feessen 23 eul baA 1797 0 8 42/νᷣ [Rara (3028 —=-—————————— 2——-—-———— Separatabdruck aus dem Zentralblatt für Bibliothekswesen Begründet von Otto Hartwig Herausgegeben unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenossen des In- und Auslandes VOI Dr. Paul Schwenke Abteilungsdirektor der Königlichen Bibliothek in Berlin Leipzig Otto Harrassowitz Zentralblatt Bibliothekswesen. TXII. Jahrgang. 4. u. 5. Heft. April-Mai 905 Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gieſsen. Dies Bestände der Universitätsbibliothek zu Gielsen, zu der Land- graf Ludwig V. wenige Jahre nach der Gründung der Universität(1607) den Grundstock gelegt hatte, waren über zwei Jahrhunderte hindurch im alten Kollegienhause am Brandplatz(jetzt Landgraf Philipps-Platz) untergebracht gewesen. Zu Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahr- hunderts siedelte die Bibliothek in die durch die Verlegung der Garnison frei gewordene Kaserne auf dem Seltersberge über, in welches Gebäude sie sich fünf Jahrzehnte hindurch mit den Kliniken teilte. Als das auf der Stelle der ältesten Aula zu Anfang der dreiſsiger Jahre er- richtete Kollegienhaus auf dem Landgraf Philipps-Platz im Jahre 1878 von der Universität verlassen worden war, kehrte die Universitäts- bibliothek 1880 wieder zu ihrer alten Heimstätte zurück. Aber schon nach wenigen Jahren erwiesen sich die Räume des alten Kollegien- hauses als zu enge für das stetige Wachstum der Anstalt, deren Um- fang von 1300 Bänden im Jahre 1628 auf 200 687 Bände, 82 256 kleine Schriften und 1500 Handschriften im Jahre 1904 gestiegen war. Der von den Landständen bereits genehmigte Plan, dem eingetretenen Notstand durch die Errichtung eines Anbaues auf dem Gelände des botanischen Gartens zu steuern, wurde infolge der von dem Biblio- theksvorstand erhobenen Bedenken wieder aufgegeben. Im Jahre 1899 wurde in der nächsten Nähe des neuen Kollegienhauses ein Bauplatz erworben, im August 1901 geschah der erste Spatenstich; am 12. Novbr. 1904, dem Tage der akademischen Gedächtnisfeier der Geburt Philipps des Groſsmütigen, konnte in Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit des Groſsherzogs, des gesamten Ministeriums und von Abordnungen der Ständekammern die Einweihung des nach den Entwürfen und unter der Leitung des Groſsherzogl. Hessischen Bauinspektors August Becker erstandenen Neubaus erfolgen. Für die Gesamtanlage des Gebäudes war die Eigenart des spitz- winkelig zulaufenden Bauplatzes von wesentlichem Einflusse. Der zweigeschossige Verwaltungsbau ist mit einer verhältnismäſsig schmalen Front nach der Stephanstraſse gerichtet und verläuft nach rückwärts in zwei Flügeln, die zusammen mit dem nach Süden sich anreihenden Bücherhause einen Lichthof umschliefsen. Mit Bedacht hat man davon XXII. 4. g. 12 162 1 m. 2 ½ mm 400= Malsstab 1 Erdgeschoſs. tätsbibliothek Gieſsen. iversi Un Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gieſsen SRAA SivyeirrA- AAcOuv er — — I G 5 40 ‿ . NAAAN M 8 „ 8— 29 8 v N — △‿ s erMre acᷣN r1) 1 1 , o 771 7 711,f, 2109, V”1hi—, 7 Da, 7 5 iee 3 n 5 Me T. 8. I an oRKi See .NArn Oaoner von Herman Haupt 163 : 1 m. 2 mm 21 .400=— Maſsstab 1 Obergeschoſs. Universitätsbibliothek Gieſsen. 12* 164 Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gieſsen abgesehen, durch Verlängerung der beiden Seitenflügel des Verwaltungs- baus das Bücherhaus diesem hinsichtlich der Auſsenarchitektur enger anzugliedern. Indem man sich für einen einflügeligen Bücherbau ent- schied, erreichte man erstlich eine bedeutende Vereinfachung des Betriebs, ferner eine gröſsere Feuersicherheit und hatte endlich die Möglichkeit, dem Bücherbau, der jetzt in weitem Abstand von den Stralsenflüchten die Mitte des Baugeländes einnimmt, eine sehr beträcht- liche Breite zu geben, ohne dadurch die Belichtung des Bücherbaus irgendwie zu beeinträchtigen.