Giessener S Unzeiger . Die älteste Zeitung Giessens 590 44)„ 3 22, 406. 875 V 29 R08. 27 SEb. 978 04R 10 05. März 1980 25 R* 4086 4 26169 8044 0 6. DEZ. 197 ½ 07R 12 12. uU 878 1ARO 1 Der Gießener Anzeiger. Die älteſte Zeitung Gießens. Vorbemerkung. Die nachſtehenden Ausführungen ſind aus dem „Gießener Anzeiger“, Jahrgang 1900 Nr. 4 bis 7, beſonders abgedruckt. Da bei der Abfaſſung auf den großen Leſerkreis einer Zeitung Rückſicht genommen werden mußte, ſo iſt manches den Gebildeten ſchon Bekannte wiederholt, anderes, das eine ausführlichere Darſtellung verdient hätte, knapper behandelt worden. Man wolle dies bei der Beurteilung freundlichſt berückſichtigen und es ver— zeihen, wenn die gebotene Grenze nicht überall genau getroffen iſt. Für die Mitteilungen, die mir aus dem Leſerkreis des„Gießener Anzeigers“ zugegangen ſind und mir manche wertvolle Ergänzung und Berichtigung ermöglicht haben, ſage ich verbindlichſten Dank. Ebenſo den betreffen⸗ den Behörden für die Erlaubnis zur Benutzung der Univerſitäts⸗Akten und der hieſigen Kirchenbücher. Der Menſch unſeres ſterbenden Jahrhunderts, der morgens und abends in ſeiner Zeitung von Dingen lieſt, die tags vorher in den fernſten Winkeln der Erde vorgegangen ſind, und der ungeduldig wird, wenn die Blätter einmal ausbleiben, kann ſich kaum mehr einen Be⸗ griff machen von der Zeit, in der es Zeitungen noch nicht gegeben hat. Und doch ſind— wenn wir von den„Acta diurna“ der Römer abſehen— von den 19 Jahrhunderten unſerer Zeitrechnung 16 ohne dieſe jetzt unentbehrliche Ein⸗ richtung geweſen. Dafür hat ſich das Zeitungsweſen ver⸗ hältnismäßig ſchnell zu höchſter Blüte entfaltet; es giebt heute in der ganzen Welt rund 50 000 Zeitungen, von denen rund 7000 auf Deutſchland entfallen und dieſem in Bezug auf die Preſſe den zweiten Platz in der Reihe der Staaten ſichern. Die erſten ſchüchternen Verſuche, Nachrichten für einen größeren Leſerkreis von einem Punkte Deutſchlands zum anderen gelangen zu laſſen, fallen in den Beginn des 16. Jahrhunderts. Es geſchah dies auf brieflichem Wege, indem der Schreiber eines Privatbriefes von den Vor⸗ gängen auf politiſchem, wiſſenſchaftlichem, religiöſem u. ſ. w. Gebiete Mitteilung machte. Der Empfänger gab dann den allgemein intereſſierenden Teil des Briefes weiter oder ließ ihn durch Abſchrift vervielfältigen. Allmählich bildete ſich eine regelmäßige Korreſpondenz aus; Korre⸗ ſpondenten waren die bedeutendſten Männer, wie z. B. Melanchthon. Auch entſtanden Centralſtellen, an denen die Nachrichten aus allen Weltgegenden geſammelt und ab⸗ ſchriftlich vervielfältigt wurden. Eine ſolche Sammelſtelle bildete das Handlungshaus der Fugger, das vermöge ſeiner Weltverbindungen wie kein anderes hierzu geeignet war. Es war ganz natürlich, daß nur gebildete Perſonen ſich mit der„Zeitungsſchreiberei“ abgeben konnten. Den Vorteil da⸗ von haben die Hiſtoriker, die in jenen erſten Zeitungen teil⸗ weiſe ausgezeichnete Geſchichtsquellen erblicken. Der Ueber⸗ gang der geſchriebenen Zeitung zur gedruckten bedarf keiner näheren Erläuterung, er war eine Notwendigkeit. Es ſei hier nur kurz bemerkt, daß es im 16. Jahrhundert neben den geſchriebenen auch ſchon gedruckte Nachrichten gab, die jedoch nur gelegentlich erſchienen, alſo das Hauptmerkmal der Zeitung, die Regelmäßigkeit, vermiſſen laſſen. Die erſten regelmäßigen gedruckten Blätter erſchienen am An⸗ fang des 17. Jahrhunderts in Straßburg und Frankfurt am Main. Beſonders in unſerer Nachbarſtadt, dem be⸗ deutendſten Handelsplatze Mitteldeutſchlands, entſtanden ſchnell nach einander blühende Unternehmungen. Von dort aus wurde Heſſen mit Nachrichten verſorgt. Es folgten von Städten, die für uns in Betracht kommen, mit Zeitungs⸗ unternehmen Hanau(1678) und Kaſſel(1731 und 1756). Darmſtadt erhielt erſt 1776 ein regelmäßig erſcheinendes Blatt, das von der Regierung zur Förderung ihrer Zwecke gegründet wurde und als erſten Schriftleiter Matthias Claudius erhielt. Ein Menſchenalter früher als Darmſtadt erſcheint unſer Gießen auf dem Plan. Ehe wir uns jedoch mit dem erſten Erzeugnis unſerer einheimiſchen periodiſchen Literatur beſchäftigen, müſſen wir einen flüchtigen Blick auf die allgemeinen Verhältniſſe unſerer Stadt werfen. Ueber Gießen in der letzten Hälfte des 18. Jahr⸗ hunderts haben wir mehrere zeitgenöſſiſche Schilderungen, von denen beſonders diejenigen Bahrdts und Laukhards als ſehr ſubjektiv gefärbt mit Vorſicht zu benutzen ſind. Alle jedoch ſtimmen darin überein, daß die Stadt ein unanſehnliches Neſt mit engen und krummen Straßen und häßlichen Häuſern geweſen ſei, umgeben von einem Wall, der höher als die meiſten Häuſer der friſchen Luft den Durchgang verwehrt habe. Dagegen wird die Umgebung der Stadt, trotz ihrer Vernachläſſigung durch die Kunſt ge⸗ lobt. Die Einwohnerzahl belief ſich nach mir vorliegenden Akten auf 3000— 4000 Menſchen, die ſich meiſt von Acker⸗ bau und Viehzucht nährten. Außer den üblichen Hand⸗ werkerzünften, unter denen ſich eine anſehnliche Wollen⸗ weber⸗Zunft befand, hatte die Induſtrie keine Vertretung. Auch der Handel war mäßig, trotzdem Gießen an zwei Poſtſtraßen lag und ein verhältnismäßig lebhafter Fremdenverkehr herrſchte. Obgleich die Stadt die Be⸗ zeichnung als Feſtung führte, war die Garniſon ſchwach, ſie zählte 400— 600 Mann, ſo daß die Bürger gewöhnlich zum Wachtdienſt herangezogen werden mußten. Die bürger⸗ liche Geſellſchaft erhielt ihren Stempel nicht durch die wenigen Offiziere, ſondern durch die Univerſität, deren An⸗ gehörigen ſich die Räte der Regierung und des Oberamtes, der Stadtſyndikus, einige Advokaten u. a. anſchloſſen. Zwar war der unter den Studenten herrſchende Ton, wie ſattſam bekannt, roh, doch gab es Kreiſe unter ihnen, die ſich einer edleren Geſelligkeit befleißigten und Zutritt zu den Familien der„Honoratioren“ hatten. Die akademiſchen Lehrer, die herabzuſetzen beſonders Bahrdt, teilweiſe auch Laukhard