DIE BILDNERISCHE PRHOVINZ NIDERSCHULE UNDIHRENOTILAGE BUND DEUTSCHERKUNSTERZIEHER SITZFERANKFURTAMMAIN ODIE BILDNERISCHE PROVIN7Z NDER SCHULE UNDIHRENOTIAGE BUND DEUTSCHER KUNSTEKRZIEHER SITLZFRANKFURTAMMAIN Zu den Bildern: Es wor leider nicht möglich, dus allen Bereichen des Kunst- und Werkonterrichfes Beispiele zu bringen; so mußten d. d. die Druckgraphik, die Schrift- und Plakotgestaltung, die IIlustration und die Gemeinschoftsarbeit ausfallen. Die mit„Untersfofe“ bezeichneten Arbeiten stammen von 10-13jährigen Jungen ond Möcchen. Mittelstufe= 14-16ſährige. Oberstofe= 17-19jährige. BUNDDEUTSCHERKUNSTERZIEHER I. Vorsitzender Oberstudienrot Betzler, Frankfurt/ Main-Eschersheim, Fontanestr. 7 Auf den folgenden Bläftern wird der Versuch unternommen, einen knappen Einblick in die Aufgaben und Bedeufung der könstlerischen Jugenderziehung und in deren heutige Notflage zu vermitteln. Die deutschen Kunsterzieher wenden sich damit an alle Erziehungsverantwortlichen in den stadot- lichen und städtischen Schulbehörden, an die Mitfglieder des Deutschen Ausschusses för das Erziehungs- und Bildungs-— wesen, an die Mitglieder der kulturpolitischen Ausschösse in den Landtagen und Abgeordnetenhöusern, an alle Freunde der Kunst, an alle Eltern und die Lehrer aller Fachrichtungen. Es geht darum, Mißverständnisse, Unklarheiten und Vor— urteile zu öberwinden. Die Bewegung der musischen Er— ziehung, fußend duf den denkwördigen Kunsterziehungs-— tagungen 1901, 1903 und 1905 und auf Kerschensteiners grundlegendes Werk öber die Entfaſtung der schöpferi- schen Anlagen des jungen Menschen, hat in den nachfol- genden Jahrzehnten eine gerddezu revolutionäre Entwick- long gezeitigt. Wer vor 40 und mehr Jahren in die Schule gegangen ist und sich der domals noch recht frockenen und jogendfremden Unterrichtsmethode erinnert, mag- sofern er den heutigen Kunstunterricht nicht kennt- leicht zu fal- schen Schlössen hinsichtlich der Möglichkeiten und Wir— kungen der jetzigen Unterrichtsweisen gelangen und sie ablehnen. Andere wieder meinen, in unserer Zeit der fech- nischen Perfektion habe dos Musische keinen Platz mehr zu bednspruchen; es gehe in der Schole dorum, die Jugend „lebenstöchtig“ zu machen, d. h. sie mit nötzlichen und praktisch verwertbaren Kenntnissen doszustatten. Aber wir glauben, der Mensch könne auch heute nicht von Wissen ond Besitz allein leben. Er bedarf des zweckfreien, echten Gebildetwerdens. Jedoch wird gerade von uns Deutschen VORWORT allzu leicht öbersehen, daß nicht nöur sein Verstand, son-— dern doch seine Sinne und Seele sich in der Jogend voll entfalten können mössen, soll er eine Ganzheit pleiben. Sein Verlangen nach dem Schönen kann duch heufe noch nicht mittels mechanischen Bildes in Foto, Film und Fern— sehen gestillt werden, sondern allein durch Begegnong mit der WEMelt der könstlerischen Aussage, des persönlich ge- stalteten Ausdruocks, des unvergänglich Hohen und Edlen. Nor als ein doch nach dieser Seite hin voll entfalfetes Individuum wird er innerlich reich und gewinnt er die Kraft, der Gefahr der Vermassung zu widerstehen. Und nöur all- seitig entwickelte Menschen- nicht Speziolisten-vermögen kuolturerhaltend und-gestaltend zu wirken. Wir deutschen Kunsterzieher betrachten es als vornehmste Aufgabe, die musisch-schöpferischen Kräfte der Jogend zu pflegen und ihre Augen und Herzen för die in aller histo- rischen und gegenwäörtigen könstlerischen Kultur beschlos- senen Werte z9 öffnen.„Wenn man aos unserem Leben herausnimmt, was der Schönheit(der Kunst) dient, so bleibt nor dos Bedörfnis, und was ist das Bedörfnis anders als die Verwahrung vor dem immer drohenden Untergang.“ Dies Wort Schillers wird freilich heute meist nicht mehr in sei- nem ganzen Ernst verstanden oder als„romantisch“ be— lächelt. So sind wir Kunsterzieher in dieser weithin dmusi- schen Zeit duf die Unterstötzung durch alle diejenigen an- gewiesen, die noch an die humanisierenden Werte des Musischen glüouben und ihre Fruchtbarmachung för die Er— ziehung unserer Jogend för unerläßlich halten. För den Bund Deutscher Kunsterzieher: Betzler l. Vorsitzender. GEWICHTIGE STIMMEN ZUR KUNSTERZIEHUNG AUs Anlaß der Mönchener Tagung 1952 wandte sich der BDK an eine Reihe Persönlichkeiten des kulturellen Lebens mit der Bitte um ihre Meinungsäußerung öber Wert und Be- deutung der könstlerischen Erziehung. Einige der Befragten erklärten sich zu einer Stellöngnahme nicht in der Lage, andere antworteten mit Stillschweigen. Aber die weitaus meisten bekannten gerne ihre UÜberzeugung. Keiner der Be- fragten ist Kunsterzieher im unmittelbaren Sinn; um so un-— parteiischer und wertvoller sind ihre Antworten. PROF. DR. EDUARD SPRANGER/ TUBINGEN Die Aufgabe des Kunsterziehers ist heutzutage so schwer, daßz ein Pessimist behaupfen könnte, er stehe gerodezu duf einem verlorenen Posten. WMeithin ist an die Sfelle der Konst ein fechnisch prodozierter Ersatz getreten. Der Massenmensch erblickt in Rundfunkmusik, Lichtspielbildern, in Jazz und Negerfänzen die Kultgegenstände„seiner“ Koöltur. Daß es eine Kunst gibt, die wirklich dus dem Urqpell der Seele kommt, durch den beseeſten Organismus prodöu- ziert und reprodoziert wird, also eigens bestimmt ist, dem Menschen dos verlorene Verhöltnis zu der großen bilden-— den Nator wiederzugeben, ist heufe nor noch wenigen verständlich. Der Mechanismus hat sich öberall zwischen, den erzeugenden Geist und die empfangende Seele ge- drängt, und eben die Vollkommenheit des Mechanismus st es, die man bewundert und genießt. Dadurch sind Be- zirke des Inneren abgestorben, ohne die der Mensch nicht Mensch bleiben kann. Ein Organ zu wecken, dos ihm fast võöllig verlorengegangen ist, bedeutet den Gipfel der kr. ziehung, die in ihrer feinsten Gestalt selbst immer ein Werk der Kunst bleiben wird. Sie wendet sich an die Schwingun- gen der Phontasie. Im Kinde sind sie noch als Möglichkeiten vorhanden. Werden sie nicht erregt und gepflegt, so wird sich öber Kurz oder lang zeigen, doß ouch die außerkönst- lerischen Kulturleistungen nicht mehr gelingen.— Oder ist technisches Erfinden, technisches Schaffen denkbar ohne Phantosie, Sittlichkeit ohne Einföhlung in die Innenwelt anderer Menschen, Religiosität ohne eine Ahnung von dem, was in Worten nicht mehr dusgedröckt werden kann, sondern nöor in großen vielsagenden Symbolen?-Die Kunst Wasserfarbe(Unterstofe) Fußballspieler- in weitester Bedeutung beruöht dof der Föhigkeit, durch-— seelte Symbole zu schaffen; sie fordert vom Empfangenden, daß er sich för den öberverständigen Sinn solcher Symbole öffnet. Bei der Erziehung zur Musik, zum Zeichnen, zum Malen, zum plastischen Gestalten geht es um mehr als um „Fertigkeiten“(wie es in der fraurigen Lehrplansprache heißt). Es geht um den Menschen als Ganzes, um seine Rettung vom Druck der bloßen Sachwelt, um die Flögel, die ihm den Aufschwung zum Idealen erst ermöglichen. Wir betrachten die Kunsterzieher als die wertvollsten Bundesgenossen im Kampf gegen die Vermassung. Mögen sie die Kraft för ihr Werk und den Glauben dauran be— halten, daß in ihre Hände ein wesentlicher Teil der Zu— konft unserer Koltur gelegt ist, die in allem bewunderns- wert sein mag, nor nicht in der Pflege der Seele. Die Seele aber ist die Einfallspforte för alles eigentlich Geistige und Wenschenwördige. PROF. DR. PHILIPP LERSCH, MUNCHEN Die fortschreitende Spezialisierung des modernen Berufs- lebens hat es mit sich gebracht, daß unsere heutige Er-— ziehung ihren Akzent vor allem duf die Vermittlung von Kenntnissen und die Ausbildung von Fähigkeiten legt. Man kann ihr daraus keinen Vorwöorf machen. Denn sie frägt damit lediglich den Verhältnissen Rechnung, die durch den vielgliedrigen und komplizierten technisch-organisatori- schen Apparat des modernen Lebens gegeben sind. Er ist es ja, in dem der einzelne seinen Platz finden soll. Und er tot es, indem er sich duf einen Beruf vorbereitet. Wenn aber Erziehung noch etwos anderes sein soll als die bloße Einhilfe zur Anpassung on das Leben, wenn es zu ihren Aufgaben gehört, sich um die Bildung des ganzen Menschen zu bemöhen und ihm doch die Welt jener Sinn- gehalte zu erschließen, die in den Schöpfungen der Kultur ihren Ausdruck finden, dann kann kein Zweifel bestehen, daß duch die Kunsterziehung ein pädagogisches Anliegen ersten Ranges ist. Das gilt för alle Zeiten, es gilt aber vor allem und im besonderen för die unsrige. Kunsterziehung ist heute nicht nor die Eöeiterföhrung einer kolturellen Tradition, sondern Fußballspieler- Wasserfarbe(Unterstofe) Köhe- Linolschnitt(Unterstofe) sie hat duch eine eminent wichtige Aufgabe als Korrektor von Einseitigkeiten, die die Entwicklung der modernen Lebensform zwangsläufig mit sich brachte. So ist es ein Zog unserer Zeit, die Welt immer mehr zu einem Feld von Zwecken zu machen und in ihr nor verwertbare Sachen, aber keine Bilder mehr zu sehen, in denen das Wonder der Schöpfung unmittelbar zu uns spricht. Hierzu ein Gegen-— gewicht zu schaffen, den Wenschen dus der Verzweckung der Welt und seiner eigenen Bildverarmöung zuröckzurofen ond ihm auch die andere Seite des Lebens zu zeigen, dos ist eine der Aufgaben, die heute in der Kunsterziehung ge- sehen werden mössen. Es sind aber noch andere Zöge un— serer Zeit, die der Begegnung mit der Konst eine gestei- gerte Bedeutong verleihen. Das leben des modernen Menschen steht unter dem onverkennbaren Zeichen der Hast und der Ruhelosigkeit. Es geht auf in der Punktodlität des Augenblicks, und die Angst, die heute immer wieder als das för unsere Zeit charokteristische Lebensgeföhl ge- nannt wird, ist nicht zuletzt der Ausdruck eines gesteigerten Bewöoßtseins von der Flöchtigkeit des Daseins. Wenn es deshalb ganz so dussieht, als ob der heutige Mensch dos Geföhl för Dauer verloren habe, und es darauf ankommt, dieses Geföhl wieder zu erwecken und den Blick ins Über-— zeitliche zu lenken, so ist gerade die Kunst dazu mitbe-— rofen. Denn echte Konstwerke sind so etwas wie Fenster ins Absolute, sie sind- nach einem Wort von Hermann Hesse-„die Oberwindong von Vergänglichkeit“, sie sind, om es vorsichtiger zu sagen, zumindest Versuche zur Ewig— keit. Und noch ein Letztes erscheint mir wichtig. Die heute sο notwendige Speziulisierung der menschlichen Tätigkeit, die öbrigens schon in der Schule beginnt, hat zur Folge, daß der einzelne sich gor nicht mehr als lebendige und ge- schlossene Einheit erlebt, daß sein Tun nicht mehr Aos— druck seiner Persönlichkeit ist, sondern immer mehr den Charakter einer notgedrungenen Erledigung annimmt. Auch hier vermag die Konsterziehung ein wirksames Gegengewicht zu schaffen, indem sie wenigstens in der Phantasiebetätigung eigenen könstlerischen Schaffens den produktiven Seelenkräften die Möglichkeit ihres Ausdrucks ond ihrer Verwirklichong gibt. Es will mir scheinen, daß hier geradezu eine therapeufische Aufgabe zu erföſſen ist. Die Erfahrung zeigt, daß es öberall do, wo die Mög⸗ lichkeiten des persönlichen Lebens ungelebt bleiben und verdrängt werden, zu neurofischen Störungen kommen kann. Wenn deshalb die moderne Psychotherapie unter Linolschnitt(Unterstufe) Gänse- anderem das freie Zeichnen als Mittel benötzt, um den Wenschen dos der Einseitigkeit und Verkrampfung zu lösen ond ihm domit einen Weg zur Selbstverwirklichong 20 öffnen, so sollte sich die Schule dieses Weges schon vor- beugend bedienen und gerade in dieser Wirkung der Kunsterziehung ein besonderes Anliegen sehen. PROE. DR. WMARTIN KEILHACKER, AMOUNCHEN Angesichts der Tatsache, daß in der Gegenwart und vor-— aussichtlich erst recht in der Zukunft immer mehr Menschen gezwoöngen sind, ihre Berufe als Spezidolisten duszuöben, d. h. daß sie in der Berufsarbeit nur einen kleinen Aus— schnitt aus der Gesamtheit ihrer menschlichen(körperlich- seelisch-geistigen) Anlagen einsetzen und zur Entfaltung bringen können, scheint es mir um so dringender notwen-— dig, daß sich die Schulen um eine gleichmäßige Entwick- long der heranwachsenden Menschen im ganzen kömmern; denn nor der Mensch wird aouf die Dauer innerlich gesund ond in vollem Sinn Mensch sein können, der seine beruf- liche Spezialistentätigkeit durch einen großen Reichtom allgemeinmenschlicher Erlebnisse und Werte duszugleichen vermag. Vermotlich werden duch nor jene Völker imstande sein, ihre in Jahrhunderten gewachsene Kuſtur zu erhalten ond in großen geistigen Leistungen immer wieder schöpfe- risch zu erneuern, deren Angehörige noch volles Menschen- tom verkörpern, nicht in einseitigem Spezialistentom zu— nehmend menschlich verkömmern und entarten. Aufgobe der allgemeinbildenden Schulen NVolksschulen, Mittel- schulen, höhere Schulen) ist es, in der Zeit der Kindheit und Jugend eine entsprechende allgemein-menschliche Ent- faltung anzubahnen und zu fördern. För die höheren Schulen bedeutet dies, daß duch sie keine verkappten Speziœlistenschulen, nämlich in erster Linie Vorbereitungsanstalten för wissenschaftliche Hochscholen sein dörfen, sondern doaß sie in vollem Ernst allgemein— bildende Schulen sein sollen, allgemeinbildend nicht im Sinn einer enzyklopädischen Allerweltsbildung, sondern einer Bildung, die ebensosehr in die Tiefe geht wie sie Aufgeschlossenheit för alle Gebiete menschlicher Werte, nicht nor för die wissenschaftlichen, einschließt.