Von 1846 bis 1853. N 4 Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademiſchen und politiſchen Revolution. — 1.— 88:LIN. 1LIASS BIBLIOTREK. 4 Von einem weiland Gießener Studenten und badiſchen Freiſchärler. 4— —- Darmſtadt. In Commiſſion bei Joh. Waitz. 1875. kerei in Da Dem Andenken ſeines verehrten Lehrers, weiland Gymnaſial⸗Directors zu Büdingen und Oberſtudienraths Dr. Georg Thudichum, als Trinkſpruch zur Feier der Verlobung ſeiner Tochter Marie mit Gymnaſial⸗Lehrer Dr. K. L... in Darmſtadt— geſprochen am 30. November 1871, in einer fröhlichen Abendgeſellſchaft der „Reſtauration Markwort“ daſelbſt—, pietätvollſt gewidmet vom Verfaſſer. „Verehrte Anweſende! Collegen und Colleginnen vom Sitte'⸗ ſchen„runden Tiſche“ 1*) Nachdem ich als ehemaliger Philologe dem altklaſſiſchen Gebrauche, ein Braut⸗ oder Hochzeitspaar durch einen fröhlichen Chor unter Tanz und Geſang nach Hauſe zu geleiten *) Es war das eine aus den verſchiedenſten Elementen, Kaufleuten, Fabrikanten, Privaten, Gymnaſial⸗ und Gewerbſchullehrern ꝛc. bunt gemiſchte allabendlich in der Sitte'ſchen Bierwirthſchaft verſammelte höchſt gemüthliche Tafelrunde, zu deren vorzugsweiſen Feſtrednern in Poeſie und Proſa ich ge⸗ hörte. Leider! iſt durch Verlegung des Locals dieſer gemüthliche, alle Stände vertretende Kreis inzwiſchen geſprengt worden. Unſer jovialer Alterspräſident, Profeſſor Kaup, der mit dem ernſteſten Geſichte von der Welt die koloſſalſten Jagdgeſchichten als ächter„Naturförſter“ zu erzählen verſtand und höchſtens gelegentlich durch den hospitirenden Kreisbaumeiſter A. Louis von Bingen, des phantaſievollen Vaters würdigen Sohn, übertrumpft wurde, iſt uns leider! in⸗ zwiſchen als Quartiermacher auf dem Friedhofe vorangegangen. Sei ihm die Erde leicht! IV und ein ſcherzhaftes Lied vor dem Brautgemache zu ſingen, mit meinen vorhin vorgetragenen, freilich ſehr modernen Knüttelverſen gehuldigt, iſt es mir ein Bedürfniß, zugleich in Proſa einer alten Pietätspflicht zu genügen, zu deren zwangloſer Erfüllung ſich mir wohl kaum eine paſſendere Gelegenheit bieten dürfte, als in unſerm heutabendlichen Kreiſe des mit Damen und Ehrengäſten erweiterten famoſen„runden Tiſches“. Es iſt einer der Schlußverſe meines Epithalamium's, zu dem ich einen nachträglichen Commentar geben möchte. Meine Damen und Herren! Es ſitzt als eigentlicher Jubel⸗ greis dieſes heitern Abends ein Mann unter uns, dem ich endlich einmal Auge in Auge post tot discrimina rerum meine herzliche Dankbarkeit als wenigſtens nicht ganz mißrathener Schüler öffent⸗ lich ausſprechen muß. Es iſt Herr Oberſtudienrath Dr. Georg Thudichum, der ehemalige Director des Gymnaſiums zu Bü⸗ dingen, jener kleinen alma mater der oberheſſiſchen Heimathsprovinz, der ich ſelbſt die Grundlagen meiner klaſſiſchen Bildung verdanke. Ich habe abſichtlich bemerkt, ich ſei ſein„wenigſtens nicht ganz mißrathener Schüler“, und er ſelbſt, der mir freilich beim Abgange das Maturitätszeugniß Nr. 1 gegeben, wird nicht nur am Beſten verſtehen, was ich meine, ſondern mich dafür längſt im Stillen amneſtirt haben. Aber wenn ich auch in jugendlichem Uebermuth als der bekannte„L... junge von 1848“, wie mich mein ehemaliger Freund C. Scriba in ſeinem„Wetterauer Boten“ mit höchſt poetiſcher Eleganz bezeichnete, gar manche Ertravaganzen, ſo zu ſagen, politiſche Studentenſtreiche mir habe zu Schulden kommen laſſen, wozu er bedenklich den Kopf ſchütteln mußte, ſo wird er mir doch gerne zugeſtehen, daß ich mindeſtens die Grundzüge der Phyſiognomie, welche er einſt ſeinen Schülern aufzuprägen verſtand, bis auf den heutigen Tag nicht verwiſcht habe. Ich war und bin eben circa 20 Jahre jünger, als er.„Jugend“ hat nicht immer„Tugend“, und wenn ich ihm auch nicht vollſtändig mehr mit Georg Herwegh erwiedern kann: „Schilt mir nicht die blonden Locken, nicht die ſtürmiſche Geberde! Achtung euren Silberflocken! Doch dem Gold gehört die Erde!—“ denn leider! iſt das ehemalige Gold meiner weiland„impertinent blonden“ Haare ſchon ſtark mit Silber verſetzt— ſo gilt es doch V für die„Geberde“, die trotz alledem und alledem heute noch faſt gerade ſo„ſtürmiſch“ geblieben, wie früher. 7 Verehrte Anweſende! Mit welcher aufrichtigen Dankbarkeit ich auf meine unter der Oberleitung unſres heutigen„Runden⸗ Tiſch“⸗Schwiegervaters verlebten Büdingener Gymnaſialjahre zurück⸗ blicke, das ſage ich nicht etwa erſt jetzt aus Courtoiſie für den befreundeten Schwiegerſohn L... Das habe ich ſchon vor mehr als drei Jahren, als„Conrad“ und„Marie“ noch gar nicht an einander dachten, in einem Leitartikel der ſeligen„heſſiſchen Landes⸗ zeitung“ vom 18. Auguſt 1868, als deſſen übrigens damals ſchon errathenen Verfaſſer ich mich hiermit gerne bekenne, öffentlich und unzweideutig ausgeſprochen. Indem ich die damals von national⸗ liberaler Seite, im Gegenſatze zu den preußiſchen, tendenziös ge⸗ ſchmähten heſſiſchen Gymnaſien in Schutz nahm, ſchrieb ich u. A. wörtlich: „Schreiber Dieſes hat das Gymnaſium zu Büdingen beſucht und ſpricht auf Grund eigner früherer Erfahrung. Wenn die Auf⸗ gabe einer ſolchen Anſtalt darin beſteht:„Uebung und Stärkung der geiſtigen Kräfte mittelſt der alten Sprachen und der Mathematik, Aneignung eines edlen Gedankenreichthums durch geläufige Lectüre der griechiſchen und römiſchen Schriftſteller, feſte Fundamente für die hiſtoriſchen und geographiſchen Wiſſenſchaften, ſittliche Zucht in Liebe und Ernſt“, ſo muß er dankbar bekennen, daß ihm in Bü⸗ dingen, wo der weſentlich gleiche Lehrplan, ob auch mit andern Lehrkräften, heute noch fortbeſteht, dies Alles in reichem Maße ge⸗ boten worden iſt und er ſich daſelbſt ein Capital klaſſiſcher, humaner Bildung geſammelt hat, von deſſen Zinſen er bis in ſein ſpäteſtes Alter geiſtig leben kann. Ob er auch einmal als übermüthiger junger Student neben vielen andern Ketzereien das Wort L. Wien⸗ barg's citirt hat von„jener blühenden Zeit, als wir noch in Prima ſaßen und vor der Schaale nicht zum Kern gelangen konnten“, ſo gedenkt er doch heute als reifer Mann ſeiner Gymnaſialjahre mit wahrer Liebe. Er nennt mit aufrichtigſter Pietät und ungeheuchelter Hochachtung von ſeinen damaligen Lehrern vorzugsweiſe die Namen eines Georg Thudichum, unter deſſen geiſtvoller Leitung er den Horaz und Sophokles las und den deutſchen Aufaatz tractirte, und eines Friedrich Zimmermann, jetzt Profeſſors am hie⸗ 8 VI ſigen Gymnaſium, der ihn mit mehr Liebe und Gründlichkeit, als mancher Univerſitäts⸗Docent, in die Geſchichte und Literatur, nicht nur Deutſchlands, ſondern aller europäiſchen Culturvölker, ja ſogar der Perſer und Hindu's, einführte. Neben Beiden verdienen auch andre tüchtige Lehrer, der nun verſtorbene G. Haupt und der penſionirte J. Gambs, rühmliche Erwähnung. Was Schreiber Dieſes in der Büdingener Secunda und Prima zu den Füßen der genannten Männer gelernt, davon iſt trotz aller Zerſtreuungen der Zwiſchenzeit der Kern in ihm haften geblieben, und er legt auf die dort gewonnenen Fundamente allgemeiner Bildung, namentlich die durch das Studium der griechiſchen und römiſchen Claſſiker weſentlich gefördert werdende idealere Welt⸗ und Lebens⸗ anſchauung, die neben dem materiellen Erwerb höhere allge⸗ mein⸗menſchliche Daſeinszwecke kennt, einen ſo ernſten Werth, daß er trotz des häufigen Widerſpruchs praktiſcher„Fachmänner“ heute noch jedem Vater der beſſeren Stände empfehlen möchte, ſeinen Sohn, auch wenn er für eine rein bürgerliche, meinethalben die kaufmänniſche Carriere beſtimmt ſein ſollte, vor dem Eintritt in dieſelbe das Gymnaſium, wo möglich bis durch die Prima, durchlaufen zu laſſen.“— Ich habe dieſe Nummer damals als eine Art von journaliſtiſcher Kirchenbuße für gewiſſe ſtudentiſche Jugendſünden unter Kreuzband auch an ihn geſchickt, der heute unter uns ſitzt, und bezweifle kaum, daß er als den Verfaſſer ſofort mich erkannt haben wird, von dem er einſt in einem Momente leichtbegreiflicher Gereiztheit ſelber ſagte: „Und dieſer Menſch hat ſein Deutſch von mir ge⸗ lernt!“—— Allerdings habe ich es von ihm gelernt. Ich war immer ſtolz darauf, wenn ich unter meinen Aufſätzen von ſeiner Hand, meiſt mit rother Dinte, die Cenſur„recht gut“ oder gar, womit er ſehr ſparſam war, die erſte,„ſehr gut“, erhielt, und ſo entſchieden ich auch aus diverſen Gründen in Frage ſtellen möchte, ob er manche meiner jetzigen journaliſtiſchen„Aufſätze“ mit den gleichen Noten verſehen würde, ſo glaube ich doch überzeugt zu ſein, daß er wenigſtens einigen der früheren über die evangeliſche Kirchen⸗ reform in Heſſen und der ſpäteren über die Umgeſtaltung des Volksſchulweſens als Mann von Fach und Freund des Fortſchritts VII das Prädikat„gut“, wenn auch nicht gerade„recht gut oder „ſehr gut“ kaum verſagen dürfte. Aber nicht nur unſre deutſche Sprache und Literatur, auch die griechiſche und römiſche hat er mich gründlich kennen gelehrt und mich auf beiden Gebieten, ohne an den Vocabeln herumzuklauben,„durch die Schaale zum Kerne gelangen laſſen“. Auf dem erſteren iſt ſeine Ueberſetzung des Sophokles in Bezug auf möglichſt getreue Ueberſetzung des Textes, ohne dem Genius unſrer Mutterſprache Zwang anzuthun, aber auch ohne den Ge⸗ danken des Dichters zu moderniſiren und zu verballhorniſiren, bis jetzt nicht übertroffen, und ich denke vor Allem mit wahrer Andacht an die von ihm mit ſo viel Liebe und Verſtändniß geleitete Lectüre der Antigone und des Oedipus auf Colonos. Nicht minder aber auch unter den Lateinern an die des fröhlichen Lebemannes Horaz: ich ſelbſt ein„bareus Deorum cultor et infrequens“, der mit ihm das„desipere in loco“ liebt, zeitweiſe auch gar gerne„am runden Tiſche“ und ſonſtwo das„nunc eßt bibendum!“ anſtimmt. Und an jenen klaſſiſchen Vers, der mir ein Motto für mein Leben geworden iſt:„Justum ac tenacem propositi virum“ ꝛc. Ich denke, er wird mir zugeſtehen, datz ich trotz alledem und alledem, trotz Steckbrief, Flüchtlingſchaft, Freiſchärlerei, Correctionshaus, Prozeß M... und ſonſtigen Dingen ein„vir justus“ und vor Allem ein„tenax“ meines politiſchen„propositum“'s geblieben bin, welches letztere Prädicat in dieſer Zeit characterloſer Ueberläuferei an Werth gewonnen hat, wenn ich auch den„ardor civium“, die wahrlich nicht immer„prava“ verlangen, weit weniger bedenklich finde, als den„vultus“ eines bajonettenumſtarrten„tyrannus“. Ich kann ſchließlich den köſtlichen Humor nicht vergeſſen, womit er uns in der Ode:„Parcius junctas quatiunt fenestras“ mit wahrem Schmelz den nächtlichen Liebesruf erklingen ließ:„Lydia, dormis?“ Ja, es war eine glückliche Zeit,„als wir noch in Secunda und Prima ſaßen“ und nicht nur Cicero und Horaz, Homer und Sopho⸗ kles ꝛc. tractirten, ſondern nebenbei auch— ich darf ihm Das jetzt in’s Geſicht ſagen, ohne noch der Gefahr des Carcers ausgeſetzt zu ſein— bei verſchloſſenen Thüren lange Pfeifen rauchten(„da ſitzen ſie da, die„Wolkenverſammler!“ pflegte der anfängliche zweite Lehrer, Dr. Schaumann, uns höhniſch entgegenzurufen. VIII „Ihre bleichen Larven alle ſendet mir Proſerpina!“) und als embryoniſche Studentchen allerlei dreifarbige Poſamentirarbeiten unter den halb geöffneten Weſten trugen.— Um die Stellung eines Lehrers zu ſeinen Schülern zu cha⸗ racteriſiren, gibt es gewiß nichts Beſſeres, als das vertrauliche Prädikat, der ſogenannte Spitzname, den ihm die Schüler unter ſich ertheilen. Nun wohlan, er hieß— ich darf ja nun„aus der Schule plaudern“— unter uns vorzugsweiſe„der alte George“, und vor dem beſagten alten George, der nicht mit ſich ſpaſſen ließ, hatten wir bei aller Liebe doch gehörigen Reſpect. Gewiß konnte Nichts das pädagogiſche Familienverhältniß zwiſchen ihm und uns ſchlagender kennzeichnen, als dieſer vertrauliche nom de guerre. Seine wohlverdiente Popularität unter uns hatte nebenbei, wie ich nicht verſchweigen darf, zugleich einen ſtark politiſchen Bei⸗ geſchmack. Es ging unter uns Gymnaſiaſten die dunkle Sage, der „alte George“, von dem wir genau wußten, daß er ſ. Zt. als freiwilliger Jäger mit nach Frankreich gezogen, habe als Student entweder dem ſeligen„Tugendbund“ oder der damals nicht minder ſeligen„Burſchenſchaft“ angehört, und darauf hin ſtand er bei uns in einem gewiſſen, ſo zu ſagen, ſchwarzrothgoldnen Geruche. Bei den Worten„Tugendbund“ und namentlich„Burſchenſchaft“, die für uns Alle etwas Vehmgerichtliches hatten, dachten wir naive Jungen an einen geheimnißvoll vermummten deutſchen Carbonari⸗ Club von lauter modernen Brutuſſen mit blankgeſchliffenen Dolchen, welche unter Anrufung der droits de l'homme auf irgend einen Todtenſchädel feierlich geſchworen hatten, Jeder mindeſtens einen „Tyrannen“ ſouverän oder mediatiſirt, pro patria, wie Sand den Kotzebue, umzubringen und dann, ganz oder halb gebraten, zum Frühſtück zu verzehren. Und Das verbreitete in unſern Augen um des Directors Haupt einen politiſchen Heiligenſchein. Ob er nun wirklich einen„gelieferten“ Tyrannen auf dem Gewiſſen hatte, das war uns freilich zweifelhaft. Aber wir dachten mit dem alten von uns überſetzten Verſe: ut desint vires,(oder auch occasiones), tamen est laudanda voluntas!“ Und von ſeiner patriotiſchen „voluntas“, der höchſtens die paſſende Gelegenheit für einen mo⸗ dernen Harmodius oder Ariſtogiton gefehlt haben konnte, waren wir Alle feſt überzeugt. Sie glauben nicht, verehrte Anweſende, — IX welche magiſche Gewalt für junge Herzen das heilige Wort„Frei⸗ heit“ hat, auch wenn ſie trotz ihrer hiſtoriſchen Kenntniß der griechiſchen und römiſchen Republiken davon nur ein ſehr ver⸗ ſchwommenes Bild ſich zu entwerfen verſtehen. Das Schenkendorf'ſche Lied von der transcendentalen Mondſchein⸗, Freiheit, die ich meine, unterm Sternenzelt“ u. ſ. w. haben wir auf unſern geheimen Commerſen ſtets mit beſondrer Inbrunſt geſungen. Unſer Vertrauen auf den Liberalismus des„alten George“ war ſo groß, daß wir ihn ſogar aus lauter Naivetät einmal in ein faſt ergötzliches Di⸗ lemma brachten, das für ihn leicht ärgerliche Folgen hätte haben können. Es wird vielen von den anweſenden Herren wohlbekannt ſein, daß Alle, die in den 40er und 50er Jahren von dem Büdingener Gymnaſium aus zur Gießener Hochſchule kamen, ſich durch beſondre Vorliebe für unſern vielverkannten Dichter Platen auszeichneten, von dem G. Herwegh ſo ſchön ſagt: „Kalt und ſtolz, ein Gletſcher, hoch ragſt du über die Fläche, Die das gemüthliche Vieh unſrer Poeten begraſ't.“. Wir dankten ſie ihm, der ihn uns mit vollem Verſtändniß für die klaſſiſche Form und den gediegenen Inhalt kennen und lieben lehrte, und von unſern Mitſtudenten erhielten wir deßhalb den Spitznamen der„Plateniden“. Nun hatten wir erfahren, daß von Platen auch ein Bändchen feuriger, von Ruſſen⸗ und Tyrannen⸗ haß ſprühender„Polenlieder“ exiſtire, was freilich von dem hohen deutſchen Bundestage polizeilich ſtreng verboten war. Mein als gräflich Erbach'ſcher Oberförſter in Bullau verſtorbener Freund Kreyſſig, ein in der Wolle gefärbter Platenianer, verſchaffte uns von Straßburg aus ctwa ein Dutzend Exemplare und es wurde beſchloſſen, daß Einer von uns in der nächſten Declamationsſtunde der Prima ein beſonders energiſches Gedicht daraus— wenn ich mich recht erinnere, war es das famoſe:„Der König tanzt in Moskau!“— vortragen ſolle. Wir Tölpel freuten uns alle auf die angenehme Ueberraſchung, die wir unſerm platenfreundlichen und liberalen Director damit bereiten würden. Aber, ach, wie hatten wir uns getäuſcht! Und zwar mit vollſtem Rechte. Wenn er, der ſchon lange in gewiſſen maßgebenden Kreiſen mißliebig genug war, in ſeiner dienſtlichen Stellung als Director des Gymnaſiums eine ſolche, ob auch noch ſo unbedachte Mißachtung eines notoriſchen X bundespolizeilichen Verbots ruhig hätte hingehen laſſen, ſo würde das ſicher bald bekannt geworden ſein und unfehlbar eine Dis⸗ eiplinar⸗Unterſuchung, wenn nicht zeitweiſe Suspenſion, für ihn zur Folge gehabt haben. Der Herr Director, dem übrigens beſtimmt insgeheim das Herz im Leibe lachte, zog ſich aber mit beſter Miene aus dem böſen Spiele. Nachdem er, das Geſicht in ofſicielle Falten gelegt, inquirirt hatte, wo wir dieſes verbotene Büchlein eigentlich her hätten und wie viel Exemplare hierher gekommen ſeien, be⸗ kannten wir ohne ſonderliche Zerknirſchung die Wahrheit, und darauf wurde an demſelbigen Tage der ganze einzuliefernde Vor⸗ rath einfach pro patria confiscirt. Weiter krähte kein Hahn mehr nach der ganzen Geſchichte, und von Carcer blieben wir alle gnädigſt verſchont. Von da an aber haben wir den„alten George“ kein einziges Mal mehr mit verbotener Literatur in Verſuchung geführt. Auf die weiteren Verdienſte unſres heuteabendlichen Schwieger⸗ vater⸗Jubelgreiſes brauche ich nur flüchtig hinzudeuten. Er zeigte ſich vor Allem als entſchiedner Vorkämpfer für das Recht der Gemeinde innerhalb unſrer proteſtantiſchen Kirche in Heſſen, für die endliche Einführung der längſt verſprochenen Presbyterial⸗ und Synodalverſaſſung, deren muſtergültiger Entwurf von ihm herrührt, und auf dieſem Gebiet habe ich in der Preſſe längere Zeit als treuer Schüler an der Seite meines verehrten Lehrers gekämpft. Und daran, daß er auch ein charaktervoller Volksvertreter war, der in gewiſſenhafter Vollziehung ſeines Mandats, obgleich Beamter, ſelbſt den Conflict mit der Staats⸗ regierung nicht ſcheute, indem er auf dem denkwürdigen Landtage von 1850 bedingungsweiſe die Steuern verweigern half, muß ich als unverbeſſerlicher Demokrat hier mit ganz beſondrer Anerkennung erinnern.(Ein köſtliches quid pro quo lag in dieſer Beziehung darin, daß ihm die Dienſtmagd Liesbeth eines ſeiner häufig beſuchten vertrauteren Freunde, die durch denſelben von dieſem parlamentariſchen Rebellions⸗Acte hatte reden hören, in der naiven Meinung, er habe damit einen neuen Amtstitel, wahrſchein⸗ lich auch mit erhöhter Beſoldung, erhalten, herzlich zu dem Avance⸗ ment mit den Worten glückwünſchte:„Empfehle mich Ihnen, Herr „Steuerverweigerer“ Ich gratulire Ihnen auch!“ O sancta sim- plicitas!)— XI Verehrte Anweſende! Sie wiſſen wohl zur Genüge, daß ich nicht in dem Rufe ſtehe, aus äußeren Rückſichten Complimente zu machen oder überhaupt nur contre coeur zu reden. Weit eher gilt von mir das Gegentheil. Nun denn, noch niemals vielleicht ſind die Worte ſo ſehr aus innerſtem Drange meinem Herzen ent⸗ ſtrömt, als jetzt, indem ich mein Glas erhebe mit dem Rufe an Sie: „Auf das Wohl Georg Thudichum's, des exemplariſchen Lehrers, des geiſtvollen, meines Erachtens unübertroffenen Ueber⸗ ſetzers des Sophokles, des pflichtgetreuen Volksvertreters, des Melanchthon’s unſrer proteſtantiſchen Kirchenreform⸗Bewegung in Heſſen, der ich von ganzem Herzen auch einen Luther dazu wünſchte, des treuen Vaters und Schwiegervaters und— ſo darf ich ohne Gefahr der Mißdeutung als ehemaliger Primus der Büdingener Ober⸗Prima mit vollſter Pietät eines dankbaren Schülers ſagen—: Auf das Wohl des„alten George!“— Aus der Gießener Studentenzeit. Hiebe, Relegat und Haft, Consilium abeundi! O Wartburgsfeſt und Burſchenſchaft— Sic trausit gloria mundi! I. Burſchikoſes..1— Es iſt etwas gar Eigenthümliches um die dreifarbige Stu⸗ dentenzeit. Mag man immerhin als ſpäterer oder überhaupt nie⸗ mals immatrikulirt geweſener„Philiſter“ achſelzuckend über den „Unſinn“ lächeln, den unſere„Muſenſöhne“ mitunter in wildem Muthwillen und kecker Selbſtüberhebung zu Tage fördern,— es liegt auf dieſen akademiſchen Tagen, namentlich in der Erinnerung, ein gewiſſer poetiſcher Duft. Das Studium der Wiſſenſchaft für den künftigen Beruf, verbunden mit dem das Horaziſche„carpe diem!“ als ſorgenloſe Deviſe proklamirenden, mitunter nahe an Tollheit ſtreifenden fröhlichen Lebensgenuß, Beides vereint bildet eine ſonderbar gemiſchte Exiſtenz, die ſich für den Laien gar nicht ordentlich beſchreiben, ſondern nur mit vollen Zügen aus dem Becher der Kathederweisheit und dem Humpen der Kneipe durch⸗ leben läßt.„Auch ich war in Arkadien geboren!“ Das gilt für Alle, die ehedem„ſtudirt“, das heißt, im Beſitze einigen Geiſtes und Humors nicht bloß„geochst“, ſondern, eingedenk des„dulce est, desipere in loco“ zu Zeiten auch das:. „Weg corpus juris! Weg Pandecten! Weg mit den theolog'ſchen Secten! Weg mit der Medicinerei! — Der Teufel hol' ſie alle drei!“ recht con amore mitzuſingen verſtanden haben. Die„Kameeler“ freilich— und deren gibt es nach meiner Auffaſſung auch unter 1 — 2— den Corps’'— haben keinen Begriff von der eigentlichen Poeſie des Studentenlebens, in dem man mit übermüthigem Jugendſtolze ſich zu den„Königen der Welt“ zählt und nur von Heute auf Morgen rechnet. Als wir Gießener Reform⸗Studenten von der „Allemannia“ ſchon vor 1848 eine Petition für Abſchaffung der privilegirten akademiſchen Gerichtsbarkeit und Verweiſung aller ſtudentiſchen Vergehen vor das gewöhnliche Civilgericht entwarfen, bemerkte mir ein damals ſehr radikaler, jetzt ſehr orthodoxer theo⸗ logiſcher Commilitone:„Das geht nicht. Studenten ſind ein eigenes Völklein!“ Nach mancher Richtung hatte er nicht ſo ganz Unrecht, und wenn der Schlachtendenker Moltke jüngſt im Neichstag den Soldatenſtand eine uridiſche Inſel“ genannt hat, ſo ſollte das füglich in gewiſſem Sinne auch für die Studenten gelten, obgleich ich der ſogenannten„burſchikoſen Romantik“ in Bezug auf Gänſediebſtähle, Laternen⸗ und Fenſter⸗Einwerfen und ſonſtige Streiche nicht zuviel Spielraum bewilligt ſehen möchte. Namentlich den drängenden„Manichäern“ gegenüber war dieſe juridiſche Inſularität für uns von großem Vortheil. Trotz obigem Commersbuch⸗Verſe gegen die drei Fakultäten brauche ich wohl kaum zu verſichern, daß in meinen Augen das Studentenleben, wenn es wirklich etwas Poetiſches haben ſoll, von ernſtem wiſſenſchaftichem Streben, das ihm erſt die höhere Weihe gibt, getragen ſein muß. Wer ſich nur„Studirens halber auf der Univerſität aufgehalten“, d. h. nur gepaukt und gekneipt, aber nicht wirklich ſtudirt hat, der iſt für mich kein wahrer„Student“. Gerade über dieſe ideale g geiſtige Richtung des deutſchen akademiſchen L Lebens, auf die ich ſtets beſonderen Werth legte, ſpricht ſich L. Börne in einer für mich unvergeßlichen Weiſe aus. „Ich erinnere mich mit Entzücken“, ſagt er u. A.,„jener akademiſchen; Jahre, die ich in Halle gelebt. Zwar iſt die Jugend Jedem ſchön, wo und wie ſie ihm auch vorübergehe, aber aka⸗ demiſchen Jünglingen iſt ſie es doppelt. Es iſt der nämliche Weg, auf dem ihnen Scherz und Ernſt begegnen, und die ſchmerz⸗ liche Wahl zwiſchen Luſt und Mühe iſt ihnen erlaſſen; die Andern aber ſtehen allzufrühe am Scheidewege des Herkules. In Halle herrſchte damals friſches, ſeelenvolles, höchſt bewegtes wiſſenſchaft⸗ liches Leben“. Nachdem er die dortigen Profeſſoren Wolf, Schleier⸗ macher, Reil, Horkel und Sleſſens mit warmen Worten geſchildert, bemerkt Börne weiter:„Von ſolchen Lehrern angetrieben, ſtrömte der akademiſchen Jugend das Blut raſcher und feuriger durch alle Adern des Geiſtes. Es waren zu jefner Zeit 1200 Studenten in Halle, und deren geſelliges Leben war wilder und rauher, als es je geweſen. Sitten, Sprache, Kleidung, Alles war gigantiſch un⸗ 7 — 3— gezogen. Sie trugen große Stiefel, die man Kanonen nannte, und Helme, mit rothen, weißen, grünen oder ſchwarzen Federn ge⸗ ſchmückt, je nach der Landsmannſchaft, der ſie ſich angeſchloſſen. So glichen ſie von oben römiſchen Kriegern und von unten deutſchen Poſtillonen. Brach aber aus dieſer rohen Hülle die wiſſenſchaftliche Begeiſterung hervor, ſo war ſie um ſo rührender. Ich erinnere mich, daß bei einem Schmauſe, wozu die Grazien nicht eingeladen waren, zwei wilde Geſellen über die Schelling'ſche Naturphiloſophie in Streit geriethen. Sonderbar genug hatten ſie ſich über die Polaritäten verſtändigt, über den Indifferenzpunkt aber ſich ent⸗ zweit. Der Eine ſagte dem Andern, er habe dumm geſprochen; das war eine Herausforderung, und zwei Tage ſpäter floß Blut. So vergingen uns drei Jahre— eine lange Schnur von Mai⸗ monden. Ach, wie iſt die deutſche akademiſche Jugend ſo glücklich! Verdorren möge die erſte Hand, die dieſes ſchöne Leben beſchmutzt!“— Börne's Aufenthalt in Halle fiel in die Jahre 1804— 1806, und die Hände, welche das ſchöne deutſche Studentenleben im In⸗ tereſſe der politiſchen Reaction beſchmutzten, ſollten nicht gar lange auf ſich warten laſſen. Nach der denkwürdigen akademiſchen Jubel⸗ feier der Reformation durch die Burſchenſchaften von Jena, Halle und Leipzig ꝛc. auf der Wartburg(1817), wo zum erſten Male von Studentenhand die theure ſchwarzrothgoldene Fahne aufge⸗ pflanzt wurde, begann der erbitterte Kampf gegen die ſeitherige Freiheit unſerer Univerſitäten. Der ruſſiſche Staatsrath Stourdza, ein Wallache, reichte dem Aachener Congreß die bekannte denunzia⸗ toriſche Denkſchrift ein, in deren Folge ihm die Burſchenſchaft Jena eine Herausforderung zuſchickte.(„Sonderbare Schwärmer!“ wird die Excellenz bei dieſer burſchikoſen Naivetät gedacht haben.) Darauf kamen das unglückſelige Attentat Sand's, die Carlsbader Beſchlüſſe, welche die Univerſitäten unter die Auſſicht eines unmittelbaren Re⸗ gierungs⸗Commiſſärs ſtellten, und die Mainzer„ſchwarze Com⸗ miſſion“. Auch für Fritz Reuter begann damals die bekannte „Feſtungstid“, und mit dieſer traurigen Rückerinnerung mag mein Motto ſeine hiſtoriſche Erklärung ſinden.„O alte Burſchenherr⸗ lichkeit, wohin biſt du entſchwunden?“— In Folge jener Carls⸗ bader mnſtiger Bundes-Beſchlüſſe mußte ich ſelbſt bei meiner Im ion im Sommerſemeſter 1844 noch einen förmlichen erſchreiben, der u. A. folgende Straf⸗Androhungen undesbeſchluß vom 20. September 1819,§ 3,„Die ſeit beſtehenden Geſetze gegen geheime oder nicht autoriſirte maugen auf den Univerſitäten ſollen in ihrer ganzen Kraft rrenge aufrecht erhalten und insbeſondere auf den ſeit einigen 1* 4 — 4— Jahren geſtifteten, unter dem Namen der allgemeinen Burſchen⸗ ſchaft bekannten Verein um ſo beſtimmter ausgedehnt werden, als dieſem Verein die ſchlechterdings unzuläſſige Vorausſetzung einer fortdauernden Gemeinſchaft und Correſpondenz zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Univerſitäten zum Grunde liegt. Den Regierungs⸗Be⸗ vollmächtigten ſoll in Anſehung dieſes Punktes eine vorzügliche Wachſamkeit zur Pflicht gemacht werden. Die Regierungen ver⸗ einigen ſich darüber, daß Individuen, die nach Bekanntmachung des gegenwärtigen Beſchluſſes erweislich in geheimen oder nicht autoriſirten Verbindungen geblieben oder in ſolche getreten ſind, bei keinem öffentlichen Amte zugelaſſen werden ſollen.“ „Bundesbeſchluß vom 13. November 1834, Art. VIII.,„Die Mitglieder einer burſchenſchaftlichen oder einer auf poli⸗ tiſche Zwecke unter irgend einem Namen gerichteten unerlaubten Verbindung trifft, vorbehaltlich der etwa zu verhängen⸗ den Criminalſtrafen, geſchärfte Relegation. Die künftig aus ſolchem Grunde mit geſchärfter Relegation Beſtraften ſollen eben ſo wenig zum Civildienſte, als zu einem kirchlichen oderz Schul⸗ Amte, zu einer akademiſchen Würde, zur Advocatur, zur ärztlichen oder chirurgiſchen Praxis innerhalb der Staaten des deutſchen Bundes zugelaſſen werden.“ Der Schluß⸗Revers lautete: „Ich Endesunterzeichneter verſpreche mittelſt meiner Namens⸗ Unterſchrift auf Ehre und Gewiſſen: 1) Gehorſam den Geſetzen, Achtung der Obrigkeit und meinen Lehrern. 2) Daß ich an keiner verbotenen oder unerlaubten Ver⸗ bindung der Studirenden, insbeſondere an keiner burſchenſchaftlichen Verbindung, welchen Namen dieſelbe auch führen mag, theil⸗ nehmen, mich an dergleichen Verbindungen in keiner Beziehung näher oder entfernter anſchließen, noch ſolche auf irgend eine Art befördern werde. 3) Daß ich weder zum Zwecke gemeinſchaftlicher Berathſchlagungen über die beſtehenden Geſetze und Einrichtungen des Landes, noch zu jenem der wirklichen Auflehnung gegen obrigkeitliche Maßregeln mit Anderen mich vereinigen werde.“—— Ddieſe erbauliche Probe früherer deutſcher Regierungsweis⸗ heit beweiſt, wie ſehr vormals und auch zu meiner Zeit, noch un⸗ mittelbar vor 1848, jede, über die von L. Feuerbach ſogenannten „Kartoffeläcker der Brodwiſſenſchaft“, die bloße Kneiperei und ſonſtige mehr oder minder harmloſe akademiſche Beſchäftigungen 5 — 5— hinausgehende freiere Bewegung von oben herab ſyſtematiſch unter⸗ drückt wurde. Dagegen ſah die Behörde, obgleich die modernen Gladiatorenſpiele der ſogen.„Paukereien“ ꝛc. de jure ausdrücklich verboten waren, dem oft gar wüſten Treiben einzelner Corps gar gerne durch die Finger und protegirte dieſelben unſeren Reform⸗ verbindungen gegenüber auf jede Weiſe. Lachen mußte ich immer, wenn wir Vorſtandsmitglieder der letzteren wegen irgend einer Keilerei mit erſteren vor das Disciplinargericht geladen wurden und, ſo oft wir von den gegneriſchen„Teutonen, Heſſen“ u. ſ. w. ſprachen, der Univerſitätsrichter ſtets diplomatiſch zu berichtigen pflegte:„die ſogenannten Teutonen ꝛc. wollten Sie ſagen.“—— So poetiſch das Studentenleben in meinem oben angedeuteten Sinne iſt, ſo traurig iſt der wirklich„moraliſche Katzenjammer“, der bei gar Vielen in dem ſpäteren praktiſchen Leben auf den friſchfröhlichen akademiſchen Rauſch zu folgen pflegt. Gar oft werden die„flotteſten“ Studio's, die auf der Menſur und der Kneipe, mit dem Schläger und dem Schoppen, alle Anderen aus⸗ ſtachen, hinterdrein die ſervilſten Staatsdiener und katzbuckelndſten „Streber“. Immer muß ich Angeſichts dieſer alten trüben Er⸗ fahrung an den ſchönen Vers von Robert Prutz zurückdenken, den ich einſt auf einem Commerſe der Gießener„Kattia“ unter allge⸗ meinem Beifall warnend citirte: „Die ſonſt um einen„Dummen“ Die Naſen ſich zerfetzt, Wie ſieht man ſie verſtummen Im Dienſt der Schande jetzt! Sie klirrten mit den Sporen: Philiſter, drehe Dich! Jetzt ſenken ſie die Ohren, Naht nur ein Hofrath ſich!“ Glüalicher Weiſe iſt das nicht bei allen Erſtudioſen der Fall. Ich fenne deren gar manche, die ſich im ſogenannten„Philiſter“⸗ Leben als Männer von Charakter bewährt haben und trotz ent⸗ gegenſtehender politiſcher Ueberzeugung oder den obligaten Rück⸗ ſichten ihrer amtlichen Stellung mir bis auf den heutigen Tag noch unwandelbar die gleichen Freunde, wie einſt in Gießen, ge⸗ blieben ſind. Sie tragen, ſo zu ſagen, noch die alte akademiſche Cerevismütze unter dem Hute und der einmal in fröhlicher Stunde. mit oder ohne verſchränkte Arme getrunkene Schmollis hat für ſie dauernde Geltung. Und das iſt eben das Schöne der nicht blos oberflächlichen Univerſitäts⸗Freundſchaften, daß ſie zwiſchen Commi⸗ litonen von Ehre und Geſinnung ungeachtet alles Wechſels der Dinge fortdauern bis an das Grab. Mir fällt hier nur ein beſonders charakteriſtiſches Beiſpiel ein. Einer meiner intimeren — 6— Univerſitätsfreunde war G. Srr, jetzt Profeſſor der Medizin in H., einer der flotteſten Schläger und forſcheſten Studiv's der Hochſchule, eine Zeit lang Senior eines der renommirteſten Corps. Wir kannten uns ſchon von dem Gymnaſium in B. her und trotz aller oft ſehr erbitterten Reibereien zwiſchen den Corps und unſerer, das Duell nur mit Genehmigung eines beſonderen Ehrengerichts zulaſſenden Reform⸗Verbindung„Allemannia“ blieben wir ſtets mit einander auf dem alten guten Fuße. Als ich am zweiten Tage meines Darmſtädter Aſſiſenproceſſes wegen Hoch- und Landes⸗ Verrath, diverſer Majeſtäts⸗ und Amtsehrenbeleidigungen inmitten meiner beiden Gensd'armen in der Droſchke von dem Provinzial⸗ Arreſthaus nach dem Darmſtädter Hofe fuhr, ſah ich der Infanterie⸗ kaſerne gegenüber plötzlich G. S... damals hieſigen Militär⸗ arzt, auf dem Bankett vorbeiſchreiten. Trotz meiner augenblick⸗ lichen, für gar Manchen bedenklichen Situation konnte ich mich in der Freude des Wiederſehens nach ſo langer unfreiwilliger Trennung nicht enthalten, ihm mit ſeinem ſtudentiſchen Spitznamen: „Guten Morgen, L... e!“ über die Straße zuzurufen. Nachdem mir Dies unwillkürlich entſchlüpft, bereute ich ſofort meine Unvor⸗ ſichtigkeit. Wer aber darüber nicht die geringſte Verblüfftheit be⸗ wies, war S..... Im erſten Momente ſtutzig, lächelte er bei meinem Anblick, ſchritt, ohne ſich z. innen, quer über das Pflaſter auf meinen„Armeſünderkarren“ Hüttelte mir herz⸗ lich die Hand.„Guten Morgen, Fra⸗ thut mir weh, daß ich Dich in der Geſellſchaft ſeh'!“ ſo r nicht ohne Humor Fauſt's Gretchen.„Haue Dich nur a Dieſer warme Gruß eines alten Commilitonen„u hanen Um⸗ ſtänden“ ergriff mich.„Ich danke Dir, L. wiet te ich. „Ich werde mich pauken ſo gut als möglich. 2. urage fehlt's nicht, und wenn's auch ein paar„Blutige“ abf 6 doch, daß ſie mich nicht„abführen“ werden.“ 8 kleine Scene nur deßhalb, weil ich im Gegenſatze zu für einen Mann von Charakter ſelbſtverſtändlichen kennung ſpäter gar manchen bitteren Fall des Nichtmen wollens von Seiten ziemlich intimer Univerſitätsfreunde erte denen das burſchikoſe„Weißt du noch?“ meinerſeits„aus der Verwaltung“ unbequem war. Exempla et nomina odiosa. Im Anfang hat mir das faſt das Herz zuſamn, ſchnürt, bald aber legte ich's reſignirt„zu dem Uebrigen.“ Trotz ſolchen ſpäteren Enttäuſchungen, die wohl gerade n wegen meiner anormalen Erlebniſſe beſonders reichhaltig beſcheer waren, erinnere ich mich ſtets gerne an meine Gießener Studenten⸗ jahre. Ich muß jetz freilich als„alter Herr“ über manche Thor⸗ heiten und Ertravaganzen derſelben die Achſeln zucken, indeß die — 7— Jugend hat eben nicht immer Tugend. Wenn ich daran zurück⸗ denke, daß ich damals Sporen an den Stiefeln trug, ohne jemals geritten zu haben, ſo kann ich jetzt darüber kaum das Lachen unterdrücken. Aber mit dem Klirren dieſer Sporen in partibus verband ſich für mich etwas Ritterliches, was mich über den unbe⸗ ſpornten„Philiſter“ hinaushob.„Es liegt oft tiefer Sinn im kind'ſchen Spiele!“ Und die Verbindungs⸗Bänder, die wir mit faſt gravitätiſchem Selbſtbewußtſein über der Bruſt trugen, wie oft habe ich ſie ſpäter ſpöttelnd„dreifarbige Poſamentier⸗Arbeiten“ genannt! Für uns waren ſie damals mehr. Sie waren das Symbol eines Vereines gleichgeſinnter, nach dem gemeinſamen Ziele wiſſenſchaftlicher Durchdringung ſtrebender, nebenbei das Leben in ſorgloſer Fröhlichkeit genießender Jünglinge, und unter dieſen Bändern ſchlugen friſche, noch nicht von der unglückſeligen„Rechnungs⸗ trägerei“ angekränkelte Herzen, für die das oft geſungene: „Wer die Wahrheit kennet und ſagt ſie nicht, Der bleibt fürwahr ein erbärmlicher Wicht!“ inter pocula ſicher ehrlich gemeint war. Die dunkle Zukunft mit ihren Anſtellungs⸗Dekreten und dem ſonſtigen officiellen Appendix kümmerte uns wenig. Wir genoſſen mit vollen Zügen das Heute — vor dem Examen war den Wenigſten von uns bange. Und das Heute war ſchön, ſo lange wir noch bei den Hausphiliſtern und auf der Kneipe den ausreichenden„Pump“ hatten.„Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus!“ Wir intonirten es fröhlich, ſelbſt wenn wir, von der ſeierlichen Beerdigung eines Commilitonen heimkehrend, vor dem Thore der Stadt die Fackeln auf einen Haufen warfen.(Statt des„peroat diabolus!“ hatten wir eine gar boshafte, den damaligen Studenten nur zu wohlbekannte, metriſch vollkommen übereinſtimmende Lesart.)„Post jucundam juventutem, post molestam senectutem, nos habebit humus!“ In dieſer burſchikoſen Lebensphiloſophie liegt nur zu viel Wahres. Du glück⸗ iche„jucunda juventus!“—— Es gibt ſicherlich keine ſchönere, tiefer empfundene Apotheoſe des deutſchen Studentenlebens, wie ich es nach ſeiner idealen Seite hin auffaſſe, als jene prachtvolle Stelle aus Wilhelm Hauff's „Phantaſieen im Bremer Rathskeller“, die ich deßhalb mit wahrer Pietät hier wortgetreu citire. „Ich komme“, ſo ſagt er, an jenem hiſtoriſch denkwürdigen Orte ſich feſtkneipend,„an's fünfte Glas, in's fünfte Säculum unſeres Lebens. Ich ſchlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich dies Glas edlen Rheinweins ſchlürfe. Ihr duftet auf in herr⸗ licher Schöne, Jahre meiner Jugend, wie das Aroma aufſteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker, o Seele, denn ſie ſind um — 8— mich, die Freunde meiner Jugend! Wie ſoll ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbariſches, liebliches, unharmoniſches, ge⸗ ſangvolles, zurückſtoßendes und doch ſo mild erquickendes Leben der Burſchenjahre? Wie ſoll ich euch beſchreiben, ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne ſoll ich euch geben, um mich verſtändlich zu machen? Welche Farbe dir, du niebe⸗ griffenes Chaos? Ich ſoll dich beſchreiben? Nie! Deine lächerliche Außenſeite liegt offen, die ſieht der Laie, die kann man ihm be⸗ ſchreiben. Aber deinen inneren lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der ſingend mit ſeinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt er herauf, reines lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleichviel. Aber das iſt nicht ſeine ganze Ausbeute. Was er geſchaut, mag er dem Laien nicht beſchreiben; es wäre allzu ſonderbar und doch zu köſtlich für ſein Ohr. Es leben Geiſter in der Tiefe, die ſonſt kein Ohr erfaßt, kein Auge ſchaut. Muſik ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und be⸗ deutungslos klingt. Doch Dem, der mit gefühlt und mit geſungen, gibt ſie eine eigene Weihe, wenn er auch über das Loch in ſeiner Mütze lächelt, das er als Symbolum zurückgebracht. Alter Groß⸗ vater! Jetzt weiß ich, was du vornahmſt, wenn„der Herr ſeinen Schalttag feierte“. Auch du hatteſt deine trauten Geſellen ſeit den Tagen deiner Jugend, und das Waſſer ſtand dir in den grauen Wimpern, wenn du Einen beiſetzteſt im Stammbuch. Sie leben!“ Ein„Fiducit!“ rufe ich ob dieſer poetiſchen, für den Kenner nur zu wahren Schilderung, welche der früher citirten L. Börne's würdig zur Seite ſteht, dem Er⸗Studioſus W. Hauff noch in ſein frühes Grab hinein. Es war„göttlicher Unſinn“, den wir mit⸗ unter auf der Hochſchule getrieben, aber der Unſinn war doch wenigſtens„göttlich“. Und einer eigentlichen, irgendwie ſittlich ernſt verwerflichen Rohheit—„Röhe“ pflegte ein mir befreundeter Marburger Commilitone zu ſagen— bin ich mir aus meinem Kreiſe nicht bewußt. Im Gegentheile werde ich mitunter ſenti⸗ mental, wenn ich an manche phantaſtiſch⸗idealiſtiſche Deklamationen unſerer Kneipen und Commerſe zurückdenke. Und was iſt inzwiſchen aus all den fröhlichen Burſchen„von Anno dazumal“ geworden? Ich habe noch ein Bändchen der „Werke“ des ſeligen Gießener Univerſitätsſecretärs„vidit Prinz“, ein alphabetiſch geordnetes akademiſches„Perſonalverzeichniß“, unter meinen Reliquien. Da ſind gar viele Namen mit dem Kreuze als „geſtorben oder verdorben“ bezeichnet. Und die Ueberlebenden? Von ihnen gilt der alte Vers: „Da ſchreibt mit finſtrem Amtsgeſicht Der Eine Relationen, — 9— Der Andre ſeufzt beim Unterricht, Und Der macht Recenſionen, Der ſchilt die ſünd'ge Seele aus, Und Der flickt ihr zerfallnes Haus. O jerum, jerum, jerum! O0 quae mutatio rerum!“ Ja, ja, ſo iſt es, die Zeiten ändern ſich und die Menſchen mit ihnen. Aber im Kerne muß der ächte Bruder Studio trotz alle Dem und alle Dem ſtets derſelbe bleiben und die ideale Lebensauffaſſung, die er auf der Hochſchule eingeſogen,— die ihn hauptſächlich von dem, ausſchließlich auf Gelderwerb und materiellen Genuß bedachten„Spieß“ unterſcheidet— darf ihn niemals verlaſſen. Ich habe mir mein Band mit vollſſter Pietät bis auf den heutigen Tag aufbewahrt und hätte meinen kleinen Jungen beinahe„abgewandelt“, als er es in kindlicher Argloſigkeit als buntes Spielzeug benutzte. Ich mußte hinterdrein ſelbſt über meine„ſittliche Entrüſtung“ lachen. Der arme Knabe wußte ja nicht und konnte nicht wiſſen, was dieſer dreifarbige Streifen für mich einſtens und theilweiſe jetzt noch zu bedeuten hatte. Aber es iſt nun einmal ſo und es liegt für Unſereinen in ſolchen Dingen etwas, ſo zu ſagen,„Heiliges“. Begreife es, wer's kann! rufe ich dem ſpöttiſch achſelzuckenden Philiſterium zu. Das ſchöne Gleichniß W. Hauff's von dem in den Schacht ſelbſt mithinabfahrenden Berg⸗ mann iſt nur zu richtig. Was meine eigene akademiſche„Führung“ betrifft, ſo will ich des Humors halber hier nur folgende Stelle meines im criminaliſtiſchen Kanzleiſtyle gehaltenen Anklageacts von anno 1850 wortgetreu citiren:. „Der Angeklagte hatte das Gymnaſium zu B. beſucht, ſich ſchon als Knabe durch Fähigkeit und Fleiß ausgezeichnet und ebenſo beim Abgange vom Gymnaſium ein ſehr günſtiges Maturitätszeug⸗ niß erhalten. Er wurde im Frühjahr 1844 als Student der evangeliſchen Theologie und Philologie immatrikulirt, hat aber dieſes Studium ſpäter wieder aufgegeben und mit dem der Rechts⸗ wiſſenſchaft vertauſcht. Vielleicht mag Guſtav von Struve in Mannheim, mit welchem der Angeklagte im Briefwechſel ſtand, dazu beigetragen haben. Denn Struve ſchrieb ihm unterm 8. April 1847: „Ich kann dieſe Zeilen nicht ſchließen, ohne meine Verwunderung darüber auszudrücken, daß Sie Theologie ſtudiren. Ich kann mir nicht denken, daß Sie ſich zu einem Geiſtlichen der alten Kirche eignen. Doch es gibt ja jetzt neue Kirchen, die ein kräftiges Wort vertragen können und gebieteriſch verlangen“.*) .)) Struve war Deutſchkatholik und wollte mich, auch ſpäter mündlich, für ſeime neue Kirche gewinnen. Ich hatte aber dazu durchaus keine Luſt. D. V. 2 10 25 „Der Angeklagte wurde während ſeines Aufenthalts auf der Hochſchule verſchiedentlich disciplinariter beſtraft, und zwar: „am 7. Januar 1845 wegen Beleidigung und Verhöhnung eines Gießener Bürgers und am 10. Juni 1845 wegen nächtlicher Ruheſtörung mit einem Verweis, am 24. Auguſt 1846 wegen Straßenunfugs und Abſingung eines Spottliedes auf die Polizei mit 14tägigem Gefängniß und unterm 22. März 1847 wegen Ver⸗ letzung der Dienſtehre des Großh. Polizeiraths Zulehner in einem Artikel des„Frankfurter Journals“ mit Zwöchigem Gefängniß und der Androhung, von der Hochſchule ausgewieſen zu werden. Im Uebrigen lauten die Zeugniſſe über ſeinen Fleiß und den Beſuch der Vorleſungen ſehr günſtig.“ Und auf dieſes letztere ſtaatsanwaltliche Zeugniß, von den disciplinariſch gemaßregelten burſchikoſen Jugendſtreichen abgeſehen, bin ich heute noch ſtolz. Obwohl vielleicht Mancher glauben möchte, ein damaliger ſtudentiſcher Krakehler und angehender Journaliſt, wie ich, ſei beſtändig auf der Bierbank herumgerutſcht oder durch die Straßen gebummelt, war ich doch trotz alledem, eingedenk des „dic, cur hic!“, was mein verſtorbener Freund F. Calmberg über ſeine Thür geſchrieben, exemplariſch fleißig. Als Theologe gehörte ich zu den Lieblingen des ſeligen Profeſſors Fritzſche, vielleicht des gediegenſten und unbefangenſten neuteſtamentlichen Exegeten jener Zeit, auf deſſen in klaſſiſchem Latein geſchriebene Commentarien zu den Evangelien ſich der geniale David Strauß in ſeinem„Leben Jeſu“ unter ausdrücklicher Anerkennung ſtützte. Und als Juriſt war ich bei dem„alten Löhrchen“, dem renommirten Interpreten der Pandekten, ſowie bei dem geiſtvollen, leider! etwas„verkneipten“ v. Grolmann beſonders wohlgelitten. Ich war der fleißigſte Heft⸗ ſchreiber, den es nur gab,—„denn was man ſchwarz auf weiß beſitzt“, ſagt Famulus Wagner,„kann man getroſt nach Hauſe tragen!“— und wenn Einer von meinen Studien⸗ und Fakultäts⸗ genoſſen einmal in Folge zeitweiſer Abweſenheit„einen Schwanz nachzureiten“ hatte, ſo wandte er ſich gewiß an mich. Nur pflegte ich trotz gewiſſenhafteſter Genauigkeit manchmal meine ureigenſten humoriſtiſchen„Arabesken“ mitten in den Terxt hineinzuphantaſiren, und einer meiner Freunde, der mir einſt in einem Collegium über das Buch Hiob optima fide nachgeſchrieben, fragte nachträglich ſehr naiv, ob denn der Profeſſor Knobel an dem betreffenden Tage etwas„angeraucht“ geweſen ſei? Der gute Junge hatte eben alle meine oft ſehr frivolen Allotria, weil ſie in dem Hefte ſtanden, als Dictate des Katheders gläubigſt in ſein eigenes übertragen. Auch meine ſpäteren juriſtiſchen Hefte waren muſterhaft. Nur von Anfang März 1848, wo die erſten Nachrichten von der Pariſer Februar⸗ Revolution nach Gießen drangen, begann in ihnen ein rieſiger „Schwanz“, eingeleitet von der wortgetreuen Abſchrift der denk⸗ würdigen Depeſche über die„proviſoriſche Regierung“ von Ledru⸗ Rollin, A. de Lamartine, Arago, dem„Arbeiter“ Albert u. ſ. w., mit dem Schlußrufe:„Keine Bourbonen mehr! Es lebe die Re⸗ publik!“ Von da an datiren gar viele, nur ſelten unterbrochene weiße Seiten, und vor lauter republikaniſcher Begeiſterung war trotz allem wiſſenſchaftlichem Fleiße das oft geſungene: „Weg Corpus juris! Weg Pandecten!“ für mich zur praktiſchen Wahrheit geworden. Dann kam bald der Steckbrief und meine Mutter hatte wohl Recht, wenn ſie hinter⸗ drein ſeufzend ſagte:„Jetzt haſt Du mich ſo viel Geld gekoſtet, erſt für die Theologie und dann für die Jurisprudenz, und nun wirſt Du weder Pfarrer, noch Advocat! Alles umſonſt!“„Nein“, proteſtirte ich energiſch,„das iſt nicht umſonſt. Dieſes Capital wird ſich ſpäter reichlich verzinſen!“ Ja wohl, es hat ſeine Intereſſen getragen, wenn auch vorerſt in der Hauptſache nur moraliſch. Und ſie, die ſich ſo oft um ihren einzigen Sohn ge⸗ ängſtigt, der doch immer ihr Liebling war, ſie ruht nun über zwanzig Jahre ſchon unter dem Raſen, ohne es ſo recht erlebt zu haben, daß ihr für mein akademiſches Studium verwandtes Geld wenigſtens nicht ganz„zum Fenſter hinausgeworfen“ war. Have, pia anima! Eine der intereſſanteſten Epiſoden der erſten, noch nicht politiſch angehauchten Hälfte meiner Studentenzeit war der damals in weiteren Kreiſen durch die Preſſe bekannt gewordene Gießener Studenten⸗Auszug nach Stauffenberg, einem am Fuße einer Schloßruine gelegenen Nachbardorfe, vom Anfang Auguſt 1846. Es war dies eine der letzten, etwas übermüthigen Demonſtrationen burſchikoſer Selbſtherrlichkeit, die heutzutage nicht mehr erxiſtirt, und in dieſem Falle um ſo mehr gerechtfertigt, als es ſich um den Proteſt gegen einen empörenden Uebergriff der Polizei handelte. Da die Vorgänge nach mancher Richtung für die damaligen akademiſchen Zuſtände ſehr charakteriſtiſch waren, ſomit ein gewiſſes culturgeſchichtliches Intereſſe haben, ſo gebe ich darüber hier einige Details, bei deren Lectüre wohl mancher Commilitone von anno 1846 halb wehmüthig, halb fröhlich lächeln wird. Am 31. Juli 1846 fand in dem damals ſogenannten„Buſch⸗ ſchen Garten“ ein Kinderball ſtatt, auf welchem ſich die betheiligten Eltern der Gießener Honoratiorenſchaft eingefunden hatten. Ein angetrunkener, nicht gerade in beſonders ſolidem Rufe ſtehender Student, B......, verlangte Einlaß, wurde aber ſelbſtredend von einem der vor der Saalthüre poſtirten Polizeidiener ziemlich barſch zurückgewieſen. Zwiſchen ihm und dem auf ſeine Immunität 2* pochenden, bloß blaukragige Univerſitätspedellen, keineswegs aber ſimple rothkragige„Polizeiſpitzel“ reſpectirenden Studenten entſpann ſich ein heftiger Wortwechſel, der in allerlei bei ſolchen Gelegen⸗ heiten übliche Thätlichkeiten überging. Der commandirende Polizei⸗ ſergeant eilte zu dem im Wirthslocale anweſenden Polizeirath Zulehner, einem durch ſein oft gar rückſichtsloſes Vorgehen ſehr unbeliebten Beamten, um ſich bei ihm, Angeſichts unſerer aka⸗ demiſchen Ausnahmeſtellung gegenüber der bürgerlichen„heiligen Hermandad“, die erforderliche Inſtruction zu holen. Auf deſſen ausdrückliche Weiſung zog dann der Polizeiſergeant, als der be⸗ kneipte Studio ſich durchaus nicht beruhigen laſſen wollte, blank vom Leder und hieb den Letzteren über das Geſicht, ſodaß er blutend(übrigens durchaus nicht lebensgefährlich verwundet) zu⸗ ſammenſtürzte. In Folge davon ließ der Polizeirath ohne Weiteres die Ballmuſik„mitten im Walzer“ aufhören, und es gab ein„unter⸗ brochenes Opferfeſt“ zum laut geäußerten Aerger der anweſenden „honoratiorigen“ Väter und Mütter, ſowie ihrer Söhnlein und Backſiſche. Namentlich die inzwiſchen verſtorbenen liberalen zwei Advokaten Welcker und Diehin nahmen ſich als„alte Herren“ der verletzten Studentenſchaft höchſt energiſch an und proteſtirten gegen den ohne alle Noth ſtattgefundenen Polizei⸗Hieb.„Solche Ein⸗ ſchreitungen der niederen Polizei“, ſagte das vor mir liegende Frankfurter Journal vom 3. Auguſt 1846,„zumal wenn ſie ohne Gründe und ſtürmiſch erfolgen, ſind es, welche auch den loyalſten Bürger erbittern und der Verwaltung dadurch in hohem Grade ſchaden“. Ein Glück war's, daß der Scandal ziemlich ſpät Abends paſſirte, ſonſt würde der für uns Alle obligatoriſche Ruf:„Burſch' heraus!“ erſchollen ſein, und es hätte zu ſtarken Erceſſen unſerer⸗ ſeits gegen die ohnehin verhaßte Civilpolizei kommen können. So aber verbreitete ſich die Nachricht, wie ein Lauffeuer, erſt am folgen⸗ den Morgen unter uns. Und das Schöne, was mir heute noch das Herz erquickt, war, daß von dem Moment an aller ſeitherige, oft gar erbitterte Streit zwiſchen den Corps' und uns Allemannen, den burſchikoſen Montecchi und Capuleti, total erſtickt war und wir Alle, auch die anſtändigen„Kameeler“, im Gefühle der gemein⸗ ſamen Sache, den Tomahawk begrabend, uns brüderlich ein⸗ ander die Hände reichten. Ein Einverſtändniß zwiſchen den momen⸗ tanen Führern der verſchiedenen ſtudentiſchen Fractionen war raſch erzielt. Eine allgemeine Studentenverſammlung wurde von ihnen auf den Loos'ſchen Felſenkeller berufen und hier nach kurzer Dar⸗ legung des für uns ſo verletzenden Vorfalls eine Beſchwerdeſchrift an den akademiſchen Senat entworfen, welche ſich ſofort mit nahezu 400 Unterſchriften bedeckte. Corps, Allemannen und„Wilde“, grüne, weiße, rothe und hellblaue, dunkelblaue und ſchwarze Mützen, — 13— ſaßen an den langen Tiſchen in bunter Miſchung durcheinander. Aller Zwiſt war aufgehoben und die herzlichſte allgemeine Frater⸗ nität proklamirt. Der Senior der Teutonen, der damals den Vor⸗ ſitz in S. C. hatte, Gottwerth, commandirte zum Schluſſe der Ver⸗ handlungen unter einſtimmigem Applaus einen allgemeinen ſolennen „Salamander“, der mit wahrer Begeiſterung exemplariſch exekutirt wurde. Einen koloſſaleren und ſchöneren Salamander, als dieſen, der mir darum auch ganz unvergeßlich geblieben iſt, habe ich als Student niemals„gerieben“. Ich ſehe ſie im Geiſte alle noch um mich ſitzen, die flotten Jungen mit den bunten Mützen auf den Köpfen und den zwei⸗ und dreifarbigen Bändern um die Bruſt, die, ſonſt ſtreitende Brüder, auf einmal eine Familie bildeten und mit keckem Trotz„ihr Jahrhundert“ oder doch wenigſtens den ge⸗ ſtrengen Herrn Polizeirath und den hochmögenden akademiſchen Senat in die Schranken forderten. Es galt eben„die Ehre der Studentenſchaft“, das war die Parole, und„ein Hundsſott, wer nicht mit dabei iſt!“—— Die Gemüther waren erregt, der Schoppen war auch eine erkleckliche Zahl„vertilgt“ worden, und in dichtem lärmendem Zuge wälzten wir uns vom Seltersberg in die Stadt zurück. Etwas mußte geſchehen, um dem verletzten Rechtsgefühl der akademiſchen Jugend irgend einen öffentlichen Ausdruck zu verſchaffen, wenn auch nur, wie Platen ſagt,„eine That in Worten“.„Zu den Advo⸗ katen Welker und Diehm!“ rief Einer. Bravo! hieß es von allen Seiten. So bewegte ſich denn unſer tumultuariſch lärmender Zug zuerſt nach den Neuenbäuen, wo in der Nähe der Heyer'ſchen Buch⸗ handlung der Hofgerichtsadvokat Welcker, ein Bruder des weiland badiſchen Abgeordneten und des Bonner Profeſſors, wohnte. Einer von uns— ich weiß nicht mehr, ob ich es ſelbſt war— brachte ein Hoch auf W. als Vertreter der Humanität und der Studentenſchaft gegenüber den„Uebergriffen einer brutalen Polizei“ aus, und eine donnerndere Beifallsſalve, als die nun aus 400 Studentenkehlen „Lommentmäßig“ ausgeführte, habe ich niemals gehört. Von da ging's weiter, und der gleiche Vorgang wiederholte ſich zu allge⸗ meinem Staunen der„Philiſter“, ſowie ihrer Weiber und Töchter⸗ lein, die alle neugierig die Köpfe zu den Fenſtern herausſtreckten, — die Pedelle waren natürlich verduftet— vor der Wohnung des Advokaten Diehm. Das war das erſte revolutionäre Aufbrauſen unſerer zum großen Theil gar zahmen, aber von dem Eindruck des Augenblicks und den Pflichten des akademiſchen point d'honneur hingeriſſenen ſtudentiſchen Maſaniello's. Das in der Verſammlung des Morgens noch conſtituirte all⸗ gemeine Studenten⸗Comité beſtand aus zwölf Mitgliedern, je zwei Vertretern der Heſſen, Teutonen und Starkenburger und ſechs der — G. ob 8 di Allemannia. Ich ſelbſt war Schriftführer und, nebſt L. Büchner, deſignirter Redacteur aller für die Preſſe oder die Behörde be⸗ ſtimmten Schriftſtücke. Wir erſchienen mehrmals ſowohl vor dem Rector(dem perſönlich höchſt wohlwollenden Profeſſor Knobel), als eum auch vor dem Uniyerſitätsrichter(Dr. T.), denen wir natürlich unſere Beſchwerden über die ſtattgefundene ſchwere Verletzung der akademiſchen Privilegien, ſowie der Forderungen der Humanität überhaupt in dem ſittlich entrüſteten Tone immatrikulirter Marquis Poſa's höchſt emphatiſch vortrugen, als ob es ſich dabei um eine „europäiſche Angelegenheit“ handle. Der von dem Rector zu⸗ ſammenberufene löbliche Senat, durch die ganz außerordentliche, in den Statuten gar nicht vorgeſehene Situation in ſichtlichſter Ver⸗ legenheit, verſprach uns alles Mögliche, namentlich Verweiſung der ganzen Unterſuchung an das neutrale Hofgericht. Was verſpricht man nicht Alles dem„civium ardor prava jubentium“, wenn man nicht gerade ausreichendes Militär zur Hand hat?„Alles ſchon dageweſen!“ ſagt Rabbi Akiba. Wir cives academici waren in der Beziehung nicht beſſer daran, als die übrigen cives, denen bei revolutionären Maſſenpetitionen die hohen Herren vom grünen Tiſche beſchwichtigend alle nur denkbaren Zuſicherungen machen. Sie wurden für uns hinterdrein gerade ſo wenig gehalten, als für die„Philiſter“. Die damalige Erklärung des Studenten⸗Ausſchuſſes in der 2. Beilage zu No. 215 des Frankfurter Journals, welche im Publi⸗ kum, leider! auch bei den Eltern und Angehörigen der unter⸗ zeichneten Rebellenhäuptlinge, nicht geringe Senſation machte, lautete folgendermaßen: „Die Unterzeichneten bringen hiermit, um falſchen Gerüchten und etwaigen Entſtellungen vorzubeugen, im Namen der Studirenden der Ludwigs⸗Univerſität zu Gießen folgenden Vorfall zur öffent⸗ lichen Kenntniß. „Am Freitag Abend erhielt bei Gelegenheit eines Balles ein betrunkener, Einlaß begehrender Student in Folge eines Wort⸗ wechſels auf Befehl des Herrn Polizeiraths Zulehner von dem wachehabenden Polizei⸗Sergeanten einen Säbelhieb über Stirn und Naſe. Dieſe, für die ganze Studentenſchaft ſchimpfliche Handlungs⸗ weiſe des Herrn Polizeiraths veranlaßte ſchon auf dem Balle und noch mehr nach Bekanntwerdung des Vorfalles in der Stadt allge⸗ meine Entrüſtung unter Studenten und Bürgern. Am folgenden Morgen verſammelten ſich die Studirenden in größter Anzahl und Einigkeit und beſchloſſen die betreffenden Schritte zur Erlangung ſchleunigſter und vollſtändigſter Satisfaction an die Behörde, be⸗ ſonders an den akademiſchen Senat. Eine Beſchwerdeſchrift, von etwa 400 Unterſchriften bedeckt, ging denſelben Nachmittag an den N — 15 Senat ab. Indeß war die Aufregung ſo groß und allgemein, daß ſich die Maſſe nicht abhalten ließ, Morgens zwiſchen 11 und 12 Uhr den beiden Herren Advocaten Welcker und Diehm, welche am vorigen Abend kräftigſt dem Uebergriffe der Polizeigewalt entgegen⸗ getreten waren, ein Vivat und Dankſagung zu bringen. Sowohl Rector, als Unwerſitätsrichter hatten mehrfache Unterredungen mit der Deputation der Studirenden. Die allgemein verehrten Herren Profeſſoren Hillebrand und von Liebig ſagten ihre beſondere Mitwirkung für die Intereſſen der Studirenden zu. Die Antwort es Senats lautete befriedigend; er verſprach ſeine nachdrück⸗ lichſte U nterſtützung, beſondere Hinwirkung darauf, daß die ganze Unterſuchung vom Univerſitätsgericht und dem Kreisrath an das unbetheiligte Hofgericht abgegeben und nicht allein ſchleunigſt betrieben, ſondern auch beſtändige Mittheilungen über Gang und Stand der Unterſuchung an Senat und Studirende gemacht werden ſollten, außerdem ſeine ganz beſondere Sorge für Erledigung der Sache„aufeine die ganze Univerſitätbefriedigende Weiſe.“ Somit haben die Studirenden ihre Sache vertrauensvoll in die Hände des Senats gelegt und erwarten befriedigende Genug⸗ thuung für jenen Uebergriff polizeilicher Beamtenwillkür. Der weitere Verlauf der Sache wird wahrheitsgetreu mitgetheilt werden.“ Gießen, den 4. Auguſt 1846. Rudolf Fendt, stud. theol. 1²) Louis Büchner, stud med.²) Rudolf Schlich, stud. theol. ³) Wilh. Buff, stud jur. ¹) Fr. Küchler, stud. jur. ⁵) Wilh. Becker, stud. theol. 6) Carl Scriba, stud. theol. 7) Wilh. Kallenba ch, stud. forest. 8) Guſtav Simon, stud. med ⁹) Guſtav Schloſſer, stud. theol. ¹0) Carl Gaßner, stud. med. ¹¹) Conrad Sch midt, stud. theol. ¹²) —. 1 ¹) Jetzt Buchdruckereibeſitzer in Darmſtadt und Verleger der„Neuen Heſſiſchen Volksblätter“. ²) Der bekannte Verfaſſer von„Kraft und Stoff“, praktiſcher Arzt in Darmſtadt. ³) Ev. Dekan in Eichloch Rheinheſſen) ⁴) ſ. Zt. Hof⸗ gerichtsrath in Gießen und Abgeordneter der 2ten Kammer, jetzt Mitglied des Reichs⸗Oberhandelsgerichts in Leipzig. 5) Kreisrath und Provinzialdirector in Darmſtadt. 6) Pfarrer in Bruchenbrücken(bei Friedberg). ¼) Buchhändler in Friedberg und Abgeordneter der 2ten Kammer. 8) Oberförſter in Schotten. *) Profeſſor der Medicin in Heidelberg. ¹⁰) Früher Pfarrer in Reichenbach, jetzt Prediger der„inneren Miſſion“ in Frankfurt. ¹) Praktiſcher Arzt in Mainz. ¹²) Seither Pfarrer in Wolfsheim, jetzt Kreis⸗Schulinſpector in Fried⸗ berg. Die Haſſia(ſchwarzweißroth) vertraten W. Buff und W. Kallenbach, die Starkenburgia(rothweißgold) G. Simon und C. Scriba, die Teutonia(grün⸗ rothgold) F. Küchler und W. Becker. Die übrigen Sechs waren Repräſentanten der den Corps an Mitgliederzahl gleichkommenden Allemannia(bauweißgold). Wer denkt bei ſolchen Namen nicht an den Witz Heine's über Göttingen in 2— — 16— Nach Erlaß dieſes für die damaligen Verhältniſſe etwas kecken Pronunciamento's verhielten wir uns,„den Umſtänden nach“, ruhig, auf die uns officiell zugeſicherte Genugthuung harrend. Die aus 24 Mann(!) beſtehende Garniſon erhielt nichts deſto weniger ſcharfe Patronen und Nachts durchzogen Patrouillen von Schaar⸗ wächtern und Gens'darmen, die ebenfalls ſcharf geladen hatten, die Straßen. Unſer Ausſchuß hielt regelmäßige Sitzungen, die ſich nicht bloß auf die vorliegende beſondere Angelegenheit, ſondern bei der dadurch glücklicher Weiſe herbeigeführten brüderlich verſöhn⸗ lichen Stimmung auch auf ſonſtige allgemein ſtudentiſche Affairen erſtreckten. Wie günſtig übrigens die unabhängige Nachbarpreſſe unſere ganze ſeitherige Haltung beurtheilte, beweiſt u. A. der Bericht des ſehr unbefangenen damaligen Correſpondenten des Frankfurter Journals vom 5. Auguſt 1846:„Mag die Sache ausfallen, wie ſie will, die Studenten haben dadurch ſich ſelbſt und Anderen ge⸗ zeigt, daß ſie trotz aller Spaltungen und Differenzen bei einer allgemein wichtigen Angelegenheit mit Mäßigung, Einheit und Einigkeit aufzutreten ver⸗ ſtehen, und das iſt jedenfalls ein Gewinn, der vieles Unangenehme vergeſſen laſſen wird.“— Die verhältnißmäßige Ruhe unſerer akademiſchen Heißſporne ſollte bald unterbrochen werden. Sonntags den 6. Auguſt hielt der Pfarrer und Profeſſor Hartnagel in der katholiſchen Kirche eine, ſo zu ſagen, auf dem Vulkan tanzende, jedenfalls ſehr taktloſe Pre⸗ digt. Der von uns angegriffene Polizeirath Zulehner galt allge⸗ mein als ein fanatiſcher Ultramontaner, und ſein theologiſcher Glaubensgenoſſe hatte ſich von Anfang an ſehr ſtark für ihn er⸗ eifert. Man erzählte uns, er habe von der Kanzel herab über das ſeinen Reiſebildern?„Einige behaupten, die Stadt ſei zur Zeit der Völker⸗ wanderung erbaut worden, jeder deutſche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar ſeiner Mitglieder darin zurückgelaſſen, und davon ſtammten alle die Vandalen, Frieſen, Schwaben, Teutonen, Sachſen, Thüringer u. ſ. w., die noch heutzutage hordenweiſe, geſchieden durch Farben der Mützen und der Pfeifen⸗ quaſten, über die Straße einherziehen, auf den blutigen Wahlſtätten der Um⸗ gegend ſich ewig unter einander herumſchlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer, wie zur Zeit der Völkerwanderung, dahinleben und theils durch ihre Duces, welche Haupthähne heißen, theils durch ihr uraltes Geſetzbuch, welches Komment heißt und in den legibus barbarorum Stelle verdient, regiert wer⸗ den.“ Wir hatten in Gießen ſpäter noch eine blauweißrothe Rhenania, deren Gründung gerade von unſerem Auszug nach Stauffenberg datirt, und als Zweige der Allemannia eine Kattia(blaurothgold), der ich ſelbſt angehörte, Frankonia(ſchwarzblaugold), Palatia(blauweißorange) ꝛc. Das klang wirklich faſt, wie eine Hinterlaſſenſchaft der Völkerwanderung, und das Charakteriſtiſche dabei war, daß die eigentliche provinzielle Landsmannſchaft ſich gar oft ganz verniht⸗ ſo daß Studenten aus Starkenburg den Heſſen angehörten und um⸗ gekehrt. — 17— gottloſe Treiben der„böſen Buben“ gezetert, die ſich zuſammen⸗ rotteten, um einen im Dienſt ergrauten, gut katholiſchen Mann zu verfolgen. Das war Oel in das verglimmende Feuer gegoſſen. „Dem Pfaffen müſſen die Fenſter eingeſchmiſſen werden!“ hieß es. Sobald es dämmerte, ſammelte ſich auf dem Kreuz ein tüchtiger Rudel lärmender Studenten, welche zu der Wohnung Hartnagels zogen, um ihm ein ſolennes Pereat! mit obligatem Scheibengeklirr zu bringen. An der Spitze ſchritt, ſo zu ſagen, als Tambour⸗ major, Studioſus Schneider aus Heppenheim(meines Erinnerns ſelbſt ein guter Katholik), inzwiſchen als Diſtrictseinnehmer in Groß⸗Felda geſtorben und ſeiner reckenhaften Geſtalt halber der „lange Samſtag“ zubenamſet. Ich hatte ihn vorher ruhig gewarnt, aber es half Alles Nichts, und daß ich natürlich, wenn es denn doch einmal losging, mit dabei ſein mußte, verſtand ſich von ſelbſt, war es auch nur, um allzuſtarke Exceſſe möglichſt zu verhindern. In der Nähe der H.'ſchen Wohnung entwickelte ſich ein gräuliches Gejohle, aber es gelang einigen Ruhigeren im Vereine mit mir, das eigentliche Pereat! und Attentat auf die Fenſter, die indeſſen nachträglich doch noch etwas gelitten haben ſollen, unter Hinweis auf unſere derzeitige kritiſche Stellung zur akademiſchen Behörde als höchſt inopportun zu hintertreiben. Aber„die ich rief, die Geiſter, werd' ich nimmer los!“ konnte der auf unſere Vorſtellungen endlich zur Beſinnung gekommene Rädelsführer Schneider ausrufen. langer Samſtag, du haſt mit deiner unverſöhnlichen Malice gegen den„v— Pfaffen“ viel Unheil angeſtiftet! Obwohl die eigentliche Hauptdemonſtration erſtickt war, verübten die aufgeregten Gemüther doch nach ſonſtigen Richtungen einen„Heiden⸗Scandal“. Singend und„Nieder mit T., Z.1“ und wie unſere amtlichen per⸗ sonae ingratae alle hießen, rufend, durchzogen wir die Straßen, indem wir bald an dieſer, bald an jener Kneipe Halt machten. Wenn die Univerſitäts⸗Garniſon des ſeligen Majors Peppler gegen uns aufmarſchirt wäre, es hätte ſicher ein vollſtändiges Gefecht ge⸗ geben, und zum Barrikadenbauen, Pflaſteraufreißen und Dergleichen zeigten Einige ſehr bedenkliche Neigungen. Vorzugsweiſe laut ge⸗ ſungen, beziehungsweiſe gebrüllt wurde das damals beliebte, nach Art des„Bürgermeiſters Tſchech“ gedichtete politiſche Drehorgel⸗ Lied über die Ausweiſung Itzſtein's und Hecker's aus Berlin, deſſen Refrain:„Lidjum, lidjum, lidjumlei! Luſtig iſt die Polizei!“ unſrer momentanen Stimmung am meiſten entſprach. Leider wurde das„luſtig“ gar oft— ſchrecklich, aber wahr!— in„ſchuftig“ verwandelt, und dieſe frivole Textänderung, die ſich nicht läugnen ließ und an deren Autorſchaft ich ſelbſt nicht ohne Schuld geweſen ſein ſoll, brach uns ſpäter disciplinariter den Hals. Die weitere Variante über das„pereat diabolus!“ des Gaudeamus, die nicht 3 — 18— minder ſtark zwiſchendurch ertönte, ſowie die Parodie auf die hehre heſſiſche Nationalhymne:„Gummi elaſtikum! Sauerkraut, Schweine⸗ fleiſch!“ konnte ebenfalls nicht zu unſeren Gunſten gedeutet werden. Zu einem Choral fehlte uns eben die Stimmung. Kurz es war ein„Randal“, comme il faut, der ſich bis ſpät in die Nacht hin⸗ zog und den ſogar Einer der Unſrigen, stud. arch. L4 1, jetzt Gutsbeſitzer im Odenwald, auf dem Kreuz noch obendrein mit bengaliſchem Feuer beleuchtete. Wie mancher ſolide„Philiſter“ mag damals unter ſeiner Bettdecke über uns übermüthige Nacht⸗ ruheſtörer geflucht haben! Doch wir ſollten dafür auch empfindlich gezüchtigt werden. Alle hervorragenden Theilnehmer wurden zwei bis drei Tage darauf„vor's Discipel“ citirt, Guſtav Schloſſer, Rudolf Schlich und der„lange Samſtag“ auf ein halbes Jahr relegirt, die Anderen entſprechend milder beſtraft, und für mich ſelbſt datirte von da die obenerwähnte im Anklageact aufgeführte 14tägige Carcerſtrafe„wegen nächtlichen Straßenunfugs und Ab⸗ ſingung eines Spottliedes auf die Polizei“. O, wie fallen mir meine Sünden ein! Am Vormittag des 7. Auguſt ſollten die drei Relegirten mit der Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſt die Muſenſtadt verlaſſen und wir hatten verabredet, ihnen als den„Märtyrern der akademiſchen Frei⸗ heit“ bis an die Grenze das ſeierliche Geleite zu geben. Zu be⸗ ſtimmter Stunde war Alles in hellen Haufen vor dem Poſtgebäude verſammelt. Da ſich aber aus irgend einem Grunde— vielleicht auf Weiſung der Polizei— der Abgang des Wagens verzögerte, ſo zogen wir einſtweilen nach dem Seltersberg hinauf, um das erilirte Kleeblatt dort zu erwarten. An der katholiſchen Kirche ſtellten wir uns auf oder lagerten uns je nach Platz und Belieben. Gerade gegenüber befand ſich die Wohnung Jr. Adrian's, des zu⸗ hörerloſen Profeſſors und damaligen Cenſors. Das Inſtitut der Cenſur war bei uns Allen gründlich verhaßt, und als ein Beweis dafür, daß auch ein gewiſſer politiſch oppoſitioneller Zug durch unſere Bewegung ging, entwickelte ſich gleich zu Anfang eine cha⸗ rakteriſtiſche Scene. Ein Student— irre ich nicht, ſo war es Gate, aus Mainz— trat vor, gebot Silentium und rief mit wahrer— Stentorſtimme:„Unſerem vielgeliebten Profeſſor Dr. Adrian, dem gewaltigen Cenſor und Gedankenhalsabſchneider, erſchalle ein drei⸗ faches donnerndes„Pereat!“ In dieſen energiſchen Proteſt gegen die damalige Knebelung der Preſſe ſtimmte der ganze Chorus ſofort jubelnd mit ein. Um die unfreiwillige Kunſtpauſe, welche ſich darauf ergab, angemeſſen auszufüllen, gerieth ich auf den Einfall, einen förmlichen Verles zu halten, der zugleich Namen und Zahl der Fahnenflüchtigen conſtatiren ſollte. Oben auf dem Hügel, un⸗ mittelbar vor der Kirche, poſtirt, gebot nun auch ich Silentium — 19— und nach einer kurzen energiſchen Anſprache an die verſammelten Commilitonen las ich aus dem Prinz'ſchen Perſonalverzeichniſſe nach alphabetiſcher Reihefolge laut die Namen aller damaligen Studenten der alma mater Ludoviciana vor, wobei jeder An⸗ weſende mit„Hier!“ antworten mußte.(Die Zahl derſelben betrug, meines Erinnerns, etwa 500, und davon waren ca. 400 an der Bewegung betheiligt.) Dieſe militäriſche Muſterung machte einen draſtiſchen Eindruck und jedesmal, wenn mein Namensaufruf un⸗ beantwortet blieb, ertönten Gelächter und allerlei verächtliche Witze. Als ich bei dem letzten Buchſtaben einen gewiſſen Studioſus juris, Z., nannte, der einſt bei einer ähnlichen Gelegenheit unter Hinweis auf die einflußreiche Stellung ſeines Bruders bei Hofe ſeine Nicht⸗ betheiligung damit motivirte, daß er ſich ſonſt„ſeine Hoſcarridr e verderben würde“, und das Hier! ſelbſtverſtändlich trotz der Wieder⸗ holung meinerſeite ausblieb, brach ein wahres Gewieher von allen Seiten los.„H Heſearieres Hofcarrière!“ klang es aus mehreren hundert Kehlen, und gerade dieſer Moment iſt mir ſeines Humors halber unauslöſchlich im Gedächtniß geblieben.(Die wirkliche Hof⸗ carrière des Betreffenden iſt ſpäter aus guten Gründen, trotz ſeines eremplariſchen Nationalliberalismus, kläglich in die Brüche ge⸗ gangen. Wenn er aber, etwa 20 Jahre nachher, in einem poli⸗ tiſchen Preßproceſſe als Belaſtungszeuge gegen mich die gehäſſigſten, gänzlich unbegründeten Dinge ausſagte, ſo war das wohl eine nachträgliche Rache für jene Verhöhnung vom Seltersberge.) Bald kam der Poſtwagen mit unſeren drei relegirten Genoſſen die Straße herauf. Nachdem ihnen die näheren Freunde noch die Hände geſchüttelt, ſtimmten wir das ſchöne G. Schwab'ſche:„Lebt wohl, ihr Straßen, grad und krumm in vollem Chor an und gaben ihnen das„Comitat“ bis an's Ende der Stadt. Aber als Dies geſchehen, ging durch die Tactloſigkeit der Behörde der Scan⸗ dal„erſt recht los“. Der hochwohlweiſe Senat, der diesmal nicht „am großen Faß zu Heidelberg“ geſeſſen, war in ſeiner Desperation auf den Einfall gerathen, vermittelſt des Kreisamts von dem be⸗ nachbarten Butzbach eine Schwadron Chevaurlegers zu requiriren, und dieſe„bärtigen Krieger“ ritten denſelben Vormittag noch, mit Staub bedeckt, unter dem Commando des Rittmeiſters v. Jungen⸗ feld, in Gießen ein, zunächſt im Hofe des Univerſitätsgerichts Platz nehmend. Das hieß natürlich dem Faſſe den Boden einſchlagen. Das„Frankfurter Journal“ bemerkte damals mit vollſtem Recht: „Iſt auch Entſchiedenheit jederz eit im dienſtlichen Leben nothwendig, ſo darf ſie doch, namentlich in der unteren Polizeiregion, nicht mit terroriſtiſcher Rückſſichtsloſigkeit geübt werden, und durchaus ver⸗ werflich erſcheint ein Verfahren, welches, die Verhältniſſe der Uni⸗ verſitäten ganz verkennend, von der Anſicht ausgeht, die geſetzliche 1 3* * — 20— Gleichheit beſtehe darin, excentriſche, aus natürlichem Rechts⸗ gefühl hervorgegangene Ausflüſſe des Aſſociationsgeiſtes unſerer Studenten mit den Artikeln des Strafgeſetzbuches über Auf⸗ ruhr in Verbindung zu bringen und die auf dieſem Wege gefundenen Criminalverbrecher durch militäriſches Einſchreiten zur Ord⸗ nung zurückzuführen. Die neueſte Zeit liefert den Beweis, welche allgemeine Erbitterung ſolche Maßregeln hervorrufen, und daß ſie mehr Unglück erzeugen als abwenden. Der Soldat, beſtimmt zum Dienſt gegen äußere Feinde, wird, zum Executanten von Civilbe⸗ hörden gemacht, entweder zum Geſpötte oder zum Gegenſtande der Erbitterung, weil er nur nach ſeiner Ordre, ohne die Umſtände zu beachten, vorſchreitet.“ Wir Studenten waren über dieſe unerwartete Dragonade natürlich auf das Aeußerſte erbittert. Es fehlte nicht an muth⸗ willigen Verhöhnungen der Soldateska, die, wenn nicht der humane, dafür vor dem Abzug von dem Gießener Gemeinderath mit aus⸗ drücklicher wohlverdienter Dankſagung beehrte Commandeur den erforderlichen, in dieſer Situation wahrlich ſeltenen Tact bewieſen hätte, ſicher zu blutigen Conflicten geführt haben würden. So erinnere ich mich, daß ich, an der Spitze von einigen Dutzend kecker Genoſſen, den Stock zwiſchen den Beinen, wie die Knaben Soldatchens ſpielen, unter regelrechtem Commando vor der Fronte einer Abtheilung Chevauxlegers, die vor der Aula hielt, zum Hohn vorüber⸗„ritt“. Den perſiflirten Reitern und namentlich ihren ſtrammen Unterofficieren mag ob dieſes beleidigenden Muthwillens die Hand nach dem Säbel gezuckt haben, aber ihr braver Ritt⸗ meiſter hatte ſie glücklicher Weiſe gut inſtruirt und—„die Regimenter feſſelt das ſtarre Commando.“ Gleichzeitig wurde durch die Schelle bekannt gemacht, daß die Feierabendſtunde auf 10 Uhr beſchränkt ſei und alle Studenten, welche ſich in einer Gruppe von mehr, als 6 Köpfen, auf der Straße zuſammenfänden, ſofort verhaftet werden ſollten. Die ohne Noth in Scene geſetzte militäriſche Intervention und nun gar dieſer polizeiliche Ukas waren uns denn doch zu arg. Hatten wir auch gerade keinen Ueberfluß an„Milch frommer Denkungsart“, ſo mußten doch deren wenige Tropfen ſich dadurch„in gährend Drachengift verwandeln.“„Auszug! Auszug!“ war augenblicklich das allgemeine Feldgeſchrei.„Mit den Chevaurlegers bleiben wir nicht zuſammen, wenn nicht Jeder mit einem Schläger oder krummen Säbel ſich bewaffnen kann!“ Wir Mitglieder des Ausſchuſſes ſuchten um jeden anſtändigen Preis eine ernſte Colliſion zu ver⸗ meiden und gaben dieſer Forderung, ſo anachroniſtiſch ſie uns ſelbſt damals auch erſcheinen mochte, deßhalb gerne nach. Die traurigen Folgen eines wirklichen Zuſammenſtoßes der ſtudentiſchen Schläger — 21— mit den Dragonerſäbeln waren unüberſehbar, und trotz aller eigenen Irritation über die Kopfloſigkeit der Behörde hatten wir, eingedenk unſerer ſchweren Verantwortlichkeit als leitende Vertreter von 400 jugendlichen Brauſeköpfen, doch kaltes Blut genug, Das in ge⸗ bührende Rechnung zu bringen. Ich citire hier abermals den ſpäteren Bericht des Frankfurter Journals.„Ob dieſe Maßregel hinlänglich motivirt war, wird bezweifelt. Auf alle Fälle ſollte man mit ſolchen Schritten behutſam ſein, da ſich, wie die Erfahrung lehrt, daraus ſo leicht blutige Folgen entwickeln. Dieſes mochten auch die beſonnenen Studirenden, deren die hieſige Univerſität viele zählt, wohl fühlen und deßwegen einen ſogenannten„Auszug“ eher fördern, als hindern. Bedrohlich war der Standpunkt allerdings und man durfte wohl auf ⸗ eipziger) Auguſtereigniſſe gefaßt ſein.“—. . Alſo Auszug in Gottes Namen! Aber wohin? Einige ſchlugen das ohngefähr 2 Stunden von Gießen, nach Marburg zu, gelegene Stauffenberg vor, ein kleines Dörſchen am Fuße einer mittelalterlichen Schloßruine. Das war ein bekannter entlegenerer Ausflugsort der Gießener und klang im Hinblick auf das oft ge⸗ ſungene:„Ihre Zinnen ſind zerfallen und der Wind ſtreicht durch die Hallen“ etwas romantiſch. Ala bonne heure, wir ziehen nach Stauffenberg. Es war unſere akademiſche secessio in montem sacrum, des populus gegen den senatus. Wir lagerten uns auf einer Wieſe vor der Stadt, damit inzwiſchen behuſs thunlichſter Solennität die Fahnen der Corps und Verbindungen von den Kneipen geholt werden und die Einzelnen ſich daheim noch die erforderlichen Gelder und Kleidungsſtücke beſchaffen, reſp. erſtere nöthigenfalls vom Hausphiliſter„pumpen“ konnten. Als Quartier⸗ macher wurden Greim(ſetzt Oberſchulrath in Darmſtadt) und„die Raſſel“ Koch(jetzt Oberförſter in Oberheſſen) vorſorglich einſtweilen nach Stauffenberg vorausgeſchickt, und daß Dies ein Gebot der Klugheit war, hat uns Angeſichts der beſchränkten Näumlichkeiten des kleinen Dörſchens die Folge gelehrt. Nachdem alle Präliminarien erledigt, ordnete ſich der nur durch die vorläufige Abweſenheit der gerade ihren Commers auf dem Schiffenberg abhaltenden Starken⸗ burger in ſeinem vollen Beſtande geſchwächte, immerhin ſtattliche Zug. Voran ſchritt, auf einer gravitätiſch umgehängten Knaben⸗ trommel regelrecht den Wirbel ſchlagend, der etwas excentriſche Chemiker Haaßhel, der„narrige Apotheker“, wie wir ihn nannten. Dann kamen die luſtig im Winde flatternden Fahnen ſämmtlicher Corps und Verbindungen und hinterdrein wir Alle in gewöhnlichen und Cerevismützen, theilweiſe mit Schlägern bewaffnet, in buntem Durcheinander, unter dem Geſange der beliebteſten Kneiplieder, namentlich aber des momentan packendſten:„Lidjum lidjum — 22— lidjumlei! Luſtig iſt die Polizei!“ Daß die früher genannte Variante auf„luſtig“ entſchieden vorherrſchte, iſt ſelbſtverſtändlich. Als wir in Stauffenberg zum großen Erſtaunen der auf einen ſo maſſenhaften Zuzug nicht vorbereiteten, überall die Köpfe verblüfft zum Fenſter herausſtreckenden„Kaffern“ einmarſchirten, trat trotz unſerer vorausgeſchickten beiden Quartiermacher ſofort die moderne, damals unter gewöhnlichen Verhältniſſen gar nicht denkbare Calamität der„Wohnungsnoth“ ein. Die Ortseinwohner verweigerten uns Anfangs die Benutzung ihrer Scheunen zum nächtlichen Strohlager aus Furcht vor der, durch ſolche ſtets tabakqualmende Inſaſſen drohenden Feuersgeſahr. Auf der Straße aber konnten die Leute doch Nachts nicht ſchlafen, und an ein militäriſches Bivonac waren unſere damals noch nicht durch den obligatoriſchen Ein⸗ jährigen⸗Dienſt gegangenen Muſenſöhne nicht gewöhnt. Studioſus Greim und, ſoviel ich mich erinnere, ich ſelbſt gingen als Depu⸗ tation der unerwarteten, theilweiſe höchſt unerwünſchten Einquar⸗ tierung zum„regierenden“ Bürgermeiſter des Dorfes, um mit ihm über dieſe brennende Frage zu parlamentiren. Zur Beſeitigung des bäuerlichen Hauptbedenkens erboten wir uns, eine ſtudentiſche Feuerwache zu organiſiren, welche allnächtlich in halbſtündigen Zwiſchenräumen mit blanken Schlägern alle Gaſſen abpatrouilliren ſollte, und dieſe Garantie genügte dem ländlichen Biedermann voll⸗ ſtändig, ſodaß uns von da an ſofort alle Scheunen des Dorfes als improviſirte Studentenkaſernen offen ſtanden. Das Haupt⸗ quartier richtete der Ausſchuß in einem am Fuße der Burgruine gelegenen, verhältnißmäßig eleganten einſtöckigen Häuschen ein. Das Zimmer links war unſer officielles Büreau, worin wir als „proviſoriſche Regierung“ unſere Audienzen ertheilten, und rechts ſaßen wir, wenn nichts„Geſchäſtliches“ zu thun war, höchſt unofſiciell in Hemdsärmeln hinter den Biergläſern mit den langen Pfeifen. Vor der Hausthüre ſchritten mit würdigſter Grandezza als Schildwachen 2 nach Corps' und Verbindungen jede Stunde regelmäßig ſich ablöſende ſchlägerbewaffnete Studenten auf und ab. Wenn ein Beſuch kam,— und ſie mehrten ſich von Tag zu Tage—, machten ſie ordonnanzmäßige Meldung und erſt nach unſerer aus⸗ drücklichen Genehmigung erhielt er Zutritt. Wir waren die zeit⸗ weiſen Inſurgenten⸗Chefs der Gießener Studentenſchaft und wußten, was wir in Bezug auf die„dehors“ unſerer Stellung ſchuldig waren. Der viertägige, vom 7. bis 11. Auguſt dauernde Aufenthalt in Stauffenberg verlief im Ganzen, die unvermeidlichen Unbequem⸗ lichkeiten dieſes ſtudentiſchen Zigeunerlebens abgerechnet, die mit dem benöthigten Humor ertragen wurden, recht gemüthlich. Natür⸗ lich wurde— pro primo—„rieſig“ gekneipt. Was ſollten wir — 23— anders thun, da ſonſt in dem langweiligen Neſte die Zeit gar nicht todtzuſchlagen geweſen wäre! Das„nunc est bibendum!? war unter ſothanen Umſtänden eine dira neccessitas Wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ſchickten uns unſere akademiſchen Brüder aus dem benachbarten Marburg auf die erſte Nachricht von dem Gießener exodus für unſere durſtigen Kehlen ſofort einige Fäſſer Bier, die alma mater Philippina der Ludoviciana.(In einiger⸗ maßen bedenklichem Widerſpruche mit dieſer meiner nicht ganz be⸗ ſtimmten Erinnerung ſteht freilich die ſarkaſtiſche briefliche Be⸗ merkung eines damaligen, von mir kürzlich um einige Auskunft gebetenen Ausſchuß⸗Collegen:„Der„Bruder Marburger“ beſuchte uns in hellen Haufen auf dem Stauffenberg. Natürlich hatte er, wie damals gewöhnlich, kein Geld, ſondern bloß Durſt. Man überließ ihnen das ſaure„Wächtersbacher Bier“, wobei ſie ſich „kurfürſtlich“ amüſirten. Ob ſich hierin mein Freund getäuſcht hat oder ich, kann ich nicht genau ſagen.) Die Gießener„Philiſter“, deren eigenes Intereſſe freilich ſtark auf dem Spiele ſtand, erwieſen ſich ſehr„honorig“. Schon am folgenden Tage kamen ſie faſt alleſammt nach dem Stauffenberg gepilgert mit gefüllten Wein⸗ flaſchen für ihre Miether in den Nock⸗ und gefüllten Börſen in den Hoſentaſchen, kalten Cotelettes und Braten, wo ſie nur unterzu⸗ bringen waren, und ſuchten uns auf. Mein alter„König“, damals der Poſt ſchräg gegenüber, ein unter Umſtänden ſehr grober, aber durchaus ehrlicher Mann, der es mit mir, ſeinem ſtets luſtigen Inſaſſen, beſonders gut meinte, regalirte mich„königlich“, und als er mir vorlamentirte, wir ſollten doch nachgeben, weil unſere ganze Eriſtenz auf dem Spiele ſtände und wir ſonſt kein Examen machen dürften, klopfte ich ihm mit den Worten auf die Achſel:„Alter, das verſtehen Sie nicht! Mag daraus werden, was da will— „blamiren“ laſſen wir uns nicht.“ In den paar letzten Tagen unſeres freiwilligen Stauffenberger Exils kamen von Gießen, zum Theil auf Rechnung der Stadtkaſſe, zum Theil in Folge der Subſcription von Privaten, regelmäßig Proviantfuhren, beſtehend aus Brod, Schinken, Cotelettes, Wurſt, ſo und ſoviel Faß Bier u. ſ. w. an, die natürlich von unſeren Schildwachen réligieusement in Empfang genommen und mit der Unterſchrift Eines von uns Aus⸗ ſchußmitgliedern amtlich dankend atteſtirt wurden. Im Hinblick darauf figurirt auf den ſpäter näher zu erwähnenden C. Bechſchen Bildern über den Auszug neben 2 aus Gießen fahrenden Proviant⸗ wagen folgender, an einem roth und weißen Pflock angehefteter origineller Speiſezettel, der wahrhaft an das Schlaraffenland er⸗ innert, mit entſprechenden Illuſtrationen:„5 Pfund Brod 3 Kreuzer, 20 Pfund Wurſt 2 Kreuzer, 12 Flaſchen Bier 4 Kreuzer, 11 Pfund Schinken 2 Kreuzer, 16 Portionen Spanſau 1 Kreuzer.“ Unter — 24— ſo paradieſiſchen, wenn auch ſelbſtredend ſtark carrikirten und nur für etliche Tage vorübergehenden Preisverhältniſſen hätten wir wahr⸗ lich keine Theuerungszulage verlangen können. Als einen klaſſi⸗ ſchen Beleg dafür, wie ſehr ſich die„Philiſter“ für uns in's Ge⸗ ſchirr warfen, gebe ich in untenſtehender Anmerkung eine Abrech⸗ nung über damalige freiwillige Sammlungen und Lieferungen nach dem Stauffenberg.*) Unſer Leben daſelbſt war natürlich ein ſo ungebundenes, wie nur möglich. Nachdem wir, wenigſtens die Solideren unter uns, des unumgänglichen Nachtlagers einmal verſichert waren, brauchten wir um das Weitere wenig zu ſorgen. Ich ſelbſt ſchlief mit etwa einem Dutzend Kameraden auf Stroh in einer ganz behaglichen Bauernſtube, und der„rothe Schultheiß“, ein(inzwiſchen ver⸗ ſtorbener) Mediciner, der regelmäßig Morgens früh in der damals üblichen Blechmaſchine der ganzen Bande den Kaffee kochte, war unſer„Zimmer⸗Commandant“. Unſere Leute waren ganz ihrer *) Gießen, den 8. Auguſt 1846. Abrechnung über die für die Lieferung nach Stauffenberg ingedangenen Zahlungen. Es vurden von 155 Unterzeichnern vereinnahmt fl. kr. fl. kr. à fl. 1. 4 kr. pr. Kopf... 165 20 (Von 19 Unterzeichnern iſt der Beitrag nicht eingegangen.) Ferner ſind eingegangen für 50 Laib Brod à 14 kr. 11 40 177— Die Nalsgahe beträgt laut Huiztungen; Tür Bier........ 56(57 Für Speiſen... fl. 80. 47 kr. ab für 20 Laib Brod, welche gratis gegeben wurden, à 15 kr....„ 5.—„ 75 47 Für Tabak und Cigarren.... fl. 46. 35 kr. ab für 10 Pfund, welche gratis ge⸗ geben wurden, à 32 kr....„ 5. 20„ 41 15 Für Trinkgeld an den Knecht, welcher die Gegenſtände nach Stauffenberg gefahren,......— 30 (Für die Benutzung des Fuhrwerks rechnete der Eigenthümer Nichts.) Für Fuhrlohn für das Bier nach Stauffenberg.. 2 30 Für Beſorgung des Einkaſſirens an Dick.... 5— 181(59 Es überſteigt demnach die Ausgabe die Einnahme um 55 Die ahihungen liegen im Comptoir des Herrn Heinr. Färber zu Jeber⸗ manns Einſicht offen. (Wer dieſes Deficit von nahezu fl. 5 gedeckt hat, weiß ich nicht, jedenfalls aber iſt es gedeckt worden und vorſtehendes Dokument dürfte immer⸗ hin von einigem Intereſſe ſein.) D. V. — 25— eigenſten ſouveränen Bummelei überlaſſen. Nur wenn eine wichtige neue Nachricht aus Gießen eintraf, wurde auf die Schloßruine regelmäßig eine allgemeine Verſammlung einberufen, und das Signal dazu gab ſtets der„narrige Apotheker“ H.... I, mit ſeiner Knabentrommel durch die Gaſſen des Dorfes wirbelnd. Die De⸗ batten waren oft gar ſtürmiſch, wurden aber unſrerſeits mit der Würde der Simſon's und Forckenbeck's parlamentariſch geleitet. Wir waren und wußten Das, nur die primi inter pares und Inſolenzen, wie ſie von gewiſſer Seite im deutſchen Reichstage gegen das Centrum und die Socialdemokraten vorkommen, durften wir uns ſelbſtredend nicht erlauben, ſonſt hätten wir von dem Erſten Beſten ſofort einen„dummen Jungen aufgebrummt“ be⸗ kommen. Um dem ſchon am erſten Tage vorgekommenen„Aus⸗ kneifen“ Einzelner, die für ihre künftige Carrière oder auch wegen Fortdauer ihrer Stipendien beſorgt waren, vorzubeugen, entwarf ich eine von Allen zu unterzeichnende Liſte, worauf ſich Jeder ehrenwortlich verpflichtete, nur nach dem Beſchluſſe der allgemeinen Studentenverſammlung zu handeln, reſp. nur nach vorheriger öffent⸗ licher Erklärung in derſelben ſich zu abſentiren.*) Natürlich fehlte es nicht an manchem„Ulk“ eines excentriſchen Studentenhumors, und die kopfſchüttelnden Bauern mochten mit dem alten, noch aus dem 16. Jahrhundert ſtammenden bairiſchen Volksliede ſingen: „Schlimme Leut' ſind Studenten, man ſagt's überall: Obwohl ſie ſchon kommen im Jahr nur einmal, So machen's im Dorf ſo viel Unruh' und Miſt, Daß uns die erſte Woche ſchon weh dabei iſt. Nichts iſt vor ih'n ſicher, kein' Henne, kein' Taub', Als wären's erſchaffen zum Plündern und Raub. Darf ihnen kein' Gans auf die Wieſen'naus trau'n, Studenten thun ihr gleich den Kragen weghau'n. Bald reden's Lateiniſch, ich kann's nicht verſteh'n, Doch leicht iſt's zu rathen, auf uns muß es geh'n! Bald tanzen's und ſpringen's und hüpfen's am Fleck Und nehmen den Knechten den Tanzboden weg.“ Einen der luſtigſten Streiche, der mich heute noch lachen macht, führte der studiosus medicinae Swaving aus, das ſoge⸗ nannte„Holland“. Einer wohlhabenden holländiſchen Familie angehörig, war er durch irgend welchen, mir nicht recht erklärlichen Zufall zum Studium der Mediein nach Gießen gekommen, hier aber mehr auf der Kneipe und Menſur, als im Collegſaal und in — *) Siehe Beilage. —. 26— der Klinik, zu finden und zeichnete ſich nicht nur durch ſeinen coloſſalen permanenten Bierdurſt, ſondern auch durch das ergötz⸗ liche Kauderwälſch aus, was er als bunte Miſchung von gutem Holländiſch und geradbrechtem Deutſch zu Tage förderte. Dieſer zwieſchlächtige Jargon nahm ſich, namentlich in ſeinen vom Carcer datirten brieflichen Ergüſſen an die Corpsbrüder der ſpäteren Rhenania ſo zum Todtlachen drollig aus, daß die Letzteren ſich förmlich um ſeine polyglotten Manuſcripte riſſen und er zuletzt aus Aerger, wie Wallenſtein aus anderen Gründen, nichts Schriftliches mehr von ſich gab. Wenn die ungeduldigen Manichäer ihm Morgens mit ihren Rechnungen vor das Bett rückten, pflegte er trotz ſeines um dieſe Stunde chroniſchen Katzenjammers mit vollſtem holländi⸗ ſchem Phlegma zu antworten:„Word Alles betaalt!“ Und richtig, ſo geſchah's auch. Obwohl er mit ſtarken Schulden die Univerſität verließ, wurden ſie von ſeiner Familie doch alle auf Heller und Pfennig berichtigt und ſein Stiefelfuchs erhielt ſogar noch ein Ertra⸗Douceur. Als unſere ſtudentiſche Feuerwache in der zweiten Nacht ihre Patrouille abging, fand ſie beſagtes„Holland“ in ſtark angeheitertem Zuſtand ſchnarchend auf der Straße. Aus reiner Menſchenliebe ſchleppte man ihn in die nächſte Scheune, wo einige Dutzend Muſenſöhne, von den Strapazen des Tages er⸗ ſchöpft, einen„tiefen Schlaf thaten“. Holland, das in ſeinem momentanen Zuſtande ſelbſtredend keine equilibriſtiſchen Uebungen machen konnte, purzelte in der nur durch eine Stall⸗Laterne zweifel⸗ haft erleuchteten Dunkelheit blindlings über die Körper, namentlich auch Köpfe und Geſichter der Schläfer hinweg, was unter den ſo unerwartet Aufgeweckten natürlich einen Sturm furioſeſter Entrüſtung hervorrief.„Schmeißt die Volleule hinaus!“ war der einſtimmige wüthende Ruf, und das Holland wurde ohne Gnade und Barm⸗ herzigkeit ſehr unſanft am Kragen gepackt und an die Luft geſetzt. So grauſam erportirt, fühlte ſich„Holland in Noth“, machte einen unfreiwilligen Spaziergang nach dem nahen Kirchberg und brütete auf Rache. Die Erſchütterung des Hinausfuhrwerkens und die kühle Nachtluft hatten ihn etwas ernüchtert, und als er in dem benachbarten Teiche die Fröſche quakſen hörte, ſtieg ein wahrhaft diaboliſcher Gedanke in ihm auf. Er watete in das Waſſer und fing ſich alle Hoſen⸗ und Rocktaſchen voll der Ariſtophaniſchen Brekeker⸗Koax⸗Schreier. Mit dieſer Fracht kehrte er wuthſchnaubend zu der Scheune zurück, aus der ihn die ungaſtlichen Commilitonen ſo ſchnöde ermittirt hatten, öffnete leiſe das Thor und ſchüttete unter mephiſtopheliſchem Hohnlachen das ohngefähre Dutzend jener klebrigen Thierchen über die argloſen Schläfer aus, nach vollbrachter That klüglich den„ſtrategiſchen Rückzug“ antretend. Der Aufruhr, der nunmehr unter den ſchnarchenden Inſaſſen der Scheune entſtand, läßt ſich eher denken, als beſchreiben. Natürlich fingen die Fröſche ſofort herumzuhüpfen an, und das widrige Gefühl, wenn ſo ein naßkaltes Amphibium einem Schläfer mitten in's Geſicht ſprang, war noch weit unhehaglicher, als die Tritte des vorher umherge⸗ purzelten„Holland“, obgleich die Brüder Studio's bekanntlich „ranarum more vivunt“, d. h. ſtets eine durſtige Kehle haben. Zuerſt hörte man hier und da den Ruf:„Laß' mir doch deine kalte Hand aus dem Geſicht!“ Als aber die durch Fauſtſchläge u. ſ. w. beunruhigten Thierchen ihre Sprünge noch verzweifelter fortſetzten, gab es allgemeinen Allarm. Alles wurde natürlich wach, und beim Scheine der trüben Laterne begann eine„wilde“, wenn auch nicht„verwegene“ Froſchjagd, bis man endlich den letzten dieſer fatalen nächtlichen Ruheſtörer gefangen und hinaus⸗ ſpedirt hatte. Der Schlaf war ſelbſtredend zum Teufel und alle möglichen Donnerwetter ſtrömten auf das Haupt des unbekannten Urhebers eines ſo beiſpielloſen Schabernacks herab. Das auf die Wirkung ſeines Streiches in der Nähe lauernde„Holland“ rieb ſich beim Anhören dieſes infernaliſchen Scandals mit ſchadenfrohem Grinſen ob der gelungenen Rache die Hände. Erſt ſpäter wurde in Folge renommirenden eigenen Bekenntniſſes der Uebelthäter bekannt. Die Geſchichte war aber denn doch zu luſtig, als daß ſie vor lauter Lachen der Betroffenen weitere Folgen auf der Menſur gehabt hätte. Auch kleine Tänzchen wurden mit den ländlichen Schönen von uns arrangirt, wozu der bekante„Notenkopf“ mit einigen Mit⸗ gliedern ſeiner„Capelle“ aufſpielte, und die drallen Bauerndirnen ſchwangen ſich zum großen Aerger der momentan durch unſre Con⸗ kurrenz verdrängten dörflichen Verehrer munter im Kreiſe am Arme der flotten Studio's. Im Uebrigen wußten ſie deren keckem Muth⸗ willen mitunter auch derb die Zähne zu zeigen, und ſind mir darüber noch einige recht ergötzliche Geſchichtchen erinnerlich, wobei forſche Helden der Menſur von weiblicher Hand tüchtig„abgeführt“ wurden. 3 Noch am Freitag Abend unſres Einzugs in Stauffenberg ent⸗ ſandten wir eine Deputation an den akademiſchen Senat nach Gießen, um wegen eines anſtändigen Ausgleichs zu verhandeln. Erſte Bedingung war natürlich ſofortiger Abzug der Butzbacher Dragoner. Sobald dieſer erſolgt, verſprachen wir auf Grund der uns früher gewordenen ausdrücklichen Zuſicherungen bezüglich der Polizeirath⸗Zulehner'ſchen Affaire ungeſäumte Rückkehr in die Muſen⸗ ſtadt und gewohnten Fortbeſuch der Vorleſungen. Unſre Deputation beſtand durch einen charakteriſtiſchen Zufall aus zwei extrem radi⸗ kalen Perſönlichkeiten, die ſich ſpäter bei der hohen Staatsbehörde politiſch mehr oder minder ſtark compromittirt haben, meinen beiden Freunden stud. jur. Th. Götz aus Mainz, der ſpäter kurz vor 4* — 28— mir wegen irgend einer ditto Miniſteramtsehrenbeleidigung von anno 48 Correctionshaushaft verbüßen mußte und, nachdem er in Paris Banquier geweſen, in den letzten Jahren für mich verſchollen iſt, einem Exaltado erſter Claſſe, und dem damaligen Studioſus der Philoſophie Wilhelm Liebknecht aus Gießen, jetzigem Reichstagsabgeordneten und Führer der Eiſenacher Socialdemokratie. Warum wir gerade nach zwei ſo verwogenen Kameraden griffen, erklärte ſich höchſt einfach. Die Miſſion war ganz und gar keine beneidenswerthe, da— Angeſichts der unerhörten Impertinenz, daß wir Rebellen uns anmaßten, mit dem hohen Senat als Macht mit Macht zu parlamentiren— unſre„Geſandten“ riskirten, ſofort in den Carcer abgeführt zu werden, alſo, ſo zu ſagen, ihr akademiſches Todtenhemd auf dem Leibe trugen. Wir waren froh, daß wir überhaupt nur zwei Commilitonen fanden, die das bedenkliche Mandat freiwillig zu übernehmen bereit waren. Und das waren allerdings zwei Kerle, die Haare auf den Zähnen hatten und, wie mein ſeliger Freund A. Becker zu ſagen pflegte, nöthigenfalls den Teufel auf dem flachen Felde gefangen hätten. Sie erhielten von unſerm Ausſchuſſe ihre Inſtructionen und entledigten ſich derſelben in erwarteter kategoriſcher Weiſe. Abends ſpät trafen ſie ein und beim Eintritt in den Sitzungsſaal fanden ſie die patres conscripti des hochweiſen Senats noch bei Licht verſammelt. Die von ihnen in unſerem Namen geſtellten Forderungen wurden, da deutſche Pro⸗ feſſoren bekanntlich die unpraktiſchſten Menſchen von der Welt ſind, mit großer Tactloſigkeit und beleidigtem Majeſtätsgefühl ſchroff abgewieſen. Wir ſeien„eine tumultuariſche Rotte“(]), hieß es, mit der man„gar nicht verhandeln könne“. Da war natürlich Nichts zu wollen. Durch einen eigenthümlichen, in ſeiner Art merk⸗ würdigen Zufall habe ich kürzlich erſt von der Wittwe eines meiner damals mitbetheiligten Gießener Univerſitätsfreunde eine Reihe von prächtigen humoriſtiſchen Bildern zum Geſchenk erhalten, die der auf dieſem Gebiete wahrhaft geniale Carl Beck, damals mit mir Student der Theologie, ſpäter als Infanterie⸗Hauptmann bei Gravelotte gefallen, und einer meiner intimſten Jugendfreunde, über den Stauffenberger Auszug gemalt hat.(Sie wurden zu jener Zeit gar oft Abends auf der Kneipe unter Abſingung eines im Mordge⸗ ſchichten-⸗Balladenton beſonders dafür gedichteten Spottliedes mit dem obengenannten Refrain„Lidjum, lidjum, lidjumlei!“ ꝛc. guck⸗ kaſtonartig vorgeführt.) Unter ihnen, und das iſt das ſchönſte von allen, findet ſich auch dieſe Scene mit köſtlichem Humor illuſtrirt. In dem Saale ſitzen um einen runden Tiſch, natürlich mit der obligaten grünen Decke, bei brennenden Lichtern acht Profeſſoren, lauter carrikirte Porträts. Von den Einzelnen iſt mir nur noch das etwas gekrümmte„alte Löhrchen“ erkennbar, in ſchwarzem Frack und weißen Hoſen, das corpus juris auf den Knieen liegend. Zur Thüre herein, die dunkle Nacht hinter ſich, treten unſre zwei Deputirten, Th. Götz mit dem ſchwarzblaugoldenen Frankonenbande auf der Bruſt, in drohender Haltung mit einem(natürlich nur imaginären) modernen Ziegenhainer in der Rechten, hinter ihm W. Liebknecht, damals ſchon in einer Art Vorahnung ſeiner künf⸗ tigen ſt sgefährlichen Entwicklung als eine ächt„Baſſermann'ſche Geſtalt⸗ dargeſtellt, im turnerartigen Leinenanzuge und ein(natür⸗ lich eben ſo imaginäres) Beil über der Schulter. An der Wand des Sitzungsſaales ſtehen auf hohen Poſtamenten die beiden offi⸗ ziellen Gypsbüſten des damaligen Großherzogs Ludwig II. und des Erbgroßherzogs, jetzt Ludwig III. Das Bild iſt künſtleriſch ge⸗ lungen und zeichnet draſtiſch den Kern der damaligen Situation. Man denke ſich nur W. Liebknecht als Delegirten akademiſcher Revolutionäre gegenüber dem hochmögenden, ſchon auf Carcer⸗Arreſt und Relegation ſinnenden akademiſchen Senat— es liegt ein ge— wiſſer prophetiſcher Humor darin! Ja, was ein Dorn werden will, ſpitzt ſich bei Zeiten! Natürlich weigerte ſich unſer Burſchenſtolz, uns auf Gnade und Ungnade zu ergeben und, ſo zu ſagen, auf den Knieen, wie es die Herren Profeſſoren verlangten, nach Gießen zurückzurutſchen. Wir hatten uns einmal ſchriftlich auf Ehrenwort verpflichtet, und die von uns geleitete allgemeine Verſammlung des ſtudentiſchen „ſouveränen Volkes“ konnte ſich, ſo lange noch Bier in der Um⸗ gegend aufzutreiben war, nicht zum Rückzuge entſchließen. Da plötzlich, am Samstag Vormittag, wurde uns eine per Chaiſe ein⸗ getroffene Deputation des Gießener Gemeinderaths angemeldet, die wir natürlich unter herzlichem Danke für die ſeither bewieſene Sympathie der Bürgerſchaft auf das Artigſte empfingen. Derſelbe hatte ſich bei dem Senat ausdrücklich erboten, die Ordnung inner⸗ halb der Stadt aufrechtzuerhalten, falls ſie etwa von ſtudentiſcher Seite geſtört werden ſollte, und dagegen hatten die Herren Pro⸗ feſſoren, froh, aus der Verlegenheit zu kommen, zugeſichert, nicht allein die Dragoner in aller Morgenfrühe nach Butzbach zurückzu⸗ dirigiren, ſondern ſich auch bei dem„höchſtpreislichen“ Miniſterium für allgemeine Amneſtie uns gegenüber nachdrücklichſt zu verwenden. Nachdem ſomit unſrer„Burſchen“⸗Ehre eine unter den beſtehenden Verhältniſſen immerhin anerkennenswerthe formelle Satisfaction ge⸗ worden, ergriffen wir gerne die entgegengereichte Hand, um ſo lieber, als wir das wüſte Leben auf der Schloßruine und in den Stuben und Scheunen der Bauern nachgerade herzlich müde ge⸗ worden waren. Sonntags den 9. Auguſt 1846 Vormittags zogen wir nicht ohne ein gewiſſes Selbſtbewußtſein in geordneten Reihen mit flatternden Fahnen voran— der bewußte„chemiſche“ Tambour . — 30— natürlich bis zur Stadt trommelnd an der Spitze— in Gießen wieder ein. Mit Entſetzen denke ich noch an meine ſtille Selbſt⸗ ſchau, als ich, endlich in meiner Wohnung angekommen, die uner⸗ läßliche körperliche Reinigung vornahm. Ich ſah ſo bunt gefleckt von Staub und Koth aus, wie ein bemalter Indianer auf dem Kriegspfad, und dankte Gott, daß ich wieder ein friſches Hemde und ſaubere Kleider anziehen, reſp. mich, ſtatt auf die Streu, wieder auf mein Kanapee werfen konnte. Lange hätte ich dieſen akademiſchen Bivouac ſicher nicht mehr ausgehalten. Und—„was macht die Frau Mama?“ Dieſe trotz der frivolen Form ernſte Ge⸗ wiſſensfrage ging mir doch auch durch den Kopf. Mein alter Hausphiliſter König war„königlich“ froh, als er mich glücklich wieder unter ſeinem Dache hatte, und an jenem Sonntag durfte ich für alle die zahlreichen Schoppen, die ich in ſeiner Bierkneipe mit potenzirtem Durſte hinunterſchüttete, auch nicht einen Heller bezahlen. Sie haben ſich in dieſer und anderer Beziehung brav gegen uns benommen, meine lieben Gießener Bürger, auch die Bürgerinnen, und ich danke ihnen Das in der Erinnerung heute noch. Unter meinen von der verſtorbenen Mutter ſorgfältig ge⸗ ſammelten und nach ihrem Tode von mir aufbewahrten damaligen Familien⸗Briefen findet ſich auch ein auf den fraglichen Auszug bezüglicher, aus dem ich nur folgende, unter dem friſchen Eindruck der Ereigniſſe niedergeſchriebene Stellen hier wörtlich citire: „Der hohe Senat glaubte ohne Zweifel, die Studenten würden unter Heulen und Zähneklappen augenblicklich zurücklaufen und um Verzeihung bitten, wie die Schulbuben, die vom Herrn Magiſter die Ruthe bekommen haben. Aber dafür war geſorgt. Ich hatte eine Liſte angefertigt, worauf ſich alle Anweſenden durch Unterſchrift auf Ehrenwort verpflichteten, nur nach dem Beſchluſſe der allge⸗ meinen Verſammlung zu handeln, und nicht einmal die Stipendiaten ließen ſich verlocken, obgleich eventuell der Verluſt der„Krippe“ in Ausſicht ſtand. Da ſaßen die hochweiſen Herren in der Klemme. Was wollten ſie ohne Zuhörer anfangen? Die Bürger waren voller Wuth, denn all den Metzgern, Bier⸗ und Speiſewirthen, Kaufleuten, Schuſtern, Schneidern waren die Kunden genommen und die Nahrungsmittel ſielen aus Mangel an Conſumenten im Preiſe. Die Frauenzimmer aber rangen die Hände; ſie hatten keine Anbeter und Tänzer mehr, es konnte keine rechte Geſellſchaft gehalten werden. Kurz ganz Gießen war in unangenehmſter Auf⸗ regung; nur die Stiefelfüchſe fühlten ſich behaglich, denn die Stiefel waren mit den Studenten ausgezogen und ſie hatten außerordent⸗ liche Ferien. Da kratzten ſich der Rector und die übrigen Herren Profeſſoren hinter den Ohren. Man hielt Sitzungen den ganzen Tag und die Nacht bis zur Dämmerung der Morgenröthe; be⸗ 31— ſtändig wimmelten die Senatsmitglieder in ſchwarzen Fräcken über die Straßen und der heilige Geiſt wollte ſie nicht erleuchten. Die armen friedliebenden Dragoner glotzten die leeren Wände an. Sie waren die ganze Nacht durch geritten zu einer militäriſchen Theater⸗ vorſtellung, und wenn ſie Blut vergießen wollten, ſo mußten ſie mit ihren Säbeln die Fliegen aufſpießen oder ihre Flöhe todtſtechen. Die kleinen Kinder wieſen mit Fingern auf ſie, wenn die Trom⸗ peter ihre Signale um die Ecke ſchmetterten und Abends das Pferdegetrappel ihrer Patrouillen die Todtenſtille unterbrach.