8 —y ——— 1— 9 5. 3 Die falſche und wahre Erziehung der Kinder durch bauslehrers Fuͤr Unterrichtende und Eltern, aus mehrjaͤhrigen Erfahrungen dargeſtellt von Heinrich Auguſt Hecht, Pfarrer zu Veitsberg, im Großherzogthum Sachſen. — Zwickau, 1827. In Commiſſion bei den Gebruͤdern Schumann. „ Druck von der 1 4 C. Schumann’ſchen Buchdr. in Schneeberg. Buchdr. Vorerinnerung. Erfahrungen, und nur Erfahrungen ſind es, die ich in meinem dreizehnjaͤhrigen Haus⸗ lehrerleben ſowol im Kreiſe meiner eigenen Wirk⸗ ſamkeit, als auch bei inniger Theilnahme an der Thaͤtigkeit und an den Schickſalen meiner Stan⸗ des⸗ und Amtsgenoſſen gemacht habe, welche mir theils naͤher und ſehr nahe, theils entfeen⸗ ter lebten, indem ich auch mit den letztern durch wechſelnde, freundſchaftliche Heimſuchungen in ſteter Verbindung blieb. Weit war zuweilen der Kreis meiner paͤdagogiſchen Bekanntſchaf⸗ ten, ſo wie der Mittheilungen und Anſchauun⸗ gen derſelben. Alles aber, was die vorliegende Schrift enthaͤlt, iſt rein meine davon gewonnene Anſicht. Daß dieſe mich nicht getaͤuſcht habe, davon geben die Segnungen der, im Buche auf⸗ geſtellten, dritten Modifikation, nach welcher ich mehrere Kinder habe erziehen helfen, Be⸗ weiß; Segnungen, deren lebendige Zeugen meiner Anſicht von wahrer Kindererziehung durch Hauslehrer das Siegel der Wahrheit auf⸗ druͤcken. Ich war mit Leib und Seele Haus⸗ lehrer, und werde mit Freude und Segen be⸗ willkommt, wenn ich in einem der beiden Haͤuſer IV erſcheine, wo ich in dem einen ſieben, in dem andern ſechs Jahre, als einen der wichtigſten, ſchoͤnſten und geſegnetſten Theile meiner Erden⸗ tage verlebt habe, auf welche ich mit Freude und Dank gegen Gott und gute, fromme Men⸗ ſchen zuruͤckſchaue. Mit ihnen habe ich die mannichfaltigen Wege der Kindererziehung durch Hauslehrer gewandelt; es bedurfte aber nur der gegenſeitigen Mittheilung unſerer Wahr⸗ nehmungen, um bald den Weg einzuſchlagen, welchen dieſe Schrift als den richtigen bezeich⸗ net. Ob derſelbe Allen als ſolcher erſcheine? — das weiß ich nicht; aber dieſes hoffe ich, daß Jeder, welcher ſo lange Erfahrun⸗ gen gemacht hat, als ich, mir nicht Unrecht geben werde. Und von einem Solchen wuͤnſche ich auch in allen oͤffentlichen Blaͤttern beurtheilt zu werden! Moͤge dieſe kleine Schrift einigen Segen fuͤr wahres und dauerndes Familienwohl ſtif⸗ ten, und hierdurch ihr kleines Scherflein zur Foͤrderung auch des allgemeinen Beſten bei⸗ tragen. Cronſchwitz bei Weida, am Michaelistage 1826. Der Verfaſſer. ———„+——&+ ͤͤ e, — n dem gſten, Erden⸗ Freude Men⸗ ch die lehung e aber Wahr⸗ lagen, ezeich⸗ heine? fe ich, prun⸗ nicht olchen laͤttern Segen l ſtif⸗ in zur n bei⸗ I. Bemerkungen uͤber die Urſachen, aus wel⸗ chen man Hauslehrer annimmt. Die Sitte, Kinder durch Informatoren, Hofmeiſter, Hauslehrer erziehen zu laſſen, ge⸗ hoͤrte ehemals unter die Merkmale einer Familie von Diſtinction und ward als ein durch Geſetze begruͤndetes und geſchuͤtztes Vorrecht angeſehen, deſſen ſich minder ausgezeichnete Staͤnde begeben muͤßten. Als aber in neuerer Zeit der Luxus immer weitern Raum gewann und auch eine aͤuſ⸗ ſere feinere Bildung unter die Beduͤrfniſſe brachte, die man noͤthig zu haben meinte, um ſich vor den Augen der Welt zu heben, ſo verbreitete ſich jene Sitte auch in die Kreiſe ſolcher Familien, deren Glieder vor laͤngerer Zeit mit keinem Odem⸗ zuge daran dachten, jetzt aber im Aeuſſern denen nachzuſtreben ſuchten, welche in buͤrgerlicher Hin⸗ ſicht uͤber ſie erhaben ſtehen. In der Zeitperiode vornehmlich, in welcher die Preiſe oͤkonomiſcher Produkte zu einer bedeutenden Hoͤhe aufſtiegen, und in denen, welche davon Gewinn zogen, ei⸗ nen Geiſt erzeugten, der ſich kraͤftig fuͤhlte, den Stand der Oekonomen zu einem Gegenſtand einer 1 2 Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. ſonſt ungewoͤhnlichen Hochſchaͤtzung zu erheben, da ließ dieſer hoͤher ſtrebende Geiſt ſeine Unter— gebenen auch darinne konſequent handeln, daß ſie einen Informator unter die Beduͤrfniſſe auf⸗ nahmen, deren Befriedigung die Ehre des Hau⸗ ſes fordre. Eine Menge junger Theologen hatte es daher in jener Periode dieſem Genius der Zeit zu danken, daß ſie das Feld ihres Broderwerbs waͤhrend der Jahre, in welchen ſie von einer ein⸗ ſeitigen Satyre unter die ſeufzenden Creaturen gezaͤhlt werden, auch in den Gebaͤuden der Pach⸗ ter, Verwalter und Jaͤger, ſelbſt in den geraͤuſch⸗ vollen Wohnungen der Gaſtwirthe, ja wol ſogar hie und da in einem buntgemalten Bauerhofe an⸗ bauen konnten. Hat es ſich in dieſen Tagen auch manche Informatorſtube dieſes Kreiſes in Erzie⸗ hung der Kinder durch Hauslehrer gefallen laſſen muͤſſen, von Neuem einer ganz andern Beſtim⸗ mung zu dienen, ſo iſt dennoch der Raum, auf welchem Hauslehrer Kronen der Belohnung und Dornen des Undanks einſammeln koͤnnen, immer noch ſo weit und groß, daß der Welt viel daran gelegen ſeyn muß, zu wiſſen, wie ſich die Kin⸗ dererziehung durch Hauslehrer zu den Forderun⸗ gen verhalte, welche die allgemeine Wohlfahrt an alle Anſtalten der Bildung und Erziehung macht, die Kindern zu Theil werden ſoll. Abgeſehen aber davon, wer es auch ſey, der ſeine Kinder durch einen Hauslehrer unterrichten laſſe: ſo wird gewiß jeder Erfahrene im Voraus die Verſicherung ertheilen, daß die erſte Bildung — —— Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. 3 und Erziehung der Jugend durch Hauslehrer im Ganzen nicht leide, vielmehr oft weit beſſer und weiſer betrieben und ihrem wahren Endzweck naͤher gebracht werde, als durch manche oͤffent⸗ liche Anſtalt. Denn wir duͤrfen es kein Hehl haben, daß neben reinen und unreinen, erlaub⸗ ten und nicht ganz zu billigenden Urſachen, wel⸗ che die Sitte der Kindererziehung durch Hauslehrer allgemeiner gemacht haben, eine der hauptſaͤch⸗ lichſten in der immer noch herrſchenden Unvoll⸗ kommenheit vieler oͤffentlichen Jugendſchulen zu ſuchen ſey, die neben einer— zum Heil des all⸗ gemeinen Beſten in unſern Tagen ſteigenden— ſchoͤnen Anzahl beſſer und gut eingerichteten An⸗ ſtalten, immer noch in Menge vorhanden ſind. Es iſt ein herrlicher Zeitgeiſt, der Alles in ſolche Bewegung ſetzt, daß faſt uͤberall, auch von oben herab, Anordnungen getroffen werden, ſelbſt die niedern Schulen mit den fortgehend ſich beſſern⸗ den Einrichtungen anderer gemeinnuͤtziger Inſtitute gleichen Schritt halten zu laſſen. Gleichwol aber ſind die niedern Volksſchulen,(und— koͤnnen es auch nicht unter gewiſſen Umſtaͤnden) vornem⸗ lich auf dem Lande den Beduͤrfniſſen der Jugend nicht angemeſſen, welche fuͤr Verhaͤltniſſe gebil⸗ det werden ſoll, die uͤber den Bauern⸗ und un⸗ tern Buͤrgerſtand hinausſchreiten. Ach, es giebt wol immer noch einen ziemlichen Theil Landſchu⸗ len und Kleinſtadtſchulen, welche aus ihrer Mitte Menſchen in die Welt ſenden, die zu oͤffentlichen Geſchaͤften eben ſo wenig recht brauchbar ſind, 4 ½ 4 Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. als ſie zu einer verſtaͤndigen und durchgaͤngig ver⸗ nuͤnftigen Betreibung der Berufsarbeiten die noͤ⸗ thige Vorbereitung erlangt haben. Auſſer Leſen, viele Landkinder lernen es nicht einmal recht, Schreiben, bei mehreren iſt hieran gar nicht zu denken, Rechnen, gemeiniglich nach einer Art, die fuͤrs Leben nicht brauchbar iſt, aus⸗ wendig zu lernenden Katechismus, der von den mehreſten nicht verſtanden, nicht zu Her⸗ zen genommen wird, und, wie viele Lehrer es treiben, auch nicht werden kann,— Singen, erbaͤrmlichen Schreien und Kreiſchen,— kann hier wenig oder gar nichts mehr gelernt werden. Wer kann es dann Eltern, zumal auf dem Lan⸗ de, verdenken, wenn ſie ſich bei dem Ernſt, ihre Kinder zu etwas Beſſerem, als zu Hirten und Bauern, als zu unvollkommenen Handwerkern zu erziehen, nach Maͤnnern umſehen, die den Wuͤn⸗ ſchen ihres Herzens hoͤhere Befriedigung ſchaffen. Wer darf es ihnen verargen, daß ſie die Ihri⸗ gen nicht in die Rauchſtuben und Dampfbaͤder der oͤffentlichen Schullehrer ſenden? Sie finden ja nicht alles betrieben, was ſie fuͤr die fruͤhe Bildung ihrer Kinder wuͤnſchen, und auch das, was noch vor die Hand genommen wird, nicht ſo bearbeitet, daß ſie das Gute davon hofſen koͤnnten, welches ſie gerne in den Ihrigen ge⸗ gruͤndet ſehen moͤchten. Heil den Kleinſtaͤdten und Doͤrfern, wo es anders, nemlich beſſer iſt; immer aber werden ſelbſt hier ſelten die Beduͤrf⸗ niſſe befriedigt werden koͤnnen, aus welchen ge⸗ Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. 5 bildete Familien ſich nach Hauslehrern umzuſehen genoͤthiget fuͤhlen. Freilich aber bliebe nun dennoch der natuͤr⸗ liche, der elterlichen Beſtimmung angemeſſene Ausweg uͤbrig: daß in ſolchen Verhaͤltniſſen El⸗ tern ſelbſt die Stelle der Lehrer bei ihren Kindern vertraͤten und bekleideten. So fuͤhrte dann die Mangelhaftigkeit oͤffentlicher Inſtitute die Erzie⸗ hung und den Unterricht wieder an denjenigen Ort zuruͤck, den die Natur jedem Kinde anwei⸗ ſet, um von daher ſeine Ausbildung zu holen. Aber, wie viele und mancherlei Urſachen, oͤffent⸗ lich geaͤuſſert und im Geheim wirkſam, treten auf, um den jungen Weltbhuͤrger wieder an Fremde zu verweiſen, deren Augen ſie eben ſo fremd ſind, als ſie es bei naͤherer Verbindung, leider oft genug, dem Herzen derſelben bleiben! Nur die gewoͤhnlichſten will ich anfuͤhren, die beſſern vorauf, die ſchlechtern im Nachtrabe, welche den Eltern das volle Geſchaͤft der Bil⸗ dung und Erziehung ihrer Kinder entwinden und, aus Mangel an oͤffentlichen und deshalb heilſa⸗ meren Erziehungs⸗ und Unterrichtsinſtituten, noch an vielen Orten den Haͤnden und Herzen der Hauslehrer wiederum uͤbergeben. 4 Eine Haupturſache, heißt es, finde ſich in der Menge von Berufsgeſchaͤften, wel⸗ che den Eltern keine Zeit uͤbrig laſſen, ſelbſt den Ihrigen Unterricht, Bildung und Erziehung zu geben. Den Beruf zu erfuͤllen, iſt heilige Pflicht. 6 uUrſachen zur Annahme der Hauslehrer. Von den mehrern oder wenigern Geſchaͤften des⸗ ſelben wird zugleich der Kreis enger oder weiter gezogen, innerhalb welchem ſich die Bildung der Kinder in enge Schranken zuſammenziehen muß oder groͤßeres Feld und weiteren Spielraum ge⸗ winnen kann. Laſſen es nun aber die Geſchaͤfte des Berufs in der That nicht zu, daß Eltern allein ihre Kleinen erziehen koͤnnen, wozu frei⸗ lich Gott durch die Natur Vater, Mutter und Kind zu enge mit einander verbunden hat, als daß hierinne eine foͤrmliche Trennung geſchehen duͤrfte: ſo iſt es dann freilich Pflicht, ſich nach Jemandem umzuſehen, der vernuͤnftig eine Luͤcke ausfuͤlle, die ſonſt in der Reihe der elterlichen Pflichten ſtrafwuͤrdig entſtehen muüßte. Dennoch aber duͤrfen Eltern nicht waͤhnen, durch Anſtel⸗ lung eines Hauslehrers von allem Antheil an der Erziehung uͤberhaupt losgezaͤhlt zu ſeyn. Wollten ſie ſich dies ſelbſt erlauben, ſo wuͤrden ſie ſich eines Verhaltens ſchuldig machen, das eben ſo wenig ihrer eigenen Wuͤrde entſprechen duͤrfte, als es gewiß von den nachtheiligſten Fol⸗ gen ſeyn muͤßte. Da Reiche und Bemittelte gewoͤhnlich weit weniger von jener Urſache abgehalten werden, das Erziehungsgeſchaͤft allein zu uͤbernehmen: ſo weiß ich nicht, ob man es allen zutrauen darf, daß ſie einen Hauslehrer aus dem Glauben annehmen: durch Reichthum verbunden zu ſeyn, ſich zur vollkommenern Er⸗ ziehung der Kinder einen Gehuͤlfen zu Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. 7 waͤhlen? Sie haben es in ihrer Gewalt, ſich durch buͤrgerliche Berufsgeſchaͤfte in dem freien Gebrauch ihrer Krafte keineswegs ſo einſchraͤnken zu laſſen, daß ihnen nicht auch Zeit uͤbrig blei⸗ ben ſollte, in welcher ſie mit Kraft und Sorg⸗ falt an dem Beſten ihrer Kinder arbeiteten, und Vater und Mutter die dabei noͤthigen Geſchaͤfte zweckmaͤßig unter ſich vertheilten. Da nun aber dieſe durch die Theilnahme mehrerer Perſonen noch vollkommener betrieben werden duͤrften, ſo wuͤrde es nicht nur klug, ſondern auch recht gehandelt ſeyn, wenn jene Eltern einer vollkommenen Kin⸗ dererziehung durch eine thaͤtige Verbindung mit einem zu dieſem Behufe erwäahlten Hauslehrer moͤglichſt nahe zu kommen ſtrebten. Aber wol nicht immer mag es jener Grund ſeyn, welcher den Endſchluß zur Annahme eines ſolchen Lehrers zur Reife bringt; vielmehr ſind auch Misverſtand und Eitelkeit die Ver⸗ anlaſſung dazu. Denn das Erziehungsgeſchaͤft iſt immer noch nicht allgemein an den verdienten Platz in der Reihe von Gegenſtänden eingetreten, welche die Wirkſamkeit der Eltern nothwendig fordern, indem es noch nicht allgemeiner, prak⸗ tiſcher Glaube worden iſt, daß elterliche Wuͤrde und Beſtimmung den Unterricht, die Bildung und Erziehung der Kinder einſchluͤſſe. Man ſtraͤubt ſich noch gegen dieſen Glauben, blickt auf die Ausuͤbung deſſelben, als auf eine unertraͤgliche Laſt hin. Selbſt da, wo es weder an Einſicht, noch an Geſchicklichkeit mangelt, jener Wuͤrde 8 Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. und Beſtimmung angemeſſen zu handeln, giebt es noch eine Hydra, mit der man gewoͤhnlich kaͤmpft, die Maxime:„es ſey wider den guten „Ton, wenn Eltern ſelbſt die Schulmeiſter ihrer „Kinder machen ſollten; es ſey ſo etwas dem „Stand, den Verhaͤltniſſen gar nicht angemeſſen, „in denen man ſtehe.“ Der Vater haͤlt es bei ſeinem oͤffentlichen Character und ſeinen Verbin⸗ dungen fuͤr unzulaͤſſig, die zur Amtsehre des Mannes erhobene Mutter, hat ſie auch taͤglich keine Geſchaͤfte, als den Strickſtrumpf, ein we⸗ nig Aufſicht uͤber das Hausweſen und Viſiten, wol gar fuͤr eine Schande, an der Bildung und Erziehung derer zu arbeiten, welche Gott zu die⸗ ſem Zwecke an ſie gewieſen hat, den Unterricht derer beſorgen zu helfen, die durch innige, phy⸗ ſiſche und moraliſche Bande mit ihnen in unzer⸗ trennliche Verbindung geſetzt worden ſind. Bringt es Eltern keine Schande, Vater und Mutter zu ſeyn, ſo wird es ihnen kein Vernuͤnftiger zur Unehre rechnen, wenn ſie auch in intellectueller und moraliſcher Hinſicht Vater und Mutter wer⸗ den wollen, und in thaͤtiger Verbindung mit dem Hauslehrer ihre Kinder zur Ehre der Menſch⸗ heit zu erziehen bemuͤht ſind. Aber dieſe Ehre, welche ihnen vor dem Richterſtuhl der Weisheit zugeurtheilt werden wuͤrde, wollen Viele ſich nicht erwerben, aus der genannten Marxime nicht er⸗ werben, ob ſie ſchon ein ſattſames Gegengewicht gegen dieſe Maxime fuͤhlen koͤnnten in dem Ge⸗ dauken: daß ſie ſowol ihre Einſicht in elterliche urſachen zur Annahme der Hauslehrer. 9 Pflicht, als auch ihren guten Willen zur Erfuͤl⸗ lunge dieſer Pflicht in den dunkelſten Schatten ſtellen. Jener, ſogenannte, gute Ton kann ohn⸗ moͤglich von groſſer Staͤrke des Verſtandes und hoher Kraft der Vernunft zeugen, da durch ihn Kinder nur zu oft die Opfer der Eitelkeit und Traͤgheit zu werden in Gefahr ſind. Oder meint man dem Vorurtheile froͤhnen zu duͤr⸗ fen, daß man es nicht noͤthig habe, ein ſo muhſames Geſchaͤft, als das der Erziehung iſt, betreiben zu helfen, und daß man dieſe fehler⸗ hafte Geſinnungsart vor den Augen der Welt mit Golde verdecken koͤnne? Nur Kurzſichtige koͤn⸗ nen es ſeyn, welche den Reichen und Bemittel⸗ ten hierinne beſtaͤrken, nur raͤſonnirende Schmeich⸗ ler, welche dem Vorurtheil, ihres Bauches we⸗ gen, eine annehmliche Nahrung einfloͤſſen wol⸗ len; indem es der unbefangen nachdenkenden und urtheilenden Vernunft eines Jeden durchaus nicht verborgen bleiben kann, daß man in dem ange⸗ nommenen Hauslehrer nur einen Gehuͤlfen erblicken und ehren, nicht aber ein Werkzeug gefunden zu haben glauben ſolle, ſich ſelbſt aller Thaͤtigkeit zum Beſten der Kindererziehung zu uͤberheben. Eine fernere Urſache der Annahme eines Hauslehrers iſt die— Wohlfeilheit, mit welcher man Kinder auf dieſe Art erziehen kann. Denn der Hauslehrer bekommt gewoͤhnlich fuͤr ſeine Bemuͤhung um das Beſte aller Kinder der Familie einen Gehalt, der mit Einſchluß alles 10 Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. uͤbrigen, was man ihm zu ſeiner Nahrung und Nothdurft reicht, immer den Koſten nicht gleich kommt, die auf ein Kind und hoͤchſtens zwei Kinder verwendet werden muͤſſen, welche ihre Bildung auf einer auswaͤrtigen Schule oder in einem Privatinſtitute erhalten. Niemand kann daher freilich Eltern, vornemlich in den mittlern Staͤnden, willkommener ſeyn, als ein junger Mann, der fuͤr das Drittel jener Koſten alle ihre Kinder unterrichtet und erziehen hilft; nichts kann ihrem Wunſche, auf die Ihrigen einen voll⸗ ſtaͤndigen Unterricht verwendet zu ſehen, als in der oͤffentlichen Ortsſchule vielleicht geſchehen kann, mehr entſprechen als ein Hauslehrer, der allen Kindern werden zu koͤnnen hoffen laͤßt, was auf eine andre Weiſe vielleicht nur einem derſelben zu Theil werden koͤunte. Auch duͤrfen wir hier keineswegs eine Ur⸗ ſache vorbeigehen, die ſich im Stillen ſehr wirkſam zur Annahme eines Hauslehrers beweiſen mag: das Gefuͤhl der Eltern: aus Mangel an eigener Kenntniß und Wiſſenſchaft ihren Kindern keine, der kuͤnftigen Beſtimmung derſelben ent⸗ ſprechende Bildung geben zu koͤnnen. Wo dieſer Fall eintritt, da bleibt nun freilich kein anderer Ausweg uͤbrig, als einem Fremden Geſchäfte zu uͤbertragen, die nicht in Anſchlag gebracht wur⸗ den, als man in ein Verhaͤltniß trat, welches dieſelben natuͤrlichen Weges mit ſich fuͤhrt. Sel⸗ ten wird Jemand freiwillig das Geſtaͤndniß ab⸗ legen, daß er aus dieſer Urſache eines Lehrers uUrſachen zur Annahme der Hauslehrer. 11 fuͤr ſeine Kinder beduͤrftig ſey, obſchon derglei⸗ chen Aeuſſerungen oft auf eine komiſche Art zum Vorſchein kommen; aber es ſind Eltern in einem ſolchen Falle zu loben, wenn das Gefuͤhl der Pflicht ſie Aufopferungen fuͤr ihre Kinder machen laͤßt, und ein fuͤr dieſelben angenommener Lehrer iſt jederzeit Beweis ihres guten Sinnes. Sie wuͤrden bei einer ausſchluͤßlichen Uebernahme der Erziehung dieſelben einer unverzeihlichen Anma⸗ ßung oder Arroganz aufopfern. Dennoch aber kann es ihnen nicht erlaſſen werden, auch nach Kraft und Vermoͤgen dazu beizutragen, was der Hauslehrer mit Recht, auch unter ihren Umſtaͤn⸗ den, von ihnen fordern kann. Aber unter aller Kritik und keiner Schonung wuͤrdig ſind Eltern, welche bei Zeit, Einſicht und Kraft dennoch aus Träagheit und Faul⸗ heit die Bildung ihrer Kinder Fremden allein uͤberlaſſen, und aus dieſen unedlen Beweggruͤn⸗ den einen Hauslehrer annehmen. Sie ſinken un⸗ ter der Wuͤrde der Eltern tief herunter und man weiß kaum den Namen, womit ihr Verhalten richtig bezeichnet werden moͤchte. Es iſt ganz unnoͤrhig, dies auseinander zu ſetzen, da die Suͤndhaftigkeit eines ſolchen Verhaltens in die Augen ſpringt. Am meiſten haben Landgeiſtliche ſich es an⸗ gelegen ſeyn zu laſſen, ihre Kinder ſelbſt zu er⸗ ziehen. Die mehreſten von ihnen ſind vor dem Eintritt ins Amt praktiſche Erzieher geweſen, koͤn⸗ nen das ganze Maas ihrer geſammelten Erfah⸗ 12 Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. rungen zum Heil der Ihrigen aufwenden und muͤſ⸗ ſen ſich auch, ohne Widerrede, vom Bewußtſeyn der Pflicht hierzu angetrieben fuͤhlen. Auch die vorauszuſetzende Bildung derer, welche, ohne die paͤdagogiſche Laufbahn in den Candidatenjahren durchrungen zu haben, ins geiſtliche Amt traten, ſollte keinen Zweifel uͤbrig laſſen, daß auch ſie geſchickt waͤren, dieſes ehrwuͤrdige Geſchaͤft, ohne fremde Huͤlfe, allein zu vollenden, wozu ſie ſich auch ohne allen Streit verbunden fuͤhlen werden. Verurſachte ihnen uͤberdies die Annahme eines Hauslehrers einen Aufwand, der ihren Einkuͤnf⸗ ten nicht angemeſſen waͤre, ſo wuͤrde dieſelbe eine deſto groͤßere Pflichtverletzung gegen Frau und Kinder ſeyn. Jener wuͤrde Manches entzo⸗ gen, was ihr in der Folge das Leben leichter und jetzt angenehmer machen koͤnnte, wenn der Papa nur fleißiger ſeyn wollte; dieſen wuͤrde mit der einen Hand vielleicht etwas gegeben, mit der andern aber gewiß Viel genommen werden, indem der Aufwand, den die Anſtellung des Hauslehrers verurſacht, in der Folge die Bedin⸗ gungen zu erfuͤllen gewiß erſchweren wird, unter welchen das weitere Fortkommen der Kinder be⸗ fuͤrdert werden kann. Der Mangel an Zeit und Amtsgeſchaͤfte koͤnnen wol kein reelles Hinderniß abgeben, die Bildung der Kinder(in Gemein⸗ ſchaft der Mutter, wenns moͤglich iſt) allein auf ſich zu nehmen. Alles kommt hier auf eine gute Zeiteintheilung an, die auch recht gut Statt ſinden kann, da ſelbſt der groͤßte Theil der zu⸗ Urſachen zur Annahme der Hauslehrer. 13 faͤlligen Arbeiten, ſobald ſie eintreten, auf be⸗ ſtimmte Stunden verlegt ſind, demnach nicht hin⸗ dern koͤnnen, auch fuͤr den taͤglichen Unterricht der Kinder die noͤthigen Maasregeln zu nehmen. Außerordentliche Amtsgeſchaͤfte, welche eine au⸗ genblickliche Thaͤtigkeit fordern, kommen theils ſeltner vor, theils ſind ſie von kurzer Dauer. Und macht das Amt und deſſen Geſchaͤfte an die⸗ ſem und jenem Tage etwa es noͤthig, die Schul⸗ ſtunden auszuſetzen, ſo laſſen ſich die Kinder ſchon allein nuͤtzlich beſchaͤftigen, um nicht muͤſſig zu gehen und einen Tag zu verlieren. Will man dagegen bemerken, daß es fuͤr den Landgeiſtlichen ein großes Beduͤrfniß ſey, einen Umgang mit Jemanden zu haben, der ſich mit ihm uͤber ge⸗ lehrte Sachen unterhalte, zumal, wenn er weit von der Stadt wohne und den Herrn Amtsbruͤ⸗ dern in der Nachbarſchaft wenig Zeit zu Beſuchen uͤbrig bleibe, hierzu aber Niemand geſchickter ſeyn koͤnne, als ein Informator: ſo ergiebt ſich die Antwort hierauf dadurch, daß Unterhaltung mit Andern zwar der gegenſeitigen Bildung foͤr⸗ derlich werden koͤnne, aber nicht immer dieſe, ſondern noch mehr das Vergnuͤgen zum Zweck habe. Kommt dazu, daß die vaͤterliche Sorge fuͤr die Famile den mit der Aufnahme eines Haus⸗ lehrers verbundenen Aufwand nicht, oder nur ſchwer geſtattet, ſo iſt es Pflicht, jenen Umgang durch Lectuͤre zu erſetzen und jenes Vergnuͤgen ſchwinden zu laſſen, um durch eine ſparſame Verwaltung der Einkuͤnfte ſich mehr in den Stand 14 urſachen zur Annahme der Hauslehrer. zu ſetzen, in Zukunft die Pflichten des Gatten und Vaters erfuͤllen zu koͤnnen, die mit dem Heranwachſen der Kinder ſich unausbleiblich ver⸗ mehren und vergroͤßern. Iſt der Prediger im Beſitz einer reichlich dotirten Pfarrei, ſo wird er, ohne Pflichtverletzung, einen jungen Gelehrten in ſein Haus zu nehmen nicht anſtehen duͤrfen, mit dem er gemeinſchaftlich die Erziehung der Kinder uͤbernimmt, als wovon er bei ſei⸗ nen vorauszuſetzenden paͤdagogiſchen Kenntniſſen durchaus nicht losgeſprochen werden kann. Er wuͤrde ſeiner Gemeinde ein ſchlechtes Beiſpiel geben, wenn er die Kinder dem Informator ganz uͤberließe, indem er auch Muſter in der Kin⸗ dererziehung ſeyn und an den Seinigen die prak⸗ tiſchen Beweiſe von dem liefern ſoll, was ihm ſein Amt von der Auferziehung der Kinder zu predigen aufgiebt. Wie wuͤrde er mit gutem Ge⸗ wiſſen am heiligen Orte hiervon ſprechen und nach den Grundſaͤtzen des Chriſtenthums die Pflicht der Kindererziehung ſeinen Zuhoͤrern ans Herz legen koͤnnen, wenn ein Jeder es ihm vorhalten duͤrfte: er ſelbſt verhalte ſich nicht ſo, wie es Gottes Wort predige und fordre! II. Bemerkungen uͤber den Zweck der An⸗ nahme eines Hauslehrers. Der Menſch tritt in die Welt, ein Weſen eignen Geſchlechts, vereinigt in Koͤrper, Seele und Geiſt zu einer Perſon. Seine Anlagen, tief in ihm fuͤr kuͤnftige Fertigkeiten verborgen, ſind eben deswegen von einer dreifachen Art, koͤrper⸗ lich, ſeelenthuͤmlich und geiſtig. Sind dieſelben einer zur Vollkommenheit hinſchreitenden Ausbil⸗ dung faͤhig und, wird der Menſch durch dieſe ſelbſt erſt zur Annaͤherung an Vollkommenheit geſchickt, ſo lehrt ſchon ihre Vereinigung in ihm, als einem Weſen, daß ſie nicht einſeitig, ſon⸗ dern in zweckmaͤßiger Vereinigung, harmoniſch, die niedern zum Dienſte der hoͤhern, ausgebildet werden ſollen. Dafuͤr ſtimmen die Wirkſamkeit der Geſetze im Innern des Menſchen ſelbſt und auch aͤußere Erfahrungen. Durch des Erziehers mittelbare Einwirkung und Zuthat ſchreitet der Koͤrper des Kindes in ſeinem Wachsthume vor, werden deſſen Theile immer veſter und geſchickter zur Erreichung mannichfaltiger Zwecke. Mit den aͤußern Sinnen lernt der junge Menſch gar bald 16 Zweck der Annahme des Hauslebrers. die Eindruͤcke der ihn umgebenden Gegenſtaͤnde aufnehmen. Dadurch wird die Thaͤtigkeit der Seele geweckt, welche jene Eindruͤcke dem Geiſte zufuͤhret. Dieſer wird ſich derſelben bewußt, be⸗ trachtet ihre Beſchaffenheit, macht ſich nach den an den Gegenſtaͤnden entdeckten Merkmalen Bil⸗ der von denſelben, die in ihm zuruͤckbleiben, wenn auch die Gegenſtaͤnde ſelbſt nicht mehr von den aͤußern Sinnen wahrgenommen werden. Dabei werden Luſt und Unluſt rege, Triebe und Nei⸗ gungen geweckt, der Wille entweder zum Begeh⸗ ren oder zum Verabſchenen beſtimmt und die Fer⸗ tigkeit erlangt, ſich auch aus eigner Kraft, ohne eines Anſtoßes von Außen zu beduͤrfen, ſelbſt fuͤr Etwas zu entſchluͤſſen. Aber dann erwacht auch mit aller Kraft jenes herrliche Vermoͤgen, das ſein Daſeyn in uns mit einem ſonſt nirgends⸗ her wahrnehmbaren Nachdruck empfinden laͤßt, vor dem der Menſch ſelbſt ſich ſcheut und fuͤrch⸗ tet, wenn er dem Urtheile deſſelben entgegenhan⸗ deln will,— die Vernunft, und mit ihr das Gewiſſen. Alles dieſes entwickelt ſich leicht im Menſchen, ſobald es ihm nur nicht an dem wei⸗ ſen und kräftigen Anſtoß mangelt, der ihm von Andern kommen ſoll, an der vernuͤnftigen Len⸗ kung und Leitung derer, die ihm zur Entwick⸗ lung und Erweckung aller in ihm liegenden und ſchlummernden Kraͤfte behuͤlflich ſeyn ſollen. Die Faͤhigkeit des Menſchen aber, durch eine uͤbereinſtimmende Ausbildung ſeiner koͤrper⸗ lichen und geiſtigen Kraͤfte in den Zuſtand der ——„ —————.— „w————— —————.— —„—,——— kaͤnde der Heiſte „be⸗ den Bil⸗ venn den dabei Nei⸗ geh⸗ Fer⸗ ohne elbſt acht gen, nds⸗ ißt, rch⸗ an⸗ das im ei⸗ von en⸗ ſck⸗ ind ch er⸗ der Zweck der Annahme des Hauslehrers. 17 Vollkommenheit uͤbergehen zu koͤnnen, ſoll zur Kraft und Fertigkeit erhoben werden, ſich durch eignen, freien Gebrauch jener Kraͤfte, in der Ver⸗ ſtaͤndigkeit, in der Nuͤtzlichkeit fuͤr die Welt und in der ſittlichen Guͤte immer hoͤher zu ſchwingen. Wollen ihm Andere, deren Pflicht es iſt und wird, hierzu behuͤlflich werden: ſo wuͤrden ſie ihren Zweck gaͤnzlich verfehlen, wenn ſie ſeine koͤr⸗ perlichen Anlagen zum Schaden der geiſtigen, wie im Ritterzeitalter, oder die geiſtigen auf Ko⸗ ſten der koͤrperlichen, wie in unſerm Zeitalter, entwickeln, zu Kraͤften und Fertigkeiten ausbil⸗ den wollten. Wenden ſie alle Sorgfalt auf die Erziehung des Koͤrpers, ſo wird dieſe Huͤlle des Geiſtes zu einem Pflanzenkoloß herangezogen wer⸗ den koͤnnen, unter deſſen Schwere und Craſſitaͤt aber die Seele und der Geiſt in ihrer Thaͤtigkeit niedergehalten werden oder wohl gar erliegen muͤſ⸗ ſen. Aber auch ein zu fruͤh angeſtrengter Geiſt, in allen ſeinen Anlagen und Faͤhigkeiten angeregt und zur Thaͤtigkeit gereizt, ehe noch der Koͤrper eine derſelben entſprechende Conſiſtenz erhalten hat, wird mit einer Macht wirken, welche, das Nervenſyſtem nicht aushaͤlt und unter der Anor⸗ men Wirkſamkeit des Geiſtes wird der immer er⸗ muͤdete Koͤrper welken vor der Zeit und ſterben. Die Organiſation der menſchlichen Natur raͤth: den Koͤrper des Kindes zu einer veſten Conſiſtenz gelangen zu laſſen, ehe man die anhaltenden Entwicklungen der Seelenkraͤfte unternimmt, und ſich in dieſem Geſchaͤfte uͤberhaupt nach den Jah⸗ 2 4 18 Zweck der Annahme des Hauslehrers. ren und der koͤrperlichen Conſtitution des Kindes genau zu richten. Bis ins fuͤnfte oder ſechſte Jahr haben Eltern hinlaͤnglich zu thun, um die Seelen⸗ und Geiſtesthaͤtigkeit des Kindes zu lei⸗ ten, die Thaͤtigkeit deſſelben ohne eigentlichen Unterricht durch Anſchauung der Gegenſtände in der Natur, guter Bilder und Menſchen, und ins⸗ beſondre durch Anſchauung des elterlichen Ver⸗ haltens in allen Dingen ſo zu regieren, daß der Verſtand den Weg zu richtigen Vorſtellungen ein⸗ ſchlaͤgt, ſich im Herzen keine boͤſen Neigungen anſpinnen und das Kind zu Verſuchen gereizt wird, ſeine Kraͤfte zu brauchen. Nach dieſen Bemuͤhungen treten erſt diejenigen Geſchaͤfte ein, welche das Lehr⸗ und das beſondre Erzie⸗ hungsamt aufgiebt. Denn nun haben Eltern ei⸗ nen dreifachen Zweck zu beſorgen, der ſich zwar unter dem Namen der allgemeinen Erzie⸗ hung ausdruͤckt, aber zerfaͤllt in den— Un⸗ terricht, die Entwicklung der geiſtigen und koͤr⸗ perlichen Anlagen zu Kraͤften, verbunden mit der Bemuͤhung, zum Behuf des Gebrauchs dieſer Kraͤfte die erforderlichen Vorſtellungen hervorzu⸗ bringen und die noͤthigen Kenntniſſe mitzutheilen; in die Bildung, Erweckung des Sinns, in den Kindern, ſelbſt jene Kraͤfte zu Fertigkeiten, unter Anleitung Anderer, deswegen immerfort ausbil⸗ den zu wollen, um dadurch gemeinnuͤtzig und an⸗ genehm zu werden; in die Erziehung im en⸗ gern Sinn, die Erweckung einer veſten Bereit⸗ willigkeit, aus Achtung fuͤr die Geſetze der An⸗ war ies⸗ Un⸗ koͤr⸗ der leſer rzu⸗ len; den nter zbil⸗ an⸗ en⸗ reit⸗ An⸗ Zweck der Annahme des Hauslehrers. 19 ſtaͤndigkeit und Sittlichkeit und mit Verehrung des Urhebers dieſer Geſetze, denſelben ſtets ange⸗ meſſen zu handeln, um in allem Guten immer vollkommener zu werden. Und da des Menſchen ſchoͤnſtes und heiligſtes Verhaͤltniß die Verbin⸗ dung iſt, in welcher er mit Gott ſteht, und zwar am reinſten und vollkommenſten durch das Chri⸗ ſteuthum, ſo hat die Erziehung des Kindes die Froͤmmigkeit deſſelben zu einem der vornehmſten, ja zum hoͤchſten Augeumerke zu machen, und da⸗ hin zu arbeiten, daß das Kind ein chriſtlich den⸗ kender und geſinnter Menſch werde, weil er hier⸗ durch ſeinem Erdenleben wahre Wuͤrde und Nuͤtz⸗ lichkeit und ſeinen Hoffnungen auf ein ewiges Leben die vollkommenſte Troͤſtlichkeit gewaͤhret. Durch dieſe dreifache Bemuͤhung ſoll die Faͤhig⸗ keit des Kindes zur Kraft emporgehoben werden, ein moraliſchguter und chriſtlich from⸗ mer Menſch zu werden, der nicht nur dieſes als den Endzweck ſeines Lebens anſieht, glaubt und ehrt, ſondern auch in und bei ſeiner ganzen Wirkſamkeit in der Welt und unter Menſchen ſo veſt⸗ haͤlt, daßer ſich nie von demſelben ent⸗ fernen mag, vielmehr bemuͤht iſt, aus eignem freien Antriebe demſelben im Fortgange der Zeit und Jahre immer naͤher zu kommen. Dieſes große Geſchaͤft mit einem Husleh⸗ rer gemeinſchaftlich zu betreiben, iſt der Zweck, zu dem redliche Eltern denſelben in ihr 0*† 2 Zweck der Annahme des Hauslehrers. Haus und in den Schoos der Familie aufneh⸗ men. Je groͤßer und wichtiger dieſer Zweck vor andern iſt, je hoͤhere Achtung er verdient, je mehr guten Willen, Kenntniß und Weisheit deſ⸗ ſen Befoͤrderung erfordert: deſto bedachtſamer und ſorgfaͤltiger muͤſſen Eltern in der Wahl eines jun— gen Mannes ſeyn, der mit ihnen vereinigt die ſchoͤnſte und hoͤchſte Elternpflicht erfuͤllen helfen ſoll. Iſt aber wol dieſe Sorgfalt und Bedacht⸗ ſamkeit ſo allgemein, daß man daraus auf einen uͤberall gleichen Sinn fuͤr pflichtmaͤßige Errei⸗ chung jenes großen Zweckes ſchließen darf? Es fallen in dieſer Ruͤckſicht Fehler und Unterlaſ⸗ ſungsſuͤnden vor, die von den bedeutendſten Fol⸗ gen ſind und es Jedem, der damit bekannt wor⸗ den iſt, zur Pflicht machen, davor zu warnen. Empfehlungen, oft aus unreiner Geſinnung, ver⸗ treten mehrmals die Stelle der noͤthigen Pruͤfung, der man einen Jeden unterwerfen ſollte, mit wel⸗ chem man jenes große Geſchaͤft zu theilen die Abſicht hat. Da giebt es Freunde und Ver⸗ wandte, die ein aus ihrer Mitte ſproſſendes Glied gern der Zukunft wegen in Condition bringen moͤchten, es daher empfehlen, ohne im Minde⸗ ſten daran zu denken: ob man auch, nach vor⸗ ausgegangener weiſen Pruͤfung, mit guten Ge⸗ wiſſen die Rolle des Rathgebers uͤbernehmen duͤrfe? Man ſtuͤtzt ſich dabei haͤufig auf das alberne Argument:„Herr N. N. hat nun ausſtudirt.“ Leider ſoll dies oft woͤrtlich eingetroffen ſeyn und betrogenen Eltern herbe Empfindungen verurſacht Zweck der Annahme des Hauslehrers. 24 haben. Jedoch iſt es weit gewoͤhnlicher und un⸗ ter noch beſtehenden Umſtaͤnden findet kaum ein andrer Ausweg ſtatt, als daß man ſich Subjekte von der Univerſitaͤt her beſorgen laͤßt. Nur iſt es Schade, daß der Herr Procurator dieſelben gewoͤhnlich nur von Seiten der, zum Brodſtudio noͤthigen Wiſſenſchaften kennet, allein in Hinſicht ihrer Anlagen und Fertigkeiten zu einer paͤdago⸗ giſchen Amtsfuͤhrung zu pruͤfen und als brauch⸗ bar zu erkennen, aller Gelegenheit beraubt gewe⸗ ſen iſt. Ja, noch ſchlimmer! es werden wol Studenten zu Hauslehrern empfohlen, deren Be⸗ kanntſchaft der Procurator erſt bei der Meldung zur offenen Stelle gemacht hat, von deren Kennt⸗ niſſen und Geſchicklichkeiten ihm aber ein bloßes Hoͤrenſagen die Beweiſe liefern mußte. Leider iſt das Vorurtheil noch herrſchend: jeder Student muͤſſe nach einem dreijaͤhrigen Studio auf der Univerſitaͤt auch faͤhig ſeyn, zur Beihuͤlfe in der Erziehung gebraucht werden, oder dieſelbe allein uͤbernehmen zu koͤnnen, ohne daß man es ſich im Mindeſten beikommen laͤßt, uͤber deſſen Brauch⸗ barkeit eine Unterſuehung anzuſtellen oder ihn ei⸗ ner Pruͤfung zu unterwerfen. Diejenigen, welche Hauslehrer empfehlen, und auf welche ſich El⸗ tern verlaſſen, glauben oftmals die eigne Ueber⸗ zeugung nicht noͤthig zu haben: daß der Student in hinlaͤnglicher Maaſe materielle Kenntniſſe ein⸗ geſammelt, mit vernuͤnftiger Methode ſich bekannt gemacht habe; daß er auch zu dem vorgeſchlage⸗ nen Amte geeignet, geduldig, ſtandhaft, ordent⸗ 22 Zweck der Annahme des Hauslehrers. lich, zeitweiſe und ein ſittlichguter, frommer Menſch ſey. Der Himmel ſollte uns bewahren, daß wir einen jungen Mann zum Hauslehrer em⸗ pfaͤhlen, ohne zur Gewißheit jener Ueberzeugung gelangt zu ſeyn, deren Ermanglung die unſeelig⸗ ſten Folgen haben kann. Man wird traurigen Ereigniſſen in der haͤuslichen Erziehung nie ſatt⸗ ſam vorbeugen koͤnnen, bevor ſich nicht auf Uni⸗ verſitaͤten Hauslehrerſeminarien bilden, aus denen tuͤchtige Hauslehrer hervorgehen wuͤrden, die man getroſt empfehlen und annehmen koͤnnte. Denn ſie waͤren durch ſachverſtaͤndige Maͤnner gepruͤft, durch abgelegte Proben fuͤr wuͤrdig erfunden, und durch oͤffentlich autoriſirte Sittenzeugniſſe wuͤrde man vor Sittenverderbniß unter den Kindern mehr in Sicherheit geſetzt ſeyn. Auf dieſe Puncte iſt vor der Annahme eines Hauslehrers du rchaus zu ſehen, jemehr die Studenten und Candidaten durch Vermoͤgensumſtaͤnde gezwungen werden, die anſtaͤndigſte Gelegenheit zur Befriedigung ihrer keiblichen Beduͤrfniſſe zu ergreifen,— je mehr ſie haͤufig aus einem, durch Unbekanntſchaft mit der Sache entſprungenen, Leichtſinn jede vorkom⸗ mende, zumal eintraͤgliche, Hauslehrerſtelle begierig ergreifen, ohne gewiſſenhaft zu unterſuchen: ob es ihnen auch nicht an gehoͤriger Vorbereitung mangle? ob ſie die noͤthige Sach⸗ und Schrift⸗ Kenntniß haben, um den gemachten Forderungen zu entſprechen? ob ſie die Groͤße und Wichtig⸗ keit des Zwecks, zu dem ſie berufen werden, ge⸗ nau uͤberlegt haben, und durch Kopf, Herz und Zweck der Annahme des Hauslehrers. 23 Gewiſſen berechtiget werden zu glauben, demſel⸗ ben gewachſen zu ſeyn? Nur auf den Gehalt hinblickend vergeſſen Studenten nur zu leicht alle dieſe Unterſuchungen und Fragen, vergeſſen, daß es hier ſo viel zu bedenken und zu uͤberlegen gebe, daß einem Juͤnglinge, ohne ſich morali⸗ ſche Fußangeln zu ſtreuen, wohl etwas bange ums Herz werden moͤchte, ſobald er aufgefordert wird oder genoͤthigt iſt, ein Gehuͤlfe redlicher El⸗ tern in Erziehung der Kinder zu werden. Einen Hauslehrer aber zu andern Zwecken, von welcher Art ſie auch ſeyn moͤgen, ins Haus zu nehmen, als zu dem angegebenen, iſt wider⸗ ſprechend und unſinnig. Der veraͤnderte Zweck aͤndert den Charakter der Beſtimmung einer Per⸗ ſon und giebt andre Geſchaͤfte auf. Sind dieſe heterogen mit dem Unterrichte, der Bildung und ſpeciellen Erziehung der Kinder, ſo werden dieſe drei Geſchaͤfte ſchlecht betrieben und die Kinder vernachlaͤſſigt. 24 III. Bemerkungen uͤber die gewoͤhnlichen Mo⸗ difikationen der Kindererziehung mit und durch Hauslehrer. Die Erfahrung ſtellt vornehmlich zwei ſolcher Modifikationen auf, deren Beſchaf⸗ fenheit, Werth und Wirkungen, wie ſie ſich in der Wirklichkeit zeigen, dargeſtellt werden ſoll. Eine dritte und, wie es wohl nicht beſtritten werden kann, allein richtige Art des elterlichen Beſtrebens, den aufgeſtellten Zweck der Kinder⸗ erziehung mit und durch Hauslehrer zu erreichen: wenn nemlich Eltern und Lehrer in allen Theilen der Erziehung eine zweckmaͤßige Vertheilung der⸗ ſelben unter ſich treffen: iſt noch ſelten, gehoͤrt noch nicht zu den gewoͤhnlichen, ſoll aber eben durch dieſe Schrift ihrer Einfuͤhrung in die Fa⸗ milien naͤher gebracht, und wo moͤglich, zuge⸗ fuͤhret werden. Dieſelbe aber wird ſich in ihrer Annehmlichkeit und Wuͤrdigkeit nur erſt alsdann Modifikationen der Erziehung durch Hauslehrer. 25 am beſten darſtellen, wenn wir vorher das Ge⸗ woͤhnliche, was von Eltern und Lehrern gethan wird, vor den Richterſtuhl einer unpartheiiſchen Pruͤfung gezogen und redlich die Wahrheit vor Augen geſtellt haben werden, ohne dieſe in einer beleidigenden Nacktheit auftreten zu laſſen. 26 Erste Modifikation. Der Lehrer haͤngt im Unterricht, in der Bildung und dem Maaſe ſeines Antheils an der Erzie⸗ hung der Kinder ganz von dem Willen und den Beſtimmungen der Eltern ab. 1) Beſchaffenheit derſelben. Hier ſchreiben die Eltern dem Lehrer vor: was er lehren ſolle; wie er unterrichten ſolle; mit welchen Huͤlfsmitteln; nach welchem Plan. Ihm iſt es nicht weiter frei gelaſſen, andre, nach ſeiner individuellen Meinung zweck⸗ maͤßigere Lehrgegenſtaͤnde vorzuſchlagen und ein⸗ zufuͤhren. Er hat keineswegs die Erlaubniß, nach Methoden zu verfahren, die er fuͤr ſicherer und wirkſamer haͤlt. Blos in den Gebrauch derjeni⸗ gen Huͤlfsmittel darf er ſich ſetzen, welche ihm uͤberlaſſen werden, ſollten auch ſeiner Ueberzeu⸗ gung nach angemeſſenere und beſſere vorhanden und anzuſchaffen ſeyn. Sollte er auch in ſeinen A³ &⏑ iä.—·ↄ n— — Erſte Modifikation. 27 Gedanken einen, wie er glaubt, richtiger gedach⸗ ten, mehr umfaſſenden, genauer angeordneten und in ſeinen Theilen mehr zu einem Ganzen ſich erhebenden Plan entworfen haben: ſo iſt er den⸗ noch gehalten, ſich in allem nach dem zu beque⸗ men, was die Eltern ausgemacht haben, und ſich als Lehrer ſo zu benehmen, wie es dieſe nun ein⸗ mal haben wollen. Ueberdem empfaͤngt er ein genaues Reglement, nach welchem er ſich bei dem verſtatteten Antheile an der Erziehung zu verhalten hat. Worinne ſeine Macht in Zurecht⸗ weiſung und Beſtrafung der Kinder beſtehe, wie weit er dieſelbe ausuͤben duͤrfe,— die Diſciplin, — wird ihm auf mancherlei Weiſe genau ver⸗ deutlichet. Auch unterlaͤßt man es nicht, ſorg— faͤltig zu beſtimmen, wenn und wie lange er die Kinder taͤglich unter ſeiner Aufſicht haben ſolle, und wie er ſich dabei gegen dieſelben zu beneh⸗ men habe. 2) Vertheidigung dieſer Modifika⸗ tion mit beigefuͤgter Berichtigung. Als erſten Grund fuͤr die Zulaͤſſigkeit dieſer Modifikation fuͤhrt man an: a) Eltern haben von der Natur das Recht erhalten, alſo zu handeln. An Niemanden ſind Kinder durch engere Bande von der Natur geknuͤpft, als an die El⸗ tern; an dieſe ſind ſie, um Befriedigung ihrer 28 Erſte Modiſtkation. Beduͤrfniſſe zu finden, zu allernaͤchſt gewieſen. So gut nun aber Eltern aus dieſem ſo nahen Verhaͤltniß die Pflicht abnehmen, ihre Kinder zu erziehen, eben ſo gut muß es ihnen auch frei ſtehen, muß ihnen das Recht bleiben, dies nach ihrem beſten Wiſſen und Willen zu thun. Wenn ſie ſich daher ihr Recht von Niemanden ſchmaͤ⸗ lern laſſen wollen, ſo kann man ihnen dieſes nicht verargen, zumal, wenn ſie dabei nach ihrer beſten Ueberzeugung verfahren und demnach vor dem Richterſtuhl ihres Gewiſſens vor jedem Vorwurf geſichert ſind. Sie fuͤhlen ſich bei der Folgſamkeit gegen daſſelbe am beruhigſten, und indem ſie ganz nach ihrem Rechte an ihren Kin⸗ dern handeln, ſo laͤßt ſie ihr Glaube an daſſelbe ganz ihre elterliche Wuͤrde empfinden. Wer ſie durch Einmiſchung und Eindraͤngung in ihr elter⸗ liches Verhaͤltniß des allen berauben will, der taſtet die Wuͤrde und Rechte des Elternſtandes an. Wer wird aber auch wohl geneigt ſeyn, da⸗ fuͤr die Buͤrde elterlicher Pflichten auf ſich neh⸗ men zu wollen? Es iſt wahr; eng iſt die Verbindung zwi⸗ ſchen Eltern und Kindern, geſchloſſen durch Na⸗ tur, geknuͤpft von Gott. Herz und Vernunft werden durch dieſelbe in ſattſame Bewegung ge⸗ ſetzt, um die Eltern in der Sorge recht lebendig zu erhalten, alles zu thun, was in ihren Kraͤf⸗ ten ſteht, dieſe Verbindung fuͤr die Kinder moͤg⸗ lichſt wohlthaͤtig zu machen. Nothwendig bringt es die Natur einer ſo engen Verbindung mit ſich, Erſte Modifikation. 