¹) Die äuſsere Architektur ist in moderni- sierendem deutschem Barockstil gehalten. Die Hauptfront des Ver- waltungsbaus, für dessen äufsere Architekturteile mittelfränkischer (Rothenburger) Muschelkalk verwendet ist, wird von einem abgerundeten, durch Professor Varnesi mit reichem plastischem Schmucke versehenen Giebel gekrönt, der von zwei turmartigen Schieferhauben flankiert wird. Auf der Spitze des Giebels, über den mächtigen Fenstern des Lesesaals thront als Symbol der Wissenschaft eine Eule; zu beiden Seiten des Giebels ruhen Sphinxe. Die Wandflächen sind grau mit Terranova verputzt, die Sockel mit Basaltlava verkleidet. Auch die schwierige Aufgabe, der Auſsenarchitektur des siebengeschossigen Bücherhauses eine gefällige Gliederung zu geben, ohne die Bestimmung des Gebäudes zu verschleiern, ist vom Architekten unseres Erachtens in glücklicher Weise gelöst worden. Eine besondere Belebung verleiht der Fassade des Bücherhauses die Verwendung des in den verschiedensten Farben, ähnlich wie bunter Marmor, spielenden unterfränkischen Muschelkalk- steins, von dem sich die dunkelgrünen Kathedralglasfenster wirkungs- voll abheben. Das 4,80 m i. L. hohe Erdgescholfs des Verwaltungsbaus enthält zwei Säle für die Aufstellung der Handschriften, Urkunden und Wiegen- drucke(90 qm) und für die Unterbringung der Tafel- und Kupferwerke (80 qm)— letzterer ist mit Handaufzug nach dem Flur des Obergeschosses versehen—, einen mit Schauschränken versehenen Ausstellungsraum (34 qm), ein Dozenten-Lesezimmer(34 qm, mit 10 Sitzplätzen), einen Raum für die Auslegung der zum alljährlichen Versand bestimmten Universitätsschriften(29 qm), je ein Zimmer für die Abhaltung von palaeographischen Übungen und für die Aufbewahrung der Vereins- schriften und Archive der gelehrten Gieſsener Gesellschaften, ein zu- gleich dem Verkehr mit den Buchbindern dienendes Packzimmer mit Ausgang nach dem Hofe für Annahme und Beförderung von Fracht- sendungen(44 qm), einen zur Aufbewahrung der älteren Bestände des Universitätsarchivs bestimmten Sammlungsraum, endlich Aborte und eine Damengarderobe. Die Decken über dem Handschriften- und Aus- stellungsraum sind durchschlagsicher, die Türen zu diesen Räumen wie zum Archiv sind feuersicher aus Eichenholz mit Eisenblechbeschlag hergestellt; auch sind die drei Räume mit eisernen Fensterläden versehen. 1) Für die Einzelheiten der baulichen Ausführungen sind im folgenden die Mitteilungen der Baubehörde für die Universitäts-Neubauten mit Dank benutzt worden. 165 von Herman Haupt Das mit einem reichen Schmucke von Marmorsäulen, Wand- reliefs und kunstvoll verglasten Fenstern ausgestattete Treppenhaus — die Bildhauerarbeiten sind von Professor Varnesi in Frankfurt am Main geschaffen— führt zum Obergeschofs des Verwaltungs- baus, wo zwischen den beiden Türen des Lesesaals in Verbindung mit einem Wandbrunnen dem Freiherrn Renatus Carl von Senckenberg († 1800) eine Gedenktafel für seine der Bibliothek zugewandte reiche Stiftung errichtet worden ist. Auf einer zweiten Marmortafel ist eine Reihe weiterer Namen verzeichnet, deren Träger„sich in besonderer Weise um die Universitätsbibliothek verdient gemacht haben“. Die ganze Vorderfront des Obergeschosses wird von dem 185 qm groſsen