Vorläufer Speners, für unsere Zeit dargestellt Alexander Vial, Pfarrer extraordinarius und Rector zu Neukirchen in Kurhessen, OSN B Mainz. Verlag vwon C. G. Kunze. 5 T 3— 23 , Bei demselben Verleger erschien: Dieffenbach, G. Chr.,(Pfarrer), Evangelische. Haus-Agen- de, das ist: vollständige Ordnung des Hausgottesdienstes in Gebeten, Liedern und Bibel-Lectionen für alle Tage des Kirchenjahres, gegründet auf die altkirchlichen Sonn- und Festtags-Evangelien. 46 Bogen in Lexicon-Octav in 4 Heften. Mit 4 grossen Bildern, 16 Initialen in Gold- und Farbendruck und 6 Vignetten. fl. 4. oder Rthlr. 2. 25 Ngr. Darf durch seine Ausstattung als das schönste evangelische An- dachtsbuch bezeichnet werden; sein Inhalt ist reichhaltig, wie kein anderes Andachtsbuch ihn aufweisen kann, und positiv christlich: All- gemeine Gebete, Gebete nach der Ordnung des Kirchenjahres, besondere Bitten, besondere Fürbitten, besondere Danksagungen, Morgen- und Abendsegen, Stundengebete, Kindergebete, verschiedene andere Gebete, eine musikalische Beilage. Aus der neuen preuss. Zeitung 1855 Beilage No. 288. Weihnachten rückt heran. Ob wir einander viel kaufen können, steht dahin, aber etwas Gutes soll es doch sein. Der Büchermarkt be- sonders ist so unübersehbar, darunter die Erbauungs-Literatur ein ge- rüttelt und geschüttelt Maass. Als ein Familienbuch— Weihnacht ist ja das eigentliche Fest der Familie— können wir mit gutem Ge- wissen die evangelische Haus-Agende von G. C. Dieffenbach, ev.-luth. Pfarrer, Mainz bei C. G. Kunze, hiermit empfehlen, welche in der Voraussetzung, dass in jedem christlichen Hause wenigstens ein- mal täglich ein gemeinsamer Gottesdienst gehalten wird und jeder Haus- vater nicht blos König der Familie, sondern auch Prophet und Priester sein soll, auf alle Tage des Kirchenjahres im Anschluss an die altkirch- lichen Sonn- und Festtagsperikopen aus Gebet, Liedern und Bibel- lection zusammengestellt ist. Die Hauptstücke des alten evang.-luth. Gottesdienstes, Kyrie, Gloria, Collecte, Credo fehlen nicht. Dies Buch theilt durchaus nicht die Unart vieler anderer Andachtsbücher, die heilige Schrift nur motto- und citatenweise beizubringen, es fordert und fördert in seiner Zusammensetzung tägliches Lesen der Schrift. Beigegeben sind besondere Fürbitten und Danksagungen, Tisch- und Stunden-Gebete, Gebete zur Haustafel und zum Katechismus, Feier- Ordnungen für die einzelnen heiligen Abende, ebenso eine Gebrauchs- Anweisung für den Hausgottesdienst und ein Register aller Materien des Buchées. Diese Haus-Agende ist nach des Verfassers Absicht nicht für einen besonderen Stand, sondern für unser ganzes Kirchenvolk be- stimmt. Einfalt und unserer Väter Geist regiert darin. Die alten kirchlichen Schätze sind treu benutzt— Aus Reuters Repertorium: Die ersten Hefte dieser Agende sind bereits im Jahrgange 1853 dieser Zeitschrift rühmend angezeigt. Was damals gesagt ist, kann nun, nachdem das Werk vollständig vorliegt, nur im vollsten Sinne bestä- tigt werden. Es möchte, auch abgesehen von der vollständigen Aus- arbeitung der liturgischen Hausandachten für alle Tage des Kirchen- jahres, kaum ein ascetisches Buch neuerer Zeit geben, welches so reich und tief, so klar und glaubensfest, so aus der Kirche hervor- gewachsen und ihren Ordnungen dienstbar und heilsam ist. Ja so sollte es in der Kirche Gottes aussehen, da würde die eine heilige christ- —ʒy— JolaR BLTASAR&BUPPIU, e i n Vorläufer Speners, für unsere Zeit dargestellt von Alexander Vial, Pfarrer extraordinarius und Rector zu Neukirchen in Kurhessen —— B Mainz, Verlag von(. G. Kunze. 1857. Herrn Ernst Ludwig Theodor Henke. Doctor der Theologie und der Philosophie, Professor der Theologie und Ephorus der Stipendiatenanstalt in Marburg, Un dankbarer Verehrung gewidmet vom Verfasser. e* Vorwort. Dem Manne, aus dessen Werken ich so viel ge- lernt habe, bin ich es schuldig, dass ich ihn unserer Zeit, der er mit Unrecht so ziemlich aus dem Gedächt- nis gekommen ist, wieder bekannter mache, zumal da dieser bei ihrer so grossen Aehnlichkeit mit den reli- giösen und sittlichen Zuständen des 17. Jahrhunderts keine Persönlichkeit so sehr zu gönnen wäre, als die seinige, wie alle noch geurteilt haben, die den Mann bereits kannten, oder durch meine Freude an ihm näher mit ihm bekannt gemacht wurden. Und gelänge mir auch nur diess, dass ich ihm durch vorliegende Schrift wieder eine grössere Aufmerksamkeit und angemes- senere Berücksichtigung zuwendete, so würde ich gern auf etwaige andere Verdienste verzichten; denn nir- gends wird das Bewusstsein künstlerischer Fertigkeit mehr herabgedrückt, als bei der Darstellung grosser Persönlichkeiten, an denen man sowohl der eignen Unbedeutendheit, als auch der Wahrheit sich lebhafter bewusst wird:„omne individuum ineffabile est“. Es würde mich daher nicht verdriessen, es würde mich des Mannes und unserer seiner bedürftigen Zeit wegen sehr freuen, wenn eine glücklichere Hand das an seinem Bilde ersetzte, was etwa meine Darstellung nicht hätte zu seinem Rechte kommen lassen. Dann dürfte ich noch sicherer hoffen, dass die neue Heraus- gabe seiner interessantesten Schriften für die heutige Zeit ein stärker gefühltes Bedürfnis und für mich die angenehmste Pflicht werde. Den 18. October 1856. Der Verfasser. 0 Inhalt. Einleitung Lebenslauf Persönlicher Charakter Schriften und ihre literärische Bedeutung Theologische Richtung Pagina. 1— 4 5— 32 32— 40 40— 53 53— 71 Einleitung. In dem Grade als sich im 17. Jahrhundert das Interesse an der Ausprägung und Zuspitzung der Glaubensdogmen, wie es in der Folge der Reformation im 16. Jahrhundert alle Kräfte in Anspruch nahm, verminderte, vermehrte sich dagegen das Interesse, das mit so vieler Mühe Errungene und Gewonnene mit desto grösserer Pietät und Zähigkeit festzuhalten. Doch so allgemein menschlich es auch ist, das mühsam Erworbene desto ängstlicher zu hüten, wo nicht gar so sehr zu schätzen, dass es am Ende als normirende Macht über den Menschen schwebt, menschlich, oder sollen wir besser sagen: göttlich?— ist es doch auch, dass sich allmählig auch wieder eine Gleichgültigkeit gegen das zum Meister gewordene Werk einstellt, und dass sich die Gemüter von demselben ablösen und über dasselbe mit, unbefangenerem Blicke erheben, denn erst dadurch wird eine weitere Entwickelung wieder möglich. So konnte es auch die auf den Buchstaben des im 16. Jahrhundert fest- gestellten Lehrbegriffs schwörende Rechtgläubigkeit des 17. Jahrhunderts nicht hindern, dass schon im Laufe dieses Jahrhunderts die erst im 18. Jahrhundert sich völlig Bahn brechende Freiheit vom Buchstaben jenes Lehrbegriffs we- nigstens aus einzelnen Persönlichkeiten prophetisch hervor- 1 4 blickte, welche sich, freilich noch nicht ganz den Charak- ter ihrer Zeit verleugnend, mit demselben Rechte und aus demselben Grunde wie die Reformatoren wieder mehr in das Unmittelbare und Wesentliche des Christentums ver- tieften. Dankbar erwähnt nun die unpartheiischere Nachwelt vorzugsweise Calixt und Spener als Vertreter dieser den Ansprüchen auf eine allein seligmachende Orthodoxie ent- gegenarbeitenden Richtung; denn obwol beide ihrer per- sönlichen Ueberzeugung, ihrer Dogmatik nach orthodox waren und bleiben wollten, so erkannten sie doch in den Dogmen noch nicht ihr Einziges und Alles, sondern über denselben noch etwas Höheres im Christentum, für dessen Verwirklichung sie, freilich ein jeder in seiner Art— Ca- lixt mehr als gelehrter Theolog, Spener miehr als prakti scher Geistliche— arbeiteten. Die einzigen Vertreter und Vorkämpfer der späteren lebensvolleren Entwickelung des Protestantismus aber sind sie nicht. Es lebte im 17. Jahr- hundert zwischen Calixt und Spener noch ein anderer Mann, der, wenn es nichts verschlägt, dass auch er noch hinsicht- lich seiner Dogmatik ein ächter Lutheraner war, wol mit Recht hierher gerechnet werden darf, weil auch er nach seiner Art der Entpuppung des frischen Lebens der Refor- mationsepoche aus den dogmatischen Gespinnsten der letz- ten Hälfte des 16. Inhrhunderts keinen unwesentlichen Vorschub leistete. Noch ernstlicher zwischen Wissen und. Glauben als Calixt unterscheidend war er auch schon in- differenter gegen den historisch üerlieferten Lehrbegriff ge- worden, daher er sich im Kampfe gegen die Exclusivität der Orthodoxie nicht mehr wie Calixt auf den Boden die- ses Lehrbegriffs stellt, sondern schon mehr wie Spener das Bedürfnis und das Recht der Subjectivität und die heilige Schrift zum Ausgangspunkte seiner Operationen machte — 3— und demgemäs auch schon wie Spener von einem selbst, erfahrenen und im Leben bethätigten Christentum mehr hielt als von einem blos gewussten und äusserlich über- lieferten. Und dieser Mann war der als Theolog noch so wenig gewürdigte Johann Balthasar Schuppius, den wir daher auf den folgenden Blättern als einen Vorläufer von Spener näher ins Auge fassen wollen. Es versteht sich von selbst, dass der Vorläufer eines Mannes diesem selbst nicht in Allem ähnlich zu sein braucht; weshalb wir es auch bei unserer Darstellung unterlassen werden jeden Zug an Schuppius mit Spener zu vergleichen. Nur das sei gleich hier bemerkt, dass Schuppius von dem, was man Pietismus nennt, noch keine Ahnung hatte: er war eine zu drastische Persönlichkeit, als dass er sich in einer ecclesiola in ecclesia hätte gefallen, und eine zu energische, als dass er sich am frommen Spiel mit metho- dischen Gefühlen hätte ergötzen können. Und wie der Wirkungskreis Schupps ein grösserer war als ein Conven- tikel, nämlich das von Spener als profan gemiedene öffent- liche Leben, so war auch seine Sprache nicht die salbungs- volle, mit Lieblings-Ausdrücken und Redens-Arten gezierte der Pietisten, sondern die des profanen Lebens. In allem diesem ist Schuppius nicht der Vorläufer Speners; aber darin liegt ja auch nicht Speners Bedeutung und Ver- dienst für seine Mit- und Nachwelt, sondern vielmehr in seiner Stellung zu der Orthodoxie und in seiner Betonung eines lebendigen Christentums, eines Herzens-Christentums. Dass er aber hierin schon einen tüchtigen Vorkämpfer an Schuppius gehabt habe, das, wünschen wir, möge aus nachstehender Darstellung einleuchten. Hätte es uns darum gegolten, den Schuppius mit einem ihm ähnlicheren und in der Theologie schon bekann- ten Manne zusammen zu stellen, so würden wir wol eher 1*½ — 4— nach J. Valentin Andreä als nach Spener gegriffen haben. zumal da Andreä und Schuppius zu gleicher Zeit lebten und einander schätzten. Ueberhaupt gibt es in dem 17. Jahrhundert eine ganze Reihe von Männern, welche das Praktische im Christentum höher schätzen als das Intel- lektuelle und mit denen daher Schuppius eine grosse Ver- wandtschaft hat. Da aber die Bestrebungen aller dieser Männer erst durch Spener zum Siege über ihre Hemmun- gen gelangten und von Spener an so sehr Epoche machen, dass die ganze neuere Theologie und Wissenschaft nicht ohne sie erklärt und begriffen werden kann, so glaubten wir dem Manne, der dazu so eifrig mitgewirkt hat, kein geringeres Prädicat beilegen zu dürfen, als das eines Vor- läufers von Spener, obwol es uns zuweilen dünken wollte, als weissage der Mann schon auf eine noch weit spätere Zeit hinaus. Doch gehen wir jetzt zu ihm selbst über! 4 Lebenslauf Schupps. Vergl. Strieder— Hessische Gelehrtengeschichte. Moller— Cimbria literata. Johann Balthasar Schuppius war der Sohn des Johann Eberhard Schuppius, Rathsherrn in Giessen, und der Anna Elisabeth, des dasigen Bürgermeisters Joh. Ruhs Tochter, welche beide Eheleute am Markte in Giessen wohnend zu den wolhabendsten der Stadt zählten. Am 1. März 1610 wurde Johann Balthasar geboren, den die Eltern, da er schon frühzeitig Anlagen verriet, alsbald für das gelehrte Studium bestimmten. Sie schickten ihn in das Pädagogium der Vaterstadt, welches damals unter der Direction von Christoph Scheibler stand. Kaum fünf- zehn Jahre alt hatte der junge Schuppius dieses schon durchlaufen und bezog nun(1625) die Universität Marburg, mit welcher Ludwig V. von Hessen-Darmstadt seine 1607 zu Giessen gegründete Ludoviciana im Mai 1625 vereinigt hatte, nachdem ihm 1623 durch einen kaiserlichen Aus- spruch die Universität Marburg mit der Marburger Erb- schaft zugesprochen worden war. In Marburg widmete sich Schuppius, der zwischen der eignen Neigung, Juris- prudenz zu studiren ¹), und dem Wunsche der Eltern, die ihn zum Theologen gebildet wissen wollten, hin und her- schwankte, zwei Jahre hindurch hauptsächlich dem Stu- ¹) Regenten-Spiegel, p. 15 der Sammlung von Schupps Schriften. Hanau 1663, nach der überhaupt citirt wird. — 6— dium der Philosophie, bei welchem er sich von Conrad Greber, besonders aber von Rudolph Goclenius y, leiten liess. Mit Goclenius, der sich ausser des Rufes eines grossen Gelehrten auch des eines jovialen Trinkers erfreute, stand er auf einem so vertrauten Fusse, dass dieser ihn oft auf seiner Stube besuchte und sich mit ihm in Disputationen einliess 2). Doch konnte die Art, wie da- mals allgemein die Philosophie betrieben wurde, Schuppius nicht auf die Dauer Interesse abgewinnen: er lernte jeden Morgen zehn Blätter aus seinem Compendium der Logik auswendig ³). Vielleicht dass diess entschieden auf sein späteres Ueberdruss verratendes Urteil eingewirkt hat. Im dritten Jahre befliss er sich daher mehr, dem Wunsche seiner Eltern nachgebend, der Theologie, wobei er sich hauptsächlich dem wegen seiner ungewöhnlichen Kenntnis der griechischen und hebräischen Sprache allgemein bewun- derten Joh. Steuber anschloss, welcher mit den Schwieger- söhnen B. Mentzers, J. Feuerborn und Meno Hanneken, im Jahre 1630 eine Bestätigung des unveränderten Augs- burgischen Glaubensbekenntnisses schrieb. Nach diesem Triennium folgte auch er dem damals unter den Studiren- den so allgemein üblichen Zuge zum Wandern und legte bei dritthalbhundert Meilen zu Fuss zurück, die vornehm- sten Städte und Akademien zu besuchen. Zunächst ging seine Reise nach Königsberg, wo er sich ein halbes Jahr aufhielt, um Samuel Fuchs zu hören ⁴). Von Königs- ¹) Rudolph Goclenius, Prof. der Logik, war auch einer der drei hessischen Abgeordneten auf der Synode zu Dortrecht. ²2) Deutscher Lucianus p. 847 und Regentenspiegel p. 15 3) Diess Compendium war das von Scheibler, cf. Deutsch. Luc. p. 847. 3) Samuel Fuchs, zu unterscheiden von einem Samuel Fuchs, Pa- stor zu St. Nikolai in Stettin, war 1585 zu Cöslin in Hinter- — 27— berg aus machte er eine Excursion nach Liefland, Lit- thauen und Polen. Als er darauf von Danzig nach Kopen- hagen zu Schiffe übersetzen wollte, begegnete es ihm, dass das Schiff, mit welchem er fahren wollte, schon eine Meile von der Danziger Münde entfernt Anker geworfen hatte. Vergebens hatte er sich danach umgethan, ob ihn Nie- mand aus dieser Verlegenheit reissen und in einem Bot an Bord jenes Schiffes bringen wollte, bis sich ihm endlich ein junger wolgekleideter Maun nähert, der in Schupps Sprache den Oberdeutschen erkannte, und ihn nach seiner Heimat fragt. Schuppius, dem in seiner steigenden Verle- genheit durch schnelle Hülfe mehr gedient werden konnte, als durch einen langen Discurs, will den lästigen Frager kurzer Hand abweisen, dem es aber durch anhaltendes Bitten jedoch gelingt Schuppius zur Antwort zu bringen, und zu hören, dass der Fremdling ein Hesse und aus der Stadt Giessen sei. Und auf die erste Frage folgt noch eine zweite, auf die Schuppius wol gespannter hingehorcht haben mag. Der junge Schiffer fragte ihn nämlich darauf, ob er denn zu Giessen den corpulenten Mann im roten Eckhaus am Markte kenne. Als nun Schuppius freudig bejahend dem Schiffer erzählte, dass dieser corpulente Mann sein Vater sei, da ist der junge Mann ganz ausser sich vor Freude, transportirt Schuppius sofort in einem nach langem Suchen endlich aufgefundenen Fahrzeuge wei- ter an das entfernte Schiff und erzählt ihm während der Fahrt, dass er einst im Kriege ausgeplündert und hungrig und, durstig in das Haus jenes corpulenten Mannes zu Gies- sen gekommen und von diesem, der mit einigen Freunden beim Weine gesessen, nicht allein gelabt sondern auch pommern geboren und von 1618 bis 1630 Prof. der Philosophie und Eloquenz zu Königsberg ef. Jöcher, Gelehrten-Lexicon. — 8— reichlich beschenkt entlassen worden sei. Diese Erfahrung, die Schuppius in weiter Ferne von der Heimat davon machte, dass keine Wolthat vergeudet wird und dass die Wolthaten der Eltern Capitalien sind, die auch noch den Kindern selbst dann Zinsen eintragen, wenn sie längst verjährt oder verschleudert zu sein scheinen,— hatte auf ihn einen solchen Eindruck gemacht, dass sie ihn fortan als lebendiger Glaube an die Verheissung des Wortes be- séelte:„Wer sich des Armen erbarmet, der leihet dem Herrn.