“*) Die Stadt war öde und leer, wie ein Dorf, kein Bruder Studio raſſelte in Sporen, mit brennender Pfeife, die Mappe unterm Arm, über das Pflaſter; wer zurückgeblieben, getraute aus Scham nicht vor die Thüre. Nun machte der Senat ein langes Geſicht und ver⸗ handelte durch Vermittlung des Stadtraths mit derſelben„tumul⸗ tuariſchen Rotte“, die er noch am Abend vorher außer dem Geſetze erklärt hatte. Wir fanden uns mit ſeinen Zugeſtändniſſen be⸗ friedigt und am Sonntag Morgen zogen wir in Maſſe wieder ein, zur Freude aller Philiſter und ihrer liebebedürftigen Töchter, unter dem Jauchzen der Bierwirthe, Schneider, Bäcker, Metzger und Schuſter. Die Wichſiers waren uns natürlich entgegengewallfahrtet. Der Senat ſieht eben ſelbſt ein, welch großartigen Bock er ge⸗ ſchoſſen hat. Da er nur zu gut weiß, daß das Feuer unter der Aſche fortglimmt und ſogleich wieder Alle für Einen ſtehen, ſo hütet er ſich wohl, dieſe allgemeine Aufregung durch Strafurtheile zu abermaligem Ausbruch zu bringen. Die Commiſſion wurde vor den Rector geladen und uns durch denſelben eröffnet, daß alle Schritte zu gütlicher Beilegung der Angelegenheit eingeleitet ſeien, und auf meine Anfrage erklärte Seine Magnificenz, es ſollten alle ſeitdem decretirten Strafen, die Relegation jener Drei und der Carcer⸗Arreſt der übrigen Vier, zu⸗ rückgenommen, überhaupt von jeder Unterſuchung —C—C—C— 2) In der oben erwähnten humoriſtiſchen Ballade, welche regelmäßig unter Vorzeigung der früher erwähnten Beck'ſchen Bilder auf der Kneipe ge⸗ ungen wurde, war die Situation in folgendem Verſe, dem einzigen, den ich noch vollſtändig im Gedächtniſſe habe, ſehr ergötzlich beſchrieben: Durch die Straßen hin und here Sah man reiten die Schwalanſchore, Und die Frau'n und Mägdulein Schloſſen die Philiſter ein. Lidjum, lidjum, lidjumlei! 8 Luſtig iſt die Polizei. Naupenhan hierzu gehörige Vild Beck's, auf ben die Dragoner in den alten jaunnenhr uen in faſt endloſer Pei dretidege etzt dis zu kleinen Punkten zu⸗ eernen heuhnpſend. in ordonnanzmäßigen Diſtancen durch die gänzlich menſchen⸗ e raßen reiten ꝛc., macht mich bei ſeinem Anblicke an der Wand meines üreau's heute noch lachen. abgeſtanden werden. So könnt ihr denn in eurem üblichen Abendgebet den Himmel preiſen, daß er das ſchwere Gewitter, das über dem Haupte eures einzigen Sohnes und Bruders ſchwebte, glücklich abgeleitet hat. Freilich wird mein Name dick unterſtrichen im ſchwarzen Buche prangen und mit mehreren Kreuzen verſehen ſein. Aber ſchadet Nichts; auf eine Hand voll mehr oder weniger kommt es nicht an und ich kann immer noch den Zweck meines Daſeins erreichen, d. h. eine Pfarrſtelle mit gutem Einkommen für Frau und Kinder.“(Dieſer Exiſtenzzweck iſt freilich hinterdrein doch verfehlt worden. Schadet aber auch Nichts!) Um der Gießener Bürgerſchaft einen Beweis unſrer auf⸗ richtigen Dankbarkeit für ihr freundlich loyales Verhalten gegen die inſurrectionelle Studenſchaft zu geben, projectirten wir ihr zu Ehren ein ſolennes Bankett im Buſch'ſchen Garten, wozu der Ge⸗ meinderath und die Notablen feierlichſt eingeladen werden ſollten. Aber der akademiſche Senat, dem unſre beiderſeitige entente cordialo nicht recht genehm zu ſein ſchien, fand die Demonſtration unpaſſend und verweigerte die erforderliche Erlaubniß. Statt deſſen richtete der Ausſchuß an Herrn H. Färber und Genoſſen folgendes Schreiben, deſſen durch einen eigenthümlichen Zufall in meine Hände zurück⸗ gelangtes Original mit den eigenhändigen Unterſchriften eben vor mir liegt. „Hochzuverehrende Herren! Es hat ſich in Folge der letzten Vorfälle das Intereſſe der Bürgerſchaft für die Sache der Stu⸗ direnden in einer Weiſe bethätigt, welche uns zum größten Danke verpflichtet. Dieſen Dank ſprechen die Unterzeichneten im Namen der Studirenden hiermit öffentlich jedem Einzelnen der verehrten Betheiligten aus. „Zugleich drücken wir den Wunſch und die Hoffnung aus, daß jenes freundliche Verhältniß zwiſchen Bürgern und Studirenden, welches ſich bei obigem Anlaſſe ſo erfreulich zu geſtalten ange⸗ fangen hat, ſich weiterbilden und fortwährend ungetrübt erhal⸗ ten möge.. „Wir müſſen ſehr bedauern, daß uns durch einen abſchlägigen Beſcheid unſerer akademiſchen Behörde die Gelegenheit genommen wurde, in anderer Weiſe unſren Dank auszudrücken, und hoffen, daß vielleicht ſpätere Zeit uns das Vergnügen und die Ehre eines feſtlichen Zuſammenſeins gewähren wird.“ Ergebenſt ꝛc. R. Fendt, stud. theol. G. Simon, stud. med. L. Weyland, stud. jur. Wilh. Buff, stud jur. Fr. Küchler, stud. jur. Kugler, stud. chem. Gaßner, stud. med. .Büchner, stud med. . W. Hempel, stud. chem. A A — 33— So ruhten denn die„Waffen“, die burſchikoſen Schläger und die Dragonerſäbel, die ſich nahezu mit einander gekreuzt hätten, und„des Krieges Stürme ſchwiegen“. Wir beſuchten wieder friedlich unſere Collegien, wie vor dem Conſlicte, und das roth⸗ weiße Fragezeichen, was für uns Ausſchußmitglieder auf dem wei⸗ teren Beck'ſchen Bilde über dem kahlen Haupte des nach dem Vollmonde ſchauenden Hülfs⸗Univerſitätsrichters Haberkorn ſtand, kümmerte uns zur Zeit noch wenig. Die Sitzungen unſers allge⸗ meinen Studenten⸗Ausſchuſſes dauerten fort, obgleich die eigentliche Veranlaſſung ſeines Zuſammentritts ſo ziemlich erledigt war, und die dadurch unter den verſchiedenen Fractionen der Studentenſchaft geförderte Harmonie zeigte ihre erfreulichen Folgen nach allen Seiten. Es war ein von L. Büchner und mir angeregtes und auf das Wärmſte befürwortetes Projekt, dieſen Corps' und Ver⸗ — bindungen mit einander vereinigenden Ausſchuß zu einer dauernden Inſtitution mit ſtatutariſch feſtzuſetzender Competenz zu erheben, und wäre das gewiß das erfreulichſte Reſultat der ganzen Bewegung geweſen. Leider ſcheiterte es trotz allſeitigen anfänglichen guten Willens gar bald, hauptſächlich in Folge der unter den Führern der Corps', wovon Einige mit einander„hingen“, immer häufiger wiederkehrenden Reibereien. Die von mir geführten Protokolle dieſes Ausſchuſſes habe ich heute noch unter meinen Papieren und die Erinnerung an den damals erwachten, alle Parteien verbrü⸗ dernden burſchikoſen Gemeingeiſt erwärmt mir jetzt noch das Herz, wenn ich die vergilbten Blätter in die Hand nehme. Die Jugend hat immer gute Impulſe, aber ſie verrauchen auch gar leicht und der ewige Hader der verſchiedenfarbigen Mützen auf unſern deutſchen Univerſitäten wird ſich leider! wohl niemals dauernd ſchlichten laſſen. Aus jenen Protokollen citire ich hier nur folgende, cultur⸗ geſchichtlich immerhin nicht unintereſſante Stellen, die manchen Be⸗ theiligten mit leiſe geſeufztem„Denkſt du daran?“ als nunmehrigen „Philiſter“ beſonders erbauen mögen. „Sitzung vom 16. Auguſt 1846. Alle Die, welche nicht Mitglieder einer ſpeciellen Verbindung ſind, ſollen aufgefordert werden, ſich zur Wahl eines Vertreters in die Commiſſion zu ver⸗ einigen. Eine Vereinigung von je 50 Studirenden hat das Recht, ein Mitglied der Commiſſion zu wählen. Außerdem wird Jeder aufgefordert, die Namen derjenigen Studirenden, welche an dem Zuge nach Stauffenberg keinen Antheil nahmen, der Commiſſion anzugeben. Die nächſte Sitzung findet morgen Abend 8 Uhr im Adlerſaale ſtatt. Scriba wird beauftragt, mit dem Silberarbeiter Heinrichs über den Herrn Profeſſor Hildebrand zu überreichenden Pokal Rückſprache zu nehmen. Büchner, Küchler und Fendt ſollen bei 3 — 34— Wirth Buſch die Vorbereitungen der Schritte in Bezug auf das der Gießener Bürgerſchaft zu gebende Feſteſſen für Donnerſtag über 8 Tage treffen.“ „Sitzung vom 17. Auguſt 1846. Die Commiſſion wird bei dem Univerſitätsrichter und Kreisrath die Erlaubniß für das der Bürgerſchaft zu gebende Feſteſſen im Buſch'ſchen Garten einholen. Dasſelbe ſoll den Abend abgehalten werden. Die Bürger ſollen aufgefordert werden, aus ihrer Mitte Diejenigen herauszuwählen, welche als ihre Vertreter an dem Feſteſſen Theil zu nehmen haben. Der Gemeinderath, ſowie die Herren Advokaten Welcker und Diehm werden ſpeciell durch die Commiſſion eingeladen. Die Beiträge ſind von den ſubſcribirten Studirenden ſpäteſtens binnen 8 Tagen zu entrichten. Fendt ſoll die Gelder einſammeln.“ Am Schluſſe des betreffenden Protokolls heißt es:„Scriba und Fendt werden beauftragt, im Namen der Commiſſion eine Widerlegung des im heutigen Frankfurter Journal enthaltenen Ar⸗ tikels(er war officiös und entſchuldigte ziemlich plump das Vor⸗ gehen der Behörden, namentlich des Polizeiraths Zulehner) in aller Kürze abzufaſſen.“ Nachträglich folgt noch die in ihrer Art ſehr intereſſante Namensliſte Derjenigen, die nicht mit„ausgezogen“, ſondern für⸗ ſichtiglich daheimgeblieben waren. Ich verſchweige ſie. Nur den edlen Sigismund von Boyneburg kann ich nicht unerwähnt laſſen, und daß die ſ. g.„Hofcarrière“ 3. nicht dabei war, iſt ſchon früher erwähnt. „Sitzung vom Samſtag, 21. Auguſt 1846(auf der Stube von Sieglitz). Für die Haſſia ſind Greim und Bertram da. Küchler aäd Hempel fehlen. Büchner und Fendt theilen das Re⸗ ſultat ihrer Beſprechung mit dem Rektor Knobel mit. Dieſer hat erklärt, in Bezug auf die Eingabe der Studirenden an den Senat ſei noch keine Antwort von dem Miniſterium erfolgt, ſondern es ſei nur eine andere akademiſche Behörde(der berüchtigte büreau⸗ kratiſch⸗reaktionäre Kanzler von Linde) zum Bericht darüber auf⸗ gefordert worden. Der Senat werde alle möglichen Schritte thun und er ſelbſt könne uns die aufrichtige Verſicherung geben, daß Alles auf gütlichem Wege geſchlichtet werden ſolle.“ „Sitzung vom 24. Auguſt 1846. Küchler und Schmidt fehlen. An G. Simon's Stelle tritt Weyland, an die Buff's und Kugler's G. Baiſt und Keutel ein. Die Commiſſion unterzeichnet eine an den Stadtvorſtand und die Bürgerſchaft Gießens gerichtete Dank⸗ adreſſe. Weyland, Fendt und Keutel ſind beauftragt, dieſelbe zu überbringen.“— Sitzung vom 27. Auguſt 1846. Küchler fehlt(Scriba iſt zur Unterſchrift der Adreſſe durch ihn bevollmächtigt), an Buff's und Kugler's Stelle treten Müller und Kallenbach, J. Regnier und A. Groh treten als Erſatzmänner ein. Der Antrag von Fendt, daß alle Corporationen und Solche, die an einer Corporation An⸗ theil nehmen, zu Anfang jedes Curſes Vertreter in die Commiſſion wählen, welche in Bezug auf allgemeine Studenten⸗ angelegenheiten zu berathen und vorkommenden Falls allgemeine Studentenverſammlungen zu be⸗ rufen hat, ſoll von den Commiſſionsmitgliedern an ihre Wähler zur Beſchlußfaſſung gewieſen werden. Die Adreſſe an die Kieler Studentenſchaft wird vorgeleſen und von der Commiſſion ge⸗ billigt. Dieſelbe wird zur Unterſchrift in dem Adlerſaale aufgelegt. Sitzung vom 29. Auguſt 1846. Es ſitzen Simon, Weyland, Regnier, Büchner, Keutel, Hempel, Schmidt, Fendt.„In Bezug auf den letzten Antrag Fendt's, die Ständigkeit der allgemeinen Studenten⸗Commiſſion betreffend, bringen die Vertreter der Alle⸗ mannia, Starkenburgia und der Chemiker eine bejahende Antwort ihrer Wähler. Von Seiten der Teutonia und Haſſia ſoll ſpäter die Antwort erfolgen. Die Subſeriptionsliſten für den dem Herrn Profeſſor Hildebrand zu widmenden ſilbernen Pokal ſind da⸗ hin abzuändern, daß derſelbe erſt zu Anfang nächſten Jahres über⸗ reicht werden ſoll.“— Sitzung vom 31. Auguſt 1846. Es ſitzen Büchner, Regnier, Ludwig, Weyland, Buff, Kallenbach, Fendt. Die Antwort der Haſſia auf den Fendt'ſchen Antrag wegen Ständigkeit der allge⸗ meinen Studenten⸗Commiſſion lautet bejahend. Weyland wird beauftragt, bei der Teutonia im Namen der Commiſſion anzu⸗ ſragen, ob ſie ferner noch Vertreter in dieſelbe ſchicken und an ihren Berathungen Antheil nehmen will. In letzterem Falle hat ie dafür beſtimmte ſtändige Mitglieder und 2 Erſatzmänner zu wählen. Buff und Küchler werden im Laufe der Ferien die Rech⸗ nungen vom Stauffenberg berichtigen und ſoll der Betrag im nächſten Curs ausgeſchlagen werden. Zu Anfang dieſes Curſes wardan die Statuten der ſtändigen allgemeinen Commiſſion ent⸗ worfen.— Winter⸗Semeſter 1846/47. Sitzung vom 12. Novem⸗ ber 1846. Es ſitzen Buff, Regnier, Groh, Lorbacher, Budden, Bergſträßer, Fendt. Es wird beſchloſſen, eine Dankadreſſe an Herrn Profeſſor Credner als Verfechter der akademiſchen Lehr⸗ und Lernfreiheit gegen deren reaktionäre Untergrabung durch Kanzler von Linde zu überreichen. Der Entwurf, womit Buff und Fendt eauftragt ſind, ſoll in nächſter Sitzung vorgelegt werden.“ Mitt dieſem letzten, an ſich ſehr charakteriſtiſchen Paſſus, der für das wiſſenſchaftliche Streben und den Unabhängigkeitsſinn der amaligen Gießener Studentenſchaft ein ſprechendes Zeugniß gibt, 5* — 36— brechen meine Protokolle plötzlich ab. Leider! ſcheiterte bald darauf das ſchöne Projekt, der momentanen Verbrüderung aller Parteien einen dauernden Halt und feſte Organiſation zu verleihen, deſſen nur auf allgemeine Angelegenheiten beſchränkte Ausführung ſicher noch auf vielen andern deutſchen Univerſitäten erfreuliche Nach⸗ ahmung gefunden haben würde. Immerhin bezeichnet es zur Ge⸗ nüge den guten Geiſt, der damals unter den Jüngern unſrer alma mater Ludoviciana herrſchte, und wenn auch dies, für die damaligen Verhältniſſe vielleicht noch allzu ideale Ziel nicht erreicht wurde, ſo durften wir doch in der Hauptſache mit einer gewiſſen inneren Befriedigung auf den ganzen Verlauf unſrer akademiſchen Revolte zurückblicken. Es wird mir daher wohl vergönnt ſein, hier mit einigem Stolze das Wort zu citiren, was ein Correſpondent des Frankſurter Journals in ſeinem Schluß⸗Reſumé vom 13. Au⸗ guſt 1846 über dieſe ganze Angelegenheit geſagt hat:„Ohne uns ein weiteres Urtheil über die Sache ſelbſt zu erlauben, muß zuge⸗ ſtanden werden, daß ſich bei dieſer Gelegenheit viel tüchtiges Element unter unſrer akademiſchen Jugend gezeigt hat und daß es höchſt wünſchenswerth ſei, daß jede unnütze Aufregung ſowohl von Seiten der Studirenden, als auch Derjenigen vermieden werden möchte, in deren Hand es gelegt iſt, die Jugend durch Geſetz und väterliche Leitung zugleich auf der Bahn der Ordnung zu erhalten.“ Ein andrer Berichterſtatter„aus Oberheſſen“ ſchreibt in demſelben Blatte unterm 18. Auguſt: „Unſere Univerſitätsſtadt Gießen hat ein Drama ausführen ſehen, das heutzutage nicht oft mehr vorkommt— einen Auszug ſämmt⸗ licher Studenten. Oeffentliche Blätter haben darüber berichtet, zum Theil, wie das ſo zu gehen pflegt, von einſeitigem Stand⸗ punkte aus; das Drama iſt faktiſch zu Ende, d. h. die Studenten ſind zurückgekehrt, und Ruhe und Ordnung iſt in allen Beziehungen wieder eingetreten. Hoffen wir, daß keine Nachwehen kommen, d. b. daß die Staatsregierung milde erwägen möge, wie ſchwer es für 4—500 aufgeregte junge Leute iſt, bei ſolcher Veranlaſſung alle Polizeivergehen oder Illegalitäten zu vermeiden, und daß ſie daher die Bitte der Studenten um Vergeben und Vergeſſen alles Vorgeſallenen zu gewähren ſich veranlaßt ſehe! Daß das Ganze ſchnell zum Ende geführt wurde, ſcheint zum großen Theil Verdienſt des dortigen Gemeinderaths, der ſehr lebhaft um baldige Rückkehr der Studenten ſich bemühte und für ſie ſich verwendete. Bemerkt möge dabei werden, daß derſelbe dem Befehlshaber der Chevaurlegers, Rittmeiſter von Jungenfeld, für die humane Art und Weiſe, wie er ſeinen Auftrag vollführte, danken ließ mit der Verſicherung, daß die gemeinderäthlichen Schritte, um den Abzug des Militärs zu bewirken, nur aus Rückſicht auf möglichen unangenehmen Zuſammen⸗ — 37— ſtoß mit den Studenten unternommen worden, keineswegs aus un⸗ freundlicher Geſinnung gegen das Militär oder ſeinen Befehls⸗ haber.“— Olim meminisse juvabit! Dieſes improviſirte Stück alter burſchikoſer Romantik— meines Viſſens der letzte deutſche Stu⸗ denten-Auszug in optima forma— war trotz allem Pech, was uns Ausſchußmitglieder im Widerſpruche mit dem obigen frommen Wunſche ſpäter noch heimſuchte, im Ganzen gut verlaufen, und gewiß werden alle daran mitbetheiligten Commilitonen unſrer Hochſchule, welche dieſe Zeilen leſen, in fröhlicher Rückerinnerung mit mir geiſtig einen„Salamander“ reiben zu Ehren der Gießener Studentenſchaft vom Herbſte 1846 und zugleich der wackren Gie⸗ ßener„Philiſter“. Vivant, floreant, crescant!— Hinterdrein wurde freilich uns zwölf Rädelsführern von der ſ. g. Commiſſion die Kehrſeite der Medaille von der Reſidenz aus präſentirt. Einige Zeit nachher, nachdem die Wogen des Aufruhrs ſich geglättet, wurde durch ein beſonderes, von dem übelberufenen Kanzler von Linde veranlaßtes Miniſterialreſcript die Einleitung einer Disciplinarunterſuchung gegen uns auf Grund unſrer Er⸗ lärung vom 11. Auguſt im Frankfurter Journal wegen Belei⸗ digung der Amts- und Dienſtehre des Polizeiraths Zulehner an⸗ geordnet, weil wir uns nicht entblödet hatten, deſſen Handlungs⸗ weiſe als eine für die Studentenſchaft„ſchimpfliche“ und einen„Ueber⸗ griff polizeilicher Beamtenwillkür“ zu bezeichnen. Das war für die büreaukratiſchen Herren vom grünen Tiſche der Reſidenz, ob⸗ gleich ſie, mit dem geheimen Oberſteuerrath Welcker zu reden, ſelbſt „ſtudirte Leute“ waren, doch ein crimen laesae majestatis der überdies von uns als„luſtig“ oder gar„ſchuftig“ beſungenen hohen Polizei, das nicht ungerochen bleiben durfte. Dieſe„Rotte böſer Buben“, wie uns Pfarrer Hartnagel von der Kanzel ge⸗ nannt, mußte wenigſtens in ihren Häuptern gezüchtigt werden. Es „raſ'te der See und wollte ſein Opfer haben!“ Das Datum weiß ich nicht mehr genau. Aber auf einem der öfter erwähnten C. Beck'ſchen Bilder ſehe ich gegenüber einem vor dem ſchwarzen Brette verſammelten„tumultuariſchen“ Studentenhaufen einen Gens'darmen baarhaupt mit flatterndem Haar daherſprengen, in der Hand eine Stange mit einem rieſigen Plakat, worauf die Ueberſchrift prangt:„Proſit Neujahr! Miniſterialreſcript vom 30. December 1846.“ Und Das hat offenbar auf die uns zugedachte Maßregelung Bezug. Die Disciplinar⸗Unterſuchung führte der allen damaligen Studenten wohlbekannte Herr Haberkorn(„der faßt die Studio's auf das Korn!“ hieß es in unſerm Spottliede) und zwar mit einer für uns, nicht aber für ihn„haarſträubenden“ Gründlichkeit. Wir wurden alle Zwölfe, nachdem Einige von uns — 38— zuvor ſchon 14 Tage gebrummt, zu 3 Wochen Career verurtheilt und mußten außerdem, froh genug, daß wir nicht sans facon geradezu relegirt wurden,„das Conſil unterhauen“, d. h. die An⸗ drohung, bei dem erſten beſten Anlaſſe irgend einer Ordnungs⸗ widrigkeit von der Hochſchule ausgewieſen zu werden, durch unſere Unterſchrift atteſtiren. Aus meiner damit decretirten Carcerhaft, welche unglücklicher Weiſe gerade in die Oſterferien fiel, habe ich noch einen recht launig geſchriebenen Brief an die Meinigen aus dem Zimmer Nr. 6(während ich früher auf Nr. 2 ſaß). Ich citire daraus hier folgende, die Situation ziemlich draſtiſch kenn⸗ zeichnende Stellen: „Ich arbeite hier fleißig an der Epiſtel des Apoſtels Paulus an die Römer, koche mir Kaffe, rauche Tabak und Cigarren, leſe Zeitungen und Romane, ſchreibe Briefe und, wenn ich das müde bin, ſchaue ich zum Fenſter hinaus. Ich habe mich mit Geduld in mein am Ende auch gar nicht ſo tragiſches Schickſal gefügt, und nur heute am erſten Feiertag, wo ich die„Philiſter im Sonn⸗ tagsröcklein“ und die Damen in Hüten und Shawls über die Schur promeniren ſah, verlor ich ein wenig meinen Humor. Ich habe hier oben eine ſehr ſtarke„Kamiſolſchaft“. Alles iſt beſetzt. Faſt die ganze Commiſſion hält im Carcer unfreiwillige„Sitzungen“ und wir amüſiren uns, den Umſtänden nach, ganz vortrefflich mit einander. So lange der Carcerdiener Schmitt nicht oben iſt, con⸗ verſiren wir gemüthlich par porte, und jeden Abend, ſobald er draußen die Gangthüre zugeſchloſſen, reiben wir, platt auf den Boden vor die Thüren hingeſtreckt, auf abwechſelndes Commando einen ganz commentmäßigen Salamander. In acht Tagen gehen⸗ die übrigen Commiſſionsmitglieder fort, und dann rücken wieder weitere Drei ein. Ihr ſeht, die Conkurrenz iſt ſtark. Heute woll⸗ ten wir uns in die Kirche führen laſſen, weil unſer durch die Haft deprimirtes Gemüth einer„geiſtlichen Erbauung“ ſehr bedürfe. Aber der Univerſitätsrichter T. war ſo unchriſtlich, uns dieſen Be⸗ weis der Frömmigkeit nicht zu geſtatten. Je nun, ich kann mir ſelber Predigten halten: die ſind freilich verflucht langweilig.“ Daß mich mein alter Humor, die beſte Gabe, die mir Mutter Natur in die Wiege gelegt, im Carcer nicht verließ, dafür zeugt ſchon dies wortgetreue Citat. Außerdem enthält mein ſtudentiſches „Blaubuch“, in welches ich damals meine flüchtigen Gedanken flüchtig hinzuwerfen pflegte, gar manche pikante Federzeichnungen vom Carcerfenſter aus; ſie laſſen ſich aber aus verſchiedenen Gründen, hauptſächlich ihrer oft gar zu rückſichtsloſen Derbheit halber, hier nicht wiedergeben. Genug, wenn ich an alle die rein burſchikoſen Er⸗ lebniſſe meiner Gießener Studentenjahre, wovon ich hier nur einige Bruchſtücke gegeben, zurückdenke und die beim Landesvater oft genug durchſtochene blauweißgoldne Cerevismütze betrachte, ſo begreife ich vollkommen die ſchönen Worte Wilh. Hauff's. Man muß eben jenes Leben ſelbſt mit durchgemacht haben, ſonſt hat man für Das, was ich die Poeſie der Burſchenzeit nenne und was dem Draußenſtehenden als toller Jugendübermuth oder gar als eine Art„höheren Blödſinns“ erſcheint, kein rechtes Verſtändniß. So oft ich ſpäter nach der Muſenſtadt zurückkehrte, ſo pflegte ich die alten Reminiscenzen an den alten Orten. Aber dann kam es mir doch ſtets ſo vor, als wandle ich auf einem Kirchhofe umher. Ich ſah ein neues Geſchlecht von Studenten ſich durch die Straßen und auf der Kneipe bewegen, und nur hier und da tauchte noch das Geſicht irgend eines mir von früher bekannten oder befreun⸗ deten„Philiſters“, meiſt von ſchwarzrothgoldner Färbung, auf, der as:„Weißt Du noch? Damals und damals, da und dort?“ mit mir hinter dem Glaſe Bier herzlich durchſprach. Es geht im aka⸗ demiſchen, wie im allgemein menſchlichen Leben; der Jüngere löſt den Aelteren ab, und immer ſeltener werden die Gelegenheiten, wo ſich die ehemaligen Commilitonen wieder zuſammenfinden, um den rüheren Schmollis in alter Brüderlichkeit zu erneuern. Dafür gelten die ſarkaſtiſchen Bemerkungen H. Heine's, als er ſ. Z. von Göttingen abging.„Dann und wann rollte ein Einſpänner vor⸗ über, wohlbepackt mit Studenten, die für die Ferienzeit oder auch für immer wegreiſten. In ſolch einer Univerſitätsſtadt iſt ein be⸗ ſtändiges Kommen und Gehen, alle 3 Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration. Das iſt ein ewiger Menſchenſtrom, wo eine Semeſterwelle die andere fortdrängt, und nur die alten Profeſſoren bleiben ſtehen in dieſer allgemeinen Bewegung, unerſchütterlich feſt, gleich den Pyramiden Aegyptens— nur daß in dieſen Univerſitätspyramiden keine Weisheit verb orgen iſt.“ Wie ſehr der„ungezogene Liebling der Grazien“ mit dieſer boshaften Spötterei Recht hat, das habe ich ſelbſt erſt vor Kurzem 4 4 erfahren. Ein ſehr gelabhrter orthodoxer Gießener Profeſſor, zu oln deſſen Füßen ich einſt als Student der Theologie geſeſſen, hat in einer beſondren Broſchüre, worin er die Freigeiſterei innerhalb der proteſtantiſchen Kirche mit heiligem Eifer bekämpft, u. A. auch mich, einen ehemaligen Schüler, mit dem Beweiſe des eigenſten pro⸗ feſſoralſten Unſinns erwähnt, daß er von dem Unſinn eines Herrn F. in D. ſpricht, der in irgend einem Blatte„erklärt habe, er glaube zwar weder an Gott, noch an eine Seele, aber er ſei(trotzdem) ein guter Proteſtant.“ Mir, der ich, ob auch noch ſo ſehr Ketzer, och wenigſtens auf geſunden Menſchenverſtand Anſpruch machen arf, einen ſolchen Nonsens in die Schuhe zu ſchieben, das ver⸗ mag nur eine ſolche„Katheder⸗Pyramide“. Und ſo ſei denn auch ihr mit gebührendem Humor an dieſer Stelle ein Denkmal geſetzt. — 10— Solcher Pyramiden dürſte das V. Scheffel'ſche Krokodil in dem bekannten luſtigen Commersbuchliede mehrere Dutzend umtanzen, ohne daß die Wiſſenſchaft oder die Menſchheit überhaupt dadurch irgend welchen Schaden erlitte. So ſehr wir ſonſt nicht gerade an einem Uebermaße von Pietät und Obedienz leidenden Muſen⸗ ſöhne würdige Vertreter der Wiſſenſchaft zu ehren wußten, welche mit dem Ernſte des Docenten eine liebenswürdige, aller Pedanterie entkleidete Urbanität außerhalb des Hör⸗ und Prüfungsſaales zu verbinden wußten,— ich nenne hier nur die zu meiner Zeit be⸗ ſonders populären Namen des genialen Chemikers Liebig, des durch Geiſt und Humor gleich ausgezeichneten Literarhiſtorikers F⸗ Hillebrand, des gelehrten und männlich unabhängigen, im Privatverkehr mit ſeinen Schülern wahrhaft väterlichen Theologen Credner und ſeines, mit dem gründlichſten Wiſſen die gemüth⸗ lichſte, naturwüchſig derbe Bonhommie verbindenden Collegen Knobel — ſo galt doch für jene außerhalb des modernen Lebens ſtehenden Perrücken bei uns die oft geſungene Traveſtie:„Pereant diabolus, quivis antiburschins atque— professores!“ Den Erſteren brachten wir mit wahrer Begeiſterung Fackelzüge und Serenaden, den Letzteren aber Pereats mit obligatem Fenſtergeklirr. In dieſer Hinſicht gaben wir bezüglich öffentlicher Manifeſtationen der Sym⸗ pathie und Antipathie den Pariſer étudiants aus dem quartier latin wenig nach. Die akademiſche Jugend hat nicht nur gute Impulſe, ſondern auch einen ziemlich ſichren Inſtinkt, und man wird immer finden, daß tüchtige zopfloſe Lehrkräfte mit der Deviſe: „Non scholae, Jed vitae discimus“ unter ihren ſonſt ſo muth⸗ willigen, keine Zwangs⸗Autorität anerkennenden Zuhörer⸗Kreiſen den gebührenden Reſpect genießen. Wenn Einer der Obengenannten durch unſere Reihen ging, da flogen die bunten Mützen rechts und links, und ſo oft irgend ein„Randal“ geplant war und ein popu⸗ lärer Profeſſor ließ die einflußreichſten Führer freundlich zu ſich in ſeine Privatwohnung bitten, um zwiſchen den vier Wänden ab⸗ mahnende Worte an ſie zu richten, ſo fruchtete das zehnmal mehr, als eine offizielle Relegationsandrohung des akademiſchen Senats. Es iſt gar leicht, die Liebe und Achtung unſrer ſtudirenden Jugend — nicht nur auf den Univerſitäten— zu gewinnen. Aber dazu ſind Lehrer erforderlich, die nicht nur die Wiſſenſchaft gründlich tractiren, ſondern ſie auch mit den praktiſchen Forderungen des modernen Lebens zu verbinden und gerade dadurch ihren Schülern den rechten Lerntrieb für ſie einzuflößen wiſſen, keine„Pyramiden Aegyptens“ à la Heine. Dieſe Jugend will keinen trocknen, die Grundſätze, Regeln und Erfahrungsſätze mechaniſch an den Fingern herzählenden Vortrag. Um„gepackt“ zu werden, will ſie ihn be⸗ lebt wiſſen durch Hinweiſungen auf die Gegenwart außerhalb des — 41— Hörſaals, durch geiſtvolle anregende Vergleichungen mit correſpon⸗ direnden Erſcheinungen auf anderen Wiſſensgebieten, ja gelegentlich auch durch zündende Bonmots und Witze, freilich keine ſolche, wie die des ſeligen Profeſſors Palmer, der in ſeinem Kathederheft be⸗ kanntlich bei dieſer oder jener Stelle die Randbemerkung führte: „Hier pflege ich einen Witz zu machen“, ſondern durch ungeſuchte Inſpirationen des Augenblicks, wie ſie der in dieſer Beziehung wahrhaft überſprudelnde unvergeßliche Hillebrand und als dama⸗ iger außerordentlicher Profeſſor Karl Vogt u. A. einzuſtreuen pflegten. Von ſolchen Lehrern, wie ſie ſein ſollten, leider Gottes! aber ziemlich ſelten ſind, muß man die ſchönen Worte wieder⸗ holen, die einſt L. Börne in der zu Eingang citirten Schilderung ſeines Studentenlebens in Halle über die damaligen dortigen Pro⸗ ſeſſoren der Medicin Reil und der Philoſophie Steffens ſprach: „Sah man Reil lehrend unter ſeinen Schülern, die ihn ebenſo ſehr liebten als bewunderten, ſo konnte man ſich leicht in die Aka⸗ demie von Athen verſetzen. Er begann und untermiſchte ſeine Vor⸗ leſungen über Therapie und Augenkrankheiten mit Gedichten von Schiller und Göthe, und die köſtlichen Früchte ſeiner Forſchung waren unter Blumen verſteckt. Wer nur den erſten Stunden ſeiner halbjährlichen Vorleſungen beigewohnt, hätte glauben können, er höre einen Profeſſor der Moral oder der Aeſthetik. Schon in den reiferen Jahren, wo das Wiſſen nur noch in der Breite gewinnt, aber in der Tiefe nicht mehr, und wo die welken Aehren des Geiſtes ihr ſchwaches Haupt zur Erde niederſenken, und dieſes noth⸗ wendigen Naturgeſetzes ſich bewußt, äußerte Reil in engerem Kreiſe von Freunden und Zöglingen eine kindliche und höchſt liebenswür⸗ ige Furcht, er möchte die Jugend des Geiſtes verlieren. Um ſich gegen dieſen Verluſt zu ſchützen, war er immer darauf bedacht, ſich mit ſtrebenden Jünglingen und neuen Büchern zu umgeben.“ Und von Steffens heißt es in ſchreiendem Gegenſatze zu gar vielen unſrer akademiſchen Docenten, welche im wahren Sinne des Wortes über dieſe oder jene Disciplin„leſen“:„Er las nie vom latte. Was er im Augenblicke geſchöpft, reichte er friſch und hell. Seine Rede war ein fortreißender Strom; der Zuhörer dachte, was er mußte, ohne Segel, ohne Steuer, ohne Ruder, und erſt am Ufer fing er zu überlegen an.“ Dieſe beiden, mit ſolcher Wärme von Börne geſchilderten Geſtalten waren freilich Muſter deutſcher Profeſſoren, keine trocknen Einpauker und pedantiſchen Abrichter für das Examen, ſondern liebe⸗ volle, ihre Lehrmaterie durchgeiſtigende Vorbildner für das Leben. Reil am nächſten kommt nach meiner Gießner Erinnerung Joſ eph Hillebrand, ein univerſell gebildeter, ächt humaniſtiſcher und humoriſtiſcher Jüngling in grauen Haaren, dem ein geiſtreicher 6 4 Witz ſtets auf der Zunge lag(von ihm rührt das faſt ſprüchwört⸗ lich gewordene quid pro quo, als er in einer ſeiner meiſt ſehr zahlreich, auch von„Philiſtern“, beſuchten Vorleſungen einmal— ich glanbe, nach einem Commers— ſehr viele Plätze leer fand: „Ich ſehe wieder viele Herren, die nicht da ſind!“). Für ſeine be— kannten, ſpäter in mehreren Auflagen im Druck erſchienenen Collegia über neuere deutſche Nationalliteratur mußte er ſtets den größten Hörſaal der Aula, Nr. 9, belegen, und nicht nur waren alle Bänke immer dicht beſetzt, ſondern auch an den Wänden war das Publikum ſo gedrängt aufgepflanzt, daß es den ſpätkommenden immatrikulirten und inſcribirten Hörern ſchwer hielt, zu ihren Plätzen zu gelangen. Sobald er den Katheder beſtieg, herrſchte Todtenſtille im Saale und ich höre ihn noch regelmäßig mit ſeinem zwar nicht ſtarken, aber wohlklingenden Organe beginnen:„Meine Herren! Wir ſind voriges Mal da und da ſtehen geblieben.“ Nachdem er ein ſo ein⸗ geleitetes kurzes Reſumé der letzten Vorleſung gegeben, ging es in freiem Redeſtrom, mit ſeltenem Seitenblick auf das vorliegende Notizheft, weiter. Und da fehlte es denn nicht an da und dort eingeworfenen witzigen Epigrammen über die literariſchen, ſowie auch, was damals viel heißen wollte, politiſchen Zuſtände der unmittel⸗ barſten Gegenwart, welche immer ein dumpfes Beifallsgemurmel unter der Zuhörermenge hervorriefen und von gar manchen Stu⸗ dioſen, darunter auch mir, mit erpichterer Haſt an den Rand des Heftes nachgeſchrieben wurden, als der eigentlich offizielle wiſſen⸗ ſchaftliche Theil in der Mitte. Er wußte dieſe geiſtvollen Bon⸗ mots geradezu aus dem Aermel zu ſchütteln, und wenn er die Heiterkeit ſeines Publikums gewahrte, pflegte ihm in der Regel „noch eine Geſchichte einzuſallen“. Gerade dieſe, ſowohl für das ſtudentiſche, als auch für das gebildete bürgerliche Publikum be⸗ ſonders anregenden Vorleſungen ſind mir wegen ihrer fließend zwangloſen, oſt ſogar das Auditorium indirekt interpellirenden Haltung unvergeßlich geblieben, und Hillebrand's Urtheile über die Matadore unſrer modernen deutſchen Literatur waren ſtets ſchlagend und geiſtreich motivirt, ſodaß ich die meiſten als reiferer Mann auf die Dauer adoptirt habe. Mein alter Univerſitätslehrer, ein Mann von der liebenswürdigſten Urbanität, der mir, einem Freunde ſeiner beiden Söhne Wilhelm und Carl, perſönlich ſehr wohlwollte und mich auch nach Eintritt meiner politiſchen Mißliebigkeit nie⸗ mals verläugnete, wurde ſpäter von dem reaktionären Miniſterium du Thil, einer Duodezausgabe des Metternich'ſchen, vorzeitig gegen ſeinen Willen penſionirt und hat ſich nachher als Landtagsabge⸗ ordneter und conſequenter Charakter auch an unſrer parlamenta⸗ riſchen Steuerverweigerung betheiligt. Ich lege als dankbarer Schüler voll Pietät einen Kranz auf ſein Grab. —- 43— „In Bezug auf allgemeine Popularität kam nach Hillebrand für uns der„liber baro de Liebig“, wie es damals in nicht ſehr klaſſiſchem Latein auf den Doctordiplomen hieß. Auch er wußte ſeine Wiſſenſchaft, in der er als genialer Forſcher und Entdecker damals ſchon nicht nur europäiſchen, ſondern kosmopoli⸗ tiſchen Ruf genoß,— während ſeines Dortſeins erreichte haupt⸗ ächlich ſeinetwegen die Frequenz der Univerſität Gießen ihren höchſten Stand— anregend und feſſelnd, mit vollem Umblick über den Katheder und das chemiſche Laboratorium hinaus, zu dociren und hat eine ganze Reihe tüchtiger Schüler von geachteten Namen herangezogen.(Carl Vogt brachte vor einiger Zeit in dem Feuille⸗ ton der Frankfurter Zeitung eine in ihrem Genre höchſt pikante Charakteriſtik ſeiner damaligen Lehrerthätigkeit, die ich mit beſondrem Intereſſe geleſen habe.) Liebig trat aber zu wenig aus den vier Wänden ſeiner fachlichen Werkſtätte heraus und hatte für mich ſtets etwas zu ariſtokratiſch Ercluſives in ſeinen Umgangsformen, was mich vis-Aà-vis von ihm ferne hielt. Hatten wir Studenten indeſſen irgend einen ernſtlichen Conflict mit der akademiſchen Behörde, ſo wandten wir uns neben Hillebrand mit beſonderem Vertrauen an ihn, und ſeine einflußreiche Intervention war uns ſtets von großem Nutzen. Auguſt Credner, als Kirchenhiſtoriker und neuteſtament⸗ licher Exeget damals eine renommirte Autorität erſten Rangs, war mehr Stubengelehrter von etwas ſchwerfällig unbeholfenem Weſen, aber unendlich gutmüthig und höchſt tolerant gegen jede, ob auch noch ſo entgegengeſetzte, wenn nur ehrliche Ueberzeugung. Vor Allem führte er damals in verſchiednen geharniſchten, mit gründ⸗ lichſtem Actenmaterial ausgeſtatteten Streitſchriften eine erbitterte Fehde für die akademiſche Lehr⸗ und Lernfreiheit gegen den dieſelbe ſyſtematiſch unterminirenden ultramontan⸗reaktionären Kanzler von Linde, und das war genug, dem ſchlichten charaktervollen Manne ie ungetheilte Sympathie unſrer akademiſchen Jugend zu ſichern, welche ſie bei mehreren Gelegenheiten mit ungeheuchelter Begei⸗ ſterung manifeſtirte. Ebenſo beliebt war ſein College Profeſſor Knobel, zur Zeit unſres Auszugs rector magnificus, ein Hebräer erſten Rangs und beſonders gefeierter Commentator des genialſten altteſtamentlichen Propheten Jeſaia, ein Mann von gründlichem philologiſchem Wiſſen, der ſich als unbemittelter Bauernſohn durch eignes raſt⸗ loſes Studium zu ſeiner geachteten Stellung emporgearbeitet, im geſellſchaftlichen Verkehr von etwas ungeſchlachten Manieren und von jenem derben, das Blatt nicht vor den Mund nehmenden Hu⸗ mor, wie er aus Luther's famoſen„Tiſchreden“ ſprudelt, dabei der jovial⸗gutmüthigſte, durchaus nicht den„Schulmeiſter“ heraus⸗ 6* — 44— hängende Menſch, den man ſich nur denken konnte. Er war Jung⸗ geſelle und charakteriſtiſch für ihn iſt, daß er, wie ich weiß, öfter Einzelnen ſeiner ihm befreundeten Zuhörer, die, wie er merkte, in momentaner Geldverlegenheit waren, sans gone die Piſtole auf die Bruſt ſetzte und in einer ſo naiv liebenswürdigen Weiſe, daß ſie trotz aller Verlegenheit gar nicht ausweichen konnten, ſeinen „Pump“ geradezu aufnöthigte. Daß die baldmöglichſte Abtragung eines ſo generöſen Darlehens erſte Ehrenpflicht war, verſtand ſich von ſelbſt. Er iſt todt, aber gar Manche ſeiner Tiſchgenoſſen vom „Einhorn“ werden heute noch ſeiner unverwüſtlichen, nichts weniger, als magiſterhaften Laune gedenken.— Solche Lehrer— und ſie ſind die ebenbürtigen Pendants zu den Hallenſer Profeſſoren Börne's, Reil und Steffens— wiſſen die tüchtige ſtrebſame Univerſitäts⸗Jugend, die neben das Rappier und den Schläger gar gerne Heft und Buch legt, zu ernſtem wiſſenſchaftlichem Studium zu begeiſtern, nicht aber jene Zopf⸗Pro⸗ feſſoren, die Jahr aus, Jahr ein beſtändig aus demſelben, höchſtens durch ein paar ſpärliche Randgloſſen erweiterten Hefte diktiren. Und der Letzteren haben wir leider! heutzutage die Mehrzahl, während die Erſteren„weiße Raben“ ſind. Wenn man hier und da über die Verwilderung unſrer akademiſchen Jugend und ihren Mangel an wiſſenſchaftlichem Streben zetert, ſo möge man be⸗ denken, daß die Studenten wahrlich daran nicht allein die Schuld tragen, ſondern gar oft zum weitaus größeren Theile unſre geiſt⸗ los trocknen, mit ihnen nicht im gehörigen Contacte ſtehenden „pyramidalen“ Profeſſoren. Beruft tüchtige Lehrer, ſo wird es euch auch an tüchtigen Schülern nicht fehlen! Aber dieſe Famuli Wagner, wie ſie jetzt auf ſo vielen Kathedern im vollſten Magiſterdünkel ſich breit machen, thun's wahrlich nicht. Einen glänzenden Beweis dafür, wie ſehr geiſtvolle und zu⸗ gleich geſinnungstüchtige Docenten, ächte Prieſter ihrer Wiſſenſchaft, die leicht empfängliche ſtudirende Jugend zu elektriſiren Verſtchenr lieferte zu meiner Zeit vor Allem der obengenannte Credner. Wie ſchon bemerkt, trat der wackre Gelehrte auf Grund der vor⸗ liegenden öffentlichen Rechtsurkunden, namentlich, ſo viel ich mich erinnere, der durchaus liberalen, für das verſchwiſterte Marburg erlaſſenen Beſtimmungen Philipps des Großmüthigen, für die Frei⸗ heit der wiſſenſchaftlichen Forſchung und Lehre innerhalb der Uni⸗ verſität gegen den damals allmächtigen Kanzler von Linde tapfer in die Schranken und hatte in dieſem Streite unſre ganz entſchie⸗ dene Majorität hinter ſich.„Freiheit des Lehrens und Lernens auf den deutſchen Hochſchulen!“ das war unſre Parole, und Credner war ihr unerſchütterlicher Verfechter. Als eine ſeiner erſten Bro⸗ ſchüren zur Vertheidigung dieſes akademiſchen Palladiums erſchienen — 4— war, wurde unter allgemeinſter Zuſtimmung beantragt, ihm als Beweis unſrer Sympathie einen Fackelzug zu bringen. Das Uni⸗ verſitätsgericht verbot in Folge reſidenzlicher Weiſung ſowohl den Fackelzug, als auch für die fragliche Gelegenheit den Gebrauch von Fackeln überhaupt. In meinem damals zeitweiſe geführten Tage⸗ buch finde ich darüber u. A. folgende intereſſante Notizen: „Die berathende Verſammlung fand am 13. November 1845 in dem großen Saale Nr. 9 ſtatt. Der Erlaß des Univerſitäts⸗ richters wird verleſen und erregt allgemeine Indignation und Hohn⸗ gelächter. Man will dennoch, trotz dieſes Verbots, den Fackelzug abhalten. O zügelloſe akademiſche Jugend, bald ſind Carcer und Relegat für dich keine Schreckmittel mehr! Una voce omnes, nur Stromberger, von dem das Ganze urſprünglich ausging(etzt Pfarrer in Zwingenberg), iſt bedenklich. G. Baiſt und Landmann von den„Heſſen“(Erſterer jetzt altlutheriſcher Pfarrer in Ulfa, Letzterer rationaliſtiſcher Pfarrer in Rendel und Landtagsabgeord⸗ neter) treten ein. Erſterer, etwas animirt, ſpricht unter allge⸗ meinem Beifall in ſeiner gewohnten nonchalant derben Manier einige höchſt ordonnanzwidrig offenherzige Worte:„Wir müſſen einen Fackelzug halten trotz alle Dem! Es gilt nicht für Credner allein, ſondern auch für das proteſtantiſche Prinzip und unſere akademiſche Freiheit, die der Univerſitätsrichter immer mehr beeinträchtigt. Daß er es nicht erlauben will, iſt ſehr natürlich, denn er iſt ein Schleppträger dieſes ꝛc. Linde, und dem iſt ſelbſtredend ſo Etwas höchſt ärgerlich. Aber er ſoll ſich ärgern!“ Allgemeiner ſtürmiſcher Beifall. Draußen gehen haſtigen Schrittes und beſorgter Miene, einen Auflauf befürchtend, die Pedellen auf dem Gange hin und her. Stromberger und Andere meinen, ſolche Colliſionen mit der Polizei könnten doch dem von uns zu feiernden Credner nur un⸗ angenehm ſein. Baiſt macht den Vorſchlag, Jeder ſolle ſeine ſämmt⸗ lichen Fenſter, ſo gut er nur könne, mit paſſenden Sinnſprüchen ꝛc. illuminiren, unter allen Umſtänden aber ſollten wir uns ſelbſt illuminiren! Erſteres wegen der Kürze der Zeit nicht mehr gut möglich, Letzteres natürlich ſehr praktiſch. Es bleibt alſo beim Ständchen, jedoch ſoll mit der Muſik voran durch die Stadt über en Markt gezogen werden. Baiſt erhält den Auftrag, das Lebe⸗ hoch auf Credner auszubringen. Jede Fakultät wählt für die De⸗ putation ihre Vertreter, die Theologen den dicken Müller und Stromberger, die Juriſten Jung(aus Mainz), die Mediziner Heu⸗ mann etzt praktiſcher Arzt in Pfungſtadt), die Philoſophen Schmitt (letzt Seminarlehrer in Friedberg). Dann wird zur Probe das Feſtlied:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“ geſungen. Seltſamer Contraſt! Hier, wo ſonſt nur die Stimme des Profeſſors vom Ka⸗ theder herab und das Raſcheln der vielen Federn des Auditoriums * — 46— über das Heftpapier vernommen wurde, ſchallte jetzt der ſchöne Choral Luther's über die Bänke dahin.— Ich bin noch zu auf⸗ geregt, als daß ich daheim arbeiten könnte. Schöne Hoff⸗ nung für die Zukunft! Erſte Gelegenheit, wo Stu⸗ denten von allen Farben einſtimmig, für eine Idee begeiſtert, ſich zuſammenfanden.“ Vom folgenden Abend heißt es u. A. weiter:„Die Wetzlarer Schützen⸗Muſik voran, zieht Alles um 8 Uhr zum Seltersberg hinauf nach Credner's Haus. Letzterer ſtellt ganz gemüthlich einige Lichter vor ſeine Fenſter. Die„feſte Burg“ tönt aus mehr als 150 Studentenkehlen zum klaren Nachthimmel. Darauf bringt Baiſt„unſerm vielgeliebten Credner, dem muthvollen Vertreter der Freiheit der Wiſſenſchaft und dem väterlichen Freunde der akade⸗ miſchen Jugend,“ ein dreifaches donnerndes Hoch aus. Alle Mützen fliegen in die Luft, ſtürmiſches Hoch, Tuſch der Muſik. Credner, ſichtlich gerührt, antwortet vom Fenſter ziemlich fließend. Er ſpricht davon, daß er jetzt 28 Semeſter auf der hieſigen Hochſchule als Lehrer wirke, von den Anforderungen der Neuzeit, gegen die man nicht die Augen verſchließen dürfe, von den weſentlichen Fort⸗ ſchritten, welche auf Grund ungehemmter Forſchung die evange⸗ liſche Kirche unſres Landes, wenn auch nur im Stillen, gemacht, von den Hoffnungen für die Zukunft unter Hinweis auf den mit Sternen beſäten freundlichen Nachthimmel. Er lobt die wiſſen⸗ ſchaftliche Strebſamkeit und den Unabhängigkeitsſinn der Gießener Studentenſchaft und fordert ſie auf, unbeirrt durch hemmende äußere Einflüſſe, auf der betretenen Bahn conſequent fortzuſchreiten ꝛc. Die Deputation verfügt ſich hinauf und ſtößt mit ihm bei einer Flaſche Johannisberger auf die wahre akademiſche Freiheit für Do⸗ centen, wie Studioſen an. Wir haben dem braven Manne durch unſre ganz und gar nicht„gemachte“ Demonſtration unverkennbar eine Genugthuung bereitet, die ihm vielleicht mehr werth iſt, als ein Orden. Nach dem Ständchen Feſtkneipe im Promenadehaus. Ungeheures Durcheinander. Baiſt präſidirt und ſeine gewaltige Stentorſtimme ſchallt, wie die Poſaune des Weltgerichts, durch das allgemeine Geſchrei:„Silentium! Silentium!“ Der„kleine Zipp“ (Baur, jetzt Domprediger in Berlin und als Volksſchriftſteller be⸗ kannt) beſteigt den Stuhl und hält einen etwas breiten Sermon über den ſchon lange erſehnten Tag, wo Verbindungen von allen Farben und Namen ſich einmüthig um die Fahne einer Idee ſchaaren. Sodann bringt Landmann, der Senior der Haſſia, einen körnigen, mit einſtimmigem Applaus aufgenommenen Toaſt aus. Er fühlt ſich Angeſichts der heuteabendlichen Verſammlung verſucht, in die Worte des großen Dichters auszubrechen:„Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmliſches Behagen.“ Herzerquickend iſt die — 417— jetzige allgemeine brüderliche Einigkeit, wo die bisherige Zwietracht der Parteien ſchweigt und die Corps', wie die Allemannen und Nichtverbindungsmitglieder ſich für ein gemeinſames Prinzip ein⸗ ander die Hände reichen. Er trinkt auf die Wiederherſtellung der alten ſtudentiſchen Einigkeit zu feſterer Aufrechterhaltung unſres Palladiums, der akademiſchen Freiheit. Es wird auf dieſen frommen Wunſch unter Baiſt's Commando ein etwas tumul⸗ tuariſcher Salamander gerieben, an dem ſich ſogar einige„Kata⸗ logen“(katholiſche Theologen— wir hatten damals noch in Gießen eine katholiſch⸗theologiſche Fakultät) betheiligen.“ ꝛc. ꝛc. Das Herz wird mir unwillkürlich warm, indem ich dieſe unter dem unmittelbarſten Eindruck der Thatſachen vor nun bei⸗ nahe 30 Jahren niedergeſchriebenen Zeilen hier wiedergebe. Es waren doch glückliche Tage der friſchen unverdorbenen Jugend, wo wir neben dem obligatoriſchen Studium der Brodwiſſenſchaften und dem Treiben der Kneipe und Menſur noch den jungfräulich naiven Glauben an allgemeine Ideen hatten und, eventuell ſelbſt auf Ge⸗ fahr der künftigen Carrière, trotz allen Kanzlern und Univerſitäts⸗ richtern keck für ſie eintraten. Etwa ein Jahr ſpäter, als die fortgeſetzte Fehde Credner's mit ſeinen durch das Miniſterium du Thil unterſtützten Gegnern in ein ſo bedenkliches Stadium getreten war, daß man ſogar ſeine Entfernung vom Katheder für nahe bevorſtehend hielt, richteten wir, abermals aus ſämmtlichen Fakultäten, auf Anregung des da⸗ maligen allgemeinen ſtudentiſchen Ausſchuſſes, an Credner folgende Adreſſe, deren Concept ich heute noch beſitze: „Hochzuverehrender Herr Profeſſor! Schon längſt wird Ihr Name unter Denen genannt, die auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft ſich großes Verdienſt erworben haben. Dafür wird Ihnen die Anerkennung ſo vieler gelehrter und trefflicher Männer unſres Volkes und des Auslandes. Wer aber an dem Orte Ihrer un⸗ mittelbaren Wirkſamkeit weilt, auch wenn er nicht Ihr Schüler ſein ſollte, wie Viele der Unterzeichneten, weiß ganz beſonders, wie Sie in Leben und Wiſſenſchaft ſtets mit dem Muthe der Ueber⸗ zeugung für Wahrheit und Recht gekämpft und jedem, wenn auch noch ſo hoch ſtehenden Gegner männlich die Stirne geboten haben. Warme Liebe regt ſich deßhalb in uns für den Mann, der mit ſo klarem Geiſte und feſtem Willen thätig iſt, und im Vertrauen auf Ihren edlen Sinn, der auch in der akademiſchen Jugend ein wahres Streben und den Trieb zukünftiger Entfaltung ſieht, wagen wir es gerade jetzt, unſrer Verehrung Ausdruck zu geben.— „Sie haben jüngſt in einer Schrift, über deren eigentlichen Inhalt hier ein Urtheil abzugeben wir uns nicht befugt erachten, der freien Wiſſenſchaft, die keine andre Herrſchaft, als die — 48— des Gedankens, anerkennt, von Neuem in alter Weiſe das Wort geredet. Sie haben an den Tag gelegt, daß Sie wiſſen, wie wohl es dem ſtrebenden Jünger thun muß, wenn er in ihr mit ſelbſt⸗ thätiger Begeiſterung ſich ungehemmt bewegen darf, und wie vor Allem die Hochſchule, die eigentliche Bildungsſtätte der Wiſſenſchaft, fern von allem Studienzwang, Lehr⸗ und Lernfrei⸗ heit geſtatten ſoll. „Solche Stimmen, wie die Ihrige, ſind heutzutage ſelten bei uns, und es war uns unterzeichneten Studirenden aller Fakultäten und verſchiedner Confeſſionen deßhalb dringendes Bedürfniß, Ihnen, der Sie ſo geredet, unſre Freude und unſren Dank auszuſprechen. „Möchte Ihnen, neben dem lohnenden Bewußtſein Ihres guten Rechtes, ein Erſatz für manche bittere Erfahrung auch in der Ueberzeugung liegen, daß Ihre Stimme, wenn ſchon von andrer Seite verdä chtigt, doch einen kräftigen Widerhall i in der Bruſt unſrer Studentenſchaft erweckt hat! Möchten Sie unter uns noch lange für die Wiſſenſchaft wirken, noch lange der hieſigen Hochſchule Zierde, der Jugend Vorbild und Halt bleiben! „Genehmigen Sie die Verſicherung unſrer wärmſten Hoch⸗ achtung und Verehrung!“ (Folgen etwa 300 Unterſchriften.) Dieſes für ſich ſelbſt redende Actenſtück beweiſt zur Genüge, daß wir damaligen Gießener Studenten auch für die Würde und Freiheit der auf dem Katheder vertretenen wiſſenſchaftlichen For⸗ ſchung begeiſterungsfähig waren und unſrer Sympathie für deren mannhafte Repräſentanten rückhaltloſen Ausdruck zu verleihen kein Bedenken trugen. Nach Allem, was ich weiß, befürchte ich faſt, daß unſre heutige akademiſche Jugend nur noch ſehr wenig Anflüge von jenem„idealen Zuge“ hat, der anno Dazumal durch unſer Burſchenleben ging. Die Zeiten ſind eben anders geworden und vor lauter Brodwiſſenſchaften haben wir auf den Univerſitäten keine eigentliche univerſale, alle Lebensgebiete encyklopädiſch um⸗ faſſende Wiſſenſchaft mehr, wofür ſich einſt unſre jugendlichen Herzen enthuſiasmirten. Ich bin wahrhaftig kein„laudator tem- poris acti,“ aber ich meine denn doch, zu meiner Zeit ſei es beſſer geweſen, als in der jetzigen, wo der widrige Plutus mit ſeinem ſtrotzenden Geldſack den unſterblichen Phöbus Apollo mit allen neun Muſen verjagt hat. Auf der akademiſchen Jugend, aus deren Reihe die Ordner und Lenker unſres ganzen Staatsweſens in allen Fächern hervorgehen, beruht vor Allem die Hoffnung des deutſchen Vaterlandes. Möge ihr, die an den Brüſten des klaſ⸗ ſiſchen Alterthums geſäugt iſt, jene höhere, über die bloße Erwerbs⸗ thätigkeit und das hergebrachte Schema hinausblickende Lebensauf⸗ faſſung nicht abhanden kommen, die allein die geiſtige Exiſtenz eines — 49— ſo berufenen Culturvolkes, wie des deutſchen, zu adeln vermag! In dieſem Sinne bleibt„Studenten“, ihr Jünglinge, immerdar, auch wenn ihr längſt„Philiſter“ geworden ſeid! Dafür gilt jener ſchöne Vers unſres alten Commersbuchs mit dem bekannten Refrain: „O jerum, jerum, jerum!“ „Allein das rechte Burſchenherz kann nimmermehr erkalten, Im Ernſte wird, wie hier im Scherz, der rechte Sinn ſtets walten. Die alte Schaale nur iſt fern, geblieben iſt uns doch der Kern, Und den laßt feſt uns halten!“— Indem ich hiermit ſchließen will, fallen mir noch Carl Mayer's gelungene Feuilleton⸗Skizzen aus der Frankfurter Zeitung in die Hand, worin er aus ſeiner Studentenzeit den vorübergehenden Aufenthalt des unmittelbar zuvor aus der Feſtung entlaſſenen Burſchenſchafters Fritz Reuter in Tübingen ſchildert. Der humor⸗ voll gemüthliche Mecklenburger Studio, der ſeine poetiſche Begabung damals wohl ſelbſt kaum ahnte, wurde nach ſo langer Haft hinter den Schoppen der Tübinger Kneipe unter ſeinen gleichfarbigen jüngeren Commilitonen gründlich warm und wußte dieſelben durch draſtiſche Erzählungen aus der Zeit ſeines politiſchen Martyriums derart zu elektriſiren, daß ſogar der Beſuch der Collegia Seitens der enthuſiasmirten Zuhörer darunter zeitweiſe Noth litt. Freund Mayer ſagt darüber u. A. ſehr richtig:„Wie losgelaſſen waren wir allerdings und wie ausgelaſſen auf dieſer Weide, aber wenn das Vieh aufwärts weidet, wird das Wetter gut, ſagt man in den Alpen, und wir weideten aufwärts. Ein edler Schwung, der auch rohe Formen vergeiſtigt und mit natürlichem Widerwillen das Gemeine abſtößt, belebte dieſe Unterhaltungen, aus welchen der Ich denke in der Beziehung gerade ſo, wie der ehemalige Burſchenſchafter F. Reuter, und in dieſem Sinne, mit einem gleichen Mahnrufe an die junge akademiſche Generation, beende ich meinen vorliegenden Rückblick auf die Gießener Studentenjahre von 1844 bis 1847, der nicht bloß für die weiland Commilitonen jener Zeit, 7 — 50— ſondern auch für Andre ſicher von einem gewiſſen Intereſſe ſein wird. Es iſt eben ein Stück ganz apartes, zum Theile anachroniſtiſches Menſchenleben mitten in dem Alles nivellirenden Jahrhundert, deſſen Schilderung einen gewiſſen Reiz hat. Ich hätte ſie breiter aus⸗ ſpinnen können— und wie viele pikante Erlebniſſe jener Tage ſind mir während des Schreibens eingefallen!—; aber derartige Dinge leſen ſich am Beſten in flüchtig ſkizzirten Federzeichnungen, und einen„Felix Schnabel“ neueren Styls mag ich nicht ſchreiben. So erhebe ich denn das Glas mit dem Verſe aus Houwald's Commerslied„am Feſte alter Studenten“: „Es lebe Alles, was wir einſt beſeſſen, Was uns erfüllt, begeiſtert und geweckt! Es lebe, was das Herz nie wird vergeſſen, Obgleich es längſt ein dunkler Schleier deckt! Dir, holde Erinn'rung der ſeligen Zeit, Dir ſei ein fröhlicher Becher geweiht!“ II. Politiſches. Ein charakteriſtiſches Zuſammentreffen fügt es, daß ich dieſen, die politiſchen Reminiscenzen behandelnden zweiten Theil meiner Gießener Studentenbilder, ſo zu ſagen, unter dem Geläute der Todtenglocken für jenen mir ſtets beſonders ſympathiſchen Dichter zu ſchreiben beginne, deſſen packende ſtürmiſche Lieder wie ein zünden⸗ der Blitz in meine bis dahin noch politiſch harmloſe akademiſche Jugend fielen,— an dem Begräbnißtage Georg Herwegh'’s. Er mit ſeinem unvergeßlichen„Raum, ihr Herr'n, dem Flügelſchlag einer freien Seele!“ gab dem unklaren Drange, der damals in mir lebte, zuerſt beſtimmten poetiſchen Ausdruck, der durch das ſpätere Studium L. Börne's kritiſch ergänzt wurde. Ich wußte faſt alle ſeine Verſe auswendig; habe ich doch ſogar den einzigen in Gießen vorhandenen Pfeifenkopf mit ſeinem Porträt damals meinem jetzt poſtaliſchen Vetter W. mühſam abgehandelt und gar tendenziöſe Rauchwolken daraus emporgeblaſen. Noch heute hat ſeine burſchi⸗ kos ritterliche Perſönlichkeit,— er war ſo recht eigentlich ein idealiſtiſcher„Student der Politik“— an deren Verehrung mich ſ. Zt. ſelbſt die infam erlogene Spritzleder⸗Perſiflage niemals irre machen konnte, für mich den alten Nimbus. Um ſo mehr, als er Einer der Wenigen iſt, die mitten in der allgemeinen Fahnenflucht und erfolggeblendeten Ueberläuferei dieſer Tage dem alten ſchwarz⸗ rothgoldenen Banner der über der nationalen Einheit nicht zu ver⸗ geſſenden Freiheit unentwegt treu geblieben ſind. Er, der das »soyons amis, Cinna!“ Friedrich Wilhelm's IV. ſo charaktervoll zurückwies, iſt niemals Hofrath geworden, wie ſeine Parnaß⸗Collegen Dingelſtedt und H. Laube, oder Profeſſor u. dgl., wie der pathetiſche Reichs⸗Barde E. Geibel. Auch nicht einen Moment des politiſchen Abfalls und der Schwachmüthigkeit hat ſeine bewegte Geſchichte zu verzeichnen, Selbſt nach dem„glorreichen“ Kriege 7*½ — 52— von 1870, deſſen Pulverdampf ſo Viele berauſcht hat, blieb ſein politiſcher Wahlſpruch jener für mich unvergeßliche Vers: „Einheit des Rechtes iſt kein Schild, Der uns bewahrt vor Unterdrückung; Nur wo als Recht das Rechte gilt, Wird ſie zum Segen, zur Beglückung. Nur dieſe war's, die wir erſtrebt, Die Einheit, die man auf den Namen Der Freiheit aus der Taufe hebt; Doch Eure ſtammt vom Teufel. Amen!“ Freilich iſt jetzt die Zeit der rechnungtragenden„Realpolitik“, welche die Marquis Poſa's ſolchen Genre's als„ſonderbare Schwärmer“ vornehm belächelt, und des Dichters und mein eignes gemeinſames Ideal der deutſchen Republik muß vorerſt noch für kommende Generationen an die Wolken geſchrieben werden. Sei es! G. Herwegh war der politiſche Tyrtäus meiner Gießener Studentenzeit, der alle Dem, was unklar in mir ſich bewegte, den plaſtiſchen Ausdruck verlieh, und unter pietätvoller Anrufung ſeines mit ſchreiendem Unrecht vielgeſchmähten Namens beginne ich daher den revolutionären Theil meiner ſtudentiſchen Jugenderinnerungen. Der Keim für meine ſpätere oppoſitionell⸗agitatoriſche Thätig⸗ keit, die mich bis zu ſteckbrieflicher Verfolgung, in das Exil, das Correctionshaus und zur akademiſchen Relegation bringen ſollte, lag ſchon in meiner Kindheit. Noch während ich in die heimiſche „Candidatenſchule“ ging und ſpäter als Gymnaſiaſt in den Ferien pflegte ich, alle möglichen lateiniſchen, griechiſchen und hebräiſchen Lexika und Schriftſteller um mich aufgeſpeichert, in der Wohnſtube an einem kleinen Tiſchchen zu arbeiten. Meine verwittwete Mutter, eine höchſt intelligente, dabei ſehr ſparſame, thätige Frau, betrieb mit beſtem Erfolge das Färbereigeſchäft des früh verſtorbenen Vaters fort und die Bauern der Umgegend, welche uns das„Zeug“ zum Färben brachten, kamen ſelbſtredend nur an den zwei„Nantstagen“ der Woche, wo ſie zu dem in dem Nachbarſtädtchen N. wöhnhaften Herrn Kreisrath auf unſer Rathhaus gehen mußten. Natürlich ver⸗ handelten ſie da bei uns ſehr lebhaft und eindringlich über ihre verſchiedenen Beſchwerden, für die ſie nach damaliger leidiger Praxis kaum amtliche Abhülfe erhoſſten, und da ſie mich, obwohl ich, wie ſie wußten, nur Theologie ſtudiren wollte, doch der vielen um mich her aufgeſtapelten dicken„Wälzer“ halber für einen em⸗ bryoniſchen„halben Advokaten“ hielten, ſo fragten ſie mich häufig um Rath, den ich ihnen mit der ſelbſtbewußten Miene eines alt⸗ klugen Knaben, übrigens auch mit wärmſtem natürlichem Intereſſe für ihre oft gar naip erörterten Angelegenheiten, ſehr gerne ertheilte. Ohne alle Kenntniß des geltenden jus und der praktiſchen Ver⸗ hältniſſe unſrer Adminiſtration, folgte ich dabei nur meinem natür⸗ lichen Rechtsgefühl und gab ihnen manches Gutachten, fertigte auch manchen Entwurf zu einer Vorſtellung aus,— Alles gratis, wie ich zur Verhütung von Mißverſtändniſſen ausdrücklich beifüge — die den Leuten gar oft mehr geſchadet, als genützt haben mögen. Wenigſtens kratzten ſich gar Viele, wenn ich das nächſte Mal nach dem erzielten Reſultate fragte, ſeufzend hinter den Ohren und wußten nicht genug von der Willkür des Herrn Kreisraths zu erzählen, der ſie mit barſchem Uebermuth behandle, wie„Schuh⸗ lumpen“. Dieſe Beſchwerden mögen nicht immer gerechtfertigt ge⸗ weſen ſein,— wer kann es bei beſtem Willen allen unſern ob⸗ ſtinaten, für Belehrung meiſt ſchwer zugänglichen Bauern recht machen?— in der Regel aber waren ſie es, wie ich mich jetzt noch recht gut entſinne, und die rückſichtsloſe Inſolenz, womit unſre Bauern von ihrem kreisräthlichen„Paſcha von 3 Roßſchweifen“, wie ich ihn ſpäter nannte, abgefertigt wurden, konnte unter keinen Umſtänden gebilligt werden. Genug, von dieſer Zeit an ſog ich einen unauslöſchlichen tiefen Haß gegen unſre, ohne alle Zwiſchen⸗ behörde nur dem Miniſterium direkt unterſtellte, faſt ganz ſouverän ſchaltende Verwaltungs⸗Büreaukratie ein, der bei meiner heißblü⸗ tigen Natur nothwendig ſpäter zum öffentlichen Ausdruck kommen mußte. Ein Sohn des Volkes und mitten unter ihm aufgewachſen, habe ich es trotz ſeiner mir wohlbekannten egoiſtiſchen Schwächen und vorurtheilsvollen Verkehrtheiten doch wegen des im Grunde geſunden inneren Kernes immer wie meine Familie en gros geliebt und hege heute noch den auflodernden Grimm meiner Jugend gegen die hochfahrenden Mandarinen vom blauen, rothen und gelben Knopf, die es hinter ihrem grünen Tiſche mißhandeln. War ich durch ſolche Jugendeindrücke zu oppoſitioneller Kritik ſchon disponirt, ſo verließ ich das Gymnaſium zu B. döch, abgeſchen von meiner natürlichen Vorliebe für die republikaniſchen Staatsformen des klaſſiſchen Alterthums, ohne auch nur die geringſten Anfänge eines einigermaßen beſtimmten politiſchen Programms. Dazu mochte freilich der merkwürdige Umſtand gar viel beigetragen haben, daß wir in der, von dem geiſtvollen Doctor Z. vorgetragenen Geſchichte — ob durch Zufall oder zufolge höherer Weiſung, vermag ich nicht zu entſcheiden— nie weiter, als bis zu Joſeph II. von Oeſtreich gelangten. Von da an war für uns„die Welt mit Brettern zu⸗ genagelt“. Die Geſchichte der großen franzöſiſchen Revolution, welche alle europäiſchen Verhältniſſe mehr oder minder umge⸗ ſtaltete, des napoleoniſchen Kaiſerreichs, des ſogenannten Freiheits⸗ kriegs, der Pariſer Julirevolution und ihrer Conſequenzen, blieb uns officiell gänzlich unbekannt, und was ich damals . — 34— davon wußte, beſchränkte ſich auf einzelne, hier und da durch Privatlectüre aufgeſchnappte dürftige Bruchſtücke. Ja ſelbſt in meiner unmittelbar vor dem Abgang gehaltenen Actusrede über das für einen jungen Menſchen von 17 ½ Jahren ſonderbar ge⸗ wählte Thema: Wie war es vor 60 Jahren und wie wird es in 60 Jahren ſein?— einer Stylübung, die mir, wegen meiner etwas frivolen Spöttereien über die mit den Reſten ſeiner ver⸗ lorenen Souveränetät ſpielende liliputaniſche Gerngroß⸗Wirthſchaft des dortigen fürſtlichen Hofs die ſcharfe Correctur des ergrimmten verdienſtvollen Directors und beinahe zu guter Letzt noch Carcer⸗ ſtrafe zuzog— ſelbſt in dieſem ſorgfältig aufbewahrten Schrift⸗ ſtück, das an gewiſſen verfänglichen Stellen durch die rothe Dinte der magiſterlichen Cenſur einen ſehr bunten Anblick bietet, findet ſich auch nicht die geringſte Anſpielung auf irgend welche wünſchens⸗ werthe politiſche Umgeſtaltung der Zukunft. Und eine ſolche hätte doch gewiß ſehr nahe gelegen. Ich bezog die Univerſität als voll⸗ ſtändig intacte politiſche Jungfrau. Dieſer naive Indifferentismus, der ſich überwiegend um die griechiſch⸗römiſche Vergangenheit, aus Mangel an gebührendem Unterricht aber ſehr wenig um die moderne deutſche Gegenwart kümmerte, dauerte nach meiner Ankunft in Gießen freilich nicht lange. Die erſten Anregungen boten mir nach letzterer Richtung die mit ſehr häufigen, durchweg ſarkaſtiſchen politiſchen Zwiſchenbemerkungen gewürzten Vorleſungen des Pro⸗ feſſors J. Hillebrand über die neuere deutſche Nationalliteratur. Dazu kamen die Gedichte Herwegh's, die mich wahrhaft in Flammen ſetzten, einige mit lüſterner Gier verſchlungene verbotene Broſchüren Karl Heinzen's, den ich trotz ſeiner mitunter höchſt flegelhaften und verrannten Einſeitigkeiten als unläugbar bedeutendes Talent und einen in ſeiner ſtarren Conſequenz höchſt achtungswerthen Charakter heute noch hochſchätze. Was aber nach ſolchen Vorgängen bei mir dem Faſſe den Boden ausſchlagen mußte, das war die ganz zu⸗ fällig an mich herangetretene Lectüre der unſterblichen Pariſer Briefe Ludwig Börne's. Ein geiſtesverwandter Jugendfreund und Gymnaſialgenoſſe, der jetzige Eiſenbahn⸗Ingenieur F. R. in W., dem wir wegen ſeines etwas weiblich zierlichen, oft gar ängſtlichen Weſens den charakteriſtiſchen Spitznamen„die Lady“ beigelegt hatten, wußte ſich die bundestäglich ſelbſtredend verbotenen beiden Bände heimlich zu verſchaffen, über welche wir natürlich mit wahrem Heißhunger und Entzücken herfielen. Jeden Abend trafen wir auf ſeinem Zimmer zuſammen, wo von ihm ein höchſt harm⸗ loſer äſthetiſcher Thee gebraut wurde. Ich mußte, bei verſchloſſenen Thüren, unter genauer Einhaltung der Reihenfolge, Brief für Brief vorleſen und es iſt mir heute noch unvergeßlich, daß, als ich, mitten im Sommer bei offenen Fenſtern, einige beſonders packende Stellen — 55— mit größtem Feuer laut vorttug, er in größtem Schrecken die Fenſter verſchloß und mir zurief:„Aber R., wie kannſt Du ſo Etwas nur in ſolchem Tone leſen? Wenn das draußen auf der Straße ein Gensd'arm gehört hätte, ſo könnten wir ja gleich morgen arretirt werden!“ Ich lachte ihn aus, obgleich ich ihm zugeben mußte, daß bei ſo polizeiwidriger Lectüre eine gewiſſe Vorſicht allerdings geboten ſei. Das waren gemeinſame Abendſtunden, die wegen des tiefinnerſten Genuſſes, den ſie uns Beiden boten, aus meinem Gedächtniſſe bis in das ſpäteſte Alter nicht mehr zu ver⸗ wiſchen ſind. Von da an war ich erklärter Republikaner und das verpönte„Fürſten zum Land hinaus!“ mit dem urkomiſchen:„Reuß⸗ Greiz⸗Schleiz⸗Lobenſtein jagt in ein Mausloch'nein!“ war im kleinen Kreiſe einiger wenigen akademiſchen Geſinnungsgenoſſen längere Zeit mein Leiblied. Börne iſt heute noch mein Liebling, wie damals, und ſein Bild nach Oppenheim mit dem Grabmal auf dem père Lachaise hängt in meinem Wohnzimmer an dem Ehrenplatze, darunter das des charaktervollen„Alten von Königs⸗ berg“, Johann Jacoby's, mit ſeiner eigenhändigen Namensunter⸗ ſchrift. Dieſe Männer, merkwürdiger Weiſe Beide iſraelitiſcher Abſtammung, für mich die achtungswertheſten politiſchen Deutſchen, die es in der modernen Gegenwart nur gibt, gehören ſicherlich zu⸗ ſammen. Und es hat meinem Humor eine nicht geringe Genug⸗ thuung verſchafft, daß ich einſt meinen iſraelitiſchen Hausherrn, der bei mir über einen gewiſſen Judenhaß Andrer klagte, auf die beiden bevorzugten Bilder hinweiſen konnte mit der lakoniſchen Bemerkung:„Sehen Sie, dieſe Zwei, die da hängen, ſind Beide von„Unſere Leut'“, der Obere iſt getauft, der Untere nicht. Es ſind aber zwei Kerle, wie es für mich keine beſſeren gibt.“ Worüber mein beſagter Hausherr mit höchſt geſchmeicheltem esprit de corps behaglich ſchmunzelte.— Den erſten Anlaß zu meinem politiſch journaliſtiſchen Her⸗ vortreten bot, wie das ja gar oft geſchieht, ein reiner Zufall. Irgend eine, mir nicht recht mehr erinnerliche Familien⸗Angelegen⸗ heit rief mich mitten im Curſe auf einige Tage aus der Univer⸗ ſitätsſtadt nach meinem heimathlichen Krähwinkel. Etwa acht Tage vorher hatte daſelbſt eine neue Abgeordneten⸗Wahl für die zweite Ständekammer ſtattgefunden, und der Sohn des regierenden Kreis⸗ 4 raths S.) ein ſehr intelligenter und wiſſenſchaftlich gebildeter junger Gerichtsbeamter, aber verbohrter Rabuliſt und Ultramontaner, war, 86 im Gegenſatze zu der öffentlichen Meinung des Wahlkreiſes, in Folge der unverſchämteſten Umtriebe des kreisräthlichen Vaters, die ſich ſogar bis zur cyniſch rückſichtsloſen blanken Bezahlung des Eſſens und Trinkens für die willigen Wahlmänner an den Gaſt⸗ SaueV wirth verſtiegen, mit ziemlich ſtarker Majorität aus der Urne her⸗ 8 ſrcpeen — 56— vorgegangen. Die Entrüſtung über eine ſo eklatante Wahlcorrup⸗ tion war unter der Bürgerſchaft eine allgemeine. Mein Oheim, Mitglied des Gemeinderaths und einer der Führer der communalen, wie auch politiſchen, freilich damals ſehr zahmen Oppoſition, klagte mir bitter ſein Leid über den fraglichen Scandal.„Ei, was ſeid ihr für Leute?“ rief ich ihm ſelbſt indignirt entgegen.„Warum benutzt ihr nicht die Preſſe, um euren gerechten Beſchwerden über ſolche eklatante Geſetzwidrigkeit öffentlichen Ausdruck zu verleihen?“ „Da haſt du gut reden“, ſeufzte mein Oheim.„Wir haben ſchon an zwei größere Zeitungen der auswärtigen Nachbarſchaft eingehende Artikel mit Anführung von Thatſachen, welche unſre Zeugen zu beſchwören bereit ſind, und unter Erbieten unſrer perſönlichen ge⸗ richtlichen Haftbarkeit eingeſandt.“(Ich erinnere mich ganz beſtimmt, daß das Frankfurter Journal, das geleſenſte Blatt unſrer Provinz, darunter war.) Die Sache iſt aber an keinem Orte aufgenommen worden, weil ſich die Redactionen vor den Chikanen der Regierung fürchten.“ In der That übte das damalige reactionäre Miniſterium du Thil, das alle Maßregeln ſeiner ihm direct unterſtellten Ver⸗ waltungs⸗Satrapen quand mème zu decken pflegte, auf faſt die ganze Preſſe des Landes und der Umgegend einen nahezu terro⸗ riſtiſchen Druck aus.„Nun,“ erwiederte ich unbedenklich,„da will ich mich einmal für euch ins Geſchirr werfen. Ich kenne ein junges radikales Blatt, das ſich von der Regierungspolizei keinen Kapp⸗ zaum anlegen läßt. Es iſt Guſtav Struve's„Deutſcher Zuſchauer“ in Mannheim. An Den ſchicke ich einen Artikel, der ſich gewaſchen haben ſoll, und du wirſt ſehen, er nimmt ihn mit Haut und Haaren auf.“ Geſagt, gethan. In einem kleinen Nebenſtübchen des oberen Stockes, an dem ich ſpäter als an der Wiege meines für mich ſo folgenſchwer gewordenen politiſchen Journalismus nie ohne ſehr gemiſchte Gefühle vorübergehen konnte, ſchloſſen wir Beide uns ein und ich warf alle erforderlichen Notizen über die einſchlagenden einzelnen Thatſachen und die dafür vorhandenen zuverläſſigen Zeugen ausführlich auf das Papier. Da es ſich dabei für mich nicht etwa um einen vom Zaun zu brechenden Zeitungskrakehl, ſondern um den ernſtlich entrüſteten Ausdruck des auf das Gravſte verletzten politiſchen Rechtsgefühls meiner Heimathsgenoſſen handelte, ſo ging ich bei Sammlung meines Materials mit größter Gewiſſenhaftig⸗ keit zu Werke. Noch an demſelben Tage arbeitete ich das Ganze daheim zu einem größeren geharniſchten Artikel aus, worin ich in der mir damals und ſpäter noch eignen ſcharfen, etwas burſchikos derben Sprache, unter entſprechenden Streiflichtern auf das Treiben unſrer heſſiſchen Verwaltungsbehörden überhaupt, ſämmtliche Vor⸗ gänge bei der Landtagswahl meiner Vaterſtadt, welche einen ſcan⸗ dalbſen Mißbrauch der Amtsgewalt Seitens des zugleich als Wahl⸗ — 5,7— commiſſär fungirenden väterlichen Kreisraths conſtatirten, ſchonungs⸗ los enthüllte. Dieſer für die damaligen Verhältniſſe höchſt kecke Angriff gegen die allmächtige Büreaukratie, obſchon aus der Feder eines ihm zur Zeit noch perſönlich unbekannten, kaum 20 jährigen Studenten gefloſſen, war für Guſtav Struve natürlich Waſſer auf die Mühle. Der Artikel erſchien ohne den geringſten redactionellen Cenſurſtrich von-⸗Anfang bis zu Ende wortgetreu in der nächſten Nummer des„Deutſchen Zuſchauers“. Die Senſation, die der⸗ ſelbe und zwei weitere, ihm als Ergänzung nachfolgende im ganzen Lande hervorriefen, war bei der ſo zu ſagen ſtillſchweigenden, d. h. „ r. unerwartete. Faſt Jedermann geſtand, der Verfaſſer, über deſſen ungeahnt jugendliche Perſönlichkeit man ſich die Köpfe zerbrach, habe in der Hauptſache vollkommen Recht. Das Gleiche ſei ſchon da und Aehnliches dort vorgekommen. In der zweiten Kammer, ſogar wurde die Sache öffentlich zur Sprache gebracht. Die Nach⸗ frage nach der betreffenden Nummer war ſo ſtark, daß Struve ungeſäumt einen Separatabdruck veranſtaltete, der in mehreren Tauſenden von Exemplaren überall verbreitet wurde. Die Zahl ſeiner Abonnenten in Heſſen wuchs mit einem Schlage ſo enorm, daß er mir nicht nur in einem beſondren Briefe für meine ſo er⸗ folgreiche Mitwirkung dankte, ſondern mir auch ſofort Honorar anbot. Meine noch gar naive journaliſtiſche Jungfräulichkeit war über dieſe für einen routinirten Fachmann am Ende ganz ſelbſt⸗ verſtändliche Offerte, welche mir meine nur die Sache im Auge habende volle Unabhängigkeit zu gefährden ſchien, dermaßen ent⸗ rüſtet, daß ich heute noch darüber lachen muß. Ich ſchrieb an Struve einen längeren Brief, worin ich mich unter Anführung meiner nahezu kindlichen Motive gegen ſeine„Zumuthung“ feier⸗ lichſt verwahrte und im etwaigen Wiederholungsfalle mit Einſtellung meiner in Ausſicht genommenen weiteren Beiträge drohte. Struve entſchuldigte ſich ſofort bei mir. Er habe das gar nicht ſo böſe gemeint.„Jeder Arbeiter ſei ſeines Lohnes werth“ und ich habe ſeinem jungen Blatte einen ſo bedeutenden Mohrertrag verſchafſt, daß er es für Anſtandspflicht gehalten, mir wenigſtens einen ent⸗ ſprechenden Antheil daran anzubieten. Da ich aber durchaus nicht darauf eingehen wolle, ſo habe er mir als Dedication ſeine ſämmt⸗ lichen bis dahin erſchienenen politiſchen Werke zugehen laſſen, die denn wirklich in einem heute noch von meiner Frau benutzten Kiſtchen eintrafen und mit der eigenhändigen Widmung:„Seinem Mitſtreiter R. F. der Verfaſſer“, ſchön gebunden in meiner Bi⸗ bliothek figuriren. Es war das eine„blonde Jugendeſelei“, wie Heine ſagt. Aber ſo ſehr ich ſie jetzt auch als gewiegter„Menſch 8 — 58— des verfehlten Berufs“ beachſelzucke, ſo freut ſie mich doch immer, da daraus die vollkommen uneigennützige Reinheit der Motive meines erſten journaliſtiſchen Auftretens klar hervorgeht. In der That beſtehen die ſämmtlichen Honorarien, die ich für meine, mir ſo nachtheilig gewordene politiſche Schriftſtellerei bis in die 50er Jahre bezogen, neben den Büchern Struve's nur in einer Kiſte zweifel⸗ hafter Cigarren nebſt wenigen fünf Gulden, die mir der inzwiſchen verkommene Verleger unſres republikaniſchen Gießener Blattes,„der jüngſte Tag“, vor Antritt einer Agitationsreiſe in das Hinterland für die Reiſekoſten vorſtreckte. Zu einem ſubvention⸗ſchluckenden „Reptil“ hatte ich niemals auch nur das geringſte Zeug. Wenn der durch und durch noble Struve ſtatt obiger Offerte ſo unver⸗ froren geweſen wäre, für ſein Riſiko⸗Antheil an meinen oſſiciell mißliebigen Artikeln von mir eine Vergütung zu verlangen, ich würde ſie ihm ohne Murren bezahlt haben,— ſoweit eben meine knappe Studenten⸗Caſſe reichte. O sancta simplicitas der noch be⸗ geiſterungsfähigen Jugend, du ſcheinſt in dieſen Tagen des ſchnöden Materialismus der heranwachſenden Generation nachgerade ganz abhanden gekommen zu ſein! Meine rückſichtsloſen, gleich einer platzenden Bombe in das Lager unſrer Büreaukratie gefallenen Enthüllungen hatten auch über die Grenzen des Inlandes hinaus ein ſo ärgerliches Aufſehen gemacht, daß das Miniſterium ſie un⸗ möglich ganz ignoriren konnte. Da man aber, nach dem bekannten Sprüchworte, aus guten Gründen den Pelz waſchen wollte, ohne ihn naß zu machen, ſo griff man nach dem Aushülfsmittel einer ſogenannten Adminiſtrativ⸗Unterſuchung, welche durch einen beſonders dazu committirten Gerichtsbeamten ohne Actuar, in ſpeziellem Auftrag und nur zur Information des Miniſteriums nach deſſen Inſtructionen geführt wird, alſo keinerlei rechtskräftiges Urtheil gegen den Beſchuldiger, ſondern höchſtens eine Disciplinar⸗ ſtrafe gegen den beſchuldigten Beamten zur Folge haben kann. In dem vor mir liegenden Abzuge einer darüber bei H. Hoff in Mannheim gedruckten Broſchüre, deren Erſcheinen der damalige badiſche Cenſor Uria⸗Sarachaga durch ſeinen Machtſpruch ver⸗ hinderte, habe ich ein ſolches Verfahren nicht mit Unrecht„den Teufel bei ſeiner Großmutter verklagen“ genannt und die ſchlagenden Worte L. Börne's dafür citirt:„Wenn man zur Unterſuchung eines Vergehens eine ſogenannte beſondere Commiſſion ernennt, ſo beweiſt dieſes von zwei Dingen eins. Entweder man fürchtet die gewöhnlichen Beamten oder man wünſcht, die außerordentlichen möchten ihre Pflicht nicht thun. Man will dann ein Zulegemeſſer, das ſich in der Taſche nachführen läßt, zum Schwerte der Ge⸗ rechtigkeit gebrauchen.“ In der That wurde die fragliche Unter⸗ ſuchung ganz nach Wunſch des hohen Miniſteriums geführt. Ueber — 59— einzelne von mir angeführte Thatſachen wurden gar keine Zeugen vernommen, andre blieben unbeeidigt und ſolche, die ich direkt der Beſtechlichkeit beſchuldigt, die alſo genöthigt geweſen wären, wahr⸗ heitsgemäß zu ihrer eignen Unehre auszuſagen, wurden beeidigt und was dergleichen, offenbar durch die höhere Inſtruction ver⸗ anlaßte Irregularitäten mehr waren. Als oſſiciöſe Vertuſchung erſchien einige Monate nachher in dem Kreisblatte des angegriffenen Kreisraths S.— der Notabene nach meiner zum Beweis aner⸗ botenen öffentlichen Angabe sans gêne geäußert hatte, er„könne wählen laſſen, wen er wolle, und wäre es der Abdelkader“!— eine von deſſen Sohn redigirte angeblich„actenmäßige Berichtigung“ der über die Wahl„in öffentlichen Blättern erſchienenen Dar⸗ ſtellungen“. Dieſer Auszug aus den Unterſuchungsprotokollen war in wahrhaft jeſuitiſcher Weiſe zurechtgemacht. Es wurde darin „mit einer wahrhaft klaſſiſchen Unverſchämtheit, für die ich momen⸗ tan kaum den gebührenden Ausdruck wußte,“ behauptet,„ich habe in der Unterſuchung Nichts beweiſen oder auch nur wahrſcheinlich machen können, ſei vielmehr durch dieſelben Perſonen, auf welche ich mich zur Bewahrheitung meiner— Ausſtreuungen berufen habe, ausdrücklich der Unwahrheit und Entſtellung beſchuldigt worden.“ Ich hätte Alles aus purem Aerger darüber erfunden, weil der von mir begünſtigte(in Wirklichkeit aber ſchon wegen ſeiner abhängigen ſtaatsdienerlichen Stellung meinerſeits ausdrücklich refüſirte) Gegen⸗ candidat, ein Rechnungsbeamter und früherer Abgeordneter, ein naher Verwandter von mir ſei ꝛc. ꝛc. Es ſei ein wahrhaft uner⸗ hörter Scandal, daß ein kaum hinter den Ohren trocken gewordener „junger Menſch“, wie ich, ſich aus ſolchen Motiven nicht geſcheut habe, ins Blaue hinein die Ehre eines hochverdienten allgemein geachteten Beamten öffentlich zu verdächtigen ꝛc. Ja, es wurde am Schluſſe ſogar darauf hingewieſen, daß ich am Ende, in jener „gefährlichen“ Zeit, wo es„nur eines Geringen bedurft hätte“, durch meine mißliebigen Zuſchauer⸗Artikel einen Volksaufſtand, ſo eine Art von neuem oberheſſiſchem„Kartoffelkrieg“, habe anzetteln und„namenloſes Unglück über eine ganze Gegend verbreiten“ wollen(1¹!). Daß eine ſolche augenſcheinlich von mir beabſichtigte„beklagenswerthe Calamität nicht wirklich entſtan⸗ den“, ſei nur dem„beſſeren und richtigen Sinne der Bewohner jener Gegend“ zuzuſchreiben,„welche viel zu richtig urtheilen, als daß man ſie überhaupt und durch derartige Mittel insbeſondere vom richtigen Wege abführen könnte“(11!). Während ich mit vollſter patriotiſcher Ehrlichkeit und ohne alle und jede perſönliche Nebenabſichten einzig und allein für die ungeſchmälerte Aufrecht⸗ erhaltung unſrer durch kreisräthliche Autokratie mit Füßen getre⸗ tenen Verfaſſung journaliſtiſch eingetreten war, wurde ich alſo — 60— durch eine niederträchtige Verdächtigung als verkappter Revolutionär der Polizei denuncirt! Das alte Kunſtſtück. Aus dem vor mir liegenden Probe⸗Abdruck meiner damaligen, durch die badiſche Cenſur unterdrückten Entgegnung will ich hier als beſonders charakteriſtiſch nur folgende„kurze Nachrede“ wörtlich citiren.„Die vorliegenden Blätter bilden ein neues Fascikel in den immer höher anſchwellen⸗ den Acten des großen Tendenz⸗Proceſſes, den die öffentliche Mei⸗ nung lange ſchon ohne Erfolg mit einem Syſteme führt, das heut⸗ zutage hier und dort am Staatsruder ſitzt, des unter der con⸗ ſtitutionellen Halbmaske vermummten Abſolutismus. Schon längſt iſt ſeine Sache ſpruchreif geworden und immer größer wird die Zahl ſeiner Ankläger, welche vor den Schranken der Oeffentlichkeit erſcheinen. Hoffen wir, daß ſein Verdammungs⸗Urtheil endlich von dem Gerichtshofe unſrer nächſten Ständekammer gefällt wird, deſſen Schöffen das Volk diesmal nicht, wie ſonſt, aus den beſoldeten Dienern jenes Syſtems, ſondern hauptſächlich aus ſeiner eignen Mitte gewählt hat!*) Wir appelliren an ihre Entſchei⸗ dung. Mögen ſie bedenken, daß ſie die verantwortlichen Miniſter einer andern Majeſtät ſind, deren Legitimität, wenn auch nicht im Hof⸗Kalender, doch in dem ewigen Kalender der Geſchichte an⸗ erkannt iſt,„welche“, wie Walesrode ſagt,„ihre Krone von Gott hat und der noch keine Macht auf Erden ungeſtraft trotzen durfte, der Majeſtät des Volkes, der Majeſtät deröffentlichen Meinung!“ Wir werden ſehen, ob das Miniſterium des Cabinets ſtärker iſt, als das des Parlaments. Das heſſiſche Volk ſitzt harrend auf der Gallerie des Ständeſaals und wird richten über die Wirk⸗ ſamkeit ſeiner Vertreter. Wir werden ſehen, ob die Verhandlungen des Landtags wieder ein erfolgloſes Paradegefecht ſind oder ein ehrlicher Zweikampf mit offenem Viſir, ob man mit dem hölzernen Knabenſäbel parlamentariſcher Phraſen fechten wird oder mit der blanken ſtählernen Waffe der Wahrheit und des unterdrückten Rechts. Wir verlangen ſtrenge Rechenſchaft für jede Verletzung unſrer Ver⸗ faſſung, möge ſie ausgehen, von wem ſiewolle, und be⸗ rufen uns auf den 109ten Artikel:„Die großherzoglichen Staats⸗ miniſter und ſämmtliche übrigen Staatsdiener ſind, inſoferne ſie nicht in Folge von Befehlen ihrer vorgeſetzten Behörde handeln, jeder innerhalb ſeines Wirkungskreiſes für die genaue Beobachtung der Verfaſſung verantwortlich“. Bisher ſchien es faſt, als ob die heſſiſche Bureaukratie das ſouveräne Prärogativ der Unverletzlichkeit *) Die im Sommer 1847 ſtattgefundenen Wahlen zur neuen Stände⸗ kammer waren, wie ich ſpäter näher berichten werde,(für Oberheſſen zum Theil durch meine Agitation) verhältnißmäßig ſehr oppoſitionell ausgefallen und der Sohn des Kreisraths S. war gründlich unterlegen. — 61— und Unverantwortlichkeit in vollem Umfange für ſich in Anſpruch nehmen wolle, namentlich aber haben ſich deren Hauptrepräſentanten, die Kreisräthe, nach uud nach faſt in die Alter⸗Ego's des Mi⸗ niſteriums verwandelt. Wir wiederholen daher die vor Kurzem Ln Heſſens Wähler“ gerichtete Aufforderu ng des„Mannheimer Nantdals.„Es iſt Pflicht unſrer Landſtände, dahin zu wirken, daß das Inſtitut der Kreisräthe aufhöre. Es wird nicht eher beſſer werden bei uns, bis wir keine Kreisräthe mehr haben. Die tauſend und abertauſend Mißbräuche, welche die Preſſe in jüngſter Zeit Auffederkt, haben uns gezeigt, wie nachtheilig es iſt, wenn die Regierung T Zeamte mit faſt unumſchränkter Vollmacht in die Pro⸗ vinzen ſchickt und dieſe ſo ſelbſtſtändig ſtellt, daß ſie dieſelben als Vertreter ihrer ſelbſt lltrachtet Greiſt man ſolche Beamte an, ſo fühlt ſich die Regierung in ſich ſelbſt angegriffen, und darum ſind alle Beſchwerden gegen ſie bisher fruchtlos geblieben.“ Wir haben für die Wahrheit dieſer Behauptung einen neuen Beweis geliefert. Will ein hochpreisliches Miniſterium trotz alle Dem unſern gerechten Forderungen auch diesmal keine„Conceſſionen machen“, ſo rufen wir ihm das bekannte Wort Todt's in der ſächſiſchen Ständekammer zu: „Ich fürchte, die Regierung ſpielt ein gefährliches Spiel. Möge nie die Zeit kommen, wo ſie es zu be⸗ reuen hat! Wir aber wollen ſie dabei wenigſtens nicht unter⸗ ſtützen, und wenn unſer Schuldner ſich einſchließt, um unſren Mah⸗ nungen zu entgehen, ſo wollen wir fort und ſort mit dem Hammer unſres guten Rechtes anpochen, bis wir gehört werden. Iſt auch unſer Schuldner ſchwerhörig, er wird uns doch zuletzt hören müſſen, wenn wir laut genug rufen!“— Das hohe, ſtellenweiſe etwas naive Pathos, was ich in meiner damaligen ſtudentiſchen Publ iciſtik entwickelte, macht auf mich gereiften Mann, wenn ich jene Druckſachen und Schriftſtücke heute ruhig durchleſe und mir die Stimmungen, unter denen ſie ent⸗ ſtanden, lebhaft ins Gedächtniß zurückrufe, einen gar eigenthüm⸗ lichen Eindruck. Aber ob ich auch hin und wieder etwas in das Declamatoriſche verſiel, während jetzt mehr der Humor und die Satyre bei mir überwiegen, ſo war mir es doch bei Allem, was ich in dieſer Richtung ſchrieb und ſprach, tiefinnerſter ſittlicher Ernſt. Auch bei der Fortſetzung meiner die heſſiſche Büreaukratie überhaupt ſcharf beleuchtenden, nicht nur eine Reihe von andern einflußreichen V zerwaltungsbeamten, ſondern; zuletzt auch das Miniſterium du Thil ſelbſt in ſeinen Hauptmitgliedern keck an⸗ greifenden Zuſchauer⸗ Artikel welche unter der Herrſchaft des da⸗ maligen Syſtems meine Carrière naturnothwendig in Frage ſtellen mußten, folgte ich, unbeirrt durch die brieflichen und mündlichen — 32— Warnungen der Meinigen, blindlings dem„kategoriſchen Impe⸗ rativ“ meines Rechtsgefühls, mochte daraus kommen, was da wolle! Es war ſo eine Art von politiſchem Fanatismus, der mich vor⸗ wärts, mit dem Kopfe durch die Wand trieb. Wer A geſagt hat, muß conſequenter Weiſe auch 2 B ſagen, und ſo machte ich denn unverbeſſerlich mit der Zeit faſt das ganze Alphabet durch. Ich durfte aber, ohne ſonſt irgend welche Vergleichung mit meinem unerreichbaren Vorbilde präͤtendiren zu wollen, getroſt das Wort Börne's auf mich anwenden:„Was ich immer geſagt, ich glaubte s, was ich geſchrieben, wurde mir von meinem Herzen vordictirt, ich mußte.“ Und bei allen, ob auch noch ſo gut gemeinten Mo⸗ ralpredigten meiner Verwandten, von denen zwei nun verſtorbene Oheime mich einſt„bei den Manen meines Vaters“ beſchworen, einzuhalten auf der ſo unvorſichtig betretenen Bahn, bei dem weh⸗ klagenden Händeringen meiner, obwohl ſehr intelligenten, mir im Grunde ſtill recht gebenden, aber zunächſt nur mein materielles Fortkommen im Auge habenden Mutter ſchwebte mir ſtets der un⸗ vergeßliche ſchöne Vers Ulrichs von Hutten— sans comparaison! — vor: „Ob auch mein' fromme Mutter weint, Da ich die Sach' hätt' g'fangen an— Gott woll' ſie tröſten, 88 muß gah'n, Und ſollt' es brechen auch vor'm End'. Will's Gott, ſo mag's nit werden gewendt, Darum will brauchen Füß' und Händ'.“ Hätte die alte Frau nicht das väterliche Geſchäft länger, als nöthig, fortgeführt, ſodaß ich als junger Menſch mitten unter die mich conſultirenden und bitter klagenden ohe rheſſiſchen Bauern ge⸗ rieth, was den Keim zu dem ſpäteren tödlichen Haſſe gegen das ganze damalige Regierungsſyſtem in mich pflanzte, ſo wäre ich vielleicht gar nicht unter die Politiker und Journaliſten ge⸗ gangen, ſondern ein friedlicher Staatsbürger mit gelegentlicher ſtiller Gedanken⸗Oppoſition geworden. Der Menſch iſt eben das Product der Verhältniſſe, namentlich aber der Eindrücke ſeiner Jugend.— Daß ich durch meine von nun an bis zur März⸗Revolution ununterbrochen fortgeſetzten Artikel für den Struve'ſchen„Zuſchauer“, deſſen öffentliche Verbreitung im heſſiſchen Inlande gar bald bei 10 Thalern Strafe verboten wurde, den maßgebenden Behörden keine persona grata geworden war, ſollte ich bitter genug erfahren. Ich ſtudirte damals noch vangeliſche Theologie und war öfter unvorſichtig genug geweſen, aus meinen Strauß'ſchen und Feuer⸗ bach'ſchen, alſo höchſt ordonnanzwidrigen Anſchauungen gelegentlich im Kreiſe von Commilitonen und auch ſonſtwo öffentlich kein Hehl — 63— zu machen. Um mir den Weg zur Kanzel und zum Altar zu ver⸗ ſperren, was mir Angeſichts des vorherigen Widerſtandes meiner Mutter gegen den beabſichtigten Uebertritt zum Studium der Jurisprudenz natürlich weit erwünſchter war, als die Herren ahn⸗ ten, wurde eine vorläufig abermals adminiſtrative Unterſuchung wegen„Gottesläſterung“ gegen mich eingeleitet. Man denke ſich die Anklage der Gottesläſterung gegen einen Studioſus der Theologie, der demnächſt ſeine erſte Predigt halten wollte oder vielmehr— ſollte! Meine Mutter war außer ſich, als ſie davon hörte, und ich kann es der alten Frau heute noch nicht verargen. Während der Ferien mit meinen beiden juriſtiſchen Univerſitäts⸗ und Heimathsgenoſſen C. S. und F. F.— der Eine iſt zur Zeit Landrichter in Oberheſſen, der Andre wird es demnächſt— im Gaſthauſe zur Poſt eines ſchönen Vormittags Bier kneipend, ſah ich die mir bekannten Kirchenvorſtandsmitglieder einer Nachbarge⸗ meinde eintreten, um bei dem mir verwandten Gaſt⸗ und Poſt⸗ halter C. ihren Bedarf an Abendmahlswein zu decken. Nachdem Ken Letzterer ſich in den Keller begeben, fragte ich die Erſteren in meiner fröhlichen Bierlaune ſcherzhaft, wie ihnen denn der fragliche Wein meines Vetters ſchmecke? Die Bauern erwiederten achſelzuckend: gar nicht beſonders, es ſei ein ziemlicher„Rachenputzer“, der Einen „im Halſe kratze“. Als unmittelbar darauf der Wirth mit den erforderlichen Flaſchen heraufkam, bemerkte ich ihm:„Aber, Theodor, die Leute beſchweren ſich über die Qualität Deines Abendmahls⸗ weins. Warum gibſt Du ihnen denn für einen ſolchen Zweck keinen beſſeren?“„Ja, was willſt Du?“ erwiederte mein jovialer Vetter achſelzuckend.„Der Kirchenkaſten der Gemeinde iſt arm und da kann ich den Leuten ſür ihr bischen Geld keinen Champagner verabreichen.“„Ei,“ wandte ich mich an die, den Sachverhalt durch ihr Stillſchweigen beſtätigenden Bauern,„warum kauft Ihr Euch nicht lieber ſtatt ſchlechten Wein gutes bairiſches Bier? Da habt Ihr doch für daſſelbe Geld wenigſtens einen vernünftigen Schluck und Ihr ſollt ſehen, die Zahl Eurer Communicanten wird ſich bald mehren!“ Meine beiden Freunde lachten über den muth⸗ willigen Einfall und die Bauern aus vollem Halſe mit. Ich ge⸗ ſtehe, daß das ein tactlos ſchlechter Witz war, namentlich für einen ſchon 4 Semeſter zählenden Studioſus der Theologie, aber ich ahnte nicht im Entfernteſten, daß er von meinen officiellen Gegnern, die nachgerade jedes meiner öſſentlich geſprochenen, ob auch noch ſo harmloſen Worte aufſchnappten, zu einer Denunciation ausge⸗ beutet werden würde.— Ein andermal hatte ich an demſelben Orte ebenfalls hinter dem Glaſe Bier die Aeußerung hingeworfen: es ſei nach dem eignen, vom Katheder herab gemachten Zugeſtänd⸗ niſſe meines als Commentator des neuen Teſtaments berühmten — 64— Theologie⸗Profeſſors Fritzſche kein einziger philologiſch⸗kritiſch aus⸗ reichender Beweis für die wirklich hiſtoriſche Exiſtenz Chriſti vor⸗ handen. Die plauſibelſte, dafür als ausſchlaggebend vorzugsweiſe citirte Stelle aus dem jüdiſchen Geſchichtsſchreiber Flavius Jo⸗ ſephus ſei nachgewieſener Maßen interpolirt(von Mönchen ſpäter in den Coder eingeſchwärzt) und ſelbſt Tacitus, der doch über die Secte der Chriſten ſpreche, habe kein Wort von der Perſon eines Chriſtus.„Chriſten“ ſei eben ein reiner Gattungsname für ihn und die Chriſten ſeien wohl im Grunde nur eine Fortſetzung der früheren jüdiſchen Reformpartei der Eſſäer geweſen. Das wäre aber Alles ziemlich gleichgültig. Die Hauptſache ſei im Grunde nur die treffliche chriſtliche Moral der famoſen Bergpredigt mit ihrem, eigentlich von Confucius herrührenden Satze:„Was du nicht willſt, daß man dir thue, das thue einem Andern auch nicht,“ den man nur poſitiv dahin ergänzen müſſe:„Und was du willſt, daß man dir thue, das thue Andern auch!“ Ob Chriſtus jemals gelebt habe, ſei ganz„Wurſt“,(man wird mir den Aus⸗ druck verzeihen, nachdem Bismarck ſelbſt das geflügelte Wort „Wurſtigkeit“ unter allgemeinem Applaus in Curs geſetzt hat!) jedenfalls aber wäre er, wenn er wirklich einmal gelebt hätte, ein „ganz famoſer Kerl“ geweſen.“ Auch das wurde mir als Gottesläſterung aufgemutzt. Es half mich Alles gar Nichts, daß ich erklärte, das Prädikat„Kerl“ habe für mich nichts Herab⸗ ſetzendes, im Gegentheil ſei es ein Ausdruck beſonderer Achtung, und ſelbſt Göthe habe ja einſtens geſagt, es ſei lächerlich, daß ſich die dummen Deutſchen darüber ſtritten, wer von ihnen Beiden größer ſei, ob Göthe oder Schiller? Sie ſollten einfach froh ſein, daß ſie nur zwei ſolche„Kerle“ hätten! In der That hatte ich mit meinem burſchikoſen Ausdruck auch nicht die geringſte Injurie gegen den„Sohn Gottes“ beabſichtigt,— im Gegentheil!— und bin heute noch gleicher Meinung, wie damals.„Thut Nichts, der Jude wird verbrannt!“ und auch ich mußte verkohlen.— Ein wei⸗ terer Beleg für meine antitheologiſche„Gottesläſterung“ ſollte in einigen etwas Heine'ſch frivolen Stammbuchverſen gefunden werden, die ich kurze Zeit zuvor einer Jugend⸗ und Schulfreundin, Bertha G., der Tochter des heimathlichen Phyſikatsarztes, auf ihr dringendes Verlangen— ich liebe ſonſt ſolche Album- ꝛc. Poeſie ganz und gar nicht— eingeſchrieben hatte. Ich ſagte darin, meiner Er⸗ innerung nach, ohngefähr: ſie möge beſtändig„Gott vor Augen und im Herzen haben“ und der Katechismusſprüche eingedenk bleiben, die wir ſelbander in der Confirmandenſtunde dem Herrn Dekan K. hätten herſagen müſſen. Dann käme ſie ſicherlich auch einſt in den Himmel, und dort oben ſei es doch gar ſchön, — d5— „Dort tanzen wir Polka und Galoppade Und freu'n uns mit Jubel der göttlichen Gnade.“ Das Orcheſter beſtehe aus lauter Engeln, irgend ein Erz⸗ engel(ich weiß nicht mehr, ob Gabriel, Michael oder ein Andrer) tanze vor, „Und ſollten wir Zwei einſt droben arriviren, So will ich Dich einſtweilen auf die Polonaiſ' engagiren.“ Dieſes zur Erinnerung an Deinen Dich ewig liebenden Freund R. F., studiosus theologiae“ Das war denn doch nur ein durchaus nicht für die Oeffent⸗ lichkeit beſtimmter Privatſcherz, den ich mir einer faſt ſchweſterlich vertrauten Jugendfreundin gegenüber wohl erlauben durfte, und mein ſtudentiſcher Humor trieb damals nun einmal auch bei andern Gelegenheiten ſolche Blüthen. Irgend eine gemeinſame ſchwatzhafte Bekanntin hatte, wie ich gerne glaube, ohne boshafte Abſicht von meinen beſagten ergötzlichen Verſen weiter erzählt, und wurde nun die arme Bertha G., die vor Schreck faſt in Ohnmacht fiel, vor den unterſuchenden Kreisaſſeſſor K. auf das Nathhaus vorgeladen. Dort erſchienen, mußte ſie ſtehenden Fußes daheim ihr Stammbuch in statu quo holen und das von meiner frevelhaften Hand be⸗ ſchriebene„gottesläſterliche“ Blatt zu den Acten geben. O arme Bertha, Du biſt inzwiſchen in Nordamerika geſtorben, aber ich ver⸗ ſpüre heute noch eine Anwandlung von Gewiſſensbiſſen über die Gänſehaut, die ich Dir durch meine verſivizirte Frivolität à la Heine damals eingejagt. Wozu hat man denn auch dieſe unglückſeligen Stammbücher oder jetzt Album's, in welche„zur ewigen Erinne⸗ rung“ alle möglichen trivialen Sittenſprüche oder längſt allbekannte Dichterverſe als reine Handſchriftproben eingeſchrieben werden? „Fräulein, mit Ihrem Album— Bringen Sie mich halb um“! ſo ohngefähr rieth einſt ein Freund dem einer derartigen Zumuthung gegenüber verlegenen Ludwig Uhland, in das präſentirte goldſchnittne Büchlein ſich zu inſcribiren. Ich ſelbſt habe ſeit jener Zeit die Stammbücher und ähnliche Manuſcriptenſammlungen gehaßt, wie die Peſt, und nachdem ich einer ganz unabweisbaren Schulfreundin hineingeſchrieben:„Im Anfang ſchuf Gott Himmel und Erde. 1. Buch Moſis, Capitel 1, Vers 1. Dies zur Erinnerung ꝛc. ꝛc.“, wurde ich glücklicher Weiſe in Ruhe gelaſſen. Außerdem hatte ich einmal im Kreiſe von Verwandten ge⸗ äußert, ein radikaler Franzoſe der 1789er Revolution habe die be⸗ rühmte, hiſtoriſch gewordene Bemerkung gemacht, es werde nicht eher beſſer in der Welt, als„bis der letzte König hänge an des letzten Pfaffen Darm“, welches Citat für einen Studenten der Theologie ziemlich unglücklich gewählt war. Dieſerhalb wurden 9 — 66— zwei Oheime von mir auf dem Rathhauſe vernommen, namentlich mit der weiteren Gewiſſensfrage, ob ſie ſich nicht erinnerten, daß ich auch ſonſtwie„über die Pfaffen geſchimpft“ und mich über das „poſitive Chriſtenthum“ deſpectirlich geäußert habe. Genug, ob es nun zu einer ordentlichen Unterſuchung kam oder nicht, meine theologiſche Carrière konnte ich aufgeben. Man hatte mir von dieſen ketzergerichtlichen Verhören erzählt. Da die Unterſuchung vorläuſig nur eine ſ. g. adminiſtrative war, ſo zuckte ich dazu lachend die Achſeln. Ich ſollte bald merken, daß die von mir in burſchikoſem Uebermuth als halber„Ulk“ betrachtete Sache ernſt gemeint war. Ein aus der Reſidenz ſtammender Vetter, jüngerer Student der Theologie, als ich, hielt kurz darauf, unter dem ſolennen Wallfahrzug ſeiner zahlreichen Verwandten meiner Vaterſtadt, in unſrer Stadtkirche eine höchſt ſalbungsvolle Sonn⸗ tagnachmittagspredigt, über deren oratoriſchen Effect hinterdrein ſämmtliche ortsanſäſſige Mitglieder der Familie W. gottſelig jubelnd in die Hände ſchlugen.„Aber wie ſchön hat unſer Vetter Philipp gepredigt!“ hieß es allgemein. So gleichgültig mich ſelbſt dieſe Vettern⸗ und Baſen⸗Verzückung über eine ziemlich mittelmäßige Kanzelrede ließ, ſo war ſie doch meiner für mich gar ehrgeizigen Mutter ärgerlich.„Aber, R.“, ſagte ſie mir des andern Tags, „jetzt haſt Du doch zwei Semeſter mehr Theologie ſtudirt, als dieſer Ph. W., und hier auch noch nicht einmal eine Predigt gehalten. Du kannſt es noch weit beſſer, wie Der, wenn Du nur willſt, das weiß ich. Alſo thue mir den Gefallen und ſtopfe den Leuten das Maul! Wozu haſt Du mich denn ſchon das viele Geld gekoſtet?“ „Sei ruhig, Alte!“ erwiederte ich ihr,„ich will Dir eine Predigt halten, die ſich gewaſchen haben ſoll!“ Am folgenden Morgen ging ich zu dem Dekan K., um mir die erforderliche Erlaubniß von ihm zu erwirken. Der aber erklärte mir rundweg ſofort: „Lieber R., ſo leid es mir thut, kann ich Dir vorerſt nicht ge⸗ ſtatten, in meinem Sprengel die Kanzel zu beſteigen. Es iſt mir die amtliche Mittheilung gemacht worden, daß eine Unterſuchung wegen Gottesläſterung gegen Dich eingeleitet ſei, und ſo lange Du von dieſem Verdachte nicht vollſtändig gereinigt biſt, kannſt Du doch unmöglich eine chriſtliche Predigt halten. Es iſt mir leid für Dich und mich, aber Du haſt mir viel zu tief in den Strauß und Feuerbach geguckt und läßt Dein böſes Maul viel zu weit ſpazieren. Beſſere Dich!“ Ich bedankte mich mit ge⸗ bührender Zerknirſchung für die„gnädige Strafe“. Meiner Mutter berichtete ich die Sache ſofort ganz unverholen.„Siehſt Du, Alte,“ ſagte ich zu ihr,„ich darf vorerſt nicht predigen aus rein politiſchen Gründen. Daß ich es aber kann, will ich Dir morgen Abend beweiſen.“ Am folgenden Morgen ſchrieb ich nach allen — 67— Regeln der Homiletik über einen meiner Lieblingsterte aus dem „Neuen Teſtament“:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen iſt das Himmelreich!“ eine, meines Erinnerns, in drei Theile zerlegte, ganz dem Herzen entſtrömte, übrigens ſtreng formgerechte Predigt. Ich habe das Manunſcript leider! verloren und gäbe viel darum, wenn ich es noch auftreiben könnte. Dieſe Predigt „in partibus“— ich glaube feſt, daß ich von unſerm betreffenden Examinator Profeſſor Dr. Heſſe die Note 1 dafür erhalten haben würde— las ich meiner lieben alten Mutter am folgenden Abend, als wir mit einander allein waren, mit entſprechendem Ausdruck, als ſtände ich im ſchwarzen Talar auf der Kanzel und ſie bilde meine gläubige Kirchengemeinde, vor. Und, welche Genugthuung für mich! Die gute Frau weinte dabei nicht nur Thränen aufrich⸗ tigſter Rührung und drückte mir mit den Worten die Hand:„Nun, ich ſehe, R., daß Du's kannſt“, ſondern ſie, die in Geldſachen à la Hanſemann oft höchſt Ungemüthliche, ſchenkte mir auch zu meiner Ueberraſchung als Honorar für meine homiletiſche Probe⸗ arbeit 2 Kronthaler, die natürlich in nicht ſehr„theologiſcher“ Weiſe erſter Tage verkneipt wurden. Je nun, ich kannte die Theo⸗ logie theoretiſch zur Genüge, um alle Luſt zu verlieren, ſie jemals praktiſch zu treiben. Als mich einſt ein Bekannter, tactlos genug, an öffentlichem Orte fragte, warum ich das Studium der Theologie eigentlich aufgegeben, antwortete ich ihm ganz lako⸗ niſch:„Freiwillig, weil ich nicht lügen kann, unfreiwillig, weil mir das Handwerk gelegt worden iſt!“ Dabei citirte ich den Heine'ſchen Vers: „Ich kenne wohl den alten Text und auch die Herren Verfaſſer; Ich weiß, ſie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Waſſer!“ „Und ich für mein Theil“, ſchloß ich,„trinke und predige lieber Bier.“— Welchen ſchweren Kampf mit meiner Familie mich der ſchon längere Zeit beabſichtigte Uebertritt von dem Studium der Theo⸗ logie zu dem der Jurisprudenz gekoſtet, das ahnt gegenüber dem zähen Widerſtande meiner ſonſt wohlwollenden Mutter, die mich von Herzen gerne, aber immer den leidigen Geldpunkt im Auge hatte, ſicherlich Niemand. Ich habe wenigſtens 4—5 Briefe an ſie und meine beiden Schweſtern vor mir liegen, worin ich ihnen in einer jetzt für mich geradezu herzbrechenden Weiſe meine inneren Conflicte als Theologe und dagegen meine vorausſichtliche auch materielle Befriedigung als Juriſt(ich wollte Advokat werden) mit den lebhafteſten Farben ſchilderte. Die entſchiedenſte Für⸗ ſprecherin hatte ich damals in meiner leider! als junge Frau früh verſtorbenen Lieblingsſchweſter Caroline, die ſtets mein Rath und 9* — 68— meine nie verſagende Hülfe in der Noth war. Und der Nöthen hatte ich zu jener Zeit gar viele. Nachdem man mir einmal, wenn auch nur vorläufig und adminiſtrativ, die Kanzel verſperrt, was war da freilich zu machen? Die chriſtlich gläubige Mama, der meine Feuerbacherei ein haarſträubender Gräuel war, mußte eben wohl oder übel in den ſauren Apfel beißen. Daß es der alten Frau, die mich von je ſo gern auf der Kanzel geſehen hätte, — ein Paſtor galt ja damals als ein Seliger bei lebendigem Leibe!