-Die höhe- ren Schulen sollen Ausleseschulen sein, aber nicht im Sinn einseitiger Auslese intellektuoeller Anlagen unfer Außer-— achtlassung, vielleicht sogar duf Kosten der öbrigen mensch- lichen Anlagen. WEVVer nicht die nötigen intellektuellen An- lagen mitbringt, gehört nicht auf die höhere Schule, aber wer nicht duröber hinaus eine hohe allgemeinmenschliche Veranlagung mitbringt und entwickelt, verdient nicht und ist letzten Endes auch nicht imstande, einen geistigen Beruf im Dienst und zum Notzen seiner Mitmenschen duszuöben. Volles Menschentom schließt dußer intellektueller Bildung mitmenschliche Bildung, d. h. Röcksichtnahme, Opferbereit- schaft im Dienst anderer usw., und nicht zuletzt musi-— sche Bildong mit ein. Mosische Bildung ist hier sehr weit und umfassend gemeint. Sie umschließt die Entfaltung und Pflege aller menschlichen Ausdruocksfähigkeiten und Ausdruocksbedörfnisse in Sprache, Gesang und jeder Form von Mosik, in Mimik, Gebärde und gesamtkõörperlicher Bewegung, im Zeichnen, Malen usw. Mosische Bildung in diesem Sinn ist von besonderer Be— deutung und Notwendigkeit för die Phase der Kindheit bis zum vollen Einsetzen der Pubertät, also einschließlich der onteren Klassen der höheren Schule, deren Schöler in ihrer noch ungebrochenen Ausdröcksfähigkeit, ihrer Spielfreude und ihrem Kräffeöberschuß eine musische Bildung im wei— testen Sinn nicht nur ermõglichen, sondern von ihrer Alters- entwicklung her gerodezu fordern. Eine volle allgemein- menschliche Bildung ist in dieser Zeit ohne eine umfassende mosische und mösisch-gymnastische Bildung gar nicht mög-— lich. Aber duch nach dem Einsetzen der Pubertöt, wenn sich die mösischen und könstlerischen Fähigkeiten mehr und mehr differenzieren und spezidlisieren- nach Geschlecht vnd Individuolität verschieden-, verliert die musische Bil- dung nichts von ihrer Wichtigkeit, sowohl im Sinne einer allgemeinen Geschmacksbildung und Geschmacksverede- long wie auch im Sinne der besonderen Ausbildung mösi- scher und könstlerischer Fähigkeiten in Musik, Zeichnen, Malen usw. Solange und soweit die höhere Schule allge— meine Menschenbildung in ihrer Weite und Tiefe anstrebt, wird sie duf eine umfassende musische Bildung nicht ver-— zichten können, die zum Allgemeinmenschlichen nicht nur am Rand oder zur Verschönerung, sondern im Kern dozu- gehört. ARNO HENNIG, seit Herbst 1953 hessischer Koltusminister Bundespräsident Theodor Heuss hat das Germanische Möo— seum in Nörnberg bei der Jahrhundertfeier eine Fluchtburg der deufschen Seele genannt. Man kann diese schöne Be-— zeichnung getrost erweitern auf dos gewaltige Erbe an Kunstwerten, das uns frotz grausamer Verluste durch die Ausbombung und vor allem dorch die Wegföhrungen dus Mitteldeutschland verblieben ist. Das Seelenleben des Menschen der Nachkriegszeit hat die Ruhe und Sammlong nicht gefunden, die ihm zur Wiederherstellung nach den Schrecknissen vieler Jahre so nofgetan häften. Die mate- rielle Bedrängnis, der Mangel, der Hunger sind es nicht gewesen, die den Weg nach innen verbaut hätten. Gerade die schlimmsten der Nachkriegsjahre haben eine verhei- Bungsvolle Aufbruchsbereitschaft gezeigt, die leider nur allzuschnell wieder in sich zusammengesunken ist. Es zeigt sich immer deutlicher, doß der oungeschötzte Mensch von heute, wenn er nicht eine sehr willensstarke Persönlichkeit ist, immer stärker öbermächtigt wird von Ein-— flössen, die ihn zu wehrlosem Hinnehmen verurteilen durch mechanisierte Unterhaltung. Nur wenigen bleibt Zeit und Kraft zur kritischen Auswahl und zur kritischen Abschirmung der eigenen Fassungskraft vor der UÜberflotung dorch tech- nisch allzuleicht erreichbare Zerstreuung. Die musedlen Konstschätze werden heute zum Teil in vor-— bildlicher Weise dem Publikum erschlossen und nahege— bracht, aber eben nur dem Publikum, das hingeht. Ein weites Feld steht der Schöle offen. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg schien der unseſige pädagogische Materialismus, der im Hineinstopfen von Stoff ins Gedãcht- nis das Wesen der Bildung sehen wollte, zum Aussterben verurteilt. Nach 1945 hat er, getarnt als„Leistungsprinzip“ eine unerwartefe Auferstehung erlebt. Gerade deswegen könnte und mößte eine geduldige, feinföhlige, reiche Be- ziehungen zu—nderen Gebieten pflegende Erziehung zum Kunsterlebnis einen unschätzbaren Ausgleich herstellen. Aber ob das gelingt, hängt vom Lehrer db. Hier wie öber- all zeigt sich, daß die Lehrerbildung das Herz- und Kern- stöck jeder Schulreform ist.— Alle Bemöhungen um das Kunsterlebnis mössen zwei Ge- fahrenklippen umschiffen: die Bildungsphilisterei und die Passivität des Menschen. Vor einem Gemäöälde möuß der Betrachter vor allem erst wieder sehen, vor einem Musikstöck hören und vor einer Dichtung innerlich schauen lernen. Dazo braucht man Zeit ond Gedold. Erst wenn es dorch freudiges UÜben gelungen ist, viele Kunstwerke zu lesen und zu deuten, mögen Könsfler- schicksale und Zeitumstände herangezogen werden, um dos Kunstwerk zu begreifen als dosdrucksvolles Dokument eines Zeitalters, seiner Menschen und ihres Zusammen-— lebens. Wenn eine aufgeschlossene Soziologie die Kunst nicht länger den Kunstwissenschaftern allein öberläßt, kön- Porträt der Motfter- Deckfarbenmalerei(Mittelstufe) nen wir es noch erleben, daß man die innersten Aufschlösse öber die Geschichte der Menschen mindestens ebenso exokt dus den hinterlossenen Kunstwerken erhält wie aus schrift- lichen Dokumenten. Alle Kunsterziehung moß scheitern, wenn sie on den Men- schen nor herangetragen wird, ohne daß er selber fäfig werden kann. Dichtung, Mosik, bildende Könste wenden sich an den Venschen, jo sie bedörfen seiner, um wirklich zu leben. Der Könstler ist unglöcklich ohne seine Ge— meinde. Darum wird Erziehung zum Kunsterlebnis psycho- logisch feinföhlig die Stelle dusmiffeln, von der her der Mensch selber tätig werden koann und will, wo seine in- neren Kröfte anspringen, um sich den Ertrag des Erleb- nisses zu erwerben. Unsere westliche Welt wird bedroht von einer Art Atom- bombe des Ostens. Darunter verstehen die weitschauend Besorgten unseres Volkes jenes geistige und seelische Vo- kuum, das die Mehrzahl unserer Menschen innerlich heimat- los macht und zum Mitschwimmen in einem fröben Strome des Halbwachbewußtseins verurteiſt. Die Erziehung zum Erlebnis unserer unvergäönglichen Kunst- werke wird allein die Gefahr gewiß nicht bannen. Aber ein Volk, das an seiner Kunst voröberginge, hätte die Kraft zum Widerstand, die Kraff zur Selbstwiederfindung ver- loren. Die Kunst ist die stärkste Kraftquelle gegen die f6d. ſiche Mechanisierung des Lebens. MINISTERALRAT PROfF. DR. OTIO HAASE, HANNOVER Die deutschen Kunsterziehertagungen haben seit 50 Jahren einen goten Klang, nicht nur unter Pädagogen, sondern Porträt der Mofter- Deckfarbenmalerei(Unterstofe) auch in der öffentlichen Meinung. Durch die ersten Kunst— erziehertagungen wurde einst der erstarrte Schulunterricht ond doröber hindus die ganze Volkserziehung in eine Be- wegung gebracht, die heute noch spörbar ist. Das wird immer ihre historische Leistong bleiben. För die Gegenwart ond die Zukunft solſte sich die Kunsterziehungsbewegung zwei Aufgaben stellen, eine alte und eine neue. Mit der alten nimmt sie ihre ureigensten Bestrebungen dus dem Beginn dieses Jahrhunderts wieder duf. Ich meine die Geschmockserziehung. Wo es heute auf der einen Seife einen kleinen Bereich hochkulſtivierter und vollendeter Lei- stungen in Boukonst, Raumgestaltung, Graphik usf. gibt, steht duf der underen Seite ein bedrohlicher Niedergang des ästhetischen Urteils und des Geschmacks in den Dingen des fäglichen Umgangs uvnd Gebrauchs. Mit einem Ge— schmacksverfall haben immer in der Geschichte Zeiten des Niedergangs begonnen. Hier giſt es, Dämme zu bauen und neue Wege zu finden. Die zweite und neue Aufgabe zielt auf die Besinnung, die gedankliche und geistige Neuorientierung, kurz gesagt duf die Grundkräfte, aus denen das Leben gespeist wird. Hier- zu bedarf es eines neuen Standortes. Die Kunsterziehung sollte, meine ich, zu ihren benachbarten und befreundeten Bestrebungen im Reiche des Schönen engere Verbindung suchen. Bei jedem Vormarsch in Neuland ist es got, Ge-— fährten zu haben. Ich denke an die Rhythmik, die neue Musik und das Loienspiel, also an das, was ich das mösische Quadrivium genannt habe. Es deutet viel darauf hin, daß die Menschheit in ihrer Not und Ausweglosigkeit för neue Antworten bereit ist. Hierzu vermag unter allen Grund- kräften des Lebens wahrscheinlich das Musische— ond nicht nor das in engerem Sinne Könstlerische und Kunstvolle— den besten und den sichersten Weg z9 zeigen. BUNDESPRASIDENT PROf. DR. THEODOR HEUSS Wir hatten im Gymnasium mit der 5. Klasse Schloß mit dem Zeichenunterricht, und dann habe ich eine Eingabe gemacht an den Gemeinderat der Stadt Heilbronn, in der drin stand: Wir möchten gern in dem Gebãude der jetzigen Robert-Meyer-Oberschule- damals Realschule und Real- gymnasium- einen Zeichensaal zur Verfögung gestellt be- kommen.-Wer„wir“? Fönf Kerle, die jetzt in die 6. Klasse aufgeröckt sind.-Und dann kam der schöne Augenblick, wo mich der domalige Rektor Dörr zitiert hat, wie ich auf die Idee komme, unmiffelbar eine Eingabe an den Ge-— meinderat zu machen. Ich habe mich nicht darauf beziehen können, daß im„Grundgesetz“ eine Eingabe an die Be— hörden oder so efwas erlaubt ist, sondern ich habe dem Rek- tor Dörr bloß ganz unbefangen gesagt:„Weil ich genau gewußt habe, bei lhnen bleibt die Eingabe liegen“. Weil er das Zeichnen för zwecklos hielt. Wir haben damals einen sozusagen revolutionären Durchsftoß erreicht, daß, solange ich duf der Schule war, wir dann Zeichenunterricht frei- willig einföhrten, weil ein paar von uns jungen Menschen spörten, daß dos also mit dazu gehöre.- W¼s will das heißen? Daß wir etwas herduskommen wollten, ich glaube auch, herdusgekommen sind, dus der Pedanterie des rein logisch unterrichtlichen Mitteilens von Stoff und ein Stöck des Schöpferisch-Mosischen duch in die Oberschule herein- gekommen ist. Bei der Einsetzung des Deuftschen Ausschusses för das Er— ziehungs- und Bildungswesen(Herbst 1953) bezeichnete der Herr Bundespräsident das mösische Schaffen als eine„Kraft der Menschenbildung, eine Stufe, die wesentliche Stufe zur Menschenbildong“. PROF. GERHARD MARCKS, KOLN Die Deutschen sind ein Volk der Ohren geworden, die Augen sind ihm abhanden gekommen. Aber es bleibt be- stehen: Das Auge ist des Leibes Licht ond unser edelster Sinn. Und seine Vernachlössigung hat sich bitter gerächt. Das Drillen duf zweckbedingtes Denken hat uns wohl z9 föchtigen Arbeitern, aber zu unharmo- nischen amusischen Menschen gemacht. lch kann mich nicht entsinnen, daß auf der Schule(es war damals die beste von Berlin) je von Kunst die Rede ge— wesen wäre; so zwar, daß ich noch als Abitvrient glaubte, Bildende Konst sei Literator, weil man davon„gebildet“ wird. Es hat inzwischen einige bemerkenswerte Anläufe zu musi- scher Erziehung gegeben. Laßt sie nicht wieder versacken! PROF. DR. WILL GROHMANN, BERLIN Unser öffentliches Leben leidet darunter, daß an den ent- scheidenden Stellen beinahe öberalſ Menschen dirigieren, die höchstens zur Geschichte der Kunst eine Beziehung haben, dber nicht zur Kunst seſbst. Nor um diese handelt es sich, denn för die Kunsthistorie wird mancherlei getan. Es gehört keine ungewöhnliche Begabung dazu, um nach 450 Jahren das Werk Dörers zu verstehen, dagegen eine große Aufgeschlossenheit, um das Schaffen der zeitgenös- sischen Könstler zu begreifen. Die Welt hat seit der Jahr- hunderfwende eine so große Wandlong erfahren, daß wir mit den bisherigen Methoden des Unterrichts nirgends mehr zum Ziele kommen. Die Kunst ist wie die Wissenschaft in ein neues Zeifalter getreten, sie beruht duf underen Vor-— aussetzungen als vor 1900 und fendiert zu anderen Zielen. In England und in Ameriko hat man mit einer grundsätz-— lichen Revision und einer starken Erweiterung des musi- schen Unterrichts die besten Erfahrungen gemaucht und be- neidenswerte Ergebnisse erreicht. H. Redd glaubt, doß das Wohlergehen der Völker und ihre gegenseitige Ver- ständigung von einer besseren möusischen Erziehung ab-— hänge und daß bei einer richtigen Lösung dieser Aufgabe in absehbarer, wenn auch gerdaumer Zeit, die Welt hoff— nungsvoller dussähe! Dieser Glaube ist auf alle Fölle för-— derlicher als unsere Angst vor„Utopien“. JULES JELTSCH, SCHWEIZ Präsident der Gesellschaft Schweizerischer Zeichenlehrer Der Konstunterricht muß vom Kinde dusgehen und die in ihm schlummernden formschoffenden Kräfte zu wecken und zu entwickeln suchen, damit aus ihnen reine Gestaltung fließe. För das vorpuberale Alſter scheint der Weg zur Ver-— wirklichung dieser Forderung gefunden. Wenn es uns ge— lingt, auch öber das Pobertätsaſter mit seinen Spannungen die richtige Bröcke zu schlagen, können wir der Jogend das schenken, wos in der heutigen Zeit des materiglisti- schen Denkens immer mehr verlorenzugehen droht: dos Glöck und die Kraft, das wahrhaft Schöne zu erkennen und zu lieben. Aufbou-Töpferei- Ton(Mittelstofe) DR. JOSEF HAUBRICH, KOLN Schöpfer der hervorragenden Sammlung Haubrich Es ist unzweifelhaft, daß die Heranföhrung der Kinder und Jugendlichen an die Kunst der Vergangenheit und Gegen- wart eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit ist. Die einseitige Hinneigung unserer Jugendlichen zum Sport und zum Materialismus schreit geradezu nach einem Ausgleich durch Beschöftfigung mit könstlerischen und ideellen Dingen. OR. LUDWIG PRAEHAUSER, SAZBURG Die Kounsterziehung besteht in der Pflege der klärenden Kräfte unserer seelisch-geistigen Lebendigkeit, also in der Pfrege der Eindruckserfassung und des quellhaften, indivi- duellen Ausdrocks. Innerhalb der schulischen Gemeinschaft wird diese Pffege bei wechselseitiger freier Aussprache frochtbar för die Urteilsbildung und leitet zu besinnlicher, betrachtender Erfassung sowohl der Wirklichkeit wie aller seelisch-geistigen Leistungen. Die Kunsterziehung ist kein Sondergebiet, kein Fach, sie ist erzieherisches Wirken in der allumfassenden Sphäre freier schöpferischer Entfal- tongen. Der zunehmenden Verwahrlosung der Empfindung för die Sprache der Formen wirkt die Kunsterziehung als noftwendige Rettung entgegen. PROF. HASSENPFLUG Direktor der Landeskunstschuöle Hamburg Die könstlerische Erziehung ist die Grundlage der Koltur. Es mag im ersten Augenblick vermessen erscheinen, einen Aufbau-öpferei- Ton(Unter- und Mittelstofe) solchen Satz dofzustellen, aber sind denn die Kuſturgrund- lagen auf anderen Gebieten zu suchen? Efwa in der Er-— höhung des Lebensstandards? Eine Kuſtur ohne Reich-— tum ist durchaus möglich. Eine Kulſtur ohne könstlerische Er- ziehung oder, anders dosgedröckt, ohne Geschmacksbil— dung, ist jedoch unmöglich. Die Geschmocksbildung muß allumfassend sein, angefangen vom fäglichen Gebrouchs- gegenstand bis zum Bild und zur Plastik. Nor dof der Grundlage einer allgemeinen Geschmacksbildung, die schon den jongen Menschen erfaßt, sind Spitzenleistungen der Kulſtur erreichbar, die eine Generation mitzureißen vermögen. PROF. DR. TIBURTIUS Senotor för Volksbildung Berlin Obwohl manche Meinungsverschiedenheiten öber die Fra- gen der Jogenderziehung bestehen, begegnet man heufe der einmötigen Auffassung, daß es vordringliche Aufgabe der Schule ist, alle guten Anlagen und Kräfte der Jugend harmonisch zu bilden. Weite Kreise der pädagogischen Welt befonen, daß eine einseitige Schätzung des Intellekts in der Bildung der Jugend unerfreuliche Folgen zeitige und daß der Entwicklung der Kräffe geföhlsmäßigen Aufneh- mens, gestoltenden Ausdrucks und churakterlicher Bewöh- rung besondere Aufmerksomkeit geschenkt werden mösse. Die große Bedeufung der musischen Erziehung in der Schuöle beruht daroouf, daß hier der junge Mensch ermuntert wird, sich ausdrocksmäßig ohne Scheu mitzuteilen, die Sinne dem Empfang von Eindröcken dus der Umwelt öber das Sichtbure, Tastbare, Hörbare, Spörbare und zu Er— ahnende zu öffnen und sich selbständigem Planen und Ge— stalten hinzugeben. UÜber die UÜbung und Verfeinerung der 10 Organe hinaus verhilft die musische Erziehung dem jungen Menschen zu Fähigkeiten, Fertigkeiten