und 8 m hohen Lesesaale eingenommen, der, nach NNO gelegen, sein Licht von drei Seiten empfängt. Zur Zeit enthält er 50 Arbeitsplätze, die sich bei späterer Vermehrung der Tische auf 80 Plätze bringen lassen. Der Raum für einen aufsichtsführenden Beamten und Diener und für die Bücherausgabe befindet sich an der Eingangsseite und ist durch eine halbkreisförmige Schranke umschlossen. Von den rechts und links von der Schranke befindlichen Türen dient die eine aus- schliefslich als Eingang, die andere nur als Ausgang, wodurch die Aufsicht wesentlich erleichtert wird. Die Handbibliothek des Lesesaals ist zum Teil an den Wänden, zum Teil auf der der Eingangsseite vorgelegten Galerie aus Eichenholz aufgestellt; mit dieser Galerie steht diejenige des anstoſsenden Zeitschriftenzimmers in direkter Verbindung. Das gesamte Holzwerk der Wandgestelle, Wandtäfelungen, der Galerie und Möbel ist schwarzbraun gebeizt, die prächtigen Schnitzereien an den Säulen, Galeriefüllungen und dem Aufsatz für die oberhalb der Galerie angebrachte groſse Wanduhr sind durch eine matte Vergoldung gehoben. Die Glasmalerei der gewaltigen Fenster, nach Entwürfen von Kunstmaler Bernhard Wenig in Hanau ausgeführt, ist in blauen und grünen Tönen gehalten, in bläulicher Tönung auch das Linoleum, die Pergamoidbezüge der Stühle, die Schreibunterlagen, Zettelkästen usw. Einen besonderen Schmuck hat der Lesesaal durch den als Bekrönung des groſsen Mittelfensters angebrachten, von dem Bildhauer Habich in Darmstadt geschaffenen Idealkopf erhalten, den man als Genius der Wissenschaft deuten mag. Die Tagesbeleuchtung des Lesesaals ge- schieht durch Seitenlicht, die künstliche Beleuchtung erfolgt durch zwölf an einem Kronleuchter vereinigte Osmiumlampen; die Arbeits- plätze werden aufserdem durch doppelarmige elektrische Tischlampen (mit Stromzuführung vom Fuſsboden aus), die Wandbüchergestelle durch einzeln schaltbare elektrische Lampen beleuchtet. Einen eigenartigen Gegensatz zu dem feierlichen und ernsten Charakter des Lesesaals bildet das anstofsende, 80 qm groſse Zeit- schriftenzimmer, dessen Eichenmöbel in gelbem Tone gehalten sind; der Linoleumbelag, die Bezüge der Stühle und sonstigen kleinen Aus- stattungsgegenstände sind rot, die eiserne Galerie weiſs mit rot durch- setzt, die Wände zeigen mattgelbe Färbung. Von der neuerdings mehrfach empfohlenen Auslegung der Zeitschriften auf nach vorne ge- 166 Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gielsen neigten Brettern ist um deswillen abgesehen worden, weil man be- absichtigte, möglichst alle im Besitz der Bibliothek befindlichen Zeit- schriften und namentlich auch die zahlreichen Periodica allgemein benutzbar zu machen, die der Bibliothek durch den Tauschverkehr der verschiedenen Gieſsener gelehrten Gesellschaften zugehen. Indem die sämtlichen Wandflächen mit Zeitschriftengestellen bis zur Höhe von 2,30 m versehen wurden, ist es möglich geworden, etwa 1200 Zeitschriften auszulegen. Die einzelnen Hefte liegen auf Pappen, die auf der Vorderseite nach unten umgebogen sind und auf den durch einen Leinwandfalz geschützten herabhängenden Streifen von 3 cm Breite und 27 cm Länge für die Aufschrift des Titels der Zeitschriften Raum bieten. Ein in Vorbereitung befindlicher gedruckter Zeitschriften- katalog wird es ermöglichen, diese lose liegenden, jederzeit auswechsel- baren Unterlagen mit gedruckten Titelbezeichnungen zu versehen. Eine Wandleiste dient aufserdem zum Aufhängen einer Anzahl von Tages- und Wochenzeitschriften, die in Zeitungshalter eingespannt