“ ¹) Nächst Kopenhagen besuchte er auch die Ritterakade- mie zu Soroe und hielt sich daselbst eine kurze Zeit auf. Er reiste von da nach Stralsund und Greifswalde. Da ge- rade damals wegen der Bewegungen des dreissigjährigen Kriegs das nördliche Deutschland für Reisende unsicher war, so musste Schuppius, um von Greifswalde weiter nach Rostock zu gelangen, das freundliche Anerbieten des Fürsten Savelli, welcher die Besatzung von Greifswalde commandirte, annehmen und sich eine Soldatenkleidung anziehen lassen, um desto ungestörter seinen Weg ziehen zu können. Auf diese Weise, welche später zu der An- nahme Veranlassung gab, als sei Schuppius wirklich Soldat im dreissigjährigen Krieg gewesen,(wie sie denn auch bei Reimann hist. litt. 3. Theil S. 102 gefunden wird), gelangte er dann auch sicher nach Rostock, wo er an Johann Coth- mann und besonders an Peter Laurenberg Lehrer und Freunde fand. Hier wurde er 1631 Magister ²) und erhielt . ¹) Cf.„Freund in der Not,“ p. 251. 252. ²) Laurenberg war sein Promotor.„Fr. i. d. N.“ p. 239. Dieser, geb. 1585 gest. 1639, lehrte schon früh Astronomie, dann aber auch Anatomie, Mathematik, Philosophie und schöne Wissen- schaften, und war überhaupt ein Universalgenic. ef Jöcher, Gelehrten-Lexicon. — — 9— zugleich die Erlaubniss öffentliche Vorlesungen zu halten, nicht aber, wie Arnold(Kirchen- und Ketzergeschichte 2. Theil 17. B. 5. cap.) meint, eine ordentliche Professur. Doch kaum hatte er in Rostock zu dociren angefangen, als er daran durch die von den Schweden unternommene Be- lagerung der Stadt gehindert wurde und sich nun nach Be- endigung derselben über Lübeck, Hamburg und Bremen zurück in sein Vaterland oder vielmehr nach Marburg be- gab, wo er ebenfalls die Erlaubniss zu dociren erhielt. Da aber wegen der den Krieg begleitenden Pest die Universi- tät Marburg bald nach Grünberg, bald nach Giessen ver- legt werden musste, so veranlasste diess Schuppius noch ein Mal den Wanderstab zu ergreifen. Er reiste nun als Führer eines jungen Edelmanns Rudolph Rau von Holz- hausen, über Cöln nach dem damals vielbesuchten Holland, wo er die interessante Bekanntschaft eines Johann Ger- hard Vossius und Caspar Barläus in Amsterdam und eines Claudius Salmasius in Leyden machte. Dass er aber in Leyden nicht auch die Bekanntschaft des berühmten Daniel Heinsius, der ihn irrig für einen Verwandten seines italienischen Gegners Caspar Scioppius hielt, machen konnte, suchte Schuppius um so mehr zu verschmerzen, als er in der Bekanntschaft mit andern von ihm für ebenso verdienstvoll geschätzten Männern einen Ersatz für jenen Abbruch zu haben glaubte und als er den Heinsius für einen„Generalmajor in bello grammaticale“ hielt,„der von Hoffart, Immagination und Eitelkeit trun- ken, nicht auf die Lectiones meditirte, sondern unterwei- lens alberne Dinge auf die Catheder brachte.“ ¹) Von Hol- land aus gedachte Schuppius auch noch Frankreich und Italien zu bereisen, allein sein Vater untersagte ihm diess ¹)„Freund in der Not.“ p. 266. —. 10— ausdrücklich und forderte seine Zurückkunft, weil er der Meinung war, dass man aus Italien und Frankreich nichts mitbringe als ein böses Gewissen, einen ungesunden Leib und einen ledigen Beutel ¹). So durch die Bekanntschaft vieler Länder, Völker, Städte und deren Sitten und Gebräuche, sowie durch die Freundschaft vieler Gelehrten, Künstler und anderer in Ansehn und Würden stehender Männer bereichert, langte er dann wieder im Jahr 1635 in Marburg an. Hier wurde ihm noch in demselben Jahr die durch den Abgang Theodor Höpingk's erledigte Professur der Geschichte und Eloquenz übertragen. Als Professor erwarb er sich durch sein ehr- liches, freundliches und freimütiges Wesen die Achtung seiner Collegen und die Liebe und Zuneigung der Studenten. die ausserdem noch die von der gewöhnlichen Weise ab- weichende, Alles ad hominem demonstrirende Art seines Vortrags anzog, wie sie uns noch in zwei gedruckten Vor- trägen, im orator ineptus und de opinione aufbewahrt ist 2). Nachdem sich Schuppius 1636(den 9. Mai) mit Anna Elisabeth, der einzigen Tochter des durch seine Ge- schichtsforschungen und seine in griechischer und hebräi- scher Sprache gehaltenen Disputationen, wie durch seine mit Juden angestellte Bekehrungsversuche und seine bei Kaiser und Reich zu Frankfurt eingereichten Vorschläge zur Verbesserung des Schulwesens berühmt gewordenen Professors Dr. Christoph Helvicus in Giessen ver- heiratet hatte, kaufte er sich auf einem Berge bei Mar- burg(vor dem Lahnthor) einen Garten. Dahinein liess er 1639 ein Gartenhäuschen bauen, welches er seinen Avellinus „Freund in der Not.“ p. 237 8 Einmal hatte er im auditorium philosophicum auch fünf Für- sten, neun Grafen neben vielen Edelleuten zu Zuhörern cf. Zu- schrift z deutsch. Luc p 810. — 11— nannte und über dessen Thüre er unter einer hölzernen Schnecke die Inschrift setzen liess: Professor philosophiae domum aedificavit ¹). In diesem Häuschen, das später vom Kriege zerstört wurde, verbrachte er nicht allein seine Er- holungssstunden, sondern las auch öfters seine Collegien daselbst oder liess eben da von seinen Zuhörern Reden halten, zu denen er die Themata vorschlug ²). In Marburg schrieb Schuppius fast seine sämmtlichen lateinischen Trac- tate, die er als Professor der Eloquenz theils selbst als Reden gehalten theils als Festprogramme hatte drucken lassen, und die man als Sammlung zusammengedruckt findet unter dem Titel: Volumen orationum solemnium et panygiricarum in Academia Marburgensi habitarum; cum praefixis programmatibus et praefationibus. So gering auch im Allgemeinen für uns die Bedeutung des Inhalts dieser Tractate im Vergleich zu den späteren deutschen Schriften Schupps ist, so erkennt man doch schon deutlich in einigen derselben, im orator ineptus, de lana caprina und de opinione, die später bestimmter sich geltendmachende Richtnng des Mannes in ihrer Entwicke- lung. Verdienstlich um das Geschichtsstudium damaliger Zeit waren hauptsächlich zwei in Marburg vollendete Ar- beiten, nämlich sein Deucalion christianus seu de vero na- tali Jesu Christi controversia theologica. Marp. 1638. 4., und sodann das von ihm fortgesetzte und vermehrte Theatrum chronologicum et historicum seines Schwieger- 7 vaters Christoph Helvicus. Marp. 1639. fol. Besondérs mit der letzteren befriedigte er ein stark gefühltes Bedürf- nis seiner Zeit. Als er 1640 unter dem Titel Hercules ¹) Reg. Spiegel p. 49. ²) Eine dieser Reden ist gedruckt unter die Schriften Schupps aufgenommen worden: de laude et utilitate belli von Peter List cf. volumen orationum. Mag. 1705(s. unten). togatus eine Lobrede Georgs II.(von Hessen-Darmstadt) ver- fasst hatte, wurde er auch mit C. Bachmann beauftragt, eine hessische Geschichte zu schreiben. Doch Bachmann fiel in Ungnade und Schuppius wurde 1 645, da es ihm an Zeit und Ruhe gebrach, zur Rückgabe aller Aktenstücke verurteilt, mit denen nun der hess. Chronist Winkelmann betraut wurde.— Mit besonderem Fleiss lag er seinen Vorlesungen, deren er täglich drei bis vier hielt ¹), und den Pflichten ob, welche ihm die ihm übertragenen akademischen Ehrenämter, deren höchstes er wenigstens Ein Mal bekleidete, aufer- legten ²). Bei alle dem aber liess er jedoch keineswegs die Theologie bei Seite liegen, sondern da damals das Studium der Philosophie und Geschichte, worüber sich Schuppius in der praefatio zum orator ineptus beklagt, namentlich von den hessischen Landeskindern wenig betrieben wurde, so nahm er im Jahr 1641 die Licentiatenwürde in der Theologie an, wurde 1643 Prediger an der Kirche zu St. Elisabeth und 1645 Doctor der Theologie. Vielleicht, dass er, sei es aus immer bestimmter in ihm hervortre- tender Abneigung gegen den Wortkram und die Silben- stecherei der damaligen Philosophie überhaupt, oder sei es, weil diess Studium insbesondere in Marburg danieder- lag, noch ganz zur Theologie übergetreten und ordentlicher Professor derselben geworden wäre. Denn in den zehn Jahren, während welcher er Professor der Eloquenz und Geschichte war, hatten ihm seine Vorlesungen ausser einer silbernen Kanne und hundert und zwanzig Bildern, auf denen die ganze praktische Philosophie versinnbildlicht war, kaum mehr als zwanzig Ducaten Honorar eingebracht ³). So ¹) cf p. 85 des Anhangs zu der Sammlung von 1663. 2) Eilfertige Antwort p. 787. 3) p. 85 des Anhangs der Sammlung von 1663. versichern wenigstens Zeitgenossen und Schüler des Mannes, und glaubhaft wird es durch seine ausgedehnte Bekannt- schaft mit den Vätern und Empfehlern vornehmer und reicher und durch seine grosse, oft rührende Mildthätigkeit gegen ärmere Studierende ¹). Indess die Kriegsnot brachte eine bedeutende Veränderung in das Leben des Professor Schuppius. Schon im Winter 1640(Ende Januar) hatte er mit der ganzen Universität durch sie zu leiden gehabt. Als nämlich nach dem Tode Herzog Bernhards von Weimar die weimarsche Armee sammt dem Duc de Longueville un- versehens ins Hessenland einrückte, geriet das ganze Land so in Confusion, dass auch hiervon die Universität nicht verschont blieb. Da kamen die Studenten zum Professor Schuppius, der immer so väterlich und aufopfernd für sie gesorgt hatte, und fragten ihn um Rat, was sie beginnen sollten: in Marburg hätten sie nichts mehr zu verzehren und zu ihren Eltern könnten sie nicht gehen, weil diese ebensowenig wie sie zu leben und überdiess noch das Haus voll Soldaten hätten. Schuppius hatte alsbald eine Auskunft getroffen; er liess zunächst die Studenten, welche so klagend zu ihm geeilt waren, mit dem, was Küche und Keller bot, durch seinen Diener regaliren und be- schied sie dann auf den andern Morgen wieder zu sich. Während der ganzen Nacht nun setzte er sich hin und schreibt Briefe auf Briefe; und nicht einmal die dringenden Bitten seiner für seine Gesundheit fürchtenden Ehehälfte konnten ihn bewegen davon abzulassen und sich zur Ruhe zu begeben. Des andern Morgens aber, als die Studenten sich seiner Anordnung gemäs wieder einstellten, hielt er folgende Rede an sie:„Messieurs, die Erde ist des Herrn, und mich deucht, unser Herr Gott hat mich zu einem ¹) ibid. p. 38. 39. ſA— Quartiermeister angenommen. Ich will ganz Europam unter Euch austheilen: Euch will ich die See-Städt eingeben; Euch Dänemark; Euch Preussen; Euch Liefland; Euch Frankreich, Euch die Reichs-Städt u. S. W.“ Und als er hierauf jedes- mal einem jegliche eins oder mehrere von den in der Nacht vorher geschriebenen Empfehlungsschreiben einge- händigt hatte, entliess er sie alle mit den Worten:„Gehet hin und suchet euer Glück; der Herr unser Gott sei mit euch auf euern Wegen“l ¹) Aber noch härteres Ungemach traf Schuppius, als im Jahr 1646 die Schweden unter Wrangel in Oberhessen hausten und der Generalmajor Geise die Marburger Erb- schaft wieder für die Landgräfin Amalie Elisabeth in Besitz nahm. Nachdem er da bei einer Plünderung fast seine ganze Habe verloren hatte ²) verliess er Marburg und folgte einem Rufe, welcher vom Landgraf Johann von Hessen- Braubach im Jahre 1646 an ihn erging, und wurde Hof- prediger, Consistorialrat und Inspector der Schulen und Kirchen in Braubach am Rhein, welches zur Grafschaft Katzenellnbogen gehörig der Landgraf von Hessen-Darm- stadt Georg II. an seinen Bruder Johann verpfändet hatte. Hier in Braubach hatte Schuppius Gelegenheit das damalige Hofleben und das Treiben der Politiker oder, wie er sie nannte, der Statisten und Machiavellisten kennen zu lernen; wenn auch nicht an dem Hof zu Braubach selbst, den Schuppius nicht genug als eine in jeder Hinsicht vortreff- liche Wirthschaft zu rühmen weiss, so doch durch die Verbindungen dieses Hofes mit andern. Und es ist nicht undeutlich zu erkennen, wie er von da an den politischen und socialen Verhältnissen und Ereignissen Deutschlands ¹) cf. p. 89 des Anhangs der Sammlung 1663. ²) Abgenötigte Ehrenrettung p. 687 — 5 und der Welt ein grösseres, lebhafteres Interesse zuwendet und damit eine Neigung befriedigt, die ihn schon in früher Jugend den kindlichen Wunsch hegen liess„Kanzler werden zu wollen.“ Als Hofprediger verband Schuppius mit einer rücksichtslosen Freimütigkeit jedoch eine so grosse Welt- klugheit, dass keine verläumderische Zunge ihn um das Ansehn bei seinem Fürsten bringen konnte. Der Fürst selbst äusserte einem Edelmann, welcher Schupps kühn- liche Antworten und Reden doch etwas bedenklich fand: „ich halte auch nicht Jederman zu gute, was ich Dr. Schup- pen zu gute halte; es ist nicht ohne, er hat einen hitzigen Kopf und ein deutsches Maul, aber er hat ein ehrlich Ge- müt und Herz; ich habe ihn mehr als in einer Occasion probiert“ ⁷). Der Landgraf würdigte ihn auch des beson- deren Zutrauens, dass er ihn in seinem Namen zu den Friedensunterhandlungen nach(Osnabrück und) Münster abschickte, um das Instrumentum pacis zu unterzeichnen, wo er sich fast bei sämmtlichen Gesandten durch sein red- liches und freimütiges, aber dabei bescheidenes Wesen empfahl. Nachdem den 24. Oktober, schon als die Nacht hereingebrochen, der Frieden unterzeichnet worden war,— es War gerade an einem Sonnabend—: da erhielt, wäh- rend die katholischen Bevollmächtigten zum Zeichen der Trauer die Liechter ausgelöscht wünschten, Schuppius von dem schwedischen Bevollmächtigten, Grafen Johann Oxen- stiern Axelsohn, dessen besonderer Zuneigung und Freund- schaft er sich erfreute, den Auftrag, an dem nachfolgenden Tage, dem Sonntage, vor den evangelischen Bevollmäch- tigten die Danksagungs-Predigt zu halten. Obwol die Zeit der Vorbereitung zu einer Predigt bei einer solchen Gelegenheit, welche die ganze Welt, namentlich aber auch ¹) Freund in der Not. p. 239. 16— das patriotisch gesinnte Gemüt eines Schuppius in eine starke Bewegung versetzte, zu kurz war, so glaubte er doch sich dem ehrenden Auftrage nicht entziehen zu dürfen und hielt am 25. October die erste Friedenspredigt zu Münster, indem er ausgehend von dem 120. Psalm über die Worte des sonntäglichen Evangeliums Luc. 18:„Seht, wir gehn hinauf gen Jerusalem“ zu einer gedrängt vollen Kirche redete und schliesslich die christlichen Potentaten Europas aufforderte, ihre Waffen gegen den Türken zu vereinigen und ihm den Ort aus den Händen zu reissen, wo früher Jerusalem gestanden habe, da diess erspriess- licher sei, als wenn sie, die doch Christen seien, das Wort Christi von der Liebe und dem Frieden zu Schanden machten. ¹) Diese Predigt hatte eine solche Bewegung unter den Zuhörern veranlasst, dass viele vor Freude weinten, die Legaten der evangelischen Stände aber ihm dafür dankend durch Johann Leuber, Kurfürstl. Sächsischen Gesandten, ein Dankschreiben, mit einem ansehnlichen Geschenk be- gleitet, noch an demselben Tage zugehn liessen. ²) Die ¹) Acta pacis Westphalicae B. 6. cf. die Nachschrift zu der Predigt: „Gedenk daran Hamburg.“ p. 215 der Sammlung deutscher Schriften von 1663. 2) Der Brief lautet: 70 dmneodrreuv. Reverende pl. et clarissime Vir, Domine et amice plurimum colende, Evangelicorum statuum Domini legati gratias agunt T. R. D. maximas, quod nuper habita coneione, toto imperio romano et ipsis de pace divinitus concessa gratulari ac bene precari voluerit. Det cœleste numen ut pax illa tendat ad nominis sui gloriam et totius imperii incrementum! ut autem de gratis adversus T. R. D. ipsorum animis constare possit, illam exiguo munusculo donant rogantes, ut aequi bonique consulat, studia sua alias quovis tempore paratissima offerendo. Monasterii 25. Oct. 1648. — 17— Predigt wurde zwar, obwol es Viele wünschten, nicht ge- druckt, weil Schuppius es aus Bescheidenheit ablehnte, aber dennoch bemühten sich auf die Kunde davon alle seine Freunde und nähere Bekannten ihm dafür ihren Dank, ihre Glückwünsche und ihre Anerkennung auszudrücken. Nicht allein, dass der Gesandte von Venedig, Contareni, der die Predigt selbst gehört hatte, meinte, Schuppius müsse ein ächtes katholisches Herz haben, auch Schupps ehemaliger Lehrer, der berühmte Theolog und Philosoph Christoph Scheibler, welcher inzwischen Superintendent zu Dortmund geworden, konnte das freudige Gefühl, dass sein Schüler dieser erhabenen Function gewürdigt worden war, nicht zurückhalten und wünschte in einem Briefe ihm dazu Glück,„dass er der erste gewesen sei, der die spe- ciosos pedes evangelizantis pacem erlangt habe“ ¹). Doch hatte die Friedenspredigt Schupps bei den Katholiken, be- sonders bei dem Nuntius apostolicus in Münster, Fabio Chigi, dem späteren Papst Alexander VII., nur Verdruss erweckt, der seine tiefere Wurzel freilich in dem Ereignis selbst hatte. Schon in Münster hatte dieser unsern Schup- pius einen Ketzer genannt, der das Volk verführe, und dann nachher das Gerücht über ihn ausgesprengt, er sei toll geworden und laufe bei Cöln im Walde herum wie ein wilder Mensch ²). Von dieser Zeit an war Schuppius eine Persönlichkeit von grösserer geschichtlicher Bedeutung geworden. Es dauerte auch nicht lange, als ein Ruf vom Senat zu Ham- burg an ihn erging, der ihm die Stelle eines Predigers zu St. Jacob daselbst antrug und den er annahm. Kaum hatte er aber das gethan, als ihm auf einer Rückreise von ¹) Ged. daran H. p. 216. ²) ibid. und Reg. Spieg. p. 71. Darmstadt nach Braubach(in Darmstadt hatte er bei Georg II. Abschied genommen und ihm für die erwiesenen Wohlthaten gedankt, zugleich auch einige Aufträge von Johann von Hessen-Braubach ausgerichtet) in Frankfurt am Main von einem Frankfurter Patricier, Beinhöfer, ein Vocationsschreiben von der evangelischen Gemeinde zu Augsburg eingehändigt