ſich bemühen, dürfen im allgemeinen zu den bedeutenderen Gelehrten Deutſchlands gerechnet werden. Man braucht nur die Zuſammenſtellung klangvoller Namen bei Nebel nachzuleſen, um ſofort zu dieſem Schluß zu kommen. Ein Zeugnis davon, daß wiſſenſchaftlicher Geiſt auch unter den Studenten zu finden war, giebt die„deutſche Geſellſchaft“ bei der im Jahre 1764 der als Göthes Freund bekannte Juriſt Höpfner das Amt des Sekretärs bekleidete. In die Kreiſe der Bürger, die fleißige, tüchtige und brave Leute waren, mochte nicht allzu viel Bildung gedrungen ſein, wenigſtens zeigen die Vota der Stadtväter vom Ausgange des Jahrhunderts herzlich wenig davon. Das war die Bevölkerung, der nunmehr durch die Be⸗ gründung eines Blattes eine neue Quelle geiſtiger Nahrung erſchloſſen werden ſollte. Wenn auch, wie Butte am Anfang unſeres Jahr⸗ hunderts noch klagt, öffentliche gelehrte Leſeinſtitute in Gießen nicht recht gedeihen wollten, ſo darf man doch an⸗ nehmen, daß unter der gebildeten Geſellſchaft einer Uni⸗ verſitätsſtadt ein reges Leſebedürfnis vorhanden war und daß auch Zeitungen von Einzelnen gehalten wurden. Der Rat hielt im Intereſſe der Verwaltung auswärtige Blätter. Die Verordnung das Oekonomieweſen der St. u. V. Gießen betr. vom 19. Dezbr. 1721 ſagt darüber:„Die vor Zeitung einige Zeit hero jährlich verrechnete 4 fl. ſollen auch noch künftig in Rechnung paſſiert und die Zeitungen bey Rath beybehalten werden, um daraus ſowohl die anderwärts in guten und böſen Zufällen verordnete Anſtalten zu beſt⸗ möglichſter Imitation, als die öfters darin gemeldete Nach⸗ richten von Sterbfällen, verlohrnen Waaren und andern dem Publico nöthigen Umſtänden daraus des mehrern zu erfahren.“ Es war alſo nicht ganz ausſichtslos, wenn der Gießener Buchhändler Johann Philipp Krieger den Plan faßte, eine wöchentlich einmal erſcheinende Zeitung herauszugeben. Von Frankfurt kommend war Krieger ſeit 1724 Gießener, von 1726—1737 zugleich auch Marburger Univer⸗ ſitäts⸗Buchhändler. Könnecke ſagt von ihm im Heſſiſchen Buchdruckerbuch, daß er für die Geſchichte des Buchhandels durch die Herausgabe von Meß⸗Katalogen, die er ſeit 1725 beſorgte, von Bedeutung geworden ſei. Seine Buch⸗ handlung betrieb er zugleich als Verlag und Sortiment. Daneben hatte er 1750 eine Leihbibliothek errichtet, die Reiſebeſchreibungen, Begebenheiten(l]I, moraliſche Schriften, Lebensbeſchreibungen ꝛc.“ enthielt(Wochenblatt 1750 S. 128). Dieſe Leihbibliothek iſt dieſelbe, die nach und nach auf 2000 Nummern anwuchs und nach dem im Wochenblatt fortlaufend veröffentlichten Katalog eine ganze Reihe guter und wertvoller Schriften enthielt. Laukhards Urteil über dieſe Bibliothek iſt falſch und er hat mit ihm ganz falſche Vorſtellungen über die geiſtigen Bedürfniſſe unſerer Vor⸗ eltern erweckt. Da ſich auch Buchner in ſeiner Schrift „Gießen vor 100 Jahren“ auf ihn ſtützt und ſeinem Urteil weitere Verbreitung gegeben hat, ſo halte ich es für nützlich, für die Beurteilung des Kriegerſchen Geſchäftsbetriebs ſo⸗ gar für nötig, die Sache mit einigen Worten klarzuſtellen. Laukhard ſagt(Leben II, 282), zu ſeiner Zeit(1775—1778) habe es dem Buchhändler Krieger noch nicht beliebt, ſeine Romanliteratur binden und zirkulieren zu laſſen. Im Jahre 1787, in dem er ſich gelegentlich einer Urlaubsreiſe einige Tage in Gießen aufhielt, habe er bei Krieger, der zugleich Speiſewirt und Pferdeverleiher geweſen ſei, zu Mittag gegeſſen und dabei deſſen Leihbibliothek kennen gelernt. Dieſe habe aus lauter„Schofelzeug“ beſtanden; auch führe Krieger keinen gedruckten Katalog„vielleicht weil er ſich ſchämt, ſolch fatales Zeug zum Leſen aufzu⸗ ſtellen“. Auf den Gründer des Wochenblattes kann ſich dies Urteil nicht beziehen, denn Joh. Phil. Krieger ſtarb bereits 1775, als Laukhard eben nach Gießen kam.*) Kriegers Söhne aber übernahmen das Geſchäft des Vaters und mit ihm auch die 1750 gegründete Leihbibliothek. Vier Jahre lang betrieben die beiden Brüder“**) Juſtus Friedrich und Jo⸗ hann Chriſtian Konrad die Buchhandlung gemeinſam, dann trennte ſich 1779 der jüngere vom älteren, um unter der Firma Johann Chriſtian Krieger der Jüngere eine eigene Buchhandlung zu führen(Könnecke a. a. O. S. 277). Als Univerſitäts⸗Buchhändler und rucker geht Johann Chriſtian ſpäter nach Marburg, behält aber ſein Geſchäft in Gießen bei. Bei ihm erſcheint die Fortſetzung des Wochen⸗ blattes unter ihren verſchiedenen Benennungen bis zum Jahre 1799 und er iſt auch als der Beſitzer der Leſebibliothek anzuſehen, deren Katalog in ſeinem Blatt abgedruckt wird. Sein Verlag, für den er ſelber druckte, war bedeutend, er hatte alſo nicht nötig, nebenbei eine Speiſewirtſchaft und eine Pferdeverleih⸗Anſtalt zu betreiben. Beide Krieger, Johann Philipp und Johann Chriſtian, befaßten ſich außer mit ihren Berufsgeſchäften nur mit ſolchen Dingen, die ſich aus dem Verlag der Zeitung ergaben und die heute noch von den Zeitungsexpeditionen erledigt werden; der Vater Krieger hatte indeſſen noch den Vertrieb von Lotterieloſen übernommen. Von Juſtus Friedrich Krieger wiſſen wir dagegen wenig Näheres, vielleicht iſt er nach der Trennung von ſeinem Bruder jener betriebſame Mann geworden, bei dem Laukhard eingekehrt iſt.***) Daß Krieger auch Häringe verkauft habe, iſt gleichfalls ein Irrtum Buchners. Nicht er, ſondern Johann Philipp Nic. Kracher zeigt öfters dieſen nützlichen Fiſch in den Spalten des Wochenblattes an. **) Joh. Phil. Krieger, der zweimal verheiratet war, hatte neun Kinden. darunter ſieben Söhne; Johann Chriſtian Konrad war das jüngſte Kind, geb. am 26. April 1746. Kirchenb. d. St. Gießen, Getaufte bei der Stadt⸗Kirche. ***) Juſtus Friedrich Kr. war geboren 1740(getauft am 3. Nov.) Ebenda. 1783 verlegt er ein Werkchen A. J. Schnau⸗ berts,(gütige Mitteilung Herrn C. v. Münchow's). 