sind. Im Zeitschriftensaal konnten 30 Sitzplätze eingerichtet werden. Die künst- liche Beleuchtung des Zeitschriftensaals sowohl als des gröſsten Teils der Beamtenräume geschieht aus Sparsamkeitsrücksichten durch Gaslicht. Doch ist jeder dieser Räume aufserdem noch mit elektrischer Beleuchtung versehen. Auch für die Gang- und Treppenbeleuchtung ist neben einer Reihe elektrischer Lampen— das Treppenhaus schmückt ein künstlerisch ausgeführter, für Nernstlicht eingerichteter Kandelaber— zugleich Gaslicht im Gebrauche. Ausschlieſslich elektrisch beleuchtet werden die Räume des Erd- und Kellergeschosses und das Bücherhaus. Die Räume des Obergeschosses(abgeschen vom Lesesaal) haben eine Höhe von 4,65 m i. L. erhalten. An das Zeitschriftenzimmer schlieſst sich nach rückwärts die Kleider- ablage und der Herrenabort an, alsdann die 61 qm groſse Ausleihe, die durch eine als Beamtengarderobe dienende Galerie mit dem jenseits des Hofes liegenden Katalogzimmer verbunden ist. In der Ausleihe werden die Arbeitsplätze der Beamten von dem Benutzerraum durch eine die ganze Länge des Zimmers durchquerende breite Schranke getrennt, die zugleich zur Aufnahme der auszugebenden und zurück- genommenen Werke bestimmt ist. Wie die sämtlichen Auflagebretter dieser Schranke ausziehbar sind, so ist auch das zunächst dem Platze des Ausleihbeamten befindliche Wandgestell auf Rollen gesetzt, um bei lebhafterem Geschäftsgang sich leicht an die Schranke heranschieben zu lassen.— Im Katalogzimmer(66 qm) sind die Zettelkataloge der Bibliothek in den im Jahre 1885 auf Veranlassung des Schreibers dieser Zeilen hergestellten„Gieſsener Katalogkapseln“ mit beweg- licher Vorder- und Rückwand untergebracht, die im Laufe der Jahre an einer Reihe von deutschen und auſserdeutschen Bibliotheken Ver- breitung gefunden haben. ¹) Durch eine Zettelstütze, welche das Ver- 1) Vgl. Zbl. f. Bw. Jg. 3. 1886. S. 20 ff. Im ganzen sind nach den Mit- teilungen des Verfertigers der Kapseln J. P. Sann in Gielsen zur Zeit 13 500 von Herman Haupt 167 schieben und Einknicken der Katalogzettel wirksam verhütet, ist das System in allerjüngster Zeit wesentlich vervollkommnet worden. Fünf mit Auszügen versehene Doppelgestelle dienen der Aufstellung der 500 Kapseln des alphabetischen und der 112 Kapseln des syste- matischen Katalogs. An das zugleich mit zwei Arbeitsplätzen für Beamte versehene Katalogzimmer schlieſst sich in der Richtung gegen den Lesesaal ein Beamtenzimmer(58 qm) mit vier Arbeitsplätzen an, alsdann das Zimmer des Kanzleibeamten, das zugleich als Registratur und als Vorzimmer des Direktors dient. Die Beizung der Möbel des mit Damasttapeten bekleideten Direktor- zimmers(30 qum) ist in silbergrauem, die Möbelbezüge sind in dunkel- violettem Tone gehalten, während die Möbel der Beamtenzimmer und der Sammlungsräume des Erdgeschosses teils in Nuſsbaumfarbe, teils oliven- farbig gebeizt sind. Die zum Teil mit reichen Schnitzereien und künst- lerisch ausgeführten Metallbeschlägen geschmückten Türen sind selbstver- ständlich in gleicher Weise wie die Möbel der betreffenden Räume getönt worden. Die Türen des Lesesaals und die ihnen benachbarten Türen haben aufserdem eine mit bildhauerischem Schmucke versehene Marmor- verkleidung erhalten. Der Fufsboden der sämtlichen Räume, auch des Bücherhauses, ist mit Linoleum belegt mit Ausnahme der Gänge und Aborte, für welche Terrazzo, und des Packraums, für welchen Buchenparkett, in Asphalt verlegt, gewählt worden ist; als Wand- bekleidung sowohl der Räume des Verwaltungsbaus, als des Bücher- hauses