wurde, in welchem ihn diese als Prediger begehrte, und bei welchem die Abschrift eines Schreibens an den Rat der Stadt Hamburg beigefügt war, damit dieser den Schuppius von seinem gegebenen Wort entbinde und ihn nach Augsburg ziehen lasse. Da war es Schuppius beinahe leid, dass er den Ruf nach Hamburg an- genommen, denn an die Stelle zu Augsburg knüpfte sich ihm die Hoffnung, dass er dort vielleicht seine Gedanken und Ansichten vom Schulwesen an einer Musterschule nach der Art der Sturmischen in Strassburg verwirklichen könne, zumal da in Schulangelegenheit die Augsburger schon einmal Schupps Schwiegervater Helvicus, dessen Urteil in Schulsachen damals allgemein respectirt wurde und welches Schuppius sich angeeignet hatte, hatten kom- men lassen. Er wollte es daher beide Städte unter sich ausmachen lassen, welche von beiden ihn als Prediger be- komme, und mit dieser Resignation traf er dann wieder in Braubach bei den Seinen ein. Diese aber lagen alle an einer pestartigen Krankheit darnieder, als er zu ihnen kam: kein Mensch durfte, weil die Krankheit sonst weiter ver- breitet worden wäre, Schuppius besuchen oder auch nur den Kranken aufwarten. Das musste nun Schuppius, der allein verschont blieb, selbst und allein besorgen; und diese Krankenpflege, das Lazareth, noch mehr aber die Absperre von der Aussenwelt, von dem Hofe, bei dem er sich wich- tiger Aufträge von Darmstadt her zu entledigen hatte, machte ihn ganz mutlos und wunderlich. Und noch war ——— er wieder von Neuem nicht einig mit sich selbst, welchen von den beiden Rufen er annehmen sollte! Im höchsten Unmute darüber schreibt er deshalb, um die Qual der Wahl, welche in seiner damaligen Lage doppelt unerträglich gewesen sein muss, los zu sein, an eine„vornehme gräfliche Dame“ und bittet sie um Rat. Diese gab ihm folgende Antwort:„Mein lieber Dr. Schupp! Ich sehe, dass Euch Gott jetzo recht auff die Probe setzen wolle. Ich weiss gar wol, dass Ihr Euer Lebtage dem Geitz nicht seid er- geben gewesen. Allein weil Ihr für einem Jahr in der Plünderung zu Marpurg so grossen Schaden gelitten habt, so sorge ich, Ihr möget hinführo geitzig werden. Mich dünkt, die Augspurger seyn Euch nicht reich genug, weil bisshero eine bedrängte Kirche daselbst gewesen ist. Ich merke, dass Euch der Kopff nach Hamburg zustehe, und dass Ihr gedenket, es würde daselbst Rosenobel und Du- caten regnen, also dass Ihr nur dürffet Euren Hut nehmen und einsammeln gleichwie die Kinder Israel das Manna. Allein ich sorge, Ihr werdet in Eurer Hoffnung betrogen werden. Und wenn Ihr die Augspurger verlasset, so wird es Euch an Creutz und Trübsal nicht mangeln“ ¹). Endlich aber siegte doch über seine eignen Wünsche und' über den Rat seiner gräflichen Gönnerin seine Treue zu dem gege- benen Worte; er zog nach Hamburg und wurde am 20. Juli 1649 Hauptpastor zu St. Jacob. In Hamburg hat es nun Schuppius an Kreuz und Trübsal, wie ihm die gräfliche Dame prophezeite, nicht gemangelt. Denn wenn sich Schuppius auch damit etwas weiss, dass er durch Reisen, Bekanntschaften und Berufs- thätigkeiten gelernt habe,„was in der Welt Kauf und Lauf sei,“ so gesteht er doch selbst, dass er in Hamburg, das ¹) Abgenötigte Ehrenrettung p. 686 687. 2* — 20— ihm bald wie ein Compendium mundi bald wie Ninive vor- kam, von Neuem habe anfangen müssen die Welt kennen zu lernen ¹). Wären auch die Schilderungen der Zustände, wie sie uns Schupp von Hamburg in seinen Tractaten und Predigten gibt, nur halb wahr, so erkennt man doch daraus, dass der sittliche Zustand der durch die Unruhen des dreissig- jährigen Kriegs noch vermehrten Einwohnerschaft dieser erwerbreichen Seestadt den des heutigen Hamburgs an Ver- derbheit doch noch hinter sich zurücklässt. Aber Schuppius war ganz der Mann dazu die Laster des Hamburger Volkes diesem nackt vor das Angesicht hinzustellen und den Zorn Gottes über die Sünde mit den erschütterndsten und ein- dringlichsten Worten zu verkündigen. Dadurch geschah es jedoch nicht, dass sich das Hamburger Volk hartnäckig von ihm abwendete; nein, es musste ihn hören, wenn er den Stab Wehe schwang. Dazu zwang es schon sein lebendiger, origineller, anregender und erweckender Vortrag. In Schaaren strömte das Volk, auch aus andern Kirchspielen, in die Kirche zu St. Jacob: die Kirchenstühle mussten ver- mehrt werden; und wenn Schuppius auf die Kanzel steigen wollte, musste er sich erst durch das Volk hindurch- drängen). Es ist Schade, dass uns von Schupps Predigten nur eine vollständig hinterlassen wurde, die Katechismus- predigt über das dritte Gebot, mit der Ueberschrift: Ge- denk daran Hamburg. Ausserdem besitzen wir von ihm noch drei Predigten in Fragmenten in der„abgenötigten Ehrenrettung“. Doch diess reicht schon hin uns von der originellen, von biblischem Kraftgeiste durchwalteten, im Volkstone gehaltenen Predigtweise des Mannes eine Vor- stellung zu geben. Wie Schuppius das Volk zu fassen und ¹) Fr. in der Not, an vielen Stellen. ²) Ged. daran H. p. 288. — 21— den Zulauf zu dessen Heile zu benutzen suchte, davon er- zählt er selbst ein Beispiel:„Als er nach Hamburg gekom- men sei und das Volk ihm applaudirt habe, da sei er auf die Kanzel gestiegen und habe gesagt:„„Ihr, meine liebe Zuhörer, ich danke euch vor die gute Affection, so ich von euch verspüret, und ich versichere euch das, wann ich euch auf meinem Rücken tragen könnte biss in den Himmel, ich wollte es thun. Allein ich werde euch jetzo etwas wünschen, welches euch frembd und seltsam vor- kommen wird. Ich wünsche euch allesampt, grossen und kleinen, dass ihr heute möget lebendig zur Höllen fahren““. Und darauf habe er ein wenig still geschwiegen; und als die Leute in der Kirche geseufzt und gedacht hätten, was das für eine Rede, für ein Wunsch sei von einem Manne, dem sie alles gutes gönnten, da habe er fortge- fahren und gesagt:„„Ich wünsche euch nochmals, dass ihr bei lebendigem Leibe heute möget zur Höllen fahren mit Gedanken,— und möget betrachten, wie gross, wie unaus- sprechlich die Pein der Verderbten in der Höllen sei, damit, ihr dasselbige nicht nach euerem Tode fürchten dürfet“““ n). Doch so grosse Sorgfalt, Mühe und Kunst Schuppius auch bei seinen Predigten anwendete ²), so entging es ihm doch nicht, dass er bei der Jugend anfangen müsse, wenn er reformirend auf seine Gemeinde einwirken wollte. Er drang deshalb darauf, dass eine gute Trivialschule er- richtet werde; hauptsächlich aber galt es ihm um eine sonntägliche Kinderlehre oder Katechismusübung 3). ¹) Calender p. 599 ²) Schupp hatte sich auch durch sein Predigen auf der Kanzel einen Leibesschaden geholt. Calender p. 589. 3) Ged. daran H. p. 187. Wichtig ist, dass diess alles schon vor Spener geschah, dem doch gewöhnlich die Einführung derartiger Uebungen in die evangelische Kirche allein zugeschrieben wird. — 22— Dass Schuppius dieses in Anregung brachte und ins Werk zu setzen sich befliss, noch ehe man an Spener dachte, diess ist um so verdienstvoller, als der rechtgläubige Clerus jener Zeit gegen die Zumutungen der Fürsten, der Be- hörden und der bessern Theologen, sich des Jugendunter- richtes anzunehmen, als gegen eine Schwärmerei ankämpfte, und als dieser unter dem Schutte gelehrter Polemik so sehr litt, dass man am Ende alle Fähigkeit der Unterweisung verlor. Ehe er nach Hamburg kam, bestand wol daselbst auch schon eine wöchentliche auf den Donnerstag fallende Betstunde, doch Niemand besuchte sie, als alte schwache Leute und diese auch ſspärlich. Er suchte nun dieselbe wieder zu beleben; er forderte die Eltern auf, ihre Kinder zu schicken, damit sie an Zucht gewöhnt würden und von der Strasse kämen, und die Herrschaften, dass sie ihre Dienstboten daran theilnehmen lassen möchten, und wusste auch dafür seine Collegen zu interessiren. Für die Besucher dieser Betstunde verfasste er, damit dieselbe nicht zu einem todten Institut werde, die„einfältige Erklärung der Litanei“. War Schuppius für die Gesunden ein ernster Mahner, so war er für die Kranken und Schwachen dagegen ein leutseliger Tröster. Er sorgte wenigstens dafür, dass in den Hospitälern Luthers kleiner Katechismus vorgelesen wurde, und grösstentheils für sie waren auch die geistlichen Lieder bestimmt, welche er verschiedentlich veröffentlichen liess. Insbesondere waren es„die armen und kranken Brüder und Schwestern im Pesthofe zu Hamburg“, welchen er die„Kranken-Wärterin“ oder die Auslegung des Vater Unsers widmete. Für die Kranken überhaupt verfasste er auch das„Golgatha“ oder„eine kurze Anleitung, wie ein kranker Mensch ihm die sieben Worte, welche der Herr Jesus am Stamm des heiligen Kreuzes gesprochen hat, auf seinem Todenbette solle zu Nutzen machen“. e — 23— Die Stunden, welche dem sich mit dem„geringsten Schipper“ in einen„Diskurs“ einlassenden Seelsorger und Prediger übrig blieben, benutzte er dann zu seiner Er- holung, die darin bestand, dass er meistentheils unter dem fingirten Namen„Antenor, ein Liebhaber der heiligen Schrift“, politische Tractate, wie er sie nannte, schrieb und durch diese Schriften seine Erfahrung und seine Kennt- nisse noch einem weiteren Kreise als seiner Gemeinde zu- gänglich machte ¹). Diess Alles bewirkte nun, dass Schuppius einerseits bei Vielen seiner Gemeinde und der Stadt ein grosses Ver- trauen erlangte, aber auch andererseits wieder Vielen eine rätselhafte Erscheinung war; denn seine gewaltigen Predigten wie seine ganze Bemühungen, überall christlichen Sinn und christliches Leben zu erwecken, wichen zu sehr von dem Schlendrian des Herkommens ab, und seine heitere Frei- mütigkeit und doch tief innerliche Frömmigkeit, die Be- kanntschaft mit allen Verhältnissen der Stadt, wie sie aus seinen Predigten hervorleuchteten, und sein doch dabei zurückgezogenes den Studien gewidmetes Leben— waren Gegensätze, welche sich die wenigsten anfänglich zusammen reimen konnten. Deswegen zog man Erkundigungen ein über des interessanten Mannes häusliches Leben, die dann entstellt in ganz Hamburg herumgetragen wurden ²). Schup- pius erzählt selbst einige dieser Mährlein, über die er je- 2) Zu den Schriften einer freien Muse gehören: Ambrosii Malli- lambii Sendschreiben; Ein Holländisch Pratgen; Salomo; Der geplagte Hiob; Corinna; Der rachgierige Lucidor; Der teutsche Lucian; Freund in der Not; Sieben böse Geister; Die Almosen- büchse; Der geistliche Spatziergang; Der Hauptmam von Ca- pernaum; Der stumme Lehrer und Prediger; Der bekehrte Ritter Florian; Die geistlichen Sprüche; der Sabbathschänder; Sünden- register; und wol auch Ambassadeur Ziphusius, ²) Abgenötigte Ehrenrettung p. 632. — 24— doch nicht immer lachte, weil es ihm nicht gleichgültig sein konnte, bei seinen Pfarrkindern in ein Licht gestellt zu werden, das seine Einwirkung auf diese hindern musste. Indess, wenn es dabei nur geblieben wäre, würde es immer noch zu ertragen gewesen sein. Allein es gesellte sich alsbald der Neid seiner Collegen dazu. Diese benutzten nicht allein die seltsamen Gerüchte die über Schuppius im Schwange waren, zu noch gehässigeren Uebertreibungen, sondern gingen auch systematisch darauf aus den Mann, der ihnen schon längst ein Dorn im Auge war, zu ruiniren. Seiner Rechtgläubigkeit konnten sie zwar nichts anhaben, weil er nie gegen die Richtschnuren derselben direct ver- stossen hatte, aber desto mehr gab ihnen der Umstand, dass Schuppius seine eigne ihm natürliche Sprache führte und nicht, wie er sich selbst ausdrückt, alle Phrases nach der Bibel und den libris symbolicis formirte, wobei er Luther zum Vorbild habe, Veranlassung diess als symbol- widrig, profan, gotteslästerlich und eines Theologen un- würdig aufzugreifen. Das Hamburger geistliche Ministerium schickte nämlich die Schriften Schupps, welche dieser ausdrücklich nicht für„theologische“, d. h. wol rein erbau- liche, sondern„pPolitische“ angesehen wissen wollte, die er als Doctor der Philosophie zu seiner Erholung abgefasst habe, an zwei Universitäten, damit diese sich aus der sa- tyrischen Form derselben ein Urtheil bilden sollten über Schupps Predigtvorträge, von denen er noch keinen hatte drucken lassen. Auf Grund dieser Schriften verlangte das geistliche Ministerium dann ein Gutachten darüber, ob Schuppius damit nicht gegen die Symbole der evangelischen Kirche und gegen das Amt eines evangelisch-lutherischen Predigers überhaupt sündige ¹). Natürlich lautete da die ¹) Anhang p. 115. cf. Abgenötigte Ehrenrettung p. 660. — 23— Antwort ganz danach, wie die Frage gestellt und begründet worden war. Denn jene Universitäten wussten nicht, was uns Schuppius versichert und was wir aus seiner hinter- lassenen Predigt entnehmen können, dass der Ton seiner Predigten ein anderer war als der seiner übrigen Schrif- ten). Eins der Gutachten, oder wie sie Schuppius scherz- weise nannte, der Urim und Tummim, ist gedruckt worden, nämlich das der Universität Wittenberg unter dem Titel: Judicium, ob ein Doctor Theologiä und Pastor allerlei fa- beln, facetias, satyrische Aufzüge und lächerliche Historien zu predigen und zu schreiben befugt sei, und wie er davon abgehalten werden könne“ ²). Welche die andere von den beiden zu einem Gutachten gegen Schupp provocirten Uni- versitäten gewesen, ist nicht zu ermitteln. Aber auch sie hatte gegen ihn entschieden. Als nun seine Collegen diese beiden Urteile empfangen hatten, wahrscheinlich ohne dass Schupp etwas davon erfahren, da luden sie ihn vor ihren Convent, um, gestützt auf das Urteil zweier theologischen Facultäten, ihn desto sicherer zum Geständnis: patres peccavi, oder zur Niederlegung seines Amtes zu zwingen. Allein Schuppius ging nicht darauf ein; er hatte verlangt, man solle ihm vorher die beiden Gutachten mittheilen, da- mit er erst das ihm Vorgeworfene und die Entscheidung in reiflichere Erwägung ziehen und Vertheidigungsgründe dagegen aufstellen könnte; und da ihm diess verweigert wurde, so ignorirte er die an ihn ergangene Einladung, obwol es ihm, wie er im„Bücherdieb“ gesteht, nicht einerlei war, dass man an seiner Darstellungsweise wie an dem Inhalt seiner Schriften Aergernis nahm ³). Er tröstete sich ²) Calender p. 580. ²) Consilia theologica Witebergensium. Francof. 1664. ef. Moller- Cimbria literata Tom. II. Schuppius. ³) Anhang p. 115. 116. — 26=— Jedoch damit, dass in der Bibel alten und neuen Testaments auch Fabeln erzählt würden, dass ihrer sich Luther, der auch nicht alle Phrases aus der Bibel gezogen, und Ma- thesius gerne bedient hätten, sowie mit dem ermunternden Zuspruche vieler Gelehrten und Ungelehrten, welche seine Schriften mit Wohlgefallen gelesen hatten?). Das Her- kommen hatte er freilich nicht für sich, deshalb musste er sich wol seiner Obrigkeit gegenüber,— wie einst der grosse Heidenapostel— auf den Erfolg seiner vor seiner Gemeinde abgelegten Zeugnisse berufen und ein Gutachten bei den Zimmerleuten, Schneidern, Schustern, Bäckern und andern Handwerkern seiner Gemeinde einholen. Mit diesem wandte er sich dann an den Senat der Stadt Hamburg und beklagte sich über die mancherlei Verunglimpfung, die er bereits erduldet, insbesondere aber über das feindselige Verhalten seiner Collegen gegen ihn. Der Senat suchte zu vermitteln und das gute Einvernehmen wieder herzu- stellen; er legte beiden Theilen Stillschweigen auf 2). Denn auch Schuppius, der an dem reissenden Abgange seiner Schriften den ermutigendsten Beweis hatte, dass'er mit seiner satyrischen Muse einen Beruf erfülle und mit den durch dieselbe in Umlauf gesetzten Anschauungen und Er- fahrungen ein Bedäürfnis befriedige, hatte das Benehmen seiner Collegen nicht ungeahndet gelassen ³). Aber als der Senat Stillschweigen auferlegte, unterwarf er sich demselben und schwieg,— bis im Jahr 1658 ein gemeines Pasquill mit fingirtem Namen des Verfassers gegen ihn erschien, betitelt:„Wider Antenors Bücherdieb, empfangen und ab- ¹) Der rachg. Lucidor p. 272. Eilfert. Sendschr. p. 607. Abgen. Ehr. 659 und Bücherdieb. Eilf. Sendschr. 611. ²) Anhang p. 115. 116. Abgenöt. Ehrenrettung. 636. Calender p. 601. ³) Cf. Bücherdieb und die Vorrede zum Lucidor. — 27— gefertigt durch Nectarium Butyrolambium, Ambrosii Melli- lambii consobrinum, der Arzneikunst Liebhabern,“ eine Schrift, welche die von Schuppius in der Stadt umlaufenden und durch abgerichtete Zwischenträger und Kundschafter ¹) noch vermehrten Mährlein, die in der gutmütigsten Naivität geäusserten Bekenntnisse Schupps von sich selbst und ein- zelne aus dem Zusammenhang gerissene Stellen seiner Schriften zu den gehässigsten Verdächtigungen benutzt hatte, ohne auch dabei des Mannes persönliches und häusliches Leben nur irgendwie zu schonen. Als da Schuppius auf einer Reise an den Hof zu Wolfenbüttel selbst dorthin die Schmähschrift geschleudert sah ²), konnte er sich nicht mehr halten und sah sich genötigt vor der Welt seinen guten Namen zu bewahren. Sogleich noch in Wolfenbüttel verfasste er den„Calender“ als Sendschreiben an seinen damals in Giessen studirenden Sohn Anton Meno und fügte zu dieser Satyre auf das damals so übliche Calender- oder Praktikmachen noch eine höchst gelungene Abfertigung des Nectarius Butyrolambius hinzu. Dieser Schrift folgte dann, auch noch während Schupps Aufenthalt in Wolfenbüttel, ein anderes Schriftchen:„Relation aus dem Parnasso“, welche in Form einer Vision weniger die Angriffe des Pas- quillanten auf die Person und das Leben, als die Angriffe auf die Darstellungsweise Schupps berücksichtigend, die- selben als lächerlich durch die Versammlung auf dem Parnass verurteilt werden lässt. Nun ruhte Schuppius bis zum ¹) Der Pasquillant gesteht das selbst cf. Anhang 116. 