— große Ueberwindung koſtete, iſt wohl begreiflich. Hatte ich ihr ja doch erſt am vorletzten Geburtstage(gegen den üblichen ſtets gerne geſpendeten Kronthaler) u. A. die Verſe gedichtet: „Ich ſchlage donnernd auf das Brett Im ſchwarzen Prieſterrocke, Es ſitzt von Sammt ein ſchmuck Barett Mir auf der gelben Locke. Laßt uns vertrau'n dem guten Stern, Bei Gott auch ſuppliciren, Damit nicht noch die Gieß'ner Herr'n Zuletzt mich relegiren! Sonſt hieß' es gar am Ende noch: „Consilium abeundi!“ Die Rechnung hätte dann ein Loch— „O vana gloria mundi!“ Ich habe der guten Frau viel ſchlafloſe Nächte bereitet. So lange ich als ſteckbrieflich verfolgter„Hochverräther und ſonſtiger Verbrecher“ verſtohlen daheim war,— es war zweimal, vor dem Ausbruch der badiſch-⸗pfälziſchen Revolution von 1849 und nach meiner Rückkehr aus dem Schweizer Eril— ſaß ſie beſtändig ſtrickend an dem Eckfenſter, von wo aus ſie die beiden angrenzenden Straßen genau bewachte. So oft ſie nur von Weitem einen Gensd'armen entdeckte, ertönte ihr ängſtlicher Ruf:„R., fort in die Mange!“(Es war das ein altes Hintergebäude, worin man ſich leicht unfindbar verſtecken konnte.) Und noch vor ihrem Tode, zu welcher Zeit ich als unfreiwilliger Kurzwaaren⸗Commis in Worms abweſend war,— ſo erzählte mir der Arzt— ſprach ſie in ihren letzten Phantaſieen beſtändig von mir, ihrem„Schmerzenskinde“, wie ſie mich nannte, und citirte ganze Verſe aus meinen an ſie gerichteten Geburtstags⸗, Weihnachts⸗ und Neujahrs⸗Gedichten. O du alte Frau, der ich leider! ſo viel Kummer gemacht, und du, tleue gute Schweſter Caroline, die ich, als ſie mich vor ihrem Tode noch einmal ſprechen wollte, trotz meines Ehrenwortes und acceptirter Gensd'armerie⸗Begleitung als damaliger Gießener Unter⸗ ſuchungsgefangener nicht mehr ſehen durfte,— ich rufe euch hiermit ein Fahret wohl! in's Grab nach. Bald darauf begann die Agitation für die neuen Landtags⸗ wahlen. Daß ich mich mit aller Vehemenz mitten hinein warf, war nach meinen Antecedentien ſelbſtredend. Die Oppoſition regte ſich, namentlich in Rheinheſſen, wo unter der Leitung Heinrichs von Gagern ein förmliches Comité dafür zuſammentrat und durch Subſcription einen namhaften Fond zur Beſtreitung der erforder⸗ lichen Koſten ſammelte. Mich ernannten die dortigen Parteige⸗ noſſen zum Wahlcommiſſär für meine Heimathprovinz und ſtellten mir durch Vermittlung des bekannten Doctors von Löhr aus Worms(ſjetzt in San Francisco), eines routinirten und raſtloſen, freilich in der Wahl ſeiner Kampfmittel nicht ſonderlich ſerupuloſen „Wühlers“ par exellence, der mich behufs mündlicher Inſtructions⸗ ertheilung beſonders in meinem Dachſtübchen zu Gießen auſſuchte, mehrere hundert Gulden zur Verfügung. Der junge Gutsbeſitzer T. D. aus der Umgebung von Worms, von da an heute noch mein vertrauter Freund, überbrachte mir dieſe„geheimen Fonds“, die ich redlich verwerthete. Die Campagne begann Ende Auguſt und dauerte bis Ende September 1847, welchen letzteren Monat ich in den Ferien ganz in meinem Heimathsſtädtchen zubrachte. Da ging es denn in meinem ebener Erde gelegenen Zimmer zum großen Entſetzen meiner Mutter, die immer lamentirte:„Du wirſt doch nicht eher ruhen, bis ſie Dich einſtecken!“ vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, wie in einem Taubenſchlage, aus und ein. Kleine Broſchüren, Wahlaufrufe u. ſ. w. wurden in Maſſe gedruckt und durch zuverläſſige erpreſſe Boten nach allen Richtungen ver⸗ ſandt. Ich ſchrieb und erhielt Briefe nach und von ſämmtlichen Hauptplätzen, geſinnungsverwandte, mir perſönlich befreundete Mit⸗ ſtudenten erhielten von mir Weiſungen und förmliche Diäten, um ihre heimathlichen Bezirke zu bereiſen und unter regelmäßigem, der Sicherheit halber meiſt mündlichem Rapport die ihnen bekannten Wahlmann⸗Candidaten oder ſchon gewählten Wahlmänner in den Wohnungen oder Wirthshäuſern zu„bearbeiten“ u. ſ. w. Kurz, die Wählerei und Wühlerei wurde mit einer ſolchen„Haſt ohne Raſt“ derart ſyſtematiſch von uns betrieben, daß ſogar die Orts⸗ polizei auf Befehl uuſres kreisräthlichen„Paſcha's von 3 Roß⸗ ſchweifen“ zuletzt Tag und Nacht meine Wohnung im elterlichen Hauſe bewachen mußte.„Aber, R., gib Acht, Du machſt Dich unglück⸗ lich!“ zeterten die Meinigen. Ich lachte ſie aus.„Pah“, erwiederte ich,„davon verſteht Ihr Nichts. Was ich da treibe, iſt Alles ver⸗ faſſungsmäßig erlaubt, wenn ſich auch die Kreisräthe So und, So und der Miniſter du Thil noch ſo ſehr darüber ärgern. Diesmal ſollen die Landtagswahlen anders ausfallen, als unſre letzte hieſige, — 70— wodurch unſre Stadt ſich ſo blamirt hat.“ Und ſo geſchah es auch, Dank nicht nur meiner und meiner Commilitonen angeſtrengter Agitation, ſondern auch dem erwachten politiſchen Rechts⸗ und Selbſtſtändigkeitsgefühl meiner, etwas ſchwer in Trab zu bringenden, dann aber auch zäh energiſchen wackren Oberheſſen. Von beſondrem Erfolge war eine von mir geſchriebene, in mehreren tauſend Exem⸗ plaren durch die ganze Provinz verbreitete Ertra⸗Beilage des Struve'ſchen Zuſchauers:„Die Wahlbewegungen in Oberheſſen. Eine Reihe von Skizzen als Maniſeſt an die dortigen Wähler.“ Ich gab darin eine ſehr ſcharf gepfefferte Charatteriſtik der in allen einzelnen Bezirken aufgeſtellten miniſteriellen und liberalen Candi⸗ daturen und citire hier nur als beſonders bezeichnend den Schluß. „Euch, ihr Oberheſſen, die ihr ſo gerne daheim in bittre Klagen ausbrecht, draußen aber, wenn es gilt, das Maul haltet und die Hände in den Schoß legt, euch können wir ſchließlich keinen andern Rath mit auf's Wahlzimmer geben, als die klaſſiſche Sentenz des Dichters:„Werdet beſſer, ſo wird's beſſer!“ Bedenkt, daß ihr von nun an nicht mehr das Necht habt, die bodenloſe Demoraliſation eurer Zuſtände, die unerträgliche Tyrannei unſrer büreaukratiſchen Kaſte, die ſteigenden Steuern und das ſteigende Proletariat, das Sinken eures Wohlſtandes, des Handels und der Gewerbe, die polizeiliche Bevormundung eures innerſten Gemeinde⸗ lebens oder gar den unter aller Kritik erbärmlichen Zuſtand eurer ſeit Jahren geknebelten Preſſe und alle die andern ſtereotypen Texte für eure Sonn⸗ und Werktagsklagepredigten immer wieder von Neuem durchzujammern! Alles Dies iſt hauptſächlich die Schuld eurer eignen Indifferenz und unverbeſſer⸗ lichen Bedienten⸗Natur. Ich weiß zwar, ihr ſeid tiefſinnige Wirthshaus-Politiker, und wenn ihr ſo Abends in euren Spinn⸗ ſtuben zuſammenhockt und eine Pfeife Tabak mit einander raucht, dann wißt ihr Alle, was euch und dem Lande Noth thut, ſo gut oder noch viel beſſer, als der Herr Miniſter, und es iſt eure löb⸗ liche Spießbürger⸗Gewohnheit, überall und jedesmal händeringend und ächzend, gleich alten Weibern, über„ſchlechte Zeiten“ zu wimmern. Aber wahrlich, die Quelle derſelben habt ihr nirgendswo anders zu ſuchen, als in dem trüben Sumpfe eurer Lethargie und Geſinnungsloſigkeit.—— Ihr habt zwar eine freiſinnige Verfaſſung und in ihr das Mittel, um auf geſetzlichem Wege Abhülfe für eure Beſchwerden zu fordern. Aber ihr beſaßet ſeither nicht einnal den Muth und die Energie, den legitimen Paragraphen jenes Bogens Papier Geltung zu ver⸗ ſchaffen. Und während eure Kammer in früheren Jahren eine der erſten war auf der breitgetretenen Bahn des„conſtitutionellen Fortſchritts“ und die Blüthe der Intelligenz eures Landes in ihrer Mitte zählte, ſo iſt ſie in letzter Zeit zu einer eben ſo koſtſpieligen, als nutzloſen Staatscomödie herabgeſunken, deren traurigſte Frucht die Vernichtung der Inſtitutionen eurer rheiniſchen Schweſterprovinz und die Sanctionirung eines unerträglichen Polizei⸗Strafcoder ge⸗ weſen iſt. Ihr habt auch jetzt wieder das Recht, bei der bevor⸗ ſtehenden Wahl freiſinnige Deputirte als lebendige Proteſte gegen das herrſchende Syſtem in die Kammer zu ſenden. Und ihr be⸗ ſitztgenug unabhängige, geſinnungstüchtige Männer in eurer Nähe, die des öffentlichen Vertrauens werth ſind. Aber es ſcheint faſt, als ob ihr nach alter Gewohnheit als politiſch Taubſtumme darauf verzichten wolltet, und vielleicht werdet ihr gar wieder einen Georgi, Seitz oder Wolff zu euren Vertretern wählen. Wir haben euch wiederholt und laut auf eure unver⸗ äußerlichen Rechte aufmerkſam gemacht. An euch iſt es nun, ſie diesmal endlich zur Geltung zu bringen. Wir rufen euch auf's Neue den alten Spruch Jordan's in's Gedächtniß, der unter Um⸗ ſtänden auch euer politiſches Todesurtheil enthält:„Eine pa⸗ pierene Conſtitution kann nur durch die Bildung und ſittliche Willenskraft des Volkes zur Wirklichkeit und ſo zur Wahrheit werden.“„Ein Oberheſſe.“ In Folge meiner, durch zahlreiche, früher nur zu paſſive Ge⸗ ſinnungsgenoſſen, die meiſtens mit mir in directen Briefwechſel traten, unterſtützten Agitation ſielen die damaligen Landtagswahlen in Oberheſſen überwiegend oppoſitionell aus. In meiner Vaterſtadt machte diesmal der Sohn des allmächtigen Kreisraths S. glänzen⸗ des Fiasco und wurde durch einen bäuerlichen, zwar unabhängigen, aber politiſch nach mancher Richtung noch ziemlich unzurechnungs⸗ fähigen Abgeordneten erſetzt.(Noch am Tage ſeiner Wahl ließ er die in ihrer Naivetät wahrhaft merkwürdige Aeußerung fallen: es wäre doch eigentlich viel geſcheidter, wenn man die Zuſammenbe⸗ rufung der Kammern ganz aufgäbe. Sie koſteten dem Lande gar zu viel Geld, was man beſſer ſparen und den Armen geben könne! Er dachte alſo auch, wie der ſchwäbiſche Volksführer im Bauern⸗ krieg, Matern Feuerbacher:„Einen Landtag brauchen wir nicht. Man landtagt doch Nichts, als daß man Geld geben muß!“ So ganz Unrecht hatten Beide in gewiſſem Sinne nicht.) An der Wahl Dr. Heldmann's in Selters, einer intelligenten oppoſitionellen Kraft, die in den parlamentariſchen Debatten ſofort entſchieden hervortrat, hatte meine Mitwirkung, namentlich die Thätigkeit meiner ſtudentiſchen Sendboten, einen hervorragenden Antheil. Von den rheinheſſiſchen Parteigenoſſen erhielt ich die ſchmeichelhafteſten Belobigungen meiner über Erwarten erfolgreichen Thätigkeit.“Auch Fritz Hecker, den ich bald darauf in Mannheim beſuchte, naunte mich unter herzlichem Glückwunſch und beifälligem Achſelſchlag den — 72— „kleinen Agitator von Oberheſſen“ und bemerkte ſcherzhaft, ich habe meine Provinz unterwühlt, wie ein wahrer Maulwurf. Ich ſchickte dem rheinheſſiſchen Comité meine mit größter Scrupuloſität ge⸗ führte Abrechnung über die Verwendung des mir anvertrauten Fonds und erbat mir deſſen Weiſung, wohin ich den verbliebenen Reſt von etwa 80 Gulden ſenden ſolle. Darauf erhielt ich die lakoniſche Antwort: ich habe von dem Gelde einen ſo guten Gebrauch ge⸗ macht, daß ich meine„Erübrigung“ nur ganz getroſt dazu ver⸗ wenden möge, mir eine Erholungsreiſe zu den Freunden in Rhein⸗ heſſen und Baden zu gönnen, die mich gerne perſönlich kennen lernen wollten. Das geſchah ſofort und dieſe fröhliche Luftſchnapperei nach der ſtrapazirenden Wahl⸗Campagne hat mir das höchſte, heute noch unvergeßliche Vergnügen bereitet. In Worms wollten mir die Turner ein Bankett geben, dem ich aber aus Rückſichten meiner damaligen, auch jetzt noch zeitweiſe wiederkehrenden krankhaften Scheu vor öffentlichem„Reden reden“ gefliſſentlich auswich. Nach kurzem Aufenthalte bei Dr. von Löhr pilgerte ich in Begleitung meines Pfeddersheimer Univerſitätsfreundes H. P. nach meinem politiſchen Mekka Monsheim, dem Landſitze des damaligen Führers der heſſiſchen Oppoſition, Heinrich von Gagern. Bei ihm, der mich herzlichſt aufnahm, traf ich zufällig faſt ſeine ganze Familie, ſeinen greiſen Vater, den auch als politiſchen Schriftſteller bekannten geiſt⸗ vollen, aber etwas geſchwätzigen weiland Bundestagsgeſandten, den in ſeiner Art genialen, damals noch holländiſchen General Friedrich, der ſpäter im Gefechte mit der Hecker'ſchen Freiſchaar bei Kandern fiel— für mich den Liebenswürdigſten von Allen—, ſowie den ſpäter katholiſch gewordenen, wenn ich nicht ſehr irre, in öſtreichiſche Dienſte übergetretenen Max. Als ich nach höchſt gemüthlichem ge⸗ meinſamem Frühſtück, von dem mir namentlich die ſprudelnden Witze Friedrichs heute noch im Gedächtniß ſind, von der Familie ſchied, klopfte mir H. v. Gagern auf die Schulter mit den jovialen Worten:„Nun, F., Sie haben ſoweit Ihre Sache gut gemacht. Jetzt aber hängen Sie vorerſt die Politik an den Nagel und „ochſen“ tüchtig, damit Sie das Examen hinter ſich kriegen! Ich glaube, die Herren werden Ihnen Schwierigkeiten genug machen!“ „Ah!“ erwiederte ich lachend— und das klang für die damaligen Verhältniſſe, wo noch Niemand an die baldige Pariſer Februar⸗ Revolution und deren Folgen für Deutſchland dachte, allerdings wie ein ſchlechter Witz—„Sie werden ja demnächſt Präſident des heſſiſchen Miniſteriums und da wird mir doch in meiner Carrière kin officieller Riegel vorgeſchoben werden.“„Nein,“ lachte Gagern und' jein Bruder Friedrich mit,„wenn wir einmal ſo weit ſind, ſoller Sie Nichts mehr zu fürchten haben!“ Damit trennten wir uns— für immer. Als Heinrich Gagern(damals ohne„von“) — 73— im März 1848 heſſiſcher Miniſterpräſident wurde, ſo begrüßte ich! ihn Anfangs in unſerm neugegründeten radikaldemokratiſchen Gießener Blatte mit Enthuſiasmus als den Mann des wohlverdienten öffent⸗ lichen Vertrauens. Aber es dauerte kaum 4 Wochen, ſo war ich mit ihm in heftigſter Oppoſition und er würde mich ſicherlich auch nicht zum Examen zugelaſſen haben.„So geht's!“ Von da fuhr ich nach Mannheim, wo mich die dortigen, damals von Itzſtein und Hecker geführten badiſchen Liberalen er⸗ warteten. Mein erſter Beſuch galt natürlich Guſtav Struve, den ich mit ſeiner etwas kokett aufgeputzten, hübſchen jungen Frau, der durch ihre Theilnahme an den Freiſchaarenzügen ſpäter ſo bekannt gewordenen„Amalia“, bei dem ſelbſtredend ſtreng vegetarianiſchen Frühſtück traf. Ich mußte daran theilnehmen und lernte bei dieſer Gelegenheit auch unſern höchſt liebenswürdigen und gebildeten Ver⸗ leger, den noch jungen und ſehr unternehmenden Verlagsbuchhändler Heinrich Hoff, kennen, der leider! nach dem Scheitern der badiſchen Revolution von 1849 unter ſehr kümmerlichen Umſtänden in einem Newyorker Spitale geſtorben iſt. Damals, wo wir alle mit fröh⸗ lichen Hoffnungen für die freiheitliche Entwicklung des Vaterlandes in die Zukunft blickten, hätten wir uns die einſtige Geſtaltung der Dinge nicht träumen laſſen. Namentlich Struve war ein ganz extremer Sanguiniker, dem der deutſche Himmel ſtets voll ſchwarz⸗ rothgoldner Baßgeigen hing und der jeden Zweifel an dem Ge⸗ lingen unſrer Beſtrebungen als eine Art Landesverrath betrachtete. Zu ſeinen vielen Schrullen gehörte auch die Phrenologie und war ſein Nebenzimmer mit lauter Gypsköpfen berühmter Männer oder berüchtigter Verbrecher angefüllt, aus deren Formationen er mit geradezu makhematiſcher Sicherheit ſeine Gall'ſchen Sätze demon⸗ ſtrirte. Auch meinen Schädel mußte er durchaus unterſuchen, ob⸗ gleich ich mich bei meiner damaligen theilweiſen Anerkennung der Phrenologie hartnäckig dagegen ſträubte. Das mir noch genau erinnerliche Reſultat ſeiner mit ernſteſter Miene von der Welt vor⸗ genommenen Betaſtung war:— daß der„Deſtructionstrieb“ und der„Mangel an Autoritätsſinn“(!) vorzugsweiſe bei mir ausge⸗ bildet ſeien. Das Letztere mag in vollem Sinne wahr ſein, aber das Erſtere kann denn doch nur bedingungsweiſe gelten. Am fol⸗ genden Tage mußte ich bei ihm ſpeiſen und da ich vor einem ſolchen, vorausſichtlich nicht beſonders lukulliſchen„vegetarianiſchen“ Mittagsmahl coloſſale Angſt hatte, ſo ſtärkte ich mich vorſorglich erſt durch ein tüchtiges Beefſteak im Pfälzer Hof, was ich ihm hinterdrein ſelbſt lachend erzählte. Wie ich aus einem Briefe nach Hauſe erſehe, gab es Suppe, Rothkraut, Kartoffeln, gelbe Rüben, Trauben ꝛc., alſo ein immerhin genießbares Menu, und hielt mir Struve zur Verdauung auch über das verderbliche Tabakrauchen 10 — 7414— und Kaffeetrinken die eindringlichſten, freilich erfolglos gebliebenen Moralpredigten. Auch F. Hecker und„Jean Pierre“ Grohe, den damaligen Redacteur der radikalen Mannheimer Abendzeitung, mit der ich ſeit meinen Correſpondenzen über unſern Stauffenberger Studenten⸗ Auszug in Verbindung ſtand, beſuchte ich. Da gerade damals die Vorbereitungen für die neuen Landtagswahlen ſtattfanden, ſo herrſchte außerordentlich reges politiſches Leben in Mannheim. Ich wohnte zwei großen Verſammlungen der Liberalen im Gaſthof zum Weinberg bei, worin u. A. auch v. Soiron, Itzſtein, Eller und Grohe unter ſtürmiſchem Beifall zündende Reden hielten. Mein Name war durch die Struve'ſchen„Zuſchauer“⸗Artikel in den dor⸗ tigen liberalen Kreiſen raſch bekannt geworden, und überall fand ich herzliches Händeſchütteln und warmen Empfang. Von da gings nach Heidelberg, wo ich meine gerade dort ſtudirenden Gießener Freunde im Vangerowe'ſchen Colleg auſſuchte und ſpäter ſelbſtredend mit ihnen kneipen ging. Zufolge der Em⸗ pfehlung Struve's lernte ich das radikaldemokratiſche Studenten⸗ Clübchen, darunter vorzugsweiſe den höchſt intelligenten und liebens⸗ würdigen, aber auch durchaus exaltirten jungen Schlöffel, mit dem ich ſpäter intim befreundet wurde, Lucas Wolf und, wenn ich nicht ſehr irre, auch Miquel, den jetzigen nationalliberalen Reichstags⸗ abgeordneten, näher kennen. Wir verabredeten die Gründung einer geheimen Preſſe in Heidelberg, von der antigouvernementale Flug⸗ ſchriften nach allen Richtungen ausgehen ſollten. Mir wurde Heſſen zugetheilt, Schlöffel übernahm Preußen, L. Wolf Baden u. ſ. w. Aber über die angefangenen Manuſcripte iſt es nicht hinausge⸗ kommen, da die damals unſrerſeits gänzlich unerwartete Pariſer Februar⸗Revolution dazwiſchentrat. Ehe ich über Mannheim heimkehrte, machte ich noch dem da⸗ mals ſchon in ſtark revolutionärem Geruche ſtehenden Karl Blind in dem Gefängniſſe von Frankenthal einen Beſuch, wo er wegen Verbreitung„aufrühreriſcher“ Flugſchriften auf einer mit der da⸗ maligen Madame Cohn, ſeiner jetzigen Frau, gemeinſam unter⸗ nommenen Agitationsreiſe durch die Rheinpfalz ſammt ſeiner Ge⸗ fährtin inhaftirt worden war. Ich hatte ihm Grüße und allerlei vorſichtig verhüllte Mittheilungen von Struve und Schlöffel, ſeinem „lieben Knaben“, wie er ihn damals nannte, auszurichten. Der Ein⸗ druck unſerer im Beiſein des Gefangenwärters ſtattgehabten Zuſammen⸗ kunft iſt mir unvergeßlich geblieben. Blind war eine ſehr burſchikos gekleidete kurze gedrungene Figur mit ſonnverbranntem Geſicht, das einen ſehr energiſchen Ausdruck beſaß, und waren wir, nachdem ich ihm meinen Namen genannt, ſehr raſch mit einander bekannt. Unſere officiell nur auf eine Viertelſtunde beſchränkte Unterhaltung war, obgleich wir in der Hauptſache nur„durch die Blume“ ſprechen durften, doch für uns Beide ſehr intereſſant. Man ſieht, mein damaliger Ferienreiſe⸗Verkehr war höchſt unvorſichtig polizei⸗ widrig.— Nach meiner Rückkehr in die oberheſſiſche Heimath ſetzte ich natürlich von meinem Manſardeſtübchen aus die Correſpondenzen für den„Deutſchen Zuſchauer“ fort. Dieſelben nahmen einen immer rückſichtsloſeren Ton an, und da mir ohne irgend welche Aufforderung das Material von allen Seiten zufloß, ſo erſtreckten ſich meine journaliſtiſchen Angriffe zuletzt beinahe auf ſämmtliche Kreisräthe des ganzen Ländchens, unter denen ich übrigens ehren⸗ werthe Ausnahmen ausdrücklich und gerne anerkannte, ſowie auch auf das Miniſterium du Thil ſelbſt. Die Erbitterung gegen den „impertinenten Lausbuben“, mit welchem epitheton ornans man mich damals zu beehren pflegte, war in dem ſtreng officiellen Lager allgemein und ſtieg noch, als ich auf den öffentlich erhobenen Vor⸗ wurf feiger Anonymität die Keckheit hatte, alle ferneren Artikel mit meinem vollen Namen zu unterzeichnen. Dieſen Tuſch konnte ich mir nicht gefallen laſſen. Natürlich regnete es nun eine wahre Fluth von Amtsehrenbeleidigungs⸗Klagen auf mich herab und alle paar Tage konnte ich dem Seltersberg hinauf in das Provinzial⸗, arreſthaus wandern, um daſelbſt im Verhörzimmer von dem, braven Criminalrichter Höpfner vernommen zu werden, dem ich in dankbarer Anerkennung ſeiner ſtets bewieſenen wohlwollenden Humanität— er war der ertremſte Gegenſatz zu einem Georgige hiermit noch einen Kranz auf das Grab lege. Ich dictirte dort ein maſſenhaftes Beweis⸗ material unter Nennung aller Zeugen, im Zimmer auf⸗ und abſchrei⸗ tend, zu Protokoll und erwuchs daraus zuletzt ein rieſiger Actenſtoß. „Aber, Herr F.“, ſeufzte der wackre Mann,„was haben Sie ſich da angerichtet? Es mag ja gar Vieles wahr ſein von Dem, was Sie veröffentlicht haben; aber Sie wollen doch Advokat werden, (ich war damals ſchon zum jus übergetreten) und da hätten Sie's um Ihrer Zukunft willen nicht ſo laut ſagen ſollen.“„Ach,“ er⸗ wiederte ich in meiner damaligen, heute noch für mich verwunder⸗ lichen Sorgloſigkeit,„Herr Criminalrichter, Sie wiſſen doch, was Sie ſelbſt einſt als Student geſungen haben: „Wer die Wahrheit kennt und ſagt ſie nicht, Der bleibt fürwahr ein erbärmlicher Wicht!“ Der gute Mann zuckte die Achſeln; ich war eben unver⸗ beſſerlich.. Selbſtredend wurde ich durch unſre Büreaukratie, deren gar nicht einzuſchüchternder Todfeind ich war, von da an, namentlich bei meinen Ferienreiſen, auf Schritt und Tritt bewacht. Weih⸗ 10* .— 76— nachten 1847 trat in Folge davon mir gegenüber ein Akt bis dahin unerhörter polizeilicher Willkür ein, der damals in der ganzen mittel⸗ und ſüddeutſchen Preſſe allgemeines Aufſehen machte und für die vormärzlichen rechtsloſen Zuſtände nur zu bezeichnend iſt. In dem benachbarten L., dem induſtriereichen Geburtsſtädtchen meiner Mutter, hatte ich zahlreiche Verwandte und Freunde, und als einmal in den Ferien ein paar ebenfalls von dort gebürtige Commilitonen, die ich in unſrem heimathlichen Gaſthofe zur Poſt traf, dahin durchreiſten, rief ich ihnen u. A. die Worte zu:„Nun, wie geht's bei euch in L.? Wie ich höre, mitunter ſehr„luſtig“. Wahrſcheinlich werde ich nächſtens hinüberkommen, um einige „Studien“ zu machen.“ Ein Herr in Civil am Fenſter des Gaſt⸗ zimmers drehte ſich um und fixirte mich ſcharf.„Du,“ flüſterte der Eine meiner Freunde,„das hätteſt Du nicht ſo laut ſagen ſollen, dort ſteht ja unſer Landrath Fi, der Alles gehört hat!“ „Schadet nicht, er kann mir deßhalb Nichts anhaben. Studien machen kann man doch überall!“ Ich ſollte bald das Gegentheil erfahren. Am 25. December deſſelben Jahres fuhr ich, nichts Arges ahnend, mit der Poſt nach L., um dort meine Verwandten für einige Tage zu beſuchen und, was im Grunde die Hauptſache, im Caſino an dem ſtets beſonders flotten Weihnachtsball, für den ich bereits einige Damen engagirt hatte, theilzunehmen. Als ich des Abends ankam, patrouillirte ſchon ein Gensd'arm vor dem Poſt⸗ hauſe auf und ab, um unter den ausſteigenden Paſſagieren mich zu rekognosciren. Ahg,, dachte ich, es wird alſo wirklich Was geben! Je nun, ſagte ich mir, Du biſt ſicher unter dem Schutze der Verfaſſung, und hütete mich wohl, meinem Vetter, bei dem ich abſtieg, einem ſehr loyalen Gemeinderathsmitgliede, der ſonſt die Nacht nicht hätte ſchlafen können, von der drohenden polizeilichen Intervention, der ich übrigens gar leicht entgegentreten zu können hoffte, Etwas zu ſagen. Als ich, ohne mich noch irgendwie bei Tageslicht außer den vier Wänden gezeigt zu haben, des andern Morgens am Kaffee ſaß, trat ein Gensd'arm mit der kategoriſchen Aufforderung an mich ein, ſofort vor dem Herrn Landrath auf ſeinem Büreau zu erſcheinen. Ich hatte Luſt, gar nicht hinzugehen, aber der Gensd'arm wartete, um mich der Sicherheit halber zu eskortiren. So verfügte ich mich denn ohne langes Zögern an der Seite des Letzteren zum großen Entſetzen meines Vetters und ſeiner händeringenden Familie auf das Büreau des geſtrengen Herrn Landraths. Derſelbe fragte mich ſofort in barſchem Tone, zu welchem Zwecke ich hier ſei? Ich antwortete ſehr gelaſſen, ich ſei unbeſcholtener Inländer, bis jetzt noch nicht polizeilich confinirt und könne meines Erachtens innerhalb des Großherzogthums unbe⸗ helligt reiſen, wohin ich wolle. Wenn es ihn übrigens perſönlich inter⸗ eſſire, ſo trage ich kein Bedenken, ihm mitzutheilen, daß ich wieder einmal meine hieſigen V zerwandten beſuchen und vor Allem den Caſino⸗ ball mitmachen wolle. Zum Beweiſe für letzteren harmloſen Reiſezweck könne er bei etwa beliebiger Durchſuchung meiner Reiſetaſche einen ſchwarzen Frack darin finden. Durch dieſe meine etwas ſarkaſtiſch kühle Antwort gereizt, fuhr er mich mit„Ah was?“ an.„Ich weiß wohl, was Sie wollen. Sie ſind hierher gekommen, um No⸗ tizen zu ſammeln für Ihre bekannten Schmähartikel in den— „Deutſchen Zuſchauer“. Ich werde aber nicht dulden, daß Sie die hieſigen Beamten öffentlich verhöhnen.“ Achſelzuckend bemerkte ich, das ſei durchaus nicht mein Reiſezweck, der vielmehr ausſchließlich auf ein pures Ferien⸗Amüſement hinauslaufe. Wenn ich übrigens wirklich Luſt hätte, Notizen von öffentl ichem Interoſſe über hieſige Zuſtände zu ſammeln, ſo könne er mir doch Das und deren journaliſtiſche Verwerthung ſicher nicht verwehren. Meine etwaige Strafbarkeit würde erſt dann beginnen, wenn nach dem Erſcheinen eines des⸗ fallſigen Zeitungsartikels die Gerichte ein Vergehen gegen das Geſetz darin fänden und conſtatirten.„Ah was?!“ hieß es wieder. „Glauben Sie nicht, daß ich mich von Ihnen zum Beſten halten laſſe! Das iſt All les Larifari. Im Uebrigen haben Sie auch vor Kurzem erſt in aaftitreng chen Blättern die Stadt L. lächerlich ge⸗ macht.“(In meinem früher erwähnten, als Beilage zum Zuſchauer erſchienenen„ Wahlmanifeſt t“ hatte ich mein Mutterſtädtchen allerdings einer ſehr ſcharfen, keineswegs günſtigen Charakteriſtik unterworfen, was aber bei deſſen Bewohnern des damit verbundenen Humors und der Wahrheit der meiſten Thatſachen halber gar ſo kein ſo böſes Blut ſetzte.)„Es iſt daher, wenn Ihre hieſige Anweſenheit bekannt wird, eine ſo gefahrdrohende Aufregung der Einwohnerſchaft zu befürchten, daß ich mit meinem Polizeiperſonal für Ihre perſön⸗ liche Sicherheit nicht mehr einſtehen kann.“ Als ich mit indianiſcher Ruhe erklärte, daß ich die Lebensgefahr riskiren wo lle, brauſte der Herr Landrath auf und herrſchte mich an:„Ah was?! Wenn Sie nicht binnen einer Stunde die Stadt freiwillig verlaſſen haben, ſo werde ich Sie mit Gensd'armerie per Schub fortſchaffen laſſen.“ „Nun wohl, war meine Sehluß⸗ Antwort,„ich berufe mich auf Artikel 23 und 33 der heſſiſchen Verfaſſung und werde demz zufolge nur der Gewalt weichen. Contre la force il n'y a pas d? rési- stance!“ Damit entfernte ich mich, höflichſt grüßend. Die Nachricht von dieſem ſelbſt für damalige Zeiten uner⸗ hörten Vorgange verbreitete ſich raſch durch das Städtchen und erregte allgemeinſte Erbitterung. In kaum einer Stunde ver⸗ melten ſich ohne meiie Aufforderung bei einem mir nahe ver⸗ andten Fabrikanten, jetzigem Bürgermeiſter und Abgeordneten, — 78— neun der angeſehenſten Bürger L.s, großentheils Gemeinderaths⸗ mitglieder, und begleiteten mich auf das Landrathsbüreau, um da⸗ ſelbſt gegen dieſe flagrante Verletzung der verfaſſungsmäßigen per⸗ ſönlichen Freiheit und des Gaſtrechts ihrer Stadt feierlich zu pro⸗ teſtiren. Sie erklärten einſtimmig zu Protokoll, daß ſie ſowohl für mein eignes ruhiges Verhalten während meines dortigen Aufent⸗ halts, als auch dafür, daß von Seiten der Einwohner„kein Auf⸗ ſtand zu befürchten“ ſei, alle Garantie übernähmen. Auch Das half Nichts, und vielleicht trug gerade der Umſtand, daß der Sprecher der Deputation der dem Landrath beſonders mißliebige Führer der Oppoſition in L., mein alter Freund F. D., war, dazu bei, die Gereiztheit des Erſteren noch zu erhöhen. Indem ich die Anweſen⸗ den als Zeugen anrief, legte ich nochmals ſolenne Verwahrung gegen die vorliegende grobe Verletzung meiner verfaſſungsmäßig garantirten Rechte als heſſiſcher Staatsbürger ein und erklärte wiederholt, daß ich nur der Gewalt weichen werde. Darauf hin geſtattete mir, als ich auf die gebieteriſchen Forderungen meines Magens hinwies, der Herr Landrath gnädigſt, vor meiner poli⸗ zeilichen Ermittirung wenigſtens noch unter Aſſiſtenz eines Gens⸗ d'armen Etwas zu Mittag zu eſſen, wozu mich zu ſeinem ſichtlichen Aerger alle meine Begleiter um die Wette einluden, und nachdem Dies geſchehen, wurde ich in einer geſchloſſenen, auf meine Koſten beſorgten Chaiſe— zu Fuß mochte ich denn doch nicht durch den hohen Schnee des Vogelsbergs laufen!— mit 2„ſcharfgeladenen“ Gensd'armen unter dem Zuſammmenlauf einer dichten Menſchen⸗ menge und dem Geleite einer großen Anzahl dortiger Honoratioren vom Caſinogebäude aus, die mir noch eine Maſſe Weinflaſchen ꝛc. hereinreichten, per Schub zur Stadt hinaus nach dem jenſeits meines Vaterſtädtchens liegenden Amtsſitze des Kreisraths S., meines von mir am Schärfſten angegriffenen Gegners aus der heſſiſchen Büreaukratie, transportirt. Damit hatte der Landrath mich ohne Zweifel aus der Scylla in die Charybdis zu jagen gehofft. Aber er täuſchte ſich gewaltig. Kreisrath S. war ein kluger Kopf mit diplomatiſchen Manieren, der die Situation ſofort mir gegenüber als captatio benevolentiae für ſich auszubeuten wußte. Als ich um 9 Uhr Abends bei ihm„abgeliefert“ wurde, drückte er auf das Artigſte ſein hohes Erſtaunen und tiefes Bedauern über das ihm ganz un⸗ erklärliche Verfahren ſeines Collegen in L. aus, bezeichnete es als ſelbſtredend, daß ich vom Augenblick an frei ſei, und erbat ſich für den nächſten Vormittag vor der Rückreiſe in die benachbarte Hei⸗ math die„Ehre“ meines Beſuchs auf ſeinem Bureau. Des andern Morgens, nachdem ich in dem erſten Hotel des Städtchens auf den ausgeſtandenen Schrecken tüchtig gekneipt, präſentirte ich mich bei ihm und mußte leiſe lächeln, als ich zu meinem Empfang Alles —— ſchon effectvoll arrangirt ſand. Nicht nur war ein wahrer Stoß Acten auf dem Schreibtiſche des Herrn Kreisraths aufgeſtapelt, ſondern auch— und das war für mich das Ergreifendſte— an bevorzugter Stelle lagen ein Exemplar der heſſiſchen Verfaſſung und Gemeindeordnung, zwei öffentliche Rechtsurkunden, die der von mir ſattſam öffentlich gegeißelte„Paſcha von 3 Roß⸗ ſchweiſen“ bisher niemals auch nur im Geringſten reſpectirt hatte! „Man merkt die Abſicht und man iſt verſtimmt.“ Der mit allen Hunden gehetzte Schlaukopf klagte als ſchwer verkannter Bieder⸗ mann darüber, daß ich mich von Verläumdern ſo unverantwortlich gegen ihn habe aufhetzen laſſen. Er ſei der humanſte, uneigen⸗ nützigſte Beamte von der Welt, der nur das Wohl der ihm an⸗ vertrauten Gemeinden im Auge habe; faſt alle meine„Zuſchauer“⸗ Artikel gegen ihn ſeien entweder reine Erfindungen oder grobe Entſtellungen u. ſ. w. Ich erwiederte achſelzuckend, daß ich eben Alles optima fide geſchrieben, dafür meine, mir als vollkommen zuverläſſig geltenden Gewährsmänner beſitze und mein ganzes Be⸗ weismaterial ſchon in ca. 30 Bogen zu den Acten dictirt habe. Als er mir darauf in zutraulich gemüthlicher Weiſe„die Würmer aus der Naſe ziehen“ und erfahren wollte, was ich denn eigent⸗ lich für beſondere Beweismomente gegen ihn zu Protokoll gegeben, antwortete ich kühl, das ginge denn doch wohl nicht an, da nun einmal„sub judice lis“ ſei. Er oder ſein Advokat werde ja Alles ſeiner Zeit ſchon vollſtändig leſen können.„Abgeblitzt, alter Fuchs!“ dachte ich und mit einem gewiſſen Grinſen ſchieden wir höflichſt von einander. Natürlich nahm ich auf der Rückfahrt meine beiden Gensd'armen mit, die ſich innerhalb der Grenzen ihrer Dienſt⸗Inſtruction ſehr human und aufmerkſam gegen mich benommen hatten. Etwa eine Viertelſtunde vor meiner Vaterſtadt wurde ich bereits per Achſe empfangen. Das Gerücht von meiner Transportation per Schub hatte ſich am frühen Morgen ſchon daheim verbreitet und bei meiner damaligen allgemeinen Popularität in bürgerlichen Kreiſen allgemeine Senſation hervorgerufen. Zuerſt begegneten mir in einer Chaiſe meine beiden Oheime, welche bei dem Kreisrath S. behufs meiner Freilaſſung interveniren und erforderlichen Falls Caution ſtellen wollten. Hinter ihnen aber, die den ſtreng geſetzlichen Weg vertraten, kam bald darauf das revolutionäre Element auf zwei dicht beſetzten Leiterwagen, die jungen Burſche meiner Heimath, alle Schulkameraden von mir, welche ohne Weiteres beſchloſſen 3 1 hatten, mich nöthigenfalls gewaltſam aus dem vermutheten Ge⸗. fängniſſe in N. zu befreien. Denn daß Kreisrath S. aus nahe⸗ liegenden Gründen mein Todfeind war, wußten ſie, und ſie ſahen mich ſchon im Geiſte in Ketten und Banden, die wackren Jungen. 2 2ee. — 80— Welches Hurrah ertönte, als ſie mich ſo gemüthlich zwiſchen meinen beiden Freunden von der Gensd'armerie zurückfahren ſahen, läßt ſich denken. So traf ich denn mit zahlreichem Cortoge, ich ſelbſt natürlich an der Spitze des Zugs, in meiner Heimath ein und der Jubel der raſch zuſammengeſtrömten Bevölkerung, als ſie mich erblickte, war ſo allgemein und laut, daß, wie ich mich noch recht gut erinnere, ein kleiner Junge athemlos heimgeſtürzt kam mit dem Rufe:„Vater, geh' hinaus, der Großherzog kommt!“ Ich habe darüber ſpäter oft genug gelacht. In dem Gaſthauſe zur Poſt, wo wir abſtiegen, entwickelte ſich raſch eine allgemeine Feſtkneiperei mit obligaten Toaſten auf mich, die Verfaſſung und das freie Wahlrecht und halblauten Flüchen auf die Bürcaukratie, deren höchſt ſchmerzloſes Opfer ich geworden war. Nachdem ich meine beiden Escorte⸗Gensd'armen unter warmer Belobung ihres anſtändig freundlichen Benehmens gegen mich der Verſammlung vorgeſtellt, wurden die guten Leute von allen Seiten mit Bier und Wein überſchüttet. Ja, gar viele Metzger liefen nach Hauſe und ſtopf⸗ ten ihnen die Rock⸗ und Seitentaſchen für die Heimfahrt nach L. dermaßen mit Wurſt und Schinken voll, daß ſie ſich zuletzt gar nicht mehr zu helfen wußten und in der Noth Packete machten. Als ich mich von ihnen verabſchiedete, erklärte mir der Eine unter gerührtem Händeſchütteln:„Herr F., das iſt der ſchönſte Tag meines Lebens!“ Meine alte Mutter freilich, als ich nach Hauſe kam, ſeufzte trotz alledem:„Was hilft mich alles Das? Du wirſt ſehen, R., daß Du Dich doch noch unglücklich machſt! Und was haſt Du denn davon?“ Sie hatte von ihrem Standpunkte aus freilich nicht ſo ganz Unrecht, die alte Frau. Ich„hatte Nichts davon“, als Verfolgung und Aerger, ſowie Verſperrung meiner Carrière für immer. Aber es war nun einmal bei mir ein unbe⸗ ſiegbarer innerer Drang, und—„Gott woll' ſie tröſten, es muß gah'n!“ dachte ich, obſchon's hinterdrein„gebrochen iſt vor'm End'.“ In einer desfallſigen, vom 8. Januar 1848 datirten Er⸗ klärung im Frankfurter Journal, worin der nackte Sachverhalt meiner Ausweiſung aus L. kurz dargeſtellt war, bemerkte ich zum Schluſſe:„Ich überlaſſe die Würdigung dieſes mit dem Wortlaute der Artikel 23 und 33 der heſſiſchen Verfaſſungsurkunde in ſchreien⸗ dem Widerſpruche ſtehenden Verfahrens dem Urtheile des unbe⸗ fangenen Publikums. Da ich meines Wiſſens bis jetzt noch nicht etwa in Folge meiner bisherigen Verbindung mit dem„Deutſchen Zuſchauer“ für vogelfrei erklärt bin, ſondern immer noch, mag ich nun„Notizen ſammeln“ oder nicht, kraft meines ſtaatsbürger⸗ lichen Rechtes unter dem Schutze des die perſönliche Sicherheit innerhalb des Großherzogthums garantirenden Geſetzes ſtehe, ſo — 91— werden von meiner Seite unverweilt und in Uebereinſtimmung mit der Bürgerſchaft von L. zur Erlangung vollſtändiger Satis⸗ faction die geeigneten Schritte gethan werden.“ In der vor mir liegenden Beſchwerdeſchrift der Notablen von L. an das Pro⸗ vinzial⸗Commiſſariat zu Gießen, die geſetzliche nächſte Inſtanz, vom 29. December 1847, heißt es u. A.:„Die unterzeichneten Bürger der Stadt L. ſehen ſich um ſo mehr veranlaßt, ſich über das Ver⸗ fahren des Landraths F. bei hoher Behörde beſchwerend zu äußern, als gerade aus dem, Herrn Studioſus F. angegebenen Grunde, daß er ihn gegen zu befürchtende Exceſſe der hieſigen Bürgerſchaft nicht ſchützen könne, ſich folgern läßt, es herrſche ein ungeſetzlicher und unruhiger Geiſt in unſrer Stadt, deſſen Nichtvorhandenſein hinlänglich bekannt iſt und ſogar bei früheren Vorfällen, wo ähn⸗ liche Beſchuldigungen erhoben waren, gerichtlich conſtatirt wurde. Die unterzeichneten Bürger hieſiger Stadt fühlen ſich daher ge⸗ drungen, auf ſtrengſte Unterſuchung des Vorfalls mit Studioſus F. anzutragen, da es hoher Behörde gewiß einleuchtet, daß ſie ſich in ihren theuerſten Rechten verletzt fühlen müſſen, wenn der Gr. Landrath F. in ihrer Stadt die Berechtigung anſpricht und aus⸗ übt, Angehörige des Großherzogthums, die hierherkommen, ja ſo⸗ gar, wie diesmal, die uns beſuchenden Verwandten, Freunde und Bekannten ohne Weiteres durch die Gensd'armerie abführen zu laſſen.“ ꝛe(Folgen die Unterſchriften.) Dieſer in ſeiner Art bis dahin unerhörte Act kreisräthlicher Polizeiwillkür, bezüglich deſſen der betreffende kleine„Paſcha“ vor der offen geplanten Ausführung den Warnungen ſeiner Bekannten gegenüber ganz nonchalant geäußert hatte:„Ah was! Wenn ich auch einen Wiſcher kriege, was liegt mir daran!!“ machte damals im ganzen Lande und auch außerhalb deſſelben unbeſchreibliches Aufſehen. Ich ſchickte das ſämmtliche Material an Heinrich v. Gagern, der bei Gelegenheit eines angemeldeteu Antrags auf Abänderung des Inſtituts der Kreisräthe die Sache in Geſtalt einer beſondern Interpellation zur Sprache bringen wollte. Aber da kam die Pa⸗ riſer Februar⸗ und deutſche März⸗Revolution dazwiſchen, und in jenen ſtürmiſchen Tagen, wo alle Miniſterbänke wackelten oder um⸗ ſtürzten und ſogar die Majeſtäten zum Sprung in ihre gepackten Reiſewagen bereit ſtanden,— wer konnte da noch an die vor⸗ märzliche Polizeiplackerei eines obſcuren kleinen oberheſſiſchen Land⸗ raths zurückdenken? Ich bezahlte eben ruhig meine Schub⸗Trans⸗ port⸗Koſten und dachte achſelzuckend:„Legt es zu dem Uebrigen!“ Daß meine journaliſtiſche Polemik gegen Land⸗ und Kreis⸗ räthe, ſowie das mitverantwortliche Miniſterium ſelbſt ſich ſehr verſchärfen mußte, liegt auf flacher Hand. Zudem warf die nahe bevorſtehende Pariſer Februar⸗Revolution ihre Schatten voraus. 11 — 82— In der Luft herrſchte eine ſchwüle politiſche Temperatur. In der zweiten Kammer brachte Gagern bei Erörterung der Frage des Urlaubs für den als Abgeordneten gewählten penſionirten Miniſte⸗ rialrath Jaup die Angriffe des„Deutſchen Zuſchauers“ und andrer oppoſitioneller Blätter der Nachbarſchaft gegen das Inſtitut der Kreisräthe zur Sprache. Darauf erklärte Miniſterialrath v. Bi, übrigens, wie ich— er iſt todt— zu ſeiner Ehre bemerke, ein durchaus makelloſer Privatcharakter, wenn auch ein Büreaukratiſſi⸗ mus erſten Rangs, wo möglich, mit drei Goldborden übereinander: „Nicht durch das Verfahren der Staatsregierung ſei das Vertrauen der Staatsangehörigen geſtört, ſondern durch gewiſſe öffent⸗ liche Blätter, welche ſyſtematiſch darauf ausgingen, Lügen und Verläumdungen auszuſtreuen, werde ſeit 6 Monaten auf eine infame und perfide Weiſe jeder Fehler eines Staatsdieners ausgebeutet, um das Vertrauen gegen die Staatsregierung zu untergraben.“ Auf dieſe höchſt unparlamen⸗ tariſche Invective von der Miniſterbank, welche ſelbſtredend zunächſt die am Meiſten mißliebigen Artikel des nachgerade maſſenhaft ver⸗ breiteten„Deutſchen Zuſchauers“ im Auge hatte, antwortete der Abgeordnete Zitz(Mainz) ſehr gemeſſen:„Durch die Preſſe ſei keineswegs der heſſiſche Beamtenſtand im Ganzen angegriffen worden. Diejenigen Fälle aber, wie ſie in den letzten 6 Monaten durch die Preſſe beſprochen worden ſeien, hätten die öffentliche Meinung für ſich. Wo Rauch ſei, da ſei auch Feuerl Sie(das Miniſterium) hätten in der Preſſe ſelbſt das Gegenmittel ſinden können; die Regierung aber könne Nichts hören und habe Scheu vor der Oeffentlichkeit.“ Daß ich ſelbſt, der ich für alle von mir herrührenden An⸗ griffe der Oppoſitionspreſſe unter Nennung meines ehrlichen Namens öffentlich die volle Verantwortlichkeit übernommen, den miniſterial⸗ räthlichen Tuſch„infam und perfid“ nicht auf mir ſitzen laſſen konnte, verſtand ſich von ſelbſt. Ich zunächſt war der Gemeinte, das wußte jeder Zeitungsleſer im Lande, und ich hatte ganz und gar das Zeug nicht dazu, ſtillezuſchweigen, auch wenn der Inſult von der Miniſterbank aus erfolgte. So ließ ich denn als Extra⸗ Beilage zum„Deutſchen Zuſchauer“ einen geharniſchten„offenen Brief an den Großh. heſſ. Miniſterialrath v. B.“ erſcheinen, worin ich den Hauptinhalt meiner bisherigen Anklagen gegen die heſſiſche Büreaukratie wiederholte und mich unter abermaliger Namens⸗ nennung zum vollen Beweiſe mit der Erklärung, falls derſelbe etwa nicht gelinge, erbot:„Dann confisciren Sie mein Vermögen, ſtecken Sie mich in die Feſtung oder ver⸗ weiſen Sie mich des Landes!“ So keck dieſe Worte, über deren vollen Abdruck ich heute noch ſtaune, unter meinen beſondren — 83— Verhältniſſen lauten mochten,— ich war ein junger Student, der noch nicht einmal das Fakultätsexamen gemacht hatte ſo waren ſie mir damals doch heiliger Ernſt. Ich glaube, ich hätte mich hängen laſſen für die Wahrheit und Gerechtigkeit meiner Sache, ohne auch nur die Silbe eines pater peccavi! zu ſagen. O duf unbeſonnene und unpraktiſche, aber doch redlich überzeugungs⸗ volle und darum innerlich glückliche akademiſche Jugend! Der Schluß meines offenen Briefes an den damals allmächtigen Miniſterialrath v. B., der eine gewiſſe Vorahnung der heran⸗ nahenden Pariſer Februar⸗Revolution verrieth, lautete wörtlich: „Die Wahrheit iſt von jeher, nicht bloß in Heſſen⸗Darmſtadt, miß⸗ liebig geweſen. Sie läßt ſich weder durch eine regierungscom⸗ miſſariſche Phraſe entkräften, noch durch Criminalunterſuchungen gegen ihre Sprecher, noch durch polizeiliche Verbote gegen ihre Organe, noch durch poſtamtliche Brieferbrechungen gegen ihre Ver⸗ ſendung. Sie beſitzen allerdings die Macht, ſie zu confisctren, wenn ſie bei H. Hoff in Mannheim ſchwarz auf weiß gedruckt wird. Aber ſie wird trotzdem eingeſchmuggelt durch die Douanenlinien Ihrer Polizeidiener und Gensd'armen, und unantaſtbar bleibt Ihnen immer noch die ungedruckte Wahrheit der Gedanken. Jeder geſin⸗ nungsvolle heſſiſche Patriot iſt nunmehr ein mündlicher„Zuſchauer“, den Ihre Cenſur nicht aus der Wirklichkeit hinaus ſtreichen kann. Die öffentliche Meinung, jenes gefürchtete Schreckgeſpenſt Ihres verantwortlichen Miniſter⸗Gewiſſens, das Sie vergeblich durch den Exorcismus Ihrer ſtändiſchen Entgegnungen und die Tiraden ge⸗ mietheter Broſchürenſchreiber zu verſcheuchen ſuchen, ſie dringt durch die Spalten Ihres verſchloſſenen Cabinets und ſchaut anklagend über Ihre Schultern in die geheimen Acten der Staatsverwaltung. Sie ſpricht aus dem Munde ihrer parlamentariſchen Repräſen⸗ tanten und wird bald auf dem Richterſtuhl der Tribüne über Sie und Ihre Herren Collegen zu Gerichte ſitzen. An ihr Urtheil appelliren wir. Als letzte Warnung aber rufe ich Ihnen noch jenes prophetiſche Wort L. Börne's ins Gedächtniß, deſſen Wahrheit Sie über kurz oder lang erfahren werden: „Man widerſetzt ſich vergebens dem ſtarken Willen der Zeit. Die öffentliche Stimmung bildet eine Volksbewaffnung, die unbeſiegbar iſt, und welcher das ſtehende Heer der Regierungsgedanken früher oder ſpäter unterliegen muß.“ Dieſe prophetiſche Warnung ſollte nur zu raſch in Erfüllung gehen. Die erſten telegraphiſchen Nachrichten von der Februar⸗ Revolution in Paris, dem Sturze Louis Philippes, der Bildung der republikaniſchen proviſoriſchen Regierung elektriſirten Alles, namentlich ſelbſtredend uns paar radikale Studenten. Ich las die * — 84— Depeſchen dem verſammelten Publikum von allen Straßenecken ab, bis ich zuletzt ganz heiſer war.„A bas les Bourbons! Vivé la république!“ war unſre Parole, und wir ſahen in unſerm leicht entzündeten burſchikoſen Enthuſiasmus eine ſchwarzrothgoldne deutſche Republik, wofür ich den alten„Vater Itzſtein“ als Prä⸗ ſidenten in petto hatte, im nächſten Anzuge. Das Geringſte, wo⸗ mit wir Brauſcköpfe uns begnügen wollten, war, nach Auguſt Beckers Vorſchlag, die Proklamirung eines„Königreichs beider Heſſen“, d. h. Verſchmelzung Kurheſſens mit Heſſen⸗Darmſtadt unter unſerm damals ſehr populären Erbgroßherzog Ludwig III. mit Verjagung des verhaßten Caſſeler Kurprinz⸗Mitregenten, nach der Melodie des Freiligrath'ſchen Liedes an die aufſtändiſchen Hanauer: „Kurfürſt, Kurfürſt, ſpute Dich! Sonſt werden wir großherzoglich!. Pulver iſt ſchwarz, Blut iſt roth, Golden flackert die Flamme!“ O du ſchöne unvergeßliche Zeit der aufrichtigſten hoffnungs⸗ vollſten patriotiſchen Begeiſterung! Ich habe ſie in meiner gedruckt vor mir liegenden ſpäteren Vertheidigungsrede vor den Darmſtädter Aſſiſen u. A. mit den Worten geſchildert:„Damals, m. H., waren die glorreichen Pfingſttage der auferſtandenen Volksfreiheit, wo die Feuerzungen der nationalen Begeiſterung auf allen Häuptern ſchweb⸗ ten und die Herren Fürſten und Miniſter„in fremden Zungen redeten“, wo wir Jünglinge Geſichte ſahen und die Jungfrauen Träume hatten. Heute aber,“ ſo fuhr ich von der Angeklagten⸗ bank im September 1850 fort,„ſind die Tage des Märtyrerthums, wo die Apoſtel des neuen Evangeliums von den fürſtlichen Macht⸗ habern als Gottesläſterer und Rebellen verfolgt, gemartert und ge⸗ ſteinigt werden. Damals zog der Meſſias der Volksſouveränetät im Triumphe durch die Straßen und Alles jubelte„Hoſiannah!“ Heute zieht er zwiſchen Schächern und die Dornenkrone auf dem Haupte nach dem Golgatha des Richtplatzes und des Zuchthauſes, und Alles ruft:„Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“— Es war aber doch eine ſchöne Zeit, m. H., jene Zeit der ſchwarzrothgoldnen Fahnen, der Volksverſammlungen und Adreſſen, der feierlichen Schwüre und begeiſterten Hoffnungen, und die Erinnerung daran wird, trotz aller Schmach und allem Druck der Gegenwart, nicht ſo bald aus unſren Herzen ſchwinden. Es waren die politiſchen Saturnalien des deutſchen Volkes, wo die Sclaven ihrer Ketten entledigt und von ihren Herren bedient wurden, wo das Wort endlich frei war und die traurige Vergangenheit vergeſſen ward in den Traum einer trügeriſchen Gegenwart.“ Ja, ſo war es, und ſo bitter der ſpätere Katzenjammer der 4 .— 85— einbrechenden Reaction und Verfolgung war, ſo denke ich doch heute noch mit wahrem Entzücken an jenen revolutionären Rauſch der Märztage von 1848, wo uns Alles möglich, ja nicht unwahr⸗ ſcheinlich war. Die beiden Brüder Büchner, Louis und Alexander, (Letzterer jetzt Profeſſor der deutſchen Literatur in Caen) ſowie einige andre demokratiſche akademiſche Geſinnungsgenoſſen, die ſich bald darauf zu einem„republikaniſchen Club“ zuſammenthaten, und ich hielten Kriegsrath. Etwas mußte unzweifelhaft geſchehen, um der, namentlich in unſern Kreiſen, aufs Höchſte aufgeregten öfſentlichen Meinung irgend einen Ausdruck zu verſchaffen. Eine Volksverſammlung von Studenten und Bürgern im Buſch'ſchen Garten! hieß es. Ganz recht, bemerkte ich, aber wir müſſen doch einen reſpectablen älteren Mann, der nicht unmittelbar zu uns ge⸗ hört, als Prä identen haben. Sonſt glauben die Philiſter, es ſei eine reine Stu⸗ enkengeſchichte, und kommen gar nicht hin. Die Gießener Bürgerſchaft muß unter allen Umſtänden dabei ver⸗ treten ſein. Andernfalls fällt die ganze Demonſtration ins Waſſer!“ Man gab mir ſofort Recht. Da aber die Pariſer Revolution noch nicht ganz fertig und daher das Präſidium einer ſolchen Volksver⸗ ſammlung immerhin mit einem gewiſſen Riſiko verbunden war, ſo konnten wir am Ende mit der Diogeneslaterne auf die Suche gehen. Alerx. Büchner und ich übernahmen die Miſſion, unter⸗ wegs ſchon Alles per„Bürger!“ und„Bürgerin!“ republikaniſch grüßend. Unſer erſter Gang war zu Carl Vogt, damals ſeit Kurzem erſt außerordentlichem Profeſſor der Naturwiſſenſchaft, einem Gießener Kinde und anerkanntem Republikaner. Da kamen wir aber ſchön an.„Ihr lieben Leutchen,“ antwortete er uns mit ſeinem bekannten, etwas frivolen Sceptizismus:„Das iſt Alles recht gut und ſchön und ich bin ganz mit euch einverſtanden, daß wir die Gelegenheit benutzen müſſen, ſo oder ſo. Aber wer gibt euch denn die Garantie, daß die Sache in Paris auch dauernden Beſtand hat? Vielleicht bekommen wir morgen oder übermorgen eine Depeſche, daß die ganze proviſoriſche Regierung zuſammenge⸗ rumpelt und nach einem üblichen militäriſchen Maſſacre Louis Phi⸗ lippe ſammt ſeiner ganzen Sippſchaft und dem bekannten Regen⸗ ſchirm wieder eingeſetzt iſt. Ich bin herzlich froh, daß ich trotz aller euch wohlbekannten Chikanen endlich einmal, wenn auch nur als Exrtraordinarius, in meiner Vaterſtadt auf den Katheder gekommen bin. Und dieſe mühſam errungene Stellung ſollte ich in dieſen zweifelhaften Tagen, wo ſich der politiſche Wind jeden Augenblick drehen kann, ins Blaue hinein riskiren? Ihr ſeid junge Studenten, denen es auf eine Handvoll nicht ankommt. Stürmt meinetwegen den Himmel und proklamirt die deutſche Republik— von heute auf morgen! Ich bin Profeſſor und habe Rückſichten auf meine — 86— amtliche Stellung zu nehmen, die euch Tollköpfen fremd ſind. Sucht euch für die mir zugedachte Charge einen Andern! Später wird's vielleicht ſchöner.“ Alſo abgefahren in optima forma! Wohin nun weiter? Ich ſchlug den Hofgerichtsadvokaten Banlg vor, einen ſogenannten„Demagogen“, aus den 30er Jahren, der damals gleichzeitig mit Pfarrer Weidig„geſeſſen“, freilich, wie mir A. Becker ſpäter ſagte, ſich mehr„hineinrenommirt“, als ernſtlich politiſch compromittirt hatte. Da kamen wir freilich noch ſchöner an. Nachdem ich— das faunenhafte Lächeln meines Begleiters Alex. Büchner ſehe ich heute noch— in pathetiſchem Tone Namens des damals ſouveränen, immatrikulirten, wie nichtimmatrikulirten Volkes meine erforderliche Anſprache gehalten, fing der verlegene Patriot Banſa ſich zu räuſpern an.„Ja, ihr lieben jungen Freunde,“ ſo ohngefähr ſprach er,„ich freue mich mit euch, daß endlich die Tage kommen, wo das Ziel des Strebens meiner Jugend ſeiner Erreichung entgegengeht. Wie viel lange Jahre habe ich das theure ſchwarzrothgoldne Burſchenband auf dem blanken Leibe unter dem Hemde getragen!“(Möglicher Weiſe trug er's noch, vielleicht unter der Haut. Wir verlangten natürlich keine Beſich⸗ tigung.)„Aber, aber— ich habe vor etwa einem halben Jahre einen Blutſturz gehabt, und in Folge davon hat mir mein Haus⸗ arzt, um einer etwaigen Wiederholung vorzubeugen, ſtrengſtens jede Aufregung unterſagt. Wenn ich jedoch da unter euch ſtehe und höre unter dem Drang der neueſten Ereigniſſe die Ideale meiner Studentenzeit von euch fordern und verhandeln, dann gerathe ich in„Aufregung“, und ich bin es doch meiner Familie ſchuldig, die Geſundheit möglichſt zu ſchonen!“ Alex. B. ſchnitt eine mephiſto⸗ pheliſche Fratze und mir hielt es unendlich ſchwer, das laute Lachen zu unterdrücken.„O, lieber Herr Advokat, ich bitte Sie um Gottes⸗ willen!“ rief ich abwehrend.„Gott bewahre uns davor, daß wir Sie einer ſolchen Lebensgefahr ausſetzen ſollten! Ihrer Sympathie waren wir ja im Voraus gewiß und erſuchen Sie nur, dieſe unſre Beläſtigung zu entſchuldigen. Wir wünſchen gute Beſſerung.“ (Einige Wochen darauf wurde dieſer ſchwarzrothgoldne Exdemagoge von anno 30 kleiner Miniſterpräſident des Liliputanerſtaats Heſſen⸗ Homburg mit guter Beſoldung!) Nach dieſen ſo unerwartet ge⸗ ſcheiterten Verſuchen riß mir die Geduld.„Hole der Teufel alle Profeſſoren und Advokaten!“ rief ich ergrimmt.„Da es denn Keiner von uns Studenten ſein darf, ſo nehmen wir einen anſtän⸗ digen Philiſter!“ Der war bald gefunden in Geſtalt eines in Gießen mit Recht ſehr populären Bierwirths„Maither der ebenfalls in den 30er Jahren pro patria comßfömiktirt war und auch nicht das geringſte Bedenken trug, das ihm angetragene Man⸗ dat zu übernehmen. Ueber dieſe unſre drollige Präſidentenjagd für die erſte 1848er revolutionäre Gießener„Volksverſammlung“ muß ich heute noch Thränen lachen. Und mein ſtivoler Freund Alex. Büchner hat mich oft genug mit meinen erfolgloſen pathetiſch⸗patriotiſchen Anſprachen an unſre reſüſirenden Candidaten gefoppt. Am Abend des 28. Februar hielten wir denn im Buſch'ſchen Garten unſre„Volksverlanunlung“ mit beſtem Erfolge ab. Struve hatte mir unmittelbar zuvor am Nachmittag die von ihm be⸗ ſchloſſene, von einer Verſammlung in Mannheim adoptirte Adreſſe an die badiſche zweite Kammer geſchickt. Da ſie in kurzen energiſchen Worten den berechtigten Forderungen des Volkes packenden Aus⸗ druck verlieh, ſo ſchlug ich ſie, um unnütze Diskuſſionen zu ver⸗ meiden, unter allgemeinem Applaus zur ſofortigen unverkürzten Annahme und Unterſchrift vor. Sie lautete: „Eine ungeheure Revolution hat Frankreich umgeſtaltet. Viel⸗ leicht in wenigen Tagen ſtehen franzöſiſche Heere an unſren Grenz⸗ marken, während Nußland die ſeinigen im Norden zuſammenzieht. Ein Gedante durchzuckt Europa. Das alte Syſtem wankt und zerfällt in Trümmer. Aller Orten haben die Völker mit kräftiger Hand die Rechte ſich ſelbſt genommen, welche ihre Machthaber ihnen vorenthielten. Deutſchland darf nicht länger geduldig zu⸗ ſehen, wie es mit Füßen getreten wird. Das deutſche Volk hat das Recht, zu verlangen: „Wohlſtand, Bildung und Freiheit ſür alle Claſſen der Ge⸗ ſellſchaft, ohne Unterſchied der Geburt und des Standes!“ „Die Zeit iſt vorüber, die Mittel zu dieſen Zwecken lange zu berathen. Was das Volk will, hat es durch ſeine geſetzlichen Vertreter, durch die Preſſe und durch Petitionen deutlich genug ausgeſprochen. Aus der großen Zahl von Maßregeln, durch deren Ergreifung allein das deutſche Volk gerettet werden kann, heben wir hervor: 1) Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Officiere. 2) Unbedingte Preßfreiheit. 3) Schwurgerichte nach dem Vorbilde Englands. 4) Sofortige Herſtellung eines deutſchen Parlaments. „Dieſe vier Forderungen ſind ſo dringend, daß mit deren Erfüllung nicht länger gezögert werden kann und darf.“ „Vertreter des Volks! Wir verlangen von euch, daß ihr dieſe Forderungen zu ungeſäumter Erfüllung bringet. Wir ſtehen für dieſelben mit Gut und Blut ein, und mit uns, davon ſind wir durchdrungen, das ganze deutſche Volk.“ Es war das der richtige energiſche Ausdruck für die damalige öffentliche Stimmung. Und in ſolchen Momenten darf man keine langen Redensarten und Leitartikel, müßige ſtaatsrechtliche De⸗ — 88— ductionen, ſondern nur packende Schlagworte wählen. Trotz des lauten Beifalls, den meine einleitende Rede von vornherein fand, regten ſich doch in der Verſammlung allerlei nachträgliche Be⸗ denken. Als dieſer und jener teutoniſche Patriot die übliche Fran⸗ zoſenfreſſerei loslegen wollte, erhob ich dagegen lebhaften Proteſt mit der Bemerkung, daß wir den Franzoſen mit ihrer Revolution von 1789 und ihren ſpäteren anſtoßgebenden Bewegungen allein die freiheitliche Fortentwicklung unſrer politiſchen Inſtitutionen zu verdanken und uns heute Abend ja zunächſt zu dem Zwecke ver⸗ ſammelt hätten, auch ihre jetzige Pariſer Februar⸗Revolution zu „feiern“, d. h. zugleich ins Deutſche zu überſetzen. Das ſetzte in einer kleinen Coterie patentirter germaniſcher Nationalpatrioten, die ſich als Contremine in der Nähe der Tribüne gruppirt hatten und geſpenſterſeheriſch ſchon von der drohenden Verſchluckung des linken Rheinufers durch die republikaniſchen Rothhoſen phantaſirten, einen wahren Sturm furioſeſter Entrüſtung. Ein höchſt gemäßigt liberaler Jugendfreund von mir, der jetzige Advokat B. in G., ſprang, mit dem heſſiſchen Strafgeſetzbuche in der Hand, als eine Art von improviſirtem freiwilligem Staatsanwalt unter unſre aller⸗ dings ſehr ſanscülottiſche Geſellſchaft und wies juriſtiſch nach, daß unſer Vorgehen laut Artikel ſo und ſo viel ein entſchieden ungeſetz⸗ lich revolutionäres und höchſt ſtrafbares ſei. Ich lachte ihn aus. Wie könne man jetzt von den und den Paragraphen eines früheren reactionären Strafcoder reden, wo die Welt aus den Fugen ginge und ganz neue politiſche Rechtsbegriffe zu ihrer unausbleiblichen Codifikation durch die geſetzgeberiſchen Factoren hindrängten? Wenn ihn der Ausdruck, daß der Zweck unſrer heutigen Verſammlung die „Feier“ der letzten franzöſiſchen Revolution ſei, genire, ſo wolle ich denſelben meinetwegen dahin modiſiciren, daß letztere wenigſtens die ganz unläugbare Veranlaſſung dazu geboten habe. Der Eris⸗ apfel war nun einmal von der Tribüne herabgefallen und nun trat als ſtets redefertiger Sprecher der hyperloyalen Minorität Profeſſor Moritz Carrière in den Vordergrund. Ein Mann der breiten, verwäſſernden ſelbſtgefälligen Phraſe,—„politiſcher Süß⸗ holzraspler“ nannte ich ihn damals— wie es nur einen gibt. Er hatte eine höchſt ſchwülſtig-langathmige, natürlich ſehr devot⸗ unterthänige Adreſſe aufgeſetzt, worin er an die von Preußen und Rußland gegen Napoleon anno 1813(]) erlaſſene, den Deutſchen innere und äußere Freiheit verheißende Proclamation von Kaliſch anknüpfte und u. A. die auch von uns geforderte Volks⸗ bewaffnung nur zum Schutze gegen den drohenden Einfall der Franzoſen verlangte. Ganz das alte Geſchwätz— waſch' mir den Rücken und mach' mich nicht naß! So ſehr ich auch gegen dieſes oratoriſche Lau de Cologne Einſprache erhob, das der ſchöngeiſtige — 89— Profeſſor uns hineinträufeln wollte, ſo mußte doch auf Andringen ſeiner Claque darüber abgeſtimmt werden, welche Petition, ob die von mir befürwortete(Struve'ſche) Mannheimer oder die von Ka⸗ liſch datirende Carrière'ſche, angenommen werden ſolle.„Mannheim!“ und„Carrière!“ ſo tönte ſtürmiſch das„Hie Welf! Hie Waib⸗ ling!“ durch den Buſch'ſchen Gartenſaal. Wir trennten uns in zwei Gruppen und„Mannheim“, das entſchiedne Manneswort, hatte über„Carrière“, die äſthetiſch⸗zahme Phraſe, einen glänzenden Sieg gewonnen. Die radikale Partei behauptete das Terrain, auch unter Zuſtimmung der entſchiednen Majorität der anweſenden Bürgerſchaft. Und ſo war die Stimmung jener für mich unver⸗ geßlichen Tage überhaupt. Wir paar republikaniſchen Studenten, die freilich nicht im Geringſten an„mädchenhafter Schüchternheit“ litten, ſondern jeder⸗ zeit und überall keck das Wort ergriffen und die Maſſe, das„ſou⸗ veräne Volk“, wie wir es damals nannten, in unſrer Weiſe zu elektriſiren wußten, waren die Herren der Situation. Alle Pedellen und Polizeidiener, denen wir ſonſt die verdächtigſten Perſönlichkeiten waren, ſalutirten uns reſpectvollſt und namentlich die liebenswür⸗ digen„Bürgerinnen“ widmeten uns die huldvollſten Grüße. Ge⸗ bildete Damen, wenn ſie dem Impulſe ihrer Herzen folgen, ſind durchweg republikaniſch. Wir ſchwammen, wie die Fiſche im Waſſer, und in den erſten Tagen legten wir uns regelmäßig mit der Hoff⸗ nung zu Bette, nächſten Morgens eine Depeſche in der Zeitung zu leſen, wonach ſämmtliche Potentaten Deutſchlands nach England durchgebrannt ſeien. In dieſem Falle hatten wir als anſtändige Kerle beſchloſſen, ihnen zur Erſparung von Weitläufigkeiten ihr ganzes Privatvermögen ohne juriſtiſche Unterſuchungen über deſſen Urſprung ungeſchmälert zu garantiren. Welche naive Illuſionen! Nun, wir waren eben Studenten. Unter der Redaction Auguſt Becker's, des weiland Demagogen der 30er Jahre, der gerade in Gießen ziemlich mittellos privat⸗ ſchriftſtellerte, gründeten wir eine radikaldemokratiſche Zeitung, woran außer ihm und mir haupſächlich die beiden Brüder Büchner mitarbeiteten. Der höchſt bizarre Titel, der zugleich auf die je⸗ weiligen geſtrigen und heutigen Nachrichten und auf das herein⸗ brechende politiſche Weltgericht hindeuten ſollte, lautete:„Der iüngſte Tagd.“() Es war das eine Marotte A. Beckers, und die mir ſtets grauenhafte, von ihm und dem ihm befreundeten Maler Gaſtauer gemeinſchaftlich componirte Vignette zeigte die Po⸗ ſaunen des wirklichen„jüngſten Tags“, verſchiedene Kanonenläufe und eine über dem deutſchen Reichsadler ausgeſtreckte kampfbereite Hand mit blankem Schwert. Das Blatt, in dem wir mit bur⸗ ſchikoſer, oft cyniſcher Rückſichtsloſigkeit gegen Alles, was„faul 12 — 90— war im Staate Dänemark“, vorgingen, war bald die gefürchtete Geißel der oberheſſiſchen Büreaukratie und das ſtets offne Organ für die Beſchwerden unſrer Bürger und Bauern. Wenn irgend ein Beamter ſich eine Geſetz⸗ oder Ordnungswidrigkeit zu Schulden kommen ließ, ſo hieß es gleich:„Der kommt in den jüngſten Tag!“ In der That waren faſt alle Nummern eine Art fortlaufender Steckbriefe für mißliebige Officielle und Officiöſe und unſer Redac⸗ tionsbüreau wimmelte beſtändig von mißvergnügten„Unterthanen“, die ihre Klagen entweder ſchon ſchriftlich abgefaßt in der Taſche mitbrachten oder uns erſt in die Feder dictirten. Neben dieſem Blatte gründeten wir auch einen überwiegend aus Studenten, daneben zugleich aus jüngeren Bürgern beſtehenden „republikaniſchen Verein“, deſſen thätigſte Mitglieder neben mir die Brüderpaare L. und A. Büchner, W. und K. Hillebrand,(Letzterer jetzt fanatiſcher ſchriftſtelleriſcher Bismärcker in Florenz und Redac⸗ teur der reichsenthuſiaſtiſchen„Italia“, eines Ablegers der Hans Blum'ſchen„Grenzboten“), Friedrich Bopp, der in der Kaſematte von Raſtatt geſtorbene Bruder des jetzigen Darmſtädter Bank⸗ Directors, und Heinrich Dernburg, zur Zeit Profeſſor der Juris⸗ prudenz in Berlin und loyales Mitglied des preußiſchen Herren⸗ hauſes, waren. Unſer Programm lautete wörtlich: „Die zukünftige politiſche Geſtaltung unſeres deutſchen Vater⸗ landes iſt jetzt Dasjenige, was jedem Deutſchen vor Allem am Herzen liegen muß. Nur durch eine gründliche Umgeſtaltung der alten eingewurzelten Zuſtände und durch einen neuen kräftigen, bloß aus dem alleinigen Willen des Volkes hervorgehenden Aufbau auf reinem Boden kann das wahre Heil des Vaterlandes erzielt werden. Dieſen reinen Boden, dieſe Pfeiler zu neuem kräftigen Aufbau können wir allein in der Verwirklichung folgender Forderungen finden: 1)„Völlige politiſche Gleichheit Aller durch Abſchaffung aller Standesunterſchiede und Vorrechte. 2)„Vom Volk erwählte verantwortliche Verwaltung mit Ver⸗ minderung der Beamten. 3)„Eine alle Waffenfähige umfaſſende Volkswehr mit freier Wahl der Offiziere und Aufhebung der theuren Soldaten⸗ heere. 4)„Allgemeine Einkommenſteuer mit Aufhebung aller nicht direkt zur Staatsverwaltung nöthigen Abgaben, Sporteln, Apanagen u. ſ. w. 5)„Sicherſtellung der perſönlichen Freiheit. 6)„Volles Verſammlungs⸗ und Vereinsrecht(Aſſociations⸗ recht). 7)„Volle Glaubens-, Lehr⸗ und Lernfreiheit(Trennung der — 91— Kirche vom Staat, der Schule von der Kirche; freie Wahl der Geiſtlichen durch die Gemeinde.) 8)„Volle Preßffreiheit. 9)„Oeffentliche und mündliche Schwurgerichte mit Aufhebung jedes Inquiſitionsverfahrens. 10)„Freie, unbevormundete Selbſtverwaltung der Gemeinde. 11)„Beſeitigung des Nothſtandes der arbeitenden Klaſſen durch Hebung der Gewerbe, des Handels und der Landwirth⸗ ſchaft. 12)„Ein einiges Deutſchland, nicht zerſplittert durch abweichende Geſetze des Privat-, Staats⸗, Straf⸗ und Proceßrechtes, nicht zerriſſen durch verſchiedene Poſt⸗, Handels⸗, Zoll⸗, Münz⸗, Maaß⸗ und Gewichtseinrichtungen. 13)„Geſetzgebung durch eine direkt gewählte Volkskammer. 14)„Selbſtregierung des Volkes durch ein auf beſtimmte Zeit frei gewähltes Oberhaupt.“ Eines der markanteſten, damals an faſt allen Straßenecken Gießen's und der namhafteſten Städte der Provinz über Nacht angeſchlagenen öffentlichen Actenſtücke, die wir aus der Druckerei des„jüngſten Tags“ vom Stapel laufen ließen, war folgender ge⸗ harniſchte Proteſt gegen eine officiell abwiegelnde, zur„Geduld“ mahnende, vor„Ueberſtürzung“ und Wühlerei warnende Procla⸗ mation des Miniſteriums Gagern, deſſen immer noch höchſt ein⸗ flußreicher Mitdirigent für die inneren Angelegenheiten der in die neue Aera mit herübergenommenene, früher ſchon geſchilderte Mi⸗ niſterialrath v. Bechtold war. Ich gebe das Document hier als beſonders charakteriſtiſch wortgetreu wieder: „Proteſt. Das Miniſterium hat eine Bekanntmachung er⸗ laſſen, diemitgerechtem Erſtaunen empfangen wurde. Wir betrachten es als unſere Pflicht, dieſen Erlaß von dem Standpunkte freier und auf ihre Freiheiten eiferſüchtiger Bürger zu beleuchten. Das Miniſterium ruft das Vertrauen des Heſſiſchen Volkes an.— Doch nicht durch Worte, nur durch Thaten kann das Miß⸗ trauen eines Volkes gehoben werden. Vier Monate ſind aber bereits! verfloſſen ſeit dem 6. März, und noch ſind die wichtigſten Forde⸗ rungen unerfüllt oder halb erfüllt geblieben. Die Aufhebung der Privilegien iſt noch nicht erfolgt. Noch beſtehen unſere privilegirten Kammern, privilegirte Gerichte, Adel u. ſ. w. Noch ſind die ver⸗ haßten Kreisräthe nicht entfernt, iſt die Beamtenzahl nicht ver⸗ mindert. Die Feudallaſten werden abgelöſt, nicht aufgehoben. Die Freiheit der Meinung wird verkümmert durch warnende Erlaſſe, die Freiheit der Culten wird beſchränkt durch Beſchlüſſe der Stände. Die Volksbewaffnung ohne Waffen iſt ein Spott der Reaktion. Das ſtehende Heer iſt entgegen heiligen Verſprechungen nicht ver⸗ mindert, ſondern vermehrt worden. Die Staatsausgaben ſind nicht verringert, ſondern erhöht worden, erhöht, um unſere Brüder in Baden zu knechten, um die Gewalt an die Stelle des Volkswillens zu ſetzen. Der Geiſt, der das Edikt vom 6. März durchwehte, erfüllte das Volk mit Jubel; es hoffte auf eine volksthümliche, freiſinnige Regierung, es vertraute auf Gagern,— auf den ehemaligen Col⸗ legen du Thil's vertraut das Volk nicht. Laut und oft hat das Volk eine konſtituirende Volkskammer verlangt. Es will ſich ſelbſt regieren und hat das Recht von Gott und der Revolution, daß es ſich ſelbſt regiere. Das Miniſterium aber will die Verfaſſung verändern laſſen auf dem Wege der Ord⸗ nung und des Geſetzes, d. h. durch unſere beiden Kammern ſelbſt. Es weiß zu gut, daß dieſe nie ihre Vorrechte ſelbſt zertrümmern werden. Wir proteſtiren gegen dieſe falſche Geſetzlichkeit, die den Boden alles Geſetzes, den Willen des Volks, mit Füßen tritt. Wir beklagen es tief, daß ein Miniſterium, welches„Ver⸗ trauen“ bedarf und nicht aufhört, darum zu bitten, ſo wenig Ver⸗ trauen zu ſich ſelbſt hat, daß es glaubt, es müſſe eine Partei ver⸗ dächtigen, die der„begonnenen Entwickelung nicht mit demſelben Vertrauen entgegenſieht.“ Iſt gleich dieſe Partei nicht offen be⸗ zeichnet, die Sprache und der Geiſt des Erlaſſes ſagen es uns, daß die Beſchuldigungen deſſelben nur gegen die Partei der Repu⸗ blikaner gerichtet ſein können. Wir proteſtiren gegen die Verdächtigung unſerer Partei. Sind einzelne Unordnungen vorgekommen, ſo tragen die Einzelnen die Verantwortung. Das Miniſterium erklärt, dieſe Partei bekämpfen zu wollen, es wirft einem Theil des heſſiſchen Volkes den Fehdehandſchuh hin, es ſteigt hinab auf den Kampfplatz der ſtreitenden Meinungen, es iſt nicht mehr Regierung, es iſt Partei. Wir proteſtiren gegen die Verwechslung öffentlicher und Privatanſichten. Das Miniſterium verwarnt ernſtlich Diejenigen, die den ſo⸗ genannten„Feinden der Ordnung ihr Ohr geliehen haben.“— Es vergißt, daß der Bürger eines freien Staats nur ſich ſelbſt und ſeinem Gott Rechenſchaft von ſeinen Meinungen zu geben hat. Wir proteſtiren gegen dieſe Beſchränkung der freien Meinungs⸗ äußerung durch amtliche Ermahnungen. Vor Allem aber verwahren wir uns gegen die Drohung der Unterdrückung unſrer Partei mit ſogenannten„geſetzlichen Mitteln.“ Wir proteſtiren gegen dieſe Geſetze aus der Zeit der Knechtſchaft im Namen des ewigen Rechts und der Menſchenwürde. Es ſind dieſelben Geſetze, mit denen man jene in unſrer Ge⸗ ſchichte ewig gebrandmarkten politiſchen Prozeſſe geführt hat, es ſind dieſelben„geſetzlichen Mittel“, welche erlauben, daß man die Angeſchuldigten auf den bloßen Verdacht hin Jahre lang in Unter⸗ ſuchungshaft hält, dieſelben, unter denen Weidig geblutet hat. Wo ſind jene Geſchwornengerichte, das wichtigſte und hauptſäch⸗ lichſte Inſtitut gegen den Mißbrauch der geſetzlichen Gewalt? Was ſind das für„andere Behörden“ neben den Gerichten, die jene„Geſetze zur Geltung bringen“ ſollen? Es iſt jenes Po⸗ lizeiinſtitiut, das neben und über dem Geſetz die„Aufrechthaltung der geſetzlichen Orduung“ handhabte, das bis jetzt noch durch kein Geſetz beſchränkt oder aufgehoben iſt. Wir fordern unſere Mitbürger auf, die es ernſtlich meinen mit den Freiheiten, die in Aller Mund, aber noch nicht in der Wirk⸗ lichkeit, die verſprochen, aber noch nicht durch Geſetze geſichert ſind, zu proteſtiren gegen ſolche Miniſtererlaſſe, und bemerken ſchließlich, daß wir jene Bekanntmachung für einen Verſuch halten, um die öffentliche Meinung zu prüfen, einen Verſuch, der, wenn er gleich⸗ gültig aufgenommen werden ſollte, andere weitergehende nach ſich ziehen würde. Gießen, den 11. Juli 1848. Der republikaniſche Verein.“ Und wer war der Verfaſſer dieſes fulminanten, nach Form und Inhalt unübertrefflichen, ganz von republikaniſchem Geiſte durchwehten„Proieſtes“, der damals eine unbeſchreibliche Sen⸗ ſation machte und in allen Organen der Nachbarpreſſe abgedruckt wurde? Niemand anders, als Heinrich Dernburg, der ſpäter auf der Angeklagtenbank vor den Gießener Aſſiſen in Geſellſchaft von A. Becker, F. Bopp, Leiſtuer u. A. ſeine Betheiligung an dem dortigen Freiſchärler⸗Zuzug. zu dem Frankfurter Barrikadenkampf vom September 1848 als einen unbeſonnenen Jugendſtreich öffentlich bedauerte und jetzt als Mitglied des Herrenhauſes eine der parla⸗ mentariſchen Stützen der Dynaſtie Hohenzollern und der Bismarck'ſchen Blut⸗ und Eiſen⸗Politik iſt! So kann aus dem Saulus ein Paulus werden.„Tempora mutantur et nos mutamur in illis!“— Die durch die Pariſer Februar⸗Ereigniſſe und ihre Nach⸗ wirkungen für Deutſchland hervorgerufene Bewegung auf dem Lande, namentlich in den ſtandesherrlichen Bezirken, wo die alten Feudallaſten noch zu Recht beſtanden, wuchs mit der Zeit außerordentlich. Und welche tiefgehende Popularität ich in Folge meiner ſcharfen journaliſchen Angriffe gegen das allgemein — 94— verhaßte kreisräthliche Inſtitut und das Miniſterium ſelbſt unter meinen Landsleuten, insbeſondere den Bauern, erworben, ſollte ich bei dieſer Gelegenheit zu meiner hohen Ueberraſchung erſt erfahren. Nachdem unſer, von Heinrich Gagern als Miniſterpräſident ge⸗ zeichnetes landesherrliches Edikt vom 6. März mit den Verheißungen von Preßfreiheit, Schwurgerichten, Volksbewaffnung, deutſchem Parlament u. ſ. w., erſchienen war, das damals als höchſt liberale fürſtlich miniſterielle Prophezeihung eines goldenen Zeitalters in Golddruck eingerahmt in faſt allen Rathhausſälen aufgehängt wurde, regte es ſich allüberall bis in das kleinſte Dörfchen in den Schluchten des Vogelsbergs hinein. Förmliche Deputationen aus einer Menge ländlicher Gemeinden der Provinz, mit den ſ. g. Büchſenranzen und Papieren beladen, erſchienen in Gießen und fragten nach dem „Studenten F., der die Kreisräthe in den Zeitungen ſo ſchlecht ge⸗ macht habe.“ Die Treppe zu meinen beiden Manſardeſtübchen bei Wirth König war faſt 14 Tage lang vom frühen Morgen bis zum ſpäten Nachmittag von oberheſſiſchen Bauern in blauen Kitteln förmlich belagert. Ich konnte natürlich nur die eine Deputation nach der andern empfangen und ertheilte, da es gar nicht anders ging, ganz ordnungsmäßige Audienzen. Ein landsmannſchaftlicher „Fuchs“ machte den Portier und meldete an. Als der Arbeits⸗ andrang zu ſtark wurde, nahm ich mir meinen alten, ebenfalls radikalpatriotiſchen Freund Adolf W., einen Neffen des damaligen badiſchen Parlamentariers, als Secretär und Adlatus an und ver⸗ wies ihn an einen improviſirten Schreibtiſch in meiner anſtoßenden Schlafſtube. Nach meiner Anhör der Bauern erhielt er von mir Inſtructionen und fertigte dann demgemäß unter nochmaliger de⸗ taillirter Befragung derſelben die ſtets mit meinem Viſum zu ver⸗ ſehenden Concepte der entſprechenden Petitionen an den Miniſter Gagern oder den betreffenden Abgeordneten der zweiten Kammer aus. Ich ſelbſt erledigte mittlerweiſe die harrenden Andern. Da ich in meiner ſtudentiſchen Naivetät die ſchönen Verheißungen des heſſiſchen Märzpatents als demnächſt ſicher auszuprägende baare Münze nahm, ſo bot ich natürlich Alles auf, die aufgeregten Landleute, welche zu einer neuen Auflage des weiland Bauernkriegs durchweg ſehr disponirt waren, abzuwiegeln und auf den ſtreng geſetzlichen Weg der Petitionen zu verweiſen, obgleich ſie meiſt Selbſthülfe und Lynchjuſtiz in petto hatten. Ich verwies ſie auf den neuen Miniſter Gagern, der ein ehrlich liberaler braver Mann ſei und ihren Beſchwerden gewiß jede irgend durchführbare Abhülfe ge⸗ währen werde, während ſie durch Exceſſe nur ſich ſelbſt ſchaden würden, wie ihnen ja die Geſchichte der„Rebellen“ aus dem letzten „Kartoffelkriege“ zur Genüge beweiſe. Hätte ich nur im Geringſten Luſt zur Anfachung eines revolutionären Scandals gehabt, ſo wäre — 95— mir das damals ein Kinderſpiel geweſen. Ich brauchte gar nicht anzuregen, ſondern nur achſelzuckend und ſtillſchweigend nicht ab⸗ zurathen, ſo war bei der tiefen Verbitterung der Bauern der Teufel los. Manche fragten mich ganz treuherzig, ob ſie nicht jetzt, wo doch allgemeine Freiheit ſei, dieſem oder jenem verhaßten Beamten ungeſtraft und unbeſehen„Eins auf den Pelz brennen könnten?“ Mein conſequentes Beſtreben nun richtete ſich darauf, Alles in die geſetzlichen Bahnen zu lenken und in die Reſidenz, entweder an die zweite Kammer oder den Miniſterpräſidenten ſelbſt, zu ver⸗ weiſen. Ich ging in meiner gefliſſentlichen„Abwiegelei“, auf die ich heute noch ſtolz bin, ſo weit, daß mich einer der Bauern⸗De⸗ putirten zu meiner großen Erheiterung einmal mißtrauiſch fragte, ob ich denn am Ende auch mit den regierenden Herren in Darm⸗ ſtadt unter einer Decke ſtecke? Aber ich war nun einmal der Mann des öffentlichen Vertrauens und mein ehrlich gemeintes Wort ſchlug regelmäßig durch, ſodaß ich mich rühmen darf, in jenen aufgeregten Zeiten namenloſes Unheil durch meine energiſche Zwiſchenſprache vethütet zu haben. Das Volk hat ſtets einen geſunden Inſtinct und folgte meiner Parole faſt immer blindlings. Nicht mit Un— recht nannte man mich damals in Gießen den„Regenten von Oberheſſen“, und ich habe, bei Gott dieſe meine Regentſchaft nie⸗ mals im Geringſten mißbraucht.(Die vielen Würſte, Schinken, Handkäſe und fonſtige freiwillige Naturalabgaben, welche die Bauern vor Abgang aus ihren Büchſenranzen heraus zum Dank auf den „Altar des Vaterlandes“— ſo nannte ich ein vacantes Seiten⸗ tiſchchen— niederlegten, habe ich natürlich als wohlverdienten und wohlgemeinten„Arbeitslohn“ hinterdrein mit meinem Adju⸗ tanten Adolf W. und dem hin und wieder inſpicirenden Auguſt Becker zu diverſen Schoppen Bier aus der unten beſindlichen König'ſchen Wirthſchaft con amore verſpeiſt.) Die Petitions⸗, reſp. Beſchwerde⸗Entwürfe und Briefe meiner wackren, an manchen Orten damals wahrlich noch ſehr bedrückten Oberheſſen waren mitunter ſehr naiv, obſchon in den meiſten Punk⸗ ten nur zu ſehr berechtigt. So erinnere ich mich u. A. ganz genau, daß eine Gemeinde die Forderung ſtellte, der„Schulmeiſter“ und der„Gemeinde⸗Watz“(Eber) ſollten wieder„auf der Reihe herum gefüttert“ werden. Aus den mir vorliegenden desfallſigen Acten⸗ ſtücken citire ich hier nur folgende Stellen. Ein wohlhabender Bauer aus dem Solms⸗Laubach'ſchen Dorfe Ruppertsburg ſchrieb mir u. A. vom 10. März:„Das lange Wirken und thätige Auf⸗ treten Ihrer liebevollen Perſon bringt innerliche und äußerliche Neigung zu Ihnen, denn Jeder, welchem Ihr werther Name be⸗ kannt geworden, ſagt und muß mit Beſtimmtheit ſagen, daß es bloß durch Ihr thätiges Wirken und freies Auftreten eine Umgeſtaltung — 86— unſrer Verhältniſſe gegeben hat. Wir flehen Sie darum auch an, uns verlaſſenen Brüdern mit Ihrem Eifer ferner fort beizuſtehen und uns in Schutz zu nehmen mit Ihren uns noch fehlenden Kenntniſſen, welche uns als bloßen Bauern und unerfahrenen Unterthanen immerdar ein Leitfaden ſein ſollen! Wir bitten Sie daher, ſich bei unſrer Ober⸗Monarchie(der Schreiber war ſtandes⸗ herrlicher Unterthan, d. V.) dafür zu verwenden, daß für die großen und harten Strafen, die bisher bei uns ausgeübt worden ſind, eine Minderung geſchafft wird. Unſer Antrag wäre, daß jedes Jahr neue Feld⸗ und Ortspolizei ernannt werden kann, und dann möchten wir Sie in unſerm Namen auffordern, daß wir be⸗ ſonders aus den Solmſiſchen Herrſchaften austreten müſſen. Nur einem gerechten und treuen Landesvater wollen wir Schutz und Gerechtigkeit willfahren laſſen(! Ipsissima verba) und alles Uebrige (die ſtandesherrlichen Laſten) geht uns weiter Nichts an. Mit innerlicher Gewißheit und aufgepflanztem Gewehr(0) treten wir Ihnen zu Dienſten und wird all unſer Blut für Sie igese werden. Bedürfen Sie Unſereiner mit Perſon oder ſonſt im Ge⸗ ringſten, ſo wird Ihnen jederzeit Alles zu Dienſten ſtehen.—— Wir tragen Ihnen noch nach, daß wir eine Hülfe haben möchten, wodurch wir dem Solmſiſchen Joche entbunden, ſolches uns endlich abgenommen und wir nur einen Landesvater haben möchten. Wenn uns dieſer unſer Landesvater behandelt, wie recht, ſo werden wir auch als gerechte Unterthanen erſcheinen. Iſt dieſes der Fall nicht, ſo werden wir abtrünnig, wie eben Frankreich, und laſſen Sie uns wiſſen, auf welche ſchnellſte Weiſe wir den Namen Solmſer verlieren können! Unſre allſeitige Hülfe wird Ihnen mit Geiſt und Wahrheit zur Seite ſtehen.“ Das iſt ein für ſich ſelbſt redender Schmerzensſchrei aus unſern oberheſſiſchen ſtandesherrlichen Be⸗ zirken. Und ich habe deren noch einen ganzen Stoß in meiſt ſehr ungelenken Handſchriften vor mir liegen. Faſt alle beginnen mit der lakoniſchen Anrede:„An den Herrn Studenten F. in Gießen“ und gehen ſofort als Reſultat zuvor ſtattgefundener Gemeinde⸗ verſammlungen sub 1, 2, 3 ꝛc. ad rem. Eine der intereſſanteren iſt die der Gemeinde Crumbach, aus der ich die Haupſtellen an⸗ führe: „An den Herrn Oberappellationsgerichts⸗Rath Krug, Ab⸗ geordneten der zweiten Kammer in Darmſtadt. Hochzuverehrender Herr! Da wir erfahren, daß in dieſen Tagen wegen der Revo⸗ lution in Paris, wo die Leute ihren ſchlechten König und ſeine ſpitzbübiſchen Miniſter zum Land hinausgejagt und eine freie Re⸗ publik errichtet haben, auch unter den deutſchen Unterthanen, die ihr bisheriges Joch los ſein möchten, eine allgemeine Unruhe ent⸗ ſtanden iſt und deßhalb auch aus vielen Städten und Ortſchaften — 97— der Provinz Oberheſſen Bittſchriften an die Herren Abgeordneten nach Darmſtadt abgeſchickt werden, ſo wol llen auch wir unterzeich— neten Ortsbürger der Gemeinde Crumbach I Ihnen und dem erwählten Abgeordneten unſres Bezirks hiermit unſre Wünſche und Beſchwerden vortragen. Wir hoffen mit aller Zuverſicht, daß Sir uns arme Bauern nicht im Stiche laſſen, ſondern pflicht gemäß Alles, was in Ihren Kräften ſteht, entweder in der Kammer oder 39 dem Herrn Miniſter Gagern ſelbſt aufbieten werden, damit den vielen Uebel⸗ ſtänden in unſrer Gemeinde endlich einmal ordentlich abgeholfen wird. „Wir wün ſchent 1)„Daß die Verwaltung der Gemeinde durch die Ortsvor⸗ ſtände und der Vürgermeiſter von der bisherigen, die Naſe in jeden Topf ſteckenden drückenden Obervormundſchaft der Kreisräthe be⸗ freit und das Amt des Gemeinderechners, Ortsdieners und Feld⸗ ſchützen durch frei aus der Gemeinde gewählte Leute vermaltet werde. 2)„Daß die Feldſtrafen wieder, wie früher, in die Gemeinde⸗ kaſſe fließen.. 3)„Daß das Forſtſchützen⸗Amt wieder, wie früher, einem aus der Gemeinde erwählten Manne je auf etliche Jahre über⸗ tragen werde, der bloß unſre Gemarkung zu beſchützen hat. 4)„Daß die Gebäude in der Gemeinde, wie frül her, ohne Riß und Plan des Bauauſſehers und Ge nehmigung des Kreisraths errichtet werden dürfen und daß die Beſorgung des Wegebaues der Gemeinde ſelbſt überlaſſen werde, ohne Bauauſſeher und Kreisraths Befehl, indem durch dieſe Wirthſchaft der Gemeinde ſchon manche Kapital⸗ Schuld verurſacht worden iſt. 5)„Daß die Dächer der alten Gebäude mit Stroß gedeckt und dieſelben ſo gemacht werden dürfen, wie es der Bauersmann kann. Denn der Kreisrath in Gießen hat veßhalt ſchon manchen Mann geſtraft, daß es eine Schande war, ohne die Sache vorher genau zu unterſuchen und ohne daß die rechtmäßigen Klagen nach⸗ her angehürt wurden. 6)„Daß das Streulaub des Waldes, wie früher, unter die Gemeinde vertheilt werde.“(Damals de ziemlich die einſtimmige Forderung aller heſſiſchen Gemeinden, d. L.) 7)„Daß das Faſſelvieh der Hemeinde wieder, wie vormals, von den vermögenden Dutsbüegern auf der Reihe herum gefüttert werde, ohne einen Profeſſor darüber zu ſetzen, der große Diäten nimmt, und ohne Kreisraths Befe hll. 8)„Daß die Verbeſſerung unſerer Wieſen ohne Kreis raths Befehl der Gemeinde ſelbſt überlaſſen werde. 9)„Daß wir für den Schaben, den uns ſeit vielen Jahren die Jagdbeſtänder durch das Hegen des Wildes zugefügt haben, 13 eine genügende Entſchädigung erhalten oder uns das Recht gegeben werde, unſre Früchte mit Waffen und Gewehr gegen das eindringende Wild zu beſchützen und daſſelbe wegzuſchaffen. 10)„Daß der Gemeinde bei Beſetzung der Pfarrer⸗ und Schullehrer⸗Stelle eine ordentliche Stimme eingeräumt werde. 11)„Daß die Verwaltung des Kirchenkaſtens, wie früher geſchehen iſt, durch einen richtigen Ortsbürger aus der Gemeinde ſelbſt nach Leiſtung einer angemeſſenen Caution beſorgt werde und nicht mehr durch kreisräthlich eingeſchobene Rechner außerhalb der Gemeinde, von denen unſer erſter Conkurs gemacht und dadurch manchen Leuten großen Verluſt gebracht hat. 12)„Daß das Loosholz, wie vormals, von den Angehörigen der Gemeinde ſelbſt gemacht und geſetzt werde. 13)„Daß die Perſonal⸗ und Gewerbe⸗Steuer nach Maßgabe unſrer Verhältniſſe ermäßigt und die Stempeltaxe erniedrigt werde. 14)„Daß die Hausſuchungen über Holz⸗ und Laub⸗Frevel jenſeits der preußiſchen Grenze bei uns auf heſſiſchem Gebiet gänz— lich unterſagt werden oder doch nicht mehr in der bisherigen Art ſtattfinden ſollen.. „In der Hoffnung, Herr Abgeordneter, daß Sie dieſe unſre gerechten Wünſche an dem geeigneten Orte auf das Nachdrücklichſte unterſtützen werden, zeichnen hochachtungsvollſt. Crumbach, den 10. März 1848. (Folgen die Unterſchriften.) Man ſieht aus dieſer Probe, daß unſre oberheſſiſchen Bauern aus blinder Wuth über die ſich nachgerade in Alles miſchende, die natürliche Selbſtverwaltung der Gemeinde faſt vollſtändig lahm legende Vietregiererei der ſtets vom grünen Tiſche aus reſcribirenden verhaßten Kreisräthe das Kind mit dem Bade ausſchütteten. Die natürlich unter Anhörung aller berechtigten Intereſſen zu hand⸗ habende Oberaufſicht der Verwaltungsbehörde über das Gemeinde⸗ Bauweſen, den Vicinal⸗Wegbau und die Wieſen⸗Cultur iſt geradezu unentbehrlich und in der Hauptſache wohlthätig, da ſonſt gar häufig die dem althergebrachten Schlendrian huldigenden ſtarrköpfigen Bauern alle noch ſo dringenden Verbeſſerungen und Neuherſtellungen auf die lange Bank ſchieben würden. Aber die rückſichtslos büreau⸗ kratiſche Art und Weiſe, womit die Herren Kreisräthe, ohne ſich zuvor mit den Leuten mündlich zu verſtändigen und ihnen die zwingenden Vernunftgründe der zu treffenden neuen Maßregel klar zu machen, ohne Weiteres die letzteren aus dem Dintenfaſſe heraus dictirten, hatte unſer Landvolk erbittert. Was nur nach „Kreisrath“ roch, war ihm deßhalb gründlich verhaßt. Ja, wenn wir Kreisräthe gehabt hätten, wie der alte knorrige Vincke, ein ächter Sohn der rothen Erde, der im Kittel, mit der kurzen Pfeife im Munde, von Ort zu Ort ſeines Regierungsbezirks ging und unerkannt Alles beſichtigte, die Bauern auf dem Acker, in dem Stalle, der Scheune und der Küche zutraulich befragte, da wäre es „ganz was Anders!“ Aber die Mühe, ſolche adminiſtrative Harun al Raſchid⸗Fahrten in ihren Kreiſen zu machen, nehmen ſich die wenigſten Herren unſrer Verwaltung. Das iſt viel zu unbequem und man dictirt lieber brevi manu irgend Einem ſeiner Scribenten irgend einen Ukas in die Feder, nach deſſen Empfang die„Re⸗ gierten“ bei Strafe nach dem bekannten Gedichte ſagen müſſen: „Ja, Herr Amtmann, ja!“ Es gibt keine ſchönere, dankbarere Stellung, als die eines Verwaltungsbeamten, der durch tactvolle Anregung, vernünftige Belehrung und energiſche dienſtliche Nach⸗ hülfe das Wohl der ſeiner Aufſicht unterſtellten Gemeinden, ohne im Geringſten die natürliche Eiferſucht ihres selfgovernments- Rechts zu verletzen, ſo unvermerkt fördern kann, daß die Leute zu⸗ letzt glauben, ſie hätten alles Das aus eigner Initiative ſelbſt gemacht. So pflegte ich oft genug zu meinem leider! allzufrüh als Kreis⸗ aſſeſſor in G. verſtorbenen Freunde„Clam“(F. Calmberg) zu ſagen. Und er, der dafür den erforderlichen geſunden Verſtand und Tact beſaß, gab mir vollkommen Recht. Intereſſant war das endloſe Leporello⸗Regiſter der zur Zeit noch nicht abgelöſten diverſen Feudallaſten, welche die ſtandesherr⸗ lichen Landgemeinden damals noch zu entrichten hatten. Da gab es„Rauchhühner(ſo viel ich mich erinnere, 12 Kreuzer für jeden Schornſtein), Stoppelgelder, Grundzinſen(für manches Stück Land fl. 20), Markwaizen(für je ein gewiſſes Flächenmaß Gemeinde⸗ wald— eine Mark— mußte jährlich ein gewiſſes Quantum Waizen an den Standesherrn abgeliefert werden), Herrenzehnten für eine von der Gemeinde auf eigne Koſten urbar gemachte Wüſtenei, Abgaben für Ueberlaſſung der„Wirthſchaftsgerechtigkeit“ *n. ſ. w., u. ſ. w. Das jus primae noctis gehörte glücklicher Weiſe ſeit einigen Jahrzehnten zu den geſchichtlichen Antiquitäten. n 3 und Weiſe, wie dieſe allmählig ſehr läſtig werdenden ſtandesherr⸗ T 2— — „ p,. 2— 4 u id, u d arn F 2 e,-r 4.„ 9 4 1 d — 100— lichen Privilegien entſtanden, die zum großen Theile zunächſt auf freiwilligen, dann zur tributmäßigen Pflicht gemachten Abgaben der gutmüthigen Unterthanen beruhten, wirft eine übrigens nicht etwa erfundene Anecdote aus Darmſtadt vom Jahre 1848 ein höchſt ergötzliches Licht. In dem oberheſſiſchen Städtchen L., dem Ver⸗ waltungsſitze der freiherrlichen Familie von Riedeſel, welche nament⸗ lich wegen der communalen Waldholzberechtigung mit vielen ihrer Gemeinden in den odiböſeſten Prozeſſen lag, war es in den erſten Märztagen zu einem förmlichen Volksaufſtande Seitens der auf⸗ rühreriſchen Bauerſchaft gekommen, der trotz der Beſchwichtigungs⸗ verſuche meiner liberalen dortigen Freunde zu beklagenswerthen Exrceſſen, der Verbrennung der ſtandesherrlichen Archivacten und Demolirung eines der freiherrlichen Schlöſſer, führte. Die gnädigen Herren machten ſo gut, wie ihre höher ſtehenden, nicht mediatiſirten Standesgenoſſen, bonne mine au mauvais jeu, und nach langen Hin⸗ und Herverhandlungen kam endlich eine leidliche Einigung zwiſchen ihnen und den rebelliſchen Gemeinden zu Stande, wobei ſie auf die unerträglichſten, drückendſten ihrer Privilegien mit un⸗ freiwilliger Großmuth Verzicht leiſteten. Eine Deputation der Bür⸗ gerſchaft L.s erſchien zum Zwecke der desfallſigen Schlußverhand⸗ lung bei dem in der Reſidenz wohnenden Haupte der freiherrlichen Familie, Baron L. Nachdem der Vertrag— nach Lage der Sache — zu beiderſeitiger möglichſter Zufriedenheit ratificirt war, zog in ſeiner Herzensfreude ein dem Gemeinderath von L. angehöriger biederer Metzgermeiſter eine coloſſale Cervelatwurſt aus ſeiner Taſche und überreichte ſie dem edlen Baron als freiwillige Huldigung, jedoch mit der charakteriſtiſchen Verwahrung:„Aber, gnädiger Herr, daß es kein Recht gibt!“(d. h., daß aus dieſer einmaligen freiwilligen Gabe ſpäter keine dauernde Feudallaſt für mich oder meine Stadt hergeleitet wird.) So wird ſicher ein großer Theil der ſpäter ſo läſtigen, oft erecutoriſch eingetriebenen Abgaben an die Standesherren entſtanden ſein. Und die betreffenden Bauern hatten es ſchlimm genug. Sie ſtanden unter zwei Herrſchaften, welchen beiden ſie ihre Abgaben zahlen mußten, und waren alſo, wie wir damals zu ſagen pflegten,„doppeltgemopſt“ oder, mit Börne zu reden,„Mißgeburten mit zwei Rücken, beſtimmt, auf beiden Seiten Prügel zu bekommen.“ Da ſoll man ſich noch wundern, wenn ſie mir, ihrem öffentlichen Fürſprecher,„mit auf⸗ gepflanztem Gewehr“, wie jener Ruppertsburger Bauer ſagte, „zur Seite treten wollten, um von dem Solmſiſchen ꝛc. Joche loszu⸗ kommen!“—.. Beſonders intereſſant iſt in dieſer Beziehung eine mir damals zur Erledigung überreichte Beſchwerdevorſtellung der Gemeinde B. im Kreiſe Hungen. Darin heißt es u. A.:„Unſer Ort iſt mit — 101— einer Schuldenlaſt von über 20,600 Gulden beſtrickt und hat wenig oder gar kein Vermögen. In Folge davon müſſen jährlich 1700 bis 1800 Gulden Communalſteuern auf das wenige Grundeigen⸗ thum der armen Bauern ausgeſchlagen werden, was für das All⸗ gemeine, da der größte Theil der Ortsbürger aus Tagelöhnern beſteht, unbeſchreiblich drückend iſt. Selbſt gibt es Jahre, und die⸗ ſelben haben wir ſeither öfter gehabt, daß wir Kopfgeld à 3 Gulden geben müſſen, um die bedeutenden Ausgaben der erſten Claſſe be⸗ ſtreiten zu können, indem bei der früheren Claſſificirung der alte Ortsvorſtand mehrentheils, ohne zu wiſſen, welchen Nachtheil dies bringen würde, alle Schulden in die erſte Claſſe hat ſtellen laſſen, wo⸗ durch der Fürſt von Solms⸗Braunfels, der in hieſiger Gemarkung mit ohngefähr 800 Morgen, und der Herr von Bellersheim, der mit über 100 Morgen begütert iſt, Nichts oder ſehr wenig zu den Communallaſten beizutragen haben.— Dann ſind wir auch ge⸗ ſonnen, uns an die Stände zu wenden wegen der bedeutenden Kriegskoſten⸗Entſchädigung, welche ſeiner Zeit den gnädigen Herren von dem Kaiſer Napoleon durch Aufhebung des Kloſters Arnsburg und deſſen Ueberweiſung als ihr Beſitzthum für die Gemeinden gegeben worden iſt. Das haben die Fürſten und Grafen für ſich übernommen und unſre Gemeinden haben doch allein die Kriegs⸗ Laſten, welche durch Brandſchatzung, Fahrten, Verpflegung, Armee⸗ lieferungen u. ſ. w. entſtanden, tragen müſſen. Die daraus er⸗ wachſenen Schulden haben die Herren den Bauern bis zum Todtſchwitzen für Kindeskinder überlaſſen, die Entſchädigung aber für ſich behalten. Wir Alle in den ſtandesherrlichen armen Län⸗ dern verlangen daher, daß die Fürſten für die von ihnen als Ent⸗ ſchädigung in Beſitz genommenen Arnsburger Güter, Waldungen u. ſ. w. auch unſre Gemeindeſchulden bezabhlen oder die ſeither davon bezogenen Revenüen herausgeben.(Welche ländlich⸗ ſittliche Logik! d. V.) Oder es ſollen die Waldungen und Güter von dem Staat in Anſpruch genommen und als Staatsdomänen für das ganze Land zum allgemeinen Nutzen verwendet werden. Nicht genug, daß der Fürſt von den Pächtern, welche dieſe Güter in ihren Familien ſeit 2— 300 Jahren gebabt, alle 9 Jahre mehr Pacht verlangt, was ſie auch gerne noch geben, um ſich ſo zu nähren. Jetzt hat derſelbe ſeit 4—5 Jahren ein königliches Schloß dem Pachter gebaut, die beſten Grundſtücke den kleinen Bauern⸗ Pachtern, welche 16 Hufen hatten, abgenommen und ſeinem Herrn Pachter gegeben, der vom Morgen bei freier Wohnung ꝛc. nur 5 Gulden zu zahlen hat, während für kleine und geringe Grund⸗ ſtücke 5 fl. 30 kr. per Morgen gegeben werden müſſen. Nun fragt ſich's: müſſen wir uns alles Das ſo länger gefallen laſſen? Welchen Druck haben wir, ſeit wir unſerm Großherzogthum einverleibt ſind, — 102— von dieſen gnädigen Herren ertragen, namentlich durch die unge⸗ heuren Dienſtgelder und Beed, welche Rückſtände bei der Ueber⸗ einkunft mit dem Staat dem Fürſten alle haben nachbezahlt werden müſſen! Dadurch ſind unſre Bauern beinahe alle in Schuld und Ungeduld gekommen. In der Türkei iſt der Bauer beſſer daran unter ſeinem Paſcha, als hier unter den Fürſten und Grafen in der Wetterau. Sollen nun unſre Bauern ſich ſelber helfen oder will die neue liberale Regierung ins Mittel treten? Geben Sie uns Ihren Rath, Herr Studioſus F., was wir thun ſollen? Wir werden ihn befolgen. Denn wir wiſſen, daß Sie es mit dem armen Manne ehrlich meinen, und gehen darum lieber zu Ihnen, als zu einem Advokaten.“ ꝛc. ꝛc. Ich habe unter meinen Actenſtücken aus damaliger Zeit noch eine ganze Reihe ſolcher ländlichen Beſchwerdevorſtellungen, zum Theil rührend naiven Inhalts. Aber die bisherige Blumenleſe mag genügen. Im Ganzen wußten unſre Bauern recht gut, wo ſie der Schuh drückte, und nahmen auch gar kein Blatt vor den Mund. Die ſtandesherrlichen Feudallaſten wurden zwar abgelöſt, das verhaßte Inſtitut der Kreisräthe etwas modificirt, d. h. nament⸗ lich durch die beigegebne Controlbehörde der ſ. g. Bezirksräthe, die aber nicht mit ausreichenden Vollmachten ausgeſtattet war, ergänzt. Aber in der Hauptſache blieb ſo ziemlich Alles beim Alten.„Es iſt die alte Geſchichte, doch bleibt ſie ewig neu.“ Bis wir in Deutſchland zu einem wahren„Volksſtaate mit dem ächten self- government und dem erprobten„Referendum“ nach Schweizer Muſter kommen, können wir noch lange warten. Vorerſt haben wir zu viel mit Kriegsrüſtungen zu thun, um uns mit der inneren Frei⸗ heit gründlich zu befaſſen. Und die famoſe Kreis⸗ und Provinzial⸗ Ordnung unſres preußiſchen Hegemonieſtaats geben wahrlich trotz aller gegentheiligen Lasker'ſchen Verſicherungen der eigentlichen Selbſtverwaltung des Volkes wenig genug Raum.„Gott beſſer's!“ Neben der Anhör und Erledigung unſrer oberheſſiſchen Bauern⸗ deputationen hatten wir auch fortwährend mit Verſorgung des Partei⸗Blattes„Der jüngſte Tag“, auf deſſen Büreau wir oft je 4—5 Stunden ſchreibend und plaudernd, in der Regel höchſt paradieſiſch decolletirt, zubrachten, ſowie auch mit Agitationsreiſen nach verſchiednen Städtchen und Dorfſchaften, die durchaus einmal eine Volksverſammlung mit obligaten Reden gehalten haben woll⸗ ten, alle Hände voll zu thun. Ich konnte damals vor lauter Schreiben, Sprechen, Audienzertheilen, Hin- und Herfahren kaum zu Athem kommen. Aber ich ſchwamm, wie der Fiſch im Waſſer, und es war mir ſo recht„wohlig“, wie's im Göthe'ſchen Liede heißt. Junger Student ſein, der noch mit luſtig herausfordernder Miene der Zukunft ins Auge blickt, und eine in ihrer Art noch — 103— gar nicht dageweſene, alle Schichten der Bevölkerung aufwühlende Revolution mit durchmachen, wie die von 1848, das iſt für eine enthuſiaſtiſch ſanguiniſche Natur, wie die meine, die freilich ſchon vor den glorreichen Märztagen ſich hätte ernüchtern ſollen, ein Ge⸗ nuß, wie ſo leicht kein zweiter geboten wird. Ich befand mich in einer Art permanenten geiſtigen Rauſches, dem der Katzenjammer erſt ſpäter folgen ſollte.„Meine Herren!“ ſo ſprach ich nachher weiter vor den Darmſtädter Geſchworenen.„Denken Sie daran, daß Sie vielleicht ſelbſt in jenen Tagen, wo das Unmögliche mög— lich ſchien, Gut und Blut einzuſetzen geſchworen haben für Dinge, die man jetzt naſerümpfend als unreife Illuſionen belächelt oder gar als Verbrechen denuncirt! Und dann, wenn Sie es können, verdammen Sie mich, einen jungen Mann, welcher gleich Ihnen dieſe Dinge für Ernſt nahm und, fortgeriſſen von dem ſtürmiſchen Drange der Ereigniſſe, ſtatt mit bedächtigem Kopfſchütteln am Ufer ſtehen zu bleiben, ſich mit pochender Bruſt mitten in den brauſenden Strom der Revolution warf, der uns ins gelobte Land der Frei⸗ heit tragen ſollte und nun im Sande der Reaction vertrocknet iſt! Wenn es ſtrafbar iſt, zu jener Zeit in ſeinen Wünſchen und Hoff⸗ nungen, Reden und Gedanken über die Grenze des geſchriebenen Geſetzes gegangen zu ſein, ſo haben ſich damals mit mir deſſelben Verbrechens Leute ſchuldig gemacht, die man ausnahmsweiſe„leiden⸗ ſchaftslos“, beſonnen und„edel“ genannt hat, Männer mit grauen Haaren und in reifem Alter, die da verſprachen, auf die Barri⸗ kaden zu ſteigen, ſich zwiſchen die Bajonette zu werfen, und ſich „kühne Griffe“ erlaubten, Männer, wie der ehemalige Reichs⸗ miniſter H. von Gagern, der noch im April 1849, alſo mindeſtens ein halbes Jahr nach meinem diesmal angeſchuldigten öffentlichen Auftreten in Oberheſſen, ſich für die Revolution gegen die be⸗ ſtehenden fürſtlichen Regierungen erklärte, ja unter Umſtänden ſogar für den Convent, d. h. für die Proclamation der deutſchen Re⸗ publik und für Abſetzung und Beſtrafung der regierenden Herren von Gottes Gnaden, Männer, wie der noch jetzige Miniſter von Wydenbrugk, der im Juli 1849 den König von Hannover als einen Rebellen gegen die Nation nach England hinüberjagen, Männer, wie der ehemalige Unterſtaatsſecretär Baſſermann, der die widerſpenſtigen Fürſten„zermalmen“, wie Herr Wernher von Nierſtein, der noch im Mai 1849 mit uns für die Reichsver⸗ faſſung gegen die Regierungen kämpfen wollte. Alles Das war von dem Standpunkte des heute wieder proclamirten alten Rechts Hochverrath, Aufruhr und Majeſtätsbeleidigung! Sie finden es trotzdem bei jenen gereiften beſonnenen Männern unter den da⸗ maligen Verhältniſſen nicht allein verzeihlich, ſondern ſogar ehren⸗ voll. Und mich ſollten Sie verurtheilen, einen allerdings nicht — 104— „begeiſterungsloſen“ jungen Mann, der unter denſelben Verhält⸗ niſſen in demſelben Sinne ſprach and handelte, nur mit dem Unterſchied, daß ich nicht, gleich Jenen, meine einmal begründete Ueberzeugung ſpäter verläugnete, ſondern ihr auch in der Ver⸗ bannung und im Kerker getreu blieb, und daß ich mein Leben und meine Zukunft dafür aufs Spiel ſetzte, während Jene ihr dafür auf dem Papiere verheißenes Gut und Blut in den Tagen der Gefahr für ſich behielten und die gemeinſame Fahne ver⸗ ließen, der ſie Treue geſchworen hatten! Der leitende Grund⸗ ſatz meiner nachmärzlichen politiſchen Thätigkeit war der damals auch von der conſtitutionellen Partei anerkannte der Volks⸗ ſouveränetät, und mein ganzes Glaubensbekenntniß läßt ſich auf die zu jener Zeit von loyalen Beamten dieſer loyalen Reſi⸗ denz Darmſtadt ſelbſt aufgeſtellte Formel zurückführen: „Der freie Aufſchwung des Volkes hat die lange drückenden Feſſeln der Knechtſchaft geſprengt. Der große Grundſatz der Volks⸗ herrſchaft iſt mit unwiderſtehlicher Gewalt ins Leben getreten. Das Recht und die Macht des Volkes iſt das höchſte Recht und die höchſte Macht in allen deutſchen Staaten geworden. Von jetzt an haben die Regierungen ihre Befugniſſe nur durch das Volk, und der verfaſſungsmäßig ausgeſprochene Wille deſſelben ſchreibt ihnen die Grenzen ihrer Gewalt vor. Darum wollen wir die Anerkennung dieſes Grund⸗ ſatzes der Volksherrſchaft in allen ſeinen Folgen. Wir wollen, daß das Volk, d. h. die Mehrheit aller ſelbſtſtändigen und un⸗ beſcholtenen Staatsbürger, auf geſetzlich vorgeſchriebene und ord⸗ nungsmäßige Weiſe darüber entſcheiden könne, nach welcher Verfaſſung es leben und wie es regiert ſein will!