1787 be⸗ ſchwert er ſich gemeinſam mit ſeinem Bruder Joh. Chr. Konr. bi der Univerſität gegen den Profeſſor Crome(Univerſitäts⸗ ten). — 10— Das Kriegerſche Geſchäftshaus lag in der„Wallpförter Straße“. Dort erſchien am 2. December 1749 die erſte An⸗ kündigung von dem bevorſtehenden Erſcheinen eines Gießener Wochenblattes:„Vorläuffige Nachricht/ von einem Wochen⸗Blat, /welches/ zu Gießen/ von dem Anfang des 1750 ten Jahres an/ jeden Dienſtag/ ausgegeben werden ſoll/ bey dem Verleger/ Johann Philipp Krieger,/ Univer⸗ ſitäts⸗Buchhändler./“ In einem„Vorbericht“ entwirft der Verleger ſein Programm. Danach ſoll das Wochenblatt wöchentlich in der Stärke eines Bogens erſcheinen, deſſen „mehreſten Raum kurtzgefaßte Gedanken über gemeinnützige und auserleſene Vorwürffe erfüllen“ werden. Es ſoll nicht allein auf gelehrte, ſondern auch auf ungelehrte,„und mit einem Wort auf alle Menſchen allerley Lebens⸗Art, Stand, Alter und Geſchlecht“ Rückſicht genommen werden. Die Aufſätze ſollen allen Gebieten der Wiſſenſchaft entnommen, jedoch„allzufeine und über den Begriff der meiſten Menſchen erhabene Dinge“ ausgeſchloſſen werden. Es werden ferner angekündigt: Nachrichten von den in Gießen erſcheinenden Schriften, Programmen und Diſſertationen, ſowie von anderen nützlichen Büchern, der Abdruck von Polizeiverordnungen, Veröffentlichung der Preiſe von Lebensmitteln und anderen Waren. Auch Anzeigen aus dem Publikum können eingerückt werden:„Sachen, die zu verkaufen, zu verpachten, zu verganten, die verlohren oder gefunden worden; Gelder, die zu leyhen oder verleyhen; Zimmer, ſo an Herrn Studioſos oder andere Hausleute zu vermiethen ſind, u. ſ. w. Ingleichen ſoll gemeldet werden, wenn jemand zu einem Hof⸗ oder Lehrmeiſter, oder auch zu einer andern Bedienung verlangt wird, oder wenn ſich jemand zu dergleichen anmeldet“ Für ſolche Anzeigen iſt dem Verleger„etwas geringes“ je nach der Anzahl der Zeilen zu entrichten. Der ganze Jahrgang des Wochen⸗ blattes koſtet in Gießen 2 Gulden, die vorausbezahlt werden ſollen. Auswärtige abonnieren beim Poſtamt und tragen die Portokoſten. Die„vorläuffige Nachricht“ wurde im Laufe des De⸗ zembers noch dreimal ausgegeben, am 9., 16. und 23., jedesmal begleitet von einer„Probe“, die einen Begriff von der künftigen Geſtalt des Blattes geben ſollte. Der Druck war groß, deutlich und ſorgfältig hergeſtellt; wenn — 11— der Raum nicht ausreichte wurde ab und zu ein Teil eines Artikels auch in kleinerer Schrift gedruckt. Das Format war klein Quart. Am Dienſtag, den 6. Januar 1750, erſchien die erſte Nummer des Gießer Wochen⸗Blatts mit folgendem Inhalt:„Gedanken über verſchiedene un⸗ nütze Gebräuche“ S. 1—7,„Univerſitäts⸗Neuigkeiten“ S. 7, „Zu verkaufen“(Bücher⸗Anzeigen) S. 7—8,„Zu kaufen wird verlangt“ S. 8,„Dienſtſuchende Perſonen“ S. 8. Schließlich eine Statiſtik der Geburten, Sterbefälle, Ehe⸗ ſchließungen und Communikanten im Jahre 1749. Ganz unten ſteht die ſich ſtets wiederholende Bemerkung:„Dieſes Wochenblatt wird alle Dienſtage allhier bei dem Verleger Johann Philipp Krieger denen Herrn Praenumeranten ausgeliefert, auch einzeln das Stück vor 3 Kr. abgegeben. So war eine Wochenſchrift ins Leben gerufen, die, wenn ſie hielt, was die Ankündigung verſprach, wohl ge⸗ eignet war, billige Anſprüche zu befriedigen. Das Einzige, was ſie vermiſſen ließ, waren politiſche Nachrichten, ein Mangel, den man in jener Zeit nicht allzuſtark empfunden haben mag. Daß zur Leitung eines Blattes mit ſo vielſeitigem Inhalt die Zeit und Arbeitskraft, wohl auch die Kenntniſſe Kriegers nicht ausreichten, hat dieſer ſelber eingeſehen und ſich daher für einen Schriftleiter oder, wie man leider noch immer ſagt,„Redacteur“ geſorgt. Schon in der An⸗ kündigung wird geſagt:„die Aufſicht.... hat ein geübter Mann über ſich genommen, aus deſſen Feder nicht allein die meiſten Stücke fließen, ſondern von dem auch die von andern Gönnern eingeſchickte Beyträge werden durchleſen und eingerücket werden“. Dieſer behält ſich auch vor, An⸗ ſtößiges, Gott und der Tugend Zuwiderlaufendes, der Obrigkeit oder dem Nächſten Nachteiliges in den einge⸗ ſandten Beiträgen zu ſtreichen, jedoch ohne den Sinn zu ändern und mit Wahrung der„Reinigkeit der Schreib⸗Art“. Zur Einſendung ſolcher Beiträge erhielten heimiſche und auswärtige Gelehrte„nicht nur die vollkommene Erlaub⸗ nis“, ſondern ſie wurden auch hierzu„geziemend erſucht“. Ueber die Perſönlichkeit des Schriftleiters ließ ſich nicht das Geringſte ermitteln. Sämtliche Aufſätze, die ſich als von ihm verfaßt ſehr leicht nachweiſen laſſen, ſind dem noch heute herrſchenden Brauche entſprechend nicht einmal mit einem Buchſtaben unterzeichnet. Wir werden aber ſicher nicht fehlgehen, wenn wir„den Verfaſſer“, wie er ſtets genannt wird, in akademiſchen, oder wenigſtens der Univer⸗ ſität nicht fernſtehenden Kreiſen ſuchen. Er beſitzt klaſſiſche Bildung, eine für ſeine Zeit nicht verwunderliche ausge⸗ breitete Kenntnis der griechiſchen und römiſchen Schrift⸗ ſteller, iſt in der franzöſiſchen und engliſchen Litteratur bewandert und hat ſchließlich ſeinem philoſophiſchen Zeit⸗ alter entſprechend auch philoſophiſche Neigungen. Alles in allem iſt der Schriftleiter wohl der Typus eines Gebildeten ſeiner Zeit geweſen. Von den Aufſätzen des erſten Jahr⸗ ganges, die ſeiner Feder entfloſſen ſind, hat die Mehrzahl philoſophiſch⸗moraliſchen Inhalt. Hierher gehören bei⸗ ſpielsweiſe die Artikel„von der Freiheit“,„vom Glücke“, „vom Selbſtbetrug“,„vom Gewiſſen“,„von der Tapfer⸗ keit“. Mit hübſchem Humor ſchreibt er„vom Kuß“ und mit beißender Satire eifert er in dem Aufſatz„vom Putze“ gegen den tiefen Ausſchnitt der Damenkleider, gegen Schminke, Schönheitspfläſterchen, Reifröcke und Schnür⸗ bruſt. Seine ſämtlichen Beiträge zeigen Neigung zum Spott und zu einer„geiſtreichelnden“ Schreibweiſe, ſind aber flüſſig und nett mit einer gewiſſen Grazie geſchrieben und gar nicht ſo ungenießbar, wie man behauptet hat. Auch den Aufſätzen anderer Verfaſſer dürfen wir unſere Anerkennung nicht verſagen. Hier muß zunächſt betont werden, daß eine ganze Anzahl von ihnen weit über das hinausragt, was heutzutage in den meiſten Zeitungen, be⸗ ſonders aber in Orten von der geringen Bedeutung eines Gießen des 18. Jahrhunderts, dem Leſer geboten zu werden pflegt. Es lag dies daran, daß die Univerſität an dem neuen Unternehmen großes Intereſſe nahm. Sehen wir uns einmal die Titel einiger Abhandlungen an. Da haben wir z. B. auf S. 65 einen theologiſchen Aufſatz„ob der Religion daran gelegen, daß man Geſpenſter glaube“, und auf S. 361 finden wir„Gedanken über die Größe der Sünden“. In das Gebiet der Rechtswiſſenſchaft gehören mehr oder minder populär gehalten, Arbeiten wie:„über die in den Reichsgrundgeſetzen ſogenannte gemeine und landfriedensbrüchige Entſetzungen u. ſ. w.