Die HGahre Hehre von der Wiedergeburt, Wurde in einer Gaſt⸗ Predig t, So auf gnaͤdigſten dg Bochgraͤffl. gnaͤdigſten Berrſchafft zu Caubach Anno 1539. den 24. May. Aum Feſt der Heiligen Dreyeinigkeit aus dem gewoͤhnlichen Evangelio Joh. III. ,- 15. In der Stadt⸗Kirche zu Laubach vor Deroſelben Gohen Gegenwart abgehandelt gehalten, und Hehe Drucke uͤberlaſſen von Johann Valer. Ludwig Nieder, gegenwaͤrtigen Diener des goͤttlichen Wtts zu Freyenſeen. Franckfurt am Mayn Bey Johann Friedrich Fleiſcher. A DCCXIL. Dem b Sehynfen Grafen und Gerrn Herm, Phriſian uguſ, Bos Beiligen Roͤmiſchen Reichs Grafen von Solms und Tecklenburg Herrn zu Muͤntzenberg, Wildenfelß und Sonnenwald, ꝛc. ꝛc. Meinem Gmöigic Grafm, mnd Germ.“ ½ 2 — näͤdigſter Brafund Berr. 5 G Ochgebohrner Graf, Jo hatte michncht un⸗ M tterſtanden, Eurer Hochgraͤft. Excell dieſe weni⸗ 3 ge Blaͤtter vor Derg Fuſſe in tiefſter Linterthaͤnigkeit 9 zu legen, wo mich nicht ſonderbare Urſachen zu ſolchent gehorſamſten Unternehmen veranlaſſet. Die gantze Welt wuͤrde mich auch einer niemals zu entſchuldigenden Verwe⸗ genheit anklagen, und ich ſelbſt wuͤrde mit der empfindlochſten Schaamroͤthe ihrem Urtheil unterſchreiben, daß eine ſolche Hand voll ſchlechte Blaͤtter Eurer Hochgraͤfl. Excell. Hohen Nah⸗ men in tiefſter Unterthaͤnigkeit gewidmet, wo nicht derſelben hin⸗ laͤngliche B zete er angeben koͤute. Der ſchon ſo vielen bekannt gewordene und faſt allenthalben erſchollene Ru 5. von Ew. Hochgraͤfl Excell. Guͤtigkeit, hocherleuchteten durchdringenden Verſtaͤnd, Gelehrſainkeit und un⸗ gemeinen Tugenden giebt mir die Verſicherung, es werde dieſe geringe Arbeit nirgend ſicherer als in Dero Schooß ruhen, und nirgend kraͤfftiger vor dem neidiſchen Gifft unartiger Leuten be⸗ ſchuͤtzet werden, als unter den gnaͤdigſten Blicken Dero Hocher⸗ leuchteten Augen, indem man weiß, daß dergleichen unreine 85 au⸗ — b gehohrner Nirics⸗Braf — —— ͤr — n—T— —.— ——— hauchungen meiſtentheils mehr in den dunckelen Winckeln zu fuͤrch⸗ ten, als in denen alles erwaͤrmenden Sonnen⸗Strahlen wahrzu⸗ nehmen ſind. Noch mehr aber finde ich mich verbunden, Eurer Hochgrafl. Excell. ein Zeichen meiner demuͤthigſt⸗unterthaͤ⸗ migſten De zorion oͤffentlich abzulegen, da ich Sie nunmehro vor meine Hochgehietende Hohe Ohrigkeit unterthanigſt zureſpecti ren habe, zugeſchweigen, datz ich meiner unterthaͤnigſten Schul⸗ digkeit zu ſeyn erkenne, Eurer Hochgraͤfl. Excell. nicht nur von meinen Amts⸗Verrichtungen Rechenſchafft zu geben, ſoudern auch meine drudia Dero gnaͤdigſten Cenſur zu unterwerffen. Denn wenn ich Eurer Hochgraͤfl. Excell. Hohe Gnade und Gutig⸗ keit deren Wirekungen ich ſchon ſo offt verſpuhret, anſehe, ſo laͤſſet mich dieſelbe nicht anders hoffen, als daß Sie auch dieſe geringe Arbeit, ſo ſchlecht und gering ſie auch ſeyn mag, mit eben dein gnaͤ⸗ digen Anblick erfreuen werden, welcher Ihnen angebohren, und allbereit viele andere erquicket hat. Es werden zwar viele ur⸗ theilen, daß, da von dieſer Materie ſo wohl in den vorigen als ge⸗ genwaͤrtigen Zeiten ſehr viele Schrifften an das Licht gekommen, es uͤberflußig, ja wohl gar verdrießlich ſeyn moͤchte, noch ein meh⸗ reres davon zu leſen, und, weil alſo, GOtt Lob, daran kein Man⸗ gel ſey, man deß meinigen leichtlich haͤtte entbehren koͤnnen. Allein d wohl die Wichtigkeit dieſer in dieſer Predigt ausgefuͤhrten Leh⸗ re, welche man niemals genug wird ineuleiren koͤnnen, als auch die Schreib⸗Art, welcher man ſich in Abhandlung dieſer Mate⸗ rie bedienet, wie auch noch andere UIrſachen, werden mich von die⸗ ſem lirtheil gaͤntzlich ablolviren. Uberdas ſo pflegen auch diejenige, welche andern ihre Arbeit dediciren, insgemein in Gedancken zu ſtehen, daß ſie einen Theil ihrer Schuld, oder doch jum wenigſten die Zinſen von dem Capi⸗ tal abtragen, dazu ſie ſich durch die genoſſene Wohlthaten ver⸗ bunden zu ſeyn erkennen. Eure Hochgraͤfl. Excell, haben Dero unwuͤrdigen Diener mit groſſen und vielen Wohlthaten überhaͤuffet, daß das bloſſe Andencken derſelben mich beſchaͤmet, und mir alle Hoffnung bemimmt, auch nur den geringſten Theil derſelben mit einigen Dienſten zu Khezen. O daß ich 5 ii 7. 3 ngels Engels⸗Zungen reden koͤnte, ſo wolte ich mein innigſtes Vergnu⸗ gen deedinn recht lebhafft vorſtellen, und Dero mir ofo vielfaͤltige Hohe Gnade nach Wuͤrden danckbarlich erheben. Allein Hochgebohrner Graf/ hier gehet es mir, wie ehemals dem be⸗ ruͤhmten Mahler I imanthes bey einer andern Gelegenheit; ich le⸗ e meine Feder, wie jener ſeinen Pinſel, nieder, und geſtehe mein nvermoͤgen, und will daher lieber die allertiefſte ehrerbietigſte Danck⸗Begierde in meinem Hertzen hegen, als mir Gedancken einfallen laſſen, einen ſchwachen Riß von der mir erwieſen Hohen Huld und Gnade zu geben. Denn wenn ich bey dem helleſten Sonnen⸗Schein eine Fackel anzuͤnden wolte, ſo wuͤrde Eurer Hochgraͤfl. Excellence un⸗ ſterblichen Tugenden von unterthaͤnigſten Clienren gluͤcklich ma⸗ chenden Verdienſten ich den groͤſten Ruhm beyzulegen, und bey dieſer Gelegenheit ein Opfer vieler Lobſpruͤchen zu bringen mich bemuͤhen muſſen. Allein Dieſelben ſind keiner von ſolchen Re⸗ genten, welche des Lobes bendthiget ſind, und von denen man offt reiben muͤſſen, nicht, wie ſie in der That geweſen, ſondern wie ſie ſeyn ſollen. Euer Hochgraͤfl. Excellenge brauchen mei⸗ ner Lobes⸗Erhebungen nicht, denn Dero Hohe Tugenden und einer ewigen Verehrung wuͤrdige Verdienſte loben ſich ſelber auf die ausbuͤndigſte Art durch den Mund der Wahrheit, und ſo vieler getreuen Clienten, welche durch die wirckende Strahlen von Dero hohen Gnade taͤglich erquicket und erhalten werden. Und dieſer ſo hochverdiente Ruhm wird auf den Lippen derer Menſchen le⸗ bend und groß bleiben, ſo lange die Erde nicht vergehen wird. Ich will daher von einer Vortrefflichkeit, welche meine Lobſpruͤ⸗ che uberſteiget/ lieber mit Ehrfurcht hier ſtille ſchweigen, als davon zu wenig und nicht nach Wuͤrden ſchreiben. Denn Eure Hoch⸗ graͤfl. Excellence ſind alſo beſchaffen, daß Dieſelben das Lob einer Privat⸗Perſon, wie ich bin, weit uͤberſteigen, und mein Temperament iſt am wenigſten geſchickt, jemand einen Panegyri⸗ cum zu machen. Jedoch, wird jedermann, dem die Gnade wie⸗ derfahren, Eure Hochgrafl. Excell. zu kennen, oder nur zu ſehen, mich von aller Schmeicheley loßſprechen, wenn ich ſage⸗ n. 7 daß Deroſelben gantzes Leben aus Ehre und Liebe zuſammen eſetzet ſey. Die Freundlichkeit, mit welcher Dieſelben denen egegnen, die Sie Ihrer Anrede wuͤrdigen, ziehet aller Her⸗ tzen an ſich, Dieſelben zu lieben, und die aus Dero Augen her⸗ vor leuchtende ernſthaffte Großmuth, vermiſchet dieſe Liebe mit einer unterthaͤnigen Ehrfurcht und Vertrauen⸗vollen Reſpect. Hochgebohrner Graf/ ich weiß alſo demnach bey dieſer Gelegenheit nicht anders zu thun, als daß ich hierdurch mein danck⸗ bares Gemuͤth in unterthaͤnigſter Ergebenheit oͤffentlich vor der Welt bezeuge. Und dannenhero habe ich nicht unterlaſſen wol⸗ len auch gegenwaͤrtige ſlechte jedoch wohlgemeinte Blaͤtter ans Licht zu ſtellen, und damit ſie dem harten Lürtheil der neidiſchen Augen nicht bloß liegen moͤgten, habe ich mich unterſtanden, ſel⸗ bige unter dem Schild und Prorection Eurer dchgraft Excell. hohen Nahmens in die Welt zu ſenden. Genieſſe aber dabey ugleich eine neue Wohlthat, indem Dieſelben mir gnaͤdigſt er⸗ auben, Dero hohen Mahmen ſo geringen wenigen Blaͤttern vorzuſetzen; dergeſtalt gerathe ich alſo in neue Schulden; ſo fer⸗ ne iſts, daß ich die