3 “ ASGEBER Hl HER — 4 KMhhheneenahm 9B GiESSEN Mhdaddgidihac 11 9092 912 4 e . ci TIIIII=Ee— snnn 1 ————⸗ I— 8 Sep. 987 „ ſat 6 82 5 7 arg. ee. er 1 dA 1 1 9 10 728 89 N. 4 7 4 8 2 t59 S 888 — 9 1 Heh 479 9 8 858 4 X ‿ ANW — Die Frauenbewegung, ihre Siele und ihre Bedeutung von Elsbeth Rrukenberg. Tübingen Verlag von J. C. B. Mohr(Paul Siebeck) 1905. Druck von H. Laupp jr in Cübingen. — Alle Rechte vorbehalten.— 8* 7 8— , S A Ob ich nit mag gewinnen Noch muß man ſpüren Treu. L. hilger gewidmet. 08. AN. 1975 14 I 24 MRZ. 1975 11R0 2 1. OKl. 1975 28. dp 97 — 28 R10 0 7. HiRZ. 1978 07 R0 3 )1ſadn 02 R 08 03. Jan, 1980 D5no Lebensfragen Schriften und Reden herausgegeben von heinrich Weinel N NN DN DN0.N D DwA D MA ,p, Inhaltsangabe. Sur Einführung T. VIII. 2 XI. Die Brot⸗ und Rotfrage. Obligatoriſche Fortbildungsſchulen für die aus der Volksſchule ent⸗ laſſenen Mädchen. Die Mädchen höherer Stände. Häusliche Erziehung. Berufsſchulung. Lehrerinnenbildung und Mädchenſchule. Der allg. dtſch. Lehrerinnenverein. Einſtellung der Frauen in die Schulaufſichtsbehörden. Frauenſtudium und Mädchengymnaſium Frauenberufe. Soziale hülfsarbeit. Die Frau als Aerztin und Predigerin. Die Frau in der Vormundſchaft, in der kommunalen Armen⸗ u. Waiſenpflege. Frauen⸗ und Mädchengruppen für ſoziale Hülfsarbeit Die Sittlichkeitsfrage Alkoholmißbrauch. wonung:nos au klärungsunterricht Mann und Weib. Die Stellung der Senn im Familienrecht. Die uneheliche Mutter Hausfrauen⸗ und Mutterpflichten. Mut⸗ terſchaft und Beruf. Die verheiratete Fabrikarbeiterin. Mutter und Tochter. Erziehung geſunder Frauen Stählung der Frau für die Berufsar⸗ beit. Einſame Frauen. Heime. Klubs Seite 108 140 164 184 211 231 Xll. Die organiſierte Frauenbewegung XIII. Frauenbewegung und Arbeiterinnen⸗ bewegung. Genoſſenſchaftsweſen. Vereinsrecht. XIV. Frauenſtimmrecht. UHirchliches, kommunales, politiſches Stimmrecht der Frau. Schlußbetrachtungen Anhang: Ueberſicht über die 190 Mitgliedsvereine des Bundes deutſcher Frauenvereine.. Regiſter 281 Zur Einführung. Einen Ueberblick zu geben über die Bedeutung der Frauen⸗ bewegung für das Ringen und Sehnen unſerer Zeit, auf die Fiele hinzuweiſen, denen dieſe immer machtvoller um ſich grei⸗ fende Bewegung zuſtrebt, die Gründe darzulegen, die die Frauen⸗ frage zu einer„Lebensfrage“ auch für ſolche machen, die ver⸗ innerlicht zu denken und ihr Leben danach zu geſtalten ver⸗ ſuchen, iſt der Zweck dieſes Buches, das nur für Fernſtehende außerhalb des Rahmens zu ſtehen ſcheint, der die ſämtlichen zu den„Lebensfragen“ zuſammengefaßten Veröffentlichungen ein⸗ heitlich umſchließt. Nicht jedes Einzelgebiet, das darin geſtreift wird, kann eingehende Beachtung finden. Umfaſſende Darſtellung aller Spezial⸗Krbeitsfelder zu geben, muß Sache fachkundiger Spezial⸗Rrbeiter bleiben, denen wir denn auch bereits erſchöp⸗ fende Darſtellungen ein und des anderen Gebietes verdanken. Zu einem Werke von bleibendem Werte ſind eine Reihe ſol⸗ cher Einzeldarſtellungen in dem handbuch der Frauen⸗ bewegung(herausg. helene Lange und Gertrud Bäumer, W. Möſers Verlag, Berlin, 4 Bde.) vereinigt, das in objektiv wiſſenſchaftlicher Art eine Fülle grundlegenden Materials bietet, wie es— vor dem Erſcheinen dieſes Werkes— nur Verein⸗ zelten, mit der Bewegung bereits Vertrauten und auch dieſen nur mit großem Aufwand an Mühe und immer nur ſtückweiſe, unvollſtändig zu Gebote ſtand. Aber dies hHandbuch iſt, ſchon allein ſeines Umfanges wegen, weiteren Kreiſen ſchwer zugänglich. Dazu kommt, daß die Frauenbewegung ſich im vollem Fluſſe Krukenberg, Frauenbewegung. 1 befindet. Jeder Tag faſt bringt Neues, bringt Sortſchritt, bringt vertiefte Erkenntnis. Von Jahr zu Jahr ſchwillt der Stoff an, von Jahr zu Jahr wird es dem Draußenſtehenden ſchwe⸗ rer, ſich über das zu orientieren, was die in der Frauenbe⸗ wegung arbeitenden Frauen als zu ihrer Aufgabe gehörig an⸗ ſehen, und den Gründen nachzugehen, die dieſen Frauen Veran⸗ laſſung ſind, ihre Cätigkeit auf immer neue Arbeitsfelder auszudehnen. Darum dürfte das vorliegende Buch nicht überflüſſig er⸗ ſcheinen. Die Verfaſſerin gibt darin wieder, was ſie ſelbſt miterlebt und mitzuerkämpfen verſucht hat. Sie gibt es ſo, wie ſie es erlebte, wie es in ihr zu lebendig wirkender Ueber⸗ zeugung geworden iſt. Sie legt damit Zeugnis ab für das, was ſie mit froher Zuverſicht erfüllt: daß die Frauenbewe⸗ gung Mittel und Werkzeug bedeutet, unſer volk aufwärts zu neuer Kraft und zur Ver⸗ edlung zu führen. Darum iſt dieſe Bewegung im wahren Sinne des Wortes zu einer Lebensfrage für unſer deutſches Dolk— geworden. Kaum etwas anderes erſcheint in gleicher Weiſe wie Arbeit im Dienſte der Frauenbewegung geeignet, den Geiſt echter Religioſität, den Geiſt der Liebe und Güte und Gerech⸗ tigkeit in uns zu ſtärken, der nicht an beſtimmte Formen und Dogmen gebunden zu ſein braucht, auch wenn er ſehr wohl in altüberlieferten Sormen lebendig geblieben ſein kann. Wie wir auch denken mögen über die Lehren dieſer oder jener Rirchengemeinſchaften, über die Perſönlichkeit und Bedeutung deſſen, nach dem unſere Chriſtengemeinden ſich nennen: in dem Verſuche— ſoviel an uns iſt— wahre nachfolger Jeſu, d. i. Tat⸗ und Geſinnungschriſten zu werden, Religion nicht nur in der Uirche zu bekennen, ſondern ſie in unſer ganzes Leben hineinzutragen, auch unſer öffentliches Leben— ſoweit das ASA angängig iſt— mit wahrhaft evangeliſchem Geiſt zu erfüllen, in ſolchem Verſuche können ſich alle vereinen, die ſich in den Dienſt unſerer Bewegung geſtellt haben. Alle, denen Religion mehr bedeutet als Form und Gebärde. Jeſus iſt Meiſter, iſt Vorbild für alle, die zur chriſtlichen Kirche ſich halten. Jeſus nennen mit Ehrfurcht auch ſolche, die ſich— von naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Anſchauungen ausgehend— von allem frei ge⸗ macht haben, was die Rirche ihnen zu geben verſuchte. Vor dem Menſchen Jeſus mit ſeinem reinen, ſelbſtloſen Streben beugt ſich auch der von ſozialdemokratiſchen Ideen Erfüllte, der ſchärfer vielleicht noch als wir den 5wieſpalt empfindet zwiſchen wahrer Nachfolge Jeſu und unſerem offiziellen, Leben und Geſinnung der Weltkinder oft ſo wenig beeinfluſſenden Mirchenchriſtentum. In dem Verſuche, die Kraft unſeres Glau⸗ bens durch die Reinheit und Selbſtloſigkeit unſeres handelns zu beweiſen, finden wir uns mit ngehörigen aller Bekennt⸗ niſſe und Kirchengemeinſchaften zuſammen. Insbeſondere auch mit vielen von denen, aus deren ſo vielgeſchmähtem und ver⸗ folgten Volke Jeſus hervorgegangen, die— ethiſch und ſitt⸗ lich hochſtehend— in ihm den größten ihrer von göttlicher Nraft erfüllten Männer um ſo klarer und reiner erkennen würden, je mehr wir uns in dem, was wir von ihm zu wiſſen vorgeben, beſcheiden wollten, je mehr wir— Jeſu Beiſpiel nachlebend— uns vor dem einen unfaßbaren Urquell alles Lebens in Demut und Unwiſſenheit beugen. In keiner Geſtalt der Geſchichte iſt die göttliche, auf immer vollkommener werdende Entwicklung hinwirkende Kraft ſo mächtig und rein zu Tage getreten, in keiner hat ſie ſo nach⸗ haltige Wirkung gezeitigt, wie in Jeſus. Die Richtlinien die er gezeichnet, ſind auch für uns noch verbindlich. Auch die Frauenbewegung— in ihren tiefſten treibenden Kräften er⸗ faßt— erſcheint als Wirken derſelben Macht, die den Men⸗ ſchen in Jeſus den Weg zu reineren Höhen gezeigt hat. 3u lichteren, reineren höhen ringt auch die Frau ſich hindurch. Nicht um ihrer ſelbſt willen allein tut ſie das, ſondern um auch dem nachkommenden Geſchlecht, auf das ſie als Mutter entſcheidenden Einfluß zu üben berufen iſt, Pfadweiſer zu wer⸗ den. Je reiner und unverfälſchter die Frau ihr Empfinden wahrt, je mutiger ſie für ihre Ueberzeugungen eintritt, um ſo ſicherer wird ſie auch den Mann herauslöſen aus einem ihn oft genug zu unwürdigen Kompromiſſen herabziehenden Leben. Der Einfluß der Frau war ein großer, war Mut und Begeiſterung weckend bei unſeren auf Zucht und Sitte halten⸗ den, kraftvollen germaniſchen Vorfahren. Er war mächtig auch bei den erſten von Jeſu Geiſt noch unmittelbar berührten Chriſtengemeinden. Dieſen Einfluß aufs neue zu gewinnen, iſt pflicht der Frauen. Kuch für die Kämpfe der Gegenwart würde das Gutes bedeuten. Hand in hand mit ſolch idealem Streben aber gehen in der Frauenbewegung rein praktiſche, ſcheinbar nüchtern all⸗ tägliche Aufgaben. Wir dürfen ſie nicht zu niedrig einſchätzen. Auch im Löſen ſolcher Kufgaben bildet ſich und bewährt ſich der Menſch. Auch auf die praktiſchen Arbeitsfelder, die ſich den Frauen eröffnen, ſoll dies Buch einzugehen verſuchen, ſoll — in loſe aneinandergereihten Kapiteln— zeigen, wie ideelles, und praktiſches Streben in unſerer Bewegung untrennbar ver⸗ eint iſt, wie auch das ſcheinbar alltägliche an Bedeutung ge⸗ winnt, wenn man es in den Zuſammenhang hineinrückt mit der ganzen Bewegung, die auf dieſe Weiſe immer umfaſſender und vielgeſtaltiger wird, von der nichts unberührt bleibt, was den Menſchen aufwärts entwickelt, was Menſchen mit Men⸗ ſchen verknüpft. ==— (☛ S 1 Die Brot⸗ und Notfrage. Obligatoriſche Fortbildungsſchulen für die aus der Volksſchule entlaſſenen Mädchen. Die Frauenbewegung wurde lange Seit als eine lediglich durch die wirtſchaftliche Not der Frauen hervorgerufene Be⸗ wegung aufgefaßt und daher oft als Brot⸗ und Notfrage be⸗ zeichnet. Als ſolche erſchien ſie weiten Kreiſen recht unbequem, für den im Erwerb ſtehenden Mann wenig erfreulich, aber doch wie ein unabwendbares, durch den ö5wang hervorgeru⸗ fenes Verhängnis. Angeſichts der Tatſache, daß wir rund eine Million Frauen mehr als Männer in Deutſchland haben(1882: 988962; 1895: 951684; 1900, wo auch die z. B. auf aus⸗ wärtigen Schiffen ſich aufhaltenden Männer ermittelt und mit⸗ gezählt wurden: 892684), kann ſich auch der konſervativſte Geiſt nicht länger der Einſicht verſchließen, daß es einfach Men⸗ ſchenpflicht iſt, dieſen hunderttauſenden von Frauen Erwerbs⸗ möglichkeit zu ſchaffen. Es fehlt dieſen Frauen das eigene Haus, in das man ſie ſo gern verweiſen möchte, denn es fehlen hunderttauſende von Männern, um alle Frauen ihrem natür⸗ lichſten Berufe als hausfrau, Gattin und Mutter, zuzuführen. hunderttauſende von Frauen müßten ſelbſt dann allein— ſich ſelbſtändig ernährend— durchs Leben gehen, wenn alle vorhandenen Männer heiraten wollten und könnten, was aber keineswegs der Fall iſt. Die iffern der erwerbstätigen Frauen geben uns davon ein Bild ¹). *) Ich entnehme die folgenden Zahlen dem 1004 neu erſchiene⸗ nen Werke: E. Gnauck⸗Kühne, Die deutſche Frau um die Jahr⸗ hundertwende. Otto Liebmanns Verlag, Berlin. zählen wir alſo in Deutſchland nahezu 4 Millionen ehemün⸗ AA— Von 6578 350 weiblichen Erwerbstätigen waren: 605 115 ledig unter 16 Jahren 3940 711 ledig ehemündig 1057595 verheiratet 3 974931 verwitwet zuſ. 6578575656 CTrotzdem wir nur 1 Million Frauen⸗Ueberſchuß fanden, dige unverheiratete im Erwerbsleben ſtehende Frauen, dazu faſt 1 Million Witwen, die ebenfalls erwerbend tätig ſind. Die alleinſtehenden, berufsloſen Frauen, die von ihrem ei⸗ genen Vermögen oder dem ihrer Angehörigen leben, wurden dabei noch nicht berückſichtigt. Sie vermehren ſelbſtverſtänd⸗ lich noch die Schar der Eheloſen. Solche Zahlen könnten nun den Eindruck hervorrufen, als wenn auffallend wenig Frauen zur Ehe gelangten, die Ehe als Beruf nicht mehr ſo häufig wie früher in Betracht käme. Dem iſt aber nicht ſo. Drei Viertel aller Frauen(77%) heiraten). Aber infolge der frühern Sterblichkeit der männer iſt nach dem 50. Lebensjahre die hälfte der Frauen wieder alleinſtehend. Kuf die Urſachen, die dieſer früheren Sterblichkeit der Männer wohl mit zu Grunde liegen können, komme ich an anderer Stelle zurück. hier genüge der Hinweis, daß es Millionen von Frauen gegenüber Kurzſichtigkeit, ja Grauſamkeit iſt, die Frau— wie das immer noch hie und da geſchieht— lediglich als für hausfrauen⸗ und Mutterpflichten beſtimmt anzuſehen, daß es Grauſamkeit iſt, ſie unvorgebildet als ungeſchulte Krbeiterin ins Erwerbsleben hinauszuſchicken. Berufsausbildung iſt für jede Frau dringend notwendig. ¹) die Geſamtzahl der Frauen betrug 1895 in Deutſchland: 26 361 125. A— Aber angeſichts der Tatſache, daß, wie ich vorhin anführte, immer noch drei Viertel aller Frauen heiraten, dieſe alle alſo, wenn auch nur vorübergehend, in haus und Familie tätig ſind, muß es als ungenügend bezeichnet werden, wenn den Mädchen ausſchließlich Berufsbildung zu teil wird. Mit Recht wird von den verſchiedenſten Seiten hervorgehoben, daß die Frau, unwiſſend in häuslichen Dingen, dem hausfrauen⸗ beruf nicht voll genügen kann. Daß ſie, wenn ſie keinerlei An⸗ leitung dazu empfängt, das ihrer Verwaltung anvertraute Geld nicht in einer für Geſundheit und Wohl der Familie zweck⸗ mäßigen Weiſe zu verwerten verſteht. Daß ſie, als vermögende Frau, in der haushaltsführung abhängig wird von ihren Un⸗ tergebenen, während man doch ſonſt danach ſtrebt, die Unſelb⸗ ſtändigkeit und Abhängigkeit der Frau möglichſt zu beſeitigen. Darum müſſen wir, wenn wir die Frau fürs Leben richtig ausſtatten wollen, auf doppelte Ausbildung bedacht ſein: für die Ehe, den Hausfrauen⸗ und Mutterberuf muß ſie tauglich gemacht werden, muß aber zugleich Wiſſen auf einem Spezial⸗ gebiete erwerben, das ihr die Möglichkeit gibt, in die Reihe der Berufsarbeiter einzutreten. Wenn man in früheren 5eiten den Ueberſchuß an Frauen weniger drückend empfand, wenn die Frauen ſelbſt ſich nicht ſo eingeengt, ſo benachteiligt fühlten, wie das heutigentages der Fall iſt, ſo lag das daran,— ich wiederhole damit ſchon oft Geſagtes— daß das haus, in dem nicht nur konſumiert, ſondern auch produziert wurde, eine viel größere Zahl weib⸗ licher hände beſchäftigte, es lag daran, daß die Erziehung der Töchter, für die erſt allmählich Schule und— wenn möglich— anſchließendes Penſionsjahr Sitte wurde, in weit ausgedehn⸗ terem Maße der Mutter reſp. im hauſe helfenden weiblichen Kräften zufiel. Die Maſchine löſte die Handarbeit, fabriks⸗ EE ABA— mäßige Produktion hauswirtſchaftliche Produktion ab. Kuch das immer mehr zunehmende Wirtshausleben der früher in der Familie des Lehrherrn wohnenden jungen Männer engte den Wirkungskreis vieler Frauen ein, machte ſie ärmer an pflichten, machte hülfe im hauſe entbehrlich. So kann es uns kein Wunder nehmen, wenn immer mehr unverheiratete, nun zugleich unbeſchäftigt gewordene Frauen aus dem hHauſe hin⸗ ausſtreben. Zwingende Notwendigkeit iſt es einfach geworden, den Frauen, die im hauſe keine Werte mehr ſchaffen können, außer dem hauſe Raum dafür zu gewähren. Den Frauen, die in Berufe außer dem hauſe eintreten, tüchtige Berufsbildung zu geben, gebietet aber nicht nur die Rückſicht auf ſie ſelbſt, es liegt auch im eigenen Intereſſe der im Konkurrenzkampf ſchwer ringenden Männer. Denn der ſchlimmſte Feind im Wettbewerb iſt das Unterbieten von ſeiten ſchlecht gebildeter, daher zu jedem Preis arbeitender Kräfte. Um der Unterkonkurrenz vorzubeugen, iſt für die berufstätige Frau möglichſt gleiche Ausbildung zu erſtreben wie ſie dem berufstätigen Manne zuteil wird. Neben der Berufsbildung aber— das iſt die beſondere Schwierigkeit, die es bei der Kus⸗ bildung der Mädchen zu löſen gilt— darf, angeſichts einer doch immer möglichen Heirat, die Vorbereitung für haus⸗ frauen⸗ und Mutterpflichten nicht ganz hintenanſtehen. Daß in vielen Fällen Kusbildung für hausfrauen⸗ und Mutter⸗ pflichten, ſofern ſie gründlich betrieben wird und das be⸗ treffende Mädchen Geſchick und Neigung zu häuslicher Arbeit, zum Kinderpflegen oder Erziehen hat, zugleich Vorbildung für das Erwerbsleben bedeutet, iſt ſelbſtverſtändlich und dann ein⸗ fachſte geſundeſte Löſung der ſo ſchwierig ſcheinenden Frage. Für die anderen Mädchen aber gilt es, neben ihrem Spezial⸗ arbeitsfelde, das ſie ſich— wie der Mann— nach Möglichkeit frei wählen ſollen, der Pflichten zu gedenken, die das Allge⸗ meinwohl von ihnen fordert. hHausfrauen und Mütter braucht unſer Volk, wie es der ſchirmenden Kraft des ſeiner Militär⸗ pflicht genügenden Mannes bedarf. Die Mädchen für ſolche doch möglicherweiſe an ſie herantretende pflichten vorzubereiten, iſt für unſer Volkswohl von hoher Bedeutung. Trotzdem aber war und iſt die Ausbildung der Srau ein Stiefhind des Staates. Für Schulung der Rnaben wird auch über die Schulzeit hinaus in umfaſſender Weiſe Sorge getragen. Die Schulung der Mädchen, überläßt man, ſobald die Schul⸗ zeit vorbei, dem Zufall, man überläßt ſie dem guten Willen, der doch nicht immer vorhandenen Sähigkeit der Mütter, ihre Töchter ſelbſt anzuleiten. Für die Knaben errichten Staat und Gemeinde Schulen aller Art aus öffentlichen Mitteln. Die Mehrzahl der Mädchenſchulen iſt Privatunternehmen oder von Vereinen— alſo wieder aus Privatmitteln— begründet. In beſonders ſchroffer Weiſe tritt die verſchiedene Wer⸗ tung von Rnaben⸗ und Mädchenausbildung in dem Fortbil⸗ dungs⸗ und Fachſchulweſen für die aus der Volksſchule ent⸗ laſſenen Kinder zu Tage. Sahlen ſind der beſte Beweis: 12 500 Sortbildungs⸗ und Fachſchulen für Männer ſtanden i. J. 1902 in Deutſchland nur 2600 Fortbildungs⸗ und Fach⸗ ſchulen für Mädchen gegenüber¹), und wenn man Baden und Württemberg abrechnet, die für die Mädchen pflichtbeſuch für die Fortbildungsſchule haben ſo gut wie für die Rnaben(68000 Mädchen beſuchten i. J. 1902 in Baden und Württemberg dieſe Schulen), ſo bleiben für ganz Deutſchland nur 38000 Mädchen ¹) Dgl. Fortbildungsſchul⸗Korreſpondenz. Herausgeber Direktor O. Pache. No. 18. 15. Juli 1902. chen und hauswirtſchaftlichen Ausbildung außer dem hHauſe gegeben wurde. 540 000 Sortbildungs⸗ und Fachſchüler männ⸗ 3 lichen Geſchlechtes gab es demgegenüber i. J. 1902 in Deutſch⸗ land. hunderttauſende von Frauen und Mädchen gehen alljähr⸗ lich ins Erwerbsleben hinein. Im Jahr 1895 waren— von 14— 18jährigen Mädchen— in häuslichen Dienſten tätig: 218000; in ſonſtigen Erwerbszweigen 443 000 ¹).— 739 755 Frauen und Mädchen arbeiteten 1895 in Fabriken*), 120000 kauf⸗ männiſch Angeſtellte zählte man 1905 in Deutſchland.— Der überwiegenden Zahl dieſer Frauen fehlt erſtens die Möglich⸗ keit, Fachbildung zu erwerben. Es fehlt ihr ferner die Gelegenheit, obwohl gar viele ſich verheiraten, ſich haus⸗ wirtſchaftlich zu ſchulen. Von der Schule geht es mei⸗ ſtens direkt in die Arbeit außer dem hauſe hinein. Die oft ebenfalls berufstätige Mutter hat keine 5eit, oft auch nicht 8. ausreichende Kenntniſſe, die Tochter im Haus anzuleiten. Wie die Fabrikarbeiterin iſt auch die in anderen Krbeitszweigen mitverdienende Frau(Waſchfrau, Putzfrau, Packerin, land⸗ wirtſchaftliche Arbeiterin u. ſ. w.) den ganzen Tag außer haus tätig. Daß es für ſie unmöglich iſt, ſich um ihre Töchter zu kümmern, ſelbſt wenn ſie— was aber ſelten genug der Fall iſt— die Renntniſſe dazu beſitzt, braucht nicht beſonders aus⸗ geführt zu werden. Auch für die im Geſchäft, im Laden oder in der Werkſtatt des Mannes mittätige Frau, auch für die heimarbeiterin, für die jede verſäumte Minute Minderung der Einnahme bedeutet, liegt die Sache keineswegs günſtiger. — ¹) 5wick, Mädchenfortbildungsſchule(Berlin, Oehmig und Weidlich). ²) Lautz, Hortbildungs⸗ und Fachſchulen für Mädchen(Wies⸗ baden, J. F. Bergmanns Verlag.) Wie verhalten ſich nun ſolchen Mißſtänden gegenüber Staat und Gemeinden? Für die Rnaben— ſo ſahen wir— wird geſorgt. Das Geſetz ſieht die Möglichkeit obligatoriſcher Fortbildungsan⸗ ſtalten für alle kaufmänniſch und gewerblich tätigen Knaben vor und die Gemeinden wetteifern, handwerkerſchulen, Fort⸗ bildungsſchulen für Knaben zu gründen. Daß aber der haus⸗ ſtand des Kaufmanns, des handwerkers nicht gedeihen kann, wenn ihre Frauen keine Ahnung von hauswirtſchaft haben, vergißt man. Man vergißt die Not, in die eine Frau ohne tüchtige Vorkenntniſſe als berufstätige Frau gerät. Man vergißt— oder überſieht es auch wohl abſichtlich—, daß die für ehrliche Arbeit nicht vorgebildeten Frauen zu Cau⸗ ſenden der Proſtitution verfallen, dem einzigen Erwerbszweig, für den es genügt, Weib zu ſein. 3ur elenden Lohndrückerin muß die Frau werden, weil man ihr die Möglichkeit verſchließt, gleichwertig ausgebildet an des Mannes Seite zu treten. Die Frau, die draußen Arbeit ſucht, wählt ſelten frei, ſie wird durch die Not gezwungen. Sie muß arbeiten, erwerben. Anſtatt ſich mit dieſer Lage der Dinge abzufinden und Gerechtigkeit walten zu laſſen, gibt man der Frau ſchlechtere Vorbildung als dem Manne, macht ſie— mit der unumwunden ausgeſprochenen Abſicht, den ſtarken Mann dadurch vor ihr zu ſchützen— kon⸗ kurrenzunfähig. Um Geld für ſeine Klusbildung zu verwen⸗ den, ſpart man an der ihren, verſäumt es, ſie ſelbſt für die Arbeitszweige tüchtig zu machen, die man ſo gern als ihre eigentliche Domäne bezeichnet. Staat und Gemeinde ſehen die Not wohl. Kber ſie ver⸗ ſchließen ſich ihr— rühmliche Kusnahmen zugegeben— aus Kurzſichtigkeit, wohl auch aus Männeregoismus. VYergeblich petitionieren die Frauen um Kenderungen unſerer das Fort⸗ AN eEE bildungsſchulweſen regelnden Geſetze, um Einführung des für die Rnaben vorgeſehenen Fortbildungsſchulzwanges auch für die Mädchen. In allen deutſchen Staaten treten— neben einſichtigen Männern— Frauenverſammlungen, Frauenvereine für ſolche Forderungen ein. Aber im weſentlichen noch immer erfolglos. Und doch haben deutſche Länder wie Baden und Württemberg längſt den Beweis erbracht, daß die Mäd⸗ chenfortbildungsſchule auch als obligatoriſche Einrichtung ſehr wohl möglich iſt, daß ſie der Geſamtheit zum Segen gereicht. Was wir in Preußen auf dem Gebiete hauswirtſchaftlicher Kusbildung unſerer die Dolksſchule beſuchenden Mädchen an An⸗ fängen beſitzen, verdanken wir einer Frau, Auguſte För⸗ ſter in Caſſel, die zuerſt die Behörden für den dann von ihr ſelbſt praktiſch durchgeführten Verſuch gewann, RKochunter⸗ richt in den Lehrplan der oberſten Mädchen⸗Volksſchulklaſſe einzufügen, ein DVerſuch, der ſich gut bewährt und ſeitdem in zahlreichen Städten Nachahmung gefunden hat. Daneben ent⸗ ſtanden— von Privaten und Vereinen ins Leben gerufen— zahlreiche Fachkurſe und haushaltungsſchulen für unbemittelte Mädchen, die aber faſt durchweg mit unregelmäßigem, oft auch ganz ungenügendem Beſuche zu kämpfen hatten. Ohne Schul⸗ zwang iſt regelmäßiger Beſuch, das haben viele Vereine und wohlmeinende Privatperſonen zu ihrer Enttäuſchung erkennen lernen, nur in ſeltenſten Fällen zu erreichen. In Fällen z. B. in denen einſichtsvolle Fabrikherrn, Lehrer oder auch Geiſtliche Einfluß üben konnten und bei den Eltern das Verſtändnis weckten für die Notwendigkeit und Nützlichkeit weiterer Kus⸗ bildung ihrer Töchter. Daß ſolches Verſtändnis nicht ohne weiteres vorhanden iſt, darf uns nicht Wunder nehmen. han⸗ delt es ſich doch meiſt um Familien, die, von der hand in den Mund lebend, nicht gewöhnt ſind, über den Tag hinaus zu “ A — denken, um Familien, denen jedes aus der Schule entlaſſene, dann gleich mitverdienende Kind Erleichterung bedeutet. Daß in ſolchen Familien die Eltern über den Kugenblick hinaus auch an die Zukunft der Cöchter und deren einſtige Familien denken ſollen, iſt eine nur ſelten und ſchwer zu verwirklichende Forderung. Einzig und allein durch 5wang iſt einheitliche Schulung unſeres Dolkes bis zum 14. Lebensjahr zu erreichen geweſen. Kuch Weiterbildung nach der Volksſchule wird nur durch pflichtmäßigen Beſuch der Fortbildungsſchule zu erreichen ſein. Jetzt fehlen, ohne den Schulzwang, gerade die Mäd⸗ chen, denen Unterweiſung, ſittliche Beeinfluſſung am bitterſten not täte. Die Möglichkeit, Fortbildungsſchulzwang— über die Volksſchulzeit hinaus— durch Ortsſtatut feſtzuſetzen, iſt in Preußen, unſerm größten deutſchen Bundesſtaate, ſoweit Mäd⸗ ſchen in Betracht kommen, bisher nur in einem einzigen Falle gegeben. Dieſen Ausnahmefall hat vor 2 Jahren die Reichs⸗ gewerbeordnung gebracht. Sie ſetzt feſt, daß den Gemeinden das Recht zuſteht, für alle männlichen Arbeiter unter 18 Jahren den Beſuch einer Fortbildungsſchule obligatoriſch zu machen. Für Frauen iſt ſolches Recht der Gemeinden nur inſoweit vor⸗ geſehen, als es ſich um weibliche handlungsgehilfinnen und Lehrlinge unter 18 Jahren handelt(§ 120). Daß dieſe den Gemeinden zuſtehende Befugnis bisher nur vereinzelt zur Anwendung kam, daß obligatoriſche Fortbildungs⸗ kurſe für handlungsgehilfinnen hie und da ſogar heftig bekämpft wurden, das liegt z. T. an Widerſtand von ſeiten der Arbeitgeber, z. T. an mangelndem Intereſſe und daher mangelnder Initiative der Eltern, z. T. an fehlendem Verſtändnis der bei der Errichtung der Fortbildungsſchulen ausſchlaggebenden Stellen für alle, Be⸗ rufsſchulung der Mädchen berührende Fragen.„Hier wie auf an⸗ X( S — deren Gebieten“, ſo ſagt Fortbildungsſchuldirektor Pache,„hemmt und hindert das Wort:„Es iſt ja nur ein Mädchen“, jeglichen Fortſchritt“. Der Befürchtung, die daneben ſpeziell von dem Vereine für handlungsgehilfen laut wird, daß durch beſſere Kusbildung der weiblichen Kräfte, durch usdehnung des Fort⸗ bildungsſchulzwanges auf die weiblichen handlungsgehilfinnen der männliche Handlungsgehilfe noch weiter durch Frauen ver⸗ drängt, der Ronkurrenzkampf auf dem kaufmänniſchen Krbeits⸗ gebiete noch heißer und rückſichtsloſer werden könnte, als er jetzt ſchon iſt, ſolcher Befürchtung trat der Kölner Verein weiblicher Angeſtellter in folgenden beachtenswerten Wor⸗ ten entgegen, die ich der Bedeutung der Sache wegen im Wortlaut anführen möchte: „Die Ablehnung(des Fortbildungsſchulzwanges für Frau⸗ en) wird die Nachfrage nach ſolchen ohne die Verpflich⸗ tung zur Freigabe an den vorgeſehenen Stunden zu bekom⸗ menden weiblichen hilfs⸗ und Lehrkräften bedenklich ſteigern müſſen. Es würde notwendigerweiſe und zum Schaden des geſamten Standes der handlungsgehil⸗ fen eine Ueberfüllung desſelben mit jugendlichen weiblichen hilfskräften herbeigeführt werden, welche ohne Ausſicht auf volle Anerkennung und dauernde ſpätere Beſchäftigung im kaufmänniſchen Stande den andern häuslichen und gewerblichen weiblichen Beſchäftigungskrei⸗ ſen höchſt bedauerlicherweiſe entzogen und entfremdet werden. Es bedarf zur Abwehr ſolcher Uebelſtände im Intereſſe der Frauenwelt eines Korrelates, und dieſes bildet gegebener⸗ maßen: die Ausdehnung der Verpflichtung zum Beſuche einer Fortbildungsſchule auf die weiblichen handlungsgehilfen und Lehrlinge im kilter von 14— 16 Jahren ¹).“— Fum Ceil aber hören wir den Mangel an hauswirtſchaft⸗ lichen Kurſen und beruflichen Fachſchulen für Mädchen durch den bei Staat und Gemeinden alles entſchuldigenden Geld⸗ mangel begründen. Daß es kurzſichtig iſt, hauswirtſchaftliche Schulung der Mädchen aus Sparſamkeitsrückſichten zu unter⸗ laſſen, iſt ſchon oft wiederholt. Rechtzeitig erworbene haus⸗ wirtſchaftliche Kenntniſſe der Frauen würden manchen haus⸗ halt vor Derwahrloſung und Untergang behüten. Was für haushaltungsſchulen verausgabt wurde, wird oft am Armen⸗ ſäckel geſpart. Und was die Kusbildung der Mädchen in Fachſchulen betrifft, ſo ſind zahlreiche auf dem Gebiete des Fortbildungsſchulweſens erfahrene Pädagogen der Anſicht, daß die Ausbildung von Schülern und Schülerinnen ſehr wohl einheitlich in gemeinſamen KRlaſſen erfolgen könne, was die Roſten weſentlich verringern würde. Prak⸗ tiſche Verſuche nach dieſer Richtung haben ſich durchaus be⸗ währt und mit Recht hebt Frau Bröll, die Vorſitzende des Frankfurter handlungsgehilfinnen⸗Vereins, in ihren auf den bayriſchen und rheiniſch⸗weſtfäliſchen Frauentagen gehaltenen Vorträgen hervor, daß gemeinſamer Unterricht in dieſem Falle beſonders natürlich ſei und unbedenklich geſtattet werden könne, da die jungen Männer und Mädchen ja auch in den Geſchäften zuſammen arbeiten. Wir finden alſo auf dem Gebiet der Fortbildungsſchulen für Mädchen in der Mehrzahl der deutſchen Bundesſtaaten noch ſchwere Mißſtände, faſt vollſtändig mangelnde Weiter⸗ bildung derjenigen Mädchen, die gleich nach Verlaſſen der Schule ins Erwerbsleben eintreten müſſen und mangelnde ¹) Dgl. Neue Bahnen. Organ des Allg. Dtſch. Frauenvereins. ZJahrg. XXXVII. No. 19. A— hauswirtſchaftliche Kusbildung der TCöchter aller ſolcher Fa⸗ milien, in denen die Mutter außer dem hHauſe arbeitet oder ſelbſt nichts von einer geordneten haushaltung verſteht. Kuch bei Mädchen, die in fremdem haushalte Stellung annehmen, darf man nicht ohne weiteres vorausſetzen, daß wenigſtens ſie die für das Gedeihen eines ſpäteren eigenen Haushaltes notwendigen Renntniſſe erwürben, eine Annahme, der wir häufig begegnen. In verwöhnten haushaltungen, das leuchtet ohne weiteres ein, iſt das keineswegs der Fall. Und auch der haushalt des mittleren Bürgerſtandes iſt auf ganz anderer Grundlage aufgebaut als der des Arbeiters, ganz abgeſehen davon, daß durchaus nicht jede Hausfrau ge⸗ neigt und fähig iſt und daß auch nicht eine jede hausfrau Seit hat, das in ihren Dienſten ſtehende Mädchen zu Selbſtändigkeit anzuleiten, ihr wirklich Einblick in die haushaltsführung zu gewähren. Eine an einen haushalt größeren Stiles ge⸗ wöhnte Frau würde auch bei gutem Willen meiſt nur eine unvollkommene Lehrmeiſterin ſein. Denn der Aufgabe, die das Dienſtmädchen nach ſeiner Verheiratung faſt durchweg er⸗ wartet, der Aufgabe, mit beſchränkteſten Mitteln alle haus⸗ frauenpflichten und zugleich alle Pflichten als Gattin und Mutter ohne irgendwelche hilfskraft zu erfüllen, ſie ſelbſt dann zu erfüllen, wenn ſie als Frau mitverdienend tätig ſein muß, dieſer Kufgabe wäre eine hausfrau, die an Dienſtboten gewöhnt iſt, nur ſelten gewachſen. Dafür bedarf es beſon⸗ derer, den Verhältniſſen angepaßter Vorbildung, die die Durch⸗ ſchnittshausfrau nicht zu geben vermag. Kuch Vervollſtändigung der Allgemeinbildung der ſchon mit 14 Jahren aus der Schule entlaſſenen Mädchen iſt drin⸗ gend zu wünſchen. Handelt es ſich doch in der Fortbildungs⸗ ſchule nicht lediglich um praktiſches Lernen, ſondern zugleich BN— mit darum, das im Schulunterricht Gebotene noch zu per⸗ tiefen, den allzufrüh ins Leben eintretenden Kindern noch weiterhin Richtung und Halt zu geben, über die Schulzeit hin⸗ aus Einfluß zum Guten auf ſie zu üben. Solcher pflicht, dar⸗ über dürfen wir uns nicht täuſchen, wird nur eine Minder⸗ zahl unſerer hausfrauen, denen es z. T. einfach an Seit da⸗ für fehlt, gerecht. Bei Mädchen, die in andere Berufe ein⸗ treten, iſt ſolche Beeinfluſſung noch ſeltener, obwohl ſie ihnen bei der ſo ſehr viel größeren Freiheit und den vielen DVer⸗ ſuchungen, die an ſie herantreten, dringend not täte. Die Zeit für Fortbildungsunterricht frei zu geben, müßte, ſobald der Fortbildungsſchulzwang ausgedehnt wird, die Dienſt⸗ herrſchaft genau wie andere Arbeitgeber verpflichtet werden. Zu berückſichtigen iſt dabei, daß es ſich ja nur um ganz junge Mädchen, die gleich nach Verlaſſen der Schule in Dienſt gehen, alſo nur um eine Minderheit von Dienſtboten handelt. Wenn wir Fortbildung der Mädchen als ebenſo zwingende Forde⸗ rung erkennen lernen wie Fortbildung der Knaben, muß das Intereſſe der Allgemeinheit dem Intereſſe des einzelnen Ar⸗ beitgebers voranſtehen. Wer in der Lage iſt, ſich Dienſtboten zu halten, für den insbeſondere ſollte es ſelbſtverſtändliche pflicht werden, ihrer Wohlfahrt, der Sorge für ihre Zukunft nicht hindernd im Wege zu ſtehen. Iſt es doch eine große Bevorzugung der Frauen der beſitzenden Klaſſen, daß ſie ſich Hilfskräfte halten dürfen, während ihre weniger bemittelten Schweſtern die ganze Laſt der Urbeit und Derantwortung all⸗ ein tragen müſſen. Eine beſondere Art von Sortbildungsunterricht, wie er uns in Baden, in der Pfalz, im Siegerland begegnet, möchte ſich zur Durchführung in allen ländlichen Diſtrikten empfehlen: Die Wanderkochkurſe, bei denen die Lehrerin mit den nö⸗ Krukenberg, Frauenbewegung. 2 tigen Gerätſchaften von Dorf zu Dorf wandert, überall ſechs⸗ wöchentlichen Aufenthalt nehmend, um die Mädchen der um⸗ liegenden Ortſchaften im Rochen zu unterweiſen. Der Wert dieſer Wanderkurſe wird noch erhöht, wenn die Lehrerin, wie wir das hie und da finden, auch Slickunterricht mit erteilt und eine Wanderbibliothek mit ſich führt, durch die ſie noch weitere Anregung zu geben, auf die Gedankenwelt der Schülerinnen und ihrer Eltern mit einzuwirken vermag. Fiel der Frauenbewegung auf dem hier behandelten Ge⸗ biet iſt alſo, unſer obligatoriſches Fach⸗ und Fortbildungs⸗ ſchulweſen dahin ausgebaut zu ſehen, daß eine möglichſt große Sahl erwerbstätiger Mädchen Berufsausbildung bekommt, ſoweit obligatoriſche, in der Seit beſchränkte Sachklaſſen ſie zu geben vermögen und daß außerdem möglichſt ausnahms⸗ los die Mädchen unſeres Volkes zu hauswirtſchaftlicher Aus⸗ bildung herangezogen werden— ſei es durch hauswirtſchaft⸗ lichen Unterricht in der oberſten Schulklaſſe oder durch Fort⸗ bildungsſchulzwang, ſei es— was ja am nachhaltigſten wirken würde— durch beide Unterrichtsarten an einander ange⸗ ſchloſſen. Die volkswirtſchaftliche Wichtigkeit ſolcher Forde⸗ rungen braucht nach allem Vorausgeſchickten nicht nochmals betont zu werden. Von entſcheidender Bedeutung aber für den Erfolg un⸗ ſeres Fortbildungsſchulweſens— ſoweit es die Mädchen be⸗ trifft— wird es ſein, daß tüchtige Frauen an dieſen Schulen unterrichten, Frauen, die ihre Aufgabe voll erfaſſen und Einfluß zu gewinnen verſtehen auf die weibliche Jugend unſeres Volkes, einen Einfluß, der neben der ſelbſtverſtändlich nie zu entbehren⸗ den Mitarbeit des Mannes aber nur dann zu rechter Geltung kommen wird, wenn die Fortbildungsſchullehrerin in jeder Beziehung gut vorbereitet an ihre Kufgabe herantritt. Je B mehr die Ausbildung der Fortbildungsſchulen auch auf die weibliche Jugend an Geſtaltung gewinnt, deſto mehr wird man ſich klar darüber werden, wieviel man den auf dieſem Gebiete bahnbrechenden Frauen— Ulrike henſchke und ihrer TCochter Margarete henſchke, hedwig heyl, Au⸗ guſte Sörſter— zu danken hat, daß ſie ihre Schülerinnen, aus deren Reihen wohl an erſter Stelle unſere künftigen Fort⸗ bildungsſchullehrerinnen hervorgehen werden, von vorn her⸗ ein nicht nur zu praktiſchem und theoretiſchem Beherrſchen ihres Lehrgebietes angeleitet, ſondern ſie zugleich mit begei⸗ ſterter hingabe erfüllt haben für ein Arbeitsgebiet, das ihnen die weibliche Jugend unſeres Volkes in den Jahren entſchei⸗ dender Weiterentwicklung in die hand geben ſoll. Wärmere Worte, als dieſe Frauen für ihre Aufgabe gefunden haben, können auch wir nicht finden ¹). Soziale, ethiſche, wirtſchaft⸗ liche Bedeutung meſſen ſie der Fortbildungsſchule bei. hebung der Volksbildung, der Volksgeſittung, der prahtiſch⸗beruflichen Tüchtigkeit des Volkes, das iſt es, was ſie von der Fortbil⸗ dungsſchule erhoffen. Nicht auf Bevormundung des Volkes zielen ſie dabei hin, ſondern die Freude an Selbſttätigkeit, Kraft und Können zu ſelbſtändiger Arbeit wollen ſie in den Fortbildungsſchülerinnen erwecken. In ſolchen Anſchauungen erziehen ſie die künftige Lehrerinnengeneration, die berufen ſein wird, ihr Werk fortzuſetzen, ihre Lehren ins Volk weiter zu verbreiten. Sie wirken auf ſie ein durch das vornehmſte aller pädagogiſchen Mittel: durch ihr eigenes Leben und han⸗ deln, durch die Macht ihres Beiſpiels. ²) Marg. henſchke, Zur Einführung in die Theorie und Praxis der Mädchen⸗SFortbildungsſchule. Vorleſungen gehalten in den Lehrerinnen⸗Kurſen der Viktoria⸗Fortbildungsſchule. Th. hHof⸗ manns Verlag, Leipzig 1902. 2* s 5 UNZ.(ℳb II Die Mädchen höherer Stände. Häusliche Erziehung. Berufsſchulung. Von der RNotwendigkeit und Schwierigkeit, den Mädchen doppelte Berufsausbildung zu geben, war im erſten Abſchnitte die Rede, von der von ſeiten der Frauenbewegung immer wieder erhobenen Forderung, durch Einführung von Fortbil⸗ dungsſchulzwang die die Volksſchule verlaſſende weibliche Ju⸗ gend zur Berufsarbeit tauglicher zu machen als bisher, ſie für hausfrauen⸗ und Mutterpflichten rechtzeitig vorzubereiten, auch über die Schulzeit hinaus Einfluß zu üben auf die noch kaum erwachſenen Mädchen, die allzufrüh ins Leben, in den Erwerb hineingeſchickt werden. Wenden wir uns nun zu den Mädchen der ſogenannten beſſeren Stände, der beſitzenden Klaſſen, ſo ſehen wir, daß die Frage der Berufsausbildung und häuslichen Weiterbildung für dieſe von Grund aus anders liegt als für die Mädchen aus dem Volke. Der harte Swang des ſo ſchnell wie möglich Mitverdienen⸗ Müſſens, der die Volksſchülerin faſt ausnahmslos gleich nach Verlaſſen der Schule in die Erwerbsarbeit hineintreibt, fällt für die Töchter der begüterten Stände in den meiſten Fami⸗ lien weg. Länger als die Volksſchülerin beſuchen dieſe jungen Mädchen die Schule. Für Schulgeld, Penſionsjahr, Privat⸗ ſtunden, dann weiterhin für Reiſen, CToiletten, Dergnügungen u. dgl. wird für die Mehrzahl unſerer gebildeten jungen Mäd⸗ chen eine nicht unerhebliche Summe verausgabt. Nicht Zeitmangel und nicht Geldmangel— kein Nicht⸗ 1 AAAE Können alſo—, wie ſo häufig bei den Mädchen aus dem Volke, erklärt die Mißſtände, denen wir auf dem Gebiete der Mädchenerziehung in den beſitzenden Rlaſſen begegnen. Son⸗ dern faſt ausnahmslos iſt es Mangel an Nachdenken, ober⸗ flächliche, alle unbequemen Zukunftsgedanken von ſich wei⸗ ſende Lebensgewohnheit— ein Nicht⸗Wollen alſo— was hindernd einer verſtändigen die Wechſelfälle des Lebens frühzeitig berückſichtigenden Ausbildung der Mädchen im Wege ſteht. Hie und da wohl auch hilfloſigkeit der Eltern. Sie wiſſen nicht, wie und wozu ſie die Mädchen ausbilden ſollen. Wohl hat ſich— unter dem Einfluß der Frauen⸗ bewegung— bereits manches zum Beſſeren gewendet, aber immer noch tut es not, auf das hinzuweiſen, was abände⸗ rungsbedürftig, was verfehlt iſt in der Erziehung unſerer, den gebildeten Rreiſen entſtammenden jungen Mädchen. Denn einzig durch beſſere Einſicht, durch einen Wandel der Anſchau⸗ ungen, durch Vertrautwerden der Eltern mit den Kusbildungs⸗ möglichkeiten können wir endgültige Umkehr auf dieſem wie auf anderen Gebieten erwarten. Es iſt notwendig, ſich zunächſt über die Unterſchiede klar zu werden, die zwiſchen Lebens⸗ und Erziehungsweiſe der Mädchen der höheren Klaſſen und der Volksſchülerin von Ju⸗ gend auf beſtehen. Daraus ergeben ſich von ſelbſt für beide Arten von Mädchen verſchiedengeartete Forderungen. Gerecht und notwendig ſcheint es, ſo ſagte ich, daß für Mädchen aus dem Volke, deren Eltern über den Druck des Tages allzuleicht die Sorge um die Zukunft vergeſſen, Staat und Gemeinde mit eintreten. An die beſſere Einſicht ſolcher von der Not oft hart bedrängten Eltern zu appellieren, würde — ich hob das ſchon im erſten Abſchnitt hervor— ausſichts⸗ los bleiben. Die Allgemeinheit hat einzugreifen, hat durch BSN— Fortbildungszwang, durch koſtenlos zu gewährenden Unterricht für Schulung der Mädchen aus dem Volke Sorge zu tragen. Richt nur aus Gerechtigkeitsſinn, ſondern auch in ihrem eigenſten Intereſſe, da unter den beſtehenden ſozialen Ver⸗ hältniſſen Selbſthilfe für die Minderbemittelten zur Unmög⸗ lichkeit wird. Anders aber liegt die Sache für die eine höhere Mädchenſchule oft bis zum ſechzehnten, ſiebzehnten Lebensjahr beſuchenden Mädchen wohlhabender Samilien. Wenn dieſe jungen Mädchen häufig genug ſchlechter noch als die Volksſchülerin für einen Beruf vorbereitet ſind, wenn ſie ernſten Pflichten hilfloſer noch gegenüber ſtehen wie jene, ſo liegt das einzig daran, daß ihnen Jahre und Jahrzehnte hindurch unter dem Einfluß eines falſchen Ideals eine grundverkehrte Erziehung zu teil wurde. In der Schule ſo gut wie im haus. Ich will hier nicht der Schule, dem unſern Zeitforderungen nicht mehr entſprechenden Lehrplan, dem Unterricht, der viel⸗ fach mangelhaft bleiben muß, weil die Vorbildung der Lehr⸗ kräfte z. C. noch ſo mangelhaft iſt, die hauptſchuld beimeſſen, wie das gern geſchieht. Sicherlich iſt auch da vieles reform⸗ bedürftig. In einem ſpäteren Abſchnitt komme ich eingehen⸗ der darauf zurück. Nur auf Weniges möchte ich— ſoweit es ſich um Schuleinfluß handelt— ſchon hier hinweiſen, nur auf das Eine vorerſt, daß bei einem Vergleich der höheren Mäd⸗ chenſchule und der Volksſchule für uns hier unmittelbar in Betracht kommt. In der Volksſchule erhält das Mädchen im großen und ganzen gleiche Ausbildung mit dem oft auf der gleichen Schul⸗ bank mit ihm ſitzenden Knaben. In dem Augenblick der Ent⸗ laſſung iſt das Mädchen genau ſo gut oder genau ſo ſchlecht —,— vorbereitet wie er. Nur Begabung und Fleiß entſchieden über größeres oder geringeres Wiſſen. Für die höhere Mädchenſchule dagegen galt lange Seit und gilt vielfach noch jetzt als erſtrebenswerteſtes Siel, ſie der Rnabenſchule im Lehrziel und in der Lehrmethode ſo unähn⸗ lich wie möglich zu machen. Klar denken zu lernen, gründ⸗ liches Wiſſen zu erwerben, ſtand einem Mädchen nicht wohl an. Verſtandesbildung bei den Unaben, Kusbildung des Ge⸗ mütes, des äſthetiſchen Sinnes bei den Mädchen, das war das Loſungswort nahezu aller Mädchenſchul⸗Pädagogen bis in den Beginn der neunziger Jahre hinein, bis zu dem machtvollen Kufflammen der Lehrerinnenbewegung, die neue, lebenskräf⸗ tigere Ideale an die Stelle des unklaren, überempfindſamen Frauenideals ſetzte, wie es früheren Seiten vorſchwebte. Aber noch verhängnisvoller als in der Schule wirkte für unſere Mädchen im hauſe der Einfluß einer den Anforde⸗ rungen des Lebens nicht Rechnung tragenden Erziehung. Welch ein Unterſchied auch hier zwiſchen der Frau aus dem Volke und der CTochter aus guter Familie! Das die Volksſchule be⸗ ſuchende Mädchen kannte von klein auf das Leben, genau wie ihr männlicher Gefährte, ſie ſtand mitten darin. Welt und Menſchen zeigten ſich ihr ungeſchminkt, allzu ungeſchminkt manchmal und von allzu wenig veredelter Seite. Aber im⸗ merhin,— hatte ſie häuslichen oder inneren halt genug, den an ſie herantretenden Verſuchungen nicht ſchon in jungen Jahren zu unterliegen, ſo wußte ſie ſich, dank ſolcher Vertrautheit mit dem wirklichen Leben, frühzeitig in der Welt zurechtzufinden, auch im Erwerbsleben ihren Platz zu behaupten. Anders das aus beſſeren Kreiſen ſtammende Mädchen. Wohlbehütet, ſorgſam geleitet, von jeder Berührung mit der rauhen Wirklichkeit möglichſt ferngehalten, ungewohnt, ſelb⸗ ſtändige Entſchlüſſe zu faſſen, ſelbſtändig zu handeln, wuchs es heran. So formte ſich häufig genug— durch eine ungeſunde, ſentimentale Backfiſchliteratur noch verſtärkt— in ſeinem Ropfe das Phantaſiebild einer Welt, das dem wirklichen Leben durch⸗ aus nicht entſprach, ein Phantaſiebild, das zerſtob, ſobald der Ernſt des Daſeins rückſichtslos an die Schwärmerinnen heran⸗ trat, das den jungen Mädchen— auch beim Eintritt in die Ehe— bitterſte Enttäuſchungen bereitete. Wenn die Rot ſolch junges, weltfremd erzogenes Geſchöpf zwang, allein ins Leben hinauszugehen, ſich ihr Brot ſelbſt zu verdienen, ſo fand ſie ſich nirgends zurecht, verſtand Ver⸗ trauenverdienendes nicht von Verderblichem zu unterſcheiden, wagte niemals, ſich auf eigenes Urteil, eigene Kraft zu ver⸗ laſſen. Und noch ein anderes kam hinzu, um— wiederum im Gegenſatz zu den Töchtern der arbeitenden Klaſſen— die Mädchen der gebildeten Stände unfähig, unwillig zu ſelbſtän⸗ diger Lebensführung zu machen. Wiederum nichts anderes als ein falſches Ideal, ein undeutſches, ungeſundes, das leider noch heute in weiten Kreiſen ſtörende Wirkung übt. Dem Mädchen aus dem Volke war Arbeit von jeher Pflicht, Arbeit oft einziger Lebensinhalt. Tüchtige Berufsar⸗ beiterinnen waren und ſind in den arbeitenden Volksklaſſen ſtets geachtet, auch als hausfrauen am meiſten begehrt. Für eine Dame der höheren Stände dagegen ſchickte Ar⸗ beit ſich nicht. Der undeutſche Begriff„Dame“ ſchloß gerade⸗ zu jede nutzbringende, notwendige Arbeit, insbeſondere Er⸗ werbsarbeit oder auch praktiſches Angreifen im hauſe, aus. Arbeiten zu müſſen, wohl gar für Geld arbeiten zu müſſen, war etwas, vor dem eine Dame aus guter Familie unwillkür⸗ lich zurückſcheute. War es unabänderlich nötig—, und in wie⸗ AS vielen Familien war das der Fall!— ſo tat man es wenig⸗ ſtens heimlich, wahrte nach außen hin den Schein, Krbeit nicht nötig zu haben, eine„Dame“ zu ſein. Das Urteil der Männer beſtärkte die Frauen in ſolcher Kuffaſſung. Um ein Beiſpiel zu geben: hätte ein Offizier oder ein höherer Beamter noch vor wenigen Jahren ohne weiteres in Geſellſchaft zugeben mögen, daß ſeine Mutter, ſeine Schweſter erwerbend, berufstätig, vielleicht in abhängiger Stellung ſeien? Das war nicht ſtandesgemäß, mußte alſo, wenn es unvermeid⸗ lich war, zum mindeſten verborgen gehalten werden. Gar mancher Mann nahm das Geld der arbeitenden Frau, aber er ſchämte ſich, von ihrer Arbeit zu ſprechen, ſie als ehren⸗ und dankenswert offen anzuerkennen. In der hintenanſetzung der berufstätigen Frau gegenüber den Damen der Geſellſchaft fand ſolche Anſchauung in un⸗ ſerem Verkehrsleben einen höchſt charakteriſtiſchen Kusdruck. was dem Manne von jeher zur Ehre gereichte, daß er ein ſchaffendes, nützliches Mitglied der menſchlichen Gemeinſchaft zu ſein ſtrebt, das ſetzte die Frau in den Augen der tonangeben⸗ den ſich ſo gern„gebildet“ nennenden Welt herab, tut es ſo⸗ gar vielfach noch heute. Da man ſich aber auch in dieſen Kreiſen der Einſicht nicht verſchließen konnte, daß es allzuviele mittelloſe, unverheiratete Frauen gab, für die wohl oder übel geſorgt werden mußte, da man ſie aber nicht zu Berufsarbeiterinnen zu degradieren, ſie nicht zu emanzipieren wünſchte, ſo wurden „Damenſtifte“ der beliebteſte Kusweg: Heime, in denen Töchter von Offizieren und Beamten oder ſonſt wohlempfohlenen Per⸗ ſonen ſchon in jungen, alſo noch durchaus leiſtungsfähigen Jahren Aufnahme fanden, um dort ſtandesgemäß verſorgt und zugleich vor der Schmach gerettet zu werden, durch ei⸗ gene Arbeit ihr Brot verdienen zu müſſen. 26 e Rein Wunder bei ſolchen Anſchauungen, daß ein Mädchen aus guter Familie, das die Not zwang, einen Beruf zu er⸗ greifen, doppelt und dreifach zu leiden hatte. Arbeit war ihr fremd, für irgendwelche Ausbildung hatte niemand Sorge ge⸗ tragen. Dazu quälte ſie das Bewußtſein— und gerade fein⸗ fühlige Frauen litten darunter am ſchwerſten—, daß ſie als eine für Geld arbeitende Frau ſich von allen geſellſchaftlichen Beziehungen losgelöſt ſah. Dieſelben Kreiſe, denen ſie in ſorg⸗ loſen Zeiten angehört, in denen man ſie verwöhnt und bewun⸗ dert hatte, dachten nicht daran, zu ihr zu ſtehen, nun ſie den bitteren Ernſt des Lebens koſten mußte. Wir brauchen nur an die Rolle zu denken, die den oft aus beſten Familien ſtam⸗ menden Stützen und Fräuleins in gar vielen häuſern zu ſpielen zugemutet wurde. Nicht die Arbeit, die ſie auf ſich nehmen mußten, war dieſen Mädchen das ſchwerſte, wohl aber das ſelbſtverſtändliche Ueber⸗ſie⸗hinwegſehen, das Sich⸗gehen⸗Laſſen ihnen gegenüber, das Außerachtlaſſen jeder ſonſt üblichen Form und Rückſichtnahme im Verkehr mit ihnen. Ein Mädchen, das für Geld arbeitete, ſo meinten viele, könne Rückſichten nicht verlangen, nur der„Dame“ brachte man ſolche entgegen. Die ſo vielen Stellengeſuchen hinzugefügte Notiz:„Kuf hohes Salair wird weniger geſehen als auf gute Behandlung“ war ein trauriges Seichen von dem Ciefſtande des Empfindens und des Taktgefühls unſerer höheren Geſellſchaftsſchichten, denen häufig freilich nur der Reichtum den Schein von Bildung verlieh. Wenn das Unwürdige, Unhaltbare ſolcher Knſchauungen mehr und mehr zutage trat, wenn man ſich ſolcher Vorurteile zu ſchämen und auch in der Frau den arbeitsfähigen und zur Krbeit verpflichteten Menſchen zu achten begann, ſo iſt das einzig und allein der Frauenbewegung zu danken, die ſchon bei ihrem erſten Kuftreten in Deutſchland— bei der Grün⸗ B— 8 dung des Leipziger Kllgemeinen Deutſchen Frauenvereins— auf dieſen Punkt entſcheidendes Gewicht legte. Der erſte Satz der i. J. 1865 zu Leipzig von der dor⸗ tigen Frauenverſammlung einſtimmig angenommenen Erklärun⸗ gen lautete: „Die erſte deutſche Frauenkonferenz erklärt die Arbeit, welche die Grundlage der ganzen neuen Geſellſchaft ſein ſoll, für eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geſchlechtes, ſie nimmt dagegen das Recht der Krbeit in Anſpruch und hält es für notwendig, daß alle der weiblichen Arbeit im Wege ſtehenden hinderniſſe entfernt werden.“ Damit erklärten jene Frauen, an deren Spitze Luiſe Otto⸗peters, die mutige Freiheitsnämpferin, Auguſte Schmidt und henriette Goldſchmidt ſtanden, den in der Geſellſchaft bis dahin allein gültigen Anſchauungen offen den Krieg. 3 Die hinderniſſe aber, die es zu beſeitigen galt, lagen z. T. in willkürlich oder traditionell feſtgehaltenen geſetz⸗ lichen Beſchränkungen(Berufswahl oder auch Aus⸗ bildungswege der Frauen betreffend), z. T. in mangelnder Gelegenheit für die Frauen, Be⸗ rufsſchulung zu erwerben, z. C. aber auch— und darauf möchte ich zunächſt das haupt⸗ gewicht legen— in Dorurteilen wie den oben ge⸗ nannten, in Voreingenommenheit der Eltern, die die Zukunft ihrer Töchter gegenüber der ihrer Söhne geringſchätzten oder die von falſchem Geſichtspunkt aus für ihre Töchter ſorgten. Das Ziel faſt aller mit Töchtern geſegneten Eltern, das Ziel, das der Mehrzahl der Mädchenerzieher in Schule und hHaus als einzig erſtrebenswertes vorſchwebte, war, um es mit einem Worte auszudrücken: der Mann. heiraten galt als einzig ſtandesgemäße Verſorgung für bemittelte wie für unbemittelte Mädchen. Es lag ſolcher Anſchauung eine durchaus richtige Kuf⸗ faſſung von dem Weſen weiblicher Eigenart zugrunde. Denn Liebe und Mutterſchaft ſind die ureigenſten Gebiete der Frau, die Gebiete, auf denen ſie mit voller hingabe ihres gan⸗ zen Selbſt Werte ſchafft, die ſich— ſo grundverſchieden ſie auch ſcheinen— den vom Manne geſchaffenen Werten ebenbürtig zur Seite ſtellen. Was die Frau als Gattin, als Geliebte, als Mutter für das Fortſchreiten, die Aufwärtsentwicklung der Familie und damit des Volkes zu leiſten vermag, das wird— was immer Frauen auf anderen Gebieten an Arbeit uns geben— allezeit das Urſprünglichſte, Beſte für ſie und für unſer Volk bleiben. Kber die heiligkeit der Ehe muß leiden, die Achtung vor der Frau muß ſinken, wenn das Mädchen außer der heirat keinen Weg kennt, ſich eine geſicherte Exiſtenz zu verſchaffen, ihrem Leben Inhalt zu geben. Sie muß das insbeſondere, wenn die Zahl der Frauen die Zahl der Männer überſteigt, ſodaß das Sich⸗Sehnen nach einem Manne zu einem würdeloſen hürderennen ausartet. Um der Verſorgung willen heirateten viele Mädchen oder auch aus dem Grunde, weil ſie— unverheiratet— mit ſich und ihrer Zeit nichts anzufangen wußten. Und noch ein drittes ſpielte ſeine Rolle. Sitzen zu bleiben galt für eine große Schande. Solches Odium auf ſich zu nehmen, ſcheuten ſich ſelbſt vermögende Mädchen, die eine Verſorgungsehe nicht nötig gehabt hätten. Und die jungen Männer wußten ihre Chancen wohl zu nützen. Auf die CTüchtigkeit eines Mädchens — ihren Charakter oder ihre häuslichen Kenntniſſe betreffend — kam es nur wenigen von ihnen an. Das war für die W ‧ 29 47 meiſten ein überwundener Standpunkt. Ein Mann von Er⸗ fahrung wählte nach Geld, Ronnexionen oder auch nach an⸗ ziehendem Keußeren, nach einer für den Salon paſſenden„guten Figur“. Gediegene Bildung wurde ebenfalls nur ſelten als Vorzug angeſehen. Naivetät war ja ſo entzückend an Frauen, und die Keußerungen einer Dame ernſt zu nehmen, würde doch keinem verſtändigen Manne eingefallen ſein. So wurden die reichen, die Mädchen mit einflußreichen Dä⸗ tern und die äußerlich ſich am beſten präſentierenden jungen Da⸗ men als Heiratskandidatinnen am meiſten begehrt, und aus leicht erklärlichen Gründen formte ſich, ſolchem Geſchmacke der Männer zu entſprechen, nach Möglichkeit die heranwachſende weibliche Jugend. Seufzend fanden ſich die Däter hinein, daß der Schein des Reichtums, der Schein einer möglichſt vielſeitigen äußeren und inneren Dreſſur dazu gehörte, ihre Töchterchen an den Mann zu bringen. So kam etwas Oberflächliches, Ungeſundes in unſeren ganzen Verkehr, insbeſondere in den Verkehr zwi⸗ ſchen jungen Männern und Mädchen, die faſt ausnahmslos nur in Geſellſchaften, im Ballſaal, beim Sport, außerhalb jedes charakteriſtiſchen häuslichen Rahmens einander kennen lernten. Solche Entwicklung aber brachte unſerem Volke kein Glück. Wie ſehr die ehelichen Verhältniſſe, wie ſehr die Erziehung der Kinder durch ſolches Oberflächen⸗ uud Scheinideal, nach dem die Frauen, die Mütter faſt durchweg gebildet wurden, herabgedrückt wurden, das trat erſt langſam zu Tage. Viel ſchneller kam die Not zum Vorſchein unter der die trotz aller Dreſſur vergebens auf einen Mann hoffenden jungen Damen zu leiden begannen, wenn all ihr Sehnen vergebens, wenn der Yater— vor der finanziellen Unmöglichkeit ſtehend, das Ge⸗ ſellſchaftstreiben noch weiter fortzuſetzen— allen weiteren Ver⸗ ſuchen, einen Mann zu bekommen, ein Ende bereitete, indem AA— E er ſich aus dem Geſellſchaftsleben zurückzog. Viel ſchneller wurde die Schmach und Qual offenbar, die die immer älter wer⸗ denden Mädchen in den Ballſälen durchmachten, wo ſie als Mauerblumen ſaßen, unbeachtet, leiſe oder auch offenkundig verſpottet. Und ein Leben voller Enttäuſchung, voller fehl ge⸗ ſchlagener Hoffnung lag vor ihnen.— Ob eine glücklich ver⸗ heiratete Frau, ob irgend ein im Beruf ſtehender Mann die Bitternis ermeſſen kann, die im herzen ſolcher alternder Mäd⸗ chen ſich ſammelte? Ob ſie ermeſſen können, welche Bedeu⸗ tung es hat— für die Betreffenden ſelbſt und für unſer ganzes Volksleben—, daß die Frauenbewegung den Cypus des al⸗ ternden Mädchens, der überflüſſigen, nutzloſen alten Jungfer nahezu vollſtändig beſeitigte? Denn das wareins der erſten und haupt⸗ ziele der Frauenbewegung. Es galt der unverheirateten Frau Erwerbsmöglichkeiten, Arbeitsmöglichkeiten zu ſchaffen, ihre Berufsausbildung zu heben, ihr zu einem geſicherten, an⸗ geſehenen Platze im Leben zu verhelfen. Wohl waren ſchon ſeit langen Jahren eine große Anzahl von Frauen berufsmäßig tätig. Aber als ungeſchulte Arbei⸗ terinnen mußten ſie ſich mit den ſchlechteſten Stellen, mit ge⸗ ringſter Beſoldung begnügen. Selbſt Arbeitsfelder, die der Frauenart in hervorragender Weiſe entſprachen— ich erinnere nur an den Erziehungsberuf,— wurden infolge mangelhaf⸗ teſter Vorbildung der weiblichen Kräfte faſt ausſchließlich vom Manne beanſprucht. Den Frauen aber, die nach beſſerer Vor⸗ bildung verlangten, hielt man vor, eine ſolche lohne ſich nicht für ſie. Beſſere Kusbildung ſei vollſtändig zwecklos, höchſtens geſundheitswidrig für Frauen. Die Natur habe ſie eben ge⸗ ringwertiger ausgeſtattet als den Mann, habe ſie zum Ertragen, zum Dulden beſtimmt, habe Weſen zweiter Ordnung aus ihnen KAE geſchaffen. Mit Fug und Recht ſtehe der Mann überall an⸗ erſter Stelle. Es war ein bitterer Kampf, und die Not unter den Frauen war groß. Wäre dem nicht ſo geweſen, man könnte über die Maivität lächeln, mit der der Mann nicht etwa die Frau, als die Farterbeanlagte, beſonders auszubilden und zu ſchützen ver⸗ ſuchte, um ihr, der Schwächeren, dadurch halt zu geben fürs Leben, ſondern ſie vielmehr hilflos, mit minderwertiger Aus⸗ bildung ins Leben hinein ſchickte, ſie dem hunger und der Demü⸗ tigung, ja ſelbſt der Schande, preisgab. So oft ihm auch die Notlage der Frauen entgegengehalten wurde, er ſuchte immer aufs neue nach Gründen und Kusflüchten, ſein durch die Ge⸗ wohnheit geheiligtes hHerrſcherrecht gegen das ſchwache Ge⸗ ſchlecht zu verteidigen. Widerwillig nur ließ er ſich Konzeſ⸗ ſionen abringen. Von Ritterlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl war in dieſem Kampfe auf Seiten des Mannes nur bei ſeltenen Kusnahmenaturen die Rede. Manch anderer aber, der ſonſt wohl unvoreingenommen zu prüfen und zu urteilen befähigt und willens geweſen wäre, fand niemals Zeit, ſich mit ſo unweſentlichen Dingen, wie Frauennot und Frauenwünſche ihm zu ſein erſchienen, ernſtlich zu beſchäftigen. Stille Zufrieden⸗ heit, Abhängigkeit der Frau von dem Willen eines geliebten Mannes erſchien ihm wie den anderen als wünſchenswerteſter Suſtand. Kber die Frauen konnten nicht ſtill zufrieden, abhängig bleiben. Die Not zwang ſie einfach hinaus, zwang ſie— ich habe das im erſten Kbſchnitte ausführlich dargelegt— zu ſelb⸗ ſtändigem DVorgehen. Auch an die Gattin, die Mutter traten neue, ernſte Kufgaben heran. Mehr und mehr nahm das Berufsleben den Mann in Anſpruch, machte ihm ein gleich⸗ mäßig ruhiges Einwirken auf die Erziehung zur Unmöglich⸗ keit. Die Frau mußte für ihn eintreten, mußte an ſeiner Stelle die Erziehung der Kinder leiten. Dabei wurden die Verhält⸗ niſſe, in denen die Familien lebten, in die ſie ihre Kinder hin⸗ ausſchickten, immer verwickelter. Der Ronkurrenzkampf wurde härter, die Anforderungen an Wiſſen, an Charahterfeſtigkeit der ins Leben hinaustretenden Kinder wuchſen. Das alles mußte die Mutter berückſichtigen. Sie mußte in vielen Fällen auch pekuniär für ihre Kinder mit eintreten. Wo ſie es nicht tat, weil man ſie unfähig zur Löſung ſolcher ufgaben ins Leben entlaſſen hatte, da war die Not groß. Daß Frauen es waren, die dieſe Not am erſten empfanden, daß Frauen zur Selbſthilfe griffen, von vereinzelten, einſichtigen Männern warm unterſtützt, war natürlich. So entſtand und organiſierte ſich die Frauenbewegung. Zum erſten Rufer im Streit ward der Allgemeine Deutſche Frauenverein, deſſen erſte programmatiſche Kundgebung ich bereits oben erwähnte. Leipzig ward der Kusgangspunkt und blieb lange Jahre hindurch der Mittelpunkt der deutſchen Frauenbewegung. Abwechſelnd in den verſchiedenſten Städten hielt der Verein— längere Seit gemeinſam mit den unter Lei⸗ tung des Lettevereins ſtehenden Frauen⸗Erwerbsvereinen— Frauentage und Verſammlungen ab, gründete Ortsgruppen und Mitgliedsvereine und wurde durch dieſe im großen Stile betriebene Propaganda und ebenſo durch ſein Vereinsorgan „Neue Bahnen“, das ſeit 1866 ununterbrochen erſcheint, der Bahnbrecher für die deutſche Frauenbewegung. Wir werden auf die Cätigkeit dieſes Dereins noch wiederholt zurückzukom⸗ men haben. Der erſte, der dann die Frage der Berufsſchulung der Mädchen praktiſch in Angriff nahm, war Präſident Lette. Angeſichts der troſtloſen Zuſtände auf dem Gebiete weiblicher SANͤ Berufsausbildung gründete er 1865 den Berliner Letteverein, der dann weiterhin unter Leitung ſeiner Tochter, Frau Inna Schepler⸗Lette(ſeit 1872), und ihrer Nachfolgerin, Frau prof. KRaſelowsky immer mehr an Bedeutung und Aus⸗ dehnung gewann. 1902 iſt er in ein neues ſtattliches Gebäude umgeſiedelt, das durch Parterre und drei Etagen hindurch Arbeitsklaſſen, Derwaltungs⸗ und Sitzungsräume, Lehrerinnen⸗ Simmer, Schlafräume für die Penſionärinnen des Dictoria⸗ heims und des haushaltungs⸗Seminars und a. m. enthält. Eine photographiſche Lehranſtalt iſt im oberſten Stockwerk, die Gewerbeſchule mit ihren vielſeitigen Kteliers, die Wohn⸗ und Schlafräume des Victoriaheims eine Etage darunter, Speiſe⸗ ſäle, Derwaltungsräume und handelsklaſſen in der I. Etage. Von 65 Mk. an finden die Schülerinnen des Lettehauſes volle Penſion im Victoriaheim, die Schülerinnen des haushaltungs⸗ ſeminars wohnen Parterre und bezahlen 60 Mk. monatlich. Fünf Schulküchen reihen ſich im Erdgeſchoß aneinander. Von ihnen aus geht das Eſſen in die unter Leitung einer Wirtſchafterin ſtehenden Sentrale, dann angerichtet oder in Portionen verteilt in die Speiſeſäle, die den im heim wohnenden, aber auch aus⸗ wärtigen Damen Reſtauration bieten. Ebenfalls Parterre— mit dem hHaupthaus verbunden— iſt die haushaltungsſchule, die— gegen 500 Mk. Jahresgeld— einfacheren Mädchen Ausbildung in allen hauswirtſchaftlichen Aͤrbeiten bietet.— Ganz beſonders zu erwähnen iſt auch das auf Beſtellung ar⸗ beitende Ktelier für Kunſthandarbeiten(die Vorſteherin hat eine 5jährige Ausbildung an der Wiener ſtaatlichen Anſtalt durchgemacht), die Setzerinnenſchule und— als jüngſte Schöp⸗ fung— die Buchbinderei⸗Werkſtätte. Zur Ausbildung von Bureaubeamtinnen für Rechtsanwälte, Notare, Berufsgenoſſen⸗ ſchaften ꝛc. iſt ebenfalls ein Kurſus eingefügt worden. Dem Bei⸗ Krukenberg, Frauenbewegung. 3 ſpiele des Lettevereins folgend, entſtanden in den verſchiedenſten Städten Frauen⸗Erwerbsvereine. Ich nenne die älteſten unter ihnen: Breslau 1866, Bremen 1867, Caſſel 1869, Dresden 1870, der Berliner hausfrauenverein 1873, Frankfurt a. M. 1876, han⸗ nover 1877. 