“,„über die Ein⸗ kindſchaft“,„von dem Teſtament, das von zweyen Perſonen — 13— gemacht wird und darin die eine die andere zum Erben ein⸗ ſetzt“. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt erſcheint J. Barbey⸗ racs„von der Zulaſſung der Geſetze“ Dieſe alle ſind mit einer Menge gelehrter Hinweiſe verſehen und wohl auch nur für juriſtiſch gebildete Leſer berechnet geweſen. An die Anweſenheit des Augenarztes Dr. Taylor, der das Land bereiſte, Augenoperationen vornahm und beſonders gläſerne Augen einſetzte, knüpft ein ausdrücklich allgemein verſtändlich gehaltener mediciniſcher Aufſatz an, der eine Beſchreibung des Auges und Ratſchläge zur Erhaltung des Geſichtes,„ſo weit es ohne Hilfe des Arztes möglich iſt“, bringt. Naturwiſſenſchaftlichen Aufſätzen folgen ſolche aus der Aſtronomie, aus der Philoſophie, aus der Pädagogik. Die Geſchichte iſt im erſten Jahrgang auffallenderweiſe nicht vertreten, doch wird in den ſpäteren Bänden der Kunde der heimiſchen Vorzeit Aufmerkſamkeit zugewendet, worauf weiter unten zurückzukommen iſt. Dagegen finden wir hier eine kurze Hiſtorie der hieſigen löblichen Univerſität“ zur Jahrhundertfeier ihrer Wiederherſtellung geſchrieben, die jedoch unter Hinweis auf Nebels zu haltende Feſtrede recht knapp gefaßt iſt. Aus dieſer lateiniſch gehaltenen Rede wird bald darauf ein deutſcher Auszug gebracht unter dem Titel:„von der Hülfe, welche der Staat und die Univerſität eines von dem andern zu erwarten haben“. Weiſen uns die beiden zuletzt genannten Aufſätze geradezu auf Beziehungen von Mitgliedern des akademi⸗ ſchen Lehrkörpers zu unſerem Wochenblatt hin, ſo iſt es ganz zweifellos, daß auch die Verfaſſer der oben ſkizzierten Artikel in jenen Kreiſen zu ſuchen ſind. Es iſt doch wohl mehr als Zufall, wenn in Nr. 10 eine Ueberſetzung von Horaz, Epiſt. I, 18,„ad Lollium“ erſcheint und bald darauf in Nr. 16 Heinr. Chriſtoph Nebel ein Kolleg über die Dichtkunſt des Horaz ankündigt, oder wenn Andreas Boehm in demſelben Semeſter über die Vernunftkunſt lieſt und gleichzeitig ein Aufſatz„ob der Vernunft verſchiedene Un⸗ vollkommenheiten, die ihr beygelegt werden, zuzuſchreiben ſind“, in den Spalten des Wochenblatts abgedruckt wird. Und ſchließlich, wer anders hätte in dem kleinen Gießen gelehrte Artikel ſchreiben ſollen, für wen anders wären ſie beſtimmt geweſen, als für den engen Kreis der Ge⸗ bildeten, der ſich um die Univerſität ſchloß? Daher konnte 14— auch in dem Provinzblättchen eine nur den Eingeweihten verſtändliche Verteidigung des Theologie⸗Profeſſors und Superintendenten Benner gegen einen Angriff der Frank⸗ furter gelehrten Blätter ihre rechte Stelle finden. Der übrige Inhalt des Wochenblattes von 1750 iſt nicht ſo ausſchließlich für eine beſtimmte Klaſſe beſtimmt, er wendet ſich vielmehr an einen größeren Leſerkreis. Im all⸗ gemeinen entſpricht er der Ankündigung und ſucht dem Intereſſe vieler gerecht zu werden. Hie und da nimmt der Aufſatz, den eine jede Nummer bringt, den Charakter eines Leitartikels an, wenn er nämlich Dinge beſpricht, die gerade „aktuell“ ſind. So erſcheint z. B. in der Paſſionszeit ein Artikel „von der Bitterkeit des Todes“ und zu Oſtern ein ſolcher „von der Auferſtehung der Toten“. Die einzelnen Ab⸗ teilungen, in die ſich heutzutage der nichtpolitiſche Teil eines Blattes gliedert, laſſen ſich im Wochenblatt, wenn auch nicht ſyſtemathiſch geordnet und benannt, wiederfinden. Es giebt ein„Lokales“, ein„Vermiſchtes“, „aus der Gelehrtenwelt“ u. ſ. w. Da leſen wir Beför⸗ derungen und Verſetzungen von Beamten nicht nur in Gießen und Heſſen, auch Perſonalien hoher Beamten und Offiziere im Reiche, Nekrologe und andere Mit⸗ teilungen über hervorragende Perſönlichkeiten. Beſondere Aufmerkſamkeit wird den Vorgängen an unſerer Univer⸗ ſität geſchenkt. Jede Promotion und Disputation mit Angabe der verteidigten Diſſertation und des Namens des präſidierenden Profeſſors wird verzeichnet. Die Vor⸗ leſungsverzeichniſſe erſcheinen im Wochenblatt und häufig finden wir Mitteilungen über Profeſſoren und ihre Werke. Auch auswärtige Univerſitäten werden hie und da berück⸗ ſichtigt. Daran ſchließen ſich buchhändleriſche Nachrichten über kürzlich erſchienene oder demnächſt herauszugebende Bücher, oft mit Angabe des Inhalts. Die Land⸗ und Hauswirtſchaft wird ebenfalls gepflegt. In bald größeren, bald kleineren Beiträgen werden allerlei gute Ratſchläge gegeben z. B. zur Spargelzucht, zur Bekämpfung der Hornviehſeuche und der Heuſchreckenplage, zur Ver⸗ wahrung des Krauts gegen das Wild, Vertilgung von Raupen und Engerlingen u. ſ. w. In 25 Strophen wird die Kartoffel ſogar beſungen, und hierdurch ein anderer Dichter zu einem faſt eben ſo langen Hymnus auf den Kaffee begeiſtert. Den Schluß einer jeden Nummer bilden einige Anzeigen, von denen diejenigen der beim Verleger neu angekommenen Bücher faſt ſtändig wiederkehren. Wert⸗ voll ſind die Auszüge aus den Kirchenbüchern und die Lebensmittelpreiſe, die markttäglich veröffentlich werden. Die Fremdenliſten ſind uns auch heute noch von Intereſſe zur Beurteilung des Verkehrs ſowohl, als auch für ge⸗ wiſſe hiſtoriſche Zwecke. Erhält man doch durch ſie Kenntnis