dienen abwaschbare, in hellgrünem Tone gehaltene sogenannte „Salubratapeten“. Im 3,30 m hohen Kellergeschofs befinden sich auſser dem Kessel- raum, den Kokskellern und einem Raum für Frischluftzuführung u. a. eine Werkstätte für den zugleich als Schlosser beschäftigten Heizer, eine Dunkelkammer für photographische Zwecke und eine Buchbinder- werkstätte. Der Koks wird vermittels eines auf Schienen laufenden Wagens unmittelbar an die Eingufſsstelle der Dampfkessel herangefahren; auch die Schlacken werden vermittels eines Flaschenzugs auf die Schienenbahn gebracht und von dort zu einem gegen die Schlacken- grube sich öffnenden Kellerfenster gefahren. Die Dienerwohnung, aus vier Zimmern und Küche bestehend, ist in einem zwischen dem Pack- raum und Katalog liegenden Zwischengeschoſs untergebracht. Die unter dem gegenüberliegenden Flügel des Verwaltungsbaus hindurchführende Einfahrt zum Binnenhofe teilt das Archiv in zwei Räume von un- gleicher Höhe, von denen der höherliegende durch eine um den ge- samten Raum herumgeführte Galerie zugänglich gemacht wird. Die Dachräume der beiden Flügel des Verwaltungsbaues bieten die Möglich- keit, eine Reihe von Gelassen einzurichten, von denen zunächst nur Kapseln unseres Systems im Gebrauch, davon 1200 bei dem preulsischen Gesamtkatalog, 4300 bei der Leitung des Thesaurus linguae Latinae, 750 bei der Universitätsbibliothek Prag, 940 in Königsberg, 1816 bei der Universitäts- bibliothek in Berlin, 245 bei der Leitung des deutschen Rechtslexikons. 168 Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gieſsen ein Raum als Heizerwohnung, ein anderer als Dienerkammer fertig- gestellt wurde. Das Bücherhaus— wir haben hier in Gieſsen von der Verwendung der üblichen Bezeichnung„Magazin“ und„Speicher“ geglaubt absehen zu sollen— setzt sich aus dem Kellerraum, einem Erdgeschosse von 2,05 m lichter Höhe, sechs Geschossen von 2,30 m lichter Höhe ¹) und einem Mansardengeschoſs zusammen, das zum Schutze gegen etwaigen Durchschlag mit einem in besonders starker Monier-Konstruktion aus- geführten Fuſsboden versehen ist. Mit dem Verwaltungsbau steht das Bücherhaus im vierten Geschofs sowohl durch das Katalogzimmer, als durch den Ausleiheraum in unmittelbarer Verbindung, im Erdgeschosse durch den Packraum, aufserdem noch durch die später zu erwähnende Nottreppe. Alle zum Bücherhause führenden Türen sind mit Eisen- blechbeschlag feuersicher hergestellt.— Mit Rücksicht auf die günstigen Lichtverhältnisse konnte dem 27,33 m langen Bücherhause die be- trächtliche Breite von 17,56 m i. L. gegeben werden. Davon entfallen 2,15 m auf den Mittelgang und je 0,66 m auf die beiden Seitengänge. Neben den nur 5 cm starken Monier-Zwischendecken des Bücherraums sind entlang den Längswänden in einer Breite von 0,66 m Eisenroste in erster Linie zum Ausgleich der Luftheizung, aber auch zur Ver- stärkung des Lichteinfalls, angeordnet. Zur Erleichterung der Luft- zirkulation sind ferner unter den Gestellen in den Zwischendecken Schlitze von einer Breite von 65 cm freigelassen, durch die zugleich den auf den obersten Brettern der einzelnen Geschosse stehenden Büchern ein grölſserer, in das nächsthöhere Geschoſs hineinreichender Stellraum zur Verfügung gestellt wird. Das für die Büchergestelle gewählte Lipmansche System ermög- licht die Verstellung der Buchbretter bis auf einen Abstand von 1 cm. Das unterste Buchbrett ist fest(im lichten Abstand von 6 cm vom Fuſsboden); darunter ist den Bodenschlitzen eine schmale Scheuerleiste vorgelegt. Sämtliche Buchbretter haben eine