bereits empfangene abtragen ſolte. Die Verdnutbtui betrieget mich nicht, es werde dieſe Predigt vielen deſto angenehmer ſeyn, wenn ſie vernehmen, daß ſie von einem ſo pohen Nahmen eines ſo Hohen Hauſes beſtrahlet, und derſelben einiges Luſtre und Anſehen zu wegen gebracht werde. Euer Aochgriſt Sreell geruhen demuach, dieſe wenige Blaͤt⸗ ter mit gnaͤdigen Haͤnden Afnnehmen. Die Hohen und mehr in ſtil⸗ ler Betrachtung als mit vielen Worten zu veneritenden Tugenden, mit welchen Dero Glantz das niedrige beſtrahlet, heißen michhoffen, daß auch der niedrige Iſop unter den hohen und erhabenen Tannen werde wachſen und angenehme Sonnen⸗Blicke erlangen koͤnnen. Und da der groſſe SOtt, der ſich ſelbſt ſo hoch geſetzet hat, auf das niedrige ſelber fiehet: ſo hoffe ich, es werde auch dieſe Schrifft vor Dero Augen Gnade finden. Werden nun Ew. Fe dchbraf Excell. was ich hier gethan ha⸗ be, wie ich gaͤntzlich hoffe, mit holden Blicken anſehen, gnaͤdig appro⸗ biren, und Dero hohen Schutz angedeyen laſſen, wird es mir küchf anders anders ſeyn, als wenn der reine Morgen⸗Thau die faſt erſtorbent Pflantzen erquicket und aufrichtet, und ich werde mich genug auf⸗ gemuntert achten, meine muͤßige Land⸗Neben⸗ Stunden noch au⸗ deren Srudiis, deren ich beflliſſen geweſen, zu widmen, auch darin⸗ nen getroſt fortfahren. 4 Dafuͤr werde mir unermuͤdet angelegen ſeyn laſſen, wie meine un terthaͤnigſte Schuldigkeit allwege erfordert, den Allerhoͤchſten anzu⸗ ruffen, daß er Ew. Hochgraͤfl, Exeell. Hohe und theure Perſon und Dero gantzes hohes Hauß mit allen Artende Ni er leiblichen Seegens uͤberſchuͤtten, fuͤr allen linfall gnadiglich bewah⸗ ren, zum beſtaͤndigen Ziel ſeiner zarteſten Liebe ausgeſetzt ſeyn laſſen, Dero Kraͤffte ſtaͤrcken, mit allen denen herrlichen Gluckſeeligkeiten, welche Dero Hohe Vorfahren und Ahnen enntzeln beſeſſen, auch theils mit einer unvergleichlichen Großmuth ausgeſchlagen haben, vereinigt kroͤnen, Dero guf das Wohlſeyn der lintergebenen gerich⸗ tete heilſame Anſchlaͤge ſegnen, inſonderheit Dero hohe Perſon zum Troſt ſeiner Kirchen, zur Freude des gantzen Landes, und Zu⸗ llucht dexer, welcht die stuclia lieben, noch lange Jahre biß an das ſpa⸗ teſte Ziel deß menſchlichen Lebens bey unverruͤckter Geſundheit er⸗ halten, und endlich die alle zeitliche Herrlichkeit weit uberſteigende Freude des ewigen Lebens ſchmecken laſſen wolle. Dero hohen Gnade aber empfehle mich und meine wenige Srudia mit untertha⸗ nigſter Devotion und verharre Lebenslang 4 ochgebohrner Reichs⸗Graf 5 gedegſter Graß und Herr 3 Ew. Hochgraͤfl. Excell. gr unterthaͤnigſter treu ehorſamſt⸗ Seefenſen den 2. n e er und Gebat⸗ſchuldigſter Diener manuch Joh. Valer. Ludw. Nieder. Gebaͤt. 2 Die Lehre von der Wiedergeburt. Gebet. G HErr IEſu! du freundlicher und liebreicher Hey⸗ 2 land, der du zu dem Ende biſt in die Welt gekom⸗ maen, und Menſch gebohren worden, damit durch deine reine heilige und unſuͤndliche Geburt, unſere ſuͤnd⸗ liche und fleiſchliche Geburt geheiliget werden mochte. O HErr JEſu! du ſieheſt, was vor ein heßliches Ubel dieſe fleiſchliche Geburt in uns iſt; wie dieſelbe als eine vergifftete Quelle nichts als Suͤnde und Ungerechtigkeit heraus quillet; wie ſie als ein ungeſtuͤmmes Meer nichts als Koth und Unflath auswirfft; und wie ſie als ein fauler Baum nicht im Jahr einmal, ſondern alle Tage faule und ſtinckende Fruͤchte traget. O HErr IEſu! wie tief iſt dieſe Quelle! wie unerforſchlich dieſer Ab⸗ rund und wie faul dieſer Baum! wie kan reines Waf⸗ er aus einer ſo unreinen Quelle kommen? wie ſoll man Trauben und Feigen von einem ſolchen Diſtel⸗ und Dorn⸗ Buſch leſen? O lieber Heyland! diß iſt unſer Stand in Adam, und diß iſt das Elend, darein uns die fleiſch⸗ liche Geburt geſtuͤrtzet hat. Wir muͤſten ewig in ſolchem Verderben umkommen, wenn du nicht kommen waͤreſt, alle Kraͤfſten der Finſterniß, womit die Seele in ihrer Aleiſchlichen Geburt verriegelt iſt, zu zerbrechen. O ſo mache denn aus uns gute Piume damit wir Früchten e 2 Die Lehre von der Wiedergeburt. des Geiſtes tragen moͤgen. Gib uns von dem Waſſer des Lebens, und laß ſolches eine Quelle des Lebens in uns werden. Jareinige unſere Natur durch deine goͤtt⸗ liche Natur, und laß uns durch eine neue Geburt mit dir vereiniget werden; Amen. Hingang. Ss nuuß, Andaͤchtige in dem HErrn! nunmehro nach dem betruͤbten und jaͤmmerlichen Suͤnden⸗Fall, durch welchen wir der genaueſten Freundſchafft und innigſten Vereini⸗ gung mit GOtt, dem hoͤchſten Guth, verluſtig gemacht worden, in einem jeden Menſchen nothwendig eine ſehr merckwuͤrdige Ver⸗ aͤnderung vorgehen, wenn er anders der verlohrnen Vereinigung mit GOtt wieder theilhafftig werden und der erworbenen See⸗ ligkeit ſich getroͤſten will. Dieſe ſo groſſe Veraͤnderung wird in dem goͤttlichen Wort mit verſchiedenen Benennung ausgedrucket, und vorgeſtellet. Bald wird ſie beleget mit dem Nahmen der Schoͤpfung; als Pſ. II. 1z. Schaffe in mir GOtt ein reines Hertz/ und gib mir einen neuen gewiſſen Geiſt. Und Epheſ. M 6. Denn wir ſind ſein Werck/ geſchaſſen in Chriſto IEſu zu guten Wercken. Die erſte Schoͤpfung geſchahe nemlich gantz allein durch die unendliche Allmacht GOttes; die Schoͤpfung des neuen Menſchen iſt ebenfalls ein bloſſes Werck der unermeßlichen Allmacht GOttes, und kan der Menſch zu die⸗ ſer Veraͤnderung aus eigenen Kraͤfften nichts beytragen: die er⸗ ſte Schoͤpfung geſchahe aus einem puren nichts/ denn GOtt brachte durch ſein kraͤfftiges Wort aus dem, das nichts war, et⸗ was hervor, daß es ſeyn ſolte. Rom. IV. 17.3 bey der neuen Schoͤ⸗ pfung findet GOtt gleichfals bey dem Menſchen nichts gutes, wo⸗ durch die Hervorbringung des neuen Menſchen ins Werck gerich⸗ tet werden koͤnne; es iſt hier vielmehr ein wirckſames actives und geſehaͤff⸗ Die Lehre von der Wiedergeburt. 3 geſchaͤfftiges Principium zum Boͤſen in der Seele zu finden, wel⸗ ches GOtt bey der neuen Schoͤpfung widerſtehet und deuſelben verhindert. Die erſte Schoͤpfung aus nichts iſt und bleibt ein Geheimniß, indem die Begriffe, wie die einfachen Dinge aus nichts erſchaffen worden, gantz dunckel, verwirrt, unvollſtaͤndig und nicht hinlaͤnglich ſind, denn weil wir die Art und Weiſe des Urſprungs dieſer unſichtbaren einfachen Dingen, wie es zuoͤglich ſey, daß ein einfaches Weſen ein anderes von gleicher Beſchaffen⸗ heit durch die Geſetze der Bewegung zeugeu koͤnne, da ein einfa⸗ ches Ding zugleich unzertrennlich iſt, und nichts von ſeiner Natur kan abgehen, und ausflieſſen laſſen, nicht haben ausfindig machen koͤnnen, ſo haben wir unſere Zuflucht endlich zu deren Schoͤpfung aus nichts nehmen muͤſſen. Die neue Schoͤpfung iſt und bleibet gleichfalls das groͤſte Geheimniß, und uͤberwieget unſeren endli⸗ chen Verſtand. Vieler andern Vergleichungen zu geſchweigen. Bald heißt ſie eine Lebendigmachung eines todten Menſchen: als Eph. II. 5. 