2²) Mit dem Hofe zu Wolfenbüttel war Schuppius sehr bekannt: der Herzog August war einst sein Zuhörer in Marburg gewesen und mit dem Erzieher Anton Ulrichs, J. G. Schottel, dem „Grimm“ des 17. sec., war Schupp sehr befreundet. Cf. Teutsch. Lucianus p. 810. Schottels opus von der deutschen Sprache. Buch V. Tr. 4 p. 1199. — 28— Jahre 1660, wo er dann noch einmal in der„Abgenöõtigten Ehrenrettung“ eine vollständige Apologie von sich gab und diese an den Senat der Stadt Hamburg richtete ¹). Denn in- zwischen war er in eine andere Fehde hineingezogen worden. Wer eigentlich dieser Nectarius Butyrolambius ge- wesen sei, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach muss er ein College Schupps gewesen sein, schon deswegen, weil das Pasquill mit Vorliebe bei dem Verhältnis Schupps zu seinen Col- legen verweilt und dieses genau kennt. Schuppius sagt auch selbst einmal in der„Relation aus dem Parnass“ mit bestimmter Beziehung auf jenen Pasquillanten, gegen den das ganze Schriftchen gerichtet ist, also:„Es ist an etlichen Orten der Brauch, dass wer nicht ins Amt freiet und eines Meisters Tochter zur Ehe nimmt, der kann nicht fortkommen, er mag sein Handwerk so gut ver- stehen, wie er will. Ich kenne einen Mann, der jetzo An- tenorn neidet, verfolget, übel von ihm redet, seine Worte und Werke übel ausdeutet, welcher ihm hiebevor gern seine Tochter gegeben hätte, und damals nicht wusste, wie er seine Qualitäten genugsam herausstreichen sollte“. Jeden- falls hat die Vermutung, dass Johann Müller, Doctor der heiligen- Schrift, Hauptpastor zu St. Peter und Senior des geistlichen Ministeriums zu Hamburg, der Nectarius Butyrolambius gewesen sei, einigen Grund darin, dass diesem aus sichtlicher Ironie die Sammlung von Gedichten gewidmet worden ist, welche anonym unter dem Titel er- schien:„Etwas Neues von Lobe und Redlichkeit Antenors“ ²). ¹) Die in der abgenötigten Ehrenrettung erwähnte Schrift, Prüfung des Geistes Butyrolambius ist Concept geblieben. Das sagt Sch. selbst. ²) Vergl ausserdem Calender p. 580, wo Schuppius sagt, der Butyrolambius sei kein Medicus, sondern ein pharisäischer — 29— Wie schon erwähnt, wurde Schuppius im October des Jahres 1658 von einer andern Seite her angegriffen, näm- lich von dem Dresdener Magister Bernhard Schmidt, der die Universitäten in Schutz zu nehmen müssen glaubte gegen die gerechten Beschuldigungen Schupps in dessen „Freund in der Not“ und desshalb eine Schrift unter dem Titel: discursus de reputatione academica studiosi inconsi- derati, gegen dieselben erscheinen liess. War es in dem Streite mit der Hamburgischen Geistlichkeit die Orthodoxie gewesen, die Schuppius zu schaffen machte, so trat da- gegen mit dem Magister Schmidt die Schulweisheit der Zeit gegen ihn in die Schranken. Aber ihre erbärmliche und doch prahlerische Erscheinung erlag den derben Schlä- gen, welche der durch die Erfahrung erstarkte Schuppius in der„Ersten und eilfertigen Antwort auf M. Bernhard Schmidts Discurs de reputatione academica“ erfolgen liess. Wol setzte Magister Schmidt dieser Abfertigung wieder eine andere Schrift entgegen:„Philandersons Discurs mit drei klugen Rathgebern, Pomponio, Morologo und Fabullo, von Antenors neulichst begangener Thorheit“. Doch Schup- pius hat darauf nicht wieder geantwortet; er schrieb zwar das„Eilfertige Sendschreiben an den Calenderschreiber in Leipzig“, aber dieses enthält doch nur Anspielungen und indirecte Zurechtweisungen für Magister Schmidt ¹). Für Schuppius traten dagegen nun noch andere in die Schranken, Mückenseiger gewesen. Und was Dr. Joh. Müller anlangt, so geht auch aus Tholucks Geschichte des akademischen Lebens, namentlich aus dem dort mitgetheilten Briefwechsel zwischen Dr. Joh. Müller und D. Hülsemann in Leipzig hervor, dass derselbe eine grosse Neigung nicht allein zum Ketzerrichten, sondern auch zur Ketzerverfolgung bethätigt hat. ¹) Wenn man nicht auch hierher die Abfassung des Ambassadeur Ziphusius noch zu rechnen hat. — 30— meistentheils um dessen Persönlichkeit gegen die Angriffe in Schutz zu nehmen, welche von den erwähnten zwei Seiten her darauf gemacht wurden. Gegen Nectarius Bu- tyrolambius und Magister Bernhard Schmidt zugleich waren gerichtet der Tractat eines Ungenannten von„der Unschuld des Antenors“ und die ebenfalls anonyme Gedichtesamm- lung, welche betitelt ist:„Etwas Neues von Lobe und Red- lichkeit Antenors“. Gegen Magister Schmidt allein war zuerst das„Unvorgreiffliche Bedenken“ eines Casseler Studenten unter dem Namen Filenus und sodann der „wohlverdiente Nasenstieber“ eines gewissen Christian Mi- lichius gerichtet. Indess diese Streitigkeiten, welche ausserdem noch das Gute für Schuppius hatten, sich in seinen Ansichten von den Schulen, wie von der Theologie immer klarer zu wer- den, waren es doch nicht allein, was er in Hamburg zu erdulden hatte. Auch in seinem häuslichen Leben hatte er Prüfungen zu tragen, die um so fühlbarer für ihn waren, als er in demselben die Erholung von all den Aergernissen suchte, welche ihm sein Amt und seine Schriftstellerei bereiteten. Nicht allein, dass er sich durch nächtliches Arbeiten eine bleibende Krankheit zuge- zogen hatte, welche er„die Flüssen“ nennt, im Jahr 1650 war ihm auch seine erste Frau gestorben und hatte ihm 5 Kinder hinterlassen, von denen vier, die zwei Söhne Anton Meno und Justus Burchard) und die zwei Töchter Anna Elisabeth und Anna Ursula, den Vater überlebten. Und eben diese Kinder waren die Ursache ²) Aus diesen beiden Söhnen ist nicht viel geworden. Sie haben sich nur durch Herausgabe der nachgelassenen Schriften ihres Vaters bekannt gemacht. Anton Meno hat als Privatmann von einem Canonicat in Hamburg gelebt. — 31— davon, dass er ein Jahr darauf wieder die Ordnung seines Familienlebens herstellte durch die Verheiratung mit Sophie Eleonore, der Tochter des von ihm in seinen Schriften vielfach so rühmlichst erwähnten Verfassers der „biblischen Policei“, des schleswig-holsteinischen Kanzlers Dr. Reinking“), aus welcher Ehe Sophie und Dietrich Balthasar hervorgingen. Wie die Geschichtsforschungen seines ersten Schwiegervaters Helvieus ihn zu einem grösseren Studium der Geschichte veranlassten, so lag für ihn in der Verwandtschaft mit Reinking und in dessen biblischen Forschungen ein Impuls zu der Eigentümlichkeit, welche hauptsächlich in seinem„Regentenspiegel“ und in seinem„geplagten Hiob“ hervortritt, nämlich alle Verhält- nisse und Erscheinungen der Zeit nach der heiligen Schrift zu beurtheilen und umgestaltet wissen zu wollen. Dagegen empfahl er nun seinem in Giessen studirenden Sohne Anton Meno(im„Freund in der Not“) die Geschichts- forschungen des Grossvaters fortzusetzen.* Mit seiner zweiten Frau lebte Schuppius noch zehn Jahre in der Ehe, da erlöste ihn, dessen Körperconstitution und mässige Lebensweise noch ein längeres Leben verhiess, mitten in den Fehden mit seinem auswärtigen literarischen Gegner, mit seinen Amtsbrüdern und mit der Verderbtheit seiner Gemeinde— der durch eine heftige Krankheit herbeigeführte Tod von seinen zeitlichen Leiden und„aus der Löwengrube ³) Theodor Reinking, ein sehr berühmter Staatsrechtslehrer jener Zeit, der schon 1617 durch seine Schrift de regimine seculari et acclesiastico den Beifall des Wiener Hof einärndete(wider- legt von Chemnitz, genannt Hippolithus a Lapide), nachher den Marburger Erbstreit für Georg II. bei dem Kaiser betrieb, und später als Bremischer und Dänischer Kanzler und Civilschef der Herzogtümer Schleswig und Holstein bei dem westphälischen Friedenscongress wichtige Dienste leistete. angeblicher Rechtgläubigen und unwürdiger Sachwalter der vermeintlich alleingültigen Schulweisheit“. Er starb, ein und fünfzig Jahr alt, am 26. October 1661. Das Leichen- programm schrieb sein Nachfolger im Aimte Peter Lam- beck; diess bildet die Grundlage zu allen späteren biogra- phischen Nachrichten von Schuppius.— Die Worte, deren Inhalt ihm im Leben und namentlich in den letzten Jahren einen so grossen Trost gewährt hatten, und in denen er das ganze Glaubensbekenntnis eines Christen in nuce ent- halten glaubte¹), bekam er denn auch, wie er gewünscht, auf seinen Grabstein geschrieben, welchen ihm Nicolaus von Beseler und dessen Gemahlin aus Verehrung in der Kirche zu St. Jacob setzen liessen, nämlich:„Ich habe geglaubt eine Vergebung der Sünden, Aufer- stehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen! Persönlicher Charakter Schupps. Wenn man die Menschen eintheilen kann, je nachdem sie das Wichtige für unwichtig oder das Unwichtige für wichtig oder beides für das, was es ist, halten: so gehört Schuppius unstreitig in die Kategorie der letzteren. Er erkannte das, was bedeutungslos war, als solches dem gegenüber an, was einen ewigen Wert hat. Darum war sein Auge und Herz auch stets auf das Eine, was Not thut, gerichtet. Der Grundton seines ganzen Wesens war 2) Zuschrift zum„geplagten Hiob“ p. 130. cf. p. 207. tiefe Herzensfrömmigkeit und Gottesfurcht“), auch selbst dann, wenn auf dessen Oberfläche eine heitere Laune die andere zu jagen schien. Ja, man kann sagen: gerade weil er sich in der Tiefe seines Gemüts mit Gott versöhnt wusste, konnte er froh sein und scherzen und das, was in seiner Zeit darnach strebte die Stelle des Einen, was Not thut, einzunehmen, konnte er die Wichtigthuerei recht herzlich verlachen. Doch war er nicht immer heiter; zuweilen bemächtigte sich seiner eine melancholische Stim- mung. Er sagt selbst in seinem„Eilfertigen Sendschreiben“: „Ich weiss gar wol, dass viele grosse Leut meinen, ich müsse immer lustig und nimmer traurig sein. Es hat jüngst ein grosser Potentat meinen Salomo gelesen und endlich zu seinem Leib-Medico gesagt: er muss ein lustiger Mann sein. Nein, hat der Medicus gesagt, es ist kein lustiger Mann; er ist immer in Gedanken. Ich pflege oft Scherz- reden zu treiben, wenn mein ganzes Herz mit Traurigkeit erfüllt ist und denke: laet loopen(lass es laufen)! Dagegen bin ich oft in vornehmer Compagnie und sitze in tiefen Gedanken, ich achte nicht auf die Musik, auf andere Trac- tamente und Complemente, sondern ich denke und schweige“ ²), Diese Gemütsverfassung— ganz die Geburtsstätte der Satyre— hatte ihren tieferen Grund in dem lebendigsten Interesse für das Wol und Wehe der Zeitgenossen, deren Vorurteile und Thorheiten sein gesunder Sinn und deren Laster und Gebrechen sein gläubig-sittliches Gemüt nicht ¹) Schupp's Wahlspruch war: Domine, da mihi nosse te, nosse me, nosse mundum., Diesen Spruch hat auch der Freund in der Not zum Thema: 1) ich kenne die Welt, 2) ich kenne mich, 3) ich kenne Gott— ruft Schupp darin seinem Sohne zu, damit auch dieser das Dreifache kennen lerne. cf. p. 144 der Sammlung von 1663. ²) Eilf. Sendschr. p. 612. W — 34— theilte und darum so gern beseitigt und verscheucht wünschte, dass er„ein Narr werden wollte, um die Wahrheit“, an die er als an eine sittliche Macht glaubte, der er lebte, „überall desto unangefochtener aussprechen zu dürfen“ ¹). Dass er aber die Wahrheit wirklich unter allen Um- ständen und mit aller ihm zu Gebote stehenden Kunst ²) aussprach, diess war das Werk seines freimütigen, aufrichtigen und lauteren Gemüts. Wir bewundern nicht nur seine naive Offenheit, mit der er überhaupt von seiner Person redet, und besonders wenn er seinem Sohne Schwachheiten bekennt, wie z. B., wenn er diesem gesteht, er sei in seinem Leben viermal ganz besonders hochmütig gewesen: einmal, wie er Student; das andere Mal, wie er Magister geworden sei; das dritte Mal, wie er ihn als seinen ersten Sohn erhalten und das vierte Mal, wie er nach Hamburg gekommen sei, wo er einen so starken Zulauf zu seinen Predigten gehabt habe ³): sondern uns er- götzt auch die Wahrhaftigkeit, die ihn zwingt immer so zu reden, wie es ihm ums Herz war, nichts zu ver- schweigen und Alles in seiner ihm eigentümlichen Sprache¹⁴) auszudrücken, überhaupt originell zu sein, sowie der Freimut, in welchem er die Hohen dieser Erde nicht anders behandelt als die Niedrigen, ohne doch da- durch seine Ehrfurcht und Treue gegen jene und sein Wol- wollen und seine Zuneigung zu diesen einen Abbruch er- leiden zu lassen,— alles Tugenden, mit denen er den Volksstamm, welchem er entsprossen, nicht verleugnete. Durch dieses Wesen stiess er zwar oft an, aber da- durch wurde auch sein ganzer Charakter durchsichtig, und ¹) cf. Reg. Spiegel an mehreren Stellen. ²) Nachschrift zum Reg. Spiegel p. 128. ³) Freund in der Not p. 239. 4) Lucidor p. 272. Eilf. Sendschr. 607. Erbare Hure 496—500. —— den Bessern unter seinen Zeitgenossen entging dann doch seine auf das Heil der Menschen zweckende Absicht nicht. Die Zahl derer, welche ihn und sein Wesen anerkannten und würdigten, weil sie ihm auf den Grund gesehen hatten, war keine geringe. Er hatte sehr viele Freunde und Gönner unter dem hohen und niederen Adel ¹), unter den Gelehrten und Künstlern²), unter den Kaufleuten und Handwerkern; und dass gerade die niedere Volksklasse an ihm hing, da- von ist das wol ein Beweis, dass man heute noch in ihren Händen die ihrer Zeit unzähligemal aufgelegten Schriften Schupps findet, während sie der gelehrten und vornehmen Welt nur zu bald abhanden gekommen sind. Durch die zahlreichen Bekanntschaften, die er noch immer zu vermehren bemüht war ³), wurde Schuppius in- dess noch in einer anderen Tugend geübt, nämlich in der Gastfreundschaft. Keinen Menschen, den er kannte oder der an ihn empfohlen war, liess er unbewirtet vor seiner Thüre vorüberziehen; und gar manchmal wurde er mit seiner zum Unterstützen stets bereitwilligen Gutmütig- keit gegen fahrende Schwindler, deren man namentlich in den unruhigen Zeiten des dreissigjährigen Kriegs viele hatte, hinter das Licht geführt 4). Aber das machte ihn nur vorsichtiger, nicht unfreundlicher. Kein Wunder, dass er bei dieser Milde kein grosses Vermögen zusammensparen konnte ³). Aber das wollte er wol auch gar nicht, so sehr er sich auch freute, wenn er, wie in Holland und Hamburg, Wolstand erblickte. Denn zeitliche Güter verachtete er nicht leichtsinnig, sie hatten ihm aber nur den Wert als ¹) Freund in der Not p. 237. 266. Anhang p. 39. ²) Eilf. Antw. p. 294. Freund in der Not p. 237. ³) Freund in der Not p. 237. ²) ibid. p. 252. 253. ⁵) Calender p. 585 ff. — 36— Mittel, deren sich die Tugend, und gleichsam als Stoff, bedienen müsse ¹). In seinem Hauswesen, dem Spiegelbild des Charak- ters eines Menschen, war Schuppius einfach und ohne Aufwand; doch war dasselbe so eingerichtet, dass sowol der Bettler Genüge als der Freund eine zum Bleiben ein- ladende Behaglichkeit und Heiterkeit darin fand. Mit seiner ungezwungenen, tief natürlichen Frömmigkeit, wie er sie in seinem ganzen Hause bis zur Gesindestube hinein walten liess ²), vertrug es sich recht gut, dass auch zuweilen in seiner Familie und besonders von ihm selbst ein heiteres, fröhliches Angesicht gezeigt wurde, und dass man nichts von den saueren Mienen, dem methodischen Zwang und den skrupulösen Förmlichkeiten an der Person und in dem Hause Schupps gewahrte, welche so oft als die Kriterien wahren Christentums angesehen werden wollen. Darum rät auch Schuppius seinem in Giessen studirenden Sohne, Anton Meno, in dem an ihn gerichteten Tractate„Freund in der Not,“ immer Gott zu fürchten, aber auch kein me- lancholischer Träumer, sondern allezeit fröhlich und prae- sentis animi zu sein und sich vor der Heuchelei der Pha- risäer zu hüten, welche bei Gott und allen verständigen ehrlichen Menschen verhasst wären, weil sie es sagten und nicht thäten 5). Von Schupps sonstigem häuslichen Leben erhalten wir von ihm selbst ein klares Bild, wenn er gegen die Ver- läumdungen des Nectarius Butyrolambius im„Calender“ an ¹) R. Spiegel p. 115 und de art. ditescendi in der Sanunlung deutscher Schriften von 1663 p. 703. 2) Zuschrift zu„Gedenk daran Hamburg“ p. 187. cf. die Vorrede zu:„die sieben bösen Geister.“ p. 334. ³) p. 262. seinen Sohn Folgendes zu seiner Rechtfertigung schreibt: „Zum Sechsten greift dieser Ehrendieb meine Haushaltung „an und wirft mir vor, dass ich Wein trinke. Nun wollte „ich wünschen, dass ich das Bier vertragen könnte, wie „mancher allhier thut. Allein ich bin im Oberland geboren „und erzogen und bin meistentheils in Oertern gewesen, da „ich habe Wein trinken müssen. Wäre so gut Brunnen- „wasser allhier, wie in Ober-Teutschland, so wollte ich „keinen Tropfen Bier auf meine Zunge nehmen, sondern „lauter Brunnenwasser trinken. Es ist aber Jedermann „bekannt, was für Wasser allhier sei. Und ich bin von „Kindheit an gewohnt, einen Trunk Wein zu thun. Dass „ich bei diesen Jahren meine sonstige Art zu leben ver- „ändern soll, das würde nicht geschehen können ohne grosse „Verletzung meiner Gesundheit.