5. T. durch dieſe Vereine, z. C. auch durch Kreiſe, die dem Vaterländiſchen Frauenverein nahſtanden(badiſcher Frauenverein, Alice⸗Vereine in hHeſſen) oder auch wohl von ein⸗ zelnen tatkräftigen Perſönlichkeiten wurden Fachſchulen für mädchen eröffnet, ſtädtiſche handels⸗ und Gewerbeſchulen ent⸗ ſtanden, und auch der Staat ward ſich dann endlich ſeiner pflicht bewußt, nicht nur den Männern, ſondern auch den Frauen Kusbildungsmöglichkeit, Berufsſchulung zu geben. In Poſen, Rheydt und neuerdings in Potsdam wurden in Preußen RKgl. Handels⸗ und Gewerbeſchulen für Mädchen eröffnet; aber die Mehrzahl ſolcher Schulen wird noch immer aus Privat⸗ mitteln, reſp. durch Dereine, die wiederum auf Privatunter⸗ ſtützung angewieſen ſind, erhalten. nun hätte man vielleicht erwarten können, daß von Seiten derjenigen, die die Frauen immer wieder ins haus, auf ihre natürlichen Pflichten als Gattin und Mutter hinwieſen, wenig⸗ ſtens für Ausbildungsmöglichkeit auf dieſem Gebiete um⸗ faſſende Sorge getragen wäre. Aber das war keineswegs der Fall. Nur als Luxusobjekt, zur angenehmen Unterhaltung des Mannes wurde die Mehrzahl der jungen Mädchen erzogen, pflichterfüllung, pflichtbewußtſein blieben ihnen fremdartige Begriffe. Wie mancher junge Ehemann hat unter allzu ſorgloſer Auffaſſung von Frauenausbildung und Frauenpflichten zu lei⸗ den gehabt, hat viel Lehrgeld zahlen müſſen, weil ſeine Frau das in der Jugend an ihr Verſäumte— gründliche hauswirt⸗ ſchaftliche Ausbildung— erſt nachträglich in der Ehe ſich an⸗ zueignen verſuchte. Und wohl ihm, wenn ſie es wenigſtens nochträglich verſuchte. In welch hohem Maße unſer Dienſt⸗ botenelend auf die Unfähigkeit der hausfrauen zurückzuführen iſt, auf ihre Unluſt, im hauſe mit anzugreifen, und auf ihre Unfähigkeit, die richtige Inweiſung zu geben, das überſah man allzulange. Man überſah, daß Nichtstun, in VDergnügungen⸗ Aufgehen, wie es bei unſeren jungen Mädchen gerade in den entſcheidenden Jahren des Reifens und Werdens zum guten Ton gehört, demoraliſierend auch auf ihre Sukunft einwirken mußte. Man vergaß, daß man von ſo oberflächlich erzogenen jungen Mädchen unmöglich erwarten konnte, daß ſie als Frauen plötzlich Pflichtgefühl beſäßen. Erſt die Frauenbewegung, man muß das ent⸗ ſtellenden Darſtellungen gegenüber beſonders hervorheben, hat einer vertiefteren Auffaſſung der pflichten als Gattin, als Rutter, als Hausfrau den Weg geebnet, hat AKusbildung für ſolche Lebensaufgaben als zwingend notwendig gefordert, hat insbeſondere die große Bedeutung mütterlichen Einfluſſes auf die Kinder immer wieder betont. Praktiſche Kusbildung zum hausfrauenberuf ſcheint ihr unerläßlich, aber auch ihren Erzieher⸗, ihren Mutterpflichten ſoll die junge Frau nicht ganz hilflos gegenüberſtehen. Un⸗ wiſſenheit über Zweck und Ziel der Ehe, eine Unwiſſenheit, die zum Schaden der Geſundheit des noch ungeborenen Kindes, zum Schaden der eigenen Geſundheit in der jungen Frau künſt⸗ lich aufrecht erhalten wird, kann nicht als wünſchenswerter Zuſtand bezeichnet werden. Zu leicht kann darüber das Glück der ganzen Familie in Stücke gehen. Die Frauenbewegung verſuchte— nachdem ſie die Er⸗ kenntnis der beſtehenden Schäden gewonnen— ungeſäumt durch praktiſches Dorgehen zu ihrer Beſeitigung mit beizutra⸗ gen. Auf dem Gebiete hauswirtſchaftlicher Schulung haben auch 3* 5 A AA für Mädchen höherer Stände wiederum hedwig heyl und AUuguſte Förſter Vorbildliches geleiſtet. Für Kusbildung zum Mutterberuf ſind die Anhängerinnen Fröbelſcher Anſchau⸗ ungen— henriette Schrader⸗Berlin, henriette Goldſchmidt⸗Leipzig, Lina Morgenſtern⸗Berlin— hingebend tätig geweſen, die erziehliche Seite des Berufs be⸗ ſonders betonend. Rindergärtnerinnen⸗Seminare und Rinder⸗ pflegerinnen⸗Schulen, welche Dorbereitung zum Mutterberuf mit Vorbereitung für Erwerbstätigkeit verbinden, entſtanden in Leipzig(Lyceum für Damen und Schule des hausbeamtinnen⸗ vereins) in Berlin(Peſtalozzi⸗Froebelhaus), in Frankfurt a. M. (Frauenbildungsverein), in Breslau, in Caſſel u. a. O. In Dresden wurden in dem dortigen Säuglingsheim, in dem eine Frau als Uſſiſtentin angeſtellt war, Kurſe zur Ausbildung von jungen Mädchen in der Säuglingspflege eingerichtet. Eine Zeit lang freilich hatte es den Anſchein, als wenn— trotz ſolcher praktiſchen Verſuche— die Mehrheit der Frauen⸗ rechtlerinnen die hausfrauentätigkeit geringſchätzig, über die Kchſel anſähen. Es war das eine durchaus notwendige, na⸗ türliche Gegenſtrömung gegen das unaufhörliche Hhinweiſen der Männer auf dieſen einzigen der Frau allein und vor allen an⸗ deren zukommenden Beruf, eine Gegenſtrömung, die auch da⸗ durch erklärlich wurde, daß ſo viele im Hafen der Ehe ſicher geborgene Frauen verſtändnislos, kleinlich und engherzig jede geiſtig höher ſtrebende Frau für eine„Emanzipierte“ erklärten, daß ſie kein Herz hatten für den Kampf ihrer weniger glück⸗ lich ſituierten, unverheirateten Schweſtern. Die urteilsloſeſten, vorurteilsreichſten Gegner fand die Frauenbewegung ſtets in den Kreiſen der ſatten, wohlgeborgenen Frauen. Das hat auch noch weiterhin Geltung behalten. Und da der Mann oft in der Frau allzu ausſchließlich— nicht etwa die Erzieherin und hüterin, ſondern nur die Gebärerin der künftigen Gene⸗ ration ſah, da viele Mütter vollſtändig vergaßen, daß die Fä⸗ higkeit, Kinder in die Welt zu ſetzen, ohne nachfolgende Er⸗ ziehung doch nur ein Ding von zweifelhaftem Werte ſei, ſo wurde auch der Mutterberuf von ſeiten der Frauenrecht⸗ lerinnen nicht ohne weiteres als ein hochſtehender anerkannt. Gar manche in der Bewegung ſtehende Frau gewöhnte ſich viel⸗ mehr— dem Durchſchnitts⸗Manne darin nachahmend— gering⸗ ſchätzig von hausfrauen⸗ und Mutterpflichten zu ſprechen. Der enge horizont des über Küche und Rinderſtube nicht hinaus⸗ blickenden Weibes wurde nicht nur unter den Männern zum Geſpött. Vereinzelt mit Recht, in vielen Fällen aber vollſtändig mit Unrecht ſah man auf die Nur⸗hausfrauen, Nur⸗Mütter herab, als wenn das praktiſche Sorgen zum Gedeihen der Rinder, zum Wohlbefinden der erwachſenen Samilienmitglieder nicht doch auch ein gutes Stück beitrüge, als wenn es nicht unent⸗ behrlich und darum nützlich und notwendig ſei. Aber nur vereinzelt begegnen wir ſolchen extremen An⸗ ſchauungen, und die Einſeitigkeit und Enge, die wir mitunter bei Vertreterinnen und Verfechtern des Nur⸗hausfrauenberufs finden, macht, wie geſagt, ſolch ſchroffes Urteil in vielen Fällen verſtändlich. Im großen und ganzen ſehen wir, daß von An⸗ fang an von ſeiten der Anhängerinnen der Frauenbewegung auch für die Erziehung der Mädchen höherer Stände an dem feſtgehalten wird, was uns für die aus der Volksſchule ent⸗ laſſenen Mädchen unumgänglich nötig erſchien. Sie verlangten neben einer gründlichen Allgemein bildung, eine tüchtige Berufsbildung in einem Spezialfache, da niemand wiſſen könne, wie die Sukunft der Mädchen ſich geſtaltet. Dieſe müſſen aber auch für hausfrauen⸗ und Mutterpflichten vorbereitet werden, um ihre Aufgabe im hauſe voll erfüllen zu können. EE Bemerkenswert ſcheint mir, um die Löſung dieſer Doppelauf⸗ gabe zu erleichtern, ein Dorſchlag des über die Frauenbewegung ſonſt nicht gerade orientiert und treffend urteilenden Mädchen⸗ ſchuldirektors harry Schmidt, dem auch der Kugsburger Schul⸗ rat Löveneck auf dem bayriſchen Frauentage zuſtimmte und den auch der Berliner Verein für Volkserziehung befürwortet. Die⸗ ſer Vorſchlag zielt dahin, in den Lehrplan der dann aller⸗ dings auf längere Seit auszudehnenden höheren Mädchenſchule ein Jahr als ſogenannte Mutterſchule einzufügen(der Name dürfte wohl beſſer geändert werden, vielleicht in„praktiſches Jahr“), um den Mädchen in Krippe, Mindergarten und haus⸗ wirtſchaftlichem Kurſus Ausbildung zu geben. Das prahtiſche Jahr würde auch für ſolche obligatoriſch ſein, die für ſpäter⸗ hin gewillt ſind, Berufsausbildung auf anderem als hãusli⸗ chem Gebiete zu erwerben. Beachtenswert iſt dabei auch der Vorſchlag, Material für den Kindergarten aus ſolchen Kindern zu gewinnen, die im ſchulpflichtigen Alter körperlich oder geiſtig noch nicht gekräftigt genug erſcheinen, um in die Schule auf⸗ genommen zu werden. Dieſe alle will harry Schmidt, da er mit Recht mutmaßt, daß es ſolchen Kindern häufig an rich⸗ tiger häuslicher Ueberwachung fehle, dem Kindergarten zu⸗ weiſen, um ſie für den Eintritt in die Schule ſyſtematiſch vor⸗ zubereiten. Völlig abzuweiſen ſcheint mir dagegen der Vorſchlag, in der Säuglings⸗ und Kleinkinderabteilung nur je ein ver⸗ zeltes Derſuchskind aufzunehmen. Ein ſo intenſives Be⸗ ſchäftigen immer neuer junger Mädchen mit einem einzigen Verſuchsbaby dürfte weder der Entwicklung dieſes Kindes noch den auszubildenden jungen Mädchen zum Vorteil gereichen. Eine vorwiegend die erzieheriſche, die ideale Seite des Mutterberufs ins Auge faſſende Kusbildungsanſtalt, das 1878 gegründete LCyceum in Leipzig, verdient hier noch beſondere Beachtung. Seine Begründerin iſt Frau h. Goldſchmidt, zweite Vorſitzende und Mitbegründerin des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins.„Das Lyceum“, ſo ſagt ſie,„will der Idee dienen: das inſtinktive, paſſive Tun der Frau auf ihrem eigenſten Gebiete in ein bewußtes zu wandeln: es will die weibliche Jugend der wohlhabenden, der gebildeten Stände mit dem Wiſſen und Rönnen ausſtatten, das der Erziehungsberuf in⸗ nerhalb der eigenen Familie erfordert. Der Erziehungs⸗ beruf der Frau iſt als gleichwertig der Berufsbil⸗ dung des Mannes zu betrachten, er bedarf der Vor⸗ bereitung.“ Im Mittelpunkt des Unterrichts ſteht Erzie⸗ hungslehre, Geſchichte der Erziehung, Geſundheitslehre, Pſy⸗ chologie, Einführung in Fröbels Lehre und Methode. Das Lyceum ſteht in Zuſammenhang mit den Volkskindergärten die der 1871 gegründete Verein für Samilien⸗ und Volkser⸗ ziehung, deſſen Vorſitzende ebenfalls Frau henriette Gold⸗ ſchmidt iſt, ins Leben gerufen hat. Doch iſt das Cyceum, wie ähnliche in anderen Städten entſtandene Anſtalten(Peſtalozzi⸗ Fröbelhaus⸗Berlin, Comeniushaus⸗Caſſel) nur für ſchulentlaſ⸗ ſene Mädchen beſtimmt, kommt nur einer Minderheit beſon⸗ ders begünſtigter Mädchen zu ſtatten. Dem gegenüber hätte der Schmidtſche Plan den Vorzug, daß bei ſeiner Durchführung der Mehrzahl der Mädchen, ja, ſobald wir die obligatoriſche Fortbildungsſchule für die Dolksſchülerinnen oder hauswirtſchaft⸗ liche Unterweiſung derſelben in der Schule mit hinzurechnen, der geſamten weiblichen Jugend eine gewiſſe ſyſtematiſche Aus⸗ bildung für hausfrauen⸗ und Mutterberuf gegeben würde. Soviel ſteht jedenfalls feſt: gehen die Meinungen über das Wie auch noch auseinander, daß eine derartige Kus⸗ bildung der Mädchen notwendig iſt, wird nicht mehr bezweifelt. So ſehr aber praktiſche hausfrauenbildung und Vor⸗ bereitung zum Mutterberuf zu befürworten iſt, ſo trefflich Ly⸗ ceen und Kurſe nach beendeter Schulzeit wirken können, ſo wenig genügt das, um ein Mädchen wirklich auf das vorzu⸗ bereiten, was ſie als Mutter, als Gattin zu leiſten hat. Im⸗ mer ernſter, immer verantwortungsvoller wird— je mehr der Mann durch Berufspflichten in Anſpruch genommen iſt— in unſerer Zeit das Amt einer Mutter, der Leiterin und Erzie⸗ herin nicht allein der Mädchen, ſondern auch der heranwach⸗ ſenden Rnaben. Von immer größerer Bedeutung wird es für ſie, ob ſie verſteht, ihrem Manne die rechte verſtändnisvolle Gefährtin zu ſein. Um ſolchen pflichten nachzukommen, um — wenn es ſein muß— auch außer dem hHauſe ihren Platz auszufüllen, bedarf es ſchon im ſchulpflichtigen Alter einer von Grund auf veränderten ernſteren Mädchenerziehung, bedarf es der Möglichkeit zur Entwicklung ungebrochener Perſönlich⸗ keiten, bedarf es der Aus⸗ und Umgeſtaltung der höheren Mädchenſchule. Davon ſei im nächſten Abſchnitt die Rede. K N 2hd Lehrerinnenbildung und Mädchenſchule. Der allgemeine deutſche Lehrerinnenverein.— Einſtellung der Frauen in die Schulaufſichts⸗ behörden. Der Rampf um beſſere Schulung der Mädchen ſetzte— BA— AS von ſeiten der Frauenbewegung— 1887 mit einer von einer Reihe Berliner Frauen eingereichten Petition ein, die folgende zwei Unträge enthielt: 1) Dem weiblichen Element möge eine größere Beteili⸗ gung an dem wiſſenſchaftlichen Unterricht der Mittel⸗ und Oberſtufe gegeben werden, Religion und Deutſch, die für die Entwicklung des Charakters bedeutſamſten Jächer, mögen in Frauenhände gelegt werden. 2) Zur Kusbildung wiſſenſchaftlicher Lehrerinnen für die Oberklaſſen der höheren Mädchenſchule möge der Staat be⸗ ſondere Anſtalten errichten. Der petition war eine Begleitſchrift hinzugefügt, die weit über die Grenzen der Fachkreiſe hinaus Kufſehen erregte, lebhafteſter Zuſtimmung in Frauenkreiſen, ſchroffer Ablehnung von ſeiten der Regierung wie von ſeiten der Mehrzahl männ⸗ licher Mädchenſchulpädagogen begegnete. Die Verfaſſerin dieſer Begleitſchrift war helene Lange. zwei Jahr ſpäter veröffentlichte ſie unter dem Citel„Jrauen⸗ bildung“ eine umfaſſende Broſchüre, in der ſie deutſche und engliſche Frauenerziehung in Parallele ſtellte, die in oben er⸗ wähnter Petition erhobenen Forderungen— vermehrten Ein⸗ fluß, beſſere Vorbildung der Lehrerinnen— wiederholte und den Wunſch hinzufügte, den rein ethiſchen Unterrichtsfächern, auf die im Gegenſatz zu der vorwiegend intellektuellen Bil⸗ dung der Engländerin unſere deutſchen Mädchenſchulpädagogen Hauptgewicht legten, denen man nach Anſicht der Verfaſſerin eine zu ausſchließliche Vorherrſchaft in der Mädchenſchule ein⸗ räumte, Mathematik an die Seite zu ſtellen, zugleich den na⸗ turwiſſenſchaftlichen Unterricht auszubauen, um allzu einſeitige Ausbildung zu vermeiden. Sie fand ſich mit ihren Horde⸗ rungen in Uebereinſtimmung mit Clemens Nohl, einem der AA einſichtigſten, weitſchauendſten Mädchenſchullehrer damaliger Feit, der ebenfalls auf Rechnen und Mathematik in der Mäd⸗ chenſchule beſonders hinwies, um darin ein geſundes Gegen⸗ gewicht gegen das„ſentimentale, überſchwängliche, ſchwärme⸗ riſche Treiben“ zu finden, wie es nur zu oft in den Mädchen⸗ ſchulen, unter dem Vorwande, das Gemüt zu pflegen, geduldet werde. Die RKegierung verhielt ſich den erhobenen Forderungen gegenüber vollſtändig ablehnend, nur der Frage der Weiter⸗ bildung der Lehrerinnen trat ſie allmählich wohlwollender prüfend gegenüber. Für ein vorurteilsloſes Vorgehen aber in Sachen der Frauenbildung, für gründliche Reform der Mäd⸗ chenſchule und Eröffnung des Univerſitätsſtudiums für die Frauen(eine Frage, die in oben erwähnter Broſchüre eben⸗ falls eingehend berührt war), fehlte bei den damals maß⸗ gebenden Perſönlichkeiten jedes Verſtändnis. Es ſchien ihnen lächerlich übertrieben, wenn Frauen über die Oberflächlichkeit ihrer Erziehung, die künſtliche Einengung ihres Horizontes klagten, wenn ſie nach geſunderer, geiſtiger Nahrung verlangten. Daß eine Frau derart an die GOeffentlichkeit hinauszutreten und Kritik zu üben wagte, wie helene Lange es tat, em⸗ pfand man als im höchſten Grade unweiblich. Solches Ge⸗ bahren konnte nicht ſcharf genug getadelt, nicht energiſch ge⸗ nug zurückgewieſen werden. Kuf Zurückweiſung war man denn auch im Kreiſe jener Frauen gefaßt geweſen. Ohne ſich jedoch dadurch beirren zu laſſen, ohne den Mut deswegen zu verlieren, ging man den einzigen den Frauen offenſtehenden Weg: man verſuchte ſich ſelbſt zu helfen, ſo gut es eben ging. Dieſelben Kreiſe, welche die eben erwähnte Eingabe in Anregung gebracht hatten, traten an die Löſung der zunächſt dringendſt erſcheinenden Aufgabe heran, A— den Frauen Gelegenheit zur Vorbereitung für das akademiſche Studium und damit eine im Gegenſatz zu der bisherigen einem verſchwommenen Ideal zuſtrebenden Mädchenſchulbildung auf ein beſtimmtes Ziel hinarbeitende Kusbildung zu geben. 1889 wurden in Gegenwart Ihrer Majeſtät der Kaiſerin Friedrich, der verſtändnisvollen Förderin aller Frauenbildungsbeſtrebungen, die erſten Realkurſe für Frauen eröffnet, die, zunächſt nur für Zulaſſung an den Schweizer hoch⸗ ſchulen berechnet, wenige Jahre darauf in Gymnaſialklaſſen, zur Vorbereitung für die inzwiſchen den Frauen eröffneten deutſchen Univerſitäten, umgewandelt werden konnten. Unter helene Langes, dann ſpäterhin unter Prof. Wychgrams Leitung, entwickelten ſie ſich zu einer muſtergültigen Anſtalt, die nur während der erſten fünf Jahre, in denen ſich jedoch ſtets offene hände fanden, allerdings bedeutender privater Suſchüſſe bedurfte, dann aber— im Gegenſatz zu anderen Anſtalten— infolge des ſehr guten Beſuches keine pekuniäre Unterſtützung mehr verlangte. Auch die erſten wiſſenſchaftlichen Fortbildungskurſe für Lehrerinnen— ich möchte das in dankbarer Erinnerung an die der Frauenſache von hoher Stelle damals ſelten zu teil wer⸗ dende Förderung hier noch gleich miterwähnen— wurden in demſelben Jahre, 1889, dem Regierungsjahre des Kaiſers und der Kaiſerin Friedrich, am Dictoria⸗LCyceum eröffnet, einer Anſtalt, die, ebenfalls unter Protektorat der damaligen Kronprinzeſſin, i. J. 1868 von einer geiſtvollen, für die Bildung der Frauen und insbeſondere der Lehrerinnen warm intereſſierten Engländerin, Miß Archer, begründet worden war. Das Dyctoria⸗LCyceum hatte durch Vortragscyklen und Kurſe den ſonſt noch von jeder Weiterbildung ausgeſchloſſenen Frauen manche Sörderung gegeben, freilich nur Knregungen, ohne ſyſte⸗ matiſch geleitete, regelrechte Arbeit. Immerhin bot es in Vorle⸗ ſungen namhafter Gelehrter reiche HuswahlanStoff, weckte in den Frauen den Wunſch, tiefer einzudringen in das im Lyceum nur in knapper, beſchränkter Form ihnen Gebotene. Ihren Tieblingswunſch: den Lehrerinnen zu wiſſenſchaft⸗ licher Weiterbildung zu verhelfen, ſollte Miß Archer leider nicht mehr erfüllt ſehen. Erſt nach ihrem Code wurden die Sortbildungskurſe für Lehrerinnen am Dictoria⸗LCyceum er⸗ öffnet. Zunächſt waren ſie von der Univerſität vollſtändig getrennt, ſtanden nicht auf der höhe akademiſcher Rusbildung, wurden auch nur ſchwach beſucht, da von irgendwelcher da⸗ durch erworbenen Kusſicht auf Anſtellung in den oberen Klaſſen einer Mädchenſchule oder von einem Anrecht auf höhere Be⸗ ſoldung nirgends die Rede war. Noch fehlte den Lehrerinnen eine eigene Organiſation, die ihre Wünſche wirkungsvoll zu vertreten wußte, noch waren es nur Einzelne, Vereinzelte unter den Frauen, die ſich in gleichem Streben, in gleicher Sehnſucht, oft rein zufällig, zuſammenfanden. Eine von Marie Loeper⸗ houſſelle 1884 gegründete Feitſchrift„die Lehrerin in Schule und haus“ war der erſte Verſuch, einen Ideenaustauſch unter den Lehrerinnen zu ermöglichen. Dann wurde 1800 einer Einladung von Marie Loe⸗ per⸗houſſelle, helene Lange und Auguſte Schmidt (2. Vorſ. und Mitbegründerin des Leipziger Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins) folgend, in Friedrichroda der Allgemeine Deutſche Lehrerinnenverein begründet, deſſen erſte Vorſitzende He⸗ lene Lange wurde. Schon im erſten Jahre gewann er 3000 Mitglieder. Er iſt ſeitdem auf 20 000 Mitglieder angewachſen; die größte weibliche Berufsorganiſation unter den Frauen. Der katholiſche Lehrerinnenverein, der 5 Jahre früher begründet— auf konfeſſioneller Baſis— geſondert daneben beſteht, zählt 8000. AS Hebung des Lehrerinnenſtandes, Kräftigung des Solida⸗ ritätsgefühls unter den Lehrerinnen, Vertretung ihrer mate⸗ riellen Intereſſen, ſtärkere Beteiligung der Lehrerinnen an der Volksbildung, insbeſondere an dem Unterricht in den Ober⸗ klaſſen der höheren Mädchenſchule, Vertiefung der Lehrerinnen⸗ bildung, Reform der höheren Mädchenſchule, das waren die Siele, denen der Verein zuſtrebte, Ziele, die er nicht nur durch Verſammlungen und Petitionen, ſondern vor allem auch durch ſtrenge Anforderungen, die die Lehrerinnen an ſich ſelbſt ſtellten, zu erreichen verſuchte. In unermüdlicher Arbeit haben die über ganz Deutſch⸗ land und auch ins Ausland verſtreuten Lehrerinnen Selbſter⸗ ziehung geübt, ihr Wiſſen, ſoweit ihnen andere Wege noch nicht geboten waren, durch private Arbeit vertieft, in re⸗ gelmäßigen Suſammenkünften, in kleineren Verſammlungen und auf den alle zwei Jahre ſtattfindenden großen Lehrerinnen⸗ tagen ihre Anſchauungen geklärt und in freimütiger Dis⸗ Kuſſion weiterentwickelt. Beſondere Sektionen bildeten ſich für die verſchiedenen Fragen des Mädchenſchulweſens und der Lehrerinnenbildungsreform, eine weitverzweigte bis ins Aus⸗ land reichende Stellenvermittlung(unter Leitung von helene Adelmann in London) hob durch die Gewiſſenhaftigkeit ihrer Arbeit, durch die Entſchiedenheit, mit der ſie die Intereſſen der Lehrerinnen vertrat— minderwertige Elemente unter den Fachgenoſſinnen nach Möglichkeit ausſchließend— das ln⸗ ſehen des ganzen Standes. Durch die Mitwirkung der Volksſchullehrerinnen— die an den preußiſchen Schulen tätigen hatten ſich 1894 zu einem Verbande preußiſcher Volksſchullehrerinnen zuſammengeſchloſſen, der jedoch dem Allg. Deutſchen Lehrerinnenverein mitangehört — wurden auch die auf hHebung der breiteren Volksſchichten hinzielenden ſozialen Aufgaben, die der Lehrerin an der hö⸗ hern Mädchenſchule zuerſt häuſig fern lagen, in das Bereich der Vereinsarbeit gerückt. Von ganz beſonderer Bedeutung aber— und das erklärt die eingehende Behandlung, die ich im Gegenſatz zu der Ar⸗ beit anderer großer Frauen⸗Berufsgenoſſenſchaften dem Wirken des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnenvereins in meinen Kus⸗ führungen zu teil werden laſſe— war es, daß von vornher⸗ ein die Lehrerinnen nicht um ihrer Eigenintereſſen willen, nicht nur um ihren Stand angeſehener zu machen, um ihre Berufsbildung zu vertiefen, ſich zuſammenſchloßen. Don vorn⸗ herein ſahen ihre Führerinnen die Bedeutung der Lehrerinnenbewegung darin, daß durch die hebung des Lehrerinnenſtandes zugleich auf die Entwicklung der geſamten weiblichen Jugend Einfluß geübt wer⸗ den könne. Dieſer Einfluß mußte um ſo bedeutſamer wer⸗ den, je umfaſſender die ſchon oben erwähnte Forderung vermehrter Einſtellung von Lehrerinnen in öffentlichen und privaten Schulen zur Durchführung gelangte. Don der Sehn⸗ ſucht erfüllt, unſerm deutſchen Volke Frauen und Mütter zu ſchaffen, die— wie Luiſe Otto⸗Peters, die Gründerin des Allg. Dtſch. Frauenvereins, das einſt als Siel der Frauenbe⸗ wegung hingeſtellt hatte—„gleich den Männern ihrer hei⸗ mat wert ſich zeigen“, traten die Lehrerinnen in den Rampf um eigene höherentwicklung ein. Sich ſelbſt wollten ſie ſchulen, um dadurch zu Erzieherinnen zu werden, wie das heranwach⸗ ſende Frauengeſchlecht ſie brauchte. Das geſamte Gebiet der Frauenbildung unterzogen ſie— oft in bewußtem Gegenſatz zu den bis dahin allein herrſchenden männlichen Anſchauungen — einer Prüfung vom Standpunkt der Frau aus, da ſie ſich als Frauen berufen und befähigt fühlten, über die her⸗ ͤ anbildung ihres eignen Geſchlechtes eigenes Urteil zu haben. Die erſten Jahre des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnen⸗ vereins waren Jahre des Kämpfens und Ringens. Wohl hatte der Leipziger Kllgemeine Deutſche Frauenverein, hatten auch vereinzelte hochgeſinnte Männer und Frauen ihm in wei⸗ teren Rreiſen den Boden bereitet. Auf den Kampf um Er⸗ öffnung der Univerſitäten, der für die Lehrerinnen beſonders bedeutungsvoll war, komme ich noch zurück. Aber man war doch noch weit davon entfernt, wie ich vorhin ſchon erwähnte, auf Frauenwünſche irgendwie ernſtlich Rückſicht zu nehmen. Trotz alles Wohlwollens, das man in Regierungskreiſen, das man auch in Kreiſen der männlichen Fachgenoſſen den Lehrerinnen entgegenzubringen ſich bemühte, ſah man vielfach ihr ſelb⸗ ſtändiges Vorgehen, ihr entſchloſſenes Eintreten für ihre eigenen Intereſſen und für die Intereſſen der ihnen anvertrauten weib⸗ lichen Jugend als etwas Nie⸗Dageweſenes, Unerhörtes an, das man zu überſehen, zu unterdrücken ſuchte. Aber Dank der trefflichen Führung, Dank des einmütigen Zuſammenhal⸗ tens der in immer größerer Fahl entſtehenden Lehrerinnen⸗ vereine gewöhnte man ſich ſchließlich daran. Mehr und mehr verſtand man ſich dazu, auch die Lehrerin als einen Faktor anzuſehen, der auf dem Gebiete der Mädchenſchulpädagogik eigene Anſchauungen zu vertreten, mit dem man bei Ausgeſtal⸗ tung des Mädchenſchulweſens zu rechnen hatte. 1894 brachte den erſten Fortſchritt: eine Neuregelung des Mädchenſchulweſens von ſeiten des preußiſchen Kultusminiſte⸗ riums. Lehrpläne, an denen es bisher gemangelt hatte, wur⸗ den einheitlich für ganz Preußen gegeben. Die wiſſenſchaft⸗ liche Fortbildung der Lehrerin wurde geregelt, die Bedeutung ihrer Mitarbeit unumwunden anerkannt. Freilich blieb noch vieles zu wünſchen übrig. Kuf eine wirklich zeitgemäße Um⸗ Siies ReieSee geſtaltung des preußiſchen höheren Mädchenſchulweſens warten, obwohl ſie immer wieder in ſichere Husſicht geſtellt wird, die Frauen noch immer vergebens. Noch immer iſt die höhere Mädchenſchule weit davon entfernt, ihrer dreifachen Kufgabe gerecht zu werden:„Die allgemeine Bildung der Frau unſerer Zeit auf eine ebenſo breite und ſolide Grundlage zu ſtellen wie die, auf der die höhere Knabenbildung beruht; der künf⸗ tigen Erzieherin und Leiterin eines haushaltes die beſonderen Einſichten und Intereſſen zu vermitteln, durch die ſie ihre Auf⸗ gaben in tieferem und weiterem Sinn aufzufaſſen lernt; den Unterbau für ein wiſſenſchaftliches Berufsſtudium zu geben“. Um die einzelnen Forderungen des Kllgemeinen Deutſchen Lehrerinnenvereins zu beleuchten, komme ich zunächſt noch ein⸗ mal kurz auf jene beiden in der Petition von 1887 enthal⸗ tenen Anträge zurück. Punkt I verlangte, wie geſagt, vermehrten Einfluß der Lehrerinnen auf den Unterricht in der höheren Mädchenſchule, insbeſondere in den höheren Klaſſen und in den für die Er⸗ ziehung bedeutſamen Fächern. Im Gegenſatz zu anderen Ländern, die der Frau auf die Erziehung weitgehenden Einfluß einräumen, liegt in Deutſch⸗ land der Lehrberuf vorwiegend in männlichen händen. Man zählte in England(1891) 144 000 Lehrerinnen 51 000 Lehrer „Nordamerika(1880) 154 000 4 75 000„ „Italien(1881) 47 000 3 33 000„ „Frankreich(1891) 82 000 3 88 000„ „Deutſchland(1895) 66 138, 151 825„ an den preuß. Volksſchulen(1901) 13 758— 74 588„. Als der Allg. Dtſch. Lehrerinnenverein ſeine Tätigkeit be⸗ MASS gann, lagen die Verhältniſſe, beſonders an den höheren Mäd⸗ chenſchulen, für die Frauen noch weit ungünſtiger. Der Unter⸗ richt in allen weſentlichen Fächern— in Deutſch, Geſchichte, Religion u. a. m.— wurde in den Oberklaſſen vorwiegend, oft ausſchließlich von Männern erteilt. Daß die Leitung, die noch jetzt(mit wenigen Kusnahmen) an öffentlichen Schulen von Direktoren geübt wird, niemals Frauen anvertraut wurde, verſtärkte noch den männlichen Einfluß. Kuch die Privat⸗ ſchulen, an denen ſonſt, ſchon aus pekuniären Gründen, weibliche Lehrkräfte überwogen, trachteten, der Mode Rechnung tragend, danach, für die Oberklaſſen möglichſt herren als Lehrer zu gewinnen. Der jüngſte Privatdozent galt für ge⸗ eigneter, faſt erwachſenen Mädchen Unterricht zu erteilen, als eine erfahrene, auch auf die Charakterbildung, die Erziehung der Kinder einwirkende Lehrerin. Ohne Suſammenhang mit dem, was ſie ſpäter im Leben erwartete, wurde den Mädchen in Sächern, die beſonders geeignet geweſen wären, veredelte Kuffaſſung von den kufgaben und pflichten der Frau in den jungen Gemütern zu wecken, die Begeiſterung für ſolche Auf⸗ gaben zu einer das Leben beherrſchenden Grundſtimmung zu machen, häufig genug ein Unterricht zuteil, der die vorhan⸗ denen Bildungsmöglichkeiten vollſtändig außer Kcht ließ, zum reinen Dozieren ausartete. Der in den Mädchen die Vorſtel⸗ lung weckte, als wenn das, was der Herr Doktor ihnen in ſo ſchönen, ſchwungvollen Worten zu ſagen wußte, mit dem, was das Leben von ihnen verlangte, keinerlei 3uſammenhang habe. Sicherlich gab es Ausnahmen, gab es beſonders unter den älteren Lehrern Männer, die auch ihre Schülerinnen in rechter AUrt zu nehmen wußten. Aber ſo wenig eine Frau immer und überall männlicher Eigenart gerecht werden kann, ſo wenig vermag der Lehrer, der Mann— als Durchſchnitt genommen Krukenberg, Frauenbewegung. 4 — ſich in das Seelenleben des werdenden jungen Mädchens zu verſetzen. Er bietet unentbehrliche, wertvolle Ergänzung und niemals dachten die Frauen daran, auf die Mitarbeit des Mannes in der Mädchenſchule verzichten zu wollen. Aber wie im Hauſe bei der Erziehung der Töchter die Mutter— neben dem Dater— naturgemäß eine um ſo bedeutſamere Rolle ſpielt, je mehr die jungen Mädchen heranwachſen(vorausge⸗ ſetzt, daß es eine Mutter iſt, die Einfluß zu üben verſteht), ſo ſollte auch in der Schule das Wirken der Frau neben dem des Mannes ſeiner Bedeutung entſprechend eingeſchätzt wer⸗ den. Den Frauen nur den erzieheriſch unwirkſamen Unter⸗ richt, Sprachen und techniſche Fächer, nur den Elementarunter⸗ richt in den unteren Klaſſen zu überweiſen, iſt doppelt ver⸗ kehrt, da das ſogenannte Backfiſchalter dem Manne, beſonders dem jüngeren Lehrer, häufig genug geradezu unlösbare Er⸗ ziehungsprobleme bietet, Probleme, die nur die Frau, die einſt das gleiche Stadium durchlaufen, richtig zu erfaſſen und zu behandeln verſteht. Noch ſchwieriger iſt die Situation für den Lehrer, wenn, wie das häufig geſchieht, nicht darauf geachtet wird, daß Lehrer, die in höheren Klaſſen unterrichten, takt⸗ voll bleiben, daß ſie die Formen des geſellſchaftlichen Verkehrs beherrſchen. Nur ſolche, die die Mädchen nicht ver⸗ letzen durch ihr Benehmen, können erziehen, ſie allein können mit Erfolg unterrichten. Aber eine große Schwierigkeit ſtellte ſich der Durchfüh⸗ rung der Forderung, den Fraueneinfluß in den Schulen zu vermehren, hemmend entgegen: nur Lehrerinnen, die den Lehr⸗ ſtoff beherrſchen, die ſelbſt ſichere, durchgebildete Perſönlichkeiten ſind, können den Unterricht in den oberen Klaſſen der höheren Mädchenſchule erteilen, ſie allein ſind im ſtande, dem wiſſen⸗ ſchaftlich gebildeten Lehrer gleichwertig zur Seite zu treten, einen auf gleicher höhe mit dem ſeinen ſtehenden Unterricht zu geben. n ſolchen Lehrerinnen aber fehlte es damals faſt voll⸗ ſtändig. Man kannte nur ſeminariſtiſch gebildete Lehrerinnen und die Lehrerinnen⸗Seminare waren und ſind nach dem Ur⸗ teile Sachverſtändiger noch jetzt in hohem Maße reformbe⸗ dürftig. Daher die zweite Forderung jener Petition, die Regie⸗ rung möge den Lehrerinnen Gelegenheit zu wiſſenſchaftlicher Ausbildung geben. Auf dieſen Punkt legte der Kllgemeine Deutſche Lehre⸗ rinnenverein beſonderes Gewicht. Der Fraueneinfluß in der Schule, darauf wies helene Lange, darauf wies auch Frau Loeper⸗houſſelle in ihrer Zeitſchrift„Die Lehrerin“ wieder und wieder hin, ſteht und fällt mit der Möglichkeit beſſerer Lehrerinnenbildung. Lieber — trotz allem— den ganzen Unterricht in Männerhänden als Unterricht in den oberen Klaſſen durch minderwertig vorge⸗ bildete weibliche Kräfte. Von der Perſönlichkeit der Lehrenden, ſo führt helene Lange in verſchiedenen ihrer Schriften aus, hängt der Er⸗ folg des Unterrichts ab.„Am wirkſamſten ſind Lehrer und Lehrerinnen, die eine ausgeſprochene Individualität beſitzen. Selbſt wenn dieſe nicht ohne Ecken iſt, wenn ſie der land⸗ läufigen Charakteriſtik der pädagogiſchen Lehrbücher wider⸗ ſpricht, wenn die Lehrſtunden ganz gegen alle herbart⸗öiller⸗ Stoyſchen Regeln verlaufen, dem Zauber einer mächtigen In⸗ dividualität— ſolange ſie echtes Menſchentum verkörpert— vermögen wir uns nicht zu entziehen.“ Um zu ſolcher Perſönlichkeit zu werden, um zu innerer Selbſtändigkeit zu gelangen, verlangt ſie für die Lehrerin 4* eLE Renntnis des menſchlichen Lebens, verlangt eine auf Grund ſolcher Lebenskenntnis feſtgegründete Weltanſchauung, in der Ueberzeugung wurzelnd,„daß die ſittlichen Ideale, die der Menſch aus ſeinem tiefſten Weſen heraus erſchaffen hat, den Kern der Weltentwicklung überhaupt bilden müſſen“. Aber lebendige Anſchauung der realen Welt genügt nicht zur Gewinnung ſelbſtändiger Weltanſchauung. Das Studium iſt unumgängliche Vorausſetzung, um zu bewußter Erkenntnis zu gelangen. Durch Studium allein kann die Lehrerin auch volle Stoffbeherrſchung über ihr Fach gewinnen, erſte Vor⸗ ausſetzung für wirkſamen Unterricht und eigenartige Geſtal⸗ tung des Unterrichtsſtoffes.——— Langſam nur ſetzten ſolche Anſchauungen ſich durch, lang⸗ ſam beſonders gewannen ſie Beachtung und Zuſtimmung in den maßgebenden Kreiſen. Erſt als Miniſter Boſſe an die Spitze des preußiſchen Unterrichtsminiſteriums trat, und die Wünſche der Frauen nicht von vornherein ſchroff zurückwies, ſondern ſie vorurteilsfrei zu prüfen verſuchte, trat ein Wechſel in den Anſchauungen ein. Kuch der neuernannte Dezernent für das höhere Mädchenſchulweſen, Stephan Wätzoldt, zeigte im Gegenſatz zu ſeinen Vorgängern weitgehendes Ver⸗ ſtändnis für alle mit der Mädchenſchule, der Frauenbildung zuſammenhängenden Fragen. Ueberall machte ſich Fortſchritt, Streben nach Beſſerung geltend, und es iſt im höchſten Grade zu bedauern, daß eine weiter durchzuführende Reform des Mädchenſchulweſens durch den 1904 erfolgten Tod Stephan Wätzoldts aufs neue hinausgerückt, wenn auch— zuverläſ⸗ ſigen Angaben zu Folge— nicht auf unabſehbare Zeit vertagt wurde. Eine Kommiſſion zur Bearbeitung von Reformplänen, zunächſt für die Lehrerinnen⸗Seminare, iſt ernannt, die unter Hinzuziehung von Frauen ihre Arbeit bereits begonnen hat. Die Bedeutung vermehrten weiblichen Einfluſſes in der Schule, die Notwendigkeit, Lehrerinnen in größerer Sahl den Unterricht in den oberen Klaſſen zu übertragen, erkannten die ſchon oben erwähnten 1894 gegebenen Maibeſtimmungen un⸗ umwunden an. In einer den Forderungen des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnenvereins mehr als bisher Rechnung tra⸗ genden Weiſe regelte der Erlaß die Weiterbildung der Leh⸗ rerinnen. Den Berliner Kurſen folgten— im engeren n⸗ ſchluß an die Univerſität— wiſſenſchaftliche Fortbildungskurſe für Lehrerinnen in Göttingen, Bonn, Münſter i. W., Königs⸗ berg i. Pr. Beſondere Prüfungskommiſſionen wurden von ſeiten der Regierung gebildet, die Befähigung zur Anſtellung als Direktorin oder Oberlehrerin an öffentlichen höheren mädchenſchulen wurde von dem Beſtehen der Oberlehrerinnen⸗ Prüfung abhängig gemacht. Ebenſo wurde von nun an die Ablegung dieſer wiſſenſchaftlichen Prüfung für alle Schulvor⸗ ſteherinnen an Anſtalten mit ſieben und mehr aufſteigenden Klaſſen obligatoriſch. Trotz aller ſolcher Beſtimmungen ließ jedoch die Enſtel⸗ lung von Frauen an den Oberklaſſen der öffentlichen Mäd⸗ chenſchulen noch immer zu wünſchen übrig. 1896 waren an öffentlichen höheren Mädchenſchulen 1000 Lehrerinnen gegen⸗ über 2000 Lehrern angeſtellt.[Die pflichtſtundenzahl iſt für beide meiſt die gleiche. Nur in einzelnen Siädten, in Frank⸗ furt a. M. z. B., hat der Lehrer, der ja auch höheren Gehalt bezieht, zwei Stunden mehr zu gebenl. Seminariſtiſch gebildete Lehrperſonen unterrichten auch jetzt noch an Stelle wiſſenſchaft⸗ lich gebildeter Lehrer und Lehrerinnen auch an den Ober⸗ klaſſen der höheren Mädchenſchule. Einem erneuten Erlaß des Kultusminiſters gegenüber, welcher Anſtellung von Oberlehrerin⸗ nen warm empfahl, da, wie der Erlaß hervorhebt, namentlich in ½ BS W9 B den Jahren der Entwicklung der Einfluß der Lehrerinnen nicht zu entbehren und nicht zu erſetzen ſei, behalfen ſich ver⸗ ſchiedene Schulbehörden damit, daß ſie älteren Cehrerinnen— ohne die Prüfung zu verlangen— den Citel Oberlehrerin verliehen. Die Minderwertigkeit in der Vorbildung der Lehr⸗ kräfte drückt jedoch, Ausnahmen ſelbſtverſtändlich zugegeben, die ganze Schule in Anſehen und Erfolgen herab. Dazu kommt, daß die Maibeſtimmungen einen neunjährigen Lehr⸗ gang für genügend erachteten und daß die Mehrzahl der ſogenannten höheren Mädchenſchulen mit den Volksſchulen, nicht aber mit den höheren Rnabenſchulen rangiert, denen ſie tatſächlich ja auch noch nicht gleichzuſtellen ſind. Sie in das Dezernat für höheres Schulweſen einzureihen, iſt bei ihrer Kusgeſtaltung zu wirklich höheren Schulen ſelbſtverſtändliche Forderung. Wie gering die Fürſorge des Staates für unſer höheres Mädchenſchulweſen im Vergleich zu der den Knabenſchulen zu⸗ gewandten Fürſorge auch heute noch iſt, das mag die Tat⸗ ſache erhellen, daß unter 200 preußiſchen höheren Mädchen⸗ ſchulen nur vier ſtaatliche ſich befinden, in ganz Preußen alſo genau ebenſoviel, ſo fügt Herr Stadtſchulrat Lüngen in Frankfurt a. M. hinzu, wie das hHerzogtum Anhalt beſitzt, das hinſichtlich der Einwohnerzahl etwa mit der Stadt Frank⸗ furt a. M. auf derſelben Stufe ſteht, 18 ſtaatlichen Schulen für Mädchen ſtehen in ganz Deutſchland 250 ſtaatliche oder vom Staate unterſtützte Anſtalten für Knaben gymnaſialer oder realiſti⸗ ſcher Richtung gegenüber. 2,61% der Staatszuſchüſſe kom⸗ men den öffentlichen höheren Mädchenſchulen, 24,91% den höheren Rnabenſchulen zu gut. Dazu ſtellt ſich der von der preußiſchen Regierung zur Weiterbildung der Lehrerin vorgeſchriebene Weg nur als halbe ASANAN e n Löſung dar. Erſt nach abſolviertem Seminar und beſtandener Lehre⸗ rinnenprüfung— ohne alſo den ſonſt für das Univerſitäts⸗ ſtudium geforderten Kusbildungsweg einſchlagen zu dürfen— erſt nach fünfjährigem praktiſchem Dienſt(dieſe Beſtimmung iſt ſpäter gefallen, nur noch zwei Jahre werden gefordert) und nebenbei privatim erworbenen Vorkenntniſſen in Latein, Ma⸗ thematik oder was das gewählte Fach ſonſt noch erfordert, wird die Lehrerin zum Examen zugelaſſen. Dieſe Beſtimmungen bedeuten außerordentliche Erſchwerungen und zwei grundver⸗ ſchiedene Bildungswege— Seminar und Univerſität— wer⸗ den unvermittelt aufeinander gepflanzt. Demgegenüber forderte der Allg. Deutſche Lehrerinnen⸗ verein, fordern auch die Studierenden ſelbſt, die faſt aus⸗ nahmslos den jetzt vorgeſchriebenen Studienweg als verkehrt und unzureichend bezeichnen: Abſolvierung eines Gymnaſiums, Ablegung des Abiturientenexamens, Studium und abſchließende Staatsprüfung, wie Sachſen und Baden ſie bereits zugeſtan⸗ den haben. Sebſtverſtändlich dürfen dann die jungen Lehramts⸗ kandidatinnen nicht gleich als Oberlehrerinnen in den Unterricht an den höheren Klaſſen eintreten, ſondern müßten gleich den Probekandidaten und hilfslehrern in den unteren Klaſſen be⸗ ginnen, langſam, nach gewonnener praktiſcher Erfahrung in die höheren Klaſſen aufſteigend. So vorgebildete Lehrerinnen würden auch zum Unterricht an Mädchen⸗Gymnaſialklaſſen befugt und befähigt ſein, wäh⸗ rend jetzt— den Grundanſchauungen des Allg. Dtſch. Lehre⸗ rinnenvereins durchaus widerſprechend— überwiegend Lehrer an den Mädchengymnaſien verwandt werden. Der Allgemeine Deutſche Lehrerinnenverein hat ſeine For⸗ derungen— Reform der höheren Mädchenſchule betreffend— nach Jahren ſorgfältigen Prüfens und Erwägens in einem Lehrplan zuſammengefaßt, der im weſentlichen, nach einer Wiedergabe der Oberlehrerin fl. M. Riſtow, folgendes enthält: „Die moderne Seit hat den Frauen den 5ugang zu ver⸗ ſchiedenen höheren Berufen erſchloſſen; es handelt ſich nun darum, ihnen auch die erforderlichen Bildungsgelegenheiten zu verſchaffen. Dieſes zweifache Siel der höheren Mädchenbil⸗ dung bedingt eine Gabelung der zukünftigen höheren Mäd⸗ chenſchule. Nach einem gemeinſamen jährigen Unter⸗ und Mittelbau ſoll ſich die Anſtalt in zwei je 6 klaſſige Abtei⸗ lungen gabeln, von denen die eine die Wirkſamkeit der Frau im hHauſe und in der Gemeinde im Kuge hat, die andere, real⸗ gumnaſiale Abteilung der Vorbereitung auf die Univerſität dient und folglich mit der Reifeprüfung ſchließt. Solche an die höhere Mädchenſchule angegliederte Realgymnaſialklaſſen bieten den Vorteil, daß auf der gewonnenen Bildungsgrund⸗ lage lückenlos und ohne Ueberhaſtung weitergebaut werden kann; durch die Verteilung des Lehrſtoffes auf 6 Jahre wird auch eine Ueberlaſtung der Schülerinnen vermieden werden können. Die Rückſicht auf die Geſundheit der Mädchen, be⸗ ſonders auf ihre Schonungsbedürftigkeit in den Entwicklungs⸗ jahren hat dazu geführt, den Mädchen ein Jahr länger als den Knaben, alſo 13 ſtatt 12 Schuljahre zuzuweiſen. Der eigentlichen höheren Mädchenſchule würden nun alle die Mädchen verbleiben, die kein akademiſches Studium beab⸗ ſichtigen, alſo die weitaus überwiegende Mehrheit. Davon würde ein großer Ceil nach Verlaſſen der Schule in einer Fach⸗ ſchule die Vorbildung für einen Beruf erſtreben; für dieſe iſt wie heute der Beſuch der 10 klaſſigen Schule vorgeſehen, ſo daß bei der Stoffverteilung darauf Bedacht genommen iſt, daß nach 10 Jahren ein beſtimmter Abſchluß gewonnen wird, der auch äußerlich durch eine Kbſchlußprüfung für die abgehenden Schülerinnen gekennzeichnet iſt. Dieſe Abſchlußprüfung, die an die Stelle der jetzigen leidigen Aufnahmeprüfungen träte, würde die Berechtigung zum Eintritt in die betreffenden Sach⸗ ſchulen, Lehrerinnenſeminar, Handelsſchule u. a. geben. S0 bliebe die jetzige 10 klaſſige höhere Mädchenſchule auch in Su⸗ kunft beſtehen, und wir dürfen wohl annehmen, daß ſie noch auf lange Feit hinaus, beſonders in kleinen Orten, die Bil⸗ dungsanſtalt für die Mehrzahl der Mädchen ſein wird, die eine über die Volksſchule hinausgehende Bildung erſtreben. Der dreijährige Oberbau, der ſich dieſer Abteilung der höheren Mädchenſchule angliedert, ſoll, um auch den körper⸗ lich oder geiſtig weniger leiſtungsfähigen jungen Mädchen die Teilnahme zu geſtatten, und um Zeit für hauswirtſchaftliche Ausbildung außerhalb der Schule zu laſſen, nur einige Sächer als verbindlich, die andern als wahlfrei führen. Da die Schü⸗ lerinnen ſo ihrer beſonderen Begabung und Neigung folgen können, ſo iſt auch die Möglichkeit gegeben, die Individua⸗ litäten ſchärfer auszuprägen; auch bringt eine gründliche Ver⸗ tiefung in wenige Wiſſensgebiete jedenfalls mehr geiſtigen Ge⸗ winn, hat mehr ſittlichen Wert, als ein Naſchen an allem. Zu den obligatoriſchen Fächern gehören zunächſt Deutſch und Geſchichte; es treten dann neu hinzu: Staats⸗ und Volkswirt⸗ ſchaftslehre, Pädagogik und Pſychologie nebſt praktiſchen Ue⸗ bungen im Rindergarten oder Rinderhort.“ Um den Frauen die fürs Leben unentbehrliche Schulung der Denkkraft zu gewähren, verlangt der Lehrplan eine Ver⸗ mehrung der Rechenſtunden und die Einführung der Mathe⸗ matik als Gegengewicht gegen das lebhaft entwickelte Gefühls⸗ leben der Mädchen; ferner ſoll im Sprachunterricht ein ener⸗ giſcher Betrieb der Grammatik der Verſtandesbildung dienen. A S Kuf die körperliche Entwickelung der Mädchen nimmt der Lehrplan Rückſicht, indem er den Ergebniſſen der Kinderfor⸗ ſchung gemäß die mittleren Klaſſen zu entlaſten ſucht. Auf keinen Fall ſoll eine Dertiefung der Bildung auf Roſten der Geſundheit erreicht werden. Darum werden kürzere Unter⸗ richtsſtunden und längere Pauſe von 10 bis 20 Minuten, in denen für reichliche und zwangloſe Bewegung im Freien ge⸗ ſorgt werden ſoll, verlangt. Die häuslichen Arbeiten müſſen auf das Notwendigſte beſchränkt werden, und das für alle Klaſſen verbindliche Turnen iſt nach Möglichkeit durch Ein⸗ richtung beſonderer Spielſtunden zu erweitern. So H. M. Ri⸗ ſtow in den Neuen Bahnen 15. Juni 1904. Der Lehrplan iſt von Inna Jungk⸗Karlsruhe ausgearbeitet und durch die Vorſitzende der Sektion für das höhere Mädchenſchulweſen, Frl. Marg. Poehlmann⸗Cilſit erhältlich. cin Stelle der realgymnaſialen Klaſſen, die die Mehrheit der Frauen für wünſchenswert hält, müßte es möglich bleiben, vereinzelt auch humaniſtiſche Gymnaſialklaſſen treten zu laſſen, ſofern der Wunſch nach ſolchem, ja auch den Unaben offen⸗ ſtehendem Bildungswege beſteht. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß auch von anderer Seite, ins⸗ beſondere von Seite männlicher Fachgenoſſen, Vorſchläge zu einer Neugeſtaltung der Mädchenſchule gemacht worden ſind. Da es ſich bei meinen Ausführungen aber im weſentlichen darum handelt, von Wünſchen und Beſtrebungen der Frauen zu ſprechen, ſo möchte ich von einer Wiedergabe dieſer ver⸗ ſchiedenartigen Vorſchläge hier abſehen. Ebenſo möchte ich die Eingaben und Entwürfe nicht eingehender berückſichtigen, die von Frauenſeite, jedoch von Nicht⸗Sach⸗Vereinen ge⸗ macht worden ſind. So erfreulich ſie als Zeichen weitgehen⸗ der Teilnahme an den Reformbeſtrebungen auf dem Gebiete h S der Mädchenſchule ſind, ſo treffliche Kritik ſie manchmal an beſtehenden Schäden üben, ſo ſcheint mir doch zur Ausarbei⸗ tung poſitiver Vorſchläge Fachkenntnis unumgänglich notwendig. Lehrerinnenvereins hier den Vorrang vor anderen eingeräumt. Eins aber hat die jahrelange Vorarbeit des AIlge⸗ meinen Deutſchen Frauenvereins, hat das Wir⸗ ken des Vereins Frauenwohl, des Dereins Frauen⸗ bildung⸗Frauenſtudium, des fortſchrittlichen Frauenverbandes u. a. m. für Umgeſtaltung des Mäd⸗ chenſchulweſens ſicher zur Folge gehabt: Das Intereſſe für die Frage der Mädchenſchulbildung iſt weit über die Fachkreiſe hinausgedrungen und ganz beſonders haben die Frauen, die mütter, lebhafte Ceilnahme gezeigt. Daß ſie das tun, iſt aber insbeſondere dann von großer Bedeutung, wenn man daran denkt, wie notwendig für den Erfolg jeglicher Erziehung ein Zuſammenarbeiten von Schule und haus iſt, und wenn man den Wunſch hegt, daß die Frau, auch die Nicht⸗Lehrerin, auf die Einrichtung und Geſtaltung der Mädchenſchule direkten Ein⸗ fluß üben möge, indem ſie Sitz und Stimme in der kommunalen Schulverwaltung gewinnt. Ueber die Gründe, die die Frauen zu ſolcher Forderung veranlaſſen, über das, was ſie damit erſtreben, orientiert am beſten ein vom Leipziger Allgemeinen Deutſchen Frauenvereine herausgegebenes, von Dr. Gertrud Bäumer verfaßtes Flugblatt, dem ich folgende Kuszüge entnehme: I. Weshalb brauchen wir in der kommunalen Schulverwaltung Frauen? Mehr und mehr hat ſich in unſerem Unterrichtsweſen der Gedanke durchgeſetzt, daß die Frau in der Mädchenerziehung einen beſtimmenden Einfluß haben müſſe. Als„nicht zu ent⸗ AS behren, und nicht zu erſetzen“ bezeichnet der preußiſche Kul⸗ tusminiſter in einem Erlaß vom 9. Kuguſt 1890 den Ein⸗ fluß, den die Lehrerin vermöge ihrer weiblichen Eigenart in der Mädchenſchule ausübt. Durch die vermehrte Unſtellung von Lehrerinnen, durch ihre heranziehung zum Unterricht in oberen Klaſſen und zu leitenden Stellungen iſt in ganz Deutſch⸗ land einer gleichen Anſchauung Kusdruck gegeben. Der nächſte Schritt, dieſe Erkenntnis in die Praxis umzuſetzen, iſt die Zu⸗ laſſung der Frauen zur kommunalen Schulverwaltung, denn erſt, wenn ihr Einfluß auch hier zur Geltung kommen kann, wird er ſeine volle Wirkung entfalten. Für die Notwendigkeit der Mitarbeit von Frauen in der Schulverwaltung laſſen ſich folgende Gründe anführen: 1. Für die Geſtaltung des öffentlichen Unterrichtsweſens an einem Orte iſt der Schulvorſtand die entſcheidende Behörde. Er verfügt über den ganzen für Schulzwecke gemachten Auf⸗ wand; von ſeiner Einſicht hängt es ab, ob die geſchaffenen Unterrichtsanſtalten nach Sahl und Urt dem Bedürfnis ge⸗ nügen, er übt die der Gemeinde zuſtehenden Rechte bei der Beſetzung der Lehrerſtellen aus. Es liegt in der Natur der Sache, und die Erfahrung lehrt es, daß die Intereſſen der Mädchenſchulen bei all dieſen Entſcheidungen leicht zurück⸗ geſetzt werden. Die Intereſſen der Mädchenerziehung liegen naturgemäß Männern ferner, und es bedarf der Mitarbeit der Frauen, um ſie mit vollem Nachdruck zur Geltung zu bringen. 2. In kleinen Orten und auf dem Lande fehlt es häufig an Männern, die den Schulangelegenheiten genügendes Ver⸗ ſtändnis entgegenbringen und den pflichten des Schulvor⸗ ſtandes genügend Seit opfern können. Wenn auch Frauen in die Schulvorſtände gewählt wer⸗ den könnten, würde der Kreis der Perſönlichkeiten, die für ſolche Wahlen in Betracht kämen, oft in wünſchens⸗ werter Weiſe erweitert werden. .Die Ergänzung der von den männlichen Mitgliedern der kommunalen Schulverwaltung geleiſteten Arbeit durch die Mitwirkung der Frauen liegt um ſo näher, als die Frau durch ihre Tätigkeit in der Familie Erziehungsfragen häufig ein wärmeres Intereſſe entgegenbringt, als der Mann. Die Zuſammenſetzung der Schulverwaltung aus Fachkundigen und Vertretern der Bürgerſchaft hat den Sweck, Schule und Elternhaus zur Erfüllung der erziehlichen Aufgaben zu ver⸗ einigen. nicht ſelten iſt die Frau, in deren hand meiſt die häus⸗ liche Erziehung zum größten Ceil liegt, eine geeignetere Vertreterin der Intereſſen des Elternhauſes an der Ge⸗ ſtaltung des Schulweſens als der Mann. 4. Für die Beurteilung eines großen CTeils der Fragen, mit denen ſich die kommunale Schulverwaltung zu beſchäftigen hat, haben Frauen bereits ihre beſondere Befähigung nach⸗ gewieſen. Durch ihre Initiative ſind in den letzten Jahr⸗ zehnten eine große Anzahl von Erziehungs⸗ und Unterrichts⸗ anſtalten(Fortbildungsſchulen, Fach⸗ und Gewerbeſchulen, Haushaltungsſchulen, Kindergärtnerinnenſeminare, Mädchen⸗ gymnaſien) gegründet worden. Die beſondere Sachkenntnis und Urteilsfähigkeit der Frauen auf vielen Gebieten, vor allem des weiblichen Unterrichts⸗Weſens, würde für die Beſchlüſſe der kommu⸗ nalen Schulverwaltung unleugbar den größten praktiſchen Wert haben. II. Welche Möglichkeiten bietet die gegenwärtige ₰ Organiſation der Schulverwaltung für die Mitarbeit der Frauen? Die Suſammenſetzung und die Obliegenheiten der ſtädti⸗ ſchen und ländlichen Schulvorſtände ſind einerſeits durch die Schulgeſetze der Bundesſtaaten und die ſie ergänzenden Ver⸗ ordnungen, andererſeits durch Städteordnungen, Landgemeinde⸗ ordnungen und Ortsſtatute ſehr verſchiedenartig feſtgeſetzt. Im allgemeinen ſind aber daran außer Vertretern des Magiſtrats und der kirchlichen Körperſchaften 1. Vertreter der Bürger⸗ ſchaft, 2. Vertreter der Lehrerſchaft beteiligt. Dazu kommen 5. die von der Schulverwaltung mit der Aufſicht über das ſtädtiſche Schulweſen beauftragten beſoldeten Beamten. Für die Mitarbeit der Frauen in der kommunalen Schul⸗ verwaltung bieten ſich alſo drei Möglichkeiten: 1) Lehrerinnen können dem Schulvorſtand als fachkun⸗ dige Mitglieder angehören. 2) Frauen können dem Schulvorſtand als Vertreterinnen der Bürgerſchaft angehören.— 3) Weibliche Beamte können mit der lokalen Aufſicht über beſtimmte Sweige des Schulweſens beauftragt werden. 1. An welche Bedingungen iſt die Zulaſſung der Lehrer⸗ innen zur kommunalen Schulverwaltung geknüpft? In den meiſten deutſchen Bundesſtaaten ſteht der Lehrer⸗ ſchaft das Recht auf Vertretung im lokalen Schulvorſtand ge⸗ ſetzlich zu. In anderen, z. B. in Preußen, iſt die Wahl des Lehrers in den Schulvorſtand zuläſſig und wird von der Re⸗ gierung teils geradezu gefordert, teils warm befürwortet. Die Lehrerinnen ſind von dieſem Recht in manchen Bundesſtaaten durch das Geſetz ausdrücklich ausgeſchloſſen, in anderen mit gewiſſen Beſchränkungen daran beteiligt, in noch anderen ſind durch Geſetz oder Verordnung keine beſonderen Beſtimmungen MM a) b) d) EEE für ſie getroffen, ihre Zulaſſung iſt örtlicher Entſcheidung an⸗ heimgegeben. Kus dieſem Stand der Dinge ergibt ſich fol⸗ gendes: Wo die Lehrerinnen geſetzlich von den Ortsſchulvorſtänden ausgeſchloſſen ſind, wäre bei der Landesregierung eine Ab⸗ änderung zu erbitten, durch welche die Aufnahme der Lehre⸗ rinnen in den Ortsſchulvorſtand für zuläſſig oder wün⸗ ſchenswert erklärt würde. Wo ſich zwar im Unterrichtsgeſetz oder in den die Schul⸗ verwaltung regelnden Verordnungen keine die Lehrerinnen ausſchließende Beſtimmung findet, die übliche Anwendung des Geſetzes ſie aber tatſächlich ausſchließt, müßten die Frauen ſich zugleich an die Regierung und an die Städte wenden; an die Regierung mit der Bitte, daß die Wählbarkeit der Lehrerinnen für die Cokalſchulverwaltung in den bezüglichen Beſtimmungen ausdrücklich betont werde, oder daß die Un⸗ terrichtsverwaltung durch beſondere Erlaſſe dafür eintreten möge, an die Städte mit dem Erſuchen, durch Ortsſtatut den Lehrerinnen die Wählbarkeit für die Lokalſchulkom⸗ miſſionen zu ſichern, wie das jüngſt die Stadt Offenburg in Baden getan hat. Wo den Lehrerinnen hinſichtlich der Ortsſchulverwaltung ſchon beſtimmte Rechte gegeben ſind, iſt an dieſe anzuknüpfen und bei der Regierung um Erweiterung zu bitten. So be⸗ ſitzen z. B. im Kgr. Sachſen die Lehrerinnen das Recht, die VYertreter der Lehrerſchaft im Schulvorſtand mit zu wählen, nicht aber das Recht der Wählbarheit. Wo für einzelne Schulen beſondere Kuratorien und Rom⸗ miſſionen gebildet werden, müßte bei den ſtädtiſchen Schul⸗ deputationen dahin gewirkt werden, daß in dieſen Rörper⸗ ſchaften eine Vertretung der an der Schule unterrichtenden BA— Lehrerinnen geſchaffen würde. 2. Un welche Bedingungen iſt die Zulaſſung der Frauen als Vertreterinnen der Bürgerſchaft geknüpft? Die Vertretung der Gemeindemitglieder in den ländlichen und ſtädtiſchen Schulvorſtänden iſt in den einzelnen Bundes⸗ ſtaaten verſchiedenartig geregelt. Die Vertreter werden ent⸗ weder von der Gemeindevertretung oder von den Eltern der die Schule beſuchenden Kinder gewählt, oder auch von den ſtändigen Mitgliedern der Schulvorſtände kooptiert. Faſt in allen Bundesſtaaten können nur wahlfähige Bürger, d. h. Per⸗ ſonen, die im Beſitze des vollen Gemeindewahlrechts ſind, Mit⸗ glieder der Ortsſchulvorſtände als Vertreter der Bürgerſchaft werden. Doch werden in mittleren und größeren Städten auf Grund ortsſtatutariſcher Beſtimmungen für einzelne Anſtalten beſondere Kommiſſionen und Ruratorien gebildet(die ſchon unter 1æd berührt ſind), z. B. für höhere Mädchenſchulen, Fort⸗ bildungsſchulen, Kleinkinderſchulen ꝛc. Die Zugehörigkeit zu dieſen Kommiſſionen iſt nicht an das Gemeindewahlrecht ge⸗ bunden.— Für die Frauen iſt alſo folgendes zu erſtreben: a) Die Beteiligung an KRuratorien und Kommiſſionen für ein⸗ zelne weibliche Unterrichtsanſtalten, wenn ſolche von den ſtädtiſchen Schulverwaltungen eingeſetzt werden. In Baden wird die heranziehung von Frauen zu den Kuratorien der höheren Mädchenſchulen ſeitens der Regierung empfohlen, in Preußen iſt durch die Miniſterialinſtruktion vom 26. Juni 1811 eine ähnliche Anregung gegeben, im Reichslande gilt das gleiche bezüglich der Kleinkinder⸗ ſchulen. Auch an der Beaufſichtigung und Derwaltung ſtädti⸗ ſcher haushaltungsſchulen ſind Frauen ſchon mehrfach be⸗ AS teiligt. Die Frauen ſollten aller Orten die Erweiterung dieſer Rechte anſtreben. b) Wo die Vertreter der Gemeindemitglieder im Schulvorſtand von den Vätern und Vormündern der Schulkinder gewählt werden(Sozietätsſchulen in einigen preußiſchen Landesteilen, Württemberg), ſollten die Frauen mindeſtens das Stimm⸗ recht für dieſe Wahlen bei den Staatsregierungen erbitten. c) Wo die Wählbarkeit für die Schulverwaltung an das Ge⸗ meindewahlrecht gebunden iſt, müſſen die Srauen für die Erlangung des Gemeindewahlrechts arbeiten. Dies Slugblatt gibt einen guten Ueberblick über die zahl⸗ loſen kleinen und großen Schwierigkeiten, mit denen die Frauen bei jedem Fortſchreiten zu kämpfen haben, zeigt die Schranken, die ihnen überall erbaut ſind. Sur Durchführung ſolcher Forderungen wurden von ſeiten verſchiedenſter Frauenvereine weitere Schritte getan. So hat ſich z. B. der rheiniſch⸗weſtfäliſche Frauenver⸗ band an die in den Weſtprovinzen anſäßigen Sweigvereine des Allg. Dtſch. Lehrerinnenvereins, des preußiſchen Volksſchul⸗ lehrerinnenverbandes, des Vereins techniſcher Lehrerinnen, an die Ortsgruppen des deutſch⸗evangeliſchen Frauenbundes, an die Vor⸗ ſtände der Provinz⸗Vereine für höheres Mädchenſchulweſen, des katholiſchen Lehrerinnenvereins, des katholiſchen Frauenbundes, die ſämtlich ihren Sitz im Rheinland haben, gewandt, um ge⸗ meinſam mit dieſen allen wegen Einſtellung der Frau in die kommunale Schulverwaltung in allen Stadt⸗ und Landgemein⸗ den der Weſtprovinzen vorſtellig zu werden. Er hat in allen Frauenverbänden verſtändnisvolles Entgegenkommen gefunden. Nur die Vereine für höheres Mädchenſchulweſen, in denen Direktoren ausſchlaggebend ſind, haben die Wünſche der Frauen unberüchſichtigt gelaſſen. Die herren wollen wohl die Dolks⸗ Krukenberg, Frauenbewegung. 5 ſchulen nicht aber die höheren Mädchenſchulen mit unter Fraueneinfluß ſehen, ein Beweis, daß ſie die Berechtigung der Frauenforderungen wohl anerkennen, nur ſich ſelbſt vom Fort⸗ ſchritt auszunehmen wünſchen. Doch hängt Einſtellung und erfolgreiches Wirken der Frauen bei den hier in Betracht kommenden wie bei anderen kom⸗ munalen Ehrenämtern nicht von dem guten Willen der Be⸗ hörden allein ab, ſondern ebenſoſehr von der Bereitwilligkeit der ortsangeſeſſenen Frauen, ſolche Remter zu übernehmen, von der Einſicht und Tüchtigkeit, mit der ſie ſich darin be⸗ währen. Die Zahl geeigneter Frauen zu mehren, ſie fähig und willens zu machen, zu ſolchem über das haus hinausreichendem Wirken iſt daher eine gleich wichtige Aufgabe für die Frauen⸗ bewegungsvereine wie die Gewinnung der Behörden. Ohne gleichzeitige Löſung dieſer erſten Aufgabe bleiben Petitionen und Eingaben— auch wenn ſie Erfolg haben— wertlos. Die den Frauen gemachten 5ugeſtändniſſe verfehlen ihre Wirkung, wenn die Frauen nicht zur Ausübung neuer Rechte und zur Uebernahme neuer Pflichten erzogen werden, wenn ſie nicht als gereifte Menſchen ihre Stellung neben dem Manne auch außer dem hauſe einzunehmen verſtehen. Deswegen muß die Erziehung der Frauen zu vollwertigen Bürgerinnen mit dem Verſuche, neue Rechte für ſie zu gewinnen, ſtets hand in hand gehen.— Die Geſtaltung der Mädchenſchule— das iſt der weſent⸗ liche Inhalt dieſes Kapitels— iſt nicht allein Sache des Mannes, ſondern ebenſoſehr Sache der Frau, der Lehrerin und der Mutter. Weil ſie Frau iſt, muß die Lehrerin Einfluß auf die Mädchen gewinnen durch Leitung auch öffentlicher Mädchen⸗ ſchulen, durch Unterricht in pädagogiſch bedeutſamen Fächern, muß aber— um den Unterricht in rechter Weiſe erteilen zu können— auch in rechter Weiſe vorbereitet ſein. Uur aus der Hand wirklich gut gebildeter ihre Aufgabe voll erfaſſen⸗ der Lehrerinnen können Frauen hervorgehen, die ſich inmitten der Not unſerer Zeit, ſei es als Gattin und Mutter, ſei es in einem Berufe als echte Frauen bewähren. Die vorausgegangenen Blätter haben in erſter Linie preu⸗ ßiſche Verhältniſſe geſchildert. Aber was die Frauen und Leh⸗ rerinnen in preußen erſtreben, erſtreben ſie auch in allen an⸗ deren deutſchen Bundesſtaaten. Die großen Vereine verbinden Nord und Süd und mit gleicher Begeiſterung, mit gleicher Hin⸗ gabe und Treue wird überall— wenn auch bisher noch mit wenig poſitivem Reſultat— für Kusbau der Mädchenſchule ge⸗ wirkt. In Baden, in Bayern ſteht ebenfalls eine Reorgani⸗ ſation dicht bevor. Darum möge es genügen, hier zu erwähnen, daß Baden und heſſen die 10ſtufige Mädchenſchule hat, an der in Preußen nur die Weſtprovinzen feſthalten. Einer Ver⸗ bindung der Schule mit Gymnaſial⸗ und Realſchulabteilung iſt man in Baden gern entgegengekommen. Frauen in der Lei⸗ tung öffentlicher Schulen kennt Baden und kennt auch heſſen noch nicht(Preußen hat z. B. in Rreuznach bei 2900 Schülerinnen, in Ruhrort, in Vohwinkel bei allerdings nur kleiner Schülerinnen⸗ zahl an öffentlichen höheren Mädchenſchulen weibliche Direkto⸗ ren). In Offenburg, Karlsruhe, Mannheim und Freiburg, neuer⸗ dings auch in heidelberg, ſind Frauen im Aufſichtsrat der öffentlichen Schulen. In der eigentlichen Schulverwaltung iſt nur in Offenburg eine Lehrerin hinzugezogen. Die Seminare kranken in Baden an dem Mangel einer Uebungsſchule, die in Bayern dagegen vorgeſehen iſt. In Bayern iſt für die Unterſtufe der Beſuch der Volksſchule obligatoriſch bis zum 10. Lebensjahre. Weiterhin liegt in Bayern der Unterricht vielfach in den händen von Klloſterſchweſtern, während in Be Preußen weltliche Schulen, wenn auch z. T. private, überwiegen. Nur an einem heſſiſchen Seminar finden wir eine wiſſenſchaft⸗ liche Lehrerin, in den anderen ſind Frauen nur mit CTurn⸗ und Feichenunterricht betraut. Daß die Mädchenbildung hinter der Rnabenbildung auch außerhalb Preußens zurückſtehen muß, mag die Tatſache zeigen, daß— nach Angabe des Münchener Vereins für Frauenintereſſen(Dorſ. Frl. Jka. Freudenberg)— der banriſche Staat an Erziehungsmitteln für Knaben und junge — Männer 97 alb, für die Mädchen 212% ausgibt. Die Kuf⸗ wendungen für das Mädchenſchulweſen in Preußen ſind für 1905 auf 395000 Mk. veranſchlagt, für die höheren Rnaben⸗ ſchulen auf 14 Millionen mehr. Alſo 16 von den Ausgaben für Rnaben werden hier für die Mädchen verwandt. Abän⸗ derung, gerechtere Normierung tut eben im ganzen deutſchen Lande not. Mögen endlich die maßgebenden Kreiſe ernſt ma⸗ chen mit umfaſſender, den Forderungen der Zeit Rechnung tra⸗ gender Reform. Frauenſtudium und Mädchengymnaſium. 4 Ein Fortſchritt, der für die Frauenbewegung beſonders bedeutungsvoll und folgenreich war, war die Zulaſſung der Frauen zu den Univerſitäten. Eine Seit lang ſchien dies Siel für die kämpfenden Frauen im Vordergrund aller Intereſſen zu ſtehen, alle anderen Be⸗ ſtrebungen ſchienen dagegen zurückzutreten. Helene Langes nun ſchon 16 Jahr altes Wort:„Und wenn wir auf alle anderen Rechte verzichten dürfen, auf das Recht freier Bildung dürfen wir es nicht. Denn auf ihm beruht die Sukunft. Es zu er⸗ kämpfen iſt unſere geſchichtliche Aufgabe“— entflammte damals alle Gemüter. So konnte es kommen, daß Kußenſtehende lange Jahre hindurch unter Frauenbewegung in erſter Linie die Sehn⸗ ſucht einiger, natürlich etwas„verdrehter“ Frauen, ſtudieren zu dürfen, verſtanden, das Beſtreben einer Reihe emanzipa⸗ tionsluſtiger Damen, gemeinſam mit dem Studenten im Hörſaal zu ſitzen, und womöglich in Couleur wie er, mit kurzgeſchorenen Haaren, mit langer pfeife oder mindeſtens Cigarette ſeine Kneipgewohnheiten nachzuahmen. Den Ernſt und die Bedeutung dieſes Kampfes für die Frauenwelt ahnten nur wenige. Eröffnung neuer Berufe, Vorbereitung dazu durch das Univerſitätsſtudium, das war zuerſt das Siel geweſen, das den Frauen bei dieſem Kampfe vorſchwebte. Swei Berufe waren es vornehmlich, die ſie für ſich in Anſpruch nehmen wollten: der ärztliche Beruf und der wiſſenſchaftliche Lehrberuf. Um Freigebung dieſer Berufe und der Vorbereitung dazu durch Eröffnung der Univerſitäten bat Ende der 80er Jahre der Allgemeine Deutſche Frauenverein in einer an die Miniſterien der verſchiedenen Bundesſtaaten gerichteten Ein⸗ gabe. Radikaler als er forderte der 1888 von Frau Kettler gegründete Verein„Reform“¹):„Erſchließung aller auf wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien beruhenden Berufe für das weibliche Ge⸗ ſchlecht, Zutritt zum Studium aller Wiſſenſchaften, nicht nur vereinzelter derſelben“. Der Petition des Allgemeinen Deutſchen Frauenvereins ¹) Jetzt Frauenbildung— Frauenſtudium. war eine Schrift von Mathilde Weber⸗Cübingen über die Notwendigkeit weiblicher Kerzte als Begleitſchrift hinzuge⸗ fügt und helene Langes ſchon im vorigen Kbſchnitt er⸗ wähnte Schrift„Frauenbildung“. Mathilde Weber wies in ihrer Schrift darauf hin, wie dringend erwünſcht es ſei, den Frauen die Möglichkeit zu geben, weibliche Frauenärzte um Rat und hilfe auf⸗ zuſuchen, ſie betonte mit warmen Worten, wieviele Frauen elend dahinſiechten, unter Qualen ihren Cod fänden, nur weil ſie ſich nicht rechtzeitig überwinden könnten, ſich von einem männlichen Urzte unterſuchen zu laſſen.— helene Lange berührte dieſelbe Seite der Frage, ging dann auf den Lehr⸗ beruf ſpeziell ein, gab ſchließlich einen Ueberblick über den Stand des Frauenſtudiums in den verſchiedenen Kulturländern. Sie legte dar, wie— von Ungarn(wo damals ein Miniſter hindernd im Wege ſtand) und der CTürkei abgeſehen— Deutſch⸗ land das einzige europäiſche Land ſei, das den Frauen ſeine Hochſchulen verſchließe. Sie beklagte lebhaft, daß deutſche Frauen, um ſtudieren zu können, genötigt ſeien, ins Ausland zu gehen, das— gerechter, weitherziger als das Land der Denker und Dichter— dem weiblichen Geſchlechte die höchſten geiſtigen Güter der Nation nicht mißgünſtig, neidiſch vorenthalte. Die Forderung der Frauen, zum Univerſitätsſtudium zu⸗ gelaſſen zu werden, entfeſſelte einen Sturm der Entrüſtung. Ge⸗ lehrte traten auf, ihre heiligſten Güter mit flammenden Worten zu verteidigen. Die Minderwertigkeit des Frauengehirns, die körperliche und geiſtige Schwäche der Frau, die verderblichen Solgen des Eindringens von Frauen auf den Hochſchulen für unſere Studenten und umgekehrt wieder die Unmöglichkeit, gebildete Frauen mit dieſen Studenten in einem hörſaal in Be⸗ rührung zu bringen, das alles wurde ausführlich dargelegt. Man ASSM ſah bereits Mann und Kinder verlaſſen, während Frauen in Scha⸗ ren, die Kollegmappe unter dem Urm, den Univerſitäten zuſtröm⸗ ten. Der Gedanke, vor ſolch kleinen Frauengehirnen von ihrer hehren Wiſſenſchaft ſprechen zu ſollen, brachte Profeſſoren ge⸗ radezu zur Empörung. Mit einem Schlage zeigte ſich, wie mindergeachtet in Deutſchland die Frau war, wie tief ſtehend ſie dem Manne erſchien. So klein und ſo wenig ernſt zu nehmen kam ſie ihm vor, daß er nur ein Achſelzucken hatte für ihre Bitten, ihr doch wenigſtens einmal den Derſuch zu geſtatten, ihr die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeit zu beweiſen und zu zeigen, daß ihr hinzukommen für die Univerſitäten keineswegs verderbenbringende Folgen haben würde. Sämtliche akademiſch gebildeten Männer behaup⸗ teten das Privileg zu beſitzen, vor der Frau als Konkurrentin auf ihrem Arbeitsfelde geſchützt zu ſein. Sie ſahen auf das minderwertig beanlagte weibliche Geſchlecht mit Derachtung herab, erklärten die Frauen für unfähig, Wiſſen zu erwerben, infolge deſſen für unfähig, andere als untergeordnete, ſchlecht beſoldete Stellungen zu bekleiden, wehrten ſich aber trotzdem ängſtlich vor jedem Eindringen der Frauen, als fürchteten ſie, daß es dieſen doch vielleicht gelingen könne, erfolgreich zu lernen und zu arbeiten. Was man damals gegen das Studium der Frau alles an Gegengründen vorbrachte, kann man heute nur mit Kopfſchüt⸗ teln, mit heiterkeit leſen. Infolge dieſes nahezu einmütigen Wider⸗ ſtrebens aber geſtaltete ſich der Rampf um das Studium für die Frauen zu einem ganz beſonders bedeutungsvollen KRampfe, näm⸗ lich zu einem Ringen um Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit als Menſch. Es galt für die Frau BS nicht nur, ſich neue Berufsfelder zu öffnen, es galt den Be⸗ weis zu erbringen, daß ſie keineswegs, wie man behaup⸗ tete, ein unentwickeltes ſchwachſinniges Geſchöpf ſei, ſondern dem Manne, auch betreffs ihrer Geiſteskräfte, durchaus nebengeordnet. Es galt zu zeigen, daß die Fraubil⸗ dungsfähig ſei, ſo gut wie der Mann, daß es wenig logiſches Denken verriet, wenn man ihr die Bil⸗ dungsmöglichkeiten, die man dem Manne ge⸗ währte, verſchloß, ihre Talente und Anlagen verkümmern ließ und dann hinterher über ihr geiſtiges Unvermögen, ihre Unwiſſenheit die(ichſeln zuckte. Und noch ein anderes bedeutete der Kampf: Dem Manne, der, ohne nach Frauenwünſchen zu fragen, für ſich ſelbſt trefflich ſorgte, der nahm, ſo viel ihm gefiel, der Gymnaſien und hHochſchulen für ſich ſchuf zu freiem unge⸗ hinderten Lernen und Forſchen, der die Frauen dagegen— auch die Kusnahmenaturen unter ihnen— auf Bildungswege hinwies, die ihm für ſein eigenes Geſchlecht verächtlich vorge⸗ kommen wären, galt es, die Frage vorzulegen:„Mit welchem Rechte beſchränkſt und bevormundeſt du uns? Mit welchem Rechte hinderſt du uns, die wir doch auch eine nach Erkenntnis ſtrebende Seele empfangen, in freier Entwicklung? Und wenn es tauſendmal wahr wäre, daß— bei Eröffnung der Univer⸗ ſitäten— hie und da mittelmäßig begabte Frauen ſich zum Stu⸗ dium herandrängen ſollten(auch mittelmäßig begabte Männer tun das gleiche) und wenn auch die Frauen— ſelbſt die beſten unter ihnen— vielleicht niemals ſoviel zu leiſten vermöchten, wie die wenigen AKuserwählten unter den Männern, die aber doch auch nur vereinzelt die Menge überragen, in dem allem liegt kein Grund, die Frau auszuſchließen von dem, was auch ihr Freude und Erquickung ſein würde. Warum hindert — man uns, zu zeigen, daß Frauen, ohne Revolutionen hervor⸗ zurufen, ihren Platz einnehmen können im hörſaal, daß ſie Schritt halten können mit ihren männlichen Genoſſen, auch wenn unter weiblichen Studenten ſo ſelten wie unter ihren männlichen Gefährten Ueberflügler zu finden ſein werden?