und Tugenden, die doch der praktischen Bewährung im Lebenskampf dienen. Die geistige und chorakterliche Entwicklung der Jogend wird dorch eine vielseifige musische Erziehung wohltätig beeinflußt. STIADTRAT DR. KARL VOM RATH Kulturdezernent der Stadt Frankfurt a. M. Die unvergäönglichen Werte der bildenden Kunst von der Antike bis in die jöngere Zeitepoche hinein der Jogend zu erschließen und sie damit vertraut zu machen, halte ich för die dringendste und wichtigste Erziehungsdufgabe. Denn die einmalige Harmonie eines Kunstwerkes, die sich dos Chaos ond Wirrnis der Jahrhunderte herouskristallisiert hat, weckt nicht nur den Schönheitssinn und den Geschmack, sondern bildet die Grundlage zur Ethik der werdenden persönlichkeit. Aber eine solche Aufnahmeföhigkeit ver- langt eine regelmäßige Schulong von Auge, Geist und Stil— geföhl. Richtiges Sehen will gelernt sein. Zor Bildung eines eigenen Urteils gehört Können; duch dof diesem Gebiet gibt es wie öberall Meister und Stömper. Um der jöngeren Generation ein storkes Gegengewicht, eine öberzeugende Vergleichsmöglichkeit gegen die Vermassung, Verflachung ond Schnellebigkeit dieser Zeit mitzugeben, halfe ich es för ein undbwendbares Erfordernis, den Konsterziehern die Stundenzohl im Lehrplan einzuréumen, die sie zur Er-— föllong ihrer gewiß nicht leichten Berufung brauchen. S0 sehr die Mosikerziehung zu begrößen ist, wage ich doch zu behaupfen, daß der Kreis der för die bildende Kunst zu gewinnenden Jogend größer ist als die Schar der för die Mosik Begeisterungsfähigen, dus dem einfachen Grunde, Weiden- Weiße Tusche (Mittelstuofe) weil die Mosik, wenn ihre Erlernung eine Beglöckung und Bereicherung darstellen soll, eine dusgesprochen eigene Begobung voroussetzt. Um die bildende Konst zum wirk- samen Erlebnis einer geistigen Entwicklung werden zu las-— sen, bedarf es hingegen nor eines offenen Auges und eines einföhlsamen Geistes. PROF. JOSEF HENSELMANN präsident der Hochschole der Bildenden Könste Mönchen Der einzige aussichtsreiche Weg zor Schließung der Kloft zwischen der Kunst und dem Volk und zur Hebung des Geschmackes der breiten Schichten des Volkes liegt dorin, duf die Jogend in den Schulen rechtzeitig und nachdröcklich geschmackbildend zu wirken durch eine gute, systemdotische Kunsterziehung. Eine solche Erziehung kann nor der Fachmann vermitteln, d. h. der Könstler, der durch sein Beispiel duf die Schöler anregend wirkt. Der Kunst-— onterricht dorf nicht einseitig sein; er darf also nicht das Zeichnen oder die Kunstgeschichte ungerechtfertigt bevor- zugen, sondern er muß den Geschmack und alle könstle-— rischen Fähigkeiten der Schöler gleichmäßig bilden. Auf den Schulen, insbesondere auf den höheren Schulen, wer-— den die Leute erzogen, die spöter in einflußreichen Stel- longen der Wirtschaft, der öffentlichen Verwaltung, der Kirche Kunstwerke anschaffen und Aufträge an Könstler vergeben, deren Kunstverständnis also sehr weittragende Auswirkungen auf dos könstlerische Leben hatf; doch dus diesem Grunde ist der Kunstunterricht in der Schule von größter Bedeutfung. Unser gesamtes Bildungswesen krankt an einer Uberbewer- tong des Verstandes und seiner Pflege zum Nachteil der anderen geistigen Kräfte und ihrer Ausbildung, insbeson-— dere zum Nachteil der musischen Anlagen und ihrer Förde- rong. Die große Bedeutung der Kunsterziehung in der Schole liegt darin, daß sie berofen ist, das verlorengegan- gene Gleichgewicht zwischen den intellektuellen und den mösischen Kräften im Menschen wiederherzustellen- zum Vorteil der menschlichen Persönlichkeit und zum Yorteil der Bestrebungen, der Kunst wieder den geböhrenden Platz im Leben des einzelnen und des ganzen Volkes zu verschaffen. DR. WALITER PASSARGE Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim „Bildet zuerst das deutsche Auge, das solange dem deut- schen Ohr nachbleibt.“ Diese mahnenden Worte Jean Pauls haben noch nichts von ihrer grundlegenden Bedeutung verloren. Leider werden sie in der heutigen Unterrichtspraxis noch immer viel zu wenig beachtet. Es muß deshalb einmal deutlich gesagt werden: Die könstlerische Erziehung ist för die Jugend von dem gleichen Eöert wie die heute fast allein herrschende wissenschaftliche Unterweisung. Diese Erkenntnis, die fröher einst gerade in Deutschland erurbeitet worden ist, hat seither in vielen Kolturnationen zu einer grundlegen-— den Umgestaltung des Erziehungswesens geföhrt. Es ist an der Zeit, daß wir auch in Deutschland, das so wertvolle Impulse för die Kunstpädagogik gegeben hat, der möusi- schen Erziehung des ſöngen Menschen endlich den Platz einräumen, der ihr geböhrt. Ich glaube, daß nör eine Bil- dong, die den ganzen Menschen ergreift, in der Lage ist, Persönlichkeiten heranzuziehen, die den Aufgaben der kommenden Zeit in jeder Weise gewachsen sind. Entworf zu einem Fabrikbau(Mittelstofe) MINISTERALRAIT DR. WALITER KEM, MUNCHEN Die politische Grundfrage der Demokratie ist die der Er- ziehung.„Harmonisch“ erzogene(d. h. innerlich geordnete) Menschen werden auch in äußerer Ordnung und Einheit zusammenleben und so dem Gemeinwohl dienen. Eine echte,„humane“ Bildung soll alle menschlichen Fähigkeiten ond Anlagen aoufeinander abstimmen, fördern und ent-— wickeln. Seit langer Zeit sind- mon kann dos wohl schwer bestreiten- duf Kosten der intuitiv-schöpferischen(d. h. der im weitesten Sinne mösischen) Fähigkeiten die Kräfte des Intellekts gebildet worden; und oft worde bei der Pflege des Mosischen mehr östhetisches Tatsachenwissen ver-— mittelt, als dessen Ordnungsfunktion betont. Die heutige Kunsterziehung muß nofwendiger Bestandteil der so viel Wohnraum-Entworf- Schrägprojektion(Mittelstofe) 11 Mosken- Papier, Bast, Wolle(Unterstofe) diskutierten Erziehungs- und Bildungsreform sein. Alle Er-— zieher sind dovon zu öberzeugen, daß nur durch entspre- chende Beröcksichtigung der musischen Bildung(die durch religiõse Erziehung vervollkommnet wird, aber sie nie er- setzen kann!) wahrhaft siftliche Wenschen heranwochsen; diese werden vermöge der vermittelten Erkenntnis des Schönen als des däußeren Abglonzes des Wahren ond Goten und damit letztlich Gottes vorbildliche Träger des Gemeinlebens sein. Wir broauchen bei unserer heutigen Massenkultor und dem Angebot von indostriellen Massen- erzeugnissen Urteilsfähigkeit, um echte Qualität vom WEöert- losen zu unferscheiden; jeder Lehrer, nicht bloß der Kunst— erzieher, sollte schon hinsichtlich der Dinge des fäglichen Gebrauchs erreichen, daß wir von Jugend an in einer„ge- ordneten“ äußeren Umgebung wohnen. Ein Kunstwerk solſte nicht als Gegenstand des„Genusses“ betrachtet wer- Marionetten(Mephisto und Kasper)(Oberstofe) 12 den, sondern die in ihm vorgebildete Ordnung ist dorch innere, echte, tätige Anteilnahme zu erschließen! Mößten onsere Museen nicht noch mehr wie bisher, etwo nach angelsächsischem Vorbild, als wirklich lebendige Bildungs-— stätten in jede Stufe der Erziehung einbezogen werden? Die Weckung der schöpferischen Aktivität im musischen Bereich soll also nicht dozu dienen, möglichst viele Könst-— ler oder„Kenner“ heranzuzöchten, sondern lehren, echte Qoalität und die Schönheit der Dinge zu erkennen. Da-— durch wörde im Endergebnis unser Wirtschafts- und Ge-— meinleben von Grund auf umgestaltet und eine jetzt vor- handene Unordnung zum Gufen geöndert. Das Ziel der Kunsterziehung ist nicht, nur äösthetisch die allgemeine Erziehung zu ergänzen, sondern die Juogend ethisch zu vervollkommnen. Mit Fug und Recht mößte eine solche duf„Harmonie“ gerichfete Bildung„humanistisch“ genannt werden. MINISTERIALDIREKTOR DR. OTIO KOCH Solange die Bindungen des Glaubens oder doch die Bin— dungen einer lefztlich vom christlichen Glauben abgeleite- ten Ethik allgemein bestanden, konnten die verheerenden Wirkungen der einseitig rationalen Erziehung nicht kraß zutage tfreten, erst die Zeit des Niederganges und des Zu— sommenbruchs offenbarten dos ganze Elend einer rational wochernden, seelisch verkömmerten Zeit. Wo ist der große Gegensotz zu der Erziehung des Ostens? Ist es nicht nor ein gradueller Unterschied, wenn man dort den Menschen völlig als nötzliches Glied der Gesellschaft verheizt, wäh-— rend er im Westen zugleich weitgehend seine ratio per- sönlichen Zwecken und Vorteilen dienstbar machen dorf? Westliche Erziehung möuß die ganze Seele pflegen. Anim ist nicht nor ratio, sondern duch religio, Ebenbild Goftes, das heißt schöpferische Kraft, Gestaltung des Seelischen. Dorum ist es eine schwere Schuld der wesflichen Erziehung, daß sie doch heufe noch der Konst ond Musik nor eine Aschenbrödelstellung in der Schule zuweist, sowohl der Stondenzahl nach, die man ihr zugesteht, wie duch nach der Einschätzung ihrer pädagogischen Bedeutung. Solange der Westen nicht die schöpferischen Kräfte des Kindes und des jongen Menschen dof allen Gebieten durch die Methoden des Unterrichtens und Erziehens entfaltet, so lange ver- wirklicht er nicht den Gegenpol zum Osten, die Freiheit der vollen menschlichen Persönlichkeit. Warum versteht onsere Jogend in West und Ost kaum noch, was wir Alten onter der„freien Persönlichkeit“ verstehen? Weil sie sich nicht an sich und in ihrer WEVelt erſebt. Das sind Gedanken, die von den Kunsterziehern seit Jahr- zehnten nicht nur gepredigt, sondern in dem engen Rahmen ihres Erziehungsaouftrages dorch Weckung und Pflege der mosisch-schöpferischen Kräfte verwirklicht werden. Aber sie stehen meist einsam mit ihrer Forderung da, gestötzt vielleicht von den Mosikpädagogen und Germanisten, aber wo ist die Schule, in der ihr Prinzip des Kampfes gegen die Entseelung und Verflochung Unterricht und Erziehung be- herrscht? Wo ist die Schule, in der die Weckung und Pflege der in jedem Menschen schlöommernden könstlerischen Ge-— staltungskräfte duch dof die Pflege der produktiven geisti- gen Kräfte grundsätzlich angewandt wird? Demokratie ist Entfaltung des Vollmenschentums, der produktiven geisti- gen und seelischen Kräfte des Individoums zu selbständi- gem, verantwortlichem Handeln im Dienst der Gesamt- heit. Also ratio und anima in der Erziehung. STIADTRAT A. D. WALTER MAY, BERLIN Mit der Aufnahme der Fächer Zeichnen, Werken, Kunst— betrachtung usw. in die Stundenpläne unserer Scholen ist der Forderung nach könstlerischer Erziehung nör äußerlich vnd zeitlich meist in ungenögender Weise Genöge getan. Erst wenn wir bereit sind, dem Musischen seinen Rang ein— zuräumen als etwas,„was man för dos Leben braucht“, för ein gesundes und dufgeschlossenes Leben, wird die Frage der Ausdrucksgestaltung als ein wesentliches Element der schoölischen Erziehung erkannt werden. Auf diesen Aus-— gangspunkt kommt es an. Dann wird sich ein frischer Kraft- quell dorch den ganzen ÜUnterricht aller Schulstufen hin-— durch bemerkbor machen. Daß diese Forderung ein halbes Jahrhöndert nach den ersten Kunsterziehungstagen noch immer gestellt werden moß, darf nicht entmotigen. Gibt es doch duch sehr moderne Forderungen, die bereits Come- nius an die Schulen stellte, ohne daß sie bis heute allgemein in das pädagogische Bewußtsein der Eſtern, Lehrer und Haoushaltsdusschösse eingegangen und verwirklicht wären. DR. THEODOR MUILLER Direktor des Buyrischen Nationalmuseums Mönchen Meines Erachtens mößte methodisch alles dorduf ankom-— men, erzieherisch die jugendliche Fähigkeit zur spieleri- schen Aneignung auszunötzen und von fröh auf begreif-— lich zu machen, daß„Kunst“ dem Leben immanent, also nicht etwas Besonderes ist, was nöor einer bestimmten Menschengroppe- den Erwachsenen oder den Gebildeten oder den Vermögenden- zugehörig ist. Dann wörde, glaube ich, am meisten Aussicht sein zu erreichen, daß der jogendliche, d. h. der heranwachsende Mensch das fat- sächlich Besondere des Kunstwerkes von sich dus„ent— deckt“. A. GRlESSBACNH Direktor der Hohen Landesschule Hanads Es ist öber die Bedeutung der könstlerischen Jugenderzie- hung bereits so viel gesagt und geschrieben worden, doß es mir mößig erscheinen will, die nach meiner Ansicht öber- zeugenden Gedankengänge und die göltigen Formöolie- rungen des Bundes Deutscher Kounsterzieher zu wieder- holen. Wohl aber kann ich als langjähriger Leiter einer höheren Schule und dus gröndlicher Erfahrung heraus nor immer wieder die hohe erzieherische Bedeutung betonen, die dem wohlverstandenen Kunst-, Zeichen- und Werk- onterricht im Rahmen der mit Kopf-Fächern öberreich ver-— sehenen höheren Schule zokommt. Die heufige höhere Schole, die dus zwingenden Grönden öber ihre onterricht-— liche Funktion hindus wesentliche erzieherische Aufgaben zu erföllen hat, wenn sie ihre Existenz als allgemeinbil- dende Schuöle noch rechtfertigen soll, braucht hierzu neben dem politischen Unterricht und dem Möosikonterricht in erster Linie gerade die von der neuzeitlichen Kunsferzie- hong beabsichtigten Aktivationen: den Anruf der Ganz-— heiftskräfte, die seelische bzw. mandelle Auseinander-— setzung mit Materie und Form, dos„interesselose“, aber selbstverantwortliche Ringen mit dem sachlichen Partner (bapier, Farbe, Ton, Holz pp.) und das persönlichkeifsge- staltende Werkgeföhl als-wie ich glaube- unentbehrliche Formkräfte ihrer Bildungsarbeit. 5 4 as F 4 —, F. A. X 0 — AWAR2 Koο‿ 1 t —. 