— Er wirft mir ferner vor, „dass ich oftmals nicht zwei oder drei Thaler im Hause „habe. Allein wie ist der Mückenseiger über mein Geld „kommen, dass er es gezählt hat? Habe ich nicht Zwei „oder drei Thaler im Haus, wovon lasse ich denn den „Wein mit Fudern einlegen, wie er fälschlich vorgibt? „Gesetzt auch, es sei wahr, wie sollte das zur Verkleinerung „eines Theologen dienen? Lobt man also einen Theologen, „und sagt, er ist ein guter Theologe, ratio er hat viel „Geld, und wer Rosenobel an sich wechseln will, der geh „zu ihm? Nein also lobt man keinen Theologen, sondern „einen Juden. Den Theologen lobt man, wenn man sagt: „er ist ein christlicher, aufrichtiger Mann, er thut Gutes „So viel er kann, er tröstet die Betrübten und erschreckt „die Gottlosen. Was vexirt mich der pharisäische Mücken- „seiger? Wann mir Gott allezeit zwei oder drei Thaler „gibt, wann ich sie vonnöthen habe, und gibt mir wieder „zwei oder drei, wann ich sie ausgegeben habe, und so „fortan, so lasse ich dem Kaiser Scepter und Kron und — 38— „den Venetianern ihren Schatz zu St. Marco.— Er wirft „mir auch weiter vor, dass ich zu viel Pasteten fresse. „Allein wann die Pastetenbäcker keinen grösseren Verdienst „haben, als von mir, so werden sie nicht lange in Hamburg „bleiben können. Ich rufe alle meine Hausgenossen und „diejenigen, welche jemals mit mir gegessen haben, zu „Zeugen an, dass ich im Essen ein rechter Bauer sei und „es mache wie die alten Teutschen, von welchen Tacitus „sagt: cibus, quem occupant, satiat. Und was bekümmert „sich ein anderer darum, was ich in meinem Hause esse „oder trinke? Ich frage ja nicht darnach, ob ein ander „Crammetsvögel oder Speck und Grützkohl esse. Ich gönne „einem Jeden, dass ihm Gott seinen-Bissen segnen und „wol bekommen lassen möge. Was muss der Butyrolam- „bius für ein Esel sein, dass er einem ehrlichen Manne, „der Tag und Nacht arbeitet, einen Bissen misgönnt, damit „er seinen Leib bei Kräften erhalten könne“ ¹). Es konnte leicht geschehen, dass Schuppius trotz seiner Nüchternheit und Einfachheit in den Ruf eines jovialen Lebemannes kam, wenn man ihn nicht anders kannte als aus den Werken seiner freien Muse, in denen er mit Vor- liebe Scenen aus selbsterlebten Gelagen und Banketten zum Bessten gab. Wir vernehmen jedoch aus der eben ange- führten Stelle, dass das Essen und Trinken und eine frohe Gesellschaft ihm nicht Zweck des Daseins waren, sondern für ihn nur den untergeordneten Wert der Stärkung zur und der Erholung von der Arbeit hatten. Er bedurfte dessen wol auch für seinen ohnehin starken Körper ²) um so mehr. als er— wir können ihm das glauben— Tag und Nacht arbeitete a). Nicht nur, dass er Arbeit seinem Sohne so ¹) Calender p. 585. ²) Eilf. Sendschr. p. 615 sagt Schuppius, er sei ein corpulenter Kerl. 3) Erbare Hure p. 500. — 39— dringend empfahl, als er ihn im„Calender“ vor leichten und müssigen Tändeleien als dem Anfang aller Laster warnte, sondern er erfuhr auch selbst in ihr, dass sie nicht etwa eine Last, ein Fluch, sondern ein Segen sei. Wie wäre auch sonst sein Leben so reich gewesen? Wie hätte er sonst eine so lebendige Kenntnis der alten klassischen, wie der Literatur der Neuern, der heiligen Schrift und der Kirchen- und Weltgeschichte besitzen und der Nach- welt so viele Schriften hinterlassen können? Wenn er sich auch durch vieles Nachtarbeiten eine bleibende Krankheit, die„Flüssen“, zugezogen hatte ¹), so verkennt er doch selbst den Segen darin nicht. Er bekennt, dass nächst dem Ge- bete und dem Trost aus Gottes Wort nichts so sehr ihn lebendig und frisch erhalten habe als die Arbeit. Denn Schuppius war, was sich bei all seiner Gutmütigkeit psy- chologisch begreifen lässt, auch reitzbarer Natur und fühlte sich leicht gekränkt. Er gesteht das selbst, indem er im Calender zu seinem Sohne sagt:„Du kennst meine menschlichen Gebrechen, dass ich mich leichtlich über einem Ding commoviren kann; ich bekenne und beklage, dass die primi animi mei motus nicht allezeit seien in mea potestate. Allein, wo kann ein ehrlicher redlicher Mann in dieser bösen untreuen Welt allezeit sein geduldig?“¹²) Dass dieses heftig aufbrausende Wesen aber nicht stabil bei ihm wurde und eine dauernde mit mürrischem Trübsinn sich so leicht ver- pindende Erbitterung seines Gemüts herbeiführte, wozu qoch in seinem streitvollen Leben Gelegenheit und Veran- lassung genug lag, das ist die Frucht seines unermüdlichen Thätigkeitsdranges gewesen, der ihm in dem Alter noch die Jungend erhielt. Nur in den letzten Jahren seines ²) Abgenötigte Ehrenrettung p. 630. ²) p. 172. — 40— Lebens scheint er mehr denn vorher, was man so nennt, weltmüde gewesen zu sein, aber da er doch auch wieder in seinem starken Glauben an den endlichen Sieg der Sache Gottes, der Wahrheit, über die Hemmungen, welche dieser von der Welt her entgegengesetzt werden, Trost empfand, so wollen wir diese Gemütsstimmung doch nicht als eine Schwachheit ansehen, sondern vielmehr das Heimweh nennen, wie es allen grossen, strebenden Seelen eigen ist ¹). Diese so eben dargelegten persönlichen Eigentümlich- keiten nun und die äussern Lebensverhältnisse des Mannes sind die beiden Faktoren seiner geschichtlichen Bedeutung. Weil diese aber, abgerechnet die immerhin stille Thätigkeit auf die Gemeinde zu St. Jacob in Hamburg, auf einer ledig- lich literärischen Thätigkeit beruhte, so entzieht sie sich, — 8o wichtig sie auch gewesen sein mag, da er, gleichsam zwischen zwei Epochen stehend, durch den Geist seiner zahlreichen und begierig aufgenommenen Schriften der Richtung den Boden bereitete, die sich später mit Spener mehr Geltung in der Kirche verschaffte— doch unserer Berechnung. Selbst. den Einfluss können wir nicht ermessen, welchen seine alttestamentlich- prophetische Er⸗ scheinung auf die so ziemlich von aller Zucht entfesselte Zeit während und unmittelbar nach dem dreissigjährigen Krieg ausübte. Nur das bleibt uns zu ermitteln, wofür er arbeitete und stritt, seine theologische Ueberzeugung. Diese jedoch entnehmen wir seinen Schriften, zu denen wir daher zuerst übergehen. ¹) cf. den Schluss der abgenötigten Ehrenrettung. — 411— Die Schriften Schupps und ihre literarische Bedeutung. A. Lateinische Schriften; meistentheils noch in Marburg verfassl. Von den lateinischen Schriften Schupps existiren drei Sammlungen: I. Volumen orationum solemnium et panygiricarum in Academia Marpurgensi habitarum; cum praefixis program- matibus et praefationibus. Marp. 1642. 4. Diese Sammlung wurde noch vermehrt und zu Giessen 1656 und daselbst wieder von Neuem 1658 und zuletzt in Frankfurt 1659 herausgegeben. Sie ist die grösste und enthält die meisten von folgenden einzelnen Schriften: 1) Series chronologica Imperatorum, in tribus monarchiis, memo- riter recitata. Marp. 1635.. 2) Canones oratorii, in usum scholarum Hassiae superioris collecti. Marp. 1638. 3) Deucalion christianus, seu de vero natali Jesu Christi contro- versia theologica. Marp. 1638. 4) Dissertatio praeliminaris de Opinione. Marp. 1639. 4. Rint. 1640. Marp. 1655. 12. curante J, Lünkero. Traj. ad Rh. 1672. Auch deutsch in Schupps deutschen Schriften, und holländisch unter dem Titel: De Speelpop van de geheele Wereld. 5) Orator ineptus. Marp. 1638. 40. und 42. Haarl. 1640. Marp. 1656 curante J. Lünkero. Ins Deutsche wurde diese Schrift von Kindermann übersetzt und diese Uebersetzung findet sich in der Sammlung der deutschen Schriften. 6) Xenium seu de usu et excellentia n h li. Dissert. philosophica. festu trium reg’m in Acad. Marp. recitata. Marp. 1640 und 1656 curante Lünkero. Auch deutsch unter Schupps deutschen Schriften; und ins Dänische übersetzt mit dem Titel: Slet intet. 1688. 7) Consecratio Avellini Marpurgensis. Marp. 1640. 8) Hercules togatus, seu de illustrissimo Georgio II Cattorum Landgravio. Marp. 1640. — — 42— 9) Panegyricus, memoriae D. Conr. Dieterici, Superintendentis Ulmensis, consecratus. Marp. 1640. Francof. 1674. 10) Disputatio theologica inauguralis, opposita Petri Bertii orationi, cur, relicta Leida, Parisios commigrarit et pontificiam religio- nem sit amplexus. Marp. 1641. Giess. 1655(Tom. VIII Dis- putationum theologicarum Giessensium. num. 4.) 11) Aurora, seu synopsis theologiae. Marp. 1642. Ins Deutsche übersetzt von Zaoh. Herrmann. Ulm 1666. 12) Eusebia prodeambulans. Marp, 1642. Ulm 1667. Auch deutsch. 13) Oratio de familia, vita et obitu Friederici, Hassiae Landgravii. Marp. 1642. fol. 14) Programma funebre de vita Dr. J. Steuberi, prof. theologiae. Marp. 1643. 15) Oratio de felicitate seculi hujus decimi septimi Marp. 1646. Auch deutsch im Anhang zu Schupps deutschen Werken. 16) De arte ditescendi, dissertatio prior, ex Avellino ad philosophos in Germania. Narp. 11648. Auch deutsch unter den deutschen Schriften. 17) Promus condus, revisus, auctus et nobilissimo adolescenti Joh. a Berenklo, Sveco, inscriptus. 1650.(Ein grammatisches Schriftchen.) 18) Soliloquium matutinum. Hamb. 1655. Auch deutsch. 19) Oratio de lana caprina. Hag. 1705. Auch deutsch. 20) Proteus, seu de dignoscenda ingeniorum varietate oratio, cu- rante J. Lünckero edita. Marp. 1656. 21) Publica invitatio ad adornandum memoriale biblicum, cui ac- cessere psalmus CLl Davidi affictus et epistola ad Lacdicenses Paulo supposita Hafniae 1657. 12. 22) Oratio de felicitate vitae privatae et agrestis, II. Die zweite Sammlung unter dem Titel: volumen orationum. Hagae. 1705, enthält ausser den eben unter 4, 5, 6, 7, 8, 9, 15, 16, 19, 20, 22 bezeichneten Schriften noch zwei andere, welche offenbar von Schuppius nicht verfasst sind, obwol er das Thema dazu gestellt und ihre Abfassung und Recitation geleitet haben mag ¹), nämlich: a) Oratio de Carolo Magno, primo Germaniae imperatore in Acad. Marp. a Bertholdo Becmanno, Marpurgensi, re- citata, und b) Oratio de laude et utilitate belli, in Avellino ¹) Vergl. oben Schupps Lebenslauf Seite 11. — 43— ad elaborandum a Schuppio proposita, elaborata vero et memoriter recitata a Petr. Listio, Michelstadiensi. Marp. 1645. Diese letzte Schrift ist nun merkwürdigerweise nicht allein ins Deutsche übersetzt dem Anhang zu Schupps deutschen Schriften eingereiht worden, sondern ist auch noch in die nun zu nennende Sammlung übergegangen. III. Die dritte Sammlung enthält nur vier Tractate unter dem Titel: Orationes IV.: de utilitate belli, orator ineptus, de lana caprina, et praestantia nihili. Lugd. 1704. 12. Ausser diesen lateinischen Schriften cursirte noch eine andere unter dem Namen Schupps: de pennalismo, welche Schupp jedoch nicht als die seinige anerkennt, sondern von D. Hülsemann, Professor zu Wittenberg oder von August Buchner verfasst wähnte. B. Die deutschen Schriften Schupps. Diese sind auch in Sammlungen aufbewahrt worden. Die bedeutendste ist die Sammlung mit der Aufschrift: „Lehrreiche Schriften, deren sich beides Geist- und Welt- liche, wes Standes und Alters sie auch sind, gebrauchen können.“ Sie kam zuerst heraus zu Hanau 1663. Dann wurde sie mehreremale in Frankfurt neu aufgelegt: 1677, 1684, 1701 und 1709. 8. Eine Ausgabe dieser Sammlung ins Holländische übersetzt erschien unter dem Titel: de bedorve Werelt— op enem vryen trant uit hoogduitsch vertaeld door Jac. Schoolhouder. Amst. 1716. In diese Sammlung sind folgende einzeln erschienene Schriften aufgenommen: 1)„Gedenk daran Hamburg“. Eine Katechismuspredigt über das dritte Gebot, gehalten Freitag nach Mariä Heimsuchung 1656. Hamburg 1656. 2) Ambrosii Mellilambii Sendschreiben an einen vornehmen Caval- lier, betreffend die Schwedische und Polnische Waffen. Ham- burg 1657, — 44— 3) Ein Holländisch Pratgen von dem vorigen Krieg zwischen den 4) beiden nordischen Königreichen. 1657. Salomo oder der Regentenspiegel. Hamburg 1657. Dieser Salomo ist eine politische, besonders auf Fürsten Rücksicht nehmende Ausführung der ersten 10 Kap. des 1. B. der Könige, an der sich, wie nur noch in dem unter Nummer 15 angeführten Tractat, am herrlichsten die Kunst, des Verfassers zeigt, die Gegenwart in den Verhältnissen des biblischen Altertums abspiegeln und diese wiederum ebenso von der Gegenwart aus auffassen zu lassen. 5) Freund in der Not.(An Schupps Sohn Anton Meno). Ham- 7) 8 — 9 — burg 1657. Der rachgierige und unversöhnliche Lucidor, erinnert und er- mahnt durch Antenor, einem Liebhaber der heiligen Schrift. Hamburg 1657. 1658(Gegen die Processsucht). Der Bücherdieb gewarnt und ermahnt durch Dr J. B Schup- pium Die Krankenwärterin oder Auslegung des heiligen Vater Unsers, wie man es mit armen einfältigen kranken Leuten beten kann, also dass sie es nicht obenhin und aus Gewohnheit ohne Ver- stand, ohne Andacht daher sagen, sondern auch wissen, was für Betrachtung sie dabei haben, und wie sie daraus ihren Glauben und Vertrauen zu Gott stärken und mehren sollen. Hamburg 1658. 1662. Sieben böse Geister, welche heutiges Tags Knechte und Mägde regieren und verführen, zur Abscheuung vorgestellt. Hamburg 1658. 1659.(Auch treffend für unsere Zeit). 10) Calender— Mit der ferneren Ueberschrift: Meinem vielgeliebten 11) 12) Sohne Anton Meno, jetzo auf der Universität Giessen studierend, wünsche ich im Ausgang des mir unglückseligen Jahres 1658 alles glückliches Wolergehen in Zeit und Ewigkeit J. B. Schup- pius Wolfenbüttel 1658.(Gegen die Praktikmacherei). Relation aus dem Parnasso, welche bei jüngster Post Merkurius anbracht hat von Verfolgung Antenors, welche ihm bishero be- gegnet ist von Nectarius Butyrolambius oder vielmehr Ster- corilambius. Wolfenbüttel 1658. Teutscher Lucianus, Landgraf Frideri h zu Hessen, General- major Sr. Majestät in Schweden, gewidmet. Hamburg 1659. (Rein satyrisch.) — 45— 13) Erste und eilfertige Antwort auf M. Bernhard Schmidts Discurs de rep. acad. Altona 1659. 14) Eilfertiges Sendschreiben an den Calenderschreiber zu Leipzig. 1 Altona 1659. 15) Der geplagte Hiob, das ist Fürstellung des grossen Creutz- 8 trägers Hiobs und der manigfaltigen schmerzhafften und jammer- vollen Begegnissen, mit denen er auf die Gedultprobe gesetzet t worden. Hamburg 1659. 1 16) Abgenötigte Ehrenrettung(den Bürgermeistern, Syndicis und Senatsgliedern in Hamburg gewidmet) Hamburg 1660. 1 17) Corinna oder die erbare Hure. 2 Theile, dem Herzog Ferdinand Albrecht zu Braunschweig-Lüneburg gewidmet. Hamb. 1660. k(Sehr wichtig für die Beurtheilung der Theologie Schupps wie für die Beurtheilung der Zustände des 17. Jahrhunderts). 18) Golgatha oder eine kurze Anleitung, wie ein kranker Mensch ihm die 7 Worte, welche der Herr Jesus Christus am Stamm des Kreutzes gesprochen, auf seinem Todbette solle zu Nutze machen. 19) Fabul-Hanss, oder schöne und anmuthige Predigt von der Fabel, welche Jotham den Bürgern Sichems Jud. 9. erzählet.— Diess ist 5, die Predigt, welche Matthesius über die Fabeln gehalten hat; sie 1 ist mit Folgerungen begleitet von Anton Meno Schuppius, dessen Name auch der ganze Tractat trägt, herausgegeben worden. 3 20) Einfältige Erklärung der Litanei 1 21) Schuppii, Morgen- und Abendlicder. Marb. 4 22) Schuppii, Passions-, Buss-, Trost-, Bitt- und Danklieder. 23) Der lobwürdige Löw, einem vornehmen Freund(wahrscheinlich 4 Johann Oxenstjerna) zu Ehren eilend abgemalt. 3 24) des Priesters Heli Belials-Buben. Wahrscheinlichnicht von Schupp. 2 Ausser den deutschen Uebersetzungen folgender latei- 1 nischen Schriften: de usu et excellentia nihili, de lana 8 caprina, de opinione, de felicitate seculi hujus septimi, 5 de arte ditescendi, orator ineptus, soliloquium matu- 1 tinum, ist dann der ganzen Sammlung noch ein Anhang 3 beigegeben worden mit dem Titel: Etliche Tractätlein, . welche theils im Namen Herrn Dr. J. B. Schuppii gedruckt, und von ihm nicht gemacht worden, theils contra Herrn 4 Schuppium geschrieben. Hanau 1663. Zu der ersten Art gehörig enthält der Anhang nur zwei Schriften: 1) Ratio — 416— status und 2) instrumentum pacis zwischen Mann und Weib. Von der zweiten Art, contra Schuppium sind darin auch gwei enthalten: Wider Antenors Bücherdieb, empfangen und abgefertigt durch Nectar. Butyrolambius, Ambrosii Melli- lambii consobrinum, der Arznei-Kunst Liebhaber; und: Philandersons Discurs mit drei klugen Ratgebern von An- tenors neulichst begangener Thorheit. Nun ist aber noch eine dritte Art darin enthalten, obwol sie auf dem Titel- blatt nicht angezeigt worden ist, nämlich vier Schriftchen, welche Antenors d. i. Schuppius Partei ergreifen und dessen Gegner widerlegen: a) Zweier Studenten unvorgreifliches Bedenken von M. Bernd Fabers begangener Witzenburgischen Weisheit. b) Unschuld des Antenors, gewiesen von einem Bekannten, doch Unparteiischen. c) Wolverdienter Nasen- stieber und d) Etwas Neues vom Lobe und Redlichkeit An- tenors, eine Sammlung von Gedichten. Dieser Anhang ist aber nicht zu verwechseln mit einer zweiten selbständigen Sammlung, welche den Titel führt: Zugabe der Schriften Dr. J. Schuppii. In dieser ohne An- gabe des Ortes und der Zeit der Herausgabe veranstalteten Sammlung sind folgende Schriften Schupps aufgenommen: 1) J. B. Schuppens Almosenbüchse, überreicht denen annoch leben- den fünf Brüdern des reichen in der Hölle gequälten Schlemmers. 