29 daß Eltern es fuͤhlen muͤſſen: wie nahe ihnen die Pflicht gelegt ſey, ihre Kinder zu naͤhren, zu ſchuͤtzen, zu erziehen. Nur die aͤußerſte Rohheit kann dieſelbe nicht wahrnehmen laſſen. Wer ſind aber diejenigen, gegen welche ſie ſich zur Erfuͤl⸗ lung ſolcher Pflicht ſchon durch einen ſinnlichen Trieb angezogen und alsdann durch Vernunft verbunden fuͤhlen? Weſen ſind es, begabt mit der Anlage zur Vernunft und zum freien Willen, die eben deswegen ſchon als Perſonen zu be⸗ handeln ſind, mit deren natuͤrlichem Rechte es ſtreiten wuͤrde, wenn man ſie nach bloßer Will⸗ kuͤhr behandeln wollte. Aufs ſorgfaͤltigſte haben es daher alle Eltern wahrzunehmen und zu be⸗ herzigen, daß ihre Rechte gegen ihre Kinder ſol⸗ che Forderungen ſeyen, und zwar nur ſolche For⸗ derungen, die von der Vernunft gebilligt werden, durch welche ſie ihren Kindern zwar die Pflicht auflegen duͤrfen, ſich von ihnen erziehen zu laſ⸗ ſen, jedoch nur alſo, daß durch deren Erfüllung der hoͤchſte Zweck der Erziehung nicht gehindert, ſondern gefoͤrdert werde. Wollten ſie nun, ohne gewiſſenhafte Ruͤckſicht hierauf zu nehmen, eigen⸗ ſinnig ihre Kinder nach vorgefaßten Meinungen und Lieblingsplaͤnen erziehen, und gar keine Ein⸗ rede darein geſtatten, dieſe auch keiner unpar⸗ theiiſchen, vernuͤnftigen Pruͤfung unterwerfen, ſo wuͤrden ſie ihre Kinder wie Sachen behandeln, daher weder die menſchliche Wuͤrde, noch die mo⸗ raliſche Beſtimmung ihrer Kinder achten, wenn ſie ſich in Erziehung derſelben einer bloßen Will⸗ 30 Erſte Modifikation. kuͤhr ſchuldig machten. Kann ihnen aber dieſes ohnmoͤglich geſtattet werden, ſo leuchtet von ſelbſt ein: daß alle Willkuͤhr in Anordnung der Kinder⸗ erziehung unvernuͤnftig ſey. Dieſe Willkuͤhr aber findet bei der erſten Modifikation ſtatt: ſobald Eltern gegruͤndeten Einwuͤrfen gegen ihre Vorausſetzungen, Maximen und Anordnungen, kein Gehoͤr geben; ſobald ſie ſich allen Wi⸗ derſpruch gerade hin oder durch hingeworfene Be⸗ merkungen verbitten, weil ſie entweder fuͤrchten, von ihren Vorſäͤtzen abgehen zu muͤſſen, die ih⸗ nen zu Lieblingsideen geworden ſind, und von denen ſie ſich aus Eitelkeit nur mit einem Schmerz trennen koͤnnten, den ſie nicht erdulden moͤgen, vedr aus Eigenſinn durchaus nur ihren Willen durchzuſetzen belieben. Verachten ſie alle vernuͤnftige Einälchtungen, die ihnen zum Beſten ihrer Kinder mit Grund der Wahrheit gemacht werden, ſo fehlt es ihnen an aller Achtung gegen dieſe Kinder, als Perſonen, denn ſie behandeln dieſelben nach einer nie zu billigenden, eigenſin⸗ nigen Willkuͤhr; und darwider empoͤrt ſich alles Menſchengefuͤhl, ſtraͤubt ſich alle Vernunft. El⸗ tern koͤnnen von der Gute der erſten Modifikation uͤberzeugt ſeyn, koͤnnen es gut meinen; iſt es denn aber weiſe, oder wird es durch die Indivi⸗ duglitaͤt der Ueberzeugungen zur Weisheit erho⸗ ben: allen fremden Rath zu vernachläͤſſigen, jede anderweitige Erinnerung ſchlechthin nicht zu pruͤfen und anzunehmen? ja, Erinnerungen gering zu ſchaͤtzen und zu verwerfen, die durch NE Erſte Modifikation. 31 wohlthaͤtige Erfahrungen erprobt ſind, welche demnach die Wahrheit auf ihrer Seite haben? Kinder haben von Natur das Recht, den Eltern die Pflicht aufzulegen, ſie nicht als Mit⸗ tel eigenſinniger Willkuͤhr zu behandeln; aber ſie ſelbſt koͤnnen ſich gegen dieſelbe nicht ſchuͤtzen. Der Hauslehrer, indem er Rathſchläge ertheilt, Erinnerungen thut, tritt als Mittelsperſon zwi⸗ ſchen Eltern und Kinder, um dieſe gegen jede Willkuͤhr, die Eltern auch unwiſſend entſchluͤpfen koͤnnte, zu ſchuͤtzen. Aus dieſem Grunde ſind dieſe verbunden, jenen anzuhoͤren. Koͤnnen ſie ihre Ueberzeugungen durch vernuͤnftige Gruͤnde uͤberwiegend machen, ſo wird jeder redliche Haus⸗ lehrer ſich gern beſcheiden, ſie eines Beſſern be— lehren zu wollen, wird vielmehr die beſſern Ma⸗ rimen und Ueberzeugungen der Eltern gern zu den ſeinigen machen. Wollen dieſe aber von ei⸗ nem ſolchen Verhaltniß des Hauslehrers gar nichts wiſſen, ſo ſind ſie in der That fuͤr Ver⸗ blendete zu erklaͤren, und als Ungerechte anzu⸗ klagen. Wollen ſie, wenn auch die gemachten Gegenerinnerungen von Gewicht ſeyn ſollten, den⸗ noch in der Ausfuͤhrung der erſten Modifikation eine Wuͤrde ſuchen, ſo beſteht dieſe in einer Ty— rannei gegen, des Widerſtands noch unfaͤhige, wehrloſe Perſonen, welche vielleicht die Folgen ſolcher Behandlung viele Jahrzehende hindurch bejammern werden, deren moraliſche und intellec⸗ tuelle Verkruͤplung wol gar der eigenſinnigen Willkuͤhr ſolcher Eltern eine lebenslaͤngliche Schand⸗ 32 Erſte Modifikation. ſaͤule ſetzt, an deren Fuß die Inſignien der El⸗ ternwuͤrde zerbrochen und zerſtreut herumgewor⸗ fen liegen, ohne daß eine menſchliche Hand und Kunſt ſie wieder ſammeln und zu einem Ehren⸗ denkmahl wieder zuſammen fuͤgen koͤnnte. So wenig ſich der erſte Vertheidigungsgrund der er⸗ ſten Modifikation durchfuͤhren laͤßt, ſo ſtark im⸗ ponirt vielleicht der zweite: b) Eltern kennen das Naturel, die phyſiſche und moraliſche Beſchaf⸗ fenheit ihrer Kinder am beſten, werden alſo auch am richtigſtenent⸗ ſcheiden koͤnnen, wozu und wie ihre Kinder erzogen werden ſollen. Mit dem erſten freiem Athemzuge ward den Kleinen die Mutter die einzig beſte Buſenfreun⸗ din, mit dem erſten freien Lebenstage ihnen der Vater treuer Erhalter und ſorgſamer Beſchuͤtzer. Von der redlichen Eltern Seite entwichen nie die Soͤhne, entfernten ſich nie die Toͤchter. Innigſte Vertraulichkeit, natuͤrliche Offenheit entdeckten ihnen die innerſten Falten der Herzen, oͤffneten ihnen die tiefe Quelle aller Triebe und Anlagen der kleinen Lieblinge. Keinem Freunde war es vergoͤnnt, ſo in das Innerſte derſelben zu ſchauen, Niemanden der Weg zu ihrer innern Bekannt⸗ ſchaft ſo frei und ungehindert, als den auf al⸗ les, was die Kleinen wollten und thaten, ſorg⸗ ſam lauſchenden Eltern. Wer wird nun wol der Kinder geheimſten Neigungen ſicherer nachgeſpuͤrt, u n u η ðN n . u N Erſte Modifikation. 33 von dieſen die ſicherſte Kunde haben? wem wird es mehr gegluͤckt ſeyn, das feine Gewebe von Anlagen der kindlichen Koͤrper und Geiſter zu entdecken und die feinſten Faͤden zu zerlegen, um in deſſen Organiſation die Art und Weiſe zu fin⸗ den, welche wol am paſſendſten waͤre, jene An⸗ lagen zu entwickeln und ans Licht einer freien Thaͤtigkeit zu bringen? Wen mußten aber auch freilich die Maͤngel und Gebrechen der Kleinen mehr durch traurige Ueberraſchung erſchuͤttern, als eben die Eitern ſelbſt? Wem, außer ihnen, werden nun die Faͤhigkeit, Einſicht und Kennt⸗ niß zugeſprochen werden duͤrfen, die erforderlich ſind, um mit Weisheit einen Plan zur Erzie⸗ hung der Kinder zu entwerfen? Wer, außer ih⸗ nen, wird das naͤchſte Recht und die unerlaß⸗ liche Pflicht erhalten, auf die natuͤrliche Be⸗ ſchaffenheit der Kinder jenen Plan zu gruͤnden, deſſen Ausfuͤhrung darnach abzumeſſen? Nie⸗ mand wird es den Eltern daher mit Fug und Recht abſtreiten, daß ſie nach der erſten Modifi⸗ kation ihre Kinder durch einen Hauslehrer unter⸗ richten, bilden und erziehen laſſen duͤrfen. Wer iſt aber Buͤrge, daß Eltern auch richtig beobachteten, richtig zu beo⸗ bachten verſtanden? Eltern haͤufiger Art, d. h. bei denen es nicht herrſchende Maxime ge⸗ worden iſt:„uͤber alles und jedes mit Verſtand zu denken, mit Vernunft zu urtheilen, und nur nach der Forderung des Gewiſſens Entſchluͤßun⸗ gen zu faſſen; ſondern, von denen alles nach 3 34 Erſte Modifikation. ſinnlichen Gefühlen betrachtet und behandelt wird, ſind keineswegs fuͤr unpartheiiſche Beobachter und Richter der wahren Beſchaffenheit ihrer Kinder anzuerkennen und faͤhig, gehoͤrige Beobachtungen und Unterſuchungen uͤber dieſelbe anzuſtellen. Der Erfahrung gemaͤß haben die meiſten Eltern, wenn wir auch nicht ſagen wollen, alle eine, nicht ver— nuͤnftig gemaͤßigte, Vorliebe fur ihre Kinder, ſie ſind fuͤr dieſelben durchweg eingenommen, legen auf deren gute Anlagen einen zu hohen Werth, durch welchen ſie ſich beſtechen laſſen, das Feh⸗ lerhafte derſelben fuͤr geringer zu achten und an⸗ zuſchlagen, auch wol fuͤr unbedeutend zu halten. Dazu kommt, daß die Vaͤter von jenen Unter⸗ ſuchungen haͤuſig abgehalten, oͤfters in ihren Beobachtungen durch Amtsgeſchäfte, Berufsar⸗ beiten, Gewohnheiten des Luxus, durch Reiſen unterbrochen werden. Muͤtter der genannten Art aber machen ſich durch eine bekannte Art von Liebe gegen ihre Kinder gaͤnzlich unfaͤhig, zu ſichern Reſultaten und Beſtimmungen uͤber die wahre Beſchaffenheit derſelben, in wiefern dieſe fuͤr die Erziehung zu wiſſen noͤthig iſt, zu ge⸗ langen. Auch fehlt es ihnen gar haͤufig an der⸗ jenigen Bildung des Geiſtes, die den wahren Beruf dazu begruͤndet, an noͤthiger Kenntniß der menſchlichen Seele, ſo weit eine ſolche Kenntniß von jedem Gebildeten gefordert werden kann. Immer ſind daher verkehrte Vorſtellungen von der Kindernatur und deren Aeußerungen noch die leitenden Fuͤhrerinnen in Beurtheilung und Be⸗ Erſte Modifikation. 35 handlung der Kinder, welche auf Erziehung und Unterricht den nachtheiligſten Einfluß haben. Wir wollen dies durch eine kurze Darſtellung des Schickſals anſchaulich machen, dem z. B. der Eigenſinn und die Einbildungskraft der Kinder unterworfen wird. Eigenſinn iſt bei Kindern eine Art von Aeußerung des freien Willens von vieler Bedeutſamkeit, kann auch nur durch eine weiſe, mit vernuͤnftigen Ernſt verbundene Schonung in die rechten Wege eingeleitet werden. In den mehreſten Faͤllen iſt daher das, was man bei Kindern Eigenſinn nennt, das erſte Gefuͤhl und eintretende Bewußtſeyn der Willensfreiheit, die ſich zu äußern beginnt und die Anlage zum Muth, zur Standhaftigkeit, Ausdauer und Conſequenz zeigt. Unterläßt man die ſorgfaͤltige Nachfor⸗ ſchung nach den Gründen, durch welche das Ver⸗ halten dieſer Art in den Kindern beſtimmt wird, ſo erblickt man hierinne eine haͤßliche, freche Willkuͤhr, ergreift harte Maasregeln, dieſelbe zu beugen und druͤckt zugleich jene herrlichen Anla⸗ gen, die den wackern Mann oder das brave Weib bilden laſſen, gaͤnzlich darnieder.— Alle Kinder verſetzen ſich zeitig durch Einbildungskraft in eigene eingebildete Welten, wo ſie in ihren Perſonen und Spielſachen die wirkliche Welt darzuſtellen ſuchen und hierinne oft die Bewundrung der Er⸗ wachſenen auf ſich ziehen. Dabei werden ſie mun⸗ ter und thaͤtig und befinden ſich ſo wol dabei, daß ſie am liebſten bei allen Gegenſtaͤnden ver⸗ weilen, mit denen die Einbildungskraft nach Ge⸗ 3* 36 Erſte Modiftkation. fallen umſpringen kann. Faͤngen nun Eltern an, wie es ſogar haͤufig der Fall iſt, ihre Kinder an ernſtere Beſchaͤftigungen zu fruͤh gewoͤhnen zu wollen, ſo aͤrgern ſie ſich, wenn die kleinen Men⸗ ſchen dabei unachtſam, zerſtreut, verdruͤßlich wer— den, gaͤhnen oder deutlich verrathen, daß ſie ſich in Gedanken mit ganz andern Dingen beſchaͤfti⸗ gen. Sie meinen nun, Fug und Recht zu ha⸗ ben, die lebhafte Stoͤhrerin Einbildungskraft, um der zum Nachdenken noͤthigen Ruhe des Gei⸗ ſtes willen, moͤglichſt einſchraͤnken zu muͤſſen. Es geht dabei nicht ohne Gewalt ab; aber es gelingt, das Kind zur Ruhe zu bringen. Die Einbildungskraft iſt bald niedergedruͤckt; mit ihr aber auch die Lebendigkeit des Kindes verloren und ein Hauptreizmittel zur lebhaften, kraͤftigen, wirkſamen Thaͤtigkeit in ihm unwirkſam gemacht; es wird ſtille und— denkt nun gar nichts mehr. Man verwechſelte die natuͤrlichen und, bei rich⸗ tiger Leitung, heilſamen Aeußerungen der Ein⸗ bildungskraft mit Flatterhaftigkeit und Mangel an guten Willen zur Thaͤtigkeit. Wie nun? wenn Eltern dergleichen Mißgriffe in Beurtheilung ihrer Kinder und deren Beſchaf⸗ fenheit thun? ſich durch dieſelben in der Behand⸗ lung der Kleinen leiten laſſen? werden ſie dann faͤhig ſeyn, dieſelben nach der erſten Modifikation zu erziehen? Und uͤberhaupt, koͤnnen denn El⸗ tern ſchlechthin behaupten, daß ſie vor falſchen Beobachtungen und Schluͤſſen, vor Fehlern in Unterſuchung der Beſchaffenheit der Kinder, wor⸗ Erſte Modifikation. 37 auf ſie den Erziehungsplan bauen wollen, durch⸗ weg geſichert ſind? Und, wenn ſie dies nicht ſind, fordert nicht die Pflicht von ihnen, auch auf Andre zu hoͤren, mit denen ſie zur Erziehung der Kinder in Verbindung treten? Der Fremde, mit dem noͤthigen Talent ver⸗ ſehen, das auch Keinem mangeln ſoll, der das Amt eines Hauslehrers uͤbernehmen will, beob⸗ achtet Kinder kaͤlter, ohne Vorurtheil und Vor⸗ liebe, daher genauer, beſtimmter, richtiger. Ihm wird es gelingen, Neigungen und Fehler, Anla⸗ gen und Faͤhigkeiten zu entdecken, von denen El⸗ tern nicht die mindeſte Ahnung hatten. Werden dieſe es daher nicht noͤthig haben, fremden Rath zu hoͤren, Anderer Urtheile uͤber ihre Kinder in ernſte Berathung zu nehmen? Iſt der Hausleh⸗ rer aufgenommen, ſo geſtatte man ihm einige Zeit zum Beobachten, laſſe ihn ſeine Reſultate niederſchreiben, vergleiche ſie mit denen, zu wel⸗ chen man ſelbſt gelangt zu ſeyn glaubt und ſuche ſich nun durch freundſchaftliche Unterredung mit ihm in Uebereinſtimmung zu ſetzen. Die Wolfarth der Kinder wird dabei ſicher nicht leiden, viel⸗ mehr weit mehr befoͤrdert werden, als durch ein gegentheiliges Verhalten. Selbſt des Menſchen⸗ kenners, wofuͤr ſelbſt alle Eltern nicht werden gelten wollen, iſt es wuͤrdiger, Andre anzuhoͤren, die bei und mit ihm das wichtige Geſchaͤft der Kindererziehung vollfuͤhren helfen ſollen, um in die beiderſeitige Thaͤtigkeit füͤr das hohe Werk, auf dem die Verſtändigkeit, die Tugend und — 38 Erſte Modiſikation. Froͤmmigkeit, die Nuͤtzlichkeit und Gluͤckſeeligkeit der Kinder erbaut werden ſoll, eine eben ſo ſchoͤne Harmonie zu bringen, als das Gewiſſen rein zu erhalten von allem Vorwurf der Verſäumung deſ⸗ ſen, was man vernüunftiger Weiſe haͤtte in Be⸗ rathung nehmen ſollen. Dennoch meint man die erſte Modiſikation durch einen dritten Vertheidigungsſatz in Sicher⸗ heit zu ſtellen, indem man ſagt: c) Eltern werden mit aller Aufmerk⸗ ſamkeit und Auſtrengung auf die Vollfuͤhrung des von ihnen ge⸗ gründeten Erziehungswerkes ſehen und achten. Dies, meint man, ſey ein Vortheil, wel⸗ cher dieſer Modifikation einen bedeutenden Vorzug erwerbe, indem er den ſo haͤufigen Klagen uͤber Mangel an Theilnahme der Eltern am allgemei⸗ nen Erziehungswerke abhelfen und alle die beklag⸗ ten Nachtheile verhindern werde, die mit Recht aus jenem Mangel hergeleitet wuͤrden. Hier, meint man, werde das ganze Erziehungswerk nach den freien Endſchluͤſſen und Ueberzeugungen der Eltern uͤbernommen; hier nach ihrer, auf ge⸗ naue Kenntniß der Beſchaffenheit der Kinder ge⸗ gruͤndeten, Angabe das Geſchaft vollendet wer⸗ den, welches fuͤr Eltern das wichtigſte bleiben muͤſſe. Als ihr Werk werden ſie es mit Liebe und Eifer betreiben, daß die Kleinen werden, was nach ihrem beſten Wiſſen als letzte Be⸗ Erſte Modifikation. 39 ſtimmung des Menſchen und Buͤrgers gelte. Um ihr Werk nicht ſinken zu laſſen, werden ſie alle ihnen zu Gebot ſtehenden Kraͤfte aufbieten, nichts vernachlaͤſſigen oder nur halb gebrauchen, was ihnen eigene Ueberzeugung als nuͤtzlich und gut anrathe, um die Ihrigen zu dem großen und ſchoͤnen Ziele anzuleiten, dem Ziele der wahren Menſchenbildung, deſſen Hoͤhe ihre Idee vielleicht erreicht, deſſen Weite ihr Verſtand vielleicht aus⸗ gemeſſen habe, deſſen Erreichung ihnen der glaͤn⸗ zendſte und wuͤrdigſte Triumpf ihres Lebens wer⸗ den ſoll! Alſo— meint man!— Wir haben geſehen, daß es Eltern noͤthig haben, nicht alle fremde Berathung auszuſchla⸗ gen, nicht jedes Urtheil Anderer ſich zu verbitten und zu verwerfen. Thun ſie nun dieſes, ſo wer⸗ den ſie auch dann mit aller Kraft auf ihren Er⸗ ziehungsplan beharren, wenn auch derſelbe der unvernuͤnftigſte von der Welt ſeyn ſollte. Kann nicht bei Eltern der Fall eintreten, daß alles ihr Beſtreben bei Erziehung der Kinder nur ein Huͤlfs⸗ mittel werden duͤrfte, ererbte Vorurtheile nicht verloren gehen zu laſſen, veraltete oder ſelbſt er⸗ zeugte Irrthuͤmer durch neue Verehrer zu verbrei⸗ ten, Thorheiten der Vorvaͤter, im neuen Ge⸗ wande vielleicht nur aufgeſtutzt, tief in die Her⸗ zen der alles glaubenden Kleinen zu verpflanzen? dadurch die herrlichen Anlagen zum freien Urthei⸗ len und Forſchen, zum richtigen Witz und Ge⸗ ſchmack, die freie moraliſche Thaͤtigkeit und eine vom Aberglauben freie Religioſitaͤt unentwickelt, 40 Erſte Modifikation. zu laſſen, zu erſticken und unverantwortlich zu erdruͤcken? O der Fruͤchte, welche dieſe Modifi⸗ kation dann hervorbringt, der Gewiſſensfragen, die vielen Eltern dann endlich doch einmal druͤk⸗ kend werden duͤrften! Seht euch daher um, ihr, denen das Wohl unſchuldiger, alles Edeln und Guten faͤhiger Kinder am Herzen liegen ſoll, wo redliche, gebildete Maͤnner anzutreffen ſeyn moͤch⸗ ten, die Kopf und Herz mit euern Beſtrebungen verbinden, den rechten Ort zu finden, wo der Verſtand wohnt und die Weisheit thront, damit ihr eure Kraͤfte nicht verſchwendet zum Boͤſen. Endlich ſagt man: d) Der Hauslehrer habe bei dieſer Modifikation nichts zu verant⸗ worten. Er ubernimmt, ſpricht man, blos die Aus⸗ fuͤhrung desjenigen, was Eltern ihrer Ueberzeu— gung gemaͤß zur Erziehung der Kinder fuͤr dien⸗ lich erachteten, und was nach ihren eigenen Glauben und Gedanken gut und heilſam zum Be⸗ hufe derſelben iſt. Ob nun alles, was der Haus⸗ lehrer zur Ausfuͤhrung uͤberkommt, die Benen— nung des Guten und Heilſamen verdienet oder nicht, dies haben die Eltern zu vertreten und mit ihrem Gewiſſen auszumachen, die den Haus⸗ lehrer ja nur unter der Bedingung annehmen, daß er vollende, was ſie anlegten. Von aller Entwerfung des Plans ausgeſchloſſen, iſt er auch aller Verantwortung einer vernuͤnftigen Zweck⸗ Erſte Modifikation. 41 maͤßigkeit deſſelben ledig. Seine ganze Pflicht beſteht darinn: daß er ſich anſchmiege an den Willen und Endſchluß der Eltern, und der Er⸗ fuͤllung deſſelben ſeine Thaͤtigkeit widme. Ent⸗ ſpricht ſeine Wirkſamkeit nur dem erhaltenen Plan, hat er nur endlich vollendet, was dieſer ihm vorſchrieb, ſo hat er das Seine gethan. Ihm faͤllt nichts von dem zur Laſt, was durch Schuld des elterlichen Plans nicht ausgefuͤhrt werden konnte, ſollte es bei der Kinderziehung nach ſeiner Meinung auch noͤthig zu beachten ge⸗ weſen ſeyn. Das Gute, welches eine Folge jener Wirkſamkeit iſt, wird fuͤr Eltern ein Gegenſtand der Dankbarkeit gegen ihn und, ſollte aus dieſer Modifikation ein Schaden fuͤr die Kinder hervor⸗ gehen, ſo faͤllt alle Verantwortlichkeit auf die Eltern allein zuruͤck. Nirgends alſo wird ein Hauslehrer ruhiger von ſeinen Kindern ſcheiden koͤnnen, als hier; hier, wo das Gute ihm ver⸗ dankt wird, das Fehlende von ihm nicht gefor⸗ dert werden kann, und was vielleicht, denn keine menſchliche Anſtalt iſt ohne Unvollkommenheit, geſchadet wurde, ſeinem Gewiſſen nicht anheim⸗ faͤllt. Fordern wir aber den rechtlichen Mann zur Unterſtuͤtzung unſrer Abſichten auf, erſuchen wir dieſen um Beihuͤlfe zur Erreichung unſrer Zwecke, ſo wird er allemal fragen:„iſt auch euer Zweck erlaubt und vernuͤnftig? und die Mittel, die ihr anwenden wollt, ſind auch dieſe weiſe und recht? Beantworten wir ihm dieſe Frage mit 42 Erſte Modifikation. unſerm Glauben, ſo wird er erſtlich die Bedenk⸗ lichkeit aͤußern:„ob derſelbe auch ſein Glaube werde ſeyn koͤnnen?“ ehe er uns ſeinen Beiſtand zuſichert. Wir werden ihn damit beruhigen wol⸗ len: daß wir alle Verantwortlichkeit fuͤr Zweck und Mittel allein auf uns nehmen wuͤrden, ihm koͤnne es nichts ſchaden, von welcher Art und Beſchaffenheit auch beide ſeyn moͤchten.„Ihr ſeyd auf dem unrechten Wege, wird er entgeg⸗ nen; wer einen Zweck befoͤrdert, billigt ihn noth⸗ wendig und macht ihn zu dem ſeinigen; wer ſich dargebotener Mittel bedient, glaubt ſie anwen⸗ den zu koͤnnen und zu duͤrfen; thut er dies, wenn auch in ihm durch deren Beurtheilung das Be⸗ wußtſeyn ſittlicher Unzulaͤſſigkeit entſteht, ſo ſuͤn⸗ digt er und verletzt auch ſein Gewiſſen.“ Kein rechtlicher Hauslehrer wird ſich dem⸗ nach die erſte Modifikation gefallen laſſen, be⸗ vor er nicht uͤber deren Forderungen mit Vernunft und Gewiſſen ins Reine gekommen iſt. Er wird glauben, die pflicht⸗ maͤßige Achtung gegen ſich ſelbſt zu verletzen, wenn er ſich, ohne ſtrenge Pruͤfung der erhalte⸗ nen Aufgabe, an den Willen und Endſchluß der Eltern anſchmiegte, ſchlechthin zum bloßen Mit⸗ tel eines fremden Willens brauchen laſſe, ohne die moraliſche Guͤte deſſelben zu kennen, ohne durch ſittlichgute Gruͤnde zum freien Endſchluß dazu gelangt zu ſeyn; denn er mag nicht nieder⸗ traͤchtig ſeyn. Ein Menſch ohne alles Gefuͤhl muͤßte er ſeyn, ein Weggeworfener, wenn er aus =z„ —4—,—9, ,—ͤ—— 8—————— ◻—,—— — △̈ Erſte Modifikation. 43 irrdiſcher Gewinnſucht auf den Schaden, in phy⸗ ſiſcher und aͤſthetiſcher, in intellektueller und mo⸗ raliſcher Hinſicht, nicht achten wollte, den er, als durch die Erziehungsart der Eltern in der Zu⸗ kunft bewirkt, im Voraus zu berechnen im Stande waͤre. Wer koͤnnte ſich einen Hauslehrer anders, als abſcheulich denken, der eine Freude uͤber den Dank empfinden koͤnnte, den ihm irrige Eltern wegen des geſtifteten Guten abſtatten, wenn in ihm das Bewußtſeyn lebendig iſt: er haͤtte auch den eingeſehenen Schaden, das wahrgenommene Boͤſe, welches durch den von ihm als einem blinden Werkzeuge vollfuͤhrten Erziehungsplan der Eltern geſtiftet werden mußte, offenherzig miß⸗ billigen, verabſcheuen und nicht an und in den Kindern befoͤrdern helfen ſollen!? Waͤre auch eine Erziehungsweiſe nach der erſten Modifikation wirklich gut, vernuͤnftig und zweckmaͤßig, ſo darf der Hauslehrer dennoch nicht eher in dieſelbe eingehen, als bis er ſie von al— len Seiten durch ernſte Unterſuchung erkennt, und als ſolche befunden hat, und bis er ſich mit gu— ten Gewiſſen das Zeugniß geben kann: er werde als Mann von Einſicht und Ehre, als Mann von Tugend und Religion nach derſelben jederzeit ver⸗ fahren koͤnnen. Hat er ſich durch muͤndliche Be⸗ rathſchlagungen mit den Eltern uͤber alles offen und redlich verſtaͤndiget, hat man ſich von beiden Seiten mit freiem, vernuͤnftigen Willen vereini⸗ get, ſo werden es auch durchgaͤngig nur vernuͤnf⸗ tige Gruͤnde ſeyn, durch welche man ſich auf 44 Erſte Modifikation. beiden Seiten zu noͤthigen Beſchluͤſſen bringen und in eine pflichtmaͤßige Thaͤtigkeit ſetzen laſſen wird. Aber dann iſt auch keine erſte Modifikation mehr vorhanden, die ſich auch durchaus nicht verthei⸗ digen läßt, weil ſie nicht allein ſchon an ſich verwerflich iſt, ſondern, weil auch wegen ander⸗ weitiger Nachtheile, die wir nun aufſtellen wol⸗ len, es jeder Vernuͤnftige fuür rathſam und fůr Pflicht erkennen wird, ſie nie und nirgends fuͤr — annehmbar zu erklaͤren. 3) Nachtheile der erſten Modifi⸗ kation, wenn auch ein Hausleh⸗ rer ſich dieſelbe gefallen laſſen ſollte. a) Der Lehrer wird nicht mit Muth und Luſt und daher nicht mit Nutzen arbeiten. Nichts ſetzt unſern Willen bei aller unſrer geiſtigen Wirkſamkeit mehr in Bewegung, kein Werk, zur Vollendung angelegt, regt unſre Be⸗ reitwilligkeit ſtaͤrker auf, als dasjenige, an deſ⸗ ſen Begruͤndung und planmaͤßigen Einrichtung unſerm Geiſte ſowol, als unſerm Herzen ein An— theil gehoͤrt. Dieſer ſichert uns einen Theil der Wuͤrde zu, welche von der Guͤte und Vollkom⸗ menheit des Werks auf die Urheber zuruͤckfaͤllt und laͤßt uns die gluͤcklichen Folgen und wohl⸗ thaͤtigen Wirkungen deſſelben als ein Eigenthum Erſte Modifikation. 45 ehren, durch welches unſre Gluͤckſeeligkeit ver⸗ mehrt wird. Ein ſolches Werk ſetzt unſre Kräfte in eine lebhafte Bewegung, erhebt unſern Muth, laßt uns mit Fleiß und Luſt vorwarts dringen und mit einer Standhaftigkeit entgegenſtehende Hinderniſſe beſiegen, die nur den mit Freiheit handelnden Mann nicht zuruͤckzuſchrecken vermoͤ⸗ gen. Fuͤhlen wir unſern Willen, unſre Kraft ganz in fremden Feſſeln, ſo werden wir bei ge⸗ forderter Wirkſamkeit mit wenig Eifer an ein Werk gehen, zu deſſen Vollbringung wir uns nicht beſſer, als jede andre in Bewegung geſetzte Ma⸗ ſchine benuͤtzt ſehen. Mit Unluſt alſo werden wir die Zwecke Andrer beſorgen, zu deren Erreichung uns nur fremder Wille antreiben, nur fremde Re⸗ gel noͤthigen ſoll, werden, tritt noch Gewiſſens⸗ Unruhe mit unſern Sorgen hieruͤber in einen ſchauerlichen Bund, weder mit noͤthiger Anſtren⸗ gung, noch mit hinlänglicher Beſonnenheit dabei verfahren, ſobald wir manches Zweckwidrige ent⸗ decken, das unſer Verſtand verwirft, und man⸗ ches Ueble vorfinden, das unſre Vernunft miß⸗ billigt. Aus einem ſolchen Zuſtand werden wir uns durch rechtliche Mittel und durch erlaubte Ergreifung jeder Gelegenheit zu befreien ſuchen, bei welcher wir gegruͤndete Hoffnung haben, mit mehr Geiſtes⸗ und Willensfreiheit, daher mit hoͤ⸗ herer Wuͤrde, groͤßerem Muthe und lebhafterer Bereitwilligkeit und geſeegneterer Wirkſamkeit ge⸗ meinnuͤtzig werden koͤnnen. Wendet man dieſes auf einen, unter der er⸗ 46 Erſte Modiſikation. ſten Modifikation angenommenen Hauslehrer an, ſo wird es keiner weitern Anseinanderſetzung be⸗ duͤrfen, um einſehen zu laſſen, wie wenig ſich von ihm und ſeiner Wirkſamkeit erwarten laſſe, ſo bald er eben ſo von Achtung gegen ſich ſelbſt, von Ehrfurcht gegen ſein Gewiſſen, als vom Glauben an ſeine Pflicht durchdrungen iſt. La⸗ ſtend iſt die Herrſchaft, welche ſich Eltern uͤber ihn anmaßen, und der Druck, unter dem er in ſeiner geforderten Thaͤtigkeit ſteht, muß ihm das Leben verbittern. Durch Vermoͤgensumſtände, Nangel an Ausſicht fuͤr ſein Fortkommen und dergleichen Urſachen kann er genoͤthigt worden ſeyn, einen Vertrag einzugehen, der es ihm ſehr bald erkennen laͤßt, wie die Eltern gefliſſentlich darauf umgehen, ſich zu alleinigen Gebietern im Erziehungswerke, und zu unumſchränkten Herrn ſelbſt uͤber ihn und ſeine Wirkſamkeit zu machen. Er merkt es zeitig, daß man ihm nichts frei laſſen wolle, als Unterwerfung unter eine Deſpo⸗ tie, die ihn ſelbſt, ſeine Zeit und Kraft zur El⸗ tern alleinigen Nutzen in Beſchlag nimmt. Ein wahrer Sklav unter dem Scheine der Freiheit wird Verdruͤßlichkeit und Mißvergnuͤgen uͤber ſeine Lage an der Ruhe und Heiterkeit nagen, ohne welche, ſollte er auch ſeinem Geſchaͤfte ganz gewachſen ſeyn, er dennoch keineswegs mit der⸗ jenigen Stimmung des Gemuͤths den Uuterricht betreiben wird, die demſelben Leben und Wirk⸗ ſamkeit ertheilt.: Erſte Modifikation. 47 b) Der Lehrer wird bald ohne die ihm zum Beſten der Kinder noͤthige Ach⸗ tung ſeyn. Wollen Eltern nach der erſten Modifikation erziehen, ſo wird es ihnen lieb ſeyn, wenn ſie endlich einen Hauslehrer finden, der ſich alles ge— fallen laͤßt, was ſie ihm aufbuͤrden, der, obſchon hier und da durch Herzensdrang in Gefahr ge⸗ ſetzt, ſeine wahren Wuͤnſche, Geſinnungen und Meinungen unwillkuͤhrlich zu verrathen, dennoch gefliſſentlich jede Miene ausſtudirt, um durch dieſe keinen Widerwillen gegen das entſchluͤpfen zu laſſen, was nun einmal in Hinſicht der Kin⸗ dererziehung verordnet worden iſt. Sie werden ihn auch gerne in Verbindung mit ſich zu erhal⸗ ten ſuchen; allein wahre Achtung koͤnnen ſie nicht gegen ihn hegen, weil ſie in einem freien Men⸗ ſchen, von deſſen Willen es gaͤnzlich abhaͤngt, ihr Hauslehrer zu werden oder nicht, einen ſkla⸗ viſchen Sinn ſuchen und finden. Sie werden nicht zu bloͤdſichtig ſeyn, um zu bemerken, daß der koͤrperliche Unterhalt und andre dergleichen Urſa⸗ chen der Preis ſind, um den er ſich zur unbe⸗ dingten Vollſtreckung ihres Willens hingiebt, den⸗ noch hingiebt, wenn es ihm auch abzumerken iſt, (denn auch der verſchmitzte Menſch hat ſeine ſchwachen Augenblicke, wo er ſich verraͤth) daß ihm ihr Begehren ganz oder zum Theil als zweck⸗ widrig vorkomme, ihre Forderungen ihm anſtoͤßig ſeyen. Die erfahrungsmaͤßige Folge hiervon wird 48 Erſte Modifikation. darinne beſtehen: daß es bei jener Herrſchaft keineswegs ſein Bewenden finden wird. Seiner ſklaviſchen Untergebung gewohnt, wird man es nicht an Zumuthungen fehlen laſſen, deren Er⸗ fuͤllung weder zu ſeinem Amte gehoͤrt, noch mit der Wuͤrde uͤbereinſtimmt, die ihm daſſelbe er⸗ theilen ſoll. Auch hier wird ihm der Eltern Wille Geſetz ſeyn, dem auf eine ſchickliche Weiſe Ge⸗ horſam zu verweigern, er nicht wagen wird, um nicht der Gnade oder Gunſt der Herrſchaft verluſtig zu werden, wird vollziehen, was dieſe auch unbillig und ohne Schonung von ihm for⸗ dert. Der Verfaſſer lernte einen unter dieſe Ru⸗ brik gehoͤrigen Hauslehrer kennen, der ſich brau⸗ chen ließ, wie ein Bote Briefe und Packete zu beſtellen, wobei er ſich eben ſo laͤcherlich, als veraͤchtlich bei denen machte, welchen er dieſel⸗ ben uͤberbrachte,— ſich wie ein Bedienter an fremde Orte ſenden ließ, um ſich im Namen der Herrſchaft nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen, wobei er, geleitet durch den ihm an— gewoͤhnten bedientlichen Sinn, ehrerbietig im Be⸗ dientenzimmer auf Antwort wartete. So war er durch die erſte Modifikation zum erſten Bedien⸗ ten des Hauſes umgewandelt, von den uͤbrigen nur dadurch unterſchieden, daß er laͤngere Zeit im Zimmer der Herrſchaft bleiben, bei der Tafel die untere Stelle einnehmen und bei Geſellſchaf⸗ ten eine Null ſeyn durfte. Kann ſo etwas den Zoͤglingen verborgen bleiben? Auch ſie, ermun⸗ tert durch der Eltern Beiſpiel, werden verſuchen, haft iner mes Er⸗ mit er⸗ Ville Ge⸗ um aft dieſe for⸗ Ru⸗ rau⸗ 2 zu als eſel⸗ au der n zu an⸗ Be⸗ r er ien⸗ igen Zeit afel haf⸗ den nun⸗ hen, Erſte Modifikation. 49 aͤhnliche unwuͤrdige Dinge von ihm zu erlangen. Aus unterthaͤnigen Reſpekt gegen die Familie wird er gehorchen; ſtatt zweiter Vater den Kindern zu werden, iſt er wol endlich ihr erſter Laquei. Denn mit Empoͤrung ſeines Innerſten mußte der Ver⸗ faſſer einen hierher gehoͤrigen Hauslehrer kennen lernen, der ſeinem Untergebenen auf Darreichung den Rock auskehrte, nicht eher und nicht ſpaͤter ſpatzieren gieng, Geſellſchaften beſuchte und ver⸗ ließ, als bis und wie es der Zoͤgling haben wollte, dem er endlich ſelbſt zum Gegenſtand des Spaſes dienen mußte. Wird man wol hoffen duͤrfen, daß dieſer Zoͤgling verſtaͤndig, gut und nuͤtzlich geworden ſeyn werde. Genau ſteckt man bei der erſten Modification dem Hauslehrer die Grenze der Diſciplin bei der Aufſicht uͤber die Kinder ab. Der geringſte Schritt uͤber dieſelbe wird beleidigende Mienen der Mut— ter, demuͤthigende Aeußerungen des Vaters un⸗ mittelbar zur Folge haben, weil beide ihr Anſehn gekraͤnkt glauben, worauf ſie, was ganz in der Natur der Liebe zur erſten Modifikation liegt, entſetzlich eiferſuͤchtig ſind. Die Kinder muͤßten Gehirn von Thon haben, wenn ſie nicht bald merkten, wie wenig der Herr Informator aus eigener Macht nach der Eltern Willen uüber ſie zu gebieten habe; auf ſeine Inſtruktion hin wer⸗ den ſie ihn für nichts achten, als den von den Eltern privilegirten Anklaͤger ihrer Unarten; ſei⸗ ner Drohung werden ſie muthig ſpotten, auch wol dieſelbe durch Gegendrohungen wegen heimlicher 4 50 Erſte Modifikation. Abweichung von der Inſtruktion unkraͤftig zu ma⸗ chen wiſſen. Was ſoll da aus Unterricht und Erziehung werden? Nothwendig muß beides den Krebsgang gehen; denn ein Lehrer ohne Achtung und Anſehn hat Schuͤler ohne Aufmerkſamkeit und Gehorſam. c) Eltern werden der Gefahr eines ſteten Wechſels der Hauslehrer aus⸗ geſetzt ſeyn. Der junge Mann von Talent und Wiſſen⸗ ſchaft, von Achtung gegen ſich ſelbſt, von Ge⸗ wiſſen und Muth kann ſich, als Hauslehrer, ohnmoͤglich zum bloßen Mittel fuͤr Anderer Wil⸗ len und Plan hergeben wollen, ſobald ihm deren Zweckwidrigkeit und Unzulaͤſſigkeit nach den beſ⸗ ſern Prinzipien der Pädagogik nicht entgehen koͤn⸗ nen, zumal, da es ihm nicht fehlen kann, einen Platz zu finden, wo er mitmehrerer Wuͤrde, die ihm eine freiere Thätigkeit ertheilt, fuͤr die Welt wahrhaft nuͤtzlich werden kann. Sollte er auch nach der erſten Modifikation das Amt eines Haus⸗ lehrers beginnen, weil er etwa eine Aenderung derſelben hofft, ſo wird er, wenn dieſelbe nicht bewirkt werden kann, die erſte beſte Gelegenheit benutzen, ein Haus zu verlaſſen, wo man ſich ſeiner als bloßer Maſchine bedienen will. Und ein ſteter Wechſel mit Lehrern— wozu kann ein ſolcher frommen? Er hat vornehmlich auf die Bildung des Charakters der Kinder einen ſehr nachtheiligen Einfluß, laͤßt eine Unbeſtimmtheit ma⸗ und den ung und nes us⸗ ſſen⸗ Ge⸗ hrer, Wil⸗ deren beſ⸗ koͤn⸗ einen „ die Welt auch aus⸗ rung nicht nheit ſich Und ein f die ſehr atheit Erſte Modifikation. 51 deſſelbigen fuͤrchten, welche ſich in der ganzen Handlungsweiſe der Kinder gewiß nicht zu deren Vortheilen offenbaren wird. Denn man ſchraͤnke die Lehrer in Hinſicht auf Erziehung noch beſtimm⸗ ter ein, ſo kann doch die verſchiedene Art und Weiſe derſelben zu denken und zu handeln nicht ohne Einfluß auf die Kinder bleiben. Von dem Charakter jedes abgehenden Lehrers hat ſich den Gemuͤthern der Kinder etwas eingeimpft, das ih⸗ nen eigenthümlich bleibt und die Charaktere der⸗ ſelben koͤnnen wegen der mannichfaltig erlittenen Veränderungen ohnmoͤglich zu einer veſten Be⸗ ſtimmtheit gelangen, werden eben deswegen ſich mehr zur Fehlerhaftigkeit, als zur Gute hinnei⸗ gen. Auch kann bei einem ſteten Lehrerwechſel der Unterricht ſelbſt nicht von den nuͤtzlichen Wir⸗ kungen ſeyn, welche ein und derſelbe fleißige und geſchickte Lehrer durch fortgeſetzte Bear⸗ beitung der Schuͤler hervorbringen kann, ſobald es nur die Modifikation der Erziehung uͤber⸗ haupt zulaßt. Dieſe Nachtheile wird man auch durch ſcharfbeſtimmte Inſtruktionen, die den wech⸗ ſelnden Lehrern ertheilt werden, nicht verhindern können. Beruhen dieſe Inſtruktionen auch auf einem und demſelben Syſtem, ſo wird dennoch jeder neue Lehrer dieß und jenes von dem ſeini⸗ gen, das zum Theil auch wol ganz von jenem abweicht, hier und da anzufuͤgen und einzufloͤßen wiſſen. Verwirrung der Ideen in den Koͤpfen der Kinder, Mangel an Fertigkeit, beſtimmt zu den⸗ ken und zu urtheilen, an Wahrheit und Conſe⸗ 4* 52 Erſte Modifikation. quenz in ihren Handlungen werden ſich darum ſchwerlich hintertreiben laſſen. Auch geht waͤh⸗ rend der Lehrerwechſel, und ehe allemal der neue Lehrer wieder ins vorgezeichnete Gleis kommt, eine Menge von Zeit verloren, welches zur groͤſ⸗ ſern Verwilderung der Kinder das Seine richtig beitragen wird. Endlich werden d) diejenigen Kinder, welche der Leh⸗ rer fuͤr ſich und ſeine Grundſatze, die er im Streite mit der erſten Modifika⸗ tion nicht fahren laͤßt, gewinnt, Heuch⸗ ler. Es kann nicht anders ſeyn, als, der Leh⸗ rer, der durchaus den Willen der Eltern als Ge⸗ ſetz anſehen, die erhaltene Inſtruktion fur Unter⸗ richt und Diſciplin als Norm ſeines amtlichen Verhaltens ehren ſoll, wird Manches fuͤr noͤthig erachten, was in der erhaltenen Ordre vergeſſen worden iſt, und fuͤr heilſam erklaͤren, was die empfangene Vorſchrift anders, als es ihm recht dunkt, beſtimmt; er wird manches als zweckmä⸗ ßig achten, wovon, nach der Eltern Meinung, das Gegentheil zu glauben iſt, und als vernuͤnf⸗ tig ehren, wovor ſich Eltern, als einer gefaͤhr⸗ lichen Sache, vielleicht fuͤrchten. So geheim er auch hier zu verfahren genoͤthiget iſt, dennoch wird er dieß alles an ſeinen Mann zu bringen ſu⸗ chen, und zwar, weil die Unſtaͤnde verbieten, frei und unbefangen damit zu Werke zu gehen, unvermerkt und heimlich. Die Verhuͤtung alles 1 2 8S8 2ͤ SͤS —2 2 rum vaͤh⸗ neue nmt, groͤſ⸗ chtig Leh⸗ itze, ifika⸗ uch⸗ Leh⸗ Ge⸗ inter⸗ ichen oͤthig geſſen s die recht kmaͤ⸗ nung, nuͤnf⸗ faͤhr⸗ im er nnoch n ſu⸗ ieten, gehen, alles Erſte Modifikation. 53 Anſtoßens bei Vater und Mutter aber wird eine Art von Buͤndniß mit den Zoͤglingen herbeifuͤh⸗ ren, welches dieſelben anhaͤlt, obſchon in der Eltern Gegenwart, den Vorſchriften und Maxi— men derſelben treu zu bleiben, dennoch auſſerdem nur das als wahr zu achten und zu befolgen, was ihnen der Lehrer beibringt. Und ſo iſt hier⸗ mit eine Schule geſtiftet, in welcher jene After⸗ menſchen gebildet werden, die der Brandmarkung als Heuchler nicht werden entgehen koͤnnen. Von welcher Art auch dieſe Heuchelei ſey, ſo begruͤn— det ſie jederzeit Heimtuͤcke, Argliſt und Bosheit, unterdruͤckt Offenheit im Reden und Handeln, toͤdtet demnach in Kindern dieſe Mutter der Recht⸗ ſchaffenheit. Die kindliche Achtung mit ſammt dem Gehorſam entweicht aus der Kinder Bruſt, indem ſich dieſe der Frage nicht erwehren koͤnnen: warum ſie denn in der Eltern Gegenwart Man⸗ ches nicht aͤußern ſollen, was der Lehrer ſie doch lehre? und der Lehrer am Ende genoͤthigt ſeyn wird, frei mit Sprache und Wahrheit herauszu⸗ gehen. Erzeugt dieß keinen Mangel an Achtung und Gehorſam gegen die Eltern, macht es die Kinder von dieſen nicht abwendig, ſo wird Miß⸗ trauen der Zoͤglinge gegen den Lehrer eine nicht abzutreibende Geburt ſeyn. Wohin nun auch die⸗ ſer Nachtheil der erſten Modifikation ausſchlage; er iſt dort ſo gefährlich, wie hier, hier von un— wiederbringlichen Schaden und entſetzlichen Fol⸗ gen begleitet, wie dort. 54 Erſte Modifikation. Welcher Werth nun dieſer erſten Erziehungs⸗ modifikation zukomme, welche Wuͤrde durch deren Ausfuͤhrung auf Eltern uͤbergehen werde; daruͤber wird hoffentlich, nach gerechter Pruͤfung, eine Entſcheidung erfolgen, die fuͤr dieſelbe nichts we⸗ niger, als guͤnſtig ausfallen kann. ngs⸗ deren uͤber eine we⸗ Zweite Modifikation. der Kindererziehung durch Hauslehrer Da dieſe nun zu beſchreibende Modifikation, vornehmlich in den Familien der mittlern Staͤnde, die herrſchende und daher haͤufigſte iſt: ſo wird es noͤthig ſeyn, ſich bei ihr etwas laͤnger, als bei der vorigen, zu verweilen. Sie druͤckt ſich fol— gendermaßen aus: der Unterricht, mit der dabei zu uͤbenden Diſciplin und die Bildung der Kinder haͤngt ganz von der Willkuͤhr des Lehrers ab, dem man bei Erziehung derſelben einen freien Einfluß geſtattet. 56 Zweite Modifikation. I. Beſchaffenheit dieſer Modifikation. 1) Man uͤberlaͤßt es dem Hauslehrer, einen Unterrichtsplan zu entwer⸗ fen, den man annimmt, wie er ge⸗ geben wird, nach welchem der Un⸗ terricht bis zu beſtimmten Jahren getrieben werden ſoll. Die Grundlage eines ſolchen Plans kann keine andere ſeyn, als die den Kindern abge⸗ lauſchten, an ihnen beobachteten, Anlagen zu einem kuͤnftigen Beruf und zu einer wuͤrdigen Bekleidung irgend einer Stelle desjenigen Stan⸗ des, fuͤr welchen das Kind gebildet und erzogen werden ſoll. Es wuͤrde daher widerſprechend ſeyn, wenn ein Fremder, der zu einer ſolchen Grundlegung weder Veranlaſſung und Gelegen⸗ heit hatte, und daher ohne Kenntniß der eigen⸗ thuͤmlichen Beſchaffenheit der Kinder iſt, doch beſtimmt den Weg bezeichnen wollte, den der Unterricht mit ſeinen Lehrgegenſtaͤnden nehmen ſoll. Der Hauslehrer wird demnach durchaus genoͤthigt ſeyn,(wieder ein Beweis, daß die ge⸗ meinſchaftliche Thaͤtigkeit der Eltern und Lehrer zur Erziehung der Kinder uͤberhaupt unumgaͤng⸗ lich noͤthig ſey) im umgekehrten Fall mit der erſten Modifikation, die Eltern hieruͤber zu Rathe zu ziehen, um auf deren Erfahrungen ſeine Maasregeln zu gruͤnden. on. er, er⸗ ge⸗ In⸗ ren ann bge⸗ zu igen tan⸗ gen dend then gen⸗ gen⸗ doch der men aus ge⸗ hrer ing⸗ der athe eine Zweite Modifikation. 57 Waren denn nun dieſe aufmerkſame Beobach⸗ ter ihrer Kleinen; hatten ſie das noͤthige Talent, es zu ſeyn; beſitzen ſie nun auch Geſchicklichkeit und guten Willen, den Lehrer in dieſe Familien⸗ geheimniſſe zweckmaͤßig einzuweihen: ſo kann es dieſem ſehr erleichtert werden, das erſte Geſchaͤft ſeines Berufs zu vollenden. Allein in vielen Familien hat Niemand die leiſeſte Ahnung davon, wie noͤthig es ſey, Kin— der zu beybachten, deren Neigungen zu ſtudiren, ihre Anlagen zu ergruͤnden. Wie wenig dann der Lehrer darauf rechnen darf, die noͤthige Kennt⸗ niß davon durch die Eltern zu erlangen, ergiebt ſich dann von ſelbſt. Was iſt aber nun zu thun, da der Unterricht ohne angelegten Plan einem Ge⸗ baͤude gleicht, das, aus Mangel eines verſtaͤndi⸗ gen Grundriſſes, den zufaͤlligen Einfaͤllen des un⸗ klugen Baumeiſters uͤberlaſſen, in keinem ſeiner Theile von Ebenmaas und richtigem Verhaltniß zeugen wird? Hier iſt der Lehrer ſich allein uͤberlaſſen und gezwungen, vor's erſte ſich nur das zum Lehrgegenſtande zu ſetzen, was im All⸗ gemeinen nöͤthig iſt, von jedem Menſchen erlernt zu werden, der in Zukunft auf Bildung Anſpruch machen ſoll, bis er ſich ſelbſt eine grüͤndliche Kenntniß von der Beſchaffenheit der Kinder er⸗ worben hat, aus derſelben Schluͤſſe fuͤr die künf⸗ tige Beſtimmung derſelben hernehmen und dar⸗ nach den Unterrichtsplan einrichten kann. So geſchickt er aber auch zu einem ſolchen Geſchaͤft ſeyn mag, ſo wird doch eine ziemliche Zeit ver⸗ 58 Zweite Modifikation. ſtreichen, bevor er in der Wahl der Lehrgegen⸗ ſtaͤnde ſowol, als in dem Vortrage derſelben zweckmaͤßig wird verfahren koͤnnen. In welcher Geſtalt wird aber wol der Un⸗ terricht auftreten, wenn ſowol die Eltern weder die noͤthigen Winke und Fingerzeige zu jenem Plan geben koͤnnen, noch an dieſen denken, als auch der Herr Informator ſich eine gleiche Suͤnde zu Schulden kommen läßt und nicht darauf auf⸗ merkſam macht? Denn er, der ſein Fach verſte⸗ hen will, muß dieſes thun, in welchem Grade auch die Eltern mit dem bekannt ſeyn moͤgen, was zur Erziehung und Bildung der Jugend un⸗ entbehrlich iſt. Was kann man erwarten, wenn auch er den Unterricht anfaͤngt, ohne deſſen Ord⸗ nung und Zweckmaͤßigkeit durch einen weiſen Plan einzuleiten? ohne deſſen einzelne Theile alle zu bedenken und deren Vollfuͤhrung zu begruͤn⸗ den? wenn auch er nicht auf alles mit umfaſ⸗ ſenden Geiſt achtet, was als Unterrichtsgegen⸗ ſtand eine beſondre Aufmerkſamkeit verdient? auch er an keine zweckmaͤßige Folge und Ord⸗ nung denkt, in welcher Alles nach und nach zu betreiben ſey, was jedem Menſchen von wahrer Bildung und guter Erziehung mit beſonderer Ruͤckſicht auf ſeinen buͤrgerlichen Beruf auch zu wiſſen noͤthig iſt? Und in der That, es giebt der Hauslehrer, welche ohne angelegten Plan ihr Weſen treiben, mehr, als deren, die ohne die— ſem Wegweiſer zu verfahren ſich ſchaͤmen, und es vor ihrem Gewiſſen nicht verantworten zu Zweite Modifikation. 