“ In ſolche Sätze laſſen ſich die Gründe zuſammenfaſſen, die die Frauen in den Rampf um die Eröffnung der Uni⸗ verſitäten hineinführten. Damit wurde der Kampf— ich wiederhole das noch einmal— zu einem Ringen um Anerken⸗ nung der Gleichwertigkeit von Mann und Weib, zu einem Kampfe um Recht und Gerechtigkeit. Und weil er dazu wurde, war ihm der Sieg gewiß. Denn gar mancher, der in der Eröffnung des Studiums und ſämtlicher akademiſcher Berufsarten an ſich durchaus kein hHeil für die Frauen erblickte, gar manche Frau, die nie daran gedacht hätte, ſich ſelbſt durch ein Gymnaſium hindurchzuar⸗ beiten, ihr Abiturium zu machen und dann zu ſtudieren, trat trotzdem mit voller Ueberzeugung für die Forderung des Frauen⸗ ſtudiums ein. Ganz einfach weil es ihnen gerecht ſchien, den Frauen volle Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, weil ſie überzeugt waren, daß freie Entfaltung der in der Frau ruhenden Rräfte, daß auch Befriedigung in einem anderen, nicht akademiſchen Berufe, nur mög⸗ lich ſein könne, wenn Freiheit in der Kusbildung, Freiheit der Berufswahl gewährt würde. Ueberzeugt waren ſie dabei, daß Zulaſſung der Frauen zum Studium durchaus nicht Ueber⸗ ſchwemmung der Univerſitäten mit Studentinnen zur Folge haben würde, ſondern daß die Natur ſchon ſelbſt Sorge tragen würde, den Frauen andere Arbeitsgebiete annehmbar zu machen. Eröffnung der Univerſitäten ohne jede beſchränkende Klauſel— jedoch unter der Vorausſetzung, daß die Vorbil⸗ IBS—— AS dung die gleiche ſei wie beim Manne—, das war die For⸗ derung, um die einmütig gekämpft wurde. Lange F5eit frei⸗ lich ſchien es unmöglich, alle hHinderniſſe und Vorurteile zu überwinden, um das Fiel zu erreichen. Das Schickſal jener oben erwähnten Petitionen war zu⸗ nächſt wenig ermutigend, war in allen Bundesſtaaten das gleiche. Sie wurden abſchlägig beſchieden, durch Uebergang zur Tages⸗ ordnung erledigt, z. T. unter Hinweis darauf, daß die Rege⸗ lung der Uerztinnenfrage nicht der Kompetenz der Einzelſtaaten unterliege, ſondern von Reichswegen in Angriff zu nehmen ſei. Daher reichten die beiden Vereine ihre Petitionen dem Reichs⸗ tage ein, wo infolge deſſen am 11. März 1891 die Frage des Frauenſtudiums zum erſtenmal zur Beratung ſtand. Wiederum mit negativem Erfolg. Ernſte Befürworter fanden ſich wohl vereinzelt, die Mehrzahl der Volksvertreter aber ſtand den Forderungen der Frauen verſtändnislos, ja ſpottend, voller „heiterkeit“ gegenüber. Die Frauen aber ließen ſich nicht abſchrecken. Wieder und wieder wurden Eingaben ausgearbeitet, an Reichstag, an Miniſterien und Landtage verſchickt. Immer aufs neue und von einer immer größer werdenden Anhängerſchaft wurde die Zulaſſung der Frauen zu den Hochſchulen gefordert. An per⸗ ſönlich bekannte Profeſſoren, an die Fakultäten trat man mit Bitten heran. In geſchloſſenem Vorgehen der Vereine und— vielleicht in noch wirkſamerer Weiſe— durch Arbeit im ein⸗ zelnen ſuchte man die Ablehnenden, Sögernden zu gewinnen. Baden war es zunächſt, das— 1892— getreu ſeinen Grundſätzen, alle vorhandenen Bedürfniſſe gerecht und vorur⸗ teilsfrei, wahrhaft liberal zu prüfen, der Petition des Vereins „Reform“ ernſtere Beachtung ſchenkte. Die Petitionskommiſſion des badiſchen Landtages formu⸗ 01 5 A lierte, nachdem ſie die Eingabe geprüft, folgende Sätze: 1. Das in der vorliegenden Petition hervortretende Streben der Frauen nach Erweiterung ihrer Erwerbsmöglichkeit, insbe⸗ ſondere durch Erſchließung einzelner auf wiſſenſchaftlicher Vor⸗ bildung beruhenden Berufe iſt gerechtfertigt und teilweiſe er⸗ füllbar. 2. Keinesfalls darf der Frau ein Beruf unter leichteren Bedingungen zugänglich gemacht werden als dem Mann. Es muß darum für alle gelehrten Berufe das Maturitätsexamen gefordert werden. 3. Zur Ablegung dieſer Prüfung können Inländerinnen dem Examen an einem der beſtehenden Gymnaſien zugewieſen werden. Dagegen iſt die Schaffung von Mädchengymnaſien zur Zeit ebenſo untunlich, wie die Zuweiſung von Mädchen zum Unterricht an den beſtehenden Knabengymnaſien. 4. Der Beſuch von Vorleſungen auf der Univerſität kann auch fernerhin ausnahmsweiſe und widerruflich ſolchen Frauen geſtattet werden, bezüglich deren die Fakultät es für zuläſſig erklärt. Er iſt denjenigen Inländerinnen zu geſtatten, welche das Kbiturientenexamen abgelegt haben und im übrigen den für Studierende geltenden Erforderniſſen genügen. 5. Die Großherzogliche Regierung wolle auch fernerhin die Entwickelung der Frauenfrage wohlwollend im Kuge be⸗ halten. In dieſem Sinne beantragt ihre Kommiſſion, die Petition der Großherzoglichen Regierung zur Renntnisnahme zu über⸗ weiſen“. Die Anträge wurden vom Landtage angenommen. Die badiſchen Hochſchulen waren damit den Frauen, wenn auch nur als hoſpitantinnen, eröffnet. Damit war die erſte Breſche geſchlagen. Wie die Ent⸗ ——— e wicklung in Baden weiterhin vor ſich ging, wie ein Fortſchritt dem anderen folgte, wie das in Baden und Württemberg haupt⸗ ſächlich dem vorwiegend in Süddeutſchland anſäßigen Verein „Frauenbildung⸗Frauenſtudium“ zu danken war, in den ſich der Derein„Reform“ umgewandelt hatte, das möchte ich in einer mir von einem Mitgliede jener Vereinigung freund⸗ lichſt zur Verfügung geſtellten Darlegung zum Schluſſe dieſes Abſchnittes noch beſonders ſchildern. Unterdeſſen war man auch in andern Landesteilen, war man auch von ſeiten des Allgemeinen Deutſchen Frauenvereins nicht müßig geweſen. Schon im Jahre 1867, auf der erſten Generalverſammlung des Dereins, hatte Frau henriette Goldſchmidt⸗Leipzig die Frage des Frauenſtudiums zur Sprache gebracht und eine Petition einzureichen vorgeſchlagen, um den Frauen die norddeutſchen Univerſitäten zu eröffnen. Doch wurde der Anregung, obwohl ſie allgemeine Zuſtimmung fand, zunächſt noch keine Folge gegeben. Aber auf jeder wei⸗ teren Derſammlung: 1872 in Eiſenach, 1873 in Stuttgart, 1875 in Gotha, 1876 in Frankfurt, 1877 in hannover, 1879 in heidelberg u. ſ. w. kam die Frage des Frauenſtudiums, reſp. der Frauengymnaſien wieder zur Verhandlung. Um den Frauen das Studium— zunächſt in der Schweiz — zu erleichtern, begann man außerdem 1883 in den Kreiſen des Allgemeinen Deutſchen Frauenvereins für die Errichtung eines Stipendienfonds zu ſammeln und dieſe Beſtrebungen fanden ſo warmen Anklang, daß— nach verſchiedenen kleineren Schenkungen— dem Verein 1885 und 1886 und dann wieder 1892, 1893, 1895 und durch ein bedeutendes Dermächtnis 1900 namhafte Summen für dieſen Zweck zufielen, ſo daß er im Laufe der Jahre bereits rund 160 000 Mk. zu Studienzwecken verwenden konnte und — B— heute über die Zinſen eines Kapitals von 607000 Mk. für Stipendien und für Unterſtützung ſeiner 1894 in Leipzig eröff⸗ neten Gymnaſialkurſe verfügt, eine Summe, die z. 5. in einer unter Aufſicht des Sächſiſchen Kultusminiſteriums zu verwal⸗ tenden Stiftung niedergelegt wird, deren Kuratorium jedoch nach wie vor von der General⸗Derſammlung des UAllge⸗ meinen Deutſchen Frauenvereins gewählt wird. Kuch die Schaffung von Vorbereitungsanſtalten zum Uni⸗ verſitätsſtudium hatte man energiſch in Angriff genommen. (Ueber Baden und den Verein Frauenbildung⸗Frauenſtudium ſiehe den geſonderten Bericht). Die erſten Realkurſe in Berlin (1880) erwähnte ich ſchon. 1893 wurden ſie in Gymnaſial⸗ kurſe umgewandelt. 1894 folgte die Eröffnung der Leipziger Gymnaſialkurſe durch den Allg. Dtſch. Frauenverein, 1898 ent⸗ ſtanden Rurſe in hannover und Königsberg, 1900 in Breslau, 1901 in Frankfurt a. M. und in hamburg. Reformgymnaſien mit 6jährigem Lehrgang(Kufnahmealter 12 J.) wurden 1893 in Karlsruhe, 1890 in Stuttgart gegründet. Um die Frage, ob Rurſe, ob regelrechtes Gymnaſium beſſer und zweckentſpre⸗ chender ſei, entſtand in Preußen wiederum ein harter Kampf. Die Forderung vollwertiger Vorbildung vertrat nachdrücklich der Verein Mädchen⸗Gymnaſium⸗Cöln, deſſen Jahresbe⸗ richt 1899/1900 ich die folgenden Uusführungen entnehme, da ſie über die Langwierigkeit des Verhandelns, den zähen Wi⸗ derſtand, den jeder Fortſchritt auf dem Gebiete der Frauen⸗ bildung fand, gut orientieren: Der Cölner Verein hatte ſich in ſeiner konſt. Verſammlung verpflichtet, zunächſt an dem Wege feſtzuhalten, der als der beſte und bewährteſte für die Knaben bis dahin von der Re⸗ gierung allein anerkannt war, den Weg des neunklaſſigen humaniſtiſchen Gymnaſiums. Schon im Sommer 1899, ein halbes Jahr nach ſeiner Begründung, hatte der Derein ſoweit ausreichende Mittel zuſammengebracht, daß er die Eröffnung eines Mädchengymnaſiums für Oſtern 1900 ins Auge faſſen konnte. Er erbat in einer Eingabe an die Regierung vom 10. Oktober 1890 die Erlaubnis, zunächſt eine Sexta und Un⸗ tertertia eröffnen zu dürfen. Geldmittel, lediglich von Pri⸗ vaten bereitwilligſt zur Derfügung geſtellt, waren vorhanden. Meldungen von Schülerinnen ſtanden in ſicherer Kusſicht, einige 70 Univerſitätslehrer und Schulmänner unterſtützten die Ein⸗ gabe des Vereins durch das Gewicht ihres Namens ¹). Trotz⸗ dem wurde die Eingabe von ſeiten der Regierung kurzweg abgelehnt. Die Zeit, in welcher die Eingabe dem Miniſterium zur Entſcheidung vorlag, war eine äußerſt ungünſtige. Rultus⸗ miniſter Studt war erſt ſeit kurzem in ſein Amt eingetreten, in einem Erlaß, auf welchen auch der Cölner Derein bei dem ablehnenden Entſcheid verwieſen wurde, hatte ſein Dorgänger, herr Boſſe, ſeine Anſchauungen über die gymnaſiale Kus⸗ bildung der Mädchen niedergelegt. Der Erlaß faßte die Gym⸗ naſialausbildung der Frauen lediglich als nicht zu vermeidende Vorbereitung zu dem ihnen nun einmal eröffneten Univerſi⸗ tätsſtudium, welche auf möglichſt kurzem Wege erworben wer⸗ den könne. So gering war ſogar der Bildungswert des hu⸗ maniſtiſchen Gymnaſiums eingeſchätzt, daß der Erlaß ausdrück⸗ lich betonte, gerade den Frauen, welche durch das Studium, wie es dann weiter heißt,„ſchwerere Lebensbedingungen auf ¹) Darunter: CTheodor Mommſen, Franz Bücheler, Hermann Uſener, hermann Hüffer, Klexander Conze, Ulrich v. Wilamowitz⸗ Möllendorf, Oskar Jäger, Reinhold Roſer, Erich Marcks, Friedrich Marx, Benno Erdmann, Otto hirſchfeld, Ernſt Fabricius, Otto Pfleiderer u. a. m. 3 ſich nehmen wollen, ſoll die ſichere, allgemein religiös ſittliche und äſthetiſche, den berechtigten Anſprüchen des praktiſchen Lebens entſprechende Bildung, welche die höhere Mädchenſchule gibt, voll zu gute kommen“. In ähnlichem Sinne ſprach ſich dann die im Oktober 1800 in hildesheim tagende Verſammlung des deutſchen Vereins für das höhere Mädchenſchulweſen aus. Sie ſprach ſich gegen jeg⸗ liche Umgeſtaltung der Mädchenſchule nach der Seite gymna⸗ ſialer Bildung, aber ebenſo ausdrücklich gegen die Errichtung beſonderer Mädchengymnaſien aus. Rennzeichnend für die dort herrſchenden Anſchauungen waren die Ausführungen des Re⸗ ferenten herrn Dr. Weſpy. Er betonte, daß die Frauen ja auch ohne Reife⸗ und Lehrerinnenprüfung zu den philoſophi⸗ ſchen Fächern der Univerſitäten zugelaſſen würden, alſo gym⸗ naſiale Ausbildung nicht ſo dringend benötigten.(Ein Zuſtand, der ſpäterhin zur Freude aller aufrichtigen Freunde des Frauen⸗ ſtudiums beſeitigt worden iſt.) Für die Oberlehrerinnenprü⸗ fung genüge das Seminar. Jür die Aerztin freilich ſei z. 5. das Maturitätsexamen erforderlich, da man ſie ſonſt zu den abſchließenden Prüfungen nicht zuließe. Gymnaſialkurſe, in Anſchluß an die voll abſolvierte höhere Mädchenſchule, das war der Weg, den die hildesheimer Ver⸗ ſammlung, das war auch der Weg, den herr Kultusminiſter Boſſe in dem oben erwähnten Erlaß einzuſchlagen empfahl. Dieſen Kusführungen ſchloß ſich auch der neu ernannte Rul⸗ tusminiſter an und ſtellte es dem Verein Mädchengymnaſium anheim, ſeinen Plan, ein Vollgymnaſium für Mädchen zu er⸗ richten, fallen zu laſſen und ajährige Gymnaſialkurſe zu grün⸗ den. Darauf aber konnte ſich der Cölner Verein, der als An⸗ hänger der humaniſtiſchen Richtung gerade auf rechtzeitigen Beginn altſprachlichen Unterrichts Wert legte, nicht einlaſſen. Luf ſeine Bitte erklärte ſich hHerr Abgeordneter Rickert, ſeit Jahren der wärmſte Vertreter aller Frauenbildungsbeſtrebungen, bereit, die Anſchauungen des Vereins im Landtage zu vertreten. Kuf eine Interpellation des Herrn Abgeordneten ſagte dann der Herr Kultusminiſter in entgegenkommendſter Weiſe erneute Prüfung der ganzen Frage zu. So ſtand die Sache, als der Verein„Mädchengymnaſium“ im Herbſt v. J. ſeine 2. Eingabe an das Miniſterium ein⸗ reichte, wiederum um Ronzeſſionierung eines 9klaſſigen huma⸗ niſtiſchen Mädchengymnaſiums bittend. Aber auch dieſe Ein⸗ gabe wurde abſchlägig beſchieden. Wiederum wurde dem Verein anheimgeſtellt, Kurſe— im Gegenſatz zum Vorjahre diesmal nicht von 4jähriger, ſondern von 5jähriger Dauer— zu er⸗ öffnen. Die Weigerung des Vereins, an die Einrichtung ſolcher Kurſe heranzugehen, iſt ihm vielfach als Einſichtsloſigkeit und hartnäckigkeit ausgelegt und übelgenommen worden. Die Weigerung erſcheint aber in einem ganz anderen Licht, ſobald man einen Erlaß berückſichtigt, den Nov. 1890 die Unterrichts⸗ verwaltung in Bezug auf die nach ihren Wünſchen eingerich⸗ teten Gymnaſialkurſe gegeben hat. Es heißt in dem Erlaß: „Aus einem Berichte meines Fachreferenten über ſeinen Beſuch der dortigen ſtädtiſchen Gymnaſialkurſe für Mädchen habe ich erſehen, daß es bis jetzt noch nicht gelungen iſt, im Unterricht dieſer erwachſenen Mädchen die auf der höheren Mädchenſchule gewonnene und in der Aufnahmeprüfung nach⸗ gewieſene Bildung mit den Anforderungen gymnaſialen Un⸗ terrichts in Einklang zu ſetzen und ſo eine innere Derbindung beider Bildungsgänge herzuſtellen. Ich muß dies als einen ſchwerwiegenden Mangel bezeichnen.“ dDder herr Kultusminiſter gibt nun Knweiſungen, wie die⸗ 6⸗ 1 ͤ ſem Mangel abzuhelfen ſei und fährt dann fort:„Die bisher ungelöſte Kufgabe der Gymnaſialkurſe für Mädchen bleibt demnach: in organiſchem Fuſammenhange mit der nachgewie⸗ ſenen Vorbildung und in einer, dem Verſtändniſſe erwachſener Mädchen angemeſſenen Lehrform die Schülerinnen zu den Sielen des Gymnaſiums zu führen.“ Es liegt eine Beſprechung dieſes Erlaſſes aus der Feder helene Langes, der Leiterin der Berliner Gymnaſialkurſe, vor. Die von ihr eingerichteten Berliner Kurſe ſind vorbild⸗ lich geworden für alle ſpäter begründeten. uf ihre aller⸗ dings glänzenden Erfolge wird verwieſen, wenn jemand— wie der Kölner Verein das tut— Gymnaſialkurſe als unzuläng⸗ lich bezeichnet, wenn man an Stelle ihres nur 3⸗ bis 5jährigen Lehrganges einen 6⸗ bis gjährigen ſetzen will, wenn man die Mädchenſchule nicht als geeigneten Unterbau für gymnaſiale Weiterbildung anſieht, ſondern mit neunjährigen oder doch zwölfjährigen Mädchen den gymnaſialen Lehrgang beginnen will. Da berührt es eigen, das vernichtende Urteil helene Langes über den von der Regierung ſo warm verteidigten Unterbau der höheren Cöchterſchule, zu leſen.„Das poſitive Wiſſen“(der die Mädchenſchule verlaſſenden Mädchen)— ſo ſchreibt ſie, der eine 24jährige Erfahrung als Leiterin eines Lehrerinnen⸗Seminars, dann als Leiterin der Real⸗ und Gym⸗ naſialkurſe zur Seite ſteht,—„war mit wenigen AKusnahmen dürftig und zuſammenhanglos.... Ein wahrhaft kompro⸗ mittierendes Zeugnis für die höhere Mädchenſchule ſind die deutſchen Aufſätze.... Ich habe längſt ſchon davon abge⸗ ſehen, die Aufnahme(in die Gymnaſialkurſe) von dem Beſtand des Wiſſens abhängig zu machen, ſondern meine Prüfung nur darauf gerichtet, mir ein Urteil über die Intelligenz der jungen Mädchen zu bilden.... Der Unterricht der höheren Mäd⸗ Krukenberg, Frauenbewegung. 6 82²2—— eeeEEE chenſchule trägt nun einmal in ſeiner ganzen haltung und ſeinen Anforderungen die Spuren der alten Doktrin von der geiſtigen Inferiorität des Weibes.“ So weit helene Langes Urteil über die Mädchenſchule. Nicht auf Grund der höheren Mädchenſchule alſo, ſondern trotz dieſer vorausgegangenen Schulung hat helene Lange ihre Kurſe erfolgreich zu geſtalten vermocht. Aber was einer ein⸗ zelnen genialen Leiterin gelingt, das gelingt in anderen Städten deswegen noch längſt nicht. Der oben angeführte Miniſterial⸗ erlaß gibt begründeten Anlaß, das Experiment: auf die in der jetzigen Mädchenſchule als Reinkultur gezüchtete„höhere Tochter“ Gymnaſialbildung aufzupflanzen, als ein noch nicht einwand⸗ freies anzuſehen.“ So weit der Bericht. Der Verein erbat ſich daher die Er⸗ laubnis, ein Mädchengymnaſium mit ſechsjährigem RKurſus, etwa dem Lehrgang des Frankfurter Reformgymnaſiums ent⸗ ſprechend, errichten zu dürfen. Nach dieſer Methode ſind die Mädchengymnaſien in Karlsruhe und Stuttgart geſtaltet. Die Erlaubnis, ſolch ein Reformgymnaſium zu eröffnen, wurde dem Cölner Verein denn auch Oſtern 1903 gegeben, zugleich mit den Städten Schöneberg und Charlottenburg. Eine Mädchenreformſchule mit humaniſtiſchen Oberklaſſen wurde 1901 auch in hamburg durch den Derein Frauenwohl und zwar für Unaben und Mädchen eröffnet. In Baden und neuerdings auch in heſſen ſchlug man außerdem den einfachſten Weg zur Löſung aller Schwierigkeiten ein: man geſtattete den Mädchen den Beſuch der Knabengymnaſien ohne irgendwelche nachteilige Folgen. Gymnaſialen Unterricht für Mädchen finden wir in ein oder der anderen Weiſe z. 5. in 22 deutſchen Städten. So iſt die Frage gymnaſialer Mädchenbildung im großen AASe und ganzen zur 3ufriedenheit der Beteiligten gelöſt. Kuch die Univerſitäten haben ſich inzwiſchen ausnahmslos den Frauen geöffnet. 5. C. freilich noch mit einſchränkenden Beſtimmungen. Dem Beiſpiele Badens, das ſeit 1901 vorſchriftsmäßig vor⸗ gebildete Frauen auch regelrecht immatrikuliert, ſind Bayern und Württemberg cgefolgt. Mediziniſche Studentinnen haben bereits in größerer Zahl ihre Abſchlußprüfung gemacht. Sachſen gewährte ſchon 1898 den in Leipzig entlaſſenen Abiturientinnen nach abſolviertem Studium Zulaſſung zum philoſophiſchen Staatsexamen, was jetzt auch auf Angehörige anderer Bundesſtaaten ausgedehnt iſt. Kuch Preußen hat ſich endlich— freilich nur in einem Einzelfalle— entſchloſſen, die Frauen, die als Medizinerinnen zum Staatsexamen bereits zugelaſſen waren, auch die philoſophiſche Abſchlußprüfung zu geſtatten. Der Forderung, richtig vorgebildete Frauen, wie das in den ſüddeutſchen Staaten geſchieht, auch richtig zu imma⸗ trikulieren, iſt in Preußen bisher nicht Folge gegeben worden. Daß es geſchieht, iſt wohl nur eine Frage der Seit. Mit be⸗ ſonderer Wärme nahm ſich dieſes doch einfach als Forderung der Gerechtigkeit erſcheinenden Frauen⸗Wunſches Prof. D. A. harnack auf dem internationalen Frauentage(Guni 1904 in Berlin) an. Ich laſſe nun den mir von einem VYereinsmitgliede freund⸗ lich zur Verfügung geſtellten Bericht über Frauenbildung⸗ Frauenſtudium und den Fortſchritt der Frauenbildungs⸗ beſtrebungen in Baden folgen, um daran anſchließend die Frage der gemeinſamen Erziehung der Geſchlech⸗ ter kurz zu berühren: „Das Streben, den Frauen eine der des Mannes gleich⸗ wertige höhere Bildung und 5utritt zu den wiſſenſchaftlichen Berufen zu ſchaffen, entſtand beinah gleichzeitig in verſchie⸗ 6* denen Gegenden Deutſchlands. Im Jahr 1888 wurde in Weimar der Verein„Frauenbildungs⸗Reform“ von Frau J. Kettler gegründet und 1880 entſtanden in Berlin die „Realkurſe für Frauen“ unter helene Langes Leitung. Die Stärke des Vereins Frauenbildungs⸗Reform lag darin, daß er ſeine Mittel auf die Bearbeitung eines eng um⸗ grenzten Gebietes— eben auf die Erſchließung der wiſſen⸗ ſchaftlichen Berufe— verwendete. Sein Programm war da⸗ her in erſter Linie auf die Gründung von Mädchengymnaſien gerichtet, um damit zunächſt Gelegenheit zu vollwertiger Vor⸗ bildung für das Univerſitätsſtudium zu ſchaffen. Am 16. Sept. 1893 wurde als ſein Werk das Karlsruher Mädchen⸗ gymnaſium mit 24 Schülerinnen eröffnet. Der Lehrplan näherte ſich dem der Knabengymnaſien in den unteren Klaſſen und ſollte ſich ihm von Oberſekunda an vollſtändig angleichen. Da man aber den Eltern nicht zumuten wollte, ſich allzu früh über den Lebensberuf ihrer Töchter zu entſcheiden, hatten die Schülerinnen zuerſt 6 Jahre lang die höhere Mädchenſchule zu beſuchen, ihre Aufnahme in die ſechs Mittel⸗ und Oberklaſſen umfaſſende Anſtalt erfolgte erſt nach dem vollendeten 12. Le⸗ bensjahre. Der Verein hatte ſchon bald nach ſeiner Gründung mit allerlei inneren Schwierigkeiten zu kämpfen. Er wechſelte Na⸗ men und Vorſitzende, errang dann aber nach ſeiner Reorga⸗ niſation als Verein„Frauenbildung⸗Frauenſtudium“ bald einige ermutigende Erfolge. Namentlich Baden ehrte ſich ſelbſt, als — zu einer Zeit, in der alle anderen deutſchen Staaten den Bildungsbeſtrebungen der Frauen noch ablehnend gegenüber⸗ ſtanden,— ſeine hauptſtadt Rarlsruhe im Jahre 1898 das Mädchengymnaſium als ſtädtiſche Anſtalt übernahm. — Aͤ Der Lehrplan der Anſtalt blieb inſofern der gleiche, als auch jetzt während der erſten 7 Schuljahre alle Mädchen in der höheren Mädchenſchule unterrichtet werden; im 8. Schul⸗ jahre zweigt ſich dann von der Mädchenſchule das ſechsklaſſige Reform⸗Gymnaſium ab. 3u Beginn des Jahres 1905 wurde die Anſtalt von 94 Schülerinnen beſucht, die ſich auf die ein⸗ zelnen Klaſſen wie folgt verteilen: O1 17, UIII1, O II17, U II 15, 0 III 12 und U III 32. In den erſten Jahren ſeines Beſtehens wandte der Ver⸗ ein Frauenbildung⸗Frauenſtudium ſein hauptintereſſe der Karls⸗ ruher Anſtalt zu. Als deren Uebernahme durch die Stadt ihn pekuniär entlaſtet hatte, war er imſtande, im Jahr 1898 ein Internat für einen Teil der auswärtigen Schülerinnen zu er⸗ richten. Anfang 1905 war dieſes Internat von 30 Schüle⸗ rinnen— der höchſtzahl der Aufzunehmenden— beſucht. Der hauptzweck des Vereins iſt trotz mannigfacher Um⸗ wandlungen der gleiche geblieben. Er will„die Frauen der inneren und äußeren Selbſtändigkeit zuführen durch hebung der allgemeinen Bildung und durch Erſchließung der wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien und Berufe“. Er hält vor allem daran feſt, für diejenigen Mädchen, die ſich dem Univerſitätsſtu⸗ dium zuwenden wollen, möglichſt die gleiche Vorbildung zu fordern, wie ſie die Knaben erhalten, und es iſt ſpeziell dieſe Tendenz, durch die ſich ſeine Unternehmungen von den„Gym⸗ naſialkurſen“, welche bereits ſchulentlaſſene Mädchen in 4—5⸗ jährigem Lehrgang zum Kbiturientenexamen vorbereiten, unterſcheiden. Neben der Karlsruher Anſtalt iſt auch das im Jahr 1899 gegründete Stuttgarter Mädchengymnaſium, eine Anſtalt mit 6jährigem Lehrgang, eng mit dem Verein ver⸗ knüpft. Die Schule zählt z. 5. 52 Schülerinnen und entließ 1904 ihre erſten Abiturientinnen. In Baden⸗Baden hat der SA— Verein ein Progymnaſium gegründet, das in erſter Linie dazu dient, die Mädchen zum Beſuch der oberen Klaſſen des Karls⸗ ruher Gymnaſiums vorzubereiten. Weniger erfolgreich als in Baden und Württemberg waren die Verſuche des Vereins Frauenbildung⸗Frauenſtudium, auch in anderen deutſchen Bundesſtaaten Mädchengymnaſien mit 6jährigem Lehrgange zu ſchaffen. So iſt es dem Verein trotz aller Anſtrengungen(im Gegenſatz zum Verein Mädchengymnaſium Cöln, der ein Jahr ſpäter dieſes Ziel erreichte) nicht gelungen, für Frankfurt a. M. die behördliche Erlaubnis zur Er⸗ richtung einer 6jährigen linſtalt zu erwirken; um ſeinen Plan nicht vollſtändig ſcheitern zu laſſen, mußte er ſich vielmehr ſchließlich mit einem 5jährigen Rurſus begnügen. Und in Königsberg i. Pr. konnte für einen kleinen Kreis be⸗ gabter Mädchen ein 6jähriger gymnaſialer Lehrgang nur da⸗ durch ertrotzt werden, daß die einzelnen Klaſſen unter unſäg⸗ lichen Schwierigkeiten in der Form privater Gymnaſialzirkel ihr Daſein friſteten. Auch dort haben nunmehr die erſten fünf Abiturientinnen ihr Reifezeugnis erhalten. Als ein weiterer Erfolg der Beſtrebungen des Vereins iſt es zu bezeichnen, daß das badiſche Staatsminiſterium im Februar 1900 das Abiturientenexamen des Rarlsruher Mädchengymnaſiums als gleichwertig mit dem der badiſchen nabengymnaſien erklärt hat. Daß als erſte die beiden badiſchen Univerſitäten, Heidelberg und Freiburg, Frauen zur Immatrikulation zugelaſſen haben, kann— wenigſtens mittelbar— auf die Cätigkeit des in Baden beſonders erfolgreichen Vereins Frauenbildung⸗Frauen⸗ ſtudium zurückgeführt werden. Dem liberalen Vorgehen der badiſchen Regierung ſchloßen ſich dann die anderen ſüddeutſchen Staaten an. in den badiſchen, württembergiſchen und bay⸗ ASI riſchen Univerſitäten werden jetzt Frauen zur Immatrikulation zugelaſſen, welche die erforderliche Vorbildung— das Reife⸗ zeugnis einer ſtaatlich anerkannten höheren Lehranſtalt— vor⸗ weiſen können. In Preußen müſſen die Frauen noch heute, auch wenn ſie den Nachweis genügender Vorbildung erbringen, jeden ein⸗ zelnen Dozenten um die Erlaubnis zum Beſuch ſeiner Vorle⸗ ſungen bitten. Doch ſind ſie auch dann nur als„hHoſpitan⸗ tinnen“ zugelaſſen. Im Winter 1904/1905 waren deshalb an den deutſchen Univerſitäten nur 122 Frauen rechtmäßig im⸗ matrikuliert, dagegen 1633 als„hHörerinnen“ eingeſchrieben. Einen bedeutungsvollen Schritt unternahmen die ſechs ba⸗ diſchen Abteilungen des Vereins, als ſie im Jahre 1899 dem zuſtändigen badiſchen Miniſterium eine Petition überreichten mit der Bitte, die Unaben⸗Mittelſchulen auch den Mädchen zu eröffnen. Die ntwort lautete zu⸗ ſtimmend; die Erlaubnis wurde allerdings zunächſt nur„pro⸗ viſoriſch und verſuchsweiſe“ gegeben. Damit wurden die Mög⸗ lichkeiten zur Erlangung höherer Bildung für das weibliche Geſchlecht weſentlich erweitert, und in den meiſten badiſchen Städten wurde auch bald von der Erlaubnis Gebrauch gemacht. Die Auswahl der Bildungsgelegenheiten iſt wohl zurzeit am mannigfaltigſten in Mannheim. Dort beſteht eine Mädchen⸗ Oberrealſchule, die von der vierten Klaſſe der höheren Mäd⸗ chenſchule abzweigt. Sie wurde Oſtern 1905 von 122 Schü⸗ lerinnen beſucht. Außerdem ſind im humaniſtiſchen Gymnaſium 29 Schülerinnen, die ſich auf beinahe ſämtliche Klaſſen ver⸗ teilen; das Realgymnaſium beſuchen 14, die Reformſchule 5 und die Handelsmittelſchule 3 Mädchen.“ So lautet der Bericht.— Dank der freundlichen Vermitt⸗ lung desſelben Vereinsmitgliedes kann ich das auf ihre Bitten zur Veröffentlichung an dieſer Stelle gegebene Gutachten des Mannheimer Gymnaſialdirektors, Geh. Hofrat Prof. Ferdi⸗ nand haug, hinzufügen, über den gemeinſamen Beſuch ſeiner Knſtalt durch Rnaben und Mädchen. herr Direktor haug ſchreibt(April 1905): „In das Großherzogliche Gymnaſium Mannheim ſind auf⸗ genommen worden im Schuljahr 1901/2: 7, 1902/5: 8, 1903/4: 7, 1904/5: 8 Schülerinnen, davon 18 in Sexta, 12 in die übrigen Klaſſen, zuſammen 30. Kusgetreten ſind 2, die eine wegen unzulänglicher Leiſtungen, die andere wegen Umzugs der Eltern. Die übrigen beſuchen jetzt folgende Klaſſen: Sexta 6, Quinta 5, Quarta 4, Untertertia 5, Unterſekunda 5, Ober⸗ ſekunda 1, Unterprima 2. Ihrem religiöſen Bekenntnis nach ſind 16 ev.⸗prot., 9 iſrael., 3 römiſch⸗kath. Ihrem Alter nach ſind 7 um 1— 1 ½ Jahre über das Durchſchnittsalter der Klaſſe hinaus. Die Leiſtungen ſind nicht nur bei dieſen 7 älteren Schü⸗ lerinnen, ſondern auch noch bei 14, die das normale Alter haben, alſo zuſammen bei 21(75%) entſchieden gut, ſo daß dieſe, wenn ſie mit den Rnaben zuſammen loziert würden, zu den erſten in ihrer Klaſſe zu zählen wären. Nur bei 7(25%) ſind die Leiſtungen bloß mittelgut zu nennen. Ein] Un⸗ terſchied zwiſchen den verſchiedenen Unterrichtsfächern läßt ſich wohl kaum beobachten; denn daß von 28 Schülerinnen 2 in der Mathematik etwas zurückſtehen, kann auf Zufall beruhen. Dieſes für die Mädchen hervorragend günſtige Reſultat er⸗ gibt ſich nicht bloß aus der glücklichen Begabung derſelben— es werden ja jetzt faſt nur ganz entſchieden begabte Töchter dem Gymnaſium zugeführt, was bei der männlichen Jugend nicht der Fall iſt,— ſondern auch aus ihrem faſt durchaus ſehr guten A leiß, ihrer Strebſamkeit, Gewiſſenhaftigkeit und Pünktlichkeit. Auch das Verhalten der Mädchen war bis jetzt beinahe durchaus tadelfrei: Namentlich ſind im Verkehr mit den Schü⸗ lern keine gröberen Verſtöße durch kokettes oder herausfor⸗ derndes Benehmen vorgekommen, und ſo hat auch die Ueber⸗ wachung des gegenſeitigen Verkehrs keine nennenswerten Schwierigkeiten gemacht. Sehr wünſchenswert iſt es, daß meh⸗ rere Schülerinnen in einer Klaſſe beiſammen ſind, und das iſt hier auch mit drei Ausnahmen erreicht. In den unteren Klaſſen iſt der Derkehr natürlich ein ganz harmloſer, und die Kon⸗ kurrenz von Mädchen wirkt auf die Schüler anſpornend. In den oberen Klaſſen haben wir von dieſer Wirkung noch wenig bemerken können, zumal wenn die Mädchen durch ihre ſchon vorgeſchrittenere Entwicklung ſich überlegen fühlen und die größere Reife auch von ihren Mitſchülern anerkannt wird. Dagegen dürfte wohl ihre Anweſenheit allgemein auf den „Con“ in der Klaſſe mäßigend und ſittigend wirken. Daß einzelnen der älteren Mädchen ſtille huldigungen oder auch zarte kleine Kufmerkſamkeiten von Mitſchülern gewidmet werden, läßt ſich natürlich nicht verhindern und kommt häufig auch da vor, wo Schüler und Schülerinnen verſchiedene Anſtalten beſuchen. Den richtigen Takt, um plumpe Annäherungsverſuche zurückzuhalten, müſſen wir von der häuslichen Erziehung der Mädchen erwar⸗ ten, haben ihn aber bis jetzt noch nie vermißt. Eine andere Frage iſt die, ob nicht durch den gemeinſa⸗ men Unterricht, der in der Wahl der Lektüre, namentlich der lateiniſchen, zunächſt für die Bildung des männlichen Geſchlechtes zugeſchnitten iſt, die in das weibliche Gemüt von der Natur gelegten zarteren Reime verkümmern, ob nicht feinere Blüten des weiblichen Empfindungslebens dadurch geknickt werden können. Dieſe Frage zu entſcheiden, kann ſich wohl ein An⸗ ALEE ſtaltsvorſtand nicht zutrauen. Darüber müßte man vor allem die Mütter hören, von denen ich bis jetzt allerdings nur Keußerungen der Zufriedenheit mit der Entwicklung ihrer Töchter vernommen habe.“——— Von zahlreichen Lehrern und Eltern unterzeichnet, hat auch Frankfurt a. M. ſoeben um Eröffnung der Knabengym⸗ naſien für die Mädchen gebeten, eine Forderung, der die Mehr⸗ zahl der Direktoren der betreffenden Anſtalten, der auch der Magiſtrat bereits zugeſtimmt hat.— heſſen, Württemberg, Knhalt, Oldenburg nehmen und ausnahmsweiſe in klei⸗ neren Orten, in denen eine höhere Mädchenſchule fehlt, auch Preußen, Mädchen in größerer Anzahl in ihren NMittel⸗ ſchulen und z. T. auch in höheren Schulen auf. Ohne nach⸗ teilige Folgen. Erwünſcht wäre nur— das iſt ein Punkt, auf den der Allgemeine Deutſche Frauenverein beſonders hinwies—, daß in den von Rnaben und Mädchen be⸗ ſuchten Anſtalten auch Frauen und Männer im Lehrkörper vertreten wären, damit der Einfluß der Frau bei der Erziehung der Mädchen nicht plötzlich wieder ganz ausgeſchaltet wird. Im 1 Gegenſatz zu dem, was der Allg. Deutſche Lehrerin⸗ nenverein ſo nachdrücklich erſtrebt hat. Frauenberufe. Wir haben die Not geſehen, die die Frau in Berufe außer dem Hauſe hineintreibt, haben die Beſtrebungen ver⸗ folgt, den Mädchen durch Fach⸗ und Fortbildungsſchulen ver⸗ ſchiedenſter Art, durch Umgeſtaltung des Mädchenſchulweſens, Schaffung gymnaſialer Anſtalten, Eröffnung der Univerſitäten Ausbildungsmöglichkeiten zu geben. Wir haben betont, daß Freiheit der Berufs⸗Wahl, ſo weit die Verhältniſſe ſie geſtatten, Vorausſetzung für eine befriedigende, der Eigenart der in Be⸗ tracht kommenden Frau entſprechende Berufsübung ſei. Allein die Möglichkeit auch unverheiratet ein ſelbſtändiges, wohlaus⸗ gefülltes Leben zu führen, gibt ferner der Frau ſichere Ge⸗ währ bei einer heirat nur nach Neigung, nach innerem Triebe wählen zu können, nicht aus rein äußerlichen Neben⸗ motiven, Rückſicht auf Stellung und Verſorgung. Dadurch allein kann die Ehe, ſoweit die Frau in Betracht kommt, wie⸗ der zu dem werden, was allein ſie heilig und rein macht: zu einer Vereinigung zweier ſich in aufrichtiger Tiebe zugetanen Menſchen. Von Intereſſe iſt es nun vielleicht, zu prüfen und zu er⸗ wägen, welche Berufe für Frauen wohl beſon⸗ ders geeignet erſcheinen. Daß ihr alle möglichſt ausnahmslos offen ſtehen ſollten, betonte ich ſchon. Dafür möchte ich nochmals mit beſonderem Nachdruck eintreten. Weil ſo allein die Geeignetheit oder Ungeeignetheit der Frau für dieſen oder jenen Beruf praktiſch erprobt werden kann, ſo daß nicht länger Vorurteil, Voreingenommenheit, menſchliche Will⸗ kür, ſondern tatſächlich die Naturanlage der Frau entſcheidet. Ausnahmenaturen ſollen auch die Möglichkeit haben, Hus⸗ nahmewege zu gehen, Kusnahmeberufe zu üben. Größtmög⸗ liche Freiheit bei der Wahl eines Berufs verbürgt am ſicherſten ungehinderte Entfaltung und Verwertung aller vorhandenen Kräfte. Verkehrt aber wäre es, wenn man— wie man bisher AA— der Frauennatur Gewalt antat, indem man ſie in Ausbildung und Berufswahl beſchränkte und einengte, ihr die Arbeit ſelbſt auf Gebieten verwehrte, die ihrer ganzen Art durchaus ent⸗ ſprachen— jetzt in das Gegenteil umſchlagen wollte. Ver⸗ kehrt wäre es, wenn man das Eindringen von Frauen in alle bisher nur von Männern geübte Berufe als heldentat preiſen und den Erfolg der Frauenbewegung geradezu danach be⸗ meſſen wollte, ob es recht vielen Frauen gelungen ſei, Männer aus den von ihnen bisher allein innegehabten Plätzen zu ver⸗ drängen ¹). Daß ſolch eine Gefahr nahe liegt, iſt leicht erklärlich. Nahm der Mann ſich bisher alle Rechte, wies er die Frau — auch die ſchutzloſe, hungernde Frau— trotz all ihres Flehens hartnäckig zurück in ein heim, das z. T. nur in ſeinen Phantaſie⸗ gebilden exiſtierte, verweigerte er ihr die Möglichkeit freier Berufsausbildung, ſo iſt es menſchlich verſtändlich, daß ſolch hartes, engherziges Gebahren auch härte und Engherzigkeit auf der anderen Seite hervorrief. hatte der Mann niemals der Hunderttauſende von alleinſtehenden Frauen gedacht, hatte er gedanken⸗ und gewiſſenlos ſeine Macht als Geſetzgeber an erſter Stelle zu ſeinem eigenen Beſten gebraucht, warum ſollen die Frauen nun, da die Schranken, in die man ſie einengte, end⸗ lich gefallen, auf den Mann Rückſicht nehmen oder vielleicht auch auf ihre vom Manne ſicher ernährten verheirateten ¹) Als Illuſtration ſolcher Richtung diene folgende aus England ſtammende Mitteilung: Ein großer Ceil der Frauen iſt bereits in Gebiete eingedrungen, die bisher den Männern ausſchließlich vor⸗ behalten zu ſein ſchienen. Es gibt 86 Auktionatorinnen, 6 Krchi⸗ tektinnen, 39 Gerichtsdienerinnen, 316 weibliche Schmiede, 3071 Siegelſtreicherinnen, 3850 Schlächterinnen, 54 Schornſteinfegerinnen, eine Deckarbeiterin, 5170 weibliche Goldſchmiede, 9693 Druckerinnen, 1. ſ. w., i. ſ. w. Schweſtern, obwohl dieſe in der Ehe wohl geborgenen Frauen dem ſchweren Kampfe der Unverſorgten, Alleinſtehenden faſt durchweg gleichgültig, ja feindlich gegenüberſtanden? Solchen Edelmut von den Frauen zu erwarten, wäre unbillig. Um⸗ ſomehr, als der Mann immer noch, trotz aller Fortſchritte der Frauen, für ſich ſelbſt am Beſten zu ſorgen geneigt iſt, der Frau immer noch— ſoviel er nur kann— gleiche Ausbildungs⸗ möglichkeiten verwehrt, ihr Schutzrechte verweigert, die er ſich ſelbſt, dem Starken als unentbehrlich zubilligt. Ich erinnere noch einmal an das Ueberwiegen der Fortbildungs⸗ und Fachſchulen, den höheren Lehranſtalten für Knaben. Ich erinnere an die Recht⸗ loſigkeit der berufstätigen Frauen im Vereinsrecht, an das Recht⸗ los⸗ u. Schutzlosmachen der im Handelsgewerbe ſtehenden Frauen (120 000!) in dem Geſetz über die Kaufmannsgerichte. Be⸗ denkt man das alles, ſo muß man zugeben: die berufs⸗ tätige Frau hat wahrlich keinen Grund, dankerfüllt, rückſichtsvoll dem Manne gegen⸗ über zu treten, ſeinetwegen auf irgend eine UArbeitsmöglichkeit zu verzichten. Ein anderes aber iſt es, daß ſie es um ihrer ſelbſt willen tun muß. Gewiß verlangen Frau wie Mann nach Brot, nach geregeltem Einkommen. Kber darüber hinaus werden ſie— ſoweit es die Verhältniſſe irgend geſtatten— nach einem ſie voll befriedigenden Wirkungskreis ſuchen, in dem ein jeder von ihnen die grade ihm eigentümlichen An⸗ lagen entfalten und verwerten kann. Nun gibt es verſchiedenſt beanlagte Männer und ebenſo verſchiedenſt beanlagte Frauen. Die Srau einfach als Sammel⸗ begriff zu nehmen, Eigenſchaften, die einige von ihnen be⸗ ſitzen, ohne weiteres allen zuzuſchreiben und ſie danach ein für allemal für dieſen oder jenen Beruf für tauglich oder un⸗ — tauglich zu erklären, iſt ein geradezu kindliches Beginnen. Und doch erlebt man das oft. Die Frauen— leider muß man immer noch ſolch ſelbſtver⸗ ſtändliche Weisheiten wiederholen— ſind mannigfaltig begabt, wie die Männer. Vom energiſchen Mannweib bis zum angſtvoll ſchutzſuchenden Weibchen, von der reinſten, edelſten Frau bis zur gemeinſten Dirne variiert die Frauennatur in unzähligen For⸗ men, wie wir ja auch unter den Männern robuſten Kraft⸗ naturen und ängſtlichen Mutterſöhnchen, Kriegshelden und Pantoffelhelden, hochſtrebenden, reinen Geiſtern und zum Tier herabgeſunkenen rohen Gewaltmenſchen begegnen. Normen laſſen ſich, allgemein gültig, nicht aufſtellen. Freiheit der Berufswahl— ich wiederhole das immer aufs Neue— iſt das einzige Mittel, Vergewaltigungen dieſer oder jener Be⸗ anlagung zu vermeiden, die Natur und nicht männliche Will⸗ kür entſcheiden zu laſſen. Dahin aber können wir trotzdem wirken— und wir müſſen es tun—, daß die Frau nicht ſelbſt ihre Natur ver⸗ gewaltigt, daß ſie nicht von falſchem Ehrgeiz getrieben Bah⸗ nen einſchlägt, die ihr keine Befriedigung geben. Michts ſcheint mir geeigneter, ſie von ſolchem abzuhalten, als der Ausbau aller Berufsarten, die der Frauenart beſonders gemäß iſt. Daran fehlte es bisher, fehlte es, weil der Mann dieſe Berufswege nicht ein⸗ ſchlug, weil ihn Nur⸗SFrauenberufe weniger intereſſierten. Trotzdem er ſie links liegen ließ, ſuchte er den von Frauen geübten Berufen doch ſeinen Stempel aufzudrücken, das Schaf⸗ fen der Frau in ihm genehme Formen hineinzupreſſen. Sicherlich wohlmeinend. Aber er ließ der Frau nirgends freie hand. Sich ihr gemäße Berufe ſelbſt auszubauen, vermochte ſie nicht. Vom Mann aber wurden die nur für Frauenart paſſenden SSMR— A Berufe gering eingeſchätzt. Nicht nur dem äußeren Anſehen nach ſtanden ſie hinter den Männerberufen zurück, ſondern, was z. C. noch verhängnisvoller wirkte, auch betreffs der Beſoldung. Schon an der ureigenſten Domäne der Frau, dem haus⸗ frauen⸗ und Mutterberuf, läßt ſich das zeigen. Welche Fülle von Urbeit, von Verantwortung bringt die Leitung eines Hausweſens in ſich. Welche ſchwierige, wenn auch ſchöne, ein Frauenherz voll befriedigende Kufgabe bedeutet die Erziehung der Kinder. Wo die hausfrau fehlt, da verödet das heim, fremde hände verderben oft die Seelen der Kinder, vernach⸗ läſſigen die körperliche Pflege, veruntreuen das ihnen anver⸗ traute Gut. Aber die Stellung der Hausfrau und Mutter ihrer Be⸗ deutung entſprechend frei und angeſehen zu geſtalten, für gründliche Dorbereitung Sorge zu tragen, wurde— Kusnahmen ſelbſtverſtändlich immer zugegeben— verſäumt. Das Geſetz iſt der beſte Gradmeſſer für die Durchſchnitts⸗Schätzung der Frau und der Mutter. Als Unmündige wurde ſie, ſobald ſie ſich verheiratete, bezeichnet, pekuniär vollſtändig abhängig war ſie ſelbſt dann vom Manne, wenn es ihr mit in die Ehe gebrachtes Geld war, das er nach Belieben verwandte. Selbſt für das, was er— gute RKüche beanſpruchend— am heimiſchen Tiſche ver⸗ zehrte, mußte ſie ſich das Geld von ihm oft genug noch erbitten, und bekam es zugleich mit Ermahnungen, nicht zu verſchwen⸗ den, ſo daß ſie ſich mühte, an allem, nur nicht an ſeinem Eſſen und Trinken— zu ſparen. Von einer Entlohnung für alle die Mühe und Arbeit iſt nirgends die Rede. In wenigen Familien kann die Frau nach eigenem Belieben über größere Geldſummen frei verfügen, ſelten nur denkt man daran, der Frau, die mit haus und Rindern Sorge und Arbeit hat von A früh bis ſpät, alljährlich ein Uusſpannen zu ermöglichen, ihr Sonntagsruhe, Feierabend nach arbeitsreichen Wochen und Tagen zu verſchaffen. Der Mann nimmt der Frauen Wirken meiſt als etwas Selbſtverſtändliches hin, er vergißt, von welch hoher Bedeutung— auch in volkswirtſchaftlicher Beziehung— die rbeitsleiſtung der hausfrau auch heute noch iſt. Er glaubt, der alleinige Erhalter und Ernährer der Familie zu ſein, denkt nicht daran, daß auch die Arbeit der Frau Werte ſchafft, die er ohne ſie— ſoweit dieſe Werte überhaupt käuf⸗ lich ſind— mit Geld aufwiegen müßte. Mindergeachtet, mindergelohnt iſt die Arbeit der Frau auch in Berufen außer dem hauſe. Gerecht könnte das allenfalls ſcheinen, wenn man unter Männern und Frauen Derheiratete von Unverheirateten ſon⸗ dern, dem Familienvater, der kinderreichen Witwe, die durch ihre Krbeit noch andere mit ernähren, größere Einnahmen zubilligen wollte, als den alleinſtehenden Männern und Frauen. Weshalb aberrangiert der Junggeſelle mit dem Familienvater, die Frau aber— auch wenn ſie einen hilfloſen Mann oder eigene Rinder zu erhalten hat— weit unter den beiden? Obwohl ſie durch Hausfrauenpflichten doppelt belaſtet iſt, doppelt der Er⸗ holung bedürftee? Warum wird der Frau ein für allemal niedrigeres Gehalt ausgeſetzt? Weil ſie minderwertig arbeitet, ſagen manche. So lange ihr nur minderwertige Uusbildung zuteil wird, iſt das wielleicht richtig. Sonſt aber ſind Frauen tüchtig und pflichtgetreu in ihrem Beruf, wie CTauſende berufstätiger Frauen beweiſen. Weil ſie weniger Bedürfniſſe hat als der Mann, behaup⸗ ten dann andere. Kber erſtens iſt ihre Bedürfnisloſigkeit oft eine erzwungene, iſt Folge, nicht Urſache ſchlechter N 2 Beſoldung. Und zweitens müßte nach ſolchem Argument der, der am meiſten ißt und trinkt und verſchwendet, extra großes Gehalt— vor allen anderen— zu beziehen das Recht haben. Weil ſie ſchwächer, leiſtungsunfähiger iſt als der Mann, hört man dann wieder ſagen. Kber wird denn die Leiſtungs⸗ fähigkeit eines Menſchen dadurch erhöht, daß man ihn ſchlechter beſoldet als andere, ihm die Möglichkeit ausreichender Er⸗ nährung, ausreichender Erholung nimmt? ihm die Beruhigung verweigert, für ſeine Angehörigen ſorgen, für ſein eigenes Alter zurücklegen zu können. Das alles ſind keine ſtichhaltigen Gründe. Der wahre Grund iſt, daß der Mann, der die Macht in der hand hat, ſich ſelbſt immer an erſter Stelle be⸗ rückſichtigt. Frauen werden von maßgebender Stelle mit ihren Bitten allzuoft überhört. Sie müſſen ſich fügen. Sie können auf Erhöhung von Gehältern und dgl. ja nirgends direkten Einfluß üben. Sie müſſen froh ſein, irgendwo zugelaſ⸗ ſen zu werden. Sie müſſen nehmen, was der Mann ihnen gibt. Die vorwiegend von Frauen geübten Berufe ſo auszu⸗ geſtalten, daß ſie zu wirklich annehmbaren Berufen, auch für Frauen der beſſeren Klaſſen, werden konnten, daran dachte der Mann nicht. Selbſt wenn ſie für das Gedeihen des ganzen Volkes von entſcheidender Wichtigkeit waren, fanden ſie und finden ſie noch heute, weil ſie eben nur Frauenberufe ſind, geringe Beachtung. Ein Beiſpiel möchte ich geben, den hebammenberuf. 26 000 Srauen ſind in Deutſchland als hebammen tätig. Eine große Sahl davon als Bezirkshebammen. Als„Wartegeld“ oder Jahresgehalt beziehen dieſe, die jedem Ruf folgen und arme Frauen unentgeltlich entbinden und pflegen müſſen, 6 Mk. bis 450 Mk. jährlich, meiſt nicht mehr als 50 Mk. im Jahre. Krukenberg, Frauenbewegung. 7 ASA— So erreicht die Mehrzahl der ländlichen hebammen kaum eine Jahreseinnahme von 350 Mark. Von 26 000 hebammen konnten nur 765 ſich Dienſtboten halten, die anderen— darunter 15 000 verheiratet, 7000 verwitwet oder geſchieden, nur 4000 ledig— waren daheim auf ihre eigene oder ſich zufällig bietende fremde hilfe angewieſen, arbeiteten im haus, auf dem Felde, wurden von ſolcher Ar⸗ beit zu Unterſuchungen gerufen.(handbuch d. Frbew.) Mit der ſchlechten Bezahlung der hebammen hängt ſelbſt⸗ verſtändlich auch zuſammen, daß die Sahl dieſer Frauen in den ländlichen Bezirken viel zu klein iſt. Die Zahlen von Oſtpreußen z. B. ergeben, daß in dem Kreiſe Memel auf 5000 Einwohner eine hebamme kommt, in Oſterode auf 7780 und in Ortelsburg auf 10 070. Daraus ergibt ſich ohne weiteres, daß eine große Anzahl Frauen ohne ſachverſtändige hilfe ent⸗ bunden wird. Nach dem Werk von Nath werden im Re⸗ gierungsbezirk Königsberg 52,8% der Frauen ohne ſachge⸗ gemäße hilfe entbunden, im Kreiſe Ortelsburg ſogar 91,3%. Daß mit dieſen Verhältniſſen die Sterblichkeit wieder in gleichem DVerhältniſſe ſteht, bedarf keines weiteren Beweiſes. Eine vortreffliche Krbeit wurde 1901 veröffentlicht von Dr. Ehlers, die in ärztlichen Kreiſen die größte Beachtung gefunden hat, in der auf Grund des amtlichen Materials die Sterblichkeit der Frauen im Rindbett feſtgeſtellt iſt. Nach dieſer Urbeit kommen auf die Frauen im Alter von 25— 40 Jahren 20— 26%, die im RKindbett ſterben; in Oſtpreußen und Poſen ſteigert ſich der Prozentſatz bis auf 30. Daß neben ungünſtigen häuslichen Einflüſſen die mangelhafte hilfe von Seiten der hebammen Urſache ſolch hoher Zahl von Todesfällen iſt, zeigt das Herab⸗ gehen der Sterblichkeitsziffer auf 3— 4% in von Uerzten ge⸗ leiteten Anſtalten. ☛ᷣ̊ ½ 99 S= BS Und doch könnte die Sterblichkeit überall herabgeſetzt werden, doch könnte der hebammenberuf zu einem noch Tau⸗ ſende von Frauen voll beſchäftigenden, einem unſerm ganzen Volke Segen bringenden geſtaltet werden, einem Berufe, den auch gebildete Frauen— die als Kerztinnen doch ebenfalls Geburtshilfe treiben— wohl erwählen. Daß das Gebiet nur beſchränkt iſt, daß in ſchwierigeren Fällen der Urzt hinzuzuziehen iſt, braucht auch die gebildete Frau nicht, zu ſtören. Iſt dafür doch auch die Kusbildungszeit kürzer, weniger koſtſpielig und ſcheut ſich doch auch der Krzt nicht, einen Spezialiſten hinzuzuziehen, wo ſeine Kunſt eben nicht reicht. Nur müßte bei der Ausbildung Rückſicht auf gebildete Frauen genommen, die hebammen⸗Lehranſtalten müſſen entſprechend umgeſtaltet, die Beſoldungsverhältniſſe müßten gebeſſert und die mutigen Frauen, die dieſen ſo lange verpönten Beruf er⸗ greifen, müßten auch vom Publikum mehr unterſtützt wer⸗ den. Schwer genug bleibt trotzdem die Stellung der gebildeten hebamme, zwiſchen dem ſie als Konkurrentin bekämpfenden Krzt und der hebamme alten Schlages. Unzähligen Frauen aber würden, bei einer größeren Zahl tüchtiger hebammen, Krankheit und Siechtum erſpart. Volkshygieniſch wäre die usgeſtaltung des Berufs von höchſter Bedeutung. Eine Hn⸗ zahl von Frauen würden von anderen Berufen abgelenkt, zu denen ſie ſich vielleicht weniger eignen, in denen ſie dem Mann unerwünſchteſte Konkurrenz machen. Ein glänzend uniformiertes Heer von Vaterlandsvertei⸗ digern ſtellen wir mit unſäglichen Geldopfern. Den Frauen aber, die dieſen Vaterlandsverteidigern das Leben gaben, bieten wir in ſchwerſter Stunde helferinnen, die, wie von ſach⸗ verſtändiger Seite wiederholt hervorgehoben worden iſt, in⸗ folge ihrer mangelnden Faſſungskraft und gänzlichen Un⸗ 7* Ne EE bildung oft genug unfähig ſind, die Bedeutung ihres Berufes und der ihnen darin geſtellten Kufgaben voll zu erfaſſen. helferinnen, für die den Gemeinden jeder Groſchen zu viel iſt. Der Mann, der Gemeindevertreter, wird von ſolchen Notſtän⸗ den freilich wenig betroffen. 5u leiden haben die Frauen, die — nach landläufiger Anſicht— zum Leiden beſtimmt ſind. Mit gründlicherer Vorbildung, wie man ſie z. B. in Preußen neuerdings wieder verſchärft von Staatswegen verlangt, wird nur wenig geholfen, ſolange nicht die Ausbildungsanſtalten reformiert werden, ſolange die Beſoldungsverhältniſſe derartig klägliche bleiben. Durch umfaſſende Reformen allein, durch ausreichende, nötigenfalls ſtaatlich zu regelnde Bezahlung der Gemeinde⸗hebammen, durch Fürſorge für Alter und. Invalidität, durch Eintreten für die unfreiwillig beſchäftigungs⸗ loſe hebamme in jeder Karenzzeit werden tüchtige Kräfte dieſem Stande zugeführt, der wie kein anderer berufen iſt, Leiden zu lindern, Geſundheit und Kraft im ganzen Lande zu mehren. Kuch der Krankenpflegeberuf, dieſer„echte“ Frauen⸗ beruf, wie man nicht müde wird, zu erklären, iſt mit überflüſſig erſchwerenden Bedingungen verknüpft. Weder in pekuniärer Beziehung noch in Bezug auf die äußeren Lebensbedingungen kann man ihn als einen befriedigenden bezeichnen. Krankenpflegerin werden, bedeutet— und das erklärt die Abneigung gegen dieſen Beruf— immer noch für viel zu viele: gleich einer Nonne allen Freuden dieſer Welt entſagen, es bedeutet ein vollſtändiges Sich⸗Coslöſen von der Familie, Verzichtleiſten auf jegliches Selbſtbeſtimmungsrecht nicht nur im Dienſt, ſondern auch in der meiſt kärglich bemeſſenen Frei⸗ zeit, es bedeutet die Unmöglichkeit, durch eigenen Erwerb für unterſtützungsbedürftige Angehörige zu ſorgen, die Unmöglich⸗ N 101 — keit, im Alter einen nicht an einen ganz beſtimmten Stiftsplatz gebundenen ſorgenloſen Lebensabend zu genießen. Alle dieſe Momente wirken zuſammen, um die Scheu vor dem Pflegeberuf zu erklären. Dazu kommt, daß Rranke zu pflegen, an und für ſich ein ſchwerer, aufreibender Beruf iſt. Er verlangt entſagungsvolle hingabe wie wohl kaum ein anderer Beruf. Aber wenn er ſolche Hingabe verlangt, wenn eine Pflegerin wirklich angeſpannter als andere Frauen ar⸗ beiten muß, iſt es darum notwendig, ihr auch außerhalb des Berufs jede freie Selbſtregung zu verbieten, ihr ganzes Innen⸗ leben einzuſchnüren, ihr über alles und jedes Vorſchriften zu machen wie z. B. Derbot von Theater und Konzerten, Verbot, ohne Cracht die Freiſtunden zu verbringen und dergleichen mehr! Die Erfahrung hat gelehrt, daß ſolches Sich⸗Anlehnen an die Gepflogenheiten geiſtlicher Orden, aus denen ſie ja heraus⸗ gewachſen ſind, nicht Lebensbedingung ſind für die weltlichen Schweſternverbände und daß auch einzelſtehende, frei pflegende Schweſtern treue Arbeiterinnen ſein können und ſo gut wie Angehörige anderer Berufsarten ihren halt nicht in äußeren Vorſchriften ſondern in ſich ſelbſt, in einer vertief⸗ ten Auffaſſung von pflicht und Berufsehre finden können. Für freie Organiſation der Verbände, für Reformen inner⸗ halb derſelben trat Prof. SBimmer⸗Sehlendorf durch Be⸗ gründung des evangeliſchen Diakonievereins, Oberin Clemen⸗ tine von Wallmenich durch Einſetzung des Schweſternrates beim Münchener Roten Kreuz ein. Die plötzliche, in unver⸗ bindlichſten, ja geradezu verletzenden Formen erfolgte Ent⸗ laſſung dieſer um die Schweſternſache ſo verdienten, 25 Jahre lang im Dienſte des Roten Kreuzes, 10 Jahre lang als Oberin tätigen Frau, die ſchleunige Beſeitigung der von ihr— zum Ne EAEE Beſten der Schweſtern— mühſam durchgeſetzten Reformen von ſeiten eines lediglich aus Nicht⸗Sachverſtändigen beſtehenden Roten⸗Kreuz⸗Komitees haben auf die Notwendigheit, Schweſtern und Oberinnen aus ihrer vollſtändig rechtloſen Stellung zu befreien, ein grelles Schlaglicht geworfen. Man müßte ihnen zum mindeſten die Möglichkeit geben, ſich irgendwie zu ver⸗ antworten, bevor man ſie willkürlich davonſchickt. Daß der Nachwuchs an Schweſtern und Oberinnen bei ſolch rückſichts⸗ loſem handhaben unbeſchränkter Disziplinargewalt in den ſonſt ſo ſegensreichen Roten⸗Kreuz⸗Derbänden immer mehr zu wün⸗ ſchen übrig laſſen wird, liegt auf der Hand. Kuch die freien Pflegerinnen verſuchen neuerdings zur Be⸗ ſeitigung der Mißſtände auf dem Gebiet der Krankenpflege das Ihre beizutragen. Januar 1903 hat ſich in Berlin eine Be⸗ rufsorganiſation von Rrankenpflegerinnen gebildet, die ſich eine dreifache Aufgabe ſtellt: Sie ſoll zum erſten die guten Elemente unter den frei⸗ pflegenden Schweſtern ſammeln und zu einem einheitlichen Ganzen verbinden, ſoll das Gefühl der Berufsehre in jedem Mitglied wecken, in jedem einzelnen den Wunſch wach rufen, durch treue Pflichterfüllung der Organiſation Ehre zu machen und das Änſehen des ganzen Standes zu heben. Sie ſoll weiterhin für tüchtige Schulung aller Mit⸗ glieder eintreten, Reformen in Betreff der Kusbildung zur Krankenpflegerin erſtreben, ſoll— ſo lange ſtaatliche Rege⸗ lung nicht exiſtiert— beſtimmte Normen der AKusbildung feſt⸗ ſetzen, die bei Aufnahme in die Organiſation zur Bedingung gemacht werden. Sie ſoll ſchließlich die Schweſtern zur Selbſthilfe, zu geregelter Fürſorge für Alter und Invalidität e 8 2 B₰ erziehen, ſich ihnen durch gewiſſenhafte Stellenvermittlung hilfreich erweiſen, billige Erholungsgelegenheiten für ſie ausfindig machen u. dgl. mehr. Dieſen drei punkten verſucht die unter Leitung von Schweſter Agnes Karll in Berlin ins Leben gerufene Be⸗ rufsorganiſation für die Rrankenpfleger⸗ innen Deutſchlands zu entſprechen. Nicht eine Organi⸗ ſation wie zahlreiche andere freie Schweſternverbände iſt es, eine Gruppe von Schweſtern, die von einer Oberin zu⸗ fällig zuſammengebracht wurde, in der die Schweſtern mehr oder weniger abhängig ſind von dieſer Oberin. Sondern eine regelrechte Berufsgenoſſenſchaft. Die Mitglieder wählen den Vorſtand, dieſer hat Rechenſchaft ab⸗ zulegen, handelt lediglich als Vertretung und im Kuftrage der Mitglieder. Alle Einnahmen fließen den Schweſtern, die natür⸗ lich zu regelmäßigem Jahresbeitrag verpflichtet ſind, ungekürzt zu. Jede Schweſter iſt ſtatutengemäß verpflichtet, ſofern nicht anderweitig für ihr Alter geſorgt iſt, ſich in eine Klters⸗ und Invaliditätsverſicherung einzukaufen. Jahresbeiträge— auch von inaktiven, ſtiftenden Mitgliedern— werden zur Deckung der Bureaukoſten und weiterhin zur Schaffung einer Schweſtern⸗ Penſionskaſſe verwandt, die beſonders ſolchen Schweſtern zu gute kommen ſoll, die— obwohl noch durchaus arbeitsfähig — wegen irgendwelcher Geſundheitsfehler von einer Ver⸗ ſicherungsgeſellſchaft nicht aufgenommen werden. Daß ſolch eine Organiſation ſich nur langſam entwickeln kann,— ſtrengſte, gewiſſenhafteſte Prüfung bei der Aufnahme von Mitgliedern iſt für ſie Lebensbedingung— iſt ſelbſtver⸗ ſtändlich. Nicht die pekuniären Vorteile dürfen für ſie maß⸗ gebend ſein, ſondern Gemeinſamkeit der Standes⸗ und Berufs⸗ intereſſen. Die Berliner Zentrale verfügt über reichliches Ae Angebot gut bezahlter Stellungen und könnte weit mehr Kräfte unterbringen, wenn ſie nur wirklich genug tüchtige Kräfte zur Verfügung hätte. Über hier gerade tritt ein großer Mangel unſeres pflegerinnenweſens zutage: gleichmäßige gute Vorbildung fehlt. In der Kusbildung der Schweſtern und in dem FSeugnisſyſtem herrſcht abſolute Willkür. Es gibt keine allgemein gültige Normen für gründliche Kusbildung, es gibt keine ſtaatlichen Vorſchriften über einen zu erbringenden Be⸗ fähigungsnachweis. AKuch die in Verbänden üblichen Prüfungen weichen vollſtändig voneinander ab. 3—6 Monate gelten hie und da als ausreichende Ausbildungszeit, die ausbildenden klerzte ſind zugleich die Prüfenden. Allzu oft ſcheint man ganz zu vergeſſen, daß— genau wie beim ärztlichen Beruf— gründliche Fachſchulung doch notwendige Vorausſetzung iſt, um den Pflegeberuf in einer den Anforderungen neuzeitlicher Heil⸗ wiſſenſchaft entſprechenden Weiſe auszuüben. Kuf dem Gebiete der Berufsausbildung der Kranken⸗ pflegerinnen eine einheitliche Regelung herbeiführen zu helfen, wird daher eine der nächſtliegenden Aufgaben der Berufs⸗ organiſation ſein. Auf Bitten der Schweſtern hat auch der Allg. Dtſch. Frauen⸗ verein und— auf ſeine Veranlaſſung— der Bund deutſcher Frauenvereine in gleicher Richtung zu wirken verſucht. Bisher freilich ohne Erfolg zu erzielen. Warum aber ſolche Verſchiedenartigkeit, z. C. ſolche Min⸗ derwertigkeit der Pflegerinnen⸗Rusbildung? Warum macht der Staat Verbandesgründungen nicht davon abhängig, daß die Verbände ihren Schweſtern tüchtige Fachſchulung garan⸗ tieren? Warum regelt er nicht die Arbeits⸗, die Erholungs⸗ und Urlaubszeit der Schweſtern? Verlangt von den Verbän⸗ den Verſorgung im Alters⸗ und Invaliditätsfalle nicht durch Stiftplätze, ſondern durch frei auszuzahlende Penſion? Sollten ſich nicht, wie für die Prachtbauten, die wir als Rranken⸗ häuſer wenigſtens hie und da ſchon zur Freude der leidenden Menſchheit beſitzen, ſo auch für die Schweſtern, deren Walten ſo weſentlich zum Wohlbefinden der Kranken beitragen, ausreichen⸗ de Mittel finden, um ihnen erleichterte Arbeitsverhältniſſe, ange⸗ nehmere Lebensbedingungen zubilligen zu können? um auch für Frauen, die— gleich Uerzten und Seelſorgern— irdiſchen neben himmliſchem Lohn anzunehmen nicht als Schande em⸗ pfinden, die als gereifte Menſchen unter Selbſtverantwort⸗ lichkeit leben können, den Beruf zu einem annehmbaren zu machen? Dann würden wir nicht mehr ſo oft und ſo vergeblich nach tüchtigen, freudig arbeitenden Schweſtern verlangen hören. Der Schweſternberuf iſt ein echter Frauenberuf, die Frau als Pflegerin unerſetzlich. Aber Nonnentum iſt— wenn auch man⸗ chen Frauennaturen zuſagend— nicht unbedingte Vorausſetzung für treu zu leiſtende Pflegedienſte. Selbſt der feſte Verband iſt nicht überall nötig. Neben dieſen beiden bisher allein üb⸗ lichen Formen iſt die Form der Selbſtorganiſation für Kranken⸗ pflegerinnen genau ſo gut wie z. B. für Lehrerinnen am Platze. Ich wiederhole noch einmal: nichts erſcheint mir ge⸗ eigneter, die Frau von dem Eindringen in für ſie un⸗ geeignete Berufe, in Berufe, die nicht ihrer ſondern der Art des Mannes entſprechen, abzuhalten, als— in peku⸗ niärer Beziehung und in Bezug auf Anſehen und geſellſchaft⸗ liche Kichtung— der Nusbau aller Berufsarten, die der Frauenart beſonders gemäß ſind. Kuch der Lehrerinnenberuf, der für die Frau, die man ſo gern„die geborene Erzieherin“ nennt, hervorragend ge⸗ eignet ſcheint, von deſſen innerem Ausbau an anderer Stelle N EAEE ſchon geſprochen wurde, ſollte beſſer beſoldet werden. Wohl iſt hier zu berückſichtigen, daß von 66000 in Er⸗ ziehung und Unterricht arbeitenden Frauen 61000 ledig, nur 5000 Witwen oder Frauen erwerbsunfähiger Männer ſind. Unter ihren männlichen Berufsgenoſſen dagegen finden ſich neben 99000 verheirateten 4000 verwitwete oder geſchiedene, 48000 ledige. Aber nach der Reichsſtatiſtik haben die 66000 in Erziehung und Unterricht tätigen Frauen nicht weniger als 96000 berufsloſe Angehörige, ſo daß man mit Fug und Recht annehmen kann, daß die Mehrzahl der Lehrerinnen nicht nur für ſich, ſondern noch für ein oder mehrere Kngehörige mit zu ſorgen hat“). Und auch für die Leh⸗ rerin allein reicht das Durchſchnittsgehalt, das immer unter dem Lehrergehalt rangiert, knapp aus. R. und L. Wilbrandt geben in Band IV des handbuchs der Frauenbewegung folgende für Berlin berechnete Jahres⸗ aufſtellung: Lebensbedürfniſſe(Koſt 450 Mk. Wohnung 500 Mk. heizung 80 Mk. Licht 40 Mk. Wäſche 70 Mk. Kleidung 250 Mk.) 1280 llik. Uebrige Ausgaben(teuern ca. 40 Mk. Krankenkaſſe, Baden, Geſundheitspflege 30 Mk. Reiſen, Theater, Konzerte, Geſchenke, Ausflüge 100 Mh. Bücher u. ſ. w. 30 Mk. VDereinsbeſtrbg. 10 Mk. Stadtbahn⸗ und Straßenbahnfahrten 40 Mlk. 250 Mk. zuſammen 1530 Mk. Da der Knfangsgehalt der Volksſchullehrerin— Wohnungs⸗ geld eingerechnet— in Berlin 1432 Mk. beträgt, ſo iſt ſelbſt dieſe Aufſtellung, die ſicher eine beſcheidene iſt, um 100 Mk. zu hoch gegriffen. An den höheren Mädchenſchulen ſteht die Lehrerin nicht A beſſer. Das Anfangsgehalt einſchließlich Wohnungsgeld ſchwankt in verſchiedenen Städten zwiſchen 1 190 Mk. und 2040 Mk. 1400— 1500 Mk. beträgt er in den meiſten Sällen. Die Ober⸗ lehrerin beginnt meiſt— nach dreijährigem Studium— mit 200— 400 Mk. mehr. Der Anſtellung geht häuſig ein 1—2⸗ jähriges, ja 3— jähriges Proviſorium vorauf, in dem wohl Gehalt aber meiſt kein Wohnungszuſchuß gezahlt wird. S0 trifft häufig das auch von Wilbrandt gebrauchte Wort zu: „Suerſt wird die Lehrerin körperlich geſchädigt, dann zahlt man Vertretungsgelder und jahrzehntelang Ruhegehälter“. Be⸗ hauptet dann zu gleicher Seit, daß ſie weniger arbeitsfähig ſei als der Mann. Auf weitere Frauenarbeitsgebiete hier einzugehen, würde zu weit führen. Ein und das andere wird noch in den fol⸗ genden Abſchnitten erwähnt werden. Einem für Frauenart beſonders geeigneten Arbeitsfelde: dem Gebiete ſozialer hilfs⸗ arbeit möchte ich einen beſonderen Abſchnitt widmen. Für ſolche, die nähere Angaben wünſchen, noch Folgendes: Umfaſſende Ueberſicht über alle Frauenberufe und beſtehende Kusbildungsanſtalten bietet das handbuch der Frauenbewe⸗ gung Ceil IV.— Zur Orientierung geeignet ſind auch der Jahreskalender des Deutſch evangeliſchen Frauenbundes.— Ferner die Broſchüre: E. Krukenberg: Was ſollen unſere Cöchter werden. Oerlag J. H. Maurer⸗Greiner. Gebhardshagen). = V= 3 3 Soziale hHülfsarbeit. Die Frau als Kerztin und Predigerin.— Die Frau in der Vormundſchaft, in der kommunalen Frmen⸗ und Waiſenpflege.— Frauen⸗ und Mädchengruppen für ſoziale hülfsarbeit. Die Schäden unſeres Geſellſchaftslebens zu beſeitigen, ſeine härten zu mildern, die Kluft zu überbrücken zwiſchen reich und arm, das iſt das Ziel ſozialer hilfsarbeit. Gleichviel ob das in ehrenamtlichem Wirken oder in beſoldeter Stellung er⸗ ſtrebt wird. Inſofern ſie gleichem Ziele dient, kann man auch die Urbeit des Arztes, des Lehrers, des Seelſorgers— ſoweit ſie nicht lediglich des Geldverdienens wegen geübt wird — als ſoziale Hilfsarbeit bezeichnen. Und ſie iſt es in hohem Maße. Weil ſie es aber iſt, ſind dieſe Berufe, ſo viel man auch im einzelnen dagegen einwenden mag, auch der Frauen⸗ art beſonders naheliegende. Denn Wirken von Menſch zu Menſch, Erziehen, Tröſten und Mahnen, Wunden heilen, die körper⸗ liche Krankheit oder ſeeliſches Leiden geſchlagen, das alles iſt Sache der Frau. Zum ärztlichen Beruf, der, richtig ge⸗ faßt, ja auch ein Stück Seelſorgerberuf iſt und krankheits⸗ vorbeugend, erzieheriſch einwirkt, der der Frau, als Pflegerin am Krankenbette, als helferin im Operationsſaal, auch in ſeinen techniſchen Fertigkeiten z. T. längſt vertraut iſt, ſind Frauen bereits zugelaſſen, ſind ſie, wenn auch noch in be⸗ ſchränkter Sahl, ſchon in verſchiedenſten Städten tätig. Als Hausarzt— in Familien mit heranwachſenden Mädchen z. B.