2) Der geistliche Spatziergang, dem Hamburgischen Frauenzimmer zugeschrieben. Diess ist die deutsche Uebersetzung von:„Eusebia prodeambulans.“ 3) Ambassadeur Ziphusius, aus dem Parnass, wegen des Schul- wesens an die Kurfürsten und Stände des römischen Reichs ab- gefertigt. Der teutsche Lehrmeister oder ein Discurs von Erlernung und Fortsetzung der freien Künste und Wissenschaften in deutscher Sprache, gehalten mit dem edeln Daphnis aus Cimbrien(d. i. Johann Rist). 5) Der Hauptmann zu Capernaum(s. unten). 6) Der beliebte und belobte Krieg. Uebersetzung der lateinischen Schrift de laude et utilitate belli, welche auch sonst unter 4 — — 47— Schupps Namen cursirte, aber nicht(s- oben) von ihm ver- fasst ist. 7) Der stumme Lehrer und Prediger(siehe unten). 8) Der bekehrte Ritter Florian oder ein Discurs, darin kürzlich entdeckt wird, wie der Babst und sein Anhang bissher grosse und kleine in der Welt vexirt haben und noch vexiren. 9) Petri Lambeccii programmatis funebris versio germanica. Diese Sammlung enthält noch eine zehnte Schrift: der unterrichtete Student oder ein akademischer Discurs zwi- schen zwei Freunden, Seladon und Damon, welche mit Unrecht als eine von Schuppius verfasste angesehen wird. Denn in einem Anhang zu der Sammlung bekennt sich ein gewisser Seladon(wol ein fingirter Name), einer der Freunde, zwischen denen der Discurs stattfand, zur Ab- fassung des Tractats, ausdrücklich deswegen, damit da- durch Schupps Erben vor etwaigen Befehdungen sicher blieben, welche die Schrift nach sich ziehen könnte. Sämmtliche bisher aufgezählte Schriften Schupps sind 1 noch bei seinen Lebzeiten zum Druck befördert worden, ausgenommen jedoch zwei der letztgenannten Sammlung, 4 welche aus dem Nachlasse J. B. Schupps edirt wurden, 1 nämlich: 1) Der stumme Lehrer und Prediger. Auch unter dem Titel: Sententiae Schuppianae oder geistliche Sprüche, mit welchen Dr. J. Balth. Schuppius die Kirche und Schule zu St. Jacob in Hamburg gezieret. Altona 1661. ¹) 2) Der Hauptmann zu Capernaum d. i. ein gottesfürchtiger Kriegs- 3 mann, denen Cavallieren und Soldaten zur Nachfolge vorge- stellet und mit allerhand Gebeten vermehret durch Philandern, 4 ausgegeben durch J. B. Philandersen(Justus Burchard Schuppius) k 1666. Auch von Jac. Schoolhouder ins Holländische übersetzt. 4 Aus dem Nachlasse Schupps stammen ferner: r 3) Evangelisches Spruch- und Gebetbüchlein. Frankf. 1679. ¹) Diese Sprüche hatte Schuppius meistentheils auf seinen Reisen an den Häusern gelesen, wie man sie noch jetzt an Bauernhäusern findet, und sich dann notirt. Vgl. Abgen. Ehrenrettung pag. 663. = 48— 1 4) Der schändliche Sabbath-Schänder, vormals aus Gottes Wort überwiesen und bestraft, anjetzo aber ausgegeben durch des Antenoris ältesten Sohn Anton Meno Schuppen und auf dessen Kosten gedruckt. Hamb. 1690 nd 1700. Rolle und Register der Laster und Sünden, so wider jedes Gebot Gottes begangen und gutentheils von dem gemeinen Haufen nicht für Sünde und Unrecht geachtet werden; nebst einem Vorbericht von der Erbsinde. Hamb. 1697. Wahr- scheinlich herausgegeben von A. M. Schuppius. Ninivitischer Buss-Spiegel aus der Wundergeschichte des Pro- pheten Jonk vorgestellet durch Antenor. Hamb. 1693. Auch ins Holländische übersetzt von Jac. Schoolhouder.- — 6 — Die meisten Schriften Schupps waren Gelegenheitsschrif- ten, die nichts in seiner Zeit unberücksichtigt liessen, was schadhaft war, und die Schäden bis auf ihre geheimsten Wurzeln blos legten. Es ist zum Erstaunen, wie man hier schon alle Laster und Gebrechen unserer Tage in Kirche und Staat, in Krieg und Frieden, unter Männern und Weibern, Alten und Jungen und unter Reichen und Armen in voller Blüte sieht, da Schuppius überall mit gleichem herzlichen Humor, mit gleichem eindringlichen Ernst und gleicher Schärfe des Urteils gegen Unglauben und Aber- glauben, gegen die Umtriebe der Advocaten und die Char- latanerie der Wunderdoctoren, gegen politische Heuchelei und wüsten Mammonsdienst, gegen Universitätspedanterie und schulfüchsischen Dünkel, gegen Studentenrohheit und Luxus, gegen Hurerei und Sauf- und Spiellust loszieht. Zwar ist die Sprache aller deutschen Schriften nach der Sitte jener Zeit so mit Fremdwörtern gemischt, dass man fast keiner Reihe begegnet, in der sich nicht ein französischer, lateinischer oder italienischer Ausdruck oder Redensart findet, zwar herrscht oft in der Darstellung eine beschwerliche Breite, und nicht selten lenkt eine bunte Reihe Anekdoten von dem Gedankengang derselben ab; doch wer diese Schwierigkeiten überwindet, findet eine — 49— vollständige Entschädigung an den darin verhüllten, die Form weit überwiegenden, herrlichen und immer gültigen, weil gesunden, Gedanken, die besonders dann überraschen, wenn Schuppius die Bibel auslegt und von den Aussprüchen und Stellen der heiligen Schrift, die er vollständig in der Gewalt hat, einen so vielseitigen und lebendigen Gebrauch macht, wie wol wenige Schriftsteller vor oder nach ihm, oder wenn er voller Laune statt langer Demonstrationen eine Anekdote ¹) oder einen Scherz einflechtet, um den Bettelstolz und geistigen Hochmut in seiner Armseligkeit und die Gebrechen und Laster in ihrer Blösse darzustellen. Und selbst das Derbe und Vulgäre verzeiht man ihm, wenn er sich entschuldigt: loquimur cum vulgo et sentimus cum sapientibus, und wenn man zugleich dabei inne wird, dass er nicht damit ergötzen und kitzeln, sondern die Wahrheit vollständig enthüllen und eindringlich machen will. Allerdings ist die Sprache in den Predigten, von denen wir(nicht wie Vilmar in seiner Literaturgeschichte sagt: eine Neujahrs-Predigt, sondern) nur noch eine Katechismus-Predigt über das dritte Gebot vollständig und drei andere(eine Neujahrs-Predigt, eine Predigt über die falschen Propheten und eine Michaelis-Predigt) als Fragmente in der„abgenötigten Ehrenrettung“ besitzen, und in den Schriften, welche Schuppius im Unterschiede von den sogenannten politischen Tractaten theologische nennt, in den Schriften rein erbaulichen Inhalts, verschie- den von der Form der politischen Schriften. Die Predigten sind möglichst rein von Fremdwörtern, klar disponirt und in der Ausführung würdiger gehalten als die Tractate, ¹) Die meisten Histörchen des„hessischen Historienbüchleins“ von Dr, A Vilmar) findet man auch in den Schriften Schupps. 4 — 0— aber nicht minder körnig, populär und eindringlich und wol noch mehr von biblischem Kraftgeiste durchwaltet. Dasselbe gilt auch im Allgemeinen von seinen geistlichen Liedern, in denen sich sein gläubig frommes Herz aus- drücklich ohne Opitzens Kunst natürlich aussprechen wollte. Das Mass und die Einfachheit der Gerhardischen Lieder fehlt ihnen freilich, aber doch ganz ungeistlich wie unpoetisch ist nur ein Passionslied, welches gegen die re- formirte Lehre von der Gnadenwahl gerichtet so beginnt: „Ach, was machet ihr mir Schmerzen, Freunde mit der falschen Lehr&c.“ Es ist diess Lied zugleich das einzige, was Schupp je direct gegen die„Teufelslahr“ der Refor- mirten, die er sonst so oft als Muster hinstellt, geschrieben hat, gerade wie auch später Spener nur ein Mal gegen die„calvinische Ketzerei“ polemisirte. Gleichwol hat man Schuppius hinsichtlich seiner Pre- digtweise den Abraham a Santa Clara der Protestanten ge- nannt. Wie viel Aehnlichkeit beide aber auch darin gehabt haben mõögen, so ist doch auch wieder der Unterschied zwischen beiden für den Kenner ein nicht zu verkennen- der. Schuppius hatte als gewesener Professor der Flo- quenz gewis seine Absicht bei der Wahl seiner bei Weitem edleren Ausdrücke und rhetorischen Figuren, wie er denn auch darüber als von einer Kunst die alte Wahrheit immer wieder neu und schmackhaft zu machen mit grossem Ge- fallen spricht. Daraus geht aber hervor, dass es ihm auch nicht so, wie dem Pater am Wiener Hof, auf den puren im Wortspiel sich äussernden Spass, sondern haupt- sächlich auf einen religiös-sittlichen Effect ankam. Sodann aber ist es ja überhaupt eine Hauptforderung, die man an eine christliche Predigt stellt, dass sie auf die Zustände der Gegenwart eingehe und sie bespreche. Dass nun Schuppius sich vielleicht zu sehr von denselben bei — à1— seinen Predigten nach Inhalt und Form hat bestimmen lassen, das hat seinen Grund in dem von ihm so stark gefühlten Misverhältnis in den Predigten der Zeitgenossen, die bei dem andern Elemente der Predigt, bei der dog- matischen Bestimmung und Bearbeitung des objectiv Ge- gebenen, durch die Predigt der Gegenwart zu Vermitteln- den so ausschliesslich verweilten und hängen blieben, dass sie davor nicht bei den gegenwärtigen Zuständen auf die jenes Gegebene applicirt werden soll, anlangten und mit ihren gelehrten Citaten, mit ihren subtilen Distinctionen, wie mit ihrer leidenschaftlichen Polemik, so zu sagen, über die Köpfe der Zuhörer hinaus predigten. Es zwang den redlichen Schuppius die durch diese bis zur Unge- ’ niessbarkeit und Unwirksamkeit hohe Objectivität der Predigten immer grösser werdende Not seiner Zeit, nun desto unbedenklicher und eifriger dem von den Andern als profan übersehenen und vernachlässigten Lebens- und Zeitverhältnissen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie in seine Predigten hereinzuziehen. Hätten die Pre- digten seiner Zeit Mass gehalten und zwischen dem gege- benen Object— dem Alten— und den Bedürfnissen der Gegenwart— dem Neuen, was der Haushalter über Gottes Geheimnisse aus seinem Schatze hervorzubringen hat— die allein wahrhaft aufbauende Vermittlung getrof- fen, Sso wäre dadurch der Not der Zeit begegnet worden und Schuppius nicht darauf geraten sein, nun sich gerade bei demjenigen unverhältnismässig aufzuhalten, was die polemisirenden, orthodoxen Prediger vernachlässigten. So aber musste die eine Einseitigkeit die andere hervorrufen, es musste Schuppius— wie Alle, die dem bestimmenden Einfluss der gegenwärtigen Bedürfnissen und Verhältnissen auf die Predigt ein solches Recht einräumen— morali- siren und Zustände auf die Kanzel bringen, die, so wahr 4* — 2— sie sein mögen, doch sammt dem humoristischen Ton, in welchem er sie oft vorbrachte, unserem durch die Würde und den Ernst des evangelischen Gottesdienstes bestimm- ten Geschmack allerdings profan vorkommen müssen, so grosse Achtung wir auch sonst vor dem warmen Herzen des Mannes gegen die Notzustände seiner Zeit und seiner ernsten sittlichen Absicht haben mögen. Uebrigens steht Schuppius hinsichtlich dieser Eigentümlichkeit in der evan- gelischen Kirche nicht vereinzelt da; verglich doch auch Valerius Herberger zwanzig Jahre vorher den Sünder mit einem trunkenen Bauer, der von der einen Seite in. den Sattel gehoben auf der anderen wieder herunter- purzele; und ein Anderer die Sünde mit einem Loch im Strumpf, das anfangs klein, hernach immer grösser werde. Wenigstens hätten seine Gegner(vergl. Schuler— Ge- schichte des Geschmacks im Predigen. I. S. 165 u. 139.) am wenigsten das Recht dazu haben dürfen, Anklage gegen seine Predigtweise zu erheben. Wegen aller dieser Eigentümlichkeiten der Schuppen- schen Schriften sind nun dieselben auch für uns noch von so grosser Bedeutung, dass kein Geschichtschreiber, der ein getreues Bild von den Sitten und dem Leben des 17. Saeculums geben will, sie ungelesen lassen darf. Dem Theologen werden zwar seine rosigen Vorstellungen von dem kirchlichen Geiste und Leben jener Zeit benommen, aber es gereicht ihm doch zu einer gerade in unserer Zeit wolthuenden Belehrung, wenn er aus den Schriften dieses wahrhaftigen Gottesmannes erfährt, dass ausschliessliche Herrschaft des sogenannten kirchlichen tradirten Lehrbe- griffes und christliches Leben noch nicht eins und das- selbe sind, sondern dass neben jenem und den äusser- lichen Formen einer scheinbaren Frömmigkeit noch recht, wol heidnisches Sündenleben und wüste Zuchtlosigkeit ihre — Herrschaft ungestört ausdehnen können, zumal wenn er den Grundton der Schriften nicht überhört, der uns nun noch in der theologischen Richtung des J. Balthasar Schup- pius darzustellen übrig bleibt. Theologische Richtung Schupps. Schuppius ging hinsichtlich seiner theologischen Ent- wickelung hervor aus der im Anfang des 17. Jahrhunderts aus der neu errichteten Universität Giessen gepflegten und herrschenden und von dort 1625(in demselben Jahre wo Schuppius die Universität Marburg bezog) mit den Giessener Theologen nach Marburg übergesiedelten luthe- rischen Orthodoxie in reinster Gestalt; er war sogar mit den Hauptträgern derselben, Z. B. mit Mentzer und Winkelmann, durch seinen Schwiegervater Helvicus verwandt, wodurch es gekommen sein mag, dass er sich erst später und auch da, wie es scheint, nicht ohne Rück- sicht auf seine orthodoxen Verwandte und Freunde von der Orthodoxie dadurch abwandte, dass er, um eine desto festere Stellung einzunehmen, auf eine grössere Unmittel- barkeit der Anschliessung an die heilige Schrift hinarbei- tete, sowol den heidnischen Autoren, die damals durch die Humanisten beinahe eine der katholischen Tradition gleichkommende Bedeutung neben der heiligen Schrift zu erlangen drohten, als auch insbesondere der auf die„reine Lehre“ pochenden Streittheologie gegenüber. Durch wen er hauptsächlich hierzu bewogen und geleitet wurde, ist schwer zu sagen. Es kann sein, dass bei dieser Umände- 54— rung nächst der Originalität seines Geistes den Einwir- kungen anderer Persönlichkeiten auf ihn, wie z. B. der des J. V. Andreä, dessen Werke er seinem ältesten Sohne auf'’s Dringendste empfahl, also auch selbst mit In- teresse und Befriedigung gelesen haben muss, ein nicht unwesentlicher Einfluss zugeschrieben werden darf, obwol uns von den unmittelbaren Lehrern Schupps keiner be- kannt ist, der diese Stellung schon vertreten hätte. In- dess die Hauptfactoren liegen einesteils in der Zeit selbst, wo, wie die Wissenschaft überhaupt, so auch die Theo- logie, hohl und leer aus purer Ueberlieferung und For- melwesen bestehend, einen lebendigen Geist wol unbe- friedigt lassen konnte, anderenteils in des Mannes eigen- tümlichen Lebenserfahrungen und namentlich in den zu Hamburg gemachten. Er datirt selbst von dem Beginne seiner Wirksamkeit in Hamburg einen gänzlichen Umschwung seiner Ansichten, sowie auch alle seine theologische Rich- tung charakterisirenden Schriften erst aus seiner Hamburger Periode stammen. Denn trotz der streng gehandhabten Herrschaft der„reinen Lehre“ herrschte dennoch hier, wo sich vieles kriegsflüchtige Gesindel aus ganz Norddeutsch- land zusammengeflüchtet hatte, wo Handel und Gewerbe allen Leidenschaften zu ihrer wuchernden Entfaltung die reich- lichsten Mittel boten, das wüstete, zügelloseste Sünden- leben, das an Greueln dem Heidentum nichts nachgab. Sollte es sich ihm da nicht aufgedrängt haben, dass die „reine Lehre“ noch nicht das Christentum selbst ist? Und nun erst gar, als er noch die fruchtlosen Bemühungen seiner orthodoxen Collegen, namentlich des als Ketzerrichter seiner Zeit sehr wol bekannten und neuerlichst wieder durch Tholuck(Geschichte des akad. Lebens) bekannt gewordenen, und gefürchteten Hauptpastors Johann Müller, durch polemische Auslassungen gegen eine lange Reihe von Ketzern 1 — 55— auf der Kanzel und durch kirchenregimentliche Verfolgungen einzelner sofort als Schwärmereien betrachteter Bewegungen in der Gemeinde auf jenem sumpfigen Boden ein neues Leben herrichten zu wollen.— zu beobachten die Gelegen- heit hatte! Da nahm er mit immer deutlicherem Bewusst- sein der herrschenden Theologie gegenüber die Stellung ein, die uns an ihm interessirt. Das Urteil darüber war zwar schon früh ein verschie- denes. Während nämlich Abraham Calov(in seinem Klag- geschrei auf den Tod Er. Pet. Haberkorns) den Mann zu den vorzüglichsten orthodoxen Theologen der lutherischen Kirche zählt, spricht dagegen Gottfried Arnold(K.& K. . Geschichte Tom. II, lib. 17. c. s. p. 469. 470) so von ihm: „Es ist auch von Vielen ohne Bedenken Dr. J. B. Schup- pius unter die Zeugen gerechnet worden, welche das ge- meine Elend der lutherischen Kirchen eingesehen und be- klaget haben. Denn ob er wol in der Art des Vortrags den meisten allzu profan vorkommt, so hat er doch in den Sachen an sich selbst mehr Wahrheit vorgetragen, als manchem lieb gewesen, wie seine Schriften genugsam zeu- gen.