 100 000 Rubel haben wollte Von Alexander Puschkin Aus ſeinen nachgelaſſenen Papieren übertragen von Sigismund von Radecki Duroff— das war der Bruder jenes Fräulein Duroff, die 807 Soldat wurde, ſich das Georgen⸗Kreuz verdiente und ſpäter hre Memoiren herausgab. Der Bruder war in ſeiner Art nicht weniger ſonderbar als die Schweſter. Ich lernte ihn 1829 im Kaukaſus kennen, auf meiner Rückreiſe von Erzerum. Er kurierte ſich von irgend einer erſtaunlichen Krankheit— in der Art von Katalepſie—, und ſpielte von früh bis in die Nacht Karten. Endlich hatte er alles verſpielt, ſo daß ich ihn in meiner eigenen Equipage nach Moskau brachte. Duroff hatte eine einzige fixe Idee: er wollte unbedingt hunderttauſend Rubel haben. Er hatte ſich alle nur möglichen Methoden zur Beſchaffung dieſes Geldes ausgedacht und aufs neue überlegt. Während der Fahrt weckte er mich manchmal nachts mit der Frage:„Alexander Sſergejewitſch! Alexander Sſergejewitſch! was glauben Sie, wie könnte ich mir hunderttauſend Rubel verſchaffen?“ Eines Tages ſagte ich ihm, daß ich an ſeiner Stelle, wenn ihm die Hunderttauſend ſchon ſo unumgänglich notwendig ſeien,— daß ich ſie alſo ſtehlen würde. „Ich habe daran gedacht“, erwiderte mir Duroff. „Nun— und— 2“ „s iſt ſchwierig: nicht jeder hat in ſeiner Taſche gleich Hunderttauſend, und einen Menſchen für ein Butterbrot beſtehlen oder totſchlagen, das will ich nicht,— ich hab' doch ein Gewiſſen.“ „Nun, dann ſtehlen Sie eine Regimentskaſſe.“ „Ich habe daran gedacht.“ „Wie das?“ „Das könnte man im Sommer durchführen, wenn das Regi⸗ ment im Lager iſt und die Fuhre mit der Regimentskaſſe beim Zelt des Kommandeurs ſteht. Man könnte über die Deichſel eine lange Schnur werfen, und an dieſe Schnur in weiter Entfernung ein Pferd ſpannen. Darauf galoppiert man mit dieſem Pferde weg. Die Schildwache ſieht, daß eine Fuhre ohne Pferd daherrollt, wird ſich höchſtwahrſcheinlich furchtbar erſchrecken und vollkommen ratlos ſein. Nach zwei oder drei Werſt kann man dann die Fuhre zertrümmern und mit der Kaſſe das Weite ſuchen. Aber auch hier gibt's verſchiedene Unbequemlichkeiten. Kennen Sie nicht vielleicht ein anderes Mittel?“ „Erbitten Sie ſich das Geld vom Kaiſer.“ „Ich habe daran gedacht.“ „Nun? „Ich habe ſogar ſchon gebeten.“ „Wie! Ohne das mindeſte Recht darauf?“ „Grade damit hab' ich auch angefangen: Eure Majeſtät! Ich habe nicht das mindeſte Recht darauf, das von Ihnen zu ver⸗ langen, was das Glück meines Lebens ausmachen würde; aber, Eure Majeſtät, Gnade geht vor Recht uſw. uſw.“ „Was hat man Ihnen denn geantwortet?“ „Nichts.“ „Das iſt erſtaunlich.— Wenden Sie ſich doch an Rothſchild.“ „Ich habe daran gedacht.“ „Na alſo, woran iſt die Sache denn geſcheitert?“ „Ja, ſehen Sie, es gäbe ſchon ein Mittel, das Geld dem Rothſchild herauszulocken; zudem wäre das Ganze auch ſehr ſpaß⸗ haft und bizarr: man müßte ihm eine Bittſchrift ſchreiben, die ihn zuerſt einmal in die luſtigſte Laune bringt, und ihm dann eine Anekdote erzählen, die ihre ſicheren Hunderttauſend wert iſt. Aber bei alledem— wieviel Schwierigkeiten...!“ Mit einem Wort, man hätte ſich keine Abgeſchmacktheit und keinen Blödſinn ausdenken können, an den Duroff nicht ſchon ge⸗ dacht hütte Sein letztes Projekt war— das Geld bei den Eng⸗ ländern herauszulocken, und zwar ſowohl durch Reizung ihres Nationalſtolzes als auch in der Hoffnung auf ihre Liebe zu allem Was glänzt, iſt für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren Exzentriſchen. Er wollte ſich an die Engländer mit folgendem Schreiben wenden:„Meine Herren Engländer! Ich habe um 10 000 Rubel gewettet, daß Sie mir eine Anleihe von 100 000 Rubeln nicht abſchlagen werden. Meine Herren Engländer! Retten Sie mich vor einem Wettverluſt, den ich lediglich in Hoff⸗ nung auf Ihre allerwärts bekannte Großherzigkeit riskiert habe.“ Duroff bat mich, die Angelegenheit durch den engliſchen Bot⸗ ſchafter in Petersburg zu betreiben, und war mit ſeinem Projekt auch nicht eher herausgerückt, als bis er mir das Ehrenwort ab⸗ genommen hatte., daß ich keinen perſönlichen Vorteil daraus ziehen würde. Er war ſtändig bereit, jede beliebige Wette einzugehen und zu proponieren, und zwar gab es nichts in der Welt, worauf er nicht gewettet hätte. Man ſprach z. B. von einer Frau—„wollen Sie mit mir wetten,“ unterbrach Duroff:„in drei Tagen iſt ſie in mich verliebt!“ Man ſchoß mit der Piſtole ins Ziel— ſchon hatte Duroff vorgeſchlagen, in 25 Schritt Entfernung ſich ſelber aufzuſtellen, und wettete bereits 1000 Rubel, daß man ihn nicht treffen würde. Seine Leidenſchaft für Frauen war ebenfalls recht bemerkens⸗ wert. Als Stadtkommandant von Jamburg hatte er ſich einſt in ein rothaariges Bauernweib verliebt, welches zur Knute ver⸗ urteilt worden war— und zwar genau in dem Moment, als ſie bereits am Pfahl gefeſſelt ſtand, und er von amtswegen der Exekution beiwohnen mußte. Er flüſterte dem Henker zu, daß er , ſchouend behandeln ſolle und auch ihre weißen und vollen leize nicht in Mitleidenſchaft ziehen dürfe, was der Henker auch befolgte. Darauf lebte Duroff einige Tage zuſammen mit der ſchönen Zuchthäuslerin. Vor kurzem erhielt ich von ihm einen Brief. Er ſchrieb: meine Geſchichte iſt kurz erzählt— ich habe geheiratet und immer noch kein Geld. Ich antwortete ihm: es tut mir leid, daß von den 100 000 Methoden, ſich 100 000 Rubel zu verſchaffen, Ihnen bis jetzt offenbar noch keine gelungen iſt.— Wird eine Fahrt in den Weltenraum möglich ſein? Das techniſche Problem eines Vorſtoßes in den Weltenraum iſt, ſeitdem Jules Verne die„Reiſe um den Mond“ geſchrieben hat, populär geworden, aber bereits der vor 200 Jahren ver⸗ torbene Aſtronom Newton hat ſich ernſthaft mit der Auſgabe, die nziehungskraft der Erde zu überwinden, beſchäftigt. Wenn die „Wiſſenſchaftliche Geſellſchaft für Luftfahrt“ in Berlin kürzlich Max Valier, deſſen Name mit dieſem Problem verbunden iſt. Gelegenheit gegeben hat, ſich zu den hiermit zuſammenhängenden Fragen zu äußern, ſo beweiſt das, daß dies Problem nicht nur eine alte Sehnſucht der Menſchheit verkörpert, ſondern auch tech⸗ niſch durchaus diskutierbar iſt. Jules Verne ließ das Projektil, in dem die drei kühnen Abenteurer eingeſchloſſen waren, von einer ungeheuren Kanone in den Weltenraum ſchießen; aber der menſchliche Organismus würde eine Beſchleunigung wie die dem Geſchoß ſchon im Lauf erteilte, niemals ertragen können. Die zum Verlaſſen der Erde notwendige ungeheure Geſchwindigkeit des „Raumſchiffes“ darf nur unter allmählicher Beſchleunigung er⸗ reicht werden, und alle Wiſſenſchafter, die ſich ſeit Rewton mit dieſem Problem beſchäftigt haben, halten allein für dieſen Zweck den Raketenantrieb für geeignet, der praktiſch bis heute noch kaum erprobt iſt. Die Rakete als Feuerwerks⸗ oder Leuchtrakete bekannt, beſchleunigt ſich ſelbſt; der in ihr enthaltene Brennſtoff verbrennt allmählich, und die nach hinten ausgeſtoßenen Ver⸗ brennungsgaſe treiben vermöge ihrer Reaktionswirkung den Körper vorwärts. Das Flugzeug und ſein Motor ſind unbedingt abhängig von der Atmoſphäre, der Motor arbeitet um ſo ſchlechter, je höher das Flugzeug ſteigt und je niedriger der Luft⸗ druck wird. Die Rakete dagegen iſt von der Atmoſphäre unab⸗ hängig, die auf ſie nur hemmend wirken kann. — — Das Weſentlichſte iſt alſo, daß dieſer neuartige Antrieb tech⸗ niſch entwickelt wird, und Valier macht in dieſer Richtung be⸗ ſtimmte praktiſche Vorſchläge: er will das Raketenſchiff Stufe für Stufe aus dem Junkers⸗Flugzeug, Type(4. 24, entwickeln, will zuerſt die beiden ſeitlichen Motoren durch Raketenmotoren er⸗ ſetzen, dann immer mehr Raketenmotoren in die Tragfläche ein⸗ bauen, die gleichzeitig immer mehr verkürzt werden und ſchließlich gänzlich verſchwinden ſollen; denn das Raumſchiff braucht keine Tragflächen mehr, die Steuerung ſpielt eine untergeordnete Rolle und die Tragflächen haben eine Bedeutung nur beim Vorhanden⸗ ſein einer verhältnismäßig dichten Atmoſphäre. So entwickelt ſich langſam das für immer größere Steigungen geeignete Schiff, das ausſchließlich nur noch aus rieſigen Raketenmotoren und Brenn⸗ ſtofſbehältern beſteht; denn der Brennſtofſverbrauch iſt ein unge⸗ heurer, man kommt rechneriſch bis zu 95 Prozent des Geſamt⸗ gewichtes, wenn die zur überwindung der Erdſchwere notwendige Geſchwindigkeit von über 11 Kilometer in der Sekunde erreicht werden ſoll. Solange der Menſch noch nicht den Atomverfall be⸗ herrſcht und auf dieſe Weiſe aus ſehr kleinen Mengen ungeheure Kräfte gewinnen kann, muß man wohl bei möglichſt wirtſchaftlich arbeitenden flüſſigen Treibſtoffen bleiben, vielleicht flüſſigem Waſſerſtoff und Sauerſtoff. Allerdings behaupten Fachleute, daß an der Brennſtoff⸗Frage vorläuſig alles ſcheitern wird. Der Bau des Raketenmotors wird ſicher noch große Schwierigkeiten machen, da man mit Drücken bis zu 50 Atmoſphären ohne weiteres wird rechnen müſſen. Man wird natürlich mit kleinen Verſuchsflügen anfangen, wird allmählich immer größere Geſchwindigkeiten und größere Höhen erreichen, nachdem der Rumpf luftdicht gebaut iſt, um Menſchen den Aufenthalt in großen Höhen zu ermöglichen. Schließlich wird man transozeaniſche Reiſen machen, und Valier glaubt, daß eine Fahrt von Berlin nach Neuyork mit einem aus dem Junkers⸗Flugzeug entwickelten Raketenſchiff bei einer Flughöhe von 50 Kilometer in 1 ½ Stunden möglich ſein wird. llmählich wird das reine Raketenſchiff entwickelt werden, das ſich ſelbſt bis an die Grenze der irdiſchen Atmoſphäre„ſchießt“, alſo in wenigen Minuten 250 Kilometer Höhe erreicht, eine gigantiſche techniſche Aufgabe, wenn man bedenkt, daß der in hadadenhegan Hochſchrauben mühevoll unter höchſter Bean⸗ ſpruchung der Organismen des Piloten und— des Motors er⸗ reichte Höhen⸗Weltrekord heute nur bei wenig über 12 Kilometer liegt.. Wenn eines Tages dieſes„näher“ liegende Ziel erreicht iſt, das ſchon viele bisher unlösbare Forſchungsaufgaben zu löſen er⸗ lauben wird, dann erſt kann man vielleicht daran denken, in 22ſtündiger raſender Fahrt den Mond oder in 150tägiger Reiſe den Mars zu erreichen,— wenn Herz und Hirn und Blut der kühnen Piloten den teilweiſe noch unbekannten Beanſpruchungen Stand halten. Denn was weiß man letzten Endes überhaupt von den den leeren Raum beherrſchenden Geſetzen! Die Gelehrten ſind ſich noch nicht einmal einig darüber, ob ein derartiges Schiff, das die einmal erreichte Geſchwindigkeit ſo lange beibehält, bis es in den Schwerbereich irgend eines Weltkörpers kommt und auf dieſen uſtürzt, im Raum überhaupt mit irgend welchen mechaniſchen itteln wenden kann und damit ſteuerfähig iſt, ob man alſo z. B. mit Hilfe eines eingebauten Kreiſelſyſtems den Mond oder den Mars wird„anſteuern“ können. Wir wiſſen ja auch garnicht, wie der menſchliche Organismus ſich bei Erreichung des„ſchwere⸗ loſen Zuſtandes“ verhält, ob es ein praktiſch möglichen Schutz gegen die eiſige Kälte des Raumes gibt und ebenfalls gegen die größtenteils noch unbekannten, gefährlichen kurzwelligen Strah⸗ lungen des Weltenraumes, vor deren tödlicher Wirkung die irdi⸗ ſchen Lebeweſen die Atmoſphäre ſchützt. Vorerſt müſſen die prak⸗ tiſch⸗techniſchen Fragen Stufe für Stufe gelöſt werden, das Ra⸗ ketenſchiff oder ein Fahrzeug mit einem anderen entſprechenden Antrieb muß gebaut und entwickelt werden, ehe irdiſche Weſen mit einer kosmiſchen Geſchwindigkeit in den Raum hinausfliegen, — um dann vielleicht zu entdecken, daß ſie nicht über die Mittel verfügen, die Erde jemals wieder zu erreichen. Dipl.-Ing. A. Lion. Berlin. Das Berliner Abenoͤgymnaſium Von Prof. Dr. Peter 4A. Silbermann „Am 1. September dieſes Jahres wird in Berlin mit Unter⸗ ſtützung des Staates, der Stadt und zahlreicher wirtſchaftlicher Organiſationen das erſte Abendgymnaſium eröffnet werden. Daß die Gründung einer ſolchen Bildungsanſtalt ein Bedürfnis, ja, geradezu eine Notwendigkeit iſt, ergibt ſich allein aus der Tat⸗ ſache, daß ſich bereits an den ſechs erſten Anmeldungstagen gegen 2000 Männer und Frauen um die Aufnahme beworben haben. Trotz der zahlreichen Fortbildungsmöglichkeiten, wie ſie in den Großſtädten Deutſchlands durch Fachſchulen und Volkshochſchulen geboten werden, hatten bei uns bisher die im Berufs⸗ und Er⸗ werbsleben ſtehenden Perſonen ſo gut wie keine Gelegenheit, die in der Jugend meiſt aus wirtſchaftlichen Gründen verſäumte höhere Schulbildung nachzuholen. Heute ſind ſich wohl die maß⸗ gebenden Kreiſe der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer darüber klar, daß bei den geſteigerten Anforderungen der Gegenwart, die auf allen Gebieten hundertprozentige Leiſtungen verlangt, die Volksſchulbildung nicht mehr ausreicht. Sie reicht ganz beſtimmt nicht aus für einen Menſchen, der in ſeinem Beruf weiterkommen und damit auch ſeine wirtſchaftliche Lage verbeſſern will. Daneben gibt es aber auch zahlloſe Wiſſenshungrige, die durch eine ver⸗ tiefte und erweiterte Bildung ihren Anteil am geiſtigen Leben der Gegenwart vergrößern möchten. Alle dieſe wiſſensdurſtigen und ſtrebenden Menſchen waren bisher, wie geſagt, meiſt nur auf die volkshochſchulmäßigen Kurſe angewieſen, von den ſogenannten „Preſſen“ ganz zu ſchweigen, von denen keine Bildung, höchſtens Suchenden wegen der erheblichen Koſten gar nicht in Frage kommen. Allerdings beſteht ſchon ſeit ein paar Jahren in Berlin⸗ ſonders begabte, aus allen Teilen des Reiches ausgewählte junge Arbeiter aufgenommen und, vielleicht allzu raſch, in drei Jahren ſur Reifeprüfung geführt werden. Der Unterricht findet hier am ormittag ſtatt, den Reſt des Tages üben die im Durchſchnitt 20jährigen Schüler, durch Stipendien unterſtützt, eine Halbtages⸗ arbeit aus. Das iſt ein anerkennenswerter Verſuch, eine kleine Auswahl begabter Proletarierkinder— in vier Jahren haben etwa 50 Schüler dieſe Kurſe beſucht— in die höhere Bildung ein⸗ zuführen. aber keine Löſung des ſo überaus wichtigen Volks⸗ ildungsproblems, wie nämlich der großen Maſſe der Wiſſens⸗ durſtigen aus allen Volkskreiſen ohne wirtſchaftliche Belaſtung Eine pazifiſtiſche Stimme aus Polen Von Josef Heinz Mischel Nach dem Kriege waren es die neuerſtandenen oder groß⸗ gewordenen Staaten. die das Erbe des bankerotten Militaris⸗ mus übernahmen. Rumänien, Jugoſlavien. Ungarn, die tſchecho⸗ flowakiſche Republik, Polen waren 1920(und ſind's zum Teil heute noch) dort, wo Deutſchland 1910 oder 1914. Die Regie⸗ rungen waren überall nur ein Popanz in den Händen der Militärs. In Polen kam noch hinzu, daß der überzüchtete Patriotismus, der Taumel ſtaatlicher Unabhängigkeit, der nach anderthalb Jahr⸗ hunderten erfüllte Traum einen begeiſterten Nationalismus her⸗ vorbrachte, der durch überſteigerung in ſelbſtherrlichen, ſchroffen übermut und völkiſchen Dünkel umſchlug. Während im Weſten, nach Abflauen der Revolutionswehen, die Arbeiterparteien neue Wege der Zuſammenarbeit ſuchten, und ſogar die Regierungs⸗ Pe niez die Notwendigkeit einer friedlichen Verſtändigung ein⸗ ſahen, drang aus Polen kein Ton der Verſöhnung herüber. Ver⸗ einzelte Stimmen gingen im Waffengeklirr unter. In Deutſch⸗ land, in Frankreich und den anderen Ländern traten Dichter her⸗ vor, die in ihren Büchern, in Vorträgen und von der Bühne den Krieg verdammten, die Macht der Arbeit predigten, zur Be⸗ Pinune riefen. Die polniſche Literatur konnte bisher kein ſolches Werk aufweiſen. Nun erſchien in Warſchau ein Drama des ſehr angeſehenen Dichters Antoni Slonimſki:„Der Turm zu Babel“, das auf eine Wendung im polniſchen Geiſtesleben hinzuweiſen ſcheint. Bei haner Aufführung im„Teatr Polſki“ hatte es einen ſo nach⸗ altigen Erfolg, daß die polniſchen Hugenberge, wie Fledermäuſe aufflatterten und das Stück totzuſchreien verſuchten.(Was ihnen aber nicht gelang.) „Der Turm zu Babel“ iſt kein revolutionäres Drama im eigentlichen Sinn. Die ihr zugrunde liegende Idee iſt: Ver⸗ Phnug durch Arbeit um ein gemeinſames Ziel, Verbrüderung urch Arbeit um die Erlöſung der Völker, Vereinigung in Arbeit am Aufbau der Ruinen. Geiſtesmacht und Händearbeit können. wenn ſie ſich zu einer höheren Aufgabe zuſammenfinden, die Welt aus den Angeln heben. Die drei Akte des„Turm zu Babel“ ſind eine einzige Verherrlichung der Arbeit, der Verſöhnung, der Ver⸗ einigung aller Tätigen. Sie klingen in eine Hymne der Hoffnung aus, daß dieſe Ideale. trotz Demagogie, trotz geſchäftlicher Ge⸗ wiſſenloſigfeit trotz Wankelmut und Egoismus doch erreicht werden. „Der Turm zu Babel“, der Turm der Völker iſt der menſchen⸗ einigende Gedanke. Unabläſſig ſteigen an ſeinem Bau arbeiter⸗ gefüllte Fahrkörbe hoch und nieder, und kein Platz iſt darin für andere Gefühle, als das Gefühl der Einheit, der Einheit in Arbeit, der Macht der Arbeit. Zwei Chöre im erſten Akt ſeien hier in der überſetzung wiedergegeben. Chor des erſten Fahrkorbs Belgier, Serben und Polen. Deutſche, Türken und Schweden, Ritter des Stahls Und der Kohlen, Aus allen Städten und Landen Sind hier geeinigt Durch der Arbeit Band Und verlaſſen ihre Läger. Hand iſt verſchmolzen mit Hand, Verſchlungen, gebunden durch Blut. Die mächtigen, ſtählernen Träger xamenswiſſen gegeben werden kann, und die für die meiſten Neukölln ein Abiturientenkurſus für junge Arbeiter, in den be⸗ Schmücken, wie Flügel. die GZlut.— * “ dieſe Bildung und damit zugleich die Möglichkeit ſozialen Auf⸗ ſtiegs verſchafft werden kann. Auch in München beſteht etwas Ahnliches ſeit 2 Jahren. Es iſt die ſogenannte„Gewerbliche Abend⸗Mittelſchule“. Dieſe führt aber, wie ſchon ihr Name an⸗ deutet, nur bis zur mittleren Reife, alſo etwa bis zur Ober⸗ ſekunda. Ferner iſt ihr Beſuch mit nicht unerheblichen Koſten für die Schüler verbunden. Der Beſuch des Berliner Abend⸗ gymnaſiums ſoll aber, von einer geringfügigen Halbjahrsgebühr abgeſehen, unentgeltlich ſein, und auch die Lehrbücher ſollen Be⸗ dürftigen koſtenlos geſtellt werden. Dieſe Tatſache halte ich für außerordentlich wichtig. Denn in Zukunft ſoll und wird eben niemand mehr aus wirtſchaftlichen Gründen daran verhindert werden, die abgeſchloſſene und ſich allmählich aufbauende Bil⸗ dung der höheren Schule zu erwerben und ſich damit die Möglich⸗ keit des Auſſtiegs zu ſichern. Jeder ſoll, wenn er nur die nötige Begabung und Energie hat, die Chance haben hochzukommen. Das iſt ganz amerikaniſch gedacht, und in Amerika iſt in der Tat das Abendgymnaſium, ſo wie es jetzt in Berlin geplant iſt, ſeit mehr als einem Jahrzehnt verwirklicht. Es hat ſich dort ſo be⸗ währt, daß es in der Stadt Neuyork allein 17„Evening High Schools“ gibt, die im letzten Winter von 35 000 Männern und Frauen beſucht wurden. Der Lehrplan des Berliner Abendgymnaſiums ſoll ſich un⸗ mittelbar an den der Volksſchule anſchließen. In die unterſte Klaſſe, die Obertertia, können daher Männer und Frauen auf⸗ genommen werden, die über 18 Jahre alt ſind, im Berufsleben ſtehen und nur Volk⸗bitdung beſitzen. Zugleich mit dieſer Klaſſe ſoll im Herbſt auch eine Oberſekunda eröffnet werden für die Söhne und Töchter des gebildeten Mittelſtandes, die, der Not der Zeit gehorchend, vorzeitig die höhere Schule verlaſſen mußten, und nur die Oberſekundareife beſitzen. Von denen, die ſich bisher für das Abendgymnaſium gemeldet haben, verfügen etwa 25 v. H. über dieſe Reife. Der Unterricht wird an den erſten fünf Wochentagen in der Zeit von 7 bis 10 Uhr abends ſtattfinden. In dieſen drei Zeit⸗ ſtunden werden vier Unterrichtsſtunden erteilt, ſo daß auf jede Klaſſe 20 Wochenſtunden fallen. Für berufstätige Menſchen be⸗ deutet es zweifellos eine große körperliche Anſtrengung und eine ſtarke Belaſtung der Willenskraft, nach meiſt neunſtündiger Tagesarbeit noch Abend für Abend, und das auf Jahre hinaus, ernſte Studien zu treiben. Daß dies aber möglich iſt, beweiſt das amerikaniſche Vorbild. Es beweiſen dies auch die bei uns meiſt recht erfolgreich wirkenden Fachſchulen für Erwachſene, die doch faſt ausſchließlich in den Abendſtunden arbeiten. Das Berliner Abendgymnaſium ſoll zwar eine Pripatſchule bleiben, als deren Träger der„Verein zur Förderung des Berliner Abendgymnaſiums“ gedacht iſt, in deſſen Vorſtand ſatzungsgemäß das preußiſche Unterrichtsminiſterium, das Provinzialſchulkol⸗ legium und die Stadt Berlin vertreten ſind, aber es wird in der Lage ſein, genau dieſelben Berechtigungen zu erteilen, wie jede andere höhere Lehranſtalt Preußens. Natürlich iſt es unmöglich alle aufzunehmen, die ſich melden, ſolange es nur ein Abendgymnaſium in Berlin gibt. Aber ganz abgeſehen davon, beſitzen nicht alle, die da guten Willens ſind und das Streben bekunden, die Lücken ihrer Bildung auszufüllen, die zum erfolgreichen Beſuch einer höheren Schule nun einmal not⸗ wendige Begabung. Aus dieſem Grunde iſt es unumgänglich, eine Ausleſe vorzunehmen. Dieſe erfolgt in der Weiſe, daß die Voran⸗ gemeldeten, ihrem Alter und ihrer Vorbildung entſprechend, in Gruppen von etwa 40 bis 50 Perſonen eingeteilt werden. Jede dieſer Gruppen wird zweimal einer zweiſtündigen mündlichen und ſchriftlichen Prüfung unterzogen, wobei die Teſts, die Dr. Bober⸗ tag vom„Zentralinſtitut für Erziehung und Unterricht nach ame⸗ rikaniſchem Muſter eigens für dieſe Prüfungen ausgearbeitet hat, ute Dienſte leiſten. Die Beantwortung dieſer Teſts iſt nicht ganz eicht, aber gerade im Anfang iſt es ja wichtig, daß erſt einmal die Begabteſten Aufnahme in das Abendgymnaſium finden. In der großen Zahl der Vorangemeldeten ſind alle Lebens⸗ alter bis zum 50. Jahre und alle Berufe, mit Ausſchluß der aka⸗ demiſchen, vertreten. Und all dieſe Menſchen ſind begeiſtert und hoffnungsfroh. Alle möchten ſie ſo brennend gern weiterkommen im Leben und mehr und mehr hinzulernen, und der Gedanke, in⸗ jelhe des allzu großen Andrangs keine Berückſichtigung mehr zu finden, bereitet vielen Pein und Schmerz. In zahlloſen Briefen aben ſie ihre Sorgen und ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht. Gelingt der Berliner Verſuch, der ſicherlich von ganz Deutſch⸗ land mit Intereſſe beobachtet werden wird, dann wird das Ber⸗ liner Abendgymnaſium bald in allen großen Städten des Reiches Nachfolge finden. Und damit wäre eines der wichtigſten Volks⸗ bildungsprobleme auf die einfachſte und natürlichſte Weiſe gelöſt, (Aus dem 2. Juniheft vom„Heimatdienſt“.) Fahrt nach Reims Von Walter Hasenclever Mit einer Autokarte und zwanzig Liter Benzin verließen wir morgens Paris. Bald waren die Tore der Stadt, an denen drangvolle Enge und die altertümliche Sitte der Zollkontrolle herrſcht, überwunden. Die Pariſer Banlieu mit ſanften Fluß⸗ armen, Gärten und Terraſſen tat ſich auf. Wolken hingen am Himmel. Berge kamen näher. Die Sonne ſchien. Zwei Stunden durch blühendes, reifendes Land. Friedliche Kühe. Hin und wieder ein Geſchäftsreiſender mit ſeinem Citroen⸗ wagen. Arbeiter am Wege, Bauern auf dem Feld. Frankreich, in dem das billige Auto zum Zubehör des Bürgers gehört, ſorgt für breite, bequeme Fahrſtraßen... An den Ufern der Marne entlang. Hinter Chateau⸗Thierry die erſten zerſchoſſenen Häuſer. Wie mittelalterliche Ruinen, grünumrankt. Mittelalter? Vor zehn Jahren war dieſe Erde mit Rauch und Gas verſeucht. Die Acker voll Blut. Die Wieſen von Eiſen zerſtampft. Wieviel Tote liegen unter den Hügeln? Wie⸗ viel Knochen im Flußbett?. Hier mordeten ſich vier Jahre lang Legionen von Menſchen. Weshalb? Für wen? Heute fahren wieder Züge, ſingen wieder Vögel. Das allmächtige Leben hat den blühenden Teppich über die Verweſung gebreitet. Was wiſſen wir noch von Kriegs⸗ berichten, Kohlrübenwinter, Leichengeruch! Glückliche Menſchheit, die ſo ſchnell vergißt!.. Die Lehrer ſagen in der Geſchichtsſtunde:„Das war im Weltkrieg.“ In den Büchern ſteht es ſchwarz auf weiß. Was ge⸗ ſchah eigentlich in Reims? Vier Jahre kannten wir jeden Zoll Verwachſen iſt Vater und Sohn, Wie Eiſenbeton. Wenn wir nur rufen: Stop! Hält ein ſeinen Lauf der Glob, Wenn wir im Ruf nur ſind einig, Einig, Einig! Chor des zweiten Fahrkorbs Wir kehren heim vom Schaffen, Soldaten Ohne Schwerter und Waffen, Der Elevatoren Artilleriſten. Kavalleriſten der Taten. Triumphgleich ſind unſere Schritte, Wie Eiſenſtürme, Wir Infanteriſten der Stahlhütten Und Türme. Unſerem Wollen Und Befehlen gehorſam Wird die Erde langſam Oder eiliger rollen, Wenn wir ſie ſtoßen Gemeinſam. Gemeinſam. Gemeinſam! — 13 Ein vergeſſener deutſcher Afrikaſorſcher Unter den Heroen der Afrikaforſchung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befindet ſich auch ein ſchlichter Deutſcher, deſſen bahnbrechende Leiſtungen heute faſt vergeſſen ſind. So iſt es ein Verdienſt der bei Brockhaus erſcheinenden Sammlung„Reiſen und Abenteuer“ daß das Lebenswerk dieſes Mannes als Band 34 jetzt unter dem Titel: Wilhelm Junker, Bei meinen Freunden den Weennlchenfraſſern(Halbleinen M. 2.80, Ganzleinen M. 3.50) wei⸗ teren Kreiſen zugänglich gemacht wird. Die Forſchungen faſt aller wackeren Männer, die in die Geheimniſſe des dunklen Erdteils Licht gu bringen ſuchten— Schweinfurth, Stanley, Emin, Baker, von euglin u. a.— zeichnen ſich durch beſondere Vielſeitigkeit aus und zeigen eine ſtaunenswerte Beherrſchung aller Diſziplinen, die für ſolche Forſcherarbeit nötig ſind. Auch die tiefe Liebe zur Natur ſpielt bei allen eine weſentliche Rolle. Nur ſo iſt es zu ver⸗ ſtehen, daß die damals unter beſonders ſchweren Verhältniſſen gewonnenen Forſchungsergebniſſe ſelbſt heute im Zeitalter von Radio und Flugzeug noch ihren wiſſenſchaftlichen Wert behalten. Zwölf Jahre ſeines Lebens hat Junker ſeinen Forſchungen im dunklen Erdteil gewidmet und dabei halb oder ganz unbekannte Gebiete kannibaliſcher Negervölker in abenteuerlichen Fahrten durchwandert und erforſcht. Sein Grundſatz, den Neger als Kind zu behandeln und durch Dinge, die Kinder freuen, bei guter Laune zu halten, erwies ſich faſt ſtets richtig. Junkers ruhige überlegung und unendliche Geduld kam bei unerſchütterlichem Mut und ſtiller, unwandelbarer Zähigkeit überall friedlich durch. Reich war ſeine Ausbeute an geographiſchen und ethnographiſchen Ergebniſſen. Junker iſt für unſere Zeit ein glänzendes Vorbild,. als Naturforſcher und als ein Mann, der ſein Alles einſetzt, nur um wiſſenſchaftliche Erkenntnis zu fördern. Beigefügt ſind dem Band eine Reihe guter Bilder und eine überſichtskarte, die die Reiſewege Junkers auf ſeinen drei Expeditionen zeigt. So iſt auch dieſer Band des verdienſtvollen Unternehmens von Brockhaus worin zu empfehlen, beſonders auch für die heranwachſende Jugend. — dieſes Bodens auswendig. Heute iſt alles hiſtoriſch. Aus Tieren ſind wieder Menſchen geworden. Wir ſitzen artig an der Riviera und ſagen lächelnd:„Das war im Weltkrieg.“ Wir wollen einen Augenblick verweilen! Einen Augenblick nur: zehn Jahre lang. Vor mir liegt die Karte. Ich loſf alle die Orte ſchreckhafter Erinnerung. Ich denke an das Elend, den grauenhaften Todeskampf der vielen Namenloſen, die hilflos auf dieſem Boden ſtarben. Ich ſehe auch die ſchönen marmornen Denkmäler, die das dankbare Vaterland ihnen errichtet hat. Aber wenn alle die namenloſen Scharen auf der unendlichen Fläche dieſer blutgetränkten Felder in der Sonne an uns vorüber wandelten, was könnten wir, die Üüberlebenden. ihnen ſagen? Hinterbliebenenpenſionen, Gedenktafeln, Unterſuchungsausſchuß? Wir wollen uns nichts vormachen. Es gibt nur ein Ziel, der Toten würdig: Friedenn! Auf Bergen, einſt von dunklen Wäldern beſchattet, ſtehen abraſierte Baumſtümpfe. Dazwiſchen ein großes, ſchwarzes Kreuz. Die alten zerſchoſſenen Telegraphenſtangen ſtecken noch in der Chauſſee. Verwildertes Land, für Jahre unfruchtbar, wuchert zwiſchen Geröll und Trümmern. Die ganze Landſchaft trägt den Stempel der Zerſtörung. Vernarbte Wunden, ſtatt Bäume: 1 1 121 e: Einfache Holzkreuze auf ſchmalen Rabatten. Eine Todes⸗ pflanzung. Roſen, Geranien, Nelken. Tränen, in Blumen ver⸗ wandelt, auf dem Grab unbekannter Soldaten. Nebenan ein italieniſcher Friedhof. In heroiſcher Auf⸗ machung. Scheußliche Monumente mit faſchiſtiſcher Verzierung. Kanonen rechts und links. Muſſolinis Geiſt ſchwebt über den Gräbern. Aus der Ebene ſteigen die Türme der Kathedrale von Reims. Was jetzt kommt, ich kann mir nicht helfen, macht den Eindruck organiſierter Propaganda. Krieg. ad oëulus demon⸗ ſtriert. Als hätte eine amerikaniſche Geſellſchaft eine zerſchoſſene Stadt für die Touriſtenmeute aufgebaut. Mit tiefem Ekel ſieht man, wie ſich Cooks Automobile vor der Kathedrale ſonnen. Sie fahren auf die Schlachtfelder! „Ladies and gentlemen, hier ſehen Sie die berühmte Höhe 172! Zehntauſend Leichen. Fünf Minuten Aufenthalt.“ In der Avenue de l'Opera in Paris befindet ſich ein Re⸗ klamebureau dieſer Leichenſchänder, da hängen Photographien aus dem Krieg. Auf einem der unmenſchlichen Bilder ſieht man einen Leichnam im Militärmantel mit zerſtampftem Kopf, darunter ſteht:„Dead Boche.“ Kein Franzoſe würde ſo etwas wagen. Dazu mußten Amerikaner nach Europa kommen. . Was ich hier erzähle, iſt kein Märchen. Es iſt in allen Ein⸗ zelheiten wahr. Vor den Ruinen der Kathedrale ſtehen Holz⸗ buden, in denen Kriegsandenken verkauft werden. Und zwar ſo: aus Patronen und Schrapnellhülſen ſind ſinnige Gebrauchs⸗ gegenſtände für den Haushalt hergeſtellt. Kunſtgewerbe mit Blutgeruch. Aſchenbecher, Leuchter, ſogar ein Kruzifix aus Patronen(für 30 Franken). Alles hat ſeinen Preis. Da liegen Degen, Bajonette, deutſche und franzöſiſche Helme, friſch in den Schützengräben geſammelt. Auch Kriegsmedaillen ſind ver⸗ käuflich. Ein ſächſicher Orden z. B. koſtet 120 Franken. Eine Verkäuferin mit ausländiſchem Akzent preiſt die Waren an. „Wollen Sie nicht eine kleine Kriegserinnerung?“, fragt ſie freundlich lächelnd. Ich danke. Mein Bedarf iſt gedeckt. Deshalb ſind Millionen Menſchen gefallen, das Mrs. Miller in Chicago ein Patronenſalzfaß auf ihr Tiſchtuch ſtellen darf. Deshalb werden Städte und Länder verwüſtet, damit Mr. Jonathan ſeine Feder in ein Schrapnelltintenfaß taucht... Die Kriegserinnerungsinduſtrie blüht. Vor der Kathedrale herrſcht ein fröhliches Treiben. Die zerſtörten Fenſter der Kirche ragen in den Himmel wie ausgeſtochene Augen, die nichts mehr ſehen. Vier Jahre Krieg in Europa! Es gibt weder Sieger noch Beſiegte. Es gibt nur Profitgeier! Geſchäft iſt Geſchäft. Zentralafrikas Altkleiderhandel Zentralafrika hat ſich im Wandel der Zeit zu einem wahren Dorado für den Altkleiderhandel entwickelt. Die Eingeborenen, die ſich längſt ihrer Nacktheit ſchämen gelernt haben, wollen heute nichts mehr davon wiſſen, ihre Blößen nach Urväterſitte mit Blättern und Fellen notdürftig zu bekleiden; ſie legen vielmehr Wert darauf, ſich im Anzug von den Europäern nicht länger zu unterſcheiden. Auf Hualität, Stoff und Schnitt der Kleidung kommt es ihnen dabei nicht an. Infolgedeſſen haben ſich dem Han⸗ del mit getragenen Kleidern hier ungeahnte Ausſichten eröffnet und Abſatzquellen erſchloſſen, an die früher kein Menſch gedacht hätte. Unternehmungsluſtige Leute, die in Europa abgetragene Kleider aufgekauft haben und zur Ausnutzung der Konjunktur mit ihren Beſtänden nach Mittelafrika gereiſt ſind, haben das Riſiko nicht zu bereuen gehabt. Sie haben im wahren Sinne des Wortes das Gold geſcheffelt, da die Ware im Handumdrehen ver⸗ kauft und mit Gold aufgewogen wurde. Soldatenmäntel ſind bei den Eingeborenen beſonders beliebt, aber auch Frack und Smoking ſtehen in hoher Gunſt und finden glänzenden Abſatz. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zuſchriften und Löſungen zu ſenden ſind⸗ Paſſive Verteidigung Dr. S. Tarrasch r., 5 . N W X EX ₰. b E. Köhnlein Weis droht einen Angriff auf B b 7, der nicht vorrücken kann, ohne durch den a-B angegriffen zu werden, Auch kommt die weiße Dame ohne Tempoverlust mit d 3— d 4 ins Spiel und zielt bedenklich auf B a 6. Schwarz kann sich decken, indem er S e 7— ◻8— d 6spielt, muß aber vorher noch die Dame in Sicherheit bringen. Kommt diese nach a 5, so fesselt sie nicht nur den Springer, sondern hindert auch das Vorrücken des ar Bauern. Diesem Plan beugt Weiß vor. I. a 2— a 4 D b 2 — bLb 4, 2. a 4— a 5 K 8— b 38, 3. IhI— b 1 D b 4 — e 5; 4. S c5— a 4 De. 5— a7; um das Feld d 6 dem Springer zu reservieren, der von dort aus B b 7 decken soll, 5. 2— 4 droht dem Springer das gesamte Feld zu nehmen, 6— 05; 6. S a 4— c 3 Se 7— c 8; 7. 8 3 —-— d58 8— d 6,; Schwarz hat nun seinen Plan durch- gesetzt und droht nun, entweder B c 4 oder B e 4 zu schlagen, nachdem S d 5 vertrieben ist. Weiß begegnet dieser Drohung sofort. 8. K d 2— 3 7— 6, die schwarze Stellung ist sehr schwierig, der Textzug soll die Befreiung der Dame vor- bereiten, schafft aber auf b 6 eine Schwäche und gestattet Weit, den Angriff gegen B b 7 und B c 5 zu beginnen. 9. S d 5 — b6KbS8- c7,; 10. T b 1— g I. Es war unnötig, den An- griff vom andern Flügel her heranzutregen, Weiß konnte sehr gut 6— a 4 mit der Drohung I b 1— b 6, I a 1— b 1, S a 4 ✕ϑ α 5. S c 5— ε 6+ usw. spielen. 10...... T d 8— g 3, II. D e 2— b 2. Weiß greift nun neuerlich am Damenflügel an, aber er hat einen Zug verloren, droht gegen b 6 nichts und hält nur die Drohung gegen B c 5 aufrecht. 11...... D a 7— b 8, 12. S b 6— a 4 g 7— g 6; 13. S a 4 x✕‿ Db 8— a 7,; 14. D b 2— a 3 g 6 ✕ f 5;5 1 a 1— b 1. Nichts könnte Weiß hindern, erst den Bauer verliert. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Innenſtadt: Reſtaurant„Zum König von England“, Battonnſtraße 70, 1. St. Sachſenhauſen: Dienstags bei Adrian, Affentorplatz. Niederrad: Samstags Sportplatz der Freien Turner, Hahnſtraße. Nordend: Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Vornheim: Mittwochs bei Pauly, Germaniaſtraße 49. Riederwald: Mittwochs bei Blank. Bockenheim: Mittwochs„Zum Freiſchütz“, Leipziger Straße 64. Rödelheim: Mittwochs im„Schwabeneck“, Eſchborner Landſtraße 36. Bahnhofsviertel: Donnerstags„Zum Regenbogen“, Gutleutſtraße 151. Höchſt: Dienstags„Zum Schwanen“, Schloßplatz.. Höchſt⸗Unterliederbach: Donnerstags„Zum Alleehaus“. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. tne de QEE;EE; Augenblick Was glänzt, iſt für Hunger im Juchthaus Von Felix Fechenbach Vieles iſt im Zuchthaus verboten, nur weuig erlaubt. Ver⸗ boten, verboten und immer wieder verboten heißt es in jedem Abſchnitt der Hausordnung. Von frühmorgens bis zur Schlafens⸗ zeit iſt dem Gefangenen jede Lebensäußerung vorgeſchrieben und ein ſtacheliger Zaun von Verboten engt ihn ein. Er hat be⸗ dingungslos zu gehorchen und ſich unterzuordnen. Tut er'’s nicht, dann drohen ihm die für Verſtöße gegen die Hausordnung an⸗ geſetzten ſchweren„Hausſtrafen“: Koſtabzug, Nachtlagerentzug oder gar Arreſt im Eiſenkäfig bei Waſſer und Brot. Im Schlafſaal VII hatte ſich einer der Gefangenen gegen irgend einen der vielen Paragraphen der Hausordnung ver⸗ gangen. Er kam zum Strafrapport und der Direktor diktierte ihm acht Tage Koſtabzug. Das bedeutete für eine ganze Woche den Wegfall der Mittagsmahlzeit. Jeden Tag, wenn die andern Ge⸗ fangenen ihren undefinierbaren Brei gierig hinunterſchlangen, wurde der Beſtrafte aus dem Saal geführt und durfte ihn erſt wieder betreten, wenn die ausgelöffelten Eßgeſchirre abgeliefert waren. Sechs Tage lang ging das ſo. Der ſiebente Tag war ein Sonntag. Da gab's ein Häppchen Fleiſch in der breiigen Suppe. 3— Wer Hunger hatte, konnte an dieſem Tag„nachfaſſen“. Und viele hatten Hunger. Auch der Sünder wider den heiligen Geiſt der Hausordnung. Er ſaß wieder mit knurrendem Magen vor der Tür, hörte das eifrige Löffeln und Schlürfen ſeiner Kameraden und fluchte auf die verflixte Hausordnung. Eiin Klingelzeichen durch die hohen, gewölbten Gänge. Die leeren Eßgeſchirre werden eingeſammelt. Der Hungrige kann wieder zu ſeinen Kameraden in den Saal. Dort hatte einer ſein Eſſen in ein paar Trinkbecher aus⸗ geleert und dem mit Koſtabzug Beſtraften aufbewahrt. Eine menſchlich ſchöne Handlungsweiſe, aber ein ſtrafwürdiges Ver⸗ brechen im Zuchthaus. Der Ausgehungerte ſtürzt ſich gierig auf die Becher. Aber kaum, daß er ein paar Biſſen hinuntergewürgt hatte, lugt ſchon ein Auſſeher durch den Spion in der Tür. Riegel werden geräuſch⸗ voll zurückgeſchoben, der Schlüſſel dreht ſich krächzend im Schloß und in der geöfſneten Tür ſteht ein Aufſeher. Wutſchnaubend brüllt er in den Saal: „Wer hat dem ſein Eſſen gegeben?“ „Wenn ich in fünf Minuten nicht weiß, wer es war, kommt der ganze Saal zum Strafrapport!“ Suchend und prüfend wandert ſein Blick von einem Ge⸗ fangenen zum andern. Da tritt ein junger Burſche vor. Er iſt nur wenig über Zwanzig. Zwei Jahre iſt er im grauen Haus mit den vergitterten Fenſtern. Er hatte geſtohlenes Altmetall gekauft und war deshalb ins Zuchthaus gekommen. Vorbeſtraft war er nicht. In drei Tagen ſollte er entlaſſen werden und nie wieder wollte er zurück in dieſes Haus. Das hatte er ſich geſchworen. Jetzt kaht er vor dem Wachtmeiſter und ſagt ihm, daß er dem mit dem Koſtabzug ſein Mittageſſen überlaſſen habe. Der Beamte herrſcht ihn an: „Wiſſen Sie nicht, daß das verboten iſt?“ „Doch, das weiß ich; aber er hat ſo großen Hunger gehabt und eine ganze Woche ſchon kein Mittageſſen. Da hab' ich's eben getan.. Der Aufſeher faucht förmlich vor Wut: „Sie meinen wohl, weil Sie bald entlaſſen werden, exiſtiert für Sie die Hausordnung nicht mehr? Da täuſchen Sie ſich aber, Sie Bürſcherl, Sie!“ „Aber, Herr Wachtmeiſter, wegen ſo was wollen Sie mich melden? Sie ſollten ſich ſchämen, das zu tun!“ Er hatte vergeſſen, daß er im Zuchthaus war und dieſen Vor⸗ wurf in höchſter Erregung herausgeſtoßen. Der Beamte packte ihn mit einem ſcharfen Griff am Arm und führte ihn hinaus. Drinnen im Saal ſteckten ſie die Köpfe zuſammen. Die wütend funkelnden Augen verrieten den dumpfen Groll, der in allen kochte. Aber ſie hatken Furcht vor der Hausordnung, und dieſe Furcht war doch ärker als ihre andern Empfindungen. m geboren, das —WEEEEEEEEEREEE;;;EE bleibt d ——C— Echte hwelt unverloren EEEEREREEEEREE Strafrapport: 4 Der Fall war umſtändlich vorgetragen worden. Der Ge⸗ fangene, der es gewagt hatte, einem Hungrigen von ſeinem Eſſen zu geben, ließ die Strafpredigt des Direktors über ſich ergeben und zuckte nur leiſe zuſammen, als ſein Urteil verkündet wurde: „Bis zur Entlaſſung in den Arreſt, bei Waſſer und Brot!“ Schweigend ließ er ſich abführen. Der Auſſeher ſchloß die Arreſtzelle auf. Ein großer Eiſenkäfig war dort eingebaut. Der dnzige Einrichtungsgegenſtand war ein Kübel in der Ecke. In e Wandlungen der Proſtitution Von Hedwig Schwarz Am 1. Oktober tritt in Deutſchland das Geſetz zur Be⸗ kämpfung der Geſchlechtskrankheiten in Kraft, das die Sonder⸗ ſtellung der Proſtituierten als Menſchen minderen Ranges auf⸗ hebt. Die Leute mit der Parole„Es war immer ſo und wird auch immer ſo bleiben“ ſind wieder einmal durch den Gang der Entwicklung ins Unrecht geſetzt worden. Sie waren aber nicht nur im Unrecht in bezug auf die Zukunft, ſondern auch im Irr⸗ tum hinſichtlich der Vergangenheit. In geſchichtlicher Zeit ſehen wir die Proſtitution ſich aus Tempelkult und religiöſen Bacchanalen entwickeln. Neuere For⸗ ſchung will in dieſen Erſcheinungen einen letzten überreſt der ſexuellen Wahlfreiheit der Frau zur Zeit des Mutterrechts er⸗ blicken. In den Zeiten der Frauenherrſchaft gab es keine Käuf⸗ lichkeit der Frau. Die Frau, die geſellſchaftlich und erotiſch frei war, die wirtſchaftlich und kulturell die führende Rolle ſpielte, hatte nicht den geringſten Grund zur käuflichen Hingabe. Eher ſchon laſſen ſich Anſätze zur Männerproſtitution erkennen, wenn z. B. reiche Lykierinnen ihre Freunde wochenlang zu ſich luden und ſie reich bewirteten und beſchenkten. Die Proſtitution in ihrer heutigen Geſtalt iſt ein Produkt des Männerſtaates, eine aiwendige Ergänzung zu der ſexuell unzulänglichen formellen inehe. Eine geſetzliche Regelung der Proſtitution finden wir in der Geſetzgebung des Atheners Solon(594 v. Chr.). Die geſellſchaft⸗ liche Achtung der Proſtituierten gilt nicht ſo ſehr ihrem Gewerbe als ihrer Herkunft aus dem verachteten Sklavenſtande. Das Sinnenleben war noch nicht durch falſche Moral vergiftet, und Beziehungen zu Hetären waren nicht anſtößig. Im Gegenſatze zu der in Haushalts⸗ und Mutterpflichten aufgehenden, dumpf und abgeſchloſſen dahinvegetierenden Ehefrau, war die Hetäre fein⸗ gebildet und geiſtreich, entzückte und belehrte die höchſtſtehenden Männer ihrer Zeit und erkor ſich ihre Liebhaber nach eigener Wahl. In Korinth gab es ſogar eine Hetärenſchule, in der die Frauen in Kunſt, Wiſſenſchaft und Muſik unterrichtet wurden⸗ Die Männer waren bereit, phantaſtiſche Summen für die Liebe einer ſchönen, geiſtreichen Hetäre zu opfern. Traurig geſtaltete ſich dagegen das Los der gewöhnlichen Dirnen, deren Tempelbordelle man in Staatsbordelle umwandelte, die man mit dem„Huren⸗ zins“ beſteuerte, die man in Tracht und Führung unter Aus⸗ nahmegeſetz ſtellte, und die für ihre Dienſte nur ſehr kärglich ent⸗ lohnt wurden. In Sparta, in dem das Mutterrecht erſt viel ſpäter gebrochen wurde und noch lange in Sitten und Anſchau⸗ ungen über Gleichberechtigung der Geſchlechter, gemeinſame Er⸗ ziehung, gemeinſames Nacktturnen von Mädchen und Jünglingen uſw. fortlebte, fand die Proſtitution natürlich keinen Nährboden. In Rom, das die vaterrechtliche Familie am ausgeprägteſten ent⸗ wickelte, nahm die Proſtitution ihren Ausgang von den Männer⸗ häuſern der Junggeſellen. Der Staat wachte ſtreng über die Legi⸗ timität der Kindererzeugung, duldete aber daneben für den immer reicher, raffinierter und verderbter gewordenen Adel Bor⸗ delle, in denen Ausſchweifungen und Perverſitäten graſſterten. Vornehme Patrizierinnen beſuchten heimlich unter Decknamen die vom Staate unterſtützten Laſterhöhlen. Außer dem Bordell⸗ 4 eſem Käfig verbrachte der Gefangene die letzten drei Tage ſeiner Strafe und dachte darüber nach, ob es wohl beſſer ſei, einem leidenden Bruder zu helfen, oder nur an ſich ſelbſt zu denken.. detrieb gab es noch eine ausgedehnte Badeproſtitution und Ani⸗ mierkneipen. Auch in Theater und Zirkus bot ſich die käufliche Liebe an. Die Askeſe des Chriſtentums tat dann auch das ihre, um die Proſtitution völlig in den Sumpf der Verachtung und Verkom⸗ menheit hinabzuſtoßen. War ſchon die eheliche Liebe„unrein“ und die außereheliche ein„Verbrechen“, ſo war die käufliche Liebe die Hölle ſelbſt. Trotzdem konnte man ihrer nicht entbehren, am wenigſten die in erzwungener Eheloſigkeit lebenden irdiſchen Ver⸗ treter Gottes. Zählte man doch auf dem Konzil zu Konſtanz im Jahre 1414 nicht weniger als 1800 Dirnen im Gefolge der geiſt⸗ lichen Herren. Daß jeder Ortsgeiſtliche ſeine Konkubine habe, war eine Forderung der Bauernkriege zum Schutze der Bauernfrauen und ⸗töchter. Die Kreuzritter, die gleichfalls von einem Dirnen⸗ troß begleitet waren, brachten aus dem Orient die Sitte der Reglementierung heim. In den Städten entſtanden Frauenhäuſer mit feſten zünftleriſchen Vorſchriften. Die Klöſter ſelbſt gliederten ſich, im Gegenſatz zur offiziellen Kirchenmoral, Bordelle an, aus denen ſie feſten Zins bezogen. Die Söldnerheere des Dreißig⸗ jährigen Krieges zogen ihren Dirnentroß unter Führung des „Hurenweibels“ hinter ſich her. Hinter dieſen Organiſations⸗ formen aber verbarg ſich eine grenzenloſe Verachtung der Dirne, der Schandpfahl, Pranger, Ohrenabſchneiden, öffentliches Aus⸗ peitſchen, Ertränken und andere unmenſchliche Strafen ſtändig drohten. In der Renaiſſancezeit, die kraftvoll und ſchönheits⸗ trunken die chriſtliche Lebens⸗ und Sinnenverneinung überwand, erſtand noch einmal die kultivierte und umworbene Hetäre, die ſich dann an den abſolutiſtiſchen Fürſtenhöfen zur intriganten großen Kokotte entwickelte. In die Orgien der niederen und verfeinerten Proſtitution aber leuchtete plötzlich grell das Menetekel der Syphilis. Ihre Bekämpfung war damals primitiv: man wies die kranken Dirnen einfach aus und ließ ſie an den Landſtraßen liegen. Andererſeits wurden Reglementierung und Bordellweſen immer ſtrenger ge⸗ handhabt. In den Zeiten des Abſolutismus ſind die europäiſchen Hauptſtädte ſtolz auf die Mannigfaltigkeit ihrer Betriebe, vom vornehmen Hotel und Miſſionshaus für die Geiſtlichkeit bis zu Animierkneipen, Negerinnen⸗ und Kinderbordellen. Nur die öſterreichiſche Kaiſerin Maria Thereſia bekämpfte die Bordelle mit überweiſungen an das Arbeitshaus und welcher ledige Mann von der„Keuſchheitskommiſſion“ mit einer Dirne be⸗ troffen ward, der wurde flugs mit ihr getraut. Mit der franzöſi⸗ ſchen Revolution trat. der dritte Stand, das Bürgertum, auf den Plan. Oberſte Macht wurde das Geld, und die Proſtitution für alle Stände und Kreiſe nahm infolge der Proletariſierung breiter Schichten im Kapitalismus eine rieſenhafte Ausdehnung ein. Die entfeſſelten Kriegszeiten, in denen Mannſchaften und Offiziere vor den(für die Chargen getrennten) Bordellen Schlange ſtan⸗ den, ſind noch in friſcher Erinnerung. Von einer Minderzahl pſychopathiſch„geborener“ Dirnen ab⸗ geſehen, iſt die Proſtitution eine ſoziale Erſcheinung, die im nach⸗ weisbaren Zuſammenhange mit dem Steigen und Fallen der Lebensmittelpreiſe, mit Erwerbsloſigkeit und Vollbeſchäftigung der Arbeitskräfte ſteht. Kulturell zu bekämpfen iſt die Proſti ‿ 111 2 — tution am erfolgreichſten durch ſtaatsbürgerliche Gleichſtellung der Frau. Das beweiſt das Beiſpiel des amerikaniſchen Bundes⸗ ſtaates Wyoming, der bereits vor hundert Jahren das Frauen⸗ wahlrecht einführte, und in dem es ſeit langem keine Proſtitution mehr gibt. Mit der Aufhebung der Reglementierung und Kaſer⸗ nierung haben wir ein Stück Mittelalter beſiegt. Wir glauben an die endgültige Ausrottung dieſer Menſchheitsſchande, im Gegen⸗ ſatze zu jenen„Chriſten“ des Zentrums und der Rechtsparteien, die ſich kläglich hinter dem Vorwande des„notwendigen übels“ verſchanzen, weil wir als Sozialiſten allein radikal genug ſind, um die politiſchen, kulturellen und ſozialen Schäden anzupacken, aus denen die Giftpflanze der Proſtitution während dreier Jahr⸗ tauſende der Menſchheitsgeſchichte gewachſen iſt. Bei Hölderlin Von Herbert Eulenberg So ſchön und eigenartig hatten wir es nicht erwartet. Wir hatten wohl davon in Stuttgart reden hören, daß der Turm am Neckar zu Tübingen, in dem der geiſteskranke Dichter Hölderlin von 1807 bis 1843, alſo volle ſechsunddreißig Jahre, bis zu ſeinem Ende gehauſt hat, noch erhalten ſei, und daß ein Beſuch dieſer letzten Wohnung eines irren Poeten ſich verlohne. Aber daß dieſe Behauſung etwas ſo rührend übereinſtimmendes mit dem Dichter und ſeinem Schickſal haben würde, etwas ſo wohltuend Beruhigendes und Abgeklärtes, das hatten wir uns doch nicht träumen laſſen. Hölderlin war ſechsunddreißig Jahre alt, ſtand alſo gerade erſt in der Mitte ſeines langen Lebens, als er in dieſen Turm am Neckar kam. Statt„kam“ ſagt man freilich richtiger bei ihm „gebracht wurde“. Er war ſchon über ein Jahr lang, als geiſtig Geſtörter, Pflegling des alten Klinikums in Tübingen geweſen, in dieſer winkligen Univerſitätsſtadt, in der er ſich früher ſchon einmal ein halbes Jahrzehnt lang aufgehalten hatte. Als Schüler und Inſaſſe des berühmten„Stifts“, der Brutſtätte für alle be⸗ deutenden Geiſter Schwabens. Aus dem Klinikum, wo man den Verwirrten beobachtet hatte, wurde er dann als harmloſer und ungefährlicher Wahnſinniger in jenen Turm verpflanzt. Dort be⸗ fand ſich damals die Wohnung und Werkſtatt des biedern, treff⸗ lichen Schreinermeiſters Zimmer, der ſich nebſt ſeiner Frau und Tochter des irren, verblühten Dichters in rührender Weiſe an⸗ nahm. Wofür dieſer ihm bis zu ſeinem Tode— Hölderlin ſollte dieſen ſeinen Pflegevater noch um ſechs Jahre überleben— eine ſtille, ſtete Dankbarkeit darbrachte. Wobei im Vorbeigehen die Frage zu erwägen wäre, ob nicht ſolche friedliche, gefahrloſe Geiſteskranke wie Hölderlin, beſſer und freundlicher für ſie, in häusliche Pflege gegeben würden, als daß man ſie zu ihrer Qual mit ſo und ſo viel anderen Kranken in eine amtliche Anſtalt ſperrt. eiſters im Erdgeſchoß auſ, Von Zugend⸗ und Frühwerlen In Geſamtausſtellungen begegnen wir häufig auch Jugend⸗ werken eines Künſtlers. Sie hängen, entſprechend der Einſtellung der Verantwortlichen, entweder an bevorzugten Plätzen und löſen dann tiefgründige Erörterungen aus—— oder ſind, ledig⸗ lich der Vollſtändigkeit halber, eben mit da, und werden prompt vom Gros der Ausſtellungsbeſucher gänzlich überſehen. Beide Arten der Bewertung haben ihr Für und Wider. Wenn die einen auf Jugendwerke hinweiſen, die ſchon die Anlagen zu den ſpä⸗ teren Schafſenshöhepunkten erkennen laſſen, ſo ſteht dem die kühlere Auffaſſung der andern entgegen: daß der wahre Künſtler als ſolcher geboren werde und ſich ſchon frühzeitig, meiſt noch ohne klar erkennbare Ziele, mit dem Handwerklichen des ihm be⸗ ſtimmungsgemäßen Kunſtzweiges beſchäftige. Und daß im übrigen die„Werke“, die nachher oft über Gebühr beachtet würden, nichts anderes ſeien, als mehr oder minder gelungene Nachahmungen irgendwelcher Vorbilder. Hier könnte, ohne daß wir uns durch die unverkennbare Frühreife täuſchen laſſen, auf ein Frühwerk Ad. Menzels hingewieſen werden. Der hat als Schuljunge ein Bild„Scipio und Metellus“ gemalt, das„künſtleriſch“ etwa den Römerdramen unſerer Gymnaſialjahre entſpricht. Auf der gleichen Stufe ſteht eine Tuſchzeichnung aus Defreggers Knaben⸗ jahren. Für den, den der Name nicht irre macht, iſt ſie in gar⸗ nichts beſſer, als die Zeichnungen anderer im ſelben Alter. Für den Künſtler ſelbſt mögen freilich auch ſolche Arbeiten eine ge⸗ wiſſe Rolle ſpielen. Deshalb wohl verweilt Corinth in ſeiner Selbſtbiographie geradezu liebevoll bei„künſtleriſchen“ Verſuchen ſeiner frühen Schulzeit— aber daß nichts davon erhalten ge⸗ blieben iſt, bedeutet für uns ganz ſicher keinen Verluſt. Auch eine „Porträt“⸗Skizze des elfjährigen W. Leibl kann uns nicht das ſagen, was ſein Biograph Mayr, vielleicht durch den Künſtler lelbſt beeinflußt, in ihr erblickt. Ebenſo iſt eine Zeichnung, die Spitzweg als Apothekerlehrling einem komiſch⸗ernſten Labora⸗ toriumsvorfall widmete, lediglich als kurioſe Erinnerung an ſeinen für einen Maler nicht gewöhnlichen Bildungsgang zu be⸗ trachten. „Etwas anderes iſt es, wenn Trübner im Alter von ſechs Jahren eine Zeichnung entwirft, die namentlich in Bewegungs⸗ momenten eine doch ſchon weiterweiſende Beobachtungsgabe ver⸗ rät. Noch mehr iſt ein Selbſtbildnis des zwölf⸗ oder dreizehn⸗ jährigen Dürer nach Auffaſſung und Technik eine Leiſtung, die ehrliche Bewunderung verdient. Jedenfalls iſt mit ihr und an⸗ deren uns poſitiv vorliegenden Werken hundertmal mehr anzu⸗ fangen als mit den zahlloſen Anekdoten, die über angeblich be⸗ merkenswerte frühe Meiſterleiſtungen großer Künſtler immer wieder erzählt werden. So wird, um wenigſtens ein Beiſpiel da⸗ für mitzuteilen, von Gainsborough behauptet, daß er als Knabe auf einen flüchtigen Blick hin einen Obſtdieb ſo treffend konter⸗ ſeit habe, daß die Ermittlung des lange vergeblich Geſuchten ge⸗ ungen ſei. In vielen Fällen iſt es ſchwer, die Grenze zwiſchen ausge⸗ ſprochenen Jugendwerken und ſolchen zu ziehen, die ſchon zu den Frühwerken zu rechnen ſind. Dabei können wir an ein Gemälde des ſechszehnjährigen Raffael denken, der ja überhaupt nur ein Alter von 38 Jahren erreichte und dennoch ein Lebenswerk von ſeltenem Reichtum und reifer Geſchloſſenheit hinterließ. Ähnlich, d. h. aus dem Früherreifen der Südländer heraus, iſt wohl ein Relief des ſiebzehnjährigen Michelangelo zu beurteilen, das im ganzen wie in Einzelheiten immerhin weſentlich über bloße Handfertigkeit und Nachempfindung hinausgeht.— Aus neuerer Zeit verdient beſonders Alfred Rethel, der Schöpfer der Karls⸗ fresken und des 48er Totentanzes, hier erwähnt zu werden. Ein Selbſtbildnis des Siebzehnjährigen und die ein Jahr ſpäter ge⸗ malte Schlacht bei Sempach laſſen begreifen, wie der Künſtler mit 23 Jahren— im Wettbewerb!— den Auftrag zur Aus⸗ malung des Aachener Krönungsſaales erhalten konnte.(Ver⸗ gleichbar damit wäre die Tatſache, daß Adrian Brouwer unge⸗ fähr im gleichen Alter die bittere Genugtuung erlebte, bereits Fälſchungen ſeiner Bilder auf dem Markt zu finden.)— Von den„Modernen“ ſei auf Picaſſo hingewieſen. Wie ſein Biograph „—— „“ r * 8 4 —“„ 8 aus der man jetzt ein kleines, einfaches Dichtermuſeum gemacht hat. Hier ſtand das Klavier, das der Dichter bis in ſeine letzten Jahre ab und zu noch benützte, hier das Sofa, auf dem er ſich mit großer Vorliebe ausruhte, wenn er ſich müde vom Ausgehen oder von gelegentlicher landwirtſchaftlicher Beihilfe fühlte, die er ſeinem Pfleger leiſtete. Damals ſtand der Turm, wie es heißt, noch völlig frei an einer ſteinernen Treppe, die von einer oberen Gaſſe der Stadt zum Fluß führte. Jetzt hat man ihn durch einige Nachbarhäuſer zugebaut und eingeengt. Aber trotzdem übt der Raum, in dem der Dichter ſo lange Zeit geweilt hat, noch heute einen frommen, wehmutsvollen, ſtill erregenden Eindruck aus. Die ſchlichten Möbel, zwiſchen denen er gewandelt iſt, ſind noch zum Teil vorhanden. Die eigentümlichen runden Halbtiſche, an denen er zuweilen noch geſchrieben hat, ſtehen noch da. Und auch die etwas matt gewordenen, gleichgeformten langen Spiegel hängen noch an der Wand und nehmen unſer Bild auf, ſie, vor denen ſich Hölderlin, der bis zuletzt viel auf ſein ÄAußeres hielt, manchesmal geputzt haben mag. Nur das Klavier fehlt, auf dem er unermüdlich ein einfaches Thema, wie die Melodie:„Mich fliehen alle Freuden“, variieren konnte. Seine Hand fiel gewöhn⸗ lich matt auf die Taſten. Dazwiſchen aber zuckte er, nach dem Be⸗ richt von Augenzeugen, hier und da krampfhaft auf, und ſah mit einer ſeltſamen Miſchung von Freundlichkeit und Fremdheit die Zuhörer an. Sonderbar muß es auch ausgeſchaut haben, wenn er vor Leuten, die ihn beſuchten, fortwährend ſtumme und tiefe Ver⸗ beugungen machte. Dieſe Ehrerbietung war vermutlich eine Nachwirkung ſeiner langen Hauslehrertätigkeit, unter der er ſich beſonders in dem Hauſe des Frankfurter Bänkers v. Gontard und ſeiner Gattin, der von Hölderlin herrlich beſungenen Diotima, ſo unglücklich gefühlt hatte. Der kranke Dichter nannte ſich ſelber gewöhnlich Skardanelli und ſetzte unter die Gedichte, die er in jenen letzten Jahrzehnten von ſich gab, ganz wunder⸗ lich falſche Daten wie 1774 oder 1758. Seinen eigenen ſchönen Namen wollte er durchaus nicht mehr hören und wurde innerlich erregt, wenn man ihn ausſprach. Nur Titel, wie„Herr Magiſter“ oder„Herr Bibliothekar“, ließ er ſich gern gefallen, wenn man ſie ihm verlieh. Und über Geſchenke, wie über jenen Blumenſtrauß, den ihm ſein Landsmann Ludwig Uhland zu ſeinem letzten Ge⸗ Purtstag ſchickte, freute er ſich, wie er ſich auszudrücken pflegte, „raſend“. Verſe, die ihm in jenen Jahren der geiſtigen Umhüllung noch geglückt ſind, hängen in der Urſchrift oder in Abſchriften noch an den Wänden des heiligen Zimmers, das faſt noch ſeine Gegenwart atmet. Am ergreifendſten iſt der Ausblick von den Fenſtern auf den Neckar, der dicht vor dieſer letzten Dichter⸗ behauſung leiſe und tief, wie zu jener Zeit, vorübertreibt. Man kann von dem Fenſter aus beinahe in ihn hineingreifen. Nie iſt dieſer Fluß dem irren Dichter gefährlich geweſen. Nein! Der Kranke hat vielmehr einmal ein Kind des Zimmermeiſters ge⸗ rettet, das ſich unvorſichtig zu ſehr dem Waſſer näherte. Ein Frühlingsgewitter ging brauſend über den Neckar nieder, als wir in der blaß tapezierten Stube des Dichters umhergingen und uns ſchwer von ihr t r ☛☛—n rennen mochten. Der Regen rauſchte in l ſchaftliche Ausnützung von Obſt und Beerenfrüchten möglich. die graugrünen Fluten des Neckars. Und die Blitze beleuchteten hell die weißen Aſpodelosblumen, die auf dem Wieſenſtreifen vor dem Hauſe wuchſen. Es war recht ein Wetter für einen Beſuch bei dieſem vom heiligen Wetterſchlag berührten Poeten. Und auch der alte württembergiſche Aufſeher, deſſen Mutter noch als Magd bei dem Schreinermeiſter Zimmer bedient hatte, paßte ganz für die Behütung dieſes Turms, indem er uns fortwährend verſicherte:„Nun iſcht der Hölderli der berühmteſchte von allen geworden.“ Unſer Blick aber weilte abſchiednehmend noch lange auf den ehrfürchtigen Runen, die der Dichter einſtmals, da man ihn um Vichen ſeiner Kunſt bat, mit zitternden Händen auf ein Blatt ritzelte: 3 „Das Angenehme dieſer Welt hab' ich genoſſen, die Jugendſtunden ſind wie lang, wie lang verfloſſen. April und Mai und Julius ſind ferne, ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne.“ Eingemachter Sommerſegen An ſchwerbeladenen Zweigen, in Gärten und an Landſtraßen, im Gebüſch des Waldes reift jetzt der Segen der Beeren und Obſtſorten der Ernte entgegen. Das Obſt in ſeinen vielen köſt⸗ lichen Spielarten beherrſcht die Stunde, gibt dem Speiſezettel die der Jahreszeik gemäße Note, iſt, oder ſollte es wenigſtens ſein, der Hauptbeſtandteil der ſommerlichen Nahrung. Und was übrig bleibt von all der Fülle und dem Segen, geht nicht verloren, ſon⸗ dern wird in den Winier hinübergerettet, von der Hausfrau ein⸗ gekocht oder von der Induſtrie verarbeitet, damit in den kalten und unfruchtbaren Monaten wenigſtens eine handgreifliche Er⸗ innerung an die Freuden des Sommers übrig bleibt. Das Obſt nimmt eine neue Geſtalt an und verwandelt ſich in Marmelade oder Mus. Die Zeit des Einkochens und der ſachgemäßen Kon⸗ ſervierung der Früchte hat begonnen. Wenn auch die Konſerven⸗ induſtrie die Tätigkeit der Hausfrau auf dieſem Gebiet faſt über⸗ flüſſig zu machen ſcheint, ſo bleibt doch das Einkochen zu Hauſe in Übung. Iſt auch die Arbeit groß, die der Hausfrau erwächſt, und macht ſie ſich auch im Hinblick auf die Preiſe der Konſerven recht ſchlecht bezahlt, ſo wird doch nur ungern auf eine alte Gewohn⸗ heit verzichtet. Die von Generation zu Generation vererbten Ge⸗ heimniſſe der Zubereitung tun weiter ihren Dienſt. Es iſt noch garnicht ſolange her, daß der ſüße und wohlſchmeckende Obſtbrei ein Luxusartikel war, der nur auf dem Tiſch der Begüterten er⸗ ſchien. Heute iſt die Marmelade ein Volksnahrungsmittel ge⸗ worden, beſonders ſeit dem Krieg, als die Butter knapp wurde und ſchließlich zu den unerſchwinglichen Genüſſen gehörte. Da⸗ mals ſetzte der Siegeszug der Marmelade als„Brotaufſtrich“ ein, und man hat auch ihren geſundheitlichen Wert ſchätzen gelernt. Seitdem hat die Bereitung von Marmelade aus allen nur mög⸗ lichen Früchten großen Umfang angenommen. Beſonders durch die fabrikmäßige Herſtellung, die ſich entſprechend dem geſteiger⸗ ten Konſum ſtark ausgebreitet hat, wurde eine wirklich wirt⸗ ————ᷣ--m: und Freund Raynal ſagt, erinnert man ſich in ſeiner ſpaniſchen Heimat noch heute an einen Bajonettkampf, den der Vierzehn⸗ jährige malte und ausſtellte. Nicht viel danach erhielt er ſogar ſchon eine öffentliche Auszeichnung, und hätte wohl die höchſte überhaupt zu erlangende bekommen, wenn nicht die Jury in ſeiner Jugend einen Hinderungsgrund erblickt hätte. Und das war ſchließlich garnicht unvernünftig gehandelt. Denn nichts kann — es gibt dafür manchen Beweis— für einen werdenden Künſt⸗ ler nachteiliger ſein als allzufrüher Ruhm. W. A. Schiffahrtzeichen Von Leo Sternberg Land Naſſau iſt ein von Leo Sternberg im Verlag von Friedrich Brandſtetter in Leipzig herausgegebenes Buch betitelt, in dem eine große Zahl hervorragender Künſtler und Dichter und Schriftſteller zuſammengewirkt haben, um Land und Leute, Leben und Liebe im Naſſauer Lande zu ſchildern. Auch dieſe kleine Arbeit von Sternberg findet ſich in dem 478 Seiten ſtarken Werke. Was für ein Strohwiſch dort, der auf der Spitze der Buhne mitten aus dem Waſſer ragt?— deuten die Fremden... Und meinen den Weidenbuſch drüben auf der Kribbe, in dem noch die Schlammneſter der überſchwemmung kleben. Eine Weide, die in den Wogen lebt? In den Steindamm eingemauert, wie in grauſamer Vorzeit das lebendig in den Bau gemauerte Kind? Sie erſtickte nicht! Sie grünt... Schaukelt verinſelt im an⸗ dern Slement, ferngerückt der Feſtlandwelt, in der ſie einſt ge⸗ wurzelt. Packeis zerfetzt ſie Mit ihren eingewachſenen Gerten treiben die Schollen davon... Leichen bleiben an ihr haken und kämmen ſie ab mit unfühlender Krallenfauſt... Überſchwem⸗ mung ſchält ſie mit ſchrammendem Baumſtamm. Kalmus und Rohr verkruſten in ihrem Reche. Allein— ſie iſt über die Grenzen des Weidendaſeins hinaus⸗ Felritten, über ſich ſelbſt hänaus in das Reich des Unfaßbaren, Fließenden, Im Bodenloſen ſchwankt ihr Fuß... .Für jeden abgedroſſelten Aſt ſchießen zwei andre hervor, ſür jede Kerpeitſchte Gerte wächſt ein Paar. 3 ein Vogel baut ſein Neſt in ihren Zweigen. Keine Biene findet vom fernen Ufer zu den vollen Pollen ihrer gelben Kätz⸗ ſchhen her. Sie ſtreut das Gold ihres Samens auf den Spiegel un⸗ fruchtbarer Flut. Allein— ſie dauert. Wenn vom Sog vorüberſchaufelnder Dampfer die Wogenwalze über den Kribbendamm raſt, in berg⸗ hohem Kamm, als müßte der Buſch im nächſten Augenblick ent⸗ wurzelt auf der ſchäumenden Fläche ſchwimmen— ſo ſchaukelt die Fluttwelle nur ſein aufgelöſtes Haar, und hinter ihr unver⸗ wüſtlich ſchwebt der grüne Strauß überm Strom... Taucht hoch hervor, taucht hinab, und der Schiffer lieſt den Pegelſtand an ihm, wenn er drüben auf der Reede den Schlepp⸗ kahn lädt... Seine halbverſunkene Kugel betonnt dem Schlepper den Fahrweg, wenn Hochwaſſer, Klippen und Kribben, Bojen und Baken begräbt... Seine Schattenfahne wahrſchaut dem Steuermann noch den Kufa. wenn er in Nebel und Wetter die Verwechſlung der Ufer verlor... Nach ſeinem Umriß ſchaut der Kapitän im Morgengrauen, bevor er zur Abfahrt auf die Glocke ſchlägt.... Lampe und Leuchtturm der Menſchenwelt, Türmer und Wahr⸗ ſchauer ihren Flotten, ein Stern dem ſchiffigen Volk— iſt er über die Grenzen des Weidendaſeins hinausgeſchritten und ragt und wirkt in fremde Sphäre hinein: Anwiſſend! Nichts als ſein ſchaukelndes Spiegelbild, das bernſteingrüne, ſieht er unter ſich in der Wellentiefe, während er die Räder einer andern Welt in Bewegung ſetzt, die ſich ſtromauf, ſtromab an ihm vorüberdrehn. —— Die Bereitung von Marmeladen geht in den Fabriken unter Anwendung aller nur erdenklichen techniſchen Hilfsmittel vor 16, die eine vollſtändige Ausnutzung des Rohſtoffs ermöglichen. Die Früchte werden zunächſt ſortiert, gereinigt, abgeſtielt; in der Paſſiermaſchine werden die Kerne entfernt, ſo daß nur das reine Obſtmark übrigbleibt. Dieſes wird dann in Dampfkeſſeln einge⸗ kocht, nachdem die gemahlene Raffinade zugeſetzt worden iſt. Der Zuckerzuſatz wechſelt je nach dem Säuregehalt der Früchte. Ein Kilogramm Johannisbeeren z. B. erfordert ein halbes bis drei⸗ viertel Kilogramm Zucker, während Pflaumen auch ganz ohne Zucker, nur mit etwas Waſſer, eingekocht werden. Weder Farb⸗ ſtoffe noch Gelatine werden zugeſetzt, das Obſt muß von ſelbſt gelieren, und Farbe iſt durch das Lebensmittelgeſetz überhaupt verboten. Billige Ware wird indeſſen mit Kartoffelſirup oder Glukoſe verſetzt, doch muß angegeben werden, wenn dieſer Zuſatz mehr als 5 Prozent beträgt. Auch die Hausfrau kann die ſchöne, natürliche Farbe der fabrikmäßig hergeſtellten Konfitüren er⸗ zielen, wenn ſie die Marmelade in dem Kochgefäße etwas ab⸗ kühlen läßt, bevor ſie in die Gläſer gefüllt wird. Iſt die Mar⸗ melade nun abgekühlt, ſo wird ſie in Gläſer gefüllt, dieſe im Ver⸗ ſchlußapparat mit dem Deckel verſehen und endlich im Vakuum⸗ apparat etwa anderthalb Stunden lang gekocht. Jetzt iſt die Mar⸗ melade unbegrenzt haltbar. Bei einzelnen Früchten, z. B. Apri⸗ koſen, wird in beſonders ergiebigen Erntejahren das Mark der Früchte für die Zeiten des Mangels eingekocht und in Blechdoſen aufbewahrt, um erſt ſpäter verarbeitet zu werden.. Die Bereitung von Mus war ſchon im Mittelalter bekannt; die Herſtellung der Marmelade kam im 17. Jahrhundert durch die Franzoſen auf. Dieſe hatten das Rezept und die Bezeichnung durch Vermittlung der Spanier von den Portugieſen übernommen. Im Portugieſiſchen heißt„marmelo“ die Quitte, und davon wurde das ſhaniſch⸗vortugjeftſche Wort„marmelada“ gebildet. Unſer Wort armelade bedeutet alſo urſprünglich Quittenmus. Die Quitte, die im Griechiſchen„melimelon“, Honigapfel, heißt, erfreute ſich bei den alten Griechen und Römern bereits großer Beliebtheit. Der Name Honigapfel rührt daher, daß man die Quitten im Alter⸗ tum mit Honig einzukochen pflegte. —— Der Farbſtoff roter Blatter Neue botaniſche Unterſuchungen Die Erſcheinung, daß ſich grüne Blätter rot umfärben, wird im Pflanzenreich oft beobachtet. Um nun die Natur dieſer Farb⸗ ſtoffe, durch deren Auftreten dieſe Umfärbung zuſtande kommt, zu ergründen, hat neuerdings der Forſcher Lippmann eingehende Unterſuchungen vorgenommen. Hierbei hat ſich vor allem e eigt, daß die Rötung durch einen neu auftretenden— alſo nicht durch Umwandlung entſtehenden Farbſtoff, bedingt wird. Nach dem Be⸗ richt in den„Naturwiſſenſchaften“ wurde die Rotfärbung haupt⸗ ſächlich an der Reſeda(Reseda odorata) ſtudiert, in deren Zellen ſich, ſobald der Pflanze Zuckerlöſung zugeführt wird, ſtets ſehr viel roter Farbſtoff bildete, der ſich bei entſprechender Behand⸗ lung auch iſolieren ließ. Der Vorgang der Rötung geht in der Weiſe vor ſich, daß ſich das in den betreffenden Pflanzenteilen enthaltene Chlorophyll, d. h. der grüne Blattfarbſtoff, vermin⸗ dert, während gleichzeitig der neue rote Farbſtoff, das Rhodoxan⸗ thin, auftritt. Die Bildung des Röoddoxanthins erfolgt jedoch keineswegs aus den bereits vorhandenen oder ſich vermindernden Farbſtoffen der Zellen, ſondern verläuft vielmehr ganz ſelbſtän⸗ dig, ſo daß der rote Blattfarbſtoff in dieſem Falle, wie bereits erwähnt, nicht als Umwandlungsprodukt zu betrachten iſt. Es ſcheint, daß das Rhodoxanthin in zahlreichen Pflanzen gebildet werden kann; nachgewieſen wurde es und zwar ſchon im Verlauf früherer Unterſuchungen z. B. in Eibe, Wacholder, Selaginellen und Schachtelhalmen. Beſonders bedeutſam war die Beobachtung, daß die Gewächſe, die die Fähigkeit beſitzen, Rhodoxanthin zu bilden, kein Antho⸗ kyan, d. h. einen ebenfalls in den Zellen enthaltenen, ſlüſſigen roten Farbſtoff, aufwieſen. In bezug auf die Verteilung der bei⸗ den Farbſtoffe in den Zellen, wie überhaupt auf ihre Bildun beſtehen indes große Ahnlichkeiten, indem ſie übereinſtimmen infolge großer Kälte oder Trockenheit, wie auch bei ſtarker Be⸗ lichtung oder nach Verletzungen in den Pflanzenteilen auftreten. Andererſeits wird die Bildung der beiden roten Farbſtoffe be⸗ ſonders auch durch Zuckerzufuhr erhebdc geſteigert, ſo daß man tatſächlich für beide Stoffe die gleiche Funktion annehmen könnte. Sichere Angaben laſſen ſich über dieſe Funktionen allerdings bis jetzt nicht machen, wenn man auch vermutet, daß die Rotfärbung, durch die in der Zelle rotes Licht entſteht, eine„optiſche Schutz⸗ wirkung“ darſtellt, zumal da unter roter Belichtung die Bildung der grünen Blattfarbſtoffe am beſten verläuft. Gleichzeitig werden auf dieſe Weiſe auch die die Zellen ſchädigenden zu ſtarken Licht⸗ ſtrahlen abſorbiert, weshalb denn die Rötung ſehr häufig unter dem Einfluß ſtarker Lichtbeſtrahlung eintritt. Wenn nun auch die Rotfärbung zum prohen Teit in jungen, noch beſonders empfindlichen Pflanzenteilen auftritt, wie auch dann, wenn durch Kälte oder Trockenheit die normale Weiter⸗ entwicklung der Pflanze gehemmt iſt, ſo kann man ſie gleichwohl nicht nur allein als Schutzvorrichtung anſehen. Denn ebenſogut wie die Anthokyane mit der Aſſimilatkon der Pflanzen zuſammen⸗ kommen.