einheitliche Länge von 1 m und eine Dicke von 2 cm, die Oktavbretter eine Breite von 21 cm, die Foliobretter und untersten festen Buchbretter eine solche von 31 cm erhalten. Der oberste Teil der Gestelle konnte fast durchweg für die spätere Einhängung eines weiteren Buchbretts freigelassen werden. Der Abstand der Achsen der Doppelgestelle beträgt in unserem Bücherbau nur 1,90 m, also beträchtlich weniger als bei den in neuester Zeit aufgeführten Bibliotheksbauten. Die hierdurch erheblich schmäler gewordenen Zwischengänge zwischen den einzelnen Doppelgestellen (ea. 1,18 m) haben sich in der Praxis sowohl hinsichtlich der Belichtung, als auch für den Verkehr der Bücherwagen durchaus als ausreichend erwiesen. Angesichts der geringen Breite und Tiefe der Fensterpfeiler konnte ferner die Aufstellung der Doppelgestelle, ohne die Belichtung zu gefährden, in der Weise erfolgen, daſs die Gestelle abwechselnd 1) Die Verschiedenheit der Geschoſshöhen ergab sich aus der Notwendig- keit, eine direkte Verbindung des Bücherhauses mit dem Obergeschoſs des Verwaltungsbaus und dem Packraum zu ermöglichen. 8 8 von Herman Haupt 169 auf einen Pfeiler und auf ein Fenster auftreffen. An der südlichen Schmalseite des Bücherhauses sind in jedem Geschosse Holzgestelle von grölserer Tiefe zur Aufnahme der Groſsfoliobände angebracht worden. Im siebenten Geschoſs, das nur zum geringsten Teile in Gebrauch genommen wurde, haben ebenso wie an den nördlichen Schmalseiten der übrigen Geschosse die aus dem alten Bau herüber- genommenen Holzgerüste Wolff-Ebrardschen Systems Aufstellung ge- funden. Von der Ausführung von Ausstaube-Balkonen wurde mit Rücksicht auf die Einheitlichkeit der Auſsenarchitektur abgesehen. Als vollständig ausreichender Ersatz dienen die an jedem zweiten Fenster angebrachten, 87 em langen Auflegebretter, die sich um eine horizontale Achse drehen und nach Oeffnung der oberen Fensterhälften sich nach aufsen verlegen lassen. In gewöhnlicher Lage dienen die Bretter als Schreibepulte. Dem Zurückfliegen des ausgeklopften Staubs in den Bücherraum wird durch Vorhänge vorgebeugt, welche von den Fenster- pfeilern aus an einer an der Decke angebrachten halbkreisförmig ge- schwungenen Eisenstange um den Standort des Ausstaubenden sich herumzichen lassen. Die nahezu die ganze Geschoſshöhe einnehmenden eisernen Fenster des Bücherhauses sind— mit Ausnahme der Aus- staubefenster— feststehend mit nur einem Lüftungsflügel hergestellt und auf der Sonnenseite mit Kathedralglas, auf der Ostseite mit ge- wöhnlicher Verglasung versehen. Dem Verkehr innerhalb des Bücher- hauses dienen zwei eiserne Treppen mit Holztritten und ein elektrischer Aufzug, der zur Zeit nur zur Beförderung der Bücherwagen dient, aber so angelegt ist, daſs er unschwer sich für die gleichzeitige Beförderung eines Bücherwagens und eines Begleiters einrichten lälst. Zugleich als Nottreppe und zur Verbindung der Geschosse mit dem Dachraum des Verwaltungsbaus und des Bücherhauses dient ein im Hofe dem Bücherhause vorgelegter Turm mit steinerner Wendeltreppe; ein zweiter Treppenturm neben der Einfahrt in den Binnenhof vermittelt den Zu- gang zum Dachraum des östlichen Flügels des Verwaltungsbaus.