“ Und in der neueren Zeit gesteht auch Wachler(in seinen biographischen Aufsätzen Leipzig 1834), dass es schwer sei hervorzuheben, was des Mannes geistige und sittliche Absichtlichkeit bezeichne. Diese schwankenden Urteile und Schwierigkeiten haben aber ihren Grund darin, was eben des Mannes geistige Richtung ausmacht, dass ihm das den„Fischerhimmel“¹) gewährende Christentum weniger eine Doctrin, als vielmehr Selbstdarstellung und Leben war, und dass er hier mit selbst Ernst machte. Das, was uns nämlich mit einem Mal den Standpunkt unseres Theologen und den Gesichtspunkt aufschliesst, von wo aus ¹) Calender p. 580. — 356— seine Erscheinung aufgefasst sich begreifen und erklären lässt, ist der etwas paradoxe Satz, welchen er in der Vorrede zu seinem„geplagten Hiob“ ausspricht: Summa, die Theologie ist fast mehr eine Prfahrung als eine Wissenschaft. Aus diesem in allen Schriften des Mannes, wenn auch mit verändertem Ausdruck, wiederkehrenden Grundsatze lässt es sich zunächst begreifen, wie es gekommen, dass Schuppius in keiner seiner zahlreichen Schriften jemals eine systematische Auseinandersetzung seines Glaubens gibt, sondern sich an der überlieferten kirchlichen Auffassung genügen lässt. Und wenn er auch bei Einzelnem zuweilen eine subjective Ansicht äussert ¹), so verzichtet er jedoch wieder sogleich auf ihre Allgemeingültigkeit und sagt, die ultima analysis aller Streitigkeiten in Religionssachen laufe doch endlich auf das Princip hinaus: Deus dixit ²). Daher hat er auch noch wenig oder gar keine Kritik geübt, wenn auch versucht. Denn den 151. Psalm spricht er dem David ab, ebenso die apokryphische epistola ad Laodicenses dem Apostel Paulus, und erklärt die Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus für eine blose Parabel oder Fabel, welche zeige, wie mancher bei seinem Bettelsack besser fahre als ein anderer im Glück, was alles dem allgemeinen Zeiturteil widersprochen zu haben scheint ⁵). Doch gehört er deswegen noch nicht unter die Zahl der eifernden Orthodoxen seiner Zeit. Diese sind ihm viel- mehr ganz zuwider und gelten ihm mit ihren Distinctionen und Disputationen nicht vielmehr als pharisäische Mücken- seiger und Kameelenverschlucker. Er will beides bei ein- ander haben, die reine Lehre und das reine Leben. ¹) z. B. der geplagte Hiob p. 156. 162. 2²) Abgenötigte Ehrenrettung p. 652. 3) ibid p. 627. Wo er das nicht zusammen sieht, da erblickt er„Maul- christentum“*). Er selbst aber hält sich nicht dafür be- rufen, die reine Lehre zu excultiviren, sondern das christ- liche Leben zu befördern. Denn in seiner Zuschrift zu dem Tractat„die sieben bösen Geister“ ²) sagt er(die Auffor- derung Controversen zu schreiben, wie man damals die confessionellen Streitführungen nannte, ablehnend):„Es ist verhoffentlich Niemand unter meiner Gemeinde, der begehret ein Jude zu werden; ich weiss auch nicht, dass viele Arianer, Photinianer, Papisten und dergleichen unter meiner Gemeinde seien. Allein ich weiss, dass viele gottlose und arme Leute in der Rosenstrasse, in der Steinstrasse und anderswo in den Armenhäusern liegen, welche ihre Kinder in allem Mut- willen aufwachsen lassen. Was wäre es, wenn ich zehn Jahre predigte und die Arianer, Photinianer, Nestorianer, die Juden, Türken un andere Ketzer und Schwärmer wider- legte und innerhalb zehn Jahre einen solchen Ketzer be- kehrte und liesse unterweilens so viele tausend arme Maul- christen zum Teufel in die Höllen fahre? Der Teufel kann wol leiden, dass ich unter Hurern und Ehebrechern stehe und widerlege die Juden“, u. S. f. Im Gegensatz zu der allgemeinen Anschauung der Zeit war nämlich Schuppius der Glaube etwas wesentlich sittlich- praktisches und nicht blose Theorie. Ihm hatte jeder Mensch nur so viel Glaube, nicht etwa als er sich zu allen Dogmen der invariata oder der Concordienformel bekannte, sondern als er sich in Christo über die Gemeinheit, Rohheit und Selbstsucht erhob, denn nicht allein, dass er mit Hinweisung auf den „Krämerjung“, der sicher nicht im Laden stehle, wenn er ¹) Abgenötigte Ehrenrettung p. 639. 640 Erbare Hure p. 496 2) p. 331. 332. Diese Worte kehren häufig in den andern Schriften wieder. 58 seinen Herrn in der Nähe glaube, den Diebstahl und alle andere Sünden gegen Gottes Gebot für Mangel an Glauben ansah, sagt er auch ausdrücklich:„wo lieset man doch in der heiligen Schrift von gläubigen Hurern und Ehebrechern. von gläubigen Zauberinnen und Gotteslästerern, von gläu- bigen Meineidigen, von gläubigen Trunkenbolden, von gläubigen Geitzigen und Neidischen, von gläubigen Zän- kern, von gläubigen unversöhnlichen und zornigen Herzen, von gläubigen Lügnern und Verläumdern. Dieben und der- gleichen?“) Ja, manchmal scheint es. als ob Schuppius gerade in dem, was seiner wie auch wieder unserer Zeit für die hauptsächlichsten Kriterien des wahren Glaubens galt, in dem Halten über der reinen Lehre und in dem Mitmachen kirchlicher Gebräuche, wenn nicht ein Hindernis des wahren Lebens, so doch ein bequemes Polster und einen bestechenden Deckmantel für die Lasterhaftigkeit er- blicke. Für solche Ansicht spricht zunächst seine Abfas- sung des doppelten Tractats„von der erbaren Hure“. Nachdem er in der Vorrede zu demselben Personen aufge- führt hat, welche trotzdem oder vielmehr gerade weil ihr Priester ihnen durch Handauflegung die Sünden vergeben, weil sie in die Kirche gehen und fleissig in der Bibel und in Arnds wahrem Christentum und dessen Paradiessgärtlein lesen ²), mit ihrer Hurerei desto sicherer prahlen: beschreibt er in dem Tractat selbst die scheussliche Hurenwirtschaft einer Mutter und ihrer Tochter, welche die Kirche nie versäumen, aber sich nicht darin gefallen, wann ein Pre- diger Ehrenhold(wahrscheinlich Schuppius selbst) ins Leben ¹) Erklärung der Litanei p. 911. ²) Von diesen Werken Johann Arnds spricht übrigens Schuppius sonst mit grosser Verchrung und hält sie für die bedeutendsten zur Förderung christlicher Frömmigkeit und christlichen Lebens. eingreifend von dem Laster der Hurerei predigt, sondern von der„Süssigkeit des ewigen Lebens“ zu hören begehrend bis zum Fanatismus gegen die Ketzer(denen die Hure das Messer im Leibe herum drehen möchte!!h) begeistert werden, als ein anderer Prediger von den Juden, Photinianern und andern Secten in Polen disputirend predigte, und die in allen ihren Reden Sprüche aus der Bibel citiren, fleissig in Gebetbüchern lesen und Morgens und Abends geistliche Lieder singen! Sodann sagt Schuppius in seiner abgenö- tigten Ehrenrettung auch ausdrücklich:„Was wäre es, wenn die Arinianer, die Photinianer, die Wiedertäufer und andere Ketzer ihre Lehre verdammte und uns verdammte unser epicuräisches, gottloses Wesen? Wir Lutheraner rühmen uns der reinen Lehre, allein wir leben oft nicht wie die Menschen, sondern wie die Teufel, wir stinken vor lauter Heuchelei. Heuchelei aber ist, wenn man viel gutes Dinges saget und doch nicht danach thut. Mancher weiss von den Religionssachen artig zu disputiren, allein er führt ein Leben wie ein Heid“. Und weiter sagt er, als ob er es auch für unsere Zeit bestimmt habe:„Dann werden sie sagen, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht, viele schöne Bücher geschrieben? Haben wir nicht wider die Papisten, die Calvinisten, Juden und andere Ketzer geschrieben? Haben wir nicht manche tröstliche Predigt gehalten?“ Und wie hätte er an derselben Stelle das andere Wort:„Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben?“ auf die Politiker und Statisten, wie er sie nennt, so tadelnd beziehen können, dass er sagt, wenn diese ein machiavellisches Stücklein ins Werk setzen wollten, so ordneten sie erst einen Buss-, Fast- und Bet- tag an, begännen in nomine domini, und die wahre Re- ligion und Augsburgische Confession müssten ihrer Schalk- =— 60— heit Deckel sein¹),— wenn er so eifernd es nicht zugleich beklagt hätte, dass eben diess alles ein Polster und Deck- mantel sein konnte? Wie wenig Gewicht muss er selbst auf das an sich gelegt haben, ohne das man sich doch sonst so schwer wahres Christentum denken kann, wenn er dann ferner ausruft:„Wie viele sind noch deren, welche an jenem grossen Tage sagen werden: Herr, Herr, sind wir nicht fast alle Tage in die Kirche kommen? Haben wir nicht fast in allen Kirchen unsere Stühle gehabt? Sind wir nicht oft genug zum Beichtstuhl, zum h. Abendmahl ge- gangen? Haben wir nicht reichlich genug gegeben zur Er- bauung der Kirchen und Schulen? Haben wir nicht ins Waisenhaus, ins Gasthaus, in andere Hospitalia nicht genug geschicket?“ ²) Diess alles hätte Schuppius nicht sagen können, wenn er nicht noch Etwas gekannt hätte, was höhern Wert und Bedeutung hat, und von dem ihm eben das gleich Notwendig- und gleich Bedeutend finden dessen, worauf er sich jene berufen lässt, die gefährlichste Ablenkung zu sein schien. Und dieses Etwas ist das Eine, was Not thut, die sola fides. Schuppius lässt sich dessen zwar nur ein Mal merken(Abgenötigte Ehrenrettung p. 651), allein es lässt sich dieses Eine auch nicht weiter exponiren, weil es dann eben nicht mehr das Eine, sondern ein Vieles wäre. Man trägt es als eine Richtung zu Gott in der Brust und wird von ihm bewegt und getragen, und so auch Schuppius. Weil nun aber verhältnismässig nur wenige Menschen Theologen sein und für das feinere theologische Wissen ¹) de opinione(v. der Einbildung) p. 555; namentlich„der ge- plagte Hiob“ p. 144. ²) Abgenötigte Ehrenrettung p. 640— 642. — 61— Interesse haben können, so ist Schuppius der Ueberzeugung, dass sich das Eine, was Not thut, auch weniger im Dis- putiren und Ergründen der religiösen Fragen und Wahrheiten und ihrer Beziehungen äussere und manifestire, als vielmehr im Leben. Dieses, das in wahrer Frömmigkeit, in christlicher Liebe und Barmherzigkeit thätige Leben— und nicht etwa die sogenannten guten Werke, wozu alles Kirchengehen und Beichtstuhlbesuchen, alle ceremonielle und rituelle Thätigkeiten werden, sobald ein, wenn auch nur vor Menschen rechtfertigen sollender Wert darauf gelegt wird— ist ihm Hauptsache, während ihm das Wissen um die religiösen Dinge und ihren Zusammenhang, sammt aller Dogmatik, weil von so vielen Zufälligkeiten ab- nängig und nicht jedem doch auch zur Theilnahme am „Bauern- und Fischerhimmel“ berufenen Bauer gleicher- massen zugänglich, nur einen untergeordneten relativen Wert hat, gegen das er protestirt, sobald es darnach strebt sich an die Stelle des Einen, was Allen, auch dem Bauer und Fischer, Not thut, zu setzen ¹). Deshalb ist ihm auch „eine Hand voll Gewissen lieber als ein Sack voll Wissen“, zu welchem er dann nach p. 503 in der„erbaren Hure“ vor- zugsweise die viel gepriesene reine Lehre rechnete, deshalb sagt er auch, dass der Teufel nicht vor einem Syllogismus fliehe(„Von der Einbildung“ p. 532) und dass derselbe auch nicht darnach frage, ob einer lutherisch, papistisch oder calvinistisch sei(„Sieben böse Geister“ p. 336), und deshalb will er auch, dass der Geistliche und Prediger nicht blos ein Gelehrter sei, der sich seiner Gemeinde gegenüber in hoher Unverständlichkeit bewege, sondern dass dieser dieselbe Stelle einnähme, wie ehemals die Pro- pheten des alten Bundes d. h. dass er sein Auge gerichtet ¹) cf. Abgenötigte Ehrenrettung p. 652. —————-— — 62— halte wie auf das religiöse, so auch auf das politische und sociale Leben¹). Gleich dem Propheten habe darum auch der Geistliche die Pflicht, das Gesetz, das Alte, immer neu zu machen ²), zumal da dieses nicht allein dazu ge- geben, das gottesdienstliche, sondern das ganze Leben zu normiren und da sich Religion nicht blos im Cultus äussere. Wie sich aber Schuppius diese prophetische Funktion denkt, das setzt er weiter nicht näher auseinander, als dass er sagt, der Geistliche müsse auf der einen Seite zerschmet- tern und Busse predigen, auch in der Weise,„dass er zuweilen zum David selbst, zu dem Achab selbst, zu der Isabel selbst, zum Herodes und seiner Hure selbst gehe und sage: Du, du bist der Mann oder die Frau“ ³); und auf der andern Seite müsse er wieder— und das unterscheidet ihn wol von dem alttestamentlichen Propheten— trösten mit dem Evangelium ¹⁴). Doch wissen wir das wenigstens, dass Schuppius das Gesetz wie das Evangelium durch den Lehrer und Propheten des neuen Bundes für die Gegen- wart vermittelt haben wollte; denn sonst hätte er sich wol dem vielfachen Zurufe:„bei dem Evangelium zu bleiben“ d. h. dasselbe in einer bis zur Unwirksamkeit hohen Ob- jectivität zu belassen, nicht so kühn verschlossen und den Vorwurf, dass er das göttliche Wort durch seine redne- rischen Figuren und Fabeln profanire, als einen in sich nichtigen verlacht. Und aus den vielen Proben der Schrift- auslegung, welche er gibt, können wir auch entnehmen, wie er näher die Schrift, in der er(nach p. 156 der ¹) Ged. daran H. p. 186. Eilf. Sendschr. p. 610. ²) Abgenöt. Ehr. p. 626. 659. Reg. Sp, p. 128. Erbare Hure p. 506. ³) Erbare Hure p. 505. *) Vorrede zu den Abendliedern p. 936 und an vielen andern Stellen. Sammlung von 1663) nicht vorwitzig nach Dingen zu fra- gen begehrte, welche nicht zur Seligkeit dienten, sondern der gläubigen Erfahrung, dem frommen Bedäürfnisse fern lagen, vermittelt wissen wollte. Er will ausdrücklich nicht die Bibel aus der Metaphysik und diese wiederum auch nicht aus jener erklärt wissen, ebensowenig als er die Bibel für eine blose Quelle von dicta probantia hält, sondern sie durch Aenderung des Aeusserlichen, Zufälligen, der Situationen in die Sprache der Gegenwart gleichsam übersetzt und durch Exemplification und durch Substitution gegenwärtiger Verhältnisse lebendig, anschaulich und ansprechend gemacht wissen ¹). Für diesen Grundsatz spricht sein„Salomo“ oder„Regentenspiegel“, in welchem sich Salomo sowol in der Erscheinung eines Regenten des 17. sec. als dieser sich in jenem abspiegelt, ferner der „ge- plagte Hiob“, vor allem aber die grosse Menge einzelner aus- gelegten Passus der heiligen Schrift, welche in seinen Tracta- ten und Predigten zerstreut vorkommen; und von diesen sind besonders hervorzuheben und zu bewundern die Darstellung des Verhältnisses Johannis des Täufers zum Hofe Herodis, wo Johannes als förmlicher Hofprediger erscheint, in einer in der abgenõötigten Ehrenrettung fragmentarisch erwähnten Predigt ²),(dieselbe Darstellung kehrt mehremale in den Schriften Schupps wieder), und sodann die Darstellung davon,„wie fein David sein Plänchen mit Uria ins Werk setzte“, in dem zweiten Theile der„erbaren Hure“ 5). Freilich wusste Schuppius wol, dass sich diese Fähig- keit und Fertigkeit, die heilige Schrift lebendig zu ver- ²) Abgenötigte Ehrenrettung p 659. Eilf Sendschr. p. 607— 611; namentlich: Von der Einbildung. p. 532. ²) p. 655— 657. ²³) 506— 507. — 64— gegenwärtigen, nicht aus Büchern lernen lasse, so wol, als er mehrere Male bekennt, sein Lehrmeister sei die Welt ge- wesen; aber darum will er ja auch gerade, dass die Theo- logie mehr als eine Erfahrung, denn als eine Wissenschaft betrachtet werde, darum spricht er von dem Verhältnisse der wissenschaftlichen Studien zu der praktischen Thätig- keit des Geistlichen, es sei ein anderer, der die Waffen schmiede, und ein anderer, der sie führe und ge- brauche; und seinem Sohne Anton Meno empfiehlt er zwar das eifrigste Studium aller theologischen Disciplinen und so namentlich auch der heiligen Schrift, Sagt aber doch, dass er diese erst durch die Erfahrung verstehen lernen werde; durch diese unterrichtet werde er erst empfinden, was für ein Unterschied sei zwischen dem Ver- ständnis der heiligen Schrift durch Studiren und dem qurch die Erfahrung empfangenen, denn Beides verhalte sich zu einander wie die Uebungen auf dem Fechtboden und ein wirkliches Gefecht im Kriege auf Leben und Tod). Deshalb sagt Schuppius auch, dem Theologen sei Kreuz und Trübsal so notwendig, wie das Brod ²), und findet er es lächerlich, dass einem erfahrenen Theologen nicht selten ein solcher vorgezogen werde, der ein feineres Latein schreibe, mit welchem doch nimmer einer Gemeinde etwas gedient sei. Aus dieser Ansicht erklärt sich auch zum Theil seine Abneigung gegen das damalige Universitätsleben, wie gegen die Schulen und den Betrieb der Wissenschaften zu seiner Zeit überhaupt, denen er Reisen ins Ausland und das Leben an einem Fürstenhofe hinsichtlich dessen, was zu einem Theologen bildet, vorziehen zu müssen glaubt. ¹) Freund in der Not. p. 261. 