7 n — Linolschnitt(Mittelstofe) Frisör- KXONRAD LEMAMER, BERLIN Im allgemeinen wird man vom Verleger unnehmen, doß ihn die Frage des Kunstonterrichts in der Schule nur so weit interessiert, als er dodurch Käufer för seine Kunstböcher findet. Abgesehen von dieser rein praktischen Erwägung hot der Verleger zur Kunsterziehung natörlich noch eine andere Meinung, da er ſa im soziologischen Sinne duch so efwos wie ein Erzieher sein soll. Es mößte doch gerddezu selbst- verständlich sein, daß man neben der Literaturgeschichte duch Kunst- und Mosikgeschichte lehrt, um den Schölern wenigstens eine Ahnung kuſturhistorischer Zusammenhänge z9 geben. Etwas ganz anderes ist es mit der Bedeufung der schöpfe- rischen Jugenderziehung. Hier scheint eine NMöglichkeit zu liegen, dem nivellierenden Einffuß zu begegnen, den die öffentliche Schule doch im gewissen Maße hat und haben moß. Das Bestreben verantwortungsbewußter Pädagogen, die Kinder zu Persönlichkeiten zu erziehen, findet im Mal- ond Werkunterricht seine beste Unterstötzung. Indem man schon vom ersten Tage an die Schöler dozu verlockt, etwas Eigenes zu schaffen, kann man mithelfen, sie zum Bewußt— sein ihrer Individudſität zu bringen. Pferde- Linolschnitt(Mittelstofe) 13 Der Notzen des im akademischen Sinn„richtigen“ Zeich-— nens ist doch nöor gering im Vergleich zu dem onschötz-— baren WEWVert der Phantasie. Man sollte sie den Kindern so lange wie möglich erhaſten und die Eigenart jedes Wen-— schen achten. Der Lehrer, der die ihm anvertraufen Schöler als Individuen behandelt, leistet schon dadorch einen wertvollen Beitrag zur Erholtong der dbendſändischen Kuſtur, indem er den Verfechtern der Koſſektivierung die Arbeit erschwert. Kinder mit einer gufen kunstpödagogischen Vorbildung werden in ihrem späferen Leben den Dingen der Konst gegenöber dofgeschlossener und urfeilsfähiger sein als die Erwachsenen-Generation von heute und gestern. PROF. DR.NG. HANS SCHWIPPERT Erster Vorsitzender des Deufschen Werkbundes Kunstunterricht und Werkunterricht gehören zusammen. Kunsterziehung heute und morgen kann nör meinen: bei der Menschenbildung die gestoſterischen Kröfte, Bildongen ond Wirkungen zu bedenken, zu nutzen und zu fördern. Das geht nicht nur die Kunsterzieher an. Doch woren und sind sie hier Vortrupp. Es steht der schwerste Abschnitt noch bevor: wie jene oll- gemeinen großen, aufgefangenen Kräfte des kindlichen Menschen hinöbergleiten in das Ton oder Urteilen seines erwachsenen Lebens? Hier warten Erzieher und Schaffende der gebundenen und der freien Könste nicht nöor aof Bilfe, sondern duf grundſegenden WMechsel. Hier wird duch entschieden, ob ihre Möhe um die Wohl- 14 ansftöndigkeit der Geröte und Dinge, om die Angemessen-— heit der guten Form, um die Aufrichtigkeit und Sauberkeit des Bauens, om Sinn und Aufgabe der hohen Könste göl-— tigen, bleibenden und breiten Erfolg haben. DR. HANS VOGEL Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Kasse! So gewiß der Kunsterzieher in erster Linie die bildnerischen Triebe der ihm unvertrauten Jogend zu lenken und zu lei— ten hat, sollte die Rolle, die die Kunstbetrachtung und die Kunstgeschichte in seinem Aufgobenbereich spielen, nicht onterschätzt werden. Die Beumten unserer öffentlichen Kunstsammlöongen haben bei Föhrungen von Schölklassen immer wieder Gelegenheit, die großen Unterschiede in der Aufnahmebereitschaft der einzelnen Gruppen festzustel- ſen. Die eine Klasse ist stompf, verschlossen, unergiebig, die andere teilnehmend, aufgetan und manchmal selbst er- stäunlich kenntnisreich. Immer aber pflegt dann bei den Klassen, die sich för die behandelten Fragen besonders aufnahmebereit zeigen, duch der begleitende Lehrer be- sonders dufgeschlossen zu sein. Nach dem Lehrplan unserer heutigen Schulen ist der Kunsferzieher fast der einzige, der der Jogend einen Begriff von den bildnerischen Werken unserer Vergangenheit gibt, der ihr Grundlagen för die Betrachtung von Architektur, Malerei, Plastik, Kunsthand- werk vermiftelt. Diese Grundlagen aber sind wichtig, wenn wir ein großes und verpfſichtendes geistiges Erbe nicht ſeichtfertig vertun, sondern dufbauend von Generation zu Generotion weiterreichen wollen. oben: Nilpferde- Sandstein ond Kalkstein(Unterstofe) onten: Eule, Taube- Kalkstein (Oberstofe) 5TIMMEN DERJUGEND Ohne Voruanköndigung oöoder 9or Vorbe— sprechung worden viele Jungen ond Mädchen aller Aſtersstofen dufgefordert, sich einmal ganz unbekömmert öber den Kunst- und Werkunterricht zu äußern. Aus den so entstandenen Niederschriften erfährt man, wie die Jo- gend öber den Kunstunterricht denkt, was sie von ihm er- wartet, was er ihr zu vermitteln vermag und wos er ihr bedeutet. Natörlich gab es duöch vereinzelte negative Meinungen. Aber die weitaus meisten der jungen Menschen wissen den Kunstönterricht zu schätzen. Das Mosische- wir erfahren es täglich von neuem- spricht eben fast jedes Kind und jeden Juogendlichen an; es gehört in ihre noch unverbildete Lebensordnung. Bei der Auswahl der„Stimmen“ galt das gewissenhaffe Bestreben, von dem Gesamtbild einen möglichst gendu zu- treffenden Ausschnitt zu vermitteln. Alle Rußerungen sind wörtlich ohne jede Anderung zitiert. ELEF UND ZWOLEXHRIGE JUNGEN Wenn es keinen Zeichenunterricht gäbe, dann gäbe es keine Maler. Wir hätten nicht so viel Phantasie oder duch gor keine. Auch könnten wir nicht unterscheiden, was Kitsch ist oder nicht... Man kann auch sehr beröhmt werden wie Albrecht Dörer dourch seine großen Gemälde. So ein Bild kann man ver-— kaufen; wenn es schön ist, bekommt man viel Geld. Die Leute achten aber gar nicht auf die Farben oder vielleicht nor wenig, ihnen kommt es dof die Größe und aof die Handlung dn... Viele von uns wollen duch einmal mit der Kunst, d. h. mit Zeichnen, ihr Geld verdienen... Dabei ist die Phantosie sehr wichtig, denn einige wollen ihre eigenen Könste und Entwörfe dof dem Papier darstellen... MXADCHEN Es gehört Phantosie und Vorstellung dazu, wenn man ein Bild malen will... Schon mancher hat dorch den Kunstunterricht Lust zum Zeichnen bekommen... Wir malen so, wie wir es uns vorstellen und mo:len nicht von einem anderen Bild b... Zeichnen ist eine schöne Stunde und ich habe immer sehr viel Spaß doazu. Ich habe zwar nicht viel Talent, aber Spaß habe ich trotzdem am Zeichnen... Der Kounstunterricht gehört zur Bildung des Menschen. Man lernt dabei sich alle Dinge dufmerksam anzusehen. Phantasie hilft einem, die Bilder schön zu gestalten... DREIZEHN= UND VIERZEHNJAHRIGE JUNGEN Im Kunstunterricht kommt es in erster Linie auf den guten Geschmack an. Dies hat duch Bedeutung för dos spätere Leben, denn wenn ein Schöler als Erwachsener ein Zimmer einrichtet, so soll das ja duch geschmackvoll geschehen... Jede Zeichnung ist för sich ein kleines Kunstwerk; duch för den Zeichner ist es ein Werk, und der Zeichner ist durdauf so stolz, wie ein Dichter auf sein Gedicht... Wichtig ist auch, daß der Lehrer nor kleine Anleitungen gibt, sonst geht dem Schöler die Lost verloren und ohne Löst kann die Zeichnung nicht gut werden... Wenn man viele Zeichnungen macht, dann merkt man erst richtig, wie die letzten Zeichnungen immer besser werden.. Man lernt seinen Einfällen Ausdruck zu geben, sie richtig z9 gliedern und nicht allzu einfönig zu malen. Das alles ist för viele Berufe äußerst wichtig... Durch den Zeichenunter- richt wird der Geschmockssinn eines jeden gefördert... In der Konsterziehung wird dos Auge geschölt. Sie gilt auch för das spätere Leben... Sie ist duch för den kol- torellen Wert gut, daß man gote und schlechte Bilder gut onterscheiden konn... Die Kinder haben einen ganz onderen Geschmack als er— wachsene Leute... Man moöoß auch bei Geschenken das Richtige wählen und keinen Kitsch kaufen... Der Kunstunterricht ist da, um unsere Phanfosie anzuregen. Der Sinn ist das richtige Sehen und die Phantasie zu ver-— einigen, daß es ein klares Bild ergibt... Dieses Fach soll uns duf die Kunst hinweisen, damit wir ein Auge för das Schöne bekommen und Kunstwerke richtig schätzenlernen... Der Kunstonterricht hat auch sehr viel mit der Allgemeinbildung zu ton... Wenn wir größer sind, haben wir gelernt, pussende und schöne Einrichtungen för unsere Wohnung zu kaufen. Dann koufen wir nicht geschmacklose Sachen... Jeder mößte eigentlich etwas von der Kunst verstehen, gendu so, wie jeder schwimmen lernen sollte... Aus der Kunst kann man dos Denken der alten Völker sehen... Tanzende-Draht und Blech(Oberstofe) 15 Der Sinn ist, daß wir in die Geheimnisse der Farben ein-— dringen. Man muß lernen, den Farben einen harmonischen Ton zu geben. Auch das Basteln, Formen und Modellieren von Figuren und Schnitzen moöß man lernen... Man braucht einen obschätzenden Blick... Das Fach trägt viel zu der Geschma;cksbildung bei... Manchmal mössen wir stäunen, welche großartigen Kunst— gegensfände unsere Ahnen und die vielen unkoltivierten Völker Afrikas und Asiens in Anbetracht der einfachen Hilfsmittel, die ihnen zu Gebote standen, schufen... MXADCHEN Wir sollen lernen, etwas Eigenes herzustellen ohne Hilfe. In den höheren Klassen wird viel von Könstlern gespro— chen, auch gehen sie viel ins Museum, damit man sich weiterbildet... Leider haben wir nur einmal in der Woche Konsterziehung. Dieses Fach soll uns nicht zu Könstlern erziehen, sondern wir sollen lernen, geschmoackvoll zu urbeifen... Das Mo— dellieren und der Werkunterricht gehören duch dozu... Wir sollen einen Sinn und Blick för das Schöne bekommen. Später merkt man dies, wie er oder sie sich die Wohnong einrichtet. Wir lernen duch ein Fest vorzubereiten und es schön z9 gestalten... Wir lernen dos Schöne und duch dos zuweilen Verborgene kennen... Wenn wir ons spätfer eine Möbeleinrichtung kaufen und dann noch die Vorhänge oder die Tischdecken, oder aber duch die Polster för dos Sofo oder die Sitzecke, dann möß das aoöch alles zusammenpossen... Köͤnst ist doch eigentlich die Grundlage zu vielerlei Berufen... Viele Eltern können ihren Kindern nicht den Unterschied zwischen Kunst und Kifsch erklären oder zeigen, weil sie es selbst nicht wissen. In der Schule werden wir duch an— geregt, daß wir uns interessieren för die Kunst und uns weiterbilden, indem wir nicht nor Kunstwerke, die wir in der Schule gezeigt bekommen, eingehend betrachten und feststellen, warum es uns gefällt, sondern Zz. B. ins Stödel gehen und uns die Werke ansehen... Nicht nur die Malerei gehört in den Kunstunterricht, sondern alles, was mit Kunst zusdammenhängt 2z. B. Schnitzereien, Webereien und vieles andere, das wir noch gar nicht kennen... Meistens ist es so, doß die Könstler erst nach dem Tode be-— röhmt werden. Sie fristen ein kömmerliches Dasein, denn wer kouft sich heute schon ein teures Bild. Der Maler hat einen schweren Beruf und obwohl er meistens nicht viel för dos Bild nimmt, kaufen die Leute doch keins. Will mon Maler werden, so haft man eine schwere Zukunft vor sich... Wir machen viele Gemeinschaftsarbeiten und hängen sie spöter in unserem Klassenzimmer duf... Wir lernen, daß wir unsere inneren Vorstellöngen zum Ausdrock bringen können... MWan muß schon im Geföhl haben, ob man eine bestimmte Farbmischung machen kann oder nicht... Wir mössen selbständig urbeiten... Der Zeichenunterricht wird in der höheren Schule sehr ernst genommen. Der Schöler soll frei und dos dem Ge— dächtnis herdus malen. Er soll lernen, duch selbst einmal seinen Kopf dnzustrengen... Es soll bei uns duch dos Interesse on aſten Büuten und kunsthistorischen Werken geweckt werden... In fröheren Jahren kannten die Leufe schon den Begriff „Kunst“. Sie webfen Bildteppiche, von denen uns viele erhalten worden sind. Diese wurden von Mönchen gewebt. Wir hoben seſbst einen Bildteppich gewebt... 16 Studie nach einer Miniator des 13. Jahrhunderts(Oberstufe) FUNEZEHN= OUND SECHZEHNJAHRIGE JUNGEN Durch Besprechungen und Vergleiche eignen wir uns im Laufe der Zeit einen Instinkt för gute und schlechte Bil— der dn... Ein besonderes Gebiet ist die moderne Kunst. Ohne An— leitung wird man wohl koum dus einem Picasso schlau... Wir lernen genausu beobachten... Auch der Unbegabte soll lernen, durch Möhe und Fleiß eine anständige Arbeit fertigzubringen... Die Bostel- und Drahtarbeiten mössen duch dorchdacht sein ond nicht einfach dus dem Handgelenk geschöttelt werden... Kompositions- und Farbsfodie nach Giotto- Tempera(Oberstofe) Böhnenmodell- Papier(Oberstofe) Wir dörfen nicht Plastiken und Bilder gleich verspoffen, bevor wir nicht im geringsten den Versuch machen, sie zu verstehen... Man soll bei Ausflögen und Besichtigungen nicht achtlos an schönen Dingen voröbergehen, sondern seine wahre helle Freude doran hoben... Kunsterziehung soll dem jungen Menschen eine Vorstellung von wirklicher Kunst geben... Der erzieherische Wert liegt darin, daß die Freude am Werk den Spoß doron steigert und duch wieder zu Neuem anspornt... In der Werkarbeit soll der Schöler z. B. dos Materidl in seinen Eigenschaften und Schönheiten kennen- lernen. Nicht zuletzt spornt die Freude am gelongenen Werk an und die Totkraft wird gesteigert... Ich gläube, doaß eine Stunde för den Kunstunterricht zu wenig ist, besonders in den höheren Klassen... WMADCHEN Im Kunstunterricht lernen wir beobachten... Dorch das Zeichnen lernen wir, unsere eigene Phantasie spielen zu lassen, und schätzen später viel mehr solche Bilder, die etwas Persönliches an sich haben... Wir lernen nicht nor Kunst ond Kitsch zu unterscheiden, nein, wir flocht nach Agypten- Gips(Oberstofe) können es duch duf Filme und Böcher öbertragen... Wenn ich recht viele gute Bilder gesehen habe, gefäöllt mir ein anderes gar nicht mehr... In der Kunstbetrachtung bekommt man langsam das Geföhl för gute oder schlechte Bilder, man weiß, warum sie got oder schlecht sind... Unser Sinn för dos Schöne wird in uns erweckt. Das gilt auch för das proktische Leben, wie man später z. B. eine Wohnung einrichtet... und domit wir uns gegen so viel Kitsch, mit dem wir föglich in Beröhrung kommen, wehren können. Außerdem sollen wir angeregt werden, selbst etwas zu schaffen, wie wir es empfinden... Wir sollen för Bilder einen sicheren Blick bekommen und nicht nor so oberffächlich daröber hinwegsehen... Man sagt leicht, das ist ja nur Geschmier, wenn man ein mo— dernes Bild sieht. Nur wenn man es genau ansieht, kann man merken, was das Bild bedeutet... Die Schöler sollen selbst basteln, zeichnen, schnitzen, malen, kleben und drucken, damit sie selbst eine Vorstellung von dem haben, was sie dn anderen kritisieren... Der Kunstonterricht dient der allgemeinen Bildung des Schölers... Nicht zuletzt hof der Kunstunterricht auch eine gewisse seelische Wirkung duf den Schöler. Er gibt ihm ein Geföhl för wirkliche Schönheit, was wichtiger för den Wenschen ist, als es im ersten Augenblick scheint... Bei einer Gemeinschaftsarbeit wird man doch zum Zu— sammenaurbeiten erzogen. Hier lernt auch der weniger Be— Hobte die Kunst etwas verstehen, das heißt, wenn er sich dorum möht... SIEEBZEHN-= UND ACHTZEHNJAHRIGE JUNGEN Im Kunstonterricht wird der Wensch moderner und zeit-— näher. Wir verstehen die Probleme. Dadorch wird erst die Bildungsbasis geschaffen... Der Kunstunterricht bringt uns dos Kuſturgut fremder Völker und fröherer Zeiten näher... Ich halte die Eigenbetätigung för sehr wichtig. Denn da-— durch bringt man, oft unwillkörlich, das ans Licht, was einen bedrängt und bedröckt. All das hebt den Kunstonterricht öber alle anderen Fächer hinaus. Deshalb bedodere ich, doß wir nur eine Wochenstonde haben... Die Betrachtung der einzelnen Stilepochen zeigt den Zu-— sammenhang des Lebensgeföhls mit der Kunst... Uns wird Gelegenheit gegeben, uns selbst im Zeichnen ond Malen fortzubilden... Wenn ein Schöler eine Zeit-— lang mit der Kunst in Beröhrung kommt... Wird er bald ein geschuſtes Auge bekommen, wird die Kunst verstehen lernen, sein Auge wird den kleinsten Einzelheiten eines Werkes folgen können... Wer einige Jahre lang Kunst— onterricht genossen hat, för den bleiben bedeutende Werte Zzuröck... Der größte Wert aber ist das Vermögen, dos einem Werke herdus den Könstler zu verstehen... för den gebildeten Menschen ist es unbedingt notwendig, daß er einen Zugang zur Kunst findet. Diesen Zuögang ver-— schafft ihm der Kunstonterricht... Im praktischen Kunst— vnterricht sollen unsere schöpferischen Fähigkeiten