von dem Aufenthalt bedeutender Männer, wie (in ſpäteren Jahrgängen) Wielands, Klopſtocks, M. Clau⸗ dius' u. a. in Gießen! Der Vollſtändigkeit halber ſei noch erwähnt, daß auch die Abteilung„Eingeſandt“ vertreten iſt. In einer der erſten Nummern wird der Brief eines„Ungenannten“ ab⸗ gedruckt, der ſich in einem entſetzlichen mit Fremdwörtern überladenen Stil über das nächtliche Randalieren der Stu⸗ denten beſchwert. Dieſer Brief mit den darauf folgenden Erwiderungen iſt ganz intereſſant. Es ſcheint, als ob man den Studenten ihr ungebührliches Treiben auf luſtige Art hat vor Augen führen wollen, um ſie möglichſt wenig zur Rache, id est zum Einwerfen der Fenſter im Hauſe des Ver⸗ legers, aufzuſtacheln. Die Frage nach dem Drucker der erſten Gießener Zeitung iſt leider nicht mit unbedingter Sicherheit zu beant⸗ worten. Krieger ſelbſt war es nicht, da er nicht, wie man nach Könnecke(a. a. O. S. 267) annehmen könnte, eine Druckerei beſeſſen hat. In den Univerſitäts⸗Akten findet ſich nirgends ein Beleg dafür. Auch ſeine Söhne waren nur Buchhändler, wie ſie noch in der oben angeführten Beſchwerde gegen Crome im Jahre 1787 betonen. Erſt in Marburg errichtete der jüngere der beiden Krieger auf Auf⸗ forderung des dortigen Senats hin eine Druckerei. Schließ⸗ lich iſt bemerkenswert, daß nicht ein einziges Verlagswerk der Krieger*) einen Druck⸗Vermerk aufweiſt. Von der ſpäteren Fortſetzung des Wochenblattes iſt der Jahr⸗ gang 1764 bei dem Fürſtl. Canzley⸗Buchdrucker Johann *) worauf mich Herr C. v. Münchow, der eine ſchöne Samm⸗ lung von Erzeugniſſen faſt aller Gießener Druckereien beſitzt, aufmerkſam macht. 16— Chriſtoph Schröder gedruckt, der einzige Jahrgang zugleich, der einen Druckvermerk trägt. Wenn wir hinzu⸗ fügen, daß ſpäter, nachdem die Kriegerſche Buchhandlung den Verlag aufgegeben hatte, das Blatt in den Beſitz der Schröderſchen Druckerei überging, ſo dürfen wir mit vieler Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß alle Jahrgänge von dieſer Firma gedruckt worden ſind. Die Ankündigung des Wochenblattes war in der Stadt beifällig aufgenommen worden und der Verleger hatte von verſchiedenen Seiten teils mündlich, teils ſchriftlich für den künftigen Inhalt Vorſchläge erhalten, die er nach Möglich⸗ keit zu befolgen verſprach. Indeſſen brachte er bei Beginn des zweiten Halbjahrs einen Brief,in dem ihm von einem Freunde wohlmeinend geraten worden war, das Erſcheinen des Blattes mit dem Schluß des erſten Semeſters aufhören zu laſſen, da ſich das Wochenblatt nicht viele Anhänger erworben habe, dagegen von vielen verächtlich„der Zettel“ genannt werde. Dies gab Veranlaſſung, in einem längeren Artikel zu widerſprechen und die Lebensfähigkeit des Blattes darzuthun. Der Brief kann erdichtet ſein, um zur nochmaligen Entwickelung der Grundſätze, nach denen das Blatt geleitet wurde, Gelegenheit zu geben. Immerhin iſt er ſowohl wie die Erwiderung intereſſant, indem wir da⸗ raus erfahren, daß das Wochenblatt in der Stadt ſelbſt vielfach auf Widerſpruch ſtieß, dafür aber auch auswärts gern geleſen wurde. Der Rat auf Einſtellung des Er⸗ ſcheinens mußte aber dennoch befolgt werden und zwar ſchon am Ende des erſten Jahres, trotz dem guten Urteil Auswärtiger und der geneigten Aufnahme an entfernten Orten. Das läßt darauf ſchließen, daß ſich der Leſerkreis⸗ in der Stadt ſehr verringert hat. Da„in⸗ und ausländiſche“ Gelehrte nicht ſo fleißig Aufſätze einſchickten, als der Ver⸗ leger gehofft hatte, ſo fiel dem„Verfaſſer“(Schriftleiter) die Hauptarbeit allein zu und dieſer konnte nur mit Mühe bis zum Schluſſe des Jahres auszuharren überredet werden. Sodann geſteht der Verleger ein, daß„der Gewinn oder vielmehr die Einnahme, worauf der Verleger ohnehin weniger, als auf den zu ſtiftenden allgemeinen Nutzen ge⸗ ſehen, nicht ſo reichlich ausgefallen, als nötig wäre, um ſeinem Beutel weitere Auslage zumuthen zu können“. Deſſenungeachtet beſchließt er, das Erſcheinen nur ſo lange auszuſetzen, bis er„mit einer neuen und zu dem gemeinen Vortheil noch mehr beitragenden Einrichtung“ zuſtande ge⸗ kommen ſein wird. Die Pauſe ſcheint aber doch länger gedauert zu haben, als Krieger urſprünglich beabſichtigt hatte. Am 17. De⸗ zember 1763 ſuchte er bei der Regierung in Darmſtadt um die Erlaubnis„zur Verlegung eines wöchentlichen Anzeig⸗ Blattes“ nach und erhielt ſie unter der Bedingung, daß die Nummern jedesmal vor dem Druck zur Zenſur vorzulegen ſeien und das Blatt nach dem Muſter des Marburger Anzeig⸗Blattes eingerichtet werde. Trotzdem die Erlaubnis erſt am 7. Mai 1764 erteilt worden war, trägt doch ſchon die erſte Nummer(vom 3. Januar) den Vermerk:„Mit Hochfürſtl. Heſſen⸗Darmſtädtiſcher gnädigſten Erlaubnis“. Auch läßt eine Notiz derſelben Nummer darauf ſchließen, daß bereits im vorhergehenden Jahr mindeſtens einige (Probe?⸗) Nummern erſchienen waren. Die von der Re⸗ gierung als Muſter empfohlenen„Marburgiſche Anzeigen“ enthielten in höherem Maße als das Gießener Blatt gering⸗ wertige Neuigkeiten, die man heute unter der Rubrik„Ver⸗ miſchtes“ finden würde, kümmerten ſich jedoch ebenſowenig um Politik. Dagegen brachten ſie hiſtoriſche Aufſätze. Der Jahrgang 1764 z. B. enthält eine Abhandlung„von der Herrſchaft Limburg an der Lahn“ ſowie eine mehrere hundert Nummern umfaſſende Beſchreibung heſſiſcher Münzen, die für den Numismatiker ſicher heute noch wert⸗ voll iſt. In dieſem Punkte läßt ſich wie wir gleich ſehen werden, vielleicht der Einfluß des Marburgiſchen Vorbildes erkennen.. Die Einrichtung des Blattes war ſonſt ziemlich die alte geblieben, doch führte es jetzt den Titel:„Gieſiſche wöchent⸗ lich⸗gemeinnützige Anzeigen und Nachrichten“. Auch das Format war nicht verändert. Die Zahl der Mitarbeiter hatte ſich augenſcheinlich vermehrt. Der Inhalt war da⸗ durch vielſeitiger geworden. Statt der ewig humoriſtiſch⸗ philoſophiſch⸗moraliſchen Betrachtungen des erſten Jahr⸗ ganges erſchienen jetzt öfter