268. ²) Der geplagte Hiob p. 132. Grösstentheils aber liegen doch die Gründe und Veranlas- sungen zu allen seinen satyrischen Auslassungen gegen die Art damaliger Pflege der Wissenschaften, gegen die Schulen und Universitäten seiner Zeit in dem keineswegs benei- denswerten, weil einem wüsten und rohen Pennalismus und einer fast kindischen Pedanterie ergebenen Zustande dieser selbst. Denn obwol Schuppius— einerseits von der All- gemeinheit und Notwendigkeit des Christentums, anderer- seits aber von dem relativen Werte der Erkenntnis und des Wissens bei der Aneignung, Verbreitung und Entfal- tung desselben überzeugt— das Christentum mehr und ernstlicher, als es sonst auch von denen geschieht, die das doch in thesi für richtig anerkennen, als Gesinnung und Leben und nicht als blose Lehre aufgefasst wissen wollte, so war er dennoch kein Verächter der Wissenschaft über- haupt, sondern sie galt ihm nur als notwendiges Mittel zum höchsten Zweck; aber wo sie, in ihrer entarteten. Porm sich wichtig machend, mehr gelten wollte als diess, wo sie das Maass überschritt und für sich selbst schon— auch auf dem religiösen Gebiete— verdienstlich sein sollte, da machte sie auf ihn den Eindruck des Komischen. Gegen die dünkelhafte Schulfüchserei seiner Zeit, die von wahrer Wissenschaft zu trennen Schuppius allerdings selbst nicht immer gelang, und gegen die immer doch gegen die öffentlichen Ereignisse und gegen die öffentlichen Ge- brechen der Gegenwart mehr oder weniger kalten und gleichgültigen humanistischen Bestrebungen verfährt er des- halb freilich mit rücksichtsloser Schärfe, und alte wüste Studenten, Vaganten, wie er sie nennt, und der Magister Ziphusius, der Repräsentant pedantischer Katheder- und Bücherweisheit, müssen viel von seiner Satyre leiden ¹), ) Für das dem Pennalismus und der Pedanterie ergebene akade- mische Leben des 17. sec. sind uns die Schriften Schupps die 0 —-— — 66— Allein dass er deswegen die Wissenschaft überhaupt als eine Quelle des mannigfachen Unheils betrachtet habe, dürfen wir um so weniger annehmen, als er ja fast in allen seinen Schriften, insbesondere aber in dem Tractat de arte ditescendi und in dem„Ambassadeur Ziphu- sius“(die überhaupt manchen hierher einschlagenden Auf- schluss geben), auf tüchtige Schulen, die er selbst gerne verbessert hätte, dringt, und als er es für eines Landes höchsten Flor hält, wenn tüchtige Schulen darin sind ¹). Sagt er doch auch, dass alle römischen, Christen verfolgen- den Cäsaren dem Christentum mit allen ihren Verfolgungen nicht soviel Schaden gethan hätten, als Maximinus Thrax. der kaum dritthalb Jahr regiert hätte, dadurch, dass er die Schulen der Christen habe schliessen lassen ²). Selbst die Logik und Metaphysik, welche er sonst nicht genug mit ihrem Darapti, Velapton, Barbara und Celarant ins Lächerliche ziehen kann, sind ihm(de art. dit. p. 729) wieder die Künste aller Künste, wenn sie nur nicht in den Elementarschulen gelehrt würden und so zu kindischen, lächerlichen Fündlein, zu abgeschmackten Possen ausarteten, sondern wenn sie dem gereifteren Alter auf Akademien überlassen blieben. Und ebenso bringt er an demselben Ort die Rhetorik, welche er sonst eine Kunst schön zu lügen nennt, wieder zu Ehren. Er hält da Wolredenheit bei der Abfassung der Predigten nicht etwa für einen Ab- bruch der Mitwirkung des heiligen Geistes, sondern für eine schon von den alten Kirchenvätern geübte Kunst,„„die Eingebungen der Vernunft der Phantasie zu empfehlen und bedeutendsten Quellen, die dann auch der neuste Beschreiber desselben, Tholuk, reichlich benutzt hat. ¹) Von der Einbildung 538 und an unzähligen andern Stellen. ²) Von der Kunst reich zu werden p. 712. — — 6— dadurch den Willen aufzumuntern und zu bewegen“. Diess alles aber wäre in der That widersprechend und bei einem Manne wie Schuppius unbegreiflich, wenn wir nicht an- nehmen mässten, dass seine Ausfälle gegen diese Disciplinen nur dem Missbrauche gegolten hätten, welcher damals mit ihnen getrieben wurde. Von diesem erblickte er nun die Wurzel darin, dass alle diese Disciplinen in einem zu frühen Alter und mit zu wenig Anschauung und freier Auffassung der Schüler tractiert würden und so notwendig zu einem blosen Spiel mit Gedächtnisformeln herabsänken ¹). Indess begnügte er sich nicht damit, die Wurzel des Schadens blos zu legen und die Behandlung der Wissen- schaften negativ als eine verkehrte hinzustellen, wodurch sein Verhältnis zu denselben immer noch zweifelhaft ge- blieben wäre, sondern er versucht es auch etwas Positives an die Hand zu geben, welches geeigneter sei wahre Wis- senschaftlichkeit zu fördern als die spitzfindigen Künsteleien der„Generalmajores in bello grammaticale“, wie er sie nannte. Und dieses war, wie er es nennt, die Natur oder die gesunde Vernunft ²). Nicht als ob Schuppius damit nun allen Unterricht und Lehre überflüssig befunden hätte, aber er betrachtet sie doch nur als eine„Schmiede, worin die Waffe geschmiedet werde, die Einer im Leben selbst führen müsse,“ oder auch als„Wegweiser für die Wege des Lebens“³), so dass ihm doch die Erfahrung, aus der Natur, der Geschichte und dem gegenwärtigen Leben ge- schöpft, noch höher gilt. Darum beklagt er es auch, dass die Philosophen so wenig die Physik und andere mehr an das industrielle und praktische Leben sich halten- ¹) Reg. Sp. p. 50. ²) Von der Einbildung p. 534— 535. Lana caprina 417. 3³) Reg. Sp. p. 4. 51, — 63— den und darauf einwirkenden Wissenschaften excultivirten); darum gilt ihm oft das Gespräch eines„Schippers“ und „erfahrenen Kaufmanns“ in Hamburg mehr als die Vorlesung eines Professors; darum stehen ihm ferner auch die Hol- länder²), damals das industriellste Volk, so hoch, wie überhaupt alle deutsche und fremde Länder und Städte, wo der Betrieb und Verkehr, wo Kunst und Verstand neben Ordnung herrschten. Wir wagen daher nicht zu Kühnes, wenn wir be- haupten, Schupps wissenschaftliche Weltanschauung sei verwandt mit der Bacos von Vernlam gewesen. Denn nicht allein, dass er dessen Schriften gekannt und ci- tirt hat, macht er ihn auch zum Helden und Richter des als Traum eingeführten Gesprächs in seiner„arte ditescendi“. in welchem Schuppius den nova Atlantis betitelten Tractat Bacos nachahmend seine Ansichten über das gesammte Staatsleben durch Männer aus den verschiedensten Stän- den nacheinander aussprechen lässt, dergestalt, dass Baco dort als derjenige erscheint, welcher dem durch den dreissigjährigen Krieg zerrütteten Deutschland wieder auf- helfen will. Sollen aber, wie es den Anschein hat, die in jenem Gespräch durch verschiedene Personen vertretenen Ansichten Correcturen der Philosophie Bacos sein, wel- cher in dem Gespräch vorgibt, schon mit einer Schule, in der die Ursachen der Bewegungen und die Kräfte der Dinge gelehrt würden, und mit einer Anzahl Handwerker einen Staat und zwar— was sehr bezeichnend ist— ab ovo begründen zu wollen: so kann das nur als Beweis gegen die Unbegründetheit des Vorwurfes angesehen wer- den, als verlaufe sich die sonst allerdings reale Welt- ¹) Reg. Sp. p. 44. ²2) Von der Kunst reich zu werden p. 710. — 69— ansicht Schupps ebenso sehr, wie die Bacos auf das blos Nützliche. Denn es treten da Männer auf, wie Barklay und andere, welche auch die Wissenschaft und Künste dem Baco als für einen Staat notwendig empfehlen, und sogar der arme Lazarus, ausdrücklich nicht um durch sein Erscheinen in einem Traum die Welt noch superstitiöser zu machen, als sie schon ist, sondern um für Wolthätig- keitsanstalten zu sprechen. Gewis, so sehr auch Schup- pius auf die Realwissenschaften dringt, So gibt er diesen doch einen idealen Zweck. Denn alle Wolhabenheit und alles irdische Glück, welches durch dieselben begründet und gefördert werden soll, sind ihm ja doch wieder nur Werkzeug und Stoff der Tugend,¹) der sittlich-reli- giösen Gesinnung, der Gottesfurcht, des Einen, was Not thut. Damit dieses sich immer kräftiger und reicher entfalte, war es seine Lust zu sehen, wenn Verstand und Rührigkeit Wolstand förderten. Also nicht die Wissenschaft an sich, nur ihre Ent- artung, wie ihre Vermischung und Uebergriffe auf das religiöse Gebiet, auf die Sache des Glaubens per- horrescirte Schuppius im Interesse des Glaubens, der stets in dem Grade mehr aus dem Herzen schwindet, je sicherer und unverbrüchlicher er in Wörtern, Begriffen, Sätzen und Formeln liegen soll, aber auch im Interesse der Wissen- schaft selbst, denn nichts ist dieser gefährlicher, als wenn das, was Sache der gläubigen Erfahrung sein sollte, für baare Wissenschaft ausgegeben wird, wodurch noch jedes- mal wissenschaftlicher Aberglaube aufgekommen ist, und wenn das, was Gegenstand nur streng wissenschaftlicher Forschung sein kann, zur Sache des Glaubens gemacht ³) Von der Kunst reich zu werden p. 703. —. 70— wird, wodurch immer jene, die doch auch Bedürfnuss ist, sofort wieder aufgehoben wird. Das ist jedoch etwas ganz anderes, als wenn Schup- pius die Theologie auch überhaupt gar nicht mehr als Wissenschaft gewollt habe. Demn wenn er auch das für das Leben bestimmte Christentum, weil es weniger etwas Lehr- und Lernbares sei, als vielmehr durch Erfahrung angeeignet würde, nicht in der blosen Form der Lehre, der Theologie, auch der rechtgläubigsten Theologie, wollte- so misst er doch dankbar genug allen theologischen Doc- trinen einen nicht unbedeutenden formalen Wert bei, wie für die Bildung des Geistlichen, so auch für die Leitung der Seelen zum„Fischer- und Bauernhimmel“. Er war weit davon entfernt die Theologie als Wissenschaft, da sie keinen zum Heil absolut notwendigen Wert hat, nun auch als ganz überflüssig oder wenigstens bedeutungslos herabzuwürdigen, was überhaupt nur denen beifallen kann, die keinen Be- griff vom Begriff haben, die daher dadurch, dass sie das Wissen zum Glauben machen, auch den Glauben eben wieder in ein bloses Wissen verwandeln möchten. Aber freilich scharf abgegrenzt und genau bestimmt ist, bei Schuppius das Verhältniss von Christentum und Theo- logie, von Glauben und Wissen noch nicht; desshalb erscheinen wol auch seine gelegentlichen und concreten Aeusserungen oft widersprechend oder doch wenigstens so, dass man ihn bald mit Calov für einen guten Lutheraner damaligen Begriffs und bald mit Gottfried Arnold für einen solchen halten kann, welcher der„guten Sache“ der Lutheraner den grössten Abbruch gethan hat. Das macht aber, weil seine Ansichten mehr das Product der ummittel- baren Erfahrung des Lebens sind und deshalb, wie das Leben selbst, der Consequenz des Systems ermangeln. In- dess merkwürdig ist es immer, dass das, was die beson- —y— —— — — 7 nensten Denker in der neuesten Zeit auf dem Wege anthropologischer Forschungen mit mehr Schärfe und Con- sequenz, aber, wie es scheint, mit unverhältnissmässigem Erfolg zur Evidenz gebracht haben, und worum sich seit Spener alle Bewegungen in der protestantischen Theologie mit den extremsten Schwankungen drehen, schon vor Spe- ner ein Mann auf dem Wege des praktischen Bedürfnises auffand und, aus Mistrauen gegen die gesunde Logik seiner Zeitgenossen den langsamen Gang verstandesmäs- siger Ueberzeugung verschmähend, mit Ironie und Satyre geltend machte, nämlich das, dass die Theorie, welche sich jeder Mensch mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger zusammenhängend und vollkommen, mehr oder weniger nüchtern oder begeistert vom Glauben und sei- nen Objecten bildet, noch nicht sein Glaube selbst ist, dass die Bedürfnisse des Herzens anderer Art sind, als die des nur zum Distinguiren und Abstrahiren fähigen und nur die Dinge im Causalnexus begreifen wollenden und begreifen könnenden Verstandes, und dass der Glaube nicht sowol in Begriffen und Syllogismen, auch wenn diese, so unpassend freilich wie so vieles Andere, noch mit den Attributen„positiv“ und„objectiv“ geziert werden sollten, als vielmehr in Werken der Liebe und der Gerechtigkeit, und in einem vom Geiste Jesu Christi be- wegten und getragenen Leben thätig ist. =;— Will in Darmstadt. —2 8₰ 0 .— 2 Chr. Buchdruckerei: liche Kirche m ihrer Herrlichkeit offenbar werden, dass man bekennen müsste: Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen! Ref. möchte darum das Werk eine Arbeit für die Zukunft nennen. Nicht als ob man warten sollte mit der frischen Ausführung der hier gegebenen Li- turgien, welche das häusliche und kirchliche Leben von der Wiege bis zum Grabe in allen Verbältnissen und Einzelheiten umfassen: son- dern weil der Zustand der Haus- und Kirchgemeinde, wie er nach dieser Hausordnung gestaltet ist, jedenfalls ein herrliches Ziel ist, das betend und kämpfend erst erstrebt werden muss: Es hat Etwas lief Demütbigendes, wenn man nach der Durchsicht des köstlichen Werkes, die unwillkührlich aus der kritischen Nüchternheit in die Mitanbetung hinreisst, sich sagen muss: In wie vielen Häusern wird die Ausführung dieser Andachtsordnungen möglich sein? Ach wie weit ist die Kirche Gottes hinter ihrer hohen Bestimmung zurückgeblieben!— Ihr lieben Brüder im geistlichen Amte, hier habt ihr ein Buch der innern Mission, nehmt es zur Hand und richtet eure Hauskirche ein zum Vorbilde aller Hausväter eurer Gemeinde. Wenn je in der Ordnung ein Segen ist, hier kann er nicht ausbleiben. Ihr könnt überdies für Wochengottes- dienste, liturgische Casualandachten u. dergl. kaum etwas in der Lite- ratur finden, was dieser reichen Schatzkammer gleich käme. Ref. ent- hält sich der Aufzählung der gegebenen Reichthümer; eine solche würde den Raum für eine Anzeige überschreiten. Er wünscht viel- mehr, dass jeder der theuren Leser nicht säume, das Buch sich anzu- schaffen. Dem Verfasser aber drückt er die Bruderhand und wünscht den ganzen Segen auf sein Haupt und Haus, den der HErr auf diese Arbeit sicherlich legen wird. Dieffenbach, G. Chr., Kinderlieder(Original-Gedichte.) Mit einem Titelbild, Mutterliebe darstellend, gezeichnet und ra- dirt von J. B. Scholl. Lexicon 8. geb. fl. 1. 30 kr. oder 27 Naer. Wenn, wie schon Horatius lehrt, die Gabe des Liedes nicht Jeder- manns Ding ist, so ist es sicherlich noch viel weniger die Gabe des Kinderliedes. Nur ein kindliches Gemüth. das zugleich stark und fest genug ist, um durch die schwere Noth und den bittern Ernst des Le- bens hindurch die Harmlosigkeit und Einfalt, die anspruchlose Treu- herzigkeit und Naivität und jene liebenswürdige Empfänglichkeit, welche dem Kiadesalter eigen ist, hindurchzuretten,— nur ein solches Ge- mülh kann eine Stätte sein, wo der Quell kindlicher Poesie sprudeln mag. Solch eine Kindesnatur war Robert Reinick, dessen Wahlspruch war:„vor Menschen sei ein Mann, vor Gotft ein Kind“; eine solche Kindesnatur war auch W. Hey, der Fabeldichter der Kinder und, wenn wir weiter zurückblicken, Friedrich Rückert, welcher der Jugend von dem Bäumlein zu erzählen wusste, das spazieren ging und andre Blätter gewollt hat. Dass in unserer tendenziösen, eilenden, haschenden, durch materielle Noth und materiellen Erwerb prosaisch gestalteten Zeit Jemand Kinder- lieder dichten und singen könnte, wie sie uns Dieffenbach hier bietet, das hätte man fast für unglanblich halten mögen. Doch das war wohl nur in der friedlichen Stille und dem lieblichen Waldesdunkel des Odenwaldes möglich, wo die Stimme des Sängers durch das Toben und Lärmen des Weligetriebes nicht gestört ward! Willkommen sei uns der Gesang dieses Sängers, er ist es werth, dass wir, falls der Kindes- sinn uns nicht ganz abhanden gekommen ist, ihm lauschen und uns in die selige Zeit der Kinderjahre, wenn auch nur momentan, zurückver- setzen lassen. S Dieffenbachs Kinderlieder sind einem wirklich kindlichen Gemüthe Yeniquollen, das merkt man ihnen an; einem Gemüthe, das sich nicht erst mühsam und künstlich zur Spähre der Kinder herablassen oder gar herabschränken muss, sondern das in seinem innersten Wesen noch damit in Beziehung steht und verwandt ist. Eine kindliche, kindlich- schöne und kindlich-fromme Anschauung der Dinge tritt uns hier ent- gegen und alle diese so angeschauten Dinge, das Vöglein, das auf dem Aste sich schaukelt, der blühende Kirschbaum, die Blume des Feldes, wie das Fischlein des Baches uud die ihr Morgenlied singende Lerches Alles weist dies kindliche Gemütb hin auf Den, der die Blumen des Feldes kleidet und auch der Vögel unter dem Himmel nicht vergisst. 84 Kindern den Beruf, welchen wahre Poesie überhaupt hat: richten den Geist empor vor der Sinne rohem Schmaus und weisen ihn auf das Ewige und Unvergängliche, auf Gott hin. Dieffenbach bietet uns: 1) Fromme Lieder und Gebete aus dem Kindesleben, 2) Lieder und Bilder aus der Nalur, 3) Lieder und Bilder aus dem Menschenleben und 4) Wiegenlie der. Nicht Alles, was er uns gibt, ist von gleichem Werthe, aber Goldkörnlein sind doch in jeder dieser Reihen reichlich zu finden. Die Kindergebete sind einfach, kurz und dem Kindesleben durch- aus entsprechend. Möchten diese Kinderlieder Dieffenbachs doch in recht vielen Familien Eingang finden: eine segensreiche Wirkung auf die Kinderherzen ist ihnen gewiss. Ja vielleicht würde von der Kindes- freude und dem Kindesglauben dieses Sängers Etwas auf die Herzen der Eltern zurückströmen und er so doppelt segensreich wirken. Ein- sender, welcher weder den Dichter, noch den Verleger dieser Lieder persönlich kennt und sein Urtheil lediglich im Interesse der Sache gibt, hält eine solche doppelt segensreiche Wirkung dieser Lieder nicht für unmöglich aund sagt dem lieben Sänger aus dem Odenwalde für seine schöne Gabe seinen herzlichsten Dank. Andresen, K. G. Dr., über deutsche Orthographie. gr 8. geh. fl. 1. 30 kr. oder 27 Sgr. Für Schulmänner und Sprachforscher eine sehr wichtige Schrift. In Herrig's Archiv XVII. und Gersdorfs Repertorium 1855. 238 Heft. Mützell, Zeitschrift für Gymnasialwesen 1855. Juli— August, sehr anerkennend beurtheilt. Desselben Wortregister für deutsche Orthographie nebst grundsätzlichen Vorbemerkungen. gr. 8. geh. 27 kr. oder 8 Nger. Diese Schrift von demselben Verfasser die über deutsche Ortko- graphie 1855 in meinem Verlag erschien, und welche in allen wissen- schaftlichen Zeitschriften sehr rühmlich beurtheilt worden ist, und von der Jacob Grimm sagt: sie sei eine sehr bedeutende und hervorragen- 10) de, wird dazu beitragen diesen hochwichtigen Gegenstand unserer Spra- h che, auch bei denjenigen klar und fasslich zu machen, die nicht die gehörige Zeit auf solche Studien verwenden können, und darum sei sie dem gesammten Lebrerstand empfoblen. 2 D — A Vorläufer Speners, 4 für unsere Zeit dargestellt Colour& Grey Control Chart ees Blue Cyan Green vellow White Grey 1 Grey 2 Hed Magenta Grey 3— Grey 4 Black Mainz. Verlag von C. G. Kunze. 1857.