— hängen, ſo könnte auch das Rhodoxanthin auf die Bildung orga⸗ niſcher Subſtanzen in der Zelle Einfluß beſitzen, und die Rot⸗ färbung nur in zweiter Linie als Schutzeinrichtung in Betracht Kreuzwort⸗Rältfel 2 3„ ſs 6 72 9 H o⸗ 7 4 2 5 7 8 76. ſ 1 20 8 27 22 3 23 24 3 23 26 ſ27 Wagerecht: 1. Mathematiſcher Begriff; 4. bibliſcher Name; 7. verheilte Wundränder; 9. Sportplatz; 12. Hindernis aus Flechtwerk; 13. Käferlarve; 14. deutſcher Tiermaler; 16. Bergwerksgebäude; 17, franzöſiſche Feſtung; 20. Planet; 21. Land des früheren ungariſchen Staatsgebietes; 24. Prieſter⸗ gewand; 25. kleiner Behälter; 26.„alt“ im Sinne des klaſſiſchen Altertums; 27. Himmelsrichtung; 28. Schwarzwaldfluß. Senkrecht: 1. Taufzeuge; 2. preußiſche Stadt; 3. Schrift⸗ zeichen; 4. geographiſcher Begriff; 5. Bodenformation; 6. belgiſche Univerſitätsſtadt; 8. gleichbedeutend mit Verfall; 10. Süd⸗ europäer; 11. ſüdamerikaniſche Inſelgruppe; 15. bibliſcher Name: 16. Teil des Bettes; 18. muſikaliſcher Begriff. 19. deutſcher Philo⸗ ſoph; 21. Vogel; 22. alkoholiſches Getränk; 23. pſychologiſchen Begriff.——— Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle ichsikten Löſungen zu ſenden ſind⸗ Ich fühle mich verpflichtet, die Serie„Wie löſe ich einen Dreizüger“ einmal zu unterbrechen. Der Grund liegt in Unſerem Lehrbuch verfaßt von Johann Kotre Cien) und verlegt vom Deutſchen und Öſterreichi⸗ ſchen Arbeiter⸗Schachbund. Genoſſe Korte hat ein langes, reiches Schachleben hinter ſich und beſitzt in der Schachwelt einen guten Namen. Er war deshalb dazu erufen, ein ſo ſchwieriges Gebiet, welches die Bearbeitung eines Lehrbuches i ausgezeichnet zu behandeln. Das Buch hat 160 Seiten mit 200 Diagrammen und führt den Titel:„Das Schachſpiel', ein Handhuch für Anfänger und Fort⸗ Pejorſttene. Alſo, ein Buch, welches man immer zur Hand nehmen kann, um ch über irgend eine Frage zu orientieren. Der erſte Abſchnitt iſt den Grund⸗ zügen gewidmet und bringt ungefähr folgendes: Das Schachſpiel iſt das ſchönſte aller Brettſpieler, und nun folgt Weſen und Inhalt, dann eine Beſchreibung des Schachbrettes, der Schachſteine, ihre Gangart und alles begleitet von klaren, ſchönen Diagrammen, ſo daß ſogar ein ganz ÜUnkundiger leicht und bequem ohne Brett und Steine folgen kann. Die Eigenart und die Kraft der einzelnen Figuren und ihr Wirkungsfeld werden einfach und klar demonſtriert. Der gegenſeitige An⸗ griff und die Verteidigungsmöglichkeiten werden vorgeführt, vor allem der König im Mattnetz, Mattangriffe, Feſſelungen, Doppelſchachs uſw. Dann folgen einige Übungspartien, leicht und gefällig. 3 3.— Im zweiten Abſchnitt wird der Partieverlauf mit ſeinen verſchiedenen Phaſen einer kurzen Beſprechung unterzogen 3 3 Der dritte Abſchnitt behandelt das Ziel, die äußerſt wichtige Endſpiellehre und das Kräfteverhältnis der Steine zueinander. Der König im Kampfe gegen Bauer, Läufer uſw., nimmt einen breiten Raum ein, wobei alles grundlegende Wiſſen, das jeder Spieler beſitzen muß, eingehend behandelt wird. Man lernt ſtolend Oppoſition, Fernoppoſition, den entfernten Freibauern, den Endkampf er Kiguren gegeneinander uſw. kennen. Nachdem man das Ziel erkannt hat, kommt im vierten Abſchnitt der Aufmarſch der Streitkräfte, die S jelerüfinan en. Zunächſt werden die offenen Spiele der Reihe nach und nach Weſen und Inhalt deſpro en und dabei die beiderſeitigen ſchärfſten Spielweiſen hervorgehoben. Die vielen Gambits, im ſchmucken Huſarenkleid, ſtürmen an einem vorüber. Dann folgen die halboffenen Spiele, Franzöſiſch, Sizilianiſch, Carg⸗Caun uſw. der Thorie leichter zu lernen und zu behalten iſt. Beſonders wird das Bauerngerüſt, welches dem Spiel den Stempel aufdrückt, ausführlich behandelt und auf dieſe Weiſe dem Alijemelnverſtändute immer beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet. Neu und recht wertvoll ſind die Abhandlungen der modernen Eröffnungen, wie Aljedim⸗Eröffnung. Eröffnung Niemzowitſch, Läuferflankierungen uſw. Einen breiten Raum nimmt das Hanendauernſolen ein. Vor allem lernt man die heute ſo beliebten Sachen, wie Alt⸗ und Neuindiſch, das Grundfeldſaſtem uſw. kennen. Zum Schluß folgen dann die extremen Lwffnungen. wie Altengliſch 1. a. Fromsgambit 1. 4 und das Zuckertort⸗Reti⸗Syſtem 1. 813, d5, 2 4 Der letzte Teil behandelt das Mittelſpiel. Dieſes läßt c chwer lernen, man kann nur Ratſchläge und Winke geben, was der Verfaſſer denn auch in ein⸗ facher, klarer Form tut, wobei er die markanten, immer wiederkehrenden Sachen, wie die Sprengungen der Bauernketten, das Eindringen der Figuren uſw. ge⸗ bührend Feedegun Als Beiſpiele bringt er zum Schluß vier Großmeiſterpartien, ausführlich gloſſiert, aus dem Neuyorker Turnier 1927. Wir Arbeiter⸗Schachſpieler dürfen ſtolz ſein, ein ſolch abgerundetes Lehrbug unſer eigen zu nennen. Der breite, ſolidariſche Rücken des Deutſchen und Öſter⸗ reichiſchen Arbeiter⸗Schachbundes hat ſcheinbar eine große Auflage geſtattet, ſö daß der Preis äußerſt gering iſt. Es dürfte ſich kein annähernd gleichwertiges Werk im Handel befinden, was Preiswürdigkeit und Umfang anbetrifft. Das aufs beſte 4 empfehlende Werk koſtel im Buchhandel 2 Mark, für Bundesmitglieder 1.20 Mark und iſt zu beziehen vom: Verlag des Deutſchen Arbeiter⸗Schachbund⸗ Chemnitz, Zwickauer Straße 152. 4.. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quin. —. J. M. Baur v. Eyſſeneck Von Julius Jacob Strauss Joh. Martin Baur von Eyſſeneck war der in Frankfurt a. M. vor dreihundertundfünfzig Jahren geborene Sohn des 1561 von Wien nach Frankfurt gekommenen Buchdruckers Martin Baur, der hier— nach Heyden— als tüchtiger Unterbeamter auf das Vor⸗ teilhafteſte bekannt war und der um 1585 den Poſten eines Ver⸗ rechners oder Kellners des Weißfrauenkloſters verwaltete. Der junge Baur begann Jei⸗ Laufbahn als Kiſteireiter, um dann ungewöhnlich raſch zu Würden und Ehren zu kommen. Die bürgerlichen Unruhen— die demokratiſche Revolution— der Jahre 1612—1616 boten dem ſtrebſamen Mann Gelegenheit zur Entfaltung ſeiner beſonderen Eigenſchaften. Die Urgründe der Unruhen waren wirtſchaftlich⸗ſozialer Art. Die Stadt war ſchwer verſchuldet. Die Bürgerſchaft ſeufzte unter drückenden Steuern und Laſten. Ihr Groll wendete ſich gegen Juden und Junker bzw. Patrizier. Die Bürger vertraten den Patriziern gegenüber, von denen ſie wie Untertanen behandelt wurden und die faſt zwei Drittel der Ratsſitze inne hatten, die Anſicht, daß der Rat nur ihr Beauftragter ſei. Der Bürgervertrag vom 21. De⸗ zember 1612, der u. a. 18 Bürgern und nur 14 Patriziern Rats⸗ ſitze einräumte, genügte den Bürgern nicht mehr. Der Gedanke der Volksſouveränität, die Lehren vom Staatsvertrag erfüllten — nach Bothe— die bürgerlichen Köpfe. Völlig demokratiſch ſollte Pefahren werden und die Tüchtigkeit allein den Ausſchlag bei der Beſetzung der Ratsſitze geben, die nicht mehr als Erbgut betrachtet werden durften. lichen gewählte Art„Rechnungskolleg“— die„Neuner“— prüften die„Rechnung“ und kamen zu einem höchſt ungünſtigen Ergebnis. Die Folge war am 7. Mai 1614 die Entſetzung des Rates. Führer in dieſer Bewegung, der wohl auch Baur anfangs nicht feindlich gegenüber ſtand, waren ein aus den Niederlanden eingewanderter Tebſüchter Vincenz Fettmilch, der Schneider Konrad Schopp und der Schreiner Konrad Gerngroß. Als Kaiſer Matthias von dieſen Streitigkeiten erfuhr, befahl er durch Mandat vom 8. Juni den alten Rat wieder herzuſtellen, bewirkte aber nur eine noch größere Erhitzung der Gemüter. Am 22. Auguſt wurde die Judengaſſe unter Mitwirkung der Handwerksgeſellen geplündert. Am 28. Sep⸗ tember erſchien ein kaiſerlicher Herold, der die Acht über Fettmilch und Genoſſen ausrief. Am 24. Oktober wiederholte ſich der Vor⸗ gang. Die Acht wurde diesmal allen, die ſich binnen acht Tagen dem zaiſertichen Mandat nicht fügen würden, engedroht Ver⸗ gebens. Fettmilch warf den„Achtzehnern“ vor, ſie begehrten mit der Bürgerſchaft faſt ärger zu hauſen als der alte Rat. Die Zünfte aber fürchteten doch die Folgen weiteren Widerſtandes gegen das kaiſerliche Mandat und erklärten ſich am 24. November faſt ſämt⸗ lich zum Gehorſam bereit. Nun konnte auch gegen Fettmilch vor⸗ gegangen werden. Baur, der am 21. Dezember einen Sitz auf der zweiten Ratsbank erhalten hatte und bereits 1613 das Amt eines Zeugherrn— oberſter Militärbeamter— verſah, zeigte ſich über den Vorwurf gegen die„Achtzehner“, ſchlimmer wie der alte Rat zu hauſen, äußerſt ergrimmt. Als ihm am 27. November 1614 ge⸗ meldet worden war, daß ſich Fettmilch und Schopp im Wirtshaus „Zum großen Chriſtoph“ in der Gelnhäuſergaſſe vefänden, entſchloß er ſich zu raſchem Zugreifen. Unter perſönlicher Gefahr gelang ihm die Gefangennahme der beiden Führer und Fettmilch konnte mit Stricken gebunden, auf den Bornheimer Turm geführt werden. Der Häftling wußte aber durch Geſchrei ſeine Anhänger in Be⸗ wegung zu ſetzen. Der Turm wurde geſtürmt und Fettmilch im Triumph nach ſeiner Wohnung in der Töngesgaſſe. dort etwa, wo heute das Schacht'’ſche Haus ſteht, geleitet. Daraufhin ließ Baur geeignete Maßnahmen treffen, zog vor Fettmilchs Haus und machte Anſtalten, es im Sturm zu nehmen, als ſich Fettmilch und Schopp, ihren Untergang vor Augen ſehend, nebſt ihrem übrigen Anhang ohne Widerſetzlichkeit ergaben. Sie wurden in den Katha⸗ rinenturm geführt, das Haus geſchloſſen und Weib und Kinder ge⸗ fänglich eingezogen. Am 5. Dezember konnten die alten Rats⸗ herren ihre Amter wieder einnehmen. Fettmilch, Schopp und Gern⸗ groß wurden zum Tode verurteilt. Die ſchreckliche Strafvoll⸗ ſtreckung fand am 24. Januar 1615 auf dem Roßmarkt ſcatt. Fett⸗ an verlangte Rechenſchaft. Eine aus Bürger⸗ —— milchs Behauſung wurde für„ewige Zeiten“ der Erde gleich ge⸗ macht. Eine Schandſäule mit önheiften wurde dort errichtet und 1719 beim ſogenannten großen Chriſtenbrande durch eine nieders⸗ ſtürzende Mauer zerſtört. Das„Fettmilchplätzchen“ iſt längſt wieder bebaut und nicht mehr„ödt und wüſt“— Baur, der dem kaiſerlichen Mandat Geltung verſchafft hatte, wurde bereits 1615 zum jüngeren Bürgermeiſter erwählt. Am 17. Januar 1616 wurde er 90 kaiſerlichen Vorſchlag einſtimmig zum Schultheiß ernannt. Da Baur auch nachher fortwährend mit dem kaiſerlichen Hofe in ſchriftlichem Verkehr ſtand, geriet er in Anbetracht ſeiner ariſtokratiſchen Anſichten— nach Kriegk— bei ſänen Mitbürgern in Verdacht, daß er die Freiheit der Stadt zu chmälern ſtrebe. Wegen Gefangennehmung des Fettmilch erhielt er trotzdem von Rat und Bürgern einen ſilbernen Becher, hundert Reichstaler wert und hundert Goldgulden enthaltend. Von Mainz und Darmſtadt bekam er die Bruſtbilder des Erzbiſchofs und des Landgrafen in goldenem Medaillon. Am 1. Oktober 1616 wurden Baur und ſeine zwei Brüder als Baur. v. Eyſſeneck in den Adel⸗ ſtand„erhoben“ Ferdinand II. ernannte ihn drei Jahre ſpäter anläßlich der Krönung zum Geheimen Rat. Im Januar 1617 richtete Baur an den Rat ein Erſuchen. Da er ſich um die Stadt wohl verdient gemacht und dabei Leib und Leben gewagt habe, ſo ſolle man ſeine Beſoldung erhöhen und ihm bis zu ſeinem Tode jährlich achthundert Gulden geben, was er dann nach beſtem Ver⸗ mögen wieder um die Stadt verdienen wolle. Im November 1623 erhielt er zu den ſechshundert Gulden Schultheißengehalt und weihundert Gulden Gnadengeld, welche er bis dahin bezogen atte, noch eine jährliche Zulage von dreihundert Gulden, weil er der Stadt beſten wegen öfters fremde und vornehme Perſonen tractieren mußte.— Baur war ſowohl Mitglied der Gauerbſchaft Frauenſtein als auch der Gauerbſchaft Limpurg. Er war zweimal verheiratet und hatte aus beiden Ehen zuſammen zwölf Kinder. Er ſtarb am 5. Auguſt 1634 und wurde in der Katharinenkirche vor der Kanzel beigeſetzt. Am Pfeiler zur Seite wurde ſein Denk⸗ ſtein errichtet. Die Bewegung von 1612 bis 1614 hat das Erſtrebte nicht erreicht. Vieles von dem, was in der Bedrängnis zugeſtanden worden war, z. B. die Rechnungsprüfung, wurde wieder be⸗ ſeitigt. Erſt hundert Jahre ſpäter wurden wenigſtens Bürger⸗ vertretungen geſchaffen, um des Rats Herrſchaft zu beaufſichtigen und im Sinne der Gleichberechtigung und der Auswahl der Tüchtigen zu lenken. Goethe, der einen der auf dem Brückenturm aufgeſpießten Schädel noch geſehen hat, faßt ſein Urteil über den Fettmilch⸗ Aufſtand in wenigen Worten zuſammen. Er ſchreibt im vierten Buch des erſten Teils von„Dichtung und Wahrheit“:„... Da ich nun die näheren Umſtände vernaham, wie alles hervorgegangen, ſo bedauerte ich die unglücklichen Menſchen, welche man wohl als Opfer, die einer künftigen beſſeren Verfaſſung gebracht worden, anſehen dürfe... Die Eyſſeneckſtraße trägt ihren Namen zur Erinnerung an das Geſchlecht Baur v. Eyſſeneck. Geht es dem amerikanſchen Arbeiter beſſer als dem deutſchen? Von Dr. R.(Neuyork) Jahr fün Jahr wandern Tauſende von deutſchen Arbeitern und Angeſtellten, die der langen Zeit der Arbeitsloſigkeit und wirtſchaftlichen Verelendung müde geworden ſind, aus der Heimat nach den USA., dem Lande der„unbegrenzten Möglichkeiten“⸗ aus, in der Hoffnung, daß hier ihr Los ein beſſeres ſein würde. Es lohnt ſich immer eine Unterſuchung darüber, ob ſich dieſe Er⸗ wartungen erfüllt haben... Im allgemeinen darf man wohl ſagen, daß die große Mehr⸗ heit der Einwanderer enttäuſcht iſt, daß ſie oft länger und härter arbeiten muß, als in der Heimat, daß Erſparniſſe trotz der relativ hohen Löhne nur gemacht werden können, wenn man eben aul alle kulturellen Bedürfniſſe verzichtet und von früh bis abends Pöufter Und Reichtümer ſind es dann auch nicht, die man auf dieſe Weiſe ſich erwirbt. Es iſt eine nicht zu leugnende Tatſache, daß das Los des ge⸗ lernten Arbeiters, beſonders wenn ſeine Gewerkſchaft ſtark enug iſt, ihre Forderungen durchzuſetzen, hier ein bedeutend beſ⸗ eres als in Deutſchland iſt. Von ſeinem Wochenverdienſt von eiwa 40 bis 65 Dollars durchſchnittlich kann er durchaus als kleiner „Bourgeois“ leben, kann Erſparniſſe machen, kann bei den augen⸗ blicklichen günſtigen Geldverhältniſſen oft ſogar ein kleines Häus⸗ chen kaufen, da er hierfür nur einige hundert Dollars anzuzahlen hat, während der große Reſt der Kaufſumme durch monatliche Abzahlungen in Höhe von etwa 30 Dollars amortiſiert werden kann. Er kann ſich ſeine Wohnungseinrichtung wie auch ein kleines Fordauto bei einer geringen Anzahlung kauſen. Wenn man dann noch die rieſige Wohnungsnot in Deutſchland mit dem großen Angebot freier, leerſtehender, verkäuflicher Häuſer vergleicht, dann möchte man die hieſigen Verhältniſſe direkt als ideal bezeichnen. Ebenſo richtig iſt es aber, daß nur ein gewiſſer Prozentſatz der amerikaniſchen Arbeiterſchaft dieſes Daſein eines Kleinbürger⸗ führen kann, daß es dagegen großen Schichten der arbeitenden Bevölkerung genau ſo dreckig wie in Deutſchland geht. Wenn auch augenblicklich die Arbeitsloſigkeit nicht ſo bedeutend iſt, ſo hört man doch immer wieder Fälle, wo junge, kräftige Arbeiter monate⸗ lang vergeblich nach Arbeit ſuchen. Es iſt auch durchaus wahr, daß es Betriebe gibt, in denen anſtatt 8 Stunden, wie es auch vielfach der Fall iſt, nicht nur 10 Stunden lang. ſondern auch 14 und 16 Stunden lang gearbeitet wird. Und dabei iſt das Tempo der Arbeit bekanntlich viel flotter als drüben. Da es in Amerika bekanntlich keine Arbeitsloſenunterſtützung gibt, ſind die Arbeiter dann noch froh, wenn ſie eine derartige Stelle haben. Sie können zudem— mangels tarifvertraglicher Regelung— jeden Tag, wenn es dem Arbeitgeber gefällt, an die friſche Luft geſetzt wer⸗ den. Und wer einmal erſt ſtellenlos iſt, muß manchmal lange ſuchen. bis er wieder eine Dauerſtellung hat, oft muß er zufrieden ein, wenn er wöchentlich auch nur 20 Dollars verdient. Vielleich: fällt er auch einem Agenten in die Hände, der ihm gegen eine „Gebühr“ von 10 bis 15 Dollars eine ſolche gering bezahlte Stelle verſchaff ſo daß er erſt einmal arbeiten muß, um ſeine Schulden hei dieſem loszuwerden. Wehe, wenn man in dieſer Lage etwa krenk wird. Da eine Krankenverſicherung ſehlt, iſt man in dieſem Falle auf die kommunale oder private Fürſorge angewieſen. Ein beſonders Problem ſind natürlich die Sprachſchwierig⸗ keiten, mit denen der Einwanderer in der erſten Zeit ſeines hieſigen Aufenthaltes zu kämpfen hat. Solange er die engliſche Sprache nicht fließend beherrſcht, wird er außerſtande ſein, eine ut bezahlte Stellung hier bekleiden zu können. Beſonders ſchwierig geſtaltet ſich dadurch meiſt die Lage der eingewanderten entellektuellen und Angeſtellten. Sie können mangels aus⸗ reichender Kenntnis der Landesſprache nicht in ihren alten Be⸗ rufen tätig ſein, ſie ſind gezwungen, irgendeine körperliche Arbeit, etwa als Geſchirrwäſcher uſw. bei niedrigem Lohn und oft 14ſtündiger Arbeitszeit zu verrichten, was ſie wohl in Deutſchland nie hätten tun wollen. Gerade das Los der der körperlichen Arbeit ungewohnten NnieMerthelen und Angeſtellten iſt in der erſten Zeit ihres Aufenthaltes im Lande infolgedeſſen derart, daß ſie lieber heute als morgen die US. verlaſſen möchten. Sehr groß iſt augenblicklich die Auswanderung junger Mädchen aus Deutſchland nach hier. Einmal ſind die Heirats⸗ chancen in den US. natürlich viel größer als in Deutſchland, zum anderen verdient ein junges Mädchen als Hausangeſtellte durch⸗ ſchnittlich 50— 80 Dollars monatlich bei freier Station. Zweifel⸗ los kann es, beſonders wenn es ſehr einfach lebt, von dieſem Be⸗ trage allerlei ſparen. Man kann aber nicht genug darauf hin⸗ weiſen, daß die Mädchen von ihren„Herrſchaften“ von früh bis ſpät abends in Anſpruch genommen werden, daß wir manche ge⸗ ſprochen haben, die kaum ihre 6 Stunden Schlaf hatten. Und diejenige, die gehofft hatte, die engliſche Sprache ſchnell zu er⸗ lernen, ſieht ſich nur zu oft enttäuſcht darin, weil ſie eben als Hausangeſtellte keine Gelegenheit hat, Verkehr mit Amerikanern zu pflegen, weil ſie, wie es bei dem Mangel engliſcher Sprach⸗ kenntniſſe nicht anders geht, bei einer deutſchſprachigen Familie Stellung angenommen hat. Zweifellos berührt es ſympathiſch, wenn wir etwa einen Hroßen Fabrikanten und vielfachen Millionär in gewöhnlichen Arbeitsſachen, die zeigen, daß er der körperlichen Arbeit nicht aus dem Wege geht, in ſeinem Betrieb herumlaufen ſehen. Genau ſo wie in Europa ein ſolcher Generaldirektor undenkbar iſt, ebenſo unverſtändlich wird es den meiſten dortigen Unter⸗ nehmern ſein, daß es hier Aktlengeſellſchaften gibt, die ihre Ar⸗ beiter als Aktionäre beteiligen und ihnen durch günſtige Zah⸗ lungsbedingungen den Erwerb der Aktien ermöglichen. Daß aber bei den amerikaniſchen Unternehmern und den beſitzenden Schichten ein ausgeprägtes Klaſſenbewußtſein beſteht, kann man bereits aus der Tatſache erſehen. daß ſich dieſe Kreiſe in ihren Villenorten abkapſeln, durch die Einführung einer hohen Grund⸗ ſteuer von z. B. 5000 Dollars den Zuzug von ihnen unerwünſchter Elemente verhindern. Wenig ausgeprägt iſt dagegen noch das Klaſſenbewußtſein der arbeitenden Klaſſen. Dies wird wohl erſt alles einmal anders werden, wenn das augenblicklich noch relativ dünn beſiedelte Land ſtärker bevölkert wird, wenn die roße Einwanderung von Angehörigen der verſchiedenſten Nctionen nachgelaſſen hot. Die US. ſind eben noch kein National⸗ ſtaat. Hierdurch iſt u. E. die Bildung einer großen Arbeiter⸗ partei wie in Europa noch nicht möglich geweſen. Die politiſche Apathie der Arbeiterklaſſe wird in dem Maße aufhören, in dem ſte erkennen wird, daß gerade in dieſem Lande der„Demokratie“ es nicht das Volk iſt, das den Staat beherrſcht, ſondern einige wenige Milliardäre. Wenn auch noch ſo viele dabei zugrunde gehen, ſo ſind augenblicklich noch viele unter der arbeitenden Be⸗ völkerung, die hoffen, daß es ihnen ebenſo wie manchem Vorbilde gelingen werde, ſich von der unterſten Sproſſe der ſozialen Leiter Lob der Muſit in den Trakkaten des Abraham a Santa Clara Ein Beitrag zur Muſtkausſtellung in Frankfurt a. M. Von Fr. W. Pollin(Aſchersleben) „Bis auf den Namen iſt Abraham a Santa Clara in den weiteſten Kreiſen ſo gut wie unbekannt. Und doch iſt dieſes „Original, vor dem man Reſpekt haben muß“, wie Schiller in einem Briefe vom Jahre 1798 an Goethe ſchrieb, es durchaus wert, daß man ſich etwas mehr mit ihm beſchäftigte, als es bisher geſchehen iſt. Sein einfacher Lebenslauf iſt bald erzählt. Er heißt eigentlich Johann Ullrich Megerle, wurde als Sohn armer Wirtsleute 1644 in einem ſchwäbiſchen Dorfe geboren, beſuchte die Lateinſchule der Nachbarſtadt Mekkirch, ſpäter das Gymnaſium zu Ingolſtadt und Salsburg und ging 1672 ins Auguſtinerkloſter zu Wien. Bald wurde man auf ſeine außer⸗ ordentliche Kanzelberedfamkeit aufmerkſam, er ſtieg von einer Würde zur anderen, wurde ſchon in jungen Jahren Hofprediger und ſtarb als ſolcher 1709 in Wien. E Er war ein ganzer Kerl und ſtreitbarer Held, der nicht nur dem Volke, ſondern auch dem kaiſerlichen Hofe ſeine Wahrheiten mit ehrlicher Grobheit ſagte, um dadurch die Seelen aufzurütteln, Unſittlichkeit und Heuchelei bloßzuſtellen und das Volkselend auf⸗ zudecken. Er hat auch auf die Menſchen ſeiner Zeit einen über⸗ wältigenden Eindruck gemacht. Seine Predigten und Schriften waren reich an köſtlichen Einfällen und Anekdoten, an beißendem Witz und geiſtvoller Sprachbeherrſchung, reich an Wortſpielereien und Sprachkünſteleien.„Wofür ein anderer mit Mühe einen Ausdruck fand, hatte er im Nu ein Dutzend und mehr bei der Hand und im Munde,“ und wenn er predigte, ſo liefen ihm nicht nur die Worte, ſondern auch die Hörer zu, wie dem Rattenfänger von Hameln die Mäuſe. Eine ganze Anzahl verſchollener Sprich⸗ wörter und Redensarten hat er aus dem Dunkel der Vergeſſen⸗ beit wieder ans Licht befördert. Nur eine kleine Ausleſe davon: licher Krämerladen!“) iſt eine der bedeutendſten die 1699 in Ein Land wird nicht regiert mit Sitzen, ſondern mit Schwitzen. Er ſteht feſt wie eine Wiege. Ein bös Gewiſſen iſt ein Hund, der allzeit bellt. Adam hat das Obſt gegeſſen, und wir haben das Fieber davon. Die Farbe tut nichts, ſonſt wäre der Gimvel der erſte Vogel. Wer heucheln kann, und ſchmeicheln kann, der iſt heut ein gemachter Mann. Er taugt wie die Kuh zum Kegelaufſetzen. Von ſeinen zahlreichen Schriften, die oft ſchon im Titel leine Art und Weiſe kund tun,(z. B.„Reim dich oder ich friß dich“, Heilſames Gemiſch⸗Gemaſch“,„Hui und Pfui der Welt!“,„WGeſſe ur⸗ burg erſtmals erſchienene Sammlung„Etwas für Alle, eine kurze Beſchreibung allerlei Standes⸗, Amts⸗ und Gewerbe⸗Perſonen mit beigedruckter ſittlicher Lehre und bibliſchen Konzepten, durch welche der Fromme mit gebührendem Lob hervorgeſtrichen, der Tapeljait⸗ aber mit einer mäßigen Ermahnung nicht verſchont wird uſw.“ Dieſes Buch iſt ein kulturgeſchichtliches Quellenwerk erſten Ranges. Weit über 200 Berufe hat er hier behandelt, darunter zahlreiche, die heut nur noch in Familiennamen forileben, z. B. Schwertfeger, Pergamenter, Oeler und andere. Es gibt nicht nur ein intereſſantes Bild von der Vergänglichkeit der Berufe, ſondern auch von der damaligen(von vielen ſittlichen Schäden heim⸗ geluchten) Zeit. Aus dieſen Traktaten ſoll hier das eine(in etwas gekürzter und moderniſierter Form) wiedergegeben werden, das Abraham a Santa Clara der„Muſik“ widmet:. Sei du mir taufendmal willkommen, meine löbliche, liebliche, künſtliche, vornehme und angenehme Muſica! Andere ſind zwar freie Künſte, du aber biſt eine freie und fröhliche Kunſt; du biſt eine Portion vom Himmel, du biſt ein Abriß der ewigen Freuden, du biſt ein Pflaſter für die Melancholie; du biſt eine Verſöhnung der Gemüter, du biſt ein Sporn der Andacht, du biſt ein Kleinod bis nach oben emporzuſchwingen. Schon heute iſt es aber bei den grohen Truſts für den Emporkömmling faſt völlig unmöglich, eine leitende Stellung zu erhalten. Ahnlich wie in Europa, kommt man dort nur durch Geburt oder Heirat hinein. Es ſind nur noch anz wenige, denen der große Coup gelingt. Der Kaſtenbildung Por Bourgeoiſie wird naturnotwendig der Aufſchwung der Ar⸗ beiterbewegung auf dem Fuße folgen. Kann man bei dieſer Sachlage eine Auswanderung deutſcher Arbeitnehmer nach den US. befürworten? Wir ſind der Anſicht, daß dies ganz auf den einzelnen Fall ankommt. Arbeiter, die ſich das Reiſegeld erſt borgen müſſen, die die engliſche Sprache nicht beherrſchen, die ohne jede Beziehungen in den US. ſind, die Wert 52 die Befriedigung kultureller Bedürfniſſe legen, ſollten ſich dies genau überlegen. Goethes Schwager Von S. Meisels(Wien; Vor hundert Jahren ſtarb in Weimar der Theaterſekretär und Bibliothekar Chriſtian Auguſt Vulpius, der Bruder Chriſtianens, der Schwager Goethes. Der Name Vulpius ruht im Schatten des Titanen und ſoweit er heute noch lebendig iſt, lebt er nur durch Goethe, mit dem er durch Goethes Lebensgefährtin für ewige Zeiten geknüpft bleibt. Bei Lebzeiten aber führte Chriſtian Auguſt Vulpius ſein eigenes, höchſt perſönliches Leben; da war er kein Trabant, der um die Weimarer Sonne kreiſte, er ſtand vielmehr für ſich und gründete eigenhändis durch unzählige Bücher, die er ſchrieb und veröffentlichte, ſeinen Ruhm. Denn— man muß es wiſſen— Vulpius war ein berühmter Mann in deutſchen Landen, der fruchtharſte, populärſte und erfolgreichſte Romanſchreiber ſeiner Zeit. Er war der Karl May des achtzehnten Jahrhunderts. Seine Ritter⸗ und Räuberromane, insbeſondere „Rinaldo Rinaldini“, wurden von jung und alt mit Heißhunger verſchlungen und in faſt alle lebenden Sprachen überſetzt. Er war der meiſt geleſene Schriftſteller jener Tage. Wohl hatte Vulpius ſeine Karriere ſeinem Schwager zu ver⸗ danken; ſeine Erfolge als Schriftſteller durfte er zedoch auf ſein eigenes Konto buchen. Goethe nahm ſich mit Wärme dieſes Vul⸗ pius an. Eine Zeitlang wohnte Vulpius bei Goethe. wie denn überhaupt Chriſtiane eines ſchönen Tages ihre ganze Verwandt⸗ ſchaft„zu ſich ins Haus nahm“, ſo daß der Olympier, um in Ruhe abeiten zu können, zeitweilig nach Jena flüchten und ſein Wohn⸗ haus in Weimar der Familie Vulpius überlaſſen mußte. Seinem Schwager war Goethe ein aufrichtiger Förderer. Er belchäftigte ihn zuerſt als ſeinen Privatſekretär; in Goethes Briefwechſel iſt oft von Pulpius die Rede: Vulpius beſorgt die Abſchriften, Vul⸗ pius beſchafft die Bücher, die Schiller von Goethe ſich wünſcht. Goethe war eifrig bemüht, für Chriſtian Auguſt eine Lebens⸗ ſtellung zu ſchaffen; er ſchrieb zu dieſem Zweck eine Menge Briefe, lobte ſeine Fähigkeiten, rühmte ſeine Anſtelligkeit, protegierte ihn überall und bewirkte ſchließlich, daß Vulvius zum Theater⸗ ſetretar und ſpäter dann zum Bibliothekar in Weimar ernannt wurde. Als Berufsmenſch hatte Vulpius ſeinen Aufſtieg ganz ſeinem Schwager zu verdanken. Dagegen nahm Goethe auf ſeine ſchrift⸗ ſtelleriſche Tätigkeit nicht den geringſten Einfluß. Es zeugt von einer gewiſſen Selbſtändigkeit und Meleich von einer gewiſſen geiſtigen Beſchränktheit, daß Vulpius als Schriftſteller in nichts ſeinem Schwager nachzueifern beſtrebt war. Als Schriftſteller ging er ſeine eigenen Wege, und der Erfolg ſchien ihm ts ge⸗ geben zu haben. Goethe ſchrieb den„Fauſt“, Vulpius aber ſchrieb „Rinaldo Rinaldini“, und dieſer wurde mehr geleſen als jener. Goethe war der Olympier, aber an ſchriftſtelleriſchem Erfolg konnte er ſich mit ſeinem Schwager Vulpius nicht meſſen. Es ſcheint ein Geſetz der geiſtigen Trägheit zu ſein, daß zu allen Zeiten ein„Fauſt“ gegen einen„Rinaldo“ ins Hintertreffen ge⸗ rät. Als Goethe ſeine Geſammelten Schriften in acht Bänden bei Göſchen in Leinzig lieferungsweiſe herausgab, da meldeten ſich in ganz Deutſchland 602 Subſkribenten, von den erſten vier Bänden wurden 536 Exemplare, von dem fünften 487, von dem achten 417 verkauft. Die Einzelausgaben gingen noch ſchlechter: von Werthers Leiden wurden 262, von Götz 20, von Clavigo 17, von Iphigenie 312, von Egmont 377, von Die Vögel 198 und von Fauſt nicht viel mehr Exemplare verkauft.„Rinaldo Rinaldini“ aber beherrſchte den Büchermarkt; er erlebte viele Auflagen und war in hunderttauſenden von Exemplaren verbreitet. Man kennt Vulpius nur als den Verfaſſer des dreibändigen Räuberromans„Rinaldo Rinaldini“ und nur wenige wiſſen, daß er einer der fruchtbarſten deutſchen Schriftſteller des achtzehnten Jahrhunderts war. Er hat Ritterromane, Abenteuergeſchichten, Theaterſtücke, ia ſogar Operntexte in überaus reicher Zahl ver⸗ faßt und veröffentlicht, darunter auch mehrere recht wertvolle kulturhiſtoriſche und literaturgeſchichtliche Schriften. Ich habe mich die Mühe nicht verdrießen laſſen, das Verzeichnis der von Vul⸗ pius verfaßten Bücher nachzuzählen und habe feſtgeſtellt, daß nicht weniger als 106 dickleibige Werke von ihm erſchienen ſind. Da jedes dieſer Werke mehrere, manches ſogar acht bis zehn Bände enthält, ſo ergibt ſich, daß das Geſamtwerk des Chriſtian Auguſt Pulpius dem Umfange nach bei weitem größer iſt, als das ſeines Schwagers Goethe. Es wäre nicht unintereſſant, die Titel der ein⸗ zelnen Werke mitzuteilen— denn ſchon dieſe Titel riechen nach Räuberromantik— aber ſie ſind zu zahlreich, als daß man ſich dieſen Spaß erlauben könnte. Die meiſten ſeiner Bücher ver⸗ öffentlichte Vulpius anonym oder unter dem gut gewählten Deck⸗ namen„Tirſo de Milano“; auch„Rinaldo Rinaldini“ erſchien zuerſt anonym(Leipzig 1798). Es dürfte nur den Wenigſten be⸗ kannt ſein, daß Vulpius dieſen Roman auch dramatiſiert hat; das Schauſpiel„Rinaldo Rinaldini“ erſchien 1800 in Rudolſtadt und wurde mehrmals aufgeführt. Von ſeinen größeren mehrbändigen Werken ſeien hier erwähnt:„Gloſſarium für das achtzehnte Jahr⸗ hundert“,„Theatraliſche Reiſen“(2 Bände),„Zauberromane“ (2 Bände),„Romantiſche Geſchichten der Vorzeit“(10 Bände), der Kirchen, du biſt eine Arbeit der Engel, du biſ ein Aufent⸗ haltung der Alten, du hiſt eine Ergötzlichkeit der Jungen. Der erſte, welcher die Muſik erfand, iſt Jubal geweſen, darum noch heutigen Tages das Jubilieren ſo viel heißt wie Frohlocken, denn beſagter Jubal war eines ſehr luſtigen und fröhlichen Gemütes, daher er in der Werkſtatt ſeines Bruders Tubalcain, welcher der erſte Schmied geweſen iſt, durch den unter⸗ ſchiedlichen Klang des Hammerſchlages die Muſik erdachte. Anno 1022 hat Guido Aretinus die muſikaliſchen Noten er⸗ funden, desgleichen auch Papſt Sylveſter der Andere die Orgel und andere Inſtrumente; damals aber iſt die Muſik in Welſch⸗ und Deutſchland zu ſolcher Vollkommenheit geſtiegen, daß es faſt unmöglich ſcheint, derſelben noch etwas beſſeres zuzuſetzen.. Als die drei Knaben in den feurigen babyloniſchen Ofen ſind geworfen worden, da haben ſie alſobald angefangen eine ſchöne liebliche Motette zu ſingen, und Gott geprieſen und gelobt; wie die emnoeſtrigenden Flammen wahrgenommen, daß ſolcher Geſang inbrünſtiger als ſie, da haben ſie ſich in keiner Weiſe an die frommen Muſikanten berangetraut, weshalb ihnen dann auch nicht ein Haar verletzt wurde, ſondern es iſt ihnen der ange⸗ zündete Ofen vorgekommen, wie eine angenehme kühle Grotte. Als Moſes ſamt ſeinem auserwählten Volke ſo wunderbar durch das rote Meer paſſterte, daß dem König Pharao ſein Vor⸗ haben zu Waſſer wurde, da hat der Mann Gottes das Volk zu einem Lob⸗ und Dankeslied eifrig aufgefordert. Moſes ſelbſt hat einen Vorſinger abgegeben, das Lied aber, welches er geſungen, war von dem heiligen Geiſt ſelbſt komponiert, und iſt ſolche Muſik nicht ohne beſonderes Mirakel gehalten worden, es haben nicht allein die erwachſenen Leute ſolchen Geſang durch eine über⸗ natürliche Erleuchtung auswendig gewußt, ſondern es haben ſo⸗ gar die unmündigen Kinder, welche erſt etliche Tage und Wochen alt geweſen ſind, ihre Zungen gelöſt und ganz frohlockend mit⸗ geſungen. Muſtzieren iſt für ſich ſelbſt ein engliſch Amt, ob aber alle Muſikanten engliſch leben, ſteht dahin, gar oft erfährt man das Gegenteil. Caeſareus ſchreibt, daß zu einer Zeit ein frommer Diener Gottes in der Kirche geweſen iſt, wo zugleich eine vortreffliche Muſit gehalten worden iſt; der gott⸗ ſelige Mann aber ſah dabei was wunbderbares, nömlich den leidigen Teufel, welcher auf der linken Seite einen großen Sack gehabt hat, worin er alle Stimmen der Muſikanten hinein⸗ geſchoben hatte, nach vollendeter Muſik ſtaunten die Leute nicht wenig, daß ſie ſo ſtattlich geſungen, worauf der Mann Gottes geantwortet: ja, ſprach er, ihr habt ſchön geſungen, daß ihr damit dem Teufel den Sack habt völlig angefüllt, erzählte zugleich ganz umſtändlich die Erſcheinung welche er geſehen, und daraus konnten die Muſikanten erkennen, daß ſie durch ihren Geſang eine eitle Ehre gefiſcht haben, etliche aber unter ihnen in einem ſehr üblen Gewiſſensſtand ſich befinden. Ein Muſikant lang an einem Feiertage in der Kirche Voce⸗ ſola, wie ſie pflegen zu reden, aber mit einer ſo rauhen und widerwärtigen Stimme, daß faſt jedermanns Ohren dadurch be⸗ leidigt wurden, ein einsiges altes Mütterlein in dem Winkel der Kirche weinte über dieſe Stimme, auf dieſes hat der unge⸗ reimte Muſikus Obacht gegeben, daher nach vollendetem Gottes⸗ dienſt die andächtige Haut gefragt, warum ihr ſein Geſans das Herz erweicht habe? Darauf gab ſie zur Antwort, daß ſie deshalb ſo viel Tränen vergoſſen habe, weil ſeine Stimme ſie an ihren Eſel gemahnt habe, welchen ſie durch Unglück in dieſen Tagen verloren habe und der faſt einen gleichen Tenor geſungen habe. Daß zuweilen die Herren Muſikanten eine Stimme haben, wie die Hirten, wenn ſie durch ein Kuhhorn blaſen, iſt kein ſo großes Wunder, da ſie durch das übermäßige Saufen, durch den öfteren Cantharum, einen Catharrum bekommen, denn Cantharus und Cantus ſich garnicht können vergleichen, ſo wiſſen etliche von dieſen Leuten nie weniger Pauſen zu machen, als im Saufen, darum manche nicht ſo viel Noten haben in ihrem Partibus, als Nota bene bei dem Kellner, und ich will ſchier glauben, daß zuweilen ihre Suſpier in der Muſik mehr trachten nach dem Cellarium, als nach dem Coleum, doch aber ſind nicht alle ejusdem tenoris, ob ſie ſchon einen Tenor ſingen, nach Plinii Ausſage hat einmal ein Muſikant, mit Namen Xenepilus, hundert⸗ undfünf Jahre ohne eine einzige Krankheit erreicht. Dieſer muß zweifellos einen mäßigen Wandel geführt haben. So ſind aber noch viel andere ſtattliche Muſiker in der Welt, die alleweg zu loben und zu lieben ſind, auch einen ſo tugendreichen Wandel führen, daß man nichts als Eutes und das Beſte von ihnen ſagen kann. 2 „Bibliothek des Romantiſch⸗Wunderbaren“(2 Bände),„Hiſto⸗ tiſch⸗literariſche Ergötzlichkeiten“(2 Bände) und ein„Hand⸗ wörterbuch der Mytbologie“.. Vulpius gehörte zu den rechten Stürmern und Drängern, die in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Ritter⸗ zeit als„das goldene Zeitalter der Liebe, Freiheit und des Heldentums“ feierten. In dieſen Stürmern und Drängern lebte offenbar ein ſtarker Hang zum Abenteurerleben und ſie befrie⸗ digten ihre Traumwünſche in der Schilderung eines, wie es ihnen ſcheinen mochte, poeſievollen Räuberlebens, dem ſie Züge von Großheit und Edelmut liehen. Einer der bedeutendſten und fruchtbarſten Vertreter dieſer Ritter⸗ und Räuberromantik war eben dieſer Vulpius, der Schwager Goethes. Die Storchenehe Von J. Kalisch Wer ſich mit dem Seelenleben der Tiere eingehend beſchäf⸗ tigt, der dürfte die Wahrnehmung gemacht haben, daß die den höherſtehenden Klaſſen angehörigen Tiere ein ſtark entwickeltes Empfinden für Moralität, Freude und Schmerz, Worſorge und Wachſamkeit, Mut und Furcht, für Freundſchaft und Rache be⸗ ſitzen. Es ließen ſich noch eine ganze? eihe von Eigenſchaften auf⸗ zählen, die in hohem Maße bei ihnen vorhanden ſind. An erſter Stelle ſteht das durch ſo viel mit der Liebe und Familienichen ausgezeichnete Geſchlecht der Vögel. deren Ehe⸗ eben manchmal geradezu vorbildlich iſt. Ein ganz beſonders ſtrenges Ehe⸗ und Familienleben führt der Storch. Bei Brehms und anderen Schriftſtellern iſt mehrfach von der Storchenehe die Rede. Dazu ein neues Beiſpiel: In einem Dorfe herrſchte zu Ende des Monat März große Trauer, als der den Dorfbewohnern bekannte Storch ohne ſein Weibchen von ſeiner Winterreiſe zurückkehrte. Er klapperte mehrere Male mit ſeinem Schnabel, als wollte er ſeiner Gefährtin rufen. Still und traurig blieb er auf ſeinem Neſte, es nur verlaſſend, um ſeinen Hunger zu ſtillen. Einige Tage darauf hörten die Dorf⸗ bewohner das Klappern mehrerer Störche und bemerkten zwei, die ſich durch lebhaftes Geklapper begrüßten. Die Störchin, die auf der Reiſe eine Verzögerung erlitten hatte, wurde von andern Störchen ihrem Gatten wieder zugeführt und ſo feierte das Paar das glückliche Wiederſehen in ſeiner Sprache. Nicht allein die Gattenliebe, ſondern auch Familienſinn, be⸗ ſonders zärtliche Liebe zu den Jungen, die ſich bis zur Aufopfe⸗ rung ſteigern kann, iſt bei dem Storch ſehr ausgeprägt. Man hat beobachtet und zwar bei einem Brande in Mannheim, wie eine Storchenmutter ihre Flügel ſchützend über ihre Jungen aus⸗ breitete und es vorzog den Flammentod zu erleiden, als ihre Kinder zu verlaſſen. Gerade auf dem Lande iſt im Spätſommer Gelegenheit ge⸗ boten, kurz vor dem Wegzug der Störche die Verſammlungen zu beobachten. Auf Koßen Wieſen verſammelt ſich die Schar mit Vorliebe, um Flügelübungen zu machen, Heerſchau zu halten, wobei häufig nach vorheriger Beratung einzelne Störche getötet oder von der Geſellſchaft ausgeſchloſſen werden. Nach Abzug der Schar findet man oft Storchleichen oder ausgeſchloſſene Störche, die ſich bis ſpät in den Herbſt dort herumtreiben. Es iſt anzu⸗ nehmen, daß es ſich bei dieſer Revue um Schwächlinge handelt, die vermutlich die weite Reiſe über den Ozean nicht vollbringen können. Man hat aber auch wiederum beobachtet, wie Schwäch⸗ linge und Kinder einige Tage, auch Wochen, vor dem allgemeinen Abzug ausgeſandt wurden, damit ſie ſich nicht zu ſehr ermüden, um an den Küſten des Mittelmeeres ſich mit dem großen Trupp zu vereinigen. Daß Gardinenpredigten bei den Störchen auch vorkommen, feht uns Nachſtehendes: Eine brütende Störchin hatte einen ſaumſeligen Gatten, der zu lange vom Neſt fortgeblieben war und es dadurch ermöglichte, daß ein Eindringling die Störchin angriff und die Eier aus dem Neſt nahm. Von ſeinem Ausflug zurückgekehrt, ſtand der Storch mit herabhängendem Kopf mit der traurigſten Miene und mußte ſich alle Mißhandlungen von ſeiten ſeiner lieben Frau gefallen laſſen. Nach langer Zeit erſt durfte er das Neſt wieder beſteigen. Vorſtehende Beiſpiel geben uns ein Bild von dem Seelen⸗ leben dieſer Tiere. Mancher Menſch muß beſchämend erkennen, daß das Tier oft geſitteter lebt als er, der ſich für das höchſte Weſen der Natur hält und daß es ihm als Lehrmeiſter manchmal ienen kann. Heine und Irankfurt a. M. Heinrich Heine hat ſich öfters mit Frankfurt a. M. beſchäftigt. Einmal erzählt er in humorvoller Weiſe, wie er 1815 mit ſeinem Vater unſere Stadt beſuchte und wie ihm dieſer den Römer, die Meſſe und die übrigen Sehenswürdigkeiten zeigte. Nachmittags beſuchte er die Loge zur aufgehenden Morgenröte und ſah dort⸗ ſelbſt den Dr. Börne, der„gegen die Schauſpieler ſchrieb“. Das Gedicht Heines„Das proijektierte Denkmal Goethes zu Frank⸗ furt a. M.“ iſt hinlänglich bekannt. Die folgenden zwei Strophen aus einem 15ſtrophigen Gedicht Heines entdecke ich zufällig in eine Handſchrift⸗Sammlung, und weil ich annehme, daß die⸗ ſelben weitere Kreiſe intereſſteren dürften, möchte ich ſie hier folgen laſſen: Frankfurt, du hegſt viel Narren und Böſewichter, Doch lieb' ich dich, du gabſt dem deutſchen Land, Manch' guten Kaiſer und den beſten Dichter, Und biſt die Stadt, wo ich die Holde fand. Ich ging die Zeil entlang, die ſchöngebaute, Es war die Meſſe iuſt, die Schacherzeit, Und bunt war das Gewimmel und ich ſchaute, Wie träumend auf des Volks Geſchäftigkeit. Schach.Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. R. Waldſchmidtiſtraße 29, wohin auch alls Zuſchriften und Lbeunzei zu ſenden find⸗ Zuſammenſtoß auf verſchiedenen Flügeln O. Duras E. C. 0. C G C. Porgacs Um einem Angriff auf den eigenen Königsflügel auvorzu- kommen, beginnt Schwarz einen Gegenangriff aut der Damenseite. 2. Lo2— bl Ta8— b 4. 03% b4 a5 ✕ b4 3. F29,24 b5— b4 5. La3—cl Sg6— 07 Schwarz setzt seinen Angriff energisch fort in der Hoff- nung, eine offene Turmlinie zu gewinnen und einen Freibauer zu erhalten. 7. Df2— 2 g7— 96 Droht f5 4 8. g4-— g5 Es scheint, als ob durch diesen Zug Weik sein Spiel am Königsflügel blockiere, in Wirklichkeit handelt es sich aber um eine neue Angriffsoperation und einen Schutz gegen den augenblicklichen gegnerischen Ansturm. G....... G7c5 Das Opfer dieses Bauern gewährt Schwarz gute Aussichten, doch wäre eine Vorbereitung des Zuges vielleicht besser gewesen. 9. d4c d5— dA Schwarz droht Le6— 04, Se7— d5; dA4— d5, b4— b3 usw., so daß es verwunderlich ist, daß Weis all diesen Angriffen eine Verteidigung entgegensetzen konnte. 10. Dce2— d2 Le6— c4 11. TfI— el Df7— d5 12. a2— a3 b4— b3 13. Lcl— b2 Se7— c6 Weiß hat die unmittelbaren Drohungen seines Gegners zurückgewiesen und zwingt dessen Figuren, Bd zu schützen. Nur eine Drohung besteht noch: die Wegnahme des B05, zumal die Stärke des schwarzen Spieles auf den beiden Freibauern beruht. Deswegen beginnt Weiß jetzt einen Angriff. 14. h2— h4 Kg8—- f7 Besser war sofortiger Kg8— 9 7. 15. e5— e6+ Kf7— g 7 16. h4— h5 Tc8—– e8. 17. TIg3— es Kg7— 18 18. h5 g6 Eine wahrhaft schöne und bei aller Vorsicht tiefe Kombination. Schlägt Schwarz, so besetzt die Dame die offene Turmlinie. 13...... d4*es 19. göx h? Kf8“‚“ e7 20. Telxes Te8-8 Die Dame darf wegen Lb2— 16 nicht geschlagen werden. 21. Dd2dn LcAd 22. h7— hD Noch schmeller ent- schied g5— gé. IfS. 23. Lb2— 16+4 Ke7— f8 24. LI6xh8 und gewinnt leicht. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Innenſtadt: Reſtaurant„Zum König von England“, Battonnſtraße 70. 1. St. Sachſenhauſen: Dienstags bei Adrian, Affentorplatz. Niederrad: Samstags Sportplatz der Freien Turner, Hahnſtraße. Nordend: Dienstags bei Walter, Weberſtraße 84. Bornheim: Mittwochs bei Pauly, Germaniaſtraße 49. Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. 6. Te5— g3 Te8— c8. ———— 4 8%— . ‿ ☛ „ ͤͤ ͤ —EE—— rON eWenge en —„ — — Les 5——— — — Von alten Frankſurter Brunnen Um die alten Brunnen webt der Zauber der Poeſie. Ihr Rauſchen erregte die romantiſchen Herzen zu manchem Sang und ſtimmte ein in den langſamen, behaglichen Rhythmus einer fried⸗ lichen Zeit, da noch kein Auto das Gehör beläſtigte, ſondern die Poſtkutſche über das holprige Pflaſter ratterte und die Menſchen plaudernd in Gruppen mitten auf der Straße ſtanden. Abends, wenn die Mägde Waſſer vom Brunnen holten, machte man ſein Sehwätehen und erſetzte auf dieſe Weiſe den lokalen Teil der eitung. Schon in früheſten Zeiten war der Brunnen Mittelpunkt des Verkehrslebens, dem viele Dörfer und Städte ihren Urſprung verdanken. Und von jeher umſpann ihn das Dichten und die Sagen der Völker. Iſt doch das Waſſer eine Lebensnotwendigkeit des Menſchen. Darum waren den Pölkern die Quellen heilig, ſie ver⸗ wahrten ſie wohl und weihten ſie dem Schutz beſonderer Götter. Die Lebendigkeit und Friſche des ſprudelnden Naſſes erregte die Phantaſie, mit deren Gebilden ſie das Waſſer bevölkerten. Den alten Germanen wurde der Born ſogar zum Sinnbild der Welt⸗ entſtehung. Dem„Urborn“ entſtammen die drei Nornen: Ver⸗ gangenheit, Gegenwart, Zukunft. Zum„Urborn“ wandert der oberſte Gott Odin(Wotan), um aus ihm Urweisheit zu trinken und muß dafür zum Pfand ſein eines Auge laſſen. Um den Brunnen wohl zu ſchützen, mauerten ſchon die alten Agypter ihn aus. Im Mittelalter, in dem man nichts von einer Hygiene der Stadt wußte, ſondern alle Abfälle auf die Straße warf, wandte man dem Brunnenbau infolge der ſtändigen Seuchengefahr durch verunreinigtes Waſſer große Aufmerkſamkeit zu. Aber trotz aller Sorgfalt konnte man den Seuchen nicht wehren, ein beſonders ſchlimmer Herd waren damals in Frank⸗ furt der Braubach und der alte Stadtgraben. Die alten Frankfurter Brunnen waren Ziehbrunnen und entſtammten meiſt dem 14. Jahrhundert. Sie wurden ſpäter in Pumpbrunnen oder Springbrunnen umgewandelt. Das 17. und 18. Jahrhundert beſonders ſchuf ganze Waſſerwerke. die, in archi⸗ tektoniſchen Schmuck gefaßt und von Bildwerken umgeben, Gärten und Anlagen zierten. Um die Brunnen in gutem Stand zu halten, wurden„Brunnenmeiſter“ eingeſetzt, die für die Rei⸗ nigung zu ſorgen hatten. Die„Brunnennachbarſchaften“ hielten alljährlich eine Verſammlung ab, auf welcher die Rechnungsab⸗ lage ſtattfand und der neue Brunnenmeiſter gewählt wurde. Sie gaben Anlaß zu den ſogenannten Brunnenfahrten und Brunnen⸗ kränzchen. Man fuhr zum Brunnen, der unter großer Fröhlichkeit gefegt wurde und danach beſchloß ein luſtiges Gelage mit Tanz das Brunnenfeſt, das ſich als bloßes Feſt noch lange Jahre hin⸗ durch erhielt, als eine damit verbundene Brunnenreinigung gar nicht mehr in Betracht kam.. Von den unzähligen alten Frankfurter Brunnen haben ſich viele noch erhalten. Jedoch ſind ſie meiſt erneuert, und nur die Pumpſäule erhalten, die hin und wieder eine zierliche Rokoko⸗ arabeske ſchmückt. Künſtleriſchen Wertes erfreuen ſie ſich ſelten, aber ihre Umrahmung, die alten Plätzchen und Gäßchen, ſind oft von großem Reiz, manche umſpinnt Sage und Geſchichte und hebt ſie aus der Vergeſſenheit, wie z. B. das unſcheinbare Königs⸗ brünnchen im Stadtwald, an welchem nach der Sage ein Kach⸗ komme Karls des Großen, von der Jagd im damaligen Dreiei forſt ermüdet, einſchlief. Da erſchien ihm ſeine Gemahlin, die er zu Unrecht in ein Kloſter gebracht hatte, und von dieſem Traum gerührt, holte er ſie wieder zu ſich. Untrennbar verbunden mit maleriſchen Winkeln ſind die 1 1 Stellen, die offenbar in gar keiner ſymmetriſchen Beziehung ſtehen, zwei Brunnen gleich lebenden Bächen, der eine aus der Re⸗ Brunnen Altfrankfurts. Von einem reichen, farbigen Hintergrund jetzt neu bemalter alter Häuſer hebt ſich der Freibeitsbrunnen ab auf dem Roſeneckplätzchen, dem ehemaligen Löhrhof, der ein Teil des alten Frankfurter Judenviertels war. Er trägt das Stand⸗ bild der Freiheit mit zerbrochenem Speer und Feſſeln(1759) im Stil der ſpäten Rokokozeit. Einſt befand ſich der Brunnen auf dem Hühnermarkt, wo jetzt das Stoltzedenkmal errichtet iſt. Er wurde zugeworfen und die Brunnenſäule auf das Roſeneckplätzchen ge⸗ bracht. Eine Beziehung zu irgend einer Freiſtatt hat er nicht. Was glänzt, iſt für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren Eine ähnlich ſchöne und reizvolle Umrahmung hat der Brunnen hinter dem Lämmchen. In dieſem traulichen Winkel wird die Vergangenbeit lebendig. Das alte Gebälk des Hauſes„Zum Mohrenkopf“ mit dem geſchnitzten Relief eines Flötenſpielers aus dem Jahre 1470 erfreut das Auge ebenſoſehr wie die Faſſaden und Giebel der Häuſer„Zur goldenen Schachtel“ und„Neuen Eule“. Der Brunnen ſtand früher im Hauſe„Zum güldenen Lämgen“, an deſſen Ecke eine mittelalterliche Madonna lehnt (19 Jahrhundert), i jetzt aber als Pumpenſäule in die Faſſade der„Alten Kopf⸗ grüßt das Haus der„Tante Melber“, aus dem Goethe als Kind potheke eingemauert. Nicht weit von bhier vergnügt aus dem Fenſter ſah, wie er ſelber in„Dichtung und Wahrheit“ berichtet. Auf dem Krautmarkt ſteht der Schöppen⸗ brunnen aus der ſpäten Rokokozeit(1776) und blickt auf den ſtolzen Dom. Auch bilden die Häuſer ein ſtilles Plätzchen. Windet man ſich weiter durch enge Gäßchen, aus deren ſchöngiebeligen Häuschen uns das Elend des Proletariats entgegenſtarrt, ſo ge⸗ langt man zum heiligen Geiſtbrunnen, der mit der Geſtalt der Tugend gekrönt iſt, welche das Laſter mit Füßen tritt. Er ſteht vor dem Hauſe des ehemaligen Metzgermeiſters Hemmerich, in welchem Goethe 1771 als Advokat wohnte und dem Metzaermeiſter half ſeinen Prozeß gewinnen. Nicht weit von hier ziert der Fleiſcherbrunnen einen verſteckten alten Winkel an der alten Hutgaſſe und dem Rapunzelgäßchen. Er erhielt ſeinen Namen nach dem Hauſe zum Fleiſcher(Flöſſer). Hier befand ſich wohl einſt der„Flöſſerborn“. Auf der Pumpſäule ſtebt ein kokettes Knäblein und blickt auf die„Hodderkatze“ aus dem Jahre 1562 und auf zwei andere, jetzt ſchön bemalte Häuſer, deren eines in ſeinen Bildern von den Haſen unter den Bendern erzählt. Der in dieſer Enge gefeſſelte Blick wird mit dem Betreten des Römerbergs befreit und fliegt freudig zu dem Reigen ſchöner alter Häuſer, die in ſanftem Bogen den Platz umſchließen. Seine beiden Brunnen ſind Zeugen einer bewegten und glänzenden Vergangenheit. Sie ſchauten auf Gerichtstagungen und Meſſen und auf das prächtige Getriebe der Krönungsfeiern. Auf thnen ruhten die Augen der alten Frau Rat Goethe, die am Römer zu⸗ letzt ihre Wohnung hatte und ſich an dem ſchönen Anblickoft er⸗ götzte, wenn ſie nicht, um ſich die Zeit zu pertreiben, Klavier ſpielte, ſo daß man es, wie ſie ſelbſt ſchreibt,„bis zur Katharinen⸗ kirche hören konnte“. Der Gerechtigkeitsbrunnen entſtammte ver⸗ ſchiedenen Zeitepochen, der einſtige Trog reichte noch in die gotiſche Zeit zurück, der Aufſatz mit dem Waſſerweibchen, in die der Renaiſſance, der Unterbau mit NRiſchenfiguren trägt barocke Spuren. 1887 wurde der Brunnen renoviert, leider fehlt das herrliche Waſſerſpiel des alten Brunnens mitſamt dem Trog. Auch die Figur der Juſtizia aus dem ſpäten 18. Jahrhundert er⸗ hielt ihre verloren gegangenen Teile zurück. Hatte ſich Stoltze ſchon über die Verſtümmelte in einem Verslein luſtig gemacht, ſo be⸗ grüßte er ihre Wiederherſtellung abermals in einem Gedicht. Der Brunnen auf dem ehemaligen Samstagsberge, auf welchem die karolinger Könige Gericht hielten, diente beſonders den Fiſchern zur Benutzung. 1631 beſchwerten ſich die Brunnennach⸗ barn über den vielen Gebrauch und verlangten Geld dafür. Der Brunnen trug an den Wochentagen eine rote Fahne mit weißem Adler als Zeichen des freien Marktes. 1750 wurde er zur Pumpen⸗ ſäule umgewandelt, die eine Minerva mit Speer und Schild, welches das Haupt der Meduſe ſchmückt, bekrönt. In der Wal⸗ purgisnacht am 1. Mai. in welcher die Geiſter umgingen, gab ſich das Volk hier ausgelaſſener Stimmung hin. Über dieſe beiden ſo verſchiedenartigen Victor Hugo: Brunnen ſchrieb ein franzöſiſcher Dichter, „Gegen die Mitte des Platzes erheben ſich an zwei verſchiedenen naiſſance, der andere aus dem 18. Jahrhundert. Auf dieſen beiden begegnen und trotzbieten ſich durch einen ſonderbaren Zufall Minerva und Judith, das heroiſche und das bibliſche Mannweib. die eine mit dem Meduſenhaupte, die andere mit dem des Holo⸗ fernes. Eine Erklärung gibt vor, daß dieſe die Gerechtigkeit vor⸗ ſtellt, ich glaube es nicht, eine Gerechtigkeit, die in der einen Hand das Schwert, in der anderen die Wage hält, wäre Unge⸗ zechtigkeit. übrigens ſteht es der Gerechtigkeit nicht zu, ſo hübſch und ſo bochgeſchürzt zu ſein.“ 3 Zum Schluß ſeien noch zwei Brunnen von den vielen erwähnt, der Paradiese und der Dreikönigsbrunnen(Sachfenhauſen). Ein Piei er mit Triglyphenfries trägt Adam und Eva, die Friedrich toltze„zwei junge, unverſchämte Leute“ benennt. Der Drei⸗ königsbrunnen aus dem Jahre 1392 wurde 1781 zur Pumpen⸗ ſäule umgeſtaltet, auf denen die heiligen drei Könige ſtehen, von denen Friedrich Stoltze ſingt: Das ſind die drei Könige aus Morgenland, Herr Balther, Melchior und Kaſper genannt, drei heilige Könige und weiſe Herrn, regiert von einem gar guten Stern...“„Ach Herrgott, was hat ſich verändert die Welt, die Könige, die haben jetzt gar kein Geld und ſind auch nicht weiſe mehr allzuſehr und regiert ſie kein guter Stern auch mehr. Und den Weihrauch, den Weihrauch ſo duftiglich, den laſſen ſie ſtreuen 1et lelber ſich, und die goldene Freiheit, das Recht und das cht, den Heiland der Völker, den ſuchen ſie nicht.“ E. B. S. Gehirnumfang und Kulturaufſtieg Von Ernst Mühlbach Eine für den kulturellen Aufſtieg der Menſchheit bedeutungs⸗ olle Frage iſt: beſteht begründete Ausſicht, daß ſich das die bio⸗ loa ſche orausſetzung für unſere geiſtigen Leiſtungen bildende Gehirn, beſonders der Sitz der Intelligenz, die graue Rinden⸗ ſubſtanz des Großhirns, an Umfang und Leiſtung weiterent⸗ wickeln wird? Ein Blick zurück bis in die graue Vergangen⸗ heit vor dem Auftreten der erſten Menſchen und einige Beob⸗ ochtungen neueſter Zeit können uns eine zutreffende Antwort geben. Die Entwicklung des Lebens während der Tertiärzeit brachte beim beſonders reich ſich entfaltenden Wirbeltierſtamme auch die Veränderungen am Kopfſkelett hervor, die eine Erweiterung der Schädelhöhle ermöglichten und damit auch dem nervöſen Zentral⸗ apparat einen größeren Raum freigaben. An abſolutem Gehirngewicht ſind heute die Rieſen unter den Tieren dem Menſchen weſentlich überlegen, nicht aber an telativem Gehirngewicht, welches das Verhältnis zwiſchen Pimoemicht(= 1) und Körpergewicht zum Ausdruck bringt. ährend 3. B. beim Rieſenwal das Gehirn 7000 Gramm, alſo faſt fünfmal ſoviel als das eines erwachſenen Mannes von 1450 Gramm wiegt, beträgt das relative Gewicht beim Rieſen⸗ wal nur 1:10 000, beim Manne dagegen 1:46(beim indiſchen Elefanten mit 5400 Gramm 1:560, beim Löwen mit 220 Gramm 1:546). Auch die Menſchenaffen erreichen das günſtigere Verhält⸗ nis des Menſchen ſelbſt nicht: junger Orang⸗Utang und Schim⸗ panſe etwa 1:60; Pavian und Gibbon etwa 1:74. Doch gibt es kleinere Halbaffen von nur wenigen Pfund Körpergewicht, die den Menſchen in dieſer Beziehung rein zahlenmäßig bedeutend Überlegen ſind; ſo beträgt z. B. das relative Gehirngewicht beim Klammeraffen 1:15, beim Rollſchwanzaffen 1:18.5 und beim Krallenäffchen 1:17. Dieſe ſcheinbar günſtigeren Verhältniſſe be⸗ dingen aber keineswegs eine höhere Intelligenz; das Gehirn iſt ja auch— bei den Tieren faſt ausſchließlich— die Zentrale der Sinne und die unbewußte Melde⸗ und Kommandoſtelle für alle rein materiellen Vorgänge im Körper. Da nun der Stoffwechſel —yꝛV— r B ☛—̈— EEERERERE EQEEE 5 nicht proportional zum Körpergewicht, ſondern zur Körverobers füüche zunimmt und eine relativ größere Körperoberfläche, wie ſie den kleineren Tieren eigen iſt, ein relativ umfangreicheres Nervengeflecht bedingt, iſt die Steigerung des relativen Gehirn⸗ gewichts bei dieſen eine biologiſche Notwendigkeit. Seit grauen Vorwelttagen bat der Schädelinnenraum beim Menſchen eine beträchtliche Erweiterung erfahren; er mißt beim als Vorſtufe des Menſchen noch ümſtrittenen Pithecanthropus etwa 900 Kubikzentimeter, beim Neandertaler etwa 1250 und nach einer neueren franzöſiſchen Quelle bei Bewohnern Frankreichs während der jüngeren Steinzeit 1300 bis 1400 Kubikzentimeter, bei Pariſer Einwohnern des 12. Jahr⸗ hunderts etwa 1400— 1500 Kubikzentimeter und bei Pariſern von heute etwa 1500— 1600 Kubikzentimeter im Durchſchnitt; bei 5,2 Prozent der letzteren erreicht er 1800, in Einzelfällen ſogar 1900 Kubikzentimeter. Sicher eine ſehr verheißungsvolle Tat⸗ ſache, wobei wir natürlich nicht aus dem Auge verlieren dürfen, daß die den Kulturfortſchritt ermöglichenden Geiſteskräfte an be⸗ ſtimmten Stellen des Gehirns, beſonders in ſeinen von Flechfig zuerſt nachgewieſenen Apperzeptionszentren, der Hirn⸗ rinde lokaliſiert ſind. Umgekehrt wird die Gehirngröße abnebmen, wenn die geiſtige Betätigung nachläßt. Das belegt eine Feſtſtellung aus Agypten: die beute lebenden Nachkommen der einſt hoch kulti⸗ vierten alten Agypter haben geringere Gehirnmaße als ihre Ahnen, eine Beſtätigung der biologiſchen Binſenwahrheit, daß Organe, die nicht gebraucht werden, ſich zurückbilden. Die in zweifacher Ansahl ſich bildenden Stirnbeine des Menſchen verwachſen in der Regel ſchon in früher Kindbeit und bilden dann eine völlig geſchloſſene Knochenplatte. Druck von der Gehirnſeite her kann dieſe feſte Verbindung aber verhindern, vann bleibt eine„Stirnnaht“ beſtehen, die ein Nachgeben der Stirnbeine bei weiterem Gehirnwachstum erleichtert. Wäh⸗ rend dieſe Stirnnaht bei Negern und Auſtraliern nur in 1,2 Prozent der Fälle angetroffen wird, kommt ſie bei den Euro⸗ päern von heute nach verſchiedenen Unterſuchungen von 7,6 bis 16,3 Prozent vor. Zuweilen kann der das Gehirnwachstum begünſtigende Druck durch krankhafte Vorgänge im Gehirn eingeleitet oder hervorgerufen werden. Der hervorragende Gehirnanatom Edinger wies in dieſem Zuſammenhange darauf hin, daß manche durch ihre geiſtigen Leiſtungen bervorragenden Männer den Eindruck erwecken, als ob ſie in der Jugend an Gehirnwaſſer⸗ ſucht(Hydrozephalie) gelitten hätten. Vom berühmten franzö⸗ ſiſchen Naturforſcher Cuvier ſteht feſt, daß er ein beſonders ſchweres Gehirn beſaß und in der Jugend hydrozephaliſch war. Das gleiche ſoll beim großen P 4 Helmholtz der Fall ge⸗ weſen ſein. Die mächtige Hirnſchale des Muſikers Rubinſtein zeigte bei der Sektion deutliche Spuren einer in der Jugend über⸗ ſtandenen Rachitis. Das ſind aber zweifellos Ausnahmen; meiſt ſind hydrozephaliſche Erkrankungen für den Befallenen durchaus von Nachteil. Auch in dieſer Beziehung gilt die alte, von der neueren Biologie in mancherlei beſtätigte Auffaſſung: Der ge⸗ ſunde Körper iſt Wohnſitz einer geſunden Seele. Das Gehirnwachstum wird auch mit vom Bildungs⸗ gange und von der ſozialen Stellung des einzelnen Menſchen beeinflußt. Der Anatom Pfitzner hat durch Umfrage bei einer größeren Anzahl Hutgeſchäfte feſtgeſtellt, daß die billigeren nnnnnnn Das anomale Magnelfeld von Kuesk Die Erde wirkt bekanntlich wie ein rieſiger Magnet, deſſen Pole allerdings nicht mit den geographiſchen Polen zuſammen⸗ allen, aber immerhin in ihrer Nähe liegen. Der berühmte Mathematiker EFlirei ſ Gauß, deſſen Andenken bei Gelegenheit der 150. Wiederkehr ſeines Geburtstages vor einigen Monaten in der ganzen Welt gefeiert wurde, hat vor faſt 100 Jahren die Methoden gelehrt, nach denen auch heute noch der magnetiſche Zuſtand an jedem Orte der Erde gemeſſen werden kann, und einen großen Atlas des Erdmagnetismus heraus⸗ gegeben. Nun iſt der magnetiſche Zuſtand nicht unveränderlich, ondern unterliegt gewiſſen Schwankungen, ſo daß er beſtändig ontrolliert werden muß. Aber indem man den mittleren Wert an einem Orte als den ihm zukommenden annimmt, kann man doch nach den Gaußſchen Formeln einen Wert des magnetiſchen ſuſtande⸗ für jeden Ort auf der Erde berechnen, auch wenn man ihn dort noch nicht gemeſſen hat. Bei den wirklichen Meſſungen zeigen ſich aber an einigen Orten nicht unerhebliche Abweichungen von dieſen berechneten Werten. Solche Abweichungen, die jeden⸗ alls durch beſonders ſtarke magnetiſche Maſſen unter der Ober⸗ läche der Er de hervorgerufen werden, nennt man magnetiſche Anomalien. Die größten derartigen Anomalien ſind bisher im ruſſiſchen Gouvernement Kursk feſtgeſtellt worden, doch von ihrer Ausdehnung hatte man keine rechte Vorſtellung, bis ſie in den Jahren 1919 bis 1926 ganz ſyſtematiſch erforſcht wurden. Über die Ergebniſſe dieſer Unterſuchungen hielt der Moskauer Profeſſor P. Laſarew im Rahmen der ruſſiſchen Naturforſcherwoche, die auf Veranlaſſung der deutſchen Regierung vom 19. bis 25. Juni von der Deutſchen Geſellſchaft zum Studium Oſteuropas in Verlin veranſtaltet worden war, einen ſehr intereſſanten Vortrag. Er teilte darin mit, daß an etwa 20 000 Punkten die magnetiſchen Größen gemeſſen und an allen Stellen des weiten Gebietes von rund 50 000 Quadratkilometer(etwa ½ der Geſamtfläche Deutſch⸗ lands) mehr oder minder große Abweichungen feſtgeſtellt wurden. Die ſtärkſten Anomalien finden ſich in einem bis 40 Kilometer breiten Streifen, der ſich in einer Ausdehnung von 250 Kilometer von Südoſten nach Nordweſten erſtreckt. Zur näheren Erforſchung der Urſache der Anomalien wurden überaus zahlreiche Bohrungen bis zu 300 Meter Tiefe vorgenom⸗ men und überall Eiſenerze, hauptſächlich das ſtark magnetiſche Magnetit. vorgefunden, die ſich nach der Stärke der verurſachten magnetiſchen Abweichungen ſtellenweiſe ſicherlich bis zu 1 Kilo⸗ meter Tiefe erſtrecken. Rechnet man aber auch nur mit einer mittleren Mächtigkeit der Eiſenerzlager von 340 Metern, ſo würde das Kursker Lager 15,3 Milliarden Tonnen umfaſſen, gegenüber nur 13,6 Milliarden Tonnen im Uralgebirge und dem geſamten übrigen Rußland. Eine beſondere Kommiſſion hat die Frage ge⸗ prüft, ob ſich der bergmänniſche Abbau dieſes rieſigen Lagers lohnen würde, und iſt zu dem Ergebnis gekommen, daß die auf⸗ zuwendenden Mühen und Koſten ſich reichlich verzinſen würden. So haben ſich die zu rein wiſſenſchaftlichen Zwecken vorgenomme⸗ nen magnetiſchen Meſſungen als eine wahre Wünſchelrute er⸗ wieſen, die zwar nicht zur Heraufſchaffung von Gold und Silber aus den Tiefen der Erde Veranlaſſung geben wird, ſondern zur Gewinnung des viel wichtigeren Eiſens. Das ſlache Dach Von A. Peters(Niederrad) „O Himmel über mir, du Reiner, Tiefer! Du Lichtabgrund! Ich bin ein Segnender und ein Jaſager, wenn du nur um mich biſt in alle Abgründe trage ich dir noch mein ſesnendes Ja⸗ agen!“ Hüte im Durchſchnitt in niedrigeren Nummern verkauft werden 1s die teuren. Eine engliſche Unterſuchung ergab deutliche Wechſelbeziehungen zwiſchen Schädelmaßen und Prüfungsergeb⸗ niſſen bei über 2000 Studenten der Univerſität Cambridge. Ent⸗ ſprechende Unterſchiede ergaben auch deutſche Schädelmeſſungen von Land⸗ und Stadtbevölkerung und von Angehörigen ver⸗ ſchiedener Berufsgruppen. Je komplizierter und feiner zuſammengeſetzt ein Inſtrument gebaut iſt, deſto größer iſt ſeine Empfindlichkeit ſtörenden Ein⸗ Huſen gegenüber. So iſt auch das hoch entwickelte Gehirn des Kulturmenſchen leichter krankhaften Störungen unterworfen; die weitverbreitete Nervoſität und der Umſtand, daß nach ſtati⸗ kſchen Unterſuchungen Geiſteskrankheiten mit der Dichte er Bevölkerung zunehmen, iſt Beweis dafür. Allervings tragen an dieſen Erſcheinungen auch Geſchlechtskrankheiten und Alko⸗ holismus zu einem guten Teile die Schuld. Schon beim kleinen Kind kann die Entfaltung des Gehirns weſentlich gefördert werden. Maria Monteſſori fordert in ibrer Metbode deshalb mit vollem Recht Berückſichtigung der ſog. lenſitiven Perioden der frühen Kindbeit. Alle Tatſachen der Entwicklungsgeſchichte, vergleichenden Ge⸗ eſtehende gerade ſelbesziehungen zwiſchen Ge⸗ irnwachstum und Kulturaufſtieg. Wir dürfen alſo die eingangs geſtellte Frage, ob ſich das menſchliche Gehirn nach Umfang und Leiſtung weiter entwickeln wird, zuverſichtlich be⸗ jahen. Aber die Aktivität des Menſchen ſelbſt wird Weſentliches dazu beitragen müſſen. Der zukünftige Menſch wird Pirnanntomte und Prcholonie ſprechen mit aller Deutlichkeit für e b weniger als heute noch Gegenſtand der Kulturbewegung ſein, londern ſie als bewußter Kenner ihrer Geſetze in Hilfsbereitſchaft zu ſeinen Mitmenſchen meiſtern und aufwärts führen. Bedeutende Nomane der Woltläteratur im Lichte der Zeitgeſchichte Von Studienrat Dr. Erich Witte GBerlin) 1 Die Erholung beſteht in dem Ruhen der bei der Berufsarbeit tätigen Kräfte und in der Betätigung der bei der Berufsarbeit ruhenden Kräfte. In den Ferien treiben daher Kopfarbeiter Sport, betätigen Handarbeiter duch ihre geiſtigen Kräfte. Inter⸗ eſſanter als das Studium geſchichtlicher, politiſcher, zuriſtiſcher und pädagogiſcher Werke und Schriften iſt die Lektüre von Ro⸗ manen, in denen geſchichtliche, politiſche, jzuriſtiſche und päda⸗ gogiſche Fragen behandelt werden. Die in den letzten Jahren ver⸗ faßten Romane dieſer Art ſind nach ihrem Erſcheinen beſprochen worden. Aber auch die vor vielen Jahren oder Jahrzehnten ver⸗ öffentlichten Romane können im Lichte der Ereigniſſe der Gegen⸗ wart oder der jüngſten Vergangenbeit betrachtet werden. Oft ſagt man ſich bei der Lektüre:„Die Schauſpieler ſind zwar nicht dieſelben, aber es iſt dieſelbe Bühne, es iſt dasſelbe Drama oder ein Drama ähnlichen Inhalts“. Einen noch größeren Wert als für Erwachſene haben ſolche Romane für die Erziehung; da — Roms, das auf die Jugend ſich zum Verſtändnis der Ideale und der Weltan⸗ ſchauung ihrer Eltern durch Vorträge und Reden allein nicht gewinnen läßt. Die billigen Preiſe dieſer in vielen Ausgaben er⸗ ſchienenen Romane ermöglichen auch unbemittelten Volksgenoſſen ihre Anſchaffung. 