Aufſätze hiſtoriſchen und ethnographiſchen Inhalts. Beſonders der vaterſtädtiſchen Geſchichte wird in den Jahrgängen 1764, 1765, 1766 und 1771 Aufmerkſamkeit geſchenkt. Aus Hausbüchern und nicht näher bezeichneten Chroniken werden Stücke veröffentlicht; der Jahrgang 1765 enthält eine heute wertvolle Be⸗ ſchreibung des Oberamtes Gießen und der Jahrgang 1771 iſt angefüllt mit Aufſätzen, die für unſere Ortsgeſchichte von höchſter Bedeutung ſind. Wir finden darin eine Ueber⸗ ſetzung der lateiniſch abgefaßten Topographie Gießens in Dieterich's institutiones orator. mit außerordentlich wert⸗ vollen Anmerkungen und Ergänzungen aus der Feder des Mag. Jac. Theod. Franz Rambach, des Begründers der Bibliothek des akademiſchen Pädagogs, an dem er mehrere Jahre erſter Lehrer war*). Die Anonymität der Mitarbeiter beginnt ſich um dieſe Zeit etwas zu lichten, einzelne Auf⸗ ſätze werden wenigſtens mit einem Buchſtaben gezeichnet. Daher dürfen wir auch als den Verfaſſer eines Beitrages zur Gießener Kirchengeſchichte im Jahrgang 1771 den außerordentlichen Profeſſor der Theologie Johann Chriſtian Dietz vermuten, der 1754 Diakonus an der Burg⸗ kirche, 1761 Diakonus und 1764 Pfarrer an der Stadtkirche zu St. Pankraz“**) wurde.***) Die Geſchichte der Burgkirche iſt wahrſcheinlich auch von ihm aus einer an ihn gelangten Handſchrift veröffentlicht. Durch dieſe Beiträge, beſonders aber durch die fortgeſetzten Nachrichten über die Univerſität, durch ihre regelmäßig abgedruckten Vorleſungsverzeichniſſe und die„Lektions⸗Kataloge“ des Pädagogiums wird das Gießener Wochenblatt zu einer bis jetzt noch nicht gewürdigten Quelle für die Geſchichte unſe⸗ rer Stadt, der Univerſität und des Gymna⸗ ſiums. Die mehr auf's Nützliche gerichteten Beſtrebungen der Herausgeber(es iſt jetzt immer von„den Verfaſſern“ die Rede) erhalten Ausdruck in den vermehrten,ökonomiſchen“ Nachrichten, an denen ſich Mitarbeiter aus der Provinz in anſcheinend größerer Zahl beteiligen. Zugleich aber wird dem Unterhaltungsbedürfnis Rechnung getragen. Es *) Vgl. Joh. Val. Klein, Einige das Gießer akad. Paedagog... betr. Nachrichten. Gießen. 1829. Progr. **) Die Gießener Stadtkirche war urſprünglich dem heil. Pankraz geweiht. ***) Vgl. Ernſt Ludw. Wilh. Nebel, professorum theol. Giessens. series. Gießen 1818. Progr. S. 20 und Fr. Wilh. Strieder, Grundlagen zu einer heſſiſchen Gelehrten⸗ und Schriftſteller⸗Geſchichte. Bd. III. S. 68 ff. — 19— erſcheinen viele Gedichte und kleinere Erzählungen, ja ſogar ein Luſtſpiel wird zu ſeinem größten Teil wörtlich abge⸗ druckt. Wie ſehr die Gießener Geſellſchaft an litterariſchen Ereigniſſen Anteil nahm, zeigt der Jahrgang 1775. Er enthält mindeſtens drei Beiträge über Werthers Leiden, die im Jahre vorher erſchienen waren. Einer davon, ein Gedicht betitelt„Lotte bey Werthers Grab“ iſt ein Symptom des„Wertherfiebers“, das auch hier um ſich ge⸗ griffen hatte. Schade nur, daß unmittelbar darunter ein triviales Poem,„Der Caffee⸗Freund“, zu ſtehen ge⸗ kommen iſt. Nur eins gelang nicht, nämlich den Anzeigeteil zu vergrößern, da das Publikum der Reklame abgeneigt ſich ſogar durch das vom Verleger gemachte Angebot der unentgeltlichen Aufnahme zur Aufgabe von Anzeigen nicht verlocken ließ. Dieſer verhältnismäßig reiche Inhalt iſt vermutlich dem rührigen Verleger, Johann Philipp Krieger, zu ver⸗ danken, der es immer wieder verſtanden hat, tüchtige Mit⸗ arbeiter zu gewinnen. Denn genau mit ſeinem Tode(1775) wird das Blatt dürftiger. Schon der Jahrgang 1776 wird mühſam mit Anekdoten und anderen aus fremden Zeit⸗ ſchriften entnommenen Dingen gefüllt, ſoweit amtliche Ver⸗ ordnungen und Bekanntmachungen Raum übrig laſſen. Mit Schluß des Jahres 1777 wird das Erſcheinen ganz ein⸗ geſtellt. Bereits früher hatte der Verleger um Zahlung der „rückſtändigen Praenumerationsgelder“(!) mahnen müſſen mit der Drohung, denen, die ſeit mehreren Jahren nicht gezahlt hätten, das Blatt nicht mehr zuſenden zu wollen. In der letzten Nummer erklärt er melancholiſch:„die weitere Fortſetzung dieſer Blätter wird mit dieſem Jahre gänzlich aufgehoben. Der Zeitpunkt muß günſtiger werden, waͤnn es wieder anfangen ſoll. Dürftigkeit an Materialien .. iſt der ſtärkſte Beweggrund es aufzuheben. Eigennutz hat ſchon lange keinen Anteil mehr daran, denn von Anfang her reſtieren viele noch die Vorſchußgelder, die nun hier zum letztenmal erinnert werden“. Das Aeußere des Blattes war ſeither unverändert geblieben. Nur der Titel hatte wieder mit der alten Be⸗ zeichnung„Gießer Wochenblatt“ abgewechſelt und die Be⸗ zeichnung der Verlagsfirma lautete ſeit 1773:„in der Kriegerſchen Buchhandlung“. Die oben benannten reich⸗ 20— haltigen Jahrgänge führten bezeichnend das Horaziſche Motto:„Et prodesse volunt et delectare“.*) Titelblatt und Regiſter wurden zu jedem Jahrgang mit Ausnahme der beiden letzten geliefert. Der Preis betrug jetzt jährlich 1 Rthl., einzelne Nummern wurden für 4 Kreuzer das Stück abgegeben. Wie lange die mit Ende 1777 eingetretene Unter⸗ brechung gedauert hat, konnte wiederum nicht feſtgeſtellt werden; erſt aus dem Jahre 1791 iſt mir durch die Güte einer Leſerin des Gießener Anzeigers eine Nummer der Fortſetzung bekannt geworden. Sie trägt die Zahl XXXIII und iſt vom 15. Auguſt datiert. Das Blatt erſchien alſo mindeſtens ſchon ſeit Beginn des Jahres. Wie es kommt, daß die erſte Nummer des Jahrganges 1792 urſprünglich die Zahl 41, was durch Ausſtreichen in Nr. 1 geändert wurde, und die Seitenzahlen 163—166 neben dem Datum vom 7. Januar trägt, iſt nicht erſichtlich. Als Verleger zeichnet wieder die Kriegerſche Buchhandlung, ſeit 1795 genauer Johann Chriſtian Krieger. Titel, Format und Inhalt hatten Veränderungen erfahren. Von Aufſätzen war keine Rede mehr, kaum daß hie und da eine alte(auch anderwärts zu findende) Urkunde, oder einmal die Reihe der Gießener Superintendenten veröffentlicht wurde. Aus welchem Grunde dieſe Ausnahmen gemacht