“—. „Nun wohlan, m. H., dieſen ſelben Grundſatz, der die Recht⸗ fertigung meines nunmehr angeſchuldigten öffentlichen Auftretens enthält, hat ganz mit denſelben Worten auch Herr D'. H. C. Jaup dahier, damals noch penſionirter geheimer Staatsrath, in einem durch das ganze Land verbreiteten Manifeſt an die heſſiſchen Mit⸗ bürger vom 12. April 1848 durch ſeine eigenhändige Namens⸗ unterſchrift ſchwarz auf weiß für den ſeinigen erklärt! Ich denke, wenn meine eigne politiſche Ueberzeugung damals in ſolcher Weiſe und durch ſolche Autoritäten unterſtützt wurde, durfte ich ihr doch unbedenklich Folge leiſten. Mein damaliger Geſinnungsgenoſſe Jaup iſt ein paar Wochen nach Ablegung dieſes Glaubensbekennt⸗ niſſes heſſiſcher Miniſterpräſident geworden und hat daſſelbe ſodann verläugnet. Ich bin ihm treu geblieben. Deßwegen bin ich unter der Regierung deſſelben Herrn Jaup als Hochverräther proſcribirt, 10 Monate lang eingeſperrt worden und ſoll nun noch dabei zur — 105— Zuchthausſtrafe verurtheilt werden. Der Miniſter vom Herbſt 48 ließ mich verfolgen für die Durchführung der Grundſätze des ehemaligen Staatsraths und Demokraten Jaup vom Frühjahr 48! In dieſem Widerſpruche liegt eine Moral, die ich Ihnen ans Herz legen will, m. H., denn ſie enthält, richtig verſtanden, das Urtheil über meine Schuld oder Nichtſchuld in dieſer ganzen Kette von Anklagen.“ Was half mich das ſpäter Alles?„Ja, Bauer, das iſt ganz was Anders!“ riefen die Junker Alexander zum ſo und ſo vielten Male. Die meiſten Demokraten von ehedem waren unter die Miniſter gegangen und ſo ein phantaſtiſcher Student, wie Unſer⸗ einer, der die Dinge pathetiſch ernſt nahm und nach ſeinem Col- legium logicum die regelrechten Conſequenzen daraus ziehen wollte, mußte hinterdrein hinter Schloß und Riegel„dran glauben“. Es it ja ſo der Lauf der Welt! ſingt Uhland in einem ſeiner Volks⸗ ieder. organiſirten, verſtand ſich von ſelbſt. Ihr Ausſchuß mit dem eigen⸗ thümlichen Titel„Generalrath“ beſtand aus lauter Notablen der Bürger⸗ und Beamtenſchaft und hielt regelmäßige feierliche Sitzungen im Rathhausſaale. Ich ſelbſt war Mitglied als gewählter einziger Vertreter der in ihrer Majorität betheiligten Gießener Studenten⸗ ſchaft und hatte u. A. den kürzlich verſtorbenen Hofgerichtspräſi⸗ denten Kraft, mit dem ich auf ſehr gutem Fuße ſtand, zum Col⸗ legen. Zum Oberſten wählten wir Profeſſor C. V., der ſich ſeiner arct wichtigen Funktionen mit großem militäriſchem Schick zu entledigen wußte, übrigens einmal auf einer Parade, wo er als ächter Sonn⸗ tagsreiter auf einer wahren Roſinante an uns vorüberſprengte, eine unvergeßlich komiſche Figur machte. Wir waren in Rotten einge⸗ theilt und ich ſelbſt exercirte trotz meiner Eigenſchaft als„General⸗ rath“ Anfangs fleißig mit, meiſt auf dem„Brand“, vor dem aka⸗ demiſchen„Discipel“. Unſre Rotte beſtand aus lauter ſtudentiſchen Republikanern und hieß wegen ihrer Unbotmäßigkeit und muth⸗ willigen Streiche die„Rotte Korah“. Würdiger Rottenführer dieſer Schwefelbande war Louis Büchner, der mit uns ſeine ſchwere Noth hatte, übrigens auch den Dilettanten faſt bei jeder Gelegenheit verrieth. Einen höchſt ergötzlichen Conflict hatten wir von der„Rotte Korah“ einſtmals mit unſerm Höchſtcommandirenden, Oberſt V. Als eines ſchönen Morgens einige Mitglieder unſres republikaniſchen Vereins, darunter die beiden Brüder Büchner und ich, ſelbander Pflaſter ſtiegen, ſahen wir zu unſerm höchſten Erſtaunen eine durch 14 — 106— die telegraphiſchen Nachrichten über den damaligen Hecker'ſchen Putſch im badiſchen Oberland veranlaßte auffällige Proclamation an die Gießener Bürgerwehr an den Straßenecken hängen, von deren Erlaß uns, inſonderheit mir als„Generalrath“, zuvor auch nicht das Geringſte bekannt geworden war.„Kameraden!“— ſo ohngefähr lautete es.„Die Nachricht von dem frevelhaften, toll⸗ kühnen Unternehmen Heckers in Baden iſt ohne Zweifel auch zu euch gedrungen und hat euch mit der gleichen. Entrüſtung, wie mich, erfüllt. Wenn das Unglaubliche geſchehen, wenn die Wogen der Anarchie ſich bis in die Nähe unſrer Stadt ergießen ſollten, ſo ſeid überzeugt, daß ihr zur Wahrung des Geſetzes und der Ordnung gegen gänzlich ungerechtfertigte Inſurrection euren Oberſt an eurer Spitze finden werdet! U. ſ. w. U. ſ. w. Gezeichnet: Gießen, den ſo und ſovielten. C. V., Oberſt der Bürgerwehr.“ Ein Schrei der Entrüſtung ertönte aus unſrer Mitte. Das können wir uns nicht bieten laſſen. Wie kann Der ſich einbilden, uns zu Polizeibütteln gegen anrückende Republikaner mißbrauchen zu dürfen? Wir ſind keine monarchiſche Leibgarde. Er muß ſofort darüber zur Rede geſtellt werden!“ So riefen wir ung voce omnes. Wir vertheilten uns in verſchiedne Gruppen, die den Oberſt— es war gerade Mittagszeit— in ſeiner Wohnung und den verſchiednen größeren Hotels aufſuchen und interpelliren ſollten. Nirgends zu finden. Endlich ſahen Alex. Büchner und ich ihn vor den Thoren ganz behaglich vom„Trieb“ herab ſpazieren ſchlendern. Wie ein Blutvergießer ſtürzte ich auf ihn los.„Aber, Herr Profeſſor, wie können Sie ſo eine ſchauderhafte Proclamation an die Bürgerwehr anſchlagen laſſen?“„Nur ruhig Blut, F.!“ antwortete er mir, „worüber alteriren Sie ſich denn eigentlich ſo?“„Sie haben da öffentlich erklärt, wenn F. Hecker mit ſeinen Freiſchaaren bis hier⸗ her marſchiren ſollte, ſo würden Sie an unſrer Spitze gegen ſie vorrücken. Glauben Sie denn, daß Ihnen auch nur ein Mann von uns folgen würde? Die ganze Bürgerwehr bis auf ſo ein paar Spieße ließe Sie im Stiche.(„Ci nun,“ damit klopfte er mir lachend auf die Schulter,„lieber F.! Wenn ſie einmal bis in die Nähe von Gießen gekommen ſein ſollten, dann brauchen wir nicht mehr gegen ſie zu marſchiren, dann ſchlagen wir uns ein⸗ fach zu ihnen!“„Wozu aber dann,“ fragte ich pikirt,„die ganze Proclamation?“„Lieber F.,“ lachte der Schelm abermals, ohne im Geringſten die Contenance zu verlieren.„Was ſind Sie noch ſo naiv! Sie wiſſen doch,— Sie ſelbſt unterſtützen ja öffentlich meine Candidatur— daß ich nach F. gewählt ſein will. In unſrem iumtt Wahlbezirk ſind aber bekanntlich gar viele Conſtitutionelle, da muß man manchmal auch Denen zu lieb ein paar Phraſen loslaſſen!“ „Ah ſo!“ ſagte ich gedehnt und entfernte mich achſelzuckend. Bald — 107— darauf äußerte derſelbe Profeſſor in einer ſeiner Candidatenreden auf dem Lande: er ſei zwar grundſätzlich Republikaner, da aber wir Heſſen⸗Darmſtädter eine geſchichtlich ſo gerechfertigte Anhäng⸗ lichkeit an unſre beliebte Dynaſtie hätten, ſo ſei er für deren Fort⸗ erhaltung mit möglichſt demokratiſchen Inſtitutionen!„Die Republik mit dem Großherzog!“ ſagte bekanntlich jener oberheſſiſche Bauer. Mit ſolchen„Zwar,— aber doch!“ kann man's freilich nicht immer jeder Partei recht machen. Diesmal aber war die profeſſorale Taktik von Erfolg gekrönt. Unſer Oberſt wurde gewählt und wir brauchten ſelbſtredend nicht unter ſeinem Commando gegen die Hecker'ſchen Freiſchaaren zu marſchiren. Sobald irgend eine neue Frage auf die Tagesordnung trat, beriefen wir eine Volksverſammlung entweder durch Plakate oder, wenn Dies zu lange dauerte, der Kürze halber durch die officielle Schelle des Stadtdieners, bis uns deren etwas gar zu freie Be⸗ nutzung auf kreisamtliche Anregung von der Bürgermeiſterei unter⸗ ſagt wurde. Einmal beläſtigte uns u. A. gar ſehr der fatale Ohrenzwang des längere Zeit tagtäglich durch eine volle Stunde fortgeſetzten Trauergeläutes für den verſtorbenen Großherzog Lud⸗ wig II., ſo wenig wir auch eine Art poſthumer Majeſtätsbeleidigung gegen den ſeligen, bei Lebzeiten gar nicht unpopulären Landesfürſten im Sinne hatten. Sofort wurde dies zum Gegenſtand einer Volks⸗ verſammlung gemacht, worin wir im Intereſſe des öffentlichen Ge⸗ hörs gegen die allzu lange Fortdauer eines ſo veralteten Gebrauchs auf ſtädtiſche Koſten proteſtirten. Dagegen erklärten wir, gar Nichts dagegen einwenden zu wollen, wenn ſich beſonders pietätvoll loyale Unterthanen zur freiwilligen, d. h. unentgeldlichen Beſorgung dieſes permanenten Trauergeläutes verſtehen würden. Zu dieſem Zwecke luden wir die anweſenden Reflectanten zur Unterſchrift einer vor der Tribüne aufgelegten Subſcriptionsliſte ein, worauf ſich natürlich Niemand meldete, wie wir denn auch zu Einzeichnungen auf der Bürgermeiſterei aufforderten. Auch Letzteres blieb erfolg⸗ los. Selbſtredend wurde ganz pro stylo fortgeläutet, wie bisher. Aber wir hatten doch wenigſtens unſrem Unmuthe öffentlich Luft gemacht*). Ueber das damalige politiſche Leben in Gießen, das eine wahre Muſterkarte aller Parteiſchattirungen darbot, ſchrieb die be⸗ kanntlich hyperconſervative Frankfurter Oberpoſtamtszeitung unterm 23. Juli 1848 u. A.:„Unſre kleine Stadt hatte bishier folgende *) Wie ich nachträglich aus der Oberpoſtamtszeitung vom 4, Auguſt erſehe, habe daraufhin die Behörde,„was eine doppelte Beurtheilung zulaſſe“, wirklich eine Liſte zur Einzeichnung der gegen die Fortdauer des Geläutes Proteſtirenden auflegen laſſen. Es ſollten ſich aber nur ſechs Studenten ein⸗ geſchrieben haben!? 7 17 — 108— politiſche Vereine: 1) einen entſchieden ſich nennenden republi⸗ kaniſchen Verein, in welchem Auguſt Becker, die Studenten Fendt und Hillebrand(Sohn des Oberſtudienraths) und andre ge⸗ meinſchaftlich mit Handwerksgeſellen(1) das Wohl Deutſchlands berathen, 2) den Märzverein mit dem Programm: Freiheit für jedes Land, ſich ſeine Verfaſſung ſelbſt zu geben, republikaniſche Spitze für ganz Deutſchland, Einſchmelzung der kleinen Staaten (von Vogt in ſeinem Wahlbekenntniß„Zwetſchenländchen“ genannt), 3) den Bürgerclub, in welchem nach den Statuten jede poli⸗ tiſche Meinung vertreten ſein darf und durch den, wie es ſcheint, am Meiſten darauf hingewirkt werden ſoll, die eigentliche Bürger⸗ ſchaft für die Republik zu gewinnen. Es gelang aber bis jetzt nur, die Bürger eine Zeit lang ſür Herrn C. Vogt zu entflammen, worauf jetzt ſtarke Abkühlung zu folgen ſcheint und zwar durch die „Aufopferung“ des Herrn Vogt ſelbſt, wie ſie die„Fliegenden Blätter“ ſchildern.. 4) den vaterländiſchen conſtitutionell⸗monarchiſchen Verein, der erſt neuerdings eine größere Wirkſamkeit entfaltet. Weil aber die vorgenannten Vereine für unſre Stadt nicht befriedigend genug ſind, ſo hat ſich vor einigen Tagen noch 5) ein demo⸗ kratiſcher Verein gebildet, unter dem Vorſitze des Dr. Winther. Böſe Zungen meinen, es wolle leider mit den republikaniſchen Vereinen nicht mehr vorwärts, man ſcheue ſelbſt den Namen.“(2) Ueber die allerdings ſehr zwangloſe, nach mancher Seite höchſt anſtößige Agitation von uns paar republikaniſchen Studenten war das fragliche conſervative Blatt damals außer ſich und denun⸗ cirte uns förmlich der Polizei. Da heißt es in einem Artikel vom 14. Auguſt 1848 aus Gießen u. A.:„Ganz allgemein(?) iſt der Wunſch, daß mehreren jungen Herren, die mit Wort und Schrift in und außer den Volksverſammlungen die Republik predigen und die eigentliche Aufgabe ihres Hierſeins ſo ganz verkennen, doch endlich in irgend einer Weiſe(1!) das Handwerk gelegt werde. Ueberhaupt wird es eine der ernſtlichſten Erwägungen für die Na⸗ tionalverſammlung ſein, bei den zu erwartenden Verhandlungen über die Geſtaltung und Reform der Univerſitäten die gewünſchte Freiheit mit den nothwendigen Rückſichten in Einklang zu bringen, welche das wahre Wohl der Studirenden ſelbſt,( wie väterlich!) der Univerſitäten und des Staates überhaupt fordern.(Alſo eine neue Auflage der famoſen Carlsbader Beſchlüſſe u. ſ. w. in moder⸗ niſirter Form.) Daß auch hier vorläuſig viel Mißverſtand, ja Unſinn über die ſogenannte Freiheit mit unterlaufe, daß der Staat die Univerſitäten nicht zu Pflanzſchulen der Ungebundenheit und Zügelloſigkeit, geſchweige zu einer Propaganda der mißver⸗ ſtandenen(?) Demokratie, ausarten laſſen dürfe, wenn er ſich nicht fortwährenden Unruhen ausſetzen will, darüber kann kein beſonnener —- 109— Freund der wahren() Freiheit in Zweifel ſein.“ Gut gebrüllt, Löwe!„Mißverſtandene Demokratie“—„wahre Freiheit“, ganz die alten Redensarten. Wenn Studenten ſich ſtrafgeſetzwidrige po⸗ litiſche Ertravaganzen zu Schulden kommen laſſen, ſo klagt man ſie einfach an und ſteckt ſie im Verurtheilungsfalle in die Feſtung oder gar ins Correctionshaus, ſo gut wie jeden andern politiſchen Delinquenten. Sie werden ſelbſt auf dieſem Gebiete keine Aus⸗ nahmeſtellung für ſich verlangen. Da hier der Begriff akademiſcher Freiheit von ſelbſt in Wegſall kommt, ſo tritt natürlich, wie in jedem andern Fall, der Staatsanwalt und das gewöhnliche bürger⸗ liche Gericht in ſeine Rechte, ohne daß man etwa beſondre„ſchwarze Commiſſionen“ und dergleichen zu ernennen braucht. Faſt die meiſten ſtudentiſchen Mitglieder unſres damaligen Gießener repu⸗ blikaniſchen Vereins haben ganz commentmäßig„brummen“ müſſen, ſo gut wie jeder„Philiſter“, ja mir ſelbſt iſt ſogar die Abnormität paſſirt, daß ich, nachdem ich für meine politiſchen Sünden als heſſiſcher„Staatsbürger“ 6 Monate im Correctionshaus hatte ſitzen müſſen, noch obendrein in meiner gleichzeitigen Eigenſchaft als„akademiſcher Bürger“ vor der Entlaſſung von dem Gießener Senat auf ein halbes Jahr poſtſcriptlich relegirt wurde. Alſo bis in idem! Und da braucht man noch über die durch beſondre Ausnahmegeſetze unſchädlich zu machende Staatsgefährlichkeit der politiſch angeregten ſtudentiſchen Jugend Zeter zu ſchreien, wenn man ihr jeden Augenblick, wie der bekannten Börne'ſchen Mißge⸗ burt, auf zwei Rücken zugleich Prügel geben kann! Auch über unſre verſchiedenen auswärtigen Volksverſamm⸗ lungen, wobei wir in der Regel die Hauptredner abgaben, berichtet die Oberpoſtamtszeitung, natürlich in ſehr abfälliger Weiſe. Zu den ſtürmiſchſten gehörte die von Großenlinden, wo wir unter A. Beckers Führung den ſtrengmonarchiſchen Matadoren des vater⸗ ländiſchen Vereins auf der Tribüne gegenüberſtanden und in Folge der Unvorſichtigkeit Eines der Unſrigen, der die Anweſenden mit „Ihr armen betrogenen Bauern!“ haranguirte, von den fanatiſir⸗ ten Letzteren derart mit Stühlen und ſonſtigen Wurfgeſchoſſen bom⸗ bardirt wurden, daß wir es der ſtarken ländlichen Mehrheit gegen⸗ über, um ein etwaiges Handgemenge zu vermeiden, klüglich vor⸗ zogen, den ſtrategiſchen Rückzug nach der nahen Landſtraße anzu⸗ treten. Ferner die vom Heſſenbrücker Hammer bei Laubach, wo unſre bittren Anklagen gegen den ſchweren Druck des ſtandes⸗ herrlichen Feudalregiments den erbittertſten Widerſpruch der an⸗ weſenden gräflichen Beamten und ihres ziemlich zahlreich requirirten Anhangs hervorriefen, ſodaß eine drohende allgemeine„Keilerei“ kaum vermieden werden konnte. Ebenſo tumultuariſch war die zu Friedberg auf der dortigen Seewieſe. Meine Gießener Freunde — 110— und ich drangen namentlich auf die baldigſte Entlaſſung des neuen Miniſters Jaup, und als ich deſſen Politik, die Hinhaltung des ver⸗ langten neuen ſtändiſchen Wahlgeſetzes, ſowie der unerläßlichen Einberufung einer conſtituirenden Verſammlung, in ſehr ſcharfer Weiſe als eine durchaus reactionäre und volksfeindliche ſchilderte, brach unter einigen in der Nähe befindlichen conſtitutionellen Staats⸗ diener⸗ und Candidaten⸗Gruppen auf Anregung des mitanweſenden kindlich empörten Sohnes Jaups, eines Oekonomen der nächſten Umgegend, ein Sturm lauteſter Entrüſtung aus und die Gegner drohten die Tribüne zu ſtürmen. Aber rings um dieſelbe waren als unſre Leibwache die mit Stöcken bewaffneten demokratiſchen Butzbacher Turner aufgeſtellt, und ein Signal von mir genügte, um die monarchiſchen Störenfriede, zum Theil mit eingetriebenen Hüten, in die ſchmählichſte Flucht zu ſchlagen. Der Anblick der alſo Davonlaufenden war dermaßen ergötzlich, daß ich jetzt noch in Lachen darüber ausbrechen muß. Nach beendigter Volksverſammlung äußerte ſich die Erbitterung der Friedberger Conſtitutionellen gegen uns republikaniſche Gießener Spielverderber, als wir durch die Straßen gingen. Die ohne Zweifel von den Aelteren aufgehetzte männliche Schuljugend rief uns Schimpfworte nach und warf ſo⸗ gar mit Steinen nach uns. Die Stimmung des überwiegend con⸗ ſervativ⸗monarchiſchen Philiſterthums der alten Reichsſtadt zeigte ſich für uns ſo bedenklich, daß mich ein dort conditionirender Jugendfreund, der ſeine Pappenheimer kannte, vorſorglich warnte, bei einbrechender Dunkelheit nicht mehr im Freien zu verkehren, ſondern mit ihm in ſeine Wohnung zu gehen, wo ich natürlich auf dem Sopha Quartier nahm. Wie klug ich daran gethan, dem Rathe meines Freundes zu folgen, ſollte ich ſchon am andern Morgen zu meiner hohen Ueberraſchung erfahren. Als ich im Vorbeigehen meinen Univerſitätsfreund, den damaligen Pfarramts⸗ candidaten R. S., beſuchte, fand ich ihn und ſein„Kamiſol“ in der eigenthümlichen Beſchäftigung, ſeinem halb entkleideten jüngeren Bruder den mehrere blutige Wunden zeigenden Rücken mit Waſſer und Eſſig auszuwaſchen. Auf meine Frage, was das zu bedeuten habe, erwiederte mir S., das iſt die Folge der Schläge, die mein Kleiner geſtrabend von 3—4 conſtitutionellen Lazzaroni's auf der Straße an deiner Statt erhalten hat. Sie hielten ihn für dich und all ſeine Proteſtationen halfen Nichts. Es mußte eben pro patria gehauen werden, und ſo iſt er ganz pſeudonym zu ſeinen übrigens nicht gefährlichen Wunden gekommen.“ So froh ich war, nicht in Selbſtperſon von den conſtitutionellen Fanatikern malträtirt worden zu ſein, ſo aufrichtig bedauerte ich meinen unfreiwilligen paſſiven Doppelgänger, der Humor genug beſaß, mir über dieſes meinerſeits unverſchuldete„Mißverſtändniß“ nicht zu grollen. Man — 111— ſieht, es war an gewiſſen Orten nicht ohne Bedenken, ſeine repu⸗ blikaniſche Geſinnung offen zu äußern. Das erfuhr ich auch bei Gelegenheit der großen heſſiſchen Volksverſammlung zu Kranich⸗ ſtein bei Darmſtadt, zu welcher ich als Vertreter Gießens mit einem beſondren ſchriftlichen Mandat und unter der Weiſung dele⸗ girt wurde, für die Entlaſſung des Miniſteriums Jaup und ſo⸗ fortige Einberufung einer conſtituirenden Landesverſammlung zu ſprechen und zu ſtimmen*). Als der erbitterte Streit über die Wahl des Präſidenten ausbrach, als welchen die zahlreichen Rheinheſſen und wir übrigen heſſiſchen Demokraten Zitz aus Mainz, die Con⸗ ſtitutionellen dagegen durch A. Metz, den ich damals zum erſten Male in der Nähe ſah, den Darmſtädter Advokaten Stahl vor⸗ ſchlugen, kam es an mehreren Orten mit den durch blaue Korn⸗ blumen ausgezeichneten reſidenzlichen Vorſtädtern zu mehr oder minder ſtarken Prügeleien, in die auch ich mit meinem Freunde Guſtav B. aus O., jetzigem Seifenſabrikanten daſelbſt,— wir Beide bezüglich unſrer Parteifarbe durch rothe Bändchen im Knopfloche kenntlich und leider! nur mit ſchwachen Spazierſtöcken bewaffnet— ohne alle Herausforderung verwickelt wurde. Ich erhielt bei der Gelegenheit von den dicken Prügelhölzern der Kornblumen⸗Garde einige derbe Hiebe über den Kopf, die mich wenigſtens außer Ver⸗ faſſung ſetzten, meine in Auftrag habende Rede contra Jaup zu halten, obwohl ich der Verſammlung in einiger Betäubung bis zum Ende beiwohnte. So erinnere ich mich noch, daß Zitz von einer Chaiſe herab energiſch für das Verlangen der heſſiſchen Conſtituante und Abſendung einer desfallſigen Petition an den Großherzog ſelbſt plädirte. Außer ihm ſprachen u. A. noch das Wiener Parlaments⸗ mitglied F. Schuſelka, wenn ich nicht ſehr irre, der 30er Demagoge Jakob Schütz aus Mainz und der damals ſehr bekannte, ſpäter im *) Fragliches Mandat, das mir im Originale vorliegt, lautete wörtlich: „Die hieſige Volksverſammlung vom 21. Juli hat den Beſchluß gefaßt, die am 23. Juli auf Kranichſtein bei Darmſtadt ſtattſindende Volksverſammlung durch eine Deputation zu beſchicken. Sie drückte den Wunſch aus, daß man ſich frei⸗ willig an dieſer Deputation betheilige, und bezeichnete außerdem eine Anzahl Männer für dieſe Sendung. „Das Mandat der Deputation geht dahin, die Beſchlüſſe der Verſamm⸗ lung auf Kranichſtein in Bezug auf Auflöſung beider Kammern und die ſchleu⸗ nigſte Berufung einer conſtituirenden Verſammlung in jeder thunlichen Weiſe zu unterſtützen und vorkommenden Falls zugleich zu erklären, daß das Miniſterium Jaup das Vertrauen des Landes nicht beſitze und baldmöglichſt durch ein neues, welches ſich die ungeſäumte Verwirklichung und Vervollſtändigung der durch das Patent vom 6. März anerkannten Volksrechte zur Aufgabe macht, erſetzt werden möge. 3 Gießen, den 21. Juli 1848. Im Auftrage der Volksverſammlung vom 21. Juli 1848. Heinrich Ferber, Vorſitzender. Georg Noll, Schriftführer, — 112— Verlauf der Wiener October⸗Revolution mit etwas zweifelhaftem Nachruf verduftete Agitator Schütte, der ſ. Zt. auf den Kopf von Windiſchgrätz einen Preis ausſetzte, übrigens ein höchſt gewandter Redner. Mir ſelbſt„brummte“ der Kopf zu ſehr, um die impro⸗ viſirte Tribüne zu beſteigen. Auch weiß ich noch recht gut, daß mitten in unſern Verhandlungen H. Gagern, damals Präſident der Frankfurter Nationalverſammlung, mit nahezu majeſtätiſch im⸗ poſanter Haltung und Geberde durch die Verſammlung hindurch ſchritt, von ihr aber gänzlich unbeachtet gelaſſen wurde. Hinterdrein brachten die monarchiſtiſchen Blätter über deren tumultuariſchen Verlauf himmelſchreiende, namentlich die verhaßten Rheinheſſen herunterreißende Berichte, wie ich deren auch einen höchſt erboſten in der Oberpoſtamtszeitung finde. Daß die hier beſchloſſene De⸗ putation an den Großherzog ohne alles Reſultat blieb, wir alſo abermals„viel Geſchrei und wenig Wolle“ hatten, iſt bekannt.— Die heiterſte Wühler-⸗Reiſe, die wir ſelbander machten, war die in das Hinterland, die Heimath A. Becker's, wo wir in Bieden⸗ kopf auf einer benachbarten großen Wieſe unſre Volksverſammlung abhielten. Die dortige Bevölkerung war überwiegend demokratiſch und fanden unſre Reden allgemeinſten Beifall. Namentlich handelte es ſich, meines Erinnerns, zunächſt um die Einberufung der conſtituirenden Landesverſammlung. Der aus den vormärzlichen Zeiten nur zu bekannte, von mir ebenfalls im„Zuſchauer“ be⸗ leuchtete Kreisrath App mit ſeiner ganzen disponiblen Gensd'ar⸗ merie war am Platze. Die letztere konnte aber nicht einſchreiten, da damals noch„über Thema geredet werden durfte.“ Die große Tribüne, auf der ſich eine unverhältnißmäßige Menſchenzahl be⸗ wegte, war gar flüchtig zuſammengezimmert und ſo paſſirte denn das komiſche Intermezzo, daß mitten in einer fulminanten„Pauke“ A. Becker's, der Angeſichts ſeiner Hinterländer Heimathsgenoſſen beſonders feurig perorirte, der Boden unter uns zuſammenbrach und wir alleſammt zur Erde hinabſtürzten. Allgemeine dumpfe Pauſe. Die Situation war kritiſch, d. h. ſie drohte durch ihre Lächerlichkeit unſre ganzen redneriſchen Effecte zu vernichten. Becker ſchwang ſich zuerſt auf einen Querbalken empor und rief mit ſeiner dröhnenden Baßſtimme:„Bürger, ſowie dieſe Tribüne eben zu⸗ ſammengerumpelt iſt, ſo möge die ganze deutſche Monarchie zu Gunſten der vollen Volksſouveränetät zuſammenrumpeln! Es lebe die Republik!“ Bravo! hieß es unter nicht enden wollendem ſtür⸗ miſchem Applaus.„Die Republik und Auguſt Becker hoch!“ So hatten wir mit einem Schlage die Stimmung wieder erobert, als ob gar keine Unterbrechung ſtaitgefunden hätte.— Im Uebrigen erinnere ich mich noch mit beſondrem Vergnügen an unſre Abend⸗ unterhaltungen nach erledigtem Agitations⸗[Geſchäfte“. In Bieden⸗ — 113— kopf herrſchte damals ein geſellſchaftlich höchſt gemüthliches Leben, woran wir uns con amore betheiligten, und namentlich bietet mir der Verkehr mit den dortigen, zum Theil ſehr liebenswürdigen und hübſchen jungen Damen, von denen eine neckiſch muthwillige, ſchwarz⸗ äugige Duntelbrünette mir unvergeßlich geblieben iſt, eine höchſt angenehme, beziehungsweiſe heute noch etwas ſentimentale Remi⸗ niscenz. Wir waren eben fröhliche Studenten, die das Angenehme mit dem Gemeinnützigen zu verbinden wußten. Nachdem wir unſre „Reden geredet“, wurde in der Regel mit den Bürgerinnen flott getanzt und gepfänderſpielt und mit den geſinnungsverwandten „Bürgern“ tüchtig gekneipt.— Nach allen dieſen, oft nicht wenig anſtrengenden agitatoriſchen Kreuz⸗ und Querfahrten fand behufs Gründung eines oberheſſiſchen Bezirksverbands am 2. und 3. September zu Gießen im großen Saale des Prinzen Carl ein Congreß ſämmtlicher demokratiſchev⸗ Vereine Oberheſſens ſtatt. Vertreten waren darauf folgende Vereine: 1) der deutſche Volksverein in Friedberg, 2) der Arbeiterverein daſelbſt, 3) der Volksverein in Butzbach, 4) der Volksverein in Mehlbach, 5) der Turnverein in Okarben, 6) der demokratiſche Verein in Homberg a. d. Ohm, 7) die Bürgervereine in Laubach, 8) in Ruppertsburg, 9) in Grünberg, 10) der Bürgerbund in Biedenkopf, 11) die junge Bürgergarde daſelbſt, 12) der demokra⸗ tiſche Verein in Gießen, 13) der Märzverein daſelbſt, 14) der repu⸗ blikaniſche Verein daſelbſt, 15) der Volksverein in Lich, 16) der Turnverein in Grünberg. Der vaterländiſche Verein in Büdingen und der Bürgerverein in Lauterbach, ebenſo der Abgeordnete Plitt für Gladenbach und 6 umliegende Ortſchaften waren an der Beſchickung oder vollſtändigen Beiwohnung verhindert, erklärten ſich jedoch zum Anſchluß an den demokratiſchen Bezirksverband ausdrücklich bereit. Aus dieſer immerhin intereſſanten allgemeinen Statiſtik erſieht man; zur Genüge, daß die demokratiſche Partei in Oberheſſen ſtark ver⸗ breitet war. Ueber den Verlauf unſres Partei⸗Congreſſes laſſe ich hier mit einigem Humor den naͤtürlich tendenziös gefärbten Bericht der Frankfurter Oberpoſtamtszeitung folgen.„Gießen, 8. Septbr. Bei der am vorigen Sonntag hier abgehaltenen Verſammlung oberheſſiſcher Demokraten war über der Rednerbühne im Saale des„Prinzen Carl“ das Bildniß C. Vogt'’s aufgehängt, rechts und links von den Bildniſſen F. Hecker's und G. Struve's um⸗“ geben. Hauptredner war Student R. Fendt. Nächſt ihm bethei⸗ ligten ſich an der Debatte Dr. Winther und Herr Moritz Carrière, Herrn Fendt's Latera waren ſo ſtark, daß er in einem Vortrage von anderthalb Stunden den Antrag ſtellte,„wenn Herr Miniſter Jaup nicht alsbald eine coͤnſtituirende Verſammlung berufe, die Stände außzufordern, die Steuern zu verweigern(!); 15 — 114— wenn aber die Kammer darauf nicht eingehen wollte, dann ſei es Zeit, das Volk ſelbſt zur Steuerverweigerung aufzufordern.“ Obgleich nun bemerkt wurde, daß eine Aufforderung an das Volk zur Verweigerung von den Ständen bewilligter Steuern ein Ver⸗ laſſen des geſetzmäßigen Weges ſein würde und das Beſtehen der. demokratiſchen Vereine ſelbſt gefährden könnte, ſo nahm doch ſchließ⸗ lich die Verſammlung(etwa 300 Köpfe) den Fendt'ſchen Antrag an.“ Dieſe, ſelbſtredend etwas revolutionär angehauchte Rede wurde in mehreren lauſenden V Exemplaren ſtark verkauft und fand eben ſo lebhaften Beifall, als heftigen Widerſpruch. Mein ein⸗ ziges eignes Exemplar, das mir ſ. Zt. nach Straßburg. nachgeſchickt wurde, habe ich leider! verlegt. Es enthielt übrigens die gewohn⸗ ten C. Schild'ſchen Druckfehler, die mir oft genug Zahnſchmerzen verurſacht haben. Das Büreau des Congreſſes beſtand aus: Pro⸗ feſſor J. Hillebrand aus Gießen als Präſident, Dr med. Weber von Gießen und Candidat R. Schlich aus Friedberg als Viceprä⸗ ſidenten, Dr. L. Büchner, Studioſus F. Bopp, Fabrikant G. Noll und Studioſus Fr. Schenck von Gießen als Schriftführern. Als Prinzip des Bezirksverbandes wurde in§ 3„die Erſtrebung einer wahrhaſt demokratiſchen Staatsſorm für das engere und weitere Vaterland“ bezeichnet. Gießen wurde zum Vorort gewählt, d. h. einem von dem Ausſchuß der drei Gießener Vereine ernannten Be⸗ zirksausſchuß wurde die allgemeine geſchäftliche Leitung übertragen. Der Bezirksausſchuß ſollte von den einz elnen Vereinen monatlich einen Bericht über den Stand der Demokratie, ſowie die B zeiträge in die Bezirkskaſſe erhalten. Er ſelbſt hatte ihnen die B zeſchlüſſe des Centralausſchuſſes(in Berlin) und des Kreisausſchuſſes(in Frank⸗ furt) mitzutheilen, die Verbindung zwiſchen den einzelnen Vereinen, die Bildung neuer Vereine zu bezorgen u. ſ. w. Die einzelnen Bezirksausſchüſſe des ganzen Kreiſes(beſtehend aus den beiden Heſſen, Naſſau und Frankfurt) hatten mit dem vom Kreisvorort Frankfurt gewählten Kreisausſchuß in Verbindung zu treten, dieſer hatte die an den Bezirksausſchuß geſandten B Zerichte, einen Theil der Geldbeiträge ꝛc. zu empfangen und ſie dem Central⸗ ausſchuß in Berlin mitzutheilen. Dieſer Centralausſchuß ſtand an der Spitze des ganzen Verbandes der deutſchen Demokraten und leitete deſſen Gejchfte.„Nauntt war die Organiſation der demo⸗ kratiſchen Partei für Oberheſſen vorerſt abgeſchloſſen. Aber die letztere ſollte gar bald durch die Ereigniſſe geſprengt werden. Ermüdet von den vielen politiſchen und ſonſtigen Strapazen der letzten Zeit, ging ich in die Herbſtferien nach Hauſe, um mich daſelbſt auszuruhen und mein vorübergehend etwas vernachläſſigtes Fachſtudium wieder gründlich aufzunehmen. Ich ſollte nur zu früh von„Muttern“ abgerufen werden. Am 18. September brach in — 115—. Frankfurt in Folge der Genehmigung des traurigen Waffeenſtill⸗ ſtandes von Malmö durch die Nationalverſammlung der bekannte blutig unterdrückte Barrikadenkampf mit Vehemenz los. Dadurch wurde natürlich eine gewaltige Aufregung unter meinen Gießener Freunden hervorgerufen. Sie veranlaßten ſofort eine Volksver⸗ ſammlung in dem benachbarten„Philoſophenwald“, worin zu unge⸗ ſäumtem bewaffnetem Zuzuge nach Frankfurt aufgefordert wurde. Hauptredner waren A. Becker und die Studenten Leiſtner aus Sachſen und F. Bopp aus Darmſtadt, damaliger Präſident unſres republikaniſchen Vereins. Ueber das Reſultat leſe ich in der Ober⸗ poſtamtszeitung, von Gießen, 21. Septbr. datirt:„Etwa 40 Be⸗ waffnete zogen aus, meiſt Turner; bei Friedberg trafen ſie aber auf heſſiſche Chevauxlegers, die ihnen die Waffen abnahmen, ihre Namen außzeichneten und ſie nach Hauſe gehen ließen.“ Ob letztere Thatſache richtig iſt, kann ich nicht ſagen, da ich nicht mit dabei war und meine desfallſigen Erinnerungen ſehr vag ſind. Am 23. September wurden zufolge hofgerichtlicher Verfügung Auguſt Becker, F. Bopp, Leiſtner und am Tage darauf auch H. Dernburg ver⸗ haftet und in die„Baſtille des Seltersbergs“ abgeführt. Die Auf⸗ regung in Gießen war eine ſo allgemeine, daß zur Beſchwichtigung der Gemüther eine Proclamation des Regierungscommiſſärs und des Gemeinderaths erſchien. Als ſich das beunruhigende Gerücht verbreitete, die Verhafteten ſollten nach Mainz in die Feſtung trans⸗ portirt werden, erſchienen öffentliche Bekanntmachungen an den Straßenecken, wonach ſie„nicht, wie böswillig ausgeſprengt werde, ihrem geſetzlichen Richter entzogen und nicht weggebracht werden ſollten.“ Als Garantie dafür machte man ſogar die Canceſſion, daß ein gleich ſtarkes Commando von der Bürgergarde die Wache am Arreſthaus mit beziehe. Ich ſelbſt war eines ſchönen Sonntag Morgens auf dem Wege nach Oberohmen, und dort mit meinem Freunde Adolf W. und den erwarteten Gießenern eine bäuerliche 2201, Volksverſammlung abzuhalten. Kaum vor dem Städtchen draußen, traf mich ein Eilbote unſres Zeitungsverlegers C. Schild mit der. 4 Nachricht von den ſtattgefundenen Verhaſtungen und der Bitte, ſofort nach Gießen hinüberzukommen, um einſtweilen die Redaction des„jüngſten Tags“ zu übernehmen. Ich hielt jedoch zuvor in aller Ruhe die einmal abgeſprochene Volksverſammlung in dem Walde vor Oberohmen ab, wozu ſich ein ſehr zahlreiches, faſt aus⸗ ſchließlich ländliches Publikum aus der ganzen Nachbarſchaft ein⸗ gefunden hatte. Meine Hauptrede, die mir ſpäter vor den Aſſiſen viel zu ſchaffen machte, ſchilderte in populärer, dem Bildungsgrade des Auͤditoriums angepaßter Weiſe die Geſchichte des Bauern⸗ kriegs, ſowie die eigenthümliche Rolle, welche unſer ſonſt ſo großer Reformator Martin Luther, ſelbſt ein Bauernſohn, dabei geſpielt. .— 116— 4. Ich rekapitulirte die famoſen„zwölf Artikel der Bauerſchaft“ mit dem Nachweiſe, daß die wenigſten der damaligen Forderungen heutzutage erfüllt ſeien, ſodaß die Bauern am Ende hier und dort, namentlich in den randesherrlichen Bezirken, meiſt noch berech⸗ tigt erſchienen, das alte Banner des„Bundſchuh's“ wieder zuzerheben. Da viele der Anweſenden gräfliche und freiherrliche Unterthanen waren, ſo erntete ich natürlich für meinen gemeinverſtändlichen ge⸗ ſchichtlichen Excurs ſtürmiſchen Beifall. Ueber die ſpätere Weiter⸗ entwicklung der Dinge in Gießen laſſe ich die löbliche Oberpoſt⸗ amtszeitung reden, die übrigens ſehr tendenziös sub Gießen, 26. September, berichtet:. „Die Aufregung hatte ſich gelegt. Da kömmt der Student F., die Seele der Demokratie in Oberheſſen, ein wirklich unermüd⸗ licher Agitator, an, der während der Verhaftungen nicht hier war, läßt durch die Schelle eine Volksverſammlung berufen und ſpricht in ihr, unter fortwährender Verhöhnung des Miniſteriums, der Regierungscommiſſion, des Hofgerichts u. ſ. w. offen aus:„er würde, wäre er zugegen hendeß ſen, ebenſo gehandelt haben, wie die verhaf⸗ teten Freunde(d. h. a alſo zum Aufſtande, zur Ergreifung der Waffen und zum bewaffneten; Zuzuge aufgefordert haben). Die Verhaftung ſei nur ein Verſuch der Reaction; man wolle die Demokratie unter⸗ drücken.„Ergreift das Damoklesſchwert, das über eurem Haupte hängt, und kehrt es gegen eure Gegner, zerſchneidet die Schlinge, die euch um den Nacken gelegt wird, und werft ſie der Reaction um den Hals!“ Dann eben nicht ſchmeich helhafte Erinnerung an die Centralgewalt und die Nationalverſammlung, Spott auf die hieſige Bürgergarde. In wenigen Tagen werde das Volk überall ſich erheben, alle Kerker geſprengt, die jetzigen Kerkermeiſter hineinge⸗ ſtoßen, Volksjuſtiz geübt werden u. ſ. w.(Wahrſcheinlich ein Hin⸗ weis auf den gleichz eitigen Struve'ſchen Aufſtand in Baden, d. V.) „Ueber die Bravo's einer gewiſſen Claſſe brauche ich Nichts hin⸗ zuzuſetzen,— eine große Aufregung war die Folge. Wird die Centralgewalt nun noch vor umfaſſenden Maßregeln zurücktreten, die Deutſchland vor der leider ſchon hereinbrechenden Anarchie be⸗ wahren können? Es iſt hohe Zeit, ſoll es nicht„zu ſpät!“ heißen.“— Dieſes nach der Reichspolizei der Frankfurter Centralgewalt, um Hülfe rufende„Quousque tandem?!“ ſollte früher ſeine Er⸗ ledigung ſinden, als ich dachte. Am 29. September hielt ich auf dem Brand die zweite Volksverſammlung ab, worin ich zur Stellung einer Caution behuſs interimiſtiſcher Freilaſſung der verhafteten Freunde und desfallſiger Entſendung einer Depuation an das Hof⸗ gericht aufforderte. Um einen populär ſchlagenden Beweis dafür zu geben, wie logiſch verkehrt es ſei, die veralteten politiſchen Be⸗ — 117— ſtimmungen des vormärzlichen du Thil'ſchen Strafgeſetzbuchs auf die jetzigen Verhältniſſe der Entwicklung ganz neuer Rechtsbegriffe anwenden zu wollen, wie es das Hofgericht in Bezug auf die An⸗ klage gegen die Verhafteten thue, citirte ich eine gegen den Fort⸗ beſtand des nun aufgelöſten deutſchen Bundestags gerichtete Stelle des großherzoglichen März⸗Edikts. Nach Artikel ſo und ſoviel unſres für ſolche Fragen ganz antiquirten heſſiſchen Strafgeſetz⸗ buchs involvire dies einen Angriff auf die Bundesverfaſſung, reſp. das Verbrechen des Hochverraths, und würde alſo der Großherzog oder vielmehr bei deſſen ſouveräner Unverantwortlichkeit das unter⸗ ‚„zeichnete Miniſterium Gagern nach einem weiteren Artikel dafür bis zu 16 Jahren Zuchthaus ſtrafbar ſein. Wie viel wollen wir den Herren dictiren? fragte ich mit derber Ironie. Natürlich ſchrie die corona unter allgemeinſter Heiterkeit:„16 Jahre!“ Ich hatte damit nur eine recht draſtiſche Perſiflage auf die heutige richter⸗ liche Anwendung offenbar veralteter, unter ganz andren Zeitver⸗ hältniſſen erlaſſener politiſcher Strafrechtsbeſtimmungen im Auge, die auch bei dem Puͤblikum ganz ihre Wirkung erreichte. Von maßgebender Seite aber hat man mir ſpäter dieſen reſpectwidrig unziemlichen Scherz ſehr ſtark angekreidet. Nach geſchloſſener Verſammlung ſaß ich gerade mit einigen bürgerlichen Parteigenoſſen in der Lotz'ſchen Brauerei bei einem kühlen Schoppen Bier, als plötzlich ein Bekannter mit der Meldung hereingeſtürzt kam, daß die Gensd'armen mit einem hofgerichtlichen Verhaftsbefehl in der Taſche auf mich fahndeten. Da ich nun durchaus keine Luſt hatte, mich ohne Noth in einen monatelangen Unterſuchungsarreſt einſpinnen zu laſſen, ſo verbarg ich mich ſoͤfort behufs einſtweiliger Flucht in das Ausland bei einem geſinnungs⸗ verwandten„Philiſter“(Sch. auf dem Aſterweg), von deſſen Woh⸗ nung aus ich am andern Morgen durch die geſchloſſenen Jalouſieen den Criminalrichter Höpfner mit obligater Gensd'armerie⸗Begleitung zur Hausſuchung nach meinem benachbarten Studentenquartier vor⸗ überſchreiten ſah. Selbſtredend konnte ich mich in Gießen, wo die Häuſer aller meiner bürgerlichen Freunde ſucceſſive nach mir durch⸗ viſitirt wurden, nicht lange halten. Da nun alle Thore und Aus⸗ gänge der Muſenſtadt mit Gensd'armerie beſetzt waren, ſo ſchlüpfte ich, von einer liebenswürdigen Parteigenoſſin aus ihrer eignen Galderobe vortrefflich ausſtaffirt, noch an demſelben Abend in eleganter Damenkleidung, Hut und blauem Schleier, mit vorge⸗ ſchriebener weiblicher Grazie trippelnd und den allzu amazonen⸗ haften Bart durch das Taſchentuch verdeckend, am Arme zweier bürgerlicher Freundekam Neuweger Thor mitten durch die arglos zuſchauenden beiden Wachtpoſten durch. An dem benachbarten Buſch'ſchen Garten warf ich meine weibliche Hülle ab und wanderte — 118— nach herzlichem Abſchied von meinen Begleitern an der Seite eines ortskundigen Führers die Nacht durch zu Fuß auf lauter Neben⸗ wegen bis zur nächſten zi ſenbahnſtation nach Mainz, wo ich bei meinem unvergeßlichen, inzwiſchen früh verſtorbenen Freunde, dem Weinwirthe Wendelin Kempf, einer ächten Mainzer jovialen Natur und einem opferwilligen Demokraten, für einige Tage gaſtfreie Auf⸗ nahme unter Beobachtung der erforderlichen Discretion fand. Als wir eines Abends in einem benachbarten Bierhauſe ſelbander unſern Schoppen tranken, kam gerade die neueſte Nummer des„Frank⸗ furter Journals“ von der Poſt herein. Einer der Stammgäſte ergriff das Blatt zuerſt, und als er, in das Innere blickend, aus⸗ rief:„Hol' mich der Henker! Da ſind ſie ja auch ſchon wieder hinter dem F.!“„Was für ein F.?“ war die Frage.„Ei, ihr wißt doch, der Gießener Stude t, der ſich im„deutſchen Zuſchauer“ mit unſren Kreisräthen und dem Miniſterium du Thil ſo herum⸗ geſchlagen hat. Hier ſteht ſein Steckbrief wegen„Hochverraths und andrer V zerbrechen“! Das iſt mir eine ſaubre Rubrik; da könnte man ja zur Noth denken, er hätte neben ſeinen po kitiſchen Ge⸗ ſchichten auch nics kleine Kinder umgebracht, ſilberne Löffel ge⸗ ſtohlen oder Dergleichen. Schade für den jungen Menſehent Denn ſeine Carrière iſt nun gemacht!“ Natürlich ſpitzten wir Beide die Ohren. Nachdem einige Zeit verfloſſen, flüſterte ich meinem Nach⸗ bar zu, mir einmal in unſcheinbarer Weiſe das Journal, das nicht mehr geleſen wurde, herüberzuholen. Es galt meiner jugendlichen Eitelkeit, über die ich jetzt noch lachen muß, hauptſächlich darum, zu ſehen, ob in dem Signalement mein mühſam erzieltes Schnurr⸗ und Knebelbärtchen criminalamtlich als exiſtirend anerkannt oder gar als latent ignorirt worden ſei. Zu meiner großen Beruhigung fand ich die Rubrik: Bart:„blond und ſchwach“! Das fatale Hochverrath und ſonſtige Verbrechen“ genirte mich zwar der Po⸗ lizei des Auslandes gegenüber, aber die Exiſtenz des, wenn auch „ſchwachen“ Bartes war doch ofſiciell zweifellos conſtatirt. O welche kindliche Schwächen hat doch manchmal ein ſo⸗ burſchikoſer Welt⸗ verbeſſerer! Daß natürlich nach ſo öffentlicher Proſcription meines Bleibens in Mainz nicht mehr war, verſtand ſich von ſelbſt, und ſchon am folgenden Morgen beſtieg ich das Rheindampfboot, zunächſt nach Cöln und Lüttich zu, um nach Antwerpen zu fahren. Unterwegs änderte ich plötzlich meine Route, da mich ein nationales Heimweh es vorziehen ließ, die deutſchredende alte Reichsſtadt Straßburg aufzuſuchen, wo ſich zur Zeit mehrere mir befreundete politiſche Flüchtlinge aufhielten. III. Aus der Straßburger Flüchtlingszeit*). Als ich vor Kurzem auf meinem gewohnten Morgenſpazier⸗ gange den Perron unſres Main⸗Neckar⸗Bahnhofs durchſchritt, paſſirte abermals eine Abtheilung von etwa 200 Mann Oſtpreußen unter dem Commando eines Ofſiciers nach der nunmehr wieder deutſchen „Neichs“ Feſtung Straßburg durch. Die Soldaten waren in fröh⸗ licher Stimmung, und aus einem Waggon ertönte in vollem Chor das alte wohlbekannte Volkslied: „O Straßburg, o Straßburg, du wunderſchöne Stadt! Darinnen liegt begraben ſo manniger Soldat!“ So wenig ich ſonſt noch— namentlich auf politiſchem Ge⸗ biete— ſentimentale Anwandlungen habe, ſo war mir doch bei dieſen friſchen Klängen aus deutſchen Soldatenkehlen im Hinblick auf das Reiſeziel der Mannſchaft und im Rückblick auf meinen eigenen früheren unfreiwilligen Aufenthalt in derſelben„wunder⸗ ſchönen Stadt“, deren Beſatzung ſie nun bilden ſollte, gar eigen⸗ thümlich zu Muth. Das„Olim meminisse juvabit!“, was einſt auf unſren ſtudentiſchen Pfeifenköpfen prangte, kam mir in den Sinn, und der ſchneidende Gegenſatz zwiſchen Damals und Jetzt . war allerdings charakteriſtiſch genug, um ihm eine flüchtige Scizze zu widmen.. Anfang October 1848 kam ich als politiſcher Flüchtling, wegen„Hochverraths und ſonſtiger(1). Verbrechen“ ſteckbrieflich ver⸗ folgt, auf dem ſonderbaren Umwege über Lüttich, Namur und Metz — ich wollte zuerſt nach Antwerpen, unterwegs aber packte mich *) Nach einer Feuilleton⸗Scizze, die ich Ende November v. J. unter dem Titel:„O Straßburg, du wunderſchöne Stadt!“ in den„neuen heſſiſchen Volks⸗ blättern“ veröffentlichte. Ich habe ſie durch einige Zuſätze erweitert. D. V. — 120— ein„nationales“ Heimweh nach der deutſchredenden alten Reichsſtadt— Morgens früh in ziemlich abgeriſſenem Zuſtande mit der Diligence in Straßburg an. Meine Caſſe war total erſchöpft. Dem liebenswürdigen Conductcur von Metz ab, der mir den derangirten„refugié“ an der Naſe anſah und mich Angeſichts meiner Verlegenheit ſofort freundlich darauf anredete, hatte ich zur Ergänzung des nicht mehr ausreichenden Paſſagiergeldes meine väterliche Taſchenuhr verpfändet und die paar letzten Sous, die mein Portemonnaie noch barg, gab ich einem bereitſtehenden Gamin, um mir die Stiefel von ihm putzen zu laſſen.„Omnia me- mecum portans“, wie der alte Philoſoph, ſtieg ich in dem mir durch F. Hecker's früheren Aufenthalt daſelbſt als eine Lieblings⸗ Herberge deutſcher Flüchtlinge bekannten„Rebſtöckel“(IIétel à la vignette) ab. Da meine momentane Mittelloſigkeit ſich durch die Schüchternheit des Auſtretens den Kellnern gegenüber nur zu deut⸗ lich verrieth, ſo war der Wirth, der biedere dicke Schroth, ſpäter mein väterlich wohlwollender Freund, bereits entſchloſſen, mich unter Verzicht auf die mehrtägige Zeche einfach vor die Thüre ſetzen zu laſſen. Ich hatte mich naiver Weiſe in das Fremdenbuch’ als „Student aus Gießen“ eingeſchrieben, und das war denn doch wahrlich in den damaligen Zeitläuften gar keine„Adreſſe“. Nur die Intervention ſeines gerade ebenfalls als Flüchtling bei ihm logirenden Landsmannes aus Kirn, des als badiſcher Freiſchaaren⸗ führer von 1848 auch in weiteren Kreiſen bekannten Fr. Doll, der durch Hecker und Struve meinen Namen und meine politiſchen Antecedentien kannte, hielt ihn davon ab. Er hat mir Das ſpäter, nachdem mein pecuniärer und moraliſcher Credit bei ihm feſtgeſtellt war, ſelbſt öfter lachend erzählt und ich habe dem Andenken des wackeren jovialen Mannes eine aufrichtige Thräne gewidmet, als ich hörte, daß er während der letzten Belagerung beim Austritt aus dem Hauſe durch eine Bombe hingerafft worden ſei. Er, ſelbſt ein eingewandeter ehrlicher Deutſcher und, wie wir ihn gerne nannten,„Herbergsvater der deutſchen Flüchtlinge“, ein blu⸗ tendes Opfer der deutſchen„Wiederoberung“— es liegt ein ge⸗ wiſſer tragiſcher Humor in dieſem beklagenswerthen Intermezzo des Straßburger Bombardements. Armer Schroth, der du uns flüch⸗ tigen deutſchen Republikanern anno 1848 und 1849 nicht nur monatelang die Zeche creditirteſt, ſondern auch in dringenden Noth⸗ fällen ſogar baar„pumpteſt“, du hätteſt dir damals nicht träumen laſſen, daß du als ehrſamer Rentier nach etwa 20 Jahren auf einer Straßburger Straße durch eine deutſche Kugel fallen würdeſt! Je nun, die Geſchichte bietet noch ganz andere Paradoren.— Ein noch ſchlimmeres Schickſal, als die Ausquartierung aus dem„Rebſtöckel“, hätte mir damals in Folge der ganz unverant⸗ wortlich vagen Faſſung meines Gießener Steckbriefes Seitens der Straßburger Präfectur blühen können. Da derſelbe neben dem international entſchuldbaren„Hochverrath“ auch noch auf„andere“, gar nicht ſpecificirte„Verbrechen“ lautete, ſo war für eine fremde Polizeibehörde die Möglichkeit concurrirender gemeiner Verbrechen ſelbſtredend nicht ausgeſchloſſen. Ich konnte ja neben meinen politiſchen Attentaten zugleich ſilberne Löffel geſtohlen oder kleine Kinder umgebracht ꝛc. haben. An eine derartige Deutung hatte zwar der mir ſehr freundlich geſinnte brave Criminalrichter K. bei Unterzeichnung des von einem ſeiner Untergebenen pro stylofih ausgefertigten fatalen Dokumentes ſicher nicht im Entfernteſten ge⸗ dacht. Aber die franzöſiſche Polizei machte mir daraufhin ernſt⸗ liche Schwierigkeiten und ich wäre ohne allen Zweifel aus Straß⸗ burg ausgewieſen, eventuell an die deutſche Grenzbehörde mit Gensd'armerie ausgeliefert worden, wenn nicht glücklicher Weiſe in dem von mir zur Entlaſtung vorgelegten„Frankfurter Journal“ ein öffentlicher Proteſt meiner Familie, ſowie mehrerer demokratiſcher Vereine meiner oberheſſiſchen Heimath erſchienen wäre, welche die amtlich ſignaliſirten„ſonſtigen“ Verbrechen zur Rettung meiner in Frage geſtellten bürgerlichen Ehre feierlichſt als „nur politiſche“ declarirten. Der Aufenthalt in Straßburg war, ſoweit es das für mich oberheſſiſchen„Kümmeltürken“ beſonders bittere Gefühl der Ver⸗ bannung zuließ, im Ganzen ein nicht unangenehmer. Ich hatte daſelbſt gar viele Schickſalsgenoſſen, die zum großen Theil mit Geiſt und Humor begabt waren und das„faire bonne mine au mauvais jeu“ tüchtig verſtanden. Für uns galt das Wort Carl Heinzen's, das ich damals öfter citirte:„Ich hoffe es noch dahin zu bringen, daß der Ernſt des Lebens, wo er mich recht böſe an⸗ ſehen will, niemals davor ſicher iſt, vor meinem Blick in Lachen auszubrechen. In der That iſt dies die beſte Rolle, in die man ſich hineinleben kann, ſo lange man dem Schickſal oder der Welt gegenüber in der Defenſive ſteht.“ Unter den mir näher befreundeten damaligen Straßburger Mitexulanten nenne ich hier neben dem obenerwähnten Fr. Doll, den Heinzen meiner vollſten Ueberzeugung nach mit Unrecht ver⸗ unglimpft hat, Theodor Mögling, ſpäter bei Waghäuſel ver⸗ wundet und in das badiſche Zuchthaus geſperrt, die Gebrüder Hillebrand aus Gießen,(Wilhelm, inzwiſchen als praktiſcher Arzt in Spanien geſtorben, Carl, anno 49 auf ſehr romantiſche Art als gefangener Freiſchärler aus den Raſtatter Caſematten ent⸗ ſprungen, jetzt als fanatiſcher Boruſſomane und deßhalb von der ſranzöſiſchen Bevölkerung von Douay 1870 nahezu gelyncht, Pro⸗ feſſor in Florenz), Germain Metternich aus Mainz, während 16 1 — 122— des nordamerikaniſchen Seceſſionskrieges als höherer Officier auf Seiten der Unioniſten gefallen, Beck aus Darmſtadt, ſpäter meines Wiſſens nach den United Staates, von wo ihn die Revolution herübergerufen, wieder zurückgewandert, die beiden in der preußiſchen Steuerverweigerungs⸗Bewegung compromittirten Hallenſer Studenten Kaulfuß, einen geiſtvollen Kameraden, ſeitdem für mich verſchollen, und Ehrlich, zur Zeit Profeſſor in Mancheſter, von wo er mir eine in großdeutſch⸗demokratiſchem Sinn von ihm trefflich geſchriebene politiſche Broſchüre vor etwa 6 Jahren zuſchickte, Dr. Theobald Kerner aus Weinsberg, den ebenſalls poetiſch begabten Sohn des Dichters Juſtinus Kerner von der„Weibertreue“, der damals mit ſeiner erſten Frau dort lebte.(Auch die mir von vornherein antipathiſchen„Mörder Auerwald's und Lichnowsky’s“ hielten ſich Anfangs dort auf, darunter der ſelbſtgefällig deklamatoriſche, übrigens ehrliche Fanatiker Saul Buchsweiler, ein früherer jüdiſcher Lehrer, der in widrigſter Weiſe jenen beklagenswerthen Exceß der ſoge⸗ nannten„Volksjuſtiz“ als patriotiſche Heldenthat pries, aber auch ſeine ſ. g.„guten Seiten“ hatte und von uns gar oft als komiſche Perſon benutzt wurde)*). Ich ſchloß mich natürlich zunächſt an meine heſſiſchen Landsleute an, ſchon um ſie für die erſten Tage auf Grund ihrer Kenntniß meines Namens und meiner Verhält⸗ niſſe, ſoweit es ihre eigenen deſolaten Finanzen erlaubten,„anzu⸗ pumpen“.(Später, nachdem meine„Silberflotte“ von der Frau Mutter eingelaufen war, haben ſie Das redlichſt wettgemacht.) *) In ſeinem Namen erhielt ich einſt von meinem damaligen humor⸗ vollen Exilgenoſſen, dem Studenten der Medicin Kaulfuß aus Halle, folgenden launigen Brief, wozu der fingirte Schreiber eine ſehr zweifelhafte Fratze ſchnitt. „Freund! Bruder! Bürger F.! Du kennſt mich! Du weißt, was ich gethan, was ich gelitten! Deutſchland ſchläft, aber ich wache und Du und Bürger Doll auch! Ich habe für die Freiheit ſchon Jahrelang tief innen geblutet, mein Herz iſt krank, aber es beugt ſich nicht! Germania's nicht unedelſter Sohn bin ich. Ich werde es noch flammend zeigen. Meine Börſe iſt erſchöpft, aber ſie wird, ſie muß ſich wieder füllen— Bürger F. lebt ja! Sei ſo gut, lieber Walhalla⸗ jüngling, und ſchicke mir ſogleich 50 Francs— Germania wird es Dir danken! O die arme blutende Mutter Germania! Das Geld brauche ich zu höheren Zwecken— frage mich nicht weiter! Du kennſt mich und Europa auch. Meinen Namen brauche ich Dir nicht zu nennen, Bürger. Man wird erſt ſpäter einſehen, wer ich war! Lebe wohl, Bruder! Freund! Schicke von Deinem Ueberfluß! Straßburg, den 3. April 1849. O„Saul, Saul!“ rief ich bei dieſer gelungenen Parodie lachend,„warum verfolgſt Du mich?“ Später tauchte beſagter Buchsweiler wieder während des badiſchen Reichsverfaſſungs⸗Aufſtandes von 1849 bei uns in Carlsruhe auf. Wir gaben ihm irgend eine nicht gerade ſehr wichtige agitatoriſche und Er⸗ kundigungs⸗Miſſion nach auswärts, bloß um den ganz unermüdlichen Schwätzer und Declamator, der„ein guter Kerl, aber ſchlechter Muſikant“ war, uns raſch⸗ möglichſt vom Halſe zu ſchaffen. — 123— Zuerſt ſuchte ich den von ächt Mainzeriſchem Rheinſchnakenhumor ſprudelnden jovialen„Bummler“ G. Metternich auf. Unvergeßlich iſt mir eine Scene geblieben, die am erſten Abend meines Straß⸗ burger Aufenthalts in ſeiner Geſellſchaft ſpielte. Er führte mich zu dem Schützenberger'ſchen Estaminet, worin die deutſchen Flücht⸗ linge ihr Rendezvous bei dem Glaſe Bier hatten. Vor der Thüre fragte meinen Begleiter eine ſchnarrende Stimme:„Nun, ſagen Sie mal, M., der F.... muß doch auch bald kommen. Ich habe ſeinen Steckbrief ja ſchon vor acht Tagen in der Zeitung geleſen, und Der kann vernünftiger Weiſe nur nach Straßburg gehen, wenn ſie ihn unterwegs nicht abgefangen haben!“—„Ja wohl!“ lachte M.,„Sie haben gut gerathen. Lupus in fabula— da iſt er leibhaftig!“ Wir drückten uns ſelbſtredend ſofort collegialiſch die Hände. Der ſo nach mir fragte, war niemand Andres, als der damalige Referendar in partibus Guſtav Raſch aus Berlin, der ſpäter ſo bekannt gewordene politiſche Feuilletoniſt und kokette „Freund“ Garibaldi’'s, Gambetta's, Caſtelar's und ſonſtiger revo⸗ lutionärer Notabilitäten, den der boshafte P. Lindau in ſeinen „harmloſen Brieſen“ voriges Jahr den Spaniern in ihrer monar⸗ chiſchen Verlegenheit als König anempfahl. Je nun, wenn ſie aus dem ſchlechten Witze Ernſt gemacht hätten, ſo würde die„Feder“ Raſch jedenfalls noch weit beſſer, als der„Säbel“ Serrano u. A., geweſen ſein.— Ich wurde mit der Zeit in mehrere deutſche Bürgerfamilien eingeführt, worunter ich namentlich der liebenswürdigen des Bier⸗ brauereibeſitzers Schützenberger mit ganz beſonderer Pietät gedenken muß. Der mir befreundete Sohn deſſelben, der talentvolle und inzwiſchen zu ganz reſpectablem Rufe gelangte Maler Louis Schützen⸗ berger, ſah mir in Statur und Geſichtsform, auch im„impertinent blonden“ Haarwuchs ſo ähnlich, daß ich bei meiner erſten Incog⸗ nito⸗Heimkehr ſein„Laisscz-passer“ mit oberflächlichem Signale⸗ ment als Legitimation der deutſchen„heiligen Hermandad“ gegen⸗ über für mich benutzte. Unſere Aehnlichkeit war für jeden nicht näher Bekannten ſo frappant, daß, nachdem ihn einer unſerer deutſchen Flüchtlinge eines ſchönen Tages in künſtlerartigem elegan⸗ tem Anzuge, mit der Reitpeitſche in der Hand, in den„jardin Lips“ eintreten geſehen, eine förmliche Vorladung vor eine Art politiſcher Vehme gegen mich erfolgte. Von meinen mißtrauiſchen Exilge⸗ noſſen wurde dieſes wohlhabenden Doppelgängers halber gegen mich geradezu die Anklage erhoben, ich ſei ein bezahlter agent provocateur, der ſich„gegen fernerweite gute Verköſtigung“, wie Carl Buttervogel an die alte Jungfer in Immermann's„Münch⸗ hauſen“, an das heſſiſche Miniſterium Jaup„verkauft“ habe! Bei dieſen ſich ſelbſt überſchätzenden politiſchen Geſpenſter⸗ ..„* 9„ 2 22ℳ , 1 6. — 124— ſehern, von denen ſich jeder Einzelne, als beſonders ſtaatsgefährlich, mindeſtens durch ein eignes Vierteldutzend„Spione“ ſeiner heimath⸗ lichen Regierung„überwacht“ glaubte, halfen alle Betheuerungen meiner Unſchuld und Berufungen auf meine notoriſche Vergangen⸗ heit Nichts, bis es mir endlich gelang, nicht nur mein Alibi ganz unzweifelhaft zu beweiſen, ſondern auch durch perſönliches Erſcheinen des liebenswürdigen Malers die ſehr nahe liegende Wahrſcheinlich⸗ keit einer Verwechslung ad oculos zu demonſtriren. Daß ich für ein„Reptil“ gehalten werden könnte, hätte ich mir wahrlich nie⸗ mals träumen laſſen, ob auch die Reptilien damals anders hießen. Je nun,„die Unſchuld muß viel leiden!“— In einer andern mir befreundeten deutſchen Familie legte ich — in einigem Gegenſatze zu meinem jetzigen, von der Redaction der„Neuen Heſſiſchen Volksblätter“ nicht getheilten Standpunkte in dieſer Frage— als akademiſcher„Teutone“ eine von uns in Gießen gezeichnete Karte des 1848 erträumten„deutſchen Reiches“ vor, worauf auch Elſaß⸗Lothringen, als altes, uns ſeiner Zeit von Ludwig XIV.„geſtohlenes“ deutſches Land, ſchwarzrothgold ſtatt blauweißroth umpinſelt war. Die lieben Leute, die zwar deutſch ſprachen und dachten, aber politiſch ganz franzöſiſch fühlten, lachten mir ob dieſer geographiſchen Phantaſie⸗Malerei einfach ins Geſicht. „Sie ſind ein rechter„deutſcher“ Träumer und Narr“, ſo antwortete mir Einer,„wenn Sie glauben, wir Elſäßer, die wir mit Frank⸗ reich die glorreichen drei Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 durchgemacht und ihnen, ohne die auch Ihr da drüben noch im feudalen Mittelalter ſtäcket, alle modernen Rechts⸗Errungenſchaften zu verdanken haben— wir hätten Luſt, eurem Deutſchland mit ſo und ſoviel Potentaten, Zoll⸗, Zunft⸗ und Polizei⸗Schranken wieder zuzufallen. Ihr Deutſchen ſeid freilich die ſchreibenden „Denker“, wir Franzoſen aber ſind die handelnden„Macher“. Bei uns exiſtirt„Freiheit und Gleichheit“ in gewiſſem Sinne, bei euch in keinem! Und wenn mir's z. B. heute einfällt“,— die Aeußerung iſt nach meiner ziemlich genauen Erinnerung faſt wort⸗ getreu und war damals nur zu berechtigt—„kann ich mit meinem ganzen Geſchäft morgen nach Marſeille überſiedeln ohne alle Po⸗ lizeiplackerei eurer höheren und niederen Schreibergeſellen!“ Von dieſer, wie ich bekennen mußte, thatſächlich nicht unmotivirten fran⸗ zöſiſchen„Verranntheit“ waren die mir näher bekannten braven Straßburger Deutſchen, die übrigens ihre Stammesverwandtſchaft uns Flüchtlingen gegenüber durch offnes Haus und offne Börſen niemals verläugneten*), nun einmal nicht abzubringen. Ich gab *) So denke ich heute noch an unſre freudige Ueberraſchung, als bei herannahendem Winter und, wie gewohnt, knapper Caſſe in Doll's und meiner — 125— daher auch bei ihnen alle„Wiedereroberungs“ Verſuche klüglich auf. Von da an datirt denn auch hauptſächlich meine oft ſehr unvor⸗ ſichtig ausgeſprochene, hier vielfach entſchieden mißbilligte Antipathie gegen die ohne alle und jede Befragung der Bevölkerung ſtattge⸗ fundene„Einverleibung“ der ſogenannten„Reichslande“ Elſaß⸗ Lothringen. Als Student war ich politiſcher Romantiker und habe als ſolcher— im Gegenſatz zu dem„geſunden Volks⸗Egoismus“ Wilh. Jordan's vom Frankfurter Parlament— auf der Tribüne der Friedberger Seewieſe für Abtretung Deutſch⸗Polens declamirt. (Die Schläge, die mir dafür von den oberheſſiſchen„Nationalen“ wegen„Vaterlandsverrath“ zugedacht waren, erhielt, wie ſchon erzählt, glücklicher Weiſe ein Anderer!) Als Mann aber bin ich von der durch Louis Napoleon ſo perfid ausgebeuteten„Natio⸗ nalitäts“⸗Idee einigermaßen zurückgekommen. Der von F. Hecker während ſeines Schweizer Aufenthalts in Baſel herausgegebene republikaniſche„Volksfreund“ wurde mit der Zuſicherung ſeiner Unterſtützung von Nordamerika aus durch F. Doll, Th. Mögling und mich in Straßburg fortgeſetzt. Ich ſelbſt ließ durch unſern Redactions⸗Secretär, einen anno 48 compro⸗ mittirten Naſſauer Studenten der Medicin, folgendes von mir unterzeichnete Cirkulär dieſerhalb an meine Freunde und Geſinnungs⸗ genoſſen in Heſſen expediren. „Wir überſenden Ihnen hiermit einige Exemplare des von nun an unter der mittelbaren Leitung F. Hecker's und der un⸗ mittelbaren ſeiner Freunde und Kampfgenoſſen F. Doll und Th. Mögling forterſcheinenden„Volksfreundes“ mit der Bitte um deren gefällige Weiterverbreitung, reſp. Einladung zum Abonnement. Die Tendenz des Blattes, für deren entſchieden demokratiſchen Charakter Ihnen ſchon der gefeierte Name des intellectuellen Redac⸗ teurs genügende Bürgſchaft gibt, wird Ihnen wahrſcheinlich bereits von früher her, wenn nicht aus eigner Anſchauung, ſo doch durch die fortgeſetzten heftigen Angriffe der monarchiſchen Preſſe bekannt ſein, und daß dieſelbe auch nach ſeiner, im Einverſtändniſſe mit Hecker ſelbſt geſchehenen Verlegung nach Straßburg völlig unverändert geblieben iſt, können Sie aus dem Inhalte der anliegenden Nummern entnehmen. Zu ſeiner Empfehlung fügen wir hier nur noch hinzu, daß Hecker, wie ſchon in ſeinem letzten „Wort an das deutſche Volk“ angedeutet iſt, von Amerika aus gemeinſamen Wohnung Morgens plötllich eine Fuhre kleingemachtes Holz abge⸗ laden wurde und der Ueberbringer weder ein Trinkgeld—„Wenig, aber von Herzen!“— annahm, noch uns den Namen des Abſenders nannte. Es war, wie wir ſpäter ermittelten, der obengenannte Herr Schützenberger. Wir haben uns damals an den mit ſo anonymem und obendrein Gratis⸗Brennmaterial geheizten Oefen behaglich erwärmt. — 126— über ſeine, unter den republikaniſchen Inſtitutionen der vereinigten Staaten geſammelten Erfahrungen, deren Mittheilung aus dieſer Feder für die Partei der deutſchen Demokraten als der beſte Maß⸗ ſtab zu praktiſcher Beurtheilung ihrer eignen Verhältniſſe von hohem Intereſſe ſein muß, regelmäßige Berichte direkt an uns einzuſenden verſprochen hat, mit deren ungeſäumter Veröffentlichung im„Volks⸗ freund“ wir demnächſt den Anfang machen werden. Der Unterzeichnete ſelbſt wird für die Dauer ſeines Exils und auch fernerhin als Mitarbeiter an dem Unternehmen ſich be⸗ theiligen und namentlich, ſoweit der Raum des Blattes es geſtattet, die politiſchen Zuſtände des Großherzogthums Heſſen fortdauernd und freimüthig darin beleuchten, wie uns denn auch gediegene Correſpondenzen von dort aus jederzeit willkommen ſein werden. Indem wir Sie ſchließlich wegen Eröffnung des Abonnements auf die in dem Blatte ſelbſt angegebene Straßburger Adreſſe verweiſen, haben wir wohl kaum nöthig, Sie noch beſonders darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, daß gerade jetzt, wo auf Veranlaſſung des be⸗ rüchtigten Reichsminiſterial⸗Erlaſſes und des„Geſetzes zum Schutze der Nationalverſammlung“ auch im Großherzogthum Heſſen durch die Ordonnanzen des Miniſteriums Jaup und die in deren Folge eingetretenen Verhaftungen und Verfolgungen mehrerer Redacteurs die demokratiſche Preſſe gewaltſam unterdrückt zu werden beginnt, die thätige Unterſtützung unſres, unter dem Gaſtſchutze des Aus⸗ landes derartigen Ausnahmemaßregeln nicht unterworfenen Blattes im Intereſſe der republikaniſchen Partei ſelbſt liegen dürfte. Hochachtungsvollſt ꝛc. Straßburg, 15. October 1848. R. F.“ Der„Volksfreund“ erſchien indeß in Folge des immer ſtärker werdenden Druckes der heimathlichen Reaction und der gegen ihn gerichteten polizeilichen Verfolgungen, meines Erinnerns, nur in etwa 6—8 Nummern, worauf er, namentlich der heiligen Her⸗ mandad erliegend, einging, gleich vielen andern ähnlichen jour⸗ naliſtiſchen Unternehmungen jenſeits, wie diesſeits der deutſchen Grenze. Trotz aller politiſchen Miſoͤre war unſer Flüchtlings⸗Heimweh nach dem durch die ſichre Ausſicht auf Feſtungs⸗ oder Zuchthaus⸗ arreſt verſperrten deutſchen Vaterland mitunter ganz ſchweizerhaft elegiſch und das„Eilende Wolken, Segler der Lüfte!“ der Schiller'ſchen Maria Stuart hat gar Mancher von uns damals ſentimental nachgeſeufzt. Die tiefe Wahrheit der berühmten Ant⸗ wort Danton's, als er die Aufforderung zur Flucht abwies: „Kann ich mein Vaterland an den Schuhſohlen mitnehmen?“ haben wir bitter genug empfunden. Um nur manchmal den Fuß auf heimiſch⸗deutſchen Boden zu ſetzen, hatten die beiden Brüder — 127— Hillebrand und ich die Schwäche, von Zeit zu Zeit auf die Mitte der damaligen Schiffbrücke nach Kehl zu gehen, wo ſich zwei feind⸗ liche Schildwachen, ein franzöſiſcher und ein badiſcher Infanteriſt, der eine in rothen, der andere in blauen Hoſen, einander friedlich gegenüberſtanden. Wir ſtreckten dann jedesmal das eine Bein über die durch Flaggenſtangen bezeichnete nationale Demarkations⸗ linie, das andere aber hielten wir vorſichtig zum Rückzuge bereit und immer dachte ich dabei an die Worte L. Börne's in dem zweiten ſeiner bekannten Pariſer Briefe(aus Straßburg):„Die erſte franzöſiſche Kokarde ſah ich an dem Hute eines Bauern, der, von Straßburg kommend, in Kehl an mir vorüberging. Mich ent⸗ zückte der Anblick. Er erſchien mir wie ein kleiner Regenbogen nach der Sündfluth unſerer Tage, als das Friedenszeichen des verſöhnten Gottes. Ach! und als mir die dreifarbige Fahne ent⸗ gegenfunkelte— ganz unbeſchreiblich hat mich das aufgeregt. Das Herz pochte mir bis zum Uebelbefinden, und nur Thränen konnten meine gepreßte Bruſt erleichtern. Die Fahne ſtand mitten auf der Brücke, mit der Stange in Frankreichs Erde wurzelnd, aber ein Theil des Tuches flatterte in deutſcher Luft. Fragen Sie doch den erſten beſten Legationsſecretär, ob das nicht gegen das Völker⸗ recht ſei? Es war nur der rothe Farbenſtreif, der in unſer Mutter⸗ land hineinflatterte, das wird auch die einzige Farbe ſein, die uns zu Theil werden wird von Frankreichs Freiheit!“—— Wenn wir drei flüchtige Oberheſſen ſo„zweibeinig“ auf der Kehler Schiffbrücke ſtanden, ſo erheiterte das jedesmal ſowohl den blauhoſigen Badenſer, als den rothhoſigen Grenzwächter der„grande nation.“ Eines Tages bemerkte uns der Letztere, ein biederer Gas⸗ cogner und eben ſo guter Geograph, wie ſeine übrigen, ſelbſt„ſtu⸗ dirten“ Landsleute, indem er den einen Fuß nach der badiſchen, den anderen nach der franzöſiſchen Seite ſtellte, mit rührender Naivetät:„Voyez, Messicurs! Gi la France et là l'Autriche!“ (Deſtreich und Deutſchland waren ihm alſo gleichbedeutend. Heut⸗ zutage, nach 1866, würde ein ähnlicher Schnitzer wohl kaum mehr einem franzöſiſchen Rekruten paſſiren.) Da wir als, ſo zu ſagen, politiſch relegirte deutſche Stu⸗ denten vor Allem deutſches Bier und deutſchen Tabak liebten, ſo pflegten wir unmittelbar an oder in dem Zollhäuschen am Ufer des„freien deutſchen Rheins“ von Zeit zu Zeit unſer Fäßchen deutſchen Gerſtenſaftes, der allda nicht verzollt zu werden brauchte, zu trinken und uns durch einen brieflich beſtellten Kehler Lands⸗ mann über die Schifſbrücke herüber Tabak und Cigarren bringen zu laſſen.(Auf dieſem Wege erhielt ich regelmäßig meinen Gie⸗ ßener„Schirmer“ im weißen Paquet mit rothem Siegel. Den à — 128— feingeſchnittenen, ſcharf gebeizten franzöſiſchen Regie⸗Tabak konnte ich nicht vertragen.) Es war für mich ſtets ein ganz beſonders elegiſches Gefühl, wenn ich ſo, auf dem Boden hingelagert, Angeſichts der durch den breiten„grüngoldigen Strom“ von mir getrennten Heimath im Kreiſe meiſt fröhlicher Exilgenoſſen mein Glas deutſches Bier trank und meine deutſche Cigarre dazu rauchte, und der Gedanke an die ſorgenvolle Mutter und jene blonde„Sie“, die ſich vielleicht daheim um mich abhärmten, entlockte mir gar oft einen leiſen Stoßſeufzer. Aber— pah! Wir, denen der ganze Himmel noch voll politiſcher Baßgeigen hing, rechneten ja damals mit vollſter Sicherheit auf eine demnächſtige Revolution und die unausbleibliche deutſche Republik, natürlich mit Feitz Hecker als Präſidenten. (Ich ſelbſt hatte, um nur Advokat und„tribunus plebis“ zu bleiben, mit immerhin annerkennenswerther Beſcheidenheit auf ein Miniſterportefeuille im Voraus verzichtet.) Jeden Morgen begeg⸗ neten wir uns im Café oder Eſtaminet mit dem großen Frage⸗ zeichen im Geſicht, ob es daheim nicht endlich„losgegangen“ ſei, daß der Eine oder Andere zur Rettung des Vaterlandes heim⸗ fahren müſſe, und von dieſem„Wechſel auf die Zukunft“, der frei⸗ lich hinterdrein mit Proteſt, Mangel Zahlung, zurückging, lebten wir getroſt von heute auf morgen. Ja, ob auch noch ſo ſchlimm, es war doch, um mein altes Lieblingslied aus dem Lortzing'ſchen Waffenſchmied zu citiren,„eine köſtliche Zeit!“ Unter uns waren gar manche inzwiſchen zu Grunde gegangene Abenteurer und„cati⸗ linariſche Exiſtenzen“, ja ſogar Reptilien im ſchlimmſten heutigen Sinn. Aber die große Mehrzahl beſtand aus ehrlich patriotiſchen, meiſt ſtudentiſchen Himmelsſtürmern und Weltverbeſſerern, die nur das deutſche Vaterland— Republik mußte es natürlich ſein, jeder Andersgläubige war ein„Volksverräther!“— im Auge hatten und ſich für daſſelbe jeden Moment hätten todtſchlagen laſſen. Wir ſaßen, wie die trauernden Juden auf dem Bilde Bendemann's, „an den Waſſern Babylon's und weinten“— mitunter aber lachten wir auch herzlich trotz aller politiſchen Trübſal. Alle idealiſtiſchen Geigen, die damals an unſerem ſchwarzrothgoldnen Himmel hingen, ſind inzwiſchen Stück für Stück heruntergefallen und an ihrer Statt ſehen wir heute nur noch die ſchwarz⸗weiß⸗ rothe Krupp'ſche Gußſtahl⸗Kanone.„Fuit Ilium, fuimus Troes!“ O glückliche Jugendzeit mit deinen ſchönen Illuſionen,„wohin biſt du entſchwunden?“„Quae mutatio rerum!“ So heißt’s in dem alten Studentenliede, das ich ſo oft ahnungslos hinter manchem Schoppen mitgeſungen. Und„o jeram! jerum! jerum!“ ſo lautete die vorangehende Verszeile. Beſonders charakteriſtiſch war die in Deutſchland ſicher nur — 129— zu den ſeltenen Ausnahmen zählende Art und Weiſe, wie uns beim Heimwege von der Kehler Schiffbrücke nach Straßburg die Zollwächter behandelten. Wir trieben ſtarke Contrebande. Alle unſere Rock⸗ und Hoſentaſchen ſtarrten von deutſchen Tabaks⸗ und Cigarren⸗Packeten, mitunter auch von anderen, an ſich unſchuldigen Dingen, die wir aus bloßer Gefälligkeit für unſere freundlichen Hauswirthinnen herüberſchmuggelten. Sobald wir aber an der Douane, wo ſonſt der monotone Ruf:„N'avez vous rien a déclarer?“ mit obligatem Griff in die Taſchen ertönte, nur vorübergingen, machte der alte Unterofficier mit grauem Schnurrbart regelmäßig, mit der Hand abwinkend, die lakoniſche Bemerkung:„Ce sont des refugiés allemands. Laissez passer!“ Dieſe ſich ſelbſt er⸗ klärenden Worte des wackeren alten Schnauzbarts ſind mir bis auf den heutigen Tag unvergeßlich geblieben. Eine ſo chevalereske Courtoiſie für— namentlich wegen freiheitlicher Beſtrebungen— Verfolgte hat uns damals ſehr imponirt. Obwohl ich in dem mannigfachen unfreiwilligen Verkehr meiner Vergangenheit mit heſſendarmſtädtiſchen Gensd'armen niemals auch nur über einen Einzigen derſelben wegen inhumaner Behandlung zu klagen hatte*), ſo glaube ich doch kaum, daß von deutſchen, ob auch noch ſo tole⸗ ranten Polizeibeamten gegenüber ſo polizeiwidrigen ſteckbrieflich ſig⸗ naliſirten Individuen mit ſo verbindlicher Artigkeit verfahren werden wird.„Ce sont des refugiés allemands. Laissez passer!“ Dieſer ſchöne Ruf des alten franzöſiſchen Unterofficiers, der mir im Anfang die Augen befeuchtete, klingt mir heute noch in die Ohren.—. Beſondere Entrüſtung unter uns Flüchtlingen aller Schat⸗ tirungen erregte der durch die Zeitungen veröffentlichte Aufruf einer Fraction der Linken und des Centrums der Frankfurter National⸗ *) Ihrem wackeren jetzigen Oberſten, dem damaligen Gießener„Ritt⸗ meiſter“ Kerz, bin ich für ſeine ritterliche Liebenswürdigkeit zu ganz beſondrem Danke verpflichtet Da man wegen meiner notoriſchen Popularität in der ober⸗ heſſiſchen Heimaths⸗Provinz vor der Gießener Jury eine vollſtändige Frei⸗ ſprechung befürchtete, ſo verwies man mich in mir heute noch unerklärlicher Weiſe nach Darmſtadt, wo ich perſönlich faſt gar nicht bekannt war, und ich ſollte, wie jeder Dieb und gemeine Hallunke, bei hellem Tage„geſchloſſen“ (d. h. mit Hand⸗ und Fuß⸗Feſſeln) nach der Reſidenz transportirt werden. Dieſer„Schimpf“ wäre mir— zunächſt wegen meiner Familie— höchſt empfind⸗ lich geweſen. Ein einfaches Billet an Herrn Kerz, worin ich mein Ehrenwort dafür verpfändete, keinen Fluchtverſuch machen zu wollen, genügte, um mir Das zu erſparen. Er gab mir ſogar die zwei„Anſtändigſten“ ſeiner Leute zur Eskorte, die mich unterwegs ſo„bemutterten“, daß in dem Eiſenbahn⸗Coupé ſicher Nie⸗ mand, der mich und meine momentanen Verhältniſſe nicht kannte, auf meine Eigenſchaft als Arreſtant hätte ſchließen können. Unſre Gensd'armerie iſt ein braves Corps, uud ich ſtatte mit wahrem Vergnügen ſowohl dem Chef, als dem Perſonal hiermit öffentlich meinen aufrichtigſten Dank ab. D. V. 17 — 130— verſammlung, worin zu Geldſubſcriptionen aufgefordert wurde, um die in Frankreich lebenden deutſchen Flüchtlinge behufs Beruhigung der deutſchen Ordnungs⸗Philiſter, die jederzeit von dieſen Despe⸗ rado’'s Putſche über die Grenze befürchteten, zu einer Art freiwilliger Selbſtdeportation nach Nordamerika zu veranlaſſen. Carl Vogt erſchien zu dieſem beſondren Zwecke in Straßburg, wo wir drei Gießener Studenten, die beiden Hillebrand und ich, im Café Miroir bei ihm zu Mittag ſpeiſen mußten. Aber alle Verhandlungen ſcheiterten an dem allzu hoch geſpannten patriotiſchen Selbſtgefühle unſrer exilirten Vaterlandsretter, die ſich nicht als gemeingefähr⸗ liche Subjecte auf öffentliche Koſten expatrürren laſſen wollten. Wir hielten deßhalb zwei ſtürmiſche Verſammlungen und ich ſelbſt entwarf im Auftrag meiner Schickſalsgenoſſen folgenden geharniſch⸗ ten Proteſt, der faſt einſtimmig angenommen wurde. „An die Herren Reichtags⸗Abgeordneten Gevekoht, Merck, Rießer, Simſon, Tellkampf, Veit und Vogt. Die unterzeichneten deutſchen Flüchtlinge ſehen ſich durch den von Ihnen im Frankfurter Journal veröffentlichten Aufruf zur Sammlung von Beiträgen für die Ueberſiedelung der in Frank⸗ reich lebenden Flüchtlinge nach Amerika veranlaßt, Ihnen ſowohl im Intereſſe ihrer perſönlichen Ehre, als auch der politiſchen Partei, der ſie aus Ueberzeugung angehören und deren vorübergehende Niederlage ſie in's Exil getrieben hat, hiermit Folgendes zu er⸗ klären: So ſehr wir bedauern, daß ein Theil der Unterzeichneten durch die augenblickliche Bedrängniß unſerer Lage auf die Noth⸗ wendigkeit fremder Unterſtützung angewieſen iſt, und ſo ſehr wir alle unſern jetzigen unfreiwillig beſchäftigungsloſen Aufenthalt mit einer angemeſſenen Thätigkeit innerhalb der nordamerikaniſchen Freiſtaaten zu vertauſchen wünſchen, ſo müſſen wir doch aus nahe liegenden Gründen Bedenken tragen, uns dem von Ihnen ange⸗ regten Unternehmen anzuſchließen. Ja wir müſſen ſogar gegen deſſen für uns ſelbſt verletzende Form hiermit ganz entſchieden pro⸗ teſtiren. Wenn wir ſeither nicht gezögert haben, die an uns von Deutſchland einlaufenden Unterſtützungsgelder mit dankbarer An⸗ erkennung des guten Willens der Geber anzunehmen, ſo geſchah dies, weil wir uns berechtigt glaubten, dieſe Beiträge als wohl⸗ gemeinte Beweiſe einer nicht unverdienten Sympathie von Seiten unſrer Geſinnungsgenoſſen in der Heimath und als theilweiſe Ent⸗ ſchädigung für die empfindlichen perſönlichen Verluſte anzuſehen, die wir im Kampfe für die Freiheit unſrer Mitbürger erlitten haben. Wir haben aber noch nicht ſo ſehr das Gefühl unſrer eignen Ehre und die Achtung für die Saͤche, der wir unſre Hei⸗ math und Stellung aufopferten, verloren, um uns durch Annahme — 131— eines Almoſens zu demüthigen, deſſen öffentlich zur Schau getragene Motive eine Beleidigung für uns ſelbſt und unſre politiſche Ueber⸗ zeugung ſind. Abgeſehen von dem verletzenden Mißtrauen, was in der von Ihnen zur Beruhigung der Geber ausdrücklich hervorge⸗ hobenen Verſicherung liegt, daß die Reiſegelder nicht den Flüchtlingen ſelbſt in die Hand gegeben werden ſollen, trägt Ihr in den Zei⸗ tungen publicirter Aufruf das Motiv an der Stirne, daß wir bei fortgeſetztem Aufenthalt an der franzöſiſchen Grenze der Gefahr ausgeſetzt ſeien, uns jedem, auch dem tollkühnſten Unternehmen an⸗ zuſchließen. Ja, Herr Proſeſſor Vogt ſagt geradezu in einem über dieſe Angelegenheit an Einige von uns gerichteten Briefe mit der ihm eigenthümlichen burſchikos⸗parlamentariſchen Delikateſſe, daß „überhaupt, wenn eine Revolution in Deutſchland ausbrechen ſollte, wozu gar keine Ausſicht ſei, die Betheiligung der Flüchtlinge nur Schaden bringe!“ Dieſe Motive müſſen uns, in Verbindung mit den Namen der Unterzeichner, deren Mehrheit der Partei unſrer politiſchen Gegner angehört, darauf ſchließen laſſen, als ſei das fragliche Unternehmen nicht ſowohl ein Beweis der Sympathie für uns und unſre Sache, als vielmehr eine zur eignen Beruhigung der durch die Fortdauer unſres hieſigen Aufenthalts beläſtigten Geber getroffene Abfindungs-Maßregel, dazu beſtimmt, uns als die vorausſichtlichen Theilnehmer einer von jener Seite be⸗ fürchteten, von allen Freunden der Volksfreiheit aber ſehnlichſt erwarteten neuen Revolution durch eine auf dem Wege der Collecte beſtrittene Maſſen⸗Deportation nach Amerika ſich für immer vom Halſe zu ſchaffen. Wir Unterzeichneten verwahren uns hiermit, ohne dadurch der etwaigen Geneigtheit unſrer übrigen Exilgenoſſen irgendwie in den Weg treten zu wollen, entſchieden gegen die Annahme einer in ſolcher Form und aus ſolchen Händen uns dargebotenen Unterſtützung. Zugleich proteſtiren wir aus⸗ drücklich gegen die Art und Weiſe, womit die bisherigen oder noch bevorſtehenden Schilderhebungen unſrer Partei indirect in die Ka⸗ tegorie„tollkühner Unternehmungen“ geworfen und darauf hinge⸗ deutet wird, als ſei es bloß unſre augenblickliche bedrängte per⸗ ſönliche Lage, der Mangel an geeignetem Zeitvertreib ꝛc. und nicht vielmehr unſre wohlbegründete politiſche Ueberzeugung, die uns etwa noch einmal die Waffen gegen die Monarchie in die Hand drücken würde. Wir haben jederzeit mit bereitwilligerer Aufopfe⸗ rung, als manche Andre, unſre perſönlichen Intereſſen denen unſres Geſammtvaterlandes nachgeſtellt und werden niemals ſo gewiſſenlos ſein, aus bloßem Mangel an Geld oder Beſchäftigung unſre Mit⸗ bürger auf's Geradewohl den Gefahren eines muthwillig entzün⸗ deten Bürgerkriegs preiszugeben. Allerdings wiſſen wir, daß viele Herren, die auf der Tribüne der Paulskirche für die ſogenannte 7 — 132— Einheit und Freiheit lange Reden halten, es uns Republikanern zum Verbrechen anrechnen, für Das, wofür ſie bis jetzt bloß ſchöne Worte hatten, auch mit bewaffneter Hand gekämpft zu haben. Wir haben es bis dahin nicht der Mühe werth gehalten, auf Verdächtigungen obiger Art zu antworten, ſondern unſre thatſächliche Rechtfertigung ſchweigend den Ereigniſſen überlaſſen. Aber wir haben wenigſtens das Recht, von Denjenigen, die ſich als unſre Wohlthäter geriren wollen, zu verlangen, daß ſie es unterlaſſen, uns und unſre Sache, wenn auch nur indirect, öffentlich zu verdächtigen, und darum glaubten wir vorliegende Zurückweiſung derartiger ſo verletzend motivirter Anerbietungen unſrer eignen Ehre ſchuldig zu ſein. Straßburg(Anfang 1849). (Folgen die Unterſchriften von etwa 30— 40 deutſchrepublikaniſchen Studenten.) Und jetzt iſt daſſelbe, in Wirklichkeit gar nicht ſo„wunder⸗ ſchöne“ Straßburg, das mich anno 1848 und 1849 als Proſcri⸗ birten der deutſchen Heimath in ſeinem franzöſiſchen Schooße ſo gaſtlich beherbergte, wiedereroberte„deutſche Reichs⸗Feſtung!“ Und preußiſche Soldaten fahren zur Ergänzung der dortigen Be⸗ ſatzung fröhlich ſingend durch unſre heſſiſche Darm⸗Reſidenz! Das alte Volkslied, was ich, ein 1848er Flüchtling, jüngſt on 1874er preußiſchen Soldaten auf dem hieſigen Main⸗Neckar⸗ Bahnhofe ſingen hörte, iſt jedenfalls ein geſchichtlich denkwürdiges und auch in der Melodie ſchönes: „9 Straßburg, o Straßburg, du wunderſchöne Stadt! Darinnen liegt begraben ſo manniger Soldat.“—— IV. Von anno 1849 bis 1850. Gegen Ende April 1849 fuhr ich von Straßburg per Eiſen⸗ bahn durch Baden über Heidelberg, zunächſt nach Darmſtadt, um dort bei einem befreundeten, übrigens durchaus nicht demokratiſchen, ſondern fanatiſch conſtitutionellen jungen Beamten für einige Tage „die Hacke unterzuſtellen.“ Wie ich ſchoͤn in Heidelberg bei meinen gerade dort ſtudirenden Gießener juriſtiſchen Commilitonen erfuhr, deren einige bereits zur bewaffneten Theilnahme gerüſtet waren, bereitete ſich der badiſch⸗pfälziſche Reichsverfaſſungs⸗Aufſtand zum nahen Ausbruche vor. Man ſuchte mich dieſerhalb von der Weiter⸗ reiſe abzuhalten, aber ich hatte zu der ganzen Sache kein rechtes Vertrauen. Nach nur eintägigem, in alter Studentenweiſe fröh⸗ lich verkneiptem Aufenthalt fuhr ich, um endlich heimathliche Luft zu athmen, unaufhaltſam nach unſrer heſſiſchen Darm⸗Reſidenz, wo mich mein Freund S. trotz ſeiner bis dahin noch widerruflichen ſtaatsdienſtlichen Stellung mit offnen Armen aufnahm. Als ich ihn nicht gleich daheim traf, ſuchte ich ihn nach Anweiſung ſeiner Hauswirthin im benachbarten Bierhauſe zum„Hanauer Hofe“ auf. Da fand ich ihn denn an der Seite eines damaligen Collegen, des jetzigen Directors der Darmſtädter Rentenanſtalt, W., der mich mit gleich rückhaltloſer Herzlichkeit, wie S., als oberheſſiſcher Lands⸗ mann begrüßte. In dem großen Bierſaale ſaßen gar viele Gie⸗ ßener Studenten, die mich erkannten und ganz erſtaunt fixirten. Aber Das genirte mich gar nicht, obgleich mein Steckbrief noch in Kraft war und ich das erbetene, indeß erſt nach meiner Abreiſe von Straßburg dort eingetroffene Geleitſchreiben des Miniſteriums Jaup gar nicht erhalten hatte. Die Gewitterſchwüle der immer näher rückenden ſüddeutſchen Volkserhebung lag eben ſchon in der Luft und da ging die löbliche Polizei mit ihren ſonſt ſo ſchnell bereiten Verhaftungen ſchon etwas zurückhaltend zu Werke. Am folgenden — 134— Mittag hatte ich ſogar die Keckheit, unvermummt mit meinem braven Freunde S. über die Straße zum Eſſen in ſeine Reſtauration, nahe beim Trauben, zu gehen, ohne daß ein Hahn nach mir gekräht hätte. Bald nachher freilich, als ich bereits verduftet war und die Sache ruchbar wurde, machte S. ſein Vorgeſetzter über dieſen ordon⸗ nanzwidrigen Verkehr mii einem polizeilich proſcribirten Staatsver⸗ brecher dienſtlichen Vorhalt. S. aber erwiederte ritterlich, ich ſei nun einmal ein Jugendfreund von ihm, gegen meine perſönllche Ehrenhaftigkeit könne Niemand Etwas einwenden und ſo habe er mir, trotz der oft genug durchgeſprochenen ſtarken Verſchiedenheit unſrer politiſchen Anſichten, das für die Durchreiſe in die Heimath bei ihm nachgeſuchte Quartier nicht verweigern dürfen, ohne ſich in ſeinen eignen Augen zu blamiren. Dieſe entſchiedne ehrliche Ant⸗ wort, wie ſie freilich heutzutage in gleicher Lage nur wenige vor⸗ erſt widerruflich angeſtellte Aspiranten des Staatsdienſtes geben würden, machte den erwarteten Eindruck. Der Herr Oberfinanz⸗ rath war honorig genug, unter dieſen Umſtänden der Sache keinerlei weitere Folgen zu geben. Braver kleiner S., Das habe ich Dir niemals vergeſſen!— Nachdem ich mich in der Reſidenz ein paar Tage reſtaurirt und unter einſtweiliger Aushülfe meines gegenüber wohnenden Landsmannes W., deſſen freundlichſt dargeliehene ge⸗ ſtreifte Hoſen ich heute noch vor mir ſehe, meine ſehr defecte Gar⸗ derobe hatte wiederherſtellen laſſen, ging es getroſt über Frankfurt weiter, größtentheils bei Tage per Omnibus, nach der oberheſſiſchen Heimath, von da nach ein paar Tagen verſtohlenen Aufenthalts über Elpenrod zum Beſuche meiner Lieblingsſchweſter, die über meinen unverhofften Anblick ganz außer ſich gerieth, nach Gießen. Im Begriffe, mich dort ſchon zum Antritt meiner Haft zu ſiſtiren, trafen mich gleich am erſten Tage weit günſtigere Nachrichten über den Verlauf der pfälziſch⸗badiſchen Bewegung, als ich erwartet hatte, ſodaß ich nachgerade an die Möglichkeit eines Erfolges ernſt⸗ lich glaubte. Zudem erhielt ich unter eventuell aufgegebener dortiger Adreſſe von meinen beiden Erilgenoſſen F. Doll und J. Diepen⸗ brock folgenden aus Ludwigshafen datirten, mit Geld beſchwerten Brief: „Lieber Freund! Früher haben Sie mehrmals den Wunſch ausgeſprochen, zu mir an meine Seite zu kommen, falls wir wieder ausrücken würden. Dies iſt nun geſchehen. Ich ſtehe zur Zeit mit Diepenbrock in Ludwigshafen, vis-a-vis von Mannheim, und ſchicke Ihnen zur Hierherreiſe 8 Thaler. Kommen Sie nicht, nun ſo werden wir uns ſpäter vielleicht dort oder in Frankfurt wiederſehen. Viele Grüße an die drei Hillebränder und Schenck von Ihrem Hauptquartier Ludwigshafen, Friedrich Doll. den 12. Mai 1849. — 13⁵5— Komme augenblicklich hierher ins Hauptquartier, um einen wichtigen Vertrauenspoſten zu übernehmen! In Eile Dein Diepenbrock.“ Was war da zu machen? Wenn ich in einem ſolchen Mo⸗ mente, wo die Kanonen der ſchwarzrothgoldnen Volksbewegung ſchon zu donnern anfingen, mich freiwillig in die Gießener Gefäng⸗ nißzelle verkrochen hätte, ſo würde das aufs Haar wie eine Feig⸗ heit, die à tout prix ihre Haut ins Trockne bringen will, ausge⸗ ſehen haben. Und ob ich auch immer noch ein gewiſſes Miß⸗ trauen in das Gelingen der vorerſt nur auf Baden und die kleine Pfalz beſchränkten Bewegung nicht unterdrücken konnte, ſo blieb mir doch unter den vorliegenden Umſtänden honoris causa nichts Andres übrig, als dem Rufe meiner Exil⸗ und Parteigenoſſen ohne langes Beſinnen zu folgen. So ſuhr ich denn denſelben Abend noch mit dem Poſtwagen ab, einem neuen Erile entgegen. Ich ſehe manchen Leſer den Kopf ſchütteln. Aber, frage ich, welchen junge Mann von meinen beſondren Antecedentien hätte in gleicher Situation anders gehandelt? Im Poſtwagen ſaß mir mein Gie⸗ „ßener Auszugscomité⸗College, der dicke„Portier“ Becker, ein höchſt gemüthlicher Camerad, gegenüber, der über die Keckheit meiner unmaskirten Durchreiſe durch unſre Heimathprovinz höchſt erſtaunt war, mir aber für den Nothfall ſeine handfeſte Secundage ver⸗ ſprach. Braver Portier! Du haſt dich zwar im Hinblick auf dein paſtoral⸗chriſtliches Himmelreich ſtets wenig oder gar nicht um irdiſche Politik bekümmert, aber ich bin von einem ſo ehrlichen mannhaſften Kerle, wie du biſt, feſt überzeugt, daß du mich im Nothfall mit deinen wuchtigen Fäuſten herausgehauen haben würdeſt, obſchon du ein Erhäuptling der Teutonen warſt und ich einer der von euch ſ. Zt.„in Jamb geſteckten“ Allemannen. Ich kam unbehelligt über Worms auf das aufſtändiſche Gebiet. Doll hatte zunächſt das Commando in Kehl übernommen, wo er die ſchwache Grenzbeſatzung befehligte und, was die Hauptſache, die Organiſation, Bewaffnung und Einübung der Volkswehr des ge⸗ ſammten Mittelrheinkreiſes zu überwachen hatte. Daß ich dort die herzlichſte, fröhlichſte Aufnahme fand, ebenſo der mir bald nach⸗ folgende Carl Hillebrand, der von Gießen ſporenſtreichs hergeeilt. war, verſtand ſich ganz von ſelbſt. Ich war natürlich Doll's erſter Secretär, Carl Hillebrand zweiter. Unſre Hauptaufgabe war zu⸗ nächſt die Mobilmachung der Volkswehr, die baldmöglichſt zur Verſtärkung der, mit einziger Ausnahme eines großen Theils der Reiterek, zu uns übergetretenen badiſchen Linie marſchfertig ge⸗ macht werden ſollte, namentlich die Aſſentirung und Inſpicirung der Recruten, zu welchem Zwecke wir auf unſren verſchiednen 7 Rundfahrten den Militärarzt bei uns hatten. Da wurden denn — 136— bei mir, dem vielvermögenden erſten Secretär, der die Protokolle führte, oft vielfache Beſtechungsverſuche gemacht. Gar mancher ängſtliche Vater wollte mir, um die Befreiung ſeines theuren Söhn⸗ leins von dem lebensgefährlichen inſurrectionellen Kriegsdienſte par contrebande zu erwirken, eine Rolle Gold oder Silber in die Taſche gleiten laſſen. Aber ich wies auch das allergeringſte der⸗ artige Douceur ſtets mit Entrüſtung zurück und die alſo loszu⸗ kaufen Verſuchten konnten ſtets auf beſonders ſtrenge Viſitation gefaßt ſein. Nach etwa 14tägigem Aufenthalt in Kehl wurde an J. Ph. Becker's Stelle, der in die Linie übertrat, F. Doll nach Carlsruhe zum Obercommando der geſammten badiſchen Volkswehr berufen. Wir Beide folgten ihm dahin in unſrer bisherigen Eigenſchaft und inſtallirten uns mit je 2 Gulden Diäten, womit wir Verköſtigung und Wohnung zu beſtreiten hatten, amtlich auf dem Kriegsminiſte⸗ rial⸗Büreau. Dort ging es ſehr lebhaft zu. Neben der umfang⸗ reichen Correſpondenz mit den verſchiednen untergebenen Behörden hatten wir die fortwährenden zahlreichen Deputationen einzelner, um gewiſſe Befreiungen petitionirender Gemeinden zu empfangen und zu beſcheiden, zugleich die Hemden⸗, Uniform⸗, Stiefel⸗ und Schuh⸗ ꝛc. Lieferungen für die Volkswehr zu controliren und als Zahlungs⸗ anweiſung zu quittiren. Letzteres war der vielen, zum Theil recht hübſchen Carlsruher Griſetten halber, deren Blouſen und Hemden nachzuzählen und zu prüfen waren, für einen ſo jungen Tauſend⸗ ſappermenter, wie Hillebrand, ein gar verführeriſches Departement, weßhalb ich es ihm, ohne übrigens auf meine gelegentliche Mit⸗ wirkung zu verzichten, gerne überließ. In den erſten Tagen erſchien auch unſer Gießener Univerſitätsfreund Juſtus Wüſt aus Darm⸗ ſtadt auf dem Büreau, welcher, der väterlichen Aufſicht entwichen, mit dem Hülferuf zu mir trat:„R., ſchaffe mir eine Stelle!“ (Den„Kuhfuß“ als gemeiner Freiſchärler ſchien er aus Bequemlich⸗ keit nicht tragen zu wollen.) Da er ein intelligenter gewandter Burſche war und es uns an zuverläſſigen Arbeitkräften fehlte, ſo placirte ich ihn als Secretär auf einem unſrer Büreau's und hatte dies auch nicht zu bereuen.(Näheres über unſere gemeinſame Thätigkeit ſpäter.) Eine meiner intereſſanteſten Amtshandlungen in der badiſchen Reſidenz war die im Geleite einer Compagnie Volkswehr auf Be⸗ fehl des Kriegsminiſteriums im großherzoglichen Schloſſe vorge⸗ nommene Viſitation nach brauchbaren Schußwaffen. Unſre Aus⸗ beute war ſehr gering, dagegen war die unter der widerwilligen Führung des Caſtellan's mit großer Neugierde vorgenommene Be⸗ ſichtigung der einzelnen fürſtlichen und ſonſtigen Appartements von beſondrem Intereſſe für uns Inſurgenten aus der„bürgerlichen — 137— * Canaille“. Zunächſt durchmuſterten wir die Gemächer, worin die geſchmackvoll gruppirte Kriegsbeute des bekannten Prinzen Ludwig von Baden aus dem Kampfe gegen die Türken aufgeſtellt und an den Wänden aufgehängt war. Darunter befand ſich auch das ſtattliche Zelt des commandirenden feindlichen Paſcha's, diverſe Roßſchweife und allerlei türkiſche Waffen, zum Theil reich damas⸗ cirt, krumme Säbel und dergleichen uns noch unbekannte Gegen⸗ ſtände, im Ganzen ein ſchon hiſtoriſch höchſt intereſſanter Anblick. Natürlich war für modernen Kriegsbedarf nichts Brauchbares dar⸗ unter. Da wir einmal hier waren, ſo plagte uns die Neugier, auch die übrigen Räumlichkeiten wenigſtens zum großen Theile durchzumuſtern. Zunächſt ging es nach den ſehr luxuriös ausge⸗ ſtatteten Gemächern der Großherzogin Sophie, die wir im Ge⸗ dächtniſſe an die traurige Affaire Werefkin⸗Göler und Sarachaga⸗ Haber mit beſondrem Intereſſe betrachteten. Unter Anderm— ich hatte natürlich den ſtrengſten Befehl gegeben, daß bei ſofortiger Arreſtation Niemand auch nur das Geringſte wegnehmen oder be⸗ ſchädigen dürfe!— kamen wir auch in den ſogenannten Thron⸗ ſaal mit vergoldetem Sammtſeſſel unter prachtvollem Baldachin, von wo aus u. A. die badiſchen Stände der erſten und zweiten Kammer von den Großherzogen feierlichſt empfangen und entlaſſen wurden. Ich konnte bei dieſem Anblick dem republikaniſchen Kitzel, einmal in loco einen Monarchen von Gottes Gnaden in humo⸗ riſtiſcher Weiſe zu parodiren, nicht widerſtehen, und an Wen würde nicht in gleicher Lage die gleiche Verſuchung herangetreten ſein? Ich ſchwang meinen plebejiſchen Cadaver auf den großherzoglichen Thronſeſſel, ohne daß mich irgend ein merkbarer Schauer über⸗ rieſelte, ließ die Mannſchaft im Kreiſe um mich antreten und hielt mit tragikomiſchem Pathos aus dem Stegreife eine ſalbungsvolle Empfangsrede an die imaginären„lieben und getreuen Stände“. Indem ich das momentane Vorhandenſein der faktiſchen Republik als geſetzlich zu Recht beſtehend annahm, zählte ich eine Anzahl beliebiger durchweg demokratiſcher Geſetzesvorlagen im Sinne unſres eignen damaligen Parteiprogramms auf, die ich der prompten und gewiſſenhaften Erörterung und legislatoriſchen Erledigung der Ver⸗ ſammelten mit ernſteſter Miene von der Welt empfahl, und entließ ſodann mit thunlichſter Grandezza die„lieben und getreuen Stände“ die ſich, den Humor des Vorgangs, wobei durchaus keine Majeſtä beleidigung beabſichtigt war, wohl verſtehend, mit allgemeiner He terkeit unter einem Hoch! auf die Republik entfernten. Eine ſ lch Situation kommt gewiß Unſereinem ſelten vor, und wenn mancher hypermonarchiſche Grieſegram über eine ſo unerhörte Profanation entrüſtet den Kopf ſchüttelt, ſo muß er bedenken, daß wir, durch⸗ weg Republikaner, damals im offnen Kampfe mit der reichsver⸗ 18 — 138— * faſſungsfeindlichen, ob auch noch ſo legitimen(2) Monarchie von Gottes Gnaden begriffen waren, und daß eben die damalige revolutionäre „Jugend“ am allerwenigſten loyale„Tugend“ beſaß. Es war einfach ein muthwilliger Studentenſtreich, den die verführeriſche Situation geradezu provocirt hatte, und wie gut wäre es, wenn jene ſtürmiſchen Tage keine ſchlimmeren Streiche erlebt hätten!— Auf dem Büreau unſres Volkswehr⸗Obercommando's verkehrten gar viele Leute jeden, zum Theil auch zweifelhaften Kalibers. Zu den intereſſanteſten Geſtalten darunter gehörten jedenfalls Carl Heinzen und der Phantaſie⸗„Oberſt“ Rango von der Weſter⸗ burg. Heinzen, der patentirte Groß⸗Revolutionär mit Feder und Dinte, der neben ſeinen vielen unläugbar guten Eigenſchaften, vor Allem ſeiner patriotiſchen Ehrlichkeit, an coloſſaler Selbſtüber⸗ ſchätzung litt, hatte uns ein langes, ausführliches Expoſé einge⸗ reicht, worin er ſich zur Bildung einer hauptſächlich aus Schweizern und ſonſtigen radikal-⸗deutſchen Demokraten beſtehenden beſondren Freiſchärler⸗Legion, natürlich unter ſeinem möglichſt unabhängigen Commando, erbot, die, ſo viel ich mich erinnere, ſo eine Art moderner republikaniſcher„Lützower“ ſein ſollten. Zu einem Lützow ſchien er mir, obgleich ein vortrefflicher, logiſch ſcharfer politiſcher Pamphletſchreiber, denn doch auch nicht das geringſte Zeug zu haben.„Eines ſchickt ſich nicht für Alle!“ Daß übrigens Heinzen damals wirklich militäriſche Abſichten hatte oder doch prätendirte, ging aus einer in mehreren badiſchen Blättern ſeinerſeits erſchienenen, etwas auffallenden und von gar mancher Seite ſarkaſtiſch gloſſirten Annonce hervor, wonach er irgendwo auf der Eiſenbahn unterwegs nach Karlsruhe ſeinen Säbel mit zwei Piſtolen habe liegen laſſen und dem Wiederbringer eine anſtändige Belohnung zuſicherte. Daraus konnte das Publikum ſchon zur Genüge entnehmen, daß er nicht nur mit der Feder, ſondern auch mit dem Schwerte kämpfen wollte. Leider! gab es damals gar viele frivole Spötter, welche das Ganze für eine reine Bramarbaſiade erklärten. Ich glaube das zwar nicht, aber ſpäter mußte ich dabei unwillkürlich oft an jenen myſteriöſen Säbel zurückdenken, welchen der ſelige A. Metz anno 1848 einem von Heidelberg durchreiſenden Republikaner abge⸗ nommen haben wollte, und deſſen Verbleib ſich gar nicht mehr ermitteln ließ. Ein Mann, wie Heinzen, kann und ſoll nur aus dem Dintenfaſſe B ſen. nicht aber mit einer Kanone oder auch nur einer Piſtole. Da er aber als unverbeſſerlicher, keiner Disciplin ſich fügender 9 unter Umſtänden derbgrober Starrkopf der herrſchenden Bren⸗ tano'ſchen Coterie entſchieden mißliebig war, ſo wurde ſein obiges Memoire ad acta verwieſen. Heinzen's Perſönlichkeit machte auf mich einen ganz andern Eindruck, als ich mir ſie vorgeſtellt hatte. — 139— Eine hochgewachſene Figur mit einem gewiſſen Embonpoint und nicht beſonders auffallender Phyſiognomie, erſchien er mir weit eher wie ein wohlhäbiger intelligenter Pachter, als wie ein Re⸗ volutionär de pur sang. Außerhalb unſres Büreau's traf ich ihn nur noch einmal in einer durch ihn mitveranlaßten Volks⸗ verſammlung der radikalen Mißvergnügten auf dem Karlsruher Rathhaus, wo unter ſcharfem Tadel der bisherigen„zögernden Halbheiten“ der proviſoriſchen Brentano'ſchen Regierung zu energiſcherem Vorgehen ꝛc. aufgefordert und, irre ich nicht, unter dem Widerſpruche einer nicht unbedeutenden Minorität, eine des⸗ fallſige Adreſſe unterzeichnet wurde. Als wir auseinander gehen wollten,— ich ſelbſt war in meiner damaligen officiellen Eigen⸗ ſchaft mehr nur beobachtender Zuſchauer ohne irgend welche Theil⸗ nahme an der Debatte geweſen— fanden wir alle Ausgänge von der ſehr loyalen Karlsruher Bürgerwehr beſetzt, welche, wenn ich mich recht entſinne, Einige von uns verhaftete, von den Andern aber die Namen notirte.„Contrerevolution!“ ſchrie Struve, und Heinzen ballte die Fauſt. Am andern Tage wurde auf Brentano's Befehl Struve, ſowie, falls ich mich nicht ſehr täuſche, auch Heinzen aus der badiſchen Reſidenz ausgewieſen. Mein alter Gießener Univerſitätsfreund Liebknecht aber, der ebenfalls unter den malkon⸗ tenten Krakehlern voran war, wurde zur Beſchwichtigung für ein paar Tage nach Raſtatt transportirt.— Eine komiſche, in mancher Beziehung wahrhaft Falſtaff'ſche, ſcheinbar dem Holzſchnittkaſten der„Fliegenden Blätter“ entſprungene Figur war der Zweitgenannte obiger Beſucher unſres Commandan⸗ tur⸗Büreau’'s: Oberſt Rango von der Weſterburg, ſoviel ich mich erinnere, ein früherer Ofſicier, was ſchon ſeine jetzige Phantaſie⸗Uni⸗ form vermuthen ließ. Mit Rückſicht auf ſeine, ob nun wirkliche oder fingirte militäriſche Vergangenheit hatte man dieſem abenteuerlichen Patrioten vorerſt bei uns eine Sinccure zugetheilt. Da ſaß er denn ernſteſten ſtrategiſchen Geſichts, eine große badiſche General⸗ ſtabskarte vor ſich, worin er Tag für Tag nach den neueſten Nach⸗ richten die jeweiligen Poſitionen der immer mehr vorrückenden preu⸗ ßiſchen, ſowie auch unſrer Truppen mit verſchiedenfarbigen Nadeln markirte. Das war in der Hauptſache ſeine ganze Arbeit, bei deren etwaiger Störung man von ihm die berühmte Antwort des Archimedes riskirt haben würde. So oft mir dieſe mittelalterliche Landsknechts⸗Figur auch im Wege war, ſo konnte ich doch über den unerſchütterlichen Ernſt des ſtrategiſchen Nadelkünſtlers kaum das Lachen halten. Bei uns hieß er nur der„Wurſtenberger“. Später iſt er verſchollen. Unvergeßlich ſind mir die damaligen Karlsruher Unterhal⸗ tungen mit meinem ſpäter ſo unglücklichen genialen Freunde Carl — 140— Ohly. Er kam von Mannheim zu uns herüber und auf meine Verwendung erhielt er durch den radikalen Buchhändler H. Hoff von der proviſoriſchen Regierung die Miſſion, der Situation ent⸗ ſprechende Proclamationen an die feindlichen Truppen, an die Be⸗ völkerung der Nachbarſtaaten ꝛc. zu entwerfen, ſowie officiöſe Ar⸗ tikel iu die damals von H. B. Oppenheim redigirte„Karlsruher Zeitung“ zu ſchreiben. Dafür eignete er ſich vortrefflich und machte ſeine Sache auch gut. Eines Abends ſaßen wir beiſammen in einem Kaffee⸗ und Bierhauſe der Reſidenz, als man plötzlich von Knielingen her ſtarken Kanonendonner vernahm. Es waren die Preußen, die damals durch die Pfalz über den Rhein herüber⸗ gingen. Das waren bedenkliche Klänge und Freund Ohly, der mir ſonſt immer von der angeblichen Uneinnehmbarkeit der Murg⸗ poſition vorperorirt hatte, machte ein ernſtes Geſicht.„Du, F.“, ſagte er halblaut zu mir,„es iſt am Geſcheidtſten, wir gehen morgen mit einander über die Schweizer Grenze. Zu machen iſt hier doch Nichts mehr und wenn uns die Kerle hier erwiſchen, ſo werden wir ohne Gnade und Barmherzigkeit ſtandrechtlich füſilirt. Futter für preußiſches Pulver brauchen wir doch noch nicht zu werden.“„Aber, O.“, entgegnete ich ihm ſarkaſtiſch,„wir haben ja noch die von Dir ſo geprieſene Murgpoſition! Die bietet uns doch noch einen Haltpunkt zu fernerem Widerſtande, wenn auch die Sache ſelbſt gar nicht mehr zu retten iſt.“„Ah, was? Murgpoſition!“ Ich ſehe ihn noch die Hand abwehrend dazu ſchütteln.„Die Geſchichte iſt futſch und morgen fahre ich über Baſel.“ So geſchah es auch und, da er keine militäriſche Ver⸗ pflichtungen übernommen, ſo hatte er von ſeinem Standpunkte aus vollkommen Recht. Nach etwa 6 Wochen trafen wir wieder in Zürich zuſammen, wo er ſeine leider! verſchollenen„rothen Lieder“ — darunter einige von ganz unläugbarem poetiſchem Werthe— veröffentlichte. Eine länger dauernde Krankheit warf ihn dort aufs Lager, an welchem ich ihm häufig genug treue Wärterdienſte leiſtete und ihn durch meine Witze zu erheitern ſuchte. So nannte ich ihn u. A., ſcherzweiſe, ſeines Patiententhums als deutſcher Flüchtling an den Ufern des Züricher See's halber, ohne alle ſonſtige Vergleichung, den„modernen Ulrich Hutten“, worüber er trotz geſchmeichelter perſönlicher Eitelkeit Humor genug beſaß, in herzliches Lachen aus⸗ zubrechen. Uebrigens ließen damals ſchon verſchiedne gelegentliche Excentricitäten errathen, daß er durch die politiſchen Ereigniſſe, welche nach der unglückſeligen Verſammlung von Oberlaudenbach raſch auf einander folgten und ihn ganz aus ſeiner Carrière herauswarfen, ſchon einigermaßen aus dem geiſtigen Gleichgewicht gekommen war. Es iſt jammerſchade für ihn! Er war ein dich⸗ teriſches und zugleich kritiſches Talent von bedeutender Begabung — 141— und würde, wenn ihn nicht ein tragiſches Geſchick ſeit langen Jahren in die Räume eines engliſchen Irrenhauſes feſſelte, ſicher zu einer der Zierden unſrer neueren poetiſchen und kritiſchen Lite⸗ ratur geworden ſein.