6. Da wir todt waren in Suͤnden/ hat er uns ſamt Chriſto lebendin Henuacht und hat uns ſamt ihm auferwecket. Denn gleichwie die Erweckung der Todten iſt eine Verſetzung aus dem Todt zum Leben; alſo wird ein geiſt⸗ lich todter Menſch, der kein Leben und Wirckſamkeit zum girten bey ſich verſpuͤhret, aus ſeinem todten und fuͤhlloſen Suͤnden⸗ Stand in den Stand eines geiſtlichen Lebens durch dieſe Veraͤn⸗ derung verſetzet.. Bald wird ſie genennet die Verſetzung aus dem Reich der Obrigkeit der Finſterniß in das Reich des Sohnes der Liebe, als Coloſſ. I. 13. deum vor dieſer Veraͤnderung ſtehet der Menſch un⸗ ter der tyranniſchen Herrſchafft des Satans, der ihn in ſeinen Stri⸗ cken fuͤhret nach ſeinem Willen; er befindet ſich in dem Dienſte der Suͤnden, und wird von ſeinen boͤſen Luͤſten und Begierden herum getrieben: durch dieſe Veraͤnderung aber wird der Menſch aus ſolcher Sclaverey des Teuffels gaͤntzlich befreyet, und in den Dienſt IEſu Chriſti verſetzet. m A 2 Bald 4 Die Lehre von der Wiedergeburt. Bald wird ſie genennet der neue Menſch/ Eph. IV. 24. wo⸗ durch angezeiget wird, was vor eine durchdringende Veraͤnderung bey dem Menſchen in derſelben ſolle gewircket werden. Bald heißt ſie eine nene Creatur/ Gal. VI. 15. Bald die Verwandelung in das Bild GOttes; 2. Cor. III. 18. wodurch angezeiget wird die Gleichfoͤrmigkeit, die ein Wiedergebohrner mit dem Willen und Natur GOttes in dieſer wichtigen Veraͤnderung erlanget. Vieler anderen Benennungen, da dieſelbe noch eine Geburt aus G Ott 1. Joh. IV. 7. die Schenckung eines fleiſchernen/ wei⸗ chen/ tractablen Hertzens Ezech. XXXVI. 26. 27. und ſo wei⸗ ter wir genennet, anjetzo nicht zu dencken. In unſerm heutigen Evaugelio wird dieſelbe uns vorgeſtellet unter dem Bilde und Nahmen der neuen Geburt, oder aber auch der Wiedergehurt. Da ich nun anjetzo willens bin, dieſe wichtige Lehre nach Anlei⸗ tung des heutigen Evangelii gruͤndlich abzuhandeln, und zu dem Ende zu einer naͤheren Betrachtung des Evangeliſchen Textes mich einzulaſſen; ſo wollen wir, damit dieſelbe geſegnet ſeyn moͤ⸗ ge, hiezu den Seegen, das Licht und Krafft des heiligen Geiſtes uns erbitten in einem andaͤchtigen Vatter Unſer ꝛc. Svangelium, Joh. III Ius. S war ein Menſch unter den Phariſaͤern, mit G Nahmen Nicodemus, ein Oberſter unter den Ju⸗ den, der kam zu JEſu bey der Nacht, und ſprach zu ihm: Meiſter, wir wiſſen, daß du biſt ein Lehrer von GOtt kommen. Denn niemand kan die Zeichen thun, die du thuſt, es ſey denn GOtt mit ihm: Warrlich, warrlich/ ich ſage dir: es ſey denn, daß jemand von neuem gebohren werde, kan er das Reich GOttes nicht Pehen. . 1 2 „ ——————— · Die Lehre von der Wiedergeburt.„ Nicodemus ſpricht zu ihm: wie kan ein Menſch geboh⸗ ren werden, wenn er alt iſt? kan er auch wieder in ſei⸗ ner Mutter Leib gehen, und gebohren werden? IEſus antwortete, warrlich, warrlich, ich ſage dir: es ſey denn, daß jemand gebohren werde aus dem Waſſer und Geiſt, ſo kan er nicht in das Reich GOttes kommen. Was vom Fleiſch gebohren wird, das iſt Fleiſch, und was vom Geiſt gebohren wird, das iſt Geiſt. Laß dichs nicht wundern, daß ich dir geſaget habe, ihr muͤſſet von neuem gebohren werden. Der Wind blaͤſet, wo er will, und du hoͤreſt ſein Sauſſen wohl; aber du weiſt nicht, von wannen er kommt, und wohin er faͤhret. Alſo iſt ein jeglicher, der aus dem Geiſt gebohren iſt. Nicodemus ſprach zu ihm: wie mag ſolches zugehen? IEſus ant⸗ wortete und ſprach zu ihm: Biſtu ein Meiſter in Iſrael, und weiſt das nicht? warrlich, warrlich, ich ſage dir: wir reden, das wir wiſſen, und zeugen, das wir geſehen haben; und ihr nehmet unſer Zeugniß nicht an. Glau⸗ bet ihr nicht, wenn ich euch von irrdiſchen Dingen ſage; wie wuͤrdet ihr glauben, wenn ich euch von himmliſchen Dingen ſagen wuͤrde? und niemand faͤhret gen Him⸗ mel, denn der vom Himmel hernieder kommen iiſt, nem⸗ lich des Menſchen Sohn, der im Himmel iſt. Und wie Moſes in der Wuͤſten eine Schlange erhoͤhet hat; alſo muß des Menſchen Sohn erhoͤhet werden, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verlohren werden, ſondern das ewige Leben haben. A 3 Es 6 Die Lehre von der Wiedergeburt. Es ſoll denn, wie bereits im Eingang gemeldet worden, aus dieſem jetzt verleſenen Evangelio, abgehandelt werden Die wichtige Lehre von der Wiedergeburt. Dabey wir unterſuchen wollen I. Derſelben Weſen und Natur. II. Derſelben vornehmſte Eigenſchafften. III. Deren wichtigſten Kennzeichen. Pohandlung Erſter Theil. enn wir demnach anjetzo die wichtige Tehre von der S Wiedergeburt/ und dabey zuforderſt derſelben We⸗ ſen und Natur betrachten wollen, worinn dieſelbe ei⸗ gentlich beſtehe; ſo muͤſſen wir zuforderſt eine Beſchrei⸗ bung von derſelben geben, und uns einen Begriff machen, was dieſelbe eigentlich ſey. Es iſt nemlich die Wiedergeburt ei⸗ ne Veraͤnderung des gantzen ienſchen/ in allen deſſelben Theilen und Kraͤlften/ nach welcher er von dem Stan⸗ de der ſuͤndlichen Natur in einen ubernatuͤrlichen Stand der Gnaden verſetzet wird; wodurch das Bild GOttes/ ſo durch die erſte Ubertrettung verlohren gegangen/ in einem reichen Maaß in der, Seele wieder aufgerichtet wird. Welchen Begriff der neuen Geburt uns die heilige Schrifft ſelbſten an die Hand giebet; da es Eph. IV. 22. 23. 24. heißt: So leget nun von euch ab/ nach dem vorigen Wandel den alten Menſchen/ der durch Luͤſte in Irrthum ſich ver⸗ derbet; erneuert euch aber im Geiſt eures Gemuths/ und ziehet den neuen Nenſchen an/ der nach GOtt Feſchaffen iſt in rechtſchaffener Gerechtigkeit und Heilig dluß oloſſ. N—— Die Lehre von der Wiedergeburt 2 Soloſf 10. Ziehet den alten Mienſchen mit ſeinen Wer⸗ cken aus/ und ziehet den neuen an/ der da verneuert wird zu der Erkaͤntniß/ nach dem Ebenbilde deß/ der ihn ge⸗ geſchaffen hat. Uind 1. Joh. V. 1y. wird es alſo ausgedrucket: Wir wiſſen daß wir von GOtt gebohren ſind; wie auch Eap. III. 14. Wir wiſſen/ daß wir aus dem Todt ins Le⸗ ben kommen ſind Von Natur lieget der Menſch im geiſtlichen Tode, das iſt, er befindet ſich in einem ſolchen Zuſtand, da er von GOtt, der Quelle des Lebens, durch die Sunde getrennet iſt, und daher keine Em⸗ pfindung von geiſtlichen Dingen, noch einiges Vermoͤgen hat, den dreyeinigen GOtt wahrhafftig zu erkennen, zu urchten, zu lieben, ihm zu vertrauen, und ſeinen Willen zu vollbringen; hingegen einen ſtarcken und gewaltigen Trieb zur Suͤnde in ſich empfin⸗ det, dabey alle ſeine natuͤrliche Munterkeit und Faͤhigkeit aufs Boͤſe gerichtet wird. Da der Verſtand verfinſtert und untuͤch⸗ tig iſt, die Dinge, die zum Reich GOttes gehoren, heilſamlich zu erkennen, wenn er auch in irrdiſchen Dingen noch ſo viele Wiſſen⸗ ſchafft, und in weltlichen Haͤndeln noch ſo viele Scharfffinnigkeit von ſich blicken lieſſe. Der Wille iſt mit einer unordentlichen Selbſt⸗und Creatur⸗Liebe angefuͤllet, aus welcher ein beſtaͤndi⸗ ges Tichten und Trachten entſtehet, wie ein ſolcher geiſtlich todter Menſch ſeinen Luͤſten ein Genuͤgen thun, und ſich mit allerley ver⸗ aͤnglichen Schein⸗Guͤthern, vergnuͤgen moͤge, weil er ſein hoͤch⸗ tes Guth und Gluͤck darein ſetzet. Da das Gewiſſen mit vie⸗ len Suͤnden beſchweret, ſintemal das Lrtheil ſeiner Verdamniß darin offenbaret iſt, ob es gleich zuweilen zu ſchlaffen ſcheinet, und ſein Amt, das ihm von GOtt anvertrauet iſt, nicht recht verrich⸗ tet. Das nennet Paulus todt ſeyn in Suͤnden und Uber⸗ trettungen/ Eph. II. 5. und entfremdet ſeyn von dem Leben/ das aus GOtt iſt; Cap. IV. 18. Sehet, das iſt alſo der ungluͤck⸗ ſelige und beſammernswuͤrdige Zuſtand, der in dem goͤtt ichen Wort wird genennet der geiſtliche Todt, darinnen ſich von Nia⸗ r ———;—;:⸗⸗⸗⸗ꝛxxꝛx—’’:-———x—x—xxxxxx—— 8 Die Lehre von der Wiedergeburt. tur alle Menſchen befinden, und darein diejenige, die ihren Tauff⸗ Bund vorſetzlich und muthwillig brechen, und denſelben uͤbertret⸗ ten, aufs neue verfallen. Dieſem geiſtlichen Todt wird nun entgegen geſetzt der Zuſtand des geiſtlichen Lebens, da ein Menſch durch die Vereinigung mit GOtt, als der Quelle des geiſtlichen und ewigen Lebens, nicht nur wieder geſchickt und tuͤchtig wird, GOtt heilſamlich zu erkennen, zu