5 Der Beſtand der republikaniſchen Staatsform iſt geſichert. Trotzdem müſſen den Knaben und Mädchen die ſchweren Nachteile der Monarchie beſtändig vor Augen geführt werden. Meiſterhußn ſchildert ſie der ältere Dumas in ſeinem Roman„Ange Pitou“. Er ſchildert die Unfähigkeit Ludwigs XVI. und den Ausbruch der franzöſiſchen Revolution. Der Held, ein älterer Schüler, wird wegen ſeiner vielen Fehler in den lateiniſchen Arbeiten aus der Schule entlaſſen, zeichnet ſich aber bei der Beſtürmung der Ba⸗ ſtille aus. Auf Grund der berüchtigten lettres de cachet wird ein Mann verhaftet, weil er Briefe hat, durch die eine Grüfin, eine Vertraute der Königin, bloßgeſtellt wird. Die Fortſetzung dieſes Romans iſt„Die Gräfin von Charny“, hierin ſchildert der Dichter die Revolution bis zum Tode Ludwigs XVI. und ſtellt den hoffnungsloſen Kampf des zerrütteten Königstums gegen den Freiheitsdrang des Volkes dar. Eine ähnliche antimonarchiſtiſche Wirkung hat Sienkiewiez' in alle Sprachen überſetzter Roman„Quo vadis?“ wegen der meiſterhaften Darſtellung des an Cäſarenwahnſinn erkrankten Kaiſers Nero. Den größten Einfluß auf dieſen und damit auf das Schickſal des Rieſenreiches hat der, der am geſchickteſten ihn zu umſchmeicheln und ſeine ſchlechten Verſe zu bewundern ver⸗ ſteht. Der geſchichtliche Hintergrund des Romans iſt der Brand eranlaſſung Neros angezündet wird. Die Ver⸗ folgung der Chriſten, denen er die Schuld zuſchiebt, erinnert an die des Sozialdemokraten zur Zeit des Beſtehens des Sozialiſten⸗ geſetzes. Auch in„Kenilworth“, dem bedeutendſten Romane Scotts, des Schöpfers des geſchichtlichen Romans, wird meiſterhaft dar⸗ geſtellt, daß die Politik Englands davon abhänge, ob der Graf von Suſſex oder ſein Rivale der Graf von Leiceſter geſchickter der Königin Eliſabeth ſchmeichele. III. Die Monarchie braucht nicht mehr beſeitigt zu werden, wohl aber das alte Strafrecht. Der Entwurf eines neuen Strafgeſetz⸗ buchs iſt kürslich dem Reichstag zugegangen. Mehr als alle Bro⸗ ſchüren über die Notwendigkeit der Reform des Strafrechtes iſt Tolſtois Roman„Auferſtehung“ geleſen worden. Ein Fürſt iſt Geſchworener in einem Prozeb, in dem ſeine frühere Geliebte, das Dienſtmädchen bei ſeiner Tante geweſen iſt, wegen eines Mordes zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wird. Der von Gewiſſenqualen gefolterte Fürſt kommt zu der Erkenntnis, daß eigentlich er auf die Anklagebank gehöre. Denn da ſie von ihm ein Kind hat, iſt ſie überall entlaſſen worden und ſchließlich Proſtituierte geworden. Er iſt auch überzeugt, daß ſie den Mord nicht begangen hat und nur wegen der Lückenhaftigkeit der Straf⸗ prozeßordnung verurteilt worden iſt. Er lernt bei ſeinen Beſuchen der Verurteilten viele andere Leute kennen, die wegen einer Kleinigkeit zu einer harten Strafe oder ganz unſchuldig ver⸗ urteilt worden ſind. Daß die Verurteilung wegen eines geringen Fehltritts einem Menſchen die Rückkehr ins bürgerliche Leben erſchweren oder un⸗ — ſeiner Berge und kennzeichnet damit die freie leichte Stimmung. die den Menſchen überkommt, wenn er die weite Himmelskuppel ſich über ſeinem Haupte ſpannen ſieht und den Blick unbeſchränkt hineintauchen kann in den unendlichen Raum. Wer von den lieben Leſern war einmal in der Schweis, auf dem Gipfel eines Schneebergs? Oder auch nur auf der Wegſcheide? Was war es, das ihn dort gleich ſo frei und tief aufatmen ließ? Es war auch dieſer Eindruck der Weite, der Entſpanntheit, wie eine Gelöſtheit des ganzen Weſens:„O Himmel über mir, du Reiner, Tiefer!“ Dieſes ſtärkſten Eindrucks willen führt auch die Wegſcheide den goldenen Stern im blauen Felde auf ihren Wimpeln. And wer hat einmal die Schwarsdroſſel mit den Augen ge⸗ ſucht, die den Stadtwald mit ihren dringenden Flötentönen er⸗ füllt? Dort ganz oben ſitzt ſie auf der Spitze jenes dürren Aſtes und ſchmettert mit erhobenem Köpfchen ihren Jubel hinein in die Weite des blauen Luftmeeres:„O Himmel über mir, du Licht⸗ abgrund!“ Dieſen Himmel haben die Menſchen der großen Stadt ver⸗ loren. In ſtauberfüllten Straßen zwiſchen hohen Häuſerreihen eilen ſie hin und her, die angeſpannten Sinne auf die Hinder⸗ niſſe und Gefahren ihres Weges gerichtet und die Möglichkeiten der Rettung erſpähend; auf ſchmalen Gehſteigen und zwiſchen noch ſchmaleren„Strichen“ drücken ſie ſich vorwärts wie eine geängſtigte Hammelherde; oder ſie ſitzen in dumpfen Mietskaſernen mit dem Ausblick auf das ſteinerne Meer der Mauern und Dächer— nirgends ein Platz, der zum Ruhen, zum völligen Entſpannen, zum Frei⸗ und Frohgefühl einladet, ſo daß man die Arme heben und wieder einmal„Ja“ dem Leben ſagen könnte! Ja, die Großſtadt hat den Menſchen eingekerkert, lebendig begraben, ſeine beſten Impulſe erſtickt. Wer ſucht jetzt noch den So läßt Nietzſche ſeinen Zarathuſtra ſingen auf der Höhe Himmel, wer ſchaut noch nach den Sternen— ja, wer in der Großſtadt ſieht auch nur die glänzende Venus, den ſchönen Schweſterplaneten der Erde, der da am weſtlichen Himmel dem flammenden Abendſchein entſteigt und mit der Erde Lichtgrüße tauſcht? Ach, können wir denn dem müden, abgehetzten Stadt⸗ menſchen nicht eine Stunde Himmelsaußblick wiedergeben, eine Stunde Beſinnung und Löſung aus der engen Verſtricktheit der irdiſchen Verhältniſſe? Wie war es ſo ſchön in Perſien, wenn man nach dem heißen ſtaubigen Arbeitstage hinaufſtieg auf das flache Dach, wo die Liegeſtühle bereitſtanden, auf die man ſich wohlig ſtreckte; die Sonne ſank, der kühle Nachtwind erhob ſich; die Sterne blinkten auf— das Auge drang in unerhörte Fernen, die Seele begann ihre Flügel zu heben.. tief unten verſtummte der Lärm der Straße, und von oben taute Frieden herab:„O Himmel über mir, du Reiner, Tiefer!“ Wahrlich, vom Orient ſollten wir wieder lernen, daß wir uns den Ausblick zum Himmel freihalten müſſen. Und da ſteht jetzt in Praunheim dies Stück Orient, dieſe freudig bemalten Häuschen mit dem flachen Dach— ja, dies flache Dach iſt das wertvollſte Stück der neuen Bauart! Ge⸗ wiß, die Küche mit ihren bequemen neuzeitlichen Einrichtungen; das Badezimmer im kleinſten Häuschen; die hellen Kellerräume, die Gärichen— alles das ſind Werte, die anerkannt werden müſſen; dazu das Frohgefühl des Eigenbeſitzes— aber das flache Dach unter dem weiten Himmelsrund, das iſt das Heilig⸗ tum dieſer Häuſer, der Ort des Friedens und der Geſundung; von dort aus wird auch der Laie wieder nach den Sternen fragen lernen und für die Geſchäfte der Erde einen weiteren Blick und ein richtigeres Urteil gewinnen! — möglich macht, will Victor Hugo in ſeinem Roman„Die Elenden“ beweiſen. Unter dem Titel„Menſchen unter Menſchen“ iſt der Roman in der letzten Zeit häufig im Film dargeſtellt worden. Als Jean Valiean entlaſſen wird, will ihn als früheren Zuchthäusler zuerſt niemand aufnehmen. Aber doch iſt er kein ſchlechter Menſch. In einer fremden Stadt, in der niemand ihn kennt und in der er unter einem anderen Namen lebt, gelangt er zu Anſehen, nachdem er ein Kind aus einem brennenden Hauſe gerettet hat; er wird ein wohlhabender Fabrikbeſitzer und ſchließ⸗ lich Bürgermeiſter. Als aber ein früherer Gefangenenwärter ihn erkennt, iſt es mit der ganzen Herrlichkeit aus. Im Jahre 1927 iſt es zwar in Deutſchland nicht mehr möglich, daß ein Menſch zu Zuchthaus verurteilt wird, weil er hungernden Kindern Brot geſtohlen hat. Er würde nur wegen Mundraubs beſtraßt werden. Auch ha½ben wir die Wohltat der Bewährungsfriſt. Aber doch regt der Roman aus dem angegebenen Grunde noch heute zum Nachdenken über die Notwendigkeit der Juſtizreform an. Daß Nahrungsmittel die Urſache von vielen Verbrechen und Vergehen iſt, beweiſt Zolas bekannteſter Roman„Germinal“. Den Inhalt bildet der Streik franzöſiſcher Kohlenarbeiter in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, alſo zu einer Zeit, als es noch keine Gewerkſchaften gab. Etienne, der ihn inſzeniert hat, überſieht aber nicht die Folgen. Ihm wächſt die Bewegung ſchließlich über den Kopf. Die Grubenbeſiber geben nicht nach. Die hungernden und frierenden Maſſen laſſen ſich ſchließlich zu Gewaltätigkeiten hinreißen, ſo daß das Militär eingreifen muß. IV. Das Reichsſchulgeſetz, das hoffentlich vor dem Reichstag ver⸗ abſchiedet werden wird, wird das Intereſſe für Schul⸗ und Er⸗ ziehungsfragen wieder haben. Von der Anſicht, daß der Menſch von Natur gut iſt, ſind die Philoſophen der Aufklärungszeit aus⸗ gegangen. Rouſſeau hat als Motto ſeines berühmten Erziehungs⸗ romans„Emil“ den Satz gewählt:„Alles iſt gut, was aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht, alles entartet unter den Händen der Menſchheit“. In dieſem Geiſte hat Dickens ſeine vielgeleſenen Romane„David Copperfield“ und„Oliver Twiſt“ geſchrieben. Das Gute in den beiden Knaben bäumt ſich gegen die ſchlechte Erziehung auf. David Copperfield wird von ſeinem Stiefvater für unerziehbar gehalten und geprügelt. Er entwickelt ſich aber in dem Hauſe ſeiner Tante, von der er freundlich be⸗ handelt wird, zu einem prächtigen Menſchen. Oliver Twiſt, deſſen Vater unbekannt iſt, deſſen Mutter bei ſeiner Geburt ſtirbt, wird zuerſt in einem armen Hauſe und von einem Sarghändler erzogen und ernährt. Er entläuft, fällt in London einer Verbrecherbande in die Hände. Vergebens ſucht dieſe, ihn ſyſtematiſch zum Stehlen zu erziehen. Sein beſſeres Selbſt, ſeine unſchuldige Kinderſeele, lehnt ſich gegen dieſe unmenſchlichſte Tyrannei auf. V. Wichtiger als die Reform der Pußti⸗ und die Erziehung iſ die Erhaltung des Friedens. Der beſte vazifiſtiſche Roman iſt immer noch Bertha von Suttners„Die Waffen nieder“. Die aus einer ariſtokratiſchen Familie ſtammende, in ihrer Jugend für Kriege und Kriegshelden ſchwärmende Hauptperſon wird auf Grund ihrer wiſſenſchaftlichen Studien und unter dem Einfluß des Krieges von 1859, in dem ihr Mann fiel, begeiſterte Pazi⸗ fiſtin. Als dann im Jahre 1866 ihre meiſten Verwandten an der durch den Krieg verbreiteten Cholera ſterben, entſchließt ſie ſich, zuſammen mit ihrem zweiten Manne, den Militarismus in der Offentlichkeit zu bekämpfen. Kein den Weltkrieg behandelnder Roman hat an Volkstümlichkeit Suttners Roman erreicht. Zolas Roman„Der Zuſammenbruch“ trägt ſeine pazifiſtiſche Tendenz nicht ſo deutlich an der Stirn wie„Die Waffen nieder“. Aber er wirkt auch pazffiſtiſch. Die entſetzlichen Leiden von ein⸗ fachen franzöſiſchen Soldaten bilden den Inhalt, die Schlacht bei Sedan, die Belagerung von Paris und die Kommune, den Hintergrund. — Die Invaſion der 30 000 Gnus Große Herden von Gnus, die, vom Durſt gepeinigt, von ihren Weideplätzen aufgebrochen ſind, ſind in das von Transvaal und der Delagoabay begrenzte fruchtbare Swaſiland eingedrungen, um ihren Durſt an den Flüſſen des Landes zu löſchen. Die Herden, die auf 30 000 Köpfe abgeſchätzt werden, haben unterwegs auf Feldern und Wieſen großen Schaden angerichtet, da die vom Durſt gepeinigten Tiere auf der Waſſerſuche alles zertreten und zerſtampfen. Das Schlimmſte aber iſt, daß ſie als Träger von Krantheiten eine Gefahr für den Viehbeſtand des Landes bilden. Im Gefolge der Herden iſt denn auch die Maul⸗ und Klauen⸗ ſeuche aufgetreten, ſo daß ſich die Farmer genötigt geſehen haben, umfangreiche Jagden zu veranſtalten, um die Tiere aus dem Land zu vertreiben. Bisher iſt ein Erfolg nicht erzielt worden, da an die Stelle der getöteten Gnus fortwährend Nachzügler treten. Den Vorteil von der Jagd haben nur die Eingeborenen, die ſich gierig auf die Kadaver der erlegten Tiere ſtürzen, deren Fleiſch außerordentlich geſchätzt iſt. Das Gnu gehört zur Gruppe der Antilopenfamilie. Es erreicht die Größe des gemeinen Eſels und hält in ſeinem ÄAußeren gewiſſermaßen die Mitte zwiſchen Pferd und Ochſen; es gleicht jenem durch die Geſtalt, Hals, Schwanz und Beine, dem Ochſen hingegen durch den Kopf und reden sein. die großen Hörner. Die Tiere leben herdenweiſe in Südafrika vom Kapland bis zum Aquator, ſind ſehr ſchnell und wild und wenden ſich nicht ſelten in einem Anfall von Wut auch gegen den Jäger. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bru äuſer, k M., Waldſchmidiſtraße 29, wohin auch alle iceittn ahnd beunzen da herden fnd. Wie löſe ich einen Hrezüger? Von W. Roscher Ieh werde nicht umhin können, hierbei gleich eine gowisse Einteilung der Dreizüger vorzunehmen. Wir unterscheiden 3 Hauptarten: 1. dio böhmische Sohule(Mattbilder- und Mattwendungsaufgaben); 2. Ideenprobleme(auch neudeutsche Schule genannt); 3. Kombinationsprobleme(eine Verbindung von schönen Matt- führungen mit einschlägigen Ideen. YNariantenaufgaben). 4 Wir wollen mit der böhmischen Schule beginnen. Diese zoichnet sich aus durch schweren Schlüssel, stille zweite Züge, reine Mattstollungen(jedes Feld um den schwarzen König darf nur von einer Figur bestrichen sein!) und vor- zügliche Okonomie. Eine solche Aufgabe wollen wir zur Hand nehmen: Aufgabe Nr. 107 M. Havel(Prag) Zlata Proha 4. 1. 1918 8 2 722 a Matt in 3 Zügen. Kontrollstellung: Weiß: KfS; Db2; Lc?; Bd?. Schwarz: Keb, (4:4) 3 matt.— Der schwarze König hat 3 Fluchtfelder, das muß beim Suchen der Lösung mit beachtet werden. Da aber andere schwarze Figuren nicht da sind, ist der schwarze König auch zum Zuge gezwungen, was oftmals von großer Wichtigkeit ist. Dem Pe Fau adnet wird diese Aufgabe nicht gerade eine harte Nuß sein, weil er beim Prüfen der Steine auf ihre Notwendigkeit auf den entfernt stehenden Bauer de aufmerksam wird. Daß dieser Bauer ziehen muß, steht für ihn sofort fest; damit ist natürlich noch lange nicht gesagt, daß er gerade den Schlüsselzug ausführen muß.— Man läßt auch den schwarzen König ruhig einmal anziehen. Geht er nach dö, so würe durch 2. Zug Db2— b6 eine schöne Absperrung möglich. Dann bliebe dem schwarzen K. nur noch das Fluchtfeld ed. Wo soll aber dann ein Matt herkommen? Und doch wäre es möglich, wenn das Feld c5õ gedeckt wäre. Wie ist dies möglich? Eben durch jenen rückständigen Bd, der eben den Schlüsselzug nach dA ausführen müßte, In der oben ange- führten Variante könnte die Dame im dritten Zuge ein wunderschönes Matt auf 05 geben. Dieses Matt ist vollkommen rein, d. h. jedes Feld um den schwarzen König ist nur einmal abgedeckt.— Nun werden ja sehr viele sagen:„Wenn der Bauer im ersten Zuge nach dA zieht, erhält ja der schwarze König noch ein viertes Fluchtfeld“(f6l). Das stimmt zwar, aber im Problemschach ist doch alles möglich. Würde der König nach fô ziehen, so folgt nämlich 2. Dbö! Nun muß der König nach es zurdück und die Dame gibt auf eé ein wiederum voll- kommen reines Matt. Zieht der schwarze König im ersten Zuge nach dl, so folgt 2. Db6 und 3. Lfö matt. Auch dieses Matt ist rein. Als letztes bleibt dem König nur noch das Fluchtfeld dé. Jetzt würde als zweiter Zug Db7! geschehen und im nächsten Zuge könnte auf cé wieder ein reines Damenmatt erfolgen. Also dürfte wohl nun feststehen, daß 1. de 24! der Schlüsselzug ist. Was gefällt wohl an dieser Aufgabe besonders? Vier Sachen will ieh hervorheben: 1. Sämtliche Mattstellungen sind rein. 2. Bei mehreren Matt- stellungen wirken alle vorhandenen Figuren mit, keine steht müßig auf dem Brett herum. 3. Gefallen uns die stillen zweiton Züge von Weiß, d. h. es wird nicht Schach geboten und auch nichts geschlagen. 4. Muß der geringe Material- aufwand gelobt werden(5 Steine), auch die Aufstellung ist gefällig. Dio ganze Stellung ist auf Zugzwang aufgebaut; wenn Schwarz nicht zu ziehen gezwungen wäre, könnte er in drei Zügen nicht mattgesetzt werden. — bber die„Böhmische Schule“ wird in dieser Artikelserie noch mehr zu (Fortsetzung folgt.) Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 1 nenstadc Montag, Hotel„König von England“, Battonnstr. 68. Abt. 2 Riederwald): Mittwoch bei Blank. Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Freischütz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„Regenbogen“, Gutleutstraße. Abt. 5(Nordend): Freitag bei Walter, Weberstraße 84. Abt. 6(Rödelheim): Dienstag bei Geyer, Eschborner Landstraße. Abt. 7(Bornheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 49. Abt. 8(Niederrad): Samstag, Sportplatz der Freien Turner, Halmstraßo. Abt. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israel, Franken-Allee 234. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. Was glänzt, iſt für den Augenblick geboren, das E Columbus ohne Legendenkranz „Das Leben des Chriſtoph Columbus, wie es heute noch den Kindern und Jünglingen in den Elementar⸗ und Mittelſchulen, ſelbſt an den höheren Lehranſtalten, erzählt wird, und wie es dem großen Publikum aus populären Büchern bekannt iſt, iſt nichts als eine lügenhafte Legende, von Columbus ſelbſt erfonnen unter Mithilfe ſeiner erſten beiden Biographen, ſeines Sohnes Ferdinand und ſeines Freundes Las Caſas. In den ſol⸗ genden Jahrhunderten wurde ſie durch neue Epiſoden bereichert, ohne daß ihr ein kritiſcher Geiſt enthegenetreten wäre, Aelbe nur, um Zweifel zu wecken, bis ke ſchließlich in der itte des 19. Febrdanderte zur gewaltigſten und beſtgelungenen Fälſchung der Weltgeſchichte wurde.“ Dieſe lapidare Feſtſtellung lieſt man in dem ſoeben im Ver⸗ lag Dr. Max Epſtein, eipzig und Wien, erſchienenen Buch von Marius André„Das wahre Abenteuer des Chriſtoph Columbus“ und nach der Lektüre dieſes aufſehenerregenden Werkes wird man bekennen müſſen, daß dieſe Entthronung eines der größten Männer der Weltgeſchichte nicht von ungefähr erfolgt, ſondern ihre guten, durch wirkliche Forſchung gerechtfertigten Gründe hat. Columbus erſchien der Welt nicht nur als einer der gewaltigſten Geiſter aller Zeiten, der, ſeiner Epoche durch umfaſſendes Wiſſen überlegen, von den Böſen und Eiferſüchtigen verfolgt wurde, ſondern auch als der größte Heilige des Chriſtentums. Unter dem Einfluß des Roſelly de Lorgues, Autors eines„Chriſtoph Columbus“, eines Romans, in dem ſelbſt die Aufzeichnungen des großen Entdeckers gefälſcht waren, entſtand eine mächtige Bewegung, die beiſpiellos in der Kirchengeſchichte iſt, um ſeine Heiligſprechung zu erlangen. Sie dauerte mehr als fünfzig Jahre, von 1856 bis 1892, und wurde danach noch mehrmals aufgenommen. Die Theologen, die dem Anſturm und dieſem anſteckenden Enthuſiasmus ſtand⸗ hielten, hatten die Schriften des Columbus und andere Doku⸗ mente der Zeit ſtudiert, durch welche die Legende zerſtört wird. Es wird ein Rätſel der Geſchichte bleiben, daß dieſe Legende einen ſo unerhörten Erfolg haben konnte.— Kein Geringerer als Alexander v. Humboldt hatte die Wahr⸗ heit über Colombo ſchon ſeit der Veröffentlichung der erſten Bände der Sammlung Navarette geahnt und auf ſie in einem ſeiner franzöſiſch geſchriebenen Werke hingewieſen. So hat er un⸗ widerleglich feſtgeſtellt, daß Columbus der Initiator des Sklavenhandels iſt, daß er als erſter ihn durch Raub von Weibern und Kindern zu ſeinem und des Staates Nutzen aus⸗ üben wollte, daß er dies trotz der Abneigung und den Befehlen der Königin Iſabella mit Zynismus und Grauſamkeit tat. Und das genügte, um zu zeigen, daß Columbus kein Heiliger, nicht einmal ein einfacher Ehrenmann war. Was Humboldt begonnen hatte und in ſehr unfertigem Zu⸗ ſtand zurücklaſſen mußte,— denn ein Menſchenleben konnte nicht ausreichen, um die unter dem erdrückenden Gewicht von Legenden, Unwahrheiten, Irrtümern und Fehlern von mehr als 400 Jahren erſtickte Wahrheit wiedererſtehen zu laſſen— wurde von den Ge⸗ lehrten und Hiſtorikern im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und in der Gegenwart vollendet. Die zwei bedeutendſten dieſer Amerikaniſten ſind der Nordamerikaner Henry Vignaud und der Mexikaner Carlos Pereyra. Die hervorragenden Ar⸗ beiten von Vignaud, die vielleicht nur einigen hundert Menſchen bekannt ſind, umfaſſen nur die erſte Hälfte von Columbus Leben. Auch das Buch von Carlos Pereyra, mehr zuſammenfaſſend, das Meiſterwerk einer Geſchichtsrekonſtruktion und tiefer Seelenkunde, ſchildert nicht das ganze Leben des Entdeckers. In dem erwähnten Buch von Marius André wird zum erſten⸗ mal verſucht, das„wahre Abenteuer des Chriſtoph Columbus“ zu erzählen, das bisher noch nie vollſtändig geſchrieben und einem weiteren Leſerkreis zugänglich gemacht worden war. Die Dar⸗ ſtellung beruht ausſchließlich auf authentiſchen Dokumenten der Zeit, vor allem auf dem Tagebuch und den Schriften des Colum⸗ bus ſelbſt. Man gewinnt einen ganz neuen Einblick in die wirk⸗ lichen Zuſammenhänge und Ereigniſſe, die der denkwürdigen Fahrt nach der Neuen Welt vorangingen, den Verlauf dieſes kühnen Unternehmens, das ſich weſentlich anders abſpielte, als man es bisher geleſen hat, und an deſſen glücklichem Gelingen die Begleiter des Entdeckers weſentlich größe⸗ ren Anteil haben als Columbus ſelbſt. Auch der —— chte bleibt der Nachwelt unverloren Aufenthalt des Genueſen auf den neuentdeckten Inſeln, ſein ziel⸗ und planloſes Umherirren an den Küſten der neuentdeckten Ge⸗ biete, die er nicht aufhörte, für Indien, Malakka oder Japan zu halten, wie er überhaupt eine höchſt mangelhafte Kenntnis auf geographiſchem und nautiſchem Gebiet beſaß, iſt hier in einem anz neuen Lichte gezeigt. Man kann dem Verfaſſer durchaus bei⸗ timmen, wenn er am Schluß ſeiner Vorrede bemerkt:„Schließ⸗ lich ſei noch den empfindſamen Seelen, die es bedauern ſollten, daß ich zur Zerſtörung einer„ſchönen Legende der Geſchichte der Menſchheit“ beitrage, geſagt, daß die ſchönen, ehrwürdigen Le⸗ genden aus dem Geiſt des Volkes entſtehen, deſſen nationale, reli⸗ giöſe oder poetiſche Ideale ſie zum Ausdruck bringen. Die Colum⸗ buslegende wurde von Columbus ſelbſt zu ſeinem eigenen Vorteil geſchaffen, und um ſie zu geſtalten und zu befeſtigen, mußten die beiden Entdeckernationen des 15. und 16. Jahrhunderts, die Portugieſen und Spanier, der Verleumdung preisgegeben werden. Die von den Erdichtungen der Columbuslegende befreite Geſchichte der Entdeckungen hat ſo an Wahrheit und Schönheit nur ge⸗ wonnen. Luftfahrt in Wirtlſchaft und Politik Von Dr. E. Everling, Profeſſor an der Techniſchen Hochſchule Berlin „Luftfahrt iſt not!“— das iſt faſt ſchon zum abgegriffenen Schlagwort geworden; und doch iſt es eine wirtſchaftsvolitiſche Wahrheit; ſie zeichnet ſich von Jahr zu Jahr klarer ab, ſie drängt ſich von Monat zu Monat immer weiteren Kreiſen auf. Recht deutlich zeigt das die„Stimme des Volkes“, die Preſſe.— Luftfahrt iſt not, denn ſie fördert unſere Kultur, nützt unſerer Wirtſchaft, ſtärkt unſere Weltgeltung. Die uralte Sehnſucht der Menſchheit, den Vögeln gleich in der Luft zu ſchweben, zu fliegen wie Dädalus, der griechiſche In⸗ genieur, und Wieland, der germaniſche Schmied, iſt ſeit einem Vierteljahrhundert Wahrheit geworden. Das Luftfahrzeug hat ſich das Reich der Wolken erobert, es beherrſcht die geſamte Krieg⸗ führung, es erringt ſich einen Platz im Getriebe des Verkehrs, es dient mancherlei Berufen, es ſtählt die Jugend in herrlichem Sport, es erobert ſich auch das Herz des Volkes und gibt dem Denken und Dichten ungeahnte Nohrung: die dritte Dimenſion iſt beſiegt, die Streitfrage:„drunten durch oder drüber weg?“ hat einen neuen Sinn erhatten; nie hat menichliche Technik größeres errungen. Die Kultur, die manche ſchon ſterben ſehen, hat das Letzte, Größte, erreicht!. Nein, es iſt nicht nur die„Ziviliſation“, die durch das Fliegen gefördert wurde, mag auch die Luftfahrt ein Kind der Technik ſein. Die Umwälzung der Wirtſchaft, die ſich hier anvahnt, greift aufs tiefſte in unſer ganzes Leben ein. Frellich, jetzt er⸗ kennen wir es ſtückweiſe nur; aber wir müſſen uns klar machen, was ſich hier vorbereitet, welche Rolle das Luftfahrzeug ſchon in wenigen Jahren in Verkehr und Landwirtſchaft, für Handel und Geldweſen ſpielen kann, wie wir den Organismus der Wirt⸗ ſchaft geſtalten müſſen, damit er aus der Beherrſchung der Luft den vollen Nutzen zieht. Der raſche Verkehr, der durch Fernſprecher und Telegramm, durch Funk⸗ und Fernbild etwas Unperſönliches, Unvollſtändiges erhalten hat, wird wertvoll ergänzt durch Mittel, die Perſonen, Urkunden, Geld und wichtige Waren ſchnell zu befördern. Das Luft⸗ fahrzeug mit ſeiner hohen Geſchwindigkeit, ſeiner weitgehenden Unabhängigkeit von Land⸗ und Waſſergrenzen, Berg⸗ und Tal⸗ geſtaltung, ſeiner von harten Stößen freien, für Schreibarbeit und Schlaf angenehmen Bewegung und ſeiner hohen Betriebs⸗ ſicherheit, iſt ein ideales Perſonenverkehrsmittel, wenn die Flug⸗ plätze vom Herzen der Städte raſch genug erreicht werden können, wenn es gelingt, die Regelmäßigkeit, die Unabhängigkeit vom Wetter, vor allem vom Nebel, weiter zu erhöhen, wenn zeit⸗ ſparende Nachtflüge mit noch größerer Zuverläſſigkeit durch⸗ geführt werden können— in vielen Fällen aber auch ſchon beute ohne dieſe Einſchränkungen, zumal der Mehraufwand für den Flugpreis im Verhältnis zu den Vorzügen ſehr gering iſt. Es fehlt dieſem Luftverkehr nur noch das Vertrauen weiter Krelle⸗ das er ſchon jetzt verdient, eine regere Benutzung, die manchem Vorteile bringen könnte und dazu beiträgt, den Verkehr ſelbſt zu verdichten und zu verbeſſern... Eilige Reiſende finden ſich nicht bloß unter Geſchäftsleuten, Politikern, Schauſpielern, Rennreitern, die ihre Wirkſamkeit ver⸗ doppeln, wenn ſie raſch von einem Ort der Berufsausübung zum andern gelangen; auch der Arzt, der zum Verletzten auf einſamer Inſel, der Kranke, der durch Einöden mit Sanitätsflugzeug zum Seuchenlazarett gebracht wird, ſind keine Phantaſie mehr. och nicht gelungen und daher von vielen als utowiſgh an⸗ geſehen iſt der Maſſenſchnellverkehr durch die Luft. Aber haben wir nicht im Kraftwagen, im Autobus ein Verkehrsmittel, deſſen Leiſtungsfähigkeit in der Großſtadt mehr durch die Zahl als durch die Größe der Einheiten geſteigert wirdd? 1 Auch die Poſt hat ſich dieſes raſchen Beförderungsmittels be⸗ mächtigt und verwendet die Flugzeuge auf Strecken und in Formen, die für den Reiſeverkehr noch nicht freigegeben ſind. Über die Vorteile der Luftpoſt und ihre gewaltige Zeiterſparnis gegen⸗ über der gewöhnlichen Briefbeförderung, erübrigt ſich ein be⸗ ſonderes Wort für jeden, der einmal durch 10 Pfennig Mehrauf⸗ wand einen eiligen Brief 24 Stunden früher nach Köln oder Königsberg gelangen ließ. Neben Briefen und Paketen, neben Erſatzteilen für andere Luftfahrzeuge, Proviant für verſtiegene Hochtouriſten, Arzneimitteln für entlegene Siedlungen und ähn⸗ lichen Hilfen für Notfälle, werden ſchon jetzt eine Reihe eiliger oder leicht verderblicher Waren, wie kleine Tiere, friſche Blumen, Zeitungen, Feinkoſt, Pelze und die„letzten Schreie“ der Mode häufig durch die Luft verſchickt; auch hochwertige Dinge, wie Schmuck, Edelſteine, Metallbarren, Banknoten und Schecks, werden im Flugzeug iſoliert und raſch, alſo ſicherer, befördert. Bei der Verſendung von Geld und Gelderſatz wiegt vielfach der Zins⸗ gewinn durch Zeiterſparnis die Mehrkoſten der Luftbeförderung bei weitem auf; bei wertvollen Waren ſpart der Händler Kapital, weil er weiß, daß er ſeine Lagerbeſtände auf dem Luftwege ſtets raſch zu ergänzen, alſo niedriger zu halten vermag. Daß die Fiſcherei durch Aufſuchen von Fiſchbänken, Melden von Fiſchſchwärmen mit Seeflugzeugen, durch Fiſchfänge mit kleinen Luftſchiffen, wie durch Abſchießen von Raubtieren ge⸗ fördert werden, daß man mit dem Flugzeug jagen kann, ſei nur nebenbei erwähnt, ebenſo, daß Land⸗ und Forſtwirtſchaft in ſchwachbevölkerten Gebieten ſchon jetzt durch Flugzeuge unter⸗ ſtützt werden, die ausſäen, Vieh überwachen, Schädlinge mit Gift bekämpfen, nachdem ſie ihre Sporen in der Luft, ihre Brut⸗ plätze am Boden feſtgeſtellt haben, die Waldbrände ſogleich er⸗ kennen und durch Abwerfen von Feuerlöſchbomben erſticken, über Windbruchſchäden und Pflanzenſtände einen raſchen überblick geben. Wichtig iſt, auch für unſer gut vermeſſenes Gebiet, das Luftbild, das Landesaufnahmen, vor allem unzugänglicher oder veränderlicher Gelände raſch und zweckmäßig ergänzt. Dazu kommt der Nutzen, den ſchon jetzt viele Wiſſenſchaften aus dem Luftfahr⸗ zeug ziehen können: Geologie, Erd⸗, Siedlungs⸗ und Wetterkunde bedienen ſich ſeiner; ſogar Regen machen und Nebel zerſtreuen ſoll das Flugzeug! Das klingt uns heute noch wie ein Märchen, iſt aber vielleicht in einigen Jahren ebenſo Wirklichkeit, wie heute Whan die übrigen erwähnten Herkulesarbeiten, die die Luftfahrt eiſtet. Mittelbar wirtſchaftsfördernd, den Warenaustauſch be⸗ ſchleunigend, wirkt das Luftfahrzeug im Werbeweſen; es ſelbſt als ſenſationeller Gegenſtand, der überall Intereſſe erweckt, wird gern zu Darſtellungen verwendet, die für eine Partei, für eine Idee, für einen Ha — — malung und Beleuchtung, ndelsartikel Propaganda machen ſollen. Durch Zettelabwurf aus der Luft, Schauflüge mit anpreiſender Be⸗ durch„Himmelsſchrift“ mit Rauch⸗ fahnen ſtellt ſich das Flugzeug in den Dienſt der Reklame. — Endlich erzeugt die Luftfahrt ſelbſt wichtige Ausfuhrgüter, Leichtbauwaren, Qualitätsarbeit hochwertiger Facharbeiter; ſie nährt eine ganze Reihe von Hilfs⸗Induſtrien, die ihr Roh⸗ und Werkſtoffe, Betriebsmittel und Hallen, Zubehörteile und Meß⸗ geräte liefern. Trotz dieſes wirtſchaftlichen Nutzens haben die Luftfahrzeug⸗ bauer aller Länder, verglichen etwa mit den Kraftfahrzeugfirmen, ein ſehr beſchränktes Abſatzgebiet. Ihre Hauptabnehmer ſind im allgemeinen die Staaten, die ſtarke Luftflotten unterhalten, trotz aller Abrüſtungsvereinbarungen und aller Friedensbeteuerungen, in der Erkenntnis, daß ein Zukunftskrieg ſich in erſter Linie zwiſchen Maſchinen, vorwiegend in der Luft und über dem ganzen Hoheitsgebiet der Kriegführenden abſpielen wird.. Nur Deutſchland und anderen Beſiegten des Weltkrieges iſt es unterſagt, eine Kriegsluftflotte und überhaupt fanſtiss bewaff⸗ nete Flugzeuge zu beſitzen; ja, unſere Induſtrie darf ſie nicht ein⸗ mal für die Ausfuhr bauen und noch mehr: über jenes Verbot im Verſailler Vertrag hinaus, iſt unſer friedlicher Luftfahrzeug⸗ bau durch beſondere„Garantien“ beſchränkt, die z. B. Fernlenk⸗ flugzeuge(ohne Führer) verbieten, hochwertige Sporteinſitzer von Sondergenehmigungen abhängig machen und die Förderung des Flugſportes aus öffentlichen Mitteln hindern. Daß unſer Luftfahrzeugbau trotzdem Leiſtungen wie das Amerikaluftſchiff L Z 126, die neuen Großkabinen⸗Verkehrsflug⸗ zeuge wie Dornier, Junkers und Rohrbach, das Albatros⸗Schlaf⸗ wagen⸗ und das Winkel⸗Zeitungsflugzeug hervorgebracht hat, daß wir doch Luftgeltung beſitzen, beruht auf den Leiſtungen unſerer Ingenieure, Kaufleute und Flieger, auf einer zielbewußten Luft⸗ politik in einmütigem Zuſammenarbeiten aller Beteiligten, end⸗ lich auf unſerer geographiſchen Lage, die uns einſt die Einkreiſung brachte, die jetzt unſere wirtſchaftliche Rettung werden wird, weil ſie uns zum Durchgangsflughafen Europas beſtimmt; denn wegen ſeiner Bodengeſtaltung und ſeines Klimas iſt Deutſchland für einen durchgehenden Luftverkehr beſtens geeignet. Daß die außenpolitiſchen Hemmungen deshalb nicht bloß unſere Luftfahrt ſchädigten, ſondern auch die zum Durchflug be⸗ reiten Nachbarſtaaten, daß ſie den deutſchen Luftfahrzeugbauer zwangen, mit dem Bau ſeiner Schöpfungen und dem Betrieb ſeiner Fluglinien ins Ausland zu wandern, hat uns im vergangenen Sommer die Lufthoheit, auch wenigſtens einen Teil der Luft⸗ freiheit, deren wir bedurften, wieder gegeben. Nun gilt es, ſie gänzlich zu befreien! Hat die Luftfahrt außenpolitiſch als Waffe— in anderen Ländern— und als wirtſchaftlicher Aktivpoſten— vor allem in unſerer Zukunftsbilanz— Bedeutung, iſt ſie bei uns durch äußere Einwirkungen noch beſchränkt, ſo nimmt ſie innerpolitiſch — wenigſtens in Deutſchland— eine Sonderſtellung ein: während ſonſt alles parteimäßig betrachtet und behandelt wird, genießt das Luftfahrzeug, abgeſehen von gelegentlichen Entgleiſungen der Extreme, die gemeinſame Gunſt aller Parteien; vielleicht wird auch die Luftfahrt zum Zankapfel, wenn man ihre Bedeu⸗ tung richtig erkannt hat; heute jedenfalls begegnet ihr die ganze Preſſe mit gleicher Hochachtung. Umgekehrt iſt auch der Flieger, der meilenhoch über den Parlamenten ſchwebt und in wenigen Minuten eine Provinz durchquert, kein Parteimann oder Partikulariſt. Wer Luftverkehr betreibt, muß heute ſchon„in Erdteilen denken“. Und das Flug⸗ zeug, das Länder verknüpft, wird auch die Herzen der Völker ver⸗ — Sudaneſiſche Kurzgeſchichlen Bei Brockhaus erſchien kürzlich ein in doppelter Swſicht amüſantes und denkwürdiges Buch:„ TWen und Tiere im Sudan“ von Hugo Adolf Bernatzik(11 Mark, Ganzleinen 13 Mark). Mit 160 Bildern nach den Originalphotos auf 95 Kunſtdrucktafeln und eine Karte, 170 Seiten Ter0). Wie ſchon der Titel ſagt, beſchäftigt es ſich mit der Bevölkerung und Tierwelt des Sudans. . Mit gewandter Feder und maleriſch eindrucksvoller photo⸗ graphiſcher Kunſt nimmt der Autor aus dem ſudaneſiſchen Völ⸗ kerbabel die charakteriſtiſchen Typen heraus, jagt und fängt vom Löwen und Krokodil bis zur Hyäne und zum Erdferkel alle Tiere, die im Sudan leben. Und ſo entſteht, wie aus zahlreichen kleinen Steinchen ein buntes Moſaik, aus allerlei Kurzgeſchichten das Buch:„Typen und Tiere im Sudan“; ein Werk, das von jedem für jeden etwas bietet, wie es heute in unſerer des Verweilens müden Zeit geliebt wird. Im olgenden aus ihm etliche ſuda⸗ neſiſche Kurzgeſchichten: Wie der Menſch erſchaffen wurde Einſt ſchuf die göttliche weiße Kuh einen menſchlichen Halb⸗ gott. Dieſer luſtwandelte eines Tages am Nil, als ſeine müden Augen einen Trupp Krokodiljungfrauen erblickten mit anziehen⸗ den, menſchlichen Geſichtszügen und wundervollen Formen. Ihr Körper lief aber in einen Krokodilſchwanz aus. Mit friſch erwach⸗ ten Lebensgeiſtern ſtürzte ſich der Halbgott auf die Schönſte und raubte ſie, während ihre Gefährtinnen ſchreiend das Weite ſuch⸗ ten. Bald vermochte der Sieger die Zuneigung ſeiner Gefährtin zu erringen, nur eins trübte ſein Glück. Seine Kinder glichen der Mutter und nicht ihm. Als alle Verſuche fehlſchlugen, ent⸗ ſchloß er ſich, die Gottheit um Verzeihung und Hilfe anzuflehen, und richtig, die gutmütige Kuh enttäuſchte ihn nicht.„Wähle dir von deinen Kindern das liebſte aus, es wird zu deinem Ebenbild werden“, ſo lautete ihr Spruch. Und zuſehends verwandelten ſich die Glieder des erwählten Sprößlings... und der erſte Menſch entſtand. Auch er ſuchte ſich eine Frau unter den Krokodiljung⸗ frauen, doch ſeine Kinder blieben ihm ähnlich und wurden Menſchen. Wer iſt der Vater? Man hat natürlich Verpflichtungen den Verwandten ſeiner Ahnfrau, den Krokodilen, gegenüber. Sicher haben auch ſie etwas von den Fähigkeiten der Krokodiljungfrau. Zwar macht man mit größter Kaltblütigkeit auf die heiligen Krokodile Jagd, aber bei einer ſehr wichtigen Gelegenheit hört man dennoch gern auf ihren göttlichen Rat, und zwar. bei Beſtimmung der Vaterſchaft. Behauptet nämlich ein Mädchen, von einem Burſchen ſchwanger geworden zu ſein, während er es leugnet, ſo entſcheidet ein Gottesurteil. Beide jungen Leute werden am Ufer des Nils von⸗ einander getrennt an einen Baum gebunden. Vor ihnen wird, nahe dem Waſſerſpiegel, je eine weiße Ziege angekettet. Weſſen Ziege nun zuerſt von einem der zahlreichen beutegierigen Rep⸗ tilien zerriſſen wird, der hat die Wahrheit geſprochen. Von ihm nahm die Gottheit das Opfer gnädig an. Arabiſche Höflichkeit Der Name für Deutſch⸗Öſterreicher klingt im Arabiſchen ähn⸗ lich dem Ausdruck für Stinktier, nur ein Vokal iſt verſchieden. Wiederholt wurde Bernatzik gefragt, was für ein Landsmann er ſei, worauf er ſtets prompt erwiderte:„Ein Stinktier“. Aber kein Araber zuckte mit der Wimper, ihr Antlitz blieb todernſt, denn es iſt nach dem arabiſchen Knigge unhöflich, einen Fremden merken zu laſſen, daß er die Landesſprache nicht beherrſcht. Darum haben die Araber auch die angenehme Gewohnheit, Sprachfehler niemals zu verbeſſern, ſondern ſie ſogar nachzu⸗ ahmen. Niemals verneinen ſie etwas, wenn ſie denken, daß der * 1 dinden; wenn wir beute in der Welt wieder geachtet werden, jo dat unſere Nachkriegsfliegerei einen großen Teil des Verdienſt es, und die Kameradſchaft der Flieger aller Länder, die in ritter⸗ lichem Kampf den Krieg überdauerte, die den andern wertet, weil er ſich ſeioſt achtet, ſollte auch die Völker lehren, einander zu verſtehen, ſtatt ſich nur zu verſtändigen. Auch die Kreiſe des eigenen Volkes, die ſich fremd gegenüber ſtehen, kann das Fliegen wieder zuſammenführen: mag der Luft⸗ verkehr ein Vorrecht derer ſein, die ſich Reiſen zweiter Klaſſe leiſten können— das Fliegen ſelbſt iſt Gemeingut aller Schichten: auf unſeren Flugſchulen findet ſich neben dem wohlhabenden Sportsmann der unbemittelte Student, dem ein Gönner als „Pate“ das Fliegenlernen ermöglichte, und der weiterſtrebende Arbeiter, den ſeine Firma am Unterricht teilnehmen läßt; denn die nächſte Zukunft ſchon fordert„Luftkutſcher“ und Verkehrs⸗ flieger in großer Zahl. Sodann iſt das Fliegen unerläßlich für den Ingenieur, der ſelber Luftfahrzeuge bauen will, und endlich iſt es ein geſunder Sport, eine nervenſtählende, willensſtärkende Körperbetätigung, die Entſchlußfähigkeit und Verantwortungs⸗ freudigkeit hebt, die poſitive, zum Aufbau bereite Menſchen ſchafft — ein treffliches Werkzeug zielbewußter Bevölkerungspolitik. Wir möchten nicht ſchließen, ohne die Aufgaben zu nennen, die uns die Luftfahrt ſtellt, weil ſie erfühttes Sehnen unſerer Väter, köſtliches Gut unſerer Kultur und ſichere Hoffnung unſerer Kinder iſt; weil Deutſchland an den Hauptſtraßen des Luftmeeres liegt, weil ſeine Wirtſchaft durch Luftverkehr und Luftpoſt, Luft⸗ frachten und Luftbild gefördert wird, weil das Luftfahrzeug ſelbſt als Wirtſchaftsteil beachtlich iſt und wichtig werden wird, weil unſere Lufthoheit uns auch ohne Luftwaffen Luftgeltung bringen ſoll, weil die junge Generation geſunden Mut und ſtarke Nerven braucht; das Luftfahrzeug will ſeinen Platz an der Sonne des Wirtſchaftslebens; bereitet ihm den Weg! Schafft Vertrauen zum Flugzeug, denn es iſt ſicher; fördert ſeine Benutzung, denn ſie bringt Vorteil; lehrt unſer Volk fliegen, denn Luftfahrt iſt not! Wider die falſche Scham Der Publiziſt, der es gewohnt iſt, zu allen Fragen des öffent⸗ lichen Lebens Stellung zu nehmen, kommt häufig in die Gelegen⸗ heit, von Menſchen auf diejenigen Dinge hin angeſprochen zu werden, die er in ſeinen Veröffentlichungen behandelt hat. Hier ergeben ſich Berührungen des Autors mit ſeinem Publikum, die manche innerliche Befriedigung bei erſterem auslöſen: man merkt das Intereſſe eines Leſerkreiſes, und dieſes Gefühl iſt für den Publiziſten aus innerer Notwendigkeit faſt alles. Es kommt aber auch vor, daß hier eine Quelle des Studiums der Volksſeele ſich erſchließt, und dann ſind ſolche Begegnungen noch wertvoller. Vor einiger Zeit ſchrieb ich einen Aufſatz, der ſich mit der Frage der Geburtenregelung befaßte. Es wurde darin auf die im Gange befindliche Strafgeſetzreform und die Unhaltbarkeit des § 218 verwieſen, und in dieſem Zuſammenhange die Notwendig⸗ keit einer ſyſtematiſchen Aufklärungsarbeit in bezug auf die Ver⸗ hütung der Empfängnis erörtert. Einige Tage nach Erſcheinen des Artikels ſprach eine Frau bei mir vor, der es offenſichtlich ſchwer wurde, ihr Anliegen vorzubringen und der man anſah, daß ſie im Zuſtande der Schwangerſchaft war. Der Beſuch dieſer Frau, die bald ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, wurde mir zum erſchütternden Erlebnis. Ich ſpreche nur davon, weil es ſich hier nicht nur um einen ſymptomatiſchen Fall handelt, ſondern weil dieſer Beſuch mir zum kategorilchen Befehl wurde, den Kampf für eine freimütige Volksaufklärung in gexualibus und gegen die verhängnisvolle falſche Scham unentwegt weiterzuführen. Dieſe junge Frau, nett und ſauber gekleidet, der Mann ein Angeſtellter, politiſch indifferent, hatte die Zeitung mit meinem Artikel als Einwickelpapier in die Hand bekommen und recht reſolut ſich vorgenommen, ſich ſelbſt zu helfen, indem ſie zu mir ging. Dieſe Frau, die das vierte Kind trug, das ſie wider Willen gebären ſollte, wußte weder, was Abtreibung bedeutet, noch daß ſie ſtrafbar iſt, geſchweige denn, daß ſie ſich über irgend etwas klar geweſen wäre, was man zur Verhütung der Empfängnis tun kann. Man ſage nicht, dies ſei ein außergewöhnlicher Fall! Außergewöhnlich iſt er nur inſofern, als ſich hier einmal ein Menſch das Herz gefaßt hat, ſeine Gewiſſensnot vor einem Frem⸗ den auszuſchütten. Man kann ruhig behaupten, daß es Millionen von Frauen gibt, die ebenſowenig oder nur wenig mehr von dieſen Dingen wiſſen, aber nicht den Mut haben es einzugeſtehen oder ſich gar Aufklärung zu verſchaffen. Die falſche Scham, die Frucht einer jahrzehnte⸗, ja jahrhundertealten heuchleriſchen Erziehungs⸗ methode und Moralauffaſſung, hindert ſie daran. Es braucht an dieſer Stelle der erwähnte Fall nicht weiter erörtert werden. Die Leſerinnen werden es ſich ausmalen können, daß es weder für ihre Leidensgenoſſin noch für den Schreiber die⸗ ſer Zeilen eine leichte Stunde war. Ein neuer Mitbürger wird als Produkt mangelnder Volksaufklärung demnächſt das Licht dieſer unvollkommendſten aller Welten erblicken und dann werden ſich wohl ſeine Eltern endlich einmal damit beſchäftigen, dieſen wichtigſten Fragenkomplex des Lebens richtig kennen zu lernen. Denn auch in der Ehe ſelbſt, unter Eheleuten, die nichts vor⸗ einander zu verbergen haben ſollten, ſpielt die falſche Scham leider eine große Rolle. Ängſtlich hüten ſich allzuviele, auszu⸗ ſprechen, was iſt; man verzichtet oder ſchädigt ſich und die wehr⸗ loſe Nachkommenſchaft lieber, als daß man ein offenes Wort mit⸗ einander wagt. Es iſt nicht die„Schuld“ der einzelnen— wer wollte hier überhaupt von Schuld ſprechen?—, aber es iſt darum nicht weniger falſch und gefährlich. Es gibt heute eine Menge guter, aufklärender Literatur. Ein ſolches Buch, ſorgfältig geleſen und zwiſchen Mann und Frau freimütig beſprochen, kann unendlichen Segen ſtiften. Zum Bei⸗ ſpiel iſt bei der Büchergilde Gutenberg ein ſehr wertvolles, durch⸗ aus populär geſchriebenes Buch erſchienen.„Zeugung und Zeugungsregelung“ heißt es und ſtammt von einem erfahrenen Arzt, Dr. E. C. A. Meyenberg. Ganz abgeſehen davon, daß es unbeſchreiblich nützlich und rentabel iſt, der„Büchergilde“ anzu⸗ gehören(in der man gegen einen Monatsbeitrag von 1 Mark eine inhaltsreiche Monatsſchrift und jedes Vierteljahr ein inhalt⸗ lich drucktechniſch hervorragendes Werk nach freier Wahl erhält, auch das genannte), kann dieſes Werk allen denen empfohlen werden, die bei ſich ſelbſt mit einer ſachgemäßen Aufklärung be⸗ ginnen wollen. Denn es behandelt nicht nur nach dem heutigen Stande der Wiſſenſchaft die hygieniſchen Fragen des Liebes⸗ und Geſchlechtslebens, ſondern es weiſt auch in aller Offenheit auf ſeine Gefahren und Freuden hin, und zeigt die Wege, die der Zeugungsregelung heute offen ſtehen. Es wird keiner das Buch aus der Hand legen, der nicht bereichert worden wäre. Es iſt eine gute Waffe im Kampf gegen die falſche Scham. Wer es kauft, ſei jedoch darauf hingewieſen, daß das Buch für Nichtmitglieder 5 Mark koſtet. Es iſt dieſen Betrag reichlich wert. Wer aber der Büchergilde beitritt, bekommt es nicht nur um 2 Mark billiger, ſondern er wird bald merken, daß er mit dieſem Entſchluß ſich Fragende es wünſcht.„Sind Elefanten dort?“ fragte der Reiſende einen Araber.„Nein, das zwar nicht, aber nicht weit davon“, die Antwort. Von Elefanten natürlich keine Spur! Das iſt arabiſche Höflichkeit. Der„Fiſch Flußpferd“ 1 Bernatzik erlegt eines Tages ein feiſtes Flußpferd. Wie die Aasgeier ſtürzten ſich die Sudaneſen auf den Kadaver. Dicht ge⸗ drängt ziehen ſie mit vereinten Kräften die Haut ab, daß der Zu⸗ ſchauer Angſt bekam, ſie würden ſich mit ihren Weichmeſſern gegenſeitig die Finger abſchneiden. Als die Leute das Fleiſch in Streifen ſchneiden, um es zu trocknen, fragt der Europäer er⸗ ſtaunt:„Iſt denn das ein Eſſen für Rechtgläubige, habt ihr ge⸗ ſchächtet?“ Ein liſtiges Lächeln gleitet über das Geſicht des An⸗ geſprochenen.„Samak“(Fiſch wird nicht geſchächtet!) ſagt er nur und macht ſich voll Eifer wieder an die Arbeit.— Daß Flußpferde als Fiſche bezeichnet werden, iſt neu. Was Nilpferdpeitſchen bei Geſellſchaftsſpielen zu tun haben Häufig trifft man im Sudan Männer, die tiefe„Ehren⸗ narben“ auf dem Rücken tragen. Dieſe ſtammen nicht von Ge⸗ fechten oder Unglücksfällen her, ſondern von einem beliebten Ge⸗ ſellſchaftsſpiel. um ein flackerndes Feuer. Der dumpfe Laut des Tamtams lockt ſie von nah und fern herbei. Um das Lagerfeuer herum tanzt ein Burſche zu den Klängen des Inſtrumentes, eine lange Nil⸗ pferdpeitſche in der Hand. Etwas weiter abſeits ſtehen die Mäd⸗ chen in geſpannter Erwartung. Auf der andern Seite iſt eine Reihe junger Burſchen, das Geſicht dem Tänzer abgewandt, mit nacktem Oberkörper aufgepflanzt. Plötzlich ſauſt die ſchwere Nil⸗ pferdpeitſche des Tänzers mit voller Wucht einem über den Abends verſammelt ſich die Dorfjugend hierzu Rücken. Sie ſchneidet die Haut entzwei und verurſacht einen klaffenden Schnitt in dem nackten Fleiſch. Obwohl der Burſche den Schlag nicht kommen ſieht, darf er kaum zuſammenzucken; wehe, wenn ein Schmerzenslaut ſeinem Mund entflieht. Als Feigling vor den weiblichen Schönen dazuſtehen, iſt eine ſchwere Strafe für mangelnde Selbſtbeherrſchung.— Es beſteht kein Zweifel mehr, daß die Männer überall die„Geſchlagenen“ ſind. Typen unter den Tieren Auf der Steppe!... Grenzenlos erſtaunt bleibt auf einmal der Jäger ob eines wunderſamen Bildes ſtehen. Er ſieht einen Büffel, der unter huſtenden Angriffslauten die Hörner gegen einen ſeltenen Feind ſenkt. Vor ihm im Abſtand von einem, höchſtens zwei Schritt— ein alter Mähnenlöwe, der im ſcharfen Trapp auskneift. Den Schweif mit der dicken Quaſte wagrecht erhoben, blickt ſich der„König der Tiere“ auf der Flucht nach ſeinem Verfolger um. Der Jäger vergißt nach der Büchſe zu greifen und blickt wie erſtarrt den Tieren nach. Das iſt begreif⸗ lich.„Dieſer alte Büffel hat auch gar keine Lebensart“, wird er gedacht haben. Eine europäiſche Type. Zum Schluß eine Apotheoſe der europäiſchen Ziviliſation. Manche Leute nennen es auch Kultur. Als Bernatzik eben traurig dem Sudan den Rücken kehren will, kommt ihm auf dem Abſchieds⸗ wege ein Auto entgegen, in dem ein„Jäger“ ſitzt. Mehrere Gazellen hat er bereits geſchoſſen, und weiter jagt er im Auto neuen Plätzen entgegen. Wehmütig klingen deshalb Bernatziks Abſchiedsworte:„Jetzt verſtehe ich, weshalb die Gazellen. in den letzten Jahren hier ſo ſtark abgenommen haben. Wenn die Jagd auf dieſe Weiſe noch länger betrieben wird, dann werden die ſchönen Tiere in kurzer Zeit ausgerottet ſein.“ elbſt den größten Gefallen getan hat. Der Beitritt kann in der Blſt dans di en pwen Berlin SW. 61, Dreibundſtraße 5, voll⸗ zogen werden. Walter Victor. — Der ganz einfache Menſch Von Alired Auerbach Mir gegenüber ſitzt eine Bauersfrau aus dem Schwarzwald. Sie freut ſich, daß ſie plaudern kann und verſtanden wird. Die Blicke der Stadtdamen gleiten an dem zeitloſen Hut und dem Zweckgewand der Frau überlegen herab. Sie fühlt das, aber ſie antwortet mit keinem Blick. Sie hält ſich an die kleine Genugtuung des Geſprächs. Gan einſam, drei Stunden Fußweg von der Eiſenbahnſtation, hauſt ſie im Tal. Ein dünner Bach fließt vom Berg herab. Waſſer muß gepumpt werden. Die Maſchine klopft Tag und Nacht. Die Damen aus der Stadt werden aufmerkſam auf unſer Geſpräch.. Ratten wuſeln um's Haus. Nach drei erſchlagenen tauchen ſechs neue auf. 3 Die Kinder bekommen einen Preis für jede tote Ratte. „A Mark per Schtück.“ Das Geſchäft geht gut.. Aber der Bauer wehrt ab:„Die Tiere wellet au leba. Die Stadtdamen rümpfen die Naſe. 3. Ich vermute, die ganz einfache Frau hat eine kleine Bosbeit harmlos verpackt. 4 Sie glaubt, ihr ganzes Leben vor mir hinzeichnen zu müſſen. Der Krieg hat auch in das entlegene Tal hineingegriffen, zwei Söhne herausgeholt— für immer.. Das erſparte Vermögen hat der Nachkrieg weggeſtohlen. Die jüngſte Tochter muß in den Dienſt. Die Mutter ſiebt ſich nach guten Herrſchaften um... Die Stadtdamen flüſtern mit einander. Sie möchten gern anknüpfen, aber die Frau achtet ihrer nicht. Sie politiſiert mit mir. Ich bin ſtarr. Die Frau denkt fortſchrittlich. Sie klagt über die Leut', die immer noch den Krieg anbeten. „Und fromm teant ſe au no drzue!“ Sie biegt zur Modefrage ab und meint:„Ha, des mit dene Hoor iſcht net domm, i tät mer ſe au no ronterſchneide laſſa, wenn i net z' alt drzue wär ond die kurze Röck ſend au vernenftig.“ Die Damen aus der Stadt möchten ſich brennend gern äußern, aber die Frau achtet ihrer nicht. Sie hört, daß ich von Stuttgart bin.. „Jo, en Schtuegert han i e Mädle verlore. A liebs Kind, ſchparſam, älles hot'’s heimg'ſchickt. En jede Pfennig.'s iſcht auf im Schloßplatz von der Trambahn falſch abg'ſchprunge, an Auto hat’s überfahre. Nachts iſcht einer ins Tal komma ond hot gſait, mer tät ons telephoniſch drüba em Ort verlanga.“ Die Frau berichtet ganz ruhig. Der Zug hält. „Alſo adies, ond gute Reiſ' ond auf Wiederſehen.“ Die Damen plaudern vom Modetanz. Jenal Die Verwendung der Himbeere Himbeerſaft kann durch verſchiedene Verfahren hergeſtellt werden. Man erhitze die zu Saft beſtimmten Beeren, ſchütte ſie in ein Leinentuch oder in einen Leinenbeutel, hänge den Beutel auf und laſſe den Saft etwa 30 bis 36 Stunden lang abtropfen. Dann koche man ihn mit Zucker etwa 4 Stunde. Auf ein Pfund Rohſaft(½ Liter) rechnet man ½ Pfund Zucker. Nachdem der fertige Saft einen Tag geſtanden hat, fülle man ihn in Flaſchen, die gut verſchloſſen werden müſſen. Wenn es nicht darauf an⸗ kommt, einen klaren Saft zu gewinnen, können die Beeren auch ausgepreßt werden. In dieſem Falle bringe man den Saft gleich auf das Feuer. Auf kaltem Wege wird Himbeerſaft hergeſtellt, indem man auf je drei Pfund Himbeeren einen Liter gekochtes und wieder erkaltetes Waſſer ſowie 40 Gramm Weinſteinſäure zuſammen⸗ rührt und die Himbeeren darin zerdrückt. Nachdem die Maſſe 24 Stunden geſtanden hat, wird ſie in einen Beutel zum Ablaufen der Flüſſigkeit getan. Der Saft wird mit 141 Pfund Zucker auf ein Pfund Saft vermiſcht, zwei bis drei Tage ſtehen laſſen und dann in Flaſchen gefüllt, die mit Mull⸗Läppchen verbunden werden. Schaum, der ſich vor dem Einfüllen bildet, wird entfernt. Dieſe Art der Herſtellung iſt jedoch wenig zu empfehlen, da der Saft leicht in Gärung übergeht. Ein vorzüglicher Zuſatz zum Trinkwaſſer iſt Himbeereſſig, der auf folgende Art hergeſtellt wird: Auf vier Pfund Himbeeren gieße man einen Liter Weineſſig und laſſe ſie damit 24 Stunden zugedeckt ſtehen; dann drücke man beides durch einen leinenen Beutel, vermiſche den ausgepreßten Saft mit zwei Pfund Zucker uend laſſe ihn kochen, bis er nicht mehr ſchäumt. Nachdem der Himbeereſſig 24 Stunden geſtanden hat, fülle man ihn in aus⸗ geſchwefelte Flaſchen. Himbeergelee wird zunächſt wie Himbeerſaft behandelt. Man ſetze jedoch den Saft ſofort nach dem Austropfen auf das Feuer, und füge unter ſtetem Rühren auf je ein Pfund Saft ein Pfund Zucker hinzu. Wenn der Saft zu kochen anfängt, nehme man ihn vom Feuer, laſſe ihn ½ Stunde ruhig ſtehen, befreie ihn von der ſich bildenden Haut und fülle ihn in Gläſer. Nach 48 Stunden bedecke man das Gelee mit Salizylpapier und binde die Gläſer zu. Zu Himbeermarmelade verwende man ungewaſchene oder nur ganz leicht gewaſchene Beeren, weil die Näſſe der Haltbar⸗ keit der Marmelade von Schaden iſt. Ein Pfund Früchte erfordert ein Pfund Zucker. Man bringe den Zucker zum Kochen, ſchäume ihn ab und gebe die Früchte hinein. Dann nimmt man beides vom Feuer, rührt bis zum Erkalten und fülle es in Gläſer. Ein ganz vorzüglicher Brotaufſtrich! Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zuſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Schachſpiel und Arbeiterſchaft Die Berliner Genossen veranstalteten eine Rundfrage über dieses Gebiet deren Ergebnis in der Festschrift des Osterturnieres niedergelegt ist. Viels Antworten darauf sind interessant; heute wollen wir die von Erich Mlülhsam hervorheben. Er schreibt: „In einer vernünftigen, d. h. sozialistischen Gesellschaft wird die Arbeit nicht mehr wie unter dem kapitalistischen Wirtschaftssystem eine lebenszer- rüttende Qual sein, sondern ein Bestandteil des einheitlich geführten und Anpfundonen⸗ den Geist erhöhenden Lebens selbst. Das Spiel, diese in allen Gesellschaftsformen wichtige Erholungs-Massage des Geistes, wird dann oeben- falls erst zu seiner eigentlichen Aufgabe kommen, dem natürlichen Bedürfnis der Menschen nach Heiterkeit und Geselligkeit zu dienen. Heute müssen Spiel und Sport dem Proletarier helfen, die Elastizität des Körpers und des Geistes zu bewahren, die die scheußlichen Methoden der kapitalistischen Produktion aufreiben. Die Beschäftigung mit Wissenschaften, Künsten, Sport und Spiel ist daher für den Arbeiter ein Akt der Selbsthilte gegen das Bestreben der be- sitzenden Klasse, ihn zu einem willen- und widerstandslosen Ausbeutungs- mechanismus zu erniedrigen. Keino Tätigkeit in den Freistunden des Proletariers ist so geeignet, gleich- zeitig das Bedürfnis nach Geselligkeit und Spiel zu befriedigen und die(ielenkig- keit des Geistes zu ilben, wie das Schachspielen mit Klassengenossen. Der hohe Wert des Schachspiels gerade für den Arbeiter liegt nicht nur in dem Charakten des Spiels, das nahezu ganz die gleichen Aufgaben stellt wie die Kunst der Strategie: richtige Abschätzung der eigenen wie der gegnerischen Kräfte, Aus- nutzung materieller oder positioneller Schwächen des Gogenspielers, aggressive oder defensive Taktik je nach Lage des Spiels und psychologische Beurteilung des Partners; der Wert liegt zugleich darin, daß das Schachspiel eine so stacke Konzentration der Gedanken verlangt, dab hier neben der Ablenkung von allem Elend im Betrieb und von allen Sorgen des Privatlebens, die jeder Soor bietet, die Denkfähigkeit in demselben Maße gesteigert wird, wie das sonst nur die intensive Beschäftigung mit wissenschaftlichen Problemen zustande bringt. Dabet kommen die natürlichen Eigenschaften des Menschen auf ihre Rechnung, die dern kapitalistische Frondienst verdorren läßt oder korrumpiert: der Ehrgeiz, im Wettbewerb ohne materiellen Gewinn und ohne liebedienerisches Ausstechen des Kameraden die höchste Leistung hervorzubringen; die gesunden Affekte doer Freude über ein gelungenes Manöver auf dem Brett oder des Aergers über eine Dummheit, die einen in die vom Gegner gestellte Falle laufen ließ; endlich die Befriedigung des Gefühls darüber, daß Gewinn und Verlust bei Schach von keiner anderen Einwirkung abhängig ist als von der Schärfe und Klarheit der Ueber- legung und der Beherrschung der Nerven. Das Schachspiel bedeuteot zwar eine Anstrengung des Geistes, aber diese Anstrengung hinterläßt keine die Aktivitäb des Menschen lähmende Erschöpfung, sondern im Gegenteil das Empfinden erhöhter Klarheit und Regsamkeit. Bedingung der für die ganze Arbeiterklasse nittzlichen Auswirkung des Arbeiter-Schachspiels scheint mir das unbedingte Festhalten an dem Grundsatz, daß die Proletarier auch ihr Spiel als kämpferische Klassenange- legeonheit betrachten. Wettkämpfe zwischen proletarischen und bürgerlichen Schachvereinigungen müssen ebenso unmöglich bleiben, wie die Degradierung des Arbeiterschachs zu einer Erwerbsquelle. Sonst wird der Ehrgeiz des prole- tarischen Schachspielers auf klassenfremde Spekulationen abgelenkt und sein Kampf gegen die Ausbeuterklasse, dessen er auch beim Spiel eingedenk bleiben soll, gerät in Vergessenheit. Das Schachspiel sei dem Arbeiter keine Spielerei mit dem Kampf, sondern ein Kampfspiel und ein Symbol des revolutionären Klassenkampfes.— Schach der Bourgeoisie!“ Partie Nr. 30 Gespielt im Internationalen Arbeiter-Schachturnier 1927. Mannschaftshaupt- turnier, 8. gegen 6. Kreis. Weit: Knothe(Gera). Schwarz: R. Bär(Dresden). 1. c2²-— 4, G7— 5; 2. g2— g3, Sb8— c6; 3. b2— b3, Sg8— f6; 4. Lfl— gê, g?— g6; 5. Lcl.— b.(In der Turnierpraxis verschwindet das Doppelfianchetto immer mehr. Es ist doch zum mindesten in einem so frühen Eröffnungsstadium sehr fraglich, ob die Lüufer nier am besten stehen.) 5... LfS— g7; 6. Sgl— 1f3, 0—0; 7. 0— 0, d?— d'; 8. da— d3, Le8— d7; 9. Sb1— d.(Hier war h3 nebst Khz notwendig.) 9..„ Dd8— c8; 10. Tfl el, Ld— h3; 11. Sfs— gö? Lh3.; 12. Kg1 α ½, h7-— h6; 13. 8g5— f. (Weiß ist aus dieser Operation mit einer geschwächten Königsstellung hervor- gegangen.) 13..„ a7— a6; 14. Tal— b1, e7— eö.(Bevor man Flankenangriffe unternimmt, soll man sich in der Mitte sichern.) 16. Sd— e4.(Kommt dem Schwarzen entgegen. Schwarz plante sowieso f5.) 16... Sf6— es8; 17. 8e1— e3, Se8— 7; 18. Sc3— a4.(Sdö scheitert an S.db nebst Sb4.) 18.„Dc8-— d8; 19. Sf8— d2, b7— b5; 20. Sa4— c3, DdS d7; 21. Sd-— fl, f7— 15; 22. 02—3, 15— f4: 23. f2— f3, TfS— f7; 24. e3 α 4, cöα 4; 25. g3— g4, h6— h5; 26. h2— h3, hö g4. (Weiß kann Schwarz die h-Linie kaum streitig machen. Das Eindringen auf dieser Linie dürfte aber entscheiden.) 27. h3. 4, Dd⁴?— d8; 28. Ddl— d, Lg7— da. 29. Se3— e2, DdS8— h4; 30. Sez² dd, Tf7— h7.(Ein korrektes Figurenopfer. Auf 31. Seꝰ folgt zunächst Se6t mit der Drohung 8g5. Schlägt aber Weiß mit dem S auf 14, so geschieht einfach Dhi† mit Thaf, und Schwarz bekommt die D fürn † und 8. Folgt aber D« f4, so erhält Schwarz durch Dhi† nebst Se5 Gewinn- stellung.) 31. Tel— e4.(Befreit die Dame aus der unglücklichen Lage.) 31...„ c5 dd; 32. Lb dA, Sc6 dd; 33. Te4*d, Sc7- e6; 34. 1d4 do, Tas8-— e8.(lüs gibt keine Rettung mehr für Weiß.) 35. Tbl— el.(Ls ist schon einerlei, was Weit spielt.) 35... Dh4— h1 †; 36. Kg2- f2, Thi— haf; 37. Sfl xh2, Dhi h †; 38. Kf- fI, DH2d?; 39. Tel et, Tes 6; 40. †⁴ô ν 6, Dd2 d; 41. Kfl- fg, be4 ¼α ⁴; 42. b3% 4, Kgs- fl; 43. Te6— e4.(Weiß gab dann nach weiteren belang- losen Zügen auf.)(Anmerkungen von K. Bür.) Spvielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 1(Innenstadt): Montag, Hotel„König von Lngland“, Battonstraße 68. Abt. 2(Riederwald): Mittwoch bei Blank. Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Freischitz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„KRegenbogen““, Gutleutstraße. Abt. 5(Nordend): Freitag bei Walter, Weberstratse 84. Abt. 6(Rödelheim): Mittwoch bei Geyer, Lschborner Landstraße. 7(Boruheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 49. 8(Niederradh: Samstag, Sportpiatz der Lreien Turner, Halmstraſze. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israel, Franken-Allee 234. Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. V ASn 3 en Fes krt ns kah fet Ioe r ☛— 6 1 —y Was glänzt, iſt für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren Die ſozialpädagogiſche Bedeukung der Arbeitsſchule Von Profeſſor Dr. M. H. Baege(Oberurſel) Die Einheitsſchule iſt nur ein Teilproblem jenes großen Aufgabenkomplexes, den wir als das Schulreformproblem be⸗ zeichnen. Sie umfaßt nur die organiſatoriſche Seite der Schul⸗ reform. Ihre Danglan gade iſt es, die in der mangelhaften Organiſation des Bildungsweſens liegenden Hemmniſſe für den Aufſtieg der Begabten und ſchließlich den Standescharakter der höheren Schulen zu beſeitigen. Die Einheitsſchule an ſich verlangt aber nicht auch not⸗ wendigerweiſe eine Anderung des inneren Schulbetriebes. Gerade dies iſt aber das wichtigſte, denn die eigentlichen pädagogiſchen Fehler und Mängel der heutigen Schule ſind faſt durchgehends ſolche des inneren Schulbetriebs. Die Erziehungs⸗ und Unter⸗ richtsmethoden gilt es vor allem zu ändern, deshalb fordern wir in Antereichtrioher Beziehung die Umgeſtaltung der heutigen Lern⸗ oder beſſer Memorierſchule in eine Arbeits⸗ und Tatſchule. Die Lern⸗ und Memorierſchule war vorwiegend paſſiv, eine„Still⸗ itzſchule“, die durch ihre Unterrichtsmeboden vielfach zur geiſtigen bhängigkeit und zum Autoritätsglauben ſtatt zur geiſtigen Selbſtändigkeit und Selbſtverwaltung erzog, und deren Unter⸗ richt totes Wiſſen, aber kein eigenes geiſtiges Leben erzeugte. Das war nicht anders zu erwarten; denn das Grundverhalten des Kindes iſt ja das aktive Verhalten. Es will ſich an den Dingen der Wirklichkeit betätigen. Es will nicht nur lernen, im Sinne von Memorieren, ſondern er drängt in ihm zur Betä⸗ tigung aller Kräfte. Eine naturgemäße Erziehung muß deshalb an dieſen ſpontanen Beſchäftigungsdrang anknüpfen. Erſt die Arbeits⸗ und Tatſchule gibt dem Schaffensdrange des Kindes volle Betätigung. Deshalb fordern wir den Arbeitsunterricht. Er iſt nicht gedacht als ein neues Unterrichtsfach, das zu den vielen alten noch dazu kommt, es iſt vielmehr eine neue und beſſere Unterrichtsmethode. Ja, es it überhaupt die einzige naturge⸗ mäße und vernünftige Unterrichts⸗ und Erziehungsmethode. Unter Arbeitsunterricht verſtehen wir alſo nicht einen dem bis⸗ herigen Unterricht etwa nur rein äußerlich aufgepappten Werk⸗ unterricht, ſondern die grundſätzliche Erziehung zur Selbſt⸗ betätigung unter weitgehendſter Heranziehung körperlicher produktiver Arbeit. Der Schüler ſoll ſich alſo nicht nur, wie bis⸗ her vorwiegend, rein aufnehmend verhalten. Deshalb wird— unter Anknüpfung an den kindlichen Spieltrieb— vom erſten Schultage an, auf möglichſt ſelbſtändige manuelle und geiſtige Arbeit Wert gelegt. Denn die Selbſtbetätigung in der Arbeits⸗ ſchule bezieht ſich ja nicht nur auf die körperliche Tätigkeit, ſie kann und ſoll ebenſogut mit geiſtigem Material ausgeübt werden. Wir fordern deshalb konſequente Durchführung des Arbeitsprinzips für alle Schulen und durch alle Stufen. Und es iſt erfreulich, daß die Bewegung für die Arbeitsſchule ſowohl von unten her, durch den Werkunterricht in den unteren Klaſſen, wie auch von oben her durch Laboratoriums⸗ und Seminar⸗ übungen in den Oberklaſſen der höheren Lehranſtalten und Uni⸗ verſitäten zu gleicher Zeit eindringt. In der Arbeitsſchule wird in gemeinſchaftlicher Arbeit von Kindern unter Mithilfe des Lebrers die Löſung ſelbſtgewählter Aufgaben erſtrebt. Hand⸗ arbeit und geiſtige Tätigkeit gehen dabei Hand in Hand. Der Menſ bracht wird und was er an totem Wiſſenbeſitz mit herum⸗ trägt, ſondern durch das, was er ſich ſelbſt erarbeitet hat und was ihn fähig macht, den Stoff ſelbſttätig anzufaſſen und zu bewältigen. Die bisherige Schule lehrte nur durch das ge⸗ ſprochene oder gedruckte Wort; deshalb hatte ſie auch nur Sprache und Schrift als Lehrmittel zur Verfügung. Durch dieſen reinen e vielfach Papageien und Autoritäts⸗ Wortunterricht erzog gläubige, geiſtig Unſelbſtändige und Herdenmenſchen. Sie erzog zum reinen Wortwiſſen, zur Uberſchätzung des Wortes, beſonders des gedruckten, zur kritikloſen Hinnabme alles Gedruckten, ja zur überſchätzung alles rein Begrifflichen überhaupt, die ſchließlich zu einem wirklichkeitsfremden und lebensgewandten Formalis⸗ wird nicht durch das gebildet, was ihm beige⸗ Das heißt, ſie war es ja eigentlich nicht mehr als er; nur war 3 —- mus führte. Der Arbeitsunterricht hingegen entwickelt und ſtärkt den Wirklichkeits⸗ und Tatſachenſinn und bleibt ſtets in engſter Beziehung mit dem Leben. Er 1 deshalb die Grundlage aller Erziehung, auch der geiſtig⸗ſittlichen, dient er doch, wie kein anderes Mittel, der moraliſchen Willensbildung und der Er⸗ ziehung zum ſozialen Denken und Handeln; denn die Schule wird durch den Arbeitsunterricht zur freien Bildungsgemeinde, die Klaſſe zur ſolidariſchen Arbeitsgemeinſchaft, die allein eine lebendige, ethiſch⸗ſoziale Erziehung zu ſchaffen vermögen, indem ſte zu gegenſeitiger Hilfsbereitſchaft und zu gegenſeitigem Ver⸗ tändnis erziehen, kurz, das Solidaritätsgefühl und alle ſon⸗ kigen ſozialen Tugenden frühzeitig zur Betätigung kommen aſſen. Der alte Wortunterricht unterband den Pollftünd gen Ablauf der geiſtigen Vorgänge bis zum Handeln. Er ließ die geiſtigen Prozeſſe vorher abbrechen, ehe ſie naturgemäß in Reaktionen, in Handlungen ausgemündet hatte. Deshalb iſt auch das gegen⸗ wärtige Geſchlecht ſo aktionsunfähig, ſo willensſchwach, ſo bar jeder Initiative, deshalb fehlt es uns ſo ſehr an friſch zugreifen⸗ den tatkräftigen Perſönlichkeiten. Der lebendige Betätigungs⸗ drang iſt dem heutigen Geſchecht ia auch in der„Stillſttzſchule“, die nur die Rezeptivität, nicht die Aktivität pflegte, geradezu ſyſtematiſch aberzogen. Das Arbeitsprinzip ſetzt nun an Stelle des autoritativen Wertprinzips das eigene Wahrnehmen, Beobachten und Unter⸗ ſuchen, das Selbſtfindenlaſſen, kurz die Selbſtändigkeit. Gleich⸗ zeitig wird dadurch eine ganz neue Auffaſſung der Arbeit gelehrt. Sie wird zur freigewählten Betätigung zur Luſt an ſinnvollem Schaffen in, mit und für die Gemeinſchaft, während der autori⸗ tative Wortunterricht der Arbeit vielfach den Charakter von etwas Unfreiem, Unangenehmen, ja qualvollen verlieh. In den freien Arbeitsgemeinſchaften der Arbeitsſchule in denen dann der Lehrer nicht mehr Vorgeſetzter, ſondern freige⸗ wählter Führer und Arbeitskamerad iſt, herrſcht natürlich auch ein ganz anderes Verhältnis zum Lehrer, der Schüler unter⸗ einander und damit des Einzelnen gegenüber der Geſamtheit, in der er ſteht, herbeiführen. Das Bewußtſein der gemeinſamen Leiſtung wird allmählich in dem Schüler das Gefühl der Ver⸗ antwortung des Einzelnen gegenüber der Geſamtheit entſtehen laſſen und das Bewußtſein der Abhängigkeit von den Leiſtungen der anderen. Auch darin liegt ein wichtiges Moment für die Erziehung zum ſozialen Denken und Handeln. Dieſe Arbeitsgemeinſchaften werden natürlich auch die Be⸗ fähigungen des Einzelnen viel beſſer und gründlicher erkenneit laſſen, als ſelbſt die ausgeklügelſten experimental⸗pſychologiſchen Ausleſemethoden. Nicht mehr werden Ungeeignete— wie das heute in den höheren Schulen in hohem Maße geſchieht— in den geiſtigen Beruf hineingepreßt, nicht mehr theoretiſch Hochbegabte in manuell⸗techniſche Berufe gezwungen werden. Jede Begabung wird dann zur Ausbildung kommen, und alle Rangunterſchiede zwiſchen Kopf⸗ und Handarbeit werden verſchwinden; denn alls Begabungen gelten ja der Arbeitsſchule als geiſtig gleichwertig und ſozial gleich wichtig. Und dieſe Anſchauung wird ſich ſchließ⸗ lich von der Schule her allmäblich auch auf das ganze ſosiale Leben ausbreiten und ſo die Seſtige Grundlage für eine wahr⸗ hafte ſoziale Kultur ſchaffen helfen. Pipa de Papi So eine Geſchichte Von Frank Dewett Das hätte nun aber doch wirklich nie und nimmer geſchehen dürfen Herr und Frau Moſchus waren außer ſich. Beſonders ſie. mehr als der Baum. Nun bog ſich zwar die kleine Frau Moſchus nicht, trotz des Sturmes, der in ſie gefahren war; aber ſie haſtets mit kleinen flackrigen Trippelſchritichen durch das Zimmer, vo es anders. Das Bäumchen, in das der Sturm s biegt ſich einer Ecke in die andere, ſo, wie ein Stück entlaſſenes Butterbro ——— apier auf der Straße im Wirbel umhertrudelt. Dabei fuhr ſie ch manchmal mit den Händen in das durchaus nicht mehr ſäuber⸗ lich geordnete Haar und Lah allektieſſte Seufzer von ſich und Ogottogotts und perlende Tränchen. Er dagegen, der Herr des Pauſes, laß mit zuſammengeſunkener Maſſigkeit in dem Lehn⸗ ſtuhl, drückte ſeine Augäpfel ſtier zu der gegenüberliegenden Zimmerwand hinüber, tranſpirierte wie ein Boxer und hielt in ſeiner rechten Hand das Dokument, auf dem das Furchtbare zu leſen ſtand. Dann klopfte es glücklicherweiſe an die Tür, worauf ſich durch den inzwiſchen entſtandenen Spalt eine hohe Geſtalt ſchob, die ſo ſchlank war, daß man ſie mager genannt hätte, wenn es nicht eben die von Frau Paſtor Bitterlich geweſen wäre. Deren Ankunft wirkte befreiend. Des Herrn Moſchus Augen ſchnellten um ein Merkliches zurück in die heimatlichen Höhlen, und der maniſchen Zimmerwanderung ſeiner Gattin eröffnete ſich ein anderes Betätigungsfeld. Trauliche Zwieſprache iſt dem Be⸗ drängten ja manchmal ſo heilſam! „Ogott, liebſte, beſte Freundin, wie gut, daß Sie kommen! Sehen Sie mal da(hierbei entriß ſie ihrem Mann das Papier und hielt es der Frau Paſtor vor die hochgelagerten Augen), ſehen Sie mal da, was das Kind uns angetan hat! Mein Gott, unſere AUlrike! Haben wir das um ſie verdient? Sie hatte doch alles bei uns! Erſt vorgeſtern hat ſie noch einen Manikurekaſten bekommen! Und jetzt das! Was machen wir bloß, was machen wir bloß!?