59 koͤnnen glauben. Es ſcheint ſo vielen nicht die leiſeſte Ahnung davon vorzuſchweben, nicht das Mindeſte von dem bekannt zu ſeyn, was der ehrwüͤrdige Lehrer Niemeyer ſo nachdruͤcklich hieruͤber eingeſchaͤrft hat, deſſen hieher gehoͤrige Schrift doch von Keinem unſtudirt gelaſſen wer⸗ den ſollte, der das Amt eines Hauslehrers zu übernehmen gedenkt. Daher kommt es auch, daß ſo viele Hauslehrer ohne Plan, indem ein vordem herrſchender, bequemer Schlendrian die⸗ ſes Namens unwerth iſt, blos aufs Ohngefaͤhr hinarbeiten und eine Menge intellectueller und moraliſcher Kruͤpel produciren, die, ohne Ord⸗ nung und Zweckmaͤßigkeit unterrichtet, uͤberall als ſchief und verbogen erſcheinen. Die Zahl der Familien iſt nicht kein, welche, indem ſie die zweite Modifikation waͤhlen, an keine Anordnung des Unterrichts denken und, wenn der Lehrer der Kinder es auch unterläßt, gar nicht meinen, daß eine der wichtigſten Sachen uͤbergangen worden ſey. Sie waͤhnen genug gethan zu haben, wenn ſie die Informatorſtube mit einem Dintenfaß, mit Federn, Schreib⸗ und Abe⸗Buͤchern, mit einem großen und kleinen Katechismus und, wenn es hoch kommt, mit einem alten Kaſten von Clavier ausſtaffirt haben, einen Donat und eine lateiniſche Grammatik hinzufuͤgen, und nun die Kinder, ſo lange der Tag waͤhrt, bei dem Informator, der nun treibt, was er will, ſtecken und ſchwitzen laſſen. Wo nun eine ſolche unver⸗ zeihliche Unachtſamkeit der Eltern ſowol, als der 60 Zweite Modifikation. Lehrer vorkommt, da entſtehen eben die vielen dummen und albernen, einfaͤltigen und furchtſa⸗ men, laͤcherlichen und verbildeten— oder, ſtatt aller dieſer Benennungen, die vielen beweinens⸗ werthen— Kinder, die man als die traurigen Belege eines planloſen Informators⸗ und Privaterziehungsunfugs aufſtellen kann. Ein Gluͤck deswegen fuͤr Eltern, wenn ihrem Hauſe das Heil widerfaͤhrt und die Verei⸗ nigung der Umſtaͤnde den Kindern einen verſtaͤn⸗ digen Mann zufuͤhrt, der auf die Nothwendigkeit, eines vernuͤnftigen Plans fuͤr den Unterricht auf alle Lehrjahre hinausdenkt und aufmerkſam macht, mit Geſchicklichkeit denſelben zu entwerfen, die Lehrgegenſtaͤnde zweckmaͤßig zu ordnen und Eltern dahin zu leiten weiß, ihn mit den noͤthigen Huͤlfsmitteln zu verſehen, durch welche er das angelegte Werk auszuführen gehoͤrig unterſtuͤtzt wird. Iſt aber der angenommene Lehrer in einem ſolchen Geſchäfte noch ein foͤrmlicher Neuling, ſo ſind Eltern nicht laut genug aufzufordern, ihrer Pflicht Gehoͤr zu geben, einen Mann von aner— kannter Erfahrung im Erziehungsfache hieruͤber zu Rathe zu ziehen, ihre Geſtaͤndniſſe unumwun⸗ den gegen den untauglichen Lehrer zu aͤußern und Maasregeln zu nehmen, die ihnen das Gewiſſen vorſchreibt. Denn ein vollſtaͤndiger Lehrplan iſt unumgaͤnglich noͤthig, um ſich ſowol uͤber die Anzahl der Lehrgegenſtaͤnde ins Reine zu ſetzen, als auch deren Gang und Vertheilung genau zu beſtimmen. Ohne ihm wird man ſich leicht der Zweite Modifikation. 61 Gefahr ausſetzen, zu vielerlei auf einmal zu trei⸗ ben, und dadurch der Gruͤndlichkeit im Lehren, wie dem Intereſſe des Lernens nothwendig ſcha⸗ den; wird, worauf bei einem vernuͤnftigen Plan vornehmlich zu ſehen iſt, keinesweges auf eine ſtufenweiſe Entwickelung der kindlichen Seelen⸗ kräfte hinarbeiten, ſondern die eine zu ſtark und zu fruͤh, die andre zu wenig und zu ſpaͤt, man⸗ che gar nicht cultiviren. Doch wird man leicht hieruͤber die gedraͤngte, muſterhafte Belehrung des Herrn D. Niemeyer in ſeinem Grundriß der Erziehung und des Unterrichts leſen, und, wenn man weiſe ſeyn will, derſelben folgen. Hieraus wird es ſich aber auch ergeben, ob Hes zu billigen ſey, wenn Eltern es dem Lehrer allein uͤberlaſſen, jenen Plan zu entwerfen? ob es Pflicht fuͤr ſie ſey, dieſes Geſchaͤft gemein⸗ ſchaftlich mit ihm zu uͤbernehmen oder nicht? Die weitere Entſcheidung gehoͤrt noch nicht hie⸗ her, wo nur von Beſchaffenheit der zweiten Mo⸗ difikation die Rede iſt, zu deren zweitem Merk⸗ male wir nun uͤbergehen. 2) Auch die Bildung der Kinder, ſo wie groͤßtentheils die Erziehung derſelben, uberlaͤßt man ganz den Anordnungen des Lehrers. Er kann in den Lehrſtunden eine Diſciplin einfuͤhren, welche er will; man verſpricht ihm hieruͤber freie Macht und Gewalt. Viele Lehrer ſehen dies gerne; allein eine ſolche Anordnung iſt 62 Zweite Modifikation. ein Mangel an Vorſicht, der in der Folge weder durch ſaure Mienen, noch durch andre Neckereien, denen man ſich gegenſeitig hieruͤber ausſetzt, wieder ausgeglichen werden kann. Das Betragen der Kinder auſſer den Lehr⸗ ſtunden ſoll nach des Informators Willkuͤhr ein⸗ gerichtet ſeyn; ihm ſollen dieſelben folgen; er wird zum Schrecken der Kinder genannt, und ſo auf ihn allein der Unwille derſelben uͤber Ein⸗ ſchraͤnkung, Noͤthigung, Zuͤchtigung und Strafe gewalzt. Man ſey zu Hauſe oder in Geſell⸗ ſchaft, uͤberall ſoll ſeine Hand die Leiterin, ſein Mund der Befehlshaber, ſeine Galle der Zaum und Kreuzzuͤgel ſeyn, der die Kinder lenken und baͤndigen ſoll. II. Forderungen dieſer Modifikation an den Hauslehrer. Da hier dem Lehrer alles allein auferlegt werden ſoll: ſo muß in ihm auch alles anzutref— fen ſeyn, was dem Drucke der zu tragenden Laſt das noͤthige Gewicht entgegenſetzt, ſonſt wirft er entweder jene bald ab, oder, ſie druͤckt ihn zu Boden und zermalmt ihn. 1) Er muß nothwendig ein mora⸗ liſch guter Menſch im vorzuüͤglichen Grade ſeyn, der ſich in Erfuͤllung der Pflicht eine Fertigkeit erworben hat, die ihn nicht leicht Zweite Modiſikation. 63 bei einem, reichlich mit Geſchaͤften verſehenen Amte vor ſchwierigen Arbeiten erſchrecken, und in Vollfuͤhrung derſelben ſchwerlich ermuͤden laͤßt. Achtung gegen die Pflicht muß ihn ſo beherrſchen, daß er ſich in Ausführung der gefaßten Vorſätze zum Heil der Kinder nicht irre machen laͤßt, ſelbſt da nicht, wo ihn ein merkbar gewordenes Mißtrauen der Eltern, durch Irrthum oder Laune erzeugt, in ſeiner Wirkſamkeit aufzuhalten be⸗ fliſſen iſt. Denn nicht in allen Familien herrſcht jener offene, Zutrauen einfloͤſende Geiſt, der bei allen haͤuslichen Ereigniſſen mit der Bemerkung herausgeht, wie ſie auf dem Herzen liegt, um in die Obliegenheiten Aller und in die ganze Thaͤ⸗ tigkeit der haͤuslichen Funktionen Einigkeit, Ver⸗ ſtaͤndniß, Kraft und Energie zu bringen. Haus⸗ lehrer haben es fuͤr ein Gluͤck zu achten, wenn ſie an den Segnungen dieſes Geiſtes Theil neh⸗ men koͤnnen. Denn, wo derſelbe nicht regiert, da werden ſich nicht ſelten den Unternehmungen des Lehrers Verdruͤßlichkeiten, Repliken, leiſe, kraͤnkende Bemerkungen von Seiten der Eltern, vornehmlich der Mütter, entgegenſetzen, es wird ihnen ein Daͤmon widerſtehen, der das Wohl der Kinder, inſoweit es von der heitern, frohen Thaͤtigkeit des Lehrers abhaͤngt, durchaus ruͤck⸗ gaͤngig macht, nehmlich der traurige Daͤmon der Muckerie*). Dieſer verurſacht einem Lehrer, *) Anm. Verſchloſſenheit aus Widerwillen gegen den, welchem man nicht offen, ſondern durch heimliche Umtriebe in den Weg zu treten ſucht. 64 Zweite Modifikation. der ſeiner Pflicht nicht untreu werden will, oft ſchweren Kampf, und ſetzt deſſen Bemuͤhungen nicht ſelten der Gefahr aus, fruchtlos zu blei— ben. Wie ſchwer es da ſey, einen Widerwillen gegen die Amtsgeſchaͤfte zu unterdruͤcken, bei den mancherlei heimlichen Verſaͤumniſſen der Pflicht von Seiten der Eltern, bei Muth zu bleiben, den Eifer nicht erkalten und keine Kraft laͤhmen zu laſſen, das laͤßt ſich ſehr leicht begreifen. Laßt nun einen Hauslehrer in ſeiner ſittlichen Bildung noch nicht weit vorgeruͤckt ſeyn; wie leicht kann derſelbe unter ſolchen Umſtaͤnden ſei⸗ ner Pflicht abſpenſtig gemacht werden? Soll dann dennoch alles auf ihn beruhen: wehe dann den Kindern, die, den ſinnlichen Eingebungen eines Unmoraliſchen Preis gegeben, in aller Hin⸗ ſicht verſäͤumt werden muͤſſen! Woher wiſſen denn aber nun Eltern, daß ein gewaͤhlter Lehrer auch ein guter Menſch ſey? „Sie nehmen ihn ja von der Univerſitaͤt, die der Sitz der Humanitaͤt und ſittlichen Bildung ſeyn ſoll“. Wer hat ihn aber daſelbſt genau in ſei⸗ nen haͤuslichen Leben, in ſeinem Verhalten durch⸗ gaͤngig beobachtet, um zu einem wahrſcheinlichen Reſultate uͤber ſeine Geſinnung zu gelangen? „Ein Profeſſor hat ihn empfohlen“. Dieſer kennt wol etwa den intellectuellen Werth deſſelben; wird er auch, aus Mangel an Umgang mit ihm, uͤber den moraliſchen entſcheiden duͤrfen? Er ſah den jungen Mann vielleicht gar zum erſtenmal, als ſich derſelbe zur angebotenen Condition meldete. Zweite Modifikation. 65 Wer und was buͤrgt nun fuͤr ſeine innere ſittliche Ausbildung?„Wer dieſe verſaͤumt hat, der „wird, wenn er auch noch ſo gut uͤber Pflicht „und Tugend zu ſprechen wuͤßte, doch nie bei „der Jugend ſo viel ausrichten, als der, deſſen „eigner Charakter, deſſen wirkendes Beiſpiel alles „unterſtuͤtzt, was er ſagt, durch Thatenbeweiſe „als vortrefflich bewaͤhrt, was er fordert. Wer „daher in ſeinen Univerſitaͤtsjahren in den gemei⸗ „nen, rohen Ton eingeſtimmt, die herrſchenden „Begriffe von der Gleichguͤltigkeit unſittlicher „Handlungen, ſinnlicher Ausſchweifungen, ent⸗ „ehrender Ungerechtigkeiten mehr oder weniger in „die Maximen ſeines Handelns aufgenommen, „dadurch das ſittliche Gefuͤhl abgeſtumpft hat, „wer dabei von wahrer Religioſitaͤt „abgekommen iſt, der wird zwar, wenn er „in eine beſſere Geſellſchaft kommt, wol bald „merken, daß er ſich gar zu tief herabſetzen „wuͤrde, wenn er fernerhin nach ſolchen Ma⸗ „rimen handeln wollte, oder ſie auch nur laut „werden ließe. Aber es wird zu bemerklich wer⸗ „den, wie viel er ſich Zwang anthun muͤſſe, und „er wird bei der moraliſchen Bildung ſeiner Zoͤg⸗ „linge, ſelbſt bei verbeſſerten Willen, doch gar „zu wenig Huͤlfsmittel aus ſich ſelbſt ſchoͤpfen „koͤnnen. Man wird es hoͤren und ſehen, daß „er von einer Sache ſpricht, die er ſelbſt viel „zu wenig kennt“. 4 Niemeyer. A& 66 Zweite Modifikation. Wie ſpringt es hier in die Augen, daß es viel von Eltern gewagt ſey, auf gut Gluͤck hin den Studenten die Verwandlung in einen Haus⸗ lehrer der zweiten Modifikation beſtehen zu laſſen. Denn, wie viel man ſich zutrauen muͤſſe, unter dieſer Modifikation eine Hauslehrerſtelle anzuneh⸗ men, ſieht der unerfahrne Student gar nicht ein. Um ſo mehr muß dieſer auf dieſen Punkt auf⸗ merkſam gemacht werden, und es darf Keinem vor oder bei dem Antritte ſeines Amts auffallen, wenn dieſes auf eine beſcheidene, anſtaͤndige Weiſe ſelbſt von den Eltern geſchieht. Der Student und Candidat hat es reiflich zu uͤberlegen, was vors erſte in Hinſicht der moraliſchen Bildung bei ihm angetroffen werden muͤſſe, wenn er eine Stelle zu uͤbernehmen geſonnen iſt, wo Unter⸗ richt, Bildung und Erziehung der Kinder nur ſein Werk werden ſollen, wo er allein es iſt, der alles Gute ſtiften ſoll, aber unuͤberſehbar viel Boͤſes anrichten wird, ſobald er nicht einer, uͤber das Gemeine ſich erhebenden Herrſchaft uͤber die ſinnlichen Neigungen, nicht einer, aus Achtung fuͤr das, was recht und Pflicht iſt, hervorge⸗ gangenen Standhaftigkeit in Ausfuͤhrung alles deſſen, was er verſpricht und leiſten ſoll, nicht einer, aus chriſtlichem Vertrauen auf Gott, als den hoͤchſten Befoͤrderer alles Guten und Gemein⸗ nuͤtzigen, entſtandenen Ausdauer in treuer Pflicht⸗ erfullung unter Anfechtungen— mäͤchtig gewor⸗ den iſt.— Außer der ſittlichen Bildung muß er 2) nothwendig im Voraus mit al⸗ ——., 2——,———„„—— - RX — 22) Zweite Modifikation. 67 lem demjenigen bekannt ſeyn, was zu einer zweckmaͤßigen, haͤuslichen Erzie⸗ hungskunſt erforderlich iſt. Auf den meh⸗ reſten Univerſitaͤten bekommt er hierzu wenig oder keine Anleitung. Denn gehoͤrt es nicht immer noch unter die Seltenheiten, daß wirkliche Vor⸗ leſungen uͤber Lehr- und Erziehungskunſt, mit praktiſchen Uebungen verbunden, gehalten wer⸗ den? und, wenn dieß geſchieht, unterziehen ſich dieſem ſchwierigen Geſchaͤfte auch allemal ſolche Docenten, welche ihren, durch Lektuͤre erworbe⸗ nen Kenntniſſen durch eigne Erfahrung zu Huͤlfe gekommen ſind, um ihren Lehren Zweckmaͤßigkeit ertheilen zu koͤnnen? Häͤlt ſich ihr Unterricht vom Fehler der Einſeitigkeit frei, oder bewegt er ſich blos innerhalb der Grenzen der Theorie? Wer ſteht in ſolchem Falle dafuͤr, daß in den Koͤpfen der Zuhoͤrer nicht bloßer Duͤnkel, ſondern eine heilſam wirkende Kraft zur Ausuͤbung einer Paͤdagogik erzeugt wird, welche den jungen Men⸗ ſchen nimmt, wie er iſt, um ihn werden zu laſ⸗ ſen, was er ſoll? Will aber auch ein Mann von Kraft und Erfahrung zur rechten Einſicht in die Erziehungs⸗ und Unterrichtskunſt verhelfen: ſo wird unter Studenten das Beduͤrfniß derſelben bei weitem nicht genug gefuͤhlt, um zum Fleiß in Erwerbung jener Kunſt ermuntert zu werden. Zur Lectuͤre in dieſem Fache wird der Student wenig oder keine Zeit haben, da er immer mit Ablauf des Trienniums aus Mangel an Vermoͤ⸗ gen und Unterſtützung die Univerſitat verlaͤßt, 68 4 Zweite Modifikation. weswegen ihm jede Stunde theuer ſeyn muß, um den nothduͤrftigen Grund zur Erreichung ſeiner buͤrgerlichen Beſtimmung zu legen. Sollte ſich aber auch dieſer kurzen Zeit ein Theilchen fuͤr paͤdagogiſche Lectuͤre abzwingen laſſen, ſo ver⸗ zehrt die Planloſigkeit im Studiren daſſelbe, in⸗ dem unter funfzig Studenten kaum Einer die Akademie mit hinlaͤnglicher Einſicht in den Zweck ſeiner Gegenwart auf derſelben bezieht. Dazu kommt noch, daß die mehrſten Studenten, welche ſich dem Hauslehrerleben widmen wollen, ſelbſt eine mangelhafte Erziehung genoſſen haben, dar⸗ um mit den rechtlichen Forderungen au einen Hauslehrer gaͤnzlich unbekannt ſind, die Geſchaͤfte deſſelben ſich viel zu leicht vorſtellen, und dar⸗ um der Muͤhe uͤberhoben zu ſeyn meinen, einige Zeit zur Vorbereitung auf das Amt deſſelben zu verwenden. Es tanzt ihnen, wenn ſie, im Be⸗ griff, die Akademie zu verlaſſen, von ihrer kuͤnf⸗ tigen Leibesnahrung und Nothdurft reden, gar leicht uͤber die Zunge:„ich gehe in Condition“¹. O wuͤßten doch Viele, wie viel Wichtigkeit und Wuͤrde, aber auch, wie viel Bitt'res und Schwe⸗ res in dieſen Worten enthalten iſt! Auch koͤnnen die gewoͤhnlichen Informationen, denen ſich Studenten unterziehen, den Mangel an Hauslehrerſeminarien keineswegs abhelfen. Wenn auch der Student informirt, ſo geſchieht dies weder in dem Umfange der Lehrgegenſtaͤnde, die ein Hauslehrer bearbeiten ſoll, noch wird da⸗ bei diejenige Treue, Genauigkeit und Zweckmaͤ⸗ „„——d—„— Q— ͤ——+—— ·———,———— Zweite Modifikation. 69 ßigkeit angewendet, die dem letztern nicht fehlen duͤrfen. Fragen wir uͤberdies: bei wem dieſe In⸗ formationen unternommen werden? ſo findet es ſich bei Familien, deren Vorgeſetzte gewoͤhnlich weder Kenntniß, noch Talent zur Beurtheilung deſſen beſitzen, was zu einem guten Unterricht erforderlich ſey, ſondern zufrieden ſind, wenn ih⸗ ren Kindern um ein Spottgeld das Nothduͤrftigſte nothduͤrftig beigebracht wird. Vom Informiren der Studenten ließe ſich nur dann etwas verſpre⸗ chen, wenn es unter Aufſicht verſtaͤndiger, im Fache ſelbſt erfahrner Maͤnner geſchaͤhe, deren Anweiſung zu folgen, deren Unterricht zu hoͤren, deren Pruͤfungen und Viſitationen ſich zu unter⸗ werfen, von denen Zeugniſſe bei der oberſten Schulbehoͤrde des Landes nach ihrem Abgange von der Univerſitaͤt beizubringen ſie verpflichtet waͤren, um von dieſer Behoͤrde, deren Pruͤfun⸗ gen ſie ſich zu unterwerfen haͤtten, einen Erlaub⸗ nißſchein zum Eintritt in den Hauslehrerſtand zu empfangen, ohne welchen ſie nirgends von Eltern als Hauslehrer aufgenommen werden duͤrften. Hieran aber iſt ſchwerlich zu denken. Dennoch aber waͤhnen Viele, zum Amte eines Hausleh⸗ rers vorbereitet zu ſeyn, wenn ſie waͤhrend der Univerſitaͤtsjahre bei ehrlichen Buͤrgern informirt haben. Beſuchten ſie noch dann und wann ein oͤffentliches Unterrichtsinſtitut, um hier Methoden kennen zu lernen, die ſie nur halb faßten, um ſie verkehrt anzuwenden, mit den noͤthigen Lehr⸗ gegenſtaͤnden bekannt zu werden, ohne Bemuͤ⸗ 70 Zweite Modifikation. hung, das Materielle derſelben in den Inbegriff ihres Wiſſens ſattſam aufzunehmen: ſo ſind ſie in ihrem Wahne vollkommene Lehrer der Jugend und praktiſche Erzieher. Eltern koͤnnen daher in keiner andern, als mißlichen Lage ſeyn, wenn ſie von der Univerſitaͤt her einen Studenten als Lehrer fuͤr ihre Kinder verſchreiben ſollen; aber ſie ſelbſt machen ihre Lage noch kritiſcher, wenn ſie einen ſo vorbereiteten jungen Mann ins Haus kommen laſſen, um dieſem unter der zweiten Modifikation den Unterricht, die Bildung und Erziehung ihrer Kinder anzuvertrauen. Und dennoch wollen ſie der Gefahr, welcher ſie ſich und die Ihrigen ausſetzen, nicht einmal dadurch entgehen, daß ſie ſich ſelbſt oder einen verſtaͤndi— gen Mann aus der Naͤhe dem Unerfahrnen zum Aufſeher oder Rathgeber ſetzten? Sollte aber auch ein Hauslehrer ſchon einige Jahre hindurch als ſolcher gewirkt haben, ſo kann ihm zwar mehr Erfahrung zugetraut werden; aber immer bleibt es unter der Wuͤrde der Eltern, ihm und ſeiner Willkuͤhr alles allein zu uͤberlaſ⸗ ſen, ohne im mindeſten Antheil an den Geſchäͤf⸗ ten zu nehmen, die ihm allein aufgebuͤrdet wer⸗ den ſollen. So moͤchte es nun wol ein ſeltnes Phaäno⸗ men ſeyn, wenn ein junger Mann, kaum der Akademie entkommen, mit allen Erforderniſſen ausgeruͤſtet waͤre, welche die zweite Modifikation vorausſetzt, denen, wie ſich weiter unten erge⸗ ben wird, ſelbſt derjenige nicht entſprechen kann, ——————— 1— ———,.— Zweite Modifikation. 71 welcher mehrere Jahre ein Hauslehreramt verwal⸗ tet hat. Um ſo vorſichtiger und aufmerkſamer muͤſſen Eltern werden, damit ſie nicht da Scha⸗ den und Unheil ſtiften laſſen, wo ſie fuͤr Nutzen und Heil zu ſorgen, von der Vorſehung verord⸗ net worden ſind.— Dies wird ſich ſehr bemerk⸗ bar machen, wenn wir weiter bedenken: 3) Bei dieſer Modifikation iſt ei⸗ nem Hauslehrer mehr, als bei jeder an⸗ dern, Menſchenkenntniß noͤthig, in Hin⸗ ſicht des Koͤrpers ſowol, als des Geiſtes. Sein Rath wird in vielen Faͤllen auch zur Erhaltung der koͤrperlichen Geſundheit der Kinder beitragen ſollen. Den Kindern ſelbſt die noͤthige Kenntniß vom menſchlichen Koͤrper und deſſen Theilen, von Erhaltung und Befoͤrderung des Wohlſeyns deſſelben, beizubringen, ihnen zur noͤ⸗ thigen Fertigkeit im vernuͤnftigen Gebrauche der koͤrperlichen Kraͤfte behuͤlflich zu ſeyn, gehoͤrt zu ſeiner Function. Wie viele Studenten aber ſuchen ſich auch nur die allgemeinſten anatomiſchen Kennt⸗ niſſe zu verſchaffen? wie viele werden wol es ſich zu einem Geſchaͤft gemacht haben, mit dem Or⸗ ganismus des menſchlichen Koͤrpers und der rech⸗ ten Anwendbarkeit deſſelben bekannt zu werden. Seine Hauptgeſchäfte, als die des Erzie⸗ hers und Lehrers, ſind alle von der Art, daß ſie in einer ſteten Einwirkung auf die Geiſter der Kinder begriffen ſind, damit dieſe zu richtigen Begriffen gelangen, die Fertigkeit erwerben, ſich von dem, was in den Kreis ihres Wiſſens ge⸗ 72 Zweite Modifikation. hoͤrt, eine richtige Vorſtellung zu machen, zur n Kraft nach und nach emporſteigen, gruͤndliche Ur⸗ ſi theile uͤber alle Gegenſtaͤnde zu faͤllen, die ihre 2 Vernunft von Zeit zu Zeit zu umfaſſen vermag, ſe aus allem, was ſie denken und zuſammenſtellen, f was ſich ihnen als Erfahrung darbietet, vernuͤnf⸗ ſ tige Schluͤſſe zu ziehen, auch ihrer Empfindun⸗ e gen ſo Herr zu werden, daß dieſelben nicht vom n rechten Verhalten und Verfahren zuruͤck⸗ und ab⸗ 4 ziehen, und dennoch ein Befoͤrderungsmittel deſ⸗ W ſelben werden. Wird ihm allein die Abfaſſung g des Erziehungs⸗ und Unterrichtsplans uͤberlaſſen: 4 ſo ſoll er auf die Eigenthuͤmlichkeiten jedes Kin⸗ ſ des genaue und zweckmaͤßige Ruͤckſicht nehmen, um die Straße richtig zu bezeichnen, auf welcher die Ausbildung der Kleinen unabläſſig einher⸗ ſchreite. Ihm allein ſoll es anvertraut ſeyn, aus 1 dem, jedem Kinde eigenen Naturell die Art und Weiſe zu folgern, wie es behandelt werden muß, 6 damit die Ausbildung gluͤckliche Fortſchritte ma⸗ che. Ihm nur ſoll es aufgegeben ſeyn, zweck⸗ maͤßige Erziehungsmittel zu waͤhlen, eine ver⸗ nuͤnftige Unterrichtsmethode einzufuͤhren, damit der rechte Zweck der Menſchenerziehung erreicht werde. Wer vermag dies alles ohne Menſchenkennt⸗ niß zu thun? Und duͤrfen wir ſie allen von der Akademie zuruͤckkehrenden Studenten zutrauen? Zwar kann ſich ein Jeder, der Hauslehrer wer⸗ den will, durch anthropologiſche Vorleſungen dazu anleiten laſſen, obſchon die Zeit, die hierauf ver⸗ Zweite Modifikation. 73 wandt werden kann, viel zu kurz iſt, als daß ſich die Erlangung einer richtigen Einſicht in die Anthropologie erwarten ließe; er kann auf die⸗ ſem Grunde die Beobachtungen ſeiner ſelbſt auf⸗ fußen laſſen und durch, ihm moͤgliche, Lectuͤre ſeine Erfahrung auch zu paͤdagogiſchen Zwecken erweitern. Man erwerbe ſich aber nur eine ge⸗ naure Kenntniß von jungen Studirenden, die Hauslehrer werden wollen; man wird Viele, Viele von den noͤthigſten Kenntniſſen, welche ein gebildeter Menſch vom menſchlichen Geiſt und Koͤrper haben ſoll, gaͤnzlich entbloͤßt finden. Und ſo werden ſie Hauslehrer! Ungeſchickt zur Beob⸗ achtung der Kinder oder zur Beurtheilung deſſen, was ihnen von denſelben geſagt wird, wiſſen ſo Viele nicht einmal, worauf ſie zu ſehen haben, um diejenige Kenntniß von ihren Untergebenen zu erhalten, durch welche ſie ſich in den Stand ſez⸗ zen ſollen, ſo zu verfahren, daß der Zweck ihres Amtes nicht unerreicht bleibe. Die Mehreſten, die ſich zu Hauslehrern anbieten, beduͤrfen in die⸗ ſer Ruͤckſicht ſelbſt noch der genauſten Anweiſung zur Erkennung der Merkmale, aus denen ſich die Eigenſchaften der Kinder beurtheilen laſſen, und zur richtigen Benuͤtzung derſelben zu demjenigen Zweck, wozu Zoͤglinge uͤberhaupt immerfort beob⸗ achtet werden ſollen. Und ſo iſt es auch von die⸗ ſer Seite gefaͤhrlich, wenn Eltern bei der An⸗ nahme eines Hauslehrers die zweite Modifikation waͤhlen, nach welcher derſelbe in ihrem Hauſe wirkſam ſeyn ſoll. 74 Zweite Modifikation. Noch weniger aber wird irgend ein Haus⸗ lehrer der folgenden Forderung der zweiten Mo⸗ difikation entſprechen koͤnnen. 4) Es muͤſſen in ihm alle Erforder⸗ niſſe vereinigt ſeyn, welche die Paͤdagogik an Hauslehrer unſe⸗ rer Zeit machen will. Eine gruͤndliche Einſicht in jede Wiſſenſchaft, die als Gegenſtand des Jugendunterrichts auf⸗ tritt, iſt hier um ſo mehr noͤthig, als der Lehrer allein wirken und von Niemanden unterſtuͤtzt wer⸗ den ſoll. Tode und lebende Sprachen zu ver⸗ ſtehen, Religionswiſſenſchaft und Sittenlehre in ihren Tiefen ergruͤndet zu haben, mit allgemei⸗ ner und ſpecieller Geſchichte und Geographie be⸗ kannt, in die Kenntniß der natuͤrlichen Koͤrper durch Studium und Erfahrung eingeweiht zu ſeyn, in der Mathematik kein Nachtwandler, in der Muſik nicht ein grund- und geſchmackloſer Klim⸗ perer zu heißen, regelmaͤßig zu zeichnen, ſchoͤn zu ſchreiben: ſind die Gegenſtande, die alle von ihm gefordert werden, die er alle nicht nur ver— ſtehen, ſondern auch Kinder zweckmaͤßig lehren ſoll. Daß aber in Einem jungen Manne, der vielleicht gar in ſeiner Jugend vernachlaͤſſigt wor⸗ den iſt, auch wol ſeine ſonſtige Bildung auf einem nicht wohlorganiſirten Gymnaſium erhal⸗ ten hat, alle dieſe Wiſſenſchaften vereinigt an— getroffen werden; daß er dieſelben mit gleicher Fertigkeit und Zweckmaͤßigkeit verſtehe und lehre: e-— ₰(S—„z2 2 8 ——— Zweite Modiſikation. 75 iſt nicht leicht— moͤglich. Aber eben dieſes iſt ein Punkt, der die Zulaͤſſigkeit der zweiten Mo⸗ difikation, die doch jenes alles fordert, gaͤnzlich uͤber den Haufen wirft, ſo, daß man ihre Wahl Thorheit nennen moͤchte. Wollen und koͤnnen El⸗ tern nicht ſelbſt in die Geſchäfte des Lehrers ein⸗ greifen und an denſelben thaͤtigen Antheil neh⸗ men, oder nicht mehrere Perſonen um Theilnahme an denſelben erſuchen; ſoll der Lehrer allein die Herbeifuͤhrung alles deſſen, was der Erziehung uͤberhaupt als Endzweck aufgegeben iſt, uͤberneh⸗ men: ſo wird die Erreichung des letztern wol nur ein frommer Wunſch bleiben müſſen. Dennoch aber wird es bei der herrſchenden, wenn auch ſonderbaren Vorliebe fuͤr die zweite Modifikation nicht an Vertheidigern derſelben feh⸗ len, die Manches und Vielerlei als Vortheil der⸗ ſelben beizubringen bemuͤht ſeyn werden. Es wird ſich aber bald zeigen, ob es mit dieſen Vorthei⸗ len ſeine richtige Bewandniß habe und es nicht Nachtheile geben moͤchte, die weit uͤberwiegend ſind? III. Vortheile, welche dieſe Modifika⸗ tion gewaͤhren ſoll. 1)„Wenn alles, was zum Unterricht ge⸗ „hoͤrt, vom Lehrer frei beſtimmt und vorgetra⸗ „gen wird, ohne durch Einmiſchung der Eltern Zweite Modifikation. „irgend einen Zwang zu leiden, ſo wird in dem⸗ „ſelben eine Einheit und Uebereinſtimmung herr⸗ „ſchen, welche ſich bei einer andern Modifikation „nicht denken laͤßt.“ Wird der Hauslehrer, durch mitgetheilte Er⸗ fahrungen uͤber die Kinder von Seiten der Eltern unterſtuͤtzt, in den Stand geſetzt, den Unterricht durch einen Plan zu begruͤnden, ſo iſt er mit die⸗ ſem Produkte ſeines Nachdenkens aufs innigſte vertraut. Ueberall werden daher ſeine Schritte, die er im Unterricht vorwaͤtis thut, genau abge⸗ meſſen ſeyn, ſo, daß es nicht fehlen kann, er kommt, in ſeiner Unaͤ äͤngigkeit vom fremden Eiufluß, von Zeit zu Zeit naͤher zum Ziel. Die nehmlichen Grundſaͤtze, die ihn bei Abfaſ⸗ ſung des Plans leiteten, ſind nun auch ſeine treuen Fuͤhrerinnen beim Unterricht und der Diſci⸗ plin. Da giebt es keine Abweichungen von den⸗ ſelben, weil Niemand mitarbeitet, dem jene Grund⸗ ſätze nicht eigen ſind, oder, der ſie nicht richtig gefaßt hat, auch wol gar ſich nicht eigen machen konnte. Alle Theile des Unterrichts ſtehen in Harmonie, indem nur Ein Wille ſie zu einem Ganzen vereinigt hat, nur Eine Kraft ſie alle zu Einem Zweck hinleitet; alle genau uͤberdacht, wird ſie der Lehrer immer ſo zu ſtellen wiſſen, ſo“ vorzutragen verſtehen, daß er in ihrer Erkennung der Seele ein Ganzes mittheilet, welches alle Kraͤfte derſelben beſchaͤftigt, derſelben zu Fertig⸗ keiten verhilft, die den gebildeten Menſchen aus⸗ zeichnen. Werden Viele am Unterrichte Theil Zweite Modifikation. 77 nehmen, ſo wird eine Diſproportion in den Thei⸗ len deſſelben nicht zu verhuͤten ſeyn, man wird ihn nicht im gleichen Verhaͤltniſſe derſelben be⸗ treiben und die Bildung der Kinder keinen durch⸗ gaͤngig harmoniſchen Schritt halten, ſondern hier vorauseilen laſſen, wenn ſie auf einer andern Seite zuruͤckbleibt. Jeder Theilnehmer am Un— terrichte wird das, was ihm in einer Viſſen⸗ ſchaft am liebſten iſt, ihn ſelbſt am angenehm⸗ ſten beſchaͤftigt, in aller Vollſtandigkeit, zum Nachtheile des Ganzen, den Kindern beizubrin⸗ gen ſuchen, indeß der einzige Lehrer jede Wiſſen⸗ ſchaft zweckmaͤßig durchfuͤhren, von derſelben nur ſo viel und das geben wird, als er fuͤr noͤthig erachtet, um von Zeit zu Zeit zum vorgeſteckten Zweck zu kommen. Wenn an Einem Gebaͤude viel Baumeiſter arbeiten wollen, nicht Einer al⸗ lein dem Ganzen vorſteht, ſo wird es nicht nur hier und da Mißverhaͤltniſſe, unpaſſende Par⸗ thien geben, ſondern auch wird das Ganze mehr verunſtaltet, als in ſchoͤner Harmonie dargeſtellt werden. 3 Alles dieſes koͤnnte zugegeben werden, wenn Hauslehrer— Engel waͤren. Wo wird der junge Mann zu finden ſeyn, der in alle noͤthige Wiſ⸗ ſenſchaften ſo eingeweiht iſt, daß er aus jeder das fuͤr Kinder Zweckmaͤßige durchgaͤngig auszuwaͤhlen im Stande iſt? Da er aber ohn⸗ moͤglich alle Wiſſenſchaften auf dieſe Art umfaſ⸗ ſen, nicht in alle voͤllig eingedrungen ſeyn wird, wie es doch noͤthig waͤre: ſo iſt er gezwungen, Zweite Modifikation. ſich an Lehrbuͤcher zu halten und in dieſen zu neh⸗ men, was er findet. So vortrefflich aber auch von deutſchen Schriftſtellern fuͤr manche Faͤcher des Unterrichts durch Lehrbuͤther geſorgt worden iſt, ſo paſſen dieſe dennoch nicht fuͤr alle und jede Kinder; ja es giebt Theile des Unterrichts, fuͤr welche noch keineswegs Lehrbuͤcher vorhanden ſind, die mit allem Recht verdienten, Huͤlfsmit⸗ tel fur Hauslehrer genannt zu werden. So ha⸗ ben wir noch kein wahres Lehrbuch der allgemei⸗ nen Geſchichte fuͤr Kinder, welches der einzig richtigen Idee entſpraͤche, die Heuſinger in ſeinem Werke: die Familie Werthheim, angedeu⸗ tet hat. Schon der blinde Gebrauch von Lehr⸗ buͤchern, zu denen Hauslehrer der zweiten Modi— fikation ihre Zuflucht nehmen muͤſſen, zeigt das Nachtheilige, welches mit dem Hauslehrerweſen verknuͤpft iſt, wenn der Juformator allein alle Lehrgegenſtände beſorgen ſoll, beweißt, wie vor⸗ theilhaft es ſeyn muß, ſobald dieſe Beſorgung unter mehrere getheilt iſt. Warum koͤnnten ſich auch nicht zwei, drei Menſchen uͤber einen Un⸗ terrichtsplan vereinigen? alle ſeine Theile genau abmeſſen und uͤber die rechte Art, wie zum Zweck zu kommen ſey, in Uebereinſtimmung treten? Und kann allerdings hierinne ohne Schwierigkeit eine Vereinigung Statt finden, ſo kann es dann auch nicht ſchwer halten, die Lehrgegenſtaͤnde ſo zu vertheilen, daß ein Jeder diejenigen zur Be⸗ arbeitung uͤbernimmt, denen er gewachſen iſt, bei denen er alſo auch das Zweckmaͤßige in jeder Un⸗ Zweite Modifikation. 79 terrichtsperiode zu waͤhlen verſtehen wird. Wenn dann Alle ihre Pflicht thun, wird der Zweck des Unterrichts nicht viel beſſer erreicht werden, als wenn nur Ein Menſch alle Kraͤfte aufopfert, um eine Unmoͤglichkeit ausfuͤhren zu wollen? Muß demnach der erſte Vortheil, den man fuͤr die zweite Modifikation anfuͤhrt, durchfallen, ſo wol⸗ len wir ſehen, ob ſich ein zweiter, den man an- fuͤhrt, wird aufrecht erhalten koͤnnen? Man ſpricht nemlich: 2)„Bei dieſer Modification wird eine durch⸗ „gaͤngig gleiche Methode im Unterricht, in „der Bildung und Erziehung wegen der Gleich⸗ „heit, in welcher ſie ſtets erſcheint, weil nur „Einer arbeitet, das Lernen erleichtern, Ord⸗ „nung im Unterricht befoͤrdern, an eine be⸗ „ſtimmte Art zu denken und zu arbeiten gewoͤh⸗ „nen, Nuͤtzlichkeit und Sittlichkeit daher befoͤr⸗ „dern.“ Glaubt man, daß bei Mehrheit der Lehrer eine Verſchiedenheit der Methoden nachtheilig und eine ſich durchgaͤngig gleichbleibende Methode Eines Lehrers allein vortheilhaft ſey: ſo iſt dies ein Wahn. Nicht zu gedenken, daß ſich die Verſchiedenheit der Lehrlinge mit dieſem Glauben nicht vertrage, ſo wird dieſer um ſo betruͤgeri⸗ ſcher, als er vielleicht gerade eine Methode feſt⸗ haͤlt, die zu nichts weniger geeignet iſt, als zur Ehre der Alleinherrſchaft bei allen Lehrgegenſtaͤn⸗ den. Verſteht man unter jener Methode z. B. die ſogenannte Sokratik, welche man zu unſe⸗ 80 Zweite Modifikation. rer Zeit ſo gern durchgaͤngig, wol gar bei Geo⸗ graphie und Geſchichte, anwendet, ſo lehrt die Erfahrung, daß gerade ſie das Lernen erſchwert, im Denken und Arbeiten Mechanismus erzeugt, mit dieſem der freien Ausbildung der Talente zur Gemeinnuͤtzigkeit und dann ſelbſt der Erzeu⸗ gung freier Sittlichkeit hoͤchſt nachtheilig wird. Es iſt dies um ſo mehr zu befuͤrchten, als ge⸗ woͤhnlich Hauslehrer die durchgaͤngige Sokratik ſteif und feſt fuͤr die heſte Methode achten, weil ſie einen beruͤhmten Namen hat und am wenig⸗ ſten Anſtrengung koſtet. Es ſey mir erlaubt, dieſe Aeuſſerungen naher zu begruͤnden, um zu 1 zeigen, daß es mit jenem Vortheil nichts ſey. Es liegt in der Natur der Sache, daß jeder Lehrgegenſtand nach ſeiner Beziehung auf dieſes oder jenes Seelenvermoͤgen eine eigne Methode zum Vortrag erfordre. Aber eben deswegen ſoll uns in der Wahl derſelben die Maxime leiten: meine nicht, daß eine vor aller Erfahrung auf⸗ geſtellte oder an einzelnen Subjecten erprobte und deshalb von Schriftſtellern, als allgemeinguͤltige, empfohlene Methode ſich an allen Kindern be⸗ waͤhren muͤſſe und bei allen Lehrgegenſtaͤnden an⸗ wendbar ſey. Denn, ſo wie Kinder verſchieden ſind in ihren Anlagen, in der Art und Weiſe, die Thaͤtigkeit des Geiſtes zu aͤuſſern, in ihren Neigungen, ihrem Charakter und Temperament, ſo mannichfaltig muß ſich auch die Methode im Unterricht zeigen; ſo verſchieden die Beziehungen einzelner Lehrgegenſtaͤnde auf einzelne oder — 2 A S 2 ͤSͤSe— — Zweite Modifikation. 81 ſaͤmmtliche Seelenkraͤfte ſind, ſo veraͤndert muß die Methode des Vortrags erſcheinen. Um ſo thoͤrigter iſt es, nach Einer, durchgaͤngig glei⸗ chen Methode durchweg zu verfahren, als z. B. die Sokratik iſt, welche doch ihrer Natur nach etwa nur bei Gegenſtaͤnden anzuwenden waͤre, zu deren Erkenntniß oder Glauben wir nur durch Nachdenken oder Schluͤſſe gelangen koͤnnen. Allein auch hier iſt die eigentliche ſokratiſche Methode die— untauglichſte im Unterrichte der Kinder, mehr geſchickt, Traͤgheit, Dummheit und Stolz bei ihnen zu befoͤrdern, als wahre Geiſtescultur, weil ſie jede vorgelegte Frage durch Ja oder Nein zu beantworten zwingt, ohne den Inhalt des Ja oder Nein durch ange⸗ regtes, freies Nachdenken im Kinde producirt zu haben. Dieſes weiß eigentlich nicht ſelbſt, war⸗ um es genoͤthigt war, Ja oder Nein zu antwor⸗ ten, erhält aber doch den Schein und bildet ſich ein, alles zu verſtehen, wovon die Rede war, ob es ſchon bei dieſer Methode nie im Stande ſeyn wird, einen erhaltenen Unterricht vollſtaͤndig und mit Ordnung zu wiederholen. Auch iſt es in der That laͤcherlich, bei Kindern thun zu wol⸗ len, was Sokrates mit erwachſenen Menſchen vornahm, die ſchon denken konnten oder, viel⸗ mehr ſein beruͤhmter Schuͤler ihn auf dem Pa⸗ piere thun laͤßt, was bei Kindern gar keine An⸗ wendung finden kaun und finden darf, weil in dieſen durch eine ſolche Methode nie eine blei⸗ bende Kenntniß begruͤndet werden kann, wozu die 6 82 Zweite Modifikation. beſtehende Volksbildung hinlaͤngliche Belege dar⸗ bietet. Nie wird das Sokratiſiren die Seelen⸗ kraͤfte in diejenige Thaͤtigkeit ſetzen, bei welcher es allein moͤglich werden kann, Lehren der Reli⸗ gion und Moral ſowol zum Eigenthum des Ver⸗ ſtandes, als auch des Herzens zu machen, und Gegenſtaͤnde des Nachdenkens und Urtheilens alſo in Kindern zu begruͤnden, daß eine weiſe Anwen⸗ dung die Wirkung davon ſeyn wird. Denn Kin⸗ der arbeiten hier nicht mit freiem Geiſte, ſon⸗ dern in den Feſſeln, die ihnen der Lehrer anlegt, und alles, was der Geiſt nicht mit Freiheit er⸗ wirbt, wird nie ein Eigenthum werden, woruͤber er mit Weisheit ſchaltet. Je leichter im Kinde durch Sokratik die Einbildung erregt wird, es ſey von ſelbſt zur Erlernung eines Begriffs und Beſtimmung eines Urtheils gelangt, ohne durch eignes, freies Nachdenken auf jenen geleitet, durch rege gemachte, eigene Vernunftthaͤtigkeit zu dieſem gelangt zu ſeyn: deſto weniger wird es ſich Muͤhe geben, einen Lehrgegenſtand zu ler⸗ nen, weil der Wahn in ihm nicht vermieden werden kann:„was ich jetzt ſo leicht fand, wird ſich mir auch von ſelbſt bei jeder Gelegenheit darbieten.“ Weit uͤber dieſe Methode erhaben iſt die katechetiſche, aber immer auch nur bei den Gegenſtaͤnden anwendbar, zu deren Er⸗ kenntniß oder Glauben durch Nachdenken und Urtheil zu gelangen iſt. Sie giebt durch Fragen dem Kinde blos leitende Veranlaſſung, mit dem Vermoͤgen des Geiſtes ſelbſtthaͤtig zu werden. — —————— —₰ S———— Zweite Mobifikation. 83 Und dennoch darf ihr das Praͤdicat der Anwend⸗ barkeit nur bis zu einer gewiſſen Periode der Geiſtesbildung zugeſtanden werden. Sind die Seelenkraͤfte des Kindes durch Uebung dahin ge⸗ kommen, daß ſie von ſelbſt, ohne gerade des ka⸗ techetiſchen Laufbandes, als eines unentbehrlichen Hulfsmittels, und des katechetiſchen Anſtoſſes zu beduͤrfen, Etwas uͤberdenken und beurtheilen koͤn⸗ nen: ſo hat dann die Katecheſe ihr Ende erreicht. Wann die Periode, welche derſelben Stillſtand gebietet, erſcheine? kann der Lehrer daraus ab⸗ nehmen, daß die Kinder ſeinen Fragen durch Antworten voreilen, und bei Beantwortung der erſten Fragen ſchon die ganze Sache darſtellen, zu der ſie hingeleitet werden ſollen. Wollte ein Lehrer hier dennoch am katechetiſchen Verfahren haͤngen bleiben, ſo wuͤrde alle fernere Katechiſa⸗ tion in der That zu einem Spielwerk, zu einer wirklichen Schulpoſſe herabgewuͤrdigt werden. Denn es iſt ihm nun nicht um Erhoͤhung der Fertigkeit im Gebrauche der Seelenkraͤfte beim Kinde zu thun, ſondern um ein katechetiſches Schauſpiel zu geben und ſich in ſeiner Kunſt ſelbſt zu gefallen. Die katechetiſche Kunſt iſt freilich unentbehrlich und ziert jeden Jugendleh⸗ rer, wird aber Pedanterie, ſobald ſie ſich ſchlech⸗ terdings auch auſſerhalb der Grenzen jener Perio⸗ de ausſtellen will. Sie muß nunmehro dem freien Dialog das Feld uͤberlaſſen, auf dem ſie in den Kindern eine freie, weitere Entwickelung der Gemuͤthskräfte verwehren, durch ein Fragen⸗ 6* 84 Zweite Modifikation. joch die heraufſtrebenden Seelenkraͤfte zuruͤckdruͤk⸗ ken und nicht zu einer des Menſchen wuͤrdigen Wirkſamkeit emporſteigen laſſen wuͤrde. Je ſchoͤ⸗ ner die Anlagen zum Denken und Urtheilen in einem Kinde ſind, je lebhafter daſſelbe dieſe An⸗ lagen aͤuſſert: deſto groͤßer wird die Unfaͤhigkeit deſſelben werden, natuͤrlich, frei und zweckmaͤßig ſeine Gedanken zu aͤuſſern, ſobald es zu lange durch Katechiſationen gezwungen worden iſt, ſeine Vorſtellungen nach einer fremden Form, nach fremder Veranlaſſung und in den von Andern aͤngſtlich beſtimmten Grenzen an den Tag zu foͤr⸗ dern. Es kann kaum einen aͤngſtlichern und ge⸗ preßtern Zuſtand fuͤr ein Kind geben, als der iſt, daß es durch katechetiſche Feſſeln in Grenzen eingeengt wird, uͤber welche ſchon die erſten Ge⸗ danken des Kindes bei den erſten Fragen des Leh⸗ rers hinausſtreichen, in denen es ſich aber, trotz des Andranges von Vorſtellungen, die rege wor⸗ den ſind, eine Stunde lang herumdruͤcken ſoll, da es doch alles in einigen Minuten zu ſagen im Stande ſeyn wuͤrde, was der Lehrer eine unge⸗ heure Zeit lang durch ein Kunſtgewebe von Fra⸗ gen langſam erpreſſen will. Unterdruͤckt man un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden nicht die freie Thaͤtigkeit des Geiſtes? erregt man nicht am Ende einen Widerwillen gegen alle ſelbſtbeſtimmte Wirkſam— keit der Seele? wird man nicht Menſchen ziehen, welchen es, bei allen ſchoͤnen Antworten auf aufgedrungene Fragen, dennoch an eigner, freier Aeuſſerung der Geiſteskraft mangelt? Wird &— & c Zweite Modifikation. 85 man ſie nicht gewoͤhnen, nur am Gaͤugelbande, von fremder Hand gehalten, ſchuͤchterne Schritte im Reiche der„Wahrheit zu thun? Ja dieſes Reich wird von ihnen vielleicht nie eine Erweite⸗ rung zu erwarten haben, ihr Geiſt muͤßte denn beſondre Anſtoͤſſe dazu erhalten; dennoch aber werden ſie nie ganz von einem gewiſſen abhaͤngi⸗ gen Sinn befreit werden. Der Dialog allein kommt dieſen Uebeln zuvor, indem er das Kind in Aeuſſerung ſeiner Seelenkraͤfte durch keine un⸗ noͤthigen Schranken hindert, ein freies Feld der Wirkſamkeit zu ſuchen, dennoch aber immer vor unerlaubten Ausſchweifungen bewahrt, und ein ruhiges, freies, eigenes, conſequentes Denken und Urtheilen begruͤndet. Kann der Hauslehrer dieſen Dialog nicht fuͤhren, ſo iſt er ſeinem Amte nicht gewachſen. Iſt er aber der Katechetik und des Dialogs auch maͤchtig, kann und darf er ſie bei allen und jeden Lehrgegenſtaͤnden anwenden? Soll und kann er beim Unterricht in der Ge⸗ ſchichte ſokratiſiren? beim Unterricht in Spra⸗ chen katechiſiren? in der Geographie dialogiſiren? u. ſ. w. Wer kann ſo eine Thorheit denken! wie es ſich als moͤglich vorſtellen, auf dieſe Art durchzukommen! Und wer wollte von einer ſol⸗ chen durchgaͤngig gleichen Methode, nach wel⸗ chen alle Gegenſtaͤnde des Unterrichts, der Bil⸗ dung und Erziehung betrieben werden ſollen, Nutzen erwarten? Wir leben aber nun einmal im Zeitalter der Methodiſterei eigner Art, die alles ſo eingerichtet wiſſen will, daß es ſich nach 86 Zweite Modifikation. Einer und derſelben Methode behandeln, tracti⸗ ren und bearbeiten laſſe, ſollte auch der Natur vieler Gegenſtaͤnde der haͤrteſte Zwang angethan werden muͤſſen. Auch in der Paͤdagogik ſchwatzt daher Alles nur von Methodik, und haͤlt ſich bei ihr ſo lange auf, daß man daruͤber in vielen Faͤllen das Materiale vergißt, das nach Methode bearbeitet werden ſoll. Vor Zeiten ſahe man einzig und allein nur auf gewiſſe Materien des Jugendunterrichts und vernachlaͤſſigte die Me⸗ thode; jetzt giebt es Erfinder, Entdecker und Ver⸗ theidiger von lauter neuen Methoden, uͤber deren Erlernung wiederum haͤufig vergeſſen wird, ſich in den Beſitz der Materie zu ſetzen! Koͤnnten und ſollten wir nicht die Methode, als Form, mit der zweckmaͤßig gewaͤhlten Materie, der Quantitaͤt und Qualitaͤt nach, brauchbar ausfuͤl⸗ len? nicht die letztere mit geſunden Urtheil waͤh⸗ len und die erſtere mit Weisheit einrichten, wie es das gegebene Beduͤrfniß erheiſcht? Nehmen wir auch an, daß ein Hauslehrer wirklich Me⸗ thodik verſteht, ſo wied ihn dennoch das jetzt allgemein geforderte Materiale des Unterrichts durchaus in Verlegenheit ſetzen, bis andre Maas⸗ regeln ergriffen werden, die den ſonſt zu fuͤrch⸗ tenden Uebeln in Etwas wenigſtens abhelfen und wovon unten geredet werden ſoll. Eben daher kann Alles beſſer von Statten gehen, wenn meh⸗ rere Verſtaͤndige am Unterrichte der Kinder Theil nehmen; ein Jeder wird dann nach der in ſeiner Lage beſten Methode ſeine Lehrgegenſtaͤnde mit — 8 8&&—+ 8 & Zweite Mobdifikation. 87 mehr Fleiß und Nutzen bearbeiten koͤnnen, als Ein Lehrer, der von Niemand unterſtuͤtzt werden ſoll, am wenigſten, wenn er alles nach einer durchgaͤngig gleichen Methode bearbeiten wollte, die ein Traum iſt, um deſſen willen ſich kein verſtaͤndiger Vater, keine vernuͤnftige Mutter auch in Hinſicht auf Unterricht auſſer aller Verbin⸗ dung mit dem Hauslehrer ſetzen wird.