—, als Kinderarzt, als Frauenarzt dürfte die Frau beſonders am 7 Neee Platze ſein und es iſt wohl zu erwarten, daß dann, wenn wir Rerztinnen haben, die Frauen ſich eher überwinden werden, den Arzt aufzuſuchen, daß ſie dann nicht mehr, worüber die Kerzte jetzt ſo häufig klagen zu ſpät, mit veraltetem oder ſchon zu weit vorgeſchrittenen Leiden wenn keine Rettung mehr möglich ſich dem helfer anvertrauen. Der Krzt, der an gynäkologiſche Unterſuchungen gewöhnt iſt, vergißt zu leicht, was ſolche Unter⸗ ſuchungen für eine Frau, was ſie insbeſondere für unverheira⸗ tete Frauen bedeuten, er überſieht, daß ganz beſonders wenn es ſich nur um Beruhigung, Feſtſtellung eines bisher nur gemut⸗ maßten Leidens handelt, die Frau ſich weit natürlicher zuerſt an die Frau wendet. Auch zum Seelſorgerberuf wäre manche unter den Frauen befähigt. Ihr Wirken in ſolch ſtiller, ſegenbringender Arbeit würde ein reiches, voll befriedigendes ſein können. Kber auch die andere Seite des Seelſorgerberufes dürfte der Frauenart durchaus entſprechen: die der Predigerin, der Künderin göttlicher Offenbarung. Um in vielen den Glauben zu feſtigen und zu wecken an das Reich Gottes, das da kom⸗ men ſoll, nicht etwa nur in einer anderen, von dieſem Le⸗ ben losgelöſten Welt, ſondern ſchon hier unter uns Menſchen, ſchon hier auf Erden. Dadurch, daß immer mehr Menſchen zu mutigen Bekennern des Evangeliums, zu Tatchriſten werden, daß ſie nicht allein durch Worte und Geberden ſondern durch ihr ganzes Leben und Wirken Zeugnis ablegen von dem, was ſie mit frohem Glauben erfüllt. Um die Zuverſicht zu wecken, daß göttliche Kraft in uns allen lebendig iſt, daß wir— auch wenn wir nur langſam uns dem Ziele nähern— doch immer mehr zur Vollkommenheit, immer mehr zu veredelteren, reineren Zuſtänden gelangen werden. Damit es einſt für alle, die an dem Glauben an eine Kufwärtsentwicklung der Menſch⸗ heit feſthalten, heißen möge:„Friede auf Erden, und den Menſchen ein Wohlgefallen“. In den erſten chriſtlichen Zeiten waren auch Frauen Ver⸗ künderinnen des Wortes. Unſere Kltvorderen verehrten Frauen als Prieſterinnen und Prophetinnen. Warum ſollten ſie nicht auch jetzt Künderinnen des Evangeliums ſein, jenes die Welt überwindenden Glaubens, deſſen Lehren in mannigfaltige Formen gekleidet doch immer wieder in ihrem Rerne er⸗ faßt werden, deſſen Inhalt mit dem, was die Frauenbe⸗ wegung in heißem Rampfe zu erringen ſtrebt, ſo vielfach übereinſtimmt? Aber nicht nur als Predigerinnen in Amt und Würden, wie wir ſie in Amerika, in England bereits finden, nicht nur von der Kanzel herab, in der Rirche, nicht nur von ſtaats⸗ und berufswegen iſt die Frau berufen, Weckrufe, frohe Botſchaft ins Land zu ſenden. Längſt ſchon iſt ſie aus eigenem, innerem Triebe zur Bannerträgerin jener Anſchauung geworden, die wir uns gewöhnt haben als chriſtlich zu bezeichnen, weil in Jeſus Chriſtus das Streben nach Vollendung, nach hingabe an andere, nach Kufwärtsentwicklung die höchſtmögliche Ver⸗ körperung gefunden. hHingabe an andere, hHöherentwicklung, Vervollkommnung, das ſind ja auch die Siele der Frauen, die ſich in den Dienſt der Frauenbewegung geſtellt haben. Dem Kommen des Gottesreiches wollen auch ſie entgegenarbeiten. Des Wortes gedenkend:„Was Ihr wollt, das Euch die Leute tun ſollen, das tuet Ihr ihnen! Das iſt das Geſetz und die Pro⸗ pheten.“ Wollen wir Frauen Recht und Gerechtigkeit, wollen wir hilfe in Sorge und Not, ſo müſſen auch wir zu gleichem Tun anderen gegenüber bereit ſein. Ja ſelbſt wenn man uns noch nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt, weil der Staat, in dem wir leben, ſich nur langſam herausarbeitet aus den Hn⸗ A— ſchauungen halbüberwundener Seiten, in denen Macht Geltung hatte vor Recht, weil er noch immer— willkürlich— Mannes Geſetz gleichſam für Gottes Geſetz erklärt, weil vielfach auch die Rirche, ſtatt in Jeſu Nachfolge zu leben, der keinen Unterſchied kannte zwiſchen Weib und Mann, zwiſchen arm und reich, zwiſchen vornehm und gering, ſich als ſtaatlich geſchützte Prieſterkirche den Wünſchen der herr⸗ ſchenden Machthaber anzubequemen verſteht, ſelbſt dann müſſen wir unſerer Ueberzeugung gemäß handeln. Dadurch allein wird uns der Sieg gewiß. Schon regt es ſich überall. Als gerecht empfindet man mehr und mehr unſer Hordern. Gerechtigkeit gilt, wenn auch oft nur theoretiſch, als höch⸗ ſte Cugend des Mannes. Er kann ſich, ohne ſich ſelbſt zu verleugnen, gerechten Forderungen auf die Dauer nicht widerſetzen. lin den Frauen aber wird es dann ſein, ihre jetzt ſo viel⸗ verheißenden Worte in die Tat umzuſetzen: in die Welt des Bureaukratismus, der nüchternen Intereſſen⸗ und Machtpoli⸗ tik, wie ſie jetzt allzuoft unſer Staatsweſen beherrſcht, noch ein anderes einzufügen, um die Welt lichter, wärmer zu ge⸗ ſtalten: mütterliches Sorgen, warmherziges Verſtehen, allum⸗. faſſende Güte. Roch aber— das wiſſen wir wohl— ſind auch die Frauen, die ſolches Ziel als Sehnſucht in ihrem herzen tragen, weit davon entfernt es erreicht zu haben. Noch hadern auch ſolche miteinander und gegeneinander, noch ſehen auch ſolche ſich voll Sweifel und Mißtrauen an, die doch zu gleichem Streben— im Dienſte der Frauenbewegung— vereint ſind. Aber unverkenn⸗ bar iſt trotzdem der Wunſch, einander gerecht zu prüfen und alles Gute aneinander anzuerkennen. Don Jahr zu Jahr wird dieſer Wunſch lauter. Denn wahrlich: könnten wir den Hader im eigenen Lager nicht überwinden, könnten wir nicht für das reine, ſelbſtloſe Wollen der Mit⸗uns⸗Strebenden in ſicherer Suverſicht die hand ins Feuer legen(auch wenn wir Irrtum und Uebereifer und Fehlgehen gelten laſſen müſſen), wir wären ſchlecht geeignet, an einer Vered⸗ lung, einer Kufwärtsentwicklung unſeres Volkes mit⸗ zuarbeiten. Wie kann der der Welt Frieden verkünden, der den Frieden im eigenen herzen nicht kennt? Und doch ſind wir alle einig darin, daß es das edelſte Ziel der Frauenbe⸗ wegung iſt, der Welt mehr Frieden und Freude, mehr Wärme und Sonnenſchein zu geben. Micht als Befreiungskampf allein dürfen wir die Frauen⸗ bewegung faſſen. Dann wäre ihre Bedeutung nur eine be⸗ ſchränkte. Wir müſſen uns vielmehr klar machen: Wenn auch den Frauen alle Berufswege erſchloſſen, alle Bildungsanſtal⸗ ten geöffnet ſein werden, wenn ihnen auch gleiches Recht ward mit dem Manne auf allen Gebieten, damit iſt die Aufgabe der Frauenbewegung nicht gelöſt. Immer weiter, ſo hoffen wir, werden die auf dem Boden der Frauenbewegung ſte⸗ henden Srauen zu einmütigem Streben vereint bleiben, um gemeinſam mit den Beſten der Männer den Kampf auf⸗ zunehmen gegen alles, was niedrig iſt und gemein, geeignet, die Art zu verderben. Den Kampf gegen Lüge und Ver⸗ brechen und Schuld, gegen Armut und Rrankheit und Not. In ſolchem Streben werden die Anhängerinnen der Frauen⸗ bewegung mehr und mehr auch die Frauen an ihrer Seite finden, die an dem Rampf um geiſtige und wirtſchaftliche Be⸗ freiung der Frau, weil ſie ſeinen Wert für die höherentwick⸗ lung unſeres Volkes nicht erkannten, garnicht oder nur zö⸗ gernd und halb teilnahmen. In ſolchem 5iele werden ſich die auf paritätiſchem Boden ſtehenden Frauenvereine zuſammen⸗ finden mit den in konfeſſionellen Kreiſen arbeitenden Frauen, ſofern dieſe wirklich von Jeſu Geiſte erfüllt, warmherzig und tolerant ſind, den Inhalt nicht über die Form, das Zeugnis⸗ ablegen durch die Cat nicht über Wortchriſtentum und Geberden vergeſſen. Der Rern der Frauenbewegung und der Kern des Chriſtentums berühren ſich ja in ſo vielem. Schon jetzt ergreift die Macht unſerer Ideen Kreiſe, die ſich lange Seit fern hielten. Die auf konfeſſionell⸗kirchlichem Boden ſtehenden Verbände, der Deutſch⸗Evangeliſche, der Ka⸗ tholiſche Frauenbund ſind Seuge dafür. Schon jetzt bahnt ſich gemeinſames DVorgehen mit Männervereinen, auch mit Frauen⸗ vereinen älterer Richtung, mit reinen Wohltätigkeitsvereinen an. Um aber gemeinſame Arbeit fruchtbringend zu geſtalten, iſt ge⸗ genſeitiges Verſtehen nötig. Darum müſſen wir in der Frauen⸗ bewegung ſtehenden Frauen die Mißverſtändniſſe zu beſeitigen ſuchen, die unſer Streben in den Kugen verſtändiger Leute her⸗ abzuſetzen geeignet ſind. Wir müſſen ruhig und beſonnen, Schritt für Schritt vorſchreiten. Wir müſſen den in anderen Vereinen tätigen Frauen klarlegen, warum wir uns in vielen Fällen nicht einfach an beſtehende Vereine anſchließen konnten, warum wir auch auf dem Boden ſozialer hilfsarbeit eigene Wege gingen. Und wenn dieſe Frauen, wie wir oftmals finden, nicht zu uns kommen, ſich Kufklärung über die rt unſerer rbeit zu erbitten, ſo müſſen wir zu ihnen gehen, müſſen in ihren Vereinen Seite an Seite mit ihnen arbeiten und durch treue Pflichterfüllung ihr Mißtrauen überwinden, ſie von der Lauterkeit unſerer Geſinnung überzeugen. Die Frauenbewegung tritt hauptſächlich von einem Ge⸗ ſichtspunkt aus an die ſoziale hilfsarbeit heran: ſie will vor⸗ beugend wirken, will Verarmung und Verſchuldung verhüten, will die Not an ihren Wurzeln bekämpfen, die Menſchen Krukenberg, Frauenbewegung. 8 zur Selbſthilfe anleiten. aß trotz aller Wohltätigkeit und hilfe— der Lr⸗ mut niemals weniger wurde, daß ſich im Gegenteil die Sahl der in Vereinen und durch Private unterſtützten Armen ſtändig mehrte, mußte notwendigerweiſe Männer und Frauen zum Nachdenken bringen. Sobald man aber den Urſachen der Ver⸗ armung nachzuſpüren begann, konnte man die Armut nicht länger, wie das wohl früher geſchah, einfach als etwas Un⸗ abänderliches, als Schickſals Fügung anſehen, ſondern man erkannte Unterlaſſungsſünden an allen Ecken und Enden. Man erkannte, daß z. B. mangelnde Sürſorge für die heranwach⸗ ſende Jugend des Volkes, unerfreulichſte Wohnungsverhält⸗ niſſe, Mangel an veredelnden Genüſſen— um nur einige Bei⸗ ſpiele herauszugreifen— Urmut und Verwahrloſung mit her⸗ beiführten; ganz beſonders aber ſpielte die Unwiſſenheit, die hilfloſigkeit der Frauen dabei eine Rolle. Sind es doch der Mehrzahl nach Frauen und Rinder, die der Unter⸗ ſtützung privater und öffentlicher Armenpflege anheimfallen. Frauen und Kinder, nicht vorbereitet fürs Leben, gewohnt, vom Manne, vom Dater erhalten und beraten zu werden, beide leichtgläubig, weltfremd, daher eher als ein Mann zu täuſchen und auszunutzen.. Was aber beim RKinde natürlich iſt, war bei der Frau nur produhkt verkehrter Erziehung. Den Frauen fehlt es keineswegs an Anlagen, tüchtig und ſelbſtändig zu wer⸗ den. Aber man ließ dieſe Anlagen, ſtatt ſie zu pflegen und zu ent⸗ wickeln, verkümmern und durch alle Schichten der Bevölkerung hindurch ſehen wir daher eine Menge von Frauen, gerade ſo oder doch faſt ſo hilflos und unmündig, wie ſonſt nur Unerwachſene, Kinder es ſind. Kuch der gebildeten Frau gab man allerhand Tand und Luxus mit ins Leben,— Keſthetik und Poetik und Kunſtge⸗ ſchichte trieb faſt jede höhere Tochter. Anſtatt ihr einen Begriff von Vermögensverwaltung, von Rechtskunde u. dgl. praktiſchen Kenntniſſen zu geben, Dinge, die der Mann ſich im Leben als ganz ſelbſtverſtändlich dazu gehörend aneignet. Ganz abgeſehen von der mangelhaften Vorbereitung der Frauen für ihren Ehe⸗ beruf und abgeſehen von der faſt durchweg fehlenden Kusbil⸗ dung für einen Broterwerb, Mängel, auf die ich in den erſten Abſchnitten hinwies. Die Frauenbewegung war es, die mit zuerſt Mittel und Wege ſuchte und fand, um zu helfen. Kuf allen Gebieten ſuchte ſie dem Uebel an die Wurzel zu gehen. Die ſchwierigſten Aufgaben ſchreck⸗ ten ſie nicht zurück. Mit Trunkſucht und Unſittlichkeit, dieſen verderbenbringenden Dämonen, nahm ſie den Kampf auf. Für vorbeugende Jugendpflege, für Einrichtung von Rrippen, Kin⸗ derhorten, Volkskindergärten u. dgl. mehr war ſie unermüd⸗ lich tätig. An Volksbibliotheken und anderen Volksbildungs⸗ ſtätten, in Auskunftsſtellen, Stellenvermittelungsbureaus u. dgl. wirken jetzt, Dank der Kgitation durch die Frauenvereine, Frauen neben den Männern, in der öffentlichen Armenpflege ſind ebenfalls Frauen an die Seite der Männer getreten. Und im ganzen Lande entſtanden von Frauen geſchaffene Berufsſtätten und Fachſchulen für Mädchen. Ueberall wurde der Grundſatz der Erziehung zur Selbſthilfe, der Grundſatz vor⸗ beugender Fürſorge zur Geltung gebracht, und wenn auch Armut und Elend nie aus der Welt verſchwinden werden, vielleicht iſt doch auf dieſem von Männern und Frauen betretenen Wege allmählich Beſſerung und Milderung der ſo⸗ zialen Not und Ueberbrückung der ſozialen Gegenſätze herbei⸗ zuführen. Günſtig wirkt dabei, daß die Frauen eben anders geartet ſind als die Männer und darum gerade neue Mittel anwenden, neue Wege finden können, um der rmut zu ſteuern. bewegung hat keineswegs, wie mancher meint, nur mit Worten Was den Frauen zuerſt entgegentrat, war die Not in den eigenen Kreiſen. klles was ich in den erſten Kbſchnitten dieſes Buches aus⸗ führte— über die Notwendigkeit, hauswirtſchaftliche Schulen, Fachſchulen für Mädchen zu errichten, über das Beſtreben, die Mädchen aller Kreiſe zum Beruf zu erziehen, ſie aber auch für hausfrauen⸗ und Mutterpflichten tüchtig zu machen, was ich von AKusgeſtaltung der Mädchenſchule, Eröffnung höherer Bildungsanſtalten darlegte—, das alles kann man wie vom Rechtsſtandpunkt ſo auch vom Standpunkt vor⸗ beugender Wohlfahrtspflege aus fordern und begründen. Die Untauglichkeit der Frauen im hauſe iſt der Ruin zahl⸗ reicher Familien, ihre Unfähigkeit zu erziehen, hat Ver⸗ wahrloſung der Jugend zur Folge, die Vergnügungsſucht und Genußſucht der Frauen unſerer beſitzenden Klaſſen geben ihren hausangeſtellten, geben noch weiteren Kreiſen verderb⸗ lich wirkendes Beiſpiel. Mangelhafte Berufsausbildung der Mädchen, heimliches Arbeiten der ſich ihrer Armut ſchämenden Frauen drückt die Frauenlöhne herab. Not und Schande er⸗ wartet gar viele, die für einen Beruf nicht vorbereitet waren. Und die die Schande freiwillig wählen, weil ſie nach weit ver⸗ breiteter Sitte in gewiſſenloſer, oberflächlicher Weiſe lediglich zum Genuß⸗ und Luxusobjekt für den Mann erzogen worden ſind, ſie ziehen andere Frauen, ſie ziehen auch unſere Söhne mit in ihr leichtfertiges Treiben hinein. Schuld der Geſellſchaft, die rechtzeitig vorzubeugen, zu erziehen vergaß. Nun liegen ſolchen Erſcheinungen ſelbſtverſtändlich auch noch andere Urſachen mit zu Grunde. Kber vieles ließe ſich doch beſſern, vielem ließe ſich vorbeugen auf den von den Frauenbewegungsvereinen verſuchten Wegen. Und die Frauen⸗ SA gekämpft, ſie iſt auch mit Caten jederzeit zur Stelle geweſen. Was ihre Führerinnen für Fach⸗ und Fortbildungsſchulen, für Berufsbildung der Mädchen u. dgl. mehr zu erreichen beſtrebt waren, betonte ich ſchon. Auf den Kampf gegen Unſittlichkeit und Trunkſucht, auf den Kampf gegen das unſere Frauen ge⸗ ſundheitlich ſchädigende Rorſet, auf den Kampf gegen Verein⸗ ſamung der alleinſtehenden Frauen, denn auch darin liegt ſoziale Not, komme ich noch zurück. hier möchte ich noch gleich auf zwei auf dem Boden der Frauenbewegung erwachſene, jetzt auch ſchon von älteren Vereinen anerkannte und nachge⸗ ahmte Einrichtungen hinweiſen, die für die Art der Frauen⸗ bewegungsvereine, die ſoziale Not zu bekämpfen, charakteriſtiſch ſind: die Rechtsſchutzſtellen und die hauspflege, letztere als ein Mittel zu vorbeugender Armenpflege beſon⸗ ders beachtenswert. Es iſt bekannt, wie hilflos und unkundig in geſetzlichen Dingen und Vermögensfragen die meiſten Frauen ſind. Durch alle Schichten des Volkes hindurch herrſcht unter den Frauen eine betrübende Unwiſſenheit in dieſer Beziehung und gar manche Frau ſchon hat ihr ganzes Dermögen dadurch verloren, hat auf ihr zuſtehende Rechte verzichtet und ſich und ihre Kin⸗ der in Not und Elend gebracht. Zum Rechtsanwalt zu gehen, ſcheuen ſich viele, zum Teil wegen der Koſten, zum Teil aber auch weil ein vielbeſchäftigter Anwalt unmöglich Zeit und Geduld haben kann, unklare und umſtändliche Kuseinander⸗ ſetzungen mit anzuhören. Und in ſo manchen Dingen wendet ſich die Frau eben vertrauensvoller an die Frau. Darum wur⸗ den, zuerſt von Marie Stritt in Dresden, Sprechſtellen, Rechtsſchutzſtellen für Frauen gegründet, in denen Frauen Uus⸗ kunft und Rat erteilen. Im Laufe von 10 Jahren ſind in verſchiedenſten deutſchen Städten bereits 54 Rechtsſchutzſtellen EE nach Dresdner Muſter entſtanden, von denen 37 zu einem Verbande zuſammengeſchloſſen und dann wiederum dem Bunde deutſcher Frauenvereine angegliedert ſind. Die Rechtsſchutzſtellen haben ſtändig Fühlung mit An⸗ wälten. Oft aber handelt es ſich nur um Kusgleich und Vermitt⸗ lung, um klare Darlegung der zunächſt einzuſchlagenden Schritte oder auch um ein Miteintreten für verſchüchterte ängſtliche Gemüter. Gerade von ſeiten einſichtiger Männer, Polizeibe⸗ amter, Vormundſchaftsrichter u. dgl. m. wird ſolche Rechts⸗ ſchutzſtelle als etwas ſegensreiches gerühmt, da ſie manche ſonſt hilfloſe Frau vor Elend bewahrt, ſie von dem Ronſul⸗ tieren eines Winkelkonſulenten zurückhält, alſo vorbeugend, vorſorgend eingreift. Ueberall— das muß ausdrücklich her⸗ vorgehoben werden— iſt die CTätigheit der Rechtsſchutzſtellen in erſter Linie eine vermittelnde. So weit wie möglich wer⸗ den Differenzen auf gütlichem Wege beigelegt und faſt durch⸗ weg wird mit gutem Erfolge gearbeitet. Ein Zeichen, daß ſolche Sprechſtellen tatſächlich Bedürfnis waren, iſt es auch, daß Stadtgemeinden neuerdings ſelbſt an die Einrichtung von Rechtsauskunftsſtellen, ſelbſtverſtändlich für Männer und Frauen, herantreten, ein Fortſchritt, der freudig zu be⸗ grüßen iſt, freilich nur unter der Vorausſetzung, daß in dieſen öffentlichen Sprechſtellen Frauen ſich auch weiterhin, ſoweit ſie das wünſchen, an Frauen wenden können, wie ja auch in verſchiedenen ſtädtiſchen Arbeitsnachweiſen mit Erfolg Sprechſtunden für Frauen von Frauen abgehalten werden. 5. B. in Wiesbaden, in Straß⸗ burg. Die Stadt Cöln ſcheint ſolchen Wünſchen in verſtänd⸗ nisvollſter Weiſe entgegen kommen zu wollen. Die dort ſeit 1900 beſtehende Rechtsſchutzſtelle für Frauen wird vorausſicht⸗ lich— unter der bisherigen Leitung— der ſtädtiſchen Sprech⸗ AN e ſtelle angegliedert werden. Beſſer freilich noch als in Cöln wird die für die Stadt Frankfurt a. M. geplante Einrichtung den Abſichten der Frauen entſprechen. Während in Cöln nur zu beſtimmten Stun⸗ den Sprechſtunde für Frauen von Frauen gehalten wird, die ratſuchenden Frauen ſich in der Zwiſchenzeit an die Männer wenden, ſoll in Frankfurt eine ſtändig, zugleich mit den Männern, aber in beſonderem Bureau tätige Frau v oll ein⸗ geſtellt werden, ſo daß Frauen jederzeit bei Frauen Rat holen können. Der gleiche Rechtsanwalt, das gleiche Schreibbureau ſoll männlichen und weiblichen Beamten zur Verfügung ſtehen. So iſt es im Plan. Das Gebiet vorbeugender Fürſorge aber, das ich— als eine Neu⸗Schöpfung der Frauenbewegung— noch beſonders er⸗ wähnen wollte, iſt die hauspflege. Kllzuoft bedeutet es Untergang, Verwahrloſung wenig bemittelter Familien, wenn die Frau, die Mutter erkrankt. Wer ſorgt für die Kinder? wer bereitet dem heimkehrenden Manne das Eſſen? Bleibt die kranke Frau im Haus, ſo liegt ſie hilflos oder ſchleppt ſich wohl gar, beſonders auch in Wo⸗ chenbetten, zu früh hinaus, um trotz ihrer Rrankheit und Schwäche ihren pflichten noch nachkommen zu können. Iſt ſie, wie das bei dem gänzlichen Mangel an häuslicher Pflege oft genug geſchehen muß, einem Hoſpital, einem Wöchnerinnen⸗ aſyl überwieſen, ſo bleibt Haushalt und Familie ſich ganz ſelbſt überlaſſen. Die Kinder laufen unbeaufſichtigt herum, der Mann muß im Wirtshaus ſeinen Unterhalt ſuchen. Wie oft er dann auch weiterhin der Verſuchung unterliegt, ins Wirtshaus zu wandern, wie oft die Frau— endlich geneſen— in ein ganz zer⸗ rüttetes Hausweſen zurückkehrt, das weiß jeder, der Einſicht bekommen hat in das Leben der arbeitenden Klaſſen. AEEE Frau hella Fleſch in Frankfurt a. M. war es, der wir zur Milderung ſolcher Uebelſtände Idee und Rusführung des erſten Hauspflegevereins verdanken: Eine als zuverläſſig bekannte Frau wird auf Vereins⸗ koſten tage⸗ oder ſtundenweiſe als hilfe geſandt, der kranken Frau handreichungen zu leiſten, für die Familie zu kochen, zu waſchen, die Wohnung zu reinigen, die Kinder zu verſorgen. So bleibt der hausſtand erhalten und mit verhältnismäßig geringen Mitteln wird einer Verwahrloſung der Familie vor⸗ gebeugt. Durch Jeanette Schwerin iſt die hauspflege auch in Berlin eingeführt worden, dann in Charlottenburg und zahlreichen anderen Städten und überall iſt ſie von ſegens⸗ reichſter Wirkung geweſen. Von Vorſtandsmitgliedern des hauspflegevereins angeregt, wurde in Frankfurt a. M. auch der Stadtbund der vereine für Armenpflege und Wohltätigkeit begründet, dem jetzt 41 Vereine angehören. Vorbildlich waren für ſeine Arbeit neben den Charity Organiſation Societies in England und Kmerika, die Auskunftsſtelle der Geſellſchaft für ethiſche Kultur(begründet von Frau Schwerin) und die Zentral⸗Station der Wohlfahrts⸗ einrichtungen(Begründerin Sophie Susman, Berlin). Dieſer Stadtbund gemeinnütziger Vereine will, wie Frau Edinger im Centralblatt des Bundes ſ. 3. mitteilte, 1. ein Mittelpunkt ſein für alle Beſtrebungen auf dem Ge⸗ biete der Armenpflege und Wohltätigkeit in Frankfurt a. M., er will in allen gemeinnützigen Dereinen den Gedanken wach⸗ halten, daß ſie eine gemeinſame Aufgabe haben, und dieſe, wenn auch jeder auf ſeine Weiſe, doch nur in ſteter Füh⸗ lung mit einander wirkſam fördern können; 2. die Erfahrungen der Vereine nutzbar machen, und zwar ſoll dies geſchehen: a) indem Huszüge aus dem Aktenmaterial der Vereine, ſoweit es dem Bund zur Einſicht überlaſſen wird, und aus mündlich zu dieſem Sweck gegebenen Berichten einer gemeinſamen Kuskunftsſtelle einverleibt werden, b) indem durch dieſe Kuskunftsſtelle auf mündlicheg oder ſchriſtliche Anfrage den einzelnen Vereinen mitgeteilt wird, ob beſtimmte Bittſteller ſchon von anderer Seite unter⸗ 8 ſtützt werden, und was ſonſt über dieſe Bittſteller be⸗ kannt iſt, c) indem in gemeinſamen Konferenzen Prinzipienfragen und ſchwierige Einzelfälle erörtert werden, d) indem beſondere Begebniſſe in einer demnächſt erſcheinen⸗ den lokalen Fachzeitung veröffentlicht und beſprochen werden; 3. will der Bund verſuchen, die ungeregelte Privatwohltätig⸗ keit mehr in den Rahmen der Vereinsarbeit hereinzuziehen, jedenfalls aber die feſtſtehenden Grundſätze für eine zweck⸗ mäßige AKrmenpflege in ein größeres Publikum hineinzutragen. Und zwar ſoll dies geſchehen: a) durch Beſprechung allgemeiner Fragen auf dem Gebiet der Armenpflege in den Tageblättern Frankfurts; b) durch Einrichtung von Unterrichtskurſen für prahtiſche Armenpflege und Sozialpolitik; c) durch Kusbildung freiwilliger Hilfskräfte auf der Ge⸗ ſchäftsſtelle des Bundes; 4. will der Bund im Intereſſe der Armen den Bettel zu be⸗ kämpfen ſuchen: a) indem er, wie vorher angeführt, das große Publikum zu zweckmäßigerem Vorgehen den Armen gegenüber an⸗ leitet und im Sinne der beſtehenden Vereine gegen das Geben ohne Erkundigung ankämpft; N E b) indem er die Praxis einzuführen verſucht, daß beſondere Hilfe(Brennmaterial, hauspflege ꝛc.) mehr und mehr auf Anſuchen des den Fall verſorgenden Vereins, nicht auf Geſuch des Bedürftigen ſelbſt gegeben werde. In der Sentrale ſind 6 Frauen angeſtellt, neben un⸗ gefähr ebenſo viel Männern. Der Stadtbund hat nur eine bezahlte Sekretärin, etwa 12 Frauen arbeiten freiwillig ab⸗ wechſelnd neben ihr, jeden Tag zwei in der Regel. In der Fentrale helfen auch drei Frauen freiwillig, hauptſächlich durch Beſuche bei Kindern und jungen Mädchen(Sparkaſſe für Land⸗ aufenthalt— holen wöchentlich die Beiträge ab). Kehnliche Einrichtungen beſtanden bereits in Dresden, Poſen, Branden⸗ burg, Stettin. In dieſer Stadt war die Gründung ebenfalls das Werk einer Frau, der Frau Bürgermeiſter Sternberg, Vorſitzende des dortigen Sweigvereins des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins. Auch in Caſſel iſt neuerdings ein Stadtbund von Frauenvereinen gegründet, deſſen Vorſitzende, Auguſte För⸗ ſter, Vorſitzende des Caſſeler Srauenbildungsvereins, des älteſten Sweigvereins des Allg. Dtſch. Frauenvereins, iſt ¹). In Mannheim, Mainz u. a. O. haben ſich Frauenvereine zu Stadtbünden zuſammengeſchloſſen, um gemeinſames Vorgehen zu ermöglichen, Serſplitterung der Kräfte zu vermeiden. Das neue bürgerliche Geſetzbuch gab der Frau noch ein neues Gebiet der Fürſorgetätigkeit: ſie konnte zum Dor⸗ mund ernannt werden. Frauen zur Uebernahme von Vor⸗ mundſchaften zu veranlaſſen, iſt ein hauptſtreben der Frauen⸗ bewegungsvereine. Dank dem Vorgehen des ſehr rührigen Vereins„Frauenwohl“⸗Bromberg z. B. waren 1902 bereits 40 Frauen in Bromberg als Vormünderinnen tätig. Ueber ¹) Dgl. Johanna Wäſcher. Die Caſſeler Frauenvereine 1812 bis 1904. Derlag Ernſt Hühn. die in Düſſeldorf tätigen Vormünderinnen berichtete die Köln. Seitung am 4. Okt. 1904: „Surzeit ſind beim hieſigen Vormundſchaftsgerichte 124 weibliche Vormundſchaften eingerichtet, d. h. 124 Frauen, nicht Mütter der Mündel, ſind zum Vormund beſtellt. Unter dieſen Frauen befinden ſich 30 Großmütter ihrer Mündel, während 94 Frauen den Mündeln fremd gegenüberſtehen. Mit der weiblichen Vormundſchaft über Mädchen und kleine Kinder— eine fremde Frau zum Vormund über größere Knaben zu be⸗ ſtellen, läßt ſich nicht empfehlen— werden hier die beſten Erfahrungen gemacht. Sowohl der Waiſenrat, wie der Vormundſchaftsrichter haben wiederholt in öffentlichen Ver⸗ ſammlungen den Wunſch ausgeſprochen, daß doch recht viele Frauen zur Uebernahme einer Vormundſchaft bereit ſein möchten. Aus einem Protokoll der Waiſenratsſitzung in Düſſeldorf möchten wir folgenden Kusführungen der Referenten über die nach dieſer Richtung gemachten Erfahrungen Raum geben: „Ich glaube, daß noch eine gewiſſe Scheu die herren Waiſen⸗ pfleger hindert, den Damen geeignete pflegefälle anzuvertrauen. Ausdrücklich ſei hier betont, daß ſich trotz der kurzen Dauer der Einführung der Frauen in die Armen⸗ und Waiſenpflege, dieſe Einrichtung hervorragend bewährt hat. Machen Sie alſo, meine Herren, in ausgedehntem Maße Gebrauch von unſerer neueſten Errungenſchaft, und ſeien ſie nicht zaghaft in der Zu⸗ ziehung der Pflegerinnen“. Und an anderer Stelle führt der Vormundſchaftsrichter als Berichterſtatter aus: Wir Vormundſchaftsrichter haben mit der Fürſorge ſeitens der Damen die allerglänzendſten Erfah⸗ rungen gemacht. Für kleine Kinder gibt es keinen geeignetern, beſſern Dormund als die Frau. Kinder brauchen, wie ſchon der große Leſſing ſagt, in erſter Linie Liebe, und wer iſt rei⸗ cher an Liebe, wer kann dem Kinde mehr Liebe entgegen⸗ bringen, als die Frau, namentlich wenn ſie ſelbſt Mutter iſt? Dann hat die Frau ja auch einen ganz andern Scharfblick für die Bedürfniſſe eines Kindes. Der Mann ſieht es ja kaum, wenn die Wäſche eines Kindes nicht rein iſt, merkt es nicht, wenn des Kindes weſentlichſte Nahrung, die Milch, ſauer iſt. Die Natur hat nicht ohne Kbſicht in die Kindesſeele das Ge⸗ fühl der Zugehörigkeit zur Frau, zur Mutter hineingelegt. Die Frau kann ja auch anders mit dem Kinde umgehen; ſie nimmt das Kind auf den Krm, ſtreichelt es und tut lieb mit ihm. Ich bitte alſo nochmals, denken Sie an die Frauen und ſcheuen Sie ſich nicht, eine Dame zum Vormunde vorzuſchlagen. Kuch auf heranwachſende Mädchen vermag die Frau einen wohltuenden Einfluß auszuüben. Sie iſt imſtande ſolchen Mäd⸗ chen leicht geeignete Stellen als Dienſtboten zu verſchaffen, ſie kann das Mädchen an Sonntagen des Abends und des Nach⸗ mittags beſchäftigen und dafür ſorgen, daß dasſelbe nicht auf der Straße oder in Wirtſchaften ſich umhertreibt.“ Möchten doch recht viele Dormundſchafts⸗Richter ſolche Worte ihres Düſſeldorfer Kollegen beherzigen. Auch die Einſtellung der Frau in die kommunale rmen⸗ und Waiſenpflege, als vollberechtigte ſtädti⸗ ſche Beamtin, iſt trotz hartnäckigen Widerſtrebens von ſeiten der Armenpfleger ſchon in zahlreichen Städten zur Durchfüh⸗ rung gelangt und die Frauen haben ſich auch auf dieſem Ge⸗ biete voll bewährt. Die Fuſammenarbeit mit dem Manne iſt eine erſprießliche. Die Gründe, die zur Einſtellung der Frauen auf dieſem Gebiete führten, die ihr vollberechtigtes Wirken in der kom⸗ munalen Armen⸗ und Waiſenpflege in allen Städten notwendig erſcheinen laſſen, gibt Alice Salomon in einem vom All⸗ I 125 G—) AS gemeinen Deutſchen Frauenverein herausgegebenen Flugblatt. in folgendem wieder: de Weshalb brauchen wir in deröffentlichen Armen⸗ und Waiſenpflege Frauen? Die Armen⸗ und Waiſenpflege iſt ein notwendiger Teil der kommunalen Aufgaben. Da ſie unentbehrlich iſt, darf ſie auch nicht unzulänglich ausgeführt werden. Das Gute muß auch gut getan werden. Eine befriedigende Erfüllung ihrer Aufgaben iſt der öf⸗ fentlichen Armen⸗ und Waiſenpflege aber unmöglich, ſolange die Frauen von der Beteiligung ausgeſchloſſen ſind. Dafür laſſen ſich viele Gründe anführen: 1. In vielen Orten findet ſich keine ausreichende Zahl von Männern, die bereit ſind, ſolch unbeſoldetes Ehrenamt zu übernehmen, und die auch imſtande ſind, es gewiſſenhaft und verſtändnisvoll auszuüben. Kein pfleger ſollte gleich⸗ zeitig mit mehr als 6 Familien oder Pfleglingen zu tun haben. Selbſt in kleinen Orten wird dieſe Sahl aus Mangel an pPflegern weit überſchritten. Die unzureichende Zahl männlicher Pfleger könnte durch die vielfach noch brachliegende Arbeitskraft der Frauen erfolgreich ergänzt werden. „Der Zuſtand der Bedürftigkeit, der das Eintreten der öffent⸗ lichen Armenpflege notwendig macht, ſteht gewöhnlich im engen Zuſammenhang mit den häuslichen Verhältniſſen, der Wirtſchaftsführung, der Ferrüttung des Familienlebens. Da Frauen in der pflege des hauſes und der Führung der Wirtſchaft im allgemeinen erfahrener ſind als Männer, ſo wird ihr Urteil und ihre hilfe auf dieſem Gebiet von großem Wert für die Armen wie auch für die Armenver⸗ waltungen ſein. . Weitaus die größere Hälfte aller von der öffentlichen Armen⸗ pflege Unterſtützten beſteht aus Srauen. Es würde nur den Forderungen der Gerechtigkeit und Billigkeit entſprechen, wenn die Intereſſen dieſer Frauen auch von Frauen vertreten würden. . Eine der wichtigſten Aufgaben der AUrmenpflege und die ausſchließliche Aufgabe der Waiſenpflege beſteht in der Für⸗ ſorge für Rinder, in der Regelung ihrer DVerpflegung, Er⸗ ziehung, Berufsbildung, in der Ueberwachung von Fieh⸗ kindern und deren Pflegeeltern. Frauen und Mütter können in der Regel die Bedürfniſſe von Kindern und ihr Gedeihen beſſer beurteilen als Männer und ſollten deshalb ihren Einfluß dabei geltend machen können. . Den Armenpflegern liegt die Sürſorge für kranke, gebrech⸗ liche und alte Leute ob, für die zwar wirtſchaftliche Selb⸗ ſtändigkeit nicht mehr zu erhoffen iſt, denen aber nicht nur der notwendige Lebensunterhalt gereicht, ſondern auch das Gefühl gänzlicher Vereinſamung und Troſtloſigkeit genommen werden ſollte. Frauen, die durch keinen Beruf gebunden ſind, könnten mehr Seit auf die Beſuche bei ſolchen Pfleglingen ver⸗ wenden, als die meiſten Männer dafür erübrigen, und würden ſomit dieſe ufgabe beſſer erfüllen. .Die Aufſicht über die der öffentlichen Nrmen⸗ und Waiſen⸗ pflege unterſtellten Anſtalten(Armenhäuſer, Siechen⸗ und Krankenanſtalten, Waiſenhäuſer u. 8gl.) erfordert wirtſchaft⸗ liche Renntniſſe und Verſtändnis für die Leiſtungsfähigkeit der weiblichen hausbeamten und Ungeſtellten. Frauen, die auf dieſem Gebiete Erfahrung haben, wer⸗ den Oberinnen, Hausmütter, Pflegerinnen und Kngeſtellte —— beſſer auswählen, anleiten, kontrollieren und beraten können. Sie werden bei Anſchaffung von Einrichtungs⸗ gegenſtänden, Kleidern, Wäſche praktiſch und ſorgfältig verfahren und mit den gegebenen Mitteln das Beſte zu erreichen ſuchen. Es iſt aus all dieſen Gründen pflicht der Frauen, die Zulaſſung zur öffentlichen Armen⸗ und Waiſenpflege und zwar als gleichberechtigte Mitglieder neben den männlichen zu fordern. Kehnlich wie bei der öffentlichen Armenpflege liegt die Möglichkeit der Teilnahme der Frau bei der öffentlichen Wai⸗ ſenpflege. Mach dem bürgerlichen Geſetz iſt die Waiſenpflege ver⸗ ſchiedenen Organen zugeteilt: 1. Dem Vormund reſp. der Vormünderin. 2. Dem Vormundſchaftsgericht, dem die Oberaufſicht über die Vormünder zugewieſen iſt. Ferner den Gemeindewai⸗ ſenräten, die als hilfsorgane der Obervormundſchaft gedacht ſind und als ſolche die unmittelbare Aufſicht über Vormünder und Mündel, insbeſondere ſoweit es ſich um die perſönliche Fürſorge für die Mündel handelt, zu übernehmen haben. Die Mitarbeit der Frauen an den Kufgaben des Ge⸗ meindewaiſenrats und der Armenwaiſenpflege iſt bei allen Or⸗ ganiſationsformen der Gemeinde zuläſſig, ſowohl, wenn die Waiſenpflege den Organen der Krmenpflege übergeben iſt, als auch, wenn geſonderte Derwaltungskörper dafür geſchaffen ſind. Die Form der Eingliederung wird durch Gemeindeſtatut (Geſchäftsanweiſung für die Waiſenverwaltung) geregelt. Nur in vereinzelten Fällen iſt den Frauen das Amt des Gemeinde⸗ waiſenrats zugänglich gemacht worden, meiſt aber wirken ſie als waiſenrätliche helferinnen, aber gleich berechtigt mit den waiſenrätlichen helfern oder pflegern. Sür die eigentliche Armenwaiſenpflege ſind dagegen Frauen vielfach mit gleichen Rechten und pflichten wie die männlichen Beamten zugelaſſen. Sie beteiligen ſich an den Aufgaben der Waiſenpflege in einer der genannten Formen in Poſen, Königsberg, hannover, Char⸗ lottenburg, in den badiſchen Städten, in Röln, Bonn, Berlin, Dortmund, Merſeburg, Potsdam, Frankfurt a. O. u. a. m. Kuch für die Aufgaben des Gemeindewaiſenrats und der Armenwaiſenpflege iſt die vollberechtigte und verpflichtete Zu⸗ laſſung der Frauen zu fordern.“ Sahlreiche Städte haben inzwiſchen Frauen in die Armen⸗ und noch häufiger in die Waiſenpflege eingeſtellt und die Frauen haben ſich z. B. in Bonn ſo bewährt, daß auch in die obere Behörde, den Armenrat, zwei Frauen, wenn auch nur mit beratender Stimme, hinzugezogen wurden. Die Ur⸗ teile über die Tätigkeit der Frau als Waiſen⸗ und Armen⸗ pflegerin lauten wie die angeführten über die Frau als Vor⸗ münderin, durchaus günſtig.——— Das möge genügen, um die Tüchtigkeit und Verwendbar⸗ keit der Frau auf dem Gebiete ſozialer hilfsarbeit auch in öffentlichen Kemtern, ihr neue Einrichtungen ins Leben ru⸗ fendes Intereſſe für dieſe Art des Wirkens zu zeigen. Kuch als beſoldete Beamtinnen finden wir Frauen in der ſtädtiſchen Krmenpflege: zur Ueberwachung der iehkinder(nach Ein⸗ führung des Caubeſchen Syſtems). So in Leipzig, in Halle a. S. Woran es aber vielen Frauen fehlte und noch immer fehlte, das war Schulung für die Aufgaben ſozialer hilfs⸗ tätigkeit. Und doch hängt von dem Vorhandenſein tüchtiger geſchulter Kräfte jeder weitere Fortſchritt, hängt der Erfolg auch des hingebendſten Wirkens ſehr weſentlich ab. Kuf Knregung von Minna Cauer⸗Berlin entſtanden bereits 1893 zur Einführung von Frauen und Mädchen in ver⸗ ſchiedenſten Gebieten der Wohlfahrtspflege, die Frauen⸗ und Mädchengruppen für ſoziale hilfsarbeit, die unter Leitung Jeanette Schwerins, dann unter Leitung Klice Salomons ſich muſtergültig weiter entwickelten und von Jahr zu Jahr an Bedeutung und Umfang gewonnen haben. Der AUrbeitsplan dieſer Gruppen dürfte das beſte Bild von der umfaſſenden Geſtaltung der Organiſation und dem einmütigen Suſammenarbeiten von Vereinen verſchieden⸗ ſter Richtung geben. Dadurch allein kann umfaſſende Schulung geboten werden. 1. Praktiſche TCätigheit. Gruppe A. Armen⸗ und Wohlfahrtspflege. Kuskunftsſtelle für Wohlfahrtseinrichtungen der deutſchen Geſellſchaft für ethiſche Kultur. Tätigkeit: Ein⸗ führung in die wichtigſten Sweige der Armenpflege; Re⸗ cherchen und perſönliche Fürſorge in hilfsbedürftigen Fa⸗ milien. Darlehnskaſſe des Berliner Frauenvereins zur Abhilfe der Not unter kleinen Fabrikanten und handwerkern. CTätigheit: Recherchen. .Dolksküchen. Tätigkeit: Kusteilung von Mittagsmahl⸗ zeiten. . Bureau des Arbeitsnachweiſes für Frauen und Mäd⸗ chen. Tätigkeit: Beſchäftigung der vorübergehend anwe⸗ ſenden rbeiterinnen, event. Fürſorge für dieſelben. .Gemeinnütziger Stellennachweis für minderjährige Mädchen. Tätigkeit: Beratung junger Mädchen bei der Krukenberg, Frauenbewegung. 9 Berufswahl und Angabe vorhandener offener Stellen. 6. Urbeiterinnenheime. TCätigkeit: Unterhaltung, Beleh⸗ rung der Arbeiterinnen, Kusteilung der Mahlzeiten. . a) Fürſorge für entlaſſene weibliche Strafgefan⸗ gene. Tätigkeit: Häusliche Unterbringung, Beobachtung der häuslichen Verhältniſſe, Arbeitsnachweis. 7. b) Derein zur Beſſerung der Strafgefangenen. Kbteilung für Familienfürſorge. Tätigkeit: Recherchen und Fürſorge bei Angehörigen von Strafgefangenen. .Oeffentliche Leſehalle der deutſchen Geſellſchaft für ethiſche Kultur. Tätigkeit: Führung der Statiſtik und Ab⸗ nahme der geleſenen Bücher. hilfe bei Ausgabe der Bü⸗ cher. Katalogarbeiten. 9. Bureau und andere ſchriftliche Arbeiten für ver⸗ ſchiedene Wohlfahrtsvereine.. 10. Vereinigung der Wohlfahrtsbeſtrebungen in Char⸗ lottenburg verbunden mit der Städt. Armen⸗Direktion. Tätigkeit: Bureauarbeit, Ermittelungen und perſönliche Fürſorge in hilfsbedürftigen Samilien. ₰ 00 Gruppe B. Blindenpflege. 1. Beſuche bei einzelnen Blinden, Sörderung in ihrer Erwerbstätigkeit. Teilnahme an Muſik⸗ und Leſe⸗Nach⸗ mittagen für die Blinden in der ſtädtiſchen Blinden⸗ anſtalt. 2. Blinden⸗Derein(allgemeiner und Moonſcher). Tätig⸗ keit: a) Diktieren von Noten und Druckſachen, die in Blin⸗ ¹denſchrift übertragen werden. b) Vorleſen. c) Anderweitige gemeinſame Beſchäftigungen.(handarbeiten). 3. Blinden⸗nſtalt für Kinder. Tätigkeit: Vorleſen und r Beſchäftigung mit Kindern, welche die Schule noch nicht be⸗ ſuchen, und Muſikunterricht. . Königliche Blindenanſtalt in Steglitz. CTätigkeit: Vor⸗ leſen im heim. Teilnahme an Leſe⸗Nachmittagen daſelbſt. . Uebertragung von Druckſachen in die Blinden⸗ ſchrift. Gruppe C. Fürſorge für Kinder. .Rrippen. Tätigkeit: Spielen und Unterhaltung mit Rin⸗ dern, Säuglingspflege. .Kindergarten und Kinderhort der Jeruſalem⸗Ge⸗ meinde, des Peſtalozzi⸗Fröbelhauſes, der Luther⸗Gemeinde, des Jüdiſchen Kinderheims, des Kindergartens und Rinder⸗ hortes des Vereins Jugendſchutz u. a. m. Tätigkeit: Beauf⸗ ſichtigung und Beſchäftigung von ſchulpflichtigen und klei⸗ neren Rindern. . Mädchenhorte(17 vom Verein Mädchenhort eingerichtete Anſtalten). Tätigkeit: Beaufſichtigung von Mädchen von 6—14 Jahren beim Unfertigen der Schularbeiten, bei hand⸗ arbeiten, beim Kochen, Abwaſchen, Spielen im Freien. . Rindergarten und Rinderhort des Otavia⸗hill⸗ vereins. a) Volkskindergarten. b) Rinderhort. . Jugendheim, Charlottenburg. Cätigkeit: Beaufſichtigung von Rnaben und Mädchen bei Schularbeiten, Unterweiſung in handarbeit und haushalt, Beſchäftigung kleiner Kinder im Rindergarten. . Beaufſichtigung und Rachhilfe bei den Schular⸗ beiten von Rindern, die in der Schule infolge von Rrank⸗ heiten zurückblieben, im hauſe der Lehrenden. Befähigten Unbemittelten wird auch Unterricht in der Muſik und in 9* fremden Sprachen erteilt. Der Unterricht tritt nur ein, wenn die Organe der Schule und die Pflegeorgane im Ein⸗ verſtändnis mit den Angehörigen Nachhilfe für wünſchens⸗ wert oder notwendig erachten. 7. Freiwilliger Erziehungsbeirat für ſchulentlaſſene Waiſen. Tätigheit: Fürſorge und Unterbringung in Lehr⸗ ſtellen ſowie Beaufſichtigung und Beiſtand mit Rat und Tat während mindeſtens 4 auf die Schulentlaſſung folgender Jahre. 8. Arbeitsſtätten zur unentgeltlichen Kusbildung der heranwachſenden weiblichen Jugend. Tätigkeit: An⸗ leitung in handarbeiten. 9. Berliner Rinderſchutzverein. Cätigkeit: Recherchen und Kontrollbeſuche bei Pflegekindern. Gruppe D. Rrankenfürſorge. 1. Kbteilung hauspflege des Berliner Frauenvereins. Tä⸗ tigkeit: Recherchen und Kontrollbeſuche bei Familien, welche eine hauspflege nachgeſucht haben. .Beſuche der einzelnen Abteilungen der Charité. Tä⸗ tigkeit: Beſuche bei den Kranken und Fürſorge für deren Familien. .Friedrich Wilhelm⸗hoſpital. Tätigkeit: Beſuche bei den weiblichen Anſtaltsinſaſſen, Vorleſen, Unterhaltung. 4. Kinderpoliklinik. Tätigkeit: hHandreichungen in der inneren und äußeren Station. . Königliche Univerſitäts⸗Poliklinik für orthopädi⸗ ſche Chirurgie. 6. hauspflege⸗Verein Charlottenburg. Cätigheit: Er⸗ mittelungen; Beſuche bei Familien, die eine Hauspflege nach⸗ 1 e EEE ſuchen. 2. Theoretiſche Ausbildung. Kurſe im Winterhalbjahr 1904/05. 1. Soziale Erziehungsfragen. Anleitung zur hilfsarbeit in Rindergärten, hHorten u. ſ. w. Notwendigkeit von Krippen, Kindergärten, Horten.— Die Lage der Arbeiterfamilien.— Der Einfluß dieſer Verhältniſſe auf das Denken der Kinder.— Ziele der Erziehung. Die Kind⸗ heit auch Selbſtzweck. Spätere Berufe.— Die Erziehung ſelbſt. a) Die Erziehung des Körpers. Reinlichkeit, Ernährung, Klei⸗ dung, Bewegung. Die für die helferin erforderliche Kenntnis von Wundbehandlung und häufigen Krankheiten. b) Die Er⸗ ziehung des Intellekts, der Sinne, und die ſittliche Bildung: 1. Schularbeiten, Handarbeiten, handfertigkeit. 2. Haus⸗ und Gartenarbeit. 3. Spiel. 4. Lektüre, Erzählen, Muſik, Be⸗ trachten von Bildern. 2. Beſprechungen über praktiſche Urmenpflege. Entwicklung der Armenpflege.— Oeffentliche Armenpflege. — Kirchliche Armenpflege.— Vereinsarmenpflege. Mit beſonderer Berückſichtigung der in Berlin beſtehenden Anſtalten und Organiſationen. 3. Jugendfürſorge. us dem Familienrecht: Elternrecht, Unterhaltspflicht, Vor⸗ mundſchaft, Fürſorgeerziehung.— Kommunale Waiſenverwal⸗ tung:(Waiſenhaus, Koſtpflege, Waiſenräte und=flegerinnen). — Wohlfahrtseinrichtungen für Kinder(Kinderaſyle, Krippen, Horte).— Fürſorge für ſchulentlaſſene Waiſen.— Aus dem Ge⸗ werberecht: Kinderſchutz, jugendliche Arbeiter.— Kriminalität der Jugend:(Statiſtik, geſetzliche Behandlung, Reformbeſtre⸗ bungen). 1 — S 4. Oeffentliches Recht. Privatrecht und Strafrecht. Weſen und Aufgabe der Geſetzgebung.— Verfaſſung.— Rechtsſtaat und Rechtsſchutz.— Oeffentliches Recht und pPrivat⸗ recht.— Gerichtsverfaſſung.— Prozeßordnung.— Bürgerliches Recht.— haupteinteilung: a) Allgemeiner Ceil. b) Recht der Schuldverhältniſſe. c) Sachenrecht. d) Samilienrecht. e) Erb⸗ recht.— Gerichtsverfahren.— Zivilprozeßordnung. Freiwillige Gerichtsbarkeit.— Strafrecht.— Strafprozeßordnung. 5. Rurſus der Rrankenpflege mit Demonſtrationen, Uebungen und Exkurſionen. Einleitung.(Geſchichtliches, Ueberblick und Grundbegriffe der ſpeziellen Knatomie.— Copographiſche Knatomie des Men⸗ ſchen. Im Anſchluß daran das Wichtigſte aus der Phyſiologie des Gehirns, der Ktmung, der Firkulation und der Verdau⸗ ung.— Allgemeine Krankenpflege.— Puls und Temperatur. Urinunterſuchungen.— Spezielle Rrankenpflege. a) bei in⸗ nerlich Kranken, b) bei äußerlich Kranken.— Desinfektion und Steriliſation. Einige praktiſche wichtige Derbände.— Erſte Hilfe.— Exkurſionen. Kußerdem wird auf Wunſch Gelegenheit zu praktiſchen Uebungen geboten. 6. Pädagogiſcher RUurſus. Im Peſtalozzi⸗Fröbelhaus. Dieſer Kurſus dient zur Einführung in die Erziehungs⸗ prinzipien von Peſtalozzi und Fröbel und zur Vorbereitung für ſoziale hilfsarbeit, namentlich in der Kinderfürſorge. Er wird mit beſonderer Berückſichtigung der Gruppen eingerichtet. Er umfaßt: 1. Seitgemäße Erziehungsfragen. 2. Peſtalozzi und Fröbel in ihren Beziehungen zur Zukunfts⸗ ſchule. BS— . Sozialpolitik. Pflanzenpflege mit Rückſicht auf Kindererziehung. . Spielzeugkurſus für Mütter und Erzieherinnen. .Die deutſche Frau in der Kulturgeſchichte. Zu beſtimmten Stunden iſt den Teilnehmerinnen an dieſem Rurſus das Hoſpitieren in den verſchiedenen Kbteilungen der Anſtalt geſtattet. 7. Vorträge der Ortsgruppe des deutſchen Vereins für Volkshugiene. 8. Theoretiſche und praktiſche Kurſe in der Rran⸗ kenpflege veranſtaltet vom 5weigverein Berlin des Vater⸗ ländiſchen Frauen⸗Dereins. Auch ein geſchloſſener Jahreskurſus iſt eingerichtet wor⸗ den, um Frauen eine ſyſtematiſche Ausbildung für Berufsar⸗ beit in der Armenpflege oder auf einem andern Gebiete ſo— zialer Hilfsarbeit zu ermöglichen. Als Grundlage für dieſe Kusbildung iſt feſtgeſetzt: 1. Einführung in die ſoz. hilfsarbeit durch Tä⸗ tigkeit in Rrippe, Volkskindergarten und Kinderhort, und durch theoretiſche Unterweiſung in der —½ o 9 Erziehungslehre unter beſonderer Berückſichtigung ſo⸗ zialer Geſichtspunkte(1. Vierteljahr). 2. Einführung in die Armenpflege durch Fürſorgetätigkeit(Auskunfts⸗ ſtelle) und durch Teilnahme an Vorleſungen über Armenpflege (2. und 3. Vierteljahr); 3. Einführung in die Wohlfahrts⸗ pflege durch praktiſche Krbeit und durch Ceilnahme an Kurſen über Volkswirtſchaftslehre(drittes und letztes Vierteljahr). Am Schluß des Uurſus wird den Schülerinnen eine Be⸗ ſcheinigung über ihre Teilnahme ausgeſtellt. nach Berliner Muſter ſind in hamburg, Rönigsberg, Bre⸗ men, Frankfurt a. M., Leipzig, Caſſel, Cöln u. a. O. Jugend⸗ —— gruppen für ſoziale hilfsarbeit entſtanden, eine Reihe von Un⸗ terrichtsanſtalten haben Kusbildung zu ſozialer hilfsarbeit in ihr Programm aufgenommen. Das Victoria⸗Cyceum, das Pe⸗ ſtalozzi⸗Fröbelhaus, die Victoria⸗Fortbildungsſchule bieten ſo⸗ ziale und volkswirtſchaftliche Kurſe. In den wirtſchaftlichen Frauenſchulen auf dem Lande, in der für die Idee der Nieder⸗ laſſung gebildeter Frauen auf dem Lande arbeitenden Kuguſte⸗ Förſter⸗Stiftung in Oberzwehren bei Caſſel iſt Ausbildung für Volkswohlfahrtspflege vorgeſehen. Was ſolche ſyſtematiſche Vorbereitung zahlreicher Frauen⸗ kräfte zur Linderung der Not in den beſitzloſen Klaſſen be⸗ deutet, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Welchen Wert das hHeranziehen zu ernſter Arbeit auf dieſem Gebiete aber für die allzuoft pflichtenloſen, beſchäftigungsloſen Mäd⸗ chen der gebildeten Kreiſe hat, für Frauen und Mädchen, die 3 ſich hinausſehnen über die Leere des eigenen Daſeins, das möchte ich mit Worten ANlice Salomons, der Leiterin der Gruppen, ſchildern, Worten, die am beſten zeigen, von wel⸗ chem Geiſte dieſe Frauen⸗ und Mädchen⸗Gruppen erfüllt ſind: „Was wir erwarteten, als wir vor 10 Jahren den Gruppen beitraten, als man uns den Kufruf zu ihrer Gründung überſandte, das war Arbeit, das waren pflichten, wenn auch noch ſo unbe⸗ deutende. Eine tiefere Note in die Leere des Daſeins, in die Wich⸗ tigtuerei mit überflüſſigen Dingen, oder mit Dingen, die nur und ausſchließlich und immer wieder der Kultur der eigenen Perſönlichkeit dienten, in die Zielloſigkeit des Mädchendaſeins. Wenn eine moderne Schriftſtellerin ſehr treffend geſagt hat: „Frauen ſitzen eigentlich immer da und warten, ob die Tür aufgeht und jemand hineinkommt“, ſo hatten wir damals den ausgeſprochenen Wunſch, dieſem Zuſtand ein Ende zu bereiten. Einmal ſollten andere warten, ob wir hineinkommen, ein⸗ eeEEE mal ſollte jemand uns brauchen, uns das Gefühl geben, daß auch wir ein Wert und Nutzen in der Welt ſind. Bei den Meiſten war es wohl nicht das Gefühl ſozialer pflicht, das uns gerade zu dieſer Krbeit trieb; dieſes Empfinden konnte es auch garnicht ſein; denn wir wußten nichts von ſozialer pflicht, wie auch nichts von ſozialer Not. Auch der Aufruf, der uns zur Arbeit rief, und die erſte Gründungsverſammlung mit ihren warmen und tiefen Anſpra⸗ chen und Vorträgen hatten uns das nicht geben können. Die Not des Lebens war eben noch niemals in irgend einer kon⸗ kreten Form an uns herangetreten, und ſo konnten die Worte, die wir laſen und die wir hörten, von uns nicht begriffen werden. Es gibt eben Dinge, die man im behaglichen Salon, mit ſattem Magen nicht nachempfinden kann. Aber dann traten wir in die Arbeit ein, in die theo⸗ retiſche und in die praktiſche, und dabei fanden wir viel mehr, als wir erhofften. Ich denke an die erſten Vor⸗ tragskurſe des Winters 1893, namentlich an die Vorträge von Profeſſor Weber über die Grundzüge der ſozialen Entwicklung, und weiter an die Vorträge von Frau Schwerin über Frauen⸗ pflichten im haus und in der Gemeinde. Wer ſich in dieſe Zeit zurückverſetzt, der wird ſich der lebhaften Eindrücke und tiefen Empfindungen erinnern, die in uns erweckt wurden. Es war, als ob wir bis dahin in einem dunklen engen Ver⸗ ſchlag gelebt hatten, der durch einen undurchdringlichen Vor⸗ hang von weiten Räumen getrennt war, ohne daß wir ahnten, daß ſolche Weiten vorhanden ſeien. Wir hatten unſern engen Lebensraum als ein Ganzes, als das Ganze des Lebens und der Welt betrachtet.— In jenen Stunden wurde der Vorhang fortgezogen, und unſerem Blick eröffnete ſich die Welt, das wirkliche Leben, die Beziehungen der Menſchen zu einander, unſere Beziehungen zum ganzen Volk, zur Bürgerſchaft; uns, die wir in einem engſten Kreis gelebt hatten. Erſt durch jene Erkenntnis fingen wir an, als Glieder der Geſellſchaft zu leben, uns als Bürgerinnen zu fühlen. Das mußte uns zu einer anderen Wertung des Lebens und ſeines Inhalts führen. Das wiſſen wir unſern Lehrern Dank. Dann kam die praktiſche Arbeit. Welchem Gebiet ſich auch die Einzelne zuwandte, welche beſonderen Erfahrungen ſie in der Krmenpflege, in der Kinderfürſorge, in der Blinden⸗ pflege machte, ſo trafen ſich doch alle hHelferinnen in einem Punkt: die Wirkung der praktiſchen Arbeit auf unſer Em⸗ pfinden, Fühlen und Denken war bei allen helferinnen die⸗ ſelbe. Wohl keiner, die aus ſorgloſer Umgebung nun in die Not des Lebens hineinſah, iſt das Gefühl ohnmächtiger Ver⸗ zweiflung, das Gefühl der hilfloſigkeit angeſichts des Maſſen⸗ elends, erſpart geblieben. Als wir zuerſt die hoffnungsloſe Armut kennen lernten, als wir beobachten mußten, wie die Frau der Rrbeiterklaſſen ſich für einen hungerlohn zu Schan⸗ den arbeitet, um ihre Kinder nicht geradezu verhungern zu laſſen, und als wir ſchließlich dem Laſter und dem Verbrechen ins Antlitz ſahen, da mußte uns die hoffnungsloſigkeit überwäl⸗ tigen und wir mußten daran verzweifeln, helfen und beſſern zu können.— Wer hat nicht in ſolcher Seit geglaubt, ſeine Pflicht darin zu finden, daß er ſich alles deſſen entäußert, was bis dahin das Leben ihm geſchmückt hatte? Selbſt die äſthe⸗ tiſche Bildung, die früher unſer einziger Lebensinhalt geweſen war, wurde verachtet und unterſchätzt; denn wir wußten nicht, daß auch Bildung eine Quelle ſein kann, aus der man immer wieder Kraft und Opfermut für die Forderungen des Tages ſchöpft. Dieſer Empfindung tiefſter Depreſſion iſt bei vielen eine Periode gefolgt, in der ſie ihre Zuflucht zu radikalen und utopiſchen Reformplänen nahmen. Ihre Gedankenwelt war beherrſcht von dem Wort:„was dich ärgert, das reiße aus“. Sie waren geneigt, die ſoziale hilfsarbeit zu verwerfen, weil es damit zu langſam vorwärts ging für den, der die beſte⸗ henden Zuſtände als unerträglich erkannt hatte. In dieſer Sturm- und Drangperiode war es das Beiſpiel und der Einfluß der ſtetigen harmoniſchen Krbeit und die ge⸗ klärte ethiſche Anſchauung der älteren Leiter und Sührer, die den 5weifelnden und Ungeſtümen die hand reichten und ſie allmählich zu einer ruhigeren und richtigen Auffaſſung ſozialer Probleme, zu einer Würdigung des hiſtoriſch gewordenen Tat⸗ ſachenbeſtandes hinüberleiteten. Sie halfen uns für die neue wWelt, die wir betraten, auch eine neue, eine eigene Welt⸗ anſchauung zu finden, die uns nunmehr iel und Richtung für unſer Tun weiſt. Das wollen wir ihnen nie vergeſſen! Das alles gaben uns die Gruppen, und ſchließlich gaben ſie uns rein äußerlich— die Arbeit. Ein vollgerüttelt Maß, jedem, der es ſuchte, der ſich davon erfaſſen laſſen wollte. So gab man uns ein volles, reiches Leben; nicht nur denen, die dauernd in den Gruppen blieben, ſondern auch vielen, die nur einige Jahre mit uns arbeiteten; denn man lehrte uns neben der vollen Erfüllung der eigenen perſönlichen Lebens⸗ aufgaben— die viele bald wieder aus unſeren Reihen ent⸗ fernten— einen hilfreichen Einfluß auf den Kreis derer zu üben, mit denen Schickſal und Leben uns in Berührung bringt. Wenn es nun einer immer wachſenden ahl unſerer Mit⸗ glieder gelingt, einen ſolchen hilfreichen Einfluß zu gewinnen, und wenn einzelne unſerer Mitarbeiterinnen von einem gün⸗ ſtigen Stern geleitet werden, der ihnen manchmal bei der A Krbeit das Gefühl des Gelingens gibt, ſo iſt doch unter den Gruppenmitgliedern allzeit das Gefühl lebendig geblieben, dem das Goethewort Kusdruck verleiht:„und was man iſt, das blieb man andern ſchuldig.“ Laſſen ſie uns durch treue Krbeit dieſe Dankesſchuld an denen abtragen, die uns die Wege gewieſen!“ 8—-S Die Sittlichkeitsfrage. Ein Krbeitsgebiet, das den Frauen die ſchwerſte Selbſt⸗ überwindung auferlegt, an das ſie erſt nach langem Sträuben und Zögern und einzig und allein durch die Erkenntnis ge⸗ trieben herantraten, daß es pflicht ſei für die Frau, hier an⸗ zugreifen, pflicht gerade hier, ihre Anſchauung der Anſchauung des Mannes entgegenzuſetzen, iſt das Gebiet der Sittlichkeits⸗ frage. Sie berührt das, was der Frau höchſte Lebenserfüllung aber auch tiefſte Erniederung zu bringen vermag: das Ver⸗ hältnis der Geſchlechter zu einander. Offiziell nur anerkannt in der Form der Ehe, trotzdem in tauſendfältigen Formen daneben beſtehend, ſchließt es die reinſten Glücksmöglichkeiten aber auch eine Unſumme von Leid und Schmach für alle Teile unſerer Frauenwelt in ſich. Nirgends wohl iſt, durchſchnittlich, Mannesempfinden von Frauenempfinden ſo verſchieden wie auf dieſem Gebiete, nir⸗ gends aber iſt es notwendiger ſich zu gegenſeitigem Verſtehen, zu gemeinſamer Arbeit zuſammenzufinden. Denn das Sehnen der Geſchlechter zu einander, die Liebe zwiſchen Mann und Weib, iſt der urſprünglichſte, urgewaltigſte Trieb, der unſere Welt— von den Tagen barbariſcher Urzeit her bis in unſere alles Naturgewollte nivellierende Neuzeit hinein— beherrſcht hat. Von der Stärke und Feinfühligkeit, der Geſundheit, der Reinheit im Liebesempfinden hängt das Glück jedes Einzelnen, hängt aber auch Uraft und Gedeihen des ganzen Volkes, ins⸗ beſondere der neu heranwachſenden Generation ab. So iſt die Frage nach der Sittlichkeit eines Dolkes nicht nur private Angelegenheit der einzelnen Volksangehörigen, ſondern in höchſtem Maße eine Sache der ganzen Geſellſchaft. Wenn wir Frauen uns berufen fühlen, auch hier klärend und helfend mitzuwirken, ſo geſchieht das, weil wir als Ein⸗ zelne wie als Geſamtheit, bei jedem Hinaustreten aus dem Hauſe wie in unſerm ſtillſten verborgendſten Familienleben aufs Schwerſte betroffen ſind von den unhaltbaren Zuſtänden, die auf ſittlichem Gebiete— unſere Volkskraft erſchütternd— mehr und mehr un ſich greifen. Wir Frauen können nicht länger, wie wir es früher wohl taten, die Kugen ſchließen, wähnend, daß das, was außerhalb unſeres hauſes vorgeht, uns nichts anginge. Wir wiſſen es nun, wie Glück und Geſundheit der Kinder von der Geſundheit und der raft beeinflußt werden, die der Mann mit in die Ehe bringt, wiſſen, daß der Frauen Anſehen und Stellung, daß ihr Ein⸗ fluß in und außer dem hauſe, ganz beſonders aber ihr Ein⸗ fluß auf ihre heranwachſenden Söhne, abhängig iſt von der Kchtung oder Mißachtung, mit der der Mann dem weiblichen Geſchlecht, nicht nur in der Familie, ſondern auch im öffent⸗ lichen Leben und im Berufsleben, begegnet. Wir wiſſen, daß es unmöglich iſt, wie das früher geſchah, einen Teil der AA— Frauen einfach zu Dirnen zu ſtempeln und dann zu behaupten, die ehrbaren Frauen ginge das weiter nichts an, wiſſen, daß die Frauen in ihrer Geſamtheit zu leiden haben durch die unheilvoll ſittenloſen Suſtände, die weite Kreiſe unſeres Volkes zerrütten. Nachträgliche hilfe, Rettung gefallener Mädchen und Rehabilitierung aller der Verſuchung unterlegenen Männer ſcheint uns unzureichende hilfe. Die kichtung vor dem ganzen Frauengeſchlecht muß eine niedere bleiben, wenn immer weiter Tauſende von Frauen käufliche Ware ſind, dem Manne zu vorübergehendem Gebrauch gegen Bezahlung zu Willen. Die Kchtung vor der Frau muß aber insbeſondere dann tiefer und tiefer ſinken, wenn ſolcher Handel von ſtaatswegen für notwendig erklärt wird, wenn der Staat ihn im Intereſſe des Mannes regelt und überwacht, alle Schuld aber und alle Laſten— trotzdem ſolcher Verkehr nur durch Uebereinkommen zweier Perſonen möglich wird— auf die Frau häuft, den Mann hingegen frei ausgehen läßt, ſich nicht im Geringſten darum kümmert, in welch hohem Maße Fügelloſigkeit des Mannes auf ſittlichem Gebiet unſer Volksleben vergiftet, nicht daran denkt, daß doch nur die Nachfrage von Seiten des Mannes Angebot von Seiten der Frau immer wieder hervorruft. Der Begriff Liebe wird herabgezerrt und geſchändet durch ſolchen vorübergehenden, lediglich der Befriedigung der Sinn⸗ lichkeit in ihren rohſten Formen dienenden Verkehr der Ge⸗ ſchlechter. Die Doppelmoral, das zweierlei Maß, mit der in Bezug auf das ſittliche Leben Mann und Frau gewertet wer⸗ den, zerrüttet die Einheit und Reinheit ehelichen Suſammen⸗ lebens. Von Dirnen kommend tritt allzuoft der Mann in die Ehe. Von der Frau aber erwartet er Unſchuld und Unberührt⸗ heit. Selbſtzucht muß die Frau üben und wenn ſie noch ſo BR heißen Temperaments iſt. Die Welt verachtet ſie, wenn ſie nicht herrin bleibt ihrer Triebe. Solche Selbſtzucht aber auch von ſich zu verlangen, iſt den meiſten der Männer, obwohl ſie ſich ſo gern das ſtarke Geſchlecht nennen laſſen, zu ſchwierig oder zu läſtig. Sie nehmen Genuß, wo immer er ſich bietet. Sie verlangen nach Frauen, die ihnen zu Willen ſind, hinterher aber verachten ſie— nicht ſich ſelbſt, wohl aber die Frauen und ſtellen ſie unter ſchmachvolle Ausnahmegeſetze. Ich will ſicher nicht Splitterrichter ſein. Ich weiß, wie ſchwer es dem Manne gemacht wird, ſich nicht gehen zu laſſen, weiß aber auch— als Frau—, wie unendlich ſchwer vielen Frauen ihr unfreiwilliges Ksketentum fällt. Nur daß wir Frauen uns des Rampfes gegen unſer heißblütiges Tempera⸗ ment nicht rühmen, ihn vielmehr als ſelbſtverſtändlich anſehen und daß wir es— trotzdem wir mehr als 5 Millionen ehe⸗ mündige, unverheiratete und verwitwete Frauen in Deutſch⸗ land zählen— weit von uns weiſen, gleich dem Manne zu rufen:„Asketentum iſt uns unmöglich. Staat! garantiere uns ungefährlichen, zügelloſen Geſchlechtsverkehr.“ So lange Mann und Frau ſo grundverſchieden denken und handeln, ſo lange der Mann die Selbſtbeherrſchung, die er von den Frauen erwartet, als ſeine Kraft überſteigend erklärt, ſo lange für den Mann eine andere Moral, andere Sittengeſetze gelten als für die Frau, ſo lange wird Unzucht und Unſittlichkeit nicht aus der Welt verſchwinden, ſo lange iſt der Kampf um Einſchränkung der Proſtitution ganz ver⸗ geblich. Man ſage nicht, das Leben, das der Mann vor der Ehe führe, gehe die„ehrbaren“ Frauen nichts an. Scheut ſich doch ſelbſt der abgelebteſte Cebemann nicht, in den Kreiſen der beſten Geſellſchaft zu verkehren, ein junges geſundes, ihm ver⸗ S trauensvoll nahendes Mädchen zur Frau zu begehren. Und niemand erhebt Einſpruch dagegen, niemand warnt das Mäd⸗ chen und ſpricht ihm von dem, was ihrer in ſolcher Ehe wartet. Selbſt kranke Männer ſchließen in gewiſſenloſeſter Weiſe Ehen. Wie viele der Frauenkrankheiten, die ſich immer mehr ausbreiten, auf Infektion von ſeiten des Mannes zurückzu⸗ führen ſind, wie oft durch ſolche Infektion das höchſte Glück der Frau, geſunde, blühende Rinder zu beſitzen, ſchon im Reime vernichtet wird, das iſt von mediziniſcher Seite oft und rückhaltlos betont worden. Nur den Frauen wird es allzuhäufig ſorgſam verheimlicht ¹). Aber ſelbſt von dieſem Schlimmſten abgeſehen, was eine Frau, die reinen herzens und reinen Sinnes in die Ehe ein⸗ tritt, bei dem Zuſammenleben mit einem Manne zu leiden hat, den das voreheliche Leben jedes feineren Empfindens be⸗ raubt, den es überreizt und abgeſtumpft hat, daran denkt man ſo ſelten. DVon der Schmach, die der eigene Mann ihr antut, wagt eine Frau kaum jemals zu ſprechen. Die Schmach eingeſtehen, heißt die Qual verdoppeln. Liebe ſoll höchſtes und heiligſtes ſein. Quell neuen Lebens iſt ſie. Aber dieſer Quell iſt in allzuvielen Fällen von vornherein beſchmutzt und vergiftet, weil die herrſchenden Anſchauungen von Doppelmoral dem Manne ſchrankenloſes Sich⸗ Kusleben vor oder womöglich noch neben der Ehe geſtatten. Selbſt wenn nicht furchtbare Krankheiten— in außerehelichem Verkehre erworben— Glück und Geſundheit der Frau, der ¹) In etwa 40— 50% der kinderloſen Ehen iſt die Kinder⸗ loſigkeit direkt oder indirekt durch Geſchlechtskrankheit der Männer bedingt, das ſind etwa 300 000 Ehen, in welchen die Frau im Kllter von 15— 50 Jahren ſteht. Friedrich Prinzing, Die ſterilen Ehen. Seitſchr. f. Sozialwiſſenſchaften. Bd. VII. Kinder mit untergraben, das Leben, das der Mann vor der Ehe geführt hat, prägt doch ſeinen Stempel auf. Wohl wiſſen wir, daß manche tapfer und ungefährdet hindurch gehen, daß andere wiederum nur vorübergehend ſtraucheln und fallen, daß ſie ſich wieder aufraffen, um wieder ſtarke, frohe, reine Menſchen zu werden. Allzuvielen aber merkt man es ihr Leben lang an, ſelbſt noch in Kmt und Würden, wie gern ſie ſich und ihre Gedanken durch den Schmutz ziehen. Wie aber ſoll ein Staat gedeihen, was nützen ihm die beſtgemein⸗ teſten Geſetze, was hilft ihm wohlmeinendes Schützen und Erziehen und Sorgen, wenn unreine Hände die Macht, die er verleiht, mit handhaben dürfen? Der Tiefſtand auf ſitt⸗ lichem Gebiet iſt gerade in den reiſen, die die führenden ſein ſollten— ſo viel man es auch ableugnet und zu ver⸗ heimlichen ſucht— ein großer. Der Prozentſatz der geſchlecht⸗ lich Erkrankten redet allein eine erſchreckende Sprache. Kuf 8% Arbeiter, die in Berlin geſchlechtlich erkrankt waren, kamen 25% Studenten. Hehnlich an anderen Univerſitäten. Nur die von Kerzten behandelten Kranken, nicht die in RKurpfuſcherhänden befindlichen, ſind dabei berechnet. Und nicht alle Kerzte haben Kuskunft gegeben. Die Sahl der Kranken wird in Wirklichkeit alſo noch eine bedeutend größere sein. Der Abſatz der radikale heilung verſchwiegener Krank⸗ heiten verſprechenden Schriften und Bücher ſpricht eine er⸗ ſchreckende Sprache. Und doch rekrutiert ſich aus ſtudentiſchen reiſen die Beamtenſchaft unſeres Landes und doch hängt von der Höhe der ſittlichen Anſchauungen in Parlament und Re⸗ gierung auch die Stellung der Frau ab, die dem Geſetz unterworfen wird, wie der Mann es ihr formt. Eigenintereſſe alſo, aber ebenſoſehr Mutterinſtinkte, Mut⸗ Urukenberg, Frauenbewegung. 10 terſorge und Mutterliebe ſind es, die die Frau hineintreiben in den Rampf um größere Sittenreinheit, in den Kampf gegen die herrſchaft der Doppelmoral. Aber auch begeiſterte Liebe zum deutſchen Dolk, dem Niedergang und Verſeuchung droht durch die jetzigen Zuſtände. Nur wenn die Frau bewußten Einfluß mit ausübt, wird es gelingen, die Gewalten zu über⸗ winden, die jetzt die große Mehrzahl der Männer zum Skla⸗ ven ihrer Leidenſchaften machen. Wir waren einſt ein ſittenreines DVolk. Das Wort der Frau galt auch in Män⸗ nerkreiſe. Möge es auch heute Widerklang finden, möge es den Mann ſtärken im Kampfe gegen unreine Gewalten. Unſer ganzes modernes Leben, das dürfen wir uns nicht verhehlen, begünſtigt Zügelloſigkeit auf ſittlichem Gebiete. In den Großſtädten häufen ſich die Menſchen, der Einzelne, der ſich daheim vielleicht ſchämen würde, auf Abwegen geſehen zu werden, verſchwindet leicht unter der Menge. Eine Maſſe unſauberer Blätter, unſauberer Literatur trägt die Knſteckung hinaus in Stadt und Land. Eine Klkoholüberſchwemmung, durch ungezählte Wirtshäuſer vermittelt, wirkt anregend zur Unzucht, lähmend auf die höheren, ſonſt vielleicht hemmend wirkenden Geiſteskräfte. Tingeltangel, Varietés, Uneipen mit Damenbedienung und— vor allem— ein Heer von proſti⸗ tuierten, dem Erwerb nachjagend, auf der Straße. Verſtehen kann man es wohl, wenn manchen Mann Zorn und Verach⸗ tung ergreift angeſichts dieſer heerden von Frauen, die— jeder menſchlichen Würde bar— ſich für den Meiſtbietenden feil halten. Verſtehen kann man auch, daß es dem Manne ſchwer iſt, Verſuchungen, die ja auch in gefälligen Formen herantreten, zu widerſtehen. Kber hat der Mann nicht ſelbſt dazu beigetragen, dieſe öuſtände zu ſchaffen? Legitimiert er das Dirnengewerbe nicht AN— ſchon allein dadurch, daß er es von ſtaatswegen reglemen⸗ tiert? Ganz abgeſehen davon, daß all dieſe Frauen niemals ſo tief ſinken, ſo gewiſſenlos und entartet werden könnten, wie ſie es der Mehrzahl nach ſind, wenn der Mann nicht ihr Helfershelfer, ihr Partner wäre bei ihrem ſittenloſen, oft ge⸗ radezu gemeingefährlichen Treiben. Proſtitution muß ſein, ſie iſt immer geweſen, ſo hört man wohl ſagen. So lange die Menſchen nur Tiere ſind, vielmehr weit unter das Tier, das ſich niemals um Sinn und Ver⸗ ſtand trinkt, herabſinken, mag das wahr ſein. Kber iſt proſtitution ein wirklich notwendiges Uebel auch für ſolche, die gelernt haben, hHerr ihrer ſelbſt zu ſein? die den Kn⸗ ſpruch machen, eine höhere Stufe der Geſittung erſteigen zu wollen? Wären die proſtituierten nicht, ſo hört man wiederum ſagen, keine anſtändige Frau wäre noch ſicher auf der Straße. Die Proſtitution ſchützt die ehrbare Frau, die Familie.