“. Die alſo Angeredete und Befragte las mit naturgemäß gierigen Augen den Brief. Als ſie am Ende war, machte ſie ein Geſicht, von dem nicht mit notwendiger Präziſion geſagt werden kann, ob es berechtigtes Mitgefühl oder Schadenfreude ausdrückte. Dann ſchnob ſie los in heimgewohnter Terminologie:„Ja, das habe ich mir ja gleich gedacht! Da haben Sie ja eine ſchöne Schlange an Ihrem Buſen genährt! Dieſes Otterngezücht! Erſt geſtern habe ich noch zu meinem Paſtor geſagt:———“ Was ſie zu ihrem Paſtor geſagt hatte, wird ewig im Dunkel bleiben. Denn während Herr Moſchus in fruchtloſem Bemühen bei ſeiner Frau die von der Paſtorin erwähnten Körperteile zu er⸗ Hähen trachtete, ſprang ihr die unglückliche Mutter wie eine öwin ins Wort und faſt an den Leib: „Waaas?! Otterngezücht? Schlange? Das ſagen Sie, wo Ihre Gören immer, ſo 1 1 8 geſtern noch vom Amtsrichter Ott im Kirchgarten ha keſtern. Wiſſen Sie, jetzt iſt es bald aus mit der Freundſchaft, Und mein abgelegtes Seidengeblümtes, das Sie Ihrem Dienſt⸗ mädchen zu Weihnachten ſchenken wollten, ſ meiße ich doch lieber in den Aichentaſton. ehe Sie es kriegen. Und den großen Alu⸗ miniumtopf wollen Sie uns gefälligſt auch zurückbringen!—— Sag du doch mal ein Wort, Ottokar! Du biſt doch der Vater!“ Der Frau Paſtorin Augen ſanken in Troſtloſigkeit, als ſie die auferlegten Strafen vernahm. Und bei neun Kindern hat man es doch ſo nötig, zu ſparen! Aber da ſchien ſich nichts mehr repa⸗ rieren zu laſſen. Aus war's! Oder doch nicht?? Oh, Hoffnung! Denn Herr Ottokar Moſchus gab die begütigenſten Worte von ſich: „Meine liebe, gute Frau Paſtor! Sie haben ſchon recht! Alles Unglück kommt von den Weibern!— Pipa de Papi nennt ſich das Aas? Und filmen will ſe? Die wer' ick filmen! Mit Knüppeln auf den Steiß!— So, und jetzt gehe ich zur Polizei!“ † ein Papier, auf erumlaufen und Ihre Elsbeth lich feſt Film (Menſchengewühl durch die Sperre kommen!“ Zwei Frauen ſielen ſich weinend und wehklagend in die freundſchaftlichen Arme, während ein Mann das Haus verlieh zur Betätigung leiner väterlichen Anhänglichkeit. Auf dem Fußboden, in einer Ecke, lag einſam und zerknittert zpſer, ai em di MWorte 9 leſes waren g 1 „Liebe Eltern! efreie mich! ehe ein in Glanz un Herrlichkeit! Ich gehe zum Film!— rbſter Euch! Senn⸗ bald wird geworden ſein aus Eurer Tochter Ulrike die berühmte Film⸗ diva Pipa de Papi.“ In derſelben Zeit, da 1 dies begab, fuhr der Grund dieſer dreiſamen Erregung im D⸗Zug Dritter, Richtung Berlin. Dieſer Grund war die holde Inkarnation aller Gründe, die jemals Jünglings⸗ und Elternherzen zu Freud und Leid er⸗ regten: Matt— chemiſchblond, modernlinig und kaliklorazähnig. Es ſtanden ihr Augen im Geſicht wie Vermißmeinnicht in Milch. Zudem war er Höchſiens erſt 2 Jahre über das Alter hinaus, in dem Frauen noch Fingernägel kauen. Mit anderen Worten: Ulrike Moſchus alias Pipa de Papi war, ohne jede Schmeichelei, ſiebenzehn Jahre alt, zeitgemäß ſchon und guietſchfidel. Ihr gegenüber ſaß ein Herr, auf den ſich dieſe ſchmückenden Beiworte keineswegs in allem anwenden ließen. Er war zwar jung, aber ſchön und quietſchfidel war er mit nichten. Auch nicht blond, ſondern dunkel; und ſein neumodiſch niedriger Kragen war kongruent der Höhe ſeiner Stirn. „Otto, warum guckſt du eigentlich an jeder Station ſo auf⸗ geregt aus dem Fenſter?“ fragte Pipa ihr Gegenüber, von dem, da er Otto heißt, der mit labilem Einfühlungsvermögen begahte Leſer ahnen wird, daß er der Sohn des oben in den Mund ge⸗ nommenen Amtsrichters iſt. „Ich? Fenſter? Aufgeregt? Pah— ich und aufgeregt!! Was du nur immer willſt! Wo ich dich doch zum Film bringe! Pyra⸗ midal dumme 1 e!““ „Aber Ottchen! Ich meine ja nur bloß! Du biſt ja ſo fabel⸗ haft mutig, du Frauenentführer! Weißt du, gerade ſo wie der Junge Graf Egon im Roman, der jetzt in der Zeitung ſteht, Schade eigentlich, daß ich jetzt gar nicht erfahre, wie er ausgeht!“ „Fahr doch zurück, wenn die der Roman wichtiger iſt als der ilm! „Aber Ottchen, ich meine ja nur bloß! Ach, du biſt fabelhaft!“ Der fabelhafte Otto lehnte ſich geſchmeichelt in die Abteilecke und ſtellte die Naſe hoch. Dennoch aber niſtete ſich auf ſeine Stirn. auf der ſich trotz des Platzmangels Falten bildeten, etwas ganz Unbeſtimmbares. 1 Dem fließenden Dialog und Ottos Paſchaſeligkeit wurde plötzlich Einhalt geboten, da andererſeits dem Zuge das Ziel „Lehrter Bahnhof“ Einhalt bot. „O, Otto, wie danke ich Dir! Wir ſind am Ziel! Nun be⸗ ginnt das Leben! Ah——“ „Mach lieber, daß wir ſchnell aus dem Zug und mit dem „Aber Ottchen, ich mei——“ „Ach, quatſch nich! Los!?“ Zwei Menſchlein, mit kleinen Koffern, gehen im Gewühl durch die große Halle der Sperre zu. Sie ſtapft aufrecht und froh, während er, wie es ſcheint, ein klein wenig nervös iſt. Der Arbeiterdichter Kurt Kläber Von Rudi Eims(Frankfurt a. M.) Aus den Hochperratsprozeſſen gegen Verleger und Buchhänd⸗ ler revolutionärer Literatur klingt uns der Name Kurt Kläber in die Ohren. Dieſer junge Arbeiterdichter iſt noch we ten Teilen der Arbeiterſchaft unbekannt geblieben, obwohl ſein Schaffen ver⸗ dient, daß man ihm größere Beachtung ſchenkt. Es war Thomas Mann, der ſchon im Vorjahr in einem„Der Nachwuchs“ betitel⸗ ten Artikel des„Berliner Tageblatt“ auf„dieſen jungen Sans⸗ cloten“ aufmerkſam machte, weil ſeine Arbeiten Zeitgedicht ſind, weil er den Rhythmus unſerer Tage meiſterhaft auf gutgeſtimm⸗ ten Sprachinſtrumenten ſchlägt. Kurt Kläber iſt im Proletarierhaus geboren. Als ich ihn vor fünfzehn Jahren kennen lernte, ſtand er im Zeißwerk in Jena an Drehbank und Schraubſtock, um Mechaniker zu werden. Ein kleiner, ſchwächlicher Jüngling aber ein kluger heller Kopf. Be⸗ eiſterter Naturfreund...Imſmer ruhelos... Trotz des ſchwäch⸗ ichen Körpers, heißblütige Empörernatur ſchon damals. Doch er wuchs körperlich und durch intenſive autodidaktiſche Schulung auch geiſtig. Der Krieg kam. Man ſteckte ihn, wie die meiſten von uns, in die Uniform. Draußen an der Front weigerte er ſich zu ſchießen, denn der Krieg brachte ein noch tieferes Denken in ſein Leben. Das rote Blut, das aus den Wunden ſeiner Kameraden in Frankreichs Erde ſickerte, machte ihn zum Sozialiſten. In den Unterſtänden reiften die erſten Verſe. Da er nicht ſchoß, wurde er zu einer Telegraphentruppe verſetzt. Er kam auf alle Kriegs⸗ ſchauplätze, bis hinunter nach Aſien und ſah ein Stück Welt. Dann dem Titel„Die neue Saat“(Jena Volksbuchhandlung) ſeine erſten Gedichte im Druck, die eine ſtarke Begabung verrieten. Kläber war ein„ſchlechter“ Soldat geweſen. Jetzt ſtand er, gleich Ernſt Toller in der vorderſten Front kämpfenden Proletariats. überall. wo Arbeiterblut das Pflaſter rötete, in Berlin, in Halle, im Ruhrgebiet, ſchlug auch er ſein Leben in die Schanzen. Die Kämpfe verebbten. Müde und zerſchlagen tauchte er nach dem Mißerfolg in der Maſſe unter. Er wurde ein Stiller, der ſich ſammelte und am Born des Wiſſens ſchöpfte. Drei Jahre arbeitete er als Bergmann. Dann tritt er wieder in die öffentlichkeit und leitet eine Freie Volkshochſchule in Oberhollabrunn. Später finden wir ihn in derſelben Poſition in Bochum. Eine lange Amerikareiſe brachte ihm neue Erkenntniſſe. Nun kamen endlich die Jahre, wo er das, was er geſehen und erlebte in Poeſie und Proſa geſtalten konnte. Immer blieb er jedoch im engſten Konnex mit den werktätigen Arbeitern. Immer wieder ging er für Monate zurück in die Fabriken und ſo wurde das Lied, das er in ſeinen Dichtungen ſang, das Lied der Arbeit und der Arbeiter. Blutdurchtränkt, lebensnah,— fern von jedem Caféhausliteraten⸗ tum ſind ſeine Schöpfungen. Kläber iſt Arbeiterdichter in des Wortes wahrſter Bedeutung. Drei Bücher legt er uns vor„Revolutionäre“(Roter Türmer⸗ Verlag, Leipzig),„Empörer empor“(Verlag der Spyndikaliſt, Berlin) und„Barrikaden an der Ruhr“, Gedichte, Skizzen und Erzählungen. Man ſpürt ſofort beim Leſen dieſer Arbeiten, daß kein Epigone zu uns ſpricht. Eine urſprüngliche Begabung meiſtert die Sprache. Seine Gedichte ſind frei von falſchen Lyrismen, vollendet in der Form, ſtark in der Melodik. äußerſt bildhaft und laſſen das innere Erleben des Dichters fühlen. Auch die Skizzen und Erzählungen zeugen von großer künſtleriſcher Geſtaltungs⸗ loderten die Flammen der Revolution auf. Jetzt erſchienen unter 1 kraft. Sie ſind Pulsſchläge und Atemzüge der Zeit, die ſie gebar. Ddtto, der die Fahrkarten abgibt, geht als erſter durch die Sperre. Pipa folgt lhm ferſennh. Plötzlich fühlt Otto ſich auf die Schulter geklopft, fährt herum und hört von einem großen, breiten Herrn ſeltſame Worte an lich gerichtet: „Ah. Herr Otto Höhenflug!?!“ „Wowowoher kekennen Sie mich?!“ „Sie ſind alſo wirklich der Herr dieſes Namens? Na, das war ja Anfach. Bitte, folgen Sie mir!“.— Pipa iſt beglückt und fliegt dem freundlichen Herrn ſaſ an den Hals:„Sie ſind alſo der Herr Generaldirektor der Ufa, der uns, wie Otto ſagte, abholen wollte?“ „Gehören Sie zu dieſem jungen Herrn da, mein Fräulein?“ „Aber Herr Generaldirektor! Ich bin doch die——“ „Na, dann kommen Sie auch nur gleich mit! Wir werden dann ja ſehen!“. 1 Der große, breite Herr und Pipa und Otto ſitzen im Auto und fahren durch die Straßen Berlins. Pipa iſt abermals beglückt. So alſo wird es in Zukunft immer gehen! Immer im Auto! Bald auch ſogar im eigenen!! „Aber Ottchen! Du biſt ja lo bedrückt! Und ſchwitzt ja ſo! Biſt Du krank? Sprich doch!!“ Das Auto hält ruckend und der große. breite Herr ſagt: Sttchen, wird ſogleich ſprechen, mein Fräulein! Bitte, ſteigen ie aus!“ Ein großes Haus. Kicht gerade ſchön, aber würdevoll. Darin lange Gänge mit grauen Wänden und vielen Türen. Durch eine von dieſen gehen unſere Bekannten. „Bitte, nehmen Sie Platz!“, ſagt ein Herr, der im Zimmer laß und dem der Große, Breite, etwas ins Ohr geflüſtert hat. Otto und Pipa können nicht umhin, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten. Pipa iſt ein wey g verwundert. 4 „Sagen Sie mal, Herr Höhenflug, wieviel war denn eigent⸗ lich in der Portokaſſe drin?“, fragt dann der Herr hinter dem Pult ganz unverſtändlicherweiſe. „Hundertzweiundſiebzig Mark!“ antwortet ein wenig kärg⸗ lich und zage Otto der Fabelhafte, Mutige, der Frauenentführer, der zudem noch Ahnlichkeit mit einem Romangrafen hat. Pipas Vergißmeinichtaugen ſchießen gewaltig ins Kraut. „So? Na— das iſt ja nett!“ ſpricht der Herr weiter und wendet ſich dann an Pipa: „Und Sie? Wer ſind———“. 1 Das Telephon ſchrillt auf. Der Herr nimmt den Hörer ab und ſpricht in den Apparat. „——— waaas?!——— ja!——“ Dann zu Pipa:„Wie heißen Sie eigentlich?“ „ Pipa de Papi!“.. „Halloh! Sind Sie noch da?— Nein, nicht Urike Hoſchus, londern— ſondern— Pipi de Papa— wenn ich recht ver⸗ ſtanden habe!— Was?— Oder ſo, ja, Pipa de Papi! Ja, iſt Bie durch Zufall!—— Schön! Kommen Sie ſelbſt?— Gut! u 1144. Derſelbe:„Alſo, mein Fräulein de Papi, Sie ſind durchge⸗ brannt? Mit dieſem Portokaſſenkavalier? Sie haben einen etwas eigenartigen Geſchmack! Ich muß Ihnen leider eine Zelle an⸗ weiſen. Hoffentlich fühlen Sie ſich wohl darin, bis Ihr Vater kommt!— Und Sie, Herr Höhenflug! Wir werden uns noch weiter zu unterhalten haben!“ Bactrien, luſtfahrend auf dem Oxus, der jetzt Amu⸗darja heißt. Freunde, glaubt mir! Pipa de Papi wird q niemars mehr ipa de Papi nennen, ſondern fortan nur noch Ulrike Melchus, bis einſt ein anderer St o eine etwas legitimere Entführung vor⸗ nehmen wird. Und an vieles wird ſie ewig denken, ſo z. B.: an die flüchtigen Lettern, die dennoch tief eingegraben in ihrem Sitzileiſch ſtehen. Und Otto Höhenflus?! Na— ja—— Otto Höhenflug—— Samarkand Von Edmund Hoehne Samarkand hat tauſend und eine Nacht durchträumt, doch nicht nur jene kurzen Zeitſpannen, die zwiſchen Sonnenuntergang und ⸗aufgang liegen, ſondern die, von denen die Bibel ſagt, i 15 tauſend Jahre ſeien vor Gott wie ein Tag oder wie eine achtwache. Wie alle Märchen aus tauſend und einer Nacht kann man auch dies nur im Traum ganz erfaſſen; denn es iſt gewoben aus dem Silberglanz des Halbmonds, aus dem Schmelz der Steppen⸗ roſe, dem Schimmer der Farbglaſuren und der blauen Kuppel der ſtolzen Medreſſe Bibi Chanym und dem Grabesdunkel um Timurs, Tamerlans Gruft. Darf ich von Harun al Raſchid nur erzählen, wenn ich in Bagdads Konſulatsbureau meinen Paß vorgezeigt habe? Auch Samarkand habe ich nie betreten, aber ch will ja auch nur Märchen erzählen, zuerſt die der tauſend Nächte, zuletzt das der einen Nacht. Dabei bricht ſchon die tauſendundzweite an. Kein dummes Reiſetagebuch lähmt mein Wiſſen. Der Moſlem geht am liebſten zum Blinden, wenn er Märchen hören will, denn vom Weſen alles Geſchehens ſahen ſeinesgleichen viel mehr. Blinder als der Blinde erzähle ich von Samarkand.„Ich log, mich hab' die Regierung ernannt, Kamele zu kaufen in Samarkand,“ beichte ich wie Liliencron. Niieemand weiß vom Ort Afroſiabs, der Urſtadt auf den nörd⸗ lichen Hügeln, als nur der Sereſſhan. Der aber erzählt nichts weiter. Ehe er es dem Amus⸗daria in die Silberohren flüſtern könnte, verſiegt er im Steppenſand. Nur ein ungeheures Trümmerfeld roher Ziegeln weht hie und da der Steppenwind auf und verdeckt es wieder. Vielleicht ward die Stadt erbaut, ehe der Kuen⸗lün und der Altai ſich aus dem flachen Erdrund auf⸗ falteten, ehe die Arias ſüdwärts gen Indien zogen, die Drawidas verdrängten und die Geſchlechternamen umpflanzten von den Afern des Amufluſſes an die des Ganges. Stand hier die Wiege der Menſ heit— Doch wiſſen wir von Maracanda im Land Sogdiana, der Stadt, die perſiſche Volksetymologie bald leicht in„Samarkand“ wandelte:„Ich ſehe den Ort“. Alexander der Große eroberte die Stadt; die Sogdianer aber, die ſich zur Schlacht ſtellten und wieder empörten, waren Arier. Und immer weiter wußte der Held ſein Weltreich mit immer neuen, weiteren Schutzringen zu umziehen. Den Syrdarja überſchritt er und ſtand am Fuße des Tien⸗ſchan im Herzen Aſiens. Darum heißt bis auf den heutigen Tag ein Steppenſee nach ihm„Iskander Kul“, zeigt man in Fergana eine rote Fahne ſeines Heeres, nennt ſich der Schafhirt im Pamir ſtolz Enkel des Alexander. Wißt ihr, daß der Held ſeinen Freund Klitus in Samarkand erſchlug, weindumpf und gereizt von trunkenem Spott? Hier regierten griechiſche Generäle als Könige über ☛᷑— ☛— Kläbers Dichtungen üben auf den Leſer eine ſtarke ſuggeſtive Wirkung aus. Der junge Dichter hat das in ſeinen Worten, was uns Georg Groß in ſeinen Zeichnungen gibt. Wir ſehen mit ihm das zermarterte Fabrikgeſicht der grauen Bergarbeiterſtädte. Hohl⸗ wangige Frauen, blaſſe, ärmlichgekleidete Kinder, Männner im Arbeitskittel. Wir wittern den Armeleutegeruch in Hinterhäuſer Enge und ſehnen uns mit dem von Not und Elend niedergedrück⸗ ten Proletariat aus ſtickiger Luft nach Sonne und Weite. Mit den Bergleuten fahren wir in die Schächte, fühlen in dunkler Tiefe die Nähe des Todes.„Wir ſtehen an glühenden Feuern...“ am Martinsofen. Mit Kumpels und Hüttenarbeitern demon⸗ ſtrieren wir auf den Straßen... Marſchtritt hallt... Wir mar⸗ ſchieren. Und die Jugend ſingt: „Wir Jungen wollen rote Fahnen tragen blutrote, die ſich in den Winden ballen. Wie Blitze ſich in Wolkenberge krallen, wie Fäuſte in die blaue Himmelsdemut ſchlagen. Wir Jungen wollen rote Fahnen tragen.“ Ein einfacher Arbeiter ſpricht zu uns. Wie Flammen freſſen ſich eine Worte in unſere Herzen. Sie wecken Begeiſterung und Mut. Sein Ruf:„Empörer empor“.. ſtrafft unſere Rücken. Wir hören von einem beſſeren Daſein, von Kämpfen, Tod und Auf⸗ erſtehungstagen. Hoffnungsvoll weiten ſich unſere Augen, denn wir ſehen das leuchtende Bild der Zukunft im Sozialismus „Und ahnen tief in unſeren Herzen den neuen Menſchen wie einen Gott.“ So ſtark wirkt Kläbers Dichtung. Seine reifſte Arbeit„Barri⸗ kaden an der Ruhr“, eine Sammlung von Erzählungen. iſt vom Staatsanwalt beſchlagnahmt worden. In fünf dieſer Erzählungen werden die Kämpfe ſtreikender oder ausgeſperrter Arbeiter mit der Polizei oder Soldaten geſchildert, in der ſechſten das hand⸗ heifliche Vorgehen aufgeregter Frauen von ausoeſperrten Ar⸗ eitern gegen den Arbeitgeber ihrer Männer. Die, in blendendem Stil eſchriebene, anſchauliche Darſtellung der Kämpfe wirkt atem⸗ raubend. Das Buch hält den Leſer von der erſten bis zur letzten Seite in Spannung und iſt eine flammende Anklage gegen die heutige Geſellſchaftsordnung. Dichter, wie Gerhardt Hauptmann und Mann, verbürgten, ſich für den literariſchen Wert des Buches. Es hat nichts genützt. Kläbers Verleger und Buchhändler wurden zu langer Feſtungshaft verurteilt. Kurt Kläber iſt ſtrenger Marxiſt. Trommler der Revolution. „Ich bin dem Blut und dem Temperament nach mehr Empörer, als ein Reformer.“, ſchreibt er von ſich ſelbſt. Er gleicht dem Ferreol in Jules Romaines„Der Diktator“. Wir achten ſeinen glühenden Idealismus und ſchätzen ſeine Dichtungen. Wen die Not dieſer Tage niederdrückt, wer mit Reſignation auf die Kämpfe der Arbeiterſchaft blickt, aber auch der, welcher mit hoffnungs⸗ vollem Herzen in der Front des Proletariats ſteht— leſe Kläbers Bücher. Sein Blut wird bei dieſer Lektüre raſcher pulſen, ſein Kampefsmut neu erſtarken und er wird ſich mit dem Dichter gläubig nach dem Tage ſehnen wo „Wir der Arbeit arme Froner ſind befreit von Nucht und Pein, ſind der Erde kühne Throner, ſind ihr Leben und ihr Sein.“ Aus dieſer Sehnſucht werden neue Taten wachſen. *. Die Gedichtsproben ſind dem Buch„Empörer empor“ ent⸗ nommen. —— 2.———— im Ruſſenland Turkeſtan. Griechiſche Kunſt drang über Hindu⸗ kuſch, Ghandara, Indien, Pamir weit, weit gen Oſten bis China und Japan und lebte weiter, als längſt die letzten Diadochen im Grabe faulten, und aſiatiſche Horden in Samarkands Straßen hockten, die Bildhauer aus Athen einſt mit Marmorbüſten ver⸗ zierten. Fern, aus dem Sand der Mongolei, in Turfan, gruben Dauiſched dif ftern Fen inder, Tiechich.ftatiſcher Vermählung ervor, die jetzt tiefäugig aus tauſend Nächten heraus ins helle Licht Berlins ſchauen. 9— 3 Doch der Vater der Eisberge im ſchneeweißen Haupt, der greiſe Mus⸗tag⸗-ata, ſah ſchon aus der Ferne die grünen Fahnen des Propheten nahen und die Janitſcharen des Kalifen, deſſen Schwert die Welt von Granada bis hierher zur wahren Erkennt⸗ nis Gottes bekehrte. Und nun hebt an das zaubriſche Leuchten des Halbmonds, der Zug der Karawanen, in denen jeder ſcheue Schritt der Kamele ein Gebet Mohammeds war, das Glitzern der Minaretts und Medreſſen voll bunter Fayencen, das Schimmern der Bazare, das Klirren der krummen Säbel ſtolzer Stadtwachen. Bagdad war Gottes, Gottes der ganze Orient, doch Samarkand, der Oſten des gläubigen Oſtens, war das Gebets⸗ tuch zu ſeinen Füßen, das Geheimnis des Islam, das keiner er⸗ gründet, das Märchen der Märchen. Schließt die Augen und denkt an eine ſtille Sommerlaube, in der ihr als Kinder im Buch Tauſendundeine Nacht laſt, vom Prinzen, der als Kaufmann verkleidet Fatme hinter den Haremswänden von Samarkand luchte. Wenn ihr euch erinnert, wißt ihr mehr, als ich oder ein eiſebnedeker ſagen könnte, ſo viel ſagt ein einziges Wort. Ach, bald raſt ein Sturm über die Zauberſtadt hinweg, wie er nie wieder die Erde zerzauſt hat. Dſchingis Söale ene ein, und ein einziges Mal vermag der Serefſhan den Amufluß zu erreichen, geſtaut vordrängend voll roten Bluts. Fatmes af, h Schleier kleben an der ſchmierigen Hand des Tataren, der raſend Ai tierdſcber Brunſt ihre Kehle zerbeißt und den geſchändeten eib mit dem Leichnam des zarten Prinzen verhöhnt. Die fünf⸗ hundertſte Nacht iſt tiefrot von brandiger Glut und verſchleiert vom Rauch der Städte. Ein hölzerner Götze vom Tal des Tarim blinzelt jetzt in die ſtinkenden Schwaden und grinſt, und ſchwarzer Schorf vom Opferblut granatblütenheller Mädchen, ſchön wie Huris, blättert hart von ihm herab, als man ihn auf⸗ lidt au⸗ Weiterfaßrt weſtwärts, weſtwärts bis zu Schleſiens Auen. Als der Khan der Welt ſtarb, ſein Sohn Tſchagatai ſei zerbröckeltes Rieſenreich erbte, ſie, da hatten 29 Michagat laſean ihren Götzen verbrannt, und die Sieger beteten fromm zum wahren Gott der Beſiegten. Und der große Enkel des gewaltigen Erdreichbezwingers, Timur Lenk, den ihr weſtlich dumm Tamer⸗ lan nennt, wohnte in Samarkand als ſeiner Hauptſtadt, diente dem Propheten, und die ſtolzeſten Wunderbauten, welche ſie je ſah, die errichtete erſt er. Gur Emir heißt das edle, ſchöne, er⸗ habene Mauſoleum, in dem der, vor dem die Welt wieder er⸗ zitterte, unter einem Nephriten ruht, dem größten, den die Welt kennt. Bibi Chanym,„Königin Bibi“, heißt die Medreſſe zu Ehren leiner Odaliske, der ſchwarzäugigen Prinzeſſin aus China, deren Schuhe, aus der Haut indiſcher Könige geſchnitten, über Teppiche aus den Haaren verſiſcher Fürſtinnen wandelten, wenn ſie die Lieder des Hafis ſang oder dem Vortrag von Allek Beg, dem gewaltigen Aſtronomen, lauſchte über die Wunder des Himmels oder über die lächerlichen Franken, die nur ſchlecht wie unbegabte Schüler den Lauf der Sterne berechnen konnten mit arulenige Marthenani. Die,Goit läſterten durch den Glauben n ſeine Dreifältigkeit wie blinde Heiden, und die doch ſich b dünkten als rechtgläubige Moslim. die doch ſich begſe Längſt hatte der Weſten Samarkand vergeſſen, kaum, daß ein Apotheker von der Herkunft der Wurzel Welnebe rades da horchten eure Großväter auf, weil wieder hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderſchlugen. Die Ruſſen zogen ein in Timurs Stadt und ſeine AUrenkel, die Emire von Khiwa und Buchara, wurden Moskaus Vaſallen. Längſt hatten ſich die Völker dort gewandelt, zerſetzt, vermiſcht; Turkmenen, Usbeken, Sarten und Kirgiſen nannten ſie ſich. Noch immer herrſchte der Emir, gewalttätig über die Seinen, wurden ihm die Jungfrauen des Landes zugeführt zu rechtloſer Schande, doch ſein Staat war machtlos, ſein Heer eine zerlumpte Farcce einer Truppe. Samarkand war nicht mehr Hauptſtadt, die ſtolzen Bauten Timurs verkamen, in ſtinkenden Straßen rauften ſich ſchmutzige Sarten um ihre Batſchas, die feilen Tanzbuben, während ſich ihre Weiber heimlich nach Paikabak ſtahlen, dem Hurenviertel für ruſſiſche Sergeanten, die auf dem Heimweg tücki i Glaminpfuhle Setofend myeben. 5 9 lcilch in So endeten tauſend Rächte. nuuaßfe Rornan ſchte. Der Weltkrieg ging auf wie „Nun kommt die eine Nacht. Und das Heute. Nicht mehr heißt das Land Sogdiana noch Bactrien 13 uts Hecht mehr Es nennt ſich Sowjetrepublik Usbekiſtan, und ſein Präſident iſt wirklich ein Usbeke. Aber die Ruſſen regieren mehr denn zuvor, nicht nur die Leiber, auch die Seelen. Sie bauen Schulen, ver⸗ anſtalten Umzüge, leſen öffentlich unter rotflatternden Fahnen aus dem Koran vor und beweiſen, daß der Prophet den Kom⸗ munismus gewollt und verkündet habe. Sie ſuchen die klügſten Sartenjünglinge aus und ſenden ſie auf die rote Univerſität des Orients zu Moskau. Sie betonieren das Fundament von Gur Emir und Bibi Chanym, die Zeugen alter Weltherrſchaft, F' — die eine neue ſchauen ſollen. Geheimboten ziehen über den Hindukuſch nach Indien, durch Oſtturkeſtan nach China, und wo ſie weilten, glimmt der Haß gegen England heißer hoch. Schon flackert er empor, ſchon brennt Südchina und Sawa, kommt die anſendundiweite Nacht? Lenin trug Tatarenzüge wie Dſchingis han. Welch geheimnisvolle Zentrifugalkraft treibt von Samarkand aus über die Welt, Völker, Reiche, Ideen? Iſt hier der Nabel der Erde? In den verlorenen Tälern des Pamir hauſen die letzten, älteſten Arier aus ſogdianiſcher Steppe; ihre armſelige Sirtenſprache iſt der Urahn des Sanſkrit. Fern von Buchara und Samar and läuft der Tadſchik nicht Gefahr, vom neuen roten Bactrerſchnaps mehr zu trinken, als er zahlen kann. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M. Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle lceikten nd Lbunzes zu ſurdea ünd Wie löſe ich einen Dreizüger? Von W. Roscher, Dresden,(1. Fortsotzung.) Schon in moeinem letzten Aufsatz schrieb ich, daß wir bei der„Böhmischen Schule“ wohl otwas läunger werden verweilen müssen. Diese ist durch das ver- schiedenartige Zusammenarbeiten der einzeinen Kräfte so vielgestaltig, daß ein einfacher Hinweis noch lange nicht das„Lösen“ lehrt. Man spricht in der „Böhmischen Schule“ viel vom„Spiel mit der Kraft“; es gibt aber auch Auf- gaben, bel denen man ein ganz vorzügliches„Spiel im Raum* vorfindot.. Ein besonders schönes Gebiet innerhalb der„Böhmischen Schule“ sind die Aufgaben mit Echomattbildern. Eine solche wollen wir oinmal zur Hand nehmene Aufgabe Nr. 108 Fr. Havelka, Prag. Svetozor 18. 12. 1918. — 2 5), ſh b Matt in 3 Zuügen. 4 Kontrollstellung. Weiß: Kes; Ddz; Tas. Schwarz: Ke4; Bb6, e5, (3:4.) Wies immer lautet die erste Frage wieder: Kann der schwarze König ziehen? Jawohl, ihm stehen die Felder bö und dö zur Verfügung. Bei dieser Feststellung bemerken wir aber auch gleich, daß es keine Mattmöglichkeit mehr gibt, wenn der schwarze Monarch einmal das Freie gewonnen haf. Also: Nach dõ darf er nichtl Dies Fluchtfeld muß ihm daher genommen werden; das ist nur mit der Dame zu bewerkstelligen. Also ziehen wir frisch: 1. Dg5.— Ich möchte bei dieser Gelegenheit gleich einmal betonen, daß dieser Fluchtfeldraub in dieser Aufgabe nichts schaden würde, denn der schwarze König erhält ja für das genommene wieder ein neues Fluchtfeld(b4).— Also Dgõö hatten wir gezogen, Schwarz be- antwortet dies mit Kb4. Jetzt ist es aber zu Ende, denn wie wollen wir denn nun das Mattnetz schließen? Der angegriffene Turm muß ja auch ziehen. 1. Dgꝰ 2 kann also nicht richtig gewesen sein, denn es gibt keine Fortsetzung. Geht denn aber das Feld dö nicht auch von wo anders zu decken? Da bleibt nur noch ein Weg, nämlich 1. Dg! Wir wollen dies einmal versuchen. Zieht nach diesem Schlüssel dor K nach b-, so folgt natürlich 2. Db2+, der schwarze König mufl nach c4 zurdck und dann gibt die Dame auf b ein überraschend schönes Matt. Das Matt ist vollkommon rein. Man behalte diese Mattstellung im Gedächtnist Vom Turm gedeckt, gibt die Dame matt, die beiden von der Dame nicht be- strichenen Felder blockieren zwei schwarze Bauern.— Zieht Schwarz im ersten Zuge d4— d!, so setzt Weiß mit Dg2— 4 † fort. Jetzt bleibt dem schwarzen König nur die Flucht nach bö übrig, und wieder gibt die Dame ein so Schönes Matt, diesmal auf a4. Man beachte wieder die Stellung der Figuren zu einander, es ist genau wie bei der ersten Mattstellung: Vom Turm gedeckt, gibt die Dame matt, zwei schwarze Bauern blockieren die von der Dame nicht gedeckten Felder. Nur ist die ganze Mattstellung um ein Feld verschoben. Solche Aufgaben, in denen mehrere gleiche Mattstellungen vorkommen, nennt man Echomattbilder- aufgaben. Die Mattbilder gehen natürlich zu variieren, es gibt Aufgaben mit 3 oder 4 gleichen Mattstellungen. Natürlich kann sich Schwarz in der obigon Aufgabe auch noch anders ver- teidigen. Zieht z. B. der König im ersten Luge nach b5, so folgt 2. Tb3, Ko45 3. Dgs matt. Auch diese Mattstellung ist wieder sehr schön. Alle vorhandenen Kraäfte sind voll ausgentttzt. Es bliebe dem Schwarzen nun noch der Zug bö— b5 übrig, darauf folgt 2. Dg8+, Kbé4; 3. Db3 matt. Auch diese Aufgabe ist auf Zugzwang aufgebaut. Sie ist übrigoens ein drastisches Beispiel vom„Spiel mit der Kraft“*. Man beachte, wie bei jeder Mattstellung die Kräfto der Figuren ausgontttzt sind, keino stebt arbeitslos auf dom Brette herum. Ubrigens fdällt die Aufgabe auch unter die Miniaturen, sie hat nur 7 Steine. Gerade bei„böhmischen“ Aufgaben ist das sehr oft der Fall. Wir worden noch eine woitere Aufgabe dieser Art kennen lornon. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 4νᷣ A r I Arhbes is Eren tes Ret s 1 — 68 Fhnen, Herr Pemzepal, wünſche ich ma gaben, die Jugend —ᷓ nzt, iſt —— N —‿ s glä für den daß Sie mit harten Stiefeln und dünnen Klamotten zur Arbeit trotten, daß Sie neun oder gar zehn Stunden an der Maſchine ſteh'n, und dann müde und hungrig nach Hauſe zieh'n. Sie eſſen, unterhalten ſich eine Weile, legen ſich nieder, erwachen wieder am frühen Morgen, und mit Ihnen die Sorgen. Und am Zahltag— die paar Moneten ſind auch ſchon flöten. Miete, Gas, das bißchen Freſſen, Kohlen abzahlen noch vergeſſen, und Kleidung iſt nebenan. Das iſt der Segen der Arbeit! Es mangelt an allen Ecken und Enden, und Sie ſtehen da— mit leeren Händen. Und die Kinder ſehen Sie an— Das, Herr Prinzipal, wünſche ich Ihnen einmal. Einmal wünſche ich Ihnen, daß Ihr Direktor, oder Inſpektor nicht gut geſchlafen hat.. Er ſchreit Sie an,* droht mit Entlaſſung, und Sie außer Faſſung, müſſen ſchweigen, laſſen alles über ſich ergeh'n, weil draußen tauſend andere ſteh'n. Das, Herr Prinzipal, wünſche ich Ihnen einmal. Sie machen ein unwilliges Geſicht? Sie würden ſich das nicht gefallen laſſen? Gut. Dann wehren Sie ſich, packen mal ordentlich aus — und fliegen'raus. Dann können Sie ſtempeln geh'n bis Sie mürbe ſind — und fangen dann wieder von vorne an. So ein Daſein, Herr Prinzipal, wünſche ich Ihnen einmal. Alfred Merkwitschka. Die ſozialpädagogiſche Bedeutung der Schulgemeinde EErziehung zur Demokratie und zum Gemeinſinn Von Prof. Dr. M. H. Baege(Oberurſel) Die Idee des ſozialen Volksſtaates ſetzt unbedingt voraus, daß ſeine Bürger gewillt und befähigt ſind zur Selbſtbeſtimmung, Selbſtverwaltung und Selbſterziehung, ſowie zu ſozialem Denken und Handeln. Es iſ deshalb eine der pädagogiſchen Hauptauf⸗ die ſchon zum rechten Gebrauch der Freiheit, zur Selbſtdiſziplin, zu freiwilliger Einordnung in die Gemeinſchaft und zu werktätigem Gemeinſinn zu erziehen. Wie im Staate, ſo herrſchte auch in der Schule bisher das Bevormundungs⸗ und Beaufſichtigungsſyſtem. Die alte Erziehung — „das Echte bleibt der Nachwelt unverloren Auge —nnnnn—j—õnB——ꝶ — — 4— ſtand unter dem Zeichen der Herrſchſucht, ſie knechtete den Zögling, indem ſie ihn unter die Herrſchaft ſtarrer pädagogiſcher Dogmen ſtellte. Sie unterdrückte meiſt den geſunden Drang zur Freiheit, ſtatt ihn frühzeitig zu benutzen und in die richtigen Bahnen zu lenken. Weil ſie ſo verfuhr, wurde ſie vom Zögling als etwas ihm Fremdes, ja Feindliches empfunden, deſſen jegliche Eigenart ſtötenden Einwirkungen er ſich möglichſt zu entziehen oder gar ent⸗ gegenzuſtemmen ſuchte. Das alte abſolutiſtiſche Erziehungsideal ſtändiger Bevormundung muß nun aber fallen und dem demo⸗ kratiſchen Erziehungsideal freier Selbſtbeſtimmung Platz machen; denn die Maßnahmen der bisherigen Schulzucht entſprechen nicht mehr den Aufgaben neuer Zeit. Erziehen heißt: Führen zur Selb⸗ ſtändigkeit, Hinleiten zum rechten Gebrauch der Freiheit. Alle wahre Erziehung muß ſich ſchließlich ſelbſt unnötig machen. Damit ergeben ſich neue Aufgaben für die Geſtaltung der Schulzucht. Das neue Erziehungsideal der freien, ſelbſtverantwortlichen Perſön⸗ lichkeit verlangt, daß an Stelle des ſelbſtherrlichen Zwanges, der abſolutiſtiſchen Befehlsmethode die Erziehung zur Selbſtdiſziplin und zur freiwilligen Einordnung in die Gemeinſchaft tritt. 4 Die erzieheriſche Aufgabe, die der Lehrer in der Schule bis⸗ her zu leiſten hatte, war in der Hauptſache eigentlich ein toter Polizeidienſt. Das alte auf unbedingter Autorität aufgebaute Schulſyſtem zwang den Lehrer in die unwürdige Rolle eines Aufpaſſers, ja Büttels. Seine Autorität war meiſtens auf äußere Macht baſiert. Der barſche Kommandoton des Kaſernen⸗ hofes erſcholl deshalb auch vielfach im Schulhauſe. Der Lehrer hatte den Schülern gegenüber immer recht. Er war unfehlbar, unbedingter Herr ſeiner Klaſſe, der von Schülerfragen nicht un⸗ terbrochen werden durfte und den Schülermeinungen nichts an⸗ gingen. Wehe dem Schüler, der ſich erlaubte, eine eigene Meinung zu haben oder gar der des Lehrers entgegenzutreten! Was Wunder, daß der Lehrer deshalb von der Jugend als der gefürchtete Vorgeſetzte, ja vielfach geradezu als der Feind empfunden wurde, gegen den alle Liſten und Schliche im Klein⸗ kriege der Schule galten. Dadurch entſtand eine Atmoſphäre ſtärkſten Mißtrauens, ja hier und da erbittertſter Feindſchaft, die natärlich eine wahrhafte und fruchtbare Erziehungsarbeit von vornherein unmöglich machte. G Die Grundlage aller wahren Erziehung bildet aber gerade das gegenſeitige Vertrauen. Nur der Lehrer wird auf die Jugend einen wirklich erzieheriſchen Einfluß ausüben können, der das Vertrauen der Jugend genießt. Dieſes Vertrauen kann er ſich aber nur dadurch erringen, daß er ſeinen Zöglingen nicht als Vorgeſetzter, als der Herrſcher in der Klaſſe, ſondern als der treue Helfer und verſtändnisvolle Berater entgegentritt. Er⸗ ziehen heißt, die Eigenart des Zöglings zu ſeinem und der Ge⸗ meinſchaft Wohle entfalten helfen, das kann aber nicht geſchehen durch herriſches Bevormunden und mißtrauiſches Beaufſichtigen und Herumſchnüffeln, durch kleinliches Nörgeln und Tadeln oder ſtändiges Moralpredigen, ſondern durch liebevolles Eingehen auf die Eigenart des Zöglings und durch Vertrauen auf das Gute in ihm. Wir wieſen ſchon in dem Aufſatz über den Arbeits⸗ unterricht darauf hin, daß mit dem Üübergang von der Memorier⸗ und Wort⸗ zur Arbeits⸗ und Tatſchule ſich auch ſofort das Ver⸗ hältnis zwiſchen Lehrer und Schüler fundamental ändern würde. In der Arbeitſchule iſt der Lehrer eben nicht mehr der unnab⸗ bare Vorgeſetzte und unbedingte Herrſcher der Klaſſe, ſondern freigewählter Führer und Arbeitskamerad der Jugend. Damit ändert 19 ſelbſtverſtändlich auch die Stellung des Lebrers zu ſeiner Arbeitsgemeinſchaft, zu ſeiner Klaſſe. Während er früher ſeine Anordnungen in vollſter Unabhängigkeit von ſeinen Schülern treffen konnte, muß er jetzt die Willensmeinung ſeiner Klaſſe berückſichtigen, kann er nur dann etwas erfolgreich an⸗ ordnen, wenn er die Mehrheit für ſich hat. Das Kameradſchafts⸗ verhältnis der Arbeitgemeinſchaft bringt das notwendigerweiſe ſo mit ſich. Damit iſt aber der entſcheidende Schritt zur Demo⸗ „kratiſierung der Schuldiſziplin getan. Das Handeln und Ver⸗ „halten wird jetzt dem Schüler nicht mehr anbefohlen und genau vorgeſchrieben, ſondern erwächſt organiſch aus den Formen ſeiner Betätigung und den Bedürfniſſen ſeines Lebens und ſeiner Ar⸗ beitsgemeinſchaft. Die Klaſſe iſt nicht mehr, wie bisher, ledig⸗ lich Obiekt, ſondern Subiekt der Schulzucht. Die Schülerſchaft entſcheidet über ihr Tun ſelbſt und nimmt damit ihr Schickſal in Müſcheidet Hand. So kann alſo ſchon in der Schule eine plan⸗ mäßige Erziehung zur Selbſtbeſtimmung und Selbſtverwaltung, d. h. alſo zur Demokratie ſtattfinden. Eine ſchablonenhafte Nach⸗ ahmung der herkömmlichen ſtaatlichen Verwaltung und Re⸗ gierung durch die Schule iſt dazu nicht vonnöten. Die An⸗ bahnung einer Selbſterziehung, die Erwerbung der Fähigkeit unter eigener Verantwortung ſich das Leben zu geſtalten, iſt das Wichtigſte, der Kerngedanke der Schulgemeinde. Welche ſpezielle Form ſie in jedem einzelnen Falle annimmt, das wird von allerlei äußeren Umſtänden abhängen. Die Hauptſache iſt nur, daß ſie auch wirklich etwas organiſch Gewachſenes, ein ſo⸗ zialer Organismus, nicht etwas von außen Aufgepfropftes iſt. Wir wollen die Jugend aber nicht nur zum richtigen Ge⸗ brauch der Freiheit, ſondern auch zu werktätigem Gemeinſinn, zur Arbeit im Dienſte der Gemeinſchaft erziehen, und auch dazu iſt die Schulgemeinde die geeigneteſte Inſtitution. Sie iſt ja nichts anderes, als eine konſequente Fortbildung des ſchon im Begriff der„Schul⸗Klaſſe“ liegenden Charakters einer Gemeinſchaft. Durch die Schulgemeinde ſoll dieſe Gemeinſchaft ſyſtematiſch für die Erziehung zu ſozialem Denken und Handeln nutzbar gemacht werden. Damit nämlich ſoziale Geſinnung entſtehen, ein ſitt⸗ licher Charakter ſich bilden kann, muß Gelegenheit zu praktiſch⸗ jozialer Betätigung da ſein. Die iſt aber nicht gegeben in der Vereinzelung eines intellektualiſtiſchen Unterrichts, wie ihn die heutige Schule betreibt, ſondern nur in einem vielgeſtaltigen lebendigen Gemeinſchaftsleben. Deshalb iſt die Erweiterung der Arbeitsgemeinſchaft der Klaſſe zur Schulgemeinde auch eine not⸗ wendige Forderung ſozialethiſcher Erziehung. Die Schulgemeinde allein gibt Gelegenheit, alle ſozialen Triebe in Tätigkeit zu ſetzen. Sie allein fördert beim Zögling auch die Erkenntnis, daß die Menſchen in mannigfachſter Beziehung und Abhängigkeit zu⸗ einander ſtehen, eine große Einheit bilden und daß der einzelne deshalb nicht nach ſeinem Belieben handeln darf, weil ſein Tun und Laſſen für das Wohl und Wehe ſeiner Mitmenſchen von Be⸗ deutung iſt. Das egoiſtiſche und vielfach ein ekles Strebertum züchtende Syſtem der alten Schule wird in der Schulgemeinde durch das altruiſtiſche erſetzt. Während früher die Schule den Eigennutz und die Selbſtſucht durch das Verbot gegenſeitiger Hilfe, die ja geradezu als ein Verbrechen galt, beinahe ſyſtematiſch züchtete, wird in den Ar⸗ beitsgemeinſchaften und ſonſtigen Einrichtungen der Schul⸗ gemeinde der ſoziale Urinſtinkt gegenſeitiger Hilfe zu vertieftem Solidaritätsgefühl, zu freudiger Einordnung in die ſoziale Orga⸗ niſation, zu gegenſeitigem Verſtehen und ſich Geltenlaſſen, kurz zu bewußtem ſozialen Denken und Handeln ſich organiſch ent⸗ wickeln. Das Leben in der Schulgemeinde iſt ſo zugleich die frucht⸗ barſte und lebendigſte Form volksbürgerlicher Erziehung; denn nur was den ganzen Menſchen packt, wirkt nachhaltig auf ſein Verhalten, nicht aber eine ganz einſeitig intellektuelle Belehrung, wie ſie im ſogenannten ſtaatsbürgerlichen Schulunterricht ver⸗ ſucht worden iſt. Es iſt ferner auch in der Hinſicht ein außerordent⸗ lich wichtiges Erziehungsmittel, daß es die Entſtehung jenes von der alten Schule geradezu ſyſtematiſch gezüchteten. völlig unpoli⸗ tiſchen Typs des Intellektuellen verhindern wird der ſich vom öffentlichen Leben glaubte zurückhalten und lediglich ſeinen per⸗ ſönlichen Anlagen und Neigungen widmen zu dürſen, und der dadurch zweiſellos die Entgeiſtigung der Politik und unſeres ganzen öffentlichen Lebens ſtark mitverſchuldet hat. E— Vom Anwelttergebiet im Erzgebirge Was ich jetzt ſelbſt jah und was mir die Leute dort erzählten Stilles Tal Wenn man von Dresden ſtromaufwärts bis Heidenau fähr:, ſieht man dort ein kleines Flüßchen in die Elbe münden, die Müg⸗ litz. Sie kommt aus dem oberen Erzgebirge und durcheilt in ſchnellem Lauf ein enges Tal von zirka 30 Kilometer Länge. Wer jemals dieſes Tal auf⸗ oder abwärtsging freute ſich immer über dies herrliche Fleckchen Erde. Zu beiden Seiten von hohen Felſen eingeſchloſſen, bildet ſich ein enges Talbecken von manchmal nur 50 Meter Breite. Jede Biegung— und deren gibts gar viele— zeigt ein anderes Bild. Längs der Talſtraße zieht die Landſtraße dem Flüßchen entlang und daneben fährt noch eine Kleinbahn und ſchlängelt ſich über 28 Brücken einmal rechts, einmal links der Müglitz, das Tal entlang. Kleine Orte mit alten, niedrigen Häuschen aus Lehmfachwerk wechſeln ab mit Mühlen und Papier⸗ fabriken, neben denen feſte Wohnhäuſer für die Beamten ſtehen. An den ſteilen Hängen werden die wenigen waldloſen Stellen in mühſeliger Arbeit von den Leuten beſtellt, die ſonſt in den Mühlen und Fabriken beſchäftigt ſind. In Glashütte iſt Uhren⸗ induſtrie, die ſich nur ſchwer gegen die Schweizer Konkurrenz halten kann und viel Arbeit als billige Hausarbeit vergibt. Arme Leute wohnen in dem Tal, aber ſie ſind zufrieden, wie denn die erzgebirgige Zufriedenheit geradezu ſprichwörtlich geworden iſt. Fine furchtbare Nacht Ein drückend ſchwüler Tag geht zu Ende. Aus der Ferne ſieht man Wetterleuchten. Müde geſchafft gehen die Leute ins Betr. Ein ſchweres Gewitter geht über die felſigen Höher und zieht bald wieder ab. Die Leute im Tal ſchlafen nun ruhig. Nach einer Stunde durckzucken wieder Blitze den ſchwarzen Nachthimmel, Donner krachen und ſtrömender Regen praſſelt hernieder. Noch weiß niemand im Tal, was ſich zu gleicher Stunde oben im Ge⸗ birge, an der Waſſerſcheide, ereignet hat. Hier iſt ein Wolkenbruch niedergegangen und gewaltige Waſſermaſſen brauſen zu Tal. Ein kleiner Teil fließt die ſteilen Hänge nach der Tſchechoſtomakei hinab, während der Hauptteil ſich in die Müglitz und die Gott⸗ leuba ergießt. In raſendem Tempo eilt die ſtrömende Flut und reißt alles mit ſich, was ihr im Wege ſteht. Am ſchlimmſten iſt die Wirkung an den Stellen, wo das Tal eine Biegung macht. Bis über vier Meter ſteigt das Waſſer an und nichts vermag es auf⸗ zuhalten.— Erſchreckt von dem Getöſe ſpringen Menſchen aus dem Bett und drehen am Lichtſchalter— es bleibt dunkel— in wahnſinniger Angſt wollen ſie auf die Straße und werden hier vom Strudel erfaßt und weggeriſſen. Wer dennoch herauskommt, ſucht im Dunkeln nach einem Halt, der bald keiner mehr iſt, weil er auch mit weggeriſſen wird. Schreien und Stöhnen von Menſchen und Tieren, Wimmern von Kindern und Verletzten— und alles übertönt vom Gebrüll der Waſſermaſſen und vom Getöſe krachen⸗ der Balken und Bäume.— Eine neue Sintflut. Tod und Verwüſtung Der Tag fängt kaum an zu grauen, da wälzen ſich ſchlammige Fluten in die Elbe und bringen Holz, Möbel, totes Vieh und Menſchenleichen. Noch weiß niemand, was eigentlich paſſiert iſt, denn Telephon und Telegranh ſind kaputt Aber man ahnt das Schlimmſte und alarmiert. Hilfstruppen ſtellen ſich zuſammen und noch halb im Dunkeln verſuchen die erſten vorzudringen, kommen — Goethes unchriſtzicher Cyriſtzan“ J. C. Ehrmann zum Gedächtnis(† 13. Auguſt 1827) Von Juliuns Jacob Straub Zu den eigenartigſten unter den Leuten, die ſich rühmen durf⸗ ten, mit Goethe bekannt geweſen zu ſein, und zu den merkwürdig⸗ ſten Menſchen, die je das Frankfurter Bürgerrecht beſeſſen haben, gehört der in Strab urg am 29. April 1749 geborene Jo⸗ hann Chriſtian Ehrmann. Sein gleichnamiger Vater(1710 bis 1797) lebte in der Münſterſtadt als praktiſcher Arzt und Profeſſor der Medizin, deſſen Vorleſungen 1770 und 1771 auch Goethe hörte. Bei dieſer Gelegenheit wurde der junge Frankfurter mit dem vier Monate älteren Profeſſorſprößling bekannt, der zur gleichen Zeit Heilkunde ſtudierte. Der junge Ehrmann ſcheint ſchon früh Lebensführung verſpürt zu haben, wenn auch vieles von dem, was über ihn berichtet wird, mehr oder weniger übertrieben ſein dürfte. Wenigſtens läßt ſich weder nach Zeit, Ort uſw. die Schil⸗ derung ſeines Zweikampfes, noch die ſeiner Flucht nach Baſel, wo er am 8. Dezember 1772 den Doktorhut erlangte mit dem— wie Profeſſor Voelcker neuerdings feſtgeſtellt hat— auf dem Stadt⸗ archiv in den„Ratsſupplicationen“ aufbewahrten Bürgerrechts⸗ geſuch und den dieſem beigehefteten Urkunden in Einklang bringen. Ehrmann kam zu Ende der Siebziger Jahre des vorigen Jahr⸗ hunderts vermutlich über Mainz nach Frankfurt, wo er 1779 in die Reihe der ausübenden Ärzte aufgenommen wurde. Im gleichen Jahre heiratete er hier eine Schweſter des Philologen Philipp Buttmann(1764 bis 1829), die 1870 ſtarb Sie muß ihren Gatten, ebenſo wie dieſer ſie, ſehr geliebt HeTen, denn es war nicht leicht Luſt zu ſeltſamer EE mit ihm auszukommen. Hat er ſie doch, als ſie eines Tages zur verabredeten Stunde nicht pünktlich zu Hauſe war, öffentlich aus⸗ ſchellen laſſen, ſo daß ſich die Armſte eine ganze Weile nicht auf die Straße getraute. Von den beiden Kindern aus dieſer Ehe ſtarb der jüngere Sohn ſchon früh, der ältere fiel im achtzehnten Lebensjahre im Zweikampf. Den Verluſt betrachtete Ehrmann im Hinblick auf ſein obenerwähntes Duell, in dem er einen fran⸗ zöſiſchen Offizier getötet haben ſoll, als eine— wie Prene berich⸗ tet— Art Vergeltung des Schickſals. Ehrmann war hier, trotz oder vielleicht auch wegen ſeiner Schrullen und Eigenheiten, einer der geſuchteſten Ärzte, der bei den einfacheren Klaſſen in dem Rufe ſtand, ein Wunderdoktor und Wundermann zu ſein. 1793 wurde er Garniſonarzt, 1804 Arzt am Rochusſpital. 1808 trat er unter der großherzoglichen Regierung als Medizinalrat in den Ruhe⸗ ſtand und widmete ſich fortan wieder ganz der Privatpraxis, den Studien und ſeinen Liebhabereien. Um die Geſundheitspflege in Frankfurt ga M. hat er ſich die größten Verdienſte ermorben. Er war neben Dr. Melber kletzter Arzt der Frau Rat. Mit ſeinen Kollegen vertrug er ſich— einzelne ausgenommen— ſchlecht. Als rückſichtsloſer Draufgänger überſchritt er in ſeinen Streitſchriften wider die„Brutalimpfmeiſter“ Sömmering— den er als Ana⸗ tom hochachtete— und Lehr jedes Maaß. Ehrmann iſt der Verfaſſer einer ganzen Reihe meiſt ſatiriſcher Schriften, von denen er die Mehrzahl unter Decknamen veröffent⸗ licht hat. In einer derſelhen.„Ex Museo Moguntino“, in der er die Altertumsforſcher verſpottet, die eine neue Paſtetenform für ein altrömiſches Fundſtück gehalten hatten lieſt man u. a. fol⸗ gende ortskundliche Anekdote:„In Sachſenhauſen bei Frankfurt ſang man noch im 16. Jahrhundert das Lied der Kirche:„In. duléi Jubilo“; im zweiten Vers kommen die Worte vor— 0 „ aber ſchwer vorwärts, denn die Flut iſt noch zu hoch. Inzwiſchen iſt Dresden alarmiert und in Autos kommen nun Pioniere, Reichswehr, Feuerwehren, Sanitäter und freiwillige Hilfstrupps. Das Waſſer fällt allmählich und man dringt vor. Was ſich nun dem Auge bietet, überſteigt an Grauenhaftigkeit alle Möglich⸗ keiten der Vorſtellung. Faſt alle Brücken ſind weggeriſſen, die ſtärk⸗ ſten Eiſenträger wie Draht verbogen, die Straße aufgeriſſen, die Schienen der Kleinbahn mitſamt den Schwellen wie Korkzieher verdreht. Häuſer umgeſtürzt und fortgeſchwemmt, Eiſenbahnwagen umgeworfen und über alles ausgebreitet, wie ein braunes Leichentuch, hoher Schlamm. In den Häuſern liegen Tote oder hängen eingeklemmt zwiſchen Balken und Geröll im Geſtrüpp. Die Vorgärten der Häuſer ſind verſchüttet. aber an den Spitzen der Stöcke blühen rote und weiße Roſen, während der Stamm ver⸗ dreht und entwurzelt iſt. Die Betroffenen laufen zwiſchen all dem umher und haben wohl für immer das Lachen verlernt. Iſt ein Haus nicht umgefallen, ſo ſind Löcher darin und das Fundament iſt unterſpült.„In den öden Fenſterhöhlen wohnt das Grauen.“ Liebesgaben Wer mit dem Leben davongekommen iſt, hat meiſt ſein bißchen Hab und Gut verloren. Jeder Menſch fühlt, daß hier geholfen werden muß, und zwar ſchnell. überall wird deshalb zu Samm⸗ lungen aufgerufen und es gehen auch Gelder ein. Aber all das ſind nur Tropfen auf einen heißen Stein. Die meiſten der Be⸗ troffenen haben nur das nackte Leben gerettet. Alſo müſſen erſt Kleider geſammelt werden. Aus den Orten an der Elbe, die über⸗ wiegend von Proletariern bewohnt ſind, kommen bald die erſten Wagen mit Kleidern und Wäſche. Es ſind nicht immer nur neu⸗ und gute Stücke, dafür kommen ſie eben aus Häuſern, wo kein überfluß herrſcht. Beim Verteilen dieſer Sachen finden ſich aber auch Gehröcke, Badehoſen, Cylinderhüte. Wer kann die geſtiftet haben? Iſt denkbar, daß es Menſchen gibt, die bei ſolch grauen⸗ haftem Erleben noch faule Witze machen? Nicht alle, die in den folgenden Stunden und Tagen verſuchen, in das Gebiet zu kommen. wollten helfend eingreifen. Aber zum Gaffen iſt noch keine Zeit und für müßige Neugier kein Platz. Deshalb wird ab⸗ geſperrt. Aber an Häuſern und Bäumen der unteren Orte ſind Sammelbüchſen angebracht, die dem Müßigen die Möglichkeit zu materieller Hilfe geben. Ein Arbeiterſamariter hat einmal eine ſolche Sammelbüchſe eine Zeitlang beobachtet und erzählt, daß Arbeiter und einfach gekleidete Leute Silbermünzen einwarfen, während er ein Luxusauto beobachtete, deſſen Inſaſſen einige Kupfermünzen einwarfen. Er ſelbſt wollte das ja nicht verallge⸗ meinern, aber charakteriſtiſch war es. Wiederaufbau Wann alles wieder fertig und in Ordnung ſein wird? Wer vermag das zu ſagen. Das ganze Tal gleicht heute einem Pionier⸗ park. In den Häuſern werden die oberen Zimmer hergerichtet. In Bretterbuden ſind Baubureaus, Arbeitsnachweis, Sanitäts⸗ wachen und Verkaufsſtellen eingerichtet. Zunächſt jedoch mußte die Straße wieder fahrbar gemacht werden. Etwa 10 000 Arbeiter wimmeln durcheinander und ſtehen in Waſſer und Schlamm. Schon ſieht man das Chaos ſich ordnen. Wo niemand arbeitet, iſt der Schlamm mit Chlor beſtreut. Schilder verbieten das Trinken von ungekochtem Waſſer. Laſtautos mit freiwilligen Helfern kommen und fahren ab. Vom Hakenkreuz bis zum Sowjetſtern helfen die Trupps, verſäumen jedoch nicht, ſich durch Fahnen und Abzeichen — nach außen hin kenntlich zu machen. Wir Deutſchen können nun mal ohne Uniform nicht auskommen, ſelbſt wenn Wir Giitee tun. —* 3. Schubert. Aus der romantiſchen Dichterſtube Das„Rad der Zeit“ dreht ſich in unſeren Tagen mit Windes⸗ eile. Tag um Tag ſind die Zeitungen voller Senſationen, und ſelbſt aus den Zeitſchriften flieht mehr und mehr alles Beſchauliche. Für lyriſche Dichter wird die Konjunktur immer ungünſtiger, und wer ſich nicht körperlich wie geiſtig aufs amerikaniſche Tempo ein⸗ ſtellt, für den ſcheint überhaupt bald kein Platz mehr auf dieſer angeblich beſten aller Welten zu ſein. Iſt es bei ſolchem Zeiten⸗ rhythmus nicht ein wenig verwegen, ſich mit literariſchen Dingen zu beſchäftigen, die die Gemüter unſerer Großväter und Groß⸗ mütter bewegten? Dennoch ſcheint es nicht unangebracht, ab und zu auf ein Stündlein unſere haſtende Gegenwart zu verlaſſen und den Blick nach rückwärts zu richten; in jene entſchwindenden Fernen, die der Jugend bis in die Vorkriegstage hinein lieb und teuer waren, und umſo berechtigter iſt vielleicht dieſer Blick, wenn er auf einſtmalige Lieblinge des deutſchen Volkes, wenn er auf altes deutſches Kulturgut fällt. Ein Jahrhundert iſt jetzt vergangen, ſeitdem Heinrich Heines am bekannteſten gewordenes Werk, das„Buch der Lieder“, er⸗ ſchien: jene goldenen Verſe, die Generationen hindurch das Ent⸗ zücken der Jugend wie die Anerkennung und die Liebe des Alters fanden, und die ins Volk drangen, wie kaum eine zweite deutſche Liederſammlung. Die von den Tagen ihres Entſtehens bis auf unſere Zeit immer wieder die Muſiker zur Vertonung reizten. Wer denkt nicht an die im Volksmund wie im Konzertſaal belieb⸗ ten Lieder„Im wunderſchönen Monat Mai, als alle Knoſpen ſprangen...“;„Leiſe zieht durch mein Gemüt...“;„Du biſt wie eine Blume...“,„Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten...“. Einzelne von dieſen Liedern ſind hunderte Male in Muſik geſetzt worden. Der ganze Liederſchatz gegen fünftauſendmal! Selbſt das alte deutſche Schulleſebuch mußte dieſen lyriſchen Perlen des vor⸗ märzlich verfemten Dichters wohl oder übel ſeine Pforten öffnen. Und nun hundert Jahre! Wird das„Buch der Lieder“ vorläufig weiter„unſterblich“ bleiben, oder wird es durch die rollenden Schwungräder unſeres Maſchinenzeitalters zerwalzt werden? Als der Dichter ſein intereſſantes Vorwort zur zweiten Auf⸗ lage des Buches ſchrieb— vor genau 90 Jahren an einem Früh⸗ lingstage in Paris iſt es geweſen—, da meinte er, daß ihm immer dabei das Raimundſche Bühnenwerk„Der Bauer als Millionär“ im Kopfe herumgegangen ſei, ob ſeines ſentimentalen Lieder⸗ textes. Der Name Ferdinand Raimund führt hinüber ins Wien der gleichen Zeit, wo dieſer romantiſche Zauberpoſſendichter der Liebling des Publikums war. Für die Wiener war dieſer Dichter „einfach ſüß“. Vielleicht hing das damit zuſammen, daß er aus einer Zuckerbäckerlehre herkam, der er entlaufen war, um auf den Bühnenbrettern ſein Talent zu erproben. Und er hat es erprobr, mit einem Erfolg, wie wohl kein zweiter Sänger und Schauſpieler ſeiner Zeit. Sein liebſtes Kind war ſein„Verſchwender“. In ſechs Wochen hatte ihn der Dichter hingeſchrieben; ſechsundzwanzig⸗ tauſend Gulden brachte ihm dieſe Frucht ſeines Schaffens. Eine damals unerhört hohe Summe. Aber der„Verſchwender“ wurde zum Schwanenliede des Dichters und Schauſpielers Raimund. Als er einige Monate vor ſeinem Tode in Hamburg die Rolle des — Princeps Gloriae! Trahe me post te— Trahe me post te, und die Gemeinde ſang:— Trag mir die Paſtet.“— Ehrmanns Launen waren unberechenbar. So kaufte er— nach der Angabe von Maria Belli, die viel von ihrem verehrten Hausarzt zu erzählen weiß— einmal einen im„Intelligenz⸗ Blatt“ ausgebotenen Frauenſitz in der Synagoge und ſetzte ſich den nächſten Sabbath darauf. Auf ſein Kaufrecht pochend, wollte er ſich nicht entfernen, und nur nach Zahlung einer bedeutenden Fumune. die er für chriſtliche Arme beſtimmte, entſagte er ſeinem . eſiß. Ehrmann, der als eifriger Freimaurer in der„Loge zur Einigkeit“ fleißig mitarbeitete, ſammelte die verſchiedenſten Gegenſtände. über die Gründung der Senckenbergiſchen Natur⸗ forſchenden Geſellſchaft freute er ſich und verſchaffte ihr manches ſchöne Stück. Am 27. Mai 1818 wurde er unter die„ſtiftenden Mit⸗ glieder“ aufgenommen. Am bekannteſten iſt Ehrmann als„Großmeiſter des Ordens der verrückten Hofräte“ geworden. Auch Goethe erhielt 1815 ein Diplom mit der Begründung„ob Orientalismum Occidentalem“. In elf Jahren wurden, von 1809 an, etwa hundert derartige „Würdigungen“. u. a. an Arndt, Iffland, Richter(Jean Paul), Marianne v. Willemer, verſandt. Als gern geſehener„Samstagsgaſt“ 8* der Gerbermühle traf Ehrmann 1815 dort auch wieder mit Goethe zuſammen. Mari⸗ anne war es immerhin ein wenig bange, als am 19. Auguſt der Unberechenbare zum erſtenmal zugleich mit dem Dichter auf der Mühle ſvpeiſen ſollte: indeſſen. der hedenkliche Gaſt nahm ſich reſpektvoll und möglichſt liebenswürdig zuſammen, ſo daß alles vortrefflich ging. Die Verſe Goethes: „Pfeifen hör' ich fern im Buſche“ uſw. beziehen ſich auf die Gewohnheit Ehrmanns, der ſein Kommen mit einem Pfeiſchen anzukündigen pflegte. Am 28. Auguſt erhielt Goethe zwei ſcherzhafte Zuſchriften, als deren Verfaſſer Ehrmann bald erkannt wurde. Im Briefwechſel Goethes mit Willemer wird der„unchriſtliche Chriſtian E.“, wie ihn die Weimaraner einmal nannten, öfters erwähnt. Auch fand im Anſchluß an Nachrichten über die Steinmetzen⸗Brüderſchaft, die Ehrmann geben konnte, unmittelbarer Briefverkehr ſtatt.. Ehrmann, der ein großer Wohltäter der Armen war, hatte nach dem Tode ſeines Sohnes einen jungen Straßburger Arzt namens Theophil Stellwag an Kindesſtatt angenommen, zu dem der alte Sonderling, als er der Pflege bedurfte, 1820 nach Speyer zog, wo Ehrmann⸗Stellwag als Kreismedizinalrat lebte. Noch ein⸗ mal kam er dann auf dringende Bitte Maria Bellis zu einem Gegenbeſuch nach Frankfurt.„Ich“— erzählt die treue Freundin —„ging mit ihm.. an den Main; es glich einem Triumphzug, von den arbeitenden Klaſſen ward er umringt und begleitet..* Anfang Auguſt 1827 rührte ihn in Speyer der Schlag. Am 13. ſder 31.) wiederholte ſich der Anfall, dem er vor hundert Jahren erlag. Der Enkel von Ehrmanns Adoptivſohn, Ehrmann⸗Stell⸗ wag, Hermann Frey, der unter dem Namen Martin Greif(1839 bis 1911) als Dichter bekannt geworden iſt, hat die anfangs angedeutete Duellgeſchichte in einer Novelle„Goethe und Thereſe“ auf Grund von Anagaben ſeiner Großmutter. Joſephine Ehr⸗ mann, geborene Giſelin, und unter Benutzung einiger Briefe von Franz Chriſtian Lerſé(1749 bis 1800), ſowie von Tagebüchern behandelt. Es wird Sache der Forſchung ſein, im Anſchluß an die von Profeſſor Voelcker im Frankfurter Stadtarchiv gefundenen Akten nach Möglichkeit ſeſtzuſtellen, was in Greifs Schilderung Dichtung und was Wahrheit iſt. Valentin in dieſem Stücke als Gaſt ſpielte, ſagte er zu einem Kollegen:„Ich weiß nicht, warum ich hadin Spielen dieſer Rolle immer ſo ergriffen bin. Das Hobellied beſonders ſtimmt mich immer traurig; die Leute werden das für Komödie halten, aber es iſt leider bitterer Ernſt. Ich habe mir da ſelbſt mein Totenlied geſchrieben.“ Zehn Wochen ſpäter endete er durch Selbſtmord aus einer durchaus unbegründeten krankhaften Furcht, von einem tollwütigen Hunde gebiſſen worden zu ſein. Neun Jahrzehnte ſind ſeitdem verfloſſen. Für die Biedermeieridylle des vielgeſungenen Hobelliedes haben wir Heutigen, wohl nicht mit Unrecht, nur noch wenig Verſtändnis übrig. Hundert Jahre ſind auch in dieſen Tagen verfloſſen, ſeitdem der jugendliche Wilhelm Hauff ſeine hochberühmten, durch vorher entſtandene, den gleichen Stoff behandelnde Heineſche Dichtungen beeinflußten„Phantaſien im Bremer Ratskeller“ der deutſchen Offentlichkeit übergab, dieſes„Herbſtgeſchenk für die Freunde des Weines“, wie der Dichter den tollen und doch ſo liebenswürdigen Spuk aus jener Septembernacht nannte. Haben wir uns nicht in unſerer Jugend alle einmal daran erheitert? Der vielver⸗ ſprechende Dichter hat freilich ſein Werk nicht lange überlebt. Noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt, ſtarb dieſer Götterliebling am 18. November 1827. Neun Tage zuvor hatte ihm ſeine Frau ein kleines Töchterchen geboren. Und zur Abrundung ſchließlich noch ein hundert Jahre altes Buch. Zwar kein deutſches, aber doch eins, das ungezählte Auf⸗ lagen in deutſcher Sprache erlebte, und über das ein Goethe laute Worte des Beifalls fand: Manzonis in die Weltliteratur überge⸗ gangener Roman„Die Verlobten“. Mit dieſem noch im ſpäten Mittelalter ſpielenden Roman zog die Romantik in die italieniſche Literatur, er wurde alſo epochemachend. Epochemachend mit einer Geſchichte von zwei Liebenden, die ein politiſcher Tyrann nicht zueinander kommen laſſen will. J. Kl. Hundert Fahre Jündholz Von J. Kalisch Unſere Vorfahren hatten es nicht ſo bequem wie wir, daß ſie einfach das Zündholz zu reiben brauchten, um das Feuer zu ent⸗ zünden. Sie bedienten ſich des Reibholz⸗ oder Reibſteinfeuer⸗ zeuges, wie dies heute noch bei einigen unzivilſierten Volks⸗ ſtämmen der Fall iſt. Eine wichtige Epoche in der Geſchichte des chemiſchen Feuer⸗ zeuges bildete das Tauch⸗ oder Funkzündhölzchen, das 35 1812 fabriziert, aber erſt im Jahre 1820 allgemein bekannt wurde. Das erſte brauchbare Reibzündhölzchen erhielten wir 1833, das ſeine Entſtehung ſeinem Erfinder Congreve dankt. Man be⸗ gegnete der Erfindung zuerſt mit großem Mißtrauen. Die Kuppe des Hölzchens beſtand aus Schwefel mit einem überzug, einer liſchung zu einem Teil Kaliumchlorat, zwei Teilen grauem Schwefelantimon und einem Bindemittel. Man entzündete dieſe Hölzchen, indem man ſie zwiſchen zwei mit den Fingern zu⸗ amengepreßten Sandpapierblättern hindurchzog. Die Verwen⸗ duna. dieſen, Bün hülzche, wurde jedoch in vielen deutſchen taaten verboten, da ſie ſich auch ohne Benutzung dieſer Reib⸗ fläche leicht entzündeten. oh zung dieſer Aieih In demſelben Jahre gelang es einem Deutſchen J. L. Kam⸗ merer zu Ludwigsburg. während ſeiner Gefangenſchaft auf dem Hohenaſperg ein brauchbares Zündholz zu erfinden. Dieſe Zünd⸗ hölzer wieſen eine Miſchung von Phosphor und Kaliumchlorat als überzug des geſchwefelten Endes auf. 1837 erfuhr das Zünd⸗ holz durch Preſhel eine bedeutende Verbeſſerung, von welcher Zeit ab der große Aufſchwung der Zündholzinduſtrie datiert. 4 Die erſten gefahrloſen Streichhölzer verdanken wir dem Frankfurter Chemiker Profeſſor Böttger. Er machte im Jahre 1848 die erſten Verſuche mit einem ungefährlichen Phos⸗ Phor, den er für die Reihflächen benutzte. Bekanntlich gilt der Prophet nichts in ſeinem Lande. So erging es auch Böttger. In Deutſchland fand nämlich die Erfindung keine Beachtung. In Schweden wußte man den Wert der Neuerung zu ſchätzen. Dort wurden die Zündhölzer zuerſt angefertigt und wußten ſich den Weltmarkt zu erobern. In vielen Millionen Schachteln gehen ſie heute nach auen Weltgegenden. Einer Schätzung nach, werden täglich etwa fünf Milliarden Streichhölzer ver⸗ braucht. Die größte Fabrik Schwedens befindet ſich in Jänköping, die eine Art Monopolſtellung einnimmt, da ſie alle ſchwedlſchen Zündholz abriken zu einem Truſt zuſammenſchloß. Dem Schweden⸗ ruſt gehören heute in 28 Ländern etwa 150 Fabriken an, in enen 50 000 Menſchen mit der Herſtellung von Zündhölzern be⸗ ſchäftigt werden. Infolge der Inflation wußte ſich der Schweden⸗ truſt auch Einfluß auf einen Teil der deutſchen Zündholzfabriken zu verſchaffen. Der größte Teil der deutſchen Zündholzinduſtrie ruht in den Händen der Konſumvereine. Glücklicherweiſe iſt der Truſt bei uns nicht ſo mächtig wie in anderen Ländern, wo er den Preis diktiert. So ſtellt das unſcheinbare Streichholz einen wichbigen Weltmarktartikel dar. Es klingt unglaublich, daß faſt kine Milliarde Goldmark mobiliſiert wurden, um die erſorgung der Menſchen mit Streichhölzern zu ſichern. & . Schach⸗Eeke Die Schachecke wird bearbeitet von Z. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zuſchriften und Löſungen zu ſenden ſnd. „ 4 ich. Br 2 215 60 Wie löſe ich einen Breizüger? (2. Fortsetzung.) Noch einmal wollen wir uns heute eine Aufgabe des böhmischen Stiles zum Lösen vorlegen. Vor allem soll diesmal ein ganz Großer auf diesem Gebiete, A. Bayersdorfer, zu Worte kommen; es sollen aber hierbei auch gleich einige„Fachausdrücket, die wir bei der böhmischen Sehule öfters finden, erläutert werden. Aufgabe Nr. 109 A. Bayersdorfer. h)hhſ) ſſch — ſhſſh S 7 „ c, c, c; 1 1 —————— Matt in 3 Zügen. Kontrollstellung: Woiß:; Kb6; Dg4; Lgs. Schwarz: Kd; Beb, f6.(3:3.) 6 Wieder ist es eine Miniatur-Aufgabe. Wie kommt es, daß es gerade in der Böhmischen Schule so viele Miniaturen gibt? Weil dort der Wert auf schöne Mattbilder und Mattwendungen gelegt ist und sich diese auch mit wenig Material darstellen lassen. Hinweg also mit allem unnützen Kram! Man soll nur soviel Figuren verwenden, was zu den Mattstellungen unbedingt nötig sind, nichts soll arbeitslos beiseite stehen. Das Material, das zum Mattsetzen unbodingt gebraucht wird, nennt man das theoretische Minimum. Wenn sich das theoretische Minimum, das meist nur der Phantasie vorschwebt, und das fertige Problem decken, so spricht man von der„klassischon Forme der Aufgabe. Solche gibt es aber nur sehr, sehr wenige. Die obige Aufgabe von Bayersdorfer hat die klassische Form, d. h. jeder Stein auf dem Brett ist not- wendig und wird zu jeder Mattstellung gebraucht.