— Noch weniger wird dies in Hinſicht auf Erziehung ge⸗ ſchehen koͤnnen und duͤrfen, indem die Natur der Sache es mit ſich bringt, daß Kinder der Auf⸗ ſicht ihrer Eltern nie entzogen werden koͤnnen, ſelbſt da, wo die zweite Modifikation eingefuͤhrt iſt. Der Einfluß des Lehrers auf Erziehung mag noch ſo frei ſeyn, ja, es ſoll einmal Alles in dieſem Punkte von ihm abhaͤngen, ſo muß doch ſeiner Wirkſamkeit eine Vereinigung mit den El⸗ tern uͤber die Grundſaͤtze der Erziehung ſo weit vorausgegangen ſeyn, als dieſelben dadurch in der Aufmerkſamkeit erhalten werden, den Lehrer in ſeinen Bemuͤhungen um die moraliſche Bil⸗ dung der Kinder wenigſtens durch ihr Beiſpiel zu unterſtuͤtzen. Alſo auch in dieſer Hinſicht kann die zweite Modifikation nicht angewendet werden, wenn nicht der wahre Zweck alles Un⸗ terrichts, aller Bildung und Erziehung ruͤckwaͤrts gedruͤckt werden ſoll durch Nachtheile, von denen nun die Rede ſeyn wird. 8 man ihm einraͤumen ſollte, erſt naͤher mit den Zweite Modifikation. IV. Nothwendige Nachtheile dieſer Modifikation. „Die, Eltern werden zu ſehr von „ihren Kindern abgezogen und dann „nur zu leicht gewoͤhnt, ſich wenig oder „gar nicht um dieſelben zu bekuͤm⸗ „mern.“ Nehmen Eltern einen Hauslehrer in der Ab⸗ ſicht zu ſich: um demſelben ihre Kinder zu uͤber⸗ geben, ſo geſchieht dies, leider nur zu haͤufig, im vollen Sinne des Worts. Der Lehrer kommt ins Haus. Man ſtellt ihm die Kinder vor und erkläͤrt: daß man ſie nun an ihn verweiſe, ihm voͤllige Macht und Gewalt ertheile, den Unter⸗ richt nach ſeinem beſten Wiſſen und Willen ein⸗ zurichten, die Kinder ſelbſt auf eine vernuͤnftige Weiſe zu behandeln. Eine dergleichen Vorſtel⸗ lung erfolgt auch wol nicht einmal. Uebernimmt man nun noch etwa die Muͤhe, den Lehrer erklaͤ⸗ ren zu laſſen, muͤndlich oder ſchriftlich, wie er ſeinen Unterricht einrichten und was er lehren wolle; hat man dies angenommen und gut ge⸗ heißen, ſo glaubt man nun gethan zu haben, was in dieſer Hinſicht Eltern obgelegen habe. Der Lehrer beginnt und zwar, gleich in den er⸗ ſten Tagen ſeines Aufenthalts im Hauſe, die on nu er · 7 lb⸗ er⸗ fig, mt ind hm rer⸗ en⸗ ige tel⸗ imt laͤ⸗ er ren ge⸗ en, be. Ir⸗ die den Zweite Modifikation. 89 Kindern bekannt zu werden, ſein Geſchaͤft, ſo⸗ gleich mit einer Strenge, die durchgreifen ſoll, mit einer Gewalt, als wenn es darauf angelegt ſeyn ſollte, in einigen Wochen große Gelehrte und durchweg fehlerfreie Menſchen zu ziehen. Wird es nicht weiſer ſeyn, in Allem langſamer und ſanfter zu beginnen, und auf nach und nach erworbene Kenntniß der zu bearbeitenden Sub⸗ jecte die Vervollkommnung derſelben zu begruͤn⸗ den? Dies wird bei jener Vehemenz, durch welche angehende Lehrer zu Anſehen gelangen wol⸗ len und welche kurzſichtige Eltern oft gern ſehen, weil ſie etwa meinen, daß durch dieſelbe gemachte Fehler auf Einmal wieder gut zu machen ſeyen, ganz vernachlaͤſſigt werden, theils, weil dieſelbe zu Mißgriffen in Behandlung der Kinder verlei⸗ ten, theils auch noͤthigen wird, in mancher Hin⸗ ſicht wieder nachzulaſſen, welches von nachthei⸗ ligen Wirkungen ſeyn muß. Man muß nicht Al⸗ les auf Einmal bewirken wollen; aber, was man anfaͤngt, recht— und dann aushalten. Jene Eltern ſehen aber die Macht gerne, mit welcher der Lehrer alles ſogleich angreift, weil ſie mei⸗ nen, daß derſelbe nun auf Einmal durchgreifen und den Gang der Erziehung in ein ſo nothwen⸗ diges, ſichres Gleiß bringen werde, aus welchem zu weichen nicht moͤglich ſey; und darauf bauen ſie nun ihre Ueberzeugung: alle ihre fernere Mit⸗ wirkung ſey unnoͤthig, auch ohne dieſelbe werde der Lehrer nun ſicher zum Zweck kommen. Der Lehrer beginnt den Unterricht. Die 90 Neuheit der Sache zieht die Eltern einigemal in die Unterrichtsſtube. Sie halten aber nicht aus, ſobald ſie ſehen, daß, wie ein Nobilis ſich ein⸗ mal auszudruͤcken beliebte,„es dem neuen In⸗ formator gut vom Maule gehe.“ Der Schulbe⸗ ſuch ſchlaͤft bald ein und der Lehrer bleibt nun verſchont mit allen Viſiten. Denn in dieſem Punkt druͤckt man haͤufig und ganz conſequent ſein Verhalten in den Worten aus:„Wir ha⸗ ben unſre Kinder nun auch einem Hofmeiſter(2) uͤbergeben, der mag nun das Seine an ihnen thun.“ So treibt der Lehrer nun ſein Weſen allein, Eltern das ihrige und, wie es jener zur Regel angenommen hat, ſich um das Hauswe⸗ ſen nicht zu bekümmern, ſo wird es dieſen end⸗ lich zur Gewohnheit, ſich nach Lehrer und Kin⸗ dern ebenfalls nicht viel umzuſehen. Wir reden hier nicht von traurigen Faͤllen, in denen Eltern durch das Mislingen ihrer Abſichten aus frem⸗ der Schuld alle Neigung zu dergleichen Beſuchen verlieren, die ihnen, wegen Untauglichkeit des Lehrers keine Frende machen koͤnnen und welche ſie bis auf eine eintretende Veraͤnderung einſtel⸗ len. Sondern davon iſt die Rede, daß der Leh⸗ rer, welcher geſchickt und redlich das Seine thut, und thun moͤchte, ſo haͤufig des trefflichen Huͤlfs⸗ mittels zur Erreichung ſeiner Abſichten verluſtig gemacht wird, als elterliche Beſuche in der Schul⸗ ſtube werden koͤnnen. O noͤchte es doch keine Vaͤter geben, die, ob man ihnen ſchon weder Bildung ablaͤugnen, noch das Vermoͤgen abſpre⸗ Zweite Modifikation. n 2 w—wn— u W—— Zweite Modifikation. 91 chen darf, alles richtig einzuſehen, was bei Er⸗ ziehung der Kinder heilſam iſt, durch die zweite Modifikation verfuͤhrt wuͤrden, Jahre lang kaum ein Paar Mal nach ihren Kindern zu fragen und auch dann ſich mit einiger Antwort abfinden zu laſſen, ohne in eine naͤhere Unterſuchung daruͤber einzugehen! Moͤchten ſich doch keine Muͤtter finden, die, ob ſie ſchon emſig fuͤr Kuͤche und Keller ſorgen, ebenfalls durch die Marimen der zweiten Modifikation verleitet wuͤrden, Jahre lang nicht bei dem Lehrer nach ihren Kindern und deren Verhalten beim Unterricht, nach den Fort⸗ ſchritten derſelben im Nuͤtzlichen und Guten zu fragen! Noͤchten keine Eltern angetroffen wer⸗ den, bei denen ſich der Gedanke in Schlaf ein⸗ gewiegt hat: daß anch ſie durch ein zweckmaͤßi⸗ ges Verhalten der Bemuͤhungen des Lehrers um das Beſte der Kinder zu Huͤlfe kommen ſollen! Moͤchten aber auch alle Hauslehrer durch guten Willen, zweckmaͤßige Bemuͤhung und heilſame Wirkſamkeit einer ſolchen Huͤlfe wuͤrdig ſeyn und werden! Sind ſie dies, ſo haben Eltern um ſo mehr die Pflicht auf ſich, ihnen dieſelbe nicht zu verſagen. Laſſen ſich aber die letztern in dieſem Punkte Saumſeeligkeit oder gaͤnzliche Vergeßlich⸗ keit zu Schulden kommen, ſo lehrt und behan⸗ delt der Lehrer die Kinder einzig und allein ſo, wie es nur ihm gut duͤnkt, und dann iſt es kein Wunder, wenn dieſelben endlich in ihrem ganzen Benehmen und Verhalten der Abdruck von ihm werden, ganz unaͤhnlich den Eltern! Vielleicht 92 Zweite Modifikation. koͤnnte dies hier und da noch ſein Gutes haben, wenn nur außerdem das hier geruͤgte Verhalten nicht noch mit einer Menge von Nachtheilen un⸗ abaͤnderlich verknuͤpft ware, die alle aus demſel⸗ ben, ohne, daß irgend eine Kraft ſie zuruͤckzu⸗ halten vermag, entſprängen. Der naͤchſte Nach⸗ theil beſteht darinne: „daß Eltern nie mit der wahren „Beſchaffenheit ihrer Kinder in „Hinſicht auf erlangte Keunntniß „und Fertigkeit bekannt, mit der „davon abhangenden Wuͤrde und „Unwuͤrde derſelben nie vertraut „Tin d.⸗⸗ Das Benehmen der Eltern gegen ihre Kin⸗ der ſoll jederzeit durch die wahre Schaͤtzung be⸗ ſtimmt werden, welche die Kinder um ihrer Ge⸗ ſinnung und ihres Verhaltens willen verdienen. Beobachtet man nun unpartheiiſch die meiſten Eltern, ſo wird es die Erfahrung ziemlich allge⸗ mein lehren: daß ſich ihr Verhalten gegen ihre Kinder und deren Behandlung keineswegs nach dem erlangten, innern Werthe der Kinder richte, ſondern Vorliebe vor einem oder dem andern Kinde in ihnen das Directorium fuͤhre, je nach— dem Eins oder das Andre ihren uͤberſpannten oder ungeordneten Ideen und Vorſtellungen von liebenswuͤrdigen Kindern entſpricht, oder ſich in die Launen des Vaters, in die Vorurtheile der Mutter leichter zu finden weiß, die ſchwachen Zweite Modifikation. 93 Seiten der Eltern kennen zu lernen, Geſchicklich⸗ keit beſitzt, bei dieſen ſie ſtets zu faſſen und ſo ihrer Gunſt ſich zu bemeiſtern verſteht. Dieſes Kind, einmal in den Beſitz elterlicher Vorliebe eingedrungen, wird uͤberall leicht bei den Eltern durchzukommen verſtehen, weil in dieſen jene Af⸗ terliebe die Triebfeder zu Allem iſt, was dieſel⸗ ben in Bezug auf die Kinder thun. Dieſelbe miſcht ſich jedesmal in das Urtheil uͤber Wuͤrde und Unwuͤrde eines Kindes, ſucht die Fehler des⸗ ſelben im gleichen Grade zu verkleiſtern und zu verſchoͤnern, in welchem ſie die beſſern Eigen⸗ ſchaften uͤber Verdienſt erhebt; ſie erzeugt eine Art von Widerwillen gegen die uͤbrigen Kinder, eine Geringſchätzung derſelben beim Urtheil uͤber ſie, von welcher ſo manche andre Ungerechtigkeit ihren Ausgang nimmt. Dieſe Afterliebe verlei⸗ tet den Vater zur Kurzſichtigkeit in der Schaͤ⸗ tzung der Seinigen, lähmt in ihm die Kraft, ernſt nach Grundſaͤtzen zu verfahren; er wird den ſchmeichelnden Knaben dem ernſthaften und mit wenigen reizbaren Gefuͤhl ausgeſtatteten vorzie⸗ hen, jenen gelinder beurtheilen und nachgiebiger behandeln, den Maasſtab hiezu aber nicht von der Rechtſchaffenheit des Willens und wahren herzlichen Zuneigung zu ihm, die, eben, weil ſie bieder iſt, ſich nicht immer laut und ſtark aͤuſ— ſert, hernehmen, ſondern ſeinen Glauben an Ach⸗ tung und Liebe der Kinder gegen ihn von den ſinnlichen Aeußerungen derſelben abhaͤngen laſſen, obſchon dieſelben an ſich kein hoͤheres Verdienſt 94 Zweite Modifikation. geben, da ſie eine Wirkung der phyſiſchen Orga⸗ niſation ſind. Es gewaͤhrt dem Menſchenfreunde die ſuͤßeſte Freude, eine Familie zu finden, wo unter den Kindern nicht Lieblinge willkührlich herausgeho⸗ ben werden, ſondern, wo der Liebling wirklich auch das wuͤrdigſte Kind iſt; es ergreift ihn aber auch bange Furcht, wenn er bei einem verkehr⸗ ten Benehmen der Eltern auch noch die Wahl der zweiten Modifikation erblickt, welche die El⸗ tern ſo leicht verleitet, ſich um die Art des Un⸗ terrichts, um die Aeußerung der Anlagen und Faͤhigkeiten, um die Ausbildung und Fortſchritte, um den guten oder boͤſen Willen, um die Fehler und Maͤngel der Kinder, inſofern nur der Lehrer daruͤber Auskunft geben kann und Erfahrungen hieruͤber nur in der Schulſtube gemacht werden koͤnnen, faſt nicht zu bekuüͤmmern. Es muß noth⸗ wendig traurige Wirkungen in vielen Kindern ver⸗ urſachen, wenn Eltern von allen Veraͤnderungen, die der Lehrer in Charakter und Fortſchritten der Kinder bemerkt, keine Kenntniß nehmen, ob ih⸗ nen ſchon dieſelbe fuͤr unentbehrlich gelten ſollte. Denn nach derſelben ſoll ſich ihr ganzes Verhal⸗ ten gegen die Kinder richten, um dadurch in die⸗ ſen ſowol die Aufmerkſamkeit und Achtung fuͤr alles Lernenswuͤrdige zu erhalten und zu befoͤr⸗ dern, als auch auf die Formirung des morali⸗ ſchen Charakters der Kinder mit Weisheit hinzu⸗ wirken. Sollte nicht in allen Eltern die rechte Idee von dem dringenden Beduͤrfniß einer richti⸗ Zweite Modifikation. 95 gen Kenntniß der wahren, unter den Bemuͤhun⸗ gen des Lehrers ſich entwickelnden Beſchaffenheit der Kinder wirkſam ſeyn? ſollten Eltern aufmerk⸗ ſam darauf gemacht, nicht ein großes Gewicht auf die Befriedigung dieſes Beduͤrfniſſes legen? Muß beim Gegentheil nicht im Gewiſſen aller Eltern, die uͤberlegen wollen, ein mißbilligendes Urtheil entſtehen? Der Freund alles Guten fin⸗ det Erquickung in einer Familie, wo kein Theil der Eltern von Vorliebe fuͤr ein Kind trunken, durch Vorurtheil gegen das andre irre gefuͤhrt iſt, wo Vater und Mutter keines der Ihrigen einer verkehrten und ungerechten Behandlung ausſetzen. Aber, was empfindet er dann, wenn er auf El⸗ tern ſtoͤßt, die das Gegentheil von dem allen thun? Freilich haben auch dieſe die Bildung der Kinder etwa einem Hauslehrer anvertraut; was dieſer aber in denſelben wirke, was ſie durch deſ⸗ ſen Huͤlfe erlernen, ob ſie in der Annahme des Unterrichts guten Willen zeigen, gute oder ſchlechte Koͤpfe ſind, Hoffnung zu guten und nuͤtzlichen Menſchen geben oder nicht: dies alles entgeht ihrer Kenntniß. Wie kann nun daher dieſe die Regiererin ihres Verhaltens gegen die Kinder werden, wie es doch ſeyn ſollte? Da trifft ſichs dann, daß der brave Knabe nach den Schulſtun⸗ den nachlaͤſſig behandelt, mit gleichguͤltigen Blick uͤberſehen, der unachtſame und unfleißige dagegen mit Freundlichkeit empfangen und gekuͤßt wird, weil er der ſchmeichelnde Liebling iſt. Da huͤp⸗ pelt das faſelnde, zu keiner ernſten Erlernung 96 Zweite Modifikation. des Nuͤtzlichen bereitwillige Maͤdchen nach den Schulſtunden, voll Freude uͤber die Befreiung er⸗ duldeter Laſt, luſtig herbei, wird liebkoſend be⸗ willkommt, indeß die fleißige, zum Guten wil⸗ lige Tochter mit gleichguͤltiger Miene empfangen, mit gebietriſchen Wort, das faſt Beſtrafung ahnen laͤßt, ſogleich zu neuer Arbeit angewieſen wird, blos, weil die Laune ſie einmal hintangeſetzt hat. Da wiegt oftmals Abends der ſorgloſe Vater das muthwillige, ungezogene Kind, das den gan⸗ zen Tag uͤber keiner Warnung und Ermahnung des Lehrers im Guten folgte, wonnetrunken uͤber das anſchmiegende Weſen deſſelben, auf den Knieen, und druͤckt den Sohn, der mit Fleiß und Treue ſein kindliches Tagewerk vollbracht hat, gleichguͤltig bei Seite, wenn derſelbe auch einige Anſprüche auf Aeuſſerung der väͤterlichen Liebe zu haben glaubt. Zaͤrtlich ſtreichelt die Mutter dem Lieblingsſöhnchen Haar und Wange, und weiſt den andern Sohn mit einem„Geh nur!“ ſchmaͤhlich von ſich, ſollte er auch am vergange⸗ nen Tage die trefflichſten Beweiſe ſeiner Vervoll⸗ kommnung gegeben haben, indeß jener nur Ge⸗ legenheit zum Aergern gegeben und den Lehrer mit Wehmuth erfuͤllt hatte. Ach, wie zerreißt es dem redlichen Lehrer das Herz, wenn er Zeuge ſolcher Grauſamkeiten werden muß! wenn er von Eltern, der wahren Beſchaffenheit ihrer Kinder unkundig, die Aeuſſerungen und Merkmale des guten Herzens, welche Eins derſelben wahrneh⸗ men laͤßt, als Einfaͤltigkeit darſtellen und dafur Zweite Modifikation. 97 den loſen Buben, der nur zu Schwaͤnken und dummen Streichen aufgelegt iſt, als ein Genie loben und preiſen hoͤrt! wenn eine eitle Mutter ihr mit Schoͤnheit und Gewandheit des Koͤrpers begabtes Toͤchterchen zu Geſellſchaft und Luſtbar⸗ keit ausfuͤhrt, indeß ſie die vielleicht nicht eben ſchoͤn ausſehende, ſtille, ernſte, aber an Charac⸗ ter und Herzlichkeit jener weit vorzuziehende Tochter, als, ihrer Caprice nach, fuͤr dieſe oder jene Geſellſchaft untauglich, weinend zu Hauſe beim Strickſtrumpf ſitzen laäßt! Weinen moͤchte ein vollherziger, gerechter Lehrer, der ſeine Kin⸗ der liebt, wenn ſeine Verhaͤltniſſe ihn ſolche Er⸗ fahrungen zu tragen noͤthigen, vor der ganzen Welt moͤchte er hintreten und jene Eltern der Ungerechtigkeit laut anklagen! O ihr guten, edeln, jungen Seelen, die ihr alſo leidet, haͤtte ich doch alles, was noͤthig iſt, euch zu erziehen, euch an mich zu ziehen! reichte doch meine Kraft, mein Vermoͤgen dahin, euch aus den Hoͤhlen der Ungerechtigkeit zu befreien, in denen ihr duldet! koͤnnte ich verblendeten Muͤttern euch entreiſſen, gerechtern Haͤnden euch uͤbergeben, damit eure aufkeimende Tugend nicht durch Ungerechtigkeit unterdruͤckt wuͤrde! koͤnnte ich euch Vater, Erzie⸗ zieher, Alles euch ſeyn! wie ſolltet ihr bei mir ohne Thraͤnen leben koͤnnen, die eure, mit eurem Werth unbekannte, aus eigner Schuld unbekannte Eltern euch grauſam auspreſſen! Moͤchte ich doch eine Gottesſtimme haben, die zu den ſchlafenden Gewiſſen der Ungerechten und Sorgloſen durch⸗ 7 98 Zweite Modifikation. draͤnge, ſie erweckte zu ſchuldiger Pflichtleiſtung in einer Achtung ihrer Kinder, die die Wirkung der Kenntniß wahrer Wuͤrde derſelben iſt! eine Gottesſtimme, um es Allen ins Herz predigen zu koͤnnen: im Einverſtaͤndniß zu ſeyn mit dem redlichen Lehrer ihrer Kinder, um nicht durch Mangel an Wiſſenſchaft von der wahren Be⸗ ſchaffenheit derſelben zu einem Verhalten verleitet zu werden, welches durchaus alle Wirkungen des Fleiſſes eines braven Lehrers an dem Verſtand und Herzen der Kinder verringern, hindern, auf⸗ heben, vernichten muß! Wenn wir den Mann von Erfahrung, der ſich durch die verſchlungenen Labyrinthe des menſchlichen Lebens, menſchlicher Cabale und Ungerechtigkeit durchgerungen hat, mit der von Mißmuth und Nieddergeſchlagenheit gerunzelten Stirn erblicken, weil ſeine trefflichen Abſichten miskannt, die Guͤte ſeiner Ideen herabgeſetzt, ſeine Verdienſte fuͤr nichts gerechnet worden ſind; wenn er ſich um ſchlechter, dummer, verdienſt— loſer Menſchen willen zuruͤckgeſetzt ſieht: ſo glau⸗ ben wir in der That nicht unrecht zu urtheilen, wenn wir ſeinen Mismuth, ſeinen Unwillen als gerecht erkennen, ſelbſt wenn er in harten Urthei⸗ len uͤber die Urheber hievon ausbrechen ſollte. Iſt dies aber die Wirkung ungerechter Behand⸗ lung bei Maͤnnern, die aus moraliſcher Kraft ſich noch mit dem Bewußtſeyn gethaner Pflicht beruhigen koͤnnen: um wie viel weniger darf es uns wundern, wenn ein, obſchon redliches, fleiſ⸗ 2=2 8S8 8S8 G u unN 2„ R* uAn ee Zweite Modifikation. 99 ſiges, aber von Eltern dennoch zuruͤckgeſetztes, ungerecht behandeltes Kind, allen Muth verliert, ferner das gute Kind zu bleiben, als welches ſich zu beweiſen es nicht nur nach Anleitung ſeines Lehrers den Vorſatz hatte, ſondern auch nach Vermoͤgen auszufuͤhren bemuͤht war! Und, wenn wir denn einmal den Muth der Kinder durch Un⸗ gerechtigkeit gebrochen, ihren Sinn fuͤr das Wahre und Gute durch eine ſchnoͤde Behandlung niedergedruͤckt haben: welche Schwierigkeiten wer⸗ den ſich aufſtellen, welche Muͤhe wird es koſten, den gebrochenen Muth wieder zu erheben, den ertoͤdteten Sinn wieder zu beleben? Sollte dies aber auch gelingen, ſo wird dennoch durch keine Kunſt und keine Macht das Verſaͤumte und Ver⸗ lorne wieder eingeholt und herbeigeſchafft werden koͤnnen. 3 Gute Kinder koͤnnen ſich ohnmoͤglich ihres ſittlichen Werthes, den ſie vor ſchlechtern vor⸗ aus haben, unbewußt bleiben. Die Lehre, daß der gute, pflichtliebende Menſch wahrer Achtung, eines großen Vorzugs wuͤrdig ſey; daß jeder Menſch durch Aeuſſerung und Erzeugung dieſer Achtung ſelbſt einen Beweis ſeiner ſittlichen Guͤte ablege, praͤgt ſich zarten Seelen um ſo mehr ein, als ſie ſelbſt bereitwillig ſind, ſie jedem Menſchen zu erzeigen, den ſie als gut beurthei⸗ len, und als es ihnen ihre in Thaͤtigkeit ge⸗ brachte Vernunft als Pflicht gegen Freund und Feind vorhaͤlt. Was Wunder, wenn Kinder mit Schmerz erfüllt, zum Unwillen uͤber ihre Eltern 7* 100 Zweite Modifikation. getrieben werden, ſobald ſie zwiſchen deren Be⸗ handlung und ihrem gewiſſenhaften Verhalten kein richtiges Verhaͤltniß antreffen! Welche Macht wird dann in den Kleinen den ſchrecklichen Schluß aufhalten koͤnnen: daß es ihren Eltern an mora⸗ liſcher Herzensguͤte mangle, die Achtung fuͤr's Gute in ihnen keineswegs lebendig ſey? Die Er⸗ fahrung hat es erleben laſſen, daß Kinder mit Wehmuth und Thraͤnen ſich an Bekannte mit Aeuſſerungen wendeten, aus denen der volle Zwei⸗ fel an dem moraliſchen Sinn der Eltern fuͤr Recht und Gerechtigkeit truͤbe hervorquoll. Wel⸗ chen traurigen Einfluß muß dieſes auf Gehorſam, Achtung und Ehrerbierung gegen die Eltern ha⸗ ben! Erzwungen wird wol die Erfuͤllung aller dieſer Pflichten werden, aber, weil ſie nicht aus freiem Herzen kommt, auch erheuchelt. Schreckliches Wort, daß ich dich ausſprechen muß! Aber, ſpricht dich die Erfahrung nicht aus? Mistrauen, erweckt durch eine der Wuͤrde nicht entſprechende Behandlung, macht Eltern und Kinder von einander abwendig. Man wird letztern die Verlegenheit abſehen, wenn ſie mit den erſtern allein bleiben, mit ihnen ſprechen ſol⸗ len, weil ſie immer, durch Erfahrungen ge⸗ ſchreckt, neuen Ungerechtigkeiten entgegenſehen. Denn, ſo leicht man Kinder für ſich gewinnen kann, ſo ſchwer wird dies werden, wenn einmal Mistrauen gegen die Güte unſrer Abſichten und Geſinnungen in ihnen erregt iſt. Ihr Blick bleibt ſchuͤchtern, ihre Sprache langſam und ſtotternd, Zweite Modifikation. 101 ihr Benehmen aͤngſtlich, ſobald ſie auf Verlan⸗ gen und in Gegenwart derer Etwas verrichten ſollen, die ihr Zutrauen durch Vernachlaͤſſigung und Ungerechtigkeit verloren haben. Ohnmoͤglich aber kann ſo ein Unheil bei einem Kinde zu fin⸗ den ſeyn, das nur einigermaßen reflectirt, ſobald es merkt, daß die Eltern ſich um ſeine Bildung und Fortſchritte im Nuͤtzlichen und Guten be⸗ kuͤmmern und es darum mit herzlicher Liebe, mit Achtung und Vorzuͤglichkeit behandeln, weil es ihren Wuͤnſchen durch guten Willen und pflicht⸗ maͤßiges Verhalten zu entſprechen bemuͤht iſt. Moͤchten doch daher alle Eltern die Wirkungen uͤberlegen, welche ihre Unkunde mit der wahren Beſchaffenheit ihrer Kinder hervorbringen kann, und bedenken, daß die ſo beliebte zweite Erzie⸗ hungsmethode eine Haupturſache derſelben wer⸗ den koͤnne. Das bis jetzt als Wirkung jener Unkunde dargeſtellte laͤßt ſich nur an gutgeſinn⸗ ten Kindern bemerken; bei verdorbenen, fuͤr das Gute ſchwerer zu gewinnenden, faulen, traͤgen, dabei aber fuͤr alles, was man dumme Streiche nennt, eingenommenen, zeigen ſich die Wirkungen jener Unkunde in einer zwar andern, aber noch abſchreckendern Geſtalt. Eine der vornehmſten Eigenſchaften eines Lehrers und Erziehers iſt Gerechtigkeit in Behandlung der ihm Untergebenen. Sein Be⸗ nehmen gegen die Kinder uͤberhaupt, insbeſondre aber die diſciplinariſche Behandlung derſelben, muß durchweg ſo eingerichtet ſeyn, daß er dem 102 Zweite Modifikation. beſſern Theil ausgezeichneter, oft freundlicher und liebevoller begegne, als dem ſchlechtern, die⸗ ſem aber immer doch keinen Anlaß gebe, bos⸗ haft zu werden, ſein Betragen vielmehr ſo ein— richte, daß es moͤglichſt zur Beſſerung ermuntre. Da er aber doch nach aller bewieſenen Gedult, weiſen Schonung und klugen Nachſicht dennoch oͤfters genoͤthigt ſein wird, gegen die Fehlerhaf⸗ ten mit ernſtlichen, auch wol ſchmerzhaften Maasregeln zu verfahren: ſo wird und muß ihm dieſes den Haß dieſer geſtraften Zoͤglinge zuzie⸗ hen, ſobald Eltern aus Gleichguͤltigkeit oder voͤl⸗ liger Unkunde mit der Strafwuͤrdigkeit derſelben in ihrem Verhalten mit dem ſeinigen nicht uͤber⸗ einſtimmen, wohl gar das Gegentheil thun. Solche fehlerhafte Kinder meinen alsdann, vom Lehrer ohne Verdienſt unangenehm behandelt zu werden, legen ihm Groll und Partheilichkeit, Feindſchaft und Ungerechtigkeit zur Laſt. Dies erzeugt in ihnen eine Rachſucht, die ſie am Leh— rer durch Ungehorſam auszuuͤben ſich zum Vor⸗ ſatz machen, und dadurch alles Heil untergra⸗ ben, das aus den Bemuͤhungen des Lehrers um ihre Bildung entſtehen ſoll. Jetzt wird ein Kind, das, auf keine Ermahnung achtend, aus Faul⸗ heit, Spielſucht, Ungehorſam ſeine Arbeit ver⸗ nachlaͤſſigt, mit Worten gezuͤchtigt, und, wenn dieſe nicht mehr helfen, geſtraft. Dafuͤr findet es nun, wohl ſogleich nach den Lehrſtunden, in den Mienen, Anreden und Liebkoſungen des Va⸗ ters oder der Mutter einen Zufluchtsort, wo es 103 Zweite Modiſikation. ſich von dem wieder erholt, was es, mit Be⸗ wußtſeyn ſeiner Schuld, verdientermaßen erdul⸗ det hatte. Je behaglicher und angenehmer ihm dieſer Zuſtand iſt, der ihm ſeiner Unwuͤrde unge⸗ achtet zu Theil wird: deſto groͤſſer wird der Wi⸗ derwille, mit welchem es dem Unterrichte bei⸗ wohnt und den Lehrer ſelbſt anſieht. Worinnen kann dann der Nutzen beſtehen, den dieſer an einem ſolchen Kinde ſtiftet? Wie ſoll er die dem⸗ ſelben anklebenden Maͤngel und Fehler ausrotten? an deren Stelle Vervollkommnung und Tugenden befoͤrdern koͤnnen? Wird er wol unter ſolchen Umſtaͤnden durch Ermahnung und Beiſpiel den Fleiß im Faulen wecken? Sinn fuͤr Ordnung im Liederlichen anregen? Folgſamkeit im Widerſpen⸗ ſtigen gewinnen? Nein! ſeine Kraft dazu wird ooͤllig gelaͤhmt ſeyn. Das Verhalten der Eltern, im Widerſpruch mit dem des Lehrers, aber eben deswegen fuͤr verdorbene Kinder erwuͤnſcht, wird einen groͤſſern Einfluß auf deren Gemuͤth und Sinn haben, ſie dem Lehrer und deſſen Un⸗ terricht abgeneigt machen, den entſetzlichen Ge⸗ danken erzeugen: daß es mit den Maͤngeln, die der Lehrer ruͤge, mit den Fehlern, die er beſtrafe, nicht viel auf ſich haben koͤnne, weil doch die Eltern ſonſt gleiche Forderungen mit ihm thun, und, wie er, dieſelben beſtrafen wuͤrden. Sind Eltern mit der wahren Beſchaffenheit ihrer Kinder nie recht bekannt, mit der Wuͤrde oder Unwuͤrde derſelben nicht innigſt vertraut; entſpringt daraus eben die geruͤgte Fehlerhaftig⸗ 104 Zweite Modifikation. keit ihres Verhaltens, ſo wird dieſes unter Ge⸗ ſchwiſtern ſelbſt die Quelle des Zwietrachts, der Schadenfreude und Bosheit. Ohnmoͤglich kann es die gegenſeitige Liebe derſelben befoͤrdern, wenn in ihrer Behandlung keine durchgaͤngig gleiche Gerechtigkeit herrſcht, Eltern das eine Kind auf Koſten der Zufriedenheit des andern beguͤnſtigen, zumal, wenn dabei der Fall eintritt, daß gerade dem Unwuͤrdigen ein Loos zu Theil wird, das demſelben nach des Lehrers Willen aus moraliſch⸗ paͤdagogiſchen Gruͤnden und unter deſſen Aufſicht nicht zu Theil werden koͤnnte. Da wird ſichs treffen, daß der eine Sohn die Liebkoſungen des Vaters gegen den andern mit Wehmuth anſieht, weil auch er ſie wuͤnſcht und nicht erlangt; daß die eine Tochter mit ſchmerzlichem Gefuͤhl die Vernachlaͤſſigungen empfindet, die ſie erdulden muß, weil die Mutter alle Aufmerkſamkeit auf die andre verwendet. Mit Schadenfreude ſieht dann der angenehmer behandelte Theil auf den leidenden herab, uͤberhebt ſich mit Uebermuth uͤber die Zuruͤckgeſetzten, ſtellt ſie unter ſich herab, meint unter der Aegide des elterlichen Schutzes dem uͤbrigen Geſchwiſter befehlen, daſſelbe miß⸗ handeln, eigenſinnig mit ihm verfahren zu duͤr⸗ fen. Durch dieſe Bosheit ergrimmt, oft zu einer Art von Verzweiflung gebracht, erregen die Un⸗ terdruͤckten oft Zwei⸗ und Dreikaͤmpfe; der Kin⸗ derfrieden iſt geſtoͤrt und auf deſſen Ruinen er⸗ baut die Zukunft ein veſtes Schloß geſchwiſter⸗ lichen Haſſes, der Bedruͤckung und Verfolgung. G-8U X—.—4— —8—: 5 6oO᷑ I Zweite Modifikation. 105 Haben dann Eltern noch den ungluͤcklichen Ein⸗ fall, mit Schaͤrfe die Zwiſtigkeiten tilgen zu wol⸗ len: leitet ſie dabei ebenfalls Vorurtheil und Partheilichkeit: ſo werden die Herzen immer fer⸗ ner von einander abgewendet, die Liebe, dieſes ſo ſanfte und doch ſo eng und feſt knuͤpfende Band elterlicher und kindlicher Einigung, iſt dahin, ihre Stelle nimmt Widerwille und Mißtrauen, Kalt⸗ ſinn und Verachtung ein. So lange nun der elterliche Arm noch maͤchtig genug iſt, mit Kraft die wilden Ausbruͤche dieſer Geſinnungen und Ge⸗ fuͤhle zu hindern, ſo lange Eltern noch mit Macht dem wilden Ausſtroͤmen derſelben einen Damm entgegenſetzen koͤnnen, wird es noch oft einen Anſchein von Ruhe und Vertraͤglichkeit in der heranwachſenden Familie geben. Laßt aber nur alſo erzogene Kinder der elterlichen Gewalt ent⸗ wachſen, laßt die Eltern durch den Tod ihres Schiedsrichteramtes entſetzt worden ſeyn: dann bricht der Familienzwiſt wie ein Vulkan los, zer⸗ reißt der gegenſeitige Widerwille alle Vorkehrun⸗ gen, die dem geſchwiſterlichen Kaltſinn, der ge⸗ ſchwiſterlichen Verachtung entgegengeſtellt waren, und das Gluͤck Aller, ſo weit es von verwand⸗ ſchaftlicher Einigkeit ausgeht, iſt, vielleicht auf immer, zernichtet. O Eltern, meint daher doch nicht alles ge⸗ than zu haben, was Elternpflicht euch auflege, wenn ihr eure Kinder einem Hauslehrer uͤber⸗ geben habt; meint nicht, von dieſer Periode an aller Fürſorge und alles Einfluſſes auf Unter⸗ 106 Zweite Modifikation. richt und Erziehung derſelben entledigt zu ſeyn. In der Unkunde mit dem, was mit euern Kin⸗ dern in den Lehrſtunden vorgeht, in der Unwiſ⸗ ſenheit deſſen, was euern Kindern an Eigenſchaf⸗ ten und Fertigkeiten zu Theil worden iſt, in der Unbekanntſchaft mit der Art, wie ſich der Cha⸗ rakter derſelben unter der Leitung des Lehrers zeigt, entſpringt, lange verborgen, aber maͤchtig, der Quell, aus welchem das Gift flieſſen wird, das einſt eure Ruhe und Zufriedenheit toͤdten kann, iſt eine tiefe, weite Hoͤhle gegraben, aus welcher der Daͤmon des Zwietrachts und Haſſes langſam, aber fuͤrchterlich emporſteigt und euerm elterlichen Anſehn, euern Hoffnungen und Erwar⸗ tungen von euern Kindern, eurem haͤuslichen Gluͤck und eurer Gewiſſensruhe den Streich des Verderbens zu verſetzen droht. Verfuͤhrt demnach die zweite Modifikation Eltern zur Unbekuͤmmerniß um ihre Kinder; ver⸗ ſetzt ſie dieſelbe in gaͤnzliche Unkunde der wah⸗ ren Beſchaffenheit und Wuͤrde der Ihrigen; muͤſ⸗ ſen ſie durch ein nothwendig dadurch begruͤndetes Verhalten die erwaͤhnten Wirkungen verurſachen: ſo koͤnnen ſie immerhin verſichert ſeyn, daß hier⸗ aus noch mehrere Nachtheile hervorgehen werden, die, weil ſie doch zuletzt auf die zweite Modifi⸗ kation zuruͤckzufuͤhren ſind, hier ohne Schonung, in ihrer wahren Natur dargeſtellt werden muͤſſen zur Belehrung und Warnung fuͤr Eltern ſowol, als fuͤr Lehrer ſelbſt. „Dadurch, daß ſich Eltern nicht, —— ——-— So u 7 ——— u—· 898 86— NKd Zweite Modifikation. 107 wie es ſeyn ſoll, um ihre Kinder be⸗ kuͤmmern, entziehen ſie zugleich dem Hauslehrer eins der trefflichſten Huͤlfs⸗ mittel, die Bildung der Kinder zu nuͤ tz⸗ lichen und guten Menſchen zu befoͤr⸗ dern.“ Der kleine Knabe bringt mit Freuden ſeine geſchnitzten und gebauten Arbeiten dem Vater zur Beurtheilung; freut ſich, wenn derſelbe daruͤber ein Vergnuͤgen zu erkennen giebt; findet hierinne eine Aufmuntrung, bei ſeinen kindiſchen Beſchaͤf⸗ tigungen ferner nachzudenken, um den Vater wie⸗ der vergnuͤgt zu ſehn, in der Theilnahme deſſel⸗ ben eine Vermehrung eigner Freude zu finden und eine gute Meinung von ſich wahrzunehmen. Hat das kleine Maͤdchen ſeine Puppen ſtattlich aus⸗ ſtaffiert, muͤtterlich fuͤr die Ruhe und Bequem⸗ lichkeit derſelben geſorgt, ſo will es die Mutter nicht allein zur Theilnahme an ſeiner Freude ſtimmen, ſondern auch hoͤren, ob es alles recht gemacht, gehoͤrig geordnet und getroffen habe? Giebt dieſelbe ihre Zufriedenheit zu erkennen und zeigt ſie mit Theilnahme Verbeſſerungen, ſo wird das Kind gereizt, uͤber mehrere Ordnung, Rein⸗ lichkeit und ſchoͤnern Anſtand nachzudenken und alles ſo recht einzurichten, wie die Mutter zu thun gewohnt iſt. So ſuchen und finden ſchon kleinere Kinder in der Eltern Theilnahme an ih⸗ ren Geſchaͤften ein großes Wohlſeyn und die Em⸗ pfindung deſſelben iſt ein hoher Reiz zur Uebung der Geſchäftstugenden, als der Ordnung, des 108 Zweite Modifikatiou. Fleißes u. ſ. w. ja, aus ihren Mienen und Freu⸗ densbezeigungen laͤßt ſich entdecken, daß ſich zei⸗ tig in ihnen ein Gefuͤhl fuͤr die Achtung rege, die ihnen durch die elterliche Theilnahme erwie⸗ ſen wird und welche ſie um nichts hingeben wol⸗ len. Traurig blickt daher der kleine Knabe den immer tadelnden Vater an, dem er doch nach ſeiner Meinung ein Meiſterſtuͤck von Arbeit uͤber⸗ reicht hat; wird durch den Mangel an Freude, die derſelbe bezeigen ſoll, mißmuthig und, wenn die Zurechtweiſung nie mit Freude und Billigung gewuͤrzt erfolgt, laß, traͤge in ſeiner Geſchäftig⸗ keit, die endlich im muͤrriſchen Muͤſſiggange en⸗ det. Der Eltern Billigung iſt Kindern von fruͤ⸗ her Jugend an die Regel, wornach ſie ſich ver⸗ halten zu muͤſſen glauben, und eine weiſe Er⸗ theilung derſelben kann fruͤhzeitig viel zur Erwek⸗ kung der Geiſtesgaben in ihnen wirken, ſo wie ſie im Lobe derſelben die hoͤchſte Ermuntrung fin⸗ den, angefangene Thaͤtigkeiten fortzuſetzen, welche von Eltern durch liebevolle Zurechtweiſung und ertheilte Zufriedenheit unvermerkt auf Gegenſtaͤnde hingeleitet werden koͤnnen, die man fuͤr dienlich und zweckmaͤßig achtet. Wenig ſieht man dies treffliche Huͤlfsmittel von Eltern fuͤr Bildung und Erziehung genuͤtzt, wenig in Familien mit Weis⸗ heit angewendet. So wirkſam dieſes Mittel, bei einem klugen Gebrauch, in der Gewoͤhnung der Kinder zu man⸗ chem Guten iſt, ſo kräftig bleibt ſein Einfluß auf Willen und Thaͤtigkeit auch bei erwachſenen — un— Zweite Modifikation. 109 Kindern, deren Verſtand und Vernunft ſich leben⸗ diger zu regen und die herrſchendern Fuͤhrer und Leiter ihrer Thaͤtigkeit zu werden beginnen. Auch dieſe erkennen das Urtheil der Eltern als den hoͤchſten richterlichen Ausſpruch in alle dem an, was einer Unterſuchung zu unterwerfen iſt und finden in der Billigung und Zufriedenheit derſel⸗ ben ihre ganze Belohnung. Je hoͤher aber der Werth iſt, den ſie darauf ſetzen, deſto druͤckender ſind dann die Gefuͤhle in ihnen, ſobald der El⸗ tern Tadel und Mißvergnuͤgen über ſie und ihr Verhalten ergeht. Um demſelben zu entgehen, ſtrengen ſie ſich gewiß weit mehr an, als wenn ſie durch Ermahnungen und Warnungen eines Frem⸗ den dazu aufgefordert und gendoͤthigt werden. Denn von fruͤher Jugend an nicht anders ge⸗ wohnt, als zu dem Urtheile der Eltern ihre ein⸗ zige Zuflucht zu nehmen, um ſich von der Guͤte oder Werthloſigkeit ihres Thuns zu uͤberzeugen, gewohnt, in der Eltern Urtheil allein richtige und angenehme Belehrung zu ſuchen, hat dieſes ein unvertilgbares Anſehn erhalten, das ſeine Guͤltigkeit nie verliert. Lernt ſelbſt das Kind mehr aus eigner Kraft uͤber ſich und ſein Thun urtheilen, ſo bleibt ihm die elterliche Meinung dennoch eine ſchaͤtzbare, theure Anweiſung zu hoͤ⸗ hern Fortſchritten. Je ſichtbarer dieſe dem Kinde ſelbſt werden, deſto groͤßer wird ſein Vergnuͤgen daruͤber. Dieſe Freude fuͤhlt es ſich gedrungen den Eltern mitzutheilen, und wir Erwachſenen ha⸗ ben gewiß ſehr ſelten mehr eine Empfindung der 110 Wonne, welche ſich aller Gefuͤhle des Kindes be⸗ meiſtert, ſobald es wahrnimmt, daß ſeine Freude auch Freude der Eltern ſey, beobachtet, daß al⸗ les, was fuͤr es ſelbſt Wonne iſt, auch Gegen⸗ ſtand des Vergnuͤgens fuͤr dieſe werde. Dieſer kindlichen Gluͤckſeeligkeit theilhaft zu werden, ver⸗ ſuchen Knaben und Maͤdchen alle Kraͤfte, deren Anwendung zum Ziel fuͤhren. So gewoͤhnen ſie ſich an das Urtheil, die Zufriedenheit und den herzlichen Tadel der Eltern, finden darinne achtungswerthe Belehrung, aufmunternde Beloh⸗ nung, unſchaͤtzbares Vergnuͤgen. Sollte denn nun wol dies alles bei Kindern in reifern Jahren verſchwinden? ſeine Wirkung verlieren? keinen Einfluß mehr haben? O, nein! jene Gewoͤhnung iſt ihnen zur andern Natur ge⸗ worden; auch herangewachſen finden ſie dieſelbe noch angenehm und lieblich. Eine weiſe Benuͤ⸗ tzung derſelben kann viel, viel wirken, ein wirk— ſams Huͤlfsmittel werden, um leiſe, unvermerk⸗ bar, doch ſicher das Nachdenken zu wecken, die Urtheilskraft zu ſchaͤrfen, zu guten Fertigkeiten auf⸗ zumuntern. Die elterliche Theilnahme an den Ar⸗ beiten der Kinder, auch in dieſer Periode, naͤhrt in denſelben den Gedanken von Wichtigkeit und Werth derſelben, ohne welchem ſich keine Achtſamkeit und Fleiß in Verrichtung der Geſchaͤfte denken läßt. Die huͤlfreiche Hand des Vaters wird dabei ſtets den Muth des Knaben erheben, der leitende Fin⸗ ger der Mutter die Bereitwilligkeit des Maͤdchens erregen, dem Wunſch und der Abſicht der El⸗ Zweite Modifikation. 111 Zweite Modifikation. tern gemaͤß jedes Unternehmen auszufuͤhren, alle und jede Aufgabe zu fertigen. Ungeduldig er— warten beide am Ende ihr Urtheil und jedes Lob macht den damit verbundenen belehrenden Tadel zu einem Sporn zur Achtſamkeit und Ord⸗ nung, zum Fleiß und zur Anſtaͤndigkeit. Wenn auch ein Unternehmen, worauf Kinder, als einer Wirkung ihres Verſtandes oder ihrer Koͤrperkraft, einen Werth legen, nicht gelingt, ſo wird doch das Leid, welches die Eltern mit ihnen dar⸗ uͤber empfinden, das Unangenehme des Mislin⸗ gens nicht allein ertraͤglicher machen, ſondern auch Ermunterung fuͤr ſie werden zu neuen Ver⸗ ſuchen. Denn Kinder dieſer Art koͤnnen es nicht ertragen, wenn Eltern ihrer wegen betruͤbt wor⸗ den ſind. Um ſie wieder zum Frohſinn zu ſtim⸗ men, verſuchen ſie von neuem ihre Kraft; und ſo wachſen ſie bei elterlicher Theilnahme unver⸗ merkt an Fertigkeiten in allem, was ſie in jeder Periode des Kindesalters zu erlernen haben. Aber eben deswegen kann ſie nichts von dem Gebrauche ihrer Kraͤfte mehr zuruͤckſtoßen, kann ihnen nichts ihre Beſchaͤftigungen, ſogar ihre Spiele, unan⸗ nehmlicher machen, als Gleichguͤltigkeit der El⸗ tern, nichts eher den Sinn fuͤr nuͤtzliche Thaͤtig⸗ keit in ihnen ertoͤdten, als eine ſchnoͤde Abwei⸗ ſung des angetragenen Urtheils, als ein muͤrri⸗ ſches Weſen bei ihrer Freude uͤber das, was ſie vollbracht haben. So hoch ein Kind bei einer zweckmaͤßigen Vereinigung des Lobes mit noͤthi⸗ gen Tadel und herzlicher Theilnahme der Eltern 112 Zweite Modifikation. uͤberhaupt in ſeinen Fertigkeiten ſteigen kann, ſo tief wird es bei einer entgegengeſetzten Behand⸗ lung zur Unthaͤtigkeit, zum Mangel an Sinn fuͤr nuͤtzliche Beſchaͤftigung und an Bereitwilligkeit zur Arbeit herabſinken. In der That, man kann annehmen, daß zwar geſunde, aber faule, zu unnutzen, zeittoͤdtenden, verderblichen Beſchaͤfti⸗ gungen geneigte Kinder in ihrer fruͤhern Jugend obiger Vortheile von Seiten der Eltern entbehren mußten. Darum iſt es aber eben auch thoͤrig, zweck⸗ und pflichtwidrig, wenn Eltern ihre Kin⸗ der durch Hauslehrer nach der zweiten Modifika⸗ tion erziehen, ſie dieſem nun allein uͤberlaſſen, nur ſie zum Zeugen der Faͤhigkeiten, Eigenſchaf⸗ ten und Fertigkeiten der Kinder ſetzen, nur ihn als Beobachter aller Wirkungen des Unterrichts hinſtellen, ihn allein ſich uͤber die Hoffnungen, welche die beſſern Kinder gewaͤhren, freuen, uͤber die uͤble Ausſicht, welche die fehler⸗ haften fuͤr die Zukunft geben, trauern laſſen. Daß dieſes in der Erfahrung vorkomme, ſollte man freilich kaum glauben; allein es kommt vor; wer weit uͤber ein Jahrzehend hinaus die Leiden und Freuden des Hauslehrerlebens erduldet und genoſſen hat, der weiß es mehr, als zu gut, und nur Er kann die Folgen ſchildern, welche die zweite Modifikation auch in dieſem Punkte erzeuget.—— Außerhalb des Gebietes der Erfahrung wuͤrde man gar nicht meinen, daß Eltern ohne Theilnahme an den Fortſchritten der Bildung ihrer Kinder bleiben koͤnnten, weil ihr Zweite Modifikation. 113 eignes Intereſſe dabei zu ſtark im Spiele iſt, ihr ganzer Ekternruhm dabei in Gefahr ſeyn kann, verloren zu gehen, wenn dieſe Bildung umſchlaͤgt, und weil ein groſſer Theil ihrer Gluͤckſeeligkeit darinne beſtehen muß, von der Guͤte und Nuͤtzlichkeit ihrer Kinder wahrhaft uͤber⸗ zeugt ſeyn zu koͤnnen. Das Bewußtſeyn der Pflicht zu jener Theilnahme ſoll in allen Eltern ſo lebendig ſeyn, daß ſie ſich beſtimmt fuͤhlen und fuͤr verbunden erachten, den Bemuͤhungen des Lehrers ſelbſt alles hinzuzuthun, wodurch dieſe mit erwuͤnſchtern Erfolg gekroͤnt werden, keine Gelegenheiten vorbei zu laſſen, wo ſie durch Beiſpiel, Warnung und Ermahnung den Fleiß des Lehrers unterſtuͤtzen koͤnnen, um mit dieſem in Harmonie den Zweck zu erreichen, den ſie ſich ſelbſt in Verbindung mit dem Lehrer vorſtecken ſollen und auch wohl vorgeſteckt haben. Ein fleiſiger Beſuch der Lehrſtunden und da⸗ durch gegebener Beweis, wie alles von ihnen ge⸗ ſchaͤtzt werde, was in denſelben vorgenommen wird, kann die Annaͤherung an das vorgehaltene Ziel ſehr befoͤrdern. Sollten Eltern auch keinen thaͤtigen Antheil am Unterrichte der Kinder neh⸗ men, ſo wird doch ihre immer zu hoffende und von Zeit zu Zeit eintretende Gegenwart bei dem⸗ ſelben das Anſehen des Lehrers erhoͤhen, die Achtſamkeit auf die Lehrgegenſtände foͤrdern und den Werth derſelben in den Augen der Kinder um Vieles erheben. Dennoch geſchieht dies von vielen Eltern nicht, ſobald ſie dem Lehrer alles 8 „ * 114 Zweite Modiſikation. uͤbergeben haben; die Urſache davon will man gewoͤhnlich in den Geſchäften des Tages ſuchen. Freilich, wo dieſelben eben ſo verwickelt, als ge⸗ draͤngt bei einem Hausvater auf einander folgen, angreifend, ermuͤdend ſind, Ruhe und Erholung noͤthig machen, da wird es nicht zu verlangen ſeyn, daß derſelbe haͤufig und täglich dem Un⸗ terrichte beiwohne; dennoch aber koͤnnte wol ge⸗ rade bisweilen eine Stunde jener Ruhe dazu an⸗ gewendet und im vollen Maaße Erquickung wer⸗ den, weil ſich mit der Freiheit von Arbeit der Gedanke vereinigte: man helfe jetzt das Beſte ſeiner Kinder foͤrdern! Schlafen nicht Manche des Nachmittags ohne Noth und ſchaden da⸗ durch ihrer Geſundheit? Koͤnnten ſie nicht durch ihre elterliche Gegenwart beim Unterricht dem Lehrer und den Kindern nuͤtzlich werden, wenn ſie jene verlorene Zeit auf Schulbeſuche verwen⸗ deten? Man widmet Blumen und Gewaͤchſen Stunden, ſorgt fuͤr ſie als Lieblinge, wartet und pflegt ihrer, um ſich in den vollen Genuß ihrer Schoͤnheit und Geruͤche zu ſetzen, erſpaͤht alle Kuͤnſte, durch welche man ihr Wachsthum befoͤr⸗ dre, benutzt Regen und Sonnenſchein, um ſie zur Vollkommenheit heranzuziehen und— die Kinder— ſollte man einem Fremden uͤbergeben? nicht nachſehen, ob auch dieſer fleiſig grabe, pflanze, gieſſe, beſchneide und binde? ſich nicht bekuͤmmern, ob die theuerſten Zoͤglinge, die man heranziehen ſoll, zur Vollkommenheit gedei⸗ hen? Meint man hiezu keine Zeit zu haben, ſo Zweite Modifikation. 115 wird wol die Zeit von ſelbſt erſcheinen, wo man es bereuen wird, den Lehrer weder durch elterli⸗ ches Anſehn, noch durch Theilnahme, nicht ein⸗ mal durch bloſſes Zugegenſeyn beim Unterrichte unterſtuͤtzt zu haben. Wenigſtens ſollten doch Eltern dann gegenwaͤrtig ſeyn, wenn etwa die Hauptlectionen der Woche kurz repetirt werden, um durch Beifall oder Tadel rechter Art, wie weiter unten gezeigt werden ſoll, Aufmerkſamkeit und Fleiß zu befoͤrdern, um zu ſehen, mit eige⸗ nen Augen zu ſehen, ob die Kinder Fortſchritte machen oder nicht, davon Gelegenheit zu neh⸗ men, ſich mit dem Lehrer uͤber die Urſachen des letztern Falls und uͤber die eingreifenden Mittel zu beſprechen. Aber dies alles hindert immer die Maxime:„die Kinder hat der Lehrer uͤber; er ſoll ſie unterrichten und bilden; deshalb iſt er im Hauſe.