fuͤrchten, zu lieben und ihm zu vertrauen; ſondern da er auch dieſe empfangene Tuͤchtigkeit wircklich gebrauchet, ſeine Gedan⸗ cken, Begierden, Worte und Wercke nach der Vorſchrifft des Wortes GOttes einzurichten. In dem Verſtand deß armen Suͤndern wird ein helles und liebliches Licht angezundet, bey deſ⸗ ſen erfreulichen Strahlen er biß in das inuerſte des Hertzens GOt⸗ tes hinein ſchauet, und das Wallen ſeiner Eingeweyden erblicket; ja derſelbe wird Pneiget zu einem goͤttlichen Beyfall, daß er zu denen goͤttlichen Verheiſſungen ſein Glaubens Auuen hinzuſetzet. Er wird mit goͤttlichem Licht und Weißheit erfuͤllet, und von der angebohrnen Thorheit, Finſterniß und Blindheit errettet. Daher er ſo wohl die Dinge des Lebens, als die Dinge des Rei⸗ ches GOttes gantz anders anſiehet, und ein gantz ander Urtheilda⸗ von faͤllt, als der Verſtand eines geiſtlich⸗todten Menſchen. Der wuülle wird von der Herrſchafft der Suͤnden befreyet, und von aller unordentlichen Selbſt⸗und Creatur⸗Liebe loß geriſſen, und hingegen mit einer aufrichtigen Liebe GOttes und des Naͤchſten, wie auch ſein ſelbſt angefuͤllet. Es iſt darin zu finden, ein ſehnli⸗ ches Verlangen, der Gnade G“ttes auch theilhafftig zu werden, und auch die reinigende Krafft des Blutes IEſu Chriſti erfah⸗ ren. Das Gewiiſſen iſt gereiniget von den todten Wercken durch das Blut und durch den Geiſt JEſu Chriſti, folglich mit einer Verſicherung der Gnade GOttes, mit Troſt, mit Friede und Freu⸗ de als mit einem Balſam des Lebens durchgoſſen. Die Wurtzel und Quelle dieſes geiſtlichen Lebens iſt der wah⸗ re lebendige ſeligmachende Glauben an Chriſtum JSſum welcher alle Die Lehre von der wiedergeburt.„ alle geiſtliche Lebens⸗Bewegungen und guce Wirckungen in der Seele prodaciret. Daher auch das geiſtliche Leben Gal. II. 20. ein Leben des Glaubens genennet wiirdr. Die Verſetzung nun aus dem ungluͤckſeligen und berruͤbten uſtand des geiſtlichen Todes in den Stand des geiſtlichen Lebens eleget die heilige Schrifft mit dem Nahmen der wiederge⸗ burt; und zwar um verſchiedener Urſachen willen. Denn wie 1. bey der leiblichen und natuͤrlichen Geburt der Menſch ſich nicht ſelbſt zeuget und gebiehret, und alſo nichts zu derſelben aus eige⸗ nen raßten beytraͤget, ſondern gezeuget und gebohren wird, und ſich alſo paſſive verhaͤlt: alſo auch der Menſch, der von neuein ge⸗ bohren wird, thut nichts dazu, ſondern GOtt dem HErrn gebuh⸗ ret die Ehre, daßz man ſagen muß, der hat es allein gethan. J Anſehung deſſen heiſſen die Glaubige oͤffters in dem erſten Brief Johannis„e mabe e*s s, die aus oder von GOtt geboh⸗ ren ſind. Wie ferner 2. Bey der leiblichen und natuͤrlichen Zeugung und Geburt etwas zum Grunde lieget, nemlich ein gewiſſer Sanie, daraus die Frucht gebildet wird: diſ ſagt auch Petrus 1. Epiſt. I. 23. daß die Glaubigen wiederbohren ſind, nicht aus vergaͤnglichem, ſondern aus unvergaͤnglichem Samen, nemlich aus dem lebendi⸗ gen Worte GOttes, das ewiglich bleibet. Wie ferner 3. Bey der leiblichen und natuͤrlichen Zeugung und Geburt etwas wahrhafftiges worden iſt, nemlich ein lebendiger Menſch, welcher vorhin noch nicht geweſen: alſo wird auch in der Wie⸗ dergeburt ein neuer Menſch und eine neue Art gewircket, die vor⸗ hin noch nicht geweſen war. Ezech. XXXVI. 26. 2. Cor. V. 17. wie ferner 4. Die natuͤrliche Geburt uns ein ſolches Wunder und Ge⸗ heimniß bleibet, in welchem die Vernunfft viele unbegreiffliche Dinge findet: alſo iſt und bleibet die Wiedergeburt ein Wercl der unendlichen Weißheit GOttes. Wie ferner 5. Ein Kind, das in Mukkexlelbe gezeuget und empfangen 2 iſt, 20 Die Lehre von der wiedergeburt. iſt, wahrhafftig ein Leben hat, und alle Krafft des Lebens ſchon in der kleinen Frucht ſtecket, doch aber bey dent allem ſehr dhran und die Frucht Anfangs ziemlich ungeſtalt iſt, und weiter kormi ret und geſtaͤrcket werden muß: alſo iſt auch in dem erſten Augen⸗ blick, da GOtt den Menſchen wiedergebieret, und das Licht des Glaubens in ihm anzuͤndet Krafft des Glaubens alle geiſtliche Lebens⸗Krafft da. Es iſt aber alles noch ſehr ſchwach, und muß uͤnmer mehr zunehmen. We 6. Die natuͤrliche Geburt der Anfang und lirſprung unſeres Weſens iſt, dadurch wir vernuͤufftige Creaturen und Ahber der Menſchen werden: alſo iſt die Wiedergeburt der Urſprung unſe⸗ 998 Sfiüihin Weſens, wodurch wir Kinder GOttes werden. ie ferner 3 7. Die leibliche Geburt mit vielen Schmertzen, Abmattun⸗ gen, Entkraͤfftungen und Wehen verknuͤpfet iſt, wie ſolches die taͤgliche Erfahrung beſtaͤttiget: alſo kan auch die neue Geburt nicht ohne Wehen, Kainpf, Thraͤnen, hefftigen Schmertzen, und groſſer Traurigkeit un Menſchen vorgehen Doch diefer Angſt wird bald vergeſſen, wenn der neue enſch zur Welt gebohren iſt, da die Verſicherung der Gnade und Kindſchafft GOttes, und die lehendige Hoffnung des ewigen Lebens alles verſuſſet. Glelch⸗ wie endlich 8. Zwiſchen dem Seugenden und dem Gezeugten durch die na⸗ tuͤrliche Geburt eine ſolche genaue Verbindung entſtehet, daß der Zeugende ein Vatter, das Gezeugte aber ſein Kind heiſſet: alſo erlangen wir in der Wiedergeburt das Recht, daß wir GOtt unſern Vatter nennen, und wir ſeine Kinder heiſſen. 9. Durch die natuͤrliche Zeugung und Geburt wird gewürcket ein natuͤrlich Leben; die Feſſtuche Geburt ziehet nach ſich ein geiſt⸗ lich Leben, welches endlich in dam ewigen Leben vollendet wird. 1 10. Durch die natuͤrliche Geburt empfangen die Kindet das Bild ihrer Eltern; Adam heiſts; Gen. V. 3. zeugete einen Sohn, der ſeinem Bilde aͤhnlich war: durch die neue eburt aber empfan⸗ gen wir das Bild GOttes, 11. Die BDe Tebre von der Wiedergeburt. 7r. Die natuͤrliche Geburt verbindet ims mit dein eiſten N dam, und bringet die Suͤnde und Fluch uͤber uns, weil durch dieſelbe die Erbſunde mit gepflantzet worden iſt: die neue Ge⸗ burt aber vereiniget uns mit dent zweyten Adar, Chriſto JEſu⸗ und macht uns ſeiner Gerechtigkeit und Seeligkeit theilhäfftig, Das iſt alſo das wahre Weſen und Natur der Wiedergeburt. Anderer Theil. Ir ſchretten nun zumn andern Stück, und betrachtent die vornehmſte . Eigenſchafften der Wiedergeburt. Da wir den in unſerem Evangelio folgende Eigenſchafften finden werden. Esiſtdie Wiedergeburt.⸗ein Geheimmuß/ wel⸗ ches die menſchliche Bernunfft weit uͤberſteiget, und ihr alſo Hanß unbegreifflich bleibet; wenn guch gleich die Verniufft des tenſchen durch die Pdiloſophie aufs allerbeſte excoliret, und in allen Bicciplinen und Wiſſenſchafften, in der Erkaͤnntnuͤß derer Dingen aufs vortrefffichſte geubet worden; wenn gleich ein Menſch noch ſo ſcharffſimnig raſonniren, und von allen Sachen die nachdruͤck⸗ lichſte und gruͤndlichſte Iugicia und lirtheile faͤllen koͤunte: ſo wird ihm doch die neue Geburt derborgen ſeyn, ſein Verſtand, der ſon⸗ ſten im Stand iſt, die deutlichſte hinlaͤngliche, und vollſtandige Begriffe zu formiren, wird hier mit den dickſten Wolcken der unbiſſtnhe und Finſternuͤß umnebelt bleiben, und ſeine Zunge, wenn ſie auch die heredeſte waͤre, wird bey Ausſprechung der Art und Weiſe der Wiedergeburt, verſtummen muſſen. Wir finden jg in unſerem Evangelio ein offenbahres Muſter und Exempel an dem gelehrten und voruehmen Nieodemo, einem Phariſaer, einem Oberſten unter den Juden und Meiſter 3 Iſtael, der ſonſten in der Fediſchen Thedlogis eine gute Wiſſenſchafft beſaß, der, als Chri⸗ tus ihm von der Wiedergeburt predigte, ſeine groſſe Linwiſſenheit gantz deutlich in ſeiner Antwort zu erkennen gab/ weiner v ſagte: Wie kan