— Man hat natürlich Konzessionen machen müssen, und nur dadurch ist es erst möglich geworden, daß sich so viele Komponisten mit ihren Produkten zeigen konnten. Solange sich das Figurenmaterial in mäßigen Grenzen bewegt, wird niemand etwas sagen; natürlich muß man versuchen, mit so wenig wie möglich auszukommen. Nun zu unserer Aufgabe. Die Lösung ist nicht allzu schwer zu finden, denn schon bei den ersten Versuchen merken wir, daß alle Versuche von Weiß an dem Gegenzug e— e5 scheitern. Hier muß also etwas dagegen geschehen. Es gibt nur eine Möglichkeit: der Bauer muß abgebremst werden. Also muß der Läufer nach eb ziehen; dabei bemerken wir auch gleich das drohende Damen- matt auf d. Aber der Läufer ist ja verloren, und dem Weisen bleibt zum Mattsetzen fast gar nichts mehr übrig!, so werden entsetzt die Schachjünger rufen. Und doch ist dies der Schlüsselzug. Um dem Matt auf d zu entgehen, muß der Läufer geschlagen werden. Schlägt ihn der König, so folgt 2. Kb6— 5, f6— f5; 3. DdA matt. Die schwarzen Bauern verbauen dem eigenen König die Fluchtfelder, jeder Stein wird zum Mattsetzen benötigt, keiner steht arbeitslos auf dem Brett herum. Rein ist dieses Matt nicht, denn die Felder dö und dô sind zweimal bestrichen.— Wird der Le5 vom Bauern geschlagen, so zieht Weiß die Dame nach b4. Jetzt ist Schwarz durch den eisernen Zugzwang genötigt, sich das Feld ed4 durch den Bauernzug zu blockieren, und es kann Deb matt folgen. Auch hier werden alle Steine zum Matt benötigt. Die Matt- stellung ist wiederum nicht rein, denn das Feld cé ist zweimal gedeckt. Nun ist schon öfter die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht besser sei, daß eine Aufgabe reine Mattbilder zeige, als daß sie die klassische Form besitze, wenn beides unmöglich zu vereinep sei. Ich möchte mich hier der Ansicht unseres Genossen Klinke anschließen, der in einem Vortrag(Ostern 1923 in Berlin) sagte:„Was ist richtiger, Mattreinheit und Verzicht auf die klassische Form, oder klassische Form und Verzicht auf die Mattreinheit? In diesem Falle pfeife ich auf die Mattreinheit; ich erkenne sie nur an, wenn sie sonst keinen Schaden anrichtet!“ Die ökonomie der Mittel ist das oberste Gesetz im Problemschach (Fortsetzung folgt.) Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 1(Innenstadi): Montag, Hotel„König von England“, Battonnstr. 684 Abt. 2(Riederwald): Mittwoch bei Blank. Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Freischütz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„Regenbogen“, Gutleutstraße. Abt. 5(Nordend): Freitag bei Walter, Weberstraße 84. Abt. 6(Rödelheim): Dienstag bei Geyer, Eschborner Landstraße. Abt. 7(Bornheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 49. Abt. 8(Niederrad): Samstag, Sportplatz der Freien Turner, Halmstraßo. Abt. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israei, Franken-Allee 234. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar LQuint. 85 3 3 Khn 1 R Was glänzt, iſt für den Augenblick gebor Gold im Pamir Von Edmund Hoehne Der Kommuniſtenführer Sperrvogel, der einſt in Duisburg ins Polizeipräſidium eindrang und 120 Gewehre raubte, wobei drei Sipos erſchoſſen wurden, hatte ſich der Verhaftung und dem Kerker nur durch eine raſche Flucht nach Moskau entziehen kön⸗ nen. Obgleich er auf direkten Anlaß der Ruſſen gehandelt hatte, erntete er wenig Dank; bei dem ihm zugewieſenen ſubalternen Dienſt fühlte er ſich höchſt unglücklich, leer, enttäuſcht, und ein heißer Wunſch nach Taten, Befehlen, Organiſieren gärte in dieſem lähmenden Wartenmüſſen. 1 Eines Abends fiel in dem Debattierklub, dem er angehörte, das Wort„Pamir“, als man Ausbruchstore für den immer noch erträumten Vormarſch der Weltrevolution ſuchte. Im Geiſte ſah man endloſe Truppenzüge mit rotflatterndem Fünfſtern durch Bergtäler in Indien einfallen, die Weltbourgeoiſie in Englands Macht und dieſe in Indien, ihrer zentralen, aber gefährdetſten Stelle treffend. Dieſe Kriegsviſionen erregten Sperrvogel in tief⸗ ſter Seele. Er rannte nach Haus, riß einen Atlas aus ſeiner Bücherei und ſtarrte ſtundenlang auf das kleine grüne Quadrat, das hohle Glacis des Pamir zwiſchen Inneraſien und Indien. das „Dach der Welt“. Er fand, daß nur ein ganz ſchmaler Streifen afghaniſchen Gebietes zwiſchen dieſem ſüdlichſten Teil ruſſiſchen Bodens und der engliſchen Grenze lag, und die Nacht des einſam in der Ver⸗ bannung lebenden Deutſchen verging unter magiſch kniſternden und leuchtenden Funken, mit denen ſein chaotiſch gärender Geiſt dieſen Riegel überſprang, durchſtieß und das Fünfſtromland über⸗ flammte. 1 Es gelang ihm, in beharrlichem, verbiſſenen Trotz vorzu⸗ dringen zum Genoſſen Armee⸗Oberkommandant, der ihn lächelnd anhörte und ſagte: „Nichts Neues, kleiner Deutſcher. Aber haſt du einmal die Zahlen des Maßſtabs deiner Karte angeſehen? Du meinſt wohl, den Plan von Holland vor dir zu haben? Der Pamir iſt ſo groß wie ganz Polen. Dort-willſt du Armeeſtraßen bauen? Verſtehſt du denn etwas vom Wegebau?“ „Ich war preußiſcher Pionierfeldwebel.“ Der Kommandant ſah nachdenklich zum Fenſter hinaus, gab Sperrvogel eine neue, unfehlbare Einlaßkarte und ſagte: „Komm morgen wieder, Towaritſch Pionier.“ Unterdeſſen überlegte er mit dem Unterſtaatsſekretär: „Sperrvogel ſteht der Oppoſition nahe. Sperrvogel iſt der geiſtige Führer jener Truppe Deutſcher, flüchtiger Deſperados, die zwar für Berlin gern als„Deutſche Legion“ geprieſen wird, die aber in Moskau als Zelle künftiger Unruhen gilt. Wenn man ſie los wird, wenn ſie iſoliert über die eiſige Hochwüſte des Pa⸗ mirs preußiſch ſolide Armeeſtraßen bauen, ſich dabei obendrein hochgeehrt fühlen und vom Dach der Welt herab alle Genoſſen des Erdballs zu grüßen wähnen, um ſo beſſer. Die Kirgiſen können dann viel raſcher auf Jagd reiten, Briefe nach Chorog kommen ſchneller ans Ziel, und wenn wirklich einmal Truppen zum Barogilpaß wollen, iſt alles vorbereitet. Hauptſache iſt, daß Eng⸗ land und Amerika nichts erfahren, weniger um militäriſche Ge⸗ heimniſſe zu hüten, als um die heutige weltwirtſchaftliche Kon⸗ ſtellation nicht durch falſche Aſpekte zu gefährden. Denn wer weiß. ob wir jemals des Pamirs bedürfen.“ Stolz, mit dem Sowjetpatent in der Taſche, gewillt, deutſche Aufopferungsbereitſchaft für eine weltumfaſſende Idee in die fernſte, fürchterlichſte Ode zu tragen, ſammelte Sperrvogel ſeine Technikerkompanien, füllte einen Güterzug mit Spitzhacken, Sprengkapſeln, Hebezeugen, Proviant uſw. und ließ wochenlang die wichtigſten Handgriffe üben. Ihm fiel auf, daß die ruſſiſchen Teile ſeines Pamirdetachements aus ganz verſchiedenwertigen Elementen beſtanden und begriff ſchließlich, daß man ihnen teils aus diſziplinariſchen, teils aus politiſchen Gründen eine Straf⸗ verſetzung zugedacht hatte, daß der ihm zugeteilte Stabsoffizier nur kontrollierender Aufſeher war, der gleichzeitig die zentral⸗ aſiatiſchen Garniſonen inſpizieren ſollte. Das alles war ent⸗ täuſchend. Aber eine hinreißend ſchöne Abſchiedsparade, der man en, d — s Echte bleibt der Nachwelt unverloren ‿ ⁴1-— freilich den gewaltigen Schauwagen mit dem Pappgebirge, den Leimfarbgletſchern, der indiſchen Palme, der Sprengkolonne mit Spitzhacke und Fahne raſch verboten hatte, verſöhnte ihn wieder. Wochenlang dauerte die Fahrt. Nach mühſeligen Märſchen fand er ſich endlich mit einem Teil ſeiner Truppe in den eis⸗ kalten, verkommenen Baracken von Chorog wieder, während der andere in Pamirſky poſt ſtationiert war. Der Genoſſe Stabs⸗ offizier war im freundlicheren Samarkand geblieben und ſchickte von Zeit zu Zeit je drei Dſchigiten mit Briefen oder Meldungen. Im Angeſicht der Schneefelder und Pamirfirne, der wild zer⸗ talten Dachreiter dieſes Weltgiebels ſprach er ſeinen Kameraden von der übermenſchlich harten Arbeit, dem himmelsſtürmeriſchen Titanentrotz wahrer Revolutionäre der Tat und ſprengte perſön⸗ lich zum dröhnenden Beginn einen überhängenden Felsbalkon durch elektriſche Zündung in die Tiefe, daß ein dämoniſches Echo von vorbereiteter Straße zu den Eisgipfeln hinaufſchrie und ſchwarzer Qualm eine drohende Rieſenfauſt gen Süden reckte. Die nächſten Tage vergingen damit, die verfallenen Baracken wohnlich herzurichten, währenddes Sperrvogel geologiſche Karten und alte Militärpläne ſtudierte. Er ritt, nur vom öſchigiten be⸗ gleitet, im Tal des Gunt einige Kilometer oſtwärts, um einen überblick über die Verbindung mit Pamirſky poſt zu Meibinnen und eine mutmaßliche Verwerfungslinie zu ſtudieren. An einer Bachgabelung machte er Halt und bereitete eine kleine Probe⸗ ſprengung an einem verwitterten Hang vor, um Einblick in die Profilierung zu gewinnen. Der Oſchigit zündete die Brennſchnur an ſeiner Pfeife an, beide begaben ſich in Deckung und warteten den Knall ab. 1. Als Sperrvogel näher trat, glänzte ein Felsſtreif merkwürdig hell. Er fand ein Erz———. „Gold“, ſagte der Dſchigit blitzenden Auges. 1 „Setz dich,“ befahl Sperrvogel ſchwer atmend. Er hockte ſelbſt auf einem Felsblock und ſtarrte über eine Stunde auf den dämo⸗ niſch ſchimmernden Fund. Und was in fiebernder Haſt durch ein Hirn raſte, war dieſer Gedankenſturm: „Gold! In wenigen Stunden weiß es das ganze Lager. Wird man noch ruhig ſüdwärts Straßen bauen, wenn man wenige Kilometer oſtwärts Gold weiß? Wird nicht das ganze Detache⸗ ment zerfallen in zuchtloſe Wildweſthorden einzeln ſchürfender Abenteurer? Erträgt die Parteidiſziplin des Kommunismus dieſe Probe? Anderſeits: Iſt dieſe Goldader wirklich ertragreich, er⸗ fordert es dann nicht die Weltrevolution, das mühſam herbei⸗ geſchleppte Lager von Sprenggerät, Spitzhacken, Brechſtangen in den Dienſt des Erzabbaus zu ſtellen, um Moskau mit reichen Goldbarren zu helfen? Muß nicht ein Fachmann gerufen werden? Wie aber ſollte ein noch ſo primitiver Schmelzofen geheizt wer⸗ den? Ringsum kein Holz, keine Kohle. Mit dem Miſt der kleinen Yaks heizen die Kirgiſen ihre Jurten. Gibt es Waſſerfälle, Dyna⸗ mos zu treiben, elektriſch zu ſchmelzen? Unmöglich kann Roherz über verſchneite Saumpfade oder Karrenwege geſchleppt werden. Wohin auch? In die holzarme Steppe? O Pamir, du Indiennaher, aber Wegloſer! O Goldtragender, aber unnütz Prunkender, alles Verhöhnender! Fata Morgana auf eiſiger Hochwüſte! Was ſoll ich tun? Tagelang müßte ich überlegen, alles durchdenken können, aber ſchon heute abend wird der redſelige Oſchigit das Lager in Aufruhr verſetzen. Verbiete ich ihm die Botſchaft, ſpricht er heim⸗ lich und ich gerate in falſches Licht! O Aufſchub, wenige Tage Aufſchub, wie erhalte ich ihn? Sah ich kalt deutſche Sipos in ihrem Blut liegen, ſollte da ein armſeliger Nomade nicht getroſt ein Opfer der reinen Idee ſein können? Die Sprengſtelle liegt weit ab vom Wege, niemand ſieht ſie im Vorbeireiten, wenn ich ſelbſt ſie nicht nenne.“ Seine Augen wurden hart, ſtahlgrau, fanatiſch. Er ſtand auf, trat an den Felsrand über dem tiefen Bach und winkte dem Be⸗ gleiter.„Schau einmal hinunter“, ſagte er.„Im Sande liegt pures Gold ausgewaſchen.“ Neugierig ſprang der Oſchigit hoch. Ein Stoß, ein Schrei, ein paar rote Wellen wirbelten durch die Felsbarre im Bach, dann war alles vorüber. Sperrvogel knüpfte das herrenloſe Roß an den Sattel des ſeinen und ritt heim. Ernſt und ſchweigend ſagte er im Lager: „Der Dſchigit iſt durch eigene Unvorſichtigkeit abgeſtürzt. Ich werde die Unglücksſtelle kaum wiederfinden, ſuchte ich doch ſelbſt faſt vergebens den Heimweg.“ Doch hatte er ſich die Sprengſtelle genau gemerkt. 4. Aufſchub war gewonnen. Dach wie nun weiter? Sollte er ſich je eines Tages entſchließen, vom Funde zu reden, ſo mußte er entweder den Mord eingeſtehen und ſeine Gründe offen nennen oder zum Schein mit einem neuen Begleiter hinausreiten, ihn bei einer vorgetäuſchten Sprengung umkommen laſſen und dann vom Golde reden, damit der Gefährte nicht von der bereits vorhan⸗ denen Sprengſtelle ſprach.. Was iſt die höllzſchere Siſyphusqual: Sinnlos unverwertbare Straßen zu bauen oder ſinnlos unverwertbares Golderz aufzu⸗ häufen? Plötzlich erſchien ihm ſein Pamirgeſchick wie ein furcht⸗ bares Symbol des ganzen ungeheuren Kommunismus. Ein Mord fordert den andern. Glück und Eifer landet vor unüberſteigbaren Bergen, die man ſchon aus der Ferne erkennt. Doch will welten⸗ kühner Rieſentrotz, daß bis an ihren Fuß heran geſtrebt wird. Nach uns die Sintflut! Mammute in Eisblöcken, das kennzeichnet das ruſſiſche Aſien. Gold im Pamir! Was nützt es? Wenn in den nächſten Tagen ſeine Leute bei der Schinderei von Felsſtücken faſt erſchlagen wurden, damit eine erträumte Artillerieſtraße ein paar Meter vorgetrieben wurde, quälte ihn der Goldgedanke und er fragte ſich, ob er nicht jedermann Schweiß und Mühe für ſein eigenes, individuelles Glück einſetzen laſſen ſollte am Abbau dieſer Erzader? Nur ein wenig polizei⸗ ſtaatlich gezügelt, nur ſoweit, daß kein allgemeiner Kampf aller gegen alle hochflackerte?„Was.“, verfluchte ſich Sperrvogel,„bin ich plötzlich Mancheſterbourgeois?“ Und er duckte ſich und alle unter den überſtuat Moskaus, auf die felſige Straße gen Süden, auf der kein Raum war für Einzelſchickſale. Ewig aber in eiſigem Hohn, ſchneeblind, lächelnd, ſtarrte der Hindukuſch zu Tal, Tag für Tag wie ſejt Jahrtauſen⸗ en. Wo überſtieg Tamerlan die Grensberge Indiens? Gab es einen Mittelweg? Ließ ſich ein Goldgraben für die Allgemeinheit organiſieren mit einem vollen Anteil für den einzelnen?. Er glaubte, die Laſt der Verantwortung nicht länger allein tragen zu können.„Soll ich weiter Straßen bauen für die Welt⸗ revolution der Zukunft oder Gold graben für das Glück der Gegenwart?“ So lautete die Anfrage, die er an die zuſtändigen Sowjets zu Samarkand durch Eilboten ſandte. Der Militärkommiſſar wagte nicht, dieſe ungeheuerliche Frage zu entſcheiden. Er gab die Meldung weiter an den turk⸗ meniſchen Zentralrat. Aber auch der lehnte die weltenſchwere Verantwortung ab und wandte ſich direkt nach Moskau. Hier ſchlug der Brief wie ein Funken in ein Pulverfaß. Die ganze Frage der Parteieinheit ſpitzte ſich zu auf die Formulie⸗ rung der dämoniſchen Pamirbotſchaft. Oppoſition und Regie⸗ rung erörterten in wild gärenden Sitzungen die Probleme, Straßenaufläufe riſſen das Volk mit, hier und da knatterten Re⸗ volver geifernde Antwort für oder gegen. Die Armee ward un⸗ rubig, die fremden Botſchafter horchten auf und forſchten nach den ſagenhaften Straßen gegen ihre Staaten, die über Oſten gen Weſten ſtießen. Ihr Befremden, ihr Warnen gab den Aus⸗ ſchlag und eine raſch inſzenierte Demonſtration, ein Kinder⸗ treuzzug der Waiſen, Wandernden, Verkommenen, denen die Geſpenſter Kokain, Syphilis und Hunger vorangeiſterten, gab der Regierung den Vorwand, die Parole:„Gold“ auszugeben. Ein Spez, ein Fachmann, wurde in Marſch geſetzt. amit war der Straßenbau überhaupt aufgegeben. Eng⸗ lands Spione würden wachſamer denn je über den Sarykol und Hindukuſch lugen. „Gold“, meldete der Telegraph nach Samarkand. „Gold“, ritt ein Dſchigit nach Chorog.„An den Lagerkom⸗ mandanten perſönlich. Geheim,“ lautete die Meldung. öffnen tat ihn ein anderer als Sperrvogel. Sein Stell⸗ vertreter las erſtaunt, runzelte die Stirn und ſchrieb zurück: „Der Genoſſe Lagerkommandant Sperrvogel wurde geſtern bei einer Felsſprengung von einem Steinblock erſchlagen. Der Goldfund iſt niemandem außer ihm bekannt geworden. Die Nachricht von ſeinem Verſchweigen hat die Diſziplin des Lagers zerſtört. Einzelgruppen verlaſſen befehlswidrig die Baracken und wandern nach allen Himmelsrichtungen aus. Bergſchutt⸗ ütse laſſen befürchten, daß auch bei eifrigem Suchen die Spreng⸗ zeu⸗ nicht gefunden wird. Erbitte weitere Verhaltungsmaß⸗ regeln. ... Der glückhafte Moment war verpaßt.— Auf der Löwenjagd Von Hugo Adoll Bernatzik* Sobald die. Karawane angelangt iſt, läßt mich der Gedanke an die Löwen nicht mehr ruhen; ich mache mich auf, um mein Glück mit den Fallen zu verſuchen, und lege zwei Schlageiſen.— Urſprünglich hatte ich vor, mehrere Ziegen als Köder mitzu⸗ führen. In Chartum war mir aber unrichtig mitgeteilt worden, Ziegen ſeien leicht in jedem Eingeborenendorf zu baufen. Indeſſen mußte ich froh ſein, wenigſtens eine in einem Dorf aufgetrieben zu haben, und dieſe wurde mir nur deshalb überlaſſen, weil ſie gar keine Milch gab und derartig mager ausſah, daß man ſie für krank halten mußte. Dieſe Ziege freundete ſich in kurzer Zeit mit meinen Leuten an und begleitete die Karawane wie ein treuer Hund. Sie wurde weder angebunden noch überwacht, und genau wie ein Hund ſuchte auch ſie während der ſchweren Gewitter Schutz unter dem Zelt, leckte mir die Hände ab und äußerte auf die ver⸗ ſchiedenſte Weiſe ihre Anhänglichkeit. Ich hatte bis jetzt für die Schlageiſen immer Kadaver als Köder benutzt, doch die Löwen dieſer Gegend berühren niemals Aas. Auch zu großem geriſſenen Wild, wie Rhoenantilopen, kehren ſie nicht ein zweites Mal zurück. Bei dem außerordentlichen Wildreichtum haben ſie dies wohl nicht nötig. Auch ſind die Löwen daran gewöhnt, daß tags⸗ über die letzten Reſte ihres Mahles von den zahlloſen Geiern ver⸗ zehrt werden. So kommt es, daß ich niemals eine Löwenfährte in der Nähe einer Falle beobachten konnte. Mit meiner einzigen Ziege hatte ich es bis jetzt nicht gewagt, ſie als Köder zu benutzen, weil ich befürchten mußte, eine Hyäne würde ihrem Leben vor⸗ zeitig ein Ende bereiten, ohne daß ich einen Löwen damit fangen konnte. Ich hatte mich auch ſchon ſo an das Tier gewöhnt, daß es mir bis jetzt immer leid getan hatte. Heute aber unterdrücke ich alle derartigen Regungen. Die Ziege wird angehängt, und vorwärts geht es, dem Löwenplatz entgegen. Das Tier ſcheint nichts Gutes zu ahnen und ſetzt ſich zur Wehr. Doch ſein Widerſtand erlahmt bald, und wir kommen ohne Unfall zwei Stunden vor Sonnenaufgang an dem gut ge⸗ kennzeichneten Ort an. .„) Bernatzik iſt ein Bahnbrecher auf dem Gebiete der vergleichenden Tier⸗ forſchung, er iſt gleichzeitig Gelehrter und Künſtler, Jäger und Photograph. Mit beiſpielloſer Kühnheit wußte er ſich die„Unterlagen“ zu ſeinem Buche„Typen und Tiere im Sudan“ zu verſchaffen(179 Seiten Text, 160 Bilder auf 95 Kunſtdruck⸗ tafeln und eine Karte. Rm. 11.—, Ganzleinen Rm. 13.—), aus dem wir mit Ga⸗ nehmigung des Verlags von F. A. Brockhaus(Leipzig) obigen Ausſchnitt ab⸗ drucken. Die dem Werke beigegebenen Bilder können ohne Übertreibung als photographiſche Meiſterwerke bezeichnet werden. ‿— In den Schwefelgeuben Stzilions Von Paul Pischowski Zwei junge Burſchen ſteckten die Ollampen an und geleiteten uns in das Bergwerk von Ciavolotta. Es ging wie in einen Keller hinab. Unzählige Stufen ſtiegen wir in die Tiefe. Einen Fahrſtuhl gab es nicht, obwohl die betreffende Mine zu den— relativ— größten des Landes gehört und eine Belegſchaft von zirka 500 Mann aufweiſt. Das losgehauene Schwefelgeſtein allerdings wird, immer zwei vollgeladene Loren auf einmal, mittels Aufzuges in die Höhe befördert. Nur die Menſchen müſſen zu Fuß die 200 Meter hinab⸗ und hinaufſteigen. überaus eng iſt die in den weichen Stein gehauene Treppe. Es kann immer nur einer gehen. Auch dann muß der Ungeübte ſich an den Seilen zur Linken und zur Rechten feſthalten. Für eine Reihe von Stufen iſt dies dringend geboten, da eine Waſſer⸗ ader die Treppe ſtreift und man ſonſt auf den ſchlüpfrigen Stufen unfehlbar ausgleiten würde. An einer Stelle verſagt anſcheinend die Bewetterung. Dann preßt die jähe Hitze den Schweiß aus den Poren. Man iſt wie aus dem Waſſer gezogen. Der beißende Dunſt würgt im Halſe, und man hat für Augenblicke das Gefühl, als müßte man erſticken. Unten übernahm ein Steiger die Führung, ein kleiner und ewandter, überaus liebenswürdiger und mit dem faſchiſtiſchen bzeichen verſehener Mann. Die Luftzufuhr im Schacht war zu⸗ friedenſtellend. Immerhin drückte die mit Schwefel geladene At⸗ moſphäre ſchwer auf die Lunge. AUnter mächtigem Gekrach donnerte ein voller Lorenzug an uns vorüber. Wir bogen links ab und gingen in gebückter Stellung durch ein Labyrinth von Gängen. üÜberall vernahmen wir das Sauſen der Arbeit. War es wie Stöhnen des gequälten Berges, oder war es wie ein ſchau⸗ riges Klagelied aus Menſchenſeelen, die ein grauſames Schickſal in die giftigen Kammern der Schwefelerde geworfen? „Von den Sohlen, die in Etagen übereinander liegen, ſind einzelne Stollen in das Berginnere hineingetrieben. Baumhölzer halten nur mit Mühe dem gewaltigen Druck der Wände ſtand. Bangen überkam uns, da wir die vielen zerdrückten Stempel ſahen. Allmählich gewöhnt ſich das Auge an das Halbdunkel, und wir ſchauen die Menſchen bei ihrer Arbeit. Oft ſtehen ſie zu mehreren zuſammen. Oft haben ſich die einzelnen wie die Würmer in den Leib des Berges hineingebohrt und müſſen in liegender Stellung ihre ſchwere Arbeit verrichten. Mit wuchtigen Schlägen hämmern die Männer das braunſchwarze Geſtein mit dem un⸗ ausgeſchmolzenen Schwefel los. Oſt muß Dynamit zu Hilfe ge⸗ nommen werden. Jugendliche Arbeiter, darunter viele Kinder, tragen die losgehauenen Maſſen auf der Schulter in kleinen, nach unten zugeſpitzten Baſtkörben in den Hauptſtollen und ſchütten ſie in die bereit ſtehenden Hunde(Loren). Alle ſind faſt unbe⸗ kleidet. Im trüben Scheine der Berglampe glänzt ihre ſchweißige Haut rotbraun wie die eines Indianers. Wenn man die jugendlichen Arbeiter nach dem Alter ſragt, erhält man die(eingetrichterte?) Antwort: quindici anni: fünf⸗ zehn Jahre. Ich mußte an das Geſpräch mit einem ergrauten Grubenarbeiter denken, der mich am Tage zuvor durch den Ober⸗ An einer ſteilen Böſchung iſt tief ein Wechſel eingeſchnitten. Hier gibt es Löwenfährten in Menge! Ein kleiner Strauch bietet Gelegenheit, das Tier anzubinden, was ſo geſchieht, daß es ſich bequem niederlegen kann. Außerdem breite ich Heu im Überfluß vor ihm aus. Drei Meter davor wird im Halbkreis erſt das eine, dann das andere Eiſen aufgeſtellt. Ein Raubtier von der Größe eines Löwen muß nun ziemlich ſicher in eines dieſer Eiſen ge⸗ raten, da der Zugang von hinten durch die Böſchung verſperrt iſt und auf der einen Seite ein kleiner Baum ein offenes An⸗ ſpringen verwehrt. Meine Leute ziehen ſich zurück; ich aber bleibe an dem Tümpel, den die Löwen als Tränke benutzt haben, bis nach Sonnenuntergang auf der Lauer liegen. Kaum ſieht uns die Ziege nicht mehr, als ſie ſchon ein lautes, klägliches Meckern hören läßt; es hält ſo lange an, als ich mich in Hörweite befinde. — Kein Wild zeigt ſich; beim Weggehen ſehe ich noch lange das weiße Fell des Opfers in dem ſchwachen Mondlicht ſchimmern. Der Wind weht von der Ziege weg über das Gras, in dem die Löwen verſchwunden ſind, doch ſo ſchwach, daß man ihr ängſtliches Meckern kilometerweit hören kann. Nach einer ſehr ſchlechten Nacht— immerzu mußte ich von Löwen träumen— mache ich mich frühmorgens auf den Weg, um nach den Fallen zu ſehen. Der Wind hat ſich nicht gedreht, ſo daß ich gezwungen bin, einen großen Bogen zu beſchreiben und mir am linken Ufer einen Weg durch das Grasmeer zu bahnen, um die Fallen unter dem Wind zu erreichen. Etwa einen halben Kilo⸗ meter von dem Platz entfernt überragen Akazien das hohe Gras, und rings um dieſe breiten ſich kleine, grasfreie Stellen aus. Zahlloſe Wildwechſel erleichtern hier das Vorwärtskommen. In dem Augenblick, wo ich von einem Termitenhügel Aus⸗ ſchau halte, verſchwindet zweihundert Schritt vor mir ein dunkler Schatten raſch und geräuſchlos im Gras, zu raſch, als daß ich hätte feſtſtellen können, was er bedeutet. Da der Gedanke aber naheliegt, daß es ein Löwe geweſen iſt, bewege ich mich mit äußerſter Vorſicht vorwärts. Plötzlich ertönt hinter mir ein leiſer Pfiff des Shikari. Mit allen Zeichen der größten Aufregung deutet er auf die an dieſer Stelle kaum wahrnehmbaren Schleif⸗ ſpuren des Eiſens. Iſt es der Schatten eines gefangenen Löwen geweſen, ſo fühlt ſich dieſer durch das Schlageiſen verteufelt wenig behindert. In dem hohen Gras, in dem er verſchwunden iſt, kann ich nicht zwei Schritt weit ſehen, während umgekehrt der Löwe mich überall wittert. Außerdem iſt mit Sicherheit zu er⸗ warten, daß das ſchwer gereizte Tier mich annimmt. Die Nach⸗ ſuche verſpricht alſo intereſſant zu werden! nungslaut! Die Lanze ſinkt zu Boden, ich reiße das Gewehr vom Hals, wobei mir der Tropenhelm vom Kopf fliegt. Bei dem Ge⸗ räuſch, das ich verurſache, ſpringt fünf bis ſechs Schritt rechts von mir etwas auf— ich habe alſo die Richtung nicht genau ein⸗ gehalten— und flieht auf eine größere Akazie zu, die ich des Graſes wegen nur undeutlich ſehen kann. Das Klirren der Kette zeigt an, daß ich tatſächlich eine Großkatze vor mir habe, die ſich im Eiſen gefangen hat. Die Schnelligkeit mit der ſich der Löwe vorwärts bewegt, beweiſt, daß das Eiſen ihn nur wenig be⸗ hindert. Langſam rücke ich vor. Den Baum kann ich nicht mehr ſehen, doch habe ich mir die Richtung nach der Sonne genau ein⸗ geprägt.— Ich habe kein Waſſer mehr, die Lippen ſind bereits geſchwollen, und die Zunge ſpüre ich als unangenehmen Form⸗ klumpen im Mund. Auch die Reaktion nach der ſtarken Nerven⸗ npannung will ſich geltend machen. Jetzt nachlaſſen— unmög⸗ lich! Wieder ſchiebe ich mit der Lanze einige Grasbüſchel zur Seite, und vor mir ſteht die Akazie. Ich verdopple, wenn dies überhaupt möglich iſt, meine Aufmerkſamkeit, die Hand am Ab⸗ zug. Noch ein paar Sekunden, und— auf ſieben Schritt ſtehe ich. einem mächtigen Mähnenlöwen gegenüber. Die Ereigniſſe ſpielen ſich jetzt blitzſchnell ab. Das Tier iſt zum Sprung geduckt. Das Eiſen hat es bei einer Zehe gefaßt. Die Lefzen hinaufgezogen, den gefährlichen Rachen halb geöffnet, bietet es ein Bild, das mir unvergeßlich bleiben wird. Der Schwanz peitſcht den Boden, do daß dürre Grasſtückchen und Sand in die Luft fliegen. In⸗ tinktiv, ohne daß ich mir bewußt werde, gezielt zu haben, fällt mein Schuß. Durch den Kopf getroffen, ſinkt der mächtige König der Tiere bewegungslos in ſich zuſammen. Nach kurzer Raſt beeile ich mich, die Ziege von ihren Leiden zu erlöſen. Ich muß in das tief eingeſchnittene Flußbett klettern, ann verdeckt mir noch eine kleine Inſel die Fangſtelle. Ich um⸗ gehe dieſe raſch und pralle zurück. Im Flußbett, hinter einer vor⸗ ſpringenden Kante der Inſel, kommt mir ſchnürend auf zwanzig Schritt eilig ein zweiter Löwe entgegen! Im Nu habe ich das Ufer der Inſel erklettert und beobachte von oben, wie ſich die Dinge entwickeln. Der Löwe ſcheint mich nicht bemerkt zu haben und durchquert etwas hinkend das Flußbett. Bei näherem Zu⸗ ſehen kann ich feſtſtellen, daß ſeine linke Pranke von einem Eiſen gefangen iſt. Er verſucht, die 4 Meter hohe, überhängende Bö⸗ ſchung zu erklimmen, fällt aber, von der Falle behindert, zurück. Wütend beißt er auf das Eiſen ein und legt ſich mit dumpfem Grollen im Schatten der Böſchung nieder. Eine herrliche Ge⸗ legenheit zu einer Aufnahme! Ich eile in einem großen Bogen auf das andere AUfer, um den Apparat von dem Rücken des Ka⸗ mels zu holen. Nach einigem Suchen gelingt mir dies auch. Gorilla hat den Schuß zwar gehört, iſt aber nicht ſicher geweſen, ob er ſchon folgen dürfe. Vorſichtig ſchleiche ich mich nun, Mohammed mit dem Gewehr hinter mir, auf der Böſchung heran, die der Löwe nicht erreichen konnte. Ich habe die Abſicht, den Apparat vorſichtig über den Rand vorzuſchieben und auf 4 Meter Entfernung eine Aufnahme von dem Raubtier zu machen. Der Baum zeigt mir die Richtung, und ſo hoffe ich, daß es keine beſonderen Schwierigkeiten macht, die Stelle wiederzufinden. Um ja nicht vorzeitig die Aufmerk⸗ jamkeit des Tieres zu erregen, krieche ich langſam auf dem Bauch dem Rand der Böſchung zu, Mohammed immer unmittelbar hin⸗ ter mir her. Den Apparat halte ich in der rechten Hand und ſchiebe ihn langſam vor. Da ertönt neben mir ein Gepolter, und mit einem kühnen Satz erſcheint, zehn Schritt von mir, der Löwe auf der Böſchung, die an dieſer Stelle etwas weniger überhängt. — Schon hat er mich wahrgenommen und ſtößt ein heißeres — ☛— ☛☛ ò Fünftel dieſes Lohnes. Sozialzulagen gibt es nicht. Ebenſo konnte mir an hygieniſchen Einrichtungen, Kantinen und Badeſtuben nichts gezeigt werden. Der Eindruck des Primitiv⸗Rohen legte! ſich erdrückend auf die Seele und ſteigerte ſich bis zum fürchter⸗ lichen Erſchrecken. Als die Mittagspauſe eintrat, befanden wir uns in einer großen Bergſohle. Im Nu waren wir von einem Haufen von Grubenarbeitern umringt. Mit drohenden Gebärden verlangten ſie von uns Trinkgeld. Da gedachte ich der Mahnung meines Her⸗ bergswirtes, ja nicht die Brieftaſche vorzuziehen und überhaupt — ſo hatte er geraten— keinerlei Wertſachen, auch nicht Ringe mit in den Schacht zu nehmen, weil die Gefahr der Ausplünde⸗ rung ohne weiteres gegeben iſt. Nur mit Zigarren und Zigaretten hatten wir uns die Taſchen vollgeſtopft und warfen ſie reichlich unter die Menge Es iſt etwas Furchtbares für das ſozialiſtiſche Empfinden, Männer, die in der Arbeit ſtehen, als Bettler zu ſchauen, noch furchtbarer, dieſe Männner knechtiſch ſich nach einer Zigarette bücken zu ſehen, die der wirtſchaftlich Stärkere ihnen hinwirft. Knechtſinn und Nationalismus gehören in gewiſſer Weiſe immer eng zuſammen, weil beide ſich vor der Knute des Starken, des Mächtigen, des Diktators beugen. Vielleicht hat ge⸗ rade darum in dieſer rückſtändigen ſizilianiſchen Arbeiterſchaft der Faſchismus ſo feſten Fuß faſſen können. Aber einige Proletarier ſtanden abſeits und beteiligten ſich nicht an dieſer Szene. In ihren Augen funkelte es dunkel auf, wie Scham über das Gegenwärtige und wie gewaltige Sehnſucht auf das Kommende. Zu ihnen ging ich hin und bekannte mich als deuſcher Sozialiſt. Sie begriffen, und wir ſchüttelten uns die Hände. — Röhren aus. Im Nu duckt er ſich zum Sprung— dann überſchlägt er ſich mit meiner Kugel im Hals und bricht zuſammen. Noch⸗ mals reißt er ſich hoch, dann ſtürzt er mit lautem Krach die Bö⸗ ſchung hinunter. — Ein Elefantenſchlachtfeſt Von Colin Roß Aus dem jüngſten, Buche von Colin Roß:„Die erwachende Sphinr. Durch Afrika vom Kap nach Kairo“⸗ deſſen Erſcheinen dieſer Tage von zahlreichen Zeitungen mit großer Freude begrüßt wurde, drucken wir in Folgendem ein Kapitel ab. das guch den Titel tragen könnte:„Die Beſtie im Menſchen“. Roß ſchildert, wie er einen Ele⸗ fentenn efilmt und geſchoſſen hat, der dann von den leiſchlüſternen Negern„mit hängender Zunge umſtanden wurde. bis man ihnen die Erlaubnis gab, den aufgedunſenen Leib, der wie ein halbgefüllter Ballon über dem Gras ſtand. ſich anzueignen... Ich hakte ſchon oft erzählen hören und geleſen, wie ſich das Elefantenſchlachtfeſt abſpielt. Allein die Szenen, die üc jetzt vor meinen Augen abrollten. hätte ich doch nicht für mögli gehalten. Als mein erhobener Arm ſank, zum Zeichen, daß ihnen der Elefant freigegeben ſei, ſtürzten ſch die Männer von allen Seiten mit geſchwungenen blinkenden Meſſern auf den Kadaver. Wie Ameiſen hatten ſie ihn im Handumdrehen von allen Seiten erklettert und bedeckt. Man ſah nichts mehr von dem Elefantenkörper, ſondern nur mehr ein Gewimmel nackter, fettglänzender, ſchweißtriefender Leiber, ein Durcheinander ſchwarzer Körper, das die ungefähren Umriſſe des toten Tieres wiedergab. Eine Zeitlang ſah man nichts als dieſe ineinander ver⸗ klammerten, ſich übereinander wälzenden und ſchiebenden Leiber. Dann kündete das erſte rote Blut, daß es der fieberhaft arbeiten⸗ den Maſſe gelungen, durch die dicke Haut zu dringen. Für Augen⸗ blicke ſah man zwiſchen den ſchwarzen Leibern das freigelegte blutigrote Fleiſch. Dann bedeckten es wieder die kribbelnden Menſchen⸗Ameiſen.. MNiit einem Male gab es einen kurzen, ſcharfen Knall wie bei einer Exploſion, Ein Teil der Eingeborenen fiel erſchreckt von dem Elefantenkörper herunter. Die andern, die Erfahreneren, grinſten nur, wenn auch ein wenig verlegen. Die wühlenden Meſſer waren bis in die Bauchhöhle vorgeſtoßen, und die ange⸗ ſammelten Gaſe Eutwichen. Nur eine Sekunde Verzögerung hatte es gegeben, dann wurde weitergearbeitet. Galt es doch, keinen Augenblick zu verlieren und ſich ſo viel wie möglich von dem erſehnten Fleiſch zu ſichern. Ob die Männer nach einem beſtimmten Plan vorgingen, oder ob jeder aufs Geratewohl losſchnitt, war nicht erkennbar. Jedenfalls gab es nur ſelten Streit. Ab und zu bellten ſich wohl zwei der bluttriefenden Geſtalten an wie zwei Bluthunde. Doch Streit bedeutete Zeitverluſt; in der Zwiſchenzeit holten ſich die bideren die beſten Stücke. Daher ging man raſch wieder an die rbeit. So ſchrumpfte in unglaublich kurzer Zeit der mächtige Leib des Rieſen zuſammen. Schon lagen die Zähne bloß, ſchon glänzte weis die Knochendecke des Schädels, ſchon ſah man die Rippen. Die Schlächter ſtanden jetzt mit vornübergebeugten Oberkörpern und gruben und wühlten in der Bauchhöhle. Rücken ſtanden an Rücken, Geſäß an Geſäß, Schenkel an Schenkel, wie aneinandergefeſſelt und ineinander verwoben. Die Männer hatten keine Zeit, ſich aufzurichten. Zwiſchen den Beinen hindurch warfen ſie die blutigen Fleiſchfetzen den wartenden Weibern zu, die danach ſchnappten wie Hunde und es zu den Familienhaufen trugen, die andere Glieder der Sippe eifer⸗ ſüchtigſt bewachten. Fleiſch, Fleiſch, Fleiſch! Eine Orgie war es, ein Rauſch! Der ganze Menſchenſchwarm war wie bezecht, Auflöſung unſeres Kreuzwort⸗Rätſels S7 AE22 7EſA 22 la ar, a 2 2 A F 3 AT 5 2 S ſaſE S 2 A a 2 A 9 I ſa ͤE A AA F a NS A J r N 5 2AENAAAEAEAE e Jh e S. —————— zwie irr und toll, Fleiſch, Fleiſch! Sie wühlten und gruben. Sie fuhren ſich gegenſeitig mit ihren Meſſern in die Glieder und achteten es nicht.. Die inneren Teile des Rieſen traten heraus. Die Einge⸗ weide öffneten ſich. Ihr ſtinkiger Inhalt miſchte ſich mit Blut und Schmutz zu einem ekelhaften Brei. Aber das hinderte die Fleiſch⸗ hungrigen nicht. Bis zu den Knöcheln ſtanden ſie in dem grauen⸗ haften Matſch. Sie knieten darin. Sie wühlten darin. Die untere Seite des Tieres und die Beine lagen in dieſer Jauche. All dies Fleiſch ſog ſich voll mit dem Unrat. Das machte nichts. Sie ſchnitten und ſäbelten es ab. Die Weiber trugen es triumphierend zu dem übrigen. Einzelne fraßen das Fleiſch roh, ſoffen die Blut⸗ lache. Es war ſchon ein Anblick für ſtarke Nerven. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M. Walomdlerde 29, wohin auch alle Zulchriften und Löfungen zu ſenden ſind. Wie löſe ich einen Dreizüger? (3. Fortsetzung.) 1 Noch eine letzte Aufgabe im böhmischen Stil wollen wir heute besprechen. Es ist ein Vierztger; aber deshalb sollte niemand zurdckschrecken, denn diese worden ja auf dieselbe Art gelöst wie die Dreizjüger. Diese Aufgabe zeigt, wie man mit ganz geringem Materialaufwand eine Reihe schöner Mattführungen hervorzaubern kann. Aufgabe Nr. 110 Karl Traxler, Dub. Zlatä Praha 1893. 4 9 h ſh 2 5 2 8 ſh, 5 . 3 Matt in 4 Zügen. Kontrollstellung. Weiß: Kb4; Db6; 8g3, hs. Schwarz: Kg4.(4:1) 4 matt. Es ist eine Beliebtheit vieler Komponisten gewesen, gerade mit den in obiger Aufgabe verwendeten Steinen zu komponieren. Eine große Anzahl dieser Fünfsteiner gibt es, und doch zeigen sie fast alle etwas anderes. Wenn wir an das Lösen obiger Aufgabe gehen, werden wir bald merken, daß wir nicht weiterkommen, wenn der Sg3 geschlagen wird. Das bringt uns auf den Gedanken, den Springer zu ziehen oder aber ihn zu decken. Nehmen wir also einmal als ersten Zug Db6— gl an. Würde Schwarz jetzt den Springer h3 schlagen, so könnte mit 2. Se4, Kh4; 3. Dg, Khs; 4. Dg3 matt die Forde- rung erfüllt werden. Reißt der schwarze K. aber im ersten Zuge nach 13 aus, so gibt es keine Fortsetzung mehr, die zu einem dreizügigen Matt führt. Es dürfte also wohl besser sein, den Sg3 im ersten Zuge zu ziehen als ihn zu decken. Wir haben auch bereits gemerkt, daß Schwarz nach der Randlinie ruhig schlagen kann, denn dann kann der König abgesperrt werden und wird mattgesetzt. Warum sollen wir also den zweiten Springer nicht auf ein Rand- feld tetzen? Und dies ist die tatsächliche Lösung: 1. Sgs— höl Weiß raubt dem Schwarzen zwei Fluchtfelder und gibt ihm dafür zwei neue frei. Schwarz wird sich nun natürlich hüten, einen der beiden tapferen Springer zu nehmen, er sucht vielmehr die Mitte des Brettes zu Bewiunen und zieht Kfö. Aber es nützt nichts mehr, denn das Kesseltreiben beginnt. 2. Dfé, Ke4; 3. 8g3+, Kes; 4. De matt. Es ist ein überraschend schönes, reines Matt, was wir hier sehen. Wäre der K auf das letzte S-Schach nach d ausgerückt, so hätte der Sh3 auf f4 mattgesetzt.— Ein getreues Spiegelbild dieser Mattführung ent- steht, wenn der schwarze K im ersten Zuge nach fs zieht. es folgt da 2. Df2* usw. Dies sind zwei sehr schöne Echomattbilder.— Nun bliebe ja dem Schwarzen nur noch die Flucht nach den Randfeldern im oersten Zuge übrig, aber da folgt, wie gesagt, immer 2. Dgl! und Schwarz muß ruhig auf den Todesstoß warten.— Jeder Leser spiele die Varianten dieser Aufgabe alle noch einmal durch und lasse sie in Ruhe auf sich einwirken, er wird dann mit mir sagen: es ist bewunderungswürdig, was Meterhände aus so geringem Material herauszuholen vermögen. 3 Mit dieser Aufgabe wollen wir das Kapitel:„Böhmische Schule“ schließen und im nächsten Abschnitt mit den Kombinationsaufgaben beginnen. (Torts. folgt.) Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 4(mnanataathi Montag, Hotel„König von England“, Battonnstr. 683 Abt. 2(Riederwald): Mittwoch bei Blank. 4 Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Preischütz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„Regenbogen“, Gutleutstraße. Abt. 5(Nordend): Freitag bei Waiter, Weberstraße 84. Abt. 6(Rödelheim): Dienstag bei Geyer, Eschborner Landstraße. Abt. 7(Bornheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 44. Abt. 8(Niederrad): Samstag, Sportplatz der Freien Turner, Halmstraße. Abt. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israel, Franken-Allee 234. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. —— 8 η Im Seplember durch Wald und Jeld Kaum ein anderer Monat lockt ſo hinaus ins Freie, wie der September. In keinem anderen Monat iſt der Himmel ſo blau, die Sonne ſo golden leuchtend, wie im September; iſt es da ein Wun⸗ der, wenn die Herzen weit werden für das, was die goldene Sonne unter blauem Himmel zu erzeugen weiß? Auf alſs, zum Schauen der Wunder in hochſommerlicher Zeit.— Anlagen und Gärten bereiten vor auf die Pracht der einheimiſchen Flora. Wie jeder Monat eine beſonders in die Augen ſtechende Blume hat, ſo hat der September ſeine Dahlie der ſtädtiſchen, die Georgine der bäuerlichen Gärten. Es iſt ein und dieſelbe Pflanze, die mit dieſen verſchiedenen Namen belegt wird. Und doch beſteht ein auffallender Unterſchied zwiſchen den Pflanzen der ſtädtiſchen Gärten und jenen der Bauerngärten. In der Stadt ſind die Blumen dieſer Pflanzen lockere, federige, flachgedrückte Bälle. Im Bauerngarten nähert ſich die Blume der Kugelform, die feſtgefügt iſt; die Farbe iſt hier kräftig ausgeſprochen, bei den anderen aber herrſchen zartere Farbentöne vor. Im Bauerngarten werden die älteren Sorten dieſer Pflanzen bevorzugt, der Städter hat ſein Augenmerk den neueren Züchtungen zugewandt. Das iſt der ganze Unterſchied. Sonſt handelt es ſich um ein und dieſelbe Blumengattung. Alles was unter dem Namen Georgine und Dahlie in unſeren Gärten gezogen wird, iſt Nachkommenſchaft von Blumen, die in Mexiko ihre Heimat haben. Von dort wurde Samen dieſer Pflanze um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Europa gebracht und zwar von verſchiedenen Botanikern. In Spanien wurde die Pflanze Dahlia getauft. Nach Berlin eingeführte Pflanzen erhielten im Botaniſchen Garten den Namen Georgina. So kam die gleiche Pflanzengattung zu verſchiedenen Namen. Nach dem Recht der Priorität gilt der in Fachkreiſen auch zumeiſt übliche Namen Dahlie. Im Volke hat ſich noch vielfach der von Berlin ausge⸗ gangene Namen Georgine erhalten. Herrliche, prächtige Farben⸗ töne gibt es unter den zahlreichen Spielarten dieſer Pflanze. Mir gefallen die leuchtenden, prunkenden Sorten des Bauerngartens beſſer; jene der Stadtgärten tragen verweichlichtes Anſehen zur Schau, man merkt ihnen die Kunſt des Züchters gar zu ſehr an. Aber auch die im Bauerngarten blühenden Sorten ſind keine bodenſtändigen Pflanzen, auch ſie ſind Kunſterzeugniſſe. Die eigentliche wilde Georgine hat eine Blumenform gleich unſerer Margaretenblume, die auf der Wieſe hinter dem Bauerngarten ihren zweiten Flor entfaltet hat, nachdem der erſte Flor durch die Heuernte jählings unterbrochen wurde. Die Wieſenblumen! Sie haben ſamt und ſonders wie die Margarete im Juni⸗Juli unter der blinkenden Senſe ihr Leben verhauchen müſſen. Jetzt duften ſie in der Heuſcheuer des Land⸗ mannes. Aber die Pflanzen haben ſich von der Senſenwunde er⸗ holt. Der Schnitt iſt verharſcht. Neue Triebe und Stengel ſind erwachſen und mit dieſen ſind neue Blumen gekommen. So zeigt zurzeit die Wieſe ein Abbild aus der Zeit vor dem Schnitt. Zwar iſt die Zahl der Blumen geringer, ſie haben ſich auch nicht zur alten Größe entfalten können, aber ſie ſind doch faſt alle wieder da, um uns bis zum Oktober oder gar bis in den November hinein zu erfreuen. Neue Blumen treten in dem Wieſenplan nur ganz vereinzelt auf. Das meiſte ſind alles alte Bekannte; etliche der alten Be⸗ kannten fehlen allerdings, ſie konnten ſich zu keiner zweiten Blüte aufſchwingen. Einen neuen Ton erhält das Wieſengrün durch die lilafarbigen Blumen der Herbſtzeitloſe, deren Blumen in der Form an Krokus erinnern. Sonderbar iſt, daß die Blumen blatt⸗ los aus der Erde hervorbrechen. Erſt im nächſten Frühjahr ſchiebt ſich an der gleichen Stelle, wo dieſes Jahr eine Blume ſteht, ein grüner Blätterbuſch mit ſcharfen Spitzen hervor, die alles durch⸗ bohren, was ſich ihnen in den Weg ſtellt, ſo namentlich alte Laub⸗ blätter, die auf dem Boden liegen. Inmitten des Blätterbuſches ſitzt nun auch die Frucht, deren Anfänge ſich über Winter unter⸗ irdiſch entfalten. Mit ihren Zwiebeln zieht die Herbſtzeitloſe ſo tief in den Boden, daß der Froſt ſie nicht erreichen kann. Am Wieſenrande ſteht in üppiger Entfaltung die dornige Hauhechel, die ſich vom Acker hierher gerettet hat. Ihre ſparrigen mit roſenroten Schmetterlingsblüten beſetzten Zweige beleben an⸗ mutig den Rain. Die Wegwarte, auch Cichorie genannt, leiſtet ihr mit ihren flachen, rein hellblauen Sternenblumen Geſelcjchaft. Es geht die Mär, die Wegwarte ſei ein in eine Blume verzaubertes Mägdelein, das hier am Wege auf den Geliebten wartet, der, die Treue brechend, in die Ferne zog.— Aufinge ſchruts haben beide Pſlanzen ſich hier am Wegrain zu prächtigen Geſtalten entfalten önnen. Ihren Schweſtern auf dem Acker iſt es übler ergange Un⸗ barmherzig zog die Sente hier alles nieder, Korn und Unkraut, Gerechte und Ungerechte, nur ein kahles Stoppelfeld hinterlaſſend. Die Kornpflanzen ergaben ſich in ihr Schickſal. Nicht ſo jedoch die Ungerechten, das Unkraut. Das iſt aufs neue emporgewuchert. Gleich den abgemähten Wieſenkräutern haben auch ſie neue Stengel gebildet, ſich aufs neue mit Blumen geſchmückt. Nur zu jener ſtattlichen Höhe, zu der ſie es zuvor im Kornfelde brachten, konnten ſie ſich nicht wieder aufſchwingen; ſie ſind niedriger ge⸗ blieben, dafür aber ſind ſie in die Breite gewachſen und haben wohl auch reichlicher mit Blumen ſich geſchmückt. Die Farbentöne ſind leuchtender, kräftiger geworden. Ein ſchönes Beiſpiel für all dieſe Veränderungen bietet uns die blaue Kornblume. Manche Ackerunkräuter kommen im Stoppelfeld erſt zur rechten Ent⸗ faltung. Solange das Getreide den Raum beanſpruchte und den Boden beſchattete, mußten ſie ſich ducken, konnten ſich nur mühſelig ein paar ärmliche Blätter bilden. Nun aber der Raum nach oben frei iſt, die Sonne warm den Boden küßt, da iſt auch ihre Zeit ge⸗ kommen. Schnell wird das verſäumte Wachstum nachgeholt und ihr Gezwelg durchſpinnt die Stoppeln, überall bunte Blumen ein⸗ flechtend. Dieſer zweite Trieb der verſchiedenen Wieſenpflanzen und Ackerkräuter iſt von Haus aus keine natürliche Erſcheinung. Er wird bedingt durch künſtlichen Eingriff von Menſchenhand, durch das Mähen. Anders iſt es bei vielen Waldblumen und ⸗ſträuchern, die nach dem Frühjahrstrieb, um die Sommerſonnenwende noch einen zweiten Trieb hervorbringen, den ſogenannten Johannis⸗ trieb, der ſich zurzeit durch ſeine zumeiſt recht auffällige Farben⸗ zeichnung von dem nun dunklen Grün des Frühjahrstriebes präch⸗ tig abhebt. Buche und Eſche geben hierfür gute Beiſpiele. Beide Pflanzen treiben erſt ſpät im Frühjahr, dann iſt aber der Trieb auch ſchnell, etwa in 14 Tagen, beendet. Ende Juni bricht dann der zweite Trieb hervor, dem nicht ſelten im Auguſt noch ein dritter Trieb folgt. Das Bezeichnende bei ſolchen Johannistrieben iſt, daß der neue Trieb ſtets aus einem ausgereiften Trieb her⸗ vorkommt. der ſein Wachstum ſelbſt ſchon abgeſchloſſen hat. Die Knoſpen, aus denen der Johannistrieb ſtammt, haben ſtets eine mehrwöchige Ruhe hinter ſich. Bei Ahorn⸗ und Eſchenarten bilden ſich aber auch aus ſolchen Knoſpen neue Triebe, die noch gar keine Ruhezeit hinter ſich haben. Endlich gibt es noch eine dritte Gruppe von Bäumen, zu der Birke, Erle, Haſelnuß, Weide und viele andere zählen, deren zweiten und weitere Triebe nur aus jungen, noch weiterwachſenden Trieben erſtehen. Bei all dieſen zweiten Trieben handelt es ſich um natürliche, im inneren Weſen der Pflanzen begründete Erſcheinungen... Wenn aber bei Linden, Kaſtanien, Goldregen im Herbſt ein zweiter Trieb hervortritt, der bei feuchtwarmer Witterung nicht ſelten ſogar noch Blüten treibt, oder wenn die Obſtbäume im Herbſt eine zweite Blüte bringen, ſo iſt die Urſache in äußeren Einflüſſen zu ſuchen, ähnlich wie bei dem zweiten Trieb der Wieſen⸗ und Ackerkräuter. Trockenheit im Sommer, feuchte Wärme im Herbſt läßt bei ſolchen Bäumen Knoſpen vorzeitig austreiben, deren Zeit eigentlich erſt im nächſten Frühjahr gekommen wäre. Herm. Krafft. Lberliſtet Eine Skizze aus einem Seebad von Kaoul Krüger Ein glühender Ball, ſtand die Sonne am Firmament und andte ihre ſengenden Strahlen herab. Nichts regte ſich. Selbſt das Teer rollte ſein Waſſer in langen, matten Wellen an den Strand, als ob ihm das Atmen ſchwer fiele, ebenſo wie den wenigen Bade⸗ gäſten, die ſich in den ſchützenden Schatten ihrer Strandkörbe zurück⸗ gezogen hatten. Auch Miſter John Percival, ein ſmarter Ameri⸗ kaner, ſaß in ſeinem eleganten Badedreß in ſeinem Strandkorb und blickte gelangweilt vor ſich hin. Ihm war dieſer blaue Himmel mit ſeinem ſengenden Geſtirn zuwider, da die Elite der Badegäſte, die ſchönen und eleganten Frauen, die Millionärsgattinnen und ⸗töchter die Hitze vermieden. Und ihretwegen war er doch in dieſes faſhionable Seebad gekommen. Beinahe war er entſchloſſen, ſich ebenfalls ins Hotel zu be⸗ geben, als er ſeinen Kopf ein wenig zur Seite wandte. Seine Augen blickten voll Erſtaunen. Wie hatte ihm das auch entgehen können? Schräg gegenüber ſaß eine junge, reizende Dame, läſſig in den Strandkorb zurückgelehnt; blondes Wuſchelhaar umrahmte das zarte Oval des Geſichtes, in dem ein Paar blaue Augen mit der Farbe des Himmels wetteiferten. Doppelt verwünſchte Pereival dieſe Hitze, die es ihm unmöglich machte, im Waſſer Ge⸗ egenheit zur Bekanntſchaft zu finden. Aber die Natur hatte ein Einſehen und kam ihm zu Hilfe. Ganz plötzlich ſtrich eine kühle Briſe vom Meere über den glühenden Sand, erhaſchte im Strandkorb ein hauchdünnes Spitzentuch, führte es ein Stück, wie ſpielend, mit ſich und ließ es in Percivals Nähe zu Boden fallen. Er hob es freudig auf und übergab es mit einer eleganten, weltmänniſchen Verbeugung ſeinem bewunderten ſchönen Visavis. Da die Antwort gleichfalls engliſch gegeben wurde, war bald ein Geſpräch im Gange, und als man ſich eine Stunde ſpäter zum Lunch begab, ſchieden zwei gute Bekannte voneinander, die ſich für den Abend im Hotel Carlion ein Stelldichein zum Bal paré gegeben hatten. Pünktlich um 10 Uhr betrat Percival den ſtrahlend er⸗ leuchteten Feſtraum, in dem ſich eleganteſt gekleidete Damen und Herren bereits dem Tanze hingaben. Vergeblich durcheilte ſein Blick die Menge— ſie war noch nicht da. Er nahm alſo in einem der tiefen einladenden Fauteuils Platz, um ſich mit einer Zigarette über die Nervoſität des Wartens hinwegzuhelfen. Aber nicht lange dauerte es, da betrat Miß Evelyn, in entzückender roſa Abendtoilette, die ihre ſchlanke Figur voll zur Geltung kommen ließ, den Saal. And nicht nur Percivals Augen zollten ihr Bewunderung. Nach kurzer Begrüßung begaben ſie ſich zur reſervierten Loge, wo ein delikates Diner ihrer harrte. Der prickelnde Champagner und die übermütige, aufpeitſchende Muſik ließen ſie aber nicht lange plaudernd ſitzen. War John Percival ein glänzender Tänzer, ſo war Evelyn eine würdige Partnerin. Aller Blicke folgten dem vleganten, hübſchen Paar, und einige Male lohnte ſogar Applaus en ſchönen Tango. So vereilten die Stunden wie im Fluge, bis Evelyn nun energiſch bat, ſie nach Hauſe zu bringen. Sie wohnte ein wenig außerhalb, wo die eleganten Villen und ſtillen Penſionen ihren vornehmen Beſuchern jeden Lärm und jede Störung durch den großen Verkehr fernhielten. John Percival winkte ein Auto heran und bald ſauſten ſie die Autoſtraße ent⸗ lang dem Meeresſtrande, dem Villenviertel zu. Eine plötzliche ſcharfe Kurve ließ ſie aneinanderſtoßen, und John benützte kühn den Augenblick, ſeine Arme um Evelyn zu legen und einen Kuß auf ihre Lippen 2 —— zu erwidern. War es die Wirkung des Sekts, ꝑ oder war es etwas anderes, genug, Evelyn wehrte ſich nicht ſondern gab ſich ganz dem Genuß des Augenblicks hin. Aber gleich darauf hielt der Wagen. und errötend machte ſich Evelyn frei, ſprang aus dem Wagen heraus, ein kurzes„Auf Wiederſehen morgen im Bade!“, und ſchon war ſie verſchwunden. John Percival gab Befehl zum Umkehren. Während er wieder längs des Meeresſtrandes dahinfuhr, zog er eine Perlenkette aus ſeiner Taſche und prüfte ſie mit Kennerblicken. Dann biß er mit den Zähnen daran.„Verdammt!“ entfuhr es ſeinen Lippen,„die Perken ſind falſch!“ Und dafür hatte er ſo große Ausgaben ge⸗ macht: ein Sektſouper in reſervierter Loge, ein Privatauto. Und nun waren dieſe Perlen, zwar ſehr gute Imitation, aber falſch. Verärgert wollte er ſehen, wie ſpät es ſei und ob es ſich noch lohne, auf den Ball zurückzukehren, um nach neuer Beute Aus⸗ ſchau zu halten, und griff nach ſeiner Uhr. Starres Entſetzen be⸗ fiel ihn. Seine herrliche Frackuhr, die er erſt unlängſt von der Schweiz ins Seebad„mitgenommen“ hatte, war weg! Miß Evelyn hatte ihn überliſtet und mehr Tüchtigkeit und Geſchäftsſinn bewieſen. Sterne und Sternbilser in alter und neuer Wertung Von Auguste Peters Es kann uns ja nicht wundern, wenn man in den Jabr⸗ tauſenden vor Chriſto, als es noch keine Naturwiſſenſchaften gab, noch keine Fernrohre, keine Photographie, überhaupt nichts von all den großen neuzeitlichen Hilfsmitteln der Himmels⸗ betrachtung, die Phantaſie zu Hilſe nahm für alle Er⸗ ſcheinungen, über die ſich Beſtimmtes nicht feſtſtellen ließ; und ſo umrankte man die Vorgänge am Sternenhimmel mit einem reichen Kranze von Sage und Dichtung. Viele der Namen ſchon deuten das an: Herkules z. B., der ſagenhafte griechiſche Held, der die 12 ſchweren Aufgaben löſte, iſt dadurch geehrt worden, daß man ein großes Sternbild mit ſeinem Namen beseichnete, eine Gruppe von Sternen, die zwar keineswegs einem Manne ähnelt, in die man aber die Umriſſe eines ſtarken Mannes mit einer Keule hineingezeichnet hat; man hat ihn zum ewigen An⸗ denken an ſeine großen Taten„unter die Sterne verſetzt“. Auch jenes große W, das in der Näbe des Nordporlarſterns ſo hell ſtrahlt, die Caſſiopeja, verdankt ſeinen Namen einer Sage: dieſe Caſſiopeia war ein äthiopiſche Mohrenkönigin; eine Stern⸗ gruppe in der Rähe, aber von weniger auffallendem Glanze, Chmmeſiſches Schattenſpiel— das Volkstheater Die Heimat des Schattenſpiels iſt China. Die Legende er⸗ zählt: Li, die Lieblingsfrau des Kaiſers Wu, der von 140—87 v. Chr. regierte, war geſtorben und der Kaiſer trauerte gar tief um ſie und konnte ihrer nimmer vergeſſen. Da kam Schao⸗Wong aus dem Lande To'i(in Schantung), der in allen geheimen Künſten wohl erfahren war, und ließ den Sohn des Himmels wiſſen, daß er den Geiſt der Verſtorbenen zitieren könne, und Wu, der Kaiſer, war deſſen zufrieden. In einer Nacht ſpannte Schao⸗Weng einen Vorhang auf, der mit Lampen und Fackeln beleuchtet wurde, bat den Kaiſer, hinter einem andern Vorhang Platz zu nehmen und von ferne der kommenden Dinge zu warten. Da erſchien auf einmal der Herdgott in dem erſten Vorhang und bei ihm war ein ſchönes Weib, deſſen Geſtalt der verſtorbenen Li recht glich. Als aber der Kaiſer aufſprang und gen das Bild eilte, da verſchwand es. Schao⸗Weng wurde von Wu mit Ge⸗ ſchenken reich begabt und zum„Meiſter der gelehrten Voll⸗ kommenheit“ ernannt. Doch da es ihm gelungen, die Geiſter der Abgeſchiedenen zu beſchwören und ſie als Schatten ſichtbar werden zu laſſen, trieb ihn ſein Ehrgeiz zu immer größeren Taten. Er erbot ſich den Sohn des Himmeks mit der ganzen Götterwelt in Verkehr zu bringen. Inmitten des kaiſerlichen Palaſtgartens ließ er ein überaus prächtiges Haus errichten, deſſen Wände er mit den Göttern des Himmels und der Erde und anderer guter Geiſter bemalte und brachte ihnen große Opfer dar. Aber die Götter erſchienen nicht und Schao⸗Wengs Ruhm begann zu er⸗ blaſſen. Da kam die Furcht über ihn, daß er bei dem Kaiſer in Angnade fallen könne und er ſann auf eine Liſt, ſich davor zu retten. Er ſchrieb deshalb geheimnisvolle Worte auf ein Stück Seide, gab dies einem Ochſen zu freſſen und verkündete feierlich, daß in dem Bauche des Tieres ein ſeltſam Wunder zu finden ſei. Und da man den Ochſen geſchlachtet, entdeckte man das D⸗kument. So kam das Spiel mit den Schatten am Kaiſerlichen Hofe in Verruf, aber im Volke ſcheint es eine neue Heimat gefunden zu haben. Das mag noch lange Zeit mit Gruſeln die Manen ſeiner Abgeſchiedenen aus dem dunkeln Neiche der Toten als Schatten beſchworen haben. Allmählich aber wird das Spiel mehr und mehr ins äußere Volksleben eingedrungen ſein. Aus dem in der Magie wurzelnden, ſpiritiſtiſchen Spiele mit den Totenſchatten, wurde ein Schattenſpiel aus der Welt der Lebenden. Zwar ſchweigen die chineſiſchen Geſchichtsſchreiber, die ſich aber kaum um das Treiben des Volkes kümmern und nur ſwärlich darüber berichten, ein Jahrtauſend über die Schattenſpiele. Doch beſagt dies nicht, daß man es nicht gepflegt habe, denn ſonſt würde man um das Jahr allenthalben auf den Jahrmärkten Erzähler antreffen, die ihren Vortrag, ähnlich wie unſere Moritatenſänger, mit ihren Bildern, durch Schattenſpiele erläuterten. Von der Schattenersählung zur dramatiſch agierten Schatten⸗ bühne iſt nur ein kleiner Schritt und nachdem ſich das wirkliche Theater mehr und mehr in China entwickelt hatte, wurde dieſer getan. Aus dem Erzähler vor dem Vorhang, wurde der Sprecher hinter ihm, aus den ruhigen, kaum bewegten Schattenbildern, wurden Schattenſpiele. Das Volk hatte ſich ſein Theater geſchaffen und konnte nun Spiele nach ſeinem Wunſche und Willen, unab⸗ hängig von den höfiſchen und gelehrten Dichtern darſtellen. Wie immer bei einem intelligenten Volke, ſpielte auch in China die Politik eine große Rolle. Politiſche Satire ſtand und ſtebt beute noch bei den Schattentheatern im Vordergrund. Die Auffüh⸗ Ihre Verbreitung förderten zwei Momente: ffüb⸗ rungen der wirklichen Bühne ſind mit großen Koſten verknüpft, verlangen daher hohe, den armen Schichten des Volkes uner⸗ ſchwingliche Eintrittspreiſe. Zum andern verbietet die chineſiſche ſchwarzen Majeſtät verheerte und mit den Fluten ein ſchreck⸗ liches Seeungeheuer, dem viele Menſchen zum Opfer fielen. Die ſchöne Fürſtin war erſchrocken und ſchickte Boten zum Tempel des Jupiter Ammon, die den Gott um Rat in dieſer Not fragten. Die Antwort lautete, ſie müſſe ihre Tochter Andromeda dem Angeheuer opfern, dann ſei die Rache der Nereiden und Poſei⸗ dons befriedigt. Das Königspaar entſchloß ſich ſchweren Herzens zu dieſem Opfer, und ſo wurde die arme Prinzeſſin gefeſſelt an den Strand gebracht und ihrem Schickſal überlaſſen. Aber es kam Hilfe. Perſeus, der Halbgott und berühmte Held, kam auf ſeinem Flügelroß, dem Pegaſus, ſtattlich dahergeflogen— er hatte eben ein ſchlimmes Abenteuer glücklich beſtanden: er hatte die Meduſa beſiegt! Das war ein ſchreckliches Weib, das ſtatt der Locken ein Geringel von Nattern um den Kopf trug; ihr Anblick erregte ſolches Entſetzen, daß jeder, der ſie anſah, ſofort zu Stein wurde, weshalb niemand ſie bisher hatte be⸗ ſiegen können. Held Perſeus aber, dem zwei Götter mit gutem Rat beiſtanden: Hermes und Athene, nahm ein Metallſpiegel, den ihm Hermes gegeben und in dem er das Haupt der Meduſa nur undeutlich erblickte; mit dieſem nahte er ihr rückwärts ſchreitend, da ſie ſchlief, indem er den Spiegel vor ſich hielt, und hieb ihr dann mit dem Sichelſchwert, das ihm Athene gegeben, nach rück⸗ wärts ausholend, den furchtbaren Kopf ab, den er ſchnell in eine mitgebrachte Taſche ſteckte und mitnahm. Dieſes Haupt der Meduſe nun hielt er, bei der unglücklichen Andromeda ange⸗ kommen, dem Seeungeheuer entgegen, das ſich voll Schrecken davor zurückzog und ſich nicht mehr blicken ließ; und dann be⸗ freite er die arme Prinzeſſin von ihren Banden(im Frankfurter Palmengarten hat das ein Bildhauer dargeſtellt), nahm ſie mit ſich auf ſeinem Flügelroß und machte ſie zu ſeiner Gemahlin. Alle Perſonen dieſer Sage finden ſich in den benachbarten Sternbildern verewigt; und ſo hatten die alten Völker darin zugleich eine Gedächtnishilfe für einen großen Abſchnitt am Sternenhimmel. Und auch uns kann die Sage dienen, alle dieſe Sterngruppen: Caſſiopeia, Cepheus, Andromeda, Perſeus mit dem Meduſenhaupt und noch den Pegaſus in einem Zuſammen⸗ hange aufzufaſſen und leichter aufzufinden— in ähnlicher Weiſe wie man ſich in einem Stadtteil leicht zurechtfindet, deſſen Straßennamen einen inneren Zuſammenhang haben, vielleicht Dichter, Muſiker, Kriegshelden, Gebirge oder ähnliches bezeichnen. Damit iſt aber auch der ganze Wert angegeben, den dieſe Sternfagen, ſo reizvoll ſie auch dem kindlichen Empfinden ſind und ſo ſehr ſie auch in ihrer heiteren Romantik in das Kindesalter der Menſchheit paßten, dem ſie ihren Urſprung ver⸗ danken, für uns erwachſene Menſchen der Neuzeit haben! Sie haben mit dem Weſen der Sterne, das ja jenen alten Völkern auch gänzlich unbekannt war, garnichts zu tun; ja, ſie ſtören unſere Vorſtellungen davon, indem ſie uns Zuſammenhänge vor⸗ täuſchen, die nicht exiſtieren, denn die einzelnen Weltkörper, die jene ſogenannten Sternbilder zuſammenſetzen, wandeln in Wirk⸗ lichkeit jeder für ſich, durch unendliche Räume getrennt, die wunderbaren Bahnen, die für jeden beſonders, nach indi⸗ vidueller Geſetzmäßigkeit, vorgezeichnet ſind.. Ganz andere Werte bietet uns die Erfahrung jener Sternweſen, Werte, von denen freilich die alten Völker nicht einmal etwas ahnen konnten! EE— Betrachten wir einmal aus all den oben genannten Gruppen das Sternbild der Andromeda im Lichte der neuen Forſchung! Es beſteht in der Hauptſache aus drei Sternen 2. Größe, die ſich in einer Linie ſüdlich vom großen W der Caſſiopeja erſtrecken. Der erſte davon, Alamak, hat ſich in unſeren großen Fernrohren als ein ganz wundervolles Dreigeſtirn offenbart: 3 große Sonnen wandeln da miteinander um einen gemeinſamen Mittelpunkt, 3 Schweſtern, die eine in einem orangefarbenen, die anderé in einem weißen, die dritte in einem blauen Ge⸗ wande! Das könnte wieder wie Sage und Märchen klingen, uaber es iſt ein Tatſachenbefund der Forſchung: der Stern Alamak be⸗ ſteht aus drei farbigen Sonnen. ATle Firſterne, alle Sonnen leuchten in der beſtimmten Farbe ihrer beſonderen Lebensſtufe; ſchon mit bloßem Auge können wir rötliche Sterne am Himmel unterſcheiden, viel mehr aber ſondern ſich die Farben im Fern⸗ rohr. Und wenn nun auch um jene Sonnen des Alamak Pla⸗ neten kreiſen, wie um unſere Sonne(die Sternforſchung nimmt das Daſein dieſer dunklen Begleiter der Fixſterne als er⸗ wieſene Tatſache an!), welches Schauſpiel mögen dann die etwaigen Bewohner jener Planeten täglich erleben beim Auf⸗ und AUntergang der orangefarbenen, weißen, blauen Sonne! Ferner: dicht über dem zweiten Stern der Andromeda, Mir⸗ rach, ſieht man bei klarem Himmel auch ſchon mit bloßen Augen einen weißlichen Fleck, den ſogenannten Andromedanebel, den auch die alten Sternforſcher ſchon kannten. Auch dies unſcheinbare weißliche Wölkchen hat ſich in den Fernrohren als etwas unbe⸗ ſchreiblich wunderbares enthüllt: es iſt in immer ſchärferen Fern⸗ rohren immer größer und deutlicher geworden und man ſieht es jetzt auf der photographiſchen Platte als ein großes ſpiralig ge⸗ wundenes Lichtgebilde mit einem helleren, feſteren Mittelpunkt. Und da man in den letzten Jahrzehnten gelernt hat, die Ent⸗ fernungen genauer zu berechnen oder doch abzuſchätzen, ſo muß man annehmen, daß dieſer Andromedanebel noch weiter entfernt iſt als die Milchſtraße, die doch wegen ihrer unge⸗ heuren Entfernung nur ſo verſchwommen ſchimmert, obgleich ſie aus lauter Sonnen beſteht— und demnach müßte auch der noch unendlich fernere Andromedanebel aus lauter Sternen be⸗ ſteben, und man kommt zu dem Schluß, daß er ein anderes Milch⸗ ſtraßenſyſtem darſtellen müſſe mit Millionen rreiſender Sonnen! Merken wir an dieſen beiden Beiſpielen, wieviel mehr unſere heutige Himmelsforſchung uns zu ſagen hat von den Wundern des Sternenhimmels als die Sternmythen der Alten?! Noch eins wollen wir hinzufügen: der Stern Algol, der den Mittelpunkt im Haupte der Meduſa bildet, zeigt eine Eigen⸗ tümlichkeit, die ſchon ſeit langem das Intereſſe der Beobachter feſſelte: ſein Glanz nimmt in regelmäßigen Zeitabſtänden ab und zu! Da man mit photometriſchen Inſtrumenten genau die Licht⸗ ſtärke jedes Himmelskörpers meſſen kann, ſo ſtellte ſich heraus, aß der Algol 2 Tage lang in der Helligkeit eines Sterns zweiter Größe erſcheint; dann ſinkt er binnen 4 ½ Stunden zu einem Sternchen vierter Größe, um faſt ſofort in der gleichen Zeitdauer, alſo in abermals 4 ½ Stunden, zur Anfangshelligkeit anzuſteigen, die er dann wieder 2 Tage lang feſthält, bis von neuem das Spiel der 9⸗ſtündigen Verdunkelung einſetzt. Dieſer Sitte anſtändigen Frauen den Zutritt zum Theater. Dem konnte das Schattentheater begegnen. Die Koſten ſind hier gering, die Eintrittspreiſe daher niedrig. Leder, Horn oder ſeltener Papier, das im Gebrauch nicht haltbar iſt, für die Figurinen, die meiſt auf das Künſtleriſchſte ausgeſchnitten und prächtig bemalt ſind, kann man für wenig Geld kaufen, die techniſchen Mittel, Spiel⸗ leinwand und Beleuchtung ſind leicht zu beſchaffen und zwei bis drei Perſonen genügen, um ſelbſt Stücke mit vielen Figuren zu agieren. Dazu iſt das Ganze bequem zu transportieren und man kann damit in jedes Haus kommen, um da eine vergnügliche Anterhaltung zu bieten. Von China kam das Schattenſpiel durch die Mongolen nach Vorderaſien und von da über Perſien im 17. Jahrhundert nach Europa. Am 21. Auguſt 1686 bittet der„Kurfürſtlich Sächſiſche wirkliche Hofcomoediant“ Johann Veltens den Rat von Frank⸗ furt a. M., ihm zu geſtatten, gleich wie dem Puppenſpiel und Schatten beſchehen, einige Comoedien agieren zu dürfen. Von da an finden wir das Schattenſpiel in Deutſchland häufiger. Recht heimiſch iſt es aber nie geworden, wenn ſich auch Romantiker, wie Arnim, Brentano und ſpäterhin Juſtinus Kerner, ernſtlich darum bemüht und beſondere Stücke dafür ge⸗ ſchrieben haben. Auch die Verſuche der Neuromantiker, wie Ber⸗ nus in München uſw. ſind nicht ins Volk gedrungen. Und doch iſt es ſchade darum, daß es vergeſſen iſt. Es wäre eine ſchöne Auf⸗ gabe, namentlich für die Jugend, den verſchollenen Schatz zu heben, das Schattenſpiel zu pflegen und es auch bei uns zu dem zu machen, was es in ſeiner Heimat, in China. iſt: Zum Volks⸗ theater. H. Grombaéher. „Hier liegt der Hund begraben An der Faſſade des Nürnberger Rathauſes ſteht in einer Niſche ein ſteinerner Hund, und die NRürnberger vermuten, daß daher die Redensart kommt:„Hier liegt der Hund begraben.“ Derlei oft undefinierbare Tiere, die vom Volk als Hunde, Löwen, Katzen uſw. und alten Häuſern. und mitunter iſt der Archäologe überraſcht, einen Löwen eines Hundes zu finden oder den„eingemauerten Hund“ auf dem Grabſtein eines Ritters zu ſehen. In den meiſten Fällen liegt daher der Hund„hier“ nicht begraben. Aber in Thüringen weiß man ganz beſtimmt, daß der Hund in Winterſtein begraben liegt. Da wird erzählt, daß ein Herr von Wagenſtein in Winterſtein einen überaus treuen und klugen Hund hatte, den er, und nach ſeinem Tode ſeine Witwe, zu allerlei Gängen benutzen konnten. Als das kluge Tier ſtarb, wollte es die Frau von Wangenſtein auf dem Gottesacker begraben laſſen, was aber der Pfarrer nicht zuließ. Als aber die Frau der Kirche 100 Taler und dem Pfarrer die Hälfte dieſes Betrages ſtiftete, ließ der Pfarrer mit ſich reden. Die Geſchichte wurde im Lande bekannt. und die Winterſteiner hatten den Spott, daß auf ihrem Kirchhof der Hund begraben liege. Schließlich kam aus Gotha der Befehl, den toten Hund vom Friedhof zu entfernen, worauf er in der alten Schloßruine beigeſetzt wurde. Auf ſeinem Grabſtein ließ Frau von Wangen⸗ ſtein ſein Bild meißeln und folgende echt barocke Inſchrift dar⸗ unterſetzen: „1650 ward der Hund begraben, daß ihn nicht ſollen freſſen die Raben, Stutzel war ſein Name genannt. bei Fürſten und Herren wohlbekannt. Wegen ſeiner Treu und Munterkeit, ſo er ſeinen Herren und Frauen geweiht. Schickt man ihn hin nach Friederſtein, lo lief er hurtig ganz allein; gut hat er ſein Sach eingericht', drum hat er dieſen Stein gekriegt.