— Kber ſteht der Mann wirklich ſo niedrig, daß er wie ein wildes Tier ſich ungezügelt ſeiner Gier hingibt? Und ſolchen Män⸗ nern reichen nachher auch ehrbar ſein wollende Frauen die hHand zum ſogenannten chriſtlichen Ehebunde! Die proſtitution iſt Folge wirtſchaftlicher Mißſtände. Schlechte Entlohnung der Frau, ſpäte heiratsmöglichkeit des Mannes führen notwendigerweiſe zu ungeregeltem Leben, zur Proſtitution. So behaupten andere, die tiefer geblickt haben. Das iſt ein Satz, den es zu prüfen gilt. Denn das Elend unter den Frauen, ich habe darauf ſchon wiederholt hinge⸗ wieſen, iſt tatſächlich oft ein großes. Sahlen ſprechen die be⸗ redteſte Sprache. Stellen wir Einnahmen, Kusgaben verſchie⸗ dener Arbeiterinnen neben einander: 10* ¹) Ausgaben einer Berliner Plätterin für Schlafſtelle(mit aaſſe⸗) jährlich 120 Mk. Koſtgeld 512 Kleidung. 5„ 120„ in Jaßr 552 Mh. Bei einer Einnahme von 600 Mk. jährlich bleiben ſomit weniger als 5 Mk. monatlich für die bei den großſtädtiſchen Entfernungen nötigen Stadtbahnfahrten, für unvorhergeſehene Zufälle, für Erholung, Bildung, Vergnügen, Dereinsbeſtre⸗ bungen u. ſ. w. Kurz, alle Bedürfniſſe muß eine Arbeiterin auf das Mindeſtmaß herabſchrauben, um mit 600 Mk. jähr⸗ lich auskommen zu können. Die meiſten Berliner Fabrikarbeiterinnen bleiben aber um 100 Mk. unterhalb dieſes Lebensminimums.„Nehmen wir als Beiſpiel“(ſo ſchreibt Dr. Wilbrandt im handbuch der Frauenbewegung)„eine junge Näherin, die das in Ber⸗ liner Wäſchefabriken übliche, 450 Mk. im Jahr, verdient; ihre Kusgaben betragen: „„ Schlafſtelle jährlich 66 Mk.— pf. Mittageſſen 7, 109„ 50„ Uebrige Mahlzeiten„ 257„ 25„ im Jahr 412 Mk. 75 pf. Das bedeutet alſo eine tägliche Ausgabe für Mittageſſen von 30 pf., für die übrigen Mahlzeiten zuſammen von 65 Pf. Für die meiſten alleinſtehenden Arbeiterinnen iſt aber ein Mit⸗ tageſſen für 30 Pf. bereits zu teuer; es beſteht, im Urbeits⸗ ſaal der Fabrik eingenommen, aus Kaffee und Schrippen. Ein Krbeiter urteilt über die Ernährungsweiſe ſeiner Mitarbeite⸗ rinnen:„Die Krbeiterinnen leben faſt nur von Raffee oder ¹) M. Pappritz, Die wirtſchaftlichen Urſachen der Proſtitution. Berlin 8. W. hHerm. Walthers Verlag. 149 Q0⁷—₰ Kakao, aber ſo ſchlecht iſt es manchesmal, daß es nicht zum Trinken iſt. Abends kochen ſie Gemüſe und Naffee oder was von Mittag übrig bleibt; die Nahrung würde einen Mann in 8 TCagen arbeitsunfähig machen.“ Nach der letzten Berechnung(bei einem Jahreseinkommen von 450 Mk.) bleiben alſo für Kleidung, Wäſche und alle übrigen Lebensbedürfniſſe 37 Mk. 25 Pf. jährlich. Daß es unmöglich iſt, mit dieſem Betrag auszu⸗ kommen, wird niemand beſtreiten wollen. Kußerdem muß bei derartigen Statiſtiken ſtets die„flaue“ Zeit in Anrechnung gebracht werden, der, beſonders für die hHeimarbeit, ſo charakteriſtiſche und verhängnisvolle Wechſel zwiſchen Hochſaiſon und ſtiller Seit, in der nur 4— 6 Stunden täglich gearbeitet wird, wenn nicht gar völlige Arbeitsloſig⸗ keit eintritt. Die Mehrzahl der Ronfektionsbetriebe hat über⸗ haupt nur eine Produktionsdauer von 4—6 Monaten. Man ſollte daher auch weniger den Durchſchnittswochenlohn, als den Jahresverdienſt in Anſchlag bringen, und dieſer beträgt, nach dem ſtatiſtiſchen Jahrbuch der Stadt Berlin vom Jahre 1897 für Schneiderinnen......... 457 Mk. jährlich „ Wäſchenäherinnen........ 486„ 6 „ Rnopflochhandarbeiterinnen..... 354„„ „ Knopflochmaſchinenarbeiterinnen... 700„ 8 „ Hand⸗, Putz⸗ und Hoſenträger⸗Rrbeiterinnen 354„„ 3 Dabei werden in Berlin nicht einmal die ſchlechteſten Löhne gezahlt; die Erhebung des ſtatiſtiſchen Amtes für das ganze Deutſche Reich ergab nur ein Durchſchnittsjahresein⸗ kommen von 322 Mark. Kus Danzig wird beiſpielsweiſe an⸗ gegeben, daß Näherinnen bei voller Beſchäftigung 1 Mk. pro Tag verdienen. Für Wohnung und Eſſen braucht ſie aber 26 Mk. monatlich. Sonn⸗ und Feiertage fallen aus, Seiten der rbeitsloſigkeit treten auch hier ein, und ſchließlich hat doch jeder Menſch außer Wohnung und Eſſen auch noch an⸗ dere Bedürfniſſe(Kleidung, Wäſche ꝛc.). Wie ſollen dieſe Mädchen leben, wenn ſie nicht ihre 3u⸗ flucht zu dem ſchmachvollen und traurigen Nebenerwerb der proſtitution nehmen? In dem Berichte des Reichsamtes des Innern vom Jahre 1887 finden wir es auch ganz ungeſchminkt ausgeſprochen, daß es die elenden Löhne ſind, die dieſe Frauen der Proſtitution in die Arme treiben. In dem Schreiben des Berliner Gewerberates wird, ſelbſt in Bezug auf die verhält⸗ nismäßig gut bezahlten Wäſchenäherinnen erwähnt, daß ein Teil von ihnen ſich in der ſtillen Geſchäftszeit der proſtitution ergibt. Ueber die Konfektionsarbeiterinnen heißt es:„Der hier herrſchende große Mangel mag manche zwingen, ſich einen Verdienſt zu ſuchen, den ſie anfangs verabſcheute.“ Aus Stet⸗ tin ſchreibt man:„Der Verdienſt der in den Werkſtuben be⸗ ſchäftigten Mädchen reicht nicht hin, um den völligen Lebens⸗ unterhalt für eine einzelſtehende Perſon zu beſtreiten“, und von den heimarbeiterinnen der Rinderkonfektion:„In den Krbeitsräumen der in dieſer Gruppe beſchäftigten Arbeiterin⸗ nen waren erſichtlich Not, Elend und Schmutz die täglichen Gäſte.“ Der Bericht aus dem Regierungsbezirk Poſen ſagt: „Daß die Geringfügigkeit des Arbeitsverdienſtes und die mit der Beſchäftigung verbundene ſitzende Lebensweiſe die Proſti⸗ tution fördert, iſt unbedenklich anzunehmen“, und weiter:„ſo lange die Arbeiterinnen ſich nicht der pro⸗ ſtitution ergeben haben, bilden Rartoffeln das hauptſächliche Nahrungsmittel“. Der Ge⸗ werberat für Düſſeldorf, Neuß, Barmen, Elberfeld, M.⸗Glad⸗ bach hebt hervor, daß„die Mädchen hier und da beſonders darunter zu leiden haben, daß die die Arbeit verteilenden und zurücknehmenden jungen Leute gut lohnende Krbeit mit Vor⸗ liebe an ſolche Mädchen und Frauen austeilen, die nicht ſpröde ſind.“ Und weiter ſchreibt der Gewerberat:„kKlleinſtehende junge Mädchen können in allen Branchen nicht auskommen ohne Nebenerwerb.“ Daß auch andere Berufe die Mädchen keineswegs ſicher ſtellen, beweiſt AInna Pappritz, die tapfere Vorkämpferin auf dem Gebiete der Sittlichkeitsfrage, mit folgenden, z. C. der ſozialen Praxis entnommenen usführungen: „In Berlin erhalten faſt die Hälfte der Verkäuferinnen weniger als 60 Mk. Monatsgehalt. Das Durchſchnittsgehalt der Ladenmädchen nach einer Tätigkeitsdauer von 3—4 Jahren beträgt in Berlin 57,50 Mk., in anderen größeren Städten Deutſchlands nur 27— 47 Mk. monatlich. Daß auch dieſe Ge⸗ hälter ein Exiſtenzminimum darſtellen und vielfach auch unter dasſelbe ſinken, beweiſt folgende Berechnung: Frl. B.s Jahresausgaben. Wohnung 144 Mk. jährlich 12 Mk. monatlich mit Kaffee Mittageſſen 144„. 12„„ 40 Pf. täglich Kbendeſſen 120 o 5 10„„ 33 pf. täglich Wäſche 24„ 5 wöchentlich 50 Pf. [3 Mk. Jahresbeitr. Verb. vereine 6„„ Ufm. Geh. 6 Uk. Jahres⸗ beitr. Stenographen⸗Derein Rleidung 57„ f Kleider je 18 Mk. 2 hüte je 3 M. 1 Jacket 15 Mk. Schuhwerk 25„ 3[2 P. neue Stiefel u. Repa⸗ Lraturen neuanſchaffung 15„„ 7sStrümpfe, Leibwäſche, 1 Un⸗ dterrock Uebertrag 535.„ Uebertrag 535 Mk. jährlich Toilettenbedarf 16 — monatl. 1,35 Mk. für hand⸗ 3 2 ſchuhe, Seife, Schleifen u. ſ. w. Steuern 6„ 5 auf e. Einkommen v. 600 Mk. Heizung, Licht 10„ 4 monatlich 83 Pf. Extra⸗Rusgaben 12„„(Poſt Pferdebahn, einmal ein Konzert Kranken⸗ u. In⸗ validenkaſſe 24„ 2 Summa 603 Mark. Crotzdem, wie jeder Einſichtige zugeben muß, eine wahre Virtuoſität dazu gehört, mit derartig kleinen Summen und geringen Bedürfniſſen auszukommen, ſo hat dieſes beſcheidene Budget das Jahreseinkommen von 600 Mhk.(welches, wie wir ſehen, nur ſelten erreicht wird) doch noch um 3 Mk. über⸗ ſtiegen.“ Solche Zahlen zeigen, daß es grauſam und engherzig iſt, wenn man auf die vom rechten Wege abweichenden Mädchen nur Steine wirft, in ihrer Verkommenheit allein die Urſache alles Uebels erblickt. Daß ſie— einmal der Proſtitution ver⸗ fallen— verkommen müſſen, liegt auf der hand. Sie fin⸗ den die Rückkehr zu ehrlicher Arbeit um ſo ſchwerer, je mehr es Männer aus den ſogenannten gebildeten Kreiſen ſind, die ſich zu Beſuchern von Dirnen herabwürdigen, ihnen dadurch die Ueberzeugung geben, daß auch ſie ihr Leben als annehm⸗ bar, ihre Bereitwilligkeit als notwendig und nützlich anſehen. Ob ſich unſere Männerwelt klar iſt, wie niedrig ſie ſich ſelbſt damit einſchätzt? Wie viel brutaler— gerade ihrer ſo⸗ genannten höheren Bildung wegen— ihr herabſinken in den Sumpf der proſtitution wirkt, als wenn Mädchen, die kaum etwas anderes kannten, als wenn roher empfindende Männer 3 ſich auf rohe Weiſe vergnügen? Der hinweis auf die verringerte Heiratsmöglichkeit der Männer der höheren Stände, der als Entſchuldigung für un⸗ geregeltes Leben oft geltend gemacht wird, iſt ſicher nicht ganz von der hand zu weiſen. Kber er iſt doch als Entſchuldigungs⸗ grund nicht annähernd ſo berechtigt, wie die Behauptung zu geringer Entlohnung weiter Klaſſen von Krbeiterinnen. Dieſe — wir ſahen es an den vorher angeführten Zahlen— ſtehen oft geradezu vor der Wahl, hHunger zu leiden oder ſittlich unterzugehen. Und wenn es auch nicht immer der nackte hunger iſt, der ſie treibt, kann man es ihnen verdenken, daß auch in ihnen die Sehnſucht lebt, einmal etwas anderes zu haben als Arbeit, Entbehrung und Sorge? Das Geld wird auf unlauteren Wegen ſo leicht verdient und die Verſuchung tritt oft in ſo angenehmer, verlockender Form an ſie heran. Dazu kommt das Milieu, dem ſie entſtammen. Wohnungs⸗ not, Verwahrloſung der Jugend, Schlafgängerunweſen be⸗ reiten die Mädchen ſchon in jungen Jahren für ſittlichen Fall vor, laſſen ſie das Leben, das ſie führen, oft gar nicht mehr als widernatürliches empfinden. was bedeutet dagegen die verringerte heiratsmöglichkeit in den beſitzenden Klaſſen, die oft geradezu eine gewollte, eine durch übermäßige, überflüſſige Anſprüche hervorgerufene iſt. Anſprüche nicht nur von ſeiten des Mannes, ſondern auch von ſeiten unſerer viel zu ſehr verwöhnten jungen Mädchen, deren Eltern nicht daran zu denken ſcheinen, welche Glücks⸗ möglichkeiten ſie ihren Kindern durch ſolch verkehrte Erziehung rauben. Wohl auch durch falſche Sorge von ſeiten der Eltern, durch frühe heirat die Carriere ihres Sohnes geſchädigt zu ſehen. Zum großen CTeil iſt aber das Gerede von der Unmöglichkeit heiraten zu können, nur ein Deckmantel, die Unluſt der Männer unſerer beſitzenden Klaſſen zur Ehe, die ihnen Verpflichtungen auferlegt, zu verbergen. 3u freien Verhältniſſen fehlt vielen von ihnen niemals das Geld. Heiratet doch der pekuniär ſo viel ſchlechter geſtellte Arbeiter früher, was wirtſchaftlich ja ſicher manche Nachteile hat. Geſundheitlich aber— wir ſahen das an dem bereits angeführten Prozentſatz der Ge⸗ ſchlechtskrankheiten unter Arbeitern und Studenten, der die Ar⸗ beiterklaſſe als ſittlich weit über der ſtudierenden Jugend ſtehend erſcheinen läßt—, iſt die frühere heirat die beſſere, zugleich die ſittlich höher zu ſtellende Löſung. Daß es nicht mehr ſo weiter gehen kann, wie es war, darüber ſind weite Kreiſe einig. In den ſiebziger Jahren be⸗ reits trat Frau Guillaume geb. Gräfin Schack gegen die durch RKeglementierung geſchützte Sittenloſigkeit auf. Dann wurde, nachdem in England Mrs. Joſephine But⸗ ler die internationale Föderation zur Bekämpfung der Re⸗ glementierung begründet, hanna Bieber⸗Böhm in Deutſchland die Weckerin ſittlichen Bewußtſeins und ſittlichen Reinempfindens. Sie brachte die deutſchen Frauen durch ihr furchtloſes, hohn und Verachtung gering ſchätzendes, nur dem ihr zur heiligen Pflicht gewordenen Kampfe dienendes Vor⸗ gehen über die Scheu und das leicht zu verſtehende Zögern und Widerſtreben hinweg, ſich mit dieſen unſer Frauenempfinden ſo tief verletzenden Dingen zu befaſſen. Die Sittlichkeitsver⸗ eine, deutſche Sweige der Föderation entſtanden. Und— als die Not unter dem herrſchenden Reglementierungsſyſtem größer und größer wurde— da traten endlich auch die Kerzte, von der Regierung geſtützt, zu der Geſellſchaft zur Bekämp⸗ fung der Geſchlechtskrankheiten zuſammen, die von vorn herein auch Frauen als vollberechtigte Mitglieder aufnahm, die aber in weſentlichen Punkten von den von den Frauen SM erhobenen Forderungen abzuweichen geneigt iſt. So unerfreulich dies Thema iſt, die Not des Volkes zwingt, noch kurz dabei zu verweilen. Daß die jetzt beſtehende Art der freien Reglementierung die denkbar ſchlechteſte Form der Rontrolle iſt, daß ſie ſanitär unwirkſam iſt und zur Unſittlichkeit geradezu reizt, ſteht für alle Einſichtigen feſt. Für die Frauen kommt noch hinzu, daß der § 3616 des Strafgeſetzbuches, auf den ſich unſer heutiges Re⸗ glementierungsſyſtem ſtützt, alle Frauen, wie zahlreiche Miß⸗ griffe gezeigt haben, für vogelfrei erklärt, ſie der Willkür untergeordneter Polizeiorgane, der Derdächtigung durch bös⸗ willige Denunzianten ausliefert. Um Aufhebung dieſes Pa⸗ ragraphen haben die Frauen wiederholt, aber immer vergeblich petitioniert. Sie werden nicht aufhören, gegen dieſe ſie unter ein ſchmachvolles Ausnahmegeſetz ſtellende geſetzliche Beſtim⸗ mung Proteſt zu erheben. Einmütig, ſo ſagte ich, wird die jetzige Form der Regle⸗ mentierung von Frauen und Männern, von Geiſtlichen und Medizinern und Juriſten verurteilt. Was aber ſoll an ihre Stelle treten? Ein Teil der in der Geſellſchaft z. Bek. d. G. zuſammen⸗ geſchloſſenen Praktiker, Juriſten und Mediziner und leider auch vereinzelte von ihnen beeinflußte Frauen verlangen Bor⸗ delle. Die Rontrolle ſei leichter zu handhaben, die Verführung wenigſtens von der Straße entfernt. Obwohl geſetzlich ver⸗ boten, ſind tatſächlich auch ſchon jetzt in verſchiedenſten Städten beſtimmte hHäuſer, beſtimmt abgegrenzte Straßen— im Grunde genommen Bordelle— vorhanden. Gegen Bordelle aber treten die beiden anderen in der Sittlichkeitsfrage arbeitenden Richtungen geſchloſſen auf. Die einen— die Sittlichkeitsvereine und mit ihnen die Vereine Jugendſchutz(Vorſ. Frau Bieber⸗Böhm)— verwerfen von chriſtlichem, von ideal⸗ſittlichem Standpunkt aus jedes Paktieren mit der Sünde. Nicht Duldung, ſondern Beſtrafung der Proſtitution verlangen ſie, über die Unmöglichkeit, ſolche Forderung zu erfüllen, einfach hinweggehend. Die anderen— die Kbolitioniſten, die Mitglieder der internationalen Föderation, führen gegen das vorgeſchla⸗ gene alte Reglementierungsſyſtem, das im Landtage auch von Seiten eines Regierungsvertreters befürwortet wurde, folgendes an: 1) Das Beſtehen der Bordelle wirkt demo⸗ raliſierend. Alles, was in der Nähe dieſer hHäuſer lebt, wird vergiftet. Ueber die Bordellſtraßen hinaus dringt der Ruf von dem Vorhandenſein ſolcher häuſer. DVerwirrung aller ſittlichen Begriffe muß es zur Folge haben, wenn dem jungen Manne geſagt wird: der Staat kontrolliert das Laſter, er ſorgt für gefahrloſen außerehelichen Geſchlechtsverkehr. Er er⸗ kennt damit die Rotwendigkeit ſolches ungeregelten, den Menſchen unter das Tier herabwürdigenden Verkehrs öffent⸗ lich als notwendig an. 2) Der ſanitäre Rutzen der Bordelle iſt illuſoriſch, das wird beſonders von mediziniſcher Seite betont, wenn nicht tägliche Unterſuchungen der inhaftierten Dirnen ſtattfinden und wenn die Unterſuchungen nicht auch auf die Männer ausgedehnt werden. Solche Unterſuchung iſt nur zwangsweiſe durchführbar, nur durch Anwendung von Gewaltmitteln bei den Mädchen erreichbar. Sie ſchreckt auf den Mann ausgedehnt die beſuchenden Männer ab. Freie proſti⸗ tution gedeiht neben den Bordellen und wird bei ſtrenger gehandhabter Kontrolle noch üppiger gedeihen. 3) Unvermeidlich verbunden mit den Bor⸗ * 157— G— dellen iſt der Mädchenhandel. Wird nicht„friſche Ware“ geliefert, ſo zieht das Bordell nicht, der Mann ſucht ſich anderweitige Opfer. Der Staat, der den Mädchenhandel verbietet, der dabei Bordelle erlaubt, wird zum heuchler und Lügner, er zieht durch das Errichten öffentlicher häuſer das ſittliche Niveau des Volkes immer tiefer herab, er gibt Kn⸗ laß, den Mädchenhandel immer weiter zu betreiben. 4) Bordelle ſind nur durch Ausnahmege⸗ ſetze gegen die Frauen möglich. Die Frauen aber können es nicht zulaſſen, daß ein Teil ihres Geſchlechts unter Staatskontrolle, alſo mit geſetzlicher Duldung, vom Manne in niedrigſter Weiſe gemißbraucht wird. Allein durch hebung des Sittenniveaus, der ſitt⸗ lichen Feinfühligkeit im Volke wird es gelingen, die proſtitution einzuſchränken und im Zuſammenhang da⸗ mit die Geſchlechtskrankheiten zu verringern. Staatliche Re⸗ glementierung aber, das muß man immer wieder betonen, verwirrt und erniedrigt alle ſittlichen Begriffe und da ſie, vom Manne gehandhabt, immer wieder zu einer Aus⸗ nahmegeſetzgebung gegen die Frau wird, wird ſie auch aus dieſem Grunde, weil ſie die Frau männlicher Willkür preis⸗ gibt, die Kchtung vor der Frau mindert, von Frauen und Männern verworfen. England iſt der Beweis, daß ohne Reglementierung die Sittenzuſtände und damit die Geſundheitszuſtände im Volke ſich heben können. Seit Aufhebung der Reglementierung nahmen die Ge⸗ ſchlechtskrankheiten— nach amtlichen Angaben— in folgen⸗ den Stufen ab:(Kurven ſiehe nächſte Seite). „Es wäre nun kurzſichtig und einſeitig“, ſo fügt der Abo⸗ litioniſt, das Organ der deutſchen Föderation hinzu,„wenn man Neee e von abolitioniſtiſcher Seite dieſe Abnahme allein der Kbſchaffung der Reglementierung zuſchreiben wollte. Dieſe Tatſache kommt hierbei verhältnismäßig wenig in Betracht. SAE SASaMSAHABRRNSAR SAsasgAhHgAsAhgAgAs ₰ 1u0 ◻ 22 400 no ⁵⁰ 20—₰— 80 180 h 8 10 0. 10 ³⁰ 88 1⁵⁰ 40 1 1⁵⁰ H 10 2—— Todesfälle bei Kindern unter Zahl der Rekruten, die als ge⸗ 1 Jahre. Die an erblicher ſchlechtskrank zurückgewieſen Syphilis erkrankten. werden mußten. iEBRHRAARHRNSBAS2S SeAgdSggAgäagaase 130 1in 15 13 12472 ¹⁰ 100 ¹30 40 140 m 10 2 13 3 Geſchlechtskranke Soldaten. Geſchlechtskranke Matroſen. Denn England war zum großen Teil— 12 hHafen⸗ und Garniſonſtädte ausgenommen— immer ein abolitioniſtiſches Land. Die Statiſtik beweiſt nur, daß es außer der Reglemen⸗ tierung trotz zunehmender Bevölkerung, trotz wachſender In⸗ N 2 duſtrialiſierung und ſteigenden internationalen Verkehrs noch Mittel und Wege gibt, um die veneriſchen Seuchen einzudäm⸗ men, ja daß dieſe indirekt wirkenden Kräfte und Einflüſſe die eigentlich maßgebenden und wirkſamen ſind, denen ge⸗ genüber die Reglementierung wie eine kleine er⸗ bärmliche Verlegenheitsmaßregel, eine Siſyphusarbeit erſcheint. Dieſe Wunder wirkenden Kräfte liegen in dem 5u⸗ nehmen des Volkswohlſtandes, der Dolksbildung, der ſozialen hebung des weiblichen Geſchlechtes. Sie ſpre⸗ chen aus den Rieſenleiſtungen, die private Initiative auf ſo⸗ zialem Gebiet während der letzten Dezennien in England ge⸗ leiſtet. Man denke an die ſtaunenswerten Erfolge der heils⸗ armee— eines Barnardo und anderer— die dem Sumpf der unterſten Schichten die Zuflüſſe abgegraben. Sie machen ſich fühlbar in der zunehmenden Verbürgerlichung des Krbeiter⸗ ſtandes, der kraft ſeiner organiſierten Solidarität ſich die be⸗ ſten Exiſtenzbedingungen in Europa errungen hat, und last not least in den Hortſchritten der Wiſſenſchaft, die immer mehr in den Dienſt einer vernünftigen Sozialpolitik gezogen wird.“ Keineswegs iſt geſagt, daß man, wenn man wie die Kbolitioniſten für Aufhebung jeglicher Form von ſtaatlicher Reglementierung iſt, deswegen, die hände im Schoß, die Ent⸗ wicklung der Dinge ruhig mit anſehen ſoll. Grundverkehrt wäre ſolches die Unſittlichkeit nur förderndes, rein paſſives VYerhalten. Die Kbolitioniſten verlangen zugleich mit Kufhebung der polizeilich gehandhabten Kontrolle ſcharfes Vorgehen gegen jede Form von unſittlichem Treiben, das die öffentliche Ord⸗ nung ſtört, das durch Verletzung des öffentlichen Anſtandes Kergernis erregt, verlangen aber Beſtrafung wegen ſolcher Vergehen beim Mann ſo gut wie bei der Frau. Daß neuerdings die Berliner Polizei angewieſen worden iſt, an⸗ ſtändige Frauen vor Beläſtigung zu ſchützen und bereits in zahlreichen Fällen Männern gegenüber eingegriffen hat, zeigt, daß bei gutem Willen ſolch gleichmäßiges Dorgehen wohl möglich iſt. „heute“, ſo ſagt Inna Pappritz, die Vorſitzende des Ber⸗ liner Zweigvereins der internat. Söderation,„hat die Polizei die Pflicht, die Unſittlichkeit zuregeln und die Pro⸗ ſtitution zu ſanieren. Wir aber fordern von der Sittenpolizei, daß ſie für Wahrung des öffentlichen Anſtandes auf Straßen, in öffentlichen Cokalen ꝛc. Sorge trägt. Sie hat die Pflicht, ehrbare Männer und Frauen vor allem aber die Jugend vor der öffentlichen Kufreizung zur Unſittlichkeit zu ſchützen, ſcham⸗ loſe Schauſtellungen und Darſtellungen, ſei es in Theatern, Tingeltangeln oder Schaufenſtern, zu inhibieren, die Schließung der Lokale, die dem§ 33 der Gewerbe⸗Ordnung zuwider⸗ laufen, anzuordnen.— Es iſt eine vollkommene Verkennung der Tatſachen, daß mit Aufhebung der Reglementierung die öffentliche Ordnung und Sittlichkeit Schaden leiden, die trau⸗ rigen Zuſtände ſich in dieſer hinſicht verſchlimmern würden. Wir hoffen gerade das Gegenteil. hHeute bewirkt die Sitten⸗ kontrolle kaum eine Einſchränkung der öffentlichen Unſittlich⸗ keit, die ſich in allen Großſtädten in einer ſo ſchamloſen Urt und Weiſe breit macht, daß ſie zu einem Hohn auf chriſtliche Rultur und Sitte geworden iſt. Gerade weil die Polizei, in⸗ folge der Reglementierung, die Unſittlichkeit unter gewiſſen Kautelen dulden muß, gerade darum ſind ihr die Hände gebunden, die Kuswüchſe der Unſittlichkeit in wirkſa⸗ mer Weiſe zu bekämpfen. Es liegt ihr mehr daran, ſie in ge⸗ wiſſe Bahnen zu lenken, ſie in gewiſſen Straßen und Lokalen zu konzentrieren, als ihr durch energiſche Maßregeln den Bo⸗ den zu entziehen. Und doch würde dies möglich ſein, wenn die Polizei alle die Lokale ſchlöße, die durch bunte Laternen, ſchamloſe Reklame die Jugend anlocken und die, wie die Po⸗ lizei nur zu gut weiß, nichts anders ſind, als Stätten der Un⸗ zucht.— Es würde einen großen Fortſchritt bedeuten, wenn es gelänge, die öffentliche Anreizung und Anprei⸗ ſung zur Unſittlichkeit zu unterdrücken, denn erſt durch dieſe, d. h. durch die Verführung, wird ein großer Teil der Zugend beiderlei Geſchlechts dem Laſter zugeführt.“ Da nun aber die Gefahr der Verſeuchung unſeres Volkes durch die Geſchlechtskrankheiten droht, ſo ſind auch in dieſer hin⸗ ſicht Reformen nötig. Gegen eine Anzeigepflicht der Kerzte, entſprechend der Knzeigepflicht bei anderen anſteckenden Krank⸗ heiten, wehren ſich erfahrene Mediziner, da ſie fürchten, daß allzuviel Kranke dadurch zurückgehalten würden, den kirzt auf⸗ zuſuchen, daß ſie Rurpfuſchern dadurch in die hände fallen und ihr Zuſtand dadurch noch gemeingefährlicher werden könne. — Eine Beſtrafung der Anſteckung würde— auf Antrag— wohl möglich ſein, würde aber wohl nur in verſchwindend wenig Fällen geſtellt werden. In erſter Linie, ſcheint die Krankenverſicherung berufen, Wandel zu ſchaffen. Auf Einzelvorſchläge hier einzugehen würde jedoch zu weit führen. Beachtenswert iſt fernerhin der Vorſchlag, daß angeſichts der großen Verbreitung der Geſchlechtskrankheiten vom Manne beim Eintritt in die Ehe ein Geſundheitsatteſt zu verlangen ſei. Oder es wird vielleicht möglich ſein— wie Frau Scheven, die Vorſitzende der Dresdener Söderation, vorſchlägt — dem AUrzt die Erlaubnis zu geben, auf Knfrage von intereſ⸗ ſierter Seite, z. B. dem Vater der Braut, Mitteilung über den Geſundheitszuſtand des Mannes zu machen. 3u ſolcher Mittei⸗ lung müſſe der Arzt event. auch dann berechtigt ſein, wenn Krukenberg, Frauenbewegung. 11 es gelte, dadurch einen Menſchen— eine ahnungsloſe Frau — vor Anſteckung zu erretten. Denn die Fälle ſind nicht ſelten, in denen ein Mann heiratet, trotzdem ihn der Arzt für krank erklärt und ihm die Folgen der Eheſchließung für ſeine nichts⸗ ahnende Frau dargelegt, trotzdem er ihm das Gewiſſen zu ſchär⸗ fen verſucht hat. Und der rzt ſteht mit gebundenen Hän⸗ den und ſieht Glück und Geſundheit der Frau ruchlos zerſtört. Die Föderation verlangt— in dieſem Falle wieder im Einverſtändnis mit den Sittlichkeits⸗ und Jugendſchutzvereinen — Erhöhung des Schutzalters, Beſtrafung aller Sittlichkeits⸗ verbrechen. Daneben, ſo betonen alle Richtungen, iſt durch Erziehung, durch vorbeugende Maßregeln in weiteſtem. Sinne für eine hebung der ſittlichen Suſtände im Volke Sorge zu tragen. Rechtzeitige Aufklärung über die Gefahren außerehe⸗ lichen Geſchlechtsverkehrs, Jugendfürſorge, Jugenderziehung, hHebung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe der arbeitenden Klaſſen, veredelte Volkserholung, vor allen Dingen Wohnungsre⸗ form, das alles würde vorbeugend, die Sittenzuſtände hebend wirken. In den beſitzenden Klaſſen aber wäre ein ſtrengerer Maßſtab, dem Mann gegenüber angewandt, wirkſamſtes Mittel. Die Srau, ſo hoffen wir, wird mehr und mehr Front dagegen machen, daß der Mann, dem ſie ſich, an Reinheit und Creue glaubend, zu eigen gibt, durch das Leben, das er vor der Ehe geführt hat, befleckt iſt, daß ſie ſich und ihre Kinder der Gefahr der Verſeuchung ausſetzt. Sie kann das um ſo eher tun, als— gerade von Medizinerſeite— der früher oft aufgeſtellten Behauptung, der Mann könne gar nicht anders als ſeinem Naturtriebe ſchrankenlos folgen, nach⸗ drücklich entgegengetreten wird. Wohl wird hie und da ein Einzelner, ſei er Mann oder Frau, unter unfreiwilliger Be⸗ ſchränkung leiden. Aber die wenigen, die, krankhaft beanlagt, ernſthaft darunter leiden, ſind verſchwindend an Zahl gegen⸗ über den ungezählten Mengen, die durch den jetzt als Norm angeſehenen Zuſtand zeitlebens ruiniert werden. Geſundheitsgemäßeres Leben, Vermeiden unnötig pikanter, die Sinne aufreizender Unterhaltung und Lektüre, Vermeiden von Alkohol und Ueberernährung— unſer vorwiegend aus Fleiſchgerichten zuſammengeſetztes hoteleſſen iſt 3. B. ſo unge⸗ eignet wie möglich—, Freude an Sport, an veredelten Ge⸗ nüſſen, Erziehung zur Selbſtbeherrſchung von Jugend an, das alles ſind Mittel, um das jetzt vielen unmöglich Scheinende möglich zu machen. Wenn die Einſicht wächſt, der Wille nur erſt feſt wird, die Wege werden ſich finden. Daß der Mann es ſelbſt empfindet, daß es ſchlecht ſteht, daß es ein trauriges Seichen von Manneskraft iſt, wenn er — Sklave, nicht Herr ſeiner Triebe— Verſuchungen nicht zu widerſtehen vermag, das zeigt die immer größer werdende Zahl der Krbeiter auf dem Sittlichkeitsgebiete, das zeigt als erfreulichſtes Zeichen die ſtudentiſche Sittlichkeitsbewegung, die Gründung der Ethos⸗VYereine in Zürich, Berlin, Stuttgart u. a. O. Fern aller heuchleriſchen Pruderie und aller asketiſchen Tendenzen wollen dieſe jungen Männer doch eben nichts anderes als Männer ſein, im Gegenſatz zu jenen früh überreizten, durch gewiſſenloſe Gefährten verführten Ge⸗ ſchöpfen, denen jedes Weib Verſuchung bedeutet, die ihre Kraft, ihre Geſundheit vergeuden unter der hHerrſchaft eines Rünſtlich gereizten, künſtlich geſteigerten Triebes. Einen Feind aber gilt es, wenn es uns ernſtlich dar⸗ um zu tun iſt, die Unſittlichkeit zu bekämpfen, vor allen Dingen ins Auge zu faſſen: das iſt der Alkohol, dieſer Ver⸗ gifter unſerer DVolkskraft. Von dem Kampf gegen den Alkoholmißbrauch ſoll 11* daher der nächſte Abſchnitt handeln. Es ſoll darin zugleich ein kurzer Ueberblick gegeben wer⸗ den über die Wohnungsnot, die als gleichwichtiger Faktor wie die Alkoholnot Anlaß zur Unſittlichkeit gibt. Schließlich ſoll darin noch eine häufig aufgeworfene Frage erörtert werden: inwieweit Warnung vor den Folgen unſitt⸗ lichen Lebens, Aufklärung über geſchlechtliche Dinge geeignet iſt, die Jugend vor Unſittlichkeit zu bewahren, ihr eine reinere, veredeltere Auffaſſung von Liebe, von dem Suſammenleben von Mann und Weib zu geben. Daran anſchließend ſoll das darauf folgende RKapitel die Frage beantworten: Wie geſtaltet ſich beim Fortſchreiten der Frauenbewegung das Verhältnis zwiſchen Mann und Weib? Von dem widernatürlichen menſchenunwürdigen Verhältniſſe zur Proſtituierten abgeſehen, das ich leider, weil die herr⸗ ſchenden furchtbaren Zuſtände es forderten, im vorliegenden Kapitel ſo eingehend berühren mußte. S= ) Alkoholmißbrauch.— Wohnungsnot.— Kufklärungsunterricht. Wenn eine Frau in früheren Jahren gegen den Klkohol eiferte, ſo wurde ihr von Männerſeite wohl lächelnd bedeutet: davon verſtehe ſie nichts, nur Männer ſeien ſachverſtändige Beurteiler auf dieſem Gebiete. Denn Crinken galt als Privi⸗ leg des Mannes. Das zarte Geſchlecht hinter dem Vier⸗ ſchoppen, dem Weinglaſe ſitzen zu ſehen, wurde als unweib⸗ lich, als unſchön empfunden. Dem Manne dagegen war von jeher ein kräftiger Trunk Lebensbedürfnis. Kuch wenn ein Deutſcher einmal darin des Guten zu viel tat, war das nicht etwa Zeichen unmännlicher Schwäche, ein Beweis bedauerlichen Mangels an Selbſtzucht. Das war durchaus ungermaniſche Kuffaſſung. Im Gegenteil: im Trinken ſeinen Mann ſtehen zu können, galt als Seichen von Kraft. Etwa noch vorſich⸗ tigen jungen Leuten wurde von gereifteren Kameraden, wurde ſelbſt von älteren, eigentlich verſtändiger ſein ſollenden Herren ſo lange zugeſetzt, bis ſie ihr natürliches, geſundes Gefühl überwanden und lernten, ohne Durſt und über den Durſt zu trinken. Da aber der Mann in der Ehe ſeinen Trink⸗ gewohnheiten nur ungern entſagte und es doch ungemütlich war für ihn, mit ſeinem Glaſe allein zu ſitzen, ſo war es ihm eine beſondere Freude, wenn auch ſeine Frau nicht gar ſo zimperlich tat, wenn auch ſie einen Tropfen vertragen lernte, um ihm beim Trinken Geſellſchaft zu leiſten. Auch ins Wirts⸗ haus— einſt ausſchließlich von Männern beſucht— folgte die Frau gar bald, folgte mit ihr die Zugend. Und die Wirts⸗ häuſer mehrten ſich in Stadt und Land, die Verſuchung, Klko⸗ hol zu genießen und die Gelegenheit dazu wurde immer häufiger. Immer müheloſer wurde es auch daheim für den eigenen Haushalt Klkohol zu beſchaffen. Das Flaſchenbier hielt ſeinen Einzug in gar vielen Familien, denen bis dahin tägliches, gewohnheitsmäßiges Trinken noch fremd war. Und ſo ergriff der Alkoholgenuß immer weitere Kreiſe und die Klko⸗ holfrage iſt längſt darüber hinausgewachſen, nur eine Männer⸗ frage zu ſein. Auch die Frau weiß heute, aus eigener Erfahrung, wie 166 AS ſchwer es iſt, den Trinkunſitten, die nicht nur das Wirts⸗ hausleben, ſondern auch das Geſellſchafts⸗ und Familienleben vergiften, Widerſtand zu leiſten, ſich ſelbſt, die Kinder und das Hausperſonal frei davon zu halten. Es gibt nur noch wenige Familien beſonders in den wohlhabenden Kreiſen, in denen nicht auch Frauen und Rinder gewohnheitsmäßig alkoholiſche Getränke genießen. Die Alkoholfrage kann um ſo weniger nur als Sache des Mannes bezeichnet werden, wenn man bedenkt, wer am ſchwer⸗ ſten unter den Folgen des Alkoholmißbrauchs leidet. Der Mann ſelbſt, geſundheitlich und auch finanziell. Aber, ſo kann man in den meiſten Sällen wohl ſagen, leidet er, ſo trägt er ſelbſt die Schuld daran. Die Frau aber treffen die Folgen unſerer Trinkunſitten, auch wenn ſie ſelbſt nicht daran teil⸗ nimmt. Als hausfrau und Gattin hat ſie zu leiden, als Mutter eines infolge des Alkoholmißbrauches des Vaters degenerierenden Geſchlechtes ¹). Daß das früher faſt durch⸗ gehend zu findende Abſtinententum der Mütter— weit größere Mäßigkeit zum mindeſten— auch in Frauenkreiſen gewohn⸗ heitsmäßigem CTrinken Platz gemacht hat, macht ſolche Degene⸗ rationserſcheinungen doppelt bedrohlich. Das Erbe einer ent⸗ haltſamen Mutter paralyſiert nicht mehr das verhängnisvolle Erbe des gewohnheitsmäßig trinkenden Vaters. Die erbliche Belaſtung muß doppelt wirken, wenn Dater und Mutter Alkohol⸗Konſumenten ſind. ²) Wurde doch beiſpielsweiſe konſtatiert, daß unter 500 blöd⸗ ſinnigen Kindern, deren Eltern inbezug auf ihren Geſundheitszu⸗ ſtand und ihre Lebensweiſe genau unterſucht wurden, 145 ſich be⸗ fanden, deren Eltern Gewohnheitstrinker waren. Dergl. Bunge, Die Alkoholfrage.— Auch die zunehmende Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder ſelbſt zu ſtillen, führt Bunge— an der hHand ſtatiſtiſcher Nachweiſe— auf Alkoholgenuß ihrer Väter zurück. KG weiterhin aber leidet auch die unverheiratete, allein⸗ ſtehende Frau unter zunehmendem Alkoholmißbrauch. Zunächſt dadurch, daß die öffentliche Sicherheit dadurch gefährdet wird, daß der Alkohol die Fahl der Verbrechen und insbeſondere der Sittlichkeitsverbrechen vermehrt. Unter dem Einfluſſe des AKlkoholgenuſſes iſt der Menſch nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt. 150 000 aller ſtrafrechtlich in einem Jahre zu ahndenden Yergehen wurden infolge von Alkoholmißbrauch begangen. Und die Sittlichkeitsvergehen, zu denen der Alkohol direkt anreizt oder die von Leuten begangen werden, die ſich herunter⸗ gelebt und heruntergetrunken, wen anders treffen ſie als SFrauen? Aber von ſolchen kraſſen Fällen abgeſehen. Wenn ein junger Mann, der Stolz und die Freude ſeiner Mutter, ſinkt, wenn er zum erſten Male der Proſtitution anheimfällt, hat nicht faſt ausnahmslos der Klkohol den Kuppler geſpielt, ihm die Widerſtandskraft geraubt? Wie viele der geſchlechtlichen Erkrankungen, die ſpäter auf Srau und Rinder übertragen werden oder die— auch das trifft die Frau— einem mann die heirat zur Unmöglichkeit machen, ſind in halb bewußtloſem Fuſtand, im Alkoholrauſche erworben? Und um ein Mädchen zu Fall zu bringen, gibt es da ein beſſeres Mittel— Wüſtlinge machen daraus kein hehl— als ihr tüchtig zu trinken zu geben? Wahrlich, der Alko⸗ hol iſt der ſchlimmſte Feind der Frauen und ebenſo der Kinder, an denen nun doch einmal das herz jeder Mutter hängt. Darum tun die Frauen recht, den Rampf mit dieſem gerade dem deutſchen Volke verhängnisvollſten Dämon mit aufzu⸗ nehmen. Drei Milliarden werden in Deutſchland jährlich für Alkohol verausgabt. Das bedeutet, da die Mittel zu ſonſtigen Hus⸗ gaben dadurch verringert werden, eine herabminderung der Lebensführung zahlloſer Familien. Frühzeitige Erkrankungen an hHerz, Leber und Nieren hat der Alkoholgenuß mit zur Folge, Erkrankungen, die den Tod vieler noch im beſten Mannesalter ſtehenden Männer verurſacht. Nicht etwa nur notoriſcher Säufer, wie man lange zu glauben geneigt war, ſondern durchaus mäßig trinkender Männer, die nur ein wenig auch über die Univerſitätsjahre hinaus an ſtuden⸗ tiſchen Sitten— Stammtiſch, Frühſchoppen— hängen ge⸗ blieben ſind oder ſich durch ſchon im Rnabenalter begonnenen Klkoholgenuß, wohl auch durch zu intenſives kommentmäßiges Trinken in den Studentenjahren die Geſundheit allzufrüh unter⸗ graben hatten. Die ſo viel frühere Sterblichkeit der Männer, von der wir im erſten Abſchnitte ſprachen, die der Frau den Gatten, den Kindern den Vater raubt, iſt wohl nicht mit Unrecht mit auf unſere Trinkunſitten zurückgeführt worden, beſonders wenn man bedenkt, in welch engem Suſammenhang Alkohol⸗ mißbrauch und Unſittlichkeit und die dadurch erworbenen Krankheiten ſtehen.„Von den 150 Millionen Mark, die Deutſchland nach amtlicher Schätzung jährlich durch die Ge⸗ ſchlechtskrankheiten einbüßt(auf Preußen fallen davon 90 Mil⸗ lionen), fallen mittelbar ½— 9⅞ dem Alkoholmißbrauch zur Laſt“ ¹).— 30 000 Geiſteskrankheiten waren in einem Jahre auf die Folgen von Alkoholmißbrauch zurückzuführen, 1600 Selbſtmorde, 1300 Unglücksfälle mit tötlichem Ausgang, 32 000 Armenpflegefälle ²). Die Stadt halle a. S. gab in einem Jahre allein 120 000 Mk. zur Unterſtützung notleidender ¹) Dr. Laquer, Wiesbaden,„Alkohol⸗ und Sexualhugiene“. Band II No. 3 u. 4 der dtſch. Geſ. z. Bek. d. Geſchlechtskrankheiten. ²) J. Gonſer in ſeinem auf dem Frankfurter Wohnungskongreß gehaltenen Referat. Familien aus, die durch Trunkſucht des Daters ins Elend ge⸗ raten. Auch von den Eheſcheidungen(1892— 1901 ſchwankten ſie zwiſchen 836 und 984) kommen wohl viele auf Conto des Alkohols. Jeder Beſſerung muß die Einſicht vorangehen. Daß ſolche Fuſtände einreißen konnten, lag zum großen Teil an mangelnder Einſicht. Ganz beſonders die Herzte haben durch Ueberſchätzung des Alkohols lange Zeit verderbenbringenden Irrtum verbreitet. Aerzte aber ſtehen jetzt— ſoweit ſich ihr Wiſſen auf dieſem Gebiete geklärt und ſoweit ſie bei ſich ſelbſt Herr über alt eingewurzelte Sitten zu werden vermochten, was leider nicht immer der Fall iſt— an der Spitze der Unti⸗ alkoholbewegung. Große Vereine— der Verein gegen Miß⸗ brauch geiſtiger Getränke, Enthaltſamkeitsvereine verſchiedenſter Richtung, darunter auch der von Ottilie hoffmann in Bremen begründete abſtinente Frauenbund— haben durch ihre unermüdliche Arbeit viele von unſeren, im Punkte der Alkoholfrage beſonders empfindlichen Deutſchen zum Nach⸗ denken, wenn auch leider erſt in geringem Umfange zur prak⸗ tiſchen Umkehr, gebracht. Auch die Regierungen verſchließen ſich nicht mehr der Einſicht, daß ſyſtematiſches, ſchon in der Schule beginnendes Bekämpfen der Alkoholſeuche unabweis⸗ bare pflicht iſt. Das Verteilen des„Merkblattes gegen den Alkohol“ von ſeiten des Reichsgeſundheitsamtes, die für die Volksſchulen angeordnete Aufklärung über die verderblichen Folgen des Alkohols ſind Zeugnis dafür. Selbſt in einem als Weinland durch Vorgehen in dieſer Frage beſonders be⸗ troffenen Landesteile, in der Rheinprovinz, verbreiteten die Blätter(Oktober 1904) folgenden Erlaß: Einſchränkung des übermäßigen Klkoholgenuſſes. Kus den bisher erſtatteten Berichten hat der Oberpräſident — der Rheinprovinz— wie es in einem Erlaſſe an den Regierungspräſidenten heißt— mit Befriedigung erſehen, daß bereits viele Kommunalverwaltungen und induſtrielle Unter⸗ nehmungen in der Rheinprovinz es ſich haben angelegen ſein laſſen, Maßnahmen zur Einſchränkung des übermäßigen Alko⸗ holgenuſſes zu treffen und daß weitere Erfolge der gegebenen Anregungen erhofft werden dürfen. Der herr Oberpräſident empfiehlt, folgenden Maßnahmen die Aufmerkſamkeit zuzu⸗ wenden: 1. Lieferung alkoholfreier Getränke ſeitens der Ar⸗ beitgeber zum Genuſſe während der Arbeitszeit unentgeltlich oder zum Selbſtkoſtenpreiſe, 2. Derbot des Genuſſes von Klko⸗ hol auf der Arbeitsſtätte, 3. Einrichtung von Kaffeewirtſchaften, die ſchon von Cagesbruch an offengehalten werden, wodurch den Arbeitern Gelegenheit geboten wird zum Genuß von Kaffee in den frühen Morgenſtunden und zum Mitnehmen zur Arbeit, 4. Gewährung guter Lektüre in den Kufenthalts⸗ räumen bei Fabriken, 5. Bekämpfung des Verabfolgens von geiſtigen Getränken auf Borg. Damit ſind beachtenswerte Richtlinien für erfolgreiche Bekämpfung der beſtehenden Uebel gegeben. Kufklärung und Verbot allein tut es nicht. Es muß Klkoholerſatz in mög⸗ lichſt mannigfaltigen alkoholfreien Getränken geſchaffen wer⸗ den. Und eingedenk der Tatſache, daß die haupterholung (oft die einzig erreichbare!) des Volkes, die einzige Abwechs⸗ lung, die ſich ihm bietet, Alkoholgenuß und— Unſittlichkeit iſt, meiſt beide vereinigt, muß man auf Gelegenheit zu ver⸗ edelter Dolkserholung hinwirken. Bibliotheken, Dolks⸗, hoch⸗ ſchulkurſe, Dolkskonzerte, gute billige Cheateraufführungen, Verbreitung guter Bücher für Jung und Alt u. a. m., das alles ſind Hilfsmittel im Kampf gegen den Klkohol. Gründ⸗ liche Gaſthausreform nicht zu vergeſſen. eEEEE Eins aber muß hinzukommen und das ſcheint manchem, der das arbeitende DVolk gern zur Mäßigkeit ermahnt, an ſich ſelbſt undurchführbar: das Beiſpiel der höheren Stände. Den einfachen Mann vor Klkohol zu warnen, dabei ſelbſt am Frühſchoppen und Dämmerſchoppen, an Diners und Soupers mit der obligaten Folge leichterer und ſchwererer Weine feſt⸗ zuhalten, über den Abſtinenzler und Cemperenzler zu ſpötteln, nur den Schnapstrinker zu verdammen, obwohl ihm meiſt nur die Mittel zu Wein und Bier und Champagner fehlen, das iſt ein Meſſen mit zweierlei Maß, das demoraliſierend wirken muß und den Kampf gegen die klkoholnot vollkom⸗ men illuſoriſch macht. Unſere Geſellſchaftsgewohnheiten, unſere ſtudentiſchen Sitten machen alles zunichte, was durch Kluf⸗ klärung des Volkes von ſeiten Einſichtiger erreicht wird. Mögen die Frauen, die ja— wie man ſo gern ſagt— die Sitten unſerer Geſellſchaft beſtimmen, die perſönlich und in ihren Kindern am Schwerſten betroffen werden durch den Alkoholismus, den Mut gewinnen, gegen die Crinkunſitten in unſerem Geſellſchaftsverkehr Front zu machen. Mögen aber auch die Männer, die Profeſſoren, die Kerzte, die Geiſt⸗ lichen, und insbeſondere auch die Lehrer an unſeren höheren Rnabenſchulen, die häufig noch allzu lax und allzu ſehr in alter Gewohnheit befangen von irgendwelchen pflichten auf dieſem Gebiete nichts wiſſen wollen, mithelfen, unſere deutſche Jugend wehrhaft zu machen zum Rampfe gegen unſer Nationallaſter: gewohnheitsmäßiges, unmäßiges Crinken. Sonſt wird das Ringen im Wettkampfe der Nationen, die z. T. — ich erinnere an Amerika— energiſch gegen das Alkoholun⸗ weſen vorgehen oder wie Japan abſtinent ſind, für das deutſche Dolk kein Siegen bedeuten Nun iſt fraglos das völlige Abſtinententum, das die ziel⸗ bewußteſten Alkoholgegner verlangen, zunächſt ein hemmnis, die Antialkoholbewegung in unſerem Volke auszubreiten, ſo richtig und unbeſtreitbar notwendig ſolch radikales Vorgehen auch iſt. Aber der Sprung von unſeren bisherigen Anſchau⸗ ungen zu vollſtändigem Abſtinententum iſt ein zu großer. Selbſt die Gebildeten im Volke begreifen es nicht, wie man ſo lange eine derartige Volksvergiftung hat zulaſſen können, begreifen es nicht, daß die Gefahr des Alkoholgenuſſes erſt ſo langſam erkannt wurde. hat man doch von Mediziner⸗ ſeite lange Seit ſelbſt Kindern Alkohol verordnet; an den Univerſitäten wurde und wird das Trinken nach Geſetzen und Regeln geradezu pflichtmäßig betrieben. Statt von Staats⸗ wegen Produktion und Konſum einzudämmen, wurde beides gefördert; Wirtshäuſer wurden in immer größerer Anzahl kon⸗ zeſſioniert, die Derſuchung zum Alkoholgenuß wurde dadurch ſtändig geſteigert. So kam es, daß ein großer Teil des ge⸗ ſamten Acker⸗ und Gartenbaulandes im Deutſchen Reich zur Herſtellung geiſtiger Getränke bebaut wurde. Weite Landſtrecken dienen ausſchließlich dem Weinbau, dem Hopfenbau. Ein heer von Krbeitern wird mit dem Bau von Brennereien, der Einrichtung, dem Betrieb von Braue⸗ reien u. dgl. beſchäftigt. Dazu kommen alle Kaufleute und Swiſchenhändler, die den Alkohol weiter verbreiten, Gaſtwirte, Rellner und Rellnerinnen. In größeren und kleineren Städten ſteht ein Bierpalaſt, eine Weinſtube, ein Café, oder auch eine Rneipe neben der anderen. Ein plötzlicher Umſchwung der Anſchauungen würde ein heer von Krbeitern, Arbeitgebern, Landwirten, Fabrikanten, Gaſtwirten, händlern u. a. m. brot⸗ los machen. Nicht einen plötzlichen Umſchwung ſoll man darum fordern, ſondern ſchrittweiſe aber energiſch vor⸗ gehendes Eindämmen. Ran darf nicht einfach mit — I3AN 175 dem Beſtehenden paktieren, man muß ſich klar darüber wer⸗ den, welche volkshygieniſchen, volkswirtſchaftlichen und kultu⸗ rellen Nachteile es mit ſich bringt, wenn immer weiter, wie ein hervorragender Gelehrter ſagt,„vielleicht der zehnte Teil der ganzen ziviliſierten Menſchheit im Schweiße ſeines Ange⸗ ſichts jahraus, jahrein, tagaus, tagein mit raſtloſer haſt ar⸗ beitet, um Gift zu produzieren und zu verteilen, und alle mit einander konſumieren es, um rbeitskraft zu vernichten, die Kaſſen zu leeren, die Armenhäuſer, die Krankenhäuſer, die Irrenhäuſer, die Zuchthäuſer zu füllen!“ Wem das Wohl unſeres deutſchen Volkes ernſtlich am hHerzen liegt, der muß Wege zur Abhilfe ſuchen. Mögen ſie auch der Eigenart jedes Einzelnen entſprechend verſchieden geartet ſein.— Mag der Einzelne Abſtinent werden und durch ſein Beiſpiel andere zur Nachfolge aneifern, mag der andere unerſchrocken gegen jedes Zuviel, jedes zwangs⸗ mäßige Trinken auftreten. Mag man die neu heranwachſende Generation durch rechtzeitige Aufklärung vor dem Verſinken in ſchädliche Trinkgewohnheiten bewahren. Erfolg aber wird durchgreifend, dauernd nur zu erzielen ſein, wenn man nicht nur den Alkoholkonſum eindämmt, ſondern zu gleicher Seit die Alkoholproduktion durch geſundheits⸗ fördernde Produktionsarten erſetzt. Wenn man den Weinbauer Obſtbau lehrt, die Konzeſſionierung eines Wirts⸗ hauſes vom Führen alkoholfreier Getränke zu mäßigen, feſt⸗ geregelten Preiſen abhängig macht, wenn man Wirtshäuſer überhaupt nur dann konzeſſioniert, wenn ein Bedürfnis wirk⸗ lich vorhanden iſt, nicht erſt— durch die wachſende Sahl der Wirtshäuſer— künſtlich erregt wird. Die Verführer der Jugend aber, darauf möchte ich noch⸗ mals beſonders hinweiſen, auf dieſem Gebiete wie auf dem Weg zur Unſittlichkeit ſind faſt durchweg diejenigen, die ſelbſt nicht Rraft genug hatten zu widerſtehen oder die man ungewarnt ihren Weg nehmen ließ. Sklave ihrer Gewohnheit geworden, iſt es ihnen ein läſtiger Ge⸗ danke, junge Menſchen neben ſich zu ſehen, die ſtärker, ſelbſt⸗ bewußter ſind als ſie es waren. Und— das iſt ein Vor⸗ wurf, den wir den Männern nicht erſparen können— ſelten nur hat ein andersdenkender Mann den Mut, ſeinen abweichen⸗ den Standpunkt der herde gegenüber geltend zu machen, einen Jüngling in der Verſuchung zu ſtützen. Tauſende blieben bewahrt, wenn alle, die einſichtig wären, ihnen zur rechten Zeit die Hand reichten, wenn nicht zu viele achſelzuckend ſich umwendeten:„Was gehet das mich an? Da ſiehe Du ſelbſt zu.“ Unter den deutſchen Frauen— das erwähnte ich ſchon— hat Ottilie hoffmann⸗Bremen durch Wort und Tat bahnbrechend gewirkt. Für Gaſthausreform treten weitere Kreiſe ein. Was aber von allen Seiten vor anderem gefordert wird, das iſt Bewahrung, Rettung der Jugend durch Kufklärung im hauſe und in der Schule. Unter Volksſchul⸗ Lehrern und ⸗Lehrerinnen greift die Kbſtinentenbewegung immer mehr um ſich, während die Lehrer der höheren An⸗ ſtalten, aus deren Schülerkreiſe die jungen Leute hervorgehen, die einſt dem Volke Führer werden ſollen, hinter ihren Kol⸗ legen von der Volksſchule leider noch weit zurückſtehen. Solge jedenfalls ſtudentiſcher Sitten, als deren unmittelbare, ver⸗ hängnisvolle Folge wir auch die hohe Zahl der Geſchlechts⸗ kranken unter den Studenten, den Söhnen gebildeter Stände erkennen lernten. Mögen doch Lehrer und AUerzte und Geiſtliche erkennen lernen und lehren: Wer den Alkohol bekämpft, trifft am ſicher⸗ ſten auch den vom Alkoholgenuß oft untrennbaren Solgezuſtand: ſittliches Verfehlen. Ohne daß der Alkohol ihnen ihr klares Bewußtſein raubt, würden weit weniger Männer, auch weit weniger Mädchen auf die abſchüſſige Bahn geraten. Der Kl⸗ kohol iſt der Kuppler auch noch in ſpäteren Jahren. Eine gleich bedrohliche Erſcheinung unſeres ſozialen Lebens aber wie der Alkoholismus iſt die Wohnungsnot, gleich jener Wurzel der Unſittlichkeit, nur noch ſchwieriger zu bekämpfen, da ihre Beſeitigung nicht in der Macht des Einzelnen ſteht. Die Wohnungsnot ſcheint mit unſern beſtehenden wirtſchaftlichen Verhältniſſen untrennbar verbunden. Die Frage der Wohnungs⸗ und Bodenreform liegt auf den erſten Blick weit entfernt von dem eigentlichen rbeits⸗ gebiet der Frauenbewegung, ſcheint wenig Berührungspunkte mit ihr zu haben. Aber das ſcheint nur ſo. Denn wie von jeder ſozialen Not, werden auch von der Wohnungsnot, die mit der Frage der Bodenreform untrennbar verknüpft iſt, Frauen hart betroffen. Als Einzelne oder in ihrer Eigenſchaft als Gattin und Mutter. Die Frauen tuen deswegen recht, ſich auch in dieſes Problem einzuarbeiten, um auch auf dieſem Gebiet helferin und Mitarbeiterin des Mannes werden zu können. Nur einen kurzen Ueberblick über die Verhältniſſe, die die Wohnungsnot in Deutſchland hervorgerufen, möchte ich geben. Kusführliches Eingehen auf alle dabei in Betracht kommende Für und Wider würde, ſelbſt wenn die Frage ſchon ſpruchreif wäre, was aber durchaus nicht der Fall iſt, den Rahmen dieſer Ausführungen weit überſchreiten. Das Wohnungsproblem iſt eins der ſchwierigſten, das unſere großſtädtiſche, unſere kapitaliſtiſche Entwicklung ge⸗ zeitigt. „Die ſoziale Welt“, ſo ſagt Friedrich Naumann,„iſt in manchen Dingen wunderlich eingerichtet, es gehört ſchon viel Geduld und Geſchichtskenntnis dazu, dieſe Wunderlichkeiten auch nur zu verſtehen. Eine ſolche Wunderlichkeit iſt es, daß wir für allerlei Dinge die genaueſten Vorſchriften und Regeln haben, daß man aber einen ſo gewaltigen Dorgang wie die Verteilung der neuen Millionen von Menſchen auf dem alten Raume ſich ganz ohne ordnende Ueberlegung vollziehen läßt. Wir haben Bodenrechte, die in keiner Weiſe daran denken, den Boden als die Lebensgrundlage einer ſich verdoppelnden Maſſe anzuſehen, Bodenrechte für eine ſich gleich bleibende Bevölkerung. Das nämlich war nicht der urſprüngliche Sinn der Eigentumsrechte am Boden, einen immer größer werden⸗ den Ceil der Menſchen zu Schuldnern derer zu machen, die Land beſitzen. Der alte Sinn des Bodenrechts iſt der, dem Ackersmann den Ertrag ſeiner eigenen Mühe zu ſichern. Dieſer alte Sinn des Rechtes wirkt natürlich auch heute noch fort, aber neben ihn hat ſich ein zweiter Sinn geſchoben: die neu⸗ geborenen Rinder ſollen dafür arbeiten müſſen, daß ſie land⸗ arm geboren werden, der Bevölkerungszuwachs ſoll denen zinspflichtig ſein, die das Erbe der alten Bodenbeſitzer in der hand haben! Ein Recht, das an ſich nur ein Arbeitsrecht war, wird zum herrſchaftsrecht. Um es möéöglichſt deutlich zu ſagen: die zwanzig Millionen Menſchen, um die ſich bis zum Jahre 1925 unſer Volk ver⸗ mehren wird, werden faſt alle zur Miete wohnen müſſen. Zur Miete wohnen bedeutet aber für die Menge der Bevöl⸗ kerung, die in Zukunft noch mehr als bisher vom Lohne leben wird, daß in jedem Monat eine ganze Unzahl CTage hindurch nur für das nackte Recht der Bodenbenutzung gear⸗ beitet werden muß, denn in jeder Miete ſteckt neben der Amortiſation der Bau⸗ und herſtellungskoſten und neben dem Verwaltungsbeitrag als Grundbeſtandteil die Sa hlung für das Recht, auf der Erdoberfläche über⸗ haupt zu verweilen. Dieſes Recht wird immer teuerer.“ 121 Tage, ſo führte ein Redner auf dem Frankfurter Wohnungskongreß aus, braucht der Arbeiter in elen Fällen, nur um das Geld für die Miete zu verdienen. 6, ¼, ja bis ½ des Einkommens nahm in 320 von 566 Fällen in münchen nur der Mietzins in Anſpruch ¹). Je kleiner die Wohnung, deſto höher im Verhältnis der Preis. 1895 lebten in Wohnungen mit nur 1 heizbaren Zimmer in Berlin 710 322 Menſchen. Hm 1. Dezember 1900 gab es in Berlin unter ins⸗ geſamt 470 000 Wohnungen 4 086 Wohnungen, die nur aus einer Küche beſtanden, 1 761 5 die nur ein unheizbares Simmer hatten (darunter 658 ohne eine Küche daneben), 197 394 5 beſtanden aus einem heizbaren Zimmer (darunter 32 812 ohne Nebengelaß), 132 144 3 hatten zwei, 55 628 2. drei heizbare Simmer. In anderen Städten iſt es durchaus nicht beſſer. So gab es in Danzig ebenfalls 1900 Wohnungen von einem Simmer mit oder ohne Küche. München, Breslau zeigen ähnliche Sahlen. Und von dieſen kleinſten Wohnungen waren 10—20% mit 6 oder mehr Perſonen belegt. Nicht etwa nur Angehörige der eigenen Familie. ⁄ aller überfüllten Wohnungen, das Oſtende ausgenommen, waren in München durch Aftermieter überfüllt, 6 davon ſind Schlafgänger.— 61 765 haushal⸗ kungen mit Schlafleuten zählte man am 1. Dezember 1900 ¹) Dieſe und die nachfolgenden Statiſtiken aus„die Wohnungs⸗ not“ von C. J. Fuchs⸗Freiburg i. B. Süddeutſche Monatshefte. I. Jahrg. XI. Heft. Nov. 1904. Krukenberg, Frauenbewegung⸗ 12 in Berlin, davon 3,17% in Wohnungen mit 1 ö5immer, 41,18% in Wohnungen mit 2 Zimmern, 46,51% in Woh⸗ nungen mit 5 Zimmern. In 1958 haushaltungen ſchlafen in Berlin in einem einzigen Raume Eltern, RKinder und Schlaf⸗ leute bis zu 10 Perſonen, in 48 Sällen ſogar Schlafleute beider⸗ lei Geſchlechts.— Manche Schlafſtellen wurden nachts von Cages⸗ arbeitern, tags über von Nachtarbeitern benutzt. So ſchläft z. B. in demſelben Bett tags ein Bäckergeſelle, nachts eine Kellnerin ¹). Solche Angaben mögen genügen. Nicht darauf kommt es hier an, eine Abhandlung über Wohnungsfrage zu ſchreiben. Sondern nur darum handelt es ſich, einen Begriff davon zu geben, wie alles Arbeiten auf dem Sittlichkeitsgebiete— ſo⸗ weit die ärmeren Klaſſen in Betracht kommen— vergeblich iſt, ſolange wir Wohnungsverhältniſſe behalten, wie die eben genannten. Dem Volke Sittlichkeit zu predigen, bleibt leere Phraſe, wenn wir nicht gleichzeitig mit hand anlegen, in unſerem Wohnungsweſen durch geſetzliches, kommunales und genoſſenſchaftliches Dorgehen geſundere Zuſtände zu ſchaffen. Schon das Kind muß verderben, muß abſtumpfen bei der⸗ artigem Wohnen. Wenn die Frau zur Dirne wird ſchon in jungen Jahren, wenn der Mann ſolchem Maſſenquartier, das man doch unmöglich als heim bezeichnen kann, entflieht, wenn er ins Wirtshaus geht, um ſich, bevor er nach hauſe kommt, Gefühlloſigkeit anzutrinken, wer hat den Mut, Steine auf ſie alle zu werfen? Die beſſer ſituierten Klaſſen wahrlich, die haben nicht annähernd ſoviel Urſache wie dieſe Männer, Ver⸗ geſſen im Alkoholrauſche zu ſuchen. Die jungen Männer unſerer Kreiſe, die aus geſunden, reinen, in geräumigen Wohnungen lebenden Familien kommen, die haben keine Entſchuldigung 4) Deutſche Volksſtimme XIV. No. 1903. Ae EE —— für ſittliches Verfehlen wie dieſe Aermſten, die Unſchuld oft nicht einmal in ihren Kinderjahren gekannt haben. Ueber dieſe aber bricht man den Stab, jenen anderen verzeiht man lächelnd jeglichen Fehltritt. Rönnen nun die Frauen irgendwie mithelfen, um die troſtloſen Zuſtände auf dem Gebiete des Wohnungsweſens zu mildern und zu beſeitigen? Ich erwähnte vorhin ſchon, daß die Frage zum großen Teile noch ungeklärt iſt, daß man auch auf dem Frankfurter RKongreß nach Mitteln und Wegen zur Kbhilfe vergeblich aus⸗ ſchaute. Nur ſtaatliche Regelung kann dauernd und wirkſam helfen. Aber viel iſt doch ſchon gewonnen, wenn die Erkenntnis von der Notwendigkeit, ſolche Abhilfe zu ſuchen, immer wei⸗ tere Kreiſe ergreift. Und dazu können auch die Frauen das ihrige tun. Sie können Aufklärung verbreiten über die herr⸗ ſchenden Zuſtände, können Frauen und Männer von den be⸗ ſtehenden Mißſtänden ſprechen, können die Wege nachzuprüfen, die Vorſchläge nachzudenken verſuchen, die zur Knbahnung von Reformen eingeſchlagen und gemacht werden. Organiſiert arbeiten die Frauen auf dieſem Gebiete bereits in der Gruppe der Bodenreformer. Auch unter den Mitgliedern des Vereins„Reichswohnungsgeſetz“ ſind eine Reihe von Frauen und Frauenvereinen. Und Einzelheiten laſſen ſich auch jetzt ſchon be⸗ kämpfen. So wurde in Frankfurt a. M. von ſozialdemokra⸗ tiſcher Seite mit Recht hervorgehoben, wie menſchenunwürdig vielfach die Dienſtboten wohnen. 22 chm Luftraum fordert der Staat für jeden Gefangenen, 10 chm gelten in Berlin als vorſchriftmäßig genügend für Dienſtboten. Oft werden ſie auch im Badezimmer, auf dem Slur hinter einer Gardine ſchlafend, 12* untergebracht. So wurde berichtet. Kinderreiche Familien bezahlen, ſoweit ſie überhaupt Unterkunft finden, doppelte Mietpreiſe.— Gegen ein Hinaus⸗ ziehen aufs Land ſträuben ſich aber trotz ſolcher Zuſtände häufig gerade die Frauen. Sie meinen, das Wirtſchaften ſei draußen viel umſtändlicher. Großſtadtvergnügungen ſtehen ihnen höher als eine ſich geſund entwickelnde Kinderſchar. Die Unruhe, die Nervoſität, die Sucht nach Anregung, nach Kb⸗ wechslung hat gerade unſere Frauenwelt in bedenklicher Weiſe ergriffen. Sie tragen Mitſchuld an der Flucht vom Lande hinein in die Städte, ſie müſſen auch Mithelfer werden bei einer hoffentlich immer ſtärker einſetzenden zurückebbenden Bewegung. Und Mithelfer müſſen insbeſondere die Frauen gebildeter Stände werden, wenn es ſich um ſchlimmſte Miß⸗ ſtände zu beſeitigen, um Durchführung einer ernſten Wohnungs⸗ inſpektion handelt. Weibliche Beamte ſind auf dieſem Ge⸗ biete nicht nur ſachverſtändig und ſcharfſichtig, ſie können auch beſſer noch als der Mann auf gute Inſtandhaltung der Woh⸗ nung hinwirken, was ſehr weſentlich zur hebung der Volks⸗ wohlfahrt beiträgt. Denn ſie ſind Frauen und verſtehen da⸗ her zu Frauen zu ſprechen, ſie anzuleiten, ihnen praktiſche Winke zu geben. So iſt auch hier Frauenhilfe von Wert. Ich habe— bevor ich nun auf die Aufklärung der Jugend über geſchlechtliche Dinge eingehe, mit Willen die Behandlung der Alkohol⸗ und Wohnungsfrage vorausgeſchickt. An dieſen drei Punkten— Bekämpfung der Alkohol⸗ und Wohnungsnot und der Unwiſſenheit unſerer Jugend— glaubt man zur Bekämpfung der Unſittlichkeit einſetzen zu müſſen. Die Beleuchtung dieſer beiden erſten Punkte aber wird die Forderung erklärlich machen, die Kufklärungsfrage nicht ein⸗ fach für alle Kinder gleichmäßig, womöglich in der Schule in — pflichtſtunden zu behandeln, ſondern je nach der Art, in der die Kinder aufwuchſen, je nach den Gefahren, denen ſie ent⸗ gegengehen, den Unterricht zu individualiſieren. am erwünſchteſten ſcheint mir Aufklärung im hauſe, durch Vater und Mutter. Sittlich hochſtehende Eltern werden ſich — auch bei Eingreifen der Schule— dieſer Verpflichtung nie⸗ mals entziehen. Die Warnung vor dem Klkohol muß voraus⸗ gehen, da ohne ſolche Einwirkung der Kampf um Sittenrein⸗ heit den jungen Leuten unnötig erſchwert, oft zur Unmöglich⸗ keit gemacht wird. Wenn man nun aber die Schule mit ſolchem aufklären⸗ den Unterricht betraut(und bei der Unwilligkeit und Unfähig⸗ keit vieler Eltern dieſe Pflicht zu erfüllen, iſt das wohl unum⸗ gänglich nötig), ſo iſt dieſer Unterricht, ſo ſcheint mir, in der Volksſchule anders zu handhaben als in höheren Anſtalten, anders bei Rindern, die von der Schule aus direkt ins Leben hinausgehen, anders bei ſolchen, die unter ſicherem Schutz im häuslichen Kreiſe bleiben, anders daher— ſofern es ſich um Kinder höherer Stände handelt— bei Knaben wie bei Mädchen. Unwiſſend ſind die Rinder des Volkes, wie aus den ge⸗ ſchilderten Wohnungsverhältniſſen zur Genüge hervorgeht, durch⸗ ſchnittlich keineswegs. Ihnen gegenüber heißt es deswegen nicht nur Kufklärung, ſondern es heißt eine reine, geſunde, aber auch eine edlere, geheiligtere Kuffaſſung geſchlechtlicher Verhältniſſe zur Geltung zu bringen. Vieles kann man bei ihnen vorausſetzen, ſo gut wie bei Kindern, die draußen auf dem Lande aufgewachſen ſind, kann manches Ding viel ruhiger bei ſeinem Namen nennen, ohne Erſtaunen zu begegnen. Und je ſelbſtverſtändlicher man das tut, deſto erlöſender wird es auf alle die Kinder wirken, die bis dahin das, was ſie ſo oft in ihrer Umgebung ſahen, nur mit unlauteren, häßlichen A Namen benannt hörten. Die von Geheimniſſen reden hörten, die ihnen doch keine Geheimniſſe waren, die Lehrer und Lehrerinnen vor dem ausweichen ſahen, was das Leben ihnen doch als etwas ganz ſelbſtverſtändlich Dazugehörendes bot. Micht aufzuklären, ſondern zu veredeln heißt es darum in der Volksſchule und ganz beſonders vom naturwiſſenſchaftlichen, geſundheitlichen Standpunkt aus einzuwirken, die Kinder vor Verſchuldung und haltloſigkeit zu bewahren. Anders in der höheren Rnaben⸗ und Mädchenſchule. Ein dichter Schleier wird in den gebildeten Familien über alle ge⸗ ſchlechtlichen Vorgänge gebreitet. Ueber natürliche Dinge zu ſprechen iſt unſchicklich. Im höchſten Grade unpaſſend erſcheint die Art, in der der liebe Gott die Kinder in die Welt kommen läßt. Vom Verkehr zwiſchen Mann und Weib gar nicht zu ſprechen. Solchen Kindern gegenüber gilt es aufzuklären, ihnen — womöglich bevor ſie von Kameraden oder Dienſtboten auf unſaubere Gedanken gelenkt werden— Ehrfurcht und hoch⸗ achtung vor der in ſo wunderſamen Formen ſchaffenden Natur einzuflößen. Es gilt, ihnen den Suſammenhang aller leben⸗ den Weſen, die Hehnlichkeit aller Naturvorgänge bei Pflanzen und Tieren als etwas ganz Selbſtverſtändliches hinzuſtellen, auch den Menſchen als zuſammenhängend mit der ganzen übrigen Schöpfung zu ſchildern. Es gilt, ihnen die Liebe zwiſchen Mann und Weib als etwas Naturgewolltes und Reines, die Sorge für eine kommende Generation als heiligſtes hinzuſtellen, das uns verpflichtet, uns ſelbſt geſund und rein zu halten.„Weil die Sünden der Väter heimgeſucht werden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ Und weil der Menſch, trotz ſeines Suſammenhanges mit der Natur, ein vernunftbegabtes, ein höheres Weſen iſt als die ihn umgebende ANA Tierwelt. Tritt ein Rnabe dann ins Leben hinaus, ſo wird man ihn, wie unſere Welt draußen iſt, offen warnen und auf⸗ klären müſſen. AKuch über Proſtitution, Geſchlechtskrankheiten, über die Rolle, die der Alkohol als Kuppler der Unſittlichkeit ſpielt, iſt man ihm ein offenes Wort ſchuldig. Unwiſſenheit wird für viele zum Verhängnis.— Mädchen, die ihr Beruf aus dem hHauſe heraus führt, wird man ebenfalls Kufklärung ſchulden. 3u große Leichtgläubigkeit, blinde Vertrauensſelig⸗ keit fordert ihre Opfer.— Mädchen dagegen, die im Eltern⸗ haus bleiben— ich weiß, daß ich damit radikaler denkenden Aufklärern nicht entſpreche— haben m. E. wenigſtens in jungen Jahren Detail⸗Mitteilungen über Geſchlechtskrank⸗ heiten, Mädchenhandel und Proſtitution und andere Macht⸗ ſeiten unſeres Lebens nicht nötig. Dagegen wird ihnen gegen⸗ über und unbeſchadet jener Kufklärung auch unſeren Söhnen gegenüber das Wirkſamſte ſein, wenn wir ihnen Liebe und Ehe als etwas hohes, den ganzen Menſchen Forderndes, jede Rom⸗ promißehe als Vergehen gegen dashöchſte im Le⸗ ben hinſtellen. Aber Worte allein tun es da nicht, auch durch Caten müſſen wir ſprechen. Wer in der eigenen Familie reine Liebe geſehen, wem die Eltern das Glück vorgelebt haben, das Mann und Weib ſich geben können, der trägt ſicherſten Weg⸗ weiſer im herzen. Der Glaube an die Macht reiner Liebe, das inſtinktive Ablehnen alles Gemeinen, veredelte Freuden, ein reicher Intereſſenkreis ſind der beſte Schutz gegen alle Gefahren, die den Menſchen herabzuziehen, ihn zum TCier, ja tief unter das Tier herabzuwürdigen drohen. Wird nun aber die Frauenbewegung in ihrer weiteren Entwicklung veredelnd einwirken auf das Verhältnis zwiſchen Mann und Weib? Wird ſie nicht vielmehr durch allzu ſtar⸗ kes Betonen des Selbſtändigſein⸗Müſſens, durch Wecken der Freiheitsſehnſucht und des Unabhängigkeitsgefühles in den Frauen zerſetzend wirken auf das, was wir bisher an feinſten innigſten Beziehungen zwiſchen den Geſchlechtern kannten? Darauf ſoll der nächſte Abſchnitt Antwort geben. Mann und Weib. Die Stellung der Frau im Familienrecht.