“ Da iſt dann keine Theilnahme an der Freude zu ſehen, welche Kinder über vollen⸗ dete Arbeiten haben; ſtatt daß ſie durch Aufzei⸗ gung derſelben die Eltern dazu zu ermuntern meinen, werden ſie kalt und mit verdruͤslichen Mienen angehoͤrt und abgewieſen. Dann ſinkt in ihnen die Luſt zur Ueberwindung von Schwie⸗ rigkeiten, weil man es kaum des Anhoͤrens wuͤr⸗ digt, daß dieſelben uͤberwunden worden ſeyen, vermindert ſich in Kindern die Schaͤtzung des Werthes des von ihnen zu Erlernenden, weil El⸗ tern ſelbſt den Verdacht erwecken, daß ſie keinen darauf legen, weil ſie von dem Gelernten kaum etwas zu wiſſen verlangen. Kinder koͤnnen auch 8* 116 Zweite Modifikation. gar nicht anders denken, als daß alles, was ſie lernen ſollen, in den Augen der Eltern, die ſich nicht darum bekuͤmmern, ohne Gewicht ſey; denn ſie ſehen dieſelben ſonſt emſig, arbeitſam und ſorgfaͤltig in der Bearbeitung und Erhaltung alles deſſen, wovon ſie das Urtheil vernehmen: daß es noͤthig und Sache von Wichtigkeit ſey. Was Wunder nun, wenn Kinder auch unter der Lei⸗ tung des geſchickteſten Lehrers wenig oder nur halb leiſten, was ſie im hoͤhern Grade und im vollen Maaſe leiſten wuͤrden, wenn Eltern den⸗ ſelben durch einen fleiſigen, zweckmaͤſigen Beſuch der Lehrſtunden unterſtuͤtzten!. Es iſt nun einmal jedem Menſchen eigen, daß er auch Elndruck bei Andern macht, wenn auch nicht augenblicklich, doch in der Folge; daß er zu Beſchaͤftigungen Luſt und Muth verliert, die ganz ohne Einfluß auf Andre bleiben. Je mehr nun, wegen Eingeſchraͤnktheit der Seelen⸗ kraͤfte, Kinder geneigt ſind, alles auf den Au⸗ genblick zu berechnen, ſo wollen ſie auch ſogleich den Eindruck wahrnehmen, den das von ihnen Vollbrachte auf Andre machen werde. Daher ſpringt der Knabe vom Stuhl, um dem erſten, beſten Erwachſenen ſeine Malerei, Schreiberei u. dergl. zu zeigen, zu erfahren, wie es dieſem ge⸗ falle? Geht dieſer ohne Theilnahme voruͤber, ſo laͤßt der Knabe Pinſel, Bleiſtift, Feder ſinken, ſetzt ſeine Arbeit ungern fort oder laͤßt ſie liegen. Der Trieb, beobachtet zu werden und zu gefal⸗ len, regt ſich fruͤhzeitig im Maͤdchen und darum —,— o e ε 8 — Zweite Modifikation. 117 will es auch durch ſeine Arbeiten Eindruck ma⸗ chen. Laſſen ihr Altern denſelben nicht gelingen, ſo moͤchte es ein ſeltnes Beiſpiel ſeyn, wenn als⸗ dann ein Maͤdchen mit Ordnung und Fleiß fer⸗ ner ihren Geſchaͤften oblaͤge; gewaltig wird ſie ſich vielmehr vom Gedanken der Werthloſigkeit derſelben ergriffen fuͤhlen und nicht mehr um ſie bekuͤmmern. Iſt der Trieb nach Genuß fremder Bewunderung und Achtung ſelbſt in gebildeten Erwachſenen noch maͤchtige Triebfeder, um wie viel mehr muß derſelbe in den noch ſinnlichen Kindern wirkſam ſeyn? Es iſt derſelbe ein wolthaͤtiger Trieb, aͤhnlich den kleinen Saug⸗ wurzeln der Pflanzen, die nur des der Natur der letztern angemeſſenen Begieſſens beduͤrfen, um Leben, Bluͤthe und Fruchtbarkeit zu foͤr⸗ dern. Eltern, welche die fruchtbare Wirkſamkeit dieſes Triebes durch Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme an den Geſchaäften und daraus entſprin⸗ genden Leiden und Freuden ihrer Kinder nicht be⸗ foͤrdern wollen, ſind der Verhaͤltniſſe unwuͤrdig, in welche ſie durch die Gottheit verſetzt worden ſind. Wenn ſie jetzt unterlaſſen, durch ihre Auf⸗ merkſamkeit die Kinder in und außer den Schul⸗ ſtunden zur Anſtaͤndigkeit und Sittlichkeit hinlen⸗ ken zu helfen, ſo kann eine Zeit kommen, wo ihnen die Ungezogenheit und Unmoralität derſel⸗ ben eben ſo zur Schande, als zur Kraͤnkung ge⸗ reicht. Vernachlaͤſſigen ſie jetzt, vielleicht der Bitten und Vorſtellungen des Lehrers ungeachtet, durch Pruͤfung und Freude der wackern Kinder 118 Zweite Modifikation, Fleiß immer hoͤher zu heben, ſo werden ſie Ge⸗ fahr laufen, dadurch empfindlich geſtraft zu wer⸗ den, daß die Luſt zu Arbeit in denſelben erkaltet, die Achtung, die ihnen der Lehrer fuͤr ihre Wirk⸗ ſamkeit eingefloͤßt hatte, vermindert wird und der letztere allein nicht im Stande iſt, den durch ihre Sorgloſigkeit verurſachten Nachtheil zu erſetzen. Kinder, deren Blut und Saͤfte fluͤchtig den Koͤr⸗ per durchfließen, die zum Leichtſinn geneigt ſind, alles nur fluͤchtig beſchauen und bearbeiten und ſich nur mit Muͤhe zur Anhaltſamkeit gewoͤhnen laſſen, werden gewiß in ihren Fehlern weiter fortgehen, wenn ſich die Eltern nicht an den Lehrer anſchlieſſen, um auch an ihrem Theil in und auſſer den Unterrichtsſtunden durch weiſe Einſchraͤnkungen mehr Ernſt in ihnen zu erzeugen, mehr Beharrlichkeit und Fleiß in ihnen zu erwek⸗ ken. Wiſſen aber dergleichen Kinder, daß Eltern nicht viel nach ihnen fragen, vielleicht gar an ihrer Fluͤchtigkeit und Veraͤnderlichkeit bisweilen einen Gefallen finden, weil beide ſich auch oͤfters auf eine komiſche Weiſe aͤuſſern, ſo mag der Lehrer die triftigſten Vorſtellungen thun, die be⸗ ſten Beſſerungsmittel anwenden wollen,— das leichtſinnige Kind bleibt auf ſeinem Sinn, wird nie ernſt, fleiſig und ſtandhaft in dem, was ſeine Pflicht iſt. Kurz, der Mangel an Theilnahme der Eltern an der Bildung der Kinder, auch beim Unterricht, macht durchaus die Erreichung des Zwecks, zu dem der Hauslehrer wirken ſoll, ruͤck⸗ gaͤugig, weil Kinder der Aufmerkſamkeit und Zweite Modifikation. 219 Pruͤfung, des Lobes und der Freude, des Tadels und der Traurigkeit der Eltern nicht entbehren koͤnnen, um zur Betreibung ihres Berufs bewo⸗ gen, zur Erfuͤllung ihrer Pflichten ermuntert, von Fehlern abgeſchreckt, fuͤr Tugenden gewon⸗ nen zu werden. Soll der Lehrer alles Gute und Nuͤtzliche mit Sorgfalt pflanzen, mit Fleiß und Treue die ſproſſenden Keime deſſelben pflegen, ſo muͤſſen Eltern durch Aufmerkſamkeit und herzli⸗ che Theilnahme dieſelben begieſſen und denſelben zu jeder Zeit die ihrem Wachsthum, ihrer Schoͤn⸗ heit und Fruchtbarkeit foͤrderliche Sorge angedei⸗ hen laſſen, damit ſie gedeihen zur Freude Aller, die an deren Wohlſtande gearbeitet und darum ein Recht haben, Theil an dem Genuſſe des Se⸗ gens zu nehmen, der durch ſie geſtiftet werden ſoll und geſtiftet wird. Die Unbekuͤmmernis um die intellectuelle und moraliſche Bildung der Kinder, wozu Eltern durch die zweite Modifikation ſo leicht verfuͤhrt werden, hat ferner den Nachtheil: daß „keine ſpecielle Veranſtaltung des „Lehrers zur Befoͤrderung beſon⸗ „derer Verſtands⸗ und Herzensbil⸗ „dung den Nutzen ſtiftet, den ſie „ihrer Natur nach gewaͤhren ſollte „und koͤnnte.“ Ein Hauslehrer wollte durch Huͤlfe der El⸗ tern die Aufmerkſamkeit der Kinder auf ſchriftliche Ausarbeitungen verſtaͤrken, dieſelben zum Fleiß, zur Beharrlichkeit anſpornen und kam endlich mit 120 Zweite Modifikation. den erſtern uͤberein, die letzte Zeit beim Mittags⸗ eſſen, die ohnedem zum bloßen Geſpraͤch verwen⸗ det wurde, bisweilen zum Vorleſen der bearbei⸗ teten kleinen Aufſaͤtze, Fabeln und Erzaͤhlungen anzuwenden, oder auch eine Abendſtunde darauf zu verwenden, wo jedes Familienglied von allem Geſchaͤfte frei war. Man ließ ſich dieſe kindiſche Seelenſpeiſe einigemal gefallen, die geiſtigen Pro⸗ dukte der Kleinen einigemal ausſtellen; fand es aber gar bald laͤſtig, Sprach- und Begriffsfeh⸗ ler anzuhoͤren, geringfuͤgige Gegenſtaͤnde zur Sprache gebracht zu hoͤren, hoͤckrigte Perioden ſich vor die Ohren bringen zu laſſen u. ſ. w. Man fuͤhlte ſich nicht durch die Wichtigkeit der Sache ſelbſt und das Heilſame in ihren Folgen dahin gebracht, durch Aufmerkſamkeit den Klei⸗ nen eine Freude zu machen, durch ein bisweili⸗ ges Merkmal von Zufriedenheit den Muth und die Luſt derſelben zu beleben; man hatte geglaubt, durch Genehmigung einer ſolchen Anſtalt dem Lehrer einmal ein Compliment machen zu muͤſſen, dieſe aber ſelbſt als eine kurzweilige Unterhaltung nutzen zu koͤnnen. Hierinne meinte man ſich aber getaͤuſcht, und es kam bald dahin, daß die El⸗ tern nur durch anhaltendes Bitten der Kin⸗ der zum Anhoͤren bewogen werden konnten, end⸗ lich aber durch verdruͤßliche Mienen und Gleich⸗ guͤltigkeit die Kinder zur anderweitigen Wieder⸗ holung einer ſolchen Bitte gaͤnzlich abſchreckten. Der Lehrer ſah ſich durch die zunehmende Gleich⸗ guͤltigkeit der Eltern genoͤthigt, an dem Nutzen —- A* — 2 9nmn 8——— nu 1nͤ 8 2 — 6.44 — 2— Zweite Modiſikation. 121 ſeiner Anſtalt zu verzweifeln und dieſelbe aufzu⸗ geben, ohne auch durch eine weitere Nachfrage darnach in Verlegenheit geſetzt zu werden, ob er ſchon alsbald und mit Schmerz die Wirkung da⸗ von empfand. Auch ſeine Zoͤglinge waren mit Gleichguͤltigkeit erfuͤllt, manche ſogar ſtoͤrrſinnig geworden, gegen alle ſchriftliche Ausarbeitungen. Nur mit angeſtrengter Geduld und vieler Muͤhe konnte es ihm einigermaßen gelingen, den vollen Ausbruch der uͤbeln Folgen zuruͤckzuhalten, die durch Mangel an richtiger Schaͤtzung der Sache und durch Unklugheit der Eltern bereitet worden waren. Haͤtten die Eltern den ſtufenweiſen Fort⸗ gang der Geiſtesbildung in ihren Kindern von Anfange an in den Unterrichtsſtunden fleißig be⸗ obachtet, es ſelbſt wahrgenommen, wie ſich die⸗ ſelben von einem ganzlichen Mangel an richtigen Kenntniſſen zwar langſam, aber ſichern Schritts den letztern naͤherten, ſo wuͤrden ſie nicht Voll⸗ kommenheiten geſucht haben, wo die Natur der Sache das Gegentheil erwarten hieß. Darum hofften ſie ſchon Ausbildung, wo der Lehrer mit demjenigen noch zufrieden war und ſeyn konnte, was ſie als fehlerhaft beurtheilten. Haͤtten ſie dem ſucceſſiven Gange ſelbſt zugeſehen, den die Vermoͤgen und Faͤhigkeiten der Kinder zur Aus⸗ bildung geleitet wurden; haͤtten ſie die anfaͤng⸗ liche Unwiſſenheit und Ungeſchicktheit der Kleinen genau gekannt; ſie wuͤrden ſich in den Stand ge⸗ ſetzt haben, die erlangten Grade von Fertigkei⸗ ten richtig zu beurtheilen, in dieſer Erfahrung 122 Zweite Modifikation. ſich eine Quelle von Freuden zu ſchaffen, die ſie ſich durch Sorgloſigkeit, Mangel an Beobach⸗ tung der Kinder bei ihren Arbeiten muthwillig verſtopft hatten. Aber ſo geht es bei der zwei⸗ ten Modifikation; nur der Lehrer, vorausgeſetzt, daß ihm das wahre Wohl ſeiner Untergebenen am Herzen liegt, ſieht allein in den Kindern ſich alles entfalten, nur ihm iſt es aufbehalten, die Bluͤthen des kindlichen Verſtandes und Herzens ſich ausbreiten zu ſehen, die angenehmen Duͤfte derſelben zu genießen, ihren ſchoͤnen Uebergang in Fruͤchte zu beobachten, deren Reife und Suͤſ⸗ ſigkeit, ſo weit es unter dieſer Modifikation da⸗ hin kommen kann, von einem Grade zum andern uͤbergehen zu ſehen. Nur Er, ſobald es ihm das wichtigſte Geſchaͤft iſt, das Heil ſeiner Zoͤg⸗ linge zu beſorgen, iſt es im Hauſe, der im Zir⸗ kel der Kinder die Gluͤckſeeligkeit genießt, die eine gluͤcklich aufkeimende Jugend ertheilen kann; nur ihm, ſtrebt er raſtlos zum Ziel, ihm dann allein wird das Glück zu Theil, der Schoͤpfer aller Kenntniſſe und Wiſſenſchaft, der Befoͤrderer der Moralitaͤt der Kinder zu werden. Aber ach! dieſe lieblichen Erfahrungen erſtrecken ſich nicht uͤber alle, nur uͤber einen Theil der Untergebenen. Denn nicht uͤber alle kann er es gewinnen, daß ſie trotz der gerügten Vernachlaͤſſigungen dennoch an ihm und ſeiner Lehre haͤngen. Nicht jeder Tag iſt ein freundlicher Geber der Zufriedenheit, des Troſtes, der Erquickung fuͤr ſein Herz. Nur zu herbe ſind ſeine Empfindungen, zu druͤckend Zweite Modifikation. 123 ſeine Gefühle, zu bitter manche Erfahrungen, die ihm von mancher Stunde, manchem Tage zugefuͤhrt werden, wo er durch ein Verhalten der Eltern, das ſeinen Veranſtaltungen durchaus wi⸗ derſpricht, von ſeiner Freude zur Traurigkeit her⸗ abgedruͤckt, von ſeinen Hoffnungen zu voͤlligen Zweifeln hinuntergeſtoßen, von empfundener Wonne zu laͤhmenden Schmerz heruͤbergeriſſen wird! Ach! des Leidens im Hauslehrerſtande iſt ſo viel, wenn man ſeine beſten Anſtalten hinter⸗ trieben, durch eine eigens verſchuldete Unbekannt⸗ ſchaft der Eltern mit der wahren Beſchaffenheit ihrer Kinder ruͤckgängig gemacht ſieht. Es geht keine Anſtalt durch, weil Eltern es ſo oft nicht einſehen, nicht verſtehen wollen, daß und wie dieſelbe in die Erziehung paſſe, daß und wie es ihre Pflicht ſey, dieſelbe befoͤrdern, den Zweck derſelben erreichen zu helfen. Viel Seegen verſpricht man ſich fuͤr der Kin⸗ der Geiſt und Herz von einer Anſtalt, die auch von den beruͤhmteſten Pädagogen angeprieſſen wor⸗ den iſt, von taͤglichen und woͤchentlichen Cenſurbuͤchern. Durch dieſe ſoll der Lehrer die Eltern in den Stand ſetzen, mit dem Willen ihrer Kinder bekannt zu werden, deren Sitten genauer kennen zu lernen, im Urtheile des Leh⸗ rers Winke zu finden, nach denen man ſich einen Maasſtab zur Schätzung der Fortſchritte abneh⸗ men kann, welche die Kleinen in allem Noͤthigen gemacht haben. Nutzen kann aber nur dann von ſchwarzen und weiſſen Buͤchern gehofft wer⸗ 124 Zweite Modifikation. den, in denen Schatten und Licht der Auffuͤhrung aller Schuͤler treulich gezeichnet wird, wenn El⸗ tern guten Willen, Geduld und Ausdauer be⸗ ſitzen, einen rechten Gebrauch davon zu machen. Durch Cenſuranſtalten ſoll im Muthloſen die Kraft erweckt werden, Zutrauen zu ſich ſelbſt zu faſſen, will man den Nachlaͤſſigen zur Ordnung, den Leichtſinnigen zur Bedachtſamkeit, den Fau⸗ len zum Fleiß, den Traͤgen zur Anſtrengung er⸗ wecken. Cenſurbuͤcher aber werden und koͤn⸗ nen allein in den Haͤnden der Eltern eine nachdrückliche Wirkung thun, ſobald ſie die— ſelben mit Bedachtſamkeit durchleſen, mit geaͤuſ⸗ ſerter Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, mit Warnung und Ermuntrung, mit weiſer Zuͤchti⸗ gung oder Belohnung die Anſtrengung und Muͤhe, die ſaure Arbeit des Lehrers unterſtuͤtzen, erleich⸗ tern und ſeegnen. Allein,— ſo zeigt es Erfah⸗ rung,— nur durch Neuheit der Sache ergriffen, gar bald durch die immer rege Maxime:„zͦum Unterricht und Erziehen ſey der Hauslehrer da:“ irre geleitet, faͤngt man haͤufig ſehr bald an, weniger und wenig auf jene Buͤcher mehr zu ach⸗ ten, ſie hoͤchſtens zu leſen und dann gleichguͤltig zuruͤckzugeben, ſie endlich auf den Toiletten und Schreibtiſchen, Aller Anblick, auch den Augen der Kinder ausgeſetzt, unbenutzt liegen zu laſ⸗ ſen, da ſie doch der Lehrer als Correctionsmit⸗ tel in die Haͤnde der Eltern gegeben, bei Er⸗ mahnungen ſich auf dieſelben ſogar vielleicht be⸗ zogen hatte. Da ſteht er dann, der arme Leh⸗ ————-———.,— Zweite Modifikation. 125 rer, den Naſenruͤmpfen der Muthwilligen ausge⸗ ſetzt, dem heimlichen Lachen derſelben Preis ge⸗ geben, den unſittlichen unter den Kindern wie ein Ball hingeworfen, mit dem ſie nun meinen, ſpielen zu koͤnnen, wie ſie wollen. Welche Muͤhe und Anſtrengung, welches Leiden iſt ſo dem Leh⸗ rer verurſacht, der es nun von neuem unternimmt, ſein Anſehn zu behaupten, das untergraben wor⸗ den iſt! Wahre Weisheit muß er beſitzen, um ſich durch eine zweckmaͤßige Verbindung der Guͤte und des Ernſtes die Achtung der gleichſam gegen ihn Aufgewiegelten von neuem zu erringen. Durch raffinirte Nachſicht oder Zuͤchtigung muß er die Kinder immer unerwartet und nachdruͤcklich zu erſchuͤttern oder zu erweichen wiſſen, um un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden die Macht uͤber ſie zu er⸗ halten, ohne welche an irgend eine Annaͤherung an den Endzweck ſeines Amtes nicht gedacht wer⸗ den kann. Wenn auf dieſe Weiſe Mangel an Anſehn und Achtung den redlichen Lehrer aus ſei⸗ nem Wirkungskreiſe treibt, den nun ein feiler Miethling vielleicht einnimmt; wenn ſo ihm die Liebe der Kinder geraubt wird, ohne welche er vergebens ſeine Kraft aufwenden wird, Nüuͤtzlich⸗ keit und Tugend zu gruͤnden; wenn dann alles nicht den geſeegneten Gang einer wohleingerichte⸗ ten Erziehung, ſondern den zum Leiden fuͤhren⸗ den Krebsgang nimmt: dann ruht die Verant⸗ wortlichkeit auf euch, ſorgloſe Eltern, und die dafuͤr abzulegende Rechnung faͤllt in ihrer ganzen Schwere nur auf euch zuruͤck. O waͤret ihr doch 126 Zweite Modifikation. alle ſo voll weiſen Sinnes, als von welchem be⸗ herrſcht manche unter euch hier und da dem Menſchenbeobachter aufſtoßen, voll von der Wich⸗ tigkeit und Wahrheit der Ueberzeugung: daß eine weiſe, mit dem Lehrer gemeinſchaftliche Thaͤtigkeit der Eltern allein den Seegen erwer⸗ ben laſſe, der einer wohleingerichteten Kinder⸗ Erziehung aufbehalten iſt. Eine fernere uͤble Folge der, durch die zweite Modifikation erzeugten, oft genannten Sorgloſig⸗ keit iſt folgende: „Eltern koͤnnen nie Red' und Ant⸗ „wort von der Bildung ihrer Kin⸗ „der geben, welches ihrer Wuͤrde „entgegen iſt.“ Wer ſich um eine Sache wenig bekuͤmmert, kann natuͤrlich nur unbeſtimmte Antwort uͤber de⸗ ren Zuſtand ertheilen, das heißt, ſo viel, als nichts, ſagen. Vernachlaͤſſigt man einen Gegen⸗ ſtand gaͤnzlich, ſo iſt man Ignorant in der Wiſ⸗ ſenſchaft von demſelben. Der angefuͤhrte Nach⸗ theil bedarf alſo keiner großen Außfuͤhrung. Nur dies, glaube ich, Eltern naͤher ans Herz legen, nur dies ihnen, in eine naͤhere Berathung zu nehmen, vorhalten zu muͤſſen: daß es ihrer elterlichen Wuͤrde durchaus entgegenbleibt, wenn ſie vom Zuſtande der Bildung ihrer Kinder, von der Hoffnung der zu erreichenden Zwecke an den⸗ ſelben ſo viel, wie nichts, zu ſagen wiſſen. Kin⸗ der zu erziehen, iſt, der Natur der Sache nach, einzig und allein Sache und Pflicht der Eltern. 8 ⏑——) —2 ———,—,——- Se 2fe.ú 2r 1 ☛ u—. u — Zweite Modiſikation. 127 Die Verbindung, in welcher beide mit einander ſtehen, iſt die naͤchſte, die nur gedacht werden kann; kein Verhaältniß zwiſchen Menſchen iſt von Natur ſo innig und veſt, als das ihrige; keine Verwandtſchaft ſchließt eine intereſſantere und herz⸗ lichere Zuneigung, keine ein innigeres Hingeben für einander in ſich, als die ihrige. Bedarf es daher erſt eines beſondern Winkes, aus dem ſie die Weiſung verſtehen lernten, ſelbſt fuͤr die Be⸗ duͤrfniſſe ihrer Kinder zu ſorgen? O nein! vom Anfange her that die Natur einen lauten, in der ganzen Welt vernehmlichen Aufruf, ertoͤnte Got⸗ tes allgemein hoͤrbare, noch nirgends verhallte Forderung an die Eltern: ſelbſt ihre Kinder zu erziehen. Dieſer Forderung wird jeder gebil⸗ dete Menſch um ſo mehr entſprechen wollen, als er ſich durch die Vernunft den Ruf zum Va⸗ ter⸗ oder Mutteramt wird haben ertheilen laſſen. Je mehr er es ſeiner Wuͤrde angemeſſen fuͤhlte, jener Geſetzgeberin ſeines Willens auch hier zu folgen, deſto ſtärker wird er ſich nun im vernuͤnf⸗ tigen und frommen Gebrauche derjenigen Kraͤfte zu beweiſen bemuͤhen, deren Wirkſamkeit ſich bei einer vernuͤnftigen Kindererziehung im hellſten Lichte und Glanze zeigen ſoll. Der Schoͤpfer der Menſchheit wuͤrdigte ihn, eins der Werkzeuge zur Erhaltuag des Menſchengeſchlechts zu werden. Da trat die Schoͤpfung ſeiner Kinder ans Licht bei deren Geburt; vollenden ſoll er ſie nun als Vater, verſchoͤnern als Mutter, durch weiſen Gebrauch aller ihm zu Gebote ſtehenden Erzie⸗ 1 128 Zweite Modiſtkation. hungsmittel. Beiden iſt es zur Pflicht geworden, das in ihren Kindern tief liegende Geiſtige zu ei⸗ nem harmoniſchen Werke auszubilden, alle jene herrlichen und hohen Anlagen, die der Menſch⸗ heit Zierde ſind, in denſelben zu Fertigkeiten und Kraͤften zu entwickeln, durch welche das Kind brauchbar ſowol fuͤr Erde und Welt, als auch in Geſinnung und That zur Aehnlichkeit mit Gott immer hoͤher hinaufſteigen ſoll und kann. Ein edler, ſchoͤner, hoher Beruf, Weſen zu bilden, welche die Menſchheit erhalten, durch Nuͤtzlich⸗ keit die Zwecke derſelben, jene heiligen Zwecke, befoͤrdern helfen, die auf den Grundlagen einer vernüͤnftigen Erziehung veſten Fuß faſſen ſollen, um ſicher und mit Beſtaͤndigkeit die ewige Leiter menſchlicher Vervollkommnung bis uͤber die Sin⸗ nenwelt hinauf zu erſteigen. Heil dann, dreimal Heil, den treuen Vaͤtern, den redlichen Muͤt⸗ tern, die, Gott gehorſam und der Vernunft ge⸗ treu, jene Leiter in einen Fels ſetzten, der den veſten Stand derſelben wider allen Anprall des Irrthums, der Verkehrtheit, des Laſters zu ſichern vermag. Aber auch, wehe denen, welche, ob⸗ ſchon aus irgend erlaubten Urſachen des Rechts theilhaftig, Fremden die Erziehung der Kinder anvertrauen zu duͤrfen, dennoch nicht denjeni⸗ gen Theil ihrer Kraͤfte und Wirkſamkeit auf de⸗ ren Erziehung verwenden, der ihnen zu dieſem Behufe zu Gebote ſteht und vergoͤnnt geblieben iſt. Sey derſelbe noch ſo klein, noch ſo gering; die elterliche Pflicht und Wuͤr⸗ N *⁸nn 8 N Zweite Modifikation. 129 de fordert dennoch denſelben als Bei⸗ rrag zur Ausfuͤhrung des großen Zwecks, zu dem ſie einem Hauslehrer das Werk der Erziehung uͤbertragen haben. Eltern, welche nicht uͤber den Segen, den der treue Lehrer herbeifuͤhrt, zu urtheilen wiſ⸗ ſen; aus Unbekanntſchaft mit der wahren Lage der Sache uͤber die Nachlaͤſſigkeit und den Leicht⸗ ſinn des Erziehers nicht Antwort ſtehen koͤnnen; Eltern, welche die Unwiſſenheit uͤber die Beſchaf⸗ fenheit ihrer Kinder mit Gleichguͤltigkeit zu tra⸗ gen im Stande ſind, den Lehrer ſchalten und walten laſſen, ohne ſeiner Treue durch richtiges Urtheil Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, oder ſeiner Fahrlaͤſſigkeit den rechten Titel geben zu koͤnnen; ſolche Eltern moͤgen von der Ehre nichts wiſſen, treten die Wuͤrde mit Fuͤſſen, mit wel⸗ cher ſie Gott bekleiden, ihnen die Fortſetzung von dem anvertrauen wollte, wozu Er in der allge⸗ meinen Schoͤpfung den Grund legte, hoͤren nicht auf die Forderungen ihres Gewiſſens, deſſen ſtra⸗ fende Macht ſie noch empfinden werden, denken nicht an die Rechenſchaft, welche der hoͤchſte Richter zu ſeiner Zeit unausbleiblich von ihnen fordern, und mit Folgen fuͤr ſie, die von ihrer Eltern⸗Wuͤrde und Ehre keinen Gebrauch gemacht haben, verbinden wird, welche ihnen die goͤtt⸗ liche Gerechtigkeit anſchaulich genug machen wer⸗ den. Ach, welche Unehre und Schande werden ſie vor ſich aufſteigen ſehen, wenn mißgegluͤckte Bemuͤhungen des redlichen Hauslehrers oder 9 130 Zweite Modifikation. traurige Folgen der Untreue eines unredlichen Erziehers laut die Schuld ausſprechen, die ſie ſich durch eine gaͤnzliche Vernachlaͤſſigung ihrer Elternwuͤrde muthwillig zugezogen haben! Was ſollte man von ihnen denken, wenn ſich nicht in ihnen bisweilen an das Bewußtſeyn der Unbe⸗ kanntſchaft mit dem Zuſtande der Bildung ihrer Kinder ein druͤckendes Gefuͤhl der Verwerflichkeit ihres Verhaltens anknuͤpfen ſollte. Muß nicht jede Frage eines Fremden nach jenem Zuſtande, die ſie unbeantwortet laſſen muͤſſen, oder durch welche ſie in Verlegenheit gebracht werden, fuͤr ſie ein Act werden, der ſie von den Inſignien ihres ſo ehrwuͤrdigen Elternſtandes voͤllig entklei⸗ det? Sollten ſie denn nun durch den Wahn, nach welchem ſie der Erziehungspflichten durch den Hauslehrer uͤberhoben zu ſeyn meinen, alles Ge⸗ fuͤhls fuͤr Elternwuͤrde beraubt worden ſeyn? Sollte es denn gar nichts Anziehendes mehr fuͤr ſie haben, ihnen von keiner Bedeutung mehr zu ſeyn ſcheinen: daß die Erziehung der Kinder, auch wenn ein Hauslehrer derſelben vorgeſetzt iſt, den⸗ noch auch ihr Werk ſeyn und bleiben ſolle? Sollte denn der Gedanke ſie nicht maͤchtig zu ihrer Schul⸗ digkeit zuruͤckfuͤhren, daß das Mißrathen der Kin— dererziehung auch ihnen zur Schande gereichen werde? Sollten ſie ganz unempfindlich gegen das nicht zu vermeidende traurige Schickſal ſeyn, daß ſich ihre Kinder nach und nach von ihnen abwen⸗ den, und in Zukunft, aus Gerechtigkeitsgefuͤhl, ihre Dankbarkeit dem Lehrer allein anheimfallen ++8- u 8 8 x— —† △— 8 Zweite Modijſikation. 131 laſſen werden, der ſie, wie ein wachſamer, maͤch⸗ tiger Schutzengel noch dem Verderben entriß?— Die Sorgloſigkeit der Eltern in Hinſicht der Bekanntſchaft mit der wahren Beſchaffenheit ihrer Kinder, von welcher alle die angefuͤhrten Nach⸗ theile entſprangen, wird aber auch nicht ohne gefaͤhrlichen Einfluß auf den Lehrer ſelbſt bleiben. „Der Lehrer iſt von Seiten der El⸗ „tern leicht der Vernachlaͤſſigung „und einem druͤckenden Mangel an „Achtung ausgeſetzt, welches einen „nachtheiligen Einfluß auf ſeine „Thaͤtigkeit haben wird.“ Bei der zweiten Modifikation ſollte man frei⸗ lich das Gegentheil hoffen. Wenn Eltern auch nur in etwas die Wichtigkeit und Beſchwerniſſe des Jugendunterrichts und der Erziehung kennen und aus Gefuͤhl des Mangels an Kraft und Zeit dazu einen Gehuͤlfen waͤhlen, welcher ihre Stelle da vertreten ſoll, wo ihre Kenntniſſe nicht aus⸗ reichen, und wo ihnen buͤrgerliche und haͤusliche Geſchaͤfte keine Zeit uͤbrig laſſen: ſo muͤſſen ſie denſelben doch wohl als eine ihnen unentbehrliche Perſon vielen andern vorziehen, demſelben mit aller Bereitwilligkeit die Stelle eines wahren Haus⸗ freundes einraͤumen, ihn als ſich ſelbſt ehren und achten! Denn, iſt Er es nicht, der ihnen einen Theil ihrer Pflichten abnimmt? deſſen ſie nicht entbehren koͤnnen, um den großen Zweck des El⸗ ternſtandes zu erfuͤllen? Iſt Er es nicht, auf den ſo viel ankommt, daß ſie in Zukunft Freude 9* 132 Zweite Modifikation. an ihren Kindern erleben? daß dieſe einſt durch ihre Nuͤtzlichkeit, zu welcher ſie in der Schule den Grund legen, einen ruͤhmlichen Beweis vom Eifer der Eltern geben koͤnnen, mit dem dieſe ihrer Pflicht nachkamen? daß die Kinder durch Aeußerung moraliſch⸗guter Geſinnungen auch El⸗ tern den Ruhm wahrer Herzensguͤte erwerben? O, gluͤcklich fuͤhlt ſich der Hauslehrer, der, im Bewußtſeyn ſeiner Redlichkeit, von braven Eltern durch eine Aufmerkſamkeit und Achtung belohnt wird, welche der Stelle ganz entſpricht, die er in der Familie einnimmt. Wird einem unredli⸗ chen Hauslehrer dieſe Aufmerkſamkeit und Ach⸗ tung nicht zu Theil, ſo liegt dies in der Natur der Sache. Denn es iſt allerdings fuͤr Eltern ſehr ſchmerzhaft, wenn ſie bei aller gehoͤrigen Ruͤckſicht, die ſie auf den Lehrer und deſſen Wol⸗ befinden nehmen, dennoch von dieſem durch Nach⸗ laͤſſigkeit, Unordnung und ſchlechten Betrieb ſei⸗ ner Geſchaͤfte hintergangen und in Erreichung der Hauptſache immer zuruͤckgehalten werden. Den⸗ noch aber finden bei der zweiten Modifikation auch zum Nachtheil fuͤr redliche Lehrer in dieſem Punkte Fehltritte ſtatt, die unverzeihlich ſind. Denn es moͤchte wol ſehr ſelten vorkommen, daß die folgenden Nachtheile fuͤr Hauslehrer da nicht angetroffen wuͤrden, wo die Hauptmarime der zweiten Modifikation herrſchend iſt. Ach, vielmehr eben ſo haͤufig, als nothwendig werden ſie ſich einfinden. Denn die Unbeſorgniß der El⸗ tern um den Unterricht und um die dadurch er⸗ — 8S „, Dn Zweite Modifikation. 133 zeugten Wirkungen in den Kindern entfernt nach und nach aus der Reihe ihrer Gedanken und Er⸗ innerungen alles noͤthige Andenken an das fuͤr die Bildung der Kinder Nothwendige mehr und mehr. Je weiter der Lehrer in derſelben vorwaͤrts ſchrei⸗ ten wird, deſto fremder werden ihnen alle Ereig⸗ niſſe und Veraͤnderungen im Kreiſe der Kinder, deſſen Mittelpunkt doch die Eltern ſeyn ſollen. Das Intereſſe, welches ſie zur Wahl eines Haus⸗ lehrers antrieb, ſtatt, daß es mit den ſteigenden Bemuͤhungen des Lehrers um die Bildung der Kinder ſtaͤrker werden ſollte, wird ſchwaͤcher, und ſchwindet zu mancher Zeit ganz dahin. Sollte es auch bisweilen von neuem erwachen, ſo iſt es immer einem Ueberreiz auf die Nerven aͤhnlich, der eine um ſo ſichtbarere Schwaͤche hervorbringt, je hoͤher er dieſelben geſtimmt hatte. Wo dies der Fall iſt, da kann es nicht ohne druͤckenden, empfindlichen Einfluß auf den Lehrer bleiben. Denn, wenn wir kein Intereſſe an einem Ge⸗ genſtande finden, ein nur ſchwaches und abneh⸗ mendes Gefuͤhl ſeiner Wichtigkeit uns auch wenig und immer weniger fuͤr denſelben in Bewegung ſetzt, ſo nehmen wir auch wenig Notiz von der Perſon ſelbſt, die denſelben bearbeitet. Mit gan⸗ zer Seele haͤngen wir dagegen an dem, was uns nach unſrer Meinung nahe angeht, wichtig iſt, in das Feld der Thaͤtigkeit einſchlägt, auf welchem wir unſre Kraͤfte zur Befriedigung un⸗ ſrer Wuͤnſche anwenden, und wir intereſſiren uns dabei ſtark fuͤr die Perſonen, welche dazu viel Zweite Modifikation. beitragen ſollen und koͤnnen. Erweckt in Eltern der Unterricht, von dem die Brauchbarkeit ihrer Kinder fuͤr die Welt und zum Theil auch deren Herzensbildung abhaͤngt, nicht mehr das lebhafte Gefuͤhl der Pflicht, denſelben auf alle Art ein⸗ druͤcklich und zweckmaͤßig ertheilen zu laſſen; iſt in ihnen der Sinn dafuͤr matt und unwirkſam geworden; ſchwebt ihnen die Wichtigkeit und der Werth deſſelben nicht mehr lebhaft vor; ſo wird ihnen von Tage zu Tage der Mann ſelbſt gleich⸗ guͤltiger werden, der die Geiſteskraͤfte der Kinder zu entwickeln, die Talente derſelben auszubilden und Rechtſchaffenheit im Innern derſelben zu be⸗ gruͤnden bemuͤht iſt. Dieſe Gleichguͤltigkeit wird bald in allem ſichtbar werden, was denſelben an⸗ geht, und von ihrer Fuͤrſorge abhaͤngig iſt. Nichts wird gehoͤrig beſorgt, was zur Befriedi— gung ſeiner Beduͤrfniſſe noͤthig iſt; nichts, was ſeine— ach, oft nur zu geringe— Bequemlich⸗ keit ausmachen ſoll, wird mit einer Art ange⸗ ordnet und erhalten, die ihm, auch bei ſeinen maͤßigen Forderungen, einen Beweis ablegen koͤnnte, daß man ſeine Muͤhe und Anſtrengung zu ſchaͤtzen, ſeine Geduld und Treue zu achten und auf ſeinen Fleiß und Eifer den gerechten Werth zu legen wiſſe. Wie koͤnnten dies auch Eltern, welche darum nicht Zeugen von dieſen Tugenden werden und ſeyn wollen, weil ihnen die Muͤhſeligkeiten des Jugendunterrichts aus eig⸗ ner Anſicht viel zu wenig oder gar nicht bekannt ſind, und ſie die Geſchaͤfte des Hauslehrers fuͤr u e u— u Gon. +⁸ u ₰½ ᷣ n Zweite Modifikation. 135 die leichteſten im ganzen Hausweſen achten und das dafuͤr, oftmals ſpaͤrlich genug zugemeſſene, Honorar im Verhaͤltniß mit den dafuͤr zu leiſten⸗ den Dienſten fuͤr noch viel zu hoch halten. Ue⸗ berall ſieht ſich nun der Lehrer von Eltern die⸗ ſer Art zuruͤckgeſetzt. Selbſt da, wo dieſe Gattung von Eltern nicht umhin kann, ihm einigen Vorzug einzuraͤumen, laͤßt ſie es ſich deutlich merken, wie wenig ſie von ſeiner Wuͤr⸗ digkeit dazu uͤberzeugt ſey, vielmehr von ihm erwarte: er werde mit dem zufrieden ſeyn, was man ihm darreiche, zum Gebrauch und zur Bequemlichkeit uͤberlaſſe, ſollte es im all⸗ gemeinen auch dasjenige ſeyn, was man ſonſt in irgend einem Theile des Hauſes zu dem Zweck, wozu der Informator es auwenden ſoll, ſehen zu laſſen, ſich ſchaͤmte. Da laͤßt dann die mit der Wuͤrde des Hauslehrers unbekannte Haus⸗ frau, in deren Augen derſelbe bisweilen im ge⸗ ringen Grade uͤber den Bedienten und der Junge⸗ magd erhaben iſt, die Wohnung deſſelben faſt ganz von ihrem Hausregiment und deſſen Anord⸗ nungen ausgeſchloſſen. Da trifft man denn In⸗ formatorſtuben ohne Vorhaͤnge; findet in der einen den ſchlechteſten Spiegel im ganzen Hauſe, er⸗ blickt in einer andern den Auswurf von Meubles von allerlei Muſtern und Farben, wie ſie aus an⸗ dern Stuben ausgemerzt worden ſind oder auch faſt gar keine. Ja, mit einer empoͤrenden Schaam⸗ loſigkeit hatte man in eine Informatorſtube, un⸗ ter allen die abſcheulichſte, die dem Verfaſſer zu 136 Zweite Modifikation. Geſichte gekommen iſt,— nicht etwa blos fuͤr die Kinder, wobei man ſich noch haͤtte einen Zweck denken koͤnnen, ſondern auch zur Bequem⸗ lichkeit des Hauslehrers ſelbſt alte hoͤlzerne Stuͤhle, Tiſche, mit eiſernen Nageln in ihren Theilen beveſtiget, geſetzt, einen neuen, aber ſo— kleinen Spiegel gehaͤngt, daß der Informator ſein zum Gluͤck eben nicht großes Geſicht darinne noch beſehen konnte, die zerbrochenen Fenſterſcheiben durch viele, viele Bleieinzuͤge nothduͤrftig veſt⸗ gemacht u. ſ. w. O, wer es weiß, wie viel ein ordentlich meublirtes Zimmer zur Befoͤrdrung der Heiterkeit und Zufriedenheit beitrage, der wird daraus den Schluß ziehen koͤnnen, wie das Ge⸗ gentheil im Innern eines Hauslehrers herrſchend werden muß, der im Bewußtſeyn ſeiner Unent⸗ behrlichkeit, Wuͤrde und Brauchbarkeit nicht em⸗ pfindungslos gegen das iſt, was durch ſchoͤne Form und ein gefaͤlliges Aeußere den Geiſt in eine angenehme Stimmung verſetzen kann. Wie ſieht er dann ſich verachtet, wenn alles im Hauſe nach Geſchmack und Bequemlichkeit angeordnet wird, oder wenigſtens vom Beſtreben zeigt, al⸗ les, nach Vermoͤgen und Stand, ſchoͤn und ge⸗ faͤllig einzurichten, aber nur ſeine Wohnung das bleibt, was unter verſchoͤnerten Landhaͤuſern die Huͤtte des Hirten genannt wird. Der blos am Aeußern klebende Beurtheiler der Menſchen— und ſind dies nicht die mehreſten?— ſind dies nicht die Kinder ſelbſt?— wird eine geringe Meinung von einem Informator hegen, dem man t 1 Zweite Modifikation. 137 im ganzen Hauſe das ſchlechteſte Zimmer ausge⸗ muſtert hat; und es iſt zum Verzweifeln, wenn ein rechtſchaffener Hauslehrer deszwegen von man⸗ chem Laffen uͤber die Achſel angeſehen wird. Der weiter ſehende Edle und Gebildete, der Mann von achter Humanitaͤt wird freilich alſo urtheilen, daß die Schwere des Urtheils auf die Eltern zu⸗ ruͤckfallt, von deren Verſtand oder Herzen er keine gute Idee erhalten kann, indem ſie augen⸗ ſcheinlich zeigen, wie wenig ſie den Werth der Bemuͤhungen eines Lehrers fuͤr das Wohl ihrer Familie zu ſchaͤtzen wiſſen oder ſchaͤtzen wollen. Nicht allein aber ſind die Zimmer haͤufig Beweiſe von Geringſchaͤtzung, durch welche man Hausleh⸗ rer entehrt; ſondern davon zeugen auch wol Betten, Tiſchwaͤſche u. dergl. Bei Vertheilung derſelben ſieht man haͤufig mit Sorgfalt dahin, daß auch die Beſchaffenheit dieſer Dinge zum Merkmal dienen moͤge, daß, weit unter Eltern, wol gar unter den Kindern zu ſtehen, der Lehrer ſich gefallen laſſen muͤſſe. Laͤßt ſich es nun die⸗ ſer durch Mienen, leiſe Aeußerungen merken, daß er eine beſſere Behandlung zu verdienen glaube: ſo zeigt man auf vielerlei Art, wie hoͤchſt unzufrieden man damit ſey und ſchilt als Grob⸗ heit, was doch Drang in jedem gebildeten und richtig fuͤhlenden Manne ſeyn muß, der nicht niedertraͤchtig gegen ſich ſelbſt ſeyn will. Wie aber ſolche Behandlung die Heiterkeit des Gemüͤths ſtoͤre, ohne welche es allem Unter⸗ richt an wirkſamer Lebendigkeit mangelt, die Ruhe 138 Zweite Modifikation. der Seele verſcheuche, ohne welche auch die ge⸗ ringſte Anweiſung nicht uͤberdacht werden kann, den Muth laͤhme, der keinem Lehrer zur kraͤfti⸗ gen Wegraͤumung von Hinderniſſen fehlen darf, wird ein Jeder leicht begreifen und fuͤhlen, es muͤßte ihm denn das ganz beſondre Geſchick zu Theil worden ſeyn, die Zufriedenheit und Thaͤ⸗ tigkeit ſeines Geiſtes in gaͤnzliche Unabhaͤngigkeit von Außendingen verſetzen zu koͤnnen. Es iſt nicht noͤthig, dies weiter auszufuͤhren, um verblende— ten Eltern es einleuchtend zu machen, ihnen in die Augen ſpringen zu laſſen, daß ſie ſich und ihren Kindern durch unwuͤrdige Behandlung des Hauslehrers den groͤßten Schaden zuziehen. Denn, wenn derſelbe durch Zuruͤckſetzung und Verachtung niedergeſchlagen und mißmuthig ge⸗ macht wird, ſo iſt ihm alle Faͤhigkeit, einen freudigen und heitern Unterricht zu ertheilen, ge⸗ raubt. Nie aber wird ſo etwas in Familien der Fall ſeyn,— und wie wol iſt dem gutgeſinnten Lehrer in einer ſolchen Familie! wie gerne thut er ſein Moͤglichſtes zur Wohlfarth derſelben!— wo Eltern ſelbſt durch fleißigen Beſuch in den Schulſtunden, durch oͤfters angeſtellte Beobach⸗ tungen und Erfahrungen ſich von den Beſchwer⸗ lichkeiten des Amtes, den Anſtrengungen, der Geduld und dem Fleiße des Lehrers uͤberzeugen. Sie werden es der Gerechtigkeit angemeſſen fin⸗ den, denſelben durch Guͤte, Wohlwollen und Ach⸗ tung aufzuheitern, in noͤthigen Faͤllen zu beruhi⸗ gen, ihm neuen Muth einzufloͤßen durch einen uU u G nu n a ——9& u ð unu./ o A— Zweite Modiſikation. 139 freundſchaftlichen Umgang ſowol, als eine wuͤr⸗ dige Behandlung ihm das zu erſetzen, was er fuͤr das Heil ihrer Familie aufopfert, und wel⸗ ches nicht bezahlt, nur vergolten werden kann. Und dieſe Vergeltung druͤckt ſich in einem einzi— gen, aber gehaltreichen Worte aus: Humani⸗ taͤt. O Wort voll Seegen und Frieden fuͤr den wuͤrdigen Lehrer! was wird dieſer nicht alles gerne thun fuͤr das Beſte der Sproͤßlinge einer Familie, wo der Geiſt regiert, der durch dich ausgeſprochen wird! Aber auch Wort voll ge⸗ rechten Gerichts uͤber den Lehrer, der dich in Thaten ausgeuͤbt fuͤhlt, aber durch unwuͤrdige Betreibung des Amts, zu dem er berufen wurde, der Behandlung fernerhin unwuͤrdig geachtet wer⸗ den muß, die durch dich ausgedruͤckt wird! Ja, Humanitaͤt, wo du nicht herrſcheſt, da iſt kein Seegen, kein Gedeihn. Der Lehrer, der deiner wuͤrdig waͤre, wird fliehen; der durch eig⸗ nes Verhalten deiner Seegnungen ſich beraubt, weil er ſelbſt dich nicht ehrt, kann auch des Am⸗ tes ferner nicht wuͤrdig geachtet werden, deſſen Vergeltung du ſeyn ſollſt! Die geruͤgte Sorgloſigkeit der Eltern wird ferner folgenden Nachtheil haben: „iſt der Lehrer nicht ein Mann, der „Kraft genug erworben hat, a uch „in der Freiheit von aller fremden „Beobachtung und Aufſicht ſeiner „Pflicht zu leben, ſo kann derſelbe „leicht verfuͤhrt werden, ohne Ei⸗ Zweite Modifikation. „fer ſeinen Beruf zu rreiben, ober⸗ „flächlich und ſeicht zu arbeiten, „wovon eine aͤhnliche Ausbildung „der Geiſtes⸗ und Koͤrperkraͤfte der „Zoͤglinge die Folge ſeyn muß.“ Gruͤndlichkeit in Verbindung mit einer der Beſchaffenheit der Zoͤglinge angemeſſenen Me⸗ thode iſt die Seele des Unterrichts, der Gegen— ſtand deſſelben ſey, welcher er wolle, vom Ele⸗ mentarunterricht im Leſen und Schreiben, bis zu den Demonſtrationen der Mathematik. Wo dieſe Verbindung mangelt, da kann auch nichts aus der Cultivirung der Menſchen werden; da ſetzt man Koͤpfe, die ſich zu Genie's ausbilden wuͤr⸗ den in die Klaſſe mittelmaͤßiger Menſchen herab; da werden Kinder mit ausgezeichneten Geiſtes⸗ gaben leere Schwaͤtzer, eingebildete Narren; da werden eingeſchraͤnkte Koͤpfe durchweg vollends ganz zu nichte gemacht. Um ſo mehr muß recht⸗ ſchaffenen Eltern daran gelegen ſeyn, daß jene Verbindung im Unterrichte ihrer Kinder angetrof⸗ fen werde und um ſo theurer muß ihnen der Leh— rer ſeyn, der durch dieſelbe die gluͤckliche Errei⸗ chung des Endzwecks aller Erziehung zu ſichern verſteht. Jedem redlichen Lehrer wird es eben⸗ falls am Herzen liegen, ſich dieſen Kranz in den Schranken, in denen er arbeitet, zu erringen, dieſe Palme zu verdienen, die ſeiner Treue, ſei⸗ nem Fleiß, ſeiner Pflichtliebe den verdienten Ruhm ertheilt. So weit es aber auch der Menſch bei aller Anſtrenanng, der Pflicht, aus Achtung Zweite Modifikation. 141 derſelben, ein Genuͤge zu leiſten, bringen mag, ſo bleibt er dennoch ſinnlich, mithin zum Gegen⸗ theil verfuͤhrbar. Seine moraliſche Cultur mag einen hohen Grad erreicht haben, ſo bleibt ſein Wille immer noch durch angenehme und unange⸗ nehme Eindruͤcke von Auſſendingen beſtimmbar, ſo, daß er, ſelbſt bei einer geringen Unachtſam⸗ keit, leicht verleitet werden kann, anders zu handeln, als er außerdem gehandelt haben wuͤrde. Denn bei der Art von Abhaͤngigkeit, in welcher wir jetzt von den uns umgebenden Dingen und Umſtaͤnden ſtehen, bleibt in der jetzigen Periode unſrer moraliſchen Cultur eine durchaus gleiche, moraliſche Reinheit des Endſchluſſes und Verhal⸗ tens heiliges Ideal, das zu erſtreben der Menſch ſich zum Hauptzweck machen ſoll. Noch zu jung auf der ewigen Laufbahn ſeines Lebens, noch zu ſchwach auf dem großen, unendlichen Uebungs⸗ platze ſeiner Kraͤfte, mangelt es ihm jetzt noch haͤufig zu ſehr an Erfahrung und Vorſicht, an Stärke und Standhaftigkeit, als daß er nicht hier und da ſtraucheln, wanken, fallen ſollte. Im— mer bleibt es da ein Gluͤck von großen unſchaͤtz⸗ baren Werth, wenn der Menſch in Verhaͤltniſſen lebt, wo es ihm nicht an aͤußern Ermunterun⸗ gen mangelt, zu thun, was Schuldigkeit iſt, wo ihm Gelegenheiten abgeſchnitten werden, ſich der Untreue gegen ſeine Pflicht ſchuldig zu machen. Daher bleibt es auch fuͤr den moraliſchgebeſſer⸗ ten Hauslehrer ein Gluͤck, wenn er in den El⸗ tern ſorgfaͤltige, vernuͤnftige Beobachter der Ver⸗ 142 Zweite Modifikation. waltung ſeines Berufs findet, kein Tag ihm Ge⸗ waͤhr leiſtet, daß man nicht von ihm uͤber die Wirkungen und Beweiſe ſeines Fleißes Rechen⸗ ſchaft fordern werde. Gluͤcklich iſt der Hausleh⸗ rer, der in ſeinem Verhaͤltniß zu Vater und Mut⸗ ter ſeiner Untergebenen ſtete Ermuntrung zur Er⸗ fuͤllung ſeiner Pflicht findet, durch das Lob, das ſie den Kindern ertheilen, zur Freude uͤber ſeine Wirkſamkeit, ſelbſt durch den Tadel, der uͤber dieſelben mit Recht ergeht, zur Selbſtpruͤfung geſtimmt und bewogen wird, ja, in dieſer Stim⸗ mung neue Verpflichtungen zur Treue in ſeinem Amte bei ſich aufregt. Aber, dieſes Gluͤck wird ach! ſo Vielen nicht zu Theil; Viele laſſen da⸗ her, wider allen anfaͤnglichen Vorſatz, dennoch den Eifer ſinken, mit welchem ſie ihre Geſchaͤfte begonnen. Selbſt dem Redlichen kann es wol begegnen, daß er, wenn auch ſelten, nicht vor⸗ bereitet, wie er ſollte, erſcheint, nicht mit zweck⸗ maͤßiger Ueberlegung an ſeine Arbeit geht, nicht durch gehoͤriges Nachdenken zur Gruͤndlichkeit und Deutlichkeit im Unterricht geſchickt worden iſt, nicht durch noͤthige Sammlung und Ruhe des Geiſtes die Faͤhigkeit erlangt hat, mit Geduld und Ausdauer in dieſem, wenn auch ſeltnen, Fall zu verfahren. So ſehr er auch ſogleich, durch Reue angetrieben, den uͤbeln Folgen eines ſolchen Falles wird vorbeugen wollen, ſo wird dies doch immer nicht allemal und leicht zu bewirken ſeyn. Die Schuld davon liegt freilich auf ihn, aber die Eltern nehmen durch Sorgloſigkeit Theil V —.———,——·———, — „———, Zweite Modifikation. 