— Das Bücherhaus wird elektrisch beleuchtet und zwar derart, dals die Lampen des Mittelgangs sowohl vom Eingang her, als von den Treppen aus schaltbar sind; in jedem Zwischengang zwischen den Doppelgestellen ist ferner eine vom Mittelgang aus schaltbare Deckenlampe angebracht, während die in jedem Geschosse an der südlichen Schmalseite an- gebrachten Tische mit elektrischen Stehlampen versehen wurden. Die höchsten und die niedrigsten Signaturnummern der auf jedem Doppel- gestell befindlichen Bücher sind auf Tafeln verzeichnet, die an den gegen den Mittelgang und die Seitengänge gekehrten Schmalseiten der Doppelgestelle angebracht sind; hierbei wurden auf Pappe gedruckte auswechselbare Ziffern verwendet. Aufserdem sind noch für jede Meter- abteilung der Gestelle(also jedesmal für 3— 6 Meterreihen) die niedrigsten und die höchsten Signaturnummern auf kleine Signatur- schilder handschriftlich verzeichnet worden; diese Schilder stecken, durch vorgelegte Gelatineplättchen gegen Verstaubung geschützt, in Blechrähmchen, die an die Vorderseite der Legebretter angeheftet sind. 170 Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gieſsen In sämtlichen Beamtenräumen sowohl, als in jedem Geschosse des Bücherhauses sind Stationen der Haustelephonleitung(insgesamt 11. Stationen), aufserdem 6 Anrufstellen der Klingelleitung eingerichtet. In Aussicht genommen ist ferner eine Rohrpostverbindung zwischen Lesesaal und Katalog einerseits und zwischen Katalogzimmer und den einzelnen Bücherhausgeschossen andererseits; für die erstgenannte Strecke sind vorläufig die Rohre verlegt worden. Die Erwärmung geschieht durch drei Niederdruck-Dampfkessel und zwar im Verwaltungsbau ausschlieſslich vermittels Radiatoren, im Bücherhaus vermittels Heizschlangen, die sich an den Längswänden des 1., 3. und 5. Geschosses hinziehen und noch durch 4 Radiatoren im Erdgeschoſs unterstützt werden. Die Räume des Verwaltungsbaus werden ferner von einer mit Verdunstungsbecken versehenen Vorwärme- kammer aus mit feuchtwarmer, frischer Luft versorgt und durch Ventilationsschächte entlüftet. Der zeitweiligen gründlicheren Ent- lüftung des Lesesaals soll aufserdem noch ein besonderer Saug- ventilator dienen. Die Gesamtansichtsfläche der zur Zeit im Bücherhaus aufgestellten Repositorien beträgt rund 5100 qm; nach vollständiger Einrichtung des siebenten Geschosses wird sie sich auf 5600 qm erhöhen; auſserdem wird noch das Mansardengeschofs sich mit Gestellen versehen lassen. In seiner jetzigen Ausdehnung wird das Bücherhaus noch den Zugang der nächsten 25 bis 30 Jahre aufnehmen können; alsdann wird eine leicht ausführbare Verlängerung des Baus nach Süden und die Er- bauung von zwei Seitenflügeln in Frage kommen, die dann für den neuen Zuwachs auf lange Dezennien hinaus Raum schaffen werden. Der Gesamtumfang des Geländes der Universitätsbibliothek beträgt 5725 dqm, wovon 1400 qm bebaut, 4325 qm unbebaut sind.¹) Der Uebergang des anstoſsenden städtischen Geländes in staatlichen Besitz ist wohl nur eine Frage der Zeit. Die Kosten der Erwerbung des Baugeländes betrugen 66 000 M., die Baukosten 526 000 M., mit welcher Summe indessen auch die Ausgaben für die innere Einrichtung und für den Umzug bestritten worden sind. Die eigentlichen Baukosten einschlieſslich der Büchergestelle beliefen sich auf 464 000 M., die Kosten für die Nebenanlagen auf rund 20 000 M. Bei einem um- bauten Raume von 12 960 chm stellte sich der Preis für den umbauten Kubikmeter beim Verwaltungsbau auf 20,90 M.; beim Bücherhaus, wo der umbaute Raum 10 203 cbm beträgt, beläuft sich der Preis auf 18,90 M. 1) Hiernach sind die im Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken Jahrg. 3. S. 122 f. mitgeteilten Zahlen zu berichtigen. Gieſsen. Herman Haupt. L. 9 5 v AIII 4 1! ummg 15 AA v Trnnnmnnunnn minnandannenauam Aietahl wnnaammm Oem 1 2 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14