ein Nlenſch gebohren werden/ wenn er alt iſt? kan er auch wieder in ſeinet Tutter⸗Leib gehen/ und ge⸗ bohken werden: Als wollte er ſagen: es iſt ja die Sache ün⸗ B 2 moͤglich, 12 Die Lehre von der wiedergeburt. moͤglich, daß ein erwachſener Menſch wieder koͤnne in ſeiner Mut⸗ ter⸗Leib gebracht werden, er auch von keiner anderen als der gro⸗ ben auſſerlichen Geburt wiſſe. Hier ſahen wir alſo ein offenah⸗ res Zeugnuͤß was die verderbte menſchliche Vernunfft ſich vor ſelt⸗ ſame Gedancken und Begriffe in Goͤttlichen Dingen mache. Sie iſt blind im Geiſtlichen, und dennoch will ſie davon urtheilen. lind abermahl im 9. v. unſeres Evangelii ſpricht dieſer gelehrte Mann: wie mag das zugehen ⁊ eigentlich, wie koͤnnen dieſe Dinge geſchehen? In dem 4. Y. ſcheinet Nicodemus die Wahrheit der Wiedergeburt gantz in zweiffel zu ziehen; hier aber will er ſich inſonderheit, ob er gleich ſeinen Zweißfel uͤber dieſe Sache nicht voͤllig fahren ließ, mit mehrerem erkundigen von der Art und Weiſe der Wiedergeburt, wovon der Heiland ſchon vorher geſaget, daß ſolche unbegreifflich ſey. Sind doch noch viele Schwierigkeit bey der leiblichen und natuͤrlichen Geburt übrig, welche der Ver⸗ nunfft unbegreiffliche und verborgene Geheininuſſe bleiben, wie ſolches David mit ſeinem eigenen Zeugnuͤß beſtaͤttiget, Pl. 139, 14. Wie vielmehr— icher muß denn nun die Wiederge⸗ burt, die viel weniger als die leibliche Geburt in die Sinne faͤllt, der Vernunfft ſeyn. Man kan zwar freylich aus deuen effectibus und Wirckungen dieſer groſſen Veraͤnderung bey dem Menſchen vieles ſchlieſſen; allein der Modus, oder die Art und Weiſe, wie ſolche in der Sele Zuſtande gebracht werde, bleibet uns ein groß⸗ ſes Geheimnuͤß. Das iſt die erſte Eigenſchafft der Wiedergeburt. Die andere, 8. Eigenſchafft der Wiedergeburt iſt, daß ſie geſchiehet in inſtanti, oder in einem Augenblick, und alſo ei⸗ ne ploͤtzliche Veraͤnderung iſt; es gehen zwar manche Vorberei⸗ tungen vorher, die lange Zeit anhalten, aber die Wiedergeburt an und vor ſich ſelbſt auf einmahl, gleich wie ein Todter, der da aufgewecket wird, ſein gantzes Leben auf einmahl wieder emp⸗ lanijer„obgleich nicht alle Wiedergebohrne 8 genau den Augen⸗ lick und die Stunde beſtimmen koͤnnen, da ſie das geiſtliche Lrben empfangen haben, Wenn aber andere ſagen, es geſchaͤhr unflbe — Die Lehre von der Wiedergeburk. 13 nicht in inſtanu, oder in einem Augenblick, ſo verſtehen ſie den ha⸗ bitum fidei, der nicht auf einmahl in der Seele entſtehen kan, ſon⸗ dern dazu gehoͤren gewiſſe nach einander fortgeſetzte actus fupranatu⸗- rales, Bewegungen und Wirckungen deß heiligen Geiſtes. Die dritte Eigenſchafft iſt die Wahrheit der Wieder⸗ eeburt; daß dieſelbe wuͤrcklich und in der That bey dem Men⸗ kben geſchehen muͤſſe; denn ob wir gleich ſelbige mit unſerer Ver⸗ nunfft nicht erreichen koͤnnen, wie dieſelbe geſchehe, ſo muß ſie doch deßwegen vor keine bloße und leere Einbildung, vor eine leere Vor⸗ ſtellung der Phanraſie ausgegeben werden. Unſer Heiland beſtaͤttiget die Wahrheit und Wuͤrcklichkeit der⸗ ſelben in unſerem Evangelio v. 3. mit einem Gleichniß, ſo aus dem Reich der Natur entlehnet iſt; und errinnert damit den Nico- demum, er ſolle ſichs nicht alſo wundern laſſen, daß er deßwegen nicht glauben wollte, weil er nicht begreiffen koͤnnte, wie es mit der neuen Geburt zugehe. Denn in natuͤrlichen Sachen koͤnnte er ja offt, was die Urſachen eines Dinges ſeyen, nicht faſſen, unter⸗ deſſen wuͤrde er doch an der Wahrheit der Sachen, wenn er von derſelben Wirckungen durch die Sinne verſichert worden nicht zweiffeln, weil man indergleichen Dingen zufrieden iſt und ſeyn muß, daß man wiſſe, die Sache ſeye wahr, ob man gleich die Art derſelben nicht verſtehet. Er nimmt nemlich das Gleichnuͤß her von dem Wind, von demſelbenſtellet der Heiland zweyerley vor. Erſtlich, daß man ihn hoͤren und fuͤhlen koͤnne, und alſo von ſei⸗ nem wuͤrcklichen daſeyn, auch von ſeinen Bewegungen und Wir⸗ ckungen, gnugſam uͤberzeuget ſey; Hernach zum andern, daß man doch nicht eigentlich wiſſe, von wannen er komme, und wohin er fahre, das iſt, in welcher Gegend und aus welcher beſonderen Urſach er dieſes und jedesmahl entſtanden ſey, und wie lange er anhalten, auch wie weit er gehen werde, ehe er ſich lege. Dieſes kan man von dieſem und jenein entſtandenen Wind ohnmoͤglich ſa⸗ gen, ob man gleich ſonſt insgemein wiſſen kan, was ein Wind ſey, und wodurch er naturlicher Wißemntſtehe Denn der Wind iſt ei⸗ m. 3 Hf 14 Die Lehre von der wiedergeburk. ne aus ihrem Gleich⸗Gewicht in eine beſondere urd gleiche Bewe⸗ gung gebrachte Lufft. Wenn deumach die Lufft allenthalben ih⸗ rem Gewichte nach gleich ſchwer iſt, ſo iſt ſie ohne einige merckliche Bewegung, und alſd auch ohne Wind. Die Urſachen deß Win⸗ des ſind deinnach diejenige Dinge, welche die Lufft aus ihrer Stil⸗ le, oder aus ihrem Gleich⸗Gewicht, dadurch in eine Bewegung ſetzen, daß ſie dieſelbe an einem Ort ſchwerer oder leichter machen, als ſie am andern iſt. Die Ulrſachen davon ſind nun, Die Duͤn⸗ ſte, denn wenn dieſe in einer Wegenn ſo haͤuffig aufſteigen, daß dadurch die Lufft ſchwerer gemacht wudd, als ſie vorher war, ſo kommit ſie gegen die mit ihr im naͤchſten Raum vertnunpffte, aber durch dergieichen Duͤnſte nicht auch veraͤnderte Lufft, in eine merck⸗ liche Bewegung. Wenn hingegen die zu einer Wolcken geſammle⸗ ten Duͤnſte vermoͤge einer Verdickung durch einen Regen wieder herab fallen, alſo daß die Lufft dadurch wieder leichter gemacht wird, als die Lufft deß mit dem ihrigem vernknuͤpfften Raumes, ſo kan ſolches wieder ohne Bewegung nicht abgehen. 6) Die Waͤr⸗ me und Kaͤlte einer Gegend vor der andern. Denn wenn die Waͤr⸗ me die Lufft verduͤnnet und leichter, die Kaͤlte aber ſie verdicket und ſchwerer machet, und ſie bey der Verduͤnnung mehreren, bey der Verdickung aber wenigeren Raum erfordert, ſo muß auch da⸗ her in dem naͤchſin Lufft⸗Raum eine ſtarcke Bewegung entſtehen. Und da die Strahlen der Sonnenofft durch die hoheren Wolcken zu⸗ ruͤck gehalten werden, daß ſie nicht auf die Erde fallen, und daher uͤber derſelben eine Verduͤnnung und Ausbreitung der Lufft ma⸗ chen, ſo entſtehet daher in dem Obern Revier der Atmolpæra ein Wind, oder ſtarcker Umtrieb derer Wolcken, wenn es in dem un⸗ tern gantz oder doch ziemlich ſtille iſt: dagegen bey dem Winde in dieſem Kevier eine Stille in jenem ſeyn kan. Man ſehe hievon Pf. CXXXV, 7. jer. X, 13. Job. XXXIIX, 24. und Pred. Salom. XI 5. auf welche Worte unſer Heiland ſchei⸗ net geſehen zu haben, ſintemahl daſelbſt bey den Worten vom Winde auch der natuͤrlicher Zeugung gedacht wird, za ee eiſt: Die Lehre von der Wiedergeburt. 25 heiſt: Gleichwte du nicht weiſt den weg des windes/ und wie die Gebeine in utterleibe bereitet werden; alſo kanſt du auch Gottes⸗Werck nicht wiſſen uͤberall. Ia wie viel Dinge ſehen wir taͤglich in der Natur vor Augen, da man den vor einen Thoren halten wuͤrde, der daran zweiffeln wolte, daß es moͤglich waͤre; weil ſie ja geſchehen, und vrſtehen doch die Art und Weiſe nicht, wie es damiit zugehe. E. gr. Man ſehe an ein kiein Saam⸗Koͤrnlein, eine Eichel, eine Nuß, und den kleinen Saamen der darinnen iſt, und nicht das geringſte Anſehen hat. Wo uns dieſes nicht aus der Erfahrung bekannt waͤre, wuͤrde ohn⸗ moͤglich einer, der c. g auf einer oͤden Inſul, da nichts wuͤchſt, dzoen waͤre, glauben, daß daraus ein Kraut, eine Staude, ein ſo groſſer Baum, ſöllte wachſen, und imuner ſo viele Fruͤchte bringen koͤnnen. Auch die Allerſcharfſinnigſten unter den Philo- ſophis bekennen, daß ſie eigentlich nicht begreiffen, wie es mit dem DWachsthum eines Gewaͤchſes zugehe. Indeſſen iſt keiner ſo ver⸗ wegen, daß er die Sache ſelbſt leugnete. Alſo bleibet es dabey, nach dem Urtheil der geſunden Vernunfft und Erfahrung aller Menſchen, daß wir aus dem, wo wir die Art eines Dinges nicht verſtehen, dennoch an deſſen Gewißheit nicht zweiffeln duͤrffen. Daßz aber dennoch die Wiedergeburt eine wahrhafftige wirck⸗ liche Geburt ſey, das kan aus folgenden Gruͤnden noch bewieſen werden. 