gescholt werden... Wenn der Schöler einmal gemerkt hat, wie schwer es ist, in Gestaltung und Zuosammenstellong ein einigermaßen gutes Bild zu malen, so wird er die Kunst der großen Meister erst richtig verstehen lernen und ihnen mit Hoch- achtong begegnen. Und er wird langsam das erlangen, —n — ijgauR. Kunstgeschichtl. Stödien nach Bauten dos Rendissance u. Barock(Oberst.) was man Bildung nennt. Und mit der Liebe und dem Ver- stäöndnis endlich hat der Schöler etwas gewonnen, was er nie mehr verlieren kann, was sein Leben verschönt und reichhaltiger macht, ja es sogar dof ein neues, höheres Nivedu hebt... Man kann aus einem Kunstwerk nicht nur för sich ge— winnen, sich bilden, sondern lernt dus ihm die Kultur seiner Zeit kennen. Die Masse des Volkes lebt duf der Ebene des Leichten, des Problemlosen. Der Kunstunterricht soll den Menschen dus dem Unechten und Verlogenen herausreißen, Stodien nach Skolptoren aos Gotik und Barock(Oberstufe) 18 domit er das wirklich Wahre erkenne und danach sein Leben einrichte... lch bin der Meinung, daß der Kunstonterricht an keiner Schule fehlen dorf... Durch die Kunstbetrachtung wird die Urteilsfähigkeit und der Geschmock geöbt, auch för die Dinge des fäglichen Lebens. Denn Geschma:cklosigkeiten in Wohnongseinrich-— tong ond z. B. Geschirr sind gendu so schrecklich wie in Gemãälden... Wir lernen das Wesentliche vom Unwesentlichen aosein- anderhalten... Nun sehen wir auf einmal die Gesetze der Formen, der Proportionen, der Linienföhrung, der Farben- Komposition... ITch bedouere sehr, daß wir nur eine Stunde Kunst in der Woche haben... MADCHEN Der Kunstonterricht dörfte an keiner Schule fehlen... Man lernt, Figuren und Landschaften in verschiedenen Techniken z9 formen, 2. B. als Bleistiftzeichnungen, Federzeichnungen, Aqudrelle, als Linof oder Holzschnitte oder sogar als Radierungen. Dazu lernt man Pla:stiken anzufertigen... lch gläaube, man kann Kunst erst richtig verstehen, wenn man selber einmal versucht hat, etwas darzustellen. Man sieht dann, wie schwierig es ist, etwas Abgerundetes und Harmonisches zu schaffen... In der bildenden Kunst hat man ein Mittel, mit dem man dusdröcken kann, was mit Worten schlecht wiederzugeben wöre... Es geht um die Formung des Geschmacks. Das ist sehr wichtig, weil dem schlechten Geschmack bei äußeren Dingen leicht eine Verkifschung der Gedanken und Ge-— föhle folgt... In der Kunstbefrachtung lernt man die Ent- wicklung des Welt-, Gottes- und Menschenbildes kennen uond kann verstehen, warum gerade in einer bestimmten Zeit nur diese Stilfform herrschen konnte... Beim Selberschaffen werden einem die Augen för die Viel- falt und Schönheit der Farben und Formen geöffnet... Der Kunstunterricht ist doch wohl das einzige Fach, in dem der Schöler etwas von sich aus erschaffen kann; er schöpft dus sich heraus und gestaltet. Dadurch kommt er sich selbst gegenöber doch zur Selbstkritik... Die Kunst ist uns nicht mehr ein fremder Begriff, öber den wir nor in Phrasen reden könnten, vielmehr wird sie uns zum steten Gefährten, wir leben mit ihr und sie lebt in uns ... OÜber alle persönlichen Vorteile(Vertiefung und Aus— prägung des eigenen Selbst) weist uns die Konst allein einen Weg, ondere Menschen und ganze Zeitabschnitte oder Völker verstehen zu lernen... Ich halte den Kunstunterricht för sehr notwendig. Dadurch, daß wir uns viel mit der Kunst beschäftigen, wird unser Sehen geschult... Aber daß wir auch selbst malen, das sagt mir nicht recht zu. Vielleicht bekommt man dadorch einen dusgeprägteren Farbensinn und ein größeres Ver— stehen för die Arbeit des Könstlers. Doch um wirklich etwas Gutes zu schaffen, muß man begabt sein... Den größten Platz im Kunstunterricht muß das Malen ein-— nehmen, und zwor von Sexta bis Oberprima. Erstens be— kommt man dadorch ein wirkliches Verständnis för die Kunst. Zweitens wirkt das Selbstmalen lösend ond be— freiend. Es löst und glättet Verkrampftes und gibt einem wieder den Glauben an das Schöne, und öberhaupt an einen Sinn des Lebens. Aus diesem Grunde, meine ich, sollte jeder malen, duch wenn er meint, völlig unbegabt zu sein. Der Kunstunterricht nimmt unter den geistes- und nator-— wissenschaftlichen Fächern eine Sonderstellung ein. Er will nicht in erster Linie Wissen vermitteln, sondern den Sinn för das Schöne wecken... Der Kunstbetrachtung steht der praktische Umgang mit Farben und Formen gegenöber. Wenn der Schöler selbst versucht, schöpferisch zu wirken, wird er vor Ffrogen gestelſt, die er bei der theoretischen Betrachtung schon als gelöst vorgefunden hat: wie boue ich ein Bild dof, wie komponiere ich die Formen harmo-— nisch ineinander, wie wähle und verteile ich die Farben... Hier setzt jetzt die Arbeit des Kunstlehrers ein; er moöoß die Veranlogung wecken. Aber ganz behufsam möoß er das fon... Wenn der Schöler die Schule verläßt, möß es doas Ergebnis des Kunstunterrichts sein, daß er sich doch weiter mit der Kunst beschöftigt, daß die Kunst sein stefer Begleiter und Bereicherer wird... Das eigene Schaffen weckt in dem Schöler das Geföhl der Freude. Naförſich sollen dus den Schölern keine Könstler gemacht werden. Aber duch der Schöler empfindet ein schönes, befriedigendes Geföhl, wenn er vor einem selbst- gemalten Bilde steht und wenn er sieht, daß es besser ge- worden ist als dos letzte... In der jetzigen Zeit haſte ich es för unbedingt notwendig, in der Schule die moderne Kunst zu behandeln. Der Wensch muß sich mit der Kunst seiner eigenen Zeit befassen und darf sie nicht als„öber-— spannt“ dbfon... Dörer sagte einmal, daß man einen Könstler erst dann verstönde, wenn man selbst schon ein— mal ein Bild gemalt habe... Wie alle möosischen Dinge, hat doch das Malen psycho— logischen Einffoß. Auch beim Singen und Tanzen, beim Laienspiel gehen die Kinder dos sich heraus, werden ge— löst und von Hemmöungen befreit. Aus diesem Gronde scheint mir der Kunstunterricht so wichtig... Die moderne Kunst gibt einem sehr zu denken, und ohne wirkliche Anleitung wird es sicher nor wenigen gelingen, sich in sie vertiefen zu können. Das merkt man schon bei der Generation unserer Eltern. Sie wurden ganz anders erzogen als wir, und wie viele versperren sich krampfhoft gegen die moderne Kunst... Bei der Werkaurbeit, die ja duch zur Kunsterziehung gehört, wird ebenfalls der Geschmack und das eigene Denken ge- schulſt. Mit dem Malen kommt in der Oberstufe langsam im- mer größeres Verständnis för die Kunst... Der Kunstonterricht stellt eine wohltuende Unterbrechung der vielen wissenschaftlichen Fächer dor, allerdings nur eine kleine, do er viel zu wenig Stunden einnimmt. Jeder Mensch braucht doch nicht nor geistige Fähigkeiten, son- dern auch mösische, geistig-seelische Empfindung. Ich finde, daß im Kunstonterricht ein so wohſfuendes Zusammen-— gehen von Denken ond Empfinden möglich ist... Um in die Bildgesetze einzudringen, sollte man einmal selbst mit farben und Formen umgegangen sein. Wenn man merkt, daß mon darin allmählich weiterkommt und man einen Blick för die Dinge gewinnt, kann es viel Freude machen. Vor allem der Werkunterricht hat för das praktische Leben großen Wert... Man lernt verstehen, dus welchen Grönden die Könstler sich in verschiedenen Zeiten so verschieden dusgedröckt haben, und sieht dabei duch das, was allen gemein ist. Man wird dazu erzogen, nicht einfach impulsiv ein Werk abzuſehnen, sondern es dus dem Geist seiner Zeit zu sehen. Sehr wichtig ist, daß man wirklich Gutes von Minderwerti- gem unterscheiden lernt. Man bekommt einen Sinn för die Komposition, för die Forbharmonie und för die Echtheit Modell einer Kirche- Karton(Oberstofe) der Aussage. Die eigene Befätigung ist dazu eine gote Er- gänzung... Im Kunstunterricht wird dos Auge Hunz entscheidend ge-— schult... Diée gewonnenen Fähigkeiten kann man später auch praktisch unwenden, z. B. bei der Ausstattong von Räumen... NEUNZEHNJAHRIGE Die Aufgobe des Kunstonterrichts ist es, das zunächst mehr instinktive Verstehen der Kunst zu vertiefen und zu einem Fundoment duszubauen. douf dem der Schöler im späteren Leben dufbauen kann... Der Lehrer muß so lebendig duf Stödie nach einer Pieta(Oberstofe) 19 die Schönheiten der Kunst im ganzen vnd einzelnen hin-— weisen, daß duoch der passive Schöler einfach nicht mehr in seinem Halbschlaf verharren konn... Es gibt sehr viele Menschen, die nie in ihrem Leben mit Kunst in Beröhrung kommen ond deren Leben deshalb vnendlich arm ist... Besonders wichtig ist der Kunstunter-— richt aber in onserer Zeit der Technik. Do viele Menschen, die meisten, gezwöngen sind, sich die größte Zeit des Lebens einer rein zweckgebundenen Tätigkeit hinzugeben, ist es notwendig, för einen Ausgleich zu sorgen, etwos zu schaffen, in dem das seelische Gleichgewicht wiederher-— gestellt werden kann... Man beginnt in der Kunstbefrachtung dof die Art der Da:rstellung zu dchten, duf die verwendeten könstlerischen Mittel, und man zieht Parallelen, die einen plõötzlich eine gonze Zeitepoche viel besser verstehen lassen... Es ist viel schöner zu sehen, was die einzelnen VYVölker in den verschiedenen Epochen geschaffen hoben, als im Ge— schichtsunterricht zu lernen, wann die grausamen Kriege wöteten, die z. T. das Geschaffene wieder zerstörtfen... Die Welſtanschauuung und die Geisteshaltung einer Zeit spiegeln sich in den Kunstwerken besser als in den Ge— schichtsböchern... Oft geschieht es erst nach mehrstöndiger Betrachfung, wirk- lich in den Gehalt eines W9erkes einzudringen. lch glüube, daß mir ohne den Kunstonterricht ganz besonders die moderne Kunst verschlossen geblieben wäre... Auch ist Erau am Fenster- Temperamalerei(Oberstofe) 20 sehr wichtig, daß wir uns selbst betätigen. Denn nöor da— dorch, daß wir selbst versuchen, die Stilmittel dnzuwen- den, erkennen wir leichter den Wert eines Werkes. Erst wenn wir selbst die Linien eines Kunstwerkes nachzeich-— nen(z. B. in unserer Architekturmappe), erkennen wir die Bedeutung dieser Linien för dos Gesamtwerk... Im Kunstunterricht soll der Sinn und das Auge des Schö— lers geöffnet werden för die Schönheit der Kunst, för die Zösammenstellung der Farben, för die Ausgewogenheit der formen und den Aufbau des ganzen Werkes. Durch dos Erlebnis dieser Schönheit wird der Schöler erhoben und föhlt sein Leben um vieles erweitert. Aber nicht nöor dos Geföhl för die Schönheit, Echtheit und Wahrheit soll ge- weckt und erweitert werden, sondern der Schöler, dem es mit der Betrachtung von Kunstwerken ernst ist, soll die Aussadge der Werke in sein eigenes Leben hineinnehmen ond sie, indem er ihr Tiefstes zu erleben versucht, in sich verwandeln... Der Werkunterricht hat den Sinn, die handwerkliche und könstlerische Ader jedes Kindes zu öffnen; er soll ihm die Wöglichkeit geben, sich in eigenen Werken dusdröcken zu können... Um ein Kunstwerk schötzenzulernen, ist es gut, selbst einmal gemalt zu haben und die verschiedenen Techniken zu kennen... Jedes Kind sucht ganz instinktiv die Formenwelt seines Innern z9u„redlisieren“. Unvernönftige Erwachsene werden immer versuchen, dem Kinde klarzumachen, daß die skur-— rilen Linien, die seltsamen Farben, die dem Kind eine Welt bedeuten, gar nicht öbereinstimmen mit den Dingen der Wirklichkeit, und daß es sehr viel besser und vernönftiger sei, die Dinge der Wirklichkeit nochzudhmen... So wird das Denken des Kindes langsam von der Bilderwelt seines Innern abgezogen; dus dem Kind, in sich selbst ruhend und mit dem Urgrund seines Wesens verbunden, wird ein Mos-— senmensch, der in sich selbst keinen Halt mehr findet, der sich an die Gegenstände klammert, die ihn umgeben, und der untergeht, wenn die sogenannte Wirklichkeit, die ihn omgibt, fragwördig wird.- Es ist sehr zu begrößen, doß der moderne Kunstonterricht das Kind gleichsam gegen diese unvernönftigen Erwachsenen in Schutz nimmt, doß er das Kind zur Selbstbefätigung anregt. Ich halte Selbstbe- tätigong för das wichtigste... Das Kind wird in frischer Natörlichkeit das Schöne bejahen, so wie jeder onver- bildete Mensch das Schöne beſdht... Es ist zu bedavern, doß Roussedu, der Zöllner, heute noch alleinsteht, doß nicht andere gleich ihm in ihren freien Stunden ihre Träume in Linien und Farben redlisieren, unstatt sich an Massen— vergnögungsorten öber die Leere des Alſtags hinwegzu— setzen... Die Selbstbetätigung ist die Grundlage aller Kunstbetrachtung. Erst wenn man selbst mit dem Material vertrüut geworden ist, wenn man selbst versucht hat, Far- ben dofeinander abzustimmen usw., wird mon die Kom— position der Werke der großen Meister verstehen, nach- empfinden und wördigen lernen. Natörlich ist es damit allein nicht getan. Um die großen Werke zu verstehen, moß man sich immer wieder mit ihnen duseinandersetzen, denn ſe gröõßer und tiefer ein Werk ist, desto langsamer wird es sich uns erschließen. Den jungen Menschen Zugang zu den großen EVWerken z9 vermitteln, auch das ist die Aufgabe des Kunstonterrichts. lch glaube, daß ein Mensch, der von Jogend an gewöhnt ist, im Anblick der Kunst, des Ewigen schlechthin, zu leben, immun ist gegen den Tageslärm und sich niemals an Nichtigkeiten verlieren kann... Sitzende Figur- Ton(Oberstofe) Sitzende Figur- Ton(Oberstufe) SINN UND AUFGABE DER KUNSTERZIEHUNG Schon dos kleine Kind zeigt sich von dem storken Droang beseelt, sich mit Linien, Farben und plasfischen Formen aus— Zzudröcken. Seine unbändige Freude am Tun, am Entstehen- lassen vieladrtiger Gebilde nimmt alle seine Empfindun— gen ond Sinne in Anspruch, vornehmlich seine Gesichts— ond Tastsinne. Das Kind„spielt“, und indem es ganz„bei der Sache“ ist und spielt, ist es im Schillerschen Sinne„ganz Mensch“. Weit öber 90 v. H. aller Kinder betätigen so ihren bildnerischen Aussagetrieb, und von den Sechzehn- bis Siebzehnjährigen sind es, trotz aller nicht geringen Schol- anforderungen, immer noch weit öber 40 v. H., die dußBer- halb der Schule malen, modellieren und werken. Es ist in erster Linie die Phantasie, die Kraft des inneren Vorstellens und alsdann die Kraft, för das in der Phantasie Vorgestellte die gemäßen Ausdrucksformen zu finden, zu erfinden, die im Konstunterricht gepflegt wird. Im Kunst- ond Werkunterricht werden das Kind und der Jogendliche gehalten, ohne jede Anlehnung an YVorbilder, also Hgonz selbständig, wahrhaftig und beharrlich z09 schaffen. Innerhalb dieser selbstverständlichen Forderung sind sie frei. Aber wie es keine wahre Freiheit ohne Bin-— dong gibt, so unterliegen die jungen Menschen bei ihrem Ton der echten Bindung zunächst an den Werkstoff(Farben, Holz, Metall und dergleichen), deren jeder sein ihm eigen- tömliches Werkverfahren bedingt. Und es ist weiter die zu erreichende bildnerische Form(in Aufbau, Ordnung, Aus— gewogenheit, Harmonie), die den Schöler in nicht geringe Zucht nimmt.