wurden, iſt nicht erfind⸗ lich. Der übrige Inhalt beſtand aus Verordnungen, Be⸗ kanntmachungen und jetzt gegen früher zahlreichen An⸗ zeigen aus dem Geſchäftsleben. Auswärtige und ein⸗ heimiſche Lebensmittel⸗Preiſe, Kirchenbücher⸗Auszüge und Fremdenverkehr erſchienen regelmäßig und bewirkten, daß der Wert des Blattes für die Geſchichtsforſchung nicht ganz abhanden kam. Das Format war etwas kleiner geworden, die Stärke des Blattes betrug nur einen halben Bogen, der von der zweiten Seite an in zwei Spalten bedruckt wurde. Der Titel endlich lautete„Gießener Intelligenz⸗ Blatt“. Mit dem letzten Jahre des Jahrhunderts war der Verleger dieſes Blattes, das auch in ſeiner neuen Geſtalt ſich nur wenig Freunde erwarb, überdrüſſig geworden. Er *) Nützen wollen(dieſe Blätter) und ergötzen. — 214— gab Druck und Verlag des„Intelligenzblattes“ auf und überließ es anderen, für die Gießener Preſſe zu ſorgen. Es war die Fürſtl. Polizey⸗Deputation, die nunmehr in die Breſche trat. Sie erklärte ein öffentliches Blättchen bei einer etwas verbeſſerten Einrichtung als ein weſent⸗ liches Bedürfnis für Stadt und Land. Die Verbeſſerung beſtand darin, daß alles, was nicht eng mit Handel und Verkehr, Landes⸗Oekonomie und Hauswirtſchaft zuſammen⸗ hing, aus den Spalten verbannt wurde. Amtliche Bekannt⸗ machungen, als da ſind: Fürſtliche Landes⸗Verordnungen, deren Kunde für jeden Unterthan nötig iſt, Polizei⸗Ver⸗ ordnungen der Stadt Gießen, Rechts⸗Urteile u. ſ. w. ſollen vorzüglich veröffentlicht werden. Den Druck und Verlag übernahm unter„Autoriſation und Leitung“ der genannten Behörde die Schröderiſche Regirungs⸗Buchdruckerei. Der Titel des Blattes lautete ſeinem Charakter entſprechend: „Gießer Anzeigungs⸗Blättchen“, die Stärke, in der es wöchentlich am Samstag Nachmittag 4 Uhr ausgegeben wurde, betrug nur noch einen halben Bogen. So war die einzige Zeitung Gießens Amtsblatt ge⸗ worden und iſt es geblieben bis zum heutigen Tag, ein volles Jahrhundert hindurch. Sie hat ſeitdem noch manche Wandlungen durchgemacht, die vielleicht ſpäter an anderer Stelle dargelegt werden ſollen. Nur ein kurzer Ueberblick ſei noch verſtattet. Aus dem Anzeigungs⸗Blättchen wurde 1823 ein An⸗ zeigungs⸗Blatt. Sechs Jahre ſpäter ging es in den Beſitz der G. D. Brühl'ſchen(nachmals Univerſitäts⸗) Buch⸗ und Steindruckerei über. Um dieſe Zeit erſcheint auch zum erſtenmale das Wort Redaction in Verbindung mit dem Druckvermerk, verſchwand jedoch bald wieder, um erſt in der Nummer 90 vom 9. November 1867 wieder auf⸗ zutauchen. Mit der Uebernahme des Blattes durch G. D. Brühl wurde das Format vergrößert, ein Vorgang, der ſich in den Jahren 1850, 1867, 1868 und 1889 wiederholte, und der Titel in„Anzeigeblatt“(ſpäter kam hinzu:„für die Stadt und den Kreis Gießen“) geändert. Seit 1868 heißt das Blatt„Gießener Anzeiger. Anzeige⸗ und Amtsblatt für den Kreis Gießen,“ ein Titel, der mit geringen Aende⸗ rungen bis heute der nämliche geblieben iſt. Allein wie oft auch die Bezeichnung des Blattes geändert worden iſt, im Volke hat ſich der erſte Name, den ihm ſein Begründer beigelegt hat, erhalten und von unſeren älteren Mitbürgern ſpricht keiner anders als vom„Wochenblatt“. Mit dem wachſenden Bedürfnis hatte ſich auch die wöchentliche Auf— lage vermehrt. Seit 1845(oder 18442) wurde der Anzeiger zweimal, ſeit 1870 dreimal, ſeit 1871 täglich ausgegeben. Es iſt intereſſant, daß dieſe Vermehrungen jedesmal mit Zeiten politiſchen Umſchwungs zuſammenfallen. Der In⸗ halt wurde erſt ſpäter etwas bereichert. Unterhaltende Bei⸗ träge traten um die Mitte des Jahrhunderts, politiſche Nachrichten noch ſpäter hinzu. Eine Unterhaltungs⸗Beilage erſchien ſchon in den fünfziger Jahren, erſt ſeit 1871 jedoch wurde ſie auf der Titelſeite des Blattes angeführt.*) Auch dieſe Beilage erſcheint erſt einmal, dann zweimal, dreimal und ſchließlich viermal in der Woche. Ihr haben ſich in neueſter Zeit zwei weitere Beilagen zugeſellt:„Der heſiſ e Landwirt“ und die„Blätter für heſſiſche Volks⸗ kunde“. Die Geſchichte des deutſchen Zeitungsweſens iſt von großer Bedeutung für die Kulturgeſchichte unſeres Volkes. Ganz kürzlich erſt iſt der 1845 von Prutz“*) gemachte Verſuch einer zuſammenfaſſenden Darſtellung von Ludwig Salo⸗ mon⸗⸗st) erneuert worden. Allein ſchon der erſte bis jetzt erſchienene Band beweiſt, daß auf dieſem Gebiete Voll⸗ *) Von zwei verſchiedenen Seiten aus dem Leſerkreis des „G. A.“ ſind mir freundliche Mitteilungen über dieſe Beilage zuteil geworden. Einer der Herren hat mir die Jahrgänge 1856, 1857, 1859 und 1864 überbracht. Sie ſind in Oktav gedruckt und führen den Titel:„Gemeinnützige Unterhaltungs⸗ blätter.(Beilage zum Gießener Anzeigeblatt)“. Der Inhalt der jeden Samstag in der Stärke von je vier Seiten erſcheinen⸗ den Nummern beſteht aus Erzählungen, Gedichten, politiſchen, lokalen und anderen Nachrichten, Ueberſichten über die Ver⸗ handlungen der Gießener Gerichte, Theater⸗Anzeigen uſw. **) R. E. Prutz Geſchichte des deutſchen Journalismus. I.(einziger) Teil. Hannover 1845. n) Ludwig Salomon, Geſchichte des deutſchen Zeitungs⸗ weſens von den erſten Anfängen bis zur Wiederaufrichtung des Deutſchen Reiches. J. Band. Oldenburg und Leipzig 1900. Die beiden Werke ſind für die Einleitung zu vergleichen. — 23— ſtändigkeit nicht zu erreichen iſt, ehe aus einer größeren Anzahl Städte, beſonders aber aus den geiſtigen Mittel⸗ punkten des Landes, aus den Univerſitätsſtädten, genauere Nachrichten vorliegen. Möge dieſer kleine Beitrag ein Bauſtein ſein zu einem Gebäude, das dereinſt eine kundige und geſchickte Hand zur Ehre des deutſchen Volkes und ſeines geiſtigen Lebens errichten möge. b fründer d ießer Wo 5**) er die Profeſſur der Mathematik und 1757 die Leitung der 9.-ze Per Bed 5 ‧4 2 Gieß 2 Gen tattes. Univerſitätsbibliothek hinzu. Außerdem ſtellte ihn der and⸗ Im Jahre 1900 Habe ich im Gießener Anzeiger einen graf 1768 als wirklichen Bergrat im Bergkollegium an ängeren Aufſatz über die erſte Zeitung Gießens, das und ernannte ihn 1770 zum Inſpector Academiae. 