1. weil etwas durch die Wiedergeburt gewircket und hervorgebracht wird/ das vorhin bey dem Menſchen nicht befindlich geweſen. Es wird nemlich in dem Menſchen ein neues eiſtliches Leben gewircket, welches beſtehet in einer geiſtlichen letivitaͤt und Tuͤchtigkeit zum guten, dabey alle Stuͤcke des na⸗ tuͤrlichen Lebens, die bißher zum boͤſen gemißbraucht worden, nun⸗ mehro wieder zu ihrem rechten Zweck gebracht und angewendet werden. Das ſind nun ſolche Dinge, die vor der Wiedergeburt bey dem Meuſchen nicht zu ſehen geweſen.. 2, weil ein wieder gebohrner Mienſch das nicht me r 16 Die ehre von der wiedergeburr. iſt/ das er vorhin geweſen/ und hingegen ein ſolcher wor⸗ den iſt/ der er vorhm nicht geweſen. Vorhin war er ein Kind des Zorns; ein Gefangener des Teufels; ein Sclav und Knecht der Suͤuden; fleiſchlich und irrdiſch geſinnet; ein Feind GOttes; ein erſtorbener unfruchtbarer fauler Baum; ein zu al⸗ lem wahrhafftig guten untuͤchtiger traͤger Menſch: in der Wie⸗ dergeburt aber iſt er worden ein Kind und Augapfel SOttes zein abgeſagter Feind des Teufels und der Suͤnden; geiſtlich und immliſch geſinnet; ein Liebhaber ſeines Schoͤpfers; ein frucht⸗ arer Baumn, der Fruͤchte der Gerechtigkeit traͤget; munter und derh zum Guten, voller Begierde den Willen GOttes zu voll⸗ ringen.. 3. Weil eine merckliche groſſe Veraͤnderung in allen Kraͤfften der Seelen ja in der gantzen Natur des Men⸗ ſchen ſich aͤuſſert. Der Menſch bekomint zwar in der Wieder⸗ eburt keine neue Subſtantiam oder Weſen; er bekommt aber vie⸗ e neue eiſtnche Qualitaͤten und Eigenſchafften. Der Verſtand war vorher verfinſtert, daß er weder ſich ſelbſt in ſeinem Elende, noch JEſum Chriſtum, noch den Weg zur Seligkeit recht er⸗ kannte; daher Paulus zu den Epheſern ſagte, Cap. V. 8. Ihr waret weyland Finſterniß. Und x. Cor. II. 14. Der natuͤr⸗ liche Menſch vernimmt nichts vom Geiſte GOttes/ es iſt ihm eine Thorheit/ und kan es nicht erkennen. Hier ge⸗ het nun eine ſolche Veraͤnderung vor, daß der Verſtand erleuch⸗ tet wird, alſo, daß der Menſch erkennen lernet, zuforderſt wie es um ihn ſelbſt in ſeinem natuͤrlichen Zuſtande ſo gar elend ſtehe, ſo dann aber, wozu ihm nun IEſus Chriſtus kan nuͤtzlich werden, wie er durch denſelben kan zu der verlohrnen Herrlichkeit wieder kommen, und wie er nach ſeiner Bekehrung muͤſſe heilig und un⸗ anſtoͤßich wandeln. Er wendet ſich nun mit Beyſeitſetzung aller Vorurtheilen zu derjenigen Wahrheit hin, die ihm zuvor am mei⸗ ſten zuwider geweſen, und findet nun ein Vergnuͤgen in Betrach⸗ tung ſolcher Wahrheit. Der Wille lag vorher in dem euſten nver⸗ Die Lehre von der Wiedergeburt. 6 Unvermoͤgen, das Gute zu thun, und denen fleiſchlichen Begier⸗ den zu wiederſtehen; Er hatte eine herrſchende Neigung, Liebe und Verlaugen nach ſundlichen fleiſchlichen und weſtlichen Din⸗ gen. Hingegen in der Wiedergeburt wird er aufs kraͤfftigſte zum Guten gelencket, und mit dem innigſten Abſchen, Haß und Eckel vom Boͤſen abgezogen. Er verlangt nichts mehr als die Gemeinſchafft GOttes in Chriſto JEſu, und laͤſt ſich vom heili⸗ gen Geiſt bequem machen, theils ſeinen Willen dem Willen GOt⸗ tes zu ſubmirriren, theils den befehlenden Willen GOttes un Thun und Leiden zu vollbringen. Ja es erſtrecket ſich dieſe ſo ſonder⸗ bare Reformation und Veraͤnderung auf die Einbildungs⸗ Krafft/ auf alle Affecten und Begierden des Menſchen, wel⸗ che dem Regunent des erleuchteten Verſtandes und geheiligten Willeus in der ſchoͤnſten Orduung unterworffen ſind. Ja auch in dem Temperamen und Beſchaffenheit des Leibes gehet in der Wiedergeburt eine groſſe Veraͤnderung vor. Denn obgleich das Gebluͤt und die Gaͤnge deſſelben, durch welche es getrieben wird, in der nenen Geburt nicht geaͤndert werden, ſo wird doch alles verbeſſert und geheiliget. c. gr. Ein Cholericus, der vor ſeiner Wiedergeburt hochm thig und zaͤnckiſch geweſen, auch in allen Handlungen ſeine eigene Ehre geſuchet hat, der hoͤret zwar nicht auf in der Wiedergeburt ein Cholericus zu ſeyn, aber theils wird die Unordnung, die ſeinem Temperament anhaͤngt, wegge⸗ nonnnen, theils wird der hefftige und feurige Trieb ſeiner Na⸗ tur geheiliget, und aufs Gute gelencket, ſo daß er GOtt eifrig lie⸗ bet, im Dienſt des Naͤchſten ſich gantz unverdroſſen befindet, und ſeine Ehre nur darinnen ſucht, wenn er um Chriſti willen geſchmaͤ⸗ het wird, und etwas leiden ſoll. Nebſt der Verbeſſerung des Temperaments werden auch alle aͤuſſerliche Glieder und Sinnen un Dienſte der Gerechtigkeit dargeſtellet, und alſo auch das Le⸗ een des Leibes GOtt dem HErrn gehetliget, denn die innerliche Veraͤnderung des Sinnes zeucht auch nach ſich eine Veraͤnderung der Gebaͤrden, der Worten, Sitten, Shulen. Geſellſchafften; u. ſ. w. 18 Die Lehre von der Wiedergeburt. w. ſo daß man alles dasjenige, von deſſen Suͤndlichkeit man uͤberzeuget iſt, in ſeinem gantzen Wandel ableget. Je profaner nun ein Menſch vorhero in ſeinen Gebaͤrden, je ruchloſer in ſeinen Worten, je frecher in ſeinen Thaten, je Welt⸗foͤrmiger in ſeinen Sitten und liederlicher in ſeinen Geſellſchafften geweſen: deſto⸗ mehr leuchtet hernach bey ihm ſeine Veraͤnderung nach ſeiner Be⸗ kehrung jedermann in die Augen, ſo daß alle diejenige, welche die⸗ ſen Menſchen ſehen, ſich uͤber ihn verwundern muſſen, und kaum glauben koͤnnen, daß es noch der vorige Menſch ſey, weil die Gna⸗ de eine ſo groſſe Veraͤnderung in ſeinen innerlichen und aͤuſſerli⸗ chen Handlungen angerichtet hat. Die vierte Eigenſchafft der Wiedergeburt iſt ) Die hoͤchſte Nothwendigkeit derſelben; welches unſer Heyland in unſerem Evangelio bezeuget; v. 3. ſpricht er: Wahr⸗ lich/ wahrlich/ ich ſage dir/ es ſey denn daß jemand von neuem gebohren werde/ kan er das Reich GOttes nicht ſehen. Und denn v. 5. wahrlich/ wahrlich/ ich ſage dir, es ſey denn daß jemand gebohren werde aus Waſſer und Gaſt⸗ ſo kan er nicht in das Reich GOttes kommen. Nach unſerem Evangelio iſt dieſe Nothwendigkeit zu ſuchen theils auf Seiten GOttes, theils auf unſerer Seiten. 1. Auf unſerer Seiten iſt ſolche Nothwendigkeit zu ſuchen in dem abſcheulichen tiefen Verderben unſerer Natur, welches un⸗ ſer Heyland in unſerem Evangelio v. 6. mit dieſen Worten aus⸗ drucket: Was vom Fleiſch gebohren iſt/ das iſt Fleiſch. Da das Wort Fleiſch allhier dem Geiſt entgegen geſetzet wird; ſo bedeutet es näch ſolchem Gegenſatz den Menſchen, ſofern er nach der Erb⸗Suͤnde betrachtet wird. In welchem Verſtand es auch Rom. IIX. 1. 5. 6. 7. Eph. II. z. Gal. V. 19. 24. VI. 8. Gen. VI. z. ſenommen wird. Die Veranlaſſung zu dieſer Bedeutung des Worts Fleiſch iſt wohl daher genominen, weil die Erb⸗Suͤnde durch die natuͤrliche Sonzp onnenng geſchiehet. Durch dieſes Wort Fleiſch wird der gantze Menſch nach Leib und Seele, mit allen * Die Lehre von der Wiedergeburt. 