“ — größter Regelmäßigkeit notiert worden iſt, noch bei Hunderten, ja, ſchon bei Tauſenden von anderen Sternen beobachtet und gibt die Grundlage zu der überzeugung, daß unſichtbare, dunkle Weltkörper ſich in unſerer Blickrichtung jeweils vor den ſelbſt⸗ leuchtenden Stern ſchieben und ihn für unſer Auge mehr oder weniger verdecken.. Ja, dieſe dunklen Weltkörper, die ihr Daſein nur auf dieſe Weiſe(unter Umſtänden freilich auch noch durch Anziehungs⸗ wirkungen!) bekunden können, die ſind eine Vorſtellung, die uns in ganz beſonderem Maße anregen muß! Durch ſie erſt wird uns das Weltall vollſtändig. Auch um jene fernen Sonnen des Fir⸗ ſternhimmels, der Milchſtraße kreiſen Planeten, viele gewiß be⸗ günſtigter als unſer kleiner Erdball, die in irgend einer Periode ihrer Entwicklung befähigt ſind, organiſches Leben zu tragen! In dieſem Gedankengange wird unſere Erde, wie Flammarion es ausdrückt,„zu einer Provinz des Univerſums, und unſere Vor⸗ ſtellung bevölkert andere Vaterländer mit unbekannten Brüdern“. Möchte doch die Menſchheit jetzt merken, welche hohe Werte, welche Lebenseinſicht und ⸗überſicht, welche Weltanſchauungs⸗ ſtützen uns die Sternkunde bietet und ſich nicht immer noch be⸗ tören laſſen von den überredungen alten Aberglaubens! Mehr Sternkundel„Die die Fackeln tragen, ſollen ſie einer dem anderen weitergeben!“(Plato.) Die Stellung der Frau zur Todesſtrafe Von Friedel Schneider Das neue Reichsſtrafgeſetzbuch, deſſen Entwurf ſchon dem Reichstag und Reichsrat vorliegt, erfordert auch von der Frau eine klare Stellungnahme. Beſonders die vorgeſehene Beibe⸗ haltung der Todesſtrafe iſt geradezu eine Schickſalsfrage für unſer ganzes Volk. Daß die Todesſtrafe entbehrt werden kann, ohne daß die Sicherheit der menſchlichen Geſellſchaft bedroht wird, beweiſen z. B. die 15 Kantone in der Schweiz, in denen man die Todes⸗ ſtrafe ſchon früher abgeſchafft hat, gegenüber den 10 anderen Kantonen, in denen die Todesſtrafe bisher noch beſtand und erſt in allerjüngſter Zeit ebenfalls beſeitigt worden iſt. Auch in Belgien. wo man ſeit 1863, in Portugal, wo man ſeit 1867, in Holland, wo man ſeit 1870, in Finnland, wo man ſeit 1894, in Norwegen, wo man ſeit 1905, und in öſterreich, wo man ſeit 1919 die Todesſtrafe abgeſchafft hat, beſteht für die Menſchheit keines⸗ wegs eine größere Gefahr als in Ländern, in denen die Todes⸗ ſtrafe noch geſetzlich gefordert wird. Man kann die Geſellſchaft erforderlichenfalls durch Internierung von Verbrechern ſchützen und erhält dabei noch die Möglichkeit, ſelbſt einen Mörder durch erziehliche Maßnahmen zu einem nützlichen Gliede der menſch⸗ lichen Geſellſchaft zu machen. Obendrein ſollte ſchon die Möglich⸗ keit eines Juſtizirrtums von vornherein die nicht wieder gut zu muchende Tötung eines Menſchen aus dem Strafgeſetzbuch aus⸗ alten. Die Vergeltungstheorie vollends ſteht mit der Ethik ſowohl des Sozialismus als auch des Chriſtentums im ſchroffſten Wider⸗ ſpruche. Sind es nicht überhaupt in den allermeiſten Fällen die ſozialen Mängel und Fehler der menſchlichen Geſellſchaft, die einen Menſchen erſt zum Verbrecher werden laſſen? Trägt nicht die menſchliche Geſellſchaft ſelbſt die größte Schuld daran, wenn einer aus ihrer Mitte in die Verbrecherlaufbahn und ſogar zu einem Morde gedrängt wird? Iſt es nicht eine weitere Schuld unſerer heutigen Geſellſchaftsordnung und der ſozialen Gemein⸗ ſchaft, wenn ſie ſich eines unglücklichen Menſchen durch Hinrichtung entledigen will, anſtatt ihn durch alle verfügbaren Mittel der Erziehung von ſeinem verbrecheriſchen Triebe zu befreien? über⸗ dies findet man auch gerade unter Mördern häufiger Menſchen, die noch nicht vorbeſtraft ſind, als berufs⸗ und gewohnheitsmäßige Verbrecher. Die zunehmende Kriminalität fordert zu ernſtem Be⸗ ſinnen auf. Unſere heutige Geſellſchaftsordnung entſpricht keiner ſozialen Gemeinſchaft, ſondern ſie zeitigt immer mehr Anſätze zu Macht⸗ und Gewaltherrſchaft. Die Schuld der Geſellſchaft wächſt, je mehr Recht ſie ſich auf das Leben des einzelnen anmaßt. Einzig und allein durch Erziehung zu einem aus Erkenntnis handelnden Menſchen und durch Selbſtüberwindung kann ein ſitt⸗ lich freier Menſch wachſen. Von dieſer Erkenntnis iſt aber die heutige Erziehung noch weit entfernt, und die große Maſſe des Volkes, vor allen Dingen auch die Frau, lebt noch in einer ſo er⸗ ſtaunlichen Unkenntnis vom Weſen der Strafe, daß man am ſozia⸗ len Gefühl der Menſchen unſerer Zeit faſt verzweifeln möchte. Bereits vor fünfzig Jahren war in Anhalt, Bremen und Olden⸗ burg die Todesſtrafe abgeſchafft, und nur durch Bismarcks Drohung, daß der Bundesrat die ganze Strafgeſetzvorlage zu Fall bringen würde, wenn im Deutſchen Reichstag auf die Todesſtrafe verzichtet werden würde, kam ſeinerzeit im Reichstag eine Mehr⸗ heit von ganzens Stimmen für die Todesſtrafe zuſtande. Damit war der Reichseinheit ein ſchweres Opfer gebracht worden, das zu einer unermeßlichen Schuld geworden iſt. Es gibt zwei Arten von Schuld: die des Verbrechers, der einem Triebe folgt, den er nicht in ſein Bewußtſein zu heben d vermag, und die der ſozialen Gemeinſchaft, der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft, die es verſäumt, dem einzelnen zur Brüderlichkeit, zu Recht und Freiheit zu verhelfen. überall dort, wo Unrecht ge⸗ ſchieht, müſſen Mittel und Wege gefunden werden, um dem Schul⸗ igen Einſicht in die Bedeutung ſeiner Taten zu verleihen. Schuld iſt nur durch Erkenntnis zu überwinden. Die Todesſtrafe aber iſt das ſchädlichſte, das gefährlichſte und das häßlichſte Mittel, um die Schuld auf der Erde unausrottbar zu machen. Hier muß die Frau, die Gebärerin des Menſchen, mit aller Kraft ihre Stimme erheben, damit die Heiligkeit des Menſchenlebens unangetaſtet bleibt. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zuſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Wie löſe ich einen Breizüger? (4. Fortsetzung.) Wir kommen heute zur zweiten Hauptgruppe der Dreizüger, den Kom: binationsaufgaben. Hier soll gleich eingefügt werden, daß A. Klinke in seinem Vortrag„Uber das Wosen des Schachproblems“(Ostern 1923 zu Berlin) die Dreizüger wie folgt einteilte: 1. Böhmische Schule; 2. Auf⸗ gaben der Taktik; 3. Aufgaben der Strategie. Ich habe dies bei meiner Ein⸗ teilung alles in Erwägung gezogen und bin doch zu dem Schlusse gekommen, daß die von mir angewandte Einteilungsweise(1. Böhmische Schule; 2. Kom⸗ binationsaufgaben; 3. Ideenprobleme) in der Ausdrucksform die bessere ist, In der Hauptsache sind sie einander wohl gleich: Aufgaben der Taktik sind Kombinationsaufgaben(der letztere Ausdruck läßt aber einen weiteren Spiel- raum); Aufgaben der Strategie sind Ideenprobleme. 3 Heute ein Kombinationsproblem zur Hand, also eine Aufgabe mit taktischen Gedanken. Was heißt das? Bei Aufgaben der Taktik wirkt sich ein Zug sofort im nächsten Gegenzug aus, eine Drohung wird also sofort pariert. Durch diesen Gegenzug aber wird wieder ein neuer Zug von Weiß ermöglicht usw. Die Hauptsache ist also das sofortige Auswirken jedes Zuges(zum Unterschied vom Ideenproblem); der erste weiße Zug hat demzufolge auf den 3. Zug keine Einwirkung, wohl aber auf den ersten Zug von Schwarz; letzterer wiederum auf den zweiten Zug von Weiß usw-. An einem ganz bekannten Beispiel wollen wir dies ausprobieren: Aufgabe Nr. 111. E. Opitz-Dresden. 1. Preis im I. Turnier der Arbeiter-Schach-Internationale 1925. g h NX ſ ʒʒ) S 2 i S Sch 5 S,, ,,— M,, ,, Gchſch —wer⸗-s-- 5 Matt in 3 Zügen. Stellung: Weiß: Ka6; Tel; Lel, fö; Scꝰ2, cs; Ba?, d, dd, d6, g7.— Schwarz: Kdö; Th3, h7; Lgs; Sb7, fö; Bb, e3, f3, g4,(11:40.) Bei genauer Betrachtung obiger Stellung fällt sofort verschiedenes in die Augen. Die beiden Springer könnten z. B. auf es bzw. el mattsetzen, wenn die Bauern dd oder dô gedeckt wären. Versuchen wir, sie zu decken, so werden wir finden, daß dazu nur der Te7 verwendet werden kann. Der Ver- such 1. Te4 scheitert aber an f3-— fe! Jetzt kann der Springer nicht auf es mattsetzen, da der Th dieses Feld deckt. Ebenso ergeht es uns bei dem Versuch 1. Tct; da schlägt der Thi den weißen Bg] und dann ist unsere Kunst zu Ende. Was liegt also näher als die beiden Türme unschädlich zu machen? Ich will die Lösung nach diesen Ausführungen verraten, um an Hand derselben den Gedankengang dieser Aufgabe zu erläutern. 1. Lel—h4! Es droht 2. S⁴α es, KXd.; 3. Lh4axf6 matt. Um diese Drohung zu verhindern, kann Schwarz nun mit einem der beiden Türme den gefährlichen Läufer schlagen. So wird ein Turm allemal abgelenkt und kann deshalb die andere Drohung nicht mehr parieren, z. B. 1. Lh4; Thöxh4; 2. Te7— cd; jetzt ist das S-Matt auf es nicht mehr zu decken, denn der Th ist abgelenkt. Auf der anderen Seite ist es genau dasselbe: 1. Lha! Thi xh4; 2. Tcel— c6, nunmehr ist der andere Turm abgelenkt. Bei dieser Aufgabe ist noch das Schöne, daß die Mattstellungen z. T. rein sind; auch verdienen die stillen Opferzüge eine Hervorhebung. Warum ist nun diese Aufgabe ein Kombinationsproblem? Der erste weiße. Zug(Lel— h4!) erzwingt die Ablenkung eines Turmes. Letztere wiederum ermôglicht die weiteren Züge von Weiß(Te4 resp. Tet mit der S-Matt-Drohung), also haben wir eine Aufgabe der Taktik vor uns.— Unter die Kombinations- aufgaben fallen natürlich auch noch allerhand andere Gruppen, die wir in den nächsten Fortsetzungen kennen lernen werden. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 1(Innenstadt): Montag, Hotel„König von England“, Battonnstr. 68. Abt. 2(Riederwald): Donnerstag bei Blank. Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Kreischütz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„Regenbogen“, Gutleutstraße, Abt. 5(Nordench): Freitag bei Walter, Weberstraße 84. Abt. 5(Rödeiheim): Dienstag bei Geyer, Eschborner Landstraße. Abt. 7(Bornheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 49. Abt. 8(Niederrad): Samstag, Sportplatz der Freien Turner, Hahnstraße. Abt. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israel, Franken Allee 234. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. Geſtalt, 1 4 kluges, gebräuntes Geſicht. Ein Syrier,— nein, ein iſt für Was glänzt, en Augenblick gebore Der Miſſionar und die Deuſen Von Hermynia Zur Mühlen Nachdruck verboten Es war vor vielen Jahren in Damaskus. Wir ſaßen in der Halle des Hotels, in den Augen noch die Schönheit der wunder⸗ vollen Stadt und in den Ohren den Ruf des Muezzins zum Abendgebet. Pferdegetrampel vor dem Eingang. Durch den Eingang ſahen wir, daß ein Mann, der einen ſchwarzen Burnus trug, aus einem grabiſchen Sattel ſprang und ſeinem benfanl⸗ berittenen Diener die Zügel reichte. Dann betrat er die Halle. Eine auffallende fein geſchnittenes, uropäer. Uns erblickend, kam er an unſeren Tiſch, ſtellte ſich vor, nannte einen alten, bekannten franzöſiſchen Namen und fragte im reinſten Pariſer Franzöſiſch, ob er ſich an unſeren Tiſch ſetzen dürfe. ir kamen ins Geſpräch.. „Ich bin Miſſionar bei den Druſen, Jeſuitenpater“, erklärte er. „Haben Sie ſchon viele bekehrt?“. „Druſen?“— Der Jeſuitenpater machte ein empörtes Geſicht. —„Ein anſtändiger Druſe läßt ſich nicht bekehren. Käme einer zu mir, um ſich taufen zu laſſen, ich wüßte ſofort, daß er ein Gauner ſei, ein Betrüger.“ Und nun taute der ſeltſame Jeſuitenpater auf. Für ihn gab 25 rſcheinend nur einen einzigen vollwertigen Volksſtamm: die ruſen. „Ich lebe nun ſchon ſeit fünfzehn Jahren unter ihnen; be⸗ handle ihre Kranken. Glauben Sie etwa, es ſei je einer gekommen, der ſich bekehren laſſen wollte? Kein einziger. Es ſind wirklich anſtändige Menſchen. Sie warten auf die Wiederkehr des Kalifen il Hakim b' Amrallah, der einſt die Erde beherrſchen wird. Mein Diener hat mir verſprochen, daß er mich an jenem glückſeligen Tage zu ſeinem Diener machen und mich gut behandeln werde, din a bin zwar ein Ungläubiger, aber dennoch ein anſtändiger Menſch.“ 6 Wer alte Mann ſagte die letzten Worte mit einem gewiſſen tolz. Als die Rede auf Europa kam. verzog er das Geſicht. „Ich war vor einem Jahr in Paris. Hielt es dort nur vier⸗ zehn Tage aus. Ich mag die Europäer nicht, mag auch die Franzoſen nicht, vor allem aber“— ein ſpöttiſches Lächeln erſchien auf dem ſchönen, alten Geſicht—,„mag ich die Chriſten nicht. Nein, nein, ich will bei meinen Druſen leben und ſterben. Die betrügen nicht, die begaunern nicht, ſchlagen höchſtens einmal einen tot— und der hat es dann auch immer verdient.“ Wir ſaßen lange beiſammen. Am nächſten Morgen ritt der Jeſuitenpater zurück, in ſein Dorf auf dem Libanon. ſch Seithet ſind viele Jahre vergangen, der alte Mann iſt gewiß on tot. Ich hoffe insgeheim, daß dieſer Jeſuit nicht in den Chriſten⸗ himmel gekommen iſt, ſondern in die ſeligen Gefilde der Druſen, die er ſo ſehr liebte und achtete,— weil ſie ſich von ihm nicht be⸗ kehren ließen. hochgewachſen, graues Haar, ein Wie kann die Erde einmal untergehen? Von A. Peters Wie im Leben der Einzelgeſchöpfe auf unſerem Erdplaneten, ſo geht es auch mit dem Leben dieſes Planeten ſelbſt; denn die verändernden Kräfte, deren allmähliche und kataſtrophalen Wirkungen unſerer Erde ihre jetzige Geſtalt geſchaffen haben, wirken ja fort: vor allem die Anziehungskraft; dazu als umbildende Faktoren Kälte und Wärme. Immer noch zieht ſich der Erdball unter der Einwirkung der Anziehungskraft zu⸗ ſammen: ſeine Maſſe wird feſter, ſein Umfang kleiner, die Schollen ſeiner Rinde werden verlagert: Land türmt ſich auf zu Bergen, Land ſinkt langſam ins Meer. Noch immer brechen unſere Gebirge oben ab durch Verwitterung— als Folge von Wärme⸗ und Kälte⸗ einflüſſen(außer den chemiſchen!); noch immer ſchleppen die Ge⸗ n, eEeeEÜEÜmEmmnEnE——æ das Echte bleibt der Nachwelt unverloren wäſſer ihren Schutt ins Tal, der Schwerkraft gehorchend.. lauter langſame, aber ſtetige Veränderungen des Erdantlitzes, die in Jahrtauſenden und Jahrhunderttauſenden Bedeutung ge⸗ winnen. Und ebenſo finden noch immer kataſtrophale Veränderungen ſtatt: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Sturmfluten und Überſchwem⸗ mungen, Bergrutſche uſw., ſo daß man auch jetzt dem alten Sänger Recht geben muß:„Ach, wie gar nichts ſind alle Menſchen, die doch ſo ſicher leben!“ Und beunruhigend klingt die Frage auf: Wird es dem Menſchengeſchlecht vergönnt ſein, zu immer höheren Entwicklungsſtufen auszugreifen, oder iſt ihm ein vorzeitiger Untergang beſtimmt? Es ergibt ſich hieraus, daß wir einen zweifachen Gang des Geſchehens ins Auge faſſen müſſen: erſtens den natürlichen Gang bis zum Ende, zweitens die Möglichkeit von Kataſtrophen; und zwar droht der Erde(und in erſter Linie dem Menſchen⸗ geſchlecht auf ihr!) ein natürliches Ende durch Kälte, ein kataſtrophales aber durch Glut— denn dieſe zwei rieſen⸗ hoften Gewalten führen den Kampf, der ſowohl Leben wie Tod ringt. Die Kälte des Weltraums, in dem die großen Kugeln ſchwe⸗ ben, beträgt— 273 Grad. Das iſt eine phyſikaliſch⸗mathematiſch errechnete Zahl, der ſogenannte abſolute Nullpunkt; ſie läßt ſich aber auch wenigſtens annähernd praktiſch nachprüfen, indem man die Temperaturabnahme in der Luft mit der ſteigenden Ent⸗ fernung vom Erdboden mißt: bei 10 Kilometer Höhe ſinkt das Thermometer auf— 60 Grad, bei 19 Kilometer Höhe auf— 81 Grad, und aus dieſer ſtufenweiſen Abnahme, die durch Flugzeug und Verſuchsballon feſtgeſtellt wurde, läßt ſich auf die Tempe⸗ ratur an der Grenze unſerer Lufthülle ſchließen. Gegen dieſe ſcharfe Kälte, der die eine Hälfte der Erde, ihre Nachtſeite, ſtets ausgeſetzt iſt, ſchützt uns nur ihre Lufthülle, die in ihrer Zu⸗ ſammenſetzung wie ein rechter dicker Wintermantel— 300 Kilo⸗ meter dick!— wirkt und die empfangene Sonnenwärme auch nachts dem Erdkörper erhält. Unſere Zukunftsſorge bezüglich der Kälte muß ſich daher in den zwei Fragen ausdrücken: 1. Bleibt unſer Luftmantel ſo wirkfam? 2. Iſt uns die ſtete Wärmeſendung von der Sonne ſicher? Bezüglich des erſten Punktes wollen uns die Phyſiker wenigſtens für die nächſten 10 000 oder 100 000 Jahre beruhigen; ſie ſagen nämlich: die beiden Stoffe in der Luft, die für die Warmhaltung der Erdoberfläche vorwiegend in Betracht kommen, Kohlenſäure und Waſſerdampf, ſind im Zunehmen begriffen. Für die Produktion der Kohlenſäure ſorgen beſonders die vul⸗ kaniſchen Ausbrüche, die ſich in den letzten Zeiten gehäuft haben, außerdem die ſtarke Zunahme der Kohlenverbrennung rund um die Erde; ebenſo ſteigt in der Folge die Waſſerverdampfung auf dem ſo geſchützten Erdboden, die ihrerſeits durch Wolkenbildung die Luft noch mehr verdichtet— eine Tatſache, die uns in der Witterung dieſes Sommers anſchaulich Kenug vor Augen trat. Es ſteht alſo zu hoffen, daß das Klima der ganzen Erde ſich unter dieſen Wirkungen hinauf⸗ ſchraubt zu der feuchten Treibhaustemperatur des Steinkohlen⸗ zeitalters, oder zum Tropenklima der Tertiärzeit! Aber nun zweitens: wird die Wärmeſendung der Sonne nicht endlich abnehmen? Strahlt ſie doch unaufhörlich rund um ſich her eine unfaßbare Glutmenge in den Raum hinaus— das, was unſere kleine Erde davon auffängt, iſt ja nur der 2700millionſte Teil des ganzen verſchwendeten Reichtums! Muß denn nicht end⸗ lich eine ſolche Verſchwendung die Glut⸗ und Leuchtkraft der Sonne erſchöpfen? Die Forſcher haben darauf hingewieſen, daß die Sonne ſich Heizmaterial zu verſchaffen weiß: ihre überragende Größe und Maſſe und die darin begründete Stärke ihrer Anziehungs⸗ kraft ſichert ihr in unſerm Sonnenſyſtem einen weiten Macht⸗ bereich, innerhalb deſſen ſie alles an ſich reißt, was ſich da an „Brennſtoff“ herumtreibt: alles das, was in kleinerem Maße auch unſere Erde auffängt an„Weltſpänen“, an Trümmermaſſen, und was wir als Sternſchnuppen glühend unſere Luft durchziehen oder als Meteoriten mit ſchmelzflüſſiger Kruſte auf den Erdboden gelangen ſehen. Alle dieſe Zufuhr fremden Stoffes, der in die Arme der Sonne fliegt, ſchafft beim Aufſturz immer neue Glutz — — 1 1 aber die Berechnungen ergeben, daß dieſe bei weitem nicht den Wärmeausfall decken kann.. Dennoch verſichern uns die Phyſiker, daß die Sonne noch Millionen von Jahren auf ihrer jegigen Temperatur, die an ihrer Oberfläche 6000 Grad Celſius beträgt, beharren könne; denn die Zuſamm Enre ungsarbeit, die der Sonnen⸗ körper unter dem Zwang der Schwerkraft verrichtes, genüge allein, den ganzen Wärmeausfall zu erſetzen durch die dabei in Wärme umgeſetzte Energie. Aber wir müſſen bei Berechnungen der Lebensdauer von Weltkörpern lernen, mit ſehr langen Zeitläufen zu operieren. Und ſo müſſen wir denn nun weiter fragen: Was wird aber dann eſchehen, wenn nach jenen uns verſprochenen Millionen von Fahren gleichmäßiger Sonnenausſtrahlung die Zuſammen⸗ ſiehjungzorbeit der Sonne langſamer wird, da ihr Rieſenkörper ann auf eine Dichte zuſammengepreßt iſt, die ruhigere Verhält⸗ niſſe bedingt; und da ſie zugleich inzwiſchen an Umfang ſoviel verloren hat, daß ſie dem Einfluß der Weltraumkälte mehr unter⸗ liegt, ſo daß ſich unter dieſem Einfluß die Fleckenmaſſen auf ihrer Oberfläche vergrößern, die ſchon jetzt bei ihrem Maximum die Erdtemperatur um 1 Grad im Mittel herunterdrücken— ja, was wird dann auf unſerer Erde eintreten? Wenn nicht ſchon vorher aus anderen Gründen eine Wieder⸗ kehr der Eiszeit erſchien, ſo kommt ſie dann ſicher: die Gletſcher ſteigen wie einſt von den hohen Gebirgen, die jetzt ihre Heimat ſind, herab ins Tal, von den Fjelden Skandinaviens, den hohen Schneekuppen ſeiner Berge, ſchieben ſie ſich weſtwärts in die früher ſchon ausgekarrten Päſſe der Fjorde hinein in den Atlan⸗ tiſchen Ozean, ſüdwärts über die Oſtſee, über die Nordſee und Norddeutſchland herüber— bis dahin, wo ihnen in Süddeutſch⸗ land die Alpengletſcher entgegenkommen und die beiden Eisrieſen ch brüderlich die Hände reichen werden. Auf dieſe Eiszeit wird ann keine„Zwiſchenzeit“ mehr folgen, ſondern der Kältetod wird auf der Erde fortſchreiten, bis er von den beiden Polen her auch über die jetzige heiße Zone ſeinen vernichtenden Atem ge⸗ blaſen hat. Der Luftmantel wird ſeine ſchützende Fähigkeit ver⸗ lieren, denn ſeine Beſtandteile werden ſich teils in den Raum verflüchtigen, teils auf die Erde niederſchlagen— und doppelt ſchnell wird dann die furchtbare Kälte des Weltraums die ver⸗ eiſte Erde anfallen wie ein wütendes Raubtier und das letzte organiſche Leben auf ihr töten. Das iſt das natürliche Schickſal der Erde. Aber es kann ſein, daß dieſe natürliche Entwicklung vorzeitig abgebrochen wird. Und wir wollen nun noch die Möglichkeiten ſolchen„unnatürlichen“ Endes unterſuchen und alſo fragen: In welcher Form können wir uns einen Untergang der Erde durch den Zuſammenſtoß mit einem anderen Weltkörper, alſo einen Untergang in Glut, denken? und ſie endlich als zweiten, dritten, v ſammengepreßte Luft wirkt als Puffer und mindert ſchon in be⸗ trächtlicher Höhe über dem Erdboden die Wucht des Falles. Daher brauchen wir auch ein etwaiges Zuſammentreffen mit einem Kometen nicht zu fürchten: er beſteht aus dieſen ſelben leichten Maſſeteilchen des Weltenbauſtoffs und kann der Erde keinen Untergang bringen. Von den anderen Weltkörpern des weiten Alls aber, den Fixſternen, ſamt ihren dunklen Be⸗ gleitern, wiſſen wir, daß unendliche Räume uns von ihnen trennen; von Sternen, die Hunderte und Tauſende von Licht⸗ jahren entfernt ſind, kann uns die Gefahr eines Zuſammenſtoßes nicht drohen. Aber ſind nicht in unſerm eigenen Sonnenſyſtem ſolche Ge⸗ fahren da? Bietet uns nicht der ſogenannte rote Fleck auf der Oberfläche des großen Jupiter das drohende Zeichen einer ſolchen Kataſtrophenmöglichkeit? Im Jahre 1878 entſtand plötzlich dieſe große blutige Wunde am Körper des Jupiter, unſeres Bruderplaneten; und ſie hat ſich in den faſt 50 Jahren ſeither noch nicht wieder Heichlohen. Sie iſt ſo groß, daß 2—3 Kugeln von der Größe unſerer Erde nebenein⸗ ander hineintauchen könnten. Die Forſcher ſind der Anſicht, daß ſie nur durch den Auſſturz eines kleineren Weltkörpers entſtanden ſein könne; und ſie ſind auch nicht in Verlegenheit, woher dieſer Weltkörper gekommen ſein mag: wandern nicht zwiſchen Mars und Jupiter jene faſt 2000 kleinen und kleinſten Planeten, dieſe erſtaunliche Schar von Kinderſternchen mit Durchmeſſer von oft nur einigen Kilometern, die der Anziehungskraft des großen Ju⸗ piter von der einen, der des Mars von der anderen Seite aus⸗ geſetzt ſind? Wie naheliegend iſt es zu denken, daß Jupiter mit dem langen Arm ſeiner Anziehungskraft hineingegriffen hat in das Gewimmel dieſer Schar, die ſich ſcheu von ihm wegdrückt. Er hat vielleicht ſo ein Sternchen, das ſich nicht weit genug entfernt hielt, zu ſich herangeriſſen und es ſich einverleibt, wobei ſein rot⸗ glühendes Innere herausgequollen iſt. Dem Rieſenplaneten Jupiter, deſſen Kauminchalt erſt 1330 Erdkugeln zu füllen vermöchten, hat dieſer Aufſturz nur die lokale Wunde beigebracht— was aber hätte ein ſolcher Aufſturz für die viel kleinere Erde bedeutet? Ich vermute, es wäre im Jahre 1878 ein Untergang der Erde geworden! Nun jind ja, ſo tröſten wir uns, die 2000 Aſteroiden von uns weiter entfernt: ſie lagfen ihre Bahnen zwiſchen Mars und Ju⸗ piter, und daher ſind zunächſt dieſe zwei Planeten von ſolchen Aufſtürzen bedroht. 1 Aber da haben die Sternforſcher kürzlich zufällig eins von dieſen Sternchen entdeckt, das auf ſeiner Bahn auch diesſeits der Marsbahn herüber der Erde nahekommt, ſo daß es der uns nächſte Himmelskörper iſt, abgeſehen vom Monde. Eros heißt das Sternchen. Und die Forſcher nehmen an, daß es unter den Aſteroiden noch mehrere geben könne, die ſich in ähnlicher Weiſe der Erdbahn nähern. Die Entdeckung dieſer Liliputanerwelten. aber kann nur durch Zufall geſchehen, wenn ſie einmal unver⸗ ſehens auf einer photographiſchen Platte eingefangen werden. Das iſt nun ja eine unheimliche Vorſtellung für uns Erden⸗ bürger, daß da zwiſchen Erde und Mars allerlei dunkle Welt⸗ körperchen herumfliegen mögen, die vielleicht, durch die An⸗ ziehungskraft der Erde beeinflußt, dieſer immer näher kommen ierten Mond umwandeln, —zʒ:z::: Die Mutter und der Sozialismus Von Dr. Gustav Hollmann(Hannover) Ein hervorragender Forſcher Der vorgeſchichtlichen und erſten J geſchichtlichen Zeit war J. achofen. Lange wurden ſeine Werke nur ungenügend gewürdigt. Erſt heute bringt man ſeinem Schaffen beſonders Intereſſe entgegen, und die Schriften häuſen ſich. die ſich mit ihm und ſeinen Gedanken beſchäftigen. Die Bedeutung Bachofenſcher Forſchung wurde von vorn⸗ herein von Auguſt Bebel erkannt. In ſeinem Buche„Die Frau und der Sozialismus“ hat Bebel neben den Arbeiten von Morgan die Ergebniſſe Bachofenſcher Unterſuchungen zugrunde gelegt. Auch Engels hatte ſich mit der politiſchen und ökonomiſchen Seite des Problems beſchäftigt. Es handelt ſich hierbei um die Tatſache, daß in früherer Zeit einmal das Mutterrecht beſtimmend ge⸗ weſen iſt, daß ijene Perioden der Wildheit und erſten Kultur durch die Stellung der Frau ihre eigenen geſchlechtlichen und geſell⸗ ſchaftlichen Beziehungen hatten, die von unſeren heutigen Zu⸗ ſtänden weſentlich verſchieden ſind. Die Frau nahm eine beherrſchende Stellung ein. Sie ſpielte die Rolle, die ſpäter der Mann hatte, und ſie machte darum das Nenht dieſer primitiven Geſellſchaftsordnung zu einem Mutter⸗ rechte. Es iſt lehrreich, zu erkennen, wie dieſes anders geartete Recht auch eine anders geartete Ethik zur Folge hatte. Ethik ohne die gelellſchaftliche Geſtaltung der Verhältniſſe bleibt Theorie. Prak⸗ tiſche Ethik ſetzt ethiſche Verhältniſſe voraus, und iſt dieſes prak⸗ tiſche Leben auf ethiſche Gedanken eingeſtellt, dann iſt es ethiſch, auch ohne daß Ethik gelehrt wird. Jene Zeiten des Mutterrechts ſind uns ein ſehr inter⸗ eſſantes Beiſpiel hierfür. Da wurde Ethik nicht lehrend beige⸗ bracht. Da gab es keine Schule, keinen Unterricht, auch keine häus⸗ liche Erziehung. Da gab es nur eine in hohem Maße ethiſche Ge⸗ ſtaltung des Lebens im Mutterrecht, und als Folge finden wir eine geſellſchaftliche Sittlichkeit, die oft überraſchend iſt. Das Muttertum, das die Geſellſchaft beherrſcht, iſt es, das„inmitten eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche Prinzip der Liebe, der Einigung, des Friedens wirkſam wird“, ſagt Bachofen hierzu. „In der Pflege der Leibesfrucht lernt das Weib früher als der Mann ſeine liebende Sorge über die Grenzen des eigenen Ich auf andere Weſen erſtrecken und alle Erfindungsgabe, die ſein Geiſt beſitzt, auf die Erhaltung und Verſchönerung des fremden Daſeins richten“. So nannte der Kreter das Land ſeiner Heimat denn auch Mutterland, und es war die höchſte Pflicht, der Mutter beizu⸗ ſtehen, ſie zu ſchützen, ſie zu rächen, weil ſie als das Urweſen alles Lebens galt. „Aus dem gebärenden Muttertum“, ſagt Bachofen hierzu weiter,„ſtammt die allgemeine Brüderlichkeit aller Menſchen, deren Bewußtſein und Anerkennung mit der Ausbildung des Vaterrechts untergeht.“— So wird den Staaten mit mutterrechtlicher Geſellſchafts⸗ ordnung denn auch tatſächlich das Fehlen von innerer Zwietracht und die Abneigung gegen Unfrieden nachgerühmt, und die körper⸗ liche Schädigung von Mitmenſchen galt gar als ſtrafbar. Ja, ſogar die Schädigung, die der Menſch den Tieren zufügte, galt als frevelhaft. Und aus dieſem mütterlichen Urgedanken des Schenkens an die Welt heraus war es möglich, daß die Römer⸗ innen nicht für die eigenen, ſondern für die Kinder der Schweſter zu der großen, gemeinſamen Mutter flehten, aus der alles Mütterliche wieder geworden war. Damit finden wir, worauf ſchon Bachofen hinwies, bei den mutterrechtlichen Völkern im Grundzuge überall ein gewiſſes Prinzip allgemeiner Freiheit und Gleichheit, das dann durch die Entſtehung des Machtgedankens im Baterrechte eine Wandlung und Entſtellung erfuhr.. „An dieſes Urprinziy der Menſchheit nun knüpft der ſoziali⸗ ſtiſche Gedanke an, wenn er die neue Geſellſchaftsordnung auf den oder ſich wie ein Rieſenmeteorit auf ſie ſtürzen könnten, allem irdiſchen Leben ein Ende in Glut bereitend! Aber auch Eros, obgleich der nächſte aller Weltkörper(außer dem Monde!) für unſere Erde, bleibt immer noch 22 Millionen Kilometer von ihr entfernt— das iſt eine hübſche Strecke; und über die nur möglichen anderen kleinen Vagabunden ſollten wir uns nicht unnötig den Kopf zerbrechen. Doch warum reden wir immer noch nicht vom Mond? Sind wir wie der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand ſteckt, um die Gefahr nicht zu ſehen? Denn der Mond iſt unſere Gefahr, unſere nächſte und größte Gefahr! Dieſer ſo armlos erſcheinende, ſo freundliche Begleiter, er plant nichts eringeres, als ſich einſt mit unſerer Erde zu vereinigen. Die Entfernung des Mondes von der Erde beträgt nur 385 000 Kilometer, nicht einmal eine halbe Million— das iſt gegenüber den 22 Millionen Kilometern der Eros⸗, den 40 Millio⸗ nen Kilometern der Venus⸗, oder gar den 150 Millionen Kilometern der Sonnenentfernung ein bedrohlich geringer Abſtand. Es be⸗ ſtehen daher auch zwiſchen Erde und Mond ſtarke gegenſeitige Anziehungen: die Erde, als der bei weitem ſtärkere Körper, hat es im Laufe der Zeiten fertiggebracht, das Schwergewicht des Mondes auf eine Seite zu ziehen, und mit dieſer ſchweren Seite hängt er nun, gewiſſermaßen wie ein Stehauf mit einem Bleifuß, nach der Erde hin, die ihn um ſich herumwirbelt am Bande ihrer Anziehungskraft, etwa wie eine Mutter, die ihr Kind an den Händen um ſich herumſchwingt, ſein Geſicht immer ihr zugewandt. Haſt du, lieber Leſer, dir ſchon einmal recht klar⸗ gemacht, wie ſeltſam es iſt, daß wir beim ganzen monatlichen Um⸗ lauf des Mondes immer nur dieſelbe Hälfte ſehen, ſo daß er ſich genau in der Zeit dieſes Amlaufs auch einmal um ſich ſelbſt drehen muß? Das hat der Zwang der irdiſchen Anziehungskraft bewirkt! Und da der Mond nun offenbar dies Schwerkraftſtreben zur Erde zeigt, wird er ihr da nicht näher und näher kommen und eines ſchlimmen Tages ſich auf ſie ſtürzen? Das iſt es in der Tat, was die Forſcher vorausſagen: die Bahn des Mondes wird ſich verengen, wird„ſchrumpfen“, die Anziehungswirkungen wer⸗ den ſich mit der Annäherung von beiden Seiten verſtärken und endlich wird die Vereinigung beider Körper ſtattfinden, wobei die Energie des Zuſammenſtoßes ſich in Glut verwandeln wird und der Untergang der alten Erde zugleich die Schöpfung einer neuen bedeutet: denn die glühende und an Maſſe vergrößerte Materie wird ſich unter dem Zwange ewiger Geſetze neu formen und ſich neu einordnen in den großen Reigen tanzender Geſtirne.. Bis aber das geſchieht, kann das Menſchengeſchlecht auf dieſem Erdball noch manche Stufe zu ſeiner Vervollkommnung empor⸗ klimmen. So haben wir das Schickſal unſerer Erde bis zu ihrem mutmaßlichen Ende durchdacht. Hypotheſen nur, Vermutungen können es ſein, wenn wir den Schleier zukünftiger Ereigniſſe zu durchdringen ſtreben, bei denen nur dies als Überzeugung feſtſteht: „Was entſtanden iſt, das muß vergehen; was vergangen, auferſtehen!“ Es iſt der Kreislauf des Werdens, der allem Natur⸗ geſchehen zugrunde liegt. ——esrsnn: Der Menſch als Schöpfer neuer Pflanzen⸗ und Tierarten Im Monat September findet in Berlin der fünjte Internationale Kongreß für Vererbungs⸗ wiſſenſchaften ſtatt, an dem die führenden Biologen aller Länder teilnehmen werden. Urſprünglich der Zoologie und Botanik angegliedert, hat ſich die Vererbungsforſchung zu einer Sonderwiſſenſchaft entwickelt, die auch ein praktiſches Anwendungsgebiet beſitzt: das bewußte Eingreifen des Menſchen in die Naturverhältniſſe im Sinne der menſchlichen Eugenik oder Raſſenhygiene und die Umwandlung der Tier⸗ und Pflanzenwelt nach den Bedürfniſſen der Land⸗ wirtſchaft. In Deutſchland wird die Vererbungsforſchung aller⸗ dings meiſt rein theoretiſch, d. h. um ihrer ſelbſt willen betrieben, Eine Ausnahmeſtellung nimmt das im Jahr 1914 von Prof. Erwin Baur begründete Inſtitut für Vererbungsforſchung ein, das der Landwirtſchaftlichen Hochſchule unmittelbar unterſtellt iſt und in Berlin⸗Dahlem ein eigenes Forſchungsgebäude und große gärtneriſche und tierzüchteriſche Anlagen erhalten hat. Das In⸗ ſitnt zerfällt in eine botaniſche und eine zoologiſche Abteilung, ie von Prof. Baur und Prof. Dr. Nachtsheim geleitet werden. 12 Morgen Landes ſtehen ihnen für pflanzen⸗ und tierzüchteriſche Verſuche zur Verfügung. Beſonders eifrig widmet man ſich der Erforſchung der Mutation, der ſporungartigen Umwandlung einer Art in eine andere, von deren genauerem Studium man ſich tiefere Einblicke in den noch vielfach rätſelhaften Vererbungsmechanis⸗ mus verſpricht. Die genaue Kenntnis dieſer Dinge kann unter Umſtänden zu einer willkürlichen Beeinfluſſung der Züchtung, die ti jetzt nur im Wege der Baſtardierung ausgeführt werden kann, ühren. Gedanken des Schenkens, Schweſterlichen und Brüderlichen einſtellen will. Das Vaterrecht hatte auch ſeine geſchichtliche Miſſion. Aber es iſt zu einer wahnſinnigen Ausartung des individualiſtiſchen Ge⸗ dankens gewachſen und damit zu einer wahnſinnigen Ausartung des Machtgedankens. Wie das Vaterrecht das Mutterrecht abgelöſt hat, ſo wird mit der ſozialiſtiſchen Ordnung eine neue Periode des Rechts folgen, das Recht, das eine Vereinigung der alten geſchichtlichen Prinzipien bildet, weil es die perſönliche Freiheit mit der Idee der Gemeinſchaft eint. Doch leuchtend ſteht über dieſem Ganzen der Argedanke des Mütterlichen mit ſeiner Ethik. Ein gebärender Schoß iſt die neue Geſellſchaft. Eine Mutter iſt die neue ſozialiſtiſche Ordnung des Lebens, weil ſie nur Schweſtern und Brüder hervorbringt und allen austeilt in gleicher Weiſe und mit gleicher Liebe. So beſteht eine innige ſeeliſche Verbindung zwiſchen dem Weſen der Frau und dem Weſen der neuen Ordnung, deren Er⸗ kenntnis und deren bewußtes Erleben dem ſozialiſtiſchen Gedanken in hohem Maße die Frauen zuzuführen vermag. Die ſozialiſtiſche Welt iſt die Welt der ſchenkenden Liebe und der ſchweſterlich⸗ brüderlichen Gemeinſchaft, und gerade die Frau, die von Natur das Prinzip des Schenkens und der innerlichen Verbundenheit mit anderem Lebendigen in ſich trägt, wird in der neuen Geſell⸗ ſchaft den ureigenen, naturhaften beglückenden Boden ihrer eigenen weiblichen Weſensart finden. Der Fungbrunnen im Honigglas In der Korreſpondenz„Von den Immen“, die das Preßamt des Imkerbundes in Kreien bei Lübz in Mecklenburg herausgibt, ſchreibt Hilde Koſlowſky: Bienenhonig hat eine geradezu geheimnisvolle berkraft, er hebt Blutarmut auffallend, fördert daher das des Mütterlichen und damit des Zau⸗ Honig, echt deutſch, rein, geſund, verbürgt vom Deutſchen Imkerbund,— o kauf ihn noch zu dieſer Stund!! Die Inſtitute für Vererbungswiſſenſchaft bemühen ſich, ſtatt zahlreicher Raſſen nur wenige, aber um ſo hervorragendere und wirtſchaftlich wertvollere Pflanzen⸗ und Tiertypen zu züchten. In dieſer Beziehung haben die Amerikaner viel erreicht, die die Ver⸗ erbungswiſſenſchaft als eine außerordentlich praktiſche Angelegen⸗ heit betreiben und nicht nur rein wiſſenſchaftliche Inſtitute unter⸗ halten, ſondern vor allem ihre ſogen.„Departments of Geneties“ als Unterabteilungen den Colleges of Agriculture eingegliedert haben. Inſtitute für Erbkunde beſtehen in den Vereinigten Staaten an faſt allen landwirtſchaftlichen Hochſchulen; es gibt in U. S. A. etwa 30 ſolcher Lehranſtalten, während in Deutſchland bisher nur ein einziges Inſtitut, das in Dahlem, an eine Land⸗ wirtſchaftliche Hochſchule angeſchloſſen iſt. Die Amerikaner haben alſo die praktiſche Seite der Erbforſchung voll erfaßt; es iſt be⸗ zeichnend, daß einer der erſten Direktoren der großen Schlacht⸗ häuſer von Armour und Swift in Chicago ſelbſt Erbforſcher iſt, und daß auch im amerikaniſchen Landwirtſchaftsminiſterium eine Abteilung für genetiſche Forſchung beſteht, während in den deut⸗ ſchen Landwirtſchaftsminiſterien keine derartige Stelle vorhanden iſt. Auch die Ruſſen haben auf dem Gebiete der angewandten Naturwiſſenſchaften viel geleiſtet, wie das große Inſtitut von Vaviloff in Leningrad beweiſt. Wie unſere Landwirte durch ihre Studienreiſen in Amerika neue Anregungen erhielten, ſo werden auf dem kommenden Kongreß für Vererbungswiſſenſchaften zahl⸗ reiche Amerikaner über ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der praktiſchen Genetik vieles berichten, was für unſere Wirtſchaft von Nutzen ſein kann. — Der Glaswaloͤſee Von J. Kalisch Orte, die den Schein des Geheimnisvollen birgen, üben ſtets eine gewiſſe Anziehungskraft auf die Menſchen aus. Von Wohn⸗ ſtätten der Bevölkerung entfernt, liegt im Herzen des Schwarz⸗ waldes ein Bergſee, der Glaswaldſee genannt. Verſchiedene Wege führen dorthin. Wir nehmen den Aufſtieg von Peterstal aus. An ſonnigen Wieſen vorüber, führt uns der Weg allmählich höher. Ein liebliches Bild bietet der Anblick des Stahlbades Peterstal, das ganz im Talkeſſel eingeſchloſſen, ſich vor uns lagert. Auch Griesbach bietet ſich unſeren Blicken dar. Dunkle Tannenwälder nehmen uns auf. Ruhe und Frieden ringsum. Der Wald lichtet ſich. Höhen und Täler breiten ſich vor unſerem Auge aus. Kegelförmige Gebirge mit Tannen bewachſen, Ein⸗ ſchnitte in trauliche Täler, in denen das hellere Grün der Wieſen dem Auge eine Abwechſlung bietet, liegen vor uns. Schmetter⸗ linge tummeln ſich über dem ſaftigen Gras, fliegen auf und ab, laſſen ſich auf einer Blume nieder, ſie leiſe küſſend, um dann wieder der Sonne entgegen zu fliegen. Schwarzwaldhäuſer mit ihren tief herabhängenden Strohdächern liegen zerſtreut umher. Nirgends eine Menſchenſeele, nur das Anſchlagen eines Hundes als Wächter, gemahnt an Wohnſtätten von Menſchen. Doch auch hier hat die Neuzeit das Althergebrachte verdrängt und zwiſchen dem Grün der dunklen Tannen leuchtet zuweilen ein helles Ziegeldach durch. Immer ſteigend führt unſer Weg vormärts. Dichter wird der Wald. Die Tierwelt nimmt immer mehr ab. Bis faſt zum Himmel aufragende Bäume ſtehen kerzengerade im Forſte. Wurzeln, vom Erdreich entblößt, deren weitverzweigte Wurzeläſte die Formen von Drachen oder Schlangen aufweiſen, liegen am Waldesrand. Bemooſte Steinblöcke lagern ſich im Walde. Wie ein grüner ſamtener Teppich breitet ſich das Moos aus, nirgends von Menſchentritten zerſtört. Uppig gedeiht am Waldesrand das zarte Frauenhaar, Farnkräuter ſchießen auf. Heidelbeerſträucher be⸗ decken den Boden und das beſcheidene Kleeblatt wuchert dort im überfluß. Die Vogelwelt ſcheint ausgeſtorben. Hie und da krabbelt ein Käfer oder eine Schnecke geht gemächlich ihren Weg. Fleißige Ameiſen eilen ihre Laſten tragend hurtig dahin. In der Ferne hört man das Dröhnen der Axt. Krachend fallen die Baumſtämme. Rieſenſtämme liegen umher. Sie wandern durch Fuhrwerke hinab ins Tal, um den Menſchen zu nützen. Vielleicht dienen ſie als Maſtbäume für die Schiffe des Meeres, vielleicht dienen ſie zu Telegraphenſtangen, vielleicht auch liefern ſie das Holz zur Wiege oder zum Sarg. Wildromantiſch ſtauen ſich Steinblöcke auf Steinblöcke dem Abpgrund zu. Sachte höherſteigend, erreichen wir den überskopf bis zur Höhe von 943 Meter. Nachdem wir den Höhenweg Baſel⸗ Pforzheim gekreuzt haben, gelangen wir in eine See⸗Ebene, die teils durch Moorboden führt. Abwärts führt nun unſer Weg. Baumſtämme und immer wieder Baumſtämme von der fleißigen Hand des Holzfällers geſchlagen, lagern ſich zu beiden Seiten des Weges. Der Wind fegt durch die Baumkronen. Durch die Bäume ſchimmert Waſſer. Wir haben nach zweiundeinhalbſtündiger Wan⸗ derung den Glaswaldſee erreicht. Ringsum von Felſen einge⸗ ſchloſſen ruht der See. Mächtige, kerzengrade Tannen erheben ſich auf dem Felſengrund und ſpiegeln ſich im Waſſer wieder. Tief⸗ ſchwarzes Waſſer, unergründlich der See. Durch die Kronen der Bäume geht ein leiſes Rauſchen und Flüſtern. Altehrwürdige Tannen,. wie lange möget ihr da wurzeln? Ein Sonnenſtrahl huſcht über das Waſſer und heller ſcheint der Seeſpiegel. Weder Menſchen⸗ noch Tierlaut unterbricht die Stille. Libellen tummeln ſich über dem See und jagen ſich auf⸗ und abſchwebend im Sonnen⸗ Wein Sanfter Wind erhebt ſich und kräuſelt die Wellen. Was Gunder, daß die Phantaſie des Volkes Spukgeſtalten an ſolch einſamen Orten aufleben läßt. Der Glaswaldſee hat eine Tiefe von ungefähr 80 Meter. Lebende Weſen können durch die Beſchaffenheit des Waſſers nicht darin leben. Urſprünglich diente der See zur Flözung des Holzes. Als die Wege noch unwirtbar waren, beförderte man mittels Stauung des Waſſers das Holz vom Glaswald durch den Seebach ins Wolfachtal, um es von da dem Weltmarkt zuzuführen. An ſchönen Sommertagen wandern Kurgäſte des Schwarz⸗ waldes von nah und fern nach den Ufern des Glaswaldſees, um die eigenartigen Naturſchönheiten zu genießen. Schach⸗Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuſer, Frankfurt a. M., Waldſchmidtſtraße 29, wohin auch alle Zuſchriften und Löſungen zu ſenden ſind. Wie löſe ich einen Dreizüger? (5. Fortsetzung und Schluß) Wie ich schon in der letzten Fortsetzung betonte, fallen in das weite Gebiet der Kombinationsaufgaben verschiedene, allen Lesern schon bekannte Schach- motive(Ablenkung, Schachprovokation, Bauernumwandlung, römische Hin- lenkung u. a. m.). In dieser Artikelserie will ich wahllos einzelne solcher Gruppen herausgreifen. Erschöpfend zu sein, ist in diesem Rahmen unmöglich. Die Pante gebrachte Aufgabe gehörte in das Gebiet der Ablenkungen. Heute wollen wir eine Aufgabe behandeln, die die Schachgefahr, verbunden mit einem anderen Motive, der Fesselung, zeigt. Aufgabe Nr. 112. W. Roscher, Dresden. Arbeiter-Schach-Zeitung Juli 1924. Nr. 1055. — 5 ſſhhhſc ſſſſ — 4 Shhhch, Wütce, S S ſe Sh M.—= ſſhß Ühſz nEE Matt in 3 Zügen. Stellung: Weiß: Khö; Db7; Lfl, hs; Sa6; Bcꝰ, es, f2. Schwarz: Kfö; Ta5, Td5; Bb6, d6, f3, g4.(8:7). Schon beim ersten Betrachten der Stellung sehen wir, daß Weiß in einer verflixten Zwickmühle steckt. Der schwarze König droht mit einem kräftigen „Schach“ abzuziehen und dem schwarzen Turm stände dann der Weg zu weiteren Schachgeboten offen. Man braucht kein Kenner zu sein, um zu sehen, daß dies auf jeden Fall vermieden werden muß. Was ist zu tun? Das einfachste ist natürlich, man zieht den weißen König aus der Gefahr. Also 1. Kh6! Damit ist aber absolut nichts für die Forderung getan, die da lautet:„Matt in 3 Zügen!“ Jetzt zieht nämlich Schwarz Kfö— eé und es gibt keine Fortsetzung. Jetzt haben auch die Türme wieder recht viel Bewegungsfreiheit. Also leuchtet, es wohl ein, daß mit Königszügen nichts geschaffen werden kann, denn auf 1. Kh4 würde dasselbe folgen. Wie ist aber diese Gefahr zu parieren? Jetzt gibt es nur noch einen Weg: die Türme müssen unschädlich gemacht werden. In dieser Aufgabe ist das nur auf eine Art möglich, durch Fesselung, oder richtiger: durch Fesselung auf Vorschuß. Der Schlüsselzug ist 1. Lfl— c4. Geht jetzt der schwarze König nach e6 mit„Schach“, so besteht keine Gefahr mehr, denn der weiße König rückt ab, und zwar nach gé. Das Matt im nächsten Zuge ist undenkbar(Dfr matt), denn der Td5 ist jetzt gefesselt. Folgt das Abzugsschach durch Kfö— e4, 80 schlägt Weiß im zweiten Zuge den Bg4. Wieder ist der Turm d gefesselt und es kann 3. Ld matt folgen. Wie schon angedeutet, spricht man hier von Fesselung auf Vorschuß. Die genaue Definition des dieser Aufgabe zugrunde liegenden Gedankens würde lauten: Eine doppelte Schachgefahr wird durch Doppelfesselung pariert.— Die Aufgabe stellt diese Gedanken sehr schön dar; wenn die Lösung nicht dabei- stände, würde sie wohl auch für manchen eine harte Nuß bedeuten. Spielabende des Arbeiter⸗Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 1 Cnnenstadt): Montag, Hotel„König von England“, Battonnstr. 683 Abt. 2(Riederwald): Donnerstag bei Blank. Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Freischütz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„Regenbogen“, Gutleutstraße, Abt. 5(Nordend): Freitag bei Walter, Weberstraße 84. Abt. 6(Rödelheim): Dienstag bei Geyer, Eschborner Landstraße. Abt. 7(Bornheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 49. Abt. 8(Niederrad): Samstag, Sportplatz der Ereien Turner, Hahnstraße. Abt. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israei, Franken-Allee 234. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. Im deutſchen Arwald Eine Fahrt durch den Märkiſchen Dſchungel Von Armin T. Wegner Der Kanal Mit hinreißendem Schwung, wie von der Hand eines über⸗ mächtigen Meiſters gezogen, ſchließt der Waldrand die Bucht ab; der See iſt zu Ende. Aber verborgen unter dem Laubdach, nur den heimiſchen Fiſchern bekannt, zweigt ein ſchmaler Kanal ab, wie ein dünner Schlauch. Im Waſſer watend, ſchleppen wir das Boot durch die Sandmaſſen der Furt, dann nimmt die kühle Gruft des Waldes uns auf. Das Waſſer iſt ſchwarz wie Erde, und niemals dringt ein Sonnenſtrahl bis in ſeine Tiefe, in der alles Leben erſtirbt. Man ſagt, daß dies ein toter Arm des alten Polzow⸗ kanals iſt, den Friedrich der Große graben ließ, um das Holz der Wälder am Stechlin nutzbar zu machen. Mit Stangen ſtoßen wir das Boot durch die ſeichte Flut, die zu ſchmal iſt zum Rudern. Alle Augenblicke müſſen wir ausſteigen, bis über die Knöchel im Schlamm verſinkend. Aber hoch über uns falten die Buchen ihre vollen Laubhände, durchſichtig wie grüner Kriſtall; dort Olitgert die Sonne. Iſt nicht ein Zauber über uns gekommen? Schon haben wir unſere Namen gewechſelt: Ginevra und Lanzelot. Oder gleicht die braungebrannte Gefährtin, den breiten Strohhut auf dem Kopf, während ſie mit der Ruderſtange das Boot vorwärts ſtößt, nicht einem malaiſchen Fiſcherknaben? Wir fühlen, wie durch das Netz der Blätter die Schwüle herab⸗ ſickert bis auf unſere Schultern. Schweigend trinkt der dunkle Spiegel des Waſſers den ſeidenen Baldachin der Bäume und die traumhafte Maske unſerer Geſichter. Im Dſchungel Im Waſſer faulende Baumſtämme verſperren uns den Weg. Hier iſt die Axt des Holzfällers ſeit Jahrzehnten nicht hinge⸗ ommen, hier ſät ſich der Same der Bäume von ſelber aus, die Keime ſprießen und die Greiſe geben mit ihren ſterbenden Leibern ihre Kraft dem kommenden Geſchlecht. Wer weiß, daß es im Herzen Deutſchlands noch Urwald gibt? Jetzt öffnet ſich über dem Waſſer eine Lichtung. Ein gelbes Feld blühender Mummeln umſchließt die Mündung. Man nennt ieſe Stelle den„kleinen See“; aber in Wahrheit iſt es kein See, ſondern nur eine Zahl ſchwimmender Wieſen. Hier wuchert tau⸗ ſendfältig ein üppiges fettes Gras, rauſchende Wälder von manns⸗ hohem Schilf kränzen die Wieſen und laſſen nur in der Mitte eine ſchmale Waſſerſtraße frei. Jeder Stoß unſerer Ruderſtange ſcheucht einen Sprudel von Sumpfgaſen auf, die perlend an der Oberfläche zerplatzen. Die heiße Sonne brütet über dem Waſſer, über dem eine Wolke von Inſekten tanzt. Hier iſt das Paradies der Tiere und Pflanzen. Waſſerkäfer huſchen über die Flut wie zierliche ſchmale Kanus der Wilden, deren Ausleger die breiten Schaufeln der Füße bilden. Bienen, Käfer, Falter, Mücken, Fliegen umſchwirren uns. Sumpfpriemeln, Kalmus und Schlangenkraut ſchlingen ſich durcheinander und die breiten Kolben der Binſen ſchwanken leiſe. Hier wächſt wild die Kalla, die man ouſt nur in Töpfen oder in Wintergärten züchtet, eine kleine Abart ihrer üppigen Schweſtern in den Tropen auf den Inſeln der Südſee. In zarter Keuſchheit hebt ſich ihr großer und blendend weißer Trompetenkelch mit dem gelben Stempel über die Flut. Und herrſcht nicht auch hier die Wildnis der Südſee? Iſt nicht auch dies ein indiſcher Dſchungel? 3 Das Traumboot im Märchenſee Wir hatten uns in dem unter Waſſer verborgenen Geſtrüpp des nächſten Kanals ſo feſtgefahren, daß wir eine Stunde brauch⸗ ten, um wieder flott zu werden. Erſchöpft von dem Kampf mit Schlamm und Pflanzen laſſen wir einen Augenblick die Arme ſinken; dann treibt unſer Boot lautlos auf die ſtille Fläche des Gerlinſees. Dieſer See, von Bäumen umſchloſſen, iſt ein vollkommener Kreis. Eine Schale von Wald, gefüllt mit Himmel. Gerlin, ——— Was glänzt, iſt für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der N — achwelt unverloren ᷓᷓn Merlin: iſt es ein Zufall, daß der Name des Sees ſo ſehr an die alte Geſtalt des deutſchen Märchens erinnert? Ketten blühender Waſſerroſen umgürten den See, eine grüne Algenmatte breitet ſich über den Spiegel. Wir ſenken den Blick unter die Fläche des Waſſers, ein Wald von Schachtelhalmen ſteigt unter uns aus der ſchwarzen Tiefe heraus. Zierlich wie bei einem Armleuchter ſind die ſtielartigen Blätter um den Stengel geſtellt. Unterſeeiſche Wieſen breiten ſich auf dem Grunde aus, ſie würden jeden, der hier zu ſchwimmen wagte, unrettbar mit ihren geſchmeidigen Armen in die Tiefe ziehen. Faſt durchſichtig gleiten die kleinen Fiſche zwiſchen ihren Halmen. Immer tiefer ſenkt unſer Blick ſich in das eheimnisvolle Dunkel. Die Worte auf unſeren Lippen ſind ver⸗ ſtummt vor dem weiten Schweigen um uns; es iſt, als ſänge die Stille in einem tiefen dunklen Ton. Am Ufer heben Farnkräuter ihre breiten Blätter aus dem Moos wie große grünbefiederte Flügel; ja es ſcheint, als wären auch die Eichen und Buchen am Rande nur rieſenhafte Vögel, die mit ihren Zweigen wie zu⸗ ſammengefalteten Flügeln und eingezogenem Kopf ſchlafend rings um den See kauern; als könnte jeden Augenblick der geflügelte Wald aus ſeinem verzauberten Schlafe erwachen, um ſich über uns von der Erde in den Himmel zu heben. Schillernd begleitet uns ein Schwarm von Libellen. Hellblau und grün Slinſen ihre ſchlanken Leiber, die ſie zuweilen zu einer zierlichen Schlinge biegen. Dazwiſchen ſurren die finſteren Kriegs⸗ äroplane der ſchwarzen Totenkopflibellen. Eine große rüngoldene ſetzt ſich auf den Rand des Bootes, ihr Vorderleib gleicht einem winzigen Froſch und ihr Kopf trägt eine glänzende Krone. Hat der Froſchkönig Flügel bekommen? Ein ganzes Geſchwader von Libellen, einzeln oder paarweiſe aneinandergereiht, ſetzt Iich auf unſeren Bootsrand, auf die Ruderſtangen, das Steuer, die Kleider, ihre kriſtallklaren Schwingen ſittern. und von ihren hundertfachen Flügeln gezogen treibt unſer Traumboot geiſterhaft über den ver⸗ wunſchenen See. Ein Baum neigt ſich im Winde Plötzlich reißt eine Flut von Sonnenlicht uns auf die helle Fläche des Nemitzſees. Rings von Wäldern umgeben, iſt er lang⸗ geſtreckt bei geringer Breite und hat wie Italien die Form eines Stiefels. Wir kreuzen den See und landen auf der Spitze der Halb⸗ inſel, dem Ziel unſerer Fahrt. Drei, vier gewaltige Kiefern heben wie uralte Opferbäume ihre rotbraunen beſonnten Stämme hoch in das Licht, mit knorrig gewundenen Kronen gleich dem Haupt der Meduſa. Eine neigt ſich wie eine Rieſenſchlange dicht auf das Waſſer und ſtützt ihren verſtümmelten Aſt in den See, eine andere am Ufer ſteht ſchmal und ſchlank wie ein Reiher.— Wir bringen Zelt, Tiſch und Decken ans Ufer. Ich gehe über das weiche federnde Moos und lege mich unter einer jungen Buche nieder. Aus dem Graſe ſchauen Erdbeeren Pberraſcht zu mir auf. An dem Stamm des Baumes entlang ſehe ich hinauf in die Blätter, zwiſchen den Blättern in den Himmel und ſehe, wie die Blätter ein leiſer Windhauch bewegt. „Ginevra!“ „Lanzelot!“ „Wo biſt du?“ 1 „Im Waſſer.“— Ich höre ſie plätſchern, pruſten und Wellen ſchlagen; ſiie kan nicht genug haben. Endlich wird es ſtille und ich höre, wie ſie ſ am Ufer ein Lager zurechtmacht. „Ginevra, was tuſt du?“ „Ich trinke Sonne!’“. Die Sonne ſtreichelt unſere Glieder und küßt das nackte Fleiſch Adams. Ich bin zu läſſig, um aufzuſtehen und ſehe wieder an dem Stamm des Baumes empor in den Himmel. Der Baum iſt in einer vollendeten Regelmäßigkeit gewachſen, nur daß ſeine Zweige durch den Schatten der Nachbarbäume gezwungen, ſich etwas zur Fläche Wordnet haben; ſo gleichen ſie den fünf Fingern einer Hand. Nun eginnt ihn ein ſangter Windſtoß zu beugen, und er neigt ſich in einem einzigen leichten Bogen von der Spitze bis zu den Füßen. Dieſe Bewegung iſt abgeſchloſſen, rund und vollkommen. Es iſt, als neigte ſich in erhabener Einfalt die Hand Buddhas, die aus der Erde gewachſen iſt. Alles Sehnen, aller Ehrgeiz und aller Eifer ſind aufgehoben, und ich wünſche nichts mehr, als in dieſen ſich — leiſe im Winde bewegenden Baum zu ſchauen. Dieſe Bewegung iſt die Vollendung, ſie iſt der vollkommene Friede und das voll⸗ kommene Glück. Das Zelt Es iſt Nacht. Ginevra liegt im Zelt auf ihtem Feldbett und lieſt im Doſtojewfki unter der kleinen Lampe, die von der Decke ängt. Zdeſthän den Bäumen leuchtet die erhellte Leinwand des Perg wie eine japaniſche Papierlaterne. Ich ſitze am ſeneno aus dem die Flamme hochſchlägt um den kupfernen Keſſel. Einſt in Polen, an einem Wintermorgen, nahm ich ihn vom Gürtel eines efallenen Ruſſen. Wo ruhſt du, armer Toter, an den Ufern Viſchura. während wir noch den köſtlichen Himmel der Erde atmen. Die Flamme ſchlägt mit goldenem Finger empor und beleuchtet eſpenſtiſch meine am Feuer hockende Geſtalt und das Geſicht Bevkah die noch einmal herausgekommen iſt. Sind wir nicht alle einſt Nomaden geweſen? Vielleicht, daß aus jener Zeit eine Erinnerung uns im Blute blieb. Ich trete noch einmal an das Uſer. Schwer und ſtill liegt das Waſſer, in dem der Widerſchein der Sterne ſchwimmt wie kleine weiße Blüten. Wir löſchen das Licht aus und legen uns hinter der ofſenen Zelttür ſchlafen. Uber uns fühlen wir, wie der Wind leiſe die Zelt⸗ wand bewegt und die dunkle Brandung der Bäume. Klagend und unheimlich tönt der Schrei des Rüuschene durch den nächtlichen Wald, daß wir uns feſter im Schlaf aneinanderdrängen. Weit, weit, wie aus einer anderen Welt tönt einmal das Rauſchen der Eiſenbahn zwei Stunden weit über das totenſtille Land. Gegen Morgen wache ich fröſtelnd auf und höre das leiſe Singen von Reßentrouſen über mir an der Leinwand. Wie gut kenne ich dieſe M 1 trübe erwachenden Tages. Einen Augenblick denke ich nach im Halbſchlaf mißgelaunt an unſeren kühlen nordiſchen Sommer, ſeine Dielen Regentage, an die triefende Heimkehr im Boot mit naſſen Kleidern. Aber noch liegen wir geborgen unter der ſchützenden Leinwand. Ich hülle mich wärmer in die Decke und fühle beglückt, ich bin nicht allein in der weiten Stille dieſes grauen Morgens. Reben mir höre ich den Schlag eines anderen Herzens, und ich weiß, dieſes Herz gehört mir. Der große Beuder der Erde Jupiter am Abendhimmel Von Moritz Loeb Bald, nachdem die Sonne untergegangen iſt, ſteigt an dieſen wunderbar klaren Spätſommerabenden genau im Oſten mit blendendem Glanz ein leuchtendes Geſtirn empor. Es iſt der lanet Jupiter, ua der Sonne der größte Körper unſeres ſſermaßen der große Bruder der Erde. Der andel⸗ uſik. Durch die Zelttür fällt der erſte Schein eines — ſtern kurz vor der Erreichung ſeiner größten Helligkeit ſteht, käßzt Jupiter noch auffälliger als in anderen Jahren hervortreten, ſo daß er gegenwärtig auch die Aufmerkſamkeit derjenigen auf ſich zieht, die den Blick nur bei beſonderen himmliſchen Schauſpielen auf das Firmament richten. Aber auch noch aus einem anderen Grunde verdient der große Planet gegenwärtig beſondere Beach⸗ tung. Überſchreitet er doch nach einer Dauer von ſechs Jgahren zum erſtenmal wieder den Himmels⸗ ä quator, um auf die nördliche Hemiſphäre überzutreten, auf der er nun gleichfulls ſechs Jahre verbleiben wird. Seit dem Beginn dieſes Jahrzehnts war Jupiter mehr und mehr nach Süden gewandert, um im Jahre 1924 ſeinen tieſſten Stand am Firmament zu erreichen. Damals, vor drei Jahren, befand er ſich im ſüdlichſten Teil des Tierkreiſes, im Sternbild des Schützen, und damit hing es zuſammen, daß der große Planet ſeine Bahn am Rachthimmel während der Sommermonate zog, wenn die Dauer der Dunkelheit nur kurz iſt, wenn erſt zu ſboter Abend⸗ ſtunde die Geſtirne hervortreten, um ein paar Stunden nach Mitternacht in der beginnenden Morgendämmerung ſchon wieder zu verſchwinden. Nun hat aber Jupiter in ſeinem faſt zwölf Jahre dauernden Umlauf um die Sonne den Himmelsäquator wieder erreicht, und er ſteht in dieſen Wochen in unmittelbarer Nähe des ſogenannten rühlingspunktes, des Schnittpunktes des Aquators mit der Fkliptik. An dieſem Punkt befindet ſich die Sonne am 21. März; es iſt gewiſſermaßen der Zentralpunkt am Firmament, von dem will, ſo könnte man ſagen, daß zurzeit dieſer aſtronomiſche Kardinalpunkt durch den Jupiter hell erleuchtet iſt. Da, wie ſchon erwähnt, ein Jupiterumlauf um das Zentralgeſtirn ſaß zwölf (Erdenjahre, genau 11 Jahre, 10*% Monate dauert, ſo folgt dar⸗ aus, daß der Planet in jedem Tierkreisbild rund ein volles Jahr verweilt. Während der nächſten drei Jahre wird er immer weiter nordwärts im Tierkreis wandern, und um die Wende des Jahres 1930/31 wird er in den Zwillingen den nördlichſten Punkt ſeiner Bahn erreichen, alſo ganz hoch am Himmel ſtehen. Nicht jelten kommt es vor, daß Laien Jupiter wegen jeiner auffallenden Helligkeit mit Venus, dem Morgen⸗ und Abendſtern, verwechſeln. Äber bei der Betrachtung auch im kleinſten Fernrohr zeigt er ein von der Geſtalt der Venus völlig verſchiedenes Aus⸗ ſehen. Während der Abendſtern ſich ſchon bei geringer 8 Sichel zu erkennen gibt, die in ihrer Ge Von Jalius Jacob Strauss Der Orden der verrückten Hofräte, deſſen„Archiv“ in der Stadtbibliothek aufbewahrt wird, iſt am 13. Juni 1809 von J. C. Ehrmann, zuſammen mit dem Rektor F. C. Mathiae(1763— 1822), der den Wortlaut der„Ernennungsurkunde“ verfaßt hat und der auch mit Nr. 1 dieſer„Auszeichnung“ beglückt worden iſt,„ge⸗ gründet“ worden.. Die Zeit war derartigen Anternehmungen längſt günſtis. Die geheimen Geſellſchaften ſchoſſen wie Pilze aus der Erde. Aus dem Jahre 1778 liegen— nach den„Blättern für literariſche Unter⸗ haltung“ von 1852— einige Briefe vor, nach denen auch Ehrmann ſich der Sentimentalität des Tages ergeben hatte. Er hatte mit Knigge(1751—1796), der damals in Hanau lebte, perlönliche Be⸗ kanntſchaft angeknüpft und war Mitglied in deſſen„Orden für vollkommene Freunde“ geworden. Ehrmann trug ſich daneben mit der Idee, ſelbſt einen Orden zu ſtiften, den er das„Thal“ nannte. Eine Art Imitation des Kniggeſchen Ordens, ſollte dieſer auf das engſte Freundſchaftsbündnis baſiert ſein, deſſen Hilfs⸗ mittel in einer Art philanthropiſcher Philoſophie zu ſuchen waren. Zu dieſer Verbindung lud er nah und fern Freunde und Bekannte ein. Sei es nun, daß er den Eingeladenen ſeinen Plan nicht in klares Licht zu ſetzen wußte, oder daß ſeine Intentation überhaupt keinen Anklang fand, genug, der„Orden des Thales“ blieb eine Idee. Indeſſen das Ordensweſen war ſein liebes Steckenpferd. Gelang die Ausführung des Planes nicht auf — ernſtere Weiſe, ſo ſollte er doch wenigſtens auf ſcherzhafte Art verwirklicht werden. Ehrmann warb 1809 in ſeinem neuen Unter⸗ nehmen nicht mehr um Mitglieder. Dieſe wurden von ihm nun⸗ mehr nach eigenem Ermeſſen und Gutdünken„ernannt“. In elf Jahren wurden etwa hundert Diplome verfandt. Sie beginnen be⸗ zeichnenderweiſe mit Nummer 913, ſind gewöhnlich vom 1. April datiert, Timander— griechiſch für Ehrmarm— unterzeichnet und enthalten eine kurze, mehr oder minder ſchalkhafte, heute oft nicht mehr ausdeutbare Begründung. Unter den der Aus⸗ deichnung für würdig Erachteten befinden ſich: Arndt, Boiſſerée, uttmann, v. Drais, Grotefend, Iffland, Jung⸗Stilling, Richter tober 1814“— erzählt von Leonhard 1854—„es wäre keineswegs Vorgefühl allein, er habe ziemlich ſichere Anzeichen, in Weimar ein Diplom des„Ordens der verrückten Hofräthe“ vorzufinden; ſw hoch hätten ſich ſeine beſcheidenen Wünſche nicht verſtiegen, indeſſen müſſe man es über ſich ergehen laſſen. Mein Gönner war voller Erwartung, ſehr geſpannt, welcher Grund zu der „ehrenhaften Auszeichnung“ gedient habe.“ Goethe mußte ſich noch eine Weile gedulden, denn Boiſſerée berichtet am 3. Auguſt 1815 aus Wiesbaden:„Gſoethe] will als verrückter Hofrath lin deren Geſellſchaft! aufgenommen werden. Er meint, der Spaß wäre allerliebſt... Aber man müßte ihm ein gutes ob ins Diplom geben, ob varietatem e scientiarum? Diesmal ließ die Er⸗ füllung des Wunſches nicht mehr lange auf ſich warten. Mit ſeinem„Wiſſen und Willen“— wie Ehrmann im Begleitſchreiben vom 14. Auguft 1815 bemerkt— mwurde ihm das Diplom zuge⸗ ktelt und zwar ob Orientalismum Oceidentalem. Marianne von Gillemer ward„ob Crepidam orientalem“ der Ehre für würdig erachtet. Anton Kirchners Diplom war das dreißigſte und enthölt die heute nicht mehr verſtändliche Begründung„oh octo vigen- tiratum& ob Etymologiam voculae R. Korunka“. Die Er⸗ nennung des G. H. Hofrat Dr. Dambmann in Darmſtadt erfolgte „ob Magistrum drum“. Der alſo Beglückte wußte die Begrün⸗ dung nicht zu deuten. Auf Anfrage vom 25. Februar 1817 erhielt er die Erklärung, daß ein von ihm verfaßtes Gedicht„Zur Ge⸗ burtstagsfeier des ſehr ehrwürdigen Meiſters vom Stuhl“ folgende Verſe enthalte: „.. Rufet, Bruder: Heil und Segen unſerm theuren Meiſter drum. In den Sitzungen dieſes drolligen Vereins gab Ehrmann die wunderlichſten Späſſe zum beſten und unterhielt ſeine Vertrauten durch ſeinen derbkomiſchen Humor. Bis zum Jahre 1820 waren etwa hundert Diplome ausgegeben und es ſollte hald zum zweiten Hundert geſchritten werden. Allein die beiden alten Leute, Ehr⸗ aus Breiten⸗ und Längengrade berechnet werden. Und wenn man alt Kachtſeite darbietet. Aber auch in rein phyjikaliſcher Hinſicht unterſcheidet ſich der große Planet ſehr ſtark ſowohl von Venus wie von Mars. Dieſer befindet ſich in einem Entwicklungszuſtand, den die Erde erſt in fernen Zeiten erreichen wird; er iſt ein alternder Planet mit nur noch wenig Waſſer und einer ſehr dünnen, infolge des Waſſermangels meiſt völlig klaren Atmo⸗ ſphäre. Venus dagegen iſt jünger als die Erde; ihre Oberfläche hat noch keines Menſchen Auge erſchaut, denn de iſt völlig von Wolken verhüllt, die das auftreffende Sonnenlicht ungemein ſtark reflektieren; daher ihre große Helligkeit. In dieſem Zuſtand mag ſich unſere Erde vor einer Milliarde Jahren befunden haben. Noch weit jünger aber als Venus iſt Jupiter, wenigſtens in Bezug auf den gegenwärtigen Entwicklungszuſtand des Planeten⸗ rieſen. Das zeigt nicht nur die außerordentlich raſche Rotation; denn Jupiter dreht ſich in neun Stunden 55 Minuten um ſeine Achſe, ſo daß es demnächſt, wenn die Nächte noch etwas länger werden, möglich iſt, während einer einzigen Nacht die Jupiter⸗ kugel ringsum im Fernrohr zu beobachten. Die relative Jugend des gewaltigen Geſtirns geht aber auch aus den Erſcheinungen auf ſeiner Oberfläche unzweideutig hervor. Bei genügender Ver⸗ größerung, ſchon im Fernrohr des Straßenaſtronomen, der für einige Groſchen den abendlichen Spaziergänger einen Blick in die Geheimniſſe ferner Welten tun läßt, ſieht man deutlich, wie lich zahlreiche dunkle Streifen parallel zum Aquator des Planeten über ſeine Oberfläche hinziehen. Streiſen, die zweifellos Wolken⸗ gebilde ſind, und deren Veränderlichkeit ſich bei exakter Beobach⸗ tung ſchon innerhalb weniger Stunden erkennen läßt. Man hat ſogar feſtgeſtellt, daß die Rotationsgeſchwindigkeit dieſer Wolken⸗ kerife in der Richtung nach den Polen geringer iſt als in der ähe des Aquators, eine Erſcheinung, die darauf hindeutet, daß es ſich bei den Wolkenſtreifen auf dem Jupiter nicht um dünne Gebilde wie auf der Erde handelt, ſondern daß der ganze äußere Teil des Planeten ſich mehr oder weniger noch in gasförmigem Zuſtand befindet, obgleich manche Gebilde, zum Beiſpiel der be⸗ rühmte„rote Fleck“, der länger als dreißig Jahre hindurch unter mancherlei Veränderungen ſichtbar blieb, größere weiſen. Charakteriſtiſch iſt außerdem die ſehr ſtarke Abplattung des Planeten an den Polen, die auch der Laie ſofort erkennt, wenn er Jupiter im Fernrohr ſieht. Sie iſt ſo groß, daß der Aquatorialdurchmeſſer Jupiters ſeinen Poldurchmeſſer um nicht weniger als ein Sechzehntel übertrifft, und ſie iſt nur eine Folge der beſonders raſchen Achſendrehung, könnte freilich nicht ſo er⸗ heblich ſein, wenn der Planet ein ebenſo ſtarrer Körper wie die Erde wäre. Seine Dichtigkeit beträgt denn auch nur etwa ein Viertel der Dichtigkeit der Erde und iſt nicht viel größer als die des Waſſers. Da der Jupiterdurchmeſſer den Erddurchmeſſer um etwa das Elffache übertrifft, ſo muß ſein Volumen das der Erde rund dreizehnhundertmal öÜberſteigen. Infolge der weit⸗ aus geringeren Dichtigkeit jedoch überſteigt die Maſſe des Jupiter die Erde nur um etwa das dreihundertfünfundzwanzigfache. Doch ſo gewaltig Jupiter auch im Vergleich mit der Erde iſt, an der gigantiſchen Größe der Sonne gemeſſen iſt auch er nur ein Zwerg, denn erſt tauſend Jupiterkugeln zuſammengeballt , tetigkeit auf⸗ le 4 nteden die Größe des Zentrakgeſtirns unferes Sonnenſyſtems er⸗ reichen. „Der Abſtand, der uns von dem großen Brudergeſtirn trennt, iſt im Mittel fünfmal ſo groß wie die Diſtanz zwiſchen Erde und Sonne. In Zahlen ausgedrückt, ſchwankt ſeine Entfernung von der Erde zwiſchen 578 und 960 Millionen Kilometer. Ein Schnell⸗ ug hätte ohne Aufenthalt rund tauſend Jahre zu fahren, um ieſe Entfernung zu überbrücken, und ihre Größe iſt die Urſache, daß uns die ungeheure Kugel auch bei der größten Annäherung an die Erde nur unter dem winzigen Winkel von etwa 50 Bogen⸗ ſekunden erſcheint. Und da demgemäß die Rieſenkugel dem bloßen Auge nur als freilich heller Lichtpunkt erſcheint, ſo iſt es kein Wunder, wenn wir Jupiters vier große Monde ohne optiſche Hilfsmittel nicht wahrzunehmen vermögen, obgleich die beiden kleineren von ihnen an Größe etwa dem Erdmond gleichkommen, wogegen die beiden anderen ſogar um etwa die Hälfte größer ſind. Allerdings genügt ein auter Feldſtecher, um dieſe vier Monde in der Aquatorebene des Planeten als winzige Lichtpünktchen zu erkennen, und ihre Beobachtung iſt deshalb beſonders dankbar, weil ſie ununterbrochen ihre Stellung wechſeln, vor oder hinter dem Planeten vorübergehen. Die Umlaufzeit dieſer vier Monde ſchwankt zwiſchen 42 Stunden und 1626 Tagen. Schon Galilei erblickte ſie, als er im Jahre 1610 ſein erſtes, kurz zuvor in Holland erfundenes Fernrohr auf den Planeten richtete; alsbald ſchloß er aus ihrer Bewegung auf die Trabanteneigenſchaft der beiden Körper und fand ſo eine glänzende Beſtätigung der kurz zuvor verkündeten Lehre des Kopernikus. Von der Inquiſition verfolgt, mit Folter und Tod bedroht, mußte der große Italiener die von ihm erkannte Wahrheit zwar öffentlich abſchwören, aber ſeine wiſſenſchaftliche Erkenntnis konnte dadurch nicht erſchüttert werden. Erſt in allerneueſter Zeit, im Jahre 1892, gelang dem amerikaniſchen Aſtronomen Barnard auf der Lick⸗Sternwarte in Kalifornien die Entdeckung eines fünften, winzigen Jupitermondes, der dem Planeten viel näher ſteht als die vier anderen und der in nicht ganz zwölf Stunden das Haupt⸗ eſtirn umkreiſt. Seither ſind noch vier weitere, ganz kleine zupitermonde aufgefunden worden, der neunte erſt im 8 1914. Dieſe vier Zwergtrabanten ſind ſehr weit vom auptſtern entfernt; der zuletzt entdeckte hat die außerordentlich große Umlaufzeit von etwas über zwei Jahren. Die Beobachtung dieſer kleinen Trabanten iſt überhaupt nur unter beſonders günſtigen Luftverhältniſſen und mit den ſtärkſten Inſtrumenten möglich; dagegen bietet die Verfolgung der vier großen Monde auch dem Liebhaberaſtronomen ſtets wechſelnde Anregung; ver⸗ ſchiebt ſih doch ununterbrochen ihre Stellung zu einander; bis⸗ weilen ſtehen alle vier Trabanten auf einer Seite des Planeten, und fortwährend ergeben ſich andere Konſtellationen innerhale dieſer fernen Welt. Finſterniſſe ſind auf dem Jupiter alltägliche Erſcheinungen, und während eines Jupiterjahres kommen nicht weniger als 4400 Sonnen⸗ und ebenſoviele Mondfinſterniſſe vor. mann und Matthige, verirrten ſich um dieſe Zeit in nicht wieder ausgeglichene eisdorſanduüſte und außerdem vertrug dieſe Zeit, die ſich allmählich auf ſich ſelbſt beſann, ſolche Scherze nicht mehr. In einer in ihren Einzelheiten nicht näber bekannt ge⸗ wordenen Ehrenſache ſoll Ehrmann— als deſſen Sekundant in Erwiderung eines angeblich kurz zuvor geleiſteten Freundſchafts⸗ dienſtes Goethe bezeichnet wird— 1772 einen franzöſiſchen Offi⸗ zier im Zweikampf getötet und dann die Flucht nach Baſel unter⸗ nommen haben, um den geſetzlichen Folgen des unglücklichen Vor⸗ falls zu entgehen. Martin Greif(Hermann Frey 11839—19111] hat die Duellgeſchichte nach den Angaben ſeiner Großmutter Joſephine Ehrmann⸗Stellwag, geborene Giſelin, der Gattin von Johann Chriſtian Ehrmanns Adoptivſohn, und unter Benutzung einiger Briefe Ehrmanns an Franz Chriſtian Lerſe(1749— 1800) lowie auf Grund von Tagebuchnotizen in der Novelle„Goethe und Thereſe“ nacherzählt. In den auf dem Frankfurter Stadtarchiv aufbewahrten Ratsſupplikationen liegt— wie Prof. Voelcker neuerdings feſt⸗ geſtellt hat— Ehrmanns Geſuch um Erteilung des hieſigen Bürger⸗ rechts. Ehrmann teilt am 17. Februar 1779 mit, er habe„vor ohngefähr zwey Jahren mit einem mansöſſchen Offizier ein Ren⸗ contre gehabt und ſeye ihm, nachdem er ſich von Straßburg weg⸗ begeben, vermuthl. eine Strafe dieſerhalb angeſetzt worden. Er könne verſichern, daß die Affaire längſt erledigt und niemand mehr etwas dieſerwegen gegen ihn vornehmen würde, wie denn auch der H. Meiſter und Rath der Stadt Straßburg ihm mit denen zur Erlangung des hieſigen Bürger Rechts nöthigen Documenten gewislich nicht an Handen gegangen ſeyn würde, wenn er annoch in einen Prozeß der Art verwickelt geweſen wäre...