— So lange wir noch ſelbander in Karlsruhe lebten, war ich durch meine officielle Stellung in der Lage, gar manchem meiner näheren Freunde fortzuhelfen, die ſich jetzt ſchon vor dem zweifelloſen voll⸗ ſtändigen Zuſammenbruch über die damals Seitens der proviſoriſchen Regierung für alle nicht ausreichend dieſſeits Legitimirte ſcharf geſperrte Schweizer Grenze zurückziehen wollten. Ich ſchrieb ihnen einfache, auf ihren Namen mit kurzem Signalement lautende Paſſir⸗ ſcheine, worin ich Namens der Regierung alle militäriſchen und Civil⸗Grenzbehörden amtlich erſuchte, dem Inhaber den Uebertritt auf Schweizer Gebiet zu geſtatten, da derſelbe mit Ankauf von Waffen ꝛc. daſelbſt beauftragt ſei. Unterzeichnet mit amtlichem Stempel: Für das Ober⸗Commando der badiſchen Volkswehren. In Auftrag R. F., erſter Secretär. Karlsruhe, den ſo und ſo⸗ vielten 1849. Das half Allen ohne Anſtand glücklich über die Grenze, und gar Manche haben mir ſpäter für dieſen nach Lage der Sache wohl ſelbſtverſtändlichen Freundesdienſt herzlich gedankt. Es muß eben Einer dem Andern helfen. Zur Charakteriſtik des Weiteren bezüglich unſrer amtlichen Thätigkeit in Karlsruhe und der darauf folgenden Ereigniſſe citire ich hier, als unter deren unmittelbarem Eindruck flüchtig hinge⸗ worfen, folgende Stellen aus einem vor mir liegenden damaligen Briefe an meine Schweſtern de dato Zürich, 17. Juli 1849. „Wir hatten viel zu arbeiten, übten aber dabei beſtändig unſern Humor an dem bunten Durcheinandergewimmel von Phan⸗ taſie⸗Uniformen, abenteuerlich aufgeſtutzten und betitelten Induſtrie⸗ Rittern aus aller Herren Ländern, die wie die Pilze aus dem Pflaſter aufſchoſſen, lauter ächten Baſſermann'ſchen Geſtalten, welche ſich alle„um das Vaterland hoch verdient gemacht“ haben wollten. Zugleich ſchrieb ich Artikel für die Karlsruher Zeitung und redi⸗ girte Doll's Berichte an die proviſoriſche Regierung, ſowie Pro⸗ klamationen an die Civilkommiſſäre u. ſ. w. Nach dem Rücktritt Oppenheims wurde mir durch Hoff's und Doll's Vermittlung die Redaction der„Karlsruher Zeitung“, des officiellen Organs der pro⸗ viſoriſchen Regierung, unter ſehr günſtigen Bedingungen angeboten. Ich habe ſie aber aus principiellen Gründen abgelehnt, weil ich den amtlichen Lobhudler und Interpreten eines Brentano und ſeiner Conſorten nicht agiren mochte und Oppenheim ſchon wegen einer nur leiſen Kritik der Halbheit der proviſoriſchen Regierung entfernt worden war. Uebrigens herrſchte auf dem Kriegsminiſterium, wie überall, ein ganz heilloſer babyloniſcher Wirrwarr. Faſt Jedermann wurde vom Pontius zum Pilatus geſchickt, ſodaß man kaum wußte, wer Koch„der Kellner war. Unſer in der geſchilderten Weiſe aus⸗ gefüllter Aufenthalt in Karlsruhe dauerte im Ganzen 3 Wochen. Den letzten Abend noch traf ich im Pariſer Hofe Dr. Heldmann aus Selters, der als Arzt bei unſrer Armee eintreten wollte, von dem ich aber ſeitdem Nichts wieder gehört habe. Auch den wackren alten Schlöffel, der über den Tod ſeines auch mir befreundeten Sohnes, des unmittelbar zuvor bei Waghäuſel im Vorführen ſeiner Compagnie gefallenen Guſtav Adolf, noch ganz untröſtlich war. Er zeigte mir ſeine mit Blut überſtrömte Brieftaſche, die ſich der unglückliche Vater als letztes Andenken vom Schlachtfelde mitge⸗ nommen. Der Anblick ergriff mich bei meinen intimen Beziehungen zu dem ebenſo talentvollen, als braven Jungen ſo unbeſchreiblich, daß mir die Thränen in die Augen traten. Nach jener letzten unglücklichen Affaire, die durch offenbare Verrätherei in unſerm eignen Lager, insbeſondere durch die, wie es ſcheint, vorher abgekartete Flucht der Dragoner verloren ging, und dem unmittelbar darauf folgenden Vorrücken der Preußen nach dem 1 Sunde unterhalb liegenden Durlach, wo ihnen der alte polniſche Eſel Sznayda nur einen ſchlechten und allzu ſpäten Wider⸗ ſtand entgegenſetzte, übernahm Doll das Commando des linken Flügels, der mehrere Bataillone Volkswehr und Infanterie von der Linie, 1 Schwadron badiſcher und 1 incomplete pfälziſcher Dragoner nebſt 10 Geſchützen zählte, und ging unmittelbar nach der Murg ab, wo wir in Steinmauern Quartier nahmen. Nach dem Feldzugsplane Mieroslawsky's, der wohl ein genialer Theoretiker auf der Karte, im Felde aber ein ziemlich ſchlechter Practiker und, wie es ſcheint, vom Verhängniſſe ein für allemal zu einem Pechvogel prädeſtinirt war, ſollte nun, Angeſichts der verlorenen Neckar⸗Poſition, die als unüberwindlich gerühmte, durch Freund Ohly aber ſo energiſch desavouirte MNurg⸗Poſition von der geſammten noch disponiblen Armee behauptet werden. Obſchon die ganze Sache ſowohl durch die vorangegangene Halbheit der politiſchen, als die Plan⸗ und Tactloſigkeit der militäriſchen Adminiſtration total verpfuſcht war, ſo hofften wir doch, daß wir uns hier, unterſtützt durch unſre zahlreiche und tüchtige Artillerie, zur Ehrenrettung der ganzen Bewegung eine gewiſſe Zeit lang mit bedeutendem Verluſt für den Feind halten und ſo eine mögliche günſtige Eventualität in der Nähe abwarten könnten. Aber die Demoraliſation und Deſertion unter den Truppen, insbeſondere von der Volkswehr, hatte bereits begonnen und das Vertrauen fehlte bei Führern und Soldaten. Nachdem wir zuvor in der Nacht ein kleines Vorpoſtengefecht mit den Preußen bei Oetigheim beſtanden, wobei auf beiden Seiten etliche Todte blieben und von — 143— uns mehrere Gefangene gemacht wurden, gingen wir nach Befehl über die Murg, wo wir in Verbindung mit dem mehr nach Raſtatt liegenden Becker'ſchen Corps den linken Flügel(von Raſtatt der Murg entlang bis nach dem Rhein) bildeten und eine durch den Murgdamm ſehr geſchützte Stellung inne hatten. Das Gefecht mit den Preußen begann unſrerſeits, die wir Steinmauern gegenüber lagerten, am Tage vor der auf dem rechten Flügel ſpielenden Gerns⸗ bacher Affaire und dauerte ohne Unterbrechung zwei Tage lang. Wir hatten gegen uns preußiſche Infanterie, wenn ich nicht irre, vom 26. und 29. Landwehr⸗Regiment, Uhlanen ꝛc. und eine ge⸗ hörig eingeübte Abtheilung Scharſſchützen nebſt Artillerie(6⸗Pfünd⸗ nern). Hier war ich das erſte Mal mitten im Feuer, in der Regel in der Nähe Dolls, für den ich, auf dem Raſen vor dem Pferde liegend, Depeſchen an Mieroslawsky, Becker, u. A. ausfertigte, manchmal unmittelbar am Damm, wo wir auf die jenſeits ſich ſehr patzig herumtummelnden Preußen ſchoſſen. Unſre„Alte“ hätte mich ſehen ſollen, wie ich da in der blauen Blouſe, mit dem von Diepenbrock dedicirten eleganten Säbel und den Piſtolen im Gürtel, (Anfangs trug ich auch eine Muskete) mit ſonnverbranntem Ge⸗ ſichte unter der Militärmütze ohne Schirm, von Abtheilung zu Abtheilung, natürlich zu Fuß, hin⸗ und herſprengte. Die Frau Mutter hätte zeterſchreiend die Hände über dem Kopfe zuſammen⸗ geſchlagen. Die Preußen ſchoſſen indeſſen herzlich ſchlecht; ihre Spitzkugeln und Sechspfündner flogen uns faſt immer wenigſtens 2— 3 Schuh über die Köpfe hinüber. Die Spitzkugeln, die ſehr weit treiben, haben einen gar eigenthümlichen Ton, der mir das erſte Mal nicht beſonders behaglich in die Ohren klang und in einem Moment die Geſtalten aller meiner Lieben in unvergeßlichem raſchem Vorüberflug mir an dem Auge vorbeiführte. Sie ſauſen mit einem wahrhaft wimmernden Pfeifen durch die Luft. Unſre Infanterie und Volkswehr hielt ſich brav, am Bravſten aber ohne Zweifel die Artillerie, die aus ihren von Doll ſehr gut poſtirten Ge⸗ ſchützen(6⸗ und 12⸗Pfündnern und Haubitzen) unauſhörlich vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend in die Wette mit ausge⸗ zeichnetem Erfolg Shrapnells und Paßkugeln ꝛc. hinüberfeuerte und dem Feind bedeutenden Schaden that. Steinmauern wurde von ihr an vielen Stellen in Breſche geſchoſſen(wenn der techniſche Ausdruck hier richtig iſt); der Kirchthurm, von wo aus der feind⸗ liche Generalſtab herüber recognoscirte, wurde durchlöchert, ſodaß die Herren dieſen gefährdeten Platz bald verließen, und namentlich unter der Mannſchaft, insbeſondre am zweiten Tag unter der Ca⸗ vallerie, bedeutende Verheerung angeſtellt.(Einen Officier ſahen wir unmittelbar gegenüber ſtürzen.) Nach jedem unſrer Shrapnell⸗ ſchüſſe ſprengte eine Zahl herrenloſer Pferde herum, Pickelhauben — 144— und Waffen lagen zerſtreut umher. Die Verwundeten und Todten wurden regelmäßig und ſorgfältig von den Preußen hinter die Linie geſchleppt. Die zwei Tage über mögen die Preußen wohl mindeſtens 20— 30 Todte(?) und wer weiß, wie viele Verwundete gehabt haben.(Dieſe Ziffer iſt übrigens, wie ich nachträglich gerne bekenne, durchaus nicht zuverläſſig, ebenſo wenig aber ver⸗ mag ich der höchſt geringfügigen Angabe des preußiſchen General⸗ ſtabsberichts vollen Glauben zu ſchenken.) Wir ſelbſt, durch unſre Artillerie und den Damm geſchützt, hatten nur 5 leicht, 1 ſchwer Verwundeten und, ſoviel ich weiß, 1 Todten. Die Nacht über bivouakirten wir auf dem Felde, wobei wir, nebenbei bemerkt, keinen beſonders„tiefen Schlaf thaten“, zudem bei der damals ſchneidend friſchen Nachtluft. Ich wickelte mich in einen, von einem Bauern⸗ knecht gegen gutes Douceur entliehenen Mantel und lag, ſchlappernd vor Froſt, theils auf dem Raſen, theils unmittelbar am Wachtfeuer. Des andern Morgens braute ich mit nicht verlernter Studenten⸗ Virtuoſität in einem alten Topf einen famoſen Kaffee, der dem Ge⸗ neralſtab vortrefflich mundete und deſſen Satz ſich unſre Soldaten nachträglich noch zweimal abkochten.„Schöne Gegend, das!“ Das Gefecht wurde dann bis nach Nittag fortgeſetzt, ohne daß die Preußen die Murg hätten paſſiren können. An dieſem Tage ſchien es übrigens mehr ein bloßer Scheinkampf zu ſein und ſich die Hauptmacht anderswohin gezogen zu haben. Mittags erfuhren wir denn auch, daß ein Treffen am rechten Flügel bei Gernsbach und Kuppenheim begonnen habe, und ſpäter, daß daſſelbe durch das unvorhergeſehene in den Rücken Fallen der Preußen und Würt⸗ temberger(Dank der zweideutigen Haltung des„liberalen“ Miniſte⸗ riums Römer!) über die ſchwäbiſche Grenze verloren ſei. Alles löſe ſich, ſo berichtete man uns, in wilder Flucht auf.(Bei dieſer Gelegenheit wurde, wenn ich recht berichtet bin, Gottfried Kinkel gefangen genommen.) Damit war denn auch die Murglinie ver⸗ loren mit einziger Ausnahme Raſtatts, das eine iſolirte und frucht⸗ loſe Vertheidigung als Galgenfriſt des ganzen Kampfes, eine Art Inſel mitten im eroberten Meer, noch eine Zeit lang fortführen konnte. Doll gab unſre Stellung nach einer Ordre Mieroslawsky'’s auf und ging mit der größeren Hälfte unſrer Mannſchaft gegen Raſtatt vor, um von dort aus, je nach Befund der Umſtände, nach dem Oberlande ſich zurückzuziehen. Ich ſelbſt wurde den Mittag, in Geſellſchaft von Wüſt aus Darmſtadt, mit Ordres nebſt Waffen und Gepäck über Stollhofen nach Kehl vorausgeſchickt, wo denn Doll, eine Zeit lang erfolglos von den preußiſchen Huſaren verfolgt, mit den Trümmern ſeiner Colonne am folgenden Früh⸗ morgen eintraf. Von da marſchirten wir nach Freiburg, dem vor⸗ läufigen Sammelplatze der in buntem Durcheinander nach und nach — 145— anlangenden Trümmer der Armee, wo wir etwa zwei Tage aus⸗ ruhten. Mehrere meiner Freunde, darunter Th. Götz u. A., die ich dort wieder traf, gingen gleich am folgenden Tag in die Schweiz weiter; wir beſchloſſen indeſſen, obſchon offenbar gar Nichts mehr zu hoffen war, bei Doll bis zu Ende auszuharren. Nun wurde über Das, was zu thun ſei, hin- und herberathen und, nachdem Mieroslawsky abgedankt hatte, Brentano aber entflohen war, der gänzlich unfruchtbare Beſchluß gefaßt, den Krieg noch weiter fortzu⸗ ſetzen(). Demzufolge übernahm Doll, obſchon er ſich feſt vorge⸗ nommen, von da aus ſchon nach Straßburg zurückzukehren, wieder das Commando des linken Flügels und ging mit 6 Geſchützen, etwas Infanterie, Volkswehr(darunter auch die Reſte der famoſen Hanauer Turner unter meinem Freunde Schärtner) ns Oberland ab, mit ihm Oberſt Merſy, der frühere Kriegsminiſter, Diepenbrock und natürlich auch wir. Wir machten zuerſt in Mühlheim Quar⸗ tier und kamen am folgenden Tage über Efringen(das Gerücht im Frankfurter Journal, daß Doll von dort aus mit der Kriegs⸗ kaſſe durchgebrannt ſei, iſt eine meinerſeits ſpäter von Muttenz ab öffentlich gebrandmarkte plumpe Lüge) nach Lörrach, dem bekannten badiſchen Grenzſtädtchen, wo Struve im vorjährigen September vom Rathhauſe herab die Republik proklamirte. Hier trafen des Abends die Blenker'ſchen Freiſchaaren, die in der ganzen Umgegend wie Kroaten brandſchatzend umhermarodirten, mit uns zuſammen, und in Folge der heftigen Reibereien, die wir ſofort mit ihnen hatten, marſchirten wir andern Tags nach dem unmittelbar am Rheinufer gelegenen Grenzach, wo wir eine von mir redigirte, ihnen unſrerſeits Schutz verheißende Proclamation an die Bewohner der Umgegend gegen die Exceſſe der Blenkerianer erließen. Die Hanauer Turner traten gleich von Lörrach aus nach Baſel über.(F. Bopp, der noch bei Gernsbach unter ihnen war, wird ſeitdem vermißt und iſt wahrſcheinlich entweder gefallen oder gefangen. Daſſelbe gilt von Carl Hillebrand aus Gießen, der mich in den letzten Tagen von Karlsruhe verließ und bei Raſtatt in der Mannheimer Arbeiter⸗Compagnie gedient haben ſoll.) Von Lörrach gingen wir über Warrenbach, wo ſchon die Blenkerianer, die denſelben Tag noch bei Rheinfelden übergingen, in unſrer Nähe lagerten, nach Säckingen. Unterwegs beſtändig Meutereien und Ausreißereien. Es war mit den Leuten durchaus Nichts mehr anzufangen. Alles war durch die permanente Rktirade ermüdet und deprimirt, und überhaupt war der ganze Zug von Freiburg ab nur eine völlig zweckloſe reine promenade militaire, die mich zuletzt von vorn bis hinten anekelte. Bei Säckingen, wo wir 1 ½ Tage hielten, gingen wir denn endlich, in Ermangelung ſicherer Nachrichten über die Stellung und Abſichten des Feindes und unſrer eignen übrigen 19 — 146— Corps', gezwungen durch die immer mehr überhand nehmende In⸗ disciplin und Derſertion der Mannſchaft, am Abend des 10. Juli über die Brücke auf Schweizer Gebiet. Das war das Ende vom Liede, und nach Allem, was ich zuletzt erfahren, war ich herzlich froh, daß es ausgeſungen war. Unſre Leute wurden durch den uns in Steinen erwartenden eidgenöſſiſchen Commiſſär gleich in das Innere inſtradirt. Wir ſelbſt gingen mit Doll, Merſy und Diepenbrock zunächſt nach Muttenz, wo wir im„Schlüſſel“, dem früheren Quartier Hecker’s, kneipten, von da über Birsfelden nach Baſel, von dort wieder zurück über Lieſtal nach Aarau. Hier trennten wir uns von Doll, deſſen fortwährend ſchwankende Un⸗ ſchlüſſigkeit in Bezug auf die Wahl ſeines Aufenthalts wir zuletzt überdrüſſig wurden. Er wollte vor Allem nach Straßburg zurück und ich ſelbſt würde im Hinblick auf meine früheren dortigen Be⸗ kanntſchaften, reſp. den darauf beruhenden Credit ihn gerne dahin begleitet haben, allein die franzöſiſche Grenzpolizei iſt jetzt unter dem mit Recht verhaßten Gouvernement Napoleons ſehr rigoros. Viele Flüchtlinge werden ganz zurück⸗, Andre ſofort in das Innere gewieſen, und ich mochte dies bei den geringen Trümmern meiner Caſſe(die letzte Löhnung hatte ich in Kehl gefaßt) nicht riskiren. So bin ich denn einſtweilen mit J. Wüſt und einem früheren „Kriegscommiſſär des linken Flügels“, Weill, einer ſehr ergötzlichen Figur à la Falſtaff, deſſen Rodomontaden unſer Zwerchfell während des ganzen Feldzugs gewaltig gekitzelt haben, übrigens einem ge⸗ riebenen Kameraden mit ächt jüdiſcher Geſchäftspraxis, über Baden nach Zürich gegangen, wo ich nach zweitägigem fruchtloſem Um⸗ herſuchen endlich ein leidliches Quartier in der nächſten Nähe des See's gefunden habe. Wir logiren mit einander im„Schwanen“ in der Riesbach, einer mit Zürich verbundenen Dorfgemeinde. Das Logis koſtet wöchentlich à Perſon 1 Gulden, das Mittageſſen 20 Kreuzer. Das Kaffeetrinken habe ich mir— denkt euch!— aus nationalökonomiſchen Gründen bereits abgewöhnt. Ich trinke Morgens Waſſer oder eine Taſſe Milch, Abends eſſe ich kalte Küche in irgend einer Bierwirthſchaft der Stadt. In der Schweiz iſt Alles unverſchämt theuer,(geſtern mußte Ohly in einem Gaſthauſe der Stadt für eine ſimple Taſſe Kaffee 6 Batzen, ſage 24 Kreuzer bezahlen!) und dieſer fatale Geldpunkt iſt es namentlich, der mir den hieſigen, ſonſt angenehmen Aufenthalt gewaltig verleidet. Die Gegend iſt herrlich, insbeſondre dersSee mit ſeinen köſtlichen, von Landhäuſern und Meiereien belebten Ufern und den Alpen im Hintergrund. Es gibt nichts Schöneres, als ſich auf einem der zahlreichen Nachen eine Stunde weit auf dem Waſſer ſchaukeln zu laſſen. Bis jetzt wimmelt hier Alles von Flüchtlingen der ver⸗ ſchiedenſten Claſſen, meiſt in blauen Blouſen und in der etwas — 147— abgeriſſenen Haltung„Baſſermänniſcher Geſtalten.“ Von unſern Bekannten ſind Viele hier, u. A.: C. Ohly, Th. Götz, der eine Zeit lang als Kanonier der badiſchen Artillerie angehörte, Th. Böhm, der in der Willich'ſchen Freiſchaar diente. Auch Metternich aus Mainz, G. Sigel, unſer badiſcher Obercommandant, u. A. ſind noch hier, indeſſen wird ſich die erſte Fluth bald verlaufen. Ich ſelbſt ge⸗ denke mich vorerſt noch ſo lange hier aufzuhalten, bis eure Briefe und Gelder hier eintreffen, dann will ich einen Ausflug nach dem Rigi und in die Urkantone machen.(Das geſchah bald darauf, und ich gedenke heute noch mit wahrem Entzücken an die präch⸗ tigen Fahrten über den Vierwaldſtätter⸗ und den lieblich idylliſchen Zuger See. Die oft düſter hochaufſteigenden ſteilen Felſen des erſteren und die flachen Ufer des zweiten bilden einen gar eigen⸗ thümlichen Gegenſatz. Von letzterem aus erſtiegen wir über Goldau den Rigi. Unſer Reiſegeräthe war höchſt einfach und gerade darum ſehr praktiſch. Natürlich trugen wir, ſchon der Erleichterung bei der heißen Temperatur halber, unſre blauen Freiſchärler⸗Blouſen mit Strohhüten, Jeder in ſeinem leichten Ränzchen ein Paar Strümpfe und ſpeciell für den Rigi zum Umwechſeln nach der An⸗ kunft ein friſches Hemde.„Federleicht war mein Gepäcke“ und leicht waren auch unſre Herzen. Wir waren im Grunde alle froh, aus dem Wirrwarr des ſchon wegen ſeiner Iſolirung hoffnungsloſen, durch die Coterie Brentano noch obendrein im Sinne der Bour⸗ geoiſie verpfuſchten badiſchen Reichsverfaſſungsaufſtandes gerade zu rechter Zeit mit heiler Haut davongekommen zu ſein, während bald darauf Dortü, Trützſchler, Streuber, Tiedemann u. A. ſtand⸗ rechtlich bluten mußten, und hofften immer wieder auf eine baldige neue, diesmal ſiegreiche Revolution, welche deren Manen ſühnen ſollte. Inzwiſchen jubelten wir in friſcher Alpenluft mit Schiller: „Auf den Bergen iſt Freiheit. Der Hauch der Grüfte Steigt nicht herauf in das Reich der Lüfte.“ Unterwegs nach dem Rigi wurde in dem bekannten„Klöſterli“ Halt gemacht und da labten wir uns denn zur Abkühlung an dem treff⸗ lichen Bier und Wein con amore. In tüchtigem Schweiße oben ange⸗ kommen, ſtiegen wir natürlich nicht in dem prächtigen großen Hotel, ſondern in dem weiter unten bei Seite ſtehenden beſcheidnen„Rößli“ ab, wo wir, ſoweit Vorrath reichte, die Garderobe wechſelten und, nachdem wir uns weiterhin reſtaurirt, bei vollkommen klarem Himmel durch das Fernrohr oder auch unbewaffneten Auges die prächtige Rund⸗ ſicht mit wahrer Wolluſt genoſſen. In unſrer nächſten Nähe hörten wir mit inſtinctiver Antipathie wohlbekannte ſchnarrende Laute. Es waren preußiſche Officiere in Eivil, welche von Baden aus, nachdem ſie„die verdammten Republikaner zuſammenjehauen,“ zu — 148— ihrer Erholung die Schweiz beſuchten. Dieſes friedliche Zuſammen⸗ treffen auf neutralem Boden, nachdem wir uns kurz vorher dort drüben mit den Waffen in der Hand gegenüber geſtanden, machte auf mich einen gar eigenthümlichen Eindruck. Aus Kleidung und Unterhaltung ſchienen die Herren unſre kürzliche Eigenſchaft zu errathen, denn ſie fixirten uns fortwährend mit ihren Augenzwinkern ſehr verfänglich. Hier aber, auf dem republikaniſchen Rigi, war glücklicher Weiſe von etwaiger Verhaftung und ſtandrechtlicher Fü⸗ ſillade keine Rede mehr, und ließen wir uns daher auch in unſrer Unterhaltung nicht ſtören. Abends gingen wir nach Wäggis hinab, von wo wir mit dem Dampfboot nach Luzern fuhren. Der roman⸗ tiſche„Vierwaldſtätter“ war prächtig und ebenſo gefiel uns der Aufent⸗ halt in Luzern, wo Diepenbrock und ich uns auf einen Monat niederließen, um die Urkantone zu durchſtreifen. Er ſchwärmte als romantiſcher Dichter, wofür er ſich wenigſtens hielt,— und ein gewiſſes poetiſches Talent war ihm allerdings nicht abzuſprechen— für alle Plätze, welche mit der Geſchichte Wilhelm Tell's verknüpft waren, und als ich ihm nachwies, daß nach den neueſten Forſchungen der Geſchichte die ganze Tell⸗Sage nur eine, der däniſchen von Palnatoke(oder Toki) nachgebildete Legende ſei, ſo konnte er über einen ſo proſaiſch ketzeriſchen Zweifel ſtets in die höchſte ſitt⸗ liche Entrüſtung gerathen. Ich ſelbſt habe von jeher das äſthetiſch⸗kritiſche Urtheil ge⸗ billigt, was L. Börne über den Tell der Sage und des Schiller'ſchen Drama's fällt.„Es iſt verdrüßlich, daß dieſer Tell in die Lage kommt, um der guten Sache willen ſchlechte Streiche machen zu müſſen. Verrath kann wohl nothwendig werden, aber ſittlich wird er nie, auch nicht, wenn an Feinden begangen. Und iſt es nicht Verrath, ein ſchlechter Streich, wenn Tell, als der Landvogt ſich auf dem See ſeiner Hülfe anvertraut,— der Feind dem Feinde— dem Schiffe entſpringt, es in die Wellen zurückſtößt und wieder dem Sturme preisgibt? Tell zeigt ſich auch hier wieder als Pedant, als Schulmoraliſt und buchſtäblicher Worthalter. Er glaubte nicht, den Landvogt getäuſcht zu haben; er verſprach, ihn aus der gegen⸗ wärtigen, zehn Schuhe breiten Gefahr zu retten, und dies hat er gethan, mehr aber nicht.— Jetzt kommt Geßler's Mord. Ich be⸗ greife nicht, wie man dieſe That je ſittlich, je ſchön finden konnte. Tell verſteckt ſich und tödtet ohne Gefahr ſeinen Feind, der ſich ohne Gefahr glaubte. Die Natur mag dieſe That rechtfertigen, ſo gut es ihr möglich iſt; aber die Kunſt vermag es nie. Als Tell ſpäter mit Johann von Schwaben zuſammentrifft und Dieſer mit dem Mordgeſellen Brüderſchaft machen will, ſtößt ihn Jener mit Abſcheu zurück und ſpricht: — 149— „Unglücklicher! Darfſt du der Chrſucht blut'ge Schuld vermengen Mit der gerechten Nothwehr eines Vaters?“ „Doch Tell irrt. Aus Ehrſucht hat er freilich den Landvogt nicht getödtet, aber mit Nothwehr kann er ſich nicht entſchuldigen. Damals, wenn er, um den Schuß von ſeinem Kinde abzuwenden, den Bogen auf Geßler's Bruſt gerichtet hätte, wäre es Nothwehr geweſen; ſpäter war es nur Rache, wohl auch Feigheit— er hatte nicht den Muth, eine Gefahr, die er ſchon mit Zittern kennen ge⸗ lernt, zum zweiten Male abzuwarten.“ Dieſer rein äſthetiſch⸗ moraliſchen Anſicht bin ich noch heute— denn von einem hiſtoriſchen Tell kann für mich nun einmal keine Rede ſein, ſo oft ich auch noch mit meinen damaligen Erxilgenoſſen in der Schweiz über dieſe Frage, die nur der kritiſche Verſtand auf Grund der hiſtoriſchen Quellen, nicht aber die Sympathie des Gemüths für eine beliebte dichteriſche Heldenſigur zu entſcheiden hat, ſpäter in heftigen Streit gerieth.—). „Fragt ihr mich,“ ſo hieß es in einem Briefe nach Hauſe weiter, um nach dieſer unabweisbaren Abſchweifung damit zum Schluſſe zu kommen,„was ich nun vorhabe? ſo könnt ihr euch die Antwort leicht denken. Lange noch im Exil bleiben, auf keinen Fall. Ihr wißt zur Genüge, daß ich das verbummelnde Flücht⸗ lings⸗Hundeleben noch von Straßburg her bis über die Ohren ſatt bin. Nach Amerika gehen mag ich bis jetzt noch nicht, aus ge⸗ wiſſen Gründen, die ich bei meiner letzten Anweſenheit perſönlich mit euch erörtert habe. Ich habe vor, etwa nach einem Monat, bis die Standrechtsjuſtiz in Baden und Heſſen einigermaßen zu Ende iſt, nach Oberheſſen zurückzukehren und mich in Gießen zu endlicher Erledigung meines Proceſſes zu ſtellen. Ich hoffe, daß ich dann nach etwa vierwöchentlicher Unterſuchungshaft,— eventuell gegen Caution— einſtweilen auf freien Fuß geſetzt und gleich von der nächſten Jury nicht ſehr hart verurtheilt werde.“ Qualitativ entſprach das ſpätere Reſultat allerdings in der Hauptſache meinen damaligen Hoffnungen, nicht aber quantitativ, in Bezug auf die unerwartet lange Dauer meiner Haft. Indeſſen ich konnte immer⸗ hin den Verhältniſſen nach zufrieden ſein, uͤnd C. Ohly hatte nicht ſo Unrecht, als er mir beim Einſteigen in den Züricher Poſtwagen zur Rückfahrt in die Heimath nachrief:„Ich wollte, ich ſtäcke in Deinen Schuhen! Du kommſt wenigſtens beſſer durch, als mir es blühen würde. Vielleicht ein Jahr Feſtung und dann biſt Du wieder in integrum reſtituirt!“ Auch Das, ſo nahe es lag, ſollte ſich freilich nicht erfüllen; denn meine ſpätere Ertra⸗Relegation und die totale Verſperrung der Advokaten⸗Carrière war ſicherlich das gerade Gegen⸗ theil einer restitutio in integrum. Aber wahrlich, nach ſolchen Er⸗ * — 150— lebniſſen lieber eine Zeitlang Gefängniß— das iſt, wie ein miß⸗ liebiger deutſcher Schriftſteller einſt geſagt hat,„wenigſtens eine Heimath, wenn auch mit eiſernen Stangen.“ Das Exil jedoch muß unbedingt auf die Dauer ſelbſt den beſten Charak⸗ ter mehr oder minder demoraliſiren oder doch unſäglich verbittern und peſſimiſtiſch einſeitig machen. Hat es ja auch den armen C. Ohly, ein ſo ſchönes Talent und deßhalb ſogar ſ. Zt. Liebling des alten Literatur⸗Barons Cotta, zuletzt geiſtig zerrüttet! Mich ſelbſt hätte unter gleichen Verhältniſſen vor gleichem Schickſale nur die even⸗ tuell beſchloſſene Auswanderung nach Nordamerika mit der zwin⸗ genden Nankee⸗Moral:„Friß, Vogel, oder ſtirb!“ retten können. Einer ſ. Zt. für ein Darmſtädter Blatt beſtimmten nekro⸗ logiſchen Scizze über meinen kürzlich in Offenbach verſtorbenen Univerſitätsfreund und badiſchen Mitfreiſchärler Theodor Böhm entnehme ich zum Schluſſe noch folgende, zur Zeit meiner Flücht⸗ lingſchaft in Zürich ſpielende höchſt charakteriſtiſche Scene. „Th. Böhm wohnte in meiner Nähe in der Vorſtadt Ries⸗ bach. Eines ſchönen Vormittags, nachdem ich den Abend zuvor gründlichſt mit ihm gekneipt hatte, ging ich in die Stadt, um da⸗ ſelbſt im Café litéraire zu einem Glaſe Bier, wie gewohnt, meine deutſchen Zeitungen zu leſen. Unterwegs begegnete mir eine elegant in Schwarz gekleidete Dame, die mir, als meines momentanen Vermuthens perſönlich bekannt, einigermaßen auffiel. Nachdem wir aneinander vorbeigegangen, blieb ſie ſtehen und auch ich, wir Beide nach einander zurückblickend.„Sind Sie's, Herr F.?“ und „Ah, Frau Böhm!“ erklang es ſofort. Und jetzt überſtürzte mich die arme Mutter, die nach ihrem„verlorenen Sohne“ ſuchen ging und Gott dankte, daß ſie mich, ſeinen Freund, unterwegs getroffen, mit einer Fluth von haſtig ängſtlichen Fragen.„Wiſſen Sie nicht, wo Theodor iſt? Iſt er gefallen? Sitzt er in den Raſtatter Caſe⸗ matten? Haben ſie ihn vielleicht ſchon ſtandrechtlich erſchoſſen? Ich war in Straßburg, in Baſel, jetzt bin ich ſeinethalben hier, und wenn ich Nichts erfahren kann, ſo reiſe ich morgen nach Bern.“ So gerührt ich über dieſen ungeheuchelten Schmerz der braven Mutter eines braven Sohnes war, ſo konnte ich doch ein Lächeln nicht unterdrücken.„Seien Sie froh, Frau Böhm,“ erwiederte ich, ihr herzlichſt die Hand ſchüttelnd,„daß Sie gerade an mich gerathen ſind! Eine beſſere Auskunfts⸗Adreſſe hätten Sie gar nicht finden können. Geſtern Abend erſt haben wir beiſammen geſeſſen und ich werde Sie gleich zu Ihrem enfant perdu führen.“ Daß mich die alſo getröſtete Frau Mama, eine ſehr liebenswürdige gebildete Dame, nicht ſofort auf der Straße vor Freude küßte, war Alles. Ich ergriff ohne Weiteres ihren Arm, und als ich unſern Theodor, der unverzeihlicher Weiſe im damaligen allgemeinen Wirrwarr die 24 — 15⁵1— pflichtſchuldigen Briefe an die Familie verbummelt hatte,(vielleicht war auch einer verloren gegangen ⁷) in der Gartenlaube ſeiner Wohnung fröhlich ſorglos ſitzen ſah, rief ich ihm mit bewegter Stimme nur die paar Worte zu:„Hannes!“— das war ſein verketzernder ſtudentiſcher Rufname—„da bring' ich Dir Deine Alte. Sie will Dir einmal das Gewehr viſitiren.“ Ein Schrei, — ich vergeſſe ihn niemals— und Mutter und Sohn lagen ſich in den Armen. Ich ſchritt mit befeuchteten Augen leiſe davon. Aehnlicher Scenen habe ich bald darauf noch mehrere erlebt. Wie viele Väter oder Mütter gingen damals auf die Suche nach ihren ver⸗ ſchollenen Jungen, aber auch wie wenige waren ſo glücklich, wie damals Frau Böhm! Die meiſten Nichtaufſindbaren ſaßen in den Raſtatter Caſematten und gar Manche waren auch, ſo zu ſagen, anonym, d. h. ohne daß ihre Identität amtlich ermittelt werden konnte, in den verſchiednen Gefechten durch preußiſche Kugeln ge⸗ fallen. Das war mitunter ein herzzerreißender Jammer, wenn wir die Eltern, ob auch in ſchonendſter Weiſe, von dem Schick⸗ ſale ihrer Söhne, unſrer ehemaligen Kameraden, unterrichten mußten. Iſt der Krieg ſchon ſchrecklich, ſo iſt doch der Bürgerkrieg, wie hier, das Schrecklichſte.— Anfang September 1849 fuhr ich über Baſel nach Straß⸗ burg zurück, um mich unter meinen dortigen Genoſſen vor dem Eintritt in das heimathliche Gefängniß noch etwas zu erholen. Ueber meine weiteren Erlebniſſe gebe ich folgende Stellen aus einem von Frankfurt a. M. vom 22. October 1849 datirten Briefe an meine Schweſtern. „In Straßburg, wo ich mich in meinem alten Logis, rue des alayeurs, einkneipte und von der Familie Schützenberger, ſowie allen früheren dortigen Bekannten ſehr herzlich begrüßt wurde, bin ich noch etwa 4 Wochen lang mit Doll, Buchhändler C. Leske aus Darmſtadt und mehreren andern, ſchon vor mir aus der Schweiz herübergekommenen flüchtigen Freunden herumgebummelt. Ich würde früher ſchon von dort abgegangen ſein, wenn ich nicht ge⸗ hört hätte, daß die von mir beabſichtigte Paſſage durch die Rhein⸗ pfalz und an Mannheim vorüber nach Mainz einer beſonders ſtrengen polizeilichen Controle unterworfen ſei, und daraufhin zu⸗ vor zu meiner Sicherung Schritte thun zu müſſen glaubte, um mir irgend einen ausreichenden Paß zu verſchaffen, was mir erſt nach langen Bemühungen, und auch da nicht ganz glücklich, ge⸗ lungen iſt. So begann ich denn endlich am vorigen Dienſtag in Geſellſchaft eines Freiſchärler⸗Kameraden, der zudem als früherer preußiſcher Militär noch riskirter war, als ich,— ſoviel ich mich jetzt noch erinnern kann, hieß er Becker und war aus der Rhein⸗ provinz— unter ziemlichem Herzklopfen meine allerdings ſehr ge⸗ .— 152— fährliche Fahrt mit dem Dampfboot nach Mainz. An der rhein⸗ pfälziſchen Station Neuenburg, wo die erſte polizeiliche Viſitation vorgenommen wurde, retirirte ich mich auf die„Retirade“ und entkam ſo den Spüraugen der bairiſchen Gensd'armen. Am ge⸗ fährlichſten aber war die zudem badiſch⸗ preußiſche ſtandrechtliche Station Mannheim, wo man von dem einen Boot in das andre überſteigen muß, was nur vor aller Welt Augen vermittelſt eines ſchmalen Brettes möglich iſt, an deſſen Ende ein Polizeicommiſſär und zwei Gensd'armen aufgepflanzt ſind. Dieſelben fragen jeden Paſſagier nach dem Paſſe, controliren ihn ſorgfältig und arre⸗ tiren alle Die, welche entweder gar keine oder, wie ich, keine voll⸗ kouühten ausreichende Legitimation haben, ja ſogar ſol che mit Päſſen Verſehene, deren Phyſiognomie nur ihnen verdächtig erſcheint, ohne Weiteres. Hier galt es va banque!„Packte“ man uns, ſo kamen wir ohne Umſtände vor das Standgericht und wurden ent⸗ weder alle Beide zu Pulver und Blei begnadigt, oder doch jeden⸗ falls mein Begleiter, und ich bekam nach damaliger Praxis min⸗ deſtens 8 bis 10 Jahre Zuchthaus! Schöne Ausſicht auf eine graue Sträflingsjacke und ſo lange Arbeit am Spinnrad oder als Zündhölzchenmacher, wenn nicht gar vorerſt auf die berüchtigten Raſtatter Caſematten, die mir faſt die Haare zu Berge ſtehen machte! Wir wußten in unſrer leicht erklärlichen Verlegenheit gar nicht, wo hinaus? und wären ohne Zweifel verloren geweſen, wenn ſich nicht ein herübergekommener gutmüthiger Kellner des uns erwar⸗ tenden Bootes noch zu rechter Zeit als wahrer Rettungsengel unſrer angenommen hätte. Er verſteckte uns raſch in ein enges dunkles Käm⸗ merchen, das wir ſofort von innen verſchloſſen und wo wir die mili⸗ täriſch⸗polizeilichen Viſitatoren über unſern Köpfen und kaum einen Schritt an uns vorbei ſchreiten hörten.(Sie verlangten auch, unſern Verſteck zu beſichtigen, und mein Reiſe⸗ und Schickſalsgenoſſe griff ſchon verzweifelt nach einem ſcharfen Tranchirmeſſer, um es ſich vor ihrem etwaigen Eintritt in die Bruſt zu ſtoßen. Aber der Kellner wußte ſie gewandt vorüberzuſchwatzen.) Als ſie die? gaſſagiere ꝛc. ge⸗ nügend controlirt hatten, lud der Kellner den Poliz zeicommiſſär ſammt Gensd'armen und Soldaten zu einer(natürlich von uns im Voraus bezahlten) guten Flaſche Wein in die Vorkajüte ein, und während die Wächter des Geſetzes dort einige Minuten con amore becherten, ſchlüpften wir auf ein vom Kellner gegebenes Signal aus unſrem Verſteck über das Brett in das andre Boot, wo wir uns ſofort wieder bis zu der erſt nach einer vollen Stunde erfolgenden Ab⸗ fahrt auf den Abtritten verbargen. Wie froh wir Athem ſchöpften, als wir endlich innerhalb des heſſen⸗darmſtädtiſchen Territoriums ankamen, brauche ich euch nicht wohl zu ſagen. Dort herrſchte zur Zeit wenigſtens kein Kriegszuſtand und man riskirte doch nicht — 15⁵3— mehr, sans façon todtgeſchoſſen zu werden! In Mainz ſpät Abends angelangt, nahm ich mein Abſteigequartier wieder bei meinem jovialen Freunde von früher, Gaſtwirth W. Kempf zur Stadt Cöln, und wurde ſowohl von ihm, als auch von ſeiner liebenswürdigen Schweſter Charlotte auf das Herzlichſte bewillkommt. Am andern Tage traf ich zu unſrer beiderſeitigen Ueberraſchung mit meinem Landsmann Otto L. zuſammen, der gerade in Mainz Geſchäfte hatte. Wir kneipten natürlich ganz fidel mit einander und erzählten uns Krähwinkeleien aus der gemeinſamen Heimath, über die wir uns vor Lachen ausſchütteten. Am Freitag machte ich ſogar mit ihm eine Geſchäftsreiſe nach Biebrich und Wiesbaden, wo wir ziemlich viel in Hoſenzeug für das Haus Wentig in Zittau ver⸗ kauſten. Von Wiesbaden fuhr ich gegen Abend, da wir uns in Folge allerlei widerwärtiger Reiſehinderniſſe allzu ſehr verſpätet hatten, um noch zu rechter Zeit in Mainz einzutreffen, und ich überdies auf Grund von Warnungen, die mir ſchon am erſten Tage meines Dortſeins zugekommen waren, bei weiterem Aufent⸗ halt in polizeiliche Ungelegenheiten zu kommen fürchtete, gleich direkt nach Frankfurt, wo mich Freund Wolff pünktlich in Empfang nahm und bis dato nach altem Herkommen brüderlich beherbergte. „Was meine Abſichten fün die nächſte Zeit betrifft, ſo warte ich nur einen Brief von L. L. vermummt, incognito mit dem Abends 9 Uhr abfahrenden, Mor⸗ gens 3 Uhr anlangenden Poſtwagen nach Gießen zu kutſchiren, wo mich L. abholen und ſicher unterbringen wird. Ich bleibe dort etwa zwei Tage, um mit meinem Advokaten zu ſprechen und nach dem Reſultate dieſer Erkundigung ſofort einen definitiven Entſchluß zu faſſen, d. h. entweder Präſentation vor dem Gericht oder als⸗ baldige Wiederabreiſe nach Straßburg, um von dort in 2—3 Mo⸗ naten, wenn zu günſtiger Jahreszeit, als bei dem mir befreundeten dortigen Buchdrucker Dambach zuvor einigermaßen eingeübter Zei⸗ tungsſetzer nach Nordamerika überzuſegeln. In beiden Fällen aber werde ich euch zuvor noch einmal heimlich beſuchen.“ Und ſo geſchah es auch. Ich wählte die erſte Seite obiger Alternative, d. h. nachdem ich zuvor noch in dem Heimathsſtädtchen incognito der Hochzeit meiner einen Schweſter beigewohnt, ſiſtirte ich mich, ſtatt in's„irdiſche Jenſeits“ überzugehen, auf dem Gießener Pro⸗ vinzialarreſthauſe, wo nach erfolgter vorheriger Anmeldung meine Zelle mit eignem Bettwerk ſchon für mich hergerichtet war. Nach langen Vorverhören durch den Criminalrichter Höpfner, der unſer nachmärzliches Wiederzuſammentreffen an dem gleichen Orte, wie vor März, aufrichtigſt bedauerte und mir unverändert das alte Wohlwollen bewies,— ſobald ich noch einmal nach Gießen komme, habe ich mir feſt vorgenommen, das Grab dieſes Ehren⸗ 20 Zab, um ſodann, in eine Capuze r — 154— mannes, des extremſten Gegenſatzes zu einem Georgi, mit gebüh⸗ render dankbarer Pietät zu beſuchen— wurde ich endlich Anfang Auguſt 1850, da das Gießener Hofgericht wegen meinerſeits erfolg⸗ ter Beleidigung mehrerer ſeiner Mitglieder ſich ſelbſt perhorrescirte, per Schub nach der mir faſt gänzlich unbekannten Reſidenz trans⸗ portirt, wo ich,— als einzig dankenswerthe Conſequenz dieſer mir höchſt unwillkommenen Transportirung nach meiner Freilaſſung ein dortiges liebenswürdiges Bäschen, meine jetzige Frau, damals Fräulein Lina Schloſſer, kennen und lieben lernte.„S' iſt Nichts ſo ſchlimm, als man wohl denkt,“ pflegte ſie mir, deſſen anfäng⸗ lichen Trübſinn ſie mit glücklichem Humor zu verſcheuchen wußte, oft aus irgend einer Oper vorzuſingen,„wenn man es nur recht erfaßt und lenkt!“ Im Provinzialarreſthaus, wo ich durch einen eigenthümlichen Zufall im dritten Stocke gerade die Zelle neben der des unglücklichen Pfarrers Weidig angewieſen erhielt, wurde ich von dem nun verſtorbenen Verwalter Fink, einem oberheſſiſchen Landsmanne, in ſehr barſcher Manier empfangen, fand aber ſpäter in ihm trotz ſeiner ſchroffen Formen, namentlich in Folge meines un⸗ verwüſtlichen Humors, einen ſehr gemüthlich toleranten Cerberus, mit dem ich mich auch nach meiner Freilaſſung ſtets herzlichſt begrüßte. Als ich am erſten(Montag) Morgen, 9. September 1850, von der Gensd'armerie nach den Aſſiſen abgeholt wurde, erklärte ich ihm lachend:„Herr Verwalter, wenn ich in das Zuchthaus kommen ſollte, ſo werde ich Küfer und mache Ihnen als Geſchenk ein kleines Bierfäßchen. Komme ich aber da hinüber in Ihr Correctionshaus, ſo erhalten Sie ein Dutzend ſelbſtgemachter feiner Cigarren, mit roth und weißem Band umwickelt.“ Trotz ſeiner finſtren Miene konnte der Mann doch darüber das Lachen nicht halten und erklärte ſpäter meinem mich in der Regel heimbegleitenden Oheim H. F.: „Sehen Sie, Herr F., ich habe doch ſchon Leute allerlei Kalibers, namentlich auch genug politiſch Angeklagte, droben in meinen Zellen unter Verſchluß gehabt, aber ein ſolcher Leichtſinn, wie der Ihres Neffen, iſt mir doch bei Keinem derſelben in ſolcher Lage bis jetzt vorgekommen.“ „Ah!“ rief ich,„das verſtehen Sie falſch, Herr Verwalter. Das iſt kein Leichtſinn, ſondern einfach„leichter Sinn“, ein wahrer Troſt in ſchlimmen Lagen. Was würde mich's denn helfen, wenn ich etwa greinen wollte? Man muß eben gute Miene zum böſen Spiele machen, ſagt der Franzoſe.“ O du beneidenswerthe Federkraft der Jugend, die auch dem Trübſten eine gewiſſe heitre Seite abzugewinnen weiß! Später warſt du mir faſt ganz abhanden gekommen, als ich etwa 16 Jahre nachher, wegen Beleidigung des„fortſchrittlichen“ Parteiführers, Advokaten Mwtr,— meines damaligen Verthei⸗ digers!— zu bloßen 14 Tagen Haft in demſelben Provinzial⸗ arreſthauſe verurtheilt wurde. Dieſe zwei Wochen allein dauerten — 155— mir länger und waren mir faſt empfindlicher, als das volle halbe Jahr in dem finſtren alten Arreſthauſe gegenüber. In den drei erſten Tagen des Proceſſes, wo die Ausſichten für mich noch ziem⸗ lich ungünſtig ſchienen, hieß es denn bei meiner Heimfahrt dem Verwalter gegenüber reſignirt:„Herr F., es gibt ein Fäßchen!“ Als ſich aber in Folge meiner reſoluten Antworten auf die Zeugen⸗ ausſagen und meiner jedesmaligen gewandten Selbſtvertheidigung am Schluſſe jedes Einzelverhörs die Ausſichten unverkennbar zu klären begannen, da rief ich jedesmal auf der Treppe jubelnd: „Herr Verwalter, es gibt Cigarren! Freuen Sie ſich einſt⸗ weilen— ich nehme ein feines Kraut und die ſollen Ihnen famos ſchmecken!“ Der alte Kerkermeiſter, der bei Weitem nicht ſo ſchlimm war, wie er ausſah, konnte trotz aller Anſtrengung, wenn er in mein luſtiges Schelmengeſicht blickte, bei ſolchen Anſprachen nie das Lachen halten, und ich bin von ſeiner natürlichen Gutmüthig⸗ keit überzeugt, die Cigarren waren ihm um meinetwillen, den er in ſeiner Art gerne hatte, weit lieber, als das Zuchthausfäßchen. Sanfte Ruhe ſeiner Aſche! Trotz aller Barſchheit ſeines Aeußeren barg der Mann ein warmes gutes Herz, das mir ſtillſchweigend Alles geſtattete, was ſeine ſtrenge Dienſtpflicht ihm nur irgend zu⸗ zulaſſen ſchien. Wie ſelten iſt es, leider Gottes! daß ein früherer, namentlich politiſcher Unterſuchungsgefangener ſeinem ehemaligen Kerkermeiſter als freier Mann einen ſo ehrenden Nachruf noch in ſein Grab hinein widmen kann!— Montag, den 9. September 1850 endlich, Morgens 8 Uhr, fuhr ich zum erſten Male in der Droſchke, die ich lachend den „Armeſünderkarren“ taufte, zwiſchen meinen beiden Gensd'armen nach dem Aſſiſenſaale in dem Nebenbau des Darmſtädter Hofs. Ein zahlreiches, aus allen Ständen gemiſchtes Auditorium hatte ſich verſammelt und muſterte mich neugierig, als ich nach ruhiger Umſchau, dem oder jenem in der Menge erkannten Freunde oder Bekannten herzlichſt zunickend, innerhalb des Spaliers neben meiner Polizei⸗Eskorte Platz nahm. Mir gegenüber, an einem kleinen mit Akten bedeckten Tiſche, ſaß mein erwählter Vertheidiger — ſpäter erbitterter politiſcher Gegner—, der zu jener Zeit ſchon als Vertheidiger renommirte Advokat Auguſt Metz. Aſſiſenpräſident war der damalige Hofgerichtsrath Eigenbrodt, ein in ſeiner Art muſterhafter Richter von liebenswürdigſter Urbanität und unpar⸗ teilichſtem Tacte, wie ich mir wahrlich keinen beſſeren wünſchen konnte, der, was er ſpäter ſelbſt Metz bekannte, mich im Verlaufe der Verhandlungen wegen meiner rückhaltloſen Offenheit und Non⸗ chalance mit jedem Tage lieber gewann. Ich hatte glücklicher Weiſe weder den Kopf, noch meinen alten Humor verloren und wußte mich am Schluſſe jedes einzelnen Verhörs, wo ich die Aus⸗ — 156— ſagen der verſchiednen Belaſtungszeugen in der Regel geſchickt neben einander gruppirte, meiſtens gewandt zu vertheidigen.„Der An⸗ geklagte,“ ſagte damals das Frankfurter Journal von mir,„ſpricht fließend und ſchlagend, ſodaß er in ſeinen Deductionen manchmal förmlich mit ſich fortreißt und ſeine Selbſtvertheidigung ſichtlich von beſtem Erfolge iſt.“ In ähnlichem Sinne, nur mit gewohnter Derbheit, berichtete Auguſt Becker in dem Gießener„Heſſiſchen Zu⸗ ſchauer“ vom 11. September über den erſten Tag.„Darmſtadt, 9. September. Heute hat der Proceß F.'s mit allen, in 8 Ru⸗ briken zuſammengeſtellten Hochverraths⸗, Landesverraths⸗, Majeſtäts⸗ und Dienſtehrenbeleidigungs⸗Verbrechen begonnen. Der Hochver⸗ rath ſoll auf mehreren Volksverſammlungen begangen worden ſein, der Landesverrath in Baden bei den letzten Reichsverfaſſungskämpfen daſelbſt, die Majeſtätsbeleidigungen durch Angriffe F.s gegen den Großherzog und mehrere andre Souveräne(meines Wiſſens auch Heinrich den„Zweiundſiebzigtauſendſten“ von Reuß⸗Greiz⸗Schleiz⸗ Lobenſtein!), die Dienſtehrenbeleidigung durch Verletzung der Amts⸗ ehre des Miniſters Jaup und des Landrichters Brumhard(des Regierungs⸗Commiſſärs in der Adminiſtrativ⸗Unterſuchung wegen der„Zuſchauer“⸗Artikel gegen Kreisrath Seitz). Mit dem letzten Fall hat man heute Mittag den Anfang gemacht. Der ganze Vormittag wurde durch das Verleſen der Anklageakte und die ſehr dünnleibige Begründung der Anklage in Anſpruch genommen. Nach dem Zeugenverhör, das ziemlich zu Gunſten des Angeklagten aus⸗ ſiel, wurde die übliche Vernehmung des Angeklagten vorgenommen. Dieſelbe iſt bis jetzt(8 Uhr) noch nicht zu Ende. F. hält ſich ritterlich, wie ein junger Löwe. Kein Anhauch von Schwäche und Verzagtheit, immer noch der kategoriſche junge Ehrenmann von immer. Selbſt ſeinen vor⸗ und nachmärzlichen Hohn und Spott über die Philippsorden ꝛc. und Alle, die danach lechzen, kann er nicht laſſen. Der Präſident und der Staatsanwalt werden Mühe haben, dieſen, vom Pfeil des heimlichen Gerichts getroffenen, unter die Krähen gerathenen jungen Adler in den Käfig zu bringen. Hoffen wir das Beſte zu Gott und den Menſchen!“ Die Ver⸗ handlungen, in deren Verlauf ich wider mein eignes Erwarten eine große Ruhe bewahrte, entwickelten ſich ſehr lebhaft, wozu die theil⸗ weiſe Verworrenheit der ſich manchmal einander widerſprechenden bäuerlichen Zeugenausſagen nicht wenig beitrug. Meinen eignen Ausſagen am Schluſſe jedes Geſammtverhörs über die einzelne in Frage ſtehende Volksverſammlung gelang es in der Regel, ein klares abgerundetes Geſammtbild des beſondren Falles unter ge⸗ ſchickter Einflechtung der gravirendſten Ausſagen zu entwerfen. Die riskirteſte Stelle für mich war diejenige meiner Oberohmener Rede über den Bauernkrieg, womit ich das ſonderbare Ver⸗ — 1⁵7— halten Luthers, das offenbar durch die Furcht dictirt war, ſeine religiöſe Reform werde durch die von Thomas Münzer und ſonſtigen „Schwarmgeiſtern“ in den Vordergrund gedrängte und zuletzt zu dem Ausbruche des revolutionären Bauernkriegs gelangte politiſche Freiheitsbewegung nicht nur bei den, die erſtere unterſtützenden Fürſten discreditirt, ſondern auch nachgerade ganz abſorbirt werden, als ein hyperloyales im Stichelaſſen ſeiner bäuerlichen Standesge⸗ noſſen ſcharf gegeißelt hatte. Das war für meine faſt durchweg „lutheriſchen“ Geſchworenen, die darin möglicher Weiſe eine Art von mediatiſirter Gottesläſterung erblicken konnten, ein gar kitzlicher Punkt, den auch der Staatsanwalt mit der entrüſteten Phraſe ſeines Anklageaktes:„Selbſt unſern großen Reformator Luther verſchonte ſeine freche Läſterzunge nicht“, auf eine ſichtlich für mich ungünſtige Weiſe ſehr ſalbungsvoll hervor⸗ gehoben hatte. Als ich aus den bedenklichen Phyſiognomieen der Geſchworenen ſah, daß dieſe meine etwas pietätlos ſcharfe Kritik ihres proteſtantiſchen Kirchenheiligen die ſeither für mich günſtige Stimmung bedenklich umzuwandeln drohte, erbat ich mir zu meiner Rechtfertigung unverzüglich das Wort, da für mich bei einem ſo kitzlichen Thema unverkennbare„Gefahr im Verzuge“ lag. Auf das „allgemeine Schütteln des Kopfes“ erwiederte ich reſolut:„Meine Herren Geſchworenen! Sie ſcheinen gar nicht zu wiſſen, wie be⸗ ſcheiden für die damaligen Verhältniſſe die Forderungen der deutſchen Bauernſchaft waren, welche ſie noch obendrein mit geziemendem Neſpecte einem aus Erzherzog Ferdinand, dem Bruder Kaiſers Carl V., dem Kurfürſten von Sachſen, Luther, Melanchthon und einigen Predigern zu bildenden Schiedsgericht vertrauensvoll zur Entſcheidung unterbreiten wollten. Die fraglichen zwölf Artikel lauteten in aller Schlichtheit folgendermaßen:„1) Die Bauern ſollen ſich ihre Pfarrer ſelbſt wählen, und dieſe ſollen das Wort Gottes lauter und rein nach dem Evangelium predigen. 2) Die Bauern ſollen Nichts mehr zahlen, als den von Gott befohlenen(!) Zehnten, wovon der Pfarrer leben und von deſſen Ueberſchuß das gemeine Weſen und die Armen ver⸗ ſorgt werden ſollen. 3) Die Leibeigenſchaft ſoll als gottlos für immer abgeſchafft ſein. 4) Jagd⸗, Vogel⸗ und Fiſchfang ſollen frei ſein, wie die Luft.(Das war freilich ein himmelſchreiender Eingriff in die„noblen Paſſionen“ des Adels!) 5) Der Wald und das Holz ſollen dem Bauer ebenfalls freiſtehen. 6) Die Frohn⸗ und Spanndienſte ſollen ermäßigt werden. 7) Der Bauer ſoll dem „Herrn“ nur durch einen freien und feſten Vertrag und durch keine Willkür verpflichtet ſein. 8) Der Zins von den Lehngütern ſoll ermäßigt werden, damit der Bauer nicht den ganzen Ertrag ſeiner Arbeit an den Herrn abgeben und umſonſt arbeiten muß. 9) Das — 158— Recht ſoll nach einem feſten alten(germaniſchen) Geſetz, nicht nach neuen Satzungen(römiſches Recht) und Willkür gehand⸗ habt werden. 10) Wer mit Unrecht Gemeindegüter an ſich geriſſen, ſoll ſie dem gemeinen Weſen zurückſtellen.(Offenbar an die Adreſſe der gnädigen Herren gerichtet.) 11) Die Abgabe bei Sterbefällen ſoll gänzlich aufgehoben ſein, damit Wittwen und Waiſen nicht um das Ihrige gebracht werden. 12) Dieſe Artikel ſoll man annehmen oder aus der heiligen Schrift wider⸗ legen!“—„Ich denke, meine Herren,“ ſo wandte ich mich nach dieſer Rekapitulation direct an die Geſchworenen,„die genannten For⸗ derungen, die leider Gottes! zum Theil heute noch fromme Wünſche ſind, waren ſicherlich nicht übertrieben. Geſtand doch ſogar Luther ſelbſt zu:„Erſtlich mögen wir Niemand auf Erden danken ſolches Unraths und Aufruhrs, denn euch Fürſten und Herren, die ihr nicht mehr thut, denn daß ihr ſchindet und ſchatzt, euren Pracht und Hochmuth zu führen, bis der gemeine Mann nicht kann und mag noch länger ertragen.“ Und damit hatte er ſicherlich Recht. Wie benahm er ſich aber hinterher, ſtets aus Furcht, die ihm fatale politiſche Revolution möge ſeine kir chliche Reformbe⸗ wegung durchkreuzen und zuletzt ganz verſchlingen? Zu einem Herrn von Einſiedel, der ihn voll naivſten Ernſtes fragte, ob denn die adelige Bauernſchinderei nicht wirklich eine Sünde ſei? äußerte er mit größter Unverfrorenheit:„Der gemeine Mann müſſe mit Bürdenbeladen ſein, ſonſt werde er übermüthig!“ Ein andermal ließ er ſogar die cyniſche Aeußerung fallen:„der Eſel wolle Schläge haben und der Pöbel mit Gewalt regiert ſein,“ und„wer einen der aufrühreriſchen Bauern todt⸗ ſchlage, verdiene ſich einen Stuhl im Himmel.“ Dagegen erhob Thomas Münzer die furchtbarſten Anklagen wider Luther als das „ſanftlebende Fleiſch“ in Wittenberg. Er laſſe die Sache der Freiheit im Stiche, und„aus der Reformation mache er nur einen neuen Vortheil für die Fürſten, ein neues Mittel ihrer Tyrannei.“ Letztere„machten das ſelber, daß ihnen der arme Mann Feind werde. Die Urſache des Aufruhrs wollten ſie nicht wegthun; wie könne es da in die Länge gut werden?“ Nichts deſtoweniger ſchrieb Luther noch nach der allerdings beklagenswerthen Metzelei von Weinsberg, wo der Graf von Helfenſtein mit 70 Edeln„durch die Spieße gejagt“ wurde, einen wahren Brandbrief„wider die ſtür⸗ menden Bauern,“ durch den er alle Welt förmlich dazu aufforderte: „die Bauern zu würgen, zu ſtechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund todtſchlagen muß!“—„Die Oberkeit hat eine gute Sach, und wer auf der Oberkeit Seite erſchlagen wird, iſt ein rechter Martyrer vor Gott. Wiederum, was auf der Bauern Seite umkommt, iſt ein ewiger — 150— Höllenbrand!“„War das Recht, meine Herren?“ interpellirte ich die Geſchworenen.„Und wie verträgt es ſich damit, daß der⸗ ſelbe Luther gleichzeitig über die ſchmählige Brutalität eines deutſchen Fürſten gegen Th. Münzers ſchwangere Wittwe ſchrieb:„Was ſoll ich ſolchen Rangen und Säuen ſchreiben? Die Schrift nennt ſolche Leute Beſtien, aber man muß ſie dennoch leiden, weil uns Gott durch ſie plagen will(i1?). Ich habe wohl beſorgt: würden die Bauern Herren, ſo würde der Teufel Abt werden; würden aber die Fürſten Herren, ſo würde ſeine Mutter Aebtiſſin werden!“„War das, m. H. G.,“ fragte ich die Geſchworenenbank,„eine des damals ſo einflußreichen großen Re⸗ formators, deſſen ſonſtiges geſchichtliches Verdienſt ich rückhaltlos anerkenne, würdige Haltung?“(Mehrere Geſchworene ſchüttelten mit dem Kopfe. Offenbar hatten ſie dieſes ſchnöde im Stiche Laſſen der auf ſeine Vermittlung vertrauenden Bauern noch gar nicht genügend gekannt.)„Und hatte nicht ſein berühmter Zeitgenoſſe Erasmus von Rotterdam Recht, als er Luther vorwarf:„Obgleich du die Bauern nicht anerkennſt, iſt ihr Aufruhr doch nur eine Folge deiner Reformation und eigentlich dein Werk!?“ Und der bekannte Caspar von Schwenkſeld, wenn er ſagte:„Luther hat das Volk aus Aegypten(dem Papſtthum) durch das rothe Meer(den blutigen Bauernkrieg) geführt, aber in der Wüſte ſitzen laſſen!?“ Und der moderne demokratiſche Schriftſteller L. Börne mit ſeinen beißenden Worten:„Luther war eines Bauern Sohn und hatte die Uniform der Emporkömmlinge angelegt, damit iſt Alles geſagt!“ Wie leicht wäre ihm Ange⸗ ſichts ſeiner damaligen einflußreichen Stellung bei den ſeiner neuen Lehre zugeneigten deutſchen Fürſten und Bauern, wie Bürgern, eine einigermaßen zufriedenſtellende Vermittlung zwiſchen beiden Parteien möglich geweſen, und warum hat er aus bloßer Liebedienerei für die Fürſten, als überwiegend eigennützige, ſäculariſationsſüchtige Stützen der Kirchenreform, nicht eine ernſtliche Vermittlung verſucht, die bei ſeinem Einfluſſe nach beiden Seiten ſicher zu einer leid— lichen Uebereinkunft geführt haben würde? Daß er Das unterlaſſen und ſich vielmehr gleich unbedingt auf Seite der Fürſten ge⸗ ſtelltt, deren politiſche Macht durch göttlichen Urſprung er ſogar zu einem Glaubensartikel erhob, das iſt der ſchwere Vorwurf, den trotz aller ſonſtigen Verdienſte die unbefangene Geſchichte gegen ihn erheben muß. Freilich, wer da lehrte, wie er:„jeder Fürſt ſei unmittelbar von Gott verordnet, Gottes Stellvertreter auf Erden, Niemanden verantwortlich und verpflichtet, als Gott und ſeinem Ge⸗ wiſſen!“— ſo ohngefähr lautete ſein paſſendes Schema für gar manchen modernen ſ. g.„Conſtitutionalismus!“— der mußte naturnoth⸗ wendig die an ſich ſo verdienſtliche Reformation aus einer Sache — 160— des Volkes, die ſie urſprünglich allein ſein ſollte, zu einer Sache der Fürſten, aus dem kirchlichen Selbſtzweck zu einem Mittel dynaſtiſcher Politik machen. Das war ſein großer Fehler, an dem wir in unſern heutigen proteſtaniſchen Landeskirchen mit den jewei⸗ ligen Fürſten als„oberſten Biſchöfen“, dieſer unglückſeligen Ver⸗ quickung des„Geiſtlichen“ mit dem„Weltlichen“, heute noch kranken. Während der gleichzeitige ſchweizeriſche Reformator Ulrich Zwingli, wie ſeine Gegner klagten,„die geiſtige Freiheit auf das Fleiſch anwandte“ und die Reformation zur Durchführung wohlthätiger politiſcher Reformen klug zu benutzen verſtand, hatte Luther im Gegentheil eine wahrhaſt bibliſche Ehrfurcht vor den„Geſalbten des Herrn“, Kaiſern, Königen und Fürſten, und hoffte zunächſt allein durch ſie die Reformation der Kirche am Sicherſten durchzuſetzen. Das war der verhängnißvolle Unterſchied. Zwingli war zugleich ſchweizeriſcher Republikaner, Luther aber blieb immer deutſcher Unterthan; in dieſem weſentlichen Punkte gingen Beide aus ein⸗ ander. Auf dem bekannten Bilde des Darmſtädter Hofmalers Noack, „das Religionsgeſpräch zu Marburg“, wo der mild ſchlichte Zwingli das bekannte„eor:“ bei der erſten Feier des Abendmahls durch Chriſtus ſehr richtig und vernünftig mit„Das bedeutet meinen Leib und Blut“ überſetzt, während der ſtarre Luther an dem mit Kreide auf den Tiſch geſchriebenen Wortlaut:„Das iſt mein (wirklicher) Leib“ in unbegreiflicher Hartnäckigkeit unbekehrbar feſt⸗ hält, hat meine Sympathie ſtets dem ſchweizeriſchen Reformator ſich zugewandt. Zwingli's Lehre war freilich dem einſeitigen kirch⸗ lichen Agitator Luther, der die eigentliche Heimath des Chriſten bloß im himmliſchen Jenſeits ſah, entſchieden antipathiſch, da ſie die ſ. g. chriſtliche Freiheit und brüderliche Gleichheit nicht bloß „geiſtig“ auffaßte, d. h. bloß in Anwendung auf das Verhältniß des Menſchen zu Gott, ſondern auch auf das irdiſch⸗ſtaatsbürgerliche „politiſche“ Leben bezog. Zwingli war eben ein Republikaner, der neben dem Himmelscandidaten des Jenſeits zugleich den freien Bürger des Diesſeits im Auge hatte, als ſolcher auch, mit Speer und Helm bewaffnet, in der Schlacht bei Kappel gegen die Katho⸗ liken ritterlich fiel, während Luther mehr ein für politiſche Re⸗ formen gleichgültiger„Hofprediger“ der Fürſten war und in den ſchweizeriſchen„Sacramentirern“ nur eine Fortſetzung der wieder⸗ täuferiſchen„Schwarmgeiſter“ erblickte. Dieſen weſentlichen Unter⸗ ſchied zwiſchen beiden Reformatoren wußte ich meinen überwiegend bäuerlichen Geſchworenen unter geziemendem Reſpecte für den Deutſchen, wie den Schweizer, ſo gründlich klar zu machen, daß ſie mir Zeichen ihres ſtillen Beifalls gaben und dieſe für mich ſehr gefährliche Klippe meiner oberheſſiſchen Bauernkriegsrede, trotz der ſtaatsanwaltlichen Inſinuationen, für mich keinerlei Stachel in ihnen — 161— zurückließ. Und das war bei der ſtreng„lutheriſchen“ Geſinnung der Majorität ſür mich im Grunde der bedenklichſte Punkt, weit bedenklicher, als die verſchiednen incriminirten Majeſtätsbeleidigungen. Diejenige Anklage letzter Gattung, die von der Oberohmener Volks⸗ verſammlung her mir zur Laſt gelegt wurde, brachte den Staats⸗ anwalt Siebert in ganz beſonders unterthänigſten Harniſch. Um den Bauern klar zu machen, daß die Umwandlung unſres Groß⸗ herzogthums in eine Republik ganz friedlich und ohne Blutver⸗ gießen vor ſich gehen könne, wies ich ſie darauf hin, daß Dies nicht etwa auf dem Wege eines Volksaufſtandes, mit Gutllotine und dergleichen, ſondern nur durch ordnungsmäßigen Mehr⸗ heitsbeſchluß der demnächſt einzuberufenden conſti⸗ tuirenden heſſiſchen Landesverſammlung in der Stände⸗ kammer zu Darmſtadt geſchehen könne. Sei daſelbſt auf dem Wege regelrechter Abſtimmung die Entthronung des regierenden Großherzogs aus der Familie der brabantiſchen Grafen von Löwen, Ludwigs III., zum geſetzlichen Beſchluſſe erhoben, ſo werde ſich einfach eine Deputation der Kammer in etikettemäßigen ſchwarzen Fräcken in das Reſidenzſchloß begeben und dem bisherigen Landes⸗ fürſten höflichſt eröffnen:„Bürger Ludwig von Brabant! Das ſouveräne heſſiſche Volk hat Sie durch Mehrheitsbeſchluß ſeiner gewählten Vertreter, um die republikaniſche Staatsform als die allein zweckmäßige und am wenigſten koſtſpielige einzuführen, des landesfürſtlichen Thrones für verluſtig erklärt. Wir garantiren in deſſen Namen feierlichſt für Ihre ungefährdete perſönliche Sicher⸗ heit, ſowie wir Ihnen auch den größeren Theil der Domänen als Privatvermögen Ihrer Familie ohne alle juriſtiſche Untexſuchung, einfach in Anerkennung Ihres ſeither bewieſenen guten Willens, unangetaſtet überlaſſen wollen. Sobald Sie die Krone niederge⸗ legt, werden wir Sie mit Freuden als ehrlichen Mitbürger in unſrer Mitte begrüßen und Ihnen, wenn Sie dazu geneigt ſein ſollten, in dem neuen Staatsweſen gerne eine würdige Stellung anweiſen, unter der Bedingung natürlich, daß Sie daſſelbe fortan als zu Recht beſtehend ohne Rückhalt anerkennen.“ Auf die An⸗ frage aus der corona, was denn der entthronte Landesfürſt, falls er keine höhere Beamtenſtelle annähme, eigentlich treiben ſolle?— wer denkt da nicht an die bekannte Gellert'ſche Martha mit dem Milchtopf und den ominöſen Schlußverſen:„Hop, Martha, hop! Da lag der Topfl?“— erwiederte ich kaltblütig, dann könne er in aller Muße Landwirthſchaft auf ſeinen Gütern treiben, ſo gut, wie der Graf von Laubach, der ehedem ebenfalls reichsunmittel⸗ barer Souverän geweſen ſei und ſich jetzt als mediatiſirter Land⸗ edelmann wohlverdienter allgemeiner Achtung erfreue. Oder, wenn er das nicht wolle,— und dieſer gar nicht ſo bös gemeinte, freilich 21 — 162— etwas muthwillige Scherz, der bloß die volle Freiheit künftiger Berufswahl recht eclatant ausdrücken ſollte, erregte bei dem darob erſtarrenden Staatsanwalt eine wahrhaft conſtitutionell⸗monarchiſche Gänſehaut— ſo könne er meinetwegen Schuſter oder Schneider werden oder einen ſonſtigen bürgerlichen Beruf wählen, der ja bei redlichem Fleiße Niemanden ſchände, ſondern weit mehr zur Ehre gereiche, als ein ariſtokratiſches dolce far niente. In dem Bienen⸗ korbe eines rationellen Staatshaushaltes hätten die Drohnen nur geringe Geltung, während die Königin doch wenigſtens für Nach⸗ kommenſchaft ſorge, ſo gut, wie eine gewiſſe höchſt liebenswürdige und achtbare menſchliche Standesgenoſſin in der europäiſchen Nach⸗ barſchaft. Wir ſelbſt ſeien das arbeitende„Volk“, wie ja auch der Bienenzüchter ſeine fleißigen Pfleglinge benenne, aber weit entfernt, die Ariſtokratie der„Drohnen“, die uns mit ihren Feu⸗ dallaſten ꝛc. nur endlich in Ruhe laſſen möchte, irgendwie, gleich jenen unerbitlich radikalen Thierchen,„ſchlachten“ zu wollen. Dieſes mein handgreifliches, nur als für die Maſſe beſonders anſchaulich gewähltes Bild machte ganz den gewünſchten Eindruck und jeder Bauer verſtand ſofort, daß ich keineswegs zu den guillotinirenden „Fürſtenmördern“ oder„Fürſten zum Land⸗hinaus⸗Jagern“ gehörte, vielmehr die ganze, durch die neueſte Revolution angebahnte Um⸗ änderung der Staatsverfaſſung nur auf dem friedlichen Wege ge⸗ ſetzmäßiger Landesverſammlungs⸗Abſtimmung unter Schonung aller Privatrechte des bisherigen Mo⸗ narchen durchgeführt ſehen wollte. Und dieſe Aufklärung war für die Bauern ſchon viel werth, nachdem ſie uns Republikaner bisher pflichtſchuldigſt alle für Halsabſchneider und politiſche Schinderhanneſe gehalten. Selbſt meine Geſchworenen lächelten, als ich ihnen dieſe meine ganz menſchenfreundliche, freilich auch ächt ſtudentiſch-idylliſche Auffaſſung der Löſung der Staatsver⸗ faſſungsfrage in aller Harmloſigkeit entwickelte. Der Staatsanwalt freilich konnte mir eine ſolche politiſche Naivetät, die ihm als höchſt ſtrafbare Majeſtätsbeleidigung erſchien, ganz und gar nicht ver⸗ zeihen, obgleich der Großherzog ſelbſt ſpäter ſo viel gewohnten ge⸗ ſunden Humor gehabt hahen ſoll, ſich über die ihm zugedachte höchſt gemüthliche Entthronung oder doch Mediatiſirung herzlichſt auszulachen. Ein Fürſtenmörder war wahrlich nicht in unſern Reihen; dagegen ſtellten wir uns denn doch die ganze Procedur viel zu einfach vor, als ob, wie jener Franzoſe ſagte, eine der⸗ artige Revolution rein mit Eau de Cologne, ohne alle Bei⸗ miſchung von Blut, Tuilerienzerſtörung und ſonſtige ſanscülottiſche Exceſſe vor ſich gehen könnte. Je nun, wir waren als Revolutionäre noch gar ſentimentale„grüne Jungen“, die Alles auf dem güt⸗ lichen Wege des Compromiſſes fertig zu bringen gedachten.— 5— — 163— Als mir dieſe Aeußerungen, ſowie die auf den Struve'ſchen September⸗Aufſtand bezüglichen Stellen des damals von mir redi⸗ girten„jüngſten Tags“ als Vorbereitungen zum Hochver⸗ rath und zum gewaltſamen Umſturz der heſſiſchen Verfaſſung zur Laſt gelegt wurden, erwiederte ich nach dem vor mir liegenden Berichte des„Frankfurter Journals“ u. A.: „An einen beſondren Umſturz in Heſſen habe ich nicht gedacht, ſondern nur an eine allgemeine deutſch⸗nationale Erhebung gegen die der Frankfurter Verſammlung widerſtrebenden(oder wie ich wört⸗ lich ſagte)„rebelliſchen“ Fürſten. Die plötzliche Nachricht vom Struve'ſchen Aufſtande, die jede Partei in ihrem Sinne beleuchtet habe, ſei mir als Vorbote einer allgemeinen Erhebung des deutſchen Volks gegen die Verfaſſungsverletzungen der Fürſten erſchienen, während ſie nach meiner ſpäteren Erfahrung wohl nur ein unüber⸗ legter politiſcher Knabenſtreich geweſen ſei. Meiner anfänglichen Auffaſſung zufolge ſei jene Erhebung ebenſo gerechtfertigt geweſen, wie die gegenwärtige der Schleswig⸗Holſteiner gegen ihren ver⸗ faſſungsungetreuen König⸗Herzog. In Wien und Berlin habe da⸗ mals gleichzeitig ein Zuſammenſtoß der Volkspartei mit der Contre⸗ revolution bevorgeſtanden. Blieb Heſſen ſeinen Märzverſprechungen treu, ſo war dort eine Umwälzung nicht nöthig, ſondern nur eine Unterſtützung der Volksſache. Fiel aber letztere an dem einen oder andern Orte und verbanden ſich die Fürſten in ihren dynaſtiſchen Familienintereſſen, ſo ſei das Volk zum bewaffneten Wider⸗ ſtande ſo berechtigt, als verpflichtet geweſen, und nur hierzu habe ich aufgefordert. Trotz meiner großen Anhänglichkeit an die ſocial⸗demokratiſche Republik müſſe ich dieſelbe immer doch ihrer„inneren Entwicklung“ überlaſſen und mich ſtets der Mehrheit fügen. Auf die Bemerkung des Präſidenten, daß ich nach dem ganzen Eindruck meiner Rede dazu aufgefordert habe, ſich einer bevorſtehenden Bewegung anzuſchließen, welche die öffent⸗ lichen Zuſtände Deutſchlands über den Haufen werfen ſollte, habe ich erwiedert, die Rüſtung ſei nöthig geweſen gegen die be⸗ waffnete Contrerevolution der vereinigten deutſchen Fürſten und inſofern geſetzlich und gerechtfertigt.“ Der Berichterſtatter des Frankfurter Journals— wenn ich mich nicht ſehr täuſche, der mir damals noch auch politiſch befreundete Bruder meines Vertheidigers, jetziger H.⸗G.⸗Advocat Ignatius Metz— bemerkte ſchließlich:„Der Angeklagte ſpricht ſehr fließend und in ſchlagenden Deductionen, ſodaß er in ſeinen Ausführungen förmlich mit ſich fortreißt. Dieſe Dialectik unterſtützt ihn in ſeiner Vertheidigung ſo ſehr, daß die⸗ ſelbe kaum gewandter geführt werden kann. Einen ſehr ſtörenden Eindruck macht aber bei den Verhandlungen das Ruhegebieten der Polizei, welches oft mehr Spectakel erregt, als die Unruhen — 164— der angeblichen Störer.“ Ueber meine, Freitag, den 13. September, — zwei Datum's ſchlimmen Omens! pflegte meine für ſolche Dinge gar empfindliche liebe Schwiegermutter, die mir trotzdem ihre Tochter ſpäter unbedenklich anvertraute, zu ſagen— gehaltene Schluß⸗Ver⸗ theidigungsrede, in deren Verlauf mir zuletzt vor lauter Irritation einigermaßen„die Pferde durchgingen“, berichtete u. A. das Frank⸗ furter Journal vom 14. September 1850:„Am Schluſſe meines geſtrigen Abendartikels habe ich noch kurz der in beredten, mit vielen geiſtreichen Schilderungen durchwebten Worten gehaltenen Vertheidigungsrede des Angeklagten F. gedacht. Ich muß etwas genauer darauf eingehen. Es beſtand dieſelbe, die in ihrer Art ein Meiſterſtück genannt zu werden verdient, wiewohl ſie eigentlich nur im erſten Theil eine logiſche Gedankenfolge zeigte, aus einem wundervollen Gemiſch von derben, bittren Wahrheiten, blühenden Gedanken, lachenden Bildern und geiſtreichen ſcherzenden Ausfällen. F. ſprach an zwei Stunden lang, und als ihm endlich das Wort entzogen wurde, ſah man noch kein Ende ſeiner ſprudelnden Be⸗ redtſamkeit. Manchmal faſt chaotiſch wild rollte dieſe dahin, ohne einen eigentlich leitenden Gedanken zu zeigen, und ſie ſchwebte oft auf den äußerſten Grenzen einer begeiſterten Poeſie, vermiſcht mit den ertremſten Schwärmereien und ſelbſt manche Wiederholungen nicht achtend. Als er in kurzen kräftigen Zügen und raſcher Aufeinander⸗ folge mit hochpoetiſchem Schwunge die Märzrevolution ſchilderte, ſchien es, als wolle er mit Pindar wetteifern. Als er weiter ſprach von dem„Meſſias der Volksſouveränetät, den man im Jahre 1848 durch die Straße getragen und dem das Volk ſeine begeiſterten Hoſiannah's zugerufen“, und dieſem gegenüberſtellte denſelben Meſ⸗ ſias,„der im Jahre 1850 unter den Fäuſten der Schergen, die Dornenkrone auf dem Haupte, nach dem Golgatha des Zuchthauſes wandle“; als er ſprach„von jener Zeit, wo die Jünglinge Ge⸗ ſichte geſehen und die Jungfrauen Träume gehabt, von den Feuer⸗ zungen nationaler Begeiſterung, in denen man damals geredet“,— da mochte man ſich faſt die Verſe eines Jeſaias vergegenwärtigen. Die unvergänglichen Tage des März traten bei dieſer Schilderung Jedem lebhaft vor die Augen: „Wie kunterbunt die Wirthſchaft tollert, Der Ameishauf' durcheinander kollert;“ „und es war gewiß Niemand in dem vollgedrängten Saale, auf den Gallerien oder in den Gängen, der es dem Jünglinge nicht verziehen hätte, daß„er ſich in ſeiner überſchäumenden Begeiſterung über die Convenienzen des modernen Staatslebens hinaus geſetzt hatte.“ Und ſelbſt als er mit ſichtlichem Wohlgefallen von ſeinem hllich ⸗ 7 „politiſchen Märtyrthum, von den zweien in der Verbannung oder — 1365— im Kerker verlebten Jahren, von der Liebe und Anhänglichkeit ſeines Volkes“ ſprach, überſah man dieſe vom Präſidenten ſoge⸗ nannte Ruhmredigkeit in Anbetracht ſeines durchaus ehrenhaften Charakters und der reinen Motive ſeiner Handlungen. Als er nun gegen den Schluß auf„die zerſprengte und verſchollene National⸗ verſammlung, auf die zerriſſene ſchwarzrothgoldne Fahne des Bun⸗ despalaſtes“ hinwies, und„wie die edelſten Männer in der Ver⸗ bannung, in Stargard der wolleſpulende Kinkel verkümmere“, wie „der weiße Czar ſich rüſte, ſeine Koſacken über unſre Grenze zu ſchicken“, da verargte es wohl mancher Anweſende dem Präſidenten, daß er dem Angeklagten zuletzt mit Entziehung des Wortes drohte und dieſer ſich zuvorkommend fügte. Aber„andre Zeiten, andre Sitten!“ Die demokratiſchen Sitten des Jahres 1848, des Jahres „der politiſchen Saturnalien, in denen der lange und ſchwer ge⸗ feſſelte Sclave ohne Scheu vor künftiger Beſtrafung ſeinem Muth⸗ willen(?) frei den Zügel ſchießen laſſen durfte“,— dieſe Zeiten, dieſe Sitten ſind heuer nicht mehr wohlgelitten und wohl auch nicht ganz— ſtraflos. Wie man aus den wenigen hier gegebnen Bruchſtücken entnehmen kann, machte die Rede den gewaltigſten Eindruck, und wir glauben, daß der ſchlichte Verſtand eines Bürgers⸗ mannes den Nagel auf den Kopf getroffen hat, als er bemerkte: „Die hohen Herren hätten beſſer gethan, dieſe Sache im tiefſten Vogelsberge zur Verhandlung zu bringen, als in der Reſidenz Darmſtadi.“— Ueber den Schluß meines erſten großen Proceſſes, der von Montag, den 8., bis Samſtag, den 14. September 1850 dauerte, ſchrieb der damalige in Gießen erſcheinende„Heſſiſche Zuſchauer“ in einer Extra⸗Beilage zu Nr. 180 aus der Feder Auguſt Becker's: „Darmſtadt, 14. September. Soeben(51 ½ Uhr Nachmittags) ver⸗ kündete der Präſident des Aſſiſenhofs das Urtheil in dem F.‚'ſchen Proceß. Die Geſchworenen hatten den Angeklagten von der An⸗ klage des Hoch⸗ und Landesverraths, der Aufforderung zum Auf⸗ ruhr und zur Widerſetzlichkeit, der Majeſtätsbeleidigung und Schmähung der Häupter fremder Staaten, der Beleidigung des Landrichters Brumhard ꝛc. freigeſprochen, während ſie ihn ſchuldig erklärten der Amts⸗ und Dienſtehrenbeleidigung und Verläumdung des Erminiſters Jaup. Der Staatsanwalt hatte auf 9 Monate Correctionshaus⸗, reſp. Feſtungshaft und ein Achtel aller Unterſuchungskoſten angetragen, während der Aſſiſenhof, den An⸗ trag der Vertheidigung auf Abzug der Unterſuchungshaft unbe⸗ rückſichtigt laſſend, den Angeklagten zu 6 Monaten Correctionshaus⸗ ſtrafe, in ein Achtel aller Koſten und in die beſondren, durch die Amts⸗ und Dienſtehrenbeleidigungs⸗Anklage entſtandenen Koſten verurtheilte. — Die Behörden hatten kurz vor Fällung des Urtheils außer⸗ — 166— ordentliche Vorſichtsmaßregeln getroffen und das Aſſiſenlocal durch eine Abtheilung Soldaten und eine Unmaſſe von Gensd'armen beſetzen laſſen. Trotz aller dieſer Vorkehrungen und obgleich der Hof des Aſſiſenlocals militäriſch geräumt und F. auf einem Umwege ins Arreſthaus zurückgebracht wurde, begrüßten denſelben überall die begeiſterten Hoch's einer zahlreichen Volks⸗ menge.— Nächſten Montag, den 16. d. Mts., kommt die Sache wegen des„offenen Briefes“(an Criminalrichter Klingelhöffer in Bezug auf deſſen Steckbrief) zur Verhandlung.“ Dieſes Nachſpiel vom folgenden Montag, deſſen Reſultat nach dem vorherigen Wahrſpruche über die weit ſchwereren An⸗ klagen ziemlich ſicher vorauszuſehen war, konnte mich um ſo weniger noch echauffiren, als mir ſchon am vorangegangenen Samſtag Morgen der Staatsanwalt unter freundlichem Glückwunſch die Hand geſchüttelt und die Hoffnung ausgeſprochen hatte, daß ich fortan, unter Beherzigung der erhaltenen Lection, noch eine Zierde des heſſiſchen Staatsdienſtes oder doch des Barreau's als Advocat werden würde. Als ich ihn unter herzlichem Dank darauf hinwies, daß ja noch ein weiteres Zuſammentreffen für den Montag vor denſelben Gerichtsſchranken zwiſchen uns bevorſtände und mir daher ſeine, wie ich gar nicht bezweifle, herzlich gemeinte Gratulation etwas bedenklich anticipirt erſcheine, erwiederte er mit lachendem Achſelzucken: die Montags⸗Verhandlung habe als kleines Nachſchar⸗ mützel, nachdem die Hauptſchlacht entſchieden ſei, wenig mehr zu bedeuten und wenn er dabei auch mir noch einmal offcciell die Zähne weiſen müſſe, ſo ſei doch nach dem Ausgange des großen Hauptproceſſes an einer günſtigen Erledigung des kleinen„Poſt⸗ ſcriptes“ kaum zu zweifeln.„Im Uebrigen,“ ſchloß er,„haben Sie ſich nun hinlänglich die Finger verſengt. Für die Folge rathe ich Ihnen, als gebranntes Kind das Feuer etwas mehr zu ſcheuen.“ „Nun, erwiederte ich lächelnd,„wenn Sie mir Das ſelber ſagen, ſo kann ich unſerm gemeinſamen Deſſert nach verdauter Haupt⸗ mahlzeit mit um ſo größerer Ruhe entgegenſehen!“ In der That verlief die montägliche Schlußverhandlung Ziemlich raſch und glatt, obſchon auch ſie wieder einige intereſſante Intermezzo’s bot. Meine nur als reine Perſiflage in der letzten Gießener Volksverſammlung ausgeſprochene eventuelle Verurtheilung des Großherzogs, reſp. ſeiner verantwortlichen Miniſter, wegen Angriffen auf den Fort⸗ beſtand des zur Zeit noch rechtlich exiſtirenden hohen Bundestags, d. h. alſo wegen„Hochverraths“, zu 16 Jahren Zuchthaus,— im Grunde weiter Nichts, als ein ſ. g.„ſchlechter Studentenwitz“ — wurde mir als ernſtliche Majeſtätsbeleidigung zur Laſt gelegt. Ferner ſollte eine andre Stelle meines„offnen Briefs“, worin es hieß:„Das hochverehrliche Hofgericht in Gießen, ein Collegium, — 167— deſſen Urtheil durch die bekannten Antecedentien ſeiner hervor⸗ ragendſten activen und paſſiven Mitglieder, eines— Nöllner, Weber, Preuſchen, Dietz und andrer weiland Händlanger der „ſchwarzen“ und ſonſtiger„Commiſſionen“ in Sachen der Demagogen⸗ verfolgung zu einer vollgültigen Autorität geworden iſt ꝛc., das Vergehen der Verletzung der Amtsehre des geſammten Gießener Hofgerichts, ſowie der beiden Räthe Georgi und Nöllner involviren. Das Gleiche galt insbeſondere Georgi gegenüber für einen von mir verfaßten geharniſchten Artikel des„jüngſten Tags“, worin ich die auffallende Thatſache, daß der erſtere berüchtigte politiſche Unter⸗ ſuchungsrichter eines Abends in unzurechnungsfähigem Zuſtande hegen mit geladenem Gewehr vom Fenſter herab auf eine vorüberſchrei⸗ uee tende Patrouille der Bürgerwehr zu ſchießen gedroht, als ein höchſt anegne ſtrafbares Attentat gegen die öffentliche Sicherheit in ſcharfen Aus⸗ A drücken dargeſtellt und die auffallende Säumigkeit der Unter⸗ ſuchungsbehörde in dieſer Sache, welche damals die allgemeinſte †᷑etme Entrüſtung erregte, ſtrenge gerügt hatte. Ueber Letzteres wurden.8 Zeugen vernommen und erhielt das von mir veröffentlichte Attentat.. namentlich durch die Ausſagen des damaligen Kreisſecretariats⸗ Vicars Dr. Vogel(jetzigen Hofgerichtsadvokaten in der Reſidenz),— der als Bürgerwehr⸗Officier hierbei einſchritt, volle Beſtätigung.. Ja derſelbe ſchilderte noch obendrein den momentan unzurechnungs⸗ fähigen Zuſtand des trotz der Notorietät ähnlicher Vorgänge nach, wie vor, fortamtirenden Hofgerichtsraths, über den einſt ein ba⸗ diſches Blatt das beißende Epigramm brachte: „Heſſen, glückliches Land, wo der Wahnſinn ſitzt zu Gerichte Und in dem ſtändiſchen Saal taumelnd der Trunkenbold lallt!“ in ſehr draſtiſcher Weiſe. Das waren denn doch ſehr gravirende Dinge, die man klüger todtgeſchwiegen hätte, ſtatt fie vor die Aſſiſen zu bringen. Nichts deſto weniger gerieth derſelbe Staats⸗ anwalt, der mir ſchon am vorangegangenen Samſtag anticipando zum Endreſultate gratulirt hatte, über die beiden Schluß⸗Anklagen officiell gewaltig in Harniſch. Nicht nur beging er die ſtarke Tactloſigkeit, meine vorangegangenen politiſchen Handlungen vor beinahe denſelben Geſchworenen, die mich dieſerhalb zwei Tage zu⸗ vor freigeſprochen, nochmals als Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates darzuſtellen, ſondern auch die angebliche Majeſtätsbe⸗ leidigung gegen den Großherzog malte er ſehr ſchwarz an die Wand, obſchon wahrhaftig darin, daß ich eine an ſich in meinen Augen höchſt verdienſtliche Regentenhandlung des Letztern— die Incompetenzerklärung für den verhaßten Bundestag— als einen eigentlich nach dem Wortlaute des thatſächlich durch die neueren Creigniſſe antiquirten Strafgeſetzbuchs ſtreng pönaliſirten Act des — 168— Hochverraths bezeichnete— wahrlich nicht die geringſte injuriöſe Abſicht liegen konnte. Das ſei„ein frevelhaftes Spiel“, hieß es, und „im Hinblick darauf, daß ich denſelben heſſiſchen Landesfürſten bei einer andern Gelegenheit höchſt kameradſchaftlich„Bruder“(ſtatt Bürger!)„Ludwig“ genannt,“ eine höchſt ſtrafbare Reſpectwidrig⸗ keit! Mein Vertheidiger A. Metz, der gerade in dieſer Schluß⸗ Affaire, ſichtlich gehoben durch das zuvor erzielte, nach Lage der Sache glänzende Reſultat, ſehr gut plädirte, wies ſchlagend nach, daß hier von einer Majeſtätsbeleidigung gar keine Rede ſein könne, weil ich den Namen des Großherzogs ja nur als Beiſpiel dafür gebraucht habe, daß viele Artikel des Strafgeſetzbuchs nicht mehr mit den Grundſätzen unſrer nachmärzlichen ſtrafrechtlichen Begriffe übereinſtimmten, auch die Behauptung, daß H. v. Gagern wegen Erlaß des März⸗Edikts von dem Bundestag bei dem etwaigen Scheitern der Märzbewegung beſtraſt worden ſein würde, eine ganz richtige ſei. Die Geſtattung von Preßfreiheit, Vereins⸗ und Ver⸗ ſammlungsrecht und ſonſtige ſ. g.„Märzerrungenſchaften“ ſeien in den Augen des alten Bundestags allerdings ein Staatsverbrechen geweſen und es ſei jetzt noch leicht möglich, daß bei deſſen etwaigem Wiederaufleben in Folge eines ſpäteren Sieges der im Finſtern ſchleichenden Reaction H. v. Gagern von dieſem modernen Amphik⸗ tyonengerichte post festum noch als Hochverräther verſolgt werden würde. Noch weniger ſei die Amtsehrenbeleidigung des Gießener Hofgerichts begründet. Denn Niemand werde im Ernſte läugnen wollen, daß dieſes Collegium ſich durch ſeine Mitwirkung bei der „ſchwarzen“ Unterſuchungscommiſſion(gegen die weiland„Dema⸗ gogen“ der 30er Jahre) kein ehrenvolles Denkmal in der öffent⸗ lichen Meinung Deutſchlands geſetzt habe, und gerade die zwei Mitglieder deſſelben, welche ihre„Dienſtehre“ verletzt wähnten, die Herren Georgi und Nöllner, hätten am allerwenigſten Grund zur Klage gehabt. Selbſt Gagern habe ja ſ. Zt. öffentlich erklärt, es ſei eine Schande, daß ein Mann, wie Georgi, ſich noch im heſſiſchen Staatsdienſte befinde! Herr Nöllner aber ſei— et tu, Brute!— ſeit ſeinem letzten ebenſo verzweifelten, als unglücklichen Verſuche, den Mohren Georgi weiß zu waſchen, längſt gleichfalls allgemein verurtheilt. Bei dieſer ziemlich ſcharfen Stelle, die dem öffentlichen Gewiſſen vor den Schranken des Gerichtshofs endlich einmal Aus⸗ druck verlieh, ging ein dumpfes Beifallsgemurmel durch die Reihen des Publikums. Der zweite Vertheidiger, mein ſpäterer Freund Otto Hofmann,(für den mitangeklagten Drucker und Verleger des „jüngſten Tages“, Carl Schild aus Gießen,) wußte den für uns günſtigen Eindruck noch zu ſteigern. Er hob beſonders hervor, daß die Preßfreiheit ſo gut, wie unterdrückt ſei, wenn man wegen eines und deſſelben Zeitungsartikels ſowohl den Verfaſſer, als auch den — 169— verantwortlichen Redacteur, Verleger und Drucker beſtrafen wolle. (Man vergleiche unſer heutiges Reichspreßgeſetz und denke an das Wort L. Börne’s, daß eigentlich ſchon Derjenige, der zu einem oppoſitionellen Zeitungsartikel die Feder ſpitze, wegen„vorbereitender Handlungen zum Hochverrath“ und die unglückliche Gans, aus deren Flügel man die letztere gerupft, wegen„Mitwirkung“ zu dieſem Ver⸗ brechen ſtrafbar ſei!) Ferner wies O. Hofmann richtig nach, daß man ſchon vor tauſend Jahren humanere Rechtsgrundſätze über Majeſtätsbeleidigung gehabt, als ſie unſer jetziges Strafgeſetzbuch aufſtelle, und daß nur die Perſon, nicht aber auch ſchon der bloße Name des Großherzogs geheiligt ſei. Als er weiter bemerkte, daß die gegenwärtige heſſiſche Regierung, welche die reactionäre Preſſe des Inlandes ungeſtraft zur Octroyirung, zum meineidigen Um⸗ ſturze der Landesverfaſſung auffordern laſſe, eigentlich zur Erhebung von politiſchen Anklagen gegen die demokratiſche Preſſe gar nicht berechtigt erſcheine, wurde ihm von dem Präſidenten das Wort über dieſe Sache entzogen. Große Senſation aber und in offi⸗ ciellen Kreiſen eine gewiſſe Beſtürzung erregte O. Hofmann's ſchließ⸗ liche Behauptung: daß die Stelle des heſſiſchen Strafgeſetzbuchs, welche alle Gehülfen bei Majeſtätsbeleidigung für gleich ſtrafbar erkläre, gar nicht in den landſtändiſchen Beſchlüſſen enthalten, alſo in das Geſetzbuch hinein gefälſcht ſei! Nach dem wirk⸗ lich unparte iiſchen Réſumé des ehrenwerthen Präſidenten Eigen⸗ brodt zogen ſich die Geſchworenen zurück und beantworteten, nach kurzer Berathung, alle ſieben Fragen mit, ſoviel ich weiß, ein⸗ ſtimmigem Nichtſchuldig. Mir war natürlich mit dieſem endlichen Schlußacte ein Stein vom Herzen und ich ließ gleich unten im Darmſtädter Hof ein paar Flaſchen Champagner für meine braven Gensd'armen kommen, die von ihnen fröhlich auf mein Wohl ge⸗ leert wurden. Ueber meine Heimfahrt, nach deren Beendigung ich den auf der Treppe ſtehenden Verwalter mit dem Jubelruf be⸗ grüßte:„Es gibt Cigarren, Herr Fink! Nichts, als Cigarren, und kein Fäßchen!“ berichtet der„Heſſiſche Zuſchauer“:„Als F. wieder in das Gefängniß zurücktransportirt wurde, begleitete ihn trotzdem, daß eine Extra⸗Escorte von reitenden Gensd'armen beigegeben war, der langanhaltende Jubel des Volkes, der manchem rothreactionären „Heuler“ der Reſidenz höchſt unangenehm in die Ohren geklungen haben mag.“ Einen„tieferen Schlaf“, als in der darauf folgenden Nacht, nachdem endlich der Alp der heſſiſchen Strafjuſtiz ganz von meiner bisher beklemmten Bruſt weggewälzt war, habe ich lange nicht„gethan“. Ich ſah mich im Geiſte ſchon als wohlbeſtallten Hofgerichtsadvokaten vor den Schranken deſſelben Gerichtshofs, auf deſſen Anklagebank ich unter ſo unbeſchreiblicher Aufregung volle acht Tage lang geſeſſen, und ahnte noch nicht, daß mir eine Woche 22 — 170— vor Entlaſſung aus dem Straſarreſt noch in Folge davon eine Relegation auf zwei Jahre von Seiten des akademiſchen Disciplinargerichts in Gießen blühen ſollte! Obgleich der Stu⸗ dioſus F. über ſeinen Fleiß und den Beſuch der Vorleſungen die beſten Zeugniſſe, faſt alle erſten Rangs, vorlegen konnte, ſo mußte er doch post festum noch beſonders für ſeine politiſchen Sünden als Staatsbürger büßen. In letzterer Eigenſchaft 10 Monate Unterſuchungs⸗ und 6 Monate Straf⸗Arreſt, und in erſterer hinter⸗ drein noch ſtudentiſche Relegation auf zwei Jahre! Das waren wirklich charakteriſtiſch⸗,„vorſündfluthliche“ Rechtszuſtände. Hoffentlich eriſtiren ſie mit ihrem„bis in idem!“ heute nicht mehr.(?!)— V. Im Correctionshauſe*). Zu den beziehungsweiſe heiterſten Erinnerungen meines im Grunde wohlfeilen politiſchen Märtyrerthums gehört, ſo ſonderbar es klingen mag, meine wegen Amtsehrenbeleidigung der Jaup'ſchen miniſteriellen Excellenz mit beſter Miene zum böſen Spiel verbüßte ſechsmonatliche Correctionshaushaft. Und warum auch nicht? Von den ſchwerſten Anklagen, darunter Hoch⸗ und Landesverrath u. ſ. w., durch die Jury freigeſprochen, hatte ich als Denkzettel für den ſtudentiſchen Uebermuth meiner republikaniſchen Weltverbeſſerung nach langer Unterſuchungshaft nur jene verhältnißmäßig unbedeutende Strafe davongetragen, die mich nach den Beſtimmungen unſres Geſetzbuchs im Vollgenuſſe meiner ſtaatsbürgerlichen Rechte nicht im Geringſten beeinträchtigte. Nachdem ich mich ſchon auf etliche Jahre Zuchthaus gefaßt gemacht, war das alſo eine ſehr gnädige Strafe, und ich hatte die tröſtliche Ausſicht, nach der Freilaſſung meine durch die Revolution unterbrochenen juriſtiſchen Studien wieder fortſetzen und„trotz alle dem und alle dem“ die Advokaten⸗Carriere einſchlagen zu können. Somit waren jene paar Monate Cor⸗ rectionshaus⸗Arreſt nur eine Art Fegefeuer für meinen von Haus —.. *) Aus der Didaskalia vom Jahr 1853, deren Redaction das von ihr vielfach geſtrichene Originalmanuſcript anf mein Erſuchen dem damals ſehr hülfsbedürftigen, in Naſſau wohlbekannten Ex⸗Demagogen aus den 30er Jahren, Emminghaus aus Uſingen, behufs einesvon ihm veranlaßten und mit beſtem Erfolge colportirten Separatabdrucks überlaſſen hatte. Der arme Schlucker ſagte mir ſpäter ſelbſt, daß er damit ein ſehr gutes Geſchäft gemacht habe, was ich ihm natürlich von ganzem Herzen gönnte. Einige kleine Textänderungen waren mit Rückſicht darauf, daß ich in der urſprünglichen Handſchrift, um nicht gleich direct auf mich als Verfaſſer rathen zu laſſen, Manches gefliſſentlich ver⸗ wiſcht hatte, unvermeidlich, und auch in dem jetzigen, den Urtext möglichſt getreu wiedergebenden Abdruck mußte ich noch Manches ändern. D. V. — 172— aus unverwüſtlichen Humor. Daß dieſe Ausſicht zwar de jure, leider aber nicht de facto vorhanden war, ahnte ich in meiner jugendlichen Naivetät damals noch gar nicht und ließ mir im Traume nicht einfallen, daß mich das löbliche akademiſche Dis⸗ ciplinargericht meiner alma mater Ludoviciana noch zu guter Letzt vor der Freilaſſung auf zwei Jahre relegiren und ſpäter das„höchſt⸗ preisliche“ Miniſterium meine noch obendrein auf einen Stempel⸗ bogen à 36 Kreuzer niedergeſchriebene ſubmiſſe Anfrage, ob man mich nach Ablauf der Relegationszeit zum Examen und Acceß zu⸗ laſſen werde, wegen Unterlaſſung des obligaten pater peccavi! gar nicht einmal einer Antwort werth finden würde! Froh genug, mit einem blauen Auge davongekommen zu ſein, malte ich mir meine Zukunft höchſt roſig, und nachdem mir vor⸗ ſchriftsgemäß das Haar kurz geſchnitten und— nicht ohne leiſes Seufzen— der mühſam erzielte Bart abraſirt worden war, folgte ich mit keckem Schritt, ein altes Studentenlied leiſe vor mich hin⸗ pfeifend, dem Beſchließer aus der Zelle hinaus über den Hof nach dem gegenüberliegenden Correctionshauſe, einem alten, finſteren Gebäude, aus deſſen vergitterten Dachſtuben⸗Fenſtern verſchiedene riskirte Phyſiognomieen auf den neuen Ankömmling kameradſchaft⸗ lich herabgrinſten. Es war für mich wenigſtens ein unterhaltender Wechſel der Scenerie, und ich dachte, du wirſt unter dieſen„zu verbeſſernden“ Burſchen jedenfalls reichen Stoff zu pſychologiſchen Studien erhalten. Der bot ſich mir allerdings in größerer Fülle, als ich ſelbſt erwartet hatte.. Ich trat in die Mitte von lauter Dieben, Fälſchern, Mein⸗ eidigen, Wilderern, Strohmern und Vagabunden, theilweiſe jungen Anfängern im Guerillaskrieg gegen die Geſetze, meiſt aber alten, hartgeſottenen Sündern, die mich, da der Grund meiner Verur⸗ theilung auch zu ihnen gedrungen war, faſt alle mit einem gewiſſen ſcheuen Reſpect— Manche nannten mich ſogar„Herr Doctor!“ — begrüßten.. Nur zwei Leute meines Gelichters, politiſch Verurtheilte, traf ich in der ganzen Schwefelbande. Der Eine, ein krumm⸗ beiniger und ſchwerhöriger Zunftgenoſſe von Hans Sachs, voll von kauſtiſchem Mutterwitz, ſaß wegen Betheiligung an dem September⸗ Aufſtand von 48, der Andere, ein Bauer aus Oberheſſen, wegen verſchiedener Exceſſe bei einer ſeinem Bürgermeiſter von dem„ſouve⸗ ränen Pöbel“ gebrachten Katzenmuſik. „Schöne Gegend, das!“ dachte ich, als ich die verſchiedenen um mich herum gruppirten Baſſermänniſchen Geſtalten muſterte. Jedoch, jedem Dinge läßt ſich eine gute Seite abgewinnen, wenn man es nur richtig anpackt. So auch hier.„Mit den Wölfen — 173— muß man heulen“, ſo lautet die alte Moral, und danach han⸗ delte ich. Zunächſt hielt ich eine kurze und draſtiſche Standrede an meine neuen Genoſſen, worin ich ihnen ſagte, daß ich wegen dieſer und jener„politiſchen Mordthaten“, obwohl ſonſt ein vollkommen ehrlicher Menſch, dazu verurtheilt ſei, ein halbes Jahr mit ihnen zuzubringen, und hoffe, wir würden in der Zeit gute Kamerad⸗ ſchaft mit einander halten. Wenn ich irgend Einem von ihnen mit meinem Rath oder durch eine gelegentliche Unterſtützung aus meinen„geheimen Fonds“ behülflich ſein könne, ſo möge er ſich nur getroſt an mich wenden. Dagegen erwarte ich aber auch mit aller Zuverſicht von ihnen, daß, wenn ſie mich hin und wieder irgend etwas Unerlaubtes treiben ſähen, Keiner mich bei dem Be⸗ ſchließer, Werkmeiſter oder Verwalter„verrathen“ würde. Dieſes mein offenes Entgegenkommen hatte in der That den beſten Erfolg, und es iſt für ſolche großentheils demoraliſirte Sträflinge gewiß charakteriſtiſch genug, daß, während die geringſte Ausplauderei die Strenge meiner Haft bedeutend verſchärfen konnte, mein Vertrauen auf ihre Discretion kein einziges Mal getäuſcht wurde. Dank der geheimen Unterſtützung meiner Freunde und Partei⸗ genoſſen in der Stadt, welche bald die üblichen Kanäle zu eröffnen wußten, hatte ich zur Verbeſſerung der mageren Gefängnißkoſt— täglich ein halber Laib Brod und abwechſelnd Erbſen⸗, Bohnen⸗ oder Linſen⸗Suppe!— fortwährend in meinem Verſteck mein aus⸗ reichendes Quantum von Getränken und kalten Speiſen, bei deren Genuß ich fremder Beobachtung gar nicht entgehen konnte. Auch las ich während der Arbeit, wenn kein Aufſeher in der Nähe war, häufig Zeitungen und Bücher, rauchte u. ſ. w. Die erſte beſte Denunciation eines meiner Mitgefangenen würde hingereicht haben, mir alle dieſe ſo werthvollen Dinge für immer zu entziehen; denn die Verwaltung, welche wohl Manches vermuthete, aber ſo weit als thunlich ignorirte, hätte dann der Disciplin halber unnachſichtlich gegen mich einſchreiten müſſen. Indeſſen— zu ihrer Ehre ſei es ihnen nachgeſagt— kein Ein⸗ ziger dieſer Burſchen, denen man Delicateſſe gewiß am wenigſten zutrauen konnte, hat von jenen verſtohlenen Genüſſen, deren An⸗ blick doch wohl ihren Neid hätte erregen ſollen, auch nur das Ge⸗ ringſte verlauten laſſen. Dagegen hielt ich aber auch mein eignes Verſprechen kameradſchaftlicher Hülfsbereitſchaft in vollſtem Maße bis zur letzten Stunde. Nicht nur gab ich Jedem, dem ſeine Brod⸗ ration nicht ausreichte, gerne von der meinigen ab und vertheilte regelmäßig von meinen kalten Speiſen unter ſie, ſondern auch in anderen Beziehungen ſtand mein Rath und meine Feder Jedem zu — 174— Gebote. Bald hatte ich für den Einen an ſeine Eltern oder ſeinen „Schatz“ einen Brief zu ſchreiben. Namentlich zu den betreffenden weiblichen Geburtstagen fertigte ich mit einer zuletzt ſtaunenswerthen Virtuoſität gereimte, von derb ländlicher Lyrik überſtrömende Ge⸗ fühls⸗Ergüſſe, welche für mein bis dahin unbekanntes poetiſches Talent allgemeine Bewunderung erregten und in der Regel von einem correctionellen Weißbinder mit allerlei bunten Blumen und Arabesken aus freier Hand umrahmt wurden. Es war„ein wahrer Staat“, wie die Burſchen erklärten, und wie mögen ſich die ver⸗ ſchiedenen Gretchen, Liesbeths und„Ammi's“ in der Heimath über dieſe knittelverslichen Liebesbriefe ihrer in der„Beſſerung“ begriffenen Geliebten gefreut haben! Bald auch mußte ich dem Andern ein Begnadigungs⸗Geſuch an das Juſtizminiſterium entwerfen, und ſeit einmal Einer der von mir Befürworteten einen Monat„geſchenkt“ erhalten hatte, galt ich in dieſer Beziehung für eine Autorität und war von da an der erklärte„Ferkelſtecher“ und öffentliche Schreiber des Correctionshauſes. Mein Bureau befand ſich in der an den Arbeitsſaal an⸗ ſtoßenden Stube des im Eingange erwähnten, für ſich allein han⸗ tirenden politiſchen Schuſters, und hier ertheilte ich bei geſchloſſener Thüre Audienz. Da gab es denn manche köomiſche Scene, namentlich bei der Vorbereitung der Begnadigungs⸗Geſuche. Die Wenigſten geſtanden natürlich vor den Mitgefangenen den wahren Sachverhalt ihres eigentlichen Vergehens, ſondern wußten dies als einen nur for⸗ mellen Verſtoß gegen den harten Buchſtaben des Geſetzes zu be⸗ ſchönigen oder ſtellten ſich auch gar als die im Weſſentlicher unſchuldigen, nur etwas unvorſichtigen Opfer einer Intrigue, eines kleinen Juſtizmords ꝛc. dar. Das konnte nun freilich bei mir unter vier Augen, wenn ich vor Entwerfung der Supplik eine wahr⸗ heitsgetreue Mittheilung des vorliegenden Vergehens behufs Her⸗ vorhebung der etwaigen Milderungsgründe verlangte, nicht Stich halten und nach den erſten derartigen Redensarten mußten wohl oder übel die Masken fallen gelaſſen werden. Ich erklärte den Petenten rund heraus, daß, wenn ihr Begnadigungs⸗Geſuch über⸗ haupt Erfolg haben ſolle, die thatſächliche Erörterung deſſelben mit dem Inhalte der Unterſuchungsacten im Weſentlichen noth⸗ wendig übereinſtimmen müſſe, da es ſonſt nicht nur ganz unberück⸗ ſichtigt ad acta gelegt würde, ſondern auch wegen offenbarer frivoler Lüge leicht noch eine beſondere Disciplinarſtrafe zur Folge haben könnte. Die natürliche Logik dieſes unbarmherzigen Vorhalts wirkte meiſt auf der Stelle. Nach einigem verlegenem Räuspern und Stottern:„Ja, wiſſen Sie, das war ſo eine kurioſe Geſchichte“ ꝛc., wurde die eigentliche Schandthat ziemlich unverblümt losgelaſſen, — 175— und im Verlaufe dieſer originellen Beichte entpuppten ſich dann die meiſten dieſer angeblich verkanuten, nur durch Mißverſtändniß oder Cabale verurtheilten Biedermänner als wahrhaft geriebene Diebe und Betrüger, die ohne alle etwaigen ſocial⸗philoſophiſchen Motive mit dem Mein und Dein auf dem brutalſten Kriegsfuße lebten. Das intereſſanteſte Erlebniß hatte ich in der Art mit zwei ehemaligen Gemeinderäthen aus einem benachbarten Landſtädtchen, die, von Haus aus wohlhabend und eine gewiſſe geſellſchaftliche Bildung verrathend, zu den Honoratioren des Correctionshauſes zählten und ſich unter gewaltig demokratiſchen Redensarten hin und wieder als politiſche Märtyrer und Schickſalsgenoſſen meiner⸗ eigenen Wenigkeit gerirten. Was der Grund ihrer Verurtheilung war, wurde mir erſt klar, als auch ſie mich um ein Begnadigungs⸗ Geſuch angingen. Natürlich wollten ſie Anfangs auch bei mir die ehrlichen Leute heraushängen. Nachdem ich ihnen aber mit meiner obigen Argumentation, deren Richtigkeit ſie in ihrer augenblicklichen Lage wohl begriffen, nicht ohne eine gewiſſe mephiſtopheliſche Schadenfreude die Piſtole auf die Bruſt geſetzt, begannen ſie ſich, wenn auch zögernd und unter allerlei leicht zu durchſchauenden Ausflüchten, Stück für Stück zu demaskiren, und als des Pudels Kern ergab ſich zu meinem eignen Erſtaunen eine ganz ſchmutzige Betrügerei auf Koſten der Gemeinde, wenn ich mich recht erinnere, bei Gelegenheit von Kartoſſel⸗Einkäufen für ihre unbemittelten Mit⸗ bürger u. ſ. w. Nichts deſto weniger fertigte ich auch dieſen beiden entlarvten Hallunken, die wie Armeſünder vor mir ſtanden, ihre Supplik aus. Die Milderungsgründe entnahm ich hauptſächlich ihrer Lage als Familienväter, der langen Dauer ihrer bereits ver⸗ büßten Strafe u. ſ. w., und das Reſultat war für Beide der Er⸗ laß des letzten Monats. Was weiter aus ihnen geworden iſt, habe ich nicht erfahren. Neben dieſer freiwilligen Winkel⸗Advokatur hatte ich auch das Amt als öffentlicher Vorleſer. Nicht nur mußte ich jedesmal, ſo oft ein Schub neuer Kameraden eintraf, die„Kriegsartikel“ des Correctionshauſes, die an der Wand aufgehängten Disciplinar⸗ ſtatuten, worin u. A. trotz der Reformen von 1848 noch die Strafen der Prügel, des„in den polniſchen Bock Spannens“ u. ſ. w. ſigurirten, in einer Art von improviſirtem Feldgottesdienſt vom Tiſche herab mit benöthigtem Pathos zur Nachachtung vortragen, ſondern, um während des Arbeitens bei Licht die Ruhe beſſer auf⸗ recht zu erhalten, gab man mir auch die Erlaubniß, aus den paar Büchern, welche mir der wohlwollende Pfarrer der Anſtalt, Herr R., zu meiner Privatlectüre lieh, den Uebrigen vorzuleſen. Den meiſten Effect erzielte ich durch die bekannte, mit Illuſtrationen verſehene Prachtausgabe des„Gil Blas“ von Leſage, deren mannig⸗ — 176— fache, mitunter höchſt draſtiſche Spitzbubengeſchichten unter dieſem Collegium von praktiſchen Fachmännern die größte Senſation er⸗ regten. Die gelegentlich eingeworfene, in der Regel ganz ſachge⸗ mäße Kritik meiner Zuhörer:„Das war geſcheidt gemacht!“ oder: „Das hätte er ſo und ſo anfangen müſſen!“ mitunter auch eine Reminiscenz:„Das war beinahe gerade ſo, wie da und da!“ ec., war in ihrer Art wahrhaft klaſſiſch, und der ſelige Leſage würde ſich über dies im Weſentlichen anerkennende Urtheil aus compe⸗ tntem Munde, wenn er es hätte hören können, gewiß gefreut haben. Alles lauſchte meinem Vortrage mit wahrer Andacht. Man hörte nur das leiſe Geräuſch der eingeleſenen und feſtgeſchraubten Streichhölzer,— wir arbeiteten Anfangs für eine Zündholz⸗, dann für eine Cigarren⸗Fabrik— hin und wieder ein halblautes Bei⸗ fallgemurmel oder eine kurze kritiſche Bemerkung, in der Regel von einem Blick des Einverſtändniſſes zwiſchen einzelnen Genoſſen be⸗ gleitet, und dieſe lautlos zuhorchende Verſammlung von meiſt confiscirlichen, über ihre„Nähmchen“ gebückten Verbrecher⸗Phyſiog⸗ nomieen mit bunt wechſelndem Typus, während ich Capitel für Capitel möglichſt deklamatoriſch vorlas, bot im Scheine der Lam⸗ pen einen intereſſanten Anblick, werth, von dem Griffel eines Hogarth verewigt zu werden. So oft Abends das Licht angezündet wurde, ertönte an mich der allgemeine Ruf:„Vorleſen!“ und nachdem auf meine Aufforde⸗ rung zuvor der Eine oder Andere den Inhalt der Lectüre des vor⸗ hergehenden Abends, oft mit überraſchender Treue, recapitulirt hatte, fuhr ich in meinem Vortrage fort, nicht ohne hin und wieder eine für dieſes Auditorium mundgerechte, alſo nichts weniger als paſtorale, praktiſche Moral vorauszuſchicken. Ich habe ihnen noch manche andere Geſchichten, natürlich nicht aus religiöſen Erbauungsbüchern, vorgeleſen; aber keine fand ſo allgemeinen Beifall, wie der Gil Blas, deſſen am Schluſſe des Capitels jedesmal auf der Reihe herum betrachteten Illuſtrationen überdies die Handlung ſehr veranſchaulichten. Im Allgemeinen machten dieſe Vorleſungen einen ſehr vortheilhaften Eindruck, viel⸗ leicht einen tieferen, als die mit Bibelſprüchen geſpickten Buß⸗ und Moralpredigten der verſchiedenen Paſtoren und Candidaten, welche alle 3 bis 4 Wochen bei uns Gottesdienſt abhielten. Was die Letzteren betrifft, ſo erlebte ich während meiner Haft manche eigenthümliche, oft für beide Theile unerwartete Begegnung mit ehemaligen Commilitonen. Auf der Univerſität hatte ich in den erſten fünf Curſen neben der Philologie als Hauptſache evan⸗ geliſche Theologie ſtudirt. Mein Standpunkt war freilich ein ent⸗ ſchieden ſkeptiſcher. Für mich galt ſo ziemlich das ketzeriſche Wort aus Laube'’s Poeten*)„Gerade, daß man die Religion, wie die meiſten Wiſſenſchaften, zur Zunft gemacht, gerade das hat die zünftigen Theologen jeder Confeſſion, gerade das hat die Hand⸗ werker derſelben geſchaffen, und jedes Handwerk will einen goldnen Boden haben. Nun thut das Volk, als ſei es abonnirt in die Vorleſungen, die der liebe Herrgott alle Sonntag Morgen lieſ't. Das hat die aufgeblähten Pfaffen hervorgebracht, die mit ihrem Katechismus alle Welt auslachen und ſich über allem Verſtande dünken; denn„wir haben in ihm“, ſagen ſie,„den göttlichen Ver⸗ ſtand“,(der„höher iſt, denn aller Menſchen Vernunft“, wie Carl Vogt ſpöttelt) und weil der eifrige fromme Paulus einmal, durch⸗ drungen von der menſchlichen Schwäche, von der engen Begrenzung unſres Vermögens geſagt hat:„All unſer Wiſſen iſt Stückwerk“ — da ſchreien ſie nun:„Betet und ſinget, denn ihr ſeid verworfene Creaturen, die nicht werth ſind, daß ſie die Sonne beſcheint. Bei uns allein iſt Wahrheit und Leben, außerhalb der Kirchthüre, auf der grünen Erde, Finſterniß und Schatten des Todes“.