— Die uneheliche Mutter. Die Frauenbewegung, ſo meinen gar viele, ſei ein Kampf der Geſchlechter gegeneinander, ein Sich⸗Auflehnen der Frau gegen die hHerrſchaft des Mannes. Ein Sieg der Frauenbe⸗ wegung, ſo befürchten ſie, würde gleichzeitig eine Niederlage kraftvoller Männlichkeit, Niedergang, Verweiblichung des Ty⸗ pus Menſch bedeuten. Anſtelle der jetzt beſtehenden Männer⸗ herrſchaft, die von der Natur gewollt ſei, würde Frauenherr⸗ ſchaft, ein naturwidriger und darum geradezu unmöglicher Zu⸗ ſtand treten. Frauenherrſchaft bedeute Schwächung, Verweich⸗ lichung, Untergang aller lebenskräftigen Gebilde. Die das befürchten, vergeſſen, daß neben dem Runſtpro⸗ dukt der verweichlichten, überempfindſamen Dame, neben der ſich weit beſſer als der Mann dünkenden Emanzipierten unter den Frauen deutſcher Nation auch jetzt noch die kraftvoll und rein empfindende Frau, die ſich ſelbſt vergeſſende, aufopfe⸗ rungsfähige Mutter vorherrſcht, die nichts höheres kennt und erſehnt als im Manne den Dater ihrer Kinder, den Helden ihrer Seele, verehren und lieben zu dürfen. Sie überſehen, daß es nur Einzelne, Vereinzelte ſind unter den Frauen die Frauenvorherrſchaft für etwas Segensreicheres, weil, wie ſie meinen, Reineres, Gütigeres halten, als die kllein⸗ herrſchaft des Mannes. Die Mehrzahl der Frauen erſehnt Gemeinſchaftsleben, Ge⸗ meinſamkeitsarbeit der Geſchlechter. Freilich muß eine ſolche auf anderem Grunde erbaut werden als die jetzt beſtehenden Durchſchnittsverhältniſſe zwiſchen Mann und Weib ihn uns bieten können. Umwertung bisher gültiger Anſchauungen heißt es hier wie kaum irgendwo anders. Wer das Leben kennt, dem wird es verſtändlich erſcheinen, daß es zur Seit viele Frauen gibt, die hart werden, wenn ſie auf die jetzige Stellung von Mann und Weib zu ſprechen kommen. Viele, die perſönlich nur beſte Erfahrungen gemacht haben, ja ſelbſt ſolche, die bewußt in tiefſter Seele das Glück haben empfinden dürfen, das einzig Mann und Weib ſich zu geben vermögen, auch ſie ſehen eine Unſumme von Leid und Ent⸗ behren unter den Frauen rings um ſich herum. Sie wiſſen, daß es allzuhäufig der Mann iſt, der ſolches Leid über die Srau bringt. Ueber die einzelne Frau, aber auch über die Frauen als Allgemeinheit genommen. Großes dankt der Mann dem Weibe, ſeiner Mutter, ſeiner Schweſter, der Gattin oder Geliebten. Aber er wertet— als Maſſe genommen— die Frauen trotz⸗ dem gering. Wenn es ein Feichen hochentwickelten Seelen⸗ lebens iſt, Dank empfinden und Dankbarkeit zeigen zu können, ſo ſteht der Mann der Mehrzahl ſeiner Vertreter nach noch auf einer niederen Entwicklungsſtufe. Denn ſein Dank an die Frauen iſt: die Unmündigkeitserklärung der Frau. So hart wir das empfinden, ſo liegt darin doch noch längſt kein Grund für die Frau, ſich zu überheben, ſich beſſer zu dünken als der Mann. Wer gleich den Frauen über ein Minimum an Rechten verfügt, kommt natürlich nicht ſo leicht in Verſuchung, ſeine Macht zu mißbrauchen, andere einzuengen und bei Seite zu ſchieben. Wer auf gut geebneten Pfaden durchs Leben geht, wie viele ſorglos dahinlebende Frauen das tun, hat es leicht, Steine auf ſolche zu werfen, die in Geſtrüpp und Dickicht ſtraucheln. Die Frauen, die ſelbſt Machthaber— Kebeitgeber z. B.— ſind, ſehen wir durchaus nicht immer ihre Macht in einwandfreier Weiſe verwenden. Mädchen, die des häuslichen Schutzes entbehren, ſind ſittlich ebenſoleicht ge⸗ fährdet wie ein Mann. Und an Koheit, an ſelbſtſüchtigem handeln, wir können das in allen Bevölkerungsſchichten beobachten, geben Frauen den Männern oft durchaus nichts nach. herrſchaft der Frauen würde an ſich noch längſt nicht herrſchaft des Guten, des Reinen, des Edlen bedeuten. Gleich⸗ mäßig verteilt, ruht in Mann und in Frau, was den Men⸗ ſchen aufwärts entwickelt. Dies Göttlichſte im Men⸗ ſchen iſt nicht in Mann und Weib verſchieden. Es lebt viel⸗ mehr in beiden, es erhebt uns über ein nur von rohen In⸗ ſtinkten beherrſchtes Daſein, es hilft uns einander verſtehen und lieben. Mann und Weib, aber auch Männer unterein⸗ ander, Frauen untereinander ſtreiten und ſtoßen und verhöhnen und verleumden ſich, hadern mit⸗ und gegeneinander, ſolange niedere Inſtinkte allein in ihnen lebendig ſind.— Im Kon⸗ kurrenzkampf ſucht dann rückſichtslos der eine den anderen von dem Platz zu verdrängen, an dem er ſelbſt ſein Brot zu erwerben wünſcht. Und wenn es ſich um Tiebe handelt zwiſchen Mann und Weib, da nimmt der rohe Menſch rück⸗ ſichtslos ſein Recht, gleichviel ob er den anderen dadurch ver⸗ letzt und vernichtet. Daß, ſolange das gemeine Recht herrſchte, ein Mann daran denken durfte, ſeine Frau zur Erfüllung ihrer ſogenannten ehelichen Pflichten von Geſetzeswegen anzu⸗ halten, war ein Beiſpiel ſolch unentwickelter, ſich bis in unſere Zeit hineinſchleppender roher Geſinnung, gegen die die Frauen — rechtlos wie ſie waren— ſich vergeblich aufzulehnen ver⸗ ſuchten. Nicht davon ſollte immer und immer wieder zwiſchen Mann und Weib die Rede ſein, daß der eine unbedingt herrſchen, der andere ein für allemal gehorchen müſſe. Nicht um herrſchaft übereinander ſollten die Geſchlechter ſtreiten. Sondern das, was den Menſchen veredelt, ſollten beide in⸗ einander ſuchen und anerkennen und ſtärken. Nicht die Frau als ſolche und nicht der Mann als ſolcher — ich wiederhole das noch einmal— ſind berufen, die Menſch⸗ heit zu lichteren höhen zu führen. Nur diejenigen unter ihnen, das müſſen wir im Intereſſe der DVolkswohlfahrt dringend wünſchen, dürfen führend werden, dürfen ſich die hand zu gemeinſamer Arbeit reichen, die das Wort beherzigen:„Reinige zuerſt das Inwendige von Becher und Schüſſel“. Nur ſolche allein können einander wirklich Gutes geben, in denen jenes andere Wort zu lebendiger Wirkung gekommen:„Suerſt hei⸗ lige ich mich ſelbſt“. Nun möchte ich aber einem Mißverſtändnis vorbeugen. Wenn ich von„heiligen“ ſpreche, ſo denke ich dabei nicht an „heilig“ in kirchlich⸗mönchiſchem Sinne. Nicht an ein der Welt Entſagen und vor jeder frohen Sinnlichkeit Flüchten.„Nicht Entſagung predige ich Euch, ich predige Euch die Unſchuld der Sinne“. So etwas Unverdorbenes, Naturfriſches, Rei⸗ ZZ 2 nes, ſo etwas von ſinnesfrohem hellenentum ſollten wir ins Leben mit hineinnehmen. Achtung vor der in wunderſamen Formen ſchaffenden Natur ſollten ſchon die Eltern ihren Kin⸗ dern in die Seele pflanzen, ſie ſollten nicht ängſtlich, ein Zei⸗ chen, daß ſie ſelbſt nicht unbefangen und rein ſind, jedem Hin⸗ weis auf den Verkehr der Geſchlechter aus dem Wege gehen. Oder mit Lächeln, mit vielſagenden Blicken offenen Antworten ausweichen. Und ebenſowenig dürfte das die Schule tun. Die von dem Wort„Liebe“ ſorgſam gereinigten Bücher ſind ein Seichen unlauteren— nicht etwa reinen Empfindens. Kus trüben Quellen ſchöpfen die Kinder, wenn wir ihnen den reinen Quell— offene Kusſprache zwiſchen Eltern, zwiſchen Lehrern und Kindern— verſchließen. Jungen Männern gegen⸗ über, wenn ſie einen rechten Lehrer, einen ernſten, gewiſſen⸗ haften Vater hatten, iſt freilich wohl von jeher ein offenes Wort zur rechten Stunde verſucht worden. Die weibliche Ju⸗ gend dagegen erzog man lange, obwohl man ſie im übrigen ausſchließlich für die heirat beſtimmte, weltfremd und welt⸗ fern, prüde und ängſtlich, ſie der Natur entfremdend, gleich Nonnen. Je unwiſſender ein Mädchen in die Ehe ging, deſto beſſer erſchien das ihren Erziehern. Und dann ſtanden ſich nach der heirat zwei Kontraſte ſchroff gegenüber. Der Mann, der das, was die Natur wollte, freudig bejahte; die Frau, die ſich in Mannes Art nicht hineinzufinden wußte, die vor ſo vielem zurückſcheute, was das Leben nun von ihr forderte. Das mußte zu Konflikten führen. Das erklärte gar manchen heimlichen Zwieſpalt in ſonſt ganz normal erſcheinenden Ehen. Das trieb den Mann oft genug hinaus aus dem unerträglichen, langweiligen häuslichen Leben. Das macht auch die Furcht vor der Ehe verſtändlich, die viele junge Männer beherrſcht. Wie verſchieden Mann und Weib infolge der von Grund aus 189 von einander abweichenden, immer getrennten Erziehung in ihrem ganzen Denken und Empfinden geworden waren, wie wenig Gemeinſames ſie— in jeder Beziehung— beſaßen, das wurde ihnen oft erſt nach der heirat recht klar, wenn es zu ſpät war zu einem Zurück. Daher die große Zahl mit innerer Kbneigung oder doch gleichgültig nebeneinander herlebender Eheleute. Daher die niedrige Schätzung der Ehe und ehelichen Treue in weiten Kreiſen unſeres Volkes. Gegen ſolche Unnatur lehnte die Frauenbewegung ſich auf. Gemeinſamkeit der Erziehung, natürlicher unbefangener Ver⸗ kehr zwiſchen Knaben und Mädchen iſt zu einem ihrer Loſungs⸗ worte geworden. Berufsleben, Ehe und geſellſchaftlichen Ver⸗ kehr hofft ſie damit auf geſundere, reinere Grundlage zu ſtellen. Um ſolchen Verkehr zu ermöglichen, muß man auch unſeren jungen Mädchen größere Bewegungsfreiheit geben, muß ſie mehr, als das bisher geſchah, gewöhnen, unter Selbſtverant⸗ wortlichkeit zu handeln. Auch in ihrer Lektüre laſſe man ihnen größere Freiheit, verderbe nicht durch ſeichteſte Backfiſchlitera⸗ tur ihr geſundes Empfinden, überfüttere ſie nicht mit ſentimen⸗ talen unwirklichen Romanen. ls wenn es ihnen Schaden tun könne, wenn ſie frühzeitig unſere großen Dichter zur hand nähmen und wenn ſie auch durch einen von ihnen— durch Goethe vielleicht, der ſo ganz und ſo wundervoll Natur war — ſchon vor der Ehe etwas von dem hörten, was nun doch einmal das Schönſte bleibt im menſchlichen Leben, von der hin⸗ gabe zwiſchen Weib und Mann. Freilich gilt es— angeſichts des Anwachſens unſauberer Literatur— eins zu beachten: Vor Schlüpfrigem, Dekadentem ſollen wir unſere Jugend nach Möglichkeit bewahren. Daß unſere moderne Entwicklung oft unerfreulichſte Zuſtände zeitigt, kann ſich kein Einſichtiger verhehlen. Aber Verbote, Geſetze ee DE werden unſere Jugend nicht ſchützen. Das einzige Mittel bleibt immer, die Jugend ſelbſt widerſtandsfähig zu machen, ihren Idealismus, ihr natürliches, feines Empfinden zu ſtärken, ihr, ich ſagte das ſchon, ein an edlen Werten reiches Leben ſelbſt vorzuleben, gute, feſſelnde Bücher ſtets für ſie bereit zu haben. Dann findet ſie in ſich ſelbſt ſicherſten Maß⸗ ſtab. Sie wird, auch wenn ſie Einblick erhält in die Nachtſeiten des Lebens, ſich nicht beirren laſſen, ſondern immer feſter und zielbewußter dem Lichte zuſtreben. Dabei aber, ſo ſcheint mir, kann gerade die Frau dem Manne viel helfen. Denn— wie unſere Verhältniſſe liegen— iſt das junge Mädchen unſerer gebildeten Kreiſe dem jungen Manne der gleichen Kreiſe gegenüber oft im Vorteil. Ihr hat man reine, ſchöne Eindrücke zu vermitteln geſucht, vor Gemeinem ſuchte man ſie nach Möglichkeit zu ſchützen. Wer aber fragte danach, wenn ein junger Mann hinausging ins Leben, wo und wie er Verſuchungen widerſtand? Wer bot ihm draußen die hand? wer ging mit ihm? wer hielt den Glauben in ihm feſt, daß es nicht nur Frauen niederſter Krt, die für Geld ſich an jeden Mann wegzuwerfen bereit ſind, gibt, nicht nur Frauen, die in jedem jungen Manne einen hei⸗ ratskandidaten wittern, ſondern auch Frauen, die der Freund⸗ ſchaft, der Kameradſchaft fähig, warmherzige, reinempfindende Frauen— auch unter den jungen Mädchen unſerer gebildeten Kreiſe? Gemeinſam zu abſolvierende Studien, ein gemeinſam auszuübender Beruf, gemeinſam betriebener Sport führen heu⸗ tigentages viele junge Mädchen und Männer auch außerhalb des Salons zuſammen. Dadurch wird es den Frauen leichter gemacht als früher, mit dem Manne kameradſchaftlich zu ver⸗ kehren. Und wo ſie das tun, tun ſie ſich ſelbſt und dem Manne etwas Gutes damit. Kls Rnabe hat der Mann an die Reinheit der Frauen geglaubt. Sache der Frauen, mit denen er außerhalb des El⸗ ternhauſes in Berührung kommt, iſt es, dieſen Glauben in ihm wach zu erhalten, ihm zu zeigen, wie die Welt auch für den reifer werdenden Menſchen voller Schönheit iſt, trotz allem, was ſolche ihm ſagen, die ſich, ſobald man ſie frei ließ, in den Sumpf eingeniſtet haben oder die— bedauernswerter noch als dieſe— ſchon in ihren Knabenjahren mit Schmutz und Sitten⸗ verderbnis in Berührung kamen.. Wir brauchen nicht zu ſorgen, daß der Mann nichts wiſſen wolle von ſolchem Gemeinſchaftsleben und ⸗wirken, daß er unſere hand zurückweiſen würde, wenn wir ſie ihm in ehr⸗ licher Freundſchaft reichen. Als auf der Rölner Derſammlung des Allgemeinen Deutſchen Frauenvereins(herbſt 1903) eine unſerer hochgeſchätzteſten Führerinnen, Jka Freudenberg aus München, in ihrem Vortrage ausſprach, wie ſchwierig heutzutage die Verhältniſſe für junge Männer lägen, die ins Leben hinaustreten, wie auch die jungen Mädchen gefährdet wären durch die ſich immer unnatürlicher geſtaltenden Lebens⸗ bedingungen, wie die Frauen verpflichtet ſeien, über die ihnen bisher gezogenen Schranken hinauszuſchauen, ſich auch mit dieſen ſchwierigen ſittlichen Verhältniſſen vertraut zu machen, da ſtand ein Mann auf, ein angeſehener Kölner Bürger und dankte Fräulein Freudenberg für ihre Worte und bezeichnete es geradezu als Erlöſung, daß die Frauen den Mut ge⸗ funden hätten, auf dieſem Gebiete vorzugehen. Wer anders auch als die Frauen, die Mütter oder auch wohl die jungen Mädchen ſelbſt, könnte Beſſerung her⸗ beiführen, wenn es ſich um Umgeſtaltung des Verkehrs zwiſchen jungen Männern und jungen Mädchen gerade im Familien⸗ kreiſe handelt? Wer kann, wie Frauen das können, Ehe und ASSM— heim wirklich wieder zu Ehren bringen und an Stelle des ſteifen, unnatürlichen Verkehrs, vor dem die Männerwelt flieht, dem ſie ſelbſt ödes Rneipenleben vorzieht, eine wirklich herz⸗ erfreuende, zwangloſe Geſelligkeit ſetzen? Der Mann allein, daran müſſen wir feſthalten, kann den Kampf gegen die herr⸗ ſchenden Unſitten nicht aufnehmen. Die Frauen müſſen und werden, auch wenn es bisher noch nicht allgemein als ihre pflicht anerkannt wird, in dieſem Kampfe ſeine beſten hel⸗ fer ſein. Und ganz beſonders die Jüngeren unter den Frauen. Es iſt Naturgeſetz, daß der Mann die Frau zum Weibe be⸗ gehrt. Wenn aber ein Mann weiß, daß er jungen Mädchen gegenüberſteht, die nicht wahllos den erſten Beſten nehmen, die es vielmehr als die größte Schmach empfinden, wenn ſie ſich an einen Mann, den ſie nicht lieben können, der ihrer nicht wert iſt, fürs Leben wegwerfen, ſo wird auch der Mann lernen, höhere Anforderungen an ſich ſelbſt zu ſtellen. Je ge⸗ feſteter in ſich unſere jungen Mädchen werden, je mehr ſie ihre Selbſtſchätzung jungen Männern gegenüber zu wahren wiſſen, deſto ſeltener wird es vorkommen, daß ein Jüngling— wie man das jetzt wohl noch hört— mit ſiegesbewußtem Lächeln ſagt:„Wenn ich nur will— ich kann zehn haben für eine“. Wir empfinden es oft gar nicht, welch niedere Wertung der Frau in ſolchen Ausſprüchen liegt, wie auch in unſeren ganzen Verkehrsſitten ſolche niedere Wertung der Frau ausgeprägt iſt. Denken wir, um ein Beiſpiel zu nennen, an einen Ball⸗ ſaal: Junge Damen, ſonſt ſittſam verhüllt, werden vor den Kugen der Männer, um ſie anzuziehen, um ihnen zu gefallen, in dekollettierten Koſtümen neben einander aufgereiht. Da ſitzen ſie und warten, ob und wann es den hHerren der Schöpfung gefällt, ſie zu engagieren. Tanzluſtiger gewöhnlich als die aus dem Rauchzimmer oftmals kaum herauszubringenden hHerren. „Wir laden jetzt zu Canzdiners“ ſagte mir vor wenigen Jahren eine hamburger Dame.„Ohne Diner kommt uns kein herr.“ Aber dann, nachdem ſie gut geſpeiſt haben, Kaffee und Im⸗ portierte genommen, laſſen die Herren ſich allenfalls herbei, die jungen Damen ein wenig zu bewegen.— Weniger blaſierte Herren übrigens— das muß man, um gerecht zu ſein, doch er⸗ wähnen— ſprechen ſich ſchroff darüber aus, daß ihnen ekelt, wenn ſie ſehen müſſen, daß oft die an Kbenteuer und pikanten Ge⸗ ſchichten reichſten herren auf junge Mädchen und auf deren Mütter beſondere Anziehungskraft üben, während ein nicht zu den Lebemännern zählender Mann in Geſellſchaft weit we⸗ niger gilt. Umgekehrt üben ja freilich auch nicht die innerlich tüch⸗ tigſten, charaktervollſten Mädchen die meiſte Anziehungskraft auf die Männerwelt aus. Neben nmut und Schönheit, ein ja tatſächlich jedes Auge erfreuender Beſitz, ſpielen Rang und Stellung, ſpielt vor allem auch der Geldbeutel des dazugehö⸗ renden Vaters eine große Rolle. Gar mancher junge Mann wie übrigens auch manches junge Mädchen ſehen in der Heirat nur eine bequeme Art RKarriere zu machen, ſich ange⸗ nehme äußere Lebensverhältniſſe zu ſchaffen. Wie ſie ſich durch ſolche Art von Ehegemeinſchaft für ihr ganzes Leben entweihen, kommt ihnen nicht in den Sinn. Man redet ſo viel von der oft unwürdigen Stellung der Frau in der Ehe. Unwürdig aber iſt die Stellung der Frau in der Ehe vielfach nur deshalb, weil die Ehe von vornherein würdelos geſchloſſen wurde. Wenn Frauen, die ja, wie man ſagt, tonangebend ſind in unſeren Geſellſchaftsſitten und Anſchauungen, ſich ſelbſt ſo niedrig einſchätzen, daß ſie gleich⸗ viel um welchen pPreis nur vor allem zu heiraten ſuchen, Krukenberg, Frauenbewegung. 15 wie ſollten Männer auf den Gedanken kommen ſie hoch ein⸗ zuſchätzen? Die Liebe, ſo ſagt man, iſt das höchſte im Leben der Frau. Wie aber ſoll man von Frauen denken, die ihr höchſtes um äußerer Vorteile willen verkaufen? Und wie von Eltern, die ihren Töchtern eine ſo grundverkehrte Erziehung geben, daß ſie ahnungslos oder unüberlegt den folgenſchwerſten Schritt ihres Lebens tun? Klärung, Vertiefung, Veredlung erſehnen wir Frauen auf dem Gebiete der Liebe, der Ehe. Ich ſpreche mit Willen von der Ehe, nicht nur von der Liebe. Denn ich bin nicht der nſicht, wie man das jetzt öfters ausſprechen hört, daß das Inſtitut der Ehe etwas ſei, das ſich überlebt habe, etwas, das überwunden werden müſſe, um es durch eine freiere Art von Fuſammenleben zwiſchen Mann und Weib zeitgemäß zu erſetzen. Freilich müſſen wir, wenn wir unſer Eheleben wieder zu Ehren bringen wollen, die Ehe auch wieder in höherem, heiligerem Sinne faſſen lernen. Nur in einem echten Liebesbunde können Mann und Weib Glück finden. Nur einem echten Liebesbunde können Kinder entwachſen, kraftvoll und ſchön, nur von Eltern, die in feſter Seelengemeinſchaft verbunden leben, können ſolche Kinder die rechte Erziehung erhalten. Um unſerer ſelbſt und um unſerer Rinder willen müſſen wir gegen alle auf unechter Grundlage aufgebauten ehelichen Verhältniſſe Einſpruch erhe⸗ ben, müſſen uns aber auch, auf die Gefahr hin rückſtändig zu erſcheinen, gegen zu laxe, ſeichte Anſchauungen in Bezug auf Liebe und Ehe wenden. Der Begriff„freie Liebe“, wie er von der Mehrzahl der Menſchen gefaßt wird, iſt etwas, das unſerer deutſchen Art nicht entſpricht, etwas, das in die Tat umgeſetzt einen der Grundpfeiler unſeres Volksglückes, die Familie, vollſtändig erſchüttern würde. Freie Liebe an AAA Stelle der Ehe zu ſetzen, oder auch Mutterſchaft ohne Ehe zu predigen, verbietet— ſo lange wir nicht ſozialiſtiſche Maſſen⸗ erziehung als Ideal anſehen— ſchon die Rückſicht auf die Kinder, denen man das Beſte im Leben rauben würde, wenn ſie nicht vom eigenen Dater, von der eigenen Mutter ge⸗ meinſam erzogen werden dürften. Aber auch dem Manne und noch viel mehr der Frau böten wechſelnde, ſtändig zu löſende Verhältniſſe kein Glück. Unſern germaniſchen Volks⸗ ſtämmen iſt nicht umſonſt der Begriff Treue allzeit der höchſte, heiligſte Begriff geweſen. Treue freilich nur auf einem Grunde aufgebaut: nur dem ſelbſtgewählten herrn, dem ſelbſt⸗ gewählten Freunde, dem ſelbſterrungenen Glauben, der ſelbſt⸗ übernommenen pflicht haben wir Deutſche ſtets Treue erwieſen. Aufzwingen laſſen wir uns keinen Herrn und keinen Glauben, keine Pflicht und keine Lebensanſchauung. Darin liegt Frei⸗ heit, bevor wir uns binden. So ſollte es auch in der Ehe ſein. haben Mann und Weib aus freier Wahl, aus lauterem Willen ſich die Treue verſprochen, dann gilt es— wenn nicht ganz unglückliche Verhältniſſe zer⸗ rüttend einwirken— die Treue zu halten, unbedingt, bis daß der CTod ſie ſcheidet. Dafür tauſchen wir eins ein, was gerade in unſerer immer mehr haſtenden, immer ſchneller lebenden Zeit etwas überaus Köſtliches iſt: das Gefühl, in dem herzen eines Menſchen feſt verankert zu ſein, an einem Orte ſicher Wurzel geſchlagen zu haben, das Gefühl, eine heimat zu haben und einem anderen eine hHeimat zu bieten, auch wenn uns das Leben noch ſo viel hin und her wirft. Ich weiß, daß manche Menſchen Regelloſigkeit, Abwechslung lieben, daß es ihnen ein unerträglicher Gedanke iſt, für ihr ganzes Leben feſt an einen anderen Menſchen gebunden zu ſein. Aber ſolch feſtem Glück, ſolch tiefem, vollen Genügen wie eine echte Ehe, dieſes 13* ³SN e Freundſchaftsverhältnis auf Lebenszeit, ſie gibt, werden wir anderweitig nirgends begegnen. Eins freilich vorausgeſetzt: daß wir es mit Menſchen zu tun haben, die einander in ihrer Eigenart zu achten, die echte Toleranz zu üben wiſſen. Das iſt eine ſeltene Tugend, ſelten zwiſchen Parteien, zwiſchen Konfeſſionen, noch ſeltener zwiſchen Mann und Weib, die ſo grundverſchieden in ihrer Weſensart erſcheinen. Nur aus einem Grunde heraus kann ſolche Kchtung frem⸗ der Eigenart erwachſen: nur aus dem Verſtändnis für das naturgewollte, daher Gleichwertige anderer Krt, aus der Er⸗ kenntnis, daß der andere auch bei abweichender Anſchau⸗ ung es ehrlich und ernſt meint. Kus einer taktvollen Scheu in fremdes Seelenleben einzugreifen, einem anderen die eigene Aart als die allein ſelig machende rückſichtslos aufzuprägen. Solches Verſtehen und Rückſichtnehmen finden wir auf Seiten des Mannes infolge der niederen Wertung der Frau in unſerem ganzen öffentlichen Leben, infolge unſerer die Frau geradezu zur Unmündigen ſtempelnden Geſetze nur in ver⸗ hältnismäßig wenigen Ehen. Die Bevormundung aber, in der man die Frau hält, rächt ſich. Sie läßt in vielen unſerer Frauen kein DVerſtändnis aufkommen für das, was der Mann neben ihr zur freien, ungehinderten Entfaltung bedarf. Zur Laſt wird allzuleicht einer dem anderen, die Ehe gilt als Grab jeder individuellen Freiheit. Daher der Zauberklang, den das Wort„freie Liebe“ für Frauen und Männer bekommt. Aber freie Liebe als Zuchtloſigkeit genommen— und ſo verſteht man ja gemeinhin das Wort— kann uns Frauen, ich möchte das noch einmal wiederholen, niemals als erſtrebens⸗ wertes 5iel erſcheinen. Etwas anderes iſt es, wenn man dem Wort einen ande⸗ “ ren Klang gibt. Die für freiere Liebe, für eine freier ge⸗ ſtaltete Ehe am Wärmſten eintreten, die faſſen das Wort tat⸗ ſächlich reiner und höher ¹). Als das Zuſammenleben zweier ſich aus wahrer Liebe einander zu eigen gebender Menſchen, die in ſich frei, des eigenen Wertes ſich wohl bewußt, auch den Wert, die Eigenart des anderen anzuerkennen bemüht ſind. Als Zuſammenleben von Menſchen, die ſich frei machen vom Zwang des Konventionellen, die ſich die Freiheit wahren, ein Leben nach eigenem Geſchmacke zu führen. Die ſich gegen die Unſitten unſerer, gar manchen feinfühligen Menſchen ver⸗ letzenden Verlobungs⸗ und hochzeitsgebräuche empören, die ſich, auch im weiteren Zuſammenleben, lieber frei machen von dieſen und jenen Rückſichten, als daß ſie ſich leeren Vor⸗ ſchriften beugen. Aber iſt, um ſo leben und lieben zu können, ein Brechen mit allem Ueberlieferten notwendig? Wohl hält eine große Sahl, vielleicht die Mehrzahl un⸗ ſerer Ehen, nicht Stand, wenn wir ſie auf die Reinheit ihrer Motive hin prüfen. llzuoft— davon ſprach ich ſchon wieder⸗ holt— ſind unſere Ehen von nbeginn an auf unlauterem Boden erwachſen. Und doch iſt es grundverkehrt, wenn man, wie das oft geſchieht, daraus den Schluß zieht, es ſei unmög⸗ lich für vorſchriftsmäßig getraute Eheleute, in freier Liebe feſt verbunden zu leben. Wohl iſt das möglich, iſt ſogar, was auch die 3weifler dagegen einwenden, tatſächlich zu finden. Denn nicht die Inſtitutionen machen die Menſchen, ſondern ¹) So Carpenter, Ellen Key, Jaques Mesnil, der ausdrücklich ſagt: Ich halte daran feſt, daß die Derbindung des Mannes und des Weibes die Tendenz hat, mehr und mehr eine ſtreng mono⸗ gamiſche zu werden, und daß dies auch höchſt wünſchenswert iſt. der Menſch gibt jeder Inſtitution erſt Inhalt und Gepräge. Unfreie werden auch in einem freien Verhältnis vergeblich Glück ſich erſehnen. hochentwickelten Menſchen aber wird auch die Form der Ehe mit allem, was drum und dran hängt, nichts anhaben. Veredlung des Menſchen allein adelt das Zu⸗ ſammenleben zwiſchen Mann und Weib. So allein bekommt auch die Ehe immer aufs neue Charakter und Inhalt. Nur gehört, um in der Ehe und— unſere die Stellung der Frau herabziehenden Geſetze zwingen zu ſolchem vielleicht ſchroff klingenden Worte— trotz der Ehe ein echtes Liebes⸗ leben zu leben, derſelbe Mut, ja vielleicht größerer Mut noch dazu, als wenn man ſich von Anfang an über herrſchende Sitten hinwegſetzt. Wer formelle Eheſchließung verwirft, bricht mit der Geſellſchaft. Wer die Form beobachtet, trotzdem aber die Freiheit echter Liebes⸗ und Lebensgemeinſchaft verlangt, der ſetzt den Kampf innerhalb der Geſellſchaft fort. Die Exi⸗ ſtenz eines jeden in Liebe und gegenſeitiger Wertſchätzung feſt⸗ verbundenen Ehepaares, das den Mut hat an der Gemeinſam⸗ keit ſeines Lebens auch nach außen hin feſtzuhalten, iſt eine Kriegserklärung gegen alle diejenigen Geſellſchaftsunſitten, die auf Minderwertung der Frau oder auf Einſchätzung der Frau nur als Geſchlechtsweſen ſich aufbauen, eine Kriegserklärung gegen die Mißachtung der Frau in unſerem ganzen öffentlichen Leben.„Meine Frau hat die gleichen Intereſſen wie ich. Wir gehören ſelbſtverſtändlich zuſammen.“ Solche Worte würden uns über die Spaltungen in unſerem Geſellſchaftsverkehr, über die Minderachtung der Ehe ſchneller hinweghelfen, würden das Anſehen der Frau und damit das Anſehen ehelichen Suſammen⸗ lebens mehr heben, als alles ſchroffe Vorgehen gegen das Be⸗ ſtehende durch freie, ſich außerhalb der geſetzlich vorgeſchrie⸗ benen Formen ſtellende Gemeinſchaft. Wirkſamer würde das —— ——— e E auch ſein, als das Preiſen ehelichen Lebens und das fanatiſche Bekämpfen freier Liebesgemeinſchaft von ſeiten ſolcher Leute, die Achtung vor der Frau, Kchtung vor dem, was ſie vom Manne zu fordern berechtigt iſt, nicht zu empfinden vermögen. Die Wertſchätzung, die der Mann der Frau in und außer dem Hauſe entgegenbringt, iſt der Gradmeſſer auch für Wert und Unwert der Ehen. Inſofern nun geſetzliche Beſtimmungen Spiegelbild der Anſchauungen eines Volkes ſind, dieſe Anſchauungen aber auch — erziehend, formend— mit beeinfluſſen, iſt die Stellung der Frau im Familienrecht auch Gradmeſſer für ihre Stellung, ihr Anſehen in der Ehe. Darum möchte ich kurz auf die geſetz⸗ liche Stellung der Frau im Familienrecht eingehen. „Dereinſt hatte der Mann die eheherrliche Vormundſchaft. Mit der Eheſchließung nahm der Mann die Frau und deren Habe in ſeine eheherrliche Gewalt; die Frau war ihm Gehor⸗ ſam ſchuldig. Gehorſam konnte er auch eigenmächtig erzwingen, das Recht der Züchtigung der Frau gehörte zu ſeinen Befug⸗ niſſen. Die Frau war unmündig. Dieſe Auffaſſungen ſind in den Vorſtellungen des deutſchen Volkes keineswegs ganz ausgeſtorben; ſie bilden noch immer für einen erheblichen Teil desſelben das Ideal eines richtigen Eherechtes. Demgegenüber ſteht aber das in der heutigen Epoche ſo mächtige Verlangen der Selbſtändigkeit des Indivi⸗ duums, vor allem auch der Gedanke der Gleichberechtigung der Frau mit ihrem Manne, welcher energiſche Vertreter hat und ſtändig neue Anhänger wirbt.“ Mit dieſen Worten gibt dernburg in ſeinem vor Jahres⸗ friſt erſchienenen Buche„Das Deutſche Familienrecht“ die beiden Vorſtellungsreihen wieder, die auf die Entſtehung des Fami⸗ lienrechtes im neuen Bügerlichen Geſetzbuch das ſeit 1900 unſer deutſches Recht einheitlich regelt, eingewirkt haben. Daß die Mehrzahl der Volksvertreter der älteren, dem Manne beſonders günſtigen Kuffaſſung zuneigte, kann uns kein Wunder nehmen. Wir ſehen auf allen Gebieten, wie Zeiten und Anſchau⸗ ungen nur langſam ſich wandeln. Langſam nur ringt die Menſchheit ſich zu gerechteren, veredelten Kuffaſſungen hindurch. Ueberall, wo wir den Menſch dem Menſchen gegenüber ge⸗ ſtellt, wo wir verſchiedengeartete Menſchen mit einander eng verbunden ſehen, können wir ſolche langſam aufſteigende Ent⸗ wicklungslinie beobachten. Wie hat das Verhältnis zwiſchen Fürſten und Untertanen ſich merklich verändert. Bei Krbeitgebern und Krbeitnehmern ſind wir im Begriff, ſo ſehr ſich der Einzelne dagegen auch ſträubt, gleiche Verſchiebungen zu erleben. Zwiſchen Eltern und Rindern iſt gar manches anders geworden. Und das Ge⸗ ſetz berückſichtigt das. Das Recht des Kindes iſt in ganz an⸗ derer Weiſe geſchützt, als in früheren Zeiten. Für das Recht der Arbeiter treten weite Kreiſe mit Wärme und Ueberzeugung ein. Das Recht der Frau aber in gleicher Weiſe anzuerkennen und zu ſchützen, hat ſich der deutſche Mann noch nicht entſchließen können. Reineswegs wurde von Frauenſeite verkannt, daß das B. G. B. Fortſchritte brachte. Aber ſie waren— ſoweit die Frau in Betracht kam— nur vereinzelt. Als Fortſchritt durfte man es z. B. bezeichnen, daß die Frau — im Gegenſatz zu früheren Beſtimmungen— das, was ſie in ſelbſtändiger Arbeit erwarb, als Vorbehaltsgut zu eigener Verfügung behielt und daß die Frau, der man früher die Be⸗ fähigung für ſolche Kemter ganz abgeſprochen hatte, das Recht der Vormundſchaft zugeſtanden wurde, ja daß ſie— und tat⸗ — ſächlich geſchieht das ſchon oft— von Gerichtswegen zum Vor⸗ mund auch fremder Kinder beſtellt werden kann. Sonſt aber, wie geſagt, blieb vieles beim Alten. Und wie verletzend mußte auf die Frauen, die man von jeder Ein⸗ wirkung auf die Geſtaltung des ſo tief in ihr Leben eingrei⸗ fenden Geſetzes ausſchloß, die Art und Weiſe wirken, mit der die Volksvertreter das Familienrecht z. T. unter heiterkeit der Verſammlung im Sturmſchritte durchpeitſchten! Was die Frauen wünſchten war im weſentlichen folgendes: I. Aufhebung des ausſchließlichen Nutzungs⸗ und Verwal⸗ tungsrechtes des Mannes am Vermögen der Ehefrau ſin§ 1363 und den folgenden§8] und Ein führung der Gütertren⸗ 3 nung als geſetzliches Güterrecht. II. Erteilung der elterlichen Gewalt an die Mutter in Gemeinſchaft und in gleichem Umfange mit dem Vater.(Sie hat wohl eine Rebengewalt, bei Meinungsverſchiedenheiten entſcheidet jedoch immer der Vater. Iſt der Vater rechtlich behindert— durch Entmündigung wegen Geiſteskrankheit, Geiſtesſchwäche, Verſchwendungsſucht, Trunkſucht— ſo verbleibt ihm trotzdem die Sorge für die Perſon des Kindes. Die Mutter erhält— neben einem geſetzlich zu beſtellenden Pfleger oder Vormund— nur die Nebengewalt.) III. Gewährung der elterlichen Gewalt auch für die un⸗ eheliche Mutter ſevent. unter Zuordnung eines Beiſtandes] und gerechtere Normierung der Unterhaltspflicht des unehelichen Yaters ſeinem Kinde gegenüber ¹). Freiherr von Stumm⸗halberg— ein Mann alſo, dem ſicher niemand allzu fortſchrittliche Geſinnung zuſchreiben wird— war es, der für die unter I formulierten Wünſche nach⸗ ¹) Vergl. hierzu Marie Stritt, Rechtskämpfe, im Handbuch der Frauenbewegung. Teil II. S. 146. SB drücklich eintrat. Er ſprach leidenſchaftlich gegen die Abhängig⸗ keitserklärung der Frau durch Einführung des Verwaltungs⸗ und Rutzungsrechtes des Mannes. „Die Ehe“, ſo führte er aus ¹),„ſoll kein Erwerbsgeſchäft für den Mann ſein. Selbſt bei guten Ehen ſei es ungehörig, wenn ſich die Frau die Einkünfte ihres Vermögens, welche der Mann gewiſſenhafterweiſe als der Frau gehörig betrachten müſſe, im einzelnen Fall erſt erbitten müſſe, wenn dem Mann infolgedeſſen die Macht gegeben werde, Meinungsverſchieden⸗ heiten mit der Frau durch höherhängen des Brotkorbes zu unterdrücken. Schlimmer ſei es bei den unglücklichen Ehen, wo der Mann ein Crunkenbold, ein Spieler, ein Wüſtling, nicht bloß die Revenüen, ſondern auch ſelbſt das Vermögen der Frau vergeude und verpraſſe. Die Erfahrung decke eine Fülle von Elend auf, welches unwürdige Männer über ihre Frauen in ſolcher Art gebracht hätten. Es ſei auch unrichtig, daß die deutſche Frau kein Calent zur Vermögensverwaltung habe. Wenn die Frau vor Schließung der Ehe und nach deren Beendigung ihr Dermögen ſelbſtändig verwalten könne und müſſe, ſolle ſie durch den Akt vor dem Standesbeamten hierzu unfähig werden!——— In England ſei ſeit 1881 zu all⸗ gemeiner Zufriedenheit die Gütertrennung als eheliches Güter⸗ recht unter Aufhebung ſämtlicher Eheverträge eingeführt.—— Italien, Rußland hätten im weſentlichen dieſes Güterrecht. Sei die deutſche Frau weniger reif für ihre Selbſtändigkeit als die ruſſiſche?“ Kber trotz ſolcher warmen Worte wurde das Nutzungs⸗ recht des Mannes— das Syſtem des Männeregoismus, wie der Juriſt Bähr es nennt— geſetzlich feſtgelegt. Bezeichnend ¹) Citiert nach H. Dernburg, Deutſches Familienrecht, Waiſen⸗ haus⸗Derlag. hHalle a. S. war, daß als Motiv dazu die Beſorgnis angegeben wird, die Eheflucht würde ſich ſteigern, wenn man dem Manne das Nutzungsrecht entziehe ¹). Als härte wurde dann ferner empfunden, daß die Frau wohl, wie ich ſchon ſagte, das im eigenen Geſchäft ver⸗ diente, das in Selbſtändig⸗Arbeit Errungene behalten und frei verwenden kann, daß das Recht der Uebernahme ſolcher ſelb⸗ ſtändigen Arbeit aber ganz von der Zuſtimmung des Ehemanns abhänig gemacht wurde, dem— wenn die Frau ſich ohne ſein Wiſſen verpflichtet— Kündigungsrecht zuſteht. Sobald er findet, daß„die Leiſtungen der Frau die ehelichen Intereſſen beein⸗ trächtigen“. Der Frau hingegen— ſo fügt Dernburg hinzu — ſteht, wenn ſich der Mann zu einer von ihm in Perſon zu erfüllenden Leiſtung verpflichtet, niemals ein Kündigungsrecht zu, auch wenn pekuniäre Notwendigkeit zur Uebernahme nicht vorliegt, und die ehelichen Intereſſen dadurch geſchädigt werden. Die Frau iſt ferner verpflichtet auch im Geſchäft des Mannes, ſoweit üblich, zu helfen. Was ſie dabei erwirbt aber gehört nicht ihr, ſondern dem Manne oder fällt in die Güter⸗ gemeinſchaft. Der Mann kann weiterhin die Schlüſſelgewalt der Frau beſchränken. Nicht etwa nur mit gerichtlicher Suſtimmung, ſondern ohne weiteres. Die Frau kann dagegen freilich beim Vormundſchaftsgericht vorſtellig werden. Aber nur durch Klage kann ſie ſich ſchützen. Wie leicht wird es alſo auch hier dem Manne, wie ſchwer wird es der Frau gemacht, ſich gegen Miß⸗ brauch zu wehren. Daß der Mann über das eingebrachte Gut der Frau frei verfügt, erwähnte ich ſchon. Selbſt wenn er entmündigt iſt, 1) H. Dernburg, Deutſches Familienrecht. S. 125. erliſcht dieſes Recht nicht. Dielmehr iſt der Hormund des Mannes ſein Vertreter in den Rechten und pflichten, welche ſich aus der Verwaltung und Nutznießung des eingebrachten Gutes er⸗ geben ¹). Die Frau muß auch dagegen wiederum erſt klagen, wenn ſie Kenderung wünſcht. Mühe und Roſten werden ihr alſo niemals erſpart. Ueber die Gelder der Frau darf der Mann ohne ihre 3u⸗ ſtimmung verfügen, über verbrauchbare Sachen, über einzelne Inventarſtücke eines eingebrachten Grundſtückes. Zu weiterem iſt ihre Suſtimmung nötig,[die aber formlos und ſtillſchwei⸗ gend ſein kann]. Die Nutznießung ſteht dem Manne zu. Er beſtimmt die höhe des ehelichen Aufwandes.„Er kann“, ſo ſagt Dernburg, ihn karg und geizig bemeſſen, obgleich er aus dem Vermögen ſeiner Frau reiche Einkünfte bezieht. Die Frau hat hiergegen keine rechtlichen Mittel, wie ſie ſich auch ge⸗ fallen laſſen muß, wenn der Mann die Einkünfte ihres Ver⸗ mögens in verſchwenderiſcher Weiſe vertut, z. B. zu Sport⸗ zwecken“. Der Ehegewinn fällt dem Manne zu, über Re⸗ venuen verfügt er frei. Nur das eingebrachte Gut ſelbſt ſoll möglichſt unverſehrt bleiben. Wodurch aber wird das verbürgt? Die Frau hat wiederum Klagerecht, ſofern„das Ver⸗ halten des Mannes die Beſorgnis begründet, daß die Rechte der Frau in einer das eingebrachte Gut erheblich gefähr⸗ denden Weiſe verletzt werden.“ Aber muß es nicht weit gekommen ſein, bevor eine Frau ſich zu ſolchem Schritte dem eigenen Mann gegenüber ent⸗ ſchließt? ¹) Ich lege meinen Ausführungen auch weiterhin, ſofern nichts anderes bemerkt wird, Dernburgs Deutſches Familienrecht zugrunde. AAA Bitter muß es die Frau empfinden, daß ſie unter ein Ge⸗ ſetz gebeugt wird, an deſſen Geſtaltung ſie ſelbſt nicht mit⸗ wirken durfte und das ſie gerade dann im Stich läßt, wenn ſie ſeines Schutzes am meiſten bedürfte. Die Geſetzgeber ſelbſt empfinden die härte, die für viele Frauen in den zum Beſchluß erhobenen Beſtimmungen liegt. Um ſich eine günſtigere vermögensrechtliche Lage zu verſchaffen, wird daher der Frau Schließung eines Ehekontraktes freigeſtellt. Da AUenderungen bis zu einer Reviſion des Geſetzes, alſo auf Jahre hinaus, nicht zu erreichen ſind, ſo richtete die Rechts⸗ kommiſſion des Bundes deutſcher Frauenvereine, die dieſe Fragen zu behandeln hat, ihr Augenmerk zunächſt auf möglichſt wirkſame Propaganda für häufige Schließung von Ehe⸗ kontrakten. Muſterformulare— für vermögende Ehefrauen, für berufstätige Ehefrauen, für Arbeiterinnen, für Frauen, die im hHandels⸗ und Gewerbe⸗ oder auch landwirtſchaftlichem Be⸗ trieb ihres Mannes mit tätig ſind u. ſ. w.— ſind bereits in hunderttauſenden von Exemplaren zur Verteilung gekommen). Im Weſten wohl mit beſonders gutem Erfolg. Der Rhein kannte ja längſt Ehekontrakte, die Weiterführung dieſer Sitte machte alſo keinerlei Schwierigkeiten. In Cöln z. B. wurde die dortige Rechtsſchutzſtelle für Frauen von den Behörden auf⸗ gefordert, den Standesbeamten Ehekontraktsformulare des Bundes deutſcher Frauenvereine behufs Verteilung an Ver⸗ lobte zu überweiſen.— Anders in Nord⸗ und Mitteldeutſchland. Dort bürgert ſich der Ehekontrakt ſchwerer ein, man faßt ihn vielfach als Zeichen wenig idealer Geſinnung, auch geradezu als Mißtrauensvotum gegen den Bräutigam auf. Und gerade Män⸗ ¹) Zu beziehen durch die Schriftführerin der Rechtskommiſſion Freiin von Beſchwitz, Dresden. ARR —— ner, die eine Frau um ihres Vermögens willen wählen, wiſſen die Schließung eines Ehekontraktes oft zu verhindern, ſo daß der Frau in Ehen, in denen ſie des Schutzes beſonders bedürfte, dieſer Schutz infolge der den Mann begünſtigenden geſetzlichen Beſtimmungen vollſtändig fehlt. Run ergeben ſich aber für die Frau im B. G. B. noch an⸗ dere Mißſtände durch allzu ſorgfältiges Feſthalten an altüber⸗ lieferten Vorrechten. Bei Meinungsverſchiedenheiten zwiſchen den Gatten iſt ſtets der Mann der Ausſchlaggebende.„Dem Mann“ ſo lautet das Geſetz§ 1354 Abſ. 1„ſteht die Entſcheidung in allen das eheliche Leben betreffenden gemeinſchaftlichen Angelegen⸗ heiten zu“.„Dahin gehören“— ſo führte Geheimrat Planch in der Reichstagsſitzung vom 25. Juni 1896 als Regierungs⸗ kommiſſär aus—„die tauſendfältigen Fragen des täglichen Lebens, insbeſondere die Frage, wie das gemeinſchaftliche Leben eingerichtet, in welchem Zimmer gewohnt, um welche Zeit die gemeinſchaftliche Mahlzeit eingehalten werden ſoll“. Das Ge⸗ ſetz hebt ausdrücklich hervor: über den Wohnort und die ge⸗ meinſame Wohnung hat der Mann zu beſtimmen.„Die Frau“ — ſo fügt wiederum Dernburg hinzu—„kann alſo ihren Mann nicht nötigen, den von ihr gewünſchten Wohnort und die von ihr ausgeſuchte Wohnung zu beziehen, wenn dies auch noch ſo ſehr im Intereſſe des hausſtandes, insbeſondere der gemein⸗ ſamen Kinder läge. Sie muß ihrerſeits dem Manne folgen, auch wenn er einen ihr unerwünſchten Wohnort und Wohn⸗ ſitz wählt“. Sie muß ihm auch dann folgen, wenn es ihr eingebrachtes Gut iſt, durch das die Familie erhalten wird, über das ſie ja aber Verwaltungs⸗ und Nutzungsrecht verloren hat. Solche Beſtimmungen erſcheinen geradezu als widerſinnig, e E als mit dem Weſen einer rechten Ehe unvereinbar, in der nicht Einer Gewaltherr iſt, ſondern in der einer den anderen tragen und ertragen, ihm zur Freude leben und nach beſtem Wiſſen ihm Glück bereiten ſoll. Kuch die einſichtsvollſte Frau, die verſtändigſte Mutter wird durch ſolche Paragraphen abhängig vom Willen des Man⸗ nes, gleichviel ob dieſer Vertrauen verdient oder nicht. Nicht freies Uebereinkommen entſcheidet. Von Geſetzeswegen iſt ein wWille maßgebend. Der Mann allein iſt der Herr. Iſt denn aber ſolches Eingreifen in das Verhältnis zweier Chegatten nicht etwas unglaublich Plumpes und Rohes, etwas das dem Weſen der Liebe, der Ehe von Grund aus widerſpricht? Iſt es überhaupt möglich, etwas ſo Feines und Sartes, je nach Urt der Beteiligten und der in Betracht kommenden Ver⸗ hältniſſe unendlich oft DVariierendes wie das Zuſammenleben, das vollſtändige In⸗Einander⸗Kufgehen zweier Menſchen in der Ehe es iſt durch Geſetzesparagraphen zu regeln? Möge man doch einſehen, daß das ohne Vergewaltigung ein oder des anderen Ceiles nicht geht. Möge man ſich doch darauf beſchränken, die vermögens⸗ rechtliche Seite der Ehe in gerechter Weiſe zu ordnen, die Rechte der Kinder zu ſchützen, Beſtimmungen über Schließung und Scheidung der Ehe zu treffen, die nicht z u ſehr zu erleichtern aber auch nicht überflüſſiger Weiſe zu erſchweren iſt, da die Ehe, zwangsweiſe zuſammengehalten, zu unmoraliſchem 5wangsinſti⸗ tut wird. Eine innerlich zerrüttete Ehe, daran müſſen wir immer denken, bringt auch den Rindern kein Glück. Von ſol⸗ chen Beſtimmungen abgeſehen aber, überlaſſe man die Rege⸗ lung des ehelichen Verhältniſſes getroſt den zwei Partnern. Jeder Swang durch ſchablonenhaft wirkende Paragraphen iſt unzureichend, ja geradezu widerſinnig. Ein fein empfindender AAD Mann würde ſich ſchon jetzt ſchämen, ſeiner Frau gegenüber die handhaben zu brauchen, die das Geſetz ihm gibt. Dem weniger fein empfindenden aber ſind ſie willkommenes Werk⸗ zeug, die Frau leiden zu laſſen, ihr ſeinen Willen aufzuzwingen und gerade in unglücklichen Ehen iſt die Frau daher kraft des Geſetzes hilflos und ſchutzlos. Möge man alſo in weiter fortſchreitender Entwicklung mehr und mehr davon Abſtand nehmen mit plumper hHand in das hineinzugreifen, was wir an Feinſtem, Unfaßbarſtem unter allen menſchlichen Verhält⸗ niſſen beſitzen. Das allein erſcheint mir der rechte Weg, unſere Ehe in Ehren zu erhalten, in unſeren Rindern das Gefühl für den Wert, für das zarte Gefüge echter Liebesgemeinſchaft zu wecken. Nun beſteht aber neben dieſer geſetzlich anerkannten Ge⸗ meinſchaft vielfach noch ein ungeregeltes Zuſammenleben der Geſchlechter. In unbedachter, ſchnell verfliegender Leidenſchaft ſchließen Mann und Weib ſich zuſammen und als Folgeer⸗ ſcheinung ſolcher unter der herrſchaft augenblicklichen Empfin⸗ dens ſtehender Verhältniſſe kommt das Rind. Eine Laſt, eine Schande für die Frau, während der Mann ſich häufig genug löſt und auf und davon geht. Das B. G. B. zieht den unehelichen Dater zur Unterſtütz⸗ ung der Frau und des Kindes heran. Daß die Unterſtützungs⸗ pflicht aufhört, wenn das Kind— 16 Jahr alt— noch keines⸗ wegs erwerbsfähig iſt, wird jedoch als Lücke im Geſetz em⸗ pfunden. Ferner nimmt man auf Frauenſeite Anſtoß daran, daß der Unterhalt entſprechend der Lebensſtellung der Mutter, nicht des Daters bemeſſen werden ſollte. Für eine Mutter aus dem Arbeiterſtand iſt in Berlin z. B., auch wenn der Dater noch ſo wohlhabend iſt, normiert: Im 1. Lebensjahre monatlich 20 Mk. 1 1.— 3. 1„ 18 1 „ 3.— 6.„„ 1 5„* 6.— 16. 1„ 18 1 Mit 16 Jahren erliſcht die Alimentationspflicht, wie ge⸗ ſagt, ganz, ſofern das Kind nicht infolge körperlicher oder geiſtiger Gebrechen außer Stande iſt, ſich ſelbſt zu helfen. Kußer gerechterer Normierung der KAlimentationsanſprüche forderten die Frauen, wie ich ſchon kurz hervorhob, Gewährung der el⸗ terlichen Gewalt auch für die uneheliche Mutter. Dieſe elter⸗ liche Gewalt hat die uneheliche Mutter nicht, gleichwohl hat ſie die Sorge für die Perſon des Rindes. Der Geſetzgeber ging dabei von dem Grundſatz aus, daß uneheliche Mütter meiſt leichtſinnige Perſonen ſeien und ſuchte zwar nicht die Perſon des Kindes, wohl aber ſein etwa vor⸗ handenes Dermögen vor ihren Eingriffen ſicher zu ſtellen. Das Vermögen bedeutete ihm mehr als die Perſon des Kindes, die vollſtändig der Sorge und Obhut der Mutter unterſtellt iſt. Darin liegt ſelbſtverſtändlich eine Inkonſequenz. Aber Geſetze, darüber müſſen wir uns klar ſein, können auf dieſem Gebiete nur weniges mildern. Denn die geſetzli⸗ chen Beſtimmungen ſind faſt bedeutungslos gegenüber dem Einfluß, den Sitte und Anſchauung auf die Lebensſtellung der unehelichen Mutter, des unehelichen Kindes ausüben. Mutter und Rind ſind geächtet. Einem gefallenen Mäd⸗ chen gegenüber war man, mit wenigen Ausnahmen, im Voll⸗ gefühl wohl behüteter Tugend erbarmungslos hart. Statt der in bittere Not Geratenen die hand zu reichen, ſie vergeſſen zu machen, daß ein Mann ſchmachvoll an ihr gehandelt, indem er ſie und ihr Rind, das doch auch ſein Kind war, gewiſſenlos dem blinden Schickſal überließ, ſtatt dem Mädchen die Hand Krukenberg, Frauenbewegung.. 14 BR— zu reichen, dem Manne aber an das Gewiſſen zu rühren, han⸗ delte man umgekehrt, ſtieß das Mädchen immer tiefer hinab, dem Manne aber öffneten ſich nach wie vor alle Türen. Und die an ihrer Exiſtenz doch wahrlich unſchuldigen Kinder hatten ein Leben voller Mißachtung vor ſich. Von kleinauf, ſchon in der Schule von ſeiten ihrer Mitſchüler ließ man ſie em⸗ pfinden, daß ſie als Unehrliche keine Anſprüche machen durften. Mit Makel behaftet— oft in bittrer Not— gingen Mütter und Rinder durchs Leben. Kbet ſie wurden zu Rächern ihrer Schande an der den Mann ſo ſcheinheilig ſchützenden Geſell⸗ ſchaft. Verbrecher, Dirnen, Zuhälter rekrutieren ſich vorwie⸗ gend aus den Reihen jener unſchuldig ehrlos gemachten un⸗ ehelichen Kinder. Es war eine mutige CTat, als eine Reihe von Männern und Frauen durch Begründung des Bundes für Mutter⸗ ſchutz Proteſt erhob gegen das zweierlei Maß, mit dem der uneheliche DVater, die uneheliche Mutter bis dahin gemeſſen wurde. Mutter und Kind galt es an erſter Stelle zu ſchützen. Ob nun der Bund weiterhin auch dahin zu wirken beſtrebt ſein wird, den Dater mehr als bisher zur Erfüllung ſeiner Pflichten heranzuziehen, ob er an dem feſthalten wird, was ich als Erſtrebenswertes bezeichnete: dem Kinde wenn mög⸗ lich Mutter und Dater zu erhalten, das Verantwortlichkeits⸗ gefühl auch im Vater zu wecken, wird die Entwicklung lehren. Was er an prahtiſchen Einrichtungen für Mutter und Uind plant, das haben andere(ich erinnere an Bertha Lungſtras⸗ Bonn) ihm ſchon vorgetan. Als Schutzeinrichtung für Mutter⸗ ſchaft ohne Ehe wäre ſein Rulturwert beſchränkt. Kuf eine Veredlung, eine Vertiefung des Verhältniſſes zwiſchen Mann und Weib ſtreben alſo die Frauen mit allen ihnen zu Gebot ſtehenden Mitteln hin. Auf gerechtere Nor⸗ V V e mierung deſſen, was der Mann auf Grund des Geſetzes von der Frau, was ſie vom Manne zu erwarten und zu fordern hat. VYeredelte, vertiefte Auffaſſung erſehnen die Frauen auch für ihren Beruf als hausfrau und Mutter. In wie weit auch auf dieſem Gebiet geklärtere Anſchauungen, vorurteilsfreieres Prüfen und Abwägen der verſchiedengearteten pflichten not⸗ wendig iſt, davon mag im folgenden Abſchnitte die Rede ſein. Hausfrauen⸗ und Mutterpflichten. Mutterſchaft und Beruf.— Die verheiratete Fa⸗ brikarbeiterin.— Mutter und Tochter.— Er⸗ ziehung geſunder Frauen. Will die Frau als ſelbſtändiger Menſch unter eigener Ver⸗ antwortung handeln, ſo muß ſie auch in Bezug auf Haushalt und Kinder ſelbſt ihre Pflichten abzuwägen den Mut finden. Sie muß entſcheiden, wo die Kinder, wo der hHaushalt an er⸗ ſter Stelle zu ſtehen haben, muß wiſſen, wann die Aufrecht⸗ erhaltung eines geordneten hausweſens, wann Ueberwachung und Erziehung der Kinder nötiger erſcheint, als die hie und da weniger dringende Sorge für den Mann, die Rückſicht auf ſeine Liebhabereien und Wünſche. Sie muß hausfrauenpflich⸗ ten gegen Mutterpflichten in rechter Weiſe abzuwägen verſtehen. Normen wird es angeſichts der Verſchiedenartigkeit der Pflichten auch auf dieſem Felde nicht geben. Nur einige all⸗ 14* gemeine Richtlinien laſſen ſich aufſtellen. Häufig geraten Haushaltspflichten und Fürſorge für die Kinder in Konflikt. Häufig genug ſehen wir, daß Frauen, damit nur ja im hausſtand nichts fehle, damit alles ſauber geputzt ſei, ihre Kinder Dienſtboten überlaſſen, die beſonders in großen Städten, während die Mütter daheim um tote Dinge bemüht ſind, die Kinder mit ſich herumführen, den haupteinfluß auf ihre Erziehung üben. Da ſitzen Mädchen und Kinder⸗ fräuleins und Rinder zu haufen auf den Spielplätzen zu⸗ ſammen. Statt des liebevollen Eingehens auf ihre ver⸗ wunderten, kindlichen Fragen werden den Rindern oft genug kurze, abweiſende Antworten zuteil. Man verlangt von den hüterinnen, daß die Kleinen rechtzeitig beköſtigt, nach Mög⸗ lichkeit ſauber, körperlich unverſehrt daheim wieder abgeliefert werden. Welche Eindrücke ihre jungen Seelen empfangen, das kümmert niemand. Wohl iſt zu Hauſe alles tadellos, treff⸗ lich im Stand. Aber das edelſte Gut, das ſolchen hausfrauen anvertraut wurde, das überlaſſen ſie anderen händen. 3u ungeſchickt ſcheint ihnen das Mädchen vielleicht, um ihm Porzellan und Nippſachen anvertrauen zu können. Kber die Rinder vertraut man ihm an und denkt nicht daran, daß ein Schaden, den ſie in ihrer erſten Entwicklung leiden, niemals wieder, auch nicht durch treueſtes Walten der Schule, gut gemacht und ausgeglichen werden kann. Solche hausfrauen, wie wir ſie eben ſchildern, ſtehen unter dem uns deutſchen Frauen ja vielfach anerzogenen Ein⸗ fluß der Ueberwertung ihres Hausfrauenbe⸗ rufs. Micht ſie ſelbſt trifft der Vorwurf, daß man ihnen ſo hohen Reſpekt vor lebloſen Dingen, vor rein materiellem Be⸗ ſitz und ſolche große Verſtändnisloſigkeit für das anerzogen hat, was ihnen in der Seele ihrer Kinder anvertraut wurde. Micht ſie ſelbſt trifft der Dorwurf, daß ſie nüchterne praktiſche Krbeit verrichten, während ſie die feinere, höher ſtehende Ar⸗ beit, die Sorge für ihre Kinder, fremden, gleichgültig denken⸗ den Menſchen überlaſſen: ſie tun nur, was ſie gelehrt wor⸗ den ſind. Und erſt der immer mehr um ſich greifenden Ver⸗ flachung und Verrohung unſerer Jugend durch alle Schichten der Bevölkerung hindurch bedurfte es, um uns zur Einkehr, zur Selbſtbeſinnung zu bringen, um die Erkenntnis in uns zu wecken, wie hoch eine echte Mutter ſelbſt über der beſten Hausfrau ſteht. Iſt beides zu vereinen, ſo iſt es ſicher am beſten. Aber wo die Frau nur einem gerecht werden kann, ſoll ſie die Kinder nicht ohne Weiteres hintenanſetzen. Traurig genug wenn Armut und Uot ſie dazu zwingt. Für ſolche Notfälle ſind Kinderhorte, Krippen, Kinder⸗ gärten, die ich ſonſt nur bei vollſtändiger Unfähigkeit der Mütter, ſelbſt für ihre Kinder zu ſorgen, befürworten möchte, am Platze. Sie bieten gegenüber der landläufigen Obhut den Vorzug ſachverſtändiger Pflege, für einzige Kinder den Vorzug des Zuſammenſpielenkönnens mit ltersgenoſſen. Aber wenn die Zahl ſolcher Anſtalten ſich ſtändig mehrt, dürfen wir eins nicht vergeſſen:„Surrogate für den Mutterunterricht ſind“, wie Prof. Baumgarten ſagt,„Kleinkinderbewahranſtalten. Das Anwachſen ihrer Zahl muß uns wehe tun; es iſt ein ſicheres Symptom der Krankheit unſeres Volkslebens, jene Anſtalten ſind Kliniken für abnorme Fälle des Familienlebens. Jedes Surrogat iſt kümmerlich; dieſem fehlt die perſönliche Intimität der Mutter⸗ ſtube, auch im beſten Fall der Zauber der innigſten Be⸗ ziehungen. Es fehlt das Hineinglauben von der Mutter ins Kind. Es gibt wohl wenige Frauen, die auch fremde Kinder in ihr heiligtum hineinführen können.“ Die Rückkehr der Mutter zum KRinde bleibt immer die glücklichſte Löſung. BSA Unrichtig, ſo ſagte ich, erſcheint es, Mutterpflichten über Hausfrauenpflichten zu vergeſſen. Aber immerhin: Reſpekt kann man doch haben vor ſolchen zwar leicht etwas eng und beſchränkt denkenden aber ſich doch treu im hauſe abmühenden Frauen. Weit ſchroffer möchte ich dagegen— und ich glaube mit Recht— über Frauen urteilen, die nur in Dergnügen und Geſelligkeit aufgehen und darüber ihre edelſte pflicht, die Sorge für ihre Kinder vergeſſen. Recht eigenartig berührt es uns, daß gerade von ſolchen Frauen, die ſich durch ihre Mutterpflichten nicht abhalten laſſen, von einem Thee, einem Kaffee in den anderen zu wan⸗ deln, die womöglich Abend für Abend in Geſellſchaft verbringen und dazwiſchen noch Beſuchspflichten in Menge zu erfüllen ſuchen, den Frauenrechtlerinnen oft entgegen gehalten wird: die Frau habe keine 5eit, ernſtere Intereſſen zu verfolgen, über Hhaus und Familie hinauszuſchauen, keine Seit, ſelbſt für ihre Kinder zu ſorgen. n ſozialen Pflichten teilzunehmen oder wohl gar Berufsarbeit außer dem hHauſe mit der Er⸗ füllung von hHausfrauen⸗ und Mutterpflichten zu verbinden, iſt für ſie einfach unmöglich. Nur in ſeltenſten Sällen, das gilt von geſelligen Freuden in gleicher Weiſe wie von ernſter Berufsarbeit, wird eine Frau verſchiedengearteten Anforderungen gleichzeitig voll gerecht werden können. Darum kann man nur in ſehr beſchränkter Weiſe für gleichzeitige Uebernahme doppelter und dreifacher Verpflich⸗ tungen von ſeiten einer hausfrau und Mutter eintreten. Wem es ernſt iſt mit dem Wort, daß die Mutter die berufenſte Er⸗ zieherin der Jugend iſt, der wird gegen jede Vernachläſſigung des Mutterberufes zu gunſten trockener Nur⸗hausfrauenpflichten, aber auch zu gunſten allzuvieler Dergnügungen und Geſelligkeit, Einſpruch erheben. Auch gegen Vernachläſſigung des Mutter⸗ —xx berufes einem anderen Berufe zu Liebe, ſoweit nicht die Not oder eine lusnahmebegabung zwingend einwirkt, wird er ſich wenden. Der Beruf der Gattin und Mutter verlangt volle hingabe. Würde — wie gelegentlich des internationalen Frauenkongreſſes in einer von Volksſchullehrerinnen berufenen Verſammlung gefor⸗ dert wurde— z3. B. Lehrerinnenberuf und Mutterberuf zu ver⸗ einigen verſucht werden, ſo würde ganz einfach der wenig erfreu⸗ liche Zuſtand der verheirateten Fabrikarbeiterinnen auf die Lehrerinnen übertragen werden. Sie würden überlaſtet, gehetzt und Mann und Kind und fraglos auch der Beruf hätte mit darunter zu leiden. Ehe und Mutterſchaft und hausfrauenpflichten vereinigt, bedeuten ein vollgerüttelt Maß von Arbeit und Derantwortung. Frauen, die da meinen, dem Manne eine rechte Gefährtin ſein zu können, die ihren Kindern nicht nur das Leben geben, ſondern ſie auch zu erziehen verſuchen, die da meinen, ihrem heim einen charakteriſtiſchen Stempel aufprägen und für körper⸗ liches und geiſtiges Wohl ihrer Angehörigen ſorgen zu können und die daneben noch einen Beruf übernehmen wollen, der für ſich allein eine ganze Kraft beanſprucht, ſolche Frauen überſchätzen ihr Können. Sie glauben, wie Ellen Rey ſehr richtig ſagt, tatſächlich nicht an die Gleichheit der Ge⸗ ſchlechter. Sie glauben an die abſolute Ueberlegenheit der Frau. Adele Gerhard und helene Simon haben über dieſes Gebiet intereſſante Enquêten veröffentlicht ¹). Sie fanden, daß faſt überall, wo Frauen, Gattinnen und Mütter gewor⸗ den, trotzdem von ihrem Beruf nicht laſſen konnten— Schau⸗ ſpielerinnen, Sängerinnen z. B.— ſie ſelbſt, und wohl auch ¹) Adele Gerhard und Helene Simon. Mutterſchaft und geiſtige Arbeit. ihre Umgebung, ſchwer unter ſtändigen Konflikten litten. Sehr beachtenswert als Beweis, daß auch hervorragende Frauen nicht ohne weiteres zwei Herren auf einmal dienen können, iſt ferner die Feſtſtellung, daß viele der großen Schriftſteller⸗ innen ihre Hauptwerke erſt in reiferen Jahren, alſo erſt dann geſchrieben haben, wenn Erziehungs⸗ und Mutterpflichten ſie nicht mehr wie in den erſten Jahren der Ehe beanſpruchten. Als unnormal erſcheint demnach eine gleichzeitige Be⸗ laſtung der von hausfrauen⸗ und Mutterpflichten beanſpruchten Frau mit zeitraubenden pPflichten außer dem hauſe. Aber leider zwingt in weiten Klaſſen des Dolkes die Not die Frau trotz hausfrauenpflicht und Mutterſchaft mitverdienend tätig zu ſein. Die verheiratete Fabrikarbeiterin, die außer dem Hauſe arbeitende Waſchfrau und Putzfrau iſt eine immer häufiger werdende Erſcheinung. Die Stellungnahme der Frauenbewegung zu der Frage der verheirateten Fabrikarbeiterin, ergibt ſich aus dem oben Geſagten von ſelbſt. Einige kurze Kusführungen ſeien mir zur Beleuchtung dieſes immer brennender werdenden Problems vorauszuſchicken geſtattet. Von 1882—95 haben die verheirateten Induſtriearbeiter⸗ innen zugenommen von 69 000 oder 12,7% auf 166 000 oder 16,8%. Wir wiſſen alle, wie die Fabrikarbeit verderbenbringend auf das Gedeihen der Kinder, zerrüttend auf das Familien⸗ leben einwirkt.„Mit glühenden Lettern iſt in die Geſchichte der Induſtrie eingebrannt, daß in England in den 50er Jahren zur Seit einer mit wirtſchaftlicher Kriſe verbundenen hunger⸗ epidemie die Säuglingsſterblichkeit ſtark abnahm; die arbeits⸗ loſen Mütter waren ihren Kindern zurückgegeben, konnten ſie nähren und warten.“ „Dasſelbe Bild“— ſo fügt R. Wilbrandt im Handbuch der Frauenbewegung hinzu,„heute bei uns: in Bremen kommt bei den Zigarrenarbeiterinnen in Fabriken ſchon auf 6,5, bei denen in der ſo viel elenderen heimarbeit erſt auf 11,2 lebende Kinder ein verſtorbenes. So viel mehr vermag ſelbſt die ungebildete Mutter als die Anverwandten, Nach⸗ barinnen oder gar die nicht ſelten als„Engelmacherinnen“ berüchtigten Roſtfrauen, denen die Kinder, während die Mutter in der Fabrik iſt, anvertraut ſind. Dem Kind der Fabrik⸗ arbeiterin fehlt vor allem die Mutterbruſt; was das bedeutet, zeigt folgende Berliner Statiſtik: es ſtarben im 1. Lebensjahr von tauſend der im gleichen Alter lebenden ehelichen Kinder mit Muttermilch ernährte 7,4; mit Tiermilch ernährte 42,1; mit Tiermilch und Milchſurrogaten ernährte 125,7.——— Auch weiterhin ſind die Kinder gefährdet. Die Kinderſterblichkeit beträgt bei den unter der Doppellaſt von hausfrauenpflichten und Fabrikarbeit gebeugten verheirateten Frauen 40%, und gar bei den verwitweten, eheverlaſſenen oder geſchiedenen Frauen, die durch ihre Sabrikarbeit für ſich und die Kinder allein zu ſorgen haben, 61%. „Mit der Zunahme der Fabrikarbeit der Mütter iſt das Anwachſen der Säuglingsſterblichkeit in Fabrikorten, zugleich auch die allgemeine Zunahme der im jugendlichen Alter be⸗ gangenen Verbrechen parallel gegangen. Die Kinder, zuweilen von der Mutter in die Fabrik mitgenommen, nicht ſelten ohne alle Kufſicht, oft unter der Obhut von halbwüchſigen Ge⸗ ſchwiſtern oder abgeſtumpften Alten zu Hauſe gelaſſen, Frem⸗ den in gewerbsmäßige„Pflege“ übergeben und nur ſelten des „Erſatzes“ der Eltern durch eine Rinderbewahranſtalt teil⸗ haftig, ſind zwar weniger als die Kinder der heimarbeiterin in Gefahr, als hilfskräfte der Mutter durch frühzeitige Ueber⸗ anſtrengung ſchon in der Kindheit zu welken, lernen aber ihre Mutter überhaupt kaum kennen, und bei der täglichen, durchſchnittlich 11ſtündigen Abweſenheit beider Eltern iſt von Familie und von Erziehung nur noch wenig zu finden. Je nach der höhe des Fabrikverdienſtes verſchieden, wirkt die Fabrikarbeit der Mutter auf die Ernährung der Familie in folgendem gleichmäßig: die Zerrüttung der hauswirtſchaft, das Koſtgeld für die Kinder und das oft nötige Gaſthaus⸗ eſſen laſſen vom Erwerb der Mutter wenig oder nichts übrig; bis zu der in der Großſtadt häuſig auf den Kbend verlegten hauptmahlzeit ſind Mutter und Kinder(oft ohne Frühſtück) meiſt ſchlecht genährt; Mittags iſt in der beſtenfalls halben Stunde, die der hausfrau„zur Beſorgung des hausweſens“ freiſteht, nur kaltes oder ſchnell aufgewärmtes, ſchwer ver⸗ dauliches Eſſen herſtellbar, oft halbrohe Kartoffeln und Kaffee, eine Lebensweiſe, die Alkoholismus und eine Menge von Magen⸗ und Darmleiden der Arbeiter bewirkt, den Mann aus dem heim ins Wirtshaus treibt. Die außerordentlich große Aufgabe, die eine Arbeiters⸗ frau auch bei nur mäßiger Kinderzahl im haushalt zu er⸗ füllen hat, dazu noch 10ſtündige Fabrikarbeit: ihre Arbeits⸗ zeit iſt im beſten Fall 16ſtündig, unter weniger günſtigen Verhältniſſen aber 18⸗, ja nahezu 20ſtündig.“ Nach den Ge⸗ burten vor Rückbildung der Organe mit gebrochener Kraft ſolche Arbeit wieder aufnehmend, verfallen dieſe Frauen un⸗ ausbleiblichem Siechtum und Frauenleiden aller Urt. Viele überlaſſen aus Erſchöpfung die hausarbeit dem Mann und den Kindern.