(Kein musisches Werk, ob Weisterwerk oder Schölerarbeit, kann ohne solche Zucht wachsen.) Dieser Umstand föhrt den Schöler„von selbst“ zum kritischen Ver— halten, zum Beurteilen seiner Arbeit. Es ist erstaunlich, in wie hohem Grade schon Zehnjöhrige ihre Arbeit sachlich ond klor zu beurteilen vermögen. Dieses Urteilenkönnen, dieses Unterscheidenkönnen von Wert und Unwert aber ist es, was der Schöler doch bei der Befrachtung von Kunst— werken braucht und dort weiter differenziert. Die Kunstbetrachtung knöpft meist unmitfelbor an dos eigene Schaffen der Schöler an; sie wächst gleichsam dus diesem hervor. So verliert sich die Begegnung mit Kunst— werken nicht in bloßes Theoretisieren, sie dringt zum we— sentlich Könstlerischen vor: zu den Fragen nach der Kraft ond Echtheit der Aussage, nach der Einheit von Gehalt und Gestalt, von Inhalſt und Form- ganz gleich, ob es sich um ein Werk der Baukunst, der Plastik, der Malerei oder der Graphik handelt. Das bedeutet jedoch keineswegs die Vernachlässigung aller der mösischen WEVerte, die duch in den Dingen der Zweck- gestaltung, also des Gebrauchsgufes, der Innenraumge- staltung bis hin zur Städteplonung stecken können. Viel- mehr beginnt heute jede Kunstbetrachtung mit der ein-— dringlichen Beschäftigung mit den Fragen der Umwelt-— gestoltung, d. h. alles dessen, was uns allöberall umgibt. Man kann das Geschma:ckserziehung nennen, obwohl es sich hier um weit Ernsteres und Bedeufungsvolleres handelt als um bloß„Geschmackliches“, Nebensächliches. Denn wir wissen, wie jede große Kultur immer ganz selbstverständ- lich die musisch hochwertige Formöung aller Zweck- und Gebrauchsdinge einschloß. Und man mag die gonze Pro— 21 blematik unserer eigenen Kolſtur allein schon an dem Un— maß von Kitsch erkennen, der in den Wohnöungen der weniger Bemittelten, aber duch in den Häusern der Reichen ond duch der okademisch Gebildeten zu finden ist. Ist ein Wensch wirklich gebildet, der nicht fähig ist, den Kitsch als dos Produkt einer unechten, einer verlogenen Gesinnung zu erkennen, der also der lIlosion und der Selbsttäuschung verfälſt? Kunsterziehung ist zunächst In dividualerziehung. Ihr ist die Aufgabe gesetzt, jeden einzelnen jungen Menschen in seinen persönlichen Anlagen und Neigungen zu er— kennen und z9 fördern, wos freilich auch bedingt, daß ihm geholfen werden moß, seine negotive Seiten zu öber-— winden. Die bildnerische Betötigung ermöglicht jedem einzelnen, sich duszusprechen. Dies hat seine geradezu therapeutische Bedeutung, wo es sich uom seelisch ge— hemmte und bedrängte Jogendliche handelt, wie sie heufe nicht gerade selten sind. Zödem sind die meisten Jogend- lichen in ihren kritischen Puberfätsjahren in schwieriger innerer Lage. Kunsterziehung bewirkt aber duch Sozid lerziehung, wenn sich mehrere Schöler zu einer gemeinsamen Arbeit vereinen. Dann geht es um ein großes Werk, um ein großes Mosdik etwa oder um eine umfangreiche Malerei oder om die Erstellong eines Böhnenmodells mit allen zu einem bestimmten dichterischen Werk gehörenden Roumbildern ond Figurinen- oder, bei den Mädchen, efwa um das Weben oder Sticken eines größeren Wandteppichs. Do geht es denn um die Betätigung gemeinschaftlicher Tu-— genden: um Doldsamkeit, um Einordnung und darum, seine besten Kräfte anonym an das Gelingen des öbergeord- Limburger Dom- Zeichnung(Oberstufe) neten Ganzen zu setzen. Und in einer derortigen kleineren oder größeren Gemeinschaftsgruppe wird unweigerlich all- mählich derſenige zum Föhrer der Arbeit, der die dozu notwendigen Quœlitäten dufzuweisen hat; er wird erfah— rungsgemöß immer von den öbrigen anerkannt. Im Konst-— ond Werkunterricht bedeuten große Worte nichts, hier wird nicht öber das Wesen sozidlpolitischen Verhaltens ge- redet-dieses selbst muß wirklich beftötigt werden. Das gemeinsame Werk erzwingt es, do' es anders nicht gelingen kann. Was der Mensch leisten soll, das muß ſdos ihm selbsthervorwochsen, bekennt Goethe in seiner Pädagogischen Provinz. Alles Belehren etwo öber die not- wendige Selbstverantwortlichkeit oder öber das einheit-— liche und folgerichtige Formschaffen in der Arbeit nutzt wenig, wenn der Schöler nicht schließlich Selbstverant- wortlichkeit fatsächlich bewährt und wenn er sein eigenes oder doas gemeinsame Werk nicht einheiflich und folge- richtig aufbaut und durchföhrt. So bedeutet Kunsterziehung Wenschenerziehung und wir verstehen, was Bundespräsi- dent Heuss meinte, als er bei der Einsetzung des Deufschen Ausschusses för dos Erziehungs- und Bildungswesen ein-— dringlich duf die musische Erziehung hinwies und sie als „die wesentliche Stufe zur Menschenbildung“ bezeichnete. Kunsterziehung knöpft an den edelsten Sinn des Menschen an. Sie erzieht das Auge zum genduen Sehen, dber duch zum musischen Schouen. Sie wirkt damit der unheilvollen ond besonders bei uns Deutschen dusgeprägfen Verwor-— tong entgegen. Sie föhrt den heranwachsenden jöngen Wenschen öber sein eigenes mösisches Tun zu der großen Kunst aller Völker und ihrer unvergäönglichen Epochen. Sie läßt ihn erfahren, wos es mit der könstleri- Bäume- ZLeichnungen(Wittelstofe) schen Koöſtor auf sich hat, an die seit Urzeiten alle Völker onendliche Kräfte gesetzt haben. Sie föhrt den jungen Men- schen der reiferen Altersstöfen dber doch in die Kunst onseres Jahrhunderts ein ond sie bringt ihn damit an aſſe bedeutsamen Probleme heran, die seine eigene Zeit bewegen und bedröängen. Kurz: die Konst-— erziehung ist bestrebt, den jungen Wenschen heimisch zumacheninderherrlichen Weltder Kunst. So mocht sie ihn- dos dorf wohl gesagt werden- immun gegen die forchtbarste Gefahr unserer Zeit, gegen die Entpersönlichung, Entmenschlichung und Vermassung. 50 STEHT ES HEUTE In den letzten Jahren ist die Kunsterziehung, entgegen allen Reformubsichten nach dem Kriege, in der Höheren Schoöle immer stärker zuröckgedrängt worden. Nur noch in wenigen Bundesländern stehen ihr in den Klassen der Sech-— zehn- bis Neuzehnjährigen zwei Wochenstonden zur Ver- fögong. In der Regel wöorde der Kunstunterricht duf eine einzige Wochenstunde beschränkt, in manchen Scholen sogor schon ab Obertertia! Vielfach ist den Schölern der Oberstofe öberlassen, ob sie am Kunst- oder Mosikunter-— richt teilnehmen wollen. Diese Anordnung beweist, daß man die Erziehungs- ond Bildungswerte ſedes dieser Fächer sehr gering einschätzt oder daß man glaubt, die Werte der Kunst durch die der Musik ersetzen zu können ond umgekehrt. Nicht selten ist duch die Meinung anzu— treffen, der Kunstunterricht habe nur för die spezifisch Be- gabten Sinn; mon verkennt, daß die erfolgreiche Teilnahme am Kunst- und EVWerkunterricht kein höheres Maß von Be— gabung voraussetzt als etwa die am Deufschunterricht. 80 wenig dieser Dichter heranbilden will, ebensowenig jener Maler oder Bildhauer. Was kann in einer Woöochenstonde Kunst— erziehung geleistet werden? Jedem wissenschaftlichen Lehrer ist die grundsätzliche For- derung nach mindestens zwei Wochenstunden för jedes wissenschaftliche Fach selbstverständlich. Denn wie sollte der Historiker, der Biologe oder Physiker in einer Stunde je Woche doch nur halbwegs Ersprießliches mit seinen Schölern leisten können! Den musischen Fächern aber mufet mon dies zu, noch dazu in den oberen Klassen mit ihren besonders großen Anforderungen. In wöchentlich 45 Mi- noten soll der junge Mensch seine schöpferischen Schaffens- kräfte zeichnend, molend, plastisch und werkend formend enffalten und dabei z. B. das Wesen der Werkordnung, die Ausdrucksmöglichkeiten der Furbe oder den Reichtum der Noator stödieren lernen! Alles in allem soll er Augenmaß ond Urteil gewinnen, d. h. immer genduer unterscheiden lernen zwischen dem echten mösischen Wert, dem bloßen Scheinwert und dem Kitsch. Und dies nicht nur för die Be- reiche der freien könstlerischen Gestaltgebung, sondern ebenso duch för die der Umweltfformung in Architektur, Raumgestaltung und Gebrauchsgot. Denn jegliche Koſtor beginnt nicht erst mit dem Meisterwerk der hohen Kunst, Mosik und Dichtung, sondern- wie oft wird das öbersehen mit den kleinen, unscheinburen und alltäglichen Dingen. Aber der Schöler soll duch die bedeutenden Leistungen der Büumeister, Maler und Bildhouer dus den Epochen der antiken und christlich-abendländischen Koltur in ihrer zeit- lich, weltanschaulich und perséönlich bedingten Stilweise erfohren und lieben lernen... Selbst wenn der Unterricht sich dof das WEöesentlichste be- schränkt, wie es duch bei zwei Wochenstunden unumgäng- lich ist, sollte nicht schwer einzusehen sein, daß bei der Beschränkung duf nur eine Stunde nöor noch sehr ober— flächlich gedrbeitet werden kann- dos dber widerstrebt dem Wesen aller Erziehung dorchdus. Warum aber ver-— bannt man dann die möosische Erziehung nicht ganz aus der Schule? Die mit Fächern und Stoffmengen öberlastete höhere Schule wörde dann zwor ihre Kardindldufgabe der Allgemeinbildung endgöltig preisgeben und zur reinen Ver- standesschule werden. Aber dos ist sie im Grunde schon jetzt mit dem Anhängsel von je einer Wochenstunde Konst ond Mosik innerhalb von 36 Wochenstunden. In dieser duch för die Schule kritischen Lage hat der Bund Deutscher Konsterzieher im Februdr 1954 dn die Ständige Kultusminister-Konferenz, an die Kulfosminister und Koſtor- sendtoren der Länder sowie an den Deutschen Ausschuß för das Erziehungs- und Bildungswesen dus dof Seite 24 wieder- gegebene Wemorandum gerichtet. Anschließend ist dos Schriftstöck einer Reihe von anderen Instanzen und von Persönlichkeiten zur Kenntnisnahme zugeleitet worden. Soweit die Adressaten zu dem Inhalt Stellung nahmen, geschah es dorchweg in eindeutig zustimmender Weise. (Diese Stimmen sind duszugsweise dof Seite 25 dbgedruckt.) Widersprechende Stellungnahmen sind dem BDK nicht bekannt geworden; wohl aber haben sich manche der An- gesprochenen dusgeschwiegen. Lehnen sie die Auffos-— song der Konsterzieher von den Aufgaben und Pflichten der Schule ab oder haben sie kein Interesse daför? Es geht letzten Endes aber keineswegs hier nur um das fach Kunsterziehung oder Mosik, es geht um die Verant-— wortong der Schule der Jugend gegenöber und uom das nicht 2z9 leugnende Menschenrecht dieser Jugend. B. Porträt- Wasserforbe(Unterstofe) DENKSCHRIFT DES BUNDES DEUTSCHiER KUNSTERZIEHER VOM 8. FEBRUAR 1954 An die Sfändige Konferenz der Költosminister An die Koltusminister der westdeutschen Bundesländer An den Deutschen Ausschuß för das Erziehungs- und Bildungswesen Es geht in aller Erziehung um den ganzen Menschen. Der ganze Mensch als ein zusdammengesetztes, aber einheit— liches Sein dus Geist, Seele und Körper ist in Gefahr, weil seit öber hundert Jahren in unseren Schölen die geistigen Kräfte duf Kosten der seelischen und sinnlichen Kräfte ent-— wickelt werden. Die Stoffanhäufung in allen geistes- und natorwissenschoftlichen Föchern hat dorch Generationen hindurch die sinnenhaften und seelischen Anlagen der Jogend unterdröckt. S0 weiß der deufsche Mensch heute nun„intellektuell- wissenschaftlich einfach mehr, als er sinnenhaft sehen, ja duch nur vorstellen kann“.(Romano Guardini) Der Verlost an ursprönglichen inneren Bildern ist die er- schreckende Folge eines dusschließlich entwickelten Intel- lekts.„Die Deufschen sind ein Volk der Ohren geworden, die Augen sind ihm dbhanden gekommen. Aber es bleibt bestehen: Das Auge ist des Leibes edelster Sinn, und seine Vernachlässigung hat sich bitter gerächt.“(Gerhard Marcks) Das Gehör des heutigen Menschen ist abgestumpft, dos Atmen verflacht und dos Sprechen unbildhaft geworden. S0 wuörden unsere Wenschen unfähig, ihr Leben als Ganzes zu leben. Anfölligkeit för ldeologien und Schlagworte wurde die Folge, und domit ist die Gefahr der Vermassung gegeben. Stilleben- Tempera(Oberstofe) 24 Das Massenwesen wieder zum Wenschen zu machen ist daher der wesentliche pädagogische Auftrag unserer Gegenwart. Der sinnenhaffe greifende und formende Mensch ist das vnerläßliche Korrelot zum intellekfoell begreifenden und zerlegenden Menschen. Deshalb ist„die Kunsterziehung ein pädogogisches Anliegen ersten Ranges, die den Men- schen dus seiner eigenen Bildverarmung zuröckzurufen hat“.(Philipp Lersch) Auf der Schule mössen also die seelischen Kräffe erhalten ond gepffegt werden,„ohne die der Mensch nicht Mensch bleiben kann! Ein Organ zu wecken, das ihm fast völlig verlorengegangen ist, bedeufet den Gipfel der Erziehung“. (Eduord Spranger) Die Gesamtheit der musischen Fächer schafft dieses Kor-— relat zum intellektuellen Menschen. Bundespräsident Heuss nennt die mosische Erziehung daher„die wesentliche Stufe zur Menschenbildung“. Aus allem ergibt sich: Die musischen Fächer mössen zo- sammen mit den geistes- und naturwissenschaftlichen Fä- chern bis zum leftzten Schultag wirksam bleiben. Nor ein unermödliches planmäßiges Entfalten und Pflegen der Sinne im Zeichnen und Mosizieren, des Atmens und Sprechens dorch Gesang- und Wortpflege, des Tast- und Raumsinnes durch plastisches Formen und Werken, der freien, schönen Körperbewegung dorch Turnen, Sporf und Tanz und, öber dies alles hindus, ein Durchdringen aller anderen Unterrichtsfächer mit den Kräften und Organen des sinnlichen Be- und Ergreifens der Welt wird unsere Kinder wieder zu ganzen Menschen erziehen. Deshalb richtet der Bund Deutscher Kunsterzieher an die Ständige Konferenz der Kultusminister und an die Herren Kuſtusminister der westdeutschen Bundesländer sowie an den Deufschen Ausschuß för das Erziehungs- und Bildongs— wesen die sehr dringende Bitte, der musischen Erziehung allgemein und nicht zuletzt duch an den höheren Schulen den notwendigen Raum zu schaffen. Die Bestrebung, dos Fach Kunsterziehung duf der Ober-— stöfe der höheren Schulen duf eine Wochenstunde zu be— schränken oder sogor ganz abzuschaffen, ist symptoma— tisch för die oben dufgezeigte Gefahr, in der der Mensch als Ganzes sich befindet. Auch in der Oberstufe sind zwei Wochenstunden Konst-— erziehung dos unabdingbore Mindestmaß. Wahlfreiheit zwischen Kunsterziehung und Mousik dorf es auch hier nicht geben. Jedes dieser Fächer hat seinen eigenen, den geistes- uond naturwissenschaftlichen Fächern völlig ebenbörtigen Bildungswert. Bund Deutscher Kunsterzieher: 9ez.: Betzler. Der Rat för Formgebung hat von dem obigen Antrag des BDK Kenntnis genommen und beförwortet ihn: 9ez.: Bartning. Der Kunstkritikerbund(Deutsche Sektion der Association des Critiques d'Art) nahm von obigem Antrag Kenntnis ond billigt ihn sehr. gez.: Dr. Franz Roh. Die„Gesellschaft der Freunde der Jungen Kunst“ nahm Kenntnis und billigt den Antrag. e2.: Dr. Franz Roh. STELLUNGNAHMEN ZUR DENKSCHRIFIT Zu dem Memorondom des BDK gingen zahlreiche Stellong— nahmen ein. Einige seien hier wiedergegeben: SENATOR DR. BIERWANN-RAIJEN, HAMBURG Dem Bund