143 daran. Haͤtten ſie in ihrer Wachſamkeit uͤber die Bildung der Kinder dem Lehrer eine Quelle von Aufmuntrung zum Fleiß und zur Anſtrengung entdecken laſſen,— der Redliche wuͤrde nicht ge⸗ gen die Pflicht gehandelt haben. Kann dieſer Fall ſelbſt bei rechtſchaffenen Lehrern eintreten, wie vielmehr wird ſich nicht der pflichtſcheue und leichtſinnige der Eltern Sorgloſigkeit und Unbe⸗ kanntſchaft mit der Beſchaffenheit der Kinder zu Nutze machen, um mit Bequemlichkeit ſein ſchwe— res Geſchaͤft zu betreiben? Die Sicherheit vor Beobachtung und Schulbeſuchen, die Befreiung von aller Forderung, durch abzulegende Proben die Kinder zeigen zu laſſen, ob nicht Zeit, Muͤhe und Geld umſonſt auf ſie verwendet worden ſey? wird er zu benuͤtzen wiſſen, ſich, ſelbſt unerlaub⸗ ter, Erleichterungsmittel zu bedienen, ſollte der Gebrauch derſelben auch ſichtlich dem Zwecke ſei— nes Amtes entgegen wirken; er wird die Um— ſtaͤnde nuͤtzen, um die Lehrſtunden, die ihm lang⸗ weilig und verhaßt werden, ohne Anſtrengung und Treue hinzubringen, nur das zu betreiben, was ihm gelaͤufig und leicht iſt, das ſchwerere und gleichwol noͤthige zu vernachlaͤſſigen, oder, um des Scheins willen, zwar zu behandeln, aber ganz oberflaͤchlich. Die verwahrloſten Kinder werden in Zukunft ſchreien uͤber den pflichtver⸗ geſſenen Lehrer, werden ihn anklagen, vor der Welt und vor Gott anklagen des Leichtſinns, der Sorgloſigkeit, des Mangels an Achtung fuͤr die Pflicht. Aber, Eltern, nehmt nicht Theil 144 Zweite Modifikation. an ſolcher ſchrecklichen Schuld; wendet eure, euch zu Gebote ſtehende Zeit nach Pflicht und Gewiſſen auch dazu an, daß ihr zum Unterricht und zur Erziehung eurer Kinder beitragt, was die Ver⸗ nunft von euch fordert, ſollte auch die anerkannte Rechtſchaffenheit des Lehrers eure Aufſicht, eure Beobachtungen, eure Unterſuchungen in Sachen der Bildung eurer Kinder unnoͤthig zu machen ſcheinen, ſollte auch des Lehrers anerkannte Tu⸗ gend und Geſchicklichkeit euch Buͤrge fuͤr die gluͤck⸗ liche Erreichung der Abſicht ſeiner Wirkſamkeit ſeyn, ſo habt ihr doch gethan, was ihr zu thun ſchuldig waret und ſeyd dann reines Gewiſſens. So haben wir den erſten nothwendigen Nachtheil der zweiten Modifikation mit ſeinen unvermeidlichen Folgen von denjenigen Seiten be⸗ leuchtet, die hier des Hervorziehens bedurften, um ſowol zur Belehrung, als zur Warnung zu dienen. Der zweite Nachtheil dieſer Modifikation wird keiner ſo langen Ausfuͤhrung beduͤrftig ſeyn, ob er ſchon an Wichtigkeit dem erſtern nichts nachgiebt und aus dieſem Grunde dieſelbe Auf⸗ merkſamkeit verdient. Derſelbe iſt folgender: „Grundſaͤtze und Meinungen der El⸗ tern und Kinder erhalten gewoͤhn⸗ lich eine ſo große Verſchiedenheit, daß dieſe mit der moraliſchen Ein⸗ heit, die durchgaͤngig in der Fami⸗ lie angetroffen werden ſoll, nicht beſtehen kann.“ Zweite Modifikation. 145 Die Erziehung und Bildung der Eltern er⸗ eignete ſich zwei, drei und wol gar mehrere Jahr⸗ zehende fruͤher, als die des jungen Gelehrten, der das Amt eines Lehrers und Miterziehers der Kinder im Hauſe auf ſich nimmt. Die Veraͤnde⸗ rungen, welche die Wiſſenſchaften neuerer Zeit erlitten haben, muͤſſen auch einen entſcheidenden Einfluß auf die Bildung der jetzigen Hauslehrer haben und mannichfaltige Abweichung in Grund⸗ ſaͤtzen und Meinungen zwiſchen denſelben und den Eltern bewirken, von denen die wenigſten in wiſ⸗ ſenſchaftlicher Hinſicht mit der Zeit fortgehen. Nun iſt nichts gewoͤhnlicher, als daß Eltern, welche die zweite Modifikation waͤhlen, es ver⸗ abſaͤumen, ehe der Hauslehrer ſeine Geſchaͤfte beginnt, ſich mit deſſen Grundſaͤtzen und Mei⸗ nungen gehoͤrig bekannt zu machen, ſich gegen⸗ ſeitig in dieſer Ruͤckſicht kennen zu lernen und zu unterſuchen, ob man beiderſeits in paͤdagogiſchen, religioͤſen und moraliſchen Grundſaͤtzen einig ſey und, wenn ſich Abweichungen ergeben ſollten, ſich dieſelben frei zu entdecken, nach den ſubjecti⸗ ven Gruͤnden derſelben zu fragen, vernuͤnftig und mit Maͤſigung gegenſeitige Beſprechungen daruͤber anzuſtellen, um ſich einander zu naͤhern. Dieſe Verabſaͤumung laͤßt jene Abweichungen ſtehen und es iſt dann kein Wunder, wenn oft auch Eltern und Kinder wegen der Grundſaͤtze, welche den Kindern vom Lehrer beigebracht werden, in Widerſpruch gerathen, die Kinder dadurch in eine 10 146 Zweite Modijfikation. Verlegenheit geſetzt werden, welche nur einen von folgenden Ausgaͤngen finden kann. Kinder gelangen bei der natuͤrlichen und fruͤh⸗ zeitigen Nachahmung ihrer Eltern bald zu dem Glauben:„wie dieſelben handeln, ſo ſey es recht“ und der Eltern Verhalten wird fuͤr ſie durchaus guͤltige Regel. An dieſe gewoͤhnt, ſchen⸗ ken ſie anfaͤnglich dem Hauslehrer nichts weni⸗ ger, als ein ſolches moraliſches Zutrauen, wie ihren Eltern, weil ſie nie die Handlungsweiſe eines Fremden zur Richtſchnur nahmen. Hat der Lehrer aber den Verſtand und die Vernunft der Kinder, auf eine fuͤr ſie angenehme Weiſe, in Bewegung geſetzt, ſo gewinnt er ſie gewiß durch katechetiſche Unterredungen ganz fuͤr ſeine Grund⸗ ſaͤtze und Meinungen in jeder Beziehung. Nun herrſcht zwiſchen ihm und den Kindern moraliſche Einheit. Hatten ſich Eltern und Lehrer uͤber ihre Abweichung in Grundſaͤtzen von einander nicht verſtaͤndigt und wird dieſelbe bald in den Aeuſſe⸗ rungen und in dem Verhalten der Eltern ſichtbar, ſo kann es nicht fehlen, daß die Kinder, ange⸗ leitet, uͤber alles zu denken und zu urtheilen, woruͤber ſie es koͤnnen, dieſe Abweichung leicht wahrnehmen. Sollte der Fall eintreten, daß dieſer wahrgenommene Unterſchied zum Nachtheil der Eltern ausfiele, ſo mag dann der Lehrer noch ſo behutſam zu Werke gehen, er wird der Ver⸗ nunft der Kinder keine willkuͤhrlichen Schranken und dem ſittlichen Urtheil derſelben keine will⸗ kuͤhrliche Grenze ſetzen koͤnnen. Bald werfen ſich Zweite Modifikation. 147 nun die Kinder zu Richtern der Eltern auf, aͤuſ⸗ ſern ihre Bedenklichkeiten gegen den Lehrer und dieſem wird es nicht allemal gelingen, das An— ſehn der Eltern aufrecht und die Kinder in voller Achtung gegen dieſelben zu erhalten. Sie finden die Forderungen der Vernunft und Religion, ge⸗ gen welche ſie mit Verehrung erfuͤllt worden ſind, von ihren Eltern nicht alſo befriedigt, wie es der von ihrem Lehrer empfangene Unterricht zur Pflicht macht; wie muß dadurch die Verehrung der Eltern zum Sinken gebracht werden? Sie fangen an, in den Willen und die Befehle der⸗ ſelben ein Mistrauen zu ſetzen; wie leidet dar⸗ unter der kindliche Gehorſam? Sie kennen zwar ihre Abhaͤngigkeit von den Eltern, werden vom Lehrer uͤberzeugt, daß hieraus fuͤr ſie die Pflich⸗ ten der Liebe und Dankbarkeit entſpringen, die ſie zwar zu erfuͤllen ſuchen werden, aber nie werden ſie ſich einer Lauheit in der Achtung der⸗ ſelben erwehren koͤnnen. Jedoch kann ſich das Verhalten der Kinder auch anders abaͤndern. Sind dieſen etwa herrſchende Fehler und Maͤngel der Eltern, welche ſich dieſelben aus irgend einer Maxime erlauben, eigenthuͤmlich geworden, ſo finden ſie die Vorſtellungen und Lehren des In⸗ formators damit in Widerſpruch und ſein Anhal⸗ ten zum Gegentheil wird ihnen laͤſtig und unan— genehm. Die Eltern fahren in den Fehlern fort und die Kinder folgen treulich uach. Der Lehrer fuͤhlt ſich durch ſein Gewiſſen genoͤthigt, zu ta⸗ deln, zu ermahnen, zu ſtrafen. Je unangeneh⸗ 19* 148 Zweite Modiſikation. mer ihnen dieſes wird, je weniger der Lehrer ſie an ſich zu ziehen verſtand oder vermochte, deſto enger ſchließen ſie ſich dann an ihre Eltern an. Der Lehrer kommt in Miskredit bei ihnen, ſeine Kraft, an ihrer moraliſchen Veredlung zu arbej⸗ ten, iſt geſchwaͤcht, gelaͤhmt; bald kann er nichts mehr wirken und— mit ihm weint bitter der Genius der Tugend; denn vernichtet ſieht er das Gute, das er begann, ſich ſelbſt ſieht er ver— nachlaͤſſigt und die Geiſter werden verdorben, die er zu den Regionen der Tugend leiten wollte. Eltern! verſaͤumet es nicht, mit dem Lehrer eurer Kinder in pflichtmaͤſige Einheit moraliſch⸗ religioͤſer Grundſaͤtze vernuͤnftig einzugehen, ſonſt ſetzt ihr die der Gefahr des Verderbens aus, wel⸗ che ihr fuͤr das Reich der Tugend und Froͤmmig⸗ keit erziehen ſollt. Nur dieſe Vereinigung wird euch ſichern vor der Geiſel, welche das Gewiſ⸗ ſen uͤber euch ſchwingen wird, wenn ihr die mo⸗ raliſch⸗religioſe Bildung eurer Kinder, durch Mangel an Einigung mit deren Lehrer in Grund⸗ ſaͤtzen und Geſinnungen, gefaͤhrdet haben und dies zu ſpaͤt erkennen werdet. Vernachlaͤſſigt es nicht, mit dem Lehrer eurer Kinder auf einem Wege der Sittlichkeit und Religioſitaͤt einherzugehen. Schließt mit ihm den heiligen Bund, den hoͤch— ſten Zweck eurer Bemuͤhungen ſeyn zu laſſen, ohne Widerſpruch in Grundſatz, Lehre und Leben mit ihm Hand in Hand die zarten Seelen, die in euerm Gewiſſen den ſicherſten Zufluchtort vor aller Entartung finden ſollen, gegen alles zu —— Zweite Modifikation. 149 vertheidigen, was Boͤsartigkeit und Gottloſigkeit heißt, ſie dagegen zu ſittlicher Guͤte, Tugend und Froͤmmigkeit veſt hinzuleiten. Aber nie, nie wird dies geſchehn, wenn nicht eure Thaͤtigkeit mit den Bemuͤhungen des Lehrers durchs Ganze der Erziehung verknuͤpft iſt, wenn ihr nur ihm alles aufbuͤrdet, nur Er alles wirken und voll— bringen ſoll! Tretet in unwandelbarer, weiſer Einigkeit mit dem Lehrer eurem Elternberufe taͤglich naͤher, ſucht dieſen immer vollkommener zu erfuͤllen, damit die ſchoͤnen Hoffnungen nicht hinſchwinden, die in den Anlagen eurer Kinder aufbluͤhten, damit ihr an euern Kindern erlebet, was euerm grauen Haupte die ſchoͤnſte Zierde ge⸗ waͤhren und euern alten Tagen Gluͤckſeligkeit ſchaf⸗ fen ſoll. Daß des Lehrers Benehmen ſelbſt anſtaͤndig und ſittlich gut ſeyn muͤſſe, verſteht ſich von ſelbſt. Von ſchlechten, unmoraliſchen Lehrern iſt hier die Rede nicht. Dieſe muͤſſen uͤberall ent⸗ fernt werden, ſobald man ihren Geiſt und Sinn kennen lernt, denn mit ihnen in Einheit der Grund⸗ ſaͤtze und Maximen leben, hieße Religion und Tugend der Kinder dem Teufel opfern. Endlich iſt noch ein dritter Nachtheil der zweiten Modifikation zu beruͤckſichtigen. „Bei dieſer Modifikation hat der Lehrer zu viel Geſchaͤfte, als daß es moͤglich waͤre, alle mit Gruͤnd⸗ lichkeit und Zweckmaͤßigkeit zu be⸗ endigen.“ 150 Zweite Modifikation. Wenn man bedenkt, wie groß die Forderun⸗ gen in unſern Tagen ſind, welche nach Beſchaf⸗ fenheit der neuern Paͤdagogik an einen Jeden ge⸗ than werden, der ſich der Bearbeitung und dem Vortrag eines wiſſenſchaftlichen Gegenſtandes zum Beſten der Kinder, auf eine den Beduͤrfniſ⸗ ſen des Zeitalters angemeſſene Art, unterziehen will; wenn man darneben die Menge von Ge⸗ genſtaͤnden erwägt, die insgeſammt in den Informatorſtuben betrieben werden ſollen, ſo moͤchte einem Jeden ſchwindlicht werden, der die Stelle eines Hauslehrers zu uͤbernehmen in Begriff ſteht. Wie mancher mag, vom Schwindel ergriffen, von dem ungeheuern Magazin der Lehrgegenſtände herabgeſtuͤrzt ſeyn und ſich noch gluͤcklich geſchaͤtzt haben, wenn er in aller Stille noch mit Ehren entſchluͤpfen konnte. Welch' ein langes Regiſter von Lehrgegenſtänden wird einem Hauslehrer vor⸗ gelegt! aͤhnlich dem Lectionsplan einer Univerſi⸗ taͤt! Man hoͤre und ſtaune! Leſen, Schreiben, Kopf⸗ und Tafelrechnung, Naturgeſchichte, Na⸗ turlehre, Moral, Religionslehre, Geographie, Weltgeſchichte, deutſche, franzoͤſiſche, lateiniſche, griechiſche Sprache, Muſik und inſtructives Spa⸗ zierengehen. Dazu kommt, daß der Hauslehrer nun auch Kuͤnſtler in Holz⸗ und Papparbeiten, hier und da ein Pfuſcher in der Medicin und vie⸗ len Handwerken ſeyn moͤchte! Gaͤbe es einen einzigen Hauslehrer, der allen dieſen Lehrgegen⸗ ſtaͤnden gewachſen waͤre und in deren Bearbeitung durchaus zweckmäßig verfahren koͤnnte, ſo muͤß⸗ —— U „ 1 uͤ 8 n 8 t. Zweite Modifikation. 151 ten ihn nothwendig in aller Demuth und Bewun⸗ derung Profeſſoren, Rectoren und Conrectoren an ihre Spitze ſtellen, und ihn weit uͤber ſich erhe⸗ ben. Denn, damit werden es nun Eltern nicht abgethan wiſſen wollen, daß der Hauslehrer ei⸗ nige Kenntniſſe von jenen Wiſſenſchaften habe; ſie werden es als mit ſeiner Function nothwendig verbunden fordern, daß er das der Jugend zu wiſſen Noͤthige aus allen herauszuziehen, es in eine zweckmaͤßige, das Lernen erleichternde Ueber⸗ ſicht zu bringen, der etwaigen buͤrgerlichen Be⸗ ſtimmung der Kinder angemeſſen und intereſſant vorzutragen wiſſe. Soll er dies leiſten, ſo muß er ganz in jene Viſſenſchaften eingeweiht ſeyn, dieſelben in ihren erſten Gruͤnden durchſchaut, in ihrem Umfange ausgemeſſen, von ihrem Einfluß auf Menſchenwohl, ihrer Brauchbarkeit fuͤr die Welt deutliche Kenntniß haben. Wie in aller Welt iſt dies von einem jungen Mann von 20— 30 Jahren zu erwarten? Kehret ein Jeder von der Akademie als ein Genie? Welche unvollkom⸗ mene Anſtalten der Bildung hatten viele benutzt? Wie wenig Zeit und Gelegenheit hatten viele ge⸗ habt? Wie gering waren in manchen Talent und Kraft, um ein Hauslehrer zu werden, der jenes alles zu leiſten vermoͤchte? Keiner vermag es!! Man wird einwenden wollen: daß ja dieſe Ge⸗ genſtaͤnde nicht ſaͤmmtlich in einer Lehrperiode vor⸗ getragen wuͤrden, ſondern nach einem klugen Plan auf einander folgten. Wie aber, wenn nun ein und derſelbe Hauslehrer nach Jahren und 152 Zweite Modifikation. Faͤhigkeiten verſchiedene Kinder, Knaben und Mädchen unterrichtet, dieſe in ihren Jahren zwi⸗ ſchen 6— 14 inneſtehen? Muͤſſen dann nicht alle jene Lehrgegenſtaͤnde ſaͤmmtlich vorkommen? Da iſt es ſchon Kunſt, ſolche Anordnungen zu treffen, daß ſie alle zu einer geſetzten Zeit vor⸗ kommen koͤnnen und die kleinern, wie die groͤſ⸗ ſern Kinder immer beſchaͤftiget ſind, ohne an die ungemeine Schwierigkeit zu denken, von welcher maucher Paͤdagog auf der Studirſtube keinen Be⸗ griff hat, Alles mit Gruͤndlichkeit und Intereſſe vorzutragen. Wenn auch der Lehrer jene ſchwere Anordnung fuͤr jeden Tag vollendet, wenn er auch ausgemacht hat, welches ſeine Aufgabe fuͤr jede Stunde deſſelben ſey, um auf alle Kinder zugleich, den individuellen Beduͤrfniſſen derſelben gemaͤß, zu wirken, ſo bleibt es unumgaͤnglich noͤthig, daß er ſich auf die mehrſten Lehrgegen⸗ ſtaͤnde genau praͤparire, um ſie zweckmaͤßig vor⸗ zutragen. Man ſage, wo die Zeit dazu herkom⸗ men ſolle? denn auch Er hat fuͤr ſeine Per⸗ ſon,(oder, ſoll dieſe vergeſſen werden?) einige Stunden des Morgens oder Abends zu ſeiner freien Diſpoſition noͤthig, um wenigſtens in ſei⸗ nem Brodſtudio nicht zuruͤckzubleiben. Sind nun taͤglich ſechs Stunden zum Unterricht beſtimmt, werden zwei Stunden des Tages auf die Mahl⸗ zeiten verwendet, kann der Lehrer nach der Abend⸗ mahlzeit nicht fuͤglich vom Cirkel der Familie wegbleiben, ſo bedenke man, wie viel Zeit ihm uͤbrig bleibe! Will er ſich vorbereiten, um als un dr — S82 8 KE* N U n *+2 u dC u n Q n u Q — ,.— Zweite Modifikation. 153 Lehrer ſeine Pflicht zu thun, will er in den Spra⸗ chen ſeines Hauptſtudiums Schriften leſen, um kein Ignorant zu werden, will er gelehrte Schrif⸗ ten und Journale ſtudiren, um nicht in die Sipp⸗ ſchaft der Idioten zu gerathen, durch Leſen eines guten deutſchen Buches ſich bisweilen erheitern; wie wird er dieſe Beduͤrfniſſe befriedigen ſollen und koͤnnen? zumal, wenn die Eltern auch noch ungerecht genug ſind, ihn auch in den Neben— ſtunden zur Aufſicht uͤber die Kinder zu noͤthigen? Ach, da iſt Er es, den der erſte Sonnenſtrahl das Nachtlager zu verlaſſen noͤthigt, indeß alles im Hauſe noch ruhig und ſtill liegt! Nur Er iſt es, dem die Noth befiehlt, noch keine Ruhe zu ſuchen, wenn auch alle uͤbrige Bewohner des Hauſes ſich laͤngſt den Armen des ſuͤßen Mor— pheus uͤbergeben haben. Soll bei einer ſolchen Lebensart Alles ſeinen vorgezeichneten Gang ge⸗ hen, ſo duͤrfen ſeine Anſtrengungen keine Ermat⸗ tung zur Folge haben, ſein muͤhſeliger Fleiß durch keine daraus vielleicht entſpringende Koͤrperſchwaͤ⸗ che unterbrochen werden, muß er es zu verhin⸗ dern wiſſen, daß er ſeinen Geſchaͤften nicht er⸗ liege und ihn kein Mißmuth und keine Verdruͤß⸗ lichkeit beſchleiche. Wenn er denn aber dahin kaͤmpft, was iſt oft ſeine Belohnung? Ach, dieſe beſteht nur gar zu haͤufig nicht in dem, was aufheitern, ermuntern und troͤſten kann; was ihm wird, iſt oft keineswegs geſchickt, ihm zu erſetzen, was er aufwandte, was er verlor! Niemand denkt im Hauſe vielleicht daran, ihm 154 Zweite Modifikation. eine Erleichterung zu verſchaffen, indem es Ver⸗ haͤltniſſe giebt, wo weder Vater noch Mutter dieſe in der thaͤtigen Theilnahme an der Bildung ihrer Kinder zu finden, fuͤr Obliegenheit achten. Leiſtet er unter ſolchen Umſtaͤnden nicht, was aus Verblendung gefordert wird, wirkt er hier und da nicht, was die Einbildung der Eltern erwar⸗ tete, ſo kann ihn das Verdammungsurtheil nicht treffen, das man uͤber ihn ausſpricht. Seine Arbeit iſt eigentlich das Geſchaft mehrerer Koͤpfe. Alle kann er ſie nicht erſetzen; die Kraͤfte des Einzelnen reichen nicht zu dem hin, was nur mehrere zu bewirken vermoͤgen. Noͤchten es doch daher einmal viele Familien uͤberlegen, vernuͤnf⸗ tig uͤberlegen, was ihnen ein Hauslehrer alles ſeyn ſoll; man wuͤrde billiger werden und gerech⸗ tere Einrichtungen treffen. Wenn Vater und Mutter ſelbſt Hand ans Werk legen, oder der Wohnort von der Beſchaffenheit iſt, daß man den Hauslehrer durch andere Perſonen von manchem Geſchaͤft befreit halten kann, wie es Eltern in Staͤd⸗ ten thun koͤnnen und recht viele es hoffentlich thun werden, da mag es leicht ſeyn, Hauslehrer zu ſeyn. Wo aber ein Lehrer die Laſt des Unterrichts, der Bildung und Erziehung mehrerer und verſchie⸗ dener Kinder allein tragen ſoll: da darf man ſich gar nicht wundern, wenn die Kinder, wenn auch nicht Ignoranten bleiben ſollten, doch ſeichte Koͤpfe werden, von allem eine hoͤchſtoberflaͤchliche Kenntniß erlangen und in keiner Sache Gruͤnd⸗ lichkeit beſitzen. Dem Lehrer gebe man die Schuld Zweite Modifikation. 155 nicht. Dieſe faͤllt auf dieſen nur dann zuruͤck, wenn er bei einer ſeinen Kraͤften angemeſſenen Zahl von Lehrgegenſtaͤnden ohne Zweckmaͤßigkeit verfaͤhrt und, wie ein lohnſüchtiger Miethling, die leichtern nach ſeiner Bequemlichkeit treibt, die ſchwereren, wo es nur geſchehen kann, uͤber— geht; wenn er die ihm ganz frei gelaſſene Zeit mehr auf Befriedigung ſinnlicher Neigung, als der Pflicht verwendet. Aber da, wo Eltern von fruͤher Tageszeit bis zum ſpaͤten Abend ihre Kin⸗ der dem Lehrer nicht allein zum Unterricht, ſon— dern auch zur immerwaͤhrenden Aufſicht uͤberge⸗ ben, daß dieſer, ſo lange die Augen den Kin⸗ dern offen ſtehen, keine Stunde fuͤr ſich allein genießen kann; da erwarte man keine Vollendung der Lehrgeſchäfte, keine Gruͤndlichkeit, keinen Nutzen. Koͤnnen Eltern, welche die oben ge— nannten Lehrgegenſtaͤnde alle gehoͤrig betrieben wiſſen wollen, den Lehrer ſelbſt nicht unterſtuͤtzen, ſo iſt es Pflicht, die ſie den Ihrigen ſchuldig ſind, manche Faͤcher des Unterrichts durch andre Perſonen im Wohnort ausfuͤllen zu laſſen und, ſind dieſe nicht zu haben, ihre Kinder entweder in groͤſſere Bildungsanſtalten zu geben oder den Kreis der Lehrgegenſtände einzuſchränken, und dann auf alle Weiſe dankbar zu ſeyn, wenn ih⸗ nen ein junger Mann zukommt, der Talent und Weisheit beſitzt, in dieſem Kreiſe auch Alles zu wirken, wie es der Wohlfahrt der Kinder erſpries⸗ lich iſt. Aber auch ſie ſelbſt muͤſſen daun noch alles thun, was Zeit und Kraft erlauben, 156 Zweite Modifikation. um demſelben die Erreichung jenes Ziels zu er⸗ leichtern. Den Hauslehrer zum Sklaven machen, indem man ihn noͤthigt, die Kinder von Fruͤh bis Abends um ſich zu haben, welches haͤufig der Fall iſt,— von ihm eine gaͤnzliche Verleugnung ſeiner ſelbſt zu fordern, daß er an ſeine eigene künftige Beſtimmung gar nicht denken kann,— ihm eine durchgaͤngige Aufopferung ſeiner Zeit und Kraͤfte fuͤr fremde Zwecke auflegen zu wollen, weil man weiß, daß er gezwungen ſey, ſich durch Unterricht ſein Brod zu verdienen; heißt, ohne Menſchengefuͤhl ſeyn, alle Achtung gegen eine Perſon aus den Augen ſetzen, deren Rechte mit Fuͤſſen treten. Ja, wenn man bei dieſer ſonder⸗ baren Einrichtung ſieht, daß der junge Mann, aller nicht beachteten Anſtrengung ungeachtet, aus Mangel an menſchlicher Kraft nicht leiſten kann, was man gefordert hat; aus Mangel an Unterſtuͤtzung, den man nicht ahnen will, die Vervollkommnung der Kinder nicht vorwaͤrts bringt, wie man es ſich eingebildet hatte; wenn man aus Traͤgheit oder Stolz, aus Neigung zu ge— wiſſen unbedeutenden Nebendingen oder aus Be— quemlichkeitsſucht dennoch keine Aendrung in den Geſchaͤften des Lehrers trifft, die denſelben in den Stand ſetzen wuͤrde, mehr und beſſer wirk⸗ ſam ſeyn zu koͤnnen— und dennoch nur auf die⸗ ſen alle Schuld des Mißlingens waͤlzen will, ſo iſt dies mit einem Worte— unſinnig. Die zweite Modifikation taugt durchaus nichts. Nach ihr verfahren, heißt, einen paͤdagogiſchen A — ⏑8—HN» Zweite Modifikation. 157 Krebsgang als Erfahrungsſache mit allem Fleiße aufſtellen. Dennoch aber iſt ſie es, die faſt uͤber⸗ all ſpukt, iſt ſie es, die man waͤhlt, um die groſſen hohen Elternpflichten zu erfuͤllen, die durch „Erziehung“ ausgeſprochen werden. Sie iſt es freilich, welche dem Irrthum und der Bequem⸗ lichkeit ſchmeichelt, gewiſſen Neigungen und Lei— denſchaften Vorſchub leiſtet, manche Suͤnden, die man liebt, befoͤrdert. Sie iſt aber auch dieje⸗ nige, durch welche Eltern ihrer Wuͤrde beraubt werden, durch welche ſie ſelbſt den Grund legen, ſich die kuͤnftigen Tage des Lebens zu verbittern— Wenn wird man denn von der Thorheit zuruͤck⸗ kommen, zu meinen, daß man durch einen Haus⸗ lehrer von allem Antheil an der Kinder Bildung befreit werde? wenn anfangen, nur in Vereini⸗ gung mit dieſem zu bewirkru, was hoͤchſter Zweck aller Erziehung ſeyn ſoll! Wenn Eltern und Lehrer, beide voll guten Willen und Achtungswuͤrdigkeit, Hand in Hand, in ſchoͤner Einigkeit, in voller gegenſeitiger Schaͤ⸗ tzung, in Bereitwilligkeit, obhabende Pflichten einander zu erleichtern, das Werk der Kinderer⸗ ziehung gemeinſchaftlich fuͤhren; wenn kein Theil dem andern entgegen, ſondern alle mit gleichem Grundſatz und Willen nach einem vernuͤnftigen Ideale ſtreben; dann erſt wird die goldne Zeit des Hauslehrerſtandes eintreten, dann wird dem⸗ ſelben erſt die Ehre wiederfahren, die er verdient, der groſſe Zweck deſſelben unter die Wahrheiten der Erfahrung zu rechnen ſeyn, da deſſen Errei⸗ 158 Zweite Modifikation. chung bis jetzt noch haͤufig nur ein Traum zu nennen iſt, nur unter die frommen Wuͤnſche ge⸗ zaͤhlt werden kann. „Wenn nun aber dieſe Modifikation nichts „taugen ſoll, ſie es aber doch iſt, nach welcher „man in den mehreſten Haͤuſern die Kinder erziehen „läͤßt, ſo ſind dergleichen Familien, und zwar an „Orten, wo die oͤffentlichen Anſtalten zu einer „gebildetern Erziehung entweder ganz fehlen, oder „nicht in aller Hinſicht als Mittel dazu gebraucht „werden koͤnnen, in der That zu beklagen. Wird „ein Vater ohnehin durch ſeine Geſchaͤfte in Thaͤ— „tigkeit erhalten, haͤlt ihn das Amt, ſo lang es „Tag iſt, am Arbeitstiſche feſt, noͤthigt ihn die „Erhaltung ſeiner Familie, jede Stunde zum „Erwerb anzuwenden: ſo wird es dieſem, bei „aller ſonſtigen Faͤhigkeit, nicht moͤglich ſeyn, „dem Hauslehrer thaͤtig in Erziehung der Kin⸗ „der beizuſtehen. Soll er nun aus dieſer Ur— „ſache keinen ins Haus nehmen und die Kin— „der in die allgemeine Schule des Orts ſchicken, „auch wenn dieſe zur Bildung ſeiner Kinder, wie „er ſie wuͤnſcht, nicht organiſirt iſt? oder, ſoll „er ſie gar verwildern laſſen? Daher bleibt ihm „nichts uͤbrig, als einen Mann aufzuſuchen, der „ſich die Erziehung der Kinder uͤbertragen laſſe. „Muͤtter gewoͤhnlicher Art haben weder Kennt— „niſſe noch Bildung genug, um ihre Kinder im „vollen Sinne des Wortes erziehen zu koͤnnen. „Ihnen liegt uͤberdies die Fuͤhrung des ganzen „Hausweſens ob, deſſen kluge Abwartung wenig Zweite Modifikation. 159 „Muſe eruͤbrigen laͤßt. Wie wenig geſchickt und „aufgelegt wuͤrden auch beide, Vater und Mut⸗ „ter, z. B. zum Unterrichten ſeyn, wenn ſie, „von Berufsgeſchaͤften ermuͤdet, nun auch an „dieſem noch Antheil nehmen? nach gehabter „Aergerniß mit Untergebenen und Geſinde in aller „Geduld, Heiterkeit und Ruhe des Gemuͤths „ſich auch noch der Unterweiſung ihrer Kinder „thaͤtig annehmen ſollten? Es wuͤrde wol wenig „Gutes geſtiftet werden. Soll demnach die haͤus⸗ „liche Erziehung und Bildung der Kinder, ſo „gut, als es geht, beſorgt werden und ſollen „eine Menge junger Maͤnner nicht ohne Brod „bleiben, ſo muß die zweite Modiſikation beibe⸗ „halten werden.“ Durch dieſes Raͤſonnement hoͤrt man die zweite Modifikation trotz dem, daß man die be⸗ wieſenen Nachtheile nicht leugnet, dennoch ver⸗ theidigen und als unentbehrlich darſtellen, wel⸗ ches ohnmoͤglich der Fall ſeyn koͤnnte, wenn uͤber⸗ all der rechte Sinn fuͤr zweckmaͤßige Kindererzie⸗ hung allgemein und lebendig waͤre, wenn Alle mit der Zeit haushaͤltiger umzugehen verſtuͤnden, in Betreibung der Geſchaͤfte mit mehr Ordnung und kluger Vertheilung zu verfahren wuͤßten, wenn nicht der herrſchende Geiſt des Zeitalters, mehr der Bequemlichkeit und Sinnenluſt, als der Pflicht zu leben, ſeine Macht auch auf Kinder⸗ erziehung erſtreckte. Es laͤßt ſich nicht einſehen, wie man den Satz als wahr darſtellen will:„El⸗ tern, welche einen Hauslehrer anneh⸗ 160 Zweite Modifikation. men, koͤnnen die Geſchaͤfte deſſelben auch nicht einigermaßen befoͤrdern, nicht auf eine fuͤr ſie und ihre Verhaͤltniſſe angemeſſene Weiſe eini⸗ gen Antheil daran nehmen, und nicht durch eine ſtandhafte Vereinigung mit dem Lehrer den wich⸗ tigen Zweck der Kindererziehung realiſiren.“ Denn nur da, wo es an gereinigtem Willen hierzu mangelt, wo Vorurtheile oder ſinnliche Neigun⸗ gen vorherrſchen, nur da iſt kein anderer Weg offen, als der der zweiten Modifikation, der Weg der Unvernunft. Darum bleibt es durchaus noͤ⸗ thig, daß ſich Eltern andre Bedingungen gefal⸗ len laſſen muͤſſen, unter denen ſie die Ihrigen durch Hauslehrer erziehen laſſen, Bedingungen, nach welchen ſie ſich zu einem weſentlichen Antheil an der Erziehung und an der Anwendung der Huͤlfsmittel bequemen muͤſſen, durch welche der Unterricht zum Beſten der Kinder befoͤrdert wer⸗ den ſoll. Bei den unleugbaren Gefahren und Nachtheilen der erſten und zweiten Modifſikation werden ſie die Bedingungen, welche nun aufge— ſtellt werden ſollen, billig und gerecht finden und deren Rechtmaͤßigkeit anerkennen muͤſſen; ja das Bewußtſeyn der Pflicht, Kinder im vollen Sinne des Worts ſelbſt erziehen zu ſollen, wird ſie um ſo geneigter machen, ſich ſelbſt die Verbindlich⸗ keit aufzulegen, dieſe Bedingungen mit Eifer anzunehmen und mit Standhaftigkeit zu erfuͤllen. Dies werden ſie um ſo mehr thun, wenn ſie dem Verfaſſer ſo viel Glauben und Vertrauen ſchen⸗ ken, daß ſie in ſeine Verſicherung keinen Zweifel Zweite Modifikation. 161 ſetzen. Dieſe Bedingungen ſind aus wirklichen und ernſten Erfahrungen abgezogen und ihre Wahrheit durch Segnungen begruͤndet und erwie⸗ ſen, deren Genuß das Schoͤnſte und Herrlichſte iſt, welches ſich Eltern fuͤr jede Zeit ihres Le⸗ beus, insbeſondere fuͤr ihr Alter, nur vernuͤnfti⸗ ger Weiſe wuͤnſchen koͤnnen. 11 162 Allgemein anwendbare Bedingungen, unter welchen die Erziehung der Kinder durch Hauslehrer von Nutzen ſeyn wird; oder Dritte Modifikation. Dieſe heißt: Eltern und Lehrer nehmen an der Erziehung und Bildung, wie auch an dem Unterrichte der Kin⸗ der, auf eine ihren allſeitigen Verhaͤltniſſen und Kraͤften an⸗ gemeſſene Art, Antheil. Bei dieſer Modifikation kommen Eltern und Lehrer uͤber folgende Bedingungen uͤberein: 1) Die Eltern laſſen die Kinder nur in den Schulſtunden bei dem Lehrer, —————„„. Dritte Modifikation. 163 und nehmen ſie auſſer denſelben enuͤtzlich beſchaͤftigt unter eigene Aufſicht. Der Verfaſſer ſieht freilich ſchon den ver⸗ zogenen Mund einer verbildeten Dame, die es fuͤr Schande achtet, die Aufſeherin uͤber ihre Kin⸗ der zu machen; erblickt die hochgezogene Stirn eines bequemen Vaters, der ſich nicht gerne aus ſeiner angewoͤhnten Ruhe ſtoͤren laͤßt, der, durch das geringſte Geraͤuſch ſeiner Kinder auſſer ſich gebracht, den armen Kleinen rauh und unbarm⸗ herzig bei jedem lauten Worte und jeder Bewe⸗ gung Ruhe gebietet. Der Verfaſſer weiß es frei⸗ lich gar wol, daß Eltern gewiſſer Art zu dem Behufe eben Hauslehrer annehmen, um jener Aufſicht uͤberhoben ſeyn zu koͤnnen; er glaubt es aber auch erwieſen zu haben, daß eben der Man⸗ gel an elterlicher Aufſicht uͤber die Kinder und an Theilnahme an der Erziehung uͤberhaupt von den nachtheiligſten Wirkungen ſey. Eltern, wel⸗ che eine vernuͤnftige Zuneigung zu ihren Kindern haben, in ihrer Bildung dahin gekommen ſind, daß ſie es ſich als Pflicht vorſtellen, mit denſelben umzugehen, werden es nicht be⸗ dürfen, daß man ihnen obige Bedingung als Regel und Gebot aufnoͤthige; ſie werden ſich von ſelbſt dazu entſchließen. Auch wird die haͤusliche Gluͤckſeligkeit fuͤr dieſe Eltern durch den Umgang mit ihren Kindern in eben dem Grade erhoͤhet werden, als ſie es verſtehen und ſich bemuͤhen, 41* 164 Dritte Modifikation. durch denſelben Gutes in den Kindern zu erzeu⸗ gen, den Kreis ihrer Erfahrungen angenehm zu erweitern und ihre Kenntniſſe zu erhoͤhen. Aber eben darinne liegt eine Haupturſache, warum ſo viele Eltern ſich moͤglichſt bald des Aufſeheram⸗ tes uͤber ihre Kinder zu entledigen ſuchen; ſie denken ſich daſſelbe weder als Pflicht, noch wiſ⸗ ſen ſie es zu ihrem eigenen Wohlſeyn zu benutzen. Soll aber der Hauslehrer ſein Amt leichter und darum fruchtbarer fuͤhren koͤnnen, ſo muß ihnen die Verwaltung jenes Amtes heilige Pflicht blei⸗ ben, damit der Lehrer fuͤr ſich mehrere Stunden ungeſtoͤrt arbeiten und ohne Unterbrechung einen Theil derſelben benutzen koͤnne, um ſich an jedem Tage zur Vollfuͤhrung deſſen faͤhig zu machen, was er am folgenden leiſten ſoll. Will man ihm nach einem mehrſtuͤndigen Unterricht die Kinder auch noch fuͤr den uͤbrigen Theil des Tages zur Geſellſchaft geben, ſo mag der Himmel wiſſen, wie er zurechte kommen und alles von einem Tag auf den andern gehoͤrig vorbereiten ſoll. Die Morgenſtunden muͤſſen ihm durchaus zur Befoͤrderung ſeiner eigenen Bildung gelaſſen wer⸗ den. Man wird entgegnen wollen: er duͤrfe ja nur jedem Kinde ein beſtimmtes Geſchaͤft anwei⸗ ſen, ſo koͤnne er ja waͤhrend deſſen Vollfuͤhrung auch fuͤr ſich arbeiten. Wer aber hier Ruhe und Ungeſtoͤrtheit fuͤr Geiſtesarbeiten zu finden meint, der hat gewiß nie Kinder dirigirt. Denn das eine derſelben fragt nach einer Erklaͤrung, das andre bittet um Unterſtuͤtzung, ein drittes verrich⸗ Dritte Modifikation. 165 tet das Seine mit Geraͤuſch, das vierte uͤber⸗ reicht eine vollbrachte Arbeit und haben ſie alle ihre Aufgaben vollendet, ſo geben ſie endlich auch alle, von der Anſtrengung ermuͤdet, durch Un⸗ ruhe zu verſtehn, daß ſie ſich im Zuſtande der Abſpannung befinden und Erholung durch Spiel fuͤr ſie ein Beduͤrfniß worden ſey, deſſen Be⸗ friedigung ſie durch Blicke, Mienen und Ge⸗ berden vom Lehrer verlangen. Rathe nun ein⸗ mal der, welcher den Lehrer von der Aufſicht uͤber die Kinder auſſer den Schulſtunden nicht frei ſprechen will, wie es dieſer nun anfangen ſoll, daß er Muſe erhalte, um die noͤthigen Vor⸗ bereitungen zum Unterricht des folgenden Tages zu vollbringen? alles zu denſelben gehoͤrige mit gehoͤriger Sammlung der Gedanken zuſammenzu⸗ faſſen? Eine Stunde in Ruhe und Ungeſtoͤrtheit arbeiten koͤnnen, iſt ſchaͤtzbarer, als drei Stun⸗ den in Unterbrechung und Geraͤuſch. Um ſo mehr werden Eltern gerne die Muͤhe uͤber ſich nehmen, auſſer den Schulſtunden die Aufſeher ihrer Klei⸗ nen zu ſeyn. Es iſt ja dies ohnehin ihre Pflicht und ihr Elterngefuͤhl muß ſie beſonders zur Er⸗ fuͤllung derſelben hinziehen. Auſſerdem wird ihnen dieſe Aufſicht noch durch den Nutzen vergolten, mit welchem nun der, fuͤr jeden Theil des Un⸗ terrichts taglich genugſam vorbereitete Lehrer an der Bildung der Kinder wird arbeiten koͤnnen. Dieſen, ſehr bald ſichtbaren, Nutzen wird er um ſo bereitwilliger zu ſtiften bemuͤht ſeyn, als er es als Belohnung anſieht, wenn man ihn 166 Dritte Modifikation. nach uͤberſtandenen Beſchwerlichkeiten des Unter⸗ richts Ruhe goͤnnt. Dieſelbe wird er um ſo hoͤher ſchaͤtzen, als ſie zugleich ein Beweis von Ach⸗ tung iſt, welche ihm die Eltern erzeigen. Das Gefuͤhl der Dankbarkeit dafuͤr wird ihn anſpor⸗ nen, dieſelbe durch treue Erfuͤllung ſeines Beru⸗ fes zu vergelten. Nun entſteht aber freilich eine andre Frage: wer von den Eltern ſoll dieſe Aufſicht uͤbernehmen? Der Anweiſung der Natur zu⸗ folge gehoͤrt der Knabe unter die Aufſicht des Vaters, die Tochter unter die Aufſicht der Mut⸗ ter. Nicht aber in allen Familien haben beide zugleich die dazu noͤthige Muſe. Allein, auch die Mutter, hat ſie nur nicht durch eigne Schuld ihre Autoritaͤt verloren, kann gleich geſchickt ſeyn, die Aufſeherin uͤber die Soͤhne ſo gut, wie uͤber die Toͤchter zu ſeyn, ſo bald der Vater durch Geſchaͤfte gehindert wird, dieſes Amt zu verwalten. Die Mutter kann auch am beſten die dazu noͤthigen Stunden eruͤbrigen, wenn ſie nur uͤberhaupt ihre Zeit zu benutzen verſteht, es ihr nicht an Einſicht und Willen mangelt, Hihr Hausweſen in abgemeſſener Ord⸗ nung puͤnktlich zu verwalten, ihre Dienerſchaft zu gewoͤhnen, waͤhrend ſie ganz ihren Kindern lebt, mit Sorgfalt das Ihrige zu verrichten. Sie ſelbſt kann auch bei einer ſolchen Aufſicht gewiſſe weibliche Arbeiten verrichten, dabei zu⸗ gleich ihre Erfahrungen bereichern, ihr Nachden⸗ ken ſchaͤrfen, ihrem Herzen manche ſuͤſſe Empfin⸗ 22. ⏑— u Gu —. R ne Dritte Modifikation. 167 dung verſchaffen, ihren Toͤchtern in Unterweiſung weiblicher Arbeiten doppelt Mutter werden und hierdurch auch wol manche Ausgabe erſparen. Haͤtte ſie letzteres auch nicht gerade noͤthig, ſo muß ihr doch dieſe Wirkſamkeit fuͤr ihre Kinder angenehm ſeyn und als Pflicht erſcheinen, weil dieſelbe einen ungemein wohlthaͤtigen Einfluß auf die Bildung des ſittlichen Charakters und der Haͤuslichkeit der Toͤchter haben wird. Die Soͤhne, vom Lehrer durch aufgegebene leichte Arbeiten be⸗ ſchaͤftigt, beduͤrfen nur ihrer Diſciplin, die auch in den Spielen der Kinder die noͤthige Ordnung und Anſtaͤndigkeit zu erhalten wiſſen wird. Der Lehrer in ſeiner einſam gewordenen Stube ſoll und kann nun in ungeſtoͤrter Stille die freien Stun⸗ den pflichtmäßig, als Mann von redlichem Sinn benutzen, das ganze Materiale ſeiner Unterwei⸗ ſungen auf den folgenden Tag durchzugehen, ge⸗ nau zu waͤhlen und zu beſtimmen, nicht allein, was? ſondern auch, wie er das Ausgewaͤhlte ſeinen Untergebenen beibringen wolle, um ſolches mit Nutzen zu thun. Was habe ich fuͤr Gegen⸗ ſtaͤnde abzuhandeln? was iſt von denſelben mei⸗ nen Zoͤglingen zu wiſſen noͤthig und raͤthlich? in welcher Ordnung werde ich es vorzutragen haben, um die Faßlichkeit zu erleichtern? welche Form, es ihnen beizubringen, wird die beſte ſeyn? Was wird wol einer anderweitigen Erklaͤrung beduͤrfen und, was habe ich deshalb zu leſen und zu be⸗ denken? Welche Bemerkungen laſſen ſich jetzt beilaͤufig von Dingen machen, die nicht unmit⸗ 168 Dritte Modifikation. telbar gelehrt werden koͤnnen? in welcher Ge⸗ muͤthsſtimmung habe ich alles zu behandeln? wie werde ich meine Kinder in dieſelbe verſetzen, um das Intereſſe fuͤr das Lernenswerthe in ihnen lebendig zu machen? Dieſe Fragen genau zu erforſchen und zu beantworten, ſoll der Lehrer die ihm zu Gebote ſtehende Zeit gewiſſenhaft be⸗ nutzen. Guter Wille und Geduld ſind freilich un⸗ entbehrlich dazu und ein feſter Sinn fuͤr alles zu ſtiftende Gute die Grundlage ſeines ganzen Ver⸗ haltens in ſolchen Stunden. Wollte er dieſe be⸗ nutzen zum Leſen moderner Romane, zu gehalt⸗ loſen Herumlaufen bei Bekannten und Freundin⸗ nen, zu zeitverderbenden Spatzierritten, zur Be⸗ friedigung gewiſſer Lieblingsneigungen, zur be⸗ haglichen Pflegung ſeines Leibes: ſo waͤre er frei⸗ lich ein Undankbarer, ein Unwuͤrdiger, der des Brodes nicht einmal werth waͤre, das man ihm ohne ſeine Fuͤrſorge reicht. Wer die Stunden der Vorbereitung ſo hinbringt, daß ſein Herz leer bleibt an edeln Empfindungen fur ſeinen Beruf, ſeine Gefuͤhle eine tadelhafte Richtung erhalten, ſein Verſtand zu Vorſtellungen hingezogen wird, die Hinderniſſe einer redlichen Amtsfuͤhrung wer⸗ den: der iſt des Looſes durchaus unwerth, in einer Familie zu leben, wo man die Wuͤrde ſei⸗ nes Amtes erkennt, und, um daſſelbe moͤglichſt geſeegnet zu machen, ſelbſt alles thut, was man vermag, um zum Zweck zu kommen; er iſt ein veraͤchtlicher Miethling, der ſein Amt um irrdi⸗ ſcher Vortheile willen achtet, fuͤr das er weder 1 Dritte Modifikation. 169 paßt noch werth iſt, angeſtellt zu werden. Aber welch' ein Seegen laͤßt ſich erwarten, wenn ein redlicher Lehrer jene freigelaſſenen Stunden treu fuͤr ſein Amt benutzt? Mit welchem ſchoͤnen Gefuͤhle erhabener Wuͤrde kann die Mutter jene Aufſicht fuͤhren, wenn ſie weiß: dieſelbe ſey die Bedingung, unter welcher der Lehrer tuͤchtig wer⸗ de, am folgenden Tage vernuͤnftig am Heil ihrer Kinder arbeiten zu koͤnnen! Welche herzliche Wuͤnſche muß dann nicht der fuͤr das Wohl der ganzen Familie arbeitende Hausvater uͤber Mut⸗ ter und Lehrer ergehen laſſen, wenn er unter den Haͤnden beider die Seinen geſund und gut heran⸗ wachſen ſieht? Welche ſchoͤne Scene wird ſich taͤglich erneuern, wenn die beſtimmte Abendſtunde Freiheit von allen Beſchwerden des Tages verkuͤn⸗ digt, Vater und Lehrer, Mutter und Kinder wieder zuſammenbringt! Alle, erfuͤllt von Freude uͤber das Bewußtſeyn, die Pflichten des Tages erfuͤllt zu haben, werden im Blick und Wort die deutlichſten Zeichen ſchoͤner, herzlicher Dankbar⸗ keit zu erkennen geben fuͤr die Unterſtuͤtzung, wel⸗ che ein Theil dem andern zur pflichtmaͤßigen Aus⸗ bildung der jungen Seelen hat zukommen laſſen. Da wird Frohſinn und Heiterkeit die ganze Ge⸗ ſellſchaft beleben und Jedes bemuͤht ſeyn, das empfangene Gute, die genoſſene Huͤlfe, Achtung und Liebe durch freundliche und gefaͤllige Unter⸗ haltung zu vergelten! Alle werden ſich gut und gluͤcklich fuͤhten und mit inniger Herzensfreude Gott am Ende jedes Tages Dank, Lob und 170 Dritte Modifikation. Preis fuͤr allen Seegen ſagen, der ihnen und den Kindern zu Theil worden iſt! 2) Man gebe dem Hauslehrer zwei halbe Tage in der Woche ganz frei, die er zu einem beliebigen Zweck benutzen kann, als Tage der Auf⸗ heitrung, Erholung und Freiheit. Wer in fortgeſetzter Thaͤtigkeit begriffen, ei⸗ nen Tag wie den andern, ſeine Kraͤfte gleich ſtark anſtrengen ſoll, wird ohne die gewiſſe Aus⸗ ſicht auf Erholung am Ende eben ſo mit Ver⸗ druß, als muthlos arbeiten. Sehr weiſe iſt da⸗ her die Einrichtung bei oͤffentlichen Schulen, den Lehrer zwei Nachmittage der Woche gaͤnzlich zu uͤberlaſſen, ſie da ihrer Geſchaͤfte zu uͤberheben, auch ſie ein Paar Mal empfinden zu laſſen, daß ſie freie und nicht blos fuͤr Andre lebende Weſen ſind. Wenn der Hauslehrer nach einem taͤglich ſechsſtundigen Unterrichte die noch uͤbrige Tages⸗ zeit den Vorbereitungen und wiſſenſchaftlichen Arbeiten zugewogen hat: ſo ſehnt er ſich in der That nach einigen Stunden, in welchen er ver⸗ tragsmaͤßig vom Berufe losgeſprochen, auch ſeinem Willen leben kann, wo noͤthige Erquickung ihn wieder faͤhiger macht, von neuem in ſeinem Berufe kraͤftig zu wirken. Denn, wer ein Amt verwaltet, bei dem es nicht ohne Aergerniß und Verdruß abgehen kann, einen Beruf, der zwar ſeine Freuden hat, aber auch oft nnangenehme Empfindungen aufregt: der wird, wenn er nicht Dritte Modifikation. 171 indolent iſt, ſich nach Aufheitrung ſehnen, um die ſorgedeutenden Falten von der Stirne zu ſcheu⸗ chen, das Andenken an unangenehme Auftritte zu verloͤſchen, durch ein Vergnuͤgen neuen Muth zu gewinnen, das Schwere der Lebensart zu tragen mit Standhaftigkeit. Iſt ihm nun die Ausſicht dazu eigentlich benommen, kann er vielleicht gar erſt durch ein, nach ſeinem Gefuͤhle erniedrigen— des Bitten, dahin gelangen, um mit einem Freund in der Nachbarſchaft ſich durch wiſſen⸗ ſchaftliche Unterhaltung einmal in eine andre Sphaͤre verſetzen, durch den freien Genuß der Natur, in welcher er die Gegenſtaͤnde einer Lieb⸗ lingswiſſenſchaft aufſuchen moͤchte, ſeinen Gefuͤh⸗ len fuͤr Schoͤnheit, ſeinem Nachdenken und Beob⸗ achten freien erwuͤnſchten Raum verſchaffen zu duͤrfen: ſo wird es ihm bitter und ſchwer, ſechs Tage ununterbrochen, wie an einem Joche zu ziehen und an keinem mit dem Gedanken erwa⸗ chen zu duͤrfen:„heute werde ich auch mir ein⸗ mal ganz leben duͤrfen!““ Welchen Einfluß dies auf den Hauslehrer und die Vollendung ſeiner Geſchaͤfte haben muß, kann ſich jeder Gefuͤhlvolle leicht ſelbſt vorſtellen. Was iſt dem gebildeten Menſchen lieber, was erkennt er ſeiner wuͤrdiger, als vertragsmaͤßige, geſetzliche Freiheit. Brin⸗ gen unſre Verhaͤltniſſe es mit ſich, daß wir in Eintheilung der Zeit, Betreibung der Geſchaͤfte, ſelbſt in der Benutzung unſrer Nebenſtunden, ſo⸗ gar in dem, was uns als Vergnuͤgen angeboten wird, gaͤnzlich von Andern abhaͤngen; o, ſo wird 172 Dritte Modifikation. das Bewußtſeyn hievon, jemehr wir die Beſchaf⸗ fenheit unſers Werthes, unſerer Verdienſte und Moralitaͤt kennen und uns eines gluͤcklichen Zu⸗ ſtandes wuͤrdig erklaͤren duͤrfen, der uns auch in unſern Verhältniſſen wirklich zu Theil werden koͤnnte, um ſo druͤckender werden. Sieht der Hauslehrer, daß man es ihm uͤberlaͤßt, eine beſtimmte Zeit zum eignen, freien Gebrauch zu benutzen, der in keiner Beziehung auf ſeine amt⸗ lichen Arbeiten ſteht, ſo erblickt er darinne ein deutliches Merkmal der Achtung, die man ihm von Seiten der Familie erweiſen will. Sein Herz wird mit Dank erfuͤllt und ſein Wille zu Ent⸗ ſchluͤſſen beſtimmt ſeyn, welche das Wohl und die Freude des Urhebers jener Freiheit zum Zweck ſetzen; ja, er wird gerne an ſeinen Freitagen die zum Unterrichte des folgenden Tages noͤthige Vor⸗ bereitung in den Morgenſtunden vornehmen, die er ſonſt zu eignen geiſtigen Beſchäftigungen fuͤr ſich benutzt. So werden ihm die beiden freien Nachmittage der Woche, Stunden von groſſen Werth ſeyn. Nicht unbelohnt werden Eltern die Folgen davon erfahren; in der Dankbarkeit des Lehrers, in deſſen Beſtreben, ſolcher Beweiſe von Achtung immer wuͤrdiger zu werden, werden ſie den beſten Erſatz fuͤr die dem Lehrer uͤberlaſſenen freien Stunden reichlich erhalten und finden. Dritte Modiſikation. 