19 allen Kraͤfften, Geſchicklichkeiten und Tugenden vor einen abge⸗ ſagten Feind GOttes erklaͤret, an welchem ſeine Seele einen Eckel hat, Rom. IIX. 8. kan man nun in ſolchem natuͤrlichen Zuſtand GStt nicht gefallen, und alſo auch nicht ſelig werden: ſo iſt da⸗ hero hoͤchſt nothwendig, daß/gleichwie GOtt, der ſich mit dem Men⸗ ſchen vereinigen will, ein Geiſt iſt, er auch Geiſt vom Geiſt ge⸗ bohren, und alſo der goͤttlichen Natur theilhafftig werde. 2. Auf GOttes Seiten iſt dieſe Nothwendigkeit zu ſuchen in ſeiner weſentlichen Heiligkeit und Reinigkeit; nach welcher er ohnmoͤglich mit einem Menſchen ſich vereinigen und denſelben zu Gnaden annehmen kan der noch in Suͤnden⸗Unreinigkeit ſich her⸗ um waͤltzet, die heßliche und ſchaͤndliche Larve des Teufels an ſich traͤget, und von demſelben nach ſeinem Willen beherrſchet und re⸗ gieret wird. Hebr. XII. 14. heiſt es, ohne Seligunn kan nie⸗ mand den HErrn ſehen. Es erhellet die Nothwendigkeit der Wiedergeburt ferner 3. Weil keiner, wer er auch ſey, nach dem Ausſpruch unſeres Heylandes in unſerem Evangelio, ohne die Wiedergeburt das Reich GOttes kan ſehen, i. c. heilſamlich erkennen, und denn auch wircklich genieſſen und erfahren. Das ſind alſo die Eigenſchaff⸗ ten der Wiedergeburt. 3 Dritter Theil. Aſſet uns noch mit wenigem die vornehmſten Kennei⸗ Wen der Wiedergeburt betrachten. Es ſind dieſelben olgende: 1. Das erſte Kennzeichen der Wiedergeburt iſt die le⸗ bendige Erkaͤnntniß der Leutſeligkeit und Freundlichkeit GOttes und Chriſti JEſu. Daher Paulus ſpricht Tit. III. 4. Es iſt er⸗ ſchienen die Leutſeligkeit und Freundlichkeit GOttes. Und Pe⸗ ein Epiſt. II. 3. Ihr habt geſchmecket, daß der HErr freund⸗ ich iſt. 2. Das andere Kennzeichen iſt der Geiſt der Kind⸗ C 2 chafft; 20 Die Lehre von der Wiedergeburt. Gafft; der da ſchreyet: Abba! lieber Vatter; Rom. IIX.r5 16. al. IVV.6.—* n 3. Das dritte Kennzeichen iſt eine zarte/ innige/ m⸗ bruͤnſtige aufrichtige Liebe gegen GOtt, und ſeine Kinder, ja gegen alle Menſchen. Denn ſo ſagt Johannes 1. Ep. IW. 7.. Ihr Lieben! laſſet uns untereinander lieb haben, denn die Liebe iſt von GOtt, und wer lieb hat, der iſt von GOtt gebohren, und kennet GOtt; wer nicht lieb hat, der kennet GOtt nicht; denn GOtt iſt die Liebe. Cap. V. 1. z. ſpricht er: Wer da liebet den, der ihn gebohren hat, der liebet auch den, der von ihm gebohren iſt. Daran erkennen wir, daß wir GOttes Kinder lieben, wenn wir GOtt lieben, und ſeine Gebote haltten. 4. Das vierte Kennzeichen iſt der kindliche Gehorſam egen die goͤttliche Gebote; durch den Wandel im Geiſt, und Wirckung der Gerechtigkeit. Daher ſagt der Prophet Ezech. Cap. XXXVI. 27. Ich will meinen Geiſt in euch geben, und will ſolche Leute aus euch machen, die in meinen Gebotten wandeln, meine Rechte halten und darnach thun. UInd Gal. V. 25. So wir im Geiſt leben, ſo laſt uns auch im Geiſt wandeln. Und 1. Joh. II. 29. Wer recht thut, der iſt von GOtt gebohren. 5. Das fuͤnffte Kennzeichen iſt die taͤgliche Ablegung des alten und die Anziehung des neuen Menſchen. Eph. 1V. 2024. Col. III. 10. das 6te Kennzeichen iſt ein inniger Haß gegen die Suͤnde/ da man die Suͤnde und ſich ſelbſt um der Suͤnde wilten haſſet, und aller Gelegenheit, die uns zur Suͤnde verleiten kan, ſo feind wird, daß man dieſelbe mit der innigſten Averlion und als die Peſt ſtiehet und meidet. Dgs ꝛte Kennzeichen iſt eine aufrichtige Bekaͤntniß der Suͤnden/ denn wenn die obenerzehlten Bewegungen in der Seele vorgehen, da brechen ſie auch aus in Worte und Wercke. In Worten erweiſen ſie ſich in einer red⸗ lichen Bekaͤntniß derer Suͤnden. Prov. XXVII. 19, wer aber das teuffiſche Principium hat: ſi feciſti, nega, der iſt nicht wiedergebohren, ſondern bleibt anter dem Zorn GOttes. Das zte Kennzeichen ſii eine ſorgfaͤlrige Unterlaſſung derer Siins,n, daß Die Lehre von der wiedergeburt. 21 daß man auch wircklich von allen Suͤnden ablaſſe, und durch ſeine Aufrichtig⸗ beit die Reue bezeuge, welche Paulus 2. Timoth. II. 13. nennet; ein Abtret⸗ ten von der Ungerechtigkeit. Da man die Partheh der Sunden und des Sa⸗ tans, dem man bißher gedienet, verlaſſet, ſo daß man keine einige Suͤnde mit Vorſatz und Wohlgefallen mehr vollbringe auch gegen alle ſuͤndliche Neigun⸗ gen ernſtlich ſtreite, di Gelegenheiten zu ſundigen fliehe, auch nach Moͤglich⸗ keit den Schaden e den man durch die begangene Suͤnden verurſachet. Das 9te Kennzeichen iſt ein ernſtlicher Kampf gegen die Suͤnde/ die welt und den Teufel/ und derſelben Ulberwindung. Denn wer von GOtt gebohren iſt, uͤberwindet die Welt, und unſer Glaube, welcher in der Wiedergeburt gewintet worden, iſt der Sieg, der die Welt uͤberwunden hat. n endlich iſt die Liebe zum Creutz und Leiden/ demſelben. Denn ſo ſagt Paulus Hebr. XII. 5e⸗ro. ſo ihr die Zuchtigulſg erdultet/ ſo erbeut ſich euch GOtt als Kindern. Wenn man noch mehuce Kennjeichen der Wiedergeburt zu leſen verlanget, ſo darff man nur den IMhannem in ſeiner erſten Epiſtel nachſchlagen und leſen, ſo wird man noch mehrere Kennzeichen der Wiedergeburt daſelbſt finden koͤnnen. Anwendung. As waͤre denn alſo die Lehre von der Wiedergeburt; nun iſt nichts noͤ⸗ thiger, als daß ein jeder ſo viele Treue und Liebe gegen ſeine eigene 9 Seele beweiſe, und ſich nach dieſen Kennzeichen unterſuche, ob die wah⸗ re neuf Geburt auch bey ihm zu Stande gekommen ſey; findet man dieſe Kenn⸗ zeichen nicht, ſo iſt das Gemuͤth und der gantze Wandel von dieſen Eigenſchaff⸗ ten noch weit entfeynet. Ach ſehet! Geliebte, wie die Wiedergeburt eine Sa⸗ che ſeye, dietzum Aorſen des Chriſtenthums gehoͤre, und daß kein Glaube, keine Kindſchafft G Ockes, und keine Seligkeit ſtatt finden koͤnne. Es iſt dieſelbe allen und jeden, die nur ſelig werden wollen, ohne einige Ausnahm von noͤthen. Denn unſer Heyland ſagt zweymahl, es ſey denn, daß jemand von neuem ge⸗ bohren werde, jemand, er ſey wer er wolle. Gleichwie kein Menſch, auch der groͤſte Kayſerliche Printz, einen andern Eingang in dieſe Welt hat als durch die enge Pforte der leiblichen Geburt; ſo hat auch keiner keinen andern Eingang in das Reich GOttes, als durch die enge Pforte der Wiedergeburt. Man kan daraus erkennen, was es vor ein elender nichtiger Troſt ſey, den ſich die Menſchen aus der heiligen Tauſſe machen, welche ſonſt mit recht heiſt und iſt: Das der Wiedergeburt und Eenuns des heiligen Geiſtes; L 3 wenn 22 Die Lehre von der Wiedergeburt. wenn ſie ſich nemlich daher, daß ſie vormals in ihrer Kindheit getaufft, durch die Tauffe wiedergebohren, und des geiſtlichen Lebens theichafftig gemacht worden, anſehen als wiedergebohrne Leute, die noch jetzo im Stand der Wie⸗ dergeburt lebten, ob ſie gleich keine Fruͤchte und Wercke der Wiedergeburt in ihrem Leben zeigen und bringen, und eben damit beweiſen, daß, da ſie ehe⸗ mals in der heiligen Tauffe wiedergebohren worden, ſie doch nichtim Stande der Wiedergeburt ſtehen geblieben, ſondern daraus 1 ſeyn; denn es iſt jetzo nicht die Frage, ob man in der Tauffe wiedergebo nd ein Kind GOt⸗ tes worden; denn das wird ohne Wiederſpruch zugeſtanden, ſondern es iſt die Frage, ob man auch nachgehends ein Kind GOttes und in der Wiedergeburt geblieben, und ob man noch jetzo in derſelben ſtehe. Was hilffts, wenn man JEſum in der Tauffe durch die neue Geburt von oben ogen, und dadurch die Rechte der Kinder GOttes gewonnen? wenn man uun durch muthwillige Suͤnden wieder ausgezogen, und dadurch die Vorrechteer Kinder GOttes wieder verlohren. Was hilffts, daß GOtt durch die Wiedel heburt einen Bund mit uns aufgerichtet, darinnen er verſprochen, unſer lieber Batter zu ſen, und darinnen