— Es muß die poſitive Religion vervollkommnet werden können, wenn ſie *) Ich entnehme dieſe und die folgenden ſchlagenden Citate meinem da⸗ mals in der correctionellen Schuſterſtube gelegentlich fortgeführten Tagebuche. Sie waren dem kleinen, überwiegend religionsphiloſophiſch⸗ketzeriſchen Reſte meiner weiland theologiſchen Studentenbibliothek entlehnt, der nebſt andern literariſchen und ſonſtigen Privatgeheimniſſen in einem beſonderen Behälter jenes meines improviſirten„Bureau's“ verborgen lag. Nach der obligaten Sonntags⸗ predigt pflegte ich daſelbſt, manchmal unter Vorleſung und Beſprechung der einen oder andern Stelle, mit den mir befreundeten weiland„Weinbergs⸗Mitarbeitern“ und nunmehrigen Correctionshaus⸗Feldkaplanen förmliche vertrauliche Colloquien über die Hauptſätze der chriſtlichen Dogmatik zu halten, welche freilich, da die Andern officiell das S. 160 erwähnte„or¹“ Luther's nachſprachen, gerade ſo reſultatlos zu enden pflegten, wie ſ. Zt. das Religionsgeſpräch zu Marburg. Ich war eben ein„Apoſtata“, d. h. ein in das mehr oder minder philoſophiſche Heidenthum zurückverfallener„Humaniſt“, und alle, ob auch noch ſo wohlge⸗ meinten nachträglichen Bekehrungsverſuche prallten an mir ab. Jedenfalls waren dieſe sine ira et studio in der Schuſterſtube des Darmſtädter Corrections⸗ hauſes geführten modernen„Religionsgeſpräche“ zwiſchen einem abgefallenen und einem officiell bußpredigenden Theologen über den Inhalt der meiſten oben folgenden Sätze in ihrer Art eine pikante Unterhaltung, wobei manchmal der rnat meines Gegners mit wirklichem„Pech“ behaftet wurde. Hin und wieder, wenn wir uns beiderſeits etwas in Eifer geredet hatten und uns dann, einge⸗ denk der vielen fröhlichen Schoppen, die wir als Studenten ſelbander gekneipt, von der Seite anſahen, flog wohl auch jenes ſprüchwörtliche Lächeln der alten römiſchen„Vogelſchauer” über unſre Mienen nnd mein verſöhnliches Schlußwort blieb dann meiſt jene klaſſiſche Aeußerung eines gemüthlichen öſterreichiſchen Hauptmanns:„Mir iſt Alles einerlei, ob Einer deutſchkatholiſch iſt oder römiſch⸗ katholiſch, lutheriſch, reformirt oder Heide,— wenn der Menſch(ich verſtand das geiſtig, wie körperlich) halt nur geſund iſt!“ Und„glaubt, was ihr wollt, thut, was ihr(moraliſch) ſollt!“ pflegte ja ſtets mein inzwiſchen ver⸗ ſtorbener Oheim zu ſagen. D. V. 23 — 178— —. Nutzen haben ſoll. Kann man denn etwa läugnen, daß wenigſtens ein Drittheil unſrer jetzigen Welt ein andres Chriſtenthum, als das der Pfaffen, braucht? Sowie es zumeiſt jetzt gelehrt wird, hat es nur Einfluß auf die wenigen Gläubigen, die ſich für blind halten und einen Stab wollen. Thut Wunder, ſagt ihnen, daß ſie ſehen, und ſie werden ſehen! Mit dieſer aufgeſtellten Perfecti⸗ bilität(Entwicklungsfähigkeit) hört auch das Pfaffenthum auf, denn es tritt dann der Theologe in die Reihe aller Uebrigen, die ſich dem Kriterium beugen, das uns das höchſte iſt, weil es kein andres gibt, welches uns ſagen könnte, was das Höchſte ſei! Die Ver⸗ nunft aber iſt jenes Kriterium, unter welchem am Ende alle Parteien fechten, nur daß die Einen ihr Banner entfalten, die Andern es zuſammengewickelt einhertragen.(Die„Vernunſt“ iſt freilich nach Luther„eine Beſtie“, welche von dem Glauben„erwürgt“ werden muß. D. V.)—„Ach, die Faulheit iſt die Erbſünde. Hundertmal haben ſie angefangen, in die Kirchengeſchichte zu gehen, nach einer kurzen Weile waren ſie müde und wurden ebenſo ſtarre Wegweiſer, wie die Andern. So hat's der Proteſtantismus ge⸗ macht, er erſtarrte bald im Lutheranismus und Calvinis⸗ mus. So macht es der Rationalismus ebenfalls; weil Weg⸗ ſcheider, Paulus oder Röhr da oder dort ſtehen geblieben ſind, da iſt die Sache fertig. Das iſt eine ekelhafte Faulheit. So lange nicht Einer von den Philoſophen unter den Zeitungsanzeigen in der Beilage bekannt machen kann:„Unterzeichneter hat mit letzter Poſt aus dem Himmel herunter das Einzigrichtige in beſter Qualität bezogen und empfiehlt es ſeinen geehrten Kunden zu den billigſten Preiſen ꝛc.“— ſo lange wollen wir unſern Tadel zurück⸗ halten, ja unſer Lob ſogar austheilen, wenn auf mancherlei Weiſe nach der Erkenntniß geſtrebt wird.“ Und Laube’s„Rationalismus“ war auch der meine:„Die Vernunft zeigt mir, daß ſich in Natur und Welt Alles nach gewiſſen Geſetzen und Regeln entwickle, die ich entweder erkenne oder nicht erkenne, aber auch unerkannt vorausſetzen darf und muß. Ich weiß nicht, welche Kraft die Blüthe aufſprenge, aber ich weiß, daß eine Kraft dazu nöthig iſt. Ich ſehe Alles nach ſolcher Ordnung ſich entwickeln, und wenn ich die Geſetze auch nicht in Paragraphen getheilt habe, ſo habe ich doch einen Begriff vom Geſetzesgange. Darum nun, weil ich die Gottheit überall in gewiſſen beſtimmten Kreiſen und Geſetzen in der Natur wirken ſehe, ſtatuire ich keinplötzliches, unvorbereitetes ge⸗ waltſames Hinausſchreiten, wie die Erſcheinung eines leib⸗ lichen Sohnes Gottes, der auf Erden überall, wo er hinkäme, die gewöhnlichen Geſetze vermöge ſeiner Ueberirdiſchkeit aufhöbe. Wie will man denn dem Moslem ꝛc. daſſelbe Recht ſtreitig machen?“ — 179— „Es iſt wirklich ein tiefer ſchwerer Jammer, wenn man viele unſrer beſten Köpfe auf den theologiſchen und halbtheologiſchen Lehrſtühlen ſitzen ſieht und bedenkt, daß ſie ſich ihr ganzes Leben hindurch mit des Kaiſers Bart beſchäftigen. Sie leben in einer camera obscura, und wehe Dem, der daran rütteln oder hinein⸗ leuchten wollte! Es iſt ein großes Reich, umſchloſſen, wie von der chineſiſchen Mauer, von Terminologieen und Technologieen, die ſeit den erſten Kirchenvätern errichtet wurden; das 1800 Jahre alte Buch, um deſſen Sinn ſie ſich herumquälen, iſt das unveränderliche Staatsgrundgeſetz, und innerhalb dieſer Mauer hetzen ſich die Leute trotz Reformationen und Revolutionen zu Tode. Heraus können ſie nicht, denn draußen liegt die profane Natur. Große Weltſeele, vergib ihrer Dummheit die Blasphemie, deine ewigen Güter in heilige und profane zu theilen! Alles iſt Tempel, Alles biſt Du; es gibt kein Draußen, nur die Privilegirten haben ein Profanes. Voltaire ſagte einſt von andern Bevorzugten, ſie ſeien mit Sporen an den Füßen und ihre Unterthanen mit Sätteln auf dem Rücken zur Welt gekommen. Wir haben immer noch jene todtenbleiche Klaſſe, die mit Bibelſprüchen bedruckt und nn ſalbungsreichen Phraſen im Munde auf dieſer Welt erſchienen ind.“ „Es iſt ein wahrer Zauberkreis, in dem man eine Klaſſe von Menſchen, die ſich profeſſionsmäßig mit Seligmachen und Verdammen beſchäftigen, eingeſperrt hat und aus dem ſie nicht heraus können. Und es iſt eben ſo ſchlimm, wenn ſich ſo viele von den Leuten Rationaliſten nennen, denn ſie haben die ratio dem Handwerk vermiethet; ſie ſind, wie der Eſel in der Mühle, der im Kreiſe herumgehend ein Rad bewegt. Ihr Grundſatz iſt: das Reſultat einer vernünftigen Hermeneutik der ſ. g. heiligen Schrift ſei deine Religion! Und daneben ſagen ſie, der Stifter jener Religion ſei ein vortrefflicher Menſch, aber nur ein Menſch geweſen, und dieſer Menſch ſoll nun eine Glaubens⸗ und Sittenlehre gegeben haben, die nach 1800 Jahren ganz andern Ländern, nachdem alle geſell⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe zehnmal umgeſtürzt und umgeändert worden ſind, noch unverändert gelten ſoll! Daher die Erſcheinung, daß der gebildete Theil der Welt, welcher nicht von der Theologie lebt, überall eine eigne Sittenlehre hat und von ſogenannten„Sündern“ wimmelt; daher die wunderbare Stellung, welche der Theologe un⸗ befangenen Leuten gegenüber einnimmt, daher der Glaube, die Theologie ſei bloß da, um dem Volke Etwas vorzumachen, ihm Etwas zu thun zu geben.“ „Die geſellſchaftlichen Verhältniſſe und die moraliſchen Anforderungen müſſen Eines das Andere bedingen und Eines in dem Andern aufgehen. So — 180— wenig ich verlangen kann, daß ſich unſre heutige Geſellſchaft mit einem Geſetzbuche Solon's oder Lykurg's glücklich fühlen ſoll, ſo wenig kann ich die unantaſtbare Stabilität veralteter Moralgeſetze verlangen. Die Vorbedingungen ſind verändert, und die Folgerungen ſollen noch jenen gemäß fortbeſtehen? Alle unſre Philoſophen ſind, leider! nachdem man ſie getauft und confirmirt hat, in der Väter Glauben vollkommen hineinerzogen worden; die Wenigen, welche ſich vom Autoritäts⸗Einfluſſe frei erhakten haben, werden überſchrieen von der Menge,— all unſre Wiſſenſchaft iſt kirchlich inficirt. Daher ſind unſre Moralprincipien neuerer Geburt immer nur Abdrücke der früheren Platte geworden. Die ſogenannten Indifferenten haben nicht den Muth, zu glauben, und nicht den, zu prüfen. Dahinein gehören faſt alle Leute der höheren Bildung; daher das Geſchrei der ſ. g. Pfaffen über die wachſende Gleichgültigkeit in religiöſen Dingen. Aus dem Mißverhältniſſe der Anforderungen und Gewährleiſtungen entſpringt ſie und wird nur mit dieſem gehoben.“——„Ich will die Freiheit auch in religiöſen Dingen.(Die„Gewerbefreiheit der Götter“ nennt es bekanntlich Heine.) Man ſoll mir und Allen geſtatten, zu glauben, was ich will. Wer einen Teufel braucht, der ſoll ihn haben! Ihn beglückt eben der Teufel und die Sünde. Ich haſſe das Schema⸗ tiſiren, das Zuſammendrücken der Menſchen zu einem Knäuel.— Die Poeſie jedes Menſchen ſei ſein Glaube! Der Staat iſt kein göttliches Inſtitut mehr, er iſt eines der Klugheit, des Ver⸗ tandes, des daraus fließenden gegenſeitigen Vor⸗ theils; was ſollen alſo die religiöſen Bedingniſſe? Fragt Nie⸗ mand nach dem Katechismus, fragt ihn nach ſeinem Rechtsbreve! Laßt Jeden zu im Staate, ſo Juden als Heiden! Frei iſt die Kunſt, die Poeſie ſoll es auch ſein, und mein Himmel und meine Hölle ſind das Werk meiner Poeſie.“—— Sehr wahr ſagt L. Feuerbach in ſeiner Abhandlung über „Philoſophie und Chriſtenthum“ in Bezug auf den der Hegel'ſchen Philoſophie gemachten Vorwurf der Unchriſtlichkeit(Erläuterungen und Ergänzungen zum Weſen des Chriſtenthums, S. 79— 80): „Glaubt ihr, daß ein ſolcher(durch das Studium unſrer modernen deutſchen Claſſiker gegangener) Jüngling— vorausgeſetzt, daß er kein charakterloſer Wechſelbalg iſt, daß er einen natürlichen Ent⸗ wicklungsgang geht, was ſreilich nur ein Vorzug geſunder Naturen iſt— je an den Gräueln der orthodoxen Theologie, an einem Sündenfall, der die ganze Natur und Menſchheit verpeſtet hat, Ge⸗ ſchmack ſinden wird? Wenn nun aber gar der nämliche Jüngling bei Leſſings Nathan dem Weiſen in die Lehre geht und zugleich bei Herder Humaniora hört und hier noch obendrein bei der Con⸗ — 181— firmation eines deutſchen Fürſten, Janz im Widerſpruch mit den Lehren des Katechismus, auf die Frage: Was iſt Religion? den Satz:„Religion iſt, was das Gewiſſen bindet, Gewäſſen iſt unſre innerſte Ueberzeugung“. Und auf die Frage:„Was gehört alſo nicht zur Religion?“ den Satz:„Was nicht mein Gewiſſen bindet, das iſt, was mich nicht überzeugt, wovon ich keine Er⸗ kenntniß, keinen Begriff habe oder was nicht meine Pflicht nach meinem innerſten Bewußtſein angeht“, zur Antwort empfängt, hierauf von Schiller ſich in die Myſterien des Cultus der Schönheit einweihen läßt und endlich, nachdem es ihm hier ein wenig zu warm geworden, die Schiller'ſche Gluth in dem ſtillen Ocean der Göthe'ſchen Liebes⸗ und Lebensweisheit abkühlt, wenn, ſage ich, dieſer Jüngling nach ſolchen Vorſtudien auf eine de eutſche Univerſität kommt, ſo wird ihm— was gilt die Wette?— auch ehe noch die Philoſophen ihren Beitrag dazu geliefert haben— die moderne pietiſtiſche Orthodoxie ungeachtet des„elaſtiſchen“ Cul de Paris, den man jüngſt dem Knochengerippe des alten Miracelglaubens untergepolſtert hat, in einer ſo häßlichen, wider⸗ lichen Geſtalt erſcheinen, daß er nur in dem entſchiedenſten Gegen⸗ ſatz die Quelle des Lebens und Heils ſinden wird. Warum ver⸗ klagt ihr alſo nicht die Poeſie? Warum nur die Philoſophie? Schiller ſchreibt an Göthe:„Ich muß geſtehen, daß ich in Allem, was hiſtoriſch iſt, den Unglauben zu jenen Urkunden(Neues Teſta⸗ ment) gleich(9 ört! hört!) ſo eutföbieden mitbringe, daß mir Ihre Zweifel an einem einzelnen Factum noch ſehr räſonnabel vor⸗ kommen. Mir iſt die B zibel(hört! hört!) nur wahr, wo ſie naiv iſt; in allem Andern, was mit einem eigentlichen Bewußlſein ge⸗ ſchrieben iſt, fürchte ich einen Zweck und einen ſpäteren Urſprung.“ Wahrhaſt poetiſch iſt ferner jene weitere, in mir darum dauernd haften gebliebene Stelle in F.'s Abhandlung:„Das Weſen der Religion“(1. Band, S. 410 ꝛc.):„Den Kindern gibt man auf die Frage, woher die Kindlein kommen? bei uns dieſe„Erklärung“, daß ſie die Amme aus einem Brunnen holt, wo die Kindlein wie Fiſche herumſchwimmen. Nicht anders iſt die Erklärung, die uns die Theologie von dem Urſprunge der organiſchen oder überhaupt natürlichen We eſen gibt. Gott iſt der tiefe oder ſchöne Brunnen der Phantaſie, in dem alle Realitäten, alle Vollkommenheiten, alle Kräfte enthalten ſind, alle Dinge folglich ſchon fertig wie Fiſchlein herumſchwimmen; die Theologie iſt die Amme, die ſie aus dieſem Brunnen hervorholt. Aber die Hauplperſon, die Natur, die Mutter, die mit Schmerzen die Kindlein gebiert, die ſie neun Monate lang unter ihrem Herzen trägt, bleibt bei dieſer Uanün glich kindlichen, jetzt aber kindiſchen Erklärung ganz aus dem Spiele. Allerdings — 182— iſt dieſe Erklärung ſchöner, gemüthlicher, leichter, faßlicher und den Kindern Gottes einleuchtender, als die natürliche, die nur allmälig durch unzählige Hinderniſſe hindurch aus dem Dunkel zum Lichte empordringt. Aber auch die Erklärung unſrer frommen Väter von Hagelſchlag, Viehſeuchen, Dürre und Donnerwettern durch Wetter⸗ macher, Zauberer, Heren iſt weit„poetiſcher“, leichter und noch heute ungebildeten Menſchen einleuchtender, als die Erklärung dieſer Erſcheinungen aus natürlichen Urſachen.“(Erläuterungen ꝛc. S. 431.) Ferner Seite 477, pos. 52:„Die Wunder unter dem Vor⸗ wande verwerfen, daß ſie ſich nicht für die Würde und Weisheit Gottes ſchicken, kraft welcher er von Anfang an Alles ſo, wie es am Beſten ſei, für ewige Zeiten feſtgeſetzt und vorausbeſtimmt habe, das heißt der Natur den Menſchen, dem Verſtand die Reli⸗ gion aufopfern, das heißt im Namen Gottes den Atheismus predigen. Ein Gott, der nur ſolche Bitten und Wünſche des Menſchen erfüllt, die ſich auch ohne ihn erfüllen laſſen, deren Erfüllung innerhalb der Grenzen und Bedingungen der natürlichen Urſachen liegt, der alſo nur ſo lange hilft, als die Kunſt und Natur helfen, aber aufhört zu helfen, ſowie die materia medica zu Ende iſt, ein ſolcher Gott iſt nichts Anderes, als die hinter den Namen Gottes verſteckte, perſonificirte Naturnothwendigkeit.“ Zum Schluſſe(S. 251— 253) ſpricht ſich Feuerbach über den unlöslichen Widerſpruch zwiſchen„religiöſem Gefühl und Glauben“ und der modernen Philoſophie und Naturwiſſenſchaft ebenſo klar, als entſchieden aus.„Wollt ihr ein Radikalmittel gegen das immer tiefer und weiter um ſich greifende Uebel der Vernunft anwenden, ſo bleibt euch kein andres Mittel, als ſämmtlichen Ungläubigen die Köpfe abzuſchlagen. Welch ein lächerlicher Wahn, daß nur mit den Bedürfniſſen des Magens, nicht mit denen des Kopfes die Macht der Nothwendigkeit, das Schickſal der Dinge im Bunde ſtehe! Welch ein thörichtes Beſtreben, die Dampfmaſchinen und Runkelrübenzuckerfabriken in Bewegung, aber die große Denkmaſchine, den Kopf, in ewigen Stillſtand verſetzen zu wollen! Welch ein Ein⸗ fall, die religiöſen Wirren dadurch ſchlichten zu wollen, daß man über die Religion plötzlich nicht mehr denkt, d. h. daß man ſich zum Beſten der deutſchen Nationalintereſſen, der Dampfmaſchinen und Runkelrübenzuckerfabriken u. ſ. w., in religiöſen Dingen stante pede zur Beſtie degradirt! Und welch ein verwerflicher Gedanke, daß man die Religion, weil ſie Sache des Gefühls ſei, nicht vor das Forum der philoſophiſchen Kritik ziehen ſolle! Gerade das Gegentheil. Soweit unſer Verſtand reicht, ſoweit geht unſer Beruf, unſer Recht, unſre Pflicht. Was wir erkennen können, das ſollen wir erkennen! Die theoretiſche Aufgabe — 183— der Menſchheit iſt identiſch mit ihrer ſittlichen. Nur Der iſt ein wahrhaft ſittlicher, ein wahrhaft menſchlicher Menſch, der ſeine re⸗ ligiöſen Gefühle und Bedürfniſſe zu durchſchauen den Muth hat. Wer ein Knecht ſeiner religiöſen Gefühle iſt, der verdient auch politiſch nicht anders, denn als Knecht behandelt zu werden. Wer nicht ſich ſelbſt in der Gewalt hat, hat auch nicht die Kraſt, nicht das Recht, ſich vom materiellen und politiſchen Druck zu be⸗ freien. Und wer daher dem religiöſen Gefühle im Gegenſatze zur Freiheit des Denkens das Wort redet, der iſt ein Feind der„Aufklärung“ und Freiheit, der redet dem Obſcurantis⸗ mus das Wort; denn Alles ohne Unterſchied ſanctionirt der Obſcurantismus des religiöſen Gefühls. Selbſt den Laſtern, ſelbſt dem Schrecken, der Furcht, ſelbſt einem Deus crepitus huldigte das religiöſe Gefühl der frommen Heiden. Und war es bei den Chriſten weſentlich anders? Hing einſt nicht auch das religiöſe Gefühl der Chriſten eben ſo feſt an den Geſpenſtern, den Hexen, als an Gott? War nicht einſt Alles, ſelbſt der Lauf der Erde, vom religiöſen Gefühle und Glauben in Beſchlag ge⸗ nommen? War darum eben nicht jeder Fortſchritt in der Philo⸗ ſophie, in den Naturwiſſenſchaften eine Negation, ein Frevel gegen das religiöſe Gefühl? Und geht daſſelbe nicht auch in die „That“ über? Widerſprach es dem religiöſen Geſühl und Glauben unſrer Reformatoren, den Servet im Feuer zu Tode zu martern? Hat ſich nicht auch in unſern Tagen wieder das religiöſe Gefühl auf eine höchſt arrogante Weiſe in die Politik eingemiſcht? Und iſt es nicht überall, wo es Charakter gezeigt, abſolut negativ gegen das menſchliche Weſen aufgetreten? Ja wahrlich, purer Hohn iſt das Wort Freiheit, das Wort Aufklärung im Munde Deſſen, der die Finſterniß des„religiöſen Gefühls“ in Schutz nimmt.“ „Es iſt demnach eine moraliſche Nothwendigkeit, eine heilige Pflicht des Menſchen, das dunkle lichtſcheue Weſen der Religion in die Gewalt der Vernunft zu bringen, und dieſe Pflicht iſt um ſo dringender, je größer der Widerſpruch iſt, in welchem die Vorſtellungen, Gefühle und Intereſſen der Religion mit den anderweitigen Vorſtellungen, Gefühlen und Intereſſen der Menſchheit ſtehen, wie Dies gegenwärtig der Fall iſt! Denn wo die Religion im Widerſpruch ſteht mit den wiſſenſchaftlichen, poli⸗ tiſchen, ſocialen, kurz geiſtigen und materiellen Intereſſen, da be⸗ findet ſich die Menſchheit in einem grundverdorbenen, unſitt⸗ lichen Zuſtand— im Zuſtand der Heuchelei!“—— Nicht mit Unrecht ſang G. Herwegh im zweiten Bande ſeiner „Gedichte eines Lebendigen“(S. 128) über dieſen zwar aus Hegel's Schule hervorgegangenen, aber doch ſelbſtſtändigen nam⸗ hafteſten Philoſophen der neueren Zeit: — 184— „Wie muß des Denkers ſcharfes Schwert In eure Haaſenſeelen fahren! Hört' doch! Das Beſte iſt nicht werth, In Ewigkeit es auſzuſparen; Was Einmal die Natur erſchuf, Kann ſie auch noch einmal erſchaffen.“ Allein vergebens iſt ſein Ruf An Kinder und an Laſſen.“ „Es ſtellt vergebens ihr Symbol Der kühne Adler an den Pranger; Jedwede Puppe, noch ſo hohl, Fühlt ſich mit einem Falter ſchwanger. Vergebens läuft der Genius Sturm, Die Burg des Unſinns zu bezwingen: Es will's nun einmal jeder Wurm Zum Schmetterlinge bringen!“ Nachdem ſchon das D. Strauß'ſche„Leben Jeſu“, ſowie die „chriſtliche Glaubenslehre“ deſſelben Verfaſſers meinen ketzeriſchen Zweifeln bezüglich der neuteſtamentlichen Wundergeſchichten und Dogmen Nahrung und Halt gegeben, ſchlug L. Feuerbach mit ſeinem„Weſen des Chriſtenthums“ und den kleineren damit zu⸗ ſammenhängenden Abhandlungen,„Grundſätze der Philoſophie der Zukunft“ u. ſ. w., dem bei mir ſchon ohnehin ſtark lecken Faße der Theologie vollends den Boden aus. Das mit Geiſt und Conſe⸗ quenz durchgeführte Syſtem L. Feuerbach's, die bisherige Theologie in die Anthropologie, die ſog. Religionsphiloſophie in die Pſycho⸗ logie, den„abſoluten Geiſt“ in den ſubjectiven endlichen aufzu⸗ löſen, erregte damals mit Recht allgemeinſte Senſation. Alle alten Perrücken wackelten ob dieſer pietätloſen Ketzerei, die ſo furchtlos über die alten Glaubensſätze der von F. ſogenannten chriſtlichen Mythologie zu Gerichte ſaß, und Wolken von Staub wirbelten von allen theologiſchen Kathedern.„Ein Atheiſt!“ zeterten die Magiſter der hergebrachten ofſiciellen Gotiesgelahrtheit, und auch die übrigen philoſophiſchen Richtungen ſchrieen ihr„Anathema sit!“ wider den kecken Neuerer, der den ganzen bisherigen Katechismus rückſichtslos auf den Secirtiſch der geſunden Vernunſt warf. Ich ſelbſt be⸗ ſaß unter etwa 100 Studenten der Theologie auf unſrer alma mater Ludoviciana das einzige Exemplar der neueſten Feuerbach⸗ ſchen Werke und verſchlang ſie mehrmals nach einander mit wahrer Gier. In einem Briefe an einen damaligen Mitſtudenten der Theologie, der inzwiſchen glücklicher Weiſe in die Pädagogik über⸗ getreten iſt, ſchrieb ich ſchon unterm 30. October 1846 u. A.: „Wie wahr iſt doch, was L. Börne ſagt:„Es iſt zu traurig! Keine Hoffnung, daß Deutſchland frei werde, ehe man ſeine beſten lebenden Philoſophen und Theologen aufknüpft!“ Und Laube: — 185— „Die Pfaffen haben noch mehr Unglück in die Welt gebracht, als die Ariſtokraten. Dieſe drückten uns zu Boden, aber das Sonnen⸗ licht konnten ſie uns nicht nehmen. Jene verhüllten die Sonne mit einem ſchwarzen Tuche, worauf ſie den Kreuzestod malten!“ Doch ich ſehe Dich ſchon bedenklich den Kopf ſchütteln. Bin ich noch ein Chriſt? Wenn es den Kern der geſunden chriſtlichen Bergpredigt⸗-Moral und manches Andere betrifft, Ja! Bezüglich der Dogmatik aber: Nein! Wenige Worte werden hinreichen, Dir das Räthſel dieſer meiner ſchon lange in mir herumwühlenden, nun aber endlich zum entſchiedenen Durchbruch gekommenen Metamor⸗ phoſe zu erklären. Seit wir auseinander gegangen ſind, habe ich den Feuerbach ſtudirt!“. „Welche Wolluſt, alle die unbibliſchen antidogmatiſchen Stuben⸗ gedanken, die ich bisher blos in dem Beichtſtuhle meines„blauen (Tage⸗) Buchs“ niederlegte, hier ſchwarz auf weiß in herrlicher, ſchlagender und eleganter, ſtellenweiſe ganz epigrammatiſcher Sprache Schlag auf Schlag, Zeile für Zeile zu leſen! Sie kamen mir jetzt durch die Buchdruckerlettern erſt legitimirt vor. Die Lectüre hat mich in eine Art von geiſtigem Champagner⸗Rauſch verſetzt, aber, ach! der Katzenjammer iſt mitunter auch nicht ausgeblieben. Dieſer Feuerbach iſt wahrlich ein glühender, ziſchender Lavaſtrom, der aus dem bisher verſchneiten Vulkan rückſichtsloſer menſchlicher Speculation brauſend daherfluthet und alte Capellen, wie ſteinerne Chriſtusbilder am Wege in ſeinen unaufhaltſamen Wogen begräbt. Das iſt ein kochender Feuerſtrom, der durch den Augiasſtall unſeres modernen Scheinchriſtenthums wie ein Niagara dahintoſt und all den tauſendjährigen Miſt theologiſcher Scholaſtik wegſchwemmt. Bisher ſteuerte ich noch unſicher auf dem maſtloſen Fahrzeuge meiner ſchülerhaften, faſt ganz gymnaſiaſtiſch⸗naiven Philoſophie über den weiten Ocean von Zweifeln umher. Schon war es krachend an dem Riffe der hausbackenen Vernunft geſcheitert; als ſchwacher Schwimmer trieb ich um das geborſtene Wrack. Keine rettende Inſel zeigte ſich meinen Blicken, kaum bot ſich eine einzige poſitive Planke meiner taſtenden Hand. Da habe ich nun endlich meinen ganzen Katechismus und meine Confirmandenſtunden⸗Reminiscenzen von mir geworfen und mich kopfüber in den reißenden Strudel Feuerbach's geſtürzt. Wie da die ſchäumenden Wogen um mich ſpritzen! All der Schulſchweiß aus Prima und den Gießener Hörſälen, der lange drückend an meinen Poren klebte, iſt fortge⸗ ſpült und ich athme frei dem, nicht mehr durch ein ſchwarzes Altar⸗ tuch verhüllten Lichte der goldenen Sonne entgegen. Es lebe die pure blanke Menſchheit!“———„Da hab' ich mir wieder einmal bei einem Freunde, der mich als Fachgenoſſe verſteht, ein bischen Luft gemacht. Und nun geht's wieder nach Gießen, um . 24 —— — 186— Dogmatik zu exerciren; denn in einem Jahre muß ich das Examen machen, ſonſt ſagen unſre alten Weiber daheim, ich habe Nichts gelernt für das viele Geld. Was ſoll daraus werden? Ich weiß es bis jetzt noch nicht. Vogue la galère!“— In meinem Tagebuche finde ich ferner unterm 7. Oct. 1846 folgende Bemerkungen, bei denen ich des eigentlichen Kernes halber die oft gar ſtudentiſch phraſeologiſche Schaale zu überſehen bitte. Ich ſchrieb damals alles Das mit einem gewiſſen Pathos auf dem Kothurn eines ſich für eine Art embryoniſchen Philoſophen halten⸗ den jungen Studenten, während ich jetzt in den bequemen Haus⸗ pantoffeln eines etwas blaſirt Ernüchterten einherſchreite. Im reiferen Alter gehen eben dem Pegaſus der Jugend mit ſeinen ſprühenden Nüſtern nach und nach die Flügel aus. „Sehr treffend iſt folgender Ausſpruch L. Börne's:„Ich drücke nie eine Empfindung aus, ehe ich von der heißen Dach⸗ kammer des Gefühls in den Eiskeller der ruhigſten Beſonnenheit hinabgeſtiegen bin und dort die Probe gehalten habe, ob der Kopf mit dem Herzen übereinſtimmt. Und ſo oft dieſe Uebereinſtimmung fehlt, löſche ich meine Empfindung aus.“— Und L. Feuerbach ruft in ſeiner„Kritik der chriſtlichen Rechts⸗ und Staatslehre von Stahl“ ein ironiſches Heil! über unſere ſog. poſitive Philoſophie.„Sonſt“, ſagt er dort,„nahmen die Menſchen nur in außerordentlichen Fällen, nur da, wo ſie auf Facta ſtießen, welche ſie, von unzureichenden Principien ausgehend, nicht mit der Vernunft in Uebereinſtimmung bringen konnten, zu dem Willen Gottes ihre Zuflucht und nannten daher denſelben, offenherzig genug, den Zufluchtsort der Unwiſſenheit, das„asylum ignorantiac“. Jetzt aber wird das Aſyl der Ignoranz ſogar zum Princip der Wiſſenſchaft gemacht.“ Nichts iſt treffender, als dieſe Bezeichnung. Der bibliſch⸗ chriſtliche Gott iſt, beim Lichte betrachtet, in den meiſten Fällen nur das mit einem klangvoll impoſanten Namen verhüllte Bekennt⸗ niß der Unzulänglichkeit unſeres eigenen menſchlichen Wiſſens, der ſelbſtgezimmerte Balken, an welchen die verzweifelnde Speculation ſich klammert, um nicht in dem Ocean eines troſtloſen Vacuum's zu ertrinken.—— Der Glaube an den dogmatiſchen Gott iſt ein bequemes Univerſalmittel für religiöſe Zweifel aller Art. Jeder Philoſoph kommt auf ſeiner forſchenden Wanderung durch die Natur der Dinge zuletzt auf einen Ausgangspunkt, wo es heißt: usque eo nec plus ultra! An eine jähe abſchüſſige Klippe, wo er vom ſchwindelerregenden Felsrand hinab in eine dunkle Kluft ſchaut, jenſeits deren, nach dem derben Volksausdruck, die„Welt mit Brettern zugenagelt iſt“. Dieſen leeren oder vielmehr ſeinen ſchwachen Augen unzugänglichen Raum, dieſes unerfaßbare Etwas, die„un⸗ — 187— bekannte Größe X“ in ſeinem philoſophiſchen Rechenexempel, nennt er dann„Gott“. Gott iſt am Ende immer das indirekte Ge⸗ ſtändniß der Unzulänglichkeit unſres eignen Verſtandes, ein nahe und bequem gelegenes„Aſyl der Ignoranz“, in das ſich jeder denkfaule Nachplapperer, ohne ſich den Kopf zu zerbrechen, auf das Allerbequemſte flüchten kann. 1 Namentlich wußte man die kosmogoniſche Frage nicht anders zu löſen, als durch die Annahme eines ewigen, allmächtigen Schöpfers. Dieſe Welt iſt ſo herrlich eingerichtet, oder die„Natur iſt im Allgemeinen ſo ſchön“, wie Heine bei Sonnenaufgang auf dem Brocken einen empfindſamen Commis-voyageur ausrufen läßt, und jeder gefühlvolle Gevatter Spießbürger findet das ſogenannte „irdiſche Jammerthal“ gar vorzüglich beſchaffen, wenn er anders ein gutes Auskommen für ſich und ſeine Familie hat. Bei Tag ſcheint die Sonne und ihre Strahlen erſetzen ein theures Talglicht, bei Nacht der„gute ſtille Mond“, dieſe großartige Weltlaterne, welche die Straßenbeleuchtung erſpart oder doch ergänzt und dem taumelnden Hausvater gutmüthig nach Hauſe leuchtet, wenn er mit einem Haarbeutel aus der Bierſchenke kommt. Die Erdkugel iſt eine ſo reich aſſortirte Speiſekammer voll nahrhafter Genüſſe für den knurrenden Magen, auf den Feldern wächſt ſchmackhaftes Ge⸗ müſe für den Mittagstiſch, Korn zum Laib Brod, Holz für den Ofen; die Kuh gibt Milch, woraus die ſorgſame Hausmutter Käſe und Butter bereitet, Kälber, Ochſen und Schweine, die brüllend und grunzend auf der Trift graſen, verwandeln ſich nach Belieben morgen in dampfende Braten, der Flachs wird gehechelt, geſponnen, gewoben, durch die Nadel des Schneidermeiſters zu Kleidern zu⸗ ſammengeheftet; die Lumpen werden zu Papier verſtampft, dies wird beſchrieben oder bedruckt und dann zu Fidibuſſen, Fenſterwiſchen, zum Einwickeln u. ſ. w. verbraucht; von dem Bäumchen, das der ſelige Großvater gepflanzt, ſchütteln die Enkel rothbackige Aepfel, gelbe Birnen, ſaftige Kirſchen und Zwetſchen herab,— kurz wunderſchön iſt Gottes Erde und werth, darauf vergnügt zu ſein. „So brummt ſtillſelig der Gevatter Handſchuhmacher vor ſich hin, wenn er Sonntags Nachmittags im Gallarock auf die Kegel⸗ bahn ſchreitet und für ſeine ehrlich verdienten paar Batzen etliche Schöppchen Bier trinkt, und warum ſollten wir nicht mit ihm übereinſtimmen? Der Schulmeiſter hat ihm einſt eingebläut, daß die Erde eine Kugel ſei, welche ſich alle 24 Stunden um ſich ſelbſt und ſo um die Sonne drehe, und es geht Alles hübſch regelmäßig nach dem Hauskalender. Zu beſtimmter Zeit wird es Nacht, und wenn er des Morgens dem Bette entſtiegen iſt, trinkt er behaglich — 188— ſeinen Kaffee beim Grauen des Tages. Der Wechſel der Jahres⸗ zeiten, Frühling, Sommer, Herbſt und Winter, kehrt immer in der alten Reihefolge wieder; man weiß ſo ziemlich ſicher voraus, wenn man zum erſten Male den Ofen heizt oder die Nankinghoſen und den Paletot anzieht. Abends ſitzt er mit den lieben Nachbarn, ein Pfeifchen ſchmauchend, vor der Thür, und wie herzerhebend iſt dann der Blick zu dem ſternenfunkelnden Firmament! Dort die Milchſtraße, da der große und kleine Bär, der Wagen, der Orion und alle die Planeten, die Jahraus, Jahrein ihre feſten Bahnen wandeln und an demſelben Abend an derſelben Stelle über dem und jenem Hauſe ſtehen, der Jupiter, Saturn, Uranus, die Venus und wie ſie heißen: alle dieſe kleinen Lichtpünktchen ſind bewohnte Welt⸗ körper, wie unſere Erde, und der Profeſſor Gruithuiſen hat ſogar Volksverſammlungen und Landſtraßen auf dem Monde entdeckt. Vielleicht findet man dort auch Polizeidiener, Gensd'armen und „Jeſuiten“, die bekanntlich überall und nirgends ſind. Ein fröſtelndes Grauen der Ehrfurcht überläuft den betrachtenden Sterblichen, das Gefühl der ſchwachen, ſtümperhaften Schulkenntniſſe, für welche die Wunder der Schöpfung unerklärlich beiben, als ein verſiegeltes Zauberbuch, worin der lallende A⸗b⸗c⸗Schütze nie über das Alpha⸗ bet und die paar erſten Seiten hinauskommen wird. Voll Staunen gafft er empor und um ſich. Die Natur iſt ihm die geheimnißvolle Sphinx mit ſäugenden Brüſten und ſtrahlenden Augen, und ſie wird in den Abgrund hinabſtürzen, wenn dereinſt der letzte Menſch in dieſer weiten Welt als ein andrer Oedipus ihre Räthſel lös'te. Wie iſt dieſe Weltordnung entſtanden? Der Hausmannsverſtand des beſchränkten Menſchen bleibt die Antwort ſchuldig. Er ſchüttelt den Kopf, kraut ſich in den Haaren und blickt rathlos zur Decke. Das„hängt“ ihm, nach dem populären⸗Ausdrucke,„zu hoch“. Ganze Generationen tiefſinniger Weiſen haben ihr Lebenlang über der großen Frage gebrütet. Noch hat Keiner ſiegesgewiß„ogne!“ gerufen, ſondern Alle ſind vor dem eignen Spiegel achſelzuckend zu Grabe gegangen. Ganze Bibliotheken voll ſtaubiger Folianten laſſen euch rathlos. „Wer antwortet? Der Menſch forſche dem Räthſel nach, Bis er ſtirbt, bis er ſucht und— ſtirbt!“ „Doch, o Troſt der„geoffenbarten“ Religion! Du biſt die ur⸗ alte Ariadne, welche dem forſchenden Menſchenkind den leitenden Faden in die Hand gibt, an dem es ſich durch die finſtren Irrgänge des großen Weltlabyrinthes hindurchwindet! Nimm deinen Kate⸗ chismus, du Schulknabe mit grauem Haar und trüben Augen, ſchlage deine alte Familienbibel auf uns lies im 1ten Buch Moſis, im 1ten Verſe des 1ten Capitels: — 189— „Im Anfang ſchuf Gott Himmel und Erde!“ Und ſinge aus dem Geſangbuch den rührenden Choral: „Mich, ruft der Baum in ſeiner Pracht, Mich, ruft die Saat, hat Gott genacht— Gebt unſrem Schöpfer Ehre!“ „O sancta simplicitas! Da fällt mir immer jene von Arnold Ruge ganz köſtlich erzählte Anecdote ein, womit ich übrigens nur die naive Dürftigkeit des Gottesbegriffs eines des„Verſtandes der Verſtändigen“ entbehrenden, dafür aber das praktiſche Chriſtenthum „in Einfalt übenden lindlichen Gemüths“ ohne allen Spott — ich haſſe grundſätzlich jede verletzende Perſiflage einer ehrlichen, auch im Leben bethätigten fremden Ueberzeugung!— charakteriſiren will. In einer ſtillen Mondſchein⸗ und Sternen Nacht fuhren zwei Schiffer über den Rhein. Der Eine, im Anblick des prachtvollen Firmaments von religiöſen Reminiscenzen aus der weiland„Con⸗ firmandenſtunde“ angewandelt, fragte ſeinen etwas ketzeriſchen Ge⸗ fährten:„Hannes, glaubſt du an Gott?“ Und als Jener achſel⸗ zuckend ſchwieg, deutete er, alle Zweifel niederſchmetternd, demon⸗ ſtrativ nach dem Heer der blinkenden großen und kleinen Sterne des Himmels:„Nun, ſind denn die da oben hinaufge..... 27 Und mit dieſem ſimplen argumentum ad hominem beznügen ſich die Meiſten.„Ein jegliches Werk muß ſeinen Urheber haben“, ſo lernten wir einſt in der Schule auswendig;„der aber Alles gebaut hat, das iſt Gott!“ „Ja, du„heilige Einfalt!“ Du haſt deiner Unwiſſenheit nur einen loyalen Namen gegeben und ſie als göttliche Weisheit, in Purpur gewickelt, auf den Thron geſetzt. Aehnlich ohngefähr ſagt die jammernde Hausfrau, wenn das Geſchirr zerſchmettert in der Küche liegt und die Magd die Aatorſchaſt abläugnet:„Es war der Niemand, der die Töpfe zerbrich zt“. Dieſer opug iſt zwar ein anderer, als der des Odyſſeus in der Höhle Polyphem's; aber er iſt doch auch ſo eine Art„asylum ignorantiae.“ „Warum ereiſern ſich nur orthodore chriſtliche Theologen ſo ſehr über den heitren Polhiheisnans fie Griechen? Ihr Glaube war im Grunde eben ſo berechtigt, als der unſrige, ihre„Offen⸗ barung“ als mythologiſcher Anthropomorphismns dem kindlichen Gemüthe eine ernſte heilige Autorität, wie die unſrige; doch war ſie ungleich poetiſcher. An der tieß(lnden Quelle eines jeden F Fluſſes lag ein Gott, am Uferſchilf plätſcherten luſtige Nymphen und trockneten ihr triefendes langes Haar am Strahle der Sonne. Auf den Wogen des tobenden Oceans ſchwang N. eptun ſeinen gewaltigen Dreizack; die Tritonen mit ſchuppigen Leibern ritten auf Delphinen und blieſen auf den Muſcheln Signale; die keuſche Luna verbarg — 190— ihr erröthendes Antlitz hinter dem Wolkenſchleier: ſie beleuchtete den ſchönen Schläfer Endymion, der mit Pfeil und Bogen im Mooſe dahingeſtreckt lag, und drückte mit ihrem zitternden Streif⸗ lichte einen Kuß auf ſeine Lippen. Morgens, nachdem ſich die roſenfingrige Aurora aus dem Bette Tithon's erhoben und die Wolken mit ihrem Purpur geſäumt, führte das Geſpann des ſtrah⸗ den Phöbus die Sonne über den Himmel. Im Schatten der Wälder tanzten die Hamadryaden ihren Reigen, der Olymp erſchallte vom fröhlichen Gelächter der Götter, die bekanntlich als ſuperlativiſche Menſchen in Großfolio ebenfalls ihre liebenswürdigen Schwächen hatten, und der alte Jupiter ſelbſt wandelte als olympiſcher Harun al Raſchid in menſchlicher Geſtalt ſtrafend und beglückend durch die irdiſchen Fluren. Wie ſchön ſagt Schiller darüber in ſeinen Göttern Griechenland's: „An der Liebe Buſen ſie zu drücken, Gab man höhern Adel der Natur, Alles wies den eingeweihten Blicken, Alles eines Gottes Spur.“ „Wo jetzt nur, wie unſre Weiſen ſagen, Seelenlos ein Feuerball ſich dreht, Lenkte damals ſeinen goldnen Wagen Helios in ſtiller Majeſtät. Dieſe Höhen füllten Oreaden, Eine Dryas lebt' in jenem Baum, Aus den Urnen lieblicher Najaden Sprang der Ströme Silberſchaum.——“ „—— Fühllos ſelbſt für ihres Künſtlers Ehre, Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr, Dient ſie knechtiſch dem Geſetz der Schwere— Die entgötterte Natur. „Morgen wieder neu ſich zu entbinden, Wühlt ſie heute ſich ihr eignes Grab, Und an ewig gleicher Spindel winden Sich von ſelbſt die Monde auf und ab. Müßig kehrten zu dem Dichterlande Heim die Götter, unnütz einer Welt, Die, entwachſen ihrem Gängelbande, Sich durch eignes Schweben hält.“— Ja, H. Heine hat nicht ſo Unrecht, wenn er als Dichter, freilich, wie gewohnt,— um die löbliche„Mainzeitung“ bei ihrer Ueberſiedelung von Offenbach zu citiren—„mit einem weinenden und einem lachenden Auge“, in der Vorbemerkung zu ſeinen „Göttern im Exil“(VII. Band) u. A. ſagt:„Wir ſcheiden alle dahin, Menſchen und Götter, Glaubenslehren und Sagen. Es iſt vielleicht ein frommes Werk, dieſe letzteren vor völliger Vergeſſenheit — 191— zu bewahren, indem man ſie einbalſamirt, nicht nach der häßlichen Garenal'ſchen Methode, ſondern durch Anwendung von Geheim⸗ mitteln, die ſich nur in der Apotheke des Dichters finden. Ja, die Glaubenslehren und mit ihmen die Sagen ſcheiden dahin! Sie erlöſchen, nicht allein in unſern civiliſirten Ländern, ſondern bis zu den mitternächtlichſten Weltgegenden, wo unlängſt noch der buntſcheckigſte Aberglaube in Flor ſtand. Die Miſſionäre, welche dieſe kalten Regionen durchwandern, beklagen ſich über die Un⸗ gläubigkeit ihrer Bewohner. In dem Berichte eines däniſchen Geiſtlichen über eine Reiſe im Norden von Grönland erzählt uns dieſer, daß er einen Greis nach dem gegenwärtigen Glaubenszuſtande der grönländiſchen Bevölkerung gefragt. Der gute Mann ant⸗ wortete ihm:„Früher glaubte man noch an den Mond, aber heutzutage glaubt man auch nicht mehr daran!“ Unterm 25. Februar 1848, alſo unmittelbar vor der Pariſer und unſrer deutſchen(März⸗) Revolution, nach erfolgtem Uebertritte zur Jurisprudenz, ſchrieb ich an einen früher citirten Gym⸗ naſial⸗ und Univerſitätsſreund, damaligen Candidaten der Theo⸗ logie, u. A.:——„Daß die paar Sarkasmen meines letzten, ziemlich epigrammatiſch gehaltenen Briefes deinen evangeliſch⸗chriſt⸗ lich conſtitutionellen Liberalismus etwas choquirt haben, wundert mich wirklich, weil ich der Anſicht war, du würdeſt den grellen, dermalen unabänderlichen Widerſpruch zwiſchen deiner individuellen Ueberzeugung und den Verpflichtungen deiner amtlichen Stellung längſt klar eingeſehen haben und ihn herzlich bedauern, anſtatt ihn, wie Du es gethan, mit falſchem Stolz ganz wegzuläugnen. Ich will mich darüber nicht mehr mit Dir herumzanken, denn Du kennſt meine oft genug geäußerte Anſicht,— und daß ſie bei mir nicht etwa bloße Oſtentation iſt, habe ich thatſächlich durch meinen Uebertritt zu einer andern Brodwiſſenſchaft bewieſen. Es war dies ein Schritt, der, wie Du bei einiger Kenntniß meiner Verhältniſſe leicht ermeſſen kannſt, mich ſehr viel gekoſtet hat, um ſo mehr, als er erſt ſo ſpäterfolgte, den ich indeß meiner innerſten Ueberzeugung und eignen Selbſtachtung ſchuldig zu ſein glaubte, und durch den ich mich ſelbſt für meine Zukunft wiedergewonnen habe. Die erſte moraliſche Anforderung aber, die ich an mich ſo gut, wie an Andere zu ſtellen gewohnt bin, iſt Conſequenz, d. h. ſoweit deren Mangel hauptſächlich auf unſre Rechnung und nicht vielmehr ausſchießlich auf die nun einmal nicht ſo leicht wegzuräumenden thatſächlichen Verhältniſſe unſrer Umgebung geſchrieben werden muß. Jede Halbheit, ſei es nun auf politiſchem oder religiöſem Gebiet, jedes auf beiden Achſeln tragende Juſtemilieu, das ein zu⸗ geſtehendes„Zwar“ vorausſchickt und hinterdrein mit einem„aber doch!“ ſich ſalviren will, iſt mir von jeher gründlich verhaßt. Und — 192— ſo lange noch meine Zunge ſprechen, meine Feder ſchreiben kann, werde ich nicht müde werden, dies Zwitterthum offen zu bekämpfen. Ein Jeder ſei Das, was er ſelbſt zu ſein vorgibt und nach ſeiner Stellung ſein ſoll, ſoweit er kann, ganz, offen und ehrlich, und wenn ich einem Solchen auch nicht immer die Hand entgegenreiche, ſo werde ich doch wenigſtens, ehe ich mich mit ihm in einen Kampf einlaſſe, grüßend vor ihm, als einem Gegner mit offnem Viſir, die Lanze ſenken. Schwarz oder Weiß, das ſind ehrliche Farben, und wenn ich auch die eine nicht liebe, ſo erkenne ich ſie doch als ehrliche Grundfarbe an; aber das aus beiden gemiſchte Grau— pfui, davor habe ich nun einmal einen unüberwindlichen Ekel. Das iſt denn auch mein Maßſtab bei Beurtheilung unſrer Theologen. Unter ihnen kenne ich nur zwei Gegenſätze, denen ich volle Be⸗ rechtigung zuzugeſtehen vermag, obgleich der eine an ſich ſchon die Negation aller Theologie iſt und es darum etwas parador klingen mag: Hengſtenbergianer und Feuerbachianer, und Alles, was dazwiſchen liegt, mit dem altklugen Januskopfe einer vermittelnden Anſchauung halb mit dem einen Extrem, halb mit dem andern kokettirt, nach dem berühmten Spruche unſres weiland Rectors B.„Die Wahrheit dürfte wohl hier, wie überall, in der Mitte liegen!“ iſt in meinen Augen eine Null, ob ſie ſich auch hinter aufgedunſenen Phraſen noch ſo breit mache. Ich ziehe den Hut aber vor einem ehrlichen„Mucker“, der den Muth hat, ſich mit dem verroſteten Speer und Schild aus der bibliſchen Rüſt⸗ kammer gegenüber den Kanonen und Congréve'ſchen Raketen der modernen Intelligenz in die täglich weiter gähnenden Spalten der verwitterten Ruine Zion zu ſtellen und die Schanzen der Stürmen⸗ den durch die Jericho⸗Trompeten ihres weiland bergeverſetzenden Glaubens niederſchmettern zu wollen. Dagegen haſſe ich gründlich die modern auſgeputzten Ritter der chriſtlichen Romantik, die jene Ruine da und dort geſchäftig ausflicken, ihre wankenden Mauern mit dem Pulver und Blei der heutigen Kriegskunſt vertheidigen und uns gerne weiß machen wollen, dieſer übertünchte und zurecht⸗ gemodelte Steinhaufe ſei eine wohlgerüſtete Feſtung in modernem Styl. Es ſind das jene widerwärtigen Süßwaſſer⸗Rationaliſten, die das Princip mit einem gläubigen„Credo, ut intelligam“ als ausgemacht hinnehmen und hinterdrein ſich darauf etwas zu gute thun, wenn ſie einige ſeiner Conſequenzen der renommiſtiſchen Kritik eines„Intelligo, ut credam“ unterwerfen, jene theologiſchen Schöngeiſter, deren Ornat die Mitte hält zwiſchen Frack und Chor⸗ rock und deren Predigten für das gebildete Publikum zu äſthetiſch⸗ philoſophiſchen Vorleſungen ausgeſtattet ſind; die in einer Thee⸗ geſellſchaſt in gefälligem Salonſtyl ſchleiermachiſiren und gelegent⸗ lich, wenn die Converſation auf Politik kommt, auch die Berechtigung — 193— des conſtitutionellen Fortſchritts aus Bibelſprüchen demonſtriren wollen, jene zwitterhaften, amphibiengleich in zwei Elementen ſich bewegenden Prieſter des„chriſtlichen Rechtsſtaats“, dieſer groben contradictio in adjecto, die ſo gerne Beides zugleich ſein möchte und darum in Wirklichkeit Nichts von Beidem iſt. Religion iſt, wenn ich ſo ſagen darf, die abſtracte Vorausſetzung, die beſtehende Politik die concrete Folgerung. Die Stufen des ſouveränen Thrones von Gottes Gnaden ſind im Himmel feſtgerammt und man kann an jenen nicht rütteln, ohne zugleich dieſen mit herunter⸗ zureißen. Jede Hinneigung zu politiſchem Fortſchritt führt folge⸗ weiſe nothwendig zu einer gewiſſen Negation des Chriſtenthums und ſeiner Wiſſenſchaft, der Theologie, und ein Mann im Prieſter⸗ rock mit der Jakobinermütze auf dem Kopfe iſt entweder ein Narr oder ein Comödiant. Er hat zwei Meſſiſſe neben einander, Chriſtus und Robespierre, und ſteht in der Mitte zwiſchen dem Kreuz und der Guillotine. Der Eine negirt den Andern, und wenn der Letztere ſpäter den Cultus des höchſten Weſens proclamirte, ſo war das nur ein kluger Staatsſtreich, der dem müſſigen Volke ein liebgewordenes Gemüthspoſtulat wiedergab, um ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von anderen Dingen abzulenken. Was Gutzkow von dem religiöſen Indifferentismus des Tacitus ſagt, gilt überhaupt von jedem Apoſtel politiſcher Freiheit: „Die Freiheitführtſchon ſeit dem Anfange alles Irdiſchen mit dem Himmel eine Art von Proceß. Wir müſſen die Schläge des Despotismus ertragen und dabei ſo oft hören, daß ſich unſere Peiniger auf dieſelbe Autorität berufen, die uns als letzter Troſt noch übrig blieb. Noch nie iſt das Schick⸗ ſal der Freiheit günſtig geweſen, während die Despotie ſich am lieblichſten Sonnenſcheine wärmen durfte. Daher dieſer ſonderbare Groll gegen einen(himmliſchen) Thron, der uns von Kindesbeinen an immer ſo monarchiſch, ſo wenig conſtitutionell geſchildert worden iſt.“(Beiträge zur Geſchichte der neueſten Literatur)—— „Darum kann die jetzige Theologie nur den religiöſen Autoritäts⸗ glauben mutatis mutandis in die Politik übertragen oder ſie muß um ihren Abſchied nachſuchen. Haller und Hengſtenberg oder Heinzen und Feuerbach, das iſt die große Alternative. Aber Heinzen und Hengſtenberg, das iſt eine ſchreiende Mes⸗ alliance, die vor dem Richterſtuhle unbefangener Kritik als un⸗ zuläſſig verworfen wird und woraus nur„zwieſchlächtige“ Baſtarde, mulattenartige Verſchmelzungen von Schwarz und Weiß entſpringen können. Jeder Theologe indeß, wenn er auch Schleier⸗ macherianer oder noch mehr ſein mag, iſt zugleich ex officio wenigſtens ein Stück Hengſtenberg und jeder politiſche Fortſchrittsmann, wenn er auch mit Welcker, Baſſermann ꝛc. auf die Conſtitution 25 — 194— ſchwört, iſt immer ein Stück Heinzen, obſchon dieſe ſtückweiſen Vermittlungen für mich ſchon Inconſequenzen ſind.“ „Ich muß deßhalb immer über jene jungen Leutchen lachen, welche die Sätze des Katechismus und die Stichwörter liberaler Zeitungen zu gleicher Zeit im Munde führen, die bona fide in der Linken die Bibel und in der Rechten die Verfaſſungsurkunde halten, indem ſie ſich am Ende ſelber weiß machen, beide Dinge ließen ſich ganz gut und ohne die geringſte Colliſion neben ein⸗ ander tractiren oder gar das eine durch das andere rechtfertigen. In letzter Conſequenz, und wenn ſie es auch ihrem eigenen Ge⸗ wiſſen abläugnen, laſſen ſie das obligatoriſche Jenſeits in dem realen Diesſeits untergehen. Sie betrachten den Menſchen im Laufe der Woche als Bürger und nur Sonntag⸗Morgens oder Nachmittags in der Kirche als Candidaten des Himmels. Sie nehmen praktiſch den Staat als Selbſtzweck, anſtatt ihn nach Vorſchrift der Bibel nur als Mittel zum Zwecke, als uner⸗ läßliches Proviſorium des dereinſtigen unausbleiblichen Gottesreichs aufzufaſſen, und wohl die meiſten dieſer evangeliſch⸗chriſtlichen Liberalen würden vielleicht das himmliſche Jeruſalem in dem Congreßſaal einer deutſchen Bundesrepublik realiſirt finden.(?) Welche Ironie, den Altar neben die Tribüne zu ſtellen, die Marſeillaiſe mit einem Vaterunſer einleiten zu wollen!“ „Die Theologie hat nun einmal mit der Politik Nichts zu ſchaffen oder, wenn ſie überhaupt mit ihr in Berührung kommt, nur als Herold des Beſtehenden, als Hoſpredigerin des jeweils herrſchenden Syſtems, deſſen Ausflüſſe ſie gläubig hinnimmt und durch ihre kirchliche Weihe ſanctionirt, als perpetueller Panegyrikus des ſog.„hiſtoriſchen Rechts“, was, in Wahrheit oft nichts Anderes, als ein verjährtes Unrecht an der Geſchichte, da iſt und deßhalb nach dem berüchtigten Hegel'ſchen Satze an die Thatſache ſeiner Exiſtenz als den unwiderleglichen Beweis zu deren Berechtigung appellirt.„Was iſt, iſt vernünftig“, lautet der Spruch des weiland Berliner„Staatsphiloſophen“, und„Ich ſage euch, ſeid unterthan eurer Obrigkeit, denn alle Obrigkeit iſt von Gott ver⸗ ordnet“] ſo docirt die Theologie aus dem„neuen Teſtament“! Sie muß ex officio ihren rebelliſch geſinnten Pfarrkindern geduldige Ergebung vorpredigen, indem ſie ihnen begreiflich macht, daß alle, ob auch noch ſo unerträglich ſcheinenden„Züchtigungen“ des welt⸗ lichen Despotismus nur Beweiſe der göttlichen Liebe ſeien und wir dabei nach dem alten Spruche„wen der Herr lieb hat“, ꝛc. unſern Henkern noch obendrein mit vergebendem Danke die plumpen Fäuſte zu küſſen haben. Freilich ein gar undankbares Geſchäft, was die Zunft unſrer Theologen, wenn ſie ihre bibliſche Pflicht nicht cum grano salis verſtehen, zu einer Art von Gensd'armerie — 195— im Chorrock herabwürdigt,— wie denn unſre deutſchen Gauner bekanntlich den„Gallach“⸗Pfarrer ſehr bezeichnend den„ſchwarzen Gensd'armen“ auf Jeniſch nennen. Was die politiſche Emancipation betrifft, ſo hat bekanntlich Chriſtus ſelbſt die ihm mehr oder minder direkt angetragene oder doch zugedachte Rolle eines paläſtinenſiſchen Arminius, deren alle Ausſicht auf Erfolg bietende Durchführung ihn — wenn überhaupt ſeine Perſönlichkeit wirklich eine geſchichtliche iſt— nur ein Wort koſtete, ein Wort, das man mit ängſtlicher Spannung als Signal von ſeinen Lippen erwartete, mit hyper⸗ loyalſter Reſignation von ſich gewieſen.„Mein Reich iſt nicht von dieſer Welt!“ damit lehnt er alle politiſch⸗revolutionäre Inſinuationen kühl von ſich ab. Die unveräußerlichen politiſchen Rechte der Menſchheit kümmern ihn Nichts. Er nimmt uns nicht als Das, was wir eben ſind, als Bürger des irdiſchen Staats, ſondern nur als Das, was wir nach ſeiner Theorie ſpäter einmal werden ſollen, als unmündige Zöglinge des himmliſchen Gottesſtaats, die ſich einſtweilen in der ſüßen Hoffnung dereinſtiger Emancipation von ihren proviſoriſchen politiſchen Zuchtmeiſtern malträtiren laſſen müſſen. Eine gar bequeme Moral, die auf beiden Achſeln trägt und dem Beſiegten hinter dem Rücken mit etlichen verſtohlenen Beileidsthränen die Hand drückt, während ſie lobpreiſend hinter dem Triumphwagen des Siegers einherzieht; die uns auf die ernſteſten Fragen der Zeit die Antwort ſchuldig bleibt und ſich hinterdrein damit entſchuldigt, daß die Löſung dieſer Probleme in unſrer eigentlichen Heimath des Jenſeits doch ganz überflüſſig ſein werde! Mit dieſer devoten Theologie, die ſich beim Schall der Lärmglocke nicht von den Knieen erhebt, ſondern nur auf die Poſaunenſtöße des jüngſten Gerichts harrt, mag ich mich nicht be⸗ freunden. Wenn ſich unſere Fauſt ballt, um nach dem Schwerte zu greifen, ſo befiehlt ſie uns, ſie zum Beten zu falten, und wenn irgend ein abſolutiſtiſcher Zwingherr unſre Geduld erſchöpft, ſo deutet ſie achſelzuckend nach den Wolken und preiſt uns mit breiter Salbung jenen höchſten Regenten an, der die Sünden ſeines irdiſchen Repräſentanten nachträglich corrigiren werde. Wie ſingt Herwegh in ſeinem„armen Jakob“? „Juſt die vom Himmel ihm geprahlt, Sah'n dieſe Erde zwiefach gerne: So wird die Schuld an's Volk bezahlt Mit Wechſeln auf die Sterne!“ Und den allzu ſtürmiſchen politiſchen Freiheitsdrang eines kecken Republikanismus beſchwichtigt dieſe Theologie mit den Troſtworten deſſelben Dichters: „Du wirſt, ein freier Brutus, wallen Mit Brutuſſen noch im Verein; All Deine Ketten werden fallen, Nur— mußt Du erſt geſtorben ſein“ — 196— „Welche bittre Ironie, ſich fortwährend mit dem Kopfe in die Wolken zu hüllen, während die Füße in dieſem„irdiſchen Jammer⸗ thal“ herumſtolpern? „Ob ihm der Oſt die Segel blähe, Was hilft's dem morſchen lecken Kahn?“ „Von den Theologen überhaupt gilt, was L. Wienbarg von den Moraliſten insbeſondere bemerkt: „Was ſagen ſie uns von der Moralität oder Unmoralität unſrer Staatseinrichtungen, was haben ſie für ein Ur⸗ theil über Freiheit und Knechtſchaft? Iſt es moraliſch oder unmoraliſch oder gar gleichgültig, ſich in den Kampf der Zeit ein⸗ zulaſſen, das Schwert für Recht und Freiheit zu zücken, das Boll⸗ werk der Privilegien, die Mißbräuche des Kaſtenweſens anzugreifen? Iſt es ein moraliſcher oder unmoraliſcher Zuſtand, daß unſer Volk kein ächt vaterländiſches, gemeinverſtändliches Recht hat, daß es in ſo vielen Ländern noch keine(vollgültige) Stimme führt, wo es ſeine vornehmlichſten und heiligſten Intereſſen betrifft? Fragt ſie über dieſe und ähnliche Verhältniſſe und Zuſtände, und hört, welch undeutlich zwitſchernder Ton aus ihrem Munde geht oder gar wie ſie dieſe Fragen, die allein gegenwärtig das Rad der Zeiten um⸗ drehen, als außer ihrem Kreiſe liegende von ſich ab⸗ lehnen!“—— „Aber ſo iſt die Theologie immer geweſen nnd kann nun ein⸗ mal nicht anders werden, ohne ſich ihres innerſten Weſens zu ent⸗ äußern und allmählig in den Feuerbach'ſchen Cultus der Menſch⸗ heit überzugehen. Dann aber iſt ſie gar nicht mehr Theologie, ſondern reiner Humanismus und die Bibel hat für ſie nur noch culturhiſtoriſche Geltung. Ihr Theologen müßt euch ex officio, ſo lange ihr Theologen ſein und bleiben wollt, um den Begriff eurer Gattung zu retten, von allen politiſchen Bewegungen ab⸗ ſperren. Ihr müßt die Fenſter verſchließen, die Thüren verrammeln und alle Ritzen verſtopfen, damit nicht die Zugluft der profanen Außenwelt in das Innere eurer Kapelle dringe und euch die Altar⸗ lichter auslöſche. Wenn draußen die entſcheidende Schlacht der Freiheit mit der Gewalt geſchlagen wird, deren Vorpoſtengefechte in dieſen Tagen beginnen(?), ſo müßt ihr von Amtswegen Neutralität beobachten. Ihr dürft durch die Ritzen eurer bemalten Kirchen⸗ fenſter dem Gewühle der draußen Kämpfenden zuſchauen und das Feldgeſchrei aus der Ferne mitanhören. Aber eure active Theil⸗ nahme muß ſich darauf beſchränken, für die Verwundeten und Sterbenden auf beiden Seiten Gebete zu ſeufzen und den Herrn der Heerſchaaren darum anzuflehen, daß er die erzürnten Gemüther zum Frieden lenke. Höchſtens dürft ihr euch als Johanniter ohne 7 — 197— Harniſch dem Lazareth anſchließen und post festum die Kranken⸗ wärter abgeben. Aber beide Parteien ſtehen euch gleich nahe und eure Sorgfalt muß eigentlich mehr noch den Verirrten, den Söldnern gegen die Freiheit, zugewandt ſein. Iſt die Schlacht beendigt, dann endlich rückt ihr in die ruhige Schußlinie, ſingt der ſiegenden Seite das Tedeum, wenn es auch auf Koſten Derer ge⸗ ſchieht, die früher eure gnädigen Herren waren, und tretet, iſt Dies der Fall, in eurer alten Uniform in den neuen Dienſt ein. Ihr braucht nur etliche Formeln eurer Litanei abzuändern und etwa ſtatt des bisherigen„Domine, salvum fac regem!“ ein„salvam fac rempublicam!“ einzuſchieben, ſo iſt Alles abgemacht. Alle ſolche politiſche Umwälzungen müſſen eigentlich für das Weſen eurer Berufsthätigkeit ohne Einfluß ſein, und wenn ihr vielleicht auch im Intereſſe eurer Mutterkirche den Sturz des einen Syſtems bedauert, ſo müßt ihr trotzdem bereit ſtehen, dem andern eure Dienſte anzubieten, weil dieſelben ja nur dem Menſchen und nicht dem Bürger gelten.„Das Chriſtenthum“, ſagt Gutzkow irgendwo richtig,„iſt Weltreligion und accomodirt ſich an jede politiſche Geſtaltung deßhalb, weil es ohne alle Beziehung auf den Staat geſtiftet wurde!“— „So ohne allen politiſchen Charakter iſt die chriſtliche Theo⸗ logie, der Du„ſonderbarer Schwärmer“ optima fide die rothe Mütze aufſtülpen möchteſt. Sie muß aber ſo ſein, wenn ſie nicht ihren heimathlich bibliſchen Boden verlaſſen und ſich damit ſelbſt aufgeben will. Sollte ſie wirklich etwa in der Politik das Bürger⸗ recht erwerben wollen, ſo würde ſie Dies, beim Lichte betrachtet, nur um den theuren Preis ihrer Selbſtverläugnung thun können.“ „Extra ecclesiam nulla salus!“(Außerhalb der Kirche kein Heil!) Das iſt das traditionelle Schibboleth eines ächten Theologen, und wer darüber hinaus geht, wer den einen Flügel der Kirchen⸗ thüre offen läßt, um zugleich eine Ausſicht auf das profane Markt⸗ gewühl des politiſchen Lebens zu eröffnen, der iſt eben kein wahrer, d. h. bibliſch chriſtlicher Theologe, ſondern nur, wenn ich ſo ſagen darf, ein von dem Geiſte der Zeit„angekränkelter“ Theologiſt mit einem Janus⸗Antlitz, deſſen eine Seite das athanaſianiſche Glaubens⸗ bekenntniß, die andere die„déclaration des droits de l'homme“ trägt.„Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers, und Sotte, was Gottes iſt!“ Das heißt: Nehmt keine Zeitung mit in die Kirche, und wenn ihr auf's Rathhaus geht, ſo laßt eure Katechis⸗ men daheim! So überſetze ich mir dieſen tauſendmal abgekanzelten vieldeutigen Spruch, der im Munde Jeſu, den ſykophantiſchen Phariſäern gegenüber, nichts Anders war, als ein zur Abwehr etwaiger Polizei⸗Denunziation gezogenes„Meſſer ohne Heft, an — 198— dem die Klinge fehlt“. Er iſt die Deviſe, die ſich jeder„Prediger des göttlichen Wortes“ mit gelegentlicher Neigung zu freiſinnigem „Kannegießern“ als das Todesurtheil ſeines zunftwidrigen poli⸗ tiſchen Liberalismus auf die Bäffchen ſticken laſſen ſollte.“— „Das ohngefähr war die Vorausſetzung, welche mir das letzte⸗ mal jene für Dich ſelbſt wahrhaftig nicht im Geringſten beleidigen⸗ den Sarkasmen in die Feder dictirte, die Du jetzt mit verletztem theologiſchem Standesgefühl als unbegründet gerne zurückweiſen möchteſt. Glaube nur nicht, daß ich damit dieſen Widerſpruch, der nun einmal in den Verhältniſſen liegt, Dir, dem ehrlichſten Kerle von der Welt, zum Vorwurfe machen wollte! Nein, ich weiß zu gut, daß der Theologe in ſeinem officiell bibliſchen Gewande dem politiſchen Fortſchritte in die Hände arbeiten kann und ſoll, obſchon er dadurch nothwendig mit ſeinem amtlichen Gewiſſen in Colliſion gerathen muß. Dafür iſt und bleibt er eben doch irdiſcher, mit den Bedürfniſſen ſeines zeitigen irdiſchen Aufenthalts denkender und fühlender Menſch nach dem Terenziſchen Motto: „Homo sum et nihil humani a me alienum puto“, und kann ſich nur ſehr ſchwer, durch eine Art transcendentaler Verzückung, zu einem bloß acceſſiſtlich über die Mutter Tellus hinüberwandeln⸗ den„Himmels⸗Candidaten“ verflüchtigen. O, dieſe Seelenwande⸗ rung von Stern zu Stern, wie ſie uns manche rationaliſtiſche Theologen ſchildern, bis wir endlich, mit dem testimonium maturitatis in der Taſche, auf der jenſeitigen Hochſchule immatri⸗ kulirt werden, wo auch der Herr Rector magnificus uns zeitweiſe in’s Heft dictirt,— und ſo ſtellen ſich gar viele Leute die ſchönen Dinge nach dem chriſtlichen Tode vor— hat etwas gar Gemüth⸗ liches. Mit beißendem, wahrlich nicht ganz ungerechtfertigtem Spott ſagt darüber der geniale G. Büchner in ſeinem„Danton's Tod“ u. A.:„Eine erbauliche Ausſicht! Von einem Miſthaufen auf den andern. Nicht wahr, die götttliche Claſſentheorie? Von Prima nach Secunda, von Secunda nach Tertia und ſo weiter? Ich bin die Schulbänke ſatt; ich habe mir Geſäßſchwielen, wie ein Affe, darauf geſeſſen.“ So widrig dieſer beißende Sarkasmus in gar manche religionsphiloſophiſche Alteweiber⸗Phantaſieen generis mas- culini und feminini hineinklingen mag, ſo kann ich ihm doch nicht ganz Unrecht geben“.— „Und was ſagſt Du zu ſolchen philoſophiſch⸗ketzeriſchen Zweifeln? Je nun, ich bin eben unter die Juriſten gegangen und Du biſt leider! unter den Theologen hängen geblieben. Voila tout! Du wirſt mir niemals Deine ſentimentalen Ge müths⸗ bedürfniſſe als Poſtulate des kritiſchen Verſtandes aufſchwatzen können, und mit Allem, was Du mir geſchrieben haſt, um Deiner enthüllten„Jungfrau von Sais“ ein recht ſtrahlenblendendes, jede — 199— Scepſis in's Dunkel verſcheuchendes Antlitz zu verleihen, kannſt Du wohl Dich ſelbſt vorübergehend täuſchen, mich aber nicht im Geringſten. Ich war ja ſelbſt Lehrling eurer Zunft und habe gar manchen Blick in ihre Couliſſengeheimniſſe geworfen. Du haſt eben bon grè mal grè Deinen offiziellen„Auguren“⸗Talar mit ernſteſter Miene auf den Schultern behalten und ich habe ihn in die Ecke geſchmiſſen. Darum können wir uns nicht mehr, wie früher, ein⸗ ander„collegialiſch“ anlächeln. So ſchließe ich denn— faute de mieux— mit dem frommen Wunſche G. Büchner's:„Der Himmel verhelfe Dir zu einer behaglichen firen Idee! Die allgemeinen fixen Ideen, welche man die„geſunde Vernunft“ tauſft, ſind unerträglich langweilig!“— „Wenn Du mir etwa bei meiner Auffaſſung der religiöſen, d. h. hier ganz beſonders der chriſtlichen Glaubensfrage negirende Einſeitigkeit vorwerfen ſollteſt, ſo will ich Dir zu meinen Gunſten nur Deinen Liebling Göthe citiren, über deſſen völlige Unbefangen⸗ heit auf dieſem Gebiete für keinen, ob noch ſo oberflächlichen Kenner ſeiner Werke auch nur ein Zweifel ſein kann.(Hat er doch ſ. Zt. an Lavater geſchrieben, er ſei„zwar kein Widerchriſt, aber ein „decidirter Nichtchriſt“.) Allen gläubigen Theologen, die den „großen Heiden“ poſthum für ihr offizielles Chriſtenthum haben einſchlachten wollen, iſt es darum ſchlimm genug ergangen, und ſie werden jetzt wohl die Finger davon laſſen, da er in gewiſſem Sinne füglich der„deutſche Voltaire“ genannt werden darf, als derjenige unſrer Dichter, der unzweifelhaft die umfaſſendſte, rein menſchliche Univerſalität aufzuweiſen hat. Du weißt ja, wir pflegten im Gymnaſium Schiller, der unſerem Herzen am Nächſten ſtand, den „Idealiſten“, Göthe aber, der uns in ſeiner klaſſiſchen Objec⸗ tivität kühler ließ, den„Realiſten“ zu nennen, obgleich unſer ſeliger Director gegen das vollſtändig Zutreffende dieſer landläufigen Bezeichnung ſtets Verwahrung einlegte“. Noch im Frühjahr 1782, wo Göthe, wie Gelzer ſagt,„auf Seiten Derer ſtand, die nicht in einem Individuum, ſondern in der Gattung, nicht in Chriſtus, ſondern in der Menſchheit die Offenbarung des göttlichen Lebens verehrten“, ſchrieb er u. A. an ſeinen Freund Lavater, nachdem derſelbe den„Pontius Pilatus“ herausgegeben:„Du hältſt das Evangelium, wie es daſteht, für die göttliche Wahrheit. Mich würde eine vernehmliche Stimme vom Himmel nicht überzeugen, daß das Waſſer brennt und das Feuer löſcht, daß ein Weib ohne Mann gebiert und daß ein Todter auferſteht. Vielmehr halte ich Dieſes für Läſterungen gegen den großen Gott und ſeine Offenbarung in der Natur. Du ſindeſt Nichts ſchöner, als das Evangelium. Ich finde tauſend geſchriebene Blätter alter und neuer von Gott begnadigter Menſchen eben ſo — 200— ſchön und der Menſchheit nützlich und unentbehrlich.“ Sollteſt Du mir darauf etwa erwiedern, dieſe in ihrer Art klaſſiſche Aeußerung ſtamme aus Göthe's Jugend, wo der Wein ſeines Genius noch nicht ausgegohren, ſo darf ich Dich getroſt darauf verweiſen, daß er auch in ſeinen älteren Jahren bei den Aeußerungen über das Chriſtenthum ſtets nur den humanen Kern deſſelben,(etwa wie ich jetzt die Moral) nie aber das Dogmatiſche(was ich die Mythologie nenne) vor Augen hatte. Das Recht, zu jeder Zeit und unter allen Umſtänden„ein Proteſtant“ zu ſein, die Freiheit, „ſein reines Inneres ohne Bezug auf eine beſtimmte Religion zu entwickeln“, behielt er ſich ſtets ausdrücklich vor. Er wollte Gott gerne anerkennen, aber wo und wie er ſich offenbare, und über das Wo? und Wie? beſtimmte er natürlich ſelbſt. Sein Unſterblichkeitsglaube war ſicherlich nicht derjenige unſrer chriſtlichen Kanzeltheologie.„Wirken wir ſort“, ſo ſpricht er darüber, „bis wir vor oder nach einander, vom Weltgeiſte berufen, in den Aether zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Thätigkeiten, denen analog, in denen wir uns ſchon erprobt, nicht verſagen! Fügt er ſodann“— und das bemerkt Göthe offenbar reſervirt nur zu guter Letzt rein poſtſcriptlich,„Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier ſchon geleiſtet, väterlich hinzu, ſo würden wir gewiß nur deſto raſcher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen.“— Ueber die religiös⸗philoſophiſche Anſchauung dieſes Deines Lieb⸗ lings Göthe hat ein neuerer Kritiker u. A. nicht mit Unrecht bemerkt: „Dieſelbe war, gleich der Leſſings, einwarmherziger Pantheis⸗ mus, wie er in der Ethik Spinoza's, allerdings in ſcheinbar ſtarre mathematiſche Formeln eingezwängt, ſeine Grundlage ſindet. Iſt doch ſelbſt das Evangelium, welches Gott für einen Geiſt erklärt, den man in der Wahrheit und in der Liebe anbeten müſſe, und dem Paulus nachrühmt, er lebe in allen Dingen und Alles lebe in ihm, dieſer Anſchauung nicht fremd. Ein außerweltlicher Gott, der über ſeiner Schöpfung thront und genau ſo ausſieht und ſich ſolche Eigenſchaften zuſchreiben laſſen muß, wie ein Menſch,(frei⸗ lich im Superlativ! D. V.) erſchien Göthe kleinlich und unwürdig, wie er es in vielen Gedichten ausgeſprochen hat. Das wirkliche Leben, dieſes von ſeinem Gotteshauch durchwehte wunderſame Antlitz des Weltgeiſtes, war dem Dichter heilig und der höchſten Verehrung werth, da ſeine verſchiedenartigen Aeußerungen in Natur und Menſchendaſein ja die Züge des ewigen Weſens und einer ſittlichen Weltordnung tragen.“ Trotz obiger Definition ſeines religionsphiloſophiſchen Stand⸗ punktes perſiflirt Göthe auch die„Pantheiſten“. In ſeinen„Sprüchen in Reimen“ wirft er ihnen den Sarkasmus an den Kopf: — 201— „Was ſoll mir all euer Hohn Ueber das All und Eine? Der Profeſſor iſt eine Perſon, Gott iſt keine!“ Und zur Beſtätigung der Auffaſſung L. Feuerbach's, der be⸗ kanntlich den ganzen Theismus als einen dogmatiſirten Anthrot, morphismus bezeichnet, gibt es keinen klaſſiſcheren Vers, als den folgenden(Vermiſchte Gedichte,„Das Göttliche“): „Und wir verehren Die Unſterblichen, Als wären ſie Menſchen, Thäten im Großen, Was der Beſte im Kleinen Thut oder möchte.“ In gleichem Sinne, wie derſelbe L. Feuerbach den Glauben an die Unſterblichkeit für einen frommen Herzenswunſch, für ein bloßes Poſtulat des nach einer jenſeitigen harmoniſchen Ausgleichung der dieſſeitigen Diſſonanzen ſich ſehnenden Gemüths, nicht aber zu⸗ gleich des kritiſchen Verſtandes erklärte, bekennt Göthe in ſeinen „Sprüchen in Reimen“: „Du haſt Unſterblichkeit im Sinn; Kannſt du uns deine Gründe nennen? Gar wohl, der Hauptgrund liegt darin, Daß wir ſie nicht entbehren können!“— Und welche Ketzereien ſpricht nun gar der von Dir ſo ge⸗ feierte„große Heide“ über jene chriſtliche Kirchengeſchichte aus, die wir ſelbander dem ſeligen Profeſſor Credner in unſre Hefte nach⸗ geſchrieben haben! Höre und— bekreuzige Dich! „Sag', was enthält die Kirchengeſchichte? Sie wird mir in Gedanken zu nichte; Es gibt unendlich viel zu leſen: Was iſt denn aber das Alles geweſen? Zwei Gegner ſind es, die ſich boxen, Die Arianer und Orthodoxen. Durch viele Säcla Daſſelbe geſchicht, Es dauert bis an das jüngſte Gericht! Mit Kirchengeſchichte, was hab' ich zu ſchaffen? Ich ſehe weiter Nichts, als Pfaffen; Wie's um die Chriſten ſteht, die Gemeinen, Davon will mir gar Nichts erſcheinen.“ „Ich hätt' auch können Gemeinde ſagen, Eben ſo wenig wäre zu erfragen“. — 26 3 — 202— „Glaubt nicht, daß ich ſaſele, daß ich dichte; Seht hin und findet nur andre Geſtalt! Es iſt die ganze Kirchengeſchichte Miſchmaſch von Irrthum und Gewalt“. „Ihr Gläubigen! Rühmt nur nicht euren Glauben Als einzigen! Wir glauben auch, wie ihr. Der Forſcher läßt ſich keineswegs berauben Des Erbtheils, aller Welt gegönnt— und mir.“ „Ein Sadducäer will ich bleiben! Das könnte mich zur Verzweiflung treiben, Daß von dem Volk, das hier mich bedrängt, Auch würde die Ewigkeit eingeengt. Das wäre doch nur der alte Patſch, Droben gäb's nur verklärten Klatſch!“ Und was ſagt Göthe noch gar viel ähnliche Dinge an gleicher Stelle weiter?! „Wer Wiſſenſchaft und Kunſt beſitzt, Hat auch Religion. Wer jene beiden nicht beſitzt, Der habe Religion!“— Seine ganze Stellung gegenüber dem officiellen Pfaffenthum hat er nirgends prägnanter ausgeſprochen, als in den Verſen an den bekannten Vorläufer der Reformation: „Reuchlin! Wer will ſich ihm pergleichen, Zu ſeiner Zeit ein Wunderzeichen! Das Fürſten⸗ und das Städteweſen Durchſchlängelte ſein Lebenslauf, Die heiligen Bücher ſchloß er auf. Doch Pfaffen wußten ſich zu rühren, Die Alles breit in's Schlechte führen; Sie finden Alles da und hie So dumm und ſo abfurd, wie ſie. Dergleichen will mir auch begegnen; Bin unter Dache, laſſ' es regnen: Denn gegen die obſcuren Kutten, Die mir zu ſchaden ſich verquälen, Auch mir kann es an Ulrich Hutten, An Franz von Sickingen nicht fehlen!“ Und wie reſervirt urtheilt Göthe über die Geltung der ganzen Bibel für die Gegenwart(in den„Sprüchen in Proſa“): „Deßhalb iſt die Bibel ein ewig wirkſames Buch, weil, ſo lange die Welt ſteht, Niemand auftreten und ſagen wird: Ich be⸗ greife es im Ganzen und verſtehe es im Einzelnen. Wir aber ſagen beſcheiden: Im Ganzen iſt es ehrwürdig und im Einzelnen anwendbar.“— — 203— Trotz all dieſer ketzeriſchen Anſichten des„großen Heiden“, welche Du, lieber Freund, als ſein Verehrer mit Deiner dem⸗ nächſtigen Ordinationsformel ſchwerlich wirſt zuſammenreimen können, trug Göthe, der freilich nicht bloß der Dichter des Fauſt, ſondern zugleich ſachſen⸗weimar'ſcher Miniſter war, merkwürdiger Weiſe die officielle Anerkennung einer theologiſchen Facultät(!), und zwar zu Jena, davon. Bei Gelegenheit der 50jährigen Jubelfeier ſeiner Ankunft in Weimar ließ ihm diejenige der genannten Univerſität eine Votivtafel mit Widmung überreichen. Dieſelbe hob ausdrück⸗ lich hervor, daß Göthe„nicht nur die Theologie oft ſinnvoll, tief und anregend gewürdigt, ſondern auch als Schöpfer eines neuen Geiſtes in der Wiſſenſchaft und dem Leben und als Herrſcher in dem Reiche freier und kräftiger Gedanken das wahre Intereſſe der Kirche und der evangeliſchen Theologie mächtig gefördert habe!“—— Was ſagſt Du zu dieſer zunftmäßigen Anerkennung des pro⸗ fanen Göthe als Dilettanten der evangeliſchen Theologie durch Deine„Meiſter vom Stuhle“? Im ſchwarzen Ehren⸗Talar mit weißen Bäffchen unterm Kinn macht Göthe wirklich eine gar ſonder⸗ bare Figur, und wenn ich mir ihn als Collegen in partibus mitten unter den Jenenſer Theologen denke, ſo fällt mir ſein bekannter Vers über die Zuſammenkunft mit Lavater und einem Collegen des⸗ ſelben ein: „Prophete rechts, Prophete links, Das Weltkind in der Mitten!“ Je nun, wenn Du Deinen profanen Lieblingsdichter auch in der Studirſtube des dereinſtigen Pfarrhauſes con amore fortleſen willſt, ſo halte Dich in Gottes Namen nur an das Teſtimonium der modernen Katheder⸗Kirchenväter Jena's! Du wirſt dann ohne Gewiſſenseſrupel auch von ihm ſagen dürfen: „Von Zeit zu Zeit hab' ich den Alten gern!“ Du weißt, obwohl früher ſchon ſehr radikal⸗ketzeriſcher Ratio⸗ naliſt, habe ich niemals den kindlich ehrlichen Glauben gehaßt, auch nicht jenen halben, der nach der Gutzkow'ſchen Melodie„Zwar— aber doch!“ ſein Credo mit dem Intelligo der modernen Kritik ſo leidlich, als möglich, zu vermitteln ſucht. Nur Denjenigen haſſe und bekämpfe ich, der die Prätenſion hat, in philoſophiſchem Ge⸗ wande auftreten und uns die frommen Wünſche ſeines Gemüthes als Poſtulate des Verſtandes aufdrängen zu wollen. Und ſo werden denn auch wir Beide uns von unſern jetzigen getrennten Standpunkten aus einander tolerir en! Ich, Dein ehemaliger College, wünſche Dir, als einem braven Kerle, der auch im ſchwarzen Chorrocke den Menſchen niemals verläugnen wird, daß Du — 204— Deinen beſchaulichen theologiſchen Lebensweg„avibus bonis“ fort⸗ ſetzen mögeſt.“——— Man wird mir wohl verzeihen, wenn ich dieſe theo⸗ logiſchen oder vielmehr antitheologiſchen Tagebuchs⸗ und Brief⸗ Citate aus dem weiland Correctionshauſe hier etwas ausführlich wiedergegeben habe. Aber es iſt das ein unvergeßliches Stück meines innerſten Lebens, was gerade durch die während jenes Strafarreſtes mündlich und brieflich gepflogenen Unterhaltungen mit theologiſchen Univerſitätsfreunden für mich recht zum vollen Ab⸗ ſchluſſe kam. Erſt den oft unfreiwillig ſtillen Selbſtbetrachtungen des Correctionshauſes, den mündlich, wie brieflich, gleich vertraulichen „Colloquien“ mit ehemaligen„geiſtlichen“ Studiengenoſſen, ſowie der gründlichen nochmaligen Lectüre der ausgewählten Reſte meiner Univerſitätsbibliothek hatte ich meine gänzliche innere Feſtigung, ebenſo aber auch eine mir heute noch verbliebene tolerante Achtung vor jeder auf dem früheren Standpunkte ſtehen gebliebenen ehrlichen Ueberzeugung zu verdanken. Es iſt die alte Fabel von Leſſings drei Ringen und ich geſtatte einem ehemaligen„Weinbergs⸗Mitarbeiter“ immer noch die Frage:„Wer von uns hat den rechten?“ Das Correctionshaus war in dieſer Beziehung, was die kritiſch kühle, möglichſt nach allen Seiten gerecht werdende Auffaſſung der theiſtiſchen und überhaupt kirchlich⸗confeſſionellen Frage betrifft, für mich ein wahres Purgatorium(Fegefeuer). Wenn ich auch ſchon vor meiner Flucht ein paar Curſe lang das„Jus“ tractirt, ſo war doch immer noch, wie meine Freunde zu ſagen pflegten, ein Stück des an den Nagel gehängten alten theologiſchen Chorrocks in meiner Taſche ſtecken geblieben, und dieſen letzten Fetzen wurde ich auf dem geſchilderten Wege vollſtändig los. Inſofern, aber auch nur inſofern allein, will ich mein damaliges Haftlocal in modernſtem Stephan'ſchem Poſt⸗Deutſch gerne eine„Verbeſſe⸗ rungsanſtalt“ nennen.—— Daß ich in dieſer correctionellen Umgebung, obwohl Juriſt, — leider! in partibus— auf die äußerlich zwar, aber innerlich noch immer nicht gänzlich quittirte Theologie zeitweiſe wieder zurückkam, war, wie oben angedeutet, nur zu natürlich. Der Humor des Zufalls fügte es, daß gar manche inzwiſchen bekehrte ſtille Ketzer dieſer Facultät, welche im theologiſchen Hörſaal mit mir auf derſelben Bank geſeſſen, während meiner Haft den Gottesdienſt im Correctionshauſe abhalten mußten. Da die Wenigſten auf ein Zuſammentreffen mit mir an dieſem Orte vorbereitet waren, ſo gab das mitunter ſehr fatale Ueberraſchungen. Nach beendigtem Geſang, der ohne Orgel⸗Begleitung und nur von dem Geiſtlichen intonirt, oft eine ohrzerreißende Disharmonie entwickelte, begann die übliche Buß⸗ und Strafpredigt, und es zwang mir jedesmal ein Lächeln ab, mich ſammt meinen in der Regel nicht beſonders zerknirſchten Kameraden aus dem Munde eines alten Univerſitäts⸗ genoſſen, der mich als einen ehemaligen ſchwachgläubigen Mit⸗ „Befliſſenen“ ſeines Faches kannte und meine Anſichten ehedem mehr oder minder getheilt hatte, nun als gerichtlich verurtheilte „Sünder“ unter eindringlichen Ermahnungen zur Beſſerung der Gnade des Himmels empfehlen zu hören. Das hatte wohl Keiner von uns gedacht, als wir noch ſelbander hinter dem Glaſe Bier mit höchſt philoſophiſcher Scepſis über die logiſchen Schwächen der chriſtlichen Dogmatik disputirt, daß wir uns in einem ſolchen Raume, der Eine in geiſtlichem Ornat als ofſicieller Gewiſſensſchärfer und ich, in der Sträflingstracht, als unfreiwilliger, zur Bekehrung aufge⸗ forderter Zuhörer, wiederfinden würden! Gar NMancher gerieth, eingedenk der inzwiſchen mit ihm vordeßanenen Wandlung, bei meinem unerwarteten Anblick in ſichtliche⸗ Verlegenheit, und wir ſchienen für einen Moment, wo wir den erſten Erkennungsblick wechſelten, faſt die Rollen mit einander getauſcht zu haben.„Weißt du noch?“ dieſes Fragezeichen mißliebiger akademiſcher Erinnerungen ſtand dann klar auf meinem Geſichte, und das ſpöttiſche Zucken um meine Mundwinkel mochte dem jungen Züchtlings⸗Bußprediger mitten in der ſalbungsvollſten Periode ſeines Straf⸗Sermons das alte „rident haruspices“ in’s Gedächtniß rufen. Natürlich wußte ich bei dieſen ſtummen Wiedererkennungs⸗Scenen alles Aufſehen, was die erforderliche Andacht meiner Kameraden hätte ſtören können, zu vermeiden. Der ganze Austauſch beſchränkte ſich auf die ſtille Augenſprache, und nach geſchloſſenem Gottesdienſt bekam ich die Herren in der Regel gar nicht mehr zu Geſichte. Nur ein einziges Mal brach ich unter dem Eindruck des plötzlichen Aufeinander⸗ prallens unwillkürlich mein gewohntes Schweigen und erregte damit unter meinen Mitgefangenen eine beiſpielloſe Senſation. Als ich, mein Geſangbuch unter'’m Arm, in Geſellſchaft der Uebrigen gerade auf dem Gange nach unſrem improviſirten Betſaale war, trat mir auf einmal, als Paſtor du jour durch die Außenthüre herein einer meiner vertrauteren Univerſitätsfreunde unmittelbar gegenüber: ein, ſehr talentvoller, ehedem meinen eigenen ketzeriſchen Anſichten ent⸗ ſchieden zugeneigter junger Mann, der ſich inzwiſchen als Volks⸗ 2 ſchriftſteller einen Namen gemacht, leider! aber auch(„aus Gründe u der Verwaltung?“) den üblichen orthodoxen Anſtrich angenommen hat. Wir hatten uns ſeit dem Jahre 1848 nicht mehr geſehen, und da, als wir ſo gänzlich unvorbereitet und unter ſo veränderten Verhältniſſen einander Aug' in Auge ſtanden, platzte ich, ohne momentan an meine Umgebung zu denken, mit dem höchſt burſchi⸗ koſen Rufe heraus:„Donerwetter, 3... lich 85 te ſeinen le den, 1 b2eas 7 L, Be rde, eereen n. — 206— Cerevisnamen). Wo kommſt Du her?“ Natürlich ſperrte die ganze Correctionshausbevölkerung bei dieſer höchſt unkomment⸗ mäßigen oder vielmehr für Zeit und Ort nur zu kommentmäßigen Begrüßung glotzend Mund und Naſe auf, und der ſo unerwartet angeredete Candidat beſaß Tact genug, mir nicht ohne einige Ver⸗ blüfftheit halblaut zu antworten:„Guten Tag, R.! Weiteres nach⸗ her!“ Die Predigt ging diesmal vor einem durch jenen ärgerlichen Zwiſchenfall etwas zerſtreuten Auditorium raſch vorüber, und nach geſchloſſenem Gottesdienſt ließ mein zu den Schafen übergetretener Commilitone mich bei den Böcken Gebliebenen zu ſich allein in das Cabinet des Werkmeiſters rufen. Wir ſprachen uns da zwang⸗ los unter vier Augen.„Aber, R.“, begann er mit einiger Salbung, „Das hätte ich mir nicht träumen laſſen, daß wir uns unter ſo traurigen Umſtänden wieder begegnen würden!“„Ich auch nicht, Z..“, erwiederte ich mit großer Gelaſſenheit,„und Du wirſt mir gewiß nicht abläugnen, daß in unſrer Situation ein gewiſſer Humor liegt. Du ſcheinſt Dir inzwiſchen die vorſchriftsmäßige chriſtliche Ueberzeugung angeeignet zu haben und biſt wahrſcheinlich auf dem beſten Wege zur Anſtellung. Mich hat das„tolle Jahr“ 48 einige, wenn Du willſt, politiſche Studentenſtreiche machen laſſen, die zwar ehrlich pro patria gemeint waren, aber gegen die wieder⸗ eingeführte alte Kleiderordnung verſtießen, und zur Straſe dafür mußt Du mir nun mitten unter Dieben, Fälſchern und ſonſtigem Geſindel den theologiſchen Text leſen. Du nennſt das wohl traurig, ich ſinde es in gewiſſer Art komiſch genug. Sic eunt fata hominum, ſagt das alte Küchenlatein!“ Mein chriſtlicher Freund bedauerte, mich in einer ſo„ungeeigneten“ Stimmung zu finden, und als ich ihm mit Bezug auf die heutige Predigt die ſtarke Wandlung ſeiner auf der Univerſität geäußerten, mehr als rationaliſtiſchen Anſchau⸗ ungen vorhielt, bemerkte er achſelzuckend: mit den reiferen Jahren reiften ſich eben auch die Anſichten, und mir werde es mit meinen politiſchen und religiöſen Jugendketzereien wohl auch noch ſo gehen. „Auch Dir“, ſchloß er in halbem Kanzelton,„wird noch dein Tag von Damaskus kommen!“—„Nie!“ rief ich ihm nach,„wenigſtens nicht in Deinem Sinne!“— Das war unſere letzte Unterhaltung; denn das Schickſal hat uns ſeither nicht wieder zuſammengeführt. Eine gute Folge aber ſollte dieſe unerwartete Begegnung denn doch für mich haben. Einige Tage darauf wurde ich vor den Correctionshaus⸗Verwalter beſchieden und mir durch denſelben amtlich eröffnet, daß ich von nun an, wenn ich keinen„inneren Drang“ zu religiöſer Erbauung verſpüre, von dem ſonſt obligatoriſchen Beſuche des Gottesdienſtes dispenſirt ſein ſolle! Ohne Zweifel hatten die Herren Candidaten wegen meines ſtörenden vis-à-vis bei dem vorgeſetzten Stadtpaſtor — 207— vertraulich reklamirt, und Niemand war über dieſen unerbetenen Dispens froher, als ich. Ich wandelte in der Kirchen⸗Stunde beſchaulich durch die leeren Säle, und meine theologiſchen Studien⸗ genoſſen brauchten in ihren zerknirſchenden Kraft⸗Sermonen an die Corrigenden nicht mehr mein, an andere Zeiten erinnerndes frivoles Geſicht zu fürchten. Zu ihrer Ehre ſei jedoch noch ſchließlich erwähnt, daß ich Zwei unter ihnen traf, die in gleicher Geſinnung, wie früher, mir mit alter Herzlichkeit und ohne affektirte Moral die Hand ſchüttelten. Sie waren freilich ehrenwerthe Ausnahmen von der traurigen Regel und ſind es noch bis heute geblieben, dafür aber auch noch von keinem Standesherrn auf eine fette Pfründe präſentirt worden. Den meiſten meiner Mit⸗Corrigenden war das erſt ſeit ein paar Jahren eingeführte öffentliche Schwurgerichts⸗Verfahren, dem ſie ſelbſt zum Opfer gefallen waren, eine ſehr fatale revolutionäre Neuerung, vor welcher ſie eine wohlbegründete Scheu hatten. Bei der alten ſchriſtlichen Procedur, meinten ſie, hätte man ſich, wenn kein directer Beweis vorgelegen, doch mit einiger Schlauheit„hin⸗ durchlügen“ können; bei dieſen verfluchten„Acciſen“ aber— ſo nannten ſie die Jury ſtatt Aſſiſen—, da helfe Alles Nichts. Da werde man„verknurrt“, wenn auch gar Nichts bewieſen ſei, bloß, weil ſo ein paar dumme Bauern, die doch gar Nichts von„Jura“ verſtänden, ſich einmal in den Kopf ſetzten, die Sache müſſe ſich ſo verhalten, wie ſie der„Alles ſchlecht machende“ Staatsanwalt ihnen vorſchwatze! Das ſei gegen alles Herkommen. Für politiſche Leute, wie mich, die in den„jüngſten Tag“ ſchrieben und auf den Großherzog loszögen, möge Das ganz gut ſein; aber für Leute Ihresgleichen ſei es Nichts. Da könnte ja der„ehrlichſte“ Mann „an die Kordel kommen!“ Und das gehöre ſich doch auch gar nicht, daß Alles ſo öffentlich vor Krethi und Plethi verhandelt würde, die Das nur wie eine Art Comödie betrachteten, ohne daß es ſie eigentlich etwas anginge!— Sie hatten von ihrem Standpunkte aus gar nicht ſo Unrecht, und gewiß gibt es keine ſchlagendere Lobrede für das Schwurgericht, als dieſer ärgerliche Proteſt aus ſolchem Munde. Dazu kam, daß ihnen die ganze Procedur an ſich vollkommen neu war und Viele ſich durch den Druck der Oeffent⸗ lichkeit nach ihrem eigenen Bekenntniſſe zu leicht hatten„blüffen“ laſſen. Da der Eine oder Andere vielleicht einen ſpäteren Rückfall nicht für unmöglich hielt, ſo hatten ſie ein Intereſſe daran, ſich über die Einzelnheiten des Verfahrens näher zu unterrichten, und ich als Juriſt mußte ihnen hierüber gelegentliche Vorleſungen halten, die ich durch Begriffsbeſtimmung der verſchiedenen Vergehen und Ver⸗ brechen und Bezeichnung des entſprechenden Strafmaßes aus dem in meiner Privatbibliothek befindlichen Strafgeſetzbuch ergänzte. — 208— Wie ſich der Angeklagte in dieſem oder jenem Falle den Ausſagen der Belaſtungszeugen oder den Fragen des Aſſiſenpräſidenten gegen⸗ über zu verhalten habe, Alles wollten ſie von mir wiſſen, und ich mußte ihnen geradezu ſingirte Diebſtahls⸗ und ſonſtige Fälle vor⸗ ſpielen, worin ich die Vorunterſuchung führte und den Angeklagten vor der Jury auf der einen Seite als Staatsanwalt und auf der anderen als Vertheidiger behandelte, bis ich ihn nach geſchehener Frage⸗Beantwortung durch die Geſchworenen entweder freiſprach oder zu ſo und ſo viel Jahren Correctionshaus in optima forma verurtheilte. Sie betrachteten dieſen juriſtiſchen Unterricht ohne Zweifel als nützliches theoretiſches Vorſtudium für ihre ſpätere criminaliſtiſche Gelegenheits⸗Praris, und ich, meinten ſie, müſſe Das am Beſten verſtehen, weil ich ſelbſt Advokat werden wolle und mich ſo gut bei den Geſchworenen„herausgehauen“ habe! Für mich aber war es eine intereſſante und vermöge der ſachgemäßen Gegenbemerkungen meiner Delinquenten⸗Zuhörer mitunter höchſt belehrende Vorbereitung für die noch immer gehoffte ſpätere Advokatur. Da machte einſt Einer von ihnen den Vorſchlag: „Was meinen Sie, Herr Doctor? Wenn wieder einmal Einer von uns Etwas„pexirt“, ſo ſtellen wir ihn, anſtatt es dem Verwalter zur Beſtrafung anzuzeigen, unter uns vor die„Acciſen“, und Sie machen den Staatsanwalt!“ Dieſer originelle Gedanke wurde ſofort mit allgemeinem Beifall aufgenommen und ich verſprach gerne, ihn zur Ausführung zu bringen, ſoweit es die Hausordnung ohne Störung erlaube. Der geeignete Criminal⸗Fall ſollte ſich gar bald ergeben. Eines Mittags gingen wir, wie üblich, zwiſchen 11 und 12 Uhr Vormittags, in dem Hofe des Correctionshauſes ſpazieren, als plötzlich einer unſerer Kameraden mit der Nachricht auf uns zukam, ſo eben habe er droben entdeckt, daß ihm die Hälfte ſeiner Brodration geſtohlen worden ſei. Dies allarmirte uns nicht wenig; denn wenn wir auch ſeither ſchon hin und wieder kleine Diebereien wahrgenommen, deren Urheber wir vergebens nachgeforſcht, ſo hatte doch ein ſo freches Attentat auf die Sicherheit unſres Haupt⸗ Nahrungsmittels, das uns im Falle des Abhandenkommens durch die Verwaltung nicht erſetzt wurde, bis dahin noch nicht ſtatt⸗ gefunden. Die Ermittelung des Thäters war eine gemeinſame Lebens⸗ frage, und wie nach Hanſemanns bekannter Aeußerung für die beati possidentes außerhalb des Gefängniſſes„in Geldſachen die Gemüthlichkeit aufhört“, ſo war das bei uns Sträflingen in Bezug auf das Brod der Fall. Alles Andere durfte Der oder Jener einmal ſtipitzen, um ſeine langen Finger auch während der Beſſerungs⸗ — 209— haft in Uebung zu erhalten, ohne daß außer den einzelnen Be⸗ troffenen ein Hahn darnach gekräht hatte. Mir ſelbſt war unter der Hand gar Manches annectirt worden, worüber ich, um nicht ausgelacht zu werden, kein Wort verloren hatte. Derartige kleine Eigenthums⸗Entwendungen wurden nach dem alten Satze, daß„die Katze das Mauſen nicht läßt“, in der Regel als gelungene Kunſt⸗ ſtücke feiernder Fachmänner von den übrigen Kennern mit Beifall aufgenommen. Etwas Anderes war es mit dem halben Laib Brod, den Jeder von uns Morgens„faßte“. Der war als erſte Lebens⸗ bedingung nach ſtillſchweigender Uebereinkunft ein noli me tangere, woran ſich Niemand vergreifen durfte, ohne allgemeine Nahrungs⸗ ſorgen hervorzurufen. Auf das Bekanntwerden des jetzigen frevelhaften Diebſtahls erſchallte denn auch ſofort„ein Schrei ſittlicher Entrüſtung“ durch das ganze Correctionshaus.„Wer kann Das gethan haben?“ war die einſtimmige Frage. Bald kamen verſchiedene Indizien zur Sprache, welche einen ſchon lange in zweifelhaftem Geruch ſtehenden Burſchen der That dringend verdächtig erſcheinen ließen, ja faſt unzweifelhaft überführten. Es war der„blaue Huſar“, ſo genannt, weil er früher bei den kurfürſtlichen blauen Huſaren gedient, d. h. die ohngefähre Hälfte ſeiner Dienſtzeit wegen verſchiedener Vergehen in Ziegenhain und ſonſtigen Strafanſtalten zugebracht hatte, ein mit allen Hunden gehetzter frecher Gauner, der zuletzt in Folge eines ganz ordinären Kleiderdiebſtahls zu uns in Garniſon gekommen war. Zwei hatten ihn, ſo zu ſagen, in flagranti ertappt, als er gerade in einer der um dieſe Zeit geöffneten Schlafzellen einen ſtarken„Keil“ Brod hinunterwürgte, während ſein eigner halber⸗ Laib noch faſt ganz unangeſchnitten war. Das forderte exemplariſche Züchtigung, und ſofort erſchien bei mir eine Deputation mit der Bitte, den„Kerl“ vor die„Acciſen“ zu ſtellen, in welchem Falle man die übliche Anzeige bei dem Ver⸗ walter unterlaſſen wolle. Ich ſagte,„wo möglich“ zu, nahm jedoch vorher unter vier Augen mit dem Werkmeiſter Rückſprache, dem ich den Sachverhalt und unſere Abſicht offen mittheilte. Nachdem ich ihm das Verſprechen gegeben, daß ich während der Dauer der Prozedur für Vermeidung von Lärm und Unordnung ſorgen wollte, erklärte er ſich unter erforderlichem Vorbehalt bereit, den Fall vor⸗ erſt nicht dienſtlich zu behandeln, ſondern der von uns ſelbſt zu handhabenden Gerechtigkeit ihren Lauf zu laſſen. Um mich aber nicht dem Vorwurfe des Terrorismus auszuſetzen, verſicherte ich mich zuvor auch der Einwilligung des Delinquenten. „Blauer!“ redete ich ihn lakoniſch an,„Du weißt, weſſen Du beſchuldigt wirſt. Wenn wir Dich bei dem Verwalter anzeigen, ſo haſt Du als Rückfälliger einige Tage bei Waſſer und Brod oder — 27 — 210— gar Dunkelarreſt ſicher zu erwarten. Wir wünſchen Dich nun ſchwurgerichtlich unter uns abzuurtheilen, wobei Du jedenfalls glimpflicher wegkommſt, und werden, ſalls Du damit einverſtanden biſt, die vorſchriftsmäßige Anzeige unterlaſſen. Du haſt nun die Wahl. Willſt Du Dich dem Spruche Deiner Kameraden unterwerfen oder der Strafe des Verwalters?“ Der kurfürſtliche Excavalleriſt, obſchon die Thatſache fort⸗ während leugnend, überlegte nicht lange, ſondern erklärte reſignirt, daß er ſich denn doch„lieber von ſeinen eignen Leuten abthun laſſen wolle!“ 1 Somit beſaßen wir denn für den bevorſtehenden Act unſerer Volksjuſtiz die Genehmigung der zunächſt intereſſirten Theile, der Gefängnißbehörde, wie des Uebelthäters, und nun konnte die Sache losgehen. Punkt 12 Uhr, nachdem wir abgeſpeiſt, ſchloß der Werk⸗ meiſter die Ausgangsthüre und begab ſich in ſeine benachbarte Wohnung, um erſt nach 1 Uhr zurückzukehren. Wir hatten demnach eine volle Stunde frei, und nachdem die Katze fort war, konnten die Mäuſe auf den Tiſchen herumtanzen. In meiner Eigenſchaft als einſtimmig deſignirter Staatsanwalt leitete ich ſofort in dem Arbeitszimmer des Eingangs erwähnten Schuſters eine höchſt ſummariſche Vorunterſuchung ein, verhörte raſch unter vier Augen die einzelnen Zeugen, ſowie den Angeklagten ſelbſt, und machte mir meine flüchtigen Notigen. Dem Letzteren gab ich als Vertheidiger, in Ermangelung eines Beſſeren, den genannten Schuſter, der, mit ſeinem geſunden Humor ſich bald in die Situation findend, ſeine delicate Stellung unter vergnügtem Grinſen antrat und ſogleich mit feierlicher Amtsmiene den Clienten bei Seite führte. Nachdem dieſe unerläßlichen Präliminarien abgemacht, ſchritt ich, als einziger Juriſt des Correctionshauſes mit Erledigung aller einſchlagenden Formalitäten betraut, zur Ernennung des Aſſiſen⸗ hofs. Ich bildete denſelben des beſſeren Eſſects halber aus drei „Honoratioren“ unſrer Geſellſchaft. Zum Präſidenten wählte ich einen wegen Caſſenunterſchleifs urſprünglich zu Zuchthaus verurtheil⸗ ten ehemaligen Steuereinnehmer, unſern„Zimmer⸗Commandanten“, der wenigſtens einige allgemeine Bildung beſaß und dem ich ſeine Rolle raſch einſtudirte, zu Beiſitzern die zwei früher erwähnten Er⸗Gemeinderäthe. Dieſes edle Kleeblatt begriff ſeine Miſſion voll⸗ ſtändig, und ihre während der Verhandlung in ernſte Falten gelegten Geſichter gaben der Amtswürde eines ganzen Collegiums von Hof⸗ gerichtsräthen Nichts heraus. Sodann ſchrieb ich behuſs der Ge⸗ ſchwornenwahl die Namen von 12 der Anſtändigſten unſerer Leute auf Zettel, für welche die noch mit ſchwarz⸗roth⸗goldener Kokarde dekorirte wachstuchene Bürgerwehr⸗Mütze des republikaniſchen Schuſters als Stimm⸗Urne dienen mußte. Damit waren die letzten Vorberei⸗ — 211— tungen beendigt, und nun ſtrömte die ganze Bande mit unbeſchreib⸗ licher Spannung in den großen Arbeitsſaal, worin Tiſche und Bänke bereits nach meinen Anweiſungen zurechtgeſtellt waren. Rechts an der Wand ein kleiner Tiſch mit Stühlen für den Aſſiſenhof, gegenüber eine Bank für die Geſchwornen, quer über dazwiſchen eine für den Angeklagten, neben dem ſich auf der einen Seite ſein Vertheidiger, auf der andern aber der von mir ernannte Straf⸗ vollſtrecker, ein baumlanger Burſch mit derben Dreſcherfäuſten, niederließen. Der Letztere ſchien ſich auf die Ausübung ſeiner Functionen ganz beſonders zu freuen. Wenigſtens wickelte er mit einem grimmigen Seitenblick auf ſein vorausſichtliches Opfer gleich die Aermel herauf und flüſterte mir zu:„Herr Doctor, machen Sie's nicht zu gnädig!“ Nachdem ich dem Aſſiſenhofe ſeine Plätze angewieſen, hielt ich vor Allem eine energiſche Anſprache an die Verſammlung, worin ich ſie darauf aufmerkſam machte, daß die bevorſtehende Verhandlung nicht etwa ein Schauſpiel zu ihrer Beluſtigung ſei, ſondern eine ſehr ernſte Seite habe, wovon ſie ſich bald überzeugen würden, und Alle zur Beobachtung ſtrengſter Ruhe ermahnte. Ich nannte die Namen der Mitglieder des Hofes und des Vertheidigers, ſowie mich ſelbſt als Staatsanwalt und ſchritt ſodann zur Ziehung der Ge⸗ ſchwornen. Von dieſen wurden drei als dem Angeklagten zu feind⸗ lich durch den Vertheidiger und eben ſo viele aus entgegengeſetzten Gründen durch mich rekuſirt, und die erwähnten Sechs ließen ſich als Vertreter der ſouveränen Volksjuſtiz auf der Bank nieder. Ich ſprach ihnen fragweiſe eine improviſirte Verſicherungs⸗ formel,„nur nach ihrer innerſten Ueberzeugung und nur mit Rück⸗ ſicht auf die vorliegende Sache urtheilen zu wollen“, vor, und Jeder antwortete darauf, ſich der Reihe nach erhebend, mit einem feierlichen „Ich gelobe es!“ Schon dieſe Procedur machte, wie ich deutlich wahrnahm, auf das im Vordergrunde placirte Auditorium einen großen Ein⸗ druck. Das anfängliche Flüſtern erſtarb, und es herrſchte eine Stille, wie in der Kirche. Auf meinen Wink ſprach der Präſident einige Worte, und ich, Angeſichts der geſpannten Aufmerkſamkeit meiner Zuhörer wohl fühlend, daß es ſich hier um keine Farce, ſondern um möäglichſt effectvolle Statuirung eines Exempels im gemeinſamen Sinne der Correctionshaus⸗Bevölkerung handle, leitete die Verhandlung mit einer kurzen Darlegung des Falles, ſoweit ich ihn durch die Vorunterſuchung ermittelt, ſtatt Vorleſung des Anklageactes, ein. Darauf ließ ich die Zeugen vortreten, deren Jeder vor ſeiner Vernehmung in ähnlicher Weiſe, wie die Geſchwor⸗ nen, von mir verpflichtet wurde. Alle ſagten ausführlich aus, was ſie über die Sache wußten, und zu meiner eignen Ueberraſchung — 212— ergab ſich im Verlaufe des Verhörs, ſowohl in Folge meiner Quer⸗ fragen, als auch unter dem ſichtlichen Drucke der Oeffentlichkeit, eine ganze Reihe von raffinirten Spitzbübereien, welche der Angeklagte früher ſchon begangen, ohne daß ſeine von den Einzelnen bisher verſchwiegene Urheberſchaft allgemein bekannt geworden war. Dieſes Reſultat erregte einen Sturm des Unwillens unter der ganzen Zuhörerſchaft, und der auf einmal vollſtändig entlarvte Angeklagte, Anfangs ganz trotzig um ſich ſchauend, ließ Angeſichts dieſer erbaulichen Conduitenliſte allmählig beſchämt, wie ein armer Sünder, den Kopf ſinken. Aus der Verſammlung heraus meldeten ſich ſchließlich noch einige freiwillige Belaſtungszeugen zu nachträglichen Enthüllungen, und es unterlag daraufhin keinem Zweifel mehr, daß gar viele Diebereien, wegen deren Andere in Verdacht geweſen waren, nur dem heutigen Angeklagten zur Laſt ſielen, was den Erſteren zu unverkennbarer Genugthuung gereichte. Nach geſchloſſenem Verhör ergriff ich zu meiner eigentlichen Strafrede das Wort, und eine donnerndere Philippika habe ich noch auf keiner Tribüne des Jahres 48 gegen die politiſchen Sünden eines reactionären Miniſters gehalten, als diesmal unter den Sträflingen des Correctionshauſes gegen den Broddiebſtahl des „blauen Huſaren.“ Zunächſt ſchilderte ich ſeine außerhalb des Gefängniſſes liegende ſchuldbeladene Vergangenheit, die ihn ſchon in die verſchiedenſten Militär⸗ und Civil⸗Arreſtlocale des Kurſtaates geführt hatte und allerdings den ſchlechteſten Leumund von der Welt für ihn ergab. Sodann ging ich auf den vorliegenden Fall über, der durch die übereinſtimmenden Zeugen⸗Ausſagen auf das Unbeſtreitbarſte con⸗ ſtatirt war. Ich wies nach, daß eine ſtrenge Beſtrafung dieſes Vergehens von dem gemeinſamen Intereſſe unſerer Selbſterhaltung geboten ſei, da wir alles Andere eher entbehren könnten, als die von Außen nicht gleich zu erſetzende tägliche Brodration, die con⸗ ditio sine qua non für unſere animaliſche Fortexiſtenz. Ich zeigte, daß der Angeklagte den fraglichen Diebſtahl nur zum reinen Schabernack, ohne irgendwie durch eignen Mangel dazu veranlaßt worden zu ſein, verübt habe, da nicht nur ſeine Portion faſt unangetaſtet war, ſondern er auch, wenn er bei ſeinem ſtarken Appetit etwa noch deren Nichtausreichen befürchtet haben ſollte, zufolge meiner früheren öffentlichen Erklärungen recht gut wußte, daß er auf desfallſiges Erſuchen jederzeit von mir Zuſchuß erhalten konnte. Es zeigte ſich hier, ſo demonſtrirte ich, der ſittlich auf's Höchſte verwerfliche Trieb der boshaften Beſchädigung des Nächſten ohne alles eigne Intereſſe— eine Schlechtigkeit, welche wir um ſo mehr zu ſtrafen berechtigt ſeien, als doch die Meiſten von uns — 213— nur aus Noth ſich zur Verletzung des Eigenthumsrechtes u. ſ. w. hätten verleiten laſſen. Außerdem aber ſei die Thatſache auch eine ſchwere Verſündigung gegen die kameradſchaftliche Loyalität. Möchten wir auch mit der bürgerlichen Geſellſchaft draußen und den von gelehrten Wohlhabenden entworfenen Geſetzen des Staats noch ſo ſehr auf dem Kriegsfuße ſtehen, ſo müßten wir doch unter uns ſelbſt, den von der Majorität Geächteten, unverbrüchlich an der Moral des Mein und Dein feſthalten, da ſonſt der Krieg Aller gegen Alle erklärt ſei. Schon der alte Römer Cicero habe in einer ſeiner Schriften geſagt:„unter den Dieben herrſche Ehr⸗ lichkeit.“ Das müſſe auch unſer Grundſatz ſein; denn wenn wir, die Sträflinge ſelbſt, uns in dieſer Beziehung nicht mehr auf einander verlaſſen könnten und der Diebſtahl ſogar bis in die Corrections⸗ häuſer dringe, ſo ſeien alle Bande der ſocialen Ordnung gelöſt und der Glaube an den letzten ſittlichen Funken der menſchlichen Natur müſſe wanken. Da ſich demnach der Angeklagte nicht nur gegen die, gerade unter uns doppelt heilige Sicherheit des Eigenthums im Allgemeinen und unſeres unentbehrlichſten Nahrungsmittels im Beſondern, ſondern auch gegen die ſchon von dem claſſiſchen Alter⸗ thum anerkannten Geſetze der Sträflings⸗ und Diebs⸗Ehre, des correctionellen esprit de corps, ſchwer vergangen, ſo fordere ich als„Vertreter der bürgerlichen Geſellſchaft des Correctionshauſes“ für den vorliegenden frivolen Frevel eine ganz exemplariſche Strafe. Ein dumpfes Murmeln lief, als ich meine fulminante Rede geſchloſſen, durch die Reihen der Zuhörer, und ich geſtehe, daß mir dieſes Zeichen des Beifalls von einem ſo blaſirten Publikum mehr ſchmeichelte, als die ſtürmiſchen Bravo’'s mancher Volksverſammlung. Nach einer kurzen Pauſe begann der Vertheidiger und entledigte ſich ſeiner ſchwierigen Aufgabe mit viel Humor und Gewandtheit. Angeſichts der belaſtenden, ja geradezu überführenden Zeugen⸗ ausſagen konnte er zwar die Thatſache des vorliegenden Vergehens nicht läugnen, ſuchte aber mit einem für mich ganz unerwarteten Einwand die Zurechnungsfähigkeit ſeines Clienten in Frage zu ſtellen. Er behauptete geradezu, derſelbe leide in Bezug auf fremdes Eigenthum an einer, ſo zu ſagen, angebornen und für alle eigene Willensthätigkeit unüberwindlichen krankhaften Geiſtesrichtung, die ihn wider eignes beſſeres Wiſſen und Wollen nöthige, ſich daran zu vergreifen. Dieſe Fälle ſeien gar nicht ſo ſelten, meinte er, und er ſelbſt kenne u. A. die Geſchichte einer gewiſſen Hofgerichtsräthin, der Frau eines ſehr vermögenden Beamten, welche regelmäßig in den eleganten Läden der Stadt bei jedem Beſuche allerlei mehr oder minder werthvolle, hintendrein von ihrem eingeweihten Gemahl an die Eigenthümer in natura zurückgeſchickte oder baar bezahlte Artikel eingeſackt habe. Warum ſollte der gleiche Fall nicht auch bei ſeinem — 214— Clienten vorliegen? Was ſo vornehmen und gebildeten Leuten paſſire, das könne auch bei„Unſer⸗Einem“ vorkommen. Gerade der von mir ſo nachdrücklich betonte Umſtand, daß für den Angeklagten nicht der geringſte denkbare Anlaß zu dem incriminirten Diebſtahle vorhanden geweſen, ſpreche zu ſeinen Gunſten. Das, was ich als ſittliches Verderbniß, als Bosheit und Muthwillen darſtelle, ſchreibe er dieſer eigenthümlichen Krankheit zu, welche die Zurechnungsfähig⸗ keit aufhebe. Er könne daher den Angeklagten nur bedauern, nicht aber verdammen. Dieſe Vertheidigung war nicht ſchlecht und würde auch bei jedem andern, weniger erfahrungsreichen und nicht ſo gegen alle Sentimentalität abgeſtumpften Publikum nicht ohne Wirkung ge⸗ blieben ſein. Bei meinen Kameraden, die ſich mit Pſychologie offenbar wenig beſchäftigt hatten, ſondern ſich mehr an die blanken That⸗ ſachen hielten, außerdem aber auch von dem Angeklagten zufolge ſeiner gelegentlichen eignen Bekenntniſſe die allerſchlimmſte Meinung hegten, machte eine ſolche Vertheidigung als reine Sophiſterei einen ungünſtigen Eindruck, und es fiel mir ſehr leicht, in meiner Replik durch die Hinweiſung auf mehrere, von den Zeugen beſtätigte, geradezu cyniſch ſchamloſe Aeußerungen des Delinquenten, welche allerdings eine beiſpielloſe ſittliche Verkommenheit deſſelben an den Tag legten, die ganze Argumentation des Vertheidigers über den Haufen zu werfen. Der Letztere duplicirte hierauf ziemlich kleinlaut, indem er an das Mitleid der Geſchwornen Angeſichts der kläglichen Miene ſeines durch die ganze Verhandlung gewaltig verdutzten Clienten appellirte, und nachdem hiermit das Plaidoyer zu Ende gediehen war, gab der Präſident auf meinen Wink ein etwas lücken⸗ haftes Resumé. Schließlich richtete er an die Geſchwornen die von mir formulirte Frage: „Iſt der Angeklagte, Walter, valgo blauer Huſar, ſchuldig, das Verbrechen der Eigenthums⸗Entwendung und obendrein der groben Verletzung der kameradſchaftlichen„Corrigenden⸗Ehre“ begangen zu haben, indem er unter dieſen und jenen Umſtänden einen Theil der Brodration des X abgeſchnitten und insgeheim verzehrt hat?