173 3) Man unterſtuͤtze die Hauslehrer mit noͤthigen Huͤlfsmitteln zu ei⸗ nem zweckmaͤßigen Unterricht. Freilich wird mit Recht vorausgeſetzt, daß derjenige, welcher einen Beruf erwaͤhlt, ſich auch getraue, die Bedingungen zu erfuüllen, unter welchen der Endzweck deſſelben erreichbar wird. Wer in gewiſſe Verhäͤltniſſe eingeht, ſoll ſich auch der Kraft bewußt ſeyn, den Pflichten Ge⸗ nugthuung zu verſchaffen, welche ihm dieſelben auflegen. Nur wer in der rechten Verfaſſung iſt, beſtimmte Geſchaͤfte zweckmaͤßig fuͤhren zu koͤnnen und bei allem guten Willen auch mit erforder⸗ lichen Kenntniſſen und Fertigkeiten dazu ausge⸗ ruͤſtet iſt, kann dieſelben uͤbernehmen. Dem Hauslehrer werden gewoͤhnlich die Gegenſtäͤnde beſtimmt vorgehalten, die den Inhalt ſeiner Ge⸗ ſchaͤfte ausmachen, in die er einzugehen verſpricht. Man erwartet daher auch, ſo bald er ſie uͤber— nimmt, daß er ihnen gewachſen ſey, die Betrei⸗ bung derſelben nicht erſt als Gelegenheit benutzen wolle, ſich in alle dem zu orientiren, Kenntniſſe zu verſchaffen, Fertigkeiten zu erwerben, was ihm ſchon bekannt, womit er ſchon vertraut ſeyn, worin er ſich laͤngſt Fertigkeit erworben haben ſoll. Sollte auch kein Mitglied der Familie, de⸗ ren Kinder er, ihrem Stande und ihrer etwaigen Beſtimmung gemaͤß, zu erziehen verſpricht, an⸗ geben koͤnnen, welcher Unterricht dazu erforder⸗ lich ſey: ſo verlaͤßt man ſich nun eben auf ihn, 174 Dritte Modifikation. daß er wiſſe und verſtehe, was noͤthig ſey. Aber dies alles auch vorausgeſetzt, ſo wird dadurch die Herbeiſchaffung noͤthiger Huͤlfsmittel zu einem zweckmaͤßigen Unterricht nicht unnoͤthig gemacht. Um der Kinder ſelbſt willen, ſind ſie bei jedem Gegenſtande des Unterrichts unentbehrlich. Soll⸗ ten z. B. Lehrbuͤcher auch dem Lehrer blos als Wegweiſer oder Leitfaden dienen, ſo wird ſchon die Ordnung, mit welcher er nun veſten Schrit⸗ tes fortſchreitet, die Unentbehrlichkeit und Wohl⸗ thaͤtigkeit derſelben zeigen. Von welcher Art und Materie der Unterricht ſeyn mag, ſo wird er ohne Ordnung weder die noͤthige Faßlichkeit be⸗ ſitzen, noch die Bildung des Geiſtes befoͤrdern, mit Sicherheit weder aufgefaßt noch behalten werden. Lehrbuͤcher vermehren auch die Gewiß⸗ heit, mit welcher der Lehrer verfahren ſoll; und wenn er auch weiß, was er zu ſagen habe, ſo wird doch nun ſein Vortrag um ſo mehr von allem Zweideutigen und Undeutlichen gereinigt ſeyn. Schon die Sicherheit, mit welcher er ſpricht, fragt und antwortet, wird einen guten Eindruck auf die Kinder machen, dieſe um ſo mehr fuͤr den Unterricht einnehmen, als ſie es dem Lehrer abmerken, daß er ſeiner Sache gewiß ſey. Ueberdies wird ſeine Wiſſenſchaft ihn erſt in Verbindung eines vernuͤnftigen Gebrauchs gu⸗ ter Huͤlfsmittel gehoͤrig in den Stand ſetzen, das fuͤr Kinder Wiſſenswuͤrdige nicht nur zweckmaͤ⸗ ßig auszuwaͤhlen, ſondern auch mit Gruͤnd⸗ lichkeit vorzutragen, ohne welche alles Wiſſen Dritte Modifikation. 175 weder von Dauer, noch Nutzen iſt. Ja, er wird genoͤthigt ſeyn, Lehrgegenſtaͤnde, welche ohne Anſchauung vergeblich vorgetragen werden, aus Mangel an Huͤlfsmitteln ganz zu uͤbergehn. Es kann ein Hauslehrer z. B. gute Kenntniſſe von Naturalien haben; ein Handbuch wird ihm dennoch unentbehrlich ſeyn, je natuͤrlicher nur alle Ordnungen derſelben darinnen aufgefuͤhrt ſind, indem es ihn vor Uebergehungen und Verwirrun⸗ gen ſchuͤtzt. Noch nuͤtzlicher aber wird er mit ſeiner Wiſſenſchaft werden, wenn ihm Eltern Gelegenheit geben, wenn auch nur kleine, Samm⸗ lungen von Naturalien benutzen zu koͤnnen. Beim Sprachunterricht muͤſſen ihm nothwendig gute Woͤrterbuͤcher und Grammatiken zur Hand ſeyn. Im Vortrag der Geſchichte darf man ihn nicht ohne Handbuch und Schriften laſſen, die ihm zur Erklaͤrung der dabei vorkommenden Gegen⸗ ſtaͤnde, hauptſaͤchlich aus der Vorzeit, nuͤtzliche Dienſte leiſten. Thoͤrig wuͤrde es ſeyn, wenn man vom Hauslehrer forderte, Geographie zu lehren, ob man ihm gleich weder einen Erdglo⸗ bus verſchaffen, noch mit einem ausreichenden Apparat von Landcharten verſehen wollte. Ue⸗ berblicke man doch nur die groſſe Menge von Lehrgegenſtaͤnden, denen er vorſtehen ſoll, und man wird die Forderung nicht uͤbertrieben achten, ihn in allen Stuͤcken mit noͤthigen Huͤlfsmitteln zu verſehn, ſondern ſehr billig und gerecht fin⸗ den. Will man, daß allen Gegenſtaͤnden des taͤglichen Unterrichts die noͤthige Vorbereitung 176 Dritte Modifikation. vorausgehen ſolle, ſo muß man dieſer auch die moͤglichſte Abkuͤrzung geſtatten. Wie dies aber ohne Huͤlfsmittel geſchehen koͤnne? iſt nicht wol abzuſehen. Wer den Lehrer dieſe nicht anſchaffen will, der muß ſich auch gefallen laſſen, daß gerade in den wichtigſten und ſchwierigſten Faͤllen die mehreſten Fehler unvermeidlich ſeyn werden. Freilich werden die Ausgaben des Hausvaters um ein betraͤchtliches vermehrt; aber jeder Haus⸗ lehrer wird auch ſo billig ſeyn, ſeine Forderun⸗ gen nach den muthmaßlichen Vermoͤgensumſtaͤn⸗ den deſſelben einzurichten, alle Huͤlfsmittel in gutem Stand zu erhalten und zu einem moͤglichſt langen Gebrauch zu erhalten ſuchen. Die mehre⸗ ſten ſind auch von der Art, daß ihre Herbeiſchaf⸗ fung nur einmal noͤthig iſt. Der billige Lehrer wird auch bei Gegenſtaͤnden, die er ohne fremde Huͤlfe abzuthun vermag, alle Unkoſten zu erſpa⸗ ren bereitwillig ſeyn, aber auch von der andern Seite guten Willen und pllichtmaͤßige Anſtren⸗ gung fordern duͤrfen. Nur muͤſſen Eltern den Wahn fahren laſſen, als ob ſie mit Anſchaffung der noͤthigen Huͤlfsmittel zum Unterrichte dem Lehrer eine Wohlthat erzeigen, ſondern bedenken: daß die gruͤndliche und zweckmaͤßige Bildung der Kinder es fordre. Man erſtaunt oft und weiß nicht, was man denken ſoll, wenn man Unter⸗ richtsſtuben antrifft, wo man auſſer einem Re⸗ ligionskatechismus, einem Donat, Cornelius Ne⸗ pos, auſſer einem ABC⸗ und Leſebuch weder eine Landcharte ſieht, noch einen Erdglobus ent⸗ Dritte Modifikation. 177 deckt, weder Naturalien vorfindet, noch ein Buch von Land⸗ und VYoͤlkergeſchichte zu ſehn bekommt, weder ein muſikaliſches Inſtrument wahrnimmt, noch irgend ein mechaniſches Huͤlfsmittel, nicht einmal eine ſchwarze Tafel zum Vorzeichnen, er⸗ blickt. Wuͤrde ein Herr Pachter, Oeconomiein⸗ ſpector, Rittergutsbeſitzer nicht lachen, wenn er auf einem Landguthe zwar Pferde, aber keinen Hafer, zwar Ackerknechte, aber keine Pfluͤge, zwar Dreſcher, aber keine Dreſchflegel antraͤfe? Dennoch aber faͤllt es Manchem nicht ein, daß der Lehrer ſeiner Kinder eben ſo wenig von allem entbloͤßt ſeyn duͤrfe, was er zur ordentlichen Fuͤh⸗ rung der Erziehungswirthſchaft noͤthig hat! Bis⸗ weilen liegt es aber auch an den Hauslehrern ſelbſt, wenn es am Noͤthigen mangelt. Dieſen fehlt es nicht ſelten an noͤthiger Bekanntſchaft mit den Huͤlfsmitteln zur Privaterziehung, indem ſie entweder gar keine darauf in Bezug ſtehende Schrift leſen oder, wenn dies auch geſchieht, es mit noͤthiger Aufmerkſamkeit fuͤr die Nuͤtzlichkeit ihres Amtes zu thun unterlaſſen. Manche finden es ſehr bequem, nach einem alten Schlendrian zu unterrichten, wollen mit Fleiß nicht mehr und andre Lehrgegenſtaͤnde in den Unterricht aufneh⸗ men, als etwa der Vater und die Mutter nach Maasgabe ihres Iungendunterrichts aufgeben, und leben nun ohne Benutzung deſſen, was das Zeitalter Gutes fuͤr Kinder liefert, in ihrer Pflicht⸗ vergeſſenheit hin. Manche wiſſen aus gaͤnzlicher Unbekanntſchaft mit den Dingen, die in der paͤ⸗ 12 178 Dritte Modifikation. dagogiſchen Welt geſchehen, nichts zu verlangen, weswegen der Ankauf mancher nuͤtzlichen Schrift und anderer Huͤlfsmittel unterbleibt. Andre moͤ⸗ gen aus Traͤgheit ſich nicht an etwas Beſſeres gewoͤhnen, als dasjenige war, nach welchem ſie ſelbſt nach großvaͤterlicher Art unterrichtet wur⸗ den, und erwaͤhnen vorſetzlich keines Befoͤrde⸗ rungsmittels der Nuͤtzlichkeit ihres Berufs, da⸗ mit ſie der Muͤhe uͤberhoben bleiben, den Ge— brauch deſſelben zu ſtudiren. Anſtatt durch Stu⸗ dium und Benntzung trefflicher Huͤlfsmittel, zu deren Herbeiſchaffung vielleicht der Hausvater nur einer Vorſtellung bedarf, ſich als wahre Lehrer zu erweiſen, dem Kreiſe ihrer Thaͤtigkeit eine zweckmaͤßige Ausdehnung, ihren Bemuͤhungen eine wirkſamere Einrichtung zu geben, benutzen ſie lieber die Zeit auſſer den Uuterrichtsſtunden, um der Jagd, dem Vergnuͤgen und Spiel nach⸗ zugehen, und herrſchend gewordenen Luͤſten zu froͤhnen. Aber auch die Erfahrung ſoll man machen: daß Eltern lieber mit anſehnlichen Ein⸗ ſatz Karten und Wuͤrfel ſpielen, als Buͤcher fuͤr ihre Kinder kaufen, oft an ei nem Abend auf dieſe Weiſe mehr wegwerfen, als die Koſten fuͤr Huͤlfs⸗ mittel zum Unterricht in einem Jahre ausma— chen wuͤrden, deren Ankauf von der Klugheit und Pflicht, von der Billigkeit und Gerechtig⸗ keit ſo laut gefordert wird. Dritte Modifikation. 179 4) Man beſuche zu jeder Zeit, die man eruͤbrigen kann, obſchon zu unbe⸗ ſtimmten Stunden und Tagen, die Schulſtunden. Familienvaͤter, welche durch Reichthum in den Stand geſetzt ſind, oͤffentliche Aemter als Erwerbszweig entbehren oder mehrere Stunden des Tages mit beliebigen Beſchaͤftigungen aus⸗ fuͤllen zu koͤnnen, haben es ganz in ihrer Ge⸗ walt, ihre Muſe auf dieſe pflichtgemaͤße Weiſe zu benutzen. Sind ſie aber freilich nur an das Kurzweil gewoͤhnt, ſo finden ſie da nothwendig lange Weile, wo nur durch Reihen von Fragen und Antworten, durch muͤhſame Zergliederung von Begriffen und Vorſtellungen, durch kindlich einfache Darſtellungen und Erzaͤhlungen, durch ſtreng wiederkehrende Einuͤbungen und Wiederho⸗ lungen,(und bei dem Allem durch Regſamkeit des Geiſtes und aushaltende Geduld ein Reſultat errungen wird, fuͤr Verſtand und Vernunft, Herz und Gemuͤth, fuͤr Tugend und Froͤmmig⸗ keit. Der Schulbeſuch wird ihnen kein Vergnuͤgen machen, ſo bald ſie ſich verwoͤhnt haben, und daſſelbe nur aus abentheuerlichen Romanen, aus Erzaͤhlungen heroiſcher Thaten ihrer Hunde, aus unnuͤtzen Herumſchlendern in Gaͤrten und in Ge⸗ ſellſchaften der Muͤſſiggaͤnger ſchoͤpfen wollen. Der Hauslehrer hat Ruhe vor ihnen. Derglei⸗ chen Leute wiſſen und wollen bei aller Muſe und Gelegenheit nicht wiſſen, was in ihren Verhaͤlt⸗ 12 180 Dritte Modifikation. niſſen Pflicht fuͤr ſie iſt. Der Geſchaͤftsmann, welchen Berufsarbeiten den groͤßten Theil des Tages an ſich feſſeln, wird freilich eben ſo we⸗ nig eine Zeit zu Schulbeſuchen feſtſetzen koͤnnen, als die Hausfrau die Vormittagsſtunden dazu wird benutzen duͤrfen. Um ſo wirkſamer aber wird dann auch ein uͤberraſchender Beſuch ſeyn, heilſamer und bleibender der Eindruck deſſelben auf die Kinder, hier und da auch auf den Leh⸗ rer. Dieſer ſoll freilich den Mangel ſolcher Be⸗ ſuche durchaus nicht zur Entſchuldigung des we⸗ nigen Eifers fuͤr ſeinen Beruf brauchen, weil er die Kraft errungen haben ſoll, ſich ſelbſtſtaͤndig zur rechtſchaffenen Fuͤhrung ſeines Amtes zu be⸗ ſtimmen; demohnerachtet aber koͤnnen und ſollen dergleichen Beſuche als Motive eifrigerer Pflicht⸗ leiſtung wirkſam werden. Die Unentbehrlichkeit und Heilſamkeit derſelben ſpringt beim erſten Nachdenken in die Augen. Eltern werden daher um ſo mehr bereitwillig ſeyn, eine Pflicht zu erfuͤllen, deren Ausuͤbung in die Hemmung der Uebel eingreift, welche die zweite Modifikation mit ſich fuͤhrt, und werden die gaͤnzliche Unter⸗ laſſung dieſer Pflicht durch nichts entſchuldigen wollen. Denn, es laͤßt ſich kaum fuͤrchten, daß Jemand, der einen Hauslehrer halten kann, Amts und Geſchaͤfte halber niemals eine halbe oder ganze Stunde zu jenem Beſuche abmuͤſſigen koͤnn⸗ te, ſollte ſie auch die ganze Woche hindurch nur ein oder zwei Mal ſchlagen. Selbſt dem Ge⸗ ſchaͤftsmann, welchen zu beſtimmten Stunden Dritte Modifikation. 181 die Schreibe⸗ oder Expeditions⸗Stube ruft und in Thaͤtigkeit ſetzt, bleiben noch Fruͤh⸗ und Nach⸗ mittagsſtunden, von denen hisweilen eine gewiß zu einem ſo edeln Zwecke verwendet werden koͤnn⸗ te, der eben ſo zu erreichen Pflicht iſt, als da⸗ durch die Befoͤrderung der Abſicht, zu welcher der Hauslehrer arbeiten ſoll, beguͤnſtigt wird. Denn die Kinder nehmen es aus dem Schulbeſuch ab, daß Eltern den Unter⸗ richt unterdiejenigen Gegenſtaͤnde rech⸗ nen, worauf ſie einen Werth legen und welche ſie ihrer Achtung und Fuͤrſorge werth hal— ten. Von Jugend auf gewohnt, die Maximen der Eltern zu den ihrigen zu machen, werden ſie in gleicher Geſinnung beſtaͤrkt und daher in der Achtung deſſen, was ſie lernen ſollen, hoͤher ge⸗ hoben. Kindern wird alles wichtiger, woran ihre Eltern Theil nehmen, ſollte dieſes auch nur in Zuſchauen und Anhoͤren beſtehen. Iſt es doch bei ihren Spielen ſchon der Fall, die ſie mit deſto groͤßerer Luſt und Freude durchfuͤhren, wenn ſie dieſelben durch der Eltern Gegenwart ſanctio⸗ nirt finden. Niedergeſchlagenheit haͤlt ihren Muth nieder, laͤhmt ihre Kraft, ſchwaͤcht ihre Luſt, ſo bald es Eltern abſchlagen, an ihren Verrich⸗ tungen Antheil zu nehmen und dieſelben durch ihre Theilnahme zu ehren. Hieraus wird man auf den Einfluß ſchließen duͤrfen, welchen die, zwar an keine Zeit gebundne, aber doch gewiß zu erwartende Erſcheinung der Eltern in den Schulſtunden auf die Schaͤtzung des Unter⸗ 182 Drritte Modifikation. richts in den Kindern haben wird. Die in den⸗ ſelben vermehrte Achtung gegen die Lehrgegen⸗ ſtaͤnde wird ſie zu groͤſſerer Aufmerkſamkeit er⸗ wecken, die durch freudige Mienen ſowol, als durch die verzogene Stirn des Vaters oder der Mutter nothwendig erhoͤht werden muß. Die Art des Vortrags, mit welcher der Lehrer Intereſſe zu erregen weiß, erhaͤlt Unterſtuͤtzung. Freilich muß derſelbe durchaus die Kunſt verſtehen, ſich und ſeinen Lehrgegenſtand intereſſant zu machen; den Mangel derſelben wuͤrde keine Gegenwart der Eltern erſetzen koͤnnen. Aber die Erfahrung lehrt es doch, welche Veraͤnderung in den Gemuͤthern auch der guten und fleißigen Kinder zum Vortheil des Unterrichts vorgeht, wenn der Vater oder die Mutter erſcheint; wie dann alles lebendiger wird, der Fleißige ſich ſtaͤrker zum Aufmerken und Nachdenken anſpornt, der Leichtſinnige und Unachtſame zu anhaltenderer Ruhe und Achtſam⸗ keit gebracht wird, und dieſe Tugenden endlich das ganze Verhalten der Schuͤler um ſo mehr beſtimmen, je gewiſſer nichts Buͤrge ſeyn kann, daß Vater oder Mutter in jeder Stunde erſchei⸗ nen duͤrften. Und dies ſollte kein Vortheil ſeyn? Nicht blos aber wird ſich der wohlthaͤtige Erfolg ſolcher Schulbeſuche blos innerhalb der vier Waͤnde der Schulſtube aͤuſſern; in die ganze Erziehung der Kinder wird derſelbe zugleich uͤber⸗ gehen. Denn Eltern koͤnnen bei jenen Beſuchen manche Entdeckungen machen, die nur in den mancherlei Situationen wahrnehmbar ſind, in Dritte Modifikation. 183 welche die Kinder durch den Lehrer beim Unter⸗ richt verſetzt werden. Sie koͤnnen in den Mienen und Gebehrden der Kinder bei erhaltenen Aufga⸗ ben ſo manches leſen, aus deren Art und Weiſe zu arbeiten ſo mancherlei Schluͤſſe ziehen, on dem Benehmen derſelben gegen den Lehrer ſo man⸗ cherlei Folgerungen ableiten, die ihnen ſaͤmmtlich bei der Erziehung gute Dienſte leiſten und Winke geben koͤnnen, wie es um die Guͤte des Willens, um die Beſchaffenheit der Neigungen und des Charakters der Kleinen ſtehen moͤge. Dieſe wuͤr⸗ den ihnen alle entgehen, wenn ſie es vernachlaͤſ⸗ ſigen wollten, Beobachter ihrer Lieben, auch in den Stunden des Unterrichts, zu ſeyn. Daher werden ſie ſich durch ihre Schulbeſuche in den Stand ſetzen, ihre Kinder mit Gerechtigkeit und Weisheit zu behandeln, indem ſie ſich ſelbſt von dem moraliſchen Werth eines jeden Kindes naͤher unterrichten und ſich in den Stand ſetzen, jedem nach Verdienſt und Wuͤrden zu begegen und da⸗ durch wiederum auf Achtſamkeit, Fleiß und gutes Betragen beim Unterricht ſowol, als im Allge⸗ meinen zuruͤckzuwirken. In dieſer Begegnung muß aber auch allein das Lob enthalten ſeyn, das Eltern waͤhrend des Unterrichts auf der Zunge ſchwebt und nicht uͤber die Lippen kommen darf, der Tadel ſichtbar werden, der ihnen zu jener Zeit die Bruſt verengt, aber in derſelben ver⸗ ſchloſſen bleiben muß. Denn, waͤhrend des Un⸗ terrichts jenes Lob zu ertheilen und dieſen Tadel laut werden zu laſſen, wuͤrde zu weiter nichts 184 Dritte Modifikation. dienen, als die edle Zeit zu verderben und die Schuͤler zu zerſtreuen. Sollten beſondre Um⸗ ſtände Lob oder Tadel ja noͤthig machen, ſo muͤſſen beide auſſer den Schulſtunden und zwar, wenn nicht die Weisheit es anders fordert, ohne Beiſeyn intereſſirter Perſonen ertheilt werden. Auch dem Lehrer muͤſſen dergleichen Beſuche nicht anders, aͤls angenehm ſeyn. Er kann ſie als einen Beweiß von Achtung aufnehmen, welche ihm Eltern zugleich dadurch erzeigen, daß ſie kommen, um ihn zu hoͤren, an ſeiner Freude bei gluͤcklichen Fortſchritten der Lehrlinge Theil zu nehmen, mit ihm Schmerz zu empfinden, wenn er ſeine Bemuͤhungen vereitelt, ſeine Erwartun⸗ gen getaͤuſcht ſieht, Zeugen ſeines Fleißes, ſeiner Anſtrengung und Geſchicklichkeit zu werden, ſich zu verſichern, wie ihm das geſtiftete Gute zu danken, das Fehlſchlagen gemachter Hoffnungen nicht zuzurechnen ſey. Ihm ſelbſt ſollen derglei⸗ chen Beſuche als moraliſche Erweckungsmittel zum Eifer fuͤr ſeine Beſtimmung in der Familie gel⸗ ten, er ſoll es fuͤr Pflicht achten, die Beweiſe der Werthſchaͤtzung, die er dadurch erhaͤlt, durch Treue und gewiſſenhafte Thaͤtigkeit fuͤr die Ver⸗ edlung der Kinder zu erwiedern.— Wo Gefuͤhl fuͤr Ehre und Achtung gegen ſich ſelbſt noch vorhanden iſt, da kann wol durch jene Beſuche der leichtſinnige Lehrer zur Aufmerkſamkeit auf ſeine Pflicht gelenkt, der ſaumſelige zur Thaͤtig⸗ keit erweckt, der nachlaͤſſige zur Ordnung ge⸗ bracht, der hitzige zur Geduld herabgezogen, der — Dritte Modifikation. 185 partheiiſche zur Gerechtigkeit genoͤthigt, der muͤr⸗ riſche zur Freundlichkeit bewogen werden. Solche Vortheile ſollten in elterlichen Gemuͤthern nicht die lebhafteſten Entſchließungen zur Reife brin⸗ gen, die Schulſtunden zu jeder Zeit zu beſuchen, die ſie nur eruͤbrigen koͤnnen? So der Eltern wuͤrdig und heilſam die Er⸗ fuͤllung der abgehandelten Bedingung iſt, ſo un⸗ wuͤrdig und voll uͤbeln Einfluſſes auf Lehrer und Kinder iſt eine Unart, die hier und da vorfaͤllt: an der Thuͤre der Schulſtube zu horchen, was in dieſer vorgehe und geſprochen werde. Es iſt dies zu albern, kindiſch und niedertraͤchtig, als daß es vieler Worte werth waͤre. Nur dies mag uͤber dieſe Unart hier ſtehen: daß ſie eben ſo mit der Aufrichtigkeit ſtreitet, als mit der Achtung, welche Eltern dem Lehrer, als einem rechtlichen Manne, ſchuldig ſind, deſſen Bildung ſchon erwarten laͤßt, daß aus ſeinen Unterredun— gen und ſeinem Umgange mit Kindern alles ent⸗ fernt ſeyn werde, was nicht ans Licht gebracht werden darf. Sie iſt Beweiß eines kleinen Gei⸗ ſtes, der ſich nicht getraut, dem rechtlichen Manne unter die Augen zu treten, ihm unver⸗ hohlen ſeine Abſichten merken zu laſſen und ſeine Gedanken uͤber gemachte Erfahrungen zu eroͤff⸗ nen; eines kleinen Geiſtes, der im, Dunkeln und unbemerkt Nahrung fuͤr ſein Mißtrauen ſucht, um hinter dem Ruͤcken des Belauſchten Kritiken zu ſchmieden, deren jeder rechtliche Menſch mit Recht ſich ſchaͤmt. Warum verborgen und licht⸗ 186 Dritte Modifikation. ſchen verfahren, wo man das Recht hat, oͤffent⸗ lich zu handeln und die Pflicht gebietet, mit Offenheit zu Werke zu gehn? warum Schleich⸗ wege eingeſchlagen, wo Vernunft und gute Sit⸗ ten den offenen Weg zu betreten gebieten? So wie dieſes eine Unart iſt, ſo verdient ein anderes ſauberes Verhalten mit vollem Rechte den Namen der Heimtuͤcke, welche aus niedri⸗ ger, unveredelter Geſinnung und unreiner Abſicht heimlich die Kinder ausfragen heißt: was der Lehrer uͤber dieſe oder jene Geſchichte des Tages geſprochen? ob er ſich uͤber gewiſſe Hausbegebenheiten und Behandlungen geaͤuſſert? wie er die Kinder ſelbſt behandelt? ob er viel gezankt habe? muͤrriſch und verdruͤßlich geweſen ſey? um alsdann, wohl gar in Gegenwart der Kinder, Bemerkungen uͤber ihn zu machen, ihn lacherlich darzuſtellen, uͤber ihn zu ſpotten, zu ſchimpfen, Drohungen auszuſtoſſen. Wollt ihr ihn kennen lernen, den ihr euern Kindern vorge⸗ ſetzt habt, wollt ihr naͤher mit dem bekannt wer⸗ den, der euer Stellvertreter ſeyn ſoll, haltet ihr es fuͤr noͤthig, euch in den Stand zu ſetzen, uͤber den ein beſtimmtes Urtheil zu faͤllen, der wirken und vollenden ſoll, was ihr vielleicht aus Schwach⸗ heit nicht koͤnnt, aus Traͤgheit nicht wolle: ſo erſcheint als redliche Leute in den Unterrichts⸗ ſtunden, ſeyd in dieſen als Maͤnner und Frauen gegenwaͤrtig, deren aufrichtiger Blick und edle Offenheit dem Lehrer nur Gutes verſprechen kann. 2b———— N 0 ☛ n O6C 9. 19 38 Dritte Modifikation. 187 5) Man ſuche ſich durch Unterredun⸗ gen mit dem Lehrer über alles zu verſtaͤndigen und in Einoerſtaͤnd⸗ niß zu ſetzen, was die Kinder be⸗ trifft. Wenn Eltern nicht alles ſelbſt vollbringen, was die Bildung ihrer Kinder betrifft, nicht auch nur einen Gehuͤlfen zu dieſem ſchweren Geſchaͤfte im Hauslehrer ſuchen, ſondern demſelben allen Unterricht, ja auch die Erziehung der Kinder zum Theil uͤberlaſſen wollen: ſo muͤſſen ſie auch bereitwillig ſeyn, ſich muͤndlich mit demſelben in Einverſtand zu ſetzen, wodurch und wie der End⸗ zweck erreicht werden koͤnne, zu dem der Lehrer angenommen worden iſt. Der Unterricht ließe es noch am eheſten zu, daß der Lehrer ganz allein handelte, ohne mit den Eltern alles vorher uͤber⸗ legt, durchdacht, abgewogen und beſchloſſen zu haben, obſchon auch dieſes nicht gebilligt werden kann; allein bei der Erziehung wuͤrden unter gleichen Umſtaͤnden die nachtheiligſten Wirkungen herbeigefuͤhrt werden. Hat ſich der Hauslehrer durch ſeinen Eifer ſowol fuͤr ſeinen Beruf, als durch die Wirkun⸗ gen, welche billigerweiſe von ihm erwartet wer⸗ den koͤnnen, des Zutrauens der Eltern wuͤrdig gemacht; koͤnnen dieſe nicht mit ihm in thaͤtiger Verbindung die Bildungsbahn der Kinder durch⸗ ſchreiten, glauben ſie, durch ihre Verhaͤltniſſe gehindert zu ſeyn, thätigen Antheil am Anbau 188 Dritte Modifikation. des Verſtandes und der Vernunft der Ihrigen nehmen zu koͤnnen: ſo wuͤrde es in der That nicht nur eine ſchreckliche Indolenz, ſondern auch Mangel an AOchtung gegen die Pflicht verrathen, wenn ſie die ihnen zu Gebot ſtehende, gelegent— liche Zeit nicht einmal dazu verwenden wollten, daß ſie mit dem Lehrer uͤberlegten, was fuͤr den Unterricht als noͤthig zu erachten und wie es wol mit gluͤcklichem Erfolge den Kindern beizu⸗ bringen ſey? Aber es herrſcht in der That vor ſolchen gegenſeitigen Ueberlegungen eine Scheu, die den Kinderfreund oͤfters nicht blos in Ver⸗ wunderung, wohl auch in Betruͤbniß ſetzt, eine Scheu, die nicht allemal eine Folge jener In⸗ dolenz iſt. Manche Vaͤter und Muͤtter ſind aus falſcher Schaam gegen den Lehrer zuruͤckhal⸗ tend. Um ihre Schwaͤchen nicht merken zu laſ⸗ ſen, tritt ein gaͤnzlicher Mangel an Unterredun— gen uͤber die Kinder mit demſelben ein; ſie han⸗ deln lieber der Pflicht entgegen, als daß ſie, wie ſie fuͤrchten, ihre Kenntniſſe in Schatten ſtellen. Mit Recht aber iſt dies eine falſche Schaam zu nennen; indem man nicht von jedem Vater, nicht von jeder Mutter verlangen kann, daß ſie Paͤdagogik ſtudirt haben ſollen, indem die mehreſten die Erziehungsart ihrer Kinder von derjenigen abnehmen, der ſie ſelbſt unterworfen geweſen ſind. Freilich waͤre es gut, wenn Nie⸗ mand heirathete, ohne auch vorher bei ſich uͤber⸗ legt zu haben, ob er auch eine vernuͤnftige Kin⸗ dererziehung anzuſtellen wiſſen werde? Derglei⸗ u o u d nu A u —— ðW u „———*8* Dritte Modifikation. 189 chen Ueberlegungen aber kommen, der Erfahrung nach, immer als hinkende Boten hinterdrein. Darauf wird jeder rechte Hauslehrer Ruͤckſicht nehmen und ſich in eben dem Grade mit Beſchei⸗ denheit zu benehmen, mit Achtung auch die Schwachen zu behandeln wiſſen, in welchem ſich ſeine paͤdagogiſche Vollkommenheit hoͤher erblickt. Ihm wird es nur darum zu thun ſeyn, Vater und Mutter mit ſich in Einverſtaͤndniß zu brin⸗— gen, um mit weniger Schwierigkeit ſeine Zwecke zu erreichen, beide in den Stand zu ſetzen, das, was ſie dazu beitragen koͤnnen, mit Weisheit uͤberall einwirken zu laſſen. Iſt es denn auch eine Schande, in Unterredung mit Perſonen, die Wiſſenſchaften ſtudirt haben, an Kenntniß und Wiſſenſchaft zuzunehmen? nicht vielmehr Pflicht, die Gelegenheit dazu zu benutzen? Muß es El⸗ tern nicht um ſo groͤſſere Freude machen, wenn ſie aus der groͤſſern wiſſenſchaftlichen Bildung des Informators die Hoffnung ſchoͤpfen koͤnnen, daß auch ihre Kinder einſt einen hoͤhern Grad der Bildung erreichen werden, als ihnen moͤglich war? Weniger ſchonungswerth ſind Muͤtter, durch⸗ weg tadelnswuͤrdig Vaͤter, denen es nicht an paͤ⸗ dagogiſchen Kenntniſſen mangelt, die vielleicht wirklich Paͤdagogen geweſen ſind, wenn dieſe aus Indolenz ihre Pflicht nicht befriedigen, ihren Hauslehrern durch Unterredung zu nuͤtzen, durch Wechſel der Ideen alle Einſeitigkeit in der Erzie⸗ hung zu verhuͤten, dieſer vielmehr nach allen 190 Dritte Modifikation. Seiten hin aufzuhelfen und ſie ſeegnungsvoll in den Gang zu bringen. Es bedarf gar keiner wei⸗ ten Auseinanderſetzung, wie ſehr hier durch Un⸗ terredung genuͤtzt werden koͤnne, indem die gegen⸗ ſeitige Abwaͤgung der Gruͤnde fuͤr und wider Mei⸗ nungen und Maximen, mit gegenſeitiger Achtung und Schonung vollzogen, fuͤr die Kinder jeder⸗ zeit heilſam werden muß. Will z. B. ein Vater noch mit der altmodiſchen Maxime wuchern: „Kinder lernen erſt etwas, wenn man ſie den ganzen Tag uͤber anſtrengt, arbeiten, leſen und memoriren laͤßt;“ und nichts davon halten, daß man zum Lernen beſtimmte Stunden ausſetzt, aber auch den Kleinen Freiheit in der Wahl klei⸗ ner Nebenbeſchaͤftigungen laͤßt, Spiele in freier Luft und Zimmern erlaubt; er laͤßt ſich aber doch durch Gruͤnde, die der Hauslehrer aus der koͤr⸗ perlichen und geiſtigen Natur des Kindes ent— lehnt, durch gelaͤuterte Erfahrungen, Maximen neuerer und anerkannt guter Paͤdagogen eines beſſern belehren: ſo iſt der gluͤckliche Fortgang in der Bildung der Koͤrper⸗ und Geiſteskräͤfte der Kleinen ein Seegen der Unterredung. Ohne dieſe wuͤrde der Vater gewiß die guten Abſichten des Lehrers mißverſtanden, in deſſen guten Wil⸗ len und Fleiß ein Mißtrauen geſetzt haben, wenn derſelbe, von richtigen Grundſaͤtzen geleitet, die Anſtrengungen der Kinder zur rechten Zeit haͤtte aufhoͤren, die Anſpannung ihrer Kräfte mit Spie⸗ len und Erholungen auf eine zweckmaͤßige Weiſe haͤtte abwechſeln laſſen. Man wuͤrde nicht erman⸗ Dritte Modifikation. 191 gelt haben, durch Winke, Stichelreden und ſaty⸗ riſche Bemerkungen uͤber neumodiſche Erziehung Unzufriedenheit an den Tag zu legen, wodurch die gegenſeitige Einigkeit untergraben und den Kindern ein ſchreckbares Aergerniß wuͤrde gege⸗ ben worden ſeyn. Dies wird durch ruhige, ver⸗ nuͤnftige Unterredungen, die zur Einheit in An⸗ ſichten und Grundſaͤtzen fuͤhren, verhindert. Das gegenſeitig herbeigefuͤhrte Einverſtaͤndniß zwiſchen Lehrer und Eltern wird dagegen gar ſehr viel zur Bildung eines veſten und guten Charakters, zur Erweckung und Befoͤrderung mancher buͤrgerlichen und haͤuslichen Tugenden in den Kindern beitra⸗ gen. Denn Eltern und Lehrer werden nun in Zufriedenheit und Einigkeit mit einander leben, und in dieſer durch alle Reden und Handlungen auf die Kinder die ſchoͤnſten und ſeegensreichſten Eindruͤcke machen. Nicht ſelten aber zeigen El⸗ tern ein gewiſſes muckiſches Weſen, das nirgends mit der Sprache rechtlich und offen heraustritt, vielmehr durch hingeworfene Bemerkungen alles nur halb zu verſtehen giebt und auch dies oͤfters auf eine bittre, beleidigende Weiſe zur Unzeit, als z. B. bei Tiſche, wo dem Lehrer, von deſ⸗ ſen braven Verhalten man bei offenem Verfahren die erfreulichſten Beweiſe erhalten koͤnnte, noch der Biſſen vergaͤllt wird, den er zur Erquickung genießen will. Auf der andern Seite aber iſt es auch der Fall, daß die Lehrer bisweilen die Of⸗ fenheit der Eltern gegen ſie dadurch verhindern, daß ſie allein nur decidiren und anordnen wollen, 192 Dritte Modifikation. ohne der Eltern Stimme zu hoͤren, daß ſie keine Entgegnungen dulden, keinen Widerſpruch ertra⸗ gen wollen oder ſchon im Voraus durch ein un⸗ rechtes Verhalten alle Hoffnung eines gluͤcklichen Erfolgs offener und freimuͤthiger Unterredungen zu Boden ſchlagen. Der Lehrer muß Zutrauen zu ſich erwecken und ſich ſo verhalten, daß man ihn mit Recht keine Vorwuͤrfe machen kann, daß man ſich uͤberzeuge, er meine es gut mit den Kindern; dann werden die verſchloſſenen Eltern, haben ſie anders Gefuͤhl fuͤr ihrer Kinder Wohl, gegen ihn zutrauungsooll und offen werden. Sollte er dies dennoch nicht unmittelbar bewirken, ſo nehme er paſſende Umſtaͤnde wahr, Unterredungen einzuleiten, und nichts weniger, als ſtille zu ſchweigen, wenn Eltern ſelbſt uͤber ihre Kinder zu reden beginnen. Dann aber darf er nicht in den Fehler verfallen, nur bejahend mitzuſprechen oder gar nichts zu ſagen; nein, es iſt Schuldig— keit fuͤr ihn, hier, mit Anſtand und Beſcheiden⸗ heit, freimuͤthig ſeine Gedanken zu aͤuſſern, mit Geduld und Maͤßigung der Affecte, mit Achtung gegen die Eltern, mit Liebe zur Wahrheit alle Erwiderungen anzuhoͤren und redlich darauf zu antworten. Will man auf ſeine gegruͤndeten Vor⸗ ſtellungen nicht hoͤren, ſo iſt er nicht auf ſeinem rechten Platz, den er anders wo zu ſuchen hat. Denn auch Eltern muͤſſen bereitwillig ſeyn, in den paͤdagogiſchen Unterredungen alles nur durch vernuͤnftige, haltbare Gruͤnde entſcheiden zu laſ⸗ ſen, ſollen mit Sinn fuͤr Wahrheit, nicht aber ————.,——, — + u—2— Dritte Modifikation. 193 von Eigenſinn beherrſcht, nicht von ſinnlicher Vorliebe fuͤr ihre Kinder befangen, ſprechen. Sie duͤrfen ſich weder durch romaniſche Lectuͤre, noch durch egoiſtiſche oder ſchmeichelnde Haus⸗ freunde zu Forderungen und Säͤtzen verleiten laſ⸗ ſen, welche die Pruͤfung der Gerechtigkeit und Billigkeit nicht aushalten, nicht zu Behauptun⸗ gen verfuͤhren laſſen, welche ein gebildeter Ver⸗ ſtand fuͤr thoͤrig erkennen und eine gruͤndliche Erfahrung laͤcherlich fineen muß. Wollten ſie aber auf denſelben dennoch eigenſinnig beſtehen, ſo wuͤrden ſie ohnfehlbar den Lehrer mit Miß⸗ trauen gegen ſich erfuͤllen und zwiſchen ſich und demſelben die ſchädlichſte Disharmonie herbeifuͤh⸗ ren. Sollen demnach, was uͤberall zu wuͤnſchen iſt, zwiſchen Eltern und Lehrer Einverſtaͤndniß und Frieden herrſchen, ſo muͤſſen beide offenher⸗ zig und aufrichtig ſeyn, ihre Ideen, Maximen und Grundſaͤtze gegenſeitig ruhig pruͤfen, bereit⸗ willig ſeyn, als Weiſe das erkannte Beſſere ungeſaͤumt in den eignen Ideenkreis aufzuneh⸗ men und darnach das ganze Verfahren mit den Kindern zu modificiren, wodurch ſie nicht nur fuͤr dieſe gute Muſter werden, ſondern auch den⸗ ſelben die herrlichſten Antriebe zu Tugenden dar⸗ reichen werden. Dann wird kein Widerſpruch in der Behandlung, Gewoͤhnung und Bildung der Kinder zu treffen ſeyn. Da wird der Vater die Soͤhne nicht zu Worttheologen und bloſen Latei⸗ nern im Widerſpruch mit dem Lehrer gebildet wiſſen wollen, der ſie auch zu religioͤſen und ſonſt 13 194 Dritte Modifikation. mannichfaltig nuͤtzlichen Menſchen bilden will. Dann wird die Mutter aus den Toͤchtern nicht eitle, dem aͤußern Schein ergebene, nur in Schau⸗ arbeiten geſchickte und nach auswendig gelernten Phraſen plappernde Puppen ziehen wollen, ganz im Widerſpruch mit dem Lehrer, der die Toͤchter zu Frauenzimmern bilden moͤchte, die mit dem Natuͤrlichen auch Anſtand und Schicklichkeit ver⸗ ſtaͤndig zu verbinden wiſſen, die wahre Wuͤrde des Weibes erkennen und nach dieſer ſich verhal⸗ ten, und welche nicht blos einen Ruhm darinne ſuchen, durch kuͤnſtliches Stricken und maleriſche Stickereien ſich Elogen zu erkaufen, ſondern auch durch Haͤuslichkeit, Arbeitſamkeit, durch die zur Fuͤhrung einer Haushaltung noͤthigen Wiſ⸗ ſenſchaften Achtung zu erwerben verſtehen, ſo wie durch eigene Gedanken und Urtheile ihre reelle Bildung zu Tage legen. Durch ruhige Un⸗ terredungen werden Eltern und Lehrer den Weg zur richtigen Einſicht in das ganze Erziehungs⸗ weſen finden, von dieſer bereitwillig gemacht werden, ſich gegenſeitig mit Liebe und Schonung, Achtung und Dankbarkeit unter die Arme zu grei⸗ fen, auch dann, wenn ja Eins von ihnen irrend einmal einen falſchen Weg einzuſchlagen im Be⸗ griff ſtuͤnde. Durch Offenheit und Aufrichtigkeit in Mittheilung ihrer Bemerkungen finden ſie den Weg zu ihren Herzen, bringen ſie ihre Gefuͤhle und Empfindungen in gleiche Stimmung, und erwerben ſie ſich die Fertigkeit, dieſelben rein nach veſten, richtigen Tacte wirken zu laſſen. Dritte Modifikation. 195 O moͤchte doch allen Hauslehrern das Gluͤck zu Theil werden, in Familien zu kommen, wo kein Stolz der Eltern aller Annaͤherung zur Gleich⸗ heit im Denken und Urtheil einen Schlagbaum vorzieht, wo kein eingeſogenes Vorurtheil ſo ein⸗ geroſtet iſt, daß die Vernunft nicht einen Hebel finden koͤnnte, welcher den Sinn fuͤr Wahrheit emporhuͤbe, wo Niemand Neigungen und Gewohn⸗ heiten mehr treu bleiben mag, ſo bald dieſelben in der Bloͤſe der Thorheit und Unvernuͤnftigkeit erſcheinen. Moͤge die Zeit bald kommen, wo Hauslehrer zum Genuß des ſeltenen Gluͤcks all⸗ gemein und uͤberall gelangen, ihren Untergebe⸗ nen auch dadurch als achtungswerth dargeſtellt zu werden und als nicht entbehrlich, daß man ſie wuͤrdiget, auch ihren Rath zu hoͤren, ihre Ideen zu unterſuchen und denſelben Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, auch ihre Grundſaͤtze zu ehren, ſobald deren Vernuͤnftigkeit nicht zu leug⸗ nen iſt. Moͤgen aber auch alle Hauslehrer eines ſolchen Gluͤcks durch Geiſtes- und Herzensbildung, durch ſtandhaften Eifer fuͤr ihren Beruf, durch thaͤtige Achtung fuͤr den Inbegriff ihrer Pflichten ſich wuͤrdig zu machen wiſſen, wuͤrdig zu nennen ſeyn! 6) Man erfuͤlle mit Treue die zum Beſten der Kinder mit dem Lehrer getroffenen Verabredungen. Der Hauslehrer, welcher ſein Amt nicht zum bloßen Erwerbsmittel herabwuͤrdigt, ſondern als 13 196 Dritte Modifikation. einen wuͤrdigen Wirkungskreis ſeiner Nuͤtzlichkeit fuͤr die Welt erkennt, ſucht alle vernuͤnftige Huͤlfsmittel auf, durch deren zweckmaͤßige An⸗ wendung er ſich der Erreichung ſeiner Abſichten naͤher und naͤher zu bringen glaubt. Ohnmoͤglich aber kann er die zu dieſem Behufe noͤthigen Ver⸗ anſtaltungen immer allein ausfuͤhren; er lebt mit den Kindern nicht abgeſondert allein, die enge Verbindung derſelben mit den Eltern bleibt, beide ſchließen ſich noch innigſt an einander an, ſo weit man es auch dem Lehrer verſtattet haben mag, der Eltern Stelle zu vertfeten. Deswegen werden alle ſeine Veranſtaltungen zur Befoͤrderung des Gehorſams, der Ordnung und Aufmerkſam⸗ keit, der Bildung und Erziehung der Kinder von einer Seite in dem guten Willen, der Faͤhigkeit und Geſchicklichkeit der Eltern, ſie ausfuͤhren zu helfen, eine Bedingung zu ſuchen haben, unter welcher nur ihre Realiſirung als moͤglich und wahrſcheinlich gedacht werden kann. Aus dieſem Grunde findet es eben der Lehrer noͤthig, bei jeder derſelben, ehe er ſie beginnt, ja, ehe er noch an die Ausfuͤhrung derſelben denkt, ſich mit den Eltern zu beſprechen, ſie mit ſeiner Abſicht be⸗ kannt zu machen, ihren Rath uͤber die Ausfuͤh⸗ rung zu hoͤren, und in demſelbem die elterliche Bereitwilligkeit zu der Unterſtuͤtzung zu finden, die er noͤthig hat. Getroſt faͤngt er dann an, ſein Werk zu beginnen. Aber, wie kann er es vollenden, wenn jene Bereitwilligkeit nur Taͤu⸗ ſchung, jener Rath nur ein Mittel war, dem 1 ¶.-* A* ——½ α⏑⏑*⁸£——— ——— Dritte Modifikation. 197 Lehrer glauben zu laſſen, man wolle an ſeinen Unternehmungen thaͤtigen Antheil nehmen, ihn aber durch fehlgeſchlagene Hoffnung von fernern laͤſtigen Antraͤgen abzuhalten? Entdeckt er z. B. den maͤchtigen Einfluß der Hoffnung, in Geſell⸗ ſchaft gebracht zu werden, auf die Anſtrengung eines Kindes, ſeine Schuldigkeit zu thun: ſo glaubt er davon Gebrauch machen zu muͤſſen, um eine vorhandene Neigung zur Traͤgheit zu ſchwaͤchen und zu unterdruͤcken. Ertheilte ihm nun eine Unterredung mit den Eltern das Recht, dem traͤgen Kinde mit Ausſchließung von der Geſellſchaft zu drohen: ſo wird er ſeine gute Abſicht gaͤnzlich verfehlen, am Ende laͤcherlich werden, wenn Eltern wider ihre zugeſicherte Beihuͤlfe durch Weinen und Flehen ſich bewegen laſſen, das Kind dennoch in Geſellſchaft mitzu⸗ nehmen.— Von aͤhnlichen Beiſpielen führen viele Hauslehrer ganze Regiſter als traurige Beweiſe auf, wie nachtheilig es werden muß, wenn El⸗ tern die mit dem Lehrer getroffenen Verabredun⸗ gen nicht treulich erfuͤllen. Derſelbe verliert am Ende Treue und Glauben, alle Achtung bei den Kindern, wird muthlos, irgend eine ſeiner guten Abſichten durch der Eltern Beihülfe unterſtuͤtzen zu laſſen, weil er nicht geachtet ſieht, was doch redliche Eltern mit innigſtem Eifer befoͤrdern, um deſſen willen ſie Gott danken ſollten, daß ihren Kindern ein Lehrer zu Theil ward, dem Kopf und Herz zur rechten Zeit zu Gebote ſtehen, durch deſſen Beirath und Huͤlfe es ihnen moͤglich 198 Dritte Modifikation. wird, zu realiſiren, was ihr hoͤchſter Wunſch und Ruhm iſt. Gewoͤhnlich nehmen Eltern die Miene an, als wenn ſie dem Lehrer einen Gefallen erzeigen, daß ſie ſeinen Rathſchlaͤgen geneigtes Gehoͤr lei⸗ hen und dieſelben ausfuͤhren zu helfen verſpre⸗ chen. Daher auch die ſauern Geſichter, die ſchee⸗ len Mienen, die unnuͤtzen aus der Luft gegriffe⸗ nen Bedenklichkeiten, welche dem Lehrer oft ent⸗ gegengeſetzt werden, wenn er das Herz hat, die Vernachlaͤſſigung der Verabredungen zu erwaͤhnen. Ihm wird man mit einer treuen Erfuͤllung der⸗ ſelben doch wahrlich nicht nuͤtzlich; denn der Ge⸗ winn davon kommt nicht ihm, ſondern den Kin⸗ dern zu Gute. Um ſo thoͤriger und zweckwidri⸗ ger iſt es, von des Lehrers Wirkſamkeit alles Gute zu fordern, und doch die genannte fuͤnfte und ſechſte Bedingung nicht erfuͤllen zu wollen. Kann aber nicht biswellen der Ruͤcktritt der Eltern von geſchehenen Verabredungen nicht da⸗ durch erzeugt werden, daß dieſelben unausfuͤhrbar ſind?— Der Lehrer hat es freilich auf ſich, obige Verabredungen in der vollen Ueberzeu⸗ gung einzuleiten, daß er wirklich etwas Zweck⸗ maͤßiges vorſchlage und daß ſeine Vorſchlaäͤge ausfuͤhrbar ſeyen. Ja, dies iſt ja eben ein Zweck der Unterredung, durch allſeitige, ruhige, ver⸗ nuͤnftige Betrachtung eines Vorſchlags von deſſen Zweckmaͤßigkeit und Ausfuͤhrbarkeit im Voraus uͤberzeugt zu werden! Kommt es darauf zur Aus⸗ führung, ſo darf es dem Lehrer ſelbſt weder an 4—9 3 Dritte Modifikation. 199 Kraft noch an Muth mangeln, was er ange⸗ fangen hat, durchzuſetzen, und ſich nicht durch ſcheinbare Bedenklichkeiten von dem abſchrecken zu laſſen, was er fuͤr noͤthig erachtete und in Uebereinſtimmung mit den Eltern angeordnet hat. Schwierigkeiten duͤrfen nicht ſogleich ſeine Kraft laͤhmen, das Begonnene zu enden. Wie will er ſonſt mit ſeinem Beiſpiele den Eltern vorangehen und in dieſen das Ehrgefuͤhl wenigſtens wecken, nicht zuruͤckzubleiben? An ihm darf es gar nicht liegen, wenn der Zweck einer Verabredung nicht erreicht wird und die geforderte Treue Anderer in Erfuͤllung derſelben darf nie an dem Mangel ſeines Eifers einen Anſtoß finden. 7) Man laſſe ſich die von den Kindern geforderten Arbeitenoft vorlegen, beurtheile ſie in deren Beiſeynoder laſſe ſolches den Lehrer thun. Es iſt ganz gut, wenn man Kinder gewoͤh⸗ nen will, erhaltene Aufgaben auch ohne Ruͤckſicht auf Notiz, welche andre Perſonen auſſer dem Lehrer davon nehmen ſollen, zu vollenden, um es in ihnen zur Geſinnung zu erheben, Berufs⸗ arbeiten, denn als ſolche muͤſſen ihnen alle Schul⸗ geſchaͤfte vorgeſtellt werden, aus Pflicht zu vollbringen. Allein, man erwarte nur nicht von Kindern, was doch oft in Maͤnnern nicht ange⸗ troffen wird, daß ſie ſich durch die bloſſe Vor⸗ ſtellung der Pflicht regieren laſſen ſollen, tadle den Erzieher nicht, der, wohlbekauut mit der 200 Dritte Modifikation. Schwierigkeit, unter dem Monde rein gut zu handeln, bei den Berufsgeſchaͤften und Handlun⸗ gen der Kinder auch auf Beweggruͤnde denkt, auf moraliſche Reizmittel, um ſeine Schuͤler auf dem Wege der Geſetzmäßigkeit zur Moralität zu fuͤhren. Kinder ſind mehr ſinnlich, als vernuͤnf⸗ tig; und nur mit der, ſtaͤrker und ſtaͤrker ſich entwickelnden, und nach und nach ſich emporhe⸗ benden Kraft der Vernunft, den Willen zu be⸗ herrſchen, muß man daher den Einfluß der Be⸗ weggruͤnde auf ihr Verhalten weiſe mindern, ſie zu dem Bewußtſeyn der Wuͤrde bei erfuͤllter Pflicht zu erheben ſuchen, um aus eignem, freien Entſchluß ihre Schuldigkeit zu thun. Wol⸗ len wir daher Kinder durchaus gewoͤhnen, daß ſie ſchon in ihrem ſechſten bis zehnten Jahre ihre Arbeiten blos aus Pflicht verrichten, ohne ſie auf irgend einen angenehmen Gewinn davon hin⸗ ſehen zu laſſen: ſo werden wir ihnen in dem Mangel an Aufmerkſamkeit und in dem Mangel an weiſem Lobe und Tadel Anderer eins der anreitzendſten Mittel entziehen, ihre Seelenkraͤfte zu erregen und in Lebensthaͤtigkeit zu bringen. Wer ſeinen Beruf blos aus Pflicht erfuͤllt, hat den weitausſehenden Zweck, reine Moralitaͤt in ſich zu befoͤrdern und zu erhoͤhen. Kinder, noch unfaͤhig, weit entfernte Zwecke ſich ſo vorzuſtel⸗ len, daß ſie durch dieſelben zu einer lebhaften Thaͤtigkeit beſtimmt wuͤrden, werden vielmehr mit Langſamkeit und einer Art von Verdroſſenheit ar⸗ beiten, weil jene Zwecke ihnen noch viel zu dunkel ——— Dritte Modifikation. 