wir verſprochen, daß wir uns als gehorſams Kind en ihn verhal⸗ ten wollen, wenn man das Verſprechen gebrochen, G Ott de Gehorſam auf⸗ geküͤndiget, und ſich dem Satan ſamt der Suͤnde, welchen man in der Tauffe aufs nachdruͤcklichſte abgeſaget, zum Gehorſam dargeſtellet? Kan wohl. ein Deſer⸗ teur, wenn er zur Straffe gezogen werden ſoll, ſich auf den Eyd beruffen, den er gebrochen? Kan er wohl bey der Fahne, die er treuloß verlaſſen hat, Schutz ſuchen? Wie kan denn einer, der ſeinen Tauf⸗Bund ubertretten, und ihn 8 nie durch wahre Buſſe wieder erneuret hat, ſich ſeiner Tauffe ruͤhmen? Wie er dieſelbe als einen Beweiß ſeiner Wiedergeburt anfuͤhren? Wie kan er die Hof⸗ nung ſeiner Seligkeit darauf gruͤnden? Wie kan er hintretten, Todt, Teufel und Hoͤlle gleichſam trotzen, und ihnen einmal uͤber das andere ins Angeſicht ſingen; ich bin ein wiedergebohrner getauffter Chriſt! wird nicht der Satan in der Todes⸗ Stunde ſeiner wieder ſpotten und ihm ins Angeſicht ſagen: du magſt ein getauff⸗ ter Chriſt ſeyn, oder ein beſchnittener Jude, oder ein unbeſchnittener Heyde, gnug, daß du in deinem Leben ein Ubelthaͤter geweſen. Empfange nun den Sold dei⸗ ner Suͤnden, und laß dir gefallen mir Geſellſchafft zu leiſten in dem Pful, der mit Feuer und Schwefel brennet. Darum, ihr Lieben, ſoll euch geholffen, wollet ihr aus eurem unſeligen Zuſtand errettet, und in den ſeligen Zuſtand der Wiedergeburt verſetzet werden; ſo neh⸗ met folgende Stuͤcke in acht: 2 Betruͤbet euch hertzlich daxuͤber, daß ihr bißher Sclaven des Sans ge. gs weſen; Die Lehre von der Wiedergeburt. 23 weſen; bedencket/ wie groß dieſe Sunde, und was vor ein abſcheulicher Greuel es ſey, wenn man unter die Rotte eines ſolchen verfluchten Tyrannen gehoͤret. Dem HErrn, welchem ihr allein zu dienen ſchuldig ſeyd, habt ihr allen Gehorſam verſaget; den Bund/ welchen er mit euch in der Wiedergeburt aufgerichtet habt ihr gebrochen; die groſſe Wohlthaten, die er euch geſchencket, habt ihr mit Fuͤſ⸗ ſen getretten, und euch in allen Stuͤcken als die Allerundanckbareſten aufgefuͤh⸗ ret; den HErrn, der euch Leben und Othem gegeben, den HErrn, der ſein eigen Blut zum Loͤſe⸗Geld vor euch gegeben, der ſich aus Liebe vor euch in den Tod gegeben; den HErrn, der euch ruffet und locket zu ſeiner Gemeinſchafft, und der darauf bedacht iſt wie er euch zurecht bringen, und ewig gluͤckſelig machen moͤge; dieſen HErrn aller Herren, dieſen Koͤnig aller Koͤnigen habt ihr ver⸗ laſſen, gegen dieſe allerhoͤchſte Majeſtaͤt habt ihr mit aufgehabener Hand ge⸗ ſuͤndiget, und euch als die allerſchaͤndlichſte Rebellen aufgefuͤhret; dahingegen ſeyd ihr uͤbergelauffen zu dem abgeſagteſten Feinde G Ottes, zu dem Fuͤrſten der Finſterniß, unt dieſem habt ihr euch in einen Bund eingelaſſen, und alle Kraͤſſte, die euch GOtt gegeben, in ſeinem Dienſte verzehret; dieſer hat euch gereitzet, den Nahmen eures Schoͤpfers zu laͤſtern, das Blut eures Erloͤſers mit Fuſſen zutretten, und allen Ruͤhrungen des heiligen Geiſtes zu wierſre, ben. O ſolten nun dieſe Umſtaͤnde euch nicht in die innigſte Betruͤbniß ſe⸗ tzen. Ach! wie kan es moͤglich ſeyn, ihr Elenden! daß euer Hertz bey dem allem noch guter Ding und in ſeiner Sicherheit bleiben kan? Ach ſolte es nicht von einer gottlichen Traurigkeit beklemnit werden ſolte es nicht vor banger Weh⸗ muth in tauſend Stuͤcker zerſpringen! machet euch auf, ſuchet ein Ecklein, da ihr weinen und in Thranen zerflieſſen moͤget. Werffet euch nieder auf euer Angeſicht zur Erde, und wehret euren Augen die gerechten Thraͤnen nicht. Gebet dem Geiſt GOttes Raum in euren Seelen, daß er eure Hertzen zerſchla⸗ gen, zermalmen und von goͤttlicher Traurigkeit anfuͤllen moͤge. Brechet aus in die hefftigſten Seuffzer, und laſſet euer Aechzen und Wintzelen vor dem Thro⸗ ne GOttes kund werden. Laſſet euch ernſtlich angelegen ſeyn, mit eurem beleidigten Schoͤpfer in dem Verdienſte JEſu Chriſti ausgeſoͤhnet zu werden. Leget eure rebelliſche Waf⸗ fen nieder zu ſeinen Fuͤſſen,beuget eure Knie in tieſſter Demuth vor ſeinem An⸗ geſicht, und bittet ihn, daß er das Scepter ſeiner Gnaden gegen euch neigen wolle. Sprechet, hier lieg ich als ein armer todter Wurm zu deinen Fuͤſſen; erbarme dich uber mich, ſchaffe in mir ein ander Hertz, und laß die Krafft deines heiligen Geiſtes in meinem Gewiſſen, Verſtand und Willen ſich beweiſen, damit dieſelbe groſſe Veraͤnderung auch in mir vorgehe,ſo nothwendig erfordert wird wenn man in das Reich GOttes eingehen will. Bege⸗ 141 1 3 24 Die Lehre von der Wiedergeburk. Begebet euch denn ungeſaumt in diejenige Ordnung,in welcher ihr zu dieſer Geburt aus GOtt, und zu dieſer Seligkeit gelangen koͤnnet. Zu dem Ende bittet den heiligen Geiſt, daß er Buſſe und Glauben in euch anzuͤnden wolle; in der Buſſe werdet ihr zwar manche Bitterkeit zu koſten haben, aber wiſſet, daß ſolche unangenehme Empfindungen nothwendig vorher gehen muſſen, ehe ihr zur Wiedergeburt, zur Verſichrung der Gnade G Ottes und zum Reich G Ottes ge⸗ langen koͤnnet. Laſſet es euch demnach nicht befremden, wenn euch das gantze Heer eurer Suͤnden unter Augen geſtellet wird, wenn die Fluͤche des Geſetzes uͤber euch donnern, und wenn die erzoͤrnte Majeſtaͤt G Ottes einige Blitze ihrer Ge⸗ rechtigkeit in eure Gewiſſen ſchieſſen laͤſſet; wenn euch die Schrecken des Todes umgeben, ja wenn ihr einen Vorſchmack der Hoͤllen empfindet. Haltet nur aus unter den Zuͤchtigungen des Heil. Geiſtes, damit er in euren Hertzen recht tief graben, und einen gewiſſen Grund zu dieſer neuen Geburt aus GOtt legen moͤge. Er wird ſchon die rechte Stunde in acht nehmen, da er euch von eurer groſſen Unſeligkeit auf einmal befreyen, und euch in der geheimen Geburt aller Seligkeit theilhafftig machen wird. O wie ruhig werden hierauf eure erſchro⸗ ckene Hertzen werden! welche Freude wird hierauf in euren bangen Gewiſſen entſtehen! welcher Troſt wird eure Seelen erquicken, und wie wohl wird euch alsdenn ſeyn, wenn ihr die Vergebung eurer Suͤnden erlanget, wenn ihr durch ſo viel rauhe Stuͤrme der Buß⸗Angſt gluͤcklich hindurch geſegelt, und in dem Hafen der Sicherheit angelanget ſeyd, wenn ihr in den Armen eures JEſu ruhet, Bena er euch auf ſeinen Schooß ſetzt/ und alle Buß⸗Thraͤnen abwiſcht von euren ugen. Shr aber, ihr theuren Seelen, die ihr dieſe groſſe Gnade der Veraͤnderung eures Hertzens erfahren habt, und die vorhin angefuͤhrte Kennzeichen der Wie⸗ dergeburt bey euch findet. Dancket eurem himmliſchen Vatter, vor dieſe groſſe Gnade, und wandelt vorſichtig, damit ihr dieſelbe nicht wieder verliehret. Schaͤ⸗ tzet eure Seligkeit recht hoch, und haltet ſie offt gegen eure vorige Unſeligkeit, auf daß ihr durch dieſen groſſen Unterſcheid deſtomehr zum Preiß GOttes er⸗ muntert werdet. Thut aber auch offt einen Blick in eure zukuͤnfftige Selig⸗ keit, und freuet euch mit einer unausſprechlichen hertzlichen Freude darauf, daß ihr alsdenn zum voͤlligen Beſitz aller Gnaden und Heils⸗Guͤther gelan⸗ gen ſollet, die euch ſchon her ſo gluͤckſelig gemacht haben. men. * e Farbkarte I13 Die Jahre Hehre von der edergeburt, Wurde in einer zaſt⸗Predigt, So auf gnaͤdigſten dg ll. gnaͤdigſten Berrſchafft 95. Anno 1739. den 24. May. Am Feſt der igen Breyeinigkeit aus dem Mhieen Evangelio Joh. III. 1,- 15. Kirche zu Laubach vor Deroſelben SBohen Gegenwart abgehandelt ehalten, und Hehe Drucke uͤberlaſſen von Valer. Ludwig Nieder, Diener des goͤttlichen Worts zu Freyenſeen. Franckfurt am Mayn/ Hhann Friedrich Fleiſcher. A DCCXIL.