“ Auf dieſe von mir wiederholte Frage erhoben ſich die ſechs Ge⸗ ſchwornen nach einander und ſprachen mit großem Ernſt ein über⸗ einſtimmendes„Ja!“ Der Vertheidiger drang auf eine Zuſatz⸗Frage wegen angeblich„mildernder Umſtände“;“ der Wortführer der Ge⸗ ſchwornen erklärte aber ſofort, daß Dies nicht nöthig ſei, da er und ſeine Collegen einſtimmig der Anſicht ſeien, gegenüber einem ſo „hundsföttiſchen“ Subjekt, wie dem Angeklagten, deſſen ganze Schlech⸗ tigkeit erſt heute recht an den Tag gekommen ſei, keinerlei Mil⸗ derungsgründe gelten zu laſſen. Auf den bejahenden Wahrſpruch — 215— hin ſtellte ich dann den Antrag, den Miſſethäter Walter ꝛc. zur Genugthuung für das beleidigte Rechtsgefühl und die Zunftehre ſeiner Kameraden nach Artikel ſo und ſo viel irgend eines imaginären Strafgeſetzbuchs zu zwölf Hieben ad posteriora zu condemniren. Der Delinquent zuckte bei dieſem Antrag mit einem Seitenblick auf ſeinen Nebenmann ſichtlich zuſammen, und der Letztere blinzelte mir mit ſchadenfrohem Grinſen zu. Der Aſſiſenhof trat in ſtille Berathung und eröffnete mir durch den Präſidenten, daß er, ohne Zweiſel im Hinblick auf die bedrohliche Körperbeſchaffenheit des wahrhaft blut⸗ dürſtigen Vollſtreckers, die Straſe etwas hart finde und eine wün⸗ ſchenswerthe Milderung derſelben meinem eignen Ermeſſen anheim⸗ ſtelle. Auf dieſe Appellation an meine Menſchlichkeit wandte ich mich an den Verurtheilten mit der Frage: „Blauer! Geſtehſt Du alſo jetzt vor aller Welt, daß Du das Brod wirklich geſtohlen haſt, ohne alle Noth aus reinem Muthwillen, und daß es Dir aufrichtig leid thut? Und willſt Du mir Angeſichts Deiner Kameraden feſt verſprechen, ſo Etwas nie mehr zu thun, ſo lange Du die Ehre haſt, unſrer Geſellſchaft anzugehören?“ Der „blaue Huſar“, mit einem leiſen Schluchzen kämpfend, erwiderte auf dieſe energiſche Apoſtrophe nur die paar gepreßten Worte: „Ja, Herr Doctor, ich kann's nicht läugnen, ich hab's gethan; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's wieder thue, ſo lange ich noch dableibe!“ Nicht ohne eine gewiſſe Rührung über dieſe uner⸗ wartete Zerknirſchung erklärte ich: „In Anbetracht dieſes Deines reumüthigen Geſtändniſſes und Deines Gelöbniſſes der Beſſerung ermäßige ich meinen Antrag auf ſechs Hiebe.“ Unſer Executor, der befürchtete, ich möchte aus Mitleid noch weiter heruntergehen, winkte mir flehentlich ab, und der Aſſiſenhof genehmigte ſofort meinen Strafantrag. Darauf erhob ſich mit einer Art grimmiger Maijeſtät der Straſvollſtrecker, legte den Delinquenten mit der Virtuoſität eines Scharfrichters über die Bank und ertheilte, um die zu ſeinem Bedauern geſtrichenen Sechs durch größere Intenſivität nachzuholen, ſeine Hiebe auf die allerdings wahrhaft verführeriſch breiten Poſteriora des„blauen Huſaren“ mit ſolcher Wucht, daß der Letztere laut aufſchrie. Kaum war der letzte Schlag gefallen, ſo raſſelten die Schlüſſel des Werkmeiſters an der Eingangsthür und das ganze Publikum zerſtob nach allen Winden. Die Wirkung dieſes improviſirten Schwurgerichts aber war weittragender, als ich erwartet hatte. Noch an demſelben Tage kam ein alter Sträfling, der ſchon in aller Herren Ländern„geſeſſen“, zu mir und ſagte:„Herr Doctor, Sie wiſſen, ich bin ein alter Zuchthausbeſen, der ſchon alles Mögliche durchgemacht hat und dem es auf eine Handvoll nicht ankommt. Aber ſoviel ſage ich Ihnen, — 216— ehe ich mir alle die Sachen ſagen ließe, die Sie heut dem blauen Huſaren öffentlich in's Geſicht geſagt haben,— und es geſchieht ihm vollkommen Recht!— lieber wollte ich fünf Gulden bezahlen.“ (Das ſchien für ihn das höchſte Maß der Zahlungsfähigkeit zu ſein!) Der Verurtheilte ſelbſt ging von da an wie ein begoſſener Pudel unter uns umher. Sein früherer frecher Humor wollte ungeachtet verſchiedener krampfhafter Verſuche gar nicht mehr wiederkehren und er drückte ſich, ſo lange er noch bei uns war, nur ſcheu an den Wänden herum. Das für ſich ſelbſt redende Hauptreſultat der ganzen Sache aber lag denn doch darin, daß während der ganzen übrigen Dauer meiner Haft Kein Broddiebſtahl oder eine ſonſtige grave Spitzbüberei mehr vorkam. Die Procedur hatte als ent⸗ ſchieden praktiſch allgemeinen Beifall gefunden, und es war von der Majorität beſchloſſen worden, daß, wenn wieder etwas Derartiges paſſire, es durch mich vor die„Acciſen“ gebracht werden ſolle. Davor aber hatten die Burſchen gewaltigen Reſpect. Sie wollten um keinen Preis„auf's Bänkelchen“, wie der Blaue, und ſo war es mir denn gelungen, die Heiligkeit des Eigenthums ſelbſt unter deren erklärten Gegnern durch die bloße Furcht vor öffentlicher Verhandlung wieder zu Ehren zu bringen!— Die wohlthätigen Folgen jenes kleinen Ereigniſſes entgingen auch dem Verwalter nicht, da er von nun an nicht ſo häufig mehr mit den üblichen dienſtlichen Contraventions⸗Anzeigen behelligt wurde, und er ließ mir unter der Hand bedeuten, daß ich im Wieder⸗ holungsfalle nur gleich meine„ſtaatsanwaltliche“ Function wieder antreten ſolle, da Dies wohl beſſeren Effect mache, als ſeine ihm ſelbſt fatalen fortwährenden Disciplinarſtrafen. Dafür bot ſich freilich in den weiteren paar Monaten meines Correctionshaus⸗ Arreſtes keine Gelegenheit mehr, ſo gefliſſentlich auch manche meiner Kameraden auf die Ausſpürung eines abermaligen„Acciſen“⸗Falles ausgingen. Die Moral der Geſchichte bedarf keiner Erörterung. Sie hatte übrigens ein unerwartetes Nachſpiel, was gar leicht per⸗ ſönliche Unannehmlichkeiten für mich hätte zur Folge haben können. Der„blaue Huſar“ wurde etwa einen Monat vor mir entlaſſen, und als er noch während ſeines Aufenthaltes in der Stadt auf Befragen nach mir nicht ohne einen gewiſſen Haß gegen mich auch die Schwurgerichtsverhandlung in ſeiner Weiſe erzählte, wurde die Sache von Leuten, die mir nicht beſonders wohlwollten, bei der Gerichtsbehörde zur Anzeige gebracht. Der„Blaue“ mußte den ganzen Hergang zu Protokoll geben, und ich ſollte wegen körperlicher Mißhandlung eines Mitgefangenen disciplinariſch gemaßregelt werden. Bei der Verhandlung im Hofgerichte aber konnten die geſtrengen Herren über meine, der ofſiciellen Juſtiz in's Handwerk pfuſchende — 217— ſtaatsanwaltliche Thätigkeit ſelbſt nicht das Lachen halten, und die Geſchichte wurde als ein„guter Witz“ ad acta gelegt.— Ich kann dieſe flüchtige Skizze nicht ſchließen, ohne allen Ernſtes auf einen damals von mir ſelbſt und manchen meiner Arreſtgenoſſen tief empfundenen Mangel unſrer Straſgeſetzgebung aufmerkſam zu machen. Es iſt dies der nicht ſchwer genug zu rügende Mißſtand, daß unter den Strafgefangenen unſrer Corrections⸗. häuſer gar keine Scheidung, nicht etwa nach ihrem Bildungs⸗ grad und ihrer bürgerlichen Rangſtufe,— das wäre lächerlich, im Gegentheil muß bei gemeinen Vergehen eine höhere Bildung geradezu als Erſchwerungsgrund gelten— ſondern vielmehr „nach dem Grade der ſittlichen Verwerflichkeit ihres Vergehens“ exiſtirt. Wie Wiele gibt es, die nur wegen einer im Affect verübten Körperverletzung oder einer ſonſtigen ſubjectiv entſchuldbaren Geſetzesübertretung zu Correctionshausſtrafe verurtheilt werden, und iſt es nicht eine ſchreiende Ungerechtigkeit, ſolche Leute, bei denen doch immer noch natürliches Rechts⸗ und Ehr⸗ gefühl vorauszuſetzen iſt, mit gemeinen, cyniſch⸗rohen Verbrechern, Dieben, Betrügern und Strohmern von Profeſſion, zuſammenzu⸗ ſperren, ſie den fortwährenden, oft frech vertraulichen Berührungen eines ſolchen Geſindels, das ſich meiſtens ganz kameradſchaftlich auf Du und Du mit ihnen ſtellt, preiszugeben? Abgeſehen davon, daß Dies für jene ſittlich beſſere Klaſſe eine unbillige Verſchärfung der Strafe enthält, kann es ſicher auch für jugendliche Sträflinge von noch nicht recht ausgebildeter Characterfeſtigkeit nur von nachtheiligen Folgen ſein, da ſie der unfreiwillige tägliche Verkehr mit Menſchen ſolchen Gelichters moraliſch nur verſchlechtern, nicht aber, was doch neben der Strafe der hauptſächliche Zweck ihrer Haft ſein ſoll, beſſern wird.. Mich ſelbſt hat meine Bildung und mein unverwüſtlicher Humor vor allem Schmutz, der von ſolcher Umgebung leicht an Einem haften bleibt, glücklich bewahrt. Neben mir aber ſaß u. A. auch ein junger Commis aus der oberen Provinz, ein naiver, nur etwas hitziger Junge, der wegen einer blutigen Schlägerei mit Soldaten zu einem Jahr Correctionshaus verurtheilt war und zuletzt mit unſrer ganzen Schwefelbande auf einem ſo freundſchaftlichen Fuße ſtand, daß er jedenfalls bis zu ſeinem Austritte die moraliſche Keuſchheit ſeiner von Haus aus harmloſen„ländlich⸗ſittlichen“ Natur vollſtändig eingebüßt hat. Er iſt bald darauf nach Amerika ausgewandert, und was dort aus ihm geworden iſt, habe ich nicht recht erfahren. Gar viele unſrer Strafgeſetzbücher machen in dieſer Beziehung einen Unterſchied. Wenigſtens heißt es in unſrem heſſiſchen, daß,„wenn der Verurtheilte den gebildeten Ständen angehöre und ſein Vergehen nicht von einer Niederträchtigkeit der 28 — 218— Geſinnung zeuge“, die Correctionshausſtrafe in Feſtungshaft umgewandelt werden könne(nicht ſolle!), und in dieſem Sinne haben denn auch ſchon im Jahre 1849 einige liberale heſſiſche Abgeordnete den wohlbegründeten Antrag geſtellt, daß nach Maß⸗ gabe der ſittlichen Verwerflichkeit der betreffenden Ver⸗ brechen und Vergehen in den Correctionsanſtalten wenigſtens eine Scheidung in zwei Claſſen ſnattfinden ſolle. Leider iſt dieſer durch meine eigne Erfahrung hinlänglich gerechtfertigte An⸗ trag, gleich manchem andern, mit dem Wiedereintritt der Reaction in den Papierkorb gewandert und ſeitdem nicht wieder aufgenom⸗ men worden. Ich lege ihn ſpäteren liberalen Ständekammern hiermit dringend an's Herz. Ich ſelbſt hatte bei Antritt meiner Haft des Grundſatzes halber wenigſtens den Verſuch gemacht, eine Separirung für mich zu erwirken, und gewiß war ich um ſo mehr zu der Hoffnung auf günſtigen Beſcheid berechtigt, als ſelbſt der Staatsanwalt in ſeinem Strafantrag gegen die eventuelle Verwandlung meiner Strafe in Feſtungsarreſt keinen Einwand erhoben hatte. Ich ließ durch meinen Anwalt unter dem Erbieten der Selbſtverköſtigung um Anweiſung einer beſonderen Zelle behufs der Fortſetzung meiner juriſtiſchen Studien, reſp. um Dispenſation von den üblichen Sträflings-Arbeiten nachſuchen, erhielt aber darauf ſofort einen gänzlich unmotivirten abſchläglichen Beſcheid. Ich war kaum 14 Tage im Correctionshauſe, als ſich plötzlich die Thüre unſres Arbeitsſaals öffnete und mit einigem Geräuſch ein mir unbekannter Mann im Civilrock mit dem Werkmeiſter eintrat. Ein leiſes Geflüſter lief durch die Reihen, und ich hörte den Namen: „Regierungsrath H.!“ Natürlich warf ich mich ſofort in Poſitur und hantirte mit möglichſt gleichgültiger Miene an meinem obli⸗ gaten Schwefelholz⸗„Rähmchen“ weiter. Der mir durchaus nicht vorgeſtellte, alſo nur vermuthungsweiſe Herr Regierungsrath, deſſen ganzer Beſuch nur mir zu gelten ſchien, poſtirte ſich gerade hinter mich, und nachdem er eine Zeitlang ſchweigend meiner Arbeit, zu⸗ geſchaut, fragte er:„Nun, Herr F., wie geht es Ihnen?“ Ich drehte mich überraſcht um und erwiederte lakoniſch:„Je nun, ganz gut, mein Herr, Alles nach Umſtänden! Jedes Ding hat auch ſeine luſtige Seite, und ich finde meine Situation, ſo uner⸗ wünſcht ſie mir Anfangs war, beziehungsweiſe jetzt ganz amüſant.“ „Es iſt mir lieb, Das von Ihnen zu hören“, bemerkte der Herr Regierungsrath.„Sie ſind bei dem Miniſterium um Geſtattung der Einzelhaft mit eigner Verköſtigung eingekommen. Ihr Geſuch mußte natürlich abgewieſen werden, und hat es mich um ſo mehr überraſcht, daß gerade Sie eine ſolche Bevorzugung verlangten, da Sie doch als entſchiedner Demokrat für die Gleichheit — 219— aller Staatsbürger vor dem Geſetze ſind.“ Der darin liegende offenbare Hohn trieb mir das Blut in's Geſicht und ich vermochte meine Indignation kaum zu bemeiſtern.„Herr Regierungs⸗ rath— denn das iſt Ihr Titel, wie ich höre—!“ erwiederte ich raſch,„ich ſinde es nicht ſehr delicat von Ihnen, in meiner momentanen Lage Ihnen gegenüber zum Schaden auch noch den Spott zu fügen. Gerade die Gleichheit Aller vor dem Geſetz, die allerdings mein Parteiprincip iſt, aber nicht nur buch⸗ ſtäblich angewandt werden darf, hätte hier zu meinen Gunſten ſprechen ſollen. Oder glauben Sie etwa wirklich, für mich, einen gebildeten Menſchen, deſſen Ehrenhaftigkeit ſelbſt der Staatsanwalt nicht beſtritten hat, wäre die halbjährige Einſperrung unter dieſe Leute da bei Waſſer und Brod, Erbſen⸗, Bohnen⸗ und Linſen⸗ Suppe und die mechaniſche Arbeit an dieſem Schwefelholzkaſten nicht eine mindeſtens noch einmal ſo empfindliche Strafe, als für jeden Andern, den Sie hier um mich herum ſehen? Ich werde der Regierung nicht den Gefallen thun, um Gnade zu bitten, aber nachdem man mich einmal in's Correctionshaus, ſtatt ſo gut, wie viele Andere mit weit ſchwererer Verurtheilung, in die Feſtung verwieſen, durfte ich im Intereſſe der Billigkeit und moraliſchen Gleichheit der Behandlung eine Trennung von meiner gegenwärtigen Kameradſchaft, von deren Character Sie ſich durch eigne Anſchauung überzeugt haben werden, gewiß ver⸗ langen. Meine Partei iſt unterlegen, und ich ſitze hier. Wenn wir geſiegt hätten, würden Andere an meiner Stelle, aber gewiß nicht mitten unter Dieben, Fälſchern und Vagabunden, ſitzen!“ Der Herr Regierungsrath, auf dieſe mit zitternder Erregung hervorgeſprudelte Antwort in einiger Verlegen⸗ heit, räusperte ſich ein paarmal, zuckte dann ſtillſchweigend die Achſeln und entfernte ſich. Von da an war ich keiner ähnlichen offiziellen Beaugenſcheinigung mehr ausgeſetzt.— Damit ſchließe ich die flüchtige Scizze meines halbjährigen Correctionshaus⸗Arreſts, bezüglich deren, nachdem ſie zuerſt in der Didaskalia erſchienen, mein Freund und Vogelsberger Landsmann Otto Müller ſ. Zt., Angeſichts des allerdings gar dankbaren Stoffs, als belletriſtiſcher Schriftſteller von Fach öfter bedauert hat, daß ſie nur eine etwas haſtig hingeworfene Federzeichnung geblieben ſei. Ich hätte ſie allerdings viel breiter ausmalen können, namentlich da auch das für eine Novelle ſeines Genre's unentbehr⸗ liche erotiſche Element— ſelbſtredend par distance, alſo rein „platoniſch“— gleichzeitig nach der Front und zur Seite meiner kleinen Baſtille mit hereinſpielte.(U. A. gedenke ich noch mit einer gewiſſen Rührung meiner nach den C. Süe'ſchen„Pariſer Geheimniſſen“ alſo von mir getauften fröhlich flinken„Lachtaube“, — 220— einer gar dienſtwilligen, auch politiſch⸗ſympathiſchen, meinen ver⸗ gitterten Vorfenſtern gerade gegenüber wohnenden Reſidenz⸗Griſette, die mir Tag für Tag als unermüdliche„Republikanärrin“, wie ich ſie ebenfalls nannte, behufs der prompten Expedition meiner Zeitungen, Briefe und geheimen Victualien die Botengänge in die Stadt beſorgte. Sie iſt nun ſchon ſeit einer Reihe von Jahren todt. Sanfte Nuhe meiner„rigolette“! Von ihr erfuhr ich eines Sonntag⸗Morgens, als gerade meine Kameraden nebenan in der Kirche ſaßen, die Nachricht von der glücklichen Flucht Gottfried Kinkel's aus dem Spandauer Zuchthauſe, die ich mit einer ſtillverſchwiegnen Flaſche Rothwein aus meinem geheimen Keller— gewiß ein polizeiwidriges Accompagnement zu der nebenan ertönenden offiziellen Bußpredigt— feierte. Warum ſoll ich indeß ſolcherlei Erlebniſſe, die beim vorübergehenden Einblicke von außen gar intereſſant ausſehen, für die unfreiwilligen Internen aber mitunter verzweifelt langweilig ſind, in die Breite ſpinnen, zumal da ich keine praktiſch illuſtrirte Abhandlung über die verſchiedenen Gefängniß⸗Syſteme(wovon ich übrigens das iriſche für das beſte halte) zu ſchreiben gedenke?! Eine Schilderung der früheren 10monatlichen Unterſuchungshaft in den Provinzial⸗Arreſthäuſern der Univerſitäts⸗ und Reſidenz⸗Stadt mochte ich darum gar nicht vorausſchicken, da dieſelbe, mit Ausnahme gelegentlicher Intermezzo's an erſterem Orte*), in der Iſolirzelle doch etwas gar monoton *) Ein in ſeiner Art höchſt erbauliches Zwiegeſpräch hatte ich u. A. während meines täglichen Nachmittags⸗Spaziergangs mit der, wegen Ueber⸗ ſchreitung ihrer polizeilichen Confination und Mißhandlung eines Gensd'armen bei Gelegenheit ihrer Heimweiſung verhafteten, damals ziemlich allgemein, mir ſelbſt aber bis dahin nur par renomméce bekannten Courtiſane, der ſogenann⸗ ten„Prinzeſſin von Lich“. Ohne daß ich nur die unfreiwillige Kamerad⸗ ſchaft mit einer damals ſo eigenthümlich celebren Perſönlichkeit ahnte, rief ſie mir plötzlich während meines Spaziergangs von ihrem offnen Fenſterchen aus die vertrauliche Frage entgegen, ob ich nicht der Herr F. ſei? Als ich kurz bejahte, nannte ſie ohne alle Zimperlichkeit ſofort ihren obigen nom de guerre. „Nun, Fräulein“, fragte ich ſie,„weßhalb ſitzen Sie denn eigentlich hier?“ „Ei,“ erwiederte die Dirne lachend,„gerade wie Sie, auch wegen der Republik! Ich habe einen Gensdarmen geſchlagen, weil er mich arretiren wollte, während ich mich doch ganz ehrlich zu ernähren ſuchte. Das hätten Sie ſich gewiß auch nicht gefallen laſſen, Herr F.!“„Je nun,“ war meine reſervirte Antwort unter Achſelzucken,„es kommt eben Alles auf die Umſtände an Aber den Herren Gensd'armen gegenüber ſoll man ſich doch etwas in Acht nehmen!“ „Einerlei,“ fuhr mein unerwartetes Gegenüber keck vertraulich fort.„Wahr⸗ ſcheinlich komme ich diesmal nach Rockenberg(in das Zuchthaus von Marien⸗ ſchloß). Kommen Sie auch dorthin?“„Ja, mein Fräulein,“ replicirte ich trocken auf dieſe Frage aus ſolchem Munde,„das kann ich Ihnen eben noch nicht genau ſagen. Vielleicht werde ich ganz freigeſprochen, vielleicht komme ich auch in das Correctionshaus, ſchwerlich aber ins Zuchthaus!“„Nun“, ſo ſchloß der intereſſante Dialog par distance von Seiten der— Dante mit einem gewiſſen — 221— verlief. Es waren das eben„le mie prigioni“ wie Silvio Pellico ſeine Erlebniſſe als politiſcher Gefangener vom öſterreichiſchen Spielberg betitelte. Freilich mit dem vieljährigen Märtyrerthum des berühmten italieniſchen Patrioten nicht im Entfernteſten zu vergleichen. Dafür war ich auch glücklicher Weiſe der Gefahr nicht ausgeſetzt, zuletzt, gleich JFenem, dem Myſticismus zu verfallen. Vielmehr geht aus Vorliegendem, vielleicht zum Mißbehagen man⸗ ches gläubig loyalen, hinter den Kerkergittern die obligate„Zer⸗ knirſchung“ bei mir vorausſetzenden Leſers, klar genug hervor, daß ich, durch dieſe mit gründlicher Privatlectüre und ſtiller Rück⸗ und Selbſtſchau verbundene unfreiwillige Muße und den meinerſeits ungeſuchten Verkehr mit früheren akademiſchen Fachgenoſſen von der„Mutter Kirche“ in meiner antitheologiſchen und politiſchen Ketzerei nur noch mehr beſtärkt, meinen früheren unverwüſtlichen Humor, ſowie den Leſſing'ſchen„Zweifel“ lange nicht verloren hatte. Schrieb ich doch, als ich noch aus der Unterſuchungshaft heraus jener in den Straßburger Flüchtlings⸗Erinnerungen kurz erwähnten„blonden Sie“ heimlich mein Bild ſandte, voll ſieges⸗ gewiſſer Hoffnung auf die demnächſtige, uns Alle im Triumphe befreiende(?) ſiegreiche Revolution die Verſe G. Herwegh's darunter: „Vom hohen Thurme ſchauet ein Aar— Denk' mein, Feinliebchen, o denke! Dort ruhet mein Arm, dort bleichet mein Haar;(⁷) Doch über drei Tage und über ein Jahr— Schenk' ein, mein Liebchen, o ſchenke!— Da läuten die Völker zum heiligen Sturm, Wir leeren die Gläſer und ſteigen vom Thurm! Gott grüße Dich, Liebchen!“— Das waren freilich hinterdrein getäuſchte Hoffnungen. Nach meiner Entlaſſung aus dem Correctionshauſe— von einem„hohen Thurme“, etwa mit dumpfem Verließ, worin„mein Haar bleichte“, konnte ſelbſtverſtändlich keine Rede ſein!— haben „die Völker“, welche im Gegentheil das alte humoriſtiſche Studentenlied„Europia braucht Ruh'“ fortwährend im vollſten Ernſte ſingen, noch bis heute nicht„zum heiligen Sturm geläutet“, und„Sie“, jetzt ehrſame wohlconditionirte Frau Pfarrerin, war bräutlich zu der von mir ſchnöde verlaſſenen Theo⸗ eyniſchen Lachen,„hoffentlich ſehen wir uns in Rockenberg!“ Nit dieſem tröſt⸗ lichen au revoir! ging ich kopfſchüttelnd weiter und dachte ſeufzend an die alte Reichspolizei⸗Verordnung, welche„Studenten, Seiltänzer, öffentliche Dirnen und anderes Lumpengeſindel“ bekanntlich in einen Topf wirft. Daß meine Kameradſchaft von ſolcher Seite reclamirt werden würde, hätte ich mir nicht träumen laſſen. . V. — 222— logie übergegangen! Je nun, ich zuckte zu beiden Enttäuſchungen —„wer weiß, wozu es gut ware!“ ſagt der deutſche Philiſter— mit philoſophiſcher Reſignation die Achſeln. Die letztere habe ich im Schooße eines glücklichen Familienlebens längſt ſo ſehr verwunden, daß ſie manchmal ſchon zum Gegenſtande heiteren Scherzes für mich geworden iſt, nicht ſo bald aber die erſtere, daß mir die erſehnte Advokatur, auf welche mich Talent und Neigung vorzugsweiſe hinwieſen, und bezüglich deren mir immer das Wort Jean Paul's aus deſſen„unſichtbarer Loge“ vorſchwebte: „Ein Advokat iſt der einzige Volkstribun gegen die Regierung“, in Folge der Correctionshaushaft und damit verknüpfter ſpäterer Maßregelung des akademiſchen Senats verſperrt worden iſt. Im Uebrigen betrachtete ich damals meine im Ganzen etwa 1 ½2jährige Haft faſt heiteren Muthes im Grunde nur als eine etwas gar ausgedehnte Verlängerung meiner mehrwöchentlichen ſtudentiſchen Carcerſtrafen. Mit letzteren verbüßte ich wohlverdien⸗ ter Maßen den burſchikoſen„Auszug“ nach Stauffenberg, mit erſterer den politiſchen nach Baden ec., und das consilium abeundi, was ich in der erſten Periode hatte„unterhauen“ müſſen, war in der zweiten aus dem ſenatlichen Rath in die ſtaats⸗ polizeiliche That übergegangen. Es blieb mir post tot discrimina rerum wohl oder übel gar nichts Andres übrig, als den„alten Adam aus⸗ und den neuen Menſchen anzuziehen“, obgleich leider! auch für den letzteren, der ſelbſtredend nicht ſtreng„nach Gott ge⸗ ſchaffen war in rechtſchaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit“, das alte Wort des Horaz gelten ſollte: „Naturam expellas furca, tamen usque recurret!“ Auf die akademiſche Relegation, die ich übrigens durch heimlichen Aufenthalt unter meinen bürgerlichen Gießener Freunden, bei„Spritz⸗Fahrten“ nach den Ausflugsorten der Umgegend durch die Stadt hindurch unterm Spritz⸗Leder verborgen, fröhlich zu um⸗ gehen wußte, ſollten bald bürgerlich⸗polizeiliche Ausweiſungen folgen, da ich eben unverbeſſerlich blieb. Und darum konnte ich nie ein Lächeln unterdrücken, wenn ich ſpäter im Brockhaus'ſchen Converſations⸗Lexikon(XI. Auflage, 4. Bd., S. 757) las: „Correctionshäuſer nennt man die Zwangsarbeitshäuſer, in denen Mißiggänger, Bettler, Vagabunden u. ſ. w.(Das„Und ſo weiter“ gilt ſicher auch für mich!) zur Arbeit, überhaupt zu einem ordnungsmäßigen Leben angehalten werden.“ Die obige„Gabel“ des Horaz hat mir wahrlich nicht gefehlt und ich trage die Narben ihrer plumpen Stiche. Aber die alte„Natur“ iſt mir trotzdem noch bis heute geblieben und ſie möge mir, da ich durch die„kurculae Caudinae“ niemals zu gehen gedenke, bleiben bis zum letzten Augenblicke!——— VI. Nachwehen. Die Zeit nach meiner Entlaſſung aus dem Correctionshauſe will ich zum Schluſſe hier nur flüchtig berühren, obgleich ſie mir noch gar manche bittre Enttäuſchung als Folge der mißliebigen politiſchen Vergangenheit bot. Am„Morgen des 15. März 1851,— gerade 2 Tage vor meinem 24&. Geburtstage— wo ich meiner Haft endlich entlaſſen werden ſollte, wurden wir in einer beſondren Zelle des unteren Stocks ſchlafenden ſogen. Correctionshaus⸗„Honoratioren“(ein weiland Diſtrictseinnehmer, ein Handlungs⸗Commis und ſonſtige büßende„Standes-Perſonen“) durch einen gerade an dieſem Kalendertage bisher ganz ungewohnten frühen Kanonendonner von unſern Strohſäcken aufgejagt.„Was iſt los?“ fragten wir uns alle, die Augen mit einem gewiſſen Katzenjammer reibend, ſintemalen wir am Abend zuvor bei verſtohlenem Lichte und mit Teppichen verhängten Gitterfenſtern zur Feier meines Abſchieds bis in die tiefe Nacht fröhlich„gekneipt“ hatten. Keiner konnte ſich die feſtliche Veranlaſſung zu dieſer dröhnenden Demonſtration denken. „Gebt Acht!“ rief ich mit einem ſchlechten Witze dazwiſchen.„Das „geſchieht am Ende gar mir zu Ehren, weil ich heute loskomme!“ Darauf erſchallte einſtimmiges„Hohngelächter der Hölle“, wie einer meiner Univerſitätsfreunde in ſolchen Situationen zu ſagen pflegte. Wie ich nachträglich außerhalb der Gefängnißmauern erfuhr und in einem beſonderen Artikel des Frankfurter Journals von dem⸗ ſelben Tage beſtätigt fand, wurde gerade damals der Geburts⸗ und Namenstag der inzwiſchen verſtorbenen Großherzogin Mathilde zum erſten Male in ſo geräuſchvoller Weiſe eingeleitet und hatte der Volkswitz der Reſidenz ſich allerdings dieſes dem großen Publi⸗ kum noch nicht verſtändlichen quid pro quo ſofort bemächtigt, da, wie mein derzeitiger, an jener erſtmaligen Feſtkanonade artille⸗ Rr 3 e 5 ℳ₰ — 2* — 224— riſtiſch mitbetheiligter„Maſchinenmeiſter“ ſich ebenfalls noch beſtimmt erinnert, am fraglichen Morgen das allgemeine Bonmot in der Stadt cirkulirte: der Großherzog laſſe meine heutige Freilaſſung anſchießen!“ Es wurde darüber viel gelacht und ich ſelbſt, nachdem mich mein Freund und„geheimer Fonds“⸗ Verwalter, H. Kech, gegen 10 Uhr per Droſchke ins Freie ab⸗ geholt, lachte bei der oft genug wiederholten desfallſigen Frage und Antwort natürlich am Meiſten. Wir gingen denſelben Morgen noch an dem, vom ganzen Oſffſiziercorps mit den Muſikcapellen feſtlich beſetzten Paradeplatz vorbei. Dort ſchloß ſich uns mein ſchon früher erwähnter Freund Auguſt Becker, damals Abgeordneter der zweiten Kammer, an. Es war das ein für loyale Gemüther „höchſt unerbauliches, ſo zu ſagen,„politiſch⸗liederliches Kleeblatt“, denn Bäcker K.. h hatte in den 30er Jahren wegen der damaligen ſ. g. demagogiſchen Umtriebe Jahre lange geſeſſen und ich ſelbſt kam als„friſchgebackener“ Epigone erſt aus dem Kerker. Da wir Arm in Arm gingen, ſo fielen wir, zudem bei A. Becker's etwas ungeſchlachter wohlbekannter Figur, dem verſammelten Feſt⸗ publikum einigermaßen auf und, wie ich ſpäter erſt deutlich wahr⸗ nahm, wichen mir faſt alle meine mehr oder minder bekannten, mich von Weitem erkennenden Univerſitätsgenoſſen, die, ſchon mit dem einen Fuß im Steigbügel des Staatsdienſtes, meiſt zu den ſogenannten„Strebern“ gehörten, von Weitem ſorgfältig aus. Dies verſuchte u. A. auch in ähnlicher Weiſe, nur vergeblich, ein mir bereits zu nahe gekommener, inzwiſchen zu den Orthodoxen übergetretener, weiland theologiſch⸗rationaliſtiſcher Studiengenoſſe, jetzt Pfarrer in der Nähe der Reſidenz. In der unwillkürlichen erſten Freude des Wiederſehens nach längerer Trennung und ohne au die etwaigen„dienſtlichen“ Inconvenienzen einer Wiedererken⸗ nungsſcene an öffentlichem Orte zu denken, ſtürzte ich mit dem Rufe:„Ei guten Morgen, Weltſchmerz!“(es war das ſein ſtudentiſcher Spitzname) auf ihn zu. So unerwartet coram omni- bus von einem öffentlich bekannten, kaum entlaſſenen politiſchen Sträflinge begrüßt, gerieth der arme Schlucker zu meiner naiven Ueberraſchung ſichtlich in die peinlichſte Verlegenheit. Purpurroth im Geſichte, ſtotterte er:„Guten Morgen F.! Ein andermal!“ und eilte, mir den Rücken wendend, auf und davon. Im erſten Augenblicke war ich über dieſe Characterloſigkeit empört und wollte ihm nach. Auguſt Becker aber fiel mir in den erhobenen Arm mit den nüchternen Worten:„Sei ruhig, Kleiner! Das wird dir noch mehr paſſiren, und du mußt dich bei Zeiten daran gewöhnen!“ Und er hatte Recht, der alte Practikus, die Wieder⸗ holungsfälle waren leider häufig genug. Später aber, wenn ſogar ehedem näher vertraute akademiſche Schmollisbrüder mir gegenüber — 225— ſtarre Geſichter zeigten, wie aus Holz geſchnitzt, zuckte ich mit keiner Miene mehr, ſondern pflegte den meiſten Univerſitätskameraden gegenüber, ſo lange ſie ſelbſt nicht die Initiative der Begrüßung ergriffen, mit wahrhaft indianiſcher Ruhe mich zu geriren, als hätten wir uns unſre Lebtage noch nicht geſehen. Dieſer erſte Eimer kalten Waſſers vom Paradeplatz der Reſidenz, wo ich frei⸗ lich noch, ſo zu ſagen, nach dem Correctionshauſe duftete, hatte meine urſprünglich gar freudige Naivetät bei ſolchen Wiedererken⸗ nungs⸗Scenen für lange Zeit abgekühlt und es wurde von da an, nach A. Becker's klugem Rath, zur unverbrüchlichen Regel für mich, alte Jugendbekannte nicht eher als ſolche anzureden, bis ſie mich ſelbſt auch ausdrücklich begrüßt hatten. Da ich mir nicht das Geringſte vorzuwerfen hatte, ſo erfüllte mich das verlegene Stillſchweigen und Ausweichen alter Commilitonen bei gelegent⸗ lichem Aufeinanderſtoßen zuletzt mit einer gewiſſen ſtolzen Verachtung. Das„Hic niger est, hunc tu, Germane, caveto!“ was auf ihren verlegenen Geſichtern ſtand, kitzelte mich ſogar zuweilen und es gereichte mir zuletzt zu einer Art grauſamen Vergnügens, wenn ich Einen von ihnen an öffentlichem Orte in größerem Kreiſe traf, ihn plötzlich als Theilnehmer oder Zeugen irgend eines con amore aufgetiſchten gemeinſamen muthwilligen Gießener Studentenſtreichs zu citiren. Eine ehrenwerthe Ausnahme von dieſer traurigen Regel machte u. A. an demſelben Morgen, wo mir jene unangenehme Scene paſſirte, auf demſelben reſidenzlichen Paradeplatze der da⸗ malige Regierungs⸗Acceſſiſt, jetzige Miniſterialrath B. Jasp, Sohn amn des inzwiſchen penſionirten Miniſterpräſidenten, für deſſen„Amts⸗ ehrenbeleidigung“ ich meine Haft hatte verbüßen müſſen. Eine treuherzige Natur, wie ich ihn wenigſtens mir gegenüber ſtets gefunden habe, reichte er mir mit der etwas naiven Frage die Hand:„Ei guten Morgen, F.! Wo kommſt Du her?“„Wenn Du's wiſſen willſt, lieber J..., geraden Wegs aus dem Corrections⸗ haus, in das mich Dein Alter 6 Monate hat einſpinnen laſſen!“ Als der mir befreundete Sohn ob dieſer unangenehmen Reminis⸗ cenz an die frühere miniſterielle Thätigkeit ſeines Vaters ſichtlich in einige Verlegenheit gerieth, antwortete ich lachend:„Nun, da⸗ drum keine Feindſchaft nicht!“ wie der Berliner ſagt. Es iſt jetzt glücklich vorbei und wäre ich nicht über Deinen Vater geſtolpert, ſo würde mir's wohl bei einem Andern paſſirt ſein; denn ungerupft wäre ich doch nicht davongekommen!“ Als mein Freund in ſeiner Gutmüthigkeit auf dieſe Bemerkung erwiedern wollte, unterbrach ich ihn mit den Worten:„Du brauchſt mir wegen der abgemach⸗ ten Geſchichte keine Rede zu halten. Damit Du ſiehſt, wie wenig ich deßhalb Deinem Vater grolle, haſt Du hier eine von den hundert Cigarren, die ich zum Geſchenk für Freunde und Bekannte aus 29 — 226— purem Javatabak noch im Correctionshauſe eigenhändig gewickelt und gedeckt habe. Die kannſt Du ihm in meinem Namen mit Gruß überreichen, er ſoll ſie ſich mir zu Ehren ſchmecken laſſen.“ „Aber, F.“, bemerkte der Sohn ſeines Vaters herzlich lachend, „mein Alter raucht ja gar nicht.“„Nun, meinetwegen,“ lachte ich nicht minder,„ſchadet auch Nichts. Auf dem letzten Frankfurter Friedens⸗Congreß, wo er Präſident war, hat ihm ja der Indianer⸗ häuptling Ki— Cha— Bow, oder wie der Kerl heißt, feierlich auf der Tribüne eine Original⸗Friedenspfeife überreicht. Die muß er denn doch honoris causa von Zeit zu Zeit einmal in Dampf ſetzen, und da mag er ſich meine correctionelle Straf⸗Cigarre in Gottes Namen, klein geſchnitten, hineinſtopfen!“„Damit haſt Du nicht Unrecht!“ war die von entſprechendem gutem Humor dictirte Ant⸗ wort.„Ich will's ihm beſtens beſorgen.“— Als ich nach Hauſe zurückkehrte, brach meine gute Mutter, ihren einzigen Sohn und Liebling in die Arme ſchließend, in laute Thränen aus. Und ſo ſehr ich mich unterwegs für dieſen Moment gewappnet, wurden doch trotz allen Sträubens meine eignen Augen etwas feucht. Wie mochte die in ihrer Art höchſt achtbare alte Frau, die freilich für ſolche Ausnahmeverhältniſſe, wie die meinigen, gar keinen rechten Maßſtab hatte, viele ſtille Nächte lang ſeit unſerm letzten Auseinandergehen um mich gelitten haben!„Sei nur ruhig, Alte!“ rief ich ihr mit etwas forcirtem Humor entgegen. „Laß in Gottes Namen ein Kalb ſchlachten, wie der Vater im Evangelium! Dein Sohn, der verloren war, iſt wieder⸗ gefunden worden. Und,“ ſo fuhr ich, um die beiderſeitige momentane Rührung durch einen ſchlechten Witz zu verjagen, lachend fort:„Siehſt Du! Du haſt mir immer geſagt:„Wenn ich's nur noch erlebe, daß Du dir einmal dein eignes Geld verdienſt! Da haſt Du zum Anfang einen preußiſchen Thalerſchein als meinen Darmſtädter Arbeits⸗Ueberverdienſt für Streichholzleſen und Cigarren⸗ wickeln. Weiteres wird ſchon nachfolgen!“„Ach Gott!“ ſeufzte ſie, den Schein übrigens, wenn auch nur der Curioſität halber, ſorgfältig aufhebend,„von ſolchem Verdienſt will ich lieber doch Nichts wiſſen.“— Die Tage der unfreiwilligen Muße nach meiner Freilaſſung daheim waren bei der völligen Unſicherheit über meine Zukunft die peinlichſten, die es je für mich gegeben hat. Für zweckloſes Bum⸗ meln war ich nicht geſchaffen. Ich ſchämte mich faſt, ſchon im Alter von 25 Jahren meiner Mutter die Beine noch unter den Tiſch ſtrecken zu müſſen, und die paar obligaten Redensarten über mein ziemlich wohlfeiles„politiſches Märtyrerthum“ bei gelegentlichen Ovationen von Seiten noch ſo ehrlicher Geſinnungsgenoſſen, denen ich allmählich mit gewiſſer Scheu aus dem Wege ging, widerten mich zuletzt an. Ja, ein„Menſch des verfehlten Berufs“, es iſt ein gar bittres Wort, was Bismarck einſt für uns mehr oder minder unfreiwillige Journaliſten gebraucht hat, und für mich ſelbſt war das Gefühl der vorerſt verſperrten Carriere, der beküm⸗ merten Mutter gegenüber, um ſo ſchmerzlicher, als meine beiden heimathlichen Studien⸗ und Altersgenoſſen vorſchriftsmäßig das eine Exramen nach dem andern machten. Ich dachte ſtets an jenen Vers des römiſchen Dichters, den ich auch vor den Reſidenz⸗Aſſiſen, Angeſichts der das Barreau umlagernden zahlreichen nichtcompro⸗ mittirten Acceſſiſten, mit gewiſſer Bitterkeit citirte: es ſei für die ſicher am Ufer Stehenden ein behagliches Gefühl, zu ſehen, wie im toſenden nahen Meere ein Schiff ſcheitert!“ Das ihrige lag im ſichren Hafen, das meine, von widrigen Stürmen zurückgeſchleudert, ſteuerte noch, ohne daß nur vorerſt ein Leuchtthurm winkte, in offener See.„Wie viel Geld haſt Du mich ſchon gekoſtet und was haben wir nun davon?“ ſo ſtöhnte oft halblaut Abends die Mutter, die, ohne dem Idealis⸗ mus der Jugend ihrer eignen ganzen Natur nach Rechnung tragen zu können, ſtets nur das nächſte praktiſche Ziel der materiellen Verſorgung im Auge hatte, gleich der Mutter Clärchens, wenn ſie ihrer Tochter ſagt:„Ja, es kommt eine Zeit, wo die Jugend und die ſchöne Liebe vorbeigeht und man froh iſt, wenn man irgendwo unterkriechen kann.“ Was für das Brüſſeler Bürgermädchen die„ſchöne Liebe“, das war für mich naiven Studenten der Enthuſiasmus für die Republik, von der die alte Frau mir ſtets zu ſagen pflegte:„Und wenn ihr euch, Du und Deine Genoſſen, alle mit einander auf den Kopf ſtellt, die bringt ihr doch nicht fertig! Mit dem Schädel wirſt Du niemals durch die Wand rennen!“— Da ſie mir, um über meine Zukunft endlich ins Klare zu kommen, durchaus keine Ruhe ließ, ſo entſchloß ich mich mit Widerſtreben dazu, etwa ein halbes Jahr nach meiner Freilaſſung folgende Vorſtellung an das Miniſterium zu richten, deren Authen⸗ ticität ich mir, um etwaigen ſpäteren Mißdeutungen durch die Re⸗ gierungspreſſe vorzubeugen, von meinem Freunde Auguſt Becker ausdrücklich auf dem vor mir liegenden Concepte beglaubigen ließ. „An das Großherzogliche Miniſterium des Innern zu Darmſtadt. „betr.: ergebenſte Anfrage des unter⸗ zeichneten R. F., Studiosus juris aus Se en, in Bezug auf ſeine Zu⸗ laſſung zum juriſtiſchen Facultäts⸗ und Staats⸗Examen reſp. zum Acceß. „Wie es einer hohen Behörde wohl nicht unbekannt geblieben — 228— „ſein wird, bin ich im September v. J., unter völliger Frei⸗ „ſprechung von allen übrigen, gegen mich erhobenen Anklagen, „wegen Beleidigung des ehemaligen großherzoglichen Staatsminiſters „J... durch den Aſſiſenhof zu Darmſtadt zu 6 Monaten Correc⸗ „tionshausſtrafe verurtheilt und nach deren Verbüßung nach⸗ „träglich noch auf Grund eben dieſer Verurtheilung „von dem akademiſchen Disciplinargerichte zu Gießen auf 2 Jahre „relegirt worden. Obſchon mich die letzterwähnte, nach bereits „erlittener civilgerichtlicher Strafe völlig unerwartete Verſchärfungs⸗ „maßregel ſehr empfindlich treffen mußte, ſo habe ich doch in der „Hoffnung, daß mir ſpäter wohl auf geeignetes Erſuchen die Zeit⸗ „dauer der Relegation höheren Ortes verkürzt werden dürfte, bis „dahin auf jeden Recurs an ein Gr. Miniſterium ſtillſchweigend „verzichtet. Da ich nun immer noch die Abſicht habe, mein „juriſtiſches Studium fortzuſetzen, um womöglich ſpäter zur Advo⸗ „catur zu gelangen, zu welchem Berufe mich von jeher meine „Neigungen und Fähigkeiten vorzugsweiſe hinziehen, ſo fühle ich „mich, um rechtzeitig über meine Zukunft ins Reine zu kommen, „dazu gedrungen, an ein Gr. Miniſterium in geziemender Ergeben⸗ „heit die dringende Anfrage zu richten: „ob mir ſeiner Zeit, falls ich bis dahin durch mein „Verhalten keinen begründeten Anlaß zu neuer Be⸗ „ſchwerde gegeben, Seitens der Staatsbehörde der „Zutritt in das Facultäts⸗ und eventuell das Staats⸗ „Examen, reſp. die Zulaſſung zum Acceß nicht verwehrt „werden wird, ſowie ob ich unter dieſer Vorausſetzung „Ausſicht habe, auf ein geeignetes beſondres Geſuch veinen wenigſtens theilweiſen Erlaß meiner nun noch „1 ½ Jahre dauernden Relegation zu erhalten?“ „Sollte etwa meine früher incriminirte Betheiligung an den „nun überwundenen demokratiſchen Beſtrebungen der Jahre 1848 „und 1849 der günſtigen Beantwortung meiner Anfrage im Wege „ſtehen, ſo erlaube ich mir, unter Mitanrechnung der damaligen „außerordentlichen Zeitverhältniſſe, an die ſich billiger Weiſe „der Maßſtab der heute wieder geltend gewordenen „Rechtsanſchauung nicht überall anlegen läßt, darauf „hinzuweiſen, daß die bisher von mir erlittene bittre Strafe eines „lSmonatlichen Erils und einer 16monatlichen Kerkerhaft, wodurch nich, in Verbindung mit der nachfolgenden Relegation, in der „gewünſchten Fortſetzung meiner Carriere mindeſtens um 4 Jahre „zurückgehalten bin, in den Augen einer hohen Behörde wohl „als hinlängliche Sühne für die gerichtlich zum größten Theil „ganz ſchuldlos erklärten Begangenſchaften einer nun ſchon drei „Jahre hinter uns liegenden ſtürmiſchen Zeit eerſcheinen dürfte, — 229— „wie mich denn auch auf der andern Seite der thatſächliche Um⸗ „ſtand ermuthigt, daß inzwiſchen ſchon mehrere meiner ehemaligen „Univerſitäts⸗ und beziehungsweiſe auch politiſchen Geſinnungs⸗ „Genoſſen, die ſich im Jahre 1848 und ſpäterhin noch ebenfalls „an öffentlichen Manifeſtationen oppoſitioneller Natur notoriſch „betheiligt haben,(darunter z. B. mehrere Pfarramts⸗Candidaten, „auch Juriſten) ungehindert und, meines Wiſſens, auch ohne Ver⸗ „langen eines Widerrufs zum Facultäts⸗ und Staats⸗Examen „zugelaſſen worden ſind. Auf dies Präjudiz mich beziehend, darf „ich ſchließlich wohl noch darauf aufmerkſam machen, daß mein „von allen Demonſtrationen und Agitationen fernes Verhalten im „Laufe der nach meiner Freilaſſung nun ſchon verfloſſenen 6 Monate „weder hier, noch anderwärts zu irgend einer ernſtlichen Beſchwerde „Veranlaſſung geboten hat, in welcher Hinſicht ich mich getroſt „auf die Zeugniſſe der betr. Gr. Lokalbehörden beruſen kann. „In der dadurch begründeten Hoffnung auf einen baldigen günſtigen Beſcheid verharre ich eines Gr. Miniſteriums ergebenſter R. F., Stud. jur. S...... n, den 24. Sept. 1851. Die wortgetreue Uebereinſtimmung mit dem durch meine Hände gegangenen Original beglaubige ich auf Verlangen. Darmſtadt, 27. Sept. 1851. Aug. Becker, L. T. Abgeordneter.“ Meinem Freunde Auguſt Becker konnte man nach ſeinen, ſchon aus den 30er Jahren datirenden politiſchen Antecedentien eine gewiſſe praktiſche Erfahrung gerade auf dieſem Gebiete ſicher nicht abſprechen. War er doch ſ. Zt. politiſch als Theologe ge⸗ ſcheitert und ich, der, wie ich mit einem frivolen Wortwitze öfter zu ſagen pflegte, in der Theologie„glücklicher Weiſe verunglückt“ war, befand mich als juriſtiſcher Convertit demſelben Schiffbruche mit veränderter Flagge gegenüber! Seine Antwort, deren Datum „Darmſtadt, 1. October 1851“ ich nach löblicher Gewohnheit des Briefſchreibers nur aus dem Poſtſtempel erſehe, ſtörte glücklicher Weiſe noch rechtzeitig meine gar naiven Illuſionen. Ich gebe deren Hauptſtellen in ihrer für A. B. charakteriſtiſchen naturwüchſigen Derbheit hier wörtlich wieder: „Lieber Kleiner! Deine Eingabe habe ich ſogleich mit der „Stadtpoſt expedirt, nachdem ich ſie unter Beihülfe H. K's. ſehr „gewiſſenhaft mit dem Original verglichen habe. Mit der Haltung „des Actenſtücks bin ich allerdings zufrieden— bis auf den „Paſſus, wo Du dich auf die Behandlung Deiner Univerſitäts⸗ und „Meinungsgenoſſen berufſt. Dieſe Anſpielung könnte Herrn von — 230— „Dalwigk veranlaſſen, auf den Gedanken zu kommen, daß Du „wenigſtens ebenſo tractirt werden müßteſt, wie Dein Freund Alex „B..... r, welcher durch Miniſterialdecret vom 26. v. Mts. „mir Nichts, dir Nichts und ohne irgend welche Angabe von „Gründen als ehrſamer Gerichts-Acceſſiſt aus dem Staatsdienſt „gechaßt“ worden iſt. A. B. ſoll das Hoſgericht, welches einſtim⸗ „mig auf ſeine Entlaſſung angetragen, freilich durch ſeine Ver⸗ „theidigung, in welcher er ganz überflüſſiger Weiſe auf ſeiner „demokratiſchen Geſinnung herumreitet, provocirt haben. Die⸗ „ſelbe lautete in nuce:„Ich war in London, aber nur zu „literariſchen und Vergnügungs⸗Zwecken. Alles, was man über mein „Verhalten während meines Aufenthaltes in England behauptet „und denuncirt hat,(Beſuche bei G. Kinkel, Ledrü-Rollin und „ſonſtigen dortigen Flüchtlingen) iſt erlogen. Wahr iſt nur, daß „ich Demokrat bin. Das geht aber Niemanden was an. Das „verehrliche Hofgericht hat nur meine Handlungen, nicht aber „meine Geſinnungen zu richten.“ U. ſ. w. „Alex Baeerwar in London. Du aber warſt in Straß⸗ „burg, in der Schweiz und vor Allem in Baden bei den Frei⸗ ſchärlern. Du ſtehſt alſo unter derſelben Verdammniß mit „A. B. und kannſt Dich auf das Schlimmſte gefaßt machen. Sie „werden Dich entweder dadurch zum Narren halten, daß ſie Dir gar „nicht antworten, oder dadurch, daß ſie Deine Zulaſſung zum Examen „und Acceß von Deinem künftigen Betragen abhängig machen, „Dich alſo über Deine Zukunft in unbeſtimmtem Duſter laſſen. Gut, „daß die Zukunft dieſer Herren noch düſterer iſt, als „die Deinel Item; ich glaube nicht, daß die Antwort des Miniſte⸗ „riums unter den Verhältniſſen, in denen Du lebſt, Dich in eine den „Studien, die Du mit ſo viel Eifer betreiben willſt, günſtige Ge⸗ „müthsverfaſſung verſetzen wird. Meiner Meinung nach wäre es „am Beſten, wenn Du dich ſogleich als„Ferkelſtecher“ bei Deinem „Vertheidiger Mete engagiren ließeſt.(Zu einem ſo zweifelhaften „Interimiſtieum hatte ich ſelbſtredend keine beſondre Luſt. D. P.) „Damit verdienſt Du Geld und kommſt aus dem Bereich der wohl— „verdienten, aber gerade darum nicht weniger unange⸗ „nehmen Moralpredigten Deiner Frau„Mama“. Das Engliſche „für Deine projectirte Auswanderung nach den United States „kannſt Du dann noch nebenbei lernen. Du haſt hier beſſere „Gelegenheit dazu, als irgendwo im Lande.“ „Eben kommt Alex und erzählt mir das tragiſche Ende des Aeceſſiſten St. in L., welcher, nachdem er in 48 ein wenig demo⸗ krakehlt, dann ſpäter zu Kreuz gekrochen und mit einigen Com⸗ miſſorien betraut worden, geſtern, glaube ich, ſeines fraglichen Commiſſoriums und ſeiner fl. 400 plötzlich ent⸗ und auf das — 231— Pflaſter geſetzt worden it— Jedermänniglich zum warnen⸗ den Exempel!“ „Alex iſt froh, daß er nun die Staatsdiener⸗Carriere vom Halſe hat. Er will nach München, um dort moderne Philologie zu ſtudiren— ein närriſches Vorhaben, was den Ort der Aus⸗ führung betrifft. Sein Bruder Louis iſt wieder von Wien zurück — bei aller Blaſirtheit ein ziemlich vernünftiger Kerl. Er will jetzt das Haus ſeines Vaters verlaſſen und in einem andern Quartier der Stadt ſeine mediciniſche Bude oder „Mördergrube“ anlegen.“*) „Ich höre, Du willſt eine Novelle über die Bekehrungsgeſchichte des Canis**) ſchreiben. Wenn Du ganz einfach ſeinen ſtudentiſchen Lebenslauf und ſeine Converſion als Candidat niederſchreibſt, ſo gibt das ein intereſſantes Buch, für das Dir Ricker in Gießen fl. 200 bezahlen kann. So viel Moos käme Dir doch in Deiner jetzigen finanziellen Miſere gar gelegen, und Muckerei, wie Anti⸗ muckerei, iſt eben ein ſehr gangbarer Artikel. Alſo raſch, ehe die Saiſon vorüber iſt! Nur nicht ſo ſehr nach Deinen ſchnöden Witzen und allerlei pikanten Notizen gejagt! Was Du heute nicht an den Mann bringſt, kommt ein andermal daran. Nun Lebewohl! Ich habe Dir einen ſo ausführlichen Brief geſchrieben, daß Du für lange Zeit daran ſatt haben haben ſollſt. Dein A. B.“ „Ferkelſtecherei“ bei einem, ob auch noch ſo befreundeten Anwalt oder Schriftſtellerei, wenn auch über noch ſo beliebte, mir geläufige Tagesfragen— dieſe Vorſchläge meines Freundes, die mir nur eine unſichre Exiſtenz von heute auf morgen in Aus⸗ ſicht ſtellten, wollten mir nicht recht behagen. Auf meine obige Anfrage an das Miniſterium bezüglich der beabſichtigten Fortſetzung meines juriſtiſchen Studiums aber bekam ich gar keine Ant⸗ wort, was mich als eine Unhöflichkeit und namentlich im Hinblick auf die für den betreffenden Stempelbogen rein zum Fenſter hinaus⸗ geworfenen 36 Kreuzer nicht wenig ärgerte. Als ich ſpäter dieſer⸗ halb bei einem mir naheſtehenden höheren Beamten vertraulich *) Mit den beiden Brüdern ſind Louis Büchner, der bekannte Ver⸗ faſſer von„Kraft und Stoſſ“, jetzt praktiſcher Arzt in Darmſtadt, und Alexan⸗ der Büchner, jetzt Profeſſor der deutſchen Sprache und Literatur in Caen, unſre intimen Freunde und politiſchen Geſinnungsgenoſſen, gemeint. 9 2 **) Eines theologiſchen Gießener Studiengenoſſen H., der, auf der Univerſität von tollſtem, Nichts reſpectirendem Humor, ſpäter als Candidat und Pfarrvikar eine bußfertige gläubige Säule der Kirche, nichts deſto weniger ar früh verſtorben iſt. Seine Biographie würde allerdings höchſt intereſſante apitel mit mannigfachen Reminiscenzen an den heiligen Auguſtinus geboten haben. D. V. — 232— interpellirte, erwiederte mir derſelbe achſelzuckend:„Auf eine in der Art motivirte Anfrage, wie die Ihrige, die nicht einmal das in ſolchen Fällen ganz unerläßliche„pater peccavi!“ und das Gelöbniß, ſich ähnlicher Excentricitäten für die Folge unverbrüchlich enthalten zu wollen, bietet, werden Sie ſchwerlich je eine Antwort erhalten. Hätten Sie ſich dazu verſtanden, ſo hätte man Ihnen vielleicht einen nicht un⸗ günſtigen Beſcheid gegeben!“„Nein!“ erwiederte ich, vor Zorn aufſtampfend,„daß ich mich vor ihnen platt auf den Bauch werfe, um hinterdrein doch noch unter Auspoſaunung durch ihre Zeitung einen gnädigen Fußtritt zu erhalten, darauf können die Herren noch lange warten!“ Es iſt Dies Gottlob auch niemals mit einer Silbe geſchehen, trotz der nachträglichen Bitten meiner Mutter. Aber meine Stempelgebühren, die doch nach dem da⸗ maligen Preiſe volle 4 Flaſchen Bier repräſentirten, war ian nie⸗ mals ſo honorig, mir zurückzu vergütent Und Letzteres gerade hat mich am Schwerſten geärgert.— Was nun anfangen! So fragte ich mich, des Bum⸗ melns müde und in Gedanken an das bekümmerte Geſicht der guten alten Frau, meiner Mutter, jeden Morgen beim Erwachen und jeden Abend beim Zubettegehen. Anfangs verfiel ich faute de mieux auf den desperaten Gedanken, die väterliche Blau⸗ und Schönfärberei, deren ſämmtliche Apparate daheim noch in beſtem Stand waren, wieder aufzunehmen, und glaubte in dieſem Falle der Kundſchaft unſrer Vogelsberger Bauern, die zweifellos zu mir geſtrömt ſein würden, vollkommen ſicher zu ſein. Davon aber wurde mir allerſeits dringend abgerathen, da ich mich zu einem ſolchen, damals ohnehin nicht mehr beſonders lohnenden Gewerbe ganz und gar nicht eigne. So dachte ich denn auch Angeſichts andrer, mir mehr geiſtige Beſchäftigung bietender Berufsarten, wie der brave, inzwiſchen als wohlhabender kleiner Banquier in Paris geſtorbene Ludwig Simon von Trier, ebenfalls zuletzt ein Pegaſus im Joche, am Schluſſe ſeines Buches„Aus dem Exil“ ruft:„Es geht nicht an. Ich muß meine bisherige Lebensweiſe gründlich ändern; es muß noch ein Stück Spiritualis⸗ mus unter die Füße, damit die Materie überlebe!— Was ich nun anfange?— Ich werde Commis!“—— Verſchiedene Schritte, die ich, zum Theil auf Grund einfluß⸗ reicher Empſehlungen, da und dort gethan, um mir in der Heimath durch Annahme einer Comptoiriſten⸗Stelle, ſei es vorerſt auch nur als unſalarirter Volontär, den Eintritt in die allein noch offen ſtehende kaufmänniſche Carriere zu verſchaffen, ſchlugen leider! fehl. Wenn auch der Eine oder Andere eine gewandte und ausdauernde Arbeitskraft, wie die meinige, gar leicht und vortheilhaft hätte verwenden können, ſo zuckten doch faſt alle Herren Principale trotz ihrer noch ſo lebhaft geäußerten principiellen Sympathieen für mich unisono die Achſeln. Ein ehemaliger hoch⸗ und landesverrätheriſcher Freiſchärler⸗Student, der unmittelbar zuvor aus dem Cor⸗ rectionshauſe entlaſſen worden, wie konnte man den, ohne den Ruf der eignen kaufmänniſchen Solidität zu riskiren, als Saul unter den Propheten auf dem Comptoir eines reſpectablen Geſchäftes placiren? Ein paar Thaler hätten mir die Herren wohl gerne geſchenkt, wenn ich danach ausgeſehen hätte, als würde ich ſie annehmen. Manche luden mich ſogar zum Beweiſe ihrer Sympathie zum Mittageſſen ein und Einer ließ gleich Champag⸗ ner auffahren, als er in dem übergebenen Schreiben meinen Namen las. Derſelbe war in Süddeutſchland, ſchon von des„deutſchen Zuſchauer’s“ Zeiten her bekannter, als ich geglaubt, und einige meiner politiſchen Studentenſtreiche von anno 48 hatten mir ſelbſt in dieſen Kreiſen eine gewiſſe landläufige Sympathie erworben. Wenn ich indeß, zuletzt ſtets mit gepreßtem Herzen, auf den eigent⸗ lichen Grund meines Beſuches kam, dann hieß es in der Regel mit ſtereotypem Achſelzucken:„Bedaure ſehr! Im Amugenblick iſt bei mir Alles beſetzt. Sobald ſich aber eine für Sie geeignete Vacanz ergibt, werden wir gerne an Sie denken“. ꝛc. ꝛc. Dieſe monoton kühlen Abweiſungen trotz aller von mir überreichten beſten Referenzen, deren Grund ich ſofort errieth, ſchnürten mir zuletzt das Herz zuſammen, ſodaß ich gar manches Comptoir mit— jenſeits der Thüre— thränenden Augen verließ und allen Muth verlor. Ein Berufswechſel in meinem Alter und meinen beſonderen Verhältniſſen war in der That weit ſchwerer, als ich gedacht hatte, auch mancher Andre denken mag, und ich fing ſchon wieder an, mich für den Uebergang nach dem transatlantiſchen beſſeren Jenſeits Hals über Kopf in mein Ollendorff’ſches engliſches Lehrbuch zu werfen. Da ging mir plötzlich ein ganz unerwartetes briefliches Anerbieten zu, das glücklicher Weiſe während vorüber⸗ gehender Abweſenheit auf einer kleinen Reiſe meiner Mutter in die Hände fiel, da ich ſelbſt es, in Folge der bisherigen Enttäu⸗ ſchungen ſchon ohne alles Vertrauen, ſicherlich ſtillſchweigend ad acta gelegt haben würde. Der noch jugendliche, mit mir etwa gleich⸗ alterige Chef eines bedeutenden Kurzwaaren⸗Engros⸗Geſchäftes in einer mittleren Provinzialſtadt am heſſiſchen Rhein ſuchte einen Facturiſten und Correſpondenten und hatte durch einen gemeinſamen Bekannten von meiner momentanen Lage und Abſicht gehört. Da er, ſelbſt ein weiland rheinpfälziſcher Reichsverfaſſungs⸗Freiſchärler von anno 49, in den Oſſtzierskreiſen ſeiner Heimath entſchieden mißliebig und durch deren Einfluß bei ſeinem kurz vorher erfolgten Aufnahmegeſuch aus dem dortigen Caſino hinausballotirt worden 30 — 234— war, ſo wünſchte er par revanche zum Aerger ſeiner officiellen Gegnerſchaft eine recht eclatante Demonſtration zu machen, und dazu ſchien ich ihm als neu zu engagirender Commis gerade die geeignetſte Perſönlichkeit. Er bot mir ſofort fl. 250 Salair bei freier Koſt an. Das war für meine Mutter ein non plus ultra und, meine Rückkunft nicht einmal abwartend, hatte ſie mir ſchon den Koffer zur Reiſe gepackt. Ohne beſondre Hoffnung, nur um etwaigen ſpäteren Vorwürfen zu entgehen, fuhr ich über den Rhein. Ganz gegen mein Erwarten war bei der mir von vorn⸗ herein ſympathiſchen, nichts weniger als pedantiſchen Perſönlich⸗ keit des jugendlichen Chefs das Engagement ſehr raſch abgeſchloſſen. Nach einigen Tagen ſchon ſiedelte ich, zur großen Erleichterung der Frau Mama, mit Sack und Pack nach meinem neuen Beſtim⸗ mungsorte über. Dort fand ich am Comptoirpult und im Magazin eine weit umfangreichere und anregendere Beſchäftigung, als ich mir gedacht hatte. Unſer männliches Perſonal— man nannte uns in W., wenn wir Commis' Abends ſelbander in's Bierhaus oder Café zogen, nach der Firma nur die„Kaiſerlichen“— betrug volle 10 Köpfe, darunter ein alter jovialer Buchhalter aus einem früheren Frankfurter Bankhauſe, 2 Reiſende, 2 Magaziniers, 1. Facturiſt, 1 Correſpondent(ich ſelbſt), 1 Commis, zugleich für den von einer ſehr vierſchrötigen„Mamſell“ beſorgten Laden, und 2 Lehrlinge. Da meine politiſchen Antecedentien mich unter dem, durchweg mit dem friſchen Humor und freien Sinn des Rheinlan⸗ des begabten Perſonal von vornherein populär machten und ich mich auf dem Anfangs fremden Gebiet mit einer gewiſſen Schüch⸗ ternheit bewegte, der Jeder gerne entgegenkam, ſo war unſer geſchäftliches, wie außergeſchäftliches Zuſammenleben ein höchſt gemüthliches, was mich ſpäter unwillkürlich an die in ihrer Art prächtigen Federzeichnungen aus G. Freytag's„Soll und Haben“ erinnerte. Vor Allem gedenke ich mit lächelnder Rührung an Dich, mein lieber Fritz Kitz, mit dem ſtattlichen rothen Vollbarte und den ſchelmiſch blinzelnden Augen, wenn du, der deſignirte Haupt⸗Spediteur des Hauſes, die Feder hinter'm Ohr, das lange Verſandtbuch unter'm Arm, mit dem Schwärze⸗Pinſel in der Hand die im Hofe aufgeſtapelten Ballen und Bällchen ſignirteſt! Mit welcher kurzwaarenhaften Feldherrn⸗Miene überflogſt du die Reihen der vor dir liegenden zahlreichen Colli, ob ſie alle Buch⸗ ſtaben und Nummer trugen, und tratſt dann herein an den Pult, um deine Frachtbriefe zu ſchreiben! Er und ich, wir Beide von rothem Bart und rother Geſinnung, zugleich von der Mutter Natur mit einer guten Doſis geſunden Humors begabt, waren von vornherein die Unzertrennlichen und noch heute— er iſt nun wohlbeſtallter Weinhändler, ſelbſtredend zugleich Lieferant meines — 235— eignen kleinen Hausbedarfs, in einem bayriſchen Nachbarſtädtchen — ſtehen wir ſammt Frau und Kindern auf dem alten cordialen Fuße. Unter meinen Schnüren und Bändeln, Knöpfen und Nadeln ꝛc. ꝛc. lebte ich„ſtill und harmlos“, wie Wilhelm Tell vor dem verhängnißvollen Apfelſchuß. Meine von dem ſpäteren Bürger⸗ meiſter B., damaligen Polizei⸗Commiſſär, ausgeſtellte Aufenthalts⸗ karte lautete ausnahmsweiſe„gültig auf Wohlverhalten“(, und auf mein desfallſiges Befragen hatte mir derſelbe, wie ich gerne zugeſtehe, ein höchſt humaner Beamter, erklärt, daß ich mich jeder politiſchen Agitation, ſei es nun in Vereinen und Ver⸗ ſammlungen oder in der Preſſe, nach den ihm gewordenen ſtrieten Inſtructionen enthalten müſſe. Natürlich reſpectirte ich, als gebranntes Kind das Feuer ſcheuend, dieſes polizeiliche Interdict ſtrengſtens. Da mich aber nun einmal ganz unwiderſtehlich die Schreibfinger juckten, ſo warf ich mich, um keine Politik, ſondern, faute de mieux, nur neutrale Aeſthetik zu treiben, auf das damals durch meiſt ziemlich mittelmäßige, übrigens auch einige wenige ſchätzenswerthe Kräfte vertretene Theater einer wandernden Truppe, welche gerade in W. ihren Thespiskarren aufgeſchlagen hatte. Dieſe, ſtellenweiſe über Gebühr geharniſchten Theater⸗ Recenſionen, welche in dem Blatte eines jetzt nationalliberalen, mir trotzdem aber heute noch werthen Freundes erſchienen, bildeten wegen ihrer meiſt pikanten, gewiſſe Anzüglichkeiten klug verſchleiern⸗ den Haltung den Gegenſtand lebhaften Klatſches in allen Kaffee⸗ geſellſchaften unſres großen Kleinſtädtchens. Namentlich waren ſie dem Director S.....„der nicch vergebens durch ein ſofort mit ſittlichſter Entrüſtung zurückgewieſenes Freibillet zu captiviren ſuchte, und ſeiner mitdirigirenden Frau ein Dorn im Auge. Auch die Bitten aller meiuer Freunde und Bekannten, welche für dieſe oder jene Actrice irgend ein perſönliches Faible hatten, prallten an mei⸗ ner rhadamanthiſchen kritiſchen Unbeſtechlichkeit ab. Darüber kam es ſogar zuletzt zu einer öffentlichen Scene, die dem Theater⸗ Publikum zu großer Heiterkeit, mir ſelbſt aber zu ſolchem Aerger gereichte, daß ich die Recenſenten⸗Feder in die Ecke warf. Die bei der Rollenvertheilung entſcheidende Frau Directrice, eine an ſich verdienſtvolle denkende Künſtlerin, aber ſichtlich ſchon etwas„an⸗ gejahrt“, hatte die Schwäche, vorzugsweiſe gerne jugendliche Lieb⸗ haberinnen ſpielen zu wollen, worüber ich mir nur hin und wieder einige zart„verblümte“ gelegentliche Andeutungen unter decentem Hinweis auf jüngeres, ebenfalls talentirtes weibliches Perſonal erlaubte. Als nun zum erſten Mal der nach meines Freundes Otto Müller trefflichem Roman von Moſenthal dramatiſirte„Bürger“ gegeben wurde und darin die jüngere Schweſter Molly durch die — 236— Frau Directrice beſetzt war, erlaubte ich mir, vielfachen Auf⸗ forderungen des Publikums entſprechend, u. A. folgende kritiſche Bemerkungen:„Was Frau S. als„Molly“ betrifft, ſo bedauern wir, daß unſre zuvor ſchon angedeutete Befürchtung, als möge bei allem künſtleriſchen Fleiße ihre Perſönlichkeit dieſer Rolle nicht genügen, ſich noch über unſre eigne Vorausſicht hinaus beſtätigt hat. Wir ſind weit entfernt, das Verdienſt der Frau S,, als einer unzweifelhaft begabten und durchgebildeten Schauſpielerin, hiermit irgendwie in Frage ſtellen zu wollen. Aber auf die Gefahr hin, des Mangels an Galanterie beſchuldigt zu werden, müſſen wir, in dieſer Hinſicht nur das getreue Echo vielſeitig und wiedverholt laut gewordener Stimmen aus dem urtheilsſähigen Pubikum, offen geſtehen, daß ihr für ſolche mädchenhaft naive Liebhaberinnen durchaus, nicht etwa bloß in den äußeren Umriſſen der Figur, ſondern auch in dem ganzen Weſen die durch Locken und Schminke, Coſtüm und Mimik nicht zu erſetzende jugendliche Fülle und Friſche abgeht. Als tragiſche Heldin in vielen andern Stücken, ebenſo als junge Mutter oder Tante iſt ſie ſicher ganz an ihrem Platze, für eine Molly aber— denn doch etwas zu alt! Daher ließ denn auch ihr, obſchon in Deklamation und Bewegung ſehr braves und durchdachtes Spiel das Publikum ſichtlich kalt. Die für den dramatiſchen Eindruck unerläßliche Illuſion, hier die von dem Dichter ſo glühend beſungene, noch halb kindlich jungfräuliche Molly vor ſich zu ſehen, war bei Frau S., die ſich neben der ungleich jugendlicheren Frau R. höchſtens als eine ſentimental⸗ blauſtrumpfige ältere Schweſter ausnahm, von vornherein total unmöglich, und inſofern mußte die Verirrung Bürger's, der, ob⸗ gleich bekanntlich kein Platoniker, der Einen zu Gunſten der Andren untreu wird, dem Geſchmack des Publikums doppelt unver⸗ zeihlich erſcheinen. Frau S., deren perſönlicher Einfluß bei der Wahl der Stücke und Vertheilung der Nollen bisher manchmal etwas zu fühlbar hervorgetreten ſein ſoll, weßhalb wir oft ſchon da und dort das hieſige Bühnen⸗Directorium ein„halbes Pan⸗ toffelregiment“ nennen hörten, ſollte ſich doch allmählich dazu entſchließen lernen, dieſem Fache, das ſie bisher zu ausſchließlich als perſönliches Monopol ausgebeutet hat, nachgerade zu Gunſten einer jugendlicheren Nachfolgerin zu entſagen! Sie kann die künſtleriſche Nebenbuhlerſchaft einer Solchen füglich ohne Eifer⸗ ſucht ertragen und wird auf jenem anderen Gebiete gewiß bald weit größere Erfolge erringen, als es ihr in letzter Zeit auf dieſem möglich war.“ Nit einer ſolchen, wenn auch höflich verhüllten, in der Hauptſache von dem ganzen damaligen Theater⸗Publikum in W. gebilligten Recenſenten⸗Grobheit, die nur einen längſt ge⸗ fühlten Mißſtand mit möglichſter Schonung zur Sprache brachte, * — 237— war ich bei der regierenden Frau Directriee verloren, und man prophezeihte mir ſofort eine öffentliche Scene. In derartigen kitz⸗ lichen Dingen werden bekanntlich„Weiber zu Hyänen und treiben mit Entſetzen Scherz“. Der nächſte Theaterabend brachte Raupach's „Vor fünfzig Jahren“. Ich ſtand arglos auf meinem gewohnten Platze vor dem erſten Nang, als mich plötzlich— ich war momentan etwas zerſtreut— das ſchallende Gelächter des von allen Seiten mich anblickenden Publicums auf die Vorgänge der Bühne auf⸗ merkſam machte. Frau S. hatte nämlich, mich, ohne daß ich es recht merkte, aufſällig fixirend, in demonſtrativſter Weiſe die in dieſer Form improviſirten Worte hervorgeſprudelt:„Es gebe hier gewiſſe„ſchwarzgallige Kritiker“, die ſich über manche, ihrer eignen Faſſungskraft unzugängliche Dinge ein vor⸗ lautes Urtheil anmaßten, als ob ſie davon irgend Etwas ver⸗ ſtänden! Man werde ſich aber durch ſolches Recenſenten⸗Gekläff ganz und gar nicht irre machen laſſen; das möchten ſich die Herren von der ſpitzen Feder nur merken!“ Alles blickte, auch ohne näheres Verſtändniß durch die höchſt draſtiſchen Handbewegungen der furioſen Frau Directrice veranlaßt, unter olympiſchem Gelächter bis zur Gallerie herauf, nach mir, der ich zwar nur die Schluß⸗ worte deutlich gehört und verſtanden, jedoch vorſichtig zurücktrat, weil ich faſt befürchten mußte, daß möglicher Weiſe die Finger⸗ nägel der erbosten Künſtlerin mit meinen Augen in Berührung kommen dürften. Im Uebrigen machte ich klüglich gute Miene zum böſen Spiele und lachte herzlich mit. Von da an ſtrafte ich Frau S. durch gefliſſentlich vollſtändiges Verſchweigen ihrer eignen dramatiſchen Leiſtungen, bis endlich ihr Gemahl mich bitten ließ, Gnade für Recht ergehen zu laſſen. Zu den intereſſanteſten Epiſoden meiner theatraliſchen Recen⸗ ſenten⸗Thätigkeit gehört auch die gelegentliche Kritik Niemann's, des ſpäter ſo berühmt gewordenen Tenoriſten, der damals noch als naturwüchſiger, der nachherigen gründlichen Schulung entbehrender Anfänger mit wandernden Truppen, ſogenannten„Schmieren“, herumzigeunerte. Wenn er ſpäter als einer der gefeiertſten Helden⸗ ſänger Deutſchlands auf der Bühne unſrer Reſidenz, der er einſt als beſcheidner Choriſt angehört, gaſtirte, pflegte er, der Tact ge⸗ nug beſaß, ſeine beſcheidnen Antecedentien niemals zu verläugnen, unter ſeinen Collegen gar oft mit Humor meine ſorgfältig aufbe⸗ wahrten damaligen Zeitungskritiken über ſeine künſtleriſchen An⸗ fänge in W. zu citiren. Ich ſelbſt erinnere mich nur noch ober⸗ flächlich derjenigen ſeines„Max“ im Freiſchütz. Darin rügte ich ſein noch etwas hölzern ungelenkes Spiel, das ſich inzwiſchen frei⸗ lich, ohne Zweifel unter dem Einfluſſe ſeiner nun geſchiednen Frau, der trefflichen Marie Seebach, in das entſchiedne Gegentheil, ein — 238— vollkommen ſicheres und oft geradezu elegantes Auftreten, verwandelt hat, ſagte ihm aber zugleich unter lobender Anerkennung ſeiner damals ſchon hervorragenden Stimm⸗Mittel bei deren gründlicher künſtleriſcher Ausbildung ausdrücklich eine ſchöne Zukunft voraus. Das war ein oraculum ante eventum, das den gefeierten Künſtler in Erinnerung an die kleine Bühne zu W., eine der erſten Staffeln zu ſeinem jetzigen Weltrufe, heute noch zeitweiſe er⸗ heitern ſoll.— War mir nach obigem tragikomiſchem Intermezzo mit der wuthſchnaubenden Frau Directrice die journaliſtiſche Kritik wenigſtens für das Theater auf einige Zeit verleidet, ſo ſollte es mir mit derjenigen auf rein pädagogiſchem Gebiete, das mir denn doch neutral genug ſchien, bald von behördlicher Seite noch ſchlimmer ergehen. Auf dringendes Erſuchen eines Lehrers Dr. Bck 4 r hatte ich gemeinſchaftlich mit dem mir als politiſcher Parteigénoſſe befreundeten Sprachlehrer N...... r, einem Manne von aka⸗ demiſcher Bildung und namentlich gründlichen Kenner des Fran⸗ zöſiſchen, Engliſchen und Italieniſchen, eine von dem Erſteren in W. gegründete Handelslehranſtalt, auf Grund des mir vorgelegten Programms, in der Zeitung wärmſtens empfohlen und dabei, ohne irgend welche polemiſche Nebenabſicht, auf den bekannten Umſtand hingewieſen, daß der Unterricht in den einſchlagenden„Realien“ auf unſern die„klaſſiſchen“ Studien bevorzugenden Gymnaſien notoriſch meiſt ungenügend ſei, ſodaß ein mit guter Nummer entlaſſener Primaner nach vorliegenden Erfahrungen oft kaum einen richtigen Frachtbrief ſchreiben oder gar eine franzöſiſche oder engliſche Ge⸗ ſchäftscorreſpondenz fließend und richtig überſetzen könne. Der Gymnaſial⸗Profeſſor Dr. Eo.h zu W., ein früherer Liberaler jetzt ſtreng miniſterieller Landtagsabgeordneter, auf deſſen hauptſächliche Veranlaſſung und Befürwortung mit dem dortigen Gymnaſium drei durch die neue Dr. B.'ſche Conkurrenz einigermaßen gefährdete Realclaſſen verbunden worden waren, betrachtete dieſe meinerſeits ganz harmloſe Empfehlung als einen Angriff auf ſeine Schöpfung und ließ daher unkluger Weiſe in das nächſte Gymnaſial⸗Programm einige höchſt gereizte Sottiſen gegen uns, die in dem Städtchen W.“⸗ ſelbſtredend ziemlich bekannten Verfaſſer, einfließen. Da die Sache in unſern Kreiſen allgemeines Aufſehen erregte, ſo durften wir die magiſterliche Incompetenz⸗Erklärung ſelbſtredend nicht ruhig auf uns ſitzen laſſen. Am wenigſten hatte ich ſelbſt dazu Luſt, der ich als vormärzlicher Geſinnungsgenoſſe Dr. E..„s deſſen politiſche Wandlungen und ſonſtige Antecedentien gründlich kannte. Da es eine rein pädagogiſche Schulfrage betraf, ſo dachte ich gar nicht an das über meinem Haupte ſchwebende Damoklesſchwert und ließ friſch drauf los in nächſter Nummer des von meinem Freund B. ver⸗ 8 9„ 47* △ — 239— legten Blattes folgende etwas derb die Zähne zeigende Replik er⸗ ſcheinen: Die ſog.„Realſchule“ an dem Gymnaſtum zu W„„ 9 Ein„unberufener“ Commentar zu der Beilage des diesjährigen Gymnaſial⸗ Programms. Sine ira et studio! „Die obenerwähnte, zu unſrem Bedauern mit der officiellen Unterſchrift des Herrn Directors Dr. Wαν verſehene Beilage enthält unter andern eichenthümlichen Sorperd auch folgenden characteriſtichen Paſſus: 1) Die drei Realclaſſen ſind, mit Ausnahme des Religions⸗, des Geſang-⸗Unterrichtes und des Turnens, in allen andern Lehr⸗ gegenſtänden von den Gymnaſialclaſſen geſondert. Dieſe Sonde⸗ rung wird unter Anderm auch den Vortheil haben, daß unberufeue Tadler die fortwährende und beſondere Beſtrebung des hieſigen Gymnaſiums für Real⸗Bildung künftig nicht mehr bei Unkundigen in Zweifel ſtellen können mit verbrauchten Phraſen, wie: in den Gymnaſien be⸗ ſchäftige man ſich nur mit der todten Vergangenheit, mit unnöthigem philologiſchem Krame ec. ꝛc.(sic!)“ „Da die angeführten, ſo ganz cavalièrement vom hohen Gaul herab als„verbraucht“ perhorrescirten„Phraſen“ der ſ. g. „unberufenen Tadler“ verbotenus aus einem zur Empfehlung der neuen Dr. B.'ſchen Handels⸗ und Gewerbeſchule in Nr. 9 d. Bl. erſchienenen Artikel citirt ſind, als deſſen gemeinſame Verfaſſer die beiden befreundeten Einſender Dieſes, die keinerlei Urſache haben, ihre Autorſchaſt zu läugnen, dem hieſigen Publikum mehr oder minder bekannt ſind, ſo muß es wohl allen kundigen Leſern von vornherein klar ſein, daß jene Erklärung zunächſt nur gegen uns, ein freilich in manchen hieſigen, nicht bloß pädagogiſchen Kreiſen ziemlich mißliebiges und wenn auch nicht unberufenes, ſo doch für gewiſſe Leute höchſt ungerufenes Paar, gerichtet iſt. Wir ſehen uns deßhalb durch die beziehungsweiſe Notorietät unſrer Verfaſſerſchaft Ehren halber zu folgender Erwiederung genöthigt, deren nähere Begründung wir uns im Falle einer„berufenen“ Antikritik von Seiten des Herrn Dr. E... oder ihm ebenbürtiger, pro aris et focis kampfluſtiger Collegen ausdrücklich für ſpäter vorbe⸗ halten.“ „Abgeſehen davon, daß in unſerm anderſeits angeregten Ar⸗ tikel über„Die neue Handels⸗ und Gewerbeſchule zu W.“ die angeblich„verbrauchten Phraſen“ bloß von unſern Gymnaſien und ſ. g. gelehrten Schulen im Allgemeinen galten, ohne irgend⸗ welche ſpecielle Beziehung auf das, zufälliger Weiſe in Folge der glorreichen parlamentariſchen Thätigkeit des Herrn Dr. E...„durch — 240— geſonderte Realclaſſen erweiterte“ W.... er Gymnaſium, er⸗ lauben wir uns hier zunächſt nur eine rein perſönliche Beleuchtung unſrer, gerade im Munde des als Redacteur obiger Programm⸗ Beilage hier bereits allgemein errathenen Dr. E... doppelt un⸗ berufen erſcheinenden Unberufenheits⸗Erklärung.“ „Verſteht Herr Dr. E... unter„berufenen Tadlern“ etwa nur officiell durch das großh. heſſiſche Miniſterium decretirte inländiſch⸗ heſſendarmſtädtiſche Gymnaſial⸗Proſeſſoren, die, wie er, als un⸗ zweifelhafte Legitimation ihrer wiſſenſchaftlich⸗pädagogiſchen Capaci⸗ tät die bekannte ordonnanzmäßige Uniform tragen, ſo müſſen wir Beide freilich auf alle Competenz in der vorliegenden Frage ver⸗ zichten, ſintemalen wir, ohne alles Anrecht auf irgend welche amt⸗ liche Anſtellung und Uniform, froh genug ſind, nur noch mit ſtaats⸗ polizeilicher Erlaubniß ſehr beſcheiden en civil dahier exiſtiren zu dürfen. Verſteht er aber unter„berufenen Tadlern“ überhaupt nur Solche, die vermöge ihrer wiſſenſchaftlichen Schulbildung und ihres praktiſchen Einblicks in das geſchäftliche und geſellſchaftliche Leben irgendwie thatſächlich im Stande ſeien, die Leiſtungen einer jetzigen ſ. g. Realſchule im Verhältniß zu den wirklichen Bedürf⸗ niſſen der Gegenwart gehörig zu beurtheilen, ſo erachten wir uns allerdings für vollkommen„berufen“ und wollen ihm auf ſein pathetiſches„quos ego!“ die Antwort nicht ſchuldig bleiben.“ „Zwar hat ſich bis dahin noch Keiner von uns in unter⸗ thänigſten Huldigungs⸗Verſeleien über„Fixſterne ohne Schweif“(!) und dergleichen Themata verſucht, auch entbehren wir bis dahin eines durch den frivolen Volkswitz ſchon oft genug höchſt zwei⸗ deutig gloſſirten Doctor⸗Diploms von Seiten der Gießener oder ſonſtwelchen philoſophiſchen Facultät. Wenn jedoch eine ſimple claſſiſche Schulbildung auf Gymnaſium und Univerſität nach Vor⸗ ſchrift amtlicher Studienpläne zur Begründung eines competenten Urtheils in fraglicher Hinſicht genügen dürfte, ſo ſind wir Beide im Stande, nachzuweiſen, daß wir gehörigen Orts unſre Humaniora gründlich tractirt haben. Ueberdieß hat der Eine von uns nicht nur in ſeinem eignen Vaterlande die philologiſchen Seminare eines Thierſch und Döderlein— der Andre das von Oſann in Gießen— beſucht, ſondern auch volle fünfzehn Jahre lang auf öffentlichen und Privat⸗Schulen in Frankreich, Belgien, Italien, England und Spanien in den betreffenden alten und neueren Sprachen und Realwiſſenſchaften Unterricht ertheilt, worüber er Herrn Dr. E... jederzeit Zeugniſſe vorlegen kann, welche— obwohl ſich zufällig keines von dem Herrn Bürgermeiſter in O....... m darunter beſindet*)— *) Dieſe etwas boshafte Anſpielung bezog ſich auf eine unangenehme Parthie aus den pädagogiſchen Antecedentien meines Gegners, deren Pointe dem Publicum in W. ziemlich bekannt war. D. V. — 241— ſeiner Zeit ſelbſt der großh. heſſiſchen Oberſtudienbehörde als hin⸗ längliche Documente für ſeine Lehrbefähigung erſchienen, um ihn darauf hin von einem ſonſt erforderlichen beſondren inländiſchen Examen förmlich zu dispenſiren. Was aber praktiſche Bekanntſchaft mit den in den Lehrplan einer Realſchule einſchlagenden Fächern der Handelswiſſenſchaft betrifft, ſo glaubt ſich der Andre im Ver⸗ laufe ſeiner nun 1 ½2jährigen Beſchäftigung auf einem bekannten hieſigen Comptoir hinlängliche Routine darin erworben zu haben, um mindeſtens mit den ſehr zweifelhaften merkanti⸗ liſchen Kenntniſſen des Herrn Dr. E... conkurriren zu können. Sollten jedoch alle dieſe Antecedentien dem gelehrten Herrn Profeſſor zur Conſtatirung unſrer„Berufenheit“ nicht ge⸗ nügen, ſo ſind wir erbötig, in den genannten Disciplinen con⸗ venirenden Falls— und zwar in einem öffentlichen Conkurs— unſre gemeinſamen Kenntniſſe mit den ſeinigen zu meſſen, die Be⸗ urtheilung des Reſultats ganz dem Publikum anheimſtellend. So⸗ viel ad vocem„unberufene Tadler“. Kommen wir nun zur Sache ſelbſt!“— (Fortſetzung folgt in nächſter Nummer.) Dieſe von mir angekündigte Fortſetzung ſollte nicht er⸗ ſcheinen. Der Artikel machte in der Stadt um ſo ſtärkere all⸗ gemeine Senſation, als wir beiden pädagogiſchen Ketzer verlauten ließen, daß wir unſer eventuell in Ausſicht geſtelltes öffentliches Disputatorium und Examinatorium mit dem Herrn Gymnaſial⸗ profeſſor nächſten Sonntag Nachmittag coram publico in dem ſtädtiſchen Rathhausſaale abzuhalten gedächten.(Von uns Beiden war das zuletzt voller Ernſt, und da wir gewandte Sprecher mit noch ganz anſtändig gefülltem Schulſack waren, ſo hätten wir unſern allgemein unbeliebten Gegner ſicherlich unter lautem Halloh in die Flucht geſchlagen.) Der auf's Höchſte irritirte Herr Profeſſor hatte natürlich nichts Eiligeres zu thun, als ſofort bei dem Buchdrucker die angedrohte Fortſetzung unſres provocatoriſchen Artikels zu inhibiren, widrigenfalls er ſogar amtliche Verſiegelung der Preſſe und Beſchlagnahme der Lettern in Ausſicht geſtellt haben ſoll. Die weitere Folge war, daß unſer Gegner noch am folgen⸗ den Tage, wie mir verſichert wurde, in Geſellſchaft ſeines Collegen Dr. S., des Verfaſſers des bekannten„Buchs der Natur“, worüber ich kurz zuvor mit einigen beißenden Randgloſſen die ſehr abfällige Kritik eines pädagogiſchen Fachblattes hatte abdrucken laſſen, nach der Reſidenz reiſ'te, um daſelbſt dem Miniſter von Dalwigk die Gemeingefährlichkeit meines nicht nur die Coſtüme und Masken der am Ende vogelfreien Schauſpieler, ſondern auch die Perrücken der ehrſamen Profeſſoren zerzauſenden journaliſtiſchen Treibens ein⸗ dringlichſt vorzuſtellen. Dieſer magiſterliche Nothſchrei gegen einen 3ʃ QAMr« — 242— ſo unverbeſſerlichen„Krakehler“, wie mich, der, wenn auch auf unpolitiſchen Gebieten, als incurable„Katze“ trotz alle Dem„das Mauſen nicht laſſen konnte“, fand ſelbſtredend in der Darmſtädter Neckarſtraße willige Ohren. Am Tage nach der Rückkehr meiner beiden Antagoniſten aus der Reſidenz wurde ich auf das Polizei⸗ büreau vorgeladen und mir daſelbſt durch den Herrn Commiſſär eröffnet, daß ich zufolge höherer Weiſung, weil ich den mir ge⸗ ſtellten„Bedingungen“ meines Aufenthalts daſelbſt nicht ent⸗ ſprochen, die Stadt W.„binnen acht Tagen zu verlaſſen“ habe. Auf meine ſofortige erſtaunte Frage, inwiefern ich denn eigentlich jenen„Bedingungen“— mir war bloß Fernhaltung von jeder politiſch⸗agitatoriſchen Thätigkeit, ſei es in der Preſſe oder in Vereinen und Verſammlungen, bekannt— zuwidergehandelt habe, wurde mir die achſelzuckende Antwort des perſönlich ſehr humanen und mir wohlwollenden Herrn B.: er bedaure Das ſelbſt herzlichſt, aber die kategoriſche Weiſung ſei, ohne ſein eignes geringſtes Zuthun, in Folge der perſönlichen Immediatvorſtellungen der Herren E. und S. von dem Miniſterium in Darmſtadt an ihn ergangen und ihm ſelbſt bleibe unter ſothanen Umſtänden nichts Andres übrig, als mir ſie einfach zur Nachachtung mit⸗ zutheilen.“ Was war da zu wollen?„Contre la force il n'y a pas de résistance!“ ſo ſagte ich bei meiner früheren Aus⸗ weiſung aus L., und ſo dachte ich wenigſtens achſelzuckend bei der jetzigen.„Alles ſchon dageweſen!“ lautet der Spruch Rabbi Ben⸗Abika's, und, ihn leiſe vor mich hinmurmelnd, verließ ich ohne beſondere Hoffnung auf amtliche Remedur das Büreau Nichts deſto weniger wollte ich zu letzterem Zwecke alle Mittel er⸗ ſchöpfen und richtete deßhalb, durch eine gleichzeitige beſondre Eingabe meines Principals J. D. K. unterſtützt, folgendes Geſuch um Aufhebung oder doch mindeſtens zeitweiſe Suspendirung der gegen mich verfügten polizeilichen Ausweiſung— abermals auf einem Stempelbogen!— an die hohe Behörde. „An Großh. heſſ. Miniſterium des Innern zu Darmſtadt. Betr.: die polizeiliche Ausweiſung des Unterzeichneten aus hieſiger Stadt. Unterm 2. d. Mts. iſt mir durch den Großh. Polizei⸗Com⸗ miſſär dahier eine Verfügung des Großh. Miniſteriums publicirt worden, wonach ich, da ich den mir durch ein Reſcript genannter Stelle vom Januar 1852 geſtellten Bedingungen meines hieſigen Aufenthalts nicht entſprochen, binnen acht Tagen die Stadt W. zu verlaſſen habe. Der in mehrfacher Hinſicht mich auf das Höchſte überraſchende Inhalt dieſer amtlichen Eröffnung veranlaßt mich zu folgendem ehrerbietigem Geſuch, deſſen wohlwollende Berückſichtigung — 243— ich von der Unparteilichkeit und Humanität einer verehrlichen Be⸗ hörde gewiß erwarten darf.“ „Die Anwendung der fraglichen Maßregel dürfte unter den vorliegenden Umſtänden gewiß um ſo härter erſcheinen, als mir von dem Vorhandenſein, geſchweige denn dem eigentlichen Inhalte eines auf irgendwelche„Bedingungen“ meines hieſigen Aufenthalts bezüglichen beſondren Reſcripts hoher Behörde ſeiner Zeit auch nicht die entfernteſte amtliche Mittheilung geworden iſt und ich doch gewiß billiger Weiſe nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, Vorſchriften nicht beachtet zu haben, von deren wirk⸗ lich erfolgter Ertheilung ich ſeither gar keine Kenntniß hatte. Alles, was ich in dieſer Beziehung bis jetzt von dem Großh. Polizei⸗ Commiſſär dahier erfahren, beſchränkte ſich einfach auf die gelegent⸗ liche Notiz, daß man höheren Ortes vermuthe, der Zweck meiner Hierherkunft möge am Ende die Abſicht ſein, die Redaction eines hieſigen politiſchen Blattes zu übernehmen oder überhaupt in re⸗ gierungsfeindlichem Sinne politiſche Propaganda dahier zu machen ꝛc., in welchem Falle man allerdings ſofort gegen mich würde einſchreiten müſſen. Da jedoch der durch unläugbare Thatſachen der Zwiſchen⸗ zeit hinlänglich documentirte Zweck meines hieſigen Aufenthalts nur der war, mir in dem Angros-Geſchäfte des Herrn J. D. K. dahier die zur Begründung einer ſpäteren ſelbſtſtändigen Exiſtenz in der merkantiliſchen Branche erforderlichen praktiſchen Vorkenntniſſe zu erwerben, ſo mußte mir, zudem in vernünftiger Erwägung der ob⸗ waltenden allgemeinen Verhältniſſe, jede ernſtliche Abſicht einer derartigen journaliſtiſchen oder ſonſtigen Oppoſitionsmacherei von vornherein völlig fremd ſein. Ich erklärte demgemäß auch dem Herrn Polizei⸗Commiſſär ausdrücklich, daß ich mich von allen po⸗ litiſchen Ertravaganzen dahier entſchieden fernhalten und mich höchſtens, wenn überhaupt nur, gelegentlich auf äſthetiſch⸗literariſchem Gebiete vernehmen laſſen würde, wogegen er keinerlei Bedenken zu äußern ſich veranlaßt fand.“ „Dieſen, mir allein bis dahin amtlich eröffneten„Bedingungen“ meines hieſigen Aufenthalts aber glaube ich unverbrüchlich nach⸗ gekommen zu ſein. Nicht nur kann ſich eine hohe Behörde durch Vernehmung meines Chefs, des Herrn J. D. K. dahier, ſondern auch durch diejenige meiner ſämmtlichen Collegen und aller mit dem Hauſe des Erſteren in irgendwelchem geſchäftlichem Verkehr ſtehen⸗ den Perſonen zur Genüge davon überzeugen, daß ich, fern von allen, außer meinem neugewählten Berufskreiſe liegenden Be⸗ ſtrebungen, mich den mir darin übertragenen regelmäßigen Geſchäfts⸗ Arbeiten von dem Augenblicke meines Eintritts an bis jetzt fleißig und ununterbrochen gewidmet; ſondern ich bin auch im Stande, nachzuweiſen, daß ich während meines Aufenthalts dahier keinen — 244— einzigen politiſch bezüglichen Artikel, weder in einem der hieſigen, noch in irgend einem der auswärtigen Blätter publicirt habe. Meine einzigen hieſigen Veröffentlichungrn beſtanden bis vor Kurzem noch aus harmloſen Theaterkritiken, deren rein literaräſthetiſche Unverfänglichkeit einer hohen Behörde durch das ganze ofiicielle Publikum der Stadt W., das ſie mit unverhohlenem Beiſall zu leſen pflegt, bezeugt werden kann. Was aber die beiden von mir mitverfaßten Artikel über die neue Handels⸗ und Gewerbeſchule zu W. im Verhältniß zu den Gymnaſien überhaupt und dem hieſigen insbeſondere betrifft, deren letzterer zunächſt meine Ausweiſung ver⸗ anlaßt zu haben ſcheint, ſo war, wie ein Großh. Miniſterium aus den angeſchloſſenen Beilagen erſehen mag, der erſtere zunächſt von rein pädagogiſch⸗praktiſchem Standpunkte aus und der zweite, ſo⸗ weit er vorliegt, nur aus perſönlichem Intereſſe geſchrieben, um meine, als des hier notoriſchen Mitverfaſſers, in ſehr verletzender Weiſe anderſeits öffentlich in Frage geſtellte wiſſenſchaftliche „Berufenheit“ dem hieſigen Publikum gegenüber zu rechtfertigen, — eine Ehrenhalber für mich ganz unerläßliche Vertheidigung auf einen hier gleich allgemein verſtandenen direkten öffentlichen Angriff, der ein gewiſſer gereizter Ton ſicherlich leicht zu verzeihen ſein dürfte, und die weder einer hohen Staatsregierung, noch der amt⸗ lichen Autorität irgend welcher untergeordneten Behörde irgendwie ernſtlich und abſichtlich zu nahe tritt.“ „Indem ich mir hiermit ergebenſt erlaube, ein hohes Mini⸗ ſterium auf dieſen, jedem Unbefangenen und näher Unterrichteten klar liegenden Sachverhalt aufmerkſam zu machen, zweifle ich nicht daran, daß Hochdasſelbe die unverhältnißmäßige Härte einer Maß⸗ regel anerkennen werde, welche ſowohl auf die Fortſetzung meiner begonnenen geſchäftlichen Carrière, als auch beziehungsweiſe auf meine beſondren Familienverhältniſſe im höchſten Grade ſtörend einwirken und mich um ſo empfindlicher treffen muß, als ich ohne⸗ dies die feſte Abſicht hatte, mich nach einem etwa noch viertel⸗ oder halbjahrlangen Hierbleiben anderwärts ſelbſtſtändig zu etabliren. Demgemäß richte ich an ein Großh. Miniſterium hiermit das er⸗ gebenſte Geſuch,: mir, vorbehaltlich der ſtricten Einhaltung aller geſetzlichen Vorſchriften, den ferneren ungeſtörten Aufenthalt in hie⸗ ſiger Stadt zu erlauben, eventuell aber, wenn dieſem Geſuche wider Erwarten keine Folge gegeben werden ſollte, mir die Friſt meines hieſigen Aufenthalts ſowohl behufs der völligen Ordnung meiner perſönlichen Angelegenheiten als auch zur Vermeidung momentaner Störungen in dem Geſchäfte meines Principals, bis auf weitere 3 Monate, — 245— mindeſtens aber bis zum Ende des laufenden Monats zu erweitern, reſp. vorläufig, vor erfolgter Entſcheidung, den Großh. Kreisrath dahier zur einſtweiligen Suspenſion der Ausweiſungs⸗Ordre zu ermächtigen.“ „Zur weiteren Begründung dieſes meines Geſuchs erlaube ich mir, auf deſſen beiliegende Unterſtützung durch meinen Chef, Herrn J. D. K. dahier, Bezug zu nehmen, und gebe ſchließlich zur Beſeitigung aller etwa noch vorhandenen Bedenken das förmliche Verſprechen, mich für die Dauer meines zu geſtattenden ferneren Aufenthalts aller und jeder Aeußerung in öffentlichen Blättern auf das Strengſte zu enthalten.“ „In der Hoffnung auf geneigte Berückſichtigung vorliegender Bitte verharre ich eines Großh. Miniſteriums ergebenſter W.. s, den 2. Mai 1853. R. F.“ In einer beſondren Beilage unterſtützte mein Principal, zui⸗ gleich in ſeinem eignen Geſchäfts⸗Intereſſe, nachdrücklichſt obige Vor⸗ ſtellung und bat, eventuell mindeſtens die mir geſtellte Friſt meines dortigen Anfenthalts noch auf ſo lange zu erweitern, bis es ihm möglich geworden ſei, für meinen Poſten als Correſpondent einen geeigneten Stellvertreter zu gewinnen. Auf dieſe meine gewiß formgerechte Vorſtellung erhielt ich eben ſo wenig eine Antwort, als auf meine frühere wegen Zu⸗ laſſung zum Facultätsexamen, reſp. zur Advokatur. Man ſieht, das Miniſterium v. Dalwigk, dem ich die rückſichtsloſe Verſperrung meiner Carrière ſowohl auf juriſtiſchem, als auf käufmänniſchem Gebiete niemals verziehen habe, obſchon mich unſre Nationallibe⸗ ralen hinterdrein gerne zu deſſen geheimem Bundesgenoſſen ſtempeln wollten, war conſequent in ſchroffer Verletzung derjenigen for⸗ mellen Höflichkeit, welche im geſellſchaftlichen, wie im dienſt⸗ lichen Verkehr ein gebildeter Mann dem andern ſchuldig iſt. Von dem eleganten Cavalier und ſchriftſtelleriſch⸗collegialiſchen Verfaſſer der„Piſtoriade“ hätte ich wohl etwas mehr Curtoiſie erwarten dürfen! Alſo waren abermals 36 Kreuzer für vergeblichen Stempel verloren und der Saldo des heſſiſchen Miniſteriums in meiner „ſtudentiſchen“ Privatbuchhaltung betrug nunmehr für derartige un⸗ nütze Auslagen Summa 8 Flaſchen Bier!— Nachdem ich ſomit aus dem vorübergehenden Domicil einer weiland freien Reichsſtadt des heſſiſchen Inlandes polizeilich aus⸗ gewieſen worden war, ſollte mir unmittelbar darauf das gleiche fatale Loos auch in der damals noch wirklich„freien Reichsſtadt“ Frankfurt a. M. begegnen. Zu jener Zeit ſchon mit meiner jetzigen Frau verlobt, hatte ich ein Intereſſe daran, meinen Schwiegervater in spe, einen ſehr — 246— ehrenwerthen, aber der hohen Polizei gegenüber etwas gar ſpieß⸗ bürgerlich ängſtlichen Altliberalen aus der 1830er Schule, Nichts von dem an mir verübten adminiſtrativen Gewaltſtreiche merken zu laſſen. Ich nahm daher, hauptſächlich um ihm und meiner Familie in der oberheſſiſchen Heimath gegenüber den unangenehmen Eclat zu vertuſchen, in der Steinpappe⸗Fabrik von B.& L. zu Bornheim bei Frankfurt a. M. vorübergehend eine nur mit Frühſtück und Mittageſſen ſalarirte Commisſtelle ebenfalls als Facturiſt und Cor⸗ reſpondent an. Die beiden noch jungen Chefs waren meinem Ex⸗ Principal in W., ſowie durch denſelben auch mir befreundet und engagirten mich deßhalb im Grunde nur en passant aus perſön⸗ licher Rückſicht. Leider! hatte ich abermals meine Rechnung ohne den Wirth, d. h. die Unſereinem gegenüber allüberall maßgebende „heilige Hermandad“, die gerade am Sitze des damaligen hohen Bundestags beſonders rigoros war, gemacht. Kaum acht Tage nach meiner Ankunft, nachdem ich in allzu täppiſcher bona fides meine Legitimationspapiere abgegeben, erhielt ich eine Vorladung vor das Polizei⸗Departement des„Römers“. Ziemlich arglos da⸗ ſelbſt eingetreten, wurde ich von dem damaligen, noch ziemlich jugendlichen und höchſt urbanen Chef, Senator von O hen, auf das Liebenswürdigſte empfangen. Als ich auf ſein Befragen meinen, wie ich in aller Unſchuld glaubte, zur Zeit noch„ehrlichen Namen“ ohne Stottern nannte, erwiederte er mit etwas bedauernd verlängertem Geſicht:„Ah, Sie ſind Herr F. aus S., deſſen Paß zur Geſtattung der hieſigen Aufenthaltsbewilligung mir vorliegt?“„Zu dienen, Herr Senator!“„Entſchuldigen Sie, wenn ich, um unſre Sache gleich in's Reine zu bringen, die Gewiſſensfrage an Sie richte, ob Sie denn der bekannte R. F. ſind?“„Herr Doktor!“ war meine Antwort,„ich möchte Sie zur Vermeidung allenfallſiger Verwechs⸗ lungen doch freundlichſt bitten, mir das meinem Namen ertheilte Prädikat„bekannt“ gütigſt etwas näher motiviren zu wollen. Meine Familie, in der großherzoglich und kurfürſtlich heſſiſchen Umgebung faſt ausſchließlich aus ſoliden Blau- und Schönfärber⸗ Meiſtern beſtehend, iſt zugleich auch in Oeſtreich verbreitet. Jüngſt habe ich ſogar in dem Wochenblatte der Reſidenz von einem Ad⸗ vokaten gleichen Namens, wenn auch mit etwas veränderter Ortho⸗ graphie, aus Wien geleſen, zu deſſen nachträglichem Verwandt⸗ ſchaftsbeſuch im„Trauben“ ich leider! zu ſpät kam, und nach den Zeitungen ſoll außerdem vor einem Monat etwa ein allzu kecker Schneidergeſelle, Namens F.... beim Bergſteigen in der Schweiz verunglückt ſein.“„Ah!“ lächelte der Herr Senator,„warum wollen Sie ſo in die Weite ſchweifen, während Sie vermuthlich doch„ſo nahe liegen?“ Ich meine, ob Sie derjenige R. F. ſind, der, damaliger Student der evangeliſchen Theologie in Gießen, — 247— ſchon im Jahre 1847 als Mitarbeiter des gi-devant Struve'ſchen „Zuſchauers“ wegen Amtsehrenbeleidigung des Miniſteriums du Thil, verſchiedner heſſiſcher Kreis⸗ und Landräthe und Landrichter, ſowie wegen Hochverraths ꝛc., ſpäter vom Jahre 1849 her als Secretär des badiſchen Volkswehr⸗Obercommando's und nachheriger Freiſchärler zugleich des Landesverraths angeklagt war und von den Darmſtädter Aſſiſen zu 6 Monaten Correctionshaus verurtheilt worden iſt?“ Dieſe ſenſationelle Entfaltung meines politiſchen Sündenregiſters — ohne Zweifel nach dem berüchtigten damaligen„ſchwarzen Buche“, in das ich, wie mir erſt ſpäter kund wurde, ſammt meinen gravirendſten Antecedentien leider! ebenfalls eingetragen war,— machte natürlich auf mich nicht gerade den ermuthigendſten Ein⸗ druck.„Unter den vorliegenden beſondren Umſtänden“, bemerkte ich achſelzuckend,„muß ich ſehr bedauern, daß ich meine Identität mit dem von Ihnen alſo ſpeciſicirten R. F. als ehrlicher Mann nicht abläugnen kann. Im Uebrigen dürfte aus neuerer Zeit denn doch nichts politiſch Belaſtendes gegen mich vorliegen, was irgend⸗ welchen behördlichen Anſtand hervorrufen könnte.“„Da irren Sie ſich. Ihre kürzlich erſt erfolgte polizeiliche Ausweiſung aus W., die uns ebenfalls amtlich bekannt iſt, ſpricht gewiß nicht empfehlend für Sie. Und wenn auch Ihr heimathlicher Paß in vollſter Ord⸗ nung iſt und Sie bis jetzt hier zu keinen polizeilichen Beſchwerden für uns ſelbſt Anlaß gegeben haben, ſo müſſen wir doch auch auf andre Behörden Rückſicht nehmen, welche in unſrer Stadt ihren Sitz haben, und letztere machen es uns unerläßlich, daß Sie dieſelbe binnen acht Tagen verlaſſen.“ Auf mein beſondres Bitten geſtattete mir der liebenswürdige Herr Senator ungeachtet ſeines nicht mißzuverſtehenden Hinweiſes auf den hohen deutſchen Bundestag noch eine gewiſſe, ziemlich kurz gegriffene Friſt, um mir innerhalb derſelben wo möglich noch eine andre Commisſtelle zu ermitteln, und ich empfahl mich. Das war alſo nun ſchon die zweite polizeiliche Ausweiſung in kurzer Friſt und ich ſomit der tragikomiſchen Situation jenes märtyrerthumslüſternen Wühlhubers aus den„Fliegenden Blättern“ enthoben, der, im Gefühl ſeiner ſtaatsgefährlichen Wichtigkeit, die neueſte Regierungszeitung in der Hand, mit enttäuſchter Miene ausruft:„Noch immer nicht ausgewieſen!“— Da ich aus meiner eignen Geburtsſtadt, überdies als ehe⸗ lich leiblicher Sohn ihres vormaligen regierenden Bürgermeiſters, nach göttlichen und menſchlichen Geſetzen denn doch nicht wohl ebenfalls ausgewieſen werden konnte, ſo kehrte ich zunächſt dahin zurück. Meine gute alte Mutter war inzwiſchen geſtorben, ſonſt würde ſie mich als abermaligen Schiffbrüchigen gewiß mit gerungenen Händen empfangen haben. Da war ich freilich vor weiterer Ver⸗ — 248— jagung endlich ſicher. Aber was weiter? Dies Zigeunerleben war ich müde bis über den Hals und mußte mich endlich irgend⸗ wo bürgerlich„feſtnageln“. Da bot mir ein Schwager, durch die Ironie des Zufalls in demſelben oberheſſiſchen Städtchen L. woh⸗ nend, aus dem ich anno 1847 durch Landrath F. auf dem Schub forttransportirt worden war, die Aſſociation in ſeinem dortigen Brandwein⸗, Liqueur⸗ und Eſſig⸗Fabrikgeſchäfte an. Ich ſchlug um ſo lieber ein, als ich dort viele Verwandte und Freunde zählte und überdies— unter der Oberleitung des betreffenden Kreisraths, eines geſellſchaftlich höchſt liebenswürdigen und humanen Beamten— die ſpätere techniſche Direction des ſehr gewandte ſchauſpieleriſche Kräfte zählenden Liebhabertheaters, zu deſſen eifrigſten Acteurs ich bald zählte, ſchon ſicher in der Taſche trug. In der That fand ich dort, was mir das gemüthliche oberheſſiſche Induſtrieſtädtchen als Ge⸗ burtsort meiner Mutter in gewiſſem Sinne freilich ſchon früher war, eine zweite Heimath. Als ich etwa 2 ½ Jahre darauf von da nach der Reſidenz zurücküberſiedelte, um daſelbſt die durch meinen damaligen Freund und früheren Aſſiſen⸗Vertheidiger, ſpäteren erbitterten Partei⸗Gegner M.ℳz vermittelte angenehme Stellung eines Correſpondenten in einerTenommirten, inzwiſchen freiwillig aufgelösten dortigen Tapetenfabrik anzutreten, richtete ich auf dem mir zu Ehren im Caſino ſtattgefundenen feſtlichen Abſchiedsbankette an die„andächtige Trauer⸗Verſammlung“, wie ich ſie ſcherzweiſe nannte, unter ſtellenweiſer eigner Rührung folgende Abſchiedsworte: „Es fällt mir in der That ſchwer, Ihnen klar auszudrücken, welche Gefühle mich in dieſem Augenblicke bewegen, wo ich im Begriffe ſtehe, von dem ſeit meiner hieſigen Niederlaſſung mir ſo lieb gewordenen Kreiſe wohlmeinender, großen Theils auch ver⸗ wandtſchaftlich verbundener Freunde und Freundinnen öffentlich mich zu verabſchieden.„Das Leben iſt ein ewig Abſchiedneh⸗ men“, ſagt Heine in ſeinem Buche der Lieder. Meine an Orts⸗ und Schickſalswechſel ſo reiche Vergangenheit hat mir oft genug Veranlaſſung gegeben, die Wahrheit dieſes Satzes an mir ſelbſt zu empfinden. Aber ſo oft ich nun auch ſchon in der Lage war, dieſem und jenem zeitweiſen Aufenthaltsort und ſeinen mir be⸗ freundeten Bewohnern Valet zu ſagen, ſei es nun meiner Univer⸗ ſitätsſtadt Gießen oder meinen beiden Exilplätzen Straßburg und Zürich oder auch meinen kaufmänniſchen Statjonen Werrn und Frankfurt, ja ſelbſt meiner Vaterſtadt S An. noch nirgends iſt es mir, aufrichtig geſprochen, ſo ſehr hahe gegangen, mein ſeitheriges Nomadenzelt abzubrechen und Denen, die ich hinter mir laſſe, zum letzten Scheidegruß mein Taſchentuch noch einmal entgegenzuſchwenken, als gerade jetzt in unſrem lieben La der großſtädtiſcheſten aller oberheſſiſchen Kleinſtädte, nach der afs, — 249— wer weiß, wie bald, auch das Dampfroß der Locomotive tragen wird. Ob ſich ſchon die offenbaren Vortheile meiner Ueberſiede⸗ lung keineswegs verkennen laſſen: die wohldotirte unabhängige Stellung und geiſtig anregende Thätigkeit auf dem Comptoir eines Fabrikgeſchäftes von großartiger Ausdehnung und faſt europäiſchem Rufe, die meinen perſönlichen Neigungen und Dispoſitionen jeden⸗ falls weit mehr entſprechen, als der mit ſo vielfachen Widerwärtig⸗ keiten verknüpfte, alle Dorfſchenken der Umgegend durchſtreifende Verkauf von Brand⸗ und Aepfelwein ꝛc. an die durſtige Bevölkerung unſrer ohnehin ſchon ſchnapsüberſchwemmten Provinz, ferner die mancherlei Annehmlichkeiten und Genüſſe des Aufenthalts in der Reſidenz, wo ich in einem Kreiſe gleichgeſinnter, zum Theil ſogar auf den Gebieten moderner Wiſſenſchaft und Literatur namhafter Freunde und Studiengenoſſen von früher her eingebürgert bin,— ob ſich auch alles Das als ſelbſtverſtändlich vorausſetzen läßt, ſo ſage ich doch nichtsdeſtoweniger unſerm Städtchen nur mit Be⸗ dauern Lebewohl. Wenn Sie mich nach dem Grunde fragen, der mir den hieſigen Aufenthalt ſo werth gemacht hat, ſo liegt meine Antwort in voller Uebereinſtimmung mit allen Denen, die vor mir eben ſo ungerne von hier fortgegangen ſind, auf flacher Hand. Es iſt die bekannte zwangloſe und cordiale Gemüthlichkeit des auf allſeitigem vertraulichem Familienverkehr beruhenden, weder durch büreaukratiſche Ueberhebung, noch durch gehäſſige Denunziatiönchen höherer oder niederer Beamten getrübten geſellſchaftlichen Lebens. Und in dieſer Beziehung gebührt nach meiner Erfahrung unſrem L.......... entſchieden der Vorzug vor allen übrigen Provinzialſtädten Oberheſſens. Dies offne Zugeſtändniß aus meinem Munde mag für Sie um ſo mehr Gewicht haben, als ich ſ. Zt. als etwas keck aburtheilender Studioſus mir bekanntlich einmal auf ziemlich oberflächliche Anſchauung hin erlaubt habe, die lieben Bewohner L.s als kraſſe Philiſter und die hieſigen geſellſchaftlichen Zuſtände als ſehr unerquickliche zu per⸗ ſiffiren. Es war das ein im Grunde unverdienter journaliſtiſcher Angriff, der, wie Sie wiſſen, den damaligen Landrath Hrn. F...... dahier bei meinem letzten vormärzlichen Weihnachtsferien⸗ Beſuche ſogar, ſeiner eignen Aeußerung zuſolge, einen förmlichen Volksauf⸗ ſtand gegen meine mißliebige Perſönlichkeit befürchten ließ und deß⸗ halb zur Rettung meines bedroht geglaubten Lebens veranlaßte, mich in ſehr menſchenfreundlicher Weiſe unter der Escorte zweier ſchnurrbärtiger Schutzengel von der löblichen Gensd'armerie und in der Chaiſe meines Schwagers und bisherigen Aſſocié's F. ge⸗ waltſam fortzuſchaffen. Jener Aufſtand iſt damals freilich nicht erfolgt, im Gegentheil haben ſich die Notabeln der Stadt, wovon Manche heute Abend unter meinen Freunden ſitzen, damals ſehr 32 — 250— großmüthig und energiſch meiner angenommen. Ich muß aber deßhalb auch um ſo bereitwilliger geſtehen, daß ich von allen meinen vor⸗ und nachmärzlichen journaliſtiſchen Jugendſünden keine auf⸗ richtiger revocire, als jene inzwiſchen ſchon halb vergeſſene unge⸗ gerechte Kritik meiner lieben, ſo zu ſagen, Mutterſtadt und bis⸗ herigen Heimath L. Und in der ungeheuchelten Bewegung, womit ich ſie diesmal, obſchon freiwillig, inmitten meiner Familie, ſtatt früher gezwungen und zwiſchen zwei Gensd'armen, verlaſſe, liegt gewiß die beredteſte thatſächliche Abbitte für jene frühere Ver⸗ kennung.“ Nachfolger D. einen trefflichen Local⸗ und Gelegenheitsdichter ge⸗ hfolg— genh. hter g — 251— einzelter Mißton hindurchzuklingen vermag, und auch mir, dem mit Unrecht verſchrieenen„Krakehler“, dem„böſen F.