201 vorſchweben, als daß ſie lebendig wirkende Mit⸗ tel fuͤr ihr Gemuͤth und ihre Anſtrengung werden koͤnnten. Ein naher Zweck iſt ihnen lebhafter gegenwaͤrtig, auch daher geſchickter, ihre Thäͤ⸗ tigkeit zu reitzen und ſie zur Anſtrengung zu brin⸗ gen. Iſt nun der nahe Zweck zugleich geeignet, als Huͤlfsmittel zur ſichern Erreichung des weit⸗ ausſehenden hoͤchſten Zwecks zu dienen, ohne der vernuͤnftigen Bereitwilligkeit, den letztern zu er⸗ reichen, in der Folge Eintrag zu thun: ſo ſieht man nicht ab, warum jener nicht benutzt werden ſoll? Iſt es nicht vielmehr weiſe und pflichtge⸗ maͤß, denſelben zu nuͤtzen? Ein ſolcher aber iſt fuͤr Kinder, bei ihren Arbeiten, die Aufmerkſam⸗ keit des Lehrers, der Eltern und anderer ach⸗ tungswuͤrdigen Perſonen, und deren Zufrieden⸗ heit und Lob. Werden dieſe zu Hebeln der An⸗ ſtrengung genuͤtzt, durch welche Kinder, unter Leitung des Lehrers, ſelbſt ihre Vermoͤgen des Koͤrpers und Geiſtes zu entwickeln und zu Kraͤf⸗ ten emporzuheben ſuchen: ſo erſcheinen ihnen die⸗ ſelben zugleich als Zweck, der durch ihre Beſtre⸗ bungen erreicht werden koͤnne. Soll dies nicht geſchehen duͤrfen, ehe ſie noch zu der Kraft ge⸗ langt ſind, ſich im Geiſt auch auſſer dem Zirkel zu verſetzen, auſſer dem Kreiſe ſich thaͤtig und wirkſam zu denken, in welchem ſie ſich mit El— tern und Lehrer eingeſchloſſen finden, und den ſie auch anfangs fuͤr den einzigen dieſer Art hal⸗ ten: ſo wuͤrde es ihnen vorkommen, als wenn ſie bei allen ihren Arbeiten ohne Zweck verfahren 202 Dritte Modifikation. muͤßten, dieſelben umſonſt und vergebens waͤren. Iſt doch der Fleiß und die Anſtrengung erwachſe⸗ ner Perſonen, ſelbſt der Gelehrten, weit groͤſſer und anhaltender, wenn ſie etwas fuͤr das Publi⸗ kum arbeiten, als wenn ihr Geſchaͤft in gar kei⸗ ner Beziehung auf daſſelbe ſteht; um wie viel mehr muß nicht dies bei den, jetzt noch ſo ſinn⸗ lichen Kindern der Fall ſeyn, die auch ihr Publi— kum haben muͤſſen und ſich auch mehrentheils nur durch Aeuſſerungen Anderer uͤber ſie und ihr Thun, und durch den Einfluß ihrer Thaͤtigkeit auf dieſelben, zum Handeln beſtimmen laſſen? Will man daher billig und gerecht ſeyn, fordern Eltern, daß der Lehrer etwas leiſten ſoll, ſo muß ihnen auch die Erfuͤllung der ſiebenten Be⸗ dingung am Herzen liegen. Sie werden aber am beſten verfahren, wenn ſie nicht alle Tage den Richterſtuhl betreten, ſondern nach Maas⸗ gabe ihrer Verhaͤltniſſe mit dem Lehrer gewiſſe Zeiten beſtimmen, zu welchen ſie ſich die Arbei⸗ ten ihrer Kinder vorlegen laſſen, damit ſie die Vor⸗ oder Ruͤckſchritte der Kenntniſſe und Fer⸗ tigkeiten derſelben genauer bemerken und ein un⸗ partheiiſches Urtheil daruͤber faͤllen koͤnnen. Nur muß ihr ganzes Verhalten hierbei weder von uͤber⸗ triebenen Hoffnungen ausgehen, noch durch die Einhildung von gar groſſen Faͤhigkeiten ihrer Kin⸗ der beſtimmt werden. Glauben ſie ſich zu dieſer Unterſuchung nicht geſchickt oder hoffen ſie von der oͤffentlichen Pruͤfung des Lehrers mehr Wir⸗ kung, ſo werden ſie ihrer Pflicht auch dadurch A= Dritte Modifikation. 203 nachkommen, daß ſie ſich die noͤthigen Bemer⸗ kungen von dieſem im Beiſeyn der Kinder machen laſſen, die Urtheile deſſelben mit aͤchtem Gerech— tigkeitsſinn aufnehmen, ſich ſorgfaͤltig huͤ⸗ ten, Mißfallen merken zu laſſen, wenn etwa ihren Lieblingen das gewuͤnſchte Lob nicht wider⸗ faͤhrt, ſich auffallende Aeuſſerungen hieruͤber zu erlauben, und das getadelte Kind in des Lehrers Abweſenheit als ein zu Hartbehandeltes zu be⸗ dauern. Durch dergleichen Fehler wuͤrden ſie es bald dahin bringen, daß die Kinder den Lehrer als ihren Feind anſaͤhen, dem zu gehorchen und Liebe zu beweiſen, endlich alle Bereitwilligkeit verſchwinden muͤßte. Weisheit muß hier die Re⸗ gierung fuͤhren, nicht Vorurtheil und Laune. Man muß ſich, um richtig zu urtheilen, genau richten nach ſolchen Hoffnungen, die man ſich nach den erfahrungsgemaͤßen Faͤhigkeiten eines jeden Kindes von ſeinen Fortſchritten im Guten und Nuͤtzlichen machen darf, nach der Reitzbar⸗ keit der Gefuͤhle, nach der Neigung und Begierde nach Lob und Ehre oder der etwaigen Gleichguͤl⸗ tigkeit gegen beide im Kinde. Sorgfaͤltig muß man ſich huͤten, dem faͤhigen Kopf einen Duͤnkel zu bereiten und den Langſamen mit Mißtrauen gegen ſeine Faͤhigkeiten zu erfuͤllen, indem ſonſt jener zu einem unertraͤglichen Ignoranten oder Prahler, und dieſer zu einem mißlaunigen, ver— droſſenen, zu nichts von Bedeutung faͤhigen Men⸗ ſchen verzogen werden wird. Lob und Tadel brauchen nur in wenigen, aber gediegenen Wor⸗ 204 Dritte Modifikation. ten, jenes nicht in Lobeserhebungen und Schmei⸗ cheleien, dieſes nicht in veraͤchtlichen Herabſetzun⸗ gen, Beſchämungen und Schimpfreden zu beſte⸗ hen; man ertheile es mehr durch die Art und Weiſe, mit ihnen umzugehen. Man laſſe es ih— nen deutlich merken: daß Kinder durch ihr Be⸗ tragen, ihre Kenntniſſe, ihre Bereitwilligkeit zum Guten ſelbſt die Behandlung bewirken koͤnnen, die ſie von Andern wuͤnſchen; daß wahre Ach⸗ tung, die ſie von Andern erwarten wollen, eine Wirkung ihres innern, hohen Werthes ſey, den ſie ſich durch Fleiß und Ordnung, Folgſamkeit und punktliche Pflichterfuͤllung, durch Nüuͤtzlich⸗ keit, Anſtaͤndigkeit, ſittliche Guͤte und Froͤmmig⸗ keit erwerben; daß man zu eben dieſer Abſicht eine naͤhere Kenntniß von ihrem Verhalten und Arbeiten zu erlangen ſuche, um ſie nach ihrem wahren Werthe, nach ihrer wahren Wuͤrde be⸗ handeln zu koͤnnen. Eltern und Lehrer aber muͤſ⸗ ſen nothwendig mit vernuͤnftig veſtem Wil⸗ len, weder von Laune, noch von falſchem Mit⸗ leid irre geleitet, die rechte Behandlungsart der Kinder in der Wirklichkeit auch darſtellen; ſie muͤßten ſich denn ſelbſt laͤcherlich und das Gute, das ſie zu befoͤrdern meinen, werthlos in den Augen der getaͤuſchten Kinder machen wollen. Um die Kinder aber auch auf das Urtheil der Welt aufmerkſam zu machen, ſie zu ge⸗ woͤhnen, bei ihren Geſchaͤften nicht blos die we⸗ nigen Familienglieder zu Zeugen ihres Wohlver⸗ haltens zu nehmen, ſondern auch auf die Achtung ——-————————————— —— n——— Dritte Modifikation. 205 fremder, edler Perſonen einen Werth zu ſetzen; um ihnen hierdurch leiſe die Maxime einzufloͤßen: daß wir unſerm Verhalten das Merkmal der ver⸗ nuͤnftigen Allgemeinguͤltigkeit aufdruͤcken, bei un⸗ ſern Beſchaͤftigungen auch auf die Menſchheit achten ſollen, wodurch wir den moraliſchguten ſowol, als den weltbuͤrgerlichen Sinn in ihnen ſtark wecken werden: ſo veranſtalte man von Zeit zu Zeit eine Schulprobe. In dieſer laſſe man ſie nicht allein vor Gliedern der Familie, ſondern auch vor mehrern Hausfreunden und Bekannten, wenn es geſchehen kann, auch vor Fremden Pro⸗ ben ihrer Faͤhigkeiten und Fertigkeiten ablegen. Jeder Zuhoͤrer aber ſoll gehalten ſeyn, weder in Lob auszubrechen, noch ſich einen Tadel erlau⸗ ben. Man werde mit ihnen vielmehr einig: daß ſie bei ihren Beſuchen das Betragen gegen die Kinder nach dem erhaltenen Begriff von Wuͤrdig⸗ keit einrichten, ohne die Urſache muͤndlich zu aͤuſ⸗ ſern, den Lobenswerthen ſichtbar vorziehen, doch ſo, daß der Tadelnswerthe es zugleich empfinde, woher es komme, daß man ihn zuruͤckſetze. Um nun den letztern nicht niederzuſchlagen oder bos⸗ haft zu machen, ſo bringen Eltern und Lehrer die Merkmale der Beſſerung zur Notiz der Haus⸗ freunde, damit dieſe ſich im Verhalten darnach richten koͤnnen. Jene Schulproben kann man zu Ende jedes Vierteljahrs oder alle halbe Jahre halten. Wollen die Geſchaͤfte des Hausweſens keinen Wochentag dazu erlauben, ſo benutze man den Nachmittag eines Sonntags, der ohnedem 206 Dritte Modifikation. zum Vergnuͤgen genüutzt wird, welches rechtſchaf⸗ fene Eltern und Lehrer und dieſen gleichgeſinnte Hausfreunde gern einmal entbehren werden, um einen Zweck zu befoͤrdern, der eben ſo wichtig, als groß iſt: Aufmunterung der Kinder zum Fleiß und allen den Tugenden, de⸗ ren Beſitz den eben ſo buͤrgerlichnuͤtzli⸗ chen, als moraliſchguten Menſchen characteriſiren. Solche Schulproben ſind die herrlichſten, erbaulichſten und freudenreichſten Familienfeſte, denen ſelbſt der Charakter der Got⸗ tesverehrung nicht fremd, vielmehr eigenthuͤmlich iſt. Kinder andrer Familien zu den Schulproben zuzulaſſen wird nicht nur von gar keinem Nutzen ſeyn, ſondern vielmehr den ſchaͤdlichſten Miß⸗ brauch der gemachten Erfahrungen ſchon darum herbeifuͤhren, weil Kinder niemals unter einander das Richteramt fuͤhren duͤrfen. Eben ſo wenig darf es erlaubt ſeyn, daß die fremden Perſonen die in den Schulproben erlangte Kenntniß von der Kinder Beſchaffenheit oder die ſonſt ihnen, die Kinder betreffenden, mitgetheilten Notizen ihren eigenen Kindern mittheilen und als Mittel gebrauchen, Nachahmungen zu bewirken, oder abzuſchrecken und zu warnen, weil es eine gar zu mißliche, ja gefaͤhrliche Sache iſt, Kindern wieder Kinder als Muſter oder Warnungszeichen aufzuſtellen, indem mit letztern leicht Veraͤnde⸗ rungen vorgehen koͤnnen, welche der Beurthei⸗ lung derſelben eine Wendung geben, die nur der Erfahrene zu richtiger Beurtheilung und heilſamer Dritte Modifikation. 207 Behandlung jener Kinder nuͤtzen kann, der Uner⸗ fahrene aber nicht wahrnimmt und daher ſich zu falſcher Behandlung verleiten laͤßt. 8) Man ertheile dem Hauslehrer ein Honorar, bei dem er ohne Sorgen als ein gebildeter Mann mit Ehren auskommen kann. So wenig dieſe Bedingung in unmittelbarer Beziehung zu den Geſchaͤften des Lehrers ſteht, ſo ſtark wirkt ihre Erfuͤllung auf die Betreibung der letztern ein. Iſt ſie gleich bei jeder Erzie⸗ hungsmodifikation durch Hauslehrer in Betrach— tung zu ziehen, ſo verdient ſie beſonders hier eingeſchaͤrft zu werden, weil ſogar viele Eltern vor Annahme eines Hauslehrers und vor der An⸗ ſicht ſeiner Pflichten und Bemuͤhungen zu wenig mit den Geſchaͤften und der Wuͤrde deſſelben be⸗ kannt ſind und aus dieſer Urſache das Honorar nicht ins rechte Verhaͤltniß zu ſtellen bereitwillig ſind. Je weniger Eltern ſich ſelbſt im Stande glauben, thaͤtigen Antheil am Unterrichte und der Erziehung ihrer Kinder zu nehmen, je mehr die Noth ſie zwingt, ihre hieher gehoͤrige Pflich⸗ ten einem Fremden aufzugeben, und ſich nur auf die unentbehrlichſte, demſelben zu leiſtende Huͤlfe einzuſchraͤnken, deſto mehr verlangt es die Bil⸗ ligkeit, fordert es die Gerechtigkeit, darauf be⸗ dacht zu ſeyn, durch ein den Beſchwerlichkeiten und Anſtrengungen, denen der Lehrer unterwor⸗ fen iſt, angemeſſenes Honorar die Verdienſte zu 208 Dritte Modifikation. ehren, die ſich derſelbe um die Familie erwerben ſoll. Je mehr man von der Wichtigkeit ſeiner Perſon uͤberzeugt iſt, je richtiger man den Zweck⸗ der Kindererziehung erkannt hat und von Achtung deſſelben erfuͤllt iſt, je groͤſſer daher auch die Bereitwilligkeit ſeyn muß, denſelben durch die dienſtſamſten Mittel zu realiſiren: deſto geneigter wird man auch ſeyn, deſto tiefer die Pflicht em⸗ pfinden, den Hauslehrer auf eine wuͤrdige und dankbare Art zu beſolden. Er iſt ein Mann, den Eltern an ihre Stelle ſetzen, weil er ſich darbietet, ſeine Kenntniſſe und Kraͤfte auf die Herbeifuͤhrung der Moralitaͤt und Nuͤtzlichkeit fuͤr die Welt in ihren Kindern zu verwenden, einen theuern Theil ſeines Lebens, die Bluͤthe ſeiner Jahre, den jugendlichen Muth ſeines Wil⸗ lens fuͤr die Kinder hinzugeben, denen er nach der Eltern eigenem Urtheil unentbehrlich iſt. Er wird aus dieſem Grunde auf eine Zeit Mit⸗ glied der Familie. Darum ſollen Eltern auch durch das Honorar zeigen, daß ſie ihn auch in Hinſicht des Genuſſes der Vortheile, welche die Familie in ihrer Gewalt hat, dafuͤr erkennen und erkannt wiſſen wollen. Allein die Bereitwil⸗ ligkeit hierzu iſt in vielen Familien um ſo we⸗ niger ſichtbar, als das Honorar des Lehrers ge⸗ woͤhnlich in einem viel zu niedrigen Verhaͤltniß mit den Vermoͤgensumſtaͤnden derſelben ſteht; und man kann beinahe aus dem Gehalte deſſelben ſchon ſchließen, in welcher Qualitaͤt er in der Familie aufgefuͤhrt werden ſoll. Man bedenke Dritte Modifſikation. 209 nur, was ein Honorar von vierzig bis ſechszig Thalern iſt, fuͤr welches hie und da Hauslehrer arbeiten! Man ſtelle eine Vergleichung eines ſolchen Honorars mit dem Lohne eines in der Oeconomie des Hausherrn angenommenen Dieners an! Welchen Unterſchied wird man wahrnehmen? Nothwendig muß daher die Beſtimmung des Ho⸗ norars auf junge, gebildete und gelehrte Maͤn⸗ ner einen gewaltigen Eindruck machen und Eltern der Gefahr eines fortwaͤhrenden Wechſels der Leh⸗ rer, bei dem die beſſern immer verloren gehen, ausſetzen oder entziehn. Sie ſelbſt koͤnnen ohn⸗ moͤglich im Voraus einen guten Begriff von einem jungen Mann bekommen, der ſich fuͤr jeden Preis zur Befoͤrderung ihrer Zwecke hingeben will, je mehr ſie vorausſetzen koͤnnen, daß ihre Wohl⸗ habenheit oder ihr Reichthum dem Publi⸗ kum bekannt ſind. Sollte aber auch beides bei ihnen nicht angetroffen werden, ſo muß doch der Hauslehrer wahrnehmen, daß ſein Honorar bil⸗ ligerweiſe nicht geſteigert werden darf, wenn die Familie auf andern Seiten nicht empfindlichen Abbruch in pflichtmaͤßiger Befriedigung ihrer Be⸗ duͤrfniſſe erleiden ſoll. Es muß ſich nur er⸗ ſehen laſſen, daß man ihn wie ein zur Familie gehoͤriges Glied ehren und mit den uͤbrigen in einen verhaͤltnißmaͤßi⸗ gen Genuß der haͤuslichen Vortheile ſetzen wolle. Iſt anders Achtung gegen ſich ſelbſt in ihm nicht voruͤbergehendes Gefuͤhl und die Schaͤtzung ſeines Amtszwecks nicht blos durch 44 210 Dritte Modifikation. die Anſicht einer bequemen und angenehmen Be⸗ foͤrderung ſeiner ſinnlichen Exiſtenz beſtimmt, ſo wird er ſich auch angetrieben fuͤhlen, einer ſol⸗ chen Werthſchaͤtzung nicht unwuͤrdig zu erſchei⸗ nen, die Zwecke der Familie, zu welchen er thaͤ⸗ tig ſeyn ſoll, zu den ſeinigen zu machen, in den ihm Untergebenen— Perſonen zu achten, mit welchen er in einem Verhaͤltniſſe ſtehen ſoll, das dem der Anverwandten aͤhnlich iſt, indem er zwiſchen Eltern und Kindern ſeine Stelle fin⸗ det. So wird ſich demnach von einem verhaͤlt⸗ nißmaͤßig gut beſoldeten Lehrer mehr Bereitwil⸗ ligkeit und Ausdauer erwarten laſſen, der Ab⸗ ſicht ſeiner Annahme zu entſprechen, als von einem verhaͤltnißmaͤßig ſchlechtbeſoldeten. Nim⸗ mermehr duͤrfen darum Eltern glauben, zu pro⸗ fitiren, wenn ſie in der Herabſetzung des Ge⸗ halts fuͤr den Lehrer etwas zu erſparen ſuchen. Sie erſparen ja ohnedies genug, indem die Kin⸗ dererziehung durch Hauslehrer die wohlfeilſte iſt. Man denke doch nur, was etwa drei oder vier Kinder fuͤr Koſten noͤthig machen wuͤrden, wenn ſie alle auf oͤffentlichen Schulen oder in Privatinſtituten an entfernten Orten erzogen wer⸗ den ſollten? Wenn wir es auch nicht zu hoch anſchlagen, ſo kann es unter 500 Thalern nicht geſchehen; und nun halte man die Beſoldung des Hauslehrers dagegen und berechne alle ſeine uͤbri⸗ gen Emolumente, ſo wird man bald fuͤhlen, daß man alle Urſache habe, deſſen Honorar vortheil⸗ haft zu beſtimmen. Dritte Modifikation. 211 Die Beduͤrfniſſe des Hauslehrers richten ſich genau nach dem Aufwand und Lurus, nach den Verbindungen und dem Tone des Hauſes, in dem er angeſtellt iſt. Darnach beſtimmt ſich auch der Grad, bis zu welchem er in der Be⸗ friedigung der aͤuſſern Beduͤrfniſſe hinaufſteigen muß, ſoll er anders ſich immer mit Ehren pro⸗ duciren koͤnnen. Er ſelbſt fuͤhlt ſich geehrter, wenn er, ſeinem Verhaͤltniß gemaͤß und in Ue⸗ bereinſtimmung mit ſeinem Gehalt, in ſeiner Kleidung dem Grade des Luxus entſprechen kann, der im Hauſe eingefuͤhrt iſt, im Gegentheil aber beſchaͤmt, wenn er aus Unzureichbarkeit des Ho⸗ norars am ſchlechteſten im Anzuge erſcheinen muß. Die Beſchaffenheit des letztern kann El⸗ tern ſelbſt nicht gleichguͤltig ſeyn; es muß ihnen vielmehr gefallen, wenn der Lehrer bemüuͤht iſt, immer ſo zu erſcheinen, daß ſie ihn ohne Schaam⸗ roͤthe oͤffentlich als den Lehrer ihrer Kinder an⸗ erkennen und in Geſellſchaften nennen koͤnnen. Allein eben deswegen kann es auch von ihnen gefordert werden, ihn durch Gehalt in den Stand zu ſetzen, durch ſein Aeuſſeres der Familie Ehre zu machen. Daſſelbe wird zugleich auf eine ſehr wahrnehmbare Art auf die Kinder wirken, indem dieſelben vor einen immer ordentlich und gut ge⸗ kleideten Lehrer mehr Achtung haben, als vor dem, der in ſeinem Anzuge die Aermlichkeit ſei⸗ nes Einkommens blicken zu laſſen genoͤthigt iſt. Dies fuͤhrt mich aber auch auf eine Bemerkung, die ich bei dieſer Gelegenheit nicht unterdruͤcken 14* 212 Dritte Modifikation. darf. Es iſt eine ſehr gemeine Sitte, daß Haus⸗ lehrer waͤhrend des Unterrichts theils vor den Kindern im Schlafrock, Pantoffeln und nachlaͤſ⸗ ſiger Kleidung erſcheinen, theils mit aller Ge⸗ maͤchlichkeit die Kleidung ordnen. Es iſt dies eine uͤble Sitte, voll uͤblen Einfluſſes auf die Kinder. Der Lehrer ſelbſt erſcheint in einer Un⸗ anſtaͤndigkeit, als ein unordentlicher Mann; wie kann es ihm gelingen, auf Ordnung und Anſtaͤn⸗ digkeit, Reinlichkeit und Gefaͤlligkeit im Aeuſſern bei den Kindern mit Erfolg zu ſehen und zu dringen? Werden ſeine Bemerkungen hieruͤber etwas nuͤtzen? wird er ſeine Achtungswuͤrdigkeit in den Augen der Kinder erhoͤhen? Er iſt es um ſo mehr ſchuldig, immer ordentlich angeklei⸗ det zu erſcheinen, als er durch Beſoldung hierzu in den Stand geſetzt, auch wol durch Geſchenke dazu aufgemuntert wird.— Wir kehren zur Sache zuruͤck. Bringen es die Verhaͤltniſſe der Familie mit ſich, daß die Geſellſchaften und Vergnuͤgungen derſelben auch mit Aufwand fuͤr den Lehrer ver⸗ knuͤpft ſind, ſo wird man billig genug ſeyn, bei Beſtimmung des Gehalts darauf Ruͤckſicht zu nehmen. Man wird ihn nicht auf ſeine Koſten zur Theilnahme an haͤuslichen Geſellſchaften, die mit Aufwand verbunden ſind, noͤthigen, nicht in koſtſpielige Vergnuͤgungen verwickeln, am we⸗ nigſten zu theuern Kartenſpielen ziehn. Es iſt menſchenfeindlich, Jemanden wider ſeinen Willen der Gefahr auszuſetzen, einen Theil ſeines erwor⸗ Dritte Modifikation. 213 benen Gutes auf eine Weiſe zu verlieren, die ihn hoͤchſt kraͤnken muß, einen Verluſt zu erleiden, den er auf keine Weiſe wieder zu erſetzen andre Mittel in Haͤnden hat, als neue Spielverſuche. Dadurch aber wird er vielleicht ein Sklave der Spielſucht, eines Daͤmons, der ihn in ſeinem kuͤnftigen Verhaͤltniß, welches doch gewoͤhnlich das eines Pfarrers iſt, weder der Wuͤrde ſeines Amtes, noch auch wol ſeiner Einnahme gemaͤß, einem Vergnügen froͤhnen laſſen wird, das im gewoͤhnlichen Styl unter aller Critik iſt, deſſen vernuͤnftige Einſchränkung in geſellſchaftlichen Zirkeln, ſowol wegen der Maximen, aus denen es gewoͤhnlich betrieben wird, als wegen ſeiner Wirkungen nicht laͤnger unter die frommen Wuͤn⸗ ſche gehoͤren ſollte. Glaubt man nun aber den Hauslehrer durchaus in Hausgeſellſchaften benuͤ⸗ tzen und, weil man denn dieſe ohne Karten⸗ und Wuͤrfelſpiel nicht weiter mehr zu unterhalten weiß, auch beim Spieltiſch anſtellen zu duͤrfen: ſo er⸗ theile man ihm auch das Recht, uͤber eine Spiel⸗ kaſſe diſponiren zu koͤnnen, die der Hausherr haͤlt, dem zu Gefallen und Ehren der Lehrer ſpielen muß. Iſt freilich dieſer ſelbſt ein Spie⸗ ler, der das Spiel ſucht, ſo mag er ſehen, wie er zurechte kommt; hier iſt die Rede von einem ſolchen, der aus eigner Entſchließung nie ſpielt, ſondern ſolches nur dem Hausherrn zu Gefallen thut, um denſelben nicht in Verlegenheit zu ſetzen, wenn er nichts zur Unterhaltung ſeiner Geſell⸗ ſchaft aufzubringen weiß, als Karten⸗ und Wuͤr⸗ 214 Dritte Modifikation. fel⸗Spiel. Kein gebildeter Hauslehrer wird ſich weigern, bei ſtillen und engen Familienzirkeln, wo weder im hohen Spiel eine Ehre geſucht, noch aus Gewinnſucht geſpielt wird, an einem Spieltiſche zu erſcheinen, bei dem man mehr dar⸗ auf ſieht, Gelegenheit zu muntern Scherzen, zum gebildeten Witz und zur wahren Erholung zu finden und eine Kleinigkeit verloren werden kann. Die anſtaͤndigen Vergnuͤgungen der Fami⸗ lie wird er uͤberhaupt zu befoͤrdern bemuͤht ſeyn, wie jede andre Perſon, die es ſich, an denſelben Antheil zu nehmen, zur Freude macht, oder ſol⸗ ches fuͤr Schuldigkeit achtet: ob er ſchon keines⸗ weges als Maitre des Plaiſir's zu betrachten iſt, ſich auch als ſolchen nicht wird gebrauchen laſſen.. Der Hauslehrer iſt genoͤthigt, gegen Dome⸗ ſtiguen in einem verhaͤltnißmaͤßigen Grade frei⸗ gebig zu ſeyn, theils, um ſich bei denſelben in noͤthiger Achtung zu erhalten, theils, ſie fuͤr geleiſtete Dienſte zu belohnen, ob er ſchon die letztern nach der Regel als Emolumente ſeines Amtes fordern kann, weil ſie ihm auch als ſolche verſprochen worden ſind. Erhoͤht die Anzahl die⸗ ſer Perſonen auch die Quantitaͤt der Geſchenke, ſo werden gutgeſinnte Eltern auch hierauf in Be⸗ ſtimmung des Honorars Bedacht nehmen, nichts weniger thun, als jene Geſchenke dem Geſinde als einen Theil der Trinkgelder anrechnen, deren vorausgeſetzte Groͤße die Summe ergaͤnzen ſoll, die man denſelben zum Lohn ausſetzt, ſo, daß N mr— Dritte Modifikation. 215 auf dieſe Weiſe der Lehrer noch ſeinen Theil zum Dienſtlohn der Domeſtiquen beitragen muͤßte, de⸗ ren Dienſtleiſtungen ihm doch als Emolumente angerechnet werden. Jedoch ſo etwas laͤßt ſich von braven Eltern nicht fuͤrchten; nur da koͤnnte es der Fall ſeyn, wo Geitz die geſetzgebende und Knickerei die ausuͤbende Gewalt haͤtte. Nicht aber ſind es blos leibliche Beduͤrfniſſe, ſondern auch geiſtige, deren Befriedigung der Lehrer zum Zweck des Honorars ſetzen muß. Denn es iſt kaum denkbar, daß einer unter allen nſiſcht darauf denken ſollte; er waͤre ohne dieſe Ruͤckſicht nicht werth, als Mann von Bildung zu gelten und Lehrer fuͤr Kinder zu ſeyn, die vielleicht eine gelehrte Bildung erhalten ſollen. Als Gelehrter ſoll er fuͤr Huͤlfsmittel ſorgen, welche ihm das Fortſchreiten in ſeinen Wiſſen⸗ ſchaften moͤglich machen, ihn in den Stand ſetzen, als Gelehrter und geſellſchaftlicher Mann von guten Ton beſtehn zu koͤnnen. Wenige Eltern werden nun wol freilich hierauf Ruͤckſicht neh⸗ men, wenn ſie den Gehalt beſtimmen, der fuͤr den Lehrer ein Aequivalent ſeiner Anſtrengungen ſeyn ſoll, indem man gemeiniglich hoͤchſtens berechnet, was ein einzelner Mann nach Abzug deſſen, was man ihm frei geben will, noch fer⸗ ner fuͤr ſeinen Koͤrper noͤthig habe? Sie duͤrf⸗ ten aber nur bedenken, um andern Sinnes zu werden, daß ein Hauslehrer, der nichts eruͤbri⸗ gen kann, um ſich in den Beſitz literariſcher Huͤlfsmittel zur Fortbildung ſeines Geiſtes zu 216 Dritte Modifikation. ſetzen, auch mit wenigerer Einſicht in die Unter⸗ richtskunde, mit weniger Geſchmack und geringe⸗ rer Fertigkeit an der Bildung und Erziehung ih⸗ rer Kinder wird arbeiten koͤnnen. Je mehr ihm Gelegenheit wird, ſeine Seelenkraͤfte zu heben und ſich durch fortgeſetztes Studiren fuͤr einen weitern Wirkungskreis tauglicher zu machen: deſto ſichtbarer und erfreulicher wird der Einfluß einer ſolchen Fortbildung auf den Kinderunterricht ſeyn. Denn ſind, aus Mangel an literariſchen Huͤlfs⸗ mitteln, des Lehrers Geiſteskraͤfte in den Haupt⸗ faͤchern des Wiſſenswuͤrdigen im Ruͤckſchreiten be⸗ griffen, ſo wird von der Thaͤtigkeit ſeines Gei⸗ ſtes auch zum Beſten der Kinder nicht viel zu erwarten ſeyn. Ein von mehrern Seiten ſich aus⸗ bildender Hauslehrer wird mehr leiſten allemal wollen und koͤnnen, als ein anderer, der aus Mangel an Einkommen nicht fuͤr das Fortſchrei⸗ ten ſeiner intellectuellen Bildung ſorgen kann, daher fuͤr das Studiren nach und nach den Sinn ſchwaͤcht, fuͤr Geiſtesanſtrengungen abgeſtumpfter wird und nun auch nothwendig laſſer, bequemer und unthaͤtiger in ſeinem Amte werden muß, das des Studirens nicht entbehren, ohne Geiſtesan⸗ ſtrengung nicht gehoͤrig gefuͤhrt werden kann. So iſt es demnach Sache und Vortheil der El⸗ tern, zu ſorgen, daß der Hauslehrer neben den koͤrperlichen auch ſeine literariſchen Beduͤrfniſſe befriedige, auch zugleich deswegen, damit er auch in Nebendingen der ſeyn koͤnne, als wel⸗ chen man ihn bei ſeiner Annahme zugleich wuͤnſchte. „—— Dritte Modifikation. 217 ter⸗ Denn welche Familie wird nicht wollen, daß nge⸗ der Hauslehrer ein unterhaltender, mit Kennt⸗ ih⸗ niſſen im geſelligen Familienzirkel nuͤtzlicher Mann ihm ſey, der nicht allein von mancherlei Gegenſtaͤn⸗ d den ein Geſpraͤch durchzufuͤhren wiſſe, ſondern auch durch mehrſeitiges Studium immer geſchick⸗ 'eſto ter werde, neue und intereſſante Seiten an der⸗ uer ſelben zu entdecken und jedem Geſpraͤche ein all⸗ 5 gemeines Intereſſe zu verſchaffen? Um des hier 92 gezeigten Vortheils um ſo gewiſſer zu ſeyn, ſo ipt⸗ 4. be⸗ kann man auch den anzunehmenden Lehrer darauf 8 aufmerkſam machen, daß man das Honorar auch ei⸗ darum hoͤher geſetzt habe, daß er fuͤr ſeine gei⸗ zu ſtigen Beduͤrfniſſe ſorgen koͤnne. us⸗ Die Durchfuͤhrung der achten Bedingung nal koͤnnte mir nun Gelegenheit geben zur Schilde⸗ 3 rung des Befindens eines Hauslehrers, des Mu⸗ jei⸗ thes, mit dem er arbeiten, der Geſinnungen, zu kin⸗ welchen er ſich bewogen fuͤhlen werde, der Be⸗ un reitwilligkeit, wie lange er ſeine Kraͤfte zum ter Beſten einer Familie werde verwenden wollen, 8 die ihm einen Gehalt ertheilt, der eben ſo wenig 49 den auferlegten Arbeiten entſpricht, als mit der t⸗ Wuͤrde beſteht, die er bekleiden ſoll. Ich will 3 aber nur auf folgendes aufmerkſam machen. Die l⸗. 3 Betrachtung des Mangels an Achtung, der ihm en nach und nach aus dem niedrigen Preiſe fuͤr ſeine ſe Bemuͤhungen einleuchten wird, ſo bald er immer er mehr und mehr erblickt, daß man ihn nach - den vorhandenen Vermoͤgensumſtaͤnden, e. ohne ſich Schaden zu thun, hoͤher beſolden 15 218 Dritte Modifikation. koͤnnte,— muß endlich einen druͤckenden Schmerz in ſeinem Innern erregen, der ihn mit Niedergeſchlagenheit arbeiten laͤßt und mit Er— greifung der guͤnſtigern Gelegenheit zur Verbeſſe⸗ rung ſeiner Umſtaͤnde*) aus einem Hauſe trei⸗ ben wird, wo es ſich deutlich ausſpricht, daß man die Wuͤrde einer Perſon und deren Verdienſte nach den Procenten berechnet, die man gerne von jedem Unternehmen ziehen möchte, aus einem Hauſe, wo er vielleicht wahrnimmt, daß man Kinder, Gewaͤchſe und Thiere in eine Klaſſe wirft und daher einen Waͤrter, wie den andern, ſchaͤtzt und beſoldet. 9) Eltern ſollen ſelbſt dem Hausleh⸗ rer mit Achtung begegnen und die⸗ ſelbe bei Kindern und Hausleuten befoͤrdern. Ein Hauslehrer, ſo ſchaͤtzbar ihm auch ein den Vermoͤgensumſtaͤnden der Eltern ſeiner Zoͤg⸗ linge angemeſſenes Honorar ſeyn muß, wuͤrde dennoch einen unleugbaren Beweiß niedriger Den⸗ kungsart ablegen, wenn es ihm blos um einen moͤglichſt groſſen Gehalt zu thun waͤre, ohne da⸗ bei auf eine allgemeine und ſeinem Amte entſpre⸗ *) Wer wuͤnſcht dieſe nicht? Obſchon Mancher lange in einem Hauſe bleibt, wo er gegen andre Stellen, die er bekommen koͤnnte, niedriger beſoldet wird, dies aber nach den Vermoͤgensumſtaͤnden der Eltern nicht als Geringſchaͤtzung anzuſehen hat. ———— Dritte Modifikation. 219 chende Achtung im Hauſe Anſpruch machen zu wollen. So wenig dieſelbe dem gebildeteu Manne gleichguͤltig ſeyn kann, ſo ſtark das Gefuͤhl der Ehre in ihm anſprechen muß: ſo laut muß auch in gebildeten Eltern das Bewußtſeyn werden: es ſey Pflicht, dem Lehrer die ſtillſchweigende For⸗ derung allgemeiner Achtung im Hauſe zuzugeſtehn. Sie koͤnnen dieſe Forderung in ihm vorausſetzen und es ohnmoͤglich unter ihrer Wuͤrde achten, deren Erfuͤllung freiwillig zu gewaͤhren. Deshalb kann es allerdings als ein Mangel angeſehen werden, wenn Eltern durch Stolz und vorneh⸗ mes Weſen den Lehrer eben ſo von ſich entfernt halten, als ſie es nicht bekuͤmmert, wenn ihm von der Dienerſchaft auf eine Art begegnet wird, die den Gefuͤhlvollen mit Schmerz erfuͤllt, den, der auf Ehre und Wuͤrde haͤlt, empoͤrt. Zwar ſollen die Zeiten dahin ſeyn, wo man den Haus⸗ lehrer als den erſten Bedienten des Hauſes zu betrachten gewohnt war,— ſoll der Geiſt aͤchter Humanitaͤt auch in dieſem Puncte das Verhalten der Familien beherrſchen; allein, ſo wol auch die Erfahrung einer ſolchen Herrſchaft dem Men⸗ ſchenfreund thun moͤchte, ſo groß auch der Wunſch nach Allgemeinheit derſelben in jedem Vernuͤnftigen iſt, ſo wenig iſt es zuzugeſtehen, daß jene Humanitaͤt allgemein ſichtbar ſey, wovon ſchon oben durch Thatſachen die Erfahrungsbe⸗ weiſe gegeben worden ſind. Nothwendig ſetzen wir freilich voraus, daß der Hauslehrer ein Mann von wiſſenſchaftlicher Bildung, guten Sit⸗ * 15 220 Dritte Modifikation. ten und Betragen, voll aͤchten Gefuͤhls fuͤr ſeine Wuͤrde, erfuͤllt von Eifer und Fleiß fuͤr ſeinen Beruf ſey. Iſt er dies, und Eltern bedenken, weſſen Stelle er vertreten ſolle, uͤberlegen, daß es die ihrige ſey: ſo muͤßte wahrlich kein Funken Schaͤtzung ihrer ſelbſt in ihnen glimmen, wenn ſie ihren Stellvertreter nicht ſo achteten und ach⸗ ten ließen, wie es ihnen das Bewußtſeyn ihres eigenen Werths ſagt. Arbeitet er an ihrer Statt, uͤbernimmt und erfüllt er heilige Pflichten, welche Gott und die Natur ihnen uͤbertragen hat: ſo ſtellt er in ſeinem Wirkungskreiſe ihre Perſon vor. Alle Ehre, die ihm erzeigt wird, iſt ihnen ertheilt; jeder Mangel an Achtung gegen denſel⸗ ben iſt eine Beſchimpfung, die man ihnen an⸗ thut. So einleuchtend richtig dieſes iſt: ſo ge⸗ neigt wird auch jeder vernuͤnftige Vater, jede verſtaͤndige Mutter ſeyn, dem Lehrer ihrer Kin⸗ der eine Achtung zukommen und erzeigen zu laſ⸗ ſen, die der ihnen gebuͤhrenden Achtung ange⸗ meſſen iſt,— ſo ſtark werden ſie es als Belei⸗ digung ihrer ſelbſt aufnehmen, was im Verhal⸗ ten Anderer darauf abzweckt, den Lehrer herab⸗ zuſetzen und unwuͤrdig zu behandeln. Ueberdem ſind ſie demſelben Dankbarkeit ſchuldig. Denn das Honorar iſt nur eine Art von Erkenntlichkeit, durch welche es ihm moͤglich gemacht wird, zu beſtehn. Der gute Wille fuͤr ſeine Beſtimmung, die Treue in ſeinem Beruf, die Gewiſſenhaftig⸗ keit in ſeiner Sorge fuͤr bie Kinder koͤnnen nicht bezahlt werden; er ſoll und will auch kein Mieth⸗ Dritte Modifikation. 221 ling ſeyn, der ohne Bezahlung keinen Fuß regte und jede Kraftaͤuſſerung nach Zahlungen berech⸗ nete, aber eben deswegen auch ausgezeichneter, als ein Miethling, behandelt werden. Jene Dank⸗ barkeit wird er darum vornehmlich in der Ach⸗ tung erkennen, welche ihm die Eltern erzeigen und die er im Hauſe durch deren Fuͤrſorge findet. Es wird ihm wol dabei ſeyn; denn keine Herab⸗ ſetzung erfuͤllt ihn mit Widerwillen gegen ſeine Verhaͤltniſſe, keine Vernachlaͤſſigungen ſchlagen ihn nieder und heiter arbeitet er in ſeinem Kreiſe. Achtungserweiſungen ſind ein maͤchtiger Hebel, welcher Faͤhigkeit und Kraͤfte in jedem gebildeten Menſchen in Bewegung bringen, Luſt und Muth aus deſſen Innern hervorheben wird, ſchwierige Zwecke mit Standhaftigkeit zu erreichen. Dieſen Hebel bei Hauslehrern anzuwenden, wird um ſo rath⸗ ſamer ſeyn, als es der eine mehr, der andre weniger fuͤhlt, wie unter manchen Verhaͤltniſſen in ſeiner Abhaͤngigkeit von Eltern etwas Druͤ⸗ ckendes, bisweilen Demuͤthigendes liegt. Dies wird vornehmlich der Fall ſeyn, wenn er denſel⸗ ben an Bildung des Geiſtes uͤberlegen ſeyn ſollte. Denn, ſo ſehr wir auch durch Gewohnheit und Erziehung angeleitet ſind, an dem Aeuſſerlichen Anderer haͤngen zu bleiben und nach dieſem den Grad ihrer Schaͤtzung zu berechnen, mißt den⸗ noch der Geiſt, aufrechtgehend auf dem Wege wahrer Cultur, die Schätzung des Menſchen nach der ihm eigenthuͤmlichen Wuͤrde ab, welche ihm durch den Grad ſeiner moraliſchen und intellec⸗ 222 Dritte Modifikation. tuellen Bildung zugetheilt iſt. Erhebt ſich unſer Geiſt uͤber andre, die er in Bildung und Kraͤf⸗ ten unter ſich erblickt, ſo fordert er es als ein Recht, uͤber dieſelben erhaben zu ſeyn, ſo legt er es jenen als Pflicht auf, dieſe Erhabenheit anzuerkennen und auch äͤuſſerlich zu ehren. In welchen Familien aber werden Hauslehrer gerade die meiſte Veranlaſſung zu Klagen uͤber Vernach⸗ laͤſſigung und Herabſetzung finden, als gerade in ſolchen, deren Oberhaͤupter Geiſter von weni⸗ ger Bildung und Staͤrke ſind. Denn dieſelben wollen ihre Geiſteskleinheit durch ein aͤuſſeres vor⸗ nehmes Air, durch emſige Bemuͤhung, auch dem Hauslehrer ſeine Abhaͤngigkeit fuͤhlen zurlaſ⸗ ſen, die Bloͤſen decken, die ſie doch oft unwiſ⸗ ſend geben und ohnmoͤglich uͤbertuͤnchen koͤnnen. Der gebildete Hauslehrer(denn nur von dieſem kann die Rede ſeyn), wird ſich daher ſtets in gebildeten Familien beſſer befinden, als in den gegentheiligen. Denn, gebildete Geiſter koͤnnen einander ohnmoͤglich die Achtung verſagen, die ſie aus Grundſaͤtzen von einander als Pflicht for⸗ dern, und aus gegenſeitiger Werthſchaͤtzung ein⸗ ander als Belohnung ertheilen. Wird dem Haus⸗ lehrer der Aufenthalt in einer Familie durch Mangel an Werthſchaͤtzung verbittert, ſo wird dadurch nichts Gutes ausgerichtet. Die nach⸗ theiligen Wirkungen aͤuſſern ſich ſelbſt in der Art und Weiſe der Betreibung des Unterrichts, in⸗ dem dem Lehrer die Luſt benommen iſt, mit Freu⸗ digkeit ſein Amt zu verwalten. Durch Herab⸗ ———y— Dritte Modifikation. 223 wuͤrdigungen ſchlaͤgt man ihn eben ſo nieder, als man ihn empoͤrt. Beide Gemuͤthsſtimmungen aber ſind keinesweges dazu geeignet, ihn ſeine Geſchaͤfte mit Ausdauer vollenden, mit Luſt und Kraft Schwierigkeiten beſtehen, Beſchwerden zum Beſten derer tragen zu laſſen, die ſich um ſeine Verdienſte nicht bekümmern, noch die Schaͤtzung derſelben durch ihr aͤuſſeres Verhalten zu erken⸗ nen geben. Da die Kinder ſich nach ihren Eltern zu richten gewohnt ſind, ſo muß auf ſie der Ein⸗ fluß eines mit wenig Achtung gegen den Lehrer verbundenen Verhaltens vom nachtheiligſten Ein⸗ fluß ſeyn und der Wirkſamkeit deſſelben ein Hin⸗ derniß in den Weg legen, welches ſchwieriger zu beſeitigen iſt, als jedes andre, das in den aͤuſ⸗ ſern Umſtaͤnden der Familie liegen kann. Der Hauslehrer muß vor den Kindern mit aller der Achtungswuͤrdigkeit bekleidet ſeyn, die dem Stell⸗ vertreter ihrer Eltern gebuͤhrt. Das Verhalten dieſer muß jenen eine Anweiſung werden, denſel⸗ ben zu ehren, wie den Vater, weil er an ihnen thue, was dieſer nicht koͤnne, denſelben zu ſchaͤ⸗ tzen, wie die Mutter, weil er in ihnen wirke, was dieſe nicht vermoͤge. Muͤndlicher Anweiſung bedarf es dazu gar nicht; der Eltern Betragen iſt hinlaͤnglich Regel und Gebot fuͤr dieſe. Ver⸗ ſteht es auch der Lehrer, ſich ſelbſt Achtung und neben dieſer Liebe und Zutrauen zu erwerben, ſo wird es doch alle ſeine Kunſt nicht bewirken koͤn⸗ nen, daß er ſich in dem Grade in den Beſitz 224 Dritte Modiftkation. derſelben ſetze, zu welchem er zum Beſten der Kleinen gelangen wird, ſobald ſich mit ſeiner Kunſt noch ein rechtes Verhalten der Eltern gegen ihn verbindet. Denn nur auf dieſem Wege, durch dieſe Verbindung wird ihm die Liebe und Achtung der Zoͤglinge im rechten Maaſe zu Theil werden, „ohne welches er die Erreichung ſeines Amtszwecks nie zu derjenigen Hoͤhe fuͤhren wird, von welcher herab er und die Eltern die angenehmſte Ausſicht auf die gewuͤnſchte Guͤte ihrer Kinder allein ge⸗ nießen koͤnnen und werden. Durchaus duͤrfen es Eltern nicht im Minde⸗ ſten zulaſſen, daß Bediente und Hausleute dem Lehrer nicht mit gehoͤriger Achtung begegnen und ſie ſelbſt muͤſſen die ſchaͤndliche Sitte verachten, ſich durch das Geſinde nach dem Verhalten des Lehrers zu erkundigen und auf dieſe Weiſe ſelbſt zu Verlaͤumdungen Gelegenheit zu geben, zu wel⸗ chen ungebildete, rohe Menſchen geneigt ſind. Sie ſelbſt koͤnnen ja den Lehrer beobachten, um zu einem beſtimmten und gerechten Urtheile uͤber ihn zu gelangen und darnach ihre Maasregeln zu nehmen. Setzen ſie ſich denn aber nicht unter ihre Wuͤrde herab, wenn ſie ſich leiten laſſen von Kammermaͤdchen, gegen welche vielleicht der Herr Informator nicht galant hat ſeyn wollen, von Bedienten, denen ſich gleich zu ſtellen der Lehrer keine Neigung bezeigt? Dergleichen Miß⸗ griffe und falſche Mittel ſtiften allemal Uebel und haben ſchon oft den brauchbarſten Lehrer aus ſeiner Funetion vertrieben, eben, weil ſeine Recht⸗ 8 Dritte Modifikation. 225 ſchaffenheit manchen Creaturen ein Anſtoß war. Schlechterdings duͤrfen es Eltern nicht dulden, daß dergleichen Leute den Lehrer ihrer Kritik un⸗ terwerfen und vielleicht ſein Aeuſſeres oder dieſe und jene Angewoͤhnung zum Gegenſtand des Spot⸗ tes machen wollen. Dies kann bisweilen dem wuͤrdigſten begegnen, wenn er der Faulheit und den Vernachlaͤſſigungen der Domeſtiquen kein Pol⸗ ſter mehr unterlegen will. Ihn muͤſſen Eltern in eben dem Grade ehren laſſen, als der Zweck ſei⸗ nes Amtes uͤber den aller Verrichtungen der Be⸗ dienten und Hausleute erhaben iſt, als die Bil⸗ dung des Lehrers ſich uͤber die der letztern em⸗ porhebt und das Verhaͤltniß es noͤthig macht, in welchem der Lehrer und jene Perſonen zur Fami⸗ lie, durchaus verſchieden an Wuͤrde und Abſtu⸗ fung, ſtehn und ſtehen ſollen. Durch ein rechtes Verhalten wird die Herrſchaft auch hier ihre Leute ganz dirigiren, indem ſich dieſelben nach ihr, wie die Blaͤtter an manchen Pflanzen nach der Sonne, richten. Auch vor dem Muthwillen roher und ſtolzer Fremden muͤſſen und koͤnnen Eltern den Lehrer durch ein Verhalten gegen denſelben ſicher ſtellen, das von Achtung und Hochſchaͤtzung zeigt und an ſich es Jedem verleiten wird, ihn als Ziel des Witzes, der Satyre und des Spaſes anſehen und mißbrauchen zu wollen. Ein junger Menſch, der von dem groſſen Vermoͤgen praßte, das ein ar⸗ beitſamer, kluger Vater ihm hinterlaſſen hatte, machte bei einer Geſellſchaft, die ein Familien⸗ 22 Dritte Modifikation. Vater zu ſich gebeten hatte„ den ernſten und alle Albernheiten und Laͤppſchereien verachtenden Haus⸗ lehrer zum Ziel einfaͤltiger Spaͤſe und leerer Wi⸗ tzeleien. Dieſer wollte aus Achtung gegen einen Gaſt nichts eben darauf erwiedern, mußte ſich aber durch die Fortſetzung jener Behandlung ge⸗ kraͤnkt fuͤhlen. Er bekannte dem Hausvater, daß er die Geſetze der Artigkeit gegen einen ſolchen Gaſt nicht mehr auf ſich anwendbar ſaͤhe und daher eine bittre Gegenwehr fuͤhren werde.„Blei⸗ ben Sie ruhig, entgegnete der Hausvater, ich will Ihnen Ruhe ſchaffen.“ Als man ſich zu Tiſche ſetzen wollte, ſo redete er den edlen Major des im Orte ſtehenden Regiments, welcher der vornehmſte Gaſt war, an:„Gnaͤdiger Herr, wollen Sie wol einem braven und rechtſchaffenen Manne die Auszeichnung widerfahren laſſen und erlauben, daß derſelbe die Ehre haͤtte, heute an ihrer Seite zu ſitzen?— und werden die uͤbrigen Herrn es zufrieden ſeyn?“—„Sie werden mir, verſetzte der edle Officier, keine groͤſſere Freude machen koͤnnen!“ und Niemand entgegnete etwas. „Nun ſo erlauben Sie dieſe Auszeichnung, ſagte der Vater, dem Lehrer meiner Kinder!“ Mit einem Male war alle Witzlei zu Boden geſchla⸗ gen und der leere Witzling blieb ſtumm auf lange Zeit.— Was ſoll es denn frommen, wenn El⸗ tern zugeben, daß man die Schuͤchternheit, das ſtille Weſen, den Mangel an glaͤnzendem Witz angreifen darf, um im Spaß oder Ernſt, eins ſo albern, wie das andre, denjenigen zu miß⸗ —&n m — ———+ v Dritte Modifikation. 227 handeln, den Eltern im Erziehungsgeſchaͤfte ſelbſt an die Spitze geſtellt, dem ſie Pflichten aufge⸗ legt haben, die zu tragen ſie entweder nicht ver⸗ moͤgend oder nicht willens ſind, die aber auch von einem Andern, ohne durch das erhaltene ge⸗ hoͤrige Anſehn unterſtuͤtzt zu ſeyn, ohnmoͤglich glücklich erfuͤlt und mit Nutzen fuͤr den Zweck der Erziehung vollendet werden koͤnnen, an deſſen erwuͤnſchter Erreichung rechtſchaffenen Eltern doch alles gelegen ſeyn muß? Dies ſind nun die Bedingungen, von deren puͤnktlicher Erfuͤllung der Verfaſſer noch Heil von der Erziehung der Kinder durch Hauslehrer erwar⸗ ten zu duͤrfen glaubt, da die gewoͤhnlichen Mo⸗ difikationen derſelben nun einmal noch in der all— gemeinen Beſchaffenheit derer, welche Hauslehrer halten koͤnnen, und ſelbſt in einem noch nicht reinen Geiſte des Zeitalters gegruͤndet zu ſeyn ſcheinen, dem man immer noch viele Verehrung erzeigt, wenn auch hier und da im Dunkeln nur huldigt, ein Geiſt, der ſeine Exiſtenz durch Vor⸗ urtheile und Aberglauben, durch einen unbaͤndi⸗ gen Luxus und allen den Folgen und Wirkungen deſſelben beweiſt, die der Moraliſt bekaͤmpft, der Leichtſinnige belacht, der Menſchenfreund, wenn auch nicht beweint, doch herzlich beklagt. Moͤge jener vernuͤnftig⸗chriſtliche erleuchtende Genius, der die wahre Kultur der Menſchheit trotz aller Hinderniſſe kraͤftig und ſchoͤn in einzel⸗ nen Familien herbeigefuͤhrt hat, mit ſeiner ſanft und wohlthuend leuchtenden Fackel in den Koͤpfen Dritte Modifikation. und Herzen Aller, die es noch beduͤrfen, das wohlthaͤtige Licht der Wahrheit und vernuͤnftigen Einſicht in Kindererziehung anzuͤnden, und alle Kraͤfte des Geiſtes und Gemuͤthes in Allen er⸗ waͤrmen, beleben und in heilſame Thaͤtigkeit ſetzen, damit auch die keimende Nachwelt alſo bedacht und bearbeitet wuͤrde, daß durch ſie vernuͤnftig⸗ chriſtliche Bildung, Nuͤtzlichkeit fuͤr Haus, Staat und Welt, eine Wiſſenſchaftlichkeit, eine Sitt⸗ lichkeit und Froͤmmigkeit zur allgemeinen Verbrei⸗ tung kaͤme, aus welcher die perſoͤnliche Wohl⸗ fahrt eines jeden Einzelnen ſowol„ als auch das Heil und Beſte Aller zuverlaͤſſig und auf die heil⸗ ſamſte Dauer hervorgehen koͤnnte und hervorgehen wuͤrde! 0 6 2u, 2 S V?r.. ꝑ u, aan Lar. 2, . 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