Deutscher Kunsterzieher danke ich aufrichtig för die programmatische Zoschrift vom 8. Februdr 1954, die eine Erneuerung ond Vertiefung der musischen Erziehung an den Schulen zum Gegenstand hat. lch bin för diese lInitiative dankbar und darf zum Ausdruck bringen, daß ich jedes Wort lhrer Kundmachung voll und ganz onterschreibe und bereit bin, diese Bestrebungen, wo immer dies möglich ist- insbesondere in der Ständigen Konferenz der Kuſtusminister der Länder- zu unterstötzen. Gestaften Sie mir, daß ich als persönliche Bemerkung noch folgendes anföge: Wer die Entwicklung der möusischen Unterrichtsfächer an den deutschen Schulen öber einen längeren zZeitraum hin betrachtet, der moß zu dem Resuſtat kommen, daß unge— achtet der forfschreitenden Vermassungs- ond Technisie— rungsgefahren der möusische Unterricht als solcher sich in den Schulen bereits dußerordentlich gebessert hat. Ich er- innere dus meiner eigenen Scholzeit, doß der musische Unterricht ans Groteske streifte, von ganz untergeord- neten Lehrkräften gegeben worde und von keinem Schöler ernst genommen werden konnte. Demgegenöber beob- achte ich- jedenfalls an den Hamburger wissenschaftlichen Oberschölen-, daß echte Könstler mit dusgesprochener pöädogogischer Begobung diese Föcher vortragen und'— sowohl in der Musik als doch im Unterricht öber bildende Kunst- imstande sind, die daför begabten Schöler mit sich zu reißen. Der mosische Unterricht ist trotzdem unbefriedigend, und zwar dus dem Grunde, den Sie auf Seite 3 lhres Briefes erwähnen, nämlich infolge der Tatsache, daß die mösischen Fächer oft nur eine einzige Wochenstunde haben. Es ist selbstverständlich sowohl för den Mosikerzieher als auch för den Kunsterzieher unmöglich, in einer solchen einzigen Wochenstunde den Schwung ond Fortgang des Unterrichts durchzuhalten. Andererseits ist es bekannt, doß der Ston-— denplan einer höheren Schoöle ein äußerst kompliziertes Gebilde ist und daß die einzelnen Direktoren nöor sehr schwer dozu zu bewegen sind, an diesem komplizierten Gebãude des Stundenplans Anderungen vorzunehmen. lch hatte meinerseits an die Einföhrung der Wahlfreiheit zwischen Kunsterziehung und Mosik gedacht, ersehe aber aus lhrem Brief, daß Sie diese Wa¼:hlfreiheit ebenfalls ab- lehnen und gebe zu, daß die Wahlfreiheit in der Tat duch einen Verzicht dof ein notwendiges geistig-seelisches Ge-— biet bedeuten mößte. Es bleibt also nur der möhsame Weg öbrig, bei den Schol- behörden und den einzelnen Schulleitern je zwei Wochen- stunden för die beiden musischen Föächer zu erzwingen. Ich möchte dem Bund Deutscher Kunsterzieher dringend ans Herz legen, seinen Kampf ganz auf diese eine Spezialfrage 209 konzentrieren, von deren richtiger Lösung unser ganzes kolturelles Ziel abhängt! DER NIEDERSACHSISCHE KULTUSMWINISTER lch teile Ihre Meinung, daß die möusischen UÜbungen und der Werkunterricht ebenso wie die Leibesöbungen in der Schule ein notwendiges Gegengewicht gegen die starke intellektuelle Beanspruchung der Jogend onserer Zeit sind. Aus den Stondentafeln för die höheren Schulen Nieder- sachsens werden Sie ersehen, daß ich Ihrer Forderung, auch in der Oberstofe zwei Pflichtwochenstunden för Kunster-— ziehung einzurichten, Rechnung getragen habe. Es besteht keine Wahlfreiheit mehr zwischen Kunsterziehung und Musik. In Vertretung gez. Dr. Bojungd. LANDESSCHULRAI MAITTHEWES, HAMBURG Ihre Eingabe vom 8. Februor 1954 ist hier eingegangen und gibt mir Gelegenheit, Ihnen zu sagen, daß lIhre Auffassung von der Bedeutung der musischen Bildung för eine ganz-— heitliche Erziehung der Kinder von der Hamburger Schul- behörde durchaus geteilt wird. Die Schulbehörde hat duch för die Wissenschaftlichen Oberschulen eine Unterrichts- verteilung geschaffen, die dieser Auffassung Rechnung trägt. Sämtliche Klassen der Wissenschaftlichen Ober- schulen haben je zwei Wochenstunden för Kunsterziehung ond Musik und nach Möglichkeit zwei bis drei Stunden Leibeserziehung. Zusätzlich besteht för interessierte Schöler und Schöle— rinnen der 12. und 13. Klassen die Möglichkeit, an Arbeits— gemeinschaften teilzunehmen, die von Fachlehrkräften ge- leitet werden. Gerade die Arbeitsgemeinschaften mit The- men dos dem Gebiet der Kunst werden von der Schöler-— schaft der Oberklassen besonders gern gewählt. Auf diese Weise ist die Schulbehörde duch ihrerseits dof dem Wege, Gedonken und Ziele, wie sie in Ihrem Aufrof so dringlich zum Ausdruck gebracht werden, der Verwirk- lichung möglichst nahezubringen. Mit den Bestrebungen Ihres Bundes befinden wir uns in voller Obereinstimmung. gez. Matthewes. Reiter- Ton(Oberstofe) DER SENATOR FUR VOLKSBILDUNG, BERLIN Die Wenschenbildung in der Schule umfaßt alle Wechsel- wirkungen und Bildungsbestrebungen, die dus dem Ge— meinschoftsleben und dem Unterricht in der Schule er-— wachsen. Sie wendet sich an den gonzen Menschen und zielt auf die Entwicklung und das harmonische Zusammen— wirken aller Kräfte. Die Vordussetzungen för eine so umfassende Bildung sind im Berliner Schulgesetz gegeben. Dementsprechend woren im Rahmen einer lebendigen Weiterentwicklung die Be- möhungen duroof gerichtet, den geeigneten Schulorganis- mus z9 schoffen und passende Bildungspläne bereitzu— stellen. Nach den för die Berliner Oberschulen göltigen Stunden- tafeln haben die 7. und 8. Klassen zwei Stunden Kunst-— vnterricht und eine Stunde Werken. Lediglich in der 8. Klasse des aſtsprachlichen Zuges konnte nöor eine Stoönde Konst-— unterricht angesetzt werden, do hier das Griechische als neu hinzukommende Sprache einen breiten Raum in An— spruch nimmt. In allen sprachlichen Zögen der Oberschule wissenschaftlichen Zweiges sind för die 9. bis 12. Klassen je 2 Stunden Kunstunterricht angesetzt. Im mathematischen Zug haben die 9. bis II. Klassen zusätzlich je ein bzw. zwei Stunden Werken. In der Berliner Oberschoöle wissenschaft- lichen Zweiges sind duch möusische Zöge vorgesehen. An zwei Berliner Schulen werden von Ostern 1955 an die ersten 9. Klassen des möusischen Zuges mit vermehrtem Unterricht in Musik und bildnerischem Gestalten geföhrt werden. Den Abschloß des musischen Zweiges wird ein voll- göltiges Reifezeugnis bilden. Die Zahl solcher musischen Zöge ist nicht duf zwei begrenzt. Von der Zahl der Schöler- Böser Geist- Jon(Unterstofe) 26 meldungen wird es dbhängen, ob musische Zöge allmäh— lich in allen Bezirken beheimatet werden. In den 13. Klassen aller Zöge wird dem Schöler die Wahl einiger Arbeitsgemeinschaften(mindestens sechs Wochen- stonden) öberlassen. Kunst- und Werkunterricht wird nach den 2z. Z. göltigen Stundentafeln nur in der 13. Klasse des musischen Zuges Pfiichffach sein. In den öbrigen Zögen ist er in der Form von Arbeitsgemeinschaften möglich. Die Grenzen oder aber die Fehler unseres in der Praxis auch jetzt noch geöbten Unterrichts- und Erziehungsver- fahrens können mit do:rin gesehen werden, doß zu ein— seitig der Intellekt duf Kosten der Sinnes- und Geföhls-— tätigkeit geöbt wörde. Es ist sicherlich wichtig, daürauf hinzuweisen, daß die ge— samte Entwicklung der Anlagen und Fähigkeiten des jungen Menschen leidet, wenn die Sinnesorgane zu wenig geöbt ond zum Gewinn selbständiger Erfahrungen geschickt ge- macht werden und wenn die Pflege des Geföhlslebens ver- nachlässigt wird. Um der harmonischen Entwicklung aller Kräfte willen, die in den Heranwachsenden Bildung be-— wirkt, ist es also notwendig, den Bereich möusischer Er— ziehung in der Schule nachdröcklich zu pflegen. Der Verwirklichung pädogogischer Erkenntnisse stehen aber, wie die Tradition des deutschen Bildungswesens zeigt, häufig große Schwierigkeiten entgegen. Z. Z. stehen die Bestrebungen na:ch störkerer Beröcksichfigung des Mosischen in der Schule im Wettstreit mit anderen pädago- gischen Forderungen. So soll dem jungen Menschen Zeit ond Gelegenheit zur Besinnung duf spezifische Begabungs- anlagen gelassen werden, bevor er zum Hochschölstodium kommt, und es soll ihm darum ein gewisses Maß freier Ent- scheidung in der Wahl der Bildungsgebiete zugestanden werden. Andere pädagogische Bestrebungen zielen duf die Erziehung zur Gemeinschaft, duf die Gemeinschaftskunde vnd dof die Gemeinschaftspflege, domit unsere Jugend zor Verantwortung gegenöber der Gemeinschaft und zum poli- tischen Nachdenken geföhrt werde. Daröber hindus melden sich dus Kreisen der Elternschaft, der Wirtschaft und der Berufsorganisationen Forderungen nach Vermehrung des Wissens, nach Steigerung des Umfanges an Gelerntem. Es ist bedauerlich, daß im Kampf der angemeldeten An-— spröche bisher meist die musischen Anliegen in der Er— ziehung zuröckgedrängt worden. Das liegt sicherlich daran, daß die redlen Werte musischer Erziehung för die gesamte Bildung der Jugend bis heute nicht genug erkannt werden. Es ist keine befriedigende Lösung, daß z. Z. Musik und Bildnerisches Gestalten in den 13. Klassen der sprachlichen und mathematischen Zöge nor noch in Arbeitsgemeinschaf- ten wirksam werden können und als gewichtige Bildungs-— anliegen bei der Feststellung der Reife der Abiturienten zuröcktreten. Das Nichtbefriedigende des dugenblicklichen Zustandes wird von den Verantwortlichen empfunden, und es wird nach einer Lösung gesucht, die dem berechtigten Anspruch nach Verwurzelung des Musischen bei der Feststellung der Reife im 13. Schuljahr entspricht. PROF. DR. EDUARD SPRANGER, TUBINGEN Mit lebhafter Zustimmung habe ich von der Eingabe lhres Bundes Kenntnis genommen, die Sie mir freundlichst mit- geteiſt haben. Ich werde duch meinerseits in diesem Sinne wirken, wo sich för mich eine Gelegenheit dozu ergibt. Daß die von Ihnen vertrefene Sache för mich nicht eine bloße Nebenangelegenheit bedeutet, wollen Sie bitte dus der Abschrift eines Aufsatzes ersehen, den ich mir beizufögen gestatte. Er ist in der österreichischen Zeitschrift„Freude an Böchern“ erschienen. Der Beitrag wird wahrscheinlich auch in der Zeitschrift„Die Deutsche Berufs- und Fach— schule herduskommen. Dies scheint mir ein Beweis daför z9 sein, daß dauch in den Bereichen der gonz sachgebunde- nen Proxis der Mangel an Phantasie allmählich als bedroh-— lich empfunden wird. PROF. DR. G. F. HARTLAUB, HEIDELBERG lch habe das Memorandum genau gelesen und mich in die sehr glöcklich gewählten Zitate und Hinweise vertieft. lch mößte meine eigene Lebensarbeit verleugnen, wenn ich Ihnen nicht freudig zustimmte. Das UÜbel, von dem Sie dos— gehen, sitzt jo tief und es fragt sich, wieweit man ihm an-— gesichts unserer gesamten Koltorsitudtion öberhaupt bei- kommen kann. Erzieherische Maßnahmen, so wenig sie auch hinreichen, sind doch das einzige, was von unserem freien Willen abhängt. Infolgedessen ist Ihr Wönsch, der Kunstonterricht(Kunstbefrachtung und Zeichnen) möchte bis zur höchsten Schulstufe weitergeföhrt werden, und zwar mindestens mit zwei Wochenstunden, unbedingt zu bejahen ond zu unterstötzen. Ich möchte behaupfen, daß ein Kunst- onterricht- falls er von der geeigneten Persönlichkeit ge- leitet wird- demjenigen Menschen in seinen reiferen Jah- ren, also während und nach der Pubertöt, in der Vor-— stufe des Erwachsenenseins, sogar nötiger ist als in der eigentlichen Kinderzeit, denn in dieser bewahrt der Mensch noch eine gewisse nachtwandlerische Sicherheit, die ihm spöter in den Übergangsjahren zum Erwachsenensein und zum Berof dorchaus dbgeht. DR. WALITER PASSARGE Direktor der Kunsthalle Mannheim lch onterschreibe voll und ganz den lInhalt Ihres Antrages. Die mosische Erziehung wird duf den deutschen Schulen in einer nicht mehr zu verantwortenden Weise vernachlässigt. Es möoß daher alles geschehen, um ihr wieder den Raum z9 verschaffen, der ihr zukommt. M. E. sind zwei Stunden in der Woche daför zu wenig; um so unverständlicher sind daher die Bestrebungen, den Kunstonterricht dof eine Stuonde zu beschränken. Ich wönsche lhren Bestrebungen von Herzen den besten Erfolg. PROF. HANS MEITTEL Direktor der Städelschole, Staatlichen Hochschule för Bildende Könste, Frankfurt d. M. För die UÜbersendung Ihres Antrages vom 8. Februdr an die Ständige Konferenz der Kultusminister danke ich lhnen. Auf allen Direktorenkonferenzen der Kunsthochschoölen worde dieses Anliegen der deutschen Kunsterzieher in besonderen Schreiben jedesmal der Ständigen Konferenz der Kultusminister dringend zur Beröcksichtigung emp- fohlen, bisher leider ohne föühlbaren Erfolg, Ich wönsche Ihnen, daß Sie den erstrebten Erfolg erzielen und werde mich, soweit es an mir liegt, gerne öberall befürwortend außern. JOHANNES IITTEN Direktor des Kunstgewerbemuseums Zörich Die Erweiterung des möusischen Unterrichts ond ein grönd- licher Aufbau dieses ganzen Komplexes an den unteren ond oberen Schulen sind einfach eine Lebensnotwendigkeit geworden. Die Verlotterung der Anschauungsföhigkeit, die durch den Film und besonders nun durch das Fernsehen in beängstigender Weise um sich greift, moß dorch Gegen— maßnahmen innerhalb der Schulprogramme aufgehalten werden. PROfF. DR. A. HOFF Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Werkkunstschulen, Köln Ihre Eingabe an die Koſtusminister-Konferenz begröße ich als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Werkkunst-— schulen und beförworte sie sehr. DR. AlFRED HENTZEN Direktor des Kestner-Museums Hannover Die in dem Memorandum angeschnittenen Fragen sind von der größten Bedeutung för die Erziehung der deufschen Jogend, und ich wönsche Ihnen, daß Ihre Bemöhungen vollen Erfolg haben. PROF. ERICH HVILLA Direktor der Hochschule för internationale pädagogische Forschung Zo dem Memorandum kann ich als meine persönliche Stel- longnahme nöor sagen, daß ich ihm in vollem Umfang bei— pflichte. Figurengruppe- Vtong-Baustein(Oberstofe) 27 PROF. DR. MEVY MINISTERALDIREKTOR VIEHWEG (Hessisches Koltusministerium) Was die Eingabe an die Koltusministerkonferenz betrifft, so teile ich Ihre Ausföhrungen ohne jeden Vorbehalt. Ge- sichts- und Tostsinn werden in allen Schularten seit mehr als einem Jahrhundert in ihrer Entwicklung und Ausbildung sträflich vernachlässigt. Die Bemöhungen, die um die Jahr-— hundertwende vom Deutschen Verein för Knabenhond- arbeit dofgenommen und von den Regierungen teils wohl- wollend geduldet, teils skeptisch betrachtet und gehemmt worden, haben nach einem kurzen Anlauf stagniert, jeden- falls sind sie längst nicht in dem Maße fruchtbar geworden, wie wir es erhofften. Ansätze zur werklichen Betätigung ond werklichen Gestaltung sind in unseren Schulen nor selten zu finden. Allerdings scheint die Hoffnung auf eine Neubelebung dieser Bestrebungen, wenn auch in anders gerichfeter und erweiterter Form berechtigt zu sein. In weiten Kreisen der Volksschöllehrer, in einzelnen der Philologen hat man den EWert werkkundlich-Kkönstlerischer Erziehung för den einzelnen Menschen-, för die