“, wie mich die oberheſſiſchen Bauern anno 48, in gewiſſem Sinne mit Unrecht, getauft haben, werden Sie gewiß gerne zugeſtehen, daß ich, fröhlich mit den Fröhlichen,(Letzteres freilich nicht ohne„h“ zu ſchreiben!) in Ihren Kreiſen niemals ein Spielverderber geweſen bin. Ihnen allen aber ſage ich für Ihr jederzeit herzliches und freundſchaftliches Entgegenkommen nicht nur im geſellſchaftlichen, ſondern auch im Privat⸗Verkehr hiermit öffentlich in meinem und meiner Familie Namen unſern ehrlichen tiefgefühlteſten Dank. Die Erinnerung an die heiteren Stunden, die wir hier auf der Höhe des ſo unwirth⸗ lich geſcholtenen Vogelsbergs in Geſellſchaft ſolcher Freunde ver⸗ lebten, wird uns lange noch im Gedächtniſſe bleiben. Und ſo ſchließe ich denn mit einem aus vollem Herzen kommenden drei⸗ fachen Hoch auf unſre gemeinſame theure Heimathsprovinz Ober⸗ heſſen, auf den viel geſchmähten, aber noch mehr verkannten Vogelsberg, deſſen Baſaltboden ein zähes Geſchlecht von ächten Urenkeln der alten Katten erzeugt, und zu deſſen ſchriftſtelleriſchen Söhnen ich mich nebſt meinen Freunden und Vettern Otto Müller und Ihrem Adolf Calmberg mit Stolz zähle, vor Allem aber auf die gemüthliche Stadt L., ſo zu ſagen das Tobolsk unſres „heſſiſchen Sibirien“, wo zwar leider! keine Zobel mehr zu fangen ſind, die Staatsverbrecher aber auch nicht mehr in den tiefen Schachten der Bergwerke arbeiten, ſondern, wie ich ſelbſt anno 1847, mit germaniſcher Humanität zwiſchen zwei menſchenfreund⸗ lichen Gensd'armen, ſtatt per Kibitke, per Droſchke fortge,ſchubt“ werden. Ich trinke auf das Wohl dieſer für mich heiligen Drei⸗ faltigkeit und fordere Sie auf, derſelben zu Ehren auch Ihre Gläſer mit mir zu leeren. Sie lebe hoch!“—— Das allgemeine Bravo! läßt ſich leicht denken. Aber auch kaum einer meiner zahlreichen, in oft übermüthiger Laune hervor⸗ geſprudelten Feſt⸗Toaſte war mir jemals ſo ſehr dem Herzen ent⸗ guollen. Noch heute gedenke ich der unter Brand⸗ und Obſtwein⸗, ſowie auch Eſſig⸗Fäſſern daheim geſchäftlich und zugleich der auf den Theaterbrettern, in dem Ballſaal und dem Kneipſtübchen des Caſino's, ſowie bei dem freiherrlich R.'ſchen Bier der„Frau Martha“ geſellſchaftlich zu L. verlebten fröhlichen Stunden mit wahrem Vergnügen, und wenn ich daſelbſt auch nicht, mit dem bekannten Volkslied,„meinen Strumpf verloren“ habe, ſo ließ ich doch einen weſentlichen Theil meiner ungetrübteſten Jugenderinne⸗ rungen unter den lieben Bewohnern des Vogelsberger Induſtrie⸗ ſtädtchens zurück.— Wie es mir in der Reſidenz erging, wo ich mich zur Siche⸗ rung vor etwaiger abermaliger Polizei⸗Ausweiſung durch Erwerbung — 252— des Bürgerrechts ſofort ſicherſtellte, das will ich hier nicht des Näheren erörtern.„Eine Reſidenz iſt eben— eine Reſi⸗ denz!“ wie jener der Fremdworte gänzlich unkundige biedre Schuſter forthämmernd ſagte, als ihn ſein Junge hinter dem Schul⸗ buche wiederholt nach der Verdeutſchung dieſes, dem Sohn, wie dem Vater gleich ungeläuſigen Latinismus fragte, freilich mit der derben, alle weiteren unbequemen Interpellationen väterlichſt ab⸗ ſchneidenden Schlußbemerkung:„Und wenn Du Das jetzt nicht ver⸗ ſtehſt, ſo ſchlag' ich Dir hinter die Ohren!“ Genug, daß ich da⸗ ſelbſt, ein Freund des induſtriellen Druckes, nach meinem Austritte aus der früher erwähnten Tapetenfabrik als ächter „Rother“, um die Moral des alten nationalliberalen Ammen⸗ mährchens an mir zu illuſtriren, zu den„Schwarzen“ übertrat! Zu jenen im wahren Sinn des Wortes culturkämpferiſchen Schwarzen freilich, denen mein Freund Friedrich Stoltze— ohne die drohende Wiedererweckung des famoſen„Haß⸗ und Verachtungs⸗ Paragraphen“ und der ſeligen Carolina criminalis für die deutſche „Reichs“⸗Preſſe zu ahnen— zur Feier des vorletzten Buchdruckertags in ſeiner„Frankfurter Latern“ ein ſo fröhlich collegialiſches„Gott grüß' die Kunſt!“ zurief. Er hatte wohl in ſeinem Sinne Recht, indem er in jenen prächtigen Verſen dem„großen Stahlkanonen⸗ helden“ Krupp von Eſſen unſern,„die Welt vom Druck durch Druck befreienden“ Guttenberg„mit ſeinen Preſſen“ entgegenſtellte. Aber was würde uns die ganze Preßfreiheit in thesi helfen, wenn wirklich in praxi der Thadden⸗Trieglaff'ſche„Galgen da⸗ neben“ aufgerichtet wäre? Dann könnteſt Du, mein alter jovialer Kamerad von 1848 her, mit Deiner zerfetzten Schellenkappe auf dem Kopfe vielleicht gar bald an meiner Seite baumeln, und Deine poetiſche Drohung:„man ſchieße mit ſämmtlichen Soldaten den Geiſt nicht todt!“ wird wohl an maßgebender Stelle eben ſo wenig verfangen, als der Rath Deines Landsmannes und Ge⸗ ſinnungsgenoſſen L. Börne, für fernere Rückforderungen eines ſo ſelbſtverſtändlichen deutſchen Grundrechts an den damaligen hohen Bundestag ohne alle und jede Motivirung das lakoniſche Ultimatum zu ſtellen;„Gebt uns Preßfreiheit oder— hol' euch der Teufel alle mit einander!—“(Mich ſelbſt überläuft zwar beim Niederſchreiben dieſer ſanscülottiſchen Grobheit eine wahre Gänſe⸗ haut, aber die Worte galten ja nur dem ſeligen oder vielmehr unſeligen„Bundestag“, den„unſer lieber Reichskanzler“, mit der edlen Mainzeitung zu reden, anno 1866 ſelber geſprengt hat!) Neben der nicht nur geſchäftlichen, ſondern zugleich auch ſchriftſtelleriſchen Betheiligung an der durch meine Preſſe gehenden unabhängigen Journaliſtik, wofür Angeſichts meiner Antecedentien und Neigungen das vielmißbrauchte geflügelte Wort des„verfehlten Berufs“ wahrlich keine Anwendung findet, bietet mir für mannigfache Enttäuſchungen der Vergangenheit vor Allem auch ein glückliches Familienleben ausreichenden Erſatz. Das letztere lehrte mich nach mancherlei ſtudentiſch⸗revolutionären Ertravaganzen meiner ſorglos kecken, zuletzt etwas verzigeunerten Jugend die tiefe Wahrheit desgalten franzöſiſchen Wortes:„on peut on être mieux, qu'au sein de sa famillo!“ zu meiner innerſten Genugthuung aus eigner Praxris kennen. Daheim habe ich ja meine kleine Privat⸗Republik zwiſchen den vier Wänden, wo mich— falls ich sotta voce, wie üblich, ſpreche— keinerlei „Strafgeſetz⸗Novelle“ packen kann, und wenn ich Abends, nachdem ich neben den geſchäftlichen Sorgen zugleich auch die politiſchen Aerger⸗ niſſe des Tages mit dem Rock an den Nagel gehängt, meinen Kindern gegenüber und meiner jetzigen„blonden Sie“ zur Seite ſitze, ſo möchte ich der Letzteren gar oft jenen ſchönen Vers Gott⸗ fried Kinkel's an ſeine brave Johanna wiederholen, den ich einſt in dem Hochzeitstoaſte auf meinen alten Freund Louis Büchner als deſſen faſt eben ſo ketzeriſcher Trauungszeuge citirte: „Hol' der Teufel die Welt! Schleuß' uns die Thüren zu, Wein gib, laß' an Dein Knie lehnen mein fröhlich Haupt, Epheu winde mir d'rum!— So, und nun lachen wir Alle Narren und Pfaffen) aus!“— Und werfe ich einen ruhigen Blick zurück auf meine wechſel⸗ volle Vergangenheit als Student der Theologie und Jurisprudenz, politiſcher Journaliſt und Agitator, Flüchtling und Freiſchärler, Correctionshaus⸗Sträfling und ausgewieſener Commis, Brandwein⸗ und Tapeten⸗Fabrikant, jetziger Buchdruckereibeſitzer und ſtiller Mit⸗ *) Selbſtverſtändlich iſt, was ich bei erwähnter Gelegenheit mit auf⸗ richtigem Compliment für den mitanweſenden jovialen Frankfurter Stadt⸗Pfarrer ausdrücklich bemerkte, daß ich unter„Pfaffen“ nicht die, gleich ihm, ächten, auch geſellſchaftlich genießbaren Prieſter des Epangeliums der Humanität und Toleranz, ſondern nur die einſeitig unduldſamen theologiſchen Zunft⸗ Zeloten,„ob nun katholiſch geſchoren, ob proteſtantiſch geſcheitelt“, verſtand. Mit den letzteren„Geſellen“ bin ich nach den bekannten Cöthe⸗Schiller'ſchen Xenien als Apoſtata„immer in'’s Haar gerathen“, erwarte auch von ihnen, zu⸗ dem Angeſichts meiner correctionellen Tagebuchs⸗Feuerbachiaden, für Vorliegen⸗ des keine beſonders ſalbungsvolle Empfehlung. Der menſchlich liebenswürdigſte „Pfaſſe“, mit dem ich jemals unter unbefangener Erörterung unſrer beider⸗ ſeitigen grundſätzlichen Meinungs⸗Diſſerenzen, trotz ſchließlichen Nichtüberein⸗ kommens mit herzlichem Abſchieds⸗Drucke der mir eben ſo herzlich dargereichten Hand,„gekneipt“, trug eben nicht den„Scheitel“, ſondern die„Tonſur“. Das mag ein reiner Zufall geweſen ſein, aber er iſt immerhin charac⸗ teriſtiſch. D. V. — 254— arbeiter der eignen Zeitung,—„on revient toujours à ses premiers amours!“— ſo darf ich ohne alle Selbſtüberhebung wohl mit Hoffmann von Fallersleben von mir ſagen: „Vieles verlor ich im Kampf um die heiligſten Güter des Lebens, Aber mir blieb doch ein Troſt: daß ich mich ſelbſt nicht verlor!“— G. 2, 3. S. 38,„ S. 40.„ S. 58,„ S. 59, 7 S. 62,„ S. 120,„ S. 120,„ S. 168, S. 223,„ Weitere Druckfehler übergehe ich. Mit Nennung der P⸗rſonen⸗Namen o. SSSSSSSSSS o. u. u. u. u. d. Druckfehler. 7/¼ . 5 iſt . u. lies„jener“ ſtatt jeiner u.(Anmerkung) lies„blauweißgold“. o. lies „Kafſee“ „J. Hillebrand“. „nur in einer“ ſtatt und einer. „oberheſſiſchem“. „tödtlichem“ „eingewanderter“. „Wiedereroberung“. „noch“ nach„post festum“ zu ſtreichen. v. o. lies„25“ ſtatt 28. „ ſoweit ſie nicht in weſentlichen Ackenſtücken figuriren, bin ich gefliſſentlich etwas zurückhaltend geweſen. ergänzt. Hin und wieder habe ich auch einige, wo Dies unver⸗ fänglich erſchien, in den zum größten Theil ſpäter geſchriebenen Anmerkungen D. V. 4.NeeJe u Seie n Zf.. 5.uptio.Lort⸗⸗ 2eSiesacuen CAaueckaft u St ufhe*6*. l Ta QƷη̃de an, Kpc=t Jc‿u πσρσσ‿ν e e 44*2— ee. b., Whauif, ful * *. 8 3. 2 e 7. u; e. e,, e, Va9. Srbe, e —s 2, Eer, Aeu nee ee dr 22. 2 anee, Le. A Wn 27E. WDrne, ee Le 74 rek euee⸗ 5. e. S Sbn 715, 15 ut, e ſae S e e e, A b I,S. l 3 2. Va‿rn⸗nnef ud ot 3 Ale. z9. u Saabet duen? sh Seud den. rn Fodferd it. 1. M. M,]. n᷑k o. Can. 179. T. Dh, Seee, u,- aa o e 7 Los T Suche Axr krd, au,e Fef, Sene, 293/. Micue ſph D. 2eser ie,, ur ee u 8 9. Se e„ 2, eee e . Sen, u,ee 7. nue ,s, f, Kauen 2 — S 8 3 . 8& 8 72. h ha S Dre= 2—ne 275— — 22 F. 6 3 Mr 33. Se F. 225 Gats. ℳeℳ. 7ee 7 2216 h Sf. 4. Moo. MAAa 2. Ö a.—, r iaeo. 1—,„ Irf T41! 9. ue.— ae r,. Mee. 443. Se Mde⸗ . 2.,. As RA.. dss Se. e 40 J, Wue 5 2 Se, u, drht. e. 0% an. V ra T Kerke ſerun, Doy ue, e. 4 u,er ⸗ 8 z Es W a, n ae, b. 7 e, 7 AEh., haeu, 27 5. 288 Va—.. 736. à. e. b — · TSy, B eiſe b 6 4,, N, 0loe tteléeoo folgen de Der 296. Senvbehe Hh‿. 1ukweZe lage. Bn 2⸗. 19 D= Jeene h enann ervoo— Be X deo Setheikig te a p beee, 9 Jor ele Stipe‿ρee 2.— 2 3 og eu‿, hb NHD; 99 a.3eer)dwe MNaio tꝰ den b ade gt e er Hu,: 97 7 uneecrern wad lau. Nat ‿ 27 b eo 9 L den Lazee L ede3, J. Se, e. ot ao, Bueee Dasfe Aige dt. 248 T Voiſ oe4 öäair Saen eeee g, cbnoes is ek ee ede(O. I) 99 Jcb= elln(O. I.) 990 Sun 351 N Aα d. Perſonal⸗Notizen 4 zu der ſtudentiſchen Subſeriptionsliſte vom„Stauffenberg“. (S. S. 11 bis 37.) 1) Ch. Becker, stud. cam.[Major z. D. in Jpnſahte, 2) C. Amendt, cand. arh. J2 ℳ, Thol Ke Ler 3) G. Schaumann, stud7 fäf. Geſt⸗-ats Kreisaſſeſſor- im⸗Lauterbuch.] 4) J. Bernhard, stud. theol. cath.. 5) B. Petry, stud. theol. cath. 6) St. Levy, stud, cam.[Staatsſchuldentilgungskaſſe⸗Director zu Darmſtadt.] 7) R. Fendt, stud. theol. ev.(Buchdruckereibeſitzer in Darmſtadt.] 8)(E. J.) Noſtadt, stud. theol. cath.[Domcapitular in Mainz.]) 9) E Möricke, stud. pharm. 10) Ph. Becker, stud. jar.[Landgerichts⸗Aſſeſſor in Groß⸗Gerau.] 11) F. Roeſſing, stud. arch.[Eiſenbahn⸗Ingenieur in Wiesbaden.] 12) W. Liebknecht, stud. philos.(Schriftſteller und Reichstagsabgeordneter in Leipzig.] 13) Ch. Heitman.(?) 14) G Kullmann, stud. jur.[Landgerichts⸗Aſſeſſor in Alsfeld.) 15) F. Kullmann, stud. theol. ev.[Pfarrer in Lauterbach i O.] 16) F. W. Soldan, stud. pharm. 17) H. Pauli, stud. jur.[Bezirksgerichtsrath in Alzey.)] 18) L. Roemheld, stud. cam.[Obereinnehmer in Mainz 19) L. Grünewald, stud. cam.[Oberdomänen⸗Secretär in Darmſtadt.] 20) Adolf Lexa, stud. jur.[Geſt. als Pfandhausverwalter in Offenbach a. M.] 21) Jul. Hein, stud. theol. ev.[Altlutheriſcher Pfarrer in Frankfurt a. M.] 22) Friedr. Keudel, stud. for.[Forſtmeiſter in Rußland.] 23) L. Walter, stud. arch.[Kreisbaumeiſter in Groß⸗Gerau.] 24) O. Sonnemann, stud arch.[In Nordamerika.)] 25) F. Krauß, stud. theol, ev.[Pfarrer in Bauſchheim.] 26) F. Verdeil, stud. med.[Arzt in der Schweiz(2)] 27) Ferd. Heß, stud. cam.[Ober⸗Rechnungsrath in Darmſtadt.) 28) W. Heinzerling, stud. jur.[Hofgerichtsrath und Abg. in Darmſtadt.) 29) Ed. Coupreu, stud. for.[Forſtbeamter in der Schweiz(2²)] 30) Fr. Roeschen, stud. theol. ev.[(Pfarrer in Winnerod.] 31) L. Sames, stud. jur.[Kreisrichter in Weſtphalen.] 32) J. Falconnet, stud. med.[1849 als Student am Typhus geſtorben.] 33) R. Heiniz, stud. theol ev.[(Geſt. als Gymnaſial⸗Lehrer in Gotha.] 34) L. Süffert, stud. cam.[Steuercommiſſär in Ober⸗Ingelheim.] 35) A. Petſch, stud. arch. 36) A. Wirths, stud. theol ev.(Geſt. als Pfarrer in Naſſau(?)] 37) F. Heusler, stud. chem. 38) Jul. Uſinger, stud. jur.[Kreisrath in Bensheim.] 39) A. Meyer, stud. chem. 40) Alex. Schenck, stud. jur. 41) J. Maas, stud. theol. cath.[Geſt. als Pfarrer in Naſſau.]— 42) H. Glöckner, stud. theol. ev. Te. als Pfarr⸗Candidat.] 43) Ferd. Peterſen, stud. chem. J waloientedhewet 4 8 5 1„ele 1894 44) P. Rech, stud. philos.(Geſt., geiſteskrank.] n 45) H D Nourney, stud chem.. 471 46) Herm. Vohl, stud. chem.[Chemiker in Cöln(2)] 1L 47) A. Oppermann, stud. jur.[Oberamtsrichter in Wiesbaden.] 48) N. Geiße, stud. med(Sanitätsrath in Bad Ems.] 49) F. Oppermann, stud theol. ev.[(Geſtorben.] 50) W. v. Grolman, stud. jur.(Juſtizrath in Darmſtadt.] 51) F. Crößmaun, stud. theol. ev.[Gymnaſialdirector i. P. in Mainz.) 52) E. Klein, stud. jur.[Hofgerichtsrath in Gießen.] 53) A. Pagenſtecher, stud. med.[Hofrath und Augenarzt in Wiesbaden.] 54) L. Storch, stud. arch.[Geſt. als Berginſpector in Dorheim.] 55) H. Budden, stud. cam.(Geſt als Student.] 56) A. Zenker, stud pharm. 57) E. Rullmannn, stud. theol ev[Pfarrer in Eſſenheim, Rheinheſſen.] 58) J. G. Swaving, stud. med.[Arzt in Viaenen(Holland).] 59) Unleſerlich. 60) Q Weber, stud for(Gräfl Forſtmeiſter in Meerholz] 61) J. Glaſor, stuad. med.[Kreisarzt in Grünberg.] 62) A. Büchner, stud. chem. 63) A. Heichelheim, stud. med.[Geſt als Student! 64) E. Vowinkel, stud. cam.[K. Preuß Landrath in Vöhl(2)] 65) Th. Baiſt, stud jur.[Hofgerichtsadvokat in Gießen.] 66) N. Sauerborn, stud phil. 67) H. Emmerling, stud. jur.(Geſt. als Student 8 68) C. W. Hempel, stud. chem.[Apotheker in Gießen()) 6* 69) H. Engelhardt, stud. phil. 1 70) A. v. Stainmetz, stud jur.[Geſt als Notar in Sprendlingen(Rhein⸗ heſſen).) 71) G. Jaeger, stud jur(Stiefelwichſe⸗Fabrikant(*) in Nordamerika.] 7²) W. Kallenbach, stud for.[Oberförſter in Schotten 73) A. Piſtor, stud. cam.[Oekonom, jetzt Rentner in Darmſtadt.] 7⁴) E. Malm, stud arch.[Architect in Wiesbaden.] 75) C Bertram, stud jur.[Polizei⸗Commiſſär i. P. bei Mainz.) 76) C. Matthieu, stud. chem. 77) S Rothſchild, stud. med.[Prakt Arzt in Mainz] 78) A Scriba, stud med.[Kreisarzt in Ober⸗Ingelheim.)] 79) G. Knoes, stud. med(Geſt. als prakt. Arzt in Ober⸗Ramſtadt! 80) L Helmolt, stud. med(Gutsbeſitzer im Odenwald.) 81) C Wundt, stud. med.[Geſt als Arzt in Cuba.] 82) E. Rullmann, stud. theol.(doppelt, ſ. Nr 57.) 83) Ferd. Eckſtein, stud. jur.[Geſt. als Bezirksſtrafrichter in Alsfeld.] 84) J. Buſch, stud. jur.[Geſt. als Notar in Ober⸗Ingelheim.)] 85) A. Schwarzenberg, stud. chem. 86) J. Mehrer, stud theol. cath.[Kaufmann in Hamburg 87) C Bott, stud theol. cath[Pfarrer in Heuſenſtamm.] 88) C. Schneider, stud theol. ev.(Pfarrer in Offenheim(2)] 89) A. Büchner, stud. jur.[Profeſſor in Caen(Frankreich).] 90) W. Kiefer, stud. cam.[Geſt. als Gymnaſiallehrer in Mainz.] .91) H. Alisky, stud. theol. cath.(Geſtorben.] 92²)(E) Zachariae, stud theol. ev[Fabrikant in Wien.] 93)(E v) Loehr, stud. med.(Practiſcher Arzt in Gießen.] 94) F. Freſenius, stud. jur.(Landgerichts⸗Aſſeſſor in Schotten.) 95)(Ph.) Saalfeld, stud. theol. ev.[Geſt als Pfarrer in Biſchofsheim.] 96) L. Kugler, stud chem(Geſt als Fabrikant in Offenbach a. M.] 97) H. Amendt, stud. for.[Oberförſter in Trais a Lumda.] 98) C Hunzinger, siud. theol. ev.[Geſt. als Pfarrer in Rothenberg) 99) F. Gorth, siud. philos.[Geſt als Reallehrer in Friedberg.) 100) A Barth, stud. jur.[Geſt. als Ober⸗Conſiſtorialſecretär in Darmſtadt.] 101) F. Büchner, stud. theol. ev[Kreis⸗Schulinſpector in Gießen 102) W Rockel, stud. theol. ev.[Pfarrer in Homberg a/ Ohm.] 103) Ch. Fertig, stud. theol cath.[Zuletzt Hauslehrer in Wien.] 104) Ph. Fauſtmann, stud. vet.[Oberſtabsarzt i. P. in Kirnbach.] 105) J. Bock, stud. theol cath. 106) A. Mayer, stud.? 107) F. O. Schenck, stud med.(Geſt. als Arzt in Nordamerika.] 108) F. Finkenauer, stud med. 1⁰9) Ph Waſſerburg, stud. jur(Früher Redacteur des„Mainzer Jour⸗ nals“, jetzt Privatſchriftſteller.] 110) GE. Leuchtweiß, stud. vet. 11¹) H. Weber, stud. med.[Kreisarzt in Gernsheim 112) R. Caeſar, stud. jur. 113) C. Müller, stud. cam[Oberſteuerrath in Darmſtadt.] „114) P. Müller, stud theol. cath 115) A Cellarius, stud. jur[Landrichter in Hungen.] 116)(J.) Rudersdorf, srud theol cath .117⁷)(P.) Manns, stud. theol. cath[Pfarrer in Schloßborn] 118) P. Kalb, stud. phil, 119)(J) Dieffenbach, stud phil.. 1²2⁰) d. Wagner, stud. theol cath.(Geſt als Pfarrer in Bingen. rs 121) F. Zimmermann, stud jur.[Geſt al Laudg Aſſeſſor in Friedbergh 12²2) W Thoms, stud theol. cath[Dompfarrer in Mainz„ 12) F§. Sickinger, stud theol enth[Dekan in Bensheim 122) F Willman n, stud jar[Amtsrichter in Herborn 125) C Otro, stud jur[Oberamtsrichter in Wiesbaden 126) C Merkle, tud for 3 179) A Hammann, stud th ol. cath(Pfarrer in Frieſenheim 128) C Lieblein, stud. pharm[Apotheker in Mainz.] 129) F Heß, stud. theol ev[Pfarrer in Hutzvorf bei Schlitz! 130) H Brachel, stud. th ol. ev(Geſtorben 13) W Bonn, stud. theol cath[Pfarrer in Naſſau.] 13²)(C) Beck, stud. theol ev.[Gefallen als Hauptmann bei Gravelotte.! 133) C Wüſt, stud cam(Apotheker in Nordamerika.] 144) F W. Greim, stud. theol. ev.[Oberſchulrath in Darmſtadt) 135) Q Schnuth, stud. phi ol[Geſt. als Student durch Selbſtmord.] 136) C. Leidner, stud. jur.[Oberamtsrichter in Wiesbaden.] 8 137) Unleſerlich ſstud. for.] 138) W. Becker, stud theolog. ev.[Pfarrer in Bruchenbrücken.] 139) F. L. Laiſt, stud. theol. cath.[Kreisbote in Bensheim.] 140) M. v. Buri. stud. jur.[Oberſtaatsanwalt in Darmſtadt.] 141) Chr. Wiener, stud. arch.([Profeſſor in Carlsruhe.] 142) C. Wiener, stud. jur.[Hofgerichtsrath in Gießen.] 143) P. Müller, stud. theol. cath. 144) J. Weyland, stud. theol. cath.(Geiſtlicher Rath in Wiesbaden.] 145) E. Schultheis, stud med(Geſt. als prakt. Arzt im Odenwald.] 146) A. Eimicke, stud. for.(Geſt. als Oberförſter in Friedrichsdorf b,/Homburg.] 147) F. Leiß, stud. theol. ev Redacteur des„Freidenker’s“ in New⸗York] 148) H. Bender, stud. theol, ev.[Pfarrer in Naſſau.] 149) C. Launſpach, stud. for.[Mühlenbeſitzer bei Grünberg.] 150) G. Pilger, stud. chem.[Geſt. als Thierarzt in Gießen.] 151) L. Schmehl, stud. theol. ev.[Pfarrer in Mittel⸗Seemen 152) Carl Hofmann, stud. med.[Geſt. als Kreisarzt in Michelſtadt.] 153) J. Luttwig, stad. jur.[Penſionär in Hofheim.] 154) Fritz Mayer, stud. chem. 155) Emil Glaſer, stud philol.[Reallehrer in Gießen.] 156) Buff(?)(Unleſerlich.) 157) L. Wüſt, stud. pharm.[Materialwaarenhändler in Oſſenbach.] 158) C. Roth, stud. cam. 159)(G.) Hoerle, stud. cam.[Landwirth in Kaichen.] 160) J. Regnier, stud. philol.[Zeitungs⸗Redacteur in Wien.] 161) W. Wagner, stud. cam.(Geſt. in Nordamerika 162) F. Heyer, stud. arch. Oeſterreichiſcher Hauptmann i. P.] 163) J. Schlitt, stud. theol. cath. 164) O. Hautz, stud. chem.[Kaufmann in Leipzig.] 165) L. Doſch, stud. theol. ev. Kreisſchulinſpector in Worms.] 166) G. v Marquard, stud. jur.[Regierungsrath in Darmſtadt.]*) 167) Ernſt Zachariae, stud cam,(Bergwerks⸗Director in Brünn⸗Bryn(5), Rheinpreußen.] 168) W. Presber, stud. jur.[Geſtorben 169) A. Dittmar, stud med.[Kreisarzt in Erbach 170) C. Preetorius, stud. jur.[Redacteur der„Weſtlichen Poſt“ in St. Louis, Nord⸗Amerika)]. 4 171) G. Simon, stud. med.[Profeſſor in Heidelberg.] 172) W. Eigenbrodt. stud. jur.[Landrichter in Homberg a Ohm] 173) C. Sellheim, stud. jur.[Landrichter in Grünberg X 174) A Schenck, stud. cam. 175) C. Bender, stud. arch. 176) L. Achenbach, stud. jur.[Miniſterialſecretär in Darmſtadt.] 177) E. Stahl, stud jur.(Geſtorben.] 178) Ph. Scholl, stud. med.(Geſtorben.] 179) Ch. Lemarchand, stud. chem. 180) W. Keim, stud. jur. Kreisgerichtsrath in Wiesbaden.] 181) W. Schweisgut, stud. jur.[Brunnen⸗Verwalter zu Niederſelters 182) J Scriba, stud. med. 183) W. Rube, stud. cam.[Rentamtmann in Bingenheim 184) A. Klietſch, stud. jur. Kreisaſſeſſor in Friedberg.)] 185) Ch. Dollfus, stud. chem.[Fabrikant in Frankreich.] *) Von hier beginnt die Namensliſte der Mitglieder bes Corps„Starken⸗ burgia“, das von ſeinem Commers auf dem Schiffenberg erſt am zweiten Tage, mit allgemeinem Hurrah! empfangen, in einer Reihe von Chaiſen eintraf. 186) L. Strack, stud for.[Oberförſter in Ober⸗Roßbach! 187) H. Piſtor, stud. cam. 188) Aug Wilk, stud. philos. 189) Alfred Bergſtraeßer, stud. for.[Fabrikdirector in Kiew, Rußland.] 190) C. Heſſe, stud. cam.[Notar in New⸗York) 191) F Hüter, stud. for.[Oberförſter in Grünberg! 192) Th. Schleuning, stud. jur.[Kaufmann in Nordamerika.] 193) V. Lorbacher, stud. cam.[Ober⸗Rechnungs⸗Secretär in Darmſtadt! 194) F. Schenck, stud. cam.[Ober⸗Domänenrath in Darmſtadt.] 195) C. Weyland, stud jur Hofgerichtsrath in Gießen 196) F. Beck, stud. cam.[Rentamtmann in Homberg a Ohm] 197) G. Frey, stud. for[Oberförſter in Woogsdamm] 198) C. Scriba, stud. theol ev.[Buchhändler in Friedberg! 199) L. Kleinſchmidt, stud theol. ey. 200) C. Deubel, stud jur.[Steuer⸗Erheber in St. Goarshauſen] 201) L. Gail, stud. pharm.[Rechtsanwalt in Hachenburg?] 202) L. Saalmüller, stud chem 203) G. C. Ludwig, stud med.[Director der Irrenanſtalt in Heppenheim.] 204) W. Beck, stud. jur.[Landgerichts⸗Aſſeſſor i. P. in König i O] 205) W. Kiefer, stud. cam. 206) E. Klitſch, stud. cam.[Rentamtmann in Langen.] 207) H. D. Flügger, stud. chem 208) F. Werle, stud. chem.[Apotheker in Heppenheim, geſtorben.] 209) H. Lindenborn, stud. pharm. Früher Apotheker in Groß⸗Umſtadt, geſt als Rentner in Darmſtadt] 2˙0) L. Dauber, stud theol. ev.[Apotheker in Mascotah(Illinois).] 211) A. Fiſcher, stuad. theol. cath. 212) W. Menninger, stud jur. 213) W. Deubel I., stud arch. 214) G. Steinmann, stud. med. 215) E. Gremmers, stud. med. 216) C. Hattemer, stud. philos[Geſt. als Gymnaſiallehrer in Mainz] 217) H. Birnbaum, stud. med.[Geſt. als Kreisarzt in Mainz.] 218) J. Ditt, stud. pharm(Geſt. als Student 219) F. Boll, stud. theol. cath.[Pfarrer in Vilbel.] 220) R. Göbel, stud. jur.[Amtmann in Wallmerode 221) W. Maurer, stud. jur.[Hofgerichtsrath in Darmſtadt] 222) W. Bruel, stud. jur.[Praktiſcher Arzt in Darmſtadt.] 223) E. Kleemannn, stud. jur.[Weinhändler in Mainz.] 224) G. Koch, stod. theol. ev.[Pfarrer in Wetterfeld.] 225) Ph. Barthel, stud. arch.[Gensd'armerie⸗Nittmeiſter in Darmſtadt.] 226) H. Lerch, stud. arch.[Gutsbeſitzer im Odenwald.)] 227) E. Steinmet, stud. theol.[Pfarrer in Mainz. 228) A. Roemheld, stud. theol.[Pfarrer in Düdelsheim.] 229)(C.) Ahn, stud. tbeol.[Gymnaſiallehrer in Oeſterreich.) 230) W. Langsdorf, stud. arch.(Bergbeamter in Clausthal.) 231) Th. Böhm, stud. jur.(Geſt. als prakt. Arzt in Offenbach.) 232) C. Noiré, stud. cam.[Farmer in Indiana(Nordamerika.)] 233) G. Hofmann, stud. jur.(Bezirksſtrafrichter in Alsfeld.] 234) W. Braun, stud. pharm.[Geſt. als Apotheker in Lich.] 235) J. Diehm, stud. jur.[Fabrikant in Lauterbach.) 1 236) C. Reichel, stud. philol.[Geſt. als Gymnaſial⸗Profeſſor in Oeſtreich.) 237) Chr. Diehl II., stud. theol.[Pfarrer in Dalheim.] 238) A. Orth, stud. theol.[Pfarrer in Rodheim v. d. Höhe.] 239) A. Roſenthal, stud. jur.(Geſt. als Hofgerichtsadvokat in Gießen.] 240) F. Calmberg, stud. jur.[Geſt. als Kreisaſſeſſor in Grünberg.) 241¹)(C) Goelz, stud. cam.[Haupt⸗Steueramts⸗Rendant in Bingen.] 242) C. Koch, stud. for.[Oberförſter in Maulbach! 243) Th. Bierau, stud. for.[Kgl. Preuß. Oberförſter in Hatzfeld.] 244) G⸗ Siet, stud. jur.(Gefallen als Freiſchärler 1848 in Schleswig⸗ Holſtein. 7 245) H. Diehl, stud. theol[Geſt als Pfarrer im Odenwald.] 246) H Eberhard, stud. pharm. 247) B. Weidig, stud. for.[Forſtmeiſter in Lauterbach.] 248) W. Hillebrand, stud. med.(Geſt. als Arzt in Barcelona.] 249) F. Voltz, stud. for.[In Nordamerika.] 250) W. Koehler,(2 Undeutlich)[Pfarrer in Oberbeerbach(?).] 251) Th. Schildwächter, stud. med.[Arzt in Nordamerika.] 252) H. Trapp, stud. med.[Geſt. als Arzt(in Friedberg?)! 253) M. Draiß, stud. theol. cath. 254)(A.) Loos, stud. for.[Penſ. Oberförſter zu König, d Zt. in Darmſtadt.) 255)(J.) Ries, stud. theol, cath.[Pfarrer in Waldmichelbach.] 256) C. Cellarius, stud. theol[Pfarrer in Flomborn.] 257) F. Reitz, stud theol.[Penſ. Reallehrer in Alsfeld.] 258) K. Zenzen, stud. med.[Geſt. als Arzt in Mainz.] 259) Jul. Schidwächter, stud. for.[Geſt. als Farmer in Nordamerika.] 260) L. Schirmer, stud arch. 261)(Ch) Sommer, stud. med.[Arzt in Mainz.] 262) G. Diegel, stud. theol. ev.[Profeſſor in Friedberg.] 263) L. Büchner, stud. med.[Arzt und Schriftſteller in Darmſtadt.] 264) G. M Sieglitz. stud. jur.[Obergerichtsſecretär in Mainz.] 265) T. M. Laederich, stud. chem. 266) F. Simon, stud. chir. 267) J. Sieger. stud. chem 268) H. Bergen, stud. jur.[Geſt. als Acceſſiſt.] 269) H. Weber, stud. med.[Arzt in Gießen.] 270) A. Bodenheim, stud. Jur[Geſt. als Acceſſiſt! 271) C. Voelcker, stud. theol.[Gaſtwirth in Nordamerika.] 272) E. Stamm, stud for.[Oberförſter in Colmar.] 273) F. v. Brandenſtein, stud. for.[Oberförſter in Homburg.] 274) H. S. Seib, stud. theol cath.[Pfarrer in Oberabtſteinach.)] 275) W. Urich, stud theol. ev.[Pfarrer in Radevormwald bei Lennep.)] 276) H. Friedꝛich, stud jur.[Penſ. Generalſtaatsprocurator⸗Subſtitut in Mainz(zu Darmſtadt)] 277) D. Hiſſerich, stud vet.[Thierarzt in Pfungſtadt] 278) L. Knorr, stad. jur.[Hofgerichtsrath in Darmſtadt] 279) K. Walter, stud. cam.[Noch 1852 in New⸗Orleans, ſeitdem verſchollen.] 280) A. Groh, stud. theol. ev.[Pfarrer in Kirchbrombach.] 281) M. Rieger, stud. phil.[Rentner in Darmſtadt) 282²) Anton Bender, stud. vet.[1848 in Gießen geſtorben 282) C. Meyer, stud theol. 284) Carl Hofmann, stud jur.[Miniſterpräſident in Darmſtadt.] 285) W Crecelius, stud philol.[Geſt als Lehrer.] re e, 286) A Schulz, stud. med.[Geſt als Kreisarzt in Erbach] 287) H Reuß, stud. for.[Oberförſter in Beerfelden.] 288) E Klump, stud. for.[Geſt als Oberförſter in Wendelsheim] 289) G. Heumann, stud. med.[Arzt in Pfungſtadt.] 290) Ch W. Stromberger, stud. theol. ev.[Pfarrer in Zwingenberg.] 291)(W) Bollmann, stud cam. 292)(H.) Moter, stud. med.[Kreisarzt in Beerfelden.] 293) L. Sabiel, stud. chem. 294) Bender,(C., stud. arch.?) 295) O. Großmann, stud. jur.(Bezirksſtrafrichter in Gießen.] 296) Unleſerlich. 1 3 3 297) L2 Hallwachs, stud. jur.[Miniſterialrath in Darmſtadt.] 298) H. Weiffenbach, stud, chir.[Arzt in Alzey.] 299) C. Schwoerer, stud. theol ev.[Pfarrer in Ruppertsburg! 300) V. Boerckel, stud. chir(Geſtorben als Chirurg in Mainz.] 301) C Pfaff, stud. vet. 302) G. Guckelberger, stud chem. 303)(F) Genth, stud. for.[Kgl. Preuß. Oberförſter in Dillenburg.] 304) A. Fabricius, stud. cam.[Oberſteuerbeamter im Elſaß] 305)(W.) Buff II, stud. jur.[Oberhandelsgerichtsrath in Leipzig.] 306) W. Pfannmüller, stud. jur.[Hofgerichtsrath in Gießen.] 307) F. v. Leliwa, stud. jur.[(Ehemal. öſtreichiſcher Hauptmann, jetzt Pri⸗ vatier in Arolſen.]— 308) Carl Fertſch, stud. theol. ev.[Oberſtabsarzt in Darmſtadt 1*) *) Zur Geſchichte des von obigen damaligen Studenten ausgeführten „Stauffenberger Auszugs“ erhalte ich nachträglich noch folgende intereſſante briefliche Notizen uud Actenſtücke von Seiten eines Mitglieds des Ausſchuſſes, worin er das Corps„Teutonia“ vertrat, jetzigen höheren heſſiſchen Verwaltungs⸗ beamten. Derſelbe ſchreibt u. A.:„Die beifolgenden zwei Schriftſtücke ſind dem Vernichtungskriege, den ich ſeit geraumer Zeit mit meinen vergilbten Papieren führe, glücklich entronnen. Sie haben dieſes günſtige Geſchick lediglich der be⸗ merkenswerthen Sentimentalität zu danken, mit welcher ich, à la Heine zu reden, auf meine„Jugendeſeleien“ herabblicke, oder, wenn ich ehrlich ſein ſoll, mit welcher ich zu ihnen, die nicht immer„blöde“ waren, hinaufblicke.— Das eine der Schriftſtücke, eine Rechnung des„unterthänigſten Stingel“, ſpricht für ſich ſelbſt. Ob die der Rechnung zu Grunde liegende Idee jemals realiſirt worden iſt, vermag ich nicht zu ſagen. Der Mangel einer Quittung und vieles Andere ſpricht dagegen. Wenn indeſſen nur die Hälfte von Dem zerſchlagen worden iſt, was der biedre Stingel in Anſatz gebracht hat, ſo werden künftige Jahrhunderte über die Urwüchſigkeit der Studentenſchaft des 19. Säculums und die Leichtgläubigkeit des Stauffenberger Philiſter's ſtaunen, der da zer⸗ ſchlagen ließ, weil man ihm ſagte, es werde bezahlt werden!— Das zweite unſcheinbare Papier iſt nicht mehr und nicht weniger, als ein diplomatiſches Actenſtück von unſchätzbarer Bedeutung. Es iſt das Brouillon eines Ueberein⸗ kommens zwiſchen der Studentenſchaft und dem Gießener Univerſitätsgericht, und es rühren dieſe Benedetti'ſchen Punctationen von der Hand des damaligen Hofgerichtsadvokaten und ſpäteren Heſſen⸗Homburgiſchen Miniſterpräſidenten Banſa her.(Derſelbe Advokat Banſa, damals Mitglied des Gießener Gemeinde⸗ raths, von welchem bezüglich der erſten Tage der Gießener März⸗Revolution von 1848 auf Seite 86 eine ſo heitere Geſchichte erzählt wird. Anm. d. Verf.) Dieſe Stipulationen erlitten ſpäter einige Abänderungen, und ich entſinne mich noch mit Wohlbehagen, wie der Vertrag zwiſchen Flaſchen und Schlägern in einer, Gott ſei Dank, ſehr unparlamentariſchen Sitzung des Burſchencomité's oder Ausſchuſſes— ich weiß mich gar nicht mehr commentmäßig auszudrücken — in einer Bauernkneipe zu Stauffenberg berathen und feſtgeſtellt wurde. Der ganze Convent ſaß, von dreifarbigen Schärpen umſchlungen, um einen Tiſch und nahm dazwiſchen Wagenladungen von Tabak, Bier, Wein, Schinken, Bro⸗ den ꝛc. als ſchuldigen Tribut des Gießener Philiſters entgegen“.—— Die erſte höchſt erbauliche Beilage obigen Briefes, die ich nebſt Rechnung in Wortlaut und Orthographie der Originalien wiedergebe, lautet: Stauffenberg, den 18. Auguſt 1846. Hoch Geehrteſter Herr K...... Ich bin ſo frey und ſchicke Ihnen hier das Verzeichniß über die am 7ten und Sten Auguſt verbrochene Gegenſtände und der verſprochene Zapfgebür von den Vier Ohm Bier, welche von Herr Ebel hinausgebracht waren. Herr K..... ich bitte ſorgen Sie doch dafür daß ich hier Entſchädigt werde. Ich bin Stolz darauf, daß die Herren Studenten bey Ihrem Auszug Staufenberg zu Ihrem Aufenthaltsort gewählt hatten, zumal da alles ſo gut abgelaufen war wenn ich aber dieſen Verluſt leiden ſoll, ſo habe ich mich mit meinen Leuten vor nichts und wieder nichts geplagt. Ich Glanbe nicht, daß Sie mir es zu muthen werden da ich mit der Speiſe und Getränke niemals den gewöhnlichen Preis über⸗ ſchritten habe, und die Herren Studenten ſagten mir ich ſollte nur immer ent⸗ zwey ſchlagen laſſen, es wirde alles bezahlt. Es Empfiehlt ſich Ihr unterthänigſter Diener Johannes Stingel Wirth auf der Staufenburg. Verzeichniß über die Gegenſtände welche von dem 7ten bis 9ten Auguſt 1846 von den Herren Studenten in meiner Wirthſchaft verbrochen worden iſt. Stingel zu Staufenberg. 1) 130 Bier und Weingläſſer à 5 kr...... 10 50 2) 296 Bier und Weinflaſchen à 71,2 kr....... 37— 3) 30 Waſſer Grüge à 4 kr........... 2— 4) 2 Windlampen à 24 kr...........— 48 5) 54 Bortzlanen Teller à 6 kr.......... 5 24 6) 10 Gute Taſſen à 12 kr........... 2— 7) Zapf Gebür von 4 Ohm Bier Lautet Agort.... 12— 8) für verbrochne Stühle........... 5— fl. 55 2 Das mit Bleiſtift von Dr. Banſa niedergeſchriebene Original der durch den Gießener Stadtvorſtand vermittelten Uebereinkunft zwiſchen dem Gießener akademiſchen Senat und der Studentenſchaft, die wir aus früher angedeuteten Gründen bon grè mal gré acceptirten, lautet: „Die Dragoner ſollen vor der Wiederkehr der Studirenden zurückgezogen werden, wenn der Stadtrath von Gießen Garantie leiſtet: 1) für die Erhaltung der geſetzlichen Ordnung und Ruhe von Seiten der Studirenden, ſowie der übrigen Einwohner von Gießen, 2) für die Vermeidung aller Feierlichkeiten bei der Rückkehr, insbeſondere a) nicht Rückkehr in Maſſe, b) nicht mit Geſang und Muſik, c) nicht mit Fahnen, d) nicht mit feierlichem Empfang durch die Einwohner!. Die nachdrückliche Verwendung des Senats zu Ertheilung einer Amneſtie bei der höchſten Staatsbehörde wird von dem Betragen der Studirenden ab⸗ hängen.“ Offener Brief . an den großberzoglich beſſiſchen Kriminal⸗Nichter Klingelhöffer zu Ghrßet. (verſpaͤtneſt.) Mein Herr! Sie werden es gewiß vicht erklärlich ſinden, daß der Unter⸗ zeichnete, deſſen ehrlicher Name lange vorher ſchon auf der Pro⸗ ſkriptionsliſte des Prinz⸗Emil'ſchen Kammerdieners Jaup eingezeich⸗ net ſtand, ſich noch zu rechter Zeit den plumpen Fäuſten Ihrer Gensd'armen und dem politiſchen Herenprozeſſe der großherzoglich heſſiſchen Kabinetsjuſtiz durch eine„Zerſtreuungsreiſe in das Aus⸗ land“ entzogen hat. Sie kennen wahrſcheinlich ſchon aus Ihrer eigenen Praris die mißliebige Wahrheit des alten Sprichworts, die ſo oft ſchon Diebe, Mörder, Hochverräther und„andere Ver⸗ brecher“ den ſteckbrieflich bewaffneten Klauen der heiligen Hermandad entſchlüpfen ließ:„Die Nürnberger hängen K einen, be⸗ vor ſie ihn haben.“ Sie niſſen, daß dieſer alte Vorbehalt der weiland frei⸗reichs⸗ſtädtiſchen Gerichtspolizei auch in dem Spren⸗ gel des Gießener Kriminalgerichts noch ſeine volle Geltung bewahrt hat, und werden es darum auch mir, als einem angehenden Stu⸗ dioſen der Jurisprudenz, kollegialiſch zu Gute halten, wenn ich mir die goldene Moral jenes ehrwürdigen Satzes zu Nutze machte und es nach ſeinem Rathe vorzog, lieber in effigie als in natu- ra zu baumeln. Ich kann daher jetzt erſt von jenſeits des„freien deutſchen“ Rheins herüber, ſtatt in der Baſtille des Seltersbergs Ihrer Ladung par distance Folge leiſten und erſuche Sie, in Ermangelung meiner perſönlichen Anweſenheit, einſtweilen dieſen Brief zu dem erſten Faszikel der begonnenen Unterſuchungsakten zu legen. — 2— Das„hochverehrliche“ Hofgericht zu Gießen, ein Collegium, deſſen Urtheil durch die bekannten Antecedentien ſeiner hervorra⸗ gendſten aktiven und penſionirten Mitglied⸗r, eines Grorgi, Nöll⸗ ner, Weber, Preuſchen, Dietz und anderer weiland Handlanger der„ſchwarzen“ und anderer„Commiſſtonen“ in Sachen der De⸗ magogenverfolgung zu einer vollgültigen Autorität geworden iſt, hat bereits einige Tage vor meiner Incognito⸗Abreiſe, am Mor⸗ gen vor der letzten von mir abgehaltenen Volksverſammlung, ei⸗ nen Verhaftsbefehl gegen mich erlaſſen und Sie, Herr Kriminal⸗ Richter, mit deſſen Vollziehung beauftragt. Ich weiß nicht, ob dieſer neue Akt des acht Tage vorher an meinen Freunden voll⸗ ſtreckten Martialgeſetzes der Gießener Juſtiz abermals durch eine Eſtaffette des Miniſters Jaup veranlaßt worden iſt o⸗er durch je⸗ nen berüchtigten Erlaß des hohen Reichsminiſteriums, der notz der paulskirchlichen Grundrechte die deutſche Demokratie in allen 38 Gauen in polizeilichen Belagerungszuſtand und alle mißliebigen Führer dieſer Partei in Bauſch und Bogen für vogelfrei erklärt, oder durch irgend eine jener üblichen Denuziationen, welche neuer⸗ dings von den Mouchards der„vaterländiſchen“ Siypſchaft än den Löwenrachen des Polizeibürcaus geworfen war, denn ich will die eigentlichen Motive dieſes hofgerichtsräthlichen Beſchluſſes hier niche unterſuchen. Ich weiß, der ſogenannte Rechiszuſtand iſt in unſerem geſegneten Vaterlande faſt überall durch willkürliche Ausnahms⸗ Maßregeln und durch die Wiederaufnahme veralteter Strafgeſetze ſo ganz illuſoriſch geworden, daß das Damokles⸗Schwert lanze ſchon, zum Niederfallen bereit, über unſer Aller Häuptern ſchwebie und unſere bisherige proviſoriſche Freiheit nur als eine aus noth⸗ gedrungener Klugheit verlängerte Galgenfriſt zu betrachten war. Ich habe unwillkuͤrlich an den Ausſpruch jenes Franzoſen gedacht: „Wenn man mich heutzutage beſchuldigte, rie große Glocke der Notredame⸗Kirche geſtohlen und in meiner Weſtentaſche verſteckt zu haben, ich würde keinen Augenbltck ſäumen, rie Flucht zu ergreifen.“ Der Erfolg hat gelehrt, wie ſehr ich Recht hatte, dies zu meinem Nutz und Frommen ins heſſendarmſtädtiſche Deutſch zu überſetzen. Ich habe von dieſem Geſichtspunkte aus noch in der letzten Loits⸗ verſammlung zu Gießen die Gerüchte von meiner bevorſtehenden Verhaftung beleuchtet und in richtiger Vorahnung der kommenden Ereigniſſe in Bezug auf mich an jenes Wort erinuert, das der un⸗ glückliche Hoff ſeiner Vertheidigungsſchrift als Morto voraugeſtellt hat:„wenn man an den Hund will, muß er Leder ge⸗ freſſen haben.“ Ich habe geſagt, in Gießen ſeien außer mir noch derartige„Hunde“ genug, auf welche die hohe Juſtiz laut miniſterieller Inſtruktion Jagd mache, um ſie in ihrem Seltersberger Stall an die Kette zu legen, und das criminelle„Leder,“ womit man ihnen den Mund zu ſtopfen gedenke, liege ſchon längſt in der — 3— hoſgerichtsrahlichen Rüſtkammer bereit; aber ich ſprach zugleich die Hoffnung aus, daß die inkriminirten„Hunde“ der Gieſſener Demo⸗ kraten vorkommendenfalls ſich nicht feig einfangen laſſen, ſondern ibren Gegnern muthig„die Zähne weiſen“ würden, und paß dieſe Hoffnung mich nicht ganz getäuſcht hat, hat mir inzwiſchen die Nachricht von den gegen die Butzbacher Dragonade errichteten Bare rikaden und von der nach der Reſtdenz entſandten Deputation zur Abberufung des zc. Küchler bewieſen.— Herr Crimtnal⸗Richter! Sie oderßIhr College Höpfner haben ſchon am frühen Morgen nach jener Verſammlung, in welcher mir ein amtlicher Correſpondent der amtlichen Oberpoſtamts⸗Zeitung⸗ lächerlich genug„unglaubliche Invektiven gegen den Großherzog und das Miniſterium“ in den Mund gelegt hat, mit einem impoſanten Truppen⸗Corps von 5 Stück Gensd'armen und 2 ditto Polizeidienern mein Haus nullitäriſch beſetzt, meine leere Siube in Belagerungszu⸗ ſtand erklärt und, in Ermangelung meiner leibhaftigen Perſon, meine Papiere gerichtlich mit Beſchlag belegt. Ich ſelbſt habe dieſe unzweideutigen Manöver zu meinem hohen Erſtaunen in unmittel⸗ halen Nähe beobachtet, meil ich es vorzog, mich zuvor mit eignen Angen von der Wahrheit jener Gerüchte zu überzeugen, und weil ich der nefahr nur dann aus dem Wege gehen wollte, wenn ſie mir in greifbaren Umriſſen, mit dem herkömmlichen rothkragiſchen Appendix und dem Verhaftsbefehl in der Hand, gegenüberträte. Indeſſen habe ich es darauf hin in einer Anwandlung nothgedrun⸗ genen Humors für geeignet erachtet, mit der hohen Juſtiz ein we⸗ nig Vlindekuh zu ſpielen und, im Vertrauen auf die Galanterie des Gieſſener Polizei⸗ Perſonals„ als wohlausſtaffirtes Fräulein in partibus eine Promenade zu den Stadt⸗Thoren hinaus anzutreten. Meine Berechnung täuſchte mich nicht, wie ich zu Ehren Ihrer Sbirren gerne geſtehe, und man hat die improdiſtrte Amazone un beanſtandet paſſtren laſſen. Aber Ihre Verfolgung hat ſich bald auch bis über das Weich⸗ bild der Stadt Gießen und die Provinz Oberheſſen hinaus erſtreckt, und Sie haben es für gut befunden, mich in efſigie von Kopf bis zu Fuß durch 1as polizeiliche Daguerrotyp eines Stecktriefs an den Pranger des Frankfurter Journals auszuſtellen, eine für mich völ⸗ lig unerwartete Maßregel, die mich zu meinem höchſten Bevauern dazu noͤthigte, dem golduen Mainz und dem„grundrechtlich“ freien, polizei⸗einheitlich deurſchen Vaterlande Lebewohl zu ſagen und ln der überrheiniſchen Hochverräther⸗, Freiſchärler⸗ und„ſonſtiger, Verbrecher⸗Colonie Straßburg, Len politiſchen Botany⸗Vag dr deutſchen Monarchie, ein gaſtliches Aſyl zu ſuchen. Ich könnte fäglich eine Kritik jenes in vielfacher Weziehung mexkwürrigen ſtatkbrieflichen Dokuments dem geſunden Sinne mei⸗ ner oberheffiſchen Londsleute überlaſſen, deien weihe Perſonlichkeit — 48-= 2 und meine ſeitherige Thätigkeit großentheils aus eigner Anſchauung genauer bekannt iſt. Ich will mich nicht damit aufhalten, die Mangelhaftigkeit meines von Ihrer Feder ſkizzirten Porträts einer genauen Kritik des in Na 17 des Gaſthauſes„zum Rebſtock“ vor mir hängenden Spiegels zu unterwerfen. Daß Sit meine Augen blaugrau gefärbt haben, iſt eine optiſcht Täuſchung, über dereu ſchwarzbraune Wirklichkeit Sie vielleicht ſellſt ein Theil der Gieſ⸗ ſener Damen hätte belehren können, und jein Veweis dafür, daß Sie mir bisher noch nicht recht„ins Auge geſehen“ haben. Danken aber muß ich Ihnen bei dieſer Gelegenheit ausdrücklich für die ſchmeichelhafte Artigkeit, womit Sie meinen„blonden“, wenn auch noch„ſchwachen“ Schnurrbart amtlich anerkennt haben. Dieſer an⸗ ſpruchsloſe Embryo eines projektirten„Henri-Quatre“ oder„Lich⸗ nowsky“ war von jeher der leider! meiſt unbeachtete Gegenſtand meinerggeheimen Eitelkeit, und es freut mich deßhalb unbeſchreiblich, daß ſeine jugendliche, durch die frivole Skeptik meiner Freunde oft angezweifelte Exiſtenz von nun an endlich durch das amtliche Vidit der großherzoglich heſſiſchen Gerichts⸗Polizei unwiderruflich außer Frage geſtellt iſt.— Abgeſehen von dieſen unweſentlichen Aeußerlichkeiten, erlaube ich mir hier nur, rie Kategorie der„Ver⸗ brechen“ wegen deren Sie mich öffentlich für vogelfrei erklärt haben, näher zu beleuchten. ¹ Daß Sie mich von dem amilichen Geſichtspunkte Ihrer heſſ. Criminaljuſtiz aus als„Hochverräther“ fignaliſtren würden, konnte ich füglich erwarten. Es iſt dies das ſeit den Tagen der „ſchwarzen Commiſſton“ bundesräglich abgenutzte Brandmal was die deurſche Polizei von jeher allen demokranſchen Veſtrebungen auf die Stirne gedruͤckt hat, und deſſen ehrenvolle Auszeichnung ich gerade j tßt mit zahtreichen Geſtnnungsgenoſſen aus allen 38 Vater⸗ ländern zu theilen ſtolz bin. Ich habt ſchon auf der letzten Volks⸗ verſammlung zu Gießen den eigentlichen Charakter dieſer Anſchul⸗ digung, die von dem Gr. Hofgericht auch als Rechtfertigung der vorhergegangenen Verhaftung meiner Freunde vorgeſchoben z wurde, mit dem großherzoglich heſſiſchen Strafgeſetzbuc in der Hand und nach juriſtiſcher Definktion, wenn auch vielleicht mit etwas allzu la ienhaftem Humor ausführlich eroͤrtertz ich habe nachgewieſen, daß der verſchollene Begriff des ſogenannten„Hochverraths“ nach der von Gottes Gnaden anerkannten Conſequenzen der letzten Nevolu⸗ tion ein anachyoniſtiſches Unding iſt, daß mit demſelben Rechte, wie unſre Freunde, nach den thatſächlich annullinten Sätzen deſſel⸗ ben du Thilſchen Coder auch Seine koͤnigliche Hoheit der Groß⸗ herzog Ludwig III. von Heſſen und bei Rhein oler vielmehr bei deſſen ſouveräner Unverantwortlichkelt, ſein ehemaliger conſtitutio⸗ neller Miniſter, der„edle“ ic. Freiherr von Gagern, nermaliger Präfident der ſogenannten Rationalverſammlung zu 8—— 10 Nah⸗ 53— ren Zrchrhausſtrafe verurtheilt werden mußte— und die humo⸗ riſtiſche Volksjuſtiz der anweſenden Verſammlung hat darauf hin, da„alle Heſſen vor dem Geſetze gleich“ ſind, ſofort das Marimum von 16 Jahren dekretirt;— ich habe Hließlich dargethan, daß ſeit den Ereigniſſen des März nur noch ein geſetzlicher Begriff des„Hochverraths“ exiſtire, des Hochverraths an der von dem Vorparlament feierlich proklamirten Sonveränität des deut⸗ ſchen Volkes, und daß von dieſem nunmehr allein zu Recht beſtehenden Geſichtspunkte aus weder ich noch meine Freunde, ſon⸗ dern ganz andre weit höher ſtehende Perſonen, vor Allen aber der regierende Großherzog von Heſſen oder vielmehr Seine Excellenz der„hoͤchſtpreißliche“ Staatsminiſter Jaup in Anklageſtand zu ver⸗ ſetzen ſeien. Daſſelbe kann ich auch heute nur als Antwort auf Ihre ſteckbriefliche Beſchuldigung wiederholen. Aber da in ihren Augen die juriſtiſche Entſcheidung eines deutſchen Gerichtshofs wahrſcheinlich eine groͤßere Autorität iſt, als das laienhafte Urtheil des geſunden Menſchenverſtandes, ſo will ich Sie ſchließlich nur auf das Verfahren eines preußiſchen Gerichts verweiſen, das gewiß vor einem heſſiſchen Criminal⸗ Senat als Norm adoptirt werden kann. Ich meine nicht die neulich erfolgte, von dem rheiniſchen Publikum mit einſtimmigem Wer begrüßte Freiſprechung der „Hochverräͤther“ F. Freiligrath und J. Wulf; dieſelbe erfolgte von einer Jury, und ich weiß allzugut, daß deren Urtheil von einem eingeroſteten Richter des geheimen Inquiſitionsprozeſſes mit Veru⸗ fung auf die Conſtitutionen und Novellen des juſtinianeiſchen Corpus juris ferhorreszirt werden wird. Nein, ich erinnere ſie nur an das unbeſtreitbar„rechtskräftige“ Resolutum des Crimi⸗ nalgerichts der kön. preußiſchen Reſidenzſtadt Berlin. Dieſer, in Ihren Augen gewiß voͤllig kompetente Gerichtshof hat vor wenigen Tagen erſt die des Hochverraths angeklagten Verbreiter und Druk⸗ ker eines republikaniſchen Katechismus freigeſprochen und in den Entſcheidungsgründen ausdrücklich erklärt,„daß er bei der Ver⸗ änderung, die durch die Ereigniſſe der neueſten Zeit in den ſtaatlichen Verhältniſſen eingeltreten ſei, das Verbrechen des Hochverraths ſo lange für unm dg⸗ lich halten müſſe, als der jetzige prodiſche Verfaſ⸗ ſungszuſtand fortdauere’ Soviel zur Würdigung der von Ihnen gegen mich erhobenen Anklage des Hochverraths. Aber Sie haben ſich nicht einmal damit begnügt, mich den Polizei⸗ und Gerichtsbehörden Heſſens und der angrenzenden Län⸗ der als„Hochverräther“ zu denünziren. Sie haben ſich außerdem noch den eigenthümlichen Zuſatz erlaubt:„und wegen anderer Verbrechen. Ich will zu Ihrer Ehre nicht annehmen, daß Sie dies zweideutige Prädikat etwa nur deshalb hinzugefügt hätten, um mich dem ununterrichteten Publikum gegenüber außerdem noch als — 62— einen möglichen Beutelſchneider, Buſchklepper, Merdirennen. Fäl⸗ ſcher und ſonſtwelchen„Galgenkandidaten“ erſcheinen zu laſſen: denn alle dieſe und noch andere Species jener ſauberen Familie ge⸗ bören in das gemeinſame Bagno des gſetzlichen Begriffs von„Ver⸗ krechen.“ Ich will eine ſo niederträchtige Abhſicht nicht zwi⸗ ſchen den Zeilen leſen, obſchon ſie immerhin nicht gerade unwahr⸗ ſcheinlich wäre; denn Sie wiſſen wohl, daß ein polizeilicher Steck⸗ brief wegen„Hochverraths“ heutzutage ein unter allen ehrlichen Leuten des In⸗ und Auslandes reſpektirter Freipaß iſt, und es wäre darum ein naheliegender Kunſtgriff, dieſe unwillkürliche Re⸗ kommandation des Gerichtsſtyls durch jenen vieldeutigen Zuſatz in⸗ direkt widerrufen zu wollen. Aber ich hatte wenigſtens das unbe⸗ ſtreitbare Recht, von Ihnen zu verlangen, daß ſie durch genaue und gewiſſenhafte Angabe der einzelnen angeſchuldigten außerhoch⸗ verrätheriſchen„Verbrechen“ ſelbſt die Möglichkeit eines ſol⸗ chen entehrenden Verdachts für mich außer Frage ſtellten. Sie waren dies meiner moraliſchen Ehre ſchuldig, die man mir bis jetzt noch von keiner Seite amtlich oder ſonſtwie mit Erfolg abzuſchneiden verſucht hat. Der„demokratiſche“ Verein zu Schot⸗ ten hat, wie ich inzwiſchen zu meiner großen Genugthuung erfah⸗ ren habe, darauf hin Sie zur Rechtfertigung lieines abweſenden Präſidenten öffentlich aufgefordert, jene rubrizirten„Verbrechen“ namentlich zu bezeichnen. Ich habe keinen Grund zu erwarten, daß Sie dieſe Aufforderung, deren Unterzeichner Sie indeſſen viel⸗ leicht ebenfalls ſchon wegen„frechen Tadels der Behörde“ oder wegen ihrer Sympathie für einen des Hochverraths Angeklagten als„mittelbare“ Hochverräther proſeribirt haben, öſſentlich Folge leiſten werden, und ich halte es ohnehin nicht für nöthig, ſte mei⸗ nerſeits hiermit nochmals zu wiederholen. Ich weiß, die hohe Juſtiz hat in der traditionellen Rumpelkammer ihrer Strafgeſetz⸗ theorien ein ſo wohlaſſortirtes Repertorium verſchiedenartiger„Ver⸗ brechen aufgeſtapelt, daß Sie um die Antwort nicht lange verle⸗ gen zu ſein brauchen. Sie haben die Wahl zwiſchen„Majeſtäts⸗ beleidigung, Aufreizung zur Unzufriedenheit, unehrerbietigem Ta⸗ del der hohen Nationalverſammlung und des Reichsminiſteriums, Gottesläugnung, grober Schmähung der Behörden und insbeſon⸗ dere des großh. heſſ.„Hofgerichtsn zꝛc. zꝛc. Alle dieſe weitſchich⸗ tigen Kategorien ſind herlömmliche Univerſalmüttel der verrotteten deutſchen Kriminaljuſt z, die ſich zur Noth auf hundert bedeutungs⸗ loſe Fäͤlle und auf jeden irgendwie verfänglichen mündlichen oder ſchrifilichen Ausdruck anpaſſen laſſen, Sie wiſſen, ich habe in der letzten Woche vor, meiner Entfernung eine Volksverſammlung zu Oberohmen und zwei unter Ihren Augen zu Gießen abgehalten: in jeder derſelben waren amtliche Stenographen im Hintergrunde beſchäftigt, meine Worte zu protokollixen, und ich ſelbſt habe zum — 7— Theil durch oͤffentliche, rückhaltloſe Berichterſtattung deren Lücken freiwillig ausgefüllt. Außerdem aber haben Sie 8 Nummern des „Jüngſten Tags“ in der Hand, deren Spalten meinen Namen als verantwortlichen Redakteur ſchwarz auf weiß an der Stirne tragen. Jedes dieſer bedruckten Blätter kann ſich in Ihren amilech bewaff⸗ neten Augen als die rothe Fahne einer republikaniſchen Verſchwoͤ⸗ rung zu einer Anklage⸗Akte geſtalten; jede Zeile kann von Ihrer juriſtiſchen Kritik als literariſche Freiſchäͤrler⸗Kolonne interpretirt werden. Ich brauche Sie nicht an das berüchtigte Wor! Riche⸗ lieu's zu erinnern, das als ein vor der Unterſuchung gefälltes Todes⸗ urtheil auch bei unſern politiſchen Tendenzprozeſſen oft ſchon praktiſche Geltung gewonnen hat:„Gebt mir vier geſchrie⸗ bene Worte von einem Angeklagten, und ich will ihn an den Galgen bringen!“ Glauben Sie nicht, Herr Criminalrichter, daß ich irgend eines meiner Worte nachträglich widerrufen oder abläugnen werde; ich habe jedes derſelben nur nach ernſter Erwägung und im vollen Bewußtſein der daraus moglicherweiſe erwachſenden gerichtlichen Verantwortlichkeit offen und ehrlich ausgeſprochen. Meine ganze bisherige politiſche Thätigkeit liegt kltar vor Ihren Augen; ſie war der Ausfluß meiner innerſten Ueberzeugung. Sie dürfen alle Num⸗ mern der Mannheimer Abendzeitung, des Zuſchauers, der deutſchen Volkszeitung, des Jüngſten Tags und die Protokolle des demokrat. Bezirksausſchuſſes zu den Akten legen; Sie rürfen alle Bürger und Bauern, Männer und Weiber der Provin Oberheſſen, in deren Mitte ich ſeit März von der Tribüne ſprach, maſſenweiſe protokolla⸗ riſch vernehmen laſſen:— ich werde keinen einzigen der gegen mich aufgerufenen papiernen und lebendigen Belaſtungszengen perhorres⸗ ciren, ſondern es ruhig dem Gerichte überlaſſen, ihre Ansſagen ne⸗ ben einander abzuwägen. Ich habe nicht nöthig, Ihnen mein poli⸗ uſches Glaubensbekenntniß hier nochmals abzulegen; es iſt ſeitdem im Weſentlichen daſſelbe geblieben und nur durch die Erfahrungen der letzten Tage noch„hochverrätheriſcher“ geworden. Wenn ich trotzdem mich veranlaßt fand, Ihrer Vorladung nicht Folge zu leiſten, ſo habe ich die naheliegenden Motive dieſes Schrit⸗ tes, den Sie vernünftigerweiſe nicht als ein thatſächliches Zugeſtänd⸗ niß meiner Schuld auffaſſen dürfen, oben ſchon angedeutet. Ich bin nach, wie vor, bereit, auf die erhobene Anklage vor den Schran⸗ ken eines kompetenten Gerichtshofs zu antworten; aber ich bin auch geſetzlich befugt, gegen Ihre Eompetenz und überhaupt gegen die Compeienz jedes geheimen Inquiſitionsgerichts in meiner Sache laut und entſchieden zu proteſtiren. Ich berufe mich auf das von Sr. königl. Hoheit, dem Großherzog von Heſſen unterzeichnete undgvon dem verantwortlichen Miniſter Gagern contraſignirte Patent vom 6. März, als die von amtlicher Seite jederzeit ſo bereitwillig an⸗ — 218— erkannte Magna Charta unſerer„nichterrungenen Errungenſchaften,“ worin ausdrücklich zugeſagt iſt, daß galle politiſchen und Preß⸗Proceſſe fernerhin nur noch von Geſchworenen⸗ Gerichten abgeurtheilt werden ſollten.“ Ich weiß zwar, daß dies, wie die meiſten andern unſerer papiernen Verheiſ⸗ ſungen, bis jetzt leider! nur ein frommer Wunſch geblieben iſt; aber ich babe auch keine Luſt, mich vor deſſen endlicher Verwirklichung durch eine willkürlich dekretirte Unterſuchungshaft von etlichen Mo⸗ naten nach dem Beſchluſſe des Gr. Hofgerichts zu Gießen proviſoriſch „maßregeln“ zu laſſen, und ich würde ſelbſt im Falle meiner er⸗ folgten Verhaftung auf Ihren richterlichen„Vorhalt“ keine andere Antwort zu den Akten diktirt haben, als die, daß ich Ihnen keine Antwort zu geben habe. Der Großh. Juſtizminiſter Kilian, deſſen amtliche Thätigkeit ich ſtets von der ſeines Collegen Jaup ſtrenge geſchieden habe, und deſſen perſönliche Ehrenhaftigkeit ich gerne anerkenne, hat öffentlich verſprochen, daß das Inſtitut der Geſchworenen⸗Gerichte nach dem von der Ständekammer lange ſ!on einſtimmig angenommenen Geſetzentwurf ſpäteſtens mit dem Ja⸗ nuar des folgenden Jahres in Leben treten ſolle, und es iſt um möglichſte Beſchleunigung dieſes Zeitpunktes neuerdings auch von Gießen aus dringend gebeten worden. Bis dahin werde ich als unfreiwilliger Ausländer unter dem Schatten der franzöſiſchen Tri⸗ kolore die weitere Entwicklung unſerer heſſiſchen Zuſtände abwarten, aber ich erkläre auch hiermit ausdrücklich, daß ich in dem Augen⸗ vlicke, wo die erſte Jury in Gießen zuſammentritt, freiwillig vor demForum derſelben erſcheinen werde. Ich bin im Voraus überzeugt, daß alsdann das oben erwähnte Urtheil des königl. preußiſchen Criminal⸗Gerichts zu Berlin von dem ehrenwerthen Collegium der heſſiſchen Geſchworenen einſtimmig und ohne Vorbehalt mir und meinen Freunden gegenüber adoptirt werden wird, und hoffe, daß von da an die vom Volke ſelbſt ge⸗ handhabte Rechtspflege den Exrceſſen der Jaup'ſchen Cabinetsjuſtiz für immer ein Ende machen wird. Bis dahin auf Wißderſehen, aber nicht vor Ihrem Richterſtuhl! Straßburg, den 14. Oktober 1848. 1 Rudolph Fendt, Hochverräther und„ſonſtiger Verbrecher.“ Gedruckt bei C. Schild in Gießen. Schluß der Vertheidigungs⸗Rede de Rudolf Fendt, Studioſus aus Schotten, angeklagt des Zoch- und Landesverraths, der Majeſtäts⸗Beleidigung, der Belei⸗ digung der Häupter fremder Staaten, der Aufreizung zu Aufruhr nd Widerſetzlichkeit, der Verletzung der Amtsehre des Großherz. andrichters Brumhard zu Laubach, des weiland Großh. Staats⸗ miniſters Jaup und des Großh. Hofgerichts zu Gießen, geſprochen vor den Aſſiſen zu Darmſtadt, am 13. September 1850. zach der Handſchrift des Redners. Der Erlös iſt für die deutſchen Flüchtlinge beſtimmt.) —j orOOCoe Druck von C. Adeimann. ½ Nachdem der Angeklagte durch eine rechtliche Ausführung, mit Berufung auf entſprechende Urtheile verſchiedener Gerichtshöfe, dar⸗ zuthun verſucht, daß nach der März⸗Revolution in Folge der dadurch herbeigeführten notoriſchen Unſicherheit der öffentlichen Rechtsverhält⸗ niſſe die früheren Begriffe politiſcher Verbrechen, wie ſie in dem vor⸗ märzlichen heſſiſchen Strafgeſetzbuch enthalten, überhaupt gar nicht mehr anwendbar geweſen ſeien, ſprach er zum Schluſſe im Weſent⸗ lichen Folgendes:*) Meine Herren! „Andre Zeiten, andre Sitten!“ ſagt das Sprüchwort. Nicht die Sitten des vormärzlichen Polizeiſtaats von 1840 können hier als Maßſtab dienen, wie ſie in dieſem von einer alten Privile⸗ girten⸗Kammer votirten Strafgeſetzbuch enthalten ſind, auch nicht die modernen Sitten der Bundestags⸗Reſtauration oder der Ordonnan⸗ zen unter dem Miniſterium Dalwigk von 1850, ſondern einzig und allein die freilich großen Theils verſchwundenen Sitten jener Zeit, aus der meine Anklagen herſtammen, die demokratiſchen Sit⸗ ten des Jahres der März⸗Revolution von 1848, unter deren Herrſchaft ich öffentlich ſprach, ſchrieb und handelte. Damals und jetzt— das iſt allerdings ein gewaltiger Unterſchied; aber die⸗ ſen Unterſchied dürfen Sie billiger Weiſe nicht mich entgelten laſſen, denn ich ſelbſt würde heute, wo die Politik wieder in altem Style von den Diplomaten gemacht wird, nicht mehr daſſelbe thun und ſagen, wenn ich auch ganz daſſelbe dächte, wie vor 2 Jahren, wo die Politik von dem ſouveränen Volke gemacht wurde, als noch auf dem Palais der Eſchernheimer Gaſſe die ſchwarz⸗roth⸗goldene Fahne flat⸗ terte, die heute in Fetzen zerriſſen iſt, als noch, kraft der neu ero⸗ berten Souveränität des deutſchen Volkes in der Paulskirche die Na⸗ tionalverſammlung tagte, die heute auseinandergeſprengt und verſchol⸗ len iſt, und als wir noch die junge Charte der Märzerrungenſchaften für eine Wahrheit hielten, die heute zur Lüge geworden iſt— kurz, als diejenigen Beſtrebungen noch als verdienſtlicher Patriotismus gal⸗ ten, die heute als Staatsverbrechen verfolgt werden, und jene Män⸗ ner noch auf den Schultern des Volkes als Heroen des Tages erho⸗ ben wurden, die jetzt ſtandrechtlich niedergeſchoſſen, in den Kerker geworfen oder in die Verbannung gejagt ſind. Damals, m. H.— in dem Jahre 48— waren die glorreichen Pfingſttage der auferſtan⸗ denen Volksfreiheit, wo die Feuerzungen der nationalen Begeiſterung auf allen Häuptern ſchwebten und die Herren Fürſten und Miniſter **) Die Abweichungen können nur höchſt unbedeutend ſein. Einzelne Stel⸗ len, die der Redner aus Rückſichten auf die Gerichts⸗Cenſur gemildert oder un⸗ terdrückt hat, geben wir hier in ihrer urſprünglichen Geſtalt. — 4— „in fremden Zungen redeten,“ wo wir Jünglinge Geſichte ſahen und die Jungfrauen Träume hatten;— heute aber ſind die Tage des Märty⸗ rerthums, wo die Apoſtel des neuen Evangeliums von den fürſtlichen Machthabern als Gottesläſterer und Rebellen verfolgt, gemartert und geſteinigt werden. Damals zog der Meſſias der Volksſouveränität im Triumphe durch die Straßen und Alles jubelte„Hoſiannah!“ Heute zieht er zwiſchen Schächern und die Dornenkrone auf dem Haupte nach dem Golgatha des Richtplatzes und des Zuchthauſes, und Alles ruft:„Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“— Es war eine ſchöne Zeit, m. H., jene Zeit der ſchwarz⸗roth⸗goldenen Fahnen, der Volksverſammlungen und Adreſſen, der feierlichen Schwüre und begeiſterten Hoffnungen, und die Erinnerung daran wird, trotz aller Schmach und allem Druck der Gegenwart, nicht ſo bald aus unſern Herzen ſchwinden. Es waren die politiſchen Saturnalien des deutſchen Volkes, wo die Sklaven ihrer Ketten entledigt und von ihren Her⸗ ren bedient wurden, wo das Wort frei war und die traurige Ver⸗ gangenheit vergeſſen wurde in dem Traum einer trügeriſchen Gegen⸗ wart. Das Feſt iſt beendigt, unſere Fackeln und Lampen ſind aus⸗ gebrannt, der Sklave hat ſeine abgeworfenen Feſſeln wieder aufge⸗ nommen, und der Katzenjammer jenes ſchönen Rauſches liegt, wie ein Alp, auf der ganzen Nation. Aber— es war ein ſchöner Gebrauch der Römer, daß ſie wenigſtens nach der Rückkehr des alten Zuſtan⸗ des ihrem Sklaven keine Strafe auferlegten für die vorübergehenden Freiheiten, die er ſich ihnen gegenüber während der Saturnalien er⸗ laubt hatte. Meine Ankläger hätten dieſes alten Brau⸗ ches gedenken ſollen! Da ſie aber auf dieſen Ruf der Verſöh⸗ nung nicht haben hören wollen, ſo appellire ich an Ihr Gedächtniß, m. H. G. Wer von Ihnen erinnert ſich nicht noch friſch an die au— ßerordentlichen Zuſtände jener revolutionären Sturm- und Drang⸗ periode des Jahres 1848, Zuſtände, denen das Maß des Herkömm⸗ lichen und Gewöhnlichen fehlte, jenes goldnen Zeitalters des Prophe⸗ ten, wo die Lämmer neben den Panthern lagen und die gnädigen Herren von geſtern mit der ſtegreichen Canaille von heute fraterni⸗ ſirten, wo ein Zitz noch zu einem Ludwig von Heſſen ſagen konnte: „wenn die Fürſten demokratiſch werden, werden die Völker monar⸗ chiſch!“ und wo ein König von Preußen öffentlich erklärte, das Volk ſeiner Hauptſtadt habe ſich großherzig gegen ihn benommen, weil es ihn nach dem Blutbade der Märztage am Leben und auf dem Throne ließ! Jene Zeit erſcheint uns freilich wie ein. Mährchen, aber ſie darf nicht vergeſſen werden, wenn man uns, den Angehörigen jener außer⸗ ordentlichen Zeit von geſtern und vorgeſtern, heute Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen will. M. H., denken Sie daran, daß Sie vielleicht ſelbſt in jenen Tagen, wo das Unmögliche möglich ſchien, Gut und Blut einzuſetzen geſchworen haben für Dinge, die man jetzt naſerümpfend als unreife Illuſtonen belächelt oder gar als Verbrechen denuncirt, und dann, — 5— wenn Sie es können, verdammen Sie mich, einen jungen Mann, der gleich Ihnen dieſe Dinge für Ernſt nahm, und fortgeriſſen von dem ſtürmiſchen Drange der Ereigniſſe, ſtatt mit bedächtigem Kopf⸗ ſchütteln am Ufer ſtehen zu bleiben, ſich mit pochender Bruſt mitten in den brauſenden Strom der Revolution warf, der uns ins ge⸗ lobte Land der Freiheit tragen ſollte und nun im Sande der Re⸗ aktion vertrocknet iſt! Wenn es ſtrafbar iſt zu ſeiner Zeit in ſeinen Wünſchen und Hoffnungen, Reden und Gedanken über die Grenze des geſchriebenen Geſetzes hinausgegangen zu ſein, ſo haben ſich da⸗ mals, wie ich ſchon früher angedeutet, mit mir deſſelben Verbrechens Leute ſchuldig gemacht, die man ausnahmsweiſe pleidenſchaftslos,“ beſonnen und„edel“ genannt hat, Männer mit grauen Haaren und im weiten Mannesalter, die da verſprachen auf die Barrikaden zu ſteigen, ſich zwiſchen die Bajonette zu werfen und ſich„kühne Griffe“ erlaubten, Männer wie der ehemalige Reichsminiſter H. v. Gagern, der noch im April 1849, alſo mindeſtens ein halbes Jahr nach meinem diesmal angeſchuldigten öffentlicher Auftreten in Oberheſſen, ſich für die Revolution gegen die beſtehenden fürſt⸗ lichen Regierungen erklärte, ja unter Umſtänden ſogar für den Con⸗ vent, d. h. für die Proklamation der deutſchen Republik und für Abſetzung und Beſtrafung der regierenden Herrn von Gottes Gna⸗ den, Männer, wie der noch jetzige Miniſter von Wydenbrugk, der im Juli 1849 den König von Hannover als einen Rebellen gegen die Nation nach England hinüberjagen, Männer, wie der ehemalige Unterſtaatsſekretär Baſſermann, der die widerſpenſtigen Fürſten „zermalmen“, Männer, wie Herr Wernher von Nierſtein, der noch im Mai 1849 mit uns für die Reichsverfaſſung gegen die Regierungen kämpfen wollte:— alles das war von dem Stundpunkte des heute wieder proklamirten alten Rechts Hochverrath, Aufruhr und Majeſtäts⸗ beleidigung! Sie finden trotzdem alles das bei jenen gereiften, be⸗ ſonnenen Männern unter den damaligen Verhältniſſen nicht allein verzeihlich, ſondern ſogar ehrenvoll— und mich ſollten Sie ver⸗ urtheilen, einen allerdings nicht„begeiſterungsloſen“ jungen Mann, der unter denſelben Verhältniſſen in demſelben Sinne ſprach und handelte, nur mit dem Unterſchied, daß ich nicht, gleich Jenen, meine einmal begründete Ueberzeugung ſpäter verläugnete, ſondern ihr auch in der Verbannung und im Kerker getreu blieb, und daß ich mein Leben und meine Zukunft dafür aufs Spiel ſetzte, während Jene ihr dafür auf dem Papiere verheißenes Gut und Blut in den Tagen der Gefahr für ſich behielten und die gemeinſame Fahne verließen, der ſie Treue geſchworen hatten! Der leitende Grund⸗ ſatz meiner nachmärzlichen politiſchen Thätigkeit war der damals auch von der konſtitutionellen Partei anerkannte der Volksſouve⸗ ränität, und mein ganzes Glaubensbekenntniß läßt ſich auf die zu ſeiner Zeit von loyalen Beamten dieſer loyalen Reſidenz Darm⸗ ſtadt ſelbſt aufgeſtellte Formel zuruͤckführen: — 6— „Der freie Aufſchwung des Volkes hat die lange drückenden „Feſſeln der Knechtſchaft geſprengt. Der große Grundſatz der Volks⸗ „herrſchaft iſt mit unwiderſtehlicher Gewalt ins Leben getreten. „Das Recht und die Macht des Volkes iſt das höchſte Recht und „die höchſte Macht in allen deutſchen Staaten geworden. Von jetzt „an haben die Regierungen ihre Befugniſſe nur durch „das Volk und der verfaſſungsmäßig ausgeſprochene „Wille derſelben ſchreibt ihnen die Grenzen ihrer Ge⸗ „walt vor.— Darum wollen wir die Anerkennung dieſes Grund⸗ „ſatzes der Volksherrſchaft in allen ſeinen Folgen. Wir wollen, „daß das Volk, d. h. die Mehrheit aller ſelbſtſtändigen und unbe⸗ „ſcholtenen Staatsbürger, auf geſetzlich vorgeſchriebene und ordnungs⸗ „mäßige Weiſe darüber entſcheiden könne, nach welcher »„Verfaſſung es leben und wie es regiert ſein will.“— Nun wohlan, M. H., dieſen ſelben Grundſatz, der die Rechtfer⸗ tigung meines ganzen nunmehr angeſchuldigten öffentlichen Auftretens enthält, hat ganz mit denſelben Worten auch Herr Dr. H. C. Jaup dahier, damals noch geheimer Staatsrath, in einem durch das ganze Land verbreiteten Manifeſt an die heſſiſchen Mitbürger vom 12. April 1848 durch ſeine eigenhändige Namensunterſchrift ſchwarz auf weiß für den ſeinigen erklärt! Ich denke wenn meine eigne politiſche Ueberzeugung damals in ſolcher Weiſe und durch ſolche Autoritäten unterſtützt wurde, durfte ich ihr doch unbedenklich Folge leiſten! Mein damaliger Geſinnungsgenoſſe Jaup iſt ein paar Wochen nach Ablegung dieſes Glaubensbekenntniſſes heſſiſcher Miniſter geworden und hat daſſelbe ſodann verläugnet; ich bin ihm treu geblieben:— deßwegen bin ich unter der Regierung deſſelben Herrn Jaup als Hochverräther proſcribirt, 10 Monate lang eingeſperrt worden und ſoll nun noch dabei zu Zuchthausſtrafe verurtheilt werden! Der Miniſter Jaup vom Herbſt 48 ließ mich verfolgen für die Durch⸗ führung der Grundſätze des ehemaligen Staatsraths und Demo⸗ kraten Jaup vom April 48! In dieſem Widerſpruch liegt eine Moral, die ich Ihnen an das Herz legen will, meine Herrn Geſchwor⸗ nen; denn ſie enthält, richtig verſtanden, das Urtheil über meine Schuld oder Nichtſchuld in dieſer ganzen Kette von Anklagen. Gewiß kann es uns nicht zum Verbrechen angerechnet werden, wenn wir thatſächlich und konſequent an Grundſützen feſtgehalten haben, welche ſelbſt von jenen Männern früher oder ſpäter öffent⸗ lich und ungeſtraft als die ihrigen ausgeſprochen worden ſind! An eine ſo außerordentliche Zeit, wo die politiſchen Rechtsverhältniſſe und Rechtsbegriffe einem ſo raſchen Wechſel unterworfen waren, kann man billiger Weiſe weder nach der einen noch der andern Seite hin den Maßſtab der alten Strafgeſetzgebung des Polizeiſtaats anlegen; jene Zeit der Märzrevolution war, wie Simon von Trier noch im September 48 richtig erklärte,„eine autonome Zeit, die ihr Geſetz in ſich ſelbſt trug und nicht nach Jahr⸗ — 7— buchsbegriffen und papiernen Definitionen beurtheilt werden darf.“ Hier müſſen zu meinen Gunſten dieſelben Gründe gelten, welche in dem bekannten Antrag der vorigen zweite Stände⸗ kammer Januar dieſes Jahres auf Ertheilung einer Amneſtie für die ſo genannten politiſchen Verbrecher nachdrücklich hervorgehoben worden ſind. „Zeiten ſtarker politiſcher Erſchütterungen“, ſo heißt es in den Motiven jenes Antrags,„haben die heftige Aufregung der Staats⸗ „angehörigen zur nothwendigen Folge; ſie erregen die Leiden⸗ „ſchaften, Wünſche und Hoffnungen gerade derjenigen „am mächtigſten, welchen das Wohldes Ganzenam theuer⸗ „ſten iſt; ſie verrücken die Begriffe despoſitivenöffent⸗ „lichen Rechtes und laſſen dennach dem beſſeren Neuen „Strebenden nur zu leicht die in politiſchen Dingen oft „kaum erkennbare Grenze zwiſchen dem Erlaubten und „Verbotenen überſchreiten. Wenn ſomit die an politiſchen „Ereigniſſen und Wechſelfällen ſo überreichen Jahre 1848 und 49 „ſchon an und für ſich eine Reihe von Thatſachen erzeugen mußten, „die als politiſche Vergehen verfolgt wurden, ſo wird dies um ſo „erklärlicher erſcheinen, wenn man bedenkt, daß je nach der Ent⸗ „wickelung der Verhältniſſe auch die Berechtigung der „konſtituirten Gewalten ab⸗und zunahm und dasöffent⸗ „liche Recht der Art ins Schwanken kam, daß ein von „faſt allen deutſchen Staaten anerkanntes Grundge⸗ „ſetz, gleich denen, die es geſchaffen, im Laufe weniger „Wochen nicht nur den Charakter der Heiligkeit und „Unverletzlichkeit verloren, ſondern ſogarmit Verfolg⸗ „ungund Vernichtung bedrohtward. Solche Unterſchei⸗ „dungen, die ihren Grund nicht in ſich ſelbſt, ſondern „in äußeren Verhältniſſen finden, ſind unerkennbar „dem geſunden Sinndes Volkes, das den Gedanken nicht „faſſen kann, morgen in den Staub zu treten, was es „heute verehrt.—— Nur zwei Mittel gibt es, den jetzigen be⸗ „drohlichen Zuſtand zum Beſſeren zu wenden; ſie heißen Gerechtig⸗ „keit und Verſöhnung. Die Gerechtigkeit verlangt, daß die „feierlichen Zuſagen der deutſchen Fürſten ihren Völkern unverkürzt „erfüllt werden. Die Verſöhnung erfordert, daß ein großer „politiſcher Akt den Schleier des Vergeſſens werfe über „die Irrthümer und Fehler, die allen politiſchen Par⸗ „teien der Jahre 1848 und 49 in ſo reichem Maaße zur „Laſt fallen.“ Dieſer gewiß ſehr beachtenswerthe Antrag der letzten zweiten Kam⸗ mer, deſſen rechtzeitige Annahme manches geſtörte Familienglück wie⸗ der herſtellen und eine friedliche Verſöhnung der Parteien in Heſſen hätte anbahnen können, hat indeſſen das Schickſal vieler andern ge⸗ theilt— er iſt in Folge der von Herrn Jaup verfügten Auflöſung — 8— der Kammer in dem Papierkorb begraben liegen geblieben. Die heſ⸗ ſiſche Regierung in dem Wiederbeſitze ihrer früheren Gewalt, hat es uneingedenk des alten Spruches:„vergebet ſo wird euch vergeben“ verſchmäht, dieſen Schleier der Vergeſſenheit, deſſen ſie doch ſelbſt dem Volke gegenüber für die Nichterfüllung ihrer eignen Ver⸗ ſprechungen bedurft hätte, über die politiſchen Bewegungen der letzten zwei Jahre zu werfen, und es iſt nun Ihre heilige Aufgabe, meine H. G., dieſe Unterlaſſung der Regierung durch ihr Urtheil gut zu machen. Jede der beiden Parteien, die ſich der Haupturſache nach heute noch in unſerm Staate gegenüber ſtehen, hat mehr oder minder die im Anfang geſteckte Grenze verlaſſen: die Regierung iſt rück⸗ wärts gegangen, die demokratiſche Partei vorwärts— es fragt ſich, welche von beiden in den Augen des Volkes, deſſen Intereſſe den richtigen Maßſtab ihrer richterlichen Beurtheilung abgeben kann, der Verzeihung bedarf. Die letztere iſt im Augenblick durch die erſtere mit phyſiſcher Gewalt überwunden. Das Volk hat ſtillſchwei⸗ gend die Regierung amneſtirt, und es wird doch ſo viel Erkenntniß ſeiner politiſchen Rechte und Intereſſen aus den vergangenen Jahren gerettet haben, um dieſer Amneſtie gegenüber ſeine eigene Partei, die demokratiſche, wenigſtens nicht mit ſeiner Einwilligung beſtrafen zu laſſen. Und zu dieſer Partei, zur Partei des Volkes, habe auch ich mit Herz und Hand, mit Wort und That immer gehört. Ich war Re⸗ publikaner ehrlich und offen wie ich es noch jetzt bin. Ich hielt mein Volk für endlich reif zur Selbſtregierung, auf die es ein ewiges an⸗ gebornes Recht von Gottes Gnaden hat, während es ſich nun aber⸗ mals wiederſtandslos in ſeine alten Ketten ſchmieden läßt. Ich hoffte wie tauſend Andere mit mir, unſer armes Vaterland, ſo lange der geäffte Spielball fremder Mächte und der Kinderſpott Europa's, ſei endlich auf dem Wege durch eigne Kraft und eignen Muth, mit oder ohne ſeine Fürſten, den ihm gebührenden Platz in der Reihe der Nationen einzunehmen, von dem man es abermals mit ſchnö⸗ den Fußtritten hinab geſtoßen hat. Ich dachte und ich verhehlte dieſen Wunſch nicht, Deutſchland werde republikaniſch werden unter dem Banner einer neuen Reichsverfaſſung, während es nun koſackiſch wird unter dem Protektorate des ruſſiſchen Czaren. In dieſem Sinne ſprach und handelte ich zu jener Zeit, wo noch der feuerſpeiende Berg der Märzrevolution kreiſte, der inzwiſchen die Mäuſe des Frankfurter Plenums geboren hat. Wer will mir dieſe ſo natürlichen Wünſche und Hoffnungen meiner jungen Begei⸗ ſterung heute zum Verbrechen anrechnen? Sagt, ich habe mich ge⸗ täuſcht in meinem blinden Vertrauen auf die Thatkraft und Reife meines Volkes, ſagt, ich hätte wiſſen ſollen, daß eine Generation entwürdigter Unterthanen nicht in Einem Tage zu freiheitſtolzen Staatsbürgern umgeſchaffen werden kann— ich geſtehe meinen Irr⸗ thum zu mit der Röthe der Scham für meine Mitbürger. Aber bin — 9— ich darum ein Verbrecher, weil mir noch jener nüchtern zweifelnde Blick des enttäuſchten Alters fehlte, das zu allem bedenklich den Kopf ſchüttelt? weil ich die Dinge noch nahm wie ſie von Rechts⸗ wegen ſein ſollten, und nicht wie ſie, leider Gottes! in Wirklich⸗ keit ſind? Sagt meinetwegen, ich habe jugendliche Fehler began⸗ gen— ich will dieſen Vorwurf hier gar nicht einmal näher beleuch⸗ ten. Aber Fehler und Irrthümer haben ſich in jenen Tagen der Revolution alle Parteien zu Schulden kommen laſſen. Die Herrn Miniſter und Staatsweiſen von der breiteſten Baſis ſowohl, als wir jungen Parteigänger der Demokratie, die Männer von Gotha, wie die von Stuttgart— glücklich die, welche ſich wenigſtens keine Schlechtigkeiten vorzuwerfen haben, keinen Meineid und Verrath an ihren eignen Schwüren und Verheißungen fuͤr das Recht und die Freiheit des Volkes! Wenn mir wirklich in meiner damaligen politiſchen Thätigkeit et⸗ liche Fehler und Uebereilungen zur Laſt fallen ſollten, ſo frage ich euch, ob ich dieſelben nicht etwa mehr als hinreichend abgebüßt habe durch zwei lange Jahre in der Gefängnißhaft, deren bittre Entäuſchungen meine Illuſionen zerſtört, meknen Geiſt niedergedrückt und alle meine Hoffnungen für die Zukunft auf lange Zeit gelähmt haben? Blickt über die franzöſiſche und Schweizergrenze, betrachtet das Leben eines Flüchtlings, gehetzt von der fremden und der teutſchen Polizei, ge⸗ trennt von ſeinen Freunden, ſeiner Familie und ſeiner Heimath, nackt wie ein Schiffbrüchiger an den unwirthlichen Strand der Fremde geworfen, verkommend in gezwungener Unthätigkeit, und all dem kleinlichen entmuthigenden Jammer des Exils— ich habe dieſes Leben über ein Jahr lang unſtät hingeſchleppt. Blickt in die einſame Zelle des Gefängniſſes, ermeßt die Tantalus⸗ qual eines an geſelligen Verkehr und Freiheit gewöhnten jungen Mannes, deſſen Kerkerthüre ſelbſt längſt nach beendigter Unterſuchung ſich immer noch nicht öffnen will, ſondern trotz ungeduldigem Harren und wiederholten Beſchwerden von einem Termine auf den andern verſchloſſen bleibt, und dem der letzte Reſt ſeiner mühſam erhaltenen Reſignation noch erſchöpft wird durch unerwartetes Mißgeſchick ſeiner von ihm abgeſperrten Familie— ich habe dieſe Qual 10 Monate lang ertragen müſſen!— Und dann, wenn ihr alle die unſäglichen Leiden dieſer zwei Jahre nur oberflächlich zuſammengerechnet habt— ich ſage oberflächlich, denn man muß ſelbſt ein Gefangner geweſen ſein, um das Niederdrückende dieſes wahrhaftig nicht mit Unrecht ſ. g. Märtyrerthums ganz zu wür⸗ digen:— dann verurtheilt mich noch obendrein zu Corektions⸗ und Zuchthaus, wenn ihr es auch zu verantworten vermögt, zur Wollſpuhle und zur grauen Jacke, zum bürgerlichen Tode und zur entehrenden Genoſſenſchaft von Dieben, Fälſchern und Mördern,— weil ich ehedem, im Jahre 1848, unter dem unmittelbaren Eindrucke der noch nicht vollendeten revolutionären Märzbewegung, getrieben — 10— von patriotiſchem Eifer für das gefährdete öffentliche Wohl etliche Worte geſprochen und geſchrieben habe, die wieder den Buchſtaben eines offenbar veralteten, dazumal gar nicht mehr anwendbaren Strafgeſetzes verſtoßen! Ich ſage— getrieben von patrioti⸗ ſchem Eifer für das öffentliche Wohlz' denn, daß der lei⸗ tende Bewegrund meiner politiſchen Thätigkeit immer nur ein aus meiner innerſten Ueberzeugung hervorgegangenes, aufrichtiges Beſtre⸗ ben für das Recht und die Freiheit meiner Mitbürger geweſen iſt, dafür bürgt Ihnen meine ganze Vergangenheit noch aus den Tagen vor März her, die in meinem heſſiſchen Vaterlande bekannt iſt, und die ich mir zur Ehre anrechnen darf. Damals, unter der Herrſchaft des alten Syſtems, unter dem Drucke der Cenſur und Polizei, wo jedes freie Wort noch mit Maßregeln à la Weidig und Schulz ver⸗ folgt zu werden pflegte, damals ſchon war ich es, der ich, nach kaum erlangter Mündigkeit, ein junger und obskurer Student, unter dem feigen Stillſchweigen der erſt nach März zu Worte gekommenen älteren Herrn Liberalen, bloß unterſtützt von meinen Freunden Skriba, Heldmann und Löhr, mit offenem Viſir und ehrlicher Namensun⸗ terſchrift in dem„Deutſchen Zuſchauer“ und anderwärts das volksfeind⸗ liche Miniſterium du Thil und ſeine Beamten öffentlich anzugreifen wagte. Ich war es, der die Garantieen der Verfaſſung und Gemein⸗ deordnung gegen die notoriſchen Uebergriffe der alten Büraukratie Schritt vor Schritt vertheidigte; ich war es, der die ſkandalöſen Ex⸗ zeſſe eines Kreisraths Seitz und ſeiner oberheſſiſchen Genoſſen in der Preſſe entſchleierte; ich war es, der zuerſt wieder nach langer Indifferenz im Jahre 1847 die oberheſſiſche Wahlagitation für den letzten vormärzlichen Landtag im Sinne den Oppoſition ins Leben rief; ich war es, der bei jeder Gelegenheit den ſtillen Klagen und Beſchwerden meiner von oben herab ſchutzlos mißhandelteu Lands⸗ leute laute Worte lieh, und an deſſen immer bereitwillige Sympathie ſich Bürger und Bauern meiner Provinz um Hülfe wandten, nach⸗ dem ſie von allen Andern achſelzuckend im Stiche gelaſſen worden waren; ich war es— un ſchließlich noch ein Curioſum aufzuzäh⸗ len,— der den edlen Freiherrn H. von Gagern zu Monsheim vor März allein gegen die ſchmählichen Angriffe der Regierungspartei vertheidigte, die ihn damals noch mit offiziellem Koth bewarf und ihn ſpäter den Edelſten der Nation getauft hat! Und damals ſchrieen dieſelben Leute, die heute wieder ſchreien: ich gehe zu weit! Damals verfolgte man mich für dieſe meine oppoſitionelle Thätigkeit, die nach März höchſten Orts zur Empfehlung gereichte, wie man mich für meine ſpätere Fortſetzung derſelben jetzt wieder verfolgt. Damals mußte ich mir dafür gefallen laſſen, wie ein vogelfreier Vagabund von Ort zu Ort, auf dem Schub transportirt zu werden, wie ich es mir ſpäter wieder gefallen laſſen mußte, durch den Steckbrief gleich einem gemeinen Verbrecher proſkribirt zu werden. Damals machte man mir den Staatsprozeß, wie man mir ihn heute wieder — 11— macht; damals gedachte die Regierung mich dafür auf die Feſtung zu ſchicken, wie mich ihre Nachfolgerin heute ins Zuchthaus zu ſchicken gedenkt;— kurz damals zitirte man dieſelben Artikel die⸗ ſes Strafgeſetzbuchs gegen mich, nach denen ich heute wieder verurtheilt werden ſoll! Mögen Sie, meine Herren, an jene meine, Vergangenheit, gedenken, und ſich dieſe erbauliche Vergleichung zwiſchen Sonſt und Jetzt für ihr heutiges Urtheil zur Richtſchnur nehmen! Wenn ich Sie hier an dieſe Dinge von Ehedem erinnere, ſo geſchieht dies wahrhaftig nicht aus knabenhafter Eitelkeit— ich überlaſſe es an⸗ dern Leuten, mit ihren ſogenannten Märtyrerthümern und politiſchen Antecedentien des alten Styls zu renommiren;— nein, esgeſchieht dies einfach im natürlichen Intereſſe meiner mir aufgezwungenen Vertheidigung, um Ihnen durch jene mehr oder minder bekannten Thatſachen den überzeugenden Beweis zu liefern, daß die Triebfeder meines angeſchuldigten öffentlichen Auftretens von jeher einzig und allein eine uneigennützige Sympathie für die verfaſſungsmäßige Frei⸗ heit meiner heſſiſchen Mitbürger geweſen iſt, deren Sache ich damals ſchon, trotz meiner Jugend und meines Alleinſtehens, in ehrlich kon⸗ ſtitutionellem Sinne verfochten habe, und daß ich keineswegs etwa zu jenen zweideutigen Tagesſchwätzern und Induſtrierittern der Revo⸗ lution gehöre, zu jenen handwerksmäßigen Wühlern, von denen der Herr Staatsanwalt geſprochen hat, und die nach März da und dort wohl auf den Bierbänken und an den Straßenecken aufgetaucht ſind. Meine nach märzliche politiſche Thätigkeit iſt nur die konſequente Fortſetzung meiner vormärzlichen. Vor März galt es die alte Ver⸗ faſſung, als den einzigen legalen Rechtsboden der öffentlichen Freiheit gegen die Uebergriffe des Metternich'ſchen Syſtems zu vertheidigen— und ich habe mich dieſer mir von meinem Patriotismus vorgeſchrie⸗ benen Pflicht gewiſſenhaft entledigt, uneingeſchüchtert durch die damit unausbleiblich provozirten Repreſalien der du Thilſchen Staatspolizei, ungeachtet der feigen Brutalität jener Herrn Vollblut⸗Liberalen des alten Styls, die es vorzogen, Oppoſition im Stillen zu denken ſtatt ſte laut zu machen, und die im Hintergrunde über mich mur⸗ melten, habeat sibi, allein und auf meine eigene Rechnung, auf Koſten meiner bürgerlichen Zukunft, welche damals ſchon durch mein offenes und entſchiedenes Auftreten in Frage geſtellt wurde. Nach März, wo die Andern mit polizeilicher Erlaubniß das nachſchwatzten, was ich ohne polizeiliche Erlaubniß ſchon vor März geſagt hatte, galt es die ehrliche Durchführung und Aufrechthaltung der von den neuen Herren Miniſtern ſelbſt grundſätzlich anerkannten Volksſou⸗ veränität, die Erkämpfung einer darauf beruhenden neuen demo⸗ kratiſchen Landesverfaſſung, und die Vertheidigung der entſtehenden Reichsverfaſſung gegen die verſteckten Hemmungen und die offene Rebellion der fürſtlichen Regierungen— und ich habe mich auch dieſer mir von meinem Patriotismus vorgeſchriebenen Aufgabe ge⸗ wiſſenhaft unterzogen, uneingeſchüchtert durch die damit unausbleib⸗ — 12— lich provozirten Repreſſalien der Jaup'ſchen Staatspolizei, ungeachtet der feigen Neutralität und des offnen Verraths der meiſten Herrn Vollblut⸗Liberalen des neuen Styls, welche die beſchworne Sache des Volkes nach den erſten Tagen ſchon im Stiche ließen; unterſtützt von nur Wenigen meiner Freunde und auf Koſten meiner bürger⸗ lichen Zukunft, welche jetzt, wie früher, durch mein offnes und ent⸗ ſchiedenes Auftreten in Frage geſtellt wurde. Ich habe trotz aller bitteren Erfahrungen, die ich auf dieſer Bahn von Anfang an machen mußte, nach wie vor dem gebieteriſchen Drange meiner innerſten Ueberzeugung unbedenklich Alles geopfert, was einem jungen Manne von meinen Verhältniſſen am Herzen zu liegen pflegt, die Ruhe meiner Familie, deren einzige Stütze ich bin, und die Ausſicht. auf meine ſogenannte Carrière, die offen vor mir lag und nun vielleicht für immer abgeſchnitten iſt. Meiner Familie durfte ich wohl mit Hutten zurufen: „Wiewohl mein fromme Mutter weint, Da ich die Sach' hätt gfangen an: Gott woll ſie tröſten, es muß gahn, Und ſollt' es brechen auch vor'm End. 1 Will's Gott, ſo mag's nit werden g'wend't, Darum will brauchen Füß' und Händ. Ich habs gewagt.“ 8 Was meine ſ. g. Carridre betrifft, ſo hat man mir es oft genug zum Vorwurf gemacht, daß ich mein Studium über der Po⸗ litik vernachläſſigt und nicht, gleich der Mehrzahl meiner Alters⸗ und Univerſitätsgenoſſen, bloß daran gedacht habe, meine Examina zu machen ſtatt Reden zu halten und zu den Freiſchärlern zu gehen. Ich weiß, daß, hätte ich dieſem Rathe gefolgt, ich in dieſem Augen⸗ blicke, ſtatt auf der Armenſünderbank des Angeklagten zu ſitzen, ein, wie man zu ſagen pflegt, hoffnungsvoller Aſpirant des Staats⸗ oder öffentlichen Dienſtes ſein könnte, gleich den meiſten andern, welche jetzt Muße haben zuzuhören, wie man ihrem ehemaligen Commilitonen den Prozeß macht, und ich ſtelle durchaus nicht in Abrede, daß ich dermalen lieber an ihrem Platze ſäße, ſtatt hier an der Seite des Hrn. Gensd'armen. Aber wenn ich es auch be⸗ daure, daß die Ereigniſſe für mich eine ſolche Wendung genom⸗ men haben, ſo kann ich es doch, mir ſelbſt gegenüber, nie bereuen, ſeiner Zeit alles das geſagt, geſchrieben und gethan zu haben, wo⸗ für ich in die Verbannung und in den Kerker geworfen wurde, während die Mehrzahl meiner Commilitonen ſich entweder durch po⸗ litiſche Paſſivität oder gar Servilität inzwiſchen eine glückliche Carridre geſichert hat. Ich gehöre nicht zu jenen par excellence ſ. g. wohlgerathenen und ſoliden Jungen, aus denen ſich immer noch unſere alte Büreaukratie von Neuem rekrutirt, die da im aus⸗ ſchließlichen Hinblick auf die Conduitenliſte und ihr zukünftiges Anſtellungsdekret ſich in ihren Studierſtuben und Bureau's von der — 13— politiſchen Bewegung dieſer Tage ſorgfältig abſperren und deren Glaubensbekenntniß ſich im Ernſt auf die klaſſiſche Perſifflage Her⸗ wegh's reduzirt: Jedwedem Umtrieb bleib' ich fern, Der Henker mag das Volk beglücken! Ein Orden iſt ein eigner Stern, Wer einen hat, der ſoll ſich bücken. Aus ſolchem Holze mögen ſich recht brauchbare Beamte im Sinne des alten Polizeiſtaats ſchnitzen laſſen; aber aus ſolchen jungen Leuten werden niemals tüchtige Beamte des modernen Volks⸗ ſtaats, wie ſie das Bedürfniß der Gegenwart verlangt, d. h. ſelbſt⸗ bewußte und gewiſſenhafte Hüter und Vollſtrecker der verfaſſungs⸗ mäßigen Freiheit und des geſetzlichen Rechts gegen die Reaktion von oben und die Anarchie von unten,— und wahrlich unter un⸗ ſerer jungen Generation iſt die Zahl Derer gering, welche in den Tagen der letzten Bewegung ihre Proben dafür abgelegt haben, daß die Ehre ihres Vaterlandes und die Freiheit ihres Volkes in ihren Augen höher ſtehe, als der Brodkorb ihres zukünftigen Unter⸗ kommens. Ich freue mich, hoffen zu dürfen, daß Sie auch mich zu der kleinen Zahl dieſer iſolirten Ausnahmen von der allgemeinen Regel rechnen werden. Ich habe es immer für eine heilige Pflicht gerade unſrer ſich vorzugsweiſe gebildet nennenden Jugend gehalten, ſich mit ganzer Seele und ohne engherzige Rückſichten auf materielle Nachtheile an der Entwicklung jener politiſchen und ſozialen Tagse⸗ fragen zu betheiligen, welche ja die eigentlichen Lebensfragen für die Zukunft unſrer Geſellſchaft ſind, und ich habe darum immer diejeni⸗ gen meiner Commilitonen von Herzen bedauert, welche mit gleich⸗ gültigem Achſelzucken dieſe Fragen als außer ihrem Geſichtskreiſe lie⸗ gend von ſich abwieſen. In ſolchen Tagen gilt beſonders von unſrer Jugend das Wort Körner's, dieſes Freiſchärlers von anno 13: Pfui über die Buben hinter dem Ofen, Unter den Schranzen, unter den Zofen! In ſolchen Tagen— und gewiß werden die der Märzrevolu⸗ tion ewig denkwürdig bleiben!— muß gerade die Jugend und um wieviel mehr die für den öffentlichen Dienſt berufene Jugend der Univerſitäten, ſei es nun mit der Feder oder der Waffe, mit dem Kopfe oder dem Arme, oder auch mit Beidem zugleich, in den vorder⸗ ſten Reihen des Volkes zu finden ſein, und in Anbetracht ihrer freiwilligen Aufopferung für die Intereſſen des Vaterlandes wird man ihnen etwaige Verſtöße gegen die ſtrenge Disziplin nachträglich gerne verzeihen. Ich bin ſtolz darauf, früher und ſpäter meinen Platz nach Kräften ausgefüllt zu haben, und, wenn auch mit Ge⸗ fährdung meiner ſ. g. Carridre, der nunmehr freilich geächteten Fahne unſrer glorreichen nationalen Erhebung auf der Tribüne wie im Felde bis zum letzten Augenblick treu geblieben zu ſein. Die ſchwarzen Kreuze, welche die jetzige Staatspolizei dafür hinter — 14— meinen Namen ſetzen mag, darf ich als Ehrenkreuze in den Augen meiner Mitbürger betrachten, und ich würde erröthen vor Schaam, wenn ich zu jener Zeit in dem ausſchließlichen Studium des römi⸗ ſchen Rechts die Entwicklung des öffentlichen Rechts unſerer deut⸗ ſchen Gegenwart vernachläſſigte und bloß daran gedacht hätte, meine Collegia zu abſolviren und meine Examina zu machen, ohne an der politiſchen Bewegung meines engeren und weiteren deutſchen Vater⸗ landes Antheil zu nehmen. Als ein Sohn des Volkes hielt ich die unerſchütterliche öffentliche Vertheidigung ſeiner feierlich verbürgten Rechte gegen die Angriffe der Gewalt für den beſten freiwilligen Staatsdienſt, und in dieſem, freilich ſehr undankbaren eund unbe⸗ ſoldeten Staatsdienſt habe ich, wie Sie ſehen, meine Carridre ge⸗ macht,— denn ich ſtehe auf der Candidatenliſte für das moderne Prytaneum, das Zucht⸗ und Correktionshaus.— Mögen Sie nun, m. H. G., über die Parteirichtung dieſer meiner vor⸗ und nachmärzlichen politiſchen Thätigkeit von Ihrem Standpunkte urtheilen, wie Sie wollen: ſo werden Sie mir doch, Angeſichts meiner ganzen Vergangenheit das Zeugniß nicht verſagen können, daß ich immer, vor wie nach der Revolution, offen und ehrlich und mit Aufopferung aller perſönlichen Rückſichten meine einmal gewonnene Ueberzeugung vertreten habe,— und das iſt das einzige Zeugniß, das mir ſelbſt von meinen Gegnern nicht ver⸗ weigert werden darf. Ich habe dieſe meine politiſche Ueberzeugung meinen Mitbürgern gegenüber durch Rede und Preſſe und unter jedesmaliger Darlegung der Gründe ausgeſprochen und ſelbſt dar⸗ nach gehandelt, zu einer Zeit, wo, wie ich ausführlich nachgewieſen habe, alle ſeither beſtandenen Rechtsverhältniſſe und Rechtsbegriffe unter dem Einfluſſe einer außerordentlichen revolutionären Bewegung in voller Auflöſung und Neugeſtaltung begriffen waren, und wo jede politiſche Ueberzeugung nicht allein das Recht, ſondern auch die Pflicht hatte, ſich im Intereſſe des auf dem Spiele ſtehenden all⸗ gemeinen Wohls öffentlich hören zu laſſen. Jene außerordentliche Zeit iſt nun vorüber, faſt ohne eine Spur zu hinterlaſſen— wer will mich nachträglich ſchelten oder ſtrafen für den Gebrauch, den ich in beſter Abſicht von jener revolutionären Freiheit gemacht habe, einen Gebrauch, der auch mir in meinem Sinne zuſtand, ſo gut wie ihn Andere in ihrem Sinne gemacht haben?! Die Um⸗ ſtände, unter denen ich ſprach, ſchrieb und handelte, waren, wie Niemand läugnet, außerordentliche, und ich habe gezeigt, daß der gewöhnliche Maßſtab einer früheren, heute wieder aufgenommenen Rechtsanſchauung nicht ohne Unbilligkeit gegen den Einzelnen an ſie angelegt werden darf. Meine Beweggründe waren rein, und wenn ich da oder dort wirklich über die von einem nüchternen Alter und praktiſcher Erfahrung geſteckte Grenze der ſ. g. Mäßigung hin⸗ ausgegangen ſein ſollte, ſo entſchuldigt mich der uneigenützige Eifer eines jugendlichen Patriotismus und der feſte Glaube an die Wahr⸗ — 15— heit und Gerechtigkeit meiner Sache, der mich immer geleitet, der mir auf jeder Tribüne die Worte in den Mund gelegt, in jedem Zeitungsartikel die Feder geführt und zuletzt in Baden die Waffe in die Hand gedrückt hat. Ich darf ehrlich jene Worte Börne's von mir wiederholen:„Was ich immer geſagt, ich glaubte es. Was ich geſchrieben, wurde mir von meinem Herzen vorgeſagt, ich mußte.“— Und nun, ſo frage ich zum Schluſſe mit offener Stirne: Wer iſt in dieſem Saale, der Angeſichts jener notoriſchen Umſtände und no⸗ toriſchen Beweggründe, die Hand aufs Herz, von mir ſagen kann: ich ſei ein Verbrecher, einer jener Verbrecher, die von der alt⸗ heſſiſchen Juſtiz eines Georgi und Nöllner den Vatermördern gleich geſtellt werden, ein böswilliger Feind des öffentlichen Friedens und der öffentlichen Wohlfahrt, der es verdient, zur Genugthuung für das beleidigte Rechtsgefühl der Geſellſchaft zu der Strafe des bürgerlichen Todes in dem Bazar des Zuchthauſes verurtheilt zu werden?! Ein Verbrecher! Ja, wenn ich ein Verbrecher bin, dann iſt, wie Viktor Hugo ſagt, die Wahrheit eine Demagogie, die Ver⸗ nunft eine Rothe, und die Worte: Freiheit, Einheit und Größe des Vaterlandes, bei deren Klang in beſſren Tagen unſre Herzen höher ſchlugen, ſind nur Hirngeſpinſte, nur die Sprache der Anarchiſten und Wühler geweſen! Gehen Sie hin nach der Brigittenau und vor die Thore von Mannheim, wo das Blut eines Blum und Trützſch⸗ ler kaum unter dem Raſen vertrocknet iſt, gehen Sie hin in die Zelle von Spandau, wo ein Kinkel in der grauen Züchtlingsjacke an der Wollſpuhle ſitzt, gehen Sie hin in das Ausland, wo die beſten Männer der Nation als Verbannte verkommen— und dann ſchel⸗ ten Sie mich einen Verbrecher wie ſie: ich werde ſtolz darauf ſein, ihnen beigeſellt zu werden! Gehen Sie hin durch alle ehedem von begeiſtertem Volksjubel wiedertönenden Gauen unſres armen Vater⸗ landes, wo die Freudenfeuer der nationalen Wiedergeburt ehedem auf allen Höhen loderten— und ſehen Sie, wie heute das alte Schweigen des Todes auf ihnen ruht, nur unterbrochen von leiſen Seufzern der Scham und der Erbitterung, von den Gewehrſalven der Standrechtsexekutionen und von dem monotonen Geräuſche der Kerkerthüren! Gehen Sie hin nach Frankfurt in die verödeten Hallen der Paulskirche, dieſes Mauſoleums der deutſchen Nationalſouverä⸗ nität, deren Sitze verwaiſt und deren ſchwarz⸗roth⸗goldne Embleme verblichen ſind, und wenn Sie dort das ſchlummernde Echo jener begeiſterten Worte wachgerufen haben, die dereinſt von ihrer Tri⸗ büne herab durch alle Herzen tönten,— dann treten Sie in den rothen Pallaſt der Eſchenheimergaſſe, dieſe deutſche Baſtille, die man in den Märztagen niederzureißen vergaß, wo der alte fluchbeladene Bundestag unter dem Heroldsrufe eines Blittersdorf ſeine vermoder⸗ ten Seſſel wieder einnimmt, nach dem Spruche jenes Jeſuiten: „wie Hunde hat man uns verjagt, wie Wölfe kehren — 16— wir zurück, und wie Adlerwerden wiruns verjüngen!“ Gehen Sie hin nach Sachſen und nach unſerm Nachbarlande Kur⸗ heſſen— ich brauche Ihnen die dortigen Zuſtände nicht näher zu bezeichnen, denn ſie ſind in Aller Mund! Gehen ſie hin an die ruſ⸗ ſiſche Grenze, wo die Koſacken bereit ſtehen, uns gleich den Ungarn zur Aufrechthaltung der Verträge der heiligen Allianz von 1815 die Ukaſe ihres weißen Czaren an der Spitze ihrer Lanzen zu ok⸗ trohiren! Gehen Sie hin nach Schleswig⸗Holſtein*)—— wo man trotz feierlicher Verheißungen einen deutſchen Bruderſtamm im Kampfe für ſein heiliges Recht gegen die Willkür eines kleinen Inſelkönigs vor unſern Augen hülflos verbluten, ja von der Diplomatie des Auslandes protokollariſch verſchachern läßt, während wir, ein Volk von 40 Millionen, mit einer theuer bezahlten Flotte und einer theuer bezahlten Armee, Nichts für unſre eigene Sache haben und ha⸗ ben dürfen, als ſtille Gebete, etliche Thaler und ein Bün⸗ del Charpie! Kurz, ſchauen Sie um ſich nach allen Seiten, nach Oſt, Weſt, Süd und Nord, von dieſer kleinen Reſidenz Darmſtadt an bis nach Petersburg, London und Paris, wo die Herren Neſſel⸗ rode, Palmerſton und— ein Louis Napoleon der deutſchen Nation Geſetze diktiren: und dann, wenn Sie all das Elend und alle die Schmach unſeres abermals um ſein feierlich verheißenes Recht be⸗ trogenen Vaterlandes mit der brennenden Röthe bitterer Scham auf Ihren Wangen überblickt haben— dann nennen Sie mich einen Verbrecher, weil ich in den Tagen der letzten Bewegung, deren Erinnerung ſchon ſich faſt zu einem Traume verflüchtigt hat, mit Wort und That danach geſtrebt habe, mein heſſiſches und deutſches Vaterland vor all dieſem Elend und all dieſer Schmach, die ich voraus ſah, und voraus ſagte, noch bei Zeiten bewahren zu hel⸗ fen! Dann ſchicken Sie mich dafür ins Correktions⸗ oder Zuchthaus, und machen Sie zugleich Herrn du Thil Ihre Aufwartung im Na⸗ men des heſſiſchen Volkes, mit der unterthänigſten Bitte um ſeine Verzeihung für unſre bisherige Rebellion und um gnädige Wie⸗.. dereinnahme ſeines eigentlich nur vikarirten Miniſterſtuhls! Denn wenn Sie mich jetzt nach den Paragraphen dieſes St.⸗G.⸗B's ver⸗ urtheilen, ſo verurtheilen Sie mich nach den verrotteten Satzungen des du Thil'ſchen Polizeiſtaats, und wenn man das Werk aner⸗ kennt, warum ſoll man den Meiſter verläugnen? *) Hier wurde der Redner durch den Aſſiſen⸗Präſidenten unterbrochen mit der Bemerkung, daß„dies nicht zur Sache gehöre,“ daß„in ſolcher Weiſe nicht weiter fortgeſprochen werden dürfe“ u. ſ. w., er ſah ſich dadurch gend⸗ thigt, auf das Wort zu verzichten. Wir fügen einfach den auf dieſe Weiſe un⸗ terdrückten Schluß bei.. IV und ein ſcherzhaftes Lied vor dem Brautgemache zu ſingen, mit meinen vorhin vorgetragenen, freilich ſehr modernen Knüttelverſen gehuldigt, iſt es mir ein Bedürfniß, zugleich in Proſa einer alten Pietätspflicht zu genügen, zu deren zwangloſer Erfüllung ſich mir wohl kaum eine paſſendere Gelegenheit bieten dürfte, als in unſerm heutabendlichen Kreiſe des mit Damen und Ehrengäſten erweiterten famoſen„runden Tiſches“. Es iſt einer der Schlußverſe meines Epithalamium's, zu dem ich einen nachträglichen Commentar geben möchte. Meine Damen und Herren! Es ſitzt als eigentlicher Jubel⸗ greis dieſes heitern Abends ein Mann unter uns, dem ich endlich einmal Auge in Auge post tot discrimina rerum meine herzliche Dankbarkeit als wenigſtens nicht ganz mißrathener Schüler öffent⸗ lich ausſprechen muß. Es iſt Herr Oberſtudienrath Dr. Georg Thudichum, der ehemalige Director des Gymnaſiums zu Bü⸗ dingen, jener kleinen alma mater der oberheſſiſchen Heimathsprovinz, der ich ſelbſt die Grundlagen meiner klaſſiſchen Bildung verdanke. Ich habe abſichtlich bemerkt, ich ſei ſein„wenigſtens nicht ganz mißrathener Schüler“, und er ſelbſt, der mir freilich beim Abgange das Maturitätszeugniß Nr. 1 gegeben, wird nicht nur am Beſten verſtehen, was ich meine, ſondern mich dafür längſt im Stillen amneſtirt haben. Aber wenn ich auch in jugendlichem Uebermuth als der bekannte„L... junge von 1848“, wie mich mein ehemaliger Freund C. Scriba in ſeinem„Wetterauer Boten“ mit höchſt poetiſcher Eleganz bezeichnete, gar manche Ertravaganzen, ſo zu ſagen, politiſche Studentenſtreiche mir habe zu Schulden kommen laſſen, wozu er bedenklich den Kopf ſchütteln mußte, ſo wird er mir doch gerne zugeſtehen, daß ich mindeſtens die Grundzüge der Phyſiognomie, welche er einſt ſeinen Schülern aufzuprägen verſtand, bis auf den heutigen Tag nicht verwiſcht habe. Ich war und bin eben circa 20 Jahre jünger, als er.„Jugend“ hat nicht immer„Tugend“, und wenn ich ihm auch nicht vollſtändig mehr mit Georg Herwegh erwiedern kann: „Schilt mir nicht die blonden Locken, nicht die ſtürmiſche Geberde! Achtung euren Silberflocken! Doch dem Gold gehört die Erde!—“ denn leider! iſt das ehemalige Gold meiner weiland„impertinent blonden“ Haare ſchon ſtark mit Silber verſetzt— ſo gilt es doch Dem Andenken ſeines verehrten Lehrers, weiland Gymnaſial⸗Directors zu Büdingen und Oberſtudienraths Dr. Georg Thudichum, als Trinkſpruch zur Feier der Verlobung ſeiner Tochter Marie mit Gymnaſial⸗Lehrer Dr. K. L... in Darmſtadt— geſprochen am 30. November 1871, in einer fröhlichen Abendgeſellſchaft der „Reſtauration Markwort“ daſelbſt—, pietätvollſt gewidmet vom Verfaſſer. „Verehrte Anweſende! Collegen und Colleginnen vom Sitte'⸗ ſchen„runden Tiſche“ 1*) Nachdem ich als ehemaliger Philologe dem altklaſſiſchen Gebrauche, ein Braut⸗ oder Hochzeitspaar durch einen fröhlichen Chor unter Tanz und Geſang nach Hauſe zu geleiten *) Es war das eine aus den verſchiedenſten Elementen, Kaufleuten, Fabrikanten, Privaten, Gymnaſial⸗ und Gewerbſchullehrern ꝛc. bunt gemiſchte allabendlich in der Sitte'ſchen Bierwirthſchaft verſammelte höchſt gemüthliche Tafelrunde, zu deren vorzugsweiſen Feſtrednern in Poeſie und Proſa ich ge⸗ hörte. Leider! iſt durch Verlegung des Locals dieſer gemüthliche, alle Stände vertretende Kreis inzwiſchen geſprengt worden. Unſer jovialer Alterspräſident, Profeſſor Kaup, der mit dem ernſteſten Geſichte von der Welt die koloſſalſten Jagdgeſchichten als ächter„Naturförſter“ zu erzählen verſtand und höchſtens gelegentlich durch den hospitirenden Kreisbaumeiſter A. Louis von Bingen, des phantaſievollen Vaters würdigen Sohn, übertrumpft wurde, iſt uns leider! in⸗ zwiſchen als Quartiermacher auf dem Friedhofe vorangegangen. Sei ihm die Erde leicht!