“ Das möge als Grundlage für meine weiteren Kusfüh⸗ rungen genügen. AS Es gibt im Gegenſatz zu anderen Ländern in den Kreiſen der deutſchen Frauenrechtlerinnen nur ganz vereinzelt Doktrinäre, die, an dem Grundſatz: gleiches Recht für Mann und Frau unbedingt feſthaltend, jedes Kusnahmegeſetz für die Frau, alſo auch die Schutzgeſetze für die verheirateten Fabrikarbeiterinnen, verwerfen. Die überwiegende Mehrzahl Der deutſchen Frauenrechtlerinnen tritt mit warmer Ueberzeu⸗ gung für den Ausbau der Arbeiterinnenſchutzgeſetzgebung ein. Weil ſie feſthalten an dem Satz:„Die Freiheit des Einzelnen wird beſchränkt durch die Rückſicht auf das Gedeihen des Gan⸗ zen“. Weil bei ihnen eins allem anderen voranſteht: Die Rück⸗ ſicht auf das Wohl der kommenden Generation. Aus warmem Empfinden für die kommende Generation heraus befürworten ſie die Schutzgeſetzgebung für die verhei⸗ ratete arbeitende Frau. 3ugleich aber auch weil ſie, im Gegenſatz zu den Sozialiſten, daran feſthalten, daß Einzel⸗ haushalt, Familie dem Volke aller Schichten beſte, ja oft ein⸗ zige Glücksmöglichkeiten bieten. Für den Sehn⸗Stunden⸗Cag der Fabrikarbeiterin ſind des⸗ wegen, anläßlich des Krimitſchauer Nusſtandes, die namhaf⸗ teſten Führerinnen der Frauenbewegung eingetreten. Mochte der Zeitpunkt für ſolche Kundgebung nun gut oder ſchlecht gewählt ſein, was ſie damit zu erreichen ſtrebten, kann all⸗ gemeiner Billigung gewiß ſein. Ein Vorſchlag aber taucht— angeſichts der Notſtände in den arbeitenden Klaſſen, angeſichts des Strebens der begü⸗ terten Frauen, ſich freier, ſelbſtändiger zu bewegen, unter den Frauenrechtlerinnen und insbeſondere auch in ſozialdemokra⸗ tiſchen Kreiſen auf: der Vorſchlag, den Einzelhaushalt durch den Genoſſenſchaftshaushalt, zum mindeſten— bei ſonſt ge⸗ wahrter Sebſtändigkeit jedes einzelnen hausweſens— die ASA—AA Einzelküche durch die Genoſſenſchaftsküche zu erſetzen. In Berlin iſt dieſe Neu⸗Einrichtung bereits praktiſch erprobt. Ein Fortſchritt ſicher für ſolche Frauen, die die Not in einen Be⸗ ruf und die dieſer Beruf aus dem hauſe herauszwingt. Aber ſoll man Aufgeben des Einzelhaushaltes auch für die begüterten Klaſſen empfehlen? Die Neigung dazu iſt in frauenrechtleriſchen Kreiſen fraglos vorhanden. Sparſamer, das iſt ſicher, würde die Genoſſenſchaftsküche ſein. Statt einem Dutzend von Einzelküchen eine einzige, an Stelle von zwölf Köchinnen eine, als Erſatz für zwölf Feuer⸗ ſtellen, die Holz und Kohlen verſchlingen, wiederum nur eine ein⸗ zige. Und alles im Großen eingekauft, im Großen verwertet. Wo die Frau berufstätig ſein muß, ich wiederhole das, wo die Mittel beſchränkt ſind, hat ſolche Zentralküche entſchiedene Vorteile. Aber wir geben doch Werte damit auf, mag man ſie immerhin Luxuswerte, Gefühlswerte nennen, die wir nicht gar zu niedrig einſchätzen dürfen: Jedes Individualiſieren im Haushalt, jedes Vergeiſtigen, Verfeinern, jedes die Konſtitution des Einzelnen freundlich berückſichtigende Kuswählen geſund⸗ heitszuträglicher Speiſen, jedes Eingehen auf die Liebhabereien des Einzelnen. Es ſchmeckt uns niemals lange in ein und demſelben hôtel, das würde in der Sentralküche wohl ähn⸗ lich werden. Und, wie geſagt, Rückſichten auf Einzel⸗ wünſche könnten nicht genommen werden. Sonſt würde der Betrieb zu umſtändlich und damit zu teuer. Aber die Zentralküche, ſo ſagen die Anhängerinnen der neuen Lehre, die der Frau die Möglichkeit der Berufsarbeit außer dem hauſe geben wollen, iſt nicht unbedingt nötig. Die Frauen könnten ſich auch bezahlte Vertretung ins haus neh⸗ men. Gut geſchulte hilfskräfte könnten ſehr wohl für das Hausweſen ſorgen, während die Frau außer dem hauſe einem Berufe nachgeht, durch Fachkräfte geleitete horte und Kinder⸗ gärten könnten auch den Kindern gegenüber die Mutter er⸗ ſetzen. Der Frauen Freiheit und Selbſtändigkeit iſt ein zu koſtbares Gut, als daß man ſie länger mit niedriggewerteter praktiſcher Arbeit belaſten dürfte. Auch die Ehefrau muß frei werden in der Wahl ihres Berufs. Daß die Frau haushäl⸗ terin, Kindergärtnerin ſpielt, kann niemand verlangen. Uun erſcheint zunächſt angeſichts unſerer Dienſtbotenverhält⸗ niſſe, die vorgeſchlagene Löſung doch nicht immer ſo einfach. Denn zuverläſſige Vertreterinnen gibt es nicht überall. Und davon abgeſehen: ich wüßte wirklich nicht, was alle bisher tüchtig im Hauſe angreifenden Frauen außer dem Hauſe über⸗ haupt anfangen ſollten. Ihr natürliches Arbeitsgebiet wür⸗ den ſie Fremden überlaſſen, würden dafür auswärts von Frem⸗ den bezahlte Arbeit ſuchen. Die Kinder würden ebenfalls von Fremden, wenn auch gut geſchulten, verſorgt, damit die Mutter frei würde— vielleicht, um bei fremden Rindern Er⸗ zieherin zu ſpielen. Ein törichtes hin⸗ und hertauſchen, auf das man gar nicht weiter einzugehen brauchte, wenn nicht dieſe DVorſchläge in anziehendſter Form mit beſtrickendſter Rhe⸗ torik vorgetragen worden wären und wenn nicht tatſächlich unter Frauen und jungen Mädchen eine unverkennbare Abnei⸗ gung gegen die Arbeit im hHauſe ſich bemerkbar machte. Aber die Gründe dafür liegen tiefer. Nicht gegen die Ar⸗ beit, die häuslichen pflichten als ſolchen iſt Abneigung vor⸗ handen. Wohl aber gegen die geringe Wertung, die man auch gerade von ſeiten des Mannes oft genug der Arbeit der hausfrau und haustochter entgegenbringt. Soweit die hausfrau in Betracht kommt, ſprach ich dar⸗ über ſchon in dem Abſchnitte„Frauenberufe“. hHier möchte ich auf die Stellung der haustochter noch ein wenig eingehen, EEEE ———24úú die Gründe aufzudecken verſuchen, die immer mehr Mädchen, auch wenn ſie zu hauſe nutzbringende Cätigkeit finden könnten, aus dem hauſe in Berufe hineindrängen. Jede Arbeit ſcheint ſonſt eines LCohnes wert. Wenn aber ein junges Mädchen auf eigenen Beruf, damit auf eigenen Gelderwerb verzichtet, um bei den Eltern zu bleiben, ihnen ihr Heim freundlich zu geſtalten, der Mutter zu helfen, ſie wohl auch ganz zu vertreten, für Dater, Brüder, jüngere Ge⸗ ſchwiſter Sorge zu tragen, ſo wird an Bewertung ihrer Kr⸗ beit ſelten gedacht. Ihr Cun erſcheint allen als ganz ſelbſtver⸗ ſtändliche Pflicht und Schuldigkeit. Niemand denkt daran, ihr, obwohl ſie doch aufs Treuſte ſorgt und arbeitet, die Mög⸗ lichkeit zu geben, für ſpätere Zeiten etwas zurückzulegen, wie ihre berufstätigen Geſchwiſter das tun können. Nie⸗ mand gibt ihr die Möglichkeit, einmal aus eigenen, ſelbſt er⸗ worbenen Mitteln anderen eine Freude zu bereiten, ſich eine Reiſe zu erſparen oder auch aus eigenen Mitteln Intereſſen zu verfolgen, für die ſie, wenn ſie nicht ſo pflichttreu Eltern und Geſchwiſtern gegenüber wäre, gern ganz gelebt hätte. Man nimmt ihr Opfer an Selbſtändigkeit, ihre Arbeit im Hauſe als ſelbſtverſtändlich hin, nicht einmal an Dank denkt man in vielen Familien. Wenn die Zahl der haustöchter im⸗ mer mehr abnimmt, ſo liegt das zum Teil daran, daß die jungen Mädchen auch pekuniär unabhängig zu werden wün⸗ ſchen, daß ſie ihre Krbeit anerkannt ſehen möchten. Entſchlöße man ſich, ihre Arbeit im hauſe zu bewerten, das Opfer, das ſie bringen, offen anzuerkennen, ſo würden ſie ganz andere Befriedigung finden, würden den berufstätigen Geſchwiſtern gegenüber eine ganz andere Stellung einnehmen als jetzt. Micht die häusliche Arbeit— ich wiederhole das— iſt es, die die Mädchen fliehen. Sondern die Abhängig⸗ B— keit, in der man ſie hält, auch wenn ſie älter und älter werden, der geringe Dank, den ſie— Aus⸗ nahmen ſelbſtverſtändlich zugegeben— bei Eltern und Geſchwiſtern finden. Die Arbeit der haustochter zu bewerten, ſie ſo zu ſagen zu einem Beruf auszugeſtalten, möchte ich darum dringend empfehlen. Zu dem Vorſchlag aber, die Hausfrau durch hausdamen, haushälterinnen zu erſetzen, möchte ich zu bedenken geben: hausdame— wie kühl, haushälterin— wie nüchtern das klingt. Hausfrau aber, das iſt etwas Anheimelndes, War⸗ mes. Liebevoll umfaßt ſie alles, was zum hauſe gehört. Je⸗ der Gegenſtand wird für ſie lebendig. Perſönliche Erinnerungen haften an allem, was ſie umgibt. Jedes, auch noch ſo einfache, praktiſche Tun erhält bei ihr tieferen Sinn. Denn für die, die. ihr das Liebſte ſind auf Erden, ſorgt ſie damit. Nichts wird achtlos bei Seite geworfen, denn ſie iſt keine Fremde. Das Gut, das ſie achtſam und ſorglich zu ſparen, zu mehren ver⸗ ſucht, iſt ihr eigenes Gut oder ihrem Mann, ihren Kin⸗ dern gehörig. Sie kann, was ſie erübrigt, für Fernerſtehende oder auch für Intereſſen, die über das haus hinausgehen, ver⸗ wenden, was die Angeſtellte nicht darf. So greift für ſie eins in das andere, alles hat Leben, hat Bedeutung für ſie. Und zwiſchen dem praktiſchen Sorgen tritt dann die Sorge für die Kinder heran. Auch für den Mann muß ſie Zeit und Kopf frei haben. Verſtändnisvolle Gefährtin ſoll ſie ihm bleiben. Geſellige Verpflichtungen, zur eigenen Erholung oder um Mann und Kindern oder auch wohl Freunden Freude zu bereiten, treten hinzu. Ein Leben voll wechſelnder Tätigkeit, die in rechter Weiſe nur von einer Frau geübt werden kann, die mit ganzem herzen dabei iſt, die ein offenes Auge und Ohr für alles hat, was im hauſe und draußen in der Welt ſich —;;x:—C—Z—x—x—xx——-— LEE ereignet. In unſerer Feit immer mehr ſpezialiſieren⸗ der Arbeit bedeutet der hausfrauenberuf viel, be⸗ deutet eine den ganzen Menſchen erfaſſende, ihn harmoniſch entwickelnde, ihn körperlich und geiſtig gleichmäßig beanſpru⸗ chende Tätigkeit. Ihn aufzugeben würde entſchieden Rückſchritt bedeuten. Denn auch erzieheriſch iſt die Cätigkeit einer rechten haus⸗ frau von hohem Wert. Selbſtverſtändlich nicht einer ſolchen, die über die Alltagsſorgen die Seiertagsſtille vergißt, in deren Seele nichts anderes Raum hat, als ein Sich⸗Plagen um leb⸗ loſe Güter, um materiellen Beſitz. Aber das Walten einer Hausfrau, die für Mann und Kinder ſtets offenes Ohr und offenes herz hat, die keinen überſieht, der ſich ihr auch von außen her um Rat oder um tatkräftige hilfe bittend naht, iſt ein ganz anderes, weit lebendiger wirkendes Beiſpiel für die heran⸗ wachſende Jugend, als wenn die Frau außer dem Hauſe ihrem Berufe nachginge, die Kinder ihre Arbeit nicht zu ſehen, ihre Liebe und Sorgfalt nicht am eigenen Leibe zu ſpüren bekämen. Aber noch weiterhin iſt der hausfrauenberuf von Bedeutung. Wenn die Rinder herangewachſen ihre Seit nicht mehr mit beanſpruchen, oder wenn— wie das leider ja häufig der Fall iſt— der Mann ihnen genommen wird, ſie allein bleiben ohne weitere pflichten, würden tüchtige hausfrauen fraglos die beſten Kräfte für ein Wirken der Frau außer dem hauſe werden, womit ich aber ſelbſtverſtändlich nicht ſagen will, daß unverheiratete Frauen, beſonders wenn ſie Fach⸗ ſchulung erwerben, ſich dafür nicht auch eignen könnten. In der Armen⸗ und Waiſenpflege, in der Rechtsſchutzarbeit, in den Schulaufſichtsbehörden wären Frauen überall am Platze. In ganz anderer Weiſe als ein in Haushaltsdingen unerfah⸗ rener Mann kann ſolch eine Frau auch in der Wohnung des L Krmen anfaſſen und raten, in ganz anderer Weiſe könnte ſie, obwohl unſere herren Schulräte das als ihr alleiniges Pri⸗ vileg anſehen, den Kochunterricht, den handarbeitsunterricht in den Schulen überwachen. Zu ſolchem allen könnte der hausfrauenberuf als Vor⸗ bereitung dienen. Ihn als durch die Entwicklung überwun⸗ den anzuſehen, würde alſo nicht nur für das haus, für die Familie, ſondern auch für über das haus hinausreichende Rreiſe ſchwerwiegende Nachteile mit ſich bringen. Mutterpflichten ſtehen höher als hausfrauenpflichten. Aber auch Hausfrauenpflichten laſſen ſich veredelt auffaſſen, Freude und Behagen weckend geſtalten. Hausfrauen⸗ und Mutter⸗ pflichten harmoniſch zu verſchmelzen, muß als erſtrebenswer⸗ 1 teſtes Siel erſcheinen. Kinder, ſo ſagte ich vorhin, gehören ſo wenig wie möglich in fremde Hände. Die Mutter iſt die natürliche Er⸗ zieherin für ſie. Will ſie das aber ſein, ſo muß ſie auch die Erziehungsaufgabe mit vollem Ernſte erfaſſen. Zweierlei er⸗ ſcheint mir für die Erziehung von beſonderem Wert: Daß die Mutter ſelbſt Perſönlichkeit iſt, daß ſie als har⸗ moniſch durchbildeter Charakter den Rindern erſcheint, voller Streben, immer beſſer und klarer und feſter zu werden. Weit mehr als Kurſe über Erziehung dürfte ernſte Arbeit an ſich ſelbſt, rechtzeitige Gewöhnung an pflichterfüllung, Selbſtver⸗ antwortlichkeitsgefühl die jungen Mädchen zur Erzieherin tauglich machen. Dann aber das andere: daß die Mutter dem Werden und Wachſen der Kinderſeele zu lauſchen verſteht, der Entwicklung der jungen Menſchenpflanze nicht Gewalt antut. Daß ſie eine heilige Scheu vor dem hat, was ihr in den jungen Seelen an⸗ vertraut wurde. Daß ſie mit heiligem Ernſt an ihre Aufgabe Krukenberg, Frauenbewegung. 15 SA herantritt. Genau ſo ſchädigend wie die Vernachläſſigung kind⸗ licher Seelen iſt das fortwährende mit dem RKinde Be⸗ ſchäftigtſein, das ſtörende Eingreifen in ſeine Eigenart, das herauszerren des Kindes aus ihm lieb gewordenen Vorſtellungen. In ihrem liebenswürdigen Buch„Kus unſeren vier Wän⸗ den“ ſchildert Laura Froſt ſolche RKinder, die erſt durch die Unvernunft der Erwachſenen zu unartigen Rindern ge⸗ macht werden. Und in beſonders eindrucksvoller Weiſe ver⸗ tritt Ellen Rey das Recht des Kindes auf ungeſtörte Ent⸗ wicklung. Sie iſt uns, auch wenn ihre praktiſchen Reformvor⸗ ſchläge meiſt Traumbilder bleiben werden, die große Lehrmei⸗ ſterin, die aus dem Rinde herauszuhorchen verſteht, was Un⸗ bewußtes, Unausgeſprochenes in ſeiner Seele lebt. Sie lehrt uns Glück und Sehnen, lehrt uns die tiefe Qual der hilflos dem Erzieher ausgelieferten Kinder. heilige Scheu vor dem Werden der kommenden Genera⸗ tion, das bedeutet trotzdem nicht willkürliches Gehenlaſſen. Das bedeutet nur, daß man auch das Rind nicht, wie der mann es auch der Frau gegenüber ſo gern tat, als ein Stück Eigentum, als willenloſen Beſitz anſehen darf, mit dem man ſchalten und walten darf ganz nach Belieben. Die RKin⸗ der wurden den Eltern zur Erziehung anvertraut. Sie, die ſie ins Leben riefen, haben die pflicht, ihre Schritte auch wei⸗ ter zu lenken. Dann aber, ganz allmählich, wächſt und er⸗ ſtarkt das junge Geſchöpf. Es wird innerlich ſelbſtändig, es löſt ſich ſchließlich auch äußerlich von den Eltern. Das iſt der natürliche Gang der Entwicklung, den zu hemmen nicht gut tut. Dem Unaben gegenüber haben wir das mehr und mehr erkennen lernen. Das Recht des Kindes iſt auch geſetzlich mehr als früher geſchützt. Aber der Tochter gegenüber können die Mütter ſich an ſolches Frei⸗Gehen⸗Laſſen noch nicht gewöhnen. 227— Und doch muß man das angeſichts der veränderten Ver⸗ hältniſſe von den Müttern fordern. Nicht mehr wie einſt, ich ſprach davon ſchon in frü⸗ heren Kbſchnitten, gehört das junge Mädchen bis zur Ver⸗ heiratung oder wenn ſie ſich nicht verheiratet, für eit ihres Lebens ins haus. Die Sehnſucht, ein voll ausgefülltes Leben zu führen, ſich dies Leben ſelbſtändig zu geſtalten, eine ihr Daſein bereichernde Berufsbildung zu erwerben, eine ſie be⸗ friedigende Amtstätigkeit zu übernehmen, iſt in unſeren jungen Mädchen lebendig geworden. Aber ſchwer wird es oft den Müttern, die ſelbſt unter ganz anderen Anſchauungen heran⸗ gewachſen ſind, den Töchtern gegenüber Entſagung zu üben. So hart es klingt: Mutterliebe wird heutigentages noch oft zum Mutteregoismus, und unter Mutteregoismus haben heranwachſende Töchter— mehr noch als Söhne— ſchwer und häufig zu leiden. Dem Sohne geſtehen einſichtige Eltern freie Entwicklung, eigene Lebensgeſtaltung ohne weiteres zu. Die Tochter aber hat zu werden, wie die Mutter es wünſcht. Verſtändnislos ſteht die Mutter oft der vielleicht anders, vielleicht nach dem Vater gearteten Tochter gegenüber.— Die Tochter hat für die Eltern zu leben, ihr Daſein zu verſchönern. Bevor ſie ſich ſelbſt durch Krbeit und pflichterfüllung zu Kraft und harmonie hin⸗ durchgerungen hat, ſoll ſie harmonie um ſich verbreiten. Be⸗ vor ſie ſich ſelbſt gefunden hat, ſoll ſie der ſchweren Kunſt ge⸗ nügen, nur für andere zu leben.— hat eine Cochter eine Mutter, die ihrer zu bedürfen meint, auch wenn dieſe Mutter ſelbſt noch friſch und leiſtungsfähig und ausgefüllt durch Intereſſen und Pflichten iſt, ſo ſcheint es allen ſelbſtverſtändlich, daß eine Frau um dieſer Mutter willen auf eigenen Beruf, eigenes Glück, ſofern es nicht die Ehe iſt, einfach verzichtet. Denn 15* — 8* 228 d XA— SS die Tochter, ſo ſagt man, gehört zur Mutter. Oder in anderen Fällen wird Berufsausbildung geſtattet. Dann aber, ſobald die Ausbildungszeit vorbei, hat die Tochter nach Hauſe zurückzukehren, hat neben dem Beruf den Eltern zu leben. Dem berufstätigen Sohne gibt man Freiheit in jeder Beziehung, bei der Tochter klagt man, wenn ſie neben dem Beruf nicht noch 5eit hat für häusliches Leben, häusliche Pflichten, wenn ſie nicht immer Rückſichten nimmt auf die Wünſche der Eltern, wenn ſie eigene Wege zu gehen, ihrer eigenen krt ent⸗ ſprechend zu leben verſucht. Vielleicht ſehnt ſich eine Tochter nach ſelbſtgewähltem, freien Verkehr, nach einer Umgebung, die ihre Urt verſteht, ihr Freude und Anregung gibt, nach einem ſelbſtgeſtalteten heim, nach Zuſammenleben mit ſeelen⸗ verwandten Menſchen. Aber ſie hat Eltern, die Anſprüche an ſie erheben, und darum hat ſie auf eigene Lebenswünſche zu verzichten. Das iſt nicht immer ſo; es gibt ja Mütter, die jedem Kinde verſtändnisvoll entgegenkommen, die auch der jüngeren Frau gegenüber gerecht zu ſein verſtehen. Aber die Regel iſt es nicht. Für das, was eine Mutter ihren Kindern gab, fordert gar manche ihren Lohn, wenn nicht vom Sohne, ſo um ſo ſelbſt⸗ verſtändlicher von der Tochter. Wenn die Mütter doch ahnten, wie leer, wie freudlos es oft in dem herzen ihrer immer älter werdenden haustöchter ausſieht. Nicht— wie man wohl mit leiſem Spotte bemerkt —„weil keiner kam, der ſie mitnahm“, ſondern weil ſie ein zweckloſes, unausgefülltes Daſein führen. klle Kränzchen, alle Vergnügungen täuſchen darüber nicht hinweg. Sie ſollen ja nur das Gefühl übertäuben, daß das Leben leer und zwecklos iſt. Wir würden einen Mann verachten, der ein ſo nichtsſa⸗ gendes Leben führt. Daß auch in den jungen Mädchen dieſes R Gefühl lebendig wird, daß ſie ſich, beſonders wenn ſie über die allererſten Jugendjahre hinaus ſind, einer pflichtleeren Exi⸗ ſtenz zu ſchämen beginnen, daß auch die Eltern einſehen lernen, daß es Verſündigung iſt an der Seele ihrer Kinder, wenn ſie ſie— nur zu eigener Freude und Bequemlichkeit— hindern, ihr eigenes Leben zu leben, ihm pflicht und Inhalt zu geben, das iſt eine der größten Segnungen der Frauenbewegung. Wohlgemerkt: überall, wo das Mädchen einen ſie ausfüllenden Pflichtenkreis im Elternhaus findet, da bleibe die Tochter, falls ſie nicht anders geartete Neigungen und Talente hat, im El⸗ ternhaus. Kber vergeſſen ſollten die Mütter auch dann nicht, daß das Streben nach Selbſtändigkeit und Selbſtverantwortlichkeit etwas für jeden Men⸗ ſchen und alſo auch für das heranwachſende Mädchen Geſundes und Natürliches iſt. Selbſtändig und ſelbſtverantwortlich zu werden, muß auch die im hauſe bleibende Tochter erſtreben. Und noch ein anderes ſollten die Mütter ihren Töchtern gegenüber angeſichts der ſo viel größeren Anſprüche, die an die Leiſtungsfähigkeit der neuen Frauen geſtellt werden, beſonders beachten. Sie ſollten die Beſtrebungen einſichtiger Leute, ein ge⸗ ſundes Frauengeſchlecht heranzuziehen, nach Möglichkeit un⸗ terſtützen, ſollten auch die Mädchen von kleinauf körperlich ſtählen, ſie gewandt und ausdauernd und widerſtandsfähig machen. Sie ſollten vor allem dem Rampf gegen das Korſett, dieſes jede geſunde natürliche Entwicklung des Frauenkörpers hemmende Marterinſtrument, mehr Verſtändnis entgegenbringen. Können viele von ihnen ſich auch ſelber nicht mehr umgewöhnen— gar manche Frau behauptet ja ohne den ihr angewöhnten Gradehalter jeden halt zu ver⸗ 230 ₰ 5 lieren, eine andere wiederum ſcheut ſich, aufzufallen, anders als andere gekleidet zu gehen— ſo können ſie doch den Körper ihrer Kinder unverbildet erhalten. Es gilt nur ein Umgewöhnen des Auges und die natürlichen weichen Linien des Frauen⸗ körpers werden jedem ſchöner erſcheinen als die gepanzerte, in der Mitte geſchnürte nach oben und unten herausgepreßte Figur der unter dem Einfluß Pariſer Mode ſtehenden Frau. Wir Deutſchen dürften ſchon einmal den Mut haben, eine deutſche Tracht zu tragen. Die Fierlichkeit und Geziert⸗ heit der Franzöſin ſteht den meiſten von uns doch ſchlecht an. Wir wirken, wie der Cölner Verein für Frauenkleidung mit Recht hervorhebt, in Pariſer Mode unecht, als Imitation, wäh⸗ rend die neue, deutſche Frauentracht, die Reformkleidung, wie man ſie meiſtens nennt, die Möglichkeit gibt, jedem individuellen Geſchmack zu genügen, da ſie keineswegs, wie man oft meint, auf das Empirekleid, das nur in den Salon paſſende Rünſtlerkleid be⸗ ſchränkt iſt. Daß die Individualität der Trägerin und nicht die Mode entſcheidet, iſt freilich ein Grund, weswegen die Reform⸗ kleidung von den am liebſten ſchablonenhaft nach Pariſer Mo⸗ dellen arbeitenden Konfektionsgeſchäften wenig befürwortet wird, um ſo weniger als der ſtändige Wechſel der Mode wegfällt, der die Anfertigung immer neuer Koſtüme erforder⸗ lich macht, die Frauenwelt zu ſtets neuen Kusgaben verführt. Im Gegenſatz zur Durchſchnittsfrau, die unter der Gewalt ihrer Schneiderin ſteht, deren Geſchmack ſie oft höher ſchätzt als den eigenen, im Gegenſatz zu der Modedame, die in ſtändiger Sorge iſt, daß ſie doch nur ja das neuſte, das allerneuſte, wenn möglich ſchon die Mode von morgen, trage, iſt die Anhängerin der Reformkleidung unabhängig von fremdem Geſchmack. Sie trägt was ihr gefällt und trägt es, ſo lange es ihr gefällt. Die neue deutſche Frauentracht iſt an erſter Stelle für Frauen, — 3 231— AeS die ſtolz darauf ſind, deutſche Frauen zu heißen. Die künftige Mutter braucht einen unverdorbenen kräf⸗ tigen Körper und ebenſo dringend faſt braucht ihn die in hartem Konkurrenzkampf ringende Frau. Sie körperlich minderwertig zu machen, heißt ihr von vorn herein die Ausſichten auf erfolg⸗ reiche Cätigkeit nehmen. Berufstätigen Frauen, hausfrauen und Müttern iſt Geſundheit die ſegenbringendſte Mitgift. Sollten nicht die Mütter die erſten ſein, die ſich von der Richtigkeit ſolcher Behauptungen überzeugen? die an ihren Kindern gut machen, was eine frühere, die Frau nur auf den Mann dreſ⸗ ſierende Generation an ihnen geſündigt? Kuch das hHochhalten praktiſcher Berufsarten möchte ich im Intereſſe der Geſundheit dringend empfehlen. Swei Jahre in einer wirtſchaftlichen Frauenſchule auf dem Lande 8 Geifenſtein, Geiſelgaſteig, Oberzwehren) oder in einer Garten⸗ bauſchule(Marienfelde, Godesberg a. Rh.) ſind die denkbar geſundeſten Penſionsjahre. Stählung der Frau für Berufsarbeit. Einſame Frauen.— Heime.— Rlubs. Einen frei und geſund entwickelten Körper braucht die berufstätige Frau. Aber noch in anderer hinſicht muß ſie ſich für ihre Lebensarbeit wohl vorbereiten. Der Mann mit ſeinen Trink⸗ und Rauch⸗ und oft auch EEEN zügelloſen Liebesgewohnheiten iſt ſicherlich nicht Ideal. Kber einiges hat er, der an Berufsarbeit gewöhnt, für Berufsar⸗ beit erzogen iſt, doch vor faſt allen Frauen voraus: Er verſteht, ſich zu konzentrieren, ſich nicht durch kleine, oft kleinliche Rückſichten hin und herziehen zu laſſen, verſteht, wenns not tut, Störungen aus ſeinem Leben fern zu halten. Und er verſteht zu ruhen, Erholungszeit, richtig faule Stunden zwiſchen die Krbeitszeit einzuſchieben. Beides gibt ihm Uebergewicht über die Frau. Die Durchſchnittsfrau arbeitet immer, wird nie fertig mit ihrer Arbeit. Sie kennt es garnicht anders, als daß ſie immer beſchäftigt iſt, immer bei ihrem CTun geſtört wird. Wie wichtig wird in den meiſten Familien die rbeit des Rnaben ſchon in jüngeren Jahren genommen. Er muß Ruhe haben, er darf ſich nicht zerſtreuen. Er muß oft zu ſeiner Qual ſein ganzes Denken auf die Schule konzentrieren. Beim Mädchen kommts nicht ſo ſehr darauf an. Sie darf eher einmal die Schule verſäumen. Entſchuldigungszettel ſind für ſie leichter zur hand. Sie muß oft genug bevor die Ferien begonnen haben die Mutter auf ihrer Sommer⸗ reiſe begleiten, ſich Urlaub dafür erbitten, der in Privatſchulen, die des Beſuchs wegen Rückſichten nehmen müſſen, meiſt un⸗ ſchwierig gewährt wird. Und ganz unnatürlich erſcheint es allen, daß ein Mädchen auch nach beendeter Schulzeit bei ern⸗ ſtem Arbeiten zu bleiben wünſcht. Ein Jeder ſtellt Anſprüche an ſie. Hier ſoll ſie der Mutter beim Beſuchemachen, bei Ein⸗ käufen Geſellſchaft leiſten, dort ſoll ſie mit dem Vater ſpazieren gehen. Hier ein wenig— nebenher— auf jüngere Geſchwiſter achten. Als ſehr unhöflich gilt es dann weiterhin, auch für die ältere Frau trifft das noch zu, wenn eine Frau nicht immer 5eit hat, Beſuchende zu empfangen, Geſelligkeit zu pflegen, A— und mag dieſe noch ſo leer und nichtsſagend ſein. Den Mann entſchuldigt die Arbeit. Bei der Frau aber erwartet man, daß ſie immer und für alle Zeit habe, auch wenn ſie voll im Beruf ſteht. Und ſie weiß, daß man es von ihr erwartet. Sie leidet darunter, nicht allem gerecht werden zu können. Gar manche Frau zerſplittert ſich deswegen, reibt ſich auf, wird angeſichts der Unmöglichkeit alles auf einmal zu be⸗ rückſichtigen unbefriedigt, nervös. Die berufstätige Frau muß ihrer Arbeit leben, an erſter Stelle. Oder ſie wird immer minderwertig bleiben, frühzeitig verbraucht ſein. Sie muß daneben ihrer Erholung leben, braucht alſo durchaus nicht für die Welt abzuſterben. Kber ſich erholen, bedeutet etwas anderes als ſtändig Rückſichten üben, in jeder freien Bewe⸗ gung gehemmt ſein. Beſonders ſchwer empfindet man ſolch ſtändiges Gehemmtwerden, wenn man nicht nach freier eigener Wahl die Umgebung ſich ſelbſt hat geſtalten dürfen, ſondern, ohne nach herzensneigungen gefragt zu ſein, einfach wei⸗ terleben ſoll in dem Kreis, in den man von klein auf geſtellt wurde. Damit ſoll die Liebe zwiſchen Eltern und Rindern, zwi⸗ ſchen Brüdern und Schweſtern nicht als etwas Minderzuwer⸗ tendes hingeſtellt werden. Es gibt kein feſteres, treueres Ver⸗ hältnis als das unter Geſchwiſtern, unter Eltern und Kindern. In guten wie in ſchweren Cagen iſt man dort warmer Teil⸗ nahme gewiß. Im Alltagsleben aber, da reibt ſich leicht einer am anderen. Das freimütige Kritiſieren, das den Verkehr zwiſchen Geſchwiſtern ſo erzieheriſch wirkſam macht, ermüdet die vom Beruf heimkehrende Frau. Nicht immer kann ſie die aufmerkſame, liebevolle Tochter ſein, wie man von ihr er⸗ wartet. In anderen Familien, wo offene Ausſprache nicht — — Sitte iſt, iſt häufig alles auf einen gedämpften, gleich⸗ mäßigen Con geſtimmt. Ein junger Menſch aber bedarf ge⸗ legentlich freier, rückhaltloſer, wohl auch erregter, leidenſchaft⸗ licher Ausſprache. Allen Erörterungen aus dem Wege zu gehen, niemals mit heißer Sehnſucht nach vollem Gleichklang zu ſu⸗ chen, iſt etwas Unnatürliches für junge Menſchen. Immer Kutoritäten neben ſich zu haben, Eltern, ältere Geſchwiſter, macht unfrei und unfroh. Nur ſelten kann ſich ein Menſch in ſteter Familien⸗Gebundenheit kraftvoll und harmoniſch ent⸗ wickeln. Man wende nicht dagegen ein, ſolch volles Sich⸗Kusleben finde eine Frau nur in der Ehe. Das trifft nur teilweiſe zu. Sicher iſt Ehe und Mutterſchaft der natürlichſte Beruf der Frau und wie hoch ich den Hausfrauenberuf ſchätze, wenn er in rechter Weiſe geübt wird, das habe ich im elften Abſchnitt aus⸗ drücklich ausgeſprochen. Aber gar vielen Frauen würde Be⸗ rufsarbeit mehr Befriedigung geben, wenn ſie ſich— auch darin können und müſſen ſie vom Manne lernen— ihr häusliches Leben ſo geſtalten dürften, daß ſie aus einer Utmoſphäre des Glücks, des Behagens heraus ſchaffen könnten. Auch wenn eine Frau ſich in erotiſcher Hinſicht nicht ſchrankenlos auslebt — darin dem Durchſchnittsmanne nachzuahmen, lehnen wir Frauen nachdrücklich ab— muß ſie ſich deswegen jedes An⸗ rechtes auf individuell geſtaltetes Glück begeben? Der Mann hat auch hier freie Wahl. Er lebt, wie er will: im Elternhaus oder für ſich allein in ungebundener Frei⸗ heit oder mit Freunden zuſammen oder im ſelbſtgegründeten Heim an der Seite einer ſelbſtgewählten Gefährtin. Niemals wird die Frau ſolch volle Ungebundenheit er⸗ reichen, wird ſie auch niemals in gleicher Weiſe zu erreichen ſtreben. 2 Aber auch den Frauen könnten trotzdem verſchiedengear⸗ tete Glücksmöglichkeiten offen ſtehen, ſie würden dadurch an Arbeitsfreudigkeit gewinnen. Häufig, durchſchnittlich viel⸗ leicht, wird ihnen daheim bei den Eltern Pleiben als Natür⸗ lichſtes erſcheinen. Daß eine Mutter, Witwe geworden, für die berufstätigen Kinder ſorgt, ſie nicht hemmt, ſondern im Ge⸗ genteil aufopfernd für ſie ſorgt und dadurch lediglich das Gefühl in ihnen weckt, daß Mutterliebe etwas überaus Köſtliches iſt, in dem auch der herangewachſene Sohn, die herangewachſene Tochter ſicher geborgen ſich fühlen, iſt eine immer häufiger werdende Erſcheinung. Um ſo häufiger, je mehr auch das Selbſtändigwerden der Tochter als etwas Na⸗ türliches erſcheint, nicht mehr, wie einſt, als Auflehnung gegen Sitte und Elternrecht angeſehen wird. Kber auch ein eigenes heim ſollte ſich die berufstätige oder pekuniär unabhängige Frau gründen dürfen. Fehlt der unverheirateten Frau auch mit Mann und Kindern das volle, beglückende Kusleben ihrer ganzen ſich nach Liebesleben, nach Mutterberuf ſehnenden Perſönlichkeit, ſo kann ſie doch in einem guten Kameraden, als Frau mit einer Freundin zuſammenlebend, eine warme beglückende Ktmoſphäre um ſich herum geſtalten. Daß ſie ſich unter einander Behagen ſchaffen können, das haben die Frauen ja vor den Männern voraus. Und ſo ſehen wir denn tatſächlich ſchon eine ganze Reihe befreundeter Frauen gemeinſame Haus⸗ haltungen führen. Auch zu dreien und vieren finden wir wohl ſolche Gemeinſchaftshaushaltungen berufstätiger Frauen. Sei es nun, daß dieſe Frauen alle berufstätig ſind— auch pe⸗ kuniär würden ſie ſich, zu zweien oder mehreren lebend, beſſer ſtehen— oder daß die eine, was ja große Vorzüge hat, nur für das hausweſen ſorgt, reſp. in frei zu regelnder Tätig⸗ keit ihre Seit nützt, während die andere einem feſten Berufe nachgeht. Alle Frauen aber ſind im Vergleich zum Manne in ihrer Bewegung außer dem hauſe ſehr gehemmt. Kuch ſolche unter ihnen, die daheim keinen eigenen Verkehr pflegen können, kön⸗ nen ſich nicht, wie der Mann, außer dem hauſe Erſatz ſuchen. Für die Frau iſt, auch wenn ſie ſonſt ſelbſtändig lebt, der freie ungezwungene Verkehr mit Bekannten, wie der Mann ihn außer dem Hauſe pflegt, vorläufig kaum erreichbar. Und doch wäre er recht gut möglich, auch wenn zunächſt noch einige Vorurteile zu überwinden wären, ſobald der Mann ſich gewöhnen wollte, einer Frau auch außer dem hauſe mit Achtung zu begegnen, ſelbſt wenn er ihr, was für die Berufsarbeiterin und für die allein⸗ ſtehende Frau, die nicht auf jeglichen Verkehr verzichten will, doch geradezu unvermeidlich iſt, in den Kbendſtunden allein auf der Straße oder auch, ich möchte das ausdrücklich betonen, ohne männlichen Schutz in einem Reſtaurant begegnet. War⸗ um ſollen Frauen, die daheim keine Anſprache, keine Mög⸗ lichkeit freien Verkehrs haben oder die einmal etwas Abwechs⸗ lung wünſchen, ihr Abendbrot nicht allein oder zu mehreren in dieſem und jenem Gaſthauſe eſſen dürfen? Warum ſollen ſie nicht, wenn ſie Neigung dazu verſpüren, wenn es ihnen bequem erſcheint, ſich mit ihren Bekannten am dritten Ort treffen, um bei einem Glas Wein oder Bier oder Limo⸗ nade dort eine Stunde zu verplaudern? Aber ſelbſt mancher ſogenannt gebildete Mann ſcheint eine allein ein Reſtaurant beſuchende oder auch ihm abends nach neun Uhr allein auf der Straße begegnende Frau einfach als vogelfrei anzuſehen. Daher das Beläſtigen alleingehender Frauen, das ganz un⸗ kommentmäßige Anſtarren und Fixieren derſelben in hHötels und Reſtaurants. Daher das Hinausweiſen von Damen aus Berliner Reſtaurants, wie es während des internationalen Frauenkongreſſes ſolche Empörung erregte. Die Frau iſt z. 5. noch vogelfrei, ſobald ſie das haus verläßt. AKußerhalb der Salons konnte ſie bisher vom Mann keine Rückſicht erwarten. Ob wir über ſolche Unſitten in unſerem deutſchen Lande, das ſo viel Rühmens macht von Frauenehre und von der Achtung, die der Frau von ſeiten des Mannes gezollt werde, wohl allmählich hinauskommen? Ob der Mann ſich gewöh⸗ nen wird, auch der Frau freiere Lebensgeſtaltung zuzugeſtehen und ihr trotzdem mit Achtung zu begegnen? Ob er daran denken lernen wird, daß auch die Frau Erholung, Kusſpan⸗ nung nötig hat wie er? Denn in der Möglichkeit freierer Bewegung liegt für die berufstätige Frau auch die Möglichkeit ſich zu ruhen oder ihren Geiſt aufzufriſchen. Im Intereſſe ihrer körperlichen und geiſtigen Geſundheit möchte ich ihr das wünſchen, möchte ferner unbeſchränkte Ceilnahme von Frauen an Sport, Rudertouren, Radtouren, Fuß⸗Wanderungen u. dgl. befürworten. Kuf Reiſen hat man es ja allmählich ſchon gelernt, die Frau mit Achtung, mit gleicher Aufmerkſamkeit wie den Mann zu behandeln. Frauenheime können dann weiterhin mancher Frau, da ſich nicht immer eine gleichgeſtimmte Genoſſin zu gemein⸗ ſamer Lebensführung findet, Erſatz für fehlendes häusliches Behagen bieten. Denn ein rechter Freund iſt ein ſo ſeltenes Geſchenk des himmels wie eine echte, große Liebe. Frauen⸗ heime ſind beſonders für die Mädchen mittleren Standes von Wert, die ohne ein feſtes heim den an ſie herantretenden VYerſuchungen leicht unterliegen. Denn die Sehnſucht nach Anſchluß an andere Menſchen die Sehnſucht heimkehrend ein warmes, herzliches Wort zu hören, lebt in gar vielen Frauen. Viele arbeiten ihr Tage⸗ werk nur deswegen freudlos herab, weil ſie nicht, wie der verheiratete Mann, daheim liebevolle Fürſorge finden, weil ſie ſich nirgends von treuen Seelen umgeben wiſſen, weil ſie oft keinem Menſchen begegnen, der Intereſſe und Seit und Ver⸗ ſtehen für ſie hat. Daß der Menſch einen Menſchen braucht, dem er vertrauen darf, der ihm die Freiſtunden wirklich zu Freude⸗ und Erholungsſtunden macht, iſt ja ſo natürlich. Am Glücklichſten, wie geſagt, ſind diejenigen daran, bei denen das Elternheim oder auch Freundſchaft die Liebe wenigſtens in gewiſſer Weiſe erſetzt. Den anderen aber können heime wenigſtens äußeres Behagen verſchaffen. Und noch eine andere Neueinrichtung ſoll den einſamen Frauen das Leben angenehmer geſtalten: die Frauenklubs, die z. C. freilich nur Zuſammenkunfts⸗Ort für elegante Frauen ſind, die ſich einmal amüſieren, einmal unter ſich ſein wollen, zum größeren Ceil aber Suſammenkunfts⸗, Erholungsort für berufsarbeitende oder vereinzelt lebende Frauen. Dadurch ſind ſie eine ſozial wertvolle Einrichtung. An einem Beiſpiele möchte ich das erläutern: In einem Berliner Klub, die Leiterin erzählte es mir, ver⸗ kehrte ein altes Frauchen, das ſonſt ganz fremd und ver⸗ laſſen in der Rieſenſtadt im Rlub Anſchluß gefunden, Be⸗ kanntſchaften gemacht hatte. Dankbar und glücklich war ſie darüber. Und als ſie bald darauf erkrankte, von keinem Menſchen früher beachtet, da kamen ihre Klubgefährtinnen, die ſie beim Whiſt vermißt hatten, und fragten nach ihr und ſorg⸗ ten für ſie und nahmen ihr das Gefühl des Verloren⸗ und Verlaſſenſeins, unter dem ſie lange Jahre ſchwer gelitten. Ein Klub bedeutet einſamen Frauen viel, er gibt auch der außer⸗ halb geſellſchaftlicher und Familien⸗Beziehungen ſtehenden Frau die Möglichkeit, in zwangloſer Art mit Menſchen anzuknüpfen, neue Bekannte zu finden. Frauenklubs beſtehen in Berlin(zwei), in hannover, Wiesbaden und Düſſeldorf. Sie verdienten weit größere Ver⸗ breitung. Kuch für die arbeitenden Klaſſen würden ſie ſegens⸗ reich wirken. Aber bei allem warmen Empfinden für die unteren Klaſſen die Zahl der alleinſtehenden Frauen iſt fraglos in den gebildeten Ständen noch größer, und die Schran⸗ ken der Sitte und Konvention engen dieſe Frauen noch mehr ein als die Arbeiterinnen. Darum ſind Klubs für gebildete Frauen beſonders am Platze. Sie geben zugleich— und dasſelbe gilt von der Vereins⸗ arbeit—, falls ſie nicht zu exkluſiv geſtaltet ſind, Gelegenheit, die Standesunterſchiede zu verwiſchen, Frauen verſchieden⸗ artigſter Berufe und Geſellſchaftsklaſſen zuſammen zu bringen. Es iſt ein erfreuliches Zeichen von der Reinheit der Motive der in der Frauenbewegung ſtehenden Frauen, daß bei ihnen das Liebäugeln nach Rang und Titeln, das Sich⸗Beugen vor Namen und Stand ſo gut wie gar keine RKolle ſpielt. Die Perſönlichkeit, der Menſch allein hat Bedeutung, gleich⸗ viel welchen Schichten des Volkes dieſe Perſönlichkeit ent⸗ wachſen iſt. Auch weniger gebildeten Frauen gegenüber ver⸗ ſtehen es viele der Frauenrechtlerinnen, einfach und natür⸗ lich zu bleiben, als Menſch zum Menſchen zu ſprechen, wahr⸗ haft Herz zum Herzen zu ſchaffen. Kehnliches wie ein Klub, nur in beſchränkter Weiſe, bedeutet vielen Frauen die von Vereinen— übrigens auch in Klubs— regelmäßig eingerichteten Vereinsabende. Referat und Diskuſſion, daran anſchließend geſelliges Zuſammenſein, pflegen dabei gegeben zu werden. Wohl auch muſikaliſch⸗ deklamatoriſche Leiſtungen. Und wo nicht Ueberfütterung — BR an Vergnügungen, Anregungen, geſelligen Freuden herrſcht, werden ſolche Vereinsabende dankbar begrüßt und regelmäßig beſucht. Damit ſind wir bei der Vereinstätigkeit, beim 3uſammen⸗ ſchluß der Frauen in Vereinen angelangt. Es dürfte ange⸗ zeigt ſein, an dieſer Stelle eine Ueberſicht über die in Bunden, Verbänden und Vereinen feſt organiſierte Frauenbewegung, wie ſie im Laufe der letzten vier Jahrzehnte ſich um uns herum entwickelt hat, zu geben. 8 K/ Die organiſierte Frauenbewegung. Die organiſierte Frauenbewegung trat in Deutſchland 1865 mit der ſchon in den erſten Abſchnitten dieſes Buches erwähnten Begründung des Leipziger Allgemeinen Deutſchen Frauenvereins ins Leben. Die Leiterin dieſes Vereins, Luiſe Otto⸗Peters, und ihre treue Gefährtin, auguſte Schmidt, die, ſelbſt von gewinnendſter Perſön⸗ lichkeit, von hinreißender Beredtſamkeit, in der Freundin doch ſtets den ſtärkeren, urſprünglicheren Geiſt verehrte, ſahen das Endziel der Frauenbewegung mit kühnem Wagemut weit voraus. Kber ſie ſahen zugleich, wie unreif, wie unentwickelt die Frauen rings um ſie her waren. Sie ſahen, wie es bei Frauen und Männern Berge von Vorurteilen zu überwinden galt, wie es nicht müde werdender Begeiſterung bedurfte, um 241 56 — —— auch nur einen Schritt vorwärts zu kommen. Nicht durch unüberlegtes Sturmrennen gegen die ihnen die Wege ver⸗ ſperrenden Mauern, das wußten ſie wohl, konnte das kleine Häuflein von Frauen, das ſich zum Allg. Dtſch. Frauen⸗ verein zuſammengeſchloſſen hatte, ſich und ſeinen Mitſchweſtern die Bahn frei machen. In unermüdlicher Geduld galt es Stein für Stein abzutragen. Die Frauen ſelbſt galt es zu befreien von dem Banne des Althergebrachten, Konventionellen. Die Sehnſucht nach einer ſich ungehindernd entfaltenden, ſtarken, lebendigen Seele galt es in ihnen zu wecken. Es galt ſie geiſtig zu ſchulen, ſie zu eigenem, klaren Denken und hHandeln heranzubilden. Alle weitergreifenden Pläne zunächſt zurück⸗ ſtellend, gingen Luiſe Otto und Auguſte Schmidt mit nie ver⸗ ſagender Geduld, das Ziel feſt im Auge, den mühevollen Weg langſamer Erziehung des Frauengeſchlechtes. Um ihr Ziel zu erreichen, ſchloß ſie, die ſie ihr ganzes Leben hindurch mit Männern gemeinſam gearbeitet und ſich gemein⸗ ſam mit ihnen für die höchſten Ideale der Zeit begeiſtert hatte, die Mitarbeit des Mannes in dem neugegründeten Verein von vornherein aus. Denn ſie wußte, daß die noch unſichere, un⸗ geſchulte Frau nur dann zur Selbſtändigkeit würde erſtarken können, wenn ſie, ohne befürchten zu müſſen, von dem be⸗ reits geübteren Manne belächelt zu werden, ſich auch im Sprechen frei aus ſich herauswagte, wenn ſie, ohne ſich auf männliche Führung verlaſſen zu können, ſelbſtändig vorgehen lernte. Der Erfolg gab Luiſe Otto Recht. Wer jetzt, nach⸗ dem die Frauen ſich in Jahrzehnte langer Arbeit untereinan⸗ der geſchult haben, Frauen öffentlich ſprechen hört, der wird zugeben müſſen, daß ſich die meiſten von ihnen mit dem, was ſie ſagen und wie ſie es ſagen, dem Manne ebenbürtig an die Seite ſtellen können. So gelang es, die Frauen frei Krukenberg, Frauenbewegung. 16 zu machen von männlicher Bevormundung, von männlichem Uebergewicht, das die Entfaltung der Frauenart allzu leicht hemmte. Innerliches Reifwerden der Frauen erſehnte Luiſe Otto. An rein äußerlicher, formaler Gleichberechtigung war ihr wenig gelegen. Einem ſittlich hochſtehenden Frauen⸗ geſchlecht wollte ſie Freiheit und Gleichberechtigung erkämpfen. höher noch als die Liebe zum eigenen Geſchlecht ſtand ihr die Liebe zum ganzen deutſchen Volk. Das Vaterland galt ihr mehr als der Einzelne. Aber ſie war überzeugt, daß das Vaterland nur dann erſtarken könne, wenn man den einzelnen Bürger zum ſtarken, gefeſteten Menſchen heranbilde und war ſich klar, daß aller Kusbau der Volkswohlfahrt ver⸗ geblich bleiben müſſe, wenn man die hälfte des Volkes künſt⸗ lich auf niederer Stufe erhalte. Solche Geſichtspunkte waren ihr für die Urbeit im Dienſte der Frauenbewegung maßgebend. So kam in die deutſche Frauenbewegung von vorn herein eine großzügige, wahrhaft nationale Kuffaſſung. Die Art und die Anſchauungen ihrer Gründerinnen gaben ihr für alle Zeit das Gepräge. lin ihrem hochſinnigen Idealismus haben jene erſten Frauen, von denen noch eine— henriette Goldſchmidt in Leipzig— unter uns weilt, feſtgehalten trotz aller Schmähungen und kngriffe, denen ſie als Pionierinnen ausgeſetzt waren. Wie ſchwer es ihnen oft gemacht wurde, wie ſie faſt überall, wohin ſie kamen, mit Spott und Hohn empfangen und in ihren Abſichten töricht verkannt und von Unverſtändigen heruntergeriſſen wurden, das kann man ſich heute kaum mehr vorſtellen. Nur der Lauterkeit ihrer Geſinnung, der Reinheit ihres Wollens, der maßvoll edlen Krt ihres Kuftretens war es zu danken, daß in immer mehr Fällen aus Spöttern und Verächtern Freunde und Bekehrte wurden. Der Allgemeine Deutſche Frauenverein entwickelte ſich in ſtetigem Fortſchreiten. Mit Freude und Dank konnte die hochbetagte Luiſe Otto⸗Peters am Ende ihres Lebens es ausſprechen, daß ſie den Idealen ihrer Jugendzeit treu hatte bleiben dürfen Seit ihres Lebens, mit Stolz konnte ſie von ſich und dem von ihr begründeten Verein ſagen, daß ſie nie⸗ mals einen Schritt zurückzutun gebraucht hätten. Und ihr Erbe blieb bei uguſte Schmidt in guter hut. Was dieſe Frau noch jetzt unerſetzlich macht für die deutſche Frauenbe⸗ wegung, das war der Fauber ihrer Perſönlichkeit, den jeder empfand, der in ihrer Nähe weilte. Für alle, die ihr nah traten, hatte ſie, die Dielbeſchäftigte, Zeit und mildes Verſtehen. Sie pflegte, wie eine ihr nahſtehende Frau nach ihrem Tode treffend ſagte, ſorgfältig auch die kleinſte, ſchüchternſte Flamme. Weil ſie wußte, daß auch viele kleine Flammen zuſammen einen hellen Schein geben. Und ſchöneres kann man wohl keinem Menſchen nachſagen, als ein Wort, das ein junger in Leipzig ſtudierender Mann auf ſie anwandte:„In ihrer Nähe kann man garnicht anders werden als gut.“ Von ſolchen Perſönlichkeiten, denen eine Marie Calm, eine Mathilde Weber, eine henriette Goldſchmidt zur Seite ſtand, geleitet, wuchs und breitete ſich der Allg. Dtſch. Frauenverein über ganz Deutſchland aus. Dann kam freilich eine Seit— Außenſtehende wenig⸗ ſtens konnten leicht ſolchen Eindruck gewinnen—, in der die praktiſche Arbeit der DVereine, die Sorge für die Berufsaus⸗ bildung der Frauen ſich mehr und mehr in den Vordergrund ſchob. Die Mehrzahl der vom Allg. Dtſch. Frauenverein ins Leben gerufenen Vereine wurden Frauenerwerbsvereine. Die Gefahr, über lokales praktiſches Sorgen Siel und Bedeutung 16* der Frauenbewegung aus dem Auge zu verlieren, die Zu⸗ ſammengehörigkeit zum Ganzen zu vergeſſen, lag nahe. Der Zentralverein freilich hielt immer feſt an dem Kampf für die Idee. Man braucht nur die Programme ſeiner Cagungen durchzugehen, um das zu erkennen. Niemals hat er, wie z. B. der mit ihm eng verbundene Letteverein, der in ſeiner Art aber auch außerordentlich ſegensreich wirkte, die Erwerbsfrage allein und in erſter Linie berückſichtigt. Er blieb Propaganda⸗ verein, auch wenn er ſich des praktiſchen Wirkens ſeiner Mitgliedsvereine freute, von denen ich Caſſel, Frankfurt a. M., Hannover, Frauenwohl⸗Nürnberg beſonders nennen möchte, voller Anerkennung für das durch ſie Erreichte. Ein anderes nahm ſeine Feit und ſeine Intereſſen mehr in Anſpruch: die Sorge für höhere Geiſtesſchulung der Frau. In dem Abſchnitt über das Frauenſtudium habe ich das aus⸗ führlich dargelegt. Mit dem den Kusbau der Frauenbildung ſo nachdrücklich fordernden Allg. Dtſch. Lehrerinnen⸗Verein(ge⸗ gründet 1890) war der Allg. Dtſch. Frauenverein von Knfang an durch Perſonalunion verbunden. Kuguſte Schm idt, die II. Vorſ. des Frauenvereins wurde Ehrenvorſitzende der Lehrerinnen. Auch jetzt iſt die Leiterin des Lehrerinnenvereins, helene Lange, zugleich die Vorſitzende des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins.. Ende der achtziger Jahre ſetzten in der Frauenbewegung— neue Impulſe ein. Der zuerſt nur einfach gemeinnützig tätige, ſich aber ſchnell zu zielbewußtem Vorgehen entwickelnde Verein Frauenwohl⸗Berlin, der ſpäter Anlaß gab zur Grün⸗ dung des fortſchrittlichen Derbandes, betonte, der Seitrichtung Rechnung tragend, vom Feitgeiſte erfüllt, energiſch die Verpflich⸗ tung der Frau zu ſozialer Arbeit. Was auch Luiſe Otto ſtets als Ideal vorgeſchwebt— ich komme in dem Kbſchnitt„Kr⸗ ABSe beiterinnenbewegung“ darauf zurück— das nahm er, deſſen Vorſtande damals außer Srau Cauer auch Jrau Stritt, Srau Schwerin, Frau Bieber⸗Boehm, Frau Lili Braun ange⸗ hörten, energiſch in Angriff: die Weckung des ſozialen Ver⸗ antwortlichkeitsgefühls in der Frau. 3ugleich aber ging er in ſeiner weiteren Entwicklung mehr und mehr typiſch frauen⸗ rechtleriſche Bahnen. Das heißt er forderte, die„Linke“ in un⸗ ſerer Bewegung darſtellend, in ungeſtümem Drängen Rechte d für die Frauen, forderte ſie in agitatoriſchem, rückſichtsloſem, furchtloſem Dorgehen, während der ſogenannte rechte Flügel der Frauenbewegung, der ſich um den Allg. Dtſch. Frauen⸗ verein gruppierte, daran feſthielt, daß erſt durch Schulung, durch Erziehung zur Arbeit, durch Erfüllung von pflichten, wie ſie ja auch praktiſche Vereinsarbeit mit ſich bringt, die Frau, ſofern ſie den Blick aufs Ganze nicht verliert, zu ſegen⸗ bringender Kusübung von Rechten heranreifen wird. Kuch der Verein„Frauenwohl“ entfaltete lebhafte Pro⸗ pagandatätigkeit, gründete Vereine und Gruppen. Große Fachvereine entſtanden daneben, eine Menge kleinere Vereine, rein zufällig meiſt von irgend einer begeiſterten Perſönlichkeit begründet, traten hervor. Die Gefahr einer Ferſplitterung der Bewegung, die Gefahr des Sich⸗Auseinander⸗Entwickelns lag nahe. Da regten 1893 drei von der Chicagoer Weltausſtellung zurückkehrende Frauen— Hanna Bieber⸗Bö hm, Au⸗ guſte Förſter, Anna Simſon— die Gründung eines Bundes deutſcher Frauenvereine an in der Art des amerikaniſchen National⸗Frauenverbandes, mit deſſen Wir⸗ ken ſie ſich in Chicago vertraut gemacht hatten. Der Vor⸗ ſchlag fand Zuſtimmung. Ruguſte Schmidt übernahm die Leitung eines proviſoriſchen Komités. 34 Vereine erklärten ſofort ihren Beitritt. Und ſo wurde am 28. und 29. März 1894 der Bund deutſcher Frauenvereine gegründet. Im Laufe eines Jahrzehntes iſt der Bund, der alle zwei Jahre die Vereine aller Spezialarbeitsgebiete und aller Rich⸗ tungen auf ſeinen Bundestagungen vereinigt, ſtändig gewachſen. 190 Frauenvereine gehören ihm z. 5. an, darunter große Ver⸗ einskomplexe, wie der Allg. Dtſch. Frauen⸗ und Lehrerinnen⸗ verein, der Verein Frauenbildung⸗Frauenſtudium, der Verein für Frauenintereſſen in Bayern, der Norddeutſche, der Rhei⸗ niſch⸗Weſtfäliſche, der Schleſiſche Frauenverband u. a. m. Hn ſeine Spitze trat, nachdem Kuguſte Schmidt ihr limt nie⸗ dergelegt hatte, Frau Marie Stritt⸗Dresden. Der Bundesvorſtand beſteht aus 11 frei zu wählenden Mitgliedern. Außerdem wurden Krbeitskommiſſionen für ver⸗ ſchiedenſte Arbeisgebiete eingeſetzt: Die Rechtskommiſſion. Die Kommiſſion für Arbeiterinnenſchutz. Die Sittlichkeitskom⸗ miſſion. Die Mäſſigkeitskommiſſion. Die Kommiſſion für Er⸗ ziehungsweſen. Die Kommiſſion für handlungsgehilfinnen. Die Kommiſſion für Kinderſchutz. Eine Auskunftſtelle(erlin N. W. Brücken⸗Allée 35) erteilt ferner auf alle Frauenangelegenheiten betreffende Fragen Auskunft. Die Kuskunftserteilung erfolgt auf Grund eines ſorgfältig zuſammengeſtellten und ſyſtematiſch geordneten Nach⸗ richtenmaterials, das folgende Abteilungen umfaßt: 1. Erziehung und Bildung G. B. Mädchenſchul⸗ weſen, Coëdukation, Swangserziehung, Fortbildungsunterricht: u. ſ. w.). 2. Induſtrielles G. B. Krbeitsnachweis, Krbeite⸗ rinnenſchutzgeſetze, Organiſationen u. ſ. w.). 3. Soziales(. B. Verſicherungsweſen, Gefangenen⸗ pflege, Sittlichkeits⸗ und Mäßigkeitsbeſtrebungen u. ſ. w.). — ————— A 4. Dereinsweſen. 5. Berufe. 6. Wohlfahrtseinrichtungen und ⸗beſtre⸗ bungen. 7. Juriſtiſches u. a. m. Bei der Beantwortung von Fragen, für die das vorhan⸗ dene Material nicht ausreicht, ſtehen der Kuskunftsſtelle zahl⸗ reiche Hertrauensperſonen zur Seite. Die Kuskunftserteilung erfolgt unentgeltlich(gegen Ein⸗ ſendung des Portos) für Mitglieder der Frauenvereine; für Nichtmitglieder gegen Einſendung von 50 Pfg. in Briefmarken, die zur Deckung der Bureau⸗Unkoſten verwendet werden. Der Bund deutſcher Frauenvereine hat ſich 1897 dem Inter⸗ nationalen Frauenbunde(Oereinigung von National⸗ Frauenverbänden) angeſchloſſen, der Juni 1904 in Berlin ſeine Tagung hielt. Er umfaßt den Nationalverband der Vereinigten Staaten(gegründet 1888), den National⸗Frauenbund von Ca⸗ nada(gegr. 1893), Deutſchland(1894), Schweden(1896), Großbritannien und Irland(1897), Dänemark(1899), Neu⸗ Süd⸗Wales(1896), Holland(1890), Neu⸗Seeland(1896), Cas⸗ mania(1890), Schweiz(1899), Italien(1900), Frankreich (1900), Argentinien(1900), Dictoria(1901), Oeſterreich(1902), Süd⸗Kuſtralien(1902), Ungarn(1904), Norwegen(1904) und repräſentiert eine Sahl von vielen Millionen Frauen. Was dieſen Weltbund zu einer wirklich Beachtung verdie⸗ nenden Macht werden läßt, das iſt die Catſache, daß über einzelne Länder und einzelne Weltteile hinaus alle Frauen zu gleichem Ziele ſich vereinigt haben. Den rechtloſen Frauen wollen ſie ihr Recht verſchaffen, die Frauen und damit die Dölker aller Länder wollen ſie veredeln, freier und höher ent⸗ EAEE wickeln. In die Welt der Schein⸗Gerechtigkeit hinein wollen ſie Liebe und Güte und warmes VDerſtehen bringen. Tatchriſtentum wollen ſie ausbreiten. Friedenspolitik wollen ſie treiben neben der Macht⸗ und Intereſſenpoli⸗ tik, die im Männerſtaat bisher allzuleicht herrſchend blieb. Neben dieſem zum Weltbunde gehörenden auf paritäti⸗ ſchem Boden arbeitenden Bunde deutſcher Frauenvereine ſind nun— auf konfeſſionellem Boden ſtehend—, dem 5ug der Seit folgend, kirchlich⸗konfeſſionelle Frauenbunde entſtanden: Der deutſch⸗evangeliſche Frauenbund(gegründet 1890), der unter Leitung von PDaula Müller und Udelheidv. Benningſen der Frauenſache in treuer, gediegener, erfolgreicher Weiſe zu dienen ſucht und mit den paritätiſchen Vereinen ſo viel wie irgend möglich hand in hand geht. Der katholi⸗ ſche Frauenbund(gegründet 1903), bei dem die Gefahr naturgemäß nahe liegt, daß er unter Leitung der katholiſchen Geiſtlichkeit kommt, dann ein neues Kampforgan für das Sentrum, nicht eine Förderung der Frauenſache bedeutet. Doch ſind z. 5. die an ſeiner Spitze ſtehenden Frauen von ernſtem Wollen und dem Wunſche erfüllt, das Gemeinſame in unſerer und ihrer Arbeit zu betonen. Sie ſind auf unſeren Tagungen wenn auch nur als Zuhörende mit vertreten, ſie ſuchen die ſo lange rückſtändig gebliebenen Frauen ihrer Kreiſe zu fördern und weiter zu entwickeln. Die Gründung des evang. und kath. Frauenbundes iſt, ſo ſcheint mir, der beſte Be⸗ weis für die Unbeſiegbarkeit der von uns vertretenen Ideen, denen ſich ſtreng kirchliche Kreiſe lange Jahre vergeblich ent⸗ gegenſtemmten.— Ein jüdiſcher Frauenbund(1904 begründet) iſt mit ſeinem Wirken nicht weiter hervorgetreten. Nur eine einzige ſich über alle Länder gleichmäßig aus⸗ dehnende Bewegung kennen wir neben der Frauenbewegung (von religiöſen Bewegungen abgeſehen): die Proletarierbewe⸗ gung, die Männer und Frauen umfaßt. Inwiefern die Arbeiterinnenbewegung, wenn wir von einer ſolchen getrennt von der ſozialdemokratiſchen Geſamt⸗ bewegung überhaupt ſprechen können, ſich mit der bürger⸗ lichen Frauenbewegung berührt, inwiefern ſie ſich berühren kann und inwiefern es pflicht der beſitzenden Frauen iſt, die 2 Rrbeiterinnen in hartem Kampfe zu ſtützen, das Recht der Selbſtbeſtimmung auch für ſie zu fordern, das möchte ich im nächſten KAbſchnitte darlegen. — Frauenbewegung und AUrbeiterinnenbewegung. Genoſſenſchaftsweſen. Dereinsrecht. Die Frauenbewegung hat niemals nur einer einzigen Mlaſſe von Srauen zu dienen geſucht. Klaſſen⸗ und Standes⸗ der bürgerlichen Kreiſe waren, die ſie ins Leben riefen, weil dieſe die Not ihrer eigenen Kreiſe am unmittelbarſten vor Augen hatten, ſo waren ſie zunächſt unwillkürlich darauf be⸗ dacht, dieſe eigene Not zu mildern und zu dämpfen. Noch war das ſoziale Gewiſſen auch den arbeitenden Klaſſen gegen⸗ über nicht annähernd in einer ſo großen Sahl von Frauen lebendig geworden, wie das heutigentages der Fall iſt. Noch waren es nur wenige, ihrer Seit vorausſchreitende Frauen, die an das hHerz der Beſitzenden energiſch zu rühren wagten, die auf das Elend, das weite Kreiſe der Rrbeiterſchaft be⸗ herrſchte, furchtlos, ohne von Eigenintereſſe getrieben zu ſein, lediglich um der Gerechtigkeit willen hinwieſen. Noch dachte man nicht daran, die arbeitende Frau als Gleichberechtigte zu behandeln, ihr bei ihren Verſuchen, ſich zu organiſieren, hilfe zu leiſten, oder wohl gar ſie als Mitkämpferin im Befreiungs⸗ kampf der Frau heranzuziehen. Wohl wurde von ſeiten der Beſitzenden Wohltätigkeit in umfaſſendem Maße geübt. Al⸗ moſen wurden reichlich gegeben. Kber eine weite Kluft trennte Reich und Urm, Hoch und Niedrig. Der Beſitzende hätte es als Anmaßung empfunden, wie er es z. T. auch jetzt noch tut, wenn der Beſitzloſe, deſſen ganzes Kapital ſeine Krbeitskraft iſt, ſich mit ihm auf gleiche Stufe hätte ſtellen wollen. Kb⸗ hängigkeit des Dienenden, des Arbeitnehmers vom Arbeit⸗ geber erſchien als gottgewollter Zuſtand. Auch die arbeitge⸗ bende Jrau dachte in dieſen Dingen genau wie ihr männlicher Klaſſengenoſſe. Ein hinweis auf die Dienſtbotenfrage genügt, um zu zeigen, wie auch die Frau der bürgerlichen Kreiſe an altüberlieferten Rechten feſthielt und ſich Sugeſtändniſſe den in ihrem hHausweſen Arbeitenden gegenüber nur ungern und widerwillig abringen ließ. 9 Su jenen Husnahmenaturen unter den Frauen, die ſozial empfanden, bevor das Wort„ſozial“ Mode geworden war, die die pflicht der Beſitzenden allzeit mit ſeltener Klarheit er⸗ kannten, gehörte Luiſe Otto, die Gründerin des Allg. Dtſch. Frauenvereins. Langſam nur iſt die Menge der Frauen ihren der Seit kühn vorauseilenden Ideen gefolgt, langſam nur hat wenigſtens ein Teil der wohlhabenden Frauen gelernt, was ihr und was Auguſte Schmidt ſo natürlich war, auch mit der Frau aus arbeitendem Stande(wie wir uns ſelbſt herabſetzend dieſen Stand zu nennen pflegen) einfach und ohne herab⸗ laſſung als Menſch zum Menſchen zu ſprechen. In ihren Gedichten, die als Spiegelbild ihres Lebens und Denkens anziehend und feſſelnd bleiben, auch wenn ſie künſt⸗ leriſch nicht immer auf der höhe ſtehen, hat Luiſe Otto allem, was ſie bewegte und ſo auch ihrem Empfinden für das Volk Ausdruck gegeben: Seht Ihr ſie ſitzen am Klöppelkiſſen Die Wangen bleich und die Augen rot! Sie mühen ſich ab für einen Biſſen, Für einen Biſſen ſchwarzes Brot! Die RKinder regen die kleinen hHände, Die Klöppel fliegen hinab, hinauf, Der Müh und Sorge kein Ende, kein Ende! Das iſt ihr künftiger Lebenslauf. Seht Ihr ſie ſitzen am Klöppelkiſſen, Seht Ihr die Spitzen, die ſie gewebt: Ihr Reichen, Großen— hat das Gewiſſen Euch nie in innerſter Seele gebebt?“ Kber nicht nur durch ſolche Verſe, auch anderweitig ſuchte ſie für die Arbeiterinnen Sympathien zu erwecken, ſuchte den Gedanken der Organiſation der Arbeit auch auf die Frauen auszudehnen. 1848 richtete ſie an die Kommiſſion zur Erör⸗ terung der Gewerbs⸗ und Arbeitsverhältniſſe und an den Mi⸗ niſter eine Adreſſe, in der ſie Arbeitsgelegenheit für die Frauen verlangte, auf die ſittlichen Gefahren bei unzureichender Löh⸗ nung der Arbeiterinnen hinwies. Sie ſchloß mit den Worten: „Glauben Sie nicht, meine hHerren, daß Sie die Arbeit genü⸗ gend organiſieren können, wenn Sie nur die Arbeit der Män⸗ 8 ner und nicht auch die der Frauen mit organiſieren. Und wenn man überall vergeſſen ſollte, an die armen Arbeiterinnen zu denken— ich werde ſie nicht vergeſſen!“ Dieſe Adreſſe, ſo fügt Gertrud Bäumer in ihrer Ge⸗ ſchichte der Frauenbewegung(im Handbuch, Teil I) hinzu, fand in der Kommiſſion, die des Maiaufſtandes wegen dann freilich nur bis 1840 tagte, und im Miniſterium volle Wür⸗ digung und eingehende Beachtung. 1869 veranlaßte dann Luiſe Otto in Berlin die Grün⸗ dung eines Krbeiterinnenvereins, der jedoch nur bis 1871 be⸗ ſtand. 1881 wurde ebenfalls von einem Vorſtandsmitgliede des Allg. Dtſch. Frauenvereins, Marianne Menzzer⸗Dresden die Gründung eines Frauen⸗hilfsvereins für handarbeiterinnen angeregt, der jedoch aus Mangel an Beteiligung ſich bald wieder auflöſte. Mit ſolchem Vorgehen ſtanden dieſe Frauen, wie geſagt, noch durchaus vereinzelt. Nur wenige ihrer Zeit⸗ und Geſinnungs⸗ genoſſinnen empfanden wie ſie Verantwortlichkeitsgefühl für das Wohl der arbeitenden Klaſſen. In der Frauenbewegung drängte ſich die Frage der Berufserweiterung für gebildete Frauen, die Frage verbeſſerter Frauenbildung, der Rampf um Eröffnung der Univerſitäten mehr und mehr in den Vorder⸗ grund. Denn die eigene Not, ich wies bereits darauf hin, lag den Frauen der höheren Klaſſen und des Mittelſtan⸗ des näher, machte ſich ihnen ſchärfer fühlbar, als das Elend unter den Proletarierinnen, auf die nur vereinzelt, z. B. mit nachhaltiger Wirkung in helene Langes Vortrag„Not“, aber immer im 5uſammenhang mit der Not der oberen Volksſchichten hingewieſen wurde. Der Mangel an wahrhaft ſozialem Empfinden brachte es auch mit ſich, daß in gar vielen neugegründeten Frauenvereinen die in Angriff genommene gemeinnützige Arbeit wieder das Gepräge der alten, Al⸗ moſen gebenden Tätigkeit annahm. Arbeiterinnen als Mit⸗ glieder aufzunehmen, ihnen bei Selbſtorganiſation hilfe zu) leiſten lag den bürgerlichen Frauen vollends fern.§ Da nun außerdem die Intereſſen der Krbeiterinnen aufs engſte verbunden ſind mit denen ihrer männlichen Arbeitsge⸗ noſſen, da die ſozialdemokratiſche Partei den Frauen weit⸗ herzig entgegenkam— volle Gleichberechtigung der Frau in rechtlicher und politiſcher Beziehung wurde in ihr Parteipro⸗ gramm aufgenommen—, ſo haben die Arbeiterinnen ſich ge⸗ wöhnt, ihren Rückhalt in der ſozialiſtiſchen Aͤrbeiterbewegung, beim Manne ihrer eigenen Kreiſe alſo, zu ſuchen, der bürgerlichen Frauenbewegung hingegen gleichgültig oder feind⸗ lich gegenüber zu ſtehen, als aus Vertreterinnen der Kapita⸗ liſtenklaſſe zuſammengeſetzt. Die von Seite der bürgerlichen Frauenbewegung gemachten Verſuche, Arbeiterinnen zu ge⸗ meinſamer Arbeit heranzuziehen, werden in ſozialdemokra⸗ tiſchen Blättern meiſt ſchroff zurückgewieſen. Im Einzelfall aber iſt gemeinſchaftliches Vorgehen von Frauen aller Rich⸗ tungen trotzdem erreicht worden. Der linke Flügel der bür⸗ gerlichen Frauenbewegung drängt ganz beſonders auf weit⸗ gehende Verſtändigung der Frauen aller Klaſſen hin, die aber wohl nur dann erfolgen könnte, wenn die arbeitenden Klaſſen das Mißtrauen überwänden, mit dem ſie den bürgerlichen Frauen gegenüber ſtehen. Dies Mißtrauen zu überwinden, ſind die Frauen einzeln und in Vereinen beſtrebt. Von Seiten des fortſchrittlichen Derbandes iſt Elſe Lüders nach dieſer Richtung aufopfernd tätig. helene v. Forſter konnte aus Rürnberg über erfolgreiche Einzelarbeit berichten. Einen trefflichen Wegweiſer für Frauen, die ſich für die Arbeiter⸗ innenbewegung intereſſieren, bietet Eliſabeth Gnauk⸗Rüh⸗ nes eben erſchienene Broſchüre„Einführung in die Ar⸗ beiterinnenbewegung“. Wie einſt in evangeliſch⸗ſozialen reiſen verſucht dieſe tapfere Frau jetzt in katholiſchen Kreiſen das Gewiſſen der beſitzenden Klaſſen zu ſchärfen, ſoziales Ver⸗ ſtehen zu mehren. Aber warme Teilnahme für alle Nöte der arbeitenden Klaſſen darf nicht in ein würdeloſes Buhlen um die Gunſt des Volkes ausarten. Nicht Mode und Sport darf uns die Beſchäftigung mit der Krbeiterinnenfrage werden. uch hier müſſen wir zurückhalten, uns erſt in Ruhe und ernſtem Prü⸗ fen unſer Urteil bilden, bevor wir handelnd hervortreten. Es iſt eine der ſchwierigſten Aufgaben, entſcheiden zu ſollen, wie ſich die bürgerliche Frau der Proletarierbewegung gegenüber zu verhalten hat. Die Sympathie unſerer Seit iſt ja faſt durchgehend auf Seiten der Beſitzloſen, der von Geburt an in ihren Rechten Beſchränkten. Und die Frau, die es am eigenen Leibe empfindet, was es heißt, abhängig, rechtlos zu ſein, wird die Empörung verſtehen, die oft genug den Pro⸗ letarier durchzuckt, wenn man ihn Bürger eines Staates nennt, der dem Beſitz doppeltes, dreifaches Stimmrecht vor dem we⸗ niger Bemittelten voraus gibt, wie er ja auch dem Manne allein das Recht, Geſetze zu ſchaffen, zugeſteht, obwohl er zu den Laſten des Staates, zu den Steuern, die Frauen in gleicher Weiſe wie den Mann heranzieht. Unrecht empört uns, die wir ſelbſt ohne geſichertes Recht leben. Und darum iſt die Sympathie mit den arbei⸗ tenden Klaſſen unter den Frauen groß. „ Die Sympathie mit der ſozialdemokratiſchen Bewegung wächſt zudem mit jedem Seugnis von Engherzigkeit und Be⸗ ſchränktheit, mit der die Männer der bürgerlichen Parteien— den Frauen ihrer eigenen Kreiſe gegenüber treten, Nur ver⸗ einzelte unſerer Volksvertreter halten es für notwendig, ſich ernſtlich mit den Wünſchen und Forderungen der Frauen ver⸗ traut zu machen, nur vereinzelte nehmen auf dieſe Wünſche — wahrhaft liberal geſinnt— Rückſicht, halten es für ſelbſt⸗ verſtändlich, daß auch der Frauen Rechte gewahrt werden. Und wenn ſie es einmal tun, wie im Vorjahr bei Beratung des Geſetzes über die Kaufmannsgerichte, dann müſſen die Frauen erleben, daß die Regierung ihren ganzen Einfluß aufbietet, Hunderttauſende von Frauen, die in ſchwerem Konkurrenzkampf ſtehen, rechtlos zu machen, ſie, wie von nationalliberaler Seite zutreffend geſagt wurde, bei einem Geſetz, das doch auch berufen ſein ſoll, die Ehre der kaufmänniſch tätigen Frau zu ſchützen, durch ihren ſchärfſten Konkurrenten vertreten zu laſſen. Wenn ſo die Fürſorge beſchaffen iſt, die der Mann, der Starke, den Frauen zuteil werden läßt, dann darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn die Frau, welche die hüterin der Ordnung ſein ſollte, ſich gegen ſolche Ordnung empört. In der beſtehenden Ordnung, die die Frau zum Menſchen zweiter Klaſſe ſtempelt, der in allem und jedem hinter dem Manne zurückzuſtehen hat, können wir Frauen keine gerechte, heilſame Ordnung erblicken. Freilich auch nicht ohne Weiteres in ſozial⸗ demokratiſchen Zukunftsträumen, die keinerlei Garantie dafür A bieten, daß der Menſch den Menſchen wirklich achten, daß er auch in der Frau die mitringende, mitſtrebende Seele er⸗ tiſcher Fehler der bürgerlichen Parteien. Don Kitterlichkeit, von mannhafter, wahrhaft liberaler Geſinnung iſt in dieſen Kreiſen viel die Rede. Aber wo es darauf ankam, da hat dieſe Geſinnung der Frau gegenüber noch faſt immer verſagt. A Freilich ſind die Männer das Heilſchen und handeln im po⸗ litiſchen Leben arg gewöhnt worden. Wie aber ſteht die bürgerliche Frau, von ſolch egoiſtiſchen Nebenempfindungen abgeſehen, zur Arbeiterinnenbewegung? Daß ihre Sympathien überall da ſind, wo es Rechtloſe zu ſchützen gilt, ſagte ich ſchon. Aber über Einzelfälle im Klaſſenkampfe vom grünen Tiſch aus urteilen zu wollen, iſt eine gewagte Sache. Unſere wirtſchaftlichen Verhältniſſe ſind überaus kompliziert. Der einzelne Arbeitgeber iſt nicht un⸗ abhängig in ſeinen Entſchließungen. Gar mancher hat ſchwer zu ringen, um ſeinen Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten. Die Notwendigkeit, auf dem Weltmarkt zu beſtehen, die Kon⸗ Kurrenz mit Ländern aufzunehmen, die mit Minimallöhnen arbeiten laſſen oder denen die Natur verſchwenderiſche Fülle auch bei geringerer Mühe und Arbeit, als wir ſie aufwenden müſſen, gibt— dieſe Notwendigkeit drückt ſchwer auf viele öweige unſeres Erwerbslebens. Internationale Verein⸗ barungen allein können demgegenüber wirkſame hilfe bringen. Ein Land allein und noch weniger ein einzelner Arbeit⸗ geber, auch wenn es der Staat wäre, iſt den beſtehenden Kon⸗ junkturen gegenüber oft einfach machtlos. Das gilt es zu be⸗ denken und darum erſcheint mir nur ein Weg für die Frauen der bürgerlichen Klaſſen als Hilfsweg gegenüber den beſtehen⸗ den Mißſtänden gangbar: Micht der Weg des Unzufriedenmachens, des Nufwiegelns oder der blinden Zuſtimmung zu allem, was der Arbeiter wünſcht und will. Denn, wie geſagt, wir wiſſen nicht immer, ob inner⸗ halb der beſtehenden Verhältniſſe Abänderung möglich iſt. Ein ſtillgelegter Betrieb trifft Arbeiter und Krbeiterinnen hart. Die Möglichkeit, ein wenn auch beſcheidenes Brot zu gewinnen, wird ihnen damit genommen. Erlahmt der Unternehmergeiſt wegen immer ſteigender Anſprüche der Arbeiter, ſo finden nicht mehr, wie bisher, immer neue hände Krbeit und Ver⸗ dienſt. Da wir aber als Kußenſtehende die jeweiligen Verhält⸗ niſſe nur ſchwer überſchauen können, ſo iſt ein darauflos ggi⸗ tieren eine zu gewagte Sache. Wir können damit oft mehr Schaden bringen als Nutzen. Ein anderes iſt es— und dieſer Weg ſcheint mir der einzig gegebene—, wenn wir zum erſten: die Arbeiterinnen an Eigen⸗OQrganiſation nicht hindern, ihren Verſuchen nach dieſer Richtung hin vielmehr Intereſſe und Sörderung er⸗ zeigen, wo wir irgend können, ihnen unſere Sympathien auch öffentlich entgegenbringen, wenn wir, aber nur ſofern wir orientiert und ſachkundig ſind, nach beſtem Wiſſen zur Schaffung von Organiſationen ſelbſt mit hand anlegen. Zum an⸗ deren aber iſt es Pflicht der Beſitzenden, an das Gewiſſen ihrer eigenen Kreiſe zu rühren, Männer und Frauen zu veranlaſſen, freiwillig alles zu tun, was in ihren Kräften ſteht, um den Unterſchied in Beſitz und Bildung auszugleichen, auf geſetzlichen Arbeiterinnenſchutz hinzuwirken, die Macht der Konſumenten zum Wohle der Arbeitenden zu nutzen. Wer Reich⸗ tum nur als ein pfund anſieht, mit dem er auch zu anderer Beſten zu wuchern hat, ererbtes Gut als eine Gabe, die ihm nicht allein verliehen, ſondern mit für andere anvertraut wurde, wer ſich den Pflichten des Reichtums ſtets bewußt iſt, der wird nicht auf Staatszwang warten müſſen, um für ſeine arbeitenden Brü⸗ der einzutreten. Tatchriſtentum kann man das nennen, aber auch in hohem Maße Intereſſenpolitik. Denn nur durch ſolche Ge⸗ ſinnung wird der 5wieſpalt zwiſchen Oben und Unten überwun⸗ den. Und nur wenn dieſe Geſinnung ſich ausdehnt, werden wir auch Geſetze bekommen, die die Laſten in gerechterer Weiſe Krukenberg, Frauenbewegung. 