Gesellschaft ond för die WMirtschaft erkannt. An vielen Stellen ist man vom Überlſegen, vom Theoretisieren zur praktischen Arbeit vorgestoßen. An den höheren Scholen hat man den Zeichenunterricht mit gutem Erfolge reformiert. Das ist gut! Es ermöglicht den Kindern und Jogendlichen die öberwiegend intellektoelle Beldstung dorch dos geschriebene und gesprochene Wort wenn duch noör begrenzt duszugleichen. lch teile Ihre Meinung, doß die Kunsterziehung- ich schließe in diesen Begriff auch den Unterricht in Musik ein- gerode auf der Oberstöfe nicht nour nicht verkörzt, sondern dof mindestens drei Stunden erweitert werden muß. Wir mössen vor allem im Bereiche der Kunsterziehung— aber doch sonst- dahin kommen, daß das Unterrichts— prinzip des Schuldorfes Bergstraße(in Hessen) soweit wie irgend mõöglich verwirklicht wird. Im Schuldorf können und sollen die Lehrer an allen Schularten eingesetzt werden. Damit entfälſt duch das so sinnlose wissenschaftliche Bei- fach för die Kunsterzieher. Es soll dber keineswegs dof eine gröndliche und breite Allgemeinbildung des Kunst- erziehers verzichtet werden. Sie muß in jedem Falle stoff- bezogen sein, vom Könstlerischen getragen und bestimmt sein. Das ist möglich, es ist nicht nur möglich, es ist not— wendig! Deshalb ist duch eine schnelle Reform der Aus- bildung der Kunsterzieher im Interesse der Sache uner- läßlich. Großstadt- Karton(Oberstofe) 28 OBERSTUDIENDIREKTOR DR. ASCHENBORN, LEVERKUSEN Die Forderung, der Kunsterziehung an den höheren Schölen den notwendigen Raum zu schaffen, die Sie an die Ständige Konferenz der Kultosminister gerichtet haben, ist in ihrem Grondsatz der Erziehung zum ganzen Menschen duch mein Anliegen, so lange die Gefahr einer Körzung des Kunst-— onterrichts besteht. Vor allem wöre dringend nofwendig, för die in der Stun- dentafel för die gymnosialen Zweige angesetzte eine Wochenstunde der Primen wieder eine Doppelstonde ein- zusetzen. Es entspräche duch meinen Wönschen, in einigen Klassen der Unter- und Mittelstofe wahlfreien Werkunter- richt zusätzlich anzufögen, do die bestehende Doppel- stunde för freies Gestalten und Werken in dieser Stofe kaum dusreichen dörfte. An meiner Anstalt ist bisher Kuönsterziehung in voller Stun-— denzahl durchgeföhrt und daröber hindus das Mosische mit bewußter Betonung gefördert worden. Um so stärker lehnen wir die Wahlfreiheit zwischen Kunsterziehung und Musik ab. Es wöre zu wönschen, daß der Vorstoß des BDK allseitig unterstötzt und durch Einsicht zum Erfolg geföhrt werden könnte, wodurch im Sinne der Gesamterziehung ein großer Fortschritt erzielt wäre. PROF. DR. HANS TINTELNOT, UNIVERSIIAT GOTTINGEN Das mir zugegangene Memorandom lhres Bundes an die Koltosminister der westdeutschen Bundesländer habe ich aufmerksam gelesen und lebhaft begrößt. Ich beobachte seit längerem schon mit Sorge z. B. das Überbewerten der naturwissenschafflichen Fächer an den höheren Mädchen- schulen und habe duch hier in Göttingen, in Kollegs wie duf Elternversammlungen, wiederholt dauf die Gefahren hingewiesen, die eine Zuröckdrängung der musischen Fä- cher mit sich bringt. So gesehen, will mir Ihr Wemorandum stellenweise fost zu nobel und zu zuröckhaltend erscheinen! Seien Sie dlso meines ständigen Interesses versichert! PROF. DR. STEPHAN HIRZEL Direktor der Staatlichen Werkakademie Kassel Eigentlich läßt es sich kaum vorstellen, daß irgend jemand stichhaltige Einwände gegen die pädagogische Forderung vorbringen kann, den Kunst- und Werkunterricht för alle Schularten und alle Klassen bis hin zum Abitur nöon endlich auf zwei Wochenstunden festzulegen. Es ist traurig, daß dieses doch so selbstverständliche Anliegen sich bisher nicht hat verwirklichen lassen. Man dorf nicht möde werden, Schulmänner und Behörden von der Notwendigkeit der Konsterziehung zu öüberzeugen. PROF. W. HUPPERT, OBERSCHULAWT KARLSRUHHE Akodemie der Bildenden Könste, Karlsruhe In der heutigen Kunsterziehung lernt der junge Mensch dos eigener Anschauung heraus die Fölle der Erscheinungswelt zu öberblicken, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und die verwirrende Vielfalt zu einem in sich geschlossenen Ganzen zu ordnen. Zeichnen, Malen ond Werken bieten die Möglichkeit, das eigene Erleben an- schaulich zu gestalten und als eine Art Selbstbefreiung zu Hauos-Modell- Pappe(Unterstufe) objektivieren. Bei diesem auf sich selbst gestellten, produk- tiven Arbeitsvorgang können nicht bereits fertig formöulierte Gestaltungen öbernommen werden; die eigenpersönliche Auseinandersetzung und Verarbeitung möß jene Aussage- form erfinden, die zum unverlierbaren inneren Besitz zu werden vermag. Denn wirklichen Wert haben för uns nor die Dinge, die wir selber erorbeiten, die wir uns aus eigener Initiative, also dorch eine morolische Anspannung, dorch Oberwindung von Hemmungen und Schwierigkeiten er-— ringen. PROF. H. KAMPS Direktor der Staatlichen Kunstakademie Dösseldorf Bei der Dorchsicht lIhrer Denkschrift fiel mir ein schöner Satz von Wilhelm Heinse ein.(Heinse wor mit Goethe Mit- orbeiter an Jacobis Zeitschrift„lris“ und gehörte zum Pempelforter Kreis in Dösseldorf.)„Wer das Geföhl des Schönen von Nator und dem Leben seiner ersten Kind- Fisch- Gips-Relief(Mittelstofe] heit und Jugend nicht hat, wird es nie dorch die spätere Betrachtung ond die Lehren der Weisen lernen.“ Heinse kannte sehr wohl die gelehrten Asthetiker seines Jahrhonderts, die Lessing, Winkelmann, Roussedu, Rey— nolds; sie hatten ihm aber nie eine befriedigende Antwort aouf die Frage nach dem Wesen der Schönheit gegeben. Schönheit ist för Heinse eben keine erlernbore Wissen- schaft, sie ist för ihn Harmonie, Musik, äußere UÜbereinstim-— moung mit innerer Vollkommenheit, ist Reinheit des Auges. Dorum fot die Erziehung des Auges not. Erst sehen mit den Augen und dann denken, das mössen wir Deutfschen immer noch lernen. Die besten Denker haben das immer gewoßt ond dusgesprochen. Leider moß es heute so oft wiederholt werden. PROF. ERNST FRITSCH Leiter der Abteilung Kunstpädagogik an der Hochschule för Bildende Könste Berlin Wir erklären uns voll und ganz för den Antrag des Bundes Deutscher Kunsterzieher und empfehlen seine Beröcksichti- gung dringendst. PROF. GERHARD GOLIWITZER Stdotliche Akademie der Bildenden Könste Stuttgart Es ist gut, daß Sie den Ton auf den Anteil der Kunst-— erziehung an der Menschenbildung, an der Bildung des ganzen Menschen, gelegt haben. Denn darin sieht der Konsterzieher von heute seine Aufgabe. Die maßgebenden Männer gehen offenbar immer noch vom Zeichenunterricht ihrer eigenen Schulzeit dus. Wenn man den Menschen mit all seinen Fähigkeiten und den daraus erwachsenden Mög- lichkeiten zur Gestaltung des Lebens, zur Erkenntnis der Wirklichkeit, um bewußten Werten seiner Erlebnisse sieht ond dabei unvoreingenommen den riesigen Anteil des Auges und der Gestaltong des Sichtborkeit erkennt, dann ist unsere Forderung noch bescheiden zu nennen. AUSSERUNGEN ZUR MUSISCHEN ERZIEHUNG BRIGITTE BEER in der„Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ 21. J. 54: ... Man mag vielleicht einwenden, daß Mosik, Zeichnen, Leibesöbungen immerhin noch mit einer Reihe von Stunden im Lehrplan vertreten sind und doß damit dem Anspruch dieser Fächer, die jo nichts för das spätere Leben Brauch- bares lehrten, Genöge getan sei. So verschiedener Mei- noͤng man im einzelnen hieröber sein kann,- der Kern wird damit nicht getroffen. Zwar ist es schlimm genug, daß diese fächer an den Rand gedrängt, oft eben noch gedoldet, in der Gesamtbeurteilung der Schöler kaum oder gar nicht gewertet werden. Schlimmer ist, daß die Mosen sich dus den öbrigen Föächern verflöchtigt haben, daß- ungeachtet so mancher Schulorchester und Spielgruppen- das Leben der Schule amösisch geworden ist, daß die Forderungen des Stoffplanes keine Zeit mehr lassen zu Besinnung und schöpferischer Pause. Der Ruf nach Steigerung der Leistung ond das Zweck- und Nötzlichkeitsstreben werden von allen Seiten duch in die Schule hineingetragen; was keinen Notzen zu bringen scheint, wird darunter erdröckt. Und doch hängt der vielbeklagte Röckgang der Leistungen ge- rade duch damit zusammen, daß das möosische Element nicht mehr genögend wirksam werden kann... Befreiung der Lehrpläne von stofflichem Ballast wäre eine der Vor- aussetzungen för eine Wiederbelebung des mosischen Geistes in den Scholen... Solange dber dem Mosischen nicht wieder ein bedeutender Platz im Leben öunserer Schölen eingeräumt wird- und die Mosen sind ja die Höfe-— rinnen der Wissenschaftfen und der schönen Könste- so— lange es nicht, wie die Mosik in Goethes pädagogischer Provinz, zum„Element der Erziehung“ wird, so lange wird Affe- Mahagoniholz(Oberstofe) 30 auch die rechte freudigkeit dem Schulleben fernbleiben, die zu den Wurzeln alles echten geistigen Lebens gehört. „DIE NEUE WELTSCHAVU“ (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1952) Es ist kein Zufall, daß vielfach die Kunsterziehung Anstoß zu neuen Erkenntnissen gab und im Laufe der Entwicklung immer wieder neue Einsichten vermittelte... Die Aufgabe des Kunsterziehers erschöpft sich dber keineswegs mif der Enibildung gestalterischer Kräfte im Kindesalter. Oft hört man die Meinung: Ja, beim Kinde, aber wie ist es während ond nach der Puberfät?... Natörlich möß der Lehrer be- sonders in diesem Alter richtig zu föhren verstehen, dem Bedörfnis, die Dinge und sich selbst zu begreifen, ent- gegenkommen und die Aufgaben so stellen, daß die Kräfte des Schölers nicht öberfordert werden. So wird der jonge Mensch för das ganze Leben die Fähigkeit gewinnen, sich in Moße durch könstlerisches Tun zu sammeln, als Gegen— gewicht gegen unsere betriebsame Zeit mit ihren oberfläch- lichen Unterhaltungen... Er wird den Tand gestaltloser Massenprodoktion ablehnen und Beziehungen gewinnen zu den echten Formen könstlerischen Schaffens. Schließlich wird er unvorsingenommen und dufgeschlossen vor Konst- werke vergangener Zeiten und der Gegenwart freten, da- bei an innerem Reichtum gewinnen und vielleicht duch das Wesen unserer Zeit tiefer verstehen. KURT LANGE in seinem Werk„Kgyptische Kunst“ Es ist nötig sich klorzumuchen, daß jede große Kunst— form noch immer aus der Vorstellung entsteht und daß wir sie um der Größe dieser Vorstellung willen verehren. Wem Verständnis för das urspröngliche Schöpfertum des Kindes gegeben ist, dem wird es nicht schwerfallen, Sinngebung auch im scheinboar Unzulänglichen zu erblicken. Er weiß, doß dos, was wie Unföhigkeit aussieht, doch einen frucht- boren Vorgang des Sich-aneignens dusdröckt, der den klas- sischen Kunstleistungen den Boden bereitet. TIHEODOR DEMEL „Das Bildongsziel der höheren Schule“. Schrift des Deufschen Philologenverbandes Die Bildungsidee der höheren Schule umfaßt aber nicht nor die Schulung des Geistes, sondern duch die Entwicklung der Sinne und die Entfaſtung der Seele. Der ſugendliche Wensch soll nicht nur lernen zu erkennen, sondern duch im wörtlichen Sinne zu sehen und zu hören. Wie in die Welt des Wahren soll er auch in die Welt des Schönen einge— föhrt werden. Hier ist es möglich, ihm den besonderen Gehalt eines Kunstwerkes bewöoßt zu machen, sei es in der Dichtung, sei es in der Mosik oder in der bildenden Konst. Im Umgong mit dem Schönen bildet sich der Ge-— schmack. Das Kkönstlerische Erlebnis gibt den Anreiz, eigene mosische Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln und schöpferisch fäfig zu sein. Das Edle wird dem Alltäglich-— Gemeinen gegenöbergestellt. So entsteht allmählich jene Sicherheit des ästhetischen Urteils, die der Sicherheit der geistigen Entscheidung entspricht... Die Ratio ist ein wesentlicher Bestandteil des inneren Men- schen. Aber sie ist eben nur ein Teil. Ihre Entfaltung soll nicht die Kräfte des Gemötes und des Empfindens schwächen... AUF DEN KUNSTERZIEHER-TAGUNGEN MUNCHEN 1952 UND HANNOVER 1953 WURDEN FOLGENDE GRUNDLINIEN ANGENOMMEN: . Der Konstonterricht ist Kultor- und Kernfach. Als solches ist er mit je 2 Wochenstunden för alle Klassen und alle Schöler zu erhalten bzw. wieder einzusetzen. In der Reifepröfung ist er entsprechend zu beröcksichtigen. För den Werkunterricht in den Mittelklassen werden Zzu- sätzlich 2 Wochenstunden als notwendig erachtet. .Die Einrichtung von besonderen Arbeitsgemeinschaften sowie die Förderung besonders begabter Schöler in Musischen Gymnasien wird sehr begrößt. Dies darf je— doch nicht dozu föhren, daß die Aufgabe der könst-— lerischen Bildung der gesamten deufschen Jogend verkörzt wird. .Die Schölerleistongen(Gestoſtungsvermögen und Ur-— teilsfähigkeit) sind bei allen Versetzungen und Prö-— fungen mit zu werten. .Der Konst- und Werkunterricht bedarf in allen Schulen eines eigenen Etats för die benötigten Arbeits- und An- schauungsmittel. Sein Schrifttum und Bildgut dient einer Bildung, die duch die öbrigen koltorkundlichen Fächer angeht. . Bei Schulneubauten und-neueinrichtongen von Zeichen- sälen und Werkräumen sind die Fachlehrkräfte stets mitheranzuziehen. Sollen die Kunsterzieher ihrem Auf- trag gerecht werden, die Schule zu einer Stätte zu machen, in der die Kultur des Auges gepffegt wird, so mössen sie jede Gelegenheit erhaſten, bei jedweder Planung ihre kunstpädagogischen Erfüahrungen notzbar zu machen. 6. Die heutige Lunsterziehung stellt so hohe Anforde- rungen an ihre Vertreter, daß diese ihnen nor dof Grund eines vollen und gröndlichen Studioms(Könstlerisches ond werkliches Schaffen, Kunstpädagogik, Psychologie, Kunstgeschichte, Philosophie usw.) gerecht zu werden vermögen. Das Verlangen, außerdem noch ein wissen— schaffliches Beifach zu stödieren, wie es Zz. Z. in fost ollen Bundesländern geschieht, öberfordert den Studie- renden und moß onweigerlich seine Leistungsminderung als Kunsterzieher zur Folge haben. Deshalb wird dos wissenschaftliche Beifach grundsätzlich abgelehnt. . Der vielffältig und voll ausgebildete und gepröfte Kunst- erzieher kann nicht dorch einen Laien(Maler oder Bild- hauer) ersetzt werden. Der Kunst- und Werkunterricht dorf deshalb nor von dosgebildefen und gepröften Fachlehrkräften erteilt werden. . In jedem Bundesland sollten ein bis zwei fachberater eingeseftzt werden. . Die Kunsterziehung dn den Mittel- und Realschulen möoß weit mehr als bisher gefördert werden. An diesen Schu-— ſen ist der Kunst- und Werkunterricht durch Kunsterzieher zu erteilen, die eine 46semestrige Ausbildung und ent- sprechende Pröfung nachweisen können. Die Lehrer der Volksschulen solſten dorch Lehrgänge und Fortbildungs— kurse gefördert werden. Das geschmackliche Nivedu onseres Volkes kann nor gehoben werden, wenn auch in den Volksschulen die entsprechenden Anstrengungen onternommen werden. Weiden- Weiße Tosche (Mittelstufe) 31 Kinderzeichnung dos„Jogend und Bild 1954“