7903„BVochenblatt⸗ veröffentlicht. Es war mir damals der Be⸗ Es iſt erſtaunlich, was Böhm in dieſen verſchiedenen gründer dieſer Zeitung nicht bekannt geworden; ich konnte Stellungen, die er nicht etwa nacheinander, ſondern ſchließ⸗ 1 1 1 N. nur Vermutungen über ſeine Perſönlichkeit ausſprechen. (1f. AHhduf S. 12 des Sonderabdruckes jener Arbeit ſagte ich von ihm:„Wir werden aber ſicher nicht fehlgehen, wenn wir „den Verfaſſer“, wie er ſtets genannt wird, in akademiſchen oder wenigſtens der Univerſität nicht fernſtehenden Kreiſen ſuchen.“ Dieſe Vermutung iſt unterdes beſtätigt worden und zwar durch das Gießer Anzeigungs⸗Blättchen vom Jahre 1802, in dem ich durch Zufall die betreffende Nachricht ge⸗ funden habe. Auf S. 134 in einer Zuſammenſtellung von„Denk⸗ würdigkeiten des 18ten Jahrhunderts, die nicht vergeſſen zu werden verdienen“, lautet eine Notiz zum Jahre 1750: „Gießen erhält das erſte Intelligenzblatt durch den Prof. Boehm“. Dies wird beſtätigt durch das Verzeichnis von Böhms Schriften in Strieders heſſi⸗ ſcher Gelehrtengeſchichte, in dem auch das Gießer Wochen⸗ blatt auf das Jahr 1750 erſcheint. Andreas Bohm war am 17. November 1720 in Darmſtadt geboren. Sein Vater war Heſſiſcher, ſpäter Württember⸗ ſcher Sekretär und Konzertmeiſter, ſeine Mutter eine ge⸗ orene Textor aus Frankfurt. Schon mit 17 Jahren bezog B. die Univerſität Marburg, um Mathematit und unter Wolff Philoſophie zu ſtudieren. An ſeinem zwanzigſten Geburtstag wurde er zum Doktor philoſophiae promoviert und hielt ſeitdem Vorleſungen in Marburg. Mit 24 Jahren (1744) wurde er als ordentlicher Profeſſor der Logik und Metaphyſit nach Gießen berufen. Nach zuwwei Jahren erhielt *) Aus dem„Gießer Wochenblatt“ iſt im Laufe der Jahre bekanntlich der„Gießener Anzeiger“ herausgewachſen. Dieſen Namen führt unſere Zeituna ſeit 1868. D. Red. lich gleichzeitig bekleidete, geleiſtet hat. Schon als Uni⸗ verſitäts⸗Bibliothekar hatte er ein gut Stück Arbeit zu bewältigen, ohne jemals ausreichende Hilfskräfte zur Ver⸗ fügung gehabt zu haben. Neben dieſer vielſeitigen amtlichen Wirkſamkeit übte Böhm noch eine ausgebreitete ſchriftſtelleriſche Tätigkeit aus, die ſich auf alle von ihm vertretenen Fächer erſtreckte. Wenn ſeine zahlreichen Schriften heute auch wiſſenſchaftlich über⸗ holt ſind, ſo hat er ſich doch bei ſeinen Zeitgenoſſen un⸗ gewöhnlichen Beifall errungen durch ſcharfſinnige An⸗ wendung der mathematiſchen Methode auf die verſchie⸗ denen Zweige des Wiſſens(Bernhardi in der Allg. deutſchen Biographie.) Dieſer Beifall fand Ausdruck in den Aus⸗ zeichnungen, die ihm von gelehrten Körperſchaften zuteil wurden. Er ward Mitglied der Geſellſchaften in Erfurt, Frankfurt a. O., Gießen und Vlieſſingen. Zwei Berufungen ſchlug er aus. Auch ſein Landesherr erkannte ſeine Ver⸗ dienſte an und ernannte ihn 1778 zum wirklichen Geheimen Rat. Böhm war dreimal verheiratet und hatte zehn Kinder, von denen fünf den Vater überlebten. Er ſtarb am 6. Juli 1790. Das iſt in knappen Umriſſen das Bild eines Mannes von gewaltiger Arbeitskraft, vielſeitiger Tätigkeit und nicht gewöhnlichen Erfolgen, eines Mannes, der zudem ſein ganzes Leben lang von der größten Beſcheidenheit beſeelt war. Als ihn Strieder aufforderte, für deſſen Gelehrten⸗ und Schriflſtellergeſchichte, deren erſter Band 1782 er⸗ ſchien, ſelbſt einige Lebensdaten zu liefern, bat er unter Bezug auf eine früher gedruckte Lebensbeſchreibung alles Schmeichelhafte über ihn wegzulaſſen.„Ich bitte“, ſchrieb er,„mich als einen Mann anzuſehen, der von ſich ſelbſt weniger als von allen anderen Menſchen hält und daher auch das geringſte Lob vor übertrieben und vor ein Zeichen eines bey ihm vermuteten Stolzes anſiehet.“ E GS..... 96— u des Verfaſſers ziehen laſſen, beſäße der Anfang nicht jenen wohltuenden idylliſchen Hauch, der all Büchern Holzamers eigen iſt, und erfreute nicht ſonſt faſt durchweg, auch hier häufig die klare2 keit, die der Dichter den einfachen und natürlichen, rührend naiven Gefühlen zu geben verſtanden hat. tiefmenſchliche Anteil, den die echte Kunſt allein vermag, und den wir in ſo herzlicher Weiſe ar und lebenswarmen echten Menſchengeſtalt des„ar nahmen, vermögen wir ſeinem Sebaſtian nich zubringen. So ſchön und rührend das edle jungen Prieſters in ſeiner kleinen Gemeinde u entgegentritt, ſo urſprünglich und natürlich die für das ſchöne, artige und gute Mädchen, das eine reiner, geſunder Jugend ausſtrömt, ſo unſanft di verletzend iſt, ganz im Gegenſatz zu dem wunder: niſch an⸗ und ausklingenden„armen Lukas“, d des Lebensromans dieſes ſchließlich ganz verwilde der Kirche. Holzamer hat neulich ſein Amt als Realſe Heppenheim, von dem er ſeit Jahr und Tag ſt laubt war, definitiv niedergelegt. Seine F Kabinetsbibliothekar des Großherzogs hat er wohl Zur Zeit hält er ſich ſeit Monaten in Paris franzöſiſche Hauptſtadt wird auf ſeine dichteriſche, zweifellos von nachhaltiger Einwirkung ſein. M allzu viel verloren haben von dem, was er uns der treue und feine Menſchheitsſchilderer, der Nach⸗ und Durchempfinder einer ſo engherzigen und herzigen Welt. — 5 je 8 n nfang des Buches der allen früheren nicht wieder, wie klare Anſchaulich⸗ irlichen, manchmal en hat. Aber der allein zu erwecken eiſe an der lieben es„armen Lukas“ n nicht entgegen⸗ edle Leben jenes inde uns zunächſt ch die Neigung iſt das einen Duft von ſanft die Harmonie pundervoll harmo⸗ as“, der Ausgang erwilderten Sohnes Realſchullehrer n Tag ſtändig beur⸗ eine Funktion als er wohl beibehalten Paris auf. Die eriſche Entwickelung n. Möge er nich er uns bisher war „ der gefühlsreicht herzigen als engen . W. Brühl'’sche Univ.- Buch- unch Stein- druckerei(Dietsch Erben) Giessen£ 8 3 9 9 dndl An U' 3 SILALALNA- nſamnmnlniijim I öL“ Tiiiſniſtiinſiiſänlſinnifnninnnnnnninmnſnpm Oem 1 2 5 6 7 8 9 10 11 12 1