17 Mon verteilen. Die Vermögensſteuer war der erſte Schritt nach dieſer Richtung, die Erbſchaftsſteuer, auch unter direkten Erbbe⸗ rechtigten, würde mit der Höhe der Erbmaſſe ſteigend weiter⸗ hin Ausgleichung bringen. Die rbeiterſchutzgeſetzgebung be⸗ deutet viel in dieſer hHinſicht. Zur Alters⸗ und Invaliditäts⸗ verſicherung, zu der Rrankenkaſſen⸗Geſetzgebung müßte Witwen⸗ und Waiſenverſorgung und Schutz gegen unverſchuldete Krbeits⸗ loſigkeit hinzukommen. Die Krbeitszeit der verheirateten Fabrik⸗ arbeiterin müßte beſchränkt werden. hand in hand aber mit ſolchem materiellen Sorgen müßte Veredlung der Volkser⸗ holung, Hebung der Volksbildung gehen. Da können wie⸗ derum Frauen viel helfen. Und wie die Frau mit gutem Er⸗ folg eingeſtellt worden iſt in die Fab rikinſpektion, ſofern gut ausgebildete Frauen als Gewerbebeamtinnen ge⸗ wählt wurden, ſo könnten bei Einführung der Wohnungsin⸗ ſpektion, die die Kontrolle auch über die heimarbeit ermög⸗ lichen würde, wiederum Frauen verwandt werden. Wie der weib⸗ liche Krankenkaſſenkontrolleur wäre auch der weibliche Wohnungsinſpizient neben männlichen Beamten am Platze. Sunächſt aber gilt des, die berufstätigen Frauen aller Kreiſe zur Selbſthil fe anzuregen. die bürgerlichen Frauen durch die 1889 Dr Julius Mener und Minna Cauer erfolgte Gründung des erſten kaufmänni⸗ ſchen hilfsvereins für weibliche Angeſtellte zu Berlin, der ſchon 1901 über 11 000 Mitglieder zählte und für eine ganze Reihe ähnlicher Neugründungen in anderen Städten vorbildlich ge⸗ wirkt. Die Mehrzahl dieſer Vereine für kaufmänniſche weib⸗ liche Kngeſtellte iſt ſeit 1901 zu einem Geſamtverbande zuſam⸗ mengeſchloſſen, der alljährliche Verſammlungen hat. Es gehören zu dem Bunde: Berlin, Breslau, Bromberg, Caſſel, Danzig, Sͤ b Dresden, Frankfurt a. M., Rönigsberg i. Pr., Magdeburg, V Mainz, Mannheim, Stettin, Stuttgart, Thorn. Die Lehrerinnen organiſierten ſich 1890. 1894 wurde mit der Centrale in Leipzig der Verſuch einer hausbeamtinnen⸗Organi⸗ ſation gemacht, angeſichts des vollſtändig mangelnden Solidaritätsgefühls unter dieſen Frauen eine beſonders ſchwie⸗ b rige Aufgabe. Jeanette Schwerin, zunächſt dem Verein Frauenwohl⸗Berlin, dann dem Berliner Frauenverein als Vorſtandsmitglied angehörend, begann ihre kurze aber ſo reiche, nachhaltig wirkende Tätigkeit für das Eintreten der Frau in V die ſoziale hilfsarbeit, in die Armen⸗ und Waiſenpflege. Sie gründete die Auskunftsſtelle der Geſellſchaft für ethiſche Kultur, ſie gab Veranlaſſung zur Unterſtützung der ſtreikenden Konfek⸗ tionsarbeiterinnen i. J. 1896 durch die Leiterinnen der bürgerli⸗ chen Frauenbewegung. Sie hat, wie wenige andere, Schule bildend gewirkt. Ihr Geiſt iſt auch in den ihr Nachfolgenden lebendig geblieben. So ging der Aufruf zum Beſten der i. J. 1904 ſtreikenden Krbeiterinnen in Krimmitſchau an erſter Stelle von ihrer Schü⸗ lerin, Alice Salomon, aus, von deren hingebenden Wir⸗ ken zu ſprechen ſchon an deder Stelle Gelegenheit war. 3 1 Was aber an praktiſchen Genoſſenſch haftsgründungen in den G& eigentlichen Arbeiterinnen kreiſen von ſeiten bürger⸗ licher Frauen erreicht wurde, iſt im Verhältnis nur wenig. Die hirſch⸗Dunckerſchen Vereine, die chriſtlichen Gewerk⸗ ſchaften ſind hier zu nennen. Kber hinter dieſen Vereinen, ſo ſagt kllice Salomon im handbuch der Frauenbewegung mit Recht, ſteht eben keine Partei, die wie die ſozialdemokratiſche die Gleich⸗ berechtigung des weiblichen Geſchlechts anerkennt. Doch wird von den Gründerinnen und Leiterinnen hingebend und treu ge⸗ arbeitet. Das Gebiet der heimarbeit zieht wieder und wieder, 17* G infolge der troſtloſen, ſo ſchwer zu faſſenden Suſtände, das In⸗ tereſſe weiter Kreiſe auf ſich Der VDerband cortſchritt⸗ licher Frauenvereine, der durch die evang.⸗ſoziale Gruppe gegründete Gewerkverein der heimarbei⸗ terinnen für Kleider und Wäſche⸗Konfektion, vor allem auch der Bund deutſcher Frauenvereine, durch ſeine den Arbeiterinnenſchutz behandelnde Kommiſſion und der deutſch⸗evangeliſche Frauenbund haben wirk⸗ ſame Anregungen auf dieſem Gebiete gegeben. Wie früher in evangeliſchen Kreiſen, ſo iſt neuerdings im katholiſchen Frauen⸗ bunde Frau Eliſabeth Gnauck⸗Kühne warm für die Ar⸗ beiterinnenfrage eingetreten. Für Organiſation der Kellne⸗ rinnen wirkte der Münchener Verein für Frauenintereſſen, und auch die Dienſtboten ſind mit Gründung des„Hilfsvereins für weibliches Hausperſonal“(1899), dann des„Dereins Berliner Dienſtherrſchaften und Dienſtangeſtellten“(1900) in ddie Genoſſenſchaftsbewegung eingetreten. Die Dienſtbotenfrage trifft ja die Frauen am nächſten. Hier mögen alle die Frauen, die ſich für Freiheit und Gleich⸗ heit begeiſtern, zeigen, daß ſie mit der Cat hinter ihren Worten ſtehen. Sie mögen zeigen, daß ſie wahrhaft ſozial empfinden, daß ſie in den Dienſtboten, wie Auguſte Schmidt das einſt in Worte faßte,„unſere Wohltäterinnen ſehen, denen wir die Zeit zu geiſtiger Arbeit verdanken“. Der Dienſtbotenverein verlangte: 1. Abſchaffung der Geſinde⸗Ordnungen und Regelung der Rechtsverhältniſſe der hausangeſtellten durch eine neue Novelle zur Gewerbeordnung. 2. Die Zuſtändigkeit der Gewerbegerichte auch auf die aus dem Dienſtverhältnis ſich ergebenden Rechtsſtreitigkeiten auszudehnen. XN eoe — 3. Die Kusdehnung der Reichs⸗, Kranken⸗ und Unfallver⸗ ſicherung auch auf die im Haushalt Angeſtellten. 4. Die obligatoriſche Fortbildungsſchule auch für die Die⸗ nenden vom 14. bis 18. Jahre. Der Bund deutſcher Frauenvereine hat u. a. Folgendes be⸗ antragt: „Der Dienſtverpflichtete hat Anſpruch auf einen halben freien Tag wöchentlich, der je nach Vereinbarung auf den Vor⸗ oder Nachmittag zu verlegen iſt. Außerdem iſt jeder 2. Sonn⸗ tag Nachmittag von 4 Uhr an frei zu geben.“ „Minderjährige unter 18 Jahren dürfen nicht vor 6 Uhr früh und nicht nach 9 Uhr abends beſchäftigt werden.“ „Den unter 18 Jahren Dienſtverpflichteten iſt freie Seit zum Beſuch der Fortbildungsſchule zu geben.“ „Für den minderjährigen Dienſtverpflichteten iſt ein ge⸗ ſetzlicher Schutz zu ſchaffen, wie er ſich in§ 106 der Gewerbe⸗ ordnung befindet.“ Ferner wird die Ausdehnung des Rranken⸗ und Unfall⸗ verſicherungsgeſetzes auf die Dienſtboten, Schlichtung der Strei⸗ tigkeiten zwiſchen Dienſtgeber und Dienſtnehmer durch Gewerbe⸗ oder Gemeindegerichte, Abſchaffung des Dienſtbuches, Umän⸗ derung der Bezeichnung„Geſinde“ und„Dienſtbote“ in„haus⸗ angeſtellte“ und Einführung einer Wohnungsinſpektion zur Rontrollierung der Schlafräume für die im haus Angeſtellten vorgeſchlagen. Erfolgreiches genoſſenſchaftliches Dorgehen aber iſt un⸗ denkbar, ſolange wir nicht eine ſeit langem geforderte, immer zwingender werdende Reform unſerer Dereinsgeſetze be⸗ kommen, die jetzt, in jedem Bundesſtaat verſchieden lautend, in einzelnen, in Preußen z. B.„Frauensperſonen, Schüler und Lehrlinge“ aus Vereinen ausſchließt, die politiſche oder ſozialpolitiſche Gegenſtände erörtern, worunter mehrfach auch Verbeſſerung der Arbeitsverhältniſſe verſtanden wird. Solche Vereine dürfen nicht mit Vereinen gleicher Art zu gemein⸗ ſamen Swecken in Verbindung treten und Frauensper⸗ ſonen, Schüler und Lehrlinge dürfen den Verſamm⸗ lungen ſolcher Dereine nicht beiwohnen(§ 8). Den Berufs⸗ genoſſenſchaften gebildeter Frauen gegenüber— ich denke da 3. B. an die Lehrerinnen iſt freilich dieſer Paragraph, der ſtreng genommen ſämtliche für ſoziale Reformen tätigen Frauen⸗ bewegungsvereine zur Unmöglichkeit machen würde, nie an⸗ gewandt worden. Aber verzichten will die Regierung trotz⸗ dem nicht auf ihn und handhabt ihn, ſobald er ihr gut dünkt. Dieſer Geſetzesparagraph erklärt es z. B., daß Frauen, ob⸗ wohl ſeit Jahren in hervorragendem Maße ſozialreformatoriſch tätig, der deutſchen Geſellſchaft für Soziale Reform nicht bei⸗ treten durften, weil ſie zufällig ihren Sitz in Berlin hat, alſo unter preuß. Vereinsgeſetz ſteht. Der internationalen Vereinigung derſelben Geſellſchaft aber dürfen ſie beitreten, ein Beweis der geringen Kchtung, die Deutſchland ſeinen Frauen entgegen⸗ bringt. Der Ceilnahme von Frauen an von Einzelnen (nicht von einem Verein) berufenen Derſammlungen ſteht auch in Preußen nichts im Wege, ſo daß für einigermaßen Orientierte der ominöſe§ des preuß. Vereinsgeſetzes leicht zu umgehen iſt und daher um ſo törichter wirkt. Er ſtammt— ein halbes Jahrhundert alt— aus Zeiten, die von unſeren ſozialen Nöten keine Ahnung hatten und die die Frau als Mitarbeiterin des Mannes auch außer dem hauſe noch nicht kannten. Jetzt wirkt er als überlebt und als kränkende Willkür. Als auf der Cölner Verſammlung für ſoziale Reform eine von der Kongreßleitung dazu aufgeforderte Frau— Frl. helene Simon— von Po⸗ lizeiwegen verhindert wurde, das von ihr ſeitens der Vereins⸗ — —— AS leitung erbetene Referat zu halten, weil ſie eben, nach der geſetzlich unanfechtbaren Anſicht der dortigen Polizei, nur eine Frauensperſon war und deswegen zu ſchweigen hatte, da war auch unter Männern allgemeine Empörung. Der 3en⸗ trumsabgeordnete Crimborn ſprach es unumwunden aus, daß er ſich den Vertretern des Auslandes gegenüber ſolches Vorgehens gegen eine deutſche Frau geradezu geſchämt habe. Wiederholt wurde Kenderung im Landtag beantragt, von Frauen gefordert. Aber Kenderung iſt trotzdem nicht vorge⸗ nommen worden. Die Frau bleibt nach wie vor rechtlos, ſie ſteht geſetzlich auf einer Stufe mit ihren unmündigen Kindern, obwohl von Kchtung vor der Frau in Deutſchland viel geredet wird und der Staat Frauen⸗Arbeit auf ſozialpolitiſchem Gebiet längſt nicht mehr entbehren kann. Warum aber werden die Wünſche der Frauen, wie wir ſahen, auf faſt allen Gebieten überhört? Warum muß die Frau h hinten anſtehen bei allem, was Bildung, Rechte, Frei⸗ heit ungehinderter Bewegung betrifft? Warum herrſcht Mannes⸗ wille allein in Schule und Kirche, im öffentlichen Leben und ſelbſt— kraft des vom Manne geſchaffenen Geſetzes— im ureigenſten Bezirke der Frau, im haus, in der Familie? Nur eine Untwort gibt es auf ſolche Fragen: Weil der Mann ſtimmberechtigt iſt, damit Einfluß übt auf die Geſtaltung des Staatsweſens. Die Frau aber hat weder Sitz noch Stimme in unſerer Dolksvertretung. Die größere hälfte des deutſchen Volkes wird ſchutzlos und willkürlich von der anderen hälfte regiert. Gibt es Gründe, die ſolches Verfahren berechtigt erſchei⸗ nen laſſen? Das zu prüfen, ſoll Kufgabe des letzten Abſchnittes ſein. ANA- S XIV X 2 Frauenſtimmrecht. Kirchliches, kommunales, politiſches Stimm⸗ recht der Frau.— Schlußbetrachtungen. Das Stimmrecht der Frau iſt der meiſtumſtrittenſte Punkt der von den Frauen aufgeſtellten Forderungen. Kuch Freunde der Frauenbewegung, die im übrigen den Beſtrebungen der Frauen weitherzig Förderung angedeihen laſſen, machen vor dieſem Punkte halt. Frauenſtimmrecht iſt ihnen unannehmbar. Und im Kreiſe der Anhängerinnen der Frauenbewegung ſelbſt vermeidet man noch vielfach mit einer gewiſſen Scheu das Wort „Lrauenſtimmrecht“. Man fürchtet alle mühſam errungenen Sumpathien einzubüßen, wenn man für politiſche Gleichbe⸗ rechtigung der Frau eintritt, ſie als ſelbſtverſtändliche Konſe⸗ quenz der von den Frauen erhobenen Forderungen anſieht. Oder vielmehr nicht als Konſequenz, ſondern als die einzige Grundlage, auf der ein den Frauenwünſchen entſprechender Fortſchritt wirklich dauernd und ſicher denkbar iſt. Solange die Frau kein Stimmrecht hat, iſt ſie abhängig von der Ein⸗ ſicht, dem Gerechtigkeitsgefühl des Mannes, das leider in vielen Fällen, ſobald es mit Eigenintereſſen in Konflikt kommt, verſagt. Das ſoll kein Mißtrauensvotum gegen den Mann ſein. Sicher will die Mehrzahl der Männer den Frauen wohl. Als Gatte, als Dater, als Sohn und als Bruder iſt der Mann ja naturgemäß zum Schützer und Schirmer von Frauen und Frauenrechten berufen. Aber die Erfahrung zeigt, daß über die Intereſſen ſolcher, die nicht ſelbſt mitſtimmen, nicht ſelbſt für ſich eintreten können, allzuſchnell hinweggegangen zu werden AS pflegt. Nur wenn die Frauen überall, wo Geſetze gemacht werden, mit zur Stelle ſein dürfen, wird das Gewiſſen des Mannes auch ihnen gegenüber wach genug bleiben, um Frauenwünſche neben Männerwünſchen zu berückſichtigen und Wohl und Wehe von Mann und von Frau gerecht ab⸗ zuwägen.. Wir müſſen, wenn wir von Gegnern des Frauenſtimmrechtes ſprechen, eigentlich von ſolchen abſehen, die nur aus tak⸗ tiſchen Gründen Gegner ſind. Zu dieſen gehören Männer, die das Frauenſtimmrecht nur fürchten, weil ſie die Frauen der oberen Klaſſen, auch die Frauen der bürgerlichen Frauen⸗ bewegung für viel zu bequem und uninterreſſiert und eng⸗ denkend halten, als daß ſie ein ihnen verliehenes Wahlrecht ausüben könnten. Sie fürchten deswegen, daß nur die Sozial⸗ demokratie Vorteil von dem Frauenſtimmrecht haben könnten, vielleicht auch das Zentrum, dem die Frauen von Geiſtlichen ſicher geführt Stimmenzuwachs bringen würde. Nicht aus Prinzip, ſondern um ſolcher Nebengründe willen verwerfen ſie z. 5. das Frauenſtimmrecht. In gleicher Weiſe fürchten— auf dem Gebiete des kirch⸗ lichen Wahlrechtes— Poſitive die Stärkung der Liberalen, Liberale das Verſtärken konſervativ⸗orthodoxer Strömungen durch mitwählende Frauen. Könnten ſie Stärkung der eigenen Anſichten erwarten, ſo würden ſie das Stimmrecht nicht be⸗ kämpfen. Kuch unter Frauen, ja ſelbſt unter Frauenrechtlerinnen, werden ſolche politiſche oder auch kirchlich⸗religiöſe Beden⸗ ken laut. Die ſo ſprechen, ſind alſo, wenn auch ſchwere Hemmniſſe jeglichen Fortſchritts, doch eigentlich nicht Gegner des Frauen⸗ ſtimmrechtes, für das ſie vielmehr, wenn ſie— wie z. B. Stoecker— Stärkung der eigenen Anſichten, des Partei⸗ ſtandpunkts dadurch erwarten, warm eintreten. Kber neben ihnen gibt es eine Menge von Männern und Frauen, die nicht durch Parteiangſt und Parteiintereſſen beſtimmt, ſondern aus allen möglichen anderen Gründen Frauen⸗ ſtimmrecht für unannehmbar erklären. Ich möchte die Einwendungen, die man dagegen erhebt, einmal kurz, nebeneinander aufgereiht, wiedergeben: Die Frauen, ſo heißt es, ſind unfähig, Bürgerrechte aus⸗ zuüben. Sie ſind zu kleinlich, zu wenig ſachlich denkend, zu wenig intereſſiert für öffentliche Angelegenheiten. Wieviele Frauen intereſſieren ſich denn für Politik? Wieviele leſen z. B. politiſche Heitungen? Nehmen ſie eine ſolche zur hand, ſo tun ſie es des Feuilletons, des Lokalen, des Vermiſchten, wohl auch der Familiennachrichten wegen. Politik aber kümmert ſie nicht. Die Frauen, ſo ſagen andere, ſind zwar nicht weniger urteils⸗ und bildungsfähig als ein Mann. Kber es fehlt ihnen die Schulung, die allein ein Miteintreten ins Staatsleben möglich und nutzbringend macht. Ohne Schulung aber taugen ſie nicht fürs öffentliche Leben. Sie ſollen langſam reifen, dann erſt läßt ſich die Frage des Frauenwahlrechts ernſthaft diskutieren. Die Frauen, ſo äußert ſich ein dritter, ſind viel zu zart beſaitet, als daß ſie in die Oeffentlichkeit hinaustreten, an einem Wahlkampf teilnehmen könnten. Sie würden ihre echt frauenhafte kirt verlieren, wenn ſie mit dem Manne und neben dem Manne zur Wahlurne ſchritten. Vor Roheiten, wie unſere Wahlkämpfe ſie mit ſich bringen, müſſen Frauen unbedingt beſchützt bleiben. EAEE Die Frauen verlangen auch ſelbſt nicht danach, wählen zu dürfen, ſo ſagt wieder ein anderer. Wenn man ſie der Reihe nach fragt, wird man faſt durchgehend abweiſende Ant⸗ worten erhalten. Sie ſind eben froh, wenn ſie Ruhe haben, ſind 3. C. zu paſſiv veranlagt, um aus dem Hauſe hinaus zu begehren, 3. C. fühlen ſie ſich— und mit Recht— in ſorg⸗ loſem Luxusdaſein äußerſt behaglich. Die Frauen können auch keinerlei Anſpruch erheben, mitzu⸗ ſtimmen, ſo hören wir weiter. Denn wer erhält die Familie? Doch einzig der Mann. Wer ſchützt das Vaterland vor dem Feinde, leiſtet der Dienſtpflicht Genüge? Wiederum nur der Mann. Darum iſt er allein zur Kusgeſtaltung des Staates berufen. Von all ſolchen Gründen abgeſehen— ſo reſumieren ſchließ⸗ lich andere— iſt das Stimmrecht der Frau ein für allemal eine durch weltliche und kirchliche Gebote— Gott ſei Dank!— unmöglich gemachte Einrichtung. Das Weib ſei dem Manne untertan. Die Frau ſchweige in der Gemeinde. Des Mannes Wille ſei der allein Ausſchlag⸗Gebende. So beſtimmt Bibel und Geſetz. Der Mann will ganz einfach das Stimmrecht der Frau nicht. Das genügt. Es lohnt nicht, über ſolche törichte Dinge ernſthaft zu ſprechen. Aber die Frauen ſprechen doch davon und, ſo wunder⸗ lich das vielen Männern erſcheinen mag, auch Männer gibt es, die davon zu ſprechen nicht aufhören. Hervorragende Politiker haben von den Frauen und ihrem Einfluß auf die Politik niemals ſo gering gedacht, wie der Durchſchnittsphiliſter. „halten die Frauen feſt zur Politik, ſo halte ich die Politik für geſichert, nicht nur für den Kugenblick, ſondern auch für die Kinder, welche von den Frauen erzogen werden.“ So Bismarck 13. Mai 1895. „Politiſierende Weiber ſind uns ein Greuel, darüber ver⸗ lieren wir kein Wort mehr“, ſo ſagt heinrich von Treitſchke in ſeinen geiſtvollen Betrachtungen über die Freiheit.„I ſt das unſer mannhafter Glaube an die göttliche Natur der Freiheit?——— Und doch bietet das politiſche Elend dieſes Volkes eine rein menſchliche Seite, welche von den Frauen vielleicht tiefer, feiner, inniger verſtanden werden kann als von uns. Soll denn von dieſer Fülle des Enthuſias⸗ mus und der Liebe, vor der wir ſo oft kalt und bettelarm und herzlos daſtehen, nicht ein ärmliches Bruchteil dem Dater⸗ lande gelten?“ „In Wahrheit“, ſo ſagt Oskar Jäger in Cöln, der Ehrenvorſitzende der rheiniſchen Nationalliberalen in ſeinem Vortrage über nationale Erziehung,„greifen wir es täglich mit händen, daß wir Männer mit den Aufgaben, welche der ſchwere Ernſt des Lebens einer großen Nation ſtellt, allein nicht fertig werden, daß in viel nachdrücklicherer Weiſe, als bisher, die Mitwirkung der Frauen herangezogen werden muß, die Frauen in ein weit unmittelbareres Verhältnis zur nationalen Geſamterziehung gebracht werden müſſen.“— Und am 16. Sept. 1894 äußerte wiederum Bismarch:„Vor allem müſſen wir die Frauen und Rinder für eine ſtramme AKuf⸗ faſſung der nationalen Frage gewinnen. haben wir die Frauen und die heranwachſende Jugend, ſo ſind wir für alle Zukunft geſichert.“ So ſprechen ernſte Männer über der Frauen Beziehung zur Politik, über die Bedeutung ihrer Mitarbeit für die Volks⸗ wohlfahrt. Sie wollten damit ſicherlich nicht für das Frauen⸗ ſtimmrecht plaidieren, mit Fug und Recht aber können wir ASNe ee e ihre Worte hier anführen, wenn uns Unfähigkeit vorge⸗ halten wird, Dinge von nationaler Bedeutung zu verſtehen, wenn unſere Ceilnahme, unſer Intereſſe als etwas für die Volkswohlfahrt Unweſentliches erklärt wird. Freilich, das geben wir ſelbſt zu, ſind jetzt noch viele Frauen unfähig, über ihr haus hinaus zu ſchauen, ſind klein und kleinlich, nur für Perſonalklatſch intereſſiert. Wer aber hinderte ſie, größer denken zu lernen? ihren Blick, wie der Jüngling das tut, von Jugend an auf Großes, Weſentliches zu richten? Einzig die oberflächliche Art der Erziehung, die nach Mannes Wunſch und Willen geformt ward. Statt die Ziele weit und hoch zu ſtecken, das Verantwortlichkeitsgefühl im Mädchen wie im Knaben zu wecken, beiden pflichten der All⸗ gemeinheit gegenüber aufzuerlegen, ließ man die Mädchen ihre beſten Jahre in gedankenloſem Nichtstun verbringen, lenkte ihren Blick nicht auf das Gedeihen des Ganzen, er⸗ wärmte ihr herz nicht für das Wohl unſeres großen deutſchen Dolkes, ſondern nur an ſich ſelbſt, an den zukünftigen Gatten, an die einſtmalige eigene Familie lehrte man ſie denken. Bis die Frauen ſelbſt in die Erziehung mit eingriffen und höhere Föiele ſteckten als der Durchſchnitt der Mädchenſchulpädagogen ſie für ſeine Zöglinge zu erdenken ge⸗ wagt hatte. In der Erfüllung großer pflichten allein wachſen die Kräfte. In der Ausübung eines Rechtes allein wächſt und bewährt ſich der Menſch. Nur ein praktiſcher Verſuch der Mitarbeit der Frau im öffentlichen Leben kann, wie das ja auch beim Studium der Fall war, über Fähigkeit oder Unfähig⸗ keit entſcheiden. A EEE Die Schulung fürs öffentliche Leben freilich fehlte den Frauen von geſtern ſo gut wie ganz und fehlt auch heute noch vielen unter den Frauen. Tauſende aber haben bereits in Berufs⸗ und Vereinstätigkeit Schulung erworben, ohne daß der Mann, der ſich um Frauenſtreben blutwenig kümmert, viel davon gewahr wurde. Der Durchſchnittsmann hält feſt an alten Gewohnheiten, er bleibt allzugern auch in ſeinen Verſammlungen, Frauen ſorgfältig ausſchließend, hinterm Bierkruge ſitzen. Er ahnt garnicht, welch friſches Leben in unſerer Frauenwelt pulſiert, ahnt nicht, was Frauen bereits aus eigener Kraft erreicht und aus ſich gemacht haben. Ein Vergleich zwiſchen Männerverſammlungen und Frauenverſamm⸗ lungen fällt, was Leitung, Vorträge, Diskuſſion betrifft, durch⸗ aus nicht immer zu gunſten des Mannes aus. Kber freilich, wenn dem ſo iſt, dann erſt recht kann der Durchſchnitts⸗ philiſter Frauen in ſeinen Verſammlungen nicht brauchen. Denn er will ja gar keinen energiſchen Aufſchwung, will keine ihn beunruhigende Begeiſterung, will garnicht ſchrankenloſe hingabe und warmes Eintreten für irgend eine Sache, ſon⸗ dern um ungeſtörtes Weitervegetieren in altüberkommenen Sitten und Gebräuchen iſt ihm zu tun. Beim Biertrinken, beim Rauchen, beim Reden von Männerworten ſind ihm Weiber höchſt läſtig. Wenn ich derart vom Manne ſpreche, ſo habe ich— das auszuſprechen erfordert die Gerechtigkeit— freilich nur den richtigen Philiſter im Kopfe, wie er ſich im engeren Vereins⸗ leben in großen und kleinen Städten gern breitmacht. Die über den Durchſchnitt hinausragen— ich denke z3. B. an die Teilnehmer des evangeliſch⸗ſozialen Kongreſſes, des inter⸗ nationalen Schulhygiene⸗Kongreſſes, an den Verein für Ar⸗ men⸗ und Wohlfahrtspflege, den Derband für kaufmänniſches ) 271 5 ☛ Unterrichtsweſen u. a. m.— wiſſen, was treues Suſammen⸗ ſtehen von Mann und Weib in Staat und Nirche, in haus und Familie, aber auch im öffentlichen Leben bedeutet. Sie alle heißen die Frau als Mitarbeiterin gern willkommen. Uns Frauen aber, die wir mit den Beſten, den Führen⸗ den unter den Männern, auf großen Verſammlungen zuſam⸗ menarbeiten dürfen, berührt es ganz eigen, berührt es traurig oder auch wohl humoriſtiſch, je nach Knlage, wenn wir ſehen, wie wenig der Durchſchnittsmann mit ſeiner Zeit vorzuſchreiten verſteht, wie unfähig er iſt, ſich in neue Verhältniſſe zu fin⸗ den, einzuſehen, daß Gemeinſchaftsarbeit von Mann und Weib immer dringenderes Bedürfnis wird. Es berührt uns traurig, in Einzelvereinen, hie Männer hie Frauen, die Trennung der Geſchlechter, die vorübergehend notwendig ſein mochte, krampf⸗ haft aufrecht erhalten zu ſehen. Daß angeſichts ſolcher noch weit verbreiteter Trennung das Frauenſtimmrecht wenig Freunde hat, liegt auf der hand. Der Mann ſtellt aber auch die Behauptung auf, Frauen⸗ ſtimmrecht ſei unmöglich, weil der Wahlkampf alles„echt Weibliche“ ertöten, die Zartheit der Frau verletzen, ſie zum Mannweibe machen würde. Eine eigentümliche Erſcheinung: vor dem gleich harten, rückſichtsloſen Konkurrenzkampf ſchützt niemand die Frauen. ls wenn es leichter für ſie wäre, Schulter an Schulter mit dem Manne in der Berufsarbeit zu ſtehen, als einen ettel zur Wahlurne zu tragen! Und fühlt denn der Mann, der ſolches behauptet, nicht, wie niedrig er ſich ſelber wertet, wenn er meint, Frauen könnten unmöglich am Wahlgange teilnehmen? So behauptete er auch einſt, Frauen könnten unmöglich zwiſchen unſeren ſich viel zu frei und burſchikos benehmenden Studenten ſitzen. Die ARA deutſchen Studenten aber haben ſolches Gerede Lügen geſtraft. Die Frauen, die die hochſchulen beſuchen, ſind nicht etwa, wie man vorausſagte, durch und mit den Studenten verroht, eher haben ſie— wenn man Studierenden und profeſſoren, die ja beide kompetente Beurteiler ſind, Glauben ſchenken will— veredelnd, ſittigend eingewirkt auf den Con in und außer dem Hörſaal. Auch vor der Wahlurne, daran zweifle ich nicht, würde der deutſche Mann Frauen mit Achtung zu begegnen lernen. Aber, ſo hört man nun wieder, die Frauen wollen doch ſelbſt gar nicht wählen, ſie ſind mit dem jetzigen Zuſtand durchaus zufrieden. Iſt das der Fall, und ich weiß, daß es oft genug zu⸗ trifft, ſo erklärt es ſich durch die Ahnungsloſigkeit oder auch die Gewiſſenloſigkeit vieler Frauen, ich denke dabei be⸗ ſonders an die Mütter, den Dingen des öffentlichen Lebens gegenüber. Sie ſchicken ihre Söhne in die Welt hinaus. Mit welch unlauteren Einflüſſen Jünglinge draußen zu kämpfen haben, das kümmert ſie nicht. Sie laſſen ihre CTöchter einen Beruf ergreifen. Wie ſchwer die Intereſſeloſigkeit der be⸗ rufsloſen Frauen auf der AKusgeſtaltung der Frauenberufe laſtet, das wollen oder können ſie nicht einſehen. Sie ſprechen gern und viel von Mutterpflichten, aber ihr pflichtge⸗ fühl hört auf, ſobald die Kinder die Schwelle des hauſes überſchritten haben. Daß die Frau aus Eigenintereſſe aber auch kraft ihres Amtes als Mutter teilnehmen muß an der Geſtaltung des öffentlichen Lebens, wenn ihr Sorgen und Mühen für ihre Rinder nicht vergeblich oder vom 5ufall abhängig bleiben ſoll, das können viele Frauen noch immer nicht einſehen. Lieber laſſen ſie ihre Minder ſchweren Kampf kämpfen, ſie klagen lieber untätig A 273 A und bejammern ihr Unterliegen, als daß ſie ſelbſt hinaus⸗ treten und auch außer dem hauſe ihren Einfluß geltend machen, kraft ihres Amtes als Mutter. Die Frau gilt nichts im öffentlichen Leben. Sie iſt da⸗ durch an Einfluß beſchränkt auch in ihrem höchſten Berufe als Frau und als Mutter. Der Deutſche führt das Wort„Ehret die Frauen“ gern und häufig im Munde. Trotzdem aber ſteht er hinter allen Dölkern angelſächſiſcher Herkunft weit zurück, wenn es ſich um Ach⸗ tung vor Frauenart und Fraueneinfluß, um Sörderung von Frauenbildung und Schutz von Frauenrechten handelt. Der Mann behauptet jedoch, der alleinige Ernährer der Familie zu ſein. In wie vielen Fällen aber ernährt die Frau die Familie, durch ihrer hände, ihres Geiſtes Arbeit oder durch das von ihr in die Ehe gebrachte Dermögen? Aber niemand denkt daran, wenigſtens dieſen Frauen Rechte zuzugeſtehen. Nur Verpflichtungen legt man ihr auf. Fum Steuerzahlen zieht man ſie trotz ihrer Rechtloſigkeit rück⸗ ſichtslos heran. Der Mann ſagt, er ſei der Schützer und ſomit der natür⸗ liche Dertreter der Frau. Aber wie viele Frauen gehen ohne Beſchützer durchs Le⸗ ben? In ſchwererem Kampfe ringend als der für ſeine Le⸗ bensarbeit ſo viel beſſer ausgerüſtete Mann. Der Mann ſchützt das Vaterland. Die Frau aber iſt es, die dem Staate immer neue Bürger ſchenkt. Ein weit größerer Prozentſatz von Frauen, als auch in blutigſten Kriegen Män⸗ ner in Schlachten fielen, büßt auch jetzt noch, ohne ſich deſſen zu rühmen, das Leben bei der Erfüllung ſolcher pflicht ein. Und will man gleiches Recht für alle gelten laſſen, ſo ziehe man auch die Frau, das iſt ſchon oft vorgeſchlagen wor⸗ Krukenberg, Frauenbewegung. 18 A—— den, zu einem Dienſtjahr— in Kriegs⸗ und Friedenskran⸗ kenpflege z. B.— heran, oder man nehme auch den dienſtuntauglichen Männern das Wahlrecht. Die Reichskrüppel aber wählen mit allen wehrfähigen Män⸗ nern. Daß das Stimmrecht von der Wehrfähigkeit abhängig ſein müſſe, iſt alſo eine ganz hinfällige Behauptung. Keins unſerer Geſetze, ſo heißt es ſchließlich, kannte bis⸗ her das Stimmrecht der Frau. Einige Kusnahmen, ſofern Stimmrecht mit Bodenbeſitz verbunden iſt, kennen wir auch in Deutſchland, in Sachſen z. B., in Baden. Kber abgeſehen davon: daß die Frauen nie Stimmrecht hatten, erklärt ſich ganz einfach dadurch, daß der Mann als Machthaber allein die Geſetze ſchuf. Wurde nicht auch dem dritten, dem vierten Stande ihr Recht von den damals herrſchenden Klaſſen vor⸗ enthalten? Den Frauen weigert man es noch immer. Weigert man es, trotzdem in gar vielen Dingen die Frau nun und nimmer vom Manne richtig vertreten und niemals in ihr Art zu werten, durch ihn erſetzt werden kann. Auch die Bibel— das iſt ſchließlich immer der letzte Trumpf ſelbſt ſolcher Männer, die weltliche Dinge ſonſt durch⸗ aus nicht in chriſtlichem Geiſte zu regeln ſich bemühen— ver⸗ bietet den Frauen Mitherrſchaft. Das Weib ſei untertan, das Weib ſchweige in der Gemeinde. Dies Wort wird uns im⸗ mer wieder entgegengehalten, wenn wir von Gleichberechti⸗ gung ſprechen. Nun können ſolche Worte, die für andere Verhältniſſe, andere Zeiten beſtimmt waren, ſelbſt wenn ſie im landläu⸗ figen Sinne gemeint waren, nicht ohne weiteres Geltung für unſer heutiges, ſo ganz anders geartetes Leben haben. Nicht das Wort, nicht der Buchſtabe iſt für uns maßgebend. Aus dem Geiſt, der Geſinnung Jeſu und ſeiner erſten Nachfolger heraus müſſen wir ſie zu faſſen verſuchen. Jeſus aber und ſeine Gemeinde wußten von Trennung der Geſchlechter nach Vorrechten nichts. Da war nicht Mann und nicht Weib. Sie waren alle eins im Glauben und in der Nachfolge Chriſti. Langſam erſt begann im chriſtlichen Gemeinſchaftsleben die Entrechtung und Zurückſetzung der Frauen. Langſam erſt brach ſich eine asketiſch⸗mönchiſche Anſchauung Bahn, die in der Frau nur die Verführerin zur Sünde, die Verſuchung erblickte, eine Richtung, in der der urſprünglichen, veredelten Kuffaſſung von der Frau, als der vollberechtigten Mitſtrebenden in Chriſto, unerfreuliches Gegengewicht erwuchs. Kuch die Bibel ſchreckt deswegen die Frauen nicht. So viel man auch hin und her ſprechen mag, triftige Gründe laſſen ſich gegen die Mitwirkung der Frau im kirchlichen und öffentlichen Leben nicht vorbringen. Vielleicht, das wäre möglich, würden die Frauen nicht ſo dringend nach Er⸗ weiterung ihrer Rechte verlangen, wenn der Mann tat⸗ ſächlich ihr Schützer, der ſtets hilfsbereite, beredte Anwalt ihrer Wünſche wäre. Aber faſt alles, was in dieſem Buche geſagt wurde, zeigt, wie weit entfernt deut⸗ ſche Männer noch davon ſind, der Frauen Rechte zu ſchützen, als wären es ihre eigenen, zeigt, wie die Mehrzahl der Volks⸗ vertreter nur Klaſſen⸗, Intereſſen⸗, Geſchlechtspolitik kennt. Es zeigt, wie viele unter den Männern die Frauen wohl auch deshalb fern halten möchten aus dem öffentlichen Leben, weil mit der Frau— wir hoffen das wenigſtens— eine an⸗ dere, höhere Wertung platz greifen könnte, weil die Frau, wenigſtens die feinergeartete, veredelte unter den Frauen, als unbequem mahnendes Gewiſſen all dem Un⸗ reinen, Unſauberen gegenüber treten würde, das viele Männer — daß es nicht alle ſind, weiß ich wohl— als recht 18* AA und dazugehörig und ihnen nützlich und angenehm in der Welt anſehen. Der Gedanke, daß mit ihrem willkürlichen Sich⸗Gehen⸗Laſſen jemals aufgeräumt werden könne, iſt vielen Männern unbehaglich und ſtörend. Sie wollen die Frauen nicht, wollen ſie um ſo weniger, als es ja gerade Frauen ſind, die ſie ſich als gute, weil hilfloſe Beute erküren. Weil der Mann der Frauen Intereſſen nicht wahrt, dar⸗ um müſſen auch die Frauen, denen an formaler Gleichbe⸗ rechtigung nichts liegt, das Wahlrecht verlangen. Schritt für Schritt ſehen wir denn auch die Frauen ſich dieſem Siele nähern. Für das kirchliche Wahlrecht der Frauen tritt mit beſonderem Nachdruck der deutſch⸗evangeliſche Frauen⸗ bund ein. Seine Vorſitzende, Paula Müller, hat in muti⸗ gen Worten öffentlich ſolches Recht für die Frauen gefordert, alle Gegeneinwendungen in klarer, ſachlicher Weiſe wider⸗ legend. Eine intereſſante Enquéête„Wie urteilen Theologen über das kirchliche Stimmrecht der Frauen“ hat der Derein für Frauenſtimmrecht durch Martha Sietz veröffentlichen laſſen. Auch auf der DVerſammlung der Freunde der Chriſt⸗ lichen Welt(Baſel 1904) gelangte das kirchliche Wahlrecht der Frau zur Beſprechung. Pfarrer Güder, der Referent, trat warm dafür ein. Er widerlegt in ſeiner Schrift mit großem Geſchick alles, was man gegen das kirchliche Wahlrecht der Frauen im ſpeziellen, gegen das Frauenſtimmrecht im allge⸗ meinen einwenden kann. Daß die Frauen nur dann Beachtung ihrer Wünſche ſich erzwingen werden, wenn ſie auch das Wahl⸗ recht beſitzen, ſteht ihm feſt. Für hochwichtige, ethiſch⸗ſoziale Probleme, Bekämpfung des klkoholmißbrauchs, der Proſtitution und dergl. wünſcht er geradezu den Einfluß der Frau. Daß in einer auf Jeſu Lehre gegründeten Gemeinde kein Unter⸗ ſchied gemacht werden dürfte zwiſchen Mann und Weib, hält er für ſelbſtverſtändlich. Sei die Frau noch nicht überall fähig, ihr Recht auszuüben, ſo müſſe man daran denken, daß der Beſitz eines Rechtes zu deſſen Gebrauch auch erziehe. Wünſchten aber— wie oft von Gegnern des Frauenwahl⸗ rechtes angeführt würde— tatſächlich manche der Frauen ſelbſt nicht ſolch Wahlrecht zu beſitzen, ſo ſei das kein Grund, es nicht trotzdem einzuführen. Es ſtände ja allen Frauen, die dieſes Recht„mit ihrer zarten Weiblichkeit nicht glaubten vereinigen zu können“, frei, ſich in die Wahlliſten nicht ein⸗ tragen zu laſſen, auf ihr Recht zu verzichten. Den Anfang möchte Güder— im Gegenſatz zu anderen Befürwortern des Frauenſtimmrechts— mit Ehefrauen und Witwen machen, da bei unverheirateten Damen ſpeziell bei der Pfarrerwahl ſub⸗ jektive Motive wohl häufiger mitſprechen könnten. Die Frau, die Mutter ſei auch anders am Gemeindeleben intereſſiert, als die unverheiratete Dame. Die letzte Forderung Pfarrer Güders ſteht im Gegenſatz zu dem, was man wenigſtens in Bezug auf das Rkommunale und politiſche Wahlrecht ſonſt ausführen hört. Die verheiratete Frau, ſo ſagen gar manche, ſei von ſolchem Wahlrecht wenigſtens vorläufig auszuſchließen. Denn der Mann verträte die Familie. Alllzuleicht könne Verſchieden⸗ heit der Anſchauungen über den zu wählenden Vertreter Un⸗ frieden ſäen zwiſchen Mann und Weib. Die ſelbſtändig ſteuerzahlende Frau dagegen habe ein Recht, zur Teilnahme an der Wahl zugelaſſen zu werden. Wer durch Steuerzahlen ſeine Pflichten Staat und Gemeinde gegenüber erfülle, der habe auch Anſpruch darauf, die dem Bürger zu gewährenden Rechte auszuüben. Ganz beſonders in kommunalen Dingen ſei die ſteuerzahlende Frau, die viel⸗ leicht auch Grund und Boden beſitze, mit zu urteilen fähig ☛ kͤekked und berechtigt. Was man auch gegen ihre Teilnahme an der hohen Politik einwende, in Gemeindeintereſſen, in Lokal⸗ fragen könne ſie ſehr wohl— zum mindeſten als paſſive Wählerin— eine Stimme abgeben. Das kirchliche oder das Gemeindewahlrecht wird daher als erſtes von den Frauen erhofft und verlangt. Für das kirchliche Wahlrecht iſt auch hofprediger Stöcker warm einge⸗ treten, da ſeines Erachtens die Frauen zur Kirche in weit engerer Beziehung ſtehen als die Männer. Im Januar 1902 wurde in Deutſchland der erſte Frauen⸗ ſtimmrechtsverein, unter Leitung von Dr. Knita Augs⸗ purg, der temperamentvollen Führerin der Radikalen, ge⸗ gründet. Gemeinſam mit den Frauenſtimmrechtsvereinen anderer Länder hat er ſich zu einem internationalen Stimmrechts⸗ verband zuſammengeſchloſſen. Seine Mitgliederzahl iſt noch nicht groß, da es nicht jede Frau für nötig hält, ihre Unſichten durch Beitritt zu einem Verein öffentlich zu dokumentieren. Daß aber auch die außerhalb dieſes Vereins ſtehenden Frauen, ſofern ſie klar ihre Forderungen zu durchdenken vermögen, die Erlangung des Stimmrechts als Kufgabe der Frauenbe⸗ wegung anſehen, liegt auf der hand. Von Luiſe Otto an haben Frauen aller Richtungen das unverhohlen ausge⸗ ſprochen, auch wenn ſie die Seit für Gewährung des Stimm⸗ rechts noch nicht alle für gekommen erachteten. Das Publikum freilich hat ſich, wie an alles Neue, ſo auch an dieſen Ge⸗ danken nur ſehr langſam gewöhnt und noch jetzt begegnen wir Leuten, die uns alles, alles bewilligen wollen. Nur das Stimmrecht ſei nichts für die Frau. Warum? Weil wir Frauen ſind. Und weil Frauen das Stimmrecht doch niemals gehabt haben. ——;— A Mit ſolchen Gründen aber hat man noch keinem Fort⸗ ſchritt die Wege verlegt. Langſam nur, das wiſſen wir wohl, ſchreitet die Welt vorwärts. Langſam nur erringt ſich eine Bevölkerungsklaſſe nach der anderen das Recht, teilzunehmen an der Geſtaltung der das Suſammenleben der Menſchen regelnden Geſetze, Ein⸗ fluß zu üben auf einen auch die bisher Rechtloſen, Abhängigen ſchützenden Ausbau unſeres Staatsweſens. Kuch wir Frauen erſehnen ſolches Recht, und auf die Dauer— das iſt unſer aller feſte Ueberzeugung— wird man es uns nicht wehren können. Denn nicht aus egoiſtiſchen Intereſſen allein ver⸗ langen wir danach. Was wir fördern wollen, das ſind Werke des Friedens, der Volkswohlfahrt, das iſt der Weg ſozialer Verſöhnung. Wir wollen ja nichts anderes, ich wiederhole das noch einmal, als die Welt, in die wir hinaustreten, in die wir unſer Liebſtes, unſere Kinder hinausſchicken müſſen, reiner, gerechter geſtalten. Nichts anderes, als mitarbeiten an der Milderung unſerer ſozialen Nöte, an deren Beſeitigung der Mann allein ſchon ſo lange und doch ſo vergeblich arbeitet. Wir wollen nichts anderes, als in kleinerem und größerem Kreiſe mitwirken, die Menſchheit zur höherentwicklung zu führen, das Rommen des Gottesreiches unter uns Menſchen vorzubereiten. In ſolchem Ziel, in ſolchem Streben liegt die Rraft und das Recht unſerer Bewegung. Mögen die Frauen alle, gleichviel auf welchem Boden ſie ſtehen, ſolchen Sieles gedenken, möge ſie einmütig danach ſtreben, immer fähiger und würdiger zur Erreichung ſolchen Zieles zu werden. Mögen ſie dabei die Worte im herzen bewegen, die eine große ſchwe⸗ diſche Dichterin, Selma Lagerlöff, ihre Friedensjungfrau, Fredkulla, angeſichts der Not und des Elendes des Volkes ſprechen läßt: „Solange ich Worte auf meiner Sunge, ſo⸗ lange ich Blut in meinem herzen habe, ſolange will ich das Werk des Friedens wirken. Und ſollte es nich auch Glück und Leben koſten“. Wögen die deutſchen Frauen durch Milde gegen andere, durch Schulung und Selbſtzucht und ehrliches Kämpfen gegen eigene Fehler und Schwächen zu ſolcher Friedensarbeit immer fähiger und immer berufener werden. —— e EEE Ueberſicht über die 190 Mitgliedsvereine des Bundes deutſcher Frauenvereine. Vorſtand. Frau Marie Stritt⸗Dresden. Frau helene v. Forſter⸗Nürnberg. Freiin v. Beſchwitz⸗Dresden. Frl. Klice Salomon⸗Berlin. Frau Unna Sim⸗ ſon⸗Breslau. Frau Marianne Weber⸗Heidelberg. Frl. Anna Pappritz⸗ Berlin. Frl. Jka Freudenberg⸗München. Frau Anna Edinger⸗Frank⸗ furt a. M. Frl. Marg. Poehlmann⸗Cilſit. Frau klice Bensheimer⸗ Mannheim. Klteneſſen: Frauenwohl(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Ver⸗ bandes und des Allgem. Deutſchen Frauenvereins) Vorſitzende: Frau Agnes Pielſticker. Altona: Ortsgruppe des Verbandes Nordd. Frauenvereine. Vorſ. Frau Ch. Nieſe. KNugsburg: Raufm. hilfsverein für weibliche Angeſtellte. Vorſ. Baroneſſe Kraus. — Verein zur Belohnung treuer weibl. Dienſtboten(Ortsgruppe des Allgem. Deutſchen Frauenvereins). Vorſ. Frau L. Roſendahl. — Ortsgruppe des Münchener Vereins für Frauenintereſſen. Vorſ. Frau Kathi haymann. Baden⸗Baden: Kbteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frl. Jung. Bayreuth': Verein Frauenarbeit. Vorſ. Frau Lienhardt. Berlin: Abteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau Sera Prölls. — Allg. Dtſch. Cehrerinnenverein(00 Sweigvereine mit rund 20 000 Mitgliedern). Vorſ. Frl. Helene Lange. — Berliner Frauenverein.(Ortsgruppe des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins. Abt. für Gefängnisweſen; Poliklinik für Frauen unter Leitung von AUerztinnen; hauspflege). Vorſ. Helene Lange. öeEE Berlin: Berliner Hausfrauenverein. Vorſ. Frau Lina Morgenſtern. — Verband hauswirtſchaftlicher Frauenbildung. Vorſ. Frau Hed⸗ wig Heyl. — Berliner Lehrerinnenverein. Vorſ. Helene Lange.(Mitglieds⸗ verein des Allg. Dtſch. Frauenvereins.) — Berliner Volksſchullehrerinnenverein. Vorſ. Frl. h. Gaedke. — Berliner Verein für Volkserziehung. Vertreterin: Frau Jeſſen. — Deutſche Geſellſchaft für Ethiſche Kultur. Vertreterin: Frau H. Bieber⸗Boehm. — Frauen⸗Groſchenverein. Vorſ. Frl. M. Jaques. — Frauen⸗ und Mädchengruppen für ſoziale Hilfsarbeit. Vorſ. Frl. Klice Salomon. — Rünſtlerinnenverein. Vorſ. Frl. Lobedan. — Cette⸗Verein(Mitgliedsverein des Allg. ODtſch. Frauenvereins). Vorſ. Frau Eliſabeth Uaſelowsky. — Reuer Volksſchullehrerinnenverein. Vorſ. Frl. M. Telſchow. — Octavia⸗hill⸗Derein. Vorſ. Frl. M. Friedenthal. — Verein hauspflege. Vertreterin: Frau M. Stettiner. — Derein Bienenkorb. Vorſ. Frl. v. Ravenſtein. — Verein der Diktoria⸗Fortbildungsſchule. Vorſ. Frau Feig. — Verein für hauswirtſchaftliche Erziehung ſchulentlaſſener Mädchen. Vorſ. Frau Ciburtius. — Berufsorganiſation der Urankenpflegerinnen Deutſchlands. Vorſ. Schweſter Ugnes Rarll. — Frauengruppe für Bodenreform. Vorſ. Frau Elsner v. Gronow. — Frauenwohl. Vorſ. Frau Minna Caner.(Arbeitsausſchuß für die Arbeiterinnenfrage, für Gefängnisweſen, für Waiſenpflege. Frauenfrage⸗Bibliothek Berlin. Sendelſtr. 25.) — Verein Säuglingsheim. Dertreterin: Frau S. Steinthal. I— Jugendſchutz. Vorſ. Frau H. Bieber⸗Boehm.(Crbeiterinnenheime, ö Fortbildungskurſe für Arbeiterinnen, Uindergarten, Kinderhorte, Rechtsſchutz, Stellenvermittlung). — Sweigverein Internat. Föderation. Vorſ. Frl. Hl. Pappritz. — Landes⸗Herein preußiſcher Volksſchullehrerinnen. Vorſ. Frl. E. Schneider. 37 Ortsgruppen.(Kusſchüſſe für ſoziale Hilfsarbeit, V für Rechtsſchutz, für Statiſtik, für Alkoholbekämpfung). — Derein zur Förderung des Frauenerwerbs durch Obſt⸗ und Gar⸗ tenbau. Vorſ. Frl. Dr. Caſtner.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauenvereins.) Berlin: Verein Jugendheim. Vorſ. Frau h. Heul. — Hauspflegeverein. Vorſ. Frau hH. Heyl. Bochum: Frauenwohl.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtfäliſchen Frauen⸗Derbandes.) Vorſ. Frau Mummenhoff. Bonn: Ortsgruppe des rhein.⸗weſtfäliſchen Frauen⸗Derbandes. Vorſ. Frl. B. Günther. — Verein zur Förderung der Frauenbildung.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauen⸗Derbandes). Vorſ. Frau M. Coſack. Bremen: Bremer Mäßighkeitsverein(Mitgliedsverein des nordd. Verbandes). Dertreterin: Frl. Ottilie hoffmann.(Dolks⸗Raffee⸗ und Speiſehäuſer mit alkoholfreier Bewirtſchaftung). — Verein Jugendſchutz(Mitgliedsverein des nordd. Derbandes). Vorſ. Frau Eggers⸗Smidt.(Gefangenen⸗ und Jugendfürſorge. Für⸗ ſorge für gefallene Mädchen.) — Zweigverein der Internat. SFöderation. Vorſ. Frl. Böttner. — Bremer Lehrerinnenverein. Vorſ. Frl. Böttner. — Frauenerwerbs⸗ und Kusbildungsverein.(Mitgliedsverein des nordd. Verbandes.) Vorſ. Frl. Lindhorn.(Maufm.⸗ und gewerb⸗ liche Abteilung. Volksunterhaltungsabende für Frauen. Koch⸗ und Hauswirtſchaftſchule.) — Deutſcher abſtinenter Frauenbund.(Mitgliedsverein des nord⸗ deutſchen Verbandes.) Vorſ. Frl. Hoffmann. Breslau: Breslauer Cehrerinnenverein. Vorſ. Frl. Steinbrecher. — Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein des Schleſiſchen Frauen⸗ verbandes.) Vorſ. Frau Simſon.(hHandarbeitslehrerinnen⸗Se⸗ minar, Handelsſchule, Kindergärtnerinnen⸗Seminar, Rinderpfle⸗ gerinnenſchule, haushaltungsſchule, Dolkskindergarten, Photo⸗ graphiſche Lehranſtalt u. ſ. w.) — Schleſiſcher Frauenverband. Vorſ. Frau M. Wegner.(18 Mit⸗ gliedsvereine). — Frauenwohl.(Mitgliedsverein des Schleſiſchen Derbandes.) Vorſ. Frau M. Wegner. Berlin: Israelitiſcher Jungfrauenverein.(Mitgliedsverein des Schleſiſchen Verbandes.) Vorſ. Frl. E. Höninger. Bromberg: Frauenwohl. Vorſ. Frl. Schnee. A* Caſſel: Kbteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frl. J. v. Käſtner. — Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins.) Vorſ. Frl. Kuguſte Förſter.(Kaufmänniſche, gewerb⸗ liche Schule, Haushaltungsſchule, Heim, Kinderhort, Jugend⸗ gruppe.) — Lehrerinnenverein. Vorſ. Frl. Capelle. — RKaufm. hülfsverein für weibl. Angeſtellte. Vorſ. Frau Wäſcher. — Derein Evang. Fröbelſeminar. Vorſ. Frl. Hanna Mecke. Colmar: Elſäßer Frauenbund. Vorſ. Frau Riegert. Danzig: 5weigverein Internat. Söderation. Vorſ. Frl. Emmen⸗ dörfer. — Frauenwohl. Vorſ. Frau Marianne heidfeld.(Bildungs⸗ und Unterhaltungsabende, Bibliothek, Krankenpflege, Stellenver⸗ mittlung, Realkurſe, Hauspflege, Rechtsſchutz). — Derein der weibl. Angeſtellten für Handel und Gewerbe. Vorſ. Frl. Brehmer. Dortmund: Frauenbildung— Frauenerwerb.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauenverbandes.) Vorſ. Frau H. Hoeſch. Dresden: Kbteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau Matharina Scheven. — 1. Dresdener Frauenbildungsverein.(Handelsſchule, Fortbildungs⸗ ſchule.) Vorſ. Frau B. Bley. — Frauenerwerbsverein. Vorſ. Frau H. Damm. — Rechtsſchutzverein für Frauen. Vorſ. Frau UI. Stritt. — Sweigverein Internat. Föderation. Vorſ. Frau Kath. Scheven. Düſſeldorf: Frauenfürſorge.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauenverbandes.) Vorſ. Frau C. Poensgen.(Mütterabende, Kinderhort, Frauenklub). Eiſenach: Allg. Kindergärtnerinnen⸗Derein. Vorſ. Frl. E. Heer⸗ wart. — Frauenbildungsverein. Vorſ. Frau M. Degenring.(Mitglieds⸗ verein des kllg. Dtſch. Frauenvereins). Elberfeld: Verein für Frauenbeſtrebungen. Vorſ. Frau M. Bloem. (Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauenverbandes). Erfurt: Rechtsſchutz. Vorſ. Frl. C. Behrens. — Abteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. e S—— Eſſen a. d. R.: Frauenwohl. Vorſ. Frau B. Marcus.(Mitglieds⸗ verein des rhein⸗weſtf. Frauenverbandes). Flensburg: Frauenwohl. Vorſ. Frau Dittmar.(Mitgliedsverein des nordd. Frauenverbandes). Frankfurt a. M.: Abteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau E. Regnier. — Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins.) Vorſ. Frau R. Ceblée.(Fortbildungs⸗, Gewerbe⸗ und Kochſchule, Kindergarten, Kindergärtnerinnen⸗Seminar). — Frauenverein für Gymnaſtik. Vorſ. Frl. E. Heerdt. — Frauenbund zum Wohle alleinſtehender Mädchen und Frauen. Vorſ. Frau Rommel. — Hauspflegeverein. Vorſ. Frau h. Fleſch. — Weibliche Fürſorge. Vorſ. Frl. B. Pappenheim. — Ortsgruppe des Allg. Otſch. Frauenvereins. Vorſ. Frl. Barth. — Krippenverein. Dertreterin: Frau Gumpf. — Rechtsſchutzſtelle für Frauen. Vorſ. Frau§. Bröll. — Kaufm. Yerein für weibl. Angeſtellte. Dorſ. Frau§. Bröll. — Derein für Flickſchulen. Vorſ. Frl. Pappenheim. — Frauenverein der Frankfurtloge. Vorſ. Frau S. Blau. Frankfurt a. O.: Frauenwohl. Vorſ. Frau H. Laubert. Freiburg i. B.: Abteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau H. Steinmann. — Derein für Wochen⸗ und Rinderpflege. Vorſ. Frl. E. Fromherz. — Rechtsauskunftsſtelle für Frauen. Dertreterin: Frau E. Liehl. Glogau: Frauenwohl.(Mitgliedsverein des Schleſ. Verbandes.) Vorſ. Frau J. Cohn. Godesberg: Frauenverband.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Verbandes). Vorſ. Frl. Haſenclever. Görlitz: Frauenwohl. Vorſ. Frl. v. Prittwitz und Gaffron. Gotha: Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauenvereins.) Vorſ. Frau J. Laßwitz. Göttingen: Kbteilung Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau Verworn. Graudenz: Frauenwohl. Vorſ. Frau E. Spaenke. Halle a. S.: Kaufmänniſcher Verein für weibl. Angeſtellte. Vorſ. Frl. H. Beauvais. Hhalle a. S. Lehrerinnenverein. Vorſ. Frl. H. Schubring. — Rechtsſchutzverband für Frauen. Angeſchloſſene Rechtsſchutzſtellen: 57 deutſche, 3 öſterreichiſche. Vorſ. Frau M. Bennewitz. — Rechtsſchutzverein für Frauen. Vorſ. Frau M. Bennewitz. — Sweigverein der Internat. Föderation. Vorſ. Frau M. Bennewitz. — Frauenbildungsverein. Vorſ. Frl. Dr. Goſche⸗Leipzig.(Ortsgruppe des Kllg. Dtſch. Frauenvereins. Arbeitsnachweis, Fortbildungs⸗ ſchule, ſoziale Hilfsarbeit, Sonntagsabende für kaufmänniſch Angeſtellte). — Jugendſchutz. Vorſ. Frau Simon. Hamburg: Soziale hHilfsgruppen. Vorſ. Frau O. Traun.(Mit⸗ gliedsverein des Nordd. Frauenverbandes). — Hausfrauenverein und Stellenvermittlung.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauenverbandes). Vorſ. Frau J. Eichholz. — Deutſcher Verband für Frauenſtimmrecht. Vorſ. Dr. Anita Augs⸗ purg. — Volksſchullehrerinnenverein.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauen⸗ verbandes). Vorſ. Frl. de Fauquemont. — Deutſcher Schweſternverein.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauen⸗ verbandes). Vorſ. Oberin v. Schlichting. — Sweigverein Internat. Föderation. Vertreterin: Frau H. Winkler. — Verein Frauenwohl. Vertreterin: Frl. M. Sietz. — Ortsgruppe d. Allg. deutſchen Frauenvereins.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauenverbandes). Vorſ. Frl. hH. Bonfort. — Verein zur Unterſtützung d. Armenpflege. Vorſ. Frau Ida Glitza. — Verband Rorodeutſcher Frauenvereine. Vorſ. Frau J. Eichholz. (18 Mitgliedsvereine). Hannover: Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch Frauenvereins und des Nordd. Derbandes). Vorſ. Frl. M. Richter. (Haushaltungsſchule, Koch⸗ und Fortbildungskurſe. Kurſe für Hausbeamtinnen, handels⸗ und Gewerbeſchule. Rechtsſchutzſtelle). Heilbronn: Frauenverein. Vorſ. Frau M. Betz. Heidelberg: Abt. Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau M. Weber. heidelberg: Rechtsſchutzſtelle. Vertreterin: Frl. M. Wellhauſen. Jena: Frauenwohl. Vorſ. Frau S. Bögeholdt. — Abt. Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau H. Mendelsſohn. Karlsruhe: Abt. Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frl. M. Wendt. Kiel: Frauenbildungsverein. Vorſ. Frau E. Titius. Köln: Kölner Verein weibl. Angeſtellter. Vorſ. Frl. E. v. Mumm. — Rechtsſchutzſtelle.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauenver⸗ bandes). Vorſ. Frl. L. Wenzel. 3 —„Diskuſſion“.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauenverbandes). Vertr.: Frau Prof. Hanſen. — Mädchengymnaſium.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauen⸗ verbandes). Vertr.: Frl. M. v. Meviſſen. Königsberg i. Pr.: Abt. Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau h. Peters. — Damen⸗Curnklub. Vorſ. Frl. Warkentin. — Königsberger Lehrerinnenverein. Vorſ. Frl. M. Roquette. — Frauenwohl.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauenvereins). Vorſ. Frau Pauline Bohn.(Handelsſchule, hausw. Fortbildungs⸗ ſchule, Rechtsſchutzſtelle, Gymnaſialkurſe). — Frauenbewegung. Vorſ. Frl. Eva v. Roy. Krefeld: Ortsgruppe des rhein.⸗weſtf. Frauenverbandes. Vorſ. Baronin v. Boetzelger. Kreuznach: Kheiniſch⸗Weſtfäliſcher Frauenverband. Vorſ. Frau E. Rrukenberg.(32 Mitgliedsvereine und Ortsgruppen). Leipzig: Kllgemeiner Deutſcher Frauenverein. Vorſ. Frl. Helene Lange⸗Berlin.(Realgymnaſialkurſe. Leiterin: Frl. Dr. Wind⸗ ſcheid. Ferdinand und Luiſe Lenz⸗Stiftung: Stipendienfond für ſtudierende Frauen.) 35 Mitgliedsvereine und Orts⸗ gruppen. — Frauen⸗Gewerbeverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins). Vorſ. Frau Anna Schmidt.(Kaufm. und gewerbl. Fortbildungskurſe, Verkaufsſtelle, Bibliothek, Ceſezimmer, hilfs⸗ kaſſe). — kllg. Dtſch. Derein für Hausbeamtinnen.(Mitgliedsverein des Kllg. Dtſch. Frauenvereins). Vorſ. Frau Dir. Pache. 21 Agen⸗ turen, 33 Sprechſtellen über Deutſchland verteilt. — Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauen⸗ vereins). Del. Frau D. Heidemann. . — AN Leipzig: Leipziger Lehrerinnenverein.(Mitgliedsverein des Kllg. Dtſch. Frauenvereins). Vorſ. Frl. R. Büttner. — Ortsgruppe des Allg. Dtſch. Frauenvereins. Vorſ. Frl. Dr. Käthe Windſcheid. — Verein für Familien⸗ und Volkserziehung. Vorſ. Frau henriette Goldſchmidt.(4 Volkskindergärten, Handfertigkeitsklaſſen, Kin⸗ dergärtnerinnen⸗Seminar, Lyceum für Damen). Liegnitz: Verein für Frauenintereſſen.(Mitgliedsverein des Schleſ. Frauenverbandes). Vorſ. Frau Eliſabeth Hirſch. Lübeck: Reuer Frauenverein.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauen⸗ verbandes). Vorſ. Frl. Röſing. Dolksunterhaltungsabende, Gefangenen⸗Krankenfürſorge). Magdeburg: Jugendſchutz. Vorſ. Frau h. Schneidewin. — Hausfrauenverein. Vorſ. Frau Pilet. — Allgemeiner Frauenverein. Vorſ. Frl. R. Mener. — Rechtsſchutzverein.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauenverbandes). Vorſ. Frau J. Birnbaum. Mainz: Frauenarbeitsſchule. Dorſ. Frau Ruhn. — Damenturn⸗ und Spielklub. Dertr.: Frau E. Nägeli. — Verband Mainzer Frauenvereine. Vorſ. Frau P. Rösner. — verein für Frauenintereſſen. Vorſ. Frl. R. Jourdan. Mannheim: Rechtsſchutzſtelle. Vorſ. Frau S. Boehringer. — Abt. Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frau J. Baſſermann. — Caritas. Vorſ. Frau f. Bensheimer. — Mannheimer Vereinsverband. Vorſ. Frau J. Baſſermann. — Kaufm. Verein für weibl. Angeſtellte. Vorſ. Frau fl. Scipio. Minden: Verein Kinderhort. Vorſ. Frl. B. Bleek. — Frauen⸗Curnverein. Vorſ. Frl. B. Bleek. München: Handelsgehilfinnen⸗Verein. Vorſ. Frl. Moeſtl. — Kaufm. Verein für weibl. Angeſtellte. Vorſ. Frl. M. Croxler. — Künſtlerinnenverein. Vorſ. Frau Cecklenburg. — verein Arbeiterinnenheim. Vorſ. Frau B. Naue.(heim, hilfs⸗ kaſſen, Arbeits⸗ und Stellenvermittlung, Näh⸗ und Bügelkurſe). 3— verein für Frauenintereſſen. Vorſ. Frl. Ika Freudenberg. 10 Ortsgruppen, außerdem der Verband Pfälzer Ortsgruppen. — Verein zur Gründung eines Mädchengymnaſiums. Vertr.: Frau Anna Steidle. B Rürnberg: Ortsgruppe des Alllgem. d. Frauenvereins. Vorſ. Frau helene v. Forſter. — Frauenwohl. Vorſ. Frau v. Forſter.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauenvereins. Abendkurſe für Unbemittelte, Wöchner⸗ innenaſyl, Pflegerinnenſchule, Seminar für handarbeitslehrer⸗ innen, kunſtgewerbliche, gewerbliche Schule.) Oldenburg: Krbeitsnachweis für Frauen und Mädchen.(Mit⸗ gliedsverein des Nordd. Frauenverbandes). Vertr.: Frl. Anna Boodſtein. — Jugendſchutz.(Mitgliedsverein des Nordd. Frauenverbandes). Vorſ. Frau Dr. RKaaſe. Osnabrück: KAbt. Frauenbildung— Frauenſtudium. Vorſ. Frl. B. Reinicke. Pforzheim: Abt. Frauenbildung⸗Frauenſtudium. Vorſ. Frl. J. Berggötz. Poſen: Poſener Frauenbildungsverein. Dertr.: Frau Bürgermeiſter Künzer. Raſtenburg:⸗ Landwirtſchaftlicher Hausfrauen⸗Verein. Vorſ. Frau E. Boehm. Roſtock: Frauenbildungsverein.(Mitgliedsverein d. Nordd. Frauen⸗ verbandes). Vorſ. Frau Saſtrow. Soeſt: Preuß. Verein techn. Lehrerinnen. Vorſ. Frl. Altmann. Stettin: Isr. Frauen⸗ und Wöchnerinnenverein. Vorſ. Frau R. DVogelſtein. — Frauenbildungsverein. Vorſ. Frau E. Sternberg.(Fortbildungs⸗ kurſe, Mädchenhort, Stellenvermittlung, Kinderheim, pfleger⸗ innenſchule. Stuttgart: Frauenleſegruppe. Vorſ. Frl. M. plank.(Unter⸗ haltungsabende, Rechtsſchutz). — Schwäbiſcher Frauenverein.(Mitgliedsverein des Allg. Dtſch. Frauenvereins). Vorſ. Frau v. Weizſäcker.(Frauenarbeitsſchule, Kindergärten, Koch⸗ und Hhaushaltungsſchulen, Wanderkochſchule, Stellenvermittlung, Handelsſchule). — Abt. Frauenbildung⸗Frauenſtudium. Vertr.: Frl. S. Reis. Thorn: Frauenwohl. Vorſ. Frau LC. Horovitz. — Isr. Frauenverein. Vorſ. Frau L. Horovitz. Tilſit: Isr. Frauenverein. Vorſ. Frau 5. Ehrenwerth. Krukenberg, Frauenbewegung. 19 eee E Tilſit: Lehrerinnenverein. Vorſ. Frl. M. Poehlmann. — Ortsgruppe des Allg. Dtſch. Frauenvereins. Dorſ. Frau U. Hecht. Weimar: AKbt. Frauenbildung⸗Frauenſtudium. Vorſ. Frl. U. v. Milde. Wiesbaden: Kbt. Frauenbildung⸗Srauenſtudium. Vorſ. Frau Reben. — Zweigverein der Internat. Söderation. Vorſ. Frl. E. Hagemann. Witten: Frauenwohl.(Mitgliedsverein des rhein.⸗weſtf. Frauen⸗ verbandes). Vorſ. Frl. M. Dönhoff. Sehlendorf: Evang. Diakonieverein. Vertr.: Frau Oberin L. Becker. Sweibrücken: Verband der pfälzer Ortsgruppen des Münchener Vereins für Frauenintereſſen.(8 Ortsgruppen). Vorſ. Frau Cl. Lang. 5wickau: Abt. Frauenbildung⸗Frauenſtudium. Vorſ. Frau M. Vollhardt. Reben dem auf paritätiſchem Boden ſtehenden Bunde deutſcher Frauenvereine bildete ſich: Der Deutsch-Evangelische Frauenbuncdl. 15 000 Mitglieder in 50 Ortsgruppen, 17 Mitgliedsvereine. Vorſtand: Frl. Paula Müller⸗hannover. Frl. v. Benningſen⸗Benningſen bei Hannover. Gräfin Pückler⸗Hannover. Frl. v. Linzingen⸗ Hannover. Frl. v. SFeldmann⸗hannover. Frl. H. Buſch⸗Han⸗ nover. Frl. C. Consbruch⸗Caſſel. Srl. M. Ganslandt⸗Caſſel. Frl. M. Schmidt⸗Stuttgart. Gräfin J. Byland⸗Gotha. Frau J. Steinhauſen⸗Danzig. Frl. H. Schönian. —= V BM b Der Katholische Frauenbund. 7000 Mitglieder in 23 Ortsgruppen und Vereinen. Vorſtand: Frau Hopmann⸗Cöln. Frau Bachem⸗Sieger⸗Cöln. Freiin v. Carnap⸗ Cöln. Frl. hHenermann⸗Bonn. Frau Th. Lantz⸗haus Lohauſen. Frau M. Lörſch⸗Kachen. Frau Nenhaus⸗Dortmund. Freifrau M. v. Schorlemer⸗Lieſer. Frau C. Trimborn⸗Cöln. Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine iſt durch eine Reihe von Mitgliedsvereinen im Bunde vertreten. Nähere Angaben konnte mir die Schriftführerin, weil verſchie⸗ dene Vorſtandsmitglieder abweſend waren, bei der beſchränkten Seit nicht machen. Vorſitzende: Frau Minna Cauer⸗Berlin. Dr. jur. Anita Augspurg. Kuf zwei Werke möchte ich noch nachträglich aufmerkſam machen. Marie Martin: Die höhere Mädchenſchule in Deutſchland. B. G. Teubners Verlag. Leipzig.(Preis 1 M.) Wegweiſer für Arbeiterinnen. Unter Mitarbeit von Frau L. Jannaſch, Edith Klauſner, Dr. med. Lennhof, Alice Meyer, Klice Salomon, Rechtsanwalt Selig und Frau Strauß herausgegeben vom Komite zur Errichtung von rbeiterinnen⸗ heimen. Verlag der Arbeiter⸗Derſorgung. Grunewald, Hl. Tro⸗ ſchel.(Preis 10 pf.) Sie erſchienen zu ſpät, um im Text Berückſichtigung finden zu können. SE ☚ 292 46 n ‿ Regiſter. Kbolitioniſten(ſ. Föderation). Abſtinenter Frauenbund 169. Kdelmann, Helene 45. liceverein 34. Allg. Dtſch. Frauenverein 27. 32. 47. 59. 69. 76. 77. 00. 104. 125. 240. 243. 245. 246. Kllg. Otſch. Lehrerinnenverein 44 bis 49. 51. 55. 65. 90. 246. Archer, Miß 43. 44. Augspurg, Dr. jur. Anita 278. Kuskunftsſtelle der Geſellſchaft f. ethiſche Kultur 120. 259. Badiſcher Frauenverein 34. Bäumer, Dr. Gertrud 1. 50. Baumgarten, Prof. 213. Benningſen, Adelheid v. 248. Berufsorganiſation der Rranken⸗ pflegerinnen Deutſchlands 102 bis 104. Beſchwitz, Freiin v. 205. Bieber⸗Boehm, hanna 154. 156. 245. Bismarck, Fürſt 268. Bodenreform, Derein 179. Boſſe, Miniſter 52. 78. 79. Braun, Lili 245. Bröll, Friederike 15. Bund deutſcher Frauenvereine 104. 118. 246— 247. 260. 261. Bund für Mutterſchutz 210. Butler, Joſephine 154. Calm, Marie 243. Cauer, Minna 128. 245. 258. Chriſtliche Gewerkſchaften 259. Cöln, Verein weibl. Angeſtellter 14. — Derein zur Derbeſſerung der Frauenkleidung 250. Comeniushaus, Caſſel 39. Dernburg, heinrich 199—202.205. 206. Deutſch⸗Evang. Frauenbund 65. 107. 113. 248. 260. 276. Edinger, Anna 120. Ethos, Studentenvereine 165. Evang. Diakonieverein 101. Evang.⸗ſozialer Kongreß 270. Fleſch, Hella 120. Söderation, Internationale 154. 156. 157. 159. 162. — Berlin 160. — Dresden 161. Sörſter, Kuguſte 12. 19. 36. 122. 245. — Auguſte⸗SFörſter⸗Stiftung 136. Forſter, helene v. 253. Fortbildungskurſe, Wiſſenſch. 43. 53. Frauenbildung⸗ Frauenſtudium 59. 76. 83. 86. 246. A Frauenbildungs⸗ und Frauener⸗ werbsvereine Breslau 34. 36. — Bremen 34. — Caſſel 34. 36. 122. 244. — Dresden 34. — Frankfurt a. M. 34. 36. 244. — Hannover 34. 244. Frauenheime 257. Frauenintereſſen, Verein für 68. 246. 260. Frauenklubs 238. 239. Frauenſtimmrechtsverein 276.278. Frauen⸗ und Mädchengruppen für ſoziale hilfsarbeit Berlin 129—- 135. Frauenwohl, Verein Berlin 59. 244. 245. 259. — Bromberg 122. — Hamburg 82. — Rürnberg 244. Freudenberg, Ika 68. 121. Freunde chriſtl. Welt 276. Friedrich, J. Maj. d. Kaiſerin 43. Froſt, Laura 226. Gartenbauſchule Marienfelde, Go⸗ desberg 231. Gerhard, Udele 215. Geſellſchaft für ſoziale Reform 262. Geſellſchaft z. Bek. der Geſchlechts⸗ krankheiten 154. 155. Gewerkverein der heimarbeiter⸗ innen 260. Gnauck⸗Rühne 6. 254. 260. Goldſchmidt, hHenriette 27. 36. 39. 76. 242. 245. Güder, Pfarrer 276. 277. Guillaume, Gräfin Schock 154. Harnack, Prof. D. H. 83. Haug, Geh. Hofrat Prof. 88. Hausbeamtinnenverein 36. 259. Hausfrauenverein Berlin 34. Hauspflegevereine 117. 119. 120. Heilsarmee 159. Uenſchke, Ulrike und Marg. 10. Heyl, Hedwig 19. 36. hilfsverein für kaufm. Angeſtellte Cöln ſ. C., Berlin ſ. kaufm. Derein. Hilfsverein für weibl. hausper⸗ ſonal 260 Hirſch⸗Dunkerſche Vereine 253. Hoffmann, Ottilie 169. 174. Jäger, Oskar 268. Internationaler Frauenſtimm⸗ rechtsverband 278. Internationaler Frauenbund 247. Internationaler Schulhugiene⸗ Kongreß 270. Jüdiſcher Frauenbund 248. Jugendgruppe, Bremen, Caſſel, Cöln, Frankfurt a. M., ham⸗ burg, Königsberg, Leipzig 155. Jugendſchutz, Derein 156. 162. Jungk, Unna 58. Kaſelowsky, Eliſabeth 35. Kath. Frauenbund 65. 113. 248. 260. Kath. Lehrerinnenverein 44. 62. Kaufmänniſcher Hilfsverein für weibl. Angeſtellte Berlin 258. Kellnerinnen⸗Organiſation 260. Kettler, J. 69. 84. Key, Ellen 197, 215, 226. Vrankenpflegerinnen(vgl. Be⸗ rufsorganiſation). Lange, Delene 41. 44. 51. 70. 81. 82. 84. 244. 252. Lette, Präſident 33. Letteverein 33 und 34. 244. Loeper⸗hHouſſelle, Marie 44. 51. Löveneck, Schulrat 38. Lüders, Elſe 2553. Lüngen, Stadtſchulrat 54. Lyceum, Leipzig 56, 59. Mädchen⸗Gymnaſium, Verein Cöln 77— 82. 86. Mädchenſchulweſen, Vereine für höheres 65. 72. Menzzer, Marianne 252. Meſnil, Jaques 197. Meyer, Julius 258. Morgenſtern, Lina 36. Müller, Paula 248. 276. Naumann, Friedrich 175. Nohl, Clemens 41. Norddeutſcher Frauenverband 246. Otto⸗Peters, Luiſe 27. 46. 240 bis 244. 250— 252. Pache, Direktor Otto 14. Pappritz, Anna 151. 160. Peſtalozzi⸗Fröbelhaus Berlin 36. 39. 136. Poehlmann, Marg. 58. Rechtskommiſſion des Bundes 205. Rechtsſchutzſtellen 117— 119 Rechtsſchutzſtelle Cöln 205. Rechtsſchutzverband 118. Reform, Verein 69. 74. 76. 84. Reichswohnungsgeſetz, Derein 173. Rhein.⸗weſtf. Frauenverband 65. 246. Rickert, heinrich 80. Riſtow, Unna Marie 56. Rotes Kreuz, 101. 102. Salomon, Klice 124. 129. 136. 259. Schepler⸗Lette, Inna 33. Scheven, Katharine 161. Schleſiſcher Frauenverband Schmidt, Auguſte 27. 44. 241. 243. 244. 245. 260. Schmidt, Harry 38. Schrader, Henriette 36. Schwerin, Jeanette 120. 129. 137. 245 259. Simon, Helene 215. 262. 246. 240. Simſon, AUnna 245. Sittlichkeitsvereine 154. 155. 162. Stadtbund, Frankfurt a. M. 120. — Stettin 122. — Caſſel 122. — Mannheim 122. — Mainz 122. Sternberg, Frau, Stettin 122. Stöcker, Hofprediger a. D. 266. 278. Stritt, Marie 117. 245. 246. Studt, Miniſter 78. Stumm, Sreiherr v. 201. Susman, Sophie 120. Techniſcher Lehrerinnen, Derband 65. Treitſchke, Heinr. v. 268. Trimborn, Juſtizrat 262. Vaterländiſcher Frauenverein 34. Verband fortſchrittlicher Frauen⸗ vereine 52. 260. Verband für kaufm. Unterrichts⸗ weſen 270. Verband preuß. Volksſchullehrer⸗ innen 45. 65. Verbündete kaufm. Vereine der weibl. Angeſtellten 258. Verein Berliner Dienſtherrſchaften und Dienſtangeſtellten 200. Verein für Armen⸗ und Wohl⸗ fahrtspflege 270. Derein gegen Mißbrauch geiſtiger Getränke 169. Verein zur Derbeſſerung der Frauenkleidung, Cöln 230. Dictoria⸗Sortbildungsſchule 136. Victoria⸗Cyceum 43. 44. 136. Volkserziehung, Verein für — Berlin 38. — Leipzig 59. Waetzoldt, Stephan 52. Wallmenich, Clementine v. 101. Weber, Mathilde 70. 243. Weber, Prof. 137. Weſpy, Dr. 79. Wilbrandt, L. u. R. 106. 148. 217. Wirtſchaftliche Schulen auf dem Lande: Reifenſtein, Seiſel⸗ gaſteig, Oberzwehren 231. Wohnungskongreß, Frankfurter — 177. 179. Wychgram, Joh. 43. Sentrale für Wohlfahrtseinrich⸗ tungen Berlin 120. Sietz, Martha 276. Simmer, Prof. D. 101. — , 5. A,-S 2 . — 4* 1 4 8 4 5 3 4 2 3 4 3 44 8 . 24 5 —„ 5 5. 8 5* 8. 8 8 9 6 8 4 5 *. 3 — PmnHnnnnnnnn II-''- dn' p 1 6 7 8 9 10 11 12