“ Am 27. Februar 1779 übergab Ehrmann auf ſtädtiſches An⸗ ſuchen hier eine Urkunde, vermöge deren atteſtiert wird, daß die zwiſchen„ihme und Herrn von Arnwald, dem Offizier unter dem Löbl. Deutſchen Regiment Anhalt Infanterie vor anderthalb Pahren(alſo in der zweiten Hälfte 1777) entſtandene Zwiſtig⸗ eiten und der darüber erregt gewordene Verzicht⸗Prozeß ſeine Endſchaft erreichet, auch keine weitere gerichtliche Fürſchritte des⸗ wegen gemacht werden, noch Platz finden.“ Aus dieſem amtlichen Leumundszeugnis geht hervor, daß die bisher bekannten Berichte über die„Affaire“ ein Gemengſel von mehr Dichtung als Wahrheit enthalten. Irgend eine Ein⸗ beziehung Goethes, der nur 1770/71, im Mai 1775 und am 16. September 1779 mit dem Herzog Karl Auguſt in Straßburg geweſen iſt, kann wohl kaum mehr in Frage kommen. Auch die Geſchichte von der Flucht nach Baſel 1772 und vieles andere läßt ſich mit den ſpäteren„Zwiſtigkeiten“ nicht begründen. Ehrmann, der ſich offenbar ſchon früh, bei aller Geradheit, die Maria Belli⸗ Gontard von ihrem verehrten Hausarzt rühmt, gerne mit einem gewiſſen Nimbus umgab, wird vermutlich in reiferen Jahren den Vorfall von 1777 ein wenig aufgebauſcht und zurückverlegt haben, ſo daß er Wieblich in die erſterwähnte Form gebracht und ſo verbreitet worden iſt. Der Forſchung bleibt hier die Aufgabe noch vorbehalten, Dichtung und Wahrheit ſäuberlich zu ſcheiden. Der Scherz, den Ehrmann einſt mit Pfarrer Anton Kirchner als Gegenſcherz getrieben und den Heyden 1861 noch für ſo ſtadt⸗ bekannt gehalten hat, daß er ſeine Wiedererzählung für über⸗ flüſſig erachtete, ward 1872 von Marie Belli⸗Gontard aufge⸗ zeichnet.„Der Kanzelredner“— berichtet die Freundin—„machte dem Arzt Vorwürfe, er habe ihn nie predigen hören. Ehrmann verſprach, in der Katharinenkirche zur Betſtunde ſich einzufinden. Beim Kommen ſetzte er ſich der Kanzel gegenüber. Nach kurzer Zeit langweilte er ſich. Er wollte davon ſchleichen, fand aber die Kirchthüren verſchloſſen. Kurze Zeit darauf wurde Ehrmann in der Nacht nach Sachſenhauſen gerufen. Die Frau des Kranken empfing ihn weinend an der Hausthüre. Man habe ihren Mann beſinnungslos heimgebracht, in dieſem Zuſtande befände er ſich noch. Ehrmann entdeckte ſogleich, daß der Mann im höchſten Grade betrunken war. Er rieth, den Pfarrer Kirchner rufen zu laſſen; er, als Arzt, könne bhier nicht bhelfen. Der Pfarrer kam und wollte eben eine ſalbungsvolle tröſtende Rede halten, als ihn dar. ſüpto Branntweingeruch davon abhielt. Er merkte Ehr⸗ manns Racho, grollte jedoch nicht lange.“ Zum Schluß noch eine der vielen ſonſtigen Ehrmann⸗An⸗ ekdoten, die Maria Belli erzählt:„Ein junger Mann, Inhaber eines Parfümeriegeſchäfts, bekannt als Schmutzfink, wollte einen Maskenball beſuchen. Es lag ihm daran, nicht erkannt zu werden, er fragte Ehrmann wegen der zu wählenden Maske um Ratb. Die Antwort lautete„Waſch dich!““ Tengu Fabawus Fragen Von Elsa Maria Bud Tengu Jabawu gehört dem Kaffernſtamm an. Er iſt nicht das, was man hierorts unter einem Kaffern verſteht: entrüſtet würde er dieſe Klaſſifizierung ſeiner Raſſe unter die Leute, die ſich nicht zu benehmen wiſſen, zurückweiſen. Er iſt ein ſehr vor⸗ nehmer junger Kaffer, der ſchreiben, rechnen, denken kann und den ſein Leyrer, ein engliſcher Baptiſtenmiſſionar, wegen ſeiner Intelligenz nach der nächſten größeren Stadt Südafrikas mit⸗ nimmt. Tengu iſt natürlich auch Baptiſt, und ſein Lehrer ruft ihn Daniel nach ſeinem Taufnamen. Tengu hat bisher nur die kleine rohe Kapelle mit dem Kreuz auf dem Giebel als Gotteshaus ge⸗ ſehen, er iſt neugierig auf die herrliche Kirche der Stadt, von der der Miſſionar oft erzählt hat. Schon von den letzten Hügeln her ſieht er über der breit ins Tal geſchmiegten weißen Stadt die goldenen Kreuze funkeln, und ſein Kaffernſinn malt ſich unfaßliche weiße Menſchheit, die in Glaubensfrieden unter dieſem Zeichen der ewigen Erlöſeridee dient. Ihr Weg führt ſie bald an einer Kirche vorbei. Die Fenſter funkeln in farbigem Schmelz. Das Kreuz ſteht gleißend auf der Weltkugel. fenir wollen hineingehen, Vater,“ drängt Tengu ärmel⸗ upfend. 3„Das iſt nicht deine Kirche, Daniel! Das iſt eine deutſche Kirche, eine deutſche Lutheranerkirche. Du darfſt ſie nicht be⸗ treten!“ „Sind die Deutſchen ein ſchlechtes Volk?“ er Miſſionar will dieſer Unumwundenheit ausweichen. Er erwidert:„Sie ſind unſere Feinde geweſen. Sie ſind in ihrer Kultur zurück.“ „Warum, Vater?“ Der Geiſtliche kennt dieſe Fragemühle, die ſolange klappert, bis man ſie energiſch abſtellt.„Sie ſind zurück; wenn ich dir das ſage, Daniel, iſt es ſo!“ „Warum, Vater?“ „Warum, warum? Weißt du etwas von Parlament, von Volksvertretung? Wie ſoll i iſt das Haus, wo man die Fragen der Seele beantwortet; das Parlament iſt das Haus, worin man die Fragen der Nation und der Welt zu löſen ſucht. Wenn du das Alter haſt, wirſt du auch deinen Vertreter wählen dürfen, weil du ja leſen und ſchreiben kannſt. Was wirſt du dann wählen? Sicher doch einen Mann deines Volkes oder einen Weißen, dem du Vertrauen ſchenkſt, daß er richtig handeln wird in deinem Sinne. Wir Engländer haben drei Gruppen oder Parteien, die Deutſchen haben nun aber zwanzig Parteien, die ſich untereinander befehden und ſich Ver⸗ nunft und Ehre abſprechen. Das beweiſt, wie rückſchrittlich ſie uns gegenüber ſind.“ Indeſſen ſind ſie an einem zweiten Gotteshaus vorbeige⸗ kommen und Tengu zupft wieder des Redenden AÄrmel. „Das iſt die Presbyterianer⸗Kirche, Daniel, mit denen haben wir nichts gemeinſam.“ „Wird dort nicht zu Gott gebetet, Vater?“ „Sie haben eine andere Anſicht vom rechten Gottesdienſt.“ Tcengu ſchwieg und trabt an ſeines Führers Seite. Bis wieder eine Kirche auf freiem Platze die prächtige Kuppel in den blau⸗ glühenden Himmel hebt. „Ah,“ ruft Tengu,„dieſe wird es ſein!“ „Wo denkſt du hin, das iſt die High Church! Da führt ein Biſchof das Amt!“ „Aber dort drüben, dort gewiß doch?“ „Das iſt eine Wesleyaniſche Kirche. Wir erkennen ihre Methode nicht für richtig an.“ Tengu ſchweigt wieder. Und denkt, denkt. Sein Lehrer führt ihn über heiße Straßen und Plätze, immer wieder ſind da Kirchen, und doch, der Miſſionar geht haſtig an ihnen vorüber. „Dieſe iſt es doch?“ wagt der Kaffernjüngling endlich „Das iſt eine Dutch⸗Kirche, dort beten nur die Holländer!“ „Haben Holländer einen anderen Gott?“ Der Miſſionar ſtöhnt ein bißchen. Es iſt auch allzu heiß. „Engländer und Holländer haben zwar denſelben Gott; aber ſie lehren in anderer Form, zu ihm zu beten. Und ſie wollen auch die Predigt jeder in ſeiner Sprache hören.“ „Aber ſie ſind doch alle Südafrikaner, ſagſt du, und haben ein Vaterland und eine Sprache?“ Der Miſſionar lenkte ab, da ſind Auslagen und Staats⸗ gebäude, und er zeigte ſich befliſſen. Tengu ſieht brav das alles an, doch ſeine Augen wandern zu immer neuen Kuppeln und Türmen. Er iſt voll Glauben ausgezogen; aber dieſe vielen Ktebje, die nicht die richtigen ſind, venwirren ſein gradliniges Denken. „Dos wird ſie ſein, Vater!“ Und er ſtreckte die ſchwarze Hand zeigend. „Nein, nein, Daniel! Das iſt die katholiſche Kirche. Dort wird eine ganz andere Lehre gepredigt, mit der wir keine Ge⸗ meinſchaft haben.“ „Und da drüben?“ „Iſt die Dutch⸗Reformkirche, nicht die unſere!“ Endlich bleibt der Miſſionar doch vor den Stufen eines Gotteshauſes ſtehen.„Hier iſt die Kirche der Baptiſten, zu der du gehörſt, mein Sohn. Gehe nicht verſehentlich dort in jene dir das alles erklären? Die Kirche Sabbatiſten. Nun komm hinein!“ Doch Tengu hat zuviel Sorgen, die erſt heraus müſſen. Er ſetzt ſich auf eine Stufe hin und fragt:„Vater, du mußt mir ſagen, wie ich alles recht verſtehe, was ihr eingerichtet habt. Du ſagſt, die Deutſchen ſeien zurück gegen uns, weil ſie ſo viele Gruppen haben, die alle derſelben Sache dienen, und du ſagſt, ſie bekämpfen ſich und das iſt dumm. Engländer ſind vorgeſchritten, ſagſt du. Aber ich habe nun zweimal alle meine Finger abgezählt, wie wir an all den Kirchen vorbeigegangen ſind, die du falſch nennſt, weil jeder Gott darin anders dient!“ „Das läßt ſich nicht vergleichen!“ zürnte der Lehrer. „Oh,“ wunderte ſich Tengu,„warum, Vater? Du haſt die Kirche und das Haus der Nation ja ſelbſt verglichen!“ „Stehe ich hier, um von einem Kaffern Lehren anzunehmen?“ ruft der Miſſionar aus. Und er wendet ſich und winkt dem gründlichen Tengu gebieteriſch, ihm zu folgen... Kirche, die der unſrigen boshaft ähnlich gebaut iſt. Sie gehört den Schach-Eeke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuser, Erankfurt a. M., Waldschmidtstraße 29, wohin auch alle Zuschriften und Lösungen zu senden sind- Endspielstudie Nr. 50 Von Ratner , 2 8 5 2— ch ſſh 4 H — 5 — , H 6 S 5 2* d 8 Weiß zieht und gewinnt. Kontrollstellung: Weiß: Kgl, Sal, e5, La(4) Schwarz: Kb6, Lal, Be7, g7(4) Diese Studie macht einen starken Eindruck. Zunächst ist die ökonomie der zur Verwendung gelangenden Steine gefällig. Keiner der weißen Steine hat Wucht, noch birgt er die Möglichkeit der Wertsteigerung wie ein Bauer; dennoch vermögen sie die Aufgabe zu lösen. Sie ist schwer, denn Schwarz ge- winnt eine der weißen Figuren, da neben Kb6 at auch ein Abzugsschach nebst La?— dA droht. 1. Lat— e? Der einzige zum Ge- drängt und Leꝰ verloren geht. winn ausreichende Zug. Bei La6-— fl 4...... Kb7— a8 verstellt der König später dem Läufer 5. Sa5— c6 Le5— d6 das Feld h3, bei LaG— d träte ein(oder beliebig.) anderer Mißstand zutage, der später des Königs nach c8 und Matt durch .. Kb6- b7 LaGt— b7. Aber Schwarz hat einen g- 2. Kgl— g2 Wieder der einzige Bauern; käme der bis g4, so würde er Zug, wie sich herausstellen wird. den weißen König festhalten mit 2 Lal— d4 Remisschluß; sonach wäre 1. Lat- fl .„„ 3. Sal— b3 Natürlich der einzige fehlerhaft gewesen. Zug zum Gewinn. 6.... g7— g5 3....... Ld4 e⁵ Auch g7 hat kei 4 Pr. 4. Sbg-a5- Das ist die Ides; gobuia 5—es hat koein anderos Pr. nun kann der König weder nach b8 7. Kg2- f3 I1. Aoht noch al noch bé, da sonst durch ein Springerschach Le verloren wäre. Da-. 1 her Fren darf der weiße Läufer nicht 19. EE2 is 5 auf d stehen, sonst käme Kb7- b6; 3—0, 8—2n 5. Sa5— 4+, Kb6— c5; 6. Se4 ¼ e5, 41. K.4 64— Kc5— dd Remis. Auch nach cs darf Kd?— es 93— g2 13. Lab— b7 Matt. der König nicht ziehen, da sonst. Ein reiner und starker Eindrucke Le²— g4*† den König nach b8 oder ds Spielabende des Arbeiter-Schachklubs Frankfurt a. M. Abt. 1 Cnnenstadt): Montag, Hotel„König von England“, Battonnstr. 68, Abt. 2(Riederwald): Donnerstag bei Blank. Abt. 3(Bockenheim): Mittwoch,„Zum Preischdtz“, Leipziger Straße 64. Abt. 4(Bahnhofsviertel): Donnerstag,„Regenbogen“, Gutleutstraße. Abt. 5(Nordend): Freitag bei Walter, Weberstraße 84. Abt. 6(Rödelheim): Dienstag bei Geyer, Eschborner Landstraße. Abt. 7(Bornheim): Mittwoch bei Pauly, Germaniastraße 49. Abt. 8(Niederrad): Samstag, Sportplatz der Freien Turner, Hahnstraße. Abt. 9(Sachsenhausen): Dienstag bei Adrian, Affentorplatz. Abt. 10(Gallusviertel): Mittwoch bei Israel, Franken-Allee 234. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 6. Lez—at Nun droht der Marsch 5 * —— — Die Tiarag des Saitaphernes Von Rudolk Leonhard Ganz ſchwaches Licht ſchwebte in den Sälen des Louvre, als Danilo Gegerescu durch das aufgebrochene Pförtchen leiſe ein⸗ drang und ſich vorſichtig von Raum zu Raum taſtete.„Laß uns umtehren“, bat ſein Begleiter,„es wird ſchlecht ablaufen!“„Willſt du nicht einmal das für die Revolution wagen?“ zürnte, ohne die Stimme zu heben, Danilo;„wir brauchen Geld, Geld, Geld zur Agitation, wenn wir den reichen Herzog von Luſignan ſtürzen wollen. Wo können wir es beſſer finden als hier? Daß es ge⸗ ſtohlen iſt? Pah! Die Vorfahren des Herzogs häben ſeines auch geſtohlen. Womit könnten wir die Revolution beſſer und ſinnvoller finanzieren als mit dem Erlös für die geſtohlene Krone eines alten Königs oder Satrapen!“ Als ſie aber ſchleichend bis an den Saal gekommen waren, in dem in großer feſter Vitrine die Tiara des Saitaphernes ausge⸗ ſtellt war, hörten ſie verblüfft halblaute Stimmen.„Was“, mur⸗ melte Danilo und hielt hinter dem Tüxvorhang den anderen zurück,„haben andere auch die gute Idee gehabt, und ſind uns zuvorgekommen?“ „Alles was Sie ſagen iſt Unſinn!“ ſagte der Kuſtos uner⸗ ſchüttert mit tiefer Stimme. „Wenn ich Ihnen ſage—“ ereiferte Cownsburn ſich noch wilder.„Und dieſes Werk in ſolchen Händen! Ein halbes Leben lang habe ich die Krone Timurs geſucht; und hier finde ich ſie, öffentlich ausgeſtellt, falſch regiſtriert, in der Obhut eines Narren!“ „Sie reden Unſinn!“ wiederholte der Kuſtos. CTownsburn ſchüttelte in ohnmächtigem Zorn die Hände gegen ihn:„Laſſen Sie doch Saitaphernes fahren. Wer war denn Saitaphernes? Ein kleiner Satrap. Ein Barbar, lächerlich, unbe⸗ deutend. Aber Tamerlan, der Enkel des großen Timur! Der letzte Schößling aus dem Stamme des Rieſen! Der, wie Quellen er⸗ zählen, die ererbte Krone zu ſchwer fand und ſie umarbeiten ließ, nnd dennoch zu Boden fiel, als die Feldherrn ihn zwangen, ſie zu ragen! „Auch Ihr Timur war ein Barbar, ſchlimmer, ein degene⸗ rierter Barbar!“ „Aber Aſien glaubte an ihn! Hören Sie: A-ſi— en, wie das klingt, wie das in die Ewigkeit geſunken iſt! Schließen Sie auf, ich werde Ihnen jede Schramme auf Timurs Krone erklären. Er war ein Barbar, aber er litt. Die Krone ſchmerzte ihn. Er ließ ſie fallen— ſie muß noch die Schrammen tragen, von denen die Quellenſchriften erzählen!“ Der Kuſtos ſchwieg erbittert. Cownsburn rang die Hände:„Timurs Krone, das Werk aus Tamerlans Geſchlecht— laſſen Sie es doch, ich bitte Sie, laſſen Sie es doch Tamerlans Krone ſein!“ Die Zeit iſt ſchnell, noch ſchneller iſt das Schickſal. er holt's nicht ein, und wenn ihn Blitze trügen. Wer feig des einen Tages Glück verſäumt, Th Körner Da nahm der Kuſtos die Arme auseinander, die er bis jetzt gekreuzt gehalten hatte. Er ſchloß die Vitrine auf, das Schloß kreiſchte; aber er lachte höhniſch drüber hin.„Ich will Ihnen etwas geſtehen, Verehrteſter, was wir alle hier im Muſeum wiſſen. Ihnen kann ich es ſagen, Sie haben ſich ſelbſt mit Ihrer Tamerlan⸗ Theorie, wie ſie gleich einſehen werden, ſo blamiert, daß Sie ſchon ſchweigen werden. Alſo hören Sie: die berühmte Tiara des Saitaphernes hat weder Saitaphernes noch Ihrem Timur je ge⸗ hört. Sie iſt eine Fälſchung. Sie iſt keine zehn Jahre alt. Sie iſt das Werk des ſüdruſſiſchen Goldſchmieds Raſumofski.“— Cownsburn zitterte ſtumm. Hinter der Tür entſtand ein ſchwaches Geräuſch, das aber die beiden Männer vor der Vitrine nicht bemerkten.„Schöne Geſchichte, nicht wahr, Daß Sie auch reingefallen ſind, Verehrteſter, iſt doch nur ein ſchwacher Troſt. Da haben Sie ihren Timurſchatz. Sehen Sie, wie glänzend das Ding gemacht iſt—“ Er wollte die Krone von der ſamtnen Unterlage heben. In dieſem Augenblick knackte es laut. Das hölzerne Dach der Vitrine hatte eine Maus durchnagt, die fiel jetzt von oben, ihr war es nicht weniger unerwartet als den beiden Männern, zwiſchen die goldenen Zacken. Betäubt hockte ſie auf dem Samt, dann lief ſie ängſtlich zwiſchen den metallnen Sparren hin und her, verſuchte innen daran hochzuklettern, ſprang vergebens. Der Kuſtos hatte ſeinen Schreck ſchon überwunden und Lachi⸗ ſchallend:„Da haben Sie den letzten Sproß des großen Timur. Da habe ich den letzten Inhaber der gefälſchten Tiara: ein Mäuschen.“ Cownsburn war im Schreck zur Tür gewichen. Da ſtanden in Halbdunkel zwei Männer, die ebenfalls laut lachten. Verblüfft betrachteten die beiden Parteien einander, Dann ſagte Danilo Gegerescu ſehr laut zu ſeinem Begleiter:„Komm— wir ſcheinen die Sache überſchätzt zu haben. Das bißchen Goldwert — dafür gibt kein Amerikaner was Ordentliches. Am Ende täten wir den Herren mit einem ſenſationellen Diebſtahl noch insgeheim einen Gefallen. Komm, es waren eben fünf Nagetiere hier, und wenn zwei gehen, bleiben noch genug!“ Die beiden verſchwanden. Der Kuſtos hatte ſich, im Banne eines neuen Gedankens, aufgerichtet, als Danilo über den mög⸗ lichen Nutzen des Diebſtahls ſprach. Er wollte den beiden Ein⸗ brechern nach, da hatte aber die Maus eine Lücke im geſchmiedeten Gefüge der Krone gefunden und brach aus. Sie ſprang an ſeine Bruſt und auf den Boden, und huſchte durch die Tür. Der Kuſtos ſpürte ein unüberwindliches Grauen davor, ſie etwa beim Nach⸗ ſtürzen zu zertreten. Er wandte ſich plötzlich ermüdet zurück, und ſagte, nach dem Loche in der Decke der Vitrine blinzelnd zu Cownsburn:„Eh ſo ein Maulwurf einem einen Gefallen damit tut, verzichtet er lieber auf die ganze Dieberei.“ „Hm. hm,“ ſagte er, da Cownsburn nicht antwortete,„hm, 7 Aber Cownsburn ſaß mit überdeckten Augen und weinte. Mutterſchaft und Volksglaube Von Dr. Else Möbus Die Vorgänge der Schwangerſchaft und der Geburt ſind für den heutigen Wiſſenſchaftler, den Mediziner, Spezialgebiete ſeines Faches, die er mit den gleichen Mitteln wiſſenſchaftlicher Unter⸗ ſuchung behandelt, wie alle anderen medisiniſchen und kliniſcheu Fälle, die er zu bearbeiten hat. Eine ganz andere Rolle ſpielte die werdende Mutter dagegen in der Vorſtellungswelt des Laien, im Volksglauben. Von jeher galt ſie bei faſt allen Völkern der Erde als mit beſonderen Kräften erfüllt, auf der anderen Seite allerdings auch als beſonders zugänglich für ſchädliche, böswillige Geiſter. Eine Fülle der verſchiedenartigſten Vorſtellungen grup⸗ vierten ſich um die Wöchnerin und um das werdende Leben. Sie alle dienten dazu, eine Erklärungsmöglichkeit für die Geheimniſſe zu bieten, von denen der dunkle Vorgang des Werdens und der Geburt umgeben zu ſein ſchien. — In katboliſchen Gegenden iſt es noch heute Sitte, daß die Lunoe Mutter nicht vor vier bis ſechs Wochen nach der Geburt bres Kindes den erſten Ausgang macht. Sie begibt ſich dann zu⸗ erſt zur Kirche, zur„Ausſegnung“. Der Katholizismus erklärt dieſe Sitte als ein Zeichen der Dankbarkeit gegen Gott, der für die glückliche Geburt des Kindes geprieſen werde. In Wirklichkeit handelt es ſich allerdings um ganz andere Vorſtellungen. Es ſind Gedanken⸗ und Gefühlskreiſe beidniſcher, vorchriſtlicher Zeit, deren äußeres Gewand die Kirche übernommen und in ihrem Sinne erklärt hat... Die Erfahrung, daß manche Wöchnerin beſonders hinfällig war, daß auch ihr Seelenleben zeitweiſe verändert ſchien, mag den erſten Anſtoß zu der Vorſtellung gegeben haben, ſie ſei, wie jeder Kranke nach der Anſchauung des primitiven Volksglaubens, von Dämonen beſeſſen, von Geiſtern bewohnt. Dazu kam der ur⸗ alte Gedanke, das Kind ſei ſeinem Weſen nach ein Vorfahr, der wieder lebendig geworden ſei. Die Mutter mußte deshalb den Totendämonen beſonders nahe ſtehen, von ihnen beſonders be⸗ droht ſein. Noch Roſegger erzählt, wie ein Vater ſeinen kleinen Knaben auf das Grab des verſtorbenen Großvaters feli und ihn ſeiner Frau ſodann mit der Bemerkung zurückgibt, ſie erhalte in dem Kinde den Großvater wieder jung und neu zurück. Noch vor wenigen Jahrzehnten war in Litauen die Sitte bekannt, daß die werdende Mutter in der Stunde der Geburt dreimal auf die Hausſchwelle klopfte, unter der nach altem Volksglauben die ver⸗ torbenen Vorfahren wohnten. Sie wollte auf dieſe Weiſe die erſtorbenen auf die Geburt des Kindes aufmerkſam machen und einem ihrer Vorfahren die Gelegenheit geben, in das Kind ein⸗ zugehen. Sicherlich hat die Erfahrung, daß große Ähnlichkeit, oft auch Vererbung weſentlicher und hervorſtechender Charaktereigen⸗ ſchaften, wiſchen Vorfahren und Enkeln beſtand, viel zur Bil⸗ dung dieſer Anſchauung von der Wiedergeburt des Verſtorbenen beigetragen. Eine Anzahl anderer Totendämonen aber verſuchte, die werdende Mutter zu einer der Ibrigen zu machen, die Ge⸗ burt nach Möglichkeit zu erſchweren und zu verhindern. Auch bei dieſer Vorſtellung ſpielten ſelbſtverſtändlich die Erfahrungen und Erlebniſſe mit, daß Wöchnerinnen zu einer Zeit, wo noch ſo gut wie überhaupt keine Geburtshilfe beſtand, todkrank lagen oder geſtorben waren. Die Urſache ihres Sterbens aber war für den Primitiven ſtets ein lebendiges Weſen, ein Totendämon. Die werdende Mutter wurde wegen der beſtändigen Gefahr, in der ſie ſchwebte, ſowohl in der Stunde der Geburt als auch nachher mit Schutzvorrichtungen aller Art umgeben. In der Wochenſtube wurden Lichter angezündet, deren Feuer und Helligkeit die Dä⸗ monen vertreiben ſollten, oder aber man legte eine große Axt ins Zimmer, manchmal auch Waffen, Schwerter und Meſſer, um die Geiſter zum Rückzug zu veranlaſſen. Man dachte ſich dieſe Un⸗ heilbringer alſo urſprünglich keineswegs als Geiſter und Seelen, wie ſie der chriſtliche Glaube kennt, ſondern durchaus als körper⸗ liche Weſenheiten, etwa im Sinne des Kinderaberglaubens vom Vevan oder vom Schwarzen Mann. Erſt ſpäter wurden aus den ämonen Hexen oder böſe, verwunſchene Seelen und Geiſter, vor allem im Mittelalter, das ja eine wahre Fundgrube für Aber⸗ glauben aller Art iſt. Aber auch nach der glücklichen Geburt des Kindes war die Mutter noch keineswegs den drohenden Gefahren enthoben. Vor allem mußte man ſich hüten, ſie allein zu laſſen. Denn nur zu oft war das Kind von Zwergen, die wohl urſprünglich ebenfalls als Totendämonen aufzufaſſen ſind, geraubt und an ſeine Stelle ein häßlicheres, verrunzeltes Kind mit großem Kopf und ſtarren Augen hingelegt worden. An dieſe Vorſtellung knüpfen ſich unge⸗ zählte ſogenannte Wechſelbalglagen, die den Vorgang, wie der ERRREREREREE „Unterirdiſche“ das Menſchenkind ſtahl und ſein eigenes dafür hinlegte, auf die verſchiedenſten Arten erzählen. Auch dieſe Vor⸗ ſtellung fußt auf einer Tatſache, nämlich auf dem furchtbaren Er⸗ lebnis der jungen Mutter, die einen Kretin geboren hatte, und der es unfaßlich war, daß dies ihr eigenes Kind ſein könne. Die junge Frau ſuchte ſich ſobald ſie allein war, ſobald ſie irgend einen Gang außerhalb des Hauſes zu machen hatte, nach Möglichkeit zu verkleiden— eine Vorſichtsmaßregel, wie ſie ia auch letzten Endes der Maskerade der Faſtnacht zugrunde liegt, Durch dieſe Verkleidung glaubte man, die Dämonen täuſchen zu können. In Böhmen legte die Frau ein Kleidungsſtück ihres Mannes an, in Thüringen ihren Brautmantel, der nach dem Volksglauben Wunderkraft beſitzen ſollte. In Brandenburg ſchritt die Frau vor ihrem erſten Ausgang über eine Axt, von der man annahm, ſie vermöchte die böſen Geiſter abzuſtreifen. Der gleiche Grundgedanke, ſich von etwa vorhandenen dämoniſchen Kräften zu reinigen, lag dem Gang in die Kirche, der„Ausſegnung“ zu⸗ grunde. Als das Chriſtentum Einzug gehalten hatte, war damit der alte Dämonenglaube keineswegs beſeitigt. Chriſtliche und heidniſche Vorſtellungen gingen vielmehr ineinander über und bildeten manchmal die ſeltſamſten Komplexe. Auch die Taufe wurzelt letzten Endes in uralten Vorſtellungen. Waſſer wie Feuer dienten dazu, die Dämonen zu bannen. Und wenn in Hildesheim das Kind über ein Lindenholsfeuer gehalten oder an anderen Orten in Waſſer getaucht wurde, wenn es heute mit Waſſer be⸗ ſprengt wird, und der fromme Katholik glaubt, der Teufel habe nun keine Gewalt mehr über das kleine Weſen, ſo iſt dieſe An⸗ ſchauung auch ein Reſt des uralten, varchriſefichen Volksglaubens, der Wöchnerin und Kind nicht nur als ſchutzbedürftig, ſondern geradezu als„unrein“, d. h. als von unheimlichen Mächten be⸗ wohnt, bezeichnete. So ragt das uralte Geiſtesgut der Jahrtauſende hinüber bis in die Gegenwart. Unſere Aufgabe aber iſt es, dafür zu ſorgen, daß dieſe primitiven Anſchauungen auch in den weiteſten Schich⸗ ten unſeres Volkes abgelöſt werden durch die wiſſenſchaftlich be⸗ gründeten rhehnfſſe der modernen Wiſſenſchaft. Es liegt kein Grund dafür vor, daß das Werden des Lebens dem Volke noch geheimnisvoller erſcheint, als es ohnehin, trotz eifrigſter Forſchungsarbeit, iſt. Hungerkünſteer und Vieleſſer im Tierreich Von M. A. von Lütgendol ff Vor kurzem konnte man in einem Fachbericht leſen, daß ein im Tierpark zu Stellingen gehaltener See⸗Elefant jeden Tag 385 Pfund Fiſche verzehrt; ein anderes Tier derſelben Gattung, der durch ſeine Dreſſurkünſte bekannte See⸗Elefant„Nauke“, braucht täglich 150 Pfund Fiſche, um ſatt zu werden. Das ſind recht anſehnliche Mengen; 150 Pfund Fiſche bilden aufeinander⸗ gehäuft einen ganz ordentlichen Berg. Aber man muß auch be⸗ denken, daß die beiden See⸗Elefanten wahre Rieſentiere ihrer Art jind:„Nauke“ wiegt 1800 Pfund, und der Körper des zweiten ieleſſers hat eine Länge von 5 ½ Meter. Solche Körper können natürlich nur durch gewaltige Nahrungsmengen erhalten werden, und die beiden See⸗Elefanten bilden daher auch keine Ausnahme unter den Rieſen des Tierreiches. Als der Forſcher Mitchell⸗Hedges vor einigen Jahren ſeine aufſehenerregenden Beobachtungen an den im Karibiſchen Meere lebenden Rieſenfiſchen veröffentlichte, erzählte er auch von ſeinen Unterſuchungen über den Magen⸗ inhalt der von ihm gefangenen Fiſche. Er konnte ebenfalls Rieſen⸗ — Ludovika Simanowisez * Zu ihrem 100. Todestag Im September ſind es 100 Jahre, daß Ludovika Simano⸗ wicz ſtarb. Ihr Name iſt den Beſuchern des Schillermuſeums wohl vertraut als Malerin Schillers und ſeiner Familie. Sie war eine Zeitgenoſſin von Frau Vigée⸗Lebrun und hat mit dieſer und Angelika Kauffmann weibliche Kunſtfähigkeit zu Ehren gebracht in Deutſchland wohl als erſte Ludovica iſt die Tochter des Regimentschirurgen Reichen⸗ bach, wuchs in Ludwigsberg auf und ſchon in früheſter Jugend verband ſie enge Freundſchaft mit Friedrich Schiller und ſeinen Schweſtern. Mit 25 Jahren verlobte ſich Ludovika mit dem Leut⸗ nant Karl Simanowicz. In Stuttgart war ſie Schülerin des Malers Guibal geweſen, der ihr riet, nach Paris zu gehen zur weiteren Ausbildung Der Herzog Karl Eugen hatte ihr dazu ein großes Stipendium bewilligt. Simanowicz hatte ſo viel Ver⸗ ſtändnis für die Begabung ſeiner Braut, daß er ſich einverſtanden erklärte, die Hochzeit bis nach ihrer Rückkehr aus Frankreich zu verſchieben. Vor ihre Reiſe beſuchte Ludovika noch mit Vater und Bräutigam den unglücklichen Dichter Schubert, der auf dem Aſperg ſaß. Er hat dieſen Beſuch in einem Gedicht gefeiert, das mit den Worten beginnt:„Sie kommt, ſie kommt! ich ſehe Ludoviken!“ und in dem er ſie und ihr Genie als einen Stern erſter Größe eiert. Die Reiſe des alleinſtehenden Mädchens über Straßburg nach aris erregte großes Staunen. In Paris wurde Ludovika Schülerin des berühmten Malers Veſtier Aber auch die poli⸗ tiſchen Ideen ihrer Zeit, die die rantzcfäche Revolution vorbe⸗ reiteten, intereſſierten ſie ſehr, namentlich Rouſſeaus Erziebungs⸗ robleme. Zu ihren Bekannten gehörten die Miniſter Hecker und peine Tochter Germaine von Staél, ferner Bonaparte und ſeine ſpätere Gattin Joſephine Beauharnais, der Hiſtorienmaler Wächter u. a. mehr. Wie ſo viele berufstätige Frauen von heute, empfand auch Ludovika die Schwierigkeit, ihre Liebe mit ihrer Kunſt in Einklang zu bringen. Es iſt noch ein Brief eines be⸗ freundeten Abbé vorhanden, in dem dieſer ihr rät, eine ihrer Neigungen der anderen zu opfern und ihr zu bedenken gibt, daß auf Erden kein vollkommenes Glück zu finden iſt. Als 1789 die franzöſiſche Revolution ausbrach, folgte Ludo⸗ vika dem Ruf des Herzogs Friedrich Auguſt nach Mömpelgard, wo ſie deſſen Familie portraitieren ſollte. Dann ging es heim nach Ludwigsburg und die Hochzeit mit Simanowicz wurde ge⸗ feiert. Die Künſtlerin ſcheint es verſtanden zu haben, ihre Malerei mit den Pflichten einer guten Hausfrau zu vereinigen. Ihr Haus wurde zum Mittelpunkt vieler Gäſte. Mit den Männern ſprach die weitgereiſte Frau von Politik, mit den Frauen vom Haushalt, mit den Müttern von den Kindern, ſo daß ſie ſich großer Beliebt⸗ heit erfreute. Aber von ihren Pariſer Freunden kamen immer wieder Einladungen, dorthin zu kommen zu ihrer weiteren Aus⸗ bildung. Da Simanowicz ſich zum Feldzug rüſten mußte, ging Ludovika zum zweiten Male nach Paris. Dort traf ſie den Bruder von Juſtimes Herner, der ſich gleich ihr für die franzöſiſche Revo⸗ lution begeiſterte. Mit Stolz nannte ſich die Schwäbin eine Demo⸗ kratin. Als ſie aber die Greuel der Schreckensherrſchaft erleben mußte, wurde ihre Begeiſterung abgekühlt. Nur mit Mühe ge⸗ lang es ihr, aus Paris in die Normandie zu fliehen und endlich heimzukehren. Simanowicz empfing ſie voller Glück. Die Bio⸗ graphie Ludovikas berichtet, daß er ihren wahren Wert fühlte und fügt die Bemerkung hinzu:„Nicht jeder Mann von Bildung erkennt alle inneren Vorzüge ſeiner Frau.“ 4 ““ ſturmvögel, gewaltige Tiere mit einer zahlen über die Gefräßigkeit der großen Meeresbewohner mit⸗ teilen. Im Magen eines Haifiſches, der 612 Pfund ſchwer war, fanden ſich 170 Pfund Fiſche, unter ihnen ein Stechrochen, der allein 50 Pfund wog, und vermutlich von dem Haifiſch auf einmal verſchlungen worden war; der Magen eines 1912 Pfund ſchweren Schaufelhaies enthielt ſogar 300 Pfund Nahrung. Magenunterſuchungen an Tieren bringen dem Naturforſcher überhaupt oft recht wiſſenswerte Aufſchlüſſe über die Lebensweiſe der verſchiedenen Tierarten und verraten manches vom Speiſe⸗ zettel ſchwer zu beobachtender Tiere. Im Verlauf ſeiner Jagd⸗ reiſen in den Gebieten des oberen Nils unterſuchte z. B. Ad. David einmal den Mageninhalt eines Krokodils und förderte dabei zwei Hufklauen einer großen Pferdeantilope, eine 38 Zentimeter lange, untere Kinnlade eines anderen Krokodils, Rippen von Gazellen und Antilopen und eine große Zahl von Fiſchknochen zutage, auch fand er Kieſel⸗ und Quarzſteine, die das Tier wohl zu ſich ge⸗ nommen hatte, um die Nahrung im Magen zermahlen zu können. Die Krokodilmahlzeit, die man ſich nach dieſen ſchönen Reſten zu⸗ ſammenſtellen könnte, weiſt jedenfalls auf einen geſegneten Appetit hin Die Magenunterſuchung einer vor einigen Jahren in Urfahr ei Lin an der Donau geſchlachteten Kuh brachte ebenfalls ſelt⸗ ame Ergebniſſe; dieſer vielgeprüfte Magen enthielt: einen öffel, drei Meſſer mit Griffen, drei 20 Zentimeter lange Eiſen⸗ nägel, ſechs Schrauben, eine Patrone, eine Glocke und einen Hausſchlüſſel. Sehr wichtig ſind Magenunterſuchungen dann, wenn man den Schaden oder Nutzen ermitteln will, den Tiere durch ihre Ge⸗ fräßigkeit anrichteten. Auf dieſe Weiſe hat man z. B. erkannt, daß ſich der Fuchs in Maikäferjahren als tüchtiger Helfer bei der Käferbekämpfung nützlich macht, mit Vorliebe die eierſchweren Weibchen ſchädlicher Schmetterlinge— der Spanner und der Spinne— verzehrt und auch da, wo Nonne und Kiefernſpinner in größeren Maſſen auftreten, an der Vertilgung dieſer Schädlinge mithilft. Der große Schaden, den die Seemöven und die Kor⸗ morane der Pſcherei zufügen, iſt erſt durch die Magenunterſuchung dieſer Tiere feſtgeſtellt worden. Denn ohne die Unterſuchung hätte man es wohl kaum für möglich gehalten, daß eine Seemöve täg⸗ lch 200 junge Heringe oder andere kleine Fiſche frißt, was einen 9 rlichen Abgang von 73 000 Jungfiſchen bedeutet, und daß der agen eines Kormorans einen zwei Fuß langen Meeraal, einen dreipfündigen Salm und über zwei Pfund andere Fiſche enthielt. Im Verhältnis zu ihrer Körpergröße ſind dieſe Vögel ſicherlich gans Lſtaumrich⸗ Vielfreſſer, und der Elefant, der im Tage etwa 00 Pfund Nahrung zu ſich nimmt, lebt recht beſcheiden im Ver⸗ gleich zu dieſen Nimmerſatten im Vogelreich. Manche Tiere ſcheinen einen unſtillbaren Hunger zu beſihen; he freſſen zuweilen ſo leidenſchaftlich gern, daß ſie jeden Maß ver⸗ lieren. Der Südpolforſcher Profeſſor Bryhalſti beobachtete Rieſen⸗ ber zwei Meter weiten Flügelſpannung, die ſich derart vollgefreſſen hatten, daß ſie ſich im wahrſten Sinne des Wortes nicht mehr rühren konnten. Sie waren auch nicht imſtande, zu iehen. als ſich ihnen die Hunde der Expedition näherten, um ſie zu fangen. Auch der Marder kennt keine Grenzen, wenn er das friſche Blut ſeiner Opfer trinkt. Er benimmt ſich dabei oft ſo, daß man von einem wirklichen„Blut⸗ rauſch“ ſprechen kann, da er in dieſem Rauſchzuſtand gewöhnlich gleich am Ort ſeiner Mordtätigkeit, z. B. im Hühnerſtall ſelbſt, zu Boden ſinkt und einſchläft, ſo daß er dann dem Menſchen wehrlos man ſie ſchließli nicht zu verlieren. Daß Vögel im Käfig oft freiwillig hungern, iſt Tiere, die während ihres ganzen Lebens überhaupt nur einmal jatt werden. Dieſe Beſcheidenſten aller Lebeweſen finden ſich im Reich der Inſekten, unter denen es blutſaugende Arten gibt, die nur dann ihren Hunger ſtillen können, wenn ſie gerade auf die einzige Tierart treffen, deren Blut ſie zur Nahrung brauchen. Da kommt es denn oft genug vor, daß ſie dieſem einzigen Tier im Laufe ihres kurzen Daſeins nur einmal begegnen. Manche Schmetterlinge aber nehmen, ſo lange ſie leben, überhaupt keine Nahrung zu ſih Einige Tierarten überſtehen Hungerzeiten ohne Schaden; die ſonſt ſo gefräßigen See⸗Elefanten leben in der Paarungsperiode und in der Zeit, in der die Jungen geworfen werden, ohne Nahrung, und die Pinguine finden auf ihren Wande⸗ rungen über das Eis f wochenlang keine Löcher, durch die ſie ins Waſſer zu ihrer Nahrung gelangen können. Daneben gibt es aber auch freiwillig faſtende Tiere. Was manche Lebeweſen in dieſer Hinſicht leiſten können, zeigen uns am beſten die Beobach⸗ tungen, die man an gefangenen Tieren immer wieder macht. Merk⸗ würdig iſt, daß ſich in der Gefangenſchaft oft gerade ſolche Tiere als Hungerkünſtler erweiſen, die freilebend ausgeſprochene Viel⸗ freſſer ſind. So kann der wegen ſeiner Gefräßigkeit geradezu ge⸗ fürchtete Hecht, wie erſt kürzlich erfolgte Unterſuchungen ergaben, in der Gefangenſchaft einige Monate lang ohne Nahrung ver⸗ bringen, und die acht Meter lange Rieſenſchlange, die gegenwärtig im Zoologiſchen Garten in RNom gehalten wird, hatte ebenfalls freiwillig einen 4e lange dauernden Hungerſtreik angetreten, daß künſtlich ernähren mußte, um das koſtbare Tier bekannt. Zu ſehr bedeutſamen Ergebniſſen haben ſeinerzeit die „Hungerproben“ geführt, die man im Verlauf freiwilliger oder unfreiwilliger Faſtenperioden an Tieren vornahm. Beſonders wichtig war die beobachtete Gewichtsabnahme in der nahrungs⸗ loſen Zeit. Dieſe Verminderung des Geſamtgewichtes ging bei Süßwaſſerpolypen nur bis zu einem Zweihundertſtel und bei Strudelwürmern ſogar nur bis zu einem Dreihundertſtel des Normalgewichtes, während junge Aale nach einer 43 Tage dauern⸗ den Faſtenzeit etwas über die Hälfte ihres Körpergewichtes ein⸗ gebüßt hatten. Bei dieſen Hungerproben hat ſich herausgeſtellt, daß ein 10 Gramm ſchweres Goldhähnchen in 3 ½ Tagen, eine 18 Gramm ſchwere Rauchſchwalbe in vier Tagen und ein Kondor in 42 Tagen verhungern müſſen. Der Schlaf der Walſiſche Eine ſeit alten Zeiten umſtrittene Frage iſt die nach der Art und Weiſe, wie die Walfiſche ſchlafen. Gelegentlich treffen die Walfiſchfänger einzelne Wale ſchlafend auf der Oberfläche bei ruhigem Wetter. Es iſt aber trotzdem die Meinung ſehr plauſibel, daß ſie in wenig tiefen Gewäſſern auf den Grund gehen und dort einige Stunden lang ſchlafend verbleiben. Die Grönländiſchen Walfänger behaupten, daß die Wale ſich regelmäßig unter das Eis zurückziehen, um dort zu ſchlafen, was beſagen würde, daß dieſes Säugetier während ſeines Schlafes keinen Atem nötig hat. Man weiß nun, daß harpunierte Walfiſche eine Stunde unter Waſſer bleiben können unter verzweifelten Anſtrengungen los zu kommen. Dementſprechend liegt es nahe anzunehmen, daß ſie auch zum Schlaf ſtundenlang unter Waſſer verweilen können und daß ſie nur in einzelnen Zwiſchenräumen auftauchen um zu atmen, worauf ſie wieder einſchlafen. Immerhin ſetzt dieſe Annahme eine beſondere Phyſiologie der Wale voraus, die nicht ſo ſchnell aufgeklärt werden wird, denn die Walfiſche kann man nicht im Laboratorium ſtudieren.— ☛— Nun malt Ludovika ihre beſten Portraits. Dazu gehört das Bild von Schillers Mutter, nach deſſen Empfang Schiller ihr ſchrieb:„Erſt vor wenigen Tagen blieb Lavater, der auf einer Durchreiſe bei mir(in Jena) eintraf, vor dieſem Portrait ſtehen und huldigte der geſchickten Hand, die es verfertigte.“ Im folgen⸗ den Jahre malte Ludovika Schiller und ſeine Frau. Schiller dankte ihr mit warmen Worten und bedauerte, daß er ihr nur eine Kleinigkeit als Erſtattung für die Farbe und die Leinwand an⸗ bieten könne.„Denn die Kunſt kann und will ich Ihnen nicht be⸗ zahlen.“ Ferner malte Ludovika Schillers jüngſte Lieblings⸗ ſchweſter Nanette, die eine große Vortragskünſtlerin war und gegen den Willen der Eltern zur Bühne gehen wollte. Sie ſtarb aber ſchon mit 18 Jahren auf der Solitude. Ludovika meint, daß Sehilies das Lied:„Weit in nebelgrauer Ferne“ auf ſie gedichtet abe Zweifellos gehört Ludovika Simanowicz zu den bedeutendſten Frauen, die um die Wende des vorigen Jahrhunderts lebten und verdient, daß ihr Name als Weib und als Künſtlerin nicht vergeſſen wird. Anna Blos. Bie Bedeutung der Volksmedizin Die„Biologiſche Heilkunſt“(Verlag von Dr. Madaus in Radeburg bei Dresden) berichtet: Bei der Tagung der anthropo⸗ logiſchen Geſellſchaft in Bonn am 25. Februar hielt den Haupt⸗ vortrag Herr Prof. Dr. Koch(Frankfurt a. M.) über das Thema: Die Bedeutung der Medizin der Primitiven“. Er betonte, daß der Kulturmenſch die Primitiven jetzt anders beurteilt, als es vor 20 Jahren geſchah. Er erkennt jetzt deren Leiſtungen weit mehr an und bringt ihnen mehr Verſtändnis entgegen. Die Volks⸗ Medizin und verſucht das ſogenannte Kurpfuſchertum zu be⸗ zelnen Mitteln die Chinarinde, die wir den ſüdamerikaniſchen Indianern verdanken, Digitalis, welche zuerſt engliſche Bauern operationen auszuführen. Bei den Papuas ſchnitten die Weiber Nuß Dr. Koch, wonach man ſicherlich bei genauer Unterſuchung des Medizinſchatzes der Naturvölker wichtige ſehr brauchbare neue Mittel ſinden würde; ſo hat er ſelbſt ein Mittel gegen Leber⸗ krankheiten, das in Südchina und auf den Malaiiſchen Inſeln viel verwendet wird, auch in Deutſchland mit vorzüglichem Erfolge gebraucht. Dr. G. F. Allerhand vom Schac. Von S. Meisels Schachlegenden Das Schachſpiel kann man ſowohl als eine Kunſt wie als eine Wiſſenſchaft auffaſſen, je nachdem man ſein Spiel auf eine ſchöngeiſtige, phantaſiereiche Kombination oder auf mathematiſche Berechnung einrichtet. Kein zweites Spiel hat denn auch Künſtler und Gelehrte dermaßen beſchäftigt, wie das Schach. Das Alter dieſes Brettſpiels läßt ſich nicht genau feſtſtellen, die Gelehrten und Schachforſcher ſind ſich darüber nicht einig Der franzöſiſche Kulturhiſtoriker A. Alexandre geht in ſeiner„Encyclopédie des échecs“ ſo weit, das Schach in die Bibel hineinzudeuten, was ihm freilich nur durch exegetiſche Spielerei gelingt. In einem deut⸗ ſchen Sagenbuch aus dem 16. Jahrhundert wird König Salomo als Erfinder des Schachſpiels bezeichnet. In dieſem Buche(ge⸗ druckt zu Gießen 1612) wird eine„Hiſtorie“ von Salomos Schach⸗ ſpiel mit ſeinem Feldherrn Benejahu erzählt, die die bezeichnende Überſchrift trägt:„Wie König Salomo im Schachſpiel betrogen ward und wie er dahinter kam“. Auch in dem umfaſſenden deut⸗ ſchen Werk über Geſchichte und Literatur des Schachſpiels von Dr. Antonius van der Linde finden ſich zahlreiche Schachlegenden und Schachanekdoten, die das hohe Alter dieſes Brettſpiels be⸗ eugen. 4 Eine der bekannteſten Schachlegenden iſt die vom„jüdiſchen“ Papſt Anaklet II., deſſen bürgerlicher Name angeblich Elchanan geweſen war, und den ſein Vater, Rabbi Simon aus Mainz, als er als Abgeſandter der deutſchen Juden mit irgend einer Bitt⸗ ſchrift zum Papſt nach Rom kam, an einem Schachzug als Sohn wiedererkannt haben ſoll Der ſchachſpielende Derwiſch Die Literatur über das Schachſpiel iſt alt, aber Leſſing dürfte der erſte geweſen ſein, der das Schachſpiel auch in die Literatur eingeführt hat. Und zwar tat es Leſſing, der ſelbſt ein leiden⸗ ſchaftlicher Schachſpieler war, auf eine recht ſcharf⸗ und kunſtſinnige Weiſe: er brachte das bedeutſame Brettſpiel auf die Bretter, die die Welt bedeuten;,— da es ſich um ein Spiel handelt, ſo mag auch dieſes Wortſpiel hingehen. Der zweite Akt des„Nathan“ beginnt mit der berühmten Schachſpielſzene zwiſchen Sultan Saladin und ſeiner Schweſter Sittah. Der Sultan ſpielt zerſtreut, macht mit einem Springerzug einen groben Fehler, wodurch er, wie man heutzutage ſagen würde, in ein Mattnetz gerät, und gibt die Partie, da er anſcheinend ein„Abſchach“ nicht verhindern kann, vorzeitig verloren. In dieſem Augenblick erſcheint der Derwiſch Al⸗Hafi, ein gewiegter Schachmeiſter, prüft mit Kenner⸗ blicken die Stellung und findet ſogleich, daß weder die Dame noch das Spiel für Saladin verloren ſei. Den Al⸗Hafi hat Leſſing in vielen Einzelheiten einem eigenartigen Berliner Juden nachge⸗ bildet, dem Mathematiker und Schachſpieler Abram Wulff, der im Hauſe Moſes Mendelsſohn lebte. Über dieſes Urbild Al⸗Hafis ſchreibt Zelter an Goethe am 22. Januar 1826:„Aus jüngern Jahren fällt mir ein Jude ein namens Michel, der in allen Dingen, bis auf zwei Elemente, verrückt erſchien. Wenn er fran⸗ zöſiſch ſprach, kam kein unebnes Wort auf ſeine Zunge, und ſpielte er vollkommen Schach. So kommt dieſer verrückte Michel, wie man ihn nannte, zum alten Mendelsſohn, der ſitzt und ſpielt Schach mit dem alten Rechenmeiſter Abram. Spiel an. Abram macht endlich eine Bewegung mit der Rechten, um das Spiel als verloren umzuwerfen, und erhält einen derartigen Schlag am Kopfe, daß ihm die loſe Perücke abfällt. Abram hebt ruhig ſeine Perücke auf und ſpricht:„Aber, lieber Michel, wie hätte ich denn ziehen ſollen?“— Leſſing hat den Vorfall im„Nathan“ nachgebildet, und, da ich auch im Zuge bin, noch folgendes. Der eben genannte Rechenmeiſter Abram iſt eben der, welchen Leſſing als Al⸗Hafi zum Modell gehabt hat. Er galt für den größten Rechenmeiſter und Sonder⸗ ling, unterrichtete für wenige Groſchen oder umſonſt und bewohnte in Mendelsſohns Haus ein Zimmer, auch umſonſt. Leſſing hielt viel auf ihn, ſeiner Pietät und ſeines angebornen Zynismus wegen. Das Verlobungsſchach Jean Paul hat ſeit ſeiner früheſten Jugend im Reiche Caiſſas Zerſtreuung und Erholung geſucht. Schon in der Schule zu Schwarzenbach— Jean Paul zählte damals 13 Jahre— ſpielte er mit dem jungen Kaplan Völkel, bei dem er Philoſophie und Geographie trieb, nach der Unterrichtsſtunde Schach. Wie es ſcheint, machte ihm die Schachpartie mit Kaplan Völkel ſo viel Vergnügen, daß er nur derentwegen die Geographieſtunde mit in Kauf nahm, denn als einmal das verſprochene Schachſpiel aus⸗ gefallen war, ärgerte er ſich darüber ſo ſehr, daß er nie mehr zu Völkel ging. In„Wahrheit aus meinem Leben“ gibt Jean Paul über dieſen recht ſeltſamen Vorgang folgenden kurzen Bericht: „Dieſe Stunden des Kaplans ſetz' ich endlich auf ein Schachſpiel, und ſie wurden verſpielt, weil— nicht geſpielt wurde. Zuweilen nämlich beſchloß der Kaplan den geographiſchen Unterricht mit einem im Schach. mein liebſtes Spiel noch bis jetzt, ob ich gleich darin wie in jedem andern der Anfänger geblieben, als der ich gleich Anfangs aufgetreten. Da ich nun einmal die Stunde un⸗ geachtet der Kopfſchmerzen beſuchte, weil mir ein Schach ver⸗ Michel ſieht das ſprochen war, und da dasſelbe aus Vergeſſen nicht kam, ſo kam ich auch niemals mehr wieder.“ Literariſch hat Jean Paul das Schachſpiel in der„Unſichtbaren Loge“ verwertet. Im erſten Sektor erjählt der Dichter die Geſchichte vom„Verlobungsſchach“. Der Obriſtforſtemeiſter von Knör iſt unerhört aufs Schach erpicht und beſchließt, ſeine Tochter Erneſtine nur demjenigen zur Frau zu eben, der bei ihr eine Partie gewinnt. Die Tochter des Obriſt⸗ derene enrs erweiſt ſich als Schachmeiſterin erſten Ranges, denn eine ganze Brigade eheluſtiger Junker ſpielt ſich an ihr halbtot, aber kein einziger bringt es fertig, ihr eine Partie abzugewinnen. Da erſcheint der Rittmeiſter von Falkenberg. Auch dieſer kann keine Partie gewinnen, um ſo leichter aber gewinnt er Erneſtinens Herz. Vater Knör hat eine ganze Serie von Partien feſtaeſetzt, aber Falkenberg verliert eine nach der andern. Da Erneſtine be⸗ fürchten muß, auch die letzte Partie zu gewinnen und dadurch den Rittmeiſter zu verlieren, richtet ſie es ſo ein, daß beim Entſchei⸗ dungskampf eine Kopulierkatze über das Schachbrett läuft und alle Figuren umwirft. Das Spiel bleibt unentſchieden und die Ver⸗ lobung wird gefeiert. Dieſer etwas gewaltſame Schluß läßt den Schluß zu, daß Jean Paul wohl ein guter Schachſpieler, aber kein Schachmeiſter war. Ein Schachmeiſter hätte, ſtatt die Kopulierkatze zu bemühen, die Erneſtine auf Selbſtmatt ſpielen laſſen. Freilich iit die Frage, ob in den Zeiten Jean Pauls ſchon das Selbſtmatt ekannt war. schach-Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhäuser, Fraakfurt a. M., Waldsehmidtstraße 29, wohin auch alle Zuschriften und Lösungen zu senden sind. Endspielstudie Nr. 51 (Aus Em. Lasker„Lehrbuch des Schachspiels“) Von Comte de Villeneuf b C d 6 ſſhſſh 1 S 2 Wie 3 Gd, 2 Sſchcch SſſſccokR ——m—— Weiß zieht und gewinnt. Kontrollstellung: Weiß: Ke4, Lh4, Sa6, B. cõ, h6(5). Schwarz: Kb3, Lh, ges, B. a3(4). Die Sprache der Schachfigur ist nicht so arm, wie man glauben möchte. Der Ehrgeiz, etwas zu leisten— Wut, daran gehindert zu sein— Verzweiflung über ein unverschuldetes böses Geschick— Jubel über den glücklichen Zufall— Hohn dem Gegner, dem sie den Weg versperrt— Haß dem, der ihren König bodroht, insbesondere dem, der sie fesselt— ein Scheltwort der feindlichen Figur, die sie ein wenig geniert— ein Lachen, indem sie sich einer Falle ent- windet— ja sogar ein bon mot, wie das folgende Beispiel zeigt. Und da viele Akteuro auf dem Brette stehen, hat die Bühne des Schachbrettes ein reiches Ropertoire. Diagramm: 4 Die Haupthandelnden sind offenbar die Bauern h6 und a. 1. Mit h6— h7 gewinnt Weiß nichts; dieser plumpe Zug verliert wegen Lh— eb(der Läufor lächelt verschmitzt); 2. Ke4 e5, a3— a2. Die rechte Lösung ist: 5 1. Sa6— b4 Kb3 α b4 2. h6— h7 Lha— e5 (der Läufer lächelt) 3. Ke4 α e⁵ aà3— a2 4. Lh4— el †. Kb4— b3 5. Lel— c3(der Läufer lacht.) 5..... Kb3 ³ 6. h7— hs Dame a2— al Dame 7. Ke5—f4+† und gewinnt. Daß nun in Richtung auf das Asthetische die Schachfiguren als handelnde und fühlende Wesen angesehen werden, ist berechtigt. In Äästhetischen Fragen gilt der Fetisch, die älteste Religion der Menschheit; die Illusion ist mächtig gerade beim ästhetischen Eindruck. Der Musikliebhaber wird zum Dichter von erträumten Gestalten und Erlebnissen, sobald er gute Musik hört, der begeisterte Schachfreund füngt an, Erlebnisse von Schachfiguren visionär zu schauen, sobald er durch gutes Schach angeregt wird. Sie beide träumen Märchen, in denen alle Dinge lebendig sind und daher reden und fühlen. Es ist ein holdes, nicht mehr zu analysierendes Gaukelspiel, in das sie sich verfangen. Das Märchen schreitet fort am Rande dessen, was die Schachfiguren bei ihrem Ruhen und bei ihrer Bewegung auf dem Brette erleben und erzählen.. Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 8 1 Das Hanogepäck Von Otto Bielen(Wan) Es iſt wirklich ein ekelhafter Morgen, faſt noch Nacht. Rieſel⸗ feuchter Nebel hängt in der Froſtluft und die Straßenlampen Heben deine Helle mehr. Verkotet iſt die Straße und der Gehſteig euchtig. Der Herr hat es nicht gerade eilig, aber er möchte den 5 la fünf⸗Uhr⸗Zug nicht verſäumen. Und der Bahnhof liegt noch ein Die Zeit iſt ſchnell, noch ſchneller iſt das Schicſal. We er holt's nicht ein, und wenn ihn Blitze tr gutes Stück weg. Der Herr iſt mittelgroß, etwas fettleibig. In der linken Hand trägt er eine kleine Handtaſche, in der rechten Hand einen kleinen Handkoffer, deſſen Gewicht ihm die rechte Achſel ein wenig herunterdrückt. In einem Haustor ſteht ein Menſch. Die Hände in den Taſchen des dünnen, ſchäbigen Rockes zu Fäuſten geballt, die Achſeln hochgezogen und das Kinn gegen die Bruſt gepreßt. Denn ihn friert. Ungewaſchen, mit verſchlafenen Augen und miß⸗ mutigem Geſicht, die Mütze im Nacken, lehnt er in einer Haustor⸗ ecke und döſt. Der Herr haſtet an ihm vorüber, wirft im Vorbeikommen einen raſchen, zugleich ſcheuen und neugierigen Blick auf den hohl⸗ wangigen Menſchen. Der Bahnhoj liegt immer noch ein gutes Stück weit. Der Mann in der Haustorecke ſieht ihm blinzelnd nach, ſieht, daß der kurzleibige Herr an etwas ſchleppt und will ſich ſchon wieder in ſeine Ecke drücken. Aber er hält inne, zieht den Rock ſtrammer, ſchaut noch einmal nach dem Herrn— geht ihm nach. Er geht zuerſt raſcher als der Herr vor ihm, als ob er ihn ein⸗ holen möchte, hält aber, wie der Abſtand zwiſchen ihm und dem Herrn kleiner geworden iſt, zurück, und als ſich jener feindſelig um⸗ dreht, bleibt er ſogar ſtehen und überlegt. Aber dann geht er ihm doch wieder nach. Die Straßen ſind öde und menſchenleer. Dem Herrn iſt es wenig bequem, zu wiſſen, daß hinter ihm ein„Vagabund“ geht. Er geht raſcher und raſtet nicht mehr, ſondern wechſelt das Gepäck im Gehen. Aber der Menſch geht auch raſcher. überquert nach dem Herrn die Straße, gewinnt wie dieſer den Gehſteig, biegt kurz nach ihm in die Nebenſtraße ein. Der Herr wird ängſtlich. Kein Zweifel, der Menſch folgt ihm. Er will ſicher etwas. Man ſollte doch immer eine Waffe bei ſich tragen!— Wenn ihn der angreift— die Hände hat er voll— er kann ſich gar nicht wehren.— Der Herr tut einen ſcheuen Blick nach rückwärts, ſieht den Hunger in des andern Augen und be⸗ merkt, daß der gar nicht ſehr kräftige Menſch etwas von ihm will, ſich aber ſcheinbar nicht recht getraut. Und er geht raſcher. Aber der Mann hinter ihm geht auch raſcher, der Herr hört ſeine harten Schuhe haſten und näherkommen. Es überläuft ihn kalt. Soll er noch raſcher laufen?— Das verdammte Gepäck!— Aber darauf hat es der Menſch hinter ihm wahrſcheinlich ab⸗ geſehen. Die immer ſtärker werdende Furcht vor dem entſcheidenden Augenblick macht den Herrn entſchloſſen. Er hört des Fremden Schritt hinter ſich, bleibt kurz ſtehen. dreht ſich um und ſagt: „Was wollen Sie?“ „Ihr Gepäck, Herr,“ ſagt der Menſch betroffen und ſtottert: „Ich bin ein armer Menſch, Herr— die ganze Nacht auf der Straße— kein Geld.— Ich habe Hunger.— Sie ſollen mir nichts ſchenken, aber laſſen Sie mich Ihr Gepäck tragen, Herr“ „Der Herr fühlt alle Furcht weichen. Er atmet auf. Dann ärgert er ſich, daß er Furcht gehabt hat und ſchreit den andern an: „Schauen Sie, daß Sie weiter kommen, laſſen Sie mich in Ruhe— Sie!“— Und geht davon. Der Menſch duckt ſich, die Worte tun ihm weh. Er ſieht dem Herrn nach, der mit aufgerecktem Kopf und herabhängender Schulter weiterläuft— ſchüttelt den Kopf, zieht die Schultern hoch und preßt das Kinn gegen die Bruſt. Dreht ſich langſam und ſugernd um und ſchleicht müde den Weg zurück, findet ein Haus⸗ or, kauert in eine Ecke und— döſt... Wer feig des einen Tages Glück verſäumt. — ügen. Th. Körner Feue Wohnungen— neue Menſchen Das Gemeinſchaftsleben in den Wohnbauten der Gemeinde Wien Wenn die Stadt Wien in den letzten Jahren immermehr zum Gegenſtand des Intereſſes in der ganzen Welt geworden iſt, ſo verdankt ſie dies ihrer alten Kultur, welche in ihrem einzig⸗ artigen Stadtbild Ausdruck findet. Es war der kaiſerliche Hof und eine große Anzahl Adels⸗ und Patrizierfamilien, welche im Laufe von Jahrhunderten durch die Errichtung prachtvoller Barockpaläſte, durch die An⸗ legung herrlicher Kunſtſammlungen Wien durch lange Zeit die Prägung ſeiner Eigenart gegeben haben. Dagegen waren die Häuſer und Wohnungen der breiten Maſſen von jeher unzu⸗ reichend, ſowohl was die Zahl, als auch den Raum und die ſanitären Verhältniſſe anbelangt. Es war daher dahingekommen, daß nicht nur die Geſundheit, ſondern auch die Kultur der breiten Maſſen durch Unzulänglichkeit der Wohnung leiden mußte. In den letzten Jahren iſt dies anders geworden. Bei der großzügigen Aufbauarbeit, welche die Gemeindeverwaltung er⸗ richtete, hat ſie den Grundſatz der Hebung der Wohnungskultur ſtreng befolgt. Iſt es doch unbeſtreitbar, daß Kultur, Ethik, Ge⸗ ſundheit und Schönheit des Menſchen innig mit dem Heim zu⸗ ſammenhängen, in welchem er lebt. Die rieſigen Wohnbauten, welche die Gemeinde errichtet hat, können nur von oberflächlichen Beobachtern als„Kaſernen“ be⸗ zeichnet werden, denn das Charakteriſtiſche der Kaſerne liegt nicht in der Unterbringung vieler Menſchen in einem Gebäude⸗ komplex, ſondern in der Art dieſer Unterbringung; in der Enge des dem einzelnen zukommenden Raumes, der Lichtloſigkeit der Höfe, dem Mangel an Luft und Sonne. Mit dieſen Erſcheinungen einer vergangenen Bauperiode hat nun der neue Wiener Wohn⸗ hausſtil gründlich aufgeräumt. Menſchen, welche dazu verurteilt waren, entweder in großer Zahl in kleinen ungeſunden Räumen zuſammengepfercht zu werden, die ſich in alten, oft baufälligen Häuſern befanden, welche allen Geſetzen moderner Hygiene Hohn ſprachen, oder den größten Teil ihres meiſt recht beſcheidenen Einkommens für die enormen Zinſen von Untermieträumen her⸗ geben mußten, ſehen ſich nun in Wohnungen verſetzt, die für den größten Teil ihrer Inſaſſen den Höhepunkt von Schönheit und Be⸗ quemlichkeit bedeuten. Beim Bau dieſer rieſenhaften Anlagen, die ſich in allen Be⸗ zirken Wiens erheben, und deren jede eine kleine Stadt für ſich darſtellt, mit Handwerkern, Geſchäften und AÄrzten, wurde ſpeziell auf jenen Teil der Bevölkerung Rückſicht genommen, der unter einer ſchlechten Wohnung am meiſten zu leiden hat, auf die Frauen und Kinder. In den alten Häuſern gab es für je ein Stockwerk nur eine Waſſerleitung, die ſich auf dem Gange befand. Sie war der Treffpunkt aller Frauen und gab ſtändig Gelegenheit zu Klatſch und Streit. Da auf einem Gange ſehr viele Wohnungen maren, gab es immer großen Lärm. Ein ewiger Zankapfel und Grund peinlichſter Szenen war das Kloſett. Alles Übelſtände, welche in den Gemeindehäuſern beſeitigt ſind. Die hübſch und praktiſch eingeteilten Wohnungen enthalten alles Nötige und münden direkt in das Stiegenhaus, ſo daß von jedem Treppen⸗ podeſt höchſtens vier Wohnungen zugänglich ſind. Üüberraſchend wirkt daher in allen Neubauten der Gemeinde die große Zahl der Treppenhäuſer, oft 20 bis 30, die durchweg in die Höfe münden. Die Begeiſterung der Frauen aber gilt den Küchen. Sie ſind tag⸗ hell und mit modernen Gasherden, Waſſerleitung und elektriſchem Licht verſehen. Der Aufenthalt in ihnen iſt, zum Unterſchied von der Qual in den dunklen, winkeligen und luftloſen Küchen von geſtern, geſund und angenehm. Die freundlichen Zimmer mit den großen breiten Fenſtern üben einen wohltätigen Anreiz aus und erziehen geradezu zurx Sauberkeit. Sie können, was beſonders im Winter einen großen Vorzug bedeutet, in kürzeſter Zeit durchlüftet werden, da die Fenſter aller Wohnungen auf zwei Seiten ſec öff⸗ nen. Als wahrer Segen aber erweiſen ſich die Zentralwaſchküchen, 1 die in den meiſten Häuſern untergebracht ſind. Unter der Leitung eines Waſchmeiſters können 20 Frauen gleichzeitig ihre Wäſche reinigen. Jeder Frau wird eine Koje zugemeeſn in welcher ſich ein Steintrog, ein Kochkeſſel und eine elektriſche Waſchmaſchine befinden. Sinnreiche Trockenanlagen, elektriſche Rollen und Bügel⸗ maſchinen helfen dazu, eine Portion Wäſche, deren Reinigung früher zwei Tage ſchwerer Arbeit erforderte, in wenigen Stunden mühelos zu bewältigen. Reine Wäſche und blütenweiße Vorhänge ſind daher kein Luxus mehr. Den Kleinſten ſind die wunderſchönen Monteſſor⸗Kinder⸗ gärten gewidmet, von welchen je einer für eine große Wohnbau⸗ anlage beſtimmt iſt. Die Kinder der Parteien dieſer Häuſer kennen das gefährliche Spiel auf der Straße nicht mehr. Vorſchulpflichtige Kinder können von ihren Müttern, falls dieſe einen Beruf haben, welcher ſie vom Hauſe wegführt oder ſie ſonſt von der Erziehung Sehüält. morgens im Kindergarten abgegeben werden, wo ſie in Geſellſchaft unter der Obhut geſchulter Pflegerinnen den Tag ver⸗ hringen. Der Name Monteſſori beſagt ja, daß ſie in ein Kinder⸗ land geführt werden, in welchem alles bereit ſteht, ihnen zu dienen und ſie ſpielend zu ſelbſtändigen jungen Menſchen zu erziehen. Für ſchulpflichtige Kinder ſtehen Horte zur Verfügung, in welchen ſie ihre Schulaufgaben machen und bei Kälte oder Regen ſpielen können. Bei ſchönem Wetter aber tummeln ſie ſich in den tieſigen, mit Bäumen, Raſen und Blumen bepflanzten Höfen. Manche Wohnbauten beſitzen ſogar eine eigene Leihbibliothek, pelche mit ausgezeichnetem Leſeſtoff verſehen, den Lernbegierigen wie den Liebhabern von Unterhaltungslektüre zur Verfügung ſteht. Eigene Vortragsſäle vereinen die Inwohner einer oder mehrerer benachbarter Anlagen zu gemeinſamem Vorwärtsſtreben und zu gemeinſamem eigudigen. Es iſt nur ſelbſtverſtändlich, daß auch die Männer, welche in den beſchriebenen Häuſern leben, die Schönheiten und Annehmlichkeiten ihres Heims ſchätzen lernen und die ihnen zur Verfügung ſtehenden Bildungs⸗ und Ver⸗ znügungsſtätten den Wirkehän ern vorziehen. König Alkohol hat einen Platz in den Gemeindehäuſern von Wien. Es iſt von eignem Reiz, gegen Abend die großen Gartenhöfe zu durchwandern. Die Männer ſind von der Arbeit zurück und ielen mit den Kindern oder ſitzen auf den bequemen Bänken, Plaudernd oder leſend. Ein regelrechter Korſo entwickelt ſich in den reiten Alleen, die die Gartenhöfe umgeben, oft auch unter den Laubengängen, die viele dieſer Anlagen beſitzen. Es iſt ein Bild wie in einer traulichen Kleinſtadt und ſo ganz verſchieden von dem Lublick den die Arbeiterviertel ſonſt des Abends bieten; auf den traßen ſpielende Kinder, ſtets bedroht von den raſenden Autos, auf den Trottoirs Menſchen, die ſich ſcheinbar zweck⸗ und ziellos bin und her ſchieben. Für die Bewohner der Gemeindehäuſer hat ie Straße aufgehört, Spielplatz und Erholungsort zu ſein. AUnd das iſt gut ſo: denn damit verſchwinden die mannigfachen Feſahren der Straße und an ihre Stelle tritt die ſtille Schönheit dieſer Satenhäft, der Geiſt des Friedens und der Gemeinſamkeit, der die Bewohner des Hauſes,„ihres Hauſes“, vereint. -——efe⸗——ne Die Revolution ber Fugend Ein prächtiges Buch, wofür der Verfaſſer abgeſetzt iſt Gerade als vor mehreren Wochen alle Welt entſetzt hinſchaute auf den unſagbaren Greuel den in den Vereinigten Staaten anti⸗ ſozialiſtiſcher Fanatismus an Sacco und Vanzetti verübte— erade damals ging durch die Zeitungen die Notiz, der Richter des Jugend⸗ und Familiengerichts in Denver, Colorado, Ben B. Lind⸗ ſey ſei ſeines Amtes entſetzt worden. Allerdings, dieſer Mann paßte verzweifelt ſchlecht in das Bild amerikaniſchen Gerichts⸗ weſens. Ein Mann, ſeit vielen Jahren weithin bekannt als Bahn⸗ brecher einer neuen, wirklich helfenden Geſtaltung des Jugend⸗ gerichts. Ein Mann mit warmem Herzen und weitblickendem Auge und durchgreifender Tatkraft und ſo ohne allen Fanatismus. Was iſt eigentlich Fanatismus? Da ſieht der Menſch nur, aber auch nur ſeine religiöſen, ſittlichen, patriotiſchen, ſozialiſtiſchen oder kapitaliſtiſchen„Grundſätze“ und iſt verſtändnislos gegen die unendlich weiteren leuchtenden Bezirke der Menſchlichkeit; die trampelt er in ehrlicher Begeiſterung nieder. Dieſer engſtirnige Fanatismus fehlt dem Lindſey ganz. Wie ſollien die amerikani⸗ ſchen Bürger ſolchen Richter ertragen! Aber, halt! Wir wollen nicht ſelbſtgerecht auf ein anderes Volk hinſchauen. Denn es iſt doch fraglich, ob unſere deutſchen Richter und die Mehrzahl unſeres deutſchen Volkes ſolchen Wacke⸗ ren ertragen würde So iſess denn wohl wertvoll, wenn wir uns dieſen Mann und ſein Werk näherrücken. Die Deutſche Verlags⸗Anſtalt Stutt⸗ gart(dort iſt auch Friedr. Wolfs„Kolonne Hund“ erſchienen) bringt in ſehr guter Überſetzung Lindſeys neueſtes Buch„Die Revolution der modernen Jugend“, das ich Partei⸗Büchereien dringend empfehlen möchte.. Lindſey berichtet eine Fülle von„Fällen“, die vor ihn ge⸗ bracht wurden, zeigt dann, wie er die behandelte, und zieht endtich mit kühnſter Unbefangenheit daraus ſehus Forderungen. Zuerſt die„Fälle“. Sie bewegen ſich ohne Ausnahme auf dem Gebiet, von dem man in anerzogener falſcher Scham ſo ungern ſpricht, und in dem wir doch alle leben, ſolange uns Leib und Seele noch geſund ſind, es iſt das geſchlechtliche Gebiet. Da erleben wir nun Blicke hinter die Kuliſſe amerikaniſchen Lebens, wie ſie eben nur ein Em heim ſcher und wieder nur ein Jugendrichter geben kann; der fremde Amerikareiſende kann natürlich nicht ins Familienleben hineinſehen; nur die Außen⸗ ſeite präſentiert ſich ihm, da herrſcht der Puritanismus, kühle Sittenſtrenge und Alkoholverbot. Denver wird an Größe und Reichtum Frankfurt nahe kommen, hat viele Banken, Fabriken, höhere Schulen und ſehr viele Kirchen. Wie es hier bei den Alten zugeht oder bei der Jugend der„unteren“ Klaſſen(die bei uns vornehmlich den Jugendrichter beſchäftigt„‚ſagt Lindſey nicht, er ſpricht nur von der Jugend der„oberen Klaſſen“, aus den Fami⸗ lien des Bankiers, der Paſtöre, der Bank⸗ und Schuldirektoren uſw. Und hier herrſcht bei den etwa Zwanzigjährigen(oft viel jüngeren) hemmungsloſe geſchlechtliche Ausſchweifung, Alkoholis⸗ mus, Abtreibung, in den beſſeren Fällen Probeehe mit Verhinde⸗ rung der Empfängnis, in den beſten heimliche Ehe mit heimlicher REERnmEnEREREnREREAEEE—O(ß r——nnnV Bäcker auf der Walze Ich lag im Walde, die ganze Nacht: Die Herbſtluft hat mich ſteif gemacht. 36 komme zur Stadt. Ein Bäcker ſpricht an. b ich hier Arbeit kriegen kann? Zehn Meiſter ſagten: Nein und nein.— Beim Betteln ſteckt der Putz mich ein. Fünf Tage Haft, bei Waſſer und Brot. Einem Mäuschen lindere ich die Not. Der ſechſte Tag: Nun bin ich frei! Es lebe die walzende Bäckerei. 4 m. Merligen das Schweizer Schilda Von Bobert Mösinger(Frankfurt a M) Am ſchönen Thunerſee, mitten im Berner Oberland, dem Kleinod der Schweiz, liegt das Städtchen Merligen, deſſen brave und biedere Bewohner ſeit urewigen Zeiten im Rufe ſtehen, Dinge A tun, die man den wackeren deutſchen Schildbürgern nachſagt. b mit Recht oder Unrecht bleibe dahingeſtellt, jedenfalls nimmt es auch heute noch jeder Schweizer krumm, wenn man zu ihm ſagt:„Biſcht in Merlige gſi?“ „Einige dieſer Merliger Schildbürgerſtückchen ſind nun ſo köſt⸗ lich in der Erfindung, ſo bieder und treu in ihrem Humor, daß es ſich ſchon verlohnt, ſie der Vergangenheit zu entreißen. Alſo da ſind eines Tages die Merliger hinaus auf den Thunerſee gefahren, um ihren Nachbarn, den Spiezern, einen Be⸗ uch abzuſtatten. Zwölf wackere Männer ſaßen im Boot und legten in die Riemen.„Eins, zwei, drei, ha feſt Männer“ komman⸗ dierte ſchon ſtundenlang der Steuermann und die Merliger ruderten, daß ihnen der Schweiß von den ſonnengebräunten Wangen lief. Doch Shie kam nicht näher, wohl ſah man ſeinen eckigen Kirchturm, doch die Entfernung blieb immer gleich. Und als ſie wieder eine Stunde gerudert waren, kam endlich einer auf den Gedanken, einmal nachzuſehen, ob denn das Boot überhaupt abgebunden ſei. Und ſiehe da, es lag ſchön an ſeiner langen Kette und Merligens Frauen kamen freudig ans Ufer, weil ſie glaubten Köre, Mänder ſeien ſchon von der weiten Spiezer Reiſe zurück⸗ gekehrt. Ein andermal hatte ein Merliger Malermeiſter den Auftrag, bei einem brapen Bäuerlein den Stall zu weißen. Schon früh am Tage machte ſich der Meiſter mit zwei Geſellen und dem Lehr⸗ zungen auf, denn auch in Merligen hat nach alter Väter Weisheit Morgenſtund Gold im Mund. Alſo gingen ſie zum Bauern, der ſie gleich in den Stall führte. Dort Kuh an Kuh und Ochslein bei Ochs.„Hier iſt gut ſchaffen“, ſagte der Meiſter vom Pinſel zum Bauern,„hier brauchts kein Gerüſt“„Wir legen unſere Bretter aufs Rindvieh und ſtellen die Leitern darauf“! Und ſo geſchah es! Eine Zeitlang ging die Sache ganz gut, Kuh und Ochſe hielten ſtill und der Meiſter pinſelte mit den Geſellen um die Wette. Aber ſelbſt das geduldigſte Rindvieh läßt ſich auf die Dauer nicht alles gefallen. In ſtummer Vereinbarung ſprangen Ochslein und Kuh nach links und nach rechts und wenn nicht, ob dem Ge⸗ polter, der Bauer gekommen wäre, ſo hätten Meiſter und Geſellen elend ihr Leben in der Kalkbrühe laſſen müſſen. Seit der Zeit aber baut man auch in Merligen wieder Gerüſte. 3 Zum Dritten ging eines Nachts der Merliger Bürgermeiſter mit ſeinen Getreuen vom abendlichen Schöppchen nach Hauſe. Wohl war man etwas angeſäuſelt, doch daß da in der Tiefe des Stadtbrunnens ein wunderſchöner runder Käſe lag, das konnte man denn doch noch erkennen.„Den müſſen wir haben“ ſprach er⸗ munternd der Bürgermeiſter und ſchwang ſich übern Brunnen⸗ rand.„Kannſt du ihn kriegen, Bürgermeiſter?“ polterten aufgeregt die andern.„Nein, nein, noch nicht“, kam dumpf die Antwort aus dem Brunnen,„ihr müßt helfen“! Und ſo ſtiegen denn die Mer⸗ liger Männer einer nach dem andern in den Brunnen und hielt . rra e ö“ 1 “ 8 4 “ “ 4*. 2 4 Entbindung, Weggabe des Kindes uſw. And ſo ſei es, behauptet Lindſey nach den Erfahrungen ſeiner 26 Amtsjahre, nicht nur bei denen, mit denen er amtlich verhandelte, ſondern bei den aller⸗ meiſten Gleichaltrigen, und nicht nur in Denver, ſondern überall in den Vereinigten Staaten. Daß der herrſchende Puritanismus einen Mann abſetzt, der ihm derart ſeinen guten Ruf verſchandelt, iſt begreiflich, wird auch bei uns vorkommen. Eins iſt nun all den„Fällen“ nach Lindſeys Angabe gemein⸗ ſam: die Eltern, Lehrer. Pfarrer der Jugendlichen haben meiſt keine Aohnun von ihrem Treiben. Die jungen Herrſchaften ſuchen nach außen hin den Schein ehrbarſten Puritanertums zu wahren, weil ſie fürchten, ſonſt aus Elternhaus, Schule, Geſchäft hinaus⸗ geworfen zu werden; und dann verlören ſie ja ihren„guten Ruf“ und vor allem ihr jetziges reiches, komfortables Leben. Man ſieht, mit der Revolution iſt's bei dieſer amerikaniſchen Jugend nicht weit her. Da war vor gut 20 Jahren die deutſche bürgerliche Jugendbewegung doch revolutionärer, die in aller Offenheit dem Elternhauſe und der Schule den Krieg erklärte. Die amerikaniſche Jugend handelt ja viel Leun heürzender, aber, wie geſagt, im tiefſten Geheimnis. Nur wenn ihnen ſchwere Folgen drohen, etwa durch Verrat oder Schwangerſchaft, dann gehen ſie hilfeſuchend— nicht zu Eltern, Lehrern uſw., ſondern zum Richter Lindſey. Varum zu dem? und nicht zu denen, die die nächſten dazu ind⸗ Nun, weil ſie wiſſen: das iſ der einzige uns bekannte enſch, der ohne Fanatismus iſt, deſſen abgeklärter Menſchlichkeit nichts Menſchliches fremd iſt, und der uns deshalb helfen wird. Darum kommen denn zu ihm nicht nur die, die durch ihre zügel⸗ loſe Ausſchweifung in die Patſche geraten ſind, ſondern auch ernſte, tüchtige junge Leute, deren Vernunft und Herz ſich aufbäumt gegen die puritaniſchen Lebensgeſetze. Lindſey ſchildert immer wieder wie er mit ihnen verkehrt: nicht entrüſtet ſie anſchreiend, nicht ſchulmeiſterlich ſie von oben her belehrend, nicht pfäffiſch ſie falbungsvoll abkanzelnd, ſondern als Menſch zu Menſchen, als älterer, klügerer Kamerad zu lebens⸗ unerfahrenen. Dieſe Stellen ſind mir beinahe die wichtigſten in dem Buche. ſür faſt alle Eltern und Lehrer kommt einmal die furchtbar ſchwere Zeit, wo unſere Kinder ſich von uns loslöſen. Weshalb? Weil wir in engherzigem Fanatismus unſere Kinder bilden wollen nach unſerem Bilde; wir reden von Freiheit und Menſchen⸗ würde und ſind den Kindern gegenüber ſo oft brutale Gewalt⸗ herrſcher, wir ſchimpfen auf Pfaffen, und pfäffiſche Unfehlbarkeit behaupten wir für uns gar nicht ſelten. Nicht aufmerkſam Henug können Eltern und Lehrer jene Berichte Lindſeys leſen. Zahlloſe Trauerſpiele in Haus und Schule würden vermieden oder ge⸗ mildert, wenn wir von ihm lernten, gütiger(das iſt noch lange nicht„ſchwächlicher“) Kamerad unſerer Kinder zu werden. In der Darſtellung des Verhaltens dieſes Lindſey zur Jugend liegt ſchon die eine ſeiner bedeutſamſten Forderungen: daß Eltern und Lehrer in ſeinem Geiſte mit der Jugend ver⸗ kehren. Eigentlich iſt's ja toll, daß uns unſere Kinder und Schüler in der wichtigſten Periode ihres Lebens fremd Hegenüiberſtehen Soll das jemals anders werden, ſo müſſen wir freilich noch ein zweites von Lindſey lernen, und das iſt ſeine unvoreingenom⸗ mene Stellung zur Sinnlichkeit, insbeſondere zum Geſchlechtlichen. ☛— œ— EE Früher erzählte man ſich, in ganz ſtreng puritaniſchen Häuſern Englands und Amerikas würden ſogar den Stuol⸗ und Tiſch⸗ beinen Hoſen angezogen, damit ſie den Beſchauer nicht auf erotiſche Gedanken brächten. Na, es war wohl ein gut erjundener Witz, zu⸗ dem hat die moderne Damenmode mit mancher Zimperlichkeit auf⸗ geräumt. Aber in unſerem tiefſten Innern ſchleppen wir faſt alle, in Deutſchland wie in Amerika, die Laſt der alten puritaniſchen (und katholiſchen) Anſchauung mit uns herum, ſie itzt uns auf dem Nacken unabſchüttelbar, wie jener böſe Geiſt auf Sindbads Nacken ritt in dem grauſigen Märchen in Tauſend⸗und⸗einer Nacht. Wie ſeit Jahrtauſenden, ſo raunt ſie auch heute uns zu, daß alles geſchlechtliche Denken und Tun eigentlich unrein, tieriſch, ſündig ſei, etwas, dem man ja immer irgendwie dienſtbar bleibt, das man aber mit allen Mitteln verheimlicht. Und doch iſt hier die Quelle des Lebens, auch eine der Hauptquellen aller Kunſt auf jedem Gebiete und eine der Hauptquellen unſerer Lebens⸗ betätigung im Geiſtigen und Körperlichen. Und davon wagen die wenigſten Eltern und Lehrer mit ihren Kindern zu reden! Natürlich gehen die dann ihre eigenen Wege, die die Unerfahrenen oft genug in übelſten Moraſt führen. Und hernach donnern wir törichten Alten auf die verkommene„Jugend von heute“ und ſtoßen ſie damit nur noch tiefer in den Dreck. Item, das wäre das zweite, was Lindſeys tapferes Buch uns vorlebt: die freie, natürliche, rein menſchliche Einſtellung zum Ge⸗ ſchlechtlichen. Erſt wer die hat, kann ſeinen Kindern wirklicher Kamerad werden und bleiben. Aber jene Einſtellung ermöglich unſerem Verfaſſer auch Folge⸗ rungen von höchſter Bedeutung für das Leben der Erwachſenen, der Eltern unter ſich. Ich betone: Folgerungen von höchſter Be⸗ eutung. Er fordert eine Regelung der Geburten und unterſtützt alſo unſeren Kauyf gegen den verhängnisvollen§ 218, nicht allein aus hygieniſchen Gründen(kranke Eltern egen kranke Kinder), auch nicht allein aus wirtſchaftlichen Gründen(Armut, Woh⸗ nungsnot, Arbeitsüberlaſtung machen es vielen Eltern unmöglich, eine große Kinderzahl zu verſorgen und zu betreuen), ſondern auch aus rein geſchlechtlicher Erw sgun die Frau ſoll nicht durch eine zu häufige Wiederkehr von Entbindungen frühzeitig ſaftlos und alt werden. Sie ſoll möglichſt lange ihre ſinnliche Friſche ſich erhalten, und das iſt eben nur möglich bei vernünftiger Regelung der Geburten. Ich ſagte ſchon: dieſer Richter Lindſey guckte durch die Wände vieler Häuſer, wahrhaftig nicht neugierig und lüſtern, ſonden als ernſter, tatbereiter Mann, der den Leuten helfen will, die dahinter wohnen. Und zu welchem Ergebnis kommt er? Man könne nicht raſch genug aufräumen mit der theologiſchen Anſicht, die Ehen würden im Himmel geſ lcjſen:„wo man, nebenbei F-ſagt. dieſe Inſtitution ſelbſt gar nicht hat!“ fügt der Bibelkundige hinzu.(Er denkt an Jeſu Wort, daß man im Himmel weder freie, noch ſich freien laſſe.) Ferner müſſe man ehrlich zugeben, baß Che und Liebe durch⸗ aus nicht immer gleichbedeutend ſeien. ieviele Ehen werden um des Geldes willen geſchloſſen oder um die Folgen eines Sinnenrauſches zu verdecken! Weiter: wieviele Brautleute lernen ſich denn wirklich kennen? Schon deshalb nicht, weil in jener Zeit ———— ſich der Zweite am Bürgermeiſter, ſo packte der Dritte derb den Zweiten an den Füßen, bis ſie alle im Brunnenſchacht baumelten. „Jetzt mußt du ihn aber haben“ rief der Bürgermeiſter zum Letzten, doch der echote:„Nur noch eine Elle“!„Warte nur einen Augenblick“, ſchrie darauf der Bürgermeiſter,„ich rutſch nach!“ Und er tat es, ließ den Brunnenrand los und Merligens Männer lagen in bunter Reihe im Brunnen. Den ſchönen runden Käſe haben ſie aber trotzdem nicht gefunden, war es doch der goldene Mond, deſſen volle Scheibe ſich trefflich im Waſſer abſpiegelte. Schließlich revolutionierte einſt Merligens Weibervolk. Lieber wollten ſie im Thunerſee erſaufen, als je zu ihren Männern zurück⸗ kehren. Draußen weit vor der Stadt am Beatenberg hatten ſie ihr Lager. Aber kaum fing es an zu nachten, da verſchwand ſchon die erſte Schöne auf geheimen Hirtenpfädlein, um ins Städtchen zum Gemahl zurückzukehren, ihr folgte bald die Zweite und ehe der Nachtwächter auf ſeinem alten Horn die Mitternacht anſagte, war das Weiberlager leer und verlaſſen. Merligens Männer lachten, daß ihnen das Herz am Halſe klopfte und immer, wenn heute einer in der Schweiz reumütig zurückkehrt, ſo ſagt man wohl:„Er machts wie Merligens Wyber!“. Die künſtliche Umwandlung der Elemente Trotz des Mißerfolges der Gewinnung von künſtlichem Gold gus Queckſilber, haben doch die Verſuche des berühmten engliſchen Foricher⸗ Rutherford über Elementumwandlungen nicht nur ihr Intereſſe behalten, ſondern ſie werden wieder mehr beachtet als früher. Die Unterſuchungen Rutherfords, die ſchon vor Jahr⸗ zehnten begonnen wurden, gehen von folgendem Verſuch aus: Man läßt ein Bündel ſehr ſchneller Alphaſtrahlen aus Radium O unter gewöhnlichem Druck durch Waſſerſtoff gehen. Die verwendeten Alphateilchen haben die doppelte Maſſe der Waſſer⸗ ſtoff⸗Moleküle, ihre Geſchwindigkeit iſt aber 10 000mal ſo groß, o daß ihre kinetiſche Energie das zweihundertmillionenfache von er der Waſſerſtoffmoleküle beträgt. Wenn die Alphateilchen un⸗ gefähr eine Strecke von 28 Zentimetern durchlaufen haben, ver⸗ ſchwinden ſie, d. h. man kann ſie weder durch Szintillation auf einem Zinkſulfidſchirm noch durch Filterung der Gaſe mehr nach⸗ weiſen. Man kann bei dem Verſuch aber noch jenſeits der Grenze von 28 Zentimeter auf dem phosphoreszierenden Zinkſulfidſchirm Szintillation beobachten. Dieſe müſſen anderen ſtrahlenden Teil⸗ en zugehören, die man als H⸗Teilchen bezeichnet hat. Dieſe be⸗ ſtehen aus Waſſerſtoff⸗Atomen, die das einzige Elektron ver⸗ loren haben, das jedes normale Waſſerſtoffatom beſitzt. Es liegen hier alſo Waſſerſtoffkerne vor, die mit einem anderen Ausdruck auch als Protonen in der wiſſenſchaftlichen Literatur bekannt ſind. Infolge des Verluſtes eines Elektrons ſind die Waſſerſtoff⸗ kerne elektriſch poſitiv geladen, was ſich durch die Ablenkung der H⸗Strahlen durch ein elektriſches oder magnetiſches Feld zeigen läßt. Der Durchgang von Alphaſtrahlen durch Stickſtoff läßt eben⸗ falls H⸗Strahlen entſtehen, die mit den im Waſſerſtoff erhaltenen identiſch ſind. Nur ſind die aus Stickſtoff erhaltenen Protonen im⸗ ſtande, einen etwa anderthalbmal größeren Weg zurückzulegen als die aus dem Waſſerſtoff gebildeten. Rutherford hat etwa 20 Elemente dem Alphaſtrahlenbom⸗ bardement ausgeſetzt. Außer dem Stickſtoff ſpalten ſich fünf Ele⸗ mente unter dem Aufprall der Alphaſtrahlen, indem ſie Protonen ausſenden, die eine größere Geſchwindigkeit haben als die H⸗ Teilchen, die man im Waſſerſtoff erhält. Dieſe 5 Elemente ſind das Bor, das Fluor, das Natrium, das Aluminium und der Phosphor. Mit Hilfe einer anderen Verſuchsanordnung iſt es aber Rutherford und Chadwick neuerdings gelungen mit Sicher⸗ heit nachzuweiſen, daß alle leichten Elemente bis zum Kalium einſchließlich durch den Stoß der Alphateilchen aufgeſplittert werden. Ausgenommen ſind Helium, Lithium, Beryllium, Kohlenſtoff und Sauerſtoff, da dieſer Nachweis nicht mit Sicher⸗ heit geführt werden konnte. Vor einiger Zeit haben die öſterreichiſchen Forſcher Kirſch und ettersſon angegeben, nach einer ähnlichen Methode wie Ruther⸗ ord faſt alle Elemente aufgeſpalten zu haben, aber ihre Ergeb⸗ niſſe ſind von anderer Seite noch nicht beſtätigt. ſinnlicher Hochſpannung ſich unwillkürlich jeder Teil von ſeiner beſten Seite zeigt; man braucht dabei gar nicht immer ſchlaue Berechnung vorauszuſetzen. Und wenn hernach die Hochſpannung nachkäht, zeigt ſich bei beiden oder, was verhängnisvoller iſt, bei einem die ganze troſtloſe Alltäglichkeit. Und endlich droht eine Ge⸗ fahr, ſagt Lindſey, allen, auch den beſten Ehen: ſie ſind von einem Stacheldraht von Geboten umgeben. Und jedes Gebot iſt ein An⸗ reiz zur übertretung. Um das zu erweiſen, braucht man nicht erſt auf die pſychologiſch tiefſinnigen Worte des Apoſtels Paulus hin⸗ zuweiſen Seht die Jungens und Mädels irgend einer Klaſſe. Je mehr ihr die mit hundert„du ſollſt“ umgittert, umſo mehr regt ſich in ihnen der Wille zur Übertretung. Und in uns Alten ſteckt noch ein beträchtliches Stück aus unſerer Buben⸗ und Mädels⸗ zeit. Viele unterdrücken dieſen Freiheitsſinn in ſich durch feiges, gewohnheitsmäßiges Sichanpaſſen und zerſtören damit in ſich ein koſtbares Jugenderbe, ihr beſtes Selbſt. Andere ſprengen geheim oder offen ihre Feſſeln. Dieſe und viel andere Erſahrungen und Erwägungen führen Lindſey zu der immer wiederholten Forderung einer leichteren Jös⸗ barkeit der Ehen, ja, geradezu einer geſetzlich zugelaſſenen Probe⸗ ehe, bei der die Empfängnis zu verhindern wäre, bis beide Teile ſich zur Dauerehe entſchließen können. Lindſey weiß. daß jetzt zahlloſe entſetzt jammern werden, er öffne der Unſittlichkeit weit die Tür. Aber er weiß auch, daß es um viele Millionen Ehen ſo ſchlimm ſteht, daß man dem Übel an die Wurzel gehen muß. Vor allem aber— und das gilt für ſein ganzes Buch— er iſt, negativ geſprochen, ein Menſch ohne jeden engen Fanatismus und, poſitiv geſprochen, ein Menſch von warmem, tatbereitem, unerſchütterlichem Glauben an das Gute in jedem geiſtig geſunden Menſchen. An das Gute, das freilich nur in einer Luft ſich entfalten könne, in der Freiheit. Dies Buch iſt im edelſten Sinne eine revolutionäre Tat, frei⸗ lich nicht der modernen amerikaniſchen Jugend, wohl aber des prächtigen Richters Ben Lindſey. Natürlich hat's ihn ſein Amt ge⸗ koſtet, aber um ſo offener wollen wir uns zu ihm berennen. 1Imann. — Das Ersbebengebiet in Turleſtan Die jüngſten Meldungen über die verheerende Erdbeben⸗ kataſtrophe in Turkeſtan lenken die allgemeine Aufmerkſamkeit wieder einmal auf Zentralaſien. Betroffen iſt diesmal der öſt⸗ lichſte Teil der Sowietrepublik Turkeſtan, das Gebiet von Fer⸗ gana. Es iſt das ein etwa 200 Kilometer langes Hochgebirgstal, das an ſeinem Eingang im Weſten nur etwa 7 Kilometer breit iſt, ſich nach Oſten zu erheblich erweitert, nirgends aber über 100 Kilometer Breite hinausgeht. Die hohen, zum Teil über 4000 Meter anſteigenden Bergketten im Norden und Süden des Tales, ſowie das Hochgebirge, das im Oſten das Ferganagebiet begrenzt, gehören zum Pamir. Mehrere aus den Bergen kom⸗ mende Quellflüſſe vereinigen ſich zum Naryn, der das Fergana⸗ gebiet von Oſt nach Weſt durchſtrömt und während ſeines Laufs den Namen Syr⸗Darja annimmt. Nachdem der Fluß das Tal verlaſſen hat, wendet er ſich ſcharf nach Norden und ergießt ſich nach längerem Lauf durch die Kirgiſenſteppe in den Aralſee. Das Ferganagebiet iſt außerordentlich fruchtbar. Ein vor⸗ zügliches Bewäſſerungsſyſtem, in deſſen Anlage die Einheimiſchen wahre Meiſter ſind, verſorgt das Land durch tauſende von fein⸗ verzweigten Kanälen, die„Aryx heißen, mit Waſſer. Die hier⸗ durch erzeugte Üppigkeit 85 erſtaunend. Alle Obſtſorten gedeihen in vorzüglicher Güte, in erſter Linie Wein, der nicht, wie bei uns, an Stöcken, ſondern in Lauben, ähnlich wie in Italien und Süd⸗ tirol gezogen wird. Die Rieſentrauben mit den oft kirſchgroßen Beeren dienen zur Herſtellung von Roſinen. Auch Pfirſiche, Apri⸗ koſen, Pflaumen, Mandeln, Piſtazien und viele andere Früchte gibt es in Hülle und Fülle. Mit den Melonen des Landes können ſich an Aroma und Schmackhaftigkeit weder die indiſchen noch die verſiſchen meſſen. Der früher ſo umfangreiche Baumwollanbau iſt im Laufe der Kriegsjahre zugunſten der Getreidekultur zurück⸗ gegangen. Ddieſes von der Natur ſo geſegnete Tal iſt freilich ſehr oft non Erdbeben heimgeſucht. Kein Jahr vergeht, ohne daß ſein Boden durch mehrere Beben erſchüttert wird. Die meiſten ſind allerdings leichter Natur, und da die Häuſer faſt alle aus Holz und Lehm ſowie eingeſchoſſig ſind, ſo geſchieht ihnen meiſt kein Schaden. Aber von Zeit zu Zeit treten kataſtrophale Erſchütte⸗ rungen auf, und faſt kein Jahrzehnt bleibt von ihnen verſchont. So wurde bei dem ſchlimmſten Erdbeben, das in neuerer Zeit ſtattfand— es war im Jahre 1902— die Stadt dindichan faſt vollſtändig vernichtet, und mehr als ſieben tauſend enſchen kamen ums Leben. Auch im Jahre 1911 richtete ein größeres Beben im Ferganagebiet und in den nördlich daran angrenzenden Provinzen diel Unheil an. Diesmal iſt das Zentrum des Bebens 5 Stadt umangan. die einige Kilometer nördlich des Syr⸗ arija liegt. Daes Gebiet von Fergana gehörte früher zum Fürſtentum Kokand, dem die Ruſſen 1876 nach der Einnahme der Hauptſtadt Kokand ein Ende machten. Die wichtigſte, weiter nördlich außer⸗ balb des Ferganagebiets gelegene große Handelsſtadt des Landes, Taſchkent, hatten die Ruſſen noch 10 Jahre früber ein⸗ genommen. Taſchkent wurde nach der Beſitzergreifung Turkeſtans durch die Ruffen die Hauptſtadt der neueroberten mittelaſiatiſchen Gebiete, aus denen Rußland das Generalgouvernement Türkeſtan machte. Heute iſt es eine von Moskau abhängige Sowjetrepublik. Bewohnt wird das Land von Sarten, Tadſchiken, Usbeken und anderen Miſchvölkern. Sie ſind Mohammedaner und ſprechen „Sartiſch“, einen türkiſchen Dialekt. Im Gegenſatz zu anderen Ländern des Orients haben die Bewohner ihre altangeſtammte bunte Kleidung, die in einem langen, ſchlafrockähnlichen„Cha⸗ lat“, einem breiten Gürtel mit einem Metallſchloß, hohen bunten Stiefeln und einem mächtigen Turban, beſteht, beibehalten. Ein Bazar des Landes hietet daher ein auberordentlich farbenfrohes, cht orientaliſches Bild. Die Frauen fehlen darin allerdings aſt ganz. Durch das Ferganagebiet führt der öſtliche Teil der Mittel⸗ aſiatiſchen Bahn, die, bei Krasnowodsk am Kaſpiſchen Meer be⸗ ginnend, durch die Turkmenenſteppe führt, an Buchara und Samarkand vorbeigeht, bei Chodſchent in das Ferganagebiet eintritt und bei Andiſchan endet. Kurz vor Chodſchent zweigt bei Tſchernajewo die Bahn ab, die über die Landeshauptſtadt Taſch⸗ kent und durch die Rirgideftcpee nach Orenburg an der Grenze des europäiſchen Rußland führt und dadurch Anſchluß an das europäiſche Eiſenbahnnetz gewinnt. Schach-Ecke Die Schachecke wird bearbeitet von J. Bruchhdäuser, Frankfurt a. M., Waldschmidtstraße 29, wohin auch alle Zuschriften und Lösungen zu senden sind. Endspielstudie Nr. 52 Von einem unbekannten Autor O ſGu, 4 GQ h , Sccc 1 (6). Sehwarz: KES, Dg1 „b, c2, b7, 18, 17, g², g 1(1G). Weiß am Zuge. In wieviel Zügen wird Weiß mait? Schon die Fragestellung ist das Gegenteil des üblichen Emstes. Schwarz hat eine zum Gewinn lächerlich übertriebene Kraftentfaltung. Zudem steht der weiße König in der Mitte dieses Zyklones von Kräften. Zum Kampfe hat er nur ein paar Springer.— Turm und Läufer kommen offenbar nicht zur Be- wegung. Nur der schwarze König steht ungeschickt; er muß sich urgendwo einen sicheren Platz suchen, was ihm, so denkt er gewiß, ohne Zweifel bald elingen wird. Wie lange wird die Plackerei mit den dummen Jungens, den pringern, noch dauern?, fragt er sich und begibt sich, ein wenig fettleibig, auf die Suche nach einem behaglichen Heim. 1. 8 e 5— g43+ Kf 6— 07 Nach g6 geht es nicht gut, da kommt S8g 4— e 5; die Nachbarschaft von Th’s und Loel ist doch peinlich. 2. Sg 3— f 5+† K e7— d7 3. 8 g 4— e 5+ K d7— c 8 Uff! .......... Endlich in Sicherheit! 4. 815— e 7+ Der verfl. Turml........ ............. 4. KbS— e 8 5. Se5— d7+P..... Schrecklich, diese enge Gassel Na, aber es hat sein Gutes, hier kann kein Springer folgen. 5...... Kb8S—- a7(Aul) Die weißen Springer denken: Er entwoicht uns. In solcher Enge kann kein Pferd laufen. Aber was tun? Wir müssen ja nach. 6. 8 e 7—° 8+† K a7— 2 6 7. Sd 7— b 8+ Zum andern Springer: Auch ich, Kamerad, muß mich hier herumdrücken. Ein Spaß ist es nicht. 7 a 6— b5 Uffl 8. S 8— a 7+(ich verrenke michl) g8„Kb5— b 4 9. B b 8— a 6+†(Ein Hexenschußl) 9... K b4— e 3 Hier bin ich endlich zu Hause.. 11. S at— b4+† K d3— 2 Schnell weg von dem gräßlichen el. 14. S c 3— e4 † Kg 3— g 4 15. 8 d 3— e 5 Kg 4 16. 8 e 4— g 3 † K I5— f6 17. 8 e 5— g4+. Und der König denkt: Ach, jetzt geht es wieder los— bei meiner Fettleibel Für die Schriftleitung verantwortlich: Oscar Quint. 141 „. 3 6 4 “ 5 4 . L Jakob Waſſermann Von Kurt Oifenburg Durch den Roman„Die Juden von Zirndorf“ wurde der Name Jakob Waſſermanns mit einem Schlag in die Literatur gehoben. Dieſes Buch wirkte mit ſeltener Faſzination. Das Vorſpiel: die ekſtatiſche Entflammung der gedrückten Fürther Juden durch das Irrlicht des Sabbatai Zewi, das Erlöſung und Errettung aus dem Joch des Ghetto verheißend am öſtlichen Himmel aufgetaucht war, um in Verrat zu erlöſchen gibt den glühenden und drama⸗ tiſchen Auftakt zu der Erzählung von dem Knaben Agathon aus Zirndorf, Urenkel dieſer enttäuſchten und entwurzelten Juden. Es iſt ein balladeſker Ton, ſchwermütig und klingend und von eigenem Erleben bebend, auch in dem modernen Teil dieſes Werkes. Dieſer Roman hat volksliedhafte Wendungen und einfache Landſchafts⸗ ſchilderungen von unſagbarer Stimmungs⸗ und Empfindungs⸗ kraft. Die Geſtaltung des Buches iſt keineswegs einheitlich: art⸗ fremde Ereigniſſe werden, um der Erregung willen, die in ihnen ſchwingt, in den Fluß des Geſchehens eingefügt. Man ſteht(z. B. am Schluß, wenn Jeanette und Agathon mit dem unglücklichen König Ludwig zuſammengeführt werden) unter den Schauern, die den Dichter aus dieſen Erſchütterungen überſtrömt haben, obgleich ſie nicht eingebaut ſind in die Skonomie des Werkes. Aber wie beim Volkslied ſind in frühen Romanen Waſſermanns— in „Renate Fuchs“, im„Kaſpar Hauſer“, in der ſchwermütigen Novelle vom„Nie geküßten Mund“ und in einzelnen Geſchichten aus den„Schweſtern“— logiſch nur locker verknüpfte Ereigniſſe in einen unergründlichen myſtiſchen Zuſammenhang einbezogen. Die Handlungen und Gefühle kreiſen in einem Empfindungsſtrom in demſelben erregten und erregenden Fluidum der Seele. Hiſtoriſche und moderne Stoffe werden unter Waſſermanns formenden Händen gleich wirklichkeitsnah und wirklichkeitsfern Die Geſchehniſſe der Geſchichte, wahr möglich oder unmöglich, haben dieſelbe Anſchauungsintenſität wie die zeitgenöſſi⸗ ſchen Motive: eine Bildhaftigkeit, die wie im Traum iſt: die manchmal die Gegenſtändlichkeit von Dingen und Menſchen unerklärlich ſteigert und ſchärft oder alles in wogende Nebel⸗ ſchleier hüllt. Sie haben auch, ob ſie glaubhaft oder unwahrſchein⸗ lich ſind, die Eindringlichkeit des Traumerlebniſſes. „NRenate Fuchs“ iſt am tiefſten in die Dunkelheiten des Gefühls verſenkt geblieben; in„Kaſpar Hauſer“ wiederum iſt es als ob der Stoff ſich von ſelber abgerundet habe, ſo ſehr iſt das Thema— die Geſchichte des geheimnisvollen, menſchheitsfernen Findlings— Waſſermanns Erſchanung gemäß. Im„Gänſe⸗ männchen“ kündigt ſich eine neue und objektivere Kunſtform an. Die Geſtalt des Naniel Nothafft, die Ichbefangenheit des von Schöpfungsdrang befangenen Känſtlers, der das Leben dem Werk verſchreibt, ſcheint freilich noch wie alle früheren Helden Waſſer⸗ manns, Träger eigener Erlebniſſe. Aber die Nebenfiguren, mit Ausnahme der Schweſtern. Jordan, Döderlein. Jaſon Philipp und die ſpukhafte Philippine ſind nicht gelebte, ſondern von außen her genommene Figuren: anſchaulich, aber keineswegs von ihrem G fühlszentrum aus geſtaltet. Daher auch die ſtarre, maskenhafte Erſcheinung der Mitagterenden „Chriſtian Wahnſchaffe“ iſt das ſtärkſt geformte Werk dieſer neuen Linie. Die Wendung zum dichteriſchen Idealismus wird entſchieden vollzogen Wahnſchaffe ſelbſt, Buddha des zwanzigſten Jahrhunderts. Wanderer aus Pracht in Armut und Entſagung, der hochgeborene Edle, der die Verantwortung für die Leiden der Welt auf ſich nimmt: iſt ſchon Menſchlichkeit ins Göttliche geſteigert. Die Tänzerin Sorel, der Großfürſt, der irrſinnige Geigenſpieler Amadeus Voß: ſie alle ſind nicht Typen, ſondern Steigerungen eines Tyyus ins Sun rlativiſtiſche— Auch die Milieuzeichnung hat dieſe überhöhung. Es iſt Märchennaivität und die Erregung von Wunſchbildern darin, wie die Gegenſätze verſchärft ſind: die Millionen des Geldes, die Haufen Perlen und Diamanten auf der einen Seite: auf der anderen ſchwärende Krankheit und abgrundtiefes, verworfenes Elend.— Später, in „Sturreganz“. iſt dieſe mythoshafte überhöhung der Gegenſätze zu einem vollendeten Kunſtmärchen geworden. Iſt Villen Die Zeit iſt ſchnell, noch ſchneller iſt das Schickſal. Wer feig einen Tages Glück verſäumt, er holt'’s nicht ein, und wenn ihn Blitze trügen. wenn man den Dichter finden will. Der„Wendekreis“⸗Zy Th Körner Man muß von den früheren Werken Waſſermanns ſprechon⸗ us, „Die Masken Erwin Reiners“ und„Faber“ haben eine Skepſis⸗ loſigkeit und eine vertrauensſelige Moral, die kaum durch den ſtrömenden Reichtum an Einfällen und die edle Stilhaltung aus⸗ geglichen iſt: Schon in„Wahnſchaffe“, dieſem Roman, der mit rauſchhafter Suggeſtion und mitreißender Dramatik bis zum Ende geſpannt iſt, empfindet man, wie Waſſermanns Idealismus ins Weſenloſe zu treiben beginnt. Indem Waſſermann aus ſeinem Gefühlskreis heraustrat und der Geſtalter objektiver Daſeins⸗ zuſtände ward, begann er ſich zu entwurzeln. Die Fabulierkunſt Waſſermanns hat in dieſen Werken eher zu⸗ als abgenommen. Es werden ſcheinbar mühaſor Geſchehniſſe aller Art aneinandergefügt: die vielfältigſten Zuſtände und Ge⸗ ſellſchaftsklaſſen ſind mit virtuoſer Schlichtheit gegeben. Aber dieſe ganze blende Technik arbeitet mit immer ſteriler werdendem Material. Ulrike Woytich, Erwin Reiner, Grammont uſw. ſind Stiliſierungen von einer Glätte, die Verflachung und nicht Ver⸗ dichtung iſt. Wie in den erſten Werken iſt die Führung der Er⸗ eigniſſe oft ohne logiſche Bindung; aber es fehlt jetzt, im Gegenſatz zu den Frühwerken, die Einheit der Stimmung, die das Zufällige in eine notwendige Geſchloſſenheit bannt. Denn: was Waſſer⸗ manns Frühwerke ſo einmalig und reizvoll zwiſchen Kultur und Volkskunſt ſchweben läßt: die gefühlserfüllte Phantaſie, die Senſation der Sinne. die zugleich tiefes Erlebnis war, hat ſich in den letzten Werken allzuſehr harmoniſiert So ſehr harmoniſiert und ins Klaſſiziſtiſche geläutert, daß die Moral des Kino manch⸗ mal in die Nähe gerückt ſcheint. Man iſt z. B. in den„Masken Erwin Reiners“, in„Golowin“ und in„Ulrike Woytich“ ſo peinlich ſicher, daß nach allen wunderbaren, unwahrſcheinlichen und unpſychologiſchen Fährniſſen, nach allen heftigen Umbiegungen der Charaktere Verſchiebungen der Handlung und allen ſuper⸗ lativiſtiſchen Überſteigerungen,— nichts eigentlich Schlimmes paſſieren wird: daß Virginias Jungfräulichkeit, trotz Verſchlep⸗ pung in ein abgelegenes und zu dieſem Zweck bereitetes Gemach und trotz aller Schurkerei des dämoniſchen und mondänen Ver⸗ führers, Erwin Reiner, intakt bleiben wird für die Ehe mit dem weltumſegelnden Monfred; daß Ulrike Woytich, das böſe Prinzip, vor der edlen Joſephe und dem göttlichen Kind Fanny ſchmäh⸗ lichen Schiffbruch erleiden wird: daß das Böſe ſowohl durch Ver⸗ mögensberaubung wie durch allerlei ſeeliſche Leiden geſtraft werden wird ſo triumphierend und teuflich⸗ſchlau es ſich auf den erſten Bogen der Romane giriert hat. Vielleicht hat der Wille zur klaſſiſchen Form und das Streben nach klarer Darſtellung die Urgründe verſchüttet, aus denen die Frühwerke Waſſermanns ihre ſtrömende Suggeſtion empfingen. Die Technik der Spannung iſt geblieben— aber ſie kreiſt um allzu reſpekitpoll behandeltes erſtarrtes Kultur⸗ und Weltanſchauungs⸗ material. Bei Waſſermann ſteht und fällt die Wirkung des Werkes mit der Unbefangenheit der Erſchauung. Da Waſſermann in ſeinen letzten Werken ein vollendeter Stiliſt, ein kulturbewußter Schrift⸗ ſteller wurde— verlor er den Schlüſſel. der ihn einſt zu den Mütiern führte: verſchwand Dämonie und Arerlebnis aus ſeinem erk. Ceunie und die ſchwarzen Berge Von Georg Engelbert Gral Sciroccoſchwüte üler Raguſa! Die ganze Stadt in fiebern⸗ der Aufregung! m Hofen war ein italieniſches Motorboot mit einer Anzahl Faſchiſten eingetroffen, die in provozierender Auf⸗ machung die Stadt betraten Ein Wahnſinn oder eine bodenloſe Frechheit im gegenwärtigen Augenblick! Die Bevölkerung kocht. Wenn nicht Polizei und Militär die verhaßten Schwarzhemden in die Mitte genommen und ſie ſchleunigſt zum italieniſchen Kon⸗ ſulat bugſiert hätten, ſie wären gelyncht worden Und dann... Und dann?— TLrotz der Sciroccoglut friert es einem von innen heraus. 4 — Auf Umwegen bringt man die ungebetenen Gäſte auf den Schub. Alles atmet auf. 2 Aber der ſchwüle Scirocco brütet weiter über der Stadt! Luft! Luft! 5 re Montenegro und ins Albaniſche hinein nach Skutari. Montenegro, Crnagora, die„Schwarzen Berge“— Nikita, der König der Hammeldiebe— Diplomatenränke— Blutrache— ſhguemolt⸗blutrünſtige Romantik: wie Spinnwebe klebt das an eſem Gebiet 8 Aber es gibt auch wenig Fahrten auf europäiſchem Boden, die dem Auge ſo viel Herrlichkeiten zeigen.. Da ſauſt das Auto auf kühner Straße hoch über der Adria dahin. Drüben die Inſel Lacroma mit ihren Oliven⸗ und Pinien⸗ wäldern; dort auf einer Landzunge Alt⸗Raguſa. Dann über ein niedriges Joch hinweg ein weites Gebirgstal entlang. Zuxr Rech⸗ ten Eukalyptus⸗ und Olivenanpflanzungen; im Grunde ſaftiges Wieſengrün, Felder mit kamillenähnlichen gelben Chryſanthemen (aus denen das berühmte dalmatiniſche Inſektenpulver hergeſtellt wird), Felder mit Weintrauben, Felder mit Mais und Weizen— und im Frühjahr ſind dieſe Mulden— Polie heißen ſie hier— ein weiter See., geſpeiſt von zahlreichen unterirdiſchen Karſt⸗ flüſſen, und der Bauer fährt mit dem Kahn über ſeine Sommer⸗ wieſen und fängt Fiſche mit Netz und Angel über ſeinen Ackern. hen aber iſt Hochſommer und ſeit mehr denn drei Monaten iſt ier kein Tropfen Regen gefallen.— Ein kleines Fort ſchließt das Tal ab. Eine Biegung noch— wir ſind an der Bucht von Kotor.(Unſere Karten nennen ſie immer noch italieniſiert Bocche di Cattaro; aber in ganz Dal⸗ matien wird faſt nur ſlawiſch geſprochen und Deutſch viel eher als Italieniſch verſtanden.) Die ganze dalmatiniſche Küſte iſt, geologiſch geſprochen, ein Senkungsgebiet; der Südoſtflügel der Alpen taucht hier allmäh⸗ lich in die Adria hinab. überall, wo ein Quertal dieſes Gebirges ertrunken iſt, in Split, Gruz, Dubrovnik und Kotor(auf den Land⸗ karten: Spalato Gravoſa, Raguſa Cattaro) entſtanden pracht⸗ volle, oft fjordartige Naturhäfen. Der bedeutendſte, eigenartigſte und reizpollſte iſt unſtreitig die Bucht von Kotor; ein ſchmaler ſchlauchartiger Eingang von der See her, dann eine weite drei⸗ eckige Ausbuchtung mit einigen Uferſtädtchen, wieder eine Enge — La Catena, die Kette genannt, weil ſie früher durch eine ge⸗ waltige Kette von Ufer zu Ufer abgeriegelt werden dann zwei Zwillingsbuchten von ſteil über tauſend Meter auf⸗ Whiehenden Felsmaſſiven eing ehabti Wirklich, man könnte ſich an Vierwaldſtätter See nei t fühlen! Heute hat die Bucht, wenn auch nicht mehr in demſelben Maße wie zur öſterreichiſchen Zeit, hauptſächlich ſtrategiſche Be⸗ deutung. Jede Höhe iſt von ſtarken Zitadellen gekrönt, jeder Weg don Forts und Schanzen geſichert, jedes Uferneſt wimmelt von Militär, auf jedem freien Platz wird gedrillt und exerziert und eflucht, über der Bucht ſurren Waſſerflugzeuge, und an den ojen haben eine Anzahl kleinerer Kriegsſchiffe feſtgemacht denen man allerdings im Ernſtfall nicht alluviel zutrauen dürfte. Wirtſchaftlich— du lieber Gott! Die Fiſcherei bringt ſo gut wie nichts mehr ein; das Schmier⸗ und Treiböl der Heuticen Schiffahrt räumt erſchreckend ſchnell mit dem einſtigen Fiſchr ——, Wir entſchließen uns raſch zu einer Fahrt nach onnte—, ch⸗ tum auf. Handel kaum nennenswert, da das Hinterland fehlt oder faſt unzugänglich iſt. Bleibt die Fremdeninduſtrie. Aber mit der will es hiex auch nicht ſo recht klappen; kein Wunder— wo erſt das Militär ſich feſtgeſetzt hat, da wird es ungemütlich. Ja früher! Früher, als der Seeraub noch blühte— Krieg, Handel und Piraterei dreieinig ſind ſie, nicht zu trennen—, da war die Bucht ein kleines Eldorado; heute hat mit den Grenzen ſogar der Schmuggel aufgehört. Von ehemaliger Pracht und Herr⸗ lichkeit erzählt noch mancher Palaſt, manche ſtolze Kirche in Ercegnovi, Kotor und vor allem im innerſten Winkel der Bucht, in Predaſto, wo zweidrittel ver Renaiſſance⸗ und Barockbauten, kirchliche und profane ſeit mehr als einem Jahrhundert bereits nicht mehr bewohnt werden und langſam verfallen.. Steil geht es von Kotor aus den Lovtſchenberg hinan, den vielbeſungenen vielumkämpften Lieblingsberg der Montene⸗ griner, der wie eine graue Wand an 1800 Meter jäh aus der Bucht empordroht. Der war einmal die Grenze zwiſchen Chriſten und Türken, war ſpäter die Grenze zwiſchen Sſterreich und Montenegro — oder beſſer ausgedrückt, bis zum Weltkrieg, die kritiſche Drei⸗ länderecke, wo Sſterreich, Rußland und Italien mit ihrem Ein⸗ fluß aneinanderſtießen!. Erſt die Öſterreicher bauten eine Fahrſtraße, die von Cattaro nach Cetinje, der Hauptſtadt der Crnagora, führte; bis dahin beſtand die Verbindung nur aus einem ſchwer gangbaren, unbe⸗ guemen Dammpfad. Dieſe Fahrſtraße iſt ein Kunſtwerk. Hier hat der Menſch den Bergkoloß geradezu überliſtet: ſchob heimtückiſch eine Straße nach einem niedrigen Paßübergang vor. der hinüber zu einer anderen Meeresbucht führte, krallte ſich dort in einem Hinterhalt feſt und kletterte dann in eiligen Serpentinen— hin⸗her, hin⸗her, wie ein Haſe, der Haken ſchlägt— die Steilwand in die Höhe, bis in 1300 Meter Höhe der Sattel erreicht war. . Wäßrend das Auto vorſichtig Kehre auf Kehre nimmt und lch in die Höhe ſchraubt, weitet ſich dem Blick ein Panorama au Meer und Gebirge, wie es überwältigender kaum noch irgendwo in Europa dem Auge ſich bietet. Und angeſichts all dieſer Schönheit tobten hier in dem Irr⸗ ſinn des Weltkrieges die erbittertſten Kämpfe, und die ſonndurch⸗ glühten Felſen tranken Blut, und jede Höhe ſpie Tod und Ver⸗ derben. Den Gipfel des Lovtſchen krönt heute eine Kirche; aber ſie ſchaut aus wie die Geſchützkuppel eines Forts. Und nun ſind wir in Montenegro, dem Land der„Schwarzen Berge“. Schwarz? Nein, ſchwarz ſind ſie nicht. Vielleicht trugen ſie einmal dunkle Wälder, die ihnen den Namen gaben. Heute iſt alles, ſoweit das Auge reicht, eine öde, graue Felswüſte. Ein unüberſehbares ſteinernes Meer. Kein Baum, der Schatten bietet, kein Bach, der über Kieſel und Geröll dahin plätſchert. Scharf⸗ kantig verwitternder. zerklüfteter Kalk, voller Spalten, Löcher, Riſſe, der gierig allen Regen und Schnee einſaugt und erſt in un⸗ ergründlicher Tiefe in unzugänglichen Schlünden zu Höhlen⸗ fuüſſen ſich vereinigt. Nur an den tiefſten Stellen der Mulden, in den Verſickerungstrichtern, ſammelt ſich eine dünne, ſteindurch⸗ ſetzte Schicht Verwitterungslehm an, der die Feuchtigkeit längere Zeit feſtzuhalten vermag. Das gibt das ſpärliche Ackerland der Be⸗ völkerung, das ſorgfältig durch eine Mauer aus Leſeſteinen und durch Buſchwerk umhegt wird, um dem austrocknenden Wind und ——— Das Dorf am Dobralſch „Wer jemals das Glück hatte, das Land der Burgen und Lieder, das herrliche Kärnten, zu durchwandern, dem wird vor allem die Landſchaft des Wörther Sees unvergeßlich bleiben. Ein ewig blauer Himmel wölbt ſich über dieſem wärmſten Alpen⸗ ſee Europas, deſſen Temperatur von Mai bis Oktober ſelten unter 25 Grad liegt. Über ſeinen Fluten und ſeinen lieblichen Ufern, die am Fuße der mit ewigem Schnee gekrönten Berge liegen, lacht und leuchtet die Sonne, wenn rings im Lande die Unwetter toben. Kein Wunder, daß hier Badeort an Badeort liegt, daß die elegante Welt Jahr um Jahr dort ihre Sommer⸗ iſche verlebt. Hier rollt das Geld; hier herrſchen Tanz und rohſinn; hier wohnt eine Welt des ſorgenloſen Genießens und er nie verſiegenden Freude. Aber wenn man nur wenige Stunden weiterwandert, ſo bricht dieſes Paradies plötzlich jäh ab. Der blaue Himmel hat ſich verdüſtert; herb und kühl weht die Luft. über dem uralten Gebirgsgipfel des Dobratſch liegen graue Wolken. Steinig und mühſam iſt der Weg, auf dem wir langſam emporſteigen. Lawinen haben überall ihre Schreckensſpuren zurück⸗ elaſſen. Troſtloſe Ruinen zerſtörter Häuſer liegen an der Straße. Kehenüber weite Schutthalden. Wir ſind im Bergwerksgebiete ärntens. „Nahezu die ganze Dorfbevölkerung arbeitet im Bleibergwerk. Männer und Frauen, bleich und unterernährt ausſehend. in primitivſter, ärmlichſter Kleidung gehen an uns vorüber. Wir verſuchen ein Geſpräch mit ihnen anzuknüpfen. Sie gehen bereit⸗ willig auf unſere Fragen ein und erzählen von ihrem Leben im ergwerk und zu Hauſe, von ihrem Verdienſt und ihrer Organi⸗ ation.„Manches Wort allerdings macht dem Verſtändnis chwierigkeiten, denn ſie ſprechen entweder ſloweniſch oder im Kärtner Dialekt, und beides iſt uns nicht geläufig. Ihr beſonderer Stolz iſt eine kleine Wanderbibliothek, die von der Arbeiter⸗ kammer in Klagenfurt ihnen zur Verfügung geſtellt wurde. Ein äußerſt intelligent ausſehender Arbeiter läßt es ſich nicht nehmen, uns zur Bücherausgabe zu führen. Wir ſind freudig überraſcht, zwei höchſt einfache, aber ſehr ſaubere Räume, die zugleich als erſammlungslokal dienen, vorzufinden. An den Wänden hängen einige Bilder ſozialiſtiſcher Arbeiterführer. Der Bibliothekar, der erſt annimmt, wir ſeien die„Bücherreviſion“, zeigt nicht ohne Stolz ſeine mit peinlicher Ordnungsliebe geführten Statiſtiken über Bücherausgabe und ⸗rückgabe, über den Erwerb neuer Werke. Die kleine Bibliothek, die ſich in einem verſchließbaren ſchrank⸗ artigen Kaſten beſindet, zeigt etwa 100 Bücher, die von der Be⸗ völkerung allerdings meiſt nur im Winter benutzt werden, denn im Sommer ſuchen die meiſten durch Arbeit auf dem Feld oder im Garten ihren kleinen Wochenlohn zu vergrößern. Die Bücher, die alle ſaubere Umſchläge tragen, ſind teils gute Unterhaltungs⸗ literatur, teils techniſchen, volkswirtſchaftlichen oder geſchichtlichen Inhalts. So wird von dieſer Stelle aus, die von Arbeitern für Arbeiter geſchaffen wurde, eine nicht hoch genug einzuſchätzende Aufklärungs⸗ und Bildungsarbeit vollbvacht, die der Bevölkerung einen Erſatz für den Mangel an jeder anderen geiſtigen An⸗ regung bietet. Unendlich viel allerdings iſt hier oben noch zu teiſten, denn die wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſind mehr als ungünſtig. Der Bergarbeiter verdient hier durchſchnittlich 80 bis 100 Mark monatlich. Noch ſchlimmer ergeht es den Frauen. Tagaus, tagein verrichten ſie die mühſame Arbeit des Bleiwaſchens. Dafür gibt es etwa 15 Mark wöchentlich. Geradezu erſchreckend ſind die Wohnungsverhältniſſe. Die kleinen Häuschen wirken zwar äußer⸗ lich faſt anmutig in dieſer herben Umgebung, aber die Innen⸗ räume ſind vollkommen unzulänglich. Eine dumpfe, muffige Stick⸗ luft ſchlägt dem Eintretenden entgegen. In den einzigen, niedrigen Zimmern befindet ſich nur der notwendigſte Hausrat. Oft iſt die Küche Wohn⸗, Eß⸗ und Schlafraum, manchmal ſogar noch Werkſtatt. Das Holz der Fenſter iſt morſch, die Farbe der Wände längſt verblichen, die Fußböden ſind abgetreten und ver⸗ wahrloſt. Woher ſollten dieſe Familien, deren Hauptnahrung aus den gefräßigen Ziegen den Zugang zu wehren. Wie Vulkankrater ſchauen dieſe Feldſtückchen aus; ſchmale, beſchwerliche Pfade führen eil zu ihnen hinab Dicht hinter der Grenze liegt in einer Mulde das Dorf Njeguſi, der Geburtsort weiland König Nikitas, das Geburtshaus iſt ein kleines Landhaus, dicht an der Straße, von einigen Bäu⸗ men umgeben; das UÜbrige jämmerliche Hütten, faſt nur aus rohen Bruchſteinen, mit ganz kleinen Fenſterchen und niedrigem Dach aus Steinplatten. Frauen und Kinder und Eſel keuchen den Weg entlang ſchleppen Waſſer und Futter oder halten dem Frem⸗ den bettelnd die Hand entgegen:„Dinar! Dinar!“ And die ſtol⸗ zen Montenegriner, die Männer aus den Freiheitskämpfen. ſitzen am Straßenrano und klopfen Steine... Weiter über gefährliche Kehren, hinauf, hinab, an Abgrün⸗ den vorbei Im Süden leuchtet die weitgeſpannte Silberfläche des Skutariſees herauf. bewacht von den erſten Gipfeln der alba⸗ niſchen Berge Noch um eine widerſpenſtige Bergnaſe herum, und die Straße eilt in langen Sätzen den Berg hinab, einem ebenen Talkeſſel zu, eine weite Oaſe, unwahrſcheinlich grün, in Felder aufgeteilt. Hier liegt Cetinje, die ehemalige Hauptſtadt Montenegros, ſerbiſches, chriſtliches Bollwerk in unzugänglicher Bergwildnis, als ganz Serbien, nebſt Bosnien und Herzegowina türkiſch gewor⸗ den war. Bis in die Straßen von Cetinje tobten die erbitterten Kämpfe, am Eingang zur Stadt noch ein altes primitives Fort, eine Kule, Wachtturm und hegende Mauer mit Schießſcharten; jedes Haus war eine Feſtung, und das Kloſter St. Peter war Königspalaſt, Burg und Gotteshaus in einem Cetinje iſt in Wirklichkeit ein Dorf mit heute vielleicht noch 3000 Einwohnern Aber hier wurde einmal die Politik Euronas emacht, wurden Ränke geſponnen,. die bis in den Weltkrieg buch mündeten. Und der König Nikita ſamt Verwandtſchaft, ofſchranzen und Einwohnerſchaft der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt, waren geſchäftstüchtige Leute, die die gute Konjunktur der Vor⸗ kriegszeit weidlich ausnutzen; und die Prinzeſſinnen des könig⸗ lichen Hauſes waren— nicht allein wegen Schönheit und Geiſtes⸗ gaben— auf dem Heiratsmarkt derer„von Gottes Gnaden“ über pari gehandelt. Mit was für Klimbim und Trara hielt man vaf in dieſem europäiſchen Poſenmuckel! Die königliche Pracht iſ dahin, Weltkrieg und ſüdſlawiſch⸗nationale Einigung haben ſie hinweggeweht. Aber die ſteinernen Zeugen der alten Herrlichkit ſtehen noch— meiſt mit verſchloſſenen Fenſterläden— das kümmerliche Palais Nikitas und in gebührender Entfernung von einander die prunkvollen Geſandtenpaläſte der rivaliſterenden Mächte, die hier auf montenegriniſchem Boden ſich gegenſeitig auszuſtechen ſuchten, der ruſſiſche, italieniſche und öſterreichiſche. Auch ein deutſcher Geſandter reſidierte hier in einem kleinen Dorf⸗ häuschen, unten zwei, oben drei Fenſter Front, am Balkönlein noch die ſchwarzweißrote Fahnenſtange. Übrig blieb auch ein ver⸗ blüffend europäiſches Hotel mit den feinſten Delikateſſen für Zunge und Gaumen, und überraſchend billigen Preiſen. übrig blieben auch die Cetinjaner. Aber an der Bittſchriften⸗ ulme wartet nicht mehr Nikita auf ſeine Untertanen, nichts mehr Hibt es zu ſchauen— die paar Fremden lohnen nicht das Auf⸗ ſehen 11— ☛—— —; ſo ſitzt man denn in den Cafés und politiſiert von der „guten alten Zeit“ und ſchmuggelt gelegentlich etwas von Alba⸗ nien herein. „Albanien— das iſt das große Fragezeichen auf dem Balkau. Hier haben ſich die Italiener entlang der ganzen Küſte eingeniſtet und die Hand auf das bißchen Regierungsapparat gelegt. Von hier bedrohen ſte Südſlawien. Und vielleicht wird man in den Befeſtigungen von Cetinje demnächſt die Schießſcharten zur Ab⸗ wechſelung einmal nach Süden hin öffnen müſſen. In einer mitlelalterlichen Stadt Eine Sprachſtudie“) überall auf dem Marktplatze hat ſich ein lebhaftes Treiben entwickelt. Die Verkäufer ſchreien ihre Ware aus(Markt⸗ ſchreier) wie bei uns der billige Jakob. Dabei fällt uns ein, daß auch wir noch von marktſchreieriſchen Waren ſprechen, wenn ſie allzu auffällig herausgeputzt und aufdringlich angeprieſen werden. An einer Stelle des Platzes hat ſich eine dichte Menſchenmaſſe angeſammelt. Mitten darin ſteht auf einer alten Tonne ein ſonderbarer Kerl. Wir merken bald, daß er ein herumziehender Wundarzt und Kurpfuſcher iſt, der iin alle Krankheiten ſeine Hilfe anbietet. Er ſchreit wie ein Zahnbrecher, wie wir heute noch ſagen, alſo laut und unaufhörlich, um ſeine Kunſt zu rühmen und die Leute anzulocken Nicht weit davon ruft ein anderer Angehöriger der Heilzunft ſeine Salben aus. Das Volk nennt ihn einen Quackſalber. Dieſe ſonderbare Bezeichnung, die wir noch für einen Kurpfuſcher gebrauchen, iſt entſtanden aus dem niederländiſchen Worte quakken, das heißt ſchreien, und aus Salbe.— Alle dieſe Wander⸗ und Wunderdoktoren waren geſuchte Leute. Denn in den engen, ungeſunden Städten brauchte man den Arzt oft, wenn er auch nicht viel von der Heilkunſt verſtand. Viele Gebrechen wurden damals durch Beſprechen, durch Zauberworte, Peheilt⸗ andere mit Kräuter und Salben. Und wenn wir jetzt von ungenkraut und Leberblümchen reden, ſo denken wir kaum noch daran, daß damit einſt Lungen⸗ und Leberleiden ge⸗ eilt wurden. Auch unſere Salbei, das heißt geſundmachende flan 4 war ein Heilmittel. Nur gegen den Tod war kein Kraut gewachſen. Beſonders ſchlimm erging es den Leuten, die von der Miſel⸗ lucht, dem Ausſatz, befallen waren. Man ſteckte ſie in Siechen⸗ häuſer, das ſind Seuchen⸗ oder Krankenhäuſer, damit ſie nicht mit anderen Meuſchen in Berührung kamen. Das Wort ſiech bedeutete alſo urſprünglich krank, heute heißt es ſoviel wie ſchwach und gebrechlich ſein.— Wenn man im Mittelalter einem andern etwas Böſes wünſchen wollte, ſo rief man ihm wohl zu: ⁴) Entnommen aus„Leben im Wort“, Bilder zur Sprachgeſchichte und Wort⸗ kunde. Ein Volks⸗ und Jugendbuch von A. Hoſchke und W. Vogelpohl.(Preis RM. 2.20. Verlag B. G. Teubner, Se vsfe, Barlin. Das Ziel des Büchleins: Das deutſche Wort ſoll nicht mehr ſeelenlos klingen, es ſoll Blut in ſich haben, es ſoll verbunden ſein mit dem Ganzen der deutſchen Kultur— wird erreicht nicht durch weitſchweifige Erklärungen, ſondern durch plaſtiſche Erzählungen, aus denen Klar⸗ heit über„Wort und Redensart“ erwächſt. einem primitiven Maisgericht beſteht, und die durchweg unter⸗ ernährt und total verarmt ſind, auch die Mittel nehmen, ihre Wohnungen inſtand ſetzen zu laſſen? Ihrer Weltanſchauung nach ſind die Arbeiter zum weitaus überwiegenden Teile Sozial⸗ demokraten. überall ſchallt uns der Gruß der öſterreichiſchen Ge⸗ noſſen,„Freundſchaft“, entgegen. Krankheit. Not und Elend, die hit Jahrzehnten auf ihnen laſten. haben nicht vermocht, ihnen die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft zu nehmen. Trotz ihres kärglichen Einkommens ſind die meiſten organiſiert. Auch ſie haben erkannt, daß der Einzelne nichts, die Gemeinſchaft alles iſt. So iſt der Abſchied, den wir von ihnen nehmen, trotz allem froh und hoffnungsvoll. Wir wiſſen, daß dieſe Proletarier, deren Verhältniſſe an die Kinderjahre des kapitaliſtiſchen Syſtems er⸗ innern, den Kampf um die elementarſten Menſchenrechte führen werden. Auch hier in dem abgeſchiedenen Gebirgsdorfe fühlen wir das Band, das die Internationale um alle Schaffenden ſchlingt. Dr. Else Möbus. Ein Sonelt von Shakeſpeare in zwei Lberſetzungen Stefan George Der pocht auf kunſt/ der auf vermögensſtand der auf des körpers kraft/ der auf geblüt/ der auf ein ſchlecht⸗neumodiſches gewand und der auf hund und habicht und geſtüt. Jed weſen hat ſein zugete Tt vergnugen darin es freude ſucht mehr als im reſte.. Ich aber frage nichts nach einzelzügen Ich: beſſer als ſie all durchs Eine Beſte. Beſſer als blut iſt deine liebe mir reicher als gut/ ſtolzer als köſtlich kleid/ iſt mehr als hund und habicht meine zier! und biſt du mein/ prang ich zu aller neid.. Elend nur darin daß du nehmen magſt all dies— und mich ins größte elend jagſt. Ludwig Fulda Der rühmt ſein Können, jener ſeinen Stand, der ſeinen Reichtum, der die Kraft der Glieder, ein anderer ſein geckenhaft Gewand, Jagdfalken, Meute, Stall ein andrer wieder. Und ſo hat jeder Sonderling auf Erden ſein Lieblingsſpiel, das ihn zumeiſt erfreut; ich aber habe, frei von Steckenpferden, ein Allerbeſtes, das mir beffres beut. Mehr iſt mir deine Lieb' als Stand und Wappen, reicher als Reichtum, prächtiger als Pracht, entzückt mich mehr als Falken und als Rappen; du mein—— das iſt's, was überſtolz mich macht. Mein Schmerz iſt nur, du könnteſt mich verkürzen um alles dies und mich ins Unglück ſtürzen. Stefan Georges Verdentſchung der Shakeſpeare⸗Sonette iſt hei Georg Bondi, Berlin. Ludwig Fuldas Überſetzung bei J. C. Cotta Nachf., Stuttgart, erſchienen. Wir entnehmen die Gegen⸗ überſtellung dem ſehr inſtruktiven Heft des„Heſſiſchen Landes⸗ theaters Darmſtadi 1927/28“. Bekanntlich hat dort Genoſſe Pro⸗ feſſor Carl Ebert die Generalintendantur übernommen. „Daß Oich das Mäuslein beißt!“ Dieſer grauſame Wunſch, der für uns zum leichten Scherzwort geworden iſt, hat mit einer Maus nichts zu tun. Mit dem Tierchen hätte jeder fertig werden können. Nein, das Mäuslein iſt entſtanden aus Meiſel, das heißt Mieſelſucht, und die Verwünſchung bedeutet daher:„Daß dich die Mieſelſucht beſtehe(befalle)!“ Auch von den Peſtkranken hielt ſich jeder fern. Wir haben auf unſerem Gange durch die Stadt freilich nirgends geſehen, daß vor einer Haustür ein großes P geſchrieben ſtand. Man hat uns aber erzählt, daß zur Warnung ein P an jedes Haus gemalt wurde, wenn ein Peſt⸗ kranker darin war. Die Redensart, einem ein großes P vor⸗ ſchreiben kennen wir noch. Sie bedeutet, daß man einem Mit⸗ menſchen Hinderniſſe in den Weg legen will, wenn er etwas unternimmt, was uns nicht gefällt.— Plötzlich meldet ſich neben uns eine ſeltſame Stimme. Ein Bänkelſänger, auch fahren⸗ der Sänger genannt, iſt auf eine Bank geſtiegen und verkündet laut die neueſte Zeitung. Wir denken bei dieſem Worte ſofort an unſere Tageszeitung. Aber der zappelige Menſch da oben hat nichts Gedrucktes in der Hand. Eine neue Zeitung iſt für ihn die letzte Nachricht oder Kunde. Er hat das jüngſte Kriegsereignis oder irgendeine Moritat in Reime gebracht und gröhlt ſie nun über den Marktplatz hin.— Den meiſten Zuſpruch aber finden die Wahrſager, Poſſenreißer und Taſchenſpieler. Mit ihren Alfanzereien unterhalten ſie die Leute, daß ſie Mund und Augen aufſperren. Das Wort Alfanzerei, das Be⸗ trügerei bedeutet, klingt uns recht fremdartig Und doch iſt es grunddeutſch, abgeleitet aus ali, das heißt fremd, und fant, das heißt leichtfertiger, eitler Menſch(vgl. Uhland: Roland Schild⸗ träger). Was dieſe Leute an immer neuen Poſſen(Späßen) treiben, läßt die Zuſchauer nicht aus dem Staunen kommen. Ein Taſchenſpieler zaubert aus ihrer Taſche allerhand Gegenſtände, die vorher ganz gewiß nicht darin geweſen waren. Der Mann kennt unzählige Kniffe und Künſte. Er kommt nie in Verlegen⸗ heit, die gaffende Menge zu beſchwindeln. Sie nennen ihn darum inen Tauſendkünſtler. Ohne Mühe verſteht er, Sachen aus dem AÄArmel zu ſchütteln, die der Zuſchauer nicht darin vermutet. Wenn einem Schüler eine Rechenaufgabe oder das Erzählen von Geſchichten leicht und ſpielend gelingt, ſagen wir wohl auch von ihm, daß er alles nur ſo aus dem AÄrmel ſchüt⸗ telt. Der Zauberer auf dem Jahrmarkte geht freilich nicht ganz ehrlich zu Werke. Bevor er ſeine Kunſtſtücke zeigt, läßt er einen blauen Rauch aufſteigen. Er macht alſo den Leuten blauen Dunſt vor, damit ſie ſeine Kunſtgriffe nicht genau erkennen können. Außerdem ſieht die Sache dann geheimnisvoller aus. Und nun erleben die neugierigen Gaffer wirklich blaue Wunder, wenn er in der Rauchwolke ſeine Täuſchungen voll⸗ führt. Es kommt ja auch bei uns noch vor, daß der eine oder der andere ſeinen Mitmenſchen blauen Dunſt vormacht, das heißt, er betrügt ſie und ſpiegelt ihnen etwas Falſches vor, ohne vorher blauen Rauch zu entwickeln. Auch blaue Wunder gibt es noch. Denn es geſchieht manchem, daß er etwas erlebt, was er ganz und gar nicht erwartet hat. Vielleicht ſteht er dann ſogar mit offenem Munde da, wie die Leute hier auf dem Markte.— Doch wir haben genug von dieſen Dingen und gehen einige Schritte weiter. Dort treibt nämlich ein Riemenſtecher, auch ein betrügeriſcher Landläufer, ſeine Durchſtechereien. Er rollt einen„Riemen zuſammen und läßt andere darein ſtechen. Dabei macht er dann, daß der Stich allemal neben den Riemen geht“. Wie er das macht, begreifen wir nicht recht. Doch darin beſteht ja ſeine Zauberkunſt. Dieſer kleine Schwindel iſt ein ganz harmloſer Scherz gegen die böſen Durchſtechereien(Betrügereien), von denen wir jetzt dann und wann im Gerichtsteil unſerer Zeitungen leſen. Der Hund iſt dafür zu ſchade Im Städtchen X. war Ausſtellung und Vorführung von Schäferhunden. Viele Freunde dieſer klugen Hunderaſſe hatten ſich zuſammengefunden. Ort der Ausſtellung war der Tanzſaal eines Gaſthofes. Im Garten desſelben war zu verſtehen, daß ſie durſtig geworden waren. C Aber auch die vorführenden Beſitzer der Hunde waren durſtig. Die Anſpannung des Tages, das viele Reden, die Aufregungen und die Gewohnheit vieler, täglich ihr Quantum Bier uſw. zu ſich zu nehmen, ließ ſie nach dem ſchäumenden Naß verlangen. So hatten die Kellner bei ihnen wie auch bei den zahlreichen Zu⸗ ſchauern viel zu tun. Ein neben mir ſitzender Vorführer war ſehr lebhaft und erregt, denn gleich ſollte er ſeinen Hund vorführen. Es waren gerade die üblichen Aufgaben des Polizeihundes zu löſen. Sein Hund war ein prächtiges Tier. Es ſchien zu ahnen, daß es gleich dran komme, und war aufgeregt und kaum zu halten. Eben beſtellte der Herr noch ſchnell einen Schoppen„zur Stärkung“. Seinem Hund hing die Zunge zum Halſe heraus.„Aber Harras müßte auch ſchnell nochmal Waſſer haben!“ rief der Herr.„Daß auch ſo ſchlecht hier für Waſſer geſorgt iſt!“ Ich wandte ein:„Ja, für Bier iſt beſſer geſorgt. Aber die fleißigen Hunde müſſen dürſten. Geben Sie ihm doch einen Schuß Bier in den Napf!“ Die ſchroffe Antwort war: „Na, ich werde meinen Hund doch nicht dämlich machen! Der kriegt nie einen Tropfen Bier!“—— M. Gühloff. — and dann die Vorführung ſtatt. Die Hunde hatten ſchon manche tüchtige Aufgabe gelöſt, und es Ein Motiv, das auf rein geometrischen Erwägungen beruht, ist die Hemmung eines Turmes durch Läufer oder umgekehrt, herbeigeführt etwa durch Besetzung des Schnittpunktes der Linien eines Läufers und eines Turmes. Ein schönes Beispiel für die Ausnützung von Hemmungen ist folgende Studie: 3 ENDSPIELSTUDIE No. 53 Vvon Troĩtzki C d d b 8 2 b Shhſh c d Weiß zieht und gewinnt Der Läufer kann den f-Bauern von as aus aufhalten, der Turm den b-Bauern von der b-Linie aus, oder der Läufer den b-Bauern von f4 aus, der Turm den f-Bauern von der f-Linie aus. Schwarz hat die Wahl. Um nun die beiden Figuren bei diesen Aufgaben in Verwirrung zu bringen, lenkt Weiß den Turm von der fünften Reihe ab. Es geschieht dies durch Verwendung des Springers. 1. Sf2— ds. Wenn nun Lel— as so 2. b5—= b4. und gewinnt leicht. Also 1. Tdö dö. Nun 2. f6— f7. Wenn 2. Tds— f3, so 3. b6— b7, und Lcl— fX verstellt nun den Turm, und wenn 2. Lcl— as, 80 3. b5— b4, Lasxb4, 4. b6— b7, und der Läufer verstellt wieder den Turm. Man beachte, wie sehr in der ursprünglichen Stellung Bg sowohl Turm wie Läufer hemmt. Die Motive einer Kombination können außerordentlich verwickelte sein. Sie sind verzweigt, mit einander verknüpft und verflochten. Was eint die Vielheit der Motive? Eben die Idee, die darum etwas Schöp- ferisches hat. Motive, wie etwa ein mehrfacher Angriff auf ungeschützte Steine oder ein Absperren von Fluchtfeldern des Königs, haben etwas Handwerksmäßiges, die Idee etwas Künstlerisches. Selbst die eben bezeichneten einfachen Motive atmen Kunst, wenn sie zu dem Zwecke gebraucht werden, Felder zu erobern, die scheinbar dem Gegner gehören. Beispielsweise betrachte ich diese Studie von E. Kubbel(Aus„150 Endspiele“ des feinsinnigen Autors). E WM, ſſh ,, 1, . 5 M ſhhhſch 4 5 h) 15 hhhhſ a Weiß zieht und gewinnt Kontrollstellung: Weiß: 3 Steine: Kbil, DfS, 884. Schwarz: 5 Steine: Kbë, De?, Sc, Ba4, c6. Der Springer kann Schach durch Abzug bieten, aber wohin soll er ziehen? Er ist nirgends, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, geschützt — denn die Dame, die dann angreifen soll, darf ihre Zeit damit nicht verlieren, den Springer zu schützen, und ein anderer Stein ist nicht nahe vorhanden. Da hilft das Motiv, daß K und D in einer und derselben Linie schwach stehen. Folglich darf sich der Springer unge- schützt in die Linie der Dame stellen, weit von der Dame, so daß die Dame verloren geht, wenn der König den Springer schlägt. Und nun erwächst ein Gewebe von Motiven, das die Idee des Komponisten offen- bar macht, wie folgt: 1. 8g4— es Khs—gs(am besten). 2. DfS— g4 † Kgs— fa. 3. Dga- 44.†f. Kfa--Ea[am besten). 4. Dra- fi+h.———— Der Springer ist gleichsam gedeckt, da der König ihn wegen Df1— el † nicht nehmen darf. 4.————— Ke2— da. 5. Df1— di+. Kda— c, 6. Ddi— e2+ Kcs— b4. Auf Kda ginge durch Ses-— fö4 die Dame ver- loren. 7. De2— b2+ Scö— b(am besten). 8. Db2— as† und gewinnt die Dame ocder setzt matt. 74. — Für die Schriſtleitung verantwortlich: Oscar Quint. 3 ‿———˖: dſchatz von end ich ein Geiſterwort He Das Kiopfen an der Wand Von Henmann Horn Sch ſaß gerade noch beim ſpäten Frühſtück, als es läutete und gleich darauf mein junger Freund Paul eintrat. Er hatte erſt kürzlich von ſeinem Pflegevater eine kleine pharmazeutiſche Fahrit geerbt. Ich war mit ſeinem Erzieher, dem Apotheker, be⸗ freundet geweſen, hatte den jungen Dottor groß werden ſehen, und er kam oft, zumal er mit ſeiner Mutter in der Nachbarſchaft wohnte. So begrüßte ich ihn gleich, als ich ſeine Geſtalt erkannte, nit„Hallo“ und ob Kaffee und Zigarre gefällig ſeien. Er jedoch trat ſchweigend näher und ſagte nur:„Lies“, als ich ihn fragte, was denn los ſei. So nahm ich ein kleines Heft in Empfang, ſah einen Augen⸗ lick auf meines Beſuchers bleiches und abgeſpanntes Geſicht und las dann in der Schrift des Apothekers die blau angeſtrichene Stelle eines Notizbuches: Eiznes Nachts erwachte ich an einem fernen, leiſen Klopfen an irgendeiner Wand meiner Wohnung. Was iſt das? fragte ich mich. Und da mir war, als vernähme ich ein Schlürfen und vor⸗ ſichtiges Gehen, richtete ich mich auf, öffnete mein Nachtkäſtchen und ſaß gleich darauf mit geſpanniem Revolver erwartungsvoll im Bett. Der würde Augen machen, der Herr Einbrecher, wenn er einträte! Ich durchblickte in dem durch die Straßenlaterne erleuchteten Zimmer jeden Schatten und konnte, wenn es mir beliebte, jeden Fleck mit Kugeln beſtreichen. So lauſchte ich eine Weile, hörte draußen auf der Treppe des Hauſes jemand nach oben tappen, ſah ein Licht kommen und gehen und lachte ſchließlich.„Weiß Gott, was du da gehört haſt— wie oft iſt es ſchon nichts ge⸗ weſen, und wird auch wieder nichts ſein!“! Darüber ſchlief ich ein und erwachte erneut an einem leiſen und eindringlichen Klopfen. Aber das war vorüber, als ich mit offenen Augen Horgte Die Laterne drunten war erloſchen und ich blickte in tiefe Dunkelheit. Als ich eine Weile gelauſcht, erſt nichts vernommen hatte, nachher aber doch Geräuſche zu ver⸗ nehmen meinte, wurde ich unruhig. „Warum haſt du verſäumt, vorhin nachzuſchauen, ſagte ich mir. Wenn jetzt aus der Dunkelheit eine Fauſt nach deiner Kehle langt, biſt du wehrlos, und deine Waffe, die da irgendwo im Dunkeln liegt, nützt dir nichts.“ Ich hielt den Atem an und meinte zu fühlen, wie jemand mir entgegenhauchte. Das war ſo unerträglich, daß ich ungeſtüm auffuhr und beim Langen nach dem Revolver das Nachtkäſtchen umwarf. Es fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Ich lauſchte, bis ich mir lächelnd ſagte:„Vorhin haſt du un⸗ nötigerweiſe Mut und jetzt unnötigerweiſe Angſt gehabt. Dies kommt, weil du in der Dunkelheit liegſt— ach wäre doch Licht— aber im Licht kannſt du nicht ruhen.“ Jedes der harmloſen Worte bekam etwas Ungewiſſes und veränderte ſich, wenn es aus mir gekommen war. Mein vom Willen beherrſchtes Denken brach ab, und ich verlor mich in be⸗ Atnifinondon Narſtollungon Gaila ich nich* Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein bi und der Menſch den alten Reichtum entdeckt EE; gS „liegt in der Bruſt, bis ihn Jean Paul en 11 kleines Flämmche ——EEEEREEEEEEEREREAEEEEERRE lhauchte mir ihren Atem ins Geſicht. Meine Natur fand vor der ſchrecklichen Pein keinen anderen Ausweg als Tränen, und ich weinte und entſchlief zum drittenmal. Ein leichter Ernſt war am andern Morgen in mir. Als ich mir die Morgenzigarre anſteckte und pötzlich die Erlebniſſe der Nacht vor mir hatte, konnte ich mir noch kopfſchüttelnd ſagen: „Und ſo etwas haſt du völlig vergeſſen können,“— dann ging ich an die gewohnte Arbeit. Aber hatte ich vergeſſen können, was ſo tief in mir ent⸗ ſchlummert war— mich hatte es nicht vergeſſen!— So kams, daß ich die Abende in ſtummer Trauer verbrachte. Wenn ich nach mühevoller Arbeit meine Wohnung betrat, erfüllte mich meine Melancholie wie Dunkelheit ein ſchattiges Tal. Sie umgab mich, und ich vermochte nicht, nach den ſonnigen Höhen emporzuklettern.„Du ſtrengſt dich Tag für Tag an, nach einer beſtimmten Richtung Geſchäfte zu erledigen,“ redete ich,„ſonſt wiederholt ſich deine Natur, als ſeiſt du nur eine Retorte für Reiz und Gegenreiz, in ewig gleicher Weiſe. Vor dir iſt trauriges Halb⸗ dunkel, das dein Blick nicht zu durchdringen vermag.“ Wahrhaftig, in dieſen paar elenden Gedanken ſah ich mein Leben, und zwiſchen ihnen hervor floß zäh und ſchwer die Trauer, von der ich nicht los⸗ kam, ob ich gleich nach Gott und Menſchen ſchrie. G Ich weiß nicht, wie lange dieſe Zeit gedauert hat, als ich eines Nachts wieder an dieſem Klopfen erwachte. Aber nun war mir's, als ſei an mir vorbei in einer grünen Waſſerflut ein Weſen halb Fiſch, halb Menſch geſchwommen. Von der Seite aber hatte mich das ſeltſame Weſen angeſchaut. Und jetzt ſah ich deutlich ſein Auge, das ſich aus einem vor Scham niedergebeugten Antlitz erhob und mich anblickte.— Es war, als erwarte dieſes Weſen ſehnſüchtig ein Wunder von mir, das es rette. Das aber war ein Blick, den hatte ich vor fünf Jahren, ſtumm vor Entſetzen über den Verrat des Freundes, mit meinen Augen geſehen! Ich hatte geglaubt, mein Wille und meine Verachtung hütten ihn abgelehnt, aber er war doch in mich eingedrungen, und Pattetdie Jahre her in mir gelebt, und war jetzt da mit ſeiner acht. Und ich erhob mich in meinem Bett und fragte mich:„He, was war geſchehen?“ Ich hatte mit meinem Freunde Paul, dem ich ſeit⸗ her blind vertraut hatte, eine kleine pharmazeutiſche Fabrik ge⸗ gründet. Sie hatte bereits alle Erſparniſſe meiner Apotheke, auf⸗ genommene Hypotheken und was ich ſonſt hatte, aufgefreſſen, als ich eines Tages bemerken mußte, daß mich Paul ſchamlos betrogen hatte. Er hatte einfach mein Geld für ſich verbraucht und mir gegenüber immer geſagt, man muß eben im Anfang hineinſtecken. Weiß Gott, wozu er alles verbraucht hatte. Er wurde ſchneeweiß und verteidigte ſich nicht gegen meine Vorwürfe; er unterzeichnete auch ſchweigend ein von mir in der Erregung verfaßtes Schrift⸗ ſtück, worin er ſeine Verfehlungen zugab und gleichzeitig auf alle Rechte verzichtete. Dann war es, daß er mir dieſen Blick zuwarf, der irgendwie auf ein Wunder durch unſere Jugendfreundſchaft und Liebe zu warten ſchien. Und ich ſah den Blick und wies ihn ab, weil ich nur mit dem Gedanken beſchäftigt geweſen war, wie retteſt du dich und dein Geſchäft vor dem Untergang. Ach mag hatto or donn in[chrocklichos gotgn? Nielleicht ſeiner K. —— imnnmnar nnaliann 1. —— ooo—o—o—˙˙˙˙—2525252 1 ſe ſ e le l, ls ſo